Chloes Geschichte George Meredith George Meredith Chloe's Geschichte An Robert Musil Vor fast zwanzig Jahren habe ich die Übertragung dieses vollkommensten Beispieles einer modernen Novelle begonnen und liegen lassen, teils wohl der Schwierigkeiten wegen, denen ich damals nicht gewachsen war, teils aber auch wohl, weil es keine irgendwie adäquate Atmosphäre in dem deutschen Schrifttum gab, in welcher stehend eine Übertragung der Tale of Chloe des großen Meisters die paradigmatische Figur gemacht hätte, die zu sein sie beansprucht. Inzwischen sind die sich als geistige Atmosphäre wähnenden Schwaden zwar noch nicht verzogen, aber im Abziehen, und da und dort gibts eine reine Luft. In ihr stehen die Gebilde Ihrer Kunst, lieber und verehrter Freund. Und ich erinnerte mich lebhafter dieser großen Novelle des Engländers und übersetzte sie, mit besserem Auge, sicherer Hand, als beides ich vor zwanzig Jahren besaß, Ihnen zum Dank und zur Freude.     Ihr Franz Blei.     Mai 1922. Erstes Kapitel Die Ballade hat damals den Herzog von Ochsenschlepp besungen. Und ein zärtliches Interesse für den Adel wird immer voll Hochachtung jenem vornehmen Herrn mit dem Balladentitel eines Herzogs von Ochsenschlepp begegnen, der von Cupidos Pfeilen so in Brand geschossen war, daß er jenes Land- oder Milchmädchen heiratete. Und es war auch nicht der kleinsten Dienste einer, den ihm Herr Beamish, der Beau, damit erwies, daß er gleich am ersten Tage ihrer Ankunft auf den Wells Ihrer ländlichen Durchlaucht, der jungen Herzogin, den Spitznamen gab. Diese glückliche Inspiration eines nie versagenden und nie fehlgehenden Witzes bewahrte eines unserer fürstlichen Häuser vor den Angriffen des Pöbels, der ja immer nur allzu freudig bereit ist, ein glänzendes Wappen zu beschmutzen und zu verunstalten. So aber spricht die Ballade, der wir die Erzählung von der ersten Begegnung und Heirat des Herzoglichen Paares verdanken, von Ochsenschlepp durchaus wohlwollend »Der neunte Herzog von Ochsenschlepp bin ich, Susie, mein Lieb!« und ist darin nicht die Spur einer Absicht, sich lustig zu machen. Der Historiker in seinen malerischen Beschreibungen der Gesellschaft jener Zeit ist sehr amüsiert über die »Alliancen derer von Ochsenschlepp«. Er hat wohl die Ballade gelesen, aber die Memoiren des Beau Beamish ignoriert. Anspruchsvolle Schriftsteller scheinen eine Abneigung gegen Individuen von der Art des Herrn Beamish zu haben. Da schreiben sie über die Sitten und Bräuche von Wegelagerern, zitieren obskure Flugblätter und Gassenlieder, um ihrer Geschichte Farbe zu geben, lehnen es aber ab, mehr als eine flüchtige Bemerkung unsern privaten Königinnen zu gönnen. – vielleicht weil sie keinen vererblichen Titel haben. Die Ballade »Vom Herzog und dem Milchmädchen«, die nach einer bestreitbaren Quelle Herr Beamish selber in lustiger Laune verfaßt haben soll, war einst so populär, daß sie den Moralisten zu kritischem Tadel gegen eine Gattung von Gedicht provozierte, das »jede dralle Bauernmagd in Versuchung bringe, ein Auge in der Bausbacke zu verdrehen« in Erwartung einer Adelskrone für ihre Schmerzen und einer Schütte Stroh oder einem Straßengraben als Resultat. Wir möchten solche unheilvolle Wirkung unserer Ballade bezweifeln. Aber daß sie unserem den Adel liebenden Volke und eben der Beliebtheit unseres Adels beim Volke Schaden getan hat, ist sicher, und dies aus dem sonderbaren Grunde, daß sich der Held der Ballade so durchaus anständig benommen hat. Das reine Anbetungsverhältnis, das unserm Volke gegenüber dem Adel eignet, trübt sich merklich, wenn es ein Kind des Volkes sieht, ein junges Mädchen, das da plötzlich durch nichts weiter als hübsche Augen zu den gähnenden Höhen des Luxus und der Eleganz entrückt wird. Man bedenke, daß gemeiniglich die ganz gleichen Eigenschaften eines jungen Mädchens aus dem Volke zu ganz entgegengesetzten Folgen führen, und man wird verstehen, daß das andere dem instinktiven Respekt Schaden tut. Sonst ist die Ballade unschuldig, sicher unschuldig beabsichtigt. Ein frischeres Nationallied wurde nie aus einem hübschen Zwischenfall unseres Landlebens gewonnen. Die Gefühle sind natürlich, die Bilder passend und voll Erdgeruch und die Musik der Verse klingt an das trägste Ohr. Es riecht nicht nach Lampenruß, hat nichts Fremdes und Hergeholtes und ist was es sein will, das Lied eines heimatlichen Vogels. Ein paar Strophen sollen das zeigen, denn das Ganze ist viel zu lang, um gegeben zu werden. Süß Susie trippelt durchs mailiche Feld, Eine Lerche blank über sprießender Saat, Da erblickt sie am Haag, erstaunt und erschreckt. Einen Edelmann strahlend in goldenem Staat. Gold sind die Hosen und Gold ist sein Rock. Sein Hemd eine Note von fünfzig Pfund, Bestrahlt von Brillant und Saphir und Rubin, Und roter Rubin ist sein lachender Mund. »Hab Angst nicht, Schönste, und gib mir die Hand, Ich helfe dir springen über den Haag.« Sie knixte, und sprang an der Hand so gut. Daß der Pfeil nicht mehr aus dem Herzen mag. Er behielt ihre Hand in der seinen fest. Und wie sperrte sie groß ihre Augen auf. Als der Feinste von allen den adligen Herrn Hinkniete vor ihr — Mit einer Rhapsodie über ihre Schönheit informiert er sie nun über seinen Rang, als einem Vorspiel zu dem Vorschlag ehrenhafter und sofortiger Heirat. Er könne nicht warten. Dies sei die schicksalshafte Beschaffenheit seiner Liebe, anscheinend charakteristisch für verliebte Herzöge, wie wir solches wenigstens aus den sichtbaren Zeichen lesen, denn die Gedanken dieser erlauchten und so zurückgezogenen Personen sind noch nicht erforscht worden, ihr Geist ist allzuferne. Wie sie da auf ihren luftigen Höhen stehen sind sie so lesbar dem Haufen unten wie eine Linie Keilschrift in einem alten Schreibvorlagenbuch. Wir kennen sie an ihren Taten, wie die heidnischen Völker ihre Götter. Und es ist wiederholt berichtet, daß sie im Momente des Feuerfangens heiraten müssen, wenn auch den Finger der Dame passender und besser ein Ring vom Bettvorhang umschlösse. Vergebens sagt ihm blauäugige Susanne, wie es sich schickt für ein gewöhnliches Bauernmädchen, daß sie nur ein armes Stallmensch sei. Er jedoch hat das Frauenzimmer bei Hof studiert, in welchem Schmelzofen das Geschlecht bekanntlich eine äußerste Durchsichtigkeit bekommt, und er zählt ihr im einzelnen den Katalog materieller Vorteile auf, die er zu bieten habe. Endlich, nach seinen Versicherungen, daß sie vom Pfarrer getraut würde, wirklich vom Pfarrer und von einem wirklichen Pfarrer, da holt sich Schön Susie der Eltern Zustimmung, die erst lange nicht verstehen, und verläßt sie noch an selben Tages glücklichem Abend, um zu leuchten, eine Blume hängend vom Dorn … Abgesehen von ihrem historischen Wert könnte die Ballade Beispiel für die Dichter unserer Tage abgeben, die ins mythologische Griechenland oder ein phantastisches und morbides Mittelalter oder – Gott steh uns bei – zu abstrakten Ideen als Themen für ihre Gedichte flüchten, statt unser englisches Leben damit interessant zu machen, daß sie die Schätze beachten, die am Wege liegen. Ein lebendiger geborener Herzog ist den Engländern fünfzig Phoibos Apollos wert, und ein lustiges Bauernmädel, das von zwei Milcheimern zu Rang und Würden einer Herzogin emporsteigt, ist ein weit romantischerer Gegenstand als ganze Scharen von Isolden und Ginevren. Zweites Kapitel Einige Zeit nach der Hochzeit kam Seine Durchlaucht der Herzog nach den Wells und gab sich die Ehre, bei Herrn Beamish vorzusprechen, den er seit langem kannte, und teilte ihm den Grund seines Besuches mit. »Bester Herr und Freund,« sagte er, »zunächst möchte ich Euch bitten, die Strenge Eures Blickes zu mildern. Denn wenn ich mit meinem Hiersein auch Euer Verbot breche, so werde Ich mich ihm doch unterwerfen, wenn ich wieder abreise. Ich könnte ja wirklich den Verlust meiner Spielwut beklagen, von der Ihr mich tatsächlich kuriert habt. Ich war aber damals gegen eine mächtige Leidenschaft in Waffen, die für keinen Augenblick einem Manne gestattet, sein Gelöbnis wieder an sich zu nehmen.« »Die Krankheit, die im ganzen nur Krisis ist, ich verstehe,« bemerkte Herr Beamish. »Und die, erfaßt sie trocknes Holz, es bis auf den letzten Splitter verbrennt, ja. Es ist nun« – der Herzog tut einen zärtlichen Seufzer – »drei Jahre her, daß mich die Laune ankam, ein Kind zu heiraten, das mein Enkelkind sein könnte.« »Von Adam,« sagte Beamish lustig. »Gabs da kein legitimes Hindernis für die Verbindung?« »Leider nein. Aber Ihr dürft nicht glauben, daß ich es bedaure. Ein ganz wundervolles Geschöpf, lieber Beamish, ein wahrhaftes Himmelswesen! Und je besser ich sie kenne, um so mehr bete ich sie an. Und das ist das Unglück. In meinen Jahren, wenn die kleineren und größeren Organe sich verschwören, mir zu sagen, daß ich sterblich bin, muß die Leidenschaft der Liebe als eine Kalamität hingenommen werden, wenngleich man davon nicht frei sein möchte selbst um die Wiederkehr der Jugend. Ihr versteht: mit einem ganz leise wachsenden Geschmack am Vergnügen bleibt sie der unschuldvollste Engel. Bisher haben wir ein Leben geführt, das … Für sie war es eine neue Welt, die sich auftat. Aber sie fängt an, diese Welt eng zu finden. Ich bin ihr nicht mehr genug. Nein, nein, sie ist nicht etwa meiner Gesellschaft müde. Weit davon entfernt. Aber wie Dinge jetzt liegen, hat sie eine Neigung für solche Gesellschaften, wie Ihr sie hier zum Beispiel habt, – das faßt uns so wie etwa das Verlangen, spazieren zu gehen. Und die gesunde Lebensweise einer Herzogin kann sich an das Eingeschlossensein nicht gewöhnen. Und schließlich kommt dann eine Zeit, wo der Enthusiasmus, den ganzen Tag der Spielkamerad seiner Frau zu sein, um runde Tische zu haschen und hinter einem geknoteten Taschentuch durch Korridore zu fliegen, mächtig nachgelassen hat. Gleichwohl hat mich die Scheu vor einer Trennung von ihr all diese Zeit über ganz beträchtlich und über meinen Geschmack daran beschäftigt. Nicht als ob ich Müdigkeit verspürte. Aber ich habe, kommt mir vor, eine Neigung für das Nachdenkliche. Und habe gerade jetzt solche Lust am Lesen und zu meditieren, was ohne Ruhe nicht gut geht. Ich mache mirs also bequem. – bums bekomme ich einen Zwirnknäul ins Gesicht, und man erwartet, daß ich zurückwerfe. Ich bin höflich und werfe, und der Salon bietet den Anblick einer Kinderstube in Revolution. Aber ich ziehe das dem beklagenswerten Schauspiel einer gähnenden Frau vor.« »Erdbeben und Pulver behandeln uns weniger schrecklich als solcher Anblick,« bemerkte Herr Beamish. »Kurz, sie hat mir das Versprechen abgenommen, für diesen Sommer für einen Monat nach den Wells gehen zu dürfen, und ich fürchte, ich kann mein verpfändetes Wort nicht brechen … ich fürchte, ich kann nicht.« »Und ich würde es an Ihrer Stelle auch nicht brechen, Durchlaucht.« sagte Herr Beamish. Der Herzog tat einen Seufzer. »Es sind Gründe da, Familiengründe, derentwegen ich ihr hier meine Gesellschaft und meinen Schutz versagen muß. Ich habe keinen Wunsch … ich möchte nicht … meine Reputation, für den Augenblick… Es handelt sich darum, daß die Herzogin ihren Aplomb finde. Und man erreicht dieses Gleichgewicht nicht ohne zu zahlen. Ah, mein lieber Beamish, ein Bild gehört uns, wenn wir es gekauft und aufgehängt haben, aber wer sichert uns den Besitz eines schönen Werkes der Natur? Ich habe mich in letzter Zeit auf vieles und ernsthaftes Nachdenken verlegt, und bin versucht, es mit der Meinung gelesener Theologen zu halten: das Fleisch ist die Wohnung eines widerspenstigen Teufels.« »Den wir zu spüren bekommen, wenn wir von ihm befreit sind,« stimmte der Beau ein. »Aber diese Manie der jungen Leute für das Vergnügen, ewiges Vergnügen, das ist mir ein Wunder. Es macht sie nie übersättigt. Sie sind einfach nicht satt zu kriegen.« »Kommt vor, daß man am Rande eines Abgrundes hinrollt, aber man kann sich zuweilen halten. Wir sind unter Potentaten, Herzog. Solange Sie auf meinem Grund und Boden sind, natürlich. Auf meinem Weg zur Kirche kam ich einmal an einem Puritaner vorbei, der jammerte über einen Schmetterling, weil er zierlich seinen Weg flatterte in völliger Entheiligung des Ruhetages. Freund, sagte ich zu ihm, Ihr beweist mir nur, daß Ihr kein Schmetterling seid. Statt jeder Antwort gab mir der Sauersüße einen Blick geladen mit Anathemen.« »Lieber Cousin Beamish, meine betrübte Klage über diese jungen Leute ist, daß sie ihr Vergnügen verfehlen, indem sie ihm nachjagen. Ich habe meine Herzogin durch einen Vortrag belehrt …« »Oh!« »Absurd, ich geb es zu,« sagte der Herzog, »aber angenommen nun, Ihr hättet Euren Schmetterling gefangen und Ihr könnt ihn nun weder loslassen, noch zustimmen, allen seinen Flattereien zu folgen. Da säßet Ihr schön in der Verlegenheit.« »In diesem meinem armen Reiche, das ich beherrsche, habe ich Gelegenheit, so junge wie alte Leute zu beobachten. Ich finde, sie ähneln sich außerordentlich in ihrer Liebe für das Vergnügen und unterscheiden sich nur darin, daß die einen mehr, die andern weniger fähig sind, dieser Liebe zu genügen. Ich bin nicht der erste, der das beobachtet. Die Jungen haben Ecken und Schärfen, die abzustumpfen sind, die Alten das Gegenteil. Der Schrei der Jungen um Lust und Vergnügen ist eigentlich – ich habe ihre Sprache studiert – ein Schrei nach Lasten und Bürden, und die Alten stöhnen unter der Last auf ihren Schultern, was nicht erstaunlich ist. Und miteinander machen sie ein Konzert gar melodiös für die Ohren des Weisen und geeignet, die Schritte des Philosophen zu leiten, dessen Weisheit es ist, beider Wege zu meiden.« »Sehr gut. Aber ich habe Euch um einen praktischen Rat gefragt. Cousin, und Ihr gebt mir eine Abhandlung.« »Und solches, Herzog, weil Sie einen Fall vorbringen, der einen an das Hängen denken läßt. Sie bringen da zwei Dinge vor, die unmöglich unter eins zu bekommen sind. Es bleibt nur die Alternative: Strumpfband oder Bettpfosten. Wenn wir an einen Kreuzweg kommen und uns nicht entschließen können, nach rechts oder nach links zu gehen, weder vorwärts noch zurück, da zeigt die Hand des Wegweisers auf sich selber und sagt emphatisch: Galgen.« »Aber was tun, Beamish! Was tun? Schlage ich ihr die Reise ab, so sehe ich Auseinandersetzungen voraus und Tränen und Ballspielen und närrisches Zeug und hab keinen ruhigen Tag für mich. Ich verstehe vollständig Euren Puritaner, ja ganz vollständig versteh ich ihn. Gestatte ich die Reise, dann wird so ein unschuldiges Wesen, das sie ist, in der Atmosphäre dieses Badeortes sicherlich etwas verdorben werden. Ihr dürftet wissen, daß der gesellschaftliche Rang, aus dem ich sie hob … ihre soziale Stellung war bescheiden. Ich pflückte eine güldene Knospe auf dem Felde. Sie hat verschiedentliche Lehrer gehabt. Sie tanzt … tanzt hübsch, sie tanzt bezaubernd, möchte ich sagen. Und so ist sie nun dafür, ihre Kenntnisse an die Luft zu bringen. Frauen sind so.« »Haben Sie von Chloe sprechen hören?« fragte Herr Beamish. »Gibt das Beispiel einer jungen Dame, die von Wells nicht verdorben wurde, von welchem Orte ich nur bemerken möchte, daß es das beste ist, ihn nicht zu besuchen, besser aber, ihn zu versuchen, als sich nach ihm zu sehnen.« »Chloe? Eine Dame, die ihr Vermögen verschleuderte, um ein übles Subjekt wieder flottzumachen, ja, ich erinnere mich, von ihr gehört zu haben. Ist sie noch hier? Und ruiniert natürlich.« »Im Portemonnaie, ja.« »Und die Reputation ging mit dem Gelde.« »Chloes Beschützer gibt zu, daß sie allen Gefahren der Unklugheit ausgesetzt ist. Um so heller strahlt ihre angeborene Reinheit, ihre Herzensgüte, ihre Treue. Das ist eine Frau, deren große Seele in der Erniedrigung zu leuchten beginnt.« »Ich glaube wohl, daß sie ihre Schönheit bewahrt hat,« bemerkte der Herzog mit einem Lächeln. »Ja, bis auf die Rosen, die gingen, weil sie nicht ihres Herzens Geduld hatten. Nun blüht die Lilie. So soll Chloe der Herzogin Gesellschaft sein während ihres Aufenthaltes, und wenn nicht der Teufel selber dazwischen kommt, verbürge ich mich Ihrer Durchlaucht gegen jeden schlimmeren Schaden als Erfahrung. Und diese,« fügte der Beau hinzu, als der Herzog bei dem gefürchteten Wort Erfahrung die Arme in die Höhe hob. »und diese soll von der milden Art sein. Sie will natürlich spielen, das ist sicher. Setzen Euer Durchlaucht mit tausend Pfund eine Grenze. Wir entwerfen ihr eine Folge erlaubbarer Dummheiten, und sie spielt dann peu à peu die Tausend herunter, und ihr eheliches Gewissen wird sich so wohl befinden als nur möglich.« »Tausend Pfund,« sagte der Herzog, »das ist ja nicht viel. Mir fällt nun eine Beschreibung dieser schönen Chloe ein, die mir ein Enthusiast gab. Eine Brünette, nicht? Mit eleganten Manieren, aus guter Familie und reicher. Hat es aber mit alldem für besser gehalten. Ihren Namen zu verschweigen … und das wird unsere Schwierigkeit sein, mein lieber Cousin Beamish.« »Damals, als ich hier noch regierte, nannte sie sich Mademoiselle Martinsward.« sagte der Beau. »Sie kam her als ganz junges Mädchen, und mit einem Schlag waren ihre Kavaliere Legion. Wie Frauen sind, wählte sie den unwürdigsten unter ihnen, und diesem Sieur Caseldy opferte sie das Vermögen, das sie von einem Onkel mütterlicherseits geerbt hatte. Alle seine Schulden zahlte sie, um ihn aus dem Schuldgefängnis loszubekommen, ein ganzer Berg von Rechnungen mit dem Advokaten oben drauf, – Pelion auf Ossa, wenn ich unsere Dichter zitieren darf. Mit einer Seele, ganz aufgeweicht in generösen Gefühlen, hat sie tatsächlich die Ungerechtigkeit begangen, sich selbst auszuplündern unter Verachtung aller Anstandsgesetze des Eigentums. Das passierte, als sie majorenn wurde und machte allen Beziehungen zu ihrer Familie ein radikales Ende. Seitdem lebt sie hier in Wells, verarmt und respektiert selbst von den lüderlichsten Subjekten. Ich habe sie Chloe getauft, und jeder und jede, die ihr nicht höflich begegnet, packt seine Koffer. Ein Opfer ihrer Anwandlung zu sein, davor konnte ich sie nicht bewahren, aber gegen die Geschosse der Bosheit und Unart kann ich sie schützen.« »Sie hat keine Leidenschaft für das Spiel?« »Sie nährt eine Leidenschaft für den Mann, um den sie geblutet hat, und die schließt alles andre aus. Sie lebt, und ich möchte sagen, es ist ihr Motiv, jeden Tag aufzustehn und sich anzukleiden, in Erwartung, daß er kommt.« »Vielleicht ist er tot.« »Nein, das Vieh lebt. Und soll nicht aufgehört haben, der hübsche Caseldy zu sein. Unter uns, Herzog, da ist etwas, das ihr das Herz brechen könnte, dieser Frau. Er war der Graf Caseldy der kontinentalen Spieltische und ist seit kurzem Sir Martin Caseldy, im Vollbesitz des väterlichen Erbes an Geld und Gut, das sie ihm frei und intakt gemacht hat.« »Eine triste Personnage.« »Mit einem schwärzeren Mal jeden Morgen, an dem er über sein Besitztum schaut und sie dahinschwinden läßt. Sie bekommt noch Heiratsanträge, ich bin glücklich, das zur Ehrenrettung unseres Geschlechts sagen zu können. Die unvergleichliche Anziehung ihrer Person übt die natürliche Herrschaft der Schönheit aus. Aber sie schlägt alle aus. Ich nenne sie den schönen Selbstmord. Sie ist für Liebe gestorben und ist nur mehr ein Geist, ein guter Geist, ein lieblicher, aber doch nur ein Geist. Eine Kerze auf einem Altar.« Der Herzog zeigte sich hier beunruhigt. Ob Chloes Konversation nicht etwas melancholisch sei, fragte er. Und ob der Gegenstand Ihrer Unterhaltung nicht auf Liebe und Liebhaber beschränkt sei, glückliche oder unglückliche. Er wünschte, sagte er, seine Herzogin über lustigere Dinge unterhalten, und Liebe sei ein Thema, das er sich reservieren möchte. »Dieser Monat,« machte er mit Emphase und jammernd, als ob er ihn prophezeien sollte, »wäre nur dieser Monat schon vorbei und daß wir von ihm gerechtfertigt und geklärt wären!« Beau Beamish beruhigte Ihn. Der Witz und die Lebhaftigkeit Chloens wären so berühmt, daß mans schon wie ein Medikament ansehe. Sie sei gesucht für ihre Gesellschaft. Sie komponiere und sänge improvisierte Verse, und Harfe spiele sie und Harpsychord und die Guitarre auch, und tanze, tanze wie der silbrige Mond auf den Wassern des Mühlteiches. Und sagte zum Schluß noch, sie sei beides, menschlich und verständig, einfach und amüsant, tugendhaft, aber nicht säuerlich, mutig, doch kein Hitzkopf, mit einem Wort die beste Gesellschaft, die ideale für Ihre Durchlaucht, die junge Herzogin. Überdies nehme er sich die Freiheit, vorzuschlagen, daß die Herzogin während ihres Aufenthalts in den Wells ein Pseudonym nehme, einen andern Namen, der sie wie eine Maske verbergen solle. Man würde ihr selbstverständlich trotzdem alle Ehren erweisen. »Ihr kommt meinen Wünschen zuvor.« sagte der Herzog, »ja, alle Ehren und den vordersten Platz und mein Zorn auf jeden, der ihn ihr streitig machen sollte.« »Bitte, Herzog: mein Zorn,« sagte der Beau. »Vielmals um Entschuldigung, Cousin … natürlich, in keine sichereren Hände wüßte ich es zu legen als in Eure und bin Euch sehr verbunden, sehr. Chloe also. Übrigens, sie hat doch einen dezenten Respekt vor dem Alter?« »Sie ist respektvoll aus Instinkt.« »Ganz recht, aber nicht das. Ich wollte fragen, ob sie nicht so eine Schwätzerin ist, die von den Vorzügen und Annehmlichkeiten der Jugend schwärmt?« »Sie hat einen jungen Anbeter, den ich den Chevalier Alonzo benannte, sie bemerkt kaum seine Anwesenheit.« »Sehr gut, sehr gut das. Alonzo … hm. Ein treuer Schäfer?« »Das Leben ist der Baum, in dessen Rinde er unermüdlich die Initialen seiner Schönen schneidet.« »Sie soll nicht zu grausam sein. Ich erinnere mich meiner früheren Tage, ich war … Wenn junge Leute von einer Frau lange geringschätzig behandelt werden, so übertragen sie gerne ihre Affektionen und glühen stärker für ihre zweite Flamme als für ihre erste. Seid auf der Hut, Cousin. Er ist viel um sie, sagtet Ihr? Dies verliebte Geschmachte und Getue in der Nähe einer ganz unschuldigen Frau übt seinen Einfluß.« »Um so früher werden Ihre Durchlaucht den Weg zum heimatlichen Herd wieder nehmen.« »Oder weg davon, möge sie mir verzeihen. Ich komme mir vor wie einer von König Johanns Juden, der gezwungen wird, seinen Goldschatz ohne Sicherstellung auszuleihen. Was für eine Welt heutzutage! Nichts, Beamish, nicht das geringste Annehmliche besitzen wir, das nicht ein Gegenstand der Begierde wird! Gewinnt einen saftigen Einsatz und schon seid Ihr mit Euresgleichen auf dem Kriegsfuß und müßt von dem Moment ab Euch defendieren. Freudliches Besitzen, so was gibts auf dieser Welt nicht. Und erst gar, wenn es eine schöne, junge Frau ist, ah …« »Der Championringer fordert jeden Gegner heraus, der sich auf seinen Boden begibt,« meinte der Beau stärkend. Der Herzog stimmte gedrückt diesen kraftvollen Worten zu. »Gewiß, oder er wird herausgefordert, nicht? Gibt es nicht irgendeine Geschichte, die diesen Alonzo bei Chloe, der wir sie erzählen, unmöglich macht? Ihr könntet ihn eigentlich für den Monat wegschicken, mein lieber Beamish.« »Ich begehe keine Ungerechtigkeit ohne einen zureichenden Grund. Er ist ein schätzenswerter Junge, wie seine Ergebenheit gegenüber einer ganz einzigartigen Frau zeigt. Ihr seinen Namen und sein Vermögen zu schenken, sind alle seine Gedanken.« »Ich sehe, ich sehe, ein ganz vortrefflicher, junger Mann. Ich fange an, diesen Alonzo gern zu haben. Ihr dürft meiner Herzogin nicht erlauben, sich über ihn zu mokieren. Enkuragiert sie vielmehr, daß sie seine Absicht auf Chloe begünstige. Die Einfalt eines jungen Mannes sollte ihr kein übler Anblick sein. Also Chloe. Gut. Ihr habt mich völlig beruhigt in diesem Punkte, Beamish. Und es ist nur noch eine Verbindlichkeit zu dem Berge der andern. Ich spreche nur deshalb nicht von Bezahlung, weil ich weiß, daß Ihr nicht meinen Bankrott wollt.« Was der Herzog und Beau Beamish sonst sprachen, betraf das Datum von Ihrer Durchlaucht Ankunft in den Wells, wo sie wohnen sollte und andere kleine Arrangements für Dero Wohlbefinden, wobei der Herzog fortwährend bemerkte: »Aber ich überlasse alles völlig Euch,« nachdem er darin ganz genaue Instruktionen gegeben hatte, die sich bis auf die Kaufläden und den Apotheker, den Modenhändler und den Juwelier erstreckten, bei denen sie ihre Einkäufe machen sollte. Er erinnerte sich aus seinen frühern Tagen in den Wells, daß sich da mancher Baron seiner Bekanntschaft für einen Tag in einen Kaufmann verwandelt und auf diese Weise eine Dame, schön wie Venus und eifersüchtig überwacht, gewonnen hatte. »Ich hätte ja mit der Göttin abgeräumt, wenn sie meine Frau gewesen wäre,« schrie er und fiel so von der Höhe seines Enthusiasmus herunter, wie jene windgeblähten Schweinchen Ihren allzu kurzen Ton mit einem Klagegekrächz schließen. »Aber ich verlasse mich da ganz auf Euch, Beamish.« Allso wie ein großer Feldherr, der alles zum Siege getan hat, was peinlichste Voraussicht ihm eingibt, sich der göttlichen Providenz ganz anheimstellt, in der Hoffnung, sich das unentzifferbare und geheimnisvolle »vielleicht« günstig zu stimmen. Drittes Kapitel Eine glänzende Karosse mit sechs Pferden und Livree in Scharlach und Grün fuhr an einem sonnigen Tag Herrn Beamish fünf Meilen die Chaussee lang, da er die junge Herzogin an der Grenze seines Reiches treffen und feierlich nach den Wells bringen sollte. Chloe saß neben ihm und empfing Ratschläge hinsichtlich ihrer bevorstehenden Pflichten. Er war an diesem Tage der vollendete Beau, leutselig, aber königlich, und seine Art zu sprechen war majestätisch wie seine Haltung. »Spähen Sie den Horizont ab und setzen Sie mich in Kenntnis, falls Sie irgendwo einen Wagen wahrnehmen,« sagte er, als sie auf die Höhe eines langhin abfallenden Hügels gekommen waren, wo die staubige Landstraße mit den braunen Hecken zur Seite sich in Kornäcker senkte, in Kleefeldern verschwand, um in der Entfernung einer Meile etwa wieder ansteigend sichtbar zu werden. Chloe schaute aus, während der Beau, sich abzukühlen, den Hut lüftete, und mit einem Blick auf das schwüle Land, über dem die Sonne kochte, bemerkte: »Die Augen schwitzen einem.« Da sagte Chloe: »Ein Wölkchen Staub. Es kommt dort was … Jetzt erkenn ich Pferde – ein Fuhrwerk – eine Kutsche.« Man hieß die Spitzenreiter die Hörner blasen. Aber beide, Chloe und der Beau, schnitten ein Gesicht bei dem höchst ordnungslosen Getön der dreifachen Hörner, deren Geschmetter Säure in die Luft spritzte statt Süßigkeit. »Man möchte sagen Hofhunde, die den Mond anbellen,« erklärte der Beau, sich windend. »Und da habe ich, wie Sie wissen, selber die Kerle einexerziert! Vier Stunden hatte ich sie auf einer Wiese draußen, hab sie gebraten und eingeweicht in Sonne und Regen, damit sie ihre angeborene Kakophonie los werden. Aber sie lieben sie, wie sie Schinken mit Bohnen lieben. Der musikalische Stand des Volkes bei uns ist noch in der Phase des primitiven Appetites für Lärm, und davon kann es auch nie genug bekommen.« »Vielleicht klingt es von fern ganz angenehm,« meinte Chloe. »Nja, und ist entfernter desto angenehmer. Kommt man näher?« »Man hält. Am linken Wagenfenster ist ein Reiter. Nun zieht er den Hut.« »Mit großer grüßender Geste?« Chloe beschrieb den Halbkreis eines großen Grußes in der Luft. Der Beau zog die Augenbrauen in die Höhe. »Himmlische Mächte! Kaum ist sie von einer Hand der andern übergeben, kommt mittenwegs ein Kavalier dazwischen. Wir haben nicht auf die Habichte gerechnet. Also wir habens mit einem Kavalier zu tun! Dies bedeutet, meine liebe Chloe, daß ich sofort die Leidenschaft des Nebenbuhlers affektieren muß, wenn ich mit dem Menschen fertig werden will. Nichts weniger.« »Er ist im Galopp fortgeritten,« sagte Chloe. »Wem sie nach mir begegnet, das geht mich nichts an,« erklärte der Beau mit einer verachtenden Geste. »Aber es hat ein Intervall gegeben, das gefährlich war für eine unschuldige Dame wie Eva. Kommt sie näher?« »Die Kalesche kommt den Hügel im Trab herunter. Der Reiter ist den Weg zurückgeritten. Sie hat keine Diener zu Pferd bei sich.« »Die sind auf meinen Befehl zehn Meilen von hier fortgeschickt worden: zum großen Vorteil für die Herren Ritter möchte es scheinen. Frauen gegenüber, Chloe, ist das Blinken des Augenlids eine Versäumnis gegen die Wachsamkeit.« »Ein Axiom, das man im Harem des Großtürken aufschreiben sollte.« »Der Großtürke könnte uns nützliche Unterweisungen geben für unsern Handel mit dem Frauenzimmer.« »Mißtraut uns, und der Krieg ist erklärt.« »Euch trauen, und der Stöpsel ist dem Riechfläschchen verlorengegangen.« »Wir sind Frauen, Herr Beamish, aber wir haben Seelen.« »Ein schöner Schutz! Der Butz im Apfel, schützt er seine roten Backen davor, daß der von ihnen verlockte kleine Tommy den Garten plündert?« »Sie gehen davon aus, daß die Männer unsere Feinde sind.« »Ich behaupte nur, daß sie es sind, die das Banner der Tugend schwingen.« »Oh, Beamish, ich gebe mich auf!« »Ich verbiete Ihnen das für meine Lebenszeit, Chloe, denn ich wünsche im Glauben an eine Frau zu sterben.« »Bitte keine Schmeichelei für mich auf Kosten meiner Schwestern.« »Dann gehen Sie in ein Kloster, Chloe. Denn jede Schmeichelei ist auf jemandes Kosten, Kind. Die Schmeichelei ist eine Essenz, ein Extrakt der Menschlichkeit. Nach ihr zu leben, wie es manche Leute tun, ist schlecht, ja, es ist geradezu kannibalisch, aber es ist gestattet, unser Taschentuch mit ihr zu besprengen und wir sollen, wenn wir Lust haben, unsern Nasen mit einem Geruche wohltun. Gesellschaft, Chloe, das ist Wildheit auf einer höhern Stufe, und wir müssen unsere Opfer haben. Was sagen Sie zum Beispiel von mir neben unsern gestiefelten und gespornten Bauerntölpeln, die da reiten und tuten?« »Hundert davon sind Sie wert, Beamish.« »Das nenn ich ein Holokaust von Ehrenmännern, kondensiert um des Extraktes meines Leibes willen, und dazu haben Sie die Halunken nicht einmal zwischen die gigantischen Urweltsknochen gepreßt nach druidischem Brauche. Seien Sie philosophisch und nehmen Sie Ihr Ihnen Zukommendes hin. Und lassen Sie uns das unsere. Ich bin fest entschlossen, diese junge Herzogin zu bewahren, und ich weiß voraus, mein Unterfangen ist schwierig. Ich trage die erwähnte Standarte, das versichere ich Ihnen, und in aller Demut. Es ist ein Irrtum des Pöbels, daß alles Drache sei in den Kinnbacken des Drachen.« »Die Männer sind seine Klauen und seine Fangzähne.« »Gewiß, aber die Leidenschaft für seinen brennenden Atem ist bei der Frau. Sie nimmt sich ihren Elan und springt. So ist es, war es und wird es immer sein. Und in dem Augenblick, wo sie versucht und verängstigt vorgeht und zurückweicht gleichzeitig, da sperrt der Drache sein Maul auf und zieht die Luft ein: die Sonne ist verschlungen. Unsere Rolle ist, zu verhindern, daß es bei der Herzogin Goldknospe zu dem kritischen Augenblick komme. Kommt sie übrigens?« »Ich seh sie,« sagte Chloe. Beau Beamish verlangte eine Beschreibung und Chloe begann: »Sie ist bezaubernd.« Er gab diesen Kommentar: »Jede Frau ist bezaubernd in vierzig Schritten Entfernung, bezaubernder noch, wenn in der Phantasie gesehen.« »Schönes Haar, Kastanienfarbe, herrlichen Teint, weiß und rosa, ein blauer Hut.« »Die Augen?« »Von zartem Blau.« »Die richtige englische Hexe!« rief der Beau und der abwesende Herr und Meister dieser Hexe flößte ihm einen mitleidvollen Gedanken ein. Chloes Sehkräfte waren nicht länger mehr in Anspruch genommen, in der schönen Herzogin Linienspiel einzudringen, denn schon lagen die Seiten der beiden Wagen nebeneinander. Der des Beau war offen. Beamish erhob sich, und seine besonderen Rechte nützend fixierte er die Herzogin Susanne, bis sie errötete. Da sagte er: »Ah, Madame, ich bin nicht der erste.« »Aber wer sind Sie denn, mein Herr?« Der Beau zog langsam den Hut und verbeugte sich. »Der, Madame, von dessen Annäherung Sie jener Herr informierte, der da drüben auf der Höhe sich von Ihnen verabschiedete.« Sie blickte ganz arglos über ihre Schulter und auf den Beau, der aus seinem Wagen gestiegen war. »Ein Herr?« »Zu Pferde.« Die Herzogin fuhr mit dem Kopf zum Wagenfenster heraus: sie mußte die Entfernung zwischen den beiden Anhöhen messen. »Niemals!« rief sie. »Wie, Madame? Brachte er keine Botschaft, die mich ankündigte?« log der Beau. »Himmlische Güte! Da müssen Sie Sir Beamish sein.« rief sie. Indem er seinen Hut an sein Herz drückte, lud er sie ein, ihren Wagen zu verlassen und in dem seinen Platz zu nehmen. Sie stellte eine Bedingung: »Nur wenn Sie mich überzeugen, daß Sie Herr Beamish sind.« Er zog die Stirne in Falten und warf den Kopf zurück, um sie zu überzeugen, aber sie ließ sich davon nicht beeindrucken. Da rief er Chloe, daß sie seine Identität feststelle. Wie die Herzogin den Namen Chloe hörte, rief sie: »Ja, jetzt glaub ichs. Chloe ist hier meine Jungfer, und ich weiß, sie ist eine Dame, richtige Dame … wir werden Freundinnen werden. Lassen Sie mich zu Chloe. Also Sie sind Chloe?« sagte sie und machte einen beherzten Schritt vom Trittbrett ihres Wagens auf das des andern. »Und machen sich nichts daraus, meine Jungfer zu sein? Sie sehen gut und lieb aus. Und ich sehe, Sie sind eine Wohlgeborene, Ich sehe so was immer sofort. Sie sind schwarz, ich blond, wir werden uns gut verstehen. Und sagen Sie mir … Gott, was für schreckliche Augen der hat und weit damit schaut! Ich muß Sie gleich fragen, was Sie von mir denken. Ich war nie zuvor auf den Wells. Herrgott! Die Kalesche ist weg! Sie müssen mir sagen, an welcher Wegstelle man die Glocken hört, die mich einläuten. Ich weiß, daß ich Glockengeläute bekomme. Herr Beamish, Herr Beamish, ich muß meinen Plausch mit einer Frau haben, und Sie machen mir angst, Sie erschrecken mich mit Ihren Augen. Ich brauche im Palais meines Herzogs nur den kleinen Finger zu heben, um Männer zu sehen, dutzendweise. Es ist ja wahr, es sind lauter alte Männer. Aber eine Frau, die eine Dame ist und so liebenswürdig, meine Jungfer zu sein, das begegnet mir zum erstenmal, seit ich eine Krone trage. Ich will also Chloe bei der Hand halten. Da! Und Sie müssen mir immer gleich sagen, Chloe, wenn ich nicht nach Ihrem Geschmack angezogen bin, nicht wahr? Und was mein vieles Reden betrifft, bei mir ist das ein Beweis, daß ich die Leute gern hab. Ich weiß oft nicht, was reden mit meinem Herzog. Ich denk oft nach und finde es so komisch, einen Herzog statt einen Gatten zu haben. Na, jetzt staunen Sie!« Und die Herzogin lachte, als sie Chloe lachen sah. Die sich dafür entschuldigte, aber von ihrer Herrin die Belehrung bekam, das sei es gerade, was sie liebe. »In den ersten zwei Jahren konnte ich kaum ein Wort reden. Ich stotterte, wurde rot, blieb auf meinem Zimmer, kämmte und bürstete mein Haar und war immer daran, vor jedem einen tiefen Knix zu machen. Jetzt fühl ich mich ja schon ganz sicher, denn ich habe mächtig Courage – außer vor dem Tod. Ich komme schlechter mit dem Gedanken des Sterbens aus als damals, wo ich noch ein armes Mädchen war, mit dem Herrjeses einer dummen Trine in den runden Augen und einem Mund grad nur gut zum Vollstopfen. Ich möchte wissen, warum das so ist. Ist das Sterben nicht eine schreckliche Sache? Und die Skelette!« Die Herzogin schüttelte es. »Das kommt auf das Skelett an,« meinte Beau Beamish. »Dem Ihren, Madame, möchte ich nicht begegnen, denn es würde mich zu klagevollem Bedauern über den Verlust des Fleisches veranlassen … Aber ich bin einmal meinem eigenen Skelett begegnet und kann sagen, ich bin ganz zufrieden mit der Entrevue.« »Ihrem eigenen Skelett?« fragte zweifelnd die Herzogin und wurde blaß. »Dem meinen, ganz unirrtümlich. Und ich will Sie zu Zeugen aufrufen, indem ich es beschreibe.« Die Herzogin machte große Augen und rief erst: .Nein, nein!« Aber sagte dann: »Es ist ja heller Tag und ich hab jemanden bei mir schlafen, wenns Nacht wird,« und sie lächelte zu Chloe. Diese gab die Versicherung, daß zu Angst gar kein Anlaß sei. »Ich begegnete dem Herrn, als ich mich in mein Schlafgemach begab. Durch einen engen Korridor, wo einer dem andern ausweichen mußte. Ich muß bekennen, nur die Knochen in Betracht gezogen, ähnelten wir uns auf so erstaunliche Weise, daß ich ihn bat mich vorbeizulassen. Denn dieses Individuum war durchaus ein Hindernis auf meinem Weg, und war mir beim ersten Anblick widerwärtig. Ich hielt es für das Skelett irgendeines, für das übliche Emblem des Todes mit Schädelgrimasse, zählbaren Rippen und den fächerartig verbreiteten Fußzehen, kurz für den wenig erfreulichen und anmutigen Polischinell, über den der Mensch gebaut ist, und den er heimsucht in den schwachen Stunden. Offen gesagt, kam ich von einem Souper, dem ein Ball gefolgt war mit schönen Frauen und witzigen Herrn. Hatte also ein gutes Rezept, Geister zu beschwören. Nun, mein Junge, sieh zu, daß du weiterkommst, und ohne zu grüßen ging ich weiter. Ich gebe Ihnen mein Wort, Madame, er betrug sich genau so, wie ich mich unter gleichen Umständen betragen hätte. Er weicht mit eingezogenen Gliedern einen Schritt zurück, verbeugt sich und beehrt mich mit einem Gruße, der bedeutete Gehorsamer Diener! Was auch gleichzeitig würdiges Selbstgefühl ausdrückte. Ich gehe weiter, er macht wieder einen Schritt zurück, grüßt wieder, und das alles auf die natürlichste und vornehmste Weise, gar nicht leichenbitterhaft. Das sind, dachte ich, in der Tat gar königliche Manieren. Ich war geneigt, ihn für den Monarchen der Unterwelt zu nehmen, ohne seinen Mantel. Ich gestehe, ich wurde vor Verlegenheit rot.« »Und das ist alles?« fragte die Herzogin und tat einen erleichterten Seufzer. »Aber merken Sie nicht, Madame, daß bloß mein eigenes Skelett sich so vornehm und mit solcher Grazie gegenüber der Insulte seines allernächsten Verwandten benehmen konnte? Als es mir vorausgehend die Türe öffnete, was ich diesmal durchaus billigte, da erkannte ich es, und ich verstand den Vorwurf, den es mir mit seiner Absicht machte. Vielleicht hätte ich mich mit dem Souper, den Weinen und dem Ball entschuldigen sollen. Ich muß gestehen, daß dieses letzte sichtbare Zeugnis einer feinen Erziehung, dieses Türöffnen und Vorangehen, für mich die schönste Eloge war, die je ein Mann bekommen hat. Es war mir die Sicherheit, daß ich einst, wenn dieses sterbliche Fleisch von mir gegangen, nicht weniger bemerklich sein würde durch meine Urbanität und meine Eleganz; und ich werde es in der Ewigkeit noch weit mehr sein als hier unten, da ich dort nicht solche Ekarts begehen werde, deren ich mich schuldig machte, als ich noch ein Weinschlauch war.« Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/pages/biblio_book/?art=48633316) на ЛитРес. 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