El Salteador
Alexandre Dumas der Ältere




Dumas (père), Alexandre

El Salteador





Erster Teil





Erstes Capitel.

Die Sierra Nevada


Von den Bergketten, die Spanien nach allen Richtungen durchziehen, von Bilbao nach Gibraltar, von Alicante nach dem Cap Finisierre, ist unbestritten, wegen ihres malerischen Aussehens wie wegen ihrer geschichtlichen Erinnerungen, die poetischste die Sierra Nevada, welche der Sierra de Guaro folgt, von der sie nur durch das reizende Thal abgetrennt ist, in welcher eine Quelle des kleinen Flusses Orgiva liegt, der sich zwischen Almunecar und Motril in das Meer ergießt.

Hier ist selbst in unsern Tagen Alles noch arabisch: die Sitten, die Trachten, die Städtenamen die Bauwerk, obgleich die Mauren seit dritthalbhundert Jahren das Reich der Almohaden verlassen haben.

Dies Gebiet, das ihnen der Verrath des Grafen Julian überlieferte, war aber auch das Lieblingsland der Söhne des Propheten. Andalusien, das zwischen Afrika und Europa liegt, ist gleichsam ein Verbindungsglied zwischen beiden, das die Schönheiten des Einen und den Reichthum des Andern theilt, nicht aber das Traurige und Strenge; man sieht da die üppige Vegetation der Metidscha, von den frischen Wassern der Pyrenäen bewässert; man kennt weder die glühende Sonne von Tunis, noch die Kälte Rußlands. Heil Andalusien, der Schwester Siciliens, der Nebenbuhlerin der »glücklichen Inseln.«

Lebt, liebt und sterbet so heiter, als wenn Ihr in Neapel wäret, Ihr Glücklichen, die Ihr in Sevilla, Granada oder Malaga wohnet!

Ich sah aber auch in Tunis Mauren, die mir den Schlüssel ihres Hauses in Granada zeigten.

Sie hatten ihn von ihren Vätern geerbt und gedachten ihn ihren Kindern zu hinterlassen.

Wenn jemals ihre Kinder in die Stadt Aben-al-hamars zurück kommen, werden sie die Straße und das Haus, das sie bewohnten, wieder finden, ohne daß die zweihundertundvierundvierzig Jahre, die von 1610 —1854 vergangen sind, eine große Veränderung da bewirkt haben, außer daß sie die Bevölkerung von einer halben Million auf achtzigtausend Seelen verringert, und der ererbte Schlüssel würde aller Wahrscheinlichkeit nach die Thüre eines Hauses öffnen, das entweder leer oder unbewohnt ist oder bessert träge Bewohner sich nicht die Mühe genommen haben das Schloß ändern zu lassen.

Wahrhaftig, nichts Spanisches hat auf dem Boden gekeimt, dessen natürliche Vegetation die Palme, der Cactus und die Aloe ist, nichts, nicht einmal der Palast, den der fromme Carl V. da zu bauen anfing, um nicht die Wohnung der Emire und Kalifen einzunehmen, der von der Alhambra überragt wird und unter dem spöttischen Blicke dieser Nebenbuhlerin es nie über ein Stockwerk Höhe bringen konnte.

Alle diese Wunder der Kunst und der Civilisation, welcher die jetzigen Bewohner nie gleichkommen werden, umfaßte das Königreich Granada, der letzte Ueberrest und die letzte Form der Herrschaft der Araber in Spanien, und es streckte sich an der Küste des Mittelmeeres von Tarifa bis Almazarron, d. h. etwa hundertundfünfundzwanzig Stunden lang hin, während es von Motril bis Jaën, d. h. fünfunddreißig bis vierzig Stunden, in das Land hineinreichte.

Die Sierra de Guaro und die Sierra Nevada durchschnitten es in zwei Drittheilen seiner Ausdehnung.

Von dem Gipfel des Malahacen, seiner höchsten Spitze, konnte das Auge zugleich die doppelte Grenze erschauen, im Süden das Mittelmeer, die weite blaue Fläche, die sich von Almunecar bis Algier streckt, im Norden die Vega von Granada, den unermeßlichen grünen Teppich von Huelva bis zur Venta de Cordenas. Im Osten und Westen sodann die endlose Verlängerung der unermeßlichen Kette mit schneebedeckten Gipfeln, die den plötzlich erstarrten Wogen eines zum Himmel aufgethürmten Oceanes glichen. Unten endlich, rechts und links von diesem Eismeere, ein doppelter Ocean von Bergen, die allmälig in Hügel übergehen, welche anfangs mit staubigen Flechten, dann mit röthlicher Haide, dann mit dunklen Fichten, dann mit grünen Eichen, dann mit Bäumen aller Art und grünen Gebüschen bewachsen sind.

Heut zu Tage gehen drei Straßen – eine von Motril, eine von Velez-Malaga, eine von Malaga aus – über die Schneesierra und führen von der Meeresküste nach Granada, die eine über Joyena, die andere über Alcaacin, die dritte über Colmenar.

In der Zeit aber, in welcher diese Geschichte beginnt, d. h. in den ersten Tagen des Juni 1519, gab es jene Straßen noch nicht, oder ihre Stelle wurde vielmehr durch schwach betretene Fußwege bezeichnet, welche nur die Füße der Maulthiere und ihrer Treiber mit kecker Sicherheit betraten. Diese Wege zogen sich durch Schluchten und ihre Höhen hinauf und hinab, man hätte sagen können nur um die Geduld der Reisenden aus die Probe zu stellen. Manchmal zog sich ihre schmale Spirallinie um einen steil emporsteigenden Felsen und dann hing der Reisende mit seinem sorglosen Thiere buchstäblich über dem Abgrunde, in den sein Blick mit Grauen hinab schaute. Je steiler der Pfad sich aufwärts zog, um so heißer wurde auch der Fels und um so mehr zagte der Fuß des Menschen oder des Thieres auf dem Granit auszugleiten, den die Tritte der Carawanen allmälig glatt wie Marmor gemacht hatten.

Sobald das Adlernest, Alhama, erreicht war, wurde der Weg zwar bequemer und stieg sanft abschüssig – angenommen, man kam von Malaga und ging nach Granada – in das Thal Joyena hinab, aber dann folgte einer gewissermaßen körperlichen Gefahr eine andere, welche der Phantasie fortwährend vorschwebte, wenn sie auch bis zum Augenblicke ihres Erscheinens unsichtbar blieb. Sobald die beiden Seiten des Weges gangbar wurden, und in ihrem dichten Gebüsch einen Zufluchtsort gewährten, standen zahlreiche Kreuze mit schauerlichen Inischriften an diesen Seiten.

Diese Kreuze bezeichneten die Gräber der Reisenden, welche von den zahlreichen Räubern ermordet worden waren, die sich in jenen Zeiten bürgerlicher Unruhen vorzugsweise in den Gebirgen von Cordova und Grenada, d. h. in der Sierra Morena und in der Sierra Nevada aufhielten.

Die Inschriften auf diesen Kreuzen ließen auch keinen Zweifel über die Todesart derjenigen zu, welche darunter schliefen. Als wir dreihundert Jahre nach den Reisenden, welche sogleich vor den Lesern erscheinen werden, dieselben Gebirge durchwanderten, sahen wir Kreuze gleich den erwähnten und von den schaurigen Querhölzern derselben schrieben wir Aufschriften ab, die keineswegs beruhigend lauten, wie:

		Hier
		wurde ein Reisender ermordet.
		Betet für seine Seele!

		Hier
		wurden Vater und Sohn ermordet;
		sie ruhen in einem und demselben Grabe.
		Gott sey ihnen gnädig!

Die gewöhnlichste Aufschrift aber heißt:

		A qui mataron un hombre.

d. h. »hier haben sie einen Menschen ermordet.«

Diese Art Todtenhecke zog sich anderthalb bis zwei Stunden weit, nämlich durch die ganze Breite des Thales. Dann ging man über einen kleinen Fluß, der an dem Dorfe Cacin hinfließt, um sich in den Xenil zu ergießen, und gelangte in den zweiten Theil der Sierra.

Dieser zweite Theil war allerdings minder rauh und minder beschwerlich zu übersteigen. Der Weg verlor sich in einem unermeßlichen Fichtenwalde und hatte die engen Schluchten, wie die steilen Felsenzacken hinter sich gelassen. Man merkte, daß man in mildere Gegenden gelangt war, und nach einer anderthalbstündigen Reise an einem schattenreichen Berge hin erblickte man ein wahres Paradies, nach welchem es auf einem sanften Hange, auf grünem Rasenteppich hinab ging, das mit gelb und duftig blühendem Ginster und Erdbeerbäumen bedeckt, deren Beeren allerdings roth sind wie Erdbeeren, deren etwas seifiger Geschmack aber mehr an den der Banane als an jenen der Frucht erinnert, welcher sie gleichen.

An diesem Punkte seiner Wanderung konnte der Reisende befriedigt und erfreut aufathmen, denn nun schien er von der doppelten Gefahr befreit zu seyn, der er entgangen war: entweder in einen Abgrund zu stürzen und sich zu zerschmettern, oder von einem gerade übellaunigen Räuber ermordet zu werden.

Man sah denn auch wirklich, links vom Wege, in der Entfernung von etwa einer Viertelstunde ein kleines Gebäude weiß herüber schimmern, das halb einem Wirthshause, halb einer Veste glich.

Es hatte eine Terrasse mit einer Brustlehne mit Zinnen, und ein eichenes Thor mit Querbalken und Nägeln.

Ueber dem Thore war das Brustbild eines Mannes mit braunem Gesicht und schwarzem Bart gemalt, der auf dem Kopfe einen Turban und in der Hand ein Scepter hatte.

Unter dem Bilde las man:

Al rey Moro, d. h. zum Maurenkönig.

Obgleich nun nichts andeutete, daß dieser Maurenkönig, unter dessen Namen und Schutz das Wirthshaus gestellt worden, der letzte Fürst sey, der in Granada geherrscht hatte, so konnte doch Niemand, der nur etwas von der edlen Malerkunst verstand, zweifelhaft seyn, daß der Künstler die Absicht gehabt habe, den Sohn Zoravas, Abul-abd-Allah, genannt al Zaquir, darzustellen, den Florian unter dem Namen Boabdil geschildert hat.

Unsere Eile es den Reisenden nachzuthun, d. h. unser Pferd in Galopp zu setzen, um in das Wirthshaus zu gelangen, hat uns verhindert einen Blick auf eine Person zu werfen, die zwar von niederem Stand zu seyn scheint, aber nichtsdestoweniger eine ausführliche Beschreibung verdient.

Allerdings war diese Person sowohl im Schatten einer alten Eiche als auch hinter dem geschlängelten Wege versteckt.

Ein Mädchen von sechzehn bis achtzehn Jahren war es, die theils irgend einem maurischen Volksstamme anzugehören, theils aber auch das Recht zu haben schien, der großen europäischen Familie zugezählt zu werden. Wahrscheinlich waren in ihr beide Volksstämme vereinigt und sie bildete ein Zwischenglied, welches in seltsamer Mischung mit dem heißen und zaubermächtigen Reiz der Südländerin die liebliche milde Schönheit der nordischen Jungfrau verband. Ihr Haar war so schwarz, daß es den bläulichen Schimmer des Rabengefieders erreichte, fiel auf den Hals herab und umgab ein vollkommen ovales Gesicht von höchst würdevollem Ausdrucke. Große blaue Augen, überschattet durch Lider und Brauen von der Farbe des Haares, eine mattweiße Haut, Lippen frisch wie Kirschen, Zähne, die Perlen beschämen konnten, ein Hals, der bei jeder Bewegung die Anmuth und Geschmeidigkeit des Schwanenhalses verrieth, Arme, die zwar etwas lang aber tadellos geformt waren, eine Gestalt biegsam wie das Rohr, das sich im See spiegelt, oder wie die Palme, die in der Oase schwankt, Füße endlich, die unbekleidet blieben, so daß man ihre zierliche Kleinheit bemerken konnte, vollendeten das Bild des Mädchens, auf welche wir die Aufmerksamkeit des Lesers lenken.

Ihre seltsame Kleidung bestand in einem Kranze virginischen Jasmins, den sie von dem Zaune des beschriebenen kleinen Hauses gepflückt hatte und dessen dunkelgrüne Blätter und purpurrothe Blüthen vortrefflich zu dem Rabenschwarz des Haares paßten. Den Hals schmückte eine Kette aus flachen Ringen von der Größe eines Philippdor, die in einander gesteckt waren und wie Flämmchen blitzten. Ihr seltsam geschnittenes Kleid war von dem Seidenstoffe, der matt und hellfarbig gestreift war und damals in Granada gewebt wurde, wie heut zu Tage noch in Algier, Tunis und Smyrna. Um die Hüften wurde es durch einen sevillanischen Gürtel mit Goldfransen knapp zusammen genommen, wie ihn jetzt der Maso trügt, der mit der Guitarre unter dem Mantel der Geliebten ein Ständchen bringen will. Wären Gürtel und Kleid neu gewesen, so hätten sie den Augen vielleicht weh gethan, der zu hellen grellen Farbe wegen, welche die Araber und Spanier lieben, aber langer Gebrauch hatte Alles ziemlich verschmolzen.

Das Allermerkwürdigste an der Schönen – die freilich in Spanien nicht so selten waren und sind als anderswo – war der reiche Anzug bei der gemeinen Beschäftigung. Sie saß auf einem großen Stein am Fuße eines der erwähnten Grabkreuze im Schatten einer riesigen Eiche, mit den Füßen in dem Bache, dessen Wasser sie wie Silbergaze bedeckte, und spann.

Unfern von ihr kletterte am Berge weidend eine Ziege, ein ruhiges, waglustiges Thier, der gewöhnliche Besitz des Besitzlosen.

Während sie mit der linken Hand die Spindel drehte, mit der rechten den Faden auszog und zugleich auf ihre Füße sah, über welche die kleinen Wellen des Baches plätscherten, sang das Mädchen halblaut eine Art Volkslied, das keineswegs der Ausdruck ihrer Gedanken zu seyn, sondern als Begleitung der Stimmen zu dienen schien, welche in ihrem Herzen sang und von Niemanden gehört wurde.

Von Zeit zu Zeit unterbrach die Sängerin den Gesang und die Arbeit und rief die Ziege, nicht um sie zu sich zu locken, sondern eben nur um ein freundliches Wort an sie zu richten. Sie bediente sich dabei des arabischen Wortes und so oft die Ziege das Wort maza hörte, schüttelte sie muthwillig den Kopf, ließ ihr silbernes Glöckchen klingen und weidete weiter.

Das Lied sang die Spinnerin nach einer langsamen und eintönigen Melodie, die man heute noch in den Ebenen von Tanger und in den Bergen Kabyliens hören kann. Es war die Romanze, welche in Spanien als das Lied vom König Don Fernand bekannt ist.

		Granada, meine Holde,
		Mit dem Band von Golde,
		Sey mein Weib in Freud und Stürmen!
		Nimm als Gabe, dir zu Ehren,
		Drei der Klöster mit den Chören,
		Drei der Besten mit den Wehren,
		Drei der Städte mit den Thürmen.

		Du brauchest nur zu wählen
		Unter den Juwelen,
		Ja und wär’s selbst die Giralda!
		Wenn sie Dich erfreute,
		Nähm‘ ich selbst im Streite,
		Als die schönste Beute,
		Sevilla die Giralda.

		Und was auch sagt Sevilla,
		Und was auch sagt Castitla,
		Was auch immer sagt das Land,
		Immer achte ich es klein,
		Bist Du nur, Granada, mein.
		Ach, Granada, laß mich ein,
		Bin der König Don Fernand.

In diesem Augenblicke blickte sie auf, um ihre Ziege zu rufen, aber kaum hatte sie das Wort maza ausgesprochen, als sie verstummte und ihre Augen sich unverwandt auf den Weg von Alama her richteten.

Am Horizonte erschien ein junger Mann, der auf seinem andalusischen Rosse im Galopp den Berg herunter kam.

Das Mädchen begann dann die Arbeit wieder, aber noch zerstreuter als zuvor, als höre sie nur den Reiter kommen, wenn sie auch nicht mehr hinsah, und stimmte die vierte Strophe des Liedes an, welche die Antwort Granada’s an den König Don Fernand war:

		Ja, ich liebe Dich, Don Fernand,
		Aber mich drückt Unglückshand.
		Komm, Befreier, hoch zu Roß!
		Kronen tragend und – gefangen,
		Sclavin, ob auch goldbehangen,
		Harr ich Dein in Sehnsuchtsbangen
		In dem Thurm mit Silberschloß.




Zweites Capitel.

El correo d‘amor


Während die Spinnerin die legte Strophe sang, war der Reiter so weit heran gekommen, daß sie beim Wiederaufblicken seinen Anzug und sein Gesicht erkennen konnte.

Es war ein schöner Mann von fünf- oder sechsundzwanzig Jahren mit einem breitkrempigen Hute, über den sich flatternd eine feuerfarbige Feder bog.

Im Schatten, den der Hut auf das nur halb beleuchtete Gesicht warf, glänzten zwei schöne schwarze Augen, denen man es ansah, das sie sich leicht an der Glut des Zornes oder an der Flamme der Liebe entzünden könnten. Die gerade Nase von untadeliger Form überragte einen leicht an den Seiten emporgedrehten Schnurrbart und zwischen diesem und dem Kinnbarte bemerkte man prächtige Zähne, weiß und spitzig wie die des Schakals.

Trotz und vielleicht wegen der Hitze trug er einen der cordova’schen Mäntel, die wie ein amerikanischer Poncho geschnitten sind, in der Mitte eine Oeffnung zum Durchstecken des Kopfes haben und den Reiter von den Schultern bis zu der Spitze der Stiefeln bedecken. Dieser Tuchmantel, von der Farbe des Feuers wie die Feder aus dem Hute, unten und an der Halsöffnung herum mit Gold gestickt, verhüllte einen Anzug, der außerordentlich zierlich seyn mußte, wenn man nach dem schließen dürfte, was davon sichtbar war, nämlich nach dem Ende der Aermel und nach den Bändern!

Sein Pferd, das er als vollendeter Reiter beherrschte, war ein schönes fünf- oder sechsjähriges Thier mit rundlichem Hals, flatternder Mähne, kräftigem Kreuz, bis zur Erde reichendem Schweife und von jener kostbaren Farbe, welche die letzte Königin von Castilien, Isabella, in die Mode brachte. Uebrigens war es ein Wunder, daß Roß und Reiter mit dem Feuer, das in beiden glühte, die steilen Pfade hatten zurücklegen können, die wir zu beschreiben versuchten, ohne zehnmal in die Abgründe hinabzustürzen.

Ein spanisches Sprichwort sagt, es gebe einen Gott für die Betrunkenen und eine Göttin für die Verliebten.

Wie ein Betrunkener sah unser Reiter nicht aus, aber einem Verliebten zum Verwechseln ähnlich.

Unbestreitbar wurde diese Aehnlichkeit dadurch, daß der Reiter, ohne sie anzusehen, ja wahrscheinlich ohne sie zu sehen, an dem Mädchen vorüberkam, vor welchem ganz gewiß selbst der König Don Carlos, so zurückhaltend und züchtig er auch trotz seinen neunzehn Jahren war, angehalten hätte, so schön war sie, als sie den Kopf empor richtete, um den geringschätzigen Reiter anzuschauen, und flüsterte:

»Der arme Bursch! Wie schade!«

Warum beklagte die Spinnerin den Reisenden? Auf welche gegenwärtige oder künftige Gefahr deutete sie?

Das erfahren wir wahrscheinlich, wenn wir den eleganten Caballero bis zur Venta des Mohrenkönigs begleiten.

Um zu dieser Venta zu gelangen, zu welcher ihn Eile zu treiben schien, mußte er noch über ein paar kleine Thäler. In jedem derselben, wo die gebahnte Bahn nur etwa acht oder zehn Fuß breit war und durch dichtes Gebüsch von Myrthen und Erdbeerbäumen führte, standen einige Kreuze, welche andeuteten, daß die Nähe der Venta die Reisenden keineswegs vor dem Geschicke bewahrt hatte, welches ein so allgemeines zu sein schien, daß diejenigen, welche die Wege betraten, auf denen so viele angekommen, das Herz sich wohl mit dem dreifachen Erze panzern mußten, von dem Horaz in Bezug auf den ersten Seefahrer spricht. Als der Reiter sich diesen schauerlichen Orten näherte, sah er nur nach, ob sein Schwert noch an seiner Seite hänge, ob sich die Pistolen noch an dem Sattelbogen befänden; als dies die Hand mechanisch, ohne Angst, gethan hatte, ritt er im gleichen Schritte seines Pferdes, mit gleichem furchtlosen Gesichte, durch die schlimme Gegend, el malo sitio, wie man dort sagt.

Auf dem höchsten Punkte des Weges richtete er sich noch einmal in den Steigbügeln auf, um die Venta besser zu sehen; als er sie erblickte, gab er dem Pferde die Sporen und als mache der Wunsch, dem Herrn zu dienen, das Thier unermüdlich, stürzte es in das kleine Thal hinab wie ein Boot, das von dem Kamme der Wogen in die Tiefe hineinschießt.

Die geringe Aufmerksamkeit, welche der Reisende auf den Weg wendete, und der brennende Wunsch, den er zu hegen schien, die Venta zu erreichen, hatten wahrscheinlich zwei Wirkungen.

Erstlich bemerkte er etwa zehn Männer nicht, die in einer Strecke von etwa einer Viertelstunde in dem Dickicht zu beiden Seiten versteckt waren, auf der Erde lagen und die Lunte der neben ihnen liegenden Gewehre sorgsam glimmend erhielten. Bei dem Pferdegetrappel hoben die unsichtbaren Männer den Kopf, stützten sich auf den Arm und das linke Knie, nahmen mit der rechten Hand das Gewehr und legten es mechanisch an die Achsel.

Zweitens überlegten diese Männer im Hinterhalte, als sie den Reiter so schnell vorüberkommen sahen, er habe wahrscheinlich ein Geschäft in der Venta und steige da ab, sie brauchten also keineswegs an der Landstraße einen verrätherisch knallenden Schuß abzubrennen, der vielleicht eine ansehnliche Carawane abschreckte und ablenkte, die ihnen eine reichere Beute bot, als sie bei einem einzelnen Reisen, den zu finden ist, so reich und elegant er auch sein mag.

Diese auf dem Boden im Dickicht liegenden Männer waren in der That die Gräberlieferanten, auf denen sie als gute Christen Kreuze aufpflanzten, nachdem sie die Reisenden hineingelegt hatten, die so unvorsichtig gewesen waren, auf Gefahr ihres Lebens ihre Börse vertheidigen zu wollen, nachdem die würdigen Salteadores sie mit dem Gewehre in der Hand mit den überall herkömmlichen Worten begrüßt:

»Das Geld oder das Leben!«

Auf diese ihr wohlbekannte Gefahr hatte das Mädchen wohl gedeutet, als sie den schönen Reisenden kommen sah und mit einem Seufzer die Worte sprach:

»Wie schade!«

Die Männer im Hinterhalte hatten indeß, wie wir gesehen haben, aus irgend einem Grunde kein Zeichen von ihrer Anwesenheit gegeben. Wie aber Jäger, denen sie glichen, ihren Posten verlassen, sobald das Wild vorüber ist, so kamen auch einige von ihnen, die erst den Kopf vorstreckten, dann den ganzen Körper, hinter dem Reisenden aus dem Walde hervor und gingen nach der Venta zu, in deren Hof der Reiter sprengte.

In dem Hofe stand ein Mozuelo, den Zügel des Pferdes in Empfang zu nehmen.

»Ein Maß Gerste für mein Pferd, ein Glas Xeres für mich, ein möglich gutes Essen für die, welche mir folgen.«

Als der Reisende dies gesagt hatte, erschien der hostalero (Wirth) an dem Fenster und die Männer aus dem Gebüsche erreichten die Thür.

Von beiden Theilen sah man einander an und die Blicke der Männer aus dem Dickicht bedeuteten:

»Wir haben also recht gethan, daß wir ihn nicht anhielten.«

Der Blick des Wirthes antwortete:

»Vollkommen.«

Da der Reiter diesen doppelten Blick nicht beobachtet hatte, weil er damit beschäftigt gewesen war, den Staub von seinem Mantel und seinen Stiefeln zu schütteln, sagte der Wirth:

»Tretet ein, Herr. Wenn auch dir Posada »zum Maurenkönige« im Gebirge liegt, ist sie doch, Gott sey Dank, wohl versorgt. Wir haben alle Arten von Wildbret, nur nicht Hasen, der ein unreines Thier ist. Wir haben eine olla potrida auf dein Herd und einen gaspecho. Wenn Ihr warten wollet. . . Einer unserer Freunde, ein gewaltiger Jäger, verfolgt einen Bären, der vom Gebirge heruntergekommen ist; wir werden Euch also bald frisches Fleisch bieten können.«

»Wir haben keine Zeit auf die Rückkunft deines Jägers zu warten, so verlockend auch der Antrag ist.«

»So werde ich mein Bestes thun.«

»Ja . . . Wenn ich auch überzeugt bin, daß die Señora, deren Bote ich bin, eine Göttin ist, die nur von Blumenduft und Morgenthau lebt, mache immerhin dein Bestes bereit und sage mir, welches Gemach Du ihr anweisen willst.«

Der Wirth öffnete eine Thür und zeigte dem Reisenden ein großes mit Kalk geweißtes Zimmer mit Eichenholztischen und Vorhängen an den Fenstern.

»Dies da,« sagte er.

»Gut,« antwortete der Reisende; »schenke mir ein Glas Xeres ein, siehe zu, daß mein Pferd sein Maß Gerste bekommt und laß mir in deinem Garten einen Strauß der schönsten Blumen pflücken.

»Das soll geschehen,« antwortete der Wirth. »Wie viel Couverts?«

»Zwei: eins für den Vater, eins für die Tochter. Die Diener essen in der Küche, nachdem sie die Herrschaft bedient . . . Geht nicht sparsam mit dem Weine gegen sie um.«

»Seyd unbesorgt. Wer so spricht wie Ihr, wird gewiß immer rasch und gut bedient.«

Wahrscheinlich um den Beweis für das zu geben, was er eben gesagt hatte, ging er hinaus und rief:

»Heda! Gil, zwei Gedecke! Perez, hat das Pferd die Gerste bekommen? – Amapola, lauf in den Garten und, schneide alle Blumen ab, die Du da findest.«

»Seht wohl!« flüsterte der Reiter und er lächelte zufrieden. »Nun, mein Theil! »

Von der Kette, die an seinem Halse hing, löste er eine goldene Kugel von der Größe eines Taubeneies, die durchbrochen gearbeitet war, öffnete sie, stellte sie auf den Tisch, holte aus der ersten Stube eine glühende Kohle, that sie in die goldene Kugel und streute auf die Kohle eine Prise Pulver, dessen Rauch sich alsbald in dem Gemache verbreitete und jenen lieblichen, starken Duft ausströmte, der dem Geruche so wohl thut. sobald man in das Gemach einer Araberin tritt.

In diesem Augenblicke kaut der Wirth zurück. In der einen Hand trug er einen Teller mit einem Glase voll Xeres und in der andern eine eben erst angebrochene Flasche. Ihm folgte Gil mit Tischtuch und Servietten und einem Haufen Teller, dann Amapola mit einem Arm voll jener Blumen mit brennenden Farben, die bei uns nicht ihres Gleichen haben, in Andalusien aber so gewöhnlich sind, daß ich nicht einmal ihren Namen erfahren konnte.

»Mache nun einen Strauß aus den schönen Blumen, Mädchen.« sagte der Reiter, »und gib die übrigen mir.«

Amapola suchte die schönsten Blumen aus und als sie zu einem Strauße zusammen gethan waren, fragte sie:

»Ist es so recht?«

»Vollkommen,« antwortete der Reisende; »binde sie nun zusammen.«

Das Mädchen sah sich nach einem Faden, einer Schnur um, aber der Reisende nahm aus seiner Tasche ein Band in Gold und Purpur, das er zu diesem Zwecke mit sich gebracht zu haben schien und von dem er ein Stück mit seinem Dolche abschnitt.

Dies Bandstück gab er der Amapola, welche den Strauß band und nach der Weisung des Reisenden auf einen der Teller legte, die Gil auf den Tisch gestellt hatte.

Er selbst streute die übrigen Blumen von dem Hofthore bis an den gedeckten Tisch in dem Gemache, dann rief er den Wirth nochmals und sagte:

»Da ist ein Philippdor für die Mühe, die ich Dir gemacht habe.«

Der Wirth verbeugte sich und der junge Reisende fuhr fort:

»Wenn Don Inigo Velasco de Haro Dich fragt, wer die Mahlzeit bestellt habe, so sagst Du: ein Mann, der Dir nicht bekannt. Fragt Dich Dona Flor, wer die Blumen gestreut, den Strauß bereitet, den Wohlgeruch verbreitet, so antwortest Du: ihr Liebesbote, Don Ramiro d’Avila.

Nach diesen Worten schwang er sich leicht aus sein schönes Roß, das der Mozuelo am Zügel hielt, jagte aus dem Hofe der Venta hinaus und setzte seinen Weg in Galopp nach Granada zu fort.




Drittes Capitel.

Don Inigo Velasco de Haro


Da sich das schöne Mädchen mit der Ziege in einem Thaleinschnitte befand, so konnte sie den jungen Herrn in die Venta nicht hinein und nicht wieder herausreiten sehen, aber mit Aufmerksamkeit schien sie aufzuhorchen, ob nicht ein Geräusch von dem was geschehe zu ihr gelange. Mehrmals schlug sie die schönen Augen fragend nach dem Himmel auf und sie schien sich zu wundern, daß dem Erscheinen des jungen schönen reichen Herrn kein außerordentliches Ereigniß folge.

Da sie ihren Platz nicht verlassen und das Gespräch des Reisenden mit dem Wirthe nicht gehört hatte, so wußte sie natürlich nicht, welchem ganz selbstsüchtigen Umstande von Seiten der Freunde der Venta der Liebesbote der schönen Dona Flor sein Entkommen verdankte.

In dem Augenblicke übrigens, als Don Ramiro d’Avila alle Vorbereitungen getroffen hatte, die Venta »zum Maurenkönige« zur Aufnahme des Don Inigo Velasco und dessen Tochter würdig zu machen, aus dem Hofe sprengte und seinen Weg nach Granada fortsetzte, zeigte sich den Augen der Zigeunerin der Vortrab der Carawane, die der elegante Reisemarschall angekündigt hatte.

Diese Carawane zerfiel in drei gesonderte Haufen.

Der erste, welcher den Vortrab bildete und wie gesagt, am westlichen Abhange des Berges sich zu zeigen begann, bestand aus einem einzigen Manne, der zur Dienerschaft des Don Inigo Velasco gehörte. Wie aber die Campieri Siciliens, die in Friedenszeiten Diener sind, in der Stunde der Gefahr Krieger werden, so trug auch dieser Mann in einem Anzuge, der halb militärisch, halb Livrée war, ein langes Schwert an der Seite, saß kerzengerade auf dem Pferde und seine Flinte mit der brennenden Lunte, die er auf das Knie gelegt hatte, ließ keinen Zweifel über, daß die Carawane im Falle des Angriffs sich vertheidigen wolle.

Das Hauptcorps, welches etwa dreißig Schritte hinter ihm folgte, bestand aus einem Manne von sechzig bis fünfundsechszig Jahren und einem Mädchen von sechzehn oder achtzehn.

In gleicher Entfernung hinter ihnen kam der Nachtrab, bestehend aus zwei Dienern mit dem Schwert an der Seite und der rauchenden Luntenflinte auf dem Knie.

Im Ganzen also fünf Personen.

Da die Dienerschaft nur eine untergeordnete Rolle in; dieser Geschichte zu spielen hat, während dem Vater und der Tochter die Hauptrollen zufallen, wird man uns erlauben, die Herren Nuñez, Camacho und Torribio weiter nicht zu beachten, unsere Aufmerksamkeit dagegen ausschließlich dem Don Inigo Velasco de Haro und der Dona Flor, seiner Tochter, zuzuwenden.

Don Inigo Velasco war, wie gesagt, sechzig bis fünfundsechzig Jahre alt, doch sah er körperlich noch jung aus, so daß man ihn einen Greis nicht wohl nennen konnte.

Sein kaum ergrauender Bart, sein nur leicht mit Winterschnee bedecktes Haar, das er nach der Mode Philipps des Schönen und Ferdinands des Katholischen lang trug, zeigten höchstens ein Alter von fünfzig oder fünfundfünfzig Jahren.

Gleichwohl hatte ihn das Unglück betroffen, wie alle, die eine ruhmreiche Jugend gehabt, daß er sein Alter nicht verbergen konnte, weil er mehr als einmal und zu verschiedenen Zeiten seine Spur tief in die Geschichte seines Vaterlandes eingedrückt hatte. Als Erbe eines der berühmtesten Namen und einer der reichsten Familien Ostindiens, gedrängt zur Luft von Abenteuern durch die Liebe zu einem Mädchen, das er nicht heirathen konnte, weil der Vater der Dona Mercedes da Mendo – so hieß diese Königin der Schönheit – der Feind des seinigen war und Beide einander ewigen Haß geschworen hatten, hatte Don Inigo Velasco in seinem dreißigsten Jahre die Theorien und Pläne des Christoph Columbus unterstützt, denn sein Lehrer war der Pater Marchena gewesen, einer der ersten Geistlichen, die aus die Gefahr hin mit der heiligen Schrift in Widerspruch zu gerathen, nach der Darlegung jenes genuesischen Seefahrers zugaben, daß die Erde doch wohl rund seyn könne.

Man weiß, was am Hofe der katholischen Könige der geniale Mann leiden mußte, den die mindest Uebelwollenden der Räthe Isabella’s und Ferdinands als Wahnwitzigen und Träumer behandelten, als er seiner Heimat Genua vergebens seinen Plan vorgelegt hatte, durch eine Fahrt nach Westen das Reich Cathays wiederzufinden, das sein Vorgänger Marco Polo bemerklich gemacht, als er von Juan II. abgewiesen war, der insgeheim durch einen Schiffer die Unternehmung versuchen ließ, die man öffentlich als unsinnig behandeln, und endlich bei dem Könige Ferdinand von Aragonien und der Königin Isabella von Castilien erschien, um Spanien nicht eine Stadt, nicht eine Provinz, nicht ein Land, sondern eine Welt anzubieten.

Acht Jahre vergingen mit fruchtlosen Schritten und Bitten.

Zum Glück für den großen Genuesen fügte es die Vorsehung, daß in dem Augenblicke, als Christoph Columbus seine Fahrt unternehmen wollte, in dem Augenblicke als das Reich der Kalifen in Spanien mit seiner letzten Schutzwehr fiel, sich der Neffe einer der geliebtesten Freundinnen der Könige auf das Leidenschaftlichste in ein Mädchen verliebte, obgleich er nicht die geringste Hoffnung hatte sie zu heirathen.

Kleine Ursachen, große Wirkungen.

Mag uns die Liebe vergeben, daß wir sie unter die kleinen Ursachen zählen.

Die Ursache, ob klein oder groß, hatte eine unermeßliche Wirkung.

Den Namen des Neffen kennen wir bereits; es war Don Inigo Velasco Graf von Haro.

Die Tante war Beatrice, Marchesa de Moya, und die Königin hatte keine liebere Freundin, keine innigere Vertraute.

Velasco nun hatte den festen Vorsatz gefaßt seinem Leben ein Ende zu machen und er wurde nur darum nicht, zehnmal getödtet, weil der Tod vor ihm zurückwich wie vor allen entschlossenen Herzen. In den Kriegen, welche die katholischen Könige gegen die Mauren führten, hatte er stets in der vordersten Reihe gekämpft; er war bei der Erstürmung der Festen Ilosa und Moclin gewesen, jener so wichtigen Bürgen der königlichen Stadt, die matt die Augen Granadas genannt; er hatte sich bei der Belagerung von Velez befunden, als der Zagal Abdallah dieselbe aufzuheben versuchte und mit ungeheuerem Verluste zurückgeschlagen wurde; er war bei der Einnahme von Gibaltar gewesen, als die Stadt Ibrahims mit Sturm genommen und geplündert wurde; er hatte sich endlich unter den Mauern der Hauptstadt Boabdils befunden, als die katholischen Könige, nachdem sie eine Stadt des Reiches nach der andern genommen, die belagerte Stadt mit einer neuen Stadt einschlossen, mit Häusern, Kirchen und Wäldern, die sie Santa Fe nannten zum Zeichen ihrer Hoffnung und ihres Gelübdes, die Belagerung Granada‘s nicht aufzugeben, bevor Granada sich ergeben.

Granada ergab sich am 25. November 1491, im Jahre 897 der Hedschira, am 22. Tage des Mondes Moharrem.

Für Columbus, der seit acht Jahren wartete, war dies der Augenblick, sein Gesuch zu erneuern. Der König Ferdinand und die Königin Isabella hatten das Werk vollendet, das war vor sieben Jahrhunderten begonnen worden.

Die Ungläubigen waren in Spanien überwunden.

Columbus gab als Hauptzweck seiner Unternehmung die Belehrung der Ungläubigen in der Neuen Welt an.

Um diesen Zweck zu erreichen, verlangte er nur hundert Mann und dreitausend Kronenthaler.

Neben dem religiösen Zwecke machte er als auf das materielle Resultat, auf unerschöpfliche Goldlager und unschätzbare Diamantengruben aufmerksam. Was also konnte den habsüchtigen Ferdinand und die fromme Isabella abhalten ein Unternehmen zu wagen, das in weltlicher und kirchlicher Hinsicht aller Berechnung nach eine glückliche Speculation seyn müßte, sobald das Daseyn jener unbekannten Welt gegeben war?

Wir wollen es sagen, was sie abhielt.

Christoph Columbus, der gleich im voraus die Belohnung nach der Größe des Dienstes bemaß, verlangte den Rang eines Admirals der spanischen Flotte, den Titel eines Vicekönigs aller Länder, die er entdecken würde, den zehnten Theil des Gewinnes von dem Unternehmen und die Vererbung der ihm ertheilten Würden auf seine männlichen Nachkommen.

Diese Forderungen erschienen um so übertriebener, als Christoph Columbus, obwohl er von einer der angesehensten Familien Piacenzas abstammen wollte, obwohl er der Königin Isabella schrieb, er würde nicht der erste Admiral in seiner Familie seyn, wenn er zum Admiral ernannt würde, keinen Nachweis über seinen Adel hatte beibringen können und am Hofe sich das Gerücht verbreitete, er sey nichts als der Sohn eines Webers in Logoreo oder Nervi.

Seine Forderungen hatten demnach den Unwillen des Erzbischofs von Granada, Ferdinand von Talavera, errregt, der von den katholischen Majestäten beauftragt worden war, den Antrag des genuesischen Schiffers zu prüfen, wie man am Hofe Christoph Columbus allgemein nannte.

Namentlich dieser zehnte Theil des Gewinnes, welcher genau der Abgabe gleichkam, welche die Kirche unter dem Namen des Zehent erhob, verletzte das Gewissen des Don Ferdinand von Talavera.

Der arme Christoph Columbus hatte Unglück, denn seine drei anderen Forderungen: zum Range eines Admirals erhoben zu werden, den Titel eines Vicekönigs zu erhalten und diesen Titel wie in einer königlichen oder fürstlichen Familie zu vererben, verletzten den Stolz Ferdinands und Isabella’s, da die Herrscher damals noch nicht daran gewöhnt waren, einen Privatmann als ihres Gleichen zu behandeln, und Columbus, so arm und unbekannt er war, so stolz sprach, als trage er auf seinem Haupte bereits die doppelte goldene Krone Guacanagaris und Montezumas!

Die Folge davon war gewesen, daß nach einer lebhaften Erörterung in dem geheimen Rathe, in welchem Columbus nur zwei Vertheidiger hatte, Don Luys de San-Angel, den Einnehmer der Kirchenabgaben von Aragonien und Don Alonso de Qiuntatille, den Finanzdirector Castiliens, der Antrag definitiv verworfen wurde, zur großen Befriedigung Ferdinands, des Mannes des Zweifels, und zur großen Betrübniß der Königin Isabella, der Frau der Poesie und des Glaubens.

Die Feinde des Christoph Columbus, und er hatte; deren viele am Hofe, hielten die Entscheidung für unwiderruflich und glaubten für immer von dem lächerlichen Träumer befreit zu seyn, neben dessen versprochenen Diensten alle bereits geleisteten klein und unbedeutend erscheinen mußten.

Aber sie hatten ohne Don Inigo de Velasco und ohne dessen Tante, die Marquise Beatrice von Moya gerechnet.

Am Tage nach dem, an welchem die Ablehnung der katholischen Majestät dem Columbus durch den Erzbischof Don Ferdinand von Talavera mitgetheilt worden war, trat Dona Beatrice in das Betgemach der Königin und bat die selbe mit merklich bewegter Stimme um eine Audienz für ihren Neffen.

Isabella staunte über das verlegene Aussehen ihrer Freundin und sah sie einen Augenblick an, dann fragte sie mit jenem sanften Tone, der ihr den Vertrauten gegenüber gewöhnlich war:

»Was sagst Du, meine Tochter?«

»Meine Tochter« war eine freundschaftliche Benennung, welche sie meist ihren besonderen Freundinnen gab, ohne sie jedoch sehr zu verschwenden.

»Ich sage Ew. Hoheit, mein Neffe, Don Inigo Velasco, habe die Ehre Euch um eine Abschiedsaudienz zu bittend.«

»Don Inigo Velasco?« wiederholte Isabella, die sich offenbar auf die Person zu besinnen suchte. »Ist er nicht der junge Capitän, der sich in unserem letzten Kriege bei der Erstürmung von Ilosa und Moclin, bei der Belagerung von Velez, bei der Einnahme von Gibalfaro und sonst noch auszeichnete?«

»Er ist‘s,« entgegnete Dona Beatrice erfreut und stolz darauf, daß der Name ihres Neffen solche Erinnerungen, in dem Herzen der Königin weckte. »Ja, ja, Hoheit, er ist‘s.«

»Und er reiset fort?« fragte Isabella.

»Ja, Hoheit.«

»Eine lange Reise?«

»Ich fürchte es.«

»Verläßt er Spanien?«

»Ich glaube es. Er sagt, er habe im Dienste Ew. Hoheit nichts mehr zu thun.

»Wohin geht er?«

»Die Königin wird ihm gnädig erlauben, selbst darauf zu antworten.«

»Sage ihm, er möge eintreten.«

Während die Marquise, die ihren Neffen selbst einführen wollte, nach der Thür ging, setzte sich die Königin Isabella und nähte, mehr um die Hände zu beschäftigen, als um wirklich zu arbeiten, ein Fähnchen, das sie zu Ehren der Jungfrau stickte, deren Einflusse sie die glückliche Uebergabe Granada’s zuschrieb, welche bekanntlich auf Capitulation und ohne Blutvergießen erfolgt war.

Einen Augenblick darauf öffnete sich die Thür wieder, der junge Mann trat ein an der Hand der Dona Beatrice und einige Schritte von der Königin blieb er mit dem Hute in der Hand ehrerbietig stehen.




Viertes Capitel.

Isabella und Ferdinand


Don Inigo Velasco war zur Zeit der Einnahme von Granada ein schöner junger Mann von dreißig bis zweiunddreißig Jahren, mit großen schwarzen Augen und langem schwarzen Haar. Sein Gesicht trug einen tiefen Eindruck von jener Schwermuth, welche das Daseyn einer unglücklichen Liebe verräth und folglich jederzeit eine mächtige Empfehlung bei einer Frau ist, wäre diese Frau auch Königin.

Eine damals kaum geheilte Wunde, deren Narbe sich aber in den ersten Runzeln des Alters verloren hatte, zog über seine Stirn eine röthliche Furche und war ein Zeugniß davon, daß er die Mauren ganz in der Nähe angegriffen, deren krummer Säbel diese blutige Spur auf seiner Stirn zurückgelassen hatte.

Die Königin hatte zwar schon oftmals von ihm sprechen hören, als von einem schönen Manne wie als von einem schönen Krieger, erblickte aber Don Inigo das erste Mal und sah ihn mit der doppelten Theilnahme an, die zuerst dem Neffen ihrer besten Freundin, dann aber auch dem Ritter galt, welcher so tapfer für die Sache seines Gottes und seiner Fürsten gekämpft.

»Ihr seyd Don Inigo de Velasco?« fragte Isabella nach kurzer aufmerksamer Betrachtung, während welcher die tiefste Stille in dem Betgemach herrschte, wo sich indeß wohl zwölf Personen näher oder weiter von ihm entfernt, sitzend oder stehend befanden, je nach der Vertraulichkeit, mit welcher sie beehrt wurden, oder nach dem Range, den sie einnahmen.

»Ja, Hohet,« antwortete Don Inigo.

»Ich hielt Euch für einen rico hombre«.

»Der bin ich auch, Hoheit.«

»Warum bleibt Ihr dann nicht bedeckt vor uns?«

»Weil meine Ehrerbietung vor der Dame mir die Ausübung des Rechtes untersagt, an welches die Königin gnädig mich erinnert.«

Isabella lächelte und nannte ihn nun Du, wie es damals die Könige und Königinnen von Castilien thaten und noch jetzt thun, denen gegenüber, welche in unserer Zeit Granden von Spanien heißen und damals ricos hombres hießen.

»Du willst also reisen, Don Inigo?« fragte sie.

»Ja, Hoheit,« antwortete der junge Mann.

»Warum?«

Belasco schwieg.

»Es scheint mir doch,« fuhr Isabella fort, »als eigneten sich viele Stellen an meinem Hofe für einen jungen Mann deines Alters und einen Sieger von deinem Verdienste.«

»Ihr täuscht Euch über mein Alter, Hoheit,« antwortete Don Inigo, der traurig das Haupt schüttelte; »ich bin alt.«

»Du?« sagte die Königin erstaunt.

»Ja, denn wie viele Jahre man auch zählen mag, man ist alt, sobald man alle Illusionen verloren hat und den Namen Sieger, den Ihr mir wie einem Cid beizulegen die Gnade habt, würde ich bald verlieren, da Ihr nach der Uebergabe Granada‘s und dem Falle des letzten Maurenkönigs, Abul Abdallah, keine Feinde mehr in eurem Reiche zu besiegen habt.«

Der junge Mann sprach diese Worte in so tieftraurigem Tone, daß die Königin ihn verwundert ansah und Dona Beatrice, welcher ohne Zweifel der Liebeskummer ihres Neffen bekannt war, eine Thräne abwischte, die still über ihre Wange rann.

»Und wohin willst Du gehen?« fragte die Königin weiter.

»Nach Frankreich, Hoheit.«

Isabella runzelte leicht die Stirn.

»Hm Euch,« fuhr sie fort, ohne weiter Du zu sagen, »König Carl VIII. zur Hochzeit mit der Erbin der Bretagne geladen, oder Euch aufgefordert, Dienst in dem Heere zu nehmen, das er, wie man sagt, aufstellte, um Italien zu erobern?«

»Ich kenne den König Carl VIII. Nicht,« antwortete Don Inigo, »und welchen Antrag er mir auch machte, in seinem Heere zu dienen, ich würde ihn ablehnen, denn ich müßte sicherlich gegen meine vielgeliebte Souveränin dienen.«

»Und was treibt Dich nach Frankreich, wenn Du nicht einen Herrn suchen willst, der Dir besser zusage als wir?«

»Ich begleite einen Freund, den Ihr fortgetrieben habt.«

»Wer ist er?«

»Christoph Columbus, Hoheit.«

Es trat eine Pause ein, in welcher man das leichte Knarren der Thür zum Cabinet des Königs hörte, die halb geöffnet wurde.

»Gott verhüte es, wir haben euren Freund nicht fortgetrieben, Don Inigo,« entgegnete Isabella in einer Trauer, die sie nun nicht von sich abweisen konnte; »aber unser Rath hat die Bedingungen, welche der Genueser gestellt, für so übertrieben erklärt, daß wir sie nicht annehmen können, ohne gegen die Achtung zu verstoßen, die wir uns selbst und unsern beiden Kronen schuldig sind. Wenn euer Freund, Don Christobal, einige Nachgiebigkeit gezeigt hätte, würde die Ausführung eines Planes, dessen Mißlingen er sich selbst zuzuschreiben hat, durch den guten Willen des Königs Ferdinand und das Interesse, das ich daran nehme, leicht geworden seyn.«

Isabella schwieg und wartete auf die Antwort Don Inigo’s, aber dieser antwortete nicht.

»Abgesehen übrigens davon,« fuhr sie fort, »daß die Theorie des Genuesen über die runde Gestalt der Erde mit den Worten der heiligen Schrift nicht wohl übereinstimmt, wisset Ihr, daß die gelehrtesten Männer des Reiches Christoph Columbus als einen Träumer behandeln.«

»Lieber seinen Hoffnungen zu entsagen, als seiner Würde,« entgegnete der Neffe der Beatrice, »sieht einem Träumer nicht ähnlich. Columbus unterhandelt um ein Reich, das, wie er meint, zehnmal größer ist, als Spanien und seine Forderungen entsprechen dieser Größe. . . Ich begreife das.«

»Neffe!« flüsterte Beatrice.

»Sollte ich unwillkürlich gegen die der Königin gebührende Ehrfurcht gehandelt haben?« fragte Don Inigo; »das würde mich tief betrüben.«

»Nein, mein Kind, nein,« entgegnete Isabella lebhaft. Als sie einen Augenblick nachgedacht hatte, fragte sie Don Inigo: .

»Du meinst also, es liege etwa Ernsthaftes, Mögliches. Wirkliches den Träumen des Seefahrers zu Grunde?«

»Ich bin zu unwissend, um Ew. Hoheit im Namen der Wissenschaft darauf Antwort geben zu können, aber im Namen des Glaubens antworte ich: Die Ueberzeugung Christophs hat auch mich überzeugt und wie Ew. Hoheit das Gelübde thaten, Santa Fe nicht zu verlassen, bevor Granada erobert sey, so habe ich gelobt, Columbus nicht zu verlassen, bis er den Boden jener neuen Welt betreten, die Ew. Hoheit ausgeschlagen hat.«

»Aber,« sagte Isabella, welche zu scherzen versuchte, obgleich ihr die Worte des jungen Mannes, wenn nicht die Lust dazu, doch die Fähigkeit benommen hatten, »da Du so großen Glauben auf die Wissenschaft des Genuesen hast und er nur zwei Caravellen, hundert Matrosen und dreitausend Kronen für sein Unternehmen braucht, warum hast, Du nicht von deinem Vermögen, das dreimal so groß ist, die beiden Caravellen bauen lassen, die hundert Matrosen in Dienst genommen und die dreitausend Kronen vorgeschossen? Da Columbus in diesem Falle Niemanden Schuldner gewesen, hätte er König seines erträumten Reiches seyn und Dich zum Vicekönig ernennen können.«

»Ich habe es ihm angeboten, Hoheit,« antwortete Don Inigo ernst, »nicht in Hoffnung aus so hohen Lohn, denn ich bin nicht ehrgeizig, aber Columbus bat mein Anerbieten abgelehnt.«

»Columbus hat die Ausführung eines Planes abgelehnt, mit dem er sich seit zwanzig Jahren trägt?« fragte Isabella; »Kind, das werde ich Dir nie glauben.«

»Und doch ist es die Wahrheit, Hoheit,« antwortete Don Inigo mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung.

»Und welchen Grund gab er bei seiner Ablehnung an?«

»Er sagte, zur Weihe eines solchen Unternehmens gehöre der Name und der Schutz eines großen Königs und da er es nicht unter der portugiesischen, nicht unter der spanischen Flagge ausführen könne, wolle er versuchen, ob es Carl VIII. unter den Schutz der drei Lilien Frankreichs stellen wolle.«

»Der Genuese ist nach Frankreich gereist? Der Genuese will seinen Plan dem Könige Carl VIII. vorlegen? Wisset Ihr das gewiß, Señor Inigo?« fragte Ferdinand von Aragonien, der plötzlich hereintrat und sich in das Gespräch mischte, aus das er seit einigen Augenblicken gehört hatte.

Alle Anwesenden drehten sich bei diesem unerwarteten Eintreten um und gaben ihre Ueberraschung wenigstens durch eine Geberde zu erkennen.

Nur Don Inigo, als habe er die Bewegung der Thür gehört und geahnt wer sie öffne, äußerte nur Ehrerbietung, indem er sich vor dem König verbeugte, wie vorher vor der Königin. Nun setzte er seinen Hut auf, als wolle er das ihm zustehende Recht üben, bedeckt vor dem Könige von Aragonien zu bleiben. Fast in demselben Augenblicke jedoch nahm er ihn wiederum ab, indem er sich gegen Isabella wendete von der, als seiner alleinigen Souveränin, er seine Entlassung zu erwarten schien.

Diese bebte übrigens vor Freude als sie sah, wie begierig der sonst so gelassene Ferdinand die für Spanien so demüthigende Nachricht anhörte, Columbus wolle die Gunst – und den Schutz eines andern Fürsten suchen.

Da Don Inigo auf die Frage Ferdinands nicht antwortete, so sagte sie zu dem jungen Manne:

»Hörst Du, was der König von Aragonien fragt? Er fragt Dich, ob es wahr sey, daß der Genuese nach Frankreich abgereist und ob er wirklich dem König Carl VIII. seine Dienste anbieten wolle.

»Ich habe diesen Morgen Christoph Columbus an dem Thore von Bara verlassen, Hoheit; er schlug den Weg nach der Küste ein, um in Alicante, in Valencia oder Barcellona eine Gelegenheit zu suchen nach der Provence zu fahren.«

»Und dann?« fragte Ferdinand.

»Dann, Sire,« antwortete Don Inigo, »dann kam ich hierher, um die Königin um die Erlaubniß zu bitten dem großen Manne zu folgen, mich mit ihm einzuschiffen und sein gutes oder böses Geschick zu theilen.«

»Du wolltest Dich also zu ihm begeben?«

»Sobald ich die Erlaubniß meiner gnädigen Königin erhalten,« antwortete Don Inigo.

»Er verläßt uns wahrscheinlich betrübt über den schlechten Erfolg seines Gesuches.«

»Er verläßt Spanien mit stolz erhobenem Haupt und heiterem Gesicht, Hoheit, denn wenn auch Bedauern und getäuschte Erwartung auf seinem Herzen ruhen, ist sein Herz doch groß genug, diese doppelte Last zu tragen.«

Ferdinand schwieg einen Augenblick vor dieser stolzen Antwort, dann strich er mit der Hand über die nachdenklich gewordene Stirn und flüsterte seufzend:

»Ich fürchte, meine Räthe sind mit ihrer abweisenden Antwort gegen diesen Mann zu voreilig gewesen; was sagt Ihr, Señora?«

Gleich bei den ersten Worten, welche der König gesprochen hatte, war Isabella aufgestanden und zu ihm gegangen. Mit gefaltenen Händen sagte sie:

»Herr, ich habe mich dem Beschlusse des Rathes unterworfen, weil ich glaubte, dieser Beschluß sey von Euch ausgegangen; wenn ich mich aber täuschte, wenn Ihr noch einigen Antheil an dem Manne nehmt, der solche Hingabe erwecken kann und solche Begeisterung erregt, so solltet Ihr nur eurem Geiste und eurer Hochherzigkeit folgen.«

»Glaubt Ihr, Don Inigo,« fragte Ferdinand und jedes Wort fiel wie ein Tropfen eiskalten Wassers auf Isabellens Herz, »glaubt Ihr, daß Columbus, angenommen er entdecke das gesuchte Land, in demselben so viel Gewürze, Edelsteine und Gold finden würde, um die ungeheuern Kosten einer solchen Unternehmung zu decken?«

Isabella trat der Schweiß auf die Stirn; sie empfand was die poetischen Herzen empfinden, wenn eine Person, die Anspruch aus ihre Liebe und Achtung hat, einmal in einer Sprache spricht, welche mit ihrem hohen Range nicht übereinstimmt.

Sie hatte nicht den Muth zu antworten, Don Inigo antwortete für sie:

»Ew. Hoheit finden die Kosten ungeheuer, welche zwei Caravellen mit hundert Mann verursachen würden. Die dreitausend Kronen sind eine Summe, welche einige Herren im Dienste Ew. Hoheit mehr als einmal in einer Nacht im Spiel und in Thorheiten vergeudet haben.«

»Wenn es sich nur um das Geld handelte,« setzte Isabella hinzu, »so würde ich es herbeischaffen.«

»Ihr? Woher?« fragte Ferdinand.

»Aus der Casse des Schatzmeisters Castiliens hoffentlich,« antwortete Isabella, »und wenn sie nicht einmal diese kleine Summe enthielte, wäre ich wohl geneigt, lieber meine eigenen Juwelen zu verpfänden oder zu verkaufen, als Columbus einem andern Könige, einer andern Nation den Plan bringen zu sehen, der, wenn er gelingt, das Land, welches Columbus begünstigt, zu dem reichsten und mächtigsten der Welt machen wird.«

Ferdinand murmelte etwas, das weder Billigung noch Mißbilligung zu seyn schien, die Marquise Moya gab ihre Bewunderung laut zu erkennen und Don Inigo ließ sich auf ein Knie vor der Königin nieder.

»Was thut Ihr, Don Inigo?« fragte die Königin lächelnd.

»Ich verehre meine Königin, wie sie es verdient,« sagte der junge Mann, »und warte auf ihren Befehl, sofort auszubrechen, um Christoph Columbus nach Santa Fe zurück zu bringen.«

Isabella sah den König von Aragonien bittend an; aber der kalte und kluge Staatsmann ließ sich nicht zu Regungen der Begeisterung hinreißen, welche er kaum Jünglingen und Frauen gestattete und die, seiner Meinung nach, stets in gebührender Entfernung von dem Geiste der Minister und dem Herzen der Könige gehalten werden müssen.

»Heißt den jungen Mann aufstehen, Señora,« sagte er, »und sprecht mit mir über diese wichtige Angelegenheit.«

Isabella nahm seinen Arm und beide verließen zwar das Betgemach nicht, traten aber in die Brüstung eines Fensters, auf welchem in bunten Farben die Himmelfahrt der Jungfrau dargestellt war.

Der junge Mann erhob die Hände zu dem Bilde der Madonna und sprach:

»Heilige Mutter Gottes, erleuchte das Herz des Königs mit dem Lichte, das auf deinem Haupte strahlt.«

Ohne Zweifel wurde das Gebet Don Inigo’s erhört, denn man sah unter den dringenden Bitten Isabellens allmälig das Eis Ferdinands schmelzen. Ein Zeichen mit dem Kopfe deutete seine Zustimmung an und er sagte laut:

»Es geschehe nach eurem Wunsche, theure Isabella.«

Die Brust aller Anwesenden machte sich durch einen Seufzer der Befriedigung Luft.

»Steigt nun zu Pferd, junger Mann,« fuhr Don Fernand fort, »und sagt dem eigensinnigen Genueser, da er nicht nachgeben wolle, müßten wohl die Könige nachgeben.«

»Also, Hoheit? fragte Don Inigo, der nicht nur die Genehmigung des Königs, sondern auch die der Königin haben wollte.

»Wir willigen in Alles,« sagte Isabella, »und euer Freund Columbus kann zurück kommen, ohne neue Schwierigkeiten zu fürchten.«

»Es ist wahr, Hoheit, ich habe recht gehört?« fragte Don Inigo.

»Hier meine Hand,« antwortete Isabella.

Der junge Mann beugte sich über diese königliche Hand, die er ehrfurchtsvoll mit seinen Lippen berührte, dann entfernte er sich rasch aus dem Gemache und rief:

»Mein Pferd! Mein Pferd!« Fünf Minuten später vernahm man auf dem Pflaster des Hofes den Galopp des Pferdes Don Inigo’s, der sich bald in der Ferne verlor.




Fünftes Capitel.

Dona Flor


Don Inigo hatte Columbus achtzehn Stunden von Santa Fe eingeholt und ihn an den Hof Ferdinands und Isabella’s zurück gebracht.

Der Seefahrer war zögernd und voll Zweifel dahin zurück gekommen, bald aber war die günstige Nachricht, die ihm Don Inigo gebracht und an die er nicht hatte glauben wollen, durch den Mund des Königs und der Königin selbst bestätigt worden.

Dann hatte er alle nöthigen Befehle erhalten und sich nach dem Hafen Palos de Moguer begeben, einem kleinen Orte an der Mündung des Tinto in der Nähe der Stadt Huelva.

Ferdinand hatte gerade diesen Hafen nicht etwa, wie man hätte glauben können, gewählt, weil er am atlantischen Meere sich befand und den Weg abkürzte, sondern weil Palos durch eine gerichtliche Verurtheilung genöthigt war, der Krone zwei vollständig ausgerüstete Caravellen zu liefern.

Ferdinand hatte demnach keine andern Kosten als die dreitausend Kronen.

Wir müssen aber gerecht seyn und erwähnen, daß im Anfange Juni’s Columbus erfuhr, auf den Antrag Isabellas, seiner erklärten Gönnerin, sey ihm ein drittes Schiff bewilligt worden.

Freilich darf auch nicht verschwiegen werden, daß König Ferdinand erfahren hatte, Heinrich VII. lasse dem berühmten Seefahrer, auf Anbringen dessen Bruders Bartolomeo Columbus, alle Vortheile bieten, die ihm Spanien bewilligt habe.

Don Inigo hatte seinen Freund nach Palos begleitet und war dann in Folge eines Briefes, den er erhalten, nach Cordova zurück gekehrt, doch erst nachdem er Columbus das Versprechen abgenommen, Spanien ohne ihn nicht zu verlassen und ihm die Zeit der Abfahrt nach Cordova zu melden.

Columbus verdankte diesem treuen Freunde zu viel, als daß er ihm das hätte abschlagen können. Im Laufe des Juli 1492 zeigte er Don Inigo an, daß er am nächsten 3. August unter Segel zu gehen gedenke.

Am 2. August fand sich der junge Mann ein, betrübter, aber auch entschlossener als je.

Don Inigo begleitete also Columbus bei allen Erfahren dieser ersten Fahrt. Er befand sich aus dem Verdeck am letzten Tage, welcher dem großen Admiral bewilligt war, nämlich in der Nacht vom 11. zum 12. October, als der Matrose im Mastkorbe der Pinta -Land!« rief. Er war der Zweite, welcher die Insel San Salvador unter den staunenden Bewohnern betrat, die schweigend die aus einer unbekannten Welt ankommenden Fremdlinge betrachteten; der Erste war Columbus selbst, welcher sich die Ehre vorbehalten hatte, die Fahne Castiliens auf dem entdeckten Lande aufzupflanzen. Er folgte ihm nach Cuba, nach St. Dominigo, kam im März 1493 mit ihm nach Spanien zurück, segelte im September desselben Jahres zum zweiten Male mit ihm ab, ohne daß die Bitten seiner Tante, der Königin Isabella und des Königs Ferdinand ihn am Hofe zurückzuhalten vermochten, und besuchte mit ihm die kleinen Antillen, d. h. Guadelupe, St. Christoph, die Inseln unter dem Winde. Er kämpfte mit ihm sowohl gegen die Kaziken als die meuterischen Gefährten, und er schien zum zweiten Male mit Columbus, als die Anklagen seiner Feinde denselben nöthigten, sein Vicekönigreich zu verlassen, um sich vor denen zu rechtfertigen, welche er zu den reichsten Fürsten der Welt gemacht hatte. Am 30. Mai 1498 endlich segelte er mit Columbus zum dritten Male ab, aber diesmal kam er nicht nach Spanien zurück. An der andern Küste des Meeres erfuhr er die Ungnade, in die Columbus und dessen Bruder gefallen, ihre Verhaftung und ihren Tod.

Diejenigen in Spanien, welche sich noch erinnerten, daß ein gewisser Don Inigo de Velasco in der Welt sey, erfuhren um das Jahr 1504 oder 1505, er sey in das Innere des neuentdeckten Landes eingedrungen, und am Hofe eines Kaziken empfangen worden, er habe die Tochter desselben geheirathet und als Mitgift für dieselbe das ganze Brautgemach voll Gold erhalten, dann sey sein Schwiegervater gestorben und er, Don Inigo, habe die Krone ausgeschlagen, welche ihm das Volk angeboten, endlich sey auch seine Frau gestorben und habe ihm eine Tochter hinterlassen, die so schön sey, daß er keinen andern Namen gefunden als Dona Flor.

Drei Jahre vor der Zeit, zu der wir nun gelangt sind, gerade da als der König Ferdinand gestorben, der Columbus mit Gefängniß und Noth für das unermeßliche Geschenk belohnt, hatte sich plötzlich das Gerücht verbreitet, Don Inigo Velasco sey in Malaga mit seiner Tochter auf einem ganz mit Gold beladenen Schiff angelangt. Aber die Königin Isabella war todt, Dona Beatrice war todt und ohne Zweifel nahm Niemand mehr an Don Inigo Theil, wie ihm alle Personen gleichgültig waren. Ein einziger seiner Freunde suchte ihn in Malaga auf, ein gewisser Don Ruiz de Torillas. Sie hatten vor fünfundzwanzig Jahren miteinander gegen die Mauren gedient und die Stadt Malaga einnehmen helfen, in der sie nun einander wieder sahen. Dieser Freund wohnte in Granada und forderte ihn auf, seinen Wohnsitz auch daselbst zu nehmen, aber vergebens.

Der zweifache Ruf von Reichthum und Rechtlichkeit welcher Don Inigo auf seinen Reisen begleitet hatte und mit ihm zurückgekommen war, veranlaßte indeß den damals achtzigjährigen Cardinal Ximenes, der nach dem Tode Ferdinands zum Regenten ernannt worden war, ihn zu sich nach Toledo einzuladen, damit er ihm in den Staatsgeschäften beistehe, namentlich in der Frage, welche Verhältnisse der neue König Don Carlos zwischen Spanien und Westindien einrichte.

Da es sich um das Wohl des Landes handelte, zögerte Don Inigo nicht. Er verließ Malaga mit seiner Tochter, kam nach Toledo und theilte in allen überseeischen Angelegenheiten die Regierung des Reiches mit dem Cardinal Ximenes und Adrian von Utrecht, dem ehemaligen Lehrer des Don Carlos, den dieser nach Spanien vorausgeschickt hatte.

Diese drei Männer hatten Spanien ungefähr ein Jahr lang regiert, als man plötzlich vernahm, der König Don Carlos sey in Villa Viciosa, einem kleinen Hafen in Asturien, gelandet und befinde sich auf der Reise nach dem Kloster Tordesillas, wo nach dem Tode Philipps des Schönen, seines Vaters, der am 25. September 1506 gestorben, seine Mutter Johanna sich aufhielt.

Nach dieser Nachricht hatte nichts Don Inigo de Velasco in Toledo zurückzuhalten vermocht. Er behauptete, seit der Ankunft des Königs in Spanien sey ein Regentschaftsrath unnöthig, verabschiedete sich von seinen beiden Collegen, was diese auch thaten, ihn davon abzubringen, und kehrte mit seiner Tochter in sein Paradies Malaga zurück.

Hier glaubte er ruhig und allen Augen verborgen zu leben, als plötzlich zu Anfange des Juni 1519 ein Bote des Königs bei ihm erschien, ihm meldete, der König beabsichtige die Städte des südlichen Spaniens, Cordova, Sevilla, Granada, zu besuchen und ihn aufforderte denselben in der legten Stadt zu erwarten.

Der Bote übergab ihm ein Pergament mit dem königlichen Siegel, welches ihn zum Oberrichter ernannte.

Diese Ernennung sey, schrieb ihm der König eigenhändig, eine Huldigung, welche der Cardinal Ximenes auf seinem Sterbebette, so wie Adrian von Utrecht nicht blos den Kenntnissen Don Inigo’s, sondern auch der hohen und strengen Rechtlichkeit dargebracht, die Niemand in Spanien bestreite.

So ungern auch Don Inigo de Velasco sein Paradies in Malaga verließ, machte er doch Vorbereitungen zu der Reise und an dem festgesetzten Tage brach er mit Dona Flor auf. Ohne daß er es wußte, eilte ihm Don Ramiro d’Avila voraus, ein leidenschaftlicher Verehrer der schönen Dona Flor, welcher er auch nicht ganz gleichgültig zu seyn hoffte, wie er nach einigen Blicken schloß, welche durch eine Jalousie hindurch gewechselt worden waren.

Ueberdies war er von drei Dienern begleitet, von denen der eine, wie wir schon sagten, den Vortrab bildete, während die beiden andern den Zug deckten.

Eine solche und selbst eine noch stärkere Bedeckung war gar nicht nutzlos, wenn man den im Lande umlaufenden Gerüchten glaubte. Die Wege sollten durch Räuber unsicher gemacht werden, die unter einem neuen Führer von bis dahin unerhörter Keckheit seit einem Jahre eine solche Kühnheit entwickelten, daß dieser Führer mit zehn, zwölf oder fünfzehn Mann mehr als einmal Ausflüge bis an die Thore von Malaga und auf der andern Seite bis Granada gemacht.

Niemand wußte, woher dieser Räuberhauptmann gekommen, und Niemand vermochte zu sagen, wer er sey. Sein Taufname wie sein Familienname war unbekannt, ja er hatte nicht einmal einen Beinamen angenommen, wie es sonst Leute dieser Art gewöhnlich thun. Man nannte ihn einfach el Salteador, das heißt: den Räuber.

Die Erzählungen von dem geheimnißvollen Landstraßenhelden waren, wie man spricht, nicht ohne Einfluß auf die Vorsichtsmaßregeln Don Inigo’s gewesen und als die kleine Carawane vor der jungen Zigeunerin erschien, sah sie ganz aus wie Reisende, die einen Angriff fürchten und auf eine Vertheidigung vorbereitet sind.

Vielleicht fragt man, warum Don Inigo, da der Weg über das Gebirge so unsicher seyn sollte und er seine Tochter Dona Flor so sehr liebte, gerade diese Straße eingeschlagen, statt einen Umweg zu machen, oder warum er nicht wenigstens eine stärkere Bedeckung mit sich genommen.

Darauf antworten wir: Don Inigo hatte zweimal, kurz vorher, mit seiner Tochter denselben Weg über das Gebirge gemacht, ohne daß ihm ein Unfall begegnet war, und zweitens ist es eine unbestreitbare Wahrheit, daß der Mensch an die Gefahren sich gewöhnt und mit ihnen endlich vertraut wird.

Wie vielen Gefahren aller Art hatte Don Inigo in seinem abenteuerreichen Leben getrotzt! – Gefahren im Kriege gegen die Mauren, Gefahren zur See auf seinen Fahrten, Gefahren der Meuterei am Bord, Gefahren des Mordes unter den wilden Bewohnern der neuen Welt. . . Was waren in Vergleich damit die, welchen man sich mitten in Spanien, auf einer Strecke von kaum zwanzig Stunden zwischen Malaga und Granada aussetzte.

Don Inigo verachtete solche Gefahr.

Unvorsichtig aber war es, mit einem solchen Schatz von Jugend und Schönheit wie Dona Flor in das Gebirge sich zu wagen.

Der Ruf von wunderbarer Schönheit, welcher Dona Flor aus der neuen Welt in die alte vorhergegangen, hatte nicht übertrieben. Dona Flor würde in ihrem sechzehnten Jahre, in dem sie stand, die übertriebensten Vergleiche, welche die spanischen und selbst die arabischen Dichter hätten erfinden können, weit hinter sich zurückgelassen haben, denn sie besaß den Glanz der Blume und das Sammtweiche der Frucht, die Anmuth der Sterblichen und die Würde der Göttin. Wie man an der jungen Zigeunerin, die sie mit unbefangener Bewunderung näher kommen sah, die Mischung des arabischen und des spanischen Volkes erkannte, so konnte man in Dona Flor nicht blos das Eigenthümliche zweier herrlicher Stämme, sondern das Reinste und Edelste dieser Stämme finden. Das Kind Mexico’s und Spaniens hatte die schöne matte Hautfarbe, die herrlichen Arme, die reizenden Hände, die bewundernswürdigen Füße der Andalusierinnen, mit den dunkeln Wimpern, den Sammtaugen, dem langen üppigen Hals und dem schmiegsamen Wuchs der Indianerinnen, der Töchter der Sonne.

Ihr Anzug schien darauf berechnet zu seyn, die herrlichen Formen und das reizende Gesicht der schönen Reisenden geltend zu machen. Er bestand in einem himmelblauen seidenen Kleide, das von Silber und in zartem Rosenroth schimmerte und von oben bis unten mit Perlen zusammengehalten wurde, von denen eine jede eine Grafenkrone zu schmücken werth war. Dieses Kleid hob den Oberkörper mit den Oberarmen hervor, wie es die spanische Tracht im Anfange des sechzehnten Jahrhunderts that, von den Ellenbogen an erweiterten sich die Aermel und hingen dann offen hinunter, so daß sie unter Spitzen von Murcia die Hände und Vorderarme bloß ließen, welche der Sonne Murica’s widerstanden hatten und also die Sonne Spaniens nicht zu fürchten brauchten, jetzt überdies von einem weiten Mantel von weißer, feiner, seidenweicher Wolle umhüllt waren, welcher seinem unteren Theile nach Aehnlichkeit mit dem mexicanischen Mantel hatte, durch die Capuze aber, unter welcher das Gesicht des Mädchens sich barg, dem arabischen Burnuß glich.

Don Inigo und Dona Flor ritten aus ihren Maulthieren, welche scharlachrothe Wellenbüschel auf dem Kopfe trugen, in raschem, wenn auch nicht besorgten Trabe dahin, und Dona Flor schien an Reisen über Gebirge und an das abenteuerreiche Leben jener Zeit eben so gewöhnt zu seyn wie ihr Vater.

Der vorausreitende Diener schien indeß minder ruhig zu seyn als seine Gebieter, denn als er die junge Zigeunerin erblickte, hielt er an, um sie zu befragen und Don Inigo langte mit seiner Tochter an, als der vorsichtige Diener sich erkundigte, ob seine Gebieter mit Sicherheit in der kleinen Venta einkehren könnten, die sie jetzt nicht mehr erblickten, da sie sich tief im Thale befunden, die sie aber oben auf dem Berge vor sich gesehen hatten.

Als Don Inigo nebst Dona Flor anlangten, war die Besorgniß des Dieners durch die ausweichenden und fast spöttischen Antworten des Zigeunermädchens eher erhöht als vermindert worden, das wohl sitzen blieb und weiter spann, als aber die Herrschaft ankam, aufstand, ihre Spinngeräthschaften hinlegte, über den Bach sprang wie eine Gazelle und sich an den Rand des Weges stellte, während ihre neugierige Ziege in drei oder vier Sätzen von der Höhe herunter kam und die Reisenden mit ihren großen und klugen Augen ansah.

»Seht da das schöne blind, Vater,« sagte Dona Flor, indem sie den Alten anhielt und das Mädchen mit derselben Bewunderung ansah, welche sie selbst erregte.

Don Inigo nickte bejahend.

»Wollen wir mit ihr sprechen?« fragte Dona Flor weiter.

»Thue es, mein Kind, wenn Du willst.«

»Wie heißt Du, schönes Mädchen?« fragte Dona Flor.

Die Christen nennen mich Ginesta, die Morisken Aise, denn ich habe zwei Namen, einen von Mohamed, einen von Jesus Christus.

Als das Mädchen den Namen des Erlösers aussprach, bekreuzigte sie sich – ein Beweis, daß sie Christin war.

»Wir sind gute Katholiken und werden Dich Ginesta nennen,« sagte Dona Flor lächelnd.

»Nennt mich wie Ihr wollt,« entgegnete die Zigeunerin; »aus eurem schönen Munde, von eurer lieblichen Stimme wird mir mein Name immer schön klingen.«

»Nun, Flor,« sagte Don Inigo, »wenn Dir Jemand gesagt hätte, Du würdest in dieser Wildniß der Nymphe Schmeichelei finden, würdest Du ihn als Lügner verspottet haben, nicht wahr? er hätte aber doch die Wahrheit gesagt.«

»Ich schmeichle nicht, ich bewundere,« sagte die Zigeunerin.

Dona Flor lächelte und erröthete zugleich und um dem Gespräche eine andere Wendung zu geben, fragte sie:

»Was antwortetest Du Nuñez, schönes Kind?«

»Erkundigt Euch zuerst was er mich fragte.«

»Nun, was fragte er?«

»Er war besorgt wegen des Weges, erkundigte sich ob derselbe sicher und die Venta gut sey.«

»Und Du antwortest ihm . . .?«

»Ich sang ihm zur Antwort das Lied des Reisenden.«

»Wie lautet dies?«

»Hört zu.«

Und wie ein Vogel singt, das heißt, ohne Anstrengung und nach einer Melodie, die eine einfache Modulation der gewöhnlichen Stimme zu seyn schien, sang die Zigeunerin folgende Strophe eines andalusischen Liedchens:

		Ist der Himmel klar,
		Gib wohl Acht!
		Ist die Straße sicher,
		Sieh Dich vor,
		Und die Jungfrau mit den blauen Augen
		Möge Dich behüten.
		Lebe wohl, Wanderer, lebe wohl,
		Ziehe in Frieden mit Gott!

»Das sagtest Du dem Nuñez, schönes Kind,« fuhr Dona Flor fort; »was sagst Du uns?«

»Euch, schöne Señora,« antwortete die Zigeunerin, »Euch werde ich die Wahrheit sagen, denn Ihr seyd die Erste aus der Stadt, die freundlich und ohne Verachtung mit mir gesprochen hat.«

Sie trat noch zwei Schritte näher, legte ihre rechte Hand auf den Hals des Maulthieres, den Zeigefinger der Linken auf ihre Lippen und sagte:

»Reiset nicht weiter.«

»Nicht weiter?«

»Kehrt um.«

»Du spottest unser, Mädchen,« sagte der Vater.

»Gott ist mein Zeuge, daß ich Euch den Rath gebe, den ich meinem Vater und meiner Schwester geben würde.«

»Willst Du mit zweien unserer Diener nach Alama zurückkehren, mein Kind?« fragte Don Inigo.

»Und Ihr, Vater?« antwortete Dona Flor.

»Ich werde mit dem dritten meinen Weg fortsetzen, denn der König trifft morgen in Granada ein. Er hat mir befohlen, heute dort zu seyn und ich werde den König nicht warten lassen.

»Ich trenne mich nicht von Euch, theurer Vater.«

»So reite voran, Nuñez.«

Don Inigo nahm aus seiner Tasche eine Börse und reichte sie dem Mädchen, dieses aber machte eine Geberde wie eine Königin und antwortete:

»Keine Börse ist so reich, daß sie den Rath bezahlen konnte, welchen ich Dir gegeben habe, »Herr Reisender; behalte deine Börse, sie wird da willkommen seyn, wohin Du gelangst.«

Da nahm Dona Flor die Agrafe von ihrem Kleide, winkte dem Mädchen noch näher zu kommen und fragte:

»Wirst Du dies annehmen?«

»Von wem?« fragte dagegen die Zigeunerin ernst.

»Von einer Freundin.«

»Ach, ja.«

Sie hielt ihren Hals nahe an Dona Flor, die der Zigeunerin die Agrafe daran befestigte und flüchtig mit den Lippen die Stirn des schönen Mädchen berührte, während ihr Vater, der als guter Christ eine solche Vertraulichkeit mit einer Halbungläubigen nicht geduldet haben würde, dem Nuñez weitere Befehle ertheilte.

»Komm,« sagte Don Inigo.

»Ich komme schon,« antwortete Dona Flor, indem sie ihren Plan zur Rechten des Vaters nahm, der seinen Weg fortsetzte und seinen drei Dienern zurief:

»Seid auf eurer Hut!«

Die Zigeunerin blieb unbeweglich, mit gesenktem Kopfe stehen, blickte aber doch dem schönen Mädchen nach, das sie Freundin genannt hatte, und murmelte die letzten Verse ihres Liebchens:

		Lebe wohl, Wanderer, lebe wohl,
		Ziehe in Frieden mit Gott!

Sie sah ihnen also mit sichtbarer und wachsender Angst nach, bis sie Alle, »Herr und Diener, hinter der kleinen Höhe verschwunden waren, welche der Horizont begrenzte. Dann bückte sie sich und horchte.

So vergingen fünf Minuten, in denen die Lippen der Zigeunerin mechanisch wiederholten:

		Lebe wohl, Wanderer, lebe wohl,
		Ziehe in Frieden mit Gott!

Mit einem Male hörte sie den Knall mehrerer Flinten, drohende Rufe und Jammerlaute und endlich erschien, an der Achsel blutend, einer der beiden Diener wiederum oben auf der Höhe, tief auf sein Pferd gebückt, dem er beide Sporen in die Weichen drückte, und wie ein Blitz schoß er an dem Mädchen vorüber, während er rief: »Hilfe! Hilfe! Mörder!«

Die Zigeunerin stand einen Augenblick unentschlossen da, bald aber schien sie mit sich einig geworden zu seyn, nahm ihren Rocken, lief so rasch den Berg hinan, daß die Ziege kaum folgen konnte, und erreichte endlich den Gipfel eines Felsens, der das ganze Thal überschaute. Hier winkte sie mit ihrer buntfarbigen Schärpe und rief dreimal mit aller Kraft ihrer Brust:

»Fernand! Fernand! Fernand!




Sechstes Capitel.

In der Venta »zum Maurenkönig.«


Selbst wenn wir so schnell dem Orte zueilten, wo der Vorfall geschehen war, von dem wir hörten, wie der Diener Don Inigo‘s sich davon entfernte; selbst wenn wir in so raschen Sprüngen liefen, wie die Zigeunerin mit ihrer Ziege auf die Felsenspitze kletterte, auf dem sie mit ihrem Gürtel winkte, wir würden zu spät kommen, um dem Unglücke beizuwohnen, welches den schmalen Pfad zur Venta mit Blut befleckt hatte. Wir würden weiter nichts sehen, als den Leichnam des Nuñez und das todte Pferd desselben, welche den Weg versperrten, während der schwer verwundete Torribio eines der Grabkreuze zu erreichen suchte, an das er sich fast sterbend lehnte.

Don Inigo und dessen Tochter sind in der Venta verschwunden, deren Thor sich hinter ihnen und der Räuberschaar geschlossen hatte, welche sie gefangen hinweggeführt.

Wir haben als Romanschreiber indeß die Macht wie Mephistopheles die Wände durchsichtig zu machen, oder wie Asmodi die Dächer abzuheben, und so werden wir in unserm Reiche nichts geschehen lassen, was unsern Lesern unbekannt bleibt. Wir berühren mit unserer Feder das Thor der Venta, das sich wie von einem Zauberstabe öffnen wird, und sagen:

»Sehet da!«

Der Hof der Venta bot auf den ersten Blick Spuren des Kampfes, der draußen begonnen und drinnen fortgesetzt worden war. Eine Blutspur, die man über zweihundert Schritte verfolgen konnte, ging über die Schwelle an eine Mauerecke, wo ein Räuber, den die Kugel eines Dieners Don Inigo’s getroffen hatte, von Anapola, derselben, welche die Blumen in das Gemach der Reisenden gebracht und von dem Mozuelo gepflegt wurde, welcher das Pferd Don Ramiro’s gehalten.

Das Sammtbarett Don Inigo’s und ein Stück des weißen Mantels Dona Flors lagen auf den Stufen, die von dem Hofe nach der Küche führten und deuteten an, daß der Kampf hier sich erneuert hatte, daß man die Reisenden dahin geschleppt und daß wir sie dort suchen müssen.

Von der Eingangsthür, die sich auf die beiden Stufen öffnete, begann der blumenbestreute Pfad, den der Liebesbote der schönen Dona Flor bereitet hatte; aber die Blumen waren zertreten, bestaubt und von Blutstropfen befleckt, die hier und da, bald auf einer Rose, bald auf einer Lilie, wie flüssige Rubinen glänzten und zitterten.

Die Thür, welche die Küche von dem Gemache trennte, wo in Folge der Fürsorge Don Ramiro’s für die zwei Reisenden gedeckt war und wo man den Wohlgeruch noch empfand, stand jetzt offen und war von den Leuten des Wirthes gefüllt, verkleideten Banditen, welche die auf der Straße stets zu unterstützen bereit waren, und heraus drangen drohende und klagende Töne, Schreien und Fluchen.

Hier setzte sich die schreckliche Scene fort, hier sollte sie sich aller Wahrscheinlichkeit nach entwickeln, wie die junge Zigeunerin vermutlich in voraus gefürchtet hatte, als sie den Reisenden den Rath gab, umzukehren.

Wenn man die lebendige Mauer beseitigen und sich einen Weg in das Gemach hinein bahnen konnte, sah man Folgendes:

Don Inigo war auf den Fußboden niedergeworfen und versuchte sich noch immer mit einem nutzlosen Degenstücke zu vertheidigen, nachdem er, ehe das Schwert ihm zerbrochen, zwei Banditen verwundet hatte, deren Blut denn die gestreuten Blumen hier und da gefärbt.

Drei Männer vermochten kaum ihn zu halten, obwohl ihm einer das Knie auf die Brust drückte und ihm das catalonische Messer an die Kehle hielt.

Die beiden andern durchsuchten seine Kleider, wahrscheinlich weniger um ihn zu berauben, als ihm die vielleicht noch verborgenen Waffen abzunehmen.

Zwei Schritte von ihm lehnte Dona Flor mit aufgelöstem Haar an der Wand. Die Capuze ihres Mantels war zerrissen und die kostbaren Perlenknöpfe hatte man abgezerrt.

Trotz dieser unwürdigen Behandlung hatte man das Mädchen aus leicht zu errathenden Gründen mehr geschont als den Alten.

Dona Flor war, wie gesagt, von glänzender Schönheit und der Hauptmann der Bande, der Held der Geschichte, galt für einen Mann, dessen Galanterie unter solchen Umständen vielleicht noch schrecklicher war, als die unbarmherzigste Grausamkeit.

Uebrigens sah sie herrlich aus, wie sie dastand, den Kopf an die weiße Wand gelehnt, mit den prächtigen Augen, die unter den langen Sammtwimpern weit öfter Blitze des Zornes und des Unwillens schleuderten, als schüchterne Blicke der Bitte und der Furcht leuchten ließen.

Ihre Arme hingen weiß und bloß matt herab – denn bei dem Abzerren der kostbaren Agrafen hatte man die Aermel zerrissen. – Kein Wort, keine Klage, kein Wehelaut war über ihre Lippen gekommen, seit sie angehalten wurden; das Klagen, das Wimmern rührte von den beiden Banditen her, welche Don Inigo verwundet hatte.

Ohne Zweifel glaubte das schöne schuldlose Mädchen jetzt nur einer Todesgefahr ausgesetzt zu seyn und dieser Gefahr gegenüber zu klagen und zu bitten, hielt sie einer edlen Spanierin für unwürdig.

Die Banditen, welche überzeugt waren, daß sie ihnen nicht entgehen konnte und ihr ziemlich alle ihre Kostbarkeiten abgenommen hatten, standen im Kreise um die schöne Reisende und betrachteten sie mit Blicken und Lachen, vor denen sie die Augen niedergeschlagen haben würde, wenn nicht diese Augen durch die Mauern hindurch den unsichtbaren Gott gesucht hätten, den allein sie um Hilfe anzuflehen sich herbei ließ.

Vielleicht dachte Dona Flor an den schönen Jüngling, den sie seit einem Jahre um ihr Fenster schweifen sah, sobald der Abend nahte, und der in der Nacht durch die Stäbe ihres Fensters die schönsten Blumen Andalusiens auf ihren Balcon streuete.

Wenn sie aber auch schwieg, wie wir sagten, so schrie und fluchte man um so mehr um ihren Vater her.

»Elende!« rief der alte Mann. »Tödtet mich, ermordet mich, aber ich sage Euch, eine Stunde vor Alama habe ich Soldaten gesehen, deren Führer ich kenne. Er weiß, daß ich gereiset bin; er weiß, daß ich auf Befehl des Königs Don Carlos nach Granada ging, und wenn er erfährt, daß ich nicht angekommen bin, wird er vermuthen, daß ich ermordet wurde, und dann habt Ihr es nicht mit einem sechzigjährigen Manne und einem fünfzehnjährigen Mädchen zu thun und wir werden sehen, Ihr Banditen, ob Ihr vor den Soldaten des Königs, Mann gegen Mann, so großen Muth habt, wie hier zwanzig gegen Einen.«

»Mögen die Soldaten des Königs kommen,« sagte Einer der Räuber; »wir kennen sie, wir haben sie gestern vorüberziehen sehen; wir haben eine gute unterirdische Feste mit Ausgängen im Gebirge.«

»Wer sagt Dir dann auch, daß wir Dich ermorden wollen?« fiel ein Anderer ein.

»Wenn Du das glaubst, irrst Du Dich; wir morden nur die armen Teufel, bei denen nichts zu holen ist; edle Herren, die wie Du Lösegeld zahlen können, behandeln wir sehr aufmerksam und den Beweis siehst Du daran, Undankbarer, daß wir Dir durchaus nichts zu Leide thaten, obgleich Du um Dich hiebst und zwei der Unserigen verwundetest.«

Da klang eine Stimme, gleich der eines Engels, unter die rauhen drohenden hinein. Dona Flor sprach zum ersten Male.

»Wenn es sich nur um ein Lösegeld handelt, so soll es bezahlt werden. Bestimmt ein fürstliches und es wird Euch werden.«

»Bei dem heiligen Jakob, darauf rechnen wir auch, schönes Kind, und darum wünschten wir, daß der würdige Herr, euer Vater, sich ein wenig beruhige. Geschäfte sind Geschäfte und die macht man mit Reden ab; durch Schlagen werden sie verwickelt. Sehet, da verwickelt sie euer Vater wieder.

Don Inigo versuchte wirklich von neuem sich zu vertheidigen und verwundete mit dem Schwertstücke, das man ihm nicht hatte entreißen können, so fest hielt er es, einen der Räuber, die ihn hielten, im Gesicht.

»Bei dem Leibe Christi!« rief der, welcher dem Alten das Messer an die Kehle hielt, noch einen Versuch und Ihr habt über euer Lösegeld nicht mit uns, sondern mit Gott zu verhandeln, Mann.«

»Vater!« sagte das Mädchen erschrocken und trat einen Schritt näher.

»Ja,« sagte einer der Räuber, »hört auf das schöne Mädchen, sie spricht goldene Worte und ihr Mund ist wie der jener arabischen Prinzessin, der jedesmal, wenn er sich öffnete, mit jedem Worte eine Perle oder einen Diamanten fallen ließ. Verhaltet Euch ruhig, Mann; gebt euer Wort, nicht entfliehen zu wollen und unserem Freunde, dem Wirthe, einen Geleitsbrief, damit er nach Malaga geben kann, ohne von der Behörde etwas fürchten zu müssen; da wird ihm euer Intendant tausend, zwei, dreitausend Kronen, je nach eurer Freigebigkeit übergeben und nach der Rückkehr des Wirthes, nach der Ankunft des Geldes, seyd Ihr frei. Wenn er nicht zurückkommt, bürgt Ihr natürlich für ihn, Zahn um Zahn, Auge um Auge, Leib um Leib.«

»Vater, Vater, hört was die Männer sagen,« bat die Tochter nochmals, »und gefährdet euer kostbares Leben nicht um einige Säcke Gold.«

»Hört, hört, Herr Fürst, denn Fürst müßt Ihr seyn, wenn nicht Vicekönig, wenn nicht gar König oder Kaiser, da das schöne Mädchen so leichthin von den Schätzen dieser Erde spricht.«

»Und,« fragte der Alte, der sich zum ersten Male zur Erörterung mit Feinden herabließ, welche er bis dahin nur geschmäht oder bekämpft hatte, »was wird mit uns in dieser Mördergrube, während euer würdiger Genosse, der Wirth, mit einem Briefe von mir zu meinem Intendanten geht?«

»Mördergrube? Hörst Du, Calabazas, wie man die Venta »zum Maurenkönige« behandelt? Eine Mördergrube! Komm her und weise dem würdigen Hidalgo seinen Irrthum nach.«

»Was mit Euch geschehen wird,« antwortete ein Anderer, ohne Calabazas die Zeit zu lassen, die Ehre seiner Venta zu vertheidigen, »ist sehr einfach und wir wollen Dir es sagen. Zuerst verlangen wir dein Edelmannswort nicht zu entfliehen.«

»Ein Edelmann gibt Räubern nie sein Ehrenwort.«

»Vater, ein Edelmann gibt sein Wort Gott,« sagte! Dona Flor.

»So höre doch nur einmal was das schöne Kind sagt, denn die Weisheit des Himmels spricht aus diesem Munde.«

»Nun und wenn ich mein Wort gegeben hätte, angenommen ich gäbe es.«

»Dann lassen wir Dich zunächst nicht aus den Augen.«

»Nach meinem Ehrenwerte wolltet Ihr mich nicht weiter reisen lassen?«

»O,« entgegnete der Bandit, »wir leben nicht mehr in der Zeit, als die Juden von Burgos dem Cid tausend Mark Gold aus einen Kasten voll Erde liehen; wir sehen vorher hinein, nicht wie die würdigen Israeliten erst nach Auszahlung der tausend Mark.«

»Elende!« murmelte Don Inigo.

»Vater,« fuhr Dona Flor fort, die noch immer den Alten zu beruhigen suchte, »Vater um Gottes willen!«

»Und wenn Ihr mich nicht aus den Augen lasset. . .«

»Wir befestigen Dich mit einer haltbaren Kette an diesen eisernen Ring.«

Bei diesen Worten zeigte der Bandit auf einen in der Wand festgemachten eisernen Ring, der allerdings zu solchem Zwecke angebracht zu seyn schien.

»Wie einen Sclaven an die Kette legen!« sagte der Alte.

Bei dieser Drohung, die allen Stolz in ihm aufregte, versuchte und bewirkte er eine so gewaltige und so rasche Bewegung, daß er den Banditen, der ihm das Knie aus, die Brust gesetzt hatte, drei Schritte von sich schleuderte und sich drohend auf ein Knie aufrichtete.

Aber wie ein Felsen die Wogen zurückwirft, um von ihnen dann bedeckt zu werden, stürzten sich augenblicklich fünf oder sechs Banditen auf Don Inigo und entrissen ihm den Schwertgriff mit noch etwa zehn Zoll Klinge, den er festgehalten hatte, während der Mann mit dem Messer, im Aerger darüber, durch einen Greis hinweggeschleudert worden zu seyn, mit geschwungener Waffe zurückkam und schwur die letzte Minute des Gefangenen sey gekommen.

Als die Klinge des Dolchmessers blitzte, stieß Dona Flor einen gräßlichen Schrei aus und eilte auf ihren Vater zu.

Ein Bandit aber hielt Dona Flor zurück, ein Anderer faßte die Hand seines Gefährten.

»Vicente! Vicente!« rief er auf die Gefahr hin, daß das drohende Messer sich gegen ihn wende, »was willst Du thun?«

»Den Wüthigen kalt machen.«

»Du wirst das nicht thun.«

»Beim heiligen Jacob, das werden wir sehen!«

»Du wirst es nicht thun, sage ich Dir; Du machst nur ein Loch in einen Sack mit Gold und durch dies Loch fällt unser Lösegeld, so daß wir nichts haben. Vicente, Du hast einen abscheulichen Charakter, wie ich Dir immer gesagt. Laß mich mit dem würdigen Herrn reden und Du wirst sehen, daß er Vernunft annimmt.«

Der Bandit, den sein Camerad Vicente genannt hatte, erkannte ohne Zweifel die Richtigkeit der Bemerkungen und trat grollend zurück, das heißt er wich nicht aus dem Gemache hinaus, sondern wich nur ein paar Schritte, wie der verwundete Jaguar, immer bereit, von neuem über seine Beute herzufallen.

Der Bandit, welcher sich als Unterhändler aufgeworfen hatte, nahm die Stelle Vicente’s ein.

»Nun, Señor Caballero, nehmt Vernunft an; man wird Euch nicht an den eisernen Ring fesseln, sondern Euch nur in den Weinkeller einschließen, dessen Thür so fest ist wie die an den Kerkern von Granada, und eine Wache davor stellen.«

»Wie, Elende, so denkt Ihr einen Mann von meinem Range zu behandeln?«

»Vater, ich werde bei Euch seyn; ich verlasse Euch nicht.«

»Mein schönes Kind,« sagte einer der Banditen, »das können wir Euch nicht versprechen.«

»Was könnt Ihr mir nicht versprechen?«

»Daß Ihr immer bei eurem Vater bleibet.«

»Mein Gott, und was gedenkt Ihr mit mir zu thun?« fragte Dona Flor.«

»Was wir mit Euch thun werden?« entgegnete der Unterhändler. »Wir sind keine vornehmen Herren, um Euch dies sagen zu können. Die Mädchen von eurem Alter, von eurer Schönheit und eurem Stande sind die besondere Beute des Hauptmannes.«

»Mein Gott!« flüsterte Dona Flor, während der Vater einen Zornlaut aussprach.

»Ach, erschreckt nicht,« sagte der Bandit lachend, »unser Hauptmann ist jung, schön und soll auch aus guter Familie seyn. Was also auch geschehen mag, guter Mann, einen Trost werdet Ihr haben: wäret Ihr auch so adelig wie der König, eine Mißheirath wird’s nicht.«

Erst bei diesen Worten erkannte Dona Flor ganz das Gräßliche des Schicksals, das ihr vorbehalten seyn konnte; mit einer gedankenschnellen Bewegung nahm sie aus ihrem Strumpfbande einen kleinen nadelspitzen Dolch, dessen Klinge sofort auf ihrer Brust blitzte.

Die Banditen sahen die Bewegung, wichen einen Schritt zurück und Dona Flor stand von neuem frei, an der Wand, ruhig, aber entschlossen wie eine Statue der Festigkeit.

»Was bestehlt mein Vater?« fragte sie.

Das Auge des züchtigen Kindes bewies wie die Stimme, daß die spitze Klinge auf das erste Wort des Vaters bis an das Heft in das Herz eindringen soll.

Don Inigo antwortete nicht, da ihm aber die gefahrvolle Lage für den Augenblick die Kraft des Jünglings wiedergab, so warf er mit einer eben so heftigen als unerwarteten Bewegung die beiden ihn haltenden Räuber von sich, war mit einem Sprunge auf und rief, indem er die Arme ausbreitete:

»Hierher, mein Kind!«

Dona Flor flog an die Brust ihres Vaters, gab ihm den Dolch und sagte halblaut:

»Vater, Vater, gedenke des Römers, dessen Geschichte Du mir erzählt hast und der Virginius hieß!«

Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, als ein Bandit, der die Hand nach ihr ausgestreckt, zu Don Inigo’s Füßen nieder sank, denn er war ins Herz von dem dünnen Dolche getroffen, der mehr wie ein Spielzeug als wie eine Waffe aussah.

In demselben Augenblick erhob sich ein unermeßlicher Zornesausruf in der Venta. Zehn Messer öffneten sich, zehn Dolche fuhren aus ihren Scheiden, zehn Schwerter blitzten und bedrohten gleichzeitig die beiden Gefangenen, welche nun sterben zu müssen meinten, einen letzten Kuß tauschten, ein letztes Gebet murmelten, die Arme gen Himmel erhoben und gleichzeitig ausriefen:

»Stoßet zu!«

»Nieder mit ihnen! Nieder!« schrien die Banditen, die mit geschwungenen Waffen auf den Alten und das Mädchen stürzten.

Mit einem Male aber hörte man, daß ein kräftiger Faustschlag eine Fensterscheibe zertrümmerte. Ein junger Mann ohne eine andere Waffe als einen baskischen Dolch im Gürtel sprang gewandt in das Zimmer herein und fragte mit einer offenbar an Befehlen gewöhnten Stimme:

»Was geht da vor?«

Bei dieser Frage, die nicht überlaut gesprochen wurde, schwieg das Geschrei, die Messer klappten zu, die Dolche und Schwerter verschwanden in den Scheiden und Alle traten bei Seite, so daß Vater und Tochter, die sich umschlungen hielten, in einem weiten Kreise dem Angekommenen gegenüberstanden.




Siebentes Capitel.

El Salteador


Derjenige, dessen plötzliche, offenbar von den Bedrohenden so wenig als von den Bedrohten erwartete Ankunft eine so auffallende Wirkung hervorgebracht hatte, verdient es, sowohl nach der Art seines Auftretens als nach der Rolle, die er in dieser Geschichte zu spielen hat, daß wir einen Augenblick die Erzählung unterbrechen, um ihn den Lesern zu beschreiben.

Er war ein Mann von sieben- oder achtundzwanzig Jahren, in der Tracht eines andalusischen Gebirgsbewohners, der sich indeß durch große Eleganz auszeichnete.

Sie bestand in einem breitkrämpigen grauen Hute mit zwei Adlerfedern, einem gestickten Lederwams, wie es heute noch die Jäger von Cordova tragen, wenn sie in die Sierra Morena gehen; in einem algierschen Gürtel aus Seide und Gold, in kurzen Beinkleidern von fleischfarbenem Sammt mit ciselirten Knöpfen, in Stiefeln von demselben Leder wie das Wams, an der Seite geschnürt, aber nur am Knöchel, so daß sie den Strumpf sehen ließen und an der Wade offen standen.

Ein einfacher Dolch, wie ihn die pyrenäischen Bärenjäger tragen, das heißt, mit einem ciselirten und mit silbernen Nägeln beschlagenen Horngriffe und einer zwei Finger breiten, acht Zoll langen, zweischneidigen, unten spitzigen Klinge in einer Lederscheide mit Silberverzierungen, war, wie schon gesagt, die einzige Waffe des jungen Hauptmannes, denn offenbar war der ein Anführer, dessen Stimme so unmittelbaren Einfluß auf die Männer des Raubes und Blutes übte, die vor ihr bei Seite getreten traten.

Außerdem trug er einen quergestreiften Mantel wie ihn heute noch die andalusischen Majas tragen und den er so majestätisch um sich schlug wie ein Kaiser seinen Purpur.

Der Bandit, welcher früher zur Beruhigung Don Inigo‘s behauptet, der Hauptmann sey nicht nur jung und schön, sondern habe auch ein so vornehmes Aussehen, daß er allgemein für einen Edelmann gelte, hatte nicht zu viel gesagt und keine geschmeichelte Schilderung entworfen.

Dona Flor gab bei dem Erscheinen des jungen Mannes laut ihr Erstaunen zu erkennen und es glich dies einem Freudenrufe, als sey die Ankunft des Unbekannten keineswegs eine Verstärkung der Banditen, als vielmehr eine Hilfe die der Himmel ihr und ihrem Vater sende.

Don Inigo erkannte sofort, daß er von diesem Augenblick an mit der Bande nichts mehr zu schaffen habe, sein und seiner Tochter Schicksal vielmehr von dem jungen Manne abhänge.

Indeß begnügte er sich, als sey er zu stolz zuerst zu sprechen, die Spitze des noch blutbefleckten Dolches auf die Brust seiner Tochter zu setzen.

So wartete er und der Salteador nahm zuerst das Wort.

»Ich zweifle nicht an eurem Muthe, Senior.« sagte er, »aber ich halte es für eine große Anmaßung, wenn Ihr glaubt, Euch mit dieser Nadel gegen zwanzig mit Dolchen und Schwertern bewaffnete Männer vertheidigen zu können.«

»Es wäre allerdings Wahnwitz, wenn ich das Leben zu erhalten gedächte,« antwortete Don Inigo, »da ich aber nur meine Tochter und nach ihr mich selbst tödten will, so hielt und halte ich dies nicht nur für möglich, sondern für leicht.«

»Und warum wolltet Ihr die Señora und Euch selbst tödten?«

»Weil wir von Schimpf bedroht sind, den wir dem Tode vorziehen.«

»Ist die Señora eure Gattin?«

»Sie ist meine Tochter.«

»Wie hoch haltet Ihr euer Leben und ihre Ehre?«

»Mein Leben tausend Kronen; ihre Ehre steht über jedem Preis.«

»Das Leben schenke ich Euch, Señor, antwortete der Salteador, »und die Ehre der Señora ist hier so sicher wie in ihrem Gemache, unter der Obhut ihrer Mutter.

Die Banditen gaben ihre Unzufriedenheit murrend zu erkennen.

»Geht Alle hinaus!« rief der Salteador, indem er die Hand ausstreckte und sie so hielt, bis auch der letzte der Banditen das Zimmer verlassen hatte.

Nachdem dies geschehen, machte der Salteador die Thür zu und kehrte zu Don Inigo und Dona Flor zurück, die ihm verwundert und besorgt nachsahen.

»Ihr müsset ihnen verzeihen, Señor,« sagte er; »sie sind rohe Männer, nicht Edelleute wie wir.«

Don Inigo und Dona Flor sahen mit weniger Besorgniß, aber größerer Verwunderung, den Banditen an, der sich einen Edelmann nannte und durch sein Benehmen wie durch seine Haltung noch mehr als durch seine Worte bewies, er lüge nicht.

»Señor,« sagte das Mädchen, »mein Vater scheint keine Worte zu finden, Euch zu danken, erlaubt also, daß ich Euch in seinem und meinem Namen Dank darbringe.«

»Er hat in eurem Munde, Señora, einen Werth, den ihm selbst die Lippen eines Königs nicht zu geben vermöchten,« antwortete der Salteador, der sich sodann an den alten Herrn wendete und fortfuhr: »Ich weiß, daß Ihr euern Weg schnell fortzusetzen wünschet; wohin reiset Ihr?«

»Nach Granada, wohin der König mich beschieden hat.«

»Ach ja,– entgegnete der Salteador mit einem halb bittern, halb spöttischen Lächeln, ›das Gerücht von seiner Ankunft ist auch zu uns gedrungen; wir sahen gestern die Soldaten vorüberziehen, welche das Gebirge durchstreifen; er will, wie man sagt, daß ein zwölfjähriges Kind mit einem Beutel Gold in jeder Hand von Granada nach Malaga gehen könne, ohne daß es unterwegs Jemanden treffe, der etwas Anderes zu ihm sage, als den gewöhnlichen Reisegruß: Geht in Frieden mit Gott!‹

»Das ist allerdings sein Wille,« sagte Don Inigo; »und ich weiß, daß darauf bezügliche Befehle ergangen sind.«

»Und in welcher Zeit will der König Don Carlos diese Eroberung des Gebirges durchführen?«

»Er hat dem Oberrichter nur vierzehn Tage dazu gegeben.«

»Wie schade, Señora,« sagte der Salteador zu Dona Flor, »daß Ihr gerade heute hier erscheint und nicht nach drei Wochen; Ihr würdet dann statt der Banditenschaar, die Euch erschrecket hat, nur ehrliche Leute gefunden haben, die Euch wünschten: Geht in Frieden mit Gott! die Euch im Nothfalle zum Schutze begleitet hätten.«

»Wir haben ein noch größeres Glück gehabt, Señor,« entgegnete das Mädchen, »da wir einen Edelmann trafen, der uns die Freiheit gab.«

»Dafür habt Ihr nicht mir zu danken,« antwortete der Salteador; »ich folge einer Macht, die größer ist als mein Wille, stärker als mein Temperament.«

»Welcher Macht?«

Der Bandit zuckte die Achseln.

»Ich weiß es nicht,« sagte er; »ich bin leider ein Mensch, der stets seinem ersten Gefühle nachgibt. Ich weiß nicht, welche Verbindung zwischen meinem Herzen und meinem Kopfe, meinem Kopfe und meiner Hand, meiner Hand und meinem Degen besteht, welche mich bald zum Guten, bald zum Bösen treibt, aber öfter zum Bösen als zum Guten. Dieses Gefühl hat mir, sobald ich Euch erblickte, den Zorn aus dem Herzen genommen und ihn weit von mir geschleudert, so weit, daß ich, auf Edelmannswort, ihn gar nicht wieder finden konnte.«

Don Inigo hatte den jungen Mann angesehen, während derselbe sprach, und er empfand in seinem Herzen seltsamer Weise ein Gefühl gleich dem, welches der Salteador halb spottenden, halb innigen Worten zu schildern versuchte.

Dona Flor wiederum hatte sich langsam ihrem Vater genähert, nicht aus Furcht, sondern weil sie im Gegentheil bei dem Tone der Stimme des jungen Mannes etwas ganz Ungewöhnliches fühlte, das wie ein Wonneschauer durch ihre Adern sich verbreitete und daß am Arme des Vaters sie die Schuldlose, einen Schutz gegen dieses ihr neue und unbekannte Gefühl suchte.

»Junger Mann,« sagte Don Inigo in Bezug auf die letzten Worte des Salteadors, »was Ihr für mich empfunden habt, fühle ich für Euch; mich hat also nicht das Unglück, sondern das Glück heute hierhergeführt, nicht erst nach drei Wochen, denn nach drei Wochen wäre es vielleicht zu spät gewesen, Euch einen entsprechenden Gegendienst zu erweisen.«

»Mir einen Dienst?« sagte der Bandit lächelnd und seine Züge, die sich leicht verzogen, schienen sagen zu wollen: »Der müßte allmächtig seyn, der mir den einzigen Dienst erwiese, der mir erwiesen werden kann.«

Don Inigo fuhr fort, als verstehe er, was in dem Herzen des jungen Mannes vorging:

»Der barmherzige Gott hat in dieser Welt einem Jeden seinen Platz angewiesen; den Ländern gab er die Könige; den Königen die Edelleute, welche ihre natürliche Begleitung sind; den Städten die Bewohner: Bürger, Handelsleute und Volk; den Meeren die wagenden Schiffer, welche jenseits der Oceane vergessene Welten wieder finden, oder neue entdecken wollen; er gab dem Gebirge die raubsüchtigen Männer und gleichzeitig die blutgierigen Raubthiere, um anzuzeigen, daß er beide gleich stelle und diese Männer auf die unterste Stufe der Menschheit.«

Der Salteador machte eine Bewegung.

»Lasset mich reden,« fuhr Don Inigo fort.

Der junge Mann nickte zustimmend.

»Nun,« fuhr der alte Herr fort, »da man aber Menschen außer dem Kreise findet, in den Gott der Herr sie als Wesen derselben Art, aber verschiedenen Werthes, eingeschlossen hat, muß eine große gesellschaftliche Erschütterung oder irgend eine gewaltige Familiencatastrophe sie aus ihrem Kreise hieraus in einen fremden geworfen haben. So ist ein Jeder von uns beiden einen verschiedenen Weg gegangen, obwohl wir dazu geboren waren, als Edelleute im Gefolge der Könige zu seyn. Das Schicksal machte aus mir einen Seefahrer, aus Euch. . . «

Er hielt inne.

»Sprecht es immerhin aus,« entgegnete der junge Mann, »Ihr sagt mir nichts, was ich nicht schon wüßte, und von Euch kann ich Alles hören.«

»Das Schicksal hat aus Euch einen Banditen gemacht.«

»Ja, aber Ihr wißt auch, daß man bei uns mit diesem Worte sowohl einen Räuber, als einen Verbannten bezeichnet.«

»Ich weiß es und verwechsle auch die Bedeutungen nicht. – Seyd Ihr ein Verbannter?« setzte er hinzu.

»Wer seyd Ihr, Señor?«

»Ich bin Don Inigo Velasco de Haro.«

Bei diesen Worten nahm der junge Mann seinen Hut ab und warf ihn von sich. Dann sagte er:

»Verzeiht, ich war bedeckt geblieben und bin kein Grand von Spanien.«

»Ich bin auch nicht der König,« antwortete Don Inigo lächelnd.

»Aber Ihr seyd so adelig wie der König.«

»Ihr kennt mich?« fragte Don Inigo.

»Ich habe meinen Vater tausendmal von Euch sprechen hören.«

»Euer Vater kennt mich also?«

»Er hat mir wenigstens oft gesagt, daß er diese Ehre habe.«

»Wie heißt euer Vater?«

»Ach ja,« setzte Dona Flor hinzu, »sein Name, sein Name!«

»Señor,« antwortete der Bandit mit einem Ausdrucke tiefer Schwermuth; »es ist weder eine Freude, noch eine Ehre für meinen Vater, den Namen eines Spaniers, der keinen Tropfen Maurenblutes in seinen Adern hat, von den Lippen eines Mannes, wie ich bin, zu hören; verlangt also nicht, daß ich dem Kummer und der Schande, die er durch mich trägt, auch noch diese hinzufüge.«

»Er hat Recht, Vater,« fiel das Mädchen rasch ein.

Der Vater sah Dona Flor an, die erröthend die Augen niederschlug.

»Ist eure Meinung nicht die der schönen Señora?« fragte der Salteador.

»Allerdings,« antwortete Don Inigo; »verschweigt euren Namen; wenn Ihr aber nicht einen ähnlichen Grund habt, mir die Veranlassung zu dem seltsamen Leben zu verbergen, das Ihr führt; wenn eure Verbannung in der Gesellschaft, wenn euer Aufenthalt in dem Gebirge die Folge eines Jugendstreiches war, wie ich annehme; wenn Ihr das Leben im Gebirge überdrüssig seyd, so verpfände ich hier vor Gott mein Wort, euer Beschützer und selbst für Euch Bürge zu seyn.»

»Ich danke, Señor, und nehme euer Wort an, obgleich ich bezweifle, daß ein Mensch, ausgenommen der welcher von Gott die höchste Gewalt erhalten hat, mir in der Weit den Platz wiedergeben kann, den ich innehatte, und doch habe ich mir keine schmachvolle That vorzuwerfen. Heißes Blut und das zu leicht sich entzündende Herz trieben mich zu Fehltritten und von diesen kam ich zu Verbrechen. Die Fehltritte sind gethan, die Verbrechen sind begangen und klaffen gleich Abgründen hinter mir, so daß ich auf dem durchlaufenen Pfade nicht zurückgehen kann und wenn ich umkehren sollte, eine übermenschliche Macht einen andern Weg schaffen müßte. Bisweilen denke ich an die Möglichkeit eines solchen Wunders und ich würde mich glücklich preisen, wenn es erfolgte, doppelt glücklich, wenn es durch Euch erfolgte und wenn ich hinter einem Engel, wie der junge Tobias, in das Vaterhaus zurückkehrte. Bis dahin hoffe ich, denn die Hoffnung ist ja die letzte Freundin der Unglücklichen, obgleich so falsch und trügerisch, bisweilen selbst mehr als die andern; ich hoffe, aber ich glaube nicht . . . Ich lebe und wandere jeden Tag weiter auf dem rauhen und steilen Pfade der Empörung gegen die Gesellschaft und das Gesetz . . . Ich steige höher und glaube deshalb, ich erhebe mich. Ich gebiete, und weil ich gebiete, glaube ich König zu seyn. Manchmal freilich, in der Nacht, in einsamen Stunden, in Augenblicken der Traurigkeit, denke ich nach und erkenne, daß man zwar in die Höhe steigt, um auf den Thron zu gelangen, aber auch auf das Blutgerüst.«




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