Drei starke Geister
Alexandre Dumas der Ältere




Dumas Alexandre (fils)

Drei starke Geister





Erster Theil





Einleitung





I


An der Straße nach Nimes, bei der Brücke über den Gard – die man, im Vorbeigehen gesagt, mit Unrecht eine Brücke nennt, da es eine Wasserleitung ist, in der aber nichts, selbst kein Wasser mehr fließt – eine Viertelstunde ehe man an den Fluß und mithin an diese Brücke kommt, liegt ein freundliches Dörfchen, mit Namen Lafou. Wer etwa die Brücke über den Gard besucht, was ich Jedem rathe, der kehre zum Frühstück in dem Dörfchen Lafou ein. Es hat nur ein einziges Wirthshaus und man kommt daher nicht wegen der Wahl in Verlegenheit; aber man wird hier eben so gut und selbst besser bedient, als wenn eine Concurrenz zwischen mehreren Gastwirthen stattfinde. Man wird in ein großes Gastzimmer geführt, dessen Tapete die merkwürdigsten, mit ziegelrother Staffage von Menschen und Thieren belebten Weltansichten darstellt; man sieht hier die Statue Peters des Großen in St. Petersburg, den Westminsterpalast in London, die Börse von Paris, den Pozellanthurm in Peking, eine Tigerjagd, den Tod des Capitain Cook und das Grab des Kaisers in St. Helena. Geschichte, Denkmähler, Poesie, nichts fehlt hier; Alles ist auf einem rosenrothen Grunde gemalt und wird von blauen Bäumen beschatten Was aber noch besser sein wird, als dies Alles, obgleich es, wie ich glaube, schon sehr amüsant ist, wenn man lachen kann, indem man die Wände betrachtet, das ist das Frühstück, das man bekommt und das ein- für allemal aus folgenden Gerichten besteht: ein Schweinsfuß mit Trüffeln, Liebesäpfel mit Eiern oder Eier mit Liebesäpfeln, Erdbeeren im Sommer, Feigen, Mandeln, Rosinen und Haselnüsse im Winter, dazu eine Flasche ausgezeichneten starken Wein, mit einem Parfüm wie Alicante; und wenn man dann fragt, was man für diesen Schmaus schuldig ist, so erhält man zur Antwort: drei Franken! Man hat also hier für drei Franken besser gefrühstückt, als für fünfzehn Franken in Paris!

Leider sind es nicht diese erfreulichen Bilder, die Erinnerungen von einer Reise, die ich vor Kurzem durch jene Gegend gemacht habe, die ich dem Leser in der nachstehenden Erzählung vorführen werde; es ist eine sehr traurige, sehr Unglückliche Geschichte, die ich erzählen will und deren Schauplatz das Dörfchen Lafou war.

An einem heiteren Abende des Monats April 1825 wanderte ein noch junger Mann von kaum einundzwanzig Jahren, mit offenem, heiterem und sanftem Gesicht, allein auf der erwähnten Straße von Nimes nach der Gardbrücke zu. Es hatte eben sieben Uhr geschlagen, und der, in einen schwarzen Oberrock, ein ächtes Reisebeinkleid von grauer Leinwand, nebst einer Mütze von Zwillich gekleidete junge Reisende schritt rüstig, mit der einen Hand sich den Schweiß vom Gesicht trocknend und mit der andern den Reisestock schwingend, vorwärts.

Bald hatte er die ersten Häuser des Dörfchens Lafou erreicht, und zugleich griff er in die Tasche, zog eine Brieftasche hervor, nahm aus dieser einen Brief, den er in der Hand behielt und ging dann auf einen, vor seinem Hause stehenden Landmann zu.

»Könnt Ihr mir nicht sagen, Freund,« redete er ihn im richten pariser Dialect an, »wo Herr Raynal der Pfarrer von Lafou, wohnt.«

»Eben ging Herr Raynal hier vorbei,« antwortete ihm der Bauer mit sehr deutlichem südlichem Accent und indem er die rechte Hand ausstreckte; »kaum kann er sein Haus erreicht haben. Er wohnt dort in dem kleinen, an die Kirche angebauten Häuschen.«

Der junge Mann dankte für die erhaltene Auskunft und ging auf das bezeichnete Haus zu.

Er hatte nicht weit zu gehen, denn das Dorf ist nicht groß.

Das Haus des Pfarrers, das, wie der Bauer gesagt hatte, an die Kirche stieß, bestand aus einem Erdgeschoß, dem ersten Stockwerk und einer Art Dachboben. Es theilte mit dem Gottesacker den hinter der bescheidenen Kirche liegenden Raum.

Es ist nicht nöthig zu erwähnen, daß dieser Gottesacker nicht groß war, und daß zu dieser Tagesstunde die Kinder aus dem Dorfe in demselben spielten.

Ich habe es sehr gern, wenn ich in einem Dorfe die Kinder auf dem Gottesacker spielen sehe. Der Tod behält dadurch noch Einen gewissen Anschein von Leben, und wenn der Lärm, den sie machen, den Schlummer der Ruhenden stört, so muß ihnen dieses, durch unschuldige, frische Stimmen verursachte augenblickliche Erwachen angenehm sein, denn es erinnert sie an die glücklichsten der auf der Welt verlebten Jahre.

Unser Reisender zog ehrerbietig die Mühe vor der Ruhestätte der Todten, stieg dann die beiden Stufen vor der grau angestrichenen Hausthür hinauf und klopfte mit dem an derselben befestigten Hammer an.

Eine alte Frau öffnete ihm.

»Wohnt hier Herr Raynal?« fragte der junge Mann.

»Ja, mein Herr,« antwortete ihm die Alte.

»Kann ich ihn sprechen?«

»O ja.«

Die Dienerin verschloß die Thier wieder und ließ den Reisenden in ein Zimmer des Erdgeschosses treten, welches dem Pfarrer als Speisezimmer diente.

Hier saß an einem Tische, auf dem ein sehr bescheidenes Abendessen stand, der Pfarrer Raynal, ein Mann von ohngefähr fünfzig Jahren, dessen ruhig blickendes Auge Rechtschaffenheit und ein reines Gewissen verrieth. Seine Mahlzeit bestand aus einem Eierkuchen und aus einem Hühnerviertel. Seine alte Haushälterin, Toinette, stand am Fenster, bereit, ihren Herrn zu bedienen, sobald er etwas bedurfte. Ihre Kleidung bestand aus einer Haube mit breiten Flügeln und aus einem Kleide von gelbem Zeuge mit röthlichen Blumen, und sie war beschäftigt Wäsche auszubessern, als der Reisende geklingelt hatte. Seit zwanzig Jahren, die sie schon bei Herrn Raynal zubrachte, war sie gewohnt, in seinem Zimmer zu arbeiten, während er speiste. Es ging auf diese Weise keine Zeit verloren und sie unterhielt sich mit dem Pfarrer von allerhand Dingen, welche Gegenstand des Gesprächs zwischen einem braven Priester und einer braven Frauensperson sein können.

Der junge Mann begrüßte Herrn Raynal, welcher Aufstand, um ihn zu empfangen; aber der Angekommene bat ihn« sich nicht stören zu lassen und übergab ihm den Brief, den er in der Hand hatte.

»Ich bin beauftragt, Ihnen dies hier zu übergeben, Herr Pfarrer,« sagte er, während sein Blick mit einem Ausdruck von Ehrerbietung, der einige Aengstlichkeit beigemischt war, auf dem Gesicht der Priesters ruhte, der den Brief aus dem Couvert zog.

»Nehmen Sie doch Platz,« sagte Raynal, ehe er anfing, das Schreiben zu lesen; als er jedoch die Augen auf die ersten Worte desselben geworfen hatte, blickte er den Ueberbringer an und sagte mit bewegter Stimme zu ihm:

»Dieser Brief ist von meinem Bruder?«

»Ja« lieber Oheim.«

»Und Sie sind also..-.«

»Jean Raynal, der Sohn Ihres Bruders und Ihr Neffe.«

»So komm an mein Herz, junger Mann!« rief der Pfarrer, indem er aufstand und seinen Neffen umarmte.

Die alte Haushälterin, welche Zeugin dieser Scene war und die seit zwanzig Jahren Jeden gesehen hatte, der zu ihrem Herrn gekommen war, betrachtete staunend den großen Menschen, der ihr noch nie zu Gesicht gekommen und den der Pfarrer seinen Neffen nannte.

»Sie haben also einen Bruder?« sagte sie im vertraulichen Tone zu dem Geistlichen.

»Ja wohl, liebe Toinette.«

»Aber Sie haben mir nie etwas davon gesagt?«

»Weil mein Oheim glaubte, er habe meinem Vater etwas vorzuwerfen,« erwiderte Jean, »und da mein Oheim ein Mann von so edlem Herzen ist, so zog er es vor« gar nicht von diesem Bruder zu sprechen, als etwas Nachtheiliges über ihn zu sagen. Ist’s nicht so, lieber Oheim?«

»Was für ein hübscher Mensch Du bist! wie freut es mich, Dich kennen zu lernen! Komm, umarme mich noch einmal! Was macht Dein Vaters was ist aus ihm geworden? wo lebt er? wie befindet er sich? Beantworte mir schnell diese Fragen, lieber Junge! Ja, es ist heute ein glücklicher Tag für mich, es ist mir schon Alles nach Wunsch gegangen.« i

»Lesen Sie den Brief, lieber Oheim; er wird Ihnen Alles was Sie zu wissen wünschen, besser sagen als ich.«

»Du hast Recht,« erwiderte der Pfarrer, indem er den Brief, den er auf den Tisch gelegt hatte, wieder nahm. Mit lauter Stimme las er Folgendes:


»Mein lieber Valentin!

»Mein Sohn Jean hat sein einundzwanzigstes Jahr erreicht, und dies ist der Zeitpunkt, den ich erwartet habe, um ihn Dir vorzustellen. Ich rechnete auf ihn, um unsre Aussöhnung herbeizuführen, und ich wünschte, daß er in dem Alter war, wo man Alles sagen und Alles verstehen kann; er sollte die lebende Entschuldigung des Unrechts sein, dessen ich mich früher gegen unsren Vater schuldig gemacht habe. Er ist ein guter, braver Mensch, der etwas gelernt und mir stets Freude gemacht hat, und der, wie ich hoffe, auch indem lyoner Handlungshause, in das ich ihn sende, seinen Posten ausfüllen wird. Was mich betrifft, mein lieber Valentin, so hat mir Alles über mein Erwarten geglückt, und unsre Trennung allein hat einen Schatten von Betrübniß auf mein Leben geworfen. Indessen hoffte ich, daß ein Tag kommen werde, wo Du mir verzeihen würdest, und jetzt habe ich deshalb keinen Zweifel mehr. Jean wird mir unverzüglich das Resultat seines Besuchs melden und ich hoffe, ehe zwei bis drei Monate vergehen, Dich in meine Arme schließen und Dir selbst sagen zu können wie sehr ich Dich liebe.


»Dein Bruder


»Onesimus Raynal.«

»Dies ist Alles, was mein Vater geschrieben hat?« fragte Jean.

»Es ist Alles,« antwortete der Pfarrer, indem er ihm den Brief reichte.

»Dann bat er mir Vieles Ihnen zu sagen und Ihnen Vieles mir mitzutheilen überlassen.«

»So sprich« mein Sohn« sprich!«

»Zuerst« lieber Oheim, bitte ich Sie, mir den Grund Ihres Zerwürfnisses mit meinem Vater zu erzählen.«

»Gut, höre mich an, lieber Jean. Onesimus sagt mir, daß Du im Stande bist, Alles zu verstehen, ich werde Dir also nichts verschweigen. Vor zweiundzwanzig Jahren war unser Vater in Folge schlechter Geschäfte, die er gemacht hatte, ruiniert; aber es zeigte sich für Onesimus eine Gelegenheit, ihm wenn auch nicht zu dem verlorenen Vermögen wieder zu verhelfen, aber doch zu den Mitteln, um seine Umstände wieder zu verbessern. Diese Gelegenheit war die Verbindung mit einem Mädchen, die ihm ihr Vater mit einem Vermögen von zweimal hunderttausend Livres zur Frau geben wollte. Aber leider hatte sich Onesimus in ein andres Mädchen verliebt, und alle unsere Vorstellungen vermochten nicht, ihn von dieser Liebe abzubringen. Er wollte die Geliebte heirathen, obgleich sie nichts besaß und auch er arm war. Mein Vater verbot dem Bruder sein Haus und ich mußte schwören, daß ich ihn nie wiedersehen wollte. Ich leistete diesen Eid, obgleich der Stand, für den ich mich bestimmt hatte, es mir hätte verbieten sollen. Ich hatte Theologie studiert und ein Jahr nach der Verheirathung meines Bruders, die wir durch sein Nachsuchen und des Vaters Einwilligung erfuhren, wurde ich Priester. Mein Vater zog zu mir, lebte noch sechs Jahre und ging zu Gott, ohne seinem Sohne verziehen zu haben, so sehr ich mich auch bemühte, ihn dazu zu bewegen. Wohin sich Onesimus gewendet hatte, was aus ihm geworden war, habe ich nie erfahren, und während ich in meinem Herzen die Liebe bewahrte, die ich ihm als meinem Bruder schuldig bin, und ihm die Verzeihung angedeihen ließ, die ich für meine Christenpflicht hielt, bemühte ich mich vergebens, Erkundigung über ihn einzuziehen. Indessen verging kein Tag, ohne daß ich den Himmel bat, mir Aufklärung darüber zu geben und jedenfalls meinem Bruder das Glück zu gewähren, das ich ihm wünschte. Jetzt weiß ich, warum er schwieg und ich mache ihm nur deshalb einen Vorwurf, daß er so lange hat glauben können, ich zürnte ihm noch, und daß er es so lange verschoben hat, Dich zu mir zu senden. Dies ist Alles, was ich Dir mitzutheilen habe, lieber Jean, und ich erwarte nun, daß Du mir erzählst, wie es meinem Bruder in dieser langen Zeit ergangen ist und wie er sich jetzt befindet.«

»Mein Vater hat mir immer den Grund Ihrer Trennung verschwiegen,« entgegnete der junge Mann; »ohne Zweifel in der Furcht, daß sich dadurch wider meinen Willen die Achtung vermindern möchte, die ich meiner Mutter schuldig bin. Von Zeit zu Zeit jedoch erwähnte er eines Bruders, über den er, ich weiß nicht auf welchem Wege, Nachrichten einzog. Er sprach immer von diesem Bruder, nicht allein mit Liebe, sondern auch milder Hochachtung, die man einem edlen, frommen Manne schuldig ist. Ich erinnere mich, denn so etwas gräbt sich tief in das Gedächtniß der Kinder ein, daß ich und meine Mutter während meiner ersten Kinderjahre oft schlimme Zeit hatten. Mein Vater war oft auf Reisen; er war in einem Handlungshause angestellt und hatte einen sehr mäßigen Gehalt, so daß wir fast in steter Bedrängniß lebten, aber meine Mutter, eine gute, vortreffliche Frau, arbeitete Tag und Nacht und erzog mich mit einer solchen Sorgfalt, als man einem Prinzen widmet. Sie aß trockenes Brot, aber ich erhielt bessere Nahrung und wurde gut gekleidet. Sie und mein Vater liebten mich mit der größten Zärtlichkeit. Ich war ihr Trost, ihre Hoffnung und ihre moralische Stütze; ohne mich würden sie vielleicht der Last ihrer Leiden erlegen sein.«-

»Armer Bruder!« sagte der Pfarrer gerührt. »Fahre fort, lieber Jean, fahre fort, denn ich sehne mich danach, von Dir zu erfahren, wann Gott ihn für alle diese Prüfungen entschädigt hat.«

»Mein Vater betrug sich so gut, er gewann so sehr das Vertrauen des Hauses, für das er,reiste, daß er nicht allein nicht wie ein gewöhnlicher Commis behandelt wurde, sondern daß man ihm einen Antheil am Geschäft gab, so daß er nach einigen Jahren eine hübsche Summe zurückgelegt hatte. Sein Prinzipal gab ihm hierauf den Rath, sich in der Provinz zu etablieren, fügte als Darlehn eine Summe von zehntausend Franken hinzu und wir zogen nach einer kleinen Stadt, wo mein Vater ein Geschäft anfing und dabei fortwährend mit dem Hause in Verbindung blieb, dem er Alles zu verdanken hatte. Der Himmel war uns günstig, das Geschäft hatte einen guten Fortgang und mein Vater erwarb ein kleines Vermögen. Ich kam auf die Schule, wo ich einen guten Unterricht genoß, der mich fähig machen sollte, in jedem Stande fortzukommen, den ich wählen würdet aber ich hatte von jeher den Gedanken, daß ich den Stand wählen müsse, dem mein Vater das zu verdanken hatte, was er war, und ich wünschte in die Dienste des Hauses zu treten, das meinen Vater unterstützt hatte. Ich bin also gegenwärtig Reisender bei Herrn Roussel und Compagnie, und als ich vor vierzehn Tagen eine Reise antreten wollte, schrieb mir mein Vater, das Erste was ich zu thun hätte, nachdem ich die Geschichte, mit dem Lyoner Handlungshause, mit dem wir in Verbindung stehen, abgemacht hätte, müsse sein, mich im Dorfe Lafou, in der Nähe von Nimes, nach dem Pfarrer Raynal zu erkundigen, ihm den Brief, den er mir überschickte und dessen Inhalt mir unbekannt war, zu übergeben, ihn dreist meinen Oheim zu nennen und ihm Alles mitzutheilen, was ich Ihnen erzählt habe.«

»Du siehst mein Sohn, der Himmel verläßt keines seiner Geschöpfe ganz, und Fleiß und gutes Betragen erhalten früher oder später ihren Lohn. Toinette, bringe das Parterrezimmer unter dem meinigen in Ordnung, denn Jean wird ohne Zweifel einige Tage bei uns bleiben und er soll in diesem Zimmer wohnen. Dann besorge uns auch eine gute Flasche Wein und Zwieback.«

Toinette verließ das Zimmer.

»Ich danke Ihnen, lieber Oheim,« sagte Jean, »aber ich muß Sie schon morgen früh oder eigentlich schon in dieser Nacht wieder verlassen, denn ich muß bei guter Zeit wieder in Nimes sein, wo ich noch eint Zahlung in Empfang zu nehmen habe, ehe ich nach Montpellier abreise. Ich bin von Nimes zu Fuße hierher gekommen und werde wohl auch den Rückweg zu Fuße machen müssen. Es ist aber ein starker Marsch.«

»Nein, Du sollst reiten.«

»Wie meinen Sie das?«

»Ich habe ein Pferdchen, auf dem ich meine kleinen Touren in der Gegend mache. Ich empfehle Dir nur, nicht zu viel von ihm zu verlangen, denn das gute Thier ist gewöhnt, sich Zeit zu nehmen und nur im Schritt zu gehen, da ich, wie Du denken kannst, nicht der beste Reiter bin. Ich gebe es Dir auch nicht, damit Du Zeit ersparen, sondern nur, damit Du nicht müde werden sollst.«

»Aber was soll ich mit dem Pferde anfangen, wenn ich nach Nimes komme?«

»Weißt Du die Straße des Arénes?«

»Ja wohl.«

»In dieser Straße wohnt ein Bäcker, Namens Simon. Diesem übergieb das Pferde er schickt es mir morgen oder übermorgen zurück, was er schon oft gethan hat.«

»Gut, das werde ich thun.«

»Sieh,« sagte der Pfarrer, indem er aufstand und aus dem offenen Fenster zeigte, »Du gehst über den kleinen Hof und öffnest die Thür, die Du dort links siehst, das ist Coquets Stall. Mein Pferd heißt nämlich Coquet. Du sattelst und zäumst ihn, setzest Dich darauf und reitest aus der andren Thür fort, die auf das Feld führt. Auf diese Weise störst Du Niemanden, denn wir, Toinette und ich, schlafen bis sieben Uhr. Und jetzt, da wir dies Alles in’s Reine gebracht haben, umarme mich noch einmal, mein lieber Junge, denn ich kann es nicht beschreiben, wie glücklich ich bin, Dich zu sehen. Wir wollen noch von Deinen Eltern und von Dir sprechen.«

Jean umarmte seinen Oheim und sie begannen dann ein Gespräch über seine Familie. Bald darauf erschien Toinette und brachte die verlangte Flasche nebst etwas Backwerk.

»Du bleibst zwar jetzt nur einige Stunden bei mir,« sagte der Pfarrer, indem er sich niedersetzte und Jean neben sich Platz nehmen ließ; aber ich hoffe. Dich bald wiederzusehen und Dich länger bei mir behalten zu können. Und Deine Eltern müssen mich auch besuchen, denn ihnen wird es gewiß leichter, sich von ihrem Geschäft zu trennen, als mir, meine Heerde zu verlassen. Was sollte aus dieser werden, wenn sie keinen Hirten hätte!«

»Sie werden gewiß hier sehr geliebt, lieber Oheim?«

»Ja, das ist wahr, daß der Herr Pfarrer die allgemeine Liebe und Achtung genießt,« sagte Toinette, indem sie zwei Gläser auf den Tisch setzte. »Er ist auch ein seelenguter Mann. Werden Sie es wohl glauben, daß er seit acht Tagen die ganze Umgegend durchstreift hat, um Beiträge für die Armen einzusammeln, und daß er zwölfhundert Franken in schönen neuen Silbermünzen nach Hause gebracht hat, welche dort in einem Beutel stehen?«

»Zwölfhundert Franken?« rief Jean; »das ist sonderbar!«

»Was ist denn Sonderbares dabei?« fragte Reynal.

»Wenn Sie mir versprechen, mich nicht auszuschmälen, so will ich Ihnen ein Bekenntniß machen.«

»Dich ausschmälen, nach dem Briefe, den Dein Vater mir geschrieben hat, und heute, wo wir uns zum ersten Male sehen? Sprich, mein Sohn, und sei ganz ohne Sorgen, ich werde Dir nichts sagen, besonders da Du gewiß keinen großen Fehler begangen haben wirst.«

»O ja, lieber Oheim, ein Fehler ist es, aber ich habe ihn begangen fast ohne es zu wollen, und die Zahl von zwölfhundert Franken erinnert mich, daß ich Ihnen denselben bekennen muß.«

»Was ist es denn?«

»Denken Sie sich, lieber Oheim, an dem Tage, an welchem ich nach Lyon kam, luden mich die Commis des Handlungshauses, an das ich adressiert war, zu einem Diner ein. Sie tranken auf meine Gesundheit, ich auf die ihrige, und da ich die Gesundheit eines Jeden von ihnen erwidern, also so viel Glaser Wein allein trinken mußte, als sie zusammen getrunken hatten, so war ich nach der Mahlzeit ziemlich aufgeräumt.«

»Nun, das ist keine große Sünde.«

»Es ist auch noch nicht Alles, lieber Oheim. Nach dem Essen gingen wir fort und die Herren führten mich in ein Spielhaus.

»In ein Spielhaus?« sagte der Pfarrer, indem er mit einem schmerzlichen Ausdruck die Hände faltete.

Ja, lieber Oheim, aber nur um es mir zu zeigen und durchaus ohne die Absicht, selbst zu spielen oder mich dazu zu verleiten. Der Zufall wollte, daß ein Mann, der sehr ängstlich spielte und fünf Franken auf Roth gesetzt hatte, sein Geld wieder zurücknehmen wollte, ehe abgezogen war; aber der Croupier – ich weiß jetzt alle diese Namen,« sagte Jean lächelnd – »wollte es nicht erlauben, indem er sagte: gesetztes Geld sei gespieltes Geld. Der arme Mann schien darüber so betreten zu sein, daß er mich dauerte und daß ich zu ihm sagte, indem ich ihm fünf Franken gab:

»– Wenn Sie es erlauben, mein Herr, so will ich Ihren Platz einnehmen.«

»Er willigte ein. Ich schwöre es Ihnen, lieber Oheim, daß sich bei dem, was ich that, eigentlich keine andre Absicht hatte, als dem armen Manne sein Fünffrankenstück zurückgeben zu können, das vielleicht sein ganzes Vermögen war, nicht aber mein Glück zu versuchen.«

»Und Du verlorst?« fragte der Pfarrer, welcher glaubte, dies sei das Verbrechen, welches sein Neffe begangen hatte.

»O nein, ich gewann. Ich ließ die zehn Franken stehen und gewann wieder. Jetzt wollte ich den Versuch aufs Aeußerste treiben und fuhr so fort. Wissen Sie was ich gewonnen habe, lieber Oheim?«

»Nun?«

»Rathen Sie!«

»Vielleicht fünfzig Franken.«

»Zwölfhundert Franken, lieber Oheim, zwölfhundert!« —

»Zwölfhundert Franken! wäre es möglich?« rief der Pfarrer erstaunt.

»Bei dem Anblick dieser Summe verließ mich der Muth, ich fürchtete sie wieder zu verlieren und raffte daher meine zwei Bankbillets von fünfhundert Franken und zehn Napoleons zusammen. Ich hatte sehr wohl daran, denn das nächste Mal gewann Schwarz. Dies ist der Fehler, den ich begangen habe, lieber Oheim und wenn Sie es erlauben, will ich ihn wieder gut machen, indem ich Ihnen die gewonnenen zwölfhundert Franken für Ihre Armen gebe.«

»Nein, mein Sohn, behalte sie, aber wende sie gut an und erinnere Dich dabei, daß das Spiel die schlimmste aller Leidenschaften und daß ein Spieler der gefährlichste aller Menschen ist.«

»Zwölfhundert Franken in zehn Minuten!« rief Toinette, welche diese Erzählung mit offenem Munde angehört hatte. »Wenn man bedenkt, daß es Menschen giebt, welche zwölfhundert Franken in zehn Minuten verdienen können, während der Herr Pfarrer, der heiligste Mann auf der ganzen Welt, diese Summe in einem ganzen Jahre erhält und ich sie erst in acht Jahren verdiene1«

»Du hörst, was Toinette sagt, mein Sohn,« sprach der Pfarrer; ich brauche nichts weiter hinzu zu fügen!«




II


Jean und sein Oheim, der während dieses Gesprächs seine Mahlzeit beendigt hatte, tranken jeder ein Glas von dem feinen Weine und der junge Mann aß einige Bissen dazu.

Toinette hatte während dieser Zeit das Zimmer in Ordnung gebracht, das der Pfarrer für seinen Neffen bestimmt hatte. Sie kam jetzt zurück und sagte:

»Aber, Herr Pfarrer, das Zimmer bedürfte wirklich einer Reparatur.«

»Warum denn?«

»Warum? Haben Sie denn die Decke nicht einmal angesehen?«

»Nein.«

»Sie ist in einem schönen Zustande.«

»Wie so denn?«

»Sie ist zwischen den Balken überall zersprungen und ist so dünn wie Papier; und wenn Sie sich nicht in Acht nehmen, bricht sie nächstens zusammen und Sie kommen mit samt Ihrem Bette herunter, da Sie unmittelbar darüber schlafen.«

»Es ist gut, Toinette, ich werde es besorgen, und wenn Jean uns wieder besucht, soll er ein prächtiges Zimmer finden, das in jeder Beziehung seiner würdig ist.«

Jean ging hierauf mit seinem Oheim in das kleine Gesellschaftszimmer des Pfarrhauses, denn um diese Zeit erhielt Raynal jeden Abend den Besuch von zwei oder drei Freunden. Diese fanden sich bald ein und er erzählte ihnen, wie glücklich er gewesen sei, seinen Neffen kennen zu lernen, sowie die Schlichtung der Feindseligkeit mit seinem Bruder, lauter Dinge, welche zum Lobe des jungen Mannes und seines Vaters gereichten.

Gegen zehn Uhr trennte man sich, um zur Ruhe zu gehen und der Pfarrer führte selbst seinen Neffen in sein Zimmer, um sich zu überzeugen, daß es ihm an nichts fehlte und um nach einige Minuten länger mit dem jungen Manne beisammen zu bleiben, zu welchem er die aufrichtigste Zuneigung empfand.

»Ich bin sehr müde,,« sagte Jean; »wie werde ich es anfangen, damit ich morgen früh um vier Uhr erwache?«

»Zuerst hast Du eine Uhr in Deinem Zimmer mit einem Wecker, welcher zu der Stunde, auf die Du ihn stellst, Lärm machen wird. Dann ist aber auch morgen Markttag und Du wirst schon von drei Uhr an so viel Lärm hören, daß Du nicht länger wirst schlafen können.«

»Nun, dann wünsche ich Ihnen eine gute Nacht, mein theurer Oheim. Vergessen Sie nicht an meinen Vater zu schreiben, er erwartet mit Ungeduld Ihren Brief.«

»Das thue ich noch heute, ehe ich zu Bette gehe und der Brief geht morgen ab. Gute Nacht, mein Sohn, gute Nacht!«

Sie umarmten einander noch einmal und der Pfarrer verließ seinen Neffen, nachdem er jedoch vorher noch zu ihm gesagt hatte:.

»Vergiß es nicht, es ist in der Straße des Arénes, beim Bäcker Simon, wo Du das Pferd abgeben und den Du bitten sollst, es mir mit der ersten Gelegenheit wieder zuzuschicken.«

»Gut, gut, lieber Oheim.«

Jean blieb allein und da er wirklich todtmüde war, ging er unverzüglich zu Bett und sank bald in tiefen Schlaf.

Sein Oheim hatte ihm keine Unwahrheit gesagt. Gegen drei Uhr Morgens wurde er durch das Geschrei der Verkäufer und besonders der Verkäuferinnen geweckt, die zum Markte kamen, und hätte er auch wieder einschlafen wollen, so würde es ihm nicht möglich gewesen sein. Er stand daher mit halb offenen Augen und noch etwas schwerem Kopfe auf, sattelte und zäumte Coquet, zog ihn mit so wenig Geräusch, als möglich, aus dem Hause, schwang sich darauf und schlug den Weg nach Nimes ein.

Coquet hatte den ächten Gang des Kleppers eines Dorfpfarrers, so daß Jean, nachdem er seine Füße gehörig fest in die Bügel gesetzt hatte,die Zügel nur aus Gewohnheit in den Händen behielt und die Augen schloß. Nach einigen Augenblicken war er völlig eingeschlafen; aber das kluge Thier, auf dem er saß, vermied, als wüßte es, daß sein Reiter nicht mehr im Stande war es zu leiten, jedes Hinderniß und jedes Begegnen, das ihn hätte wecken können und ging in einem ruhigen Schritte fort, der den Reiter recht angenehm wiegte.

Eine halbe Stunde vor Nimes machte sich jedoch ein Fuhrmann, der ihm mit seinem Geschirre entgegen kam und der es komisch fand, daß der Reiter so ruhig auf dem Pferde schlief, den Spaß, dem letzteren einen Peitschenhieb zu versetzen, so daß es einen Seitensprung that. Jean verlor das Gleichgewicht und erwachte in dem Augenblicke, wo er herabfallen wollte und wo Coquet schon dicht am Straßengraben stand. Er hatte jedoch noch so viel Zeit, die Mähne des Pferdes zu ergreifen und sich wieder in den Sattel zu schwingen, während der über seinen Scherz erfreute Fuhrmann laut lachend seinen Weg fortsetzte.

Jean freute sich eben so sehr, daß er geschlafen hatte als daß er geweckt worden war und indem er sich die Augen rieb, athmete er mit Entzücken die frische, reine Morgenluft ein. Er sah nach der Uhr und da er bemerkte, daß Coquet seinen Schlummer benutzt und ebenfalls ein wenig geschlafen hatte, wodurch einige Zeit verloren gegangen war, wollte er diese wieder einbringen und setzte seinen Gaul in einen kleinen Trab.

Coquet wunderte sich zwar nicht wenig, daß er eine Gangart annehmen sollte, die gar nicht in seiner Gewohnheit lag; allein er machte gute Miene zum bösen Spiel und erreichte trabend die historische Stadt.

Jean hatte gar nicht nöthig, ihn nach der Straße des Arénes zu lenken; Coquet wußte den Weg allein und brachte seinen Reiter auf dem gradesten Wege zu Meister Simon.

Der Bäcker stand an seiner Hausthür und erkannte den Gaul, der Reiter aber war ihm unbekannt.

»Ich bin der Neffe des Pfarrers Raynal,« sagte Jean zu ihm, nachdem er ihn begrüßt hattet; »er hat mir das Pferd geliehen, um nach Nimes zu retten, und mir aufgetragen, es Ihnen zu übergeben und Sie zu bitten, es ihm wieder zuzuschicken.«

»Sie sind der Neffe des Herrn Pfarrers Raynal?« erwiderte der Bäcker freundlich.

»Ja wohl.«

»Dann haben Sie einen würdigen Mann zum Oheim.«

»Ich weiß es, Herr Simon, und ich freue mich, daß mein Oheim die allgemeine Liebe und Achtung in eben so hohem Grade genießt, als ich ihn liebe und hochschätze.«

»Ja, Sie können mir Coquet anvertrauen,« erwiderte Simon; »ich werde ihn morgen durch einen meiner Leute, der ohnehin etwas in Lafou zu thun hat, zu seinem Herrn zurückschicken.«

Jean stieg vom Pferde und Simon rief in das Haus hinein:

»Franz!«

»Hier bin ich, – Meister!« antwortete ein junger Mensch in der gewöhnlichen Kleidung der Bäckergehilfen.

»Führe das Pferd in den Stall.«

»Gut, Meister.«

Franz ergriff den Zügel des Pferdes, dem Jean liebkosend auf den Hals klopfte, als wollte er ihm für den geleisteten Dienst danken, und verschwand damit in der Hausflur.

»Und Herr Raynal befindet sich wohl.« fragte Simon.

»Ja, er befindet sich sehr wohl.«

»Wollen Sie nicht eintreten, um etwas zu genießen und mit uns zu frühstücken?« fragte der Bäcker mit provencialischer Herzlichkeit; »der Neffe des Herrn Raynal ist für uns so viel als Herr Raynal selbst.«

»Sie sind sehr gütig, Herr Simon; aber ich muß um zehn Uhr mit der Diligence von Beaucaire abreisen und vorher muß ich noch einen Gang besorgen und mein Gepäck aus dem Gasthofe holen. Ich habe aber nur eine halbe Stunde Zeit zu dem Allen. Indessen danke ich Ihnen nicht minder für Ihr freundliches anerbieten,« sagte er, indem er dem Bäcker die Hand schüttelte, »und wenn ich wieder nach Nimes komme, werde ich Sie um die Erlaubniß bitten, meinen Dank wiederholen zu dürfen.«

»Dann aber werden Sie meine Einladung annehmen?«

»Ich verspreche es Ihnen.«

Jean nahm Abschied und verließ den Bäcker.

Dieser blieb noch an seiner Thür stehen, um die Leute vorüber gehen zu sehen und seinen Bekannten einen guten Morgen zu wünschen. Kaum war eine Viertelstunde vergangen, seitdem Jean ihn verlassen, so sah er zwei Gensd’armen zu Pferde die Straße herausgesprengt kommen, welche vor seinem Hause anhielten.

»Wie lange stehen Sie schon hier?« fragte ihn einer derselben.«

»Ohngefähr seit einer halben Stunde,« antwortete Simon, ohne begreifen zu können, warum zwei Gensd’armen ihre Pferde in Galopp gesetzt hatten, um ihm diese Frage vorzulegen.

»Haben Sie einen jungen Mann auf einem kleinen Pferde hier vorbeireiten sehen?«

»Von welcher Farbe soll das Pferd sein?«

»Ein Schimmel.«

»Und wissen Sie den Namen des jungen Mannes.«

Der Gensd’arm blickte auf ein Papier.

»Jean Raynal,« sagte er dann.

»Jean Raynal,« erwiderte der Bäcker; »mit dem habe ich vor zehn Minuten gesprochen«

»Er war also bei ihnen?«

»Ja.«

»In welcher Absicht denn?«

»Um sein Pferd abzugeben, welches seinem Oheim, dem Pfarrer in Lafou gehört.«

»Und Sie haben ihn fortgehen lassen?«

»Warum hätte ich ihn zurückhalten sollen?«

»Es ist wahr, Sie wußten nichts.«

Während dieses Gesprächs hatten sich einige Vorübergehende um die Gensd’armen gesammelt und hörten neugierig und aufmerksam zu.

»Hat Ihnen Herr Raynal gesagt, wohin er ging?«

»Ja, er wollte in den Gasthof gehen, um sein Gepäck abzuholen und um zehn Uhr mit der Diligence nach Beaucaire fahren.«

»Wissen Sie das gewiß?«

»Ganz gewiß.«

»Um zehn Uhr, sagen Sie?«

»Ja wohl.«

»Es ist drei Viertel auf zehn Uhr, wir werden also noch Zeit genug kommen, wenn er nicht Etwas ahnet. Ich danke Ihnen.«

Mit diesen Worten gab der Gensd’arm seinem Pferde die Sporen.«

»Erlauben Sie,« sagte der Bäcker zu ihm, »eine Auskunft ist der andern werth. Was ist denn geschehen? ich interessire mich für den jungen Mann.«

»Wir haben nicht Zeit Ihnen dieses zu erzählen,« erwiderte der Gensd’arm,« indem er sich entfernte: »übrigens werden Sie es bald erfahren, Aber wenn Sie sich für den jungen Mann interessieren, so bedaure ich Sie, denn er hat eine schlimme Sache auf dem Halse.«

Die beiden Gensd’armen setzten ihre Pferde hierauf in Galopp und verschwanden auf der nach dem Bureau der Diligence führenden Straße, während die Weiber und Müssiggänger sich um Meister Simon drängten und Auskunft von ihm verlangten, da er die Ehre gehabt hatte, von den Gensd’armen ausgefragt zu werden.

Während dieser Zeit ging Jean, welcher keine Ahnung von dem hatte, was vorging, zu dem Correspondenten seines Hauses, empfing von demselben eine Tratte, die er sogleich nach Hause expedierte; dann lief er in den Gasthof, holte sein Gepäck und eilte hieraus nach dem Bureau der Diligence von Beaucaire.

Der Wagen war zum Abfahren bereit und die beiden Gensd’armen ließen sich die Pässe der Reisenden zeigen.

Jean nahm seinen Paß aus der Tasche und hielt ihn den Gensd’armen hin, um diese Formalität schnell zu beendigen.

»Sie sind also Herr Jean Raynal?«l fragte einer der Gensd’armen

»Ja wohl.«

»Der Neffe des Pfarrers Raynal in Lafou?«

»Das bin ich.

»Sie haben diese Nacht bei ihm gewohnt?«

»Ja.«

»Und wann sind Sie von Lafou fortgeritten?«

»Diesen Morgen um vier Uhr.«

»Ganz richtig. Folgen Sie uns, mein Herr.«

»Ich soll Ihnen folgen? Wohin denn?«

»Zum königlichen Procurator.«

»Aber meine Herren, ich muß abreisen. Ist mein Paß nicht in der Ordnung?«

»Von dem Passe ist nicht die Rede.«

»Von was denn?«

»Wir haben einen Vorführungsbefehl.«

»Einen Vorführungsbefehl?«

»Ja.«

»Gegen mich?«

»Gegen Sie.«

Jean sah die beiden Gensd’armen an; er glaubte, sie seien nicht bei Sinnen.

»Das ist nicht möglich,« sagte er.

»Sehen Sie.selbst.«

Zugleich hielt er ihm den Befehl vor die Augen.

»Das ist eine Verwechselung, meine Herren, ganz gewiß,« sagte Jean, indem er um sich blickte, um nicht allein die Gensd’armen, sondern auch die übrigen umstehenden Personen zu überzeugen, daß er das Opfer eines Irrthums sei. Die Ruhe des jungen Mannes machte die Gensd’armen zweifelhaft und sogar ängstlich; sie hatten in ihrem Leben viele Verbrecher gesehen und dadurch einen geübten Blick erhalten, und konnten daher nicht glauben, daß dieser junge Mann das Verbrechen begangen hatte, das man ihm Schuld gab.

»Steigen Sie ein, mein Herr,« rief der Schaffner, um die Gaffer zu entfernen, die sich schon im Hofe gesammelt hatten.

»Folgen Sie uns, mein Herr,« wiederholten die beiden Gensd’armen« indem sie Jean in die Mitte nahmen. »Wir sind nicht die Richter, wir müssen den erhaltenen Befehl ausführen. Der königliche Procurator wohnt ganz in der Nähe und wenn ein Irrthum stattfindet, wird er Sie sogleich wieder in Freiheit setzen.«

Wir bemerken bei dieser Gelegenheit, daß die Gensd’armen fast immer mit der größten Würde, aber zugleich mit der größten Humanität ihre Pflicht thun. Ich glaube nicht« daß man jemals gesehen hat, daß ein Gensd’arm einen Angeklagten gemißhandelt hätte, wenn sich derselbe auch weigerte, ihm zu folgen, oder selbst wenn er sich Thätlichkeiten gegen ihn erlaubte.

»So kommen Sie,« erwiderte Jean voll Vertrauen, »denn auf meine Ehre, die Sache ist mir unerklärlich!«

»Wir glauben es,« versetzte der Gensd’arm, der ihn ausgefragt hatte, »denn wenn Sie etwas begangen hätten und Sie könnten eine solche Ruhe behalten, müßten Sie ein großer Bösewicht sein.«

Der andere Gensd’arm stimmte durch einen Blick der psychologischen Bemerkung seines Kameraden bei und alle Drei traten den Weg zu dem königlichen Procurator an.

Es versteht sich von selbst, daß die Straßenbuben ihnen nachliefen und daß die Bewohner der, wie alle Straßen von Nimes, sonst so ruhigen Straße an den Hausthüren standen und einander fragten, was der junge Mensch begangen haben müsse.




III


Nach einigen Minuten wurde der Gefangene bei dem königlichen Procurator eingeführt. Eine weiße Halsbinde,.ein Ehrenlegionskreuz, ein Blick, welcher verschlagen sein soll, und eine feierliche Sprache sind die Kennzeichen aller königlichen Procuratoren und der von Nimes machte keine Ausnahme von seinen Kollegen.

»Ihr Vor- und Zuname?« fragte er den jungen Mann.

»Jean Raynal,« antwortete dieser.

»Woher kommen Sie?«,

»Zuerst von Paris, dann von Lyon.«

»Was hatten Sie in Lafou zu thun?«

»Meinem Oheim einen Brief meines Vaters zu überbringen.«

»Die beiden Brüder haben seit mehreren Jahren in Feindschaft gelebt?«-

»Seit zweiundzwanzig Jahren.«

»Und Sie beabsichtigten?«

»Eure Aussöhnung zwischen ihnen herbeizuführen.«

»Ganz recht,« sagte der Beamte, indem er ein Papier überblickte, welches das Protokoll einer Aussage zu sein schien. »Nun, mein Herr, Sie sind angeklagt, Ihren Oheim und die Frau, die er in seinem Dienste hatte, ermordet zu haben.«

»Ich?« erwiderte Jean lachend.

»O lachen Sie nicht,I denn die Sache ist höchst ernsthaft! Sie sind ferner angeklagt, Ihrem Oheim die Summe von zwölfhundert Franken entwendet zu haben, den Ertrag einer Sammlung, die er für die Armen seiner Gemeinde veranstaltet hat.«

»Herr Procurator,« erwiderte Jean, »was Sie mir da sagen, ist unmöglich, physisch unmöglich, und ich konnte mich nicht enthalten, zu lachen, weil ich nicht allein meinen Oheim und Toinette nicht ermordet habe, sondern weil ich weiß, daß sie sich in diesem Augenblicke so wohl befinden, wie Sie und ich.«

»Sie leugnen also diese That?«

»Zuerst leugne ich, daß ich der Thäter bin, und dann, ich wiederhole es Ihnen, leugne ich auch, daß sie begangen worden ist. Erlauben Sie mir, Ihnen eine Frage vorzulegen.«

»Sprechen Sie.«

»Wann soll mein Oheim und seine Haushälterin ermordet worden sein?«

»Diese Nacht.«

»Sie.sehen« Herr Procurator, daß dies ein Irrthum ist, da ich bei meinem Oheim übernachtet habe.«

»Eben deshalb wird Ihnen das Verbrechen zur Last gelegt.«

»Aber mein Herr, ich schwöre Ihnen, daß ich unschuldig bin und daß mein Oheim lebt und gesund ist. Ich habe gerade unter ihm geschlafen; wäre er ermordet worden, so hätte ich Geschrei oder sonst ein Geräusch vernommen, denn man kann nicht zwei Personen ermorden, ohne daß wenigstens Lärm im Hause entsteht.«

»Was soll ich Ihnen darauf sagen? Sie sind als der wahrscheinliche Thäter des Verbrechens denuncirt. Antworten Sie mir jetzt: wollen Sie mir die Papiere zeigen, die Sie bei sich haben?«

Jean zog seine Brieftasche hervor und übergab sie dem königlichen Procurator. Dieser untersuchte den Inhalt.

»Hier sind zwei Billets zu fünfhundert Franken und zehn Louisd’ors in ein Papier gewickelt,« sagte er.

»Nun?«

»Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß Sie beschuldigt sind, Ihrem Oheim zwölfhundert Franken entwendet zu haben?«.

»Aber diese zwölfhundert Franken hier habe ich in Lyon gewonnen.«

»Wo denn?«

»In einem Spielhause,« antwortete Jean erröthend.

»Also Sie sind ein Spieler. In der That spricht Ihr Oheim in einem Briefe an Ihren Vater, den er ehe er zu Bette ging, geschrieben hat und der sich in unseren Händen befindet, von diesem Fehler. Er sagt Folgendes,« fuhr der Procurator, indem er ein Papier aus den vor ihm liegenden Acten nahm: »Jean spielte rathe ihm davon ab und lies ihm die Moral. Das Spiel ist eine Leidenschaft, welche zu allen Verbrechen führen kann.« – Ihr Oheim hat sich leider nicht geirrt!«

»Sie glauben also, daß ich der Urheber dieses schändlichen Verbrechens bin?«

»Es ist mir nicht erlaubt, eine Meinung darüber zu haben, aber ich sage, daß leider die schwersten Verdachtsgründe gegen Sie vorhanden sind. Die zweiundzwanzigjährige Feindschaft zwischen den beiden Brüdern, Ihr unerwarteter Besuch, der Mord, der nur durch einen Menschen begangen sein kann, der im Hause gewesen ist, da nirgends ein Einbruch von außen zu bemerken ist, die entwendete Summe von zwölfhundert Franken und eine gleiche Summe, die Sie bei sich haben, Ihre beabsichtigte Abreise von Nimes mit der ersten abgehenden Diligence, welche die größte Aehnlichkeit mit einer Flucht hat; dies Alles ist höchst verdächtigt.«

»Aber es ist entsetzlich, Heer Procurator,« rief Jean, indem er vernichtet aus einen Stuhl sank, »daß so viele Verdachtsgründe sich gegen einen Unschuldigen vereinigen können, denn ich schwöre es Ihnen bei Allem, was heilig ist, daß ich dies bin!«

Indem der junge Mann dies sagte, bedeckte er sein Gesicht mit beiden Händen, denn er lachte nicht mehr und konnte seine Thränen nicht zurückhalten.

»Aber das ist noch sonderbarer,« sagte der Procurator, indem er sich vorbeugte und einen Arm des Angeklagten mit ganz besonderer Aufmerksamkeit betrachtete, »kommen Sie doch näher.«

Jean näherte sich ihm, ohne zu begreifen, was er von ihm wollte.

»Geben Sie mir Ihren rechten Arm.«

Jean that es.

»Es ist Blut aus Ihrem rechten Aermel,« sagte der Beamte.

»Blut?«

»Hier sehen Sie.«

In der That sah man große Blutstropfen auf dem Aermel von Jean’s Oberrocke, die, obgleich jetzt getrocknet doch offenbar neu waren.

»Können Sie dagegen etwas einwenden?« fuhr der Procurator fort, durch diesen letzten Beweis vollkommen ueberzeugt, daß er den wirklichen Mörder des Pfarrers vor sich habe, der sich durch den zuverlässigen Ton der vollkommensten Unschuld, mit dem er leugnete, als ein um so größerer Bösewicht zeigte.

»Blut?« wiederholte Jean; »wissen Sie auch gewiß, daß es Blut ist, was Sie hier sehen? Ich sehe nichts mehr, Herr Procurator; die Sinne vergehen mir, es ist mir, als wollte es mir den Kopf zersprengen!. . . Blut!. . . mein Gott! wie ist das Blut hierher gekommen?. . . das ist ja entsetzlich!«

»Es ist gut,« erwiderte der Procurator, indem er sich wieder niedersetzte und in einem Tone, der nicht die geringste Theilnahme mehr verrieth; »ich will mein Protocoll machen, dann werden wir zur Confrontation schreiten.

»Zur Confrontation?« wiederholte Jean mechanisch.

»Ja, Sie müssen mit den beiden Leichnamen confrontirt werden.«

»Mein Oheim und Toinette sind also wirklich todt?«

»Nun, das wissen Sie doch?«

»Ich träume also nicht? fuhr der junge Mann fort, indem er um sich blickte; »ich bin wirklich angeklagt, zwei Menschen ermordet zu haben, ich, ich, Jean Raynal, der eben noch im Begriffe war, fröhlich und heiter abzureisen, der vor zwei Stunden noch ruhig schlief! und ich habe Blut an meinem Rocke!. . . und dies Alles ist wirklich wahr!. . . Darüber könnte man wahnsinnig werden, Herr Procurator« oder auf der Stelle des Todes sein!«

»Schon gut, schon gut,« erwiderte der Beamte, der immer fester von der Schuld des jungen Mannes überzeugt wurde; »das ist jetzt Sache der Justiz.«

»Und wozu soll diese Confrontation mit den Leichnamen nützen?«

»Die Justiz hofft, daß der Anblick der Schlachtopfer einen solchen Eindruck auf den Verbrecher machen wird, daß er eingesteht.«

»Aber es wird mir wohl erlaubt sein, den Leichnam noch einmal zu umarmen?«

»Sie wollen ihn umarmen?«

»Nun ja, meinen guten Oheim, der mich schon so lieb hatte, der so gut gegen mich war, der mich bei sich behalten wollte, und den ein Bösewicht nebst der guten alten Frau schändlicher Weise ermordet hat, um ihm eine elende Summe von zwölfhundert Franken zu rauben?. . . Warum hat man mich nicht ermordet?. . . Was wird mein Vater, was wird meine Mutter sagen, wenn sie den Tod des Bruders erfahren, wenn sie erfahren, daß ihr Sohn verhaftet und dieses entsetzlichen Verbrechens angeklagt ist!«

Heiße Thränen entströmten den Auen des jungen Mannes; Er war so fest überzeugt, daß Jedermann von seiner Unschuld überzeugt sein und daß er bei Jedem Theilnahme finden müsse, daß er, das Bedürfniß fühlend, seinen Schmerz in den Busen irgend eines Menschen auszugießen, den Kopf auf die Schulter des königlichen Procurators legte, der von seinem Sitze aufgestanden war.

Dieser stieß ihn sanft zurück. So sehr er auch an Scenen dieser Art gewöhnt war, so konnte er sich doch einer gewissen Rührung nicht erwehren.

»Dieser Mensch ist kein Mörder,« sagte der eine der beiden Gensd’armen« welche mit dem Gefangenen in das Kabinet des königlichen Procurators gekommen und an der Thür stehen geblieben waren, leise zu seinem Kameraden. »Wenn ich der königliche Procurator wäre, so würde ich es ohne Weiteres auf meine Gefahr nehmen und ihn entlassen.«

»O, o! erwiderte der Andere, was bedeutete: »Das wäre doch viel gewagt.«

»Besorgen Sie einen Wagen, Gensd’armen,« sagte der Procurator, und entfernen Sie die Menschen, die sich unten versammelt haben werden.«

»Ich danke Ihnen dafür,« sagte Jean.

Bald darauf stieg der angebliche Mörder und der königliche Procurator, sowie der Instructionsrichter und der Polizeicommissair, die man eingeladen hatte, in den herbeigeholten Wagen, welcher die Straße nach Lafou einschlug.

Bei der Ankunft in dem Dorfe sprach Jedermann nur von dem in der Nacht begangenen entsetzlichen Verbrechen.

Man hatte den Weg fast schweigend zurückgelegt. Was geschah, war für Jean so unerhört, so überraschend, so betäubend, daß er endlich vergaß, wohin er sich begab, daß sich die Vergangenheit mit der Gegenwart, das was er bis zum heutigen Morgen gethan, mit dem, was er hatte thun wollen, in seinem Kopfe unter einander wirrte, so daß er auf der Straße nach Beaucaire zu fahren glaubte, daß er nicht mehr daran dachte, welches gräßlichen Verbrechens er beschuldigt wurde und daß er in Begleitung von zwei Gensd’armen und drei Gerichtspersonen reiste.

Er mußte sich auch wirklich einen Augenblick besinnen, ehe er sich die Bewegung erklären konnte, welche in dem Dorfe herrschte, das bei seiner Abreise an diesem Morgen so ruhig und friedlich gewesen war.

»Da kommt er! Der ist’s!« sagte eine Stimme aus dem vor der Thür des Pfarrhauses, welche von dem Feldhüter und zwei Gensd’armen besetzt war, versammelten Volke.

Jean blickte auf und erkannte den Bauer, den er gestern Abend nach der Wohnung seines Oheims gefragt hatte.

Dieser Mann suchte jetzt eine besondere Ehre darin, in der Untersuchung als Zeuge aufgerufen zu werden. Es giebt Menschen, welche ihrer Person eine Wichtigkeit zu geben glauben, wenn sie in einem Drama, wie das von dem wir sprechen, eine Rolle spielen können, sei sie auch noch so unbedeutend. Sie wollen öffentlich sprechen, sie wollen einen Augenblick die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, sie wollen einige Tage ein Gegenstand der Neugierde für die alten Weiber ihres Stadtviertels und für die Portiers ihrer Straße sein. Was sie sagen werden, wissen sie in der Regel noch nicht, was sie gesagt haben, wissen sie nicht mehr, aber ihr Zweck ist erreicht und besonders denken sie nicht daran, wie schwer ihre Aussage« so unbedeutend sie auch sein möge, in der Wage der Gerechtigkeit wiegt und wie sehr ihre kleinliche Eitelkeit oft die Lage eines Verbrechers verschlimmern, oder, >was noch viel trauriger ist, zu der Verurtheilung eines Unschuldigen beitragen kann.

Der königliche Procurator, der Instructionsrichter, der Polizeicommissair und Jean Raynal traten in das Pfarrhaus.

Wie viele von den draußen Stehenden wünschten mit ihnen gehen zu können!

»Erkennen Sie die Oertlichkeit?« fragte der Instructionsrichter den Angeklagten.

»Ja,« antwortete Jean mit Ruhe« denn je mehr er nachdachte, desto unmöglich, schien es ihm, daß seine Unschuld nicht selbst den Verblendetsten und den Böswilligsten, diesen freiwillig Verblendeten, in die Augen springen mußte.

»Schreiben Sie Alles nieder, was Sie hören werden,« sagte der Instructionsrichter zu dem Polizeicommissair; dann wandte er sich wieder mit den Worten an Jean:

« »Er zählen Sie uns Alles, was gestern seit dem Augenblicke Ihrer Ankunft in diesem Hause, bis Sie es wieder verlassen haben, geschehen ist.«

Jean erzählte offen und wahrheitsgetreu Alles, was wir schon wissen und der Polizeicommissair brachte seine ganze Erzählung zu Protokoll, ohne etwas daran zu ändern.

»Jetzt wollen wir hinauf gehen,« sagte der Instructionsrichter, indem er das Gesicht des Angeklagten genau beobachtete, um zu sehen, welchen Eindruck es auf ihn machte, daß er seinen Schlachtopfern gegenüber gestellt werden sollte. Aber die Züge des jungen Mannes zeigten keinen Ausdruck von Furcht, wie der Beamte erwartet hatte, sondern einen Ausdruck von Mitleid und Rührung.«

»Mein armer Oheim!« sagte er, sich die Thränen trocknend, und folgte dann dem königlichen Procurator, der vorausgegangen war.

Die drei Gerichtspersonen und Jean traten nebst einem Arzte, den man herbeigerufen hatte, in das Schlafzimmer des Pfarrers, wo ein gräßliches Schauspiel sie erwartete.

Der Pfarrer lag im Hemd auf dem Fußboden, mitten in einer großen Blutlache; sein Kopf und seine Brust waren von Messerstichen ganz zerhackt. Ob er nach der Ermordung aus dem Bett gezogen worden, ob er während des Kampfes mit dem Mörder herausgefallen war, dies konnte Niemand sagen, als der Mörder, und der Mörder war gewiß nicht da.

»Der Tod scheint augenblicklich erfolgt zu sein,« bemerkte der Arzt, nachdem er den Leichnam betrachtet hatte; »diese Wunde,« sagte er, auf einen Stich in der Gegend des Herzens zeigend, »ist ihm ohne Zweifel zuerst beigebracht worden und hat ihn getödtet; die übrigen wären nicht nöthig gewesen und der Mörder hat sie nur noch zu größerer Sicherheit oder aus einem Uebermaße von Barbarei hinzugefügt.«

Jean vergaß heiße Thränen, während er diesen blutenden Körper betrachtete, der ihn gestern so liebevoll in seine Arme geschlossen hatte.

»Und ich werde einer solchen empörenden That angeklagt!« sagte er, indem er neben den Leichnam kniete und ihm einen Kuß auf die Stirn drückte.

»Erkennen Sie den Pfarrer Raynal?« fragte ihn der Instructionsrichter.«

»Ja, ich erkenne ihn.«

»Gestehen Sie, ihn ermordet zu haben?«

»Schreiben Sie, nein Herr,« sagte Jean zu dem Polizeicommissair, »daß ich die Hand auf den Leichnam meines ermordeten Oheim’s gelegt und bei Gott geschworen habe, daß ich unschuldig bin!«

Als der Commissair dies niedergeschrieben hatte, sagte der Instructionsrichter:

»Jetzt wollen wir zu der Haushälterin gehen.«

Alle begaben sich in das Schlafzimmer der Alten, die noch in ihrem Bett lag und an der keine Spur einer Verwundung zu sehen war.

»Diese Person ist erwürgt worden,« sagte der Arzt, nachdem er den Körper aufmerksam betrachtet hatte, »und der Thäter muß eine bedeutende Kraft besessen haben, denn er hat es nur mit Einer Hand ausgeführt.«

»Glauben Sie, daß dieser junge Mann stark genug ist, um den Mord auf diese Weise begangen zu haben?« fragte der königliche Procurator den Arzt.

»Zeigen Sie mir Ihre Hand,« sagte dieser zu Jean, nachdem er ihn begleitet hatte.

Jean that es.

»Umspannen Sie den Hals dieser Frau mit Ihrer rechten Hand.«

Mit abgewandtem Gesicht umspannte Jean die Hälfte von Toinetten’s Halse mit seiner Hand.

»Es ist ohngefähr die nämliche Hand,« sagte der Arzt, »und da in einem solchen Augenblicke die Kräfte eines Menschen sich verdoppeln, so ist es möglich, daß der Angeklagte diese Frau erwürgt hat. Allein ich erlaube mir die Bemerkung, daß wenn ich dies auch als Arzt glauben kann, ich es als Physiognomiker und als Mensch doch bezweifle.«

»Ich danke Ihnen für diese Worte,»rief sagte Jean zu ihm. »Möchte ich in dieser ganzen traurigen Sache immer die nämliche Unparteilichkeit finden, die ich bisher gefunden habe!»

Diese letzten Worte richtete er besonders an die drei Gerichtspersonen.

»Fuhren Sie uns in das Zimmer, in dem Sie diese Nacht geschlafen haben,« sagte der Instructionsrichter zu ihm und trug dann den Gensd’armen auf, die Zeugen herbei zu rufen, welche Jean Raynal als den wahrscheinlichen Mörder bezeichnet hatten.

»Wer sind diese Zeugen?« fragte Jean.

»Die drei Freunde Ihres Oheims, welche den gestrigen Abend bei ihm zugebracht haben und denen er sowohl die Veranlassung zu der zwischen ihm und seinen Bruder bisher geherrschten Uneinigkeit, als auch den Zweck Ihres Besuche erzählt hat; dann auch ein junger Mann, welcher diesen Morgen Ihren Oheim hat besuchen wollen und da er die Thier verschlossen fand und im ganzen Hause Todtenstille herrschte, die erstere erbrochen und das was er im Innern gesehen, angezeigt hat.«

»Und was wird nach Abhörung dieser Zeugen mit mir geschehen?»fragte Jean.

»Sie werden wieder nach Nimes und vorläufig in’s Gefängniß gebracht.«

»Und wie lange werde ich im Gefängnisse bleiben, ehe ich vor Gericht gestellt werde?«

»Einen bis höchstens zwei Monate.«

»Zwei Monate im Gefängniß! ach, so lange lebe ich nicht!»rief Jean schluchzend. »Ist es mir nicht wenigstens erlaubt, an meine Eltern zu schreiben und ihnen diese entsetzliche Nachricht mitzuteilen? denn wenn sie sie durch die Zeitungen erführen, würde der Schlag zu hart für sie sein.»

»Sie können ihnen sogleich schreiben, während wir noch das Haus durchsuchen, ob wir noch irgend etwas finden, was uns Licht über den Thäter geben kann.»

Man gab dem jungen Manne Schreibzeug, und zwischen zwei Gensd’armen sitzend, welche Befehl erhalten hatten, ihn nicht aus den Augen zu lassen, schrieb er an seine geliebten Eltern, welches entsetzliche Unglück ihn betroffen hatte.




IV


Zwei Monate nach den bisher erzählten Ereignissen drängte sich eine ungeheure Menschenmenge vor der Thür des Gebäudes in Nimes, in welchem die Sitzungen des Assisenhofes gehalten wurden. Die öffentlichen Verhandlungen über die Ermordung des Pfarrers den Lafou und seiner Haushälterin sollten an diesem Tage beginnen.

Seit der Verhaftung Jeans hatte die Untersuchung zu immer neuen und beschwerenderen Indicien gegen den unglücklichen jungen Mann geführt, so daß an dem heutigen Tage Jedermann von seiner Schuld überzeugt war und mit Ungeduld seine Verurtheilung erwartete, denn der Pfarrer von Lafou war auf zwanzig Meilen in die Runde bekannt und bei Jedermann beliebt gewesen.

Indessen hatte Jean nichts vernachlässigt, was zu seiner Vertheidigung beitragen konnte. Er hatte seine Prinzipale, seine Freunde und Alle kommen lassen, die über seine Moralität Auskunft geben konnten, theils aus dem Verhältnisse, in dem er persönlich mit ihnen gestanden, theils nach dem, was sie über ihn gehört hatten.

Jeans Eltern hatten ihn während dieser Zeit fast nicht verlassen. Man bedauerte sie, aber wie schon gesagt, die öffentliche Meinung war über die Schuld des Angeklagten einstimmig. Jean war kaum mehr zu erkennen. Das Unglück hatte mit seinem schwersten Gewicht auf ihm gelastet; er war bleich und abgemagert wie ein Sterbender; sein Blick war matt und nur der tiefe Schmerz schien noch in ihm zu leben.

Nur fünf Personen wären von seiner Unschuld überzeugt; dies waren seine beiden Eltern, welche gewiß wußten, daß ihr Sohn nicht allein keines Mordes, sondern selbst keines verbrecherischen Gedankens fähig war; ferner sein Prinzipal, der an dem Tage seiner Verhaftung eine Tratte von ihm bekommen, und die beiden Gensd’armen, die ihn zu dem königlichen Procurator geführt hatten.

Dieser Prozeß war seit zwei Monaten der Gegenstand des allgemeinen Gesprächs, und es war fast keine Woche vergangen, ohne daß das Journal von Nimes einen Artikel mit neuen Details darüber gebracht hatte. Es war daher nicht zu verwundern, daß an dem Tage der ersten Gerichtssitzung die Thür des Tribunals seit frühem Morgen von einer neugierigen Menschenmenge belagert wurde, unter der, wie dies immer der Fall ist, das weibliche Geschlecht sich sowohl durch Anzahl als durch die glühendste Neugierde bemerklich machte.

Gegen Mittag wurde endlich die Sitzung eröffnet.

Der Huissier kündigte an: »Der Gerichtshof!« Die Geschworenen nahmen ihre Plätze ein und der Präsident bewegte, nachdem er sich ebenfalls gesetzt hatte, seine Glocke, um Ruhe zu gebieten. Als diese hergestellt war, sagte er:

»Man führe den Angeklagten ein.«

Jean erschien zwischen zwei Gensd’armen. Er war in dem Zustande, den wir geschildert haben, das heißt unkennbar. Welche Veränderung hatten zwei Monate mit dem heiteren Reisenden hervorgebracht, den wir beim Beginn Unsrer Erzählung auf der Straße von Nimes nach Lafou gesehen-haben! Aber welche Ereignisse-, welche Angst,« welche Schrecken, welche Befürchtungen hatten auch diese zwei Monate in sich geschlossen!

Die Eltern des Angeklagten, welche beide eben so bleich Waren, als ihr Sohn, nahmen ihre Plätze neben dem Vertheidiger desselben ein.

Der Präsident befahl dem Huissier, die Anklageacte, vorzulesen, deren uns schon bekannter Inhalt das Schaudern der Zuhörer hervorrief.

Jean war wie stumpfsinnig. Kaum hatten die ewigen Verhöre, die Fragen des mit seiner Vertheidigung beauftragten Advokaten, der Kummer seiner Eltern und sein eigener Schmerz ihm so viel Verstand gelassen, daß er klare und bestimmte Antworten auf die ihm vorzulegenden Fragen geben konnte. Er betrachtete mit einem Gefühl tiefen Mitleidens alle diese Menschen« die sich hier versammelt hatten, um ihn leiden zu sehen und von denen vielleicht kein einziger ihn bemitleidete.

« Von allen Martern, welche die Hölle erfunden hat, kann es wohl keine größere geben, als den Gedanken, wegen eines Verbrechens, das man nicht begangen hat, aller Wahrscheinlichkeit nach vielleicht zum Tode oder doch zu den Galeeren verurtheilt zu werden, und daß Alles, was man auch sagen oder thun möge, um die Richter oder die Zuhörer von seiner Unschuld zu überzeugen, keinen andern Erfolg haben wird, als noch frecher und verstockter in ihren Augen zu erscheinen.

Dante hat diese Marter vergessen.

»Ihr Vor – und Zuname?« sagte der Präsident zu Jean, als die Vorlesung der Anklageacte zu Ende war.

»Jean Raynal,« antwortete der junge Mann mit äußerst schwacher, aber unaussprechlich sanfter Stimme.

»Ihr Gewerbe?«

»Handlungsreisender.«

»Geburtsort?«

»Paris.«

»Wie alt?«

»Einundzwanzig und ein Viertel Jahr.«

Ein Gemurmel der Entrüstung durchlief die ganze Versammlung, daß ein so junger Mensch schon ein so gräßliches Verbrechen begangen hatte.

»Sie sind angeklagt,« sprach der Präsident weiter, »in der Nacht vom 15. zum 16. April dieses Jahres den Pfarrer Valentin Raynal in Lafou und seine Dienerin Toinette Belami ermordet zu haben.«

»Ich weiß es.«

–»Leugnen Sie noch immer dieses Verbrechen?«

»Ja, Herr Präsident.«

»Gut, Erzählen Sie uns die Umstände, die Ihnen bekannt sind, dann werden wir die Zeugen vernehmen.

Jean erzählte vielleicht schon zum zehnten Male seine Ankunft bei seinem Oheim, sein Gespräch mit ihm, seinen tiefen Schlaf während der Nacht, seine Abreise am Morgen, seinen Besuch bei dem Bäcker Simon und seine Verhaftung in dem Augenblicke wo er Nimes verlassen wollte.

Die Zeugenvernehmung begann. Welche Menge von Beweisen kann die menschliche Justiz aufbringen, um einen Unschuldigen zu verurtheilen, mit der Ueberzeugung, daß sie einen großen Verbrecher vor sich hat!

Der erste Zeuge war der Bauer, bei dem Jean sich nach der Wohnung des Pfarrers erkundigt hatte.

»Habt Ihr damals etwas von Aufregung entweder im Benehmen oder in der Stimme des Angeklagten bemerkt?« fragte ihn der Präsident.

»Nein, der Angeklagte schwitzte sehr, weiter habe ich nichts gesehen.«(Gelächter.)

So oft Menschen versammelt sind, um einen Andern richten und verurtheilen zu hören, lassen sie nie eine Gelegenheit unbenutzt, wo sie lachen können.

»Es ist gut, geht wieder an Euren Platz,« sagte der Präsident zu dem Zeugen, welcher sich freute, zuerst aufgerufen worden zu sein, weil er auf diese Weise von einem guten Platze aus die ganzen Verhandlungen mit anhören konnte, ohne daß ihm ein Wort entging.

Der zweite Zeuge war einer der drei Freunde des Pfarrers, die ihn am Abende vor dem Verbrechen besucht hatten.

Es war ein Mann von sechzig Jahren, von allgemein anerkannter Rechtschaffenheit und Ehrenhaftigkeit.

Nachdem er die gewöhnlichen Einleitungsfragen beantwortet hatte, fragte ihn der Präsident:

»Wie benahm sich der Pfarrer Raynal an jenem Abende gegen seinen Neffen?«

»Ganz wie ein Vater; er schien eine herzliche Zuneigung zu ihm zu haben.«

»Wie benahm sich während dieser Zeit der Angeklagte?«

»Wie ein junger Mann, welcher die ihm bewiesene Liebe dankbar anerkennt.«

»Wurde von der Feindschaft gesprochen, welche zwischen den beiden Brüdern geherrscht hatte?«

»Ja.«

»Was sagte der Pfarrer in dieser Beziehung?«

»Er bedauerte sie.«

»Hatte Herr Raynal schon vor jenem Abende diesen Umstandes gegen Sie erwähnt?«

»Ja; Herr Raynal war einer meiner intimen Freunde und vertraute mir alle seine Gedanken an.«

»Wie äußerte er sich über seinen Bruder Onesimus Raynal?«

»Ich bin es der Wahrheit schuldig zu sagen, daß er ihn zuweilen als einen Mann von heftigem Character schilderte. Aber in der Folge hatte sich seine Meinung von ihm sehr geändert und er hat oft den Wunsch gegen mich ausgesprochen, diesen Bruder wiederzusehen und zu umarmen.«

Die beiden folgenden Zeugen sagten in dem nämlichen Sinne aus, sie fügten aber noch hinzu, der Pfarrer habe ihnen erzählt. daß er im Laufes des Tages eine Summe von zwölfhundert Franken eingenommen habe.«

»Diese Summe bestand in Fünffrankstücken,« bemerkte Jeans Vertheidiger, »und die zwölfhundert Franken, die man bei dem Angeklagten gefunden hat, waren zwei Bankbillets und zehn Louisd’ors.«

»Der Herr Pfarrer hat uns nicht gesagt,« erwiderten die Zeugen, »in welchen Münzsorten jene zwölfhundert Franken bestanden haben; er erzählte uns nur, daß er sie erhalten habe.«

»Uerigens,« setzte der Staatsanwalt hinzu, »hat der Angeklagte sie auch umwechseln können.

»Auch wünschten wir eben deßhalb Gewißheit zu haben, ob die zwölfhundert Franken in Fünffrankenstücken bestanden haben, um die Anklage auffordern zu können, den Wechsler auszumitteln, bei dem sie umgesetzt worden wären.«

Kein Zeuge konnte das Gericht über diesen Punkt aufklären.

Der junge Mann, welcher die erste Anzeige von dem Verbrechen gemacht hatte, wurde hierauf vernommen. Er wußte nichts zu sagen, als daß er schon am Abend zu dem Pfarrer gekommen war; da er aber von der Haushälterin hörte, daß ihr Herr Besuch hatte, so habe er ihn nicht stören wollen und sei daher am folgenden Morgen wieder zu ihm gegangen. Da ihm ans sein Klopfen Niemand öffnete und eine Todtenstille im Hause herrschte, habe er es auf sich genommen, die Thür mit Gewalt zu öffnen.

Die Entlastungszeugen wurden jetzt gehört. Alle stimmten darin überein, die musterhafte Aufführung Jean Raynals bis zu dem Tage des Verbrechens zu versichern, aber von diesem Augenblicke an konnte Keiner etwas über ihn sagen.

Der Croupier des Spielhauses war ebenfalls eingeladen worden.

»Kennen Sie diesen jungen Mann?« fragte ihn der Präsident, auf den Angeklagten zeigend.

»Nein,« Herr Präsident.«

»Sie erinnern sich nicht, ihn an Ihrer Spielbank gesehen zu haben?«

»Es kommen so viel Leute zu uns, daß es fast unmöglich ist, uns die einzelnen Gesichter zu merken.«

»Oer Angeklagte behauptet, am B. April zwölfhundert Franken bei Ihnen gewonnen zu haben; erinnern Sie sich dessen nichts Sie selbst sollen sie ihm ausgezahlt haben, wie er sagt.«

»Ich zahle Alles aus und es gehen täglich mehrere hunderttausend Franken durch meine Hände. Es würde mir also unmöglich sein, mich zu erinnern, ob ich Jemandem eine so unbedeutende Summe von zwölfhundert Franken ausgezahlt habe.«

»Nun, es ist Gottes Wille!« murmelte Jean.

Mit den übrigen Zeugen war es der nämliche Fall.

Alle Einwohner von Lafou, deren Häuser in der Nachbarschaft des Pfarrhauses lagen, waren eingeladen worden. Einige von ihnen waren spät zu Bett gegangen, Andere waren vor Tagesanbruch wieder aufgestanden, Einige sogar hatten gar nicht geschlafen. Aber kein Einziger von ihnen konnte sagen, daß er im Laufe des Tages oder während der Nacht Jemanden in das Pfarrhaus hatte gehen sehen, als den Angeklagten.

Mit jedem Augenblick häuften sich die moralischen Beweise gegen Jean mehr an. Er war vernichtet, die Gedanken vergingen ihm. Zuweilen glaubte er, er sitze für einen Anderen hier, und auf der anderen Seite war er selbst so entsetzt über dieses Zusammentreffen erschwerender Umstände, daß er sich fragte, ob er nicht wirklich seinen Oheim ermordet habe.

Nach Vernehmung der sämtlichen Zeugen erhob sich der Staatsanwalt und unterstützte die Anklage durch folgende Rede:

»Meine Herren Geschworenen, es giebt Verbrechen, wegen deren Ihre Gerechtigkeit sich in gar keine Diskussion mit Ihrem Gewissen einzulassen braucht und über die Sie ohne Bedenken das Verdammungsurtheil aussprechen können, wenn Sie die in Gefahr gebrachte Gesellschaft rächen wollen. Das Verbrechen, über das Sie heute zu richten haben, gehört zu dieser Klasse. Es ist unter Umständen begangen worden, welche keinen Zweifel über seinen wirklichen Urheber zulassen. Der Mörder ist der, den Sie Vor sich haben; er ist es, der seit zwei Monaten die erschwerendsten Beweise sich um ihn hat aufhäufen sehen, ohne einen einzigen derselben widerlegen zu können. Wenn in Ihrem Geiste noch der mindeste Zweifel bleiben sollte, so erinnern Sie sich der einzelnen Umstände, und der Zweifel wird schwinden, das Licht der Ueberzeugung wird an seine Stelle treten. Zum Glück kann man auf die Justiz das Wort der heiligen Schrift anwenden: Gott sprach, es werde Licht, Und es ward Licht.«

Der Staatsanwalt fuhr sich mit dein Tuche über den.Mund, damit seine Zuhörer Zeit haben sollten, ein Gemurmel der Bewunderung durch den Saal laufen zu lassen; dann fuhr er mit dem gemachten Effect zufrieden, in seiner Rede fort:

»Wenn wir die einzelnen Kettenglieder der Anklage zusammenfügen, so werden wir sehen, ob die Wahrheit nicht klar der Augen liegt. Ein einziger Mensch ist im Laufe des 15. April zu dem Pfarrer Valentin angekommen, wenn wie die drei Freunde ausnehmen, die ihn ans Abende besucht haben und von denen nicht die Rede sein kann, ein Einziger hat während der Nacht vom 15. zum 16. sein Haus wieder verlassen, und dieser Einzige ist Jean Raynal. Während der Zeit welche der Angeklagte in dem Hause seines Oheims zugebracht, ist ein Verbrechen begangen worden, oder Vielmehr zwei Verbrechen, denn es sind zwei Schlachtopfer, deren Tod wir heute zu rächen haben. Auf wen kann der Verdacht fallen, als auf den einzigen Menschen, den man an jenem Tage zu dem ehrwürdigen Pfarrer von Lafou hat kommen sehen? Und welche Beweise findet die Anklage gegen diesen Menschen? Hier werde ich fast von Mitleiden mit dem Angeklagten selbst ergriffen, der hartnäckig die That leugnet, anstatt durch ein offenes Geständniß die Gerechtigkeit milder zu stimmen. Dieser Mensch leugnet, er leugnet! und man findet bei ihm eine Summe von zwölfhundert Franken, während eine ganz gleiche Summe dem unglücklichen Pfarrer gestohlen worden ist! Er leugnet und an seinen Kleidern finden sich die Spuren des edlen Blutes, das er vergessen hat! Er leugnet, und in einem Briefe, den sein Oheim geschrieben hat zwei Stunden ehe er unter dem Stahle dieses Vatermörders fiel, finden wir daß dieser Mensch, den er wie seinen Sohn aufgenommen hat, der unseligen Leidenschaft des Spieles ergeben ist, und der fromme Greis, als ob Gott, dem er diente, eine Ahnung in ihm geweckt hatte, fügt hinzu, daß diese Leidenschaft zu allen Verbrechen führt. Er ahnete es nicht, der heilige Mann, daß er selbst das erste Opfer dieser Leidenschaft sein werde! Er leugnet, und wir kennen den ganzen Grund seines Besuchs bei seinem Oheim, und ist dieser Besuch nach einer zweiundzwanzigjährigen Uneinigkeit, dessen Resultat ein Mord ist, nicht ein Beweis mehr von der Schuld des Angeklagten, und ein so schwerer Beweis, daß die Anklage drei Personen auf die Bank hatte bringen sollen, auf der ich nur eine sehe? —«

Bei den letzten Worten hatte der Staatsanwalt Jeans beide Eltern angeblickt. Aber diese waren von ihrem Kummer so niedergedrückt, daß sie mit gesenkten Köpfen und sich bei den Händen haltend in halber Betäubung da saßen und die Worte des Staatsanwalts nur wie ein verworrenes Summen hörten, das sie nicht verstanden..

»In der That,« hob der Beamte wieder an, indem er den Aermel seiner Robe zurückzog, um seinen Bewegungen mehr Freiheit zu geben, »sammeln Sie nur Ihre Erinnerungen, denken Sie nur an die Aussagen der drei ersten Zeugen, die wir Vernommen haben: der Pfarrer von Lafou hatte bei mehreren Gelegenheiten von dem heftigen Character seines Bruders gesprochen. Was wollte denn nun dieser Neffe nach einer Feindschaft, welche zweiundzwanzig Jahre gedauert hatte? Was ist er, als der Abgesandte des Hasses? was ist er, als das Werkzeug der Rache?«

»Ja, meine Herren Geschworenen, der Angeklagte ist schuldig; ja, Sie können ihn ohne Bedenken und ohne Gewissensbisse verurtheilen. Die Gesellschaft hat das heiligste ihrer Rechte in Ihre Hände gelegt, üben Sie es aus ohne Schwäche. Ihre Mission muß Sie über die Eindrücke des großen Haufens erheben. Hier sind Sie keine Menschen, Sie sind Gewissen! Vergessen Sie nicht, daß Gott selbst gesagt hat: Wer mit dem Schwert gesündigt hat, soll durch das Schwert umkommen!«

Der Staatsanwalt ließ sich wieder nieder unter den Ausbrüchen der allgemeinen Bewunderung und das allgemeinen Beifalls.

Der Vertheidiger nahm hierauf das Wort; er erzählte die Wahrheit und deßhalb ließ sich Niemand durch seine Rede überzeugen.

Als er schwieg, drückte ihm die Frau die Hand, um ihm für die vergebliche Mühe zu danken, die er sich gegeben hatte. Es war elf Uhr Abends. Beim Scheine der Lampen, die man angezündet hatte, sah man das erhabene Gesicht des Erlösers an dem im Hintergrunde des Saales hängenden Kruzifix. Seine Augen waren zum Himmel gerichtet, mit einem Ausdruck von Seelenruhe in seinem tiefen Schmerz, als sagte er zu den Verbrechern: »Bereuet und mein himmlischer Vater wird Euch vergeben!« als sagte er zu den Schuldlosen: »Beugt den Nacken wie ich, und sterbet lächelnd, wenn man Euch verurtheilte; Ihr werdet im Himmel erhöht und die Lieblinge Gottes werden!«

Der Präsident erhob sich und sprach mit feierlicher Stimme:

»Die Geschworenen werden sich in das Berathungszimmer begeben. Die Eltern des Angektagten fordre ich auf, sich zu entfernen, während das Urtheil gesprochen wird.«

Das greise Ehepaar – denn Beide waren in zwei Monaten um zwanzig Jahre gealtert – stand auf und verließ, von zwei Huissiers geführt, den Saal, nachdem sie noch einen letzten Blick voll Thränen auf ihren unglücklichen.Sohn geworfen,der ihn mit einem Lächeln erwiderte, um ihren Muth zu stärken.

Diese Scene machte einen lebhaften Eindruck auf die Zuhörer. Während sie sich entfernten, hörten Onesimus Raynal und seine Gattin von mehreren Stimmen die Worte:

»Die armen Leute!«

Und sie sahen, daß Mancher sich die Thränen trocknete.

In diesem Augenblick hätte man die Freisprechung Jeans gewünscht, denn im Grunde ist das menschliche Herz gut.

Die Geschworenen zogen sich in das Berathungszimmer zurück.

»Man führe den Angeklagten hinaus,« sagte der Präsident.

Jean entfernte sich in Begleitung zweier Gensd’armen.

Nach einer Viertelstunde traten die Geschworenen wieder ein.

Der Obmann sprach Folgendes:

»Auf unsre Seele und Gewissen, ja, wir erklären den Angeklagten Jean Raynal der freiwilligen, mit Vorbedacht ausgeübten Ermordung seines Oheims Valentin Raynal und dessen Dienerin Toinette Belami für schuldig.«

»Man führe den Angeklagten wieder ein,« sagte der Präsident.

Jean trat ein.

»Demgemäß,,« sprach der Präsident, nachdem er und der ganze Gerichtshof, sowie die Zuhörer sich erhoben und Jeder das Haupt entblößt hatte,«.demgemäß verurtheilt das Gericht den Angeklagtem Jean Raynal, zur Strafe des Todes! – Angeklagter, haben Sie noch etwas zu sagen?«

»Nichts, Herr Präsident,« antwortete Jean mit ruhiger Stimme, »als daß auch ich bei meiner Seele und Gewissen und bei dem Gott, der uns hört und in unsere Herzen blickt, schwöre, daß ich unschuldig bin!«

Schweigend und tief erschüttert entfernte sich die Menge.

Als Jeans Vater diese Verurtheilung erfuhr, verließ er die Stadt und man hat nie wieder etwas von ihm gehört. Die Mutter des Verurtheilten wurde wahnsinnig.

Einen Monat nach dieser Sitzung las man in der Sentinelle von Nimes unter dem 16. Juli:

»Gestern hat die Hinrichtung Jean Raynals stattgefunden, dessen Prozeß unsere Leser vor ohngefähr einem Monat gelesen haben. Der Angeklagte hatte das Rechtsmittel der Cassation ergriffen, allein sie wurde verworfen und gestern Morgen wurde ihm angekündigt, daß er nur noch zwei Stunden zu leben habe. Der junge Mann weinte heiße Thränen, während er die Verwerfung seines Gesuchs vernahm; er hat dem Priester gebeichtet, der einige Minuten später in sein Gefängniß kam und der ihn nicht eher als auf dem Schafott wieder verlassen hat. Nach seiner Beichte hat er zu dem Geistlichen gesagt:

»—Ein so guter Christ man auch sein möge, mein Vater, so ist es doch sehr traurig, unschuldig sterben zu müssen, und besonders in meinem Alter!«

»—Auch unser Herr Christus ist unschuldig gestorben. . .« erwiderte ihm der Priester.

»—Ja, mein Vater, aber er büßte durch seinen Tod die Sünden der Menschen, während der meinige Niemandem nützt!«

»Der Henker ist hierauf eingetreten, um die letzte Toilette des Verurtheilten zu machen.

»– Wünschen Sie noch etwas, ehe Sie sterben?« fragte man diesen. r

»– Ein Blatt Papier, eine Feder und Dinte,« antwortete er.

»Das Verlangte wurde. ihm gebracht und er schrieb Folgendes:



»In dem Augenblicke, wo ich sterben muß,

»verzeihe ich Denen, die mich verurtheilt haben, denn bei

»den Beweisen, die auf mir lasteten, würde ich an ihrer

»Stelle das Nämliche gethan haben. Aber ich

»schwöre nochmals, daß ich unschuldig bin an dem

»Verbrechen, wegen dessen ich den Tod erleide,

»und ich hoffe, daß einst die Wahrheit an den Tag

»kommen wird, damit mein Name, so wie der meines

»armen Vaters, welcher verschwunden, und meiner

»unglücklichen Mutter, die in Wahnsinn verfallen ist,

»wieder zu: Ehren komme.

    »Jean Raynal.«



    »Am 15. Juli 1825.

»– Mein Vater, sagte der Verurtheilte hierauf zu dem Priester, ich bitte Sie, dieses Papier aufzubewahren; es enthält die Zukunft eines Unglücklichem der nur noch eine Stunde zu leben hat.«

»Jean Raynal hat hierauf, nachdem er Speise und Trank verweigert, einen Wagen bestiegen und ist mit der größten Ruhe und Ergebenheit die Stufen des Schafotts hinaufgegangen.

»Zwei Minuten später war die menschliche Gerechtigkeit gesühnt.«




Erstes Kapitel.

Der Nicolas


Acht Jahre sind vergangen.

Wir sind im October 1833, um neun Uhr Abends, und auf dem weiten indischen Ocean, dessen Wellen mit eintönigem Brausen von dem Archipel der Sundainseln bis zum Nebelkap ziehen, schwimmt ein Schiff in der Dunkelheit still und mühsam daher.

Es ist der Nicolas, welcher von der Insel Madagascar kommt, am Kap anlegen und dann nach Manila steuern will.

Auf dem Verdeck des Schiffes ist es einsam und still. Mit Ausnahme des wachthabenden Officiers, der, in seinen Regenmantel gehüllt und die Hände auf den Rücken gelegt, auf – und abgeht, und des Steuermanns an seinem Rade, ist kein lebendiges Wesen zu sehen.

Die Nacht ist nicht allein dunkel, sondern kalt; der Himmel und das Meer haben eine gleichmäßige, schiefergraue Farbe und ein feiner Regen peitscht die Takelage des Schiffs.

Man hört Nichts als das Krachen des Fahrzeugs, welches alle seine Kräfte anstrengt, um diese mächtige See zu überwinden, und sich, wie ein Roß Unter den Sporen des Reiters, auf seinem Kiele bäumt./P>

Wir steigen in das Zwischendeck hinab um zu sehen, was hier vorgeht. In einer großen Kajüte, welche während des Tages als Speisesaal und des Abends als Versammlungszimmer dient, und die jetzt von einer an der Decke hängenden und mit einem breiten Schirme bedeckten Lampe erleuchtet wird, sitzen vier Personen um einen großen leeren Tisch. Zwei von ihnen spielen Domino, es ist der Commandant Durantin und der Doktor Maréchal.

Der Dritte lies’t, den Kopf aus die rechte Hand und den Ellenbogen auf den Tisch gestützt, auf der sein Buch liegt.

Der Vierte thut eigentlich Nichts, aber er scheint in so tiefe Betrachtungen versunken zu sein, daß er leicht von Allen Vieren am Meisten beschäftigt sein könnte.

Der Commandant ist ein Mann von ungefähr fünfundvierzig Jahren, ein gewöhnlichen Schiffsanzuge, ein ächter Seemann mit freiem Blick. einer Adlernase und weißen Zähnen.

Der Doktor kann etwa zweiunddreißig Jahre alt sein; er hat ein offenes Gesicht, ein klares, sanftes Auge, wie das eines Mannes sein muß, dessen Herz, dessen Magen und dessen Kopf gesund ist.

Ost Lesende ist ein junger Mann, den man höchstens für fünfundzwanzig Jahre halten kann; sein Name ist Felician Pascal, sein Gesicht ist bleich, seine von hohen. schwarzen Brauen beschatteten Augen haben einen außerordentlich sanften Ausdruck und sein gern lächelnder Mund scheint ihm nur gegeben zu sein, um fromme Worte zu sprechen; obgleich er keine Priesterkleidung trägt, so hat er doch schon die Tonsur erhalten und besitzt die ganze evangelische Milde eines jungen Dieners des Herrn. Wenn seine Hand sich auf das Buch legt, um ein Blatt >umzuwenden, so kann man sich nicht enthalten, die weibliche Zartheit und die aristokratische Form dieser Hand zu bemerken. Er ist ganz schwarz gekleidet, von mittlerem Wuchse und mehr schwächlicher als kräftiger Gestalt. In dem Augenblicke-, wo wir seine Bekanntschaft machen, ist sein auf der Hand ruhendes Gesicht, das von langen, schwarzen Haaren eingerahrnt und von der über ihm hängenden Lampe zur Hälfte beleuchtet wird, das angenehmste und gewinnendste, welches man sehen kann; es spricht aus ihm die Ruhe der Seele, der lebendige Glaube, das reine Gewissen.

Der Vierte, welcher in einiger Entfernung von den Uebrigen auf einem an der Wand der Kajüte stehenden Sopha sitzt oder vielmehr liegt, befindet sich völlig im Halbdunkel. Er ist dreißig Jahre alt, aber Jedermann würde ihn für fünf Jahre älter halten; es ist eine große, kräftige Gestalt, und seine Züge, sowie seine Kleidung, sind ein Gemisch von angeeigneter Distinction und von angeborener Alltäglichkeit. Wir wollen diesen Mann näher in’s Auge fassen und mit dem Kopfe beginnen. Ein etwas dunkler, von der tropischen Sonne gebräunter Teint, schwarze, wie die Flügel des Raben glänzende Haare, die in natürlichen Locken herabfallen und mit der größten Sorgfalt geordnet sind, eine wie Elfenbein glatte Stirn, mit den Erhöhungen der Entschlossenheit und des festen Willens, in reinen, ununterbrochenen Halbkreisen gebogene Brauen über einem Paar forschender Augen, welche mit außerordentlicher Beweglichkeit den Blicken Anderer ausweichen, die aber die Spuren einer- nicht durch physische Ausschweifungen, sondern durch innere Aufregung ermatteten Lebenskraft tragen; dies ist es, was an dem Gesicht dieses Mannes zuerst ausfällt. Die Nase ist gerade und wohlgeformt, aber die übrigen Theile des Gesichts können den prüfenden Blick leicht täuschen, denn ein dichter, an den Ohren beginnender Bart läßt Nichts davon sehen, als ein paar blasse Lippen, welche eine Doppelreihe weißer Zähne bedecken.

Im Gegensatze zu dem jungen Manne, den wir vorher schilderten, hat der, von dem wir fest sprechen, starke Hände mit muskulösen Fingern; er widmet ihnen eine große Sorgfalt, aber obgleich es ihm gelungen ist, sie weiß zu erhalten, so hat er ihnen doch keine elegante Form geben können. Sie sind zur Hälfte von feingefalteten Battistmanschetten bedeckt und an dem kleinen Finger der rechten Hand funkelt ein werthvoller Diamant.

Dieser Mann trägt eine weiße seidene Cravatte, die nachlässig um seinen Hals geschlungen ist, ein Gilet von englischem Stoffe, mit großen rothen, gelben und grünen Carreaus, in dessen linker Tasche sich eine dicke goldene Kette, welche quer über das weiße Hemd läuft, nebst der daran befestigten Uhr, verliert. Den Anzug vervollständigt eine Art Jäckchen von schwarzem Sammet, ein Beinkleid von braunem Cashemir, weißseidene Strümpfe und Tanzschuhe, welche dem Fuße Feinheit geben sollen. Dies ist das vollständige Bild dieses Mannes, der jenen durchdringenden Geruch von Ambra oder Moschus um sich verbreitete, mit dem die Bewohner der Kolonien sich so gern, aber zu ihrem Nachtheil umgeben.

Ist dieser Mensch gut oder schlecht? Das ist schwer zu sagen. Sind die Blässe und der scheue Ausdruck seines Gesichts und besonders die unangenehmen Linien, die ihm seinen hauptsächlichsten Charakter geben, eine Folge von erduldetem Unglück oder von heftigen Leidenschaften? Ist er ein Bösewicht oder ein rechtschaffener Mann? Bald scheint der Blick dieses Mannes aus einem Herde von Galle zu kommen, bald ist er wieder merkwürdig sanft; man kann sich nichts Veränderlicheres denken, als diese Physiognomie Während man den bitteren und höhnischen Zug um seine Lippen bemerkt, wird man erstaunt, diese Bitterkeit und diesen Hohn in ein Lächeln übergehen zu sehen, um das ihn ein junges Mädchen beneiden könnte, und dies eben so rasch, als eine Sommerwolke unter einem Windhauche ihre Form verändert.

So viel ist gewiß, daß dieser Mann, er sei gut oder schlecht, kein gewöhnlicher Mensch ist.

Auf dem Ofen liegende Bücher, an den Wänden hängende Landkarten und ein Thermometer vervollständigen das einfache Meublement dieser sauberen von Mahagoni glänzenden Kajüte.

Das einzige Geräusch, welches man hörte, war, wie wir schon sagten, und wenn wir uns dieses Wortes bedienen dürfen, das Athmen des Schiffes, zu dem sich nur das leise Zittern der inneren Gegenstände und von Zeit zu Zeit das Klappern der Dominosteine gesellte.

»Domino!« rief plötzlich der Comntandant. »Mein lieber Doktor, Sie sind nicht stark in diesem Spiele. Ich hatte siebenundsiebzig Points,« fuhr Durantin fort, indem er seine Augen durchzählte, und jetzt dreiundzwanzig, das sind zusammen gerade hundert.«

»Sie haben ganz Recht, Kapitain,« erwiderte der Doktor, ich bin ein schlechter Spieler; Sie gewinnen mir schon die vierte Partie ab und ich möchte mich nach einem Beistande umsehen. Herr Valery, wollen Sie sich nicht mit Herrn Pascal vereinigen und eine Partie en quatre mit uns spielen.«

Als Herr Valery, der Mann mit dem bunten Gilet, sich anrufen hörte, stand er auf, näherte sich den Spielenden mit der Miene eines vom Schlafe Erwachenden und sagte:

»Ich bin es zufrieden.«

»Ich ebenfalls,« versetzte der junge Mann, indem er sein Buch zuschlug. Dann rieb er sich die Hände und setzte hinzu: »Wissen Sie, daß es diesen Abend ein wenig kalt ist, Herr Kapitain?«

»Wollen wir Feuer machen lassen?«

»O, so schlimm ist es nicht,« erwiderte Felician; »aber kühl ist es.«

»Ich bemerke es ebenfalls,« sagte Valery, indem er sich an den Tisch setzte; »dieses Regenwetter dringt bis auf die Knochen. Ich habe Kopfweh und ich gestehe, daß ein wenig Feuer mir nicht unangenehm sein würde.«

»Seit einigen Tagen scheinen Sie sich nicht ganz wohl zu befinden, Herr Valery,« bemerkte der Doctor. »Wollen wir ein kleines Examen anstellen?«

»O, das ist nicht nöthig, es fehlt mir Nichts:«

Der Kapitain klingelte, ein Matrose erschien.

»Mache Feuer,« sagte Jener.

Eine Minute später pfiff der Ofen.

Die Wärme that Jedem wohl; die Partie begann und man plauderte während des Spiels. Valery allein fröstelte.

»In wieviel Tagen werden wir das Kap erreichen?« fragte Pascal den Kapitain.

»Spätestens in zwei Tagen.«

»Der Nicolas segelt gut.«

»O ja, er macht seine elf Knoten in der Stunde.«

»Sie setzen, Kapitain.»

»Sechs und sechs?«

»Ja.«

»Dann passe ich.

»Und Sie, Herr Valery?«

»Ich habe Sechsen.«

»Eilen Sie denn so sehr, nach dem Kap zu kommen?« fragte der Kapitain den jungen Mann.

»Ja, ich wünsche, möglichst bald wieder in Frankreich zu sein, aber vorher muß ich zwei bis drei Monate am Kap bleiben, und ich wünschte daher, ich wäre schon dort.«

»Ihre Mutter lebt in Frankreich?«

»Ja, mit meiner Schwester.«

»In welcher Gegend Frankreichs wohnen sie denn?«

»Im Poitou, ihrem und meinem Geburtslande.«

»Wirklich? Auch ich bin aus Poitou, und wir sind also Landsleute,« sagte Maréchal.

»Blanc Zwei,« rief Valery.

»Zwei As,« sagte der Kapitain, indem er einen Stein ansetzte.

»Aus welcher Stadt sind Sie denn, Herr Doctor?« fragte der junge Mann.

»Ich bin aus Melle, einem sehr hübschen Städtchen auf der Höhe, welche die beiden Thäler der Legére und der Béronne voneinander scheidet.«

»Und ich aus Moncontour, am rechten Ufer der Dive.«

»Das ist ein allerliebstes Städtchen« das ich sehr gut kenne, aber es ist sehr klein.«

»Höchstens tausend Einwohner.«

»Und wie kommt es, daß Sie dieses Oertchen verlassen haben und schon so jung auf der südlichen Halbkugel herumschiffen?«

»Ueberall Blanc,« sagte Durantin. »Sie plaudern und spielen nicht! Ueberall Blanc!«

»Sie wissen doch, Kapitain, daß Niemand Blanc haben kann, da es schon sieben Mal heraus ist.«

»Dann decken Sie auf. Ich habe zweit!« sagte der Kapitain, indem er triumphierend seine Doppeleins zeigte.

»Man muß gestehen, daß der Kapitain gut spielt,« bemerkte Pascal lächelnd; dann wendete er sich an Maréchal und sagte, während die Steine umgewendet wurden:

»Sie fragten mich wohl, aus welchem Grunde ich Moncontour verlassen hätte und schon so jung auf den südlichen Meeren herumschiffte?«

»Ja wohl.«

»Das ist ganz einfach. Sobald ich in das Alter kam, um mir ein Urtheil bilden zu können, erwachte der sehnliche Wunsch in mir, Priester zu werden. Schon als ich noch ein kleines Kind war, wurde meine Seele von den religiösen Cremonieen, von dem Weihrauch, dem Gesange der Chorknaben, den Blumen am Frohnleichnamsfeste, den weißgekleideten Mädchen, die ich in den Prozessionen bei Sonnenschein, und von den Fahnen der heiligen Jungfrau beschattet, vorüberziehen sah, mit einer frommen Begeisterung erfüllt, und Thränen der Rührung traten mir dabei in die Augen, Später wurde dieses religiöse Gefühl eine Ueberzeugung und mein Beruf wurde mir klar. Meine Mutter, die mir in Nichts entgegen sein wollte, brachte mich auf das Gymnasium in Niort, wo ich bis in mein einundzwanzigstes Jahr Theologie studiert habe. Dann empfing ich die ersten Weihen, denn, wie Sie sehen, habe ich die Tonsurt aber ehe ich sein unwiderrufliches Gelübde ablegte, wollte ich die anderen Religionen genau kennen lernen, studieren und miteinander vergleichen, damit mein Glaube sich nicht allein auf das Gefühl, sondern auf Ueberzeugung gründen sollte. Deshalb habe ich diese Reise unternommen, von der ich jetzt zurückkomme.«

»Und überzeugt?« fragte Valery.

»Ja, mit der festen Ueberzeugung, daß es nur Eine wahre, richtige und ewige Religion giebt, die christliche der ich mein Leben weihen will.«

»Sie wollen also Priester werden?« fragte Durantin.

»Ja.«

»Ihre Kenntnisse und die besonderen Studien, die Sie gemacht haben, werden Ihnen sogleich Anwartschaft auf eine höhere Stelle geben.«

»O, mein Ziel ist ein sehr bescheiden; ich wünsche Nichts, als Pfarrer an unserer kleinen Kirche in Moncontour zu werden und dort mit meiner Mutter und meiner Schwester ferner zu leben, umgeben von den Erinnerungen aus meinen Kinderjahren und von den guten Menschen, die ich an diesem Orte kenne und die meinem Herzen fehlen würden, wenn ich mich auf immer von ihnen trennen sollte. Ich habe die Grenzen der Welt berührt und diesen Wunsch bringe ich mit nach Hause.«

»Wissen Sie, daß es das Glück ist, was Sie zurückbringen?«

»Ich glaube es.«

»Aber warum wollen Sie am Kap bleiben? Ich erlaube mir, Ihnen alle diese Fragen vorzulegen,« sagte der Kapitain, »weil Sie selbst so bereitwillig von Ihren Verhältnissen sprechen und ich mich für Sie interessiere; denn so wahr ich ein Seemann bin, ich kenne nichts Interessanteres und nichts Achtungswertheres, als einen jungen Priester, welcher die ganze Begeisterung der Jugend auf die Liebe zur Religion anwendet.«

»Ich danke Ihnen für Ihre Theilnahme, Herr Kapitain,« erwiderte Felician, indem er Durantin die Hand reichte. »Ich muß mich am Kap aufhalten, um eine kleine Erbschaft in Empfang zu nehmen, welche mir und meiner Schwester zugefallen ist, ohngefähr fünfzigtausend Franken, die uns ein Oheim, der am Kap lebte, hinterlassen hat. Diese Summe soll die Mitgift meiner lieben Blanche vervollständigen, und wenn ich die Freude habe, sie bei meiner Zurückkunft an einen braven Mann zu verheirathen, der sie versteht und die guten Eigenschaften ihres Herzens zu schätzen weiß, so habe ich Nichts mehr von Gott zu erbitten.«

»Das Leben ist doch eine merkwürdige Sache,« bemerkte der Kapitain, obgleich das Philosophiren sonst nicht seine Gewohnheit war; »wir sind hier vier Personen beieinander, welche Alle physisch von demselben Orte kommen und nach demselben Lande gehen, und doch hat Keiner von uns die nämliche Bestimmung. Maréchal ist Arzt, ich bin Seemann, Herr Pascal will Priester werden, und Sie Herr Valery. . .?«

»Meine Bestimmung ist die prosaischeste von allen; ich kehre nach Frankreich zurück, nachdem ich auf der Insel Madagaskar, wo ich seit sieben Jahren gewohnt, mein Glück gemacht habe.«

»Nun, dann sind Sie nicht der Unglücklichste von uns, nicht wahr, Maréchal?«

»Das meine ich auch.«

»Ich beklage mich auch nicht,« erwiderte Valery, indem er sich mit der Hand über die Stirn fuhr, wie ein Mensch, der an Kopfschmerz leidet.

Eine Pause von einigen Minuten folgte auf dieses Gespräch. Jeder dachte nach. Die Seele ergreift so schnell die Gelegenheit, um in sich selbst zu blicken.

Der Kapitain war der Erste, der das Stillschweigen unterbrach.

»Aber wir sind ja mit unserer Partie noch nicht zu Ende,« sagte er.

»Es ist wahr,« entgegnete der Doctor, indem er sieben Steine nahm, was die Uebrigen bis auf Valery ebenfalls thaten.

»Entschuldigen Sie, meine Herren, wenn ich nicht mehr spiele,« sagte dieser, indem er aufstand; »aber ich befinde mich nicht ganz wohl und will zu Bett gehen.«

»Es ist wahr, Sie sind blaß,« versetzte der Arzt; »geben Sie mir Ihre Hand, Sie haben etwas Fieber.«

»O, es wird Nichts sein; ich werde auf der See immer ein wenig unpäßlich. Ich bedarf Nichts weiter als der Ruhe.«

»Jedenfalls werde ich Sie noch ein Mal besuchen, ehe ich zu Bett gehe.«

»Ich danke Ihnen, lieber Doctor«,aber es ist nicht >nöthig, daß Sie sich bemühen.«

Valery sagte seinen drei Gesellschaftern gute Nacht und verließ das Zimmer, um in seine Kajüte zu gehen.

»Jetzt spielt also Jeder für eigene Rechnung,« sagte der Kapitain, der wie man sieht, ein eifriger Dominospieler war. »Wer setzt aus?«/P>

»Sie selbst, Kapitain.«

»So, nun dann, Doppelfünf.«




Zweites Kapitel.

Der Kranke


Ungefähr dreiviertel Stunde nachdem Valery sich entfernt hatte, und während die drei Spieler plaudernd Thee tranken, wurde die Thür des Zimmers geöffnet und Valery trat wieder ein.

Er hatte seinen Schlafrock angezogen und war blaß wie eine Leiche.

»Nun, da sind Sie ja wieder,« sagte der Kapitain, »das freut mich.«

Aber während Durantin so sprach, betrachtete er den jungen Eingetretenen mit Besorgniß und flüsterte dann dem Arzte zu:

»Sehen Sie nur, wie blaß er ist!«

»Ja, ich komme wieder zu Ihnen,« entgegnete Valery mit einem erzwungenen Lächeln und indem er sich niedersetzte, denn er schien sich nur mit Mühe auf den Füßen halten zu können, »doch nur um einige Worte mit dem Herrn Doktor zu sprechen.«

Dabei hörte man deutlich, wie die Zähne des Kranken zusammenschlugen. Er reichte dem Arzte die Hand.

»Sie haben heftiges Fieber,« sagte Maréchal.

»Ja, ich fühle mich sehr unwohl,« erwiderte Valery mit ruhiger Stimme und fast mit Stolz.

»Haben Sie sich nicht zu Bett gelegt?«

»O ja.«

»Warum haben Sie mich dann nicht rufen lassen?«

»Ich wollte Sie wegen einer so unbedeutenden Sache nicht incommodiren.«

»Das ist eine große Unvorsichtigkeit von Ihnen.«

»O, ich habe eine gute Constitution.«

»Ja, aber es giebt Anfälle, denen auch die kräftigste Constitution nicht widersteht.«

»Habe ich einen solchen Anfall?«

»Das will ich nicht sagen, aber ich wiederhole Ihnen, Sie haben ein heftiges Fieber und können nicht vorsichtig genug sein.«

»Sagen Sie mir, was ich thun soll, Herr Doktor, und ich will es thun.«

Es war leicht zu sehen, welche Anstrengung es Valery kostete, um seine Ruhe und Fassung zu behaupten. Er zitterte unwillkürlich an allen Gliedern und seine blauen Lippen waren in beständiger Bewegung. Es schien fast als suchte er Etwas in diesem Kampfe seines Willens gegen den Körper.

»Haben Sie während Ihres Aufenthaltes in Madagascar zuweilen ähnliche Anfälle gehabt wie der gegenwärtige,« fragte der Arzt.

»Nein, nie.«

»Und es ist ganz plötzlich gekommen?«

»Ja wohl.«

»Haben Sie die Güte aufzustehen, wenn es Ihnen möglich ist.«

Valery stand auf, aber er mußte die Hand vor die Stirn legen, um den fieberhaften Schwindel zu verscheuchen, der ihn bei der geringsten Bewegung ergriff.

Der Doktor öffnete das Hemd des Kranken und untersuchte dessen Brust, die mit großen rothen Flecken bedeckt war.«

»Hm! das ist nicht richtig,« murmelte er vor sich hin.

»Was meinen Sie, Doktor?«

»Nichts.«

»Sie schüttelten doch mit dem Kopfe?«

»Aufrichtig gesagt, habe ich die ersten Folgen Ihrer Unvorsichtigkeit gesehen.«

»Die rothen Flecken wohl?»erwiderte Valery in einem Tone, welcher bewies, daß er dieses Symptom schon bemerkt und daß es ihn beunruhigt hatte.

»Ja,i»antwortete Maréchal.

»Es ist also gefährlich?«

»Nein, das nicht, aber es erfordert eine sorgfältige Behandlung. – Herr Kapitain,»sagte der Arzt zu Durantin, »Sie möchten Herrn Valery eine größere und luftigere Kajüte anweisen.«

»Auf dem Verdeck?«

»Ja, wenn es irgend möglich ist.«

»Wir haben noch die, welche der französische Gesandte inne hatte, ein wahres Prachtzimmer. Ich stelle es Herrn Valery zur Verfügung.«

»Fühlen Sie sich stark genug, um so weit zu gehen?« fragte der Arzt den Kranken.

»O gewiß, ich bin stärker als Sie glauben.«

»Dann haben Sie die Güte, sogleich hinauf zu geben, es ist besser.«

»Gute Nacht, meine Herren,« sagte Valery, »entschuldigen Sie, daß ich Sie gestört habe.«

»Morgen früh werden wir Sie besuchen, und sollten Sie diese Nacht irgend Etwas bedürfen, so wecken Sie uns, wenn wir schlafen.«

Valery dankte dem Kapitain und schickte sich an, die Kajüte zu verlassen. Aber kaum hatte er vier Schritte gethan, so mußte er stehen bleiben; die Natur war stärker als sein Wille und er schwankte. Er machte eine heftige Anstrengung; aber noch ehe er sich an die Wand lehnen konnte, sank er ohnmächtig in die Arme des Doctors, welcher dies hatte kommen sehen und daher dicht hinter ihm geblieben war.

»Zwei Mann!« rief der Arzt.

Man rief sogleich zwei Matrosen.

»Traget diesen Herrn in die Gesandschaftskajüte und leget ihn in’s Bett.«

Die beiden Matrosen nahmen den Kranken, einer beim Kopfe und der andere bei den Füßen, und trugen ihn in sein neues Zimmer.

»Ist Herrn Valery’s Krankheit gefährlich?« fragte nun der Kapitain.

»Gewiß ist sie gefährlich, es ist nichts geringeres ein Anfall des gelben Fieber’s, wozu er den Keim von Madagaskar mitgebracht hat. Ich habe ihm deshalb eine abgesonderte Kajüte geben lassen, denn dieses Teufelsfieber ist ist ansteckend und es wäre kein Spaß, wenn wir es Alle bekämen.«

»O, der Unglückliche!« rief Pascal; »wir wollen hoffen, daß Gott ihn rettet.«

»Er muß überdies eine Riesennatur haben, daß er mit einem solchen Fieber noch hat herunter kommen können; ich biet gewiß kein Schwächling, aber ich bin überzeugt, daß ich nicht im Stande gewesen wäre, mich von der Stelle zu rühren.«

»Es muß wohl Jemand bei ihm wachen?« fragte Pascal.

»Allerdings.«

»Nun, so will ich bei ihm bleiben.«

»Sind Sie von Sinnen? Dazu haben wir Leute. Ich wiederhole Ihnen, es ist ein fürchterliches Fieber und steckt binnen fünf Minuten an. Ich lasse Sie nicht nur bei Herrn Valery nicht wachen, sondern werde Ihnen sogar, wenn Sie ihn morgen früh besuchen, ein Fläschchen geben, um daran riechen zu können, so lange Sie bei ihm sind.«

»Gehen Sie zu ihm, Doctor,« sagte der Commandant, »er wird Ihrer bedürfen.«

Der Arzt entfernte sich.

Der Kranke war inzwischen noch immer ohnmächtig zu Bett gebracht worden.

Maréchal ließ ihn flüchtiges Salz einnehmen und er kam bald wieder zu sich.

Als Valery die Augen aufschlug, schien er von der Ruhe und Festigkeit, die ihn bis zu seiner Ohnmacht nicht Verlassen hatte, ein wenig verloren zu haben.

»Wie fühlen Sie sich?« fragte der Arzt.

»Sehr schlecht.«

Aus dieser Antwort sprach schon eine gewisse Angst.

»Ich war wohl ohnmächtig geworden?« fragte er.

»Ja.«

»Wo denn?«

»Unter.«

Der Doktor stand auf.

»Gehen Sie schon?« fragte der Kranke.

»Nur auf einen Augenblick.«

»Wohin wollen Sie?«

»Ich will Flanell holen, um Sie frottieren zu lassen, und eine Medicin zubereiten.«

»Könnte dies nicht Jemand Anderes besorgen?«

»Nein, warum?«

»Weil ich wünschte, daß Sie bei mir blieben.«

»Fühlen Sie sich schlechter?«

»Ja, ich fühle mich schlecht, aber ich bin noch nicht todt.«

Diese Worte sprach Valery in einem Tone, der wie eine Herausforderung des Todes klang.

Sein ganzer Körper hatte steh indessen mit einem kalten Schweiße bedeckt und er war nahe daran, von Neuem ohnmächtig zu werden.

»Ich fühle mich nicht mehr so stark als vorhin,« sagte er, wie um seinen ersten Anfall von Schwäche zu entschuldigen; »die Ohnmacht hat mich ein wenig angegriffen. Es ist das erste Mal in meinem Leben, daß ich ohnmächtig werde.«

»Riechen Sie dieses Fläschchen, so lange Sie allein sind, ich bin gleich wieder bei Ihnen; verlieren Sie die Geduld nicht und bleiben Sie gut zugedeckt.«

Zur größeren Sicherheit, deckte Maréchal selbst den Kranken zu und umstellte sein Bett mit Stühlen.

Als Valery allein war, blickte er um sich, als wollte er dadurch seinen Zustand besser kennen lernen; dann neigte er das Ohr auf seine Brust, um sich gleichsam zu überzeugen, daß er noch lebte. Bald erhob er lächelnd den Kopf wieder und sprach vor sich hin:

»Ich war ein Narr. . . es ist Nichts; ein Mensch wie ich stirbt nicht in Einem Tage.«

Dann betrachtete er seine Hände, in denen niemals Blut geflossen zu sein schien, und gab sich dieser Beschäftigung mit einer Art wilder Freude hin. Er bog die Finger nach allen Seiten, ließ die Gelenke knacken, legte die Hand auf seine Brust, während er tief athmete, und ein triumphierendes Lächeln öffnete abermals seine entfärbten Lippen.

»Ich hatte wirklich geglaubt, es wäre vorüber mit mir,« sagte er zu sich selbst, und ein Schauder durchrieselte bei diesem Gedanken seinen ganzen Körper.

In diesem Augenblicke trat ein Matrose ein, welcher Flanell und mehrere Flaschen brachte.

»Brauchen Sie sonst etwas, mein Herr?« fragte der Mann, ohne sich dem Bett zu nähern.

»Nein; was bringst Du da?«

»Es sind Arzneiflaschen, die mir Herr Maréchal gegeben hat, um sie hierher zu tragen.«

»Wo ist Herr Maréchal?«

»Im der Apotheke. Soll ich ihn rufen?« fragte der Matrose,« der es nicht erwarten konnte, die Kajüte wieder zu verlassen, denn der Arzt hatte ihm anempfohlen, sich so kurze Zeit als möglich darin aufzuhalten.

»Nein,« antwortete der Kranke, dem die Ungeduld des Matrosen nicht entging. »Bleibe bei mir.«

Der Matrose stellte sich an die Wand und drehte seine Mütze in den Händen herum.

Valery sah ihm einige Minuten zu und sagte dann zu ihm:

»Tritt doch ein wenig näher, Freund; Du scheinst zu fürchten, von meiner Krankheit angesteckt zu werden, aber sie ist gar nicht ansteckend.«

Der Matrose that einen Schritt, aber nicht mehr.

»Du fürchtest Dich also ernstlich?« sagte Valery in fast beleidigtem Tone.

»Nun ja, mein Herr, ich habe Frau und Kinder, und das gelbe Fieber hat man bald am Halse.«

»Das gelbe Fieber?« rief der Kranke heftig erschrocken, »habe ich denn denn das gelbe Fieber?«

Der Matrose sah ein, daß er einen Fehler begangen hatte; aber er dachte: »Gleichviel, Jeder ist sich selbst der Nächste, und er antwortete daher;

»Der Herr Doktor hat es gesagt.«

»Das gelbe Fieber!« wiederholte Valery mit stierem Blicke; »stirbt man nicht Unter gräßlichen Schmerzen an dieser Krankheit?«

»Ja wohl, mein Herr.«

»Hast Du schon Leute daran sterben sehen?«

»O, schon viele; mein Bruder ist auch daran gestorben, deshalb habe ich so große Angst davor.«

Der Matrose legte sich weiter keinen Zwang auf und hielt sein Taschentuch vor Mund und Nase.«

»Du kennst also die Symptome dieses Fiebers?«

»Ja.«

»Wie fängt es an?« fragte Valery, indem er sich anstrengte, ruhig zu scheinen.

»Mit Erbrechen. Frost, Kopf- und Magenschmerzen, und dann bekommt der ganze Körper rothe Flecken.«

»Wie diese?M fragte der Kranke, indem er seine Brust zeigte.

»Ja, Herr,« erwiderte der Matrose, während er den Kopf ängstlich vorstreckte, um besser sehen zu können.

»Also muß ich sterben!« rief Valery mit einem Schrei, der fast dem Brüllen eines Tigers glich. In diesem Schrei lag die ganze Wuth und der ganze Schmerz, welche ein Mensch durch die Stimme auszudrücken vermag.

Der Kranke nahm den Kopf zwischen beide Hände, verbarg ihn in den Kissen und zerraufte sich mit Verzweiflung das Haar.

»Sterben! sterben!« wiederholte er; »ich soll sterben in meinem dreißigsten Jahre und jetzt, da ich reich bin! Nein, es ist unmöglich! Ich will nicht sterben!«

Während er dies sagte, streckte er die geballte Hand zum Himmel empor, aber sie fiel bald wieder kraftlos zurück.

Das Delirium stellte sich bereits ein.

»Ich will den Doctor sprechen!« rief der Kranke; »hole ihn auf der Stelle herbei!«

Dem Matrosen war dies sehr erwünscht und er ließ es sich daher nicht zweimal sagen.

»Ich will nicht sterben!« wiederholte Valery fortwährend, als ob er überzeugt wäre, daß sein Wille den Tod entfernt halten könnte. In seiner furchtbaren Aufregung sprang er wie ein Rasender aus dem Bett und an die Thür, die er in dem nämlichen Augenblicke öffnete, als der Arzt zurückkam.

»Wenn Sie dergleichen Unbesonnenheiten begehen,« sagte Maréchal in fast strengem Tone zu ihm, »so muß ich Sie in Ihrem Bette festbinden lassen, denn ich bin für Ihr Leben verantwortlich, und wenn ein Unglück geschieht, so will ich mir wenigstens nichts vorzuwerfen haben.«

»Ja, Herr Doktor, ich will Ihnen folgen,« entgegnete der Kranke, indem er sich schüchtern wie ein von der Mutter auf einem Fehler ertapptes Kind wieder in’s Bett legte. »Sie retten mich, nicht wahr, Sie versprechen es mir?«

»Ich werde mein Möglichstes thun, und es wird mir gelingen, wenn Sie der Wissenschaft nicht durch neue Thorheiten hinderlich sind.«

»Ich gestehe Ihnen, daß ich mich entsetzlich vor dem Tode fürchte.«

»Sie haben indessen noch Vorhin einen so großen Muth bewiesen.«

»Weil ich stolz auf meine Natur war und nicht glaubte, daß ich sterben..könnte. Jetzt aber, da ich meine Krankheit kenne, wiederhole ich Ihnen, daß ich große Angst habe. Der Arzt ist wie ein Beichtvater, man kann ihm Alles sagen. Retten Sie mich und ich gebe Ihnen die Hälfte meines Vernögens; retten Sie mich, Herr Doctor, ich bitte Sie, ich beschwöre Sie!«

Maréchal betrachtete mit Staunen und fast mit Argwohn diesen Mann, der sich so muthvoll gezeigt hatte, so lange er nicht an die Gefahr glaubte, und der so schwach und demüthig geworden war, seitdem er sie vor Augen sah.

»Beruhigen Sie sich, Herr Valery, Sie werden wieder gesund werden.«

»Bürgen Sie mir dafür?«

»Ich werde Alles thun, was in weinen Kräften steht.«

»Es ist unmöglich, daß ich sterbe!« rief der Kranke wieder; »ich kann es nicht, ich will es nicht!«

Es wäre unnöthig zu wiederholen, was er noch ferner sprach, und zu versuchen, in der Fluth von Worten, Gebeten und Gotteslästerungen, dir, er ausstieß, einen Sinn zu entdecken.

So ging es; die ganze Nacht fort und merkwürdiger Weise hörte er nicht auf, in seinem Delirium den Namen Pascals auszusprechen und nach ihm zu verlangen. Bis zum Morgen wurde er frottiert, um den Blutumlauf wiederherzustellen, und der Arzt versäumte überhaupt kein Mittel, das in seiner Macht stand.

Gegen Morgen wurde der Kranke etwas ruhiger und sobald er ein Wort sprechen konnte« folgte er der ersteren Idee seines Deliriums und sagte zu Maréchal:

»Wollen Sie nicht Herrn Pascal bitten, daß er zu mir kommt?«

»Ist es sehr wichtig, was Sie ihm zu sagen haben?«

»Ja.«

»Denn die geringste Anstrengung kann Ihnen nachtheilig werden.«

»Besorgen Sie nichts, ich will nur einige Worte mit ihm sprechen.«

Der Arzt schickte nach Pascal und dieser trat im nächsten Augenblicke ein.

»Sie wünschen mich zu sprechen, Herr Valery?« sagte er zu dem Kranken.

»Ja, ich habe Sie darum bitten lassen.«

»Wenn, ich Ihnen in irgend etwas nützlich sein kann, so verfügen Sie über mich.«

»Ich muß sterben, Herr Pascal!«

»Sie stellen sich Ihr Uebel schlimmer vor als es ist, nicht wahr, Herr Doktor?«

Valery schüttelte mit dem Kopfe.

»Der Doctor versucht es, mir Hoffnung zu machen; aber ich habe auch schon Leute am gelben Fieber sterben sehen und kenne die Symptome des Todes; sehen Sie hier.«

Mit diesen Worten entblößte der Kranke seine Arme und seine Brust, die mit blaßrothen Flecken überzogen waren.

»Ja, ich habe Feuer in der Brust und Eis an den Füßen; o, ich muß sterben, ich fühle es, ich weiß es!«

Er fing an zu weinen wie ein Kind, so daß Pascal und selbst der Arzt ihn bemitleideten und sich gegenseitig anblickten.

»Ich muß um jeden Preis ruhiger werden. Man versichert, daß Gott einem Menschen, der so leidet wie ich, und der seine Sünden bekennt, zuweilen vergiebt, sowohl seiner Seele als seinem Körper, und daß die Absolution Wunderkuren vollbracht hat. Ich will dieses letzte Mittel versuchen, ich will beichten; vielleicht läßt mich Gott dann noch leben!«

»Dies ist christlich gedacht,« erwiderte Pascal, »obgleich das Gefühl, dem Sie gehorchen, kein streng religiöses ist; aber Gott wird Sie vollends erleuchten, nur ist leider kein Geistlicher an Bord.«

»Sind Sie nicht Priester?«

»Ich bin noch nicht ordiniert.«

»Aber Sie wollen es mit der-Zeit werden?«

»Ja, Gott müßte mich denn abrufen, ehe ich meine Gelübde ablegen kann.«

»Nun, so hören Sie meine Beichte im Voraus.«

»Dies ist unmöglich.«

»Unmöglich?« rief der« Kranke mit Entsetzen.

»Ja.«

»Sie wollen mich also unter Gotteslästerungen und Verwünschungen sterben lassen? Wohlan, es sei; ich fluche Gott und der Religion!«

»Schweigen Sie, Unglücklicher! schweigen Sie!«

»Ich sage Ihnen, ich muß beichten!« fuhr Valery mit stierem Blicke und schäumendem Munde fort. »Die Vergangenheit erstickt mich, Sie müssen sie kennen. Ich bin ein Verbrecher!. . . hören Sie mich!«

»Er phantasiert, er wird wahnsinnig sagte Pascal zu dem Arzte.

»Nein, dieser Mann leidet eben so sehr an der Seele als am Körper,« erwiderte Maréchal; »als Christ und als Arzt fordere ich Sie auf, ihm den Dienst zu erzeigen, um den er Sie bittet.«

Pascal war noch eine Zeit lang unschlüssig.

«Der Kranke hielt fortwährend die Augen auf ihn gerichtet.

»Ja,« sagte Pascal nach kurzer Ueberlegung zu sich selbst, »der Doktor hat Recht, dieser Mann leidet an seiner Seele, seine Vergangenheit birgt vielleicht ein Unglück, und wenn ich seine Beichte höre, wird es vielleicht in der Zukunft möglich, das geschehene Böse wieder gut zu machen. – Nun gut, Herr Valery,« fuhr er laut fort, »ich will Sie anhören; aber was Sie mir auch entdecken mögen, die Absolution kann und darf ich Ihnen nicht geben.«

»Aber Sie können für mich beten und können mich trösten, nicht wahr? Weiter bedarf ich nichts. Lassen Sie uns allein, Herr Doctor, und Sie, mein Bruder, setzen Sie sich an mein Bett, denn wir müssen eilen. O, wer mir je gesagt hätte, daß ich das Bedürfnis fühlen würde, zu beichten! Ich leide fürchterliche Qualen!. . ., Gott rächt sich grausam an mir!. . . Hören Sie mich an, mein Bruder.«

»Noch nicht,« versetzte Pascal.

»Warum nicht?«

»Weil Es möglich ist, daß Sie nicht sterben und weil Sie es dann vielleicht später bereuen könnten, Jemandem ein Geheimniß anvertraut zu haben, welches schwer auf Ihrem Gewissen zu lasten scheint. Ich werde daher Ihre Beichte nicht eher hören, als bis der Arzt jede Hoffnung aufgegeben hat, und so weit sind wir, Gott sei Dank! noch nicht. Beruhigen Sie sich, Sie haben ein wenig Delirium. Wenn ich Ihre Beichte anhöre, so will ich, daß sie der Himmel Ihrer Ueberlegung und Ihrer Reue, nicht Ihrer fieberhaften Aufregung verdankt. Haben Sie eine oder zwei Stunden, dann wollen wir sehen. In diesem Augenblicke würden Sie nicht im Stande sein, lange im Zusammenhange zu sprechen. Nehmen Sie etwas von diesem Tranke, der für Sie zubereitet ist. Sie werden bald darauf einschlafen und wenn Sie wieder erwachen, wird mir der Herr Doktor aufrichtig sagen, ob Sie noch hoffen dürfen oder nicht. Fassen Sie Muth und Geduld, Herr Valery.«

Während dem hatte Maréchal einige Tropfen von einer rothen Arznei in ein Glas Wasser gegossen, das er dem Kranken reichte. Er leerte es begierig bis auf den letzten Tropfen.

– Ein glühender Schweiß bedeckte seinen ganzen Körper, es war ihm, als wäre sein Kopf mit Blei angefüllt, er murmelte einige Worte und winkte dem Arzte und Pascal bei ihm zu bleiben; dann fielen ihm von selbst die Augen zu und nach einigen Minuten versank er in einen festen Schlaf.

Maréchal und Pascal verließen das Zimmer.

»Ist er wirklich in Lebensgefahr?« fragte Letzterer.

»Er ist jetzt Mittag, um vier Uhr will ich Ihnen darauf antworten. Jetzt lassen Sie uns ein wenig frische Luft schöpfen. Das Delirium dieses Menschen macht einen unangenehmen Eindruck auf mich, ich weiß nicht, wie dies kommt, denn ich habe schon Manchen sterben sehen, ohne etwas Aehnliches empfunden zu haben.«

Zwei Stunden später begab sich der Arzt in Begleitung Pascals wieder zu dem Kranken.

Dieser schlief noch.

Die Krankheit hatte seit vierundzwanzig Stunden furchtbare Fortschritte gemacht; sein Aussehen beim Eintritt des Doktors und des jungen Geistlichen war so verändert, daß man ihn leicht hatte für todt halten können.

Die-Augen waren halb geöffnet Und gläsern, die Wangen bleich und eingefallen, und ohne das häufige Zucken seiner Hände wäre er von einer Leiche schwer zu unterscheiden gewesen.

»Das größte Glück, was diesem Unglücklichen begegnen könnte, wäre, daß er nicht wieder erwachte,« bemerkte der Arzt, »denn er wird noch viel leiden müssen, ehe er stirbt.«

»Er muß also jedenfalls sterben?«

»Ja wohl,« antwortete Maréchal, indem er seinen Ausspruch noch durch ein Kopfnicken bekräftigte. »Die Beine sind schon eiskalt und abgestorben,« fuhr er fort, und hob die Bettdecke empor, um seinem Begleiter die abgemagerten Beine des Sterbenden zu zeiget.

»Welche Veränderung in Zeit von Einem Tages rief Pascal, indem er diesen Körper betrachtete, der ohne Zweifel noch ein entsetzliches Geheimniß barg, wenn man nach den krampfhaften Zuckungen selbst während des Schlafes urtheilen durfte, und der bald nichts mehr als eine leblose Masse sein sollte.

In diesem Augenblicke erwachte Valery, und nachdem er sich im Zimmer umgesehen hatte, suchte er mühsam seine Erinnerungen zu sammeln.

»Ah! da sind Sie, meine Herren,« sagte er endlich; »nun, wie ist’s?«

Der Arzt, an welchen diese Frage gerichtet war, schwieg und wechselte einen Blick des Einverständnisses mit Pascal.

»Ich bin zu Ihren Diensten,« erwiderte dieser dem Kranken.«

»Es ist keine Hoffnung mehr?«

»Keine, außer bei Gott,« antwortete Maréchal.

»Dann ist es eben so gut, als wäre schon Alles vorüber,« entgegnete Pascal.

»Sie zweifeln an Gott?« rief Pascal.

»O nein, ich zweifle nicht mehr an ihm, da ich sterben muß,« versetzte der Kranke. »Ich habe deshalb in einem Augenblicke des Fieberwahnsinns gesagt, daß ich beichten will; wohl an, es sei, ich will beichten.«

»Es ist noch Zeit, Ihren Entschluß zu ändern,« sagte Pascal, »wenn Sie irgend ein Bedenken tragen. Es wäre mir sogar lieber, denn ich muß Gott um Verzeihung bitten, daß ich diese Beichte anhöre, und wenn ich mich dazu verstehe, so thue ich es nur um der Ruhe Ihrer Seele willen.«

»Nun gut, setzen Sie sich zu mir, mein Bruder, und ich gebe Ihnen mein Wort, Sie sollen etwas Merkwürdiges hören.«

Pascal blickte den Kranken mit Erstaunen an.

»Ein sonderbarer Mann!« sprach der Dotter zu sich selbst, indem er die Kajüte verließ, denn es kam ihm vor, als ob der Sterbende sich jetzt auf die Beichte etwas einbildete, die er vor einigen Stunden aus Furcht hatte ablegen wollen.

Und so war es in der That. Valery der überzeugt war, daß er sterben mußte, warf in dem Augenblick, wo er sein vergangenes Leben enthüllen wollte, einen Blick des Zornes und des Trotzes um sich her, wie ihn der gefallene Engel auf den allmächtigen Gott gerichtet haben mag, als er beschloß, den ewigen Kampf anzunehmen.




Drittes Kapitel.

Der Bettler


Man hat gewiß schon Kinder gesehen, die wegen eines Fehlers, den sie geleugnet, aber gleichwohl begangen hatten, von ihrem Vater gescholten und bestraft wurden, und die, wenn sie die Unmöglichkeit, der Strafe zu entgehen, vor Augen. sahen, plötzlich weinend und mit den Füßen stampfend ausriefen:

»Ja, ich habe es gethan, ja, ja, und ich will es auch wieder thun!«

In ihrer jugendlichen Verzweiflung und als wollten sie sich an ihrem Vater rächen, übertrieben sie zuweilen wohl sogar die Bedeutung ihres Vergehens.

Dieses Gefühl betrachte man durch das moralische Vergrößerungsglas und man wird sehen, daß Valery in diesem Augenblicke seinem ganz ähnlichen Gefühle folgte, indem er beichten wollte; nur war es bei ihm um den ganzen Unterschied stärker, der zwischen dem Kinde und dem Manne, zwischen dem Vater und Gott, zwischen dem Fehler und dem Verbrechen, zwischen der väterlichen Züchtigung und dem Tode, dieser Strafe oder Belohnung der Ewigkeit, stattfindet.

»Ha! ich muß sterben,« sagte der Kranke; »es wird nichts, von mir übrig bleiben, mein Tod ist unvermeidlich. Wohlan, man soll erfahren, was ich war und was ich bin!«

Diese Stimmung Valery’s war Pascal nicht entgangen, und er konnte sich daher nicht enthalten, zu ihm zu sagen:

»Sie scheinen nicht in dem Zustande zu sein, in dem sich ein Mensch, welcher beichten will, befinden muß; erlauben Sie mir also, daß ich mich entferne. Ich wiederhole Ihnen, daß Ihre aufrichtige Reue das Einzige ist, was die Handlung, zu der ich mich verstehe, entschuldigen kann, aber in diesem Augenblicke sind Sie von dieser Reue weit entfernt.«

»Sie sollen mich aufklären,« erwiderte Valery, »und die Reue in mir wecken, wenn ich sie noch nicht fühle. Worin bestände der Triumph Ihrer.Religion, wenn sie nur Gläubige erleuchtete? Ich habe Ihnen Vorhin bereits gesagt, daß es thörigt von mir ist, an den Gott zu glauben, der mich tödtet, mich, den nichts im Leben nur einen Augenblick zum Wanken gebracht bat. Es ist mehr als ein Bekenntnis, das ich Ihnen ablegen will, es ist eine Lehre, die ich Ihnen mittheile, eine Lehre, die Ihnen in Ihrem Stande nur von Nutzen sein kann, denn sie wird Ihnen merkwürdige Geheimnisse des menschlichen Herzens enthüllen. Sie sollten es mir im Gegentheil Dank wissen, daß ich dieses Geständnis ohne alle Heuchelei mache; ich hätte mich bekreuzen und die Hände fallen können, um Sie zu täuschen, aber wozu dies? Von der Aufrichtigkeit bis zur Reue ist nur ein kleiner Schritt. Ueberdies betrifft dieses Bekenntniß nicht mich allein, und wenn Sie es angehört haben«I werden Sie bei Ihrer Zurückkunft nach Frankreich die Ehre Unschuldiger wiederherzustellen haben, denn ich habe unschuldigen Leuten Böses zugefügt, unter dem sie noch jetzt leiden müssen.«

»Sprechen Sie, Herr Valery, sprechen Sie.«

»Ach! mein Bruder,« fuhr der Sterbende, den sein moralisches Fieber auf einen Augenblick verlassen hatte, fort, »als Sie den Entschluß faßten,. sich dem Dienste Gottes zu widmen, erblickten Sie in der Ausübung Ihres geistlichen Amtes nur die Freude, unmittelbar mit dem Herrn zu verkehren und das ächt christliche Vergnügen, den Menschen die Wahrheit zu lehren; Sie ahneten nicht, daß Ihr Amt Ihnen auch entsetzliche Scenen vor Augen führen und Sie zu widerwärtigen Zergliederungen zwingen würde. Ihre Natur ist sanft und schwach. Ihre Seele nur zum Guten geschaffen, ich habe dies auf den ersten Blick erkannt; fühlen Sie sich auch stark genug, um nicht entsetzt zurückzuschrecken, wenn Sie sich zum ersten Male über den Abgrund beugen werden, den man die menschlichen Leidenschaften nennt? Sie haben die schönsten Länder der Welt besucht, welche beständig den Ruhm Gottes verkündigen, und von ihrem Glanze, ihren Gesängen und ihren Blumendüften berauscht, haben Sie diesem Gott, der sich Ihnen so offenbarte, gelobt, ihm Ihre Zukunft zu weihen und sich ganz seinem ewigen Gesetze zu widmen. Aber Ihr Stand hat zwei Seiten; die eine ist hell, weil nur der Himmel sie erleuchtet, die andere ist dunkel, weil sie den Menschen zugewendet ist, das heißt dem Laster, dem Verbrechen und dem Zweifel. Wird die Kraft, die Sie aus Ihrem Glauben schöpfen, Ihnen genügen? und werden Sie nicht. wenn Sie Gott so erhaben und. den Menschen so niedrig sehen, das Bedürfniß der Einsamkeit und Abgeschiedenheit fühlen? Vielleicht wird Ihnen diese Kenntniß des menschlichen Herzens so widerlich sein, daß Sie sie nicht ertragen können, wie manche Aerzte ihre Kunst haben aufgeben müssen, weil ihnen bei den verpesteten Leichen, die sie öffnen sollten, übel wurde.«

»Sie irren sich, mein Bruder,« antwortete Felician mit sanfter Stimme, »ich habe längst die Nothwendigkeiten erwogen, denen ich mich unterwerfen muß, und ich werde nicht davor erschrecken. Wenn ich gezwungen sein werde, eines der entsetzlichen Geheimnisse anzuhören, von denen Sie sprechen und welche die Beichte enthüllt, so werde ich darin nur das Gefühl sehen, welches diese Beichte dictirt: die Reue, und werde für den Reuigen beten. Indem Christus die Beichte des Menschen gegen den Priester, das heißt, gegen seines Gleichen, einsetzte, hat er ein erhabenes Gesetz aufgestellt, welches die Argumente des reformierten Glaubens vergebens anzugreifen sich bemüht haben. Der Mensch, der ein Verbrechen begangen hat, und der, wie die Protestanten, in der Todesstunde sein Bekenntniß nur in den Busen Gottes niederlegen kann, triumphiert nicht so über sich selbst, wie der Christ, der sich vor einem anderen Menschen demüthigt, welcher das Werkzeug der Gottheit ist und von ihr das Recht erhalten hat, zu vergeben und zu vergessen. Es giebt nichts Schöneres, mein Bruder,« fuhr Pascal mit Begeisterung fort, »als dieses Amt der moralischen Heilung, das der Herr seinen Dienern überträgt. Glauben Sie mir, der Mensch, der seine Sünden nur Gott bekennt, beichtet nicht so vollkommen und mit so günstigem Erfolge, als der, welcher sich gegen einen Priester ausspricht. Er schließt einen stillschweigenden Vergleich mit seinem Gewissen und er ist nicht gerettet, er ist nicht einmal geheilt.«

»Sie haben vielleicht Recht,« entgegnete Valery, »und ich glaube in der That, daß die Beichte Dem, welcher den Glauben hat, einen Trost gewähren muß; aber es giebt auch gewiß Verbrechen, welche Gott nie vergiebt.«

»Er vergiebt sie alle, mein Bruder, wenn man aufrichtig und ernstlich bereute; wenn Ihr Gewissen belastet ist, so bitte, so beschwöre ich Sie, bieten Sie Alles auf, um christlich zu sterben, und im Namen unseres Gottes verheiße ich Ihnen die ewige Ruhe Ihrer Seele.«

Mit einem halb spöttischen, halb neidischen Lächeln betrachtete Valery diesen jungen Mann, dessen Ueberzeugung so aufrichtig und dessen Glaube so rein war, und ohne einen Uebergang zwischen dem, was er gehört hatte und dem, was er sagen wollte, gleichsam als hätte sein unschlüssiger Geist schon nicht mehr zweifeln können, doch aber noch nicht glauben wollen, sagte er plötzlich:

»Wer acht Jahren wurde der Pfarrer eines kleinen Dorfes in Frankreich, Namens Lafou, mit seiner Haushälterin ermordet. Der Neffe dieses Mannes wurde des Verbrechens beschuldigt, verurtheilt und hingerichtet. Er war unschuldig.«

»O, welch ein gräßliches Schicksal!« erwiderte Pascal schaudernd.

»Nicht wahr?« versetzte Valery, »ein fürchterlicher Gedanke!«

»Sie haben nach seiner Hinrichtung erfahren, daß er unschuldig war?«

»Ich wußte es schon vorher.«

»Wie? Sie wußten es?« rief Pascal mit Entsetzen.«

»Ja.«

»Und Sie haben seine Unschuld nicht bezeugt?«

»Ich konnte es nicht.«

»Sie konnten es nicht? Welchen Grund kann ein Mensch haben. seinen Nebenrnenschen unschuldig sterben zu lassen?»




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