Der Minnesänger
Hendrik Conscience




Heinrich Conscience

Der Minnesänger





I


Wie lange es her ist, weiß Keiner.

Seit jenen finsteren Zeiten sind tausendjährige Wälder von der Erde verschwunden, volkreiche Städte untergegangen, mächtige Burgen zerfallen, das wechselnde Schicksal der westlichen Erdhälfte hat den vlämischen Boden zwanzigmal arm und wieder reich gemacht, und gänzlich umgestaltet.

Damals stand in einem der fruchbarsten Landstriche des Isergaues eine große, prächtige Burg, Iserstein genannt, welche nicht, wie so viele ritterliche Raubnester jener Zeit dem Vorüberziehenden Furcht und Schrecken einflößte, sondern ihm zu winken, ihn einzuladen schien, die Gastlichkeit des edlen Schloßherrn in Anspruch zu nehmen.

Wohl war auch diese Burg nach allgemeinem Brauch von einer hohen Ringmauer umschlossen, wohl zeigten die Zinnen und Schießscharten mit den Schützen dahinter, das man für die Sicherheit der Bewohner sorgte, aber die Zugbrücke war niedergelassen, das Thor stand geöffnet und die Waffenknechte mit ihren Kreuzbogen und Spießen machten die Runde auf den Wällen zwischen grünem Gesträuch und duftenden Blumen.

Erstieg man einen der Thürme, welche an den vier Ecken der Burg zum Himmel emporragten, so beherrschte das bewundernde Auge eine weite Fläche, die gleich einem unermeßlichen grünen Teppich sich ausdehnte, mit dem Goldregen, der Butterblumen und den Perlenschnüren der Maßliebchen geschmückt.

Dort, zwischen schwankendem Schilf floß in sanften Windungen friedlich und silberhell der Iserstrom die Lebensader der Gegend.

Allenthalben sah man zahlreiche Schafherden und bunte Rinder die saftigen Weiden beleben, durch die stille Luft tönte weithin der Gesang der Vögel und dass fröhliche Lied der Hirten und Bauern.

Graf Folkard von Iserstein, der Burgherr, war ein achtunggebietender Mann von hohem Wuchs und kräftiger Gestalt.

Man hätte erzittern mögen vor dem Ernst in seinen Zügen, wenn nicht ein freundliches Lächeln sie von Zeit zu Zeit erhellt hätte. Eifriger Liebhaber der Jagd, der Ritterspiele und aller Uebungen, welche die Glieder gelenkig machen und stärken, eifersüchtig auf seine Herrschaft und voll trutzigen Stolzes, wo er seine Ehre bedroht glaubte, war er gleichwohl ein Feind der Gewalttätigkeit, ein warmer Freund der Gerechtigkeit.

Seine Gemahlin, eine stattliche Edelfrau, die in ihrer Jugend jedenfalls sehr schön gewesen war, hatte durch ihr ruhiges sanftes Wesen viel dazu beigetragen, den rauhen Sinn ihres Gatten zu mildern. Sie kannte keine Freude außer dem Bereich ihres häuslichen Lebens, empfing gern Gäste an ihrer Tafel, mit denen sie heitre Unterhaltung Pflog, und bewirthete mit besonderer Vorliebe die Minnesänger, deren Liedern, Sprüchen und Sagen sie ganze Abende hindurch freudig lauschte.

Gott hatte die Ehe des Grafen und der Gräfin Iserstein nur mit einem Kinde gesegnet, einem Sohne, Wilfried genannt, der jetzt bald das zwanzigste Lebensjahr erreichen sollte.

Daß beide Eltern auf diesen Sohn all’ ihre Liebe und Hoffnung setzten, war nicht zu verwundern; fand sich doch in Wilfried die männliche Kraft des Vaters und die sanfte Natur der Mutter vereinigt, auch waren Beider Züge in seinem Gesichte deutlich erkennbar, Beider Wesen in ihm zu Eins verschmolzen Hatte der Vater ihn in allen Leibesübungen ausgebildet und seine Jagdlust ihm übertragen, so war es von der Mutter der Sinn für stille häusliche Freuden, der Geschmack an Liedern und Dichtungen auf ihn vererbt, und zwar in so hohem Masse, daß er füglich selbst einen Minnesänger hatte abgeben, und Abends am hohen Kamine Alt und Jung durch Gesang und Erzählung hätte fesseln können.

Wilfried belohnte die Zärtlichkeit seiner Eltern durch eine grenzenlose Liebe; besonders die Mutter war ihm über Alles theuer und es würde ihn tief geschmerzt haben, etwas thun zu müssen, dass sie betrüben könnte.

Etwa um diese Zeit trat in dem Verhalten der Gräfin Iserstein gegen ihren Sohn eine Veränderung hervor, die unerklärlich schien. Früher hatte sie niemals Einwendungen erhoben, wenn Wilfried allein oder mit seinem Vater zur Jagd oder zum Turniere zog; wenn er nur des Abends ihr Gesellschaft leistete, so war sie zufrieden.

Jetzt hingegen erschrak sie und wurde traurig, so oft ihr Sohn, aus was für einem Grunde, die Burg verlassen wollte.

Um ihren Wünschen nachzugehen blieb der Jüngling einige Tage zu Hause, bis er endlich, der Unthätigkeit überdrüssig, in seine Mutter drang, und den Grund dieses Wechsels von ihr zu erfahren suchte.

»Ach mein lieber Wilfried,« antwortete sie ihm, »das Herz Deiner Mutter ist von einer geheimen Angst gequält, die ich Dir nicht genau zu bezeichnen weiß; es wohnt die Überzeugung in mir, daß eine große Gefahr Dich bedroht. Nachts springe ich auf s dem Schlafe, die entsetzlichsten Träume verfolgen mich, ich sehe nichts als Blut und Leichen, Unbekannte Stimmen rufen mir zu: »Schütze, bewahre Dein Kind, ein grauenhaftes Schicksal schwebt über seinem Haupte! . . . und diese Stimmen verfolgen mich auch bei Tage, machen mich zittern für Dich und lasten auf mir wie ein schwerer Druck. – Habe Geduld mit Deiner armen Mutter, sie befürchtet, daß auf der Jagd oder beim Waffenspiel ein blutiges Unglück Dich treffen könnte . . . vielleicht ist ihre Sorge unbegründet, aber laß sie nicht verzagen vor Angst und Noth. Wilfried, lieber, einziger Sohn, ich bitte Dich, bleib noch einige Tage in meiner Nähe.«

Obwohl der Jüngling in dieser Angst seiner Mutter nur eine vorübergehende Gemüthsstimmung sah, unterwarf er sich geduldig ihrem Verlangen.

Er bemerkte jedoch, nachdem er wiederum eine Woche bei ihr geblieben war, das; ihre Aufregung eher wuchs denn abnahm, dabei fing die Langeweile an, ihn dergestalt zu plagen, daß er endlich bat und flehte, man möchte ihm nur ein paar Stunden der Ausspannung in freier Luft vergönnen.

Die Gräfin hielt ihn zurück, so lange sie konnte und würde vielleicht noch längere Zeit sein Sehnen nach freier Bewegung erfolgreich bekämpft haben, wenn nicht eines Morgens einer der Jäger seines Vaters ganz erhitzt in die Burg gekommen wäre.

Auf, Junker Wilfried, zu Pferde, zu Pferde!« rief er, »eine wunderbare Jagd wartet Eurer! Wir haben gestern gegen Abend im Eberwald einen Hirsch aufgetrieben, so groß und mit solch mächtigem Geweih, wie seit Menschengedenken in Flandern nicht ist gesehn worden.«

Wie von einein Zauberstabe berührt sprang Wilfried jubelnd auf, er zitterte vor ungestümen Verlangen, seine Augen strahlten.

»Und das Sonderbarste an dem Thiere ist,« fuhr der Jäger fort, »es hat große weiße Flecken auf dem Rücken. Wir wissen, wo es lagert, und wollten dem Grafen, Eurem Herrn Beter die Freude des seltenen Fanges aufbewahren, doch der sagt, daß die Gicht ihn plage . . . «

Wie außer sich flog Wilfried seiner Mutter um den Hals und bat stürmisch um ihre Erlaubniß, und wie sehr es sie auch betrüben und ängstigen mochte, die Gräfin fühlte, daß sie ihn nicht länger zurückhalten dürfe.

»So geh denn Wilfried, und Gott behüte Dieb,« sagte sie mit Thränen in den Augen; »ich werde für Dich beten.«

»Schnell, schnell!« rief er, mein bestes Pferd gesattelt! Die Hörner geblasen! Die Hunde los!«

Noch einmal umarmte er dankend und tröstend seine Mutter, begab sich dann zu dem oberen Saal, um auch vom Vater Abschied zu nehmen und eilte endlich in den Schloßhof, von wo das Blasen der Hörner, das Bellen der Hunde und das Wiehern seines muthigen Rosses ihm entgegenschallte.

Er sprang in den Sattel, gab dem Pferde die Sporen und sprengte dem Thore zu, unter dem Ausruf:

»Mir nach! Dem Eberwalde zu! Vorwärts! Vorwärts!« So flog er über die Zugbrücke, durch die Wiesen dahin, gefolgt von sechs Jägern und einer Meute von Hunden, deren lautes Bellen weit über die Fläche hallte.

Wilfried war voll Leben und Glück, und gab sich ganz dem Genuß der lange entbehrten Freude hin.

Nach etwa halbstündigem raschem Traben erreichten die Jäger den Saum des Waldes; hier sah der Jüngling sich genöthigt, zwei seiner Begleiter als Führer vorausreiten zu lassen, weil ihm die Lagerstelle des Hirsches unbekannt war. Wieder eine halbe Stunde verging damit, daß man an eine freiere Stelle kam, welche nur hier und da mit Gesträuch bewachsen war.

»Halloh! Halloh!« klang es nun von allen Seiten, die Rosse fühlten die Sporen in ihren Weichen, die Jäger standen fast aufrecht in den Steigbügeln, legten den Kopf auf den Nacken ihrer Thiere und stürmten mit Windeseile von von der kläffenden Meute gefolgt, hinter dem prächtigen Hirsche drein, der nicht weit von ihnen aufgesprungen war und in weiten Sätzen über die Ebene floh.

Der junge Graf war bald Allen voraus, ein glühender Eifer schien ihn in verzehren und auch sein Pferd schien von demselben fortgerissen zu sein, es bedurfte der Sporen und des ermunternden Zurufs nicht mehr; wie ein Blitzstrahl theilte es die Luft, seine Hufe schienen den Boden kaum noch zu berühren.

Den meisten Jägern und Hunden war es allmählich unmöglich, dem Voranstürmenden zu folgen, ermattet und entmuthigt blieben sie zurück. Und als auch der Letzte endlich das tolle Jagen aufgeben mußte, da murmelte er bestürzt in sich hinein:

»Gott verzeih mir, das geht nicht mit reihten Dingen zu! Junker Wilfried muß verhext, oder vom bösen Feinde besessen sein!«

Der junge Graf aber dachte nicht an seine Diener, er hielt den flammenden Blick auf den bunten Hirsch und sein riesiges Geweih gerichtet und war einzig und allein von dem verzehrenden Verlangen erfüllt, ihn einzuholen.

Zuweilen gelang es ihm dem Flüchtling ziemlich nah zu kommen dann jubelte er, und frohlockte über den bevorstehenden Sieg; plötzlich schien aber das Thier der ihm drohenden Gefahr sich bewußt zu werden, und mit erneuter Schnelligkeit rannte er weiter.

Wäre Wilfried von seiner fieberhaften Begierde nicht ganz und gar geblendet worden, so würde ihm selbst der Gedanke gekommen sein, ob er nicht etwa unter dem Einfluß eines geheimen Zaubers stehe, denn es war als wenn der Hirsch ihn absichtlich verlockte; doch er hatte für alles Andere die Besinnung gänzlich verloren, und so ging es fort, über Berg’ und Thal, durch Bäche und Pfützen, durch Haide und Wald. Der Schweiß troff dem Unermüdlichen in Strömen von der Stirn, sein dampfendes Pferd war mit Schaumflocken bedeckt.

Lange, sehr lange dauerte das wilde Jagen; vier Stunden mochte Wilfried zurückgelegt haben, als er in eine ihm gänzlich unbekannte Gegend kam, deren Boden durch ein Erdbeben verwüstet schien und in der Alles den Stempel der Vernichtung trug.

Da gewahrte er weithin, am Ende der holperigen Fläche nach der Richtung, welche der fliehende Hirsch eingeschlagen einen hatte, eine Erhöhung, die er für felsige Hügel hielt; bald traten jedoch die Formen deutlicher hervor und er erkannte daß es die Ruinen einer alten Burg sein mußten. Hier und da ragten aus den Trümmern die geborstenen Reste zinnenbedeckter Mauern hervor, an einer Seite erhob sich selbst ein mächtiger Thurm, halb eingestürzt zwar, doch in seinen unteren Theilen noch gut erhalten. Wo vormals die Burg gestanden hatte, war alles von Geröll und Erde bedeckt, darin wildes Gewächs wurzelte; selbst in dem Mauerwerk des halbzerstörten Thurmes wuchsen verkrüppelte Bäume und wiegten ihre Kronen im Winde.

Nur einen flüchtigen Blick warf der junge Graf auf diese Ruinen, denn so nah wie jetzt war er dem Hirsch noch nie gekommen und von der Hoffnung getrieben, ihn endlich zu erreichen, spornte er sein Pferd zu unerhörter Anstrengung an. Das gequälte Thier wieherte vor Schmerz und Wuth und flog mit Blitzesschnelle weiter, daß es dem Reiter schwindelte und er den Athem fast verlor. Keine hundert Schritte trennten ihn mehr von dein Ziel seiner Wünsche, der Hirsch wankte, es ging zu Ende mit seiner Kraft, ha, jetzt mußte Wilfried ihn einholen und erlegen!

Doch, großer Gott, was war denn das! Der Hirsch hatte sich den Trümmern der Burg genähert und war plötzlich in der Erde verschwunden.

Ueberrascht und bestürzt hielt Wilfried sein Pferd an und stieg ab. Da bemerkte er denn an der Stelle, wo er das Thier aus den Augen verloren, eine Oeffnung, die sich in den Boden zu verlängern schien.

Das mußte ein unterirdischer Gang der alten Burg sein! Das Gewölbe war hier und da eingestürzt, denn in der fernen Tiefe drang das Tageslicht an mehr als eine Stelle bis auf den feuchten Boden.

Die Ueberzeugung, daß das erschöpfte Thier hier Schutz gesucht haben müsse, entfachte von Neuem die Begierde des Jünglings und rief das triumphierende Lächeln auf seine Lippen zurück.

An einem grasbewachsenen Orte band er sein Roß an einen Baum und betrat dann behutsam und voll froher Erwartung den finstern Gang; anfangs schritt er durch dessen Mitte und strauchelte wiederholt über Steinblöcke oder auf dem durchweichten glatten Lehmboden; doch dann gewahrte er, daß an der einen Seite des Ganges ein schmaler Pfad gebahnt war, in dem sich selbst die Abdrücke eines menschlichen Fußes erkennen ließen. Sollte die alte Burg noch bewohnt sein? Oder hatte ein zufälliger Besucher wie er diese Spuren hinterlassen.

Diese Erwägung hielt ihn indessen nicht lange zurück; neben den erwähnten Fußstapfen sah er den leichten Huf des Hirsches und das war genug, ihn unaufhaltsam weiter zu treiben.

Am Ende des Ganges stieß er auf eine zerfallene Steintreppe die offenbar in den übrig gebliebenen Theil des alten Thurmes führte. Ein anderer Ausgang war nicht da; er mußte also die Treppe hinaufsteigen und seine Verfolgung einstweilen einstellen.

Kaum war er indessen über die Höhe des Gewölbe hinaus, als er regungslos und seinen Augen nicht trauend im ängstlichem Staunen vor einer offen stehenden Kammer Halt machte.

Was er sah, war ihm ganz unerklärlich. An den geborstenen, halb zerstörten Wänden dieser Kammer, auf rohen Brettern oder auf dem Boden lagen und hingen hunderterlei seltsame Dinge, die er nur theilweise kannte: Bilder von Sonne, Mond und Sternen, ausgestopfte Thiere, Gerippe, alte verschlissene Bücher, Töpfe, Sanduhren und kleine Abbildungen in Wachs, Alles wirr durcheinander, zerbrochen und von schwarzem, bestaubten Spinngewebe halb verdeckt.

Mehr noch denn alle dieses fesselte ihn indessen der Anblick einer menschlichen Gestalt, die, ein großes Buch auf den Knieen, über die Seiten gebeugt saß, wie ganz in deren Inhalt versunken.

Zuerst glaubte Wilfried, die Abbildung eines Greises mit silberweißem Haar und Bart vor sich zu sehn; »hätte der Künstler,« sagte er zu sich selbst, »der Stirn und den Wangen ein wenig Fleischfarbe beigemischt, so würde man darauf schwören, daß das Bild lebe, aber unter dieser vertrockneten, farblosen Haut, die vergilbten Pergamente gleicht, kann niemals Blut geflossen haben.« Dennoch mußte der Jüngling sich gestehn, daß die Nachbildung eine täuschend ähnliche sei.

Von Neugierde getrieben wollte er sich dem vermeintlichen Bilde nähern und trat einen Schritt vor, um aber im nächsten Augenblick entsetzt zurück zu springen; er sah deutlich, wie ein Blatt des Buches umgeschlagen wurde!

Also doch ein lebendes Wesen, kein Bild!

Der Alte schien Wilfrieds Anwesenheit nicht zu bemerken; tiefer noch beugte er sich über das Buch und widmete sich mit ungetheilter Aufmerksamkeit seiner Lesung.

Nach einigen einigen Augenblicken des Zauderns und der Stille erhob Wilfried seine Stimme:

»Der Friede sei mit Euch, guter Vater,« sagte er, »ich verfolge einen Hirsch, der in diesen Ruinen . . . «

Der Greis aber sprang auf und rief, die Hände zum Himmel erhebend in lebhafter Freude.

»Dank und Preis sei Ihm, dessen heiligen Namen zu nennen ich unwerth bin! O Herr Ritter, Euer Kommen ist ein unaussprechliches Glück für mich!«

»So kennt Ihr mich?« murmelte der Jüngling erstaunt; »Ich erinnere mich nicht, Euch je im Leben gesehn zu haben«

»Auch ich, Herr, habe Euch nie zuvor gesehn, und doch kenne ich Euch besser, als Ihr selbst Euch kennt. Ihr seid Wilfried, der einzige Sohn Folkards, Grafen von Iserstein und Judith von Blumenfels seiner Gemahlin.«

In der That. Doch warum seid Ihr so erfreut über meine Anwesenheit?«

Der Alte schien zu erschrecken ob dieser Frage und schüttelte zögernd den Kopf.

»Ist es ein Geheimniß?« forschte Wilfried, mehr und mehr erstaunt.

»Ein Geheimniß?« rief der Greis, »o freilich, ein Geheimniß so schrecklich, so grauenhaft, daß mein Mund sich sträuben würde, es zu offenbaren, wenn nicht Euer Leben daran hinge.

»Ach mein armer junger Freund, ich stehe im Begriff, Euch mit Verzweiflung und Entsetzen zu erfüllen, Euer Herz zu zerreißen, Euch der Stunde Eurer Geburt fluchen zu machen . . . und doch muß ich reden, wenngleich dass Mitleid mit Eurem gräßlichen Geschick mir blutige Thränen auspresst.«

Mit diesen Worten sank der Alte auf seinen Stuhl zurück und begann still zu weinen.

Wilfried wußte nicht, was er denken, was er glauben sollte.

War dieser Mann wahnsinnig? oder hatte sie einen Grund, die düstere Prophezeiung, die er so eben ausgesprochen? Er kannte also seinen Vater und seine Mutter? Und ein schreckliches Schicksal drohte ihm und ihnen! was konnte es sein?«

Inzwischen betrachtete er voll innerer Erregung, den weinenden Greis bis dieser endlich gewaltsam seine Thränen zurückdrängte, und auf eine hölzerne Bank weisend, folgendermaßen begann:

»Nehmt Platz, Herr Ritter; was ich Euch mitzutheilen habe, ist so furchtbar und unwahrscheinlich zugleich, daß ich zittre bei dem Gedanken, Ihr möchtet meinen Worten mißtrauen . . . und dennoch sollt und müßt Ihr mir glauben, wollt, wollt Ihr nicht Euren Vater und Eure Mutter des schrecklichen Todes sterben sehn, und, wahnsinnig vor Scham Verzweiflung, Euer eigenes Herz durchbohren . . . Nur eine Hoffnung bleibt mir: die, daß der oberste Lenker des Schicksals das Gebet Eurer Mutter erhören werde . . . Seht, dort knieet sie in der Kapelle zu Iserstein und erhebt flehend die Hände zum Himmel.«

Der junge Gras folgte mit den Augen der Richtung, nach welcher der Finger des Greises deutete, doch sein Blick wurde gehemmt durch die graue alte Mauer der Thurmstube.

»Ich verstehe, was Ihr sagen wollt,« murmelte er, »Ihr seht im Geiste meine Mutter.«

»Nein, Herr, nicht im Geist, in der Wirklichkeit.«

,Weiß denn meine Mutter, welche Gefahr mir droht?« fragte Wilfried wieder, vom höchsten Staunen durchdrungen.

»Sie weis; es nicht; eine Ahnung, ein unbestimmtes Gefühl, das ich in ihr weckte, um mir den Beistand ihres mächtigen Gebetes zu Eurer Rettung zu sichern, trieb sie in die Kapelle. Waren nicht heut Morgen beim Abschied ihre letzten Worte: »Ich werde für Dich beten?«

»Ihr vernehmt hier, was auf der Burg zu Iserstein gesprochen wird?« rief der junge Graf wer seid Ihr denn?«

»Euer Vater hat Euch heute meinen Namen genannt,« versetzte der Alte, sagte er nicht, als Ihr ihn verließt, sich nachdenklich vor die Stirn schlagend: Der bunte Hirsch! »Das ist das Thier des Zauberers Nyctos! Bleib zu Haus, Wilfried, Niemand holt es ein! Ihr seid dem Rathe Eures Vaters nicht gefolgt, im Gegentheil, die Worte waren Euch ein Sporn, der Euch zu blindem Eifer antrieb und hierher führte, um aus meinem Munde die verhängnisvolle Offenbarung zu vernehmen.«

»Ihr seid Nyctos?« seufzte Wilfried, »und Ihr nehmt Antheil an meinem Geschick? Warum? Welche Gemeinschaft sollte Zwischen uns bestehn?«

»Auch ich möchte Euch retten, Euch und Eure Eltern, die Ihr die schuldlosen Opfer eines fluchwürdigen Zaubers seid; außerdem aber hängt von Eurem Verhalten die ewige Seeligkeit oder Verdammniß einer Seele ab, die mir theuer ist wie die Seele meiner Mutter . . . Heute bin ich noch Nyctos, der Zauberer, morgen, falls Ihr meiner Weisung gehorcht habt, breche ich mit den geheimen Wissenschaften und meinem strafbaren Leben . . . und wenn ich auch den Rest meiner Tage unter schrecklichen Qualen hinbringen muß, ich werde die Buße willig tragen, um Dem nahen zu können, Dessen Namen mein Mund nicht auszusprechen wagt.«

»Wohlan denn, so last hören,« sagte der Jüngling von peinlicher Ungeduld erfüllt, »erklärt mir deutlich, was ich zu fürchten habe.«

»Und werdet Ihr mir glauben, Herr Ritter?«

»Ich bin dazu nicht abgeneigt, wißt Ihr doch die verborgensten Dinge . . . «

»O, ich beschwöre Euch, bannt jeden Zweifel, sonst sonst verfallt Ihr sammt Euren Eltern dem grauenhaftesten Tode.«

»So sprecht, ich glaube Euch.«

Der Alte schwieg eine Weile, als sammle er seine Gedanken und begann dann wie folgt:

»Etwa vier Stunden von hier, der Küste zu, liegt eine stolze Burg, die vor etwa dreißig Jahren vom Ritter Ingelram von Blumenfeld, bewohnt war. Dieser tapfere Herr hatte eine Tochter, schön wie der Tag, sanft wie eine Taube, und vom allmächtigen Schöpfer mit allen Gaben des Leibes und der Seele reichlich geziert.

»Judith von Blumenfeld ist jetzt Eure Mutter, Herr; damals aber war sie noch unverheiratet und alle jungen Ritter der Umgegend huldigten ihr um die Wette. Einer der eifrigsten Bewerber um ihre Hand war ein gewisser Evermar Wolfsstolz, ein Mann von kleinem Wuchs, schwachem Muth und falschem, hinterlistigem Wesen, in dessen Herzen die Leidenschaft wie ein verzehrendes Feuer brannte. Die schöne Judith, die ihn nicht liebte, wies seine Huldigungen zurück und wählte den kühnen Folkard von Iserstein Euren Vater, zu ihrem Gemahl.

»Wahnsinnig, rasend vor Eifersucht und Wuth beschloß Evermar sich blutig und furchtbar zu rächen.

»Was Da er indessen zu schwach war, um Folkard im offenem Kampfe entgegen in treten, zu feige selbst, um persönlich etwas wider ihn zu unternehmen, so mußte er seinen Rachedurst lange in sich verschließen. Endlich ging er zu einem meiner Freunde, einem Sterndeuter, in der Hoffnung daß dieser ihm die Mittel an die Hand geben würde.

Der Astrolog hatte sich bis dahin nur damit beschäftigt, in den Gestirnen zu lesen und den Stein der Weisen zu suchen; durch Evermars glänzende Versprechungen gereizt ließ er sich endlich verleiten, zur schwarzen Kunst seine Zuflucht zu nehmen. Eine gewöhnliche wenn auch blutige Rache befriedigte das erbitterte Gemüth des Ritters nicht, es war ihm nicht genug, daß Folkard von Iserstein und seine Gattin, ja selbst das Kind, das ihnen geboren werden sollte, dem Tode geweiht würden, der Tod mußte von etwas Grauenhaftem, Entsetzlichem begleitet sein.

»Welche Erwägungen, welche Einflüsterungen des höllischen Geistes endlich für sie maßgebend wurden brauche ich hier nicht zu erörtern; genug sie beschlossen auf Euch, Graf Wilfried, noch bevor Ihr geboren wart, einen furchtbaren Fluch zu wälzen, kraft dessen Ihr verurtheilt sein solltet, Euren Vater und Eure Mutter mit eigener Hand zu ermorden, so bald Euer Arm Kraft genug haben würde, dass Schwert zu führen.«

»Großer Gott, was muß ich hören!« rief der junge Ritter blaß und zitternd, »sie haben ihren schrecklichen Beschluß doch nicht ausgeführt?«

»Sie haben ihn ausgeführt,« erwiderte der Greis mit einem tiefen Seufzer; »seit vielen Jahren suche ich nun nach einem Mittel, ihre abscheuliche Beschwörung aufzuheben und unschädlich zu machen, doch ach, es ist mir nicht gelungen.«

»Ha, so will auch ich mich rächen,« stieß Wilfried hervor, krampfhaft die Faust ballend, »dieser falsche, feige Evermar, wo lebt er?«

»Der höchste Richter hat ihn bereits gestraft,« war die Antwort, er ist auf der Jagt von seinen Hunden zerrissen worden, und die Geier haben ihm das Fleisch stückweise von den Knochen gelöst.«

»Und der elende Zauberer? Meine Degenspitze auf seinem Herzen soll ihn zwingen, den Fluch von meinem Haupte zu nehmen.«

»Er würde es nicht vermögen.«

»Nicht vermögen? Nun, so fühle ich wenigstens meine Rache in seinem verhaßten Blut.«

»Er . . . er ist gleichfalls todt,« brachte der Zauberer zögernd hervor.

Wie vernichtet ließ Wilfried den Kopf auf die Brust sinken.

»Alle Hoffnung ist noch nicht verloren, Herr Ritter,« sagte der Greis, »was ich thue, was eben jetzt geschieht, ist nur ein Versuch, Euch zu retten. Laßt mich ausreden und hört mir aufmerksam zu, es ist nothwendig, damit Ihr verstehen lernt was Ihr thun müßt, um Eurem Schicksal zu entgehen.«

»Der Zauberer hatte nur Gewalt über Euch wahrend der kurzen Zeit, die verlaufen würde vom Augenblicke Eurer Geburt, bis das Wasser der Taufe Euren Scheitel netzte. In einer finstern, stürmischen Nacht suchte Evermar in fieberhafter Eile seinen Bundesgenossen auf um ihm mitzutheilen, daß Ihr geboren wart, doch fand er ihn nicht zu Haus und es vergingen mindestens fünf Stunden, bevor sie ihr unheimliches Werk beginnen konnten. Jede Viertelstunde dieser Zwischenzeit rettete Euch ein Jahr, die ersten zwanzig Jahre Eures Lebens waren mithin der Rache Evermars entzogen, von da ab aber sollte der Fluch bis zum Ende Eurer Tage auf Euch haften, so dachten wenigstens Eure Feinde, sie glaubten ausreichende Zeit für ihrer Beschwörung in haben, da sie wußten, daß man Euch erst am folgenden Tage mit großer Feierlichkeit zur Taufe tragen wollte.

»Darin sollten sie sich jedoch verrechnet haben. Wenige Stunden nach Eurer Geburt befielen Euch schreckliche Krämpfe und ans Furcht, daß Ihr sterben würdet, gab man Euch die Nothtaufe, gerade fünf Viertelstunden nachdem der Zauberer seine Formeln herzusagen begonnen. Da nun hinwieder jede dieser Viertelstunden gleichfalls eins Eurer Lebensjahre bedeutet, so folgt daraus, daß der Fluch nur Fünf von Jahre auf Euch lasten wird. Heute feiert man den St. Corneliustag; um Mitternacht etwa werdet Ihr zwanzig Jahr, und seid Eurem furchtbaren Schicksal unterworfen, bis Euer sechsundzwanzigstes Jahr anbricht. Könnt Ihr bis dahin Euren Eltern fern bleiben, dann, aber auch nur dann dürfen wir hoffen, daß ihr theures Blut Eure Hand nicht beflecken wird.«

»Meine »Mutter, meinen Vater soll ich während fünf langer Jahre nicht sehn?« murmelte Wilfried.

»Merkt wohl auf und prägt meine Worte Eurem Herzen ein als wären sie mit glühendem Eisen hineingeschrieben,« sagte der Greis. »Wenn Ihr vor dem vollen Ablauf der verhängnißvollen fünf Jahre Euch Eurer Mutter oder Eurem Vater naht, so wird augenblicklich ein Wuthanfall Euch fortreißen und ohne zu wissen was Ihr thut, werdet Ihr ihnen den Schädel spalten oder das Herz durchbohren. Ihr müßt fliehen, weit in fernes Land, damit niemals die Gefahr, Euren Eltern zu begegnen, Euch bedrohe.«

»Ach, welch bitt’res Loos,« seufzte Wilfried, »wenn es denn nicht anders sein kann, will ich meiner Mutter zu Liebe mich unterwerfen . . . aber werden meine armen Eltern nicht vor Kummer sterben, wenn sie mich vergebens erwarten, und glauben müssen, daß ich auf der Jagd verunglückt sei?«

»Sie werden weniger darunter leiden, als Ihr, Herr.«

»Da seid Ihr im Irrthum! Ihr kennt das zärtliche liebevolle Herz meiner Mutter nicht! . . . Doch will ich einen Boten zu ihr senden, und sie bitten lassen, meinetwegen ohne Sorge zu sein.«

»Bei Leibe nicht!« rief der Greis, »Ihr würdet dadurch sie und Euch selbst dem sichern Tode weihen.«

»Seid überzeugt, daß sie in allen Ländern nach Euch forschen, das sie mit allen nur erdenklichen Mitteln versuchen würden, Euren Aufenthalt zu entdecken, – um dann, sobald sie Euch gefunden, von Eurer Hand zu sterben. Denn vergesst nicht, daß die Kraft des Fluches in ihnen wie in Euch gleichmäßig wirkt und bestrebt ist, Euch zu einander zu treiben.«

»Ach ich Unglücklicher, was soll ich thun?« klagte der erschütterte Jüngling.

»Was ich Euch gesagt habe: fortziehn, fliehen, unerkannt und verborgen, in fremdes Land, weit über Gebirge und Ströme, ohne zu suchen, von Euren Eltern Etwas zu erfahren oder ihnen Nachricht von Euch zu senden. Eure Erlösung ist überhaupt noch sehr zweifelhaft, jedenfalls liegt aber die einzige Möglichkeit derselben in der genauen Befolgung meines Rates.«

Gebeugt von der Last seines Unglücks stieß Wilfried einen schmerzlichen Seufzer aus und senkte traurig den Blick zur Erde.

»Faßt Muth, Herr Ritter,« sagte der Greis, beinah eben so bewegt wie er, wenn Ihr unterwürfig und zugleich mit männlichem Willen den Kampf gegen das Verhängniß aufnehmt, so ist noch Hoffnung, daß Ihr unversehrt Euren sechs und zwanzigsten Geburtstag erreicht. Doch merkt wohl was ich sage: je näher die Zeit Eurer Befreiung heranrückt, um so drohender wird für Euch die Gefahr und der letzte Monat – wenn Ihr so lange Eurem Geschick entgeht, ja der letzte denn Tag und die letzte Stunde sind am meisten für Euch zu fürchten. Verschmäht Ihr meine Weisung, werdet Ihr nur einen Augenblick wankend in Eurem Entschluß, dann seid Ihr Verloren, Ihr ermordet in falscher Liebe Eure Eltern, Eure gute Mutter, die mit so inniger Zärtlichkeit an Euch hängt.«

»Ich will thun, wie Ihr sagt, ich will fliehn,« seufzte der junge Graf, »doch laßt mich noch einen Augenblick mich hier erholen; der Schlag ist so furchtbar, daß mir ist, als wollte mir das Herz brechen.«

»Habt Dank, Herr,« sagte der Zauberer, »ja, ich wußte es wohl, daß ich nicht umsonst auf Euren Starkmuth gerechnet hatte. Ich meinerseits will nun auch in die weite Ferne ziehn, will nach Rom, nach Jerusalem wallfahrten und dort am heiligen Grabe mit Thränen beten, für Euch und für die arme Seele dessen, der durch seine gottlose Kunst der Urheber Eures Unglücks wurde.

Der Greis schwieg eine Weile; dann rief er plötzlich:

»Graf Wilfried, sputet Euch, Ihr müßt fort! Da sehe ich, etwa eine halbe Stunde von hier, in der Ebene eine Staubwolke aufsteigen. Dass sind Eure Diener, die Hunde haben Eure Spur gefunden! Sie kommen in vollem Trabe hierher . . . Auf! auf! Schnell zu Pferde und fort ohne umschauen! Niemand, der Euch kennt, darf Euch begegnen.«

Wankend erhob sich der junge Ritter von seinem Sitze und ging langsam der Wendeltreppe zu, während seine Lippen ein trauriges Lebewohl stammelten.

Der Greis folgte und rief ihm ernst und drohend ins Ohr.

»Wilfried von Iserstein, willst Du Deine Mutter mit eigener Hand ermorden? Gibt denn Liebe zu ihr Dir nicht den Muth, das auszuführen, was sie allein vor dem gräßlichen Schicksal bewahren kann? So verharre denn in Deiner Feigheit, Deiner Unentschlossenheit und trage selbst die Folgen!«

Diese Worte waren ein Sporn für die Zweifelnde Seele des Jünglings. Wie von bösen Geistern verfolgt lief er die Treppe hinab, durch den gewölbten Gang ins Freie. Dort ergriff er hastig den Zügel seines Pferdes, schwang sich in den Sattel und flog wie ein Pfeil durch die Haide dahin über Hügel und Thal, durch Buschwerk und Gestrüpp dem dunklen Walde zu, der den Horizont wie ein schwarzes Gebirge umsäumte.




II


Allmählich nahm das Pferd Wilfried›s einen langsameren Gang an, ohne daß der junge Ritter es zu bemerken schien. Er war ganz in Gedanken versunken, Finsterniß umlagerte seinen Geist. Verflucht seit seiner Geburt? Seine Eltern mit eignen Händen ermorden, der Mutter theures Blut vergießen? Aber das war ja Alles ganz unmöglich! Aengstigte ihn nicht etwa ein wüstes Traumbild? Oder trieb vielleicht der Zauberer ein schnödes Spiel mit ihm? Stand er nicht etwa im Begriff, sein Vaterland, von einer leeren Vorspiegelung befangen, zu fliehn und die Seinen glauben zu machen, daß er von wilden Thieren zerrissen sei?

Wie würde seine arme Mutter diesen Schlag ertragen? Ach, wenn er sie nur einmal noch hatte in die Arme schließen,an ihrem Herzen sich Kraft und Muth holen dürfen! Aber von ihr fortgehn ohne ihr Lebewohl zu sagen, und dazu fürchten müssen, daß sie ihrem Leid erliegen würde? Was hatte er verbrochen, um ein so grausames Schicksal zu verdienen?

Während er also sann und sich hin und wieder eine Thräne aus dem Auge trocknete, hatte sein Roß schon zweimal einen Seitenweg eingeschlagen und folgte nun einer Richtung, die es unfehlbar nach Iserstein bringen mußte.

Wilfried hatte davon keine Ahnung; in seinen Ohren klangen die Wehklagen der Mutter, er glaubte den Vater verzweiflungsvoll die Hände ringen zu sehn, seinen Namen wie einen Nothschrei durch Wald und Feld schallen zu hören.

Doch jetzt rief fernes Hundegebell und der Ton eines Jagdhorns ihn in die traurige Wirklichkeit zurück und er sah g: gerade vor dem Kopf seines Pferdes die Sonne zum Untergang sich neigen. Er ritt also nach Westen, der Burg seines Vaters zu?«

Wie von einem hellen Lichtstrahl erleuchtet wurde es ihm nun plötzlich klar: »Das war die geheimnißvolle Wirkung des Fluches, der ihn und das Thier der Heimath entgegenführte! . . . Aber Gott in seiner Barmherzigkeit hatte ihn nicht verlassen. Noch war es Zeit, umzukehren aber er durfte keinen Augenblick verlieren, denn die Jäger, deren Hörner er erschallen hörte, konnten die Diener seines Vaters sein! Schnell warf er sein Pferd herum und trieb es an in wildem Lauf gen Osten.

Bald erreichte er den finstern Wald, dessen wir am Ende des vorigen Kapitels erwähnten; er vermied jeden gebahnten Weg und setzte quer durch das Holz, in der Hoffnung auf diese Weise mit größerer Sicherheit einem Begegnen mit seinen Dienern auszuweichen.

Der Abend war inzwischen hereingebrochen; unter dem und hohen Gewölbe der Epheu-umrankten Bäume war es bereits so dunkel, daß, Wilfried absteigen und sein Roß am Zügel führen, ja endlich ganz einhalten mußte um zu überlegen, wie er die Nacht in dieser Wildniß hinbringen solle.

Die wenigen Augenblicke der Dämmerung, welche ihm noch blieben, benutzte er um einen etwas freieren Platz zu suchen, wo einiges Gras für sein ermattetes Pferd zu finden war.

Da vernahm er – anfangs in der Ferne, dann immer näher, zuerst dumpf, dann deutlicher, dass Geheul von Wölfen, dem das brummen von Bären sich beimischte. Sollte er sein Leben gegen wilde Bestien in vertheidigen haben? Ein Hirschfänger war seine einzige Waffe . . . Was ihn selbst betraf, so konnte er einen Baum erklettern und dort in Sicherheit den Tag erwarten, aber sein Pferd? Ohne Zweifel würde das arme Thier getödtet und zerrissen werden, wenn er es sich selbst überließ.

Glücklicherweise trug Wilfried, wie jeder gute Jäger, Stahl, Feuerstein und Zunder bei sich und wußte, daß ein helles Ferner in dunkler Nacht das räuberische Gethier abschreckt und und in angemessener Entfernung hält.

Er raffte trockne Blätter und Reisig zusammen und bemühte sich lange vergebens, sie anzuzünden. Das Heulen der Wölfe kam inzwischen immer näher, doch halt, da flammte sein Feuer auf! und damit war, wie er glaubte, die nächste Gefahr beseitigt, da die wilden Thiere dreist und verwegen werden, je nachdem die Dunkelheit der Nacht sich steigert; er hatte jetzt doch ausreichende Zeit seine Vorsichtsmaßregeln zu treffen.

Sogleich begann er, vermittelst seines Hirschfängers dürre Zweige abzuschlagen und eine große Menge Holz und Reiser zu sammeln; in einiger Entfernung von dein ersten Feuer errichtete er davon drei Haufen, die er gleichfalls in Brand setzte. So befand er sich samt seinem Pferde inmitten einer Befestigung, deren flammende Brustwehr alles räuberische Gethier abwehren mußte.

Als er diese beschwerliche Arbeit vollendet hatte, war die Nacht bereits weit vorgeschritten Wilfried setzte sich an das mittlere Feuer, den Hirschfänger quer über die Kniee gelegt und bereit, sich gegen jedweden Angriff zu vertheidigen. Da er aber nach Verlauf einer geraumen Zeit die Überzeugung gewann, daß er einstweilen nichts zu befürchten hatte, vergaß er die wilden Thiere und versank wieder in tiefes Nachdenken über sein trauriges Loos und über die Zukunft welcher er entgegenging.

Was sollte er beginnen? In fremden Landen sollte er umherirren, fünf lange Jahre hindurch, ohne von seinen Eltern ein Lebenszeichen in erhalten, ihrer Hilfe, ihres Beistandes gänzlich beraubt. Wie und wovon sollte er leben? In seiner Eile beim Aufbruch zur Jagd hatte er vergessen, Geld einzustecken. Betteln konnte er doch nicht, und in die Dienste eines Ritters treten eben so wenig, denn dann war er nicht sein eigener Herr und er mußte ja beständig reisen und oft seinen Wohnort wechseln, damit er unerkannt blieb und sein Geheimniß nicht verrathen würde.

Endlich nach dem er lange hin und her überlegt, trat ein trübes Lächeln auf seine Lippen.

Minnesänger und Dichter werden überall in Burgen und Schlössern gern und freudig empfangen,« murmelte er vor sich hin, »Ritter und Edelfrauen schätzen es sich zur Ehre, Schützer der schönen Künste zu sein und beschenken nicht selten mit reicher Gabe den Künstler, der ihnen das Herz gerührt und erfreut hat . . . Man rühmte bisher von mir, daß ich ein guter Sänger sei, ich weiß viel schöne Sprüche und bin in der Dichtkunst nicht unerfahren. Das ist eine Eingebung des Himmels! Ich will Minnesänger werden, Ritter und Edelfrauen durch Gesang und Saitenspiel erfreuen und mich so wenigstens vor Noth geschützt in der Welt umhertreiben.«

Beinah die ganze Nacht brachte er damit hin, über sein Verhalten während der nächsten Zeit zu grübeln und wiederholt noch füllten sich seine Augen mit Tränen, wenn er des Kummers seiner Eltern gedachte.

Endlich drang der erste Schein der Morgendämmerung in den Wald, die Raubthiere stellten ihr Heulen ein und verkrochen sich in ihre Schlupfwinkel. Jetzt erst wagte Wilfried die Augen zu schließen, von geistiger und körperlicher Ermattung überwältigt sank er in einen tiefen, doch unruhigen Schlaf, der von ängstlichen Träumen durchwoben war.

Als er am Morgen erwachte betrachtete er schaudernd seine Hände um zu sehn, oh sie wirklich mit Blut befleckt seien; es hatte ihn geträumt, daß er in einem Anfall wahnsinniger Raserei seinem Vater den Schädel gespaltet und seinen Leichnam durch das Fenster in den Schloßgraben geworfen hätte.

Lange versuchte er vergebens, das schreckliche Traumbild aus seinem Geiste zu bannen; endlich kehrte dass volle Bewußtsein der Wirklichkeit zurück; er schob seinem Pferde den Zaum in den Mund und führte es in nordöstlicher Richtung durch den Wald.

Es war ihm bang und schwer ums Herz, er seufzte oft und warf einen flehenden Blick zum Himmel, als wollte er ihm die Noth seiner gequälten Seele klagen.

Nachdem er mehr als eine Stunde sich durch die Wildnis; mühsam weiter bewegt hatte, gewahrte er einen gebahnten Weg; er sprang in den Sattel, drückte dem Pferde die Sporen in die Weichen und trieb zugleich durch ermunternde Worte an, seinen Lauf so viel als möglich zu beschleunigen.

Die Sonne neigte sieh bereite abwärts auf ihrer Himmelsbahn, als er aus dem Walde kam und eine unermeßliche Ebene längs der Ufer eines klaren Stromes sich ausdehnen sah. In der Ferne bemerkte er einen viereckigen Thurm, der sich aus einer großen Häusermenge erhob.

Dort mußte eine große Stadt sein, in der er finden konnte, was ihm für seinen Beruf als Minnesänger nothwendig war.

Der Erste, der ihm begegnete, antwortete auf des jungen Ritters Frage nach dem Namen der Stadt, daß sie Harlebeca heiße und daß der Leye-Strom an ihr vorüberfließe.

Nicht ohne Furcht, und mit großer Vorsicht näherte sich Wilfried dieser Residenz der mächtigen Grafen von Flandern. Konnte er nicht, falls der Fürst jetzt dort Hof hielt, Edelleute treffen, die ihn zu Iserstein oder auf Turnieren gesehn? That er nicht bester, zu warten bis der Abendschein ihn weniger kenntlich gemacht, ehe er die Thore der Stadt durchschritt?

Unter dem Einfluß dieses Gedankens trat er in eine am Wege liegende Herberge; er ließ sich eine karge Mahlzeit und einen Becher Wein bringen und sprach dann dem Wirth seine Absicht aus, sein Pferd zu verkaufen.

Der Mann, dessen Bewunderung das edle Thier trotz seines erschöpften Zustandes schon erregt hatte, bot eine geringe Summe dafür, die Wilfried nichtsdestoweniger bereitwillig annahm.

Abends ging er dann in die Stadt und veräußerte bei einem lombardischen Schacherjuden seinen Hirschfänger, seine goldenen Sporen, sein Panzerhemd und was er sonst noch von ritterlichen Abzeichen an sich trug, und kaufte statt dessen nicht allein die bescheidene Kleidung die dem Minnesänger gebührte, sondern auch eine Leier oder bogenförmige Harfe, um seine Lieder mit Saitenspiel begleiten zu können.

Dann kehrte er wieder in seine Herberge zurück und genoß eines minder unruhigen Schlafes, bis er durch das Krähen der Hähne, das Bellen der Hunde und das Geräusch an die Arbeit gehender Leute geweckt wurde.

Noch einmal ging er in den Stall, streichelte sein treues Pferd zum Abschied und machte sich dann mit schwerem beklommenen Herzen auf den Weg.

In die Stadt ging er nicht wieder, sondern liest sich in einem Kahn über den Fluß setzen und begann am jenseitigen Ufer mit einem tiefen Seufzer und einem flehenden Blick zum Himmel seine Reise durch die Welt als Minnesänger.

Fand er nun Einlaß in eine Burg und Gelegenheit, mit seiner kräftigen und Zugleich lieblichen Stimme seine Lieder zu singen, so behielt man ihn oft wochenlang dort und behandelte ihn mit Freigebigkeit und Güte.

Aber nicht immer wurde ihm durch Ritter und Edelfrauen ein gastlicher Empfang; oft wies man ihn barsch zurück, sei es, weil die Herrschaft abwesend, sei es daß man zu Lust und Fröhlichkeit nicht aufgelegt war. Dies kränkte ihn so sehr, dass er, so lange sein kleiner Geldvorrath reichte, am liebsten des Nachts in einer Dorfherberge ein Unterkommen suchte.

Nur zu bald kam aber der Augenblick, wo er sein letztes Kupferstücken verschwinden sah. Wie sehr er sich auch gedemüthigt fühlte mußte er von nun ab um des täglichen Brodes willen von Burg zu Burg sich anbieten, gleichviel ob man ihn freundlich aufnahm und ehrte, oder ob man ihm zerstreut zuhörte und mit leeren Händen die Thür wies, wenn das man ihn überhaupt eingelassen hatte; er mußte mit Allem vorlieb nehmen.

Diese tiefe Erniedrigung, dazu die beständige Furcht, daß der Fluch dennoch sich erfüllen könnte und der Gedanke an seine Eltern und ihren Schmerz, Alles das beugte ihn nieder und raubte ihm jeden Muth.

Viele Monate war er bereits so umhergeirrt, ohne anderen Zweck als sich möglichst weit von der Heimath zu entfernen, wenig bewohnte Gegenden zu durchziehn und unerkannt zu bleiben.

Einst, nachdem er eine Zeitlang nur schlechte Tage gehabt und auf den Burgen kaum genug erhalten hatte, seinen Hunger zu stillen, begab er sich in eine kleine Stadt, in der Hoffnung, dort glücklicher zu sein.

In der That feierte matt hier eben die Hochzeit des Markgrafen von Arlen mit dem Edelfräulein von Wilz und verhieß eine reiche Gabe jedem Sänger, der Beweise besonderer Begabung und Kunst ablegen würde.

Furchtsam und zögernd bot Wilfried seine Dienste an, und als an ihn die Reihe kam sang er solch herrliches Lied zu Ehren der schönen Braut, daß Alles ihm zujubelte und ihn mit Dank und Beifall überschüttete.

In diesem Augenblick aber erhob sich am anderen Ende des Festsaales ein alter Ritter von seinem Sitz an der Tafel und betrachtete den gefeierten Minnesänger mit scharfen Blick.

Wie bestürzt war Wilfried, als er in diesem Ritter den Herrn von Hochstätten, einen Freund seines Vaters erkannte! Er erbleichte und zitterte, denn der Ritter trat auf ihn zu und sagte im Tone ernsten Vorwurfs:

»Unglücklicher, was thust Du hier? Glaubst Du, ich kenne Dich nicht? Du bist Wilfried von Iserstein!«

»Ich Wilfried von Iserstein?« stammelte der Jüngling, den Kopf schüttelnd.

»Wie, hat denn Dein Herz sich in Stein verwandelt, undankbarer, gefühlloser Sohn?« fuhr der Ritter fort, »da stehst Du und singst auf einer fröhlichen Hochzeit und ergötzest Dich an dem erworbenen Lob, während Deinen armen Eltern das Herz brechen will vor Leid um Deinen Verlust!«

Thränen traten in des Minnesängers Augen; da er indessen bemerkte daß Alle zu ihm hinsahen, bezwang er gewaltsam seine Rührung und versetzte leise:

»»Ja, Herr von Hochstätten, ich bin Wilfried von Iserstein. Was Ihr mich thun seht, ist die Erfüllung eines Gelübdes; wenn ich es breche muß ich sterben. Diesen Abend nach der Hochzeit, will ich Euch das traurige Geheimniß erklären, ich schlafe im Schlosse. Stören wir jetzt das Fest nicht; sagt, daß Ihr Euch geirrt habt, Ihr sollt Altes wissen.«

Der alte Ritter kehrte schweigend und sorgenvoll auf seinen Platz zurück. Auf Befragen gab er zur Antwort, daß er geglaubt habe, den Minnesänger zu kennen, aber durch eine entfernte Ähnlichkeit getäuscht worden sei.

Von diesem Augenblicke an brannte der Boden unter Wilfrieds Füssen.

Was hätte er nicht darum gegeben, hundert Meilen weit weg von der Burg zu sein! Doch er sah deutlich, daß der Herr von Hochstätten den Blick fest auf ihn gerichtet hielt, er mußte also seine Ungeduld verbergen, wenn er nicht seine Absicht verrathen wollte.

Noch einige andere Minnesänger trugen ihre Lieder und Sprüche vor bis endlich der Schloßherr den Befehl gab, Alle in ein Gemach neben der Küche zu führen und dort mit einem guten Mahl und alten Weinen zu bewirthen.

Wilfried folgte seinen Gefährten, ohne Eile an den Tag zu legen, er war selbst der Letzte der mit stillem Gruß den Saal verließ.

Im Speisezimmer beobachtete er scheinbar mit Eifer das Decken des Tisches, verlor aber die Thür nicht aus den Augen, weil er befürchtete, daß der Herr von Hochstätten, von Mißtrauen getrieben, ihm folgen könne.

Das Mahl wurde aufgetragen; wie hungrig Wilfried aber auch vorher gewesen war, er konnte keinen Bissen herunterbringen, der plötzliche Schrecken hatte ihn in einen fieberhaften Zustand versetzt. Würde der Herr von Hochstätten, nach Flandern zurückgekehrt, nicht verrathen, daß er ihm hier begegnet sei? Und hatte Nyctos, der Zauberei nicht gesagt, daß der Fluch sich erfüllen müsse, wenn seine Eltern etwas von ihm erführen?

Wiewohl er sich unfähig fühlte, einen Entschluß zu fassen, sagte Wilfried laut, daß er ein wenig unpässlich sei und das Bedürfnis; empfinde, in frischer Luft sich zu erholen.

Damit verließ er das Speisezimmer und schritt eine Weile scheinbar gleichgültig im Hofe hin und her, sich allmählich dem offenstehenden Thore nähernd. Im Umsehen befand er sich dann jenseits der Brücke und in Freiheit, denn nur wenig Schritte entfernt, lag der Saum eines Thiergartens mit hohen Bäumen und schattigem Gebüsch.

Dahin lenkte er eilig seine Schritte und war bald unter dem dichten Laubdache verschwunden. Ohne Zweifel würde man ihn verfolgen, so bald man seine Flucht entdeckte, denn der Herr von Hochstätten würde dann gewiss Allen seinen Namen kund machen; und ergriff man ihn, brachte man ihn gewaltsam nach Flandern, dann, o Grausen, dann mußte er zum Mörder werden an den eignen Eltern!

Von dieser entsetzlichen Vorstellung getrieben, floh Wilfried in blinder Hast Vorwärts, keuchend und mit Schweiß bedeckt durch Dickicht und Gestrüpp, bis er endlich gegen Abend eine Höhle erreichte, in die er Einkehr nahm und wo er erschöpft zusammenbrach.

Als er, nach ein paar Stunden Ruhe, wieder heraustrat, sah er, daß der Vollmond Wald und Feld mit hellem Lichte übergoß. Er begann nun seine wilde Flucht auf’s Neue, ohne zu wissen wo er war und wohin sein Lauf ihn führen würde, ihm genügte die Hoffnung, daß er sich immer weiter von dem verhängnisvollen Schlosse entfernte und daß man seine Spur nicht entdecken würde; war er doch nie einem gebahnten Wege gefolgt und weder einer Burg noch Hütte ansichtig geworden.

Er befand sich nun in einer unfruchtbaren Ebene, welche aber von verschiedenen Bächen durchschnitten, aber gänzlich unbebaut und für den Aufenthalt von Menschen ungeeignet war.

Auf seinem nächtlichen Gange im hellen Mondenschein bemerkte er wiederholt, daß die glühenden Augen eines Wolfes ihm im einiger Entfernung folgten, doch kümmerte ihn das wenig, denn er wußte, daß vereinzelte Wölfe, besonders zur Sommerzeit, furchtsam und feige sind und und durch jedes fremdartige Geräusch leicht vertreiben lassen.

Er hätte den Saiten seiner Leier nur ein paar Töne zu entlocken brauchen, um den raubgierigen Reisegefährten in die Flucht zu treiben.

Als es Morgen war, stieß er auf einige Falkenjäger, denen er ein Lied sang, wofür er Brod und die Hälfte einer gebratenen Holztaube erhielt. Er schlief noch einige Stunden in der warmen Sonne und setzte dann seinen Weg durch die öde Landschaft fort.

Gegen Abend gewahrte er, an einem über Felsblocke dahinströmenden Bach, eine kleine Hütte, deren rauchender Schornstein die Anwesenheit von Menschen verrieth.

Mit Anstrengung seiner letzten Kräfte suchte er sie zu erreichen und sah vor der Hütte einen alten Mann und eine alte Frau, die beschäftigt waren, einen kleinen Gemüsegarten zu bearbeiten, den sie mühsam dem felsigen Boden abgerungen hatten.

»Gott zum Gruß,« redete er sie an, »ich bin ein unglücklicher Wanderer, ein armer Minnesänger, der sich in der Wildniß verirrt hat. Habt Erbarmen mit mir, ich sterbe sonst vor Ermattung und Hunger, ach laßt mich bei Euch ausruhen und gebt mir Nahrung; den einzigen Gegenstand von Werth, den ich besitze, lasse ich aus Dankbarkeit Euch zurück.

Bei diesen Worten holte er aus seiner Tasche ein Messer mit silberbeschlagenem, schön geschnitzten Heft hervor und reichte es dem Manne, der es, samt seiner Frau, verwundert und voll Neugierde betrachtete; das daran angebrachte Wappen schien ganz besonderes seine Aufmerksamkeit zu erregen.

Drei goldene Falken im blauen Felde,« murmelte er, »Ihr seid wohl ein edler Ritter, Herr?«

Diese Frage machte Wilfried zittern, gewaltsam seine Aufregung verbergend, erwiderte er:

»Nein», aber ein Ritter hat mir das Messer geschenkt und nun gebe ich es Euch, für etwas Brod.«

Dies Wappen muß ich schon früher gesehn haben,« sagte der Mann, sich die Stirn reibend, während Wilfried, bleich vor Schrecken, ihm lauschte, »ja nun weiß ich ganz genau, es war vor etwa dreißig Jahren zu Nystel in Flandern; ein Ritter, der drei goldene Falten im Schilde führte, gewann den Preis im Turnier. Ich war damals Diener und Waffenknecht des edlen Grafen Chiny . . . Wartet einmal, wie nannte doch mein Herr den gefeierten Sieger? Halt, da fällt mirs ein, er hieß Folkard von Iserstein; kennt Ihr ihn?«

Wilfried murmelte eine unverständliche Antwort.

»Ihr werdet ja ganz blaß, junger Herr,« rief der Mann, »warum betrüben Euch meine Worte?«

»Ach, es ist Trauer und Schmerz,« stammelte der Jüngling, »Graf Folkard von Iserstein war mir ein milder Schützer . . . er verunglückte auf der Jagd, und starb vor meinen Augen.«

»Was wollt Ihr Euch betrüben? Müssen wir mit der Zeit nicht Alle den letzten Zoll bezahlen? Hier, nehmt Euer Messer zurück; dass Wenige, was ich besitze, will ich ohne Lohn mit Euch theilen. Tretet unter mein Dach und nehmt vorlieb mit meiner armen Gastlichkeit.«

Gleich darauf setzte man ihm Brod vor und einen Brei von Grüne, auch ein Stück Käse, denn die alten Leute hielten eine Ziege. Er aß mit großem Appetit, seine Augen glänzten, die köstlichsten Mahlzeiten hatten ihm vormals nicht besser gemundet und er bezeugte seinen gütigen Wirthen den innigsten Dank. Dann aber machte sich die Ermüdung geltend, gegen die er vergebens ankämpfte.




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