Fräulein oder Frau
William Wilkie Collins




Wilkie Collins

Fräulein oder Frau?





Erstes Kapitel.

Auf der See


Die Nacht war vorüber. Kein Windhauch regte sich in den Lüften, keine Welle zeigte sich auf der regungslos daliegenden Meeresfläche. Nichts veränderte sich, als die langsam aufsteigende Sonne; nichts bewegte sich, als der träge Nebel, der ihr im Osten der See entgegen wallte. Nach und nach wurde der Morgennebel im Aufsteigen dünner und dünner, bis er bei dem ersten Strahl der hervortretenden Tageskönigin die langen weißen Segel einer Vergnügungsjacht sichtbar werden ließ.

»Blase, blase, kleine Brise!« sagte der Mann am Steuerruder, indem er den Anruf des Seemannes an den Wind leise vor sich hin flötete. »Blase, blase, kleine Brise!«

»Woher kommt sie?« fragte eine tiefe dröhnende Stimme, die von der Kajütentreppe aus über das Verdeck hindrang.

»Woher Ihr wollt, Herr, von jedem Punkt der Windrose.«

Der Stimme folgte ihr Besitzer, der Eigentümer der Yacht. Das war Herr Richard Turlington von der großen mit der Levante handelnden Firma Pizzituti, Turlington & Branca, achtunddreißig Jahre alt, eine feste, straffe Gestalt von nicht mehr als fünf Fuß sechs Zoll Höhe, mit einem Gesicht, das aus verschiedenen geraden Linien bestand. In diesem geradlinigen Bau bildeten Stirn und Oberlippe je eine Linie, die geradeste und längste dieser Linien aber bildete das Kinn. Als Turlington sein dunkles Antlitz nach Osten wendete und seine lichtgrauen Augen gegen die Sonne beschattete, zeigte seine rauhe Hand deutlich, daß sie ihm schon einmal in seinem Leben mit ihrer harten Arbeit seinen Unterhalt verschafft haben mußte. Alles in Allem war er ein Mann, vor dem man leicht Respekt haben, den man aber schwer lieben konnte.

»Gestern Windstille«, brummte Richard Turlington, indem er verdrossen und nachdenklich nach allen Seiten hin umherschaute; »und heute wieder Windstille. Im nächsten Jahr will ich eine Dampfmaschine auf dem Schiffe herrichten lassen.«

»Denken Sie doch an die schmutzigen Kohlen und an das verfluchte Zittern und lassen Sie Ihre schöne Yacht wie sie ist. Wir sind ja nur auf einer Vergnügungsfahrt. Lassen Sie doch den Wind und die See auch ihr Vergnügen haben.«

Mit diesen Worten trat ein schlanker, gewandter junger Mann mit gelocktem Haar zu Richard Turlington auf das Verdeck, er trug seine Kleider unter dem Arm, ein paar Handtücher in der Hand und hatte nichts auf dem Leibe als das Nachthemd, in welchem er aus dem Bette gestiegen war.

»Launcelot Linzie, Sie haben auf meinem Schiff in der Eigenschaft eines ärztlichen Begleiters des Fräuleins Natalie Graybrooke auf den Wunsch ihres Vaters Aufnahme gefunden. Bleiben Sie Ihrer Stellung gefälligst eingedenk. Wenn ich Ihren Rat wünsche, werde ich Sie darum bitten.«

Launcelot Linzie war offenbar entschlossen, dem Eigentümer der Yacht unter keinen Umständen zu gestatten, ihn zu beleidigen.

»Ich danke Ihnen«, erwiderte er in einem gutmütig ironischen Tone, »es wird mir leicht, hier an Bord meiner Stellung eingedenk zu bleiben. Ich bin so anmaßend, mich meines Lebens hier ganz so zu erfreuen, als wäre ich selbst der Eigentümer des Schiffes. Das Leben auf der See ist für mich so neu! So ist es zum Beispiel so köstlich leicht, hier sich zu waschen. Auf dem festen Lande ist das Waschen eine durch Krüge, Schalen und Kübel höchst komplizierte Angelegenheit; man ist immer in Gefahr, etwas zu zerbrechen oder zu verderben. Hier braucht man nur aus dem Bette zu springen, aufs Deck zusteigen und dies zu tun.«

Dabei drehte er sich um, lief nach dem Bugspriet, warf sein Nachthemd ab, sprang auf den Rand der Schanzkleidung und tummelte sich im nächsten Augenblick behaglich in dem Salzwasser der sechzig Faden tiefen See. Turlingtons Augen folgten ihm mit einer widerstrebend unbehaglichen Aufmerksamkeit, als Linzie um das Schiff herum schwamm.

»Launcelot Linzie ist fünfzehn Jahre jünger als ich, und dazu ist er Natalie Graybrookes Vetter. Diese beiden Vorteile hat er unstreitig vor mir voraus; bleibt die Frage: hat er Nataliens Neigung gewonnen?« —

Mit dieser Frage, die er sich wieder und wieder vorlegte, beschäftigt, setzte sich Richard Turlington in eine Ecke auf dem Hinterdeck. Er grübelte noch über diesem Problem, als der junge Arzt in seine Kabine zurückkehrte, um die letzte Hand an seine Toilette zu legen. Er hatte die Lösung des Problems noch nicht gefunden, als der Steward eine Stunde später mit den Worten vor ihn trat: »Das Frühstück ist fertig, Herr.«

Fünf Personen saßen eine Weile später um den Kajütentisch. Die erste war: SirJoseph Graybrooke, Erbe eines schönen, von seinem Vater und Großvater erworbenen Vermögens; erwählter Major einer blühenden Provinzialstadt; ein Mann mit einem liebenswürdigen rosigen Gesicht, weichem, weißem, seidenem Haar und sorgfältiger Toilette, von gesunden, politischen Grundsätzen und mit guter Verdauung gesegnet – ein harmloser, gesunder, makelloser, aber charakterschwacher, alter Mann.

Die zweite: Fräulein Lavinia Graybrooke, Sir Josephs altjüngferliche Schwester, ihrem ganzen Wesen nach das zweite Ich von Sir Joseph im Unterrock. Wenn man den Einen kannte, kannte man auch die Andere.

Die dritte: Fräulein Natalie Graybrooke, Sir Josephs einziges Kind. Sie hatte von ihrer schon lange verstorbenen Mutter die äußere Erscheinung und das Temperament geerbt. In der aus Martinique stammenden Familie der verstorbenen Lady Graybrooke hatte eine Mischung französischen Bluts mit Negerblut stattgefunden. Natalie hatte den warmen dunklen Teint, das prächtige schwarze Haar und die schmelzenden, trägen, lieblichen, braunen Augen ihrer Mutter. Im Alter von fünfzehn Jahren, das sie kürzlich erreicht hatte, war ihr Körper in einer Weise entwickelt, wie es bei englischen Mädchen selten vor dem zwanzigsten Jahr der Fall ist. Alles an ihr hatte etwas großartig Amazonenhaftes. Ihre schön geformte Hand war lang und breit, ihre Taille schien, obgleich sie zierlich war, doch einer Frau anzugehören. Die graziöse Nachlässigkeit aller ihrer Bewegungen wurzelte in einer fast männlichen Körperkraft. Dieser merkwürdigen körperlichen Entwicklung ging aber keineswegs eine gleich amazonenhafte Entwicklung des Charakters zur Seite. Natalie hatte das sanfte Wesen eines unschuldigen jungen Mädchens. In ihrem Charakter mischten sich das gleichmäßige Temperament ihres Vaters mit der wandelbaren südlichen Natur ihrer Mutter. Sie bewegte sich wie eine Göttin und lachte wie ein Kind. Im verflossenen Frühjahre hatten sich bei Natalie die Symptome einer zu raschen körperlichen Entwicklung – eines nach dem üblichen Ausdruck »Ausderkraftwachsens« – gezeigt. Der Hausarzt hatte eine Seereise als die beste Art, die schönen Sommermonate zu benutzen, angeraten. Wie man auf dem Kontinent eine Sommerwohnung auf dem Lande bezieht, so richtet man in England sich ein bequemes Schiff ein und schlägt sein luftiges Domizil auf der offenen See auf. Richard Turlingtons Yacht war ihr nebst Richard Turlington selbst, als einem der zur Yacht gehörigen niet— und nagelfesten Gegenstände, zur Verfügung gestellt worden. Mit ihrem Vater und ihrer Tante, in deren Gesellschaft sie die häusliche Atmosphäre nicht vermissen würde, und mit dem Vetter Launcelot – gewöhnlich kurzweg Lance genannt – als ärztlichen Ratgeber, hatte sich die liebliche Patientin zu ihrer Sommerkreuzfahrt eingeschifft und war alsbald in der belebenden Seeluft zu einem andern Wesen geworden. Nach einer zweimonatlichen in glückseligem Müßiggang verbrachten Fahrt an den Küsten Englands war von Nataliens Krankheit nichts mehr übrig, als ein reizender, schmachtender Ausdruck der Augen und die absolute Unfähigkeit, sich mit irgend etwas zu befassen, was einer ernsten Beschäftigung auch nur entfernt ähnlich sah.

Wie sie an jenem Morgen in ihrem wunderlich zugeschnittenen Seemannsanzuge aus altmodischem Nanking am Frühstückstisch saß, und in der blühenden Reise ihrer Formen einen reizenden Kontrast mit der angebornen Kindlichkeit ihres Wesens darbot, hätte ein Mann fürwahr mit dem Rüstzeug der modernen Philosophie dreifach gewaffnet sein müssen, der diesem Anblick gegenüber hätte leugnen wollen, daß das erste Recht eines Weibes darin bestehe, schön zu sein, und ihr größtes Verdienst ihre Jugend sei.

Die beiden noch übrigen Personen am Kajütentisch waren die beiden Herren, die wir bereits auf dem Verdeck der Yacht kennen gelernt haben.

»Noch immer regt sich kein Lüftchen!« sagte Richard Turlington. »Das Wetter muß etwas gegen uns haben. In den letzten achtundvierzig Stunden sind wir kaum vier oder fünf Meilen weiter gekommen. Sie werden gewiß nie wieder mit mir fahren wollen, Sie müssen sich danach sehnen, wieder ans Land zu kommen.«

Er richtete diese Worte an Natalie, mit ersichtlicher Beflissenheit, sich der jungen Dame angenehm zu machen; aber ohne daß es ihm gelungen wäre, irgend einen Eindruck auf sie hervorzubringen. Sie antwortete ihm höflich und blickte dabei auf ihre Teetasse, anstatt in Richard Turlingtons Gesicht.

»In diesem Augenblick könnte man sich schon aufs feste Land versetzt glauben«, bemerkte Launce. »Das Schiff liegt ja so fest, wie ein Haus, und der Schaukeltisch, an dem wir frühstücken, steht so ruhig, wie Ihr Eßtisch zu Hause.«

»Es wird mir am Lande sonderbar vorkommen«, sagte jetzt das junge Mädchen, »mich in einem Zimmer aufzuhalten, das sich nie hin— und herbewegt, und an einem Tisch zu sitzen, der nie in einem Augenblick auf meine Knie herabsinkt und mir im nächsten bis ans Kinn steigt. Wie werde ich das Geräusch der Wellen an meinen Ohren und das Läuten der Glocke auf dem Verdeck entbehren, wenn ich am Lande des Nachts erwachen werde! Da wird man sich auch nicht mehr dafür interessieren können, wie der Wind weht, oder wie die Segel aufgesetzt sind; nicht mehr, wenn man seinen Weg verloren hat, die Sonne mit einem kleinen kupfernen Instrument, einem Stück Papier und einem Bleistift befragen; und nicht mehr so köstlich von der Stelle kommen, so oft der Wind einsetzt, ohne daß man nötig hätte, sich vorher lange mit der Überlegung zu plagen, wohin man gehen will. O, wie werde ich die liebe, veränderliche, unbeständige See entbehren! Und wie beklage ich es, kein Mann und kein Seemann zu sein!«

Das Alles sagte sie zu Launce, dem auf dem Schiff gewissermaßen nur geduldeten Gast, während sie sich bei keinem ihrer Worte, wenn auch nur zufällig, an den Eigentümer der Yacht wandte. Richard Turlingtons dicke Augenbrauen zogen sich mit einem unverkennbaren Ausdruck peinlichen Mißbehagens zusammen.

»Wenn diese Windstille anhält«, fuhr er zu Sir Joseph gewandt fort, »fürchte ich, Graybrooke, werde ich nicht im Stande sein, Euch bis Ende der Woche in den Hafen zurückzubringen, von dem wir ausgesegelt sind.«

»Immerhin, Richard«, antwortete der alte Herr resigniert. »Mir ist jede Zeit recht.«

»Jede Zeit innerhalb gewisser Grenzen, Joseph«, bemerkte Fräulein Lavinia, die offenbar fand, daß ihr Bruder in seinem Zugeständnis zu weit gehe. Sie sprach mit Sir Josephs liebenswürdigem Lächeln und Sir Josephs sanft gedämpfter Stimme. Zwei Zwillingskinder hätten einander nicht ähnlicher sein können.

Während diese wenigen Worte unter der den älteren Personen gewechselt wurden, nahm unter dem Kajütentisch eine vertrauliche Unterhaltung der jungen Leute ihren Fortgang. Nataliens mit einem zierlichen Pantoffel bekleideter Fuß rückte auf dem Teppich vorsichtig Zoll für Zoll vor, bis er Launces Stiefel berührte. Launce, der damit beschäftigt war, sein Frühstück zu verzehren, blickte sofort von seinem Teller auf und sah dann auch einer Berührung Nataliens eiligst wieder nieder. Nachdem Natalie sie vergewissert hatte, daß sie nicht beobachtet werde, nahm sie ihr Messer in die Hand.

Während sie sich mit großem Geschick den Anschein zu geben wußte, als spiele sie in Gedanken versunken mit dem Messer, fing sie an, mit demselben ein Stück Schinken, das am Rande ihres Tellers liegen geblieben war, in sechs kleine Stücke zu zerschneiden. Launces Auge folgte mit erwartungsvollen Seitenblicken der Zerteilung des Schinkens. Er wartete offenbar darauf, daß die einzelnen Stückchen Schinken in einer vorher zwischen seiner Nachbarin und ihm verabredeten Weise telegraphisch verwendet werden würden.

Inzwischen nahm auch die Unterhaltung der übrigen Personen am Frühstückstisch ihren Fortgang. In diesem Augenblick aber wandte sich Fräulein Lavinia an den jungen Mann. »Weißt du wohl, daß du mich diesen Morgen recht erschreckt hast? – Ich schlief bei offenem Fenster in meiner Kabine und wurde durch ein furchtbares Aufspritzen des Wassers aufgeweckt. Ich rief die Stewardeß – ich glaubte wirklich, daß jemand über Bord gefallen sei.«

Bei diesen Worten blickte Sir Joseph plötzlich auf; die Worte seiner Schwester hatten zufällig die Erinnerung an ein altes Erlebnis bei ihm erweckt.

»Was du von über Bord Fallen sagst«, fing er an, »erinnert mich an eine außerordentliche, schreckliche Begebenheit —«

Hier fiel Launce ein, um sich zu entschuldigen.

»Es soll nicht wieder vorkommen, Fräulein Lavinia«, sagte er, »morgen früh will ich mich am ganzen Körper ölen und so leise wie eine Fischotter ins Wasser schlüpfen.«

»An eine außerordentliche, schreckliche Begebenheit«, fuhr Sir Joseph fort, »die ich vor vielen Jahren, als ich noch ein junger Mann war, erlebte. Lavinia?«

Er hielt inne und sah seine Schwester fragend an. Fräulein Graybrooke nickte als Antwort mit dem Kopf und rückte sich auf ihrem Stuhle zurecht, wie wenn sie ihre Aufmerksamkeit in Voraussicht eines Appels an dieselbe im Voraus konzentrieren wolle. Für Leute, die Bruder und Schwester gut kannten, war diese Prozedur das Vorzeichen einer bevorstehenden Erzählung. Das Geschwisterpaar erzählte eine Geschichte immer gemeinschaftlich und zwar so, daß jedes von ihnen von jeder Tatsache immer eine von der des andern abweichende Auffassung hatte, indem die Schwester dem Bruder höflich widersprach, wenn die Erzählung von Sir Joseph, und der Bruder der Schwester höflich widersprach, wenn die Erzählung von Fräulein Lavinia begonnen wurde. Wenn sie von einander getrennt waren, und so des gewohnten Widerspruchs des andern entbehrten, konnten weder Bruder noch Schwester jemals den Versuch wagen, die einfachsten Tatsachen zu erzählen, ohne in ein unrettbares Stocken zu geraten.

»Es war fünf Jahre, bevor ich dich kennen lernte, Richard«, fuhr Sir Joseph fort.

»Sechs Jahre«, bemerkte Fräulein Graybrooke.

»Entschuldige, Lavinia.«

»Nein, Joseph, es steht in meinem Tagebuch.«

»Lassen wir den Punkt auf sich beruhen.« Das war die Formel, deren sich Sir Joseph regelmäßig bei solchen Angelegenheiten als eines Mittels bediente, seine Schwester sofort wieder zu versöhnen und einen frischen Anlauf für seine Erzählung zu gewinnen.

»Ich kreuzte vor der Mündung der Mersey in einem Liverpooler Lotsenboote. Ich hatte das Boot gemeinschaftlich mit einem Freunde gemietet, welcher früher in der Londoner Gesellschaft eine bekannte Persönlichkeit unter dem Spitznamen ‚Mahagony—Dobbs‘ gewesen war. Den Spitznamen hatte er der Farbe seines Backenbarts zu verdanken.«

Richard Turlingtons harte Finger trommelten ungeduldig auf dem Tisch. Er blickte nach Natalie hinüber.

In Ermanglung einer andern Beschäftigung legte sie ihre Stückchen Schinken auf ihrem Teller zu einem Muster zurecht. Launcelot Linzie sah anscheinend ganz gedankenlos nach dem Muster.

Sie Joseph fuhr in seiner Erzählung fort:

»Wir kreuzten zehn oder zwölf Meilen vor der Mündung der Mersey.«

»Seemeilen, Joseph.«

»Darauf kommt es nicht an, Lavinia.«

»Entschuldige, lieber Bruder, der verstorbene große, vortreffliche Doktor Johnson pflegte zu sagen, man müsse sich selbst in den geringfügigsten Dingen immer der größten Genauigkeit befleißigen.«

»Es waren gewöhnliche Meilen, Lavinia.«

»Es waren Seemeilen, Joseph.«

»Lassen wir den Punkt auf sich beruhen. Mahagony—Dobbs und ich waren eben unten in der Kajüte damit beschäftigt – «. Hier hielt Sir Joseph mit seinem liebenswürdigen Lächeln inne, um sich zu besinnen. Fräulein Lavinia wartete ihrerseits mit ihrem liebenswürdigen Lächeln auf die nächste Gelegenheit, ihren Bruder zu berichtigen. In demselben Augenblick legte Natalie ihr Messer nieder und berührte Launce leise unter dem Tisch. Auf ihrem Tisch waren sechs Stückchen Schinken in einer Weise zurecht gelegt, welche in der zwischen Beiden verabredeten originellen Zeichensprache bedeutete: »Ich muß dich allein nach dem Frühstück sprechen.«

Während Natalie wieder zu ihrem Messer griff, um neue Zeichen vorzubereiten, fuhr Sir Joseph in seiner Erzählung fort: »Wir waren beide unten in der Kajüte beschäftigt, unser Mittagessen zu beenden, als wir plötzlich durch den auf dem Verdeck erschallenden Ruf: ‚Ein Mann über Bord!‘ erschreckt wurden. Wir liefen beide die Kajütentreppe hinauf, natürlich in der Besorgnis, daß einer von unserer Mannschaft über Bord gefallen sei: eine Besorgnis, die, wie ich hinzufügen muß, von dem Steuermann, der den Ausruf getan hatte, geteilt wurde.«

Sir Joseph hielt wieder inne. Er näherte sich einem der spannendsten Momente seiner Erzählung und wollte diesen Moment natürlich gern möglichst ergreifend wiedergeben. Den Kopf auf die Seite geneigt, überlegte er einen Augenblick. Fräulein Lavinia hielt ihren Kopf ein wenig auf die andere Seite geneigt, und überlegte ihrerseits auch ein wenig.

Natalie legte ihr Messer wieder nieder und berührte Launce mit der Fußspitze unter dem Tisch. Dieses Mal lagen fünf Stückchen Schinken in einer waagerechten Linie auf dem Teller und ein Stück unmittelbar unter der Mitte dieser Linie. In der Zeichensprache bedeutete diese Figur zwei verhängnisvolle Worte: »Schlechte Nachrichten!« Launce sah mit einem bedeutungsvollen Blick nach dem Besitzer der Yacht hinüber und fragte damit: »Steckt er dahinter?« Nataliens Antwort bestand in einem Zusammenziehen ihrer Brauen, und das hieß: »Allerdings!« Launce sah wieder nach dem Teller. Sofort schob Natalie die sämtlichen Stückchen Schinken zu einem Haufen zusammen und sagte damit: »Ich habe nichts mehr zu sagen.« –

»Nun?« sagte Richard Turlington zu Sir Joseph gewandt in scharfem Tone, »fahre fort mit deiner Geschichte. Was kommt nun?«

Bis jetzt hatte er es nicht der Mühe wert gehalten, auch nur scheinbar ein höfliches Interesse an der fortwährend unterbrochenen Erzählung seines alten Freundes zu nehmen. Erst bei den letzten Worten Sir Josephs, als er zu verstehen gab, daß es sich im Verlauf seiner Erzählung vielleicht ergeben werde, daß der über Bord gefallene Mann keiner von der Mannschaft des Lotsenbootes gewesen sei – erst bei diesen Worten lehnte sich Turlington in seinem Stuhl zurück und gab zu erkennen, daß er plötzlich ein lebhaftes Interesse an dem Fortgang der Erzählung nehme.

Sir Joseph fuhr fort: »Sobald wir aufs Verdeck kamen, sahen wir den Mann im Wasser hinter dem Schiff. Unser Rettungsboot wurde herabgelassen und der Kapitän und einer von der Mannschaft stiegen hinein und ergriffen die Ruder. Unsere Mannschaft bestand alles in allem aus sieben Mann. Davon waren zwei eben ins Rettungsboot gestiegen, ein Dritter war am Steuer und die übrigen vier standen hinter mir, so daß uns also in der Tat niemand von unserer Mannschaft fehlte. In demselben Augenblick rief Mahagony—Dobbs, der eben durch ein Fernglas sah: ‚Wer zum Teufel kann das sein? Der Mann treibt auf einem Hühnerkorb und wir haben gar keinen solchen Korb an Bord gehabt.‘«

Der einzige unter den Anwesenden, der, als Sir Joseph diese Worte aussprach, zufällig Richard Turlingtons Gesicht beobachtete, war Launcelot Linzie. Er, und nur er sah, wie die dunkle Gesichtsfarbe des levantinischen Kaufmanns sich allmälig in ein fahles Aschgrau verwandelte, während seine Augen mit einem unheimlichen Glanz, wie er dem Blicke wilder Bestien eigen ist, auf Sir Joseph Graybrooke geheftet waren. Obgleich er Launce nicht ansah, wurde er doch offenbar gewahr, daß dieser ihn beobachte, stützte daher seinen Ellenbogen auf den Tisch und legte den Kopf in die Hand, um denselben so, während die Erzählung ihren Fortgang nahm, wirksam gegen die Beobachtung des jungen Arztes zu schützen.

»Der Mann wurde an Bord gebracht«, fuhr Sir Joseph fort, »und zwar wirklich mit einem Hühnerkorbe, auf dem er getrieben hatte. Der arme Kerl war blau vor Angst und Kälte; als wir ihn aufs Deck hoben, wurde er ohnmächtig. Als er wieder zu sich kam, erzählte er uns eine gräßliche Geschichte. Er war ein kranker, hilfloser Matrose gewesen und hatte sich in dem Schiffsraum eines englischen Schiffes versteckt, das nach einem Hafen seines Vaterlandes bestimmt, und an jenem Morgen von Liverpool abgesegelt war. Bald nach der Abfahrt war er entdeckt und vor den Kapitän gebracht worden. Der Kapitän, ein Ungeheuer in menschlicher Gestalt —«

Noch ehe Sir Joseph ein Wort weiter sagen konnte, erschreckte Turlington die kleine Gesellschaft in der Kajüte, indem er mit den Worten aufsprang: »Die Brise, endlich die Brise!« Dabei eilte er nach der Kajütentüre, so daß er seinen Gästen den Rücken zukehrte und lief aufs Verdeck. »Woher kommt der Wind?«

»Es ist keine Spur von Wind, Herr«, gab der Steuermann zur Antwort.

Auch in der Kajüte war nicht die geringste Bewegung des Schiffs bemerklich und kein Ton vernehmbar gewesen, der das Aufkommen des Windes verkündet hätte. Das war sicherlich ein sonderbares Mißverständnis von Seiten des Eigentümers der Yacht, eines seegewohnten Mannes, der erforderlichenfalls sein eigenes Schiff hätte führen können. Er kehrte zu seinen Gästen zurück und entschuldigte sich mit einer übertriebenen Höflichkeit, die ihm zu andern Zeiten und bei andern Gelegenheiten durchaus nicht eigen war.

»Fahre fort«, sagte er zu Sir Joseph, als er mit seinen Entschuldigungen zu Ende war, »ich habe in meinem ganzen Leben noch keine so interessante Geschichte gehört. Bitte, fahre fort!«

Aber anstatt die beiden harmlosen, alten Leute zu ermutigen, erschreckte er sie, als er sich ihnen in einer fast herausfordernden Stellung gegenübersetzte, die Ellenbogen vor sich auf den Tisch legte, und sie mit dem Ausdruck einer finstern Entschlossenheit ansah, als wolle er zu erkennen geben, daß er bereit sei, nötigenfalls den Rest seines Lebens da zu sitzen und zuzuhören. Launce verstand es, Sir Joseph wieder in Gang zu bringen, indem er seinen Onkel fragte: »Sie wollen doch nicht sagen, daß der Kapitän jenes Schiffes den Mann habe über Bord werfen lassen?«

»Allerdings, Launce! Der arme Bursche war zu krank gewesen, um seine Passage abzuarbeiten. Der Kapitän hatte erklärt, er wolle keinen fremden Tagedieb an Bord haben, welcher fleißigen Engländern ihre Vorräte aufzehre. Mit eigenen Händen warf er den Hühnerkorb in das Wasser und mit Hilfe eines seiner Matrosen den Mann hinterher, indem er ihm zurief, er möge mit der Abendluft wieder nach Liverpool treiben.«

»Das ist eine Lüge!« rief Turlington, nicht gegen Sir Joseph, sondern gegen Launce gewandt.

»Kennen Sie die Geschichte?« fragte Launce ruhig.

»Ich weiß nichts von der Geschichte, sonder weiß nur aus eigener Erfahrung, daß fremde Matrosen noch größeres Gesindel sind, als englische Matrosen. Der Kerl war ohne Zweifel verunglückt. Seine ganze Geschichte aber war offenbar erlogen, um Sir Josephs Mitleid zu erregen.«

Sir Joseph schüttelte sanft den Kopf.

»Das war keine Lüge, Richard. Es ist durch Zeugen bewiesen, daß der Mann die Wahrheit gesprochen hat.«

»Zeugen? Pah! Andere Lügner, willst du sagen.«

»Ich ging zu den Eigentümern des Schiffes«, fuhr Sir Joseph fort. »Ich erfuhr von ihnen die Namen der Schiffsoffziere und der Mannschaft, und zeigte den Fall bei der Liverpooler Polizei an. Das Schiff scheiterte an der Mündung des Amazonenflusses, aber Mannschaft und Ladung wurden gerettet. Die Mannschaft, die nach Liverpool gehörte, kehrte dahin zurück. Das war böses Volk, das könnt ihr mir glauben! Aber sie wurden jeder einzeln über die Behandlung des fremden Matrosen vernommen und sagten ganz übereinstimmend aus. Von ihrem Kapitän und dem Matrosen, der ihm bei dem Verbrechen behilflich gewesen war, wußten sie nichts, als daß dieselben sich auf dem Schiffe, das die übrige Mannschaft nach England zurückgebracht habe, nicht mit eingeschifft hätten. Was auch seitdem aus dem Kapitän geworden sein mag, gewiß ist, daß er nie nach Liverpool zurückkehrte.«

»Hast du seinen Namen herausgebracht?« fragte Turlington. Selbst Sir Joseph, der ein außerordentlich schlechter Beobachter war, entging es nicht, daß Turlington diese Frage in einem unerklärlich pikierten Tone tat.

»Ereifere dich nicht, Richard«, sagte der alte Herr.

»Ich weiß nicht, was du meinst. Ich ereifere mich gar nicht, ich bin nur neugierig. Hast du herausgebracht, wer es gewesen ist?«

»Allerdings. Er hieß Howard – er war in Liverpool sehr wohl bekannt als ein höchst schlauer und äußerst gefährlicher Mensch. Er war zu der Zeit, von der ich rede, noch ganz jung und ein ausgezeichneter Kapitän, berühmt und berüchtigt wegen seiner Bereitwilligkeit, die Führung seeuntüchtiger, aber hoch in der Assekuranz stehender Schiffe und den Befehl über hergelaufenes Gesindel zu übernehmen. Wie man mir erzählte, hatte er sich für einen Mann in seiner Stellung, auf diese Weise – im Dienst schlecht berufener Firmen, wobei er vor keiner noch so schlimmen Gefahr zurückschreckte – schon ein hübsches Vermögen erworben. Ein gefährlicher Spitzbube, Richard! Mehr als einmal war er schon in Europa und Amerika durch Akte grausamer Gewalttätigkeit dem Gesetze verfallen. Er wird wohl schon lange tot sein.«

»Oder vielleicht«, sagte Launce, »lebt er noch unter einem anderen Namen und hat sein Glück auf einem anderen Wege unter neuen verzweifelten Gefahren anderer Art gemacht.«

»Kennen Sie die Geschichte?« fragte Turlington, indem er Launce seine Frage in einem scharf herausfordernden Tone zurückgab.

»Was ist denn aus dem fremden Matrosen geworden, Papa?« fragte Natalie dazwischen, indem sie Launce absichtlich zuvorkam, bevor er die in gereiztem Tone an ihn gerichtete Frage in gereiztem Tone beantworten konnte.

»Wir brachten etwas für ihn zusammen, liebes Kind, und wandten uns an seinen Konsul. Der arme Kerl kam so auf ganz gute Weise nach seinem Vaterlande zurück.«

»Und damit ist Sir Josephs Geschichte zu Ende«, sagte Turlington, indem er sich von seinem Sitze erhob. »Schade, daß wir nicht einen Schriftsteller an Bord haben, der könnte eine Novelle daraus machen.« Als er aufgestanden war, sah er nach dem Oberlicht hinauf. »Da haben wir aber endlich die Brise, und dieses Mal irre ich mich nicht!« rief er aus.

Es verhielt sich wirklich so. Endlich war die Brise da. Die Segel pauschten sich, der Hauptmast knarrte und das endlich wieder in Bewegung gekommene Wasser fing an, die Schiffswände mit munteren Wellen zu bespülen.

»Komm aufs Verdeck und schöpfe ein wenig frische Luft, Natalie«, sagte Fräulein Lavinia, indem sie nach der Kajütentüre voranging.

Natalie hob den Rock ihres Nankinganzuges etwas in die Höhe, und ließ dadurch sichtbar werden, daß von dem roten Besatz mehrere Ellen abgerissen waren.

»Laß mich erst noch eine halbe Stunde in meiner Kabine das wieder in Ordnung bringen, Tante«, sagte sie.

Fräulein Lavinia zog ihre ehrwürdigen Augenbrauen erstaunt empor. »Liebes Kind«, sagte sie, »seit du auf Herrn Turlingtons Yacht bist, hast du fortwährend deine Kleider zerrissen. Das ist doch höchst sonderbar! Ich habe mir während der ganzen Fahrt noch nichts an meinem Zeuge zerrissen.«

Nataliens dunkler Teint wurde noch eine Nuance dunkler. Sie lachte etwas gezwungen. »Ich bin so ungeschickt am Bord«, antwortete sie – und damit wandte sie sich ab und schloß sich in ihre Kabine ein.

Richard Turlington zog seine Zigarrentasche hervor.

»Jetzt«, sagte er zu Sir Joseph, »ist die Zeit für die beste Zigarre am Tage – die Zigarre nach dem Frühstück! Komm mit aufs Deck.«

»Kommst du mit hinauf, Launce?« sagte Sir Joseph zu diesem.

»Laß mich erst eine halbe Stunde studieren«, erwiderte Launce. »Ich darf meine medizinischen Kenntnisse auf der See nicht einrosten lassen, und später am Tage werde ich wohl keine Lust zu den Büchern haben!«

»Ganz recht so, lieber Junge, recht so!« – Dabei klopfte Sir Joseph seinem Neffen wohlgefällig auf die Schulter.

Launce ging seines Weges und schloß sich in seine Kabine ein. Die drei andern gingen zusammen aufs Verdeck.




Zweites Kapitel.

Die Vorratskammer


Für Leute mit trägen Lebern und zärtlichen Herzen wird der Genuß einer Seefahrt durch zwei ernste Schattenseiten beeinträchtigt. Es ist außerordentlich schwer, auf der See sich hinreichend Bewegung, und fast unmöglich, im Geheimen die Cour zu machen. Fassen wir hier einen Augenblick nur die letztere Schwierigkeit ins Auge, so kann man das Leben innerhalb der engen und stark bevölkerten Grenzen eines Schiffs als ein wesentlich öffentliches bezeichnen. Vom Morgen bis Abend ist man seinem Nachbar, oder sein Nachbar einem im Wege.

Bei diesem Zustand der Dinge darf man einen Mann, der im Stande ist, auf der See unbeobachtet einen Kuß zu rauben, als einen mit den seltensten Eigenschaften ausgestatteten Menschen bezeichnen. Eine angeborne Begabung für die feinsten Kriegslisten, eine unerschöpfliche Erfindungsgabe, eine durch die übermenschlichsten Prüfungen nicht zu ermüdende Geduld, eine Geistesgegenwart, die durch keinen noch so unerwarteten Zufall außer Fassung zu bringen ist – das sind einige der Eigenschaften, mit welchen die Liebe auf einer Seefahrt ausgerüstet sein muß, wenn sie sich als Kontrebande auf das Schiff mit eingedrängt hat und nicht gehörig in die Schiffspapiere einregistriert ist. Nachdem Natalie und Launce sich über eine hinlänglich originelle Zeichensprache verständigt hatten, die sie in den Stand setzte, vertraulich miteinander zu verkehren, während die Augen und anderer weit geöffnet, auf sie gerichtet waren, hatten sie die noch größere Schwierigkeit zu überwinden, ein Mittel zu finden, am Bord der Yacht unbeobachtet von Zeit zu Zeit zusammenzukommen. Launce hatte sich den Schwierigkeiten, die sich ihm in den Weg stellten, nicht gewachsen gezeigt. Natalie, die in Folge dessen auf ihre eigene Erfindungsgabe angewiesen war, hatte Launce den Gedanken eingegeben, sich seiner medizinischen Studien als einer triftigen Entschuldigung dafür zu bedienen, daß er sich von Zeit zu Zeit in den unteren Regionen einschloß, und war dann auf die glückliche Idee gekommen, sich immer wieder den Besatz ihres Kleides abzureißen, und sich zur selbsteigenen Ausbesserung dieser Risse zu verurteilen, und so ihrerseits eine unverwerfliche Entschuldigung für ihr Verschwinden zu gewinnen. Auf diese Weise machten die Liebenden es möglich, während die nichts ahnenden regierenden Mächte auf dem Verdeck weilten, im Geheimen unter ihnen auf dem neutralen Boden der großen Kajüte zusammenzukommen, und hier waren sie, in Folge einer vorgängigen Verabredung am Frühstückstisch, auch eben jetzt wieder im Begriff, sich im Geheimen zu treffen.

Natalie öffnete, wie gewöhnlich bei diesen Gelegenheiten, ihre Tür zuerst und zwar aus dem triftigen Grunde, weil sie diejenige war, auf deren Behendigkeit im Fall eines unvorhergesehenen Zufalls sie sich am besten verlassen konnten. Sie sah nach dem Oberlicht hinauf. Dort wurden die Beine der beiden Herren und die Röcke ihrer Tante, die an der Leeseite des Schiffes ruhig verharrten, sichtbar. Sie trat einige Schritte weiter vor und horchte. Das Geräusch der Stimmen oben ließ plötzlich nach. Sie sah wieder hinauf. Ein paar Beine, und zwar nicht die ihres Vaters, waren verschwunden. Ohne einen Augenblick zu zögern, flog Natalie in ihre Kabine zurück, gerade noch zu rechter Zeit, um Richard Turlington, der eben die Kajütentreppe herunter kam, zu entgehen. Er trat an eine der Schubladen unter dem Bücherschrank der Kajüte, nahm eine Karte heraus und ging dann sofort wieder auf Deck. Nataliens böses Gewissen ließ sie gleichwohl den voreiligen Schluß ziehen, daß Richard Verdacht gegen sie hege. Gleich darauf trat sie zum zweiten Mal an die Tür ihrer Kabine, dieses Mal aber nicht, um sich in die Kajüte zu wagen, sondern um flüsternd hinaus zu rufen: »Launce!«

Ihr Vetter erschien an seiner Tür, aber noch bevor er die Schwelle überschreiten konnte, rief sie ihm in peremtorischem Tone zu: »Rühr‘ dich nicht! Richard ist unten in der Kajüte gewesen! Er hat Verdacht geschöpft!«

»Unsinn! Komm doch heraus!«

»Unter keiner Bedingung, wenn du nicht einen andern Ort als die Kajüte ausfindig machen kannst.«

Einen anderen Ort? Wie leicht wäre der am Land zu finden gewesen, wie schwer, wenn nicht unmöglich auf der See! An dem einen Ende des Schiffs befand sich die von der Mannschaft besetzte Volkskajüte, am andern Ende der mit Segeln angefüllte Segelraum. Die Damenkajüte war zum Ankleidezimmer der Damen eingerichtet und als solches völlig unzugänglich für jedes männliche Wesen an Bord. Gab es in der Mitte des Schiffs noch irgend einen geschlossenen und disponiblen Raum? An der einen Seite befanden sich die Schlafkabinen des Schiffsoberleutnants und des Steuermanns, die unser Paar unmöglich betreten konnten; an der anderen Seite lag die Vorratskammer des Stewards. Launce dachte einen Augenblick nach. Die Vorratskammer des Stewards war gerade, was sie brauchten.

»Wohin willst du?« fragte Natalie, als Launce gerade auf eine verschlossene Tür am unteren Ende der Kajüte zuging.

»Ich will mit dem Steward reden, liebes Kind, warte einen Augenblick, ich bin gleich wieder da.«

Launce öffnete die Tür der Vorratskammer und fand darin nicht den Steward, sondern seine Frau, welche den Dienst einer Stewardeß auf dem Schiffe versah. Das war dieses Mal ein glücklicher Zufall. Launce, der jedesmal, so oft er auf dieser Fahrt Natalie einen Kuß geraubt hatte, dabei von dem Steward oder seiner Frau überrascht worden war, brauchte kein Bedenken zu tragen, diese beiden mit ins Vertrauen zu ziehen. Nachdem er die Sympathien der in dieser Region des Schiffes herrschenden Autoritäten schon früher durch das beredte Mittel von Geldgeschenken gewonnen hatte, konnte er auf ihre Verschwiegenheit rechnen. Nach einem schwachen Versuch, die Bitte abzulehnen, willigte die Stewardeß ein, nicht nur die Vorratskammer zu verlassen, sondern auch ihren Mann von derselben fern zu halten, unter der Bedingung, daß der Raum für nicht länger als zehn Minuten besetzt bleiben dürfe.

Launce machte Natalie das verabredete Zeichen an der einen Tür, während die Stewardeß zur anderen hinausging. Einen Augenblick später fanden sich die Liebenden in einem geschlossenen Raum vereinigt. Brauchen wir zu sagen, in welcher Sprache die Verhandlungen eröffnet wurden? Gewiß nicht! Bei solchen Gelegenheiten pflegt man sich einer unartikulierten Lippensprache zu bedienen, in der wir alle Meister sind, obgleich wir es im späteren Leben bisweilen vergessen. Natalie stand an eine mit Tee, Zucker und Gewürzen bedeckte Wand gelehnt, eine Speckseite hing über ihrem Haupt und ein mit Zitronen gefülltes Netz schaukelte vor ihrem Gesichte. War daher die Vorratskammer auch gerade nicht geräumig, so war sie doch gemütlich.

»Wenn nun der Steward gerufen würde?« sagte sie, um ihn abzuwehren. »Laß es, Launce.«

»Sei ganz ruhig. Wir sind hier sicher, wenn sie ihn auch rufen. Der Steward braucht nur auf dem Verdeck zu erscheinen und jeder Verdacht gegen uns muß schwinden.«

»Laß mich in Ruhe, Launce! Ich habe dir sehr schlimme Nachrichten zu melden, und überdies wartet meine Tante darauf, daß ich mit meinem wieder angenähten Besatz zu ihr komme.«

Sie hatte Nadel und Zwirn mitgebracht. Sie setzte sich auf die Vorratskiste, nahm den Rock ihres Kleides über ihre Knie auf, beugte sich darüber und ging emsig daran, den abgerissenen Besatz wieder anzunähen. In dieser Stellung zeigte ihre schlanke Gestalt ihre festen, und doch so weichen Formen im reizendsten Licht. Rasch fuhr die Nadel in den geschickten Fingern durch das Zeug. Die Vorratskiste war so breit, daß Launce einen Platz neben dem holden Mädchen fand.

»Nun, Natalie, was hast du mir zu melden?« fragte der junge Arzt.

»Er hat mit Papa gesprochen, Launce.«

»Richard Turlington?«

»Ja.«

»Hol‘ ihn der Teufel.«

Natalie fuhr zurück. Ein in den Nacken gesprochener Fluch, dem auf der Stelle ein Segenswunsch in Gestalt eines Kusses folgt, hat etwas Überraschendes, wenn man nicht darauf vorbereitet ist.

»Tu‘ das nicht wieder, Launce! – Das Gespräch fand statt, während du auf dem Verdeck rauchtest und sie glaubten, ich sei fest eingeschlafen. Ich öffnete den Ventilator in meiner Kabinentür, lieber Junge, und hörte jedes Wort, das sie sprachen. Er wartete, bis meine Tante fortgegangen war, und er Papa ganz allein hatte; und dann fing er in seiner abscheulichen, rücksichtslosen Manier an: ‚Graybrooke, wie lange soll ich noch warten?«

»Hat er das gesagt?«

»Das waren seine Worte. Papa verstand nicht, Richard erklärte sich alsbald. Auf wen anders konnte er warten, als auf mich? Papa sagte etwas von meiner noch so großen Jugend. Aber Richard fiel ihm ohne Weiteres ins Wort: Mädchen seien wie Früchte; einige reiften früh, andere spät; einige seien erst mit zwanzig, andere schon mit sechzehn Jahren entwickelt. Es sei unmöglich mich anzusehen und nicht zu finden, daß ich nach meiner zweimonatlichen Seereise ein ganz neues Wesen geworden sei; und so weiter, und so weiter. Papa versuchte noch, einen Aufschub zu gewinnen. ‚Wir haben noch sehr viel Zeit, Richard, noch sehr viel Zeit.‘ – ‚Noch sehr viel Zeit für sie‘, lautete die Antwort des elenden Menschen, ‚aber nicht für mich. Denk‘ an alles, was ich ihr zu bieten habe‘ als ob ich mir etwas aus seinem Gelde machte – ‚und nun laß mich nicht länger in einem Zustand der Ungewißheit, den es für einen Mann in meiner Lage von Tag zu Tag schwerer wird zu ertragen.‘ Er war wahrhaftig ganz beredt, seine Stimme zitterte… Es ist kein Zweifel, lieber Launce, daß er verliebt in mich ist.«

»Und dadurch fühlst du dich natürlich geschmeichelt?«

»Sprich doch nicht solchen Unsinn. Ich fühle mich ein wenig erschreckt dadurch, das kann ich dir versichern.«

»Erschreckt? Hast du ihn diesen Morgen beobachtet?«

»Ich? Wann?«

»Als dein Vater die Geschichte von dem über Bord gefallenen Matrosen erzählte.«

»Nein. Was tat er da? Erzähle mir, Launce.«

»Sag‘ mir zuerst: wie lief denn das Gespräch gestern Abend ab? Hat dein Vater ihm irgend etwas versprochen?«

»Du kennst Richards Art. Er ließ ihm keine Wahl; Papa mußte ihm sein Versprechen geben, bevor er Erlaubnis bekam, zu Bett zu gehen —«

»Das Versprechen, dich diesem Turlington zum Weibe zu geben?«

»Ja, eine Woche nach meinem nächsten Geburtstag.«

»Eine Woche nach dem nächsten Weihnachtstage?«

»Ja. Papa soll mit mir reden, sobald wir wieder zu Hause sind, und ich soll am Neujahrstage heiraten.«

»Ist das dein Ernst, Natalie? Soll ich wirklich glauben, daß sie so weit gegangen sind?«

»Sie haben sich über alles geeinigt: über die glänzende Einrichtung, die wir bekommen, und das große Einkommen, das wir haben sollen. Ich habe gehört, wie Papa zu Richard sagte, sein halbes Vermögen solle mir an meinem Hochzeitstage zufallen. Es war widerwärtig zu hören, wie viel sie von Geld und wie wenig sie von Liebe sprachen. Was soll ich tun, Launce?«

»Darauf ist die Antwort leicht, mein Engel. Vor allen Dingen mußt du fest entschlossen sein, Richard Turlington nicht zu heiraten—«

»Sprich vernünftig. Du weißt, ich habe alles getan, was ich konnte. Ich habe Papa gesagt, daß ich mir Richard wohl als Freund, aber nicht als Ehemann denken könne. Aber er lacht mich nur aus und sagt: ‚Wart ein bißchen und du wirst schon deine Ansicht ändern, liebes Kind!‘ – Du siehst, Richard ist ihm alles: Richard hat ihm immer seine Angelegenheiten besorgt und hat ihn vor Verlusten durch schlechte Spekulationen bewahrt; Richard kennt mich seit meiner frühesten Jugend; Richard hat ein glänzendes Geschäft und sehr viel Geld. Papa hat gar keine Vorstellung davon, wie ich Richards Hand ausschlagen kann. Dann versuchte ich es, mich hinter meine Tante zu stecken; ich sagte ihr, er sei zu alt für mich; aber alles, was sie mir antwortete, war: ‚Sieh doch nur deinen Vater an, er war viel älter als deine Mutter und doch war ihre Ehe so glücklich.‘ – Selbst wenn ich geradezu erklärte, ich würde Richard nicht heiraten, was hätten wir davon? Papa ist der beste, liebste alte Mann auf der Welt, aber – ach! – das Geld geht ihm über alles! Er glaubt an nichts anderes. Er würde wütend werden – bei aller seiner Güte, wütend – wenn ich auch nur andeuten wollte, daß ich dich liebe. Der Mann, der es sich einfallen ließe, um meine Hand anzuhalten, ohne ein ebenso großes Vermögen zu haben, wie das, welches ich ihm mitbrächte, würde von Papa wie ein Verrückter angesehen werden. Er würde es gar nicht für nötig halten, einem solchen Menschen auch nur eine Antwort zu geben; er würde einfach klingeln und dem Tollkühnen die Tür weisen lassen. Ich übertreibe nicht, Launce; du weißt, ich rede die Wahrheit. So weit ich sehen kann, gibt es keine Hoffnung für uns.«

»Bist du fertig, Natalie? Dann möchte ich auch etwas sagen.«

»Nun, sprich!«

»Wenn es so fortgeht, wie es sich jetzt anläßt, weißt du, wie dann alles enden wird? Es wird damit enden, daß du Turlingtons Frau wirst.«

»Niemals!«

»Das sagst du jetzt, aber du weißt nicht, was zwischen heute und Weihnachten passieren kann! Natalie, es gibt nur ein Mittel, es außer allen Zweifel zu stellen, daß du Richard niemals heiraten wirst – heirate mich!«

»Ohne Papas Einwilligung?«

»Ohne irgend jemand ein Wort zu sagen, bis die Sache geschehen ist.«

»O, Launce, Launce!«

»Lieber Engel, jedes Wort, was du gesprochen hast, zeigt, daß es kein anderes Mittel gibt. Bedenke es wohl, Natalie, bedenke es wohl!«

Es entstand eine Pause. Nataliens Hand entsank Nadel und Faden und sie bedeckte ihr Gesicht mit ihren Händen und sagte: »Ach, wenn nur meine arme Mutter noch lebte! Oder wenn ich nur eine ältere Schwester hätte, die ich um Rat fragen könnte, was ich tun soll.«

Sie schwankte offenbar. Launce ließ sich den Vorteil ihrer Unentschlossenheit nicht entgehen. Er drang unbarmherzig in sie.

»Liebst du mich?« flüsterte er ihr ins Ohr.

»Du weißt, wie zärtlich ich dich liebe.«

»Nimm Richard die Möglichkeit, uns zu trennen, Natalie.«

»Uns trennen? Wir sind ja Blutsverwandte! Selbst wenn er den Versuch machen wollte, uns zu trennen, so würde Papa das nicht erlauben.«

»Merk‘ wohl auf meine Worte: Er wird den Versuch machen. Er braucht ja nur den Finger aufzuheben, damit dein Vater ihm gehorcht. Liebstes Mädchen, unser beider Lebensglück steht auf dem Spiel!« Dabei umschlang er sie mit seinem Arm und zog ihren Kopf sanft an seine Brust. »Das haben schon viele Mädchen vor dir getan, Liebchen«, beredete er sie, »warum wolltest du es auch nicht tun?«

Es ging über ihre Kräfte, ihm zu antworten.Sie gab es auf. Ein leiser Seufzer entrang sich ihrer Brust. Sie schmiegte sich noch enger an ihn und schloß wie ohnmächtig die Augen. Im nächsten Augenblick aber fuhr sie, am ganzen Leibe zitternd, auf und blickte nach dem Oberlicht. Gerade über ihnen wurde plötzlich Richard Turlingtons Stimme vernehmbar.

»Graybrooke, ich habe dir ein Wort über Launcelot Linzie zu sagen.«

Nataliens erster Gedanke war, an die Tür zu eilen. Als sie aber Richard Launces Namen aussprechen hörte, stand sie davon ab. In Richards Ton lag etwas, was ihre Neugierde erweckte, und die Macht der Neugierde ist oft stärker als die der Furcht. Sie wartete, während sie ihre Hand in Launces Hand ruhen ließ.

»Du wirst dich erinnern«, fuhr Richard mit seiner dröhnenden Stimme fort, »daß ich es nicht geraten fand, ihn auf dieser Fahrt mitzunehmen; du warst nicht meiner Meinung, und auf deine ausdrückliche Bitte gab ich nach. Es war unrecht von mir. Launcelot Linzie ist ein sehr anmaßender junger Mann.«

Sir Joseph antwortete mit seinem gewohnten milden Lachen: »Mein lieber Richard, du urteilst wirklich etwas zu hart über Launce.«

»Du verstehst dich nicht darauf, Menschen zu beobachten, wie ich, Graybrooke! Ich sehe unverkennbare Zeichen, daß er sich gegen uns alle, und namentlich gegen Natalie mehr herausnimmt, als ihm zukommt. Mir gefällt die Art nicht, wie er mit ihr spricht und wie er sie ansieht. Er hat einen ungebührlich familiären Ton, eine unverschämte Vertraulichkeit, dem muß Einhalt getan werden. In meiner Stellung darf ich verlangen, daß auf meine Gefühle Rücksicht genommen werde. Ich bitte dich, der Intimität zwischen den jungen Leuten ein Ende zu machen, sobald wir wieder am Lande sind.«

Der Überraschung, welche diese Worte in Sir Joseph hervorriefen, gab derselbe in ernsterem Tone Ausdruck. »Lieber Richard, sie sind Cousin und Cousine, sie sind seit ihrer frühesten Jugend Gespielen gewesen. Wie kannst du das geringste Gewicht auf irgend etwas legen, was der arme Launce sagt oder tut.«

Der Ton, in dem Sir Joseph diese letzten Worte sprach, hatte etwas gutmütig Geringschätzendes, das seine Tochter tief verletzte. Er hätte in keinem anderen Tone von einem harmlosen Haustier reden können. Sie drückte Launces Hand sanft.

Turlington beharrte bei seinem Verlangen: »Ich muß noch einmal darauf dringen, ernstlich darauf dringen, daß du dieser wachsenden Vertraulichkeit der Beiden Einhalt tust. Ich habe nichts dagegen, daß du ihn von Zeit zu Zeit mit anderen Freunden einladest. Aber was ich wünsche und von dir erwarte, ist, daß er nicht mehr zu jeder Tages— und Abendstunde, wenn er vielleicht nichts anderes zu tun hat, wie man zu sagen pflegt, ins Haus fällt. Bist du damit einverstanden?«

»Wenn du es zur Bedingung machst, Richard, so bin ich natürlich damit einverstanden.«

Als der schwache Sir Joseph mit diesen Worten in das Verlangen Richards willigte, sah Launce Natalie an.

»Was habe ich dir gesagt?« flüsterte er. Natalie ließ schweigend den Kopf hängen. In der Unterhaltung auf dem Verdeck entstand eine Pause. Die beiden Herren gingen langsam nach dem Vorderdeck.

Launce verfehlte nicht, seinen Vorteil weiter zu verfolgen. »Dein Vater läßt uns keine Wahl«, sagte er. »Sobald wir wieder ans Land kommen, wird mir die Tür eures Hauses verschlossen werden. Wenn ich dich verliere, Natalie, weiß ich nicht, was aus mir werden soll. Aus meinem Beruf mache ich mir nichts, ich habe dann nichts mehr, was es mir der Mühe wert erscheinen ließe, weiter zu leben.«

»Still, still! Sprich nicht so!«

Launce versuchte es noch einmal mit dem besänftigenden Einfluß der Überredung: »Hundert und aber hundert Leute in unserer Lage haben sich heimlich verheiratet und haben nachher Vergebung gefunden«, fuhr er fort. »Ich verlange nicht von dir, daß du irgend etwas übereilt tust. Ich will mich ganz von deinen Wünschen leiten lassen. Alles, was ich verlange, um mein Gemüt zu beruhigen, ist die Gewißheit, daß du mir angehörst. Gib mir, ich flehe dich um alles, gib mir eine Gewähr dafür, daß Richard Turlington dich mir nicht entreißen kann.«

»Dränge mich nicht, Launce!« Mit diesen Worten sank sie wieder auf die Vorratskiste. »Sieh«, sagte sie, »schon der Gedanke daran macht mich zittern.«

»Vor wem fürchtest du dich denn, Liebchen? Doch nicht vor deinem Vater?«

»Der arme Papa! Das wäre das erste Mal in seinem Leben, daß er hart gegen mich wäre.« Sie hielt inne. Ihre feuchten Augen blickten flehend zu Launce auf. »Dringe nicht in mich!« wiederholte sie mit schwacher Stimme. »Du weißt, es ist unrecht. Wir würden es eingestehen müssen; und was würde dann geschehen?« Sie hielt wieder inne. Ihre Augen wandten sich wieder unruhig dem Deck zu. Dann fuhr sie mit noch leiserer Stimme als bisher fort: »Denk an Richard!..« Sie schauderte bei dem Gedanken an die Schrecken, welche dieser Name ihr vor die Seele rief. Noch ehe Launce ihr ein beruhigendes Wort sagen konnte, war sie wieder aufgestanden. Bei Richards Namen hatte sie sich plötzlich wieder an die geheimnisvolle Anspielung auf den Eigentümer der Yacht erinnert, welche Launce eben vorher gemacht hatte.

»Was war das, was du vorhin von Richard sagtest?« fragte sie. »Du sahest oder hörtest etwas Sonderbares, während Papa seine Geschichte erzählte. Was war das?«

»Ich beobachtete Richards Gesicht, Natalie, als dein Vater erzählte, daß der über Bord gefallene Mann keiner von der Mannschaft des Lotsenbootes gewesen sei. Bei diesen Worten wurde er unheimlich bleich. Das Bewußtsein der Schuld lag deutlich auf seinem Gesicht —«

»Der Schuld? Woran?«

»Er war dabei, als der Matrose über Bord geworfen wurde – davon bin ich fest überzeugt. Ja, nach allem, was ich von ihm weiß, sollte es mich nicht wundern, wenn er es selbst getan hätte.«

Natalie fuhr entsetzt zurück.

»O, Launce, Launce, wie kannst du nur so etwas denken! Du magst Richard nicht leiden können, du magst ihn als deinen Feind betrachten, aber eine so furchtbare Beschuldigung gegen ihn auszusprechen – das ist nicht großmütig von dir, das sieht dir gar nicht ähnlich!«

»Wenn du ihn angesehen hättest, würdest du dasselbe gesagt haben. Ich werde sowohl im Interesse deines Vaters, wie in unserem eigenen Interesse nähere Erkundigungen einziehen. Mein Bruder kennt einen Polizeikommissar, und von dem kann er gewiß das Nähere erfahren. Turlington ist nicht immer im Levantinischen Handel beschäftigt gewesen, das weiß ich schon.«




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