Olympia von Clèves Alexandre Dumas der Ältere Dumas (père), Alexandre Olympia von Clèves Erstes bis viertes Bändchen I. Avignon Neapel sehen und dann sterben, sagt der Neapolitaner. Wer Sevilla nicht gesehen hat, hat nichts gesehen, sagt der Andalusier. Vor dem Thore von Avignon bleiben heißt vor dem Thore des Paradieses bleiben, sagt der Provencal. Wenn man dem Geschichtsschreiber der päpstlichen Stadt glauben darf, ist Avignon in der Tat nicht nur die erste Stadt des Süden, sondern auch von Frankreich, sondern auch der Welt. Man höre, was er darüber sagt: »Avignon ist edel durch sein Altertum, angenehm durch seine Lage, herrlich durch seine Mauern, lachend durch die Fruchtbarkeit seines Bodens, reizend durch die Sanftheit seiner Einwohner, prächtig durch seine Paläste, schön durch seine großen Straßen, wunderbar durch den Bau seiner Brücke, reich durch seinen Handel und bekannt auf der ganzen Erde.« Das ist hoffentlich ein schönes Lob! Nun! diesem Lobe, obgleich wir hundert Jahre nach dem, welcher es ausgesprochen hat, kommen, werden wir beinahe nichts benehmen, und sogar etwas beifügen. In der Tat, für den Reisenden, der den Fluß herabfährt, welchem Tibull das Epitheton Celer, Ausonius das Preaceps und Florus das Impiger gegeben hat; für denjenigen, welcher von Montélimart an dem wärmeren Tone des Terrain, an der durchsichtigeren Luft, an den festeren Konturen der Gegenstände wahrzunehmen anfängt, daß er im Süden ist, für denjenigen, welcher endlich schauernd unter den mörderischen Bögen der Heiligen-Geist-Brücke passiert, von denen jeder seinen Namen hat, damit man im Augenblick, wo ein Schiff an einem derselben scheitert, weiß, an welchen Ort man Hilfe bringen soll; für den, der Roquemauré, wo Hannibal mit seinen vierzig Elefanten über die Rhone setzte, zu seiner Rechten, das Schloß Mornas, von welchem herab der Baron des Adrets eine ganze katholische Garnison springen ließ, zu seiner Linken lässt, bietet sich Avignon bei einer der Wendungen des Flusses plötzlich mit einer wahrhaft königlichen Pracht. Allerdings ist das Einzige, was man von Avignon in dem Augenblick erschaut, wo man Avignon erschaut, sein riesiges Schloß, der Palast der Päpste, ein Gebäude aus dem vierzehnten Jahrhundert, das einzige vollkommene Muster der militärischen Architektur jener Zeit, erbaut aus dem Platze, wo sich einst der Tempel der Diana erhob, welcher der Stadt seinen Namen gegeben hat. Wie bat nun ein Tempel der Diana seinen Namen dem zukünftigen Wohnsitze der Päpste geben können? Wir werden es sagen, wobei wir für uns die Nachsicht in Anspruch nehmen, mit der wir die Leserinnen sehr verschwenderisch gegen die Etymologen gesehen haben. Ave Diana! gegrüßet seist du, Diana! sagte der Reisende, wenn er in der Ferne den Tempel der keuschen Göttin zur Zeit der schönen Latinität, im Jahrhundert vor Cicero. Virgil und Augustus, erblickte. Ave Niana! fingen an die Schiffer im Jahrhundert vor Constantin, das heißt in einer Zeit zu sagen, wo das Idiom des Landes schon die Reinheit der lateinischen Sprache verdorben hatte. Ave Nio, sagten die Soldaten der Grafen von Toulouse, von Provence, von Forcalquier: daher Avignon. Man bemerke wohl, daß dies Geschichte ist: wir wären viel positiver, als wir es sind, wenn wir statt Geschichte Roman machten. Man sieht also, daß zu allen Zeiten Avignon eine bevorzugte Stadt gewesen ist; überdies hat sie, eine der ersten, eine herrliche Brücke gehabt, eine Brücke erbaut 1177 von einem jungen Hirten Namens Bennezet, der, nachdem er Lämmer gehütet, Seelenhirte wurde und das Glück hatte, heilig gesprochen zu werden; freilich sind heute nur noch drei bis vier Bögen von dieser Brücke übrig, welche unter der Regierung Ludwig XIV, im Jahre der Gnade 1689, das heißt, ungefähr acht und fünfzig Jahre vor der Zeit, wo die Geschichte beginnt, die wir erzählen wollen, zerstört worden ist. Aber vornehmlich gegen das Ende des vierzehnten Jahrhunderts war Avignon glänzend anzuschauen. Philipp der Schöne, der Clemens V. und seinen Nachfolgern Wachen, ein Gefängnis und ein Asyl zu geben geglaubt hatte, hatte ihnen einen Hof, einen Palast und ein Königreich gegeben. Es war in der Tat ein Hof, ein Palast und ein Königreich, was diese Königin des Luxus, der Üppigkeit und der Schwelgerei besaß, die mau Avignon nannte; sie hatte einen Gürtel von Mauern, welche um ihre prallen Flanken von Hernaudy von Herodia, dem Großmeister des Ordens der Johanniter von Jerusalem, geschlossen worden war; sie hatte ausschweifende Priester, die den Leib Christi mit Händen glühend vor Unkeuschheit berührten; sie hatte schöne Buhlerinnen, Schwestern, Nichten und Konkubinen der Päpste, welche die Diamanten aus der Tiara brachen, um sich Armspangen und Halsbänder daraus zu machen; sie hatte endlich Echos der Quelle von Baucluse, welche verliebt den süßen Namen Laura wiederholten und sie beim Klang der weichen, wollüstigen Lieder von Petrarca einwiegten. Allerdings, als auf die Bitte der heiligen Brigitta von Schweden und der heiligen Catharina von Sienn Gregor IX Avignon im Jahre 1376 verließ und nach Rom abreiste, wo er am 17. Februar 1377 ankam, allerdings war Avignon, seines Glanzes beraubt, während es sein Wappen behielt, was drei goldene Schlüssel in rotem Feld, getragen von einem Adler mit dem Wahlspruch: Unguibus et rostris, sind, nur noch eine trauernde Witwe, ein einsamer Palast, ein leeres Grab. Die Päpste behielten wohl Avignon, dessen Ertrag sehr groß war, aber wie man ein Schloß behält, das man nicht mehr bewohnt: sie schickten wohl einen Legaten dahin, um ihre Stelle zu vertreten, doch der Legat ersetzte sie, wie der Verwalter den Herrn, wie die Nacht den Tag ersetzt. Avignon blieb indessen die vorzugsweise religiöse Stadt, da man zur Zeit, wo diese Geschichte beginnt, daselbst noch 109 Chorherren, 41 Beneficiare, 350 Mönche und 350 Nonnen zählte, welche, nebst mehreren untergeordneten, dem Dienste der acht Kapitel beigegebenen Geistlichen eine Gesamtsumme von 900 für die Bedienung der Altäre bestimmten Personen, das heißt den achtundzwanzigsten Teil der Bevölkerung, bildeten. Dabei besaß Avignon, nachdem es siebenmal sieben Päpste gehabt, welche siebenmal zehn Jahre regiert hatten, noch im Jahre 1727 siebenmal sieben für die Schönheit, die Annehmlichkeit und die Moralität einer Stadt wichtige Dinge. Es hatte sieben Thore, sieben Paläste, sieben Kirchspiele, sieben Collegialkirchen, sieben Hospitäler, sieben Mannsklöster und sieben Nonnenklöster. Was den Reiz betrifft, der für Avignon aus der von seinem Geschichtsschreiber Francis Nouguier gerühmten Sanftheit seiner Bewohner entspringt, so scheint uns dies weniger begründet als das Uebrige, und in diesem Punkte müssen wir dem Urteil des nationalen Schriftstellers entgegentreten und ihn an die ewigen Zwistigkeiten der weißen Büßer und der schwarzen Büßer erinnern, die einander bei jeder Gelegenheit umbringen und die Stadt in zwei stets mit derben Püffen verproviantierte Lager teilen. Wohlverstanden, wir werden ihm gegenüber weder von den Schlächtereien der Glaciére im Jahre 1731, noch von der Ermordung des Marschall Brune im Jahr 1815 sprechen. Das sind zwei Ereignisse, welche der gute Francois Nouguier, so gelehrt er auch war, in der Zeit, wo er schrieb, nicht vorhersehen konnte. Abgesehen jedoch von der, im neunzehnten Jahrhundert ein wenig bestreitbaren, reizenden Sanftheit, bot sich Avignon am Anfange des achtzehnten Jahrhunderts unter dem Auge und dem Geiste des Reisenden sehr angenehmen Verhältnissen. Außer den Dominicanern, die sich in dieser Stadt 1226 festgesetzt hatten, außer den Franciscanern, welche 1227 aufgenommen worden waren, außer seinen großen Augustinern, seinen großen Carmelitern, seinen Mathurinen, seinen Benedictinern, seinen Cölestinern, seinen Minimen, seinen Capucinern, seinen Recollecten, seinen Vätern von der christlichen Doctrine, seinen Carmelitern- Barfüßern, seinen Antoninern, seinen Augustinern, seinen Priestern des Oratorii und seinen Observanten hatte Avignon sein Collegium und sein Noviciat der Jesuiten, gegründet im Jahre 1587 durch Louis von Anezune. Wer aber zu jener Zeit Jesuiten sagte, der sagte gelehrte Leute, liebenswürdige Leute, Leute, die an jeder Bewegung des Jahrhunderts Teil nahmen, mochte sie der Handel als Vermittler nach den entfernten, unbekannten Meeren fortführen, in die sich der Ganges und der Blaue Fluß, diese Rhonen Indiens und Chinas, ergießen; mochte sie der Eifer der Mission nach einer neuen Welt treiben und aus die Ebenen Brasiliens und in die Gebirge von Chili werfen: mochte ihnen, wo sie in Europa stationär waren, die Politik, ein Buch ohne Ende, ihre Blätter entrollen, von denen jedes Wort eine getäuschte Hoffnung oder ein befriedigter Ehrgeiz, ein gegründeter Thron oder eine zerbrochene Krone ist; mochte sie endlich die Poesie oder die Literatur, als sanfte Erben der Benedictiner, unter die weißen Bogen des Klosters, zwischen einen magern, an Blumen geizigen Rasen und einen glänzenden, durch die hohen Profile der Collegialkirche ausgeschnittenen Sonnenstrahl, verbannen. Avignon, diese bevorzugte Stadt, welche Alles das hatte, was die andern Städte haben, und tausend Dinge noch dazu, Avignon hatte also seine Jesuiten, und in die Kapelle des Noviciats führen wir vor Allem unsere Leser, indem wir ihnen bemerken, daß wir uns in den ersten Tagen des Monats Mai 1727 unter der Regierung von König Ludwig XV., der damals siebzehn Jahre alt, befinden. Auf dem Gipfel einer Straße, die man die Novizen« Straße nannte, wir sagen aus dem Gipfel, weil die Straßen von Avignon, einer gegen den Mistral und die Sonne gebauten Stadt, meistens von steilen Steigen und jähen Abhängen gebildet werden, in der Novizen« Straße erhob sich das Gebäude des Noviciats, Wohnung und Kapelle. Der Form und besonders dem Gedanken nach allen denjenigen ähnlich, welche die Jesuiten in Frankreich und sogar außerhalb Frankreich errichtet haben, affektierte das Gebäude den nüchternen, bescheidenen Styl, der keiner Periode angehört und diejenigen, welche ihn anwenden, nicht gefährden kann, weil er nichts den Augen materiell offenbart und man ein sehr gelehrter Archäolog sein muss, um die Seele der Steine in einer Gesellschaft zu suchen, wo viele Leute die Seele der Menschen leugnen. Die Jesuiten, Schmarotzer reisende, verlarvte Eroberer mussten, während es ihnen von der Herrschaft der Schritt für Schritt eroberten Welt träumte, wenn sie sich niederließen, wo sie sich niederließen, darüber wachen, daß ihr Zelt, bestimmt, eines Tags eine Zitadelle zu werden, nicht das Licht benahm. Jeder Schmarotzer, wenn er sich an einen Tisch setzt, ist darauf bedacht, sich nicht zu kleiden wie der Reiche oder nicht in Lumpen zu gehen wie der Arme: er würde den Blick auf seinen Reichtum oder auf seine Armut ziehen. Jeder Ehrgeizige muss Bescheidenheit, wenn nicht Demut, heucheln, entschlossen, im gegebenen Augenblick seine Klaue auszustrecken wie der Tiger oder seinen Rachen auszusperren wie der Hai. Die Gesellschaft Jesu hatte auch in Flandern, in Frankreich oder in Spanien, wo ihre bedeutendsten Häuser waren, den Schöpfern dieser Anstalten nur die unscheinbare Bauart des Klosters oder der Kaserne erlaubt, welche in jener Zeit ans großen Mauern von Backstein oder Stein, mit langen vergitterten Fenstern, einigen in der Verzierung sehr nüchternen Hallen und ein paar Halbsäulen bestand, als ob die Säule mit hoch erhabener Arbeit ein zu sehr in die Augen fallender Luxus gewesen wäre. Dieselbe Strenge im Innern, verbunden mit einer ängstlichen Sorge für die Erhaltung der Gesundheit und die Tagesordnung, und die gerade Linie überall, wo die Väter ihre Novizen zu überwachen hatten, Schatten und Krümmungen überall, wo die Väter dem Publikum zu begegnen hatten. Wir unternehmen es übrigens nicht, das Innere der Jesuiten von Avignon zu beschreiben; eine von unseren Personen erwartet uns in der Kapelle der Novizen, und, in Betracht ihrer Wichtigkeit, eilen wir zu ihr. Da indessen jedes Drama seine Inszenierung braucht, so werden wir ein Wort von dieser Kapelle sagen, in die wir unsere Leser einführen, wie wir ihnen ein Wort von der Stadt, die sie mit uns so eben durchschritten, gesagt haben. Sie mögen also auf der Schwelle stehen bleiben, und sie werden ein kreisförmiges Schiff von mäßigem Durchmesser mit Fenstern ohne Figuren sehen, welche, das Licht unter der Kuppel empfangend, dasselbe ganz nach den Gewölben sandten, aber es stufenweise dämpften, daß es gemildert aus die Platten des Bodens kam: ein langer und wenig geschmückter Altar, wie eine Sehne am Bogen des gewölbten Chors ausgespannt; hinter diesem Altar einige eichene Chorstühle, dunkel und bedeckt zur Erleichterung der Beaufsichtigung oder der Meditation der Väter, wenn sie sich während des Gottesdienstes darein setzten. Das ist mit wenigen Zügen die Zeichnung der Örtlichkeit. Es war ein Uhr und jeder Gottesdienst beendigt; während die Sonne die Stadt verzehrte, war die Kirche verödet. Nur links vom Altar, neben einem engen Gange, der zu den erwähnten Chorkühlen führte, saß ein junger Noviz mit dem schwarzen Ordenskleid aus einem Stuhle an einer Säule, den Kopf halb in ein Buch begraben, das er nicht las, sondern verschlang. Dieser junge Mann war indessen nicht so sehr in seine Lesung vertieft, daß er nicht zuweilen einen verstohlenen Blick nach seiner Rechten und nach seiner Linken warf. Nach seiner Linken, das heißt nach der kleinen Thür, durch welche die Väter vom Noviciat in die Kapelle gehen konnten. Nach seiner Rechten, das heißt nach der Seite der großen Thür, durch welche die Gläubigen in die Kirche eintreten konnten. War es Neugierde, war es Zerstreuung, Zerstreuung, ach! so natürlich bei der Jugend, für welche Brevier und Ritual nur leeres, einförmiges Futter sind! Wir sagten aber, der junge Noviz habe die Blätter seines Buches zu verschlingen geschienen; schaute er so nach rechts und links, um die Bewunderung eines Aufsehers zu belauern, und war er, statt ein Zerstreuter zu sein, ein Heuchler? Weder das Eine, noch das Andere. Wer hinter ihn getreten wäre und hätte zugleich mit ihm in dem Buche gelesen, würde bemerkt haben, daß in dem Missal eine Broschüre von kleinerem Format, von weißerem und frischerem Papier verborgen war; eine Broschüre, deren typographische Justierung unregelmäßig, das heißt von jenen ungleichen Zeilen gebildet war, welche neun und zwanzig Jahre später Meister André als Kriterion dienen sollten, um die Verse von der Prosa zu unterscheiden, wenn er sie mit einem Bindfaden maß, um sie nicht zu lang und nicht zu kurz zu machen. Man durfte sich also nicht wundern, daß dieser Noviz die Überraschungen befürchtete. – Das ist das Eigentümliche von jedem Schüler, der in der Klasse ein verbotenes Buch In seinem Lehrbuch verbirgt. – Nur ist ein Unterschied zwischen den verbotenen Büchern, wie ein Unterschied zwischen den Menschen ist; es gibt das ein wenig verbotene Buch und es gibt das sehr verbotene Buch; es gibt, welche die Strafaufgabe von hundert Versen nach sich ziehen, und es gibt, welche die Zurückbehaltung des Schülers oder gar das Gefängnis zur Folge haben. Zu welcher Klasse gehörte das Buch, das der Jünger von Loyola las, und in das er seine Augen und seinen Geist so glühend tauchte? Um dieses Problem zu lösen, hätte ein Beobachter nicht einmal nötig gehabt, sich ihm zu nähern; er hätte Alles an der schaukelnden Bewegung seines Kopfes, an einer gewissen geheimnisvollen Kadenz seiner Stimme, die sich von der Psalmodie entfernte, um sich jener damals im Theater angenommenen Art von Gesang zu nähern, erkannt. Seine Überzeugung hätte endlich vollständig werden können bei gewissen Gebärden, welche unvorsichtig der Arm und die Finger des Novizen entwickelten, nicht wie die weichen Arme und die sanften Finger eines Predigers, der eine Rede hält, sondern wie der drohende Arm und die krampfhaften Finger eines Schauspielers, der eine Rolle spielt. Und seit mehr als einer halben Stunde psalmodirte und gestikulierte der Noviz so, als die plötzliche Ankunft eines Fremden, welcher an der Thür der Kirche erschien, und dessen hastige, ungleiche Tritte aus den Platten erschollen, den Psalmodisten unterbrach und die Gebärde der zweiköpfigen Armmuskel aus das Handgelenk als das einzige Gelenk einschränkte, welche den Gläubigen in einer Kirche nebst der Kniescheibe in Tätigkeit zu setzen gestattet ist, indem die letztere bei der Kniebeugung und das erstere für die Operation des mea culpa zu funktionieren haben. II. Wo sich die Wahrheit des alten französischen Sprichworts: »Das Kleid macht nicht den Mönch,« erweist Der Eintretende war ein Mann von acht und zwanzig bis dreißig Jahren, von einer nervösen, kränklichen Organisation, bleich, groß, anmutig in seinen Bewegungen, ausgezeichnet in seiner Haltung; reinlich gekleidet, jedoch mit einer gewissen Nachlässigkeit, die nicht ohne Reiz war und die Mitte hielt zwischen der Entblößung der vornehmen Herren und dem Sich gehen lassen der Künstler. In einem Zustande tiefer Aufregung Begriffen, zerdrückte er für den Augenblick seinen Hut unter seinem Arm und fuhr mit seiner weißen, gepflegten Hand durch seine in Schweiß gebadeten Haare. Sein angenehmes, sanftes, schwermütiges Gesicht trug einen gewissen Charakter von Unruhe, beinahe von Irrsinn an sich, den der Noviz leicht hätte bemerken können, ohne die tiefe Aufmerksamkeit, mit der er seit der Ankunft der Person, welche wir in Szene gebracht, weder mehr rechts, noch links zu schauen bemüht war. Nachdem er ziemlich rasch in die Kirche eingetreten, dann stehen geblieben war und umhergeschaut hatte, schien der Fremde es zu versuchen, seine Lebensgeister wieder zu sammeln, und fing an in der Kapelle hin und her zu gehen, bis er im Strahle seines Auges dem Novizen begegnend plötzlich seinen Entschluss fasste und gerade aus ihn zutrat. Der Noviz. der dies mehr erriet, als sah, schloß rasch sein doppeltes Buch, begrub sein Gesicht in seine beiden gefalteten Hände und versenkte sich diesmal heuchlerisch in eine Litanei von Gebeten. Der Unbekannte war indessen so nahe auf ihn zu getreten, daß er beinahe die Schultern des Novizen berührte, welcher bei dieser Annäherung plötzlich zu erwachen und sich aus dem Abgrund von Frömmigkeit, in den er sich gestürzt hatte, zu erheben schien. »Verzeihen Sie, mein Bruder, wenn ich Sie in Ihren Gebeten störe,« sagte der Fremde, zuerst das Gespräch anknüpfend. »Mein Bruder,« erwiderte der Noviz, während er aufstand und sein Buch hinter seinem Rücken verbarg,«ich bin zu Ihren Befehlen.« »Mein Bruder, vernehmen Sie, was mich hierher führt. Ich bedarf eines Beichtigers: darum habe ich mich Ihnen genähert und Sie in Ihren Gebeten gestört, worüber ich Sie demütig um Verzeihung bitte.« »Ach! ich bin nur Noviz,« antwortete der junge Mann, »und da ich die Weihen nicht erhalten, so kann ich nicht die Beichte hören. Sie müssten einen unserer Väter haben.« »Ja, ja, so ist«s,« versetzte der Fremde, seinen Hut mehr als je marternd; »ja, ja, ich müsste einen von den Vätern haben. Würden Sie mir wohl den Gefallen erweisen, mich bei demjenigen einzuführen, von welchem Sie glauben, er könnte mir einige Augenblicke bewilligen, oder ihn zu veranlassen, hierher zu mir zu kommen?« »Es ist gerade die Stunde des Mittagsmahles, und in diesem Augenblick sind alle Väter im Refektorium.« »Ah! Teufel!« murmelte der Unbekannte mit einer sichtbaren Unzufriedenheit, »alle im Refektorium; ah! Teufel!« Dann bemerkte er ohne Zweifel, daß er den Namen vom Feinde des Menschengeschlechts in einer Kirche angerufen hatte, und sprach: »Was habe ich denn gesagt? . . Mein Gott, verzeihe mir!« Und er machte rasch, beinahe verstohlen, das Zeichen des Kreuzes. »Die Schwierigkeit, einen Beichtiger zu bekommen, ist Ihnen ärgerlich,« fragte teilnehmend der Noviz. »Oh! ja. ja, sehr.« »Sie haben also große Eile?« »Große Eile.« »Welch ein Unglück, daß ich nur Noviz bin!« »Ja, das ist ein Unglück! Doch Sie sind bald im Alter, ordiniert zu werden, und Sie werden es sein, und dann, dann. . . Oh! mein Bruder, wie glücklich finde ich Sie!« »Glücklich! und warum?« fragte naiv der Noviz. »Weil Sie in einem Jahre das Ziel erreicht haben werden, das sich jede christliche Seele vorsetzen muss, nämlich das Heil, und weil Sie mittlerweile, im Noviciat der Jesuiten wohnend, diesen würdigen Vätern, wann Sie wollen und so oft sie wollen, beichten können.« »Oh! ja, das ist wahr, wann Ich will und so oft ich will,« erwiderte der Noviz mit einem Seufzer, durch den er bewies, daß er nicht zu demselben Werte, wie der Fremde, die ausnehmende Gunst, die er vom Himmel empfangen, schätzte. »Und dann,« fuhr der Fremde mit wachsender Begeisterung fort, »und dann sind Sie hier zu Hause; diese Kirche, dieser Altar, diese heiligen Gesäße, Alles dies gehört Ihnen.« Der Noviz schaute den Fremden mit einem Erstaunen an, das nicht ganz von Bangigkeit frei war. Offenbar fing er an zu befürchten, er habe es mit einem Manne von leicht verrücktem Gehirn zu tun. Der Fremde aber fuhr, immer mehr sich belebend, fort: »Dieses Kleid gehört Ihnen; dieser Rosenkranz gehört Ihnen; dieses Buch, ein heiliges Buch, indem Sie vom Morgen bis zum Abend lesen können, gehört Ihnen.« Und während er diese Worte mit einem leidenschaftlichen Tone sprach, schüttelte er so kräftig den Arm des Novizen, daß aus der Hand, die diesen Arm schloss, das so beneidete Buch und zugleich mit dem Buche die von uns beschriebene Broschüre fielen. Als er diese Trennung zwischen dem Buche und der Broschüre gewahrte, stürzte der Noviz ganz betreten aus die Broschüre los und ließ sie von den mysteriösen Tiefen einer der Taschen seiner Sutane verschlingen: wonach er, noch ganz schauernd von einer Gemütsbewegung, die dem Schrecken glich, das Buch aufhob. Dann richtete er schüchtern seinen Blick wieder aus den Fremden. Doch der Unbekannte hatte nichts bemerkt, so groß war seine religiöse Begeisterung. Die Augen der zwei Männer begegneten sich, und beinahe zu gleicher Zeit ergriff der Unbekannte die beiden Hände des Novizen. »Hören Sie, mein lieber Bruder,« rief er, »Gott hat mich in Ihre Kirche geschickt, die Vorsehung hat Sie aus meinen Weg gestellt: Sie flößen mir das zarteste Vertrauen ein. Verzeihen Sie diesen Erguss einem Manne, der sehr zu beklagen ist, aber wahrhaftig, Ihr Gesicht gibt mir Mut.« Das Gesicht des Novizen, von dem wir noch nichts gesagt haben, war in der Tat eines der reizendsten Gesichter, die man sehen konnte, und folglich sehr würdig des Lobes, das man ihm gespendet. »Sie nennen sich unglücklich, mein Bruder, und Sie wollen beichten?« versetzte der Noviz. »Oh! ich bin sehr unglücklich!« rief der Unbekannte. »Oh! ja, ich möchte gern beichten.« »Sollten Sie unglücklicher Weise einen Fehler begangen haben?« »Einen Fehler! Ei! mein ganzes Leben ist ein Fehler, ein Fehler, der vom Morgen bis zum Abend dauert!« rief der Unbekannte mit einem Seufzer, welcher andeutete, daß er in einem Zustande völliger Zerknirschung war. »So spreche ich mit einem Schuldigen?« fragte der junge Mann mit einer Art von Angst. »Oh! ja, mit einem Schuldigen, mit einem großen Schuldigen,« Der junge Mann machte unwillkürlich einen Schritt rückwärts. »Urteilen Sie selbst!« fuhr der Unbekannte mit einer Gebärde der Verzweiflung fort: »ich bin Schauspieler.« »Siel« rief der junge Mann mit dem freundlichsten Tone, indem er sich dem Fremden näherte, während sich der unglückliche Künstler im Gegenteil entfernte, als wäre er nach dem Geständnis, das er gemacht, nicht mehr würdig der Berührung von seines Gleichen; »Sie, Schauspieler!« »Mein Gott! ja.« »Ah! Sie sind Schauspieler.« Und der junge Mann rückte immer näher aus ihn zu. »Wie!« rief der Künstler, »Sie wissen, wer ich bin, und Sie fliehen mich nicht, wie man einen Pestkranken flieht?« »Nein!« erwiderte der Noviz; »ich hasse die Schauspieler nicht.« Und er fügte so leise bei, daß ihn selbst der Andere nicht hören konnte: »Im Gegenteil.« »Wie!« wiederholte der Künstler,«Sie empören sich nicht beim Anblick eines Ketzers, eines Exkommunizierten, eines Verdammten!« »Nein!« »Ah! Sie sind noch so jung! doch eines Tags . .« »Mein Bruder,« versetzte der Noviz, »ich gehöre nicht zu denjenigen, welche aus Vorurteil hassen.« »Ach! mein Bruder,« erwiderte der Künstler, »die Schauspieler schleppen eine Art von Ursünde nach sich, welche, einfach für die Anderen, doppelt, dreifach, vierfach für mich ist, der ich der Sohn, der Enkel, der Urenkel von Komödianten bin. Bin ich verdammt, so werde ich es an der Seite von Adam und Eva sein.« «Ich verstehe Sie nicht recht,« sprach neugierig der Noviz. »Damit will ich sagen, mein Bruder, ich sei Schauspieler von Geburt, und ich werde verdammt sein durch meinen Vater und durch meine Mutter, durch meinen Großvater und durch meine Großmutter, kurz durch meine väterlichen und mütterlichen Vorfahren bis in die dritte und vierte Generation; mit einem Wort, mein Herr, ich beiße Champmeslé. Der Noviz riß weit seine Augen aus, in denen ein tiefes Erstaunen gemischt mit einer leichten Nuance von Bewunderung hervortrat. »Wie! mein Herr,« rief er, die bei den Orden gebräuchliche Benennung Bruder vergessend, »sollten Sie zufällig der Enkel der berühmten Schauspielerin sein?« »Ganz richtig, mein Herr. Ach! meine arme Großmutter, das ist eine sehr verdammte Frau.« »Dann war Ihr Herr Großvater der Schauspieler Champmeslé, der die Könige spielte?« »Sie haben es gesagt, Marie Desmares, meine Großmutter, heirathete Charles Chevillet, Herrn von Champmeslé; er hatte den berühmten Latorilliére im Hotel von Burgund ersetzt. Was seine Frau betrifft, so debütierte sie mit der Rolle von Hermione, welche vor ihr die Desoeuillet, deren Fach sie übernahm, spielte.« »Somit,« fuhr der Noviz fort, der sich mit allem Eifer in das Gespräch vertiefte, »somit war Ihr Vater Joseph Champmeslé, der die Bedienten spielte, und Ihre Mutter Marie Descombes, welche die jugendlichen Liebhaberinnen spielte?« »Ganz richtig. Aber sagen Sie mir, mein Bruder,« rief Champmeslé, »wissen Sie, daß ich Sie ein wenig weit vorgerückt in der Wissenschaft der Kulissen für einen Novizen finde?« »Mein Herr,« erwiderte der junge Mann erschrocken, daß er sich so aus dem Abhang der Konversation habe fortreißen lassen, »so sehr wir auch von der Welt entfernt sind, so haben wir doch immer eine Vorstellung von dem, was darin geschieht; übrigens bin ich nicht bei den Jesuiten geboren, und ich habe meine erste Erziehung in meiner Familie erhalten.« »Mit wem habe ich zu sprechen die Ehre, mein Bruder?« »Ich heiße Jacques Banniére, unwürdiger Noviz.« Champmeslé verbeugte sich höflich vor seinem neuen Bekannten, der seinen Gruß nicht minder höflich erwiderte. III. Der Schauspieler und der Jesuit Das Gespräch nahm seinen Fortgang und wurde natürlich bei jedem Worte interessanter für die beiden Personen. »Sie möchten also gern beichten?« sagte Banniére, der das Gespräch da wieder ausnahm, wo es war, ehe Champmeslé in Betreff seiner Vorfahren die Abschweifung unternahm, die wir mitgeteilt haben. »Mein Gott! ja, mein Bruder, und zwar aus folgenden Gründen: Sie, der Sie ein wenig die Geschichte unserer Familie kennen, wissen auch wohl, daß mein Großvater der vertraute Freund von Herrn Racine war?« »Ja, und auch von Herrn la Fontaine;« erwiderte hastig Banniére, indem er errötete bei der ein wenig leichten Erinnerung, welche sich für Madame Desmares, verehelichte Champmeslé, mit diesen zwei Namen verband. »Obgleich ein mittelmäßiger Schauspieler, und gerade vielleicht deshalb, war mein Großvater ein Mann von Geist. Er hatte diesen Vorzug von seinem Vater, Herrn Chevillet, von dem Sie vielleicht haben reden hören.« »Nein, mein Herr,« antwortete schüchtern Banniére, der sich schämte, daß sein chronologisches Wissen in Betreff der Champmeslé bei der dritten Generation aufhörte. »Ah! mein Urgroßvater Chevillet, auch ein Schauspieler, hatte allen Geist meines Ururgroßvaters, eines sehr liebenswürdigen und sehr frommen Dichters, der Mysterien[1 - Geistliche Schauspiele, zu denen der Stoff aus der Bibel genommen war.] schrieb und zur Noth spielte.« »Wahrhaftig!« rief Banniére erstaunt, »Dichter und Schauspieler wie Herr Moliére?» »Ei! mein Gott, ja! Nur bitte ich Sie, zu bemerken, was Ihn von Herrn Moliére unterscheidet, ist das, was ich in der Konversation mit den Worten, aus die ich einen besonderen Nachdruck legte: liebenswürdiger und sehr frommer Dichter, habe einfließen lassen, während Herr Moliére im Gegenteil mürrisch und durchaus nicht gottesfürchtig war.« »Ja, mein Herr, ich werde mir das merken und mich, das verspreche Ich Ihnen, dieses Umstandes erinnern, wann ich mich desselben erinnern muss. Doch warum sollten Sie nicht mittlerweile einen Stuhl nehmen? Unsere Priester werden noch eine Viertelstunde bei Tische bleiben, und Sie haben keinen Grund, um zu stehen.« »Keinen, mein Herr . . . verzeihen Sie . . . mein Bruder. Ich werde also sehr gern sowohl den Stuhl, als das Vergnügen Ihrer Unterhaltung annehmen, vorausgesetzt, daß die meinige Sie nicht ermüdet.« »Wie denn,! glauben Sie im Gegenteil, daß ich ein lebhaftes Interesse daran finde. Wir waren also bei Ihrem Großvater.« »Bei meinem Großvater, das ist vollkommen wahr. Wir kommen aus meinen Großvater zurück, und Sie werden sehen, daß ich keine unnötige Abschweifungen mach«!« »Oh! ich habe alles Vertrauen.« »Ich sagte also, Herr Chevillet von Champmeslé«, mein Großvater . . .« »Derjenige, welcher die Könige spielte?« »Ja, der Freund von Herrn Racine.« »Und der Freund von Herrn la Fontaine?« »Und von Herrn la Fontaine, so ist es. Ich sagte also Herr Chevillet von Champmeslé habe viel Kummer in seinem Leben gehabt, einmal den Verlust seiner Frau, welche 1693 starb, dann den von Herrn Racine, welcher 1699 starb. Ich spreche nicht von dem von Herrn la Fontaine, der Beiden vorangegangen und sehr christlich im Jahre 1695 gestorben war.« »War im Ganzen Ihr Großvater nicht der Mitarbeiter von Herrn la Fontaine, und hat er nicht mit ihm vier Lustspiele gemacht, ich glaube: die Florentiner, den Zauberbecher, das verlorene Kalb und Ich überrasche Euch unvermutet?« »Mein Herr, während ich Ihre tiefe dramatische Gelehrsamkeit bewundere, was mich fortwährend bei einem Novizen in Erstaunen setzt, bemerke ich Ihnen: es ist meine Überzeugung, daß der gute la Fontaine meinem Großvater aus Gefälligkeit und um ihm Ehre anzutun, erlaubt hat, in der Welt zu sagen, sie arbeiten mit einander.« »Ah! ja.« »So ist es, mein Großvater ließ ihn bei unserer Familie beteiligt sein, und Herr la Fontaine ließ meinen Großvater bei seinen Stücken beteiligt sein.« Banniére errötete unmerklich. »Sie sagen also,« sprach er, »Ihr Großvater habe Bekümmernisse gehabt: den Tod von Herrn la Fontaine den Tod seiner Frau und den Tod von Herrn Racine?« »Bekümmernisse,« fuhr Champmeslé fort, »denen man den geringen Succeß, ich möchte sogar sagen, das Durchfallen gewisser Stücke beifügen muss, die er wohl allein gemacht hatte, als da sind; die Schäferstunde, die Saint – Denis-Straße, der Pariser; es ermüdet am Ende einen Menschen, wenn er von Zeit zu Zeit fällt, besonders, wenn er in fünf Akten und in Versen fällt. Kurz mein Großvater wurde nach 1700, wie König Ludwig XIV, sehr grämlich: er war schweigsam, stumm und träumte vom Morgen bis zum Abend. Während er aber, mein Bruder, bei Tage wunderliche Träume hatte, träumte Chevillet von Champmeslé auch bei Nacht, und er sah dann die Champmeslé, seine Frau, und Mademoiselle Chevillet, seine Mutter, welche auf einander gestützt, bleich und weiß wie Schatten, mit einer ganz schmerzlichen und ganz traurigen Miene, mit dem Finger jenes Zeichen machten, welches besagen will: Komm mit uns.« »Ah! mein Gott!« rief Banniére. »Mein Herr, das ereignete sich in der Nacht von einem Freitag aus den Sonnabend des Monats August 1700. Aus diesen Traum, der sich so tief in seinen Geist eingegraben hatte, daß er ihn als eine Wirklichkeit behauptete, fängt Mein Großvater an verworrenes Zeug zu reden, und von diesem unseligen Augenblicke an hat er in seinen Ideen nur noch das sanfte Antlitz der Champmeslé mit ihren schwarzen Haaren und das strenge Gesicht von Frau von Chevillet mit ihren weißen Haaren, und ihr schwermütiges Lächeln und ihr trauriges Winken, dergestalt, daß er unablässig bei jeder Gelegenheit sang: Adieu paniers, vendanges sont fialtes![2 - Lebet wohl, ihr Körbe, die Weinlese ist gehalten.] »Mein Herr Großvater, der damals den Agamemnon vor König Ludwig XIV. spielte, und dem nach der Vorstellung von Ludwig XIV. die Ehre zu Teil wurde, daß er zu ihm sagte: »»Nun! Champmeslé, Sie werden also immer schlecht sein?«« mein Großvater, der, als ein Mann von Geist, immer über sich selbst der Ansicht von Ludwig XIV. gewesen war, mein Großvater beschloss, das Rollenfach der Könige auszugeben und die ersten komischen Alten zu übernehmen.« »Erlauben Sie mir, mein Herr, Ihnen zu sagen, daß, wenn Ihr Großvater wirklich so sehr durch die Unglücksfälle, die ihn betroffen, niedergebeugt war, wie Sie behaupten, der Augenblick die ersten komischen Alten zu übernehmen, schlecht gewählt sein musste.« »Sie haben Recht, mein Herr; die Leute, die den armen Teufel sahen, haben mich auch versichert, nichts auf der Welt sei sonderbarer gewesen, als die Verbindung dieser spaßhaften Rollen mit seinem verzweifelten Gesicht. Er weinte so sehr, während er die Andern lachen machte, daß es zum Herzzerreißen war, weshalb er sich genötigt sah, zu den Agamemnons zurückzukehren, die man immer ohne Gefahr spielen kann, und wäre es in der völligsten Abstumpfung.« »Ah!« fragte Banniére naiv, »man kann die Agamemnons spielen, selbst wenn man abgestumpft ist?« , Ei! mein Bruder, sehen Sie doch alle diejenigen, welche Sie spielen. . . Ah! verzeihen Sie, ich vergaß, daß die Novizen nicht in's Theater gehen können.« »Leider!« murmelte Banniére, die Augen zum Himmel aufschlagend. »Nun denn! zum Beweise für das, was ich behaupte, dient, daß mein Großvater sie beinahe noch ein Jahr spielte, nachdem er die Erscheinung gehabt hatte, und während dieses Jahres nur fünf bis sechsmal aufgetischt wurde, so daß wir ganz sanft zu 1701, das heißt, zum Ende meiner Geschichte gelangen. Doch ich bitte Sie sehr um Verzeihung, mein Bruder, ich glaube, Sie werden Ihr Taschentuch verlieren.« Es stand in der Tat etwas Weißes, was in der Dunkelheit der Kirche für Leinwand gehalten werden konnte, aus der Tasche von Banniére hervor. Das war, immer die verdammte, mit so viel Vorsicht eingeschobene Brochure, welche Allem zum Trotze abermals ihre Nasenspitze zeigte. Der Noviz beeilte sich, sie mit seiner Hand niederzudrücken, und versetzte: »Im Jahre 1701, sagten Sie, mein Bruder?« »Im Jahre 1701, an demselben 19. August, sieht mein Großvater wieder im Traum seine Frau und seine Mutter, welche noch bleicher. noch trauriger, als das erste Mal; ihm hartnäckig dasselbe Zeichen machten.« »Sinnestäuschung ohne Zweifel,« murmelte der Jesuiten-Lehrling. »Nein, Wirklichkeit, mein Bruder, Wirklichkeit! er erwachte, er riß die Augen auf; er zündete seine Nachtlampe, sein Licht an; er machte Geräusch, indem er mit seinem Löffel an den Wänden seines Glases Zuckerwasser rieb, und immer, immer, trotz der Nachtlampe, trotz des Lichtes, trotz des Geräusches, sah er in der dunkelsten Ecke seines Zimmers die zwei Frauen, welche den unglücklichen Zeigefinger krümmten und, zugleich mit dem Kopfe und mit dem Finger winkend, sagten: »Komm mit uns, komm mit uns.« «Das war erschrecklich,« sprach Banniére, der unwillkürlich den Schweiß auf seiner Stirne perlen fühlte. »Ich gestehe auch, daß das tödtlich war,« erwiderte der Künstler, der Ansicht von Banniére beitretend, wie man sieht. »Herr von Champmeslé stand sogleich aus und ging aus der Stelle, mitten in der Nacht, halb angekleidet, weg, 'um seine Freunde aufzuwecken und ihnen das Abenteuer zu erzählen. »Einige, die falschen Freunde, die Hiobs-Freunde spotteten über ihn und wiesen ihm die Thür; Andere, die guten Herzen, trösteten ihn, führten ihm Beispiele von lügenhaften Träumen an und suchten ihn zu überreden, der seinige sei durch das elfenbeinerne Thor hervorgekommen; ein Einziger, ein echter Freund, ließ ihn zu sich ins Bett liegen, sprach mit ihm bis zum Tage von der schönen und guten Marie Desmares und von der tugendhaften Demoiselle Chevillet von Champmeslé, seiner Mutter, und überzeugte ihn am Ende, zwei so vortreffliche Personen können nicht die Eine ihrem Sohne, die Andere ihrem Manne übel wollen. »So lange Champmeslé bei diesem Freunde lag oder in seiner Gegenwart blieb, war er, wie gesagt, ein wenig beruhigt: doch der Schlag hatte getroffen. Kaum hatte er seinen Tröster verlassen, als dieselbe fixe Idee bei Ihm wiederkehrte. Dieser Tag war ein Sonntag, man gab die Iphigenie von Herrn Racine und irgend ein kleines Stück, mit dem man anfing. Während des kleinen Stücks ging mein Großvater, als Grieche gekleidet, im Foyer auf und ab. Er hatte den Helm aus den Augen; sein samtenes Panzerhemd war ganz besternt von Tränen, welche wie flüssige Diamanten bis aus seine Kothurne rollten; und es war zum Erbarmen, ihn aus eine Melodie, welche alle Tag« trauriger wurde, seinen ewigen Resrain: Adieu paniers, vendanges sontfaites! trällern zu hören. Jeder sagte auch zu sich, wenn er diese klägliche Melodie hörte: »»Mein Gott! wie traurig wird heute Abend Champmeslé den Ulysses spielen!«« »Ulysses ist nicht gerade eine heitere Rolle,« versetzte mit einem tiefen Phlegma Banniére, den diese Erzählung bis in's Innerste ergriff. »Heiter oder nicht, mein Herr, ich versichere Sie, daß die Rolle an diesem Abend erschrecklich gegeben wurde. Baron, der den Achilles spielte, wusste nicht mehr, wie er sich verhalten sollte, und Sallé, der den Agamemnon spielte und seit einem Monat mit Baron entzweit war, konnte sich nicht erwehren, ihn, als er zu ihm sagte: Seigneur, qu'a done ce bruit, qui vous doive étonner?«[3 - Herr, was kann Euch bei diesem Lärm so in Erstaunen setzen?«] zu fragen: »»Ist Champmeslé krank.«« »Während,« unterbrach Banniére, »während die Antwort heißt: Juste ciel! Saurait il mon funeste artifice?[4 - Gerechter Himmel! sollte er meine unglückliche Arglist kennen?] »Ganz richtig. Aber Wahrhaftig, mein Bruder, ich finde Sie ungeheuer gelehrt.« »Ja, man hat mich Alles dies in meiner Familie lernen lassen,« antwortete Banniére bescheiden. »Als das Schauspiel zu Ende war,« fuhr Champmeslé fort, »hütete sich mein Großvater wohl, zu Bette zu gehen und es zu versuchen, zu schlafen. Er hatte zu sehr Angst, sobald er die Augen geschlossen, und sogar bei offenen Augen abermals seine Mutter und seine Frau zu sehen. Er irrte aus den Straßen umher, wobei er es vermied, in die dunkeln Stellen zu schauen, und am Morgen, sobald die Kirchen geöffnet waren, gab er dreißig Sous dem Sacristan von Saint-Eustache, um eine Messe für seine Mutter und eine Messe für seine Frau lesen zu lassen.« »Ich werde Ihnen also zehn Sous zurückgeben?«« fragte der Sacristan, »»Nein, denn Sie werden eine dritte für mich lesen lassen. Behalten Sie das Ganze.«« »Ihr Großvater war ein beharrlicher Mann,« sagte der Noviz. »Ei! Sie werden sehen, daß er Recht hatte,« fuhr der Künstler fort. »Als er an das Gasthaus beim Theater zurückkam, wo die Schauspieler zuweilen vor der Probe frühstückten, war die erste Person, welche Herr von Champmeslé traf, Baron. »Baron scherzte über sein trauriges Gesicht. »Doch nichts vermochte meinen Großvater aufzuheitern. Bei allen Scherzen von Baron schüttelte er den Kopf mit einer Miene, welche besagen wollte: »»Ah! wenn Du wüsstest!«« »Baron begriff. »»Du hast also einen wirklichen Kummer?«« fragte er. »»Ob ich einen habe, beim Henker! ich glaube wohl!«« antwortete mein Großvater: »»den größten Kummer den ich je gehabt haben.«« »Und er murmelte leise: »»Komm mit uns, komm mit uns.«« »»Nun, so groß auch Dein Kammer sein mag,«« sagte Baron, der das Gespräch in diesem scherzhaften Tone zu erhalten suchte, »»Dein Schmerz, Champmeslé, kann nicht ewig währen.«« »»Ah!«« versetzte mein Großvater. »»doch wohl, denn er wird nur mit mir endigen.«« »Du willst ihn kennen?«« »»Ja.«« »»Nun. Mein Schmerz ist, daß ich Dich mit dem guten Sallé entzweit weiß.«« »»Ah! ja wohl!, ein Tropf, welcher behauptet, ich altere und das überall ausspricht.«« »»Er hat Unrecht, man ist so alt, als man zu sein scheint, und Du scheinst kaum dreißig zu sei.n«« »»Da siehst wohl, daß das ein erbärmlichen Kerl, ein Schuft Ist.«« »»Mehr wirst Du nicht verlangen, Baron; doch ich will nicht sterben, während ich Euch entzweit weiß, und da es nicht mehr lange anstehen kann . . .«« »»Was kann nicht mehr lange anstehen.«« »»Daß ich sterbe.«« »Nun es sei! ich werde mich mit Sallé an Deinem Todestage aussöhnen, mein alter Champmeslé,«« sagte Baron. »»Vorwärts also, denn das ist heute-ist heute,«« erwiderte mein Großvater. »Und trotz der wenn und aber und denn von Baron, der nicht leicht zu überreden war, nötigte mein Großvater Baron, in das Wirtshaus einzutreten. »Sallé saß am Tische und frühstückte. »Mein Großvater nötigte Baron auch, seinem Feinde gegenüber Platz zu nehmen, und setzte sich zwischen Beide.« »Bei Tische vergeht die Schwermuth,« sagte Banniére. »Ah! junger Mann, junger Mann,« rief schmerzlich der Schauspieler, »Sie werden sehen, wie sehr Sie sich täuschen. Obgleich Beide an demselben Tische saßen, schmollten doch Baron und Sallé fortwährend mit einander und zeigten sich Anfangs die Zähne. Doch ohne einen Augenblick sein Leichengesicht abzulegen, goss ihnen Champmeslé so viel guten Wein in den Hals, daß sie am Ende nachgaben. Als er diese Erweichung ihrer Herzen sah, nahm mein Großvater die Hände von Beiden und vereinigte sie aus dem Tische; dann, als ob er seine Pflicht aus dieser Welt erfüllt hätte, als ob ihm nichts mehr aus der Erde zu tun bliebe, ließ er seinen Kopf in seine Hände fallen. »Vielleicht verbarg er sich auch so wegen der Vision, die ihn verfolgte?« bemerkte Banniére. »Ach! das ist eine Betrachtung, welche beweist, daß Sie ein junger Mann von Verstand sind,« erwiderte der Schauspieler; »das war es gerade. »Gewiss ist, daß mein Großvater in der Stellung, die er angenommen, alle Tränen seines Leibes zu vergießen schien. »»Gut,«« sagte Sallé, »»nun, da wir lachen, weint Champmeslé,«« »»Oh! nein,«« entgegnete Baron heiter, »»Champmeslé hat sich verbindlich gemacht, zu sterben, wenn er so glücklich wäre, uns zu versöhnen; er hat uns versöhnt, und nun stirbt er bei, Gott!«« »Mein Großvater stieß einen Seufzer aus. »Dieser Seufzer hatte etwas Eisiges. »Die zwei Freunde schauten einander an; sie hatten sich unwillkürlich schauern gefühlt. «Dann richteten sie ihre Augen wieder aus Champmeslé. »Seine Unbeweglichkeit, welche bis zur Abwesenheit des Atems ging, erschreckte sie. »Er hielt immer seinen Kopf zwischen seinen beiden Händen. Baron zog eine davon zurück, Sallé die andere, und man sah Champmeslé mit bleichem Gesicht, starren Augen und verzerrtem Munde auf den Tisch fallen. »Er war todt.« »Oh! mein Herr,« rief Banniére, »was Sie da erzählen, ist herzzerreißend.« »Nicht wahr, mein Bruder?« versetzte der Künstler mit einem schweren Seufzer. »Doch Alles dies,« fuhr Banniére fort, der ein logischer Geist war, »Alles dies erklärt mir nicht, warum Sie beichten wollen?« »Warum . . . aber begreifen Sie doch, mein lieber Bruder: man stirbt plötzlich in der Familie der Champmeslé. Mein Großvater ist, wie Sie sehen, plötzlich gestorben, meine Großmutter ist plötzlich gestorben, mein Vater ist plötzlich gestorben, alle Drei, nachdem sie eine neue Rolle gegeben hatten, denn mein Großvater spielte zum ersten Mal die Rolle des Ulysses, da er den Agamemnon Sallé, welcher längst darnach trachtete, abgetreten hatte. »Nun denn! so oft ich eine neue Rolle gebe, befürchte ich ebenfalls, plötzlich zu sterben, wie mein Vater, mein Großvater und meine Großmutter gestorben sind . . .« »Sie sind also im Begriffe, eine neue Rolle zu spielen?« fragte Banniére schüchtern. »Ach! ja, mein Bruder,« antwortete Champmeslé mit einer verzweifelten Gebärde. »Wann dies?« »Morgen!« »Morgen, sagen Sie?« »Morgen!« »Und welche Rolle spielen Sie?« »Oh! eine sehr schwierige Rolle.« »Welche?« »Herodes.« »Herodes! Herodes in Herodes und Marianna von Herrn von Voltaire!« rief Banniére, indem er einen Sprung rückwärts machte und vor Verwunderung die Hände faltete. »Ohl machen Sie es mir nicht zum Vorwurf,« versetzte mit kläglichem Tone der Schauspieler, »ich bin darüber trostlos.« »Sie sind trostlos, Komödie zu spielen, und spielen dennoch?« versetzte Banniére, der sich diesen Widerspruch nicht recht erklären konnte. »Ei I mein Gott! ja,« rief Champmeslé, »nicht wahr, eine unerklärliche Anomalie, doch es ist so. Was soll ich tun? Nichts, denn ich habe allen Aberglauben meiner Familie; es gehen mir in dieser Hinsicht oft Gedanken durch den Kopf . . .« »Was für Gedanken?« »Gedanken, die ich nicht aussprechen kann, weil sie die Ehre meiner Großmutter angreifen würden.« »Sprechen Sie, ich bin nicht die ganze Welt.« »Es kommt mir der Gedanke, ich sei nicht ganz und gar der Enkel meines Großvaters.« »Bah!« »Es kommt mir der Gedanke, die Wut, die ich für das Theater habe, und die macht, daß ich, wenn ich nicht Komödie spiele, glaube, ich verleugne mein Blut, und daß ich, wenn ich spiele, glaube, ich ziehe mir die Verdammnis zu, rühre davon her, daß ich zur Hälfte Schauspieler, zur Hälfte Autor sei. Man hat einst viel darüber geschwatzt, daß Herr Racine alle seine Rollen meiner Großmutter gab. Man hat nicht weniger darüber geschwatzt, daß Herr la Fontaine meinen Großvater seinen Namen neben den seinigen setzen ließ. Oh! wenn das wäre, ich wäre noch ganz anders verdammt, als der Enkel einer Schauspielerin und eines Mannes, der Liebestragödien gemacht hat!« »Oh!« sagte Banniére naiv, »es sind eben so viel Chancen vorhanden, daß Sie der Enkel von Herrn Racine, als daß Sie der von Herrn la Fontaine sind.« »Dann wäre es noch viel schlimmer, denn ich wäre der Enkel einer Schauspielerin und eines Mannes, der sehr leichtfertige Fabeln gemacht hat.« »Das ist allerdings ein Gewissensfall,« sprach Banniére. »doch uns kommt es nicht zu, ihn zu erörtern, und sobald einer von unsern ehrwürdigen Vätern von Tische ausgestanden sein wird . . .« »Oh! ja, einen Beichtiger, einen Beichtiger,« rief Champmeslé; »einen Beichtiger, der mir das letzte Wort über Alles dies sagt; einen Beichtiger, der mir sagt ob ich der Enkel von Herrn Chevillet, von Herrn Racine oder von Herrn la Fontaine bin; einen Beichtiger, der mir sagt, ob man durchaus verdammt sein muss, wenn man Schauspieler, Sohn eines Schauspielers, Enkel und Urenkel von Schauspielern ist. Oh! einen Beichtiger, einen Beichtiger, denn ich werde morgen eine neue Rolle spielen, und ich will beichten in articulo mortis.« »Beruhigen Sie sich, mein Lieber. Sie sind nicht in dem Alter, ein solches Ereignis zu befürchten.« »Ach! wie glücklich finde ich Euch, Such heilige Männer,« rief Champmeslé; »wie glücklich finde ich Euch, die Ihr Euch weder Weiß, noch Roth aus die Wangen zu legen habt, wie in Pyramus und Thisbe, noch einen Bart an's Kinn zu binden, wie in H e r o d e s; wie glücklich finde ich Euch, die Ihr, statt von einer dreifachen Generation von Schauspielern abzustammen, Jesuiten vom Vater auf den Sohn seid.« »Mein Herr,« rief Banniére, »was sagen Sie denn da? Jesuiten vom Vater aus den Sohn! Sie reden irre, mein teuerster Bruder.« »Ich bitte um Verzeihung, hundertmal um Verzeihung; sehen Sie, wenn ich eine neue Rolle spielen soll, weiß ich nicht mehr, was ich tue, nicht mehr, was ich sage. Jesuit vom Vater auf den Sohn, ich weiß wohl, daß dies nicht möglich ist. Oh! erlauben Sie mir, Sie christlich zu umarmen, mein Bruder, damit ich überzeugt sein kann, Sie haben mir verziehen.« Und er schloß den Novizen so fest und so Zärtlich in seine Arme, daß die viel erwähnte Broschüre, welche ihrerseits nach dem Lichte zu trachten schien, diesmal aus der Tasche von Banniére sprang und in die Hände von Champmeslé fiel, der ganz unwillkürlich aus der ersten Seite las: Herodes und Marianna, Trauerspiel in fünf Akten von Herrn Arouet von Voltaire IV. Abrahams Opfer Das Erstaunen, das aus diese Entdeckung folgte, das Gemurmel, welches dieses Erstaunen bei dem gewissensängstlichen Schauspieler hervorrief, der sein Herz vor Banniére erschlossen hatte, würden diesen gedemütigt haben, wäre nicht durch ein unerwartetes Ereignis eine Diversion bei dem, was vorging, eingetreten. Dieses Ereignis war die Erscheinung eines Pater von der Gesellschaft Jesu am Ende des kleinen Ganges, der, wie wir erwähnt haben, vom Noviciat in die Kirche führte. Diese Erscheinung gab dem unglücklichen Banniére wieder seine ganze Stärke. »Stille, ich bitte, Herr von Champmeslé!« rief er; »dort tritt einer von unsern Vätern in die Kapelle ein.« Und um den Verdacht, der im Geiste des Pater entstehen konnte, kurz abzuschneiden, eilte ihm Banniére entgegen und rief ihm zu: »Ehrwürdiger, dieser Herr wünschte, wenn es Ihnen gefällig wäre, daß Sie ihn Beichte hören würden.« Der Jesuit ging weiter gegen die zwei jungen Leute. »Verbergen Sie das Buch,« flüsterte Banniére dem Schauspieler zu, »verbergen Sie das Buch, verbergen Sie es doch.« Banniére vergaß, daß man sich nicht wundern konnte, wenn ein Schauspieler eine Komödie oder eine Tragödie in der Hand hielt. Champmeslé beeilte sich nichtsdestoweniger, die ihm von Banniére gegeben,« Instruktion zu befolgen, und lenkte hinter seinen Rücken die Hand, welche das Buch hielt. Während er aber diese Bewegung mit der Genauigkeit und Gewandtheit eines Schauspielers machte, der mit allen Bewegungen vertraut sein muss, heftete er aufmerksam seinen Blick aus denjenigen, welcher sich ihm näherte. Denn dieser sollte sein Richter sein. »Mir scheint, er hat ein gutes Gesicht,« sagte Champmeslé leise zu Banniére. »Oh! ja, das ist einer von den Guten,« erwiderte Banniére, »und einer der Nachsichtigsten und zugleich einer unserer gelehrtesten Professoren: es ist der Pater de la Sante.« Es lag vielleicht in der ein wenig starken Intonation, welche Banniére seiner Stimme gegeben hatte, die Absicht, vom Jesuiten gehört zu w«den, um so seinen Zorn durch eine Schmeichelei zu entwaffnen, die für um so zarter gelten konnte, als sie nicht unmittelbar an ihre Adresse gerichtet war und nur durch einen Prellschuß zu demjenigen kam, welchen sie liebkosen sollte. Aus die Kunde, der Unbekannte, der mit Banniére sprach, sei ein Bußfertiger, der ihn erwarte, unterbrach auch der Pater de la Sante seinen Gang gegen die zwei jungen Leute, wandte sich nach einem Beichtstuhle und winkte Champmeslé, ihm zu folgen. Champmeslé grüßte Banniére freundlich, und während er ihn grüßte, fand er Gelegenheit, ihm, ohne gesehen zu werden, die profane Broschüre zurückzugeben, die so zur Unzeit aus seiner Tasche gefallen war. Indem er sie aber zurückgab, konnte er sich nicht enthalten, mit einer durch die Mildherzigkeit gepressten Stimme zu ihm zu sagen: »Oh! mein teuerster Bruder, warum setzen Sie sich der Gefahr aus, sich ins Verderben zu stürzen, während Sie in einer so guten Lage sind, um Ihr Heil zu gründen?« Doch dieser orthodoxe Rath brachte, wie es schien, keine große Wirkung aus den Novizen hervor: diesmal sicher, weder vom Beichtiger, noch von dem Bußfertigen beobachtet und überwacht zu werden, versenkte er sich wieder mit aller Leidenschaft in die Lesung von Herodes und Marianna, bis zu dem Augenblicke, wo, absolviert und gesegnet, Champmeslé aus dem Beichtstuhle und dann aus der Kirche mit der Leichtigkeit eines Korkes trat, der, befreit von dem Blei, das ihn niederriss, wieder aus das Wasser emporsteigt. Der Pater Jesuit verließ auch den Beichtstuhl, und da er ihn erst verließ, nachdem er schwer gehustet und sich geräuspert hatte, blieb Banniére alle Zeit, ihn zu erwarten und ohne Gefahr für seine Broschüre aus sich zukommen zu lassen. Sagen wir ein wenig, was der Pater de la Sante war, der zu jener Zeit einen großen Ruf in Paris und in der Provinz genoss, einen ganz scholastischen Ruf, wohlverstanden, der nicht aus den vier Mauern der Jesuiten-Collegien ging, und den die andern religiösen Orden leugneten, weil sie alle wesentlich eifersüchtig aus denjenigen waren, mit welchem wir uns beschäftigen, auf den Mann, der in so kurzer Zeit so große Fortschritte gemacht hatte. Der Pater de la Sante war ein dicker Mann mit blühendem Gesicht, ungeheuren ergrauenden Augenbrauen, welche ihm eine widerwärtige Miene gaben, die sich aber in den Blicken eines Physiognomikers schnell durch das zarte Blau seiner Augen und durch die Treuherzigkeit seiner dicken Lippen milderte. Es war etwas Seltenes, ein von der Poesie durchdrungener und erfüllter Gelehrter, ein antiker Philosoph, der, statt Plato und Sokrates als Kuriositäten zu studieren, sie als gründliche Lehrer genommen hatte und in seinen Studien den finsteren Schulen der modernen Theologie den beschränkten Platz gab, den der Praktiker den Luxustheorien gibt. Im Übrigen ein guter Christ, ein eifriger, aber duldsamer Katholik, ließ er sich nur langsam zu Tätlichkeiten herausfordern, und er sah in Boffuet, wie im Kardinal von Noailles bewunderungswürdige Stoffe für lateinische Verse. Diesem leutseligen Jesuiten bezeigte Banniére, ein wenig befangen durch sein Gespräch mit Champmeslé, auf eine demütige, aber nüchterne Art den Respekt, den jeder Noviz seinem Obern schuldig ist. Banniére wollte jedoch zu einem Ziele gelangen, er wollte sich Aufklärung über Befürchtungen von Champmeslé in Betreff der ewigen Verdammnis verschaffen, und sein Verlangen war sogar so lebhaft, daß man vermuten konnte, er werde nicht allein von der Liebe inspiriert, die er für seinen Nebenmenschen hege, sondern Banniére, ein leichter Sklave der Gebote der Kirche, liebe seinen Nebenmenschen wie sich selbst, und besonders sich selbst die seinen Nebenmenschen. Als er seinen Respekt dem Jesuiten gezeigt hatte, fragte auch Banniére: »Mein Vater, mir scheint, ich habe Ihren Bußfertigen sehr leichten Schrittes weggehen sehen?« »Der Schritt ist immer leicht, mein Kind, wenn das Gewissen leicht ist,« antwortete der Jesuit. »Dann ist es gestattet, zu glauben, mein Vater, daß Sie diesem armen Menschen die Absolution gegeben haben?« »Gegen eine kleine Buße, die er pünktlich zu vollbringen geschworen hat, ja, mein Sohn.« »Mir schien jedoch,« versetzte Banniére beharrlich, »mir schien, nach einigen Worten, die er mir im Verlauf des Gesprächs gesagt hat, er sei Schauspieler.« »Ja, mein Sohn, er ist es,« erwiderte der Pater de la Sante, indem er Banniére mit Erstaunen anschaute. »Nun?« »Dann dünkte mir auch, mein Vater, daß es, da die Schauspieler exkommuniziert sind, unnütz sei, sie zu absolvieren.« Der Pater de la Sante schien, obgleich ein Gelehrter, ein wenig in Verlegenheit zu sein. »Exkommuniziert! Exkommuniziert! allerdings sind die Schauspieler exkommuniziert, mit Vorbehalt der Bekehrung und der Buße.« »Ah! ja,« sagte Banniére, »und da dieser ohne Zweifel bereut und sich bekehrt . . .« »Dieser,« erwiderte der Pater de la Sante, »dieser macht auf mich den Eindruck eines vollkommen rechtschaffenen Mannes.« »Oh! gewiß.« »Denken Sie nicht wie ich, mein Sohn?« »Doch, in jeder Hinsicht.« »Sie haben, wie ich glaube, lange mit ihm gesprochen?« sagte der Pater de la Sante, Banniére mit den Augen befragend. »Ich könnte nicht genau die Zeit sagen, die ich mit ihm geplaudert habe.« erwiderte der Noviz, einer Antwort mit jener Geschicklichkeit ausweichend, welche die Schule von Loyola in kurzer Zeit ihren am wenigsten ausgezeichneten Zöglingen gibt. »So wenig Sie aber auch mit ihm gesprochen haben, so mussten Sie doch bemerken, daß er gute Gefühle hat?« »Ja, mein Vater; doch ich glaubte Immer, mit Vorbehalt der Abschwörung und der Buße mache die Exkommunikation Alles dies zu Nichte.« Der Pater de la Sante kratzte sich leicht mit dem Zeigefinger an der Nasenspitze, was für seine Vertrauten ein sichtbares Zeichen von Verlegenheit war. »Es gibt ausgezeichnete Arten im Gewerbe des Schauspielers,« sagte er; »die Tragödie zum Beispiel, ist eine von den am wenigsten gefährlichen.« Banniére lächelte, als hätte ihn der Pater de la Sante einen Vorteil über sich gewinnen lassen. Ohne Zweifel sah der Pater de la Sante das Lächeln und deutete es, wie wir es gethan haben, denn er fügte rasch bei: »Ich spreche besonders von der lateinischen Tragödie.« »Ja, ja, Trauerspiele, wie Sie solche dichten; Trauerspiele wie Abrahams Opfer, zum Beispiel, Abrahami sacrificium. »Wie dieses, mein Sohn, oder wie mein anderes Trauerspiel, die Erben,« sagte der Jesuit, ein wenig errötend. »Ich kenne das letztere nicht, mein Vater.« »Ich werde es Ihnen geben, mein Sohn.« »Allerdings,« sprach der Noviz, »bei heiligen Tragödien, gedichtet in einer frommen, moralischen Absicht. . .« »Gespielt von jungen Leuten,« sagte der Pater de la Sante sich belebend, wie jeder Dichter, der von seinem Werke spricht, »mit Ausschluss jedes weltlichen Gefühls, das die Interpretation des andern Geschlechts notwendig macht.« »Solche Tragödien, mein Vater, sind übrigens keine Theaterstücke, sondern Gedichte,« versetzte Banniére. »Die ich nicht einmal jambisch machen wollte,« fuhr der Dichter-Jesuit fort, »aus Furcht, sie würden denen von Terenz und Seneca zu ähnlich sein. Was das Maß betrifft, mein Sohn, nun, ich glaube, daß solche Stücke, daß ähnliche Werke Gott eher angenehm, als unangenehm sein müssen.« »Es ist wahr,« rief Banniére, die Begeisterung des Dichters teilend, »es ist wahr. Die Rolle von Isaak ist sehr schön.« »Sie spielten Sie, wie mir scheint, mein Sohn.« »Ja, Sie hatten die Güte, mich unter allen meinen Kameraden auszuwählen.« »Als denjenigen, dessen Kopf sich am besten zu der Rolle schickte. Sie haben diese Rolle nicht schlecht gespielt, wissen Sie?« »Ach! mein Vater, es sind drei Jahre her; jetzt. . .« Banniére machte ein Zeichen mit dem Kopf, welches besagen wollte: »Jetzt wäre es etwas ganz Anderes.« »Und dann,« fuhr Banniére fort, »wie sollte man nicht gut Verse sprechen wie diesen: Si placet innocuo firmatum sanguine foedus, Jungere . . .« »In der Tat, Sie sagten diesen Vers nicht schlecht, doch jetzt sagen Sie ihn besser. Ah! Sie haben sich meine Bemerkung in Betreff des Wortes placet erinnert: Sie sprachen es schlecht aus. Sie sprachen es aus wie Einer vom Norden, und Sie sind doch im Gegenteil von . . .« »Von Toulouse, mein Vater.« »Ah! die Nordländer, sie spielen vielleicht gut die französische Tragödie, aber nie werden sie die lateinische Tragödie zu spielen verstehen. Für sie gibt es weder lange, noch kurze Silben, weder Vokale, noch Konsonanten; so, zum Beispiel, besteht placet aus zwei kurzen Silben, nicht wahr?« »Ja, mein Vater, da si placet einen Dactylus gibt.« »Nun denn! Sie sprachen placet aus, als ob pla lang wäre. Ich habe Ihnen eine Bemerkung hierüber gemacht, und Sie haben sich verbessert. Abraham machte auch einen ähnlichen Fehler in der Aussprache. Doch das begreift sich, er war von Rouen. Ah! es war bei der Anrufung: O qui terrarum spatia immensum Pelagusque Aeternis regis imperiis. »Erinnern Sie sich dieser Stelle?« »Et fulmine terras,« fuhr Banniére fort. »Oh! Sie haben ein gutes Gedächtnis,« rief der Jesuit entzückt. »Das ist nicht schwierig bei so bewunderungswürdigen Versen! Oh! die Rolle von Abraham war auch sehr schön; olle Rollen waren schön. Ich hätte gern alle Rollen spielen mögen.« »Es freut mich, daß Sie den ersten Vers behalten haben, dem es nicht an Größe mangelt,« sagte der Pater de la Sante, in seiner Dichtereitelkeit geschmeichelt; »die Behandlung der Cäsur beim dritten Fuß In einem Worte von drei langen ist originell und dem Pelagus que fehlt es nicht am Pittoresken.« »Es ist herrlich!« »Ich spreche nicht vom zweiten Verse als Komposition,« fuhr bescheiden der Dichter fort, »denn er ist von Virgil, und von ihm habe ich ihn einfach genommen, weil er mir anstand, und weil ich glaube, daß ich ihn nicht besser gemacht hätte. Doch um aus den Akzentuirungsfehler zurückzukommen, den der mit der Rolle von Abraham beauftragte junge Mann machte, er sprach regis; das gewiß aus zwei kurzen besteht und bedeutet: du befiehlst, als ob regis des Königs geheißen hätte, in welchem Falle es allerdings aus einer langen und aus einer schwebenden bestanden haben würde. . . Doch wir sind nun sehr weit vom Gegenstande unseres Gespräches entfernt,« sagte plötzlich der Dichter, der nach drei Jahren noch den Akzentuirungsfehler, welchen ihm die zwei Zöglinge gemacht, aus dem Herzen hatte. »Zum Glück lässt sich das entschuldigen: es ist eine so schöne Sache um einen schönen lateinischen Vers! Wir sagten also, so viel ich mich erinnern kann, es sei keine große Gefahr, ich möchte sogar behaupten, es sei gar keine Gefahr dabei, daß man lateinische Stücke spiele.« «Ja, mein Vater; doch der wackere Herr von Champmeslé, dessen Beichte Sie so eben gehört haben, spielt nicht lateinische Tragödie, sondern französische; er spricht nicht heilige Poesie, sondern profane.« »Das ist ein Fall, wie der selige große König sagte,« erwiderte der Pater de la Sante; »darum möchte ich nicht behaupten, der arme Teufel, indem er französische Tragödien spielt, sei im Zustande der Gnade; denn,« fügte der Jesuit den Kopf schüttelnd bei, »die französischen Tragödien sind ein sehr gefährdetes Genre, seitdem sich der abscheuliche Arouet darein gemischt hat.« Bei diesen Worten durchlief ein Schauer den ganzen Leib des Novizen, und er fuhr rasch mit seiner Hand nach seiner Tasche, um sich zu versichern, daß Ihn diese nicht verraten werde. Aller Wahrscheinlichkeit nach ging das Gefühl, das sich des Novizen bemächtigt hatte, unbemerkt für den Pater de la Sante vorüber, denn er sprach weiter: »Ah! das ist Einer, dieser Herr Arouet von Voltaire, der sich sicherlich nicht im Zustande der Gnade befindet. Und dennoch,« fügte er seufzend bei, »was für ein hübscher Jesuit wäre er, mit Hilfe des Pater Porée geworden, dieser Schurke Arouet!« Banniére wäre beinahe rückwärts gefallen, als er die fayenceblauen Augen des Pater de In Sante sich beleben und seine grauen Augenbrauen sich sträuben sah. Diesmal war sein Schrecken so sichtbar, daß er die Aufmerksamkeit des Jesuiten erregte, der wie von einem plötzlichen Lichte erleuchtet wurde, »Aber Sie,« sprach er ungestüm zu dem Novizen, Sie, von dem wir nichts sagen, sollten Sie zufällig an die Tragödie denken?« »Sie vergessen nicht, mein. Vater, daß Sie mir die Rolle des Isaak zugeteilt haben,« erwiderte Banniére schüchtern. »Ja; doch in Abrahams Opfer, in einem lateinischen Trauerspiel; das ist es auch nicht, was ich sagen will.« »Mein Vater . . .« »Sollten Sie an die französische Tragödie denken?« «Ah! mein Vater,« rief der Noviz. »Sie sind immer zu gut gegen mich gewesen, als daß es mir je einfallen sollte, Sie zu belügen.« »Mendax omnis homo!« rief sinnreich der Pater de la Sante. »Pravus!« fügte Banniére rasch bei: »doch ich, ich bin kein böser Mensch und will folglich nicht lügen. Befragen Sie mich über meinen Beruf?« »Allerdings.« «Wohl denn, mein Vater, ich will Ihnen freimütig antworten. Seitdem ich in Ihrem Abrahams Opfer gespielt, seitdem ich Ihre schönen Verse gesprochen, seitdem ich diesen Reichtum Ihrer Ideen, vermischt mit dem Adel Ihrer Gefühle, gekostet habe. . .« »Man wird sehen,« rief der Pater de la Sante, »der Unglückliche schiebt Alles auf mich.« »Gewiss, mein Vater, und das ist Gerechtigkeit,« erwiderte Banniére. »Ich dachte nicht an das Theater. Wer hat mir die Idee gegeben? Sie. Ich wusste nicht was eine Rolle ist. Wer hat mir den Isaak zugeteilt, Sie. Wer hat ihn mich probieren lassen, wer hat mich mit seinem Rate geleitet, wer hat mich durch seien Beifall aufgemuntert? Abermals Sie, mein Vater, immer Sie.« »Aber, Unglücklicher! Unglücklicher! was sagst Du denn da?« »Ich sage, mein Vater, wenn Sie aus Abrahams Opfer ein französisches Trauerspiel gemacht hätten, statt eines lateinischen . . .« »St!« »Ich sage, daß zu dieser Stunde, statt in einem armen Jesuitencollegium gespielt zu werden, Ihre Tragödie auf allen Theatern Frankreichs gespielt würde.« »Stille doch!« »Vor dem Hofe, vor dem König gespielt würde. Oh! was für schöne französische Verse hätte man aus solchen lateinischen Versen gemacht.« Si placet innocuo firmatum sanguine foedus, Jungere . . . »Ich habe sie gemacht, Unglücklicher!« rief der Pater de la Sante. Und er fing an zu deklamieren: S'il faut, pour consacrer la devine alliance, Repandre dans ce jour le sang de I'innocence.[5 - Muß man, um den Bund mit Gott zu heiligen, an diesem Tag der Unschuld Blut vergießen?] Dann sich unterbrechend rief der Jesuit: »Mein Gott! was mache ich denn da? Es ist wahr,« fuhr er, indem er einen Seufzer ausstieß, fort, »ich würde eben so gut französisch« Tragödien gedichtet haben, als dieser verruchte Arouet, wenn ich gewollt hätte.« »Dann, mein Vater,« erwiderte Banniére, der während dieses ganzen Gesprächs fortwährend Vorteil errungen hatte, »dann können Sie mir nicht grollen, Sie, der Sie französische Tragödien machen, daß ich den Wunsch habe, sie zu spielen. Ich habe immer sagen hören, ohne Anfang würde es kein Ende, ohne Ursachen keine Wirkung geben. Sie sind der Anfang, ich bin nur das Ende; Sie sind die Ursache, ich bin nur die Wirkung.« »Dies, mein Sohn,« erwiderte der Pater de la Sante, erschrocken über die Wendung, die das Gespräch genommen hatte, und besonders über die Verantwortlichkeit, die man ihm zuschieben wollte, »dies ist eine zu ernste Frage, als daß ich nur so ex abrupto darauf antworten sollte. Morgen, übermorgen, später werden wir das Gespräch wieder aufnehmen.« »Ich bitte, mein Vater, noch einige Minuten,« sagte dringend Banniére, indem er den Jesuiten beim Gürtel fasste. »Nicht eine Sekunde!« rief der Pater de la Sante, »horch! horch! es schlägt zwei Uhr, und der ehrwürdige Pater Provisor Mordon erwartet mich zur Meldung.« Und der Autor von Abrahams Opfer machte seinen Gürtel von den Händen des jungen Mannes frei, verschwand im Gange und ließ Isaak Banniére in der tiefsten Verlegenheit zurück. V. Der ehrwürdige Pater Mordon Die Verlegenheit war um so größer bei dem Novizen, als der Pater de la Sante das Wort Meldung ausgesprochen hatte. Diese Meldung war der Schrecken der Novizen. Man nannte in der Tat Meldung eine Art von Revue, bei der der Superior singulatim die Meldungen jedes beim Noviciat angestellten oder demselben beigegebenen Professors empfing, abgesehen von gewissen Meldungen von Zöglingen, welche mehr geneigt waren, als die Anderen, das Licht der Gnade oder die Gnade des Lichtes, wie man will, aus die Werke ihrer Kameraden herabzurufen. Der unglückliche Banniére kannte diese jesuitische Gewohnheit. Den venezianischen Denunziationen oder der portugiesischen Inquisition ähnlich, erschien die Meldung den Opfern, die sie machte, mit den erschrecklichen Verhältnissen des Unbekannten; es war eine Wolke, die man nie sich bilden sah, aus der aber in einem gegebenen Augenblick, und beinahe immer in dem, wo man es am wenigsten erwartete, ohne Blitze oder Rauch der Donner und der Hagel hervorgingen. Es war in der Tat der Gebrauch, daß jedes Wort, jeder Gedanke, jede Handlung der Novizen vor das unversöhnliche Tribunal des Superiors gebracht wurden. Die Folge der Meldung war aber für diejenigen, welche sie betraf, das Vorurteil vor Allem, die Erklärung zuweilen, die Strafe immer. Es versteht steh von selbst, daß jeder vom Superior befragte Jesuit diesem einen getreuen Bericht über Alles das schuldig war, was ihn der Superior fragte, und sollte dieser Bericht auch die ihm teuersten Personen, einen Freund, einen Verwandten, einen, Bruder, gefährden. Kaum war auch Banniére, den, wir wir gesehen, der Pater de la Sante in der Kirche verlassen hatte, in seine Zelle zurückgekehrt, als ein Cuistre, so nannte man die, Diener, seine Thür öffnete, welche dem Novizen unter keinen Umständen geschlossen zu halten gestattet war. Das Noviciat der Jesuiten war eine grässliche Probezeit: es handelte sich darum, das Werk der Natur, das man den Menschen nennt, zu brechen, zu zerstören zu vernichten, um daraus den Sklaven des Ordens zu machen, den man den Jesuiten nannte. Für diese Verwandlung wurde kein Mittel vernachlässigt, von der berauschendsten Verführung bis zu den grausamsten Martern. So macht man es mit den Thieren, die man zähmt und, um zu diesem Ziele zu gelangen, der drei ersten Bedürfnisse der belebten Materie, nämlich des Lichtes, der Nahrung und des Schlafes beraubt. Man entnervte jeden Widerstand durch die Dunkelheit, durch die Nachtwachen und durch den Hunger. Der Noviz schlief jenen in der Jugend so sanften Schlaf, man entzog ihn plötzlich dieser Ruhe, und ohne Beweggrund, ohne Nutzen, ohne einen andern Zweck, als den, den Leib und den Geist zum passiven Gehorsam zu führen, befahl man ihm, hundertmal im Garten aus und abzugehen, oder das Amt der Jungfrau zu sprechen. Starb er fast Hungers, und er war im Begriff, ein gutes Mahl einzunehmen, so kam in dem Augenblick, wo er das erste Stück in den Mund schieben wollte, der Befehl, einer Konferenz von zwei, von drei, von vier, von fünf Stunden beizuwohnen. Strebte er mit zu großem Verlangen nach den ersten Sonnenstrahlen des Mai, nach den ersten Frühlingsblüten, welche mit den Wohlgerüchen der jungen Blumen aus ihren Flügeln das Leben und die Gesundheit zu bringen scheinen, so steckte man ihn aus einen Tag, aus zwei Tage, oft auf eine Woche, zuweilen aus einen Monat in ein finsteres Gewölbe, wo ihm statt jedes Duftes die Ausströmung des Grabes, statt jeder Lust jener unterirdische Wind zukam, der so traurig an den Ecken der Pfeiler klagt, welche die Gruftgewölbe tragen. Dann, wenn die Seele und der Geist eingeschläfert waren und zum Willen nur noch den höheren Willen hatten, der bei der großen, wunderbaren Verbindung präsidierte, die man die Gesellschaft Jesu nannte, ward der Noviz in den Schoß des Ordens ausgenommen, und da wurde er nach seinem Verstand, nach seinem Wissen, nach seiner Fähigkeit, nach seinem Genie entweder einfacher Bruchstein, oder Eckstein, oder Gewölbeschlüssel des ungeheuren Gebäudes, errichtet im Schatten durch die schwarzen Arbeiter, welche nach der Weltherrschaft strebten. In dem Moment, wo der Diener an der Thür von Banniére erschien, hatte dieser noch nicht Zeit gehabt, seinen unglücklichen Herodes zu verbergen, und er suchte mit allen Augen einen Winkel, dem er ihn anvertrauen könnte. Der Cuistre unterbrach ihn in dieser wichtigen Operation und sagte Banniére, der Pater Provisor rufe ihn. Woraus Banniére nur dadurch antwortete, daß er seine Tasche platt machte und dem Diener zu folgen sich entschloss. Zwei Minuten nachher stand er dem Superior gegenüber. Der Pater Mordon, der Superior der Jesuiten von Avignon, war in physischer und moralischer Hinsicht der vollkommenste Gegensatz, den mau für den Pater de la Sante finden konnte; groß, mager, blass in jener Blässe des Elfenbeins, Besitzer eines Kopfes mit ungeheurer Stirne, mit zwei starren Augen, welche, wenn sie sich lange aus denselben Gegenstand hefteten, einen Glanz annahmen, den man nicht zu ertragen vermochte, mit einer Spalte über einer langen, geraden, spitzigen Nase, unter welcher man einen Mund sah, der mit der Schneide eines Rasiermessers geöffnet worden zu sein schien, so wenig Vorsprung boten die gleichsam an einander geklebten Lippen, dies war der Pater Mordon. Immeosus fronte, atque oculis bipatentibus. Nie hatte Banniére die Gegenwart seines Provisors geliebt, doch an diesem Tage, sagen wir es, ohne ihm Unrecht zu tun, war sie ihm verhasst. Die Stirne des Jesuiten schien ihm einen doppelten Umfang bekommen zu haben, seine Augen hatten den tödtlichen Glanz der Augen des Basilisks, bleicher als gewöhnlich, wurde seine Nase gegen ihre Spitze immer bleicher, und seine krampfhaft zusammengepressten Lippen waren einwärts gezogen, statt einen Vorsprung zu bilden. Der Jesuit bemerkte die Wirkung, die er hervorbrachte, und suchte den Glanz seines Blickes auszulöschen, indem er ihn halb unter den Brauen verschleierte. Er hieß Banniére durch einen Wink mit dem Finger näher kommen: Banniére gehorchte und blieb erst stehen, als er den Tisch vor sich fand, der ihn vom Superior trennte. Der junge Noviz war blass und zitterte, doch an der doppelten Falte seiner Stirne, am nahen Beisamenstehen seiner Augenbrauen ließ sich leicht erkennen, daß er auch Besitzer eines Willens war, der nicht leicht brechen würde. »Banniére,« sagte der Jesuit, der in seinem Lehnstuhl saß wie ein Richter aus seinem Tribunal oder wie ein Kaiser auf seinem Throne, »was haben Sie heute gethan?« Banniére begriff, daß diese Frageform, welche den ganzen Tag würde die Revue passieren lassen, nur zum Zwecke hatte, zu seinem Aufenthalt in die Kirche zu kommen. »Mein Vater,« fragte Banniére, »wo soll ich anfangen?« »Fangen Sie beim Morgen an, secundum ordinem. »Ist das notwendig?« »Ich verstehe Sie nicht.« »Sie wollen mich nur über einen einzigen Punkt fragen, mein Vater?« »Und über welchen Punkt glauben Sie, daß ich Sie befragen will?« . »Über den, zum Beispiel, was ich von Mittag bis zwei Uhr gethan habe.« »Gut!« sagte der Priester. »Sie sind scharfsinnig, gut. Ich werde Sie also nicht befragen, ich werde Sie anklagen.« »Ich warte, mein Vater.« »Schon zweimal findet man bei Ihnen, das erste Mal zwischen Ihren Matratzen, das zweite Mal unter einer Platte ihrer Zelle, ein Trauerspiel von dem Schändlichen, der Arouet heißt und sich Herr von Voltaire nennen lässt.« »Ja, mein Vater, und jedes Mal hat man es mir konfisziert und mich bestraft.« »Und jedes Mal haben Sie ein anderes gekauft?« »Das ist wahr, mein Vater.« »So daß Sie diesen Morgen, während Sie sich den Anschein gaben, als läsen Sie Ihr Brevier, abermals dieses Werk des Teufels in der Kirche lasen?« »Ich leugne es nicht.« »Wo haben Sie diese dritte Broschüre verborgen?« »Ich habe sie nicht verborgen: sie steckt in meiner Tasche, und hier ist sie.« »Sie übergeben sie mir also freiwillig, mit Reue und mit dem Versprechen, daß Sie sich keine andere zu verschaffen suchen werden?« »Ich übergebe sie Ihnen freiwillig, mein Vater, doch ohne Reue. Was den Punkt betrifft, daß ich mir eine andere zu verschaffen suchen sollte, so wäre dies unnötig. Ich kann diese auswendig.« Der Superior zerknitterte die Broschüre in seinen knochigen Händen; doch immer ruhig sagte er: »Sie sind beharrlich, Banniére, pervicax.« »Ja, mein Vater,« erwiderte Banniére, sich verbeugend, »und das ist ein Fehler, dessen ich mich bezichtige.« »Es ist aber auch eine lobenswerte Eigenschaft, wenn man die Beharrlichkeit zum Guten lenkt. Die Geduld, welche ihr die beschränkten Geister vorziehen können»ist nur eine negative Tugend; die Beharrlichkeit ist eine glückliche Tätigkeit: die zwei Zustände bei einem einzigen Individuum vereinigt nennt man Beruf; es scheint, daß Sie den Beruf haben.» Banniére errötete; jedes Wort des Pater Mordon hatte einen Schweißtropfen aus seiner Stirne perlen gemacht. »Nun! antworten Sie,« sagte der Superior, der aus dem Gesicht von Banniére vom Fortschritte seiner Gemütsbewegung folgte: »ist Ihr Geschmack für das Theater entschieden ein Beruf oder nur eine einfache Phantasie?« »Mein Vater!« «Ist es nur eine einfache Phantasie, wie ich sagte, »eine Laune, eine Velleität? Ist es nur die vorgebliche Fähigkeit der Faulenzer zu Allem dem, was nicht die vorgeschriebene Ausgabe ist? Nehmen Sie sich in Acht, mein Sohn, wäre es so, so wären Sie nur ein Träger daraus bedacht, die Arbeit zu fliehen, und die Trägheit ist strafbar nach dem Gebote Gottes.« »Ich bin kein Träger, mein Vater, aber . . .« »Aber was?« fragte der Jesuit, ohne daß sich eine einzige Muskel seines Gesichts rührte, ohne daß eine einzige Falte aus seiner breiten Stirne hervortrat. »Aber,« fuhr Banniére fort, »das Noviciat flößt mir Besorgnisse ein.« »Sie wollen sagen Widerwillen, mein Sohn.« »Verzeihen Sie, mein Vater; ich sage das nicht.« »Desto schlimmer, wenn Sie es nicht sagen,« erwiderte Mordon unbeugsam: »denn wenn Sie es nicht sagen, so werde ich mich überzeugen, daß Sie vorhin, die Beaufsichtigung Ihrer Vorgesetzten und die Majestät Gottes in unserer Kirche durch die unzeitgemäße, unerlaubte betrügliche Lesung eines profanen Buches täuschend, nur einer schlimmen Versuchung des bösen Geistes nachgegeben haben, der in der Finsternis, der undurchsichtigen Charaktere, der trägen Seelen lauert, und sich damit zu füttern sucht, quaréns quem devoret, und in diesem Falle, da Sie einer groben, leicht zu überwindenden Versuchung unterlegen wären, da Sie ohne Dringlichkeit nachgegeben hätten, da Sie ohne Kampf besiegt worden wären, würde ich mich zu meinem großen Bedauern genötigt sehen, mein lieber Sohn, eine der härtesten Strafen an Ihnen vollziehen zu lassen, welche zu verhängen in unserer Macht liegt, und die um so härter würde, als bei Ihnen ein Rückfall stattfindet.« Banniére wich erschrocken zurück; doch beinahe in demselben Augenblick belebte sich wieder der Mut in ihm. Er hatte Begriffen, daß er sich in eine Polemik eingelassen, wobei seine ganze Zukunft aus dem Spiele war, und daß er aus die Gefahr, zu unterliegen, den Streit bis zum Ende führen musste. »Nun denn, mein Vater,« sagte er, »ich will lieber dreimal, sechsmal, zehnmal bestraft werden, indem ich gestehe, daß ich mit Willen oder, besser gesagt, aus Instinkt gesündigt habe, als argwöhnen lassen, ehe ich dahin gekommen, wo Ich bin, habe ich nicht alle meine Kräfte im Kampfe erschöpft. Ja, mein Vater, ich habe gekämpft, ja, mein Vater, ich habe gerungen, doch wie Jacob bin ich immer vom Engel zu Boden geworfen worden. In diesem Lesen der Tragödien liegen für mich ein Reiz, eine Wollust, eine Glut der Begierde, die mich verzehren. Verzeihen Sie mir, wenn Sie meine Offenherzigkeit verletzt, aber Sie sehen, ich bin nicht mehr Herr über mich sobald dieses Kapitel auf die Bahn gebracht wird, und den Beweis hiervon gebe ich Ihnen dadurch, daß ich Ihnen sage, was ich sage.« »Vocatio vocatur, « sprach der Jesuit mit seiner unstörbaren Kaltblütigkeit; »ich lasse diesen Text zu. Nun, da dieser Text einmal zugelassen Ist, wollen wir die Sache erörtern. Wir sagen also, mein Sohn, Sie haben einen Beruf für die Darstellungskunst, welche man das Theater nennt?« »Ja, mein Vater, und ich glaube an diesen Beruf.« »Zugegeben. Doch zu gleicher Zeit, daß dieses ist und Ihre Fähigkeit sich offenbart, studieren Sie im Noviciat Jesu?« »Mein Vater . . .«' »Oh! das ist auch zulässig. wie mir scheint!« Banniére bebte, als er den ehrwürdigen Pater kalt diese erschrecklichen Prämissen stellen sah; er erriet, mit Hilfe einer unbekannten Beweisführung, deren Stärke er aber zum Voraus zu schätzen vermochte, würde Mordon seinen Gegner niederwerfen, wie jene geschickten Ringer, die sich an irgend einer Stelle packen lassen, um den Feind anzulocken und ihn dann um so leichter zu bemeistern. Banniére hauchte auch mehr, als er sie sprach, die Worte: »Ja, das ist zugegeben.« »Sehr gut,« erwiderte der Jesuit; »wir sagen also, während Sie bei der Gesellschaft der Jesuiten seien, werden Sie durch das Gewerbe des Schauspielers verführt. »Mein Vater, ich bin nur Noviz,« entgegnete Banniére hastig. »Noviz, um Jesuit zu werden, ist gerade, als ob wir sagten Jesuit, da wir durch Anticipirung schließen und die Zukunft an die Stelle der Gegenwart setzen.« Banniére seufzte und ließ den Kopf sinken. »Ich sage also, Sie seien durch Ihre Verwandten bestimmt, in den Orden einzutreten,« fuhr der Superior fort, »aber Sie treten ohne Zweifel nicht in denselben im, ohne zum Voraus zu wissen, was die mit diesem Jesuitentitel verbundenen Vorteil und Nachteile sind. Da Sie indessen nicht vollständig unterrichtet sein könnten, mein Sohn, so will Ich Ihnen selbst kurz die einen und die anderen analysieren. . . Hören Sie, mein Sohn?« »Ja, mein Vater, »ich höre,« antwortete Banniére, der sich aus den Tisch stützte, um nicht zu fallen. »Die Nachteile sind der Zölibat, die kanonische Armut und die disziplinarische Demut!« fuhr der Superior fort. »Sie begreifen mich wohl, nicht wahr?« »Vollkommen, mein Vater.« »Die Vorteil sind die Assoziation, die Unterstützung beinahe aller menschlichen Intelligenzen in Tätigkeit gesetzt durch ein verborgenes, stets mit der Existenz und dem inneren Glücke jedes Affilierten eng verbundenes Interesse, da unsere Konstitutionen so sind, daß der einfache Gesellschaftsgenosse nie Güter besitzt, ohne daß die ganze Gesellschaft in moralischer wie in physischer Hinsicht daran Teil hat. Sie begreifen immer, nicht wahr, mein Sohn?« »Vollkommen, mein Vater/« »Es folgt hieraus, daß das Glück von Jedem von uns im Verhältnis steht zu dem Glücke, das wir Allen verschaffen und reciproce. Unter dem Worte Glück begreife ich zwei Worte: Wohlstand und Ruhm, Worte, welche die Haupttriebfedern aller Organisationen sind: Wohlstand, die Triebfeder der materiellen Organisationen, Ruhm, die Triebfeder der Idealistischen Organisationen. Ich füge dem, indem ich mich zusammenfasse, bei, daß jeder Jesuit um so mehr von der Gesellschaft auserwählt und geehrt ist, je mehr er Wohlstand und Ruhm der Gesellschaft selbst verschafft, und daß die Gesellschaft um so mehr Ruhm und Wohlstand hat, je mehr sie ehrenwerte und glückliche Subjekte enthält. Für den Jesuiten handelt es sich also darum, nützlich zu sein, um geschätzt zu werden; ist er einmal geschätzt, so wird er belohnt.« »Ich begreife fortwährend, mein ehrwürdiger Vater,« sagte der junge Mann, als er sah, daß der Superior eine Pause der Erwartung machte. »Wahnsinnig,« fuhr der Pater Morden fort, »wahnsinnig wären nun die Directoren einer Gesellschaft, wenn sie, den Zweck ihrer Gründung vergessend, es vernachlässigen würden, . über alle Zweige dieses Frucht tragenden Baumes, der das Glück und den Ruhm erzeugt, die verschiedenartig geschickten Hände aller im heiligen Namen Jesu verbundenen Leute auszustrecken. Es genügt, um die Oberen zu erleuchten, welche, wie Sie wissen, immer unter den Kapazitäten gewählt werden, es genügt, ihnen bemerkbar zu machen, nicht nur, daß alle Menschen mit Verschiedenheiten von Anlagen geboren werden, sondern daß Alle, von den Kleinsten bis zu den Größten, irgend eine Fähigkeit haben, da es im Naturgesetze liegt, daß jede Sache oder jedes Wesen aus der Welt seinen Nutzen in sich trägt. Schlimm ist es für diejenigen, welche nicht benützen und nicht benutzt werden; so sterben oft an Leere, Kälte, Vereinzelung die befruchtbaren oder befruchtenden Keime, welche der Wind den Pflanzen oder den Bäumen entführt, um sie aus unkultiviertes Land zu werfen. Aber bei uns, mein Sohn, bei uns, die wir alle Anlagen und Fähigkeiten, zu unterscheiden und aus allen Nutzen zu ziehen wissen, bei uns gibt es keine Leere, keine Kälte, keine Vereinzelung. Jeder Keim ist für uns gut, denn aus jedem Keime ziehen wir den Nutzen, sicher, ihn Frucht tragend anzuwenden. Ich, der ich Vorgesetzter von einer Anzahl Geister und Seelen hin, ich erkläre Ihnen, daß ich durchaus nicht in Verlegenheit gerate über diese Verschiedenheit der Anlagen, die sich unter meinen Händen erschließen, und daß ich ebenso gern in diesem Garten der Intelligenz, der mir anvertraut worden ist, einen Gelehrten, als einen Dichter, einen Ingenieur, als einen Musiker, einen Mathematiker, als einen Künstler blühen sehe. Sie können, da Sie es stark wollen, ein geschickter Schauspieler werden; gut, ich gebe meine Einwilligung dazu; werden Sie also Schauspieler, wenn Sie Ihr Temperament dazu antreibt, wenn es ihr Beruf heischt.« »Aber dann, mein Vater, bin ich nicht mehr Noviz,« rief Banniére ganz betäubt vor Freude; »ich studiere nicht mehr, ich verlasse die Jesuiten.« »Warum dies? »Weil das Leben des Schauspielers, unverträglich mit dem Leben des Klausners ist, weil der Eine ein mit dem Kirchenbann belegter, zum Voraus für die Hölle bestimmter Gottloser und der Andere eine heilige, zum Voraus für die Kanonisierung bestimmte Person ist. Ich muss wählen, das fühle ich wohl, da man nicht zugleich zweien Herren dienen kann. Sie sind so gut, mir die Freiheit zu lassen, mein Vater; wohl denn, ich gestehe Ihnen, daß die frische Lust, die Übungen der Gebärde, das Studium der Eindrücke des Publikums für mich beherrschende Reize, unwiderstehliche Anziehungskräfte haben.« »Gut, sehr gut, mein Sohn.« «Und daß ich dann die Jesuiten verlassen werde, um mich beharrlich den Übungen meines neuen Standes zu widmen.« »Die Jesuiten verlassen?« versetzte der ehrwürdige Pater mit ruhigem Tone; »ich bitte, warum dies?« Banniére schaute den Superior mit Erstaunen an. »Wie, mein Vater,« sagte er, »Sie würden wollen, daß ich halb im Theater, halb im Kloster lebe, einen Fuß aus der Szene, den andern in der Kirche? Das ist ja unmöglich, mein Vater! das wäre eine Ruchlosigkeit, wie mir scheint.« »Ich sage Ihnen das aber ganz und gar nicht, mein Sohn: die Jesuiten verlassen, das wäre nicht nur Undank, sondern Albernheit.« »Sie also nicht verlassen . . . Entschuldigen Sie, mein Vater, mein Geist ist ohne Zweifel verwirrt, denn Wahrhaftig, ich verstehe nicht recht,« sagte der unglückliche Noviz, der sich aus dem allmählich durch die hinterhältige Dialektik des Superior heiß gemachten Rost krümmte. »Es kann doch nichts leichter zu begreifen sein, mein Sohn; denn nichts ist klarer, und wenige Worte werden genügen, um Ihnen zu beweisen, daß die volle Vernunft aus meiner Seite ist. Ich bitte, geben Sie nur die Definition des Schauspielers.« »Mein Vater,« erwiderte Banniére, Anfangs verlegen, »der Schauspieler . . der Schauspieler . . . .« »Sagen Sie es, mein Sohn, sagen Sie es.« »Das ist ein Mensch, der öffentlich spricht.« »Gut. Der öffentlich spricht, behalten wir das.« »Mein Gott! mein Gott! was will er denn von mir mit den Fußangeln, die er mir legt?« murmelte Banniére. »Fahren Sie fort in Ihrer Definition des Schauspielers,« sprach Mordon. »Nun denn! der Schauspieler, mein Vater, ist ein Mensch, der vor den um ihn zu hören versammelten Leuten die schönsten Gemeinsprüche vorträgt, welche die Moral über die Tugenden und die Lager, über die Verbrechen und die Strafen, über die Schwächen und über die Leidenschaften liefern kann.« »Sehr gut,« sagte Mordon, der jedes der Worte der Definition mit niedergeschlagenen Augen, mit zu« stimmendem Nicken des Kopfes und einer völlig billigenden Pantomime verfolgt und wiederholt hatte. »Der Schauspieler,« sprach Banniére, »ist endlich derjenige, welcher in einem Kostüme, das geeignet ist, sein Äußeres geltend zu machen, dem Publikum Gemütsbewegungen einflößt, deren Zweck es ist, zu gefallen, zu unterrichten, zu bessern.« »Das ist wohl Alles, nicht wahr?« fragte Mordon. »Ich sehe nichts Anderes,« erwiderte Banniére, dem es bei dieser Billigung unbehaglicher war, als es ihm bei einem Streite gewesen wäre. »Nun, mein Sohn,« sprach Mordon, »Ich hatte Recht, als ich Ihnen die Versicherung gab, Sie können vollkommen Alles das tun, was Sie gesagt haben, ohne die Gesellschaft Jesu zu verlassen. Ich werde weiter gehen: bei dem Berufe, den Sie zeigen, um alle die Resultate herbeizuführen, welche Sie selbst bezeichnet haben, könnten Sie sich unmöglich zurückziehen, ohne die Gesellschaft einer bedeutenden Summe von Ruhm und Wohlfahrt zu berauben. Darum, mein lieber Sohn, werden Sie nicht aus ihrem Schoße treten.« »Aber, mein Vater,« entgegnete erschrocken über diese furchtbare Nachsicht Banniére, bei dem die Geduld, wenn auch nicht Beharrlichkeit und Beruf, ein Ende erreicht hatte, »man hat nie einen Jesuiten als Schauspieler gesehen.« »Nie hat man einen Jesuiten als Schauspieler gesehen, das ist wahr, »erwiderte Mordon phlegmatisch, »doch man hat Jesuiten als Prediger gesehen. Warum sollten Sie nicht ein Prediger, und zwar ein ausgezeichneter Prediger sein?« »Ich, Prediger!« rief Banniére erstaunt, indem er aus jede Sylbe einen besonderen Nachdruck legte. »Allerdings; mir scheint, Sie haben selbst vor einem Augenblick mit Meisterhand das Portrait des Predigers gezeichnet.« »Ich?« »Ganz gewiß, Sie.« »Des Schauspielers!« »Oder des Predigers. Lassen Sie mich Wort für Wort Ihre Definition wiederholen.« »1. Ein Mensch, der öffentlich spricht. »Die Prediger sprechen öffentlich, wie mir scheint. »2. Ein Mensch, der vor den um ihn zu hören versammelten Leuten die schönsten Gemeinsprüche vorträgt, welche die Moral über die Tugenden und über die Laster, über die Verbrechen und die Strafen, über die Schwächen und die Leidenschaften liefern kann. »Mein lieber Sohn, ich glaube, daß die Prediger nichts Anderes tun. »3. Der Mensch, der in einem Kostüme, das geeignet Ist, sein Äußeres geltend zu machen, dem Publikum Gemütsbewegungen einflößt, deren Zweck es ist, zu unterrichten, zu gefallen und zu bessern. »Das ist Ihre dreifache Definition; Sie sehen, daß ich sie wohl behalten habe, mein Sohn, da ich nicht ein Wort daran ändere. Würde aber je eine Definition richtig aus Jemand angewendet, so ist es die Ihrige, mein Sohn, aus den Prediger angewandt. In der Tat, in die priesterliche Tracht gekleidet, welche die edelste, die imposanteste und am meisten geeignet ist, um die äußeren Vorzüge eines schönen Mannes geltend zu machen decente Vorzüge, wir setzen nie andere voraus, nicht wahr, mein Sohn? die Haare, wohl geglättet, die Hand halb verloren unter dem Spitzenärmel, kann der Prediger, wenn er angenehm von Gesicht ist, wie Herr von Fénelon war, die glücklichsten Eindrücke aus eine Versammlung hervorbringen. Ich sage nicht, merken Sie sich das wohl, mein lieber Sohn, ich sage nicht, ich billige die Gefühle und die Theologie von Herrn von Fénelon. Nein, ich bin im Gegenteil weit hiervon entfernt, sondern ich spreche nur vom Auftreten. Es ist also allen Punkten Ihrer Definition Genüge geleistet, und ich erwarte Ihre Antwort.« »Verzeihen Sie, mein Ehrwürdiger,« erwiderte Banniére, »ich glaubte, indem ich Ihnen so aufrichtig antwortete, Sie von meinem Berufe, Schauspieler zu werden, zu überzeugen.« »Oder Prediger, mein Sohn. Ich habe wohl verstanden.« »Aber, mein Vater, was Sie auch sagen mögen, das ist nicht dasselbe.« »Durchaus dasselbe, nach Ihren Definitionen wenigstens, mein Sohn, und nach eben diesen Definitionen, wenn die wahre zu Gunsten von irgend Einem ist, so ist sie zu Gunsten des Predigers.« »Aber, mein Vater, lassen Sie mich doch meine Definition vollenden;« rief Banniére. »Oh! sehr gern, mein Sohn; vollenden Sie immerhin.« »Ich füge also bei,« sagte Banniére mit dem naiven Triumph eines jungen Lammes, das für den Augenblick dem Zahn des Wolfes entwischt ist, »ich füge bei, daß der Schauspieler derjenige ist, welcher geschichtliche Stücke, Werke spielt, die Großtaten darstellen, an Ereignisse erinnern, durch die das Angesicht der Welt verändert worden ist.« »Hierbei halte ich Sie fest,« sprach ruhig der Pater Mordon. »Mein Sohn, Sie haben in der Tat mit einem sehr merkwürdigen Pinselstrich das Gemälde des Predigers vollendet, und ich wünsche Ihnen aufrichtig hierzu Glück.« »Wie!« rief Banniére niedergeschmettert. »Wollen Sie, mir doch gefälligst sagen, welches Stück, welches Trauerspiel, welches Drama mit einem Wort, was den Stil, das Interesse der Triebfedern, den Umfang der Ereignisse, die Entwickelung, die Einzelheiten der Situationen betrifft, sich mit den Leiden unseres Herrn Jesu Christi vergleichen lässt. Stellen Sie sich vor, Sie seien aus der Kanzel, und Sie ganz allein, der einzige Schauspieler, hören Sie wohl, ohne Vorgesetzten und ohne Teilung, beauftragt, diesen erhabenen Act zu verdolmetschen, wo der Himmel, um die Erde zu erlösen, ihr den Sohn seines Gottes leiht, stellen Sie sich vor, Sie repräsentieren die Schwankungen von Pontius Pilatus, die Ränke von Kaiphas, den Haß der Pharisäer, die Abtrünnigkeit von Petrus, sprechen Sie, kennen Sie im Theater von Corneille und Racine, im englischen Theater von Shakespeare und Johnson, im Theater der alten griechischen Meister, eine wunderbarere Szene, einen göttlicheren Monolog, als die Meditation von Jesus im Ölgarten, eine prächtigere, pittoresker Inszenierung, als die Gefangennehmung unseres Herrn in eben diesem Garten? «Wo lassen sich großartigere Schauspiele finden, als das Urteil des hohen Rats, lyrischer und von einem höheren moralischen Werte, als die Zusammenstellung von Jesus mit Barnabas? Fügen Sie diesem die Entwickelung von jeder dieser Martern mit ihrem religiösen und moralischen Sinne bei . . . Endlich die Kreuzschleppung, inmitten der frommen Frauen, mit ihren Stationen und Ohnmachten . . . Und die Kreuzigung selbst, mein Sohn, und die Erzählung ohne Gleichen, neben der die Erzählung von Theramenes oder die von Ulysses, oder sogar die im alten Aeschylos, diesem großen Meister, von der Schlacht bei Salamis kaum schätzbar sind. Dies, mein teuerster Sohn, dies ist eine Tragödie, wo die Laster und die Leidenschaften in Tätigkeit gesetzt sind. Dies ist ein geschichtliches Werk, dies ist ein Ereignis, welches das Angesicht der Welt verändert, ein Drama, in welchem Sie, wenn Sie wollen, die Hauptrolle, die einzige Rolle spielen werden, zum Beifall der Gesellschaft, zum Beifall der Welt, vor Königen und Königinnen, wenn es Ihnen gut dünkt, und mit der Aussicht auf ein Bistum, auf ein Erzbistum, aus einen Kardinalshut sogar, der päpstlichen Tiara, einer Zweifelhaften, aber möglichen Chance, nicht zu erwähnen, aus welche meines Wissens nie ein Schauspiel« hat rechnen können. Nach diesen Worten, während welcher sich der ehrwürdige Pater, nach der oratorischen Gewohnheit, einen Redeschluss zu erwärmen, ein wenig belebt hatte, schlug er seine Augenlider auf, öffnete seine Augen in ihrer ganzen Größe und umhüllte den Novizen mit den gekreuzten Strahlen, welche daraus hervorsprangen. Aber gereizt durch all diesen Widerstand, verletzt durch diese finsteren Umwege, auf denen ihn die hinterlistige Beredsamkeit von Mordon umher geführt hatte, rief Banniére: »Mein Vater, weder die Kirche, noch die Kanzel, noch die Predigt reißen meinen Geist fort; ich bin nicht empfänglich für den Beifall einer frommen Menge; mein unglücklicher, verhängnisvoller, verdammter Beruf zieht mich zu profanen Dingen hin: mein Streben ist, Schauspieler zu sein, auf den Brettern eines Theaters, wo Schauspieler. . . und Schauspielerinnen auftreten, Schauspieler wie Herr Baron, Schauspielerinnen wie Fräulein von Champmeslé! Das ist es, wonach ich begehre, mein Vater, das ist es, was ich verlange, das ist es, was ich will.« »Genug, genug, mein Sohn,« sagte der Jesuit, während er über seine breite Stirne strich, aus der sich einen Augenblick Falten den stürmischen Wellen des Mittelländischen Meeres ähnlich gebildet hatten; »ich glaube entschieden, daß Sie sich über Ihren angeblichen Beruf geirrt haben; ich befürchte, Sie haben da ein Symptom von jenen teuflischen Versuchungen, mittelst deren der Feind des Menschengeschlechts die schwachen Seelen an sich lockt. Zum Glück ist mir Ihr Seelenheil teuer, und um Sie in der Wiederbefestigung zu unterstützen, bitte ich Sie, sich sogleich in die Meditationsstube zu begeben, wo Sie die ganze Zeit bleiben werden, die zur Rückkehr der gesunden Ideen, welche die Grundlage jeder zur Verherrlichung Gottes geleiteten Erziehung bilden, notwendig ist.« Nachdem er so gesprochen, klingelte der Pater Morgan, wiederholte vor dem Cuistre den Befehl, mit dem er Banniére bedroht hatte, und vernichtet, rot vor Scham, keuchend vor Schmerz, folgte der junge Mann mit gesenktem Kopfe und zitternden Knien dem Diener, der beauftragt war, ihn in die Meditationsstube zu führen. VI. Die Meditationsstube Die Klöster hatten Ihre in pace, Ihre Gefängnisse, ihre Carcer. Bei den Jesuiten, Leuten, welche zu sehr zivilisiert waren, um sich nur an das Physische zu wenden, gab es die Meditationsstube. Im ersten Stocke, gegen den hinteren Teil des Hauses, wo ein an seinen Enden ganz vergitterter, ganz verriegelter Gang angebracht war, öffnete oder schloss sich vielmehr eine große Stube von einer Gewölbehöhe, welche beträchtlich genug war, daß die Meditationen der Gefangenen nicht die der Spinnen störten, die ihr Domizil in den Ecken der schwarz angemalten Karnieße gewählt hatten, beträchtlich genug besonders, daß eben diese Gefangenen nie den Fensterrahmen erreichen konnten, der mit einer einzigen Scheibe versehen war, welche dieses Gewölbe wie ein Zyklopenauge durchhalte und hier ein mageres Licht ganz getrübt durch den äußeren Staub und Rauch einsickern ließ. Wenn aber das Licht traurig und schüchtern in das Innere dieses hässlichen Käfigs herabstieg, so muss man sagen, daß Apollo, der Gott des Tages und zu gleicher Zeit der Meditation, nicht das geringste Vergnügen beim Besuchen des Innern dieses Winkels gehabt hätte, dessen vier Wände mit schwarzen Tapeten ausgeschlagen waren, die man mit Todtenköpfen und Knochen im Grenze von einem weißen Stoffe, befestigt aus dem schwarzen mittelst eines soliden, an den beiden Farben Teilhabenden Fadens, besät hatte. Zwischen diesen düsteren Emblemen hoben sich überdies weiß auf die Tapeten gestickte Inschriften hervor, und auch hier fand sich wieder der eigentümliche Geschmack, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, diesen gezwungenen Meditationen, welche die Jesuiten den widerspenstigsten Novizen auferlegten, einen der französischen Heiterkeit ganz entgegengesetzten Charakter zu geben. Alles, was die alten Dichter Schwärzestes in der Hefe ihrer leeren Ampbora gefunden, Alles, was die Weisen wahnsinnigst Verzweiflungsvolles getroffen haben, von dem O bios esti parodos skias bis zum Serius ocyus von Horaz, von den kläglichen Versen des Dies irae bis zu den kommentierten Formeln des Perinde ac cadaver der Gesellschaft Jesu. Alles breitete sich aus, entrollte sich weiß aus dieser traurigen schwarzen, todes farbigen Tapete. Diese zahlreichen Sprüche von verschiedener Größe und Schrift zogen das Auge an wie Offenbarungen aus dieser Mauer vorspringend und sich im Relief hervorhebend, als ob aus den Tiefen der unbekannten Welt, welche sie bewohnen, alle diese düsteren Moralisten, alle diese kläglichen Versemacher gerade mit einem unsichtbaren. Finger dem meditierenden Novizen ihre Meditationen, durchgesehen, verbessert und vermehrt, je nach den Umständen, ausgezeichnet hätten. Banniére wurde also in diesen Kerker geworfen, der ihm völlig fremd war, denn er kannte ihn nur aus den Mitteilungen von denjenigen seiner Kameraden, welche man dahin geführt hatte. Banniére war ein guter Noviz, das heißt; er kam regelmäßig seinen Schulpflichten nach, er liebte die lateinischen Verse und sogar die französischen Verse des Pater de la Sante und trieb bis zum Enthusiasmus seine Bewunderung für Herrn Arouet, dergestalt, daß er sich, wie wir gesehen, zwei Broschüren von Marianna hatte konfiszieren lassen, und die dritte dem Superior erst übergab, als er alle Rollen auswendig wusste, von der von Herodes, König von Palästina, bis zu der von Rarbas, Offizier der amorräischen Könige, und von der von Marianna, der Frau von Herodes, bis zu der von Elisa, der Vertrauten dieser Fürstin. Man errät, daß von dem Augenblick an, wo Banniére diese Begeisterung für Herrn von Voltaire fühlte und diese Begeisterung in sprudelnden Kaskaden der Bewunderung aus die paar Trauerspiele zurückfiel, welche der junge Philosoph schon veröffentlicht hatte, man errät, daß Banniére den erschrecklichen Fall nicht begriff, den bei ihrer ersten Erscheinung aus, dem Theater am 5. Januar 1724, nämlich drei Jahre vor der Epoche, in welcher die Ereignisse vorgehen, die wir in diesem Augenblick zu erzählen beschäftigt sind, die Tragödie Marianna gemacht hatte. Dieser Fall war so schwer gewesen, daß man geglaubt hatte, die Tragödie sei durch den Schlag getödtet worden. Aber Arouet war zähe; er hatte die Stücke der armen Königin aufgehoben und sie, so gut es eben ging, zusammengeleimt; er hatte die Szene zwischen Barus und Herodes weggeschnitten, er hatte reine rührende Erzählung an die Stelle der tätigen Entwickelung gesetzt, bei der sich Marianna aus der Szene vergiftet, welche Entwickelung so traurig für den Verfasser durch den schlechten Spaß eines Zuschauers, dem es einfiel, zu rufen: »Die Königin trinkt!« erheitert worden war, und durch diese Verbesserung und viele andere, welche der Autor in seiner Vorrede auszählt, an die wir, wenn sie sich weiter unterrichten wollen, unsere Leser verweisen, durch diese Verbesserungen hatte das Stück im Jahre 1725 einen Succeß eben so riesenhaft gehabt, als 1724 sein Fall tief gewesen war. Dies beweist nicht, daß das Publikum sehr logisch Ist, sondern es beweist, daß das Stück, nachdem es zuerst gefallen war, hernach reüssiert hatte. Banniére hatte nicht nur das Stück, sondern auch die Varianten gelernt, welche der Verfasser am Ende des Stückes angefügt hatte, ohne Zweifel, damit nicht ein Vers von dieser schönen Poesie, die noch zu dieser Stunde drei Viertel der Akademiker vor Vergnügen sich aufblähen macht, für die Nachwelt verloren gehe. Banniére kannte also bis dahin keine andere jesuitische Strenge, als die Konfiskation der Broschüren von Herrn Arouet. Sein Beruf, eine sanfte und leuchtende Fackel, hatte ihm bis jetzt dazu gedient, die Finsternis des Noviciats mit allen Arten von liebenswürdigen Schatten und anmutigen Gespenstern zu bevölkern. Er hatte sich Freunde unter seinen Mitschülern gemacht und seine Lehrer genötigt, seinen originellen Charakter zu bewundern. Mit einem Worte, er hatte jene unerklärliche Achtung genossen, die bei jedem Industriezweige den unabhängigen und neuernden Geistern zu Teil wird. Darum hatte er, Gefangen mit den andern schwarzen Vögeln in diesem Käfig des Noviciats, mehr als die Anderen befreundete Hände seinem Gitter sich nähern sehen, er hatte mehr als die Anderen sich der Lust und des Raumes erfreut, und, vertrauensvoll wie alle gute Naturen, fühlte er sich nun von so hoch, herab in diesen Kerker der Meditationen gefallen, daß ihm keine andere Zuflucht mehr blieb, als die Falschen zu verfluchen, die ihn zu einem so schweren Falle gebracht hatten. Die erste Bewegung von Banniére war das Erstaunen gewesen, die zweite war die Entrüstung. Banniére war jedoch ein Junge von Geist, er bedachte rasch, daß die Jesuiten mit den Schauspielern keinen Vertrag schließen konnten, und daß es, wenn die Jesuiten und die Schauspieler gemeinschaftliche Sache machten, unanständig und ungerecht erscheinen müsste, daß die Einen Beichtväter von Königen, Gouverneurs und Prinzen, Staatsinquisitoren unter so hässlichen und traurigen Kleidern seien, indes die Andern, nicht nur von allen Ehren ausgeschlossen, sondern auch exkommuniziert, mit Schmach belegt, elend, unter gestickten Kleidern, Sammetmänteln und Federbüschen; daß Gott, der die höchste Weisheit und die ewige Gerechtigkeit ist, Ausgleichungen gemacht habe, daß der Jesuit seinen Käfig liebe. weil er sich an denselben gewöhnt, weil er sein Gitter vergolde, während der Schauspieler im Gegenteil die Käfige nicht lieben könne, weil es ihm nicht gelungen, sie zu vergolden. Diese Logik führte Banniére zu einem so unmäßigen Verlangen nach Freiheit, daß er sich diese Freiheit durch alle mögliche Mittel zu verschaffen beschloss. Nachdem er alle die Texte, die ihm die Wände rezitierten, gelesen und ironisch erläutert hatte, empörte er sich gegen die Oberen, die ihn verfolgten, und da er die Gelegenheit günstig fand, sich ohne Zwang der Deklamation hinzugeben, so fing er an ganz allein Herodes und Marianna zu spielen. Gewohnt, von Klagen und Verwünschungen jedes Meditanten zu widerhallen, ertönte das Gewölbe ganz erstaunt von den Hemistichen eines Trauerspiels. In seine Soutane gehüllt, aus welche er in Form eines Mantels seine Bettdecke geworfen hatte, spielte, brüllte und stöhnte Banniére die verschiedenen Rollen des Stückes, machte die Trompete, welche die Herolde verkündigte, ahmte die verschiedenen Geräusche des Volks nach und führte endlich das Werk von Voltaire bis zum letzten Verse der Varianten und der Noten durch. Das dauerte wohl vier Stunden. Während dieser vier Stunden belustigte sich Banniére in seiner dreifachen Eigenschaft als Zuschauer, als Schauspieler und als eingesperrter Jesuit. Doch Alles hat ein Ziel hienieden: brachte die Meditationsstube ihre Wirkung hervor, trug die Müdigkeit den Sieg über den unglücklichen Gefangenen davon, oder hatte die zarte Marianna nichts mehr mit ihrem grausamen Tyrannen zu debattieren, Banniére wurde von großer Schläfrigkeit befallen. Das war noch nicht das Ganze. Wir haben gesagt, daß die Jesuiten zuweilen die widerspenstigen Novizen durch den Hunger packten; was Tiger, Löwen und Elefanten bändigt, konnte auch wohl Banniére bändigen. Volles Gehirn macht den Magen leer, aber leerer Magen füllt schlecht das Gehirn oder füllt es nur mit Dünsten. Endlich, nach zwei weiteren Stunden von Kämpfen, während welcher die moralische Stärke von Banniére immer mehr abnahm, als er nicht mehr die Kraft hatte, auch nur die kleinste von den Rollen seiner Lieblingstragödie zu deklamieren oder mit Erfolg die weißen Inschriften zu lesen, legte er sich aus sein Bett ohne Matratze, hüllte sich in seine Decke und fing an eine Vergleichung zwischen seinem gegenwärtigen Zustand und seinem vergangenen Zustand zu ziehen. Hierbei blieb er stehen, denn die Zukunft war für ihn mit so viel Finsternis bedeckt, daß er sie nicht einmal zu erraten suchte. Die Nacht, eine gute Ratgeberin der guten Geister, diese Nacht, welche die alten Goten die Mutter der Gelegenheiten nannten, diese Nacht, welche die Jesuiten als Beistand benützten und die Rebellen zu überreden beauftragten, diese Nacht stieg langsam vom Himmel herab und bedeckte die einzige Fensterscheibe, das Auge des Gefängnisses, mit einer stufenweisen, Blindheit. '' Allmählich erloschen sodann an den Wänden die weißen Buchstaben der Inschriften; allmählich versanken in das Nichts . aus dem man sie ausgegraben, die moralischen Sentenzen, welche den Menschen verdammen, zu entfliegen wie Asche, zu verfaulen wie Materie und sich zu biegen wie Rohr unter der Hand der Notwendigkeit. Banniére unterschied bald nichts mehr und blieb aus den Querhölzern seines Bettes, immer mehr erkaltend und immer trauriger werdend, liegen. Zwei Stunden vergingen noch so, und während dieser zwei Stunden bemerkte er besonders, daß die über der Thür der Stube, in welche man ihn eingesperrt hatte, angebrachte Inschrift keine leere Zusammenstellung von Buchstaben war, sondern daß diese Stube wirklich die Meditationsstube genannt werden konnte. »Was tun in einem Bette, wenn man nicht darin träumt?« hat la Fontaine gesagt. Banniére träumte in seinem Bette. Dann, nachdem er geträumt hatte, entschlief er. Die Nacht, wie der alte Homer sagt, hatte die Hälfte des Himmels aus ihrem ebenholzenen Wagen mit den silbernen Rädern durchlaufen, als ein scharfes, seltsames, anhaltendes Geräusche den Novizen aus der Schlafsucht erweckte, welche der Hunger und die Meditationen in seinem Gehirne hervorgebracht hatten. Dieses Geräusch, ein wohlbekanntes Kratzen, kam von der Tapete links. Wach geworden, öffnete Banniére ein Auge, dann das andere, wandte sich aus seinem Lager mit dem Gesicht gegen das Geräusch um und horchte. Das scharfe Echo fuhr, fort, sein monotones Lied zu fingen. Es war keine Täuschung möglich, der Noviz kannte das Geräusch, das der Zahn einer Maus macht. Dieses Geräusch erzeugte sich in einer Höhe von ungefähr zehn Fuß und lag zwischen der Tapete und der Mauer. Banniére stieß einen Seufzer aus. Was machte Banniére seufzen? Ach! die Vergleichung: in seiner Demut fand er diese Maus sehr glücklich. Glücklich war in der Tat die Maus, die sich so ein Abendbrot und sogar einen Mitternachtsschmaus aus den Inschriften der Moralisten und der stoischen Philosophen machte, welche die Enthaltsamkeit und die Uneigennützigkeit predigen. Glücklich war diese Maus, die in Freiheit zwischen der Tapete und der Mauer durchschlüpfte, um so altes Tuch und altes Leder zu knaupeln. Doch nein, es war weder Tuch, noch Leder, was die Maus knaupelte. Das Echo war sonor: die Maus knaupelte Holz. Holz, – man höre wohl, – das war ernst. Nicht für Sie, lieber Leser, nicht für Sie, liebe Leserin, die Sie mich in einen guten Schlafrock eingewickelt, die Füße auf Ihren Feuerböcken, mit dem Bewusstsein lesen, daß Sie nur zu wollen brauchen, um einen Spaziergang in Gottes freier Natur zu machen, sondern für Banniére, den armen Gefangenen, für dessen Ohr das geringste Geräusch eine Wichtigkeit nach Maßgabe seines Verdrusses, Gefangen zu sein, und seines Wunsches, frei zu werden, annahm. Es war also für Banniére ein großer Unterschied, ob die Maus Holz oder Leder knaupelte. Denn er machte sich folgendes Räsonnement: »Holz! . . Diese Maus knaupelt entschieden Holz. »Wie Teufels kann diese Maus ein Stück Holz so hoch hinaufgebracht haben? Uno wenn sie es hinaufgebracht hat, was sehr industriös von ihr ist, da sie keine Maschine vom Werte derjenigen besitzt, welcher sich Antonius bediente, um seine Galeeren vom Mittelländischen Meere in das Rothe Meer hinüberzuschaffen, wie hält sie sich an der Wand von Stein oder Gips fest, um so ruhig zu Nacht zu speisen, wie sie es zu tun scheint? Hat sie ein Loch, eine Randleiste, einen Sockel, der ihr als Tisch dient? «Vielleicht lehnt sie sich an die Wand an und macht sich mit ihren Klauen einen Strebepfeiler in der Tapete. So schwebend, würde sie zugleich mit Tisch und Hängematte versehen knaupeln. «Doch nein! dieses Echo ist so sonor, so hart für das Ohr, es vibriert mit so viel Schärfe, daß es nicht von einem einfachen, von der Maus losgemachten Bruchstücke herrühren kann. Es ist sicherlich das Produkt eines unablässigen Angriffs, ausgeführt von der kleinen Nagerin gegen einen holzartigen, hartnäckigen, fixen Körper, der, wie alle feste Körper, Länge, Breite und Dicke bat. »Es muss da oben ein Tafelwerk sein,« sagte Banniére zu sich selbst. Dann fügte er in Form einer Betrachtung bei: »Übrigens ist vielleicht die ganze Wand Tafelwerk unter der Tapete.« Nachdem er so gesprochen, stand er aus und klopfte an die Wand; doch sie gab keinen Ton von sich, denn sie war von massivem Stein. »Gut,« murmelte der Noviz, »darum kann aber doch Tafelwerk da oben sein. »Ein Rahmen vielleicht!« Und hieraus baute Banniére ein ganzes Gedicht von Mutmaßungen. Wozu konnte dieser Rahmen dienen? zu welchem Zwecke ein Rahmen unter einer Tapete? Es gibt Öffnungen, genannt Judas, durch welche jeder meditierende Noviz von einem Pion[6 - Pion, ein bei den Schülern der französischen Lehranstalten gebräuchlicher Ausdruck für Aufseher.], der dem Pater Superior seinen Bericht zu erstatten beauftragt ist, bespäht zu werden sicher sein darf. Es gibt geheime Thüren. . . Hierbei blieb Banniére stehen. »Aber,« sagte er zu sich, »wenn es geheime Thüren gibt, so gibt es also einen Ausweg, um aus der Meditationsstube hinauszukommen.« Banniére fing abermals an, an der Mauer umherzutappen, und überzeugte sich, daß die Thür oder der Rahmen in der ultralegalen Höhe von wenigstens zehn Fuß angebracht war, da er die Wand voll fühlte bis zu der Höhe, die er, indem er sich aus den Fußspitzen erhob, mit dem Ende seiner Finger erreichen konnte. »Ist es eine Thür und diese Thür ist in der Luft,« dachte Banniére sehr vernünftig, »so kann sie nicht dienen, wenn nicht,« fügte er bei, »wenn nicht der Ankommende seine Leiter mitbringt. »Es muss also nicht ein Thürrahmen, sondern ein Fensterrahmen sein.« Das Fenster war wahrscheinlich; Banniére hielt sich also an das Fenster. Nur, da die Dunkelheit jede Forschung unmöglich machte, verschob Banniére auf den andern Tag die Fortsetzung seiner Untersuchungen. Die Folge dieses Entschlusses war, daß die Maus eine köstliche Nacht zubrachte und erst bei Tagesanbruch zu knaupeln aufhörte. Ganz im Gegensatz zu seinem nagenden Gaste, brachte Banniére eine Nacht voller Bangigkeiten und besonders voller inneren Reißungen zu, die sich durch das Geknurre des Hungers übersetzten und harmonisch aus das Knaupeln der Maus antworteten. VII. Die Procession von Herodes und Marianna Wir haben gesagt, daß mit dem Tage das Mahl der Maus aufhörte; mit dem Tag begann die Arbeit des Novizen. Seine erste Sorge war, daß er sich versicherte, sein Arm und feine Hand würden nie bis zur Höhe des mutmaßlichen Rahmens reichen. So sehr aber auch von Geräte entblößt die Meditationsstube war, so bot sie doch Alles, was ein Mensch braucht, der nicht Angst hat, den Hals zu brechen, um eine Höhe von zehn bis zwölf Fuß zu erreichen. Die Utensilien, mit deren Hilfe das Gerüste gebaut werden konnte, waren die Lagerstatt, welche als Bett diente, und daraus gestellt der Schemel, der als Stuhl diente. Diese zwei Gegenstände bildeten über einander gestellt vier Fuß; fügte man dem den zweiten Schemel bei, so kam man bis zu fünf und einem halben Fuß; fügte man diesen fünf und einem halben Fuß die fünf Fuß vier Zoll von Banniére bei, so hatte man beinahe elf Fuß Höhe. Hätte man nötig, höher hinaus zu reichen, so würde man sich an die Tapete anklammern, man würde die weißen Inschriften als Steigbügel benützen. Man würde die Tapete zerreißen, wohl möglich; doch indem man sie zerrisse, würde man wenigstens erfahren, woran man sich in Betreff der Geheimnisse, welche die Wand bedeckte, zu halten hätte. Was Banniére vorhergesehen hatte, geschah. Er stieg zuerst auf sein Lager, sodann von seinem Lager aus den ersten Schemel, und vom ersten Schemel aus den zweiten; hier angelangt zerriß er die Tapete, um seinen Fuß aufzusetzen, was ihn noch um zwei Zoll vergrößerte und ihm, indem er mit der rechten Faust an die Wand schlug, ein Geräusch dem ähnlich, welches ein unter einer neugierigen Hand ertönender Fensterladen macht, zu hören erlaubte. Banniére suchte einen Stützpunkt für seinen zweiten Fuß, betastete die Tapete an einer andern Stelle, und aus der einen Seite unterstützt durch das »Vanitas vanitatum«, auf der andern durch das »Lerne Dich selbst kennen«, die linke Hand hinter einem Todtenkopfe durch schlingend, schlitzte er mit der Rechten den Stoff auf und entdeckte, was ihn sein vom ehrwürdigen Pater Mordon gerühmter Scharfsinn zum Voraus hatte erraten lassen, nämlich ein altes, vermauertes, durch einen mittelst einer eisernen Stange verstärkten Laden geschlossenes Fenster, das zur Zeit, wo es sich gegen eine Stube öffnete, die ohne Zweifel noch nicht die Ehre hatte, die Meditationsstube zu sein, eine Dimension bot, welche anständig genug war, um dieses Zimmer gehörig zu erleuchten, das in Ermangelung des soeben erwähnten Fensters sein Licht nur durch eine bleiche Öffnung, durch ein Auge ohne Augensterne empfing, welche den Plafond durchhöhlte und den Gefangenen traurig anschaute. »Ein Fenster!« rief freudig Banniére. Doch plötzlich hielt er inne. »Gut! aber auf was geht es? »O! Medusenhaupt! Wenn ich diesen Laden durchbreche, wenn ich diesen Vorhang auf die Seite schiebe, wenn ich mir eine Perspektive öffne, gegen was wird diese Perspektive ausmünden? Werde ich nicht hinter diesem Fenster entweder das spöttische Gesicht eines Spions des Superior oder die übermütige Miene des Superior selbst finden? Warum sollte dieser Jesuit nicht ein an diese Stube anstoßendes Zimmer haben? warum sollte er nicht eine Phrase für den Augenblick bereit halten, wo ich die Nase durch seinen Laden strecken werde? »Das ist erschrecklich. »Doch nein, eine Maus wird immer mehr Instinkt besitzen, als ein Superior, und wäre es auch ein Jesuiten-Superior, Genie hat. Eine Maus hat nur der Straflosigkeit sicher hier geknaupelt. Wenn sie hierher gekommen ist, so wusste sie, daß sie weder eine Überraschung, noch eine Falle zu fürchten hatte.« Plötzlich vereiste ein kalter Schweiß den Rücken von Banniére. »Der Pater Mordon, der mir schon zwei Herodes und Marianna weggenommen, der mich beim Studieren eines dritten ertappt, der mich hier eingesperrt hat und seit achtzehn Stunden fasten läßt, um den wahren religiösen und moralischen Sinn in seinen Schüler zurückzuführen: der Pater Mordon, dieser scharfsinnig und universelle Geist, kann er sich nicht zur Erfindung eines Instruments erniedrigt haben, welches das Knaupeln der Maus nachahmt? Es gibt solche Erscheinungen in der Naturgeschichte, warum sollte es nicht auch in der Mechanik geben? Schlangen pfeifen wie Vögel. Hyänen ahmen das Geschrei des Kindes nach, um die Menschen anzulocken, man bat Füchse wie Hunde jagen sehen, um den Hasen auszutreiben, den einer ihrer Kollegen, ein Fuchs wie sie. aus dem Wechsel erwartet, Ein Jesuit ist aber nicht ungeschickter als eine Schlange, nicht dummer als eine Hyäne und nicht einfältiger als ein Fuchs, er wird, wenn es Not täte. sicherlich einen Novizen in die Falle eines schweren Fehlers zu locken wissen. Was braucht es hierzu? ein zweistündiges Geknaupel an einem Stücke Holz?« Banniére hielt erschrocken inne; bald aber kehrte er zu seiner ersten Kühnheit zurück, und er sagte: »Ich, schwach werden! ich, eingesperrt, ich, ausgehungert, vor einer Plackerei mehr bange haben! Bei meiner Treue, nein! Ich werde dieses Fenster öffnen: es ist ein Fenster, oder es ist keines; aber in jedem Fall ist es irgend ein Ausgang, und finde ich hinter diesem Fenster einen Jesuiten, und dieser Jesuit ruft mir zu: »»Was wollen Sie?«« so antworte ich ihm: Brot!«« Und als wollte er sich ermutigen, ehe der Hunger zu groß wäre, kletterte Banniére auf das Gesims, zog die eiserne Stange zurück und öffnete den Laden. Unaussprechliche Freude! kein Jesuit lauerte hinter dem Rahmen: die Sonne allein mit ihren goldenen Haaren, die sie am blauen Horizont knüpfte, drang in die düstere Werkstätte der Meditationen ein. Und durch die Öffnung, die er gemacht, schlürfte Banniére die köstliche Morgenluft und den feuchten Geruch des Gewässers der Rhone, der in leichten Dünsten vom Bette des Flusses bis zu den Dächern der Häuser aufstieg. Nachdem er geatmet hatte, schaute er. Das Fenster ging senkrecht aus eine Straße, die schräge eine andere Straße durchschnitt, deren Ausmündung ein Platz war. In Folge der Abhängigkeit der geraden Straße sah Banniére aus dem Platze die Vorübergehenden, welche noch spärlich erschienen. Doch er sah sie. Er sättigte sich an diesem für einen Gefangenen glänzenden Schauspiel, nahm seinen Vorrat an frischer Lust ein und berechnete die Höhe des Fensters. Diese Höhe betrug ungefähr dreißig Fuß. Was die Straße betrifft, so war sie mit jener den Städten des Südens eigentümlichen Art von Kieselsteinen gepflastert. Als er alle diese Einzelheiten mit einem Blick erfasst hatte, warf sich Banniére, der, ehe er etwas beschlossen, ertappt zu werden befürchtete, zurück, schloss den Laden, richtete die Inschriften wieder zurecht, und heftete die Tapeten zusammen, wonach er das Lager an seinen Platz schleppte und zu seinem Schemel zurückkehrte, wie ein Hund an seine Kette. Gegen sieben Uhr hörte Banniére Geräusch im Gange, und er sah die Thür sich öffnen. Es war der Diener, der ihm eine um so magerere Portion brachte, je verzehrender der Hunger war, Banniére spielte nicht den Delikaten; er bedachte, daß er Kraft nötig hatte, und verschlang seine Portion bis aus das letzte Krümchen. Sodann der Ruhe sicher bis zum andern Tage, da ihm der Cuistre gesagt hatte, er müsse seinen Proviant in drei Mahle teilen, weil er erst am ankern Tage wieder kommen werde, stieg der Gefangene abermals auf sein Observatorium. Es war die Stunde, wo die Einkäufe gemacht werden, wo die Hausfrauen auf den Fischmarkt gehen, wo die Klappern der Hippenhändler und die Schnarren der Almosensammler aus den Straßen sich hören lassen. Das Kinn aus den Rand des Fensters gestützt, schaute Banniére alle diese süßen Dinge mit eben so großem Erstaunen an, als ob er sie nie gesehen hätte. Plötzlich hörte er einen gewaltigen Lärmen von Trommeln, Flöten, Cymbeln und chinesischen Hüten. Dann sah er am Ende der geraden Straße eine lange Reihe von seltsam kostümierten Leuten mit Fahnen und riesigen Schrifttafeln ausmünden. Eine von diesen Schrifttafeln verkündigte mit schwarzen Buchstaben aus rotem Grunde: Procession von Herodes und Marianna, Trauerspiel von Herrn Arouet. Auf diese erste Schrifttafel folgte eine zweite, aus der die bezaubernden Worte zu lesen waren: »Die Schauspieler der Stadt werden heute die schöne und fromme Tragödie Herodes und Marianna, ein Werk von Herrn Arouet von Voltaire, eben so merkwürdig durch seinen reizenden Stil, als durch die Reinheit der Gefühle, geben.« Hieraus kamen die Schauspieler in zwei Reihen in ihren Theaterkleidern, dann die Komparsen mit Turbanen auf dem Kopf, und dann die Leibwachen von Herodes mit ihren Harnischen und Beinschienen. Es waren Römer, Asiaten und Juden in ziemlich großer Anzahl dabei. Die Rossschweife, die Standarten in Halbmondform, welche andeuteten, daß der Director mehr für den Reichtum der Inszenierung, als für die chronologische Wahrheit tat, und die von Flittern funkelnden Gewänder machten, daß alle Gassenjungen der Stadt in Freudenschreie ausbrachen. An der Spitze der Schauspieler schleppte sich Champmeslé auf den Tod traurig. Die guten Worte des Pater de la Sante waren ohne Zweifel schon verschwunden, denn er glich in jeder Hinsicht einem Märtyrer, der nach dem Richtplatz wandert, ohne noch die Palme erblickt zu haben. Doch trotz dieser tiefen Traurigkeit war er so mutig mit einer roten Chlamys, einem Turban »Helme, offenen Stiefeln mit Sporen und einem weißen Mantel mit goldenen Sternen bekleidet, daß ihn die Menge gierig betrachtete, die Frauen besonders, weshalb ihn ihrerseits die Männer mit jener falschen Verachtung, dem Schleier des Neides, anschauten. Und trotz seiner Traurigkeit, welche Banniére allein begriff, lag so viel Adel in seinem königlichen Gange, daß der Noviz, der es als den höchsten Grad von Glück betrachtete, eine solche Procession zu führen und in ein solches Kostüm gekleidet zu sein, unwillkürlich beinahe mit beiden Händen Beifall geklatscht hätte. Doch in diesem Augenblick erschaute er unter ihren langen weißen Schleiern Marianna, umgeben nicht nur von den Leibwachen von König Herodes, sondern auch von einer Menge von Offizieren der Garnison von Nimes und Orange, welche herbeigekommen waren, um dem Feste beizuwohnen, das der Stadt Avianon die Gegenwart einer so reichen und beträchtlichen Truppe gab. Diese Offiziere versuchten es, als wahre Neugierige und wahre Heiden, von Zeit zu Zeit, die züchtigen Schleier aufzuheben, unter denen sich die Königin von Palästina, ähnlich einer Sonne in ihrem Alkoven von Wolken, begraben hatte. Plötzlich wich einer von den Schleiern zurück, um die Sonne einem schönen Kapitän zulächeln zu lassen, der unter seiner Uniform eines königlichen Gendarmen ganz das Aussehen eines vornehmen Mannes hatte, und geblendet durch die Strahlen, die dem schönen Gestirne entströmten, welches sich allerdings für einen Andern, als für ihn sichtbar gemacht, das er aber bei dieser Gelegenheit gesehen hatte, vergaß Banniére, sich länger festzuhalten, und das Gleichgewicht verlierend, das er nur mit Hilfe seiner Hände erhielt, rollte er in die Meditationsstube hinab und riß mit sich das Blatt der Tapete fort, an welches er angeklammert war, und das, indem er es zerriss, die Mauer entblößte. Die Wirkung war indessen hervorgebracht. Banniére schwur sich, nicht Gefangener in einer Stadt zu bleiben, wo solche Wunder vor sich gingen. Er stieg also im Sturme wieder hinauf und pflanzte sein Kinn aus die Randleiste des Fensters in dem Augenblick, wo in der Straße links der letzte Mann von den Leibwachen von Herodes verschwand, dessen riesige Hellebarde noch drei Secunden, nachdem der Mann verschwunden, sichtbar war. »Gut,« dachte Banniére, »heute Abend zerreiße ich ein Blatt meiner Tapete und befestige es solide am Fensterrahmen; ich lasse mich an der Mauer hinabgleiten und gehe frei und glücklich hin, um dieses Stück im Theater von wahren Schauspielern und wahren Schauspielerinnen aufführen zu sehen. »Die Väter werden schreien, gut; sie werden mich verfolgen lassen, gut; sie werden mich wieder erwischen, das ist sicher, doch, bei meiner Treue, ich werde das Schauspiel gesehen haben; und wenn man mich leiden lässt, nun wohl! bei meiner Treue, ich werde wenigstens für etwas leiden.« VIII. Der Gang der Schauspieler Banniére hielt sich Punkt für Punkt Wort. Als der Tag sich neigte, zerriss er breit die Tapete, machte sich daraus einen Strick von zwanzig Fuß, indem er in gewissen Entfernungen von einander Knoten anbrachte, übergab sich diesem Stricke, sprang die sechs bis acht Fuß Entfernung, welche zwischen ihm und der Erde bestanden, als er am Ende des Strickes angekommen war, hinab, erreichte die Kieselsteine, schoss gegen die Lichter zu und rannte ganz berauscht, ganz verwirrt, ganz wahnsinnig in der Richtung des Theaters fort, das der Porte de l'Oulle gegenüber lag und ihm überdies durch die Ausrufungen des Thürstehers und die Flöten der Spielleute bezeichnet wurde. . Das war gerade die Stunde, wo alle schöne Damen von Avignon ins Theater kamen, und die Reihe der Wagen, die der Sänften und die der Vinaigrettes[7 - Vinaigrette, eine zweirädrige Caleche, welche von einem Menschen gezogen wird.] fingen an den Platz zu füllen. Banniére, als er an Ort und Stelle, als er mit dieser ganzen Menge vermischt war, fühlte sich sehr beschämt, sehr in Verlegenheit in seinem Novizenkleide. Allerdings erlaubte der Gebrauch den Geistlichen und besonders den Jesuiten, den' dramatischen Vorstellungen beizuwohnen. Aber Banniére hatte keinen Sou Geld. Wohl hätte er eines von den guten Gesichtern – und diese trifft man besonders vor den Thüren der Schauspielhäuser – gebeten, ihn als Supplement in eine Loge eintreten zu lassen; doch sein verdammtes Gewand würde Aller Augen auf ihn ziehen, und befanden sich unter allen diesen Augen nur zwei im Dienste des Pater Mordon, so war er verloren. Er hätte wohl seine unglückliche Soutane ausgezogen, aber wenn er sie ausgezogen, wäre er in Hemdärmeln gewesen, und wie in Hemdärmeln anderswo als in die gemeinsten Galerien eindringen? Seine Verlegenheit war groß; die Minuten verliefen rasch. Hinter einer Säule verborgen, sah Banniére mit einer grässlichen Herzbeklemmung die hübschesten Füße unter den weißesten Röcken vorübergehen, und von den Treppen der Karossen und dem Brettchen der Sänften sprangen so runde Beine, so zarte Knöchel herab, daß alle Inschriften der Meditationsstube in diesem Augenblick dem armen Jesuiten nicht die hinreichende Philosophie hätten geben können. Plötzlich erblickte Banniére in ihrem schwarzen Wagen zwei von den Vätern des Jesuitenordens, welche mit frommer Miene ihres Weges fuhren und der Reihe der Karossen folgten. Vor der Thür angelangt, hielt ihr Wagen an. Um einzutreten, mussten sie auf vier Schritte an Banniére vorübergehen. Durch den dreifachen Teufel der Neugierde, der Lüsternheit und der Furcht geplagt, benützte Banniére den Augenblick, wo der Wagen still hielt, um seinen Rückzug geschickt zu bewerkstelligen; er fing damit an, daß er die Säule zwischen sich und die Väter stellte, und indem er sich beschützt durch ihren deckenden Schatten entfernte, warf er sich in den Gang der Schauspieler. Kaum hatte er sich aber in diesen düsteren, staubigen Korridor geflüchtet, den ein übelriechendes Stümpfchen allein mit einem kränklichen Scheine erleuchtete, als sich Banniére gewaltig von zwei kräftigen Händen gestoßen fühlte, die ihn in Folge der Verwirrung, in der er schon war, beinahe das Gleichgewicht verlieren gemacht hätten. Aber Banniére war jung, behende und stark; fiel er, so lief er Gefahr, seine zerrissene Hose zu zeigen: er klammerte sich also entschlossen an dem Unverschämten an, der eine Manier, sich Platz zu machen, hatte, welche so seltsam außer den artigen Gewohnheiten jener Zeit lag. Es war ein Mann, und als er sich umwandte, sah sich Banniére Nase an Nase mit diesem Manne zusammen. »Ei! lassen Sie mich doch vorbei, Tod und alle Teufel!« schrie er, indem er Banniére gegen die Wand zu stoßen suchte. »Sieh da, Herr Champmeslé!« rief Banniére. »Sieh da, mein kleiner Jesuit! ' rief Champmeslé. Beide hatten sich bei dem Scheine des Lichtstümpfchens erkannt. »Ah! Herr Champmeslé!« machte der Eine. »Ah! mein lieber Banniére!« machte der Andere. »Sie sind es also!« »Ach! ja, ich bin es.« »Aber wohin laufen Sie denn so? fehlte Ihnen etwas für Ihr Kostüm?« »Ach! ja wohl, mein Kostüm! ich bekümmere mich etwas um mein Kostüm!« »Es war doch herrlich!« versetzte Banniére lüstern. »Ja,« sprach Champmeslé schwermütig, »so schön, daß es dasjenige ist, welches ich in der Hölle tragen werde.« »In der Hölle? was wollen Sie damit sagen?« »Nichts, lassen Sie mich vorbei.« »Man sollte glauben, Sie entfliehen?« »Ich glaube wohl, daß ich entfliehe!« »Aber die Vorstellung?« »Ei! die Vorstellung, das ist es gerade, warum ich fliehe.« »Oh! ja, ich begreife.« »Lassen Sie mich doch vorbei, sage ich Ihnen.« »Immer Ihre Ideen?« »Mehr als je. Wissen Sie, was mir begegnet?« »Sie erschrecken mich.« »Mein Herr,« sagte Champmeslé mit verstörten Augen, »ich habe zu Mittag gespeist, nicht wahr?« »Ich glaube Ihnen.« »Nach dem Mittagsbrot habe ich meine Siesta gemacht.« »Ich billige das.« »Nun wohl! mein Bruder, während meiner Siesta. . .« Champmeslé schaute ängstlich nach allen Seiten. »Während Ihrer Siesta. . .« versetzt, Banniére. »Habe ich auch eine Erscheinung gehabt.« »Ho!« »Eine Erscheinung wie mein Vater und mein Großvater jeder eine gehabt haben.« »Aber, mein Gott! was für eine Erscheinung?« »Ich habe mich selbst gesehen, mein lieber Bruder . . .« »Sie haben sich selbst gesehen?« »Ja, in der Hölle, auf einem glühenden Roste, in meinem Kostüm als Herodes. von einem Teufel umgedreht, der, wie ein Tropfen Wasser dem andern, Herrn von Voltaire glich, Oh! das war erschrecklich! Lassen Sie mich vorbei, lassen Sie mich vorbei!« »Aber, mein lieber Herr Champmeslé, Sie denken nicht daran.« »Ich denke im Gegenteil nur hieran, lassen Sie mich vorbei.« »Sie werden das Schauspiel versäumen!« »Ich will lieber das Schauspiel versäumen, als die Ewigkeit hindurch aus einem Roste, im Kostüm des Herodes, von einem Teufel, der mit Herrn von Voltaire Ähnlichkeit hat, umgedreht werden.« »Aber Sie richten Ihre Kameraden zu Grunde!« »Im Gegenteil, ich rette sie, ich rette mich und ich rette mit uns alle die Unglücklichen, die sich dadurch, daß sie kamen, um uns zu sehen, der Verdammnis überantworteten. Gott befohlen!« Und diesmal verband Champmeslé den Willen so gut mit der Bewegung, daß er Banniére drei Drehungen um sich selbst machen ließ, während dieser Sekunde vorbeischoss und verschwand. »Herr von Champmeslé! Herr von Champmeslé!« rief Banniére, der ihm ein paar Schritte folgte. Aber Banniére mochte immerhin rufen, Banniére mochte immerhin folgen, der Schauspieler hatte Tritte aus der Treppe gehört, welche nach dem Theater führte, und bei dem Geräusch dieser Tritte war er davon gerannt, wie ein Hirsch, der die Meute verspürt. Banniére blieb allein, erstaunt und verwirrt. Doch diese Tritte, doch diese Stimmen welche Champmeslé wie durch innere Erkenntnis gehört hatte, fingen an aus den holperigen Stufen zu erschallen. Die Tritte beschleunigten sich und die Stimmen riefen: »Champmeslé! Champmeslé!« Es waren dabei Männerstimmen und Frauenstimmen. Plötzlich öffnete sich die Thür der Treppe, die aus den Korridor ging, und man sah eine stürmische Lawine von Schauspielern und Schauspielerinnen heranrollen, welche aus Leibeskräften, mit verzweifelten Gebärden und kläglichen Stimmen: »Champmeslé! Champmeslé!« riefen. Und dieser ganze Schwarm umringte Banniére und heulte: «Champmeslé! Haben Sie Champmeslé gesehen?« »Ei! meine Herren, gewiß habe ich ihn gesehen,« erwiderte Banniére. »Was haben Sie mit ihm gemacht?« »Ich! nichts.« «Nun! wo ist er?« »Er ist weggelaufen.« »Weggelaufen!« riefen die Frauen. »Sie haben ihn weglaufen lassen?« sagten die Männer. »Ach! ja, meine Herren, ach! ja, meine Damen, er ist so eben entflohen,« Banniére hatte nicht so bald dieses Wort ausgesprochen, als er umzingelt, gepackt, nach zehn Seiten von zehn Händen gezerrt wurde, von denen die einen sanft und reizend, die andern rau und beinahe drohend waren. »Er ist entflohen! er ist entflohen!« schrien Schauspieler und Schauspielerinnen; »der Jesuit hat ihn entfliehen sehen. Mein Herr Jesuit, ist es wirklich wahr, ist es sicher daß Champmeslé entflohen?« Banniére konnte nicht Jedermann antworten. Diejenigen, welche ihn befragten, Begriffen selbst diese Unmöglichkeit. Der Redner der Truppe, derjenige, welcher bei großen Veranlassungen den Auftrag hatte, das Publikum zu arrangieren, erhob die Stimme, verlangte Stille, und die Stille trat ein. »Mein Bruder,« fragte er, »Sie haben also Champmeslé weggehen sehen?« »Wie ich Sie sehe, mein Herr.« »Er hat mit Ihnen gesprochen?« »Er hat nur diese Ehre erwiesen.« »Um Ihnen zu sagen?« »Er habe eine Erscheinung gehabt.« »Eine Erscheinung. . . eine Erscheinung . . . Ist er verrückt? Was für eine Erscheinung?« »Er hat sich als Verdammten aus einem Roste von Herrn von Voltaire als Teufel kostümiert umdrehen sehen.« »Ach! ja, er hat mit mir davon gesprochen.« »Und mit mir auch.« »Und mit mir auch.« »Aber wohin geht er denn?« fragte der Redner. »Ach! mein Herr, ich weiß es nicht.« »Wann wird er zurückkommen?« fragte die Duenna. »Ach! Madame, er hat mich hierüber in Unwissenheit gelassen.« »Aber das ist grässlich!« »Aber das ist schändlich!« »Aber das ist ein Verrat!« »Er wird seinen Eintritt versäumen.« »Er wird das Publikum ärgerlich machen.« »Ah! meine Herren, ah! meine Damen,« rief Banniére mit einer kläglichen Stimme, geeignet, sein Auditorium auf die erschrecklichsten Offenbarungen vorzubereiten. »Nun! was?« »Wenn ich es wagte, Ihnen die volle Wahrheit zu sagen . . .« »Sagen Sie! sagen Sie!« »Ich würde Sie versichern, daß Sie Herrn von Champmeslé nicht mehr sehen werden.« »Wir werden ihn nicht mehr sehen?« »Heute Abend wenigstens.« Bei diesen Worten erfüllte ein verzweifeltes Geschrei den Gang und erreichte wie ein Unglück bringendes Lauffeuer die Truppe des Theaters, von wo es sich in den. oberen Korridors verbreitete. »Aber warum? warum dies?»rief man von allen Seiten. »Meine Herren, ich habe Ihnen gesagt, meine Damen, ich wiederhole Ihnen,« erwiderte Banniére: »weil Herr von Champmeslé ein furchtsames Gewissen hat, und weil er verdammt zu werden befürchtet, wenn er heute Abend spielt.« »Mein Herr, sagte der Redner der Truppe, »wir haben hier einen schlechten Platz, um von unsern Angelegenheiten zu sprechen man kann uns hören. Das Gerücht von der Flucht von Champmeslé kann sich verbreiten, ehe wir diese Flucht haben parken können. Erweisen Sie uns die Ehre, mein Herr, ins Foyer herauszukommen.« »Ins Foyer!« rief Banniére, »ins Foyer der Schauspieler und Schauspielerinnen!« »Ja, Sie werden uns alle Einzelheiten geben, die Sie uns hier nicht geben können, und selbst vielleicht einen guten Rat.« »Ja, ja, kommen Sie,« sagten die Frauen, indem sie sich an die Arme von Banniére hingen, während sich der Rest der Truppe in zwei Fraktionen teilte, von denen ihn die eine vorwärts zog und die andere von hinten schob. IX. Das Foyer Banniére, man muss es zu seinem Lobe sagen, Banniére widerstand heldenmütig; zum Unglück war er aber nicht der Stärkere, und man zog ihn oder trug ihn vielmehr in das Foyer als Beweis der unglücklichen Neuigkeit. Dann war Banniére gezwungen, vor der ganzen schon für das Schauspiel bereiten Truppe zum zweiten Mal nicht nur Alles das zu erzählen, was im Gange der Künstler vor zehn Minuten vorgefallen war, sondern auch als unerlässlichen Vorbericht für das Ereignis, welches soeben in Erfüllung gegangen, und das die komische Truppe in Verzweiflung brachte, den Besuch, den Champmeslé am Tage vorher in der Kapelle des Noviciats gemacht hatte, und das Gespräch, welches eine Folge davon gewesen war. Diese Erzählung, gegeben mit einer leicht begreiflichen Gemütsbewegung von dem Novizen, den seine Flucht in ein Fieber versetzt, das Feuer der Lampen entzündet, die Berührung der Wohlgerüche und des Hauchs der Damen der Komödie berauscht hatten, der Damen, die Ihm seit einem Augenblick eine Atmosphäre machten, gegen welche die der, von Champmeslé so sehr gefürchteten, Hölle ein lappländischer Wind war, diese Erzählung brachte eine traurige Wirkung aus die Versammelten hervor. »Ach! die Einnahme ist entschieden verloren!« rief der Redner der Truppe, während er den Arm in Verzweiflung fallen ließ. »Wir sind zu Grunde gerichtet!« sagte der erste komische Alte. »Das Theater wird schließen,« versetzte die Duenna. »Und die ganze Stadt ist im Saale!»rief die Zofe von Marianna, eine junge Soubrette von achtzehn Jahren, welche die ganze Stadt zu kennen schien. »Und Herr von Mailly hat uns einen Imbiss geschickt und uns sagen lassen, er werde ihn mit uns verzehren!« »Und Olympia hat keinen Herodes!« rief der komische Alte. »Weiß sie nicht, was vorgeht?« »Nein, sie ist noch in ihrer Loge und kleidet sich vollends an. Soeben, als er bei ihr vorüberging, hörte ich Champmeslé ihr guten Abend zurufen.« »Ei! benachrichtigen wir sie!« sagten einige Frauen, die persönliche Eitelkeit unter diesem großen öffentlichen Unglück vergessend. Und es trat eine gewaltige Bewegung unter den Leuten ein, welche alle mit einander nach der Thür stürzten. Banniére, der einen Augenblick verlassen war, benützte diese Zeit, um sich bescheiden in einen Winkel zu stellen. In demselben Moment wich die Menge, die sich vor der Thür drängte, zurück. »Was gibt es? was will man?« fragte aus der Schwelle des Foyer erscheinend eine Frau von ausgezeichneter Schönheit, die in ein prächtiges Kostüm einer Königin gekleidet, mit Reifröcken von sechs Fuß im Umfang und einer einen Fuß hohen Frisur, majestätisch, gefolgt von zwei Ehrendamen, welche die Schleppe ihres Kleides trugen, vortrat. Sie hatte schwarze Augen, noch schwärzer unter ihrem Puder, volle, unter der Schminke rosige Wangen von einem eirunden Schnitt, Zähne blau wie Porzellan, so durchsichtig waren sie, saftig rote, sinnliche Lippen, den Arm und die Hand einer orientalischen Königin, den Fuß eines Kindes. Banniére, als er sie sah, suchte die Stütze der Mauer; hätte er sie nicht hinter sich gesunden, so fiel er, wie er in der Meditationsstube gefallen war. Das war das zweite Mal an diesem Tage, daß die glänzende Schönheit dieser Frau ihn niederschmetterte. »Meine liebe Olympia,« erwiderte der Redner der Truppe, »Du kannst wieder in Deine Loge hinausgehen und Dich auskleiden.« »Mich auskleiden! und warum dies?« »Weil wir heute Abend nicht spielen werden.« »Wie!« versetzte sie mit stolzer Miene, »wir werden heute nicht spielen? Und wer wird uns verhindern zu spielen, wenn's beliebt?« »Schau' umher, liebe Freundin.« »Ich schaue!« Die Augen von Olympia machten wirklich die Runde im Foyer, umfassten in dem von ihrem Gesichtsstrahl durchlaufenen Umkreis Banniére wie die Andern, verweilten jedoch eben so wenig bei Banniére als bei den Andern.,, Nur, als diese zwei Sterne an dem Novizen vorüber liefen, warf jeder einen Strahl aus. Der eine von diesen Strahlen entflammte das Gehirn. Der andere versengte das Herz. »Sind wir Alle da?« fragte der Redner. »Ja, Alle, wie mir scheint,« antwortete nachlässig Olympia. »Schau' wohl, Einer von uns fehlt.« Die Augen von Olympia kehrten von ihrem Leibe, wo sie eine Spitze zurecht richtete, zu der Gesellschaft zurück, die sie umgab. »Ach! ja,« sagte sie, »Champmeslé. Wo ist Champmeslé?« »Frage diesen Herrn!« antwortete der Redner. Und er nahm den Novizen beim Handgelenke und bei der Schulter und schob ihn gerade vor Olympia. Es war ein seltsames Schauspiel, dieser Jesuitenzögling, ganz schmutzig schwarz, der goldenen Schönheitskönigin gegenüber gestellt. Die Lippen des jungen Mannes zitterten, aber vergebens: sie konnten keinen Ton artikulieren. »Nun! so sprechen Sie doch!« sagte Olympia gebieterisch zu ihm. Und sie bezauberte ihn mit einem Blick. »Madame,« stammelte Banniére, vom Dunkelrot zur bläulichen Blässe eines Todten übergehend, »Madame, entschuldigen Sie mich, ich bin nur ein armer Klosterstudent und nicht gewohnt, das zu sehen, was ich in diesem Augenblick sehe.« Der Redner setzte Olympia mit ein paar Worten von Allem, was vorgefallen war, in Kenntnis »Ist das wahr, was Sie mir da erzählen?« sagte sie. »Fragen Sie den Herrn.« Sie wandte sich gegen Banniére und befragte ihn mit ihrem Königinblicke. »Es ist wahr,« sprach Banniére, sich verbeugend, als ob die Schuld von Champmeslé auf ihm lastete. Olympia blieb einen Moment stumm und nachdenkend, die Stirne gefaltet, aber das Auge immer zerstreut aus Banniére geheftet. Dann sagte sie plötzlich mit einer zunehmenden inneren Aufregung: »Nein, nein, der Abgang von Champmeslé darf, kann die Vorstellung nicht hindern.« Jeder schaute sie mit erstaunter Miene an. »Nein,« sagte sie, »nein; es ist unmöglich, daß ich heute Abend nicht spiele, und ich werde spielen.« »Ganz allein,« versetzte der Redner. »Es fehlt ja nur Champmeslé, wie mir scheint!« »Das ist genug. Wer wird Herodes spielen?« »Nun, wenn es sein muss. . .« »Was?« »Man wird die Rolle lesen.« »Bei einer ersten Vorstellung eine Rolle lesen? Das ist unmöglich!« »Ei! ei! fuhr Olympia fort, »es ist keine Zeit zu verlieren, das Publikum wartet und wird ungeduldig werden.« »Aber man kann eine so wichtige Rolle nicht lesen,« murmelten mehrere Schauspieler, »Kündigt man dem Publikum an, die Rolle des Herodes werde gelesen werden, so wird es sein Geld zurückverlangen.« »Ich muss aber heute Abend spielen,« rief Olympia; »es muss sein.« »Warum sollte man nicht eine Ankündigung machen? Warum sollte man nicht eine Unpässlichkeit vorschützen? Mit dieser Ankündigung wird man eine halbe Stunde gewinnen, und während dieser Zeit läuft man dem verdammten frommen Champmeslé nach, man führt ihn gutwillig oder mit Gewalt zurück, und müsste man ihn knebeln; man kleidet ihn gegen seinen Willen an, man stößt ihn aus die Bühne hinaus. Aus! Auf! eine Ankündigung!« »Wenn man ihn aber nicht wieder erwischt?« bemerkte eine Stimme. »Nun! dann wird das Publikum in Kenntnis gesetzt sein; man sagt ihm, die Unpässlichkeit verschlimmere sich; man wird Champmeslé morgen im Verlaufe des Tages wieder erwischen, und wir werden morgen den Succeß haben, den wir heute haben sollten. Mit der Sicherheit einer Vorstellung für morgen wird das Publikum vielleicht sein Geld nicht zurückverlangen und sich mit Contremarquen begnügen.« »Nein,« erwiderte Olympia, »nein; nicht morgen will ich spielen, sondern heute, nicht morgen will ich einen Succeß haben, sondern heute Abend. Man liest die Rolle heute, oder ich werde morgen nicht spielen.« »Aus welchen Gründen?« fragte der Redner. »Mein Lieber,« erwiderte Olympia, »meine Gründe sind meine Sache; würde ich sie Ihnen angeben, so fänden Sie dieselben vielleicht nicht gut, während ich sie vortrefflich finde. Ich will heute spielen, heute! Heute!« Und nachdem sie ihren Willen aus diese entschiedene Weise ausgesprochen, fing Olympia an mit dem Fuße aus den Boden zu stoßen und ihren Fächer zu zerstückeln, und dies mit jenem heftigen Zittern, das bei nervösen Frauen das Herannahen einer furchtbaren Krise andeutet. Banniére war jeder Bewegung der schönen Königen gefolgt; seine Augen verschlangen sie, sein Atem hing an jedem ihrer Worte, und die Nervenerregung, welche sie ergriff, empfand er aus Sympathie. »Aber, meine Herrn,« sagte er, »Sie sehen wohl, daß es dieser Dame unwohl werden, daß sie in Ohnmacht fallen, vielleicht, vor Zorn sterben wird, wenn Sie die Rolle des Herodes nicht lesen. Mein Gott! lesen Sie doch diese Rolle! Ist es so schwierig, eine Rolle zu lesen? Ah! sollte ich nicht Jesuit sein! Ah! wäre ich nicht Noviz!« »Nun! wenn Sie nicht Noviz wären,« fragte der Redner. »was würden Sie tun?« «Ich würde sie, bei Gott! spielen,« rief Banniére fortgerissen von der Gemütsbewegung, die bei ihm die wachsende Ungeduld von Olympia verursachte. »Wie! Sie würden sie spielen?« fragte der Redner; »was sagen Sie da?« »Warum nicht!« versetzte Banniére stolz. »Sie müssten sie zuvor können.« »Oh! wenn es nur das wäre: ich kann sie.« »Wie! Sie können sie?« rief Olympia. »Nicht nur die Rolle von Herodes, sondern alle Rollen des Werkes.« »Sie können die Rolle von Herodes?« wiederholte Olympia, indem sie einen Schritt gegen Banniére machte. »Zum Beweise,« sprach Banniére, den Arm ausstreckend und vorwärts schreitend, wie man dies damals tat. Zum Beweise gebe ich Ihnen hier den Eintritt von Herodes.« Und er fing an zu deklamieren: Eh quoi! Sohéme aussi semble éviter ma vue; Quelle horreur devant moi s'est partout répandue. Ciel! ne puis-je inspirer que la haine et l'effroi? Tous les coeurs des humanis sont ils fermés pour moi?[8 - Wie! Soliemos scheint auch meinen Anblick zu meiden; welches Entsetzen hat sich überall vor mir verbreitet, Himmel! kann ich nur Hass und Schrecken einflößen! Haben sich aller Menschen Herzen vor mir verschlossen!] Erstaunt, umringten alle Schauspieler Banniére, der bis zum Ende der Szene gegangen wäre, hätten ihn Olympia nicht dadurch, daß sie ausgerufen: »Er kann es! er kann es!« und die Schauspieler durch Beifall klatschen unterbrochen. »Nun!« rief der Redner, »das ist ein Glücksfall!« »Mein lieber Herr,« sagte Olympia, »es ist kein Augenblick zu verlieren; legen Sie diesen abscheulichen Jesuitenrock ab, der Sie so hässlich macht, daß man Angst bekommt; ziehen Sie das Kostüm von Herodes an, und auf die Bühne, geschwinde, geschwinde!« »Aber, Madame. . .« »Sie haben den Beruf, mein Freund,« fuhr Olympia fort, »das ist Alles, was man braucht; das Übrige wird nachher kommen.« »Abgesehen davon, daß Sie nie eine so gute Gelegenheit, zu debütieren, finden werden,« sprach der Redner. »Vorwärts,« rief Olympia, »rasch eine Ankündigung, rasch die Kleider von Champmeslé. Schaut ihn doch an; er ist sehr hübsch, der Junge; das ist kein Kalbskopf wie Champmeslé.« »Das ist einmal ein König des Orients! das ist eine Gestalt! das ist eine Stimme!« »Oh! geschwinde, geschwinde!« Banniére gab einen Schrei unsäglichen Schreckens von sich. Er fühlte, daß sich in diesem Augenblick das Geschick seines ganzen Lebens entschied. Er wollte widerstehen. Olympia nahm ihn bei seinen Händen. Er wollte sprechen, Olympia drückte ihm ihre rosigen Finger aus die Lippen. Betäubt, berauscht, verrückt, ließ er sich endlich durch die Ankleider fortführen, welche aus ihm in zehn Minuten einen König Herodes in der Loge von Champmeslé machten. Und an der Thür dieser Loge trieb Olympia die Costumiers, die Friseurs an, unterstützte sie ihre Verführung durch neue Worte, trippelte unablässig und rief: »Vorwärts! Vorwärts!« Stück um Stück entkleidet, sah Banniére sein Jesuitengewand in eine Ecke werfen, und nach zehn Minuten trat er aus seiner Loge, glänzend, strahlend, wirklich schön, verwandelt, herrlich wie die Königin, die ihn dadurch, daß sie ihn umarmte, vollends verführte. Unterjocht, besiegt, gezähmt, sprach Banniére von diesem Augenblick an kein Wort mehr; er drückte seine beiden Hände auf sein in der Empörung Begriffenes Herz und ließ sich in die Kulissen führen, wohin er gerade kam, um folgende Ankündigung zu hören, die der Redner an das Publikum zu sprechen im Zuge war: »Meine Herren, unser Kamerad Champmeslé, der im Verlaufe des Tages einige Zeichen von Unpässlichkeit gegeben hatte, ist von einer plötzlichen Erkältung befallen worden. Die Unpässlichkeit ist so ernst, daß wir ihn für uns und für das Theater verloren zu sehen befürchten mussten. Zum Glück will einer unserer Freunde, der die Rolle kann, die Güte haben, sie an seiner Stelle zu sprechen, damit das Schauspiel kein Hindernis erleide; da er aber nie aus einem Theater gespielt hat, und durchaus nicht auf dieses Debüt vorbereitet war, so nimmt er Ihre ganze Nachsicht in Anspruch.« Glücklicher Weise für den Debütanten war Champmeslé beim Publikum nicht angebetet; der ganze Saal, der wohl gefühlt hatte, daß jenseits des Vorhangs etwas Außerordentliches vorging, brach auch in ein Beifall klatschen aus. Dieses Klatschen dauerte noch fort, als, um den Enthusiasmus der Zuschauer nicht erkalten zu lassen, die drei Glockenzeichen ertönten, und es ging der Vorhang unter einer tiefen Stille und einer allgemeinen Erwartung aus. Erklären wir nun, warum Fräulein Olympia von Clèves so hartnäckig an diesem Abend Herodes und Marianna spielen wollte. X. Olympia von Clèves Mademoiselle Olympia von Clèves, die man bei der Schauspielertruppe kurz Olympia nannte, diese schöne Person, welche wir schon zweimal haben erscheinen sehen, das erste Mal aus der Straße, im Gefolge der Procession von Herodes und Marianna, das zweite Mal aus der Treppe des Foyer, und die jedes Mal einen so lebhaften Eindruck auf Banniére hervorgebracht hatte, Olympia von Clèves war ein Fräulein von Stande, das«in Liebhaber, ein Musketier, im Jahre 1720, als Olympia kaum sechzehn Jahre alt war, aus dem Kloster entführt hatte. Dieser Musketier, nachdem er seiner Geliebten beinahe ein Jahr treu geblieben war, was fast unerhört in den Annalen der Compagnie, halte sie an einem schönen Morgen verlassen, und man hatte ihn nicht wieder gesehen. Nun allein, verlassen, ohne Zukunft, verkaufte Olympia, welche es nicht wagte, zu ihrer Familie zurückzukehren, und ohne Mitgift nicht wieder ins Kloster gehen wollte, die wenigen Juwelen, die ihr blieben, und. debütierte, nachdem sie ein Jahr studiert hatte, auf einer Provinzbühne. Sie war so schön, daß sie ausgepfiffen wurde. Olympia begriff, daß, wenn die Natur so viel für eine Frau gethan halte, ihrerseits die Kunst auch viel für sie tun müsse. Sie fing an zu arbeiten, diesmal mit Ernst, und nach Verlauf eines Jahres wechselte sie das Theater und brachte es dahin, daß man ihr wegen ihres Talentes applaudierte, nachdem man sie wegen ihrer Schönheit ausgepfiffen hatte. Allmählich und von Truppe zu Truppe, stieg Olympia bis zu den Theatern der großen Städte empor, und, ein lebendiges Problem für die Verliebten wie für die Weidmänner, genoss sie einen doppelten Ruf als gute Schauspielerin und als vernünftige Frau. Nicht als ob Olympia von einem tugendhaften Naturell gewesen wäre, sondern nach einem Mann hatte sie alle Männer hassen gelernt; und da die Wunden in den zärtlichen Herzen tiefer sind, so lebte eine Wunde noch blutend nach fünf Jahren im Herzen der schönen Verlassenen. Abbés, Offiziere, Geldmänner, Schauspieler, Schönlinge, Alles behandelte Olympia drei Jahre lang mit derselben Gleichgültigkeit. Endlich eines Tags, oder vielmehr eines Abends, es war in Marseille, sah Olympia in den Kulissen einen Mann von großer Schönheit und besonders von großer Distinktion: er war in die Uniform der schottischen Gendarmen gekleidet und trug die Auszeichnung eines Kapitäns. Olympia hatte eine kleine Rolle gespielt, in der man ihr viel Beifall gespendet, und bei ihrem Abgang von der Szene hatten sie viele Menschen umringt. Wenigstens zwanzig Edelleute, und zwar von den Höchstgestellten, näherten sich ihr, um ihr zu sagen: »Mademoiselle, ich finde Sie reizend.« Oder: »Mademoiselle, Sie sind anbetungswürdig.« Der Kavalier allein, von dem wir gesprochen, trat auf sie zu und sprach ehrerbietig vor aller Welt: »Madame, ich liebe Sie.« Dann, ohne etwas Anderes beizufügen, verbeugte er sich, machte drei Schritte rückwärts und war wieder mit der Menge der Bewunderer von Olympia vermengt. Diese so seltsam hingeworfene Erklärung beunruhigte Olympia zuerst durch ihre Bizarrerie, sodann durch die Wirkung, die sie auf die Anwesenden hervorgebracht hatte. Olympia fragte die Leute, die sie umgaben, nach dem Namen des fremden Liebesritters. Man antwortete ihr, es sei Louis Alexandré, Graf von Mailly, Herr von Rubempré Rieux, Avecourt, Bohard, Coudray und anderen Orten, Kapitän-Lieutenant der Compagnie der schottischen Gendarmen. »Ah!« machte sie. Und das war Alles. Dann begab sie sich allein, wie gewöhnlich, nach Hause. Sie hatte damals ein Engagement von achttausend Livres jährlich. Ferner hatte sie von einem alten Verwandten, der trotz ihrer Entweichung mit dem Musketier und ihres Eintritts beim Theater ihr Freund geblieben war, ungefähr dreißigtausend Livres bekommen, von denen sie sechstausend jährlich ausgab, was ihr, mit ihrem Gehalte, fünf Jahre zu vierzehntausend Livres, in Erwartung von Besserem, versprach. Sie empfing daher zuweilen bei sich und zwar auf eine sehr liebenswürdige Art. Die Gesellschaften, die sie gab, hatten sogar allmählich eine gewisse Berühmtheit in der ganzen Provinz erlangt; es war auch die erste Sorge jedes Mannes nach der Mode, sich bei Fräulein Olympia vorstellen zu lassen. Nicht ein Schmachtender fehlte. Allerdings waren alle Galanterien, die man der schönen Gebieterin des Hauses sagen konnte, rein verloren: Jedermann wurde gut aufgenommen, aber Niemand begünstigt. Und was noch viel außerordentlicher: Niemand rühmte sich, begünstigt worden zu sein. Als Olympia nach Hause kam, dachte sie unwillkürlich an Herrn von Mailly. »Er wird den gewöhnlichen Weg gehen,« sagte sie. »Ich werde ihn an meinem ersten Empfangstage, das heißt, am ersten Tage, wo ich nicht zu spielen habe, bei mir sehen.« Sie täuschte sich. Der Graf, der keine Vorstellung versäumte, wenn Olympia spielte, kam nach jeder Vorstellung herbei, um die schöne Künstlerin zu begrüßen. Doch dies, ohne ein einziges Wort zu sagen, ohne einen einzigen Schritt zu tun. Dieses Benehmen setzte Olympia sehr in Erstaunen; sie konnte nicht bezweifeln, daß der Graf ernstlich in sie verliebt war. Die Liebe scheint deutlich für die Frau in jeder Bewegung des wahrhaft verliebten Mannes durch. Sollte er schüchtern sein, dieser Kapitän der schottischen Gendarmen? Das war nicht wahrscheinlich. Warum, nachdem er sich so entschieden erklärt hatte, wartete er denn? Auf was wartete er? »Bildet er sich etwa ein,« dachte Olympia, weil ich eine Frau vom Theater sei, werde ich ihn für einen so hohen Herrn halten, daß ich ihm von selbst Erklärung durch Erklärung erwidere?« Sie wartete, bis sich der Graf weiter wagen würde. Der Graf machte nicht einen Schritt mehr. Olympia faßte den Entschluss, ihm den Rücken zuzuwenden, wenn er am Abend käme, um sie zu begrüßen. Der Entschluss war heroisch, gefährlich vielleicht. Herr von Mailly, damals ein Mann von drei und dreißig Jahren, gut gestellt bei Hofe, ein guter Edelmann durch sich selbst, vollkommen befreundet, einen Rang in der Welt, einen Grad in der Armee einnehmend, war von Männern und Frauen vortrefflich ausgenommen. Die Beleidigung einer Schauspielerin konnte nicht nur ihn selbst verletzen und empören, sondern auch viele Leute um ihn her verletzen und empören. Aber es war eine Unerschrockene, diese Olympia. Sie ließ Herrn von Mailly aus sich zugehen und schaute ihm wohl ins Gesicht; dann, nachdem er sie nach seiner Gewohnheit gegrüßt hatte, drehte sie ihm den Rücken zu, ohne seinen Bückling zu erwidern. Der Graf fühlte den Schlag, errötete sehr, richtete sich aus und ging weg, ohne daß er die Aufregung zu bemerken schien, welche der zurückstoßende Empfang von Olympia in der Gruppe, ihrer Hofmacher hervorgebracht hatte. Am andern Tag erschien Herr von Mailly abermals. Viele Leute hatten schon am Abend vorher Olympia aus die Gefahr aufmerksam gemacht, der sie sich durch ihre Ungezogenheit aussetze. Aber die Eigensinnige nahm so wenig hieraus Rücksicht, daß sie nun, als Herr von Mailly wiederkam, sogar zurückwich, ehe er gegrüßt hatte. Der Graf ließ sich nicht aus der Fassung bringen. Er ging im Gegenteil gerade aus sie zu und sagte mit kurzem, aber artigem Tone: »Guten Abend, mein Fräulein.« Und er stellte sich so, daß sie nicht entfliehen konnte. Jeder schaute dieser Szene mit einer leicht begreiflichen Neugierde zu. Olympia erwiderte nichts. »Ich habe die Ehre gehabt, Ihnen einen guten Abend zu wünschen, mein Fräulein,« sagte Mailly. »Und Sie haben Unrecht gehabt, da Sie erraten mussten, ich würde Ihnen nicht antworten,« erwiderte sie laut, »Wären Sie eine gewöhnliche Schauspielerin gewesen,« fuhr Herr von Mailly mit der äußersten Artigkeit fort, »und Sie hätten mir den Schimpf angethan, den ich erleide, so würde ich ein Wort an den Gouverneur dieser Stadt schreiben, daß er Sie für Ihre Ungezogenheit bestrafen ließe, da Sie aber nicht einfach eine Schauspielerin sind, so entschuldige ich Sie.« »Wenn ich aber nicht einfach eine Schauspielerin bin, was bin ich denn?« fragte Olympia, ihre großen Augen erstaunt aus den Grafen heftend. »Ich glaube nicht, daß dies der Ort ist, es Ihnen zu sagen, mein Fräulein,« erwiderte Herr von Mailly, der fortwährend die ausgezeichnete Höflichkeit behauptete, aus welcher er sich bei diesem Vorfalle seine Verteidigungswaffe gemacht hatte. »Die Geheimnisse des Adels wirft man nicht so in den Wind der Kulissen.« Olympia hatte zuviel gehört, um nicht zu wollen, daß ihr Herr von Mailly mehr sage. Sie ging entschlossen in eine Ecke des Theaters und winkte ihm, ihr zu folgen. Er gehorchte. »Sprechen Sie nun,« sagt« sie. »Mein Fräulein,« versetzte Herr von Mailly, »Sie sind von Stande.« »Ich?« erwiderte Olympia erstaunt. »Ich weiß es, und daher die Achtung, die ich Ihnen immer bezeigt habe, selbst als Sie mich beleidigten, ohne Ursache beleidigten; ich kenne Ihr ganzes Leben, und nichts wird machen, daß ich mein Benehmen gegen Sie bereue, nicht einmal Ihre Strenge.« «Aber, mein Herr. . .« sagte Olympia ganz bewegt. »Sie beißen Olympia von Clèves,« fuhr Herr von Mailly unstörbar fort. »Sie sind in einem Kloster in der Rue de Vaugirard erzogen worden. Meine Schwester war mit Ihnen in diesem Kloster. Sie haben es vor drei und einem halben Jahre verlassen, und ich weiß, aus welche Art Sie es verlassen haben.? Olympia erbleichte. Nur, da sie noch ihre Schminke hatte, wurden bloß ihre Lippen weiß. »Mein Herr,« erwiderte Olympia, »also trieben Sie neulich Ihr Spiel mit mir, als Sie mir sagten. . .« Olympia hielt inne. »Als ich Ihnen sagte, ich liebe Sie,« fuhr Herr von Mailly fort. »Nun, mein Fräulein, ich trieb nicht mein Spiel mit Ihnen, ich sagte Ihnen im Gegenteil die volle Wahrheit.« Olympia entschlüpfte eine Gebärde des Zweifels. »Erlauben Sie mir, über eine stumme Leidenschaft, – Herr von Mailly machte eine Bewegung, – oder über eine Leidenschaft, welche nur einmal spricht, zu lachen,« fuhr Olympia fort. »Mein Fräulein, ich bemerke wohl, Sie haben mich nicht verstanden,« erwiderte Herr von Mailly. »Ich habe Sie gesehen und ich kannte Sie; ich kannte Sie und ich habe Sie geliebt, ich habe Sie geliebt und ich habe es Ihnen gesagt, ich habe es Ihnen gesagt und ich habe es Ihnen bewiesen.« »Bewiesen!« rief Olympia, die endlich ihren Gegner bei einer Blöße zu packen glaubte. »Bewiesen! Sie haben mir bewiesen, daß Sie mich lieben, Sie!« »Allerdings. Wenn man eine Schauspielerin liebt, so sagt man zu ihr: »»Sie gefallen mir sehr, Olympia, und, bei meiner Treue, ich werde Sie lieben, wenn Sie wollen.«« Wendet man sich aber an ein Mädchen von Stand,« an Fräulein von Clèves, so spricht man einfach: »»Mein Fräulein, ich liebe Sie.«« Und wenn man dies gesagt hat, da man ohne Zweifel genug gethan hat,« erwiderte Olympia verächtlich lachend, »so erwartet man, daß dieses Mädchen von Stande einem seine Antwort bringt!« »Man erwartet nicht das, was Sie sagen, mein Fräulein, sondern man erwartet, daß eine Frau, welche dadurch, daß sie von einem Manne verlassen worden ist, gelitten hat, die nie einen Zweiten hat anhören wollen, weil sie die Männer hasst, man erwartet, sage ich, daß diese Frau, verwandelt, entwaffnet durch die Achtung und das Benehmen eines, wackeren Mannes, allmählich den Hass verjagt, um auf die Liebe zu hören. Das ist es, was man erwartet, mein Fräulein.« »Mir scheint,« entgegnete Olympia zitternd, »mir scheint, es wäre dann besser gewesen, nichts zu dieser Frau zu sagen.« »Warum denn, mein Fräulein? Die Huldigung eines Edelmanns kann nicht unangenehm sein, und zeugt vor Allem von seiner Höflichkeit; sodann ist sie ein Vorbehalt für die besseren Tage, und endlich bezeichnet sie, daß die Frau, welche der Gegenstand derselben war, eine schlechtere Wahl treffen könnte. Dies ist es, was ich Ihnen Alles zu beweisen suchte, – zu glücklich, wenn es mir gelungen ist.« Während dieser, durch eine seltene Distinktion der Stimme und der Gebärde erhöhten. Rede hatte Olympia ihr Herz von einer sanften und belebenden Wärme sich anschwellen gefühlt. Sie senkte einige Secunden die Augen und schlug sie dann zärtlich wieder aus. Der Graf hatte nicht nötig, daß sie sprach. »Bin ich verstanden?« sagte er. »Fragen sie mich das in acht Tagen,« antwortete sie, »und wenn ich daran gewöhnt sein werde, fragen Sie mich, ob Sie geliebt seien.« Und indem sie so sprach, hob sie die Hand bis zu den Lippen des Grafen empor, der vor Freude bebte, und verschwand. Der Graf, statt ihr zu folgen, verbeugte sich ehrerbietig und kehrte zu den Offizieren zurück, die ihn über die Erklärung befragten. »Sie ist stürmisch gewesen?« sagte der Eine. »Hagel?« fragte der Andere. »Donner oder Regen?« sprach ein Dritter. »Meine Herren,« antwortete der Gras von Mailly, »Mademoiselle Olympia ist in der Tat ein anbetungswürdiges Frauenzimmer.« Und er verließ sie nach diesen Worten. Sie schauten ihm mit Erstaunen nach, als er sich entfernte, doch einige Tage sollten genügen, um ihnen das Geheimnis zu erklären. XI. Ein Debüt Drei Jahre waren seit dieser Erklärung verlaufen. Drei oder viermal von ihrem Liebhaber durch die Kriege oder die Garnisonen getrennt, halte Olympia allmählich die Kette ihrer Liebe schlaff werden gefühlt. Im Jahre 1727 war Herr von Mailly abermals in Garnison in Marseille; aber Olympia spielte Tragödie und Komödie in Avignon. Seit zwei Monaten hatte sie den Grafen nicht erblickt; erst am Tage vorher hatte er sie benachrichtigt, genötigt durch die Pflichten seiner neuen Stelle, – Herr von Mailly war Kommandant der Gendarmerie geworden, – genötigt durch die Pflichten seiner neuen Stelle, sagen wir, sich nach Lyon zu begeben, werde er durch Avignon reisen, um der ersten Aufführung von Herodes und Marianna beizuwohnen. Man wird vielleicht fragen, warum Herr von Mailly, reich und verliebt, geduldet habe, daß Mademoiselle Olympia von Clèves beim Theater blieb. Wir antworten hierauf, daß dies nicht von Herrn von Mailly abhing. Er hatte der Schauspielerin wirklich den Vorschlag gemacht, ihr Gewerbe auszugeben; aber nachdem sie aus Not Künstlerin geworden, hatte sie in ihr von Liebe leeres Herz eine Liebe weit verzehrender als die andere, die Liebe für die Kunst, eindringen lassen. Sie hatte daher jeden Vorschlag dieser Art zurückgewiesen und erklärt, nichts in der Welt würde sie bewegen, auf ihre Unabhängigkeit zu verzichten; sie hatte dem zu Folge fortwährend ihre vierzehntausend Livres jährlich ausgegeben, von Herrn von Mailly nur die Geschenke angenommen, wie sie der Liebhaber der Geliebten zu machen pflegt, und ihr Gewerbe als eine Hilfsquelle gegen die schlimmen Tage fortgesetzt. Zwanzigmal hatte der Gras seine dringenden Bitten in dieser Hinsicht wiederholt, zwanzigmal hatte ihn Olympia zurückgewiesen. Man weiß, daß Olympia das, was sie wollte, sehr wollte, und besonders sehr wollte, wenn sie nicht wollte. Auf den Brief, den sie vom Grafen erhalten, hatte sie nur geantwortet, der Graf könne am andern Tage in voller Sicherheit nach Avignon kommen, Herodes und Marianna werde am andern Tage gegeben werden. Dieser andere Tag war ein Donnerstag; Herodes und Marianna musste also durchaus am Donnerstag gespielt werden. Darum hatte Olympia so sehr darauf gedrungen. daß man die Rolle lese, darum hatte sie Banniére umarmt, als er sie zu spielen eingewilligt. Olympia rechnete vielleicht aus den Succeß, den sie In dieser Rolle haben sollte, um die Zärtlichkeit ihres Liebhabers, die sie seit einiger Zeit abnehmen zu fühlen glaubte, wiederzubeleben; vielleicht setzen wir auch ein Verlangen bei ihr voraus, das sie nicht hatte, und sie rechnete aus nichts, denn die Nacht ist schwarz im Herzen der Frauen in Betreff Alles dessen, was die Mysterien der Liebe bildet. Wir haben Banniére als Herodes gekleidet in dem Augenblick verlassen, wo das dreimalige Zeichen gegeben worden war, wonach der Vorhang aufgehen sollte. Herr von Mailly befand sich mit seinem ganzen Generalstab im Saale und hatte die große Mittelloge inne. Er hatte mit dem Publikum die Kulissen angst geteilt, Jeder fragte sich: Wird Schauspiel sein oder wird keines sein? Zahlreich, glänzend und voll Ungeduld, atmete daher die Versammlung hoch aus, als sie, nachdem sie das dreimalige Zeichen hatte geben hören, den Vorhang ausgehen sah. Wir vermöchten nicht zu sagen, ob es ein Glück oder ein Unglück für Banniére war, daß er weder im ersten, noch im zweiten Act etwas zu tun hatte, wir wissen nur, daß er es zwischen jedem Act sehr bedurfte, durch die Gegenwart von Olympia wieder gestärkt zu werden, welche, um ihn in seiner guten Stimmung zu erhalten, hinter den Vorhang kam und mit ihm die Hauptszene probierte. Was den unglücklichen Novizen besonders mit Besorgnissen erfüllte, war nicht der päpstliche Legat, der dieser feierlichen Vorstellung beiwohnte, es war nicht Herr von Mailly mit seinem Generalstab, es waren nicht die Behörden der Stadt aus den ersten Bänken des Saales, es waren die zwei Jesuiten-Väter, von denen er wusste, sie seien anwesend, als wären sie gekommen, um seine Erscheinung zu belauern, und die ihn vielleicht. trotz seines Bartes und seines königlichen Mantels erkennen würden. Banniére wurde auch mehr als einmal von einem unwiderstehlichen Verlangen, zu entfliehen, ergriffen. Doch zwei Dinge widersetzten sich diesem: einmal die Anziehungskraft, die ihn an Olympia fesselte, und dann die Bewachung, die man um ihn her übte. Niemand, vom ersten Schauspieler bis zum letzten Komparsen, war es unbekannt, daß der Debütant beinahe durch Überrumpelung debütierte, daß er das Novizenkleid abgelegt hatte, um das Kostüm von Herodes anzuziehen, und da er, im Ganzen genommen und mit noch viel mehr Grund, von einem Gewissensbisse, dem ähnlich, welcher Champmeslé fort getrieben halte, gepackt werden konnte, so wollte man nicht, daß eine und dieselbe Ursache ein und dasselbe Resultat herbeiführe, und daß das Stück, welches beinahe nicht angefangen hätte, nachdem es angefangen, der Gefahr, nicht zu, endigen, ausgesetzt sei. Herodes war also in der Tat durch die Wachen bewacht, welche bei jedem Schritte, den er in den Kulissen machte, ihren Platz verließen und ihm mit eben so viel Regelmäßigkeit folgten, als wir seitdem in dem vortrefflichen Drama Marion de Lorme die Garden des Herrn von Nangis ihrem Oberherrn haben folgen sehen. Endlich ging der Vorhang, den man nach dem ersten und zweiten Act heruntergelassen hatte, zum dritten Male aus; der furchtbare Augenblick nahte heran. Banniére hörte, mehr todt als lebendig, einen Vers nach dem andern entfliegen, und bei jedem Verse, der entflog, fühlte er seinen Eintritt näher kommen. Obgleich die Schauspieler die gewöhnlichen Tempi nahmen, schien es ihm doch, als beschleunigten sie ihren Vortrag aus eine wahnsinnige Art. Die Szenen gingen eine nach der andern an seinen Augen vorüber, wie jene dunkeln Dünste, welche an einem niedrigen Himmel die stürmischen Westwinde fortreißen. Endlich kam die dritte Szene des dritten Acts, diejenige, welche unmittelbar dem Eintritte von Herodes vorhergeht. Wie eine steigende Flut sah der unglückliche Banniére den Augenblick, wo er vor dem Publikum zu erscheinen hatte, aus sich zukommen; bald waren zwischen ihm und diesem äußersten Augenblicke nur noch vier Verse, bald nur noch zwei, nur noch einer! Mit dem letzten Halbverse floß ein kalter Schweiß über die Stirne von Banniére. Eine Art von Schwindel bemächtigte sich seiner, er schaute umher, ob ein Weg für seine Flucht offen sei; als er sich aber umwandte, sah er Olympia, die ihm zulächelte und ihn mit einem Blicke ermutigte. Er hörte um sich her leise sagen: »Auf! auf!« er fühlte, wie eine kleine Hand, mächtiger als die Hand eines riefen, ihn von hinten schob, und eine Stimme voll Harmonie rief ihm zu: »Mut! Mut!« Der Hauch, der dieses Wort begleitete, brannte aus seiner Wange. Er machte einen Schritt und fand sich den Lichtern, dem Lustre und dreitausend Blitzen gegenüber, welche aus den Augen der Zuschauer hervorsprangen, und unter denen er schimmernd von ihrem höllischen Glanz die der zwei ehrwürdigen Väter der Gesellschaft Jesu funkeln zu sehen glaubte. Er trat langsam, keuchend, geblendet und bereit, bei jedem Schritte auf dem unmerklichen Abhang des Bodens zu stolpern, ein. Doch er war so schön von Gestalt und Gesicht, er trug in seinen Zügen einen Charakter von so düsterer Melancholie, er hatte ein so wohlgeformtes Bein, ein Auge so voll Flammen, daß, um ihn gleich von Anfang zu beruhigen, und dann, um ihm für seine Gefälligkeit zu danken, ein Beifallsdonner in diesem stehenden Parterre losbrach, das die Neugierde unter ihrer unwiderstehlichen Anziehungskraft schwanken machte, wie unter einem Sommerwinde ein Kornfeld sich beugt und schwankt. Die Wirkung war rasch; die Wolke, welche die Augen von Banniére bedeckte, hellte sich auf; das Blut, das In seinen Ohren brauste, unterbrach sein Klingen, und elektrisiert durch diese Bravos, wie der Renner durch das Lob oder durch die Peitsche angestachelt wird, griff er mutig seinen ersten Vers an. Das, woraus er sich verlassen konnte, war sein Gedächtnis, das, woraus er sich nicht verlassen konnte, war seine Person. Seine Person machte Effekt. Die Hälfte der Partie war also gewonnen. Unter den Bravos stählte sich Banniére wieder; er sagte sich, im Ganzen sei er ein Mensch wie alle andere Menschen, durch den Verstand den Leuten des Saales gleich, durch sein Talent vielleicht Meister der Leute der Szene. Banniére sprach daher seine Tiraden beinahe so beherzt auf dem Theater, als er sie im Foyer gesprochen hatte. In Ermangelung des Wissens hatte er die Stärke, In Ermangelung des Detail hatte er das Feuer, und da in seiner ersten Szene mit Olympia diese ihm leise zwei oder dreimal sagte: »Gut! sehr gut!« so spielte er in der Tat sehr gut, denn er spielte, wie er es in der Meditationsstube gethan hätte, ohne die Gefahr zu kennen. Was Olympia betrifft, welche ihr Theater seit langer Zeit kannte, was Olympia betrifft, die statt böswillige Jesuiten im Saale zu haben, hier Herrn von Mailly und einen ganzen Generalstab von Anbetern hatte, so ließ sie sich fortreißen, wie sie es vielleicht nie bei Champmeslé gethan hatte, und machte alle ihre Effekte, ohne einen einzigen zu verfehlen, unterstützt, wie sie war, durch das billigende Gemurmel des ganzen Saales und durch die geräuschvolleren Bravos der Garnison. Die Vorstellung war schön. Banniére hatte sich nicht nur nicht geirrt, sondern er hatte auch die Stichwörter den Wachen, den Vertrauten, den Schauspielern, den Mimen eingeblasen. Man erinnert sich, daß Banniére das ganze Stück auswendig konnte. Nach seinem ersten Austreten wurde er auch von allen Frauen und allen Männern der Truppe mit Komplimenten überschüttet. Nach seinem zweiten Auftreten hatte er auch nur noch die Frauen für sich, welche ihm, man muss es sagen, in ihrer Bewunderung bis zum Ende des Stückes treu blieben. Als das Stück beendigt war, umarmte Olympia Banniére nicht mehr, sie dankte ihm. Banniére fühlte diese Nuance nicht. Er war zu sehr betäubt. Der Mensch, der sich mit schwerem Weine berauscht hat, kennt des Aroma der zarten Weine nicht mehr. Man wünschte also Banniére Glück, man schmeichelte ihm, man umringte ihn; er entzog sich allen diesen Glückwünschen, denn er hegte immer noch aus eine unbestimmte Art die Hoffnung, in das Noviciat zurückzukommen, und floh nach der Loge, wo er sich aus- und angekleidet hatte. Er hatte viel Mühe, sie wieder zu finden, doch er fand sie am Ende. Das Erste, was Banniére beim Eintritt in seine Loge bemerkte, war ein Bad bestimmt, die Befleckung des Körpers durch das Wasser zu tilgen, wie man die Befleckungen der Seele durch die Beichte tilgt. Champmeslé hatte die Gewohnheit, ein Bad nach jeder neuen Leistung zu nehmen. Banniére schaute dieses Bad mit Begierde an. Banniére dachte, da er die Rolle von Champmeslé gespielt habe, so könne er wohl das Bad von Champmeslé nehmen. Von Folgerung zu Folgerung kam er sogar dahin, daß er sich bewies, er habe alle Rechte aus dieses Bad, während Champmeslé keines darauf habe. Banniére legte also sein Herodes-Kostüm ab und streckte sich wollüstig in diesem Bade aus. Er war hier seit zehn Minuten, rieb sich nach Herzenslust mit der Seife von Champmeslé und sah, wie einen vergangenen Traum, vor sich bis aus die kleinsten Einzelheiten alle Ereignisse dieser feierlichen Vorstellung, als man an die Thür seiner Loge klopfte. Banniére bebte in seinem Bade wie ein Dieb, der aus frischer Tat ertappt wird. »He! was will man von mir?« fragte er. »Man kann nicht herein.« Banniére war voll Schamhaftigkeit. »Man verlangt nicht hineinzukommen,« antwortete die Stimme des Friseur. »Man verlangt den König Herodes.« »Wo?« »Im Foyer.« »Und was will man vom König Herodes?« »Der Herr Graf von Mailly gibt den Herren und Damen ein Abendessen und sagt, dieses Abendessen wäre unvollständig, wenn es die Königin Marianna ohne den König Herodes hätte.« Banniére antwortete einen Augenblick nichts; er dachte, er habe keine andere Kleider anzuziehen, als seine Jesuitenkleider, und er würde eine traurige Figur bei diesem heiteren Abendbrot mit seiner schwarzen Tracht spielen. »Sagen Sie, ich danke von ganzem Herzen dem Herrn Grafen von Mailly für die Ehre, die er mir erweisen wolle,« erwiderte Banniére, »aber ich könne sie nicht annehmen, da ich kein Kleid habe.« »Wie, kein Kleid?« rief der Friseur; »haben Sie nicht das Kostüm des Königs Herodes, ganz von Hermelin, Sammet und Seide?« »Ja,« versetzte Banniére, »doch das ist ein Kostüm und kein Kleid.« »Ei! Jedermann ist im Kostüm,« sagte der Friseur; »das ist im Gegenteil eine der Bedingungen des Abendbrots.« »Fräulein Olympia auch?« fragte Banniére. »In großem Kostüm. Sie hat nur ihre Schminke und ihre Schönfleckchen weggemacht und ein Bad genommen; darum ist man noch nicht bei Tische.« Ein Abendbrot mit Herrn von Mailly, ein Abendbrot unter dem Vorsitze von Olympia, ein Abendbrot, wo er sie wiedersehen sollte, wo sie ihm sagen würde, er habe gut gespielt, ein Abendbrot besonders, wobei er nicht mit seinem schmutzigen Novizenkleide, sondern mit seinem glänzenden Kostüm des Herodes erscheinen würde! Das war mehr, als er brauchte, um Banniére zu bestimmen, zwei Stunden später in das Noviciat zurückzukehren. Überdies wusste man entweder seinen Ausgang oder man wusste ihn nicht; wusste man ihn nicht, so machten die zwei Stunden nichts; wusste man ihn, so machten die zwei Stunden nicht viel, und die Strafe würde so erschrecklich sein, daß die zwei Stunden mehr sie kaum erschweren könnten. Banniére war in der Lage eines Menschen, der gehenkt zu werden verurteilt ist, und der, indem er sich einen großen Genuss erlaubt, Gefahr läuft, gerädert zu werden. Sterben, um zu sterben – Banniére wollte sich vor seinem Tod das Vergnügen eines Gottes machen. Er antwortete daher ziemlich hoffärtig: »Nun denn, so sagen Sie Herrn von Mailly, ich werde die Ehre haben, seiner Einladung zu entsprechen.« Banniére ging in der Tat strahlend und duftend aus seinem Bade hervor. Aus das Roth des Theaters war das matte Braun seiner Hut diese Schminke der Leute des Süden, gefolgt; an der Stelle seiner flatternden Perücke wogten seine schwarzen Haare, denen das Wasser den bläulichen Glanz des Rabenflügels gegeben hatte. Er beschaute sich im Spiegel von Champmeslé und bemerkte zum ersten Mal, daß er schön war. Doch beinahe in demselben Augenblick sagte er mit einem Seufzer: »Ah! sie auch, sie ist sehr schön!« Und er begab sich nach dem großen Foyer, wo das Abendbrot zugerichtet war. XII. Das Abendbrot Olympia war, wie man es Banniére gesagt hatte, in das Foyer herabgegangen. Aber hier erwartete sie eine Überraschung. Sie fand Herrn von Mailly und seine Offiziere gestiefelt und gespornt und In Reisekleidern. Während der zehn Minuten, welche Olympia in ihrer Loge geblieben war, hatten der Graf und sein Generalstab diesen raschen Wechsel in ihren Anzügen vorgenommen. Der Graf eröffnete Olympia nun mit der schwermütigsten Miene, die er annehmen konnte, er habe während des Schauspiels eine Stafette vom König erhalten; Seine Majestät Berufe ihn ohne Verzug nach Versailles, und er wäre sogar sogleich nach Empfang dieser Stafette, gemäß der Ehrfurcht, die er den königlichen Befehlen schuldig sei, abgereist, hätte er nicht vor die Ehrfurcht vor dem Königtum die Ehrfurcht der Liebe gesetzt; dem zu Folge habe er seinen Offizieren, sobald der Vorhang gefallen, Befehl gegeben, sich wie für eine Expedition zu stiefeln, wozu er ihnen nur zehn Minuten bewilligt. . Alle waren, wie gesagt, schon im Foyer, als Olympia eintrat. Nachdem er sich vor ihr verbeugt hatte, wandte er sich gegen die andern Damen um und sprach: »Meine Damen, wir kommen, um Sie zu begrüßen und Ihnen zu danken; setzen Sie sich zu Tische.« In diesem Augenblick erschien Banniére an der Thür; bei dem Ausrufe der Verwunderung, den ein paar Frauen von sich gaben, wandte sich Olympia um. Banniére verdiente in der Tat diesen Ausruf, den seine Gegenwart veranlasst hatte; man konnte unmöglich regelmäßiger schön und auf eine ausgezeichnetere Art schön sein, als er es war. Olympia gab keinen Ausruf von sich; sie schaute ihn nur mit Erstaunen an. Herr von Mailly grüßte leicht. Banniére kreuzte die Hände über seiner Brust, wie es die Orientalen und die Jesuiten machen, und verbeugte sich. Er hatte aus eine ganz natürliche Art eine der ehrerbietigsten und elegantesten Begrüßungen gefunden, die man erfinden konnte. Herr von Mailly richtete an den jungen Mann mit ein paar Worten, welche Olympia durch ein Lächeln billigte, ein Kompliment. Dann nahm er ein Glas, füllte es mit Champagner, bot es Olympia, schenkte sich ein zweites ein, hob dieses empor und sprach: »Aus die Gesundheit des Königs, meine Damen und meine Herren.« Die Offiziere ahmten ihren Kommandanten nach; jeder nahm sein Glas, hob es zuerst empor und leerte es dann aus die Gesundheit des Königs. Herr von Mailly schenkte sich sein Glas abermals voll, wandte sich gegen Olympia und sprach: »Und nun, Madame, auf Ihre Anmut, aus Ihre Schönheit.« Dieser Toast wurde, wie man leicht begreift, mit stürmischem Beifall von aller Welt überschüttet, Banniére ausgenommen, der nicht den Mut hatte, ein zweites Glas zu trinken, obgleich er das erste sehr gut gefunden. Nicht als hätte ihm Olympia nicht schön wie Venus selbst geschienen, aber Herr von Mailly hatte, so höflich er auch war, den Toast mit einer gewissen Eigentümermiene ausgebracht, die ihm das Herz beklomm. Herr von Mailly, der im Gegenteil alle Gründe hatte, zu trinken, stellte sein Glas auf den Tisch, nachdem er es bis aus den letzten Tropfen geleert, nahm die Hand von Olympia, küßte sie und sagte: »Aus baldiges wiedersehen, mein liebes Herz.« Olympia antwortete nichts; es schien ihr, als sähe sie etwas Seltsames in den Manieren, die der Graf an diesem Abend gegen sie hatte. Sie beschränkte sich darauf, daß sie ihm mit dm Augen bis zur Thür folgte, lenkte dann ihren Blick in den Saal zurück und heftete ihre Augen aus Banniére. Er war sehr bleich und stützte sich aus einen Stuhl, ohne welche Stütze man hätte glauben können, er werde fallen. »Auf, mein König,« sagte sie zu dem jungen Mann, indem sie aus einen Sitz zu ihrer Rechten deutete, »nehmen Sie diesen Stuhl, der für den Grafen bestimmt war. Ehre dem Ehre gebührt.« Banniére gehorchte mit einer maschinenmäßigen Bewegung und setzte sich zitternd. In diesem Augenblick hörte man den Tritt der Pferde der Offiziere aus dem Pflaster erschallen und sich in der Richtung von Lyon entfernen. Banniére atmete. Olympia stieß im Gegenteil einen Seufzer aus. Sie setzte sich indessen zu Tische, und da sie eine große Selbstbeherrschung besaß, so schüttelte sie den Kopf und schien ihre Beklommenheit zu vertreiben. Das Abendbrot war vortrefflich; sich selbst überlassen, wurden diese Herren und diese Damen um so heiterer. Banniére besonders hatte Mailly mit einem Vergnügen weggehen sehen, von dem er sich keine Rechenschaft geben konnte, das er aber zu verbergen sich nicht bemühte. Die Schauspieler, und besonders die Provinzschauspieler, welche nicht alle Tage essen, haben im Allgemeinen einen guten Appetit. Das Abendbrot von Herrn von Mailly wurde verschlungen. Banniére, der neben Olympia saß, trank, aß, wurde gereizt, geneckt, sagte kein Wort, und während er mit dem Munde und seinen beiden Händen aß und trank, – man erinnert sich, daß Banniére seit sechsunddreißig Stunden nur ein Mahl gemacht hatte, – verschlang er mit den Augen seine schöne Gefährtin. Als eine Frau von Geist schien diese den Abgang der Herren Offiziere nicht zu bedauern; sie machte die Honneurs des Schmauses, mit der größten Anmut, sie trieb sogar ihre Freundlichkeit so weit, daß sie alle Männer berauschte, indem sie die Zahl der bestellten Flaschen verdoppelte und das Supplement aus ihre Kosten nahm. Jeder Moment exaltierte Banniére; denn jeden Moment begegneten seine Augen den Augen, begegnete seine Hand der Hand seiner schönen Nachbarin. Am Ende des Mahles war Banniére auch kein Mensch mehr: er nannte sich Roscius, er nannte sich Baron. Nur war er tief verliebt und leicht betrunken. Seine bleiche, melancholische Schönheit hatte sich in eine glühende Schönheit verwandelt. Seine Augen schleuderten zugleich alle Feuer der Liebe und des Weines. Dann war er es, der Olympia die Augen niederschlagen machte; sobald dies die züchtige Königin bemerkte, begriff sie, daß es Zeit war, den Tisch zu verlassen; sie stand daher auf, grüßte ihre Gefährten, wünschte ihnen viel Vergnügen und ging ohne Zorn, aber auch ohne Schwäche weg. Sie hatte nur Wasser getrunken. Als sie die Männer ausstehen und weggehen sahen, versuchten sie es auch, aufzustehen, und ihr Artigkeit zu erweisen; doch in dem Augenblick, wo es sich darum handelte, diese Bewegung auszuführen, stolperte die eine Hälfte, die sich nur mit Mühe sitzend erhalten hatte, und rollte aus die andere Hälfte, deren Beine unter dem Tische hervorkamen. Die Frauen ahmten Olympia nach; nur fand der Unterschied statt, daß sie, als sie sich zurückzogen, vor dem jungen Manne defilierten und, da es sich um eine ewige Trennung handelte, weil Banniére in sein Kloster zurückkehren sollte, ihn zum Abschied alle umarmten. Bei der Letzten wandte sich Olympia, welche eben über die Schwelle schritt, um und sah den schamhaften Joseph die Lippen abwischen. Sie lächelte und verschwand. Da wurde Banniére, der allein unter diesen Trinkern blieb, welche aus dem Boden des Foyer zerstreut umher lagen, wie entwurzelte Bäume aus der Erde eines Waldes liegen, wieder von einer unaussprechlichen Traurigkeit erfasst. Mit dem Abgang von Olympia war in der Tat der Traum entflohen, und die Wirklichkeit war wiedergekehrt. Die Wirklichkeit, das heißt:, statt des goldenen Himmels, in welchem er in Gesellschaft der Götter und der Göttinnen gelebt hatte, das Kloster, wo er wieder schwarze Menschen finden sollte; statt des von Lichtern funkelnden Foyer, wo noch das Beifall klatschen des Saales und das Anstoßen der Gläser erscholl, die Meditationsstube mit ihrem trockenen Brot, ihrem klaren Wasser und ihren finsteren Inschriften. Alles dies war nicht sehr anziehend, und dennoch musste er Alles dies wieder aufsuchen. Er durchschritt den Speisesaal langsam und mit großer Vorsicht, um nicht aus die Leiber der Unglücklichen Streiter zu treten, welche dem Rottenfeuer des Chambertin und des Champagners unterlegen. Er war schwermüthig wie ein siegender General, der das Schlachtfeld besucht, aus dem er die Hälfte seines Heeres gelassen hat. Man hätte glauben sollen, es wäre Pyrrhus nach dem Siege von Heracles. Er kehrte in die Loge zurück, wo er sich angekleidet hatte: die Lampen waren im Verscheiden begriffen; er fachte die dem Erlöschen nahe Flamme wieder an und schritt zur Aufsuchung seiner Novizenkleider, die er in einem Winkel gelassen hatte. Zu seinem großen Erstaunen waren sie verschwunden. Banniére glaubte Anfangs, der Schneider habe die Kleider hinter eine Thür oder in einen Schrank geworfen; er stieß alle Thüren auf, er öffnete alle Schränke, aber vergebens. Nachdem er eine Viertelstunde gesucht hatte, verzweifelte er und ging hinab. Der Hausmeister wachte allein noch im Theater: Schneider, Friseur, Aufwärter und Diener, Alles war weggegangen. Der Hausmeister schaute ihn an und sagte: »Das gehörte also Ihnen, ein schwarzer Rock, eine schwarze Hose und ein Hut wie ein vierpfündiger Laib Brot?« »Allerdings, das gehörte mir.« »Ei! Ei! es muss Ihnen nicht so gut stehen, als das Kostüm, das Sie noch haben.« «Sie haben die Kleider also gesehen?« sagte Banniére zur Erklärung antreibend. »Gewiss habe ich sie gesehen,« antwortete der Hausmeister. »Und wo dies.« »Auf dem Rücken von Herrn Champmeslé, bei Gott!« »Wie, auf dem Rücken von Herrn Champmeslé?« »Ja; er ist in seine Loge zurückgegangen; als er in seine Loge zurückkam, sah er Ihre Kleider, und als er sie sah, machte er das Zeichen des Kreuzes.« »Ohne etwas zu sagen?« »Doch. Er hat gesagt: »»Es ist entschieden der Wille Gottes, da er mir nicht nur den Beruf, sondern auch das Kleid schickt.«« »Und dann?« »Dann hat er seine weltlichen Kleider ausgezogen und Ihre Novizenkleider angezogen.« »Aber was ist aus seinen Kleidern geworden?« »Er hat sie dem Schneider geschenkt, unter der Bedingung, daß seine Frau acht Tage lang fünf Pater und fünf Ave für ihn bete.« »Und er ist schon lange weggegangen?« »Oh! über eine Stunde.« Das war, um den Kopf zu verlieren: Banniére blieb auch ganz verblüfft durch diesen Vorfall. Wenn es schon eine ernste Sache war, um zwei Uhr Morgens in das Noviciat im Jesuitenkleide zurückzukehren, so war es noch viel ernster, dies im Kostüm von Herodes zu tun. Es kam ihm indessen ein Gedanke. Das war keine Stunde, um In den Straßen herumzulaufen, nicht einmal in Jesuitenkleidern. Champmeslé musste nach Hause gegangen sein. »Wo wohnt Herr Champmeslé?« fragte Banniére. »In der Grande-Rue, der Nische des heiligen Benedict gegenüber, unmittelbar neben Fräulein Olympia.« »Fräulein Olympia!« wiederholte unwillkürlich Banniére, indem er einen Seufzer ausstieß. »Fräulein Olympia! Ah!« Dann, da er unbeweglich blieb, fragte der Hausmeister: »Nun, wozu entscheiden Sie sich? Ich muss schließen; es ist Zeit. Morgen werden Sie den ganzen lieben, langen Morgen in Ihrem Bette schlafen, während ich um sechs Uhr bei meinem Geschäfte sein muss.« Banniére lächelte bitter. Den ganzen lieben, langen Morgen in seinem Bette schlafen! Es war wohl hiervon für ihn die Rede! »Nun!« wiederholte der Hausmeister, »haben Sie nicht gehört? Champmeslé wohnt in der Grande-Rue der Statue des heiligen Benedict gegenüber, unmittelbar neben Fräulein Olympia.« »Doch, ich habe gehört,« erwiderte Banniére; »zum Beweise mag dienen, daß ich dahin gehe.« Und als ein Mensch, der seinen Entschluss gefasst bat, stürzte er mutig aus die Straße, immer im Kostüm des Herodes, Der Hausmeister schloß die Thür hinter ihm. XIII. Wo sich Banniére in eine große Verlegenheit setzt Banniére folgte der ihm vom Hausmeister bezeichneten Richtung. Er fand die Statue des heiligen Benedict und gegenüber ein Haus, von dem er dachte, es müsse das von Champmeslé sein. Doch dieses Haus war traurig und finster wie das Herz voller Gewissensbisse und Bangigkeiten, das darin wohnte. Alle Läden waren geschlossen, einen einzigen ausgenommen, – ein offenes, aber erloschenes Auge, das die Nacht im Innern wie außen sehen ließ. Das Haus daneben, das der Hausmeister als das von Olympia bewohnte bezeichnet hatte, schien dagegen jenes sanfte nächtliche Leben, welches schon nicht mehr das Wachen und noch nicht der Schlaf ist, zu leben. Wohl waren die Jalousien im ersten Stocke, dem einzigen, der für den Augenblick bewohnt zu sein schien, geschlossen, aber durch die Zwischenräume der Jalousien sah man ein rosiges Licht dringen, das, gemildert durch seidene Vorhänge, entweder das Schlafzimmer oder das Boudoir einer hübschen Frau bezeichnete. Banniére-Herodes betrachtete dieses reizende rosige Licht, seufzte und klopfte an die Thür von Champmeslé. Aber nach dem von ihm gegebenen Prospectus, – ein diesmal getreuer Prospectus, – war das Haus einsam, denn auf die drei unter der Hand von Banniére schallenden Schläge antwortete kein Geräusch. Banniére klopfte sechsmal. Dieselbe Stille. Banniére klopfte neunmal. Bis jetzt war Banniére die Zahl drei, welche, wie man weiß, den Göttern gefällt, verdoppelnd und verdreifachend zu Werke gegangen; als er aber sah, daß man aus seine neun Schläge nicht antwortete, fing er an ungeduldig zu werden und unternahm ein Getrommel, das bald die Hunde der drei bis vier benachbarten Häuser aufgeweckt hatte, welche Hunde ein Konzert anstimmten, wobei alle tiefe und alle hohe Noten der Hundetonleiter vertreten waren. Ohne Zweifel hatten das Geräusch des Klopfens und das Concert, das dadurch erfolgt war, mehr oder minder unangenehm die Mieterin des Nachbarhauses berührt, denn eine von den mit einem so schönen Rosa gefütterten Jalousien öffnete sich, eine Kammerjungfer, eine wahre Marton der Komödie, mit ihrer blauen Haube aus dem Ohr, streckte ihren Kopf, durch den Zwischenraum der Jalousie und fragte mit einem süßsauren Stimmchen: »Wer macht denn einen solchen Lärmen zu einer solchen Stunde?« »Ach! Mademoiselle Claire, ich bin es,« antwortete Banniére. Banniére hatte eine von den Zofen von Olympia erkannt, und da sie Olympia in seiner Gegenwart genannt und er nicht ein Wort von dem, was Olympia gesagt, vergessen hatte, so erinnerte er sich des Namens dieser Kammerjungfer. »Wer, Sie?« fragte das Mädchen, das mit seinen Katzenaugen die Finsternis zu durchdringen suchte. »Ich, Banniére, der Debütant.« »Ah Madame,« rief die tolle Soubrette, indem sie sich umwandte, um zu ihrer unsichtbar gebliebenen Gebieterin zu sprechen: »Ah! Madame, es ist Herr Banniére!« «Wie, Herr Banniére?« fragte Olympia. »Ja, und sogar, sogar . . . ah! Madame, entschuldigen Sie mich, wenn ich mich des Lachens nicht erwehren kann, aber der arme Junge ist noch in seinem Kostüm des König Herodes.« »Unmöglich!« rief Olympia, denn sie konnte nicht begreifen, welche Notwendigkeit Banniére zwang, so verkleidet in den Straßen herumzulaufen. »Doch! doch!« erwiderte Claire. »Nicht wahr, Herr Banniére, Sie sind noch als Herodes gekleidet?« »Ach! ja, Mademoiselle,« antwortete der Unglückliche. »Oh! Madame will mir nicht glauben.» Banniére kam eine Hoffnung. »Sie hat sich nur dem Fenster zu nähern, und sie wird sich durch ihre eigenen Augen überzeugen,« sagte er. Banniére hatte, um diese Worte zu sprechen, die rührendsten Noten seiner Stimme benützt. Diese Noten klangen bis in den Grund des Herzens von Olympia, und, halb lachend, halb gerührt, trat sie ebenfalls ans Fenster, wo ihr aus Respect Claire den Platz abtrat, während sie aus Neugierde hinter ihrer Gebieterin blieb, sich aus den Fußspitzen erhob und über die Schulter von Olympia schaute. »In der Tat, Herr Banniére, Sie sind es?« »Ja, mein Fräulein.« »Aber was machen Sie denn da?« «Sie sehen es wohl, mein Fräulein: ich klopfe an die Thür von Herrn von Champmeslé.« »Herr von Champmeslé ist nicht zu Hause.« »Ach! ich befürchte es, mein Fräulein.« »Was haben Sie denn zu dieser Stunde bei Herrn von Champmeslé zu tun?« «Mein Fräulein, ich habe meine Kleider von ihm zurückzufordern.« »Welche Kleider,?« »Meine Novizenkleider, die er in seiner Loge gefunden und angezogen hat, und mit denen er, wie es scheint, weggegangen ist.« »Oh! armer Junge!« murmelte Olympia. Banniére hörte die Worte nicht, aber er sah die Bewegung und begriff die Gebärde. »Mein Fräulein,« sagte er. »es ist wahr, Herr von Champmeslé ist nicht nach Hause gekommen, doch er muss nach Hause kommen.« »Gewiss muss er nach Hause kommen, zu einer oder einer andern Stunde.« »Das ist auch meine Überzeugung, mein Fräulein; aber ich kann ihn nicht vor seiner Thür und so gekleidet erwarten.« »Warum nicht?« fragte Olympia.' »Weil der Tag kommen wird, mein Fräulein: es ist wenigstens drei Uhr, und wenn man mich in diesem Kostüm sieht, so bin ich verloren.« »Verloren!« »Und zwar verloren, weil ich Ihnen einen Dienst geleistet habe.« »Warum sind Sie verloren?» »Weil ich Noviz bei den Jesuiten bin.« »Ah! es ist wahr; armer Junge!« »Mein Fräulein, wenn Sie erlaubten, daß ich bei Ihnen einträte?« »Wie beliebt?« »Ich würde warten, wo Sie mich wollten warten lassen: in Ihrem Speisezimmer, in Ihrem Salon, in Ihrem Vorzimmer.« Olympia wandte sich um, als wollte sie Claire befragen. »Ei!« rief die Zofe, »ich sage, man müsste ein sehr schlechtes Herz haben, um einen so schönen Jungen vor der Thür zu lassen.« »Ah! wahrhaftig?« »Ich glaubte, Madame frage mich. Ich bitte Madame um Verzeihung, wenn ich meine Ansicht ausgesprochen habe, ohne dazu befugt zu sein.« »Nein; im Gegenteil, Sie haben wohl gethan, denn ich fragte Sie wirklich um Ihre Ansicht, und Ihre Ansicht ist auch die meinige.« »Mein Fräulein,« rief Banniére, »was entscheiden Sie über mich?« »Lassen Sie den Jungen heraufkommen,« sagte Olympia zu ihrer Kammerjungfer, »und er soll im Zimmer nebenan bleiben.« »Madame weiß, daß das Zimmer nebenan mein Zimmer ist.« »Nun! wenn er in Ihrem Zimmer ist, werden wir sehen. was sich tun lässt.« Claire rannte nach der Stubenthür, um diesen Befehl zu vollziehen. Olympia warf aber einen letzten Blick aus den unglücklichen Banniére, der seine Arme gegen sie ausstreckte, wie ein Schiffbrüchiger gegen den Leuchtturm am Ufer, und schloß wieder ihr Fenster. Banniére hatte einen Augenblick der Verzweiflung; während er seine Bitte ausgesprochen, hatte er sie selbst ein wenig vermessen gesunden, so daß er, als er dieses reizende, rosa gefütterte Fenster schließen sah, sich völlig abgewiesen glaubte. In diesem Augenblick einer sehr natürlichen Verzweiflung begann er wieder an die Thür von Champmeslé zu klopfen. Während er mit aller Heftigkeit anklopfte, hörte er, daß die benachbarte Thür ganz sachte geöffnet wurde. Derselbe Kopf mit einer blauen Haube erschien, und aus zwei rosigen, lächelnden Lippen sah er, so zu sagen, das Wort: »Kommen Sie!« hervorgehen. Banniére ließ sich dieses Wort nicht wiederholen; er stürzte in den Gang, dessen Thür Mademoiselle Claire hinter ihm schloß; dann, da er sich in einer vollkommenen Finsternis befand, suchte eine kleine Hand die seinige, und als sie diese gefunden, zog sie ihn vorwärts, während dieselbe sanfte Stimme, welche im Ohre von Banniére wie die eines himmlischen Vermittlers klang, leise zu ihm sagt«: »Folgen Sie mir.« Nichts war leichter, als diesem seidenen, wohlriechenden Führer zu folgen, der voranging. Am Ende des Ganges fand Banniére eine Treppe, dann eine Wendung, doch bei jeder Veränderung des Terrain wurde Banniére durch einen Händedruck benachrichtigt. Es konnte also unmöglich Banniére ein Unfall geschehen. Oben auf der Treppe angelangt, wurde er in das Zimmer von Mademoiselle Claire eingeführt. Eine einzige Thür, welche man aber doppelt geschlossen sah, trennte ihn nun vom Zimmer von Olympia. Claire näherte sich dieser Thür und sagte: »Madame, wir sind da.« »Gut, Mademoiselle,« antwortete von der andern Seite der Thür Olympia, welche horchte. »Und Sie, Herr Banniére, Sie sind auch da?« »Ja, mein Fräulein,« erwiderte Banniére; »und sehr dankbar für die Gunst, die Sie mir bewilligen.» »Es bedarf keines Dankes. Sie sagen also, es fehlen Ihnen die Kleider, um in Ihr Kloster zurückzukehren, und es sei schwierig für Sie, als König Herodes dahin zu gehen?« »Ich glaube, daß dies unmöglich ist, mein Fräulein.» »Nun! ich will Ihnen andere geben.« »Kleider?« »Ja.« »Teufel!« sagte leise Banniére, der mehr und mehr' das Verlangen, nach dem Noviciat zurückzukehren, verlor, »das ist nicht mein Wunsch.« Dann sprach er laut! »Ich danke Ihnen aufrichtig, mein Fräulein.« »Ah!« unterbrach ihn leise Mademoiselle Claire, »werden Sie die Kleider annehmen?« Sehr erfreut, sich unterstützt zusehen, machte Banniére ein Zeichen mit der Hand, welches besagen wollte: »Seien Sie ruhig.« »Aber,« fuhr er fort, »ich bin aus eine sonderbare Art aus dem Kloster weggegangen.« »Wie denn?« fragte Olympia. »Ich bin zum Fenster hinausgegangen.« »Zum Fenster hinaus?« »Ich muss Ihnen sagen, mein Fräulein, daß Ich Gefangener in der Meditationsstube war.« »Wegen Verletzung der Regeln des Ordens?« versetzte Olympia lachend. »Weil ich das Trauerspiel Herodes auswendig gelernt habe, mein Fräulein.« »Ah! Wahrhaftig!« »Ich entdeckte daß die Stube ein maskiertes Fenster hatte, ich machte dieses frei, und durch das Fenster sah ich. . . Oh! mein Fräulein, was ich durch das Fenster gesehen habe, ist mein Verderben gewesen.« »Ei! was haben Sie denn gesehen, guter Gott!« »Ich habe die Procession von Herodes und Marianna gesehen, ich habe gesehen. . . ich habe gesehen, daß Sie Ihren Schleier aufhoben, um Herrn von Mailly zu grüßen, und . . .« »Und was?« fragte Olympia. »Und ich habe Sie so schön gefunden, daß ich schwor, Sie am Abend spielen zu sehen.« Mademoiselle Claire machte eine Grimasse. »Ah! Wahrhaftig!« versetzte Olympia. »Ich zerriss also die Tapete der Meditationsstube, ich stieg zum Fenster hinaus, ich lief wie ein Wahnsinniger nach dem Theater, ohne zu bedenken, daß ich kein Geld hatte, um meinen Platz zu bezahlen; plötzlich erblickte ich zwei Jesuiten, welche ins Schauspiel kamen, ich flüchtete mich in den Gang, im Gang begegnete ich Herrn von Champmeslé, der eben entfloh, hinter ihm kamen seine Kameraden, die ihm nachliefen; da ich der Einzige war, der bestimmte Auskunft geben konnte, so schleppte man mich ins Foyer; dort sagte ich, erzählte ich Alles; Sie traten ein, ich sah Sie in Verzweiflung darüber, daß die Vorstellung nicht stattfinden konnte, ich fand Sie noch schöner, als bei der Procession. Ihre Verzweiflung zerriss mir die Seele, ich vergaß Alles im Angesicht Ihrer strahlenden Gegenwart; ich sagte, es ist wahr, ich«erde mich ins Verderben stürzen, doch es wird keine Träne aus diesen schönen Augen fallen, und ich habe mich ins Verderben gestürzt, mein Fräulein. So ist es!« »Oh! die Schlange!« murmelte Mademoiselle Claire. »Wahrhaftig,« erwiderte Olympia mit bewegter Stimme, »Wahrhaftig, so ist die Sache gegangen?« »Oh! bei meiner Ehre, mein Fräulein.« Man hörte etwas wie einen Seufzer jenseits der Thür. »Nun,« versetzte Mademoiselle Claire, sich in das Gespräch mischend, »mir scheint, die Dinge stehen nicht so verzweifelt, als Herr Banniére sagt.« »Oh! sehr verzweifelt, Mademoiselle Claire,« entgegnete Banniére, »Ich schwöre Ihnen, sehr verzweifelt. »Erklären Sie sich,« fragte Olympia. »Herr Banniére ist durch ein Fenster weggegangen.« »Ja,« sagte Banniére. »Es war Nacht, als Herr Banniére wegging.« »Beinahe Nacht.« »Man wird seine Flucht noch nicht bemerkt haben.« »Das ist wahrscheinlich.« »Wohl denn! er kehre durch dasselbe Fenster, durch welches er weggegangen ist, in das Kloster zurück.« »Im Ganzen, ja,« vorsetzte Olympia, »er kehre durch dasselbe Fenster ins Kloster zurück.« Und man hörte etwas wie einen zweiten Seufzer. »Darin liegt gerade die Unmöglichkeit,« sagte Banniére. »Die Unmöglichkeit?« fragte lebhaft Olympia; »sprechen Sie, wie so?« »Dieses Fenster ist sehr hoch.« »Man wird eine Leiter finden,« rief Mademoiselle Claire. »Eine Leiter, wo dies?« fragte Olympia. »Oh! und dann müsste diese Leiter sehr lang sein,« rief Banniére. »Wir haben eine sehr lange im Garten,« erwiderte Mademoiselle Claire. »Sie müsste wenigstens dreißig Fuß lang sein,« sagte Banniére. »Oh! das ist sie wohl.« »Ja,« versetzte Banniére, »doch man müsste wenigstens zwei Männer haben, um eine Leiter von dreißig Fuß zu tragen, aufzurichten und zu halten.« Mademoiselle Claire fand keine Antwort aus dieses Argument. Eine ähnliche Stille, aber von anderer Natur, trat in dem rosenfarbigen Zimmer ein. Dann, nach einem Augenblick, sagte Olympia: »In der Tat, mir scheint es sehr schwierig, daß Sie durch das Fenster zurückkehren, da das Fenster so hoch ist.« »Oh! noch höher, als ich gesagt habe,« rief Banniére. »Was ist dann zu machen?« versetzte Olympia. »Mein Fräulein,« sprach Banniére, »ich hoffe, Sie haben nicht den Mut, mich, nachdem Sie mir einen Augenblick Asyl gegönnt, aus Ihrem Hause hinauszustoßen und mich außen der Ungunst der Witterung und dem Zorn der Jesuiten preiszugeben.« »Herr Banniére kann doch nicht hier bleiben, da dies mein Zimmer ist,« sagte mit empfindlichem Tone Mademoiselle Claire. »Sie haben Beide Recht,« sprach Olympia, die Thür ihres Zimmers öffnend, »Sie haben Recht, Mademoiselle Claire, führen Sie den Herrn in mein Ankleidezimmer.« Und während sie diese Worte sprach, bezeichnete sie mit der Hand auf der Andern Seite des Zimmers eine Thür parallel mit der, welche zu Mademoiselle Claire ging. »Es ist dort ein Canapee,« fügte sie bei, »und eine Nacht vergeht bald, wenn es halb vier Uhr Morgens im Monat Mai ist.« Mademoiselle Claire hatte keine Einwendungen zu machen; die gebieterische, sogar königliche Gebärde, welche das letzte Wort begleitet hatte, ließ keine Erwiderung zu. Statt Mademoiselle Claire zu folgen, schritt ihr überdies Banniére diesmal voran. Er ging leicht, trat kaum aus den Teppich, verbeugte sich vor der schönen Fee, die seit einem halben Tage einen andern Menschen aus ihm machte, und verschwand im Ankleidecabinet. Mademoiselle Claire folgte ihm, und als sie an der Thür war, fragte sie: »Was ist nun zu tun. Madame?« «Schieben Sie den Riegel auf meiner Seite vor, und kleiden Sie mich dann aus,« antwortete Olympia. »Ich denke, es ist Zeit.« Mademoiselle Claire schob den Riegel vor und kehrte zu ihrer Gebieterin zurück, die ihr den Ärmel ihres Pudermantels darbot, damit sie ihr sich auskleiden helfe. »Aber, Madame,« fragte Claire, während sie am Ärmel des Pudermantels zog, »wenn Herr von Mailly zurückkäme, wie er gesagt hat?« »Nun! wenn Herr von Mailly zurückkäme?« »Was werde ich Ihm sagen?« »Sie werden ihm einfach sagen, was ist,« erwiderte Olympia. Und sie zog ihren Pudermantel selbst vollends aus und entließ mit einem Winke Mademoiselle Claire; diese entfernte sich mit gesenktem Kopfe und die Gebärde zeichnend, welche sagen wollte: »Bei meiner Treue! ich begreife es nicht mehr.« XIV. Die Meditationsstube Als er in das Kabinett eingetreten war, sank Banniére auf eine große Bergère, auf deren Lehne und in deren Fond noch laue Kleidungsstücke ausgebreitet lagen; es waren die Straßenkleider, welche Olympia kurz zuvor ausgezogen hatte. Diese sanfte Wärme war im Kabinett vom Boden zum Plafond aufgestiegen und erfüllte die Luft mit sympathetischen Wohlgerüchen. Exaltiert, schauernd, in einem fieberhaften Zustande, fing Banniére damit an, daß er seinen Kopf in seine beiden Hände nahm, und sich fragte, ob Alles das, was ihm begegne, nicht ein Traum sei, einer von jenen teuflischen Träumen, wie sie, in den ersten Zeiten des Christentums, in ihre Zellen den in ein Kloster eingesperrten Unglücklichen die höhnischen Feinde des Allerheiligsten zusandten. Die Procession von Herodes und Marianna, seine Flucht aus dem Kloster, der Gang der Schauspieler, das Foyer des Theaters, das Abendbrot, die Liebesblicke der Komödienfräulein, der Chambertin und der Champagner, dann die Augen von Olympia, dann ihre weiße nervige Hand, die seinen Arm presste, dann ihre Perlzähne, denen Gott ein so reiches Etui gegeben hatte, ihre verborgenen Zähne, welche sich aber plötzlich in einem Lächeln auf der Schwelle des Festsaales verraten hatten. Oh! und dann der Weg durch das rosenfarbige Zimmer; Olympia in einem einfachen Pudermantel, mit ihren entpuderten und aus ihre Schultern herabfallenden Haaren; Alles dies machte im Kopfe des trostlosen Banniére, mit den Tiraden von Herodes, mit den Bravos des Publikums, mit einem Reste von Angst, der von Zeit zu Zeit in das Herz des Novizen biß, ein solches Getöse, daß der Weiseste darüber ein Narr geworden wäre. Banniére hörte Olympia ihre Dienerin wegschicken. Er schaute umher. Eine am Plafond an einer silbernen Kette hängende Alabasterlampe erleuchtete ein reizendes Ankleidekabinett, dem Sachsen nicht nur die Gefäße des Toilettetisches, sondern auch die Spiegel und die Consoles geschickt hatte, und das in den Augen von Banniére, nach einer kurzen Prüfung, an einem kleinen Fehler litt, an der Undurchsichtigkeit seiner Wände. Banniére bedachte, daß, da das Kabinett eine Thür hatte, die Thür ein Schloß, und das Schloß ein Loch haben müsse. Erwähnter Maßen trieb ihn der Dämon an, der Dämon der Neugierde. Er wollte Olympia noch einmal in ihrem einfachen Negligé anschauen. Banniére bückte sich vor der Thür und hielt sein Auge an das Schlüsselloch, aber es waltete ein unglückliches Verhängnis über dem armen Novizen. Durch das Schlüsselloch sah man nur einen Lehnstuhl, und dieser Lehnstuhl begrenzte den Horizont, als ob eben derselbe Dämon ihm hätte sagen wollen: Du wirst sie nicht sehen. Er erhob sich und suchte umher eine andere Öffnung. Da erblickte er über dieser vollen und undurchsichtigen Thür eine, mit einem Mousselinevorhänge geschlossene, rautenförmige Fensterscheibe. Er erblickte sie und stieß in seiner Freude eine Art von Gebrülle aus. Der Dämon der Neugierde trieb Banniére fortwährend an. »Auf! flüsterte ihm dieser böse Geist zu »auf zum Sturme!« Banniére nahm einen gestickten Schemel, den er in einer Ecke fand; in einer andern entdeckte er einen Fuß wärmer, den er aus den Schemel stellte, und als das bewegliche Piedestal zurecht gerichtet war, hisste er sich hinaus. Aber es waren zehn bis elf Fuß vom Boden bis zur Fensterscheibe, und Banniére und die zwei Meubles bildeten nur neun. Der Noviz erinnerte sich des Fensters der Meditationsstube. Er wollte sich mit den Händen anhängen und hob sich mit der Kraft der Faustgelenke bis zu der glückseligen Glasscheibe empor. Als er aber seine Sprossen verlassen hatte, trennten sich diese, verloren das Gleichgewicht und rollten mit großem Geräusch aus den Boden. Banniére blieb mit den ersten Fingergliedern am Rande der Leiste hängen. Zu gleicher Zeit schlugen seine Füße, welche der Stütze entbehrten, an die Thür, wie es die Schlägel aus einer Trommel tun. Er hatte selbst bange vor dem Geräusche, das er gemacht; musste darüber wütend werden, denn es war ein lächerliches Geräusch. Doch es wurde noch viel schlimmer, als er bis Stimme von Olympia ihn fragen hörte; »Aber, was machen Sie denn da innen, Herr Banniére? Zertrümmern Sie die Scheidewand?« »Ach! mein Fräulein,« erwiderte der Unglückliche mit einer schmerzlichen Stimme, indem er diesem Ausruf den ganzen Wert eines Seufzers gab. »Nun! wie? sollte Ihnen zufällig unwohl sein?« »Ah! mein Fräulein,« fuhr Banniére mit derselben Betonung fort, »eine grausame Angst bedrückt mich.« »Armer Herr Banniére!« sagte Olympia mit einem Tone voll spöttischen Mitleids; »was widerfährt Ihnen denn? sprechen Sie.« »Es ist sehr schwer, zu sagen, mein Fräulein.« »Bah!« »Ich weiß nur, daß ich sicherlich verdammt bin.« »Wie! weil Sie eine Tragödie gespielt haben? Oh! ich habe mehr als hundert gespielt, und ich hoffe dessen ungeachtet selig zu werden.« »Ah! Sie, mein Fräulein, das ist ein großer Unterschied, Sie waren nicht Noviz bei den Jesuiten.« Olympia lachte. Banniére, der wieder aus seine Füße gefallen war, fühlte seine ganze Verzweiflung sich verdoppeln, und er drückte diese Verzweiflung durch Seufzer aus, welche von traurig kläglich wurden. »Nun, nun, mein lieber Kamerad, Sie müssen doch schlafen,« sprach Olympia ernst; »es wird sogleich vier Uhr sein.« »Unmöglich, mein Fräulein, unmöglich. Mein Kopf gerät in Verwirrung.« »Ei! mein Gott, das ist ja beinahe eine Erklärung!« »Mein Fräulein!« rief Banniére die Hände faltend, als könnte man ihn von jenseits der Thür sehen. »Oh!« fuhr Olympia fort, »ich bin Ihrer Ansicht, Sie ziehen sich in der Tat die Verdammnis zu; nehmen Sie sich in Acht. »Mein Fräulein,« rief Banniére außer sich; »spotten Sie nicht über mich. Ich schnattere, ich schaudere, ich brenne zu gleicher Zeit. Oh! ich glaube wohl, das ist das, was man verliebt und wahnsinnig verliebt sein nennt.« »Wäre es nicht eher das, was man betrunken sein nennt, mein armer Kamerad?« »Oh! nein. Wenn Sie wüssten! mein Kopf ist im Vergleich ruhig. Es ist meine Herz, mein Herz, das immer mehr in Flammen gerät! Wenn ich Ihre Stimme höre, ist es mir, als stürbe ich,« »Schlafen wir, schlafen wir, lieber Herr Banniére.« »Mein Fräulein, seit dem Augenblick, wo ich Sie gesehen, habe ich begriffen, daß ich nicht mehr mir gehörte.« »Mein lieber Banniére, alle Briefe, die ich empfange, und ich empfange viele, fangen mit diesen Worten an.« »Glücklich sind diejenigen, welche Ihnen ihre Aufrichtigkeit beweisen konnten, mein Fräulein!« »Armer Junge! Sollten Sie zufällig Witz haben, lieber Herr Banniére?« »Ach! ich weiß es nicht, mein Fräulein.« »Nun! ich beklage Sie von ganzer Seele, wenn das, was Sie sagen, wahr ist. Schlafen wir.« »Oh!« rief Banniére, »nun sangen Sie wieder an zu spotten. Wenn Sie wüssten, daß es nur eines Wortes von Ihnen bedürfte, um mich zu trösten . . .ein Wort, ich bedarf desselben sehr. Sie haben keine Idee, wie toll ich sein muss, um mit dieser Dreistigkeit zu Ihnen zu sprechen; nein, ich gehöre nicht mehr mir; nein, Ich bin ein Wahnsinniger! Ah! mein Fräulein, Gott bestraft schon die Sünde, zu der mich der Teufel verleitet hat. . . . Liebe! Ach! nicht mir ist die Ihrige vorbehalten! Was bin ich? ein Erdenwurm, ein Atom, ein Elender! Oh! ich bin unwiderruflich verloren, dafür stehe ich Ihnen.« »Herr Banniére,« sagte Olympia mit dem ernstesten Tone, denn sie sah, daß ein wirkliches Leiden im Grunde dieser komischen Szene obwaltete, »Herr Banniére, Sie haben Unrecht, sich so zu misshandeln! es ist in Ihnen der Stoff zu einem liebenswürdigen Menschen und einem Jungen von Geist; ich glaube mehr noch, es ist in Ihnen ein redliches und aufrichtiges Herz.« »Oh!« machte Banniére. »Sie haben sogar ein hübsches Gesicht,« fuhr Olympia fort; »glauben Sie mir, Sie werden den Weibern gefallen.« »Ich will nur Ihnen auf der Welt gefallen, nur Ihnen, nur Ihnen.« »Sie sind aber Noviz bei den Jesuiten!« »Ah! ja.« »Und so lange Sie nicht Ihre Kutte in die Nesseln geworfen haben. . .« »Ei! was liegt daran, ob ich sie behalte oder nicht behalte, diejenige, welcher ich gefallen möchte, wird mich nie anschauen.« »Diejenige, welcher Sie gefallen wollen, bin ich, nicht wahr?« »Oh! mein Fräulein, Sie sind es! Sie, Sie!« »Ich danke! denn Sie sagen das aus eine Art, daß ich nicht daran zweifle, und glauben Sie mir, eine Frau ist Immer dankbar gegen denjenigen, welcher sie wahrhaft liebt. Diesem Manne ist sie also, wenn nicht eine der seinigen gleiche Liebe, – die Frau ist nicht immer Gebieterin über ihre Liebe, – aber die volle Wahrheit schuldig. Wohl denn, Herr Banniére, ich werde geliebt von einem wackeren Manne, den man Herr von Mailly nennt.« »Ach!« seufzte Banniére, welcher fühlte, daß hier wirklich das unübersteigliche Hindernis war. »Und da ich Niemand etwas stehle, Herr Banniére,« fuhr Olympia fort, »da ich ein eben so gutes Wort habe, als es mit einander ein ehrlicher Mann und eine ehrliche Frau haben können, so bitte ich Sie, um Ihrer selbst willen, an nichts von dem, was Sie beschäftigt, mehr zu denken.« »Beschäftigt!« rief Banniére gedemütigt, verdutzt, »sie nennt diese Qual eine Beschäftigung!« »Sie haben mich gehört, mein lieber Nachbar,« sagte Olympia mit fester Stimme; »in zehn Minuten haben Sie mehr über mich erfahren, als Andere je in zehn Jahren erfahren werden. Ich bin Weib und kann schwach sein. Ich begreife also den Wahlspruch: Dem Einen oder dem Andern! nach meinem Geschmack oder nach meinem Rechte; aber dem Einen und dem Andern, nie! Nehmen Sie daher Ihre Qualen in Geduld hin, mein lieber Herr Banniére, strecken Sie sich auf Ihren Kissen aus und schlafen Sie. »Gute Nacht, mein Fräulein,« antwortete Banniére mit traurigem Tone; »ich habe Sie tausendmal um Verzeihung zu bitten wegen aller Unruhe, die ich Ihnen verursacht, wegen aller Albernheiten, die ich Ihnen gesagt, wegen aller lächerlichen Ungebührlichkeiten, die ich Sie habe ausstehen lassen. Jetzt, mein Fräulein, begreife ich den ganzen Umfang meines Unglücks. Von diesem Augenblick an seien Sie auch unbesorgt, mein Fräulein, Sie werden mir nichts mehr vorzuwerfen haben. Schlafen Sie, mein Fräulein, schlafen Sie; ich bin in einer stummen Verzweiflung, der grausamsten von allen für denjenigen, welcher sie empfindet, aber der am wenigsten lästigen für denjenigen oder diejenige, welche sie fühlen macht.« Olympia antwortete diesmal nur durch einen kleinen Ausruf, den Banniére, wenn er eingebildeter gewesen wäre für einen Seufzer hätte halten können. Der unglückliche Banniére aber versenkte sich in den Lehnstuhl, begrub sich in die Kleider, welche Olympia kurz zuvor ausgezogen, und die den berauschenden Wohlgeruch bewahrt hatten, welchen die junge und schöne Frau um sich her verbreitet, und während er Olympia einatmete, verurteilte er sich zur Folter der Unbeweglichkeit. Er war kaum mehr in seinem Willen, als im Schlafe erstarrt, als des Geräusch des Klopfens an der Gangthür erscholl. Banniére bebte und horchte mit allen seinen Ohren: jedes Geräusch war für ihn ein Ereignis. Es kam ihm vor, als hätte Olympia ihrerseits eine Bewegung gemacht, was bewies, daß seine schöne Nachbarin auch horchte. Nach einem Augenblick wurde die Hausthür geöffnet und wieder geschlossen; dann hörte Banniére die Thür des Zimmers von Olympia öffnen und Tritte aus dem Boden krachen. Das war für Banniére ein erschrecklicher Schlag. Olympia log also; sie bewilligte also ganz leise einen Vorzug, den sie ganz laut von sich ablehnte; sie bewahrte also Herrn von Mailly, der auf der Straße nach Lyon galoppierte, die beschworene Treue nicht. Banniére hielt es nicht mehr aus, er sank aus dem Lehnstuhl aus den Teppich und wälzte sich vor Verzweiflung im Mantel von Herodes. Nie hatte er so viel gelitten. Plötzlich hörte er im Zimmer von Olympia einen Ausruf des Erstaunens. Feige, wie alle Verliebte sind, horchte er wieder. «Aber wer hat denn diesen Brief gebracht?« fragte Olympia. »Gut! es ist nur ein Brief,« dachte Banniére. «Ein Dragoner, mein Fräulein; er kam mit verhängten Zügeln, und sobald ich das Billett in der Hand hatte, entfloh er so rasch, als er gekommen war.« »Die Stimme von Mademoiselle Claire!« rief Banniére; »immer besser!« »Das ist ein seltsamer Bote,« sagte Olympia mit zitternder Stimme. Dann nach einem Stillschweigen: »Öffnen Sie die Riegel dieses Kabinetts.« »Des Kabinetts, wo der Jesuit ist?« fragte Mademoiselle Claire mit dem Ausdrucke des tiefsten Erstaunens. »Ja.« Claire zog die Riegel, und Banniére bebte, während er sich erhob. »Und dann?« fragte Claire. »Und dann,« antwortete Olympia mit ihrem ruhigen Tone, »bitten Sie Herrn Banniére, wenn er nicht schläft, mir das Vergnügen zu machen, herauszukommen und einen Augenblick.mit mir zu plaudern.« Banniére stand auf seinen Beinen, ehe diese Worte vollendet waren. Claire öffnete die Thür, hinter welcher der Noviz so viel geschnattert hatte. Sie sah Banniére stehen. »Er schläft gar nicht,« sagte Claire zu Ihrer Gebieterin. »Desto besser. Ich bitte, wollen Sie näher kommen, Herr Banniére.« »Mein Fräulein . . .« »Vorausgesetzt jedoch, daß Ihnen das nicht unangenehm ist?« fragte Olympia lächelnd. Banniére trat mit bleicher Stirne und hüpfendem Herzen in das Zimmer ein. Olympia hatte purpurrote Wangen, eine gefaltete Stirne und ein Auge voll von düsteren Flammen. Sie hielt einen entsiegelten Brief in ihren, wie die von Aurora, rosigen Fingern. »Nähern Sie sich, mein Herr,« sagte sie. »Oh weh!« dachte Banniére; »sie wird .mich vor die Thür werfen lassen. Dieser Brief ist ein Befehl von Herrn von Mailly. Ich bin ein weggejagter Mensch.« Banniére, als er bei Olympia war, wurde von einem wahren Schwindel befallen; zum Tode verurteilt und bei dem verhängnisvollen Blocke, wäre er weniger bleich und bebend gewesen. Olympia schlug ihre noch von Zorn glänzenden Augen zu dem Novizen aus. »Mein Herr,« sagte sie, »ich bitte, lesen Sie diesen Brief.« »Da haben wir es,« dachte Banniére. Er nahm indessen den Brief und las: »Meine teure Olympia, Alles hat aus dieser Welt ein Ziel, die Liebe wie das Übrige. Sie lieben mich aus Zartgefühl, und ich meinerseits mache es mir zum Vorwurf, daß ich nicht mehr für Sie die glühende Liebe hege, die Sie einzuflößen verdienen; aber meine volle Freundschaft hat meine Liebe überlebt, und der König, indem er mich zurückberuft, macht durch das Bedauern, mit dem ich Sie verlasse, daß ich sehe, wie lebhaft und tief diese Freundschaft für Sie ist. »Sie wären die Frau gewesen, die immer aus mich gewartet hätte, denn Sie sind die Redlichkeit in Person. Ich löse selbst die Bande, welche Sie hemmten. Öffnen Sie Ihre Flügel, schöne Taube. »Ich habe in Ihrem Secretair tausend Louis d'or gelassen, die ich Ihnen schuldig war, und einen Ring, den ich Ihnen anbiete. »Wundern Sie sich nicht, wenn Ich Ihnen schreibe, ich hätte nie den Mut gehabt, Ihnen so viele harte Dinge ins Gesicht zu sagen. »Auf Wiedersehen und ohne Groll.     »Graf von Mailly.« »Oh! mein Gott,« rief im ersten Aufschwung seines Herzens Banniére, nachdem er gelesen hatte. »Oh! mein Fräulein, Sie sind nun sehr unglücklich!« »Ich? Sie irren sich. Ich bin frei, das ist das Ganze,« erwiderte Olympia lächelnd. In diesem Augenblick klopfte man zum zweiten Male an die Hausthüre, diesmal jedoch aus eine viel kräftigere Art als das erste Mal. XV. Die Jesuiten im Schauspiel Ehe wir unsern Lesern sagen, welcher neue Überlästige den Helden und die Heldin dieser Geschichte gerade in dem zarten Augenblick, zu dem wir sie geführt, störte, ist es, wir denken dies wenigstens, unerläßlich, aus einige Augenblicke zu den Personen zurückzukehren, die, obgleich allerdings minder wichtig, doch nicht ganz von uns verlassen werden dürfen, da sie bei dieser ein wenig romanhaften Handlung beteiligte Parteien sind. Wir sprechen von der Gesellschaft Jesu, welche während der drei bis vier letzten Kapitel ein wenig von uns geopfert worden ist. Wir wollen mit unsern Lesern vom Puter Mordon und vom Pater de la Sante sprechen, die uns zu mächtige Schauspieler zu sein scheinen, um so ihre Rollen sich beschneiden zu sehen. Wir haben gesagt, die Jesuiten seien ins Theater gegangen; in jenen Zeiten war es den Priestern erlaubt, die Literatur anzuhören und die Moral zu beurteilen. Es war eine angenommene Idee, der Prediger könne vom Histrio einige seiner Gebärden und seiner Darstellungsmittel entlehnen. Alles, was zur Verherrlichung Gottes zu dienen vermochte, wurde als gute Prise betrachtet, besonders von der Gesellschaft Jesu. »Ad majorem dei gloriam, « sagte der Gesellschaftswahlspruch. Es konnte also für die Verherrlichung Gottes wichtig sein, daß die ehrwürdigen Väter Mordon und de la Sante die Verse des Heiden Voltaire, vorgetragen von den abtrünnigen Komödianten, anhörten. Man durfte nicht bezweifeln, es würden der Pater Mordon in einer seiner Predigten und der Pater de la Sante in einem seiner heiligen Trauerspiele mit Nutzen einige in diesem Misthaufen gefundene Goldtheilchen anwenden. Margaritas in sterquilinio. Darum halte Banniére hinter seiner Säule verborgen, zur Stunde, wo das Schauspiel anfing, zwei Jesuiten im Wagen vor der Thür des Theaters ankommen sehen. Wir haben gesagt, Banniére sei bei diesem Anblick von einem solchen Schrecken ergriffen worden, daß, er sich aus der Stelle in den Gang des Theaters geflüchtet. Sein Schrecken war so groß gewesen, daß er sich nur Zeit gelassen hatte, das Ende des Rockes und die Spitze des Hutes zu erschauen. Diese zwei Brüche der Kleidung der ehrwürdigen Väter hatten genügt, ihn seinen Posten mit der Hast, von der wir gesprochen, verlassen zu machen. Es wäre, wie man leicht begreift, etwas Anderes gewesen, hätte er erraten können, wer die wichtigen Personen waren, deren Leib diese Röcke bekleideten, deren Kopf diese Hüte bedeckten. Was die guten Väter betrifft, so hatten sie nicht einmal das Ende des Rockes und die Spitze des Hutes von Banniére gesehen, und so sehr wir auch von ihrem Scharfsinn überzeugt sind, so sagen wir doch, hätten sie dies auch gesehen, sie wären weit entfernt gewesen, zu erraten, von den dreihundert ihrem Orden untergebenen jungen Leuten sei derjenige, welcher so behende vor ihnen fliehe, der Gefangene der Meditationsstube. Die guten Väter traten also ein, ohne auch nur im Geringsten an Banniére zu denken, und nahmen Besitz von einer kleinen vergitterten Loge, – eine Batterie von wo aus sie mit glühenden Kugeln auf Voltaire, schießen und in aller Ruhe ihre Beute machen konnten, was der Religion einen doppelten Vorteil bot. Der Pater de la Sante besonders, der am Tage vorher Champmeslé Beichte gehört hatte, der Pater de la Sante versprach sich ein gewisses Vergnügen, seinen Bußfertigen in der Ausübung seiner Schwächen und in der Begehung seiner Sünden zu sehen, und während der Beichtiger nachsichtig gewesen, drohte der Kritiker, es nicht zu sein. Es geschah in diesem Moment, wo unter seinen dicken, grauen Brauen seine Augen von einer Feindseligkeit, welche bei diesen, vortrefflichen Manne noch etwas Wohlwollendes hatte, zu glänzen anfingen, daß der Redner der Truppe sein Vergnügen dadurch störte, daß er die Unpässlichkeit von Champmeslé und das Anerbieten der Gefälligkeit eines Stellvertreters ankündigte. Die guten Väter brummten ein wenig, aber sie mussten, wie alle Welt, diesen Unfall in Geduld hinnehmen, und belebt durch die Vorstellung der zwei ersten Acte, in denen man viel von Herodes spricht, ohne daß Herodes in denselben erscheint, hatten sie diese Substitution beinahe vergessen, als der syrische König im dritten Akt auftrat. Dieses Austreten, das wir an seiner Stelle beschrieben haben, machte den Eindruck aus die ehrwürdigen Väter, den es aus die übrigen Zuschauer machte, aber nach einigen Secunden fingen seltsame Empfindlichkeiten an im Geiste von jedem derselben zu erwachen. Diese Stimme, dieser Gang, was man von diesem Gesicht sah, – der Bart und die Perücke verbargen, wie man sich erinnert, einen großen Teil davon, – Alles dies, sagen wir, rief ins Gedächtnis der zwei Jesuiten ein Individuum ihrer Bekanntschaft, aber aus eine so schwankende, so unbestimmte Art, so groß war die Entfernung von dem mit Sammet und Seide bedeckten Herodes bis zu Banniére in seiner schwarzen Robe und mit dem dreieckigen Hut, daß Beide den Kreis Ihrer Bekannten erschöpften, ohne bei Banniére stehen zu bleiben; dann verriet sich plötzlich durch eine Gebärde, durch eine Betonung, durch eine angenommene Gewohnheit der Debütant jedem von ihnen, so daß sich jeder von ihnen augenblicklich, noch leise aber, sagte, denn weder der Eine, noch der Andere wagte es, einen so ungereimten Gedanken an den Tag zu legen: »Das ist Banniére!« Eine Folge hiervon war, daß, als einige Secunden, nachdem dieses Licht in ihrem Geiste aufgegangen, Herodes durch eine richtige Intonation und einen leidenschaftlichen Aufschwung den Beifall des Parterre gewonnen und einen Sturm von Bravos erregt hatte, der Pater de la Sante. der sich von seiner Künstlernatur hinreißen ließ, an diesem für das Ohr des Schauspielers so süßen Konzert Teil zu nehmen, ausrief: »Der Bursche spielte den Isaak zu gut, als daß es ihm nicht hätte gelingen sollen, eines Tags den Herodes trefflich zu geben.« Dieser Ausruf antwortete so gut dem Gedanken, der sich ganz leise im Geiste des Pater Mordon bildete, daß er sein flammendes Auge aus de la Sante heftete, ihn beim Handgelenke packte und zu ihm sagte: »Nicht wahr, er ist es?« »Ich gestehe,« erwiderte der lateinisch« Tragiker, »wenn Sie von einer Ähnlichkeit sprechen wollen.« »Nicht wahr, unerhört?« »Fabelhaft.« »Zwischen diesem Schauspieler und dem kleinen Banniére?« »Sie finden also wie ich?« »Das heißt, ich würde daraus schwören, wenn. . .« »Gerade wie ich, wenn ich nicht durch einen Zweifel zurückgehalten würde. . .« »Durch welchen Zweifel?« »Daß ich Banniére in die Meditationsstube eingesperrt habe.« »Sie selbst?« »Ich selbst.« »Nun?« »Nun!« erwiderte Mordon lächelnd. »Sie wissen, mein Bruder, daß diese Stube mit vortrefflichen Riegeln geschlossen ist.« »Das ist ein Grund,« murmelte der Pater de la Sante, »jedoch . . .« »Jedoch?« »Es sind so sehr seine Stimme, sein Gang, seine Gebärde, besonders für mich, der ich den Jungen habe probiren lassen . . .« »Thun Sie mir einen gefallen, mein Bruder.« «Zu Ihren Befehlen, mein Ehrwürdiger.« »Gehen Sie ins Noviciat und sehen Sie nach.« Der Pater de la Sante machte ein saures Gesicht. Es war nicht sehr anziehend für ihn, sich in seiner süßen Beschäftigung stören zu lassen. Seine Überzeugung, Herodes und Banniére seien ein und derselbe Mensch, schien auch plötzlich gewaltig erschüttert zu werden. »Mein Ehrwürdiger,« sagte er, »je mehr ich schaue, desto mehr glaube ich, daß wir uns geirrt haben. Sehen Sie doch den Menschen, der dort spielt.« »Ich sehe ihn.« versetzte der Pater Mordon. »Nun wohl! derjenige, welcher dort spielt, ist meiner Ansicht nach ein vollendeter Schauspieler, während der kleine Banniére die Bretter nie betreten hatte.« »Ausgenommen unter Ihrer Leitung,« »Oh! eine Schultragödie kann nicht genügen, um eine dramatische Bildung zu machen.« »Das ist wahr; aber . . .« »Schauen Sie, Ehrwürdiger: derjenige, welchen wir sehen, hat Gebärde, Majestät, mimische Beredsamkeit, und der kleine Banniére konnte Alles dies nicht haben,« »Hm!« machte der Pater Mordon, »der Beruf gibt den Einen, was Übung und Gewohnheit den Andern nicht immer geben.« «Einverstanden, einverstanden; doch sehen Sie, wie die Augen dieses Schauspielers Marianna verschlingen; sehen Sie, wie schmachtend und sanft Marianna ist, während sie diesen Herodes anschaut, den sie hassen und verabscheuen muss. Ich kann Sie versichern. Ich, der ich vieler Verliebten Beichte höre, daß diese Augen sich schon lange kennen.« »Nun,« fragte der Pater Mordon, »warum sollte Banniére, der so verdorben ist, diese Schauspieler nicht seit langer Zeit kennen?« »Weil, wenn er sie kennt, ich es wüsste.« »Sie wüssten es?« »Allerdings, da ich sein Beichtvater bin.« Dieses Wort endigte die Debatte, und der lateinische Trauerspieldichter konnte nach seinem Wohlgefallen die französische Tragödie anschauen. Nach einem »Ah!« das keinen Zweifel mehr bezeichnete, wandte sich der Pater Mordon auch wieder dem Schauspiele zu, jedoch mit um so offenherzigeren Schwankungen, als er keinen Grund hatte, sie zu verbergen. Diese Schwankungen dauerten so lange, als das Schauspiel dauerte. Als der Vorhang heruntergelassen war, kehrten die zwei Jesuiten in voller Eile in das Noviciat zurück. Alles war ruhig in der Umgebung des Hauses; nichts verkündigte jene Art von Verwirrung, welche immer bei den Aufsehern eine Entweichung oder ein entdeckter Skandal verursachen. All dieser Anschein beruhigte indessen nur schwach den Pater Mordon, da er immer von dem Gedanken erfüllt war, Banniére und Herodes seien ein und derselbe Mensch. Kaum war er auch In der Hausflur, als er sich Gewissheit verschaffen wollte. »Hat man dem Novizen In der Meditation Abendbrot, gebracht?« fragte er. «Mein Vater,« antwortete derjenige, an welchen er sich wandte, »Euer Ehrwürden hatte es nicht befohlen.« »Das ist wahr. Ist Jemand im Gange?' »Der Wächter, wie gewöhnlich.« »Man bringe eine Laterne und führe mich.« Die dienenden Brüder gehorchten. Als er die so wohl vorgeschobenen Riegel erblickte, als er das Schloß und die Thür so vollkommen unversehrt sah, lächelte Mordon und de la Sante rieb sich die Hände. »Wir haben uns getäuscht,« sagte der Letztere, »induxit nos diabolus in errorem.« »Wenn man entweicht,« erwiderte Mordon, der weniger leicht zu beruhigen war, »so geschieht es selten durch die Thür.« »Aber,« versetzte der Pater de la Sante, »die Meditationsstube bat keine Fenster.« »Fingit diabolus fenestras ad libitum,« entgegnete Mordon. »Banniére!« rief der Pater de la Sante, »Banniére! Banniére!« Und so oft er dem jungen Manne rief, erhöhte er die Stimme um einen Ton. Doch Banniére konnte nicht antworten. Die zwei Jesuiten schauten sich mit einer Miene an, welche besagen wollte: »Ho! ho! Herodes und Banniére waren also entschieden derselbe Mensch.» Dieser Ungewißheit sollte ein Ende gemacht werden. Auf einen Befehl des Pater Mordon wurde die Thür geöffnet. Da traf das traurige Schauspiel des eingestoßenen Fensters, der zerrissenen Tapete, der zerstückelten und aufgetrennten Inschriften die Blicke des Pater Mordon und des Pater de la Sante. »Er war es, den wir Herodes haben spielen sehen,« sagte Mordon mit einem Seufzer der Wut. Ich vermutete es nicht nur, als ich ihn seine Rolle vortragen, sondern auch, als Ich ihn den Andern ihre Rolle einblasen hörte. Der Elende hat gestanden, da er die Broschüre abgeben musste, er könne das ganze Stück auswendig.« »Mea culpa, mea culpa,« wiederholte der Pater de la Sante, indem er an seine Brust schlug. »Abermals ein Bursche, der uns gern entwischen möchte, wie uns der verfluchte Arouet entwischt ist,« sagte der Pater Mordon. »Oh! was das betrifft, »erwiderte der Pater de la Sante, »seien Sie ohne Furcht . . . Der Bursche hat nur ein Hilfsmittel: Kaninchen oder Fuchs, muss er in den Bau zurückkehren. Wohl denn, um ihn solche mutwillige Streiche machen zu lehren, nehmen Sie ihm seinen Strick weg: er wird sehr dumm sein, denn er rechnet ohne Zweifel darauf, da hinaufsteigen zu können, wo er herabgestiegen ist. Schneiden Sie diese flatternden Fetzen ab, und der Flüchtling wird gezwungen sein, mit hängenden Ohren und zerknirschter Miene an die Thür zu klopfen.« »Ihm seinen Strick entziehen!« rief Mordon lebhaft. »Ah! Sie sind verrückt! eher als daß ich ihm denselben entzöge, würde ich ihm eine Leiter von Seide und mit Absätzen reichen lassen, wenn ich eine finden könnte. Aber wird er auch nur zurückkommen?« »Was soll denn aus ihm werden?« versetzte der Pater de la Sante wahrhaft erschrocken bei dem Gedanken, der sich ihm zum ersten Male bot, Banniére sei für immer entflohen. »Ich weiß nicht, was aus ihm werden könnte,« erwiderte der Pater Mordon; »aber ich weiß, daß er schon zurückgekehrt sein müsste.« »Vielleicht sieht er unser Licht, und das erschreckt ihn,« sagte der Pater de la Sante. »Ja, das ist möglich, und doch . . . Gleichviel, blasen Sie die Laterne aus.« Man blies die Laterne aus und wartete ungefähr eine Viertelstunde, ohne daß der Pater Mordon ein Wort aus die ungeduldigen Äußerungen seines Gefährten erwiderte. Dann nach einer Viertelstunde sagte der Pater Mordon: »Es ist gut, er wird nun nicht mehr zurückkehren; es gibt nur noch eine Hoffnung, die, daß er die Zeit, die wir mit Warten zugebracht, dazu angewandt hat, seine profanen Kleider auszuziehen und sein Jesuitengewand wieder anzuziehen. Wollen Sie ins Theater gehen, de la Sante?« »Ich?« versetzte der Pater; »das dünkt mir schwierig.« »In wie fern?« »In so fern, als man mich erkennen und ihn benachrichtigen wird.« »Sie haben Recht. Schicken Sie die zwei dienenden Brüder ab; nur sollen sie keine Minute Verlieren.« Die zwei Väter verließen die Meditationsstube und fanden die zwei dienenden Brüder beim Eingange der Flur. »Lauft Ins Theater,« sagte Mordon zu ihnen: »erkundigt Euch, ob der Jesuit, der durch den Gang der Schauspieler eingetreten ist, sich wieder entfernt oder nicht entfernt hat; hat er sich nicht entfernt, so lauert aus ihn im Gange; und wenn er vorübergeht, packt ihn und bringt ihn hierher, geknebelt, wenn es sein muss, aber bringt ihn.« Der Pater Mordon sprach diese Worte mit der einschneidenden Kürze eines Richters, der ein Urteil fällt, und der will, daß der Spruch ohne Verzug, wie ohne Abänderung vollstreckt werde. Aus diesen bestimmten Befehl enteilten auch die zwei dienenden Brüder und liefen nach dem Theater. Sie kamen an, als die letzten Feuer erloschen, und da sie vom Hausmeister erfuhren, er habe den Novizen, der eingetreten, nicht herauskommen sehen, so legten sie sich in dem Gange, durch den sich gewöhnlich die Schauspieler einer nach dem Andern entfernten, in den Hinterhalt und lauerten im Schatten verborgen aus ihre Beute. XVI. Eine Seele, die sich rettet, für eine Seele, die sich ins Verderben stürzt Aber es stand da oben im Buche der kleinen Ursachen und der großen Wirkungen geschrieben, daß an diesem Tage eben so viel burleske oder tragische Ereignisse geboren, werden sollten, als er Stunden zählte. Während des letzten Aktes der Vorstellung, gerade in dem Augenblick, wo der Vorhang gefallen war, und wo man sich um den Debütanten drängte, um ihm Glück zu wünschen, kam ein finsterer, bleicher Mann, in nachlässiger Kleidung, in den noch öden Gang, stieg langsam die holperigen Stufen der Treppe hinauf und gelangte, ohne rechts oder links, ohne vor sich oder hinter sich zu schauen, geleitet durch den maschinenmäßigen Instinkt, welcher macht, daß die Natur beinahe ohne die Teilnahme der Seele die Sache vollbringt, die sie zu vollbringen gewohnt ist, er gelangte, sagen wir, in den Korridor, aus den sich die Logen der Schauspieler öffneten. Dieser Mann war Champmeslé, müde, gelähmt, vernichtet durch ein wahnsinniges Umherlaufen in den schwärzesten und einsamsten Straßen von Avignon; Champmeslé, der am Abend vielleicht mehr als zweitausend Stufen auf und abgestiegen war, Champmeslé, der, nachdem er Träume, Schrecknisse und Gebete, besonders aber seine Kräfte erschöpft, sich entschlossen hatte, zurückzukehren, einmal, um zu erfahren, was vorgegangen, sodann, um seine Kameraden wegen des Schadens, den er ihnen dadurch zugefügt, daß er ihnen den Verlust ihrer Einnahme zugezogen, um Verzeihung zu bitten, und endlich, um, wenn er diese Verzeihung erhalten hätte, zu schlafen und beim Erwachen mit der Frische der Ideen eine Gott entflossene Eingebung zu finden. Wohl hörte Champmeslé in der Ferne, in der Richtung der Bühne, Geräusche und Bravos; aber diese Geräusche hatten keinen entschiedenen Charakter und konnten in dieser Entfernung eben so wohl für Gemurre und Wehklagen, als für Applaus gelten. Champmeslé ging also weiter nach seiner Loge. Mit den Gefühlen, die wir geschildert, trat er In diese Loge, das Tabernakel seiner Missetaten, mehr als je geneigt, Buße zu tun, ein. Doch kaum war er hier eingetreten, da war das Erste, was er auf einem Stuhle sauber zusammengelegt erblickte, das Kleid des Jesuiten, eine Pyramide bildend, und auf dieser Pyramide der dreieckige Hut eben desselben Jesuiten, den die Theaterdiener frommer Weise ausgebürstet hatten. Bei diesem Anblick gab Champmeslé einen Schrei des Erstaunens von sich: er konnte seinen Augen nicht trauen, schaute näher, befühlte, und als er sich überzeugt hatte, daß es keine Malerei war, sondern, daß er praktikable Kleider, wie man mit dem Theaterausdrucke sagt, vor sich hatte, hob er seine beiden Hände zum Himmel empor und fiel aus die Knie. Die Kleider, welche die Stelle von denen von Herodes einnahmen und auf Champmeslé in seiner Loge warteten, das war ganz einfach für ihn eine Hindeutung des Himmels auf den Weg, dem er zu folgen hatte. Er erinnerte sich nicht mehr, Banniére als Jesuiten gesehen zu hoben: er erriet entfernt nicht, mit Gewalt ins Foyer geführt, sei Banniére unwillkürlich durch die schönen Augen von Olympia dazu gebracht worden, daß er die Rolle des Herodes gespielt habe. Dieses Kleid war das Zeichen seiner Vorherbestimmung, es war das Unterpfand des göttlichen Willens; ein Jesuitenrock vom Himmel in die Loge eines Schauspielers herabgekommen, das war eine ganz andere Offenbarung, als ein Traum; die Vorsehung war in einem Fortschritte bei den Visionen der Champmeslé begriffen. Kein Zweifel! keine Schwankungen mehr! das Ordenskleid! ins Kloster! Von diesem Augenblick an verschwand die Müdigkeit, hörte die Unentschlossenheit aus. In einem Nu hatte Champmeslé seine Kleider abgeworfen; er nahm die Soutane und die kurze Hose von Banniére, setzte seinen Hut aus und ging mit einer begeisterten Miene hinaus, während sich alle seine Kameraden in das Foyer begaben, um dem Mahle von Herrn von Mailly Ehre anzutun. Kaum hatte Champmeslé in dem finsteren Gange, die fünf Pater und die fünf Ave sprechend, die ihm de la Sante als Buße auferlegt, zehn Schritte gemacht, als die dienenden Brüder des Pater Mordon, welche einen Jesuiten aus sich zukommen sahen und nicht begriffen, daß auswärts um Mitternacht andere Jesuiten seien, als sie oder Banniére, über ihn herfielen, wobei ihm der Eine seinen Hut aus die Augen niederdrückte, der Andere«in Taschentuch um den Mund knüpfte, Beide ihm aber eine gute Anzahl Rippenstöße gaben, und ihn dann fortschleppten, wie es zwei Sperber mit einem Sperlinge tun, den sie in Gesellschaft gejagt haben. Zehn Minuten nachher waren sie im Noviciat, ohne die Aufmerksamkeit, der, um diese vorgerückte Stunde der Nacht allerdings nur seltener, Vorübergehenden er»regt zu haben. Da sie erwartet wurden, so hatten sie kaum angeklopft, als man die Thür öffnete und wieder hinter ihnen schloss. In demselben Augenblick verkündigte das Triumphgeschrei, das die zwei dienenden Brüder und der Bruder Pförtner ertönen ließen, daß Banniére wieder Gefangen und in das Noviciat eingebracht war. «Wer ist es?« fragte der Pater Mordon von der Thürschwelle aus, wo er wartete. »Es ist der Flüchtling! es ist Banniére!« riefen acht bis zehn Stimmen. »Gut!« sprach der Ehrwürdige, »bringt Ihn in die Meditationsstube hinaus.« Der Befehl des Pater Mordon wurde buchstäblich vollzogen; man führte den unglücklichen Champmeslé, den man immer für Banniére hielt, in die Meditationsstube und legte ihn auf den Boden nieder, nach welcher Operation aus einen Wink die dienenden Brüder, ein Lächeln und ein Optime ihres Superior mit sich nehmend, weggingen. Geknebelt, gebunden, bis über die Augen mit dem Hute bedeckt, war indessen der arme Sünder kaum von seinen Henkern losgelassen, als er röchelte, sich wälzte und sich von dem Taschentuche, das ihn erstickte, zu befreien suchte. De la Sante, der ein mildes Herz hatte, half ihm hierbei, so gut er konnte, und es wurde zuerst das Sacktuch und dann der Hut weggenommen. »Es ist nicht Banniére!« rief der Superior. »Es ist Champmeslé!« rief de la Sante. Und Beide betrachteten ganz verblüfft den Schauspieler, der, auf dem Boden sitzend, die Hände hängend, die Knie in der Höhe der Nase, abwechselnd den Pater Mordon und den Pater de la Sante anstarrte, ohne den Einen oder den Andern zu erkennen, ohne zu wissen, wohin man ihn geführt, ohne zu begreifen, was mit ihm vorging, und vergebens sich fragend, wer die zwei Personen seien, die ihm als guter und böser Schächer dienten. Endlich erkannte er das Kleid, und durch das Kleid die Menschen, und durch die Menschen das Haus. Gott offenbarte sich ihm fortwährend, da er ihn mit Gewalt dahin geführt, wohin zu gehen er sich so glücklich gefühlt hätte, wäre er sicher gewesen, ausgenommen zu werden. Er sprang in die Höhe, fiel wieder auf die Knie mit der Geschicklichkeit eines Equilibristen, nahm eine Hand von jedem der Väter und rief: »Ah! gelobt sei Gott, der mich in Ihre Arme wirft.« Bei diesem Ausruf kreuzten Mordon und de la Sante die ihrigen und befragten sich mit einem stummen Blicke. Und wie die dunkelsten Dinge am Ende sich, selbst in den spanischen Imbroglios, aufklären, so wickelten die zwei Jesuiten den so verworrenen Faden dieser Intrige aus einander. Man ließ Champmeslé in der Meditationsstube, bei weit geöffneten Thüren, ohne Furcht, ihn entweichen zu sehen, und während de la Sante mit bestimmten Befehlen für den Fall eines Ereignisses zurückblieb, lief der Pater Mordon zum Gouverneur, um feinere und offiziellere Spürhunde, als die des Noviciats, Banniére nachsetzen zu lassen. Der Beamte, der sich im Theater sehr belustigt hatte, belustigte sich noch vielmehr, als er erfuhr, was für ein Mensch sein Schauspieler war, und unter einem schallenden Gelächter befahl er, Banniére überall, wo man ihn treffen würde, in Verhaft zu nehmen. Ob der Gouverneur Banniére lachend oder ohne zu lachen verhaften ließ, das war dem Pater Mordon gleichgültig, wenn Banniére nur verhaktet wurde. Er dankte also dem Gouverneur für seine Gefälligkeit, und dieser begleitete beständig lachend den Jesuiten bis zur Thür zurück. Zur Stunde war es also Jedem nach seinen Wünschen geglückt. Banniére befand sich bei Fräulein Olympia; Champmeslé ging mit großen Schritten aus dem Pfade des Heils! der Pater Mordon hatte alle Aussicht, seinen Novizen wieder zu erwischen. Der Gouverneur, während er seine Schützen aus den Schuldigen hegte, lachte aus vollem Halse, so daß Voltaire, die erste Ursache dieser ganzen Verwirrung, dies sehend, wie er es zwanzig Jahre später tat, ausgerufen hätte. Alles stehe aus das Beste in dieser besten der möglichen Welten. Derjenige, welcher diese Maxime zuerst für falsch erklären sollte, war der arme Banniére. Man erinnert sich, daß wir ihn strahlend, mit gefalteten Händen und bereit, auf die Knie zu fallen, im Zimmer der schönen Olympia verlassen haben, als ihn das Geräusch eines plötzlichen, heftigen Schlages an die Thür beben machte. Ohne Zweifel verkündigte diese Unterbrechung ein ernstes Ereignis, denn Olympia bebte ebenfalls und bedeutete Banniére durch ein Zeichen mit der Hand, er möge horchen. Ein zweiter Schlag, noch heftiger als der erste, erscholl unmittelbar darauf. Olympia lief ans Fenster, während Banniére, der instinktartig erriet, er sei bei diesem nächtlichen Besuche beteiligt, unbeweglich in der Stellung blieb, in der ihn der erste Schlag des Klopfers überrascht hatte. Olympia hob den Vorhang aus, öffnete ganz zart das Fenster und schaute durch die Zwischenräume des Ladens. Durch dieses offene Fenster gelangte zu Banniére etwas wie ein verworrenes Geräusch von abgemessenen Schritten und leise gesprochenen Worten. Ohne eine Silbe zu sagen, winkte Olympia dem jungen Manne zu sich. Mit drei Schritten war er an ihrer Seite, und er schaute durch dieselbe Öffnung, durch welche sie schaute. Unter dem Fenster war ein Dutzend Männer, von denen die Einen bewaffnet, die Andern ohne Waffen, indes in der Vertiefung eines Torweges ein mit zwei Pferden bespannter Wagen stand. »Was sagen Sie hierzu?« fragte Olympia Banniére mit so leiser Stimme, daß er die Worte mehr an ihrem Hauche, der sein Gesicht liebkoste, als am Geräusche ihrer Artikulierung verriet. »Ah! mein Fräulein,« erwiderte Banniére mit einem Seufzer, »ich sage, alle diese Leute kommen mir vor, als hätten Sie es aus den König Herodes abgesehen.« »Ja, nicht wahr,« versetzte Olympia, »das riecht auf eine Meile nach dem Jesuiten? Haben Sie im Geringsten Lust, zu diesen abscheulichen schwarzen Menschen zurückzukehren?« »Oh! mein Fräulein,« rief Banniére lauter, als es zu tun klug war, »ich würde bis an das Ende der Welt gehen, um sie zu fliehen!« »Stille doch!« flüsterte Olympia, »man hat Sie gehört.« Ein Commissär, leicht zu erkennen an seinem steifen Beamtenwesen und der üblen Laune, in der er sich darüber befand, daß man ihn im Schlafe gestört hatte, »in hässlicher, schwarzer Commissär, mit zwei Adjutanten in grauen Röcken an seiner Seite, schaute in der Tat empor, trennte sich von der Gruppe und trat bis unter den Balkon vor. »Ah! ah!« sagte Olympia, »es ist keine Zeit zu verlieren; man hat es wohl aus Sie abgesehen. Zum Glück ist die Thür solide, und wir haben zehn Minuten vor uns, ehe man sie sprengt.« »Sie glauben also, man werde sie sprengen?« »Sie werden es nicht unterlassen; in zehn Minuten macht man aber viel, vorausgesetzt,« fügte Olympia bei, »vorausgesetzt, daß man den Kopf nicht verliert.« »Mein Fräulein,« erwiderte Banniére, »nur Eines wäre im Stande, es dahin zu bringen, daß ich den Kopf verlöre: wenn ich das Unglück hätte, Ihnen zu missfallen; doch Ihrer Billigung und Ihrer Sympathie sicher, würde ich der ganzen Welt trotz bieten.« »Gut geantwortet,« sagte Olympia. »Kommen Sie.« »Aber,« erwiderte Banniére, aus sein unglückliches Kostüm des König Herodes deutend, »dieses Kleid setzt mich in Verlegenheit.« »Sie werden es auch wechseln,« sagte Olympia, indem sie Banniére in das Ankleidekabinett fortzog. Als sie zu einem großen, in der Tapete verborgenen Schranke kam, öffnete sie ihn, und Banniére befand sich vor einer vollständigen Kleiderkammer. »Kleiden Sie sich um, ohne eine Sekunde zu verlieren,« sagte Olympia, »ich werde dasselbe tun. Sie haben fünf Minuten für Ihre Toilette.« In demselben Augenblick erscholl ein dritter Schlag, noch kräftiger als die zwei ersten, an der Thür, und man vernahm die feierlichen Worte: »Im Namen des Königs, öffnet!« XVII. Die Flucht Diese Worte waren für Banniére ein noch viel mächtigerer Stachel, als es die Ermahnung von Olympia gewesen. In fünf Minuten hatte er seinen Anzug beendigt, und er war im Begriffe, triumphierend in das Zimmer von Olympia zurückzukehren, als er aus der Schwelle dieses Zimmers einen reizenden kleinen Cavalier erscheinen sah. Banniére gab einen Schrei des Erstaunens von sich, denn erst mit dem zweiten Blicke erkannte er Olympia unter ihren Männerkleidern. »Oh! wie schön sind Sie!« rief Banniére. »Sie werden mir das später sagen, mein lieber Banniére, und ich werde Sie mit einem großen Vergnügen anhören, das gestehe ich Ihnen, denn die Äußerung, die Ihnen entschlüpfte, ist eine von denjenigen, deren eine Frau nie müde wird; doch für den Augenblick haben wir keine Zeit mit Komplimenten zu verlieren, kommen Sie.« »Wohin?« »Was weiß ich? wohin es dem Zufall uns zu führen gefällt.« »Uns zu führen, sagen Sie? Sie kommen also mit mir?« »Gewiss,« erwiderte Olympia. »Sie lieben mich also?« fragte Banniére. »Ich weiß nicht, ob ich Sie liebe, aber ich weiß, daß Sie weggehen, und daß ich weggehe. Sind Sie bereit?« »Oh! ich bin es,« rief Banniére, »ich glaube wohl, daß ich es bin.« »Dann kein Wort mehr,« sagte Olympia, »machen Sie es wie ich und folgen Sie mir.« Sie ging an den Secretaire und öffnete ihn. Die zweitausend Louis d'or von Herrn von Mailly waren methodisch geordnet: tausend in Rollen, jede von hundert Louis d'or, tausend in Anweisungen aus den Inhaber. »Nehmen Sie das Gold,« sagte Olympia, »ich nehme die Papiere.« Und während Olympia wirklich ihre Taschen mit Papieren vollstopfte, stopfte Banniére die seinigen mit Gold voll. »Ist es geschehen?« fragte Olympia. »Ja,« antwortete Banniére. »Nun nehmen Sie dieses.« »Was ist das noch?« »Mein Schmuckkästchen, ich empfehle es Ihnen.« »Seien Sie ruhig, ich habe es: doch Sie, was suchen Sie?« »Einen Ring.« »Ach! ja,« murmelte Banniére seufzend, »den von Herrn von Mailly.« »Ich glaube ihn auf dem Kamin gesehen zu haben.« Banniére streckte die Hand aus, griff auf der Marmorplatte umher und sagte: »Hier ist er.« »Geben Sie,« versetzte Olympia; und sie steckte den Ring an ihren Finger. »Hören Sie?« sagte Banniére. »Oh! geschwinde, geschwinde,« rief Olympia, »die Thür weicht.« »Und wir, was machen wir?« »Machen wir es wie die Thür,« erwiderte Olympia mit einem anbetungswürdigen Lächeln. Und sie nahm Banniére bei der Hand und zog ihn fort. »Aber Sie bedenken nicht,« versetzte Banniére ängstlich, »wir gehen ihnen entgegen!« »Lassen Sie mich machen,« antwortete Olympia. Er folgte also Olympia in einen nach der Treppe ausmündenden Korridor. Auf diesen Korridor ging ein Kabinett, in das Olympia Banniére zuerst hineinschob und dann selbst eintrat. Sie waren kaum in diesem Kabinett, als aus der Treppe die hastigen Schritte des Commissärs und der Schützen erschollen, welche, das ganze Haus aufweckend. Claire und die andern Dienstboten Angstschreie ausstoßen machten. Dann, als der Orkan, ohne anzuhalten, an der Thür des Kabinetts vorübergezogen war, öffnete Olympia in eben diesem Kabinett, nachdem sie die erste Thür mit Riegeln verschlossen, eine zweite Thür, welche auf eine kleine Treppe ging. Diese kleine Treppe führte zu einem schwarzen Gang und dieser schwarze Gang in einen Garten. Sobald er nur die frische Lust fühlte, atmete Banniére behaglicher. Die zwei Flüchtlinge schlüpften unter die Linden, erreichten eine äußere Thür und befanden sich auf einer verödeten, abschüssigen Gasse, durch welche Olympia rasch ihren Gefährten fortzog. Beide liefen zu stark, um mit einander zu sprechen, da sie sich aber an den Händen hielten, so sprachen ihre Hände in Ermangelung des Mundes. Sie gingen immer weiter, von Gasse zu Gasse, von Platz zu Platz, von Kreuzweg zu Kreuzweg, bis zur Porte de l'Oulle, welche die ganze Nacht offen blieb. Sobald sie aus dem Thore waren, befanden sie sich am Ufer des Flusses, der sich ihnen noch vielmehr durch seine Kühle verkündigte, als durch den perlmutternen Nester, den man glänzend durch die schwarzen Bäume der Promenade erblickte., Banniére eilte schon gegen die hölzerne Brücke: doch statt dem gegebenen Impulse zu folgen, zog Olympia ihren Gefährten nach rechts und fing an am steilen Rande hinabzusteigen, wie ein Schüler, der aus Beute ausgeht. Banniére folgte ihr ohne Widerstand. Der arme Banniére! Sie hätte ihn an einem seidenen Faden bis in den siebenten Kreis der Hölle geführt. Die jungen Leute machten so am Ufer der Rhone ungefähr hundert Schritte; dann ging Olympia gerade aus einen kleinen Nachen zu, dessen Schloß sie mit einem Schlüssel öffnete, welchen sie stiebend mitzunehmen besorgt gewesen war. Banniére war bei ihr im Nachen. »Können Sie rudern?« fragte sie den jungen Mann. »Ja, zum Glück,« erwiderte Banniére. »Wenn wir eine Spazierfahrt machten, war ich es, der ruderte.« »Gut,« sagte Olympia lakonisch. »Rudern Sie also.« Banniére nahm ein Ruder mit jeder Hand und ging muthig ans Werk. Das war eine harte Ausgabe. Die Rhone ist breit und reißend an der Stelle, wo unsere Flüchtlinge überzusetzen unternahmen, aber Banniére hatte die Wahrheit gesprochen; er war nicht nur stark und kräftig, sondern es fehlte ihm auch nicht an einer gewissen Geschicklichkeit in Handhabung des Ruders: Schweigend, schnaufend, die Hände gerötet, vollbrachte er die Überfahrt, ohne daß er seinen Nachen zu sehr hatte abfallen lassen. Nichts war hinter den Flüchtlingen erschienen, was vermuten ließ, sie werden verfolgt. Am entgegengesetzten Ufer angelangt, band Olympia, welche während der Überfahrt als Lotse funktioniert hatte, die Kette an eines von den Stücken einer Batterie an, die sie kannte, ließ sich von Banniére die Hand geben, sprang auf das feste Land und lies in der Richtung von Villeneuve-les-Avignon fort. Banniére lies neben ihr her, immer ohne zu fragen. Die zwei Flüchtlinge hatten nicht nötig, bis zum Dorfe zu lausen, das man weiß in der Nacht auf dem Abhang des Hügels erblickte Olympia blieb zweihundert Schritte von den ersten Häusern, atemlos. erschöpft, aber immer lachend, vor einer halb von Weinranken bedeckten, malerischen Hütte stehen. Banniére blieb bei ihr stehen. »Klopfen Sie an diesen Laden,« sagte Olympia. Banniére wusste nur zu gehorchen. Er klopfte, um die Wand einzustoßen. »Rufen Sie: Vater Philemon!« fuhr Olympia fort. Und Banniére schrie mit einer Stentorstimme: »Vater Philemon!i« Die Stimme eines Greises antwortete von innen. »Stille! warten wir!« sagte Olympia. Und sie setzte sich aus eine an der Wand befestigte hölzerne Bank. Da vernahm man ein neues Geräusch im Innern des Hauses. Das war das Geräusch der schweren Tritte und der schleppenden Sandalen des Vaters Philemon. Als sie dies hörte, klopfte Olympia dreimal sachte an den Laden. »Oh! Sie sind es, Fräulein Olympia sagte die meckernde Stimme des Greises. »Ja, ich bin es, Vater Philemon,« antwortete Olympia. »Gut, ich werde öffnen.« »Bemüht Euch nicht. Weckt nur Laurent und heißt ihn, ohne eine Minute zu verlieren, zwei Pferde satteln.« »Und Sie?« »Ich, ich warte hier.« »Sehr wohl,« erwiderte der Greis. Und die Sandalen kehrten schleppend nach dem Hintergrunde des Hauses zurück. »Olympia! Olympia!« sagte Banniére, der erst zum zweiten Male atmete, seitdem die Schützen an die Thür geklopft hatten, »mein Gott! was widerfährt uns? und was für ein verborgener Gang ist es, durch den es uns aus dem Hause zu kommen gewogen ist?« »Das ist die geheime Thür, mein lieber Banniére.« »Diese Thür war also den Leuten unbekannt?« »Ja, mit Ausnahme von Claire, mir und Herrn von Mailly.« Banniére seufzte. »Doch der Nachen im Fluss?« «Dieser Nachen gehört zu dem kleinen Wirtshaus am Ufer, ein, das begreife ich, den Novizen wenig bekannter Ort, wohlbekannt ober den Verliebten, welche dort unter den Lauben zu Mittag speisen und nach dem Essen den Nachen losbinden, um nach den Inseln zu fahren.« »Sie fuhren also nach den Inseln?« versetzte der Noviz. dessen Herz bei jeder Offenbarung von Olympia mehr anschwoll. »Ja, Herr von Mailly liebte diese Promenade ungemein,« antwortete ruhig die junge Frau. »Und der Vater Philemon.« sagte Banniére ganz betrübt, »ist es unbescheiden, Sie zu fragen, wie es sich mit dem Vater Philemon verhält?« »Nein, ganz und gar nicht! der Vater Philemon, das ist ein alter Diener von Herrn von Mailly, dem sein Herr die hübsche Hütte hier, zwei Morgen Weinland und zwei Pferde gegeben hat, welche wir von Zeit zu Zeit zu unsern Spazierritten benützen, und die wir heute für unsere Flucht benützen werden.« Banniére seufzte abermals und tiefer als je. »Nun?« fragte Olympia. »Nun!« erwiderte Banniére, indem er schwermütig seine Ärmel anschaute, »ich weiß wohl, daß ich deshalb nicht seufzen sollte, da Alles, was ich habe, bis auf meine Kleider, diesem Herrn genommen ist.« Und indem er diese Worte sprach, sah Banniére Olympia an, als wollte er zu ihr sagen; Alles, Alles, bis auf meine Kleider, bis aus Sie. Olympia faltete ihre Stirne, als wollte sie in ihren eigenen Geiste eine Furche graben, der gleich, welche die Eifersucht so schmerzlich in das Herz des Novizen grub. Aber Banniére, als er diese Wolke aus ihrer Stirne feststehen sah, ließ ihr nicht Zeit zum Nachdenken, warf sich ihr zu Füßen und rief mit. einer wirklichen Begeisterung: »Wohl an! Olympia, was auch geschehen mag, empfangen Sie den Schwur, den ich Ihnen leiste. Sie haben für mich Alles geopfert, mein Leben gehört Ihnen. Wenn Sie mich lieben, was Ich in der Tat nicht zu glauben wage, denn durch welche Mittel hätte ich Ihnen gefallen können? wenn Sie mich lieben, ich, ich bete Sie an. Wenn Sie mich nicht mehr lieben werden, und dieser Tag ist gewiß der unglücklichste meines Lebens, werden Sie nichtsdestoweniger für mich eine Gottheit, die Königin meiner ganzen Existenz sein. Sie haben mich von unten heraufgezogen, Sie haben mich bis zu Ihnen erhoben. Ich werde Ihrer würdig sein, und Sie werden es nicht bereuen, das schwöre ich Ihnen, einen armen Novizen gegen einen schönen, eleganten Edelmann vertauscht zu haben.« »Der mich verlassen hatte,« sagte zärtlich und großmütig Olympia, indem sie Banniére Ihre Hand zum Küssen reichte. »Seien Sie also unbesorgt,« fuhr die junge Frau fort, »und halten Sie sich in der Zukunft nur für gebunden durch Ihre Liebe. Sie sind ohne Verpflichtung gegen mich, und an dem Tage, wo Sie mich, wie Herr von Mailly, nicht mehr lieben, werden Sie, wie Herr von Mailly, frei sein. Hören Sie wohl, mein teurer Banniére: Sie haben mir gefallen, ich glaube, daß ich Sie liebe, ich hoffe, daß ich Sie lieben werde. Würde Herr von Mailly mein Gebieter geblieben sein, so wären Sie nie etwas für mich gewesen. Nun bin ich frei. Lieben Sie mich, wenn Sie wollen, lieben Sie mich so sehr, als Sie wollen, das wird nichts an der Sache verderben. Ich halte Sie für einen jungen Mann von Geist und Herz und nehme Sie als einen solchen. Alles, was Sie von den Menschen, den Dingen und der Welt nicht wissen, werden Sie lernen. Seien Sie ruhig, das sind Sachen, die man schnell lernt. Sind Sie, Wenn Sie unterrichtet sein werden, noch nicht besser als heute, so werde Ich mich getäuscht haben, ich werde einen Fehler begangen haben. Die Strafe wird mich treffen. Das ist abgemacht. Sprechen wir nicht mehr von diesen Erbärmlichkeiten. Das Leben von zwei Liebenden muss erst von dem Tage ansangen, wo sie sich kennen gelernt haben, vorher existierten sie nicht, da sie sich nicht kannten. Die Vergangenheit ist also das Nichts. Sehen Sie, der Tag kommt glänzend und mild: dieser Tag wird der erste von unserem Leben der Liebe sein. Alles Übrige ist, wie man im Theater sagt, in die Ferne gerückt. Heben wir den Vorhang des Hintergrundes nicht aus; hinter diesem Vorhang verbirgt man die zerbrochenen Kulissen und die alten Nebensachen. Hören Sie das Stampfen der Pferde? Sie sind im Hofe bereit. Geben Sie mir Ihre Hand und schauen Sie mich an. Gut, Sie lieben mich. Wenn Sie mich nicht mehr lieben, werden Sie nicht nötig haben, es mir zu sagen.« Banniére warf sich vor der schönen Olympia aus die Knie, küßte eine Million mal ihre Füße und ihre Hände, und der Vater Philemon, der seinen Laden öffnete, bot im Nachtgewand eines Landmanns Olympia mit einem gastfreundlichen Lächeln ein Glas Cahors-Wein und ein Stück Kuchen. Dann erwies er Banniére, der ihn schüchtern anschaute, dieselbe Artigkeit, abgesehen von der Größe des Glases und der Breite des Kuchens. Olympia verlangte von Banniére eine von den Rollen, mit denen seine Taschen gefüllt waren, brach sie an, legte einen Doppel-Louis d'or in die Hand des Vater Philemon, einen Louis d'or in die von Laurent, schwang sich mutig auf ihr Ross, während Banniére schüchtern das seinige bestieg, und vollkommen unterrichtet, schlugen Beide den Weg ein, der sich am rechten Ufer der Rhone hinauszieht und nach Roquemauré führt, nachdem sie mit Vater Philemon das Wirtshaus bestimmt hatten, wo man die Pferde zurücklassen würde. Und während sie aus den schönen Wegen galoppieren, aus denen der Sommer Staubbäche zu machen noch nicht Zeit gehabt hat, – schöne Wege, ganz eingefasst von Böschungen mit Rasen bewachsen, von Ölbäumen mit silbernem Blätterwerk und grünen Gärten, – während sie freudig, mit flatternden Haaren, die Lust des Morgens und der Freiheit trinkend, gegen die unbekannte Zukunft rennen, welche unablässig wie ein Gespenst verschwindend flieht, werden wir durch einige Zeilen heuchlerischen Mitleids zu den armen Schützen und dem unglücklichen Commissär zurückkehren, welche um die Wette Kabinetts, Bittgänge und Schränke durchsuchten, welche Treppen, Keller, Speicher, Ställe durchsuchten, welche Höfe, Gärten, Schoppen durchsuchten, und am Ende, aber zum Glück eine Stunde zu spät, die geheime Thür fanden, ein Fund, der sie Schreie der Wut, Verwünschungen und Schwüre ausstoßen machte, um selbst bei den Jesuiten Ärgernis zu bereiten, zu deren Vorteil sie dieses traurige Geschäft, das ihnen so schlecht gelang, unternommen hatten. Es ist beinahe überflüssig, beizufügen, daß der Gouverneur, als er diesen Unstern des Pater Mordon erfuhr, wieder auf das Herzlichste lachte. Er war ein Mann von einem reizenden Charakter, der Gouverneur der guten römisch-katholisch-apostolischen Stadt Avignon. XVIII. Aufenthalt Man wundere sich nicht über die Schnelligkeit, mit der unsere Liebenden, und selbst Banniére, so wenig er im Sattel fest war, auf den Wegen forteilten, die sich vor ihnen In den ersten Strahlen der Sonne entrollten. Es war für sie von der größten Wichtigkeit, das Gebiet der Gerichtsbarkeit zu verlassen, in der das Vergehen begangen worden war, ein viel ernsteres Vergehen in Avignon. einer römischen Stadt, als in jeder andern Stadt. Olympia und Banniére erfrischten sich ein wenig in Roquemauré, wo sie in einem von Vater Philemon bezeichneten Wirtshaus ihre Pferde ließen, setzten dann über die Rhone, eilten nach Orange und fuhren von Orange in einem guten Postwagen noch Lyon, einer Stadt, welche groß, volkreich und frei genug, daß hier ein reiches und glückliches Liebespaar eben so wenig belästigt werden, als belästigen würde. Olympia hatte die Gewohnheit, auszuziehen und sich einzuquartieren. Sie unternahm es daher selbst, eine Wohnung zu suchen, und fand bei der, durch die Hinrichtung von Cinq-Mars und de Thou berühmten, Place des Terreaur ein ganz meublirtes, ganz eingerichtetes Häuschen, das nur auf reiche Mietleute wartete, sie aber mit Holz im Schoppen, mit Wein im Keller, mit Wäsche in den Schränken erwartete; ein Haus, gemacht nicht für einen nüchternen, religiösen und altertümlichen Einsiedler, sondern für zwei lüsterne, lecker hafte, träge und lachende Eremiten. Der Preis dieser ganz meublirten Wohnung, so wie sie war und bei offenen Thüren, den Braten am Spieße, ihre Gäste erwartete, belief sich aus viertausend Livres jährlich. Olympia belehrte Banniére, der über die runde Summe erschrak, das sei ein Geldhandel für die Mietleute und ein Gimpelhandel für die Eigentümer, und sie begreife nicht, warum ein solcher Vorteil sogleich zwei Verworfenen zufalle, für welche die Jesuiten keine ganz vollkommene Hochachtung hegen müssen, und die sie sicherlich durch Ihre Verfluchungen aus ewig mit der Vorsehung entzweit haben. Man bezahlte zwei Miettermine zum Voraus, man bezahlte das Holz, man bezahlte den Wein, man bezahlte Alles, um sich selbst Monate unstörbaren Glückes zu machen, und wenn Banniére, was, es ist nicht zu leugnen, jeden Augenblick geschah, einen Louis d'or aus seiner Rolle weggehen sah, um den Weg nach einer fremden Tasche zu nehmen, wenn er mit den Augen so weit als möglich seinem Fluge ohne Rückkehr folgte, sagte Olympia lachend zu ihm: »Was wir gekauft haben, war notwendig, nicht wahr?« »Ja wohl,« antwortete Banniére, der keiner andern Ansicht zu sein vermochte, als der Olympias. »Was notwendig ist, trägt zum Glück bei, nicht wahr?« «Allerdings,« antwortete Banniére, während er Olympia aus eine Art anschaute, durch die er ihr beweisen wollte, sie sei ihm notwendig, durchaus notwendig. »Das Glück ist das Ziel, das der Mensch hienieden suchen muss.« »Und wir haben es gefunden,« rief Banniére. »Nun wohl!« sagte Olympia, »wenn wir glücklich sind, worüber beunruhigen Sie sich, mein Freund?« »Oh!« erwiderte Banniére, »ich mache mir Sorgen über die Dauer dieses Glücks.« »Und Sie haben Unrecht; Sie gestehen, daß Sie glücklich sind; es ist etwas Seltenes, daß ein menschliches Wesen dies gesteht; danken Sie der Vorsehung, und verlangen Sie nichts Anderes von ihr.« »Meine Vorsehung sind Sie!« flüsterte Banniére. Banniére war ein verständiger Schüler, voll guter Anlagen. Er begriff im Verlaufe von acht Tagen die ganze Philosophie von Olympia, er begriff sie sogar so gut, daß sie Ihm am Ende dieser acht Tage keine Lektionen mehr zu geben hatte, und daß er seinerseits die Hand an das Geld zu legen und es so gut und so notwendig als seine Geliebte auszugeben anfing. Das Notwendige für Banniére, man muss es zu seinem Lobe gestehen, war der unbeschränkte, ideale, glänzende Kultus seiner Liebe. Er wollte vor Allem Olympia mit Juwelen und Edelsteinen bedecken. Sie bemerkte ihm, daß sie, was die Juwelen betreffe, so schöne habe, als irgend eine Frau der Welt. Banniére beharrte aber nichtsdestoweniger hierbei; da drohte Olympia, ihm das Doppelte von Allem zu kaufen, was er ihr kaufen würde. »Gut.« sagte Banniére, »keine neue Einkäufe. Ich liebe die Juwelen, doch für Sie. Wenn ich Juwelen hätte, so möchte ich sie von Ihnen Haben. Schenken Sie mir nur diesen Ring, welchen Sie am Finger tragen.« »Welchen Ring?« fragte Olympia. »Diesen hier,« antwortete Banniére. Und er deutete aus den Ring, den Herr von Mailly mit den zweitausend Louis d'or Zurückgelassen, und den Banniére unter dem hastigen Aufbruch zur Flucht mit den Augen der Eifersucht auf dem Kamin hatte glänzen sehen. Es war ein schöner Rubin ganz von Diamanten umgeben. Banniére deutete aus den Ring mit jener Entschiedenheit der Absicht, welche mehr bezeichnet, als einen Wunsch. Und schon streckte er die Hand aus, um ihn in Empfang zu nehmen, denn nie hatte ihm Olympia etwas verweigert. Sie würde ihm also den Ring nicht verweigern; was war für Olympia dieser Rubin, den Banniére zu haben wünschte? Man muss sagen, seit einem Monat, daß sie beisammen lebten, hatten unsere Liebenden nicht den Schatten einer Wolke über ihren Azurhimmel hingehen sehen. Banniére war daher sehr erstaunt, als er aus diese Bitte die Augen von Olympia sich aus die seinigen heften sah und sie zu ihm sagte: »Warum wünschen Sie diesen Ring, mein Freund?« Banniére erwartete diese Frage so wenig, daß er ganz dadurch aus der Fassung gebracht wurde. »Ei! weil . . .« antwortete er. »Das ist kein Grund,« sagte Olympia. Und sie lächelte. Banniére lächelte wie sie und erwiderte: »Ich glaubte, das sei der beste, den ich Ihnen angeben könnte.« »Sie wünschen also einen Ring?« »Ich wünsche einen Ring, doch, einen wie diesen.« »Nun wohl, dieser Ring ist ungefähr hundert Louis d'or wert: nehmen Sie hundert Louis d'or, mein Freund, und kaufen Sie einen ähnlichen.« »Mein Gott!« rief Banniére, »welch ein kostbarer Ring ist das! man sieht wohl, daß er von Herrn von Mailly kommt!« Er hatte einen ganzen Hauch von Zorn in das Wort gelegt, dessen Wirkung er erwartete. Doch sie erwiderte ganz einfach: »Allerdings kommt er von Herrn von Mailly. Hernach?« »Nun! dann begreife ich, daß Sie mir diesen Ring nicht schenken, aber ich begreife nicht, daß Sie ihn, an Ihrem Finger tragen, der so oft die meinigen streift.« »In dieser Hinsicht; mein Freund, haben Sie vollkommen Recht,« erwiderte Olympia. Und sie zog den Ring von ihrem Finger und verschloss ihn In den doppelten Boden des Kästchens das ihr zum Aufbewahren ihrer Juwelen diente. Banniére sah den Ring verschwinden, und sogleich bereute er, eine so schmerzliche Szene zwischen ihm und seiner Geliebten hervorgerufen zu haben, eine Szene, welche eine Ungeschicklichkeit war, da sie so die schlecht erloschene Erinnerung an ihre erste Leidenschaft wiederbelebte. Sie schmollte, er schmollte; die Lage von Banniére war lächerlich; er nahm seinen Hut, seinen Degen und entfernte sich, um einen Spaziergang auf den Quais in der frischen Abendluft zu machen. Olympia aber ließ sich auskleiden, legte sich zu Bette und schloß ihre Thür, auf deren Schwelle als Schildwache Claire, die Kammerfrau, gestellt wurde, welche der Vater Philemon, nach dem Befehle von Olympia, von dem neuen Domizil ihrer Gebieterin unterrichtet hatte. Claire hatte sich, ohne zu sehr bei den Jesuiten Verdacht zu erregen, aus Avignon weggeschlichen, und es war ihr geglückt, unter der Kleidung einer Bäuerin zu Olympia in Lyon zu gelangen. Als Banniére am Abend nach Hause kam, hatte er einen großen Smaragd um hundert und zwanzig Louis d'or gekauft; dahin hatten ihn seine Betrachtungen geführt. Dieser unglückliche Verliebte war. für den Augenblick aus der Jagd nach Ringen, und er wollte Olympia ihren Rubin vergessen machen. Zu gleicher Zeit wollte er Worte vergessen machen und besonders selbst vergessen, die ihm Olympia aus der Bank des Vater Philemon gesagt hatte, Worte ganz schwarz von Tiefe und in deren Finsternis seine ängstliche Liebe nur Unglück weissagende Feuer glänzen sah. »Sind Sie, wenn Sie von den Dingen des Lebens unterrichtet sein werden,« hatte Olympia zu ihm gesagt, »sind Sie nicht besser als heute, so werde ich mich getäuscht haben, ich werde einen Fehler begangen haben, und ich werde ihn bezahlen.« Banniére hatte sich seit dieser Zeit sehr in der Wissenschaft des Lebens unterrichtet; war er besser geworden? er befürchtete sehr, das Gewissen oder die Scharfsichtigkeit von Olympia würde nein antworten. »Ich bin also schlecht,« wiederholte er sich; »ich bin also gemein; ich habe also für diese Frau nur einen Anschein von Verdienst; sie macht sich also Illusion über mich, und zwar eine verdiente Illusion; es kann also sein, daß sie, nachdem sie eine Zeit lang geglaubt hat, ich sei von reinem Golde, mich als falsch wie ein falsches Geldstück, als falsch wie ein Geschmeide am schlechten Gehalte erkennt. An diesem Tage wird sie mich sicherlich nicht mehr lieben.« Er hatte dem zu Folge den Smaragd gekauft, um seiner Geliebten zu beweisen, er habe einen guten Charakter und er komme zuerst zurück. Aber, wie gesagt, Claire war als Schildwache aufgestellt. Er fand Claire aus der Schwelle, und Claire verwehrte ihm den Eintritt, in Betracht, daß Madame ruhe. Von Wut und Scham ergriffen, beinahe in Verzweiflung, schloß sich Banniére in sein Zimmer ein und brachte einen Teil der Nacht damit zu, daß er Briefe schrieb und sie zerriß, nachdem er sie geschrieben hatte. Gelähmt von Müdigkeit, wir möchten beinahe sagen von Gewissensbissen, entschlief er endlich, die Ellenbogen aus dem Tische, den Kopf in seinen Händen, während seine Kerze zerschmolz und am Leuchter herabrann. Gegen zwei Uhr trat Olympia ein, sah die zerrissenen Briefe, sah die fließende Kerze, sah den schlafenden Banniére. Sie schaute ihn einen Augenblick an; anmutig wie ein Schatten in ihrem weißen Nachtgewand, neigte sie sich zu ihm hinab, berührte mit ihren Lippen seine, selbst im Schlafe, sorgenvolle Stirne und setzte sich, ohne ihn aufzuwecken, zu ihm in einen Lehnstuhl. Es geschah, daß der Schläfer, als er in der Morgendämmerung erwachte, und zwar durchkältet, unzufrieden, fluchend erwachte, gegen diesen Lehnstuhl stolperte, von dem er den Rest seines Schlafes fordern wollte, und daß er hier das lächelnde Gesicht von Olympia sah. Da fiel er auf die Knie, zerfloss in Tränen und rief, indem er sich mit der Faust an die Brust schlug: »Oh! ja, ja, sie ist besser, hundertmal besser als ich.« Olympia nahm den Smaragd an, trug ihn einen Tag an ihrem Finger und sagte dann zu Banniére: »Ihr kleiner Finger ist gerade so dick als mein Zeigefinger; ich schenke Ihnen diesen Smaragd, tragen Sie ihn aus Liebe für mich.« Banniére schlug das Rad wie ein Pfau und blendete unter seiner Manschette alle galante Frauen, welche auf dem großen Mail spazieren gingen. Am andern Tage nach diesem Abenteuer sah Olympia Banniére befangen. »Was haben Sie?« fragte sie ihn. Banniére schaute sie schüchtern an. »Sie haben etwas von mir zu verlangen?« sagte Olympia. »Ja,« erwiderte Banniére, »Ich habe Sie zu fragen, ob Sie meine Frau sein wollen?« Olympia lächelte, doch alsbald verschwand dieses Lächeln, und eine ernste Färbung verbreitete sich über ihrer ganzen Physiognomie. »Sie sind ein gutes Herz,« sprach sie zu ihm, »und ich begreife nicht einen Augenblick, daß Sie mich in der Überzeugung, eine glückliche Frau aus mir zu machen, zu heiraten verlangen; aber zum Unglück oder zum Glück ist das, was Sie von mir fordern, unmöglich.» »Warum?« »Wenn der Liebhaber eifersüchtig auf den Ring von Herrn von Mailly gewesen ist,« erwiderte Olympia, »so wäre der Mann noch auf etwas ganz Anderes eifersüchtig.« »Oh!« rief Banniére, »ich schwöre Ihnen.« »Keine Schwüre, mein Freund,« sagte Olympia. Und sie verschloss ihm den Mund mit der Hand und fügte bei: »Bleiben wir, wie wir sind, wir sind gut so.« Banniére wollte etwas einwenden, Olympia hob abermals lächelnd den Finger empor, und Alles war abgethan. Nie mehr war vom Heiraten unter ihnen die Rede. Welch ein reizendes Leben ist doch das Leben der wahrhaft verliebten Liebenden! wie wissen sie Anderer zu entbehren, wie vertreiben sie mit Kunst allen Staub, alle dürre Blätter, alle Insekten, welche in den Nektar ihres Glückes fallen! Während der sechs ersten Monate ihres Aufenthaltes in Lyon sahen Olympia und Banniére nicht ein fremdes Gesicht in ihrem Hause; allerdings hatten sie ihrerseits bange, sich sehen zu lassen, aus Furcht, erkannt zu werden; aber ihr Hauptgrund, sich zu verbergen, war unleugbar der Wunsch, allein zu sein. Und dann hatte Olympia eine Menge von Ideen, welche Banniére entzückten: sie wusste Musiker in ihre Vorzimmer heraufkommen und während der Hitze Symphonien spielen zu lassen, ohne daß sie nötig hatte, sich den Symphonisten zu zeigen. Sie liebte die Ausflüge zu Pferde, und die kleinen Wanderungen von zwei bis drei Tagen aus das Land umher, und dies in einem guten, mit Mundvorräten und Kissen wohl versehenen Wagen. Sie liebte Alles, was Banniére belustigte, und dieser belustigte sich mit Allem. Als nach Verlauf von sechs Monaten von Ideen, von denen die einen immer geistreicher waren, als die anderen, die zwei Liebenden in der gemeinschaftlichen Börse nach einer neuen Idee suchten, bemerkten sie, daß nur hundert und fünfzig Louis d'or darin blieben. Das reichte für einen Monat, um das Leben der sechs vorhergehenden Monate zu führen. Banniére schaute Olympia an und Olympia schaute Banniére an, und dieser sagte, indem er das Gold in seiner Hand wog: »Hundert und fünfzig Louisd'or, das sind dreitausend sechshundert Livres.« »Ich machte gerade dieselbe Rechnung,« erwiderte Olympia lächelnd. «Das ist das, was viele glückliche, sehr glückliche Leute in einem Jahre ausgeben. Wir haben also in sechs Monaten unseres Glückes sechs Jahre des Glückes solcher Leute gehabt.« »Vollkommen,« sagte Olympia. »Nur,« fuhr Banniére fort, »nur bleibt uns bloß ein Monat von eben diesem Glück.« »Gut,« versetzte Olympia, »für Träge, aber für Leute, welche arbeiten!« »Welche arbeiten?« fragte Banniére erstaunt. »Sie wollen arbeiten?« »Allerdings.« »Und, mein Gott! in was?« »In meinem Berufe. Bin Ich nicht Schauspielerin? Sind Sie nicht Schauspieler? Gibt es nicht zwei Theater In Lyon? Haben wir nicht hundert Theater in Frankreich, wenn die zwei Theater in Lyon nichts von uns wollen? Haben wir nicht ein Dutzend tausend Livres im Gehalte des König Herodes und der Königin Marianna?« »Bei allen Sternen, Sie sind ein« Zauberin!« rief Banniére freudetrunken, »und Alles, was Sie berühren, verwandelt sich in Gold.« »Und dann fing das Leben an fad zu werden,« fügte Olympia bei; »wir wurden dick.« »Das ist, bei meiner Treue, wahr.« »Ah! die Fahrten von Stadt zu Stadt, die Auszüge, die Bravos, .die Studien, die Kunst, die Aufregung. . .« »Sie elektrisieren mich, Olympia!« »Und wir machen Ersparnisse; der Müßiggang richtete uns zu Grunde; wir verloren dabei das, was wir ausgaben, und das, was wir nicht verdienten.« »Bei meiner Treue, ja.« »Schon morgen, Banniére, suchen Sie den Theaterdirektor auf und führen Sie ihn zu mir.« »Ich werde das tun, meine Liebe.« »Und in Erwartung von morgen, ein gutes Mahl heute Abend; Konzert auf dem Wasser für uns allein; Alles dies und . . .« »Und unsere Liebe!« rief Banniére. »Ah! wie reich sind wir!« XIX. Das Provinzleben Der Director des Theaters kam am zweiten Tage zu Olympia, auf welche ihn Banniére auf der Promenade aufmerksam gemacht hatte. Unser Leser stelle sich nicht vor, in der Zeit, die wir zu schildern suchen, sei ein Theaterdirektor gewesen, wie wir ihn heute mit seinem Harem, mit seiner Polizei und seinen Mädchenlieferanten kennen. Im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert hieß ein Theater dirigieren konstitutionell bei den Geschicken eines von dem vereinigten Talente eines Dutzend nomadischer Schauspieler und zuweilen eines der Gesellschaft beigesellten Dichters unterstützten Unternehmens präsidieren. Der Director war also ganz einfach der Erste der Schauspieler seines Theaters . . . hinsichtlich des Rechnungswesens. Banniére hatte genug Schauspieler gesehen; er hatte Olympia genug sprechen hören; er hatte genug natürlichen Scharfsinn und Zigeunerinstinkt, daß er sich bei dieser großen Angelegenheit zu benehmen und den Ches eines Theaterunternehmens anzulocken wusste. Er hütete sich wohl, diesem zu sagen, Olympia sei eine schon bekannte Schauspielerin. Er schilderte sie als ein in das Theater vernarrtes Mädchen von Stande, das bereit sei, blindlings in das Garn eines Directors zu gehen. Er rühmte nicht das ausgezeichnete Wesen, die Schönheit, die Person von Olympia; er führte, wie gesagt, den Director aus die Promenade und zeigte ihm Olympia. Der Director sah sie, wurde ihr vorgestellt, verabredete mit ihr eine Zusammenkunft und erschien bei Olympia zu der hierfür festgesetzten Stunde, was die zwei Liebenden mit Recht als ein gutes Vorzeichen betrachteten. An Geschichten, wie die, welche ihm Banniére erzählt, gewöhnt, hatte ihm der Director von seiner Erzählung geglaubt, was er gewollt; als er aber in die glänzende Wohnung der zwei jungen Leute eingeführt worden war, als er sich in dem weichen Fauteuil, das man ihm anbot, festgesetzt hatte, als er sich inmitten der Blumen und Wohlgerüche des Boudoir befand, als er vom Boudoir in das Speisezimmer gegangen war, um hier den Imbiss einzunehmen, als er Tafelgeschirr, Silberzeug und Kristall erblickte, als er die ausgesuchten Weine und die seinen Konfithüren gekostet hatte, war er dergestalt geblendet, daß er sogleich annahm, die zukünftige Debütantin wäre nicht im Stande, den ersten Schritt aus der Bühne zu machen. Er fasste also den Vorsatz, sich mit den Wohlgerüchen zu berauschen, sich mit dem alten Wein zu erheitern, kurz, eine gute Stunde materieller Glückseligkeit hinzubringen und nach der Zusammenkunst in jeder Hinsicht der freigebigen Wirtin zu danken, welche närrisch genug, sich auf den Brettern herum treiben zu wollen, während sie so gute Teppiche hätte. Banniére und Olympia wussten aber so viel als er; sie ließen ihn sich in Mutmaßungen verlieren; dann beim Nachtisch, als er den gehörigen Wärmegrad erreicht hatte, bat man ihn, gütigst eine Probe von der Geschicklichkeit der neuen Bewerber um Anteil an der Gesellschaft annehmen zu wollen. Der Schauspieler warf sich bei diesem Vorschlag in die Brust, leerte sein Glas und präludirte in den Feindseligkeiten durch ein verächtliches Lächeln. Olympia sah das Lächeln, begriff die Verachtung und wartete, des Sieges sicher, geduldig. »Wohl an, ich will Ihnen das Stichwort geben,« sagte der Komödiant mit einer sonoren Stimme. »Was können Sie?« »Was können Sie?»fragte Banniére. »Ich, ich kann Alles, ich spiele die ersten Rollen. Wählen Sie Ihre besten Stücke und halten Sie sich gut.« »Können Sie Herodes und Marianna?« fragte Olympia mit ihrer sanften Stimme. »Bei Gott!« erwiderte der Schauspieler halb trunken. »Nun! so nehmen Sie auf das Geratewohl!« sprach Olympia. «Und ich,« sagte Banniére, »ich werde soufflieren.« »Haben Sie das Buch?« fragte der Director. »Oh! unnötig, ich kann das Stück auswendig.« »Es ist gut,« versetzte der Komödiant, »ich spiele Herodes.« »Mein Fach,« sprach Banniére mit einem Lächeln. Der Schauspieler bekümmerte sich nichts um die Bemerkung von Banniére und begann seine Rolle mit einer heiseren Stimme. Olympia antwortete ihm. Doch sie hatte nicht sobald zwanzig Verse gesprochen, als der alte Bursche das Ohr auftat. »Ho! Ho!« machte er. »Was denn?« unterbrach ihn bescheiden Olympia; »irre ich mich?« »Nein! Nein! im Gegenteil! immer zu!« Und der Schauspieler stützte seine Ellenbogen aus den Tisch und heftete seine wie zwei feurige Kohlen glühenden Augen auf Marianna, welche den Faden ihrer Rolle wieder ausnahm. »Ah! ah,« sagte er, »Sie haben schon Komödie gespielt!« »Dann und wann, ja,« antwortete Olympia. »Wo denn?« »Da und dort,« antwortete Banniére, um nicht zu lügen. »Aber wissen Sie, daß Sie ganz einfach herrlich sind, Mademoiselle,« brüllte der alte Trunkenbold im Übermaße der Bewunderung.«Sie erinnern mich an die Champmeslé.« »Sie haben mit Ihr gespielt?« fragte Olympia lächelnd. »Oh!« versetzte der Director, »ich war beim Theater angestellt.« »Aber Sie, mein Herr,« sagte er, sich an Banniére wendend. »Sie wünschen mich zu hören?« »Ja.« »Das ist nur zu billig.« Und mit einer soliden Stimme, mit jener furchtbaren Gebärde, welche eigentümlich der alten Schule angehörte, begann Banniére seinen Auftritt als Herodes. Der alte Schauspieler horchte mit protectormäßigem Stillschweigen; dann verzog er die Lippen und sagte: »Der Herr ist nicht gerade schlecht, er hat aber noch viel zu lernen.« »Ich werde lernen,« erwiderte Banniére. »Zu studieren.« »Ich werde studieren.« »Nicht schlecht?« versetzte Olympia, welche der beleidigten Eitelkeit ihres Freundes beistehen wollte. »Ah! mein guter Freund, man sieht wohl, daß Sie dasselbe Fach spielen.« »Übrigens,« bemerkte Banniére, ein wenig gereizt »übrigens handelt es sich nur um Madame, wie mir scheint.« »Sie täuschen sich, mein Freund,« sagte rasch Olympia, »es handelt sich Im Gegenteil um uns Beide: wer mich haben wird, wird Sie haben, oder mich nicht haben!« »Ah!« rief der Komödiant, »das verwickelt die Sache.« »Wahrhaftig!« versetzte Olympia. »Ja. ich muss mich mit meinen Gesellschaftsmitgliedern beraten. Handelte es sich nur um Madame, so schloß ich allein ab, weil unsere erste Schauspielerin, die Catalane, nicht stark genug ist, doch was das Fach des Herrn betrifft, das ist etwas Anderes.« »Ihr Fach?« fragte Banniére. »Unser Fach, wohl!« erwiderte der alte Fuchs. »Nun! Ihr Fach?« sagte Banniére. »Unser Fach ist schon unter drei verteilt, und ich muss mich beraten.« »Hören Sie,« sagte Olympia, welche die Schauspieler durch ihren langen Aufenthalt unter ihnen kannte, »unsere Flaschen sind allerdings leer, doch der Keller ist nicht weit entfernt. Holen Sie diejenigen von Ihren Gesellschaftsmitgliedern, deren Beistimmung notwendig ist; bringen Sie dieselben hierher, wir werden uns besser Alle mit einander verständigen, und wir werden uns besonders viel schneller als einzeln verständigen. Überdies ist es die Stunde des Mittagsmahles, wir werden zu Mittag speisen.« Banniére öffnete In diesem Augenblick eine Geheimthür, durch welche verräterischer Weise ein solcher Bratengeruch, ein so süßer Dunst von farcirtem Geflügel eindrang, daß der Schauspieler weglief, indem er mit langen Zügen die kulinarische Ausströmung durch Nasenlöcher einatmete, deren übermäßige Erweiterung andeutete: ich werde wiederkommen. Und er kam zurück und brachte an seiner Seite vier von den Gewichtigsten der Truppe, drei Männer und eine Frau. Die drei Männer, abgenutzt, bleich, verwittert wie ihre Gewänder, waren der Financier, der edle Vater und der erste Bediente. Die Frau, vom Wuchse von Olympia, mit weniger Anstand und dem Unterschiede, daß Olympia blaue Augen hatte und die Frau schwarze, daß Olympia blond war und die Frau brünett, daß Olympia eine weiße und rosenfarbige Gesichtshaut hatte und die Frau eine braune und matte: im Ganzen ein echt catalonischer Typus, dem die Schauspielerin ohne Zweifel ihren Namen die Catalane[9 - Die Catalonierin.] verdankte. Man füge dem reizende Hände und einen Leib bei, mit dem an Reichtum nur der Leib von Olympia streiten konnte. Olympia empfing alle diese Leute als Kameraden, machte sie mit einem Worte heimisch, gab ihnen ihre Plätze bei Tische und begriff, ohne sich im Geringsten bitten zu lassen, das Theaterrothwälsch, das doch so fern von ihren Gewohnheiten war. Sie fragte Jeden nach dem Namen und dem Fache, noch freundlicher, da sie sich an die Frau wandte, als da Sie sich an die Männer wandte. »Die Catalane,« antwortete die Frau, Indem sie eine doppelte weiße Reihe kleiner Zähne zeigte. Olympia empfahl die Catalane der Aufmerksamkeit von Banniére. Das Mittagsmahl war äußerst heiter; alle Welt trank sich dabei ein Räuschchen, Olympia ausgenommen, welche, als sie ihre Serviette beim Nachtisch aufhob, einen von den kleinen Füßen der Catalane aus dem Fuße von Banniére sah, während sie mit dem andern den des ersten Komikers reizte. Olympia errötete. Etwas wie der Zahn einer Natter biss ihr ins Herz. Als sie sich aber wieder erhob und den unschuldigen Banniére anschaute, bemerkte sie in seinem ruhigen Gesicht, daß er kein Bewusstsein von seinem Glücke hatte. Sie beschränkte sich dem zu Folge darauf, daß sie ihm die Hand reichte, und Banniére beeilte sich, die angebotene Hand mit aller Glut zu küssen. Unter dem Einfluss dieses Mittagsmahles sprach man sodann Verse, spielte man Szenen aller Art. Endlich brachte Banniére eine Feder, Tinte und Papier, und Olympia entwarf sich ein Engagement, das die fünf Gesellschaftsmitglieder unterzeichneten. Sie gab sich zwölf hundert Livres festen Gehalt und einen achten Teil an den Einnahmen für sich und für Banniére. Diese Bescheidenheit entzückte die Versammlung, und man trennte sich, indem man sich umarmte. Olympia bemerkte, daß die Catalane Banniére fünfmal umarmt hatte. Banniére seinerseits bemerkte, daß die Schauspieler Olympia zehnmal umarmt hatten. Dann, als Alle weggegangen waren, sagte Olympia, ohne aus diese fünffache Umarmung anzuspielen, indem sie sich nur an den Erfolg des Abenteuers hielt: »Sie sehen, mein Liebster, daß wir nun mit Sicherheit ungefähr sechs tausend Livres jährlich einnehmen.« »Ja, aber sie haben Sie so viel umarmt,« erwiderte Banniére. Ein letztes Wort, das Olympia überreichlich bewies, sie hätte Unrecht gehabt, der Catalane zu grollen. Von diesem Augenblick an bekümmerte sich Olympia nur noch um ihre Rollen und um ihre Debüts, die durch den Rat der Sechs auf den folgenden Donnerstag festgesetzt waren. XX Eine neue Person erscheint am Horizont Leider ist das Glück eine von den Gottheiten von wunderlicher Laune und unbeständigem Charakter, deren Flügel zu binden kein Sterblicher sich schmeicheln kann. Eine problematische Operation, die kein Eroberer, Cäsar ausgenommen, in Betreff des Sieges zu vollführen gewusst hat. Es geschah aber, daß Olympia debütierte; Daß sie glücklich debütierte, und zwar in einem Stücke von einem unbekannten Verfasser; Daß sie großes Aussehen bei diesem Debüt erregte, und daß dieses Aufsehen die Leute ins Theater führte; Daß das Theater, da die Menge dasselbe besuchte, reichliche Einnahmen machte. Es geschah endlich, daß Herr und Frau von Banniére, so nannte man sie, auf die Lyoner den günstigsten Eindruck hervorbrachten. Sie wurden also berühmt, während sie vorher nur glücklich waren. Doch ihre Berühmtheit veranlasste sie natürlich, viel mehr Geld auszugeben, als sie vorher ausgegeben hatten. Man musste empfangen, man musste einen äußern Aufwand machen, während bis dahin das Leben gleichsam vermauert gewesen war. Es kam das Ende der Louis d'or. Die Einnahmen gingen mit ziemlich großer Mühe aus der Börse der Gesellschaft in die von Herrn und Frau von Banniére über. Am Ende jedes Monats gab es endlose Streitigkeiten. Nach der Behauptung der Gesellschafter war das Engagement von Olympia und Banniére lästig für die Truppe. Abgesehen von diesen kleinen Schwierigkeiten gingen die Dinge ihren Weg. Am Ende jedes Monats musste nur Banniére die Zähne zeigen, und die Männer bezahlten, weil sie Solid waren, und die Weiber bezahlten, weil sie weiß waren. Es geschah aber, daß der König um diese Zeit erkrankte; daß seine Krankheit einen empfindlichen Schlag in allen Teilen Frankreichs versetzte; daß bei dieser Nachricht überall die Lustbarkeiten einen Stillstand nahmen und daß die Theater, die vorzugsweise Lustbarkeit, je mehr die Kirchen besucht wurden, desto mehr verlassen waren. Die Dinge schleppten sich so ein paar Monate hin; dann, nach einem Todeskampfe des Elends, machte die Gruppe Bankrott. Der Gesellschaftsvertrag wurde sogleich zerrissen. Als die Theater mit der Genesung des Königs wieder einige Kräfte gewonnen hatten, diktierten, die Gesellschafter, welche Herren der Stellung geworden, nun Olympia und Banniére Bedingungen, die sie eingehen mussten. Man eröffnete auf's Neue. Olympia hatte wieder die Gewohnheit angenommen, zu spielen, und sie war zum Theater mit dem Eifer zurückgekehrt, mit dem bei ihrer Arbeit die ächten Künstler zu Werke gehen. Banniére seinerseits hatte an den Bravos angebissen, und so hohl dieses Fleisch war, – im Vergleiche mit den seinen Braten, welche den Geruchssinn des Unternehmers am Tage seines ersten Besuches bei Olympia in Anspruch genommen hatten, er verschlang es. Eher, als nicht zu spielen, spielten sie auf Teilung, denn sie schämten sich des Gehaltes, den die Gesellschaft, eine freie Gemeinde, in ihrer unparteiischen Gerechtigkeit, in gleichen Proportionen dem außer der Linie stehenden Künstler und dem gemeinen herumziehenden Komödianten bewilligte. Der Mangel trat mit verschleiertem Gesicht und unsicherem Fuße in die Haushaltung von Banniére ein. An den Tagen, wo Olympia nicht spielte, wo Banniére nicht spielte, entschädigten sich die zwei Liebenden mit der Liebe. Banniére bemerkte aber die Entbehrungen, die sich Olympia auferlegte; für sie, die an den Luxus gewöhnt, war der Mangel ein wahres Unglück. Er, sah ihre Augen sich schwarz umkreisen, ihren Mund erbleichen, ihre Hände kraftlos an ihren Seiten niederfallen. Er hatte, wie es Olympia Banniére vorhergesagt, rasch gelebt und viel in kurzer Zeit gelernt. Er hatte in einem Jahre die Umschiffung des Lebens vollbracht. Er wusste, was die Freude in einem Herzen wiegt, und wusste besonders, wie viel Freuden ein einziger Schmerz verwelken machen kann. Dann, von Zeit zu Zeit, biss die Eifersucht, eine Eifersucht, welche nichts motivierte, aber bekanntlich sind die erschrecklichsten eifersüchtigen diejenigen, welche keinen Grund haben, es zu sein; dann, von Zeit zu Zeit, sagen wir, biss die Eifersucht an einem kleinen Winkel des Herzens von Banniére an. Dies geschah, wenn Olympia aus der Bühne Bravos und verschiedenartiges Zulächeln ein erntete. Er war zuweilen während dieser Zeit unbeschäftigt in den Kulissen; er zählte sodann die Galans, welche um die Schöne her ihre Thaler und ihre Versprechungen klingen ließen. Dann zitterte er, es könnte sich unter allen diesen Federhüten, welche unablässig von den Vorbühnen zu den Bühnen umherschweiften, ein Herr von Mailly mit seinen Rollen allenthalben, seinen Bedienten allenthalben, seinen Häusern allenthalben, seinen Pferden und seiner Liebe allenthalben finden. . . . Sollte Banniére je ein solches Unglück begegnen, was würde aus ihm werden, aus ihm, einem aufgedunsenen Atom, einem durch das Mikroskop der Seele, das man die Liebe nennt, vergrößerten Nichts? Oft, während die anbetungswürdige und angebetete Frau sich unter den Blumen und den Bravos neigte, fragte sich Banniére, wie es allen diesen Leuten, welche um sie her prunkten, gelungen sei, reicher zu werden, als er. Er erinnerte sich, irgendwo die Maxime gelesen zu haben, die, obgleich schlecht, nichtsdestoweniger verlockend ist: »Diejenigen, welche die Vorsehung vergißt, sind berechtigt, das Glück zu versuchen; wer Gott nicht für sich hat, wäre sehr dumm, wenn er sich nicht den Teufel zum Freunde machen würde.« Er erinnerte sich einer ganzen Philosophie, die er sich in den düsteren Tagen seines Noviciats gemacht, einer ganzen Willkürtheorie, die er sich in den wolkigen Tagen des Theaters gemacht hatte. / Er sagte sich, unter der Bedingung, daß ein Mensch über seine Haut verfüge, sei dieser Mensch so viel wert als ein anderer Mensch; diese Haut sei ein Einsatz wie ein anderer; sei ein Louis d'or vorhanden, so könne es ein Mensch wagen, diesen Louis d'or zu verlieren, entschlossen, mit seiner Haut, wenn er ihn verlierenden zweiten Louis d'or zu bezahlen, den er nicht habe, um den ersten Louis d'or wieder zu erwischen, den er nicht mehr habe. Banniére nahm also den einzigen Louisd'or, der noch im Hause war, und ging weg, um damit zu spielen. Er gewann, wie die Neulinge immer gewinnen. Eines von den Axiomen, das Banniére nicht kannte, weil dieses vielleicht der Wahrheit entsprach, ist, daß der Teufel nur für die Neulinge Versuchungen hat. Mit seinem Louis d'or gewann Banniére fünfzig Louis d'or, und Olympia fand sie zu ihrem Erstaunen, als sie vom Theater zurückkam, in der Schublade ihrer Kommode an der Stelle des einzigen Louis d'or, den sie zurückgelassen, und den sie nicht wieder zu sehen hoffte, da sie Claire gesagt hatte, sie möge ihn nehmen, um ihre Ausgaben am folgenden und am zweiten Tage damit zu bestreiten. Man begreift, daß ein solches Debüt Banniére anlockte. So lange indessen die fünfzig Louis d'or währten und er nicht durchaus zu spielen nötig hatte, spielte er nicht; allerdings ging ihm das Spiel, obgleich er von der Akademie abwesend, unablässig im Kopfe herum: aus der Szene hörte er das Klingen des Goldes, und er wandte sich um oder ließ sein Stichwort aus der Acht. Zwei Leidenschaften können nicht bequem im Herzen eines Menschen leben, die eine muss die andere verzehren. Das Spiel verzehrte das Theater. Banniére wurde ausgezischt und ging, um sich zu trösten, in die Akademie. Drei Monate genügten, um aus Banniére einen Pfeiler des Spielhauses zu machen. Olympia fuhr Indessen fort, für ihre Gesellschaftsmitglieder zu arbeiten; sie arbeitete für die Bedienten, sie arbeitete für die Bonvivants, für die zärtlichen Väter, die sich Wein und Holz um den Preis ihrer Arbeit kauften; sie arbeitete für die Catalane, welche, abgesehen von ihren Profitchen außer dem Theater, durch Olympia zweihundert Livres monatlich einsteckte, was ihre Toilette ausfüllte. Olympia leerte im Gegenteil die ihrige. Was Wohlhabenheit für die Catalane war, war Mittelmäßigkeit für Fräulein von Clèves. Das Äußere hatte nicht aufgehört, komfortabel zu sein, aber der wirkliche Überfluss war aus dem Hause verschwunden. Olympia sagte sich mit Recht, der höchste Grad der Not sei die Verlassenheit, und sie rief Leute in dieses Haus, das mit dem Tode rang, damit das Geräusch der Leute das Elend entfliehen mache. Sie rief Leute, weil sie Banniére sich entfernen sah, weil sie sich allein fühlte, und weil Leute zurückrufen Banniére zurückrufen hieß. Sie hoffte, Banniére werde eifersüchtig sein, und nachdem der Spieler den Künstler getödtet, werde der Liebhaber den Spieler tödten. Der Kampf war ernst und der Sieg Zweifelhaft. Banniére war ein Spieler von Profession geworden; er brachte zu der Ausübung dieses Gewerbes Alles, was ein vernünftiger Mensch an Kunst zum Gelingen von Allem anwendet, was er unternimmt; er gewann, allerdings nicht mehr, als ein Anderer gewonnen hatte, aber er verlor weniger. Olympia war auch eifersüchtig gewesen. Für Banniére war das Spiel vielleicht nur ein Vorwand, um die Liebe zu verdecken. Sie rief Mademoiselle Claire und ließ sich den Cavalieranzug bringen, in dem sie so reizend mit Banniére geflohen war. Sie kleidete sich traurig und beinahe sich dessen, was sie tat, schämend wieder darein und folgte ihrem Liebhaber. Banniére ging wirklich zum Spiele. Olympia zögerte einen Augenblick, ihm dahin zu folgen; dann fasste sie ihren Entschluss und stürzte sich hinter ihm in diese Hölle. Nachdem sie eine halbe Stunde lang, in einer Fenstervertiefung verborgen, gesehen hatte, was das Spiel ist, entfloh sie bleich und verwirrt. Als Banniére zurückkam, nahm sie ihn auch, statt ihn mit der kalten Miene der vorhergehenden Tage zu empfangen, bei der Hand, ließ Ihn zu ihren Füßen sitzen und sagte zu ihm, schmeichelnd wie eine Geliebte, überredend wie eine Mutter: »Sie haben gespielt?« »Ei! mein Gott, ja,« antwortete Banniére. »Sie haben verloren?« »Nein!« rief er. »Aber Sie haben nicht gewonnen?« »Oh! ich hätte tausend Louis d'or gewonnen,« versetzte Banniére. Und er erklärte ihr mit dem unaufhörlichen Fieber des Spielers alle Coups, die er hätte gewinnen müssen, wäre nicht das Glück gegen ihn gewesen. »Armer Junge,« sagte Olympia, nachdem sie ihn mit einer Aufmerksamkeit gemischt mit tiefem Mitleid angehört hatte, »so viel Gemütsbewegungen, Berechnungen, Anstrengungen und Leiden!« Olympia war immer die gute, die zärtliche Olympia: die Tränen traten ihr in die Augen. »Schließen Sie,« sprach er. »Oh! mein Gott!« rief Olympia, »der Schluß wird sehr einfach sein. Sie spielen, um weder zu gewinnen, noch zu verlieren: eben so gut ist es, nicht zu spielen. Lassen Sie das abgemacht sein: erhitzen Sie sich nicht mehr hierdurch das Blut; Sie werden wenigstens Ihr Leben sparen.« Banniére wollte ausrufen: »Ich tue es für Sie!« doch er enthielt sich., Banniére war immer verliebt; er war auch immer edelmütig und diskret. Olympia fügte bei: »Wir haben die letzten Mittel noch Nicht angerührt: wir besitzen Geschmeide, das wir verkaufen können.« »Oh!« rief Banniére, »vor dem Geschmeide ist das Silbergeschirr da, wie mir scheint.« »Das Silbergeschirr? Oh! nein,« sagte Olympia. »Ich kann sehr gut ohne Geschmeide mich kleiden und ausgehen, doch ohne Silbergeschirr könnten wir nicht mehr empfangen.« »Ei! mein Gott, wen wollen Sie denn empfangen?« versetzte Banniére, der, da er nie zu Hause war und nur zurückkam, wenn Jedermann weggegangen, nicht wusste, daß seine Frau empfing. »Ich habe meinen Plan,« sagte Olympia. »Sie werden eben so wenig Spieler bleiben, als Sie Schauspieler geblieben sind. Wechseln ist für Sie eine Notwendigkeit. Vom Novizen sind Sie Schauspieler geworden, vom Schauspieler Spieler; vom Spieler werden Sie Weltmann, was weiß ich, vielleicht Kriegsmann werden, und Sie werden so wechseln, bis Sie die letzte Verwandlung erreicht haben, bis Sie glänzender Schmetterling geworden sind.« »Ach!« erwiderte Banniére,«bis jetzt, arme Olympia, bin ich für Sie nur die Raupe gewesen.« »Mein Freund,« sagte Olympia, »Sie haben Geist, Bildung, Tournure, Sie sind ein ausgezeichneter Logiker, Sie sprechen gut . . .« »Wohin des Teufels wird mich Alles dies führen, wenn ich nicht Jemand habe, der mich vorwärts bringt?« »Es wird Sie gerade Jemand vorwärts bringen, mein lieber Joseph.« »Und wer wird dieser Jemand sein?« »Der Abbé d'Hoirac.« »Der Abbé d'Hoirac?« »Sie wissen nicht, von wem ich spreche?« »Bei meiner Treue, nein, ist es nicht der Pfaffe, der alle Abende, wenn Sie spielten, in den äußeren Kulissen stak und mir immer aus die Füße trat.« »Er ist es.« »Wie! dieser beständig summende, trällernde, herumflatternde Bursche, der aussieht wie ein verrückter Maikäfer?« »In der Tat, das hat ziemlich viel Ähnlichkeit,« sagte Olympia lachend. »Wie! um vorwärts zukommen, muss ich mich von dieser Missgeburt protegieren lassen?« »Ah! diesmal sind Sie ungerecht, Banniére: Maikäfer, ja; Missgeburt, nein. Der Abbé ist, im Ganzen genommen, eine reizende Puppe, und man sieht wohl, daß Sie ihn nicht angeschaut haben/' »Dagegen,« erwiderte Banniére, der nicht wusste, wie er die Dringlichkeit seiner Geliebten nehmen sollte, »dagegen sollte man glauben, Sie haben ihn viel angeschaut.« »Albernheiten!« »Aber woher des Teufels kennen Sie ihn?« »Wie ich eine Menge von Leuten kenne, die Sie nicht kennen. Alle Abende gehen Sie zum Spiele, und alle Abende bringt der Abbé o'Hoirac seine Zeit damit zu, daß er mit mir Schach spielt.« Banniére schüttelte traurig den Kopf und erwiderte: »Sie haben mich von der Nutzlosigkeit meiner Versuche in der Akademie überzeugt. Morgen werde ich mit dem Herrn Abbé d'Hoirac Schach spielen.« »Und bei diesem Spiele, lieber Freund, werden Sie gewinnen, statt zu verlieren: dafür siehe ich Ihnen.« »Er ist also ein sehr vollkommener Mann, dieser Abbé d'Hoirac?« sagte Banniére gereizt. »Er ist kein vollkommener Mann, lieber Freund, in Betracht, daß die Vollkommenheit nicht von dieser Welt ist. Da ich aber an den Tagen, wo ich nicht spiele, auf die Gesellschaft meiner Coiffeuse[10 - Wir müssen das französische Wort beibehalten, da die deutsche Sprache keinen entsprechenden Ausdruck für diese Art von dienstbaren Geistern bat, deren Hauptgeschäft die Schmückung des Kopfes ihrer Gebieterinnen ist.] und auf die von Claire beschränkt bin, so schien es mir, als wäre die Gesellschaft von diesem verrückten Maikäfer nicht ganz zu verachten.« »Es ist drollig, daß ich das Verdienst des Herrn Abbé d'Hoirac nie wahrgenommen habe. Allerdings gab ich nur auf ihn Acht, wenn er mir auf die Füße trat.« »Sie kommen immer aus diese Ungeschicklichkeit des Abbé zurück, lieber Freund; sie ist doch sehr natürlich. Der Abbé ist kurzsichtig, so kurzsichtig, daß er die Spitze seiner Nase nicht sieht. Wie soll er seine Füße sehen, welche noch viel weiter von seinen Augen entfernt sind, als seine Nasenspitze, die er nicht sieht?« »Sie haben Recht, Olympia, und das erste Mal, wo ich wieder mit dem Abbé d'Hoirac zusammentreffe, werde ich ihm ins Gesicht schauen.« »Wohl! Sie werden eine schöne Puppe sehen,« erwiderte ruhig Olympia, während sie in ihr Boudoir ging. »Und wann wird der Herr Abbé kommen?« fragte Banniére. »Heute Abend?« »Nein. Ich spiele heute Abend.« »Morgen also?« »Ja, morgen.« «Um welche Stunde?« »Um sechs Uhr, wie immer.« »Sehr gut, Madame.« Olympia schaute ihren Geliebten von der Seite an, zuckte die Achseln und überließ sich Ihrer Kammerjungfer. XXI. Der Abbé d'Hoirac Es kam der Abend und mit, dem Abend die gewöhnliche Gesellschaft von Frau von Banniére. Banniére hatte sich nicht, wie gewöhnlich, in die Akademie begeben. Er wollte durchaus den Abbé d'Hoirac sehen, von dem man ihm so viel gesprochen. Er sah ihn aus den Schlag sechs Uhr erscheinen. Der reizende Abbé ließ sich zuerst unten von der Treppe durch zwei Bedienten und sodann durch einen köstlichen Muscadille-Geruch ankündigen, der zum ersten Stocke aufstieg, als der Abbé den Fuß aus die erste Stufe setzte. Hinter dem Abbé kamen zwei andere große Lackeien, welche ein ungeheures Plateau beladen mit Blumen, Musikrollen und Backwerk trugen. Der Abbé trat mit Grazie ein; er ging allerdings mit ausgestreckten Armen, wie Einer, der blinde Kuh spielt, doch diesem Zögern gebrach es nicht an einer gewissen Annehmlichkeit. Er hatte ein hübsches, rosiges, volles Gesicht, große, von langen Wimpern eingefasste Augen; diesen Augen fehlte es am Blitze, doch die Art, aus welche die Augenlider spielten, gaben dem Augenstern den ganzen Schimmer und die ganze Durchsichtigkeit, welche die Bewegung der Finger dem Opal gibt. Der Abbé schloß seine Augen und öffnete seine Lippen, verbarg seinen Augenstern und zeigte seine Zähne. Er wusste geistreich genug zu lächeln, um seine aufgestülpte Nase witzig scheinen zu lassen, während sie bei einem Herrn von weniger guten Manieren und besonders von weniger gutem Hause nur albern geschienen hätte. Seinen Gewohnheiten getreu grüßte er Olympia, indem er ihr die Hand küßte, wie man damals in Versailles eine Hand küßte, und ebenfalls aus Gewohnheit trat er mit seinen beiden Füßen aus die zwei Füße von Banniére, der ihn von zu nahe anschaute. »Herr von Banniére«, der Herr von diesem Hause,« sagte Olympia, die sich beeilte, den Exnovizen dem Abbé Vorzustellen, um die üble Laune des Einen kurz abzuschneiden und das schlechte Gesicht des Andern zu unterstützen. »Ah! mein Herr, ich bitte tausendmal um Verzeihung,« rief der Abbé, »ich bin ein sehr unglücklicher Mensch.« »Ich versichere Sie, mein Herr, daß Sie mir durchaus nicht wehe gethan haben,« erwiderte Banniére. »Ei! nein, mein Herr, nein, ich bitte Sie wahrhaftig nicht meiner unwillkürlichen Ungeschicklichkeit wegen um Verzeihung.« »Aber warum denn, mein Herr?« fragte erstaunt Banniére, der kaum seine Schnallen abzuwischen wagte. »Mein Herr, ich wusste nicht, daß ich die Ehre haben sollte, Sie zu sehen, und ich erlaubte mir, Frau von Banniére einige Blumen und einiges Zuckerwerk anzubieten.« »Sehr schöne Blumen und Zuckerwerk, das mir vortrefflich zu sein scheint,« sagte Banniére. »Es mag sein, doch es ist nicht schicklich, daß ein Anderer als Sie Madame etwas anbietet,« rief der Abbé. »Mein Herr. . .« »Darum, mein Herr, werden meine zwei Lackeien Alles aus dem Fenster werfen.« »Oh! mein Herr, das wäre ein Mord,« versetzte Banniére. »Werft, werft,« rief der Abbé. Die Lackeien gehorchten und schütteten in der Tat das mit den Galanterien ihres Herrn beladene Plateau zum Fenster hinaus. Banniére war sehr erstaunt über diese Handlung, deren Glanz ihn bedeutend verkleinerte. Olympia lächelte nur. Sie war mit dem Auge den in den Raum fliegenden Blumen gefolgt und hatte ein Papier sich von einem der Sträuße losmachen sehen. Banniére verbeugte sich wiederholt vor diesem so artigen und zugleich so prunkvollen Abbé, der es sich zur Ausgabe machte, immer zu sprechen und immer zu lächeln. Er sang Duette mit Olympia, er sang Solos, er spielte seine Viole, die sein Lackei gebracht hatte, ertrug endlich die Kosten der Unterhaltung des ganzen Abends mit einem so eifrigen Bestreben gegen Banniére, daß dieser ganz verwirrt war. Was Olympia betrifft, so gähnte sie häufig während dieses ganzen Abends. Häufig gab sie auch dem Herrn vom Hause ihre schönen Hände zum Küssen; mit einem Worte, sie beruhigte Banniére, wie eine würdige, redliche Frau ihren Geliebten zu beruhigen weiß. Sie beruhigte ihn mehr, als sie es vielleicht hätte tun müssen, denn es gibt gewisse Herzen, deren Treue immer von der Furcht oder von der Sklaverei abhängt, in der man sie erhält. Als der Abbé drei Stunden lang geflattert und nach Herzenslust die Saiten seiner Viole und die seiner Stimme zerrissen hatte, sagte er: «Madame, ich muss Sie Wahrhaftig die Bekanntschaft eines sehr wackeren Mannes machen lassen.« Und er lachte. »Von wem sprechen Sie?« fragt« Olympia. »Sie besonders, Herr von Banniére,« fuhr der Abbé immer lachend fort. »Wer ist der Mann?« fragte Banniére.« »Sind Sie sehr religiös, Herr von Banniére?« sagte der Abbé. »Ich?« »Ja . . .sehr skrupulös?« »Nun . . . mäßig. Doch warum diese Frage?« »Ah! der wackere Mann, von dem ich rede. . .« »Derjenige, dessen Bekanntschaft Sie uns wollen machen lassen?« »Ja . . . es ist ein Jude,« erwiderte der Abbé. Und er lachte fortwährend. »Oh! Abbé, was sagen Sie da!« rief Olympia. »Ein Jude! mein Gott! wozu nützt das?« »Ein Jude ein wackerer Mann!« sagte Banniére, mit einem etwas gezwungenen Lächeln. »Sie müssen sehr heilig sein, Herr Abbé, um ein solches Wunder gesehen zu haben.« »Wenn Sie wüssten, was für eine reizende Perle er heute Abend an mich verkauft hat, und Wahrhaftig um nichts.« »Ah! lassen Sie sehen, Herr Abbé rief Olympia mit der kindischen Freude, welche die Frauen an Juwelen haben. »Ich habe sie nicht mehr,« erwiderte der Abbé. »Was haben Sie damit gemacht?« fragte Banniére. »Lässt sich das vor einer Dame sagen?« »Ei! mein Gott!« antwortete der Abbé mit dem einfachsten Tone, »ich glaube, ich hatte sie an einen von diesen Sträußen gebunden, und sie liegt nun wahrscheinlich irgendwo da unten in einer Gosse.« Der Abbé sagte dies mit demselben reizenden Lächeln. »Der Herr Abbé ist Gasconier oder Millionär,« versetzte Olympia. »Das Eine oder das Andere,« erwiderte ruhig der Abbé«. »Ich sagte also, ich werde eines Tags meinen Juden bringen, und wenn er mit seiner vergoldeten Zunge nicht für zehntausend Thaler in einer Stunde an Sie zu verkaufen weiß, so will ich meinen Namen d'Hoirac verlieren, Madame. Das ist ein unvergleichlicher Mann.« »Diese Perle,« dachte Banniére, »diese Perle! Es gibt also Menschen, welche reich genug sind, um so Perlen zum Fenster hinauszuwerfen? Cleopatra trank doch wenigstens die ihrige.« Und er schaute, diesmal nicht ohne Bewunderung, die ausgestülpte Nase des Abbé an. Dieser ging gegen zehn Uhr weg. »Sie werden vielleicht finden, daß ich Sie heute sehr frühzeitig verlasse,« sagte er zu Olympia, »aber ich habe der Catalane versprochen, ihr Abendbrot mit den Herren d'Abenas zu geben: das sind zwei mir von ihren hohen Verwandten empfohlene Edelleute aus meiner Heimat, die ich in die Welt schleudere.« Und während er diese Worte sprach, schaute Olympia mit Zufriedenheit das unempfindliche Gesicht von Banniére an, der tausend Tropfen von seinem Blute gegeben hätte, wenn dieser Schwätzer weggegangen gewesen wäre, daß er die Perle hätte suchen können. Doch vor ihm hatte leider die Coiffeuse von Madame den Abbé gehört. Diese Coiffeuse, das souveräne und despotische Orakel, machte oft Claire unterliegen, wenn es sich um hohe Theaterpolitik handelte? sie wurde gewöhnlich allen Beratungen bei gezogen, und ließ man sie dabei nicht zu, so machte sie das Versehen dadurch gut, daß sie an den Thüren horchte. Es war also für sie genug, zu hören, was der Abbé gesagt hatte; sie wusste, daß die Straße von sechs Uhr an verödet war. Warum sollte sie, wenn sie suchte, nicht finden? Banniére hatte sie weggehen sehen, so gut sie, als Theatergenossin, ihren Abgang verhehlt hatte. Er begriff, während er an seinen Fingern nagte, daß, wie sehr er auch mit seinen Wünschen den Abgang des Abbé beschleunigte, dieser immer noch zu spät weggehen werde. Was uns aus den Gedanken bringt, Banniére sei zu spät weggegangen, ist der Umstand, daß an demselben Abend, indes Banniére sich auskleidete, die Coiffeuse Olympia einen Brief übergab, den sie, wie sie sagte, aus der Straße gefunden, und der nichts Anderes war, als das Bittet, das Olympia von dem Strauße hatte fliegen sehen. Diesen Brief, so seltsam ist das Herz der Frauen! diesen Brief zu lesen wäre Olympia vielleicht nicht unangenehm gewesen, hätte die Perle nicht ein wenig Alles dies verdorben. Während sie den Brief in ihrem Kabinett las, hörte Olympia Banniére leise die Thür seines Zimmers öffnen. Olympia erriet, daß er diese Thür öffnete, um hinab zu gehen, und daß er hinabging, um die Perle zu suchen. Olympia fasste eine schlimme Meinung von Banniére. »Wohin gehen Sie, mein Freund?« fragte sie, während sie den Brief in ihr Nachtgewand steckte. »Ich?« versetzte Banniére. »An keinen Ort. Ich wollte nur ein wenig ausgehen.« »Sie wollten so mit bloßem Kopfe ausgehen, als Nachbar? Und warum wollten Sie ausgehen. . .« »Um Lust zu schöpfen.« »Bleiben Sie doch, mein Freund,« sagte Olympia. »Wahrhaftig, mein Freund, sähe Sie der Abbé heute Abend auf der Straße, er würde glauben, Sie suchen seine Perle.« Banniére errötete, als hätte er durch den Mund von Olympia sein Gewissen reden hören. Er kehrte in sein Zimmer zurück, legte sich nieder, schlief aber schlecht. Die ganze Nacht drehte er sich in seinem Bette hin und her. Der arme Banniére träumte von Perlen und Diamanten. Am anderen Tage aber suchte Banniére den Abbé auf der Promenade auf, wo man ihn jeden Tag traf. Nach den unerlässlichen Umarmungen und einigen Verirrungen der Füße des Abbé auf die von Banniére, fragte dieser: »Waren Sie vorhin nicht mit Ihrem Juden?« »Nein.« »Gut! es schien mir. . .« »Ich war mit dem sardinischen Gesandten.« »Ah! ich bitte um Verzeihung, nur ich kann solche Missgriffe machen. Einen Gesandten mit einem Juden verwechseln!« »Sie brauchen ihn vielleicht.« »Den sardinischen Gesandten?« »Nein, meinen Juden.« »Nun! ich gestehe es, da es nicht möglich ist, etwas vor Ihnen zu verbergen,« erwiderte Banniére. »Ja, es ist wahr, trotz meiner Kurzsichtigkeit, oder vielleicht wegen meiner Kurzsichtigkeit, bin ich sehr hellsehend. Wollen Sie zufällig die Adresse dieses Juden, lieber Herr Banniére?« »Wenn es Ihnen beliebte, würden Sie mir ein großes Vergnügen machen.« »Jacob, Rue des Minimes, der goldenen Weide gegenüber.« »Die goldene Weide?« »Ja, ein großer Baum von vergoldetem Holze, er bildet einen Vorsprung am Laden eines. . . Kunstdrechslers. Ja, ich erinnere mich der Billardkugeln und der Tabaksdosen.« »Ich danke.« »Sie wollen etwas für Frau von Banniére kaufen?« »Ja, doch stille.« »Bei Gott!« sagte der Abbé. Dann, da ihm plötzlich ein Gedanke kam, fragte er: »Haben Sie eine Sänfte?« «Nein, ich werde eine auf dem Platze nehmen.« »Nehmen Sie doch die meinige.« »Oh! Herr Abbé . . .« «Nehmen Sie doch, mein Lieber. Holla! meine Träger!« Banniére ließ sich in die schöne Sänfte des Abbé schieben, der den Lackeien einen Wink gab. Sobald der Mann eingepackt war, lief der Abbé spornstreichs zur Frau, welche im Theater Probe hatte. Als er sich aber um die Straßenecke wandte, fühlte er einen so heftigen Stoß, daß er einen Schrei des Schmerzes von sich gab. Dann, da er den Mann erkannte, an dem er sich gestoßen, gab der Abbé einen Schrei des Erstaunens von sich. »Jacob! Ah! Schlingel, kannst Du nicht vor Dich schauen?« »Verzeihen Sie, Herr Abbé, ich war selbst sehr in Gedanken; ich drehte mich um eine Straßenecke und hatte nicht die Ehre, Sie zu sehen.« »Wie! Du hattest nicht die Ehre, mich zu sehen?« »Nein, Herr Abbé.« »Aber Du weißt wohl, daß ich das Monopol der Blindheit habe, Bursche?« «Der Herr Abbé wird mich entschuldigen, ich wollte nicht mit ihm wetteifern, aber dieser Kasten beugte mich nieder.« »Was Ist In diesem Kasten? gewiß Silberzeug?« »Ja, Herr Abbé, Silberzeug.« »Das Du verkaufen willst?« »Nein, im Gegenteil, »das ich so eben gekauft habe.« »Gehe rasch nach Hause, Unglücklicher! Ich habe Dir einen Kunden geschickt I Halte ihn so lange als möglich aus. Es ist ein mir befreundeter Edelmann, der Dir so viel, als dieser Kasten wert ist, abkaufen wird. Laß sehen, der Kasten ist hübsch, wie mir scheint.« »Ich glaube wohl, schauen Sie ihn an; wenn man den Namenszug ändern würde, wäre das etwas für Sie, Herr Abbé« Und er hob den Kasten bis zur Höhe der Augen des Abbé empor. »Was für ein Namenszug ist es?« fragte der Abbé; »ein O und ein C.« »Oh! ohne Zweifel der Namenszug irgend eines Liebhabers, der den Kasten der Schauspielerin geschenkt haben wird.« »Der Schauspielerin, sagst Du? Du hast den Kasten also einer Schauspielerin abgekauft?« »Ja, Herr Abbé, Frau von Banniére.« »Oh! Jacob, was sagst Du mir da? Wie! Frau von Banniére verkauft ihr Silberzeug?« »Wie Sie sehen, Herr Abbé.« Der Abbé nahm den Kasten aus den Händen des Juden und ließ ihn beinahe fallen, so schwer war er. »Wie teuer hast Du das gekauft?« fragte der Abbé. »Sprich, aber lüge nicht.« »Um zweihundert Pistolen, Herr Abbé.« »Elender! Du hast um die Hälfte betrogen. Es ist für vierhundert Pistolen Silberzeug in diesem Kasten. Lass ihn zu mir tragen.« »Sie kaufen ihn?« »Um dreihundert Pistolen.« »Dreihundert Pistolen, Herr Abbé, das ist nicht genug; Sie haben den Kasten selbst zu vierhundert geschätzt.« »Unverschämter Schurke! ich gebe Dir hundert Pistolen Nutzen von einer Hand in die andere, und Du bist nicht zufrieden?« »Oh! die Zeiten sind so schlecht.« »Wohl an!, trage den Kasten zu mir.« »Ich gebe, Herr Abbé,« sagte der Jude; und er machte eine Bewegung, um sich zu entfernen. »Warte noch.« »Ich warte, Herr Abbé;« und der Jude blieb stehen. »Sage mir, wie Du die Bekanntschaft dieser Dame gemacht hast?« »Durch ihre Coiffeuse.« »Ah! es ist eine Coiffeuse da! ich habe sie noch nicht gesehen; es ist wahr, ich sehe nichts. Halte meinen Freund recht lange aus. Vorwärts!« rief der Abbé. Und er ging nach dem Theater und sagte: »Jude, Coiffeuse, Gatte, Silberzeug verkauft, Juwelen gekauft; Alles dies geht wie aus Rädchen.« XXII. Der Ring von Herrn von Mailly Banniére hatte nichts bei dem Juden Jacob zu kaufen; aber er hatte viel zu verkaufen. Er verkaufte alle Juwelen, die ihm Olympia geschenkt, und selbst die, welche er Olympia geschenkt hatte. Er verkaufte für fünfhundert Louis d'or, die er in seine Tasche steckte. Er hatte ein Spiel, ein sicheres Spiel, eine unfehlbare Martingale gesunden; doch um sie vorteilhaft zu unterstützen, hätte er müssen über achthundert Louis d'or verfügen können, und Banniére besaß nur fünfhundert. Mit achthundert Louis d'or wäre er zwei Millionen zu gewinnen versichert gewesen. Aus zwölftausend Livres beschränkt, seufzte Banniére bei dem Gedanken, er werde für seine theure Olympia nur eine elende Summe von elfmal hunderttausend Livres gewinnen. Das war wenig, doch bei einiger Sparsamkeit würden, so wenig es war, diese elfmal hunderttausend Livres die Haushaltung ohne Abbé, ohne Coiffeuse und ohne Genossen beim Theater fünf bis zehn Jahre fortführen lassen. Banniére sagte sich, im Ganzen seien elfmal hunderttausend Livres ein schöner Pfennig, in Gold würde das kaum in zehn Abbéhüten, welche die größten von allen Hüten sind, Raum haben. Hätte er dieses Gold gewonnen, was das Geringste, war, da seine Berechnung nicht fehlen konnte, so würde er es einem starken Kommissionär, zur Not Zweien, auf den Rücken laden, die Säcke in das Zimmer von Olympia tragen lassen, sie während ihrer Abwesenheit ausleeren, den Teppich damit bestreuen und sie ihre hübschen nackten Füße bis an die Knöchel In dieses kalte Bad mit den rötlichgelben Wellen tauchen machen. Es war an diesem Abend zahlreiche Gesellschaft in der Akademie; Banniére setzte sich zerstreut an den ersten Platz, den er fand; sein Sack mit den Louis d'or war unter seiner Hand. Er nahm eine Karte und fing an sein Spiel zu stechen. Als alle seine Berechnungen gemacht waren, begann er zu spielen. Die Berechnungen waren gut, wie es scheint; Banniére gewann. In dem Augenblick, wo er ungefähr zwanzig Louis d'or an sich zog, erregte der freudige Ausruf einer Frau seine Aufmerksamkeit. Er schaute und erkannte die Catalane, welche ihm gegenüber und gegen ihn pointierte. Diese Frau lachte, wenn sie gewann, sie lachte, wenn sie verlor, sie lachte immer. Das war gerade wie der Abbé: nur lachte sie lauter als er. Banniére gewann immer, die Catalane pointierte immer. Banniére gewann schon eine Summe von fünfhundert Louis d'or. Die Catalane hatte Alles bis aus ihren letzten Louis d'or verloren. Sie borgte zehn Louisd'or von ihrem Nachbar, gerade wie es die Zerstreuung tut, und fuhr fort, ihre zehn Louis d'or mit derselben Heiterkeit zu verlieren. Dann zehn andere Louis d'or, die sie auch verlor, während Banniére immer gewann. Unwillig, wechselte sie den Platz und legte ihre beiden fleischigen Hände aus die Schultern von Banniére, ohne daß dieser nur auf sie merkte. Sie reizte ihn, sie neckte ihn, sie küßte ihn. Aber Banniére war kalt wie die gelben Stücke, die der Banquier traurig mit seinem Rechen gegen ihn schob. Es kam ein Coup, auf den Banniére rechnete, um dreihundert Louis d'or zu gewinnen. Er zählte darauf, daß Schwarz herauskomme, und spielte aus Schwarz. Roth kam heraus. Die Catalane schlug ein Gelächter aus. Banniére schaute sie von der Seite an und sagte: »Sie stören mich, meine Liebe; ich bitte, nehmen Sie sich in Acht.« Den folgenden Coup verlor er auch. Das waren sechshundert Louis d'or auf zweimal. Er verdoppelte und verlor aus einen Coup, den er für unfehlbar hielt. Dann schüttelte er seine Schultern, um die Hände der Catalane zu vertreiben, und sagte: »Zum Teufel! Sie bringen mir Ihr Unglück.« Das beleidigte schöne Mädchen wich einen Schritt zurück. Banniére verlor noch zweimal. Das war ein unerhörtes Missgeschick. Es blieben ihm noch hundert Louis d'or: er wagte sie aus einen einzigen Coup und verlor sie, wie die anderen. »Leihen Sie mir einen Louis d'or,« sagte er sehr bleich zu der Schauspielerin. »Einen Luis d'or?« erwiderte diese; »wenn ich noch einen hätte, er, würde ich selbst darum spielen. Seit einer halben Stunde habe ich keinen Sou mehr.« Banniére stand, die Stirne leichenblass, das Gesicht in Schweiß gebadet, mit verwirrtem Kopfe auf und verließ den Saal, um zu atmen. Sein Kopf war brennend. Er kehrte zu Olympia zurück, die ihn an ihrem Fenster erwartete. Nach der Art, wie Banniére die Catalane zurückgestoßen, hätte man glauben sollen, er sei leidenschaftlich in Olympia verliebt. Nach der Art, wie er die Fragen von Olympia aufnahm, hätte man glaubt, er sei in eine ganz andere Frau verliebt. Als sie dies sah, fragte ihn Olympia mit ihrer gewöhnlichen Freundlichkeit: »Sollten Sie Durst, haben, mein Lieber?« »Durst! und warum dies?« versetzte Banniére schreiend wie ein Wütender. »Bin ich denn ein Trunkenbold?« »Die Spieler sind gewöhnlich keine Trunkenbolde,« erwiderte Olympia: »doch sie spielen, und indem sie spielen, bekommen sie Durst, besonders wenn sie verlieren. Nicht wahr, Sie haben verloren.« Banniére sank auf einen Stuhl, nahm seinen Kopf zwischen seine beiden Hände und rief; »Oh! Sie wissen es wohl.« Olympia winkte Claire und diese ging hinaus. Die Coiffeuse aber, welche sich im Ankleidecabinet befand, verhielt sich ruhig, wodurch ihre Gebieterin vergaß, daß sie da war. Nach den Worten, welche die zwei Liebenden mit einander gesprochen hatten, trat ein Stillschweigen ein. Dieses Stillschweigen lastete aus Banniére, und dennoch wagte er nicht, es zu brechen. Er schlug einen Mittelweg ein, stand auf und ging im Zimmer auf und ab. »Wie viel haben Sie verloren?« fragte ihn Olympia mit Ruhe. »Sechzigtausend Livres!« erwiderte in Verzweiflung Banniére, der dem Einsatze die gewonnene Summe beifügte und so aus Allem einen einzigen Verlust machte. »Ho! ho!« rief Olympia; »woher haben Sie denn sechzigtausend Livres genommen? und wenn Sie so viel hatten, so frage ich Sie, warum Sie damit spielten? Sechzigtausend Livres, das ist so schön! Ich fühle die ganze Bedeutung dieser Summe, ich, die ich in den Tagen meines größten Glückes nicht die Hälfte davon hatte.« »Gut,« rief Banniére, rasch den Vorwand aufgreifend, »sagen Sie mir harte Dinge, werfen Sie mir vor, ich habe Sie zu Grunde gerichtet.« »Ich tue das nicht, mein Freund, doch wenn ich es täte, hätte ich vielleicht nicht so sehr Unrecht, besonders wenn dieser Vorwurf Sie bessern könnte.« »Ei! Madame,« erwiderte Banniére, weinend vor Wut,«wenn Sie zu unglücklich sind, wird Sie.der Herr Abbé d'Hoirac trösten; wenn Sie sich zu arm finden, wird Sie der Herr Abbé d'Hoirac bereichern.« Olympia ließ den kleinen trockenen Husten hören, der bei den nervösen Leuten gewöhnlich das Symptom einer heftigen, durch den Willen allein bewältigten Gereiztheit ist. »Warum der Abbé d' Hoirac?« fragte sie. »Weil er abermals heute Abend hier gewesen ist.« «Woran sehe Sie dies?« »Ich sehe es nicht, ich rieche es an den Parfüms, welche die Luft verpesten,« erwiderte Banniére. Und er öffnete eine Thür und ein Fenster. »Ei ist sonderbar, daß Sie sich an den armen Abbé d'Hoirac halten, weil Sie sechzigtausend Livres verloren haben,« sagte Olympia lachend. »Und dann. . . Sie erklären mir nicht, woher Sie so viel Geld genommen haben können.« »Madame,« rief Banniére, »wenn je der Abbé wieder einen Fuß hierher setzt . . .« »Ich glaube, Sie drohen!« rief Olympia mit einer Majestät, welche Banniére erschreckte. Und sie stand auf und fügte bei: »Mein Freund, Sie wissen nicht, was Sie reden! der Verlust hat Ihr Gehirn ganz und gar in Verwirrung gebracht.« »Madame!« »Haben Sie noch etwas zum Spielen?« »Oh!« murmelte er, »sie glaubt, es sei das Spiel!, sie sieht nicht mal, daß ich eifersüchtig bin!« Olympia hatte nicht gehört. «Ich begreife,« sagte sie, »Sie müssen etwas zum Spielen oder zum Brechen haben. Soll ich Sie mein Herz brechen lassen? Nein, Banniére, ich will lieber meine letzte Perle, als meine letzte Illusion verlieren. Ich würde Ihnen mein Silberzeug anbieten, doch ich habe es heute verkauft, um ein Semester unserer Miete zu bezahlen.« »Nun! und dann?« fragte Banniére. »Dann bleibt mir der Ring von Herrn von Mailly. Es ist das letzte Andenken von einem Manne, der mich viel geliebt, zuweilen angebetet, nie beleidigt hat. Ich habe mich geweigert, Ihnen diesen Ring zu geben, doch heute biete ich Ihnen denselben an. Nehmen Sie ihn doch und gewähren Sie mir dagegen die Ruhe.« Wegen dieses Ringes hatte, wie man sich erinnert, der erste Eifersuchtsstreit zwischen den zwei Liebenden statt gehabt. »Nein!« rief Banniére, die junge Frau zurückhaltend, welche aufstand, um das Anerbieten auszuführen, das sie ihm gemacht hatte; »nein!« »Doch! Doch!« erwiderte die junge Frau. »Nein! liebe Olympia, nein!« rief Banniére, indem er sich an sie anhing; »nein! ich beschwöre Sie, nein! holen Sie diesen Ring nicht.« »Warum nicht?« erwiderte Olympia beharrlich; »er ist hundert Louisd'or wert; Sie werden damit spielen, Sie werden sie verlieren, und es wird Ihnen die Befriedigung zu Teil werden, zwei und sechzigtausend vierhundert Livres wie ein vornehmer Mann verloren zu haben.« Und während sie diese Worte sprach, machte sie sich von Banniére los, ging an ihr Schmuckkästchen, trotz seiner dringenden Bitten, trotz seiner Anstrengungen, um sie zurückzuhalten, und seiner abgebrochenen Worte, die sie nicht hören wollte. Olympia hatte Willen und Stärke; sie stieß den jungen Mann zum zweiten Male zurück und öffnete ihr Kästchen. Banniére gab einen halb erstickten Schrei von sich. Ohne sich mehr um diesen Schrei zu bekümmern, als sie sich um das Übrige bekümmert halte, drückte Olympia auf die Feder, welche den doppelten Boden schloß, und der verborgene Winkel öffnete sich. Er war leer. Ihre Bestürzung, ihre Blässe, der seltsame Blitz, der aus ihren Augen hervorsprang und sich verwandelte, um von der Wut zur Verachtung übergehend zu Banniére zu gelangen, das sind von jenen Nuancen, welche der Maler, der Dichter nicht wiederzugeben vermögen. Olympia ließ den Deckel des Kästchens, und auf den Deckel des Kästchens ihre Hand zurückfallen. Dann entwaffnete sich allmählich ihr Blick: es war etwas in ihr gestorben. Banniére stürzte vor ihr nieder, umfasste ihre Knie und rief weinend: »Verzeihung, Olympia, Verzeihung! ich habe den Ring genommen, wie ich Ihre übrigen Juwelen, wie ich die meinigen genommen habe; ich liebte diesen Ring nicht, er machte mir das Leben unerträglich, denn die Eifersucht ist noch unerträglicher, als die Armut.« Olympia erwiderte nichts; sie wandte sich ab und hielt, wie Dido, fortwährend ihre Augen aus den Boden geheftet. »Oh! Mitleid!« sagte der Unglückliche. »Glauben Sie, ich habe den Ring genommen, um ihn zu verkaufen und mich mit dem Ertrage zu belustigen? Nein, ich habe ihn verkauft, um zu spielen. Warum spielte ich? Um zu gewinnen . . . gewinnen, um Olympia, meine Gottheit, mein Leben zu bereichern! Ich wollte eine Krone gewinnen, um Sie zur Königin zu machen, Olympia. Ich glaubte, ich werde gewinnen, weil mir nichts fähig scheint, meiner Liebe und dem Willen dieser Liebe zu widerstehen, nicht einmal das Verhängnis. Oh! beklagen Sie mich! das Schicksal ist eine Bildsäule mit einem ehernen Piedestal, an dem die tollen Hoffnungen seiner Anbeter anstoßen und zurückspringen. O! wenn Sie wüssten! Ich hatte schon sechstausend Livres gewonnen! Ich hätte fünfmal hunderttausend gewonnen! Ich hätte eine Million in vier Stunden gewonnen! Oh! mein teures Leben, wenn Sie vorhin, vor kaum einer Stunde gesehen hätten! ich hielt vor mir einen Haufen Gold, und das Glück begann, und ich war im Begriff, aus diesem Haufen einen Berg zu machen: es war so schön, als dies immer größer wurde! Plötzlich zog ein Hauch zwischen mir und der Feenwelt durch, in der ich mein Glück erschaute. Das Portal mit den goldenen Säulen verschwand, die Grotte mit den Schätzen verschleierte sich; ich verlor die Spur des Genius, der mich führte; ich vermochte nicht mehr in meinem Geschicke zu lesen; Alles verfinsterte sich, erlosch, wie wenn der Vorhang nach einer heißen, glühenden Vorstellung fällt. Da versank ich in die kalten, schauernden Bangigkeiten des gemeinen Menschen, des Menschen, der Furcht hat und Zweifelt. All mein Gold zerfloss Flocken um Flocken, wie eine Wolke, die sich am Himmel zerreißt, wie ein Schnee, der in der lauen Aprilsonne zerschmilzt: Und bei jedem Stücke, das mich verließ, fühlte ich eine Hoffnung, eine Freude, eine Wonne mich verlassen. Als Alles verloren war, begriff ich zum ersten Mal mein Elend; denn was ich in Wirklichkeit verloren hatte, war weder das Gold, noch die Hoffnung, noch die Freude, noch das Glück: was ich verloren hatte, das waren Sie, Olympia! Siel ja, Sie! denn ich sehe wohl, daß ich Sie verloren habe!« Beim Anblick dieses Schmerzes, der gerade in seiner Exaltation eine so tiefe Beredsamkeit schöpfte, beim Anblick dieser Verzweiflung, die sich zu ihren Füßen krümmte, richtete Olympia den Kopf wieder auf und ließ ihr Herz sich mit einem edlen Vergessen füllen. Sie hatte sich überzeugt, daß der Mensch, der diese schlimmen Handlung begangen, nur der Liebe schuldig war. Immer großmütig, immer unfähig zu kleinlichen Berechnungen, nahm Olympia die beiden Hände von Banniére, drückte sie an ihr Herz und küßte ihn innig. Bei dieser Kundgebung einer Rückkehr zur Zärtlichkeit, stieß die Coiffeuse mit Heftigkeit die Thür des Kabinetts auf und kam heraus, ohne ihre üble Laune zu verbergen, aus welche indessen die beiden jungen Leute durchaus nicht Acht gaben, denn sie hatten wieder ein freundliches, süßes Blatt in dem düsteren Buche ihrer Liebe gefunden. XXIII. Das Blatt verschwindet Doch Alles nutzt sich ab, selbst das Gute, das durch das Böse hervorgebracht wird. Ehe vierzehn Tage vergingen, bemerkte Olympia, daß ihr Geliebter sie mehr als je liebte: aber sie bemerkte auch, daß Banniére mehr Spieler war, als er es je gewesen. Banniére war, um uns einer ganz modernen Phrase zu bedienen, die wir anwenden, weil sie unsern Gedanken vortrefflich ausdrückt, Banniére war unmöglich geworden. Kein Theater mehr, keine Konversation mehr. Banniére träumte oder seufzte, wenn er nicht spielte, oder wenn er nicht, um Verzeihung für einen neuen Fehler zu erhalten, mit gefalteten Händen um Liebe bat. Und während er sich so selbst zu Grunde richtete, warf der Abbé, mit dem Bewusstsein des Übergewichts seiner Stellung, jeden Tag einen Stein in den Garten der schönen Chimären seines Nebenbuhlers. Olympia fand eines Abends ihr Silberzeug an seinem gewöhnlichen Platze. Sie konnte sich eines Freudenschreis nicht erwehren; seit drei Tagen wusste sie nicht, wie sie sich in ihrer Philosophie wenden und drehen sollte, um sich an diese Entbehrung zu gewöhnen. Sie rief Claire, um zu erfahren, wer dieses Silberzeug während ihres Schlafs oder während ihrer Abwesenheit zurückgebracht habe. Claire wusste nicht, was man sagen wollte, Sie rief die Coiffeuse. Die Coiffeuse behauptete, der Kasten mit dem Silberzeug sei nie vom Buffet gekommen. «Ich habe aber dieses Silberzeug verkauft, an den Juden Jacob verkauft,« entgegnete Olympia. »Das ist unmöglich, Madame, da es sich an demselben Platze findet, wohin es Madame zu stellen pflegte,« erwiderte die Coiffeuse; »Madame hat es nicht verkauft.« »Jacob,« sagte ganz leise Banniére, »derjenige, an welchen ich die Juwelen und den Ring verkauft habe, der gewöhnliche Handelsmann des Herrn Abbé d'Hoirac?« Ein Schauer und ein Verdacht liefen mit einander über das Herz von Banniére, doch er hielt seine Einbildungskraft, welche umherzuschweifen bereit war, zurück, da er sich nicht der ganzen Bitterkeit seiner Vermutungen hingeben wollte. »Olympia hatte einiges Geld verborgen, mit dem sie das Silberzeug wieder erkauft haben wird,« dachte er. »Wer sagt sogar, daß sie es verkauft hat? Kann sie mir nicht mit diesem Opfer bange gemacht haben? Es liegt im Charakter der Frauen, sich beklagen zu lassen.« Und dieses Sophisma genügte, nicht um den Argwohn von Banniére einzuschläfern, doch um ihn zu betäuben. Diesen Abend kam der Abbé, wie gewöhnlich, um seine Partie Triktrak und seine Partie am Musikpulte zu machen. Der Abbé wurde von Herrn und Madame Banniére sehr gut aufgenommen. Es war ein herrlicher Mann, der immer einen frischen Gedanken hatte, dieser Abbé d'Hoirac. Unfähig, bei etwas stehen zu bleiben, ohne einen großen natürlichen Geist zu haben, fand er durch beständiges Suchen diesen Geist, den er nicht hatte. Er besaß überdies reizende Mittel für Alles; war ihm eine Promenade als Thema gegeben, so fand er Haltepunkte, um Erfrischungen dahin bringen zu lassen; er fand Spiele, Tänzerinnen, Bärenführer, Schaukeln, Wahrsager. Er wusste, wie man einen Fisch in allen Ländern der Erde zurichtet; er hatte achtzehn Mittel, um die Eier sieden zu machen; er roch auf eine Meile den guten Wein und das gute Lager; er gab eine Blume nicht, wie ein Anderer sie gegeben hätte; er würzte sie immer mit irgend einem Geschenke, das die Blume kostbar machte; er würde, hätte er zur Zeit von Augustus gelebt, die Strauß-Etuis erfunden haben, welche die römischen Damen als Scheide den Blumen gaben, die Lucullus aus Asien zurückgebracht hatte, und deren milchartiger, ätzender fast die patrizischen Hände gelb machte. Nie trat der Abbé in eine Gesellschaft, welche es auch war, ein, ohne eine Neuigkeit zu bringen oder einen Vergnügens plan zu entwickeln. An diesem Abend gewann er Olympia einen Louis d'or ab, und er sagte zu ihr: »Das macht nur noch hundert und neun und neunzig Louis d'or, Madame Banniére.« »Was wollen Sie damit sagen?« fragte Olympia. »Ja, Herr Abbé,« versetzte Banniére, »was verstehen Sie unter diesen hundert und neun und neunzig Louis d'or?« »Ich will damit sagen,« erwiderte der Abbé, seiner Gewohnheit gemäß auf die Füße von Banniére tretend, »ich werde Ihnen am Montag, wenn Sie den Louis d'or, den Sie so eben verloren, behalten, hundert und neun und neunzig weitere Louis d'or zu bringen haben.« »Wie beliebt?« fragte Olympia errötend. »Wie beliebt?« fragte Banniére erbleichend. »Ah! es ist wahr, Sie wissen nicht!« sagte der Abbé. »Was?« fragten gleichzeitig die zwei jungen Leute. »Sie wissen nicht, daß ich eine Benefice Vorstellung aus nächsten Sonntag veranstaltet habe,« fuhr der Abbé ruhig fort. »Wie so?« rief Olympia ganz erstaunt. «Ah! hören Sie. Baron kommt in dieser Woche nach Chalons. Ich habe ihm durch meinen Intendanten schreiben lassen, um ihn zu bitten, bis nach Lyon zu reisen und zu Ihrem Benefize zu spielen.« »Nun?« fragte Olympia. »Nun! er hat geantwortet, er werde sehr gern mit Ihnen und für Sie spielen, Madame.« »Dies Alles sagt mir aber nicht, wie Sie mir Montag gerade zweihundert Louis d'or schuldig sein werden.« »Warten Sie doch.» Das Gesicht von Banniére erheiterte sich wieder, das von Olympia blieb allein sorglich. »Sobald ich die Antwort von Baron gehabt habe, habe ich eine Spekulation gemacht,« fuhr der Abbé fort. »Eine Spekulation! Sie!« rief Olympia; »oh! Sie sehen mir gerade aus wie ein Spekulant!« »Es ist aber, wie ich Ihnen zu sagen die Ehre habe, Madame.« Olympia schüttelte den Kopf, doch der Abbé, welcher kurzsichtig war, gewahrte die Bewegung nicht. Er fuhr fort: »Urteilen Sie, ob ich richtig vorhergesehen habe. Ich fing damit an, daß ich den ganzen Saal mietete, und zwar um einen sehr niedrigen Preis, denn man wusste nicht, was ich damit machen wollte. Beim ersten Wort, das ich in der Gesellschaft in Betreff dieser außerordentlichen Vorstellung sagte, hat man von mir dreimal so viel Logen und Plätze verlangt, als der Saal enthält. Ich habe die Preise verdreifacht, – nichts Anderes. Das sind vierhundert Louis d'or, welche die Vorstellung eintragen wird. Da ich den ersten Gedanken dieses Benefize gehabt habe, so werde ich es mit Ihnen teilen. Das ist arabisch, das ist türkisch, das ist mohrisch, das ist genuesisch, das ist jüdisch, ich weiß dies Alles wohl; aber hören Sie doch, derjenige, welcher die Idee findet, verdient auch wohl Etwas. Ich schätze nun dieses Etwas zur Hälfte, und da die Idee vierhundert Louis d'or wert ist, so werden zweihundert Louis d'or für mich und zweihundert für Sie sein.« Olympia bewunderte und überlegte. Banniére hörte nur das, was man ihm sagte. Er klatschte in die Hände und umarmte den Abbé. »Ich wette,« sagte dieser, während er ihm abermals die Füße zerquetschte, »ich wette. . . verzeihen Sie, lieber Herr Banniére. . . Madame Banniére verdunkelt Baron, und Baron wird machen, daß man sie bei der Comédie-Francaise engagiert, so daß wir Alle Millionen in der Hauptstadt gewinnen werden.« »Oh! Schmeichler!« rief Olympia. »Sprechen Sie, habe ich nicht Recht, Herr Banniére?« »Hundertmal Recht, Herr Abbé!« erwiderte Banniére mit Begeisterung. Denn er sah in den zweihundert Louisd'or, welche die Vorstellung eintragen sollte, ein Vierteljahr des Glücks mit Olympia. »So lange sie nichts wünscht,« sagte Banniére zu sich selbst, »oder so lange sie haben kann, was sie wünscht, bin ich sicher, daß sie mich eben so sehr und sogar mehr als einen Andern lieben wird.« Ach! der arme Banniére hatte das Ende seiner Qualen noch nickt erreicht. Von diesem Augenblick an beschäftigte sich der Abbé mit der Vorstellung wie der Director einer Truppe. Er komponierte das Schauspiel, teilte die Rollen aus, ließ die Schneider und die Sticker arbeiten, ordnete die Inszenierung und fehlte bei keiner Probe. Nie hatte ein König einen Leibwachmann ähnlich dem, welchen Olympia bis zu diesem seligen Sonntag nach sich schleppte. Mit Hilfe dieses Leibwachmannes, der zu gleicher Zeit ein mit seinem Stabe bewaffneter Genius zu sein schien, hatte sie nicht einmal einen Wunsch auszusprechen, oder wenn sie einen aussprach, war er aus der Stelle erfüllt. Eine Folge hiervon war, daß Banniére, als er den Abbé so eifrig um Olympia bemüht sah, wieder eifersüchtig wurde. Er erlaubte sich verschiedene Kritiken über die Inszenierung und den Geschmack des Abbé. Doch der Abbé hatte einen äußerst gut gearteten Geist; er nahm ohne irgend einen Ärger die boshaften Bemerkungen von Banniére auf. Er gab sich den Anschein, als hörte er gar nicht diejenigen, welche die offenbare Absicht hatten, unangenehm zu sein. «Wie glücklich sind Sie, daß Sie gute Augen haben, mein lieber Herr Banniére,« sagte der Abbé. »Von meinem schlechten Gesicht rührt die Hälfte der Dummheiten her, die ich mache.« Der Tag der Vorstellung kam endlich. An diesem Tage machte sich der Abbé zum Anführer der Claqueurs. Der Abbé war offenbar ein Mann, der zu Allem taugte. Wie Banniére, hatte er seinen Beruf verfehlt, und dennoch standen sein schwarzer Rock, sein Mäntelchen und sein Überschlag so gut zu seinen weißen, fleischigen Händen, zu seiner aufgestülpten Nase, zu seinen Wangen, die so frisch wie die einer Blutpfirsich, daß es Schade gewesen wäre, ihn In einer andern Tracht, als der seinigen, zu sehen. Er machte sich also zum Anführer der Claqueurs und leitete den Enthusiasmus so, daß Baron zufrieden, Olympia aber entzückt war. Die Blumen, die Kränze, die Freunde zum wütenden Klatschen mit den Händen und Stampfen mit den Füßen beschäftigten ihn viel mehr, als die Einnahm«. Aber Banniére bekümmerte sich um diesen Punkt, der, nur Nebensache für den Abbé, dies für ihn nicht war. Vor Allem erhob er von dieser Einnahme zwanzig Louis d'or, die er In seine Tasche steckte, um in die Akademie zu laufen und ein wenig seine Martingale zu versuchen, und zwar immer in der Absicht, ein hunderttausend Livres reinen Gewinn zu machen, während man Olympia dort beklatschte. Doch man kann nicht zugleich aus allen Seiten gewinnen. Die zwanzig Louis d'or währten keine Stunde. Beim zwanzigsten stand er auf und suchte mit den Augen seinen bösen Genius die Katalane. Zum Glück war sie nicht da, sonst hätte er ihr unfehlbar den Hals umgedreht, um sich einmal ihrer zu entledigen. Während Banniére mit seinen von der Einnahme erhobenen zwanzig Louis d'or, zum Spiel lief, stürmte der Abbé an der Spitze der Beklatscher und sicherte den Sieg von Olympia über Baron. Das ließ sich nicht so leicht durchführen, obgleich um jene Zeit der berühmte Tragiker, nahe daran, nicht nur von der theatralischen Szene, sondern auch von der Szene der Welt zu verschwinden, sieben und siebzig Jahre alt war. Was ihn nicht abhielt, den Achilles in Iphigenie zu spielen. Als die Vorstellung beendigt war, setzte Baron, ein Mann von Geist, den Kranz, den man ihm zugeworfen, Olympia auf den Kopf; nur schlug er es aus, bei seiner Genossin zu Nacht zu speisen, indem er seinen schwachen Magen vorschützte. Olympia ließ Banniére überall suchen. Sie war unruhig, daß sie ihn nicht sah, unruhig besonders über das Verschwinden der fünfhundert Livres, welches Verschwinden andeutete, daß Banniére, trotz seiner Schwüre, wahrer Spielerschwüre, in die Akademie zurückgekehrt war. Dieser Verlust von zwanzig Louis d'or war nichts für Olympia, aber der stufenweise Verlust des Zartgefühls ihres Geliebten war viel für sie. Von Zeit zu Zeit, mitten unter ihrem Triumphe, seufzte sie, als ob sie ein Unglück geahnt hätte. Wir haben gesagt, Banniére sei aufgestanden, um zu sehen, ob er die Katalane nicht erblicke. Er erblickte sie nicht, doch er erblickte einen Freund vom Spiele. Der Freund war bei Mitteln und lieh Banniére zwanzig andere Louis d'or. Banniére fing wieder an nach Herzenslust zu spielen. XXIV. Die Serenade Besser zu Rathe gehalten, währten die zwanzig Louis d'or von Banniére, oder vielmehr von seinem Freunde, diesmal vier Stunden. Nach Verlauf von vier Stunden, nachdem er zwanzigmal beinahe die hunderttausend Livres gewonnen gehabt hätte, auf die er sein Trachten zu beschränken genötigt war, hatte Banniére die zwanzig Louis d'or verloren. Er ging wütend weg. Diese Wut werden wir nicht zu schildern versuchen: sie verdoppelte sich durch alle Leiden der Eitelkeit. Schon verspottet, schon gedemütigt, schon begnadigt wegen eines ähnlichen Verbrechens, kehrte er mit der Scham eines Spitzbuben zurück, nachdem er geschworen, kein Dieb mehr zu sein. Die Verzweiflung bemächtigte sich seiner. Als er über eine Brücke kam, hatte er fast Lust, sich zu ertränken. Doch um sich zu ertränken, war Banniére noch zu sehr verliebt. Bei Banniére beherrschte die Liebe alle Gefühle. Was ist die Ehre für einen Wahnsinnigen? Banniére ertränkte sich also nicht und kehrte mit langsamen Schritten zu Olympia zurück. »Arme Frau,« sagte er zu sich selbst, »ich bin der Einzige, der bei ihrem Triumphe gefehlt haben wird; ich bin der Einzige, der sie nicht beklatscht, nicht beglückwünscht haben wird. Sie erwartet mich wie das letzte Mal, sie wird mich Ausschelten, doch ich werde mich unter ihrem Schelten beugen; ich werde mich zu ihren Füßen legen, und sie wird mir abermals verzeihen. Sie wird wohl sehen, daß ich verflucht bin. Und dann, fortan keine Versuche mehr, um aus unserer Not herauszukommen! Nein, sie gelingen zu schlecht. Olympia zeigt mir den Weg: sie arbeitet; ich werde ihr nachahmen. Dieses Glück, das wir verfolgen, und das uns flieht, wird vielleicht kommen, wenn wir es nicht mehr suchen.« Und er fuhr mit einer eiskalten Hand über seine brennende Stirne. »Tausend Livres!« rief er; »zwei von unseren Monaten in vier Stunden verbraucht! Oh! diesmal wird mich Olympia wenigstens nicht beschuldigen, ich habe sie zu Grunde gerichtet; denn von den hundert Louis d'or, zu welchen die Einnahme versichert war, habe ich nur zwanzig genommen. Allerdings bin ich zwanzig andere schuldig. Bah! diese zwanzig gebe ich von meinem ersten Gewinn zurück. Man kann nicht immer verlieren.« Man sieht, in weniger als zehn Minuten schwur Banniére, nicht mehr zu spielen, und gelobte sich, das Geld, das er geborgt hatte, von seinen Spielgewinnen zurückzubezahlen. Während Banniére diese Gedanken in seinem Geiste hin und her wälzte, ging er immer weiter nach seiner Wohnung. Die Nacht war finster: es schlug ein Uhr im Carmeliter-Kloster, dessen Thürme die Aussicht vom Balkon von Olympia begrenzten. Als die letzten Klänge des Erzes in der Luft verstummt waren, horchte Banniére noch fortwährend. Es kam ihm vor, als folgte ein anderer Ton, welcher nicht der der Glocken war, auf diesen. Banniére blieb nicht lange im Zweifel. Es war der Schall von Instrumenten, mit dem sich eine ziemlich harmonische Stimme vermischte. Banniére hörte die ganze Symphonie, als er in seine Straße gelangte. Als er die Symphonie gehört hatte, suchte er die Symphonisten. Sie hatten sich unter den Fenstern des Schlafzimmers von Olympia ausgestellt. Banniére liebte in diesem Augenblick nicht viel in der Welt, und die Musik noch weniger als das Übrige. Nichts konnte in der Tat seine Nerven unangenehmer reizen, als der schmerzliche und zugleich süßliche Ausdruck der Flöten und der Geigen, welche die Gitarre des Hauptmusikers begleiteten. Diese Gitarre selbst begleitete die Stimme, welche Banniére beim Eintritt in die Straße bemerkt hatte, eine Stimme, die er schon irgendwo gehört zu haben glaubte. Als er näher kam, erkannte er wirklich im Gitarristen, Sänger und zugleich Orchesterches, als Kavalier gekleidet, den Abbé d'Hoirac, der eine schmachtende Miene angenommen hatte, schmachtende Stellungen affektierte und seinen Hals gegen den Balkon drehte. Die Arie war lang, schwierig, und, es ist nicht zu leugnen, der Abbé sang sie sehr gut. Hinter ihrer halb aufgehobenen Jalousie erschien, leicht erkennbar, da sie sich nicht zu verbergen suchte. Olympia, weiß gekleidet, und obgleich Banniére den Ausdruck ihres Gesichts nicht zu unterscheiden vermochte, bezweifelte er doch nicht, sie müsse lächeln. Die Einbildungskraft und besonders eine eifersüchtige Einbildungskraft ist so mächtig, daß Banniére dieses Lächeln durch die Jalousie sah. Die Wut drang so rasch in sein Herz ein, als die Harmonie in seine Ohren. Das schwierige Stück endigte gerade mit den Worten: Belle Philis, dis moi: Je t'aime! Et je n'ai plus rien a chauter.[11 - Schöne Philis, sage mir: »Ich liebe dich!« und ich habe nichts mehr zu fingen.] Der Abbé d'Hoirac, nachdem er, wie es bei jedem Finale der Gebrauch ist, die zwei letzten Verse ein Dutzend Mal wiederholt hatte, hielt inne und schloß mit einem Orgelpunkte, der Banniére vollends in Verzweiflung brachte. Er stürzte auf d'Hoirac los und rief mit einer Donnerstimme: »Ah! Sie haben nichts mehr zu singen! nun, so tanzen Sie!« Wonach er ihn an der Gurgel packte. Der Abbé sah nichts und hatte überdies den Nachtheil, daß er überfallen wurde, was ihn indessen, denn er war mutig, nicht abhielt, sich mit seiner Gitarre gegen diesen Feind der Musik zu verteidigen, der so aus dem Boden hervorkam. Die Symphonisten wollten ihrem Ches Hilfe leisten, allein Banniére hatte hundert Arme wie Briareus; er zerbrach zwei bis drei Geigen, verdrehte fünf bis sechs Flöten, was auf der Stelle alle Musiker in die Flucht schlug, denn im Allgemeinen fürchtet ein Musiker mehr für sein Instrument, als für seine Haut. Am Geschrei von Olympia erkannte der Abbé am Ende Banniére. Er griff ihn mutig mit Gitarrenstreichen an, denn der Abbé war reich genug, um nicht für sein Instrument zu fürchten; doch Banniére entriss die Gitarre seinen Händen und schlug sie ihm aus seinem Kopf entzwei. »Sie sind sehr glücklich, daß ich keinen Degen habe,« sagte der Abbé, als er den Schlag empfing. »Oh! daran soll es nicht fehlen,« erwiderte Banniére, »Sie können in zehn Minuten einen haben.« »Dreifacher Dummkopf!« sagte der Abbé, »dreifacher Tölpel! Sie wissen wohl, daß ich mich nicht mit, Ihnen schlagen werde.« »Und warum nicht?« brüllte Banniére, »sprechen Sie.« »Einmal, weil ich Sie tödten würde, so kurzsichtig ich bin, da Sie nie einen Degen geführt haben.« »Wer hat Ihnen das gesagt?« »Wahrhaftig! das sieht man an Ihren bäurischen Manieren; und dann, Sie wissen wohl, daß ich Abbé bin, und daß ich folglich nicht das Recht habe, das Kleid zu tragen, unter welchem Sie mich beleidigen, so daß ich, wenn ich Sie tödten oder mir aus eine andere Art Gerechtigkeit verschaffen würde, einer doppelten Verurteilung durch die bürgerliche Behörde und durch die kirchliche Behörde ausgesetzt wäre. In dieser Hinsicht also, Herr Bursche, haben Sie als ein Ungezogener und Feiger gehandelt. Doch seien Sie unbesorgt, ich werde Sie wieder erwischen.« Banniére sah sein Unrecht ein, und die Drohung fürchtend, so leer sie war, ließ er den Abbé los, wonach dieser entfloh. Die wenigen Fenster, welche die Häuser gegen die Straße hatten, waren auf den Lärmen, den Banniére gemacht, geöffnet worden. Man zündete Lichter an, man schrie, man schmähte. Das roch nach Scharwache und Gefängnis. Man sah in der Tat, aus der in der Ecke der Carmeliter-Kirche angehäuften Finsternis hervorkommend, das Lederwerk der Schützen erscheinen, und Banniére hatte nur noch Zeit, in sein Haus durch die Thür zu schlüpfen, die ihm Olympia ganz erschrocken offen hielt. Die Scharwache kam nach ihrer merkwürdigen Gewohnheit um zehn Minuten zu spät; sie fand daher auf dem Schlachtfelde nur Geigenstücke, Flötentrümmer und den Hals einer Gitarre. Die ehrenwerten Militäre verwickelten sich in die Darmsaiten, fluchten, und dabei blieb die Sache. Aber sobald er gerettet, war Banniére nur um so wütender. Er, der zehn Minuten vorher ein Mittel suchte, um Olympia zu besänftigen, hatte das Mittel gefunden, sie anzuklagen. Er nahm, als er in seiner Wohnung war, die majestätische Stellung an, die er annehmen konnte, kreuzte die Arme und begann zu verhören. Olympia, die sich Anfangs zärtlich erkundigt hatte, ob er verwundet sei, wandte ihm, plötzlich in dem Interesse gehemmt, das sie diesem Besessenen bezeigte, den Rücken zu, sobald er den Händelsucher machen wollte. Banniére ärgerte sich über dieses verächtliche Stillschweigen noch viel mehr, als er sich über eine hitzige Antwort geärgert hätte. Er lief Olympia, die wieder in ihr Zimmer ging, nach und hielt sie ungeschlacht am Arm zurück. Die junge Frau erbleichte zugleich vor Schmerz und vor Scham und stieß einen Schrei wie eine verwundete Löwin aus, worauf ihre drei Dienerinnen herbeiliefen. Banniére hätte sein Leben gegeben, um diese drei schwachen, Geschöpfe zu zermalmen, welche vor ihm standen und seiner Wut Trotz bieten zu wollen schienen. Nach dem Schrei von Olympia trat auf allen Seiten tiefes Stillschweigen ein. Unter diesem Stillschweigen schlug Olympia den Aermel ihres Nachtgewandes zurück, und man sah über dem Ellenbogen das bläulich rote Mahl von den Fingern von Banniére. Die Coiffeuse stürzte sich weinend aus den schönen gequetschten Arm, bedeckte ihn mit Küssen und ergoss sich in Verwünschungen gegen Banniére. Von Schmerz, Gewissensbissen und Schrecken ergriffen, verschwand Banniére in seinem Zimmer. Bis am andern Morgen um zehn Uhr herrschte die tiefste Stille im Hause. Um zehn Uhr klingelte Olympia Claire, und diese eilte in Begleitung der Coiffeuse herbei. Die Coiffeuse hatte wohl das Haus nach der von uns beschriebenen Szene verlassen, aber sie war am Morgen zurückgekommen. Claire erhielt den Befehl, das Frühstück bereiten zu lassen. Die Coiffeuse blieb allein bei ihrer Gebieterin, die sie fragte, was er gemacht habe. »Oh!« antwortete die Coiffeuse, »er ist schon am frühen Morgen weggegangen.« Olympia fand, die Antwort der Coiffeuse sei von einer seltsamen Betonung begleitet gewesen, sie habe einen sonderbaren Nachdruck aus dieses er gelegt, und sie dachte vielleicht, dieses er zeige – anzeigendes Fürwort geworden – nicht genug an. »Von wem sprechen Sie?« fragte Olympia trocken, »und wen bezeichnen Sie mit dem er?« Die Coiffeuse begriff, daß sie einen falschen Weg einschlug, und daß der Abbé d'Hoirac noch nicht beim er war. »Ich wollte sagen, der Herr sei ausgegangen,« erwiderte demütig die Coiffeuse, »Aber,« fuhr diese Frau sich belebend fort, »Madame ist bei ihrer Schönheit, bei ihrem Talent, bei ihren Triumphen sehr gut, daß sie sich so unglücklich macht.« »Wer sagt Ihnen, Ich sei unglücklich, meine Beste?« fragte verächtlich Olympia. »Ei! Madame, sieht man es nicht?« »Woran?« »Daran, daß Sie die ganze Nacht geweint haben.« »Sie irren sich.« »Ihre Augen sind halb erloschen, – Augen, welche von der ganzen Stadt bewundert werden.« Olympia zuckte die Achseln. »Sie Zweifeln daran, Madame?« fuhr die Versucherin fort. Olympia antwortete nicht einmal mehr durch eine Gebärde. »Erfahren Sie also,« sagte die Coiffeuse, »daß es Leute gibt, welche sich tödten ließen, um einen Blick von diesen Augen zu erhalten, denen Sie zu misstrauen scheinen.« »Oh!« murmelte Olympia, so ausgezeichnet sie war, durch die Schmeichelei oder vielmehr durch das Lob gekitzelt, »oh! ich glaube wenig an an so viel Macht. . .« Das Lob ist wie der Wohlgeruch; von welcher Seite es kommt, die Frau fühlt es und schätzt es. »Wenn Sie es versuchen wollten, Sie würden nicht lange daran Zweifeln.« »Was versuchen?« »Oh! Madame, überlegen Sie ein wenig; ist es Ihrer würdig, würdig einer Künstlerin von Ihrem Verdienste, einer Frau von Ihrer Schönheit, sich in der Sänfte in das Theater zu begeben, in diesem abgelegenen Quartier zu wohnen, keine Diamanten mehr zu haben, und auf den Tag nach einer Benefize-Vorstellung zu warten, um drei Kleider zu kaufen?« »Das geht Sie nichts an, meine Werte.« »So ist es,« rief die Coiffeuse weinend, »machen Sie mir ein Verbrechen daraus, daß ich Sie liebe, und nicht diejenigen liebe, welche sich Ihrem Glücke widersetzen.« Ach verbiete Ihnen, von diesen Schlimmes zu sagen, hören Sie?« »Verbieten Sie denselben doch, Ihren schönen Körper zu schwärzen, verbieten Sie denselben, Ihnen Ihr Geld zu stehlen, nicht um es zu verspielen, das wäre nichts, sondern um es, wer weiß mit wem, zu vergeuden.« Olympia richtete den Kopf auf und fragte: «Wer belehrt Sie so gut?« »Wohlunterrichtete Leute, darüber seien Sie unbesorgt, Madame.« »Nicht wahr, diejenigen, welche ihr Leben geben würden, um einen von meinen Blicken zu erhalten?« »Und die überdies, was noch solider und folglich noch seltener zu finden ist, Madame, monatlich zehn tausend Livres geben würden, um Sie in Behauptung Ihres Ranges zu unterstützen.« »Zehntausend Livres monatlich,« versetzte Olympia, ihren Ekel verhehlend; »Sie haben mir also Anträge zu machen?« »Offizielle, ja, Madame,« erwiderte die Coiffeuse, kühn gemacht durch das, was sie für den Anfang einer Kapitulation hielt; »ja, hundert und zwanzig tausend Livres jährlich, und dies zahlbar vierteljährlich; das erste Vierteljahr liegt bereit, ich habe es gesehen.« Olympia stand auf, zog ihre schönen Haare aus den Händen der Coiffeuse und sagte zu ihr: »Mademoiselle, man hat Sie mit einem zu zarten und zu wichtigen Austrage betraut, als daß man Ihnen nicht eine schöne Belohnung versprochen haben sollte. Holen Sie dieselbe, ich bitte Sie, und zwar ohne eine Minute zu verlieren. Gehen Siel« »Wie?« rief die Coiffeuse erstaunt. »Ich denke, Sie begreifen mich wohl?« »Nein.« »Ich sage Ihnen, Sie sollen mein Haus verlassen, Mademoiselle, und keinen Fuß mehr in dasselbe setzen.« »Aber, Madame,« erwiderte die Dienstfertige mit leiser Stimme, »der Herr ist nicht dort verborgen, der Herr ist ausgegangen.« »Ah! ja, Sie können nicht begreifen, daß man im Ernste hundert und zwanzig tausend Livres vierteljährlich zahlbar ausschlägt,« sagte Olympia schwermütig. »Für wen halten Sie mich, wenn ich fragen darf?« »Aber, Madame, wie mir Claire gesagt hat, empfingen Sie doch von Herrn von Mailly. . .« »Was ich von ihm forderte, Mademoiselle, und ich forderte viel von Herrn von Mailly, weil ich ihn sehr liebe. Und ich schlage viel aus, um Herrn von Banniére zu behalten, weil ich Herrn von Banniére sehr liebe. Lassen Sie sich das gesagt sein, Mademoiselle, und gehen Sie aus meinem Hause.« Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/pages/biblio_book/?art=48632852) на ЛитРес. 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Haben sich aller Menschen Herzen vor mir verschlossen! 9 Die Catalonierin. 10 Wir müssen das französische Wort beibehalten, da die deutsche Sprache keinen entsprechenden Ausdruck für diese Art von dienstbaren Geistern bat, deren Hauptgeschäft die Schmückung des Kopfes ihrer Gebieterinnen ist. 11 Schöne Philis, sage mir: »Ich liebe dich!« und ich habe nichts mehr zu fingen.