Mann und Weib
William Wilkie Collins




Wilkie Collins

Mann und Weib





Erster Band





Vorspiel.

Die irische Heirath





Erster Theil.

Die Villa in Hampstead





I


Vor etwa vierzig Jahren saßen an einem Sommermorgen zwei Mädchen bitterlich weinend bei einander in der Kajüte eines in Gravesend vor Anker liegenden zur Abfahrt nach Bombay bereiten Passagierschiffes.

Beide waren in demselben Alter, achtzehn Jahre alt. Von frühester Jugend an waren sie die intimsten Schulfreundinnen gewesen. Zum ersten Male in ihrem Leben stand ihnen jetzt eine Trennung, vielleicht auf immer, bevor. Die eine hieß Blanche, die andere Anne.

Beide waren die Kinder armer Eltern, Beide hatten bereits als erwachsene Schülerinnen Unterricht in ihrer Schule gegeben, und Beide waren bestimmt, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu erwerben. Darauf beschränkte sich aber auch die Aehnlichkeit zwischen Beiden.

Blanche war von leidlich angenehmem Aeußern und mäßig begabt, mehr ließ sich von ihrer Person nicht sagen; Anne dagegen war von seltener Schönheit und ungewöhnlicher Begabung. Blanche’s Eltern waren ehrenwerthe Leute, die entschlossen waren, kein Opfer zu scheuen, um das künftige Wohlergehen ihres Kindes zu sichern. Anne’s Eltern waren herzlose und verderbte Menschen Ihre einzige Sorge in Betreff ihrer Tochter war, wie sie möglichst großen Vortheil aus ihrer Schönheit und ihren Talenten ziehen könnten.

Die beiden Mädchen traten unter ganz verschiedenen Verhältnissen in das Leben ein. Blanche stand im Begriff nach Indien zu reifen, um dort eine Stelle als Gouvernante in dem Hause eines Richters anzunehmen. Für Anne sollte die erste Gelegenheit, sie billig nach Mailand zu schicken, abgewartet werden, um sie dort zur Schauspielerin und Sängerin ausbilden und dann nach England zurückkehren zu lassen, wo sie auf die Bühne gehen und das Glück ihrer Familie gründen sollte.

Das waren die Aussichten der beiden Mädchen, als sie, einander fest umschlungen haltend und bitterlich weinend, in der Kajüte des Ostindienfahrers saßen. Die zärtlichen Abschiedsworte die sie sich einander zuflüsterten, kamen Beiden von Herzen.

»Blanche! Vielleicht verheirathest Du Dich in Indien, dann mußt Du sehen, daß Dein Mann Dich nach England zurückbringt.«

»Anne! Vielleicht gefällt es Dir nicht auf der Bühne, dann mußt Du nach Indien kommen.«

»Wo und wie wir uns auch nach Jahren wieder treffen mögen, wir wollen nichts vor einander verborgen halten»und uns als Freundinnen und Schwestern in alter Liebe beistehen. Das mußt Du mir geloben, Blanche!«

»Ich gelobe es Dir, Anne!«

»Von ganzem Herzen und ganzer Seele?«

»Von ganzem Herzen und ganzer Seele!«

Die Segel wurden bereit gemacht, das Schiff fing an sich in Bewegung zu setzen. Es bedurfte der persönlichen Dazwischenkunft des Capitains, um die Mädchen zu vermögen, sich das letzte Lebewohl zu sagen. Der Capitain machte von seiner Autorität einen milden, aber entschiedenen Gebrauch. »Kommen Sie, liebes Kind«, sagte er den Arm um Anne schlingend, »lassen Sie sich das nicht anfechten, ich habe selbst eine Tochter.« Anne ließ ihren Kopf auf die Schulter des Capitains sinken. Er ließ sie an seiner Hand in das Boot hinabsteigen, das sie Land bringen sollte. Fünf Minuten später war das Schiff in der Fahrt, das Boot an der Landungsbrücke – und die beiden Mädchen hatten sich für lange Jahre zum letzten Male gesehen.

Das geschah im Sommer 1831.




II


Vierundzwanzig Jahre später, im Sommer 1855, war eine meublirte Villa in Hampstead zu vermiethen.

Augenblicklich war das Haus noch von den Leuten, die es vermiethen wollten, bewohnt. An dem Abend, an welchem die gegenwärtige Scene unsers Vorspiels beginnt, saßen eine Dame und zwei Herren bei Tische. Die Dame war zweiundvierzig Jahre alt, aber noch immer eine Frau von seltener Schönheit. Ihr einige Jahre jüngerer Mann, Mr. Vanborough, saß ihr schweigend und ersichtlich zurückhaltend gegenüber, ohne sie auch nur ein einziges Mal während der ganzen Mahlzeit anzusehen. Der zweite am Tisch sitzende Herr war ein Gast, Mr. Kendrew.

Das Diner ging seinem Ende entgegen. Früchte und Wein standen bereits auf dein Tisch. Vanborough schob die Flaschen schweigend Mr. Kendrew zu. Die Frau vom Hause sah sich nach dem aufwartenden Diener um, und sagte: »Lassen Sie die Kinder kommen.«

Die Thür ging auf und ein zwölfjähriges Mädchen trat, ein kleines fünfjähriges Mädchen an der Hand haltend, herein. Beide trugen frische weiße Kleider mit hellblauen Schleifen. Sie sahen sich aber einander durchaus nicht ähnlich. Das ältere Mädchen war von zartem Körperbau und blaß. Die Jüngere hatte ein blühendes Aussehen, schöne rothe Wangen und helle, keck in die Welt blickende Augen, – ein reizendes Bild der Gesundheit und des kindlichen Glücks.

Mr. Kendrew sah mit einem fragenden Blick nach dem jüngeren Mädchen. »Diese junge Dame«, sagte er, »ist mir völlig fremd.«

»Wenn Sie nicht ein ganzes Jahr lang ein Fremder in unserem Hause gewesen wären«, antwortete Mrs. Vanborough, »so würden Sie die Bekanntschaft des Kindes früher gemacht haben. Es ist die kleine Blanche, das einzige Kind meiner besten Freundin. Als Blanche’s Mutter und ich uns zum letzten Male sahen, waren wir zwei arme Mädchen, die eben die Schule verlassen hatten, und sich ihren Weg durch’s Leben selbst suchen sollten. Meine Freundin ging nach Indien und verheirathete sich dort in schon reiferen Jahren. Vielleicht haben Sie von ihrem Manne, einem« ausgezeichneten Offizier, Sir Thomas Lundie, gehört.« »Jawohl, dem sogenannten reichen Sir Thomas.« »Lady Lundie kehrt eben jetzt zum erstenmal, seit sie, – ich scheue mich zu sagen, vor wie viel Jahren – England verließ, von Indien wieder in ihre Heimath zurück. Ich erwarte sie schon seit gestern, sie kann jeden Augenblick eintreffen. Wir haben uns auf dem Schiffe, mit dem sie nach Indien fuhr, nach guter alter Sitte treue Freundschaft gelobt. Sie können sich vorstellen, wie verändert wir uns bei unserem bevorstehenden Wiedersehen finden werden!«

»Inzwischen«, sagte Mr. Kendrew, »scheint Ihre Freundin Ihnen eine Stellvertreterin in der Person ihrer kleinen Tochter geschickt zu haben? Eine lange Tour für eine so jugendliche Reisende.«

»Die Reise ist dem Kinde vor einem Jahre von den Aerzten in Indien verordnet«, erwiderte Mrs. Vanborough »Die Doctoren fanden, daß die Gesundheit des Kindes einen Aufenthalt in England wünschenswerth mache. Sir Thomas war damals krank, und seine Frau konnte ihn nicht verlassen. Sie mußte also das Kind nach England schicken, und wem anders hätte sie es hier wohl anvertrauen sollen, als mir? Sehen Sie sie an und sagen Sie selbst, ob ihr die englische Luft nicht trefflich bekommen ist. Wir beiden Mütter scheinen buchstäblich zum zweiten Mal in unseren Kindern zu leben. Die kleine Anne hier, meine einzige Tochter, gleicht ihrer Mutter, wie sie in demselben Alter aussah, auf ein Haar, und die kleine Blanche ist das leibhaftige Ebenbild ihrer Mutter. Und, um die Aehnlichkeit vollkommen zu machen, lieben die beiden Kinder sich mit derselben Zärtlichkeit mit der meine Freundin und ich einst als Schulkinder an einander hingen. Man hört oft von erblichem Familienhaß, giebt es auch eine erbliche Liebe?«

Noch bevor der Gast diese Frage beantworten konnte, wurde seine Aufmerksamkeit durch den Herrn vom Hause in Anspruch genommen.

»Kendrew«, sagte Herr Vanborough, »wie wäre es, wenn Sie es an diesen zärtlichen Jugenderinnerungen genug sein ließen und jetzt ein Glas Wein tränken?«

Er sprach diese Worte mit dem Ausdruck unverhohlener Geringschätzung in Ton und Bewegung. Mrs. Vanborough erröthete, aber sie wußte ihre sehr natürliche Gereiztheit zu beherrschen und schwieg eine Weile. Als sie ihren Mann wieder anredete, geschah es ersichtlich mit dem Wunsch, ihn zu beschwichtigen und zu versöhnen. »Ich fürchte, lieber Mann«, sagte sie, »Du bist nicht ganz Wohl«

»Es wird mir besser werden, wenn die Kinder mit ihrem Messer- und Gabelgeklapper fertig sind.«

Die Kinder waren damit beschäftigt, sich Aepfel zu scheiden. Das jüngere ließ sich durch die Worte des Mr. Vanborough nicht stören, das ältere aber hielt inne und sah seine Mutter an. Mrs. Vanborough winkte Blanche zu sich heran und deutete nach der in den Garten führenden Glasthür. Möchtest Du Deine Früchte nicht im Garten verzehren, Blanche?«

»O ja,« antwortete Blanche, »wenn Anne mitgeht.«

Anne sprang sofort auf und die beiden Mädchen gingen Hand in Hand zusammen in den Garten. Als sie fortgegangen waren, brachte Mr. Kendrew weislich einen neuen Gegenstand auf’s Tapet. Er führte das Gespräch auf die beabsichtigte Vermiethung des Hauses.

»Die beiden jungen Mädchen«, sagte er, »werden den Garten schmerzlich vermissen Es ist wirklich schade, daß Sie das hübsche Haus aufgeben wollen.«

»Das Aufgeben ist nicht das Schlimmste dabei«, antwortete Mrs. Vanborough. »Wenn mein Mann Hampstead zu entfernt von London findet, so müssen wir es natürlich verlassen. Das einzige, was ich dabei beklage, ist, daß das Haus vermiethet werden soll.«

Herr Vanborough warf seiner Frau einen möglichst unfreundlichen Blick zu und fragte: »Was kümmert denn Dich die Vermiethung?«

Mrs. Vanborough versuchte es, die Wolken am Horizont des ehelichen Himmels durch ein Lächeln zu verscheuchen.

»Lieber John«!, sagte sie sanft, »Du vergißt, daß, während Du den Tag über im Geschäft bist, ich den ganzen Tag hier bin und alle die Leute, die das Haus in Augenschein nehmen, sehen muß. Und was für Leute!« fuhr sie gegen Mr. Kendrew gewandt fort, »sie sehen Alles mit mißtrauischen Augen an, vom Fußkratzer vor der Hausthür bis zu den Kaminen auf dem Dach. Sie dringen zu allen Tagesstunden ein, thun alle erdenklichen Unverschämten Fragen und geben Ihnen deutlich zu verstehen, daß sie Ihren Antworten nicht glauben, noch bevor Sie Zeit gehabt haben, sie auszusprechen. Eine Frau hatte neulich die Ungezogenheit, mich zu fragen, ob ich glaube, daß die Abzugsröhren in Ordnung seien und schnüffelte dabei argwöhnisch umher, noch ehe ich ihre Frage bejahen konnte. Ein flegelhafter Mensch fragte mich, »Sind sie auch sicher, daß das Haus solide gebaut ist«, und stampfte dabei wieder, ehe ich ihm eine Antwort geben konnte, mit aller Gewalt mit beiden Füßen auf den Fußboden. Kein Mensch will an den festen Grund unserer Gartenwege und an unsere Aussicht nach Süden glauben, kein Mensch will etwas von dem, was wir zur Verbesserung des Hauses angeschafft haben, übernehmen. Sobald sie von John’s artesischem Brunnen hören, machen sie ein Gesicht, als ob sie niemals Wasser tränken; Und wenn sie zufällig über meinen Hühnerhof gehen, so thun sie, als wenn sie nie gewußt hätten, daß ein frisches Ei ein gutes Ding ist.«

Mr. Kendrew lachte. »Ich habe das meiner Zeit auch Alles durchmachen müssen« sagte er. »Die Leute, die ein Haus miethen wollen, sind die gebotnen Feinde der Vermiether. Komisch genug, – nicht wahr, Vanborough?«

Die üble Laune Vanboroughs wich vor der Anrede seines Freundes so wenig, wie vor den Worten seiner Frau. »Sie werden wohl Recht haben«, sagte er, »ich habe nicht zugehört.«

Diesesmal war sein Ton fast grob. Mrs Vanborough sah ihren Mann mit einem Ausdruck unverhohlener Ueberraschung und Verstimmung an. »John«, sagte sie. »Was ist Dir nur? Hast Du Schmerzen?

Man kann doch wohl verdrießlich sein, ohne gerade Schmerzen zu haben.«

»Es thut mir leid, daß Du Verdruß gehabt hast, im Geschäft?«

»Jawohl, im Geschäft.«

»Du solltest Mr. Kendrew zu Rathe ziehen.«

»Ich warte nur auf den Moment, wo ich das werde thun können.«

Mrs Vanborough erhob sich auf der Stelle. »Bitte, willst Du klingeln«, sagte sie »wenn der Caffee gebracht werden soll.« Als sie an ihrem Mann Vorüberging, blieb sie stehen und legte ihm die Hand zärtlich an die Stirn. »Wenn ich nur die Falte da glätten könnte«, flüsterte sie ihm zu. Vanborough schüttelte ungeduldig den Kopf, Mrs Vanborough ging seufzend nach der Thür. Aber bevor sie das Zimmer verließ, rief ihr ihr Mann nach: »Sorge dafür, daß wir nicht gestört werden.«

»Ich will thun, was ich kann, John. Aber«, fuhr sie, mit einem Blick auf Mk. Kendrew, der ihr die Thür geöffnet hatte, fort, indem sie sich bemühte, wieder heiter zu erscheinen, »denkst Du auch an unsere geborenen Feinde? Auch zu dieser späten Tagesstunde können noch Leute kommen, die das Haus sehen wollen.«

Die beiden Herren waren nun allein. Ihre äußere Erscheinung bildete den schärfsten Contrast Vanborough war groß gewachsen und von dunklem Teint – ein auffallend schöner Mann, mit einem Ausdruck großer Energie, der Niemandem entging und einer angeborenen Falschheit des Wesens, deren Spuren nur ein scharfer Beobachter in seiner Physiognomie entdecken mochte. Kendrew dagegen war klein und schmächtig und von unbeholfenem, ungeschicktem Benehmen, außer wenn ihn etwas in Affect versetzte. Dem Auge des oberflächlichen Betrachters mußte er als ein häßlicher und unbedeutender kleiner Mann erscheinen, ein Menschenkenner aber, dessen Blick unter die Oberfläche zu dringen versteht, würde eine auf Wahrheit und Treue beruhende, edle Natur gefunden haben.

Vanborough eröffnete die Unterhaltung. »Wenn Sie sich je verheirathen, Kendrew«, sagte er, »so lassen Sie sich meine Thorheit zur Warnung dienen, nehmen Sie keine Frau von der Bühne.«

»Wenn ich eine Frau, wie die Ihrige finden könnte«, erwiderte Kendrew, »so würde ich sie auf der Stelle nehmen, gleichviel ob sie auf der Bühne gewesen wäre, oder nicht. Eine schöne, kluge Frau von tadellosem Rufe, und die Sie zärtlich liebt! Was, in aller Welt, wollen Sie mehr?«

»Was ich mehr will? Sehr viel. Ich will eine Frau von vornehmer Familie und von feiner Erziehung und Bildung, die die beste Gesellschaft in England bei sich sehen und ihrem Manne zu einer distinguirten Stellung in, der Welt verhelfen kann!«

»Was? eine Stellung in der Welt»rief Kendrew. »Sie, ein Mann, dem sein Vater ein Vermögen von einer halben Million unter der einzigen Bedingung hinterlassen hat, daß er die Führung eines der größten kaufmännischen Geschäfte in England übernehme?! Und Sie reden von einer Stellung, als wenn Sie nicht der Chef Ihres Hauses, sondern ein junger Commis in dem Geschäft Ihres Vaters wären. Was in aller Welt kann Ihr Ehrgeiz denn noch anstreben?«

Vanborough leerte sein vor ihm stehendes Glas und sah seinem Freund gerade in’s Gesicht. »Mein Ehrgeiz trachtet nach einer parlamentarischen Carriere, die mir ohne Zweifel offen stehen und mich in’s Oberhaus führen würde, wenn nicht meine geschätzte Gattin mir im Wege stände.

Kendrew erhob die Hand zu einer warnenden Bewegung »Reden Sie nicht so«, sagte er, »wenn es Scherz sein soll, so gestehe ich, für einen solchen Scherz keinen Sinn zu haben. Wenn Sie aber ernsthaft sprechen, so drängen Sie mir einen Argwohn auf, den ich lieber nicht hegen möchte. Lassen Sie uns lieber von etwas Anderem reden!«

»Im Gegentheil! Sprechen Sie gerade heraus. Was argwöhnen Sie?«

»Ich argwöhne, daß Sie anfangen, Ihrer Frau überdrüssig zu werden.«

»Sie ist zweiundvierzig und ich bin fünfunddreißig Jahre alt, und wir sind jetzt dreizehn Jahre mit einander verheirathet. Das Alles wissen Sie und argwöhnen nur, daß ich ihrer überdrüssig bin. Wie unschuldig! Haben Sie mir noch mehr zu sagen?«

»Wenn Sie in mich dringen, Alles zu sagen, was ich denke, so mache ich von dem Rechte eines alten Freundes Gebrauch und sage Ihnen, Sie benehmen sich gegen Ihre Frau nicht, wie Sie sollten. Es sind jetzt ungefähr zwei Jahre her, daß Sie nach langer Abwesenheit auf die Nachricht von Ihres Vaters Tode nach England zurückkehrten. Außer mit mir und ein paar anderen alten Freunden haben Sie Ihre Frau bis heute noch mit keinem Menschen bekannt gemacht. Ihre Stellung in der Geschäftswelt verschafft Ihnen den Zutritt in die Kreise der besten Gesellschaft, aber nirgends führen Sie Ihre Frau ein. Sie gehen in die Welt, als wären Sie Junggeselle. Ich weiß aus sicherer Quelle, daß Sie wirklich in den Kreisen, die Sie frequentiren, von mehr als Einem für einen Junggesellen gehalten werden. Verzeihen Sie mir, daß ich meine Meinung so offen heraus sage. Es ist Ihrer unwürdig, Ihre Frau hier vor den Augen der Welt zu verbergen, als ob Sie sich ihrer schämten.«

»Und wenn ich mich nun wirklich ihrer schämte?«

»Vanborough!«

»Gemach, gemach! Die Sache steht nicht ganz so, wie Sie sie mir darzustellen belieben, lassen Sie sich einmal ruhig die Thatsachen, wie sie sind, vorführen. Vor dreizehn Jahren verliebte ich mich in eine schöne Sängerin und heirathete sie. Mein Vater zürnte mir deshalb, und ich mußte mich entschließen, mit ihr in’s Ausland zu gehen und dort zu leben. Mein Vater vergab mir auf seinem Totenbett, und ich konnte nun mit ihr nach England zurückkehren. Im Auslande war die Vergangenheit meiner Frau für mich von keiner Bedeutung, zu Hause aber war sie mir im Wege. Einer großen Carriere gegenüber, die sich vor mir eröffnete, fand ich mich durch die engsten Bande an eine Frau geknüpft, deren Familie, wie Sie sehr gut wissen, der niedrigsten Gesellschaftsschicht angehört, mit einer Frau, deren Manieren nichts weniger als distinguirt sind, und die nichts Höheres kennt, als ihre Kinderstube, ihre Küche, ihr Piano und ihre Bücher. Ist das eine Frau, die mir dazu verhelfen kann, mir eine angemessene Stellung in der Gesellschaft zu verschaffen, die mir die socialen und politischen Hindernisse hinwegräumen und mir den Weg zum Oberhause bahnen kann? Bei Gott! Wenn je ein Mann Ursache gehabt hat, seine Frau vor den Augen der Welt zu verbergen, wie Sie es nennen, so bin ich es. Und wenn Sie die ganze Wahrheit wissen wollen, nur weil ich sie hier nicht hinreichend verborgen halten kann, will ich dieses Haus verlassen. Sie hat eine verwünschte Art, überall, wohin wir kommen, Bekanntschaften zu machen. Wenn ich noch lange hier bleibe, so wird sie auch hier bald einen Kreis von Freunden um sich versammelt haben, von Freunden, die sich ihrer als der berühmten Opernsängerin erinnern, und die sehen werden, wie ihr schuftiger Schwindler von Vater, sobald ich den Rücken kehre, betrunken in’s Haus kommt, um Geld von ihr zu borgen. Ich sage Ihnen, meine Heirath hat meine Aussichten vernichtet. Es nützt mir nichts, daß man mir von den Tugenden meiner Frau erzählt. Mit all’ ihren Tugenden ist sie für mich nur ein Block am Bein. Wenn ich nicht ein Schwachkopf gewesen wäre, hätte ich gewartet und eine Frau geheirathet, die mir etwas hätte nützen können; eine Frau von vornehmer Familie —.«

Kendrew unterbrach seinen Wirth, indem er ihm plötzlich die Hand auf den Arm legte, mit den Worten: »Um es kurz zu machen, eine Frau wie Lady Jane Parnell.«

Vanborough stutzte. Zum ersten Mal wichen seine Blicke denen seines Freundes aus.

»Was wissen Sie von Lady Jane?« fragte er.

»Nichts. Ich Verkehre nicht mit Lady Janes Gesellschaft, – aber ich besuche bisweilen die Oper, und da habe ich Sie gestern Abend mit ihr in ihrer Loge sitzen gesehen und mit angehört, was im Parquet um mich her gesprochen wurde. Man sprach ungenirt von Ihnen als dem Begünstigten, den Lady Jane vor allen andern Männern auszeichnet. Sagen Sie sich selbst, was daraus entstehen müßte, wenn Ihrer Frau das zu Ohren käme. Sie thun Unrecht, Vanborough, in jeder Weise Unrecht, Sie beunruhigen Sie betrüben mich. Ich habe diese Erklärung nicht gesucht, aber jetzt, wo ich dazu gedrängt worden bin, mich auszusprechen, scheue ich mich nicht, meine ganze Meinung zu sagen. Prüfen Sie selbst Ihr Benehmen, bedenken Sie als gewissenhafter Mann, was Sie gegen mich geäußert haben, sonst kann ich nicht länger Ihr Freund sein. Nein! Ich wünsche jetzt nicht weiter über die Sache zu reden. Wir ereifern uns Beide und würden uns zu Aeußerungen hinreißen lassen, die besser unausgesprochen bleiben. Noch einmal, lassen Sie uns von etwas Anderem reden. Sie schrieben mir, daß Sie meine Gegenwart heute wünschten, weil Sie meines Raths in einer wichtigen Angelegenheit bedürfen. Um was handelt es sich?«

Es entstand eine Pause. In Vanboroughs Zügen verrieth sich eine gewisse Verlegenheit Er schenkte sich ein zweites Glas Wein ein und leerte es aus einen Zug, bevor er antwortete.

»Nach der Art, wie Sie mit mir über meine Frau gesprochen haben, ist es nicht ganz leicht für mich Ihnen zu sagen, um was es sich handelt«

Kendrew sah ihn erstaunt an. »Betrifft die Sache Mrs. Vanborough?« fragte er.

»Ja«

»Weiß sie davon?«

»Nein.«

»Haben Sie die Sache um ihretwillen bis jetzt geheim gehalten?«

»Ja«

»Habe ich ein Recht, Ihnen dabei einen Rath zu ertheilen?«

»Sie haben das Recht eines alten Freundes.«

»Warum geh’n Sie dann nicht offen mit der Sprache heraus?«

Vanborough war ersichtlich wieder verlegen. »Sie erfahren«, antwortete er, »die Sache besser aus dem Munde eines Dritten, den ich hier jeden Augenblick erwarte. Er kennt alle in Betracht kommenden Thatsachen ganz genau und kann sie Ihnen besser mittheilen, als ich.«

»Und wer ist dieser Dritte?

»Mein Freund Delamayn.«

»Ihr Advokat?«

»Ja, der jüngere Associé in der Firma Delamayn, Hawke und Delamayn. Kennen Sie ihn?«

»Oberflächlich. Die Familie seiner Frau war vor seiner Verheirathung mit der meinigen befreundet. Ich mag ihn nicht.«

»Sie sind heute schwer zu befriedigen. Wenn je ein Mensch eine große Zukunft vor sich hatte, so ist es Delamayn. Ein Mann, vor dem sich eine bedeutende Carriére eröffnet und der die nöthige Energie hat, um sie zu verfolgen. Er ist im Begriff, aus der Firma auszutreten und sein Glück als plaidirender Advokat zu versuchen. Jedermann ist überzeugt, daß er es weit bringen wird. Was haben Sie gegen ihn?«

»Durchaus nichts. Es begegnet ja uns Allen, daß wir Menschen schon bei der ersten Bekanntschaft nicht mögen, ohne uns über unsere Antipathie Rechenschaft geben zu können. Und so geht es mir mit Delamayn, ich mag ihn nicht, ohne recht zu wissen, warum.«

»Und doch müssen Sie sich ihn heute Abend gefallen lassen, er wird gleich hier sein.«

Und in demselben Augenblick öffnete der Diener die Thür und meldete: – Mr. Delamayn.«




III


Schon in der äußeren Erscheinung des Mr. Delamayn kündigte sich der Mann an, der seinen Weg im Leben unbeirrt zu verfolgen entschlossen ist. Sein bartloses Gesicht mit den scharfen Zügen, seine klaren grauen Augen, seine dünnen, fest geschlossenen Lippen sprachen deutlich: »Ich bin entschlossen, in der Welt fortzukommen; und, wenn Ihr mir im Wege seid, so müßt Ihr mir gutwillig oder mit Gewalt weichen.«

Mr. Delamayn war in der Regel gegen Jedermann höflich, aber kein Mensch hatte ihn je, auch nicht zu seinem besten Freunde, ein einziges überflüssiges Wort sagen hören. Er war ein Mann von seltener Begabung, ein Mann von nach den Gesetzen der Welt unbescholtenem Ruf, aber kein Mann, dem man vertraulich hätte die Hand reichen mögen. Es wäre Niemandem zu rathen gewesen, sich wegen eines Darlehns an ihn zu wenden, aber unbedenklich hätte man ihm eine Summe ungezählten Goldes anvertrauen dürfen. In Verlegenheiten privater und persönlicher Natur würde man Anstand genommen haben, ihn um seinen Beistand zu bitten; aber bei Verlegenheiten, die sich zu einer öffentlichen Verhandlung eigneten, würde Jeder sich gern an Delamayn gewandt und gesagt haben: »Das ist mein Mann« Er war ein Mann des sichern Erfolgs, man brauchte ihn nur anzusehen, um davon überzeugt zu sein.

»Mr. Kendrew ist einer meiner ältesten Freunde«, sagte Mr. Vanborough, zu dem Advokaten gewandt. »Was Sie mir auch zu sagen haben, sprechen Sie es ruhig vor ihm aus. Nehmen Sie ein Glas Wein?«

»Nein, ich danke.«

»Bringen Sie mir etwas Neues?«

»Ja.«

»Haben Sie die Gutachten der beiden von uns consultirten Advokaten bei sich?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Weil wir ihrer nicht bedürfen. Wenn die von Ihnen angegebenen Thatsachen richtig sind, so kann über die Anwendbarkeit des betreffenden Gesetzes auf dieselben nicht der geringste Zweifel obwalten.«

Mit diesen Worten zog Mr. Delamayn ein Schriftstück aus der Tasche und legte es vor sich auf den Tisch.

»Was ist das?« fragte Mr. Vanborough.

»Die schriftliche Darlegung der Ihre Verheirathung begleitenden Umstände.«

Mr. Kendrew stutzte und fing erst jetzt an, sich für die Unterhaltung zwischen Vanborough und seinem Advokaten zu interessiren, von der er bisher keine Notiz genommen hatte.

Mr. Delamayn sah ihn einen Augenblick an und fuhr dann fort:

Es ist die Darlegung Ihres Falls, wie Sie ihn selbst vorgetragen haben und wie ihn unser erster Schreiber zu Papier gebracht hat.«

»Wozu soll uns das jetzt noch nützen? fragte Vanborough; »Sie haben ja die nöthigen Erkundigungen über die Nichtigkeit meiner Angaben eingezogen, nicht wahr?«

»Und haben gefunden, daß ich im Rechte bin?«

»Ich habe gefunden, daß Sie im Rechte sind, wenn die hier niedergeschriebenen Angaben richtig sind. Ich möchte mich darüber vergewissern, daß kein Mißverständnis; zwischen Ihnen und meinem Schreiber stattgefunden hat. Es handelt sich hier um eine sehr ernste Angelegenheit. Ich soll die Verantwortlichkeit für eine von mir auszusprechende Ansicht übernehmen, die zu den nachhaltigsten Consequenzen führen kann, und ich wünsche mir daher, vor allen Dingen die feste Ueberzeugung zu verschaffen, daß meine Ansicht unbestreitbare Thatsachen zu ihrer Grundlage hat. Ich muß einige Fragen an Sie richten. Bitte, werden Sie nicht ungeduldig, es soll nicht lange dauern.«

Er blickte auf das vor ihm liegende Schriftstück und fing an zu fragen.

»Sie wurden vor dreizehn Jahren in Inchmallok in Irland getraut?

»Ja«

»Ihre Frau, damals Miß Anne Silvester, war katholisch?«

»Ja«

»Die Eltern Ihrer Frau waren gleichfalls katholisch?«

»Ihre Eltern gehörten der englischen Hochkirche an und Sie wurden auf den Glauben dieser Kirche getauft und in demselben erzogen?«

»Vollkommen richtig.«

»Miß Anne Silvester weigerte sich, Sie zu heirathen, weil sie zu einer andern Kirche, als Sie, gehörte?«

»So ist es.«

»Sie überwanden ihre Bedenken durch Ihre Bereitwilligkeit, zum Katholicismus überzutreten?«

»Es war der sicherste Weg, sie zu einer Verbindung mit mir zu bestimmen, und mir war die Sache gleichgültig.«

Sie wurden förmlich in den Schooß der katholischen Kirche aufgenommen?«

»Ich machte alle dazu erforderlichen Ceremonien durch.«

»Im Ausland oder in England?«

»Im Ausland.«

»Wie lange vor dem Tage Ihrer Heirath fand Ihr Uebertritt statt?«

»Sechs Wochen.«

Den Blick fortwährend auf das Schriftstück geheftet, verglich Mr. Delamayn diese letzte Antwort Vanborough’s besonders genau mit der desfallsigen von dem Schreiber aufgenommenen Angabe.

»Ganz in Ordnung«, sagte er, und fuhr fort zu fragen.

»Der Priester, der Sie traute, war ein gewisser Ambrosius Redman, ein junger Mann, der sein Amt erst seit kurzer Zeit übernommen hatte?«

»Fragte er Sie, ob Sie beide katholisch seien?«

»Ja.«

»That er noch weitere Fragen?

»Nein.«

»Sind Sie ganz sicher, daß er Sie nicht gefragt hat, ob Sie beide, bevor Sie sich von ihm trauen ließen, seit länger als einem Jahr katholisch seien?«

»Vollkommen sicher.«

»Dann muß er einen Theil seiner Obliegenheiten vergessen haben, oder hat sie vielleicht als Anfänger gar nicht gekannt. Fiel es weder Ihnen, noch Ihrer Braut ein, ihn über diesen Punkt aufzuklären?

Weder meine Braut noch ich wußten, daß es einer Aufklärung bedürfe.«

Mr. Delamayn faltete das Schriftstück zusammen und steckte es wieder in die Tasche.

»Es stimmt«, sagte er, »bis in die kleinsten Einzelheiten.«

Vanborough’s dunkelfarbiger Teint vermochte doch eine gewisse Blässe nicht zu verbergen. Er sah Kendrew verstohlen an und wandte sich dann wieder ab.

»Nun«, sagte er zu Mr. Delamayn; »bitte ich um Ihre Ansicht. Was sagt das Gesetz?«

»Die Bestimmungen des Gesetzes«, antwortete dieser, »sind vollkommen klar und unzweideutig. Ihre Heirath mit Miß Anne Silvester ist null und nichtig.«

Kendrew sprang auf.

»Was wollen sie damit sagen?« fragte er finster.

Der Advokat sah ihn mit höflichem Erstaunen an. Wenn Mr. Kendrew eine Auskunft wünschte, warum erbat er sie sich in diesem Ton? »Wünschen Sie eine nähere Mittheilung über die Bestimmungen des Gesetzes?« fragte er.

»Allerdings.«

Mr. Delamayn gab nun den Inhalt des Gesetzes an, wie es noch heutigen Tages zur Schande der englischen Gesetzgebung und der englischen Nation besteht.

»Durch ein irisches Statut Georg’s II.«, sagte er, wird jede von einem katholischen Priester vollzogene Heirath zwischen zwei Protestanten oder einem Katholiken und einer Person, die innerhalb der letzten zwölf Monate vor der Heirath Protestant gewesen ist, für null und nichtig erklärt. Und in Gemäßheit zweier anderer, unter derselben Regierung erlassenen Acte macht sich der Priester, der eine solche Heirath vollzieht, eines schweren Verbrechens schuldig. Für die irische Geistlichkeit der übrigen Confessionen sind diese Bestimmungen aufgehoben, für die katholischen Priester aber bestehen sie unveränderlich fort.«

»Das ist ja ein in unserer Zeit undenkbarer Zustand der Dinge!« rief Kendrew aus.

Delamayn lächelte. Die Illusion, daß wir in einem besonders erleuchteten Zeitalter leben, bestand für ihn schon lange nicht mehr.

»Das irische Ehegesetz«, fuhr er fort, »erscheint noch in anderen Beziehungen als eine merkwürdige Anomalie. Ein katholischer Priester macht sich, wie gesagt, eines schweren Verbrechens schuldig, wenn er eine Heirath vollzieht, die von einem Geistlichen jeder anderen Confession mit vollkommen gesetzlicher Gültigkeit vollzogen werden könnte. Nach einem anderen Gesetz kann ein katholischer Priester mit gesetzlicher Gültigkeit eine Heirath vollziehen, durch deren Vollziehung ein Geistlicher einer anderen Confession sich eines Verbrechens schuldig machen würde. Und nach noch einem anderen Gesetz begehen ein presbyterianischer und ein nonconformistischer Geistlicher ein Verbrechen, wenn sie eine Heirath vollziehen, die ein Geistlicher der Staatskirche ohne Anstand vollziehen dürfte. Ein sonderbarer, in den Augen von Ausländern vielleicht scandalöser Zustand der Dinge! In England scheint man keinen Anstoß daran zu nehmen. Um auf unseren Fall zurückzukommen, steht es damit so: Mr. Vanborough ist ein unverheiratheter Mann, Mrs. Vanborough ist ein unverheirathetes Frauenzimmer, ihr Kind ist ein uneheliches, und der Priester Ambrosius Redman hat die auf das Verbrechen ihrer Trauung stehende gesetzliche Strafe verwirkt.«

»Ein schmachvolles Gesetz« sagte Kendrew.

»Aber ein Gesetz«, lautete die ganze Antwort Delamayn’s.

Bis jetzt hatte Vanborough noch kein Wort geäußert. Mit fest geschlossenen Lippen, die Augen unverwandt aus den Tisch geheftet, saß er da. Nach einer Pause wandte sich Kendrew an ihn und brach das Schweigen mit der Frage! »Bezog sich der Rath, den Sie von mir wünschten, auf diese Angelegenheit?«

»Ja.«

»Soll ich das dahin verstehen, daß Sie in der Voraussicht dieser Conferenz und ihres möglichen Ergebnisses noch irgend welche Zweifel über das Verfahren, das Sie einzuschlagen verpflichtet sind, hegten? Soll ich wirklich glauben, daß Sie einen Augenblick zaudern können, diesen schrecklichen gesetzlichen Mangel Ihrer Ehe zu beseitigen und die Frau, die Ihr Weib vor Gott ist, auch vor dem Gesetz zu ihrem Weibe zu machen?«

»Wenn Sie die Sache in diesem Lichte auffassen, wenn Sie keine Rücksicht darauf nehmen wollen —«

»Ich wünsche eine präcise Antwort, auf meine Frage, Ja oder Nein.«

»Lassen Sie mich reden, wenn ich bitten darf; jeder Mensch hat doch wohl das Recht, sich über seine Intentionen zu erklären?«

Kendrew unterbrach ihn durch eine Handbewegung, in der sich der Abscheu, der ihn erfüllte, deutlich aussprach. »Ich will Sie der Mühe weiterer Erklärungen überheben«, sagte er, »indem ich Ihr Haus verlasse. Sie haben mir eine Lehre gegeben, die ich nicht vergessen werde. Ich weiß jetzt, daß ein Mensch den andern von Jugend auf gekannt und sich doch vollständig in ihm geirrt haben kann. Ich schäme mich, jemals Ihr Freund gewesen zu sein. Von diesem Augenblick an sind Sie für mich ein Fremder.« Mit diesen Worten verließ er das Zimmer.

»Ein sonderbar aufgeregter Mann«, bemerkte Mr. Delamayn. »Ich bitte jetzt doch um ein Glas Wein.«

Vanborough erhob sich, ohne Notiz von Delamayn’s Worten zu nehmen, und ging ungeduldig im Zimmer auf und ab. Bei aller Niedrigkeit seiner Gesinnung machte ihn doch der Verlust seines ältesten Freundes einen Augenblick stutzig.«

»Das ist ’ne verfluchte Geschichte, Delamayn«, sagte er. »Was würden Sie mir rathen zu thun?«

Delamayn schüttelte den Kopf und schlürfte ruhig seinen Rothwein. »Ich muß mich jedes Raths in dieser Sache enthalten«, antwortete er. »Ueber die Feststellung der Anwendbarkeit des bestehenden Gesetzes auf Ihren Fall hinaus, übernehme ich keinerlei Verantwortlichkeit.«

Vanborough setzte sich wieder an den Tisch, um sich den verhängnißvollen Schritt einer Lösung seiner ehelichen Bande nochmals zu überlegen. Bis jetzt hatte er zu einer solchen Erwägung nicht viel Zeit gehabt. Hätte er nicht so lange auf dem Continent gelebt, so wäre ihm die Frage des gesetzlichen Mangels seiner Ehe vielleicht längst nahe getreten. Nun aber war sie erst bei Gelegenheit einer im Laufe dieses Sommers zufällig stattgehabten Unterhaltung mit Delamayn vor ihm aufgetaucht.

So saßen beide Männer eine Weile schweigend da. Das Schweigen wurde erst durch das Erscheinen eines Dieners im Eßzimmer unterbrochen.

Vanborough sah auf und brach in die ärgerlichen Worte aus: »Was willst Du hier?«

Der so Angeredete war ein wohlerzogener englischer Diener, mit andern Worten eine menschliche Maschine, die, einmal aufgezogen, unbeirrt ihre Functionen vollzieht. Er hatte gewisse Worte zu sagen und sagte sie.

»Es hält eine Dame vor der Thür, Herr, die das Haus zu besehen wünscht.«

»Das Haus ist zu dieser späten Abendstunde nicht zu besehen.«

Die Maschine hatte eine Bestellung auszurichten und richtete sie aus.

»Die Dame läßt sich entschuldigen, Herr. Ich soll bestellen, daß sie sehr eilig sei. Dieses Haus sei das letzte auf der Liste ihres Hausmaklers, und ihr Kutscher, der die Gegend nicht kenne, habe ungeschickter Weise den Weg verfehlt.«

»Halt’s Maul! und sag’ der Dame, sie soll zum Teufel gehen.«

Delamayn legte sich, theilweise im Interesse seines Clienten, theilweise aus Schicklichkeitsgefühl in’s Mittel.

»Sie legen«, sagte er, »glaub’ ich, einigen Werth darauf, dieses Haus zu vermiethen.«

»Gewiß thue ich das!«

»Thun Sie unter diesen Umständen Recht, einer augenblicklichen Verstimmung wegen sich die Gelegenheit, vielleicht einen Miether zu finden, entgehen zu lassen?«

»Recht oder nicht, es ist unerträglich, sich von einem Fremden stören zu lassen.«

»Wie Sie wollen, ich denke nicht daran, mich in Ihre Angelegenheiten zu mischen. Ich will Sie nur noch bitten, bei Ihrem Entschluß auf mich als Ihren Gast keine Rücksicht zu nehmen.«

Der Diener stand noch immer unbeweglich wartend da. Vanborough gab widerwillig nach. »Nun gut, laß sie hereinkommen. Aber sorge dafür, daß, wenn sie hier an’s Zimmer kommt, sie nur hineinsieht und gleich weiter geht. Wenn sie Fragen zu thun hat, muß sie sich an ihren Makler wenden.«

Delamayn ergriff abermals das Wort, diesmal im Interesse der Frau vom Hause. »Scheint es Ihnen nicht gerathen, Vanborongh um ihre Meinung zu fragen, bevor Sie sich entscheiden?

»Wo ist Mrs. Vanborough?«

»Im Garten oder im Park, Herr, ich weiß es nicht; ganz gewiß.«

»Ich kann sie nicht erst überall suchen lassen. Sag’ dem Hausmädchen Bescheid und führe die Dame in’s Haus.«

Der Diener ging hinaus. Delamayn schenkte sich ein zweites Glas Wein ein.

»Vortrefflicher Rothwein!« sagte er. Beziehen Sie ihn direct von Bordeaux?«

Vanborough antwortete nicht. Er war wieder in Gedanken über seine Sitution versunken. Er hatte den Kopf auf die eine Hand gestützt, während er an den Nägeln der andern nagte, und zwischen den Zähnen murmelte: »Was soll ich thun?« In diesem Augenblick ließ sich das Rauschen eines seidenen Kleides auf dem Corridor vernehmen. Die Thür öffnete sich, und die Dame, welche das Haus besehen wollte, trat in das Eßzimmer.




IV


Die Dame war von schlankem Wuchs und sehr eleganter Erscheinung, höchst geschmackvoll in prächtige Stoffe, aber einfach gekleidet. Ueber dem Gesicht hing ihr ein leichter Sommerschleier. Sie lüftete denselben und entschuldigte sich in der ungezwungenen Weise einer vornehmen Frau dafür, daß sie die Herren beim Nachtisch störe.

»Verzeihen Sie mir, bitte, daß ich zu so ungelegener Zeit bei Ihnen eindringe. Aber ich brauche nur einen Blick in das Zimmer zu thun, um Sie dann nicht weiter zu belästigen.«

Diese Worte hatte sie an Mr. Delamayn gerichtet, der ihr zufällig zunächst stand. Als sie aber den Blick über das Zimmer schweifen ließ, fiel ihr Auge auf Vanborough. Sie stutzte mit einem lauten Ausruf des Erstaunens.

»Sie!« sagte sie. »Guter Gott! Wer hätte denken sollen, daß ich Sie hier treffen würde?

Vanborough seinerseits stand wie versteinert da.

»Lady Jane!« rief er aus. »Ist es möglich ?«

Dabei aber sah er sie kaum an. Mit Blicken, in denen sich sein Schuldbewußtsein nur zu deutlich malte, sah er nach der Gartenthür. Er mußte sich sagen, daß seine Situation gleich schrecklich wäre, wenn seine Frau erfuhr, wer Lady Jane sei, oder wenn Lady Jane erfuhr, daß er ein verheiratheter Mann sei.

Im Augenblick war Niemand im Garten sichtbar. Wenn ihm das Glück nur irgend günstig war, so mußte es ihm gelingen, Lady Jane noch rechtzeitig zum Fortgehen zu bewegen. Sie, die keine Ahnung von dem wahren Sachverhalt hatte, reichte ihm freundlich die Hand.

»Heute zum ersten Mal muß ich an Magnetismus glauben«, sagte sie, »Unsere Begegnung ist ein Beweis des Wirkens geheimnißvoller Kräfte, Mr. Vanborough. Eine kranke Freundin wünscht ein möblirtes Haus in Hampstead, ich übernehme es, ein solches Haus für sie zu suchen, und an dem Tage, wo ich nach langem Umherfahren das letzte auf meiner Liste stehende Haus betrat, essen Sie zufällig in demselben bei einem Freunde zu Mittag. Merkwürdig. »Ich vermuthe«, fuhr sie zu Mr. Delamayn gewandt, fort, daß ich die Ehre habe, in Ihnen den Eigenthümer des Hauses zu begrüßen.« Noch bevor einer der Herren ein Wort antworten konnte, fiel ihr Blick auf den Garten. »Was für reizende Anlagen! Aber sehe ich da nicht eine Dame im Garten? Ich hoffe, ich habe sie nicht vertrieben.« Sie sah sich um und wandte sich an Vanborough mit der Frage: »Vermuthlich die Frau Ihres Freundes?« und wartete dieses Mal auf eine Antwort.«

Was konnte Vanborough in seiner augenblicklichen Situation antworten?

Mrs. Vanborough hatte sich dem Hause bereits so weit genähert, daß man deutlich hören konnte, wie sie im Tone der Frau vom Hause einem der Gartenarbeiter ihre Ordres gab. Wenn er gesagt hätte, daß sie nicht die Frau seines Freundes sei, so würde Lady Jane unzweifelhaft weiter gefragt haben, wer sie denn sei.

Eine Ausflucht zu erfinden würde Zeit gekostet und seiner Frau Gelegenheit gegeben haben, Lady Jane’s Anwesenheit zu entdecken. Vanborough, der diese Schwierigkeiten mit dem raschen Scharfblick eines Verzweifelten überschaute, ergriff den kürzesten und kühnsten Weg der furchtbaren Verlegenheit zu entgehen. Er beantwortete Lady Jane’s Frage bejahend mit einem schweigenden Kopfnicken, durch welches er seine Frau, in der Hoffnung, daß Delamayn nichts davon merken werde, rasch zu dessen Frau machte.

Aber dem scharfen Auge Delamayn’s war das bedeutungsvolle Kopfnicken Vanborough’s nicht entgangen.

»Er hielt zwar die erste Regung des Erstaunens über das, was sich Vanborough gegen ihn erlaubte, zurück, begriff aber sofort, daß hier ein falsches Spiel gespielt werde und daß Vanborough den keinen Augenblick zu duldenden Versuch mache, ihn in die Sache zu verwickeln. Entschlossen, seinen Clienten in’s Gesicht Lügen zu strafen, trat er auf denselben zu. Die gesprächige Lady Jane unterbrach ihn, noch ehe er den Mund öffnen konnte.

»Dürfte ich mir eine Frage erlauben? Liegt das Haus nach Süden? Ach gewiß, ich sehe es ja aus dem Stand der Sonne. Diese und die beiden andern Zimmer die ich gesehen habe, sind wohl die einzigen zu ebner Erde. Und ist es ruhig hier? Ach natürlich, ein reizendes Haus. Es wird meiner Freundin sicher viel besser gefallen, als alle die ich bisher gesehen habe. Wollen Sie es mir bis morgen an der Hand lassen?« Hier unterbrach sie ihren Redefluß einen Augenblick, um Athem zu schöpfen und gewährte dadurch Mr. Delamayn zum ersten Mal die Möglichkeit auch seinerseits etwas zu sagen.

»Ich bitte um Vergebung, gnädige Frau«, fing er an. »Ich kann in der That nicht – —«

In diesem Augenblick trat Vanborough von rückwärts dicht an den Advokaten heran und verhinderte ihn weiter zu reden, indem er ihm im Vorübergehen in’s Ohr flüsterte:

»Um Gottes willen widersprechen Sie mir nicht! Meine Frau kommt eben herein!«

Lady Jane aber, die Delamayn noch immer für den Herrn vom Hause hielt, fuhr fort die Hausangelegenheiten zu betreiben, indem sie sagte:

»Sie scheinen zu schwanken, verlangen Sie zuverlässige Auskunft über uns?« Mit einem spöttischen Lächeln forderte sie ihren Freund auf ihr zu Hilfe zu kommen, »Mr. Vanborough!«

Vanborough, der sich ängstlich immer näher an das Fenster heranschlich, entschlossen seine Frau auf jede Weise aus dem Zimmer fern zu halten, schien diese Anrede ganz zu überhören Lady Jane ging ihm nach und klopfte ihm ungeduldig mit dem Sonnenschirm auf die Schulter.

In diesem Augenblick erschien Mrs. Vanborough an der Außenseite der Glasthür.

»Ich störe doch nicht?« fragte sie ihren Mann, nachdem sie Lady Jane einen Augenblick scharf in’s Auge gefaßt hatte. »Die Dame scheint eine alte Bekannte von Dir sein.« Der Ton, in dem sie diese Worte sprach, war vermuthlich in Folge des Schlags mit dem Sonnenschirme so sarkastisch, daß man darauf gefaßt sein mußte, im nächsten Augenblick eine Aeußerung der Eifersucht zu vernehmen.

Lady Jane fühlte sich aber nicht einen Augenblick unangenehm berührt. – Durch ihr vertrautes Verhältniß zu dem Mann ihrer Neigung und durch ihre Stellung als eine vornehme junge Wittwe, durfte sie sich doppelt geschützt glauben. Sie verneigte sich gegen; Mrs. Vanborough mit der vollendeten Höflichkeit der Frauen ihres Standes. Ich habe wohl die Ehre die Frau vom Hause vor mir zu sehen?« sagte sie mit einem graziösen Lächeln.

Mrs. Vanborough verneigte sich kühl, trat in’s Zimmer und antwortete erst dann: »Ja.«

»Wollen Sie mich gefälligst vorstellen«, sagte Lady Jane zu Vanborough gewandt.

Vauborough gehorchte, ohne seine Frau dabei anzusehen und ohne ihren Namen zu nennen.

»Lady Jane Parnell«, sagte er leichthin. »Erlauben Sie mir, Sie an Ihren Wagen zu geleiten«, fügte er hinzu, indem er ihr seinen Arm bot. »Ich will schon dafür sorgen, daß Sie das Haus an der Hand behalten, Sie können mir die Sache getrost überlassen.«

Aber Lady Jane war nicht gewohnt von dannen zu gehen, ohne einen angenehmen Eindruck hinterlassen zu haben, sie verstand es immer und überall, – wenn auch in einer gegen die verschiedenen Geschlechter sehr verschiedenen Weise —, liebenswürdig zu sein. Lady Jane wollte nicht fortgehen, bevor es ihr gelungen war, die eisige Kälte der Hausfrau in eine mildere Stimmung zu verwandeln.

»Ich muß mich wiederholt dafür entschuldigen daß ich zu so ungelegener Zeit hier eingedrungen bin«, sagte sie zu Mrs. Vanborough, »und, wie es scheint, die Behaglichkeit der beiden Herren so unangenehm gestört habe. Mr. Vanborough machte ein Gesicht, als ob er mich hundert Meilen wegwünschte, und Ihr Mann —« bei diesen Worten hielt sie inne und sah auf Mr. Delamayn, »verzeihen Sie, daß ich mich so vertraulich ausdrücke, ich habe noch nicht die Ehre den Namen Ihres Herrn Gemahls zu kennen.«

In sprachlosem Staunen folgte Mrs. Vanborough mit ihrem Blick den Augen Lady Jane’s und ließ denselben auf dem Advokaten ruhen, der ihr persönlich vollkommen fremd war.

Delamayn, der schon lange auf einen Moment harrte, wo er sich erklären könnte, ließ die sich ihm zum zweiten Mal darbietende Gelegenheit diesmal nicht unbenützt vorübergehen.

»Ich bitte um Vergebung«, sagte er, »hier waltet ein Mißverständniß ob, an dem ich völlig unschuldig bin. Ich bin nicht der Mann dieser Dame.«

Jetzt war die Reihe an Lady Jane, erstaunt zu sein. Sie sah Delamayn fragend an, aber vergebens. Er hatte sich aus dem Spiel gezogen und das war ihm genug, er wollte nichts weiter mit der Sache zu thun haben. Er zog sich schweigend in einen entfernten Winkel des Zimmers zurück. Jetzt wandte sich Lady Jane an Vanborough.

»Wenn ich einen Mißgriff gemacht habe«, sagte sie, »so sind jedenfalls Sie verantwortlich dafür. Sie haben meine Frage, ob diese Dame die Frau Ihres Freundes sei, ganz bestimmt bejahend beantwortet.

»Wie?!!« rief Mrs Vanborough laut in finster ungläubigen Tone.

Der angeborene Stolz der großen Dame fing an, die leichte Hülle äußerer Höflichkeit zu durchbrechen.

»Ich kann noch lauter reden, wenn Sie es wünschen«, sagte sie. Ich habe es von Mr. Vanborough daß Sie die Frau jenes Herrn seien.«

Vanborough flüsterte seiner Frau wüthend durch die Zähne die Worte zu: »Die ganze Geschichte ist ein Mißverständnis, geh’ wieder in den Garten.«

Mrs. Vanborough wich einen Augenblick dem Entsetzen über den Ausdruck der furchtbaren Leidenschaftlichkeit und des Schreckens, die sich in den Zügen ihres Mannes walten.

»Wie siehst Du mich an?! Wie sprichst Du mit mir?!«

Er aber wiederholte nur die Worte: »Geh’ in den Garten.«

Lady Jane fing an zu merken, was Delamayn schon einige Minuten früher klar geworden war, daß hier in der Villa in Hampstead etwas nicht in Ordnung sei. Mit der Stellung der Frau vom Hause mußte es unter allen Umständen eine eigenthümliche Bewandtniß haben. Und da das Haus allem Anscheine nach Mr. Vanboroughs Freund gehörte, so mußte dieser Freund, trotz seiner ablehnenden Erklärung, in einer oder der anderen Weise für diese Stellung verantwortlich sein. Von dieser falschen aber sehr natürlichen Voraussetzung ausgehend ließ Lady Jane ihr Auge einen Augenblick auf Mrs. Vanborough mit einem geringschätzig, spöttisch fragenden Ausdruck ruhen, der das schüchternste Weib außer sich gebracht haben würde. Die in diesem Blick liegende Insulte traf die fein empfindende Frau wie ein Stich in’s Herz. Wieder wandte sie sich an ihren Mann, dieses Mal mit der ganz rückhaltlosen Frage:

»Wer ist die Dame da?«

Lady Jane war nicht die Frau, sich durch einen solchen Vorfall einschüchtern zu lassen. Im Vollgefühl ihrer Würde sagte sie:

»Mr. Vanborough, Sie haben mir vorhin angeboten, mich an meinen Wagen zu führen. Ich fange an zu begreifen, daß ich besser gethan hätte, von Ihrem Anerbieten sofort Gebrauch zu machen. Geben Sie mir Ihren Arm, wenn ich bitten darf.

»Halt!« rief Mrs. Vanborough. »Ihre Blicke sprachen Verachtung aus, Ihre Worte lassen nur eine einzige Erklärung zu. Ich bin hier das Opfer einer schändlichen Täuschung, die ich mir noch nicht zu erklären vermag. So viel aber weiß ich gewiß, ich dulde keine Beleidigung in meinem eigenen Hause. Ich verbiete meinem Manne, Ihnen den Arm zu geben!«

»Ihrem Manne?«

Lady Jane sah Vanborough an, Vanborough, den sie liebte, den sie für unverheirathet gehalten hatte, gegen den sie bis zu diesem Augenblick keinen schlimmeren Verdacht gehegt hatte, als daß er die Schwächen seines Freundes zu beschönigen suche.

Mit einem Male waren ihr vornehmer Ton und ihr vornehmes Benehmen verschwunden. Das Gefühl der Beleidigung, die ihr angethan war, die Eifersucht, die sich in ihr regen mußte, wenn diese Frau wirklich Vanborough’s Gattin war, ließ plötzlich die menschliche Natur unverhüllt bei ihr hervortreten. Mit hochgerötheten Wangen und funkelnden Blicken rief sie in hochfahrendem Ton:

»Wenn Sie mir noch etwas zu sagen haben, so thun Sie es gefälligst auf der Stelle. Haben Sie sich der Welt, haben Sie sich mir fälschlich als einen unverheiratheten Mann präsentirt? Ist diese Dame Ihre Frau?«

»Höre sie nur, sieh sie nur an!« rief Mrs. Vanborough gegen ihren Mann gewandt. Aber schaudernd fuhr sie zurück. »Er zaudert«, sagte sie zitternd vor sich hin, »Gerechter Gott, er zaudert.«

Lady Jane wiederholte in strengem Ton ihre Frage:

»Ist diese Dame Ihre Frau?«

Er raffte sich mit dem verzweifelten Muth der Niederträchtigkeit auf und antwortete:

»Nein!«

Mrs. Vanborough wankte und mußte sich an den weißen Fenstervorhängen halten um nicht zu fallen. Sie starrte ihren Mann an und fragte sich: »Wer von uns Beiden ist hier wahnsinnig geworden? er oder ich?«

Lady Jane athmete tief auf: Er war nicht verheirathet, er war nur ein liederlicher Junggeselle und die Liederlichkeit eines Junggesellen ist zwar tadelnswerth aber nicht unbesserlich. Man kann ihm seinen Lebenswandel scharf vorhalten und mit Entschiedenheit darauf bestehen, daß er ihn ändere. Man kann ihm aber dann auch vergeben und ihn heirathen. Mit vollkommen richtigem Tact sprach Lady Jane gegen Vanborough ihre Mißbilligung seines Verhaltens aus, ohne ihm jede Hoffnung für die Zukunft abzuschneiden.

»Ich habe hier eine für mich sehr peinliche Entdeckung machen müssen«, sagte sie zu ihm, »ich muß es Ihnen überlassen, mich dieselbe vergessen zu machen! Leben Sie wohl.«

Der Blick mit dem sie diese Abschiedsworte begleitete, machte Mrs. Vanborough rasend. Sie stürzte an die Thür und versperrte Lady Jane den Weg.

«Nein«, rief sie, »noch dürfen Sie nicht fort von hier.«

Vanborough trat vor, um sich in’s Mittel zu legen. Seine Frau warf ihm einen fürchterlichen Blick der Verachtung zu. »Dieser Mensch lügt«, sagte sie, »ich bin es mir selbst schuldig Ihnen das zu beweisen.« Sie zog an einer neben ihr befindlichen Klingel und hieß den darauf eintretenden Diener ihre Schreibmappe aus dem anstoßenden Zimmer hereinbringen.

Sie verharrte in ihrer Stellung und hielt den Blick fest auf Lady Jane gerichtet, während sie ihrem Manne den Rücken zukehrte Schutzlos und verlassen stand sie da auf den Trümmern ihres ehelichen Glücks, erhaben über den Verrath ihres Mannes, die Gleichgültigkeit des Advokaten und die Verachtung ihrer Nebenbuhlerin In diesem schrecklichen Augenblick erschien sie wie verklärt in dem Glanze ihrer ehemaligen Schönheit. Die große Künstlerin, welcher einstmals in den Tagen ihres Ruhmes, wenn sie fremde Leiden auf der Bühne darstellte, eine athemlose Menge gelauscht hatte, stand jetzt, in ihrem eigenen Leiden größer da als je, während die drei Anwesenden sie athemlos betrachtetem bis sie aufs Neue das Wort ergriff.

Der Diener trat mit der Schreibmappe ein, sie nahm ein Papier aus derselben und reichte es Lady Jane.

»Ich war als Mädchen Opernsängerin und um dem bösen Leumund, dem Frauen in dieser Stellung ausgesetzt sind, zu begegnen, habe ich mich bei meiner Heirath mit diesem Document versehen, das für sich selbst spricht. Selbst in der höchsten Gesellschaft werden. solche Papiere respectirt!«

Lady Jane betrachtete das Document, es war ein Trauschein. Sie erbleichte und winkte Vanborough zu sich heran indem sie ihn fragte: »Wollen Sie mich hintergehen?«

Vanborough wandte sich nach dem Advokaten um, der noch immer in seinem Winkel saß und mit unerschütterlicher Ruhe der Dinge harrte, die da kommen würden. »Darf ich Sie bitten einen Augenblick herzukommen«, sagte er.

Delamayn erhob sich und trat heran. Jetzt wandte sich Vanborough an Lady Jane und sagte:

»Wenden Sie sich gefälligst an meinen Advokaten der kein Interesse dabei haben kann, Sie zu hintergehen.«

»Ich werde mich auf eine Darlegung des Thatbestandes beschränken«, sagte dieser, »und würde jede weitere Erklärung ablehnen müssen.«

»Mehr wird auch nicht von Ihnen verlangt.«

Mrs. Vanborough, die diesem kurzen Gespräch mit der gespanntesten Aufmerksamkeit gefolgt war, trat jetzt schweigend einen Schritt vor. Der stolze Muth, der sie der offenen Insulte gegenüber beseelt hatte, verließ sie, als sie inne ward, daß eine ungeahnte Enthüllung über sie hereinzubrechen drohe. Eine namenlose Angst bemächtigte sich ihrer.

Lady Jane überreichte dem Advokaten den Trauschein.

»Beantworten Sie mir bitte«, sagte sie ungeduldig, »kurz die Frage, was bedeutet dieser Schein?«

»Ganz kurz, gnädige Frau«, antwortete Delamayn, »dieser Schein ist ein werthloses Stück Papier.«

»Er ist also nicht verheirathet?«

»Nicht verheirathet.«

Nach einer kurzen Pause warf Lady Jane der schweigend neben ihr stehenden Mrs. Vanborough einen durchdringenden Blick zu und fuhr entsetzt zurück. »Bringen Sie mich fort«, rief sie mit dem Ausdruck des Schauders vor dem geisterhaft bleichen Antlitz mit den starren unheimlich funkelnden Augen, das ihr gegenüber stand. »Bringen Sie mich fort von hier, das Weib will mir an’s Leben!«

Mr. Vanborough reichte ihr seinen Arm und führte sie hinaus. Im Zimmer herrschte Todtenstille. Mrs Vanborough folgte den Fortgehenden mit demselben furchtbar starren Blick, bis sich die Thür hinter ihnen schloß. Der Advokat, der sich nun mit der verleugneten und verlassenen Frau allein befand, legte den werthlosen Schein schweigend auf den Tisch. Eine kurze Weile hatte sie abwechselnd auf den Schein und auf ihn geblickt, als sie plötzlich, ohne einen Schrei auszustoßen und ohne daß sie einen Versuch gemacht hätte, sich aufrecht zu erhalten, bewußtlos dicht vor ihm zu Boden sank.

Er hob sie auf und legte sie, in der Erwartung, daß Vanborough gleich wieder kommen werde, auf das Sopha. Bei dem Anblick ihres, noch in diesem Zustande der Bewußtlosigkeit schönen Gesichts, mußte selbst dieser Mann in seiner unerschütterlichen Kälte sich gestehen, daß ein hartes Schicksal diese Frau betroffen habe.

Aber die Verantwortlichkeit dafür hatte allein das Gesetz zu tragen.

Draußen ließ sich das Rollen eines Wagens vernehmen. Lady Jane fuhr weg. Delamayn fragte sich, ob der Mann dieser unglücklichen Frau zurückkommen werde; der Mann dieser Frau! So mächtig ist die Gewohnheit, selbst Delamayn sah trotz des Gesetzes und des eben Vorgefallenen noch immer in Vanborough den Mann dieser Frau.

Aber er kam nicht! Eine Minute nach der andern verging und noch immer erschien er nicht.

Es schien nicht gerathen, das Haus zu arlarmiren. Nur ungern mochte er allein die Verantwortlichkeit dafür übernehmem daß die Dienstboten von Dem, was vorgefallen war, Kenntniß erhielten. Aber noch immer lag sie bewußtlos da. Die kühle Abendluft drang durch das geöffnete Fenster in’s Zimmer und bewegte die leichten Bänder ihrer Spitzenhaube und die kleine Haarlocke, die sich gelöst hatte und auf den Hals herabhing. Da lag sie, das Weib, das Vanborough geliebt hatte, die Mutter seines Kindes.

Endlich mußte Delamayn sich entschließen, Hilfe herbeizurufen. Aber in dem Augenblick, wo er sich anschickte, die Glocke zu ziehen, wurde die Stille dieses Sommerabends noch einmal unterbrochen. Wieder ließ sich das Rolleii eines Wagens vernehmen, der sich rasch dein Hause näherte und plötzlich hielt.

War es Lady Jane, die zurückkam?

War es Vanborough?«

Die Hausglocke wurde stark angezogen, die Thür öffnete sich rasch und das Rauschen weiblicher Kleidung ließ sich auf dem Corridor vernehmen. Die Thür des Zimmers öffnete sich und eine Dame trat ein. Nicht Lady Jane, sondern eine Fremde, die um viele Jahre älter war, als Lady Jane. Eine Frau, die vielleicht zu andern Zeiten häßlich erschienen wäre, die aber jetzt in der Freude, die ihr Gesicht. verklärte, fast schön aussah.

Bei dem Anblick der bewußtlosen Gestalt auf dem Sopha eilte sie mit einem Schrei des Entsetzens auf dieselbe zu. Sie sank auf die Knie, drückte. das hilflose Haupt an ihr Herz und bedeckte die kalten, bleichen Wangen mit schwesterlichen Küssen.

»O, mein Herz!« rief sie, müssen wir uns so wiedersehen?«


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Ja, nach den langen, seit dem Abschiede in der Schiffskajüte verflossenen Jahren, sahen sich die beiden Schulfreundinnen zum ersten Male so wieder.




Zweiter Theil.

Der Gang der Ereignisse





V


Das Vorspiel geht von dem Zeitpunkt der zuletzt geschilderten Begebenheiten im Sommer 1855 zu einem zwölf Jahre späteren Zeitpunkt über, nachdem die Erlebnisse der mit dem Trauerspiel in der Villa zu Hampstead verknüpften Personen rasch vor den Augen des Lesers vorüber geführt sind, und derselbe bis an die Schwelle der Erzählung, die im Frühjahr 1868 beginnt, geleitet sein wird.


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Zu melden ist zunächst die Verheirathung des Mr. Vanborough mit Lady Jane Parnell. – — Drei Monate nach jenem denkwürdigen Tage konnte Vanborough, nachdem er von seinem Advokaten die Gewißheit erlangt hatte, daß er ein freier Mann sei und daß die Gesetzgebung Großbritanniens seinen schmählichen Verrath sanctionire, die Frau, deren Besitz er erstrebt hatte, sein eigen nennen.

Er wurde in’s Parlament gewählt, er gab, Dank der Stellung seiner Frau, sechs der größten Diners und zwei der fashionabelsten Bälle in der Saison; seine erste Rede im Unterhause wurde beifällig aufgenommen; er stiftete eine Kirche in einer armen Gegend der Nachbarschaft; er schrieb einen Artikel in einer Vierteljahrsschrift, der die allgemeine Aufmerksamkeit aus sich zog; er entdeckte und denuncirte einen schreienden Mißbrauch in der Verwaltung einer öffentlichen Wohlthätigkeitsanstalt und bewirkte dessen Abstellung; er konnte – ebenfalls Dank der Stellung seiner Frau – während der Herbstferien auf seinem Landhause unter seinen Gästen ein Mitglied der königlichen Familie begrüßen. Das waren seine Triumphe, das seine Fortschritte auf dem Wege zum Oberhause während der ersten Jahre seiner Ehe mit Lady Jane.

Es gab nur noch eine Gunst, welche das Glück seinem Schooßkind gewähren konnte, und auch diese Gunst gewährte es ihm. So lange die Frau, die er verleugnet und verlassen hatte, am Leben war, haftete ein Makel an Vanborough’s vergangenem Leben. Gegen Ende des ersten Jahres aber starb diese Frau und der Makel war getilgt.

Sie hatte die ihr angethane schimpfliche Beleidigung mit seltener Geduld, mit bewundernswerthem Muthe hingenommen. Man darf Vanborough die Anerkennung nicht versagen, daß er ihr Herz unter strengster Beobachtung der Gebote der Schicklichkeit brach. Er ließ ihr durch seinen Advokaten ein sehr anständiges Jahrgehalt für sie und ihre Tochter anbieten. Sie lehnte das Anerbieten, ohne sich einen Augenblick zu bedenken, ab. Sie wollte weder seinen Namen mehr tragen, noch sein Geld annehmen. Unter dem Namen, den sie als Mädchen getragen und der sie in der Kunstwelt berühmt gemacht hatte, waren Mutter und Tochter von nun an allen Denen bekannt, die es noch der Mühe werth hielten, sich um sie zu kümmern, seit sie in stiller Verborgenheit lebten.

Es war kein falscher Stolz in dieser Haltung, zu der sie sich entschloß, nachdem ihr Gatte sie verlassen hatte. Mrs. Silvester, wie sie sich jetzt nannte, nahm die Unterstützung der theuren alten Freundin, die sie in ihrem Unglück wiedergefunden hatte, und die ihr bis an das Ende ihres Lebens treu blieb, für sich und ihre Tochter Anne dankbar an.

Sie lebten bei dieser Freundin Lady Lundie, bis Mrs. Silvester sich stark genug fühlte, ihren künftigen Lebensplan, ihr Brot als Gesanglehrerin zu verdienen, zur Ausführung zu bringen. Dem äußern Anschein nach erholte sie sich und war nach Verlauf weniger Monate wieder ganz die Alte. Sie kam in ihrem neuen Beruf sehr gut fort, überall erwarb sie sich Sympathie, Vertrauen und Achtung, als plötzlich im Beginn ihrer neuen Laufbahn ihre Kräfte zu schwinden anfingen. Niemand wußte sich ihren Zustand zu erklären. Selbst die Aerzte waren verschiedener Ansichten. Medicinisch gesprochen, war kein Grund dieser verzehrenden Krankheit erfindlich, und für die Männer der Wissenschaft war es eine reine Redensart, wenn Lady Lundie erklärte, ihre Freundin habe den Todesstoß an dem Tage erhalten, wo ihr Gatte sie verlassen habe. Fest stand nur die Thatsache, die man sich erklären mag wie man will, daß Mrs. Silvester ungeachtet nicht nur der Anwendung aller physischen Mittel, sondern auch des ganzen Aufgebots ihrer Energie und des muthigen Entschlusses, für ihr Kind zu leben, hinsiechte und starb.

In den letzten Tagen ihrer Krankheit fing ihre Geisteskraft nachzulassen an. Die Jugendfreundin, die an ihrem Bette saß, hörte sie reden, als ob sie sich in jene Stunde des Abschieds in der Schiffskajüte zurückversetzt glaube. Die arme Sterbende hatte in ihrer Stimme wieder den Ton und in ihrem Auge fast wieder den Blick, wie in jener Stunde, in der die beiden Mädchen sich getrennt hatten, um so verschiedene Lebenswege zu betreten. »Liebste Freundin«, sagte sie, »wir wollen uns mit all’ der alten Liebe im Herzen wiedersehen«, und sprach diese Worte genau in demselben Ton, wie sie diese vor fast einem Menschenalter gesprochen hatte. Aber vor ihrem Ende erlangte sie wieder ein völlig klares Bewußtsein. Sie überraschte den Arzt und die Wärterin durch die freundlich ausgesprochene Bitte, das Zimmer zu verlassen. Als sie und Lady Lundie allein waren, sah sie diese an, als ob sie plötzlich aus einem Traum erwache und sich ihres Zustandes wieder klar bewußt werde.

»Blanche!« sagte sie, »willst Du Dich meines Kindes annehmen?«

»Sie soll mein Kind sein, Anne, wenn Du uns verlassen hast.«

Die Sterbende hielt inne und schien einen Augenblick nachzudenken. Plötzlich fing sie an zu zittern. »Im strengsten Vertrauen«, sagte sie, »ich fürchte für mein Kind.«

»Warum das?«

»Ist nicht Anne mein vollkommenes Ebenbild?«

»Ja.«

»Liebt sie nicht Dein Kind wie ich Dich geliebt habe?«

»Ja.«

»Sie trägt nicht den Namen ihres Vaters, sondern den meinigen. Ist sie nicht Anne Silvester, wie ich es gewesen bin? – Blanche! Wird sie auch enden wie ich?«

Sie that diese Frage mit dem schweren Athem und dem Lallen der Zunge, welche den nahen Tod verkünden. Die Freundin fühlte sich aufs tiefste erschüttert.

»Wie kommst Du auf solche Gedanken?« rief sie entsetzt »Um Gotteswillen, denke so etwas nicht!«

»Die Augen der Sterbenden nahmen wieder den Ausdruck der Bewußtlosigkeit an. Sie versuchte, eine ungeduldige Handbewegung zu machen. Lady Lundie beugte sich über sie und vernahm die kaum hörbar geflüsterten Worte »Richte mich auf!«

Als sie nun in den Armen ihrer Freundin lag und in deren Augen blickte, kam sie wieder auf ihre qualvolle Angst vor dem Schicksal ihres Kindes zurück.

»Laß sie nicht erzogen werden wie ich! Sie muß Gouvernante werden, sie muß ihr Brod verdienen. Laß sie nicht Schauspielerin, nicht Sängerin werden! Laß sie nicht auf die Bühne gehen!« Sie hielt inne, aber plötzlich fügte sie mit einem Lächeln und mit einer Stimme, deren Anmuth an frühere Zeiten erinnerte, die einst als Mädchen gesprochenen Worte hinzu: »Gelobe es mir, Blanche! Lady Lundie küßte sie und antwortete, wie sie damals auf dem Schiff geantwortet hatte, »ich gelobe es, Anne!«

Da ließ die Sterbende dass Haupt sinken, um es nie wieder zu erheben. Der letzte Lebensfunke flackerte noch einmal in den schon verdüsterten Blicken auf und verlosch. Noch einen Augenblick bewegten sich ihre Lippen. Lady Lundie legte ihr Ohr dicht an dieselben und hörte die schreckliche Frage noch einmal in denselben schrecklichen Worten ausgesprochen »Sie ist Anne Silvester, – wie ich es war. Wird sie auch enden wie ich?«




VI


Fünf Jahre waren vergangen und die Lebensschicksale der drei Männer, welche in der Villa in Hampstead zusammen beim Dessert gesessen hatten, fingen an, in ihrem wechselvollen Verlauf den Fortschritt der Zeit zu bekunden. Die drei Männer waren, wie sich der Leser erinnert, die Mrs. Kendrew, Delamayn und Vanborough.

Wie der Freund Vanborough’s, Mr. Kendrew, seine Empfindungen bei dem Verrath des Gatten geäußert hatte, ist bereits erzählt worden. Wir haben noch zu berichten, welchen Eindruck die Nachricht von dem Tode der verlassenen Frau auf ihn machte. Das Gerücht, welches den Menschen in’s innerste Herz zu schauen versteht und sich darin gefällt, dieses Innerste dem Auge der Menge blos zu legen, hatte immer behauptet, daß über dem Leben Krendrew’s ein Geheimniß walte, und daß dieses Geheimniß in einer hoffnungslosen Leidenschaft für die schöne Frau bestehe, die sein Freund geheirathet hatte. Keine gegen ein lebendes Wesen geschehene, noch so entfernte Anspielung, kein jemals zu der Frau selbst gesprochenes Wort konnte, so lange diese lebte, zum Beweise jener Behauptung angeführt werden. Als sie starb, tauchte das Gerücht mit größerer Bestimmtheit als je zuvor wieder aus und berief sich auf das Benehmen des Mannes als Beweis für seine Behauptung.

Er wohnte dem Leichenbegängniß bei, obgleich er kein Verwandter war. In einem Augenblick, wo er unbeobachtet glaubte, pflückte er einige Grashalme von dem Rasen, mit dem ihr Grab zugedeckt wurde. Man sah ihn nicht mehr in seinem Club, er ging auf Reisen. Als er zurückkehrte, erklärte er, daß er Englands überdrüssig sei und bewarb sich mit Erfolg um eine Anstellung in einer der Colonien. Was mußte man aus alle Dem, schließen? War es nicht klar, daß sein bisheriges Leben allen Reiz für ihn verloren hatte, seit der Gegenstand seiner Neigung verschwunden war? Vielleicht war dem so, es sind schon weniger wahrscheinliche Vermuthungen aufgestellt worden, die doch das Wahre getroffen haben. Wie dem aber auch sein mag, gewiß ist, daß er England verließ, um nie wieder dahin zurückzukehren.

Mr. Delamayn ließ sich von der Liste der Rechtsanwalte streichen, um sich durch ernste juristische Studien auf die Carriere eines plaidirenden Advocaten vorzubereiten. Drei Jahre lang erfuhr man nichts von ihm, als daß er eifrig studire. Als seine Studien zu Ende waren, fand er alsbald Gelegenheit dieselben zu verwerthen. Seine früheren Associé wußten, daß er ihr Vertrauen verdiene und übergaben ihm die Verhandlung ihrer Sachen vor Gericht. Im Verlaufe von zwei Jahren hatte er sich eine angesehene Stellung als Sachwalter gegründet. Am Schluß dieser zwei Jahre wußte er sich außerhalb der engeren juristischen Kreise eine Stellung zu gewinnen. Er erschien als einer der beiden Anwälte in einem berühmten Fall, in welchem die Ehre einer großen Familie und der Anspruch auf einen großen Grundbesitz auf dem Spiele standen. Am Vorabend der Hauptverhandlung erkrankte sein älterer College. Er hatte daher die Sache des Beklagten allein zu vertreten und gewann dieselbe. Auf die Frage seines dankbaren Clienten, was er für ihn thun könne, antwortete Delamayn, »Verhelfen Sie mir zu einem Parlamentssitz.« Sein Client ein Landedelmann, brauchte nur die nöthigen Befehle an seine Pächter zu erlassen, und siehe da, Delamayn wurde in’s Parlament gewählt!

Im Hause der Gemeinen traf das neue Mitglied mit Vanborough zusammen.

Sie saßen auf derselben Bank und gehörten zu derselben Partei. Delamayn fiel es alsbald auf, daß Vanborough grau geworden sei und alt und abgenutzt aussehe Er zog bei wohlunterrichteten Personen Erkundigungen über ihn ein. Die Befragten schüttelten den Kopf. Vanborough war reich, hatte durch seine Frau die einflußreichsten Verbindungen und war ein wohlbehaltener Mann in jedem Sinne des Worts, aber – Niemand mochte ihn. Im ersten Jahre seines öffentlichen Auftretens war es ihm sehr gut gegangen, aber seitdem war ein Stillstand eingetreten. Er war unleugbar ein gescheidter Mann, aber der Eindruck seiner Persönlichkeit im Hause war ein unangenehmer. Er gab glänzende Gesellschaften, war aber doch in der Gesellschaft nicht beliebt. Seine Partei respectirte ihn, aber, wenn sie irgend eine Gunst zu gewähren hatte, überging sie ihn. Was ihm im Wege stand, konnte in Wahrheit nur sein eigenthümliches Temperament sein; man konnte nichts gegen ihn sagen, Alles sprach zu seinen Gunsten; und doch konnte er sich keine Freunde erwerben, er war mit einem Wort ein verbitterter Mensch, in seinem ganzen Wesen in und außer dem Hause verbittert.




VII


Es vergingen fernere fünf Jahre seit dem Tage, wo die verlassene Frau begraben worden war. Es war im Jahre 1866.

An einem Tage dieses Jahres las man zwei bemerkenswerthe Nachrichten in den Blättern, die Nachricht einer Erhebung zum Pair, und die Nachricht von einem Selbstmord.

War es Mrs Delamayn schon in seiner Laufbahn als Advocat gut gegangen, so erreichte er doch noch größere Erfolge im Parlament. Er wurde eines der hervorragendsten Mitglieder des Hauses; er sprach klar, verständlich und bescheiden, – und niemals zu lang, wußte das Haus zu fesseln, wo noch begabtere Männer es langweilten. Die Häupter seiner Partei sprachen ihre Anerkennung offen in der Erklärung aus, daß etwas für Delamayn geschehen müsse. Die Gelegenheit bot sich dar, und die Parteiführer hielten ihr Wort. Ihr Staatsanwalt wurde zu einer höheren Stelle befördert, und sie machten Delamayn zu seinem Nachfolger. Unter den ältern Advokaten rief diese Ernennung große Aufregung hervor. Das Ministerium aber antwortete: »Wir brauchen einen Mann, dem man im Hause der Gemeinen zuhört, und wir haben ihn gefunden.« Die Zeitungen sprachen sich zu Gunsten der neuen Ernennung aus. Bei einer bald darauf entstehenden großen Debatte rechtfertigte der neue Staatsanwalt die Wahl des Ministeriums und die Unterstützung der Zeitungen. Seine Feinde sagten spöttisch: »Der wird in ein bis zwei Jahren Lordkanzler werden«, und seine Freunde machten in seinem häuslichen Kreise harmlose Scherze, die auf dieselbe Prophezeiung hinausliefen. Sie warnten seine beiden Söhne, Julius und Geoffrey, die damals im college waren, mit ihren Bekanntschaften vorsichtig zu sein, da sie jeden Augenblick Söhne eines Lords werden könnten.

Der Verlauf der Ereignisse schien der Prophezeiung Recht geben zu wollen. Der nächste Schritt, den Mr. Delamayn auf der Stufenleiter hoher Staatsämter machte, war seine Ernennung zum Kronanwalt. Ungefähr um dieselbe Zeit – so wahr ist es, daß nichts den Erfolg so sehr befördert, wie der Erfolg –, starb ein kinderloser Verwandter Delamayn’s und hinterließ ihm sein Vermögen. Im Sommer 1866 wurde die Stelle eines Oberrichters vacant. Das Ministerium hatte eine Wiederbesetzung dieser Stelle beabsichtigt, die allgemeines Mißfallen erregte. Als dasselbe daher einen Ersatzmann für die Stelle des Kronanwalts fand, offerirte es Delamayn die Stelle des Oberrichters. Er zog es aber vor, im Hause der Gemeinen zu bleiben und lehnte die angebotene Stelle ab. Das Ministerium seinerseits aber weigerte sich, die ablehnende Erklärung anzunehmen. Man fragte vertraulich bei ihm an, ob er die Stelle unter Erhebung zum Pair aceeptiren würde. Delamayn berieth die Sache mit seiner Frau und acceptirte die Stelle mit einer Erhebung zur Pairswürde. Die »London Gazette« verkündete der Welt seine Erhebung unter dem Namen eines Barons Holchester of Holchester. Und die Freunde der Familie rieben sich vergnügt die Hände und sagten: »Seht Ihr, haben wir es Euch nicht vorausgesag!? Jetzt sind unsere beiden jungen Freunde, Julius und Geoffrey, die Söhne eines Lords!«

Und wo war Mr. Vanborough während dieser ganzen Zeit? Genau da, wo wir ihn fünf Jahre früher verlassen haben.

Er war noch ebenso reich, vielleicht noch reicher, als zuvor. Er hatte noch dieselben einflußreichen Verbindungen; er war noch ebenso ehrgeizig, wie vordem, aber das war auch Alles. Seine Stellung im Hause der Gemeinen und seine Stellung in der Gesellschaft blieben unverändert, mit dem einzigen Unterschied, daß der verbitterte Mann noch verbitterter, sein graues Haar noch grauer und sein reizbares Temperament noch unerträglichen als zuvor geworden waren. Seine Frau bewohnte ihre eigenen Gemächer im Hause und er die seinigen, – und die Kammerfrau und der Kammerdiener sorgten dafür, daß sie sich niemals auf der Treppe begegneten. Sie hatten keine Kinder und sahen sich nur bei den großen Diners und Bällen, die sie von Zeit zu Zeit gaben. Die Leute aßen an ihrem Tische und tanzten auf ihrem Parquetboden und unterhielten sich nachher darüber, wie langweilig es gewesen sei. Während der Mann, der einst Vanborough’s Advokat gewesen war, eine Staffel nach der anderen auf der Leiter der Staatsämter emporstieg, bis er in’s Oberhaus gelangte und nicht höher steigen konnte, blieb Vanborough am Fuß der Leiter stehen und sah den Andern vor sich aufsteigen, ohne trotz all’ seines Reichthums und seiner vornehmen Familie mehr Aussicht zu haben, ihm in’s Haus der Lords zu folgen, als der Geringste aus dem Volk.

Die Carriere des Mannes war zu Ende, und an dem Tage, wo die Ernennung des neuen Pairs verkündet wurde, endete auch das Leben des Mannes.

Er legte die Zeitung, ohne irgend eine Bemerkung zu machen, bei Seite und fuhr aus. Er verließ den Wagen da, wo im Nordwesten von London noch heute grünes Weideland liegt, in der Nähe des Fußsteiges, der nach Hampstead führt. Er ging allein nach der Villa, in der er einst mit der Frau gelebt, die er so grausam behandelt hatte. Neue Häuser waren um dieselbe her emporgestiegen, selbst ein Theil des alten Gartens war verkauft und bebaut worden. Einen Augenblick zauderte er, dann trat er an’s Gitter und zog die Glocke. Er händigte dem Diener seine Karte ein. Dem Herrn des Hauses war der auf der Karte befindliche Name als der eines sehr reichen Mitgliedes des Parlaments bekannt. Er empfing den Fremden mit der höflichen Frage, welchem glücklichen Umstände er die Ehre dieses Besuches verdanke. Vanborough antwortete kurz und einfach: »Ich habe vor Jahren hier gewohnt, und knüpfen sich für mich Erinnerungen an diesen Platz, mit deren genauerer Mittheilung ich Sie nicht zu behelligen brauche. Sie müssen entschuldigen, wenn ich mich mit einer sehr sonderbaren Bitte an Sie wende; ich möchte gern das Eßzimmer einmal wieder sehen, wenn ich Niemanden störe und Sie nichts dagegen haben.«

Die »sonderbaren Bitten« reicher Leute genießen des Vorrechts einer freundlichen Aufnahme, aus dem sehr triftigen Grunde, daß man bei ihnen sicher ist, nicht um sein Geld gebracht zu werden.

In das Eßzimmer geführt ging Vanborough direct auf einen Fleck auf dem Teppich zu, in der Nähe der in den Garten führenden Glasthür, der Eingangssthür ungefähr gegenüber. Auf diesem Fleck blieb er, das Haupt auf die Brust gesenkt, schweigend und nachdenklich stehen. Tsar das vielleicht die Stelle, auf der er sie an jenem Tage, wo er das Zimmer auf immer verließ, zum letzten Male gesehen hatte? Ja, sie war es. Nachdem er so eine Zeitlang in Gedanken versunken dagestanden hatte, schien er wieder zur Besinnung zu kommen, sah aber noch immer träumerisch und abwesend aus. Er äußerte, es sei ein hübscher Landsitz, dankte dem Besitzer, blickte noch einmal um sich, bevor sich die Thür hinter ihm schloß und ging dann wieder seines Weges. An derselben Stelle, wo er seinen Wagen verlassen hatte, bestieg er ihn wieder. Er fuhr bei dem neuen Lord Holchester vor, gab seine Karte ab und kehrte dann nach Hause zurück. Hier erinnerte ihn sein Secretär daran, daß er in zehn Minuten Jemanden zu empfangen habe. Er dankte dem Secretair in demselben träumerisch abwesenden Tone, in welchem er dem Besitzer der Villa gedankt hatte und ging in sein Ankleidezimmer. Die Person, die er zu sich beschieden hatte, kam, und der Secretair schickte den Kammerdiener hinauf, bei dem Herrn anzuklopfen. Es erfolgte keine Antwort. Als man mit einem Schlüssel zu öffnen versuchte, fand sich, daß das Zimmer von innen verschlossen sei. Man erbrach endlich die Thür und fand Vanborough auf dem Sopha liegen. Man trat näher heran und fand, daß er sich selbst das Leben genommen hatte.




VIII


Seinem Ende rasch entgegengehend hat das Vorspiel noch zu zeigen, wie die beiden Mädchen, Anne und Blanche, die verflossenen Jahre verlebt hatten. Lady Lundie löste das feierliche Wort, das sie ihrer Freundin gegeben hatte, voll ein. Sorgfältig vor jeder Versuchung bewahrt, die das Verlangen, dieselbe Laufbahn wie ihre Mutter zu betreten, in ihr hätte erwecken können, mit allen für Geld erreichbaren Mitteln für das Leben einer Erzieherin vorbereitet, durfte Anne ihre ersten und einzigen Versuche auf dem Felde der Erziehung unter Lady Lundie’s eigenem Dach, an Lady Lundies eigenem Kinde machen. Die Verschiedenheit des Alters der beiden Mädchen, sieben Jahre, und ihre gegenseitige Liebe, die mit jedem Tage zuzunehmen schien, Begünstigten diesen ersten Versuch. In der zwiefachen Eigenschaft einer Lehrerin und Freundin der kleinen Blanche flossen die Mädchenjahre Anne Silvester’s sicher, glücklich und ereignißlos, in dem stillen Heiligthum einer bescheidenen Häuslichkeit dahin. Ein schärferer Contrast zwischen ihrem und ihrer Mutter Jugendleben war nicht denkbar. Niemand, der das Leben dieses Mädchens beobachtete, hätte in der schrecklichen Frage, welche die Mutter in ihren letzten Augenblicken gemartert hatte: »Wird sie auch enden wie ich? etwas Anderes als das Wahngebilde einer Sterbenden erblicken können.

Indessen wurde doch das friedliche Familienleben im Lauf der Jahre, die wir jetzt an uns vorüberziehen lassen, durch zwei wichtige Ereignisse unterbrochen. Im Jahre 1858 brachte die Ankunft Sir Thomas Lundie’s neues Leben in das Haus, und im Jahre 1865 wurde der Haushalt in Folge der Rückkehr Sir Thomas Lundie’s nach Indien in Begleitung seiner Frau ganz aufgehoben.

Lady Lundie’s Gesundheit war seit einiger Zeit schwankend geworden. Die zu Rathe gezogenen Aerzte erklärten, zufällig gerade zu der Zeit, wo Sir Thomas wieder nach Indien zurückkehren mußte, daß eine Seereise gerade das geeignete Mittel sei, die Kräfte ihrer Patientin wiederherzustellen. Um seiner Frau willen fand sich Sir Thomas bereit, seine Rückkehr zu verschieben, um die Seereise mit ihr machen zu können.

Die einzige Schwierigkeit, die bei dieser Reise zu überwinden war, bestand darin, daß man Blanche und Anne während der Zeit in England zurücklassen mußte.

Die Aerzte hatten nämlich erklärt, daß sie es nicht für gerathen halten könnten, Blanche in dem kritischen Zeitpunkt ihrer Entwickelung mit ihrer Mutter nach Indien zurückkehren zu lassen. Gleichzeitig erboten sich nahe und liebe Verwandte, freundschaftlichst bereit, Blanche und ihre Erzieherin bei sich aufzunehmen, während sich Sir Thomas seinerseits verpflichtete seine Frau in anderthalb, höchstens zwei Jahren nach England zurückzubringen. Von allen Seiten bestürmt, mußte Lady Lundie endlich ihre Abneigung, die Mädchen zu verlassen, überwinden Sie entschloß sich zu der Reise mit schwerem Herzen und sorgenvollen Gedanken an die Zukunft.

Im letzten Augenblick nahm sie Anne Silvester mit sich in einen Winkel des Zimmers, wo Niemand von den Anwesenden sie hören konnte. Anne war jetzt zweiundzwanzig, Blanche fünfzehn Jahr alt.

»Mein liebes Kind«, sagte sie ruhig, »ich muß Dir etwas anvertrauen, was ich meinem Mann nicht sagen kann, und was ich mich Blanche zusagen scheue. Ich verlasse Euch mit schlimmen Ahnungen. Ich fühle, daß ich nicht wieder nach England zurückkehren werde, und ich glaube, mein Mann wird sich nach meinem Tode wieder verheirathen. Vor Jahren war Deine Mutter auf ihrem Totenbett besorgt für Deine Zukunft, jetzt bin ich für Blanches Zukunft besorgt. Damals versprach ich meiner theuren verstorbenen Freundin, daß ich für Dich wie für mein eigenes Kind sorgen wolle, und das beruhigte sie. Beruhige Du jetzt mich, Anne, vor meiner Abreise. Was auch im Lauf der Zeit geschehen möge, versprich mir, immer für Blanche zu sein, was Du ihr jetzt bist, eine Schwester.« Zum legten Male reichte sie ihr die Hand. Mit ganzer Innigkeit küßte Arme Silvester diese Hand und versprach es.




IX


Zwei Monate später war eine der bösen Ahnungen, die auf Lady Lundie’s Gemüth gelastet hatten, in Erfüllung gegangen. Sie starb während der Reise und fand ihr Grab in der kalten See.

Ein Jahr später hatte sich auch ihre zweite Befürchtung bestätigt. Sir Thomas Lundie verheirathete sich zum zweiten Mal. Gegen Ende des Jahres 1866 kam er mit seiner zweiten Frau nach England zurück.

Das Leben schien in dem neuen Haushalt ebenso ruhig wie in dem alten verlaufen zu sollen. Sir Thomas ehrte das Vertrauen, das seine erste Frau auf Anne gesetzt hatte. Die neue Lady Lundie richtete ihr Benehmen in dieser Angelegenheit kluger Weise nach dem ihres Mannes und ließ die Dinge, wie sie dieselben in dem neuen Hause fand. Im Beginn des Jahres 1867 war das Verhältniß zwischen Anne und Blanche das zweier mit inniger Zuneigung aneinanderhängender Schwestern. Die Aussichten in die Zukunft waren die freundlichsten.

Von den mit dem Trauerspiel, das vor zwölf Jahren in der Villa in Hampstead gespielt hatte, verknüpften Personen waren um diese Zeit drei bereits gestorben, und eine in freiwilliger Verbannung im Auslande. In England lebten nur noch Anne und Blanche, die damals Kinder gewesen waren, und der Advocat, der die Ungültigkeit der irischen Heirath entdeckt hatte. – damals Mr. Delamayn, jetzt Lord Holchester.

Ende des Vorspiels.




Die Erzählung





Der Garten-Pavillon





Erstes Kapitel.

Die Eulen


Im Frühling des Jahres 1868 lebten in einer schottischen Grafschaft zwei ehrwürdige weiße Eulen.

Sie bewohnten einen verfallenen und verlassenen Garten-Pavillon. Dieser stand in einem Garten, der zu einem unter dem Namen Windygates bekannten Landsitz in Perthshire gehörte.

Windygates lag nach der wohlüberlegten Wahl des Erbauers in jenem Theil der Grafschaft, wo die fruchtbare Ebene in hügeliches Land überzugehen anfängt. Das Herrenhaus war mit Umsicht erbaut und prächtig eingerichtet. Die Ställe waren ein Muster von lustiger Geräumigkeit, und Garten und Park waren eines fürstlichen Besitzers würdig.

Trotz dieser ausgezeichneten Vorzüge gerieth Windygates nicht lange nach seiner Erbauung in Verfall. Der Fluch eines Prozesses lag auf dem Hause und den dazu gehörigen Ländereien. Länger als zehn Jahre umfing ein endloser Rechtsstreit den Landsitz enger und enger mit seinen unbarmherzigen Armen und machte denselben nicht nur unbewohnbar, sondern auch völlig unnahbar. Das Haus war geschlossen. Der Garten wurde zu einer von üppigem Unkraut überwucherten Wildniß. Der Garten-Pavillon ward von Schlingpflanzen fast erdrückt und den Schlingpflanzen folgten die Nachtvögel.

Jahrelang lebten die Eulen ungestört auf dem Grund und Boden, den sie kraft des ältesten aller bestehenden Rechte, der Besitzergreifung, erworben hatten. Den Tag über saßen sie in feierlichem Schweigen mit geschlossenen Augen in dem kühlen Dunkel, mit welchem der Epheu sie umgab. Mit Anbruch der Dämmerung gingen sie auf ihr eigentliches Geschäft. In weiser Verbrüderung flogen sie geräuschlos über die friedlichen Gartenwege hin, sich den Stoff für ihre Mahlzeit zu suchen. Einmal jagten sie wie ein Hühnerhund über ein Feld hin und stürzten sich auf eine nichts Böses ahnende Maus; ein andermal flogen sie zur Abwechselung gespensterhaft über die schwarze Oberfläche eines Teiches hin und erbeuteten einen Barsch. In ihrer Nahrung nicht wählerisch, nahmen sie auch mit Ratten und Insecten fürlieb; es gab aber Momente, stolze Momente in ihrem Leben, wo sie einen schlafenden Vogel zu fangen wußten. In solchen Fällen erfüllte sie das Gefühl der Ueberlegenheit über die kleinen Vögel, welches die großen überall empfinden, mit einem Behagen, dem sie durch heiseres Gekreisch in der Stille der Nacht Ausdruck gaben.

So verlebten die Eulen Jahre lang die Tage in glücklichem Schlaf, die Nächte in Erbeutung ihrer Nahrungsmittel. Sie hatten sich gleichzeitig mit den Schlingpflanzen in den Besitz des Garten-Pavillons gesetzt, folglich bildeten die Schlingpflanzen einen wesentlichen Bestandtheil der Verfassung des Garten-Pavillons, und folglich waren die Eulen die Wächter dieser Verfassung. Es giebt menschliche Eulen, die ebenso raisonniren, wie unsere Nachtvögel, und die ihnen nicht nur in dieser Beziehung, sondern auch in Betreff des Schnappens nach kleineren schlafenden Vögeln wunderbar gleichen.

Die Verfassung des Garten-Pavillons hatte bis zum Frühjahr 1868 bestanden, als sich plötzlich die ruchlosen Tritte der Neuerung dem Platze näherten, und die ehrwürdigen Privilegien der Eulen zum ersten Mal einen Angriff erfuhren.

Uneingeladen erschienen zwei ungefiederte zweibeinige Wesen an den Pforten des Garten-Pavillons, nahmen die verfassungsmäßigen Schlingpflanzen in Augenschein und sprachen zu einander: »Die Schlingpflanzen da müssen herunter,« blickten in das entsetzliche Tageslicht und sprachen: »das muß hineindringen,« kamen überein, daß das morgen geschehen müsse und gingen wieder fort.

Und die Eulen sprachen: »Haben wir das Sommerhaus darum Jahrelang mit unserer Gegenwart beehrt, daß das entsetzliche Tageslicht nun doch endlich auf uns eindringe? Mylords und meine Herren vom Hause der Gemeinen, die Verfassung ist in ihren Grundfesten erschüttert!«

Sie faßte eine Resolution in diesem Sinn, wie es bei ihresgleichen gebräuchlich ist. Und darauf schlossen sie in dem Bewußtsein treuer Pflichterfüllung wieder ihre Augen.

Noch in derselben Nacht beobachteten sie bei ihrem Fluge über die Felder mit Schrecken ein Licht an einem der Fenster des Hauses. Was hatte das Licht zu bedeuten?

Es bedeutete erstens, daß der Prozeß endlich sein Ende erreicht hatte, zweitens, daß der Eigenthümer von Windygates der Geld brauchte, beschlossen hatte, dasselbe zu vermiethen, und drittens, daß sich ein Miether gefunden hatte und daß das Haus im Begriff stand, von innen und außen wieder in Stand gesetzt zu werden. Die Eulen erhoben, während sie über die dunklen Feldwege dahinflogen kreischend ihre Stimme. Der Fang einer Maus mißlang ihnen.

Am nächsten Morgen wurden die bei ihrer Ueberwachung der Verfassung in tiefen Schlaf versunkenen Eulen durch Stimmen ungefiederter Wesen, die rund um sie her erschallten aus ihrem Schlummer aufgeschreckt. Unter Protest öffneten sie die Augen und sahen Zerstörungswerkzeuge gegen die Schlingpflanzen gerichtet. Bald hier, bald dort bahnten diese Werkzeuge dem Tageslicht einen Weg in den Garten-Pavillon. Aber die Eulen waren dem großen über sie hereinbrechenden Ereigniß gewachsen. Mit zu Berge stehendem Gefieder schrieen sie: »Keine Ergebung!« Die ungefiederten Wesen aber arbeiteten ruhig weiter und antworteten mit dem Rufe: »Reform!« Die Schlingpflanzen wurden unbarmherzig herabgerissen; das entsetzliche Tageslicht drang heller und heller hinein. Die Eulen hatten kaum Zeit gehabt, eine neue Resolution des Inhalts zu fassen, daß sie fest zur Verfassung ständen, als ein Sonnenstrahl ihnen von außen her blendend in die Augen drang und sie in eiligem Fluge den nächsten schattigen Platz aufsuchen ließ. Hier blieben sie blinzelnd sitzen, während das Gartenhaus von dem erdrückenden Schlinggewächs gesäubert, das verfaulte Holzwerk erneuert und dem ganzen in feuchtem Dunkel verfallenden Gemäuer wieder frische Luft und heiteres Tageslicht zugeführt wurde. Und als die Menschen sich es nun betrachteten und sprachen: »so wird es gehen!« schlossen die Eulen in frommer Erinnerung an das ehemalige Dunkel ihre Augen und antworteten: »Mylords und meine Herren vom Hause der Gemeinen, die Verfassung ist in ihren Grundfesten erschüttert!«




Zweites Kapitel.

Die Gäste


Wer hatte die Umgestaltung des Garten-Pavillons angeordnet?

Der neue Miether von Windygates Und wer war dieser?

Der Leser mag sich selbst überzeugen.


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Im Frühling 1868 war, wie wir gesehen haben, der Garten-Pavillon der trübselige Aufenthaltsort eines Eulenpaars gewesen. Im Herbst desselben Jahres war er der anmuthige Sammelpunkt einer aus Herren und Damen, den Gästen des Miethers von Windygates, bei einem Gartenfeste bestehenden Gesellschaft.

Die Scene war beim Beginn des Festes so lieblich anzuschauen, wie heiteres Sonnenlicht, weibliche Schönheit und muntere Bewegung es nur machen können.

Im Innern des Garten-Pavillons hob sich die anmuthige Eleganz der bunten weiblichen Sommertoiletten von dem finstern Hintergrunde trübseliger moderner Herrenkleidung leuchtend ab. Von dem Garten-Pavillon aus sah man durch drei bogenförmige Oeffnungen hindurch über einen saftig grünen Rasen hinweg auf Blumenbeete und Gebüsch, und weiterhin durch eine in den Bäumen künstlich hergestellte Lichtung auf ein großes, die Aussicht abschließendes steinernes Haus, an dessen Vorderseite eine Fontaine plätscherte, deren Wasserstrahlen im Sonnenlicht bunt erglänzten.

Die ganze Gesellschaft war eben in einem oft von hellem Gelächter unterbrochenen heiteren und lebhaften Geplauder begriffen, als eine laute, das Gesumme der Gäste übertönende Stimme, Schweigen gebot. Im nächsten Augenblick trat eine junge Dame an die Schwelle des Garten-Pavillons und überschaute die Menge der Gäste, wie ein commandirender General ein Regiment überschaut, das er Revue passiren läßt.

Die junge Dame schien nicht im Mindestens verlegen, sie war hübsch und nach der neuesten Mode gekleidet. Ihre Stirn überdeckte ein Hut in Form eines Tellers. An ihrem Hinterkopf erhob sich ein weit aufgeblähter Ballon von hellbraunem Haar. Ueber ihre Brust ergoß sich ein wahrer Wasserfall von Perlen. Iu ihren Ohren glänzten ein Paar den lebendigen Originalen zum Erschrecken ähnlich sehende Käfer. Ihre enganliegenden Röcke glänzten im schönsten Himmelblau. Ihre Fußgelenke schimmerten durch die Hülle gestreifter Strümpfe hindurch. Ihre Schuhe waren sogenannte »Watteaus,« mit Hacken von einer Höhe, bei deren Anblick Männer schaudern.

Die junge Dame, die sich so der Gesamtheit der Gäste präsentirte, war Miß Blanche Lundie. Die ehemals rosige, kleine Blanche, die der Leser bereits aus dem Vorspiel kennt, war jetzt achtzehn Jahr alt, in einer ausgezeichneten gesellschaftlichen Stellung, reich, von lebhaftem Temperament und sehr wechselnden Neigungen, mit einem Worte, ein Kind unserer Zeit, mit den Vorzügen und Fehlern unserer Tage und mit einer Grundlage von echten Gesinnungen und wahrem Gefühl.

»Ruhig lieben Leute, wenn ich bitten darf,« rief Fräulein Blanche, »wir müssen uns für das Croquet-Spiel in zwei Parteien theilen; an die Arbeit, an die Arbeit.«

Nach diesen Worten trat eine zweite Dame aus der Menge der Gäste hervor, und antwortete der jungen Dame, die eben gesprochen hatte, mit einem vorwurfsvollen Blick und in einem Tone wohlwollenden Protestes.

Diese Dame war hoch gewachsen, kräftig gebaut und etwa fünf und dreißig Jahre alt; in ihrer Erscheinung boten sich den auf sie gerichteten Blicken eine grausame Adlernase, ein eigensinniges spitzes Kinn, prächtige schwarze Haare und gleichfarbige Augen, eine glänzende, sorgfältige Toilette und eine lässige Grazie in der Bewegung, die im ersten Augenblick etwas Anziehendes, aber bei längerer Betrachtung etwas unaussprechlich Monotones und Ermüdendes hatte. Das war die zweite Lady Lundie, nach viermonatlicher Ehe jetzt die Wittwe des verstorbenen Sir Thomas Lundie, mit andern Worten die Stiefmutter Blanche’s und die beneidenswerthe Besitzerin von Haus und Garten von Windygates.

»Liebes Kind,« sagte Lady Lundie, »Worte bedeuten etwas, selbst im Munde eines jungen Mädchens, nennst Du das Croquet-Spiel eine Arbeit?«

»Sie wollen es doch wohl nicht Vergnügen nennen?« rief eine ernst ironische Stimme aus dem Hintergrunde des Garten-Pavillons.

Die Gäste traten vor diesem letzten Sprecher zurück, der inmitten der modernen Gesellschaft ein Bild vergangener Zeiten darbot.

Das Wesen dieses, Mannes zeichnete sich durch eine geschmeidige Anmuth und Höflichkeit aus, die unserm heutigen Geschlecht abhanden gekommen zu sein scheinen. Seine Toilette bestand aus einer viel gefalteten weißen Cravatte, einem dicht zugeknöpften blauen Frack und nankingenen Kniehosen nebst entsprechenden Gamaschen; einem für unsere Augen lächerlichen Anzuge. In seiner bequemen Art zu reden gab sich eine unabhängige Art zu denken und eine hochentwickelte feine Gabe satyrischer Repliken kund, die bei der heutigen Generation gleich sehr gefürchtet und unbeliebt ist; er war von kleiner und schmächtiger Gestalt, mit einem schönen weißen Kopf und funkelnden schwarzen Augen; um seine Lippen spielte ein humoristischer Zug; an dem einen Bein hatte er einen Klumpfuß, trug aber dieses körperliche Gebrechen wie seine Jahre mit heiterm Muthe. In der Gesellschaft war er bekannt als Besitzer eines elfenbeinernen Spazierstockes mit einer in der Krücke desselben angebrachten Schnupftabaksdose, und gefürchtet wegen seines Hasses der modernen Institutionen, dem er zu passender und unpassender Zeit Luft machte, indem er immer dieselbe verhängnißvolle Neigung kund gab, geschickt die schwächsten Punkte der Gegner zu treffen. Das war Sir Patrick Lundie, der Bruder des verstorbenen Baronets Sir Thomas und nach dessen Tode der Erbe der Titel und Güter desselben. —

Blanche nahm weder von dem Vorwurf ihrer Mutter, noch von dem Commentar ihres Onkels Notiz, deutete vielmehr auf einen Tisch, auf dein Croquet-Bälle und Hämmer bereit lagen, und lenkte die Aufmerksamkeit auf das Spiel zurück. »Ich führe die eine Seite an, meine Damen und Herren,« nahm sie wieder auf und Lady Lundie führt die andere Seite. Wir wählen unsere Spieler abwechselnd.« »Mama ist die ältere und muß daher auch zuerst wählen.« Mit einem Blick auf ihre Stieftochter, der so viel bedeutete als »wenn ich nur dürfte, würde ich dich in die Kinderstube schicken« drehte sich Lady Lundie um und ließ ihre Blicke über die Gäste hinschweifen Sie war offenbar bereits mit sich einig, welchen Spieler sie berufen wollte »Ich wähle zuerst Miß Silvester,« sagte sie mit einer besonders scharfen Betonung des Namens. Bei diesen Worten theilte sich die Menge abermals und hervortrat die uns bereits bekannte Anne Silvester. – Fremden, die sie heute zum ersten Male sahen, erschien sie als eine einfache, schmucklos in Weiß gekleidete junge Dame in der Blüthe ihrer Jahre. Langsam trat sie vor die Dame des Hauses hin.

»Das ist ja ein reizendes Mädchen,« flüsterte einer der fremden Gäste einem der Freunde des Hauses zu; »wer ist sie?« Der Freund erwiderte flüsternd »,Miß Lundies Gouvernante, weiter nichts.«

Der Fremde sah die beiden Damen an und flüsterte wieder: »Da ist etwas nicht in Ordnung zwischen der Dame und der Gouvernante.«

Der Freund sah gleichfalls auf, die beiden Frauen und antwortete mit einem sehr ausdrucksvollen Worte: »Offenbar.«

Es giebt Frauen, deren Einfluß auf die Männer ein unergründliches Geheimniß für weibliche Beobachter ist.

Die Gouvernante gehörte zu diesen Frauen. Sie hatte die Reize, aber nicht die Schönheit ihrer unglücklichen Mutter geerbt.

Wenn man sie nach dem Maßstabe berühmter weiblicher Schönheiten und Illustrationen an den Schaufenstern der Kunsthändler beurtheilth so konnte das Erkenntniß nur dahin lauten: »sie hat keinen einzigen regelmäßigen Zug im Gesicht.« Auch hatte die ganze Erscheinung nichts besonders Bemerkenswerthes, so lange sie im Zustande der Ruhe verharrte. Sie war von gewöhnlicher Größe, nicht besser gebaut, als die meisten jungen Mädchen; Haar und Teint waren weder hell noch dunkel, sondern von einer indifferenten Farbe; noch schlimmer, sie hatte in ihrer Gesichtsbildung positive Mängel, ein nervöses Zucken des einen Mundwinkels verzog die Lippen, sobald sie sich bewegten; eine nervöse Unsicherheit des Blickes an derselben Seite des Gesichts kam einem Schielen sehr nahe, und doch, trotz dieser unbestreitbaren Mängel, war sie eines jener furchtbaren weiblichen Wesen, die über die Herzen der Männer und den Frieden der Familie nach Willkür gebieten.

Sie brauchte sich nur zu rühren und sie entwickelte in jeder ihrer Bewegungen etwas so unsagbar Reizendes, daß Jedermann sich nach ihr umschaute, seine Unterhaltung mit dem Nachbar unterbrach und sie beobachtete. Wenn sie bei Einem saß und sich mit Einem unterhielt, so übten der zuckende Mundwinkel und die Unsicherheit des Blickes in dem sanften grauen Auge einen eigenthümlichen Zauber, welcher körperliche Mängel in Schönheit verwandelte, die Sinne gefangen nahm, die Nerven dessen, den sie zufällig berührte, zucken und sein Herz höher schlagen machte.

Alles das widerfuhr wohlverstanden nur Männern, die Augen der Frauen gelangten bei ihrem Anblick zu ganz ganz anderen Resultaten. Die beobachtende Dame pflegte sich an die nächste weibliche Freundin zu wenden und im Tone aufrichtigen Mitleids mit dem andern Geschlecht zu sagen: »Was können die Männer nur an ihr finden.«

Die Augen der Frau vom Hause und die Augen der Gouvernante begegneten sich mit offenbarem Mißtrauen. Wenigen Beobachtern hatte entgehen können, was jener Fremde und der Freund des Hauses Beide bemerkt hatten, daß hier etwas unter der Oberfläche gähre.

Miß Silvester ergriff zuerst das Wort.

»Besten Dank, Lady Lundie,« sagte sie, »ich möchte lieber nicht mitspielen.«

Lady Lundie erwiderte mit einem Ausdruck äußerster Ueberraschung, der die Grenzen des gesellschaftlich Erlaubten überschritt und in scharfem Ton:

»Wirklich, ich muß gestehen, da wir doch Alle hier zusammen gekommen sind, um zu spielen, finde ich das auffallend; fehlt Ihnen etwas, Miß Silvester?«

Das zarte, bleiche Gesicht Miß Silvester? erröthete, aber sie war sich ihrer Pflicht als Dame und als Gouvernante bewußt, fand sich in das unvermeidliche und hielt so für dieses Mal das gute Einvernehmen äußerlich aufrecht.

»O, mir fehlt eigentlich nichts,« antwortete sie, »ich fühlte mich nur diesen Morgen nicht ganz wohl, aber ich werde mitspielen wenn Sie es wünschen.«

»Ich wünsche es!« entgegnete Lady Lundie.

Miß Silvester trat bei Seite, stellte sich an eine der Eingangsthüren des Gartenhauses und erwartete das Weitere, indem sie ihre Blicke mit sichtlicher innerer Unruhe, die sich durch das Heben ihres Busens deutlich kundgab, über den Rasen schweifen ließ.

Jetzt war die Reihe an Blanche, den nächsten Spieler zu wählen. Mit einem etwas unsicheren Blick überschaute sie die Gäste, bis ihr Auge auf einen Herrn in der vordersten Reihe fiel. Er stand neben Sir Patrick, ein echter Repräsentant der jetzt lebenden Generation, wie Sir Patrick der Repräsentant einer vergangenen Generation war.

Der moderne junge Mann war jung und blond, hoch gewachsen und kräftig; der Scheitel seines gelockten, blonden Haares fing in der Mitte der Stirn an und ging über den Hinterkopf bis zum Nacken hinunter. Seine Züge waren so vollkommen regelmäßig und so vollkommen unintelligent, wie menschliche Züge es nur sein können. Der Ausdruck seines Gesichts war der einer wunderbar unerschütterlichen Ruhe. Die Muskeln seiner kräftigen Arme waren durch die Hülle seines leichten Sommerrockes hindurch sichtbar; er hatte eine breite Brust, eine feine Taille und stand fest auf seinen Füßen. Mit einem Wort, er war ein prachtvolles, vom Scheitel bis zur Sohle zur höchsten Entwickelung seiner physischen Kräfte gelangtes menschliches Thier. Das war Mr. Geoffrey Delamayn, gemeiniglich der »Ehrenwerthe« genannt, eine Bezeichnung, die er in mehr als einer Hinsicht verdiente. Er war erstens »ehrenwerth« als der zweite Sohn des uns aus dem Vorspiel bekannten Advocaten, der jetzt Lord Holchester hieß; er war zweitens »ehrenwerth« als der Erringer des höchsten Siegespreises, welcher bei dem gegenwärtigen Erziehungs-System des modernen Englands erreicht werden kann, er hatte bei einem »Universitäts Wettrudern« den Preis davon getragen. Wenn man hinzunimmt, daß ihn nie Jemand etwas anders als eine Zeitung lesen gesehen, und daß er niemals eine Wette refüsirt hatte, so werden diese Züge zur Schilderung dieses ausgezeichneten jungen Engländers für jetzt genügen. Blanches Augen blieben sehr natürlich auf ihm haften, und sie wählte ihn als den ersten Spieler auf ihrer Seite: »Ich wähle Mr. Delamayn.«

Kaum hatte sie den Namen ausgesprochen, als die Röthe von Miß Silvester’s Gesicht verschwand und einer tödtlichen Blässe Platz machte. Sie schien den Garten-Pavillon verlassen zu wollen, hielt aber plötzlich inne und legte die eine Hand auf die Lehne einer neben ihr befindlichen Gartenbank; ein hinter ihr stehender Herr, der die Hand betrachtete, sah wie sich dieselbe so krampfhaft und gewaltsam zusammenballte, daß der Handschuh auf derselben platzte. Der Herr merkte sich das wohl und fand in diesem Zug den Beweis eines furchtbar leidenschaftlichen Temperament. Inzwischen beobachtete Mk. Delamayn sonderbarer Weise dasselbe Verfahren, zu welchem vor ihm Fräulein Silvester ihre Zuflucht genommen hatte, auch er suchte sich dem gemeinschaftlichen Spiel zu entziehen.

»Vielen Dank,« sagte er, »Sie würden mir eine noch größere Freude erweisen, wenn Sie einen andern Herrn wählen wollten, ich spiele nicht gern.«

Vor fünfzig Jahren würde man diese einer Dame ertheilte Antwort als eine nicht zu entschuldigende Impertinenz betrachtet haben, nach den gesellschaftlichen Regeln unserer Tage wurde die Antwort als ein Beweis einer liebenswürdigen Offenheit beifällig aufgenommen.

Die Gesellschaft lachte, aber Blanche wurde ungeduldig.

»Interessiren Sie sich denn für gar nichts Anderes, als für gewaltsame Körperübungen, Mr. Delamayn,« fragte sie in scharfem Ton, »muß es durchs aus ein Wettrudern oder ein Wettlaufen sein? wenn Sie etwas wie Geist besäßen, so würden Sie das Bedürfniß empfinden, sich ein wenig Ruhe zu gönnen; nun haben Sie zwar keinen Geist, aber Muskeln, warum wollen Sie diesen nicht auch ein wenig Ruhe gönnen?«

Die Spitzen von Blanche’s scharfem Witz glitten aber an Mr. Delamayn völlig ab.

»Wie es Ihnen gefällig ist,« erwiderte er mit unerschütterlichem Gleichmuth, »nehmen Sie es mir nicht übel, ich bin hier in Gesellschaft von Damen, die mich nicht rauchen lassen wollen und ich vermisse meine Pfeife schmerzlich, ich dachte ich könnte mich einen Augenblick davon machen und ein paar Züge thun, aber wenn Sie es wünschen, will ich auch spielen.«

»O bitte, rauchen Sie doch ja,« erwiderte Blanche, »ich werde einen Anderen wählen, ich will Sie gar nicht.«

Dem »ehrenwerthen« jungen Manne sah man an, wie sehr ihn diese Antwort erfreute.

Die ungestüme junge Dame wandte ihm den Rücken zu und sah sich nach den Gästen an der andern Seite des Pavillons um. »Wen soll ich wählen?« fragte sie sich selbst.

Ein junger Mann mit einer von der Sonne gebräunten Haut, der in Ausdruck und Wesen etwas von einem Seemann hatte, trat schüchtern auf sie zu und sagte flüsternd: »Wählen Sie mich.«

Auf Blanche’s Gesicht riefen diese Worte ein reizendes Lächeln hervor; allem Anschein nach war der dunkle junge Mann sehr gut bei ihr angeschrieben.

»Sie?« sagte sie kokett, »Sie verlassen uns ja in einer Stunde.«

Er wagte sich noch einen Schritt näher und sagte: Ich komme übermorgen wieder.«

»Aber Sie spielen ja so schlecht?«

»Ich könnte mich aber bessern, wenn Sie es mich lehren wollten!«

»Glauben Sie? dann will ich es mit Ihnen versuchen.«

Sie wandte sich mit heiterer Miene zu ihrer Stiefmutter und sagte: »ich wähle Mr. Arnold Brinkworth!«

Abermals schien hier in einem den Gästen unbekannten Namen etwas zu liegen, was gleichwohl einen besonderen Eindruck, dieses Mal nicht auf Miß Silvester, sondern auf Sir Patrick hervorbrachte. – Er sah Mr. Brinkworth plötzlich mit einem Ausdruck von Interesse und Neugierde an, und würde, hätte nicht die Frau vom Hause in diesem Augenblicke seine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen, unfehlbar mit dem jungen Manne gesprochen haben. Die Reihe war an Lady Lundie, ihrerseits einen zweiten Spieler zu wählen. Ihr Schwager war für sie eine wichtige Person, und sie hatte ihre besonderen Gründe, sich bei dem Haupte der Familie beliebt zu machen. Sie setzte die ganze Gesellschaft in Erstaunen, als sie Sir Patrick zu ihrem Mitspieler erwählte.

»Mama,« rief Blanche, »wo denkst Du hin? Sir Patrick spielt gewiß nicht mit, Croquet war ja zu seiner Zeit noch gar nicht erfunden.«

Sir Patrick gestattete der jungen Generation nie, eine verletzende Bemerkung über seine Zeit zu machen, ohne dieser Generation mit gleicher Münze heimzuzahlen.

»Zu meiner Zeit,« sagte er zu seiner Nichte gewendet, »erwartete man von den Leuten, daß sie zu einer Gesellschaft, wie diese, einige liebenswürdige Eigenschaften mitbringen würden, in neuerer Zeit habt Ihr aber solche Anforderungen aufgegeben; das ist,« bemerkte der alte Herr, indem er einen der Croquethämmer vom Tische nahm, »eines der Erfordernisse des Erfolgs in der modernen Gesellschaft und hier,« fügte er hinzu, indem er einen Ball in die Hand nahm, »ist ein anderes; man lernt so lange man lebt, ich spiele mit.«

Lady Lundie, die gegen jede ironische Bemerkung gefeit war, lächelte anmuthig und sagte: »Ich wußte, daß Sir Patrick mir zu Gefallen mitspielen würde.«

Sir Patrick verneigte sich verbindlich.

»Lady Lundie,« antwortete er, »meine Gedanken sind für Sie kein Geheimniß und liegen offen vor Ihnen.«

Zum Erstaunen aller noch nicht vierzigjährigen Gäste gab er diesen Worten einen besonderen Nachdruck. Indem er die Hand aufs Herz legte und einen Vers citirte, sagte er: »Ich darf mit Dryden ausrufen: »Alt wie ich bin, für Frauenlieb’ nicht mehr gemacht, Fühl’ ich doch immer noch der Schönheit Macht.«

Lady Lundie war durch diese Galanterie ersichtlich beleidigt.

Mr. Delamayn ging noch einen Schritt weiter, mit der Miene eines Mannes, der sich gebieterisch berufen fühlt, eine Pflicht zu erfüllen, nahm er das Wort und sagte: »Das hat Dryden nicht gesagt, darauf lasse ich meinen Kopf.«

Mit Hilfe seines elfenbeinernen Spazierstockes drehte sich Sir Patrick rasch um und sah Mr. Delamayn scharf in’s Gesicht.

»Wollen Sie Dryden besser kennen als ich?« sagte er.

Der »ehrenwerthe« Geoffrey antwortete bescheiden: »Ich glaube wohl, denn ich habe drei Mal mit ihm um die Wette gerudert und wir haben uns zusammen auf’s Rudern eingeübt.«

Sir Patrick sah mit einem bitter triumphirenden Lächeln umher.

»Dann erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß Sie mit einem Manne um die Wette gerudert haben, der vor ungefähr zweihundert Jahren gestorben ist.«

Mr. Delamayn wandte sich mit unverhohlenem Erstaunen an die ganze Gesellschaft.

»Was will der alte Herr,« fragte er. »Ich spreche von Tom Dryden vom Corpus-Chrifti-College, jeder Mensch auf der Universität kennt ihn.«

»Und ich,« entgegnete Sir Patrick, »spreche von dein Dichter John Dryden, den ersichtlich nicht Jeder auf der Universität kennt.«

Mr. Delamayn antwortete ganz ernsthaft: »Auf mein Ehrenwort, von dem habe ich mein Leben lang noch nichts gehört.«

Er lächelte und zog seine Rosenholzpfeife aus der Tasche.

»Haben Sie vielleicht ein Zündholz?« fragte er den alten Herrn in dem unbefangen freundlichsten Tone.

Sir Patrick aber antwortete in einem durchaus nicht freundlichen Tone: »Ich rauche nicht, Sir.«

Herr Delamayn sah ihn an, ohne im mindesten beleidigt zu sein.

»Sie rauchen nicht?« wiederholte er, »dann Begreife ich nicht, wie Sie Ihre Mußestunden hinbringen.«

Sir Patrick machte der Unterhaltung ein Ende.

»Das muß Ihnen allerdings unbegreiflich sein,« sagte er mit einer sehr leichten Verbeugung.

Während dieses»kleine Scharmützel vor sich ging, hatte Lady Lundie das Spiel arrangirt und die Gesellschaft, Spieler wie Zuschauer, fing an, sich nach dem Rasen hinzubewegen.

Sir Patrick hielt seine Nichte, die im Begriff war, sich in Gesellschaft des dunklen jungen Mannes« gleichfalls in den Garten zu begeben, zurück und sagte: »Laß Mr. Brinkworth bei mir, ich habe mit ihm zu reden.«

Blanche ertheilte demgemäß ihre Ordre Mr. Brinkworth wurde verurtheilt, bei Sir Patrick zu bleiben, bis sie seiner bei dem Spiel bedürfen würde.

Mr. Brinkworth war erstaunt, aber er gehorchte.

Während dieser Ausübung eines Actes der Autorität von Seiten Blanche’s begab sich etwas Bemerkenswerthes an der anderen Ecke des Garten-Pavillons. Mrs. Silvester benutzte die durch die allgemeine Bewegung nach dem Rasen hin verursachte Verwirrung, um dicht an Mr. Delamayn heranzutreten.

»In zehn Minuten,« flüsterte sie ihm zu, wird der Gartenpavillon leer sein, dann triff mich dort.«

»Der ehrenwerthe Geoffrey fuhr zusammen und sah sich verstohlen nach den Gästen in seiner Nähe um.

»Glaubst Du, daß wir da unbeachtet sein werden?« flüsterte er leise.

Die Lippen des Mädchens zitterten, es war schwer zu sagen, ob vor Zorn oder vor Furcht.

»Ich bestehe darauf,« antwortete sie, und verließ ihn.

Mr. Delamayn blickte ihr mit zusammengezogenen Augenbrauen nach und verließ auch seinerseits den Garten-Pavillon.

Der Rosengarten hinter dem kleinen Gebäude war in diesem Augenblick ganz leer; Geoffrey zündete seine Pfeife an und verbarg sich hinter den Rosen. Er rauchte in raschen, ungeduldigen Zügen; in der Regel war er für seine Pfeife ein äußerst milder Herr; wenn er den vertrauten Diener hetzte, so war das bei ihm ein sicheres Zeichen innerer Aufregung.




Drittes Kapitel.

Die Entdeckung


So waren denn nur noch zwei Personen im Garten-Pavillon Sir Patrick und Amold Brinkworth.

»Mr. Brinkworth«, fing der alte Herr an, »ich habe bis jetzt noch keine Gelegenheit gehabt, mich mit Ihnen zu unterhalten und da Sie, wie ich höre, uns noch heute verlassen wollen, würde ich auch später keine Gelegenheit finden, mit Ihnen zu reden. Ich muß mich Ihnen zunächst vorstellen. Ihr Vater gehörte zu meinen vertrauten Freunden, wollen Sie, als sein Sohn, sich ebenfalls zu meinen Freunden zählen?« Dabei reichte er ihm die Hand und nannte seinen Namen. Arnold schlug sofort in die dargereichte Hand ein.

»Sir Patrick,« sagte er warm, »wenn mein armer Vater Ihren Rath befolgt hätte, würde er es sich zweimal überlegt haben, bevor er sein Vermögen beim Rennen verspielt hätte.....«

»Und er wäre vielleicht noch jetzt unter uns, und nicht als Verbannter in einem fremden Lande gestorben,« sagte Sir Patrick, den von Arnold begonnenen Satz vollendend »Reden wir nicht mehr davon, sondern von etwas Anderem.«

»Lady Lundie hat mir kürzlich über Sie geschrieben sie theilte mir mit, daß Ihre Tante gestorben sei und Ihnen ihr Gut in Schottland hinterlassen habe. Ist dem wirklich so, dann wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen Glück.«

Aber warum sind Sie hier zum Besuch, statt auf Ihrem Gute nach dem Rechten zu sehen? Freilich ist es nur dreiundzwanzig Meilen von hier entfernt und Sie wollen wohl noch heute mit dem nächsten Zuge hinreisen? Recht so! Wie, und dann wollen Sie übermorgen wiederkommen? Aber warum denn das? Vermuthlich fesselt Sie etwas hier? Sie sind sehr jung, Sie sind Versuchungen aller Art ausgesetzt. Sind Sie denn ein leidlich verständiger Mensch? Wenn Sie einen soliden Grund von gesundem Menschenverstand haben, so verdanken Sie das nicht Ihrem armen Vater! Sie müssen noch ganz jung gewesen sein, als er die Aussichten seiner Kinder zerstörte. Womit haben Sie Ihre Zeit seitdem hingebracht? Was war Ihre Beschäftigung, als das Testament Ihrer Tante Sie für Lebenszeit zu einem Müßiggänger machte?«

Diese Fragen hatten etwas Inquisitorisches, aber Arnold beantwortete sie, ohne einen Augenblick zu zaudern und sprach mit einer Einfachheit, durch die er sich sofort Sir Patricks Herz gewann.

»Ich war auf der Schule zu Eton, als die Verluste meines Vaters ihn ruinirten; ich mußte die Schule verlassen und mir selbst mein Brot verdienen, und ich habe das sauer genug bis zu diesem Tage gethan. Ich habe auf Kauffahrteischiffen als Seemann gedient.«

»Kurz, Sie haben das Unglück wie ein braver Kerl getragen und das Ihnen zugefallene Glück reichlich verdient«, entgegnete Sir Patrick, »geben Sie mir die Hand, Sie gefallen mir! Sie sind nicht wie die andern jungen Leute in unsern Tagen; ich will Sie bei Ihrem Vornamen nennen, aber Sie dürfen das nicht erwidern und mich Patrick nennen wollen, denn ich bin zu alt dazu. – Nun, wie gefallen Sie sich hier? Was ist meine Schwägerin für eine Art Frau und wie finden Sie das ganze Haus?«

Arnold brach in lautes Lachen aus.

»Das sind sonderbare Fragen aus Ihrem Munde an mich gerichtet, Sie sprechen ja, als ob Sie hier fremd wären!«

Sir Patrick drückte auf die Feder in der Krücke seines elfenbeinernen Spazierstockes. Ein kleiner goldener Deckel flog auf und es zeigte sich eine kleine im Innern verborgene Schnupftabacksdose. Er nahm eine Prise und lachte satyrisch in sich hinein über eine ihm durch den Kopf fahrende Idee, die er seinem jungen Freunde mitzutheilen nicht für nöthig hielt.

»Sie finden, daß ich wie ein Fremder rede«, nahm er wieder auf, »das bin ich auch. Lady Lundie und ich stehen in freundschaftlichem brieflichen Verkehr, aber wir gehen verschiedene Wege und sehen uns so selten wie möglich.«

»Meine Lebensgeschichte«, fuhr der liebenswürdige alte Herr mit einer reizenden Offenheit fort, welche alsbald alle Schranken der Verschiedenheit des Alters und Standes zwischen ihm und Arnold hinwegräumte, »ist nicht ohne Aehnlichkeit mit der Ihrigen, obgleich ich alt genug wäre, Ihr Großvater zu sein.«

»Ich verdiente mir mein Brod als schottischer Advocat, als sich mein Bruder zum zweiten Male verheirathete. Als er starb, ohne einen Sohn zu hinterlassen, avancirte ich plötzlich in der Welt wie Sie. Hier bin ich zu meinem eigenen aufrichtigen Bedauern als der jetzige Baronet, Ja, ja, zu meinem aufrichtigen Bedauern. Alle Arten von Verantwortlichkeit, an die ich nie gedacht hatte, werden mir jetzt aufgebürdet, ich bin das Haupt der Familie, der Vormund meiner Nichte. Ich muß hier bei diesem Gartenfeste erscheinen und fühle mich, unter uns gesagt, so vollständig aus meinem Element gerissen, wie es ein Mensch nur sein kann. Unter all’ diesen eleganten Leuten finde ich keinen einzigen, der mir gefällt »– Kennen Sie irgend Jemand hier?«

»Ich habe einen Freund hier in Windygates, der ebenfalls diesen Morgen angekommen ist,« antwortete Arnold, – »Geoffrey Delamayn!«

Bei diesen Worten erschien Miß Silvester in der Thür des Garten-Pavillons. Ihr Gesicht überflog etwas wie Verdruß, als sie den Platz besetzt fand, sie verschwand unbemerkt und schlüpfte wieder zu den Spielenden hin.

Jetzt sah Sir Patrick den Sohn seines alten Freundes auf einmal mit dem Ausdruck vollständiger Enttäuschung an.

»Die Wahl Ihres Freundes überrascht mich etwas,« sagte er.

Arnold faßte die Worte arglos als eine Aufforderung zu einer näheren Mittheilung auf. »Ich bitte um Vergebung«, sagte er, »die Sache hat durchaus nichts Ueberraschendes. Wir waren vor Jahren Schulkameraden in Eton, und seitdem begegneten wir uns einmal, als ich mit meinem Schiffe und Geoffrey mit seiner Yacht fuhr. Geoffrey hat mir das Leben gerettet, Sir Patrick«, fügte er mit einer Stimme und einem Blick hinzu, in dem sich die höchste Bewunderung für seinen Freund aussprach»»wenn er mich nicht gerettet hätte, so wäre ich bei einem Schiffsunfall um’s Leben gekommen! War das nicht ein guter Grund, ihn zu meinem Freunde zu machen?«

»Das kommt ganz darauf an, wie hoch Sie Ihr Leben schätzen.«

»O«, antwortete Arnold, »natürlich sehr hoch!«

»Wenn das der Fall ist, so sind Sie allerdings Mr. Delamayn zu Dank verpflichtet und in seiner Schuld —«

»Die ich nicht wieder abtragen kann.«

»Die Sie aber noch einmal mit Zinsen abtragen werden, wenn ich mich noch irgend wie auf menschliche Charaktere verstehe«, entgegnete Sir Patrick in einem sehr zuversichtlichen Tone.

Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als Delamayn – gerade wie kurz vorher Miß Silvester – in der Thür des Garten-Pavillons erschien; auch er verschwand unbemerkt, wie Miß Silvester, aber sehr Verschieden von den Empfindungen dieser, fühlte sich der »ehrenwerthe« Geoffrey bei der Entdeckung, daß der Pavillon besetzt sei, sichtlich erleichtert.

Dieses Mal hatte Arnold die Sprache und den Ton Sir Patrick’s richtig aufgefaßt und unternahm eifrig die Vertheidigung seines Freundes.

»Sie sagen das in einem etwas bittern Tone,« bemerkte er, »was hat Geoffrey Ihnen zu Leide gethan?«

»Mir zu Leide gethan? er hat die Prätension zu existiren«, antwortete Sir Patrick »Erschrecken Sie nicht, ich spreche im Allgemeinen. Ihr Freund ist das Muster eines jungen Engländers unserer Tage und ich liebe diese Gattung nicht. Ich habe keinen Sinn für, den Enthusiasmus, mit dem man sie als ein herrliches nationales Product feiert, weil sie groß und stark ist, und das ganze Jahr hindurch kalte Sturzbäder nimmt, ohne sich Schaden zu thun. Nach meiner Ansicht werden die rein physischen Eigenschaften, welche die Engländer mit den Wilden und Thieren theilen, viel zu hoch geschätzt, und die schlimmen Resultate jener falschen Bewunderung fangen schon an, sich zu zeigen; wir sind geneigter als je, Allem, was in unsern nationalen Sitten roh ist, die Zügel schießen zu lassen, und Alles zu entschuldigen, was in unsern nationalen Handlungen gewaltsam und brutal ist. Lesen Sie doch unsre beliebtesten Schriftsteller, gehen Sie an die öffentlichen Vergnügungsorte, Sie werden überall auf eine Abnahme der Achtung vor den feineren Sitten des civilisirten Lebens und auf eine wachsende Bewunderung alles Oberflächlichen stoßen.«

Arnold hörte dem alten Herrn mit unverhohlenem Erstaunen zu: er hatte die unschuldige Veranlassung bieten müssen, Sir Patric’s Gemüth von einem Protest gegen eine Richtung unserer Zeit zu befreien, den er schon lange mit sich herum getragen hatte.

»Wie heiß nehmen Sie die Sache, Sir Patrick!« sagte Arnold mit rückhaltslosem Erstaunen.

Sir Patrick nahm sich sofort wieder zusammen.

»Beinahe so heiß,« erwiderte er, »wie die Leute, die bei einem Wettrudern in lauten Jubel ausbrechen oder sich in die Lectüre ihres Wettbuches vertiefen. Ja, ja, zu meiner Zeit ereiferten wir uns so leicht über viel geringfügigere Dinge! – Doch lassen Sie uns von etwas Andern reden.«

»Ich weiß nichts Ungünstiges über Ihren Freund Delamayn, aber mich verdrießt die Dreistigkeit," rief Sir Patrick, wieder auf seine Betrachtungen zurückkommend, »mit der man es heutzutage überall aussprechen hört, diese körperlich gesunden Menschen müßten auch ohne Weiteres sittlich gesunde Menschen sein. Die Zeit wird lehren, ob diese dreiste Behauptung begründet ist oder nicht.

»Sie wollen also nach einem flüchtigen Besuch auf Ihrem Gute wieder hierherkommen? Ich kann nur wiederholen, daß das für einen Gutsbesitzer ein höchst sonderbares Verfahren ist. Was zieht Sie denn hierher?«

Noch bevor Arnold antworten konnte, rief ihn Blanche vom Rasen her; er erröthete und schickte sich eifrig an, dem an ihn ergangenen Rufe zu folgen.

Sir Patrick nickte mit dem Kopfe, wie Jemand, der eine ihn völlig befriedigende Antwort erhalten hat. »Oh,«, sagte er, »dahin fühlen Sie sich gezogen!«

Arnold’s Leben als Seemann hatte ihn in den Sitten und Gebräuchen des festen Landes sehr unbewandert gelassen. Statt ruhig auf den Scherz einzugehen, wurde er betroffen und ein tiefes Roth überflog sein Gesicht.

»Das habe ich nicht gesagt«, erwiderte er in gereiztem Tone.

Sir Patrick klopfte dem Seemann mit seiner weißen runzeligen Hand auf die Wange.

»Das haben Sie allerdings gethan, mein lieber Freund, und zwar in einer feurigen Sprache!«

Der kleine goldene Deckel in der Krücke seines Stockes sprang wieder auf und der alte Herr belohnte sich für diese treffende Antwort mit einer Prise.

In diesem Augenblick erschien Blanche »Mr. Brinkworth«, sagte sie, »Sie kommen gleich an die Reihe und Du kommst schon jetzt, lieber Onkel.«

»Gott sei mir gnädig! ich habe gar nicht mehr an das Spiel gedacht« Er sah sich um und fand seinen Hammer und seinen Ball noch auf dem Tische liegen. »Wo sind die modernen Ersatzmittel für Conversation?« rief er aus. »Da sind sie!« Und mit diesen Worten nahm er den Hammer wie einen Regenschirm unter den Arm und warf den Ball vor sich her, daß er dem Rasen zurollte »Wer mag Wohl«, sagte er bei sich, als er munter hinaus humpelte, »der erste Narr gewesen sein, der das Leben für eine ernste Sache erklärte! Da steh’ ich alter Thor mit einem Fuße im Grabe und die dringendste Frage, die mich diesen Augenblick beschäftigt, ist: »Werde ich meinen Ball durch die Ringe bringen?«

Arnold und Blanche blieben allein! Unter den persönlichen Vorzügen, welche die Natur den Frauen gewährt hat, giebt es keine beneidenswertheren, als die, am reizendsten auszusehen, wenn sie dem Mann ihrer Neigung gegenüberstehen. Als Blanche’s Augen, nachdem Sir Patrick den Gartenpavillon verlassen hatte, sich Arnold zuwandten, konnte selbst die abscheuliche Entstellung eines mächtigen Chignons und eines tellerartigen Hutes den dreifachen Reiz der Jugend, der Schönheit und der Zärtlichkeit, die aus ihren Augen strahlten, nicht schmälern; Arnold sah sie an und empfand bei dem Gedanken, daß er mit dem nächsten Zuge fortgehen und sie in der Gesellschaft von mehr als einem Bewunderer seines Alters zurücklassen müsse, eine Besorgniß, die ihm bisher noch nicht aufgestiegen war. In den vierzehn Tagen, die er unter demselben Dache mit Blanche verlebt hatte, war die Ueberzeugung in ihm reif geworden, daß sie das reizendste Geschöpf auf der Welt sei. Vielleicht, dachte er, würde sie es gar nicht so übel nehmen, wenn er ihr das sagte und er beschloß, es ihr in diesem günstigen Augenblick zu sagen. Aber wer hat je die Tiefe des Abgrundes gemessen, der zwischen Absicht und Ausführung liegt? Arnold’s Entschluß zu reden, war so fest, wie ein Entschluß nur sein kann und was wurde daraus? Zur Schande der menschlichen Schwäche sei es gesagt – nichts als Schweigen.

»Sie scheinen nicht ganz wohl zu sein, Mr. Brinkworth«, sagte Blanche »Wovon hat Sir Patrick mit Ihnen gesprochen? Mein Onkel erprobt seinen Witz an Jedermann, haben Sie ihm auch als Zielscheibe dienen müssen?«

Arnold glaubte eine Gelegenheit gefunden zu haben, zwar in weiter Ferne, aber doch eine Gelegenheit. Sir Patrick ist ein gefährlicher alter Herr«, antwortete er; »gerade in dem Augenblick, als Sie eintraten, hat er mir ein Geheimnis; vom Gesicht abgelesen!« Arnold hielt inne, faßte sich aber ein Herz und ging gerade auf sein Ziel los. »Ich möchte wohl wissen«, fragte er geradezu, »ob Sie dieselbe Gabe besitzen, wie Ihr Onkel.«

Blanche verstand ihn auf der Stelle. Hätte sie Zeit gehabt, so würde sie sich wahrscheinlich seiner angenommen und ihn Schritt für Schritt sanft an sein Ziel geleitet haben, aber in höchstens zwei Minuten war Arnold an der Reihe zu spielen.

»Er will mir einen Antrag machen«, sagte Blanche bei sich, »und da hat er eine Minute Zeit dazu; er soll es in dieser Minute thun.«

»Wie!« rief sie aus, »meinen Sie, daß die Gabe des Errathens ein Familienerbtheil ist?«

Arnold stürzte sich Hals über Kopf auf die nächstliegende Antwort. »Ich wünschte, dem wäre so.«

Blanche sah wie ein Bild des Erstaunens aus »Wenn Sie in meinem Gesicht lesen könnten, was Sir Patrick darin gelesen hat« – er hätte den Satz nur zu vollenden brauchen und die Sache wäre gethan gewesen, aber die Liebesleidenschaft gefällt sich darin, sich selbst tückischer Weise Hindernisse in den Weg zu legen. – Gerade in diesem ungelegenen Augenblick wurde Arnold von einer plötzlichen Schüchternheit ergriffen und hielt in der denkbar ungeschicktesten Weise inne.

Blanche hörte vom Rasen her den Schlag des Hammers auf den Ball und das, Lachen der Gesellschaft über die Ungeschicklichkeit Sir Patricks. Die kostbarsten Secunden eilten dahin; sie hätte Arnold wegen seiner entsetzlichen Zaghaftigkeit schlagen mögen.

»Nun»sagte sie ungeduldig, »was soll ich denn in Ihrem Gesichte lesen?«

Arnold setzte noch einmal an und sagte: »Sie sollen darin lesen, daß ich ein bischen Aufmunterung brauche.«

»Von mir?«

»Ja wohl, von Ihnen.«

Blanche sah über ihre Schultern weg hinaus in den Garten. Der Garten-Pavillon stand auf einer kleinen Anhöhe, zu welcher Stufen führten. Die Spieler auf dem Rasen unten waren hörbar, aber nicht sichtbar. Jeden Augenblick konnte Jemand ganz unerwartet erscheinen. Blanche horchte, aber kein nahender Schritt war zu vernehmen. Jetzt war es wieder still, und dann erklang wieder ein Schlag des Hammers auf den Ball und dann ein allgemeines Händeklatschen. Sir Patrick war eine priviligirte Person, man hatte ihm vermuthlich erlaubt, das Spiel noch einmal zu versuchen, und er war bei dem zweiten Versuch glücklicher gewesen. Dadurch war ein kleiner Aufschub entstanden.

Blanche sah Arnold wieder an.

»Nun wohl, ich ermuthige Sie«, flüsterte sie, »das heißt,« fügte sie mit dem unvertilgbaren weiblichen Instinct der Selbstvertheidigung hinzu, »in den gehörigen Grenzen!«

Arnold setzte zum letzten Mal an und dieses Mal mit Erfolg. »Nun also. Ich liebe Sie, und zwar – grenzenlos.«

Es war geschehen, die Worte waren ausgesprochen! Er hatte ihre Hand ergriffen, aber wieder zeigte sich die Tücke der Leidenschaft Kaum war das Bekenntniß, das Blanche so sehnlich erwartet hatte, den Lippen – ihres Geliebten entfahren, als sie schon dagegen protestirte; sie versuchte, ihre Hand aus der seinigen zu befreien, und hieß Arnold sie in Ruhe zu lassen. Arnold hielt sie aber nur um so fester. »Versuchen Sie es doch nur, mich ein Bischen lieb zu haben«, bat er, »ich liebe Sie so sehr.«

Wer hätte einer solchen Werbung widerstehen können, wohl gemerkt, wenn man den Werbenden selbst liebte und wenn man sicher war, im nächsten Augenblick wieder gestört zu werden.

Blanche gab es auf, sich loszumachen und sah ihren jungen Seemann lächelnd an.

»Haben Sie diese Art, Liebeserklärungen zu machen, im Seedienste erlernt?« fragte sie schalkhaft.

Arnold aber ließ sich in der ernsthaften Verfolgung seines Zweckes nicht irre machen.

»Ich will wieder Seemann werden, wenn ich Sie erzürnt habe.«

Blanche hatte eine zweite Dosis Aufmunterung bereit.

»Zorn ist eine schlimme Leidenschaft, Mr. Brinkworth«, antwortete sie ernsthaft, »und ein wohlerzogenes junges Mädchen hat keine schlimmen Leidenschaften.«

In diesem Augenblick ließ sich ein Ruf nach Mr. Brinkworth vom Rasen her vernehmen. Blanche versuchte es, ihn hinaus zu schieben, aber Arnold war unbeweglich.

»Sagen Sie doch etwas mich zu ermuntern, ehe ich fortgehe«, bat er, »ein einziges Wort genügt.«

Blanche schüttelte mit dem Kopf. Jetzt war sie seiner sicher und konnte der Versuchung nicht widerstehen, ihn zu quälen.

»Ganz unmöglich«, rief sie, »wenn Sie noch mehr Aufmunterung haben wollen, müssen Sie mit meinem Onkel reden.«

»Ich will mit ihm reden. Sagen Sie ja.«

Blanche versuchte zum zweiten Mal, ihn hinauszuschieben.

»Gehen Sie jetzt und geben Sie sich Mühe, den Ball durch die Ringe zu bringen.«

Sie hatte beide Hände auf seine Schultern gelegt; ihre Wangen waren den seinigen ganz nahe, sie war unwiderstehlich. Arnold faßte sie um den Leib und küßte sie. – Jetzt war es nicht nöthig, ihn gewaltsam zu entfernen, damit er seinen Ball durch die Ringe bringe, er hatte ihn schon durchgebracht! Blanche stand sprachlos da. Arnold’s letzter Versuch in der Kunst, Liebeserklärungen zu machen, hatte ihr den Athem benommen und bevor sie sich noch wieder erholte, wurden herankommende Fußtritte deutlich vernehmbar. Arnold drückte sie noch einmal an sich und lief hinaus.

Sie sank auf den nächsten Stuhl und schloß die Augen im Gefühl einer glückseligen Verwirrung – —

Die Fußtritte kamen näher. Blanche öffnete die Augen und sah Anne Silvester Vor sich stehen und sie ansehen. Sie sprang auf und Anne um den Hals.

»Du weißt nicht, was geschehen ist«, flüsterte sie; »wünsche mir Glück, er hat sich erklärt, er ist auf ewig mein.« – Alle schwesterliche Liebe und alles schwesterliche Vertrauen langer Jahre gaben sich in ihrer Umarmung und dem Ton ihrer Worte kund. Die Herzen der Mütter konnten sich jemals nicht näher gestanden haben, als es die Herzen der Töchter allem Anschein nach thaten, und doch, wenn Blanche in diesem Augenblick Anne angesehen hätte, würde es ihr nicht entgangen sein, daß Anne’s Gedanken sich mit etwas ganz Anderem als mit ihrer kleinen Liebesgeschichte beschäftigten.

»Du weißt doch, von wem ich rede«, fuhr sie fort, nachdem sie einen Augenblick auf eine Antwort gewartet hatte.

»Mr. Brinkworth?«

»Natürlich, wer sollte es sonst sein!«

»Und Du bist wirklich glücklich, mein Engel?«

»Glücklich«, wiederholte Blanche »Im strengsten Vertrauen, ich könnte vor Freuden Purzelbäume schlagen! Ich liebe ihn, ich liebe ihn, ich liebe ihn!« rief sie, mit kindischer Freude die Worte wiederholend Sie wurden mit einem tiefen Seufzer erwidert. Blanche sah Anne scharf in’s Gesicht und fragte mit plötzlich veränderter Stimme: »Was hast Du?«

»Nichts!«

Blanche hatte aber zu gut beobachtet, um sich mit dieser Antwort abfertigen zu lassen.

»Du hast allerdings etwas«, sagte sie, »fehlt Dir Geld«, fügte sie nach einer kurzen Ueberlegung hinzu, »Rechnungen zu bezahlen? Ich habe reichlich Geld, Anne, ich kann Dir leihen, was Du brauchst!«

»Nein, liebes Kind.«

Blanche war empfindlich Zum ersten Mal, so Lange sie denken konnte, war Anne etwas zurückhaltend gegen sie gewesen.

»Ich sage Dir alle meine Geheimnisse, warum verbirgst Du mir etwas? Weißt Du wohl, daß Du nun schon seit einiger Zeit besorgt und unglücklich aussiehst? Vielleicht magst Du Mr. Brinkworth nicht leiden! —" Nein, Du magst ihn? Ist es denn meine Heirath? – Das wird es sein! Du denkst, wir müssen uns trennen? – als ob ich ohne Dich leben könnte! – Natürlich mußt Du, wenn ich mit Arnold verheirathet bin, bei uns leben, das versteht sich ja ganz von selbst, nicht wahr?«

Anne trat plötzlich zurück und wies auf die Treppe hin: »Da kommt Jemand, sieh’ nur!«

Die ankommende Person war Arnold.

Blanche war an der Reihe zu spielen und er hatte sich erboten, sie zu holen.

Blanche’s Aufmerksamkeit, die bei andern Gelegenheiten leicht abzulenken war, blieb dieses Mal fest an Anne haften. »Du bist ja gar nicht Du selbst? Und ich muß den Grund wissen«, sagte sie, »ich will bis heute Abend warten, dann mußt Du auf mein Zimmer kommen und mir erzählen, was Dich quält! Sieh doch nicht so aus, Du mußt es mir erzählen und da hast Du einen Kuß.«

Sie ging mit Arnold und fand ihre ganze Munterkeit wieder, sobald sie ihn ansah.

»Nun, haben Sie Ihren Ball durchgebracht?«

»Ach! was kümmern mich die Bälle! Ich habe das Eis zwischen mir und Sir Patrick gebrochen.«

»Was? Vor der ganzen Gesellschaft!

»Natürlich! Ich habe mit ihm verabredet, ihn hier zu sprechen.«

Lachend gingen sie die Treppe hinunter zu den Spielenden.

Anne, die im Garten Pavillon allein blieb, ging langsam nach dem Hintergrunde desselben. An einem der Seitenwände hing ein Spiegel mit einem geschnitzten Holzrahmen Sie blieb stehen, sah hinein und schauderte bei dem Anblick ihres Spiegelbildes. »Ist der Augenblick gekommen«, sagte sie, »wo selbst Blanche in meinem Gesicht liest, was mit mir ist?« – Dann aber wandte sie sich plötzlich von dem Spiegel ab und rang mit einem Verzweiflungsschrei die Hände und lehnte den Kopf gegen die Wand.

In diesem Augenblick erschien an der Schwelle der Thür eine männliche Gestalt. Es war Geoffrey Delamayn!




Viertes Kapitel.

Die Beiden


Er trat einen Schritt vor und blieb dann stehen,

Ganz in Gedanken versunken hörte Anne ihn nicht und rührte sich nicht.

»Ich bin gekommen, weil Du darauf bestanden hast«, sagte er von ihrer Erscheinung betroffen, »aber bedenke wohl, daß wir hier nicht sicher sind.«

Bei dem Klange seiner Stimme drehte sich Anne nach ihm um. Als sie langsam aus dem Hintergrunde des Garten-Pavillons herkam, trat in ihrem Gesicht eine plötzliche Veränderung des Ausdrucks hervor, welche eine sonst nicht bemerkbare Aehnlichkeit mit ihrer Mutter erkennen ließ. Wie die Mutter in vergangenen Tagen den Mann, der sie verleugnete, angeblickt hatte, so blickte jetzt die Tochter Geoffrey Delamayn an: mit derselben furchtbaren Ruhe und demselben furchtbaren Ausdruck der Verachtung!«

»Nun«, begann er, »was hast Du mir zu sagen?«

»Geoffrey Delamayn«, sagte sie, »Du gehörst zu den Großen dieser Welt, Du bist der Sohn eines Edelmannes, Du bist schön, Du bist beliebt in Deinen Clubs; Du hast Zutritt zu den besten Häusern in England, aber bist Du nicht bei alledem noch etwas Anderes? Bist Du nicht auch ein Feigling und ein Schurke dazu?«

»Er fuhr zusammen, öffnete die Lippen um zu sprechen, hielt aber ein und machte einen nicht sehr glücklichen Versuch die Sache wegzulachen »Komm, komm«, erwiderte er, »bleibe ruhig!«

Ihre bis jetzt zurückgehaltene Leidenschaft fing an hervorzubrechen »Ruhig bleiben soll ich?« wiederholte sie; »von allen Menschen bist Du wohl der letzte, der ein Recht hätte mich zur Selbstbeherrschung zu ermahnen. Wie schwach muß Dein Gedächtniß sein; hast Du die Zeit vergessen, wo ich thöricht genug war zu glauben, daß Du mich liebtest? Und war ich nicht wahnsinnig genug zu glauben, daß Du Dein Versprechen halten könntest?«

Er wiederholte den Versuch über die Sache zu lachen.

»Wahnsinnig ist nicht der richtige Ausdruck, Anne.«

»Wenn ich an meine Verblendung zurückdenke, so kann ich sie mir nicht erklären, ich verstehe mich selbst nicht! Was konnte ich an Dir finden, das auf mich eine solche Anziehungskraft ausübte?« fragte sie im Tone geringschätziger Verwunderung.

Sein unerschütterlicher Gleichmuth war selbst gegen diese Angriffe stichfest. Er steckte die Hände in die Tasche und sagte: »Ich weiß es wahrhaftig nicht!«

Sie wandte sich von ihm weg; diese offene brutale Antwort hatte sie nicht beleidigt, aber diese Antwort drängte ihr das grausame Bewußtsein auf, daß sie Niemanden als sich selbst für die Lage zu tadeln habe, in der sie sich in diesem Augenblick befand. Sie wollte ihn nicht merken lassen, wie schwer dieses Bewußtsein und die Erinnerung an vergangene Tage auf ihr laste. Es war eine traurige Geschichte, an die sich diese Erinnerungen knüpften.

Bei Lebzeiten ihrer Mutter war Anne das lieblichste liebenswürdigste Kind gewesen. Später unter der Obhut der Freundin ihrer Mutter, waren ihre Mädchenjahre so harmlos und glücklich verlaufen, daß es scheinen konnte, als ob die in ihr schlummernden Leidenschaften niemals erwachen würden.

So hatte sie fortgelebt, bis sie zur Jungfrau herangereift war, um dann, als sich ihr Leben zu seiner schönsten Blüthe entfaltet hatte, es in einen einzigen verhängnißvollen Augenblick an den Mann, der jetzt vor ihr stand, wegzuwerfen – —

Mie war das möglich gewesen? – Sie hatte ihn mit andern Augen angesehen, als sie ihn jetzt ansehen mußte, sie hatte ihn gesehen als den Helden einer Wettruderfahrt, als den Sieger in einem Kampfe, in welchem Kraft und Geschicklichkeit den Ausschlag gaben, und der ganz England in Begeisterung versetzte, sie hatte ihn als den Mittelpunkt des Interesses, als das Ideal der Begeisterung und des Beifalls der Massen gesehen. Sein waren die Arme, deren Muskeln in den Zeitungen verherrlicht wurden; er war der erste unter den Helden, der als der Stolz und die Blüthe Englands von zehntausend jubelnden Kehlen begrüßt wurde. In diese Atmosphäre des glühendsten Enthusiasmus der Vergötterung der physischen Kraft nun denke man sich ein Mädchen versetzt. Darf man da verständiger und billiger Weise erwarten, daß sie sich kaltblütig fragt: »welchen moralischen und intellectuellen Werth hat das Alles?« Und noch dazu, wenn dieser Mann, der Gegenstand der allgemeinen Vergötterung ihr vorgestellt wird, wenn er Geschmack an ihr findet und sie vor allen Anderen auszeichnet?!

Jetzt stand sie da, von dem Bewußtsein ihres Geheimnisses gemartert, des schrecklichen Geheimnisses, welches sie vor dem unschuldigen Mädchen, an dem sie mit schwesterlicher Zärtlichkeit hing, verbarg. Erst jetzt, wo es zu spät war, durchschaute sie den Mann und erkannte sie seinen ganzen Unwerth. Erst jetzt, wo sie nur von ihm Rettung vor Schande erhoffen konnte, mußte sie sich fragen, was liebenswerth an einem Manne sei, der sie so behandeln konnte, wie er es eben jetzt that.

Es entstand eine Pause peinlichen Schweigens im Garten-Pavillon. Aus der Ferne erklang das heitere Lärmen der Spielenden auf dem Rasen. Draußen muntere Stimmen, Lachen aus jugendlichen Kehlen, das Stoßen des Hammers auf den Ball, – drinnen ein Weib, das die bitteren Thränen des Kummers und der Schmach zurückdrängt – und ihr gegenüber ein Mann, der kein Hehl daraus macht, daß er ihrer überdrüssig ist.

Endlich raffte sie sich auf, sie war die Tochter ihrer Mutter und trug einen Funken des mütterlichen Muthes in sich; ihre Zukunft hing von dem Ausgange dieser Zusammenkunft ab. Sie durfte, da ihr weder Bruder noch Vater zur Seite stand, einen letzten Versuch an sein besseres Ich nicht unterlassen; sie drängte ihre Thränen gewaltsam zurück und sagte in milderem Tone:

»Seit drei Wochen bist Du jetzt auf dem Landsitz Deines Bruders, nicht zehn Meilen von hier entfernt, Geoffrey, und nicht ein einziges Mal bist Du herübergeritten, um mich zu sehen! Du wärest auch heute nicht gekommen, wenn ich nicht in einem Billet an Dich, darauf bestanden hätte; habe ich eine solche Behandlung von Dir verdient?«

Sie hielt inne. Er antwortete nicht.

»Hörst Du mich nicht?« fragte sie vortretend und Ihre Stimme erhebend.

Er schwieg noch immer.

Das überstieg das Maß des Ertragbaren. Die Vorzeichen eines Unwetters wurden deutlich auf ihrem Gesicht erkennbar. Er kam dem Ausbruch desselben mit eiserner Stirne zuvor. Während ihn der Gedanke an diese Zusammenkunft, vorhin im Rosengarten unbehaglich gestimmt hatte, war er jetzt, wo er ihr gegenüberstand, wieder vollkommen Herr seiner selbst. Er hatte Gemüthsruhe genug, sich zu erinnern, daß er seine Pfeife nicht wieder in ihr Etui gesteckt hatte, Gemüthsruhe genug, diese Versäumniß in aller Gelassenheit nachzuholen, bevor er sich mit etwas Anderem beschäftigte. Er zog das Etui aus der einen und die Pfeife aus der andern Tasche.

»Fahre fort, ich höre!«

Sie schlug ihm die Pfeife ans der Hand. Wenn sie Kraft genug besessen hätte, würde sie ihn selbst auf den Boden des Garten-Pavillons niedergestreckt haben.

»Wie darfst Du es wagen, mich so zu behandeln?« brach sie heftig aus, »Dein Benehmen ist niederträchtig, vertheidige es, wenn Du es kannst.«

Er mochte gar keinen Versuch, sich zu vertheidigen. Mit dem Ausdruck einer unverhohlenen Besorgniß blickte er aus seine am Boden liegenden Pfeife, die ihn 10 Schilling gekostet hatte! »Ich will erst meine Pfeife vom Boden aufnehmen«, sagte er.«

Sein Gesicht erheiterte sich, er sah schöner aus als je, als er den kostbaren Gegenstand unversehrt fand und wieder in sein Etui steckte. »Wie gut«, sagte er bei sich, »daß sie mir die Pfeife nicht zerbrochen hat.«

»Ich appellire an Dein eigenes gesundes Urtheil«, sagte er jetzt in ruhigem und verständigem Tone, »wozu nützt es, daß Du Dich so heftiger Ausdrücke gegen mich bedienst; wünschest Du, daß die da Draußen Dich hören? Aber so seid Ihr Frauen Alle; man kann es anfangen wie man will, man bemüht sich vergebens, Euch ein bischen Vorsicht beizubringen.«

Hier hielt er inne und erwartete eine Antwort Von ihr.

Sie ihrerseits aber forderte ihn auf, fortzufahren.

»Sieh’«, sagte er, »Du hast gar keinen Grund, mir zu zürnen; ich will ja mein Wort nicht brechen, aber was kann ich thun, ich bin nicht der älteste Sohn meines Vaters, sondern hänge ganz und gar von ihm ab und stehe schon ohnedies auf schlechtem Fuße mit ihm; siehst Du jetzt, wie die Sache liegt? Du bist eine Dame, das weiß ich recht gut, aber Du bist doch nur eine Gouvernante. Es ist so gut in Deinem Interesse wie in meinem, wenn ich warte, bis mein Vater für mich gesorgt hat, mit einem Wort, wenn ich Dich jetzt heirathe, bin ich ein ruinirter Mensch.«

Diesmal blieb sie ihm die Antwort nicht schuldig.

»Du Schurke, und wenn Du mich nicht heirathest, bin ich ein zu Grunde gerichtetes Mädchen.«

»Was willst Du damit sagen?«

»Das weißt Du! Sieh mich nicht so an.«

»Wie kann ich ein Mädchen, das mich einen Schurken schilt, anders ansehen?

Plötzlich aber änderte sie ihren Ton.

Das in jedem Menschen schlummernde Element der Bestialität, zu dessen Bewältigung die Erziehung grade« dieses Mannes am Wenigsten geeignet gewesen war, fing an, sich in dem Ausdruck seiner Augen und in seiner Stimme leise zu zeigen.

Es war klar, daß Einer von Beiden nachgeben mußte.

Für das Weib stand am meisten auf dem Spiel und sie war es daher, die sich fügte.

»Sei nicht so hart gegen mich«, bat sie, »ich will auch nicht hart gegen Dich sein.«

»Der Zorn hat mich überwältigt, Du kennst meine heftige Gemüthsart, es thut mir leid, daß ich mich vergessen habe!«

»Geoffrey! meine ganze Zukunft liegt in Deiner Hand, willst Du mir nicht Gerechtigkeit angedeihen lassen?«

Sie trat nahe an ihn heran und legte ihre Hand auf seinen Arm.

»Hast Du mir kein Wort zu sagen?«

Keine Antwort, nicht einmal ein Blick.

Sie wartete noch einen Augenblick, dann aber ging wieder eine merkwürdige Veränderung mit ihr vor.

Sie wandte sich um und ging langsam auf die Thür des Garten-Pavillons zu.

»Es thut mir leid, daß ich Sie gestört habe, Mr. Delamayn, ich will sie nicht länger incommodiren.«

Er sah sie an. Sie hatte die Worte in einem Tone gesprochen, den er an ihr nicht kannte; in ihren Augen leuchtete ein unheimliches Feuer.

Mit, einer plötzlichen und gewaltigen Bewegung streckte er die Hand nach ihr aus und hielt sie zurück.

»Wo willst Du hin?« fragte er.

Ihm gerade in’s Gesicht sehend, antwortete sie:

»Wohin seht viele junge Mädchen vor mir gegangen sind, fort aus dieser Welt!«

Er zog sie sanft an sich heran und sah ihr scharf in’s Auge. Selbst sein Verstand reichte hin, zu erkennen, daß er sie aufs Aeußerste gebracht hatte.

»Du willst Dir das Leben nehmen?«

»Ja, das will ich!«

Er ließ ihren Arm los.

»Bei Gott!« sagte er, »sie meint es wirklich!«

In dieser Gewißheit schob er einen der im Garten.Pavillon stehenden Stühle mit dem Fuß zu sich heran und sagte in rohem Ton:

»Setze Dich.«

Sie hatte ihm Furcht eingeflößt, und Furcht ist ein Gefühl, dass Männer seines Schlages selten befällt und das sie, wenn es sie einmal beschleicht, durch lautes und brutales Wesen zu übertäuben suchen.

Sie that, wie er ihr geheißen hatte.

»Hast Du mir kein Wort zu sagen?« fragte er mit einem Fluch.

»Nein!«

unbeweglich saß sie da und unbekümmert um den Ausgang.

Er ging einen Augenblick auf und ab, kam zurück und schlug mit der Hand zornig auf die Lehne seines Stuhls.

»Was willst Du?«

»Du weißt, was ich will.«

Er ging wieder auf und ab.

Es blieb ihm nichts übrig, als seinerseits nachzugehen, wenn er sich nicht der Gefahr aussetzen wollte, daß sie in ihrer Verzweiflung etwas thäte, was ein ungeheures Aussehen machen würde und seinem Vater zu Ohren kommen könnte.

»Höre Anne«, sagte er plötzlich, ich habe Dir eine Proposition zu machen.«

Sie sah zu ihm auf.

»Was meinst Du zu einer heimlichen Ehe?

Ohne etwas zu fragen oder irgend einen Einwand zu erheben, antwortete sie ebenso kurz, wie er es gethan hatte: »ich erkläre mich mit einer heimlichen Ehe einverstanden!«

Auf der Stelle fing er wieder an zu zögern.

»Ich muß gestehen, ich weiß nicht, wie sich die Sache machen läßt.«

Hier unterbrach sie ihn. »Aber ich weiß es.«

»Was«, rief er argwöhnisch, »Du hast schon selbst an die Sache gedacht?«

»Ja«

»Und schon einen Plan entworfen? Warum hast Du mir das nicht früher gefragt?«

Sie antwortete stolz: »Weil es an Dir war, zuerst zu reden.«

»Nun gut, ich habe ja zuerst gesprochen, erklärst Du Dich mit einem kurzen Aufschub einverstanden?«

»Nein, nicht einen Tag« erwiderte sie in höchst entscheidendem Tone.

»Wozu denn die große Eile?«

»Kannst Du nicht sehen? Hast Du Augen?« fragte sie leidenschaftlich. Kannst Du nicht hören? Siehst Du nicht, wie Lady Lundie mich beobachtet? Hörst Du nicht, wie sie mit mir spricht? Sie hat bereits Verdacht geschöpft. Ich muß jeden Augenblick gewärtig sein, mit Schimpf und Schande von hier entlassen zu werden.«

Sie ließ den Kopf auf die Brust sinken und blickte aus ihre im Schooße ruhenden Hände.

»Und Blanche, murmelte sie mit wiederausbrechenden Thränen, die sie dieses Mal nicht zurückhielt, »Blanche, die zu mir aufblickt, die mich liebt, die mir an eben dieser Stelle, vor wenigen Augenblicken sagte, daß ich bei ihr leben müsse, wenn sie verheirathet sein würde.«

Plötzlich erhob sie sich von ihrem Sitz und ihre Augen waren wieder trocken; der Ausdruck der Verzweiflung stand von Neuem in ihrem bleichen, abgehärmten Gesicht zu lesen.

»Laß mich! was sind alle Schrecken des Todes im Vergleich zu meinem Leben.«

Sie maß ihn vom Scheitel bis zur Sohle mit einem einzigen Blick der Verachtung. Mit dem lautesten und festesten Tone, der ihr zu Gebote stand, sagte sie:

»Würdest Du in meiner Lage nicht den Muth haben zu sterben, Geoffrey?«

Geoffrey sah hinaus auf den Rasen.

»Still, man wird Dich hören!«

»Laß sie mich hören! Wenn ich sie nicht mehr zu hören brauche, was liegt mir daran!«

Er zwang sie, sich wieder zu setzen. Im nächsten Augenblicke würde man sie draußen, trotz allen Lärmens und Gelächters der Spielendem haben hören müssen.

»Sage mir nur, was Du von mir willst und ich bin bereit Alles zu thun, nur sei verständig. Ich kann Dich doch heute nicht mehr heirathen?

»Warum nicht?

»Rede doch nicht solchen Unsinn, Haus und Garten hier sind voll von Gästen, wie ist es möglich?«

»Es ist möglich; ich habe darüber nachgedacht seit wir hier sind, ich habe Dir etwas vorzuschlagen. willst Du mich anhören oder nicht?«

»Sprich leise!«

»Willst Du mich anhören oder nicht?«

»Es kommt Jemand!«

»Willst Du mich anhören oder nicht?«

»Hole der Teufel Deinen Eigensinn, ich will Dich anhören!«

Diese Worte hatte sie ihm abgerungen; das war die Antwort, die sie haben mußte, die einzige, die ihr noch Hoffnung übrig ließ.

Kaum hatte er sich bereit erklärt sie anzuhören, als sie wieder für die dringende Nothwendigkeit empfänglich wurde, einer Entdeckung durch eine beliebige dritte Person, die in den Garten-Pavillon geschlendert kommen mochte, vorzubeugen.

Sie erhob den Finger zum Zeichen des Schweigens und horchte hinaus, was draußen auf dem Rasen vorgehe. Man hörte den dumpfen Aufschlag des Hammers auf die Balle nicht mehr, das Spiel war zu Ende.

Im nächsten Augenblick hörte sie ihren Namen rufen; noch einen Augenblick und eine ihr bekannte Stimme sagte: »Ich weiß wo sie ist, ich will sie holen.«

Sie wandte sich gegen Geoffrey und deutete auf den Hintergrund des Garten-Pavillons. »Ich bin an der Reihe zu spielen, Blanche kommt, um mich zu holen. Watte da hinten, ich will ihr auf der Treppe entgegengehen.« Mit diesen Worten ging sie hinaus.

Es war ein kritischer Augenblick. Eine Entdeckung wäre für beide Theile gleich verhängnißvoll gewesen.

Geoffrey hatte bei der Schilderung seines Verhältnisses zu seinem Vater nicht übertrieben; Lord Holchester hatte zweimal seine Schulden bezahlt und hatte dann erklärt, ihn nicht wiedersehen zu wollen. Wenn er sich noch einmal etwas zu Schulden kommen ließ, mußte er einer Enterbung gewärtig sein.

Anne’s Weisung folgend suchte er jetzt einen Ausweg, für den Fall, daß es ihm nicht gelingen sollte aus der Vorderthür zu entkommen. In der hintern Wand war eine Thür angebracht, deren sich die Domestiken zu bedienen hatten, wenn Picknicks oder Thee-Gesellschaften im Garten-Pavillon gegeben wurden.

Die Thür öffnete sich nach außen und war verriegelt. Mit seiner Riesenkraft war das leicht zu überwinden, er stemmte sich mit der Schulter gegen die Thür und öffnete sie auf diese Weise gewaltsam. In dem Augenblick aber fühlte er eine Hand auf seinem Arm. Anne stand allein hinter ihm.

»Es kann bald kommen, daß Du diese Thür nöthig hast«, sagte sie beim Anblick der offenen Thür, ohne irgend ein Erstaunen zu äußern, jetzt hast Du sie nicht nöthig. Ich habe einen Stellvertreter beim Spiel gefunden und habe Blanche gesagt, ich sei nicht wohl. Setze Dich. Ich habe uns einen Aufschub von fünf Minuten verschafft und muß denselben bestens benutzen. Nach Verlauf dieser fünf Minuten wird Lady Lundie’s Argwohn sie hierherführen um sich nach meinem Befinden zu erkundigen. Jetzt mach’ die Thüre zu;" sie setzte sich und deutete auf einen neben ihr stehenden Stuhl.

»Komm zum Schluß«, sagte er ungeduldig, »was willst Du?«

»Wir können uns noch heute heimlich verheirathen, höre mich an und ich will Dir sagen wie.«




Fünftes Kapitel.

Der Plan


Sie ergriff seine Hand und fing an mit der ganzen Ueberredungskunst die ihr zu Gebote stand: »Eure Frage, Geoffrey, bevor ich beginne. Lady Lundie hat Dich zu einem längeren Besuch auf Windygates eingeladen, nimmst Du die Einladung an oder kehrst Du noch heute Abend zu Deinem Bruder zurück?«

»Ich kann heute Abend nicht zurück, sie haben mein Zimmer einem Gaste gegeben, ich muß hierbleiben, mein Bruder hat es absichtlich so eingericht. Ja Julius hilft mir, wenn ich in Noth bin und setzt mich nachher zurecht; er hat mich hergeschickt, um eine Familienpflicht zu erfüllen, Einer muß ja höflich gegen Lady Lundie sein und ich bin das Opfer.«

An dieses letzte Wort knüpfte sie an. »Gieb Dich nicht zu diesem Opfer her«, sagte sie. »Entschuldige Dich bei Lady Lundie und sage, Du seiest genöthigt zu Deinem Bruder zurückzukehren.«

»Warum?«

»Weil wir Beide noch heute Windygates verlassen müssen.«

Dagegen hatte er zweierlei einzuwenden. Wenn er Windygates heute verließ, so entging ihm eine Gelegenheit einen Anspruch auf Geldunterstützung von Seiten seines Bruders zu gewinnen, und wenn er gar in Gesellschaft von Anne fortging, so sahen ihn die Leute und ihr Gerede konnte leicht seinem Vater zu Ohren kommen.

»Wenn ich mit Dir fortgehe«, sagte er, »so kann ich nur meinen und Deinen Aussichten für die Zukunft Valet sagen.«

»Du sollst auch nicht mit mir fortgehen«, erklärte sie, wir wollen Windygates Einer nach dem Andern verlassen und Du zuerst.«

»Es wird aber großes Geschrei und Aufsehen im Hause machen, wenn man Dich vermißt.«

»Wenn das Croquet-Spiel vorbei ist, soll getanzt werden und ich tanze nicht und man wird mich nicht vermissen. Ich werde Zeit und Gelegenheit finden, mich auf mein Zimmer zurückzuziehen; ich werde einen Brief für Lady Lundie zurücklassen und einen Brief«, fügte sie mit zitternder Stimme hinzu – —»einen Brief für Blanche Unterbrich mich nicht; ich habe dieses, wie alles Andere wohl bedacht, was ich in meinen Briefen vorgeben werde, wird in wenigen Stunden wahr sein. Ich werde sagen, daß ich heimlich verheirathet sei und daß mich eine plötzlich erhaltene Nachricht nöthige, zu meinem Mann zu gehen. Das wird großen Aufruhr im Hause geben, das weiß ich recht gut, aber sie werden keine Veranlassung haben, mir nachzuschicken, wenn ich unter dem Schutze meines Mannes stehe. Was Dich persönlich betrifft, hast Du keine Entdeckung zu befürchten, und nichts zu thun, was nicht vollkommen sicher und leicht wäre. Warte hier eine Stunde, nachdem ich fortgegangen sein werde, um Aufsehen zu vermeiden, und dann folge mir!«

»Dir folgen?« unterbrach sie Geoffrey, »wohin?«

Sie zog ihren Stuhl näher an ihn heran und flüsterte ihm zu: »Noch einem kleinen, einsamen Gebirgsgasthof, vier Meilen von hier.«

»Einem Gasthof?«

»Warum nicht?«

»Ein Gasthof ist ein öffentlicher Ort!«

Sie konnte eine sehr natürliche Regung der Ungeduld nicht unterdrücken, beherrschte sich aber sogleich und fuhr wieder fort: »Der Ort, von dem ich rede, ist der einsamste Platz der ganzen Umgegend, man hat keine Späheraugen dort zu fürchten, gerade deshalb habe ich ihn gewählt. Der Gasthof liegt fernab von der Eisenbahn, fernab von der Landstraße, er wird von einer respectablen Schottin gehalten.«

»Respectable Schottinnen, welche Gasthöfe halten«, unterbrach sie Geoffrey, »geben jungen Damen, die allein reisen, keine Herberge; die Wirthin wird Dich nicht aufnehmen.«

Dass war ein trefflicher Einwand, verfehlte aber seine Wirkung. Ein Weib, das entschlossen ist sich zu verheirathen, ist gegen die Einwendungen der ganzen Welt gewaffnet.

»Ich habe Alles und auch das bedacht«, sagte sie, »ich werde der Wirthin erzählen, daß ich auf meiner Hochzeitsreise begriffen sei und daß mein Mann in der Nähe eine Bergpartie mache.«

»Das wird sie ohne Zweifel glauben«, antwortete Geoffrey.

»Sie braucht es gar nicht zu glauben, wenn Du mir nur folgst und nach Deiner Frau fragst, so wird meine Erzählung nachträglich wahr; sie kann die argwöhnischste Person von der Welt sein, so lange ich mit ihr allein bin, in dem Augenblick aber, wo Du erscheinst, ist dieser Argwohn beseitigt. Ueberlasse es mir, meine Rolle zu spielen, die die schwerere ist, und übernimm Du nur die Deinige.«

Es war für ihn unmöglich, »Nein« zu sagen; sie hatte ihm den Boden unter den Füßen weggezogen, er versuchte es mit einem neuen Bedenken, um nur nicht »Ja« sagen zu müssen.

»Ich hoffe Du weißt, wie wir mit unserer Heirath zu Stande kommen sollen; alles was ich sagen kann, ist, daß ich das nicht weiß.«

»Du weißt es, Du weißt ja daß wir hier in Schottland sind! Du weißt auch sehr gut, daß es hier weder irgend welcher Förmlichkeit, noch eines Aufschubs bei einer Heirath bedarf. Mein Plan sichert meine Aufnahme im Gasthof und macht es Dir leicht, ohne Verdacht zu erregen, später zu folgen. Für das Uebrige müssen wir dann selbst sorgen. Ein Mann und ein Mädchen, die sich in Schottland heirathen wollen, haben sich nur die nöthigen Zeugen zu verschaffen und die Sache ist gethan. Wenn die Wirthin uns nachher die Täuschung entgelten lassen will, kann sie es in Gottes Namen thun, wir werden inzwischen Trotz ihrer unseren Zweck erreicht haben.«

»Bürde mir nicht die ganze Last der Verantwortlichkeit aus«, erwiderte Geoffrey. »Ihr Weiber geht immer mit dem Kopf durch die Wand. Wenn wir nun wirklich verheirathet sind, so werden wir uns doch gleich wieder trennen müssen, und wie sollten wir wohl die Sache geheim halten?«

»Natürlich gehst Du wieder zu Deinem Bruder zurück, als ob nichts vorgefallen wäre, und ich gehe nach London.«

»Und was willst Du dort anfangen?

»Habe ich Dir nicht schon gesagt, daß ich Alles bedacht habe? In London, wo meine Mutter Sängerin war, werde ich mich an einige ihrer alten Freundinnen wenden. Alle Leute sagen mir, daß ich eine schöne Stimme habe, die nur der Ausbildung bedarf, und ich will sie ausbilden. Ich kann mir auf respectable Weise meinen Unterhalt als Sängerin verschaffen und für die Zeit meiner Studien habe ich mir Geld genug erspart und die Freundinnen meiner Mutter werden mich um ihretwillen unterstützen.«

So spiegelte sich ihr selbst unbewußt in ihrem neuen Lebensplan, einer künstlerischen Carriere, das ehemalige Leben ihrer Mutter wieder. Aller Anstrengungen, sie daran zu verhindern, ungeachtet, wählte jetzt die Tochter die künstlerische Laufbahn der Mutter und hier stand, wenn auch aus anderen Motiven und unter anderen Umständen, die Tochter tm Begriff, das traurige Beispiel der unregelmäßigen irischen Heirath ihrer Mutter durch eine schottische Heirath nachzuahmen und hier war, merkwürdig genug, der Mann, der für diese Heirath verantwortlich war, der Sohn jenes Mannes, der die Ungültigkeit der irischen Heirath entdeckt und dem Gatten die Mittel an die Hand gegeben hatte, ihre Mutter von sich zustoßen. – »Meine Anne, mein anderes Ich, sie trägt nicht den Namen ihres Vaters, sondern den Meinigen, sie ist Anne Silvester, wie ich es war. Wird sie auch enden, wie ich?« – Die Antwort aus diese Frage, auf diese letzten Worte, die den Lippen der sterbenden Mutter entflohen waren, sollte nicht lange auf sich warten lassen. Durch alle Wechsel und Wandlungen der Jahre hindurch trat das Verhängniß, daß die Zukunft für Anne Silvester in ihrem Schooße barg, rasch an sie heran.

»Nun!« nahm sie wieder auf, bist Du mit Deinen Einwendungen zu Ende, wirst Du mir endlich eine bestimmte Antwort geben?«

Schon hatte er, noch ehe sie ausgesprochen, einen anderen Einwand in Bereitschaft. »Wie, wenn die Zeugen im Gasthof mich kennen und die Sache auf diese Weise meinem Vater zu Ohren käme?« – »Wie, wenn Du mich zu einem verzweifelten Entschluß bringen solltest? – unterbrach sie ihn aufspringend »In diesem Fall soll Dein Vater sicher die Sache erfahren, das schwör ich Dir.«

Auch er erhob sich und trat einige Schritte zurück, sie aber folgte ihm Schritt für Schritt.

In demselben Augenblick hörte man Händeklatschen auf dem Rasen, offenbar hatte Jemand einen vortrefflichen Wurf gethan, der das Spiel entschied. Es war zu befürchten, daß Blanche jeden Augenblick wiederkommen, und sehr wahrscheinlich, daß Lady Lundie, nun das Spiel zu Ende war, sich nach Anne umsehen würde.

Anne brachte die Verhandlung zur Entscheidung, ohne einen Augenblick länger zu verlieren.

»Geoffrey Delamayn«, sagte sie, »Du hast eine heimliche Heirath vorgeschlagen und ich habe meine Zustimmung dazu gegeben; bist Du jetzt bereit oder nicht, mich nach diesem, Deinem eigenen Vorschlage zu heirathen?«

»Gieb mir eine Minute Bedenkzeit.«

»Nicht einen Augenblick! jetzt zum letzten Mal, ja oder nein?«

Auch jetzt noch konnte er sich nicht entschließen »ja« zu sagen, aber er that eine Frage, die einer Bejahung gleich kam, indem er wild ausrief: »Wo liegt der Gasthof?«

Sie legte ihren Arm in den seinigen und flüsterte rasch: »Schlage den Weg zur Rechten ein, der zur Eisenbahn führt, folge dem Wege über die Haide und dem Fußpfad über den Hügel. Das erste Haus, auf das Du dann stößt, ist der Gasthof. Hast Du verstanden?«

Er nickte mit einem verdrossenen Zucken der Augenbrauen und nahm seine Pfeife wieder aus der Tasche.

»Laß mir die Pfeife dieses Mal in Ruhe«, sagte er, als er ihren Blick gewahr wurde. »Ich bin außer mir und wenn ein Mann außer sich ist, muß er rauchen. Wie heißt der Gasthof?

»Craig-Fernie!«

»Nach wem soll ich fragen?

»Nach Deiner Frau!«

»Und wenn man bei Deiner Ankunft nach Deinem Namen fragt?«

»Wenn ich einen Namen nennen muß, so werde ich mich statt Miß Silvester, Mrs. Silvester nennen. Ich werde auf jede Weise zu vermeiden suchen, irgend einen Namen zu nennen, und Du mußt Dich in Acht nehmen, Dich nicht zu versprechen und nur nach Deiner Frau fragen. Willst Du sonst noch etwas wissen?«

»Allerdings!«

»Nun, was denn? Aber bitte rasch!«

»Wie soll ich erfahren, daß Du von hier fort bist?«

»Wenn Du in einer halben Stunde, nachdem ich Dich verlassen haben werde, nichts wieder von mir hörst, so kannst Du sicher sein, daß ich fort bin.«

Zwei in Unterhaltung begriffene Stimmen wurden jetzt am Fuße der Treppe vernehmlich. Es waren die Stimmen Lady Lundie’s und Sir Patrick’s. Anne deutete auf die Hinterthür des Garten-Pavillons, ließ Geoffrey durch dieselbe entschlüpfen und hatte sie eben wieder zugezogen, als Lady Lundie und Sir Patrick an der Schwelle erschienen.




Sechstes Kapitel.

Der Freier


Lady Lundie wies bedeutungsvoll aus die Thür hin und flüsterte Sir Patrick in? Ohr:

»Haben Sie bemerkt? Miß Silvester hat eben Jemand fortgehen lassen.«

Sir Patrick sah absichtlich nach der verkehrten Seite hin und erklärte in der höflichsten Weise von der Welt, nichts bemerkt zu haben.

Lady Lundie trat in den Garten-Pavillon. Argwöhnischer Haß gegen die Gouvernante war in unzweideutigen Zügen auf ihrem Gesicht zu lesen. Argwöhnisches Mißtrauen gegen das vorgebliche Unwohlsein der Gouvernante sprach vernehmlich aus jedem Tone ihrer Stimme.

»Darf ich fragen, Miß Silvester, ob es Ihnen besser geht?«

»Nein, es geht mir nicht besser, Lady Lundie!«

»Wie sagen Sie?«

»Ich sage, es geht mir nicht besser.«

»Und doch scheinen Sie im Stande, sich zu bewegen, ich bin nicht so glücklich; wenn ich unwohl bin, muß ich liegen.«

»Ich will Ihrem Beispiele folgen, Lady Lundie. Wenn Sie die Güte haben wollen, mich zu entschuldigen, werde ich auf mein Zimmer gehen und mich zu Bett legen.«

Sie war unfähig weiter zu reden. Die Zusammenkunft mit Geoffrey hatte sie völlig erschöpft, sie hatte nicht die Kraft nicht, der kleinlichen Bosheit dieser Frau zu widerstehen, nachdem sie die brutale Gleichgültigkeit jenes Mannes über sich hatte ergehen lassen müssen. Sie fühlte, daß ihre Thränen, die sie mit Gewalt zurückhielt, im nächsten Augenblick hervorbrechen würden. Sie wartete daher Lady Lundies Antwort nicht ab, sondern verließ ohne Weiteres den Garten-Pavillon.

Lady Lundie machte ihre glänzenden schwarzen Augen weit auf. Sie wandte sich an Sir Patrick, der auf seinen elfenbeinernen Stock gestützt, ein Bild ehrwürdiger Unschuld dastand und auf den Rasen hinausblickte.

»Darf ich Sie fragen, Sir Patrick, ob Sie, nach Dem, was ich Ihnen bereits über Miß Silvester’s Benehmen erzählt habe, in ihrem jetzigen Betragen etwas Auffallendes finden?«

Der alte Herr drückte auf die Feder an der Krücke seines Stockes und antwortete in der galanten Weise einer früheren Zeit:

»Ich finde in keinem Verfahren eines Mitgliedes Ihres bezaubernden Geschlechtes etwas Auffallendes.« Dabei verneigte er sich und nahm eine Prise. Mit einer gleich zierlichen Bewegung der Hand schüttelte er die verschütteten Körner vom Zeigefinger und Daumen ab, blickte wieder nach dem Rasen und schien vertiefter als je in das Spiel der jungen Leute.

Lady Lundie aber ließ sich nicht irre machen und war fest entschlossen, ihrem Schwager eine ernste Meinungsäußerung zu entlocken. Aber ehe sie noch wieder reden konnte; erschienen Arnold und Blanche zusammen am Fuße der Treppe des Garten-Pavillons.

»Und wann soll der Ball anfangen?« fragte Sir Patrick, indem er dem jungen Paare entgegenhumpelte und eine Miene machte, als ob er das lebhafteste Interesse an der Antwort dieser Frage finde.

»Das wollte ich gerade Mama fragen,« antwortete Blanche »Ist sie drinnen bei Anne und geht es Anne besser?«

In diesem Augenblick trat Lady Lundie hervor und übernahm die Antwort selbst auf diese Frage. »Miß Silvester hat sich auf ihr immer zurückgezogen.«

»Haben Sie wohl bemerkt, Sir Patrick, daß diese halb gebildeten Leute fast immer, so oft sie unwohl sind, auch grob werden?«

Blanches freundliches Gesicht erröthete »Wenn Du Anne für eine halb gebildete Person hältst, so stehst Du mit dieser Meinung ganz allein; mein Onkel stimmt darin mit Dir gewiß nicht überein.«

Sir Patricks lebhaftes Interesse an der ersten Quadrille hatte etwas wahrhaft Beunruhigendes. »Sage mir, liebes Kind, wann fängt der Ball an?«

»Je eher, je besser« schaltete Lady Lundie ein, »ehe Blanche Zeit hat, noch weiter mit mir über Miß Silvester zu streiten!«

Blanche sah ihren Onkel an.

»Fangt doch an, fangt doch an, und verliert keine Zeit,« erwiderte eifrig Sir Patrick, indem er mit seinem Stock auf das Haus wies.

»Gewiß, lieber Onkel, Alles was Du wünschest!«

Mit dieser an ihre Stiefmutter gerichtete Malice zog sich Blanche zurück.

Arnold, der bis jetzt schweigend am Fuß der Treppe gewartet hatte, sah zu Sir Patrick bittend auf. Der Zug, der ihn zu seinem ererbten Gut bringen sollte, ging in weniger als einer Stunde ab und er hatte sich Blanche’s Vormund noch nicht in der Eigenschaft eines Bewerbers um Blanche’s Hand vorgestellt. Sir Patrick’s Gleichgültigkeit gegen alle an ihn erhobenen Ansprüche an sein Familien-Interesse schien unerschütterlich. Da stand er auf seinen Stock gestützt, ein schottisches Lied vor sich hinsummend und neben ihm stand Lady Lundie entschlossen, ihn nicht zu verlassen, bis sie ihn dahin gebracht haben würde, die Gouvernante mit ihren Augen zu sehen. und nach ihrer Auffassung zu beurtheilen.

Sie ließ sich durch Sir Patricks Summen und Arnold’s ängstliches Warten nicht irre machen und nahm einen neuen Anlauf. Ihre Feinde behaupteten, es sei kein Wunder, daß der arme Sir Thomas wenige Monate nach seiner Verheirathung gestorben sei, und du lieber Gott, bisweilen haben unsere Feinde doch Recht.

Ich muß Ihnen noch einmal wiederholen, Sir Patrick, daß ich ernste Ursache habe, zu zweifeln, ob Miß Silvester eine passende Gesellschaft für Blanche ist. Die Gouvernante ist offenbar zurückhaltend, sie weint oft, wenn sie allein ist, sie geht in ihrem Zimmer auf und ab, wenn sie schlafen sollte, sie besorgt ihre Briefe selbst auf die Post und – ist seit einiger Zeit außerordentlich ungezogen gegen mich. Es ist da etwas nicht ganz in Ordnung. Ich muß nothwendiger Weise Schritte in dieser Angelegenheit thun und es scheint mir schicklich, daß ich diese Schritte mit Ihrer Genehmigung, als Haupt der Familie, thue.«

»Ich lege meine Autorität mit Vergnügen in Ihre Hände, Lady Lundie.«

»Sir Patrick, ich bitte Sie, nicht zu vergessen, daß ich ernst rede und eine ernsthafte Antwort erwarte.«

»Beste Lady, fordern Sie was Sie wollen und es steht Ihnen zu Gebote. Aber seit ich meine Advocatur aufgegeben, habe ich keine ernsthafte Antwort mehr gegeben. In meinem Alter,« fügte Sir Patrick hinzu, indem er seiner Antwort schlau eine allgemeinere Wendung zu geben wußte, »giebt es nichts Ernsthafteres als Unverdaulichkeit. Ich sage mit jenem Philosophen: »Das Leben ist für die Denkenden eine Komödie und für die Fühlenden eine Tragödie.«

Er ergriff die Hand seiner Schwägerin und küßte sie: »Liebste Lady Lundie, warum sich mit Gefühlen abgeben!«

Lady Lundie, die sich niemals in ihrem Leben mit Gefühlen befaßt hatte, schien bei dieser Gelegenheit eigensinnig entschlossen etwas zu fühlen. Sie war beleidigt und zeigte es deutlich.

»Sir Patrick,« sagte sie, »wenn mich nicht Alles täuscht, so werden Sie sich ehestens in der Nothwendigkeit befinden, zuzugeben, daß Miß Silvester’s Benehmen über allen Scherz hinausgeht.«

Mit diesen Worten verließ sie den Garten-Pavillon und beförderte auf diese Weise Arnold’s Interesse, indem sie endlich Blanche’s Vormund allein ließ.

Das war eine vortreffliche Gelegenheit. Die Gäste hatten sich sämtlich nach dem Hause zurückgezogen; es war keine Unterbrechung zu befürchten. Arnold trat ein.

Sir Patrick setzte sich, von Lady Lundie’s Abschiedsworten völlig unberührt, ruhig im Garten-Pavillon nieder, ohne seinen jungen Freund zu bemerken und dachte bei sich: »Hat es jemals zwei Frauen gegeben, die nicht versucht hätten, einen Mann in ihren Streit hineinzugehen? Aber laß sie es nur versuchen, mich hineinzuziehen! Es soll ihnen nicht gelingen.«

Arnold trat einen Schritt vor und machte sich bescheiden bemerklich: »Ich hoffe, ich störe nicht?«

»Durchaus nicht! – Du lieber Gott, wie ernsthaft der Junge aussieht! Wollen Sie mich auch als Haupt der Familie sprechen?«

In der That war das Arnold’s sehr entschiedene Absicht, aber er begriff, daß wenn er das in diesem Augenblicke zugestanden hätte, Sir Patrick aus einem ihm nicht verständlichen Grund es abgelehnt haben würde, ihn anzuhören.

»Er antwortete vorsichtig: »Ich habe Sie um eine vertrauliche Unterredung vor meiner Abreise gebeten und Sie waren so gut mir dieselbe zuzusagen.«

»O, ganz gewiß, ich erinnere mich, wir waren damals Beide höchst ernsthaft mit Croquetspielen beschäftigt und es war schwer zu sagen, wer von uns Beiden sich am Ungeschicktesten dabei benahm. Nun hier bin ich und stehe Ihnen mit meiner ganzen Erfahrung zu Diensten. Ich habe Sie nur vor einer Sache zu Warnen, reden Sie nicht zu mir als dem Haupte der Familie; ich habe diese Würde in Lady Lundie’s Hände niedergelegt.«

Er sprach halb im Scherz, halb im Ernst. Der Scherz gab sich in dem humoristischen Zug um seine Lippen kund.

Arnold wußte nicht recht, wie er das Gespräch auf Blanche bringen sollte, ohne Sir Patrick an seine Verantwortlichkeit als Haupt der Familie zu erinnern und ohne sich zur Zielscheibe von Sir Patrick’s Witz zu machen. In diesem Dilemma beging er gleich zu Anfang einen Fehler: er zauderte!

»Lassen Sie sich Zeit,« sagte Sir Patrick, »sammeln Sie Ihre Gedanken; ich kann warten, ich kann warten.«

Arnold sammelte seine Gedanken und beging einen zweiten Fehler. Er beschloß sehr vorsichtig zu Werke zu gehen. Unter den obwaltenden Umständen und einem Manne wie Sir Patrick gegenüber, war das vielleicht der unüberlegteste Entschluß, den er hatte fassen können; es war die Geschichte von der Maus, die es versucht, die Katze zu überlisten.

»Sie haben die große Güte gehabt, mir Ihre Erfahrungen zu Gebote zu stellen,« fing er an, »ich bitte um Ihren Rath —«

»Den ich Ihnen auch geben kann, wenn Sie sitzen; nehmen Sie Platz.«

Seine scharfen Augen folgten Arnold mit einem Ausdruck malitiösen Entzückens.

»Meinen Rath, sagt der Patron da,« dachte Sir Patrick, »und meint – meine Nichte.«

Arnold setzte sich, von Sir Patrick beobachtet, mit der wohlbegründeten Besorgniß nieder, daß er von hier nicht wieder aufstehen werde, ohne von Sir Patrick’s scharfer Zunge empfindlich gelitten zu haben.

»Ich bin noch ein junger Mensch« fuhr er, sich unruhig auf seinen Stuhl hin und her bewegend, fort, »und ich fange ein neues Leben an.«

»Ist an Ihrem Stuhl etwas nicht in Ordnung? Fangen Sie doch Ihr neues Leben behaglich an, – nehmen Sie sich einen anderen Stuhl.«

»Der Stuhl ist ganz in Ordnung, Sir Patrick; würden Sie —«

»Ob ich Ihnen rathen würde, in diesem Fall Ihren Stuhl zu behalten? Gewiß!«

»Nein, ich meine, ob Sie mir rathen würden —«

»Lieber Freund, ich warte ja nur darauf Ihnen zu rathen. Aber ganz gewiß ist an Ihrem Stuhl etwas nicht in Ordnung; nehmen Sie sich doch einen andern.«

»Bitte, Sir Patrick, lassen Sie den Stuhl. Sie bringen mich aus der Fassung! – Was ich von Ihnen zu wissen wünsche – es ist vielleicht eine sonderbare Frage —«

»Das kann ich nicht sagen, bevor ich sie gehört habe,« entgegnete Sir Patrick; »aber nehmen wir an es sei eine sonderbare Frage, oder noch stärker, wenn Ihnen das vielleicht die Sache erleichtert, nehmen wir an, es sei die sonderbarste Frage, die je, so lange die Welt steht, ein Mensch an den andern gerichtet hat!«

»Die Frage ist die!« platzte Arnold heraus, »ich möchte mich verheirathen!«

»Das ist keine Frage,« antwortete Sir Patrick, »das ist eine Erklärung! Sie sagen, Sie möchten sich verheirathen, ich antworte: Nun gut, und damit ist die Sache zu Ende.«

Arnold fing es an zu schwindeln »Würden Sie mir rathen, mich zu verheirathen?« bat er in kläglichem Tone; »das wollte ich sagen!«

»So, das ist der Zweck Ihrer Unterredung mit mir, ob ich Ihnen rathen würde zu heirathen? Wie? —«

Die Katze, die dieses Mal die Maus gepackt hatte, ließ das unglückliche kleine Geschöpf einen Augenblick wieder los, um ihr Zeit zu gönnen, Athem zu schöpfen. – Sir Patrick’s Benehmen verlor plötzlich jede Spur von Ungeduld, die er bisher vielleicht leise geäußert hatte und wurde so vollkommen behaglich und zutraulich, wie nur möglich. Er drückte aus die Feder seiner Krücke und nahm mit außerordentlichem Eifer und Genuß eine Prise. – »Also, ob ich Ihnen rathen würde zu heirathen,« wiederholte Sir Patrick. »Bei der Beantwortung dieser Frage können wir zwei Wege einschlagen, Mr. Brinckworth. Wir können die Sache kurz oder wir können sie sehr weitläufig behandeln. Ich würde für die kürzere Behandlung stimmen. Was sagen Sie dazu?«

»Ich stimme Ihnen völlig bei, Sir Patrick!«

»Seht gut! Darf ich mit einer Frage in Betreff Ihres früheren Lebens beginnen?«

»Gewiß!«

»Sehr gut! Haben Sie während Ihres Dienstes auf der Handelsmarine einige Erfahrungen über Ankäufe am Lande gesammelt?«

Arnold sah ihn betroffen an. Der Zusammenhang dieser Frage mit dem Gegenstand, um den es sich für ihn handelte war für ihn völlig unerfindlich. Er antwortete mit unverhohlenem Erstaunen: »Allerdings, sehr viele Erfahrungen.«

»Ich komme zur Sache,« fuhr Sir Patrick fort,«wundern Sie sich nicht, ich komme schon zur Sache! Wofür hielten Sie den Puderzucker, den Sie bei den Gewürzkrämern am Lande kauften?«

»Wofür ich ihn hielt?« wiederholte Arnold »Nun ich hielt ihn eben für Puderzucker!«

»Dann heirathen Sie in Gottes Namen,« erwiderte Sir Patrick, »Sie sind einer der wenigen Männer, die dieses Experiment mit einiger Aussicht auf Erfolg versuchen können.«

Die Plötzlichkeit dieser Antwort versetzte Arnold völlig den Athem. Die Kürze seines ehrwürdigen Freundes hatte etwas Elektrisirendes; er starrte ihn noch verwunderter an, als vorhin.

»Verstehen Sie mich nicht?« fragte Sir Patrick.

»Ich verstehe nicht, was der Puderzucker mit meiner Heirath zu thun hat?«

»Das sehen Sie nicht?«

»Durchaus nicht!«

»Dann will ich es Ihnen sagen,« fuhr Sir Patrick fort, indem er die Beine übereinander schlug und sich auf seinem Sitz behaglich zurecht rückte.

»Sie gehen also in einen Gewürzkrämer-Laden und kaufen Puderzucker. Sie nehmen denselben, weil Sie ihn für Puderzucker halten, in der That aber ist es gar kein Zucker; es ist ein gefälschtes Gemisch, das aussieht wie Zucker. Sie verschließen Ihre Augen gegen diese unangenehme Wahrheit und schlucken Ihr verfälschtes Gemisch mit verschiedenen Speisen hinunter und vertragen sich so mit Ihrem vermeintlichen Zucker aufs Beste. Verstehen Sie mich jetzt?«

»Ja,« erwiderte Arnold, dem die Sache völlig dunkel war, »jetzt verstehe ich Sie!«

»Sehr gut,« fuhr Sir Patrick fort, »nun gehen Sie in einen Heirathsladen und nehmen sich eine Frau; Sie nehmen sie, in der Meinung, daß sie schönes blondes Haar, einen ausgezeichneten Teint, eine angenehme Körperfülle hat und daß sie gerade groß genug ist, diese Fülle zu tragen. Sie führen sie in Ihr Haus und Sie machen die Entdeckung, daß es dieselbe Geschichte wie beim Zucker ist! Ihre Frau ist ein verfälschter Artikel, ihr blondes Haar ist gefärbt, ihr vortrefflicher Teint ist geschminkt, ihre Körperfülle ist ausgestopft und drei Zoll ihrer Größe kommen auf die Hacken an den Schuhen. Sie machen die Augen zu und verschlucken Ihre verfälschte Frau, wie Sie Ihren verfälschten Zucker verschluckt haben. – Ich wiederhole Ihnen, Sie sind einer der wenigen Männer, die ein Heirathsexperiment mit Aussicht aus Erfolg unternehmen können.« Mit diesen Worten schlug er seine Beine wieder auseinander und sah Arnold scharf an.

Endlich hatte dieser die Lection begriffen. Er gab den hoffnungslosen Versuch auf, Sir Patrick zu überlisten und ging, es mochte jetzt daraus entstehen, was da wollte, direct mit seiner Werbung um Sir Patrick’s Nichte vor.

»Das mag ganz wahr sein bei einigen jungen Damen, fing er an, ich kenne aber eine nahe Verwandte von Ihnen, auf die nichts von dem, was Sie von den Frauen im Allgemeinen gesagt haben, paßt.«

Das hieß auf die Sache direct losgehen. – Sir Patrick nahm diese Offenheit Arnold’s beifällig auf und zeigte es, indem er auch seinerseits ohne Umschweife auf die Sache einging.

»Ist dieses weibliche Phänomen etwa meine Nichte?« fragte Sir Patrick. »Woher wissen Sie, wenn ich fragen darf, daß meine Nichte kein verfälschter Artikel ist, wie alle anderen Frauen?«

Arnold’s Entrüstung löste das letzte Band, das seine Zunge noch gefesselt gehalten hatte, er platzte mit den drei viel bedeutenden Worten heraus: »Ich liebe sie!«

Sir Patrick lehnte sich wieder behaglich in seinen Sessel zurück und streckte seine Beine bequem von sich, indem er sagte: »Das ist die überzeugendste Antwort, die ich je in meinem Leben gehört habe.«

»Ich rede in völligem Ernst,« erwiderte Arnold, der jetzt nichts als sein Ziel im Auge hatte. »Stellen Sie mich auf die Probe.«

»O! die Probe ist sehr leicht gemacht« Er sah Arnold an, ohne einen sarkastischen Zug um Augen und Lippen unterdrücken zu können. »Meine Nichte hat einen sehr schönen Teint und Sie halten diesen Teint für echt?«

»So gewiß, wie ich an die Schönheit des blauen Himmels da glaube.«

»So,« erwiderte Sir Patrick, »dann sind Sie wohl noch nie von einem Regen überrascht worden. Meine Nichte hat wunderbar schönes Haar, sind Sie überzeugt, daß das Alles ihr eigenes ist?«

»So schönes Haar kann auf gar keinem anderen weiblichen Kopf gewachsen sein.«

»Mein lieber Arnold, Sie scheinen eine viel zu geringe Vorstellung von dem Umfange und den Hülfsquellen des Handels mit künstlichen Haaren zu haben. Sehen Sie sich die Schaufenster der Friseure an, wenn Sie nächstens nach London kommen. Aber weiter, was halten Sie denn von der Gestalt meiner Nichte?«

»Nun, gegen diese wollen Sie doch kein Bedenken erheben. Jeder Mensch, der Augen im Kopf hat, kann sehen, daß es die lieblichste Gestalt von der Welt ist.«

Sir Patrick lachte in sich hinein und schlug die Beine wieder übereinander.

»Ganz gewiß ist sie das! Aber »die lieblichste Gestalt« ist ja auch die gewöhnlichste Sache von der Welt. Schlecht gerechnet sind hier heute vierzig Damen anwesend. Jede von diesen Damen hat eine schöne Gestalt. Der Preis dieser Gestalten ist verschieden und wenn eine besonders reizend ist, so können Sie darauf schwören, daß sie aus Paris kommt. Warum sehen Sie mich so verwundert an? Als ich Sie fragte, was Sie von der Gestalt meiner Nichte halten, meinte ich, wie viel Sie auf Rechnung der Natur und wie viel auf Rechnung des Fabrikanten setzen! Wohl gemerkt, ich weiß es nicht! Wissen Sie es?«

»Ich verbürge mich für jeden Zoll.«

»Daß er aus einem Laden’kommt?«

»Nein, daß er echter Natur ist.«

Sir Patrick sprang auf; endlich hatte er seiner satyrischen Laune Genüge gethan. »Wenn ich jemals einen Sohn bekomme,« dachte er bei sich, »so schicke ich ihn« zur See.« Er ergriff Arnold’s Arm, zum Zeichen, daß er entschlossen sei, der Ungewißheit des armen jungen Mannes ein Ende zu machen, mit den Worten: »Wenn ich überhaupt im Stande bin ernsthaft zu sein, so ist jetzt der Moment dazu gekommen. Ich bin von der Aufrichtigkeit Ihrer Neigung überzeugt. Alles, was ich von Ihnen weiß, spricht zu Ihren Gunsten und weder gegen Ihre Familie noch gegen Ihre Stellung ist das Mindeste einzuwenden; wenn Sie Blanche’s Jawort haben, so haben Sie das meinige anch.« —

Arnold versuchte es, seiner Dankbarkeit Ausdruck zu geben. Sir Patrick aber wehrte ihm und fuhr fort: »Und merken Sie wohl, das nächste Mal, wenn Sie etwas, von mir wollen, reden Sie ohne Umschweife und versuchen Sie nicht wieder mich zu mystificiren und ich will Ihnen versprechen, es gegen Sie auch zu unterlassen. Das wäre abgemacht. – Nun aber noch ein Wort von Ihrer Reise nach Ihrem Gute. Eigenthum gewährt nicht nur Rechte, sondern legt uns auch Pflichten auf, lieber Arnold. Wenn wir die letzteren nicht erfüllen, kommt bald die Zeit, wo die ersteren uns bestritten werden. Ich interessire mich jetzt noch lebhafter als früher für Sie und ich muß darauf halten, daß Sie Ihre Pflichten erfüllen Es ist also abgemacht, daß Sie noch heute Windygates verlassen, um auf Ihrem Gut nach dem Rechten zu sehen. – Wissen Sie schon, wie Sie gehen?«

»Ja, Sir Patrick,« Lady Lundie hat die Güte gehabt, ihr Gig für mich zu beordern, das mich rechtzeitig für den nächsten Zug nach der Station bringen soll.«

»Wann werden Sie bereit sein?«

Arnold sah nach seiner Uhr.

»In einer viertel Stunde!«

»Gut, versäumen Sie die Zeit nicht, aber nicht so eilig, Sie haben noch Zeit genug, mit Blanche zu sprechen, wenn ich mit Ihnen fertig bin. Sie scheinen mir eben kein sehr dringendes Verlangen zu haben, sich nach Ihrem Gute umzusehen!«

»Ich habe ein sehr dringendes Verlangen Blanche nicht zu verlassen, daß ist das Wahre an der Sache!«

»Ach was Blanche! Blanche ist nicht Geschäft. Wie ich höre, haben Sie eines der schönsten Häuser Ihrer Gegend in Schottland; wie lange wollen Sie dort bleiben?«

»Ich habe mich, wie ich Ihnen bereits bemerkte, so eingerichtet, daß ich übermorgen wieder in Windygates sein werde.«

»Da sieh’ mir Einer den Menschen! hat einen Palast, der zu seinem Empfange völlig bereit steht und will sich nur einen einzigen Tag darin aufhalten.«

»Ich will mich gar nicht darin aufhalten, ich werde bei meinem Verwalter wohnen. Ich muß nur morgen dort sein, um einem Diner, das ich meinen Pächtern gebe, beizuwohnen. Wenn das vorbei ist, so liegt nichts in der Welt vor, was mich abhalten könnte, wieder zu kommen. Das hat mir mein Verwalter selbst in seinem letzten Briefe geschrieben.«

»Ja, wenn Ihr Verwalter Ihnen das geschrieben hat, ist kein Wort mehr darüber zu sagen.«

»Ach, machen Sie keine Einwendungen dagegen, daß ich wiederkomme, Sir Patrick, bitte, machen Sie keine! Ich verspreche Ihnen, daß ich in meinem neuen Hause wohnen will, wenn erst Blanche dasselbe mit mir bewohnen wird. Wenn Sie nichts dagegen haben, theile ich Blanche auf der Stelle mit, daß Alles, was mir gehört, auch ihr gehören soll.«

»Gemach, gemach! Sie reden ja, als wären Sie schon mit ihr verheirathet.«

»Ist es denn nicht so gut, als wäre ich es bereits? Was ist jetzt noch im Wege?«

Während er diese Frage that, fiel der von dem hereinströmenden Sonnenlicht sich scharf abhebende Schatten einer von der Seite des Garten-Pavillons herkommenden Person auf die Schwelle desselben. Im nächsten Augenblick folgte dem Schatten der Körper in der Gestalt eines Reitknechts in voller Livré. – Der Mann war offenbar ganz fremd hier; er fuhr zurück und zog den Hut, als er die beiden Herren im Garten-Pavillon gewahr wurde.

»Was wünschen Sie?« fragte Sir Patrick.

»Ich bitte um Verzeihung, ich bin von meinem Herrn hierher geschickt.«

»Wer ist Ihr Herr?«

»Herr Delamayn!«

»Meinen Sie Herrn Geoffrey Delamayn?« fragte Arnold.«

»Nein, Herrn Julius Delamayn! Ich komme vom Hause meines Herrn mit einer Botschaft für Herrn Geoffrey Delamayn hergeritten.«

»Können Sie ihn nicht finden?«

»Man hat mir gesagt, ich würde ihn hier treffen, aber ich bin hier fremd und weiß nicht wohin ich gehen soll.« Er hielt inne und zog eine Karte aus der Tasche. – »Mein Herr sagte, es sei sehr wichtig, daß ich diese Karte sofort abgebe! Haben Sie wohl die Güte, meine Herren, mir zu sagen, wo Herr Geoffrey Delamayn sich aufhält?

Arnold wandte sich an Sir Patrick, »ich habe ihn nicht gesehen, haben Sie ihn gesehen?«

»Gerochen habe ich ihn!« antwortete Sir Patrick. »So lange ich in dem Garten-Pavil1on bin, herrscht hier ein sehr abscheulicher Tabaksgeruch der mich auf sehr unangenehme Weise an Ihren Freund erinnert.«

Arnold ging lächelnd zur Thür hinaus. »Wenn Sie mit Ihrer Nase auf der rechten Spur find, Sir Patrick, so wollen wir ihn schon finden!«

Er blickte umher und rief laut: »Geoffrey!«

Eine Stimme aus dem Rosengarten antwortete: »Halloh!«

»Du wirst verlangt, komm her!«

Geoffrey schlenderte, die Hände in den Taschen, die Pfeife im Munde verdrossen heran. »Wer verlangt nach mir?«

»Ein Reitknecht Deines Bruders!«

Die Antwort schien den trägen und verdrossenen Athleten zu elektrisiren. Mit raschen Schritten ging er auf den Garten-Pavillon zu und redete den Reitknecht an, noch ehe dieser ein Wort hatte sagen können; mit dem Ausdruck des Entsetzens und der Verzweiflung rief er aus: »Um’s Himmelswillen, hat Ratcatcher einen Rückfall gehabt?«

Sir Patrick und Arnold sahen einander starr vor Staunen an.

»Das beste Pferd im Stalle meines Bruders!« rief Geoffrey erklärend und zugleich an ihre Theilnahme appellirend »Ich habe den Kutscher schriftlich instruirt und Medicin auf drei Tage bereiten lassen. Ich habe ihm zur Ader gelassen« fuhr Geoffrey mit zitternder Stimme fort, »ich habe ihm selbst gestern zur Ader gelassen.«

»Bitte um Verzeihung« fiel hier der Reitknecht ein.«

»Warum bittest Du mich um Verzeihung? Wo ist Dein Pferd, ich will nach Hause reiten und dem Kutscher die Knochen im Leibe zerschlagen. Wo ist Dein Pferd?«

»Verzeihen Sie, es handelt sich nicht um Ratcatcher, der ist ganz wohl.«

»Der ist ganz wohl? Was willst Du denn?«

»Ich habe eine Botschaft in Betreff Ihres Herrn Vater.«

Geoffrey zog sein Schnupftuch heraus und wischte sich offenbar sehr erleichtert den Schweiß von der Stirn: »Ich habe geglaubt, es handle sich um Ratcatcher,« sagte er aufathmend und blickte Arnold dabei lächelnd an. Er steckte die Pfeife wieder in den Mund und fachte die verglimmende Tabaksasche wieder an. "»Nun,« fuhr er, da die Pfeife wieder im Gange war, mit beruhigter Stimme fort, »was ist mit meinem Vater?«

»Ein Telegramm von London. Schlimme Nachrichten von seiner Lordschaft.« Mit diesen Worten überreichte der Reitknecht die Karte seines Herrn.

Geoffrey las auf derselben die folgenden Worte von der Hand seines Bruders: »Ich habe nur einen Augenblick Zeit, eine Zeile auf meine Karte zu kritzeln, unser Vater ist gefährlich krank! Er hat verlangt, sein Testament zu machen, Du mußt mit dem nächsten Zug mit mir nach London gehen, triff’ mich an der Station!« – Ohne ein Wort an einen der drei Anwesenden, die ihn Alle schweigend beobachteten, zu richten, sah Geoffrey nach der Uhr. Anne hatte ihm gesagt, er solle eine halbe Stunde warten und möge annehmen, daß sie fortgegangen sei, wenn er in dieser Zeit nichts von ihr gehört haben werde. Diese Zeit war vorüber und er hatte nichts von ihr gehört, ihre Flucht aus dem Hause war also glücklich bewerkstelligt. Anne Silvester mußte in diesem Augenblick auf dem Wege nach dem Gebirgs-Gasthof sein.




Siebentes Kapitel.

Die Schuld


Arnold war der Erste, der das Schweigen brach.

»Ist Dein Vater ernstlich krank?«

Geoffrey reichte ihm statt jeder Antwort die Karte.«

Sir Patrich der, so lange über den Rückfall Ratcatcher’s verhandelt wurde, ruhig in einer Ecke gestanden und satyrische Betrachtungen über die Sitten und das Wesen der modernen englischen Jugend angestellt hatte, trat jetzt wieder heran und betheiligte sich an der Unterhaltung.

Lady Lundie hätte anerkennen müssen, daß er bei dieser Angelegenheit sprach und handelte, wie es dem Haupte der Familie zukam.

»Habe ich recht verstanden, daß Herrn Delamayn’s Vater gefährlich krank ist?« fragte er Arnold.

»Gefährlich krank in London«, antwortete dieser. »Geoffrey muß Windygates mit mir zugleich verlassen. Der Zug, mit dem ich gehe, trifft den Zug, mit welchem Geoffrey und sein Bruder weiter reisen wollen, bei der Zweigstation. Ich verlasse ihn auf der zweiten Station von hier.«

»Haben Sie mir nicht gesagt, daß Lady Lundie Sie in ihrem Gig nach der Station schicken wolle?«

»Ja!«

»Wenn der Diener kutschirt, wird nicht Platz genug im Wagen für Drei sein.«

»Da thäten wir also wohl besser um einen andern Wagen zu bitten,« bemerkte Arnold.

Sir Patrick sah nach seiner Uhr. Es war keinen Zeit mehr übrig, einen andern Wagen anspannen zu lassen.

Zu Geoffrey gewandt, sagte er:

»Können Sie kutschiren, Herr Delamayn?«

Noch immer in seinem unerschütterlichen Stillschweigen verharrend, antwortete Geoffrey durch ein Kopfnicken.

Ohne von der unschicklichen Art dieser Antwort Notiz zu nehmen, fuhr Sir Patrick fort: »Ja diesem Falle könnten Sie das Gig getrost dem Bahnhofs-Inspector anvertrauen; ich will dem Diener sagen, daß er Sie nicht zu fahren braucht.«

»Erlauben Sie mir, Ihnen diese Mühe abzunehmen, Sir Patrick,« sagte Arnold.

Sir Patrick lehnte dies mit einer Handbewegung ab, und sagte, wieder zu Geoffrey gewendet, mit immer gleicher Höflichkeit: »Die Gastfreundschaft macht es uns in diesem Falle zur Pflicht, Herr Delamayn, Ihre Abreise auf jede Weise zu beschleunigen. Lady Lundie ist mit ihren Gästen beschäftigt, ich selbst muß dafür sorgen, daß Ihre Abreise keinen unnöthigen Aufschub erleide.« Sir Patrick verneigte sich und verließ den Garten-Pavillon.

Als Arnold mit seinem Freunde allein war, drückte er ihm seine Theilnahme ans. »Es thut mir sehr leid, Geoffrey! Ich hoffe Du kommst noch zur rechten Zeit nach London.« Er hielt inne und fand in Geoffrey’s Ausdruck etwas wie eine sonderbare Mischung von Zweifel und Verworrenheit, von Verdruß und Trauer, welches man nicht auf Rechnung der Nachricht, die er erhalten, setzen konnte. Er wechselte wiederholt die Farbe; er kaute mit nervöser Ungeduld an seinen Nägeln, sah Arnold an, als wolle er reden und wandte sich dann schweigend wieder ab.

»Betrübt Dich noch sonst etwas, Geoffrey, außer den schlimmen Nachrichten über Deinen Vater?« fragte Arnold.

»Ich bin in des Teufels Küche,« antwortete Geoffrey.

»Kann ich etwas für Dich thun?«

»Anstatt aller Antwort, erhob Geoffrey seine gewuchtige Hand und gab Arnold einen freundlichen Schlag auf die Schulter, der in ihm eine gewaltige Erschütterung hervorbrachte. – — – Arnold stellte sich aber fest auf seine Füße und wartete ruhig das Weitere ab.

»Hör’ mal!« alter Junge, fing Geoffrey an.

»Nun?«

»Erinnerst Du Dich noch, als Du mit dem Bote im Hafen von Lissabon umschlugst?«

Arnold stutzte. Wenn er sich in diesem Augenblick der ersten Begegnung mit dem alten Freunde seines Vaters erinnert hätte, so würde ihm ohne Zweifel die Prophezeihung Sir Patrick’s eingefallen sein, daß er früher oder später seine Schuld gegen den Mann, der ihm das Leben gerettet hatte, mit Zinsen werde abzutragen haben. Er aber erinnerte sich nur lebhaft jenes Unfalls mit dem Boot. In dem Gefühl seiner Dankbarkeit und in der Unschuld seines Herzens, empfand er die Frage seines Freundes beinahe wie einen Vorwarf, den er nicht verdient habe. »Glaubst Du ich könnte je vergessen,« rief er warm aus, »daß Du mir das Leben gerettet hast?«

Jetzt wagte es Geoffrey, seinem Ziel um einen Schritt näher zu treten. »Eine Freundschaft ist der andern werth, sagte er, nicht wahr?«

Arnold ergriff seine Hand. »Sag mir nur,« fuhr er eifrig fort, was ich für Dich thun kann.«

»Du reisest heute nach Deinem neuen Gut, nicht wahr?«

»Ja.«

»Kannst Du das bis morgen aufschieben?«

»Wenn ich Dir damit einen wichtigen Dienst leisten kann, gewiß!«

Geoffrey sah sich nach der Schwelle des Garten-Pavillons um, um sich zu vergewissern daß sie allein seien.

»Du kennst doch die Gouvernante hier, nicht wahr?" flüsterte er Arnold zu.

»Miß Silvester? – Ja.«

»Ich habe da eine kleine unangenehme Geschichte mit Miß Silvester und es giebt keinen andern Menschen, der mir in diesem Augenblick helfen könnte, als Du!«

»Du weißt, daß Du auf mich rechnen kannst; um was handelt es sich?«

»Das ist nicht so leicht zu sagen! Nun, Du bist ja auch kein Heiliger, nicht wahr und wirst doch natürlich die Sache für Dich behalten! Also höre: ich habe gehandelt, wie ein verdammter Narr, ich habe das Mädchen herumgebracht!«

Arnold, der ihn plötzlich verstanden, trat einen Schritt zurück. »Um Gottes Willen Geoffrey, Du willst doch nicht sagen?«

»Jawohl, höre nur, das ist noch gar nicht das Schlimmste, sie hat das Haus verlassen!«

»Das Haus verlassen?«

Jawohl, für immer verlassen! Sie kann nicht wieder zurückkommen.«

»Warum nicht?««

»Weil sie der Alten hier geschrieben hat! Die verwünschten Weiber thun so etwas nie halb. Sie hat geschrieben, sie wäre heimlich verheirathet und zu ihrem Mann gegangen und dieser Mann – bin ich, noch nicht verheirathet, verstehst Du wohl? aber ich habe ihr versprochen, sie zu heirathen und mich zunächst heimlich nach einem vier Meilen von hier gelegenen Wirthshause zu begeben. Wir haben abgemacht, daß ich ihr noch heute dahin folgen und mich mit ihr verheirathen solle. Das geht jetzt nicht an! Während sie da oben in dem Wirthshause auf mich wartet, muß ich nach London jagen. Nun muß ihr durchaus Jemand mittheilen was vorgefallen ist, oder sie wird des Teufels und die ganze Geschichte kommt heraus. Ich kann Niemandem hier im Hause vertrauen und bin verloren, wenn Du, mein alter Junge, mir nicht hilfst!«

Arnold machte eine Bewegung des Entsetzens.

»Geoffrey, um’s Himmels willen, das ist ja die verzweifelste Geschichte, die mir je in meinem Leben vorgekommen ist.«

Geoffrey war darin ganz mit ihm einverstanden. »Schlimm genug, um Einen den Kopf verlieren zu machen, nicht wahr? Wenn ich nur ein Glas Bier hätte!«

Er zog aus reiner Gewohnheit die Pfeife aus der Tasche; »Hast Du ein Zündholz?« fragte er.

Arnold war mit sich zu beschäftigt, um diese Frage zu hören.

»Denke nicht, daß ich Deines Vaters Krankheit leicht nehme,« sagte er in ernstem Ton, »aber ich kann nicht leugnen, daß das arme Mädchen mir in diesem Falle doch vorzugehen scheint.«

Geoffrey sah ihn ganz erstaunt an: »Vorzugehen?« – — – Du denkst doch nicht, daß ich so unvernünftig sein werde mich der Gefahr auszusetzen von meinem Vater enterbt zu werden? Nicht für die beste Frau auf der Welt.«

Arnold hatte seit Jahren eine große Bewunderung für seinen Freund, für einen Mann, der im Rudern, im Boxen, im Ringen und Springen und vor Allem im Schwimmen excellirte, wie wenig andere Menschen in England, aber die Antwort machte doch einen sehr unangenehmen Eindruck auf ihn, zum Unglück für Arnold nur auf einen Augenblick.

»Du mußt das am besten wissen,« antwortete er etwas kühl, »was kann ich für Dich thun?«

Geoffrey ergriff seinen Arm, plump, wie er Alles anfaßte, aber in freundschaftlicher und zutraulicher Weise.

»Komm, sei ein guter Kerl, gehe hin und sage ihr, was vorgefallen ist. Wir fahren hier weg, als wenn wir Beide nach der Eisenbahn wollten. Ich setze Dich bei dem Fußweg ab und Du kannst mit dem Abendzuge nach Deinem Gute reisen, das macht Dir ja weiter keine Ungelegenheiten und Du erweist einem alten Freund einen wahren Dienst. Du läufst keine Gefahr entdeckt zu werden; ich kutschire, wir haben keinen Diener bei uns, der die Sache verrathen könnte.«

Selbst in Arnold dämmerte jetzt eine Ahnung davon auf, daß er wahrscheinlich seine Dankschuld schon jetzt mit Zinsen abzutragen im Begriff stehe, wie Sir Patrick es vorausgesagt hatte. »Was soll ich ihr sagen?« fragte er, »ich fühle mich verpflichtet Alles zu thun, was in meinen Kräften steht, um Dir zu helfen, aber was soll ich ihr sagen?«

Die Frage war unstreitig sehr berechtigt und nicht leicht zu beantworten.

Welchen Gebrauch ein Mensch unter irgend welchen Umständen von seinen Muskeln zu machen habe, das wußte Niemand besser als Geoffrey Delamayn, was aber ein Mensch unter irgend welchen Umständen zu sagen habe, um sich aus einer Verlegenheit zu ziehen, das wußte Niemand weniger als er.

»Sagen?« wiederholte er, »nun, ich wäre ganz außer mir und so weiter, Du weißt wohl. O, warte mal, sag’ ihr, sie solle bleiben, wo sie ist, bis ich ihr schreibe.«

Arnold zauderte. Obgleich dessen, was man Weltklugheit nennt, vollkommen unkundig, so ließ ihn doch sein angeborenes Zartgefühl die große Schwierigkeit der Stellung, die ihm sein Freund aufzubürden im Begriff stand, klar erkennen.

»Denke einen Augenblick nach und Du wirst finden, daß Du mir da ein sehr unbequemes Geheimniß anvertraut hast. Vielleicht habe ich Unrecht, ich habe nie mit einer ähnlichen Angelegenheit zu thun gehabt, aber mir scheint, daß wenn ich mich dieser Dame als Deinen Boten vorstelle, ich sie einer furchtbaren Demüthigung aussetze. Soll ich hingeben und ihr in’s Gesicht sagen: »ich weiß, was Sie vor den Augen der ganzen Welt verbergen möchten,« und soll sie sich das von mir sagen lassen?«

»Ach was,« rief Geoffrey, »sie kann mehr vertragen als Du glaubst, ich wollte, Du hättest mit angehört, wie sie mich gequält hat! Nein, guter Junge, Du verstehst nichts von Frauen, das große Geheimniß der Behandlung der Frauen besteht darin, sie wie eine Katze am Nacken zu packen.«

»Ich, kann ihr nicht eher vor die Augen treten, bevor Du sie nicht schriftlich von der Sache unterrichtet hast. Ich schrecke vor keinem Opfer für Dich zurück, aber hol’s der Kuckuck, Du mußt doch begreifen, in welche Lage Du mich bringst, Geoffrey. Ich bin Miß Silvester fast ganz fremd, ich kann ja gar nicht wissen, wie sie mich aufnehmen wird, ob sie mich meine Bestellung nur wird ausrichten lassen.«

Diese letzten Worte machten Geoffrey für Amold’s Bedenken zugänglicher; die Schwierigkeit, daß Arnold vielleicht nicht zu Worte kommen würde, leuchtete Geoffrey ein. »Vielleicht thue ich doch besser, zu schreiben, haben wir noch Zeit in’s Haus zu gehen?«

Das Haus»ist voll von Leuten und wir haben keine Minute Zeit. Schreibe gleich hier mit einem Bleistift.

»Worauf soll ich schreiben?

»Einerlei, auf die Karte Deines Bruders.«

Geoffrey nahm den Bleistift, den Arnold ihm reichte und betrachtete sich die Karte. Die von seinem Bruder geschriebenen Zeilen bedeckten die Karte völlig, es war kein Fleckchen frei darauf; er durchsuchte seine Tasche und zog einen Brief heraus, jenen Brief, auf welchen Anne in ihrer Unterhaltung Bezug genommen, in welchem sie darauf bestanden hatte, daß er bei dem Gartenfest in Windygates erscheine. Das wird gehen, es ist Anne’s eigener Brief an mich; auf der vierten Seite ist noch Platz. Wenn ich ihr schreibe, fragte er plötzlich gegen Arnold gewendet, versprichst Du es ihr zu bringen? Gieb mir die Hand darauf. Er streckte Arnold die Hand entgegen, die ihm einst das Leben gerettet hatte, und Arnold schlug, jener Rettung eingedenk, ein und gab ihm das Versprechen.

»Schön, mein Junge! wie Du hinkommst, sage ich Dir unterwegs im Wagen. Beiläufig eins darf ich nicht vergessen, Du darfst in dem Gasthof nicht Deinen Namen nennen und darfst nicht nach’ ihrem Namen fragen.«

»Nach wem soll ich denn fragen?«

»Ja, das ist es gerade, sie will sich dort, weil die Leute sie sonst vielleicht nicht aufnehmen würden, als Frau präsentiren.«

»Ich verstehe.«

»Und will ihnen, um die Sache für uns Beide leicht zu machen, verstehst Du, sagen, daß sie ihren Mann sehr bald erwarte und wenn ich selbst hätte hingehen können, würde ich bei der Ankunft nach »meiner Frau« gefragt haben, nun gehst Du statt meiner —«

»Und ich muß bei meiner Ankunft auch nach »meiner Frau« fragen, wenn ich Miß Silvester nicht Unannehmlichkeiten aussetzen will!

»Dagegen hast Du doch nichts, nicht wahr?«

»Durchaus nicht! was ich den Leuten im Gasthof sage, ist mir ganz einerlei, aber ich scheue die Begegnung mit Miß Silvester.«

»Deswegen sei unbesorgt, das will ich schon in Ordnung bringen.«

Er trat an den Tisch und schrieb rasch ein paar Zeilen, dann hielt er inne und überlegte. »Wird das genügen?« fragte er sich selbst; »nein!»ich muß ihr wohl noch ein bischen schmeicheln.« Er überlegte wieder, fügte eine Zeile hinzu und schlug vergnügt mit der Faust auf den Tisch. »Das wird gehen! Lies Du selbst Arnold, das ist wahrhaftig nicht so übel!«

Arnold las das Billet, ohne wie es schien, die Befriedigung seines Freundes über den Inhalt zu theilen.

»Etwas kurz!«

»Habe ich denn Zeit, es länger zu machen?«

»Vielleicht nicht, aber mache doch wenigstens Miß Silvester begreiflich, daß Du keine Zeit hast mehr zu schreiben. Der Zug geht in weniger als einer halben Stunde. So gieb doch am Schluß die Zeit an, wann Du schreibst.«

»Gut, meinetwegen auch das Datum!«

Er fügte die gewünschte Zeitangabe hinzu und konnte eben noch Arnold das so verbesserte Schreiben überreichen, als Sir Patrick wieder zu ihnen trat um ihnen anzuzeigen, daß das Gig bereit und daß kein Augenblick zu verlieren sei.

Geoffrey sprang auf; Arnold zauderte noch; »ich muß aber doch Blanche noch sehen, ich kann Blanche nicht verlassen, ohne ihr Lebewohl gesagt zu haben, wo ist sie?«

Sir Patrick wies lächelnd auf die Treppe hin, Blanche war ihm auf dem Fuße gefolgt.

Arnold lief auf der Stelle zu ihr hin.

»Sie müssen fort?« sagte sie traurig.

»Ich komme in zwei Tagen wieder,« flüsterte Arnold, »die Sache ist ganz in Ordnung, Sir Patrick ist zufrieden.«

Sie hielt ihn am Arm fest. Dieser eilige Abschied vor Zeugen schien nicht nach Blanches Geschmack zu sein. »Sie versäumen den Zug« rief Sir Patrick.

Geoffrey ergriff Arnold am Arm, den Blanche festhielt und zog ihn buchstäblich mit sich fort. Beide waren schon im Gebüsch verschwunden, ehe Blanche’s Entrüstung sich noch gegen ihren Onkel Luft machen konnte.

»Warum geht Mr. Brinkworth mit diesem rohen Menschen?« fragte sie.

»Mr. Delamayn muß wegen der Krankheit seines Vaters nach London reisen. Du magst ihn nicht?«

»Ich hasse ihn!«

Sir Patrick wurde nachdenklich »Sie ist ein junges achtzehnjähriges Mädchen,« dachte er bei sich, »und ich bin ein alter Siebziger. Sonderbar, daß wir überall in unsern Ansichten, noch sonderbarer, daß wir in unserer Abneigung gegen Herrn Delamayn übereinstimmen.« Er blickte wieder auf Blanche Sie saß, den Kopf auf die Hände gestützt, schweigend und in Gedanken versunken am Tisch. Sie dachte an Arnold, aber trotz der so heiteren Aussichten, die sich ihm und ihrer öffneten, waren ihre Gedanken nichts weniger also heiter.

»Aber Blanche, Blanche!« rief Sir Patrick. »Du thust ja wahrhaftig, als mache er eine Reise um die Welt; Du dummes Ding, er kommt ja: übermorgen wieder!«

»Ich wollte, er wäre nicht mit dem Menschen fortgegangen,« sagte Blanche; »ich wollte, der Mensch wäre nicht sein Freund.«

»Na, na! Der Mensch ist ein roher Patron, das gebe ich zu; aber was thut denn Das? Sie trennen sich ja schon auf der zweiten Station. Komm wieder in den Saal mit mir; »Du mußt Dir Deine Gedanken weg tanzen!«

»Nein!« antwortete Blanche, »ich habe keine Lust zum Tanzen; ich will hinauf gehen und mit Anne über die Sache reden.«

»Das wirst Du wohl bleiben lassen,« sagte plötzlich eine dritte Stimme.

Onkel und Nichte blickten erstaunt auf und sahen Lady Lundie an der Schwelle stehen.

»Ich verbiete Dir, den Namen dieser Person in meiner Gegenwart wieder auszusprechen,« fuhr Lady Lundie fort. »Sir Patrick, ich habe es Ihnen vorher gesagt, wenn Sie sich gefälligst erinnern wollen, daß mit der Angelegenheit dieser Gouvernante nicht zu spaßen sei; meine schlimmsten Befürchtungen sind eingetroffen, Miß Silvester hat das Haus verlassen.«




Achtes Kapitel.

Aufruhr im Hause


Es war noch früh am Nachmittag, als die Gäste von Lady Lundie’s Gartenfest anfingen, in allen Ecken die Köpfe zusammenzustecken und sich gegenseitig in der Ansicht zu bestärken, daß etwas ganz Ungewöhnliches passirt sein müsse. Blanche hatte unerklärlicher Weise die Herren, mit denen sie zum Tanzen engagirt war, im Stich gelassen. Lady Lundie war ebenso unerklärlicher Weise aus dem Ballsaal verschwunden. Blanche war gar nicht, Lady Lundie mit einem gezwungenen Lächeln und offenbar sehr verstimmt wieder erschienen und hatte zu ihrer Entschuldigung vorgegeben, daß sie nicht ganz wohl sei; auf dieselbe Weise hatte sie Blanche’s Abwesenheit, wie auch die etwas vorzeitige Entfernung Miß Silvester’s vom Croquetspiel entschuldigt. Ein Witzling unter den Herren erklärte, die Sache komme ihm vor, wie die Declination eines Verbums: ich bin nicht wohl, Du bist nicht wohl, er ist nicht wohl, und so weiter. Auch Sir Patrick, man denke nur, der gesellige Sir Patrick, hatte sich von der übrigen Gesellschaft getrennt und humpelte in dem einsamsten Theile des Gartens ganz allein auf, und ab. Und nun die Domestiken – die Sache war schon bis zu den Domestiken gedrungen —, sie versuchten es wie ihre Herrschaften, in allen Ecken die Köpfe zusammenzustecken. Die Hausmädchen erschienen, wo Hausmädchen nichts zu thun haben, Thüren wurden auf und zugeschlagen und Kleider huschten auf den Treppen und in den oberen Stockwerken unruhig hin und her. Datist etwas nicht in Ordnung, das ist sicher! »Wir thäten besser uns zu entfernen, liebes Kind, laß den Wagen vorfahren.« – »Liebe Louise, tanze nicht mehr, Papa will fort.« – »Adieu, Lady Lundie!« – Besten Dank für den angenehmen Tag!« – »Wie schade, daß Blanche nicht wohl ist.« – »Es war ein reizendes Fest«

So machten sich die, Gäste mit den bei solchen Gelegenheiten üblichen nichts sagenden Redensarten vor dem Ausbruche des Sturmes aus dem Staube.

Auf diesen Moment hatte Sir Patrick bei seiner einsamen Wanderung in dem Garten nur gewartet. Er konnte sich jetzt der ihm zugemutheten Verantwortlichkeit nicht mehr entziehen. Lady Lundie hatte ihm ihren festen Entschluß mitgetheilt, Anne#s- Spur zu verfolgen und, natürlich nur im Interesse der Sittlichkeit, herauszubringen, ob sie wirklich verheirathet sei oder nicht! Blanche, die schon von der Aufregung des Tages sehr angegriffen war, brach bei der Nachricht von Anne’s Verschwinden in ein hysterisches Weinen aus und bildete sich ihre eigene Ansicht über Anne’s Flucht aus dem Hause. Anne würde ihre Heirath nicht vor Blanche geheim gehalten, ihr nicht einen so förmlichen Brief geschrieben haben, wenn sich Alles wirklich so einfach verhielt, wie sie es sie glauben machen wollte. Anne mußte von irgend einer Seite her sehr schlimme Nachrichten erhalten haben und Blanche war nicht minder entschlossen als Lady Lyndie ihre Spur zu verfolgen, um sie wo möglich selbst aufzusuchen und ihr nach Kräften beizustehen.

Sir Patrick, den beide Frauen in ihr Vertrauen gezogen hatten, sah voraus, daß Beide, seine Schwägerin und seine Nichte, wenn sie nicht zurückgehalten würden, Jede auf ihre Weise sich zu sehr unvorsichtigen Handlungen hinreißen lassen würden, die zu den unangenehmsten Folgen führen könnten. Es bedurfte an diesem Nachmittage entschieden der Autorität eines Mannes in Windygates, und Sir Patrick konnte sich der Erkenntniß nicht Verschließen, daß er diese Autorität ausüben müsse. »Es läßt sich viel für und viel gegen ein Junggesellenleben sagen«, dachte der alte Herr bei sich, als er in dem entlegensten Theil des Gartens, in welchen er sich zurückgezogen hatte, auf und ab humpelte und öfter als gewöhnlich auf die Feder in der Krücke seines elfenbeinernen Stockes drückte. »So viel ist aber gewiß, die verheiratheten Freunde eines Junggesellen können ihn zwar nicht verhindern, ein Junggesellenleben zu führen, aber was sie können und was sie nach Kräften zu thun bemüht sind, ist dafür zu sorgen, daß er seines Junggesellenlebens nicht froh werde.« Die Betrachtung Sir Patricks wurde durch das Nahen eines Dieners unterbrochen, den er schon vorher angewiesen hatte, ihm von dem Fortgang der Begebenheiten im Hause laufenden Bericht zu erstatten.

»Sie sind Alle fort, Sir, Patrick!« sagte der Diener.

»Gottlob Simpson!« Also jetzt haben wir nur noch mit den Logirgästen im Hause zu thun?«

»Nur mit diesen, Sir Patrick!«

»Und diese Logirgäste sind lauter Herren, nicht wahr?«

»Lauter Herren, Sir Patrick!«

»Auch gut, Simpson. Nun muß sich aber zuerst mit Lady Lundie sprechen. —«

Giebt es wohl einen Entschluß, der an Festigkeit dem gleich käme, mit welchem eine Frau sich vornimmt, die Schwächen einer anderen von ihr gehaßten Frau aufzudecken?

Sir Patrick fand Lady Lundie damit beschäftigt, eine Untersuchung nach demselben Princip anzustellen, welches die Polizei beim Verschwinden einer Person beobachtet. Wer war die letzte Person, welche die Verschwundene gesehen hatte? Wer war der letzte Dienstbote, der Anne Silvester gesehen hatte? Vernommen wurden zunächst die männlichen Dienstboten vom Kellermeister bis zum Stalljungen herab; dann kamen die weiblichen Dienstboten an die Reihe, von der hochgestellten Köchin bis herab zu dem kleinen Mädchen, welches das Unkraut in dem Garten ausjätete. Lady Lundie war in ihrem Verhör gerade bis zu einem kleinen Groom gekommen, als Sir Patrick zu ihr trat.

»Liebe Schwägerin erlauben Sie mir, Sie daran zu erinnern, daß wir in einem freien Lande leben und daß Sie durchaus kein Recht haben, den Schritten Miß Silvester’s von dem Augenblicke an, wo sie Ihr Haus verlassen hat, nachzuspüren.«

Lady Lundie schlug die Augen mit frommem Schauder zur Zimmerdecke auf und sah aus wie eine Märtyrerin der Pflicht!

»Nein«, Sir Patrick, so darf ich als eine christliche Frau die Sache nicht ansehen, diese unglückliche Person hat unter meinem Dache gewohnt, ist Blanche’s Gesellschafterin gewesen und ich bin verantwortlich, moralisch verantwortlich für ihr Thun. Ich gäbe die Welt darum, wenn ich die Sache so leicht nehmen könnte, wie Sie, aber nein, das darf ich nicht! Ich muß wenigstens mir im Interesse der guten Sitte und zur Beruhigung meines Gewissens Sicherheit darüber verschaffen, daß sie wirklich verheirathet ist, ehe ich mein Haupt diesen Abend niederlege.«

»Ein Wort, Lady Lundie.«

»Nein«, wiederholte Lady Lundie mit dem Ausdruck der sanftesten Entschiedenheit, »Sie haben vielleicht, von einem weltlichen Gesichtspunkte aus betrachtet, Recht; aber ich kann die Sache nicht aus diesem Gesichtspunkte ansehen, das widerstrebt meinem ganzen Wesen!«

Dabei wandte sie sich mit feierlichem Ernst wieder zu dem Diener.

»Du weißt, Jonathan, wohin Du kommst, wenn Du die Unwahrheit redest.«

Jonathan war ein wohlgenährter kleiner Müßiggänger, aber sehr rechtgläubig und antwortete:

»Jawohl, gnädige Frau, in die Hölle.«

Sir Patrick begriff, daß ein fernerer Widerspruch von seiner Seite in diesem Augenblick ganz vergeblich sein würde und faßte den weisen Entschluß, mit seiner Einmischung ruhig zu warten, bis Lady Lundie ihre Untersuchung beendigt haben würde; gleichzeitig aber beschloß er, – da es bei der augenblicklichen Stimmung Lady Lundie’s unmöglich war, vorauszusehen, wessen sie fähig sein würde, wenn ihre Nachforschungen unglücklicherweise erfolgreich sein sollten, – im Interesse aller Betheiligten, die nöthigen Maßregeln zu ergreifen, um das Haus für die nächsten vierundzwanzig Stunden von den Gästen zu säubern; »Gestatten Sie mir nur eine Frage, Lady Lundie« nahm er wieder auf, »die Lage der Herren, die hier zu Gaste sind, ist bei den jetzigen Vorgängen keine sehr angenehme. Wenn Sie sich damit begnügt hätten, keine weitere Notiz von dem Vorgefallenen zu nehmen, würde Alles sehr gut gegangen sein; wie die Sachen aber jetzt stehen, glauben Sie nicht, daß es für alle Theile angenehm sein würde, wenn ich Ihnen die Pflicht Ihre Gäste zu unterhalten, abnähme?«

»Unter der Voraussetzung, daß Sie es als Haupt der Familie thun«, erwiderte Lady Lundie.

»Als Haupt der Familie«, bestätigte Sir Patrick.

»Dann nehme ich Ihr Anerbieten dankbar an.«

»Bitte, bitte, es geschieht sehr gerne.« Sir Patrick verließ das Zimmer während das Verhör mit Jonathan seinen Fortgang nahm.

Sir Patrick und sein Bruder, der verstorbene Sir Thomas, waren sehr verschiedene Wege im Leben gegangen und hatten sich seit ihrer frühesten Jugend wenig gesehen. Sir Patricks Erinnerung wandte sich in diesem Augenblick einer längst vergangenen Zeit zu und erfüllte ihn mit Zärtlichkeit für das Andenken seines Bruders. Er schüttelte den Kopf und sagte mit einem Seufzer leise vor sich hin: »Armer Tom, armer Tom!«

Als er durch die Vorhalle ging, hielt er einen ihm begegnenden Diener an, um nach Blanche zu fragen.

»Fräulein Blanche hat sich mit ihrer Kammerjungfer in ihrem Zimmer eingeschlossen.

Eingeschlossen? dachte Sir Patrick, das ist ein schlimmes Zeichen, da werde ich noch mehr zu hören bekommen!

Während er noch darüber nachdachte, fiel ihm ein, daß er zunächst die Gäste des Hauses aufzusuchen habe. Ein sicherer Instinkt leitete ihn nach dem Billardzimmer. Hier fand er die Gäste zu einem feierlichen Conseil versammelt und in der Berathung darüber begriffen, was sie anfangen sollten. In zwei Minuten hatte Sir Patrick sie wieder in gute Stimmung versetzt: »Was meinen Sie zu einer Jagdpartie für morgen, meine Herren?« fragte er.

Alle Anwesenden, gleichviel ob Jäger oder nicht, erklärten sich zustimmig.

»Sie können«, fuhr Sir Patrick fort, »von hier oder von einem zu Windygates gehörigen Jagdschlößchen abfahren, das jenseits der Haide im Walde liegt. Das Wetter sieht für Schottland ziemlich sicher aus und wir haben Pferde genug im Stall. Es wird Ihnen nicht verborgen geblieben sein, meine Herren, daß unerwartete Dinge sich im Hause meiner Schwägerin zugetragen haben. Sie bleiben natürlich Lady Lundie’s Gäste, gleichviel, ob Sie hier oder im Jagdschlößen wohnen. Treffen Sie also Ihre Wahl. Was ziehen Sie für die nächsten vierundzwanzig Stunden vor: Das Haus oder das Schlößchen?«

Alle ohne Ausnahme, auch die an Rheumatismus Leidenden nicht ausgenommen, antworteten wie aus einem Munde: »Das Jagdschlößchen.«

»Sehr gut«, fuhr Sir Patrick fort, »lassen Sie uns feststellen, daß wir heute Abend nach dem Jagdschlößchen hinüberreiten und die Jagd auf der Haide morgen in aller Frühe versuchen. Wenn die Zustände im Hause es mir gestatten, werde ich mir ein besonderes Vergnügen daraus machen, Sie zu begleiten, sollte es mir aber unmöglich sein, so wollen sie mich heute Abend entschuldigen und es mir nicht übel nehmen, wenn ich mich von Lady Lundie’s Verwalter vertreten lasse.«

Allgemeine Zustimmung.

Sir Patrick überließ die Gäste ihrem Billardspiel und ging nach dem Stall, um die nöthigen Anordnungen zu treffen.

Inzwischen verhielt Blanche sich in den oberen Räumen des Hauses unheimlich ruhig, während Lady Lundie in den unteren Räumen ihre Untersuchung fortsetzte. Nach Jonathan, dem letzten männlichen Dienstboten im Hause, kam die Reihe an den Kutscher den ersten männlichen Dienstboten außer dem Hause, und so fort bis hinunter zu dem Stalljungen. Da das Verhör der männlichen Dienstboten nicht den mindesten Erfolg hatte, ging Lady Lundie ohne Weiteres zu dem Verhör der weiblichen Dienstboten über. Sie klingelte und ließ die Köchin Hester Dethridge kommen. Eine sehr eigenthümliche Person trat in’s Zimmer. Aeltlich, und gemessen, äußerst sauber und respectabel in ihrer Erscheinung, das graue Haar glatt unter der weißen Haube zurück gestrichen, mit tief eingesunkenen Augen, eine Person, die beim ersten Anblick den Eindruck großer Vertrauenswürdigkeit machte, der man aber bei genauerer Betrachtung ansah, daß das Geheimniß schrecklicher Leiden auf ihr laste; diesen Eindruck empfing man aus dem unerschütterlich starren Blick, den man allmälig gewahr wurde, aus der todesähnlichen Ruhe, die sie nicht einen Augenblick verließ. Ihre Lebensgeschichte war, soweit man sie kannte, sehr traurig. In Lady Lundie’s Dienst war sie zu der Zeit, als Erstere sich mit Sir Thomas verheirathete, getreten; das ihr vom Pfarrer ihres Dorfes ertheilte Zeugniß besagte, daß sie an einen unverbesserlichen Trunkenbold verheirathet gewesen sei und daß sie, so lange derselbe gelebt, furchtbar von ihm zu leiden gehabt habe. Es hatte selbst jetzt, wo sie Wittwe war, sein Bedenkliches, sie in Dienst zu nehmen! Bei einer der vielen Gelegenheiten, wo sie von ihrem Manne körperlich mißhandelt worden war, hatte er ihr einen Schlag versetzt, der von sehr verhängnisvoller Wirkung auf ihr Nervensystem werden sollte. Wochenlang hatte sie bewußtlos dagelegen und war, als sie sich wieder erholte, der Sprache völlig beraubt gewesen; dazu kam, daß sie zuweilen ein sehr sonderbares Wesen hatte und daß sie bei der Annahme eines Dienstes es zur ausdrücklichen Bedingung machte, in einem Zimmer allein zu schlafen. Dagegen sprach es sehr zu ihren Gunsten, daß sie mäßig, höchst rechtlich und eine der besten Köchinnen in England war. Diese letztere Eigenschaft hatte Sir Thomas bestimmt, den Versuch mit ihr zu machen und er fand auch, daß er niemals in seinem Leben so gut gegessen habe, als seit dem Tage, wo Hester Dethridge die Leitung seiner Küche übernommen hatte. Nach seinem Tode blieb sie im Dienst seiner Wittwe. Lady Lundie war weit entfernt, ihre Köchin gern zu haben, man konnte sich eines unangenehmen Argwohns gegen diese Person nicht erwehren, über den sich Sir Thomas hinweggesetzt hatte, gegen den aber Alle, die für die Wichtigkeit eines guten Diners weniger empfänglich waren, als Sir Thomas, sieh unmöglich gleichgültig verhalten konnten. Die über den Zustand Hester’s consultirten Aerzte erklärten, daß sie sich durch gewisse physiologosche Erscheinungen zu der Annahme berechtigt glauben, saß die Person ihre Stummheit nur aus Gründen, sie selbst am besten wissen müsse, simulire; sie weigerte sich hartnäckig, das Alphabet der Taubstummen zu erlernen, weil sie, wie sie erklärte, wohl stumm, aber nicht taub sei. Man versuchte es, sie, da sie unzweifelhaft hörte, durch List dahin zu bringen, sich ihrer Sprache zu bedienen; aber umsonst! Man bemühte sich auch, ihr Antworten auf Fragen in Betreff ihrer Vergangenheit zu Lebzeiten ihres Mannes zu entlocken, aber sie weigerte sich ein für allemal, darüber Rede zu stehen. Von Zeit zu Zeit wurde sie von einem sonderbaren Drang ergriffen, sich einen freien Tag außerhalb des Hauses zu machen; wurde ihr die Erlaubniß dazu versagt, so weigerte sie sich, irgend etwas im Hause zu thun; drohte man ihr dann mit Entlassung, so verneigte sie sich mit einer Miene, die zu sagen schien: »Kündigen Sie mir, wenn es Ihnen beliebt, und ich gehe.« Zu wiederholten Malen hatte Lady Lundie sich begreiflicher Weise schon vorgenommen, eine solche Person nicht im Hause zu behalten, aber sie hatte diesen Entschluß bis jetzt nicht zur Ausführung gebracht. Eine Köchin, die eine vollkommene Meisterin in ihrer Kunst ist, die keinen Nebenverdienst sucht, die nichts vergeudet, die niemals in Streit mit den übrigen Dienstboten geräth, die nichts Anderes als Thee trinkt, der man ungezählt Summen Geldes anvertrauen kann, ist nicht leicht zu ersetzen. Wir Alle lassen uns in dieser Welt von Personen und Dingen vielerlei gefallen und so ließ sich auch Lady Lundie viel von ihrer Köchin gefallen. Hester Dethridge lebte so zu sagen, am Rande der Entlassung, hatte aber bis jetzt noch immer ihren Platz behauptet, ihre freien Tage bekommen, wenn sie darum gebeten hatte, was übrigens nicht oft vorkam und hatte, wohin sie auch mit der Familie reisen mochte, immer in einem verschlossenen Zimmer allein geschlafen.

Hester Dethridge näherte sich langsam dem Tisch, an welchem Lady Lundie saß; am Gürtel ihres Kleides hatte sie eine Schiefertafel mit einem Griffel hängen, deren sie sich bediente um solche Antworten zu ertheilen, die sie nicht durch eine Handbewegung oder ein einfaches Nicken oder Schütteln des Kopfes auszudrücken vermochte. Sie nahm Tafel und Griffel in die Hand und wartete mit steinerner Ergebenheit auf die Fragen ihrer Herrin. Lady Lundie eröffnete das Verhör mit der Eingangsfrage der sie sich bei allen übrigen Dienstboten bedient hatte: »Wissen Sie, daß Miß Silvester das Haus verlassen hat?« Die Köchin nickte mit dem Kopfe.

»Wissen Sie, wann das geschehen ist?«

Die Köchin nickte abermals und dass war die erste bejahende Antwort, die Lady Lundie erhalten hatte. Eifrig ging sie zur nächsten Frage über. Haben Sie Miß Silvester gesehen, als sie das Haus verließ?

Die Köchin nickte zum dritten Male.

»Und wo?«

Hester Dethridge schrieb langsam, in für eine Person ihres Standes merkwürdig festen und regelmäßigen Schriftzügen auf die Tafel die Worte: »Auf dem Wege der zur Eisenbahn führt, in der Nähe des Pachthofes der Mrs. Chew!«

»Was hatten Sie auf dem Pachthofe zu thun?«

Hester Dethridge schrieb: »Ich brauchte Eier für die Küche und etwas frische Luft für mich selbst.«

»Hat Miß Silvester Sie gesehen?«

Die Köchin schüttelte den Kopf.

»Nahm sie den Weg, der nach der Eisenbahn führt?«

Die Köchin schüttelte abermals den Kopf.

»Ging Miß Silvester weiter nach der Haide zur?«

Hester nickte mit dem Kopfe.

»Was that sie, als sie auf die Haide kam?«

Hester schrieb: »Sie schlug den Fußweg ein, der nach Craig Fernie führt.«

Lady Lundie sprang in großer Aufregung auf. Es gab nur ein einziges Haus, in welches eine Fremde in Craig Fernie gehen konnte.

»Also in den Gasthof?« rief Lady Lundie »Dahin ist sie also gegangen?«

Hester Dethridge rührte sich nicht.

Lady Lundie that eine letzte vorsichtige Frage mit den Worten: »Haben Sie irgend Jemandem davon etwas mitgeiheilt?«

Hester nickte.

Darauf war Lady Lundie nicht gefaßt gewesen. Sie dachte nicht anders, als Hester müsse sie mißverstanden haben. »Ich frage, ob Sie Jemandem etwas davon mitgetheilt haben?«

Hester nickte abermals.

»Jemand, der Sie wie ich befragte?«

Hester nickte zum dritten Male.

»Und das war?«

Hester schrieb auf ihre Tafel: »Miß Blanche.«

Lady Lundie fuhr entsetzt zurück bei der Entdeckung, daß Blanches Entschluß, Anne Silvester’s Spur zu verfolgen, allem Anscheine nach eben so fest sei, wie der ihrige. Ihre Stieftochter agirte also im Geheimen und auf eigene Verantwortlichkeit. Die Art, wie Miß Silvester das Haus verlassen hatte, empfand Lady Lundie als eine tödtliche Beleidigung. Als eine von Grund aus rachsüchtige Natur hatte sie fest beschlossen, jeden irgend compromittirenden Umstand in dem Geheimniß der Gouvernante herauszubringen und dem etwaigen Ergebniß ihrer Nachforschungen, natürlich nur aus reinstem Pflichtgefühl, die größtmögliche Verbreitung in ihrem Freundeskreise zu verschaffen. Wenn aber Blanche, wie es den Anschein hatte, in einer ganz entgegengesetzten Weise und nur im Interesse von Anne Silvester verfuhr, so war das Gelingen von Lady Lundie’s Bemühungen offenbar unmöglich. Was sie zunächst und zwar augenblicklich zu thun hatte, war, Blanche wissen zu lassen, daß sie von ihren Schritten unterrichtet sei und ihr streng zu untersagen sich ferner in die Sache zu mischen. Lady Lundie klingelte zwei Mal, was soviel bedeutete, als daß ihre Kammerjungfer erscheinen solle. Dann wandte sie sich wieder zu der Köchin die immer noch mit derselben steinernen Ruhe, ihre Schreibtafel in der Hand die Befehle ihrer Herrin erwartete. »Sie haben Unrecht gethan«, sagte Lady Lundie strenge, »ich bin Ihre Herrin, Sie haben mir Rede zu stehen!«

Hester Dethridge verneigte sich zum Zeichen ihrer Anerkennung des eben ausgesprochenen Princips.

Lady Lundie empfand diese Verneigung sofort als eine unpassende Unterbrechung. »Aber Miß Blanche ist nicht Ihre Herrin«, fuhr sie im scharfen Tone fort, »Sie sind sehr zu tadeln, daß Sie Miß Blanche’s Fragen über Miß Silvester beantwortet haben.«

Hester Dethridge schrieb, von diesem Vorwurf vollkommen unberührt, ihre Rechtfertigung in zwei ferneren Sätzen auf die Tafel: »Ich hatte keinen Befehl, Miß Blanche nicht zu antworten; ich bewahre Niemandes Geheimnisse, als meine eigenen.«

Durch diese Antwort war die seit Monaten schwebende Frage der Entlassung Hester Dethridges auf einmal entschieden. »Sie sind eine impertinente Person, ich habe es lange genug mit Ihnen ausgehalten und will es nicht länger, wenn Ihr Monat zu Ende ist gehen Sie.« Mit diesen Worten entließ Lady Lundie Hester Dethridge aus ihrem Dienste.

Nicht die leiseste Veränderung zeigte sich in dem finster-ruhigen Gesichtsausdruck Hester’s. Sie verneigte sich abermals zum Zeichen, daß sie das über sie verhängte Urtheil verstanden habe, ließ ihre Tafel herabhängen, drehte sich um und verließ das« Zimmer. Diese Person, die lebend und arbeitend auf der Welt umherging, war, soweit menschliche Interessen in Betracht kamen, so völlig außer allem Zusammenhang mit der Welt, als hätte sie eingesargt in ihrem Grabe gelegen.

In dem Augenblick, wo Hester das Zimmer verließ, trat Lady Lundie’s Kammerjungfer ein.

»Gehen Sie zu Miß Blanche und bitten Sie diese zu mir zu kommen, warten Sie einen Augenblick« – sie hielt inne und ging mit sich zu Rath. Blanche konnte sich weigern, sich die Einmischung ihrer Mutter gefallen zu lassen, es konnte möglicher Weise nothwendig werden, die Autorität ihres Vormundes in Anspruch zu nehmen.

»Wissen Sie, wo Sir Patrick augenblicklich ist?

»Ich hörte Simpson sagen daß Sir Patrick nach den Ställen gegangen sei, gnädige Frau!«

»Lassen Sie Sir Patrick durch Simpson sagen, ich bäte ihn freundlichst gleich zu mir zu kommen.«

Eben waren die Vorbereitungen für die Abreise nach dem Jagdschlößchen getroffen und es fragte sich nur noch, ob Sir Patrick die Gesellschaft würde begleiten können, als der Diener mit der Botschaft seiner Herrin erschien.

»Wollen Sie mir eine viertel Stunde Zeit gönnen, meine Herren?« fragte er. »Nach Verlauf dieser kurzen Frist werde ich bestimmen können, ob ich mitgehen kann oder nichts« Es versteht sich von selbst, daß die Gäste sich bereit erklärten zu warten; die Jüngeren unter ihnen brachten als Engländer natürlich die kurze Muße damit zu, darauf Zu wetten, ob Sir Patrick sich werde losmachen können, oder ob man ihn im Hause festhalten werde; auf das letztere wurde Zwei gegen Eins gewettet.

Genau nach Verlauf einer viertel Stunde erschien Sir Patrick wieder. Die häuslichen Verhältnisse hatten das blinde Vertrauen, welches Jugend und Unerfahrenheit auf ihre Macht gesetzt hatten, getäuscht, Sir Patrick hatte sich frei gemacht.

»Die Dinge sind soweit in Ordnung«, sagte Sir Patrick, »daß ich im Stande bin, mit Ihnen zu gehen. Es giebt zwei Wege nach dem Jagdschlößchen; der eine längste führt an dem Gasthof von Craig Fernie vorüber; ich muß Sie bitten, diesen Weg mit mir zu nehmen. Dort muß ich auf einige Augenblicke absitzen um im Gasthof mit Jemanden ein kurzes Wort zu reden. Sie reiten inzwischen ruhig weiter.«

Es war Sir Patrick gelungen, Lady Lundie und auch Blanche zu beruhigen, und zwar Beide durch das feste Versprechen, das er Jeder von ihnen besonders gegeben hatte, statt ihrer nach Craig-Fernie zu gehen und persönlich dort Anne Silvester aufzusuchen. Ohne Weiteres bestieg er nun ein Pferd und die Jagdpartie verließ unter seiner Anführung Windygates.




Der Gasthof





Neuntes Kapitel.

Anne


»Ich muß Ihnen nochmals bemerken, Madame, daß das Haus bis auf diese beiden Zimmer hier besetzt ist«, so sprach Mrs. Inchbare, die Wirthin des Gasthofes von Craig Fernie zu Anne Silvester, die, die Börse in der Hand, in dem einen der beiden Zimmer stand und sich erbot für beide Zimmer im Voraus zu bezahlen.

Es war Nachmittags, ungefähr um dieselbe Zeit, wo Geoffrey Delamayn den Zug nach London bestiegen und wo Arnold Brinkworth den Weg über die Haide eingeschlagen hatte, um sich nach Craig Fernie zu begeben.

Mrs. Inchbare war eine hagere, lange, respectabel aussehende Frau. Ihr häßliches Haar hing ihr in dünnen strohfarbigen Locken um den Kopf; sie trug ihre harten Knochen wie ihr hartes Puritanerthum ohne den leisesten Versuch, etwas davon zu verbergen, zur Schau; mit einem Wort, sie war eine entsetzlich respectable Frau, die mit stolzem Selbstgefühl einen entsetzlich respectablen Gasthof hielt. Sie hatte keinerlei Concurrenz zu befürchten; sie konnte ihre Preise und ihre Hausordnung nach Belieben feststellen. Wenn einmal Einer gegen ihre Preise oder ihre Hausordnung remonstrirte, so stellte sie es ihm einfach frei, anderswohin zu gehen, das heißt mit andern Worten, sich als ein heimathloser Wanderer in der unbarmherzigen schottischen Wildniß umherzutreiben. Das Dorf Craig Fernie bestand aus einem Haufen elender Hütten. Meilenweit umher war in der ganzen Gegend auf Berg und Haide kein zweiter Gasthof zu finden und kein Mensch kam überhaupt in den Fall, in dieser Gegend Schottlands Nahrung und Obdach von Fremden zu begehren, als hülflose englische Touristen. In dem ganzen weiten Reich der Hotel-Besitzer gab es keine unabhängigere Person als Mrs. Inchbare. Als unumschränkte Beherrscherin ihres einsamen Gasthofes war sie für das sonst wirksamste Schreckmittel aller Hotelbesitzer, das Schreckmittel einer ungünstigen Besprechung in den Zeitungen, vollkommen unempfindlich. Wenn es einem Gaste einmal zu arg wurde und er drohte, ihre Rechnung in den öffentlichen Blättern abdrucken zu lassen, erklärte Mrs. Inchbare, das möge er in Gottes Namen thun. »Schicken Sie die Rechnung wohin Sie wollen, wenn Sie sie nur bezahlen. So etwas wie eine Zeitung kommt nie über meine Schwelle. In Ihrem Zimmer finden Sie das alte und das neue Testament und im Frühstückszimmer die Naturbeschreibung von Perthshire und wenn Ihnen diese Lectüre nicht genügen sollte, so reisen Sie ruhig wieder ab und suchen sich anderswo etwas Besseres zu lesen.«

Das war der Gasthof, in welchem Anne Silvester allein, mit keinem weiteren Gepäck als einer kleinen Handtasche absteigen wollte; das war die Frau, deren Abneigung, sie bei sich aufzunehmen, Anne naiv genug war mit ihrer Börse überwinden zu wollen.

»Bitte, nennen Sie mir den Preis, ich bin bereit, ihn im Voraus zu bezahlen.«

Ihre Majestät Mrs. Inchbare würdigte der Börse keines Blickes.

»Die Sache ist die, Madame«, antwortete sie, ich kann Ihr Geld nicht nehmen, wenn ich Ihnen die verlangten Zimmer im Hause nicht geben kann. Das Craig Fernie Hotel ist ein Familien-Hotel und hat für die Aufrechthaltung seines guten Rufes zu sorgen.

Sie sehen mir viel zu gut aus, mein liebes Kind, um allein zu reisen.«

Es gab eine Zeit, wo Anne eine solche Bemerkung gebührend zurückgewiesen haben würde. Die harte Nothwendigkeit ihrer gegenwärtigen Lage machte sie jetzt geduldiger.

»Ich habe Ihnen schon gesagt«, erwiderte sie, »daß mein Mann mir noch heute hierher folgen wird« – und bei diesen Worten seufzte sie schwer und sank, unfähig länger zu stehen, in den nächsten Stuhl.

Mrs. Inchbare empfand bei ihrem Anblick gerade so viel Mitleid, wie sie geäußert haben würde, wenn ein verlaufener Hund mit wunden Füßen vor ihrer Thür niedergefallen wäre.

»Nun, lassen Sie es gut sein, bleiben Sie eine Weile hier und ruhen sich aus, dafür nehmen wir nichts und wir wollen dann sehen, ob Ihr Mann kommt, ich möchte lieber ihm als Ihnen die Zimmer vermiethen und somit guten Morgen!«

Mit dieser schließlichen Kundgebung ihres königlichen Willens zog sich die Beherrscherin des Gasthofes zurück; Anne antwortete nichts. Sie wartete bis die Wirthin das Zimmer verlassen hatte und that sich dann nicht länger Gewalt an. In ihrer Lage mußte sie jeden gegen sie ausgesprochenen Argwohn doppelt als eine Beleidigung empfinden. Heiße Thränen der Scham entrannen ihren Augen und ein furchtbares Herzweh bemächtigte sich ihrer. Plötzlich hörte sie ein kleines Geräusch im Zimmer; sie stutzte, sah aus und entdeckte in einer Ecke des Zimmers einen Mann, der die Möbel vom Staube reinigte und offenbar ein Kellner im Wirthshause war. Er hatte sie bei ihrer Ankunft in das Wohnzimmer geführt und sich daselbst bis zu diesem Augenblick so ruhig verhalten, daß sie ihn gar nicht gewahrt hatte.

Es war ein alter Mann, mit einem blinden und verschleierten und einem thränenden, munter blickenden Auge, mit kahlem Kopf, gichtischen Füßen, einer Nase, die mit Recht als die größte und rötheste von ganz Schottland berühmt war, und einem Munde, den die milde Weisheit des Alters in einem sanften Lächeln geheimnißvoll umspielte.

In der Berührung mit dieser verderbten Welt zeigte er in seinem Wesen die glückliche Mischung zweier Extreme, der vollkommensten Unabhängigkeit und der demüthigsten Servilität, deren nur ein Schotte fähig ist. Eine ungeheure natürliche Unverschämtheit, welche die Leute amüsirt, aber nicht verletzt, und eine unberechenbare Schlauheit, die sich gewöhnlich hinter der Doppelmaske einer eigenthümlich vorurtheilsvollen Befangenheit und eines trockenen Humors verbirgt, war die solide moralische Grundlage, auf welcher der Charakter dieses alten Mannes beruhte.

Keine noch so große Quantität von Whisky war im Stande, ihn betrunken zu machen und kein noch so leidenschaftliches Klingeln vermochte je seine Bewegungen zu beschleunigen. Das war der Oberkellner im Craig-Fernie-Hotel, weit und breit bekannt als Mr. Bishopriggs, Mrs. Inchbare’s rechte Hand!

»Was machen Sie da?« fragte Anne in scharfem Tone.

Bishopriggs drehte sich auf seinen gichtischen Füßen um, schwenkte sein Staubtuch ruhig in der Luft und sah Anne mit einem milden Lächeln an. »Ich? ich wische den Staub von den Möbeln und bringe das Zimmer für Sie hübsch in Ordnung!«

»Für mich? Haben Sie nicht gehört, was die Wirthin gesagt hat?«

Bishopriggs näherte sich ihr vertraulich und wies mit einem sehr unsichern Zeigefinger auf die Börse welche Anne noch in der Hand hielt.

»Machen Sie sich keine Sorge wegen der Wirthin«, sagte das weise Haupt der Kellner von Craig-Fernie; »Ihre Börse spricht für Sie Madame; stecken Sie sie ein«, rief er, indem er die Versuchung mit seinem Staubtuch von sich jagen zu wollen schien; »stecken Sie sie ein. So lange Menschen, Menschen sind, sage ich, hat eine Frau, die Geld in der Börse hat, überall ihren Werth!«

Anne’s Geduld, die härtere Proben bestanden hatte, riß bei diesen Worten.

»Was fällt Ihnen ein, daß Sie so vertraulich mit mir reden?« fragte sie, zornig auffahrend.

Bishopriggs nahm das Staubtuch unter den Arm und schickte sich an, Anne zu überzeugen, daß er die Ansicht der Wirthin über ihre Lage theile, ohne in der Strenge der Prinzipien mit ihr übereinzustimmen. »Es giebt keinen Menschen auf der Welt, sagte er, der mehr Nachsicht für menschliche Schwächen hätte als ich. O, warum soll ich nicht vertraulich mit Ihnen sein, ich, der ich alt genug wäre, Ihr Vater zu sein und gerne bereit bin, diese Rolle zu übernehmen. Kommen Sie, liebes Kind, bestellen Sie sich ein Bischen Mittagessen. Einerlei ob der Mann da ist oder nicht, Sie haben einen Magen und müssen essen. Wir haben Fisch und Geflügel oder vielleicht ziehen Sie Hammelbraten vor, den Sie aufgebraten bekommen können, wenn die Table d’hote vorüber ist!«

Es gab nur eine Art« ihn los zu werden. Bestellen Sie für mich, was Sie wollen, nur lassen Sie mich allein!«

Bishopriggs war mit dem ersten Theil dieses Satzes vollkommen einverstanden und nahm von dem zweiten nicht die geringste Notiz. »Uebertragen Sie mir nur die Wahrnehmung Ihrer Interessen, das ist das Klügste was Sie thun können, fragen Sie nur nach Bishopriggs, so heiße ich, wenn Sie eines anständigen, respectablen Mannes bedürfen, um Ihnen ein Rath zu geben. Setzen Sie sich doch! Aber nicht in den Lehnstuhl, den braucht Ihr Mann, wenn er kommt.«

Mit diesem passenden Scherz ging der ehrwürdige Bishopriggs Augenzwinkernd zur Thür hinaus. Anne sah nach der Uhr. Nach ihrer Berechnung konnte es nicht mehr lange dauern, bis Geoffrey im Gasthof eintreffen mußte, wenn er Windygates zur verabredeten Zeit verlassen hatte. – Noch ein wenig Geduld und die Skrupel der Wirthin würden beseitigt und die harte Prüfungsstunde für sie vorüber sein. Hätte sie nicht anderswo mit ihm zusammen treffen können, als in diesem barbarischen Hause, unter diesen barbarischen Menschen? Nein, außer in Windygates hatte sie in ganz Schottland keinen Menschen, den sie kannte; es gab keinen andern passenden Ort als den Gasthof und sie mußte noch dankbar dafür sein, daß derselbe so einsam gelegen war, daß sie nicht zu befürchten brauchte, Bekannte von Lady Lundie hier zu treffen.

Wie groß die Gefahr ihres Aufenthaltes in diesem Gasthofe auch immer sein mochte, der Zweck, den sie verfolgen mußte, rechtfertigte es, daß sie sich dieser Gefahr ausgesetzt hatte; ihre ganze Zukunft hing davon ab, daß Geoffrey sie zu seiner rechtmäßigen Frau machte, nicht die Zukunft an seiner Seite, darauf war nicht mehr zu rechnen, aber die Zukunft eines Lebens mit Blanche, auf das sie jetzt ihre ganze Hoffnung gesetzt hatte. Ihr Muth sank mehr und mehr; ihren Augen entrollten wieder Thränen; sie sagte sich aber, daß es ihn nur reizen würde, wenn er bei seiner Ankunft sie weinend fände; sie nahm sich daher zusammen und versuchte sich durch eine nähere Betrachtung des Zimmers zu zerstreuen. Da war wenig zu sehen. Außer seiner sehr soliden Bauart unterschied sich das Craig-Fernie Hotel in nichts von dem Durchschnitt englischer Hotels zweiten Ranges. Da stand das gewöhnliche, mit schwarzem Haartuch überzogene Sopha, das nur dazu gemacht schien, Diejenigen, die sich auf ihm ausruhen wollten, hinabgleiten zu lassen, da stand der gewöhnliche stark lackirte Lehnstuhl, der besonders dazu fabricirt zu sein schien, die Widerstandsfähigkeit des menschlichen Rückgrats zu erproben. Die Wände waren mit den gewöhnlichen Papiertapeten beklebt, deren Muster Kopfschmerz und Schwindel bereiten. Da hingen die gewöhnlichen Kupferstiche, welche die Menschheit zu betrachten nicht müde wird; das Portrait der Königin an dem Ehrenplatz, daneben an der einen Seite das Bild des nächst größten aller menschlichen Wesen, des Herzogs von Wellington, und an der andern Seite das Portrait des Vertreters von Craig-Fernie im Parlament. Endlich in einer dunklen Ecke eine Jagdscene. Eine der Eingangsthür gegenüberliegende Thür führte in’s Schlafzimmer und ein Fenster an der Seite blickte auf den freien Platz vor dem Hotel hinaus und gewährte die Aussicht auf die weite Haide von Craig-Fernie, die sich von der Höhe, auf der das Haus stand, weit hinabzog.

Verzweiflungsvoll wandte sich Anne von der Betrachtung des Zimmers zur Betrachtung der Aussicht. Seit einer halben Stunde war das Wetter schlechter geworden, dichte Wolken hatten sich am Himmel gesammelt, die Sonne hatte sich versteckt und die Landschaft lag grau und finster da. Anne wandte sich ebenso verzweislungsvoll wieder vom Fenster ab.

Eben wollte sie den hoffnungslosen Versuch machen, ihre ermatteten Glieder auf dem Sopha auszuruhen, als der Klang von Stimmen und Fußtritten vor dem Hause ihre Aufmerksamkeit erregte.

War Geoffretys Stimme dabei? Nein! Stiegen die Fremden ab?

Die Wirthin hatte es ihr abgeschlagen, ihr die Zimmer jetzt schon zu vermiethen, es war leicht möglich, daß die Fremden die Zimmer zu sehen verlangten. Und wenn sich unter Ihnen ein Bekannter befand? In ihrer Besorgniß flüchtete sie sich in’s Schlafzimmer und schob den Riegel vor die Thür.

Im nächsten Augenblick wurde die Thür nach dem Wohnzimmer vom Vorplatz aus geöffnet und Arnold Brinkworth trat von Bishopriggs geführt in’s Zimmer herein.

»Niemand hier!« rief Arnold sich umsehend aus. »Wo ist sie?«

Bishopriggs deutete auf die Thür des Schlafzimmers. »O, Ihre liebe Frau ist gewiß in? Schlafzimmer gegangen.«

Arnold fuhr zusammen. Er hatte, als er die Sache mit Geoffrey in Windygates überlegte, kein Bedenken getragen, sich im Gasthof als Anne Silvester’s Mann zu präsentiren, die Ausführung dieser Verabredung machte ihn jedoch, gelinde gesagt, im ersten Augenblick ein wenig verlegen. Da stand der Kellner, der Miß Silvester als seine Frau bezeichnete und es höchst natürlicher und schicklicher Weise dem Manne der »lieben Frau« überließ, an die Thür ihres Schlafzimmers zu klopfen, um ihr zu sagen, daß er da sei.

In seiner Verzweiflung fragte Arnold nach der Wirthin, die er bei seiner Ankunft im Gasthause noch nicht gesehen hatte.

»Die Wirthin ist gerade damit beschäftigt Rechnungen auszuschreiben«, antwortete Bishopriggs, »aber sie wird gewiß gleich kommen, die viel beschäftigte Frau, um auszuforschen, wer Sie sind, wie sie ja die ganze Last der Geschäfte des Hauses auf ihren Schultern trägt.« Mit einer geschickten Wendung ging er von der Wirthin auf sich selbst über. »Ich habe einstweilen dafür gesorgt, es Ihrer Frau so comfortable wie möglich zu machen«, flüsterte er, verlassen Sie sich ganz auf mich.«

Arnold war ganz von dem Gedanken an die Schwierigkeit erfüllt, wie er Anne seine Ankunft wissen lassen solle; wie bringe ich sie da heraus? fragte er sich mit einem verzweifelten Blick aus die Thür des Schlafzimmers. Er hatte die Worte laut genug gesagt, um von dem Kellner gehört zu werden. Arnold’s betroffener Blick spiegelte sich aus der Stelle in Bishopriggs Gesicht wieder.

Der Oberkellner von Craig-Fernie hatte eine außerordentlich umfassende Erfahrung von dem Benehmen und dem Wesen jung verheiratheter Paare auf ihrer Hochzeits-Reise. Unzähligen jung verheiratheten Frauen und Männern war er mit glänzenden Erfolgen ein zweiter Vater gewesen. Er kannte jung verheirathete Paare aller Art: Paare, die sich das Ansehen gaben, als wenn sie schon lange Jahre verheirathet wären, Paare, die keine Verstellung versuchen und die sich von älteren Leuten rathen lassen, Paare, die aus Verlegenheit vor dritten Personen sehr gesprächig sind, Paare, die aus dem selben Grunde vor Andern sehr schweigsam sind, Paare, die gar nicht wissen, was sie anfangen sollen, Paare, die wünschen, die Sache wäre vorbei, Paare, bei denen man sich hüten muß jemals in’s Zimmer zu treten, ohne vorher anzuklopfen Paare, die sich fähig fühlen in den Pausen ihrer Seligkeit etwas körperliche Nahrung zu sich zu nehmen und wieder andere Paare die dazu nicht im Stande sind. – Aber der jung verheirathete Mann, der rathlos an der einen Seite einer Thür steht, hinter welcher die junge Frau sich verschlossen hält, war eine, selbst für einem auf diesem Gebiet so erfahrenen Mann wie Bishopriggs, bisher unbekannte Spielart der Gattung jung verheiratheter Paare.

»Wie Sie sie da herausbringen sollen? Das will ich Ihnen sagen!«

Er ging so schnell, wie seine gichtischen Füße es ihm gestatten wollten, an die Schlafstubenthür, klopfte an und rief: O, Madame, er ist da, hier steht er leibhaftig. Mein Gott, wie kommen Sie dazu, die Thür ihrer Brautkammer Ihrem Manne vor der Nase zu verschließen?«

Auf diese Anrede, die nicht gut zu beantworten war, folgte eine Verschiebung des Riegels hinter der Thür. Bishopriggs winkte Arnold mit seinem einen sehenden Auge zu und legte seinen Zeigefinger bedeutungsvoll an seine ungeheure Nase. »Ich gehe, ehe Sie ihr in die Arme sinken und verlassen Sie sich darauf, ich komme nicht wieder herein, ohne vorher angeklopft zu haben.« Er ließ Arnold im Zimmer allein.

Die Thür des Schlafzimmers öffnete sich ganz langsam ein wenig, so daß man die Stimme Anne’s, die hinter derselben stand und sprach, eben vernehmen konnte. »Bist Du es, Geoffrey?«

Arnold, der voraussah, was nun gleich kommen mußte, ward es schwer um’s Herz, er wußte weder, was er sagen noch was er thun sollte. Er schwieg.

Anne wiederholte die Frage lauter: »Bist Du es?«

Natürlich mußte es sie beunruhigen, wenn jetzt keine Antwort erfolgte; da half also nichts mehr, es mochte daraus entstehen, was wolle, Arnold mußte antworten und sagte: »Ja.«

Die Thür flog weit auf und Anne Silvester stand ihm an der Schwelle gerade gegenüber. »Herr Brinkworth!« rief sie, starr und regungslos vor Erstaunen.

Einen Augenblick schwiegen Beide. Anne trat einen Schritt in’s Wohnzimmer vor und that die nächste unvermeidliche Frage mit einer plötzlichen Wandlung des Erstaunens in Argwohn: »Was wollen Sie hier?«

Die einzige mögliche Entschuldigung für Arnoldts Erscheinen an diesem Ort war in Geoffrey’s Brief enthalten. »Ich habe einen Brief für Sie«, sagte er und überreichte ihr denselben.

Aber sie nahm ihn vorsichtiger Weise nicht gleich an. Arnold war ihr, wie dieser selbst schon gegen Geoffrey bemerkt hatte, fast ganz fremd. Ein furchtbares Vorgefühl eines von Geoffrey gegen sie verübten Verrathes überkam sie, sie weigerte sich, den Brief zu lesen. »Ich erwarte keinen Brief, woher wissen Sie daß ich hier bin?« Sie that diese Frage nicht nur in einem argwöhnischen Tone, sondern auch mit einem geringschätzigen Blick, der für einen Mann nicht leicht zu ertragen war.

Arnold bedurfte seiner ganzen Selbstbeherrschung um ihr mit der schuldigen Rücksicht zu antworten.

»Werden meine Bewegungen beobachtet«, fuhr sie zornig fort, »und haben Sie die Rolle eines Spions übernommen.

»Sie kennen mich noch nicht lange, Miß Silvester«, antwortete Arnold ruhig, »aber Sie sollten mich doch schon gut genug kennen, um nicht so etwas zu glauben; ich bin der Ueberbringer eines Briefes von Geoffrey.«

Sie war im Begriff seinem Beispiel zu folgen und auch ihrerseits von Geoffrey mit seinem Vornamen zu reden, aber sie hielt inne, bevor sie das Wort ausgesprochen hatte.

»Sie meinen Herrn Delamayn?« antwortete sie kalt.

»Ja.«

»Welche Veranlassung hat Herr Delamayn, mir zu schreiben?« Sie war entschlossen sich zu nichts zu bekennen und hielt ihn beharrlich von sich fern.

Arnold that instinctmäßig, was ein Mann von großer Welterfahrung aus Berechnung gethan haben würde.

Er faßte sich in Dem was er ihr zu sagen hatte ganz kurz.

»Es nützt Ihnen nichts, Miß Silvester, hinter dem Berge zu halten; wenn Sie den Brief nicht nehmen wollen, so zwingen Sie mich zu reden; ich bin hier mit einem höchst unangenehmen Auftrag, und fange an, aus Herzensgrund zu wünschen, daß ich denselben nicht übernommen hätte.«

Ein schmerzlich krampfhaftes Zucken überflog ihr Gesicht. Sie fing an ihn zu verstehen.

Er zauderte, seine edle Natur sträubte sich dagegen, sie zu verletzen.

»Fahren Sie fort«, sagte sie mit großer Selbstüberwindung.

»Versuchen sie es, nicht böse auf mich zu sein, Miß Silvester, Geoffrey weiß, das er mir vertrauen kann.«

»Ihnen vertrauen« unterbrach sie ihn. »Warten Sie!«

Arnold hielt ein und sie sagte nicht zu ihm, sondern zu sich selbst: »Als ich im Nebenzimmer war, fragte ich, ob Geoffrey hier sei und dieser Mann antwortete für ihn.«

Mit einem Schrei des Entsetzens trat sie ihm einen Schritt näher. »Hat er Ihnen gesagt —?«

»Um Gotteswillen, lesen Sie doch seinen Brief?«

Gewaltsam stieß sie die Hand, mit der er ihr den Brief reichte, von sich. »Sie können mir nicht gerade in’s Gesicht sehen, er hat es Ihnen gesagt?«

»Lesen Sie doch seinen Brief«, wiederholte Arnold, um seinetwillen, wenn nicht um meinetwillen.«

Arnold, dem die peinliche Situation nachgerade unerträglich geworden war, hatte diese letzten Worte mit männlicher Entschlossenheit in Blick und Ton gesprochen.

Sie nahm den Brief. »Verzeihen Sie mir, Herr Brinckworth« sagte sie in einem plötzlichem ebenso überraschenden wie ergreifenden Uebergang zur tiefsten Demuth in Ton und Wesen, »jetzt erst verstehe ich meine Lage recht, ich bin ein zwiefach verrathenes Weib, verzeihen Sie mir, was ich eben gesagt habe, als ich noch einen Anspruch auf Ihre Achtung zu haben glaubte; jetzt werden Sie mir vielleicht Ihr Mitleid nicht versagen, auf etwas Anderes habe ich keinen Anspruch mehr.

Arnold schwieg. Einer so vollkommenen Verzweiflung gegenüber war jedes Wort umsonst. Kein Mensch, selbst Geoffrey nicht, hätte bei ihrem Anblick ungerührt bleiben können. Jetzt erst warf sie einen, Blick auf den Brief, sie öffnete ihn auf der verkehrten Seite. »Mein eigener Brief, sagte sie, »in den Händen eines Dritten!«

»Sehen Sie die letzte Seite an«, sagte Arnold.

Sie sah die letzte Seite an und las die eilig mit Bleistift geschriebenen Zeilen. »O, der Elende, der Elende, der Elende!« Bei der dritten Wiederholung dieser Worte ballte sie den Brief krampfhaft in der, Hand zusammen und schleuderte ihn weit von sich in eine Ecke des Zimmers, aber schon im nächsten Augenblicke hatte sich ihr Zorn wieder gelegt. Schwach und langsam streckte sie die Hand nach dem nächsten Stuhl aus, setzte sich, Arnold den Rücken zugewandt, auf denselben und sagte: »Er hat mich verlassen.« Das war Alles, was sie hervorzubringen vermochte. – unheimlich unterbrachen diese Worte die tiefe, im Zimmer herrschende Stille; sie waren der Ausdruck eines unermeßlichen Schmerzes.

»Sie haben Unrecht, Sie irren sich! Es ist keine Ausrede, es ist die Wahrheit! Ich war zugegen, als die Nachricht von seinem Vater eintraf.«

Ohne auf seine Worte zu hören, saß sie regungslos’ da und wiederholte: »Er hat mich verlassen!«

»Fassen Sie es doch nicht so auf«, bat Arnold »es ist schrecklich, Sie so reden zu hören, ich weiß gewiß, daß er Sie nicht verlassen hat.« Sie antwortete ihm nicht und gab auf keine Weise zu erkennen, daß sie ihn gehört hatte. Wie vom Schlage getroffen, saß sie da und doch konnte er in diesem Augenblick die Wirthin unmöglich rufen. In seiner verzweifelten Rathlosigkeit, wie er sie wieder zu sich bringen solle, rückte er sich einen Stuhl neben sie und klopfte ihr schüchtern auf die Schultern. Kommen Sie, sagte er in seiner einfach kindlichen, herzlichen Weise, »seien Sie doch guten Muthes.«

Langsam wandte sie den Kopf nach ihm um und sah ihn mit dem Ausdruck stampfen Erstaunens an. »Sagten Sie nicht vorhin, er habe Ihnen Alles erzählt?«

»Ja!«

»Ja? und Sie verachten mich nicht?«

Bei dieser fürchterlichen Frage mußte Arnold an das einzige Wesen denken, das ihm ewig heilig war, an das Weib, das ihm das Leben gegeben hatte.

»Wer seine Mutter geliebt hat,« erwiderte er, »kann kein Weib verachten.«

Diese Antwort brachte ihren bis jetzt zurückgehaltenen Jammer zum Ausbruch; sie reichte ihm die Hand, dankte ihm mit schwacher Stimme und fühlte sich endlich durch einen Strom von Thränen erleichtert.

Arnold stand auf und trat im seiner Verzweiflung an’s Fenster und blickte hinaus.

»Ich meine es gut«, sagte er, »und kann doch nichts thun, als Sie betrüben.«

Sie versuchte es ruhig zu erscheinen. »Nein«, sagte sie, »Ihre Worte sind mir tröstlich, kehren Sie sich nicht an mein Weinen, es thut mir wohl.«

Dabei warf sie ihm einen dankbaren Blick zu. »Ich möchte Sie nicht betrüben, Herr Brinkworth, ich bin Ihnen Dank schuldig und danke Ihnen. Kommen Sie wieder her, wenn ich nicht glauben soll, daß Sie mir zürnen.«

Arnold setzte sich wieder zu ihr.

Sie reichte ihm abermals die Hand. »Man versteht die Menschen nicht gleich,« sagte sie anspruchslos. »Ich glaubte Sie seien wie andere Männer, ich hatte bis heute keine Ahnung davon, wie gut Sie sein können! Sind Sie zu Fuß hergekommen?« fügte sie, um die Unterhaltung aus einen andern Gegenstand zu lenken, hinzu. »Sind Sie müde? Man hat mich freilich hier nicht besonders freundlich ausgenommen, aber ich kann Ihnen doch unbedenklich zur Verfügung stellen, was der Gasthof bietet.«

Es war unmöglich, sie ohne Mitgefühl und ohne Interesse zu betrachten; aber Arnold’s rechtschaffenes Verlangen, ihr zu helfen, trat doch etwas zu deutlich an den Tag, als er jetzt sagte:

»Alles, was ich will ist, mich Ihnen womöglich nützlich zu erweisen, Miß Silvester, kann ich möglicherweise Ihre Stellung hier angenehmer machen? – Sie wollen doch hier bleiben, nicht wahr Geoffrey wünscht es!«

Sie schauderte und wandte sich ab.

»Ja, ja!« antwortete sie rasch.

»Sie werden morgen oder übermorgen von Geoffrey hören«, fuhr Arnold fort, »er will Ihnen schreiben.«

»Um’s Himmelswillen, reden Sie nicht mehr von ihm, ich kann Ihnen sonst nicht mehr in’s Gesicht sehen.«

Ihre Wangen überflog ein tiefes Roth, aber in festerem Tone fügte sie hinzu:

»Merken Sie wohl, ich bin sein Weib, wenn sein gegebenes Wort mich dazu machen kann,. das er mir bei Allem was heilig ist verpfändet hat.«

Ungeduldig unterbrach sie sich selbst:

»Was sagte ich da? Wie kann Sie diese unglückliche Angelegenheit interessiren? Laffen Sie uns nicht weiter davon reden, ich muß von etwas Anderem zu Ihnen sprechen. Lassen Sie uns auf meine Situation hier im Gasthofe zurückkommen. Haben Sie die Wirthin bei Ihrer Ankunft gesehen?«

»Nein, erwiderte er, »nur den Kellner.«

»Die Wirthin hat abgeschmackter Weise Schwierigkeiten gemacht mir die Zimmer zu vermiethen, weil ich allein bin.«

»Jetzt wird sie keine Schwierigkeiten mehr machen, das habe ich schon in Ordnung gemacht!«

»Sie?«

Arnold lächelte. Nach dem Vorgefallenen war es eine Unaussprechliche Erleichterung für ihn, seine Lage im Gasthofe jetzt einmal in einem humoristischen Licht zu betrachten.

»Gewiß«, antwortete er, »als ich nach der Dame fragte, die, diesen Nachmittag allein hier angekommen sei —«

»Nun?«

»Habe ich Geoffrey’s Weisung gemäß nach Ihnen als nach meiner Frau gefragt?«

Anne sah ihn überrascht und bestürzt an: »Sie haben nach mir als nach Ihrer Frau gefragt?

»Ja, und habe doch wohl nicht Unrecht gethan? Wenn ich Geoffrey richtig verstanden habe, so blieb mir keine Wahl! Geoffrey sagte mir, Sie hätten mit ihm abgemacht, daß Sie sich hier als eine verheirathete Frau präsentiren wollten, der ihr Mann nachkommen werde.«

»Bei dieser Verabredung habe ich an ihn gedacht, aber nicht an Sie.«

»Natürlich, aber den Leuten hier im Gasthof gegenüber bleibt sich das gleich, nicht wahr?«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Ich will versuchen mich etwas deutlicher auszudrücken. Geoffrey sagte mir, Ihre Aufnahme hier im Gasthofe hänge davon ab, daß ich bei meiner Ankunft nach Ihnen als nach meiner Frau frage, wie er es gethan haben würde, wenn er selbst gekommen wäre.«

»Er hatte kein Recht, das zu sagen!«

Kein Recht? Nach dem was Sie mir eben von der Wirthin gesagt haben, bedenken Sie was daraus »hätte entstehen können, wenn er es mir nicht gesagt hätte. Ich selbst habe nicht viel Erfahrung in solchen Dingen, aber erlauben Sie mir, Sie zu fragen, wäre es nicht sonderbar für einen jungen Mann wie ich gewesen, hierher zu kommen und nicht nach Ihnen als nach meiner Frau gefragt zu haben? Glauben Sie nicht, daß die Wirthin in diesem Falle Ihnen noch größere Schwierigkeiten gemacht hätte, Ihnen die Zimmer zu vermiethen?«

Anne mußte sich sagen, daß die Wirthin ihr in diesem Fall die Zimmer sicherlich nicht vermiethet haben würde und daß die Täuschung, die Arnold gegen die Leute im Gasthofe geübt hatte, in ihrem eigenen Interesse nothwendig gewesen war. Sie traf deshalb kein Vorwurf; es war ja ganz unmöglich für sie gewesen, ein Ereigniß. wie Geoffrey’s Reise nach London vorauszusehen, aber doch empfand sie ein unangenehmes Gefühl der Verantwortlichkeit und konnte sich einer bangen Besorgniß wegen dessen, was aus Arnold’s Verhalten entstehen möchte, nicht erwehren. Unruhig, ihr Schnupftuch krampfhaft in den Händen bewegend, saß sie ohne zu antworten da.

»Denken Sie nicht, daß ich gegen diese kleine Kriegslist etwas einzuwenden habe«, fuhr Arnold fort, »ich will meinem alten Freunde und der Dame, die bald seine Frau sein wird, gern dienen.

Anne sprang plötzlich auf und setzte ihn durch eine sehr unerwartete Frage in Erstaunen. »Herr Brinckworth«, sagte sie, verzeihen Sie die unhöfliche Frage, »wann gehen Sie wieder fort?«

Arnold mußte laut lachen und erwiderte: »Sobald ich mich überzeugt haben werde, daß ich hier nichts mehr für Sie thun kann.«

»Bitte, denken Sie nicht mehr an mich!«

»An wen anders soll ich dann denken?

Anne legte ihre Hand auf seinen Arm und sagte: »An Blanche!«

»An Blanche?« wiederholte Arnold, der durchaus nicht verstand, was sie sagen wollte.

»Ja, an Blanche! sie hat mir noch vor meiner Abreise von Windygates erzählt, was diesen Morgen zwischen Ihnen und ihr vorgegangen ist. Ich weiß, daß Sie ihr einen Antrag gemacht haben und mit ihr verlobt sind.«

Arnold war durch diese Mittheilung entzückt. Bis jetzt hatte er sie nur ungern sich selbst überlassen wollen, jetzt war er fest entschlossen, bei ihr zu bleiben.

»Jetzt gehe ich erst recht nicht; kommen Sie, setzen Sie sich zu mir und lassen Sie uns ein wenig von Blanche plaudern.«

Anne lehnte das mit einer ungeduldigen Handbewegung ab.

Arnold war aber bei dieser Frage zu lebhaft interessirt, als daß er davon Notiz genommen hätte. »Sie kennen ihren Geschmack und ihre Gewohnheiten, was sie mag und was sie nicht mag; es ist höchst wichtig für mich, mich mit Ihnen darüber zu unterhalten. Wenn wir verheirathet sind, soll Blanche in jeder Beziehung ihren eigenen Willen haben, so fasse ich die Pflicht eines Ehemannes gegen seine Frau auf. Sie stehen noch immer? Erlauben Sie mir Ihnen einen Stuhl zu geben.«

»Ihm dies abzuschlagen, war grausam, unter anderen Umständen wäre es unmöglich gewesen. Aber Anne konnte sieh nicht einschließen, die unbestimmten Besorgnisse vor schlimmen Folgen, die sich ihrer bemächtigt hatten, leicht zu nehmen. – — – —

Sie und, um gerecht zu sein, auch Geoffrey, hatten keine klare Vorstellung von der Gefahr, welcher Arnold sich aussetzte, als er seine Mission nach dem Gasthofe unternahm. Keiner von ihnen wußte, wie überhaupt wenige Menschen es wissen, wie schmachvoll leicht das schottische Recht es macht, ledige Menschen, ohne daß sie durch irgend eine Warnung oder Vorsichtsmaßregel davor geschützt wären, in die Falle eines Ehebündnisses zu locken. Aber während Geoffrey ganz unfähig war, eine Sachlage über den nächsten Moment hinaus zu verfolgen, ahnte die seiner organisirte Anne, daß in einem Lande, in welchem heimliche Ehen mit einer Leichtigkeit geschlossen werden, welche sie sich in ihrem eigenen Falle zu Nutze zu machen bemüht war, ein Mann nicht so wie Arnold es gethan hatte, handeln könne, ohne sich der Gefahr ernster Verlegenheiten auszusetzen. Dieser Gadanke war es, der sie bewegte, als sie sich entschieden weigerte, in Arnold’s Bitte zu willigen und sich in ein vertrauliches Gespräch über Blanche mit ihm einzulassen.

»Was wir uns auch über Blanche zu sagen haben, Herr Brinckworth, wir müssen es uns für eine spätere Zeit versparen. Bitte verlassen Sie mich!«

»Sie verlassen?«

»Ja, überlassen Sie mich der Einsamkeit, die für mich das Beste ist, und meinem Kummer, nehmen Sie meinen Dank und leben Sie wohl!«

Arnold machte keinen Versuch, seine Enttäuschung und seine Ueberraschung über diese Erklärung zu verhehlen. »Wenn Sie darauf bestehen, daß ich gehe«, sagte er, »so bleibt mir allerdings nichts Anderes übrig, aber warum drängen Sie mich zu solcher Eile?«

»Ach möchte nicht in den Fall kommen, mich den Leuten hier im Gasthofe Ihre Frau nennen zu müssen.«

»Ist das Alles? Was»in aller Welt fürchten Sie dabei?«

Sie war unfähig, sich selbst über ihre Besorgnisse klare Rechenschaft, und noch viel unfähiger, ihren Besorgnissen einen klaren Ausdruck zu geben. In ihrem ängstlichen Bestreben irgend einen Grund vorzubringen, der Arnold vermögen würde, sie sofort zu verlassen, ging sie nun doch auf die Unterhaltung über Blanche ein, die sie noch eben vorher abgelehnt hatte. »Ich habe zwei Gründe besorgt zu sein«, sagte sie, »den einen kann ich Ihnen nicht mittheilen, den andern will ich Ihnen sagen. Wie, wenn Blanche hörte, was Sie gethan haben? Je länger Sie hier bleiben, je mehr Leute Sie sehen, desto größer ist die Gefahr, daß Blanche davon hört.«

»Und wenn sie nun davon hört?« fragte Arnold in seiner treuherzigen Weise, »glauben Sie, daß sie mir zürnen würde, wenn ich mich Ihnen nützlich gemacht habe?«

»Allerdings«, antwortete sie in scharfem Tone, »wenn sie eifersüchtig auf mich sein sollte.«

Arnold’s unbegrenztes Vertrauen zu Blanche sprach sich ohne das leiseste Bedenken in den drei Worten aus«: »Das ist unmöglich!«

Aengstlich besorgt und elend wie Anne war konnte sie sich doch eines leichten Lächelns bei diesen Worten nicht erwehren.

»Sir Patrick würde Ihnen sagen, daß nichts in dieser Welt unmöglich ist, wo Frauen im Spiele sind.«

Auf der Stelle ließ sie den leichten Ton wieder fallen und fuhr dann ernsthaft fort; »Sie können sich nicht an Blanche’s Stelle versetzen, aber ich kann es; noch einmal, ich bitte Sie, verlassen Sie mich. Die Art, wie Sie hergekommen sind, gefällt mir ganz und gar nicht.

Sie reichte ihm die Hand zum Abschiede.

In demselben Augenblick wurde stark an die Thür geklopft Anne sank in ihren Stuhl und stieß einen leisen Schrei aus.

Arnold, der durchaus keine Ahnung von der Bedenklichkeit seiner Situation hatte, fragte sie, was sie so erschrecke und; rief »Herein.«




Zweiter Band





Erstes Kapitel.

Bishopriggs


Das Klopfen an der Thür wurde noch lauter wiederholt.

»Sind Sie taub!« schrie Arnold hinaus. Die Thür öffnete sich ganz langsam und herein trat mit geheimnißvoller Miene Bishopriggs, ein Tischtuch über dem Arm und von dem zweiten Kellner der das Tischservice auf einem Brete trug, gefolgt.

»Was zum Teufel hatten Sie zwei Mal zu klopfen?« fragte Arnold. »Ich habe ja herein gerufen.«

»Und ich«, antwortete Bishopriggs, »ich habe Ihnen gesagt, daß ich nicht ohne anzuklopfen hereinkommen würde. O, mein verehrter Herr«, fuhr er fort, indem er den zweiten Kellner entließ und mit seinen eigenen ehrwürdigen Händen den Tisch zu decken anfing, »glauben Sie, daß ich so lange Jahre im Hotel hier bin, ohne zu wissen, wie jung verheirathete Leute ihre Zeit hinbringen, wenn sie allein sind? Zwei Mal Klopfen und ein behutsames Oeffnen der Thür ist das Wenigste, was man für sie thun kann. Was meinen Sie, wenn ich die Couverts für Sie und Ihre Frau hier legte?«

Anne trat mit unverhohlenem Widerwillen an’s Fenster. Arnold aber fand Bishopriggs ganz unwiderstehlich. Er ging auf den Scherz ein und antwortete:

»Nun, ich denke eines oben und eines unten am Tisch!«

»Eines oben und eines unten am Tisch?« antwortete Bishopriggs im Tone tiefster Entrüstung. »I, bewahre, beide müssen so dicht neben einander liegen wie möglich. Habe ich es nicht schon trotz des vielen Klopfens an der Thür erlebt, daß die junge Frau auf dem Schooße ihres Mannes dinirte und den Appetit des Mannes dadurch reizte, daß sie ihn mit ihrer Gabel fütterte, wie ein Kind. O,« seufzte der Weise von Craig-Fernie, »die Honigmonde sind kurz, aber schön. Vier Wochen kosen und girren sie und dann können sie den Rest ihres Lebens damit zubringen, darüber nachzudenken, wie sie je solche Narren sein konnten. – Sie nehmen doch eine Flasche Sherry und nachher ein Gläschen Toddy zum Nachtisch?«

Arnold nickte und trat auf ein Zeichen von Anne zu ihr an’s Fenster. Bishopriggs sah ihnen aufmerksam nach, bemerkte, daß sie mit einander flüsterten und fand diese Art eines jung verheiratheten Paares, sich in Gegenwart von Kellnern zu Benehmen, seiner langjährigen Erfahrung gemäß ganz in der Ordnung.

»O, o«, sagte er, über die Schulter blickend, zu Arnold, »gehen Sie nur zu Ihrem Schatz und überlassen Sie mir den nüchternen Ernst des Lebens, wie es schon in der Bibel geschrieben steht: »Der Mann soll Vater und Mutter verlassen – und Ihr Vater bin ich – und seiner Frau anhängen – — Meiner Treu, »»anhängen««, ist ein etwas starkes Wort.« Er schüttelte nachdenklich mit dem Kopf und trat an einen in der Ecke stehenden Tisch, um das Brod zu schneiden. Als er das Messer ergriff, entdeckte er mit seinem einen sehenden Auge ein Stück zerknittertes Papier, das zwischen dem Tische und der Wand am Boden lag. Es war der Brief Geoffrey’s, den Anne in ihrer ersten Entrüstung über den Inhalt desselben von sich geschleudert hatte und an den weder sie noch Arnold weiter gedacht hatten. »Was liegt denn da?« murmelte Bishopriggs leise vor sich hin, »Papier auf dem Boden, den ich mit meinen eigenen Händen gesäubert habe?« Er nahm das zerknitterte Papier auf und öffnete es ein wenig. »Was ist das?« »Hier mit Dinte geschriebene Worte und da Bleistiftschrift? Wem mag das gehören!« Vorsichtig sah er sich nach Arnold und Anne um, sie kehrten ihm noch immer den Rücken zu und flüsterten angelegentlich mit einander. »Die haben das längst vergessen dachte Bishopriggs. »Wenn ich nun ein dummer Kerl wäre, so würde ich vielleicht meine Pfeife mit dem Papier anzünden und hinterdrein überlegen, ob ich nicht besser gethan hätte, es zu lesen. Was thut aber ein weiser Mann wie ich?« Er beantwortete diese Frage, indem er den Brief in die Tasche steckte. Vielleicht ist er der Aufbewahrung Werth, vielleicht aber auch nicht. Darüber konnte er sich in einem ruhigen Augenblick nach sorgfältiger Untersuchung, in fünf Minuten vergewissern. »Jetzt gehe ich, das Essen zu holen«, rief er Arnold zu, »und merken Sie wohl, wenn ich nun wieder hereinkomme, das Bret in beiden Händen und Gicht in beiden Füßen, kann ich nicht vorher anklopfen.« Mit dieser freundlichen Warnung ging Bishopriggs hinaus und begab sich in die Küche.

Arnold fuhr fort, sich mit Anne über die Frage, ob er sie verlassen solle oder nicht, zu unterhalten.

»Sie sehen, es geht nicht anders«, sagte er. »Der Kellner ist eben hinausgegangen, um das Essen zu holen. Was würden hier wohl die Leute denken, wenn ich in diesem Augenblick fortginge und meine Frau allein essen ließe?«

Für den Augenblick erschien Arnold’s Verbleiben so unzweifelhaft nothwendig, um den äußeren Anstand zu wahren, daß Anne kein Wort weiter dagegen sagte. Allerdings beging Arnold durch sein ganzes Auftreten eine große Unvorsichtigkeit, aber in diesem Augenblick hatte er doch Recht. – — – — – —

Anne’s Unbehagen über dieses ihr durch die Umstände abgerungene Zugeständniß entlockte ihr das erste Zeichen der Ungeduld. Sie ließ Arnold am Fenster stehen und warf sich auf’s Sopha.

»Auf mir scheint ein Fluch zu lasten«, dachte sie bei sich, »das stimmt ein schlechtes Ende und ich werde verantwortlich dafür sein.«

Inzwischen hatte Bishopriggs das Essen fertig in der Küche vorgefunden. Anstatt das Bret, auf welchem das Essen stand, sofort in das Wohnzimmer zu bringen, trug er es zunächst in seine Geschirrkammer und verschloß die Thür hinter sich.

»Da lieg’ du ruhig, bis die Zeit gekommen sein wird, dann will ich mich mit dir wieder beschäftigen«, sagte er, indem er den Brief sorgfältig in die Schublade eines Tisches verschloß. »Beschäftigen wir uns jetzt einen Augenblick mit dem Mittagessen der beiden Turteltauben im Gastzimmer«, fuhr er fort, indem er sieh dem Bret zuwandte, – »ich muß mich doch überzeugen, ob die Köchin ihre Pflicht gethan hat,«– die Liebesleute sind ja nicht im Stande, diese Frage zu entscheiden.«

Er nahm von einer der Schüsseln den Deckel ab und kostete zu verschiedenen Malen mit seiner Gabel von deren Inhalt. »Die Fleischklöße sind nicht schlecht«; dann hob er einen andern Deckel auf und schüttelte bedenklich den Kopf. »Da ist das Gemüse, ich halte nicht viel von Gemüse, das ist nichts für einen Mann in meinen Jahren.« Er setzte den Deckel wieder auf die Schüssel und kostete von einer dritten, in der sich Fische befanden. »Warum zum Henker hat die Person die Forellen gebraten, das nächste Mal soll sie den Fisch mit etwas Salz und einem Löffel voll Essig kochen.« Dann entkorkte er eine Flasche Sherry und goß den Wein in eine Krystall-Flasche. »Herrlicher Scherry«, rief er aus, indem er die Krystal-Flasche gegen das Licht hielt: »aber er könnte doch nach dem Korke schmecken, ich muß ihn doch einmal probiren! Das ist meine Pflicht als rechtschaffener Mann«, und er erfüllte diese Pflicht in so ausgiebiger Weise, daß ein ganz beträchtlicher leerer Raum in der Krystal-Flasche entstand.

Ohne eine Miene zu verziehen, füllte Bishopriggs denselben wieder mit dem Inhalt der Wasserflasche auf.

»Damit mache ich den Wein gerade um zehn Jahre älter, die Turteltauben werden sich darum nicht schlechter stehen und ich befinde mich um einen guten Schluck Sherry besser. Dem Himmel sei für alle guten Gaben gedankt.«

Nachdem er dieses fromme Dankgebet verrichtet hatte, nahm er das Bret wieder auf und entschloß sich, nun den Turteltauben ihr Mittagessen zu bringen.

Die während der Abwesenheit Bishopriggs in’s Stocken gerathene Unterhaltung war wieder in Gang gekommen. Zu ruhelos, um es lange an einem Platz auszuhalten, war Anne wieder vom Sopha ausgestanden und zu Arnold an’s Fenster getreten.

»Wo glauben Ihre Freunde in Windygates, daß Sie hingegangen sind?« fragte sie plötzlich.

»Sie glauben«, erwiderte Arnold, »daß ich nach meinem Gute gereist bin, um Besitz von demselben zu nehmen und meine Pächter kennen zu lernen.«

»Und wie wollen Sie heute Abend noch Ihr Gut erreichen?

»Ich denke mit der Eisenbahn! Beiläufig, was soll ich sagen, wenn ich Sie nach. Tische verlasse. Ganz gewiß wird die Wirthin sehr bald zu uns hereinkommen. Was wird sie sagen, wenn ich allein nach der Station gehe und meine Frau hier zurücklasse?«

»Herr Brinkworth, wenn das»ein Scherz sein soll, so ist er ein sehr unpassender.«

»Verzeihen Sie«, sagte Arnold.

»Ueberlassen Sie nur mir Ihre Entschuldigung«, fuhr Anne fort. »Gehen Sie nach Süden oder nach Norden?«

Plötzlich öffnete sich die Thür und Bishopriggs kam mit dein Essen herein.

Anne trat rasch von Arnold weg.

Bishopriggs’ sehendes Auge folgte ihr vorwurfsvoll, während er die Speisen auf den Tisch setzte. »Ich habe es Ihnen doch Beiden gesagt, daß ich dies Mal unmöglich anklopfen könne, also schelten Sie mich nicht, Madame! Mich nicht.«

»Wo wollen Sie sitzen?« fragte Arnold, um Anne’s Aufmerksamkeit von den vertraulichen Reden Bishopriggs abzulenken.

»Ganz einerlei, ganz einerlei,«« antwortete sie ungeduldig, indem sie einen Stuhl ergriff und ihn an das eine Ende des Tisches setzte.

Bishopriggs aber nahm mit einer höflichen, aber sehr entschiedenen Bewegung den Stuhl weg und stellte ihn wieder an seinen ursprünglichen Platz.

»Um’s Himmels Willen was machen Sie?« Das ist ja gegen alle Sitten und Gebrauche der Flitterwochen, sich so weit von seinem Manne wegzusetzen«, und damit wies er mit seiner Serviette auf einen der Stühle, die er so dicht wie möglich neben einander gestellt hatte.

Arnold legte sich abermals in’s Mittel und verhinderte einen wiederholten Ausbruch der Ungeduld Annes. »Was liegt daran«, sagte er, »lassen Sie den Mann doch gewähren.«

»Machen Sie der Sache, so bald wie möglich ein Ende«, erwiderte sie, »ich kann und will es»nicht länger mehr ertragen.«

Sie setzten sich an den Tisch und Bishopriggs stellte sich hinter die Stühle in der zwiefachen Eigenschaft eines major domus und eines Schutzengels.

»Hier ist eine Forelle«, rief er, indem er den Deckel mit einem Schwunge von der Schüssel nahm. »Vor einer halben Stunde hat sie noch im Wasser gezappelt und da liegt sie nun gebraten auf dem Tisch, ein Symbol des menschlichen Lebens; wenn Sie sich einen Augenblick mit etwas Anderem befassen können, als mit sich selbst, so denken Sie ein Bischen darüber nach!«

Arnold nahm einen Löffel, um Anne mit einer Forelle zu bedienen.

Bishopriggs aber setzte den Deckel plötzlich wieder mit dem Ausdruck eines frommen Schauders auf die Schüssel und fragte: »Will denn Keines von Ihnen das Tischgebet sagen?«

»Lassen Sie«, sagte Arnold, »der Fisch wird ja kalt!«

Bishopriggs schloß sein sehendes Auge in frommer Andacht und hielt den Deckel fest auf der Schüssel. »Gelobt sei Gott für Speise und Trank«, sagte er, öffnete sein Auge dann wieder und nahm den Deckel ab »Jetzt ist mein Gewissen beruhigt; nun greifen Sie zu.«

»Schicken Sie ihn doch hinaus«, sagte Arme, »seine Vertraulichkeit wird unerträglich.«

»Sie brauchen uns nicht mehr aufzuwarten«, sagte Arnold.

»O, dazu bin ich ja hier«, wandte Bishopriggs ein. »Wozu soll ich erst hinausgehen und wieder hereinkommen, um die Teller zu wechseln?« Er dachte einen Augenblick nach, musterte seine Erfahrungen und gelangte zu einem befriedigenden Schluß in Betreff der Motive Arnold’s bei seinen Wünschen, ihn los zu werden. »Nehmen Sie sie nur ruhig auf den Schooß«, flüsterte er Arnold in’s Ohr »und füttern Sie ihn nur gern mit der Gabel, wenn Sie Lust haben«, fügte er zu Anne gewandt hinzu, »ich denke an etwas Anderes und sehe zum Fenster hinaus.« Er zwinkerte mit dem Auge und trat an’s Fenster.

»Versuchen Sie doch einmal die komische Seite dieser Situation zu sehen, wie ich es thue!« flüsterte Arnold Anne zu.

Bishopriggs trat wieder vom Fenster zurück und meldete das Herannahen eines neuen, für die Situation der Beiden störenden Elements »Meiner Treu«, sagte er. »Sie sind im rechten Augenblick hergekommen, es ist ein schlechtes Reisen hier im Gewitter.«

Anne fuhr zusammen und sah sich nach ihm um. »Zieht ein Gewitter herauf?« rief sie.

»Sie sind hier gut aufgehoben, seien Sie wegen des Gewitters unbesorgt. Sehen Sie da die Wolke im Thal?« fügte er hinzu, indem er zum Fenster hinauswies, »die von einer Seite herauszieht, während der Wind aus einer andern Richtung weht, das bedeutet ein herannahendes Gewitter, Madame!«

Wieder wurde an die Thür geklopft Wie es Arnold vorausgesehen hatte, erschien dieses Mal die Wirthin. »Ich komme nur«, sagte diese, indem sie sich ausschließlich an Arnold wandte, »Um zu sehen, ob Sie Alles haben, was Sie wünschen.«

»O, Sie sind die Wirthin? Alles sehr gut, Alles sehr gut!«

Mrs. Inchbare hatte aber ihre besonderen Gründe jetzt hereinzukommen und sprach dieselben ohne alle weitere Vorrede aus. »Sie werden entschuldigen, mein Herr«, fuhr sie fort, »ich war nicht da, als Sie ankamen, sonst würde ich mir schon damals erlaubt haben die Frage an Sie zu richten, die ich jetzt thun muß; habe ich recht verstanden, daß Sie für sich und Ihre Frau, diese Dame, die Zimmer miethen?«

Anne wollte antworten, aber Arnold brachte sie durch einen sehr ausdrucksvollen Händedruck unter dem Tisch zum Schweigen. »Vollkommen richtig, vollkommen richtig«, sagte er, »ich nehme die Zimmer für mich und diese Dame, meine Frau.«

Anne versuchte zum zweiten Male zu reden. »Dieser Herr —« fing sie an. Arnold brachte sie zum zweiten Mal zum Schweigen.

»Dieser Herr?« wiederholte Mrs. Inchbare mit Erstaunen, »verzeihen Sie einer einfältigen Frau, gnädige Frau, meinen Sie damit Ihren Mann?«

Arnold’s warnende Hand berührte Anne zum dritten Male. Mrs. Inchbare’s Augen hafteten erbarmungslos fest auf Anne. »Wenn Anne dem Widerspruch, der auf ihren Lippen schwebte, Ausdruck gegeben hätte, würde sie Arnold zum Dank für Alles, was er für sie gethan hatte, in das ihrer Erklärung unausbleiblich folgende Gerede über einen skandalösen Austritt, mit hineingezogen haben, ein Gerede, das leicht biss zu Blanches Ohren gelangen konnte. Bleich und kalt, die Augen fest auf den Tisch gerichtet, bestätigte sie die, in der Frage der Wirthin liegende Berichtigung und wiederholte mit schwacher Stimme die Worte: »Mein Mann – — —?«

Mrs. Inchbare athmete erleichtert auf und wartete, was Anne noch weiter zu sagen haben werde. Aber Arnold legte sich rechtzeitig in’s Mittel und coniplimentirte die Wirthin zum Zimmer hinaus.

»Laß es gut sein, mein Kind,« sagte er zu Anne, »es wird schon vorüber gehen« – und dann zur Wirthin gewandt: »Sie ist immer so, wenn ein Gewitter heraufzieht, ich danke Ihnen recht sehr, ich weiß schon, was ihr in solchen Fällen Noth thut, wir wollen nach Ihnen schicken, wenn wir Ihrer bedürfen.«

»Wie Sie befehlen, mein Herr« antwortete Mrs. Inchbare. Sie wandte sich der Thür zu und begleitete ihre Entschuldigung bei Anne mit einem tiefen steifen Knix.

»Nichts für ungut, gnädige Frau, Sie dürfen gefälligst nicht vergessen, daß Sie allein hergekommen sind und daß das Hotel für die Aufrechterhaltung seines guten Namens zu sorgen hat.« Nach dieser nochmaligen Rechtfertigung des Hotels ging sie endlich zur Thür hinaus.

»Ich fühle mich schwach«, flüsterte Arme, »Bitte »etwas Wasser.«

Es war keins auf dem Tisch. Arnold hieß Bishopriggs, der während der ganzen Zeit, wo die Wirthin im Zimmer gewesen war, wie das Muster eines bescheidenen Aufwärters dagestanden hatte, frisches Wasser bringen.

»Herr Brinckworth«, sagte Anne, als sie allein waren, »Sie handelten sehr unüberlegt. Die Frage war eine Impertinenz, warum haben Sie mich gezwungen —«, unfähig, den Satz zu vollenden, hielt sie plötzlich inne.

Arnold bestand darauf, daß sie etwas Wein trinke und unternahm dann seine Vertheidigung mit der rücksichtsvollen Geduld, die er vom ersten Augenblick an gegen sie beobachtet hatte. »Ebenso gut könnten Sie mich fragen«, sagte er gutmüthig, »Warum ich es nicht ruhig zuließ, daß man Ihnen in dem Augenblick, wo ein Gewitter heraufzieht und wo Sie nirgends anders ein Unterkommen finden würden, die Thür des Gasthofes wies. Nein, nein, Miß Silvester, es fällt mir nicht ein, Ihre Bedenken ganz abweisen zu wollen, aber einer Frau wie der Wirthin gegenüber, sind solche Bedenken sehr am unrechten Orte. Ich bin Geoffrey für Ihre Sicherheit verantwortlich und Geoffrey rechnet darauf, Sie hier zu finden. Lassen Sie uns von etwas Anderem reden. Es dauert lange bis das Wasser kommt. Trinken Sie noch ein Glas Wein, wollen Sie nicht?« Er schenkte sich selbst ein Glas Wein ein; »nun, so trinke ich auf Blanche’s Gesundheit in dem schlechtesten Sherry, den ich in meinem Leben gekostet habe.«

Gerade als er sein Glas wieder niedersetzte trat Bishopriggs mit dem Wasser ein. Arnold empfing ihn mit einer satyrischen Begrüßung »Nun, bringen Sie das Wasser, oder haben Sie es schon vorher zu dem Sherry verbraucht?

Bishopriggs blieb wie angewurzelt stehen und that sehr entrüstet über den Gedanken einer Vermischung des Weins mit Wasser. »Reden Sie so von einer Flasche des ältesten Weins in Schottland?« fragte er ernst. »O, wohin ist es mit der Welt gekommen, die Ideen der jungen Leute sind für mich völlig unergründlich. Für sie sind die Gaben der Vorsehung, wie sie aus dem schönsten Weinberge Spaniens wachsen, offenbar rein weggeworfen.«

»Bringen Sie das Wasser?«

»Ich bringe das Wasser und noch mehr, Nachrichten von draußen. Da ist eine Gesellschaft von Herren zu Pferde, die hier vorüber nach dem eine Viertel Stunde entfernten sogenannten Jagdschlößchen reiten.«

»Nun was geht uns das an?«

»Warten Sie nur einen Augenblick. Einer von den Herren hat hier abgesessen und fragte nach der Dame, die hier allein angekommen sei. Ich wette sechs Pence, daß er Ihre Frau meint. Ich denke«, fügte Bishopriggs an’s Fenster tretend hinzu, »das geht Sie doch wohl etwas an!«

Arnold sah Anne an: »Erwarten Sie Jemand?«

»Kann es Geoffrey sein!«

»Unmöglich, er ist auf dem Weg nach London.«

»Da kommt er schon herein«, nahm Bishopriggs am Fenster stehend wieder auf. »Er steigt eben vom Pferd und lenkt seine Schritte hierher. Gott sei mir gnädig«, rief er mit einem Male ganz bestürzt, »was sehe ich, das ist ja der verfluchte Kerl Sir Patrick in Person!«

Aruold sprang auf. »Meinen Sie Sir Patrick Lundie?«

Anne eilte an’s Fenster. »Ja wohl ist es Sir Patrick!« sagte sie, »verstecken Sie sich, ehe er herein kommt.«

»Mich verstecken?«

»Was soll er davon denken, wenn er Sie hier findet.«

Er war Blanche’s Vormund und glaubte Arnold in diesem Augenblick auf seinem Gute. Was er also davon denken würde, war nicht schwer. vorauszusehen.

Arnold wandte sich in seiner Verlegenheit an Bishopriggs.

»Wo kann ich mich verstecken?«

Bishopriggs wies auf das Schlafzimmer. »Wo Sie sich verstecken können? In der Brautkammer?«

»Unmöglich!«

Bishopriggs gab dem tiefsten Erstaunen, das ein Mensch empfinden kann, durch ein kurzes Pfeifen Ausdruck. »Was!« So sprechen Sie jetzt schon von der Brauikammer?«

»Zeigen Sie mir ein anderes Zimmer, es soll Ihr Schaden nicht sein.«

»Wollen Sie in meine Geschirrkammer gehen? Die Thür am Ende des Vorplatzes führt Sie gerade hinein.«

Arnold eilte hinaus.

Bishopriggs, der überzeugt war, daß er hier ein entflohenes Paar vor sich habe und daß Sir Patrick sie in der Eigenschaft eines Vormundes verfolge, wandte sich mit dem Ausdruck freundschaftlicher Vertraulichkeit an Anne: »Meine liebe Madame, es ist eine schlimme Geschichte mit Sir Patrick zu thun zu haben, den täuscht man nicht leicht, wenn Sie das versucht haben sollten. Sie müssen wissen, daß ich einmal Schreiber bei ihm in Edinburg gewesen bin.«

In diesem Augenblick erscholl Mrs. Inchebar’s scharfe Stimme mit einem Ruf nach dem Oberkellner und Bishopriggs verschwand auf der Stelle.

Anne blieb jetzt am Fenster stehend allein zurück. Es war klar, daß ihr Zufluchtsort in Windygates entdeckt worden war; jetzt galt es sich zu entscheiden, ob es klug sein würde, Sir Patrick zu empfangen, um zu erfahren, ob er als Freund oder als Feind nach dem Gasthofe gekommen sei.




Zweites Kapitel.

Sir Patrick


Dieser Zweifel war bereits entschieden, bevor noch Anne einen Entschluß fassen konnte. Sie stand noch am Fenster, als die Thür sich öffnete und Sir Patrick, von Bishopriggs demüthigst hineingewiesen, eintrat.

»Willkommen Sir Patrick, Ihr Anblick thut meinen Augen wohl«

Sir Patrick wandte sich um und sah Bishopriggs mit einem Blick an, mit dem er etwa eine zum Fenster hinausgejagte und wieder hereingeflogene Mücke angesehen haben würde.

»Was, Du Schuft, hast Du endlich eine anständige Stelle gefunden?«

Bishopriggs rieb sich vergnügt die Hände und ging bereitwilligst auf den von Sir Patrick angeschlagenen Ton ein.

»Sie treffen immer den Nagel auf den Kopf, Sir Patrick; vortrefflich, vortrefflich, wie Sie sagen, habe ich endlich eine anständige Stelle gefunden. Aber wie gut Sie sich conservirt haben, Sir Patrick!«

Sir Patrick machte Bishopriggs’ Redefluß mit einer Handbewegung ein Ende und trat auf Anne mit den Worten zu:

»Ich erscheine vor Ihnen als ein Eindringling, mein Fräulein, und kann daher kaum auf Ihre Verzeihung rechnen, doch gebe ich mich der Hoffnung hin, daß Sie mich entschuldigen werden, wenn ich Ihnen die Gründe meines Erscheinens mitgetheilt haben werde.«

Er sprach diese Worte im Tone ausgesuchter Höflichkeit. Seine Bekanntschaft mit Anne war eine ganz oberflächliche Wie die meisten Männer war er bei den wenigen Gelegenheiten, wo er sie gesehen hatte, für ihre ungezierte Grazie und Anmuth nicht unempfänglich gewesen; das war aber auch Alles. Hätte er der gegenwärtigen Generation angehört, so würde er unter den obwaltenden Umständen unfehlbar sich einer der herrschenden Unsitten schuldig gemacht haben, der Neigung, einer ungewöhnlichen Situation gegenüber eine theatralische Haltung anzunehmen. Ein der gegenwärtigen Generation angehöriger Mann würde in Sir Patrick’s Lage Anne eine sogenannte echt ritterliche Ehrerbietung gezeigt und sie in einem Tone gemachter Sympathie angeredet haben, die wirklich zu empfinden für einen Fremden vollkommen unmöglich war. Sir Patrick affectirte nichts der Art. Eine der herrschenden Neigungen seiner Zeit hatte in der Beflissenheit bestanden, fortwährend sein besseres Selbst zu verleugnen, eine Untugend, die genau genommen viel weniger gefährlich war, als die Beflissenheit, fortwährend sein besseres Selbst hervorzukehren, wie sie in der Gesellschaft unserer Zeit im privaten wie im öffentlichen Leben an der Tagesordnung ist. Sir Patrick zeigte bei dieser Gelegenheit weniger Sympathie, als er wirklich empfand. Gegen alle Damen höflich, war er auch gegen Anne höflich wie immer, aber nichts mehr.

»Ich kann mir durchaus nicht denken«, sagte sie, »was Sie hierher führt; der Kellner sagt mir, daß Sie zu einer Gesellschaft von Herren gehören, die an dem Wirthshause vorüber geritten sind und Alle bis auf Sie ihren Weg fortgesetzt haben.«

Mit diesen vorsichtigen Worten eröffnete Anne ihrerseits das Gespräch mit dem unwillkommenen Besuch.

Sir Patrick erwiderte ohne eine Spur von Verlegenheit: »Der Kellner hat vollkommen Recht; ich gehöre zur Jagdgesellschaft und habe die Herren gebeten, ohne mich nach dem Waldschlößchen weiter zu reiten. Darf ich, nachdem ich dies zugegeben habe, auf Ihre Erlaubniß hoffen, Ihnen die Veranlassung meines Besuches zu erklären.«

Mit einem ganz begreiflichen Argwohn gegen Sir Patrick, als eine von Windygates kommende Person, antwortete Anne in wenigen förmlichen Worten so kalt wie vorher:

»Erklären Sie diese Veranlassung, wenn ich bitten darf, so kurz wie möglich.«

Sir Patrick verbeugte sich. Er fühlte sich nicht im Geringsten beleidigt, vielmehr, wenn es, ohne ihn in der öffentlichen Achtung herabzusetzen, gesagt werden darf, innerlich ergötzt. In dem Bewußtsein, in der redlichsten Absicht, sowohl im Interesse Anne’s, als auch der Damen von Windygates sich nach dem Gasthofe verfügt zu haben, konnte er sich jetzt, als er sah, wie das Mädchen, zu dessen eigenem Besten er gekommen war, ihn abzuwehren suchte, einer humoristischen Anwandlung nicht erwehren. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen, seine Mission in der ihm eigenthümlich launigen Weise zu behandeln. Er nahm mit ernster Miene die Uhr aus der Tasche und merkte sich auf die Sekunde die Zeit, bevor er wieder zu reden anfing.

»Ich habe Ihnen ein Ereigniß mitzutheilen bei welchem Sie interessirt sind,« sagte er, »und zwei Aufträge an Sie auszurichten, die anzunehmen, Sie hoffentlich sich nicht weigern werden. Das Ereigniß werde ich Ihnen in einer Minute erzählen können, die Aufträge werde ich in weiteren zwei Minuten ausrichten, so daß die ganze Zeit meines unbefugten Eindringens bei Ihnen, nicht länger als drei Minuten dauern wird.«

Er rückte einen Stuhl für Anne herbei und wartete ruhig, bis sie ihm durch eine Handbewegung gestattete, für sich selbst einen zweiten Stuhl herbeizuholen.

»Wir wollen mit dem Ereigniß anfangen«, nahm er wieder auf. »Ihr Aufenthalt in diesem Gasthof ist kein Geheimniß in Windygates; eine der weiblichen Dienstboten hat Sie auf dem nach Craig-Fernie führenden Weg gesehen, woraus man dann den sehr natürlichen Schluß gezogen hat, daß Sie sich auf dem Wege zu diesem Gasthofe befänden. Es ist vielleicht für Sie von Wichtigkeit, das zu wissen, und ich habe mir die Freiheit genommen, Ihnen dies mitzutheilen.«

Er sah nach der Uhr. Der Bericht der Begebenheit hatte eine Minute gedauert. Er hatte ihre Neugierde erregt.

»Welche von den Dienstboten hat mich gesehen?« fragte sie unwillkürlich.

Sir Patrick lehnte es, die Uhr in der Hand, ab, die Unterhaltung durch Eingehen auf ihre etwa auftauchenden Fragen ungebührlich zu Verlängern.

»Verzeihen Sie mir, aber ich habe Ihnen mein Wort verpfändet, daß ich Sie nur drei Minuten in Anspruch nehmen will. Ich habe keine Zeit auf Ihre Frage in Betreff des Frauenzimmers einzugehen. Mit Ihrer gütigen Erlaubniß werde ich jetzt meine Aufträge ausrichten.«

Anne schwieg.

»Erster Auftrags: fuhr Sir Patrick fort. »Lady Lundie’s Empfehlungen an die bisherige Gouvernante ihrer Stieftochter – deren jetziger Name ihr unbekannt ist. Lady Lundie muß zu ihrem Bedauern erklären, daß Sir Patrick, als Haupt der Familie, gedroht hat, nach Edinburg zurückzukehren, wenn sie sich nicht dazu verstehen sollte, sich in ihrem Verfahren gegen ihre bisherige Gouvernante von ihm leiten zu lassen; Lady Lundie giebt demgemäß ihre Absicht auf, selbst nach dem Gasthofe von Craig-Fernie zu kommen, um ihren Gefühlen Ausdruck zu geben und eine Untersuchung anzustellen, und überläßt es Sir Patrich ihre Gesinnungen kund zu thun, indem sie sich das Recht vorbehält, bei der nächsten passenden Gelegenheit eine Untersuchung anzustellen. Durch die Vermittlung ihres Schwagers erlaubt sie sich, der bisherigen Gouvernante mitzutheilen, daß aller Verkehr zwischen ihnen aufhören und daß sie es ablehnen muß, bei vorkommenden Gelegenheiten irgend welche Auskunft zu ertheilen. Das ist die wörtliche Wiedergabe der Ansicht, welche Lady Lundie über Ihr plötzliches Verschwinden von Windygates ausgesprochen hat. – Jetzt sind zwei Minuten vergangen!«

Anne erröthete ihr Stolz war gekränkt.

»Die Impertinenz der Botschaft Lady Lundie’s überrascht mich durchaus nicht«, sagte sie; »was mich wundert ist nur, daß Sir Patrick sich dazu hergiebt, diese Botschaft auszurichten.«

»Sir Patricks Motive werden Ihnen sogleich klar sein«, erwiderte der unverbesserliche alte Herr. »Zweiter Auftrag: Blanche versichert Sie ihrer zärtlichsten Liebe, sie vergeht vor Verlangen, Annes Gatten kennen zu lernen und Anne’s jetzigen Namen zu erfahren, sie ängstigt sich unbeschreiblich um Anne, besteht darauf sofort Nachricht von ihr zu bekommen, sehnt sich darnach, wie sie sich noch nie nach etwas gesehnt hat, ihren Pony-Wagen anspannen zu lassen und im vollsten Galopp hierher zu jagen und beugt sich nur dem auf ihr lastenden Druck der Autorität ihres Vormundes.

Sie überläßt daher den Ausdruck ihrer Gefühle Sir Patrick, der ein gebotener Tyrann ist und sich nichts daraus macht, andern Menschen das Herz zu brechen. Was Sir Patrick selbst anbetrifft, so beschränkt er sich darauf, die Ansichten seiner Schwägerin und seiner Nichte der Dame vorzutragen, mit der er jetzt zu sprechen die Ehre hat und in deren Vertrauen sich nicht einzudrängen seine angelegentlichste Sorge ist. Er erinnert die Dame nur daran, daß sein Einfluß in Windygates, wie stark derselbe auch augenblicklich sein möge, wahrlich nicht für immer dauern wird; er bittet sie wohl zu überlegen, ob die Collision der Ansicht seiner Schwägerin und seiner Nichte nicht zu sehr unangenehmen häuslichen Auftritten führen könnte und überläßt es ihr, den ihr unter den obwaltenden Umständen angemessen erscheinenden Weg einzuschlagen. Wörtliche Wiedergabe des zweiten Auftrages; Zeit drei Minuten. Ein Sturm ist im Anzuge, eine viertel Stunde ist erforderlich um von hier nach dem Waldschlößchen zu reiten. – Gnädige Frau, ich habe die Ehre Ihnen einen guten Abend zu wünschen.« Er verneigte sich tiefer als je und humpelte, ohne ein Wort zu sagen, zum Zimmer hinaus.

Anne’s erste Empfindung war, verzeihlich genug, ein Gefühl beleidigten Stolzes. »Ich danke Ihnen, Sir Patrick«, sagte sie mit einem bittern Blick auf die sich eben schließende Thür. »Die Sympathie der Gesellschaft für ein verlassenes Weib hätte kaum in einer mehr erheiternden Weise ausgedrückt werden können.« Aber die momentane Gereiztheit ging rasch vorüber. Anne’s Verstand und feiner Takt ließen sie bald die Sachlage in einem richtigeren Lichte ansehen. Sie erkannte in dem raschen Verschwinden Sir Patrick’s seinen rücksichtsvollen Entschluß, ihr jedes weitere Eingehen auf Details in Betreff ihrer Lage im Gasthofe zu ersparen. Er hatte ihr eine freundliche Warnung ertheilt und es ihr taktvoller Weise überlassen, selbst in Betreff des Beistandes, den sie ihm etwa bei der Aufrechthaltung des häuslichen Friedens in Windygates leisten könnte, einen Entschluß zu fassen. Sie trat sofort an einen im Zimmer stehenden Schreibtisch und fing an, an Blanche zu schreiben. »Mit Lady Lundie weiß ich nichts anzufangen«, dachte sie, »aber auf Blanche habe ich mehr Einfluß als irgend Jemand auf der Welt und kann der Collision der beiden Frauen, welche Sir Patrick fürchtet, vorbeugen.« Sie fing ihren Brief an: »Liebste Blanche! Ich habe Sir Patrick gesprochen und er hat mir Deinen Auftrag ausgerichtet. Ich will Dich, sobald ich kann, über mich beruhigen, aber ehe ich etwas Weiteres sage, muß ich es mir als die größte Gunst, die Du Deiner Freundin und Schwester erweisen kannst, von Dir erbitten, Dich meinetwegen auf keine Weise mit Lady Lundie zu veruneinigen und nicht die ganz zwecklose Unklugheit zu begehen, mich hier zu besuchen.« Sie hielt inne, die Schriftzüge schwammen ihr vor den Augen. »Mein theures Kind«, dachte sie, »wer hätte es für möglich gehalten, daß ich jemals»vor dem Gedanken, Dich zu sehen, zurückschrecken könnte.« Sie seufzte und fuhr fort zu schreiben. Der Himmel wurde immer dunkler, die über die traurige Haide dahinfahrenden Windstöße immer schwächer und schwächer und auf dem Antlitz der Natur lagerte sich die tiefe unheimliche Stille, welche ein Gewitter verkündet.




Drittes Kapitel.

Arnold


Inzwischen war Arnold noch immer in der Geschirrkammer des Oberkellners eingeschlossen und wüthete im Stillen über die ihm aufgedrungene Situation. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er sich vor einer andern Person und noch dazu vor einem Manne verstecken müssen. Zwei Mal war er durch das Gefühl des Verlustes seiner Selbstachtung getrieben mit dem Entschlusse an die Thür gegangen, Sir Patrick gerade unter die Augen zu treten, und zwei Mal hatte er diesen Gedanken aus Mitleid für Anne wieder aufgegeben; es würde unmöglich für ihn gewesen sein, sich vor Blanche’s Vormund zu rechtfertigen, ohne das unglückliche Weib, dessen Geheimniß zu bewahren er sich moralisch verpflichtet fühlte, zu verrathen. »Wollte der Himmel, ich wäre niemals hierher gekommen!« war der ohnmächtige Ausruf, der sich ihm entrang, als er sich verdrossen wieder auf den Geschirrtisch setzte, um den Moment abzuwarten, wo Sir Patricks Entfernung ihm seine Freiheit wiedergeben würde. Nach einer Weile, die bei Weitem nicht so lange gedauert hatte, wie er gefürchtet, erschien ihm ein Trost in der Einsamkeit in der Person Von Vater Bishopriggs. – »Nun,« rief Arnold ihm entgegen, ist die Luft rein?«

Es gab Gelegenheiten, wo Bishopriggs plötzlich ganz unerwarteter Weise harthörig wurde und dieß war eine solche Gelegenheit. »Wie gefällt Ihnen meine Geschirrkammer?« fragte er, ohne von Arnold’s Frage die geringste Notiz zu nehmen, »behaglich und gemütlich, ein Patmos in der Wildniß könnte man sie nennen!" Sein eines sehendes Auge, das er erst auf Arnold gerichtet hatte, senkte sich und haftete mit dem Ausdruck stummer aber beredter Erwartung auf Arnold’s Westentasche.

»Ah, ich verstehe« sagte Arnold, »ich habe Ihnen versprochen, Sie für die mir gewährte Zuflucht auf Patmos zu entschädigen! Da haben Sie etwas.«

Bishopriggs steckte das Geld mit einem trübseligen Lächeln und einem theilnehmenden Kopfschütteln ein. Andere Kellner würden ihren Dank ausgesprochen haben, der Weise von Craig-Fernie aber erwiderte Arnold’s Liberalität nur durch einige Betrachtungen. In vielen Dingen bewunderungswürdig war Vater Bishopriggs besonders groß in seiner Virtuosität aus allen Dingen eine Moral zu ziehen. In diesem Falle zog er eine Moral aus dem eben empfangenen Trinkgelde. »Da habe ich etwas! wie Sie richtig bemerken; du lieber Gott ja! Geld braucht man bei jeder Gelegenheit, wenn man eine Frau aus dem Halse hat! Es ist das ein schrecklicher Gedanke. Man kann mit dem sogenannten schönen Geschlecht nichts zu thun haben, ohne daß es Einem Geld kostet. Ihre junge Frau da, zum Beispiel, hat Sie gewiß schon gehörig was gekostet. Zuerst, als Sie ihr die Cour machten, mußten Sie schon eine offene Hand haben, Geschenke und Andenken, Blumen und Schmuck und kleine Hunde, Alles lauter böse Ausgaben.«

»Hole der Henker Ihre Reflexionen! Ist Sir Patrick wieder fort?«

Bishopriggs war nicht im Geringsten aufgelegt, sich in seinen Reflexionen stören zu lassen, sie entquollen vielmehr nach wie vor seinen Lippen so salbungsvoll und bedächtig wie zuvor. »Jetzt, wo Sie nun mit ihr verheirathet sind, kommen ihre Hüte, Leinenzeug, Wäsche, Kleider, ihre Bänder und Spitzen, Falbeln und Litzen; das Alles kostet wieder viel Geld.«

»Was würde es kosten, Bishopriggs, Ihnen Ihre Reflexionen abzukaufen?« sagte Arnold.

»Drittens und letztens, wenn Sie sich mit der Zeit nicht mehr mit ihr vertragen können, wenn sich eine Unverträglichkeit der Gemüther herausstellt, kurz wenn Sie eine kleine Trennung bewirken möchten, da müssen Sie wieder die Hand in die Tasche stecken um sich gütlich mit ihr abzufinden. Vielleicht zwingt sie Sie auch zu einem Prozeß und steckt ihre Hand in Ihre Taschen und bringt es dahin, daß Sie nur im Bösen mit ihr auseinander kommen. Zeigen Sie mir irgend ein Weib und ich will Ihnen nicht weit davon einen Mann zeigen, dem sie mehr Kosten verursacht hat, als er je geahnt!«

Arnold’s Geduld war zu Ende. Er ging an die Thür.

Jetzt erst ließ sich Bishopriggs bereit finden, auf Arnold’s Frage zu antworten: »Ja Herr, die Luft ist jetzt rein, Sir Patrick ist fort und die Dame wartet auf Sie.«

Im nächsten Augenblick war Arnold wieder im Gastzimmer. »Nun?« fragte er, »was giebt es? Schlimme Nachrichten von Lady Lundie?«

Anne war eben im Begriff den Brief an Blanche zu schließen und zu adressiren. »Nein! Nichts was Sie interessiren könnte!«

»Was wollte denn Sir Patrick?«

»Nur mich warnen; sie haben in Windygates herausgefunden, daß ich hier bin.«

»Das ist unbequem, nicht wahr?«

»Nicht im Mindesten! Es berührt mich gar nicht, ich habe nichts zu fürchten. Denken Sie nicht mehr an mich, sondern nur an sich selbst!«

»Gegen mich hat man doch keinen Verdacht?«

»Dem Himmel sei Dank, nein! Aber Gott weiß, was daraus entstehen kann, wenn Sie noch länger hier bleiben.« Klingeln Sie auf der Stelle und fragen Sie den Kellner wegen der Züge!«

Betroffen durch die für die Tageszeit ungewöhnliche Dunkelheit trat Arnold an’s Fenster. Der Regen hatte angefangen in schweren Tropfen zu fallen. Die Aussicht auf die Haide war durch Nebel und Dunkelheit immer dichter Verdeckt, das Wetter fing an zu rasen.

»Ein angenehmes Reisewetter, nicht wahr?« sagte er.

»Wann geht der Zug!« rief Anne ungeduldig. »Es wird spät, erkundigen Sie sich doch, wann der Zug abgeht!«

Arnold ging nach dem Kamin um zu klingeln. Sein Auge fiel aufs den über dem Kamin hängenden Fahrplan der Eisenbahn. »Hier finde ich ja schon die Auskunft die ich suche, wenn ich mich nur daraus vernehmen könnte. Von – nach, Nach – von, Vormittag, Nachmittag, solche verwünschte Confusion; ich glaube der Fahrplan ist nur dazu da, um Einen irre zu führen.«

Anne trat zu ihm. »Ich kann Ihnen helfen; sagten Sie nicht, daß Sie den aufwärts gehenden Zug benutzen wollten?«

»Wie heißt die Station wo Sie aussteigen?«

Arnold nannte sie ihr.

»Sie verfolgte das verwickelte Netz von Linien und Zahlen mit dem Finger, hielt plötzlich inne, sah noch einmal auf den Punkt, um sich zu vergewissern und kehrte der Tabelle in heller Verzweiflung den Rücken. Der letzte Zug war vor einer Stunde abgegangen!

Während der Pause, welche dieser Entdeckung folgte, leuchtete ein erster Blitzstrahl durch das Zimmer und das leise Rollen des Donners verkündete den Ausbruch des Ungewitters.

»Was ist nun zu thun?« fragte Arnold Ohne von dem heranziehenden Unwetter Notiz nehmen, erwiderte Anne ohne Zögern: »Sie müssen einen Wagen nehmen und fahren.«

»Wie ich höre, braucht man eine Stunde auf der Eisenbahn, um nach meinem Gute zu gelangen, nicht gerechnet die Entfernung von hier bis zur Station.«

»Was liegt an der Entfernung, Herr Brinkworth? Sie können unmöglich hier bleiben.«

Ein zweiter Blitz erhellte das Zimmer, das Rollen des Donners kam näher. Selbst Arnold’s unerschütterlich gute Laune fing bei Anne’s beharrlich kundgegebenem Entschluß, ihn los zu werden, an zu wanken. Er setzte sich mit der Miene eines Menschen der entschlossen ist, das Haus nicht zu verlassen, nieder.

»Haben Sie das gehört?« sagte er, als eben die letzten Töne eines furchtbaren Donnerschlages verhallten und der Regen heftig gegen die Fenster schlug. »Glauben Sie, daß wenn ich auch Pferde beordern wollte, man sie mir bei einem solchen Wetter geben würde? Und wenn man es thäte, glauben Sie, daß die Pferde bei solchem Wetter auf der Haide ausharren könnten? Nein, Miß Silvester, ich bedauere Ihnen im Wege zu sein, aber da der Zug fort und die Nacht mit ein Gewitter eingebrochen ist, bleibt mir nichts übrig, als hier zu bleiben!«

Anne beharrte noch immer bei ihrer Ansicht, wenn auch etwas weniger entschlossen. »Bedenken Sie doch, nachdem was Sie der Wirthin mitgetheilt haben, in welch’ peinliche Verlegenheit wir kommen, wenn Sie bis morgen früh hier im Wirthshause bleiben.«

»Ist das Alles?« fragte Arnold.

Anne sah ihn zornig an, überzeugte sich aber, daß er keine Ahnung davon hatte, sie durch seine Aeußerung Verletzt zu haben. Sein gerader und männlicher Sinn brach sich durch alle die kleinen weiblichen Bedenken und Empfindlichkeiten seiner Genossin Bahn, und faßte die Lage der Dinge, wie sie wirklich war, praktisch in’s Auge.

»In was für eine Verlegenheit denn?« fragte er, auf das Schlafzimmer deutend; »da ist Ihr Zimmer ganz bereit für Sie und hier ist ein Sopha in diesem Zimmer ganz bereit für mich. Wenn Sie die Lager gesehen hätten, mit denen ich mich auf der See habe behelfen müssen!«

Sie unterbrach ihn ohne Weiteres; seine Nachtlager auf der See waren ihr vollkommen gleichgültig. Die augenblicklich zu entscheidende Frage war, wo er diese Nacht schlafen sollte.

»Wenn Sie durchaus bleiben müssen,« erwiderte sie»»sollten Sie nicht ein anderes Zimmer hier im Hause bekommen können?«

Den einzigen Verstoß, der ihm noch zu begehen übrig blieb, beging Arnold in seiner Unschuld, indem er in scherzendem Tone fragte:

»Ein anderes Zimmer hier im Hause? Ich bitte Sie, wie würde die Wirthin darüber scandalisiren. Bishopriggs würde es niemals zugeben.«

Sie stand auf und stampfte mit dem Fuße. »Scherzen Sie nicht, hier ist nichts zu scherzen.« Aufgeregt ging sie im Zimmer auf und ab. »Die Sache gefällt mir nicht, sie gefällt mir durchaus nicht.«

Arnold sah ihr mit einem kindlich starren Blicke nach. »Was regt Sie denn so auf, ist es das Gewitter.«

Sie warf sich wieder aufs Sopha »Ja sagte sie, es ist das Gewitter.«

Arnold fühlte sich in seiner unerschöpflichen Gutmüthigkeit sofort wieder zu hülfreichem Handeln aufgelegt. »Wollen wir Licht kommen lassen?« fragte er »und uns das Wetter aus dem Sinn schlagen?«

Sie rückte ungeduldig auf dem Sopha hin und her, ohne zu antworten.

»Ich verspreche Ihnen, morgen so früh wie möglich aufzubrechen,« fuhr er fort. »Bitte versuchen Sie es doch, die Sache leicht zu nehmen und seien Sie mir nicht böse; Sie würden ja in einer solchen Nacht keinen Hund hinausjagen.«

Er war unwiderstehlich Bei dem Anblick seines ehrlich bittenden Gesichts fand Anne ihr sanfteres und besseres Selbst wieder.

Sie entschuldigte sich mit einer Anmuth, die ihn bezauberte.

»Wir wollen doch noch einen gemüthlichen Abend hier haben,« rief Arnold in seiner herzlichen Weise und klingelte. Die Glocke hing vor der äußeren Thür jenes Patmos in der Wildniß, das gewöhnliche Sterbliche, die Geschirrkammer des Oberkellners nannten.

Bishopriggs hatte seine kurze Muße in der Einsamkeit seines Zimmerlebens dazu benutzt, sich ein Glas von dem erquickenden heißen Getränk zu bereiten, das man in Schottland »Toddy« nennt und er war eben im Begriff, dasselbe zum Munde zu führen, als Arnold’s Aufforderung erscholl, seinen Toddy aufzugeben. »Halt ein mit Deinem verfluchten Gebimmel,« rief Bishopriggs der Glocke durch die Thür zu, »Du bist ja schlimmer als ein Weib!« Die Glocke erscholl zum zweiten Mal. Bishopriggs blieb nichtsdestoweniger beharrlich bei seinem Toddy »O, o, schrei Du Dich nur heiser, Du bringst aber doch einen Schotten nicht von seinem Glase Toddy weg. Sie wollen wohl ihr Diner beendigen.

Sir Patrick kam gerade, als sie eben damit angefangen hatten und verdarb mit seiner gewöhnlichen Bosheit die Klopfe.« Es klingelte zum dritten Male. »Nur immer zu, nur immer zu! Der junge Mann da drinnen fröhnt nur allzusehr seinen Bauch. Das Klingeln bekundet eine bedauerliche Eile, seine fleischlichen Gelüste zu befriedigen. Vom Wein versteht er leider Nichts,« fuhr Bishopriggs fort, auf dessen Geist Arnold’s Entdeckung von dem getauften Sherry noch unangenehm lastete.

Die Blitze folgten immer rascher auf einander und warfen ihren fahlen Schein unheimlich in das Gastzimmer. Der Donner rollte immer lauter über die schwarze Haide hin. Eben hatte Arnold die Hand erhoben um zum vierten Male zu klingeln, als das unvermeidliche Klopfen an der Thür gehört wurde. Er brauchte nicht herein zu sagen, nach Bishopriggs uumstößlichen Gesetzen war ein zweites Klopfen unerläßlich. Das zweite Klopfen folgte dem ersten wie der Donner dem Blitz und erst dann erschien der Weise mit einer Schüssel »Klopse« in der Hand.

»Bringen Sie Licht!« rief ihm Arnold entgegen.

Bishopriggs setzte die »Klopse,« ein Gericht aus gehacktem Fleisch, auf den Tisch, zündete die Lichter auf dem Kamin an, blickte mit einen, von, dem kürzlich genossenen Toddy funkelnden Auge umher und wartete auf weitere Ordre, bevor er zu seinem zweiten Glase zurückkehrte.

Anne wollte nichts mehr genießen. Arnold hieß Bishopriggs die Laden schließen und setzte sich nieder um sein Diner allein zu vollenden.

»Das riecht fettig und sieht fettig aus!« sagte er zu Anne gewandt, indem er die Klopse mit dem Löffel umdrehte. »Ja zehn Minuten werde ich mit meinem Diner fertig sein. Nehmen Sie Thee?«

Anne lehnte auch das ab.

Arnold machte noch einen Versuch. »Wie wollen wir den Abend zubringen?«

»Wie Sie wollen,« rief sie resignirt.

Auf einmal fuhr Arnold ein Gedanke durch den Kopf. »Ich habe es!« rief er, »wir wollen die Zeit tödten, wie unsere Cajüten-Passagiere es auf See zu thun pflegten.« Zu Bishopriggs gewandt sagte er:

»Bringen Sie ein Spiel Karten.«

»Wie befehlen Sie?« fragte Bishopriggs, der seinen Ohren nicht traute.

»Ein Spiel Karten« wiederholte Arnold.

»Karten?« fragte Bishopriggs, »ein Spiel Karten? die Bilder der Hölle und die Leibfarben des Teufels, schwarz und roth? – Diesem Befehl kann ich nicht nachkommen, werde ich um Ihres eigenen Seelenheils willen nicht nachkommen. Sie sind schon so alt geworden und haben noch keine Ahnung davon, eine wie große Sünde das Kartenspiel ist?«

»Das können Sie nehmen wie Sie wollen,« erwiderte Arnold. »Sie werden aber finden, wenn ich fortgehe, daß ich ein vollkommenes Bewußtsein von der Pflicht habe, dem Kellner ein gutes Trinkgeld zu geben!«

»Bestehen Sie darauf die Karten zu bekommen?« fragte Bishopriggs mit plötzlich verändertem Ton und Wesen.

»Jawohl, ich bestehe darauf.«

»Ich wasche meine Hände in Unschuld, wenn ich sie ausstrecke, um Ihnen Karten zu bringen. Bei mir zu Hause sagen sie: »wer zur Hölle fahren will, mag es in Gottes Namen thun,« und was sagt man bei Ihnen zu Hause? »Wenn der Teufel aufspielt, muß getanzt werden.«

Mit dieser vortrefflichen Rechtfertigung der Verleugnung seiner eigenen Grundsätze humpelte Bishopriggs zum Zimmer hinaus, um die Karten zu holen.

Die Schublade des Tisches in der Geschirrkammer enthielt eine große Auswahl der verschiedenartigsten Gegenstände, unter denen sich auch ein Spiel Karten befand.

Beim Suchen nach den Karten kam die Hand des Oberkellners in Berührung mit einem Stück zusammengeballten Papiers. Er zog es heraus und erkannte in demselben den Brief, den er einige Stunden vorher im Gastzimmer vom Boden aufgenommen hatte. »Aha! ich thue eben so gut mir das Ding gleich jetzt, wo ich eben daran denke, anzusehen,« sagte Bishopriggs zu sich; »die Karten kann ja ein Anderer in’s Gastzimmer bringen!«

Er schickte sofort den zweiten Kellner damit zu Arnold, schloß die Geschirrkammer und glättete das zusammengeballte Stück Papier, auf welchem die beiden Briefe geschrieben waren, sorgfältig auseinander; dann zündete er sein Licht an und begann den mit Tinte geschriebenen Brief, der die drei ersten Seiten füllte, zu lesen. Derselbe lautete wie folgt:


»Windygates, 12. August 1860


Mr. Geoffrey Delamayn!

Ich habe bis jetzt vergeblich gehofft, daß Du von dem Gute Deines Bruders herüberkommen würdest, um mich zu sehen. Dein Benehmen gegen mich ist unbarmherzig und ich bin entschlossen, es nicht länger zu ertragen; überlege Dir die Sache in Deinem eigenen Interesse, ehe Du ein unglückliches Weib, das sich Dir hingegeben hat, zur Verzweiflung treibst. Du hast mir bei Allem, was Dir heilig ist, die Ehe versprochen, ich berufe mich auf Dein Versprechen, und bestehe darauf das zu werden, wozu mich zu machen Du gelobt hast, was zu werden ich all’ diese Zeit her gewartet habe und was ich vor Gott schon bin, Dein eheliches Weib! – Lady Lundie giebt hier am 14. d. ein Gartenfest; ich weiß, daß Du dazu eingeladen bist und rechne sicher darauf, das; Du die Einladung annimmst. Wenn Du mich in meiner Erwartung täuschest, so stehe ich für nichts ein. Ich bin fest entschlossen, diesen Zustand der Dinge nicht länger zu ertragen. O, Geoffrey, denke an die Vergangenheit, sei treu und gerecht.

Dein Dich liebendes Weib



    Anne Silvester«

Bishopriggs hielt inne. Sein Commentar zu diesem Theil der Correspondenz war einfach genug. »Zornige Worte der Dame an den Herrn mit Tinte geschrieben.« Dann warf er einen Blick aus den zweiten, auf der vierten Seite geschriebenen Brief und fügte höhnisch hinzu: »Bischen kälter und mit Bleistift geschrieben von dem Herrn an die Dame; das ist der Lauf der Welt von Adam’s Zeiten her bis auf unsere Tage.«

Dieser zweite Brief lautete so:

»Liebe Anne!

In diesem Augenblick werde ich zu meinem Vater nach London gerufen. Die Nachricht von ihm lautet schlimm. Bleibe, wo Du bist und ich will dahin schreiben. Vertraue dem Ueberbringer. Auf mein Ehrenwort, ich werde mein Versprechen halten.

Dein Dich liebender Gatte

Geoffrey Delamayn

Windygates, den 14.August, 4 Uhr Nachmittags. In furchtbarer Eile geschrieben, der Zug geht um 4 Uhr 30 Minuten ab!«

Das war Alles!

Wer sind denn die da im Gastzimmer? Die eine ist die Silvester – und der andere der Delamayn?« fragte Bishopriggs sich, indem er das Papier langsam wieder in seine ursprüngliche Form brachte. »Was mag das Alles zu bedeuten haben?« Er bereitete sich ein zweites Glas Toddy als Beförderungsmittel seiner Reflexionen und saß eine Weile, seinen Toddy schlürfend, da, während er den Brief zwischen seinen gichtischen Fingern hin und her drehte. Es war nicht ganz leicht heraus zu finden, in welchem Verhältniß der Herr und die Dame zu einander standen. Waren sie die Schreiber selbst oder waren sie nur die Freunde der Schreiber, wer konnte das wissen. Im ersten Fall würde die Dame ihren Zweck so gut wie erreicht haben, denn die Beiden hatten ja selbst in seiner und der Wirthin Gegenwart erklärt, Mann und Weib zu sein. In dem zweiten Fall konnte die so achtlos bei Seite geworfene Correspondenz noch einmal von großer Wichtigkeit werden. Dieser letzteren Ansicht gemäß nahm Bishopriggs, dessen frühere kurze Praxis als Schreiber auf Sir Patricks Bureau ihm einige Geschäftskenntniß eingebracht hatte, Feder und Dinte zur Hand und schrieb auf die Rückseite des Briefes mit dem Datum eine kurze Angabe der Umstände, unter welchen er denselben gefunden hatte. »Ich werde gut thun, dieses Dokument aufzubewahren,« dachte er bei sich, »wer weiß, vielleicht wird noch einmal eine Belohnung dafür ausgesetzt. Das Ding kann für einen armen Kerl wie mich noch seine fünf Pfund werth sein!« Mit dieser tröstlichen Reflexion nahm er eine alte Blechdose aus der Tischschublade und verschloß die gestohlenen Briefe in derselben bis auf bessere Zeiten.

Das Ungewitter tobte immer furchtbarer, je später es wurde. Im Wohnzimmer präsentirte sich der ewig wechselnde Zustand der Dinge wieder in einer anderen Gestalt. Arnold hatte sein Diner beendet und abdecken lassen, hatte dann einen Seitentisch vor das Sopha, auf welchem Anne lag, gerückt, das Spiel Karten gemischt und bot nun seine ganze Beredsamkeit auf, Anne zu bewegen, eine Partie Ecarte mit ihm zu versuchen, um ihre Aufmerksamkeit von dem draußen tobenden Sturme abzulenken.

Aus reiner Erschöpfung gab sie nach, erhob sich langsam im Sopha und erklärte, sie wolle versuchen zu spielen. »Schlimmer kann es doch nicht werden,« dachte sie, als Arnold ihr die Karten gab, »und ich habe kein Recht, dem armen jungen Mann meinen Jammer entgelten zu lassen.«

Ein Paar schlechtere Spieler hatten wohl noch nie an einem Spieltisch gesessen. Anne war im höchsten Grade unaufmerksam und ihr Partner wußte überhaupt wenig vom Kartenspiel. Anne legte die a-tout-Karte um. Caro neun. Arnold sah in seine Karten und proponirte, Anne lehnte es ab, die Karten zu wechseln; Arnold meldete mit unverminderter guter Laune, es sei ihm jetzt klar, daß er das Spiel verlieren müsse und spielte dann seine erste Karte, die Piqne-Dame,aus. Anne nahm die Königin mit dem König und vergaß den König zu markiren. Dann spielte sie Trumpf-Zehn aus. Plötzlich entdeckte Arnold unter seinen Karten die Pique-Acht. »Wie Schade," sagte er, als er sie ausspielte. »Halloh, Sie haben den König nicht markirt, ich will es für Sie thun. Das sind zwei, nein, drei für Sie; ich wußte, daß ich das Spiel verlieren würde; konnte ja mit so schlechten Karten nichts anfangen, nicht wahr? Jetzt, wo ich meine Trümpfe ausgespielt habe, habe ich Alles verloren! A vous!«

Anne sah in ihre Karten. In diesem Augenblick warf der Blitz seinen hellen Schein durch die schlecht geschlossenen Läden in das Zimmer. Der Donner fuhr über das Haus hin und schien es aus seinen Fugen reißen zu wollen. Vom obern Stock her erklang das Geschrei einer nervösen Touristin und das Gebell eines Hundes. – Anne’s Nerven hielten nicht länger Stand, sie warf die Karten auf den Tisch und sprang auf. »Ich kann nicht mehr spielen,« rief sie, »verzeihen Sie mir, ich bin völlig außer Stande, mir brennt der Kopf, mein Blut stockt.« Sie fing an im Zimmer auf und ab zu gehen. Ihre, durch den Einfluß des Ungewitters noch reizbarer gewordenen Nerven ließen ihr die falsche Stellung, in welche sie und Arnold gerathen waren, jetzt in einem noch viel schlimmeren Lichte erscheinen. Sie fand diese Situation vollkommen unerträglich. Es schien ihr unverantwortlich, sich in eine Gefahr, wie sie ihnen drohte, zu begeben. Sie hatten zusammen gegessen wie verheirathete Leute und jetzt brachten sie den Abend zu wie Mann und Frau. »O, Herr Brinckworth!« bat sie, »überlegen Sie doch – um Blanche’s Willen – überlegen Sie doch noch einmal, giebt es denn keinen Ausweg aus dieser Situation.«

Arnold las die zerstreuten Karten bedächtig auf.

»Da kommen Sie schon wieder mit Blanche!« sagte er mit der naivsten Ruhe, »ich möchte wohl wissen, wie ihr jetzt bei dem Gewitter zu Muthe ist.«

Diese Antwort brachte Anne in ihrem aufgeregten Zustand fast zur Verzweiflung. Sie wandte sich von Arnold ab und eilte an die Thür. »Ich will diese Täuschung nicht länger dulden,« rief sie, »ich will thun, was ich schon früher hätte thun sollen; ich will, entstehe daraus was da wolle, der Wirthin die Wahrheit sagen!« Sie hatte die Thür aufgerissen und war im Begriff auf den Vorplatz zu treten, als sie plötzlich still stand und heftig zusammenfuhr. War es möglich bei dem furchtbaren Wetter, daß sie wirklich das Rollen von Wagenrädern vor der Thür gehört hatte? Gewiß! Denn auch Andere hatten es gehört. Eben humpelte Bishopriggs an ihr vorüber der Hausthür zu. Die scharfe Stimme der Wirthin kreischte in ihrem breiten Schottisch ihr Erstaunen ausdrückend durch das Haus.

– Anne schloß die Thür ihres Zimmers wieder und wandte sich zu Arnold, der überrascht aufgesprungen war. »Reisende!« rief sie, »zu dieser späten Stunde.«

»Und bei diesem Wetter!« fügte Arnold hinzu.

»Sollte es Geoffrey sein?« fragte sie, indem sie sich wieder der eitlen Hoffnung hingab, daß er noch an sie denken und zu ihr zurückkehren könne.

Arnold schüttelte den Kopf: »Nein! Ich weiß nicht, wer es ist, aber Geoffrey kann es nicht sein.«

Plötzlich trat Mrs. Inchbare mit fliegenden Haubenbändern und mit starren Blicken in’s Zimmer.

»Nun! gnädige Frau!« sagte sie zu Anne, »wer glauben Sie, kommt von Windygates hergefahren, um Sie zu sehen und ist unterwegs vom Sturm überrascht worden?«

Anne war sprachlos.

Arnold aber fragte: »Nun, wer ist es denn?

»Wer, wer?« wiederholte Mrs. Inchbare, »die liebe junge Dame Miß Blanche in Person.«

Anne konnte einen Schrei des Entsetzens nicht zurückhalten. Die Wirthin schob denselben auf den Blitz, der gerade durch das Zimmer fuhr.

»O, meine gnädige Frau! Da ist Miß Blanche muthiger und erschrickt nicht so leicht über einen Blitz. Da kommt sie schon, die liebe junge Dame!« rief Mrs. Inchbare, indem sie sich ehrfurchtsvoll vor Blanche zurückzog.

Blanche’s Stimme, die nach Anne rief, wurde hörbar. Anne ergriff Arnold’s Hand krampfhaft und flüsterte ihm zu: »gehen Sie!« Im nächsten Augenblicke war sie an den Kamin getreten und hatte beide Lichter ausgeblasen. Da fuhr wieder ein Blitz durch dass Zimmer und beleuchtete die Gestalt Blanche’s, die eben in die Thür getreten war.




Viertes Kapitel.

Blanche


Mrs. Inchbare war die erste Person, die in diese Situation thätig eingriff. Sie rief nach Licht und machte dem Hausmädchen, welches das Licht brachte, die bittersten Vorwürfe darüber, daß sie die Hausthür nicht geschlossen.

»Du kopfloses Ding,« rief die Wirthin ihr entgegen, »der Wind hat die Lichter ausgeblasen!«

Das Mädchen erklärte der Wahrheit vollkommen gemäß, daß die Thür geschlossen sei. Vielleicht würde ein böser Wortwechsel daraus entstanden sein, wenn Blanche nicht Mrs. Inchbare’s Aufmerksamkeit auf sich selbst gelenkt hätte. Das herbeigebrachte Licht zeigte, daß sie, die eben Anne umarmte, ganz durchnäßt war.

Mrs. Inchbare brachte sofort die dringende Frage eines von Blanche vorzunehmenden Kleiderwechsels auf’s Tapet und ließ Anne dadurch Zeit sich einen Augenblick unbemerkt im Zimmer umzusehen. Arnold hatte sich davon gemacht bevor die Lichter angezündet waren und während Blanche’s Aufmerksamkeit von dem durchnäßten Zustand der Kleider in Anspruch genommen war.

»Guter Gott! Ich triefe ja an allen Ecken und Enden und mache Dich, liebe Anne, eben so naß, wie ich es selbst bin; leihe mir etwas trockene Kleidung. Du hast nichts? Mrs. Inchbare, wissen Sie Rath zu schaffen – was soll ich thun? Mich zu Bett legen, bis meine Kleider getrocknet sind oder ein Anlehen bei Ihrer Garderobe machen, obgleich Sie reichlich anderthalb Kopf größer sind, als ich?«

Mrs. Inchbare ging sofort die besten Kleider ihrer Garderobe herbeizuholen.

Kaum war sie hinaus, als Blanche sich auch ihrerseits im Zimmer umsah. Der Zärtlichkeit war schon ihr Recht geworden, jetzt war die Reihe an der Neugierde.

»Im dunkeln Zimmer ist da Jemand an mir vorübergehuscht, war es Dein Mann? Ich sterbe vor Ungeduld, ihn kennen zu lernen, und beste Anne, wie heißest Du denn jetzt?«

Anne antwortete kalt: »Warte ein wenig, ich kann es Dir jetzt nicht sagen.«

»Fühlst Du Dich unwohl?«

»Ein wenig nervös.«

»Ist irgend etwas Unangenehmes zwischen Dir und meinem Onkel vorgefallen? Er war doch hier?«

»Ja!«

»Hat er Dir meinen Auftrag ausgerichtet?«

»Allerdings Blanche! Und darnach hast Du ihm Dein Wort gegeben, in Windygates zu bleiben. Warum, in’s Himmels Namen, kommst Du jetzt her?«

»Wenn Du mich halb so sehr liebtest wie ich Dich, so würdest Du mich nicht so fragen! Ich habe mir Mühe genug gegeben, mein Versprechen zu halten, aber ich konnte es nicht. Die Vorschrift meines Onkels erschien mir ganz plausibel, als er sie mir gab und so lange Lady Lundie wüthete, die Hunde bellten, die Thüren auf und zugeschlagen wurden, das ganze Haus in Aufruhr war, da hielt mich die Aufregung aufrecht; aber als mein Onkel fort war und der schrecklich trübselige, regnerische Abend herankam und Alles wieder ruhig geworden war, da konnte ich es nicht mehr aushalten; das Haus ohne Dich erschien mir wie ein Grab. Wenn Arnold bei mir gewesen wäre, hätte es gehen mögen, aber ich war ja ganz allein, denke doch, keine Seele mit der ich mich unterhalten konnte; es giebt nichts Schreckliches was Dir hätte begegnen können, wovon ich mir nicht einbildete, daß es Dir wirklich begegnet sei. Ich ging nichts Deinem leeren Zimmer und sah mich darin um; da stand mein Entschluß fest. Ich rannte von einem unwiderstehlichen Impuls getrieben, die Treppen hinunter – lief in den Stall und fand Jakob dort; ich sagte ihm: »Jacob, spanne den Ponywagen an, ich muß ausfahren, einerlei ob es regnet, Du gehst mit mir.« Jacob benahm sich wie ein Engel; er sagte, »wie Sie befehlen, gnädiges Fräulein!« Ich bin fest überzeugt, so würde er auch antworten, wenn man ihn fragte, ob er für mich sterben wolle. Jetzt trinkt er auf meinen ausdrücklichen Befehl ein Glas Grog um sich vor Erkältung zu schützen. In zwei Minuten war der Ponywagen angespannt und fort ging’s! Lady Lundie lag derweilen, von zu starkem Gebrauch von flüchtigem Salz erschöpft, auf ihrem Sopha ausgestreckt. Ich hasse sie! – Der Regen wurde immer schlimmer, aber ich kehrte mich nicht daran, so wenig wie Jacob und das Pony; Beide waren von demselben Geiste wie ich, beseelt. Als es zu blitzen und zu donnern anfing, waren wir schon näher an Craig-Fernie als an Windygates, und dazu kam, daß Du hier und nicht dort warst. Die Blitze waren wirklich fürchterlich auf der Haide. Hätte ich eines von den großen Pferden vor dem Wagen gehabt, würde es unfehlbar scheu geworden sein, aber das Pony schüttelte sein allerliebstes Köpfchen und lief ruhig weiter. Es bekommt aber auch jetzt sein Bier dafür, wenn es das getrunken hat, wollen wir uns eine Laterne geben lassen, in den Stall gehen und es liebkosen.« Inzwischen bin ich hier, liebes Kind, durchnäßt von einem fürchterlichen Gewitter, was mir aber ganz einerlei ist, und fest entschlossen, mir selbst Beruhigung über Deinen Zustand zu verschaffen, der mir ganz und gar nicht einerlei ist, und das muß und soll geschehen, ehe ich heute Abend zu Bett gehe.« – Mit Gewalt drehte sie Anne bei diesen Worten so, daß sie ihr bei dem Schein der Kerzen grade in’s Gesicht sehen konnte. Kaum hatte sie das gethan, als der Ton ihrer Stimme sich änderte: »Ich wußte es!« sagte sie. »Nie hättest Du ein so wichtiges Geheimnis; Deines Lebens vor mir geheim gehalten, nie hättest Du mir einen so kalten Brief geschrieben, wie Du ihn in Deinem Zimmer zurückgelassen hast, wenn Alles bei der Sache in Ordnung gewesen wäre. Das habe ich gleich gesagt und jetzt bin ich fest davon überzeugt. Warum hat Dein Mann Dich gezwungen Windygates Hals über Kopf zu verlassen? Warum huscht er in der Dunkelheit zum Zimmer hinaus, als ob er sich fürchte gesehen zu werden? Anne, Anne! was ist geschehen! Warum empfängst Du mich so?«

In diesem kritischen Moment erschien Mrs. Inchbare wieder mit den ausgewähltesten Kleidungsstücken die ihre Garderobe zu bieten vermochte. Anne war froh über diese Unterbrechung. Sie nahm die Lichter und ging voran in das Schlafzimmer. »Zieh erst Deine nassen Kleider aus, nachher wollen wir weiter reden,« sagte sie. Noch keine zwei Minuten hatte sie die Thür hinter sich geschlossen, als an dieselbe geklopft wurde. Anne gab Mrs. Inchbare einen Wink, sich in ihrer Beschäftigung mit Blanche nicht zu unterbrechen, schlüpfte rasch in’s Wohnzimmer und schloß die Schlafstubenthür hinter sich. Sie fühlte sich unaussprechlich erleichtert, als sie den indiscreten Bishopriggs vor sich sah. »Was wollen Sie?« fragte sie.

Ein Blick aus Bishopriggs Auge genügte, um ihr zu sagen, daß er eine vertrauliche Mission an sie habe. Seine Hand zitterte, sein Athem duftete nach Branntwein. Langsam zog er einen kleinen Streifen Papier mit einigen darauf geschriebenen Zeilen aus der Tasche.

»Von ihm! Sie wissen schon,« erklärte er scherzend; »ein kleines Billetdour von Ihrem Liebsten! Ein arger Sünder Ihr Liebster. Die junge Dame im Schlafzimmer da, ist wohl die, um deretwegen er Ihnen untreu geworden ist. Mir ist die ganze Sache klar, Sie können mir kein X für ein U machen, ich war selbst in jüngeren Jahren ein schwacher Mensch; aber seien Sie ruhig, der Sünder ist wohl aufgehoben, ich habe bestens für seinen Comfort gesorgt. Ich handle väterlich an ihm, gerade wie an Ihnen. Bishopriggs kann man vertrauen, wenn eine kleine menschliche Schwäche ein Bischen geschont sein will!«

Während der Weise diese tröstlichen Worte sprach, las Anne die auf dem Papierstreifen stehenden Zeilen.

Sie waren von Arnold und lauteten so: »Ich bin im Rauchzimmer des Gasthofes, es hängt von Ihnen ab, ob ich dableiben soll; ich glaube nicht, daß Blanche eifersüchtig sein würde, wenn ich ihr meinen Aufenthalt hier im Gasthofe erklären könnte ohne das Vertrauen, das Sie und Geoffrey in mich gesetzt haben, zu verrathen. Wenn es nach mir ginge, würde ich gleich zu ihr gehen. Das Verstecken ist mir fürchterlich, aber doch möchte ich um keinen Preis Ihren Zustand noch schlimmer machen, als er ist. Denken Sie zunächst an sich selbst, ich gebe es Ihnen anheim; Sie brauchen dem Ueberbringer nur zu sagen, »warten« und ich weiß, daß ich hier bleiben soll, bis ich Weiteres von Ihnen höre Anne sah von dem Papier auf.

»Bitten Sie ihn zu warten!« sagte sie, »bis ich ihm etwas Weiteres sagen lasse.«

»Mit den besten Grüßen und Küssen,« fügte Bishopriggs als nothwendigen Commentar der Botschaft hinzu. »O, für einen Mann von meiner Erfahrung ist das ja das einfachste von der Welt. Sie können keinen besseren Vermittler haben, als Ihren ergebenen Diener Sam Bishopriggs. Ich verstehe Sie Beide aus dem Grunde.«

Dabei legte er seinen Zeigefinger an seine feurige Nase und ging davon.

Ohne einen Augenblick länger zu zögern, öffnete Anne die Schlafzimmerthür, fest entschlossen, Arnold aus seiner schrecklichen Lage zu befreien und Blanche die Wahrheit mitzutheilen.

»Bist Du es?« fragte Blanche. Bei dem Ton ihrer Stimme fuhr Anne schuldbewußt zurück. »Ich komme gleich zu Dir,« antwortete sie und schloß die Thür zwischen sich und Blanche aufs neue. Nein! Es ging nicht! Etwas in Blanches gleichgültiger Frage oder vielleicht etwas in Blanches Gesicht wirkte auf Anne wie eine geheimnißvolle Warnung, die sie an der Schwelle ihres Geständnisses zurückhielt. In diesem Augenblick machte sich die eiserne Kette der Verhältnisse wieder fühlbar und Anne blieb bei dem ihr so verhaßten erniedrigenden Betrug. Konnte sie Blanche die Wahrheit über sich und Geoffrey mittheilen? Und wenn sie das nicht that, konnte sie es rechtfertigen, daß Arnold im Geheimen zu ihr nach Craig-Fernie gekommen war? Ein Schuldbekenntniß vor einem unschuldigen Mädchen, die Gefahr, Blanche’s Achtung für Arnold zu erschüttern, ein Scandal im Gasthofe, in den die Anderen mit ihr verwickelt werden würden, – das war der Preis, um den sie enden mußte, wenn sie ihrem ersten Impulse folgte und geradezu erklärte: »Arnold ist hier!« Das war unmöglich. Blanche durfte, koste es was es wolle, mochte ihr gegenwärtiger Jammer enden wie er wollte, wenn die Täuschung einmal entdeckt werden würde, die Wahrheit nicht erfahren, Arnold mußte versteckt bleiben, bis Blanche fort war. Anne öffnete die Thür zum zweiten Mal und ging wieder in’s Schlafzimmer Blanche hatte bei ihrer Toilette eben eine Pause gemacht und war in einer vertraulichen Unterhaltung mit Mrs. Inchbare begriffen. In dem Augenblick, als Anne eintrat, befragte sie die Wirthin eifrig über den unsichtbaren Gatten ihrer Freundin; sie sagte gerade: »Bitte, sagen Sie mir, wie sieht er aus?«

Die Fähigkeit scharf zu beobachten, ist so ungewöhnlich und selbst da, wo sie vorhanden ist, so selten mit der Gabe verbunden, die beobachteten Personen und Dinge genau zu beschreiben, daß Anne’s Besorgnisse vor den Folgen einer etwaigen Antwort Mrs. Inchbare’s auf Blanches Fragen aller Wahrscheinlichkeit nach sehr grundlos waren. Aber gleichviel, ob mit Recht oder Unrecht, hatte sie nichts Eiligeres zu thun, als die Wirthin auf der Stelle zu entfernen. »Wir dürfen Ihre Zeit nicht länger in Anspruch nehmen, Mrs. Inchbare,« sagte sie, »ich will Fräulein Lundie schon behilflich sein« Da Blanche sich auf diese Weise verhindert sah, irgend etwas Näheres von der Wirthin zu erfahren, so wandte sie sich ohne Weiteres wieder an Anne, indem sie sagte:

»Ich muß etwas über ihn erfahren. Ist er schüchtern vor Fremden? Ich hörte wie Du mit ihm drinnen vor der Thür flüstertest. Du fürchtest doch nicht, daß ich es ihm in diesem Anzuge anthun werde?« Blanche, die jetzt Mrs. Inchbare’s beste Gewänder, ein altmodisches seidenes Kleid mit hoher Taille von sogenanntem Flaschengrün, das vorne in die Höhe gesteckt war und hinten weit herabhing, angethan, einen kleinen orangefarbigen Shawl über die Schultern gehängt, und sich ein Handtuch, um ihr naß gewordenes Haar zu trocknen, turbanartig um den Kopf gewunden hatte, war in diesem Aufzuge die sonderbarste und niedlichste Erscheinung die es geben konnte.

»Um des Himmels willen,« sagte sie lustig, »erzähle Deinem Manne nicht, daß ich in Mrs. Inchbare’s Kleidern stecke, ich muß plötzlich vor ihn hintreten, ohne daß er durch ein Wort darauf vorbereitet wäre, was für eine wunderliche Figur ich spiele. Wenn mich doch Arnold so sehen könnte!« Da sah sie im Spiegel, vor den sie sich eben gestellt hatte, Anne’s Antlitz, und fuhr über den Ausdruck desselben entsetzt zusammen. »Was ist Dir?« fragte sie, »Dein Aussehen erschreckt mich!«

Anne begriff, daß den Fragen Blanches ein für allemal ein Ende gemacht werden müsse. So klar sie diese Nothwendigkeit aber auch erkannte, so scheute sie doch davor zurück, Blanche eine Unwahrheit in’s Gesicht zu sagen, während sie es doch unmöglich fand, ihr die Wahrheit zusagen, so lange Arnold Brinkworth mit ihr unter demselben Dache weilte. Ich könnte ihr die Wahrheit schreiben, dachte sie. »Schreiben?« – Als sie sich das noch einmal fragte, fuhr ihr plötzlich ein Gedanke durch den Kopf; sie öffnete die Thür zum Wohnzimmer und trat, von Blanche gefolgt, wieder in dasselbe ein.

»Schon wieder fort?« rief Blanche, indem sie mit dem Ausdruck der Enttäuschung sich in dem leeren Zimmer umsah »Anne! Die ganze Sache kommt mir so sonderbar vor, daß ich Dein Schweigen nicht länger ertragen kann und will. Es ist nicht recht von Dir, mir Dein Vertrauen vorzuenthalten, nachdem wir unser ganzes Leben wie Schwestern mit einander gelebt haben.«

Anne seufzte schwer und küßte Blanche auf die Stirn. »Du sollst Alles wissen, was ich Dir sagen kann und darf!« erwiderte sie sanft. »»Mache mir keine Vorwürfe, die Sache ist peinlicher, als Du glaubst.« Sie trat an den Schreibtisch und überreichte Blanche einen Brief. »Lies das!« sagte sie.

Blanche sah ihren Namen auf der von Anne’s Hand geschriebenen Adresse. »Was bedeutet das?« fragte sie.

»Ich schrieb Dir, nachdem Sir Patrick mich verlassen hatte,« entgegnete Arme. »Meine Absicht war, daß Du meinen Brief morgen bekommen solltest, zeitig genug, um jeder Unvorsichtigkeit vorzubeugen, zu der Dich Deine Angst treiben möchte. Alles, was ich Dir sagen kann, findest Du hier, erspare mir die Qual, es Dir zu sagen; lies es, Blanche!«

Blanche hielt den Brief noch immer uneröffnet in der Hand. »Ein Brief von Dir an mich, wenn wir Beide in demselben Zimmer allein sind? Das ist ja mehr als förmlich, Anne, das ist, als ob wir uns gezankt hätten! Wie kann es Dir eine Qual sein, Dich gegen mich auszusprechen!«

Anne’s Augen senkten sich zu Boden. Zum zweiten Male wies sie auf den Brief.

Blanche erbrach den Brief, überflog rasch die einleitenden Sätze und richtete ihre ganze Aufmerksamkeit auf den zweiten Theil des Briefes:

»»Und nun, liebste Blanche, erwartest Du, daß ich Dich für die Ueberraschung und die Qual, die ich Dir bereitet habe, dadurch entschädige, daß ich Dir meine Situation offen darlege und Dir alle meine Pläne für die Zukunft mittheile Theuerste Blanche! glaube nicht, daß ich dessen, was Du von meiner Liebe zu erwarten ein Recht hast, uneingedenk bin; glaube nicht, daß sich in meiner Gesinnung gegen Dich irgend etwas geändert hat, glaube nur, daß ich ein sehr unglückliches Weib bin und daß ich mich in einer Lage befinde, die mich gegen meinen eigenen Willen zwingt, über meine Angelegenheiten Schweigen zu beobachten. schweigen selbst gegen Dich, meine geliebte Schwester, die Du mir die Liebste auf der Welt bist. Vielleicht kommt die Zeit, wo ich Dir mein Herz öffnen darf; o, wie mich das beglücken, wie mich das erfreuen würde. Jetzt muß ich schweigen, jetzt müssen wir von einander getrennt bleiben; Gott weiß, was es mich kostet, Dir dieses zu schreiben. Ich gedenke der schönen vergangenen Tage, der Stunden, wo ich Deiner Mutter versprach, Dir eine Schwester zu sein, als ihre lieben Augen mich zum letzten Male ansahen, Deiner Mutter, die der meinigen ein Schutzengel war. Alles das tritt mir in diesem Augenblick vor die Seele und zerreißt mir das Herz, aber es muß sein, meine geliebte Blanche, für jetzt muß es sein. Ich will Dir oft schreiben, ich will Tag und Nacht an Dich denken, mein Engel, bis eine glücklichere Zukunft uns wieder vereinigt. Gott segne Dich, mein geliebtes Kind, und Gott helfe mir!««

Blanche trat schweigend an das Sopha, auf dem Anne saß, und blieb, den Blick auf sie geheftet, einen Augenblick vor ihr stehen, dann setzte sie sich zu ihr und lehnte den Kopf an Anne’s Schulter. Mit bekümmerten Blicken steckte sie den Brief schweigend zu sich, ergriff Anne’s Hand und küßte sie. »Alle meine Fragen sind beantwortet, liebe Schwester, ich will warten, bis Du die Zeit gekommen glaubst.« Sie sprach diese Worte mit dem Ausdruck anspruchloser Einfachheit und echter Herzensgüte.

Anne brach in Thränen aus. – — – — – — – — – — – — – — – —

Der Regen dauerte noch immer fort, aber das Gewitter verzog sich. Blanche trat an das Fenster und öffnete die Laden, um in die düstere Nacht hinauszusehen. Dann aber kehrte sie plötzlich zu Anne zurück. »Ich sehe Lichter« sagte sie, »die Lichter eines Wagens, die aus der Dunkelheit der Haide emportauchen. Ganz gewiß schicken sie von Windygates aus nach mir. Gehe in’s Schlafzimmer, denn es wäre ja möglich, daß Lady Lundie selbst käme, mich zu holen.« – Die sonderbaren Umstände hatten dazu geführt, daß die beiden Mädchen völlig die Rollen getauscht hatten. Anne war wie ein Kind in Blanche’s Händen. Sie´erhob sich und ging in’s andere Zimmer.

Als Blanche jetzt allein war, zog sie den Brief wieder hervor und las ihn noch einmal, während sie der Ankunft des Wagens harrte. Die nochmalige Durchlesung des Briefes bestärkte sie in einem Entschluß, den sie vorhin, als sie neben Anne auf dem Sopha gesessen gefaßt hatte, einem Entschluß, der zu viel ernsteren Folgen in der Zukunft führen sollte, als sie ahnen konnte. Sir Patrick war der einzige Mensch, auf dessen Discretion und Erfahrungen sie sich völlig verlassen konnte. Sie beschloß in Anne’s eigenem Interesse, ihren Onkel in’s Vertrauen zu ziehen und ihm Alles zu erzählen, was in dem Gasthof vorgefallen war. Zuerst will ich mir seine Verzeihung erwirken, dachte sie, und dann will ich sehen, ob er meine Meinung theilt. – Der Wagen fuhr vor und Mrs. Inchbare führte nicht Lady Lundie, sondern Lady Lundie’s Kammerjungfer in’s Zimmer. Der Bericht derselben über das, was in Windygates vorgefallen war, lautete einfach genug. Lady Lundie hatte selbstverständlich Blanches plötzliche Abreise im Ponywagen richtig zu erklären gewußt und hatte sofort ihren eigenen Wagen mit dem festen Entschluß beordert, ihrer Stieftochter selbst nachzufahren, aber die Aufregung und Angst des Tages waren zu viel für sie gewesen. Lady Lundie hatte einen der Schwindelanfälle bekommen, denen sie jeder Zeit nach großer Aufregung unterworfen war, und so gern sie auf mehr als einem Grunde nach dem Gasthof gefahren wäre, sah sie sich doch in Sir Patrick’s Abwesenheit genöthigt, Blanches Verfolgung ihrer Kammerjungfer, deren Alter und Einsicht sie unbedingt vertrauen konnte, zu überlassen. Die Kammerjungfer hatte, in Voraussicht der Wirkungen des Unwetters, aus Blanche’s Toilette, vorsorglicher Weise einen Koffer mit vollständigem Anzug mitgebracht. Während sie denselben für Blanche auspackte, meldete sie in vollkommen ehrerbietigem Tone, daß sie von ihrer Herrin beauftragt sei, nöthigenfalls nach dem Jagdschlosse zu fahren und die Angelegenheit in Sir Patricks Hände zu legen. Nachdem sie ihren Auftrag ausgerichtet hatte, überließ sie es ihrer jungen Herrin, selbst zu bestimmen, ob sie unter den obwaltenden Umständen nach Windygates zurückkehren wolle oder nicht.

Blanche nahm der Kammerjungfer die Kleider ab und ging zu Anne in’s Schlafzimmer, um sich für die Rückfahrt anzukleiden. »Ich muß nach Hause,« sagte sie, »Um eine ordentliche Schelte entgegenzunehmen, aber das bin ich von Lady Lundie schon gewohnt, das macht mir keinen Kummer. Was mich bekümmert bist Du, Anne. Kann ich mich auf Eins verlassen, bleibst Du für jetzt hier?«

Das Schlimmste, was Anne im Gasthofe begegnen, konnte, war geschehen. Durch das Verlassen des Ortes, wohin Geoffrey ihr zu schreiben versprochen hatte, konnte jetzt Nichts gewonnen, aber Alles verloren werden. – Anne erwiderte, daß sie für’s Erste im Gasthof zu bleiben gedenke.

»Versprichst Du mir zu schreiben?«

»Ja!«

»Kann ich jetzt etwas für Dich thun?«

»In diesem Augenblicke nichts, liebe Blanche, aber später vielleicht.«

»Wenn es Dich verlangt, mich zu sehen, so können wir uns in Windygates treffen, ohne entdeckt zu werden. Komm zur Frühstückszeit, nimm Deinen Weg längs des Gebüsches und tritt durch die Glasthür in die Bibliothek; Du weißt so gut wie ich, daß um diese Zeit Niemand dort ist. Sage nicht, es ist unmöglich, Du kannst nicht wissen, was geschehen kann. Ich werde jeden Tag zehn Minuten auf Dich warten, ob Du nicht vielleicht kommst. Das wäre abgemacht und ebenso, daß Du mir schreibst. Ehe ich fortgehe, liebste Anne, laß uns doch sehen, ob wir noch sonst etwas zu bedenken haben.

Bei diesen Worten schien Anne plötzlich ihre Niedergeschlagenheit abzuschütteln; sie schloß Blanche in ihre Arme und drückte sie mit wilder Heftigkeit an ihre Brust. »Willst Du immer für mich bleiben, was Du jetzt bist? Oder wird eine Zeit kommen, wo Du mich hassen wirst?« Sie verschloß Blanche den Mund mit einem Kusse und drängte sie der Thür zu. »Wir haben glückliche Tage zusammen verlebt!« rief sie, indem sie Blanche mit der Hand zum Abschied winkte. »Laß uns Gott dafür danken und uns um das Andere nicht kümmern!« Sie öffnete die Schlafzimmerthür und rief nach der Kammerjungfer. »Miß Lundie erwartet Sie!« Blanche drückte ihr die Hand und verließ sie.

Anne wartete eine Weile im Schlafzimmer bis sie den Wagen draußen abfahren hörte. Als das Rollen der Räder verklungen war, blieb sie einen Augenblick wieder nachdenklich stehen, raffte sich dann plötzlich auf, eilte in’s Wohnzimmer und klingelte »Ich Verliere den Verstand!« sagte sie zu sich selber, »wenn ich hier allein bleibe.«

Selbst Bishopriggs empfand die Nothwendigkeit zu schweigen, als er auf das Klingeln erschien und vor ihr stand.

»Ich will ihn sprechen, schicken Sie ihn auf der Stelle her!«

Bishopriggs verstand sie und ging wieder hinaus.

Arnold erschien. »Ist sie fort?« waren seine ersten Worte.

»Sie ist fort und wird keinen Verdacht gegen Sie haben, wenn sie Sie wieder steht. Ich habe ihr nichts gesagt, fragen Sie auch nicht nach meinen Gründen.«

»Ich denke gar nicht daran, Sie zu fragen!«

»Seien Sie böse auf mich, wenn Sie wollen!«

»Ich denke nicht daran, böse auf Sie zu sein!« Sein Aussehen und seine Sprache waren die eines ganz veränderten Menschen.

Ruhig setzte er sich an den Tisch, lehnte den Kopf auf die Hand und verharrte schweigend in dieser Stellung.

Anne war ganz erstaunt. Sie trat dicht an ihn heran und sah ihn neugierig an. – Ein Weib mag durch eigene Bekümmernisse noch so sehr aufgeregt sein, so wird sie doch immer für jeden unvorbereiteten Wechsel in dem Wesen eines Mannes, der sie interessirt, empfänglich bleiben. Der Grund dieser Erscheinung liegt nicht in der Wandelbarkeit weiblicher Stimmungen; sie ist vielmehr auf die edle Selbstverleugnung zurückzuführen, die eine der größten – und zur Ehre des weiblichen Geschlechter sei es gesagt – sehr häufig anzutreffenden weiblichen Tugenden ist.

Allmälig nahmen Anne’s Züge den ihnen eigenen sanften weiblichen Ausdruck wieder an; der angeborene Adel ihrer Natur trat hervor, sobald Arnold unbewußt an denselben appellirt hatte. Sie berührte seine Schulter. »Das war hart für Sie!« sagte sie, »und ich verdiene Tadel dafür. Vergeben Sie mir, wenn Sie können, Mr. Brinkworth, es thut mir aufrichtig leid, ich wünsche von ganzem Herzen, ich könnte Sie trösten!«

»Ich danke Ihnen, Miß Silvester; es war in der That keine sehr angenehme Empfindung für mich, mich vor Blanche verstecken zu müssen, als ob ich mich vor ihr fürchte und es hat mich zum ersten Mal in meinem Leben, glaube ich, nachdenklich gemacht; aber gleichviel, es ist jetzt Alles vorbei. Kann ich irgend etwas für Sie thun?«

»Was gedenken Sie diese Nacht zu thun?«

»Wie ich Ihnen schon gesagt habe, ich gedenke das zu thun, was meine Pflicht gegen Geoffrey von mir erheischt. Ich habe ihm versprochen, Sie in Ihren Angelegenheiten hier zu unterstützen und dafür zu sorgen, daß Sie sicher hier bleiben können bis er zurückkommt. Das kann ich nur erreichen, wenn ich den äußeren Anstand beobachte und daher die Nacht hier im Gastzimmer zubringe. Das nächste Mal wenn wir uns wiedersehen, werden die Umstände hoffentlich freundlicher sein, aber ich werde immer mit Vergnügen daran denken, Daß ich mich Ihnen nützlich machen konnte; indessen werde ich morgen früh höchst wahrscheinlich fort sein, ehe Sie aufstehen.«

Anne reichte ihm die Hand zum Abschiede. Was geschehen war konnte nicht mehr ungeschehen gemacht werden. Die Zeit der Warnungen und Vorstellungen war vorüber. »Sie haben sich keine Undankbare zur Freundin gemacht!« sagte sie, »vielleicht kommt der Tag, wo ich es Ihnen beweisen kann.«

»Hoffentlich nicht, Miß Silvester! Leben Sie wohl und möge es Ihnen gut gehen!«

Sie zog sich in ihr Schlafzimmer zurück. Arnold verriegelte die Wohnzimmerthür und streckte sich auf dem zum Nachtlager ersehnten Sopha aus.

Ein klarer schöner Morgen folgte auf das Gewitter des vorigen Tages. Arnold war, wie er versprochen hatte fortgegangen, bevor Anne ihr Schlafzimmer verlassen hatte. Im Gasthofe glaubte man, daß wichtige Geschäfte ihn unerwarteter Weise abgerufen hätten. Bishopriggs hatte ein schönes Trinkgeld bekommen und mit Mrs. Inchbare hatte Arnold abgemacht, daß die Zimmer für eine Woche fest gemiethet seien. Mit einer einzigen Ausnahme schien der Gang der Ereignisse jetzt wieder einen ruhigen Verlauf angenommen zu haben. Arnold war auf dem Wege nach seinem Gute, Blanche war wohlbehalten wieder in Windygates angelangt und Anne’s Aufenthalt im Gasthause war für eine Woche gesichert. Die einzige noch schwebende Frage war, was Geoffrey thun würde; das einzige noch dunkle Ereigniß hing davon ab, ob Lord Holchester in London sich von seiner Krankheit erholen oder sterben werde. An und für sich waren die Folgen jeder dieser beiden Fälle einfach genug. Blieb Lord Holchester am Leben, fo würde Geoffrey nach Schottland zurückkehren und sich mit Anne im Geheimen verheirathen; starb Lord Holchester, so konnte Geoffrey Anne kommen lassen und sie öffentlich in London heirathen! Aber konnte man sich auf Geoffrey verlassen? – Anne trat auf eine vor dem Gasthause befindliche Terrasse; ein kühler Morgenwind wehte sie erfrischend an; große weiße Wolken jagten an der Sonne vorüber durch die Luft dahin; gelbe Lichter und purpurne Schatten lagerten abwechselnd auf der weiten, dunklen Haide. Hoffnung und Furcht wechselten in Annes Gemüth, je nachdem ihr die Zukunft erschien. Allmälich wurde sie es müde, in die verschleierte Zukunft zu dringen, und trat wieder in das Haus. Sie sah nach der Uhr auf dem Vorplatz. Die Stunde, wo der Zug von Perthshire in London eintreffen mußte, war vorüber. Geoffrey und sein Bruder mußten in diesem Augenblick auf dem Wege nach Lord Holchester’s Hause sein.




London





Fünftes Kapitel.

Geoffrey als Briefsteller


Lord Holchester’s Dienerschaft erwartete, den Kellermeister an der Spitze, die Ankunft des Herrn Julius Delamayn von Schottland. Das gleichzeitige Erscheinen der beiden Brüder war für die gesammte Dienerschaft eine Ueberraschung. Alle Fragen an den Kellermeister gingen von Julius aus, während Geoffrey bei Seite stand und der ganzen Scene nur als Zuhörer beiwohnte.

»Lebt mein Vater noch?«

»Seine Lordschaft befinden sich Gottlob zum Erstaunen der Aerzte besser, Mr. Delamayn; er hat sich vorige Nacht wunderbar erholt, wenn es achtundvierzig Stunden so fortgeht, so ist die Wiederherstellung seiner Lordschaft gewiß.«

»Was fehlt meinem Vater?«

»Ein Schlaganfall. Als MyLady Ihnen nach Schottland telegraphirte hatten die Aerzte seine Lordschaft aufgegeben.

»Ist meine Mutter zu Hause?«

»Mylady ist zu Hause für Sie.«

Der Kellermeister betonte das »für Sie« sehr scharf. Julius sah seinen Bruder an.

Die Besserung in Lord Holchesters Zustand machte Geoffrey’s Position in diesem Augenblick zu einer peinlichen. Das Haus war ihm ausdrücklich verboten worden.

Seine einzige Entschuldigung dafür, daß er dieses Verbot übertrat, war, daß sein Vater im Sterben liege. Wie die Dinge jetzt standen, blieb das Verbot in voller Kraft.

Die untergeordneten, in der Vorhalle versammelten Diener, denen die Aufrechthaltung dieses Verbotes bei Verlust ihrer Stellen vorgeschrieben war, sahen abwechselnd Geoffrey und den Kellermeister an; der Kellermeister seinerseits sah abwechselnd Geoffrey und Julius an und Julius sah wiederum seinen Bruder an. Es entstand eine peinliche Pause; der zweite Sohn des Hauses war in den Augen der Dienerschaft ein wildes Thier, dessen man sich auf alle Weise zu entledigen suchen mußte.

Die Frage war nur: wie?

Da erhob Geoffrey die Stimme und löste die Frage: »Oeffne Einer von Euch Kerls die Thür, ich gehe!«

»Warte einen Augenblick« rief ihm sein Bruder zu. »Es würde eine große Enttäuschung für unsere Mutter sein, wenn sie erfährt, daß Du hier gewesen und fortgegangen bist, ohne sie zu sehen.

Wir sind hier unter ganz ungewöhnlichen Umständen. Komm mit mir hinauf, ich übernehme die Verantwortlichkeit.«

»Ich für mein Theil übernehme aber die Verantwortlichkeit nicht; macht die Thür auf!« erwiderte Geoffrey.

»So warte doch, bis ich Dir eine Botschaft herunter schicken kann!«

»Schicke Deine Botschaft nach Nagel’s Hotel, ich wohne bei Nagel, nicht hier!«

In diesem Augenblick wurde die Debatte in der Halle durch das Erscheinen eines kleinen Hundes unterbrochen. Bei dem Anblick der Fremden fing der Hund an zu hellen. Die Aerzte hatten die vollständigste Ruhe im Hause strenge anbefohlen. Die Diener aber machten durch einen gemeinschaftlichen Versuch, das Thier zu fangen, den Lärm noch schlimmer. Auch dieses Problem wußte Geoffrey in seiner entschlossenen Weise zu lösen. In dem Augenblick, wo der Hund an ihm vorüber lief, drehte er sich rasch um und versetzte dem Thiere einen Stoß mit seinem schweren Stiefel. Das arme Geschöpf fiel winselnd zu Boden.

»Mylady’s Lieblingshund!« rief der Kellermeister, »Sie haben ihm die Rippen zerbrochen, Master!«

»Ich habe ihn im Bellen unterbrochen, meinen Sie«, erwiderte Geoffrey, »hol’ der Henker seine Rippen«, und fuhr dann zu seinem Bruder gewendet fort: »Mich dünkt, damit ist die Sache entschieden. Ich thue wohl besser, das Vergnügen, unsere gute Mutter zu sehen, bis zu einer anderen Gelegenheit zu verschieben. Adieu Julius, Du weißt, wo Du mich findest; komm zum Essen zu Nagel, da geben sie Dir ein Beafsteak, wie Du es noch nie gefunden hast.« Mit diesen Worten ging er fort.

Die Diener betrachteten den zweiten Sohn seiner Lordschaft mit unverhohlener Hochachtung. Sie hatten ihn bei der Jahresfeier des christlichen Faustkämpfervereins öffentlich mit Stulphandschuhen angethan gesehen. Er wäre im Stande gewesen den Stärksten unter ihnen in drei Minuten halbtodt zu schlagen.

Der Pförtner verneigte sich tief, als er die Thür öffnete. Das ganze Interesse der versammelten Dienerschaft concentrirte sich auf Geoffrey. Julius ging zu seiner Mutter hinauf ohne die mindeste Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Es war im August, die Straßen waren leer, der abscheulichste Wind den es in London giebt, ein heißer Qstwind, wehte an jenem Tage. Selbst Geoffrey schien von dem Einfluß dieses Wetters nicht unberührt zu bleiben, als er sich vom Hause seines Vaters nach dem Hotel fahren ließ. Er nahm den Hut ab und knöpfte die Weste auf, zündete sich seine ewige Pfeife an und brummte und knurrte zwischen den Zähnen in den Rauchpausen. War es der heiße Wind allein, der ihm diese Aeußerung des Unbehagens entlockte, oder lastete eine geheime Sorge auf seinem Gemüth die der deprimierende Einfluß des Wetters verstärkte? Allerdings trug er sich mit einer geheimen Sorge und diese Sorge hieß »Anne.« Was sollte er, wie die Dinge jetzt standen, mit dem unglücklichen Frauenzimmer anfangen, die in dem schottischen Gasthofe auf einen Brief von ihm wartete? Schreiben oder nicht schreiben, das war für Geoffrey die Frage! Die erste Frage, unter welcher Adresse er den Brief an Anne Silvester zu befördern haben Winde, war bereits gelöst; sie hatte ja mit ihm verabredet, daß sie sich, falls es nothwendig werden sollte, bevor Geoffrey ihr folgen könnte, ihren Namen zu sagen, sich statt Miß Silvester, Mrs. Silvester nennen würde. Ein an Mrs. Silvester gerichteter Brief würde sie unfehlbar, ohne ihr eine Verlegenheit zu bereiten, erreichen. Nicht darin lag die Schwierigkeit, sondern wie gewöhnlich in der Nothwendigkeit sich zwischen den beiden Fällen einer Alternative zu entscheiden. Was war das richtige Verfahren, Anne noch heute zu benachrichtigen daß eine Zeit von achtundvierzig Stunden verfließen müsse, bevor die Wiederherstellung seines Vaters als gewiß betrachtet werden könne, oder abzuwarten, bis diese Zeit verflossen wäre und je nach dem Ergebniß zu handeln? Als er dieses auf dem Weg nach dem Hotel erwog, gelangte er zu dem Entschluß, daß es richtig sein würde, Anne dadurch hinzuhalten, daß er ihr mittheilte, wie die Dinge augenblicklich stünden. Im Hotel angekommen setzte er, sich hin, um den Brief zu schreiben, wurde unschlüssig und zerriß das Geschriebene, wurde wieder unschlüssig und fing von Neuem an, wurde zum dritten Male unschlüssig zerriß den Brief wieder, sprang auf und gestand sich in nicht wieder zu gebenden Ausdrücken, daß er, wenn es ihm auch das Leben kosten sollte, nicht zu einem Entschluß darüber gelangen könne, was das Richtige sei, zu schreiben oder zu warten. In diesem kritischen Augenblick gab ihm sein gesunder physischer Instinct physische Mittel als Erleichterung an die Hand. »Mir ist zu Muthe, als stecke ich in einem Sumpfe, ich will ein Bad nehmen.« Er ging in eine große, viele Räume umfassende und mit Einrichtungen zu allen möglichen Lagen und Körper-Manipulationen eingerichtete Badeanstalt. Er nahm ein Dampfbad, dazu ein Vollbad, dann ein Regenbad und ein gewaltiges Sturzbad. Er legte sich auf den Rückem dann auf den Bauch, die Badediener kneteten und rieben ihn voll Ehrerbietung vom Kopf bis zum Fuß mit wohlgeübten Händen. Nach diesen Proceduren sah er glatt, rein, rosig und schön aus. Er kehrte nun in’s Hotel zurück und fing an zu schreiben, aber siehe da, die unerträgliche Unentschlossenheit war nicht von ihm gewichen, hatte sich nicht wegbaden lassen wollen. Dieses Mal sollte Anne an Allem Schuld sein. »Die verfluchte Person wird mich noch ruiniren«, sagte Geoffrey, indem er seinen Hut ergriff, »ich will es noch einmal mit den Hanteln versuchen.« Um durch dieses neue Mittel sein träges Gehirn anzustacheln, mußte er in ein benachbartes Gasthaus gehen, dessen Wirth ein Läufer war, der die Ehre gehabt hatte, ihn verschiedene Male zu öffentlichen athletischen Wettkämpfen einzuüben, »Ein Zimmer für mich und die schwersten Hanteln, die Sie haben!« rief ihm Geoffrey entgegen.

Er zog sich Rock und Weste aus und ging mit den schweren Gewichten in jeder Hand an die Arbeit, indem er sie auf- und niederwärts, vorwärts und rückwärts nach jeder erdenklichen Richtung hinschwang, bis seine prachtvollen Muskeln so gespannt waren, daß die geschmeidige Haut bersten zu wollen schien. Allmälig fingen seine Lebensgeister an, wieder wach zu werden. Die starken Körperübungen wirkten berauschend auf den starken Mann. Seiner Aufregung gab er durch die heillosesten Flüche Ausdruck, indem er in Erwiderung der ihm reichlich gespendeten Beifallsbezeugungen des Gymnastikers und seines Sohnes abwechselnd Donner und Blitz, Pulver und Blei rief. »Dinte, Feder und Papier her!« schrie er, als er endlich von der Körperübung erschöpft war, »ich habe mich entschlossen, ich will schreiben und die Sache los sein!«

Wie gesagt, so gethan, er ging an’s Werk und beendigte den Brief auf der Stelle; im nächsten Augenblick hätte der Brief sicher im Postkasten gelegen. Aber gerade in diesem Augenblick ergriff ihn wieder seine krankhafte Unentschlossenheit. Er öffnete den Brief wieder, las ihn nochmals und zerriß ihn dann wieder. »Nun weiß ich doch noch nicht, was ich will! rief Geoffrey indem er seine großen, wilden, blauen Augen auf den Professor der Gymnastik heftete. »Donner und Blitz, Pulver und Blei! Lassen Sie Crouch kommen.« Crouch war überall da, wo englische Mannhaftigkeit respectirt wurde, ein bekannter und hochgeschätzter, in’s Privatleben zurückgetretener Preisfechter. Er erschien jetzt mit dem dritten und letzten Geoffrey Delamayn bekannten Mittel, seinen Geist frei zu machen, nämlich mit zwei Paar Boxhandschuhen in einem Reisesack. Geoffrey und der Preisfechter zogen die Handschuhe an und stellten sich in der klassisch correcten Stellung erprobter Faustkämpfer einander gegenüber. »Aber keine Spielerei»brummte Geoffrey; schlagen Sie ordentlich, Sie Schuft!« Als ob es wieder um Preise ginge.«

Kein Mensch auf der Welt wußte besser was wirkliches Schlagen heißt, und welche furchtbare Schläge selbst mit anscheinend so harmlosen Waffen, wie es wattirte Handschuhe sind, ausgetheilt werden können, als der große, schreckliche Crouch. Er that aber auch nur, als ob er sich den Wünschen Geoffrey’s füge. Dieser belohnte ihn für seine Höflichkeit und Rücksichtsnahme damit, daß er ihn zu Boden schlug. Der große Schreckliche erhob sich wieder ohne eine Miene zu verziehen.

»Gut getroffen, gut getroffen! Mr. Delamayn!« sagte er, »versuchen Sie es jetzt mit der andern Faust.«

Geoffrey war nicht so kaltblütig geblieben, indem er Tod und Verderben auf die schon oft genug braun und blau geschlagenen Augen Crouch’s herniederrief, drohte er ihm für immer seine Gunst und Protection zu entziehen, wenn er nicht seine verfluchte Höflichkeit aufgebe und auf der Stelle gewaltig zuschlüge.

Der Held von hundert Faustkämpfen verzagte vor der ihm gestellten Aussicht. »Ich habe eine Familie zu ernähren!« bemerkte Crouch, wenn Sie es aber durchaus wünschen, da haben Sie’s!«

Geoffrey stürzte mit solcher Gewalt zu Boden, daß das ganze Haus davon erdröhnte; aber im Augenblick stand er wieder auf den Beinen und war auch jetzt noch nicht befriedigt. »Ach was mit Ihrem Umwerfen, schlagen Sie ordentlich auf den Kopf, Donner und Blitz, Pulver und Blei! Schlagen Sie mir die Geschichte heraus, zielen Sie nach dem Kopfe.

Der gehorsame Crouch zielte nach dem Kopfe. Die Beiden gaben und empfingen Schläge, die jedes civilisirte Mitglied der menschlichen Gesellschaft auf der Stelle bewußtlos gemacht, vielleicht getödtet haben würde. Der Handschuh des Preisfechters fiel jetzt wie ein Hammer abwechselnd aus die eine und dann auf die andere Seite des eisernen Schädels seines vornehmen Gegners, Schlag auf Schlag, gräßlich anzuhören, bis endlich Geoffrey selbst sich für befriedigt erklärte. »Ich danke Ihnen Crouch«, sagte er zum ersten Male in einem höflichen Tone. »Nun ist es gut! Jetzt fühle ich mich frisch und klar«, er schüttelte drei bis vier Mal den Kopf, trank ein mächtiges Glas Bier und fand seine gute Laune wie durch einen Zauber wieder.

»Wünschen Sie wieder Feder und Dinte?« fragte sein gymnastischer Wirth.

»Nein!« antwortete Geoffrey, »jetzt bin ich die Geschichte los, hole der Teufel Feder und Dinte. Ich will einige meiner Kameraden aufsuchen und mit ihnen in’s Theater gehen.« Er verließ das Wirthshaus in der glücklichsten und heitersten Stimmung. Durch die stimulirende Wirkung von Crouche’s Handschuhen begeistert, hatte er die lähmende Schläfrigkeit seines Hirns abgeworfen und fühlte sich wieder ganz im Besitz seiner natürlichen Schlauheit. »An Anne schreiben? welcher vernünftige Mensch würde das ohne die äußerste Noth thun. Wir wollen ruhig abwarten und sehen, was die nächsten achtundvierzig Stunden bringen, und dann schreiben oder sie im Stich lassen, je nachdem die Dinge sich gestalten werden.« Das war ja so klar wie der Tag für Jeden, der sehen konnte, und Dank dem großen Crouch konnte er jetzt sehen und so ging er fort in der richtigen Stimmung für ein munteres Diner und einen Abend im Theater mit seinen Universitätsfreunden.




Sechstes Kapitel.

Geoffrey als Heirathskandidat


Die achtundvierzig Stunden vergingen, ohne daß irgend eine persönliche Begegnung zwischen den beiden Brüdern stattgefunden hätte. Julius schickte von dem Hause seines Vaters aus kurze geschriebene Bülletins über den Zustand Lord Holchester’s an seinen Bruder in’s HoteL Das erste lautete: »Es geht fortwährend gut; die Aerzte sind zufrieden.« Das zweite lautete noch zuversichtlicher: Es geht vortrefflich, die Aerzte haben die besten Hoffnungen.« Das dritte war das Ausführlichste von allen: »Ich soll unseren Vater in einer Stunde sprechen, die Aerzte stehen für seine Wiederherstellung ein; verlaß Dich darauf, daß ich ein gutes Wort für Dich einlegen werde und wenn möglich, warte auf weitere Nachrichten Von mir im Hotel.« Geoffrey’s Züge verfinsterten sich bei Lesung des dritten Bulletins. Jetzt verlangte er nochmals das verhaßte Schreibmaterial; denn nun schien es ihm doch unerläßlich, sich mit Anne in Verbindung zu setzen. Lord Holchester’s Wiederherstellung brachte ihn wieder in dieselbe kritische Lage, in der er sich in Windygates befunden hatte; jetzt war es wieder die einzige gesunde Politik, die Geoffrey beobachten konnte, Anne abzuhalten einen verzweifelten Entschluß zu fassen, der ihn in einen öffentlichen Scandal verwickeln und, soweit seine Erbschaft in Betracht kam, ihn ruiniren würde. Sein Brief umfaßte Alles in Allem zwanzig Worte: »Liebe Anne! ich höre eben, daß mein Vater noch nicht in’s Gras beißen will, bleibe wo Du bist, ich schreibe wieder.« Nachdem Geoffrey diese lakonische Botschaft durch die Post expedirt hatte, zündete er sich seine Pfeife an und wartete das Resultat der Zusammenkunft Lord Holchesters mit seinem ältesten Sohne ab.

Julius fand seinen Vater schrecklich verändert, aber, obgleich so schwach, daß er nicht im Stande war den Händedruck seines Sohnes zu erwidern oder sich ohne Hilfe im Bett umzudrehen, war er doch im vollen Besitz seiner Geisteskräfte, hatte sich der alte Advokat die ganze Klarheit seines scharfen Auges und die ganze Frische seines energischen Geistes bewahrt. Das Ziel seines Ehrgeizes war, Julius im Parlament zu sehen. Gerade jetzt hatte sich Julius auf ausdrücklichen Wunsch seines Vaters in Perthshire als Wahlcandidat präsentirt. Noch ehe sein ältester Sohn zwei Minuten an seinem Bette geweilt hatte, ging Lord Holchester eifrig aus die politischen Angelegenheiten des Landes ein. »Ich danke Dir, lieber Julius, für Deine Glückwünsche; Leute meines Schlages sterben nicht so leicht, sieh nur Brougham und Lyndhurst. Du kannst ja noch nicht in’s Oberhaus kommen und würdest zunächst in’s Unterhaus gewählt werden, gerade wie ich es wünsche. Wie sind Deine Aussichten bei den Wählern, erzähle mir doch wie Du mit ihnen stehst und wo und wie ich Dir nützen kann!«

»Aber lieber Vater, Du bist doch wahrlich noch zu schwach, um jetzt von Geschäften zu reden!«

»Ich fühle mich stark genug; ich brauche etwas, was meine Gedanken angenehm beschäftigt, mein Geist fängt an sich in vergessene Zeiten zu versenken, in Dinge die besser vergessen bleiben.« Plötzlich verzog sich sein bleiches Gesicht krampfhaft, er sah seinen Sohn scharf an und that ihm ganz unerwartet die Frage: »Julius, hast Du je von einem jungen Mädchen mit Namen Anne Silvester gehört?«

Julius verneinte die Frage. Seine Beziehungen zu Lady Lundie beschränkten sich darauf, daß er und seine Frau ihre Karten bei derselben abgegeben hatten; eine Einladung Lady Lundie’s zu ihrem Gartenfeste hatten sie dankend abgelehnt. Mit Ausnahme von Blanche kannten sie in dem Familienkreise in Windygates Niemanden. —

»Notire Dir doch den Namen!« fuhr Lord Holchester fort. »Anne Silvester! Ihre Eltern sind beide todt; ich kannte ihren Vater. In früheren Zeiten wurde ihrer Mutter bös mitgespielt, es war eine häßliche Geschichte. Seit vielen Jahren habe ich zum ersten Male wieder an die Sache gedacht. Wenn das Mädchen noch lebt und in England ist, so erinnert sie sich vielleicht unseres Familiennamens. Sollte sie sich jemals um Unterstützung an Dich wenden, so stehe ihr mit Rath und That bei, Julius« – Wieder zuckte es krampfhaft in dem Gesicht des Alten. Hatten seine Erinnerungen ihn an jenen denkwürdigen Sommerabend nach Hampstead-Villa zurückgeführt, sah er wieder, wie die verlassene Frau zu seinen Füßen ohnmächtig niedersank? . . . . . »Aber ich wollte etwas von Deiner Wahl wissen«, fing er ungeduldig wieder an, »mein Geist ist nicht gewohnt, müßig zu sein, gieb ihm Beschäftigung.«

Julius machte über seine Chancen eine kurze und bündige Mittheilung. Der Vater fand gegen den Bericht nichts einzuwenden, als die Abwesenheit des Sohnes vom Wahlfelde; er schalt auf Lady Holchester, daß sie Julius nach London habe rufen lassen. Er war verdrießlich darüber, daß sein Sohn in einem Augenblicke an seinem Bette saß, wo er die Wähler hätte aranguiren sollen. »Das ist unpassend«, sagte er ungestüm, »siehst Du das nicht selbst ein?«

Julius, der mit seiner Mutter übereingekommen war, die erste sich darbietende Gelegenheit zu einer Erwähnung Geoffrey’s zu benutzen, beschloß eine Erklärung für seine Anwesenheit zu geben, auf die sein Vater durchaus nicht gefaßt war. Die Gelegenheit bot sich jetzt dar und er ergriff sie auf der Stelle. »Es ist nicht unpassend lieber Vater! Weder für mich noch für meinen Bruder Geoffrey. Geoffrey war auch um Deinetwillen besorgt und ist mit nach London gekommen.« – — Lord Holchester sah seinen ältesten Sohn mit einem höhnisch satyrischen Ausdruck der Ueberraschung an. »Habe ich Dir nicht schon gesagt«, erwiderte er, »daß mein Geist durch meine Krankheit nicht afficirt ist? Ist Geoffrey um mich besorgt? Besorgniß ist eine civilisirte Gemüthsbewegung, in dem Zustand der Wildheit, in dem er sich befindet, ist der Mensch dieser Empfindung ganz unfähig!«




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