Die Flucht nach Varennes Alexandre Dumas der Ältere Alexandre Dumas Die Flucht nach Varennes     Varennes, 24. Juli 1856. An den Herrn Hauptredacteur des »Journal für Alle.« Sie wünschten von mir einen Roman von zehn- bis zwanzigtausend Zeilen über die französische Revolution, und laut unseres abgeschlossenen Vertrages soll »René d’Argonne« – dies ist der Titel des Romans – binnen drei Monaten in Ihren Händen seyn. Wenn man aber die Ehre hat, für ein Journal wie das Ihrige, welches einen so großen Leserkreis hat, zu arbeiten, so muß man wohl bedenken, was man schreibt. Es handelt sich hier um einen historischen Roman; die Erzählung beginnt in dem Städtchen Varennes, in der Nacht vom 22. zum 23. Juni 1791, das ist in dem Zeitpunkt, wo der König und die Königin verhaftet wurden. Um alle Thatsachen im historischer Genauigkeit vorzustellen, begann ich Alles was über diese Katastrophe und über die derselben vorausgegangenen Ereignisse geschrieben ist, noch einmal zu lesen. Diese Lectüre war keineswegs neu für mich: ich hatte bereits früher, als ich die Geschichte Ludwigs XVI. und der Revolution und den Roman: »Die Gräfin von Charny« schreiben wollte, alle auf jene folgenschwere Epoche bezüglichen Werke gelesen – und zwar nicht blos die eigentlichen Historiker Georget, Lacretelle, Thiers, Michelet, Louis Blanc, sondern auch die Memoiren von Bertrand de Malleville, Bouillé, Choiseul, Valory, de Moustier, Goguelat. Die drei Letztern waren Augenzeugen der Ereignisse. Aber ungeachtet des Lichtes, welches die Historiker und Chronisten um sich verbreiten, schlichen sich in meine Darstellung einige Fehler ein, welche mir von einigen meiner Leser zu Châlons, Sainte-Ménehould und Varennes mit dem freundlichen Anerbieten berichtigender Notizen angedeutet wurden. Die Zeit scheint mit jetzt gekommen, dieses dankenswerthe Anerbieten meiner Correspondenten zu benutzen und mich selbst an Ort und Stelle zu begeben, und alles genau zu ermitteln. Ich begab mich nach Châlons, denn zu Châlons wurde Ludwig XVI. erkannt, und dort beginnt die Reihe der Ereignisse, welche zu Varennes mit der Verhaftung des Königs enden. Von Châlons an wollte ich Schritt für Schritt den Weg verfolgen, welchen die erlauchten Flüchtlinge genommen hatten; an jedem Orte, wo sie Halt gemacht, wollte ich nicht nur die gedruckten Erzählungen, sondern auch die mündlichen Ueberlieferungen, ja die Aussagen einiger noch lebenden Augenzeugen benutzen. Die Flucht nach Varennes ist in der That das bedeutendste, folgenschwerste Ereigniß der französischen Revolution, ja der ganzen französischen Geschichte; sie ist der Culminationspunkt des Königthums: es hatte sich in siebenhundert Jahren zu dieser Höhe aufgeschwungen – um in neunzehn Monaten auf dem Revolutionsplatz zu fallen. Als Ludwig XVI. die Treppe im Hause des Krämers Sauce bestieg, that er den ersten Schritt zum Blutgerüste. Doch wir erklären die Flucht nach Varennes nicht blos in Bezug auf die königliche Familie für ein so wichtiges Ereigniß; nicht weil drei der in dem verhängnißvollen Wagen befindlichen Personen dem Dämon der Revolution als Opfer fallen sollten, ist dieses Ereigniß so wichtig und folgenschwer, sondern weil die Verhaftung des Königs in dem vorher unbekannten und nachmals so berühmt gewordenen Städtchen die Quelle aller später erfolgten gewaltigen Erschütterungen und Staatsumwälzungen geworden ist. Hätte Ludwig XVI. keinen Versuch gemacht zu fliehen, oder wäre ihm sein Fluchtversuch gelungen. so wären ganz andere Ereignisse eingetreten, es wäre kein Bürgerkrieg, kein auswärtiger Krieg geführt worden, der 2. September wäre spurlos vorübergegangen, die Schreckenszeit wäre nicht eingetreten, man würde weder von Bonaparte noch von Napoleon, weder von Austerlitz noch von Waterloo gehört haben, die Insel Elba würde in der Weltgeschichte so wenig eine Rolle gespielt haben wie die Insel St. Helena. Als ich daher gestern über den kleinen Marktplatz von Varennes ging, dachte ich, die Erzählung meiner Reise müsse eine treffliche Einleitung zu meinem Romane seyn; denn in allen Stadien, wo ich verweilte, konnte ich die begangenen Fehler nach authentischen Schriftstücken berichtigen und überall fand ich noch Greise, welche Augenzeugen jener vor fünfundfünfzig Jahren stattgefundenen Ereignisse gewesen waren. Die Jahrhunderte sind ja eine Kette von Greisen, welche sich die Hände reichen. Endlich gelang es mir, nach vieler Mühe einen Grundriß des Städtchens, wie es damals war, mir zu verschaffen. Diese Nachforschungen haben mich daher in den Stand gesetzt, jene große Katastrophe nach glaubwürdigen, unleugbaren Quellen zu erzählen.     Alex. Dumas. I Am 21. Juli 1856 kam ich mit meinem Freunde Paul Bocage in Châlons um ein Uhr Nachts an. Mitten unter den Namen von Gasthöfen, welche bei der Ankunft im Bahnhofe in unsere Ohren geschrien wurden, bemerkte ich den Namen »Haute Mère–Dieu.« Der Gasthof schien mir alt genug zu seyn, um auf eine gewisse Berühmtheit Anspruch machen zu können. Ich ließ mir den Omnibus zeigen, der uns dahin führen sollte; wir setzten uns ein und fünf Minuten nachher wurden wir auf dem holprigen Pflaster der Hauptstadt des Marnedepartements wie auf marmornen Eiern gerüttelt. Der Gasthof war in der Nacht dasselbe, was alle Gasthöfe sind: eine Art Argus, von dessen hundert Augen nur eines offen ist. Dieses eine Auge war von einer Lampe erleuchtet, und im Licht dieser Lampe schlummerte mit beiden Augen ein Kellner, der den Auftrag hatte zu wachen, um die Reisenden zu erwarten. Er führte uns wankend in ein großes Zimmer mit zwei Betten, zündete zwei Kerzen an, welche er, um den Nord- und Südpol zu bezeichnen, an die beiden Enden des Zimmers stellte. Dann fragte er mit kläglicher Stimme und in der Erwartung einer verneinenden Antwort: »Die Herren befehlen wohl nichts mehr?« und als wir seiner Erwartung entsprachen, entfernte er sich in aller Eile, um noch vier Stunden zu schlafen. Wir wünschten ihm vom Herzen gute Nacht. Bocage, welcher auf der ganzen Reise auf Nachrichten von Spanien erpicht war, nahm eine alte Zeitung, welche er auf dem Tische des Vorzimmers gefunden hatte, und ich nahm eine Landkarte, die ich mitgebracht hatte. Mein Freund schien in seine Lectüre so vertieft, daß ich es nicht mit ihm aufnehmen zu können hoffte; ich löschte in der Stille mein Licht aus, und unser Zimmer blieb nur von einem einzigen Stern erleuchtet. Wann auch dieser Stern erlosch, weiß ich nicht, aber ich weiß, daß mir Paul bei meinem Erwachen die wichtige Nachricht mittheilte, Spanien erfreue sich der größten Ruhe und der Malakoffthurm sey genommen. Die ausführliche Beschreibung dieser Erstürmung hatte vor vier Stunden seine Aufmerksamkeit so sehr gefesselt. Kaum waren wir aufgestanden, so erhielten wir den Besuch unseres Wirthes. Er hatte, ich weiß nicht wie, die Identität meines Ich entdeckt, und in der Voraussetzung, daß man nach Châlons nur in der Absicht, Champagnerstudien zu machen, kommen könne, stellte er sich zu unserer Verfügung, um uns die berühmten Keller Jackson’s zu zeigen. Ich dankte ihm für seine Gefälligkeit; wenn uns die Zeit nicht zu kurz würde, wollten wir zum Besuch der interessanten Katakomben seine gütige Vermittlung in Anspruch nehmen, für den Augenblick aber sey unser Sinn nicht auf Weinstudien, sondern auf historische Forschungen gerichtet. Um ihm einen Beweis davon zu geben, fragte ich ihn, aus welcher Zeit sein Gasthof stamme. Das Gebäude war uralt, wie ich vermuthet hatte. Der erste überzeugende Beweis, den es von seinem Bestehen in der Geschichte gab, war ein Pachtvertrag, welchen unser Wirth holte. Aus diesem alten Schriftstück ergab sich, daß Franceis de Vassy, Abt von Notre-Dame de Haute-Fontaine im Bisthum Châlons, seinen Gasthof zur »Haute Mère-Dieu« an Jean Papillon und dessen Ehefrau Antoinette für die Summe von dreißig Livres Tournois vermiethete. Der Vertrag war vom 19. Juni 1501 datirt. Während unser Wirth uns diese Mittheilungen machte, war sein Blick auf den Platz vor unserem Fenster gerichtet, und er beeilte sich auffallend mit seiner archäologischen Erzählung, vermuthlich um eine andere, die er für interessanter hielt, zu beginnen. Wir fragten ihn, was seine Aufmerksamkeit in Anspruch nehme. Ich sah auf dem ganzen Marktplatze nichts als ein zerlumptes altes Weib, welches mit einem abgenutzten Besen Pferdemist in einen alten Austernkorb kehrte. Eben diese Alte war der Gegenstand seiner Aufmerksamkeit, und auf diesen keineswegs anziehenden Gegenstand wünschte er auch unsere Aufmerksamkeit zu lenken. Die Alte war die Witwe eines Mannes, Namens Ivonet, des Glücklichen, welcher einst in der Lotterie die Goldbarre gewonnen hatte, sie wurde daher gemeiniglich die »Mutter Lingot« genannt. Wie kam es nun, daß sich das Gold in unedles Blei verwandelt hatte? Es ging dem glücklichen Ivonet wie den meisten Menschen, welche zufällig reich werden. Die Zeit erkennt nur daran, was sie zur Reife gebracht hat. Ivonet war ein Winzer in Bouzy, er war ein leidenschaftlicher Verehrer der Lotterie zu der Zeit, wo man dem Volke diese, in der Gestalt von Amben, Ternen und Quartternen sichtbare Vorsehung noch nicht genommen hatte; er setzte jahrelang auf Nummern, welche ihm mehr kosteten als eintrugen. Die Lotterie wurde aufgehoben und Ivonet legte Trauer an. Dies war alles was er in seinem Schmerz thun konnte. Eines Tages erfuhr er, daß die zu Grabe getragene »huldreiche Göttin wieder auferstanden sey; aber es wurde nur noch »Estratto« gespielt. Der Gewinner dieses Estratto erhielt freilich eine Goldbarre im Gewicht von viermal hunderttausend Franken. Ivonet erkundigte sich, wo er Loose bekommen könne. Man antwortete ihm, er brauche sich nur zu Herrn Fiéré, Herausgeber der Zeitung in Epernay, zu begeben. Ivonet that ein Gelübde, die Kirche in Bouzy restauriren zu lassen, wenn er die Goldbarre gewänne, und begab sich zugleich nach Epernay, wo er hundert Loose nahm. Er hatte wirklich das Gewinnloos erhascht. Eines Morgens las er in der Zeitung, daß Nr. 2,258,115 gewonnen habe. Er kannte seine Nummern so gut wie Napoleon seine Soldaten. »Weib,« sagte er frohlockend, »wenn uns die Zeitung keinen Possen spielt, so haben wir die Goldbarre gewonnen.« In Bouzy war die Sache nicht zu ermitteln. Die alten Eheleute begaben sich daher nach Epernay. Es kamen fünf Zeitungen nach Epernay. Ivonet fand in allen dieselbe Nummer. Es war nicht wahrscheinlich, daß der Constitutionnel, die Presse, die Assemblée Nationale, das Siècle und die Gazette de France sich verabredet hätten, um den armen Ivonet zu foppen. Er begann daher an sein Glück zu glauben und entschloß sieh auf der Stelle nach Paris zu gehen. Aber er hatte sich nicht mit dem hinlänglichen Reisegelde versehen. Als indeß seine Verlegenheit bekannt wurde, fanden sich Leute genug, welche sich ein Vergnügen daraus machen würden, ihm hundert, fünfhundert, tausend Franken zu leihen. Ivonet war nun wirklich überzeugt, daß er gewonnen hatte; Tags vorher würde er kaum einen Louisdor aufgetrieben haben. Er reiste in die Hauptstadt, zeigte sein Loos vor und erhielt die Goldbarre. Aber was sollte er damit machen? Ivonet wollte seinen Schatz anfangs durchaus nicht einwechseln; aber da er nicht reich genug war, um eine Goldbarre von viermal hunderttausend Franken auf der Commode oder auf dem Camin unter einer Glasglocke auszustellen, so entschloß er sich endlich zum Einwechseln. Der Cassier eines Wechselhauses prüfte das Gold am Probirstein, wog es und gab dem glücklichen Gewinner eine Anweisung auf viermal hundertsechstausend Franken. Damals bezahlte man für das Gold ein sehr hohes Agio, daherkam es, daß Ivonet beim Einwechseln nicht verlor, sondern gewann. Er konnte nur nicht glauben, daß das Stück Papier, welches man ihm gegeben, so viel werth sey wie die Goldbarre. Er wäre gern in Begleitung seiner Goldbarre in die Bank gegangen, aber der Cassier wollte es durchaus nicht gestatten. Dreimal kehrte Ivonet wieder um, mit dem Vorsatze, seine Goldbarre gegen den Zettel wieder einzutauschen. Die Sorgen des Reichthums begannen schon für ihn. Endlich entschoß er sich. Er lief so schnell, daß er, wie Aeneas, beinahe seine Frau verloren hätte, welche ihm mit großer Mühe durch die Straßen von Paris folgte; aber seine Frau war in jenen verhängnisvollen Augenblicken seine letzte Sorge. Endlich trat er in die Bank und präsentirte die Anweisung auf viermal hundertsechstausend Franken mit ebenso zitternder Hand, wie er am Morgen seine Nummer vorgewiesen hatte. Man zahlte ihm viermal hundertsechstausend Franken in Banknoten aus. Ivonet zählte, und als er sich von der Richtigkeit der Summe überzeugt hatte, wollte er in einer Stadt, welche man ihm als eine Räuberhöhle hergestellt hatte, nicht länger bleiben. Er eilte, mit seiner Frau im Schlepptau, zum Bahnhof, nahm wieder zwei Plätze in der dritten Wagenclasse und traf nach vierundzwanzigstündiger Abwesenheit wieder zu Epernay ein. Er war als armer Teufel abgereist und kam als halber Millionär zurück. In Epernay hielt er sich nur wenige Augenblicke auf, um die geborgten hundert Franken zurückzuzahlen, und reiste dann nach Châlons zurück. Dort glaubte er sicher zu seyn: man hatte ihn nie vor Châlons gewarnt, Paris hingegen war ihm immer als ein zweites Sodom und Gomorrha geschildert worden. Und doch sollte er seinen Schatz in Châlons einbüßen. Wir müssen ihm indeß die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er dreißigtausend Franken zur Ausbesserung der Kirche, eine gleiche Summe zur Ausstattung seines Sohnes und eben so viel zum Heirathsgut seiner Tochter bestimmte, dann fragte er seine Frau, was sie wünsche. Sie besann sich lange und verlangte endlich – einen neuen Besen. Dies war alles was die arme Frau von den viermal hundertsechstausend Franken bekam. Nun begann eine Reihe von Thorheiten, welche den Einwohnern von Châlons ein paar Jahre zur Belustigung dienten. Ivonet kaufte für fünfzigtausend Franken ein Haus, ließ es abbrechen und baute ein anderes, welches ihm siebzigtausend Franken kostete. Das neue Haus verkaufte er um fünfundvierzigtausend Franken wieder, er verlor also fünfundsiebzigtausend Franken. Diese Speculation wiederholte er bei fünf oder sechs andern Häusern, wodurch sein Capital sehr vermindert wurde. Ueberall, wo er sich zeigte, war er von seinen Schmeichlern und Schmarotzern, von Spekulanten, Baumeistern, Maurern und Zimmerleuten umgeben. Man hätte ihn für Salomo, der den Tempel baute, halten können. Die Constructivität war offenbar das hervorragendste Organ an dem Schädel des Père Lingot. Diesen Namen hatte man ihm schon seit langer Zeit gegeben. Inzwischen hatte seine Frau ihre Freude an dem neuen Besen. Sie kehrte fast jede Stunde vor ihrer Thür. Beide Eheleute trugen übrigens noch dieselben Kleider wie früher. Der Père Lingot war nach und nach ausschweifend geworden. Man hatte ihn in einem Hause vorgestellt, wo er so freundlich und zuvorkommend behandelt wurde, daß sein erster Besuch nur das Vorspiel eines täglichen Besuchs war. Seine Ehehälfte wußte nicht wo er seine Zeit hinbrachte, die nicht durch die Bauten in Anspruch genommen wurde. Ein Spaßmacher schlug ihm vor, seine Frau in dem Hause vorzustellen, wo es ihm so ungemein gefiel. Der Père Lingot war ein Erzschalk geworden, er ging auf den Scherz ein und erklärtes einer Frau, daß er sie Abends in Gesellschaft führen werde. Madame Lingot entschuldigte sich mit ihrem Anzuge und ihren etwas bäurischen Manieren; aber er versicherte, die Damen, zu denen er sie führen wolle, seyen sehr nachsichtig und würden es mit ihrem Anzuge und ihren Manieren nicht so genau nehmen. Diese Versicherung machte ihrer Unschlüssigkeit ein Ende. Die Damen, auf den Besuch vorbereitet, waren sehr artig und zuvorkommend gegen sie. Die gute Alte war ganz entzückt und gab ihrem Manne den Rath, die liebenswürdige Gesellschaft recht oft zu besuchen. Kurz, der Père Lingot kaufte und verkaufte, aß und trank so viel, und besuchte die liebenswürdige Gesellschaft so oft, daß er eines Tags von dem Gerichtsdiener eine Vorladung erhielt. Der Pfarrer hatte einen Prozeß gegen ihn anhängig gemacht, weil die Kirche in Bouzy nicht reparirt, sondern abgebrochen worden war. Die dreißigtausend Franken hatten nicht ausgereicht, denn der Baumeister hatte es für angemessen gehalten, der Dorfkirche die Ausdehnung einer Cathedrale zu geben. Der Pfarrer verlangte fünfzigtausend Franken Schadenersatz. Die Stempelpapiere sind wie Kraniche, sie ziehen schaarenweise. Kaum war der erste Stempelbogen ins Haus gekommen, so folgte ein zweiter, ein dritter, dann zehn, zwanzig, dreißig. Der Père Lingot erhielt in drei Monaten so viel, daß er das letzte Haus, welches ihm übrig blieb, damit hätte tapeziren können. Endlich wurde auch dieses letzte Haus gerichtlich verkauft. Es begann nun für den Unglücklichen ein qualvolles Leben, von welchem er in der Zeit seiner Armuth keinen Begriff gehabt hatte. »Ach mein Himmel!« sagte Frau Ivonet zu ihren Nachbarinnen, »wir waren nie so unglücklich, als seitdem wir reich geworden sind.« Leider waren sie es schon längst nicht mehr, sie waren ärmer als je zuvor. Der Père Lingot wurde vom Schlage getroffen. Eines Morgens fand man ihn todt. Es war am 23. Juni, einen Monat vor meiner Ankunft in Châlons. Die Zeitung, welche seinen Tod meldete, machte die philosophische Bemerkung, daß nur sieben Personen ihm zu Grabe gefolgt wären. Viele hatten ihn ins Verderben geführt, aber nur Wenige begleiteten ihn zu Grabe, sie fürchteten erkannt zu werden. Wir haben gesagt, bei welcher Beschäftigung wir die arme Frau sahen. Der Verkauf des ärmlichen Nachlasses war auf den folgenden Tag angesetzt. Ein Mann, der nicht viel besser gekleidet war als sie, betrachtete sie mitleidig. »Ei! das trifft sich ja gut,« sagte der Wirth; »der Zufall führt Ihnen die beiden größten Merkwürdigkeiten unserer Stadt vor die Augen.« »Wer ist dieser Mann?« »Eugen Hermant de Dorval, der Diogenes von Châlons.« »Aber ohne die Tonne, man scheint sie ihm bei der letzten Weinlese genommen zu haben.« »Rathen Sie, was er ist.« »Er sieht aus wie ein Lumpensammler.« »Er war es vormals.« »Und was ist er jetzt?« »Ein Poet.« »Er hat nicht recht gethan, sein erstes Geschäft aufzugeben, es muß ihm mehr eingetragen haben als das zweite.« »Soll ich ihn rufen?« »Warum das?« »Er ist ein Original und eines aufmerksamen Studiums wohl werth-« »Gut, so rufen Sie ihn.« Der Wirth hatte Recht. Er war ein sonderbarer Kauz, ein eigenthümliches Product unserer socialen Gährung. In der Armuth geboren, konnte er im Alter von fünfzehn Jahren weder lesen noch schreiben; von seinem Vater, einem alten braven Soldaten aus dem Kaiserreich. hatte er nichts geerbt als den leeren Tornister, den er zuerst als Lumpenkorb und später als Portefeuille benutzte. Er hieß Eugen Hermant. Eines Tages sah er die Dorval spielen. Dieser Anblick begeisterte ihn und er kam auf den Gedanken, Verse zu machen. Er versuchte es, ohne die einfachsten Grundbegriffe der Poesie zu kennen. In seinem ersten Versuch, den er nicht einmal aufzeichnen konnte, waren einige Gedanken, wenig Reime und viele Verstöße gegen den Versbau. Die Person, welcher er seine Verse hersagte, machte ihn auf die Mängel derselben aufmerksam. Der junge Hermant sah nun ein, daß die Feder nicht so leicht zu führen sey wie der Haken des Lumpensammlers. Mit einer Willenskraft, welche schon ein gewisser Grad von Genie ist, lernte er lesen und schreiben und studirte die Regeln des Versbaues. Seinen zweiten poetischen Versuch, der schon besser gelungen war, unterzeichnete er »Hermant de Dorval.« Er meinte, da er von seinem ersten Pathen den Namen Eugen erhalten, so könne er, nachdem er, durch das Wasser der Hypogrene geweiht, den Namen seiner zweiten Pathin Dorval wohl annehmen. Niemand hatte etwas dagegen einzuwenden. Seit jener Zeit unterzeichnet dieser Diogenes, welcher es dem athenischen an Cynismus und Unsauberkeit gleichthut, seine Verse immer »Hermant de Dorval« und er ist auf diesen Namen, den er mit der Feder erobert, eben so stolz, wie die Marschälle von Frankreich auf ihren mit dem Degen eroberten Namen waren. Er hat recht: Kellermann und Mortier haben, um Marschälle von Frankreich und Herzoge von Valmy und Treviso zu werden, keiner so großen Geduld und Ausdauer bedurft, wie der arme Waisenknabe, um lesen und schreiben zu lernen und ein Poet zu werden. II Der Leser wird sich erinnern, daß ich die Reise nach Varennes nicht unternommen hatte, um Madame Lingot oder den Diogenes von Châlons zu sehen. Ich war gekommen, um den Ort zu sehen, wo die Pferde, welche den Wagen Ludwigs XVI. zogen, zweimal stürzten und sich dergestalt in die Stränge verwickelten, daß man sie losmachen und wieder anspannen mußte, wodurch mehr als eine Stunde Zeit verloren ging. Von einem sehr gefälligen, geistreichen alten Herrn begleitet, begab ich mich in das Posthaus. Man hatte mir versichert, die Post sey immer in diesem Hause gewesen und hier habe daher Ludwig XVI. am 21. Juni um halb fünf Uhr Nachmittags die Pferde gewechselt. Der jetzige Posthalter Duquet, welcher zu jung ist, um sich auf seine eigenen Erinnerungen zu verlassen, war so gefällig unter seinen Papieren sorgfältige Nachsuchungen anzustellen. Er entdeckte die Ursache dieses Irrthums in dem Titel; Messageries Royales, welchen man den jetzt von ihm bewohnten Gebäuden beilegt. Diese sind nicht mehr das Bureau der Messageries, sondern das Posthaus. Die Post von 1791 befand sich am Ende der Straße St. Jacques, in dem Hause, welches gegenwärtig von einem Herrn Perrier bewohnt wird. Der Postmeister hieß Viet. »Wenn wir unerkannt nach Châlons kommen,« hatte der König gesagt, »so sind wir gerettet.« Man war unerkannt nach Châlons gekommen. Wir wollen sehen, wie man bis dahin gekommen war. Dieser Abschnitt der französischen Geschichte hat mich immer so lebhaft beschäftigt, daß ich alle mit der Flucht nach Varennes verbundenen Umstände erforscht zu haben glaubte. Wer war der erste Rathgeber zu dieser verhängnißvollen Flucht gewesen? Das Bild Carls I. Wer dieses herrliche Bild gesehen hat, ist gewiß gedankenvoll vor demselben stehen geblieben. Da steht er, der stolze Stuart, nachsinnend, die rechte Hand auf den Stock gestützt, die linke an dem Degengefäß; er steht da mit seynem langen Haar, im Kampfe gegen die geschorenen Köpfe, die Rundköpfe, die Puritaner; hinter ihm steht sein Pferd, von dem Pagen Barry gehalten; vor ihm breitet sich das Meer aus, welches sich verschworen zu haben scheint gegen den »König der vier Meere,« wie sich seine Vorgänger, die Könige der rothen und weißen Rose, nannten. Dies ist alles was man auf dem Bilde sieht. Aber hinter dem halb abgewendeten Könige, hinter dem ungeduldig mit dem Huf scharrenden Pferde, hinter dem sorglosen Pagen, der weder die Besorgnisse des Königs noch den Instinct des Thieres hat – hinter dieser Gruppe ahnt man das düstere Fenster von Whitehall, das schwarzbehängte Blutgerüst, den verlarvten Scharfrichter. Dieses Bild hat auf das Geschick Frankreichs einen unheilvollen Einfluß gehabt. Wir wollen die Geschichte dieses Meisterwerkes mit wenigen Worten erzählen. Es war in England, wo man den Werth dieses Kunstwerkes nicht kannte. Ein Mann, der sich für einen französischen Kaufmann ausgab, kam einst zu dem Besitzer des Bildes und bot ihm tausend Louisdor dafür. Das glänzende Gold verlockte den Engländer und das Gemälde wurde das Eigenthum des Kaufmanns. Der Kaufmann war ein Emissär des Herzogs von Richelieu. Was in aller Welt wollte der Herzog von Richelieu mit diesem Bilde machen? Es war eine Verschwörung gegen das Parlament im Zuge: man wollte einen alten König bewegen, sein Parlament zu cassiren, und um dem Könige einige Willenskraft wieder zu geben, mußte man ihn zu verjüngen suchen. Der König war Ludwig XV. Der Herzog von Richelieu erfand Madame Dubarry, eine junge hübsche Intrigantin, welche gerade unbedeutend genug war, um keinen persönlichen Einfluß zu bekommen, und geistreich genug, um fremden Einfluß zu unterstützen. Richelieu und Aiguillon erwiesen der kleinen Grisette anfangs die Ehre, ihr den Hof zu machen, dann vermälte man sie mit einem armen Edelmann, der ihr seinen Namen lieh, und endlich schmuggelte man sie in den Palast Ludwigs XV. ein. Die Dame entsprach den Erwartungen. Ludwig IV. fand Gefallen an der vertraulichen Keckheit, mit welcher die Favoritin sprach, ihre feurigen Küsse wirkten elektrisch auf den abgelebten Greis, und endlich hielt man ihn für fähig, eine Staatsumwälzung auszuhalten. Zu jener Zeit kaufte Richelieu das Gemälde von Van Dyk und gab es der Favoritin unter dem Vorwande, jener Page, welcher das Pferd Carl’s I. hielt und Barth hieß, sey ein Ahnherr ihres Gemahls. Dieses Porträt Carl’s l. wurde im Schlosse zu Versailles an einen Ort gehängt, wo Ludwig XV. es immer vor Augen haben konnte, nemlich in das Boudoir der Favoritin, ihrem Sofa gegenüber. Das Gemälde nahm die ganze Wand der niedrigen Dachstube ein. Dieses herrliche Bild, welches man nicht nur als Kunstwerk, sondern als eine Erinnerung an die Unbeständigkeit des Schicksals hätte achten sollen, war sieben oder acht Jahre Zeuge der frechen Coketterien dieser Buhlerin, welche, wie Lamartine so schön sagt, den Thron durch ihr Gelächter und das Blutgerüst durch ihre Thränen entweihte. Angesichts dieses Bildes, sagt Michelet, pflegte sie den König beim Kopf zu nehmen und auf Carl l. zu deuten. »Siehst Du wohl, la France,« so pflegte sie Ludwig XV. zu nennen, »da ist ein König, dem man den Kopf abgeschnitten hatte, weil er schwach gegen sein Parlament war; jetzt wage es, das deine zu schonen!« Der König Ludwig IV. cassirte sein Parlament. – Dann wurde Ludwig XV. von Gott cassirt. Die Buhlerin wurde aus dem königlichen Palast verwiesen. Das Gemälde kam in die Gemächer des Dauphin, welcher unter dem Namen Ludwig XVI. König geworden war. Der 6. October kam, Ludwig XVI. kehrte nach Paris zurück; die Tuilerien wurden ihm zur Residenz angewiesen und auf Kosten des Schlosses zu Versailles möblirt. Das Porträt Carls l. folgte dem Könige. Es war gleichsam eine Mahnung, welche zu sagen schien: »Bourbon, gedenke des Stuart’s eine Mahnung, welche Carl in seinem letzten Worte »Remember« ausgesprochen hatte. Ludwig XVI., der sehr geläufig deutsch und englisch sprach, beschäftigte sich viel mit der englischen Geschichte. Er hatte sonderbarerweise sogar die Apologie Richards III. von Horace Walpole übersetzt. Er las Hume im Orginal. Und Hume sagte ihm, wie die Dubarry zu Ludwig XV.: »Da ist ein König der das Leben verloren hat, weil er seinem Parlament nachgegeben hat.« Ludwig war unschlüssiger als je, wenn er vor diesem sinnenden, schwermüthigen Antlitz stand und das letzte Wort Carls in Gedanken wiederholte. Er wollte seinem Parlament nicht nachgeben, wie Carl I.; aber er hatte nicht genug Kraft zu widerstehen, wie Ludwig XIV. Er wählte einen Mittelweg, er entschloß sich zur Flucht. Der Rath Mirabeau’s kam erst nach dem Rathe Carls I. Dann trat ein Ereigniß ein, welches einen großen Eindruck auf ihn machte. Am 18. April 1791, am Ostermontage, wollte sich der König nach Saint-Cloud begeben. Der König, die Königin, die Bischöfe, die Diener saßen schon in den Kutschen, in denen man die kurze Fahrt machen wollte, aber das Volk hinderte den König die Tuilerien zu verlassen. Der König wollte seinen Willen durchsetzen. Die Sturmglocke von St. Roch ertönte. Der König lehnte sich aus dem Wagen. Tausende von Stimmen riefen: »Nein, nein, nein! Der König will fliehen.« »Ich liebe Euch zu sehr, Kinder, um Euch zu verlassen,« sagte der König. »Wir lieben Sie auch, Sire,« sagte ein Grenadier, »aber Sie allein.« Die Königin, welche an der Liebe Frankreichs keinen Antheil hatte, weinte und wurde ungeduldig; aber sie wurde gezwungen, sich wieder in die Tuilerien zu begeben. Von jenem Augenblicke an war der König thatsächlich ein Gefangener. Einem Gefangenen ist es wohl erlaubt zu fliehen. Der König entschloß sich daher zur Flucht und traf alle Vorkehrungen. Mit diesem Wunsche des Königs, Frankreich zu verlassen, stimmten zwei Parteien überein. Die royalistische Partei, damit der König, sobald in Freiheit, die Anträge des Auslandes benutzen könne, und die republikanische Partei,welche dann ungehindert die Republik ausrufen konnte. Wir werden später beweisen, daß die Personen, welche den König verhafteten, keine Republikaner, sondern constitutionelle Royalisten waren. Es handelte sich nun um die Mittel zur Ausführung des Fluchtplans. Der König hätte allein und zu Pferde abreisen können; als rüstiger Jäger und guter Reiter hätte er als Courier verkleidet, leicht die Grenzen erreichen können. Aber in der Nacht vom 5. zum 6. October mußte er der Königin schwören, nicht allein abzureisen und Frankreich nur mit ihr und seinem Sohne zu verlassen. Als guter Ehemann und Familienvater wollte er sein gegebenes Wort nicht brechen. Es wurde daher beschlossen, daß der König, die Königin und die Kinder Frankreichs zusammen abreisen sollten. Die Schwierigkeiten und Gefahren wurden dadurch unendlich größer, die Flucht wurde fast unmöglich. Alle diese Hindernisse suchte die Königin durch List zu beseitigen. Um die Beweggründe zu dieser Flucht richtig zu würdigen. muß man sich auf den Standpunkt des damaligen Königthums stellen. Was die französischen Staatsbürger den Fremdling, den Feind nannten, war für einen König von Frankreich weder ein Feind noch ein Fremdling; leider war ihm sein Volk stets fremd. Die Vermälungen der Bourbons mit deutschen, spanischen, italienischen Prinzessinnen hatten eine Bundesverwandtschaft mit den verschiedenen Fürstenhäusern zu Folge. Der Vater Ludwig XVI. hatte sich mit einer sächsischen Prinzessin vermählt, das Blut der Könige von Frankreich war daher nur zur Hälfte französisch. Als daher Ludwig XVI. zu Varennes erkannt und mit Gewalt nach Paris zurückgeführt wurde, war sein Volk in seinen Augen der Feind, und nur im Auslande sah er seine Freunde. Alle europäischen Fürsten waren näher oder entfernter mit ihm verwandt; wenn er nun das Unglück hat sich mit seinem Volke zu entzweien, an wen soll er sich wenden? An die mit ihm verwandten Fürsten. Diese sind die Freunde des Königs von Frankreich, aber die Feinde des französischen Volkes. Ein Mitglied des Convents, welches am 18. Jänner 1793 den Muth gehabt hätte, diese einfache Theorie auf der Rednerbühne auseinanderzusetzen, würde den König vielleicht gerettet haben. Wir leben in einer Zeit der klaren Anschauung, der ruhigen, vorurtheilsfreien Beurtheilung; ist es daher nicht billig, die Standesverhältnisse und die Lebenssphäre eines jeden der in jenem großen Drama handelnd auftrat, in Rechnung zu bringen? Vom Standpunkte des Königthums glaubte sich Ludwig XVI. eben so berechtigt aus Frankreich zu fliehen, als Drouet sich vom Standpunkte des Volkes berechtigt glaubte, ihn anzuhalten. Ueberdies fehlte es ihm auch nicht an Aufmunterung. Katharina II., die Semiramis des Nordens, wie Voltaire sie nennt, die Messaline des Nordens, wie sie jetzt von der Geschichte genannt wird, schrieb ja an Marie Antoinette den bekannten, oft abgedruckten Brief. Der König von Preußen bot bereits im Jahre 1789 ein Hilfsheer von hunderttausend Mann. Gustav III., der Scheinkönig von Schweden, welcher die Laster des Hauses Valois auf den Thron Gustav Adolphs verpflanzt hatte, forderte die Königin auf ihn unter dem Vorwande einer Badecur in Aix zu erwarten und mit ihm über die Grenze zu gehen. Ueberdies war der Schwede Fersen bei ihr, trieb sie zur Flucht und erbot sich die Reisewagen anfertigen zu lassen. Die Königin hatte noch mehr Ursache als der König, Frankreich zu verlassen: sie war nicht beliebt, sie war unter dem Volke sogar, ja selbst unter den Emigranten verhaßt. Sie wußte, daß man damit umging, Ludwig XIV. abzusetzen und einen Regenten zu ernennen; sie selbst sollte nach Oesterreich zurückgeschickt oder in ein Kloster gebannt werden. Die Halsbandgeschichte war auch noch nicht vergessen. Es war daher nicht zu verwundern, daß in dem königlichen Familienrathe die Flucht beschlossen wurde. Die Abreise sollte in den letzten Tagen des April stattfinden. III Aber die Vorkehrungen zu einer etwa nothwendigen früheren Flucht wurden in aller Stille getroffen. Schon im Februar 1791 schrieb der König an den Grafen von Bouillé, er habe ihm im Einverständnisse mit Mirabeau wichtige Mittheilungen zu machen. Der Graf von Lamark sollte der Vermittler seyn. »Obschon diese Leute wenig achtbar sind,« schrieb der König an Bouillé, »und obschon ich Mirabeau sehr theuer bezahlt habe, so glaube ich doch, daß er mir sehr nützlich seyn kann.« Der Graf von Bouillé antwortete: »Mirabeau ist ein schlauer Fuchs, welcher das Unheil, das er aus Rache angerichtet, durch Habgier wieder gut machen kann; aber trauen Sie Lafayette nicht, er ist ein Schwärmer der nach Volksgunst hascht; er ist vielleicht fähig zu einem Parteiführer, aber eine Stütze der Monarchie wird er nie werden.« Es ist nicht zu übersehen, daß Lafayette der leibliche Vetter des Grafen von Bouillé war, man kann diesem daher seine Parteilichkeit zur Last legen. Gegen Ende des Aprils schrieb der König von neuem an Bouillé: »Ich reise sofort mit meiner ganzen Familie in einem einzigen Wagen ab, den ich jetzt heimlich zu diesem Zwecke anfertigen lasse.« Der Graf von Bouillé antwortete: »Statt dieses eigens angefertigten Reisewagens, welcher Aufsehen machen wird, dürfte es vielleicht besser seyn, wenn Ew. Majestät zwei englische Diligencen benutzten.« Die damaligen englischen Diligencen waren dasselbe, was jetzt die Postkutschen sind. Der Rath war gut, aber die Königin hinderte Ludwig XVI. ihn zu befolgen. Sie wollte sich durchaus nicht von ihm und ihren Kindern trennen. Der Graf von Bouillé setzte hinzu: »Vor Allem müssen Ew. Majestät einen klugen, entschlossenen Mann bei sich haben, der Ihnen mit Rath und That an die Hand geht, falls sich Gefahren auf der Reise darbieten sollten. Wenn Ew. Majestät einen solchen Mann nicht zu finden wissen, so will ich Ihnen den Marquis d’Agoult, Major in der Garde, vorschlagen. Der König nahm diesen zweiten Rath an. Wir werden später sehen, wie es kam, daß der Major d’Agoult nicht in Varennes war, und die Veränderungen andeuten, welche seine Anwesenheit den Ereignissen hätte geben können. In einem dritten Briefe befahl der König dem Grafen von Bouillé, von Châlons nach Montmédy eine Reihe von Poststationen mit frischen Pferden zu errichten; denn seine Absicht sey nicht nach Rheims zu gehen, wo er gekrönt worden sey und leicht erkannt werden könne; er wolle den Weg über Varennes nehmen. Der Graf von Bouillé antwortete, der König könne in Rheims die Jalousien seines Wagens geschlossen halten; der Weg über Varennes sey gefährlich, weil an zwei Orten keine Post sey und Pferde dahin geschickt werden müßten. Überdies liege auf der ganzen Straße, welche sich von der geraden Linie entferne, gar kein Militär, und die Absendung von Truppen könne leicht Verdacht erregen. Der König blieb bei seinem Entschlusse. Er schickte eine Million in Assignaten an den Grafen von Bouillé, um die mit den Truppensendungen verbundenen Kosten zu bestreiten, und gab ihm den Befehl, die Straße, welche von Châlons über Varennes nach Montmédy führt, durch einen klugen und entschlossenen Offizier recognosciren zu lassen. Der Graf von Bouillé konnte nicht umhin, diesem gemessenen Befehle Folge zu leisten. Er schickte am 10. Juni Herrn von Goguelat ab, um diesen Auftrag zu vollziehen, für welchen in der That ein kluger, entschlossener Offizier nothwendig war. Wir werden sehen, ob Goguelat beide Eigenschaften besaß. Der Graf von Bouillé hatte alle Truppen von Lothringen, Elsaß, Franche-Comté und Champagne unter seinem Befehle. Diese aus neunzig Bataillonen und hundertvier Escadrons bestehende Streitmacht deckte die ganze Grenze, von der Marne bis zur Maas. Er mußte indeß eine Auswahl treffen und die Franzosen, d. i. die Patrioten, so viel als möglich entfernen. An dem bestimmten Tage setzten sich die verschiedenen Corps in Marsch. Sechzehn Kanonen wurden nach Montmédy beordert. Das Regiment Royal-Allemand rückte gegen Stenay vor. Eine Escadron Husaren stand zu Dun; eine andere wurde nach Varennes verlegt. Außerdem sollten dort noch zwei Escadrons Dragoner am Tage der Durchreise des Königs eintreffen. Der Graf von Damas, der den Befehl über dieselben führte, hatte Befehl, eine Abtheilung nach St. Ménehould zu entsenden, und außerdem sollten fünfzig Husaren die Sommebrücke zwischen Châlons und Varennes besetzen. »Es waren die Esterhazy-Husaren,« sagte mir »Herr Mathieu, ein vierundachtzigjähriger Greis, der vormals Notar in St. Ménehould gewesen war, »ich sehe sie noch mit ihren braunen Pelzen.« Der alte Mann hat viel gesehen und mir Alles sehr bereitwillig mitgetheilt. Jenseits Châlons sollte der König auf jeder Station eine Truppenabtheilung finden; zuerst in Pont-Somme-Vesle; dann in St. Ménehould; dann in Varennes, in Dun und in Stenay. Am 27. Mai schrieb der König an den Grafen von Bouillé, daß seine Abreise auf den 19. Juni festgesetzt sey. Man hatte die Abreise anfangs auf den 11. festgesetzt, aber man setzte Mißtrauen in Madame de Rochereuil, die Kammerfrau des Dauphin. Sie war die Geliebte Gouvion’s, des Adjutanten Lafayette’s, und hatte bis zum 12. Dienst; man konnte daher am 11. nicht abreisen. Am 15. mußten die Oesterreicher die Posten bei Montmédy besetzt haben. Der König sollte mit der königlichen Familie in einer gewöhnlichen Stadtkutsche abreisen. Der große Reisewagen sollte ihn in Bondy erwarten. Wenn der König nicht um zwei Uhr Nachts in Bondy ankam, so war vorauszusetzen, daß man ihn vor den Tuilerien oder an der Barriere angehalten. In diesem Falle sollte der zu Bondy wartende Courier rasch nach Pont-Somme-Vesle reiten und dem Herzoge von Choiseul melden, daß der Fluchtplan mißlungen sey. Der Herzog von Choiseul sollte die Nachricht an den nächsten Postencommandanten und dieser wieder weiter befördern, so daß zuletzt der Graf von Bouillé benachrichtigt würde. Jedermann sollte dann auf seine Sicherheit bedacht seyn. Der Graf von Bouillé erhielt genaue Weisungen und traf demgemäß seine Anordnungen. Er schickte den Herzog von Choiseul sogleich nach Paris, wo dieser die Befehle des Königs erwarten und zwölf Stunden früher abreisen sollte. Die Reiter Choiseul’s sollten am Morgen des 18. in Varennes eintreffen, um am 19., nach hinlänglicher Rast, den Reisewagen nach Dun zu begleiten. In Varennes war, wie schon erwähnt, keine Post. Außerhalb des Städtchens sollte der König durch einen auf der Landstraße wartenden Vertrauten erfahren, wo er frische Pferde finden würde. Es sollte schnell umgespannt werden. Der Herzog von Choiseul sollte nach seiner Rückkehr von Paris den Befehl über die zu Pont-Somme-Vesle aufgestellten Husaren wieder übernehmen, den König und die königliche Familie erwarten und bis St. Ménehould begleiten. Dort sollten die Husaren von den unter Andoin’s Befehl stehenden Dragonern abgelöst werden und den Weg absperren. Hinter dem Könige sollte Niemand mehr durchgelassen werden. Nach vierundzwanzig Stunden sollte die Absperrung der Straße aufgehoben werden. Der Herzog von Choiseul sollte eine schriftliche Ordre, vom Könige unterzeichnet, erhalten, und dadurch ermächtigt werden, nöthigenfalls Gewalt anzuwenden. Er sollte sechshundert Louisd’or unter den Soldaten vertheilen. Der Graf von Bouillé der sich in Metz befand, sollte sich unter dem Vorwande einer Inspectionsreise nach Montmédy begeben. So war Alles verabredet und festgesetzt. Der König hatte genügende Zeit zum Nachdenken; es sollte nichts abgeändert werden. Am 2. Juni ist der Herzog von Choiseul in Paris; am 14. ist der Graf von Bouillé in Longwy, wo er den Brief des Königs erhält. Die Abreise war um vierundzwanzig Stunden aufgeschoben. Wozu dieser Aufschub? Aus einem sehr wichtigen Grunde. Der König hatte das Quartal seiner Civilliste erst am 20. Morgens zu bekommen. Ludwig XVI., der sparsame König, wollte dieses Quartal nicht einbüßen. Wenn Paris, wie Heinrich IV. sagte, wohl eine Messe werth war, so konnte für sechs Millionen wohl ein Tag geopfert werden. Dieser ganz triftige Grund trieb den Grafen von Bouillé fast zur Verzweiflung; mußte er doch auf der ganzen Straße Gegenbefehle ertheilen, mußten doch die Truppen einen Tag länger auf ihren Stationen verbleiben. Aber er mußte sich fügen. Am 20. Juni rückte der Graf von Bonillé bis Stenay vor. Dort fand er das Regiment Royal-Allemand, auf welches er sich verlassen konnte. Wir wollen jetzt sehen, was sich in diesen letzten Tagen zu Paris begab. Die Königin suchte, wie schon erwähnt, alle Schwierigkeiten durch List zu überwinden. Am 19. besuchte sie mit dem Dauphin die Promenade auf den äußersten Boulevards. Am 20. sagte sie zu Herrn von Montmorin, dem Minister der auswärtigen Angelegenheiten: »Haben Sie Madame Elisabeth gesehen? Sie macht mir viel Verdruß; ich war so eben bei ihr, ich habe Alles aufgeboten, um sie zur Theilnahme an der Frohnleichnamsprocession zu bewegen; sie lehnt es entschieden ab. Suchen Sie sie doch zu überreden, daß sie uns ihre Vorurtheile zum Opfer bringe.« An demselben Tage begegnete sie einem Commandanten der Nationalgarde und fragte ihn lachend: »Nun, spricht man in Paris noch von der Flucht des König?« »Nein, Majestät,« antwortete der Commandant. »man ist jetzt von der Anhänglichkeit des Königs an die Verfassung und von seiner Liebe zum Volke zu fest überzeugt.« »Man hat Recht,« erwiederte Maria Antoinette mit ihrem huldreichsten Lächeln. Dann beschäftigte man sich mit den materiellen Einzelheiten. Am 17. wurde de Moustier, vormaliger Leibgardist, in den Tuilerien von einem Unbekannten angeredet. Dieser forderte ihn im Namen des Königs auf, ihm zu folgen. De Moustier gehorchte, und zehn Minuten nachher befand er sich im Zimmer des Königs. Der König redete ihn bei seinem Namen an und ersuchte ihn, seinen ehemaligen Cameraden Valory und von Malden zu sagen, sie möchten sich gemsfarbene Courierjacken machen lassen. Dies war etwas unbesonnen. Die Gemsfarbe war die Jagdlivrée des Prinzen von Condé, der seit einem Jahre im Auslande war. Außerdem ersuchte er de Moustier sich Abends auf dem Quai am Pont-Royal einzufinden. Dort werde ihm eine vertraute Person die letzten Befehle des Königs mittheilen. Am Abend des 19. erhielt de Moustier wirklich folgenden Befehl: »Herr de Moustier hat sich morgen Abends um neun Uhr mit seinen Begleitern im Schloßhofe einzufinden; dort wird man Ihnen sagen, was Sie zu thun haben.« Es mußte noch ein Reisepaß besorgt werden. Dies war keineswegs leicht. Man konnte damals wegen der häufigen Auswanderungen nicht ohne Paß reisen. Herr von Fersen wußte Rath. Die Baronin von Korff wollte mit ihren beiden Kindern, mit einem Kammerdiener und zwei Zofen Paris verlassen. Dies wollte man benützen, die Königin sollte sich für die Baronin von Korff, Madame Royale und der Dauphin für die beiden Kinder derselben ausgeben; der König sollte die Rolle des Kammerdieners übernehmen, und die Hofdamen Berrier und Neuville würden als Kammerfrauen die Reise mitmachen. Unter dieser Reisegesellschaft befanden sich freilich weder Madame Elisabeth noch d’Agoult, den der Graf von Bouillé so dringend als Begleiter empfohlen hatte; aber man mußte doch auch dem Zufall etwas überlassen. Um der Baronin von Korff einen andern Paß zu verschaffen, gab Herr von Fersen vor, der erste sey nebst andern Papieren aus Versehen ins Feuer geworfen worden. Der zweite Paß wurde sogleich ausgefertigt. Aber um die Sache nicht zu verwickeln, sollte die Baronin erst nach der Ankunft der königlichen Familie in Montmédy ihre Reise antreten. Am Morgen des 20. stellte de Moustier seine beiden Cameraden dem Könige vor. Sie erhielten nun ihre Befehle. Malden sollte Jean, de Moustier Melchior, Valory François heißen. Der König, welcher immer unschlüssig war, wollte die Abreise bis in die Nacht vom 21. zum 22. verschieben. Aber der Herzog von Choiseul hatte gemessene Befehle erhalten, und er hatte erklärt, er werde alle Truppen, die auf der Landstraße aufgestellt waren, am 21. um vier Uhr Früh nach Dun, Stenay und Montmédy zurückführen, wenn der König nicht am 20. um Mitternacht abreise. So lauteten die gemessenen Befehle des Grafen von Bouillé. Der Herzog von Choiseul erwartete in seiner Wohnung die Befehle vom Hofe. Am 20. um neun Uhr Abends hatte er noch keine Nachricht erhalten, und er sollte zwölf Stunden vor dem Könige abreisen. Er begann schon zu verzweifeln, da wurde ihm von dem einzigen Diener, den er bei sich hatte, gemeldet, ein Mann verlange ihn im Namen der Königin zu sprechen. Er ließ den Mann sogleich kommen. Der Bote war in einen großen Mantel gehüllt und hatte den Hut tief ins Gesicht gedrückt. Ungeachtet dieser Vorsicht erkannte Choiseul auf den ersten Blick den Friseur der Königin, den berühmten Léonard, welcher seine Memoiren geschrieben hat. Конец ознакомительного фрагмента. 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