Das Wunderjahr (1566)
Hendrik Conscience




Unbekannt

Das Wunderjahr (1566)





Vorwort des Uebersetzers


Hendrik Conscience ist, als Mensch und als Schriftsteller, unlängst von hier aus in würdiger Weise unter uns eingeführt worden. Gegenwärtige Uebertragung eines seiner episch-romantischen Werke soll ihn, sein Volk und dessen Literatur, noch näher bekannt machen helfen. Der Uebersetzer hat sich thunlicher Treue beflissen, damit Geist und Sprache des Originals dem Urtheil unentstellt und ungeschmückt vorliegen. Deutscher Sinn wird sich dem Verständniß und der Schätzung des naheverwandten Stammes immer mehr öffnen, und zu diesem abermaligen Händedruck, entboten dem Vlämischen Brudervolke, sich gerne mit uns vereinigen.



    Regensburg im Oktober 1845.




I


Laß nicht zu mein Sohn, daß die Niederländer von den Ausländischen unterdrückt werden, auf daß du nicht in einen jämmerlichen und endlosen innern Krieg verstrickt werdest.

    Kaiser Karl an seinen Sohn Philipp I.
    Serviverius.

Es war im Jahre unsers Herrn 1566, den 16. des Augustmonats.

Die Nacht war düster, und der Regen, der in wechselnden Strömen niederstürzte, hatte die engen Straßen der Stadt Antwerpen in vielfache Wasserpfützen verwandelt. Kein Licht zeigte sich dem Auge, als die wenigen flackernden Kerzen, die die Einwohner vor den Heiligenbildern angezündet hatten Selten wagte sich ein Bürger zu dieser Zeit allein um Mitternacht in die Straßen; denn der herrschende Widerstreit der Meinungen hatte Jeden zum Feinde des Andern gemacht. Nur der Nachtwächter, mit Spieß und Laterne, durchkreiste die Stadt.

»Zwölf Uhr ist die Glocke!« rief er in diesem Augenblicke; und sein Schatten verschwand, wie ein Riesengespenst, in der Schwarznonnenstraße.

»St! – kommt, er ist fort,« sprach da ein Mann, hinter dem Brunnen auf den Viehmarkt vortretend, und ihm folgte unmittelbar ein anderer. Beide hatten breite Hüte auf dem Haupte; ein weiter, brauner Mantel hing über ihren Schultern; sonst konnte man an ihrer Kleidung, in der ungemeinen Dunkelheit nichts unterscheiden.

»Also, Herr Konrad,« frug der Eine, »unsere Freunde, sagt Ihr sind da?«

»Ja,« antwortete der Andere, » heute Nacht wird die große Sache beschlossen. Woferne wir den gefürchteten Wolfangh mit seiner Truppe für uns gewinnen können, soll das Spiel bald in Gang kommen. – Kommt, schreiten wir was besser zu; mich dünkt, ich höre die Waffenbrüder herab von der Burg auf uns zukommen.«

Nun wandten sie sich mit sachten Schritten um das Schlachthaus und schritten in die Krabbenstraßes hinunter. Als sie über den Fischmarkt kamen, frug der Erste:

»Welche Mittel werden wir wohl in’s Werk setzen, um Wolfgang an uns zu ziehen? Geld haben wir nicht viel; und die geringste Verlautbarung kann uns das leben kosten.«

»Godmaert hat Alles eingeleitet,« antwortete Konrad, »er hat sich einen jungen Edelmann verschafft, der ihm stark verpflichtet zu seyn scheint. – Der soll uns zum Werkzeug dienen. – Er sieht wohl ein bisschen spanisch gesinnt aus. – Heute wird er in unsere Geheimnisse und Anschläge verwebt – und, wofern er sich weigert, den Eid zu leisten, den wir Alle abgelegt haben, will ich dafür sorgen, daß er seiner Mutter nicht erzählen soll, was er von uns hören und sehen mag.«

Mit grimmigen Lächeln langte er den Dolch von seiner Brust und wies, bei dem Lichte eines Liebfrauenbildes, seinem Gefährten die scharfe Schneide.

Schweigend setzten sie ihren Weg fort bis zu der kurzen Peter-Pot- Straße. In diesem abgelegenen und engen Gang blieben sie plötzlich vor einem Hause stehen: – und sachte ließen sie den eisernen Klopfer dreimal auf das Thor niederfallen.

»Wer da?« im frug eine heisere und zitternde Stimme durch das Schubfensterchen mitten in dem Thor.

»Dolch und Bettelsack« war die flüsternde Antwort.

Sie wurden eingelassen und das Einlaßthürchen hinter ihnen zugeriegelt.

»Wohlan, verrostete Wetterhexe,« frug Konrad, »sind die Bettelsäcke da?«

»Allesammt« antwortete die Alte »außer Godmaert Geht doch hinein! Die Herren sind stark am Zungenwerk. Ich bin freilich nur eine alte Schlumpe; aber wenn sie was weniger plapperten, möcht’s wohl besser seyn – denn wer weiß, ob nicht Riegelwände an dem Hause sind!«

»Was sagt Ihr da Mutter?«

»Ja, ja, Herr Konrad, da sitzt ein junger Griesgram drinnen in der Stube, – dem möcht’ ich keinen Deut trauen.«

»Schweigt und sorgt für Eure eigne Haut, sprach Konrad, und stieß die Thüre des tiefgelegenen Saales auf.

Das Gemach, in welches sie traten, war ziemlich geräumig und an allen Seiten mit vergoldetem Leder behangen. Unter dem steinernen Bildwerk des berauchten Kamins brannte ein kleines knisterndes Feuer. Eine eiserne Lampe mit zwei Armen hing vom Getäfel herab und sandte ihr zweideutiges und bleiches Licht in die Ecken der Stube. Auf einem länglichen Tische, auf dem Streifen Weines rannen, lagen einige offene Briefe, ein großer Bettelsack, Pistolen und Dolche. In einer Ecke stand ein Crucifix von Ebenholz auf einem kleinen Lesepulte.

Etwa zwanzig Personen saßen auf schweren geschnitzten Stühlen um den Tisch. Alle trugen, gleich den zwei Eintretenden, braune Mantel und breite Hüte. Ihre Schnurrbärte waren nicht wie bei den Spaniern in die Höhe gedreht, sondern hingen schwer und dick über den Mund herab. Ein Dolch hing ihnen an einem ledernen Tragbande blinkend am Halse; goldene Denkmünzen, worauf ein Bettelsack geprägt war, trugen sie auf der Brust, und das zum Zeichen, daß sie den Namen Geusen werth hielten, obgleich er ihnen zum Schimpfe war gegeben worden. Mancherlei zinnerne Gefäße standen vor ihnen auf der Tafel, doch waren ihre Trinkgeschirre nicht eben so kostbar, denn Alle tranken sie aus hölzernen Schalen. [Der Name Geuse war bald nun Sinnbildern begleitet. Brederode hing sich eine Bettlertasche um und trank auf die Gesundheit die Geusenbundes aus einem hölzernen Napfe, in welchen nachher jeder der Gäste einen Nagel schlug als ein Zeichen des Beitrittes. – Viele Edle kleideten sich aschgrau wie Bettelmönche, andere trugen den Geusenpfenning, an dessen einer Seite das Bild des Königs, an der andern eine Bettlertasche zwischen zwei Händen war.«



Van Kampen Geschichte d. Niederl. I. 335.

Anmerk. d. Verf.]


Ein schmucker, junger Edelmann hatte sich von der schwelgerischen Gesellschaft getrennt und saß, in tiefes Nachdenken versunken den Kopf in die Hand gestützt, an der Wand.

Seine Gesichtszüge waren wohlgebildet und ernst. Groß von Gestalt war er und schöne blonde Locken schwebten weich über seine Schultern. Er hatte weder Mantel noch Dolch, und kein Abzeichen der Geusen war an ihm zu finden. Während diese graue Unterkleider anhatten, war der Junker mit Sammt und Seide aufs kostbarste ausgestattet. Seine linke Hand lehnte schwer und achtlos auf dem vergoldeten Griff eines langen Rapiers, dessen Klinge sich unter seinem Drucke bog. Bei Konrads Eintritt warf er einen Blick aus die unruhige Gesellschaft. Ein verächtliches Lächeln kräuselte seine glatte Stirne und das Wort: »Die Verblendeten! « entfiel grollend seinen Lippen.

»Seid gegrüßt, Houtappel, Van Halen, Schuermans, De Rydt, Van der Voort, und ihr Alle, Brüder!«, rief Konrad, indem er sich an der Tafel niedersetzte. »Willkommen, willkommen!« schrien die Andern alle, indeß die Kannen geleert wurden.

»Wo seid Ihr, alte Seelenverkäuferin?« rief Van der Voort.

»Hier, hier!« antwortete das häßliche Weib, »soll ich den Herren noch mit einigen Kannen aufwarten?«

»Bringt nur her,« war die Antwort, »die Geusen ganz allein würden die Schelde trocken trinken, wenn ihr Wasser so schmackhaft wäre als Mutter Schrikkel getaufter Wein.«

»Getauft, getauft!« murmelte das alte Weib verdrießlich und ging aus der Stube.

»Aber, sagt mir, Van Halen,« frug Konrad, auf den einsamen Junker deutend, »was thut denn die aufgeputzte Jungfer in unserer Gesellschaft? Er sieht mehr wie ein Hochzeitgast, denn wie ein Geuse aus.«

»Godmaert weiß allein, was es mit dem auf sich hat,« antwortete Van Halen, »und hat verboten, ihn irgend zu kränken.«

»Das kümmert Einen nicht!« brüllte der trunkene Schuermans, der zugehört hatte, »he, Herr Dunkelmann kommt einmal an den Tisch! – und wenn Ihr nicht diese Trinkschale Wein auf die Gesundheit der Geusen leert, so sag’ ich, daß ihr ein ausgearteter Belgier seid! – Hört Ihr nicht, Junker?« schrie er noch ärger.

Da richtete sich der junge Lodewyk auf.

»Ja,« antwortete er, »ich verstehe Euch ganz wohl, und wenn ich nicht des Gehorsams gedachte, den ich Godmaert schuldig bin, so würde ich alsogleich Rechenschaft für Euer Lästerwort verlangen.«

»Seid Ihr von Adel?« schrie der rasende Schuermans und faßte seinen Dolch.

»Adliger als Ihr selbst,« sprach Lodewyk, »weil Ihr den Namen Eurer Ahnen durch ein Betragen befleckt, dessen ein Sackträger sich schämen würde.«

»Der Schimpf soll Euch das Leben kosten, Junker!« rief Schuermans und sprang über den Tisch, »da, Milchgesicht!« und stieß seinen Dolch gegen Lodewyks wogende Brust. Doch ehe er das Fleisch erreichte, hatte der Jüngling, durch geschickte Abwehr, die Spitze seitwärts gelenkt.

Zwanzig Dolche blitzten nun zugleich im Zimmer. Manche, beschwichtigende Stimme mengte sich mit den wiederhallenden Streichen, welche die zwei kämpfenden Edlen sich beibrachten. Schuermans schäumte vor verzehrender Wuth, und suchte mit hartnäckigem Grimme den Weg, seinen Dolch in Lodewyks Herz zu stoßen. Alle Umstehenden wollten sich zugleich zwischen die zwei edlen Streiter werfen: Einer stieß den Andern zurück; von allen Seiten Geschrei; die Becher rollten im Getümmel von der Tafel, die Stühle lagen umgestürzt da;; so arg ward die Verwirrung, daß Keiner mehr den Andern verstand.

Das alte Weib schrie unter bitteren Thränen, die Stadtwache komme; sie sprach vom Gefängniß, vom Galgen, aber Alles umsonst.

Schuermans wollte mit aller Gewalt den jungen Mann tödten; doch dieser sich so in Lebensgefahr sehend, zog seinen Degen aus der Scheide.

Auf einmal sprang ein Blutstrahl gegen die Wand und der unglückliche Schuermans fiel ohnmächtig auf den Boden nieder.

Lodewyk hatte die Spitze seines Rapieres aus der Wunde gezogen und blickte mit Bekümmerniß zur Erde.

Schuermans wurde mit theilnehmender Sorgfalt seiner Kleider entledigt, und so viel als möglich das Blut seiner Wunden zu stillen gesucht, als plötzlich dreimal an das Thor geklopft wurde.

»Ach Gott!« rief die Alte, »da sind sie.«

»Wer?« frug De Rydt.

»Nun die Waffenbrüder!« antwortete Mutter Schrikkel.

»Haltet Euch Alle still,« sagte Konrad, »ich will gehen und nachsehen. »Wer ist da?« rief er am Thore.

»Dolch und Bettelsack,« antwortete eine tiefe Stimme. Und der greise Godmaert trat nach einigen Augenblicken in das blutbefleckte Gemach. Verwundert blieb er am Eingang stehen, und starrte mit zornigem Blicke den regungslosen Körper des verwundeten Schuermans an.

»Was geht hier vor?«»frug er mit ernster Stimme, »habt Ihr den Eid vergessen einander treu zu seyn bis ins den Tod, und Eure Dolche mit keinem andern, als Spanischem Blute zu färben? Wehe dem, der seinem Eide zuwider, Geusenblut vergossen hat!«

Alle schwiegen still und standen beklommen und wehmüthig vor dem Greise, den sie sich zum Haupt erkoren hatten.

»Wer hat diese unbesonnene That begangen?« frug er.

Nun erzählte Van der Voort ihm die ganze Sache, die Godmaert, nicht ohne vor Zorn und tiefer Weymuth zu beben, anhörte. Erst heftete er seine Augen auf den niedergeschlagenen Lodewyk, dann wandte er sich zu dem Verwundeten und rief mit donnender Stimme:

»Schuermans!«

Dieser, auf den Ruf seines Freundes und Meisters, öffnete seine Augen, wie wenn er aus tiefem Schlafe erwachte.

»Schuermans!« sprach er zu ihm, »warum seid Ihr meinem Gebote nicht nachgekommen? Ich sehe mit Schrecken, wie wenige von Euch den wahren Weg zu dem Ziele erkennen, das wir zu erreichen trachten – Warum habt Ihr den jungen Lodewyk verhöhnt?«

Schuermans, der jetzt durch den Blutverlust nüchtern geworden war und nachdem er eine Weile seine Gedanken gesammelt hatte, antwortete mit schwacher, aber vernehmlicher Stimme:

»Der«Trunk hat mir das Blut aufgeregt, Godmaert. Darin habe ich Unrecht, daß ich gegen Euern Befehl es diesen Junker nicht habe in seinem Winkel träumen lassen. Ich verzeihe ihm gerne die Wunde, die er mir beigebracht hat, und die, Gott sei’s gedankt, nicht tödtlich ist – aber Eines schwöre ich: daß, so lange dieser Lodewyk nicht auf die Gesundheit der Geusen einen Humpen leert, ich ihn als einen Spanier ansehen und daher in unserer Gesellschaft nicht dulden werde.«

»Lodewyk! Lodewyk!« rief Godmaert, »wisset Ihr nicht, unbesonnener Jüngling, daß man für sein Vaterland seine Eigenliebe und seine persönlichen Gefühle verleugnen, muß? Kommt her an den Tisch und leert auf mein Geheiß diese Schale.«

Er reichte ihm das gefüllte Gefäß, und Lodewyk nahm es bebend und widerwillig an.

»Wohlan,« sprach der betroffene Junker, »auf aller Vaterlandsfreunde Gesundheit!« und brachte den Napf an seine Lippen. Doch Godmaert hielt seinen Arm mit solcher Kraft zurück, daß der Wein aus dem Gefäße über des jungen Mannes schöne Kleider herabfloß.

»Auf der Geusen Gesundheit!« rief Godmaert, »der Geusen; so heißen die Vaterlandsfreunde.«

Lodewyk, bleich vor Gram, sah das Trinkgefäß in Verzweiflung an.

»Godmaert,« rief er mit Macht, »wozu wollt Ihr mich zwingen? Soll ich trinken auf die Gesundheit der Feinde meines Glaubens?« O, erspart mir diesen Verrath!«

Ueber Godmaert’s Antlitz verbreitete sich ein Zug von Verdruß und Zorn. Ihm mißfiel es höchlich. bei Lodewyk Widerstand zu finden.

»Wer sagt Euch,« frug er bitter den Jüngling, »wer sagt Euch, daß die Geusen Feinde des Glaubens sind?«

»O, daß sie es nicht wären!« sprach der Jüngling begeistert. »Mit Aufopferung meiner selbst wollte ich an ihren Unternehmungen Theil nehmen; denn auch ich, ich würde die Spanier hassen, wenn sie nicht die einzigen Vertheidiger des Glaubens wären.«

»Er liebt die Spanier,« riefen die Geusen entrüstet.

»Ausgestoßen, verbannt, der Verräther!«

»Ich liebe die Spanier nicht! « widersprach Lodewyk mit Nachdruck. »Vernehmet es wohl, Ihr Herren, ich liebe sie nicht. Mein Haus hat ihnen seinen Untergang vorzuwerfen. Aber ich sehe in ihnen den einzigen, festen Damm, der noch den Neuerungen und Angriffen gegen unseres Kirche zu widerstehen vermag. Bedenkt es wohl, so Ihr die Spanier verjaget, öffnet ihr Niederland den Ketzern, den Bilderstürmern und schlechtem Troß aus fremden Landen, der bereit ist, einem Schwarme gleich, unsern Boden zu überströmen und den Glauben unsrer Väter zu nichte zu machen.«

Godmaert’s Angesicht veränderte plötzlich seinen Ausdruck; er ward ruhig und sanft. Er sprach zu dem Jüngling:

»Ich gewahre mit Stolz, Lodewyk, daß ihr so fest an dem Glauben Eurer Väter hängt; Ihr wißt, daß ich selbst dieß Gefühl in Euch genährt habe, und daß ich Euch den frömmsten der Priester zum Führer gegeben; aber es mag geschehen, daß Pater Franziskus, der sich wenig um die Geschäfte der Welt kümmert, sich über unser Ziel und Treiben irrt. So auch täuscht Ihr Euch jetzt in Eurer Meinung von uns. Unser Kampf gilt nur den Feinden unsers Vaterlandes Ihr müßt und werdet uns helfen. Es ist mein Wille; hört auf die Worte eines Mannes, der älter ist, als Ihr, und der von Eurem Vater Gewalt empfing, über Euch zu verfügen.«

Lodewyk ließ betrübt sein Haupt auf seine Brust sinken und antwortete seufzend:

»Es ist wahr, ich werde mich irren. Wohl denn, was i gebietet Ihr?«

»Trinkt auf der Geusen Wohl!«

Der Jüngling nahm den Becher, schlug die Augen gen Himmel und rief:

»O mein Gott, vergib mir diese Sünde, wenn ich eine Sünde thue. – Auf die Gesundheit der Geusen!«

Alle, selbst Godmaert, jauchzten vor Freude, als ob sie über den Feind triumphierten. Hie und da erhob sich ein Lachen über Lodewyks Furchtsamkeit. Nur Von Halen blieb ernst: Lodewyks Worte hatten Eindruck auf sein Herz gemacht und ihn in tiefes Nachdenken versenkt.

»Meine Herren,« rief er, » lacht nicht über die Rede des Junkers. Er allein sieht vielleicht die Dinge, wie sie sind.«

Godmaert erachtete den Wortwechsel über diesen Punkt höchstschädlich für das Gelingen seiner Absichten, und fiel Van Halen mit den Worten in die Rede:

»Wer Von Euch, Ihr Herren, wünscht noch länger unter der Herrschaft der Spanier zu bleiben? – Niemand? Wozu dann gehadert über einen abweichenden Nebenpunkt? Laßt Lodewyk bei seinem Gedanken – er ist lobenswerth. Er wird uns helfen das Land befreien – fürchtet nichts von ihm, denn er ist ein rechtschaffener und redlicher Edelmann.«

Van Halen näherte sich Lodewyk, drückte ihm die Hand, und sprach leise:

»Ihr seid sein wackerer Junker – ich wünsche Euch Glück. – Aber sagt mir: wenn die Spanier gegen Eure Landsleute in den Kampf zögen, welche Seite würdet Ihr wählen?«

Lodewyk ward roth über diese Frage: er erhob stolz sein Haupt und antwortete:

»Ich werde mein Blut für meine Brüder vergießen. Aber wenn die Spanier in unser Land kommen, das fremde Gesindel, das da sich einnistet, zu verjagen, – dann werde ich nicht zögern, unter ihren Fahnen für den Glauben zu kämpfen.«

Ein Händedruck war Van Halen’s Antwort. Zum Glücke hatte Godmaert dieses Gespräch nicht gehört, denn er hätte sicher daran kein Gefallen gesunden.

Alles war nun wieder zur Ordnung zurückgekehrt. Die Alte hatte das Blut von der Wand gefegt: die Stühle standen aufrecht, die Humpen waren gefüllt: jeder hatte seinen vorigen Sitz eingenommen.

»Laßt uns noch eins trinken,« sprach Godmaert« »und schenkt mir eine kurze Aufmerksamkeit, daß ich Euch erkläre, warum Ihr diese Nacht hergerufen wurdet.«

Er trank und sprach:

»Ihr wißt, welche Schmach und schreiendes Unrecht der Spanische Zwingherr und seine Anhänger uns täglich anthun: – wie sie die Edlen unseres Landes wie Bettler hinstellen, und wie sie sie von allen Aemtern verdrängen, um frei und ungehindert unsere armen Brüder unterdrücken zu können. – Sie haben wahrgenommen, daß wir das Joch mit Ungeduld tragen und daß die Rache in unseren Herzen aufgewachsen ist: sie fürchten einen Aufstand, der die Niederlande – ihrer Tyrannei entreißen könnte . . . Darum haben sie nun, allen unseren Rechten zuwider, unser ganzes Land mit Spanischen Soldaten umstellt, damit wir fühlen sollen, daß wir Sklaven in einem weiten Gefängnisse sind. Galgen und Schaffotte werden in allen Städten aufgerichtet, das Schwert des Nachrichters arbeitet jede Nacht im Dunklen. – Ja, Freunde, ruft aber und abermals: Wehe! Wehe! Zierinke und Van Berchem werdet Ihr nicht wiedersehen: – sie sind gestern Nachts aus dem Bette geholt worden und noch vor Mitternacht waren ihre Häupter von dem Blocke gerollt. Im Eeckhof wird das heimliche und schändliche Gericht gepflogen . . . «

Ein unheimliches Gemurmel grimmigen Rachedurstes, das in der Versammlung sich erhob, unterbrach die Rede Godmaert’s: er selbst ward roth vor Zorn bei dieser Verkündigung und rief mit dumpfer Stimme:

»Oh, sie mögen zittern, die Unterdrücker! Der belgische Löwe soll mit seiner Zähne Knirschen wohl noch die Ringe der lastenden Ketten durchbeißen . . . und dann wird unsere Schelde Tausende von Spaniern den Fischen der weiten See zur Beute liefern! – Aber um die Stunde der Erlösung zu beeilen, bedarf es Alles aufzubieten, was möglich ist. Lodewyk! Horchet wohl auf. Es betrifft Euch allein. Wenn ein Bösewicht, vom Schicksal stark gemacht, den schwachen Rechtschaffenen unterdrückt, darf dann dieser der unrechtmäßigen Gewalt seines Feindes nicht widerstehen, und wäre es durch Betrug und Verrath?«

»Nein,« antwortete Lodewyk, »Verrath, Meineid darf nicht geübt werden. Das hat die Religion, das habt Ihr selbst mich gelehrt.«

»Das weiß ich wohl, Lodewyk, doch ist auch wahr, daß wir nur auf Seitenwegen an unser Ziel gelangen können. Wenn wir alle über die Sache so dachten, wie Ihr, sollten wir bald aus der Reihe der Völker gestrichen seyn. Wir müssen List gegen Gewalt brauchen und alles anwenden, was sie noch mehr verwirren mag. – Und denkt Ihr, Lodewyk daß Einer unter ihnen sei, der den Tod nicht verdiente? Sie haben uns unsere Freiheiten genommen und uns zu Sklaven gemacht. Sie haben unsere Brüder ungestraft gemordet! . . . Und wir – wir! – das freie Kriegervolk des Ambiorir, wir sollten unsere Dolche rosten lassen: mit übereinander geschlagenen Armen das Blut unserer Freunde rauchen sehen? « – Und statt aller Rache nur unsere Fäuste verzweifelnd ballen – und unsere Feinde verfluchen dürfen? – Nein, das Blut, das trotz meines Alters mir noch warm durch die Adern rinnt, will ich dem Lande meiner Väter opfern und dem letzten Spanier mit Wohllust die Seele aus dem Leibe reißen!«

Er schwieg einige Augenblicke, denn sein Herz war von Haß und Zorn zu mächtig ergriffen.

»Wisset denn,« fuhr er nach einer kurzen Pause fort: »daß König Philipp die Bittschrift seiner Niederländischen Unterthanen mit Verachtung zurückgewiesen hat. Der Prinz von Oranien, die Grafen Van Egmont und Van Hoorn, und alle anderen Vaterlandsfreunde von Brüssel ermahnen uns Antwerpische Geusen, so viel Volkes als möglich zusammenzubringen auf die große Umwälzung, die bald erfolgen wird; glaubt mir . . . Und dann sollen wir unseren Unterdrückern zeigen, daß wir nicht ausgeartet sind, daß wir so wenig wie unsere Väter die Herrschaft fremden Volkes ertragen.«

Hier schwieg der greife Redner. Alle hatten in tiefstem Schweigen zugehört, so lange er sprach; nun aber er geendet hatte, fingen sie aufs Neue an zu trinken, laut den Spaniern zu fluchen und ihre Gemüther durch wechselseitige Aufregung zur Rache zu entflammen. Lodewyk, obschon von Godmaert’s Worten ergriffen, hielt sich stille – zweifelvoll überdenkend was er gehört hatte. Die Alte saß, vom Schlaf übermannt, schnarchend in einem Winkel des Gemachs. Der übermüthige Schuermans hatte seine Wunde beinahe vergessen und trank tapfer mit seinen Gesellen auf die künftige Freiheit des Vaterlandes und den Untergang der Spanier.

Indessen hatte Godmaert den nachdenklichen Lodewyk ein wenig auf die Seite genommen und suchte ihn auf jede Weise für seine politischen Ansichten zu gewinnen Dies mochte keine leichte Arbeit seyn, denn schon hatten sie eine halbe Stunde zusammen gesprochen, als Lodewyk endlich ausrief:

»Wohlan denn, Godmaert, ich vertraue auf Eure väterliche Sorge: ich werde den Schwur leisten, weil Ihr es wollt!«

Nun wurde das Crucifix auf den Tisch gestellt und Godmaert, ehrerbietig sein Haupt entblößend, worin ihm alle folgten, sprach mit feierlicher Stimme zu Lodewyk:

»Jüngling, Ihr schwört bei der heiligen Passion unsres lieben Herrn Jesu Christi, daß Ihr Euren Brüdern überall wollet beistehen, daß Ihr streiten wollt mit Gut und Leben für die Verjagung unserer gemeinsamen Feinde, und daß Ihr gehorsamen wollt dem Oberhaupte, das Ihr und die Anderen Euch werdet erwählt haben. Was Eure religiösen Gefühle betrifft, so besorgt deßhalb nichts: wir Alle sind und bleiben treu dem Glauben unserer Väter.«

Lodewyk erhob seine rechte Hand: »das schwöre ich bei meinem Gott und bei meiner Ehre,« rief er, »mit dem Bedinge, daß Ihr nie etwas gegen den katholischen Glauben unternehmt.«

»Nun wurde tüchtig auf seine Gesundheit getrunken und selbst Schuermans reichte ihm freundlich die Hand.

»Ihr Herren« sprach Godmaert, »der Morgen graut, die Zeit wird kurz. Darum muß ich noch mit wenigen Worten das Uebrige meiner Aufgabe darlegen. In dem Dorfe Zoersel wohnt Wolfangh, der mit einer Bande von ungefähr zwanzig Spitzbuben schon lange dem Galgen entronnen ist, und viel Schlimmes sowohl an Belgiern, als an Spaniern verübt. Diesen Mann muß ich, auf des Prinzen Befehl, wie Ihr wißt, durch Geld oder andere Mittel an uns zu ziehen suchen. Wir alle sind öffentlich als Geusen bekannt, drum kann solches nicht füglich durch uns ausgeführt werden Lodewyk allein befehle ich, kraft seines Eides, sich zu Wolfangh tu begeben.«

»Es ist bitter,« erwiederte Lodewyk traurig, »die Ehre der Vaterlandsbefreiung mit Dieben und Galgenkunden zu theilen: doch nun, da ich durch meinen Eid gebunden bin, werde ich nach Euren Befehlen thun.«

»Morgen oder später, nach Umständen,« hob Godmaert wieder an, »wird Euch ein schriftlicher Auftrag zugestellt werden Ihr werdet seinem Inhalte gemäß getreulich zu Werke gehen. – Und nun, Ihr Herren, habe ich Euch nichts weiter zu sagen, als daß Alles geheim gehalten werde. Ich habe den Zweck dieser Versammlung erreiche – Lodewyk Gertrud lädt Euch auf Morgen zum Mittagsmahl.«

Er warf sich den Mantel über und ging – Lodewyk’s Augen glänzten vor Freude. Der Name seiner geliebten Gertrude hatte die Nebel seiner düsteren Gedanken verscheucht – und auch er nahm heitern Abschied von den halbschlafenden Geusen.

Konrad und Van der Voort faßten Schuermans unter die Arme, und nachdem sie alle das Gemach verlassen hatten, ward das Thor geschlossen und das Haus versank in tiefe -Stille.




II


»Wurm! – fürchtest du nicht den Arm eines rechtschaffenen Mannes, wenn er ihn im gerechten Zorn wider dich erhebt?«

    F. Cooper.

In der Kaiserstraße stand ein Gebäude, dessen Giebel mit seinen Staffeln, sich weit über die andern Dächer erhob. Ein mächtiges Thor, verziert mit schönem Schnitzwerk und Tausenden von Nägeln, stand weit offen. Die zahlreichen Fenster gegen die Straße heraus, waren mit festen, eisernen Gittern versehen. Dieses Sicherheitsmittel war damals gar sehr nöthig; denn Diebe und Räuber hatten in jener Zeit der Unruhe und des Mißtrauens sich ungemein vermehrt, und die Handhabung der Gesetze war so erschlafft, daß die Uebelthäter den Einwohnern am hellen Tage ihre Habe raubten.

Dieses Haus, einem Gefängnißähnlicher, als dem Aufenthalt eines Edelmannes, war Godmaert’s Wohnung.

Dieser saß eben zur Morgenzeit in seinem Arbeitszimmer, das Haupt auf den Arm gestützt, nachdenkend über die Angelegenheiten des Staates, als die Thüre langsam ausging und ein Geistlicher eintrat. Es war ein Mann bei siebzig Jahren hoch von Gestalt und vom Alter ungebeugt; er hielt sich aufrecht, obschon jede seiner Bewegungen von bebender Erschütterung begleitet war. Wenn er die Kapuze seines Habit’s zurückschlug, konnte man sein ernstes Haupt nicht ohne Ehrfurcht ansehen; sein Schädel, der wie ein Spiegel das Tageslicht zurückwarf, war von einem Kranze silberweißer Haare umgeben: eine Krone, welche dir vorübereilenden Jahre um sein Haupt geflochten hatten.

Auf seinem faltigen aber schönen Antlitz leuchtete Güte und Frömmigkeit, während in seinen gesenkten Augen tiefe Traurigkeit zu lesen war.

Bei dem Eintritte des Priesters sprang Godmaert auf, eilte ihm entgegen, drückte ihm ehrerbietig und liebevoll beide Hände, und sprach:

»Vater Franziskus, mein guter Vater, mein Freund, habt Dank daß Ihr mich besucht.«

»Mein Sohn,« antwortete der Priester, muß ich nicht in diesen Tagen der Verführung und des Unglaubens, Eure Kinder vor der Ansteckung bewahren? Sie sind bis jetzt so fromm und reines Herzens geblieben; – ich würde mich versündigen, wenn ich – jetzt nicht mit verdoppelter Sorge über ihnen wachte, jetzt wo der Teufel sich des Gefühls der Vaterlandsliebe bedient, um die Seelen zu verderben.«

Der Priester setzte sich und fuhr fort:

»Godmaert, ich kam hierher, um eine Weile mit Lodewyk und Gertrude zu sprechen; ich bin bekümmert um diese meine geliebten Kinder.«

»Lodewyk ist noch nicht da; aber Gertrud ist bereit, Euch zu empfangen Vater; sie ist im Büchersaal.«

»Sogleich will ich sie aussuchen: doch Godmaert, mein Sohn, mein Freund, einst mein Bruder, hört noch einmal aufmerksam auf meine Mahnung . . . und vergebt die Thränen die meinen verdorrten Augen entschlüpfen.«

»O sprecht, Vater, Ihr wißt, wie sehr ich Eure Worte verehre und welche Liebe ich Euch jederzeit zugewandt.«

Der Priester ergriff Godmaert’s Hand mit seinen; behenden Händen und sprach dringend:

»Ich weiß es, mein Sohn. Mir bleibt der Trost, daß Ihr eines Irrthums, aber nicht einer Missethat fähig seid.«

Nach einer Pause des Nachdenkens hob der Priester mit eindringlicher Stimme, und wie wenn er aus dem, was er zu sagen im Begriffe stand, eine ihm fremde Kraft entlehnt hätte, wiederum an:

»Godmaert, Godmaert, der Feind unseres Gottes triumphiert in unserm Vaterlande! Die Luft widerhallt täglich von Lästerungen gegen den Glauben unserer Väter; Banden von allerlei Ketzern vom Satan angeführt, überströmen unsern Boden und verleiten unsere verblendeten Mitbürger. Sie haben ein Losungswort, eine Fahne, worauf geschrieben steht . . . «

»Haß den Spaniern!«

»O nein, nein, Ihr irret: – Haß Belgiens altem Glauben! – Nicht Philipps Thron wollen sie umstürzen die Altäre unsers Gottes wollen sie entheiligen und zerstören. – Und zu wissen, daß Ihr, mein Sohn, mein Freund, dessen Sinn rechtgläubig ist, daß Ihr, Godmaert, unter dieser Fahne streitet, oh das treibt mich, zu weinen und zu beten . . . ich rufe zum Himmel mit den Worten des sterbenden Erlösers: Herr, Herr, vergib ihm, denn er weiß nicht, was er thut!«

Godmaert ward von den Worten des Priesters heftig ergriffen und er verhehlte sich nicht die schwer zu bestreitende Wahrheit, die in ihnen lag: doch, wie so viele Andere, konnte er nicht so plötzlich andern Sinnes werden. Er antwortete:

»Ich leugne nicht, Vater, daß unser Land mit schlechtem Volke angefüllt ist, das aus fremden Gegenden gekommen, um den Saamen der Ketzerei auszustreuen: aber ich kann nicht glauben daß die Umwälzung im Staate irgend zu ihrem Vortheile ausschlagen werde.«

»Aber Godmaert, hebet doch die Binde von Euren Augen! Warum sind Dordrecht, Audenarde, Rosset, Valencyn den Calvinisten überliefert? Warum verbreitet sich die Lehre der Wiedertäufer wie ein Lauffeuer über Holland und Seeland? Warum ist Antwerpen der Boden, wo Lutheraner, Calvinisten und Wiedertäufer zugleich und ungehindert ihre Lehre unter freiem Himmel verkünden? Soll ich es Euch sagen? Weil Ihr und die andren Edlen, durch Euren Widerstand gegen die Spanische Herrschaft, die Staatsregierung machtlos gemacht habt. Was wird nun hieraus folgen? Ihr werdet die Kirchen Eures Gottes dem Uebermuthe der Bösen überliefert sehen; man wird mit den Gegenständen, die Euer Glaube für Euch geheiligt hat, Spott treiben! Hört Ihr nicht von Ferne den Donner des Bildersturms rollen? Seht Ihr nicht die Wetterwolke am Himmelsrande aufsteigen?«

Godmaert hatte erschüttert die Worte des Priesters angehört; sein Haupt war tiefer und tiefer aus seine Brust gesunken. Nach einigen Augenblicken antwortete er niedergeschlagen:

»O! ich weiß es und ich sehe es mit Schmerz; wir arbeiten wider unsern Glauben.«

Wie ein Lichtstrahl erhellte die Freude das Antlitz des Priesters. Er hob seine Augen zum Himmel und rief:

»Habe Dank, o Gott, der Du meiner Stimme Kraft verliehen hast!«

Godmaert blickte zur Erde und rang mit sich, von peinlichen Gefühlen gefoltert. Plötzlich erhob er sein Haupt und rief verstört:

»Aber, Vater, sollen wir denn den Spaniern botmäßig werden müßen? Bin ich kein Kriegsmann, bin ich nicht vom Vlämischen Adel? O nein, nein, ich kann ihre Geringschätzung nicht ertragen, und ich vermag das Gefühl der Ehre in meiner Brust nicht zu ertödten. Die Spanier sind zu frech und zu hochmüthig: sie müssen fort!«

Das Angesicht des Priesters ward wieder traurig: er sprach sanftmüthig:

»Ich weiß es, mein Sohn, die Belgier haben Gründe, mit den Spaniern nicht zufrieden zu seyn; aber eine weltliche Rücksicht, darf sie, in der Wagschale Eures Gewissens, Euren Gott aufwiegen? Wollt Ihr zu der Sünde der Rachgier die Mißachtung Eures Schöpfers fügen? – Nein, nicht wahr, das werdet Ihr nicht thun? – Ihr werdet Pater Franziskus nicht zwingen, über die Verdammniß der Seele seines besten Freundes zu trauern?«

»Was muß ich thun, um Euch zu gehorsamen?« frug Godmaert ergriffen.

»Die Spanische Regierung unterstützen, wenigstens in der Unterdrückung der Ketzereien. Eure Freunde ermahnen, dasselbe zu thun: und die Befehle der Statthalterin in Antwerpen respektieren!«

»Ich, Vater, ich die Spanier unterstützen? O dieß ist mir unmöglich!«

»Wohlan, könnt Ihr das nicht über Euren weltlichen Stolz gewinnen, so steckt Euren Degen in die Scheide und helft doch den Meuterern nicht.«

Godmaert schwieg einige Augenblicke. Dann faßte er die Hand des Priesters und sprach:

»Ich muß Euch etwas sagen, das Ihr nicht wisset. Die Rebellion, das Ungewitter, das Ihr fürchtet, wird binnen wenigen Tagen ausbrechen, vielleicht ehe die Woche zu Ende geht. Glaubt mir, keine menschliche Gewalt kann es hindern. Alles ist bereit: auf den ersten Befehl von Brüssel steht das ganze Land gegen die Spanier auf. Ich sehe auch den Uebermuth der Ketzer voraus; Eure Worte haben mich erschreckt; aber denkt Ihr, Pater Franziskus, es wäre besser, daß ich, das Haupt der Antwerpenischen Edlen, alles dieß geschehen ließe, ohne selbst zugegen zu seyn? Kann ich die Religion meiner Väter nicht besser durch meine Befehle und mein Handeln beschirmen, als durch meine Abwesenheit?«

Aus den Augen des Priesters rollten einige schimmernde Thränen; er betrachtete Godmaert mit starrem Blicke und, wie mit Stummheit geschlagen Endlich rief er, die Arme gen Himmel erhebend:

»Binnen weniger Tage? O Herr! willst du deine Kirche so bald heimsuchen? Soll ich die Entheiligung deiner Altäre sehen; soll ich meine Ohren verstopfen müssen vor den Lästerungen, die gegen deinen heiligen Namen ausgestoßen werden?«

Und, gegen Godmaert gewandt, fuhr er fort:

»Mein Geist verwirrt sich bei dieser schrecklichen Kunde. Ich weiß nicht, was ich Euch rathen soll, aber ich bitte Euch, ich beschwöre Euch mit gefalteten Händen, Godmaert, bewahret die Tempel, laßt Euch nicht mit den Ketzern ein, als um sie zu bekämpfen, und habt in den Tagen der Gefahr, Euren Gott vor Augen, auf daß Ihr nichts thuet, was Euch zur unverzeihlichen Sünde werde . . . O Herr! Deine strafende Hand ist über uns!«

Er beugte sein-Haupt und versank in schmerzliches Nachdenken, aus welchem Godmaert’s Antwort ihn geweckt hätte, doch ein junges Edelfräulein trat in dem Augenblick in das Zimmer; sobald ihre Blicke auf den Priester fielen, glänzte ihr Antlitz von Freude, und ihren süßen Lippen enteilte der holde Ausruf:

»Ah! Pater Franziskus ist hier!«

Sie näherte sich dem Priester, faßte ihn sorgsam unterm Arme und wollte ihn vom Sitz erheben, indem sie ihn anredete:

»Kommt, guter Vater, Herr Lodewyk Van Halmale ist im Büchersaal. O wie bin ich froh, daß Ihr gekommen seid. Kommt!«

Der Priester betrachtete das junge Mädchen mit väterlicher Zärtlichkeit, und stand, von ihr unterstützt, vom Stuhle auf; er reichte Godmaert die Hand und sprach:

»Ich will mich etwas trösten mit meinen guten Kindern. Ihr, mein Sohn, vergesst meine Worte nicht!«

Von dem Mädchen geleitet, ging er mit wankenden Schritten aus dem Gemache.

Godmaert lehnte sich in seinen Sessel und sprach, den Finger an der Stirne:

»Ja, ich muß den Glauben vertheidigen und die Tempel beschützen: aber die Spanier werde ich nicht fördern und nicht verschonen. Nein, nein, ich muß mich rächen und mein Vaterland von ihnen erlösen: die Ehre gebietet es: ein Kriegsmann wie ich, läßt sich nicht ungestraft verhöhnen . . . «

Nun sank allmählig seine Stimme. Seine Lippen bewegten sich noch, und er sprach sichtbar mit sich selbst, aber die gelispelten Worte waren nicht mehr zu verstehen.

Eine Stunde darnach wurde ihm angesagt, daß das Mittagsmahl im Speisesaal ausgetragen sei; er stand auf, begab sich dahin und setzte sich an das obere Ende der Tafel.

Neben ihm saß seine geliebte, einzige Tochter Gertrud, wahrlich ein köstliches Kleinod unter ihrem Geschlecht. Schönere Gesichtszüge edieren Ausdruck, sittsamere Haltung, mochte man bei keinem andern weiblichen Wesen finden. Ihr Haar war nicht wie bei Andern ober ihr Haupt gewunden sondern fiel an beiden Seiten ihrer rosigen Wangen hernieder, und bildete ihr reizendes Angesicht zu dem schönsten Oval, das je ein Künstler mahlen könnte.

Ein liebliches, heiteres Lächeln schwebte über ihren Lippen und ihre Augen waren mit einer Empfindung, deren sie sich nicht schämte, auf einen Jüngling, der ihr gegenüber saß, gerichtet. Dieser Jüngling war ihr geliebter Lodewyk Er saß anstandsvoll und schweigend da. Die Gegenwart einer Person, die am andern Ende des Tisches sich befand, und deren Blicke ihm eiskalt aufs Herz fielen, hielt ihn ab, mit Gertruden ein liebevolles Gespräch zu führen .

Der den die Liebenden so mit scheuen Blicken ansahen war ein vornehmer Spanischer Herr, der großen Einflußes bei der Statthalterin genoß. Von Godmaert war er stets freundlich behandelt worden; denn gar gefährlich war es, sich den Haß dieses Spaniers auf den Hals zu laden. Ein sammtener Mantel mit goldgesticktem Kragen bedeckte seine Schultern. Sein Dolch war reichlich mit Edelsteinen besetzt, und hing als schillernder Zierrath an seinem Halse.

Immer hatte Valdes Neigung und Liebe für Gertrud gezeigt: doch immer war er höflich abgewiesen worden. Darum heftete er nun neugierig seine Blicke aus den Junker, und verstand die Sprache, die die Liebenden eines in des andern Augen lasen.

Weder Lodewyk noch Gertrud waren dem Spanier hold. Godmaert schien es bloß aus staatskluger Berechnung. So herrschte Anfangs eine große Stille im Saale Godmaert, in der Absicht, seinem lästigen Tischgenossen einige nützliche Aufschlüsse zu entlocken begann das Gespräch mit der Frage:

»Nun, Herr Valdes, was sagt Ihr von den Sachen? Werden die Unruhen bald gestillt seyn?«

»Ach, das weiß ich nicht, Herr Godmaert,« antwortete der Spanier, »doch wäre ich König Philipp, so wollte ich mit dem Pöbel und den wenigen schlechten Edelleuten bald fertig werden!«

»Glaubt Ihr das Valdes?« erwiederte Godmaert – mit verächtlichem Lächeln; »wißt Ihr denn nicht, daß das Vlämische Volk nie mit Gewalt unterworfen worden ist? – Mag Euer König alle seine Soldaten nach einander in die Niederlande senden; mag er alle seine Bewohner nach seinem Gelüsten hinmorden; dann auch wird dieses unser Vaterland noch Feinde aus dem Grabe heraufsenden gegen seine hochmüthigen Unterdrücker.«

»Godmaert, Ihr behandelt unsere Nation nicht gut – Warum wollt Ihr den Spanischen Edlen vorgehen? – Hat unser König keine Gründe sein Volk hochzuhalten?«

»In seinem Lande, ja: in unserm Lande, nein!«

»Arm, wie ihr seid, von dunkler Herkunft, seid Ihr doch zu hoffärtig, um einer so herrlichen Nation wie die Spanier, weichen zu wollen!«

Der alte Godmaert, der solche Sprache von seinem Gaste nicht erwartet hatte, konnte mit all seiner Staatsklugheit nicht länger zurückhalten. Ein brennendes Feuer durchlief seine Adern, und sein Blut drängte sich bis in die Falten seiner Stirne.

Der Spanier, welcher mit Absicht den greisen Vlaming reizte, fuhr mit verstellter Mäßigung fort:

»Nun Godmaert, meint Ihr nicht, daß alle die Aufrührer, die Edelleute, die sich Geusen nennen besser thäten, wenn sie den Spaniern dienten, als daß sie wie Bettler mit schlechten Kleidern angethan den Pöbel zur Unruhe auswiegeln?«

»Valdes!« antwortete Godmaert mit bebender Stimme, »Ihr vergesst, daß ich ein Belge bin. Wollt Ihr mich in meinem Hause verhöhnen? – Sprecht dann gerade heraus!«

»O, Ihr irrt Euch, edler Godmaert,« erwiederte der arglistige Spanier, »Euch und wenige Edle will ich davon ausnehmen, doch unter diesen selbst sind noch viele, die ohne des Königs Gunst, so arm seyn würden, wie die andern.«

»Ihr sagt, daß wir arm sind, Valdes? Hütten wir den Bewohnern einer weit entfernten Welt das Blut bis zum letzten Tropfen abgezapft, wie Ihr es den Amerikanern gethan habt, dann würden auch wie reich seyn. Was die Gleichheit betrifft, die wir mit den Spanischen Edlen fordern, das ist nicht mehr als billig, da wir in unserm eigenen Vaterlande sind. – Daß wir keine fremden Herrn haben wollen, wird die Zukunft deutlicher bezeugen; – und dann werden wir sehen, ob die Spanier so viel Muth haben, als ihre lästernde Anmaßung zu versprechen scheint!«

Der Spanier lächelte mit einem Ausdrucke von Verachtung, und schien großes Vergnügen an dem Zorne des Greises zu finden .

Lodewyk bebte an allen Gliedern. Zehnmal hatte er den Degen, der an seinem Stuhle hing, ungeduldig gefaßt; doch Gertrud’s bittende Blicke hatten ihn abgehalten, dem Spanier den lästernden Mund zu schließen.

Das Mahl war zu Ende. Die Diener, welche die Speisen aufgetragen hatten standen voll banger Neugier, horchend aus das, was gesprochen wurde. Der Geuse befahl ihnen, den Saal zu verlassen und nicht ungerufen wieder zu kommen.

»Gertrud,« sprach er, indem er sich zu seiner Tochter wandte, gehe in den Büchersaal Lodewyk soll dich begleiten.«

Er blieb mit seinem Spanischen Feind allein.

Der Büchersaal war ein geräumiges Gemach und glich dem Chorschiffe einer Kirche. Einige Bände in Folio, die hier und da zerstreut umher lagen, hatten ihm jenen Namen erworben. Passender hätte der Ort die Waffenkammer geheißen, denn mancherlei schwarzgerostete Helme, Harnische, Schlachtschwerter, Waffenröcke und andere Kriegsrüstung hingen da an den nackten Wänden. Einige Gemälde von Franz Floris, Hugo, Van Hoort, Grimmer und andern Meistern, künstlich nach dem Leben gemalt, verzierten das Ende des Saales. Das Gemach war nicht sonderlich hell, selbst zur Mittagszeit, denn die tausendfarbigen Glasfenster ließen nur ein zweifelhaftes Licht durch. In einer Ecke stand ein kleiner Altar, mit einem Kreuze von Ebenholz und einigen Frauenbildern geschmückt. Vor demselben ein Betschemmel, die Stelle, wo Gertrud so manches feurige und reine Gebet zu ihrem Schöpfer emporgesandt hatte.

Die Liebenden traten schweigend in dieß Gemach.

»Lodewyk, Lodewyk!« rief das liebliche Mädchen indem sie in Thränen ausbrach, »ich kann den Hohn, den sie den grauen Haaren meines Vaters anthun nicht länger ansehen. Sie verkürzen durch Schmach und Verläumdung seine Tage! Wie oft sind des Greises Thränen mit den meinigen vermischt, in Strömen über unsere Wangen geflossen . . . «

Nun konnte sie kein Wort mehr sprechen. Schmerzvolles Schluchzen und bittere Seufzer waren Alles, was sie aus Lodewyk’s tröstende Bitten antwortete.

»Gertrud,« sprach er dringend, »o beruhiget Euch nur ein wenig! Habet Geduld in den Schmerzen, die der Herr uns zur Prüfung sendet. Bedenkt, was ich leiden muß, ich der Edelmann mit einem Männerherzen das mir ungestüm in der Brust schlägt . . . « und er weinte mit heftigerem Schluchzen noch als das schwache Mädchen; doch zugleich mit seinen Thränen strömte ein kalter Schweiß vor unterdrückter Wuth über seine Wangen.

Die Jungfrau ließ sich durch seine Worte nicht besänftigen: im Gegentheil, ihre sonst so süßen Gesichtszüge bekamen jetzt einen strengen Ausdruck. Sie rief schluchzend:

»Habt Ihr denn nicht gesehen, mit welcher höllischen Wohllust der Spanier meinen Vater peinigte? Seht Ihr nicht, daß die tägliche Verhöhnung meinen alten Vater dem Grabe zuführt, – und wehe! Niemand, Niemand, der ihn beschützte!«

Eine plötzliche Veränderung ging in dem Junker vor; er richtete stolz sein Haupt empor; aus seinen Augen schossen Blitze männlichen Feuers, und alles offenbarte an ihm die Zeichen der Verzweiflung und des Zorns.

»Wohlan!« rief er in ungestümer Begeisterung aus, indem er vor Gertrud auf die Kniee fiel, »wohlan, Ihr sollt mich der Feigheit nicht beschuldigen. Sagt, was habe ich zu thun? Soll mein Degen Valdes Leib durchbohren? Soll ich Euch das Herz des Spaniers, blutig und rauchend, zum Geschenke bringen?«

Ein Schrei des Entsetzens entfuhr der Brust des Fräuleins: sie sprang zurück und entfernte sich von Lodewyk, wie wenn sein Erbieten sie mit tiefem Schreck durchdrungen hätte. Ihr Antlitz ward traurig, Reue ergriff ihr Herz.

Der Junker verstand die Bewegung der Jungfrau: er gab seinen Zügen den Ausdruck der Ruhe: er trat zu ihr, faßte ihre Hand und sprach zärtlich:

»Wir vergessen uns, Gertrud; wir vergessen die Ermahnungen unsers guten Vaters Franziskus.«

Gertrud brach aufs Neue in Thränen aus. Erschöpft und kraftlos senkte sie, ohne zu antworten, das Haupt auf, die Schulter des Geliebten.

So blieben sie lange, mischten ihre Thränen und schluchzten achtlos wie die Kinder, bis Gertrud, wie aus einem Traume erwachend, ihren Geliebten sanft von sich wies, und niederknieend auf dem Betschemmel, vom Himmel, wohin ihre reine Seele sich im Gebet erhob, einen Trost suchte, den sie an der Brust des Geliebten nicht hatte finden können.

Lodewyk betrachtete seine Gertrud mit Rührung, und lauschte andächtig ihrem Gebete. Beständig trat der Name ihres Vaters, langsam und wehmüthig, über des Mädchens Lippen Lange blieb ihr Haupt auf dem Betpulte, wie in himmlischer Anschauung, ruhend versunken. Der Junker, von Ehrfurcht hingerissen, sank hinter ihr zur Erde, und bezwungen von dem mächtigen Vorbilde, faltete er die Hände und betete mit ihr für das Vaterland.

»Lodewyk, wo seid Ihr?« rief Gertrud endlich, und sah betroffen im Saal umher. Sie gewahrte den Jüngling, wie er mit Liebesblicken sie ansah, – und stand auf. Leise nahte sie dem knieenden Lodewyk und erhob ihn vom Boden.

»Saget,« frug sie, findet Ihr nicht, daß ein reines Gebet den Menschen wie himmlischer Balsam beruhigt?«

Lodewyk bewunderte die plötzliche Veränderung, die er in der Jungfrau Angesicht gewahrte.

»Gertrud,« sprach er, indem er wie bezaubert neben ihr saß, »in meiner Begeisterung hat sich der Himmel mir aufgethan. – Ich habe Euch wie einen Engel vor Gott erblickt!«

»O gewiß,»l antwortete sie lieblich lächelnd, »so kann eine gottesfürchtige Seele sich jederzeit mit Gott vereinigen, und da, den Schranken der Welt enthoben, einen Vorschmack der himmlischen Freude genießen. Diese Wohllust kennen die Gottlosen nicht!«

Der-Jüngling heftete bewundernd seine Augen auf die Geliebte. »O! wie rein ist Eure Seele, Gertrud!« rief er aus. »Auf Euer Gebet wird der Herr unsere Liebe segnen.«

»Ja, Lodewyk, ich hoffe, daß der Kelch der Schmach bald von meines Vaters Hause werde gewendet werden, – und dann . . . «

»Und dann,« fügte der Jüngling hinzu, »werden wir den Segen eines Priesters auf uns herabrufen und gemeinsam in Liebe und Sorge die Tage unsers alten Vaters verlängern . . . «

Ein jungfräuliches Erröthen färbte die Wangen des Mädchens. Einige Augenblicke stand sie mit niedergeschlagenen, Augen da. Dann, das Gespräch ablenkend, frug sie:

»Aber, Lodewyk, sollte es dennoch wahr seyn? Gilt es unserer Religion bei dem Aufstande gegen die Spanier? Welches schreckliche Bild hat uns Pater Franziskus vorgeführt! Er weinte, er die Güte selbst!«

Bei diesem Ausrufe brachte sie ihren zarten Finger an ihre Augen, um eine Thräne der Erinnerung zu zerdrücken.

»O Gertrud,« antwortete Lodewyk, »der heilige Mann betrügt sich nicht in seinem Vorgefühle. Ihr kommt nie aus Eurer Wohnung; aber solltet Ihr den Zustand unserer Stadt kennen! Kaum darf man noch bekennen, daß man der wahren Kirche anhangt. Die Ketzer sind Meister gewordene sie predigen unter freiem Himmel gegen unsern Glauben; sie lästern Gott; sie spotten der Mutter unsers Seligmachers; ja unser guter Vater Franziskus, er der durch sein Alter und sein himmlisches Antlitz selbst Wilde zur Ehrfurcht zwingen würde, er wurde ehegestern von ihnen auf der Straße verlacht und verspottet.«

Die Jungfrau erblaßte und rief mit zum Himmel gehobenen Armen:

»O mein Gott, beschütze Du ihn vor Lästerung und Leid!«

Der Jüngling fuhr fort:

»Und dieser fremde Haufe, der aus allen Gegenden hierher zusammenläuft, ruft unausgesetzt: Es leben die Geusen! Ha, Ihr könnt es nicht fassen, Gertrud, wie verächtlich dieser Name mir aus ihrem Munde lautet.«

Mit sichtlicher Verzweiflung fügte er bei:

»Auch ich, Gertrud, auch ich bin ein Geuse!«

Die Jungfrau gab ihren Augen einen zärtlichen Ausdruck und erwiederte:

»Ich weiß es, Lodewyk, es ist der Wille meines Vaters, dem wir gehorsamen müssen. Hat er doch so viel durch die Spanier gelitten; das Vaterland, sagt er, muß von ihrer Herrschaft erlöst werden. Laßt uns ein Gefühl achten, das wir nicht richten können und dürfen.«

»Wie verständig und weise sind Eure Worte, Gertrud! Ja ich werde Godmaerts Gebote befolgen, es ist meine Pflicht.«

»Lodewyk Ihr wißt es, ich habe mit unserm guten Vater Franziskus geweint und geseufzt ob der Gefahr unsers Glaubens; – doch weil das Schicksal uns so schwer drückt, – weil ich die Schmach und Pein, die sie meinem Vater anthun, bedenke, rathe ich Euch seine Befehle ohne Rückhalt zu befolgen. Ich sehe wohl ein, daß in diesem entscheidenden Augenblicke viele Gräuel gegen unsere heilige Religion werden begangen werden – doch, weil keine andern Mittel da sind, laßt die Verblendeten thun, und dann wollen wir, die Kinder der wahren Kirche, alles noch prächtiger, als zuvor, wiederherstellen. Gelobt mir, Lodewyk, daß Ihr nie mit dem gottvergessenen Sinne der Bilderfeinde Gemeinschaft pflegen wollt!«

»Ich gelob es bei dem Gotte, der mich hört!« sprach Lodewyk feierlichen Tones.

»Wo! denn,« fuhr Gertrud fort, »laßt das Volk die Uebelthaten begehen, die wir nicht zu verhindern vermögen. Hoffen wir, daß sie von ihrer Verirrung zurückkommen, sobald die Zeiten der Verführung und des Ungestüms vorüber seyn werden. O, ich zweifle nicht . . . «

Sie schwieg. Da schallte die Stimme ihres Vaters donnernd gegen die Mauer des Saals. Aengstlich horchten Beide, um die Ursache dieses Geräusches zu vernehmen.«

»Spanischer Bluthund!« schrie Godmaert, fort aus meinem Hause! Setze nie mehr den Fuß über meine Schwelle. – Schlange, die Ihr seid!«

»Wohl, Ihr armer Geuse!« antwortete Valdes, »was hindert mich, daß ich Euch nicht in diesem Augenblicke wie einen Knecht behandle!«

Godmaert brüllte vor Zorn, während er, anderer Ursachen halber sich nicht rächen durfte.

Da sprang Lodewyk, den Degen aus der Scheide reißend, wüthend nach der Thüre Gertrud, bleich vor Angst, hielt ihn am Kleide fest:

»Lodewyk! ach Lodewyk! was wollt Ihr thun?«

»Meine Hände in das Blut dieses Spaniers tauchen l« schrie er, riß sich mit Gewalt von des Mädchens Armen los und flog wie ein Pfeil aus dem Saale. Gertrud folgte ihm und bemühte sich nochmals ihn zurückzuhalten. Es war umsonst.

Rasch faßte ein Arm, gestählt von Haß Und Liebe, den Spanier bei der Kehle – daß ihm die Zunge blau auf die Lippen trat.

»Feiger Lästerer eines wehrlosen Greises!« rief er aus, indem er den Spanier zu Boden schleuderte,« »gebt Eure schändliche Seele dem Schöpfer zurück; denn Euer letzter Athemzug geht über Eure Lippen!« – und also würgte er seinen Feind, daß dieser regungslos und schwarz am Boden lag.

Godmaert war vor Zorn und Entsetzen auf einen Lehnstuhl niedergesunken. Weinend saß seine Tochter zu seinen Füßen, den Vater verzweiflungsvoll zurufend, daß er auf ihre Worte höre. Mit ihren Fingern strich sie durch seine grauen Locken, und seine Wangen mühte sie sich mit brennenden Küssen zu erwärmen. Plötzlich wandte sie das Haupt und sah Lodewyk die Spitze seines Degens gegen die Brust des Spaniers zücken. Laut aufschreiend eilte sie weg von dem Vater und klammerte sich so fest an Lodewyk’s Gewand, daß sie ihn zurückzog und den Mord zu begehen abhielt. Er suchte mit hartnäckiger Gewalt ihren Armen sich zu entziehen und seine Rachlust zu befriedigen: doch verzweifelnd hielt Gertrud ihn um so fester, als sie in des Jünglings wirren Blicken nichts als blutdürstige Wuth lesen konnte.

»Lodewyk!« rief sie und zeigte auf ihren Vater, »dort, dort liegt das Schlachtopfer Eurer Leidenschaftlichkeit!«

Der Junker ließ seinen Degen zu Boden fallen und vergaß seinen Feind, um Godmaert zu Hilfe zu eilen. Rasch hatte er den Stuhl sammt dem Greise erhoben und trug ihn in ein anderes Gemach.Hier brachte er es mit Gertruds – Hilfe dahin, daß Godmaert die Augen aufschlug.

»Wo ist« er?« frug der Vater mit schwacher Stimme.

»Auf dem Estrich liegt er in den letzten Zügen,« antwortete Lodewyk, »mich verdrießt, daß ich nicht sein Blut vergessen habe. Dürfte ich es noch thun!« Er schien des Greises Erlaubniß dazu zu heischen. Godmaert möchte sicher Worte der Versöhnung gesprochen haben allein die steten Umarmungen und Liebkosungen seiner Tochter ließen ihn nicht dazu kommen.

»Ach, lieber Vater!« rief sie und weinte vor Freude, »Gott hat meine Bitte erhört!« – Ihr lebt – oh!« – von bitterer Betrübniß und verstörendem Schreck ermattet, sank sie lächelnd auf des Vaters Schooß nieder. Die Rosen ihrer Wangen erbleichten, ihre Augen schlossen sich und blaß und kalt blieb sie unter den Küssen des Greises liegen.

Lodewyk trat voll Unruhe herzu, doch da ging die Thüre des Zimmers auf und der Spanier kam schäumend auf ihn zugestürzt.

»Dort, dort Lodewyk!« rief Godmaert und deutete auf einen an der Wand hängenden Degen, »beschützet Eure wehrlose Freundin von den Händen des Mörders!«

Lodewyk ergriff den Degen und stellte sich vor die Geliebte.

»Komm Ihr von den Todten wieder?« rief er Valdes zu; »wollt Ihr einem Greifen noch mehr Hohn anthnn?«

»Nein, nein, Vlämische Verräther!« antwortete der Spanier, »ich komme, um Euch den Lohn Eures Uebermuths zu zahlen,« – und richtete die Spitze seiner Waffe auf des Jünglings Brust; doch dieser, des Waffenwerks zu kundig, wußte seine Stöße alle abzuwehren.

Der alte Godmaert drückte seine Tochter mit banger Sorge an sein Herz und ermunterte Lodewyk, nicht zu weichen. Dazu bedurfte der Jüngling keiner Mahnung; denn das Blut floß von des Spaniers Händen, der bald fluchend das Zimmer verließ. Lodewyk warf die schwere Thüre hinter ihm zu und ließ ihn seinen Zorn an den Wänden austoben.

»Schufte!« rief der rasende Spanier, »bald sollt Ihr Eure Unbesonnenheit bereuen! Der alte Geuse mag sich gefaßt machen auf den Kerker! Meinen Namen und meine Ehre will ich verlieren, so ich diesen Meuterer nicht in des Henkers Hände bringe!«

Noch andere Schimpf- und Drohworte stieß er gegen sie aus; doch wenig wurde darauf geachtet, indeß sie ängstlich bemüht waren, Gertruden ins Leben zurückzurufen. Endlich verließ der erzürnte Valdes die Wohnung Godmaerts, und überlegte sicherlich nochmals die Ausführung der Sache, die er ihnen so heftig zugeschworen.

Gertrud war aufgewacht und saß zwischen ihrem Vater und Lodewyk. Alle waren sie so angegriffen, daß Keines Worte fand, sich über das Vorgefallene auszusprechen. Nach langem Schweigen begann Godmaert und sagte:

»Nun seht Ihr, daß die Zeit gekommen ist, um das lästige Joch für immer abzuschütteln. Dieß zu Stande zu bringen ist mein Bestreben und sollte es mich alles, was ich besitze,kosten. Meine Gertrud,« und er küßte sie, »ist ein Schatz, Lodewyk, den ich Euch schenke, und welcher sicherlich mehr werth ist, als alles Gut, das ich geben kann. – Doch Ihr wißt, was ich Euch gesagt habe: kein Spanisches Auge soll Euere Ehe erblicken. Bevor wir wieder frei sind, wie unsere Väter, sollt Ihr mit Gertrud nicht unter einem Dache wohnen. Darum, um Euer Glück und die Befreiung des Vaterlandes zu beschleunigen, müßt Ihr morgen Früh Euer Pferd satteln lassen und nach Wolfanghs Aufenthalt ziehen. – Es thut mir leid, daß wir den Bösewicht gebrauchen müßten, allein die Noth kennt kein Gesetz. Woferne Greuelthaten begangen werden, werden Unsere Nachkommen uns bei dem Gedanken all des Hasses und der Erbitterung entschuldigen, welche der Spanische Druck in uns erzeugt hat. – » Und Du, liebe Gertrud, wenn Du siehst, daß die Heiligen, die Du verehrest, und das Bild des Gottes, den Du anbetest, mit Füßen getreten werden, beschuldige Deinen Vater nicht der Gottlosigkeit. – Ihr wißt, mit welcher Sorgfalt ich Euch die Gefühle der Gottesfurcht mit Worten und Werken eingeprägt habe.«

»Ja, ja Vater,« fiel ihm Gertrud in die Rede, »Ihr werdet, das weiß ich, stets Gottes Freunde, die Heiligen in Ehren halten, aus daß sie Euch und uns Beide vor größerem Mißgeschicke bewahren.«

Nun rief er Lodewyk bei Seite, und nachdem er ihm über Wolfangh und dessen Aufenthalt noch einige Aufklärungen ertheilt hatte, übergab er ihm einen verschlossenen Brief, den er dem Räuberhauptmann einhändigen sollte. Hierauf bat er den Jüngling sie zu verlassen, damit sie der so nöthigen Ruhe genießen könnten, und er sich selbst zur Reise vorbereite.

Lodewyk sprach noch einige Worte mit Gertrud, die, wie man bemerken konnte, sich über seine Reise aussprach und vielleicht ihm über den Zweck derselben Rathschläge mittheilte. Zwischen ihren leisen Reden drängte sich mehr als einmal der Name Pater Franziskus durch.

Darauf sagte Lodewyk zärtlich Lebewohl; neigte sich vor dem Greise; seufzte ein Paarmal und ging.

Ein sanfter Schlaf ließ Godmaert und seine Tochter bald das erlittene Ungemach vergessen.




III


Die Flamänder lieben andere Völker sehr wenig, und sind dem Waffenwerk so ergeben und so unruhig gewesen, daß sie niemals haben in Frieden leben können.

    Charles Boscard.

Die Sonne erhob sich langsam und prachtvoll an dem purpurnen Horizont Einer ihrer Strahlen fiel schief auf das Fenster von Lodewyk’s Gemach, und schloß des Jünglings Augen auf. Unruhig erhob er sich von seinem Lager, nach einem kurzen Gebete kleidete er sich an, gürtete sein Schwert um die Lenden, küßte wiederholt das Bildniß seiner theuern Gertrud, stieg zu Pferde, und durchritt die Straßen, die ihn zum Kipdorpthore führen sollten.

Er wunderte sich über die vielen Bewaffneten, die abwechselnd mit ihm denselben Weg einschlugen. Viele Reiter kamen an ihm vorüber, und die Straßen wiederhallten von den schweren Tritten ihrer Pferde. Frauen und Kinder traten langsam und in Zügen einher.

Lodewyk, der nicht begriff, was die Ursache dieser frühen Wanderung seyn mochte, näherte sich einem der Reiter, der wir die andern mit Flinte und Dolch bewaffnet war, und fragte ihn, warum sie so alle einen Weg verfolgten und ruhig und wohlgemuth zum Kampfe zögen.

»Ei, Junker Lodewyk,« antwortete der Reiter und besah ihn, »wißt Ihr nicht, daß heute eine Extra-Predigt in Burgerhout stattfinden wird?«

»Aber warum geht Ihr so bewaffnet?«

»Denkt Ihr, Junker, daß wir uns wie Lämmer der Spanischen Rache bloß stellen sollen?« sprach der Geuse lachend, wären wir unbewaffnet, würden sie nicht säumen, uns auf der Stelle zu ermorden; jetzt aber, wo sie uns unterm Gewehr sehen, traut sich die feige Brut nicht, uns nahe zu kommen.«

»Gott, Gott!« seufzte der Junker kopfschüttelnd, »wenn doch diese Prediger einer neuen Lehre unser unglückliches Vaterland verließen! – »Herr Schuermans,« fuhr er fort, mich freut gar sehr, zu sehen, daß Eure Wunde keine üblen Folgen hat, da Ihr schon wieder das Roß besteigen könnt.«

»Ihr irrt, Junker, ich kann mich noch nicht ohne Hilfe hinaufschwingen. Ich versichere Euch, daß mich zuweilen große Schmerzen überfallen; doch da geb’ ich nichts darauf.« Er lachte. »Noch zwei Daumenbreit, Lodewyk, und Ihr hättet mir wahrlich auf immer den Mund geschlossen. Doch jetzt heißt’s nicht viel – so ein Läppchen Haut und Fleisch!«

»Ihr verzeiht mir gewiß diese Wunde, Schuermans?«

»Ja gewiß; vergebt mir nur auch meine tollen Reden.« Er faßte die Hand des Junkers, drückte sie warm in der seinigen, und sprach mit Nachdruck: »Ein Vlaming trägt nur einem Fremdling Haß und Rache nach. – Wir sind die besten Freunde von der Welt!«

So ritten sie in mäßigend Trabe weiter. Hie und da wurde ihr Gespräch unterbrochen, wenn die Menge sie etwas von einander entfernte, doch bald wieder aufgenommen. Hin und wieder erhob ein vorwitziger Mund den Ruf: Es leben die Geusen! – und dann lief murmelnder Beifall über alle Lippen und verlor sich erst ferne in andern Straßen. – Endlich langten unsere Reiter bei dem Burgerhouter Thor an.

»Halt an, Herr Lodewyk!« rief der Gefährte. »Steigt ab. – Hier haben wir das beste Braunbier, das in Antwerpen zu finden ist, – und er zeigte ihm ein Aushängschild, auf dem ein Thier künstlich abgemalt war mit der Aufschrift:








»So steigt ab, Lodewyk!« —Hier ist gut seyn für die, so den Geusennapf führen – He, Hospes, – flink, und kommt einmal, helft mir ein bisschen, denn ich komme hart – vom Gaul herunter. – Ist das Mechel’sche Braune gut?«

»Eigenlob stinkt,« antwortete der Wirth, während er Schuermans vom Pferde half, »der edle Trank, den ich Euch vorsetzen werde, soll sich selber preisen.«

Ein Diener faßte beide Pferde, und unsere Geusen traten in den Krug. Nachdem sie einige Gläser geleert und eine Zeit lang über die Lage der Dinge geredet hatten, bemerkten sie, daß ein Mann von mittlerem Alter, dessen Haare schon grau waren, sie starr und scheu betrachtete.

Seine Kleider waren nicht reich, aber sauber und anständig. Seine faltige Stirne und der trübe Ausdruck seiner gesunkenen Augen, deuteten hinreichend an, daß das Leben dieses frühzeitigen Greises durch Sorgen und Widerwärtigkeiten verkürzt war. Eine Thrane glänzte auf seinen braunen Wangen und das Haupt senkte sich auf seine Brust. Schuermans, dessen Herz gut war, konnte das nicht länger ansehen. Er näherte sich dem trübsinnigen Manne, drückte ihm treuherzig die Hand und fragte ihn um die Ursache seiner Traurigkeit.

»Ihr Herren,« antwortete er wehmüthig, »Eure Worte trafen mein Herz wie so viele Dolchstiche.«

»Wer seid Ihr denn?« frug Schuermans.

»Mein Name ist Louis van Hoort.«

Die beiden Geusen entblößten ehrerbietig ihr Haupt und sprachen:

»Seid gegrüßt, kunstreicher Meister! – Ehre sei Euch, Van Hoort, unserm ruhmvollen Stadtgenossen!«

Der traurige Künstler schien gerührt von ihrer Ehrenbezeigung und suchte, so gut er konnte, zu lächeln.

Lodewyk näherte sich ihm und frug in ernstem Tone, was ihn so traurig stimme.

»Ihr wißt nicht,« erwiederte jener, »mit welcher Zärtlichkeit der Künstler seine Schöpfungen liebt! – Ein Vater, der eine unausweichliche Wolke des Unglücks über seine Kinder sich erheben sieht, vergießt Thränen über seine Nachkommenschaft – und ich vergieße Thränen über das Schicksal der Bildwerke, dieser Kinder der Kunst, die unsere Stadt bereichert und herrlich vor allen Städten der Welt gemacht haben! . . . «

Die Geusen betrachteten ihn mit Bewunderung.Seine Züge, die erst so kalt schienen, waren nun von edlem Ausdrucke belebt; helle Feuerstrahlen schossen aus seinen feuchten Augen.

»Ich,« hob er wieder an, »habe mein Herz an der Leuchte des Genius und der Kunst versengt. – Ich habe mein Leben in beständigem Fieber zugebracht; meine Haare sind grau geworden, meine Stirne hat sich in Falten gelegt, derweil ich noch jung bin, – und das Alles, weil ich, wie Gott seinen Geschöpfen, den Wesen, die mein Pinsel geschaffen hat, Theile meiner Seele geliehen habe, um sie in’s Leben zu rufen.«

»Allerdings mag Euere Furcht nicht ungegründet seyn. Die Bilder werden am Tage der Befreiung viel zu leiden haben,« antwortete Schuermans.

»Ja,« versetzte der Maler, »und dann werden sie meine Gemälde aus Gottes Tempel werfen; und wie tolle Hunde, meine Hoffnung aus Unsterblichkeit in Stücke reißen; meinen Namen mit jenen einer zahllosen Reihe von Meistern, die unser Vaterland gezeugt hat, für immer aus der Welt schaffen; und die Fremdlinge werden einst mit Schmerz die nackten Tempelwände anstarren, Thränen über die zerstörten Bildwerke vergießen – und Bruchstücke derselben als Heiligthümer in ihr Land mitnehmen.«

Der junge Lodewyk konnte den Künstler nicht genug ansehen. Noch nie hatte er in eines Menschen Auge so edles Feuer flammen sehen. Er stand in Gedanken versunken vor dem Künstler und trachtete ihn durch freundliche Worte zu beruhigen. Doch Van Hoort schien zu gewiß den Bildersturm zu ahnen, der in Kurzem herankommen müße. Er fuhr fort:

»In unserer lieben Frauen Kirche hängt eines meiner Bilder; an diesem habe ich zwölf Monate wie außer mir gearbeitet; der Welt mit meiner Schöpfung entrückt, zwölf Monate ohne ein anderes Gefühl, als das der Kunst lebend; durch ein quälendes Fieber mein Leben um ein Jahrzehend verkürzt; ich habe, wie jener Griechische Künstler, vor dem Werke meiner Hände gekniet und gebetet.«

Ein schwerer Seufzer erstickte feine Stimme.

»Auch bin ich,« fuhr er fort, »für dieses Stück allein in Sorge; ich habe gefleht, daß es in Sicherheit gebracht werde; – aber sie wollten nicht drauf eingehen – ich habe s es ihnen verkauft, sagen sie. – Verkauft!« seufzte er, »jawohl, ich habe es verkauft, weil mich die Noth drängte; sonst wäre mein leidender Christus nie aus meiner Stube gekommen.«

Schuermans und Lodewyk versicherten ihn, daß, so sie irgend etwas zur Rettung dieses Bildes beitragen könnten, sie ihm darin beizustehen nicht versäumen würden.

»Ich habe Kraft und Muth genug,« antwortete Van Hoort, mein Gemälde zu beschützen. Ich habe Alles berechnet. Am Tage der Verwüstung werde ich, mit Feuerwaffe und Dolch, meinen Christus vertheidigen – und wann es von der Wand herabfällt, will ich mein Blut, der Kunst und meinem Gott zum Opfer, über ihm vergießen! – Nein, meine theure Schöpfung will ich nicht überleben!«

»Ach Herr,« fiel der Wirth ihm hier in die Rede, »was kümmert Euch so, daß sie dieß Eine allenfalls in Stücke schlagen? Immerhin wie das alte Sprichwort sagt: so lang ein Haus in Antwerpen steht, wird da ein Künstler wohnen.«




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