Ein tiefes Geheimniss
William Wilkie Collins




Wilkie Collins

Ein tiefes Geheimniss





Erster Band





Erstes Kapitel

Der 23. August 1829


»Ich bin neugierig, ob sie den heutigen Tag überlebt.«

»Sieh einmal an die Uhr, Joseph.«

»Zehn Minuten über Zwölf. Dann hat sie ja den Tag schon überlebt, Robert, denn es sind bereits zehn Minuten des neuen vorüber.«

Diese Worte wurde in der Küche eines großen Landhauses gesprochen, welches an der Westküste von Cornwall lag. Die Sprechenden waren zwei der Diener, welche das Hauspersonal des Kapitän Treverton ausmachten, eines Marineoffiziers und des ältesten männlichen Repräsentanten einer alten Familie dieser Provinz.

Beide Diener unterhielten sich zurückhaltend und flüsternd, während sie dicht beisammen saßen und sich, so oft ihr Gespräch ins Stocken kam, erwartungsvoll nach der Tür umblickten.

»Es ist etwas Schauerliches,« sagte der ältere beiden Männer, »daß wir zwei so allein hier in dieser unheimlichen Stube und die Minuten zählen, welche unsere Herrin noch zu leben hat.«

»Robert,« sagte der andere, indem er seine Stimme so tief senkte, daß sie kaum zu hören war, »du bist von deinen Knabenjahren an hier im Dienste gewesen – hast du jemals gehört, daß unsere Herrin Schauspielerin war, als unser Herr sie heiratete ?«

»Woher weißt du denn das?« fragte der ältere Diener stutzend.

»Still, still!« rief der andere, indem er sich hastig von seinem Stuhl erhob.

Eine Klingel läutete draußen auf dem Gange.

»Gilt das einem von uns?« fragte Joseph.

»Kannst du denn immer noch nicht unsere Klingeln schon am Klange unterscheiden?« rief Robert verächtlich. »Diese gilt Sara Leeson. Geh hinaus und sieh nach.«

Der jüngere Diener nahm ein Licht und gehorchte. Als er die Küchentür öffnete, fiel sein Auge auf eine lange Reihe gegenüber an der Wand angebrachter Klingeln. Über jeder derselben stand in saubern schwarzen Buchstaben das unterscheidende Prädikat des Dieners, den sie zu rufen bestimmt war. Die Reihe dieser Überschriften begann mit »Haushälterin« und endete mit »Küchenmagd« und »Laufbursche«.

Die Klingeln entlang schauend, bemerkte Joseph mit leichter Mühe, daß eine derselben in Bewegung war. Über derselben stand das Wort »Kammermädchen«.

Nachdem er dies bemerkt, ging er rasch den Gang entlang und pochte am Ende desselben an eine große altväterische Tür von Eichenholz.

Da keine Antwort erfolgte, so öffnete er die Tür und schaute in das Zimmer hinein. Es war finster und leer.

»Sara ist nicht in dem Zimmer der Haushälterin,« sagte Joseph, nachdem er zu seinem Kameraden in die Küche zurückgekehrt war.

»Dann ist sie in ihr Schlafzimmer gegangen,« entgegnete der ältere Diener. »Geh hinauf und sage ihr, daß ihre Herrin sie verlangt.«

Als Joseph hinausging, läutete die Klingel wieder.

»Rasch! – rasch!« rief Robert. »Sage ihr, die Herrin verlange sie sofort. Vielleicht,« fuhr er leiser mit sich selbst sprechend fort, »vielleicht zum letzten Mal.«

Joseph stieg drei Treppen hinauf, ging die Hälfte eines langen gewölbten Korridors entlang und pochte an eine zweite altväterische Tür von Eichenholz.

Diesmal ward der Ruf beantwortet. Eine tiefe, aber klare, sanfte Stimme im Zimmer fragte, wer da sei.

Joseph richtete in wenigen Worten seinen Auftrag aus. Ehe er noch ausgeredet hatte, öffnete sich die Tür ruhig und schnell und Sara Leeson trat ihm mit ihrem Lichte in der Hand auf der Schwelle gegenüber.

Nicht groß, nicht schön, nicht in ihrer ersten Jugend, schüchtern und unentschlossen in ihrem Wesen, äußerst schlicht und einfach in ihrer Kleidung, war die Zofe, trotz aller dieser Nachteile, eine Person, die man nicht ohne ein Gefühl von Neugier, ja sogar von Interesse betrachten konnte.

Wenig Männer würden bei ihrem ersten Anblick nicht den Wunsch empfunden haben, zu erfahren, wer sie sei, und wenige würden sich befriedigt gefühlt haben, wenn sie zur Antwort erhalten: »Es ist Mistreß Trevertons Zofe.« Wenige hätten sich des Versuchs enthalten, aus ihrem Gesicht und ihrem Benehmen irgend einen geheimen Ausschluß zu erlauschen, aber keinem, selbst nicht dem geduldigsten und geübtesten Beobachter, wäre es gelungen, mehr zu entdecken, als daß sie in einer frühern Zeit ihres Lebens die Feuerprobe großer Leiden und Anfechtungen bestanden haben müsse.

Es lag in ihrem Wesen und noch mehr in ihrem Gesicht etwas, was deutlich und wehmütig sagte: »Ich bin das Wrack von etwas, dessen Anblick dir früher zur Freude gereicht haben würde, ein Wrack, welches niemals wieder in Stand gesetzt werden kann – welches unbeachtet, ohne Führer, ohne Mitleid durchs Leben weitertreiben muß, bis es den verhängnisvollen Strand berührt und die Wogen der Zeit diese kümmerlichen Überreste meines Ich für immer verschlungen haben.«

Dies war die Geschichte, die in Sara Leesons Zügen geschrieben stand – dies und nichts weiter.

Von allen, welche diese Geschichte sich selbst zu deuten versucht, würden wahrscheinlich auch nicht zwei eine und dieselbe Ansicht über die Beschaffenheit des Leidens gehabt haben, welches diese Person durchzumachen gehabt.

Erstens war es schwierig zu sagen, ob der Schmerz, welcher ihr sein unauslöschliches Gepräge aufgedrückt, Schmerz des Körpers oder Schmerz der Seele gewesen sei. Von welcher Beschaffenheit aber auch die Heimsuchung, von der sie betroffen worden, gewesen sein mochte, so waren die Spuren, welche dieselbe zurückgelassen, in jedem Teile ihres Gesichts tief und auffallend sichtbar. Ihre Wangen hatten ihre Rundung und natürliche Farbe verloren, ihre in Bezug auf Bewegung eigentümlich biegsamen, zartgeformten Lippen hatten eine ungesunde, blasse Farbe angenommen, ihre großen, schwarzen, von ungewöhnlich dichten Wimpern überschatteten Augen hatten einen seltsamen ängstlichen, scheuen Blick, der sie niemals verließ und die schmerzliche Empfindsamkeit und angeborne Schüchternheit ihrer Gemütsart auf mitleiderregende Weise verriet.

Insoweit waren die Spuren, welche Kummer oder Krankheit an ihr zurückgelassen, ganz dieselben, welche den meisten Opfern geistiger oder physischer Leiden gemeinsam sind.

Eine ganz außerordentliche Veränderung aber, die mit ihr vorgegangen war, bestand in dem unnatürlichen Wechsel, der die Farbe ihres Haars betroffen hatte. Es war so dicht und weich und noch ebenso schön und üppig wie das Haar eines jungen Mädchens, aber grau wie das Haar einer Matrone. Es schien in der auffälligsten Weise jeder Spur von Jugend, die sich noch in den Gesichtszügen vorfand, zu widersprechen.

Trotz der Magerkeit und Blässe des Gesichts hätte man dieses nämlich, sobald man es richtig angesehen, keinen Augenblick für das einer bejahrten Frau halten können. So abgezehrt die Wangen auch waren, so hatten dieselben doch nicht eine einzige Runzel. Ihre Augen besaßen, abgesehen von dem darin vorherrschenden Ausdruck von Unruhe und Schüchternheit, noch jenen feuchtschimmernden Glanz, der an den Augen alter Leute niemals wahrzunehmen ist. Die Haut um die Schläfe herum war zart und glatt wie die eines Kindes.

Diese und noch einige andere nie trügende Anzeichen bewiesen, daß sie in Bezug auf die Jahre noch in der Blüte des Lebens stand. So kränklich und bekümmert sie auch aussah, so hatte sie doch von den Augen abwärts ganz das Ansehen eines Frauenzimmers, welches höchstens dreißig Jahre zählte.

Von den Augen an aufwärts aber war der Eindruck ihres üppigen grauen Haares, in Verbindung mit ihrem Gesicht betrachtet, nicht bloß ein unvereinbarer, sondern auch geradezu befremdender, so befremdend, daß es kein Widerspruch ist, wenn man sagt, daß sie natürlicher ausgesehen haben würde, wenn ihr Haar gefärbt gewesen wäre. Die Kunst hätte in diesem Falle die Wahrheit zu sein geschienen, weil die Natur wie Lüge aussah.

Welche Zauberkraft hatte ihrem Haar in seiner üppigsten Reife die Farbe eines unnatürlichen Greisenalters mitgeteilt? War es schwere Krankheit, oder furchtbarer Kummer gewesen, der sie in der Blüte ihrer Jahre grau gemacht?

Diese Frage hatte ihre Dienstgenossen oft beschäftigt, denn alle waren, als sie sie zum ersten Mal gesehen, von der Eigentümlichkeit ihrer persönlichen Erscheinung betroffen und überdies durch ihre eingewurzelte Gewohnheit mit sich selbst zu sprechen, ein wenig argwöhnisch gemacht worden.

Mochten sie sie jedoch fragen, wie sie wollten, so ward ihre Neugier dennoch niemals befriedigt. Man konnte weiter nichts ermitteln, als daß Sara Leeson in Bezug auf ihr graues Haar und ihre Gewohnheit, mit sich selbst zu sprechen, sehr empfindlich war und daß ihre Herrin schon seit langer Zeit jedem im Hause von ihrem Gemahl an verboten hatte, ihre Zofe durch neugierige Fragen zu belästigen.

Schweigend stand sie an jenem verhängnisvollen Morgen des dreiundzwanzigsten August einen Augenblick vor dem Diener, der sie an das Sterbebett ihrer Herrin rief, während die Flamme des Lichts flackernd ihre großen, fragenden, schwarzen Augen und das üppige, unnatürlich graue Haar über denselben beleuchtete. Schweigend stand sie einen Augenblick da, die Hand, welche den Leuchter hielt, zitterte, sodaß das auf dem breiten Fuße desselben liegende Löschhütchen unaufhörlich klapperte; dann dankte sie dem Diener, daß er sie gerufen. Die Unruhe und Furcht, die, während sie sprach, in ihrer Stimme lag, schien den gewohnten Wohlklang derselben noch zu erhöhen, und die Aufgeregtheit ihres Wesens tat ihrer gewöhnlichen Sanftheit und ihrer zarten, einnehmenden weiblichen Zurückhaltung keinerlei Eintrag.

Joseph, der wie die andern Diener ihr im Stillen mißtraute und abgeneigt war, weil sie von dem gewöhnlichen Kammermädchentypus so gewaltig abwich, ward bei dieser Gelegenheit durch ihr Wesen und durch ihren Ton, indem sie ihm dankte, so seltsam berührt, daß er sich erbot, ihr das Licht bis an die Tür des Schlafzimmers ihrer Herrin zu tragen.

Sie schüttelte jedoch den Kopf und dankte ihm nochmals; dann ging sie rasch an ihm vorüber und aus dem Korridor hinaus.

Das Zimmer, in welchem Mistreß Treverton im Sterben lag, war eine Etage tiefer. Sara zögerte zwei Mal, ehe sie an die Tür pochte. Dieselbe ward von Kapitän Treverton selbst geöffnet.

In dem Augenblick, wo sie ihren Herrn sah, fuhr sie vor ihm zurück. Wenn sie einen Schlag zu bekommen gefürchtet hätte, so hätte sie sich kaum plötzlicher mit dem Ausdruck größeren Schreckens zurückziehen können.

Dennoch lag in Kapitän Trevertons Gesicht durchaus nichts, was die Befürchtung einer übeln Begegnung oder auch nur unfreundlicher Worte hätte rechtfertigen können. Sein Gesicht war gütig, herzlich und offen und es rieselten noch an demselben die Tränen herab, die er an dem Bett seines Weibes vergossen.

»Geht hinein,« sagte er, das Gesicht abwendend. »Sie will nicht, daß die Wärterin komme; sie wünscht bloß Euch. Ruft mich, wenn der Doktor –«

Die Stimme versagte ihm und er eilte fort, ohne den Redesatz zu vollenden.

Sara Leeson blieb, anstatt in das Zimmer ihrer Herrin zu treten, stehen und sah ihrem Herrn aufmerksam nach solange er sichtbar war. Ihre bleichen Wangen nahmen geradezu die Blässe des Todes an und aus ihren Augen sprach zweifelnde, forschende Unruhe und Angst.

Als er um die Ecke des Korridors verschwunden war, horchte sie einen Augenblick an der Tür des Krankenzimmers und flüsterte furchtsam bei sich selbst:

»Ob sie es ihm wohl gesagt hat?«

Dann öffnete sie die Tür mit sichtbarer Anstrengung, ihre Selbstbeherrschung wiederzugewinnen, und nachdem sie argwöhnisch noch einen Augenblick an der Schwelle gezögert, ging sie hinein.

Mistreß Trevertons Schlafzimmer war ein großes, hohes Gemach in dem westlichen Teile des Hauses, sodaß es die Aussicht auf das Meer hatte. Das neben dem Bett brennende Nachtlicht machte die Finsternis in den Ecken des Zimmers eher sichtbar, als daß es dieselbe zerstreut hätte.

Das Bett hatte eine altväterische Form und war mit schweren, dicken, rings herum zugezogenen Vorhängen versehen.

Von den andern Gegenständen im Zimmer ragten bloß die von der größten und massivsten Art genugsam hervor, um in dem düstern Lichte leidlich sichtbar zu sein. Die Schränke, der lange Spiegel, der Armstuhl mit der hohen Lehne und die große, unförmliche Masse des Bettes selbst stellten sich dem Blicke schwerfällig und unheimlich dar.

Die übrigen Gegenstände flossen in der allgemeinen Dunkelheit alle durcheinander. Durch das geöffnete Fenster, welches die frische Luft des neuangebrochenen Morgens nach der Schwüle der Augustnacht hereinlassen sollte, klang das gleichförmige, dumpfe, ferne Brausen der Brandung an der sandigen Küste in das Zimmer. Jedes andere Geräusch war in dieser ersten unheimlichen Stunde des nahen Tages verstummt.

Innerhalb dieses Zimmers bestand das einzige hörbare Geräusch in dem langsamen, mühevollen Atmen der Sterbenden, welches sich matt, aber dennoch deutlich und grauenerregend, selbst durch den fernen Donner, der aus dem Schoße des ewigen Meeres grollte, hindurch hören ließ.

»Mistreß,« sagte Sara Leeson, als sie dicht an den Vorhängen des Bettes stand, aber ohne dieselben zurückzuziehen, »der Herr hat das Zimmer verlassen und mich an seiner Statt hergeschickt.«

»Licht! – Gebt mir mehr Licht!«

Die Mattigkeit tödlicher Krankheit lag in der Stimme, aber der Ton der Sprechenden klang dennoch entschlossen – doppelt entschlossen durch den Gegensatz zu dem zögernden Ausdruck, in welchem Sara gesprochen. Das starke Gemüt der Herrin und die Schwäche der Dienerin beurkundeten sich schon bei diesem kurzen Austausch von durch die Vorhänge eines Sterbebettes hindurchgesprochenen Worten.

Sara zündete mit zitternder Hand zwei Kerzen an, stellte sie zögernd auf einen Tisch am Bett, wartete einen Augenblick, während sie sich mit einer gewissen argwöhnischen Schüchternheit ringsum schaute, und zog dann die Vorhänge auf die Seite.

Die Krankheit, durch welche Mistreß Treverton dem Tode entgegengeführt ward, war eines der furchtbarsten aller Übel, welche den Menschen heimsuchen – ein Übel, welchem besonders Frauen unterworfen sind und welches das Leben unterminiert – in den meisten Fällen ohne bemerkenswerte Spuren seines nagenden Fortschritts in dem Gesicht zu zeigen. Kein Uneingeweihter, welcher Mistreß Treverton, als ihre Dienerin den Bettvorhang auf die Seite zog, gesehen hätte, würde geglaubt haben, daß bei ihr alle Hilfe, die durch menschliche Geschicklichkeit gebracht werden könne, vergeblich sei.

Die geringfügigen Spuren von Krankheit in ihrem Gesicht, die unvermeidlichen Veränderungen in Bezug auf die Anmut und Rundung der Umrisse wurden durch die wunderbare Erhaltung ihrer Gesichtsfarbe, welche noch den ganzen zarten Glanz der ersten jungfräulichen Schönheit besaß, fast unbemerkbar gemacht. Ihr Gesicht war, während es so auf dem Pfühle dalag – zart umrahmt von den kostbaren Spitzen ihrer Haube und gekrönt von dem glänzenden braunen Haar – allem äußern Anscheine nach das Gesicht einer schönen Frau, die von einer leichten Krankheit genas oder nach einer ungewohnten Anstrengung ausruhte.

Selbst Sara Leeson, die sie doch während ihrer ganzen Krankheit beobachtet hatte, konnte, während sie jetzt ihre Herrin ansah, kaum glauben, daß die Pforten des Lebens sich hinter ihr geschlossen und daß die Hand des Todes ihr schon von den Pforten des Grabes her zuwinkte.

Einige Bücher mit eingezeichneten Stellen, in Papierumschlägen, lagen auf der Bettdecke. Sobald der Vorhang auf die Seite gezogen war, forderte Mistreß Treverton ihre Dienerin durch eine Gebärde auf, die Bücher wegzunehmen. Es waren Theaterstücke, an gewissen Stellen mit Tinte unterstrichen und an den Rändern mit Anmerkungen versehen, welche Auftreten, Abtreten und Stellungen auf der Bühne andeuteten.

Die Diener, welche unten von der Beschäftigung ihrer Herrin vor ihrer Vermählung gesprochen, waren nicht durch falsche Gerüchte irregeleitet worden. Ihre Herr hatte, nachdem er selbst über die Blüte des Lebens hinaus war, wirklich seine Frau von der obskuren Bühne eines Provinzialtheaters hinweggenommen, während seit ihrem ersten öffentlichen Auftreten kaum zwei Jahre verflossen waren.

Die alten Theaterstücke mit den eingezeichneten Stellen waren einmal ihre wertgehaltene dramatische Bibliothek gewesen; sie hatte um alter Erinnerung willen stets eine große Liebe zu ihnen bewahrt und sie während der letzten Zeit ihrer Krankheit Tage lang hintereinander auf ihrem Bett liegen gehabt.

Nachdem Sara die Bücher weggenommen, kehrte sie zu ihrer Herrin zurück und öffnete, mehr mit dem Ausdruck der Furcht und Verlegenheit als des Kummers, ihre Lippen, um zu sprechen.

Mistreß Treverton hielt aber die Hand empor und deutete dadurch an, daß sie noch einen anderweiten Befehl zu erteilen hatte.

»Verriegele die Tür,« sagte sie mit derselben matten Stimme, aber in demselben entschlossenen Tone, der ihr erstes Begehren, mehr Licht im Zimmer zu haben, so auffällig gemacht hatte. »Verriegele die Tür. Laß niemanden herein, bis ich es erlaube.«

»Niemand?« wiederholte Sara schüchtern, »auch nicht den Doktor? Auch nicht den Herrn?«

»Auch nicht den Doktor – auch nicht den Herrn!« sagte Mistreß Treverton und zeigte auf die Tür. Die Hand war schwach, aber selbst in dieser augenblicklichen Bewegung derselben war die befehlende Gebärde nicht zu verkennen.

Sara verriegelte die Tür, kehrte unentschlossen an das Bett zurück, heftete ihre großen, forschenden, unruhigen Augen fragend auf das Gesicht ihrer Herrin, neigte sich plötzlich über sie und sagte flüsternd:

»Haben Sie es dem Herrn gesagt?«

»Nein,« war die Antwort. »Ich ließ ihn rufen, um es ihm zu sagen – ich bemühte mich, die Worte auszusprechen – schon der Gedanke aber, wie ich es ihm am besten beibringen könnte, erschütterte mich bis in die innerste Seele, Sara – ach, ich habe ihn so lieb! Trotzdem aber würde ich es ihm gesagt haben, wenn er nicht von dem Kinde gesprochen hätte. Sara, er sprach von weiter nichts als dem Kind und das verschloß mir den Mund.«

Sara warf sich, ihre dienstliche Stellung auf eine Weise vergessend, die selbst der nachsichtigsten Herrin außerordentlich erscheinen würde, bei dem ersten Wort, welches Mistreß Treverton entgegnete, auf einen Stuhl, bedeckte sich das Gesicht mit den zitternden Händen und stöhnte bei sich selbst:

»O, was wird geschehen! Was wird nun geschehen!«

Mistreß Trevertons Augen waren feucht geworden und hatten einen mildern Ausdruck angenommen, als sie von ihrer Liebe zu ihrem Gatten sprach. Schweigend lag sie einige Minuten da. Das Arbeiten einer starken Gemütsbewegung verriet sich durch das rasche, angestrengte, mühsame Atmen und durch das schmerzliche Zusammenziehen der Augenbrauen.

Es dauerte jedoch nicht lange, so wendete sie ihr Gesicht unruhig nach dem Stuhl, auf welchem ihre Dienerin saß, und sprach wieder, diesmal aber in einem Tone, der nur ein Flüstern zu nennen war.

»Gib mir meine Medizin,« sagte sie. »Ich brauche sie.«

Sara fuhr empor und wischte mit dem raschen Instinkt des Gehorsams die Tränen hinweg, welche ihr immer schneller über die Wangen herabrannen.

»Der Doktor,« sagte sie. »Lassen Sie mich den Doktor rufen.«

»Nein – die Medizin – gib mir die Medizin!«

»Welche Flasche? Das Opiat, oder –«

»Nein. Nicht das Opiat, die andere Flasche.«

Sara nahm eine Flasche von dem Tisch, sah aufmerksam, was auf dem angehängten Zettel geschrieben stand, und sagte, es sei noch nicht Zeit, diese Medizin wieder einzunehmen.

»Gib mir die Flasche.«

»O, bitte, verlangen Sie dies nicht von mir! Warten Sie doch ! Der Doktor sagte, es sei so verderblich, als wenn Sie Spiritus tränken, im Fall Sie zu viel davon nähmen.«

Mistreß Trevertons helle graue Augen begannen zu funkeln, die rosige Röte ihrer Wangen ward dunkler; die befehlende Hand ward wieder mit Anstrengung von der Bettdecke emporgehoben, auf welcher sie lag.

»Ziehe den Pfropfen aus der Flasche,« sagte sie, »und gib sie mir. Ich brauche Kräfte. Gleichviel ob ich in einer Stunde oder in einer Woche sterbe. Gib mir die Flasche.«

»Nicht die Flasche,« sagte Sara, während sie dieselbe doch, von dem Blicke ihrer Herrin bezwungen, hingab. »Es ist bloß noch zu zwei Mal einzunehmen darin. Ich bitte, warten Sie – ich will ein Glas holen!«

Sie wendete sich nach dem Tische. In demselben Augenblick aber hob Mistreß Treverton die Flasche an die Lippen, trank den Inhalt derselben aus und warf sie dann von sich auf das Bett.

»Sie hat sich den Tod gegeben!« rief Sara, indem sie erschrocken nach der Tür lief.

»Bleib!« rief die Stimme aus dem Bett schon entschlossener als je. »Bleib! Komm her und lege meine Kissen höher.«

Sara legte die Hand an den Riegel.

»Komm her,« wiederholte Mistreß Treverton. »So lange als noch ein Funken Leben in mir ist, verlange ich Gehorsam. Komm her!«

Die Farbe begann auf ihrem ganzen Gesicht unverkennbar dunkler und das Licht in ihren weitgeöffneten Augen heller zu werden.

Sara kam an das Bett zurück und fügte mit zitternden Händen den Kissen, welche den Kopf und die Schultern der Sterbenden stützten, noch eins hinzu. Während dies geschah, kam die Bettdecke ein wenig in Unordnung. Mistreß Treverton zog dieselbe schaudernd wieder herauf bis dicht um den Hals herum.

»Hast du die Türe aufgeriegelt?« fragte sie.

»Nein.«

»Ich verbiete dir, dich derselben wieder zu nähern. Hole mir aus dem Schranke neben dem Fenster meine Schreibmappe, Feder und Tinte.«

Sara ging an den Schrank und öffnete ihn, hielt aber plötzlich inne, als ob ein plötzlicher Argwohn sie durchzuckte, und fragte, wozu die Schreibmaterialien gebraucht werden sollten.

»Bring sie nur, dann wirst du es sehen.«

Die Schreibmappe ward mit einem Bogen Briefpapier darauf auf Mistreß Trevertons Knie gelegt, die Feder in die Tinte getaucht und ihr in die Hand gegeben.

Die Kranke schloß die Augen eine Minute lang und seufzte tief. Dann begann sie zu schreiben und sagte zu ihrer Zofe, als die Feder das Papier berührte:

»Schau her!«

Sara lugte ihr unruhig über die Schultern und sah die Feder langsam und matt die drei Worte formen:

»An meinen Gatten.«

»O, nein, nein! Um Gotteswillen, schreiben Sie es nicht!« rief Sara, indem sie ihre Herrin bei der Hand faßte. In dem Augenblick aber, wo Mistreß Treverton sie ansah, ließ sie die Hand wieder los.

Die Feder schrieb weiter und bildete langsam und immer matter soviel Worte, daß dadurch eine Zeile gefüllt ward – dann machte sie Halt. Die Buchstaben der letzten Silbe waren ganz durcheinander gelaufen.

»Tun Sie es nicht!« rief Sara wieder, indem sie vor dem Bett auf die Knie niederfiel. »Schreiben Sie es ihm nicht, wenn Sie es ihm nicht sagen können. Lassen Sie mich das, was ich so lange getragen, auch noch ferner tragen. Lassen Sie das Geheimnis mit Ihnen und mit mir sterben und in dieser Welt niemals offenbar werden – niemals! niemals! niemals!«

»Das Geheimnis muß offenbar werden,« antwortete Mistreß Treverton. »Mein Gatte muß es wissen und soll es wissen. Ich versuchte, es ihm zu sagen, aber der Mut entsank mir. Daß du es ihm sagen werdest, nachdem ich nicht mehr bin, darauf kann ich mich nicht verlassen. Es muß niedergeschrieben werden. Nimm du die Feder; meine Augen sehen kaum noch, meine Finger fühlen nicht mehr. Nimm die Feder und schreibe, was ich dir sage.«

Sara verbarg, anstatt zu gehorchen, ihr Gesicht in der Bettdecke und weinte bitterlich.

»Du bist seit meiner Vermählung bei mir,« fuhr Mistreß Treverton fort. »Du bist mehr meine Freundin als meine Dienerin gewesen. Willst du mir meine letzte Bitte abschlagen? Du willst! Törin, blicke auf und höre mich an. Es geschieht auf deine eigene Gefahr, wenn du dich weigerst, die Feder zu ergreifen. Schreib oder ich habe keine Ruhe im Grabe. Schreib oder, so wahr der Himmel über uns ist, ich suche aus der andern Welt dich heim!«

Mit einem unterdrückten Schrei richtete Sara sich empor.

»Ihre Worte erfüllen mich mit Schaudern,« flüsterte sie, indem sie ihre Augen mit abergläubisch entsetztem Blick auf das Gesicht ihrer Herrin heftete.

In demselben Augenblicke begann die in allzureichlicher Dosis genommene aufregende Medizin ihre Wirkung auf Mistreß Trevertons Gehirn zu äußern. Sie warf ihren Kopf unruhig von einer Seite des Pfühls auf die andere, sprach gedankenlos einige Zeilen aus einem der alten Theaterstücke, die sie von ihrem Bett hatte hinwegnehmen lassen, und hielt der Dienerin plötzlich die Feder hin, indem sie theatralisch die Hand bewegte und einen Blick nach einer eingebildeten Galerie von Zuschauern emporwarf.

»Schreib!« rief sie mit dem hohlen, schauerlichen Pathos ihrer frühern Bühnenstimme, »schreib!«

Und die schwache Hand bewegte sich wieder mit einer matten, unsichern Nachahmung der alten Theatergebärde. Mechanisch die Finger um die Feder schließend, welche hineingesteckt ward, wartete Sara, deren Augen immer noch die abergläubische Furcht verrieten, welche die Worte ihrer Herrin erweckt hatten, auf den nächsten Befehl.

Es vergingen einige Minuten ehe Mistreß Treverton wieder sprach. Sie war noch hinreichend bei Besinnung, um sich, wenn auch unklar, der Wirkung bewußt zu sein, welche die Medizin auf sie äußerte, und die ferneren Fortschritte zu bekämpfen, ehe sie ihre Ideen gänzlich verwirrte.

Sie verlangte daher zuerst ihr Riechfläschchen und dann Eau de Cologne. Dieses letztere, welches sie sich auf ihr Taschentuch gießen und dann auf die Stirn legen ließ, schien ihre Geisteskräfte zum Teil wieder herzustellen. Ihre Augen gewannen wieder den intelligenten, ruhigen Blick und als sie ihre Zofe wieder anredete und zu ihr nochmals sagte: »Schreib!« war sie im Stande, dem Befehle dadurch Nachdruck zu geben, daß sie sofort in ruhigem, besonnenem und entschlossenem Tone zu diktieren begann.

Saras Tränen rannen; ihre Lippen murmelten abgebrochene Worte, in welche Bitte und Ausdruck von Reue und Furcht sich auf seltsame Weise mischten, aber sie schrieb gehorsam weiter in schwankenden Zeilen, bis sie beinahe die ersten beiden Seiten des Briefbogens vollgeschrieben hatte.

Dann hielt Mistreß Treverton inne, sah das Geschrieben durch, ergriff die Feder und unterzeichnete es mit ihrem Namen.

Bei dieser Anstrengung schien ihre Macht des Widerstands gegen die aufregende Wirkung der Medizin ihr wieder untreu zu werden. Die tiefe Röte begann wieder ihre Wangen zu färben und sie sprach hastig und unsicher, als sie die Feder wieder ihrer Dienerin einhändigte.

»Unterschreibe!« rief sie, indem sie mit der Hand matt auf die Bettdecke schlug. »Unterschreibe: ‚Sara Leeson als Zeugin.’ Don nein; schreib: ‚als Mitschuldige.’ Nimm deinen Anteil auf dich; ich will nicht, daß auch dieser mir zugewälzt werde. Unterschreibe! Ich bestehe darauf; unterschreibe, wie ich dir sage !«

Sara gehorchte und Mistreß Treverton nahm ihr das Papier aus der Hand und zeigte mit derselben wehmütigen theatralischen Geste darauf, die ihr vorhin entschlüpft war. »Dies wirst du deinem Herrn geben, wenn ich tot bin,« sagte sie, »und jede Frage, die er dir vorlegt, so wahrheitsgetreu beantworten, als ob du vor dem Richterstuhl des Höchsten stündest.«

Die Hände faltend, sah Sara ihre Herrin zum ersten Male mit ruhigen Augen an und sprach zum ersten Male in ruhigem Tone mit ihr.

»Wenn ich wüßte, daß ich zum Sterben geschickt wäre,« sagte sie »o wie gern wollte ich mit Ihnen tauschen.«

»Versprich mir, daß du das Papier deinem Herrn geben willst,« wiederholte Mistreß Treverton. »Versprich – doch nein! Deinem Versprechen traue ich nicht – schwören sollst du es mir. Hole die Bibel – die Bibel, deren sich der Geistliche bediente, als er diesen Morgen hier war. Hole sie oder ich habe keine Ruhe im Grabe. Hole sie oder ich komme aus der andern Welt zu dir.«

Die Herrin lachte, während sie diese Drohung wiederholte. Die Dienerin schauderte, während sie dem Befehl gehorchte, dem diese Drohung Nachdruck geben sollte.

»Ja, ja – die Bibel, deren sich der Geistliche bediente,« fuhr Mistreß Treverton halb gedankenlos fort, als das Buch zur Stelle gebracht war. »Der Geistliche – ein guter schwacher Mann – ich erschreckte ihn, Sara. Er sagte: ‚Sind Sie mir allen Menschen in Frieden?’ und ich antwortete: ‚Mit allen bis auf einen.’ Du weißt, wen.«

»Des Kapitäns Bruder. O, sterben Sie nicht in Feindschaft mit irgend jemandem. Sterben Sie auch mit ihm in Freundschaft!« bat Sara.

»Das sagte der Geistliche auch,« entgegnete Mistreß Treverton, indem ihre Augen kindisch im Zimmer herumzuschweifen begannen, während ihr Ton plötzlich leiser und verworrener ward. »‚Sie müssen ihm vergeben’, sagte der Geistliche. Und ich sagte: ‚Nein. Ich verzeihe allen Menschen, aber dem Bruder meines Gatten nicht.’ Der Geistliche stand ganz erschrocken von seinem Stuhle auf, Sara. Er sagte, er wolle für mich beten und wiederkommen. Wird er wiederkommen?«

»Ja, ja,« antwortete Sara, »er ist ein guter Mann – er wird wiederkommen – und o, sagen Sie ihm, daß Sie dem Bruder des Kapitäns verzeihen. Jene schändlichen Worte, die er, als Sie vermählt wurden, von Ihnen sprach, wird er schon einmal entgelten müssen. Vergeben Sie ihm – vergeben Sie ihm, ehe Sie sterben.«

Indem Sara diese Worte sagte, versuchte sie zugleich die Bibel behutsam aus den Augen ihrer Herrin zu entfernen. Diese Bewegung entging aber Mistreß Trevertons Aufmerksamkeit nicht und erweckte ihre sinkenden Kräfte zur Beobachtung der sie umgebenden Dinge.

»Halt!« rief sie, während wieder ein Schimmer der alten Entschlossenheit aus ihren schon vom Tode umflorten Augen leuchtete. Sie packte Sara krampfhaft bei der Hand, legte dieselbe auf die Bibel und hielt sie darauf fest. Ihre andere Hand tastete eine Weile auf der Bettdecke umher, bis sie endlich dem an ihren Gatten gerichteten beschriebenen Papier begegnete. Ihre Finger erfaßten es und ein Seufzer der Erleichterung entrang sich ihren Lippen.

»Ha,« rief sie, »jetzt weiß ich, wozu ich die Bibel haben wollte. Ich sterbe bei vollem Verstande, Sara; du kannst mich auch jetzt noch nicht täuschen.«

Sie hielt wieder inne, lächelte ein wenig und flüsterte dann hastig bei sich selbst: »Warte, warte, warte!«

Dann setzte sie laut mit der alten theatralischen Stimme und Gebärde wieder hinzu:

»Nein, auf dein Versprechen hin traue ich dir nicht. Ich will deinen Schwur haben. Knie nieder. Dies sind meine letzten Worte in dieser Welt – sei ihnen ungehorsam, wenn du es wagst!«

Sara sank an dem Bett auf die Knie nieder. Der leichte Wind draußen, der gerade jetzt bei dem langsamen Empordämmern des Morgens stärker ward, teilte die Fenstervorhänge ein wenig und blies einen Hauch seines würzigen Duftes freudig in das Krankenzimmer. Das schwere Dröhnen der fernen Brandung ließ sich ebenfalls vernehmen und seine nimmer ruhende Musik in lautern Tönen erklingen. Dann fielen die Fenstervorhänge schwerfällig wieder zu, die flackernde Flamme des Lichts ward wieder ruhig und stet und das unheimliche Schweigen im Zimmer tiefer als je.

»Schwöre! Schwöre!« sagte Mistreß Treverton.

»Die Stimme versagte ihr, als sie dieses Wort ausgesprochen hatte. Sie mühte sich ein wenig, erlangte die Sprache wieder und fuhr fort:

»Schwöre, daß du dieses Papier nicht vernichten willst, wenn ich tot bin.«

Selbst während sie diese feierlichen Worte sprach, selbst bei diesem letzten Kampfe um Leben und Kraft bewies der unausrottbare theatralische Instinkt mit furchtbarer Hartnäckigkeit, wie fest derselbe in ihrem Gemüt wurzelte. Sara fühlte die kalte Hand, die noch auf der ihrigen lag, einen Augenblick sich heben – sie sah wie dieselbe ihr graziös winkte – fühlte, wie sie sich wieder herabsenkte und die ihrige mit zitterndem, ungeduldigem Druck umschloß. Bei dieser letzten Aufforderung antwortete sie mit schwacher Stimme:

»Ich schwöre es!«

»Schwöre auch, daß du dieses Papier nicht mit fortnehmen willst, wenn du, nachdem ich tot bin, dieses Haus verlässest.«

Wieder zögerte Sara, ehe sie antwortete – wieder machte sich der zitternde Druck auf ihrer Hand fühlbar, obschon diesmal schwächer – und wieder stammelten ihre Lippen die Worte:

»Ich schwöre es!«

»Schwöre,« begann Mistreß Treverton zum dritten Male. Die Sprache versagte ihr aber wieder und sie bemühte sich jetzt vergebens, die Herrschaft über dieselbe wiederzuerlangen.

Sara blickte auf und sah, wie Vorläufer von Konvulsionen das schöne Gesicht zu entstellen begannen. Sie sah wie die Finger der weißen, zartgeformten Hand sich krümmten, während sie nach dem Tische hinüberlangten, auf welchem die Medizinflaschen standen.

»Sie haben es ausgetrunken,« rief Sara aufspringend, als sie die Bedeutung dieser Gebärde erriet. »Herrin, liebe Herrin, Sie haben es ausgetrunken, es ist bloß noch das Opiat da. Lassen Sie mich gehen – ich will –«

Ein Blick von Mistreß Treverton tat ihr Einhalt, ehe sie weiter ein Wort sprechen konnte. Die Lippen der Sterbenden bewegten sich rasch.

Sara hielt ihr Ohr dicht an dieselben. Anfangs hörte sie nichts als keuchende, schnell aufeinander folgende Atemzüge, dann einige gebrochene, verworrene, damit gemischte Worte:

»Ich bin noch nicht fertig – du mußt schwören – komm näher heran, näher, näher – noch ein Drittes – dein Herr – schwöre, daß du ihm das Papier geben –«

Die letzten Worte starben leise hinweg. Die Lippen, welche sie so mühsam geformt, teilten sich plötzlich, schlossen sich aber nicht wieder. Sara sprang nach der Tür und rief in den Korridor hinaus nach Hilfe – dann eilte sie an das Bett zurück, ergriff den Bogen Briefpapier, auf welchen sie nach dem Diktat ihrer Herrin geschrieben, und verbarg ihn in ihrem Busen.

Der letzte Blick aus Mistreß Trevertons Augen heftete sich streng und vorwurfsvoll auf sie, indem sie dies tat, und bewahrte während der augenblicklichen Verzerrung der übrigen Züge diesen Ausdruck einen einzigen atemlosen Augenblick lang unverändert.

Dieser Augenblick ging vorüber und mit dem nächsten stahl der Schatten, welcher dem Eintritt des Todes vorangeht, sich herauf und drängte in einer einzigen ruhigen Sekunde das Licht des Lebens von dem ganzen Gesichte hinweg.

Der Arzt trat in Begleitung der Wärterin und eines der Diener in das Zimmer, eilte an das Bett, sah aber auf den ersten Blick, daß die Zeit seiner Dienste hier für immer vorüber war. Er wendete sich zuerst zu dem Diener, der ihm gefolgt war.

»Geht zu Eurem Herrn« sagte er, »und bittet ihn, in seinem Zimmer zu warten, bis ich zu ihm kommen und mit ihm sprechen kann.«

Sara stand noch, ohne sich zu bewegen oder zu sprechen, oder auf jemand zu achten – am Bett.

Die Wärterin, welche sich näherte, um die Vorhänge zusammenzuziehen, stutzte beim Anblick ihres Gesichts und wendete sich dann zu dem Arzt.

»Ich glaube, es wird gut sein, wenn diese Person das Zimmer verläßt; meinen Sie nicht auch, Herr Doktor?« sagte die Wärterin mit einem gewissen Ausdruck von Verächtlichkeit in ihrem Ton und Blick. »Sie scheint durch das, was geschehen ist, über alle Maßen angegriffen und erschreckt zu sein.«

»Jawohl,« sagte der Doktor, »es ist am besten, wenn sie sich entfernt. Ich gebe Euch den Rat, uns auf einige Zeit zu verlassen,« setzte er hinzu, indem er Sara am Arme berührte.

Sie fuhr argwöhnisch zusammen, hob eine ihrer Hände zu der Stelle empor, wo die Schrift verborgen an ihrem Busen lag, und drückte sie fest darauf, während sie die andere Hand nach einem Licht ausstreckte.

»Ihr werdet wohltun, wenn Ihr eine Weile in Eurem Zimmer ausruht,« sagte der Arzt, indem er ihr ein Licht gab. »Doch, wartet,« setzte er, nachdem er einen Augenblick nachgedacht, hinzu: »Ich stehe im Begriff, die traurige Neuigkeit Eurem Herrn mitzuteilen. Vielleicht wünscht er die letzten Worte zu hören, welche Mistreß Treverton in Eurer Gegenwart gesprochen hat. Deshalb ist es vielleicht am besten, wenn Ihr mitkommt und wartet, während ich zu dem Kapitän hineingehe.«

»Nein! Nein! – jetzt nicht, jetzt nicht, um des Himmels willen!«

Indem Sara diese Worte in leisem, raschem, bittendem Tone sprach und sich dabei wie erschrocken nach der Tür zurückzog, verschwand sie, ohne einen Augenblick zu warten, was man weiter zu ihr sagen würde.

»Eine sonderbare Person,« sagte der Arzt zu der Wärterin gewendet. »Geht ihr nach und sehr, wohin sie geht, im Fall sie gebraucht wird und wir nach ihr schicken müssen. Ich will hier warten, bis Ihr zurückkommt.«

Als die Wärterin zurückkam, hatte sie weiter nichts zu berichten, als daß sie Sara Leeson bis an ihr Schlafzimmer gefolgt sei – sie in dasselbe habe hineingehen sehen – daß sie an der Tür gehorcht und gehört habe, wie dieselbe von innen verschlossen worden.

»Eine sonderbare Person,« wiederholte der Arzt, »eine von der schweigsamen, geheimnisvollen Sorte.«

»Eine von der nicht guten Sorte,« bemerkte die Wärterin. »Sie spricht immer mit sich selbst und das ist meiner Ansicht ein schlimmes Zeichen. Ihr ganzes Aussehen gefällt mir nicht und ich habe ihr gleich von dem ersten Tage an, wo ich dieses Haus betreten, nicht getrauet.«




Zweites Kapitel

Das Verbergen des Geheimnisses


In dem Augenblick, nachdem Sara Leeson den Schlüssel in der Tür ihres Schlafzimmers herumgedreht hatte, nahm sie den Bogen Briefpapier aus dem Versteck ihres Busens. Sie schauderte, indem sie ihn herauszog, als ob schon seine Berührung sie verwundete, legte ihn offen auf ihren kleinen Ankleidetisch und heftete ihre Augen neugierig auf die Zeilen, welche der Brief enthielt.

Anfangs schwammen und verschmolzen sich dieselben vor ihren Augen durcheinander. Sie drückte ihre Hände einige Minuten lang auf die Augen und betrachtete dann die Schrift wieder. Die Buchstaben waren jetzt klar – deutlich und klar und, wie ihr vorkam, unnatürlich groß.

Da stand die Überschrift: »An meinen Gatten« – dann folgten die von ihrer Feder geschriebenen Zeilen mit den Unterschriften am Ende, erst Mistreß Trevertons und dann ihre eigene.

Das Ganze belief sich auf nur sehr wenige Sätze auf einen einzigen vergänglichen Bogen Papier geschrieben, den die Flamme eines Lichts in einem Augenblick verzehrt haben würde.

Und dennoch saß Sara da und las und las immer und immer wieder und rührte das Papier nicht an, ausgenommen wenn es unbedingt notwendig war, um die erste Seite umzuwenden. Sie regte sich nicht, sie sprach nicht, sie hob ihre Augen nicht von dem Papier empor. Wie ein verurteilter Gefangener sein Todesurteil lesen würde, so las jetzt Sara Leeson die wenigen Zeilen, welche sie und ihre Herrin vor kaum einer halben Stunde geschrieben hatten.

Das Geheimnis der lähmenden Wirkung dieser Schrift auf ihr Gemüt lag nicht bloß in dieser selbst, sondern auch in den Umständen, von welchen ihr Zustandekommen begleitet gewesen war.

Der Schwur, welcher von Mistreß Treverton unter keinem ernstern Einfluß als der letzten Laune der zerrütteten, durch verworrene Erinnerungen an Bühnenworte und Bühnensituationen aufgestachelten Geisteskräfte verlangt worden, ward von Sara Leeson als das heiligste und unverletzlichste Gelübde betrachtet, durch welches sie sich jemals hätte binden können.

Die Drohung, Gehorsam gegen ihre letzten Befehle noch vom Jenseits aus zu erzwingen, welche Drohung die sterbende Herrin ausgesprochen, um damit zugleich ein spöttisches Experiment mit der abergläubischen Furcht der leichtgläubigen Zofe anzustellen, schwebte jetzt unheimlich über dem schwachen Gemüte Saras, wie ein Urteilsspruch, der sie sichtbar und unerbittlich in jedem Augenblick ihres künftigen Lebens ereilen könnte.

Als sie sich endlich aufrüttelte, das Papier von sich schob und sich von ihrem Stuhle erhob, blieb sie einen Augenblick ganz still stehen, ehe sie wagte, hinter sich zu schauen. Als sie dies endlich tat, geschah es mit Anstrengung und indem sie einen forschenden, mißtrauischen Blick in das leere Dunkel der entfernteren Winkel des Zimmers warf.

Ihre alte Gewohnheit, mit sich selbst zu sprechen, begann wieder ihren Einfluß zu behaupten, während sie jetzt rasch hin und her ging und das Zimmer zuweilen der Länge, zuweilen der Breite nach durchmaß. Sie wiederholte unaufhörlich gebrochene Redensarten, wie zum Beispiel: »Wie kann ich ihm den Brief geben? – Einem so guten Herrn, der so freundlich ist gegen uns alle! – Warum starb sie und überließ alles mir? – Ich kann es nicht alleine tragen,– es ist zuviel für mich!«

Während sie diese Redesätze wiederholte, beschäftigte sie sich träumerisch damit, daß sie die Sachen im Zimmer aufräumte und in Ordnung brachte, obschon dieselben sich bereits in vollkommener Ordnung befanden. Alle ihre Blicke, alle ihre Bewegungen verrieten den vergeblichen Kampf eines schwachen Gemüts, sich unter der Wucht einer schweren Verantwortlichkeit aufrecht zu erhalten. Sie ordnete und ordnete immer wieder die Porzellanschälchen auf ihrem Kaminsims – setzte ihr Nadelkissen erst auf den Spiegel, dann auf den Tisch vor demselben – veränderte die Stellung des kleinen Porzellanbeckens auf ihrem Waschtische, indem sie es bald rechts bald links schob.

Während aller dieser geringfügigen Verrichtungen waren selbst die nutz- und zwecklosesten derselben stets von einer unverkennbaren Anmut und Zartheit begleitet. Sie warf nichts herunter, sie stellte nichts schief, ihre Tritte machten selbst bei der raschesten Bewegung kein Geräusch – der Saum ihres Kleides war so sauber und fleckenlos, als ob heller Tag und die Augen aller ihrer Nachbarn auf sie geheftet gewesen wären.

Von Zeit zu Zeit änderte sie den Sinn der Worte, welche sie verworren vor sich hin murmelte. Zuweilen gaben sie kühnere und zuversichtliche Gedanken, wenn auch zusammenhangslos, zu erkennen.

Einmal schienen dieselben sie sogar wider ihren Willen an den Ankleidetisch und den darauf liegenden offenen Brief zu treiben. Sie las laut die Aufschrift: »An meinen Gatten,« ergriff dann hastig den Brief und sagte in festerem Tone:

»Warum soll ich ihm diese Schrift überhaupt geben? Warum will ich nicht lieber das Geheimnis mit ihr und mit mir sterben lassen, wie es am besten wäre? Warum sollte er es wissen? Er soll es nicht wissen.«

Indem sie die letzten Worte sprach, näherte sie den Brief bis auf einen Zoll der Flamme des Lichts. In demselben Augenblick bewegte sich vor ihr der weiße Vorhang am Fenster, sowie die frischer werdende Luft durch die altmodischen, schlecht schließenden Fensterflügel hereindrang. Ihr Auge erblickte den Vorhang, während derselbe sich langsam vorwärts und rückwärts bewegte. Schnell drückte sie den Brief mit beiden Händen an ihre Brust und fuhr an die Wand des Zimmers zurück, während ihre Augen immer noch an dem Vorhang hafteten – mit dem Blick desselben Entsetzens, welches sie zu erkennen gegeben, da Mistreß Treverton gedroht hatte, von der andern Welt aus den Gehorsam ihrer Dienerin zu erzwingen.

»Es bewegt sich etwas,« keuchte sie bei sich selbst mit atemlosem Geflüster; »es bewegt sich etwas in dem Zimmer neben mir !«

Der Vorhang wehte zum zweiten Male langsam hin und her. Ich immer noch unverwandt über die Schulter hinweg anschauend, schlich sie sich die Wand entlang nach der Tür.

»Kommst du schon?« sagte sie, die Augen immer noch auf den Vorhang heftend, während ihre Hand an dem Schlosse nach dem Schlüssel tastete. »Ehe noch das Grab gegraben ist? Ehe noch der Sarg fertig ist? Ehe die Leiche kalt ist?«

Sie öffnete die Tür und schlüpfte auf den Korridor hinaus. Hier blieb sie einen Augenblick stehen und schaute zurück in das Zimmer.

»Ruhe!« sagte sie. »Ruhe! – er soll den Brief bekommen.«

Die Treppenlampe leitete sie aus dem Korridor hinaus. Eilig, als ob sie fürchtete, sich Zeit zum Nachdenken zu lassen, ging sie die Treppe hinunter und erreichte binnen wenigen Minuten Kapitän Trevertons Arbeitszimmer, welches sich im Erdgeschoß befand. Die Tür stand weit geöffnet und das Zimmer war leer.

Nachdem sie eine Weile nachgedacht, zündete sie eins der auf dem Tisch in der Hausflur stehenden Zimmerlichter an der Lampe im Arbeitszimmer an und ging wieder die Treppe hinauf nach dem Schlafzimmer ihres Herrn.

Nachdem sie wiederholt an die Türe gepocht, aber keine Antwort erhalten, wagte sie hineinzugehen. Das Bett stand noch unberührt, die Lichter waren nicht angezündet worden – allem Anscheine nach war während der ganzen Nacht niemand in dem Zimmer gewesen.

Nun gab es bloß noch einen Ort, an welchem sei ihn suchen konnte – das Zimmer, in welchem seine verstorbene Gattin lag. Hatte sie wohl Mut genug, um ihm den Brief dort zu geben?

Sie zögerte ein wenig, dann flüsterte sie: »Ich muß! ich muß!«

Die Richtung, welche sie nun zu nehmen gezwungen war, führte sie wieder einen Teil der Treppe hinunter. Diesmal ging sie sehr langsam, hielt sich vorsichtig an das Geländer an und blieb fast auf jeder Stufe stehen, um Atem zu schöpfen.

Die Tür von Mistreß Trevertons Schlafzimmer ward, als sie an dieselbe zu pochen wagte, von der Wärterin geöffnet, welche in rauhem und argwöhnischem Tone fragte, was sie hier wolle.

»Ich wünsche meinen Herrn zu sprechen.«

»Dann müßt Ihr ihn anderswo suchen. Er war vor einer halben Stunde hier. Jetzt ist er fort.«

»Wißt Ihr, wohin er gegangen ist?«

»Nein. Ich bekümmere mich nicht um das Kommen und Gehen anderer Leute. Ich besorge, was meine Sache ist.«

Mit dieser höflichen Antwort schloß die Wärterin die Tür wieder. Gerade als Sara sich von derselben hinweg wendete, schaute sie nach dem innern Ende des Korridors. Dort befand sich die Tür der Kinderstube. Diese Tür stand ein wenig geöffnet und ein düsterer Schimmer Kerzenlicht fiel durch die Spalte.

Sara ging sofort hinein und sah, daß der Lichtschimmer aus einem innern Zimmer kam, welches, wie sie recht wohl wußte, gewöhnlich von dem Kindermädchen und dem einzigen Kinde des Hauses Treverton bewohnt ward.

Dieses Kind war ein kleines Mädchen namens Rosamunde, zu dieser Zeit beinahe fünf Jahre alt.

Ist er vielleicht dort? – von allen Zimmern des Hauses gerade in diesem?

Schnell, wie dieser Gedanke in ihr erwachte, steckte Sara den Brief, welchen sie bis jetzt in der Hand getragen, in den Busen ihres Kleides und verbarg ihn zum zweiten Male gerade so, wie sie ihn verborgen, als sie das Bett ihrer Herrin verließ.

Dann stahl sie sich auf den Zehen durch die Kinderstube hindurch nach dem innern Zimmer.

Der Eingang desselben war, einer Laune des Kindes zu Gefallen, bogenförmig gemacht und mit bunt angestrichenem Spalierwerk versehen, sodaß er dem Eingang eines Gartenhauses glich. Zwei hübsche Zitzvorhänge, die innerhalb des Spalierwerks angebracht waren, bildeten die einzige Schranke zwischen dem Tagzimmer und dem Schlafzimmer.

Einer dieser Vorhänge war in die Höhe gesteckt und auf die auf diese Weise gebildete Öffnung ging Sara jetzt zu, nachdem sie vorsichtig ihr Licht draußen auf dem Korridor gelassen.

Der erste Gegenstand, der ihre Aufmerksamkeit in dem Schlafzimmer des Kindes auf sich zog, war die Gestalt des Kindermädchens, welches fest schlafend in einem Armstuhl am Feuer zurückgelehnt saß. Als sie nach dieser Entdeckung kühner in das Zimmer hineinzuschauen wagte, sah sie ihren Herrn, mit dem Rücken nach ihr gewendet, an dem Bettchen des Kindes sitzen.

Die kleine Rosamunde war wach und stand im Bett, während sie den Hals ihres Vaters mit ihren Armen umschlungen hielt. Eine ihrer Hände hielt die Puppe, die sie mit zu Bett genommen, über seine Schultern hinweg, die andere hielt sich sanft an seinem Haar fest. Die Kleine hatte bitterlich geweint und sich nun erschöpft, sodaß sie bloß von Zeit zu Zeit noch ein wenig stöhnte, während ihr Kopf müde an der Brust des Vaters ruhte.

Die Tränen standen Sara in den Augen, während sie ihren Herrn und die kleinen Hände betrachtete, die seinen Hals umschlungen hielten. Sie verweilte an dem aufgehobenen Vorhang, ohne auf die Gefahr zu achten, in der sie stand, jeden Augenblick entdeckt und zur Rede gestellt zu werden; sie weinte, bis sie Kapitän Treverton beschwichtigend zu der Kleinen sagen hörte:

»Still, meine gute Rose! Still, mein liebes Kind; weine nicht mehr um die arme Mama. Denke an den armen Papa und suche ihn zu trösten.«

So einfach diese Worte waren, so ruhig und zärtlich sich auch gesprochen wurden, schienen sie doch Sara Leeson sofort aller Selbstbeherrschung zu berauben. Ohne darauf zu achten, ob sie gehört würde oder nicht, drehte sie sich um und eilte in den Korridor, als ob es gälte ihr Leben zu retten. An dem Licht vorbei, welches sie hier hatte stehen lassen, eilte sie, ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen, nach der Treppe und mit atemloser Schnelligkeit dieselbe hinab nach der Küche.

Hier kam ihr einer der beiden Diener, welche gewacht hatten, entgegen und fragte sie mit der Miene des Erstaunens und Erschreckens, was es gäbe.

»Ich bin krank – ich bin wie ohnmächtig – ich muß an die Luft,« antwortete sie stotternd und verworren. »Öffnet mir die Gartentür und laßt mich hinaus!«

Der Mann gehorchte, aber zweifelhaft, als ob er glaubte, sie könne nicht ohne Gefahr sich selbst überlassen werden.

»Sie wird immer seltsamer in ihren Mucken,« sagte er, als er, nachdem Sara an ihm vorüber ins Freie hinausgeeilt war, wieder zu seinem Kameraden zurückkam. »Nun, da ihre Herrin tot ist, wird sie wahrscheinlich einen andern Dienst suchen müssen. Ich für meine Person werde mich nicht zu Tode nach ihr sehnen. Du wohl auch nicht ?«

Die kühle milde Luft im Garten bestrich frisch Saras Gesicht und schien die Heftigkeit ihrer Aufregung zu beschwichtigen. Sie bog in einen Seitenweg ein, welcher nach einer Terrasse führte und die Aussicht auf die Kirche des benachbarten Dorfes bot. Das Tageslicht außerhalb des Hauses war schon ziemlich hell. Der neblige Schein, welcher dem Sonnenaufgang vorangeht, schwebte friedlich und lieblich hinter einer Strecke schwarzbraunen Moorlandes den ganzen östlichen Himmel entlang. Die alte Kirche mit ihrer Myrten- und Fuchsienhecke, die den kleinen Kirchhof daneben mit all der Üppigkeit umgab, welche man bloß in Cornwall sieht, ward immer deutlicher und fast ebenso schnell als das Morgenfirmament selbst sichtbar.

Sara stützte sich mit den Armen schwerfällig auf die Lehne eines Gartenstuhls und wendete ihr Gesicht nach der Kirche. Ihre Augen schweiften von dem Gebäude selbst nach dem Kirchhof daneben, verweilten hier und sahen, wie das Licht über dem einsamen Asyl, wo die Toten in Frieden ruhten, immer wärmer und wärmer ward.

»O, mein Herz, mein Herz,« sagte sie. »Woraus muß es gemacht sein, daß es nicht bricht!«

Sie blieb eine Weile so auf den Stuhl gestützt stehen, schaute mit wehmütigem Blick nach dem Kirchhof und dachte über die Worte nach, welche sie Kapitän Treverton zu dem Kinde hatte sagen hören. Sie schienen – wie jetzt auch alles andere in ihren Gedanken zu tun schien – in Zusammenhang mit dem Brief zu stehen, der auf Mistreß Trevertons Sterbebett geschrieben worden. Sie zog ihn wieder aus dem Busen und knitterte ihn zornig in den Fingern zusammen.

»Immer noch in meinen Händen! Immer noch von keinem andern Auge gesehen als dem meinigen!« sagte sie, indem sie auf das zerknitterte Papier herabblickte. »Ist die Schuld aber mein? Wenn sie jetzt noch lebte, wenn sie gesehen hätte, was ich sah – wenn sie gehört hätte, was ich hörte – könnte sie dann von mir erwartet haben, daß ich ihm den Brief geben würde?«

Ihr Gemüt ward durch den Gedanken, den ihre letzten Worte aussprachen, anscheinend beruhigt. Sie bewegte sich gedankenvoll von dem Gartenstuhl hinweg, ging über die Terrasse, einige hölzerne Stufen hinunter und folgte einem durch die Anlagen gebahnten Pfad, der von der östlichen Seite des Hauses nach der nördlichen führte.

Dieser Teil des Gebäudes war seit länger als einem halben Jahrhundert unbewohnt und vernachlässigt gewesen. Zu Zeiten des Vaters des Kapitäns war die ganze Reihe der nördlichen Zimmer ihrer schönsten Gemälde und ihrer schönsten Möbels beraubt worden, um die westlichen Zimmer dekorieren zu helfen, welche jetzt den einzigen bewohnten Teil des Hauses bildeten und die für die Bequemlichkeit der Familie und der Gäste, welche hierherkamen, um vielleicht einige Zeit zu verweilen, auch vollkommen ausreichend waren.

Das schloßähnliche Gebäude hatte ursprünglich die Form eines Vierecks gehabt und war stark befestigt gewesen. Von den vielen Verteidigungswerken des Platzes war bloß noch eins übrig – ein plumper, niedriger Turm, von welchem, sowie von dem nahgelegenen Dorfe das Haus seinen Namen Porthgenna Tower ableitete, und welcher an dem südlichen Ende der westlichen Front stand.

Die Südseite selbst bestand aus Ställen und Nebengebäuden mit einer verfallenen Mauer vor derselben, welche rückwärts in östlicher Richtung rechtwinklig an die Nordseite stieß und auf diese Weise das Viereck vervollständigte, welches der ganze Umriß des Gebäudes darstellte.

Die äußerliche Ansicht der Reihe nördlicher Gemächer vor dem verwilderten, vernachlässigten Garten unten verriet sehr deutlich, daß viele Jahre vergangen waren, seitdem irgend ein menschliches Wesen sie bewohnt. Die Fensterscheiben waren an manchen Stellen zerbrochen und an andern dicht mit Schmutz und Staub bedeckt. Hier waren die Läden ganz, dort waren sie bloß halb geöffnet. Der sich selbst überlassene Efeu, die wilde, aus den Spalten des Mauerwerks hervorwuchernde Vegetation, die Draperien von Spinnengeweben, das Geröll von Holz, Backsteinen, Kalk, zerbrochenem Glas, Lumpen und Fetzen schmutzigen Tuches, welches unter den Fenstern lag, alles erzählte dieselbe Geschichte von Verfall und Vernachlässigung.

In Folge ihrer Lage schattig, hatte diese verfallene Seite des Hauses ein finsteres, kaltes, winterliches Ansehen, selbst an dem sonnigen Augustmorgen, wo Sara Leeson sich in den verlassenen nördlichen Garten hineinverirrte.

Sich immer mehr in das Labyrinth ihrer eigenen Gedanken vertiefend, ging sie langsam an längst ausgerotteten Blumenbeeten vorüber und von Unkraut überwachsene Kieswege entlang. Ihre Augen schweiften mechanisch über diese Umgebung und ihre Füße trugen sie ebenso mechanisch überall hin, wo eine Spur von einem Wege war, mochte er führen, wohin er wollte.

Die Erschütterung, welche die von ihrem Herrn in der Kinderstube gesprochenen Worte ihrem Gemüt mitgeteilt, hatte ihre ganze Natur sozusagen in die Enge getrieben und in ihr endlich den moralischen Mut erweckt, sich durch einen endgültigen und verzweifelten Entschluss zu waffnen.

Immer langsamer die Pfade des verlassenen Gartens wandernd, sowie der Gang ihrer Ideen sie immer vollständiger von allen äußern Dingen abzog, blieb sie unwillkürlich an einem freien Raume stehen, der früher einmal ein wohlunterhaltener Rasenplatz gewesen und der jetzt noch die volle Aussicht auf die lange Reihe der unbewohnten nördlichen Zimmer darbot.

Was bindet mich, den Brief überhaupt meinem Herrn zu geben? dachte sie bei sich selbst, indem sie das zerknitterte Papier träumerisch mit der flachen Hand wieder glatt strich. Meine Herrin starb, ohne mich dies beschwören zu lassen. Kann sie es vom Jenseits aus an mir heimsuchen, wenn ich bloß die Versprechungen halte, deren Beobachtung ich wirklich beschworen, aber weiter nichts tue? Kann ich es nicht auf das schlimmste, was geschehen kann, ankommen lassen, so lange ich gewissenhaft alles halte, wozu ich mich eidlich verbindlich gemacht?

Hier schwieg sie in ihrem Selbstgespräch. Ihre abergläubischen Befürchtungen äußerten im Freuen und beim hellen Tageslicht noch denselben Einfluß wie in ihrem Zimmer zur Stunde der Finsternis.

Sie schwieg, dann begann sie wieder den Brief glattzustreichen und sich die Worte der feierlichen Verpflichtung, welche Mistreß Treverton sie gezwungen hatte auf sich zu nehmen, ins Gedächtnis zurückzurufen.

Wozu hatte sie sich wirklich verbindlich gemacht?

Bloß dazu, den Brief nicht zu vernichten und ihn nicht mitzunehmen, wenn sie das Haus verließe.

Außerdem hatte Mistreß Treverton noch gewünscht, daß der Brief ihrem Gemahl gegeben werde. War dieser letzte Wunsch bindend für die Person, welcher er anvertraut worden? Ja. War er so bindend wie ein Eid? Nein.

Als sie zu diesem Schlusse kam, blickte sie auf. Anfangs ruhten ihre Augen gedankenlos auf der einsamen, verlassenen nördlichen Front des Hauses. Allmählich wurden sie durch ein besonderes Fenster angezogen, welches sich genau in der Mitte in dem ersten Stockwerke über dem Erdgeschoß befand. Es war das größte und düsterste der ganzen Reihe.

Plötzlich leuchteten ihre Augen von einem seltsamen Ausdruck. Sie fuhr zusammen, eine schwache Röte überhauchte ihre Wangen und sie ging schnell näher hin an die Mauer des Hauses.

Die Glasscheiben des großen Fensters waren gelb von Schmutz und Staub und phantastisch mit Spinneweben drapiert. Darunter lag ein Haufen Unrat auf der trockenen Erde eines Platzes umhergestreut, der vielleicht einmal ein Blumenbeet oder ein Ziergebüsch gewesen war.

Die Form des Beetes war noch an einer länglichen Einfassung von Unkraut und wucherndem Gras zu erkennen.

Sie folgte ihm unentschlossen der ganzen Runde nach, blickte bei jedem Schritt nach dem Fenster empor, blieb dann dicht unter demselben stehen, warf einen Blick auf den Brief in ihrer Hand und sagte kurz abgebrochen zu sich selbst:

»Ich will es wagen.«

So wie diese Worte ihren Lippen entfielen, eilte sie zurück nach dem bewohnten Teil des Hauses, folgte dem Korridor in der Küchenetage, welcher nach dem Zimmer der Haushälterin oder dem Wirtschaftszimmer führte, trat in dasselbe und nahm von einem Nagel in der Wand ein Schlüsselbund, an dessen es zusammenhaltendem Ringe ein Elfenbeintäfelchen befestigt war, auf welchem geschrieben stand: »Schlüssel zu den nördlichen Zimmern.«

Sie legte die Schlüssel auf einem Schreibtisch in ihrer Nähe, ergriff eine Feder und fügte auf der leeren Seite des Briefes, den sie nach dem Diktat ihrer Herrin geschrieben, rasch noch folgende Zeilen hinzu:

»Wenn diese Schrift jemals gefunden werden sollte – was, wie ich von ganzem Herzen bete, niemals der Fall sein möge –, so erkläre ich hiermit, daß ich zu dem Entschlusse, sie zu verbergen, gekommen bin, weil ich nicht wage, den Inhalt dieses Briefes meinem Herrn zu zeigen, an welchen er gerichtet ist. Indem ich tue, was ich mir jetzt vornehme zu tun, handle ich allerdings den letzten Wünschen meiner Herrin entgegen, breche aber doch nicht den feierlichen Schwur, den sie mich vor sich an ihrem Sterbebett ablegen ließ. Dieser Schwur verbietet mir, diesen Brief zu vernichten oder ihn mit fortzunehmen, wenn ich das Haus verlasse. Ich werde auch keins von beiden tun, denn meine Absicht ist, ihn vor allen andern Orten an dem zu verbergen, wo nach meiner Ansicht die wenigste Wahrscheinlichkeit vorhanden ist, daß er jemals gefunden werde. Jedes Drangsal oder Unglück, welches vielleicht eine Folge dieses hinterlistigen Verfahrens von meiner Seite ist, wird über mich selbst kommen. Andere dagegen werden, wie ich fest glaube, in Folge des Verbergens des furchtbaren Geheimnisses, welches dieser Brief enthält, nur um so glücklicher sein.«

Diese Zeilen unterzeichnete sie mit ihrem Namen, drückte rasch das Löschblatt darauf, welches mit den übrigen Schreibmaterialien auf dem Tische lag, nahm den Brief, nachdem sie ihn zusammengefaltet, zur Hand, ergriff das Schlüsselbund, indem sie sich rings umschaute, als ob sie im geheimen beobachtet zu werden fürchtete, und verließ das Zimmer.

Alle ihre Bewegungen, seitdem sie dasselbe betreten, waren hastig und schnell gewesen. Augenscheinlich fürchtete sie, sich auch nur einen Augenblick Muße zum Nachdenken zu lassen.

Als sie die Wirtschaftszimmer verließ, wendete sie sich links, ging eine Hintertreppe hinaus und schloß, oben angelangt, eine Tür auf. Eine Staubwolke flog um sie herum, während sie leise die Tür öffnete. Eine modrige Kühle machte sie frösteln, während sie eine große steinerne Halle durchschritt, in welcher einige schwarze Familienbildnisse hingen, deren Leinwand sich aus den an den Wänden hängenden Rahmen herausblähte.

Nachdem sie wieder eine Treppe erstiegen, kam sie an eine Reihe von Türen, welche alle in Zimmer des ersten Stockwerks auf der nördlichen Seite des Hauses führten.

Sie kniete nieder, legte den Brief neben sich auf die Diele dem Schlüsselloch der ersten Tür gegenüber, an welche sie von der obersten Stufe der Treppe aus kam, lugte mißtrauisch einen Augenblick hinein und begann dann die verschiedenen Schlüssel zu probieren, bis sie einen fand, der in das Schloß paßte.

Es kostete ihr viel Mühe, dies zu Stande zu bringen, denn ihre Aufregung war so groß, daß ihre Hände zitterten und sie kaum im Stande war, die Schlüssel getrennt voneinander zu halten.

Endlich gelang es ihr, die Tür zu öffnen. Dichtere Staubwolken als ihr bis jetzt entgegengekommen, wirbelten in dem Augenblick heraus, wo das Innere des Zimmers sichtbar ward und eine trockene, luftlose, dicke Atmosphäre erstickte sie fast, als sie sich bückte, um den Brief vom Fußboden aufzuheben. Anfangs wich sie zurück und tat einige Schritte wieder nach der Treppe. Doch gewann sie ihre Entschlossenheit sofort wieder.

»Nun kann ich nicht mehr zurück,« sagte sie verzweifelt und trat in das Zimmer.

Sie blieb nicht länger als zwei oder drei Minuten darin. Als sie wieder herauskam, war ihr Gesicht totenbleich vor Furcht, und die Hand, welche, als sie in das Zimmer ging, den Brief gehalten, hielt jetzt nichts weiter als einen kleinen rostigen Schlüssel.

Nachdem sie die Tür wieder verschlossen, besah sie das große Schlüsselbund, welches sie aus dem Wirtschaftszimmer genommen, mit größerer Aufmerksamkeit als sie demselben bis jetzt gewidmet.

Außer dem an dem Ringe, der es zusammenhielt, befestigten Elfenbeintäfelchen waren auch noch kleinere Pergamentblättchen an die Griffe einiger der Schlüssel gebunden, um die Zimmer zu bezeichnen, deren Türen sie öffneten. Der besondere Schlüssel, dessen sie sich bediente, war auch mit einem solchen Blättchen versehen. Sie hielt dasselbe dicht an das Licht und las darauf in von der Zeit halb verwischten Buchstaben geschrieben:

»Das Myrtenzimmer.«

Das Zimmer, in welchem der Brief versteckt war, hatte also einen Namen! Es war ein Name von angenehmem Klang, welcher die meisten Menschen angezogen und sich angenehm ihrer Erinnerung eingeprägt haben würde – ein Name, dem aber Sara nach dem, was sie getan, eben aus diesem Grunde mißtrauen mußte.

Sie nahm ihr Nähfutteral aus der Tasche ihrer Schürze und schnitt mit der darin befindlichen Schere das Pergamentblättchen von dem Schlüssel.

War es aber wohl genug, bloß dieses eine zu vernichten? Sie verlor sich in ein Labyrinth von nutzlosen Mutmaßungen und schnitt zuletzt auch die andern Blättchen ab – aus keinem andern Grunde, als weil sie instinktartiges Mißtrauen dagegen hegte.

Nachdem sie sorgfältig die Pergamentstreifchen vom Boden aufgelesen, steckte sie dieselben nebst dem kleinen rostigen Schlüssel, den sie aus dem Myrtenzimmer mit herausgebracht, in die leere Tasche ihrer Schürze. Dann lenkte sie, mit dem großen Schlüsselbund in der Hand und indem sie sorgfältig die Türen, die sie auf ihrem Wege nach der Nordseite von Porthgenna Tower geöffnet, wieder verschlossen, ihre Schritte zurück nach dem Wirtschaftszimmer, ging, ohne jemand zu sehen, hinein und hing das Schlüsselbund wieder an den Nagel in der Wand.

Da die Morgenstunden mittlerweile vorgerückt waren und sie daher fürchten mußte, einer oder der andern der Dienerinnen zu begegnen, so eilte sie nun zurück auf ihr Schlafzimmer.

Das Licht, welches sie hier hatte stehen lassen, brannte noch matt in dem frischen Tageslicht. Als sie, nachdem sie das Licht ausgelöscht, den Fenstervorhang auf die Seite zog, flog selbst in dem hellen Tageslicht, welches jetzt hereinfiel, ein Schatten ihrer frühern Furcht über ihr Gesicht. Sie öffnete das Fenster und lehnte sich begierig hinaus in die kühle Luft.

Mochte es nun zum Guten oder zum Schlimmen sein, so war das verhängnisvolle Geheimnis doch nun verborgen – die Tat war geschehen. Es lag etwas Beruhigendes in dem ersten Bewußtsein dieser einen Tatsache. Sie konnte nun gefaßter an sich selbst und an die ungewisse Zukunft denken, die vor ihr lag.

Jetzt, wo das Verhältnis zwischen ihr und ihrer Herrin durch den Tod getrennt worden, konnte sie auf keinen Fall erwarten, in ihrer bisherigen Stellung zu verbleiben. Sie wußte, daß Mistreß Treverton in den letzten Tagen ihrer Krankheit sie der Güte und dem Schutze ihres Gemahls dringend empfohlen hatte und sie war überzeugt, daß die letzten Wünsche der Gattin in diesem wie in allen andern Fällen von ihm als die heiligste Verpflichtung betrachtet werden würden. Konnte sie aber wohl Schutz und Güte von der Hand eines Herrn annehmen, den sie betrügen geholfen und den sie durch den soeben getanen Schritt auch noch ferner in der Täuschung zu erhalten beabsichtigte? Schon der Gedanke an eine solche Niedrigkeit war so empörend, daß sie fast mit einem Gefühl von Erleichterung die einzige noch übrige traurige Alternative ergriff – nämlich die, das Haus sofort zu verlassen.

Aber wie sollte sie es verlassen? Dadurch, daß sie ihren Dienst förmlich kündigte und sich auf diese Weise Fragen bloßstellte, durch die sie ganz gewiß in Angst und Verwirrung gesetzt würde? Konnte sie es wagen, nach dem, was sie getan, wieder ihrem Herrn gegenüberzutreten, da doch seine ersten Fragen ganz gewiß sich auf ihre Herrin bezogen, da er sich ganz bestimmt nach den letzten betrübenden Einzelheiten und nach dem geringfügigsten Wort erkundigte, welches während der Sterbeszene, deren alleinige Zeugin sie gewesen, gesprochen worden?

Sie fuhr, als die sichern Folgen, wenn sie sich diesem furchtbaren Verhör aussetzte, ihr in immer dichteren Massen vor die Augen traten, empor, nahm ihren Mantel von seinem Nagel an der Wand und horchte, plötzlich von Argwohn und Furcht erfüllt, an ihrer Tür.

Hatte sie Tritte gehört? Ließ ihr Herr sie vielleicht schon holen?

Nein, alles war still draußen. Einige Tränen rollten über ihre Wangen, während sie den Hut aufsetzte und fühlte, daß sie durch die Ausführung dieser einfachen alltäglichen Verrichtung der letzten und vielleicht schwersten der grausamen Notwendigkeiten gegenübertrat, in welche das Verbergen des Geheimnisses sie verwickelt hatte. Es ließ sich nicht ändern, sie mußte es auf die Gefahr ankommen lassen, alles zu verraten, oder die doppelte Prüfung auf sich nehmen, Porthgenna Tower zu verlassen und zwar es heimlich zu verlassen.

Heimlich – ohne ein Wort an ihren Herrn, ohne auch nur eine schriftliche Zeile, um ihm für seine Güte zu danken und ihn um Verzeihung zu bitten. Sie hatte ihr Pult aufgeschlossen und aus demselben ihre Börse, einige Briefe und ein kleines Gesangbuch genommen, ehe ihr diese Erwägungen einfielen. Dieselben veranlaßten sie, mit dem Wiederschließen des Pultes innezuhalten.

»Soll ich schreiben,« fragte sie sich selbst, »und den Brief hier lassen, damit er gefunden werde, wenn ich fort bin?«

Ein wenig weiteres Nachdenken bestimmte sie, diese Frage mit Ja zu beantworten. So rasch als ihre Feder die Buchstaben formen konnte, schrieb sie einige Zeilen, an Kapitän Treverton gerichtet, in welchen sie bekannte, daß sie ihm ein Geheimnis verschweige, mit dessen Mitteilung sie beauftragt gewesen, indem sie hinzufügte, sie sei fest überzeugt, daß dadurch, daß sie unterlassen, diese Pflicht zu erfüllen, weder ihm noch irgend jemand, für den er sich interessiere, ein Nachteil erwachsen werde. Sie schloß, indem sie ihn noch um Verzeihung bat, daß sie das Haus heimlich verließe, und als letzte Gunst begehrte, daß man keinerlei Nachforschungen nach ihr anstelle.

Nachdem sie dieses kurze Briefchen versiegelt und auswendig den Namen ihres Herrin darauf geschrieben, legte sie es auf ihren Tisch, horchte dann wieder an der Tür, und nachdem sie sich überzeugt, daß noch niemand auf den Füßen war, begann sie die Treppe von Porthgenna Tower zum letzten Male hinabzugehen.

Am Eingange des Korridors, der nach der Kinderstube führte, blieb sie stehen. Die Tränen, welche sie, seitdem sie ihr Zimmer verlassen, unterdrückt, begannen wieder zu fließen. So dringend ihre Gründe auch waren, ihre Flucht, ohne einen Augenblick Zeit zu versäumen, auszuführen, so näherte sie sich doch mit der seltsamsten Inkonsequenz einige Schritte der Kinderstubentür. Ehe sie noch weit gekommen war, schlug ein leichtes Geräusch in dem untern Teile des Hauses an ihr Ohr und hemmte sofort ihr ferneres Vorschreiten.

Während sie so zweifelhaft dastand, stieg der Kummer in ihrem Herzen – ein größerer Kummer, als welchen sie bis jetzt verraten – unwiderstehlich auf ihre Lippen und entrang sich denselben durch tiefes keuchendes Schluchzen.

Das Geräusch desselben schien sie zum Bewußtsein der Gefahr ihrer Lage, wenn sie noch einen Augenblick länger bliebe, aufzurütteln. Sie eilte deshalb wieder nach der Treppe, erreichte unaufgehalten die Küchenetage und ging zu der Gartentür hinaus, welche der Diener ihr bei der Morgendämmerung geöffnet hatte.

Als sie die nächste Umgebung von Porthgenna Tower hinter sich hatte, lenkte sie, anstatt den nächsten Weg über das Moorland, der nach der Landstraße führte, einzuschlagen, ihre Schritte nach der Kirche, blieb aber, ehe sie dieselbe erreichte, an dem öffentlichen Brunnen der Nachbarschaft stehen, der hier in der Nähe der Fischerhütten des Dorfes Porthgenna gegraben worden.

Nachdem sie sich vorsichtig umgeschaut, ließ sie den kleinen rostigen Schlüssel, den sie mit aus dem Myrtenzimmer gebracht, in den Brunnen fallen, eilte dann weiter und ging in den Kirchhof hinein. Hier lenkte sie ihre Schritte unmittelbar nach einem der Gräber, welches durch einen kleinen Zwischenraum von den übrigen geschieden war. Auf dem zu Häupten desselben stehenden Steine standen folgende Worte:

Gewidmet dem Andenken an

Hugh Polwheal

Gestorben in seinem 26. Lebensjahr.

Der Tod ereilte ihn

durch den Sturz eines Felsens in

dem Porthgenna-Schacht

am 17. Dezember 1823.

Nachdem Sara von dem Gras auf dem Grabe einige Halme abgepflückt, öffnete sie das kleine Gesangbuch, welches sie aus ihrem Zimmer in Porthgenna mitgenommen, und legte die Halme sorgfältig und behutsam zwischen die Blätter. Als sie dies tat, blies der Wind das Titelblatt des Gesangbuches offen, sodaß die darauf in großen plumpen Buchstaben geschriebene Inschrift sichtbar ward: »Dies Buch gehört Sara Leeson, die es von Hugh Polwheal geschenkt erhalten.«

Nachdem sie die Grashalme zwischen die Blätter des Buches gelegt, lenkte sie ihre Schritte wieder nach dem Fußsteig zurück, der nach der Landstraße führte. Auf dem Moorland angekommen, nahm sie aus ihrer Schürzentasche die von den Schlüsseln abgeschnittenen Pergamentstreifen und warf sie vereinzelt unter das Heidekraut hinein.

»Nun ist alles getan!« sagte sie. »Gott helfe und verzeihe mir – nun ist alles getan und vorüber!«

Mit diesen Worten kehrte sie dem alten Hause und der Aussicht auf das Meer jenseits desselben den Rücken und ging weiter über das Moorland hinweg nach der Landstraße.

Vier Stunden später befahl Kapitän Treverton einem Diener, Sara Leeson zu sagen, er wünsche alles zu hören, was sie ihm über die letzten Augenblicke ihrer Herrin mitzuteilen habe.

Der Bote kam mit Blicken und Worten der Bestürzung und mit dem Briefe zurück, den Sara an ihren Herrn gerichtet.

Sofort, nachdem Kapitän Treverton den Brief gelesen, befahl er, schleunige Nachforschungen nach der Entflohenen anzustellen. Sie war in Folge der frühzeitigen Ergrauung ihres Haares, des seltsamen, scheuen Blicks ihrer Augen und ihrer Gewohnheit, fortwährend mit sich selbst zu sprechen, so leicht zu beschreiben und zu erkennen, daß ihre Spur mit Sicherheit bis Truro verfolgt ward.

In dieser großen Stadt aber ging diese Spur verloren und ward nie wieder aufgefunden. Es wurden Belohnungen ausgesetzt, die Behörden des Distrikts für die Sache interessiert, alles, was Reichtum und Ansehen tun konnten, um sie zu entdecken, ward getan, aber vergebens. Man ermittelte keinen Aufschluß, welcher auch nur einen Verdacht in Bezug auf ihren Aufenthaltsort an die Hand gegeben, oder auch nur im mindesten zur Aufklärung über die Beschaffenheit des in ihrem Briefe angedeuteten Geheimnisses beigetragen hätte.

Man sah und hörte in Porthgenna Tower nach dem Morgen des dreiundzwanzigsten August achtzehnhundertundneunundzwanzig von ihr nichts wieder.




Drittes Kapitel

Fünfzehn Jahre später


Die Kirche von Long Beckley – eines bedeutenden landwirtschaftlichen Dorfes in einer der Binnengrafschaften Englands – besitzt, obschon sie sich weder durch ihre Größe, noch durch ihre Bauart, noch durch ihr Alter auszeichnet, nichtsdestoweniger einen Vorzug, welchen die kaufmännischen Despoten von London ihrer stattlichen St. Pauls-Kathedrale barbarischerweise versagt haben. Sie steht nämlich auf einem großen freien Platz und man kann sie daher rings herum von jedem Punkte aus mit Bequemlichkeit überschauen.

Dieser große freie Raum um die Kirche herum ist von drei verschiedenen Richtungen her zugänglich. Es führt eine Straße geradeaus nach dem Haupteingange. Zweitens gibt es einen breiten Kiesweg, der an dem Tore des Pfarrhauses anfängt, quer über den Kirchhof führt und gebührendermaßen bis an den Eingang der Sakristei reicht. Drittens führt ein Fußweg über die Felder, mittelst dessen der Gutsherr und die feineren Leute, die in seiner erhabenen Nachbarschaft wohnen, überhaupt die Seitentür der Kirche erreichen können, so oft ihre angeborene Demut, von günstiger Witterung unterstützt, sie geneigt macht, die Heiligung des Sabbaths unter ihren Dienstleuten dadurch zu ermutigen, daß sie gleich der geringeren Klasse von Andächtigen auf ihren eigenen Füßen zur Kirche gehen.

Um halb acht Uhr an einem gewissen schönen Sommermorgen des Jahres achtzehnhundertvierundvierzig würde ein fremder Beobachter, wenn er zufällig in einem unbemerkten Winkel des Kirchhofs gestanden und mit scharfen Augen um sich geblickt hätte, wahrscheinlich Augenzeuge von Vorgängen gewesen sein, die ihn zu dem Glauben verleitet haben würden, daß in Long Beckley eine Verschwörung im Werke sei, deren Sammelpunkt die Kirche wäre und deren Haupträdelsführer aus den angesehensten Einwohnern bestünden.

Gesetzt, er hätte, als die Uhr die halbe Stunde schlug, nach dem Pfarrhause geblickt, so würde er gesehen haben, wie der Pfarrer oder Vikar von Long Beckley, der ehrwürdige Doktor Chennery, argwöhnisch sein Haus durch die Hintertür verließ, sich wie mit bösem Gewissen umsah, als er sich dem nach der Sakristei führenden Kieswege näherte, geheimnisvoll außen vor der Tür stehen blieb und unruhig die nach dem Dorfe führende Straße hinabschaute.

Angenommen, unser fremder Beobachter hätte sich versteckt gehalten und gleich dem Pfarrer die Straße hinabgeschaut, so hätte er sodann den Küster, einen würdevollen Mann mit einem strengen gelben Gesicht – er war ein protestantischer Loyola seinem Ansehen und ein fleißiger Schuhmacher seinem Handwerke nach – mit einem Blick unaussprechlichen Geheimnisses in seinem Gesicht und einem dicken Schlüsselbund in der Hand sich nähern gesehen haben.

Er würde ferner gesehen haben, wie der Küster sich gegen den Pfarrer mit einem grimmigen Lächeln geheimen Einverständnisses verneigte, gerade so wie Guy Fawkes sich wahrscheinlich gegen Catesby verneigte, als diese beiden bedeutenden Schießpulvereigentümer zusammenkamen, um in ihrer umfangreichen Niederlage unter den Parlamentshäusern Inventur zu halten.

Er würde gesehen haben, wie der Pfarrer in zerstreuter Weise dem Küster zunickte und – es war dies unzweifelhaft eine geheime Parole unter der doppelten Maske der alltäglichen Bemerkung und der freundlichen Frage – sagte: »Ein schöner Morgen, Thomas. Habt Ihr schon gefrühstückt?« Er würde ferner gehört haben, wie Thomas mit einer argwöhnischen Rücksicht auf die kleinsten Einzelheiten antwortete: »Ich habe eine Tasse Tee und eine Brotrinde zu mir genommen, Sir.«

Und dann würde er gesehen haben, wie diese beiden Verschwörer, nachdem sie beide gleichzeitig den Blick auf die Kirchenuhr geworfen, sich mit einander nach der Seitentür bewegten, welche die Aussicht auf den über die Felder führenden Fußweg hatte.

Wäre er ihnen gefolgt – wie unser fremder Beobachter doch ganz gewiß getan haben würde – so hätte er noch drei fernerweite Verschwörer entdeckt, welche den Fußweg entlang kamen.

Der Anführer dieses verräterischen Trupps war ein ältlicher Herr mit verwittertem Gesicht und einer biedern geraden Haltung, welche ganz bewundernswürdig geeignet war, den Argwohn zu entwaffnen.

Seine beiden Begleiter waren ein junger Herr und eine junge Dame, welche Arm in Arm gingen und flüsternd miteinander sprachen. Sie trugen beide das allereinfachste Morgenkostüm. Die Gesichter beider waren ein wenig bleich und das Benehmen der Dame ein wenig aufgeregt.

Außerdem war nichts Besonderes an ihnen zu bemerken, bis sie an das in den Kirchhof hineinführende Pförtchen kamen, wo dann das Benehmen des jungen Herrn auf den ersten Anblick ziemlich befremdend erschien.

Anstatt das Pförtchen zu öffnen und die Dame zuerst eintreten zu lassen, blieb er nämlich zurück, ließ es sie selbst öffnen, wartete bis sie die andere Seite erreicht hatte, streckte dann die Hand über das Pförtchen und ließ sich von ihr durch den Eingang hindurchführen, als wenn er sich plötzlich aus einem erwachsenen Mann in ein hilfloses kleines Kind verwandelt hätte.

Unser fremder Beobachter würde, wenn er dies bemerkt hätte, sowie ferner, daß, als die Personen vom Felder her sich dem Pfarrer so weit genähert hatten, daß sie ihn grüßen konnten, und nachdem der Küster von seinem Schlüsselbund Gebrauch gemacht, um die Kirchentür zu öffnen, der Begleiter der jungen Dame in die Kirche – diesmal aber von Doktor Chennerys Hand – ebenso in die Kirche hineingeführt, wie er früher durch das Pförtchen geführt ward, zu dem unvermeidlichen Schlusse gekommen sein, daß die einen solchen Beistand bedürfende Person mit dem Übel der Blindheit behaftet sei.

Durch diese Entdeckung ein wenig stutzig gemacht, würde er noch mehr erstaunt sein, wenn er in die Kirche hineingeschauet und gesehen hätte, daß der Blinde und die junge Dame miteinander vor dem Altar standen mit dem ältlichen Herrn als Vater daneben.

Seine nun in ihm erwachende Vermutung, daß der Zweck, welcher die Verschwörer zu dieser frühen Stunde zusammenführte, eine Vermählung beträfe und daß es sich hier um die Feier einer Hochzeit unter der strengsten Verschwiegenheit handle, würde binnen fünf Minuten durch das Erscheinen des Doktor Chennery bestätigt worden sein, welcher in voller Amtstracht aus der Sakristei heraustrat und mit seiner sanften, wohlklingenden Stimme die Traurede und Trauformel ablas.

Nach Beendigung dieser Zeremonie würde der Fremde in immer größere Verwunderung geraten sein, wenn er bemerkt hätte, daß die dabei beteiligten Personen in dem Augenblick, wo das Unterzeichnen, Küssen und bei solchen Gelegenheiten gebräuchliche Gratulieren vorüber war, sich wieder trennten und rasch nach den verschiedenen Richtungen hin entfernten, von welchen her sie sich der Kirche genähert hatten.

Wir lassen den Küster auf dem Dorfwege, die Braut, den Bräutigam und den ältlichen Herrn auf dem Fußwege über die Felder zurückkehren und den fingierten fremden Beobachter als Beute getäuschter Neugier nach irgend einer beliebigen Richtung hin verschwinden und folgen dem Doktor Chennery zum Frühstück im Pfarrhause, um zu hören, was er in Bezug auf seine amtlichen Leistungen an diesem Morgen innerhalb der vertrauten Atmosphäre seines Familienkreises zu sagen hat.

Die bei diesem Frühstück versammelten Personen waren erstens Mr. Phippen, ein Gast; zweitens Miß Sturch, eine Gouvernante; drittens, viertens und fünftens Miß Louise Chennery, zehn Jahre alt; Miß Amely Chennery, neun Jahre alt, und Master Robert Chennery, acht Jahre alt. Es war kein Mutterantlitz gegenwärtig, um das häusliche Gemälde vollständig zu machen. Der Doktor war seit der Geburt seines jüngsten Kindes verwitwet.

Der Gast war ein alter Universitätsfreund des Pfarrers und verweilte jetzt, wie man annahm, um seiner Gesundheit willen in Long Beckley. Die meisten Menschen von irgendwelchem Charakter wissen sich einen Ruf von irgendeiner Art zu erwerben, der sie in dem geselligen Zirkel, in welchem sie sich bewegen, individualisiert. Mr. Phippen war ein Mann von einigem Charakter und lebte in der Wertschätzung seiner Freunde auf den Ruf hin, ein Märtyrer von Verdauungsbeschwerden zu sein, mit großer Auszeichnung. Überall wohin Mr. Phippen ging, dahin gingen auch die Leiden seines Magens mit ihm. Er übte öffentliche Diät und kurierte sich öffentlich. Er war mit sich selbst und seinen Krankheiten so unausgesetzt beschäftigt, daß er einen zufälligen Bekannten binnen fünf Minuten schon in die Geheimnisse der Beschaffenheit seiner Zunge einweihete, und ganz ebenso fortwährend bereit war, den Zustand seiner Verdauung zu besprechen, wie die Leute im Allgemeinen bereit sind, den Zustand des Wetters zu erörtern.

Über dieses Lieblingsthema sprach er wie über jedes andere in freundlich sanfter Weise, zuweilen in wehmütigem, zuweilen auch in sentimental schmachtendem Tone. Seine Höflichkeit war von der drückend liebreichen Sorte und er machte, wenn er andere Leute anredete, fortwährend von dem Worte »Lieber« Gebrauch.

Was sein Äußeres betraf, so konnte man ihn nicht einen schönen Mann nennen. Seine Augen waren wässerig, groß und hellgrau und rollten in einem Zustande feuchter Bewunderung irgend eines Gegenstandes oder einer Person fortwährend von einer Seite zur andern. Seine Nase war lang, herabhängend und tief melancholisch, wenn in Bezug auf dieses Glied ein solcher Ausdruck statthaft ist. Übrigens hatten seine Lippen eine weinerliche Krümmung, seine Gestalt war klein, sein Kopf groß, kahl und locker zwischen den Schultern sitzend, seine Art sich zu kleiden ein wenig exzentrisch elegant, sein Alter ungefähr fünfundvierzig Jahre, sein Stand der eines ledigen Mannes.

Dies war Mr. Phippen, der Märtyrer der Verdauungsbeschwerden und Gast des Pfarrers von Long Beckley.

Miß Sturch, die Gouvernante, kann kurz und genau als eine junge Dame beschrieben werden, welche seit dem Tage ihrer Geburt niemals durch eine Idee oder eine Empfindung belästigt worden. Sie war ein kleines, feistes, ruhiges, weißes, lächelndes, nettgekleidetes Mädchen, genau zur Verrichtung gewisser Pflichten zu gewissen Stunden aufgezogen und im Besitz eines unerschöpflichen Wörterbuchs von Gemeinplätzen, welche, so oft es verlangt ward, stets in derselben Qualität zu jeder Stunde des Tages und zu jeder Jahreszeit freundlich von ihren Lippen rieselten. Miß Sturch lachte nie und weinte nie, sondern wählte den sichern Mittelweg, fortwährend zu lächeln. Sie lächelte, wenn sie des Morgens im Januar aus ihrem Schlafzimmer herunterkam und sagte, es wäre sehr kalt. Sie lächelte, wenn sie an einem Morgen im Juli herunterkam und sagte, es sei sehr heiß. Sie lächelte, wenn der Bischof einmal des Jahres sich einfand, um den Vikar zu besuchen; sie lächelte, wenn der Fleischerjunge jeden Morgen kam, um Bestellungen zu holen. Sie lächelte, wenn Miß Louise an ihrer Brust weinte und wegen ihrer Fehler in der Geographie um Nachsicht flehte; sie lächelte, wenn Master Robert ihr auf den Schoß sprang und ihr befahl, ihm das Haar zu bürsten. Es mochte im Pfarrhause geschehen, was da wollte, so war nichts im Stande, Miß Sturch aus dem einen glatten Gleise herauszuwerfen, in welchem sie sich fortwährend und stets in demselben Schritt hin- und herbewegte. Hätte sie während der Bürgerkriege in England in einer Royalistenfamilie gelebt, so hätte sie am Morgen der Hinrichtung Karls des Ersten dem Koche geklingelt, um das Mittagsmahl zu bestellen. Wäre Shakespeare wieder zum Leben erwacht und hätte er an einem Sonnabend abends sechs Uhr in dem Pfarrhause vorgesprochen, um Miß Sturch genau zu erklären, mit welchen Ideen er sich bei dem Verfassen des Trauerspiels Hamlet getragen, so hätte sie gelächelt und gesagt, es sei dies außerordentlich interessant, bis es sieben Uhr geschlagen, wo sie den Barden von Avon gebeten hätte, sie zu entschuldigen, um dann mitten in einem Redesatze fortzulaufen und die Hausmagd bei Vergleichung des Waschbuches zu beaufsichtigen.

Eine sehr achtungswerte junge Person war Miß Sturch, wie die Damen von Long Beckley zu sagen pflegten, so umsichtig mit den Kindern und so treu in Erfüllung ihrer häuslichen Pflichten, von guten Grundsätzen beseelt und eine Pianistin mit markigem Anschlage, gerade hübsch genug, gerade gut genug gekleidet, gerade redselig genug, vielleicht nicht ganz alt genug und vielleicht ein wenig allzusehr zu einer zu Umarmungen verlockenden Korpulenz um die Taille herum geneigt – im ganzen genommen aber eine sehr schätzenswerte junge Person.

Bei den charakteristischen Eigentümlichkeiten der Schüler der guten Miß Sturch ist es nicht notwendig, sehr ausführlich zu verweilen.

Miß Louises zur Gewohnheit gewordene Schwäche war ein eingefleischter Hang, den Schnupfen zu bekommen.

Miß Amelys Hauptfehler war eine Geneigtheit, ihren Gaumen zu befriedigen, indem sie zu unberechtigten Zeiten und Stunden allerhand Ergänzungsmahlzeiten und Frühstücke zu sich nahm.

Master Roberts bemerkenswerteste Mängel hatten ihren Grund in der Schnelligkeit, womit er seine Kleider zerriß, und der Stumpfsinnigkeit, welche er beim Lernen des Einmaleins entwickelte.

Die Tugenden sämtlicher drei Geschwister waren ziemlich von einer und derselben Art – sie waren gut gewachsen, sie waren echte Kinder, und sie liebten ihre Miß Sturch auf sozusagen tumultuarische Weise.

Um die Galerie von Familienporträts vollständig zu machen, müssen wir wenigstens versuchen, einen Umriß von dem Vikar oder Pfarrer selbst hinzuzufügen.

Doktor Chennery gereichte in physischer Beziehung der Kirche, welche er angehörte, zur Zierde. Er maß sechs Fuß zwei Zoll, er wog siebzehn Stein, er war der beste Schläger in dem Cricket-Club von Long Beckley; er war in Bezug auf Wein und Hammelfleisch streng orthodox; er brachte auf der Kanzel niemals unangenehme Theorien über die künftige Bestimmung der Menschen zur Sprache; er zankte sich mit niemandem außerhalb der Kanzel; er knöpfte nie seine Taschen zu, wenn die Bedürfnisse seiner armen Brüder – auch mit Einschluß von Andersgläubigen – ihn aufforderten sie zu öffnen. Sein Weg durch die Welt war ein ruhiger Marsch die hohe trockene Mitte einer sichern Chaussee entlang. Die geschlängelten Nebenpfade theologischer Kontroversen konnte sich ihm rechts und links so verlockend öffnen wie sie wollten – er ging ruhig seinen Weg und ließ sich nicht irre machen. Neuerungssüchtige junge Rekruten der Kirchenarmee konnten ihm die Neununddreißig Artikel auf die verfänglichste Weise dicht unter der Nase aufschlagen, so schaute doch das vorsichtige Auge des Veterans nie um ein Haar breit weiter als seine eigene Unterschrift am Fuße derselben. Er verstand von der Theologie so wenig als möglich, er hatte seiner vorgesetzten Behörde während seines ganzen Lebens nie eine Minute lang irgend eine Belästigung verursacht, er war unschuldig an aller Beteiligung beim Lesen oder Schreiben von Flug- und Streitschriften – kurz, er war der ungeistlichste aller Geistlichen, aber trotz alledem machte er in seiner Amtstracht eine Erscheinung, wie man sie selten sieht.

Siebzehn Stein aufrechtes muskelstarkes Fleisch, ohne eine einzige wunde und unreine Stelle, besitzen jedenfalls das Verdienst, daß sie Ausdauer hoffen lassen und dies ist eine vortreffliche Tugend bei Säulen jeder Art, in der gegenwärtigen Zeit aber eine ganz besonders kostbare Eigenschaft an einer Säule der Kirche.

Sobald der Vikar in das Frühstückszimmer trat, kamen ihm die Kinder mit lautem Geschrei entgegen. Er war in Beobachtung der Pünktlichkeit bei Mahlzeiten sehr streng und sah sich jetzt selbst von der Uhr überführt, daß er eine Viertelstunde zu spät zum Frühstück kam.

»Es tut mir leid, daß ich Sie habe warten lassen, Miß Sturch,« sagte der Vikar, »ich habe jedoch für meine Verspätung eine gute Entschuldigung.«

»O bitte, sprechen Sie nicht davon, Sir,« sagte Miß Sturch, indem sie freundlich ihre feisten kleinen Hände eine über der andern rieb. »Ein schöner Morgen. Ich fürchte, wir werden wieder einen warmen Tag bekommen. Robert, mein guter Junge, stemme dich nicht mit dem Ellbogen auf den Tisch. Ein schöner Morgen – wirklich ein schöner Morgen.«

»Ist dein Magen immer noch nicht in Ordnung, Phippen, wie?« fragte der Vikar, indem er den Schinken zu tranchieren begann.

Mr. Phippen schüttelte kläglich seinen dicken Kopf, legte seinen gelben, mit einem großen Türkisenring geschmückten Zeigefinger auf das mittelste Quarré seiner hellgrünen Sommerweste, sah Doktor Chennery kläglich an und seufzte, nahm den Finger wieder weg und brachte aus der Brusttasche seines Paletot ein kleines Mahagoni-Etui heraus. Aus diesem nahm er eine sauber gearbeitete kleine Apothekerwaage mit den dazugehörigen Gewichten, ein Stück Ingwer und ein blankpoliertes kleines silbernes Reibeisen.

»Sie werden einen Kranken entschuldigen, meine liebe Miß Sturch, nicht wahr?« sagte Mr. Phippen, indem er den Ingwer matt und langsam in die nächste Teetasse zu reiben begann.

»Ratet einmal, weshalb ich heute Morgen eine Viertelstunde zu spät komme,« sagte der Vikar, indem er geheimnisvoll einen Blick um den Tisch herumschweifen ließ.

»Du hast es verschlafen, Papa!« riefen die drei Kinder, indem sie triumphierend in die Hände klatschten.

»Was meinen Sie, Miß Sturch?« fragte Doktor Chennery.

Miß Sturch lächelte wie gewöhnlich, rieb wie gewöhnlich die Hände, hustete wie gewöhnlich sanft, um die Kehle frei zu machen, sah unverwandt die Teemaschine an und bat dann mit der anmutigsten Höflichkeit, man möge sie entschuldigen, wenn sie nichts sage.

»Nun bist du an der Reihe, Phippen,« sagte der Vikar. »Rate einmal, weshalb ich mich heute Morgen verspätet habe.«

»Mein lieber Freund,« sagte Mr. Phippen, indem er dem Doktor brüderlich die Hand drückte, »fordere mich nicht auf, zu raten, denn ich weiß es. Ich sah, was du gestern beim Dinner aßest – ich sah, was du nach dem Dinner trankst. Keine Verdauung könnte dies aushalten, nicht einmal die deinige. Ich soll erraten, weshalb du diesen Morgen so spät gekommen bist? Ach geh doch, ich weiß es ja ! Du gute, liebe Seele, du hast Arznei eingenommen!«

»Nein, Gott sei Dank, seit zehn Jahren ist davon kein Tropfen über meine Zunge gekommen,« sagte Doktor Chennery mit einem Blick frommer Dankbarkeit. »Nein, nein, du irrst dich vollständig. Du mußt nämlich wissen, ich bin in der Kirche gewesen und was glaubest du wohl, was ich da gemacht habe? Hören Sie, Miß Sturch – höret, Mädchen, mit allen euren Ohren! Der arme blinde junge Frankland ist endlich ein glücklicher Mann – heute Morgen eben habe ich ihn mit unserer lieben Rosamunde Treverton vermählt.«

»Ohne uns etwas zu sagen, Papa!« riefen die beiden Mädchen gleichzeitig im gellendsten Tone des Ärgers und der Überraschung. »Ohne uns etwas zu sagen, während du doch weißt, wie gern wir zugesehen hätten!«

Eben dies war der Grund, weshalb ich euch nichts davon sagte, meine lieben Kinder,« antwortete der Vikar. »Der junge Frankland ist noch nicht so an sein Übel gewöhnt, der arme junge Mann, daß er es ertragen könnte, sich in der Eigenschaft eines blinden Bräutigams öffentlich bemitleiden und angaffen zu lassen. Er hatte eine so große Furcht davor, an seinem Hochzeitstage Gegenstand der Neugier zu sein, und Rosamunde, dieses gutherzige Mädchen, war so darauf bedacht, ihm in allen Dingen den Willen zu tun, daß wir verabredeten, die Vermählung zu einer Stunde des Morgens zu vollziehen, wo sich vermuten ließe, daß noch keine müßigen Gaffer sich in der Nähe der Kirche herumtrieben. Mir war in Bezug auf den Tag die strengste Verschwiegenheit zur Pflicht gemacht und dasselbe war mit meinem Küster Thomas der Fall. Mit Ausnahme von uns beiden, der Braut, des Bräutigams und des Vaters der Braut, Kapitäns Treverton, wußte niemand –«

»Treverton!« rief Mr. Phippen, indem er seine Teetasse mit dem geriebenen Ingwer auf dem Boden derselben hinhielt, um sie von Miß Sturch füllen zu lassen, »Treverton! – So ist es genug, meine liebe Miß Sturch! – Das ist doch merkwürdig! Diesen Namen kenne ich. – Noch ein wenig Wasser, wenn ich bitten darf. – Sage mir, lieber Doktor – ich danke recht sehr – keinen Zucker – er verwandelt sich im Magen in Säure – ist diese Miß Treverton, welche du vermählt hast – ich danke nochmals, auch keine Milch – eine von den Trevertons in Cornwall?«

»Jawohl, versteht sich,« entgegnete der Vikar. »Ihr Vater, Kapitän Treverton, ist das Haupt der Familie. Nicht als ob dieselbe sehr zahlreich wäre. Der Kapitän und Rosamunde und ihr launenhafter, mürrischer alter Onkel, Andrew Treverton, sind alles, was noch von dem alten Stamme übrig ist. In frühern Zeiten war es eine reiche Familie und eine schöne Familie – gute Freunde der Kirche und des Staats, weißt du, und alles dergleichen.«

»Erlauben Sie, Herr Doktor, daß Amely noch ein Stück Brot und Kompott bekommt?« fragte Miß Sturch den Vikar, ohne im mindesten zu wissen, daß sie ihn in seiner Rede unterbrach. Da sie in ihrem Geiste keinen überflüssigen Raum hatte, an welchem sie gewisse Dinge hätte aufbewahren können bis es Zeit war, damit herauszurücken, so tat sie Fragen und machte Bemerkungen in dem Augenblick, wo ihr dieselben einfielen, ohne auf den Anfang, die Mitte, oder das Ende der Konversationen zu warten, welche vielleicht in ihrem Beisein geführt wurden. Mit den Augen spielte sie die Rolle einer Zuhörerin ganz vollkommen, aber sie war eine solche wirklich nur dann, wenn die Worte unmittelbar für ihre eigenen Ohren bestimmt und an dieselben gerichtet waren.

»O, geben Sie ihr noch ein Stück – immerhin,« sagte der Vikar gleichgültig. »Überessen muß sie sich einmal und das kann sie ebensogut in Brot und Kompott tun, als in etwas anderem.«

»Mein guter, lieber Freund,« rief Mr. Phippen, »sieh an, was für ein unglücklicher, kranker Mensch ich bin; spricht nicht in dieser entsetzlich gedankenlosen Weise davon, daß du deine liebe kleine Amely sich überessen lassen willst. Wenn der Magen schon in der Jugend überladen wird, was soll dann aus der Verdauung im Alter werden? Das Ding, welches die gemeinen Leute das Inwendige nennen – Miß Sturch wird aus Interesse an ihrer liebenswürdigen Schülerin mich entschuldigen, wenn ich in physiologische Erörterungen eingehe – ist in der Tat eine Maschine. Vom Standpunkt der Verdauung aus betrachtet, Miß Sturch, ist selbst der schönste und jüngste von uns eine Maschine. Man öle unsere Räder, aber man hemme ihren Gang nicht durch unpassende Substanzen. Mehlhaltige Puddings und Hammelkoteletts – Hammelkoteletts und mehlhaltige Puddings – das müßte, wenn es mir nach ginge, die Parole der Älteren von einem Ende Englands bis zum andern sein. Schau her, liebes Kind, sieh mich an. Diese kleine Waage ist durchaus kein Spaß, sondern furchtbarer Ernst. Sieh, ich lege in die eine Schale derselben trockenes Brot – altbackenes, trockenes Brot, liebe Amely – und in die andere einige Unzen Gewichte. ‚Mr. Phippen, essen Sie nach dem Gewicht. Mr. Phippen, essen Sie Tag für Tag aufs Haar genau dieselbe Quantität. Mr. Phippen, überschreiten Sie dieselbe um keinen Preis, wenn es auch bloß altbackenes, trockenes Brot ist.’ Meine liebe Amely, das ist kein Scherz – das ist, was die Ärzte zu mir sagten – die Ärzte, liebes Kind, welche meine Maschine seit dreißig Jahren mit kleinen Pillen durch und durch sondiert, aber immer noch nicht gefunden haben, wo es mit meinen Rädern hapert. Merke dir das, liebe Amely – denke an Mr. Phippens mangelhafte Maschine – und sage das nächste Mal, wo man dir noch mehr zu essen anbietet: Nein, ich danke – Miß Sturch, ich bitte tausendmal um Verzeihung, daß ich mich in etwas mische, was Ihres Amtes ist, mein Interesse aber für dieses liebe Kind, meine eigene traurige Erfahrung in Bezug auf die hydraköpfigen Qualen – ach, Chennery, mein guter, lieber Freund, wovon sprachen wir denn eigentlich? – Ja, jetzt fällt es mir wieder ein – wir sprachen von der Braut – der interessanten Braut. Also, sie ist eine der Trevertons von Cornwall? Ich war vor Jahren mit Andrew ein wenig näher bekannt. Er war ein exzentrischer, menschenfeindlicher alter Junggesell, gerade wie ich selbst, Miß Sturch; er litt auch an der Verdauung gerade wie ich, liebe Amely. Er hatte, vermute ich, durchaus keine Ähnlichkeit mit seinem Bruder, dem Kapitän. Also, die ist nun vermählt? Ein liebenswürdiges Mädchen – ich zweifle nicht daran – ein liebenswürdiges Mädchen.«

»In der ganzen Welt gibt es kein besseres, aufrichtigeres und hübscheres,« sagte der Vikar. »Dabei ist sie auch eine sehr lebhafte, energischer Person.«

»Wie werde ich sie vermissen,« sagte Miß Louise. »Niemand anders amüsierte mich so wie Rosamunde, als ich das letzte Mal an dem blöden Schnupfen litt und das Bett hüten mußte.«

»Und was gab sie uns immer für nette kleine Soupers!« sagte Miß Amely.

»Sie war das einzige Mädchen, welches ich je gekannt, das mit Knaben zu spielen verstand,« sagte Master Robert. »Sie konnte den Ball mit einer Hand fangen, Mr. Phippen, und auf dem Eise mit gleichen Füßen schuscheln.«

»Was du nicht sagst!« rief Mr. Phippen. »Das ist ja eine ganz außerordentliche Frau für einen Blinden! Nicht wahr, lieber Doktor, du sagtest, er sei blind? Wie hieß er gleich? Sie werden mein schlechtes Gedächtnis nicht allzuhart beurteilen, Miß Sturch. Wenn Verdauungsbeschwerden den Körper ruiniert haben, dann beginnen sie auch an dem Geiste zu nagen. Mr. Frank hieß er, nicht wahr? Und ist er von seiner Geburt an blind gewesen? Traurig! Traurig!«

»Nein, nein – Frankland heißt er,« antwortete der Vikar, »Leonard Frankland. Auch ist er keineswegs von seiner Geburt an blind gewesen. Es ist nicht viel über ein Jahr her, als er noch so gut sehen konnte wie eins von uns.«

»Dann ist er wohl durch einen Unfall erblindet?« sagte Mr. Phippen. »Du erlaubst mir doch, daß ich mich in den Armstuhl setze ? Eine teilweise liegende Stellung ist mir nach der Mahlzeit allemal von wesentlichem Nutzen. Also, es ist mit seinen Augen ein Unfall vorgegangen? Ja, in diesem Lehnstuhl sitzt es sich doch köstlich!«

»Einen Unfall kann man es eigentlich nicht nennen,« entgegnete Doktor Chennery, »Leonard Franklands Erziehung hatte viel Schwierigkeiten. Erstens war er von Haus aus sehr schwächlich. Mit der Zeit schien sich dies jedoch zu bessern und er wuchs zu einem ruhigen, gesetzten, manierlichen Knaben heran, der mit meinem Söhnchen dort durchaus keine Ähnlichkeit hatte. Er war sehr liebenswürdig und es ging sich, wie man zu sagen pflegt, sehr gut mit ihm um. Er hatte große Vorliebe für die Mechanik – ich erzähle dir alles dies, damit du die Sache richtig begreifst, wenn ich auf seine Blindheit zu sprechen komme – und nachdem er eine Beschäftigung dieser Art nach der andern vorgenommen, legte er sich endlich aufs Uhrmachen. Es war dies ein seltsamer Zeitvertreib für einen Knaben, aber alles, was zarte Behandlung und viel Geduld und Ausdauer erforderte, war gerade das, was Leonard liebte und gern trieb. Ich sagte immer zu seinen Eltern: »Zieht ihn von diesem Stuhle herunter, zerbrecht seine Vergrößerungsgläser, schickt ihn zu mir und ich will mit ihm Turnübungen durchmachen und ihn einen Ballschlägel handhaben lehren.« Aber es half nichts. Seine Eltern wußten, glaube ich, am besten, was zu tun wäre und sagten, man müsse ihm den Willen tun. Na, die Sache ging eine Zeitlang ganz gut, bis er wieder in eine lange Krankheit verfiel – wie ich glaube, weil er sich nicht Bewegung genug gemacht hatte. Sobald als er wieder zu genesen begann, ging auch die alte Uhrmacherei wieder los. Das schlimme Ende aber sollte noch kommen. Ungefähr die letzte Arbeit, die er ausführte, der arme Teufel, war die Reparatur meiner Uhr – hier ist sie – sie geht so regelmäßig wie eine Dampfmaschine. Ich hatte sie noch nicht lange wieder in der Tasche, als ich hörte, daß er sich über heftige Schmerzen im Hinterkopfe beklage und daß er alle Arten sich bewegende Punkte vor den Augen sähe. »Gebt ihm tüchtig Portwein zu trinken und laßt ihn täglich drei Stunden lang auf einem ruhigen Pferdchen spazierenreiten« – dies war mein Rat. Anstatt aber denselben zu befolgen, ließen seine Eltern Ärzte von London holen, legten ihm spanische Fliegen hinter die Ohren und zwischen die Schultern, ließen ihn Quecksilber einnehmen und steckten ihn in ein finsteres Zimmer. Es half nichts. Die Augen wurden schlimmer und schlimmer, flackerten und flackerten und verlöschten endlich wie die Flamme eins Lichts. Seine Mutter starb – es war ein Glück für sie, die arme Seele – ehe dies geschah. Sein Vater war ganz außer sich und reiste mit ihm zu Augenärzten in London und zu Augenärzten in Paris. Sie taten aber weiter nichts, als daß sie die Blindheit bei einem langen lateinischen Namen nannten und sagten, es sei hoffnungslos und nutzlos, eine Operation zu versuchen. Einige von ihnen sagten, das Übel sei die Folge der langwierigen Schwäche, woran er zwei Mal nach seiner Krankheit gelitten. Andere wieder sagten, es sein eine apoplektische Ergießung im Gehirn. Alle aber schüttelten die Köpfe, als sie von der Uhrmacherei hörten. Und so brachte man ihn blind wieder nach Hause; blind ist er jetzt und blind wird er bleiben, der arme junge Mann, so lange er lebt.«

»Du machst mich sehr ängstlich, lieber Chennery, du machst mich sehr ängstlich,« sagte Mr. Phippen, »besonders mit dieser Theorie von langwieriger Schwäche nach Krankheit. Gütiger Himmel! Ich habe auch an langwieriger Schwäche gelitten – ich leide jetzt noch daran. Punkte sah er vor den Augen? Ich sehe auch schwarze Punke – tanzende schwarze Punkte – tausende, schwarze, gallige Punkte. Auf mein Ehrenwort, lieber Chennery, das paßt ganz auf mich – meine Sympathie ist schmerzlich erregbar – Ich fühle diese Blindengeschichte in jedem Nerv meines Körpers – du kannst es mir glauben.«

»Wer aber Leonard ansieht und es nicht weiß, der würde kaum glauben, daß er blind ist,« sagte Miß Louise, indem sie sich mit der Absicht, Mr. Phippens Gleichmut wieder herzustellen, ins Gespräch mischte. »Abgesehen davon, daß seine Augen ruhiger aussehen als die anderer Leute, scheint kein Unterschied bemerkbar zu sein. Wer war jener berühmte Mann, von dem Sie uns erzählten, Miß Sturch, der auch blind war und dem man es ebensowenig anmerkte wie Leonard Frankland?«

»Milton, liebes Kind. Ich bat euch, zu merken, daß er der berühmteste der epischen Dichter Englands war,« antwortete Miß Sturch in ihrem freundlichen Tone. »Er spricht sich selbst sehr poetisch über die Ursache seiner Blindheit aus. Du sollst es selbst lesen. Louise. Nachdem wir diesen Morgen ein wenig französisch getrieben haben, werden wir ein wenig Milton vornehmen. Still, still, liebes Kind,– dein Papa spricht.«

»Der arme junge Frankland!« sagte der Vikar mitleidig. »Das gute, zärtliche, edle Wesen, welches ich ihm diesen Morgen vermählt, scheint ihm in seinen Leiden als Trost gesendet zu sein. Wenn irgend eine menschliche Kreatur ihn für sein noch übriges Leben glücklich machen kann, so ist es Rosamunde Treverton.«

»Sie hat ein Opfer gebracht,« sagte Mr. Phippen, »aber deswegen gefällt sie mir, denn ich habe auch ein Opfer gebracht, indem ich ledig geblieben bin. Auch scheint es aus Humanitätsrücksichten unumgänglich nötig zu sein, daß ich ledig bleibe. Wie könnte ich mit gutem Gewissen bei einer solchen Verdauung wie die meinige ein Mitglied des schönern Teils der Schöpfung unglücklich machen! Nein, ich bin ein Opfer in meiner eigenen Person und habe Mitgefühl für Andere, die sich in derselben Lage befinden. Weinte sie sehr, Chennery, als du die Zeremonie vollzogst?«

»Ob sie weinte!« rief der Vikar verächtlich. »Rosamunde Treverton gehört nicht zu der weinerlichen sentimentalen Sorte, das kann ich dir versichern. Sie ist ein schönes, kräftiges, warm fühlendes Mädchen, welches schon durch ihre Blicke zu erkennen gibt, was sie meint, wenn sie einem Manne sagt, sie wolle ihn heiraten. Und merke wohl, sie ist auf die Probe gestellt worden. Wenn sie ihn nicht von ganzem Herzen und ganzer Seele liebte, so hätte ihr schon vor Monaten freigestanden, ganz nach Belieben einen Andern zu heiraten. Sie waren schon lange zuvor, ehe der junge Frankland von diesem grausamen Leiden heimgesucht ward, miteinander verlobt, denn die Väter haben seit Jahren als Nachbarn hier nebeneinander gewohnt. Als Leonard blind ward, erbot er in seiner Gewissenhaftigkeit sich sofort, Rosamunde ihres Versprechens zu entbinden. Du hättest den Brief lesen sollen, Phippen, den sie ihm darauf schrieb. Ich gestehe ganz offen, daß ich flennte wie ein altes Weib, als man mir ihn zeigte. Ich würde die jungen Leute sofort, nachdem ich den Brief gelesen, vermählt haben, der alte Frankland aber war ein krittlicher, pedantischer Mann und bestand auf einer Probezeit von sechs Monaten, damit Rosamunde sich überzeugen könne, ob sie ihr eigenes Gemüt auch richtig verstünde. Er starb ehe diese Frist um war und dies war die Ursache, daß die Heirat abermals hinausgeschoben ward. Alle diese Verzögerungen aber äußerten auf Rosamunden keine Einwirkung und sechs Jahre würden sie ebensowenig verändert haben, als diese sechs Monate im Stande gewesen waren. Sie stand dem armen geduldigen Blinden heute morgen noch ebenso zärtlich liebend zur Seite wie an dem ersten Tage ihrer Verlobung. ‚Du sollst keinen traurigen Augenblick kennen, Lenny, wenn ich es verhindern kann, so lange du lebst.’ Diese waren die ersten Worte, die sie zu ihm sagte, als wir alle aus der Kirche heraustraten. ‚Ich höre Sie, Rosamunde’, sagte ich. ‚Und Sie sollen auch mein Richter sein, Doktor’, sagte sie blitzschnell. ‚Wir wollen wieder nach Long Beckley kommen und Sie sollen dann Lenny fragen, ob ich nicht mein Wort gehalten habe.’ Mit diesen Worten gab sie mir einen Kuß, den Ihr hier in dem Pfarrhause hättet hören können, das gute Mädchen! Wir wollen bei dem Dinner auf ihre Gesundheit trinken, Miß Sturch – wir wollen auf die Gesundheit beider trinken, Phippen, und zwar in einer Flasche des besten Weins, den ich im Keller habe.«

»Was mich betrifft, in einem Glas Wasser, wenn du es mir erlaubst,« sagte Mr. Phippen traurig. »Aber, mein lieber Chennery, als du von den Vätern dieser beiden interessanten jungen Leute sprachst, sagtest du, sie hätten seit Jahren hier in Long Beckley als nahe Nachbarn gelebt. Mein Gedächtnis hat sehr gelitten, dies weiß ich recht wohl, aber ich glaubte, Kapitän Treverton sei der älteste der beiden Brüder und habe, wenn er nicht zur See gewesen, stets in dem alten Familienschlosse in Cornwall gewohnt.«

»So lange seine Gattin lebte, war dies allerdings der Fall,« entgegnete der Vikar. »Seit ihrem Tode, der schon im Jahre Neunundzwanzig erfolgte – jetzt schreiben wir Vierundvierzig – das macht –«

Der Vikar schwieg einen Augenblick, um nachzurechnen und sah Miß Sturch an.

»Fünfzehn Jahre, Sir,« sagte Miß Sturch, indem sie dieses Fazit eines kleinen Subtraktionsexempels mit ihrem freundlichen Lächeln darbot.

»Sehr richtig,« fuhr Doktor Chennery fort, »seitdem Mistreß Treverton vor fünfzehn Jahren starb, ist der Kapitän dem Schlosse Porthgenna Tower nicht wieder zu nahe gekommen. Und was noch mehr ist, Phippen, bei der ersten Gelegenheit, die sich ihm darbot, verkaufte er es – er verkaufte es mit allem Zubehör, Bergwerk, Fischereien u.s.w. – alles zusammen für vierzigtausend Pfund.«

»Wie?« rief Mr. Phippen; »fand er denn die Luft ungesund? Ich sollte meinen, die dortigen Bodenerzeugnisse, insoweit sie als Nahrungsmittel dienen, müßten in jenen rauhen Regionen von ziemlich geringer Art sein. Wer kaufte denn die Besitzung?«

»Leonard Franklands Vater,« sagte der Vikar. »Es ist eine ziemlich lange Geschichte, dieser Verkauf von Porthgenna Tower, und es knüpfen sich einige seltsame Umstände daran. Wie wäre es, wenn wir einen Gang in den Garten machten, Phippen? Ich will dir die ganze Geschichte erzählen, während ich meine Morgenzigarre rauche. Miß Sturch, wenn Sie mich brauchen, so finden Sie mich unten im Garten. Mädchen, sehet zu, daß ihr eure Aufgaben richtig lernt. Bob, vergiß nicht, daß ich in der Hausflur einen Stock stehen und in meinem Ankleidezimmer eine Rute hängen habe! Komm, Phippen, erhebe dich aus diesem Armstuhle. Willst du denn keinen Spaziergang mit im Garten machen?«

»O ja, mein lieber Freund, das heißt, wenn du mir freundlichst einen Sonnenschirm leihen und mir erlauben willst, daß ich meinen Feldstuhl in der Hand trage,« sagte Mr. Phippen. »Ich bin zu schwach, um die Sonnenhitze zu ertragen, und kann nicht weit gehen, ohne mich niederzusetzen. In dem Augenblick, wo ich mich ermüdet fühle, Miß Sturch, schlage ich meinen Feldstuhl auseinander und setze mich nieder, mag es sein wo es wolle, ohne die mindeste Rücksicht darauf, wie es vielleicht aussieht. Ich bin bereit, Chennery, sobald es dir beliebt – ebenso bereit, mein guter Freund, auf den Spaziergang im Garten als auf die Geschichte wegen des Verkaufs von Porthgenna Tower. Du sagtest, es wäre eine seltsame Geschichte, nicht wahr?«

»Ich sagte, es knüpfen sich allerhand seltsame Umstände daran,« entgegnete der Vikar, »und wenn du dieselben gehört haben wirst, so wirst du, glaube ich, dasselbe sagen. Komm mit, du findest deinen Feldstuhl und eine Auswahl von allen Arten Regen- und Sonnenschirmen unten in der Hausflur.«

Mit diesen Worten öffnete Doktor Chennery sein Zigarrenetui und ging voran aus dem Frühstückszimmer hinaus.




Viertes Kapitel

Der Verkauf von Porthgenna Tower


»Wie reizend! Wie ländlich! Wie beschwichtigend auf die Nerven!« sagte Mr. Phippen, indem er mit sentimentalem Blick den Rasenplatz auf der Hinterseite des Pfarrhauses im Schatten des leichtesten Schirmes betrachtete, den er in der Hausflur hatte ausfindig machen können. »Drei Jahre sind vergangen, Chennery, drei leidensvolle Jahre für mich – doch dabei brauchen wir weiter nicht zu verweilen – seitdem ich das letzte Mal auf diesem Rasenplatze stand. Dort ist das Fenster deines alten Studierzimmers, wo ich das letzte Mal jenen Anfall von Sodbrennen hatte – es war zur Erdbeerzeit, wie du dich entsinnen wirst. Ha! Und dort ist das Schulzimmer! Könnte ich wohl jemals vergessen, wie diese liebe Miß Sturch aus jenem Zimmer zu mir kam, als hilfreicher Engel – mit Soda und Ingwer – so eifrig und gewissenhaft bedacht, den Trank umzurühren, und so aufrichtig betrübt, daß kein Riechsalz im Hause war! Wie weide ich mich an diesen angenehmen Erinnerungen, Chennery ! Dieselben sind für mich ein ebenso großer Luxusgenuß wie deine Zigarre für dich. Könntest du nicht auf der andern Seite gehen, lieber Freund? Ich liebe den Geruch, aber den Rauch kann ich nicht vertragen. Ich danke dir. Und nun, wie war es mit der Geschichte – der seltsamen Geschichte? Wie hieß das alte Schloß – ich interessiere mich ungemein dafür – es fing mit einem P an, nicht wahr?«

»Porthgenna Tower,« sagte der Vikar.

»Ganz recht,« entgegnete Mr. Phippen, indem er seinen Schirm zärtlich von der einen Schulter auf die andere legte. »Und was um aller Welt willen bewog Kapitän Treverton, dies alte Schloß zu verkaufen?«

»Ich glaube, der Grund war, weil es ihm nach dem Tode seiner Gattin zuwider geworden war,« antwortete Doktor Chennery. »Die Besitzung bildet nämlich kein unveräußerliches Familiengrundstück und es machte den Kapitän daher keine Schwierigkeit, sie zu verkaufen, ausgenommen natürlich insofern, als es ihm schwierig ward, einen Käufer zu finden.«

»Warum kaufte sein Bruder sie nicht?« fragte Mr. Phippen. »Warum kaufte unser exzentrischer Freund, Andrew Treverton, sie nicht?«

»Nenne ihn nicht unsern Freund,« sagte der Vikar. »Das ist ein gemeiner, schmutziger, alter Egoist. Du brauchst nicht den Kopf zu schütteln, Phippen, und dich zu bemühen, zu tun, als ob meine Worte dich unangenehm berührten. Ich kenne Andrew Trevertons Jugendgeschichte ebenso gut als du. Ich weiß, daß er mit der niedrigsten Undankbarkeit und Schurkerei von einem Universitätsfreunde behandelt ward, der ihm alles nahm, was er zu geben hatte und ihn endlich auf die gröbste Weise betrog. Dies weiß ich alles recht wohl. Ein Beispiel von Undankbarkeit aber berechtigt den Menschen nicht, sich von aller Gesellschaft abzuschließen und von der ganzen Menschheit zu behaupten, sie gereiche der Erde, auf der sie wandelt, zur Schande. Ich selbst habe den alten Isegrimm sagen hören, der größte Wohltäter unserer Generation wäre ein zweiter Herodes, welcher die zweite Generation verhinderte, auf die erste zu folgen. Kann wohl ein Mann, der auf diese Weise spricht, der Freund irgend eines menschlichen Wesens sein, welches noch die mindeste Achtung vor seinen Mitmenschen oder sich selbst hat?«

»Mein Freund,« sagte Mr. Phippen, indem er den Vikar beim Arm faßte und geheimnisvoll die Stimme senkte »mein lieber und verehrungswürdiger Freund! Ich bewundere deine ehrliche Entrüstung über den Mann, der diese außerordentlich misanthropische Ansicht ausgesprochen, aber – ich vertraue dies dir, Chennery, unter der größten Verschwiegenheit an – es gibt Augenblicke – ganz besonders des Morgens, wo meine Verdauung in einem solchen Zustande ist, daß ich jenem vernichtungswütigen Menschen Andrew Treverton vollständig Recht gegeben habe. Ich bin erwacht und meine Zunge hat ausgesehen wie Schlacke – ich bin bis vor den Spiegel gekrochen und habe sie betrachtet – und dann habe ich bei mir selbst gesagt: ‚Lieber möge das Menschengeschlecht ausgerottet werden als ein solcher Zustand fortdauern.’«

»Ach Unsinn!« rief der Vikar, indem er Mr. Phippens Geständnis mit einem Ausbruch unehrerbietigen Gelächters aufnahm. »Das nächste Mal, wo deine Zunge wieder in diesem Zustande ist, trinke ein Glas gutes, frisches Bier und du wirst beten, daß wenigstens der brauende Teil des Menschengeschlechts noch nicht aussterbe. Doch kehren wir jetzt nach Porthgenna Tower zurück, sonst komme ich mit meiner Geschichte nicht vorwärts. Als Kapitän Treverton einmal den Entschluß gefaßt hatte, die Besitzung zu verkaufen, würde er, wie ich nicht zweifle, unter gewöhnlichen Umständen sie zunächst seinem Bruder, der das mütterliche Vermögen geerbt, angeboten haben, damit sie bei der Familie bliebe. Nicht als ob Andrew in dieser Beziehung zu Hoffnungen berechtigt hätte, denn nie hatte es einen hartnäckigern alten Junggesellen gegeben. Indessen, wie die Dinge damals standen – und wie ich leider sagen muß, auch jetzt noch stehen – konnte der Kapitän seinem Bruder kein persönliches Anerbieten irgend einer Art machen, denn sie sprachen weder miteinander, noch schrieben sie einander, was auch jetzt noch nicht der Fall ist. Es ist traurig, so etwas sagen zu müssen, aber der schlimmste Zwist dieser Art, von dem ich je gehört, ist der Zwist zwischen diesen beiden Brüdern.«

»Entschuldige, lieber Freund,« sagte Mr. Phippen, indem er den Feldstuhl, der bis jetzt an seiner seidenen Quaste baumelnd an dem hakenförmigen Griffe des Sonnenschirms gehangen hatte, auseinanderschlug. »Darf ich mich niedersetzen, ehe du weiter erzählst? Dieser Teil der Geschichte regt mich ein wenig auf und ich darf mich nicht allzusehr anstrengen. Bitte also, erzähle weiter. Ich glaube nicht, daß die Beine meines Feldstuhls Löcher in den Rasen machen werden. Ich bin so leicht – in der Tat ein pures Gerippe. Also erzähle weiter, ich bitte dich!«

»Du mußt gehört haben,« fuhr der Vikar fort, »daß Kapitän Treverton, als er in schon ziemlich vorgerückten Lebensjahren stand, eine Schauspielerin heiratete. Es war, glaube ich, eine Person von etwas heftiger Gemütsart, aber von tadellosem Rufe und gegen ihren Gatten so treu und liebend wie eine Frau nur sein konnte. Deshalb war sie meiner Ansicht nach für ihn einer sehr gute Frau und er machte es recht, daß er sie heiratete. Die Verwandten und Freunde des Kapitäns erhoben aber natürlich das gewöhnliche unsinnige Geschrei und der Bruder des Kapitäns stellte sich, als der einzige nahe Verwandte, die Aufgabe, die Heirat auf die anstößigste und unzarteste Art wieder rückgängig zu machen. Da ihm dies nicht gelang und er die arme Frau tödlich haßte, so verließ er seines Bruders Haus und sagte unter vielen andern Schändlichkeiten der jungen Frau eine ganz besondere nach, welche ich, auf Ehre, mein lieber Phippen, mich schäme zu wiederholen. Wie nun aber seine Worte auch gelautet haben mochten, so wurden sie unglücklicherweise Mistreß Treverton zu Ohren gebracht und waren von der Art, daß keine Frau – am allerwenigsten eine von so heftiger Gemütsart wie die des Kapitäns – sie jemals verzeihen konnte. Es folgte eine Zusammenkunft zwischen den beiden Brüdern und dieselbe führte, wie du dir leicht denken kannst, zu sehr unglücklichen Ergebnissen. Sie schieden auf die beklagenswerteste Weise. Der Kapitän erklärte in der Hitze seiner Leidenschaft, Andrew habe, seitdem er geboren worden, nicht ein einziges edles Gefühl in seinem Herzen gekannt und werde auch ohne eine einzige freundliche Regung gegen irgend eine lebende Seele in der Welt sterben. Andrew entgegnete, wenn er auch kein Herz habe, so habe er doch ein Gedächtnis und er werde sich diese Abschiedsworte merken solange er lebe. So schieden sie. Zwei Mal tat später der Kapitän die ersten Schritte zu einer Aussöhnung. Das erste Mal war, als seine Tochter Rosamunde geboren ward, und das zweite Mal, als seine Gattin starb. Bei jeder dieser Gelegenheiten schrieb der ältere Bruder, wenn der jüngere die abscheulichen Worte, die er gegen seine Schwägerin gesprochen, zurücknehmen wolle, so solle ihm jede Sühne für die unfreundliche Sprache geboten werden, deren sich der Kapitän in der Übereilung des Zornes bei ihrer letzten Begegnung gegen ihn bedient. Es erfolgte aber auf keinen dieser beiden Briefe eine Antwort von Andrew und die Entfremdung zwischen den beiden Brüdern hat bis auf die gegenwärtige Zeit fortgedauert. Nun weißt du, warum der Kapitän nicht erst privatim seinen Bruder in Kenntnis setzen und um seine Ansicht befragen konnte, ehe er seine Absicht, Porthgenna Tower zu verkaufen, öffentlich bekannt machte, nicht wahr?«

Obschon Mr. Phippen zur Antwort auf diese Frage erklärte, er verstünde vollkommen, und obschon er auf die höflichste Weise den Vikar bat, weiter zu erzählen, so schien doch seine Aufmerksamkeit für den Augenblick ausschließlich durch die Besichtigung der Beine seines Feldstuhls und die Untersuchung beansprucht zu werden, welchen Eindruck dieselben auf den Rasenplatz des Pfarrhauses machten.

Doktor Chennerys eigenes Interesse an den Umständen, welche er erzählte, schien jedoch hinreichend stark zu sein, um jeden vorübergehenden Mangel an Aufmerksamkeit von Seiten seines Gastes zu ersetzen. Nachdem er einige kräftige Züge an seiner Zigarre getan, welche, während er sprach, mehrmals in drohender Gefahr geschwebt, auszugehen, fuhr er in seiner Erzählung mit den Worten fort:

»Also das Haus, die Grundstücke, das Bergwerk und die Fischereien von Porthgenna wurden alle einige Monate nach Mistreß Trevertons Tode öffentlich zum Verkauf ausgeboten, aber es gingen keine Gebote auf das Besitztum ein, welche möglicherweise hätten angenommen werden können. Der verfallene Zustand des Hauses, der schlechte Kulturzustand des Feldes, gerichtliche Differenzen wegen des Bergwerks und jedesmal wiederkehrende Schwierigkeiten bei Erhebung der Grundzinsen – alles dies trug dazu bei, Porthgenna zu etwas zu machen, was, wie man bei Auktionen zu sagen pflegt, schwer an den Mann zu bringen ist. Obschon es Kapitän Treverton sonach nicht gelang, das Besitztum zu verkaufen, so konnte er doch nicht vermocht werden, seinen Entschluß zu ändern und wieder dort zu wohnen. Der Tod seines Weibes brach ihm fast das Herz, denn er hatte sie in jeder Beziehung ebenso sehr geliebt wie sie ihn und schon der Anblick des Ortes, an welchen sich die Erinnerung des größten Kummers seines Lebens knüpfte, ward ihm verhaßt. Er zog daher mit seiner kleinen Tochter und einer Verwandten von Mistreß Treverton, die ihre Gouvernante war, in unsere Nachbarschaft und mietete ein hübsches kleines Landhaus jenseits der Kirchenfelder, nicht weit von dem großen Hause mit der hohen Gartenmauer, welche du dicht an der Straße nach London bemerkt haben mußt. Dieses Haus ward damals von Leonard Franklands Eltern bewohnt. Die neuen Nachbarn wurden sehr bald vertraute Freunde und so geschah es, daß die jungen Leute, welche ich diesen Morgen miteinander vermählt, als Kinder miteinander erzogen wurden und sich ineinander verliebten, fast ehe sie noch die Kinderschuhe ausgezogen.«

»Chennery, lieber Freund, nicht wahr, ich sehe so aus, als ob ich ganz schief säße, wie?« rief Mr. Phippen, indem er dem Vikar plötzlich mit erschrockenem Blick ins Wort fiel. »Es tut mir leid, dich zu unterbrechen, aber in der Tat, euer Gras ist außerordentlich weich. Eins der Beine meines Feldstuhls wird jeden Augenblick kürzer. Ich bohre ein Loch! Ich purzle! Gütiger Himmel! Ich fühle, wie ich mich auf die Seite neige. Ich falle, Chennery, so wahr ich lebe, ich falle!«

»Unsinn!« rief der Vikar, indem er erst Mr. Phippen und dann Mr. Phippens Feldstuhl, der sich ganz schief in das Gras hineingebohrt, in die Höhe riß. »Komm hierher auf den Kiesweg; da kannst du keine Löcher bohren. Was gibt’s denn schon wieder?«

»Herzklopfen,« sagte Mr. Phippen, indem er seinen Schirm fallen ließ und die Hand aufs Herz legte, »und Galle. Ich sehe wieder diese schwarzen Punkte – diese höllischen schwarzen Punkte, welche vor meinen Augen herumtanzen. Chennery, wie wäre es, wenn du einen landwirtschaftlichen Freund über die Qualität deines Grases zu Rate zögst. Ich gebe dir mein Wort, dein Rasenplatz ist weicher als er sein sollte. – Rasenplatz!« wiederholte Mr. Phippen verächtlich bei sich selbst, indem er sich herumdrehte, um seinen Schirm aufzuheben. »Es ist kein Rasenplatz – es ist ein Sumpf.«

»Na, setz dich nun wieder nieder,« sagte der Vikar, »und tue dem Herzklopfen und den schwarzen Punkten nicht die Liebe an, ihnen auch nur die mindeste Aufmerksamkeit zu widmen. Wünschest du etwas zu trinken? Arznei oder Bier, oder sonst etwas?«

»Nein, nein! ich mache nicht gerne Mühe,« antwortete Mr. Phippen. »Lieber leide ich – lieber entbehre ich. Ich glaube, wenn du in deiner Geschichte weiter fortführest, so würde mich das beruhigen. Ich weiß nicht mehr recht, wie du darauf zu sprechen kamst, aber ich glaube, du sagtest etwas sehr interessantes in Bezug auf Kinderschuhe.«

»Unsinn!« rief Doktor Chennery. »Ich sprach bloß von der Liebe zwischen den beiden Kindern, welche jetzt zu Mann und Frau herangewachsen sind, und ich wollte dir eben erzählen, daß Kapitän Treverton kurz nachdem er sich in unsere Nachbarschaft niedergelassen, sich wieder der tätigen Ausübung seines Berufs zuwendete. Nichts anderes schien im Stande zu sein, die Kluft auszufüllen, welche der Verlust seiner Gattin in sein Leben gerissen. Da er bei der Admiralität sehr gut steht, so kann er stets ein Schiff bekommen, wenn er um eins nachsucht, und bis zur gegenwärtigen Zeit ist er mit einigen Zwischenzeiten, die er am Lande verlebt, fast immer zur See gewesen, obschon er, wie seine Tochter und seine Freunde meinen, nun ein wenig zu alt dazu wird. Zieh nur kein solches Gesicht, Phippen – ich schweife nicht so weit von der Sache ab, wie du glaubst. Es sind dies einige der notwendigen Einzelheiten, welche vorausgeschickt werden müssen. Und nun, nachdem ich mich derselben in aller Gemächlichkeit entledigt habe, komme ich endlich auf den Hauptteil meiner Geschichte – den Verkauf von Porthgenna Tower. – Was gibt’s denn? Willst du wieder aufstehen ?«

Ja, Mr. Phippen wünschte wirklich wieder aufzustehen, denn er war der Meinung, das beste Mittel, das Herzklopfen zu beschwichtigen und die schwarzen Punkte zu zerstreuen, wäre ein wenig Bewegung. Er wollte durchaus keine Mühe verursachen, fragte aber, ob sein würdiger Freund Chennery, ehe er in seiner so höchst interessanten Geschichte weiter fortführe, ihm den Arm geben, den Feldstuhl tragen und langsam mit ihm nach der Richtung des Schulzimmerfensters gehen wollte, um Miß Sturch mit Bequemlichkeit rufen zu können, im Fall es nötig würde, das letzte Mittel zu versuchen und einen niederschlagenden Trank zu nehmen.

Der Vikar, dessen unerschöpfliche Gutmütigkeit jeder Probe, auf welche Mr. Phippens Verdauungsbeschwerden sie stellen konnten, gewachsen war, fügte sich in alle diese Zumutungen und fuhr mit seiner Geschichte fort, indem er, ohne es zu wissen, den Ton und die Haltung eines gutmütigen Vaters annahm, der sein Möglichstes tut, um ein launenhaftes, eigensinniges Kind zufrieden zu stellen.

»Ich sage dir,« hob er wieder an, »daß der ältere Mr. Frankland und Kapitän Treverton hier nahe Nachbarn waren. Sie waren noch nicht lange miteinander bekannt, als der erstere von dem letzteren erfuhr, daß Porthgenna Tower zu verkaufen stünde. Als der alte Frankland dies zum ersten Mal hörte, tat er einige Fragen in Bezug auf die Besitzung, sagte aber kein Wort davon, daß er sie kaufen wollte. Bald darauf bekam der Kapitän ein Schiff und ging in See. Während seiner Abwesenheit reiste der alte Frankland im Stillen nach Cornwall, um die Besitzung in Augenschein zu nehmen und von den mit der Aufsicht über das Schloß und die Ländereien beauftragten Personen so viel als möglich über die Vorzüge und Mängel des Ganzen zu erfahren. Als er wieder kam, sagte er nichts, als bis Kapitän Treverton von seiner Seereise zurückkehrte, und dann ging der alte Herr eines Morgens in seiner ruhigen, entschiedenen Weise mit der Sprache heraus.

»‚Treverton’, sagte er, ‚wenn Sie Porthgenna Tower zu dem Preise verkaufen wollen, zu welchem Sie es selbst wieder erstanden, als Sie es auf dem Wege der Versteigerung zu veräußern suchten, so schreiben Sie an Ihren Anwalt und sagen Sie ihm, er solle die Besitzurkunden zu dem meinigen tragen und sich von diesem die Kaufsumme auszahlen lassen.’ Kapitän Treverton ward natürlich durch dies unvermutete Anerbieten ein wenig überrascht, andere Leute aber, die, wie ich, die Geschichte des alten Frankland kannten, wunderten sich nicht so sehr darüber. Er hatte sein Vermögen durch Handelsgeschäfte erworben, war aber töricht genug, sich dieser einfachen und ihm zur Ehre gereichenden Tatsache zu schämen. Seine Ahnen waren nämlich vor der Zeit des Bürgerkriegs Rittergutsbesitzer von ziemlicher Bedeutung gewesen und der große Ehrgeiz des alten Herrn bestand darin, den Kaufmann in dem Landedelmann untergehen und seinen Sohn ihm in der Eigenschaft des Squire eines großen Landgutes, welches ihm bedeutendes Ansehen in der Grafschaft gewährte, folgen zu lassen. Er war bereit, die Hälfte seines Vermögens der Ausführung dieses großen Plans zu widmen; die Hälfte seines Vermögens aber reichte nicht hin, um ein Gut, wie er es haben wollte, in einem wichtigen landwirtschaftlichen Distrikte wie der unserige ist zu kaufen. Die Grundzinsen sind hier hoch und dem Land wird bei uns der größtmögliche Ertrag abgewonnen. Eine Besitzung von dem Umfange wie Schloß Porthgenna würde, wenn sie hier läge, das Doppelte der Summe wert sein, welche Kapitän Treverton dafür verlangen konnte. Der alte Frankland wußte dies recht wohl und legte alle mögliche Wichtigkeit darauf. Übrigens lag in der mittelalterlichen Erscheinung von Porthgenna Tower und in dem Recht über das Bergwerk und die Fischereien, welches in den Ankauf der Besitzung eingeschlossen war, etwas, was seinen Begriffen von Wiederherstellung des alten Glanzes seiner Familie schmeichelte. Hier konnte er und sein Sohn nach ihm, wie er glaubte, den Gutsherrn nach großem Maßstabe spielen und nach seinem souveränen Willen und Belieben den Fleiß von Hunderten armer Leute dirigieren, die zerstreut in die Küste entlang wohnten oder in den kleinen Binnendörfern beisammen hockten. Dies war eine sehr verführerische Aussicht und die Sache konnte für vierzigtausend Pfund realisiert werden, was gerade zehntausend Pfund weniger war, wie er sich vorgenommen daran zu wenden als er zuerst beschlossen hatte, sich aus einem schlichten Kaufmann in einen hochtrabenden Landedelmann zu verwandeln. Leute, welche diese Tatsachen kannten, wunderten sich, wie ich gesagt habe, nicht sehr über Mr. Franklands Bereitwilligkeit, Porthgenna Tower zu kaufen, und Kapitän Treverton säumte, wie kaum erwähnt zu werden braucht, nicht, den Kauf seinerseits festzumachen. Die Besitzung wechselte den Herrn und der alte Frankland begab sich mit einem Gefolge von klugen Leuten aus London an Ort und Stelle, um das Bergwerk und die Fischereien nach neuen wissenschaftlichen Prinzipien zu betreiben und das alte Haus von oben bis unten mit funkelnagelneuen, mittelalterlichen Dekorationen unter der Leitung eines Herrn zu verschönern, welcher, wie man sagte, ein Architekt war, aber nach meiner Meinung einem verkleideten katholischen Pfaffen täuschend ähnlich sah. Wundervolle Pläne und Entwürfe, nicht wahr? Und wie glaubst du wohl, wie sie ausschlugen?«

»O, erzähle mir das, lieber Freund!« war die Antwort, die Mr. Phippens Lippen entfiel. »Ich möchte wissen, ob Miß Sturch eine Falsche Kampfertinktur in ihrer Hausapotheke hätte,« war der Gedanke, welcher Mr. Phippens Gemüt beschäftigte.

»Ich soll es dir erzählen!« rief der Vikar. »Nun, natürlich erwiesen sich alle Pläne des alten Mr. Frankland als vollkommen verfehlt. Seine Gutsuntertanen betrachteten ihn als einen Emporkömmling. Das Alter seiner Familie machte keinen Eindruck auf sie. Es konnte eine alte Familie sein, aber es war doch keine cornische Familie und deshalb besaß sie in ihren Augen keine Bedeutung. Für Trevertons wären sie bis ans Ende der Welt gegangen, für die Franklands wollte keiner auch nur einen Schritt von seinem Wege abweichen. Was das Bergwerk betraf, so schien es von demselben meuterischen Geist beseelt zu sein, welcher sich der Pächter bemächtigt hatte. Die klugen Leute von London, die nach allen Richtungen hin nach den gelehrtesten wissenschaftlichen Prinzipien zu Werke gingen, brachten auf je fünf Pfund, die sie hineinwendeten, ungefähr für sechs Pence Erz heraus. Mit den Fischereien war es nicht viel besser. Ein neues System, Heringe zu trocknen, welches in der Theorie ein Wunder von Ersparnis war, erwies sich in der Praxis als ein förmliches Phänomen von Verschwendung. Der einzige glückliche Umstand unter diesen zahlreichen unglücklichen war der, daß der alte Frankland sich noch rechtzeitig mit dem mittelalterlichen Architekten veruneinigte, der wie ein verkleideter katholischer Pfaffe aussah. Dieses glückliche Ereignis ersparte dem neuen Besitzer von Porthgenna all das Geld, welches er außerdem auf das Restaurieren und Neudekorieren der ganzen Reihe von Zimmern auf der nördlichen Seite des Hauses verwendet haben würde, die seit länger als fünfzig Jahren sich selbst und dem Verfall anheimgegeben gewesen und die noch bis auf den heutigen Tag sich in diesem alten vernachlässigten Zustand befinden. Um de Sache kurz zu machen, nachdem der alte Frankland in Porthgenna mehr Tausende von Pfunden nutzlos ausgegeben, als ich Lust habe zusammenzurechnen, gab er seine Pläne endlich auf, überließ den Ort ärgerlich der Obhut seines Kastellans, welchem er ausdrücklich befahl, nie wieder einen Heller hineinzuwenden, und kehrte in unsere Gegend zurück. Da er sehr ärgerlich war und, als er hierher zurückkam, Kapitän Treverton zufällig am Lande antraf, so war das Erste, was er tat, das, daß er in Gegenwart des Kapitäns ein wenig zu heftig auf Porthgenna und alle Leute dort schimpfte. Dies führte zu einer kühlen Stimmung zwischen den beiden Nachbarn, die vielleicht zum Abbruch alles Verkehrs geführt haben würde, wenn nicht die Kinder auf beiden Seiten gewesen wären, die einander noch ebenso oft sprachen als vorher und zuletzt durch hartnäckige Ausdauer der Entfremdung zwischen ihren Vätern ein Ende machten indem sie dieselbe einfach in ein lächerliches Licht stellten. Dies ist meiner Meinung nach der merkwürdigste Teil der Geschichte. Wichtige Familieninteressen hingen davon ab, daß diese beiden jungen Leute sich ineinander verliebten und wunderbarerweise war dies – wie du durch mein Geständnis am Frühstückstische bereits erfahren – auch gerade das, was sie taten. Wir haben hier einen Fall von höchst romantischer Liebesheirat, die auch zugleich von allen andern gerade die Heirat ist, welche die Eltern auf beiden Seiten das größte materielle Interesse hatten zu fördern. Shakespeare kann sagen, was er will – die Bahn treuer Liebe ist zuweilen doch glatt. Niemals ward die Trauformel in besserer Anwendung gesprochen als da ich sie diesen Morgen las. Da Leonard der Erbe von Porthgenna ist, so kehrt die Tochter des Kapitäns nun als Herrin in die Besitzung zurück, welche ihr Vater verkauft hatte. Da Rosamunde das einzige Kind ihres Vaters ist, so ist die Kaufsumme für Porthgenna, welche der alte Frankland früher als weggeworfenes Geld betrachtete, nun, wenn der Kapitän stirbt, die Aussteuer der Gattin des jungen Frankland. Ich weiß nicht, was du von dem Anfang und der Mitte meiner Geschichte denkst, Phippen, das Ende aber muß dich jedenfalls zufriedenstellen. Hörtest du wohl jemals von einer Braut und einem Bräutigam, welche ihre Ehe mit schöneren Aussichten fürs Leben begannen, als unsere Braut und unser Bräutigam von heute?«

Ehe Mr. Phippen hierauf etwas antworten konnte, steckte Miß Sturch den Kopf aus dem Schlafzimmerfenster heraus, und als sie die beiden Herren sich nähern sah, ließ sie ihnen ihr unabänderliches Lächeln entgegenstrahlen; dann sagte sie, den Vikar anredend, in ihrem sanftesten Tone:

»Es tut mir außerordentlich leid, Sie zu belästigen, Herr Doktor, aber Robert kommt diesen Morgen mit seinem Einmaleins auch gar nicht von der Stelle.«

»Wie weit ist er denn jetzt?« fragte Doktor Chennery.

»Bis sieben mal acht, Sir,« entgegnete Miß Sturch.

»Bob!« schrie der Vikar durch das Fenster. »Sieben mal acht?«

»Ist dreiundvierzig,« antwortete die weinerliche Stimme des unsichtbaren Bob.

»Noch einmal sollst du antworten dürfen, ehe ich meinen Stock hole,« sagte Doktor Chennery. »Also, aufgepaßt – sieben mal –«

»Mein lieber, guter Freund,« mischte Phippen sich ein, »wenn du diesen unglücklichen Knaben schlägst, so wird er schreien. Meine Nerven sind heute Morgen schon einmal durch den Feldstuhl angegriffen worden – wenn ich nun auch noch Schreien höre, so ist es vollends aus mit mir. Laß mir Zeit, mich erst zu entfernen, und gestatte mir auch der lieben Miß Sturch das traurige Schauspiel einer Züchtigung, welches für ein so empfindsames Herz wie das ihrige furchrbar sein muß, dadurch zu ersparen, daß ich sie um ein wenig Kampfertinktur bitte und ihr dadurch einen Vorwand verschaffe, sich gleich mir auf die Seite zu begeben. Ich glaube, ich hätte unter andern Umständen mich auch ohne Kampfertinktur behelfen können, jetzt aber bitte ich ohne Zögern darum, sowohl um Miß Sturchs willen, als auch meiner eigenen armen Nerven willen. Haben Sie Kampfertinktur, Miß Sturch? Sagen Sie ja; ich bitte Sie flehentlich darum, und geben Sie mir dadurch Gelegenheit, Sie aus dem Bereich des Geschreies hinauszueskortieren.«

Während Miß Sturch – deren wohlgeschultes Herz für die reichlichste väterliche Tracht Prügel und das lauteste kindliche Anerkenntnis derselben durch Gekreisch unverwundbar war – lächelnd und gefaßt wie immer die Treppe hinaufeilte, um die Kampfertinktur zu holen, schlich sich Master Bob, als er sich mit seinen Schwestern in dem Schulzimmer allein sah, an die jüngste derselben, brachte aus seiner Hosentasche drei ein wenig unsauber gewordene Bonbons und bat, indem er Miß Amely bei der schwachen oder naschhaften Seite ihres Charakters angriff, ihr listigerweise diese Bonbons, wenn sie ihm dagegen eine vertrauliche Belehrung in Bezug auf sieben mal acht angedeihen lassen wollte.

»Willst du diese Bonbons?« flüsterte Bob.

»Ei ja!« antwortete Amely.

»Sieben mal acht?« fragte Bob.

»Ist sechsundfünfzig,« antwortete Amely.

»Ist das auch wahr?« fragte Bob vorsichtig.

»Ja wohl,« beteuerte Amely.

Die Bonbons wechselten den Besitzer und die Katastrophe des häuslichen Dramas wechselte damit zugleich.

Gerade als Miß Sturch mit der Kampfertinktur in der Eigenschaft einer medizinischen Hebe für Mr. Phippen erschien, zeigte sich ihr ungelehriger Schüler seinem Vater am Schulzimmerfenster in der Eigenschaft eines gebesserten Sohnes, nämlich arithmetisch gesprochen. Der Stock blieb für diesen Tag in Ruhe und Mr. Phippen trank sein Glas Kampfertinktur mit einem Gemüt, welches in Bezug auf Miß Sturchs empfindsames Herz und Master Bobs Geschrei nun vollkommen wieder beruhigt war.

»Sehr angenehm in jeder Beziehung,« sagte der Märtyrer der Unverdaulichkeit, indem er die letzten Tropfen ausschlürfend, wohlgefällig mit den Lippen schmatzte.

»Meine Nerven bleiben verschont, Miß Sturchs empfindsames Herz bleibt verschont und der Rücken des armen Knaben bleibt ebenfalls verschont. Du kannst dir nicht denken, wie leicht es mir ums Herz ist, Chennery. Wo waren wir denn in der allerliebsten Geschichte stehen geblieben, als diese kleine häusliche Unterbrechung eintrat?«

»Wir waren damit zu Ende,« sagte der Vikar. »Die Braut und der Bräutigam sind nun schon mehrere Meilen unterwegs, um die Flitterwochen in dem Seebad St. Swithin zuzubringen. Kapitän Treverton wird ebenfalls nur noch einen Tag dableiben. Vergangenen Montag erhielt er Ordre unter Segel zu gehen und morgen reist er nach Portsmouth, um das Kommando seines Schiffes zu übernehmen. Obschon er es nicht mit dürren Worten zugestehen will, so weiß ich doch zufällig, daß Rosamunde ihn überredet hat, diese Reise seine letzte sein zu lassen. Sie beabsichtigt ihn wieder nach Porthgenna zu locken, damit er dort bei ihr und ihrem Gatten lebe – ein Plan, von dem ich hoffe und glaube, daß er in Erfüllung gehen werde. Die westlichen Zimmer des alten Hauses, in deren einem Mistreß Treverton starb, sollen von dem jungen Ehepaar gar nicht in Gebrauch genommen werden. Man hat einen Baumeister – diesmal einen verständigen praktischen Mann – beauftragt, die vernachlässigten Nordzimmer zu besichtigen, um sie zu dekorieren. Dieser Teil des Hauses steht mit den traurigen Erinnerungen in Kapitän Trevertons Gemüt in keinem Zusammenhang, denn weder er noch sonst jemand hat ihn während der Zeit seines Verweilens in Porthgenna jemals betreten. In Erwägung der Veränderung, welche diese Reparatur der nördlichen Zimmer im Ansehen des Hauses hervorbringen wird und wenn man dabei noch die mildernde Einwirkung der Zeit auf alle schmerzlichen Erinnerungen in Anschlag bringt, möchte ich sagen, es ließe sich mit Grund erwarten, daß Kapitän Treverton den Rest seiner Tage unter seinen alten Gutsuntertanen verleben werde. Es wäre ein großes Glück für Leonard Frankland, wenn er dies täte, denn ganz gewiß würde er den Leuten von Porthgenna eine freundliche Gesinnung gegen ihren neuen Herrn beibringen. Wenn Leonard unter Kapitän Trevertons Fittichen bei seinen cornischen Untertanen eingeführt wird, so kann er sicher sein, gut mit ihnen auszukommen, vorausgesetzt, daß er sich enthält, den Familienstolz, den er von seinem Vater geerbt, allzuviel zu zeigen. Er ist ein wenig geneigt, die Vorzüge der Geburt und die Wichtigkeit des Ranges zu überschätzen. Dies ist aber wirklich der einzige bemerkbare Mangel in seinem Charakter. In allen anderen Beziehungen kann ich redlich von ihm sagen, daß er verdient, was er bekommen hat – die beste Frau von der Welt. Welch ein wonniges Leben, Phippen, scheint diese glücklichen jungen Leute zu erwarten! Es ist kühn, von menschlichen Geschöpfen so etwas zu sagen, aber ich mag sehen soweit ich will, so kann ich an dem Himmel ihrer Zukunft keine Wolke entdecken.«

»Du vortrefflicher, guter Mann!« rief Mr. Phippen, indem er den Vikar liebevoll die Hand drückte. »Welch ein Genuß für mich, dich zu hören! Wie schwelge ich in deiner sonnigen Lebensanschauung !«

»Und ist es nicht die richtige – besonders was den jungen Frankland und seine Gattin betrifft?« fragte der Vikar.

»Wenn du mich fragst,« sagte Mr. Phippen mit wehmütigem Lächeln und einer philosophischen Ruhe in seinem Wesen, »so kann ich bloß antworten, daß die Richtung der spekulativen Ansichten des Menschen – um nicht allzugenau auf die Sache einzugehen – von dem Zustande seiner Absonderungen abhängt. Deine Gallenabsonderungen, lieber Freund, sind in Ordnung, und deshalb betrachtest du alles von der hellen Seite; meine Gallenabsonderungen dagegen sind völlig unregelmäßig und deshalb betrachte ich die Dinge von der dunkeln Seite. Du betrachtest die künftigen Aussichten dieses neuvermählten Paares und sagst, du könntest keine Wolke darin entdecken. Ich will diese Behauptung auch durchaus nicht bestreiten, denn ich habe nicht das Vergnügen, die Braut und den Bräutigam zu kennen. Ich blicke aber zu dem Himmel über unsern eigenen Häuptern auf – ich erinnere mich, daß als wir den Garten zuerst betraten, keine Wolke daran sichtbar war – und jetzt sehe ich, gerade über jenen zwei Bäumen, die so dicht beisammen stehen, eine Wolke, die ganz unerwartet zum Vorschein gekommen ist, niemand weiß woher – und ich ziehe meine eigenen Schlüsse.«

Dies sagte Mr. Phippen, indem er, um sich wieder in das Haus hineinzubegeben, die Gartentreppe hinaufging.

»Dies ist meine Philosophie,« fuhr er fort. »Sie hat vielleicht einen Anflug von Galle, aber nichtsdestoweniger ist es Philosophie.«

»Alle Philosophie der Welt,« sagte der Vikar, indem er seinem Gast die Stufen hinauffolgte, »ist nicht im Stande, meine Überzeugungen zu erschüttern, daß Leonard Frankland und seine junge Gattin eine glückliche Zukunft vor sich haben.«

Mr. Phippen lachte, und indem er auf den Stufen wartete, bis sein Wirt ihn eingeholt hatte, nahm er auf die freundlichste Weise diesen beim Arm.

»Du hast eine allerliebste Geschichte erzählt, Chennery,« sagte er, »und dieselbe mit einer allerliebsten Ansicht beendet. Aber, lieber Freund, obschon dein gesundes Gemüt unter dem Einfluß einer beneidenswert leichten Verdauung meine gallsüchtige Philosophie verachtet, so vergiß doch nicht ganz die Wolke über den beiden Bäumen. Schau jetzt einmal hin – sie wird schon dunkler und größer!«




Fünftes Kapitel

Die Neuvermählten


Unter dem Dach einer verwitweten Mutter lebte Miß Mowlem bescheiden in dem kleinen Seebadeorte St. Swithins-on-Sea. Im Frühling des Jahres 1844 ward das Herz der verwitweten Mutter noch in ihrem Alter durch ein kleines Erbteil erfreut. Die verschiedenen Zwecke, zu welchem das Geld verwendet werden konnte, reiflich überlegend, beschloß die umsichtige alte Dame endlich, es in Möbels anzulegen, damit das erste und zweite Stockwerk ihres Hauses möglichst geschmackvoll auszustatten und dann einen Zettel an das Wohnzimmerfenster zu hängen, um dem Publikum kundzutun, daß sie möblierte Zimmer zu vermieten habe.

Bis zum Sommer waren die Zimmer in Stand und der Zettel ward angehängt. Kaum war eine Woche vergangen, so erschien ein würdevoller schwarzgekleideter Mann, um die Zimmer in Augenschein zu nehmen, erklärte sich durch das Aussehen derselben zufriedengestellt und mietete sie auf einen Monat gewiß für eine neuvermählte junge Herrschaft, welche wahrscheinlich in einigen Tagen Besitz davon nehmen würde.

Der würdevolle schwarzgekleidete Mann war Kapitän Trevertons Diener und die junge Herrschaft, welche auch in der angegebenen Zeit sich einfand, um Besitz zu nehmen, war Mr. und Mistreß Frankland.

Das mütterliche Interesse, welches Mißtreß Mowlem an ihren jugendlichen ersten Mietsleuten nahm, war notwendig von sehr lebhafter Beschaffenheit, aber es war Apathie zu nennen im Vergleich mit dem sentimentalen Interesse, welches ihre Tochter daran fand, das Benehmen und Wesen der jungen Dame und des jungen Herrn in ihrer Eigenschaft als Neuvermählte zu beobachten.

Von dem Augenblick an, wo Mr. und Mistreß Frankland das Haus betraten, begann Miß Mowlem sie mit dem ganzen Eifer eines fleißigen Schülers zu studieren, der einen neuen Zweig des Wissens in Angriff nimmt. In jedem ihr während des Tages übrig bleibenden Augenblick beschäftigte diese betriebsame und wißbegierige junge Dame sich damit, daß sie sich die Treppe hinaufstahl, um Beobachtungen zu sammeln, und dann wieder herunterlief, um sie ihrer Mutter mitzuteilen.

Als das neuvermählte Paar eine Woche im Hause war, hatte Miß Mowlem schon so guten Gebrauch von ihren Augen, Ohren und Gelegenheiten gemacht, daß sie mit der Wahrhaftigkeit und Genauigkeit des berühmtesten Memoirenschreibers ein Buch über diese sieben Tage zu schreiben im Stande gewesen wäre.

Wir mögen jedoch lernen, soviel wir wollen, so sehen wir doch, daß je länger wir leben, es desto mehr zu lernen gibt. Sieben Tage geduldiger Ansammlung von Tatsachen in Bezug auf die Flitterwochen hatten Miß Mowlem noch bei weitem nicht über das Bereich weiterer Entdeckungen hinausversetzt.

Am Morgen des achten Tages, nachdem sie das Frühstücksgeschirr heruntergeholt, stahl sich die neugierige Beobachterin ihrer Gewohnheit gemäß wieder hinauf, um mittelst des Schlüsselloch-Kanals der Salontür an der Quelle der Erkenntnis zu trinken. Nach einer Abwesenheit von fünf Minuten kam sie atemlos vor Aufregung wieder in die Küche hinunter, um in Bezug auf Mr. und Mistreß Frankland ihrer ehrwürdigen Mutter eine neue Entdeckung mitzuteilen.

»Was glaubst du wohl, was sie jetzt macht?« rief Miß Mowlem mit weit geöffneten Augen und hoch emporgehobenen Händen.

»Nichts Nützliches wahrscheinlich,« antwortete Mistreß Mowlem mit sarkastischer Schnelligkeit.

»Sie sitzt ihm wirklich und wahrhaftig auf dem Knie! Mutter, saßest du jemals auf meines Vaters Knie, als ihr nicht längst erst vermählet wart?«

»O bewahre, liebes Kind! Als ich mit deinem armen seligen Vater verheiratet ward, waren wir keins von uns noch flatterhafte junge Leute, sondern hatten schon mehr Verstand.«

»Sie hat ihren Kopf auf seine Schulter gelegt,« fuhr Miß Mowlem immer aufgeregter fort, »und ihre Arme um seinen Hals geschlungen – beide Arme, Mutter, so fest als nur möglich.«

»Das glaube ich nicht!« rief Mistreß Mowlem entrüstet. »Eine solche Dame, welche Reichtum, Bildung und alles Mögliche besitzt, sollte sich betragen wie eine Hausmagd mit ihrem Schatz! Sage mir nicht so etwas – ich glaube es nicht.«

Trotzdem aber beruhete die Sache vollkommen in Wahrheit. Es gab eine Menge Stühle in Mistreß Mowlems Salon; es lagen drei wunderschön gebundene Bücher auf dem runden, blankpolierten Tische darin – die Altertümer von St. Swithin, Smallridges Predigten und Klopstocks Messias in englischer Prosa – Mistreß Frankland hätte auf purpurrotem Saffian mit dem besten Roßhaar gepolstert sitzen und ihren Geist durch archäologische Studien, durch orthodoxe inländische Theologie oder durch fromme Poesie ausländischen Ursprungs belehren und unterhalten können – aber dennoch – so frivol ist die Natur der Frauen – huldigte sie so verkehrten Ansichten, daß sie lieber nichts machte und sich unbequem auf die Knie ihres Gatten pflanzte!

Sie saß eine Zeitlang in der durchaus nicht würdevollen Stellung, welche Miß Mowlem ihrer Mutter mit so graphischer Genauigkeit geschildert hatte, lehnte sich dann ein wenig zurück, richtete den Kopf empor und schaute aufmerksam in das ruhige nachdenkliche Gesicht des Blinden.

»Lenny, du bist heute Morgen sehr schweigsam,« sagte sie. »Woran denkst du? Wenn du mir alle deine Gedanken erzählen willst, so will ich dir auch alle die meinigen mitteilen.«

»Würde dir wirklich etwas daran liegen, alle meine Gedanken zu hören?« fragte Leonard.

»Ja, alle. Ich werde eifersüchtig sein auf jeden Gedanken, den du für dich behältst. Sage mir, woran du jetzt eben dachtest. An mich?«

»Nein, an dich gerade nicht.«

»Das gereicht dir eben nicht zur Ehre. Bist du in acht Tagen schon meiner überdrüssig? Ich meinesteils habe seitdem wir hier sind noch an keinen Menschen weiter gedacht als an dich. Ah, du lachst! O Lenny, ich liebe dich so sehr – wie kann ich an jemand anders denken als an dich? Nein, ich werde dich nicht küssen. Erst muß ich wissen, woran du jetzt dachtest.«

»An einen Traum, Rosamunde, den ich vorige Nacht hatte. Seit den ersten Tagen meiner Blindheit – nun, ich dachte, du wolltest mich nicht eher wieder küssen, als bis ich dir gesagt hätte, woran ich gedacht?«

»Ich kann nicht umhin dich zu küssen, Lenny, wenn du von dem Verlust deines Augenlichts sprichst. Sage mir, mein armer Junge, helfe ich dir diesen Verlust ersetzen? Bist du glücklicher als du sonst zu sein pflegtest und habe ich einigen Anteil am Schaffen dieses Glückes, sei er auch noch so gering?«

Sie wendete, indem sie dies sagte, das Gesicht hinweg, aber Leonard war ihr zu rasch. Seine forschenden Finger berührten ihre Wange.

»Rosamunde, du weinst!« sagte er.

»Ich sollte weinen?« antwortete sie mit plötzlich erheuchelter Heiterkeit. »Nein,« fuhr sie nach einer augenblicklichen Pause fort, »ich will dich niemals täuschen, Geliebter, auch nicht in der unbedeutendsten Kleinigkeit. Meine Augen dienen jetzt uns beiden, nicht wahr? Du verlässest dich in Bezug auf alles, was dein Gefühlssinn dir nicht sagen kann, auf mich und ich darf mich des Vertrauens nicht unwürdig machen, nicht wahr nicht ? Ja, ich weinte wirklich, Lenny, aber nur ein ganz klein wenig. Ich weiß nicht, wie es kam, aber es war mir auf einmal, als hätte ich dich in meinem ganzen Leben noch nie so bemitleidet wie gerade in diesem Augenblick. Doch laß dies nur gut sein – ich bin nun fertig. Erzähle weiter – du wolltest mir etwas mitteilen.«

»Ich wollte sagen, Rosamunde, daß ich, seitdem ich das Augenlicht verloren, einen seltsamen Umstand an mir bemerkt habe. Ich träume sehr viel, aber ich träume niemals von mir als einem Blinden. Ich besuche in meinen Träumen oft Orte, die ich gesehen, und Leute, die ich kannte, als ich mein Gesicht noch hatte, und obschon ich während dieser Träume mich meiner ebenso selbst bewußt fühle, wie wenn ich vollkommen munter und wach bin, so fühle ich mich doch niemals blind. Ich wandere in meinem Schlafe an allen Orten, die ich sonst besucht, umher, ohne daß ich den Weg durch Tasten zu suchen brauche. Ich spreche im Schlafe mit einer Menge alter Freunde und sehe den Ausdruck ihres Gesichts, welchen ich als Wachender niemals wiedersehen werde. Es ist nun über ein Jahr her, daß ich das Gesicht verloren und dennoch war es mir wie der erschütternde Schlag einer neuen Entdeckung, als ich vergangene Nacht aus meinem Träume erwachte und mich plötzlich besann, daß ich blind war.«

»Was für ein Traum war es, Lenny?«

»Nur ein Traum von dem Orte, wo ich dich das erste Mal sah, als wir beide noch Kinder waren. Ich sah die Waldwiese wie sie vor Jahren war, mit ihren knorrigen Wurzeln und den sich um sie herumrankenden Heidelbeerbüschen, in einem noch schattigen Lichte, welches von dem regnerischen Himmel durch dichtes Laub fiel. Ich sah den Schlamm auf dem Wege in der Mitte der Waldwiese mit den Spuren von den Hufen der Kühe an manchen Stellen und den scharf eingedrückten Ringen an andern, wo die Bäuerinnen kurz zuvor in ihren Holzschuhen vorübergetratscht waren. Ich sah das schmutzige Wasser zu beiden Seiten des Fußweges nach dem Regen ablaufen und ich sah dich, Rosamunde, als wildes ungezogenes Mädchen, über und über mit Schmutz bedeckt – gerade wie du damals wirklich warst – während du dein schönes blaues Überröckchen und deine hübschen kleinen feisten Hände beschmutztest, indem du einen Damm machtest, um das laufende Wasser aufzuhalten und über die Entrüstung deiner Wärterin lachtest, als sie versuchte, dich hinwegzuziehen und nach Hause zu führen. Alles dies sah ich, gerade so wie es zu jener Zeit wirklich war, seltsamerweise aber sah ich mich selbst nicht als den Knaben, der ich damals war. Du warst ein kleines Mädchen und die Waldwiese befand sich in ihrem alten vernachlässigten Zustande, und dennoch, obschon ich ganz in der so fernen Vergangenheit war, befand ich mich doch, was mich selbst betraf, in der Gegenwart. Während des ganzen Traums war ich mir unbehaglich bewußt, ein erwachsener Mann, mit einem Worte genau das zu sein, was ich jetzt bin, nur mit der Ausnahme, daß ich nicht blind war.«

»Was für ein Gedächtnis mußt du haben, Geliebter, daß du dir alle diese kleinen Umstände nach den Jahren, welche seit jenem nassen Tage auf der Waldwiese vergangen sind, in die Erinnerung zurückrufen kannst! Wie gut weißt du, was ich als Kind war! Erinnerst du dich auch noch ebenso lebhaft, wie ich vor einem Jahr aussah, als du mich – o Lenny, es bricht mir fast das Herz, wenn ich daran denke – als du mich zum letzten Mal sahst?«

»Ob ich mich dessen entsinne, Rosamunde? Mein letzter Blick auf dein Antlitz hat dein Bildnis meiner Erinnerung in Farben gemalt, die nie erbleichen können. Ich habe viele Bilder in meinem Geiste, dein Bild aber ist das hellste und schönste von allen.«

»Und es ist auch das beste Bild, welches man von mir haben könnte – in meiner Jugend gemalt, Geliebter, als mein Gesicht fortwährend bekannte, daß ich dich liebte, obschon mein Mund nichts sagte? Es liegt einiger Trost in diesem Gedanken. Wenn Jahre über uns beiden dahingegangen sind, Lenny, und wenn die Zeit beginnt, mir ihre Spuren aufzudrücken, dann wirst du nicht zu dir selbst sagen: ‚Meine Rosamunde beginnt zu welken; sie wird immer weniger dem ähnlicher, was sie war, als ich sie heiratete.’ Für dich, Geliebter, werde ich niemals alt werden; das schöne jugendliche Bild in deiner Erinnerung wird immer noch mein Bild sein, auch wenn meine Wange gerunzelt und mein Haar grau ist.«

»Immer noch dein Bild – stets dasselbe, mag ich so alt werden als ich wolle.«

»Aber weißt du auch gewiß, daß es in allen Teilen klar ist ? Gibt es darin nirgends zweifelhafte Linien, unvollendete Winkel? Ich habe mich, seitdem du mich sahest, noch nicht verändert – ich bin gerade noch so wie ich vor einem Jahre war. Gesetzt nun, ich fragte dich, wie ich jetzt aussehe, könntest du mir es sagen, ohne einen Irrtum zu begehen?«

»Stelle mich auf die Probe.«

»Soll ich? Dann sollst du einen vollständigen Katechismus durchmachen. Ich ermüde dich doch nicht, wenn ich so auf deinem Knie sitze? – Also, erstens: wie groß bin ich, wenn wir beide nebeneinander stehen?«

»Du reichst mir gerade bis ans Ohr.«

»Richtig. Das wäre die erste Frage. Nun zur zweiten: Wie sieht mein Haar auf deinem Bild aus?«

»Es ist dunkelbraun. Es ist stark und voll und auf deiner Stirn für den Geschmack gewisser Leute ein wenig zu tief hereingewachsen.«

»Kümmern wir uns nicht um gewisse Leute. Steht es auch für deinen Geschmack zu tief?«

»Nein, durchaus nicht. Ich liebe es so; ich liebe die kleinen natürlichen Wellenlinien, die es gegen die Stirn bildet. Ich liebe es so zurückgestrichen, wie du es trägst, in einfachen Flechten, welche deine Wangen und dein Ohr sichtbar lassen, und vor allen Dingen liebe ich jenen großen glänzenden Knäuel, den es bildet, wenn es an deinem Hinterkopfe zusammengebunden ist.«

»O Lenny, wie gut erinnerst du dich meiner so weit! Gehe nun ein wenig tiefer herab.«

»Ein wenig tiefer heißt bis auf die Augenbrauen. Es sind auf meinem Bild sehr nett und sauber gezeichnete Augenbrauen.«

»Ja, – aber sie haben einen Fehler. Sage mir, was für ein Fehler ist dies.«

»Sie sind nicht so stark markiert als sie es sein könnten.«

»Abermals richtig – und meine Augen?«

»Sind braune Augen, große Augen, wachsame Augen, die sich fortwährend umschauen, Augen, die bald sehr sanft, bald wieder sehr lebendig sein können. Zärtliche und helle Augen, gerade wie in dem gegenwärtigen Augenblick, aber fähig, auf einen sehr leichten Anreiz hin, sich ein wenig zu weit zu öffnen und etwas allzufunkelnd entschlossen auszusehen.«

»Dann hüte dich, ihnen dieses Aussehen jetzt mitzuteilen! Was gibt es unter den Augen?«

»Eine Nase, die nicht ganz groß genug ist, um mit ihnen in richtigem Verhältnis zu stehen – eine Nase, die einen leichten Hang besitzt, das zu sein, was man eine –«

»O sprich dieses abscheuliche Wort nicht aus! Schone meine Empfindlichkeit wenigstens insoweit daß du es ins Französische übersetzest. Sage retroussé und gehe über meine Nase so schnell als möglich hinweg.«

»Nun, dann muß ich bei dem Munde stehen bleiben und gestehe, daß dieser der Vollkommenheit so nahe als möglich kommt. Die Lippen sind von lieblicher Form, von frischer Farbe und von unwiderstehlichem Ausdruck. Sie lächeln auf meinem Bilde und ich bin überzeugt, daß sie auch jetzt mich anlächeln.«

»Wie konnte sie auch anders, wenn sie so gelobt werden? Meine Eitelkeit flüstert mir übrigens zu, daß ich am besten tun werde, wenn ich meine Katechisation hier schließe. Wenn ich von meiner Gesichtsfarbe spreche, so werde ich bloß hören, daß sie von der dunkeln Gattung und daß niemals Rot genug darin ist, ausgenommen, wenn ich gehe oder reite, oder verlegen oder zornig bin. Wenn ich eine Frage über meinen Wuchs riskiere, so werde ich die furchtbare Antwort erhalten: Du bist auf gefährliche Weise zur Wohlbeleibtheit geneigt. Wenn ich sage: Wie kleide ich mich? So wird man mir sagen: Nicht bescheiden genug; du liebst die bunten Farben wie ein Kind. – Nein, ich will lieber keine Fragen mehr wagen. Doch, Eitelkeit beiseite, Lenny, ich bin so froh, so stolz, so glücklich, zu finden, daß du das Bild meines Ich so deutlich in der Erinnerung bewahren kannst. Ich werde nun alles Mögliche tun, um so auszusehen und mich so zu kleiden, daß ich mit deiner letzten Erinnerung an mich übereinstimme. Mein innigst Geliebter, ich will dir Ehre machen – ich will versuchen, ob ich nicht machen kann, daß man dich um dein Weib beneidet. Du verdienst hunderttausend Küsse dafür, daß du deinen Katechismus so gut gekonnt – und hier hast du sie.«

Während Mistreß Frankland ihrem Gatten den Lohn seines Verdienstes auszahlte, machte sich das Geräusch eines schwachen, höflich bedeutsamen Hustens in einem Winkel des Zimmers schüchtern hörbar.

Mit der Schnelligkeit, die alle ihre Handlungen kennzeichnete, sich augenblicklich herumdrehend, sah Mistreß Frankland zu ihrem Schrecken und ihrer Entrüstung sich Miß Mowlem gegenüber, welche dicht an der Schwelle stand – mit einem Brief in der Hand und einem Erröten sentimentaler Aufregung auf ihrem geziert lächelnden Gesicht.

»Unglückliche! Wie können Sie sich unterstehen, hereinzukommen, ohne erst anzupochen!« rief Rosamunde, indem sie mit dem Fuße stampfend aufsprang und in einem Augenblick von der Höhe der Zärtlichkeit auf die Höhe des Zornes übersprang.

Miß Mowlem zitterte schuldbewußt vor den funkelnden zornigen Augen, die sie durch und durch schaueten, ward sehr bleich, hielt entschuldigend den Brief hin und sagte in ihrem schüchternsten Tone, es täte ihr sehr leid.

»Leid!« rief Rosamunde, indem sie durch die Entschuldigung noch mehr erbittert ward, als sie durch die Überrumpelung gewesen und dies durch ein zweites Stampfen mit dem Fuße zu erkennen gab. »Wer fragt danach, ob es Ihnen leid tut oder nicht – ich mag nichts davon wissen. In meinem Leben bin ich nicht so beleidigt worden – niemals, Sie gemeines, neugieriges, spionierendes Geschöpf !«

»Rosamunde! Rosamunde! Ich bitte, vergiß dich nicht!« mischte sich Mr. Franklands ruhige Stimme ein.

»Lenny, mein Geliebter, ich kann nicht anders! Dieses Geschöpf könnte einen Engel wütend machen. Sie hat uns belauert solange wir hier sind – ja, das haben Sie getan, Sie ungebildetes, rohes Frauenzimmer! Ich argwohnte es schon längst – nun bin ich überzeugt. Sollen wir unsere Türen verschließen, um uns vor Ihnen zu sichern? – Wir werden unsere Türen nicht verschließen. Bringen Sie unsere Rechnung. Wir kündigen hiermit. Mr. Frankland kündigt Ihnen – nicht wahr, du kündigst, Lenny? – Ich werde alle deine Sachen selbst einpacken; sie soll nichts davon anrühren. Gehen Sie hinunter und machen Sie unsere Rechnung und sagen Sie Ihrer Mutter, daß wir kündigen. Mr. Frankland sagt, er wolle sich nicht ohne weiteres in seinem Zimmer überfallen und neugierige Frauenzimmer an seinen Türen horchen lassen. Und ich sage das auch. Legen Sie diesen Brief auf den Tisch – wenn Sie ihn nicht vielleicht auch öffnen und lesen wollen. Legen Sie ihn hin, Sie keckes Frauenzimmer, und bringen Sie die Rechnung und sagen Sie Ihrer Mutter, daß wir das Haus sofort verlassen werden.«

Bei dieser furchtbaren Drohung rang Miß Mowlem, welche von Natur nicht bloß neugierig, sondern auch sanft und schüchtern war, verzweiflungsvoll die Hände und brach in einen Tränenstrom aus.

»O gütiger, barmherziger Himmel!« rief Miß Mowlem, indem sie in ihrer Verzweiflung die Decke anredete, »was wird meine Mutter sagen! Was wird nun aus mir werden! O Madame, ich glaubte, ich hätte angepocht – ich habe auch wirklich angepocht. O Madame, ich bitte demütigst um Verzeihung – ich will sie nicht wieder stören. O, Madame, meine Mutter ist eine arme Witwe und dies ist das erste Mal, daß wir diese Zimmer vermietet haben und wir haben unser ganzes Geld in die Möbel gesteckt. O Madame, o Madame, wie wird es mir ergehen, wenn Sie unser Haus verlassen!«

Hier vermochte Miß Mowlem nicht weiter zu sprechen und krampfhaftes Schluchzen trat an die Stelle der Worte.

»Rosamunde!« sagte Mr. Frankland. Es lag diesmal ein Ausdruck von Kummer ebenso wie von Zurechtweisung in seiner Stimme.

Rosamundes leises Ohr bemerkte diese Veränderung in seinem Tone sofort. Als sie nach ihm herumschaute, wechselte sie die Farbe, ihr Köpfchen senkte sich ein wenig und ihr ganzer Ausdruck änderte sich augenblicklich. Sie stahl sich mit sanft wehmütig blickenden Augen an die Seite ihres Gatten und hielt ihre Lippen liebkosend dicht an sein Ohr.

»Lenny!« flüsterte sie, »habe ich dich gegen mich erzürnt ?«

»Ich kann dir niemals zürnen, Rosamunde,« antwortete er ruhig. »Ich wünsche bloß, Geliebte, daß du dich ein wenig eher beherrscht hättest.«

»Ach, das tut mir so leid – so leid, so leid!«

Die frischen, weichen Lippen näherten sich seinem Ohre noch mehr, während sie diese reuigen Worte flüsterten und die schlaue kleine Hand kroch zitternd um seinen Hals herum und begann mit seinem Haar zu spielen.

»Es tut mir so leid und wie schäme ich mich vor mir selbst. – Aber so etwas hätte gewiß auch jeden andern Menschen ärgerlich gemacht – meinst du nicht auch, Geliebter? Und du wirst mir verzeihen – nicht wahr, Lenny, wenn ich dir verspreche, mich nie wieder so schlecht zu benehmen. – Wegen der albernen flennenden Närrin an der Tür mach dir keine Sorge,« fuhr Rosamunde fort, indem sie einen leichten Rückfall erfuhr, während sie sich nach Miß Mowlem umschaute, welche unbeweglich reuig an der Wand stand und das Gesicht mit einem eben nicht sehr weißen Taschentuche bedeckt hielt.

»Ich will die Sache mit ihr schlichten; ich will ihrem Weinen ein Ende machen! Ich will sie hinausführen, ich will alles Mögliche in der Welt tun, was freundlich gegen sie ist, dafern du mir nur verzeihst.«

»Ein paar höfliche Worte, weiter ist nichts nötig – nichts weiter als ein paar höfliche Worte,« sagte Mr. Frankland etwas kalt und gezwungen.

»Na, weinen Sie nur nicht mehr,« sagte Rosamunde, indem sie stracks auf Miß Mowlem zuging und ihr ohne weitere Umstände das Tuch von dem Gesichte zog. »Hören Sie doch auf! Es tut mir leid, daß ich gleich so in die Hitze kam – obschon Sie durchaus kein Recht hatten, hereinzukommen, ohne angepocht zu haben. Es ist nicht meine Absicht, Sie zu betrüben, oder Ihnen wieder ein unfreundliches Wort zu sagen, dafern Sie nur künftig allemal anpochen und jetzt aufhören zu weinen. So hören Sie doch nur auf, Sie langweiliges Geschöpf! Wir gehen nicht fort, wir fragen weder nach Ihrer Mutter, noch nach der Rechnung, noch nach sonst etwas. Hier haben Sie auch etwas, wenn Sie aufhören wollen zu weinen. Hier ist mein Halsband – ich sah, wie Sie es gestern umprobierten, als ich in dem Schlafzimmer auf dem Sofa lag und Sie glaubten, ich schliefe. Lassen Sie es nur gut sein. Ich bin deswegen nicht böse. Nehmen Sie das Band – nehmen Sie es als ein Friedenszeichen, wenn Sie es nicht als ein Geschenk annehmen wollen. Sie sollen es nehmen! – Nein, so wollte ich nicht sagen – ich wollte sagen, seien Sie so gut, es zu nehmen. So habe ich es Ihnen angesteckt, und nun geben Sie mir die Hand und seien Sie wieder freundlich, und gehen Sie hinauf und sehen Sie, wie es sich im Spiegel ausnimmt.«

Mit diesen Worten öffnete Mistreß Frankland die Tür, gab unter dem Vorwand eines Klopfens auf die Schulter der verblüfften und verlegenen Miß Mowlem einen gutmütigen Schub, machte die Tür wieder zu und nahm einen Augenblick darauf wieder ihren Platz auf dem Knie ihres Gatten ein.

»Ich habe die Sache ausgeglichen, Geliebter,« sagte sie. »Ich habe die neugierige Närrin mit meinem hellgrünen Bande fortgeschickt – sie sieht in demselben so gelb aus wie eine Guinee und so häßlich wie –«

Rosamunde schwieg plötzlich und blickte Mr. Frankland unruhig ins Gesicht.

»Lenny!« sagte sie wehmütig, indem sie ihre Wange an die seine legte. »Bist du mir noch böse?«

»Meine Geliebte, ich bin dir nie böse gewesen. Ich kann das nie sein. Ich will mich in Zukunft stets zu mäßigen suchen, Lenny.«

»Ich bin überzeugt, daß du es tun wirst, Rosamunde. Doch lassen wir das. Ich dachte jetzt nicht an deine heftige Gemütsart.«

»Woran dachtest du denn?«

»An die Entschuldigung, welche du Miß Mowlem machtest.«

»Sagte ich nicht genug? Ich will sie zurückrufen, wenn du es wünschest – ich will noch eine reuige Rede halten – ich will alles tun, nur sie nicht küssen. Das kann ich wirklich nicht – ich kann jetzt niemand küssen als dich.«

»Meine geliebte Rosamunde, wie kindisch bist du doch in gewissen Dingen! Du sagtest zu Miß Mowlem mehr als genug – weit mehr. Und wenn du es nicht übel nimmst, so muß ich sagen, daß du dich bei deiner Großmut und Gutmütigkeit diesem Mädchen gegenüber ein wenig vergaßest. Ich meine nicht sowohl, daß du ihr das Band schenktest – obschon dies vielleicht mit etwas weniger Vertraulichkeit hätte geschehen können – wohl aber schließe ich aus dem, was du sagtest, daß du sogar so weit gingest, ihr die Hand zu drücken.«

»War das nicht recht? Ich glaubte, dies sei die freundlichste Art und Weise, die Sache zu schlichten.«

»Liebe Rosamunde, unter Personen gleichen Ranges ist dies eine ganz vortreffliche Weise, etwas beizulegen. Bedenke aber den Unterschied zwischen deiner Stellung in der Gesellschaft und Miß Mowlems.«

»Ich will es mir überlegen, wenn du es wünschest, Geliebter. Ich glaube aber, ich gerate nach meinem Vater, der sich – der gute alte Mann – niemals um Verschiedenheit des Ranges bekümmert. Ich kann nicht umhin, Leute gern zu haben, welche freundlich gegen mich sind, ohne daß ich daran denke, ob sie an Rang über oder unter mir stehen, und als ich mich wieder beruhigt hatte, fühlte ich, wie ich gestehen muß, mich darüber, daß ich diese unglückliche Miß Mowlem in Schrecken und Angst gejagt hatte, ebenso ärgerlich als wenn sie demselben Stande angehört hätte wie ich. Ich werde mich allerdings bemühen, so zu denken wie du, Lenny, aber ich fürchte sehr, daß ich, ohne recht zu wissen wie, das geworden bin, was die Zeitungen einen Radikalen nennen.«

»Meine liebe Rosamunde, sprich nicht auf diese Weise von dir selbst, auch im Scherz nicht. Du solltest von allen Menschen in der Welt der letzte sein, der diese Rangesunterschiede untereinander mengt, von welchen das ganze Wohl der Gesellschaft abhängt.«

»Ist das wirklich der Fall? Und dennoch, Geliebter, scheinen wir doch nicht mit so gewaltigen Unterschieden geschaffen zu sein. Wir haben alle dieselbe Anzahl von Händen und Füßen, wir sind alle hungrig und durstig – im Sommer wird es uns allen heiß und im Winter frieren wir alle. Wir lachen alle, wenn wir vergnügt sind, und weinen, wenn wir Kummer fühlen – mit einem Worte, wir haben alle dieselben Gefühle, mögen wir nun hoch oder tief in der Gesellschaft stehen. Ich hätte dich nicht inniger lieben können, Lenny, als ich jetzt tue, wenn ich eine Herzogin, und nach nicht weniger als ich jetzt tue, wenn ich eine Magd gewesen wäre.«

»Liebe Rosamunde, eine Magd bist du nicht und in Bezug auf das, was du von einer Herzogin sprichst, muß ich dich daran erinnern, daß du nicht so tief unter einer Herzogin stehst als du zu glauben scheinst. Manche Dame von hohem Titel kann nicht auf eine solche Reihe von Ahnen zurückschauen wie die Deinigen. Die Familie deines Vaters, Rosamunde, ist eine der ältesten in England – selbst die Familie meines Vaters reicht kaum so weit zurück und wir waren begüterte Landedelleute, als mancher Name, der jetzt die Pairswürde besitzt, noch gar nicht genannt ward. Es ist wirklich lächerlich ungereimt, dich von dir selbst als einer Radikalen sprechen zu hören.«

»Ich will nicht wieder so von mir sprechen, Lenny – nur mach’ kein so ernsthaftes Gesicht. Ich will ein Tory sein, Geliebter, wenn du mir einen Kuß geben und mich noch eine Weile auf deinem Knie sitzen lassen willst.«

Mr. Franklands Ernsthaftigkeit vermochte nicht gegen den Wechsel der politischen Grundsätze seiner Gattin und die Bedingungen Stand zu halten, welche sie daran knüpfte. Sein Gesicht heiterte sich auf und er lachte fast ebenso fröhlich wie Rosamunde selbst.

»Apropos,« sagte er, nachdem eine kleine Pause ihm Zeit gegeben, seine Gedanken zu sammeln, »hörte ich dich nicht zu Miß Mowlem sagen, sie solle einen Brief auf den Tisch legen? Ist der Brief an dich oder an mich?«

»Ach, das hab’ ich ganz vergessen,« sagte Rosamunde, an den Tisch eilend. »Der Brief ist an dich, Lenny – und ach mein Himmel! Er trägt das Postzeichen Porthgenna.«

»Dann muß er von dem Baumeister sein, den ich wegen der Reparaturen dorthin geschickt habe. Leihe mir deine Augen, Rosamunde, und laß uns hören, was er sagt.«

Rosamunde öffnete den Brief, zog einen Schemel zu den Füßen ihres Gatten, setzte sich nieder, legte ihre Arme auf seine Knie und las wie folgt:


>»An Leonard Frankland, Esq

»Sir! – In Gemäßheit der Instruktion, welche Sie die Güte hatten, mir zu erteilen, habe ich Porthgenna Tower in genauen Augenschein genommen, um zu ermitteln, welche Reparaturen das Haus im Allgemeinen und die nördliche Seite desselben besonders bedarf. Was die Außenseite betrifft, so braucht das Gebäude weiter nichts als ein wenig Abputzen und Anstreichen. Die Mauern und das Fundament sind wie für eine ewige Dauer bestimmt, und noch niemals habe ich so feste, massive Mauerarbeit gesehen.

»Was das Innere des Hauses betrifft, so kann ich jedoch hierüber keinen so günstigen Bericht erstatten. Die Zimmer im westlichen Teile, welche während der Zeit von Kapitän Trevertons Anwesenheit bewohnt und später von den mit der Aufsicht über das Haus beauftragten Personen gut in Ordnung gehalten worden, befinden sich in ganz leidlichem Zustande. Zweihundert Pfund würden, glaube ich, hinreichen, um die Kosten für alle in mein Fach schlagenden Reparaturen, deren diese Zimmer bedürfen, zu decken. Diese Summe würde jedoch nicht die Wiederherstellung der westlichen Treppe einschließen, die an mehreren Stellen zusammengebrochen und deren Geländer vom ersten bis zum zweiten Absatze sehr unsicher ist. Fünfundzwanzig bis dreißig Pfund würden jedoch genügen, um auch hier alles wieder in gehörige Ordnung zu bringen.

»In den Zimmern der Nordseite ist der Zustand von Verfall in jeder Beziehung so arg, als er nur sein kann. So viel ich habe ermitteln können, ist zu Kapitän Trevertons Zeit niemals jemand diesen Zimmern zu nahe gekommen und auch später sind sie von keinem Menschen betreten worden. Die Leute, welche jetzt das Haus bewohnen, haben eine abergläubische Furcht, irgend eine der nördlichen Türen zu öffnen, weil gar zu lange Zeit verstrichen ist, seitdem kein lebendes Wesen sie passiert hat. Niemand erbot sich, mich bei meiner Musterung zu begleiten und niemand konnte mir sagen, welche Schlüssel zu den Zimmertüren in irgend einem Teile des nördlichen Flügels gehörten. Ich fand auch keinen Plan, der die Namen oder Nummern dieser Zimmer enthalten hätte, und ebenso wenig waren zu meiner Überraschung Nummern oder Aufschriften an den einzelnen Schlüsseln befestigt. Man gab sie mir alle an einem großen Ringe hängend, mit einem Elfenbeintäfelchen daran, auf welchem bloß die Worte: ‚Schlüssel zu den nördlichen Zimmern’ zu lesen waren.

»Ich nehme mir die Freiheit, diese Einzelheiten zu erwähnen, um zu erklären, weshalb ich, wie Sie vielleicht glauben, meinen Aufenthalt in Porthgenna Tower länger ausgedehnt habe als es nötig war. Ich brachte beinahe einen ganzen Tag damit zu, die Schlüssel von dem Ringe abzunehmen und sie aufs Geratewohl in die Schlösser der Türen einzupassen. Ebenso war ich einige Stunden des nächstfolgenden Tages damit beschäftigt, jede Tür auswendig mit einer Nummer zu versehen und eine eben solche an jedem Schlüssel zu befestigen, ehe ich ihn wieder in den Ring brachte, um der Möglichkeit fernerer Irrtümer und Weitläufigkeiten vorzubeugen.

»Da ich hoffe, Ihnen in einigen Tagen einen speziellen Anschlag über die in dem nördlichen Teile des Schlosses vom Erdgeschoß an bis unter das Dach notwendigen Reparaturen vorzulegen, so brauche ich hier bloß noch zu sagen, daß diese Reparaturen einige Zeit in Anspruch nehmen und von sehr ausgedehnter Art sein werden. Die Balken des ersten Stockwerks sind von der Trockensäule angegriffen. Die Feuchtigkeit in einigen Zimmern und die Ratten in andern haben das Wandgetäfel fast ganz zerstört. Vier der Kaminsimse haben sich von der Wand gelöst und die Zimmerdecken sind entweder mit Moderflecken bedeckt, oder geborsten, oder in ausgedehntem Maße abgebröckelt. Der Fußboden ist im Allgemeinen in besserem Zustande als ich erwartet hatte, die Fensterläden und Rahmen aber haben sich so krumm gezogen, daß sie nicht mehr zu gebrauchen sind.

»Ich halte es für meine Pflicht zu erklären, daß die Kosten für Instandsetzung aller dieser Dinge – das heißt um diese Zimmer sicher und bewohnbar zu machen und sie in geeignetem Zustand für den Tapezierer zu setzen – sehr beträchtlich sein werden. Ich möchte mir daher für den Fall, daß Sie von der Summe meines Kostenanschlages überrascht oder unzufrieden damit sind, den Vorschlag erlauben, daß Sie mir einen Freund, in welchen Sie Vertrauen setzen, namhaft machen, damit derselbe mit meinem Anschlage in der Hand mich auf einem Gange durch die nördlichen Zimmer begleite. Ich mache mich anheischig, dann, dafern es gewünscht wird, die Notwendigkeit jeder einzelnen Reparatur und die Richtigkeit jedes besondern Ansatzes für dieselbe zur Zufriedenheit jedes unparteiischen Sachverständigen, den Sie deshalb zu beauftragen belieben, nachzuweisen.

»In der Hoffnung, Ihnen diesen Kostenanschlag binnen einigen Tagen übersenden zu können, bin ich Ihr gehorsamster Diener



    »Thomas Horlock.«

»Das ist ein sehr ehrlicher, gerade mit der Sprache herausgehender Brief,« sagte Mr. Frankland.

»Ich wollte, der Baumeister hätte den Kostenanschlag gleich mitgeschickt,« sagte Rosamunde. »Warum konnte der fatale Mann uns nicht sogleich in runder Summe sagen, was die Reparaturen wirklich kosten werden?«

»Ich vermute, liebe Rosamunde, er hat gefürchtet, uns zu erschrecken, wenn er uns den Betrag in runder Summe nennt.«

»Das abscheuliche Geld! Es kommt einem immer in den Weg und vereitelt alle Pläne. Wenn wir nicht genug haben, so wollen wir welches von jemand borgen. Gedenkst du einen Freund nach Porthgenna zu schicken, damit derselbe das Haus mit Mr. Horlock besichtige? Wenn dies der Fall wäre, so wüßte ich, wen du schicken könntest.«

»Wen denn?«

»Mich, wenn du willst – natürlich unter deiner Eskorte. Lache nur nicht, Lenny; ich würde Mr. Horlock scharf ins Gebet nehmen, gegen jeden seiner Ansätze Einspruch erheben und ihn unerbittlich in die Enge treiben. Ich sah einmal einen Taxator ein Haus durchgehen und weiß ganz genau, was dabei zu tun ist. Man stampft mit dem Fuße auf die Diele und pocht an die Wände und kratzt an der Mauer und guckt alle Kamine hinauf und zu allen Fenstern hinaus – zuweilen macht man Notizen in ein kleines Buch, zuweilen mißt man mit einer Schmiege, zuweilen setzt man sich plötzlich nieder und versinkt in tiefes Nachdenken – und das Ende von allem ist, daß man sagt, das Haus werde sich sehr gut machen, wenn der Besitzer den Beutel ziehen und es in gehörigen Stand setzen lassen wolle.«

»Sehr gut, Rosamunde. Du besitzest noch ein Talent mehr als ich wußte und ich glaube, ich habe nun keine andere Wahl, als dir Gelegenheit zu geben, es zu entwickeln. Ich habe nichts dagegen, Rosamunde, daß du mit einem Manne vom Fache als Beistand die wichtige Aufgabe übernimmst, Mr. Horlocks Kostenanschlag soviel als möglich zu reduzieren; ich habe nichts dagegen, daß du sobald du Lust hast, einen kurzen Besuch in Porthgenna machst – besonders da ich jetzt weiß, daß die westlichen Zimmer noch bewohnbar sind.«

»O wie freundlich von dir! Welches Vergnügen wird mir dies machen! Ich werde mich freuen, das alte Haus noch einmal zu sehen, ehe Veränderungen damit vorgenommen werden! Ich war erst fünf Jahre alt, Lenny, als wir Porthgenna verließen, und ich bin höchst neugierig zu sehen, was ich mir davon nach einer so langen, langen Abwesenheit noch gemerkt habe. Weißt du wohl, daß ich von jenem verfallenen nördlichen Flügel des Hauses nie etwas gesehen? Und doch bin ich so ganz vernarrt in altertümliche Zimmer. Wir wollen sie alle durchwandern, Lenny. Du sollst dich an meine Hand halten und mit meinen Augen sehen und ebenso viele Entdeckungen machen wie ich. Ich prophezeie, daß wir Gespenster sehen und Schätze finden und geheimnisvolle Geräusche hören werden. Und, o Himmel! welche Staubwolken werden wir durchzumachen haben. – Uff! Schon der Gedanke daran droht mich zu ersticken.«

»Jetzt, da wir einmal auf Porthgenna zu sprechen gekommen sind, Rosamunde, laß uns einen Augenblick lang ernsthaft sein. Mir ist es klar, daß diese Reparatur der nördlichen Zimmer eine bedeutende Summe Geldes kosten wird. Nun aber, liebe Rosamunde, betrachte ich keine Summe, wie groß sie auch sein möge, als übel angewendet, dafern sie dir Vergnügen verschafft. Ich bin mit Herz und Seele bei dir –«

Er schwieg. Die liebkosenden Arme seines Weibes schlangen sich wieder um ihn und ihre Wange lehnte sich sanft an die seine.

»Sprich weiter, Lenny,« sagte sie mit einem solchen Ausdruck von Zärtlichkeit in diesen drei einfachen Worten, daß ihm für den Augenblick die Sprache versagte und sein ganzes Gefühl in den einen Luxusgenuß des Hörens versenkt zu sein schien.

»Rosamunde,« flüsterte er, »es gibt in der Welt keine Musik, die mich so berührte, wie deine Stimme mich jetzt berührt. Ich fühle sie durch mein ganzes Sein hindurch, wie ich zuweilen zu der Zeit, wo ich noch sehen konnte, des Nachts den Himmel zu fühlen pflegte.«

Während er sprach, schlossen die liebkosenden Arme sich fester um seinen Hals und die brennenden Lippen nahmen die Stelle ein, wo bis jetzt die Wange gelegen.

»Sprich weiter, Lenny,« wiederholten sie jetzt nicht bloß zärtlich, sondern glücklich; »Du sagtest, du wärest mit Herz und Seele bei mir – worin?«

»In deinem Plane, liebe Rosamunde, deinen Vater zu bewegen, sich nach seiner letzten Reise von seinem Beruf zurückzuziehen, und in deiner Hoffnung, ihn zu überreden, den Abend seiner Tage glücklich bei uns in Porthgenna zu verleben. Wenn das Geld, welches für die Instandsetzung der nördlichen Zimmer zu verwenden wäre, damit wir alle in Zukunft darin leben könnten, die Erscheinung dieses Hauses in seinen Augen wirklich so veränderte, daß dadurch die alten, kummervollen Erinnerungen, die sich für ihn daran knüpfen, zerstreut würden und das Wohnen dort ihn wieder zur Freude anstatt zur Qual gereichte, so würde ich das Geld als das gut angewendet betrachten. Aber, Rosamunde, bist du des Gelingens deines Planes, ehe wir denselben in Angriff nehmen, auch gewiß? Hast du gegen deinen Vater hinsichtlich unserer Pläne mit Porthgenna irgend eine Andeutung fallen lassen?«

»Ich sagte ihm, Lenny, daß ich mich nicht eher ganz zufrieden fühlen würde, als bis er die See verließe und seinen Wohnsitz bei uns nähme – und er sagte, er wolle es tun. Über Porthgenna erwähnte ich kein Wort – er auch nicht – aber er weiß, daß wir dort wohnen werden, wenn wir uns häuslich einrichten, und er stellte keine Bedingungen als er versprach, daß unsere Heimat auch seine Heimat sein solle.«

»Ist der Verlust deiner Mutter die einzige traurige Erinnerung, die er an diesen Platz hat?«

»Nicht ganz. Es gibt auch noch etwas, was niemals erwähnt worden ist, aber was ich dir erzählen kann, weil keine Geheimnisse zwischen uns bestehen dürfen. Meine Mutter hatte nämlich eine Lieblingsdienerin, welche von der Zeit ihrer Verheiratung an bei ihr gewesen und die zufällig die einzige im Zimmer anwesende Person war, als sie starb. Ich entsinne mich noch dieses Frauenzimmers in unklarer kindischer Weise. Sie war sonderbar in ihrer äußern Erscheinung und in ihrem Benehmen, und kein großer Günstling bei irgend jemand im Hause, ausgenommen bei ihrer Herrin. An dem Morgen des Todestages meiner Mutter verschwand diese Dienerin nun auf die seltsamste Weise aus dem Hause, indem sie einen höchst eigentümlichen und geheimnisvollen Brief an meinen Vater zurückließ, worin sie behauptete, es sei ihr in den letzten Augenblicken meiner sterbenden Mutter ein Geheimnis anvertraut worden, welches sie beauftragt sei, ihrem Herrn mitzuteilen, sobald ihre Herrin nicht mehr wäre. Sie fügte hinzu, sie scheue sich, von diesem Geheimnis zu sprechen, und um allem Ausfragen darnach auszuweichen, habe sie beschlossen, das Haus auf immer zu verlassen. Sie war auch wirklich schon einige Stunden fort, als der Brief gefunden und geöffnet ward, und man hat seit dieser Zeit nie wieder etwas von ihr gesehen oder gehört. Dieser Umstand schien auf das Gemüt meines Vaters einen fast ebenso starken Eindruck zu machen wie der Tod meiner Mutter. Unsere Nachbar- und Dienstleute glaubten alle – ebenso wie ich – daß diese Person nicht recht bei Verstande gewesen sei, mein Vater aber war dieser Ansicht nicht und ich weiß, daß er den Brief von jener Zeit an bis jetzt weder vernichtet noch vergessen hat.«

»Ein seltsamer Umstand, Rosamunde – ein sehr seltsamer Umstand und ich wundre mich nicht, daß derselbe einen dauernden Eindruck auf ihn gemacht hat.«

»Verlaß dich darauf, Lenny, die Diener und die Nachbarn hatten Recht – das Weib war nicht recht bei Sinnen. Auf jeden Fall war es aber ein eigentümliches Ereignis in unserer Familie. Alle alten Häuser haben ihre Romantik und dies ist die Romantik unseres Hauses. Es sind aber seitdem viele Jahre vergangen und teils in Folge der Zeit, teils in Folge der Veränderungen, die wir vorzunehmen in Begriff stehen, fürchte ich nicht, daß mein guter, lieber Vater unsere Pläne vereiteln werde. Gib ihm einen neuen nördlichen Garten in Porthgenna, wo er, wie er es nennt, auf dem Deck herumspazieren kann – gib ihm neue nördliche Zimmer, um darin zu wohnen – und ich stehe für das gute Ergebnis. Doch alles dies gehört der Zukunft an; laß uns jetzt zur Gegenwart zurückkehren. Wann werden wir unsern fliegenden Besuch in Porthgenna machen, Lenny, und uns in die wichtige Aufgabe stürzen, Mr. Horlocks Kostenanschlag über die Reparaturen in gehörige Schranken zu bannen?«

»Wir haben noch drei Wochen hier zu bleiben, Rosamunde.«

»Ja, und dann müssen wir nach Long Beckley zurückkehren. Ich versprach jenem besten und dicksten aller Männer, dem Vikar, daß wir unsern ersten Besuch bei ihm abstatten würden. Unter drei Wochen oder einem Monat läßt er uns ganz gewiß nicht fort.«

»In diesem Falle wird es am besten sein, wenn wir sagen, daß unser Besuch in Porthgenna in zwei Monaten, von jetzt an gerechnet, stattfinden solle. Ist deine Schreibmappe im Zimmer, Rosamunde?«

»Ja, sie liegt dicht neben uns auf dem Tische.«

»Nun dann schreib an Mr. Horlock und bestimme eine Zusammenkunft nach zwei Monaten in dem alten Hause. Sage ihm auch, da wir uns unsicheren Treppen nicht anvertrauen könnten – besonders in Erwägung, daß ich auf Geländer angewiesen bin – so solle er die westliche Treppe unverweilt in Stand setzen lassen. Und da du dann einmal die Feder in der Hand hast, so wird es dir vielleicht künftige Mühe sparen, wenn du gleich ein zweites Briefchen an die Haushälterin in Porthgenna schreibst und ihr meldest, wenn sie uns erwarten kann.«

Rosamunde setzte sich heiter an den Tisch und tauchte mit einer kleinen triumphierenden Bewegung die Feder in die Tinte.

»In zwei Monaten,« rief sie fröhlich, »in zwei Monaten soll ich den lieben alten Ort wiedersehen! In zwei Monaten, Lenny, werden unsere profanen Füße in den Einöden der nördlichen Zimmer den Staub aufwirbeln.«




Sechstes Kapitel

Timon von London


Timon von Athen zog sich von der undankbaren Welt in eine Grotte am Meeresstrande zurück. Timon von London flüchtete sich vor seines Gleichen in ein vereinzelt stehendes Haus in Bayswater.

Timon von Athen machte seiner Misanthropie in prachtvollen Versen Luft – Timon von London gab seine Gefühle und Meinungen in schäbiger Prosa zu erkennen.

Timon von Athen hatte die Ehre, »mein hoher Herr« genannt zu werden – Timon von London ward nur als »Mr. Treverton« angeredet.

Die einzige Ähnlichkeit, welche diesen mehrfachen Kontrasten zwischen den beiden Timons entgegengesetzt werden konnte, bestand darin, daß ihre Menschenfeindlichkeit wenigstens echt war. Beide waren unverbesserliche Menschenhasser.

Andrew Trevertons Charakter hatte von seiner Kindheit an jene stark unterscheidenden, einander widerstreitenden und oft in Konflikt geratenden Kennzeichen von Gut und Schlecht dargeboten, welche die Sprache der Welt nach ihrer sorglosen verächtlichen Weise in das einzige Wort exzentrisch zusammenfaßt.

Es gibt wahrscheinlich keinen bessern Beweis von der Richtigkeit jener Definition vom Menschen, welche ihn als ein nachahmendes Tier beschreibt, als den, der in der Tatsache liegt, daß das Urteil der Welt stets gegen jedes einzelne Individuum gerichtet ist, welches sich herausnimmt, von den übrigen abzuweichen.

Ein Mensch ist ein Bestandteil einer Herde und seine Wolle muß von der allgemeinen Farbe sein. Er muß trinken, wo die übrigen trinken, und grasen, wo die übrigen grasen. Wenn die andern durch einen Hund erschreckt werden und fortrennend mit dem rechten Beine zuerst die Flucht ergreifen, so muß auch er durch einen Hund erschreckt werden und bei der Flucht sich ebenfalls des rechten Beins zuerst bedienen. Erschrickt er nicht oder ergreift, wenn er auch erschrickt, doch die Flucht nicht in derselben Weise wie die übrigen, so wird dies sofort als ein Beweis betrachtet, daß es mit ihm nicht ganz richtig ist.

Es gehe nur einer mittags mit vollkommener Gelassenheit in seinen Mienen und ganz anständig in seinem Benehmen, ohne den mindesten Anschein von Geistesverwirrung in seinen Augen oder in seinem Wesen, aber ohne Hut, von dem einen Ende der Oxfordstreet bis zum andern, und man frage dann einen Jeden der Tausende von huttragenden Leuten, an welchen er vorübergeht, was sie von ihm denken. Wie viele werden sich dann wohl enthalten, sofort zu erklären, er sei übergeschnappt, obschon sie keinen andern Beweis dafür haben als seinen unbedeckten Kopf?

Ja, noch mehr – man lasse ihn höflich einen jeden dieser Vorübergehenden anreden und ihm in den schlichtesten Worten und in der verständigsten Weise auseinander setzen, daß sein Kopf sich ohne Hut weit leichter und behaglicher fühlt als mit einem solchen, wie viele seiner Mitmenschen, welche bei der ersten Begegnung mit ihm erklärten, er sei übergeschnappt, werden, nachdem sie diese Erklärung vernommen, anderer Meinung sein, wenn sie sich von ihm trennen? In der überwiegenden Mehrheit der Fälle würde die Erklärung selbst als ein ganz vortrefflicher neuer Beweis betrachtet werden, daß der Verstand des hutlosen Mannes unbestreitbar gelitten habe.

Da Andrew Treverton gleich beim Beginn des Lebensmarsches mit der übrigen Mannschaft des sterblichen Regiments nicht Schritt hielt, so mußte er auch gleich von seinen frühesten Tagen an die Strafe für diese Unregelmäßigkeit bezahlen. In der Kinderstube war er ein Phänomen, in der Schule eine Zielscheibe und auf der Universität ein Schlachtopfer. Die unwissende Kindermagd erklärte ihn für ein »putziges Kind«; der gelehrte Schulmeister drückte die Sache etwas artiger aus und schilderte ihn als einen exzentrischen Knaben; der Studienmeister auf der Universität blies ebenfalls mit in das Horn der Andern, verglich aber witzigerweise Andrews Kopf mit einem Dach und sagte, es müsse einen Sparren zu viel haben. Wenn aber ein Dach einen Sparren zu viel hat und derselbe ist nicht gehörig fest gemacht, so muß er zuletzt herunterfallen. An dem Dache eines Hauses betrachten wir, wenn so etwas passiert, dies als eine notwendige Folge von Vernachlässigung; an dem Dache eines Menschenkopfes dagegen werden wir dadurch in der Regel sehr in Erstaunen und Schrecken gesetzt.

Nach einigen Richtungen hin übersehen und in anderen falsch geleitet, versuchten Andrews ungeschlachte Fähigkeiten zum Guten sich in hilfloser Weise selbst zu gestalten.

Die bessere Seite seiner Exzentrität nahm die Form von Freundschaft an. Er fühlte sich auf ganz unerklärliche Weise zu einem seiner Schulkameraden hingezogen – einem Knaben, der ihm auf dem Spielplatz keine besondere Rücksicht angedeihen ließ und ihm auch in der Schule selbst von keinem besondern Nutzen war.

Niemand konnte auch nur den mindesten Grund zu dieser Freundschaft entdecken, nichtsdestoweniger aber war es eine notorische Tatsache, daß Andrews Taschengeld diesem Knaben stets zu Diensten stand, daß Andrew hinter ihm herlief wie ein Hund und daß Andrew sehr häufig die Schuld und Strafe, welche seinen Freund hätte treffen sollen, auf sich selbst nahm.

Als einige Jahre später dieser Freund auf die Universität ging, bat Andrew darum, auch auf die Universität geschickt zu werden, und attachierte sich hier enger als je an den seltsam gewählten Kameraden seiner Schulzeit.

Eine solche Anhänglichkeit hätte Jeden rühren müssen, der nur einen gewöhnlichen Grad von edler Denkweise besessen hätte; auf die von Haus aus gemeine Natur des unwürdigen Freundes aber machte sie durchaus keinen Eindruck.

Nach dreijährigem Umgang auf der Universität – einem Umgang, der auf der einen Seite nur Egoismus und auf der andern nur Selbstverleugnung war – kam das Ende und es begann vor Andrews Augen grausam zu tagen. Als seine Börse in der Hand seines Freundes leicht ward, als die Akzepte, welche er den Wechseln seines Freundes gegeben, am zahlreichsten waren, überließ der Bruder seiner redlichen Zuneigung, der Held seiner schlichten Bewunderung ihn der Verlegenheit, dem Spott und der Einsamkeit, ohne auch nur den mindesten Schein von Reue zu heucheln, ja sogar ihm ein Wort des Lebewohls zu sagen.

Andrew kehrte, nachdem ihm auf diese Weise das Leben schon beim Beginn desselben verbittert worden, in das Haus seines Vaters zurück – er kehrte zurück, um sich Vorwürfe über die Schulden machen zu lassen, die er kontrahiert, um einem Menschen zu dienen, der ihn auf die herzloseste Weise gemißbraucht und schamlos betrogen hatte.

Er verließ, mit der Ungnade seines Vaters belastet, das Haus, um mit einem geringen Taschengeld auf Reisen zu gehen. Die Reisen dauerten lange und endeten, wie dies mit solchen Reisen oft der Fall ist, mit förmlicher Entfremdung vom Vaterlande. Das Leben, welches er während seines langen Verweilens im Auslande führte, die Gesellschaft, mit welcher er umging, äußerten eine dauernde, nachteilige Wirkung auf ihn.

Als er endlich nach England zurückkam, trat er in der hoffnungslosesten aller Rollen auf – in der Rolle eines Menschen, der an nichts glaubt. Zu dieser Zeit seines Lebens lag die einzige Möglichkeit einer glücklichen Zukunft für ihn in den guten Wirkungen, welche vielleicht der Einfluß seines Bruders auf ihn äußern konnte.

Kaum aber hatten die beiden Brüder ihren frühern Umgang wieder aufgenommen, so ward demselben durch den Zwist, welchen Kapitän Trevertons Vermählung veranlaßte, auf immer ein Ende gemacht.

Von dieser Zeit an war Andrew für alle geselligen Interessen und Zwecke ein verlorener Mann. Von dieser Zeit an setzte er den letzten Vorstellungen, die ihm von den letzten Freunden, die sich für ihn interessierten, gemacht wurden, stets eine und dieselbe bittere und hoffnungslose Antwort entgegen.

»Mein liebster Freund verließ und betrog mich,« pflegte er zu sagen. »Mein einziger Bruder hat sich um einer Komödiantin willen mit mir veruneinigt. Was kann ich nach diesen Erfahrungen wohl von der übrigen Menschheit erwarten? Ich habe für meinen Glauben an Andere zweimal gebüßt – ich will nicht zum dritten Male dafür büßen. Der Klügste ist der, welcher sein Herz in seiner naturgemäßen Beschäftigung, Blut durch den Körper zu pumpen, nicht stört. Ich habe meine Erfahrungen in der Fremde und daheim gesammelt und genug gelernt, um die Täuschungen des Lebens zu durchschauen, welche den Augen anderer Menschen wie Wirklichkeit erscheinen, den meinigen aber sich schon vor Jahren in ihrer wahren Gestalt gezeigt haben. Meine Aufgabe in dieser Welt ist Essen, Trinken, Schlafen und Sterben. Alles andere ist Überfluß und ich habe nichts damit zu schaffen.«

Die wenigen Leute, welche sich, nachdem sie durch ein solches Geständnis zurückgeschreckt worden, die Mühe nahmen, sich wieder nach ihm zu erkundigen, hörten drei oder vier Jahre nach der Vermählung seines Bruders, daß er in der Nähe von Bayswater lebte.

Das Gerücht erzählte, er habe das erste beste Haus gekauft, welches durch eine ringsherumführende Mauer von allen andern Häusern abgeschnitten sei. Ferner erzählte man, er lebe wie ein Geizhals; er habe einen alten Diener namens Shrowl, der sogar ein noch größerer Menschenfeind sei als er selbst; er lasse keine lebende Seele, nicht einmal dann und wann eine Scheuerfrau, sein Haus betreten; er lasse sich den Bart wachsen und habe seinem Diener Shrowl befohlen, seinem Beispiele zu folgen.

Im Jahre 1844 ward die Tatsache, daß ein Mann sich nicht rasierte, von der aufgeklärten Mehrheit der englischen Nation als ein Beweis von Mangel an gesundem Verstand betrachtet. Gegenwärtig würde Mr. Trevertons Bart bloß seinem guten Rufe als achtbarer, solider Mann im Wege gestanden haben. Zu jener Zeit aber ward er als ein neuer Beweis der frühern Behauptung betrachtet, daß es mit ihm nicht ganz richtig sei.

Dennoch war er gerade zu dieser Zeit, wie sein Makler hätte bezeugen können, einer der gewandtesten und schlauesten Geschäftsleute in London; er verstand die falsche Seite jeder beliebigen Frage mit einem Aufwand von Sophistik und Sarkasmen zu verteidigen, um welche ihn selbst Doktor Johnson beneidet haben würde; er hielt seine Bücher bis auf den Heller in der strengsten Ordnung; sein Tun und Wesen zeigte von früh an bis abends niemals etwas Außergewöhnliches; seine Augen waren der verkörperte Scharfblick – aber was nützten ihm in dem Urteil seiner Nachbarn alle diese vortrefflichen Eigenschaften, da er sich herausnahm, auf einem andern Fuße zu leben als sie und während er ein haariges Wahnsinnszeugnis am untern Teile seines Gesichts trug?

Wir haben in Bezug auf teilweise Duldung von Bärten seit jener Zeit einen kleinen Fortschritt gemacht, aber es bleibt uns immer noch ein bedeutender Weg zurückzulegen. Würde wohl selbst jetzt der zuverlässigste Komptoirist eines Bankiers in der ganzen Hauptstadt auch nur die entfernteste Aussicht haben, seine Stelle zu behalten, wenn er aufhörte, sein Kinn zu rasieren?

Das gemeine Gerücht, welches Mr. Treverton als Wahnsinnigen verleumdete, hatte, indem es ihn als einen Geizhals schilderte, einen zweiten Irrtum zu verantworten. Er sparte mehr als zwei Dritteile des Einkommens von seinem ziemlich bedeutenden Vermögen, aber nicht weil er Gefallen daran gefunden hätte, Geld zusammenzuscharren, sondern weil er an den Bequemlichkeiten und Luxusgenüssen, auf welche man Geld zu verwenden pflegt, keinen Genuß fand. Wir müssen ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen zu sagen, daß seine Verachtung seines eigenen Reichtums ebenso aufrichtig war wie die des Reichtums seiner Nachbarn.

Indem auf diese Weise das Gerücht bei Schilderung seines Charakters nach diesen beiden Seiten hin die Unwahrheit sprach, hatte es doch wenigstens in einer Beziehung sehr inkonsequenterweise Recht, nämlich bei der Schilderung seiner Lebensweise.

Es war vollkommen gegründet, daß er das erste beste Haus gekauft, welches innerhalb seiner eigenen Mauern abgeschlossen war – es war begründet, daß niemandem unter irgendeinem Vorwand gestattet war, seine Schwelle zu überschreiten, und ebenso war es auch begründet, daß er in Mr. Shrowls Person einen Diener gefunden, der gegen die ganze Menschheit von noch bittererm Groll erfüllt war als er selbst.

Das Leben, welches diese beiden Männer führten, kam der Existenz des Urmenschen oder Wilden so nahe, als die sie umgebenden Verhältnisse der Zivilisation gestatteten. Die Notwendigkeit des Essens und Trinkens zugebend, setzte Mr. Treverton seinen Ehrgeiz vor allen Dingen darein, das Leben mit so wenig Abhängigkeit als möglich von der Menschenklasse zu erhalten, welche ein Geschäft daraus machte, für die körperlichen Bedürfnisse ihrer Nächsten zu sorgen und die, wie er glaubte, ihn eben auf Grund ihres Berufes hin auf die nichtswürdigste Weise betrog.

Da Timon von London auf der hintern Seite des Hauses einen Garten hatte, so machte er den Gemüsehändler ganz entbehrlich, indem er seinen Kohl selbst baute. Um Weizen zu bauen, hatte er nicht Land genug, sonst wäre er auch für sein alleiniges Bedürfnis Ackersmann geworden, wohl aber konnte er den Müller und den Bäcker dadurch überlisten, daß er einen Sack Getreide kaufte, dasselbe auf seiner Handmühle mahlte und das Mehl dann von Shrowl zu Brot backen ließ.

Nach demselben Prinzip ward das Fleisch von den Händlern der City im Ganzen gekauft, Herr und Diener aßen dann so viel als möglich in frischem Zustand, salzten das übrige ein und schlugen auf diese Weise den Fleischern ein Schnippchen.

Was das Getränk betraf, so hatte weder Brauer noch Schenkwirt jemals Aussicht, auch nur einen Heller aus Mr. Trevertons Tasche zu locken. Er und Shrowl begnügten sich mit Bier, und dies brauten sie selbst. Mit Brot, Gemüse, Fleisch und Malzextrakt erreichten diese beiden Eremiten der Neuzeit den großen Doppelzweck, das Leben im Körper und die Handelsleute außer dem Hause zu halten.

Wie Urmenschen essend, lebten sie auch in allen andern Beziehungen wie Urmenschen. Sie hatten Töpfe, Pfannen und Tiegel, zwei einfache hölzerne Tische, zwei Stühle, zwei alte Sofas, zwei kurze Pfeifen und zwei lange Mäntel. Dagegen hatten sie keine selbstbestimmten Essenszeiten, keine Fußteppiche und Bettstellen, keine Schränke, Büchergestelle oder zur Ausschmückung dienender Firlefanz irgendwelcher Art, keine Wäscherin und keine Scheuerfrau. Wenn einer von den beiden zu essen und zu trinken wünschte, schnitt er sich seine Brotrinde ab, kochte sich sein Stück Fleisch und zapfte sich seine Quantität Bier vom Fasse, ohne sich im mindesten um den andern zu kümmern. Wenn einer von den beiden glaubte, er brauche ein reines Hemd, was sehr selten der Fall war, so ging er und wusch sich eins. Wenn einer von den beiden entdeckte, daß irgend ein Teil des Hauses sehr schmutzig würde, so nahm er einen Eimer Wasser und einen Rutenbesen und säuberte die betreffende Lokalität wie einen Hundestall. Und endlich, wenn einer von den beiden Lust zu schlafen hatte, so wickelte er sich in seinen Mantel und legte sich auf eins der Sofas und genoß so viel Ruhe als ihm beliebte, früh am Abend oder spät des Morgens, ganz wie es ihm gutdünkte.

Wenn es nichts zu backen, zu brauen, zu pflanzen oder zu säubern gab, so setzten sich die beiden einander gegenüber und rauchten stundenlang, meistenteils ohne ein Wort zu sprechen. Sprachen sie ja miteinander, so stritten sie sich. Ihr gewöhnliches Gespräch war eine Art Wettkampf, der mit einer sarkastischen Erheuchelung von Wohlwollen auf beiden Seiten begann und mit dem heftigsten Austausch giftiger Schmähungen endete, gerade so wie Boxer erst heuchlerischerweise die Formalität durchmachen, einander die Hand zu drücken, ehe sie die ernste praktische Aufgabe beginnen, einander so zuzurichten, daß ihr Gesicht keine Ähnlichkeit mehr mit dem eines Menschen hat.

Da Shrowl nicht mit so vielen nachteiligen Folgen von Bildung und Erziehung zu kämpfen hatte wie sein Herr, so gewann er bei diesen Wettkämpfen gewöhnlich den Sieg. Überhaupt war er, obschon dem Namen nach der Diener, doch eigentlich der herrschende Geist im Hause und erlangte schrankenlosen Einfluß auf seinen Herrn dadurch, daß er diesen in jeder Beziehung auf seinem eigenen Terrain überholte.

Shrowls Stimme war die rauheste; Shrowls Ausdrücke waren die bittersten und Shrowls Bart war der längste. Hätte jemand Mr. Treverton beschuldigt, daß er im Stillen den Meinungen seines Dieners nachgäbe und das Mißfallen desselben fürchte, so würde er diese Beschuldigung mit der größten Entrüstung zurückgewiesen haben. Nichtsdestoweniger aber war es vollkommen wahr, daß Shrowl im Hause die Oberhand behauptete und daß seine Entscheidung über jede wichtige Angelegenheit sicherlich dieselbe war, zu welcher früher oder später sein Herr ebenfalls gelangte.

Die sicherste von allen Vergeltungen ist die, welche den Prahler erwartet. Mr. Treverton prahlte gern mit seiner Unabhängigkeit, und wenn die Vergeltung ihn ereilte, so nahm sie Menschengestalt an und führte den Namen Shrowl.

An einem gewissen Morgen, ungefähr drei Wochen nachdem Mistreß Frankland an die Haushälterin in Porthgenna Tower geschrieben, um die Zeit zu melden, zu welcher sie mit ihrem Gemahl dort zu erwarten wäre, stieg Mr. Treverton mit seinem sauersten Gesicht und in der menschenfeindlichsten Laune aus den obern Regionen seines Hauses in eins der Parterrezimmer herab, welches zivilisierte Bewohner wahrscheinlich das Empfangszimmer genannt haben würden.

Gleich seinem ältern Bruder war er ein langer, gutgewachsener Mann, sein hageres, fahles Gesicht aber hatte mit dem schönen, offenen, sonnverbranntem Antlitz des Kapitäns nicht die mindeste Ähnlichkeit. Niemand, der sie beisammen gesehen, hätte erraten können, daß sie Brüder waren – so vollständig waren sie in Bezug auf den Ausdruck und die Züge des Gesichts von einander verschieden.

Die bittern Erfahrungen, welche der jüngere Bruder in seiner Jugend gemacht, das unstete, ausschweifende Leben, welches er im Mannesalter geführt, die ärgerliche, unzufriedene Stimmung und die physische Erschöpfung seiner spätern Lebenstage hatten ihn so abgezehrt, daß er fast um zwanzig Jahre älter aussah als der Kapitän. Mit ungekämmtem Haar und ungewaschenem Gesicht, mit verworrenem grauen Bart und in einem alten gestickten, schmutzigen Flanellschlafrock, der um ihn herumschlotterte wie ein Sack, sah dieser Sprößling einer reichen alten Familie aus, als ob sein Geburtsort das Armenhaus und sein Lebensberuf der Handel mit alten Kleidern gewesen wäre.

Es war bei Mr. Treverton Frühstückszeit – das heißt, es war die Zeit, zu welcher er sich hungrig genug fühlte, um daran zu denken, etwas zu essen. An demselben Platze über dem Kaminsims, an welchem in einem einigermaßen kultivierten Hause ein Spiegel gehangen haben würde, hing in dem Hause Timons von London eine Speckseite. Auf dem Tisch am Kaminfeuer lag ein halbes Laib schwammig aussehenden braunen Brotes; in einer Ecke des Zimmers lag ein Faß Bier mit zwei alten zinnernen Kannen an in der Wand oben darüber eingeschlagenen Nägeln, und unter dem Herd des Kamins lag ein verräucherter alter Bratrost gerade noch so, wie er, nachdem er zum letzten Male Dienst geleistet, hingeworfen worden.

Mr. Treverton nahm ein schmieriges Einschlagemesser aus der Tasche seines Schlafrocks, schnitt ein Stück Speck ab, setzte den Bratrost über das Feuer und begann sein Frühstück zu bereiten.

Eben hatte er die Speckschnitte umgewendet, als die Tür sich öffnete und Shrowl mit der Pfeife im Munde ins Zimmer trat, um dieselbe Verrichtung vorzunehmen, welcher sein Herr oblag.

Was das Äußere betraf, so war Shrowl klein, dick, aufgedunsen und vollkommen kahl, ausgenommen an der Hinterseite seines Kopfes, wo ein Ring borstigen, eisengrauen Haares hervorragte wie ein in Unordnung geratener schmutziger Hemdkragen. Um den Mangel an Haar zu ersetzen, wuchs der Bart, den er auf Wunsch seines Herrn kultivierte, weit über das Gesicht hinweg und fiel in zwei zottigen Spitzen bis auf die Brust herab.

Er trug einen sehr alten langschößigen Schlafrock, den er einmal hundebillig auf dem Trödelmarkt gekauft, ein verschossenes gelbes Hemd mit einer breiten zerrissenen Brustkrause, an den Knöcheln aufgeschlagene Manchesterhosen und Halbstiefeln, die seit dem Tage, wo sie die Werkstatt des Schuhstickers verlassen, nie wieder gewichst worden waren.

Seine Farbe war krankhaft rot, seine dicken Lippen kräuselten sich mit boshaftem Feixen aufwärts und seine Augen hatten an Form und Ausdruck ungemein viel Ähnliches mit denen eines Spürhundes.

Ein Maler, welcher in dem Gesicht und der Gestalt eines und desselben Individuums gleichzeitig Kraft, Unverschämtheit, Häßlichkeit, Gemeinheit und Hinterlist auszudrücken gewünscht, hätte zu diesem Zweck in der ganzen Welt kein besseres Modell finden können als in der Person des würdigen Mr. Shrowl.

Weder Herr noch Diener wechselten bei der ersten Begegnung an diesem Tage ein Wort oder nahmen die mindeste Notiz von einander. Shrowl blieb, mit den Händen in den Taschen träg zuschauend, stehen und wartete, bis für ihn Platz am Feuer würde.

Mr. Treverton trug, als er fertig war, seinen Speck auf den Tisch, schnitt sich eine Rinde Brot ab und begann nun zu frühstücken. Als er den ersten Bissen hinuntergewürgt hatte, ließ er sich herab, zu Shrowl aufzublicken, der in diesem Augenblick sein Taschenmesser öffnete und sich mit schlurfendem Tritt und schläfrig gierigen Augen ebenfalls der Speckseite näherte.

»Was soll das heißen?« fragte Mr. Treverton, indem er mit Entrüstung und Erstaunen auf Shrowls Brust zeigte. »Ihr dummer Kerl habt ja ein reines Hemd an!«

»Ich danke Ihnen, Sir, daß Sie Notiz davon nehmen,« sagte Shrowl mit sarkastisch erheuchelter, übertriebener Demut. »Die Veranlassung dazu ist eine sehr freudige. Heute ist ja meines Herrn Geburtstag und da konnte ich unmöglich weniger tun als ein reines Hemd anziehen. Möge Ihnen dieser Tag noch oft wiederkehren, Sir! Vielleicht haben Sie geglaubt, ich würde nicht daran denken, daß heute Ihr Geburtstag sei? Gott segne Ihr gutes liebes Gesicht, ich würde so etwas unter keiner Bedingung vergessen haben. Wie alt werden Sie denn heute, Sir? Es ist nun eine hübsche Zeit her, Sir, seitdem Sie ein kleiner, freundlicher, dicker Junge waren mit einer Krause um den Hals und Marmorkügelchen in der Tasche und eingeknöpften Hosen und Küssen und Geschenken von Papa und Mama und Onkel und Tante an Ihrem Geburtstage. – Fürchten Sie nicht, daß ich dieses Hemd durch allzuhäufiges Waschen abnutzen werde. Ich gedenke es in Lavendelkraut bis zu Ihrem nächsten Geburtstag oder auch zu Ihrem Leichenbegängnis aufzuheben, was in Ihrem Alter ebenso wahrscheinlich ist – meinen Sie nicht auch, Sir?«

»Verschwendet kein reines Hemd an mein Leichenbegängnis,« entgegnete Mr. Treverton. »Ich habe Euch in meinem Testament kein Geld vermacht, Shrowl! Wenn ich auf dem Wege nach dem Grabe bin, seid Ihr auf dem Wege nach dem Armenhaus.«

»Haben Sie wirklich einmal Ihr Testament gemacht, Sir?« fragte Shrowl, indem er mit dem Anschein des größten Interesses im Abschneiden seiner Speckschnitte innehielt; »ich bitte gehorsamst um Verzeihung, aber ich glaubte immer, Sie scheuten sich es zu tun.«

Der Diener hatte augenscheinlich mit Absicht eine der wunden Stellen seines Herrn berührt. Mr. Treverton schlug mit seiner Brotrinde auf den Tisch und sah Shrowl zornig an.

»Ich sollte mich scheuen, mein Testament zu machen, Ihr Narr !« sagte er. »Ich mache aus Grundsatz keins und werde keins machen.«

Shrowl sägte langsam sein Stück Speck vollends los und begann eine Melodie zu pfeifen.

»Aus Grundsatz mache ich keins!« wiederholte Mr. Treverton. »Reiche Leute, welche Geld hinterlassen, sind die Säleute, welche die Saat menschlicher Verruchtheit ausstreuen. Wenn ein Mensch noch einen Funken Edelmut in seinem Gemüt hat und man denselben auszulöschen wünscht, so vermache man ihm etwas. Wenn ein Mensch schlecht ist und man ihn noch schlimmer zu machen wünscht, so setze man ihm ein Vermächtnis aus. Will man eine Anzahl Menschen zu dem Zweck, Schlechtigkeit und Unterdrückung nach großartigem Maßstabe zu befördern, zusammenbringen, so mache man ein Vermächtnis in Form einer milden Stiftung. Wünscht man einem Mädchen die beste Möglichkeit von der Welt zu verschaffen, einen schlechten Mann zu bekommen, so setze man ihr ein Vermächtnis aus. Will man junge Männer ins Verderben stürzen, will man alte Männer zu Magneten machen, welche die niedrigsten Eigenschaften der Menschheit anziehen, wünscht man, daß Eltern und Kinder, Eheleute und Geschwister einander in die Haare fallen, so vermache man ihnen Geld. Ich sollte mein Testament machen? Ich kann die Menschen nicht leiden, Shrowl, das wißt Ihr, aber dennoch hasse ich sie noch nicht so sehr, daß ich ein solches Unheil unter ihnen anrichten möchte.«

Nachdem Mr. Treverton mit diesen Worten seine Rede beendet, nahm er eine der alten zinnernen Kannen vom Nagel und erfrischte sich durch einen Trunk Bier.

Shrowl schob den Bratrost an eine reine Stelle im Feuer und kicherte sarkastisch vor sich hin.

»Wem zum Teufel sollte ich denn auch mein Geld vermachen?« hob Mr. Treverton wieder an. »Meinem Bruder, der mich jetzt für einen Unmenschen hält und mich dann für einen Narren halten und mein ganzes Geld mit Landstreicherinnen und Komödianten durchbringen würde? Oder dem Kinde jener Komödiantin, welches ich mit keinem Auge gesehen, welches erzogen ward, um mich zu hassen und welches sofort zum Heuchler werden würde, indem es des Anstandes wegen sich stellen müßte, als täte mein Tod ihm leid! Oder vielleicht Euch, Ihr menschlicher Pavian – Euch, der Ihr sofort ein Wuchergeschäft eröffnen und Witwen, Waisen und allen Unglücklichen überhaupt das Blut aussaugen würdet? Eure Gesundheit, Mr. Shrowl! Ich kann ebenso gut lachen wie Ihr, besonders da ich weiß, daß ich Euch keinen Sixpence hinterlasse.«

Shrowl begann seinerseits nun ein wenig ärgerlich zu werden. Die ironische Höflichkeit, welche er bei seinem Eintritt in das Zimmer anzunehmen beliebt, wich seiner gewohnten sauertöpfischen Laune und dem natürlichen mürrischen Ausdruck seiner Stimme.

»Ich bitte Sie, mich ungeschoren zu lassen,« sagte er, indem er sich mißmutig zu seinem Frühstück niedersetzte. »Ich bin für heute mit dem Spaßmachen fertig und möchte Ihnen vorschlagen, dasselbe zu tun. Was kann es nützen, allerhand Unsinn über Ihr Geld zu schwatzen. Irgend jemandem müssen Sie es doch hinterlassen!«

»Ja wohl, das werde ich,« sagte Mr. Treverton. »Ich vermache es, wie ich Euch schon so oft gesagt habe, dem ersten besten, den ich finden kann, welcher das Geld herzlich verachtet und deshalb durch den Besitz desselben nicht schlechter gemacht werden kann.«

»Das heißt niemandem,« grunzte Shrowl.

»Das weiß ich recht wohl,« entgegnete sein Herr.

»Aber niemandem können Sie es nicht hinterlassen,« fuhr Shrowl hartnäckig fort. »Sie müssen es jemandem hinterlassen – Sie können gar nicht anders.«

»Nicht?« sagte Mr. Treverton. »Ich sollte meinen, ich könnte damit tun, was mir beliebt. Ich kann es ja, wenn ich Lust habe, in lauter Banknoten umsetzen und in unserm Brauhause ein Freudenfeuer damit anzünden, ehe ich sterbe. Dann ginge ich aus der Welt mit dem Bewußtsein, daß ich kein Material zurückgelassen, durch welches sie noch schlechter werden könnte, als sie schon ist, und das wäre für mich ein herrlicher Trost, das kann ich Euch sagen.«

Ehe Shrowl ein Wort der Entgegnung hervorbringen konnte, ward an der Hofpforte des Hauses die Klingel gezogen.

»Geht hinaus,« sagte Mr. Treverton, »und seht was es gibt. Wenn ein Weib zu uns will, so zeigt ihr, was für eine Vogelscheuche Ihr seid und sie wird schleunigst die Flucht ergreifen; ist es ein Mann –«

»Wenn es ein Mann ist,« unterbrach Shrowl seinen Herrn, »so gebe ich ihm einen Faustschlag auf den Kopf, weil er mich bei meinem Frühstück unterbricht.«

Mr. Treverton stopfte während der Abwesenheit seines Dieners sich die Pfeife und zündete sie an. Ehe sie noch recht in Brand war, kehrte Shrowl zurück und meldete, daß ein Mann dagewesen sei.

»Habt Ihr ihm denn einen Faustschlag auf den Kopf gegeben?« fragte Mr. Treverton.

»Nein,« sagte Shrowl, »ich habe bloß seinen Brief aufgehoben. Er schob ihn unter dem Pförtchen durch und ging wieder seiner Wege. Hier ist der Brief.«

Der Brief war auf Kanzleipapier und die Adresse von einer juristischen Geschäftshand geschrieben. Als Mr. Treverton ihn öffnete, fielen zwei aus Zeitungen geschnittene Papierstreifen heraus. Der eine fiel auf den Tisch, an welchem Mr. Treverton saß, der andere flatterte bis auf den Fußboden.

Diesen letzten Streifen hob Shrowl auf und las den Inhalt durch, ohne sich erst die Mühe zu nehmen, seinen Herrn um Erlaubnis zu fragen.

Nachdem Mr. Treverton langsam einen Mund voll Tabaksrauch eingezogen und langsam wieder von sich gegeben, begann er den Brief zu lesen.

Als sein Auge auf die ersten Zeilen fiel, begannen seine Lippen an dem Mundstück seiner Pfeife auf eine Weise zu arbeiten, die bei ihm sehr ungewöhnlich war. Der Brief war nicht so lang, daß es nötig gewesen wäre, das erste Blatt umzuwenden, denn er schloß am Fuße der ersten Seite. Mr. Treverton las ihn durch bis auf die Unterschrift, sah dann die Adresse an und fing dann wieder von vorn an. Seine Lippen fuhren immer noch fort, an der Pfeifenspitze herumzuarbeiten, aber er rauchte nicht mehr.

Als er mit dem zweiten Lesen fertig war, legte er den Brief sehr sanft auf den Tisch, sah seinen Diener mit einer ungewohnten Zerstreutheit in dem Ausdrucke seiner Augen an und nahm mit einer Hand, welche ein wenig zitterte, die Pfeife aus dem Munde.

»Shrowl,« sagte er dann sehr ruhig, »mein Bruder ist ertrunken.«

»Ich weiß es,« antwortete Shrowl, ohne von dem Zeitungsstreifen aufzublicken. »Ich lese es eben hier.«

»Die letzten Worte, die er zu mir sagte, als wir uns wegen der Komödiantin stritten,« fuhr Mr. Treverton ebensowohl mit sich selbst als zu seinem Diener sprechend fort, »war, daß ich ohne ein einziges wohlwollendes Gefühl in meinem Herzen gegen irgend eine lebende Seele sterben würde.«

»Das werden Sie auch,« murmelte Shrowl, indem er den Streifen umdrehte, um zu sehen, ob auf der Rückseite auch etwas stünde, was des Lesens verlohnte.

»Ich möchte wissen, was er von mir gedacht hat, als er starb,« sagte Mr. Treverton, indem er nachdenklich den Brief wieder zur Hand nahm.

»Ganz gewiß hat er weder an Sie noch an jemand anders gedacht,« bemerkte Shrowl. »Wenn er überhaupt gedacht hat, so hat er daran gedacht, wie er sein Leben retten könne. Als er aufgehört hatte daran zu denken, hatte er auch aufgehört zu leben.«

Nachdem Mr. Shrowl auf diese Weise seine Meinung zu erkennen gegeben, ging er an das Bierfaß und zapfte seinen Morgentrunk.

»Verdammt wäre diese Komödiantin!« murmelte Mr. Treverton.

Indem er diese Worte sagte, umwölkte sich sein Gesicht und seine Lippen kniffen sich fest zusammen. Er strich den Brief auf dem Tische glatt. Es schienen in seinem Gemüt darüber Zweifel obzuwalten, ob er wirklich von dem ganzen Inhalt Kenntnis genommen oder ob nicht vielleicht noch etwas darin stünde, was er noch nicht entdeckt. Indem er ihn daher zum dritten Male vornahm, las er ihn sehr laut und sehr langsam vor, als ob er jedes einzelne Wort seinem Gedächtnis fest einprägen wollte.

»Sir!« las er. »– Als alter Ratgeber und treuer Freund Ihrer Familie erhalte ich von Mistreß Frankland, früher Miß Treverton, den Auftrag, Ihnen die traurige Nachricht von dem Tode Ihres Bruders mitzuteilen. Dieses beklagenswerte Ereignis geschah an Bord des Schiffes, dessen Kapitän er war, während eines Sturms, durch welchen das Schiff an einem Felsenriff auf der Höhe der Insel Antigua scheiterte. Ich lege hier einen der Times entnommenen ausführlichen Bericht über den Schiffbruch bei und Sie werden daraus ersehen, daß Ihr Bruder in Ausübung seiner Pflicht gegen die Offiziere und Mannschaften, die er befehligte, einen rühmlichen Tod fand. Ebenso lege ich auch einen aus dem cornischen Lokalblatt geschriebenen Artikel bei, der einen kurzen Abriß der Lebensgeschichte des Verstorbenen enthält.

»Ehe ich diese Mitteilungen schließe, muß ich hinzufügen, daß trotz des genauesten Nachsuchens unter den Papieren des verstorbenen Kapitäns Treverton kein Testament gefunden worden ist. Da er, wie Sie wissen, Porthgenna verkauft hatte, so bestand das einzige Vermögen, in dessen Besitz er sich zur Zeit seines Todes befand, in persönlichem, von dem Verkauf seines Landgutes herrührenden Eigentum, und dieses wird, da er ab intestato gestorben, den Bestimmungen unserer Erbgesetzgebung zufolge, auf seine Tochter als seine nächste Verwandte übergehen.

»Ich unterzeichne, Sir, als

Ihr gehorsamster Diener



    Aalexander Nixon.«

Das auf den Tisch gefallene, aus der Zeitung geschnittene Blättchen enthielt den Artikel aus der Times. Den Streifen aus dem cornischen Blatt, welcher auf die Diele heruntergefallen war, schob Shrowl, sobald er ihn gelesen, in einer Anwandlung momentaner Höflichkeit seinem Herrn vor die Augen.




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