Die neue Magdalena
William Wilkie Collins




Wilkie Collins

Die Neue Magdalena





Erstes Buch

I.

Das Häuschen an der Grenze





Einleitung


Der Schauplatz ist Frankreich.

Der Zeitpunkt ist der Herbst des Jahres 1870 – des Kriegsjahres zwischen Frankreich und Deutschland.

Die Personen sind: Kapitän Arnault in der französischen Armee; Wundarzt Surville bei der französischen Ambulanz; Wundarzt Wetzel bei der deutschen Armee; Mercy Merrick, als Wärterin der französischen Ambulanz beigegeben, und Grace Roseberry, eine Dame, auf einer Reise nach England begriffen.


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1.

Zwei Frauen


Es war eine dunkle Nacht. Der Regen goss in Strömen herab.

Spät am Abend waren Streifpatrouillen der Franzosen und Deutschen nahe bei dem kleinen Dorf Lagrange dicht an der deutschen Grenze aufeinander gestoßen und handgemein geworden. In dem Kampf, der sich dann entspann, hatten diesmal die Franzosen über den Feind gesiegt. Für den Augenblick wenigstens waren einige hundert Mann vom Heere der Eindringlinge über die Grenze zurückgeworfen worden. Es war ein unbedeutendes Gefecht, bald nach dem großen deutschen Sieg von Weißenburg, und die Zeitungen haben gar keine, oder nur wenig Notiz davon genommen.

Kapitän Arnault, der Befehlshaber auf französischer Seite, saß allein in einem Häuschen des Dorfes, das von dem Müller der Gegend bewohnt war. Er las eben beim matten Schein eines Talglichtes einige aufgefangene Depeschen der Deutschen.

Er hatte die brennenden Scheiter, die auf dem großen, offenen Rost lagen, verlöschen lassen; die rote Glut der Kohlen erleuchtete nur schwach einen Teil des Zimmers. Hinter ihm auf dem Fußboden lagen einige leere Säcke des Müllers. In der Ecke, ihm gegenüber, stand das massive Bett aus Nussbaumholz. An den Wänden ringsum hingen in reicher Abwechslung kolorierte Abbildungen von allerlei frommen und häuslichen Gegenständen. Eine Verbindungstür, welche in die Küche des Häuschens führte, war aus ihren Angeln gerissen worden, um darauf die im Scharmützel Verwundeten herein zu tragen. Sie waren jetzt in der Küche bequem zur Ruhe gebracht unter der Obhut des französischen Arztes und der englischen Wärterin, welche die Ambulanz begleitete. Ein Stück groben Zeuge hing in der Öffnung zwischen den beiden Zimmern und bildete so den Ersatz für die Tür. Eine zweite Tür, die vom Schlafzimmer in den Hof hinausführte, war versperrt; und der hölzerne Laden, welcher das eine Fenster des Zimmers verwahrte, war sorgfältig verriegelt. Verstärkte Wachen standen auf allen Vorposten. Auf diese Weise hatte der französische Kommandant sein Möglichstes getan, um sich und seinen Leuten eine ungestörte Nachtruhe zu sichern.

Kapitän Arnault war noch in die Depeschen vertieft, aus denen er zuweilen mithilfe des auf dem Tisch stehenden Schreibzeuges Notizen machte, als er in dieser Beschäftigung durch das Erscheinen eines Eintretenden unterbrochen wurde. Doktor Surville trat aus der Küche herein, indem er den Zeugvorhang auf die Seite schob, und näherte sich dem kleinen, runden Tisch, an welchem sein Vorgesetzter saß.

»Was gibt's?« fragte der Kapitän in scharfem Ton.

»Ich hätte eine Frage an Sie«, versetzte der Arzt. »Sind wir gesichert für die Nacht?«

»Weshalb wollen Sie das wissen?« forschte der Kapitän argwöhnisch. Der Arzt deutete nach der Küche, die nunmehr zum Hospital für die Verwundeten umgewandelt war.

»Die armen Kerls da drinnen sind besorgt für die nächsten paar Stunden«, versetzte er. »Sie fürchten einen Überfall und sie fragen mich, ob sie halbwegs sicher sein können, eine ruhige Nacht zu haben. Was glauben Sie darüber?«

Der Kapitän zuckte die Achseln. Der Arzt ließ nicht nach. »Aber, Sie sollten es wissen,« sagte er.

»Ich weiß, dass wir im Augenblick im Besitz des Dorfes sind«, antwortete der Kapitän, »mehr weiß ich nicht; hier sind Papiere des Feindes.« Er hielt sie in die Höhe und schüttelte sie ungeduldig, während er sprach: »Sie geben mir keine Nachricht, auf die ich mich verlassen könnte. Dagegen kann ich nur sagen, dass das Hauptcorps der Deutschen, der Zahl nach und um das Zehnfache überlegen, diesem Hause möglicherweise näher ist als das französische Hauptcorps. Ziehen Sie daraus Ihre Schlüsse. Ich habe weiter nichts zu sagen.«

Nach dieser entmutigenden Antwort sprang Kapitän Arnault auf, zog die Kapuze seines Mantels über den Kopf und zündete sich am Licht eine Zigarre an.

»Wohin gehen Sie?« fragte der Arzt.

»Um nach den Vorposten zu sehen.«

»Haben Sie dies Zimmer zunächst nicht nötig?«

»Ich brauche es jetzt nicht, für mehrere Stunden nicht, denken Sie einen ihrer Verwundeten hier einzuquartieren?«

»Ich dachte an die englische Dame«, antwortete der Arzt, »die Küche ist doch nicht recht der Platz für sie. Sie hätte es hier bequemer und die englische Wärterin könnte ihr Gesellschaft leisten.«

Der Kapitän lächelte, doch nicht sehr vergnügt. »Es sind zwei Frauen«, sagte er, »und Doktor Surville ist ein Ritter der Damen. Führen Sie sie herein, wenn sie so unvorsichtig sind, sich hier Ihnen anzuvertrauen.« Im Begriffe hinaus zu gehen, blieb er noch einen Augenblick stehen und blickte misstrauisch zurück auf die brennende Kerze. »Schärfen Sie den Frauen Vorsicht ein«, sagte er, »dass sie ihre Neugierde ja nicht außerhalb dieses Zimmers üben.«

»Was meinen Sie?«

Der Kapitän wies mit dem Zeigefinger bedeutsam nach dem geschlossenen Fensterladen.

»Haben Sie je eine Frau gekannt, die der Versuchung widerstanden hätte, zum Fenster hinaus zu sehen?« fragte er. »Finster, wie es schon ist, werden Ihre Damen früher oder später gewiss die Lust verspüren, diesen Laden zu öffnen. Sagen Sie ihnen, dass ich nicht wünsche, durch das Kerzenlist mein Hauptquartier den deutschen Patrouillen verraten zu sehen. Wie ist das Wetter? Regnet es noch?«

»Es gießt in Strömen.«

»Um so besser. Dann werden die Deutschen uns nicht sehen.« Mit dieser tröstlichen Bemerkung öffnete er die Tür, die in den Hof führte, und schritt hinaus.

Der Arzt hob den Zeugvorhang etwas in die Höhe und rief in die Küche: »Miss Merrick, haben Sie Zeit, ein wenig auszuruhen?«

»Zeit im Überfluss«, antwortete eine sanfte Stimme, mit einem Anflug von Melancholie, die schon in diesen drei Worten hörbar durchklang.

»So kommen Sie herein«, fuhr der Arzt fort, »und führen Sie die englische Dame auch herein. Hier haben Sie ein ruhiges Zimmer ganz für sich allein.«

Er hielt den Vorhang zurück und die beiden Frauen traten ein.

Die Wärterin ging voran – sie war groß, schlank und anmutig gebaut – sie trug das nette Uniformkleid von schwarzem Stoff, mit einfachem Leinwandkragen und Manschetten und das hochrote Kreuz der Genfer Konvention auf die linke Schulter geheftet. Bleich und traurig, in ihrem Gesichte und ganzen Wesen den beredten Ausdruck unterdrückter Leiden und tiefen Kummers, lag in ihrer Haltung ein angeborener Adel, in dem Blicke ihrer großen, grauen Augen und in den feinen Linien ihres Gesichtes eine angeborene Größe, die sie unter jedweden Verhältnissen und in jedweder Kleidung unwiderstehlich anziehend und schön erschienen ließ. Ihre Begleiterin hatte einen dunkleren Teint und war kleiner, allein sie besaß so hervortretende Reize, dass es nichts weiter bedurfte, um die höfliche Beflissenheit des Doktors zu rechtfertigen, ihr im Zimmer des Kapitäns ein Obdach zu verschaffen. Das allgemeine Urteil hätte sie in jedem Lande für eine ungewöhnlich schöne Frau erklärt. Sie trug den langen, grauen Mantel, in dem sie vom Kopf bis zum Fuß eingehüllt war, mit einer Grazie, die eben einfachen, ja selbst abgetragenen Kleidungsstücken den eigenen Reiz mitteilt. Die Mattigkeit in ihren Bewegungen und die Unsicherheit im Ton ihrer Stimme, als sie dem Arzt dankte, bewies deutlich, wie sehr sie durch die ertragenen Anstrengungen litt. Ihre dunklen Augen durchsuchten scheu den matt erleuchteten Raum und sie hielt sich fest am Arme der Krankenwärterin mit dem Ausdruck einer Frau, deren Nervensystem erst kürzlich durch Schreck heftig erschüttert worden.

»Auf eines haben Sie zu achten, meine Damen«, sagte der Arzt. »Hüten Sie sich ja, den Fensterladen zu öffnen, sonst könnte das Licht durch das Fenster von draußen gesehen werden. Im Übrigen steht es uns frei, es uns hier so bequem als möglich zu machen. Beruhigen Sie sich, Madame, und vertrauen Sie auf den Schutz eines Franzosen, der Ihnen wahrhaftig ergeben ist!« Um seinen letzten galanten Worten mehr Nachdruck zu verleihen, führte er die Hand der englischen Dame an seine Lippen. In dem Augenblicke, als er sie küssen wollte, wurde der Zeugvorhang abermals zurückgeschoben. Ein Bediensteter der Ambulanz erschien und meldete, ein Verband sei locker geworden und einer der Verwundeten allem Anscheine nach dem Verbluten nahe. Der Arzt fügte sich, obgleich mit schlecht verhehltem Unmut, in sein Schicksal, ließ die Hand der reizenden Engländerin fallen und gehorchte der Pflicht, die ihn nach der Küche rief. Die zwei Damen blieben allein im Zimmer zurück.

»Wollen Sie nicht Platz nehmen, Madame?« fragte die Wärterin.

»Nennen Sie mich nicht Madame«, versetzte die junge Dame freundlich. »Mein Name ist Grace Roseberry. Wie heißen Sie?«

Die Wärterin zögerte. »Mein Name ist nicht so hübsch wie der Ihre«, sagte sie und zögerte wieder. »Nennen Sie mich Mercy Merrick«, fügte sie nach kurzem Bedenken hinzu.

Hatte sie einen falschen Namen angegeben? Haftete vielleicht an ihrem wahren Namen irgendeine unglückliche Berühmtheit? Miss Roseberry ließ sich nicht Zeit, um diese Fragen zu stellen. »Wie kann ich Ihnen meine Dankbarkeit bezeigen«, rief sie, »für Ihre schwesterliche Freundlichkeit gegen mich, gegen die Fremde?«

»Ich habe nur meine Pflicht getan«, sagte Mercy Merrick in etwas kühlem Tone. »Es ist nicht der Rede wert.«

»Es ist wohl der Rede wert. In welcher Lage fanden Sie mich, als die französischen Soldaten die Deutschen vertrieben hatten! Mein Reisewagen war aufgehalten, meine Pferde weggenommen worden, ich selbst in fremdem Land bei einbrechender Nacht, meines Geldes und meines Gepäcks beraubt und überdies noch bis auf die Haut von dem strömenden Regen durchnässt! Ihnen verdanke ich mein Obdach hier – ich trage Ihre Kleider, ohne Sie wäre ich vor Angst und Schrecken gestorben. Womit kann ich Ihnen solche Dienste vergelten?«

Mercy stellte einen Stuhl für ihren Gast in die Nähe des Tisches und setzte sich selbst, in einiger Entfernung, auf eine alte Kiste, die in einer Ecke des Zimmers stand. »Darf ich eine Frage an sie richten?« sagte sie plötzlich.

»Hundert Fragen«, rief Grace, »wenn Sie wollen.« Sie sah nach der verlöschenden Glut und dann nach der dunkelsten Ecke des Zimmers, wo die undeutlich sichtbare Gestalt ihrer Begleiterin saß. »Die elende Kerze gibt kaum Licht«, sagte sie ungeduldig. »Sie wird nicht mehr lange aushalten. Können wir den Raum nicht etwas heiterer machen? Kommen Sie doch hervor aus Ihrer Ecke. Rufen Sie nach mehr Holz und Licht.«

Mercy blieb in ihrer Ecke und schüttelte den Kopf; »Kerzen und Holz sind gar seltene Dinge hier«, antwortete sie. »Wir müssen Geduld haben, selbst wenn wir im Finsteren gelassen würden. Sagen Sie«, fuhr sie fort, indem sie ihre Stimme etwas erhob, »wie kam es, dass Sie wagten, in Kriegszeit die Grenze zu passieren?«

Bei Beantwortung dieser Frage ließ Grace die Stimme sinken. Die eben noch gezeigte Heiterkeit ihres Wesens verschwand plötzlich.

»Ich hatte die dringendsten Gründe«, sagte sie, »nach England zurückzukehren.«

»Allein?« versetzte die andere, »ohne irgendwelchen Schutz?«

Grace senkte den Kopf. »Ich ließ meinen einzigen Beschützer – meinen Vater – auf dem englischen Friedhof in Rom zurück«, antwortete sie im Tone rührender Einfachheit. »Meine Mutter starb vor mehreren Jahren in Kanada.«

Die schattenähnliche Gestalt der Wärterin veränderte plötzlich ihre Stellung auf der Kiste. Sie war bei den letzten Worten der Miss Roseberry aufgesprungen.

»Kennen Sie Kanada?« fragte Grace.

»Sehr gut«, war die kurze Antwort, sie wurde trotz ihrer Kürze nur mit Widerstreben gegeben.

»Waren Sie jemals in der Nähe von Port Logan?«

»Ich lebte einst ein paar Meilen von Port Logan entfernt.«

»Wann?«

»Es ist schon einige Zeit her.« Mit diesen Worten zog sich Mercy Merrick in ihre Ecke zurück, und gab dem Gespräch eine andere Wendung. »Ihre Verwandten in England werden Ihretwegen in großer Angst sein«, sagte sie.

Grace seufzte. »Ich habe keine Verwandten in England. Sie können sich kaum jemand vorstellen, der freudloser dasteht als ich. Wir zogen fort von Kanada, als die Gesundheit meines Vaters uns Besorgnis einflößte, und versuchten nach dem Rate des Arztes das Klima Italiens. Sein Tod machte mich nicht nur freudlos, sondern auch arm.« Sie schwieg einen Augenblick und nahm aus der Tasche des großen, grauen Mantels, den ihr die Krankenwärterin geliehen hatte, eine lederne Brieftasche. »Meine Aussichten für die Zukunft«, begann sie wieder, »beruhen sämtlich auf dem Inhalt dieser kleinen Tasche. Es ist der einzige Schatz, den ich zu verbergen im Stande war, als ich meiner anderen Sachen beraubt wurde.«

Mercy konnte gerade die Brieftasche sehen, als Grace sie in der immer zunehmenden Dunkelheit des Zimmers in die Höhe hielt.

»Haben Sie Geld darin?« fragte sie.

»Nein, nur einige Familienpapiere und einen Empfehlungsbrief meines Vaters an eine ältere Dame in England – mir der er durch seine Heirat verwandt wurde, und die ich noch nie gesehen habe. Die Dame will mich als Gesellschafterin und Vorleserin in ihr Haus nehmen. Wenn ich nicht schnell nach England zurückkehre, erhält eine andere diese Stelle.«

»Können Sie sich denn nicht auf etwas anderes verlegen?«

»Nein. Meine Erziehung ist vernachlässigt worden – wir führten ein etwas unregelmäßiges Leben im fernen Westen. Ich bin durchaus nicht befähigt, eine Gouvernantenstelle auszufüllen. Darum hänge ich ganz und gar von der fremden Dame ab, die mich um meines Vaters willen aufnimmt.« Sie steckte die Brieftasche wieder in die Tasche ihres Mantels und schloss ihre kleine Erzählung ebenso einfach, als sie sie begonnen hatte. »Meine Geschichte ist traurig, nicht wahr?« sagte sie.

Die Wärterin beantwortete plötzlich diese Frage mit den sonderbaren, bitteren Worten:

»Es gibt wohl noch traurigere Geschichten als die Ihrige. Es gibt Tausende unglücklicher Frauen, die sich nichts besseres wünschen würden, als mit Ihnen zu tauschen.«

Grace stutzte. »Was kann den an meinem Los beneidenswert erscheinen?«

»Ihr unbescholtener Charakter und Ihre Aussicht, in einem anständigen Haus ehrenvoll untergebracht zu werden.«

Grace wendete sich auf ihren Stuhl und blickte verwundert in die dämmerige Zimmerecke.

»Wie sonderbar Sie das sagen!« rief sie. Keine Antwort; die schattenhafte Gestalt auf der Kiste rührte sich nicht. Grace stand unwillkürlich auf und näherte sich mit ihrem Stuhle der Wärterin. »Ist Ihr Leben vielleicht etwas romanhaft gewesen?« fragte sie. »Weshalb haben Sie sich die furchtbaren Verpflichtungen auferlegt, die ich Sie hier erfüllen sehe? Sie flößen mir unbeschreibliches Interesse ein. Geben Sie mir Ihre Hand.«

Mercy fuhr zurück und wies die dargebotene Hand ab.

»Sind wir denn nicht Freundinnen?« fragte Grace erstaunt.

»Wir können niemals Freundinnen sein.«

»Warum nicht?«

Die Wärterin blieb stumm.

Grace erinnerte sich des Zögerns, als sie ihren Namen nannte und zog daraus einen neuen Schluss. »Sollte ich recht geraten haben«, fragte sie eifrig, »wenn ich in Ihnen irgendeine hohe Dame in Verkleidung vermute?«

Mercy lachte vor sich hin – leise und bitter. »Ich, eine hohe Dame!« sagte sie verächtlich. »Ich bitte Sie um des Himmelswillen, sprechen wir von etwas anderem.«

Graces Neugierde war auf das Höchste gespannt. Sie fuhr beharrlich fort: »Ich bitte Sie nochmals, lassen Sie uns Freundschaft schließen.« Bei diesen Worten legte sie ihre Hand sanft auf Mercys Schulter. Mercy schüttelte sie unwillig ab. Es lag in dieser Bewegung eine Härte, die selbst das geduldigste Wesen hätte verletzen müssen. Grace zog sich empört zurück. »Ach«, rief sie, »Sie sind grausam.«

»Ich will Ihnen wohl«, antwortete die Wärterin ernster als je.

»Ist das freundlich von Ihnen, mich so in Entfernung zu halten? Ich habe Ihnen mein Schicksal erzählt.«

Die Wärterin sagte mit vor Erregung erhobener Stimme: »Veranlassen Sie mich nicht, zu sprechen, Sie werden es bereuen.«

Grace ließ sich nicht abschrecken. »Ich habe Zutrauen zu Ihnen«, fuhr sie fort. »Es ist von Ihnen nicht edel, mich gegen Sie zu verpflichten, und Ihrerseits mich von Ihrem Vertrauen auszuschließen.«

»Sie wollen es so haben?« sagte Mercy Merrick. »Wohlan denn, es sei! Setzen Sie sich wieder.« Grace fühlte vor Erwartung der kommenden Enthüllungen ihr Herz heftig klopfen. Sie zog ihren Stuhl näher an die Kiste, auf welcher die Wärterin saß. Diese schob jedoch den Stuhl entschlossen in einige Entfernung zurück.

»Nicht so nahe!« sagte sie streng.

»Weshalb nicht?«

»Nicht so nahe«, wiederholte die ernste, entschlossene Stimme. »Warten Sie ab, bis Sie mich gehört haben.«

Grace gehorchte, ohne ein Wort weiter zu verlieren. Es entstand eine augenblickliche Stille. Ein schwacher Lichtstrahl zuckte aus der verlöschenden Kerze empor und zeigte Mercy, wie sie in sich gekauert auf der Kiste saß, die Ellbogen auf die Knie gestützt und das Gesicht in die Hände gedrückt.

Im nächsten Augenblick war das Zimmer in Finsternis begraben. Als die zwei Frauen von der Dunkelheit überrascht wurden, begann die Wärterin zu sprechen.




2.

Die Magdalena – der Neuzeit


»Waren Sie bei Lebzeiten Ihrer Mutter jemals in der Lage, mit ihr nach hereingebrochener Nacht durch die Straßen einer großen Stadt zu gehen?«

In dieser sonderbaren Weise eröffnete Mercy Merrick die vertrauliche Unterredung, zu der sie Grace Roseberry genötigt hatte. Grace antwortete einfach: »Ich verstehe Sie nicht.«

»Ich will Sie auf andere Art fragen«, sagte die Wärterin. Ihre Stimme verlor die unnatürliche Härte und Strenge und gewann ihre ursprüngliche Weichheit und jenen traurigen Klang wieder, als sie folgende Worte sprach: »Sie lesen doch die Zeitungen wie die übrigen Leute«, fuhr sie fort; »haben Sie da nie von Ihren unglücklichen Mitmenschen gehört – den darbenden Auswürflingen der Gesellschaft – welche die Not zur Sünde getrieben hat?«

Noch immer verwundert, antwortete Grace, dass sie dergleichen öfter in Zeitungen und Büchern gelesen habe.

»Haben Sie gehört – dass, wenn diese darbenden, sündigen Geschöpfe Frauen waren – ein Zufluchtsort für sie bestand, um sie zu schützen und zu bessern?«

Die Überraschung, mit der Grace anfangs zugehört hatte, verschwand und machte einem undeutlichen Verdacht Platz, dass etwas Peinliches im Anzug sei. »Dies sind außergewöhnliche Fragen«, sagte sie ängstlich. »Was meinen Sie damit?«

»Antworten Sie mir«, drängte die Wärterin. »Haben Sie von den Besserungshäusern gehört? Haben Sie von Frauen gehört, die so tief gesunken sind?«

»Ja.«

»Rücken Sie Ihren Stuhl noch etwas weiter von mir weg.« Sie hielt inne. Ihre Stimme sank, ohne ihre Festigkeit zu verlieren, tief herab. »Ich war einst auch eine dieser Unglücklichen«, sagte sie ruhig.

Grace sprang mit einem unterdrückten Schrei empor. Sie stand wie versteinert, unfähig ein Wort hervorzubringen.

»Ich war in einem Besserungshause«, fuhr die sanfte, traurige Stimme der anderen fort. »Ich bin im Gefängnis gewesen. Wünschen Sie jetzt noch meine Freundin zu werden? Drängt es Sie noch, an meiner Seite zu sitzen und meine Hand zu fassen?« Sie wartete auf eine Antwort, doch es kam keine. »Sehen Sie, Sie hatten sich geirrt«, fuhr sie sanft fort, »als Sie mich grausam nannten – und ich hatte recht, wenn ich sagte, ich sei nur wohlwollend.«

Bei dieser Anrede fasste sich Grace. »Ich will Sie nicht kränken«, begann sie verwirrt.

Mercy Merrick unterbrach sie. »Sie kränken mich nicht«, sagte sie in einem Tone, dem man auch nicht den leisesten Schmerz anmerken konnte. »Ich bin es gewohnt, am Pranger meiner eigenen Vergangenheit zu stehen, ich frage mich wohl mitunter, ob ich allein die Schuld an allem trage. Ich möchte manchmal wohl wissen, ob denn die menschliche Gesellschaft nicht irgend Verpflichtungen mir gegenüber hatte, damals, als ich als Kind in den Straßen Zündhölzchen verkaufte und später – wie mir als Arbeiterin gar oft bei der Nadel die Sinne schwanden aus Mangel an Nahrung.« Hier, zum ersten Male, versagte ihr die Stimme; sie wartete einen Augenblick, und war wieder gefasst. »Jetzt ist es nutzlos, bei diesen Dingen zu verweilen«, sagte sie ergeben. »Die Gesellschaft kann dafür zahlen, dass ich gebessert werde – aber mir selbst kann sie mich nicht mehr zurückgeben. Sie sehen mich hier auf einem Vertrauensposten – wo ich in Geduld und Demut nach Kräften Gutes tue. Es ist einerlei! Hier oder anderswo, was ich jetzt bin, ändert nicht, was ich einst war. Drei Jahre hindurch tat ich alles, was eine Frau, die aufrichtig büßen will, nur tun kann. Es ist einerlei! Lassen Sie meine Geschichte nur erst bekannt werden, und ihr Schatten fällt auf mich; die liebevollsten Menschen ziehen sich von mir zurück.«

Sie wartete abermals, ob denn dies Wesen wohl ein Wort des Trostes für sie haben werde? Nein. Miss Roseberry fühlte sich unangenehm berührt; Miss Roseberry war verwirrt. »Mir tun Sie recht leid«, war alles, was sie sagen konnte.

»Jedermann bedauert mich«, antwortete die Wärterin geduldig, wie immer; »jedermann ist freundlich gegen mich, aber das bringt das Verlorene nicht wieder.«

»Ich kann nicht mehr zurück! Ich kann nicht mehr zurück«, rief sie in einem leidenschaftlichen Ausbruch von Verzweiflung – sie bezwang sich jedoch im nächsten Augenblick. »Soll ich Ihnen sagen, welche Erfahrungen ich gemacht habe?« begann sie von neuem.

»Wollen Sie die Geschichte hören – die Geschichte einer Magdalena – aus unseren Tagen?«

Grace trat einen Schritt zurück; Mercy verstand sie sogleich.

»Ich werde Ihnen nichts erzählen, das zu hören Sie sich scheuen müssen«, sagte sie. »Eine Dame in Ihrer Lage würde ja ohnehin die Prüfungen und Kämpfe nicht fassen können, die ich durchzumachen hatte. Ich will meine Geschichte im Besserungshause beginnen lassen. Die Hausmutter hat mich mit dem Charakter entlassen, den ich mir ehrlich verdient habe – den Charakter einer gebesserten Frau. Ich trat in einen Dienst und rechtfertigte das in mich gesetzte Vertrauen, ich ward eine treue Dienerin. Eines Tages ließ mich meine Herrin rufen – eine gütige Herrin, wie es nur eine geben konnte. Mercy, mir tut es Ihretwegen leid; es ist herausgekommen, dass ich Sie aus einer Besserungsanstalt genommen habe; ich würde alle Dienstleute im Hause verlieren, Sie müssen gehen. Ich kehrte zu der Hausmutter zurück – die war wieder freundlich. Sie nahm mich wie ihr Kind auf. Wir wollen es nochmals versuchen, Mercy; seien Sie deshalb nicht niedergeschlagen. – Ich sagte Ihnen vorhin, ich sei in Kanada gewesen?«

Grace begann gegen ihren Willen Interesse zu fühlen. Sie antwortete etwas in einem Tone, den man fast hätte warm nennen können. Sie kehrte auf ihren Stuhl zurück – der in gehöriger und bedeutsamer Entfernung von der Kiste stand.

Die Wärterin fuhr fort: »Meine nächste Stelle war in Kanada bei der Frau eines Offiziers, vornehme Leute, die ausgewandert waren. Ich begegnete dort mehr Freundlichkeit als je und führte diesmal ein angenehmes und ruhiges Leben. Ich fragte mich selbst: Sollte das Verlorene wieder gewonnen sein? Bin ich wieder geboren? Meine Herrin starb. Es kamen fremde Leute in die Nachbarschaft. Darunter befand sich eine junge Dame – mein Herr dachte an eine zweite Frau. Ich habe (in meinen Verhältnissen) das Unglück, eine sogenannte schöne Frau zu sein, ich errege die Neugierde der Fremden. Die neuen Ankömmlinge erkundigten sich nach mir; die Antworten meines Herrn schienen sie nicht zu befriedigen. Mit einem Worte, sie fanden heraus, was ich früher gewesen war. Wieder die alte Geschichte; Mercy, mir tut es sehr leid; man spricht über Sie und mich; wir sind unschuldig, aber das hilft nichts – wir müssen voneinander scheiden. Ich verließ die Stelle. Nur einen Vorteil hatte ich mir während meines Aufenthaltes in Kanada angeeignet, der mir hier gute Dienste leisten sollte.«

»Und worin bestand der?«

»Unsere nächsten Nachbarn waren französische Kanadier. Ich lernte französisch sprechen.«

»Kehrten Sie nach London zurück?«

»Wohin hätte ich sonst gehen sollen – ohne jede Stellung?« sagte Mercy traurig.

»Ich ging wieder zu der Hausmutter zurück. In der Besserungsanstalt waren Krankheiten ausgebrochen, so machte ich mich als Krankenwärterin nützlich. Einer der Ärzte wurde auf mich aufmerksam – er verliebte sich in mich, wie man gewöhnlich sagt. Er hätte mich auch geheiratet. Die Wärterin jedoch, als ehrliche Frau, war verpflichtet, ihm die Wahrheit zu sagen. Er erschien nie wieder. Die alte Geschichte! Ich begann zu erlahmen, weil ich mir immer wieder sagen musste, ich kann nicht zurück! Ich kann nicht zurück! Da erfasste mich die Verzweiflung – die Verzweiflung, die das Herz stumpf macht. Ich hätte vielleicht einen Selbstmord begangen; vielleicht hätte ich mich in den Strudel meines früheren Lebens hineinziehen lassen – um eines Menschen, um eines Mannes willen tat ich es nicht.«

Bei diesen letzten Worten stockte ihre Stimme neuerdings, die bei der früheren Erzählung ihres traurigen Schicksals ruhig und gleichmäßig geklungen hatte. Sie hielt inne und schien schweigend den Erinnerungen zu folgen, welche sie eben in ihrem Innern wieder wachgerufen hatte. Hatte sie vergessen, dass sie nicht allein im Zimmer war? Die Neugierde ließ Grace keine Wahl, sie musste ihrerseits darauf etwas sagen.

»Wer war jener Mann?« fragte sie. »Auf welche Weise hat er sich als Ihr Freund erwiesen?«

»Mein Freund? Er weiß nicht einmal, dass ich existiere.«

Diese befremdende Antwort konnte die Ungeduld nur noch erhöhen, mit welcher Grace mehr zu hören wünschte.

»Sie sagten eben —« begann sie.

»Ich sagte eben, dass er mich gerettet hat. Er tat es wirklich; Sie sollen hören, wie. An einem Sonntag war unser gewöhnlicher Geistlicher im Besserungshause verhindert, den Gottesdienst zu halten. Er wurde von einem Fremden vertreten, einem ganz jungen Menschen. Die Hausmutter sagte uns, sein Name sei Julian Gray. Ich saß in der letzten Reihe der Bänke, im Schatten der Galerie, von wo aus ich ihn sehen konnte, ohne von ihm gesehen zu werden. Er predigte über den Text aus der heiligen Schrift: »Also wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr denn über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen!« Was glücklichere Frauen von seiner Predigt gedacht haben mögen, weiß ich nicht; unter uns – von den Bewohnern des Besserungshauses – blieb auch nicht ein Auge tränenleer. Was mich betrifft, so bewegte er mein Herz in einer Weise, wie kein Mann weder vorher noch nachher es jemals getan. Die starre Verzweiflung meines Innern schmolz schon beim Klang seiner Stimme. Mein Lebenslauf zeigte mir wieder, während er sprach, seine edlere Seite. Seit jenem Augenblick habe ich mich in mein hartes Schicksal gefügt und trage es in Geduld. Vielleicht wäre noch mehr aus mir geworden, vielleicht wäre ich glücklich geworden, hätte ich es über mich gewinnen können, mit Julian Gray zu sprechen.«

»Was hinderte Sie daran, mit ihm zu sprechen?«

»Ich fürchtete mich.«

»Vor was fürchteten Sie sich?«

»Davor, mein schweres Leben mir noch schwerer zu machen.«

Eine Frau, die sie verstanden hätte, würde vielleicht haben erraten können, was das sagen wollte. Grace jedoch war einfach in Verlegenheit versetzt, und darum nicht fähig, es zu erraten.

»Ich verstehe Sie nicht.«

Jetzt blieb für Mercy keine andere Wahl, als die Wahrheit in deutlicheren Worten zu bekennen. »Ich fürchtete ihm durch meinen Kummer Interesse einzuflößen, und dafür mein Herz an ihm zu verlieren.«

Der gänzliche Mangel irgendwelchen Verständnisses für sie von Seiten Graces sprach sich nun unbewusst auf die deutlichste Weise aus.

»Sie!« rief sie aus, im Tone des größten Erstaunens.

Die Wärterin erhob sich langsam, der Ausdruck, in dem Grace ihre Überraschung kundgegeben hatte, sagte ihr deutlich – ja fast in roher Weise – dass sie ihr Bekenntnis genug enthüllt hatte.

»Ich setze Sie in Erstaunen?« sagte sie. »O, mein junges Fräulein – Sie wissen nicht, welch eine rauhe Behandlung ein Frauenherz ertragen und dennoch in Treue schlagen kann! Bevor ich Julian Gray gesehen hatte, waren mir die Männer nur ein Gegenstand des Abscheus. Lassen wir dies Gespräch. Der Prediger aus dem Besserungshaus ist jetzt nur mehr eine Erinnerung – die einzige willkommene Erinnerung aus meinem Leben. Weiter habe ich ihnen nichts zu erzählen. Sie bestanden darauf, meine Geschichte zu hören – nun haben Sie sie gehört.«

»Ich habe aber noch nicht gehört, auf welche Weise Sie hier Beschäftigung fanden«, sagte Grace, indem sie artigkeitshalber, aber innerlich mit Unbehagen das Gespräch fortsetzte.

Mercy schritt durch das Zimmer und scharrte langsam die letzten glimmenden Reste des Feuers zusammen.

»Die Hausmutter hat Bekannte in Frankreich«, antwortete sie, »die mit den Militärspitälern in Berührung stehen. Unter diesen Umständen war es nicht schwer, mir diese Stelle zu verschaffen. Die Gesellschaft kann hier für mich eine Verwendung finden. Meine Hand ist so leicht, meine tröstenden Worte sind jenen leidenden Unglücklichen«, sie deutete nach dem Raum, wo die Verwundeten lagen, »so lieb, als wenn ich die ehrbarste Frau von der Welt wäre. Und trifft mich ein Streifschuss auf meinem Weg, ehe der Krieg zu Ende ist – nun! So ist die Gesellschaft wenigstens auf eine bequeme Art mich los geworden.«

Sie stand und blickte gedankenvoll auf die Trümmer des Feuers, als sehe sie auf die Trümmer ihres eigenen Lebens. Die gewöhnliche Menschenfreundlichkeit forderte es, ihr darauf etwas zu erwidern. Grace besann sich – trat einen Schritt näher – blieb stehen und erledigte sich ihrer Aufgabe mit der einfältigsten unter den alltäglichen Phrasen, die ein Mensch dem anderen sagen kann.

»Wenn ich etwas für Sie tun kann«, begann sie. Der Satz ward nicht vollendet. Miss Roseberry besaß gerade genug Schonung gegen die Verlorene, die sie gerettet und geschützt hatte, um weitere Worte für überflüssig zu halten.

Die Wärterin erhob ihren edel geformten Kopf und schritt langsam nach dem Vorhang, um zu ihrer Pflicht zurückzukehren.

»Miss Roseberry hätte wohl meine Hand fassen können!« dachte sie bitter bei sich selbst. »Aber nein! Sie hielt sich vielmehr in Entfernung, ohne zu wissen, was sie eigentlich sagen sollte. »Was können Sie für mich tun?« fragte Mercy, sie war im Augenblick durch die kalte Verbeugung ihrer Gefährtin zu einem Ausbruch ihrer vollen Menschenverachtung gereizt. »Können Sie mir den Namen und die Stellung einer unschuldigen Frau geben? Ach hätte ich Ihr Schicksal! Hätte ich nur Ihren guten Ruf und Ihre Aussichten für das Leben!« Sie legte ihre Hand auf die Brust und bezwang sich. »Bleiben Sie hier«, begann sie wieder, »während ich an meine Arbeit gehe. Ich will sehen, dass Ihre Kleider getrocknet werden. Sie sollen meine Kleider nicht länger tragen müssen, als dringend nötig ist.« Nach diesen melancholischen Worten – die in rührendem Tone, nicht bitter gesprochen wurden – war sie im Begriffe, in die Küche zu treten, als sie bemerkte, dass das Klatschen des Regens am Fenster aufgehört hatte. Sie ließ den Vorhang fallen, und lenkte ihre Schritte zurück, dann öffnete sie den Fensterladen und sah hinaus.«

Der Mond stieg verschleiert am trüben Himmel empor; der Regen hatte aufgehört; das begünstigende Dunkel, welches die französische Position vor den Augen der deutschen Patrouillen verborgen hatte, wurde mit jedem Augenblick geringer. In ein paar Stunden, wenn nichts dazwischen kam, konnte die Engländerin ihre Reise fortsetzen. In ein paar Stunden brach der Morgen an.

Mercy hob die Hand, um den Laden zu schließen. Bevor sie ihn wieder festmachen konnte, schlug von einem der entfernteren Posten der Knall eines Büchsenschusses an ihr Ohr, gleich darauf ein zweiter, schon näher und stärker. Mercy hielt inne, den Laden in der Hand, und horchte gespannt auf einen nächsten Knall.




3.

Die deutsche Granate


Der Knall des dritten Büchsenschusses drang durch die Nacht – schon ganz aus der Nähe des Häuschens. Grace sprang auf und trat erschreckt an das Fenster.

»Was bedeutet dies Schießen?« fragte sie.

»Signale der Vorposten«, erwiderte die Wärterin gelassen.

»Droht irgend Gefahr? Kehren die Deutschen zurück?«

Doktor Surville erwiderte diese Frage. Er hob eben den Zeugvorhang in die Höhe, um einen Blick in das Zimmer zu werfen, als Miss Roseberry sprach.

»Die Deutsche dringen gegen uns vor«, sagte er. »Ihre Vorhut ist in Sicht.«

Grace sank auf den nebenstehenden Stuhl und zitterte am ganzen Leibe. Mercy näherte sich dem Arzt und richtete entschlossen die Frage an ihn:

»Werden wir die Stellung verteidigen?« forschte sie.

Doktor Surville schüttelte bedeutsam den Kopf.

»Unmöglich! Der Feind ist uns wie immer um das Zehnfache überlegen.«

Der schrille Wirbel der französischen Trommeln wurde draußen gehört.

»Das Zeichen zum Rückzug!« sagte der Arzt. »Der Kapitän ist nicht der Mann danach, über das, was er zu tun hat, lange nachzudenken. Wir müssen selbst für uns sorgen. In fünf Minuten müssen wir diesen Ort geräumt haben.« Bei diesen Worten knallte eine förmliche Salve aus den Reihen der Deutschen. Ihre Vorhut griff die französischen Vorposten an. Grace fasste den Arzt mit flehender Gebärde am Arme. »Nehmen Sie mich mit«, rief sie. »O ich habe schon einmal von den Deutschen zu leiden gehabt; verlassen Sie mich nicht, wenn sie wieder kommen!« Der Arzt fühlte sich der Situation gewachsen; er drückte die Hand der hübschen Engländerin an seine Brust.

»Fürchten Sie nichts, Madame«, sagte er, und dabei sah er aus, als könnte er mit seinem unüberwindlichen Arm die gesamten Streitkräfte der Deutschen vernichten.

»Das Herz eines Franzosen schlägt unter Ihrer Hand. Die Ergebenheit eines Franzosen wird Sie zu schützen wissen.«

Graces Kopf sank auf seine Schulter. Monsieur Surville hatte das Bewusstsein, sich gut benommen zu haben; er blickte auffordernd nach Mercy hin. Auch sie war ein reizendes Wesen. Der Franzose hatte eine zweite Schulter für sie bereit. Zum Unglück war das Zimmer finster – der Blick für Mercy war verschwendet. Sie dachte der hilflosen Kranken im Innern des Hauses und erinnerte den Arzt an die Pflichten seines Berufes.

»Was soll aus den Kranken und Verwundeten werden?« fragte sie.

Monsieur Surville zuckte die Achsel – die freie nämlich.

»Die kräftigsten unter ihnen können wir mit uns fortnehmen«, sagte er. »Die Anderen müssen hier zurückbleiben. Für sich selbst meine Liebe, brauchen Sie nichts zu fürchten. Es wird sich schon ein Platz im Gepäckwagen finden.«

»Und auch für mich?« bat Grace eifrig.

Der unbesiegbare Arm des Arztes legte sich leise um die Taille der jungen Dame und antwortete stumm mit einem Drucke auf diese Frage.

»Nehmen Sie diese dann mit«, sagte Mercy. »Mein Platz ist bei den Armen, die Sie hier zurücklassen.«

Grace horchte mit maßlosem Erstaunen. »Bedenken Sie doch, was Sie riskieren«, sagte sie, »wenn Sie hier bleiben.« Mercy zeigte auf ihre linke Schulter.

»Beunruhigen Sie sich nicht um meinetwillen«, antwortete sie, »das rote Kreuz wird mich schützen.«

Ein neuer Trommelwirbel ermahnte den empfindsamen Wundarzt, seinen Platz als Generaldirektor der Ambulanz ohne Verzug einzunehmen. Er führte Grace zu einem Stuhl und legte diesmal ihre beiden Hände an sein Herz, um sie über das Unglück seines Abganges zu trösten. »Fürchten Sie nichts, reizende Freundin. Sagen Sie sich selbst, Surville ist ein ehrenhafter Mann! Surville ist mir ergeben!« Er schlug beteuernd auf seine Brust; er vergaß abermals die Finsternis im Zimmer, und warf einen Blick unbeschreiblicher Ehrerbietung auf seine reizende Freundin. »A bientôt!« rief er, warf ihr einen Kuss zu und verschwand.

Als der Zeugvorhang hinter ihm herabgefallen war, wurde plötzlich der Knall des Kleingewehrfeuers von dem Dröhnen der Kanonen mächtig übertönt. Im nächsten Augenblicke platzte draußen im Garten, nur einige Klafter vom Fenster entfernt, eine Granate mit fürchterlichem Gekrach.

Grace sank mit einem Schrei des Entsetzens auf die Knie, Mercy – ohne ihre Besonnenheit zu verlieren – trat zum Fenster und blickte hinaus.

»Der Mond ist aufgegangen«, sagte sie. »Die Deutschen beschießen das Dorf.«

Grace stand auf und lief Schutz suchend auf sie zu.

»Bringen Sie mich fort«, rief sie. »Wir werden getötet, wenn wir hier bleiben.« Sie hielt inne und sah verwundert auf die große schwarze Gestalt der Wärterin, die unbeweglich am Fenster stand. »Sind Sie denn aus Eisen?« rief sie. »Kann Sie denn nichts erschrecken.« Mercy lächelte traurig. »Weshalb sollte ich mich fürchten, mein Leben zu verlieren?« antwortete sie. »Ich habe nichts, was des Lebens wert wäre.«

Der Donner der Kanonen erschütterte abermals das ganze Häuschen. Eine zweite Granate platzte im Hof, dem Gebäude gerade gegenüber.

In höchster Bestürzung über das Getöse und von Schrecken ergriffen, da die Geschosse immer näher dem Häuschen einschlugen, schlang Grace die Arme um die Wärterin und hing sich in Vertraulichkeit, zu der sie das Entsetzen hinriss, an das Wesen, dessen Hand zu berühren sie vor kaum fünf Minuten sich gescheut hatte. »Wo ist es am sichersten?« rief sie. »Wo kann ich mich verstecken?«

»Wie soll ich Ihnen sagen können, wo das nächste Geschoss einschlagen wird?« antwortete Mercy ruhig.

Die standhafte Fassung der Einen schien die Andere geradezu wahnsinnig zu machen. Grace ließ die Wärterin los und blickte wild umher, um einen Weg zur Flucht zu entdecken. Sie wollte nach der Küche eilen, aber das Geschrei und die Verwirrung, welche die Übertragung der leichten Verwundeten in den Krankenwagen begleitete, trieb sie zurück. Ein zweiter Blick zeigte ihr die Tür, die in den Hof führte. Sie stürzte darauf los, mit einem Ausruf der Erleichterung. Eben legte sie die Hand auf das Schloss, als der dritte Donner des Geschützes ertönte.

Grace sprang einen Schritt zurück und hielt sich mechanisch mit beiden Händen die Ohren zu. Im selben Augenblicke platzte die dritte Granate auf dem Dache des Häuschens, durchschlug Dach und Decke und explodierte im Zimmer gerade an der Tür. Mercy sprang unverletzt von ihrem Platz am Fenster gegen die Mitte zu. Die glühenden Bruchstücke der Granate steckten den hölzernen Fußboden sogleich in Brand, und mitten unter diesen Sprengstücken im Rauch, nur schwach zu erkennen, lag die bewusstlose Gestalt ihrer Gefährtin. Selbst in diesem furchtbaren Augenblick verlor die Krankenwärterin nicht ihre Geistesgegenwart. Sie eilte an die Stelle zurück, wo sie früher gestanden hatte, und in deren unmittelbarer Nähe sie schon vorhin die leeren Mehlsäcke auf einen Haufen zusammengelegt bemerkt hatte, sie erfasste zwei derselben, warf sie auf den rauchenden Boden und trat das Feuer mit den Füßen aus. Hierauf kniete sie bei der bewusstlosen Frau nieder und hob ihren Kopf in die Höhe.

War sie verwundet oder tot?

Mercy zog die eine kraftlose Hand empor und legte ihre Finger an das Gelenk. Während sie noch erfolglos nach dem Puls fühlte, eilte Doktor Surville, in Besorgnis für die Damen, herein, um zu sehen, ob etwas geschehen sei.

Mercy rief ihn an. »Ich fürchte, die Granate hat sie gestreift«, sagte sie und überließ ihm ihren Platz. »Sehen Sie doch nach, ob sie schwer verwundet ist?«

Die Besorgnis des Arztes für seine reizende Patientin drückte sich in einer kurzen Verwünschung aus, wobei er jedoch mit besonderer Emphase den Buchstaben R schnarren ließ. »Ziehen Sie ihr de Mantel aus«, rief er, indem er seine Hand unter ihren Kopf schob. »Der arme Engel! Sie hat sich im Fallen umgedreht; die Schnur ist um ihren Hals gewickelt.«

Mercy entfernte den Mantel. Er fiel auf den Boden, als der Arzt Grace in seinen Armen aufrichtete.

»Bringen Sie Licht«, sagte er ungeduldig; »Sie werden in der Küche eines bekommen.« Er versuchte den Puls zu fühlen; seine Hand zitterte, der Lärm und die Verwirrung in der Küche machten ihn bestürzt. »Gerechter Gott!« rief er aus, »meine Erregung übermannt mich.« Mercy näherte sich ihm mit dem Lichte.

Sein Schein fiel auf die grässliche Verletzung, die der Engländerin am Kopfe durch einen Granatsplitter beigebracht worden war. Im Nu veränderte sich das Benehmen des Arztes. Der Ausdruck von Besorgnis verschwand aus seinem Gesichte; seine handwerksmäßige Fassung legte sich plötzlich wie eine Maske darüber. Was war jetzt der Gegenstand seiner Bewunderung? Eine schwerfällige Last in seinen Armen – nichts weiter. Mercy entging die Veränderung in seinem Gesichte nicht. Ihre großen, grauen Augen beobachteten ihn aufmerksam.

»Ist die Dame schwer verwundet?« fragte sie.

»Bemühen Sie sich nicht länger das Licht zu halten«, war die kühle Antwort. »Es ist vorbei – ich kann nichts mehr für sie tun.«

»Tot?«

Doktor Surville nickte mit dem Kopfe und schüttelte seine geballte Faust in der Richtung der Vorposten. »Verfluchte Deutsche«, rief er; er sah auf das tote Gesicht auf seinem Arm und zuckte resigniert die Achseln. »Dies ist das Schicksal im Kriege«, sagte er; dabei hob er die Gestalt empor und legte sie auf das Bett in der einen Ecke des Zimmers. »Ein nächstes Mal, Wärterin, trifft es vielleicht Sie oder mich. Wer weiß? Pah! Das Problem des Geschickes der Menschen widert mich an.« Er wendete sich vom Bett weg und gab seinen Abscheu dadurch noch deutlicher zu erkennen, dass er die Bruchstücke der zerplatzten Granate anspuckte. »Wir müssen sie hier zurücklassen«, nahm er das Gespräch wieder auf. »Sie war im Leben ein reizendes Geschöpf – jetzt ist sie nichts. Kommen Sie fort, Miss Merrick, bevor es zu spät ist.«

Er bot der Wärterin seinen Arm; das Knarren der abfahrenden Bagagewagen wurde draußen gehört und der schrille Trommelwirbel ward in der Entfernung von neuem laut. Der Rückzug hatte begonnen.

Mercy schob den Vorhang auf die Seite und sah die Schwerverwundeten hilflos, der Gnade oder Ungnade des Feindes überlassen, auf ihrem Strohlager hingestreckt. Sie wies den dargebotenen Arm Monsieur Survilles zurück.

»Ich habe Ihnen bereits gesagt, dass ich hier bleiben werde«, antwortete sie.

Monsieur Surville erhob seine Hände als höfliches Zeichen eines feingebildeten Mannes, dass er eine Einwendung machen müsse. Mercy hielt den Vorhang zurück und deutete nach der Tür des Häuschens.

»Gehen Sie«, sagte sie. »Ich bin entschlossen.«

Selbst in diesem letzten Augenblick hielt sich der Franzose gut. Er verschwand vom Schauplatz mit ungeschmälerter Grazie und Würde. »Madame«, sagte er, »Sie sind erhaben!« Bei diesen schmeichelhaften Abschiedsworten verbeugte sich der Meister der Galanterie – bis ans Ende seiner Bewunderung des schönen Geschlechtes treu – und verließ, die Hand auf der Brust, das Häuschen.

Mercy ließ den Vorhang in der Tür ganz fallen. Sie war allein mit der Toten.

Das letzte Geräusch der Tritte, das letzte Rasseln der Wagen erstarb in der Entfernung. Kein erneuertes Schießen aus der feindlichen Stellung störte die darauffolgende Stille. Die Deutschen wussten, dass die Franzosen auf dem Rückzug waren. In einigen Minuten konnten sie das verlassene Dorf besetzen. Der Lärm ihres Anzuges musste im Häuschen hörbar werden. Inzwischen war die lautlose Stille fürchterlich. Selbst die armen Verwundeten, die in der Küche zurückgelassen waren, erwarteten schweigend ihr Schicksal.

Allein im Zimmer, wendete sich Mercys erster Blick nach dem Bette.

Die zwei Frauen waren bei einbrechender Nacht in der Verwirrung des ersten Gefechtes zusammengetroffen. Bei der Ankunft im Häuschen trennten sie sich, als die Wärterin von ihrer Pflicht abgerufen wurde, dann waren sie erst wieder im Zimmer des Kapitäns zusammengekommen. Ihre Bekanntschaft war von kurzer Dauer gewesen; sie hatte auch nicht versprochen, zur Freundschaft zu gedeihen. Aber der unglückliche Zufall hatte Mercys tiefere Teilnahme für die Fremde erweckt. Sie nahm das Licht und näherte sich dem Leichnam der Frau, die buchstäblich an ihrer Seite getötet worden war.

Sie stand am Bett und blickte in der Stille der Nacht auf das regungslose, tote Gesicht herab.

Es war ein interessantes Gesicht – das einmal gesehen, lebend oder tot, für immer unvergesslich blieb. Die Stirn war ungewöhnlich nieder und breit, die Augen ungewöhnlich weit auf der Seite; Mund und Kinn auffallend klein. Mit zarter Hand glättete Mercy das aufgelöste Haar und ordnete die zerdrückten Kleider. »Vor kaum fünf Minuten«, dachte sie bei sich selbst, »wünschte ich sehnlichst, mit dir tauschen zu können!« Sie wendete sich seufzend vom Bett ab. »Ich wollte, ich könnte jetzt tauschen!«

Die Stille fing an, ihr drückend zu werden. Sie schritt langsam an das andere Ende des Zimmers.

Der Mantel auf dem Boden – ihr eigener Mantel, den sie Miss Roseberry geliehen hatte, erregte ihre Aufmerksamkeit, als sie daran vorbeischritt. Sie hob ihn auf, bürstete den Staub davon ab und hing ihn über den Stuhl. Dann setzte sie das Licht wieder auf den Tisch und ging an das Fenster, um auf die ersten Laute zu horchen, die das Heranrücken der Deutschen verkünden würden. Der Wind strich leise durch einige nahestehende Bäume und erregte so den einzigen Ton, den ihr Ohr vernahm. Sie wendete sich vom Fenster ab und setzte sich beim Tisch nieder, in Gedanken vertieft. Gab es hier noch irgendwelche Verpflichtung, die christliche Barmherzigkeit gegen einen Toten zu erfüllen hatte? Gab es noch einen Dienst, der inzwischen, bis die Deutschen kamen, geleistet werden konnte?

Mercy rief sich das Gespräch ins Gedächtnis zurück, das zwischen ihr und ihrer unglücklichen Gefährtin geführt worden war. Miss Roseberry hatte von dem Zweck ihrer Rückkehr nach England gesprochen. Sie hatte einer Dame Erwähnung getan – einer angeheirateten Verwandten, der sie persönlich fremd war – die sie aufnehmen wollte. Jemand, der im Stande wäre, die Art und Weise zu erzählen, wie das arme Geschöpf vom Tode überrascht worden war, sollte doch wohl dieser ihrer einzigen Bekannten deshalb schreiben. Wer konnte dies tun? Niemand anderer, als die einzige zurückgebliebene Zeugin der ganzen Katastrophe – Mercy selbst.

Sie nahm den Mantel vom Stuhle, auf den sie ihn vorhin gelegt hatte, und zog aus der Tasche die lederne Brieftasche, welche Grace ihr gezeigt hatte. Das einzige Mittel, um die Adresse zu erfahren, an die sie in England schreiben sollte, war, die Brieftasche zu öffnen und die darin befindlichen Papiere durchzusehen. Mercy öffnete die Tasche – und hielt inne, denn sie fühlte ein sonderbares Widerstreben, die Nachforschung noch weiter fortzusetzen.

Nach kurzem Überlegen sah sie beruhigt ein, dass ihre Bedenken hier nicht am Platze waren. Wenn sie auch die Brieftasche unverletzt bewahrte, die Deutschen würden sicherlich nicht zaudern, sie zu durchsuchen, und die Deutschen würden sich dann wohl schwerlich die Mühe nehmen, nach England zu schreiben. Welche Augen waren somit berufener, die Papiere der verstorbenen Dame zu prüfen – die Augen von Männern und dazu fremden, oder die Augen ihrer eigenen Landsmännin? Mercy zauderte nicht mehr. Sie leerte den Inhalt der Brieftasche auf den Tisch.

Diese nichtssagende Handlung wurde jedoch entscheidend für den ganzen, weiteren Verlauf ihres Lebens.




4.

Eine Versuchung


Einige Briefe, mit einem Band zusammengebunden, fesselten zunächst Mercys Aufmerksamkeit. Die Tinte, mit der die Adressen geschrieben waren, zeigte sich vor Alter verblichen. Die Briefe waren abwechselnd an den Oberst Roseberry und an die wohlgeborene Mistress Roseberry gerichtet und erwiesen sich sonach als eine Korrespondenz zwischen den beiden Gatten aus einer Zeit, als der Oberst durch seine militärischen Verpflichtungen genötigt war, vom Hause abwesend zu sein. Mercy band die Briefe wieder zusammen und wendete sich zu den ihrer Hand zunächstliegenden Papieren.

Diese bestanden aus einigen zusammengesteckten Blättern, überschrieben in einer Frauenschrift: »Mein Tagebuch in Rom.« Eine kurze Prüfung zeigte ihr, dass das Tagebuch von Miss Roseberry geschrieben worden, und dass es hauptsächlich der Erinnerung an die letzten Lebenstage ihres Vaters geweiht war.

Nachdem Mercy das Tagebuch und den Briefwechsel wieder in die Tasche gesteckt hatte, blieb nur ein Papier noch auf dem Tische, und dies war ein Brief. Der Umschlag, der nicht zugeklebt war, trug die folgende Adresse: »Lady Janet Roy, Mablethorpe-House, Kensington, London.« Mercy nahm aus dem offenen Umschlag die Einlage heraus. Gleich die ersten Zeilen, die sie las, belehrten sie, dass sie den Empfehlungsbrief des Obersten gefunden habe, durch welchen dieser seine Tochter bei ihrer Ankunft in England ihrer Beschützerin empfiehlt.

Mercy las den Brief durch. Der Schreiber nannte ihn die letzte Anstrengung eines Sterbenden. Oberst Roseberry schrieb liebevoll über die Vorzüge seiner Tochter und mit wahrem Kummer über ihre vernachlässigte Erziehung, welch letztere er hauptsächlich den pekuniären Verlusten zur Last legte, die ihn gezwungen hatten, als ein armer Mann nach Kanada auszuwandern. Dann folgten warme Ausdrücke der Dankbarkeit für die Person Lady Janets. »Ich verdanke es Ihnen nur«, so schloss der Brief, »dass ich hinsichtlich der Zukunft meines geliebten Kindes mit leichtem Herzen sterben kann. Ihrem edlen Schutz empfehle ich den einzigen Schatz, den ich auf Erden zurücklasse. Ihr ganzes Leben hindurch haben Sie in edelster Weise Ihren hohen Rang und Ihr großes Vermögen nur dazu benutzt, um Gutes zu tun. Ich hoffe, es wird demnach nicht die geringste ihrer guten Taten sein, die letzten Stunden eines alten Soldaten dadurch verklärt zu haben, dass Sie Herz und Haus seinem einsam stehenden Kinde geöffnet haben.«

So endete der Brief. Mercy legte ihn mit schwerem Herzen nieder.

Welches Glück hätte das arme Mädchen erwartet! Eine Frau vom hohen Rang und Vermögen war bereit, sie aufzunehmen, eine so wohlwollende, so hochherzige Frau, dass das Vaterherz auf dem Totenbett über das Schicksal seines Kindes beruhigt sein konnte – und nun lag das Kind da, der Güte Lady Janets für immer entrückt, ihres Schutzes nicht mehr bedürfend.

Das Schreibzeug des französischen Kapitäns war auf dem Tische zurückgeblieben. Mercy wendete den Brief um, und dachte auf die reine Seite am Ende desselben die Nachricht von Miss Roseberrys Tod zu schreiben. Sie überlegte eben noch, mit welchen Worten sie dies tun wollte, als aus dem anstoßenden Raum Geräusch von murrenden Stimmen an ihre Ohren drang. Die zurückgelassenen Verwundeten ächzten nach Hilfe, den verlassenen Soldaten sank zuletzt der Mut.

Sie trat in die Küche. Ein Ausruf des Entzückens empfing sie von allen Seiten; ihr bloßes Erscheinen beruhigte die Kranken. Sie trat von einem Strohlager zum anderen, sprach zu jedem einige tröstende Worte, die ihre Hoffnung von neuem erweckten und linderte mit zarter, geübter Hand ihre Schmerzen. Sie küssten den Saum ihres schwarzen Kleides, und nannten sie ihren Schutzengel, wenn die schöne Gestalt sich unter ihnen bewegte und ihr sanftes, mitleidvolles Gesicht sich über ihre harten Kissen herabbeugte. »Ich bin bei euch, wenn die Deutschen kommen«, sagte sie, als sie sich anschickte, zu ihrem ungeschriebenen Briefe zurückzukehren. »Fasst Mut, meine lieben Freunde! Eure Pflegerin verlässt euch nicht.«

»Ja, Mut, Madame!« erwiderten die Männer. »und Gott segne sie!«

Wenn in diesem Augenblicke das Beschießen vom neuen begonnen hätte, wenn eine Kugel sie zu Tode getroffen hätte, wie sie eben den Kranken und Betrübten ihren Beistand lieh, hätte da wohl irgend ein christliches Gericht gezögert, dies Weib für des Himmels würdig zu erklären? Aber, wenn der Krieg zu Ende war, und sie blieb am Leben, wo war dann ihr Platz auf Erden? Wo war ihre Zukunft? Wo war ihre Heimat?

Sie kehrte zum Briefe zurück. Jedoch, anstatt sich niederzusetzen, um zu schreiben, stand sie beim Tisch und sah geistesabwesend auf das Stück Papier.

Ein merkwürdiger Gedanke hatte sich bei ihrem Wiedereintritt in das Zimmer in ihr geregt; sie selbst musste über seine Tollheit lächeln. Wie wäre es, wenn sie Lady Janet Roy darum bäte, sie an Miss Roseberrys Stelle treten zu lassen? Sie war mit Miss Roseberry unter kritischen Umständen zusammengetroffen, und sie hatte alles für sie getan, womit ein Mensch dem anderen helfen konnte. In diesem Umstand lag etwas wie ein Anspruch, wenn vielleicht Lady Janet keine andere Gesellschafterin und Vorleserin im Auge hätte. Angenommen, sie wagte es, so ihre eigene Sache zu führen – was würde die edle und gütige Dame tun? Sie würde zurückschreiben und sagen: »Senden Sie mir Zeugnisse über Ihren Charakter und ich will sehen, was ich tun kann.« Ihr Charakter! Ihre Zeugnisse! Mercy lachte bitter auf und setzte sich, um mit möglichst wenig Worten nur das Nötigste – das einfache Konstatieren des Faktums aufzuschreiben.

Nein! Sie war nicht im Stande, auch nur eine Zeile zu schreiben. Ihre plötzliche Idee ließ sich nicht so nach Belieben abweisen. Ihr Geist war gerade deshalb nur um so geschäftiger, mit lebhafter Phantasie ein Bild von der Schönheit von Mablethorpe-House, von der Bequemlichkeit und Eleganz des Lebens, das dort geführt wurde, zu entwerfen. Sie gedachte nochmals des Glückes, welches Miss Roseberry entgangen war. Unglückliches Wesen! Welch eine Heimat hätte sich ihr eröffnet, wenn die Granate an der Seite des Fensters, statt an der gegen den Hof zu eingeschlagen hätte!

Mercy schob den Brief von sich weg und schritt ungeduldig im Zimmer auf und ab.

Die Tücke ihrer Gedanken war jedoch auf diesem Wege nicht zu bemeistern. Ihr Geist machte sich von dem einen nutzlosen Gedankengang nur los, um sich mit einem anderen zu beschäftigen. Sie blickte jetzt voraus auf ihre eigene Zukunft. Was waren ihre Aussichten, wenn sie den Krieg überlebte? Die Erfahrungen aus der Vergangenheit malten mit unbarmherziger Treue eine trostloses Bild vor ihre Seele. Sie mochte gehen, wohin sie wollte, sie mochte tun, was sie wollte, das Ende konnte stets nur dasselbe sein. Zuerst Neugierde und Bewunderung, hervorgerufen durch ihre Schönheit, dann Nachforschungen über ihre Person; die Entdeckung ihrer Vergangenheit, die Teilnahme des barmherzigen Teiles der menschlichen Gesellschaft, die großmütige Unterstützung, welche dieselbe den Gefallenen in den Besserungsanstalten zukommen lässt, und doch ihr ganzes Leben hindurch immer wieder dasselbe Endergebnis – der Schatten der früheren Schmach, der wie die Pest an ihr haftete, der sie aus der Gesellschaft anderer Frauen ausschloss; der sie, selbst wenn sie vor Gottes Angesicht Verzeihung erlangt hätte, in den Augen der Menschen mit unauslöschlicher Schmach brandmarkte; das war ihre Zukunft! Und sie war erst fünfundzwanzig Jahre alt geworden; sie stand in der Blüte ihrer Jugend und ihrer Kraft; sie mochte, nach dem Lauf der Natur, noch fünfzig weitere Jahre leben.

Sie stand wieder am Bette und blickte abermals auf das Gesicht der Leiche.

Wozu sollte das gut gewesen sein, dass die Kugel dies Wesen traf, welches so manche Hoffnung für das Leben hatte und jenes verschonte, welches keine Hoffnung mehr besaß? Worte, welche sie selbst zu Grace Roseberry gesprochen hatte, fielen ihr jetzt wieder ein: »Könnte ich nur mit Ihnen tauschen! Hätte ich nur Ihren Ruf und Ihr Aussichten für die Zukunft!« Da lag das Glück zerstört! Die beneidenswerten Aussichten vernichtet! Es war beinahe, um wahnsinnig zu werden, wenn sie mit dem Gefühle ihrer Lage dies Ende betrachtete. In dem bitteren Hohn der Verzweiflung beugte sie sich über die leblose Gestalt und sprach zu ihr, als hätte sie Ohren, zu hören. »O«, sagte sie sehnsüchtig, »könntest du Mercy Merrick, und ich jetzt Grace Roseberry sein!«

Die Worte waren kaum über ihre Lippen, als sie sich mit einer raschen Bewegung hoch aufrichtete. Sie stand neben dem Bett und starrte mit ihren Augen wild in den leeren Raum; ihr Gehirn brannte; ihr Herz schlug so heftig, als wollte es sie ersticken. »Könntest du Mercy Merrick, und ich jetzt Grace Roseberry sein!« In einem Momente lenkte dieser Gedanke ihren Geist in neue Bahnen. In einem Momente zuckte in ihr die Überzeugung wie ein elektrischer Schlag. Sie konnte Grace Roseberry sein, wenn sie es nur wagte! Nichts, gar nichts hinderte sie, sich bei Lady Janet Roy unter Graces Namen als Grace einzuführen.

Was wagte sie dabei? Wo war der wunder Fleck in diesem Plan? Grace selbst hatte es so bestimmt erzählt – dass sie und Lady Janet einander niemals gesehen hatten. Ihre Bekannten wohnten in Kanada; ihre Verwandten in England waren tot. Mercy kannte den Ort, wo Grace gelebt hatte – Port Logan hieß er – so gut, als jene ihn gekannt hatte. Mercy brauchte nur das eigenhändig geschriebene Tagebuch zu lesen, um im Stande zu sein, die Fragen, welche sich auf den Aufenthalt in Rom und auf den Tod des Obersten Roseberry bezogen, zu beantworten. Sie brauchte keine feingebildete Dame vorzustellen. Grace selbst – dann ihres Vaters Brief hatten in klaren Worten von ihrer vernachlässigten Erziehung gesprochen. Alles buchstäblich, alles war zu ihren Gunsten. Die Leute, mit denen sie bei der Ambulanz in Berührung gekommen, waren fortgegangen, um nicht mehr wiederzukehren. Ihre eigenen Kleider – mit ihrem Namen gemerkt – waren in diesem Augenblick an Miss Roseberrys Körper. Miss Roseberrys Kleider, ebenfalls mit ihrem Namen gemerkt, waren zum Trocknen im nächsten Zimmer aufgehängt und standen zu Mercys Verfügung. Der Weg zur Flucht aus der unerträglichen Demütigung ihres gegenwärtigen Lebens lag endlich offen vor ihr da. Welch eine Aussicht war das! Eine neue Identität, die sie allerorten bekennen durfte! Ein neuer Name, über jeden Makel erhaben! Eine neue Vergangenheit, welche die ganze Welt kennen durfte! Ihr Gesicht flammte, ihre Augen funkelten; niemals war sie so unwiderstehlich schön gewesen, als in dem Augenblicke, wo sich ein neues Leben, strahlend von neuen Hoffnungen, vor ihren Blicken auftat.

Sie wartete eine Minute, bis sie im Stande war, ihren kühnen Plan auch noch von einem anderen Standpunkte aus zu überschauen. Wo lag hierin das Böse? Was sagte ihr Gewissen dazu?

Zuerst, in Betreff Graces. Welches Unrecht fügte sie der Toten damit zu? Die Frage beantwortete sich von selbst. Der Toten geschah kein Unrecht; desgleichen geschah ihren Verwandten keines. Denn ihre Verwandten waren auch gestorben.

Weiter, in Betreff Lady Janets. Wenn sie ihrer neuen Herrin treu diente, wenn sie den Verpflichtungen ihrer neuen Stellung ehrenvoll nachkam; wenn sie bei Belehrung Eifer, für Güte Dankbarkeit bewies – wenn sie, mit einem Wort, alles das wäre, was sie sein konnte und in dem himmlischen Frieden und der Sicherheit jenes neuen Lebens sein wollte – welches Unrecht beging sie da gegen Lady Janet? Abermals beantwortete sich diese Frage von selbst. Sie konnte und wollte Lady Janet Grund geben, den Tag zu segnen, wo sie zuerst ihr Haus betrat.

Sie raffte den Brief des Obersten Roseberry zusammen und steckte ihn zu den anderen Papieren in der Tasche. Die Gelegenheit lag vor ihr; alle Aussichten waren ihr günstig; ihr Gewissen wendete nichts ein gegen den kühnen Plan. Sie entschied somit. – »Ich will es tun!«

In ihrem Innern sträubte sich etwas dagegen, ihr besseres Selbst fühlte sich davon verletzt, als sie die Brieftasche in die Tasche ihres Kleides schob. Sie war entschieden, und doch fühlte sie ein Missbehagen; sie war nicht sicher, ob sie ihr Gewissen denn auch wahrhaft erforscht habe. Wie wäre es, wenn sie die Brieftasche wieder auf den Tisch legte und abwartete, bis ihre Erregung sich ganz abgekühlt hätte – wenn sie dann den rasch gefassten Plan vor den Richterstuhl ihres nüchternen Urteiles über Recht und Unrecht brächte? Sie dachte darüber nach – und war unschlüssig. Bevor sie dies ein zweites Mal tun konnte, trug die Nachtluft den dumpfen Lärm marschierender Massen und das Getrappel von Pferdehufen aus der Entfernung zu ihr herüber. Die Deutschen rückten gegen das Dorf an! In einigen Minuten mochten sie im Häuschen erscheinen; sie mochten sie auffordern, über ihre Person Rechenschaft zu geben. Es war darum keine Zeit, um abzuwarten, bis sie sich wieder gefasst hätte. Was sollte sie wählen – das neue Leben, als Grace Roseberry? Oder das frühere Leben, als Mercy Merrick?

Sie blickte zum letzten Mal nach dem Bett hin. Graces Lebenslauf war vollendet; Graces Zukunft stand zu ihrer Verfügung. Ihre entschlossene Natur zur Wahl auf der Stelle gedrängt, hielt sich an die gewagte Alternative. Sie beharrte auf dem Entschluss, an Graces Stelle zu treten.

Der Lärm vom Anmarsch der Deutschen kam immer näher und näher. Schon hörte man die Kommandorufe der Offiziere.

Sie setzte sich an den Tisch nieder und wartete ruhig auf das, was kommen würde.

Der unabweisliche Instinkt ihres Geschlechtes zwang sie, ihre Augen über ihren Anzug gleiten zu lassen, ehe die Deutschen erschienen. Indem sie prüfte, ob daran alles in Ordnung sei, fiel ihr Blick auf das rote Kreuz an ihrer linken Schulter. Einen Augenblick machte es sie stutzig, dass ihre Kleidung als Krankenpflegerin sie vielleicht in unnötige Verlegenheit bringen könnte. Sie brachte sie mit einer öffentlichen Stellung in Verbindung; sie mochte in späterer Zeit einmal Anlass zu Erkundigungen geben, die sie verraten könnten.

Sie blickte umher. Der graue Mantel, welchen sie Grace geliehen hatte, fiel ihr in die Augen. Sie erfasste ihn und hüllte sich darein von Kopf bis zu Fuß.

Sie war eben damit fertig, den Mantel an ihrem Körper in Ordnung zu bringen, als die äußere Tür aufgestoßen wurde, in fremder Sprache redende Stimmen sich vernehmen ließen und in dem Zimmer hinter ihr das Weglegen der Gewehre hörbar wurde. Sollte sie abwarten, dass man sie entdeckte? Oder sollte sie sich aus freiem Antrieb zeigen? Es war für ein Wesen ihrer Art weniger peinlich, sich zu zeigen als abzuwarten. Sie schritt vor, um in die Küche zu treten. Als sie ihre Hand nach dem Zeugvorhang ausstreckte, war derselbe plötzlich von der anderen Seite zurückgezogen und drei Männer standen ihr in dem offenen Türgang gegenüber.




5.

Der deutsche Arzt


Der jüngste der drei Fremden war – so viel man aus seinen Gesichtszügen, dem Teint und seinem ganzen Wesen entnehmen konnte – wie es schien, ein Engländer. Er trug eine Soldatenmütze und Soldatenstiefel; im übrigen war er in Zivil gekleidet. Ihm zunächst stand ein Offizier in preußischer Uniform und neben diesem der dritte und älteste der Gruppe. Er trug ebenfalls eine Uniform, aber seine Erscheinung war weit davon entfernt, den Eindruck eines Soldaten zu machen. Er hinkte auf einem Fuß, die eine Schulter hing vor, und statt eines Säbels an der Seite trug er in der Hand einen Stock. Er blickte scharf durch seine Brille mit Schildkroteinfassung zunächst auf Mercy, dann auf das Bett, dann im ganzen Zimmer umher; mit einer zynischen Ruhe in seinem Wesen wendete er sich hierauf an den preußischen Offizier und unterbrach die Stille mit folgenden Worten:

»Eine Frau krank auf dem Bett; die andere zu ihrer Pflege bei ihr und sonst niemand im Zimmer. Ist es da nötig, Major, eine Wache hier zu lassen?«

»Nein, es ist nicht nötig«, antwortete der Major. Er drehte sich auf dem Absatz herum und kehrte in die Küche zurück. Der deutsche Arzt, von dem Instinkt seines Berufes geleitet, näherte sich ein wenig der Ecke, wo das Bett stand.

Der junge Engländer, dessen Augen sich in Bewunderung auf Mercy geheftet hatten, zog den Vorhang vor die Türöffnung und redete sie höflich in französischer Sprache an.

»Darf ich fragen, ob Sie Französin sind?« sagte er.

»Ich bin Engländerin«, versetzte Mercy.

Der Arzt hatte die Antwort gehört. Er blieb auf seinem Wege gegen das Bett hin plötzlich stehen, deutete nach der darauf ruhenden Gestalt und sagte zu Mercy in gutem, aber mit starkem deutschen Akzent gesprochenen Englisch:

»Kann ich da vielleicht etwas nützen.«

Seine Manieren waren dabei ironisch höflich und seine Stimme klang, als würde sie krampfhaft zur Monotonie gezwungen. Mercy fasste auf der Stelle einen entschiedenen Widerwillen gegen diesen hinkenden, hässlichen, alten Mann, der sie so roh durch seine schildkroteingefasste Brille anstarrte.

»Sie können nichts mehr nützen, mein Herr«, sagte sie kurz. »Die Dame hier ward getötet, als Ihre Truppen dieses Häuschen beschossen.«

Der Engländer sprang auf und blickte mitleidsvoll nach dem Bette hin. Der Deutsche stärkte sich mit einer Prise Tabak und stellte eine neue Frage:

»Ist der Leichnam von einem Arzt untersucht worden?« fragte er. Mercy beschränkte ihre ungnädige Erwiderung auf das eine notwendige Wort: »Ja.« Der anwesende Arzt war jedoch nicht der Mann danach, sich durch das Missfallen, welches ihm eine Dame bewies, einschüchtern zu lassen. Er fuhr fort, seine Fragen zu stellen.

»Wer hat die Leiche untersucht?« forschte er weiter.

Mercy antwortete: »Der Doktor, welcher sich bei der französischen Ambulanz befand.«

Der Deutsche brummte etwas vor sich hin, zum Zeichen seiner Verachtung und seines Missfallens gegen alle Franzosen und alle französischen Einrichtungen. Der Engländer ergriff die erste Gelegenheit, um sich wieder an Mercy zu wenden.

»Ist die Dame eine Landsmännin von uns?« fragte er sanft.

Mercy überlegte, bevor sie antwortete. Nach dem, was sie vorhatte war es jedenfalls geraten, nur mit äußerster Vorsicht von Grace zu sprechen.

»Ich glaube«, sagte sie, »wir trafen hier zufällig zusammen. Ich weiß nichts von ihr.«

»Nicht einmal ihren Namen?« fragte der deutsche Arzt.

Mercys Entschlossenheit war der Kühnheit noch nicht gewachsen, ihren eigenen Namen offen Grace beizulegen. Sie nahm ihre Zuflucht zum einfachen Leugnen.

»Nicht einmal ihren Namen«, wiederholte sie hartnäckig.

Der alte Arzt starrte ihr roher als je in das Gesicht, beriet mit sich selbst, und nahm dann das Licht vom Tische. Er hinkte nach dem Bette zurück und untersuchte in aller Stille die daraufliegende Gestalt. Der Engländer setzte das Gespräch fort und verbarg dabei nicht länger das Interesse, welches er für die schöne Frau vor ihm empfand.

»Entschuldigen Sie«, sagte er, »Sie sind sehr jung, um in Kriegszeiten an einem Ort, wie dieser ist, sich allein aufzuhalten.«

Der plötzliche Ausbruch einer Störung in der Küche überhob Mercy im Augenblick der Notwendigkeit, ihm sofort zu antworten. Sie hörte die Stimmen der Verwundeten, wie sie sich zu schwachen Einwendungen erhoben, und das rauhe Kommando der Offiziere, die ihnen Stillschweigen geboten. Die edle Natur dieser Frau gewann sogleich die Oberhand über jedes persönliche Bedenken, welches ihr durch die selbst geschaffene Stellung auferlegt wurde. Achtlos, ob sie sich als Krankenpflegerin bei der französischen Ambulanz verrate oder nicht, zog sie den Vorhang augenblicklich auf die Seite, um in die Küche zu treten. Eine deutsche Schildwache vertrat ihr den Weg und kündigte in deutscher Sprache an, dass Fremde nicht eingelassen würden. Der Engländer legte sich höflich ins Mittel und fragte, ob sie irgendeinen besonderen Zweck hätte, dessentwegen sie diesen Raum zu betreten wünsche.

»Die armen Franzosen!« sagte sie ernst, und ihr Herz schalt sie, dieselben vergessen zu haben. »Die armen verwundeten Franzosen!«

Der Deutsche näherte sich von dem Bette her und griff die Sache auf, ehe der Engländer ein Wort sagen konnte.

»Sie haben mit den verwundeten Franzosen nichts zu schaffen«, krächzte er in rauhestem Tone. »Sie sind unsere Gefangenen, und darum zu unserer Ambulanz gebracht worden. Ich heiße Ignaz Wetzel, bin Chefarzt des Regimentsstabes – und ich sage Ihnen dies hiermit. Seien Sie still.« Er wendete sich zur Schildwache und fügte auf deutsch hinzu: »Ziehet den Vorhang wieder vor; und wenn die Frau darauf besteht, schiebt sie eigenhändig wieder hier herein.«

Mercy versuchte etwas einzuwenden. Der Engländer fasste ehrerbietig ihren Arm und zog sie aus der Nähe der Schildwache fort.

»Es ist nutzlos, sich zu widersetzen«, sagte er. »Die deutsche Disziplin gibt nirgends nach. Übrigens haben Sie nicht nötig, sich wegen der Franzosen im geringsten Sorgen zu machen. Die Ambulanz unter Doktor Wetzel ist ausgezeichnet geleitet. Ich stehe dafür, dass die Leute gut behandelt werden.« Er sah die Tränen in ihren Augen, als er sprach; seine Bewunderung für sie stieg höher und höher. »Ebenso gut, als schön«, dachte er, »welch ein reizendes Geschöpf!«

»Nun!« sagte Ignaz Wetzel, indem er Mercy durch seine Brille stier ansah. »Sind Sie zufrieden? Und wollen Sie jetzt still sein?«

Sie gab nach; es war einfach umsonst, hier dem eigenen Willen folgen zu wollen. Wäre der Arzt ihr nicht mit diesem Widerstand entgegengetreten, vielleicht hätte ihre Hingebung für die Verwundeten sie auf dem Abweg aufgehalten, auf dem sie jetzt weiterschritt. Wäre es wieder möglich geworden, Geist und Körper durch das edle Wirken einer Krankenpflegerin wie früher zu beschäftigen, die Versuchung hätte sie dann doch vielleicht noch stark genug gefunden, um ihr zu widerstehen. So war durch die verhängnisvolle Strenge der deutschen Disziplin das letzte Band zerrissen, welches sie an ihr besseres Selbst geknüpft hätte. Ihr Gesicht nahm einen harten Ausdruck an, als sie stolz von Doktor Wetzel hinwegschritt, und sich auf einen Stuhl niederließ.

Der Engländer folgte ihr und kam nochmals auf die Frage ihrer gegenwärtigen Lage zurück.

»Denken Sie nicht, dass ich Sie beunruhigen will«, sagte er. »Es ist, ich wiederhole, nicht der leiseste Grund zur Besorgnis für die verwundeten Franzosen vorhanden, dagegen schweben Sie selbst in ernster Gefahr. Das Gefecht wird hier um dieses Dorf herum bei Tageshelle erneuert werden; Sie sollten sich wirklich an einen sicheren Ort begeben. Ich bin Offizier in der englischen Armee – und heiße Horace Holmcroft. Ich werde mich glücklich schätzen, Ihnen einen Dienst zu erweisen, wenn Sie es mir gestatten wollen. Darf ich fragen, ob Sie auf der Reise sind?«

Mercy zog den Mantel, welcher ihre Pflegerinnentracht verbarg, noch dichter an sich und willigte stillschweigend in den ersten offenbaren Akt des Betruges. Sie neigte ihren Kopf bejahend.

»Sind Sie auf dem Wege nach England?«

»Ja.«

»In diesem Falle kann ich Sie durch die deutsche Linie führen und auf Ihrer Reise gleich weiter befördern.«

Mercy betrachtete ihn mit unverhohlener Überraschung. Er hielt das mächtige Gefühl seiner Teilnahme für sie in den engen Grenzen, welche gute Erziehung ihm gezogen hatte; er war unverkennbar ein Gentleman. Meinte er das auch ehrlich, was er eben gesagt hatte?

»Sie können es mir ermöglichen, die deutsche Linie zu passieren?« wiederholte sie. »Da müssen Sie ungewöhnlichen Einfluss besitzen, mein Herr, um das zu vermögen.«

Mister Horace Holmcroft lächelte.

»Ich besitze den Einfluss, dem niemand widerstehen kann«, antwortete er, »den Einfluss der Presse. Ich bin hier in der Eigenschaft als Kriegskorrespondent einer unserer großen englischen Zeitungen. Wenn ich den Kommandanten darum ersuche, so wird er Ihnen einen Passierschein bewilligen. Er ist hier ganz in der Nähe. Nun, was meinen Sie?«

Sie nahm ihre ganze Fassung zusammen – selbst jetzt geschah dieses nicht ohne Schwierigkeit – und nahm ihn beim Wort.

»Ich nehme Ihr Anerbieten dankbar an, mein Herr.«

Er trat einen Schritt vor, gegen die Küche zu und blieb stehen.

»Es wird gut sein, unser Vorhaben so geheim als möglich zu halten«, sagte er. »Man wird mich allerlei fragen, wenn ich jenen Raum passiere. Kann man auf keinem anderen Weg von hier hinaus gelangen?«

Mercy zeigte ihm die Tür, welche in den Hof führte. Er verbeugte sich – und verschwand.

Sie blickte verstohlen nach dem deutschen Arzte hin. Ignaz Wetzel stand wieder an dem Bette, über die Leiche gebeugt und schien ganz vertieft in die Untersuchung der Wunde, welche der Granatsplitter geschlagen hatte.

Mercys instinktiver Widerwille gegen den Alten wuchs jetzt, da sie mit ihm allein gelassen war, noch um das Zehnfache. Sie zog sich unbehaglich in die Fensternische zurück und blickte hinaus in das Mondlicht.

Hatte sie sich denn mit dem Betrug einverstanden erklärt? Noch nicht ganz. Sie hatte nur eingewilligt, nach England zurückzukehren – nichts weiter. Darum war sie doch noch nicht gezwungen, sich an Graces statt in Mablethorpe-House zu zeigen. Es war noch immer Zeit, ihren Entschluss genauer zu erwägen, sie konnte noch immer, wie sie es vorgehabt, einen Bericht des ganzen Vorfalles schreiben und diesen zugleich mit der Brieftasche an Lady Janet Roy senden. Angenommen, sie entschlösse sich schließlich, diesen Weg einzuschlagen, was sollte dann aus ihr werden, wenn sie sich nun neuerdings in England befand? Es blieb ihr alsdann keine andere Wahl, als abermals bei der Hausmutter Zuflucht zu suchen. Sie musste wieder zurück in das Besserungshaus!

Das Besserungshaus! Die Hausmutter!

Welcher Erinnerung aus der Vergangenheit tauchte da ungebeten, im Zusammenhang mit diesen beiden Begriffen, in ihrer Seele auf und nahm sie bald ganz gefangen? Wer war das, an den sie jetzt dachte, an diesem fremden Orte und an diesem Wendepunkte ihres Lebens? Es war der Mann, dessen Worte damals in der Kapelle des Besserungshauses in ihr Herz gedrungen waren, dessen Einfluss auf sie ihr Kraft und Trost verliehen hatte. Eine der schönsten Stellen in Julian Grays Predigt war die, worin er die Versammlung, zu der er sprach, von den erniedrigenden Einflüssen von Unwahrheit und Betrug gewarnt hatte. Die Worte, mit welchen er sich an die unglücklichen Frauen vor ihm gewendet hatte – Worte des Mitgefühles und der Ermutigung, wie solche noch nie an sie gerichtet worden – klangen in Mercy Merrick wieder, als hätte sie sie eben erst gehört. Sie wurde totenblass, als sie ihren Sinn wieder recht erfasste. »O«, lispelte sie für sich, als sie bedachte, was sie beschlossen und beabsichtigt hatte; »was habe ich getan? Was habe ich getan?«

Sie wendete sich vom Fenster ab mit dem unbestimmten Gedanken, Mister Holmcroft zu folgen und ihn zurückzurufen. Als sie hierbei gerade auf das Bett sah, stand sie auch Ignaz Wetzel gegenüber. Er war gerade im Begriffe, sich ihr zu nähern, um sie anzusprechen, und hielt ein weißes Taschentuch – dasselbe, welches sie Grace geliehen hatte – in seiner Hand empor.

»Ich habe dies in ihrer Tasche gefunden«, sagte er. »Es steht ihr Name darauf. Sie muss eine Landsmännin von Ihnen sein.« Er las mit einiger Schwierigkeit den Namen, der auf das Taschentuch gemerkt war. »Sie heißt – Mercy Merrick.«

Seine Lippen – nicht die ihrigen hatten es ausgesprochen! Er hatte ihr den Namen beigelegt. »Mercy Merrick ist ein englischer Name«, fuhr Ignaz Wetzel fort, seine Augen immer fest auf sie gerichtet. »Nicht wahr?«

Ihr Geist, den bis dahin die Erinnerung an Julian Gray wie in Fesseln gehalten hatte, begann sich davon loszumachen. Eine momentane und drängende Frage bemächtigte sich jetzt des ersteren Platzes in ihrem Denken. Sollte sie den Irrtum, in welchem der Deutsche befangen war, berichtigen? Die Zeit war gekommen – wo sie sprechen musste und ihre Identität nachweisen oder schweigen und in den Betrug willigen.

Horace Holmcroft trat in dem Augenblick in das Zimmer, als Doktor Wetzels stiere Augen noch auf sie geheftet waren und die Antwort auf seine Frage erwarteten.

»Ich hatte nicht zu viel von meinem Einfluss erwartet«, sagte er, indem er auf einen kleinen Papierstreifen in seiner Hand deutete. »Hier ist der Passierschein. Haben Sie Tinte und Feder? Ich muss das Formular ausfüllen.«

Mercy zeigte auf das Schreibzeug auf dem Tisch. Horace setzte sich und tauchte die Feder in die Tinte.

»Bitte, glauben Sie ja nicht, dass ich mich in Ihre Angelegenheiten drängen will«, sagte er. »Ich bin gezwungen, eine oder zwei gewöhnliche Fragen an Sie zu richten. Wie heißen Sie?«

Sie begann plötzlich zu zittern. Sie hielt sich am Fußende des Bettes fest. Ihre ganze künftige Existenz hing von dieser Antwort ab. Sie war unfähig, ein Wort hervorzubringen.

Ignaz Wetzel diente ihr wieder wie ein Freund. Seine krächzende Stimme füllte die eingetretene Pause gerade zu rechter Zeit aus. Er hielt das Taschentuch mürrisch vor die Augen – und wiederholte dabei beharrlich: »Mercy Merrick ist ein englischer Name. Nicht wahr?«

Horace Holmcroft sah vom Tische auf. »Mercy Merrick?« sagte er. »Wer ist Mercy Merrick?«

Doktor Wetzel zeigte auf die Leiche in dem Bett.

»Ich habe den Namen in ihr Taschentuch gemerkt gefunden«, sagte er. »Diese Dame hier, scheint es, besitzt nicht einmal so viel Neugierde, um sich für den Namen ihrer Landsmännin zu interessieren.« Er machte diese höhnende Anspielung auf Mercy in einem Ton, der wie Verdacht klang, und begleitete sie mit einem blick, dem man fast verächtlich nennen konnte. Ihr rasches Naturell fühlte sogleich die Unhöflichkeit heraus, deren Gegenstand sie gewesen war. Die Erbitterung des Augenblickes – so oft bestimmen die geringfügigsten Motive die wichtigsten Entschlüsse des Menschen – entschied über den Weg, den sie gehen sollte. Sie kehrte dem Alten verächtlich den Rücken und ließ ihn in dem Irrtum, den Namen der Toten entdeckt zu haben.

Horace wandte sich wieder zu seinem Geschäft, das Formular auszufüllen.

»Entschuldigen Sie, dass ich Sie zur Beantwortung der früheren Frage dränge«, sagte er. »Sie wissen, was in dieser Zeit deutsche Disziplin sagen will. Wie heißen Sie?« Sie antwortete ihm unbekümmert, trotzig, ohne eigentlich zu wissen, was sie tat, bis es geschehen war.

»Grace Roseberry«, sagte sie.

Die Worte waren jedoch kaum über ihre Lippen, als sie schon alles in der Welt darum gegeben hätte, sie zurücknehmen zu können.

»Miss?« frug Horace lächelnd.

Sie konnte ihm nur mit einem Kopfnicken antworten.

Er schrieb: »Miss Grace Roseberry« – überlegte einen Augenblick – und fügte dann in fragendem Ton hinzu: »Kehrt zu ihren Angehörigen nach England zurück?« Ihre Angehörigen in England! Mercy schwoll das Herz, sie antwortete abermals mit einem Zeichen. Er schrieb diese Worte hinter den Namen und schüttete die Streusandbüchse über die nasse Tinte. »Das wird genügen«, sagte er aufstehend und bot Mercy den Passierschein, »ich werde sie selbst durch die Linie begleiten und dann dafür sorgen, dass Sie auf der Eisenbahn weiter befördert werden. Wo ist Ihr Gepäck?«

Mercy zeigte auf die Tür des Hauses, die nach vorne hinausging. »In einem Schuppen, außerhalb des Häuschens«, antwortete sie. »Es ist nicht viel; ich kann es selbst besorgen, wenn mich die Schildwache durch die Küche gehen lässt.«

Horace deutete auf das Papier in ihrer Hand. »Damit können Sie jetzt gehen, wohin Sie wollen«, sagte er. »Soll ich hier oder draußen auf Sie warten?«

Mercy warf einen misstrauischen Blick auf Ignaz Wetzel. Dieser hatte seine endlose Untersuchung der Leiche wieder aufgenommen. Wenn sie ihn mit Mister Holmcroft allein ließe, konnte man nicht wissen, was der verhasste alte Mann nicht alles über sie sagen würde. Sie antwortete: »Bitte, erwarten Sie mich draußen.«

Die Schildwache trat beim Anblick des Passierscheins salutierend zurück. Alle französischen Gefangenen waren bereits fortgebracht; nur ungefähr ein halbes Dutzend Deutscher befand sich in der Küche, und die Mehrzahl dieser war eingeschlafen. Mercy nahm Grace Roseberrys Kleider aus der Ecke, wo sie zum Trocknen gelegen hatten, hervor und wendete sich nach dem Schuppen, einem rohen Holzbau, der sich an die Mauer des Häuschens lehnte. An der Tür begegnete sie einer zweiten Schildwache und wies ihren Passierschein zum zweiten Male vor. Sie redete den Mann an und fragte, ob er französisch verstehe. Er antwortete, er verstünde es ein wenig. Mercy gab ihm ein Geldstück und sagte: »Ich will da drinnen in dem Schuppen mein Gepäck zusammen machen. Seien Sie so freundlich, acht zu geben, dass ich nicht gestört werde.« Die Schildwache salutierte, zum Zeichen, dass sie sie verstand. Mercy verschwand in dem dunklen Innern des Schuppens.

Als Horace mit Doktor Wetzel allein gelassen war, bemerkte er, wie der Alte sich noch immer aufmerksam über die englische Dame beugte, die durch die Granate getötet worden war.

»Ist etwas Merkwürdiges«, fragte er, »in der Art und Weise, wie das arme Geschöpf getötet ward?«

»Nichts, das man in die Zeitung setzen könnte«, versetzte der Zyniker, ohne seine Aufmerksamkeit im Geringsten von der Untersuchung abzuwenden.

»Ist es ein interessanter Fall für einen Arzt – hm?« sagte Horace.

»Ja, für einen Arzt ist er es«, war die mürrische Antwort.

Horace verstand die Andeutung, welche in diesen Worten lag, und nahm sie gutmütig auf. Er verließ das Zimmer durch die Tür, welche in den Hof führte und erwartete draußen, wie ihm gesagt worden war, die reizende Engländerin.

Allein gelassen, blickte Ignaz Wetzel zuerst vorsichtig um sich, dann öffnete er das Oberteil ihres Kleides und legte seine linke Hand auf ihr Herz. Er nahm hierauf mit der anderen Hand aus seiner Westentasche ein kleines stählernes Instrument und führte es vorsichtig in die Wunde – dann zog er einen Splitter des verletzten Knochens aus der Hirnschale und wartete auf den Erfolg. »Aha!« rief er, indem er in widerlicher Lustigkeit das empfindungslose Geschöpf unter seinen Händen anredete. »Der Franzose sagt, Du seiest tot, meine Liebe – nicht wahr? Der Franzose ist ein Pfuscher. Der Franzose ist ein Esel!« Er hob seinen Kopf und rief nach der Küche. »Max.« Ein verschlafener, junger Deutscher, von oben bis unten in eine Schürze gesteckt, zog den Vorhang beiseite und wartete auf die Befehle. »Bringen Sie meinen schwarzen Sack«, sagte Ignaz Wetzel. Nachdem er diesen Befehl erteilt, rieb er vergnügt die Hände und schüttelte sich wie ein Pudel. »Welches Glück«, krächzte der hässliche Alte und schielte dabei seitwärts mit seinen stieren Augen nach dem Bett. »Meine liebe, tote Engländerin, ich gäbe für diese Begegnung mit dir alles Geld in der Welt. Ja! Du höllischer französischer Quacksalber, du meinst, sie ist tot, nicht? Ich sage, das Leben war unterbrochen in Folge eines Druckes auf das Gehirn!«

Max erschien mit dem schwarzen Sack.

Ignaz Wetzel suche zwei fürchterliche Instrumente heraus, neu und glänzend, und drückte sie an seine Brust. »Meine kleinen Jungen«, sagte er zärtlich, als wären es zwei Kinder! »Meine gesegneten, kleinen Jungen, frisch ans Werk!« Er wendete sich zu dem Gehilfen. »Erinnern Sie sich an die Schlacht von Solferino, Max – und an den österreichischen Soldaten, welchem ich eine Kopfwunde operierte?«

Die verschlafenen Augen des Gehilfen öffneten sich weit; es interessierte ihn offenbar etwas.

»Ich erinnere mich«, sagte er, »ich hielt das Licht dabei.«

Der Meister ging voran zum Bett.

»Ich bin mit dem Resultate jener Operation bei Solferino nicht zufrieden«, sagte er; »seitdem habe ich es immer gewünscht, es wieder zu versuchen. Es ist wohl wahr, dass ich dem Manne das Leben gerettet, aber den Verstand habe ich ihm nicht zurückgeben können. Etwas muss in der Operation missglückt sein, oder es war bei dem Manne schon vorher nicht alles richtig. Sei dem aber wie immer, er lebt und stirbt im Wahnsinn. Nun sehen Sie her, mein kleiner Max, sehen Sie die liebe junge Dame auf dem Bett hier. Sie gibt mir gerade die Gelegenheit, die ich brauche; hier ist wieder der Fall von Solferino. Sie sollen wieder das Licht halten, mein guter Junge; da bleiben Sie stehen und schauen mit so viel Augen, als Sie haben. Ich will versuchen, ob ich das Leben und diesmal auch den Verstand dazu retten kann.«

Er streifte seine Rockärmel auf und begann die Operation. Als seine fürchterlichen Instrumente Graces Kopf berührten, wurde draußen die Stimme der nächststehenden Schildwache gehört, wie sie auf Deutsch das Passwort gab, welches Mercy gestattete, den ersten Schritt auf ihrer Reise nach England zu tun.

»Die englische Dame passiert!«

Die Operation nahm ihren Fortgang. Die Stimme der Schildwache bei dem nächsten Posten wurde schon schwächer gehört.

»Die englische Dame passiert!«

Die Operation war zu Ende. Ignaz Wetzel hielt seine Hand in die Höhe, damit alles still sei, und legte sein Ohr dicht an den Mund seiner Patientin.

Der erste zitternde Atemzug wiederkehrenden Lebens hauchte über Grace Roseberrys Lippen und berührte des Alten gefurchte Wange. »Aha!« rief er. »Gutes Kind! Du atmest – du lebst!« Als er sprach, rief die Stimme der Schildwache an dem äußersten Posten der deutschen Linie, in der Entfernung kaum mehr hörbar, das Wort zum letztenmale:

»Die englische Dame passiert.«




Zweites Buch

II.

Mablethorpe-House





Einleitung


Der Schauplatz ist England.

Die Zeit: Der Winter des Jahres 1870.

Personen: Julian Gray, Horace Holmcroft, Lady Janet Roy, Grace Roseberry und Mercy Merrick.


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1.

Die Gesellschafterin der Lady Janet


>Es ist ein herrlicher Wintertag, der Himmel klar, der Boden hartgefroren, die Eisdecke trägt schon die Last der Schlittschuhläufer.

Mablethorpe-House, ein altertümliches, stattliches Haus, in der Londoner Vorstadt Kensington gelegen, besitzt ein Speisezimmer, Künstlern und anderen Leuten von Geschmack wohlbekannt wegen des Holzgetäfels – einem italienischen Original – mit dem seine Wände an drei Seiten bekleidet sind. An der vierten Seite hat der moderne Fortschritt das Gebiet des alten Geschmackes eingeschränkt; denn um in die Szene Abwechslung und Glanz zu bringen, öffnet sich von da ein weites Gewächshaus, welches als Wintergarten voll der seltensten Blumen und Pflanzen den Zugang in das Zimmer bildet. Rechts, wenn man vor dem Wintergarten steht, wird die Einförmigkeit der getäfelten Wand durch eine in altmodischem Muster mit Holz eingelegte Tür gemildert, welche in das Bibliothekszimmer führt, von wo aus man durch eine große Vorhalle in die übrigen Empfangszimmer des Hauses gelangt. Die gegenüber liegende Tür links gewährt den Einlass in das Billardzimmer, das daranstoßende Raucherzimmer und von da in eine kleinere Vorhalle, durch welche ein Nebeneingang in das Gebäude führt. Auf der linken Seite befindet sich auch der breite Kamin, überragt von einem Marmorsims, dessen Skulptur dem an Zierraten verschwenderisch reichen, aber unreinen Stil des vorigen Jahrhunderts angehört. Dem hiefür gebildeten Auge erscheint das Speisezimmer mit seinen modernen Möbeln und dem Wintergarten, mit seinen altertümlichen Wänden und Türen, dann mit seinem hohen Kaminsims, der weder alt noch neu, als ein störendes, ja unverträgliches Gemisch der Verzierungsarbeiten gänzlich verschiedener Schulen. Auf den Laien macht es nur den einen Eindruck, dass Luxus und Bequemlichkeit hier in angenehmster Weise vereinigt und bis zur höchsten Stufe entwickelt sind.

Die Uhr hat eben Zwei geschlagen. Der Tisch ist zum Frühstück gedeckt.

Die Personen, welche am Tische sitzen, sind Lady Janet Roy, eine junge Dame, ihre Gesellschafterin und Vorleserin, und ein Gast des Hauses, welcher unter dem Namen Horace Holmcroft in diesem Buche bereits aufgetreten ist – derselbe, welcher als Korrespondent einer englischen Zeitung die deutsche Armee begleitet hatte.

Lady Janet Roy bedarf keiner langen Einführung. Jedermann, der im Geringsten den Anspruch erhebt, mit den gesellschaftlichen Verhältnissen Londons bekannt zu sein, kennt Lady Janet Roy.

Wer hat nicht schon von ihren alten Spitzen, von ihren einzigen Rubinen gehört? Wer hat nicht schon ihre imponierende Gestalt, ihr schön gekämmtes, weißes Haar, ihre herrlichen, schwarzen Augen bewundert, welche noch ihren jugendlichen Glanz besitzen, nachdem sie doch schon vor siebzig Jahren zum erstenmale in die Welt geblickt? Wer hätte nicht schon den Zauber ihrer ungezwungenen, leicht fließenden Rede, ihrer unerschöpflich guten Laune, ihrer heiteren, wohlwollenden Leichtigkeit empfunden? Wo ist der moderne Einsiedler, welcher nicht wenigstens vom Hörensagen genau mit der phantastischen Originalität und Laune ihrer Ansichten bekannt wäre; der nicht wüsste, dass sie allezeit edel und aneifernd das Verdienst jeder Art und jeden Ranges, hoch oder niedrig, hervorzuheben suchte; dass ihr wohltätiger Sinn keinen Unterschied kennt zwischen Heimat und Fremde; dass ihre unbegrenzte Nachsicht sich durch keine Undankbarkeit entmutigen, durch keine Heuchelei in falsche Bahnen bringen lässt? Jedermann hat von der populären alten Dame gehört – der kinderlosen Witwe eines längst vergessenen Lords. Jedermann kennt Lady Janet Roy.

Aber wer kennt die schöne, junge Dame ihr zur Rechten, die aussieht, als spielte sie mit ihrem Frühstück, anstatt es zu verzehren! Eigentlich kennt sie niemand.

Sie ist hübsch in grauen Poplin gekleidet, mit grauem Samt besetzt und mit einer dunkelroten Bandschleife am Halse. Sie ist fast ebenso groß als Lady Janet selbst, und ihre Gestalt besitzt dabei so viel Grazie und Schönheit, wie dies nur selten bei den Frauen der Fall ist, die über die mittlere Größe hinausragen. Die angeborene Hoheit in der Haltung ihres Kopfes und in dem Ausdruck ihrer großen, schwermütigen Augen könnte Menschen, welche auf Herkunft und seine Sitten einen besonderen Wert legen, leicht zu dem festen Glauben führen, sie sei ebenfalls eine vornehme Dame. Aber ach! Sie ist nur Lady Janets Gesellschafterin. Ihr Kopf mit dem prachtvollen, lichtbraunen Haar, wie mit einer Krone bedeckt, neigt sich in sanfter Ehrerbietung bei jedem Worte, das Lady Janet spricht. Ihre feine, feste Hand ist gern und unablässig wachsam, Lady Janet den kleinsten Dienst zu leisten. Die alte Dame – von herzlicher Vertraulichkeit in ihrem Verkehr mit ihr – behandelt sie ungefähr wie ein angenommenes Kind. Allein die Dankbarkeit der schönen Gesellschafterin für so viel Güte äußert sich immer in derselben zurückhaltenden Weise; in ihrem Lächeln, mit dem sie Lady Janets frohe Heiterkeit beantwortet, liegt stets dieselbe verhaltene Trauer. Schlummert hier vielleicht unter der Oberfläche irgendein begangenes Unrecht? Leidet sie geistig oder körperlich? Was ists mit ihr?

Sie hat geheime Gewissensbisse. Das ists mit ihr. Dies zarte, schöne Geschöpf verzehrt sich unter der stillen Qual beständiger Selbstvorwürfe.

Der Herrin des Hauses und allen denen, die dasselbe bewohnen und betreten, ist sie bekannt als Grace Roseberry, die verwaiste Verwandte von Lady Janet Roy. Sie allein weiß, dass Sie in Wahrheit das verworfene Geschöpf der Londoner Straßen ist; die Bewohnerin des Besserungshauses; dass sie die Verlorene ist, welche so lange umsonst zu erkämpfen gesucht, was sie nunmehr sich erstohlen hat – die Rückkehr zu Heimat und Unbescholtenheit. Da sitzt sie im düsteren Schatten ihres eigenen, furchtbaren Geheimnisses, verkleidet in die Person einer anderen und im Besitze der Stelle einer anderen. Mercy Merrick durfte es ja nur wagen, wenn sie Grace Roseberry werden wollte. Sie hat es gewagt, und seit beinahe vier Monaten ist sie nun Grace Roseberry.

In diesem Augenblicke, während  Lady Janet mit Horace Holmcroft spricht, weilen ihre Gedanken bei einem Gespräch, welches zwischen ihnen geführt worden war, und dies ruft in ihr die Erinnerung jenes Tages wach, an welchem sie den ersten, verhängnisvollen Schritt zu dem Betruge getan.

Wie leicht war ihr die Verstellung geworden. Beim ersten Anblick gleich war Lady Janet von dem edlen, interessanten Antlitz völlig bezaubert. Es war gar nicht einmal nötig, ihr den gestohlenen Brief zu übergeben und die vorbereitete Geschichte zu erzählen. Die alte Dame hatte den Brief uneröffnet weggelegt und die Erzählung bei den ersten Worten unterbrochen. »Ihr Gesicht führt Sie bei mir ein, liebes Kind; Ihr Vater kann Sie mir nicht besser empfehlen als Sie sich selbst.« Dieser Empfang bestätigte sie bei ihrem Eintritt in ihrer gefälschten Identität. Ihre eigenen Erfahrungen und das »Tagebuch« über die Ereignisse in Rom setzten sie in Stand, jede Frage in Betreff des Lebens in Kanada und in Betreff der Krankheit des Obersten Roseberry pünktlich zu beantworten, so dass, wenn selbst ein Verdacht bestanden hätte, derselbe auf der Stelle entwaffnet worden wäre. Während die wahre Grace in einem deutschen Lazarett nur langsam in das Leben zurückkehrte, ward die falsche Grace bei allen Bekannten Lady Janets als eine angeheiratete Verwandte der Herrin von Mablethorpe-House eingeführt. Seit jener Zeit war nichts geschehen, was in ihr auch nur den schwächsten Verdacht hatte erregen können, dass Grace nicht längst tot und begraben sei. So viel sie jetzt wusste – so viel überhaupt jemand jetzt wusste – war mit Sicherheit anzunehmen, dass nichts sie hindern würde, wenn nicht ihr Gewissen es tat, ihr ganzes Leben hindurch geachtet, ausgezeichnet und geliebt, die Stellung einzunehmen, welche sie sich angemaßt hatte.

Jetzt stand sie plötzlich vom Tische auf. Das ganze Streben ihres Lebens war, sich von Erinnerungen loszumachen, die sie unablässig verfolgten, wie sie sie auch jetzt verfolgten. Ihr Gedächtnis war ihr schlimmster Feind; die einzige Rettung davor war Veränderung in der Beschäftigung, Veränderung des Ortes.

»Kann ich in den Wintergarten gehen, Lady Janet?« fragte sie.

»Gewiss, liebes Kind.«

Sie neigte den Kopf gegen ihre Beschützerin, warf einen Blick voll fester, mitleidsvoller Aufmerksamkeit auf Horace Holmcroft – und ging dann langsam durch das Zimmer in den Wintergarten. Horaces Augen folgten ihr, so lange sichtbar war, mit einem neugierigen, widersprechenden Ausdruck von Bewunderung und Missbilligung. Sobald sie ihm aus dem Gesichte war, verlor sich der Ausdruck der Bewunderung und es blieb nur der der Missbilligung. Der junge Mann zog seine Stirne in finstere Falten; er saß schweigend da, die Gabel in der Hand, und spielte zerstreut mit den Überresten des Frühstückes auf seinem Teller.

»Nehmen Sie noch von der französischen Pastete, Horace«, sagte Lady Janet.

»Nein, ich danke Ihnen.«

»Nun dann vielleicht ein Stück Huhn?«

»Ich danke auch hiefür.«

»Reizt Sie denn gar nichts?«

»Wenn Sie erlauben, werde ich noch etwas Wein nehmen.«

Er füllte sein Glas, zum fünften- oder sechsten Mal, mit Rotwein und leerte es, finster, auf einen Zug. Die klaren Augen Lady Janets beobachteten ihn mit gespannter Aufmerksamkeit; ihre flinke Zunge sprach frei, wie sie es gewöhnt war, das aus, was ihr Kopf gleichzeitig dachte.

»Die Luft in Kensington scheint Ihnen nicht gut zu bekommen, mein junger Freund«, sagte sie. »Je länger Sie mein Gast sind, desto öfter füllen Sie Ihr Glas und leeren Ihre Zigarrentasche. Das sind bei einem jungen Mann keine guten Zeichen. Als Sie hier ankamen, waren Sie durch die Verwundung geschwächt. An Ihrer Stelle hätte ich mich nie der Gefahr ausgesetzt, einen Schuss zu bekommen, bloß deshalb, um in der Zeitung eine Schlacht schildern zu können. Übrigens, der Geschmack ist ja verschieden. Sind Sie krank oder quält Sie Ihre Wunde?«

»Nicht im Geringsten.«

»Sind Sie verstimmt?«

Horace Holmcroft ließ seine Gabel fallen, stützte die Ellbogen auf den Tisch und antwortete: »Entsetzlich.«

Selbst Lady Janets weitreichende Toleranz hatte ihre Grenzen. Sie umfasste jede Art menschlichen Vergehens, aber nie die Verletzung des feinen Anstandes. Sie ergriff die nächstbeste, zur Züchtigung geeignete Waffe – einen Esslöffel – und klopfte damit ihren jungen Freund tüchtig auf den Arm.

»An meinem Tisch benimmt man sich etwas anders als im Club«, sagte die alte Dame. »Halten Sie den Kopf in die Höhe. Sehen Sie nicht auf Ihre Gabel – sehen Sie mich an. Niemand darf in meinem Hause übler Laune sein. Ich betrachte dies als eine Unhöflichkeit gegen mich selbst. Wenn Ihnen das ruhige Leben hier nicht behagt, sagen Sie es offen, und suchen Sie sich eine Beschäftigung. Arbeit gibt es überall genug, ich meine – für solche, denen es darum zu tun ist. Sie brauchen nicht zu lächeln. Ich habe gar kein Verlangen danach, Ihre Zähne zu sehen – ich will eine Antwort hören.«

Horace gab mit gehörigem Ernste zu, dass es wohl Beschäftigung geben mochte. Der Krieg zwischen Frankreich und Deutschland, bemerkte er, dauere noch fort; die Zeitung habe ihm neuerdings die Korrespondentenstelle angetragen.

»Sprechen Sie nicht von den Zeitungen und dem Krieg!« rief Lady Janet in einem plötzlichen Ausbruch von Ärger, der ihr diesmal von Herzen ging. »Ich hasse die Zeitungen! In dieses Haus dürfen keine herein. Ich lege die ganze Schuld an dem Blutvergießen zwischen Frankreich und Deutschland ihnen zu Last.«

Horace sah sie erstaunt mit weitgeöffneten Augen an. Die alte Dame sprach offenbar in vollem Ernste. »Was meinen Sie eigentlich damit?« fragte er. »Sollen die Zeitungen für den Krieg verantwortlich sein?«

»Natürlich, einzig und allein«, antwortete Lady Janet. »Je nun, Sie verstehen das Zeitalter nicht, in dem Sie leben! Tut denn heutzutage jemand irgendetwas, Kriegführen mit inbegriffen, ohne gleichzeitig zu wünschen, es in den Zeitungen zu lesen? Ich beteilige mich bei einer Wohltätigkeitsanstalt; du erhältst ein wertvolles Zeugnis; er hält eine Predigt; wir erleiden irgendwo eine Kränkung; ihr macht eine Entdeckung; sie werden in der Kirche getraut. Und ich, du, er wir, ihr, sie, alle wollen ein und dasselbe – sie wollen sich in der Zeitung lesen. Sind Könige, Soldaten und Diplomaten vielleicht Ausnahmen von dieser Regel der Menschheit? Nein! Ich sage im vollen Ernst, hätten sich alle Zeitungen in Europa entschlossen, ein- für allemale nicht die kleinste Notiz über den Krieg zwischen Frankreich und Deutschland im Druck erscheinen zu lassen, so wäre, es ist dies meine feste Überzeugung, der Krieg schon längst aus Mangel an Aufmunterung beendet. Lassen Sie die Feder aufhören, vom Säbel zu sprechen, und ich für meinen Teil bin des Resultates gewiss: Kein Bericht – kein Kampf!«

»Ihre Ansichten haben jedenfalls das Verdienst, vollkommen neu zu sein, Lady Janet«, sagte Horace. »Würden Sie etwas dagegen haben, wenn man sie in die Zeitung setzte?«

Lady Janet schlug ihren jugendlichen Freund mit seinen eigenen Waffen.

»Lebe ich denn nicht in den letzten Dezennien des neunzehnten Jahrhunderts?« fragte sie. »In die Zeitung, sagten Sie? Mit großen Buchstaben noch dazu, Horace, wenn Sie mich lieb haben.«

Horace begann ein anderes Gespräch.

»Sie tadeln mich wegen meiner Verstimmung«, sagte er, »und scheinen deren Grund nur darin zu suchen, dass ich meines angenehmen Lebens in Mablethorpe-House bereits überdrüssig geworden bin. Das ist durchaus nicht der Fall, Lady Janet.« Er sah nach dem Wintergarten hin und runzelte abermals seine Stirne. »Die Wahrheit ist«, begann er von neuem, »dass ich mit Grace Roseberry unzufrieden bin.«

»Was hat sie denn getan?«

»Sie beharrt darauf, unseren Brautstand zu verlängern. Nichts kann sie bewegen, unseren Hochzeitstag zu bestimmen.«

Und so war es auch! Mercy war so töricht gewesen, ihm Gehör zu schenken und ihn zu lieben. Aber sie war nicht zu schlecht, ihn unter einem falschen Namen, als eine falsche Person zu heiraten. Vor drei bis vier Monaten war Horace verwundet vom Kriegsschauplatz in seine Heimat geschickt worden und hatte daselbst bei seiner Ankunft die schöne Engländerin, deren Beschützer er in Frankreich gewesen, in Mablethorpe-House als Gesellschafterin installiert gefunden. Von Lady Janet eingeladen, ihr Gast zu sein – als Knabe hatte er stets seine Schulferien unter ihrem Dache verlebt – brachte er nun die müßige Zeit seiner Rekonvaleszenz frei nach Gefallen vom Morgen bis Abend in Mercys Gesellschaft zu – und so kam es, dass der erste Eindruck, welchen sie in dem französischen Häuschen auf ihn gemacht, bald zu mächtiger Liebe emporwuchs. Ehe ein Monat um war, hatte Horace sich erklärt und williges Gehör gefunden. Von jenem Augenblicke an handelte es sich für ihn nur darum, mit der gehörigen Ausdauer und Entschlossenheit sein Ziel zu verfolgen. Die Verlobung war erklärt worden – obwohl ganz gegen den Willen der Braut, und damit war für Horace Holmcroft jeder weitere Fortschritt in seiner Bewerbung abgeschnitten. Er versuchte auf jede mögliche Weise, Grace dazu zu bestimmen, den Tag für die Hochzeit festzusetzen, allein immer umsonst. Es lag nichts im Wege, was ein Hindernis gewesen wäre. Sie besaß keine nahen Angehörigen, auf die sie Rücksicht zu nehmen hatte. Als eine angeheiratete Verwandte Lady Janets war sie der freundlichsten und ehrenvollsten Aufnahme von Seite der Mutter und Schwestern ihres Verlobten sicher. Auch die pekuniäre Frage war in diesem Falle durchaus kein Grund, die Heirat auf einen günstigen Zeitpunkt zu verschieben. Horace war einziger Sohn und seinem Vater im Besitze des Landgutes gefolgt; nebstbei besaß er ein gutes Einkommen, reichlich genug, um dasselbe in Stand zu erhalten. Somit war auf beiden Seiten nichts, gar nichts vorhanden, was die jungen Leute hindern konnte, sobald als die nötigen Vorbereitungen getroffen waren, ihre Vermählung ins Werk zu setzen. Und doch war hier allem Anscheine nach ein langer Brautstand vorauszusehen, und kein anderer Erklärungsgrund für den Aufschub, als der unbgreifliche Eigensinn des Mädchens.

»Können Sie für Graces Benehmen einen Grund angeben?« fragte Lady Janet. Ihr Wesen war verändert, als sie dies sprach. Sie sah betroffen und beunruhigt aus.

»Ich mag es kaum eingestehen«, antwortete Horace, »allein ich fürchte, sie hat einen Grund, unsere Heirat zu verzögern, den sie weder Ihnen noch mir vertrauen kann.«

Lady Janet fuhr auf.

»Was veranlasst Sie, dies zu glauben?« fragte sie.

»Ich habe sie ein- oder zweimal in Tränen gefunden. Sehr häufig – wenn sie eben noch ganz heiter sprach – wechselt sie plötzlich die Farbe und verfällt dann in Schweigen und tiefe Trauer. Eben jetzt, als sie den Tisch verließ – haben Sie es nicht bemerkt? – sah sie mich so eigentümlich an, beinahe, als wenn sie mich bedauerte. Was soll das alles heißen?«

Horaces Erwiderung schien die Ängstlichkeit in Lady Janet eher zu mildern als zu erhöhen. Er hatte demnach nichts bemerkt, was sie nicht auch gesehen hätte.

»Sie sind ein närrischer Junge!« sagte sie, »der Grund ihres Benehmens doch ist deutlich genug zu erkennen. Grace ist längere Zeit hindurch kränklich gewesen. Der Arzt empfiehlt eine Luftveränderung, ich werde mit ihr fortgehen.«

»Da entspräche es doch wohl mehr dem Zwecke«, versetzte Horace, »wenn sie mit mir fortginge. Vielleicht entschließt sie sich dazu, wenn Sie ihr zureden. Verlange ich zu viel, wenn ich Sie bitte, Ihren Einfluss dahin geltend zu machen? Meine Mutter und Schwestern haben ihr bereits geschrieben, allein ohne jeden Erfolg. Erweisen Sie mir die größte aller Wohltaten – sprechen Sie noch heute mit ihr!« Er schwieg einen Augenblick; dann ergriff er Lady Janets Hand und drückte sie inständig. »Sie sind immer so gütig gegen mich gewesen«, sagte er weich.

Die alte Dame sah ihn an. Es war unbestreitbar, dass in Horace Holmcrofts Gesicht etwas Eigenes, Anziehendes lag, das eines Blickes wohl wert war. Manche Frau hätte ihn um seinen klaren Teint, seine schönen blauen Augen und den weichen, lichtgelben Ton seines Haares beneidet. Männer – namentlich solche, die im Beobachten von Physiognomien eine gewisse Übung besitzen – mochten in der Formation seiner Stirne und in der Linie seiner Oberlippe die untrüglichen Zeichen für eine Natur von mangelhafter moralischer Stärke finden – für einen Geist, der starren Vorurteilen leicht zugänglich war, und an ihnen selbst besseren Überzeugungen gegenüber hartnäckig festhielt. Für die Beobachtungsgabe einer Frau lagen diese abstrakten Mängel zu tief unter der Oberfläche, um von ihr erkannt zu werden. Im Allgemeinen bezauberte er das weibliche Geschlecht durch seine seltenen persönlichen Vorzüge und durch sein feines, rücksichtsvolles Benehmen. Lady Janet hatte ihn nicht nur um seiner eigenen Verdienste, sondern auch um der Erinnerungen willen liebgewonnen, die sich für sie an seine Person knüpften. Sein Vater war einst einer ihrer vielen Bewunderer gewesen. Die Umstände hatten sie jedoch getrennt. Ihre Ehe mit Lord Roy war kinderlos geblieben. In früheren Zeiten, wenn Horace als Knabe von der Schule zu ihr auf Ferien kam, war es ihr geheimer Lieblingsgedanke – zu unsinnig, um ihn irgend jemandem mitzuteilen – dass er eigentlich ihr Sohn hätte werden sollen, und es auch geworden wäre, wenn sie seinen Vater geheiratet hätte! Nachgiebig – wie eine Mutter – sah sie mit einem Lächeln, das ihr, so alt sie war, reizend stand, auf den jungen Mann, als er ihre Hand fasste und sie flehentlich bat, sich für ihn zu verwenden. »Muss ich wirklich mit Grace sprechen?« fragte sie mit einer Milde in Ton und Wesen, wie sie bei gewöhnlichen Anlässen der Herrin von Mablethorpe-House nicht eigen war. Horace sah, dass er seinen Zweck erreicht hatte. Er sprang auf; seine Augen wendeten sich eifrig nach der Richtung des Wintergartens; sein schönes Gesicht war strahlend vor Hoffnung. Lady Janet, in Gedanken nur mit der Erinnerung an seinen Vater beschäftigt, warf einen letzten verstohlenen Blick auf ihn – seufzte, als sie der entschwundenen Tage gedachte – und fasste sich.

»Gehen Sie in das Raucherzimmer«, sagte sie und schob ihn bei diesen Worten gegen die Tür. »Fort mit Ihnen und pflegen Sie das Lieblingslaster des neunzehnten Jahrhunderts.« Horace machte einen Versuch, seine Dankbarkeit auszudrücken. »Gehen Sie rauchen!« war alles, was sie sagte und schob ihn hinaus. Als Lady Janet allein war, ging sie im Zimmer auf und ab und überlegte die Sache ein wenig. Horaces Unmut war nicht ungerechtfertigt. Es gab wirklich keine Entschuldigung für die Verzögerung, über welche er sich beklagte. Ob nun das junge Mädchen einen besonderen Grund hatte, sich zu sträuben, oder ob sie sich in Ungewissheit verzehrte, weil sie sich über ihr Gefühl nicht klar war, gleichviel, in jedem Falle war es nötig, früher oder später über die ernste Angelegenheit der Heirat sich deutlich auszusprechen. Die Schwierigkeit lag nur darin, wie man den Gegenstand zuerst berühren sollte, ohne sie zu verletzen. »Ich verstehe die jungen Mädchen von heutzutage wahrhaftig nicht«, dachte Lady Janet. »Zu meiner Zeit war das anders. Hatte man da einen Menschen lieb, so war man auch jeden Augenblick bereit, ihn zu heiraten. Und es ist doch jetzt das Zeitalter des Fortschrittes! Da sollten sie noch schneller dazu bereit sein.«

Nachdem sie in ihrem Gedankengang zu diesem unvermeidlichen Schluss gelangt war, entschied sie, zu versuchen, was ihr Einfluss vermöchte und sich in der Wahl der hierzu geeigneten Mittel auf die Eingebung des Augenblickes zu verlassen. »Grace!« rief sie hinaus und näherte sich dabei der Tür, die in den Wintergarten führte. Die große, leichtbewegliche Gestalt in ihrem grauen Kleide wurde sichtbar und hob sich scharf von dem grünen Hintergrunde des Wintergartens ab.

»Haben Sie mich gerufen, Lady Janet?«

»Ja, ich möchte mit Ihnen sprechen; kommen Sie und setzen Sie sich da zu mir.«

Mit diesen Worten schritt Lady Janet zu dem Sofa und zog ihre Gesellschafterin neben sich auf dasselbe nieder.




2.

Es kommt der Mann


»Sie sehen heute recht bleich aus, mein Kind.«

Mercy seufzte ermattet. »Ich fühle mich nicht wohl«, antwortete sie. »Jeder geringste Lärm erschreckt mich. Ich bin müde, wenn ich nur über das Zimmer gehe.«

Lady Janet klopfte ihr freundlich auf die Schulter. »Wir wollen versuchen, ob Ihnen eine Veränderung des Aufenthaltes gut tut. Wohin sollen wir gehen? Nach dem Kontinent oder an das Meer?«

»Sie sind zu gütig gegen mich, Lady Janet.«

»Es ist gar nicht möglich, gegen Sie zu gütig zu sein.«

Mercy stutzte. Über ihr bleiches Gesicht flog die Röte freudiger Erregung; sie sah in diesem Augenblicke reizend aus. »O!« rief sie unwillkürlich aus. »Sagen Sie das noch einmal.«

»Ich soll das noch einmal sagen?« wiederholte Lady Janet und sah sie verwundert an.

»Ja. Halten Sie mich nicht für hochmütig; nur für eitel. Ich kann Sie nicht oft genug sagen hören, dass Sie mich liebgewonnen haben. Ist es Ihnen auch wirklich angenehm, mich im Hause zu haben? Habe ich mich, seitdem ich bei Ihnen bin, immer gut benommen?«

Die einzige Entschuldigung für ihre Namensfälschung – wenn es dafür überhaupt eine Entschuldigung gab – lag in der bejahenden Antwort dieser Fragen. Es war gewiss viel, dass man von der falschen Grace sagen konnte, sie sei ihrer Stelle so würdig, dass es die wahre Grace nicht mehr sein könnte!

Lady Janet war über den ungewöhnlichen Ernst, mit welchem diese Bitte an sie gerichtet wurde, halb gerührt, halb belustigt.

»Ob Sie sich gut benommen haben?« wiederholte sie. »Liebes Herz, Sie reden ja wie ein Kind!« Sie legte ihre Hand zärtlich auf Mercys Arm und fuhr in ernsterem Tone fort: »Es ist wohl nicht zu viel gesagt, dass ich den Tag segne, an welchem Sie zu mir gekommen sind. Ich glaube, ich könnte Sie kaum mehr lieben, wenn Sie meine eigene Tochter wären.«

Mercy wandte ihren Kopf plötzlich zur Seite, um ihr Gesicht zu verbergen. Lady Janet hielt noch ihren Arm und fühlte ihn jetzt zittern. »Was ist Ihnen?« fragte sie in ihrer raschen, geraden Weise.

»Ich bin Ihnen nur sehr dankbar, Lady Janet – weiter nichts.«

Sie sprach diese Worte mit matter, gebrochener Stimme. Ihr Gesicht war noch abgewandt, so dass Lady Janet es nicht sehen konnte. »Was habe ich denn gesagt, um diesen Ausbruch hervorzurufen?« dachte die alte Dame verwundert. »Ist sie heute weich gestimmt? Dann ist jetzt der Zeitpunkt, um für Horace ein Wort zu sprechen.« Diesen günstigen Umstand im Augen, näherte sie sich dem heiklen Thema mit der Vorsicht, welche namentlich für den ersten Schritt dringend geboten war.

»Wir haben uns so gut zusammen vertragen«, begann sie wieder, »dass es für keine von uns leicht sein wird, in unserem Leben eine Veränderung eintreten zu lassen. Bei meinem Alter werde ich dies jedenfalls noch schwerer empfinden. Was werde ich dann tun, Grace, wenn der Tag kommt, an dem ich mich von meiner angenommenen Tochter trennen soll?«

Mercy fuhr auf und zeigte nun ihr Gesicht wieder. In ihren Augen waren Spuren von Tränen. »Warum sollte ich Sie verlassen?« fragte sie erschreckt.

»Das werden Sie wohl selbst wissen!« rief Lady Janet aus.

»Nein, ich weiß es nicht. Sagen Sie mir, warum.«

»Horace wird es Ihnen sagen.«

Diese letzte Andeutung war denn doch zu deutlich, um missverstanden zu werden. Mercy ließ den Kopf sinken. Sie begann wieder zu zittern. Lady Janet blickte sie in maßlosem Erstaunen an.

»Ist zwischen Horace und Ihnen etwas vorgefallen?« fragte sie.

»Nein.«

»Sie kennen doch Ihr Herz, liebes Kind? Sie haben doch sicherlich Horace nicht ermutigt, ohne ihn zu lieben?«

»O nein!«

»Und doch —«

Zum erstenmale, seit sie sich kannten, wagte Mercy, ihre Wohltäterin zu unterbrechen. »Teure Lady Janet«, schalt sie sanft ein, »mich drängt es gar nicht, bald zu heiraten. Wir werden in der Zukunft noch viel Gelegenheit haben, davon zu reden. Sie sollten mir aber ja etwas sagen. Was ist das – ich bitte?«

Es war keine leichte Sache, Lady Janet Roy aus der Fassung zu bringen. Diese letzte Frage jedoch raubte ihr die Sprache. Nach allem, was eben vorgefallen war, hatte ihre junge Freundin, da neben ihr, doch nicht die leiseste Ahnung, welcher Gegenstand zwischen ihnen jetzt verhandelt werden sollte. »Sonderbar, wie die jungen Mädchen heutzutage sind«, dachte die alte Dame, in großer Verlegenheit, was sie eigentlich sagen sollte. Mercy harrte mit unerschöpflicher Geduld, dass Lady Janet das Gespräch wieder aufnehmen sollte. Die schwierige Lage wurde dadurch noch peinlicher, und die Stille drohte bedenklich das Ende der Unterredung plötzlich und vor der Zeit herbeizuführen, als sich die Tür des Bibliothekszimmers öffnete, und ein Bedienter, mit einem silbernen Präsentierteller in der Hand, in das Zimmer trat.

Lady Janets wachsender Verdruss entlud sich sogleich über dem schuldlosen Haupt des Dieners. »Was wollen Sie?« fragte sie scharf. »Ich habe nicht geklingelt.«

»Ein Brief, gnädige Frau. Der Bote wartet auf Antwort.«

Der Bediente hielt den Präsentierteller mit dem Brief darauf hin und zog sich zurück.

Lady Janet erkannte, höchlichst überrascht, die Schrift auf der Adresse. »Entschuldigen Sie, liebe Grace«, sagte sie und hielt mit altmodischer Höflichkeit inne, bevor sie das Couvert öffnete. Mercy machte das übliche Zeichen der Zustimmung und schritt an das andere Ende des Zimmers; sie dachte wohl nicht, dass mit der Ankunft dieses Briefes ihr Leben eine neue Wendung erhalten sollte. Lady Janet setzte ihre Brille auf. »Sonderbar, dass er schon wieder zurück sein soll!« sagte sie zu sich selbst und warf dabei das leere Couvert auf den Tisch.

Der Brief, dessen Schreiber niemand anderer war als der Prediger in der Kapelle des Besserungshauses, enthielt folgende Zeilen:

»Liebe Tante!

Ich bin wieder zurück in London, früher als ich gedacht. Mein Freund, der Pfarrer, hat seine Ferien abgekürzt und seine Verpflichtungen auf dem Lande wieder selbst übernommen. Ich fürchte, Sie werden mich tadeln, wenn Sie die Gründe hören, welche ihn bewogen haben, seine Rückkehr zu beschleunigen. Je früher ich Ihnen meine Schuld bekennen darf, desto lieber wird es mir sein. Überdies habe ich noch ein besonderes Motiv, um Sie sobald als möglich zu sehen. Darf ich meinem Brief nach Mablethorpe-House persönlich folgen? Und darf ich Ihnen eine Dame – sie ist hier ganz fremd – vorstellen, für die ich mich interessiere? Bitte, senden Sie mir durch den Überbringer die bejahende Antwort und verpflichten Sie dadurch

Ihren aufrichtig ergebenen Neffen

Julian Gray.«

Lady Janet überlas argwöhnisch noch einmal den Satz, welcher sich auf die »Dame« bezog.

Julian Gray war ihr einziger, überlebender Neffe, der Sohn ihrer Lieblingsschwester, die sie durch den Tod verloren hatte. Er hätte in der Achtung seiner Tante wahrscheinlich nicht besonders hoch gestanden – denn seine politischen und religiösen Ansichten waren ihr verhasst – allein seine auffallende Ähnlichkeit mit seiner Mutter sprach bei der alten Dame zu seinen Gunsten; und noch mehr tat dies ihr eigener, geheimer Stolz auf die frühe Berühmtheit, welche der junge Geistliche als Schriftsteller und Prediger erlangt hatte. Dank dieser mildernden Umstände und Julians unverwüstlich guter Laune verkehrten Tante und Neffe meist auf ganz freundschaftlichem Fuß miteinander. Abgesehen von seinen, wie sie sagte, »verabscheuungswürdigen Ansichten« nahm Lady Janet hinreichenden Anteil an Julian, um in Betreff der geheimnisvollen »Dame«, welche in dem Brief erwähnt wurde, einige Neugierde zu empfinden. Hatte er beschlossen, sich einen eigenen Herd zu gründen? Hatte er schon eine Wahl getroffen? Und wenn, würde es eine Wahl sein, welche die Familie gutheißen könnte? In Lady Janets offenem Gesicht drückte sich ziemlich deutlicher Zweifel aus, als sie sich diese letzte Frage vorlegte.

Julians liberale Anschauungen waren ganz dazu geeignet, ihn auf einen gefährlichen Weg zu bringen. Seine Tante schüttelte bedenklich den Kopf, als sie vom Sofa aufstand und gegen die Tür des Bibliothekszimmers schritt.

»Grace«, sagte sie stehenbleibend und nach ihr umgewandt, »ich schreibe nur einige Zeilen an meinen Neffen. Ich bin gleich wieder hier.«

Mercy näherte sich ihr vom entgegengesetzten Ende des Zimmers mit einem Ausruf der Überraschung.

»Ihr Neffe?« wiederholte sie. »Lady Janet sagten mir noch nie, dass Sie einen Neffen haben.«

Lady Janet lachte. »Ich muss es trotzdem schon vielemale auf den Lippen gehabt haben«, sagte sie. »Aber wir hatten stets so viel anderes zu besprechen, und – um die Wahrheit zu sagen – mein Neffe ist gerade nicht mein Lieblingsthema für ein Gespräch. Ich will damit nicht sagen, dass er mir unangenehm ist; aber ich hasse seine Grundsätze und das ist es. Sie sollen sich jedoch Ihre eigene Meinung über ihn bilden; er wird mich noch heute besuchen. Warten Sie hier, bis ich zurückkomme; ich habe in Betreff Horacens noch mehr zu sagen.«

Mercy öffnete ihr die Tür des Bibliothekszimmers, schloss sie wieder und schritt dann langsam, in ihre Gedanken vertieft, im Zimmer auf und ab.

Beschäftigte sich ihr Geist mit dem Neffen Lady Janets? Nein! Lady Janet hatte von ihrem Verwandten gesprochen, jedoch ohne seinen Namen zu nennen. Mercy hatte nach wie vor keine Ahnung davon, dass der Prediger im Besserungshause und der Neffe ihrer Wohltäterin eine und dieselbe Person seien. Ihr Gedächtnis war jetzt mit dem Tribut beschäftigt, welchen ihr Lady Janet beim Beginn ihrer Unterredung gezollt hatte: »Es ist wohl nicht zu viel gesagt, Grace, dass ich den Tag segne, an welchem Sie zu mir gekommen sind.« Für den Augenblick war die Erinnerung an diese Worte Balsam für ihre kranke Seele. Grace Roseberry selbst hätte sicher kein süßeres Lob ernten können als dieses. Im nächsten Augenblicke erfasste sie ein wirkliches Entsetzen vor dem Erfolge ihres eigenen Betruges. Nie hatte sie ihre Erniedrigung so schwer und bitter empfunden wie in diesem Augenblicke. Könnte sie nur die Wahrheit bekennen – könnte sie nur frei von Schuld ihr harmloses Leben in Mablethorpe-House genießen – wie dankbar, wie glücklich könnte sie sein! War es möglich, wenn sie alles gestand, dass sie durch ihre bisherige Pflichttreue und Ergebenheit ihr Vergehen sühnte? Nein! Ihr ruhigeres Urteil sagte ihr, es sei hoffnungslos. Der Platz, den sie sich in Lady Janets Achtung verdient – ehrlich verdient hatte – sie hatte ihn durch einen Betrug erlangt. Nichts konnte dies ändern, nichts konnte es entschuldigen. Sie zog ihr Taschentuch heraus, wischte damit die nutzlosen Tränen weg, die ihr in die Augen getreten waren, und versuchte, ihren Gedanken eine andere Richtung zu geben. Was hatte nur Lady Janet vorhin gesagt, als sie in das Bibliothekszimmer ging? Sie sagte, sie wollte bei ihrem Zurückkommen von Horace sprechen. Mercy erriet, was der Gegenstand sein mochte; wusste sie ja doch nur zu gut, was Horace von ihr haben wollte. Wie sollte sie nur diesem Drängen begegnen? Was um des Himmelswillen sollte sie tun? Konnte sie es zulassen, dass der Mann, der sie liebte – den sie wieder liebte – ahnungslos sich mit einer Verlorenen, wie sie es gewesen, auf das ganze Leben verbinde? Nein! Es war ihre Pflicht, ihn zu warnen. Aber wie? Konnte sie ihm das Herz brechen, sein Leben für immer veröden, indem sie die grausamen Worte aussprach, welche sie für immer und ewig trennen mussten? »Ich kann es ihm nicht sagen! Ich will es ihm nicht sagen!« brach sie leidenschaftlich aus. »Die Schande würde mich töten!« Ihre stets wechselnde Stimmung veränderte sich, als ihr die Worte entschlüpft waren. Ein harter Trotz gegen ihr eigenes, besseres Selbst – jene traurigste aller Formen, in welcher sich der Jammer eines Weibes kundgibt – erfüllte ihr Herz mit seiner vergiftenden Bitterkeit. Sie setzte sich wieder auf das Sofa nieder; ihre Augen glänzten und ihre Wangen glühten vor Zorn. »Ich bin nicht schlechter als andere Frauen«, dachte sie. »Eine andere hätte ihn um seines Geldes willen geheiratet.« Im nächsten Augenblick zeigte sich ihr die Hohlheit und Unzulänglichkeit dieser Gründe, mit welchen sie den vorgehabten Betrug gegen ihn vor sich selbst zu entschuldigen gesucht hatte. Sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen und fand Zuflucht – wo sie sie schon früher oft gefunden hatte – in der hoffnungslosen Entsagung der Verzweiflung. »O, wäre ich gestorben, ehe ich dies Haus betrat! O, könnte ich nur in diesem Augenblicke sterben, dass es mit mir aus wäre!« Damit hatte der Kampf bereits hundertmal geendet; damit endete er auch jetzt.

Die Tür, welche in das Billardzimmer führte, öffnete sich leise. Horace Holmcroft hatte gewartet, um das Resultat von Lady Janets Fürsprache zu erfahren, bis er es nicht länger aushielt.

Er tat einen vorsichtigen Blick in das Zimmer, bereit, sich unbemerkt wieder zurückzuziehen, wenn die beiden noch miteinander sprechen sollten. Die Abwesenheit Lady Janets ließ annehmen, dass die Unterredung beendet war. Wartete seine Braut allein auf ihn, um, wenn er in das Zimmer zurückkehrte, mit ihm zu sprechen? Er ging ein paar Schritte vor. Sie rührte sich nicht – sie saß da, ohne auf irgendetwas zu achten, nur in ihre Gedanken vertieft. Galten diese wohl ihm? Er schritt noch etwas näher und rief sie an:

»Grace!«

Sie sprang mit einem schwachen Schrei auf. »Es wäre mir lieber, Sie würden mich nicht so erschrecken«, sagte sie gereizt und sank auf das Sofa zurück. »Jeder plötzliche Lärm macht mein Herz so heftig klopfen, dass ich zu ersticken glaube.«

Horace flehte mit der Demut eines Liebhabers um Verzeihung. In dem gegenwärtigen Zustand nervöser Reizbarkeit wurde sie dadurch nicht besänftigt. Sie wendete ihren Blick schweigend von ihm ab. Nicht ahnend, dass sie eben einen Anfall schwerer Seelenleiden durchgemacht hatte, setzte er sich neben sie und fragte sie sanft, ob sie Lady Janet nicht gesehen hatte. Sie gab eine bejahende Antwort, aber mit so ungerechtfertigter Ungeduld in Ton und Wesen, dass ein älterer und erfahrener Mann darin die Warnung gelesen hätte, ihr erst etwas Zeit zu lasse, bevor er wieder sprach. Horace war jung und des langen Harrens müde. Er drängte sie unklugerweise mit einer weiteren Frage.

»Hat Ihnen Lady Janet etwas gesagt?«

Sie drehte sich ärgerlich nach ihm um, ehe er noch den Satz vollenden konnte. »Sie haben versucht, mich durch ihre Vermittlung zu der Beschleunigung unserer Heirat zu bewegen«, fuhr sie auf. »Ich sehe es an Ihrem Gesicht!« So deutlich jetzt auch die Warnung sprach, Horace verstand sie nicht. »Seien Sie nicht böse«, sagte er gutmütig. »Ist es denn gar so unverzeihlich, dass ich Lady Janet gebeten habe, meine Fürsprecherin zu sein? Ich habe umsonst Sie zu bewegen versucht. Meine Mutter und Schwestern haben sich meiner angenommen, und Sie verschließen Ihr Herz gegen alles —«

Sie konnte es nicht mehr länger ertragen. In krampfhafter Heftigkeit stampfte sie mit dem Fuß auf den Boden. »Ich will nichts mehr von Ihrer Mutter und Ihren Schwestern hören«, brach sie ungestüm aus. »Sie sprechen ja von gar nichts anderem.«

Es war gerade möglich, noch einen weiteren Fehler in ihrer Behandlung zu begehen – und Horace beging ihn. Er war seinerseits verletzt und stand vom Sofa auf. Seine Mutter und Schwestern waren für ihn große Autoritäten und standen hoch in seiner Achtung; sie waren für ihn Ideale weiblicher Vollkommenheit. Er zog sich an das andere Ende des Zimmers zurück und machte ihr den schwersten Vorwurf, zu dem ihn der Augenblick hinriss.

»Ich wollte, Sie folgten dem Beispiel meiner Mutter und Schwestern, Grace«, sagte er. »Sie lohnen demjenigen, welcher sie liebt, nicht mit grausamen Worten, wie Sie es tun.«

Allem Anscheine nach machte jedoch dieser Verweis auf sie nicht den geringsten Eindruck. Sie verhielt sich demselben gegenüber so gleichgültig, als hätte sie ihn gar nicht gehört. Es regte sich in ihr ein Gefühl – ein bitteres Gefühl, das sich gegen Horaces Verherrlichung seiner Angehörigen empörte. »Es macht mich ordentlich krank«, dachte sie bei sich, »von der Tugend solcher Frauen zu hören, an welche die Versuchung niemals herangetreten ist. Wo ist da das Verdienst, anständig zu leben, wenn das ganze Leben nur Freude und Wohlstand ist? Weiß seine Mutter, was es heißt, zu hungern? Sind seine Schwestern verlassen in den Straßen umher geirrt?« Es machte ihr Herz gefühllos – sie empfand beinahe Lust, ihn zu betrügen – wenn er ihr so seine Verwandten als Muster hinstellte. Würde er denn nie das Verständnis dafür bekommen, dass Frauen es verabscheuen, wenn ihnen Ihresgleichen als Vorbilder angepriesen werden? Sie sah nach ihm hin mit dem Gefühle ungeduldiger Verwunderung. Er saß am Frühstückstisch, ihr den Rücken zugekehrt und den Kopf auf seine Hand gestützt. Hätte er versucht, sich ihr wieder zu nähern, sie hätte ihn zurückgewiesen; hätte er sie angeredet, sie wäre ihm mit einer scharfen Erwiderung entgegengetreten. So saß er abseits von ihr und sprach kein Wort. Das Schweigen eines Mannes ist für die Frau, die ihn liebt, der stärkste Widerstand. Heftigkeit kann sie ertragen; Worten ist sie jederzeit bereit, auch ihrerseits mit Worten zu begegnen; das Schweigen besiegt sie. Mercy zögerte einen Augenblick, dann stand sie auf und näherte sich demütig dem Tische. Sie hatte ihn verletzt – und sie allein hatte gefehlt. Wie konnte er es wissen, der Arme, dass er sie gekränkt hatte? Schritt um Schritt kam sie näher und näher. Er sah sich nicht um; er regte sich nicht. Sie legte ihre Hand schüchtern auf seine Schulter. »Vergeben Sie mir, Horace«, lispelte sie. »Ich bin heute sehr leidend; ich bin nicht ich selbst. Was ich sagte, war nicht böse gemeint. Bitte, verzeihen Sie mir.« Die einschmeichelnde Zärtlichkeit ihrer Stimme und ihres Wesens, als sie diese Worte sprach, bezwang jeden Widerstand. Er sah auf und fasste ihre Hand. Sie neigte sich über ihn und drückte einen Kuss auf seine Stirne. »Ist mir vergeben?« fragte sie.

»O, mein Liebling«, sagte er, »wüsstest du nur, wie ich dich liebe!«

»Ich weiß es«, antwortete sie sanft und strich ihm dabei das verwirrte Haar auf der Stirne glatt.

So standen sie ganz ineinander versunken, sonst hätten sie in diesem Augenblick hören müssen, wie sich am anderen Ende des Zimmers die Tür des Bibliothekszimmers öffnete.

Lady Janet hatte an ihren Neffen die erbetene Antwort geschrieben und war, ihrem Versprechen getreu, zurückgekehrt, um Horaces Sache zu führen. Das erste, was sie nun erblickte, war ihr Klient, wie er mit sichtbarem Erfolge seine Angelegenheit selbst vertrat! »Da bin ich offenbar überflüssig«, dachte die alte Dame. Sie schloss geräuschlos wieder die Tür und überließ die beiden Liebenden sich selbst.

Horace kam mit unkluger Beharrlichkeit auf das frühere Gesprächsthema, die hinausgeschobene Hochzeit, zurück. Bei den ersten Worten, die er sprach, zog sich Grace rasch zurück, diesmal jedoch betrübt, nicht ärgerlich.

»Drängen Sie mich nur heute nicht«, sagte sie; »ich bin heute nicht wohl.«

Er stand auf und sah sie besorgt an. »Darf ich morgen davon reden?«

»Ja, morgen.« Sie kehrte zu dem Sofa zurück und begann ein anderes Gespräch. »Wie lange Lady Janet ausbleibt«, sagte sie. »Was sie nur so lange aufhalten mag?«

Horace bemühte sich, so auszusehen, als interessierte auch ihn Lady Janets Abwesenheit. »Weshalb hat sie Sie verlassen?« fragte er hinter dem Sofa stehend und auf sie herabgeneigt.

»Sie ging in das Bibliothekszimmer, um ein Billet an ihren Neffen zu schreiben. Unter anderem, wer ist denn ihr Neffe?«

»Ist es möglich, dass Sie das nicht wissen?«

»Nein, ich weiß es nicht!«

»Sie haben gewiss schon von ihm gehört«, sagte Horace. »Er ist ja ein berühmter Mann.« Er hielt inne, und sich tiefer auf Grace herabbeugend, hob er eine Locke von ihrer Schulter empor und drückte sie an seine Lippen. »Der Neffe Lady Janets«, begann er wieder, »ist Julian Gray!«

Bei diesem Namen fuhr Grace von ihrem Sitz empor und blickte Horace entsetzt und verwirrt an, als traute sie ihren Ohren nicht.

Dieser stand völlig überrascht. »Liebe Grace!« rief er aus; »weshalb erschrecken Sie denn so plötzlich?«

Sie erhob abwehrend ihre Hand. »Der Neffe Lady Janets ist Julian Gray«, wiederholte sie; »und ich höre dies erst jetzt!«

Horace war immer mehr betroffen.

»Liebes Herz, was ist denn daran Merkwürdiges?« fragte er.

Doch in ihrer Lage und bei ihrer Gemütsart war wohl Grund vorhanden, um durch diese Entdeckung selbst das mutigste Wesen in Schrecken zu versetzen. In ihrer Seele nahm die Fälschung Grace Roseberrys plötzlich eine neue Form an: die Form des Verhängnisses. Es hatte sie blindlings in das Haus geführt, in welchem sie und der Prediger aus dem Besserungshause sich nun begegnen sollten. Er kam, der Mann, der ihr Inneres so mächtig bewegt, ihr ganzes Leben beeinflusst hatte. Kam nun mit ihm auch der Tag des Gerichtes?

»Achten Sie nicht auf mich«, sagte sie leise. »Ich bin den ganzen Morgen krank gewesen. Sie haben es ja selbst gesehen, als Sie hier hereinkamen; der bloße Klang Ihrer Stimme hat mich in Aufregung versetzt. Es wird vorüber gehen. Nur fürchte ich, Sie erschreckt zu haben.«

»Liebste Grace, es sah ja fast aus, als hätten Sie sich über Julians Namen entsetzt! Er ist eine Berühmtheit im Publikum, so viel weiß ich; auch dass Damen sich lebhaft erhoben und ihn anstaunten, wenn er irgendwo erschien, habe ich schon gesehen; aber Sie sehen ja wie vom Blitz getroffen aus.«

Sie raffte mit verzweifelter Anstrengung ihren ganzen Mut zusammen und lachte – aber es klang hart und unheimlich. Sie legte ihm ihre Hand auf den Mund und zwang ihn so, zu schweigen. »Unsinn!« rief sie leichthin aus. »Was soll Mister Julian Gray mit meinem Aussehen zu tun haben? Mir ist schon besser. Sehen Sie nur selbst!« Dabei sah sie ihn mit erzwungener Lustigkeit an und kehrte mit erkünstelter, verzweifelter Gleichgültigkeit zu dem Gespräch über den Neffen Lady Janets zurück. »Natürlich habe ich von ihm gehört«, sagte sie. »Wissen Sie, dass er heute hier erwartet wird? Warum stehen Sie da hinter mir – ich kann so nicht gut mit Ihnen sprechen. Setzen Sie sich hierher.«

Er gehorchte – aber innerlich war er mit ihrem Benehmen nicht zufrieden. Auf seinem Gesichte lag noch der Ausdruck von Besorgnis und Überraschung. Sie spielte ihre Rolle fort, mit dem festen Entschluss, jeden möglichen Verdacht in Betreff ihrer Furcht vor Julian Gray in Horace zu ersticken. »Erzählen Sie mir von diesem berühmten Manne«, sagte sie und schob ihren Arm vertraulich in den seinen. »Wie sieht er aus?«

Die schmeichelnde Gebärde, und der leichte Ton ihrer Worte verfehlten nicht ihre Wirkung auf Horace. Sein Gesicht wurde heiterer; er antwortete ihr in gleicher Weise.

»Bereiten Sie sich vor, den ungeistlichsten aller Geistlichen zu sehen«, sagte er. »Julian ist ein räudiges Schaf unter den Pfarrern und seinem Bischof ein Dorn im Auge. Er predigt, wenn man es verlangt, in der Kapelle der Dissenter; lehnt jeden Anspruch auf priesterliches Ansehen und priesterliche Gewalt entschieden ab und tut nur nach seinem eigenen Plan, aber viel Gutes. In seinem Beruf ist er ganz gefasst, niemals zu hohen Würden emporzusteigen; aber das kümmert ihn nicht; er sagt, ihm genügt es, der Archidiakonus der Betrübten, der Diakonus der Hungrigen und der Bischof der Armen zu sein. Bei aller Wunderlichkeit ist er ein so herzensguter Mensch als nur irgendeiner. Ungemein beliebt bei Frauen. Sie alle erholen sich Rats bei ihm. Ich wollte, Sie gingen auch zu ihm.«

Mercy wechselte die Farbe. »Wie meinen Sie das?« fragte sie scharf.

»Julian ist berühmt wegen seiner Überredungsgabe«, sagte Horace lächelnd. »Wenn er mit Ihnen spräche, er würde vielleicht vermögen, den Weg zu bestimmen. Soll ich Julian bitten, mein Fürsprecher zu sein?«

Er machte den Vorschlag im Scherze. Mercys ruheloser Geist nahm ihn für Ernst. »Er wird es tun«, dachte sie mit einem Gefühle unbeschreiblichen Entsetzens, »wenn ich ihn nicht daran hindere!« Es blieb ihr keine Wahl übrig. Der einzige, sichere Weg, Horace davon abzuhalten, dass er sich an seinen Freund wandte, war, ihm seinen Wunsch zu gewähren. Sie legte die Hand auf seine Schulter und suchte die furchtbare Angst, die sie verzehrte, unter der Maske der Koketterie zu verbergen, die gleich peinlich und erbarmungswürdig anzusehen war.

»Reden Sie keinen Unsinn«, sagte sie lustig. »Wovon sprachen wir nur, bevor Mister Julian Gray das Thema wurde?«

»Wir wunderten uns über Lady Janets langes Ausbleiben«, versetzte Horace.

Sie klopfte ihm ungeduldig auf die Schulter. »Nein! Nein! Vorher sagten Sie noch etwas anderes!«

Ihre Augen vollendeten, was ihr Mund nicht ausgesprochen hatte. Horace schlang seinen Arm leise um ihre Taille.

»Ich sagte, dass ich Sie liebe«, antwortete er flüsternd.

»Sonst nichts?«

»Hören Sie das nicht mehr gerne?«

Sie lächelte bezaubernd. »Ist es Ihnen denn auch gar so ernst wegen – wegen —« sie stockte und sah von ihm weg.«

»Wegen unserer Hochzeit?«

»Ja!«

»Es ist mein innigster Wunsch.«

»Wirklich?«

»Wirklich.«

Es entstand eine Pause. Mercys Finger spielten nervös mit den Breloquen an ihrer Uhrkette. »Welcher Tag wäre Ihnen denn recht?« sagte sie sanft, aber ohne ihre Aufmerksamkeit von der Uhrkette abzuwenden.

Noch nie hatte sie so gesprochen, noch nie so ausgesehen wie eben jetzt. Horace fürchtete sich beinahe, an sein Glück zu glauben. »O Grace!« rief er aus, »treiben Sie keinen Scherz mit mir!«

»Was veranlasst Sie, dies zu glauben?«

Horace war arglos genug, ihr darauf im Ernste zu antworten: »Eben noch wollten Sie von unserer Hochzeit gar nichts wissen«, sagte er.

»Das ist einerlei, was früher war«, versetzte sie mutwillig. »Man sagt, die Frauen seien wetterwendisch; es ist einer von den Mängeln unseres Geschlechtes.«

»Gott sei gelobt für solche Mängel!« rief Horace offen aus. »Wollen Sie die Entscheidung wirklich mir überlassen?«

»Wenn Sie darauf bestehen.«

Horace überlegte einen Augenblick – in Betreff des Heiratsgesetzes. »Die Bewilligung zur Trauung können wir in vierzehn Tagen haben«, sagte er. »Ich bestimme also den Tag heute über vierzehn Tage.«

Sie erhob ihre Hände widerstrebend.

»Warum nicht? Mein Advokat ist bereit. Vorbereitungen sind keine zu machen. Sie sagten ja selbst bei unserer Verlobung: es sollte eine stille Hochzeit sein.«

Mercy musste dies zugeben.

»Wir könnten auf der Stelle getraut werden, wenn das Gesetz es gestattete. Heute über vierzehn Tage also! Sagen Sie – ja!«

Er zog sie näher an sich. Es entstand eine Stille. Die Maske der Koketterie – welche sie von Anbeginn nur schlecht vorgehalten hatte – fiel ihr von ihrem Gesicht. Ihre traurigen grauen Augen ruhten mitleidsvoll auf seinen lebhaft angeregten Zügen.

»Schauen Sie nicht so ernst drein!« sagte er. »Nur ein kleines Wort, Grace! Nur ja!«

Sie seufzte und sprach es aus. Er küsste sie leidenschaftlich. Nur mit einer heftigen Gebärde gelang es ihr, sich von ihm loszumachen. »Verlassen Sie mich!« sagte sie leise. »Ich bitte Sie, lassen Sie mich allein!«

Es war ihr voller Ernst – sonderbar. Sie zitterte am ganzen Körper. Horace stand auf, um ihren Wunsch zu erfüllen. »Ich werde Lady Janet aufsuchen«, sagte er; »es drängt mich, ihr zu zeigen, dass ich wieder heiter bin und auch zu sagen weshalb.« Er wendete sich der Tür des Bibliothekszimmers zu. »Sie bleiben doch hier? Darf ich wiederkommen, wenn Sie gefasster sind?«

»Ich will hier warten«, sagte Mercy.

Mit dieser Antwort zufrieden, verließ er das Zimmer.

Sie ließ die Hände in den Schoß fallen; ihr Kopf sank müde auf die Kissen des Sofas zurück. Sie war wie geblendet, ihr Geist war völlig betäubt. Sie wusste nicht, wachte oder träumte sie. Hatte sie denn wirklich jenes Wort gesprochen, das sie zwang, Horace Holmcroft in vierzehn Tagen zu heiraten? Vierzehn Tage. Es konnte wohl in dieser Zeit irgendein Hindernis eintreten; vielleicht fand sie inzwischen einen Ausweg aus der furchtbaren Lage, in der sie sich befand. Auf jeden Fall, mochte daraus entstehen, was wollte, hatte sie gut daran getan, dieses Mittel statt einer Unterredung mit Julian Gray zu wählen. Sie fuhr mit einem Ruck aus ihrer liegenden Stellung empor, als der Gedanke an eine solche Unterredung – während der letzten Minuten unterdrückt – sich ihr wieder aufdrängte. Ihre aufgeregte Phantasie sah in diesem Augenblick schon Julian Gray im Zimmer vor ihr stehen und mit ihr sprechen wie Horace es vorgeschlagen hatte. Sie sah ihn dicht an ihrer Seite sitzen – denselben Mann, der von der Kanzel herab ihre innerste Seele erschüttert hatte, als sie, ungesehen am anderen Ende der Kapelle seinen Worten lauschte – sie sah ihn vor sich, wie er ihr forschend in das Gesicht blickte; wie er das beschämende Geheimnis in ihren Augen las, in ihrer Stimme hörte, an ihren zitternden Händen fühlte; wie er es ihr Wort für Wort herauspresste, bis sie vernichtet ihm zu Füßen lag und den Betrug gestand. Ihr Kopf fiel auf die Kissen zurück; sie verbarg ihr Gesicht entsetzt über den Auftritt, welchen ihre überreizte Einbildungskraft heraufbeschworen hatte. Selbst jetzt, wo diese gefürchtete Unterredung überflüssig geworden, konnte sie sicher sein, wenn sie ihm auch nur als eine Fremde gegenüber stand, sich nicht zu verraten? Sie konnte es nicht. Es war etwas, was sie bei dem bloßen Gedanken, mit ihm in demselben Zimmer zu sein, schaudern und zurückbeben machte. Sie fühlte es, sie wusste es; ihr schuldbeladenes Gewissen erkannte und fürchtete seinen Meister in Julian Gray! – Die Zeit verrann. Ihre heftige Aufregung begann sich physisch an dem schwachen Körper zu äußern.

Sie musste leise weinen, ohne selbst zu wissen, warum. Wie eine Last lag es auf ihr, die Ermattung lähmte ihr jedes Glied. Sie sank tiefer in die Kissen – sie schloss die Augen – das eintönige Ticken der Uhr auf dem Kaminsims drang einschläfernd immer schwächer und schwächer in ihr Ohr. Sie verfiel allmählich in Schlummer; jedoch in so leisen Schlummer, dass sie auffuhr, wenn ein Stückchen Kohle auf den Rost fiel, oder wenn die Vögel in ihrem Bauer im Wintergarten zirpten und zwitscherten.

Lady Janet und Horace traten ein. Sie hatte kaum ein Bewusstsein davon, dass jemand im Zimmer war. Nach einem kurzen Zwischenraum öffnete sie die Augen und richtete sich halb auf, um zu sprechen. Das Zimmer war wieder leer. Sie hatten sich leise hinausgeschlichen, um die Schläferin nicht zu stören. Sie schloss die Augen wieder und verfiel abermals in Schlummer; die günstige Wärme und Ruhe des Bettes verwandelte bald den Schlummer in einen tiefen, traumlosen Schlaf.




3.

Der Mann erscheint


Nach einer kurzen Zeit der Ruhe wurde Mercy durch das Schließen einer Glastür am entfernten Ende des Wintergartens aus dem Schlafe geweckt. Diese Tür führte in den Garten hinaus und wurde nur von den Hausbewohnern oder noch von guten Bekannten benutzt, welche das Vorrecht genossen, die Empfangszimmer auf diesem Wege zu betreten. In dem Glauben, dass Horace oder Lady Janet in das Speisezimmer zurückkehrten, richtete sich Mercy auf dem Sofa etwas empor und horchte.

Sie hörte die Stimme eines der Bedienten. Darauf antwortete eine andere Stimme, bei deren Klang sie an allen Gliedern zu zittern begann.

Sie sprang auf und horchte wieder in sprachlosem Entsetzen. Ja! Sie war es unverkennbar. Die Stimme, welche dem Diener antwortete, war dieselbe, die unvergessliche Stimme, welche sie im Besserungshause gehört hatte. Der Besuch, welcher durch die Glastür eingetreten, war – Julian Gray.

Sein rascher Tritt näherte sich immer mehr und mehr dem Speisezimmer. Sie nahm ihre Fassung so weit zusammen, um zur Tür des Bibliothekszimmers zu eilen. Ihre Hand zitterte so heftig, dass sie nicht im Stande war, das Schloss gleich zu öffnen. Eben war ihr das gelungen, als sie seine Stimme wieder hörte – wie er sie anredete:

»Bitte, laufen Sie doch nicht davon! Ich bin ja kein Ungeheuer, sondern nur der Neffe Lady Janets – Julian Gray.«

Sie wendete sich langsam um und stand, wie verzaubert durch seine Stimme, schweigend ihm gegenüber.

Er stand, den Hut in der Hand, am Eingang in den Wintergarten; er trug einen schwarzen Anzug und eine weiße Halsbinde – allein in der Machart und Form seiner Kleidung war geflissentlich alles vermieden, was ihr einen spezifisch geistlichen Anstrich geben konnte. So jung er war, trugen seine Züge doch schon Spuren von Sorge, und das Haar war über der Stirne vorzeitig dünn und spärlich geworden. Die gelenkige, behende Gestalt reichte nicht über die mittlere Größe hinaus. Sein Teint war blass. Der untere Teil seines Gesichtes, ganz bartlos, war in keiner Weise bedeutend. Ein gewöhnlicher Beobachter würde in Julians Antlitz nichts besonderes entdeckt haben – mit Ausnahme der Augen. Diese allein drückten dem Gesichte einen besonderen Stempel auf. Die ungewöhnliche Größe der Augenhöhlen, in welchen sie lagen, war schon allein genügend, die Aufmerksamkeit zu fesseln; sein Kopf gewann dadurch einen imponierenden Ausdruck, welchen er sonst, trotz seiner Breite und seines entwickelten Knochenbaues, nicht besaß. Was die Augen selbst anbelangt, so spottete ihr weicher schimmernder Glanz jeder Kritik. Nicht zwei Menschen stimmten über die Farbe derselben überein; die Meinungen waren darüber geteilt, ob sie dunkelgrau oder schwarz seien. Maler hatten schon versucht, diese Augen nachzuahmen, und jedes Mal das begonnene Werk verzweifelnd aufgegeben, weil es ihnen nicht gelang, von der verwirrenden Mannigfaltigkeit des Ausdruckes auch nur einen zu erfassen. Es waren Augen, welche jetzt bezaubern, im nächsten Moment Entsetzen erregen konnten; welche fast nach Belieben die Menschen zum Lachen und zum Weinen brachten. Ob angeregt oder ruhig, sie waren immer gleich unwiderstehlich. Als sie vorhin Mercy nach der Tür fliehen sahen, leuchteten sie in kindlicher Belustigung auf.

Als diese sich jedoch umwendete und ihm in das Gesicht sah, verwandelte sich der frühere Ausdruck augenblicklich in einen weichen, glühenden Blick, der stumm aber deutlich sagte, dass ihre Erscheinung ihn mit Interesse und Bewunderung für sie erfüllte. Gleichzeitig veränderte sich seine ganze Haltung. Die nächsten Worte richtete er mit tiefer Ehrerbietung an sie.

»Ich bitte Sie dringend, sich durch mich nicht stören zu lassen«, sagte er. »Und verzeihen Sie, wenn ich so ohne weiteres bei Ihnen eingedrungen bin.«

Er hielt inne und erwartete eine Erwiderung von ihrer Seite, ehe er weiter in das Zimmer vordrang. Noch immer von seiner Stimme wie bezaubert, fand sie doch so viel Selbstbeherrschung wieder, sich gegen ihn zu verneigen und ihren Platz auf dem Sofa wieder einzunehmen. Jetzt konnte sie ihn unmöglich verlassen. Er sah sie einen Augenblick an, dann trat er in das Zimmer, ohne weiter mit ihr zu sprechen. Sein Interesse für das rätselhafte Geschöpf wuchs immer mehr. »Kein gewöhnlicher Gram«, dachte er, »hat diesem Gesichte seinen Stempel aufgedrückt; kein gewöhnliches Herz schlägt in dieser Hülle. Wer mag sie nur sein.«

Mercy nahm ihren ganzen Mut zusammen und zwang sich, ihn anzusprechen.

»Lady Janet ist, glaube ich, in dem Bibliothekszimmer«, sagte sie schüchtern. »Soll ich ihr sagen, dass Sie hier sind?«

»Bemühen Sie Lady Janet und sich selbst nicht.«

Damit trat er an den Frühstückstisch, um ihr so mit viel Zartgefühl Zeit zu lassen, sich zu sammeln. Er ergriff eine Flasche, in welcher Horace noch Rotwein übriggelassen hatte, und goss ihn in ein Glas. »Für den Augenblick soll der Rotwein meiner Tante sie selbst vertreten«, sagte er lächelnd, als er sich wieder nach ihr umwendete. »Ich habe einen weiten Spaziergang gemacht, und so riskiere ich es, mich in diesem Hause auch ohne besondere Einladung zu bedienen. Darf man Ihnen etwas anbieten?«

Mercy dankte verneinend. Nach allem, was sie bis jetzt von ihm erfahren hatte, konnte sie sich über sein gewandtes leichtes Benehmen nicht genug wundern.

Er leerte sein Glas mit echter Kennermiene, der guten Wein zu schätzen wusste. »Der Rotwein ist meiner Tante würdig«, sagte er mit komischem Ernste, als er das Glas niedersetzte. »Beide sind echte, unverfälschte Produkte der Natur!« Er setzte sich an den Tisch und betrachtete mit kritischem Auge die darauf stehen gebliebenen Gerichte. Eines davon schien ihn besonders zu locken. »Was ist das?« fuhr er fort. »Eine französische Pastete! Es wäre ein grober Verstoß, französischen Wein zu trinken und eine französische Pastete daneben unberührt zu lassen.« Er nahm Messer und Gabel und verzehrte die Pastete mit demselben kritischen Behagen wie den Wein. »Der großen Nation vollkommen würdig!« rief er begeistert aus. »Vive la France!«

Mercy sah und hörte mit unaussprechlichem Erstaunen. Er entsprach ganz und gar nicht jenem Bilde, welches ihre Einbildungskraft von ihm in seinem Alltagsgewand entworfen hatte. Seine weiße Halsbinde weg und niemand hätte in diesem berühmten Prediger einen Geistlichen vermutet!

Er verzehrte eine zweite Portion der Pastete und begann mit Mercy eine Unterhaltung, wobei er abwechselnd sprach und aß, aber mit so viel Ruhe und Behagen, als wären sie alte Bekannte.

»Mein Weg hierher führte mich durch Kensington-Garden«, sagte er. »Ich habe jetzt einige Zeit auf einem flachen, abscheulich öden Landdistrikt zugebracht. Da glauben Sie gar nicht, wie angenehm mir der Kontrast dagegen in diesen Zeiten aufgefallen ist. Die Damen in ihren reichen Winteranzügen, die schmucken Kindermädchen mit reizenden Kindern, die unaufhörlich sich bewegende Menge der Eisläufer auf Round-Pord; alles das war im Vergleich zu dem, woran ich jetzt gewöhnt war, so fröhlich anzusehen, dass ich mich unwillkürlich dabei ertappte, wie ich pfeifend mitten durch das glänzende Treiben schritt. Zu meiner Zeit pflegten die Jungen immer zu pfeifen, wenn sie gut aufgelegt waren, und ich bin über diese Gewohnheit noch nicht hinaus. Wem, glauben Sie, begegnete ich da gerade, als ich im besten Zuge war?«

So gut es bei dem maßlosen Staunen, womit Mercy ihm zuhörte, möglich war, bat sie, ihr das Erraten zu erlassen. Nie in ihrem Leben hatte sie noch mit jemand so verwirrt und unverständig gesprochen, wie jetzt mit Julian Gray!

Er fuhr heiterer als je fort, ohne scheinbar zu bemerken, welchen Eindruck er auf sie machte.

»Nun, wem begegnete ich«, wiederholte er, »als ich im besten Zuge war? Meinem Bischof! Wäre es noch eine heilige Melodie gewesen, seine Ehrwürden hätte vielleicht meine Gemeinheit in Anbetracht der Musik entschuldigt. Aber unglücklicherweise war die Komposition, welche ich eben vortrug, ich bin nebenbei gesagt ein sehr lauter Pfeifer, von Verdi – »La donna e Mobile« – seiner Ehrwürden sicherlich durch die Drehorgeln in den Straßen wohl bekannt. Er erkannte das Lied, der arme Mann, und als ich meinen Hut vor ihm abnahm, sah er nach der anderen Seite. Sonderbar, dass man in dieser sündigen, fehlerhaften Welt eine so geringfügige Sache, wie das Pfeifen eines heiter gestimmten Geistlichen, überhaupt zum Gegenstande einer ernsthaften Erörterung macht!« Bei den letzten Worten schob er seinen Teller zurück und fuhr in verändertem Ton einfach und ernsthaft fort: »Ich habe nie eingesehen«, sagte er, »warum wir uns anderen Menschen gegenüber deshalb für bevorzugt halten sollen, weil wir einer besonderen Kaste angehören und harmlose Dinge, welche andere Leute tun, nicht tun dürfen. Die Jünger Christi seinerzeit gaben uns dies Beispiel nicht; sie waren vernünftiger und besser als wir. Ich behaupte kühn, dass sich uns in dem Bestreben, unseren Mitmenschen Gutes zu tun, nichts mehr hindernd entgegenstellt, als die bloße Anmaßung der Geistlichen in Wort und Tat. Ich für meinen Teil erhebe nicht den leisesten Anspruch, besser und frömmer zu sein als jeder andere Christenmensch, der nach Kräften Gutes tut.« Sein klarer Blick traf Mercy, welche ihn verwundert, und unvermögend, ihn zu verstehen, ansah – der frühere scherzhafte Ton gewann in ihm wieder die Oberhand. »Sind Sie radikal gesinnt?« fragte er mit einem humoristischen Zwinkern in seinen großen, glänzenden Augen. »Ich für meinen Teil bin es!«

Mercy gab sich alle Mühe, ihn zu begreifen, allein umsonst. War es möglich, dass dies der Prediger war, dessen Worte sie entzückt, gereinigt, veredelt hatten? War es derselbe, dessen Worte den Augen der Unglücklichen, welche durch das Verbrechen ehrlos und verstockt geworden waren, heiße Tränen entlockt hatten? Ja! Die Augen, welche jetzt vergnügt auf ihr ruhten, sie waren dieselben schönen Augen, welche einst in die Tiefe ihrer Seele geblickt. Die Stimme, welche sich eben mit einer scherzenden Frage zu ihr wendete, war dieselbe tiefe, weiche Stimme, welche damals in ihr Herz gedrungen war. Auf der Kanzel war er ein Engel der Barmherzigkeit; außerhalb derselben ein losgelassener Schulknabe.

»Ich will Sie nicht erschrecken«, sagte er gutmütig, als er ihre Verwirrung bemerkte. »Die öffentliche Meinung hat mich schon mit ärgeren Namen als dem eines Radikalen genannt. Ich war kürzlich – wie ich Ihnen vorhin erzählt habe – in einer Landgemeinde. Ich sollte dort nämlich für eine kurze Zeit die Geschäfte des Pfarrers besorgen, da dieser sich eine kleine Erholung gönnen wollte. Was, glauben Sie, war das Ende dieses Versuches? Der Herr des Kirchspiels nennt mich einen Kommunisten; die Pächter denunzieren mich als einen Aufwiegler; mein Freund, der Pfarrer, ward in aller Eile zurückberufen und ich stehe jetzt als ein Verbannter da, der sich bei einer achtbaren Nachbarschaft unmöglich gemacht hat.«

Mit diesem offenen Bekenntnis verließ er den Frühstückstisch und setzte sich auf einen Stuhl neben Mercy.

»Sie sind natürlich sehr gespannt«, fuhr er fort, »zu hören, worin mein Vergehen eigentlich bestanden hat. Verstehen Sie etwas von Nationalökonomie und von dem Gesetze von Nachfrage und Angebot?«

Mercy gestand, dass sie davon nichts wisse.

»Ich auch nicht«, sagte er. »Und das war eben mein Vergehen. Ich will Ihnen, wie später auch meiner Tante, die ganze Sache mit wenigen Worten erzählen.« Er hielt einen Augenblick inne; seine Haltung war ganz verändert. Mercy warf einen scheuen Blick auf ihn und entdeckte in seinen Augen einen neuen Ausdruck, welcher wie noch keiner, ihr das frühere Bild von ihm in das Gedächtnis zurückrief. »Ich hatte keine Ahnung«, begann er wieder, »welches Leben in einigen Gegenden Englands der gemeine Feldarbeiter auf einem Pachtgute führt, bis ich jetzt den Pfarrer in seinem Sprengel vertreten musste. Noch nie in meinem Leben hatte ich so grässliches Elend gesehen und dabei von Seite der armen Leute eine Geduld im Ertragen ihrer Leiden, wie sie mir bis dahin nie vorgekommen war. Die Märtyrer ehedem konnten erdulden und sterben, aber wären sie im Stande gewesen, so wie diese hier, zu erdulden und dabei fortzuleben? – Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr am Hungertuche zu nagen; zuzusehen, wie ihre abgezehrten Kinder ringsum aufwuchsen, um ihr ganzes Leben hindurch zu arbeiten und dafür bittere Not zu leiden, und vielleicht am Ende, wenn sie durch Arbeit und Hunger verkommen waren, in dem Gemeindegefängnis ihr Dasein zu beschließen! – Dass es auf Gottes schöner Erde solchen Jammer geben kann? Ich kann noch jetzt kaum ohne Tränen daran denken und davon sprechen!«

Sein Kopf sank auf die Brust. Er wartete einen Augenblick, um seiner Bewegung Herr zu werden, bevor er weiter sprach. Jetzt erkannte sie ihn wieder; jetzt war er derselbe, den sie zu sehen erwartet hatte. Unbewusst saß sie ihm gegenüber, den Blick unverwandt auf ihn gerichtet, mit atemloser Spannung jedem seiner Worte lauschend, gerade wie an jenem Tage, als sie ihn zum erstenmale gehört!

»Ich tat mein Möglichstes, um das Los dieser hilflosen Geschöpfe zu verbessern«, begann er wieder. »Ich ging zu allen Pächtern der umliegenden Güter und schilderte ihnen die traurige Lage ihrer Arbeiter. Ich sagte ihnen, sie sollten diesen genügsamen Menschen nur so viel geben, dass sie davon leben könnten! Allein die Volkswirtschaft schalt ein solches Beginnen töricht und verdammte denjenigen, der dazu riet. Hunger und Recht gingen Hand in Hand, erhielt ich zu Antwort. Und weshalb? Weil der Arbeiter sich fügen musste! Da beschloss ich nun, so weit ein einzelner Mensch dies tun kann, die Feldarbeiter von diesem Zwang zu befreien. Mit Hilfe meiner eigenen Mittel und derjenigen einiger Freunde – an die ich mich gewendet hatte – brachte ich mehrere dieser armen Teufel in andere Gegenden Englands, wo ihre Arbeit besser gezahlt wurde. Das war die Aufführung, welche mein Bleiben unter jenen Leuten unmöglich machte. Mag es so sein! Ich lasse mich dadurch nicht irre machen; ich bin in London hinlänglich bekannt; es wird mir gelingen, Beiträge zu sammeln und dann mögen die volkswirtschaftlich gesinnten Herren Pächter sehen, mit welcher Arbeitskraft sie ihre Felder bestellen, und dazu sollen sie mir noch Beiträge zu meiner Sammlung spenden, so gewiss ich als Radikaler, ein Kommunist, ein Aufwiegler – so gewiss, als ich Julian Gray bin!«

Er erhob sich mit einer leichten Bewegung, als wollte er sich wegen des Eifers, mit welchem er eben gesprochen, entschuldigen und machte einen Gang durch das Zimmer. Durch seine Begeisterung angeregt, folgte ihm Mercy; als er sich umwendete und sie ihm gegenüber stand, hielt sie ihre Geldbörse in der Hand.

»Gestatten Sie mir, Ihnen damit einen kleinen Beitrag zu leisten!« sagte sie warm.

Über seine bleichen Wangen flog eine leise Röte, als er in das schöne, teilnehmende Gesicht vor ihm sah.

»Nein! Nein!« sagte er lächelnd, »ich bin zwar Geistlicher, aber keiner, der die Sammelbüchse gleich mit sich herumträgt.« Mercy suchte ihm die Geldbörse aufzudrängen; allein er zog sich rasch davor zurück und sagte mit dem früheren feinen Humor im Ausdruck seiner Augen. »Führen Sie mich nicht in Versuchung! Es gibt kein Geschöpf, welches der Versuchung, milde Beiträge zu sammeln, weniger widerstehen kann, als gerade der Geistliche.« Mercy blieb jedoch standhaft und siegte auch schließlich; es gelang ihr, ihn dazu zu bringen, dass er selbst den Beweis für die Richtigkeit einer tiefgehenden Beobachtung einer Geistlichennatur dadurch lieferte, dass er ein Geldstück aus dem Beutel nahm. »Wenn es denn nicht anders geht – so nehme ich es!« bemerkte er. »Übrigens danke ich Ihnen sowohl für das gute Beispiel, welches Sie hierdurch anderen geben, als für die rechtzeitige Hilfeleistung! Unter welchem Namen soll ich Ihre Spende in meine Liste eintragen?«




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