Bis an die Grenze
Grazia Deledda




Grazia Deledda

Bis an die Grenze





Erster Teil





I


Im Juli des Jahres 1890 beendete Gavina Sulis ihre Schulstudien.

Ihr Vater, ein ehemaliger Wegebauunternehmer und ein recht verständiger Mann, hatte sie die vierte Elementarklasse wiederholen lassen, weil es in der kleinen Stadt keine höhere Mädchenschule gab.

Als sie nach der Prüfung nach Hause ging, überlegte sie bei sich, daß die Tage der Freiheit und Muße nun für sie zu Ende seien. Sie war beinahe vierzehn Jahre alt, hielt sich schon für erwachsen und gedachte der Worte ihres Beichtvaters:

»Der Herr hat gesagt, die Frau soll das Haus hüten und Müßiggang und schlechte Gesellschaft meiden.«

Nun, was die Gesellschaft betraf: Gavina mied nicht nur schlechten, sondern auch guten Umgang; sie ahmte darin ihrem Beichtiger nach, der immer allein, mit gesenktem Blick, dicht an den Mauern entlang einherging.

Es war nahezu Mittag. Als Gavina das Ende der Straße erreicht hatte, wendete sie sich einen Augenblick zurück und blickte auf das alte Kloster, in dem die Schulen waren, und auf das melancholische, mit Oleastern und wilden Birnbäumen bestandene Tal, das sie so manchesmal von dem vergitterten Fenster ihrer Klasse aus betrachtet hatte.

Addio! Vielleicht würden Jahre vergehen, bevor sie das Tal, die einsame Straße, die schwarzgraue Fassade der Schule wiedersah.

Ihr Haus lag am anderen Ende des Städtchens, fast unterhalb des Berges, am Rande eines andern, nicht minder wilden, doch hin und wieder vom Grün und Grau der Reben und Ölbäume belebten Tales. Um nach Hause zu gelangen, mußte sie die ganze kleine Stadt durchschreiten, den Corso oder die Sträßchen hinter dem Corso.

Sie lenkte in diese ein. Es war ihr unangenehm, über den Corso zu gehen; sie verspürte Furcht oder Scham, von den Studenten gesehen zu werden, von den Städtern oder, schlimmer noch, von den Offizieren, die sich vor dem Café zur Post oder auf dem Marktplatz aufzuhalten pflegten. Diese Leute stellten für sie die Welt dar, das Leben, die Sünde. Begegnete sie ihnen, so pochte ihr das Herz; sie glaubte allein schon dadurch zu sündigen, daß das Leben mit seinem heißen Hauch an ihr vorüberstrich im bescheidenen Gewand eines Studentleins oder eines Beamten der Unterpräfektur. Auch in dieser Hinsicht gedachte sie der Worte ihres Beichtvaters: »Der Herr hat geboten, die Gelegenheit zu meiden.« Und darum ging sie durch die schlechtgepflasterten Gassen, in denen sie nur einer Bäuerin in ihrer rot und schwarzen Landestracht begegnete, oder vielleicht einem berittenen Hirten, oder einem Landmann, der mit seinem Wagen voll Korn oder Stroh vom Felde heimkehrte. Die heiße Luft dort roch nach Stoppeln, und im Hintergrund der Gassen, zwischen den steinernen Häuschen hindurch, hoben sich die in blauen Duft gehüllten Berge von einem metallisch glühenden Himmel ab.

Auch die Mauern, an denen Gavina entlang ging, glühten. Sie hatte weder Schirm noch Hut. Ein Tuch aus dunkler Seide, mit einer gewissen Koketterie über dem linken Ohr geknüpft, schlang sich um ihren Kopf und hob die grünliche Blässe des Gesichts mit dem harten Profil noch mehr hervor. Dieses dunkle, traurige Gesicht hatte einen fast asketischen Ausdruck; aber wenn unter den dichten Brauen die breiten bläulichen Lider sich langsam hoben, dann leuchtete aus den großen blauen Augen ein Strahl von Leidenschaft und Lebensfreude. Diese zwei Augen voller Licht gemahnten an zwei Stückchen blauen Himmels an wolkigem Tage.

Im übrigen lag in ihrem ganzen Wesen etwas Bäuerisches und Aristokratisches zugleich: ihre Kleidung – die Bluse aus dunkelblauem Kattun, der weite und lange Rock, die Schnürschuhe – war eher die eines Landmädchens als einer Städterin; aber die Hände und Füße waren klein, und ihre Haltung, namentlich der hocherhobene Kopf, die feste, klare Stirn unter dem zurückgestrichenen tiefschwarzen Haar, verrieten Willenskraft und Stolz.

Am Ende einer der ansteigenden Straßen angelangt, verneigte sie sich leicht und bekreuzte sich.

Auf einer Anhöhe zur Seite zeigten sich die grauen Türme der Kathedrale. Der kürzeste Heimweg für Gavina wäre die an der Kirche vorbeiführende ziemlich breite Straße gewesen; sie zog aber vor, eine Seitengasse einzuschlagen, dann eine Strecke auf der zwischen dem Tal und dem Berge hinführenden Landstraße und schließlich einen engen Steig hinaufzugehen zwischen Hütten, die wie Steinhaufen aussahen.

Die ungepflasterte Straße, in die jener Steig mündete, gehörte fast ausschließlich der Familie Sulis. Zu beiden Seiten erhoben sich die Häuser und Hofmauern dieser erwerbfleißigen und vom Glück begünstigten Leute. Auch die Frauen der Familie taten sich durch Rührigkeit hervor. Zia Itria, eine kinderlose Witwe, handelte mit Gerste und Weizen: ihr graues Haus am Anfang der Straße bezeichnete die Grenze zwischen dieser und der nur von Hirten und armen Landleuten bewohnten steilen Gasse. Eine andere Tante Gavinas besaß zwei Häuser, ein himmelblaues und ein rosenfarbenes, am Ende der Straße, neben dem Kirchlein San Gavino. Ein Kanonikus Sulis wohnte ein wenig näher; sein höchst bescheidenes Häuschen indes glich durchaus den elenden Wohnungen der armen Bauern.

Als Gavina an Zia Itrias Haus vorüberkam, schaute sie durch die weit geöffnete Haustür und grüßte mit der Hand. Im Hintergrund eines mit gefüllten Säcken vollgestopften Ganges sah man einen Hof, so eng wie ein Brunnen: eine kleine, dicke Frau mit rundem Gesicht und platter, pockennarbiger Nase saß in dem Höfchen an einem Tisch ohne Tischtuch und verzehrte in Gemütsruhe ihr Mittagbrot.

Gavina ging weiter, hielt vor ihrem hohen, gelben, neuen Hause an und klopfte laut mit der eisernen Hand, die als Klopfer an der von einem halbrunden Fenster überragten Tür aus dunklem Holz angebracht war.

Eine alte Magd in Landestracht öffnete. Ihrem noch heute vollen, rosigen und angenehmen, obwohl bereits welkenden Gesicht und einem von Runzeln umgebenen wunderschönen braunen Augenpaar nach mußte sie in ihrer Jugend sehr schön gewesen sein. Sie lächelte Gavina zu und fragte alsbald mit lebhaftem Interesse:

»Hast du alles gut gekonnt?«

»Freilich!« erwiderte das junge Mädchen gleichgültigen Tones und ging in das Zimmer zur Linken des kühlen, stillen Hausflurs.

Ihre Eltern saßen schon bei Tisch und beachteten ihr Eintreten kaum. Sie hing ihre Schultasche an einen Nagel und nahm dann ihren Platz neben dem leeren ihres Bruders Luca ein.

Der ehemalige Wegebauer und seine Frau sprachen gerade über ihren Erstgeborenen und klagten, daß er die vergangene Nacht nicht nach Hause gekommen sei. Die Mutter suchte ihn natürlich zu entschuldigen.

»Du willst ja nicht, daß er den Schlüssel mitnimmt. Da ist es ihm wohl gestern abend ein wenig spät geworden, und er hat nicht gewagt zu klopfen. Wir wollen hoffen, daß es nicht wieder vorkommt.«

»O, wenn er so weitermacht, werde ich ernste Maßregeln ergreifen,« erwiderte Signor Sulis mit ruhigem, aber bestimmtem Ton. »Ich habe keine Sünden abzubüßen, daß ich mich ruhig darein ergeben müßte, einen Nichtstuer, Trunkenbold und verkommenen Menschen zum Sohn zu haben! Studieren wollte er nicht; er wollte den Landwirt, den Gutsbesitzer, den Geistlichen spielen, und statt dessen spielt er den Bruder Liederlich. Das wird ein schlechtes Ende nehmen!«

Da erhob die Mutter ihr trauriges und strenges Gesicht, das dem Gavinas glich, runzelte die dichten, schwarzen Brauen und entgegnete sehr bestimmt:

»Warum soll das ein schlechtes Ende nehmen? Er ist jung und wird zur Einsicht kommen. Er ist nicht schlecht: er ist fromm, gottesfürchtig, kein Dieb und kein Mädchenjäger. Warum soll das ein schlechtes Ende nehmen?«

»Besser ein Dieb als ein Trunkenbold . . . besser . . .« sagte der Alte; doch aus Rücksicht für Gavina vollendete er den Satz nicht. Übrigens war er auch gar nicht ernstlich böse: sein rundes, gutmütiges, altes Gesicht – er war fast zwanzig Jahre älter als seine Frau —, seine grauen Äuglein, die so harmlos blickten wie die eines Wickelkinds, bewahrten ihren gewohnten Ausdruck naiver Gutherzigkeit. Er erhob seine Stimme nur, als Paska, die Magd, die soeben auf zinnerner Schüssel das gekochte Hammelfleisch auftrug, sich gleichfalls erlaubte, Luca zu verteidigen.

»Mit der Jugend muß man Nachsicht haben, Herr! Wer ist nicht jung gewesen? Luca tut niemand etwas zu leid.«

»Er tut sich selbst etwas zu leid! Und bekümmere du dich um deine Sachen!« rief Herr Sulis aus.

Die Frauen schwiegen, doch Paska wischte sich die Augen, und Signora Zoseppa tat ruhig eine tüchtige Portion für Luca beiseite.

Gavina aß und schwieg. Sie war an diese kleinen Streitereien ihrer Eltern gewöhnt; in ihrem Herzen aber stimmte sie dem Vater bei, obwohl sie nicht wagte, der Mutter, vor der sie äußersten Respekt empfand, zu widersprechen. Sie liebte Luca nicht. Sie waren aufgezogen worden, als wären sie einander fremd. Der damals ganz von seinen Geschäften in Anspruch genommene Vater hatte sich nicht um sie gekümmert. Und die Mutter hatte sie erzogen, wie sie selbst erzogen worden war: sie zur Kirche geführt, zu Hause einander ferngehalten und sie gelehrt, daß der heilige Ludwig nicht gewagt, seine Mutter anzusehen, weil sie eine Frau war! Das Verhältnis zwischen Bruder und Schwester war wenig herzlich. Mehr als einmal hatte Luca Gavina geschlagen, sie ihn mehr als einmal gekratzt. Jetzt zankten sie sich nicht mehr, aber wenn Gavina an Luca dachte, empfand sie ein gewisses Unbehagen, eine Art Beklommenheit.

Während des Schweigens, das auf die letzten Worte ihres Vaters folgte, wiederholte sie für sich die traurige Prophezeiung: Es wird ein schlechtes Ende nehmen mit ihm . . . Doch alsbald ward sie abgelenkt dadurch, daß ihre Eltern über etwas sprachen, das sie im besondern anging: Sollte Gavina jetzt, da sie die Schule hinter sich hatte, das ländliche Kostüm tragen wie ihre Mutter und ihre Tanten, oder nicht? Die Mutter war für die übliche Tracht – der Vater nicht. Er kleidete sich als Städter und wollte, auch Gavina solle ihre jetzige Kleidung, die zwischen der einer Bäuerin und einer Dame die Mitte hielt, beibehalten; das schicke sich für ein junges Mädchen ihres Standes und koste wenig.

Es gelang ihm, seine Frau zu überzeugen. Gavina wurde nicht gefragt. Weder an dieser noch an andern Fragen sollte sie Anteil haben – doch sie lehnte sich nie gegen die Bestimmungen ihres Vaters auf, denn sie hatte volles Vertrauen zu ihm. Nie wagte sie, der Mutter in die strengen Augen zu schauen; den kindlichen Blick des Vaters aber erwiderte sie lächelnd.

Sobald die Eltern sich in ihr im ersten Stockwerk befindliches Schlafzimmer zurückgezogen hatten, ging auch Gavina hinauf, sich auszukleiden. Ihr Zimmer im obersten Geschoß hatte zwei Fenster, eines nach der Straße und eines nach dem Garten. Gleich allen andern Zimmern des Hauses war es geräumig, hatte getünchte Wände und eine Decke aus grauem Holz und war nur mit dem allernotwendigsten Gerät ausgestattet, ohne Vorhänge, ohne Bilder, ohne Teppiche. Den einzigen Zierat bildete eine auf der Kommode stehende alte Uhr aus Ebenholz mit kleinen Alabastersäulen, die ein Gärtlein voll winzig kleiner Rosenbüsche trugen. Diese Büsche standen natürlich nicht nur in Blüte, sondern auf den von der Zeit verblichenen gelben und roten Röschen waren goldene Schmetterlinge zu sehen und seltsame, grünschillernde Bienen, die es nie müde zu werden schienen, an den Blumen zu saugen, auf denen sie saßen. Während ihrer Kindheit hatte Gavina Stunden und Stunden lang die alte Uhr betrachtet, die nicht mehr ging, und es war ihr davon ein romantischer Eindruck verblieben, als ob alle Gärten der Welt voll verblaßter Rosen und schillernder Bienen sein müßten.

Sie legte sich nicht nieder, sondern öffnete das Fenster nach dem Garten zu und lehnte an der noch sonnenwarmen Brüstung. Unter dem Fenster erstreckte sich das Dach der Küche aus rötlichen Ziegeln, von Büscheln dürren Grases und von Weinranken bedeckt, die sich dem anschließenden Laubengang entwunden hatten, von dem ein wahrhaft tropischer Pflanzenwuchs aufschoß. Zwischen den Reihen von den Raupen zerfressener grauer Kohlköpfe erhob sich einsam und gleichsam stolz eine Steineiche neben einem ohne Mörtel gefügten Mäuerchen, jenseits dessen andere Gärten waren und die Hänge sich allmählich zum Tal hinunter senkten. Jener ernste, mächtige Baum erschien zwischen den Kohlköpfen und Sträuchern wie ein aus dem Bergwald herniedergestiegener Verbannter. Gruppen von schwarzen Häuschen, die aussahen, als ob sie sich gegeneinanderlehnten, um nicht ins Tal abzustürzen, reihten sich zur Rechten des Gartens, vor dem grauen Hügel, den die Kathedrale beherrschte.

Die Augen Gavinas weilten nicht auf der Tiefe. Sie schauten nach dem Horizont, über den ein Lichtglanz ausgegossen schien. Berge aus Granit, aus Kalk- und Schiefergestein, am Morgen lichtblau und rosig, bei Sonnenuntergang rot und violett, und um diese heiße Mittagstunde von grauem Dunst verschleiert, schlossen den Horizont gleich zerbröckelnden Kyklopenmauern.

Die fernsten Höhen, mit Umrissen wie Gewölk so zart, erschienen während drei Vierteln des Jahres weiß und trugen auch jetzt noch auf den höchsten Gipfeln wie Perlmutter schimmernde Kappen.

Auf jenem lichten Kreise ruhten Gavinas Blicke unablässig, wie bezaubert. Sie wußte, daß hinter der Mauer der Berge eine Welt voller Wunder sich ausbreitete – doch an diese Welt dachte sie nicht. Sie schaute dorthin, weil für sie hoch über jenes leere Himmelsblau sich eine Welt erhob, gegen die die unsere nur eine melancholische Heide ist. Dort war der Himmel und der Traum der Träume: Gott.

Gewöhnlich ruhte Gavina um diese Zeit. Heute hielt eine aus Unruhe und Hoffnung gemischte Erregung sie wach. Von dem Gartenfenster ging sie zu dem nach der Straße hinüber, um ein wenig Ausschau zu halten.

Pferdegetrappel erscholl. Eine Jagdgesellschaft ritt die Straße herauf und hielt vor einem Gittertor, auf dessen rohen Pfeilern zwei Adler aus Gips ihre verwitterten Fittiche entfalteten. Die Jäger waren fast alle schöne junge Leute mit sonnenverbrannten Gesichtern; sie lachten und schwatzten und schienen sich auf ihren Reittieren so wohl zu fühlen wie zu ungestümem Lauf bereite Kentauren.

Hoch von ihrem Fenster herab betrachtete Gavina die Szene mit begehrlichen Augen. Ein nicht mehr junger, aber noch schöner großer Mann mit dunklem Haar und vollem, frischem Gesicht ritt soeben aus dem Tor mit den zwei Adlern heraus und setzte sich an die Spitze des Trupps. Sie ward rot, als sie ihn sah; jenen Mann haßte und bewunderte sie zugleich: er war reich, er reiste und ging seinem Vergnügen nach; und obwohl er gut Freund mit seinem Nachbar Kanonikus war, trug er einen grimmigen Haß gegen die Priester und die Religion zur Schau. Für sie war dieser Genußmensch die Verkörperung der Todsünde; und doch – während die Jäger davonritten, folgte sie mit ihren Gedanken der Gestalt ihres Nachbars, die in ihrer weißen Kleidung auf dem weißem Pferde schön wie eine Reiterstatue erschien.

Nun reiten die Jäger aus der Stadt, die von Staub und Sonnenschein weißleuchtende Landstraße hinab, das Tal entlang und zu dem östlichen Berghang hinüber, wo die Wildschweine und Füchse hausen. Dort werden die Jäger ein oder zwei Nächte lang lagern wie ein Nomadenstamm und zwischen den Felsen im Gesträuch den Wechsel des Wildes belauern. Der Mond wandert nach Westen hin, von einem Berge zum andern und leuchtet weithin über die Heide. Elia, der Nachbar, sitzt mit einem jungen Gefährten hinter einem Felsen; sie plaudern leise und erzählen einander ihre Liebesabenteuer. Ja, sie weiß es wohl: Priamo Felix, der Seminarist, hat es gesagt: wenn zwei Männer beisammen sind, so sprechen sie von Weibern. Und Signor Elia, sagen die Leute, hat manche Liebschaft gehabt; er ist ein Mann, der keine Skrupel kennt. Gavina verabscheut ihn – aber doch kann sie nicht umhin, darüber nachzudenken, was er und der andere Jäger, hinter dem Felsen sitzend, einander anvertrauen.

Leise Schritte auf dem Flur wecken sie aus ihrer Träumerei. An der Tür des Nebenzimmers ruft Paska durch das Schlüsselloch: »Luca, wach’ doch auf, du schläfst ja wie tot! Willst du denn heut’ nicht essen?«

Luca antwortet nicht. Da aber Paska bei ihrem Mahnen verharrt, öffnet Gavina ihre Tür und sagt ärgerlich: »Gib es doch auf, du dumme Person! Es wäre wohl ein großes Unglück, wenn der nicht wieder wach würde!«

Paska, an das wenig liebevolle Verhältnis zwischen den Geschwistern gewöhnt, widersprach nicht; sie ging wieder hinunter, auf den Treppenstufen aus Schiefer die feuchten Spuren ihrer bloßen Füße zurücklassend.

Auch Gavina ging hinunter, den Kaffee zu bereiten. Und zu dem einförmigen Geräusch der Mühle trällerte sie ein Ritornell im Dialekt, nach der einzigen melancholischen und primitiven Weise, die sie kannte:

		Su sordadu in sa gherra
		Non chè s’est olvidadu.
		Non s’ammentad de Deu.
		Torrat su corpus meu,
		Pustis chi est sepultadu,
		A sett’ unzas de Terra.[1 - Der Soldat im Kriege läßt alles hinter sich und vergißt selbst Gott. Wenn mein Leib begraben ist, so verwandelt er sich in sieben Unzen Staub.]

Dieser Gesang konnte die Vorstellung von einer Araberin erwecken, die vor einem von Palmen und Kaktus beschatteten Zelt unter leisem, einförmigem Singen ihren Kaffee bereite. Und der Hintergrund des Fensters, vor dem Gavina hantierte, konnte die Illusion nur erhöhen. Es war ein Stückchen Oase: vor einem glänzend grünen Brustbeerbaum starrte ein enormer grauer Kaktus; zwischen den Wedeln einer Palme leuchteten die rosenroten Blüten eines Oleanders; und aus aschgrauen Wermutstauden ragte ein mit Früchten beladener Orangenbaum auf gleich Glut über der Asche. Lieblicher noch erschien die kleine Oase durch den Schatten des Laubengangs, neben dem, zwischen dem Geäst des Kaktus hindurch, sich die öden Reihen der grauen, zerfressenen Kohlköpfe zeigten.

In der tiefen Stille der Nachmittagstunde hörte man das Stampfen von Lucas Pferd und die lustigen Stimmen junger Burschen, die sich täglich um diese Zeit in Zia Itrias Höfchen zu versammeln pflegten, um Karten zu spielen. Die lauten Stimmen und das rohe Lachen lenkten Gavinas Gedanken vollends von den Jägern ab. Jetzt sah sie im Geiste jene jungen Leute bei der dicken Alten sitzen, die sich gut mit ihnen hielt – so sagte Paska – aus Angst, sie möchten eines Abends ihre Getreidevorräte untersuchen.

Ja, das waren wahrhaftig Sünder! Sünder erster Güte, sagte der Kanonikus Sulis.

Sie waren fast sämtlich Trunkenbolde, dem Laster ergebene Menschen, die bereits mit dem Gefängnis Bekanntschaft gemacht hatten.

»Auch sie sind Kinder Gottes. Gönnt ihnen das Leben!« sagte Zia Itria. »Die Welt ist groß.«

Aber Gavina, Paska und Signora Zoseppa dachten nicht so. Ja, die Welt ist groß – aber die Missetäter sind nicht Kinder Gottes; sie sind seine Feinde.


* * *

Der Kaffee ist fertig. Signora Joseppa, die ebenfalls kein Auge hat zutun können, kommt herunter und ruft Paska beiseite.

»Luca muß geweckt werden und aufs Land hinaus, bevor sein Vater aufsteht.«

»Ich habe ihn schon mehrere Male gerufen, aber er antwortet nicht. Seine Tür ist verschlossen.«

»Er wird doch nicht krank sein?«

Die beiden Frauen tauschen besorgte Blicke. Gavina steht vor dem Fenster und putzt sich die Zähne mit einem Salbeiblatt: sie möchte ihrer Mutter sagen, es sei gar nicht der Mühe wert, sich so um Luca zu sorgen, doch sie wagt es nicht.

Als sie aber wieder mit Paska allein ist, fängt sie von neuem an: »Ihr macht mich wirklich wütend! Was braucht meine Mutter den noch zu hätscheln? Wenn ihn wirklich ein Unglück träfe, das wäre wohl ein großer Jammer! . . .«

»Aber Gavina! So von einem Bruder zu reden, von einem christlichen Kind Gottes!«

»Er ist kein Bruder, er ist ein Feind?« sagte Gavina. Dann ging sie und setzte sich an das halbgeöffnete Fenster des Speisezimmers. Die jetzt völlig einsame Straße lag im Schatten, darüber aber brütete die Nachmittagshitze; von dem halbverfallenen Balkon des Kanonikus Sulis drang ein Duft von Nelken und Basilikum herüber.

Die Sommernachmittage sind lang und vergehen langsam für den, der nicht viel zu tun hat. Wie sollte Gavina die Zeit hinbringen, wenn sie nicht strickte? Und sie nahm den Strickstrumpf zur Hand, zählte die Maschen, um sie einzuteilen und den Hacken anzufangen: da war eine Masche zu viel – wohin sollte sie die tun? Die wichtige Frage blieb für den Augenblick ungelöst. Signora Zoseppa trat wieder ein und hinter ihr, fast verstohlen, Luca. Er war klein und sehr dick für sein Alter, und mit seinem blassen, gedunsenen Gesicht und den runden, hellblauen, verschwommenen Augen würde er wie ein alter Mann ausgesehen haben ohne den schwarzen Schnurrbart, der ihm wie eine Franse über den halbgeöffneten Mund herabhing. Die schlechten Zähne verrieten den Trinker, und an seinem wirren schwarzen Haar, den Falten seines schlecht geschnittenen Anzugs aus englischem Stoff erriet man leicht, daß er sich angekleidet aufs Bett geworfen und lange den Schlaf des Trunkenen geschlafen hatte.

Während die Mutter in die Vorratskammer ging, einen kleinen Mantelsack zu holen, näherte er sich, ohne Gavina zu beachten, dem Tische und öffnete die Schublade. Doch er knabberte nur an einem Stückchen Brot und schob die übrigen Speisen zurück, als ob sie ihm Ekel erregten. Dann ging er an den Schrank, der als Büffett diente, goß sich ein Glas Wein ein, stürzte es herunter und füllte das Glas sogleich von neuem.

Da erfolgte ein rascher, heftiger Auftritt. Gavina, die den Bruder mit zornflammenden Augen beobachtet hatte, rief: »Genug, Luca! Wenn du noch mehr trinkst, rufe ich den Vater!«

Er trank, ohne zu antworten. Sie sprang auf, stieß ihn beiseite, verschloß den Schrank und zog den Schlüssel ab.

Er stieß einen rauhen Schrei aus und erhob die Hand um sie zu schlagen; instinktmäßig bückte sie sich, aber sie trat nicht zurück, sondern sagte herausfordernd zu ihm: »Versuch’ es nur, du wirst dann mit dem Vater Abrechnung halten.«

Da bekam er Furcht. Er verließ das Zimmer und wenige Minuten später saß er zu Pferde und ritt nach einem im Tale gelegenen ländlichen Besitztum des Vaters.

Gavina setzte sich wieder ans Fenster und fing von neuem an, die Maschen zu zählen. Ihr klopfte das Herz. Ach, ja! dachte sie, so muß man mit ihm verfahren, sonst hat er keinen Rückhalt mehr. Und meine Mutter! Sie ist so streng gegen alle und dabei so schwach gegen ihn . . .

Die Zeit ging hin. In der Küche saßen Paska und Signora Zoseppa auf einem Wollsack am Boden, reinigten Korn und redeten über Zia Itria. Signora Zoseppa – so streng gegen alle! – war strenger als streng gegen ihre Schwägerin.

»Gott steh’ ihr bei! Sie ist ihr Leben lang so leichtsinnig gewesen, so unüberlegt und verkehrt mit allerlei schlechtem Volk. Sie meint immer über ebenen Boden zu gehen und merkt nicht, daß sie bei jedem Schritt stolpert. Ihr Bruder, der Kanonikus, sagt . . .«

Der Kanonikus Sulis trat in diesem Augenblick aus seinem verfallenen Haustor heraus. Obwohl er Kanonikus, Domherr war, sah er aus wie ein armer Landgeistlicher. Seine Soutane war schmierig, der Hut abgeschabt; doch sein rosiges, wohlgenährtes Gesicht mit der kleinen Stülpnase und dem kleinen, lächelnden Munde verlieh jedem, der ihn sah, ein Gefühl von Frohsinn.

»Und dein Vater?« fragte er, sein vorragendes Bäuchlein gegen das Fenstergitter lehnend, hinter dem Gavina saß.

»Er schläft noch,« erwiderte sie und zog sich zurück, doch nicht schnell genug, um den Onkel zu hindern, an ihrem Zopf zu ziehen.

»Laßt mich, Onkel!« rief sie, »Ihr tut mir weh!«

»Du sollst die Haare aufstecken! Es ist an der Zeit, denn du bist jetzt groß. Ich will dich ordentlich frisiert sehen, wie es sich für ein anständiges Mädchen schickt, und nicht so, mit einem Schwanz wie die Pferde.«

Und er zog und lachte. Dann warf er Gavina eine Nummer der »Unità Cattolica« in den Schoß und verkündete: »Bei der Rückkehr vom Chor wird der Kanonikus Felix mich begleiten, um euch einen Besuch zu machen.«

Diese Nachricht schien Gavina zu erregen: sie stand auf und ging zur Mutter, ihr den Besuch anzukündigen. Dann stieg sie in ihr Zimmer hinauf und blickte in den Spiegel. Und nachdem sie wieder heruntergekommen war, las sie die »Unità Cattolica« und empfand einen leidenschaftlichen Haß gegen die Feinde des gefangenen Papstes.

Als ihr Vater langsam und schwerfällig die Treppe herabstieg, um sich, wie er alle Tage zu tun pflegte, vor die Haustüre zu setzen, brachte sie ihm den Stuhl, die Zeitung, die Brille und sagte ihm, daß Luca nach ihrem Besitztum geritten sei, und daß binnen kurzem Kanonikus Felix zu Besuch kommen würde.

»Ah, gut! Sag’ deiner Mutter, daß sie Kaffee macht.«

Eine des Weges kommende Frau mit einer Amphora auf dem Kopfe grüßte und lächelte. Signor Sulis bedeutete ihr, stehen zu bleiben und fragte, wie es ihrem Mann ginge.

»Immer noch das Fieber! Wir haben einen Knecht annehmen müssen für die Ernte. Ach! für uns gibt es keine Hoffnung mehr, wir sind ruiniert. Wenn Sie uns nicht helfen diesen Winter, wird man uns finden wie man Luca Gattu fand, erfroren und verhungert!«

»Still, still, Frau!« sagte der alte Sulis und legte sich einen Finger auf den Mund. »Die Vorsehung darf nicht so häßliche Worte hören.«

Und die Frau ging getröstet weiter.

Dann kam ein Hirt zu Pferde: auch er hielt an und gab schlechte Nachricht von seiner Herde; doch auch er vernahm Worte der Hoffnung. Alle Vorüberkommenden hielten bei dem alten Manne an, als ob er der Vertreter der Vorsehung wäre; alle lächelten ihm zu und richteten freundliche und schlaue Worte an ihn.

Gavina ordnete unterdes die Tassen auf dem Kaffeebrett. Als die beiden Domherren, von einem blassen, hochaufgeschossenen Seminaristen begleitet, am Fenster vorüberkamen, eilte sie, ihre Mutter zu benachrichtigen. Und Signora Zoseppa ging und legte ein reiches seidenes Kopftuch um.

Der Besuch wurde von Signor Sulis in dem Zimmer zu ebener Erde empfangen, das als Besuchzimmer diente. Es war das einzige des Hauses, das mit einem gewissen Luxus ausgestattet war. Die Fenster hatten Vorhänge, und vor dem Sofa lag ein Hirschfell. Auf der mit Perlmutter eingelegten antiken Konsole von Ebenholz stand eine kleine Venus aus Gips, der Signora Zoseppa ein blauseidenes Mäntelchen mit Goldfransen umgehängt hatte; und in einem verschlossenen Glasschrank waren gebundene Bücher zu sehen, die sich ein wenig unordentlich aneinanderlehnten, als ob sie müde oder schläfrig wären.

Die beiden Domherren, der Seminarist, Herr Sulis und Frau Zoseppa nahmen im Kreise Platz; auf die üblichen Begrüßungen folgte zunächst minutenlanges Schweigen. Gavina lauschte hinter der halboffenen Tür und wagte nicht einzutreten; aber sie sah doch das engelhafte, bleiche und sanfte Gesicht des Kanonikus Felix und hörte, wie er nach einigem Zaubern seinen gewohnten Scherz vorbrachte: »Heute war nicht eine Dame im Pelz in der Kirche zu sehen.«

Damit war ein Gesprächstoff gefunden, und man fing alsbald an, über die Hitze zu reden. Den Seminaristen jedoch interessierte die Unterhaltung offenbar nicht sehr: er blickte hierhin und dorthin, drehte den Kopf und sperrte die großen, schwarzen, ein wenig trüben Augen auf. Die Venus und die Bücher im besonderen zogen seinen unsicheren Blick an. Doch als Gavina mit dem Kaffee hereinkam, leuchtete sein ein wenig unstetes Auge auf, nahm eine bestimmte Richtung an und ließ von dem Gesicht des jungen Mädchens nicht mehr ab.

Sie aber wollte nicht so angesehen werden; nachdem sie den Kaffee herumgereicht, setzte sie sich neben ihre Mutter, so daß sie Priamo von der Seite sah, und er wagte nur dann und wann sich umzuwenden. Der Kanonikus Felix, der in einem Dorfe auf den Bergen geboren war, erzählte langsam und mit sanfter Stimme ein Abenteuer, das ihm vor vierzig Jahren widerfahren war. Das Geschichtchen mußte wohl sehr originell sein, denn Herr und Frau Sulis hörten aufmerksam zu und lachten; Gavina und dem Seminaristen indes erschien es vielleicht ein wenig zu alt für sie, denn wenn sie zuhörten, so lachten sie nicht übermäßig und nicht einmal zur rechten Zeit. Mehr als mit der Vergangenheit, schienen sie mit der Gegenwart beschäftigt, und Priamo kam plötzlich auf einen Gegenstand neuesten Datums; er wendete sich zu Gavina und fragte: »Und Luca? Läßt er sich nicht sehen?«

»Er ist auf das Land geritten,« erwiderte sie leise, ihn verstohlen anblickend. Im Profil sah er aus wie ein hl. Ludwig, sein Gesicht war bleich, von fast bläulicher Blässe, die Nase vom reinsten Schnitt, und die Lippen schön geschwungen und voll zugleich. Die gleich Fransen gerade geschnittenen, glänzend schwarzen Haare beschrieben einen Bogen über der Stirn. Die Arme über der schmalen Brust gekreuzt und die Hände unter die Achseln gesteckt, wiegte er sich beständig hin und her und schien von einer nervösen Unruhe befallen: seine großen Augenlider mit den langen Wimpern hoben und senkten sich unausgesetzt. Gavina beobachtete ihn, doch obwohl sich auch in ihr eine unbestimmte Unruhe regte, verharrte sie unbeweglich auf ihrem Platze, den Kopf stolz erhoben.

Auch Signor Sulis erzählte nun sein Geschichtchen, das nicht gerade eben so alt, aber auch nicht neu genug war, die beiden jungen Menschen zu interessieren. Es handelte von einem Banditen, der seinerzeit den Wegebauer mitten im dichten Walde angehalten hatte.

»Ich trug zweiundzwanzigtausend Lire bei mir. Die Begegnung machte mir somit keineswegs Vergnügen; aber zu meinem großen Erstaunen sagte der Mann ganz höflich: ›Signor Sulis, lieber Herr Gevatter, habt ihr die kleine Gevatterin bei euch? Ich möchte ihr gerne einen Kuß geben.‹

Wohl bekomm’s, Bruder; da hast du die kleine Gevatterin: küsse sie soviel du magst.«

Alle lachten. Sie wußten, daß die »kleine Gevatterin« die Kürbisflasche mit Wein war, die der Unternehmer auf seinen Reisen stets bei sich trug.

»Ja, mein Lieber, gestehe es nur, du bist immer zu gut gewesen gegen solche Leute. Zu, zu gut,« sagte der Bruder Kanonikus in leicht vorwurfsvollem Tone.

Um das Gespräch abzulenken, schlug der Hausherr vor: »Ach, nun könnten wir auch einmal in den Keller gehen, wenn Signora Zoseppa es erlaubt.« Er stützte beide Hände auf das Sofa, um sich aufzurichten. Signora Zoseppa warf ihm einen strengen Blick zu: ihr erschien es unpassend, den Kanonikus Felix in den Keller zu führen; aber die Herren hatten sich bereits erhoben und lächelten ganz zufrieden.

Sie mußte also ein gleiches tun. Auch die jungen Leute waren aufgestanden; Priamo ließ Signora Zoseppa vorangehen, statt ihr aber zu folgen, kehrte er sich um und blickte auf Gavina, die die Tassen auf das Teebrett zurückstellte.

»Kommst du nicht mit?« fragte er.

»Doch, jetzt gleich.«

Er trat näher, und da sah sie etwas Seltsames, das sie verwirrte und gleichzeitig aufbrachte: er hob das Mäntelchen der Venus auf und sagte: »Aber nehmt es doch ab! Sieh nur, wie schön sie ist!«

Auch er war schön in diesem Augenblick: rot bis unter seine schwarzen Haare; seine Lippen streckten sich bebend vor, als ob sie nach einem Kusse verlangten.

Gavina schlug die Augen nieder und ging schnell hinaus, ohne ein Wort zu sprechen.

Luca kam gegen Abend zurück und war kaum vom Pferde gestiegen, als er anfing über den Knecht loszuziehen, der auf ihrer Besitzung arbeitete. Am Fenster ihres Zimmers lehnend, dachte Gavina noch an Priamo, als sie die erregte Stimme und die heftigen Worte ihres Bruders vernahm. Es schien, daß er wieder getrunken hatte. Ihrer Träumerei so rauh entrissen, erbebte sie vor Zorn und lief die Treppe hinunter, um Luca zurechtzuweisen. Doch im selben Augenblick kam Signor Sulis von seinem gewohnten Spaziergang heim, und alle waren still. Mit seinem breitrandigen schwarzen Hut und einem mächtigen schwarzseidenen Halstuch sah der ehemalige Wegebauer aus wie ein Quäker. Und seine Gegenwart verbreitete ein Gefühl von Ruhe und Frieden.

Man ging zu Tisch und das Abendbrot verlief, wie immer, sehr still. Nur als Gavina und Signora Zoseppa aufstanden, bedeutete der Vater Luca, zu bleiben, und fragte ihn: »Ich möchte wissen, was dir letzte Nacht passiert ist.«

Luca verteidigte sich bescheiden und suchte dann das Gespräch abzulenken, indem er von seinem Ritt nach der Besitzung redete: der Knecht tat nichts; in vier Tagen hatte er nur den Boden um dreißig Mandelbäume herum gesäubert, deren Ernte doch unmittelbar bevorstand. Überdies duldete er, daß die Nachbarn nachts das zu der Besitzung führende Lattentor fortnahmen und ihre Ochsen dort zur Weide führten; man müßte ihn entlassen . . .

»Siehst du«, sagte der Alte, »du bist genau wie jener Knecht. Auch du läßt dem schlimmsten Laster die Tür offen und wirst der Übel nicht gewahr, die du dir selbst und anderen zufügst. Heut’ oder morgen wird man auch dich entlassen! Paß auf, Junge!«

Luca ließ den Kopf hängen, ging in die Küche und glaubte seine Schuldigkeit zu tun, indem er mit den Frauen den Rosenkranz betete: hundertundfünfzig Ave Maria. Hatte man ihn doch gelehrt, daß Gott dem reuigen Sünder vergebe.

In der offenen Hoftür saß Gavina und blickte auf die schwarze Palme mit ihrem dunkelblauen Hintergrund. Der Mond kam eben hinter den Bergen hervor, und die Sterne funkelten so hell, daß es aussah, als ob sie sich regten, um den aufgehenden Planeten zu begrüßen. Durch die stille, warme Nacht erklang fernes Singen und die munteren Rufe der auf der Straße spielenden Kinder. Das waren Stimmen der Liebe und der Freude; und hin und wieder wurden diese Stimmen übertönt von einem lauten, bebenden Schrei wilder Leidenschaft, der wie ein verzweifelter Anruf an ein unerreichbares Wesen erschien.

Gavina betete für den Frieden ihrer Familie. Alle zehn Ave Maria bat sie die Jungfrau Maria um eine besondere Gnade. Für den alten Vater erflehte sie Gesundheit, für die gute Mutter Stärke, für den unglücklichen Luca Besserung. Für die übrigen über die Welt zerstreuten Sünder erbat sie nichts, nicht einmal für sich selbst, und sie glaubte, damit ein Opfer zu bringen. Sie war ja bereit zu leiden, wenn das des Herrn Wille sein sollte. Inzwischen aber bat sie Gott nur um das, was für ihren häuslichen Frieden notwendig war.

Jener den nächtlichen Gesang übertönende Schrei der Leidenschaft erinnerte sie immer wieder an Priamo und einen Augenblick lang vergaß sie dann alle andern und dachte nur an ihn. Bei der letzten Abteilung des Rosenkranzes überkam sie das Verlangen, Gott auch für sich selbst um Hilfe anzuflehen und für den, der sie offenbar liebte, ohne Hoffnung liebte; das aber deuchte ihr wieder eine so große Sünde, daß sie, um sie zu büßen, für die Witwe Lambedda betete.

Die Witwe Lambedda war die böseste Zunge der ganzen Nachbarschaft, und gerade in diesem Augenblick hörte man ihre kreischende Stimme so schrill wie eine Feile, die über Eisen fährt. Signora Zoseppa fürchtete diese Frau, Gavina verachtete und floh sie.

Nachdem der Rosenkranz gebetet war, hatte Paska noch die Küche in Ordnung zu bringen; Signora Zoseppa, müde von dem arbeitreichen Tage, nahm eine Öllampe und ging in ihr Zimmer; als sie an ihrem Sohne vorbeischritt, legte sie ihm die Hand auf den Kopf und sagte: »Geh’ zu Bett, Luca, du mußt müde sein . . .«

»Gleich, gleich«, erwiderte er, rührte sich aber nicht.

Auch Gavina ging in ihr Zimmer hinauf, aus dessen weit offenstehenden Fenstern man die Mondlandschaft sah und die kleine graue Stadt unter dem dunkelblauen Nachthimmel. Die bei Tage so einsame Straße erklang jetzt von schwatzenden und lachenden Stimmen. Die Kinder spielten im Mondlicht wie die Häslein auf den Waldpfaden; die Erwachsenen standen in Gruppen beisammen, um die Abendkühle zu genießen und zu plaudern.

Von Zia Itrias Höfchen, die »Piazzetta« genannt, drang lautes Gelächter herüber und die Stimmen von Männern, die einander zum Scherz ausschimpften. Statt zu Bett zu gehen, trat Luca auf die Straße hinaus, hörte einen Augenblick den bösen Reden der Witwe zu und ging dann ebenfalls zu Zia Itria.

Witwe Lambedda klatschte unterdes weiter: über den Kanonikus Felix, über seine Mägde, seinen Neffen: »Und das sind brave Leute? Umkommen sollen sie alle binnen acht Tagen! Die alte Magd, sagen die Leute . . .«

»Schweigt, Ihr Klatschmaul!« rief der Kanonikus Sulis von seinem Balkon herunter, wo auch er, in Hemdärmeln, der Kühle genoß.

»Ach, hört doch nur den da! Darf man in seiner Gegenwart nicht die Wahrheit reden?«

»Ihr lügt nur, und darum: Still!«

»Na, lassen wir die Magd und reden lieber von dem Neffen,« beharrte die böse Klatschbase. »Werden Sie vielleicht in Abrede stellen, daß er ein Taugenichts ist? Voriges Jahr ist er von Hause durchgebrannt – dies Jahr wird er aus dem Seminar durchbrennen. Ja, macht ihn nur zum Priester, dann wird er . . .«

»Was verlangt Ihr von einem Jungen?« fragte gutmütig Signor Sulis, der sich nach dem Abendbrot wieder vor seine Haustüre gesetzt hatte.

»Ich würde ihn eher an die Mühle stellen, als zum Priester machen.«

»Nun, wenn alle Windbeutel Korn mahlen sollten, dann gute Nacht, Esel!« sagte der Alte und winkte einen Abschiedsgruß.

Die kreischende Stimme erscholl noch lauter: »Ach, wirklich? Und warum denn nicht? Sollen nur die Armen zu Boden geworfen und mit Füßen getreten werden, sobald sie einen Fehltritt tun? Ach, mein armes Lämmchen, mein guter Sohn, du warst arm, und darum haben sie dich ruiniert!«

Ihr Lämmchen saß im Gefängnis wegen Diebstahls, sie aber redete beständig von ihm wie von einem Kind, dem bitteres Anrecht geschehen war.

»Vor Gott sind wir alle gleich, und am Tage des Gerichts wird er uns durcheinanderschütteln wie Oliven in der Presse«, sagte Signor Sulis, und man wußte nicht, ob er im Scherz oder im Ernst sprach.

»Ich sage euch nur eins«, fuhr die Witwe fort, »nicht einmal vor Gott sind wir alle gleich! Warum hat er uns verschieden geschaffen? Den einen gut und den andern böse, den tugendhaft und den als Trunkenbold? . . . Wir möchten wohl alle gut sein, denn die Sünde ist verdammt!«

»Gott hat uns alle gut geschaffen, sage ich euch«, rief jetzt der Kanonikus. »Und der freie Wille? Hat Gott unserm lieben Pascaleddu geboten, hinzugehen und zu sündigen?«

Die Witwe fing an zu weinen und zu fluchen, und so ging es weiter, bis Signor Sulis sich zurückzog. Da ging Paska, um Luca von der »Piazzetta« zu holen. Er saß neben Zia Stria und schwieg, schien aber viel Gefallen an dem lebhaften Geplauder der übrigen zu finden.

Auch Paska blieb stehen, wie von einem bösen Zauber angelockt. Und wirklich war das Bild, das sich ihr bot, der Betrachtung wert. Der Mond schaute bereits über die Mauer neben Zia Itrias Häuschen und beleuchtete den halben Hof, in dem zehn oder zwölf junge Leute um die Alte versammelt waren, recht sonderbare Gestalten, aber alle lustig und redselig. Drei von ihnen waren Schustergesellen, darunter ein Zwerg, so klein wie ein sechsjähriger Knabe, aber mit einem schlauen und spöttischen Mannsgesicht; ferner ein ehemaliger Klosterbruder, blaß und rothaarig, und ein sehr langer Alter mit einem ganz kleinen Kopf, der dem eines Hasen glich. Sie machten beständig gemeinsame Reisepläne zu dem Zweck, den Zwerg in »den großen Städten« als Naturwunder zur Schau zu stellen, und spotteten schon jetzt über die Leute, die herbeiströmen würden, um ihn zu sehen. Der merkwürdigste Kauz des Kreises aber war ein alter Bauer mit einem dunkeln, beinahe schwarzen Gesicht, das von langen weißen Haaren und einem schneeweißen Vollbart umrahmt war; er hatte in seiner Jugend fünfzehn Jahre im Gefängnis zugebracht, behauptete aber hartnäckig, während jener langen Abwesenheit von der Heimat sei er Soldat gewesen, habe unter Victor Emanuel und Garibaldi gedient. Seine kriegerischen Erlebnisse erzählte er in so witziger und zugleich überzeugender Weise, daß ihn alle wie einen alten Helden bewunderten.

»Luca, komm mit, sonst schließe ich dir die Türe zu!« sagte Paska nach kurzem Zögern.

»Du? Ach, wirklich?« erwiderte Luca in dem spöttischen Ton der andern, die bereits über die Magd lachten.

»Luca, so redet man nicht zu seiner Amme!« ermahnten sie.

»Schläft das Würmchen noch immer bei dir. Alte?«

»Itria Sulis«, sagte Paska streng, »sag’ deinem Neffen, daß sein Vater mir befohlen hat, die Türe zu schließen.«

»Gut, also geh’, Luca! Ich will keine Geschichten haben«, sagte Zia Itria.

Aber Luca rührte sich nicht. Paska ging, und von ihrem Fenster aus hörte Gavina die jungen Leute hinter der Magd her spotten. Der Zwerg schlug vor, sie dem Invaliden zur Frau zu geben, und Zia Itria trällerte sogleich ein Hochzeitlied, diesmal auf italienisch:

		Un bel gobbo ed una gobba
		All’ età di ottant’ anni,
		Storpi e pieni di malanni,
		Si giuraron’ fedeltà . . . fedeltà . . . fedeltà . . .[2 - Ein schöner Zwerg und eine Zwergin im Alter von achtzig Jahren, krüppelhaft und aller Übel voll, sie schwuren einander Treue.]

Ärgerlich schloß Gavina das Fenster nach der Straße und ging an das nach dem Garten. Dort wenigstens war alles zauberisch schön und rein. Der Mond bestrahlte die Berge so hell, daß ihre fernsten Linien wie silberumränderte blaue Wolken erschienen. Dunkel und reglos hob sich von dem lichten Landschaftsbilde die Steineiche ab, in der die Grillen zirpten; und selbst die Kohlköpfe sahen jetzt aus wie fremdartige, silbergestickte Blumen. Von der tropischen Vegetation beim Laubengang stieg starker Wohlgeruch auf: der bittersüße Duft der Oleanderblüten rief in Gavina den Gedanken an die Jäger wach, die nun wohl zwischen Felsen und Buschwerk auf der Lauer standen.

Und wie der Tau herabsank, sich auf die durstenden Zweige und Pflanzen legte und sie mit funkelnden Edelsteinen schmückte, so senkte sich Träumerei über ihre kleine Seele.

Wieder kam Priamo ihr in den Sinn, und sie träumte von einem Wunderland, einer vom Monde erhellten Felseneinsamkeit, wo sie mit ihm sein, mit ihm leben könnte. War er arm und böse, so war sie ja reich und würde ihn durch ihre Liebe zu einem guten Menschen machen . . . Und für einen Augenblick strahlte alles um sie her – dann aber ward es wieder völlig finster: glaubte sie doch zu sündigen, wenn sie an einen Mann dachte . . . Der ihr innewohnende Hang zum Mystischen überwältigte sie: sie kniete vor dem Fenster nieder, richtete den verzückten Blick nach oben und murmelte Gebete, die eigentlich Gotteslästerungen waren. Sie bat den Herrn, ihr Leid zu schicken und sie zu strafen in dem, was ihr auf Erden am teuersten sei, wenn die Sünde je Macht über sie gewänne.

Und während sie betete, drückte sie sich die Nägel in die Handflächen und schlug den Kopf gegen die Fensterbrüstung . . .

Draußen stieg der große, stille Mond höher und höher am reinen blauen Himmel auf, als ob ihn darnach verlange, sich möglichst weit von dieser Erde zu entfernen, auf der er soviel Elend und Not, soviel Wahn und Irrtum gewahrte.




II


Die Tage folgten und glichen einander. Signora Zoseppa und Paska standen beim Morgengrauen auf und besorgten gemeinsam die häuslichen Obliegenheiten unter Beten und Plaudern. Nicht wie Herrin und Magd sondern wie Freundinnen standen sie zu einander. Einst vielleicht hatte die Magd eine eigene Persönlichkeit besessen, war heiter, jung und selbstisch gewesen: die Erinnerung daran aber verlor sich im Dunkel der Zeit. Sie, die am Tage der Hochzeit des Ehepaares Sulis in dessen Dienst getreten war, war nun gleichsam ein Geschöpf Signora Zoseppas: sie hatte deren Art angenommen, ihre Sprechweise, ihre Strenge. Sie war so streng religiös geworden wie ihre Herrin. Sie hatte ihr beigestanden bei ihren Entbindungen wie in Krankheitsfällen, ihr geholfen, die Kinder aufzuziehen, und jetzt geleitete sie sie auf dem langsam absteigenden Wege eines Lebens, das nur Arbeit und Gottseligkeit gewesen.

»Bis zu meinem dreißigsten Jahr war ich unentschieden, ob ich heiraten sollte oder nicht«, erzählte die Herrin der Magd, während sie das Korn reinigten oder den Brotteig kneteten. »An Gelegenheit fehlte es mir nicht, aber ich fürchtete mich vor dem Heiraten. Meine Mutter war eine Heilige; mein Vater, Gott hab’ ihn selig, mißbrauchte ihre Güte und Geduld. Sie trug es gern und litt willig, wie die heiligen Märtyrer. Und ich, nicht um mich zu rühmen, das weißt du wohl, nun, auch ich bin verständig und geduldig, aber doch nicht bis zu dem Punkt, daß ich mich ruhig schlagen ließe. Ja, jetzt kann ich es dir wohl sagen, einmal entdeckte ich, daß meine Mutter einen Büßergürtel trug; und auch ich versuchte es, als ich jung war, aber ich könnt’ es nicht aushalten. Und dann stand ich eines Tages allein, ohne Vater und Mutter, allein wie ein Tier des Waldes. Und da kam es dem Kanonikus Sulis in den Sinn – er war damals noch ein einfacher Priester – mich mit seinem Bruder zu verheiraten. Luigi war schon achtundvierzig Jahre alt und ich beinahe dreißig; man konnte also nicht gerade sagen, unsere Heirat wäre ein Kinderstreich, so eine von den Ehen, die aus Leidenschaft geschlossen werden und meistens ein schlechtes Ende nehmen. Und warum nehmen sie ein schlechtes Ende? Weil die Frau und der Mann sich fast immer von einem sündhaften Verlangen getrieben miteinander verbinden, ohne zu bedenken, was sie tun. Und wenn sie ihrer Sünde überdrüssig sind, werden zwei Feinde daraus. Ich und mein Mann dagegen haben eine Familie gebildet nach dem Willen des Herrn, und bis heute, du weißt es, hat vollkommene Eintracht zwischen uns geherrscht.«

Häufig half Gavina den Frauen bei der Arbeit und vernahm dabei die Worte und Lehren ihrer Mutter. Sie selbst war aufgeweckt und phantasievoll, und ihr Instinkt lehrte sie die göttlichen Freuden des Lebens ahnen und begreifen: die Liebe, die Freiheit, die schöpferische und fruchtbare Arbeit. Einen ungeheuren Respekt aber hegte sie vor ihrer Mutter, die die Tugend in Person war und ihrem Vorbild, ihren Lehren Nachdruck gab durch ihre Handlungen. Von dem mütterlichen Beispiel empfing Gavina somit ein unverwischbares Gepräge, gleichsam wie das von Paska und Signora Zoseppa bereitete Brot die Eindrücke der Knöpfe und Formen bewahrte, mit denen die beiden Frauen es verzierten.

Seit einigen Tagen jedoch glaubte Gavina das zu begehen, was ihre Mutter die größte Sünde nannte. Sie dachte an einen Mann, und dieser Mann war überdies Gott geweiht. Am Sonnabend nach dem Besuch des Kanonikus Felix mußte sie sehr früh aufstehen, um ihrer Mutter und der Magd zu helfen, Brot zu backen. Im Backofen brannte ein Feuer aus Wachholderzweigen und verbreitete angenehmen Geruch durch die stille Küche. Wenn Gavina dann des Knetens müde war, ergriff sie einen Vorwand, um einmal in den Garten hinauszugehen. Sie sah den Morgenstern über den blauen Bergen aufgehen und sah, durch das Gezweig der Steineiche hindurch, wie der Himmel sich im Osten violett-rosenrot färbte, wie dann der ganze Horizont golden schimmerte, während die Vögel zu singen anfingen: und sie verspürte eine ungestüme Freude, ein Verlangen sich loszureißen und zu wandern bis zu einer von Palmen umgebenen Wunderstadt am Strand des Meeres . . . Statt dessen aber mußte sie wieder hinein und weiterkneten. Als dann das Brot gebacken war, mußte sie es mit einer Bürste und einem Messer säubern und abkratzen. Unversehens hatte sie mit dem heißen Messer ihre Lippen berührt und erschauerte: sie wußte nicht warum, aber es war ihr, als ob Priamo sie geküßt hätte. Sie schloß die Augen und hatte Lust, es nochmals zu versuchen – mit einem Mal aber ward sie der Ungeheuerlichkeit ihrer »Sünde« inne und um sich selbst zu strafen, hielt sie das Messer lange an das Brot und drückte es sich dann glühend heiß an die Lippen.

In der Dämmerung sah sie Priamo wieder, der alle Abend zum Kanonikus Sulis ging, um Lateinstunden zu nehmen. Er sah sie an, und sie empfand fast dasselbe Gefühl schmerzhafter Wonne, das die Berührung mit dem heißen Messer ihr erregt hatte.

Sie verließ das Haus fast nur, um zur Kirche zu gehen. Nur Abends begleitete sie manchmal Paska zum Brunnen. An jenem Abend gerade hatte sie ein ungewohntes Verlangen nach Lust und Bewegung ergriffen, und sie hängte sich an Paskas Arm und zog sie mit sich.

Der Brunnen war unten an der Landstraße. Sie gingen über die »Piazzetta«, ohne auf die Scherze der gewohnten Schar zu achten, und kamen in die ärmere Nachbarschaft. Das krumme Gäßchen war vom Mondlicht erhellt; die Luft roch nach verbranntem Stroh. Hin und wieder saßen dunkle Gestalten auf dem staubigen Boden, müde Weiber, Männer, die von den sonneglühenden Feldern heimgekehrt waren. Alle redeten von ihrem elenden Tagewerk; die Männer von ihren Ochsen wie von Gefährten in Arbeit und Mißgeschick; die Frauen jammerten über die magere Ernte. Allemal, wenn Paska durch die Gasse kam, wurde sie gefragt, ob sie viel Birnen und Mandeln gegessen hätte: sie bekamen nie Obst zu Gesicht, außer dem, das ihre Männer allenfalls stahlen; und sie sprachen davon wie Kranke, die Durst leiden.

Gavina preßte Paskas Arm und zog sie weiter; es verlangte sie, fortzukommen. Sie mochte jene Leute nicht, die so freie Reden führten, jene schmutzigen, nach Obst lüsternen Weiber, jene Männer, die das Eigentum anderer nicht achteten. Doch als sie das Ende der auf die Landstraße führenden Gasse erreicht hatten, hielt Gavina vor dem weitgeöffneten Tor eines weißen Häuschens an, das weniger ärmlich als die andern war.

In dem vom Mond erhellten Torbogen zeigte sich ein hübsches Bild: ein kleiner Innenhof, darin ein graues Eselchen und zwei weiße, schwarzgefleckte Ochsen an einer gefüllten Krippe. Ein alter, kahlköpfiger Mann mit einem guten, friedlichen, von langem grauem Bart umrahmten Gesicht, und ein blasses, junges Mädchen mit einem Gesicht, das leichenhaft erschienen wäre ohne die Glut und den Glanz zweier großer, grünlichschwarzer Augen, saßen im Hintergrund des Hofes. Hätte nicht das Kind gefehlt, so hätte das Bildchen eine heilige Familie vorstellen können.

Als das junge Mädchen Gavina bemerkte, sprang es sogleich auf, und seine Augen leuchteten im Mondlicht.

»Kommst du mit?« fragte Gavina. »Darf sie mitgehen, Zio Bustià?«

Der Mann, ein wohlhabender Bauer, den Signor Sulis manchmal in landwirtschaftlichen Dingen um Rat fragte, willigte gerne ein.

»Ich erwartete dich«, sagte Michela mit leiser, doch leidenschaftlich klingender Stimme. »Warum bist du gestern Abend nicht gekommen?«

»Wenn du mich sehen wolltest, konntest du nicht zu uns kommen?« erwiderte Gavina in etwas spöttischem Ton.

»Ich hatte soviel zu tun. Vater fuhr das Getreide ein. Und dann haben wir auch Mieter bekommen.«

Paska, die die Freundschaft zwischen Gavina und der Tochter eines Bauern nicht gern sah und Michela deshalb ziemlich geringschätzig behandelte, interessierte sich aber doch für die Mieter.

»Seit wann habt ihr die?«

»Seit gestern. Wir haben ihnen die beiden Stübchen da oben abgegeben.«

Paska blickte hinauf. Und am Fensterchen des ersten und einzigen Stockwerks, neben einem Korkgefäß, aus dem graugrünes Nelkengeranke herabhing, sah sie den Kopf eines jungen Menschen mit schwarzem, kurzgeschorenem, wie Samt glänzendem Haar und dunklem, magerem Gesicht, das zum Mond aufblickte. Er pfiff vor sich hin und schien der Frauen auf der Straße gar nicht achtzuhaben.

»Es ist ein Student«, sagte Michela. »Er muß auch in den Ferien studieren und deshalb ist seine Mutter aus ihrem Dorfe hierhergekommen.«

»Sind sie reich?«

»Stell’ dir nur vor, wie reich sie sind, wenn sie in unserem Hause wohnen mögen. Sie leben mit fünfzig Centesimi den Tag. Die Mutter ist eine Spinnerin. Aber hört doch, was für eine Geschichte! Mit zwölf Jahren hat man sie einem vierzigjährigen Manne verlobt. Sie sollten heiraten, wenn sie sechzehn sein würde. Aber kurz vorher verliebte sie sich in einen Kurier, wißt ihr, so einen reitenden Boten, die im Gebirge die Post in die Dörfer bringen. Eines Tages brannten die zwei Verliebten durch, er nahm sie auf seinem Pferde mit wie einen Brief. Dann heirateten sie. Bald darauf aber kam das Pferd des Kuriers einmal allein vor die Post des Dorfes. Und den Kurier fand man tot in einem blühenden Ginsterfeld. Nie hat man erfahren, wer ihn ermordet hat. Die Witwe sagt, es wäre der Andere gewesen: sie hat sich nie getröstet und sie sagt, während der letzten Monate ihrer Schwangerschaft, denn sie war guter Hoffnung, als sie ihr den Mann erschossen, habe sie beständig gebetet, das Kind, das sie unter dem Herzen trug, möchte ein Knabe werden, damit er den Vater rächen könnte. Und sie bekam einen Knaben.«

»Und wie denkt der jetzt?«

»Wer? Francesco Fais? Er lacht und singt den ganzen Tag, während die Mutter so scheu ist wie ein Hase. Nun, du wirst ihn ja sehen.«

Gavina zuckte die Achseln. Sie mochte arme Leute nicht und darum lag ihr gar nichts daran, die Witwe Fais kennen zu lernen. Auch Paska kümmerte sich nicht weiter um Michelas Geplauder. Da schlug das junge Mädchen ein anderes Thema an. Sie war äußerst religiös; war, wie es häufig vorkam, ihr alter Vater nicht daheim, so konnte sie einen ganzen Tag in der Kirche verbringen. Sie glaubte an Geister, an Wundererscheinungen und behauptete, die Seele ihrer vor einigen Jahren verstorbenen Mutter gesehen zu haben.

Gerade das Außergewöhnliche an dem sich selbst und seiner Phantasie überlassenen blassen, hysterischen Wesen war es, was Gavina zu ihr hinzog; sie liebte Michela nicht, und obwohl sie sie suchte und ihr gerne zuhörte, behandelte sie sie mit Geringschätzung.

Michela war sehr sensibel, ihr Instinkt lehrte sie mehr als ihr Verstand. Sie fühlte die Abneigung Paskas und die Geringschätzung Gavinas und hing sich dennoch mit fast krankhafter Leidenschaft an diese. Solange die Magd bei ihnen war, redete sie nur obenhin von sich und erzählte, was sie den Tag über getan hatte. Sie war mit dem Morgengrauen aufgestanden und zur Kirche gegangen, hatte gebeichtet und kommuniziert; und, wie sie jeden Sonnabend zu tun pflegte, hatte sie auch heute nur Brot und Wasser genossen und den ganzen Tag gearbeitet.

Als sie bei dem ein wenig unterhalb der Straße gelegenen Brunnen angelangt waren, stieg Paska hinab. Die beiden Mädchen lehnten an der Brüstung der Straße am Rande des weiten Tales, das jetzt im Mondlicht grau und schwarz dalag. Auf den Vorbergen gegenüber brannten große Feuer, die aus dem Gestein selbst aufzusteigen schienen. Um den Boden dort urbar zu machen, brannten die Bauern das Buschwerk ab; manchmal standen weite Strecken in Flammen, und an dunkeln Abenden warfen diese einen Glutschein über das Tal, so rot wie der Mond vor dem Untergang.

Durch den stillen Abend hörten die Mädchen das Rauschen des Brunnens und die Stimmen der Wasser holenden Frauen, bei denen auch Paska plaudernd verweilte.

»Höre Gavina, ich muß dir etwas sagen!« sagte Michela leise und beklommen. »Schwöre aber, daß du mir glaubst.«

»Ich glaube dir! Es ist nicht nötig zu schwören«, entgegnete Gavina stolz.

Sie dachte, Michela wolle ihr ein süßes und quälendes Geheimnis anvertrauen, dem gleich, das sie selbst hegte; das aber, was die Freundin ihr nun sagte, erfüllte sie mit Staunen und Neid.

»Höre! Ich habe den heiligen Ludwig gesehen. O, du glaubst es nicht? Doch, doch, du glaubst es! Diesmal ist es wirklich wahr und nicht wie damals, als ich zu sehen meinte, wie die Madonna im Schnee auf unserem Bildchen die Augen auf- und zumachte. Diesmal ist es wahr!«

»Gott! O Gott!« seufzte Gavina und preßte den Arm Michelas. Beide zitterten, als ob von einem Augenblick zum andern und vor ihren Augen die Erscheinung sich wiederholen solle.

»Wie denn? Wie? Erzähle doch!«

»Ja, heut’ in der Dämmerung. Ich war müde und hatte mich auf einen Augenblick auf die Treppe gesetzt, die von unserm Hof aus nach dem oberen Stock führt. Es war beinahe dunkel, denn der Mond schien noch nicht in den Hof hinein. Auf einmal höre ich etwas wie einen Glockenton und sehe etwas wie das Leuchten eines Blitzes, und da ging der heilige Ludwig über den Hof. Er sah mich nicht an. Er blickte zu Boden und hatte ein Kreuz in der Hand.«

Gavina seufzte nochmals. – »Du bist glücklich, Michela! Du stehst bei Gott in Gnade!« sagte sie neidisch.

Sie hatte sich immer gewünscht, gleich Michela sehen zu können. And in diesem Wunsche barg sich ein Teil Eigenliebe; denn ohne sich dessen bewußt zu sein, hielt sie sich dieser Gnade für ebenso würdig wie Michela.

Die Erzählung von dieser Erscheinung des heiligen Ludwig hatte ihr einen solchen Eindruck gemacht, daß sie einen von Michela ihr angeratenen Versuch unternehmen wollte. Sie fastete und fing eine Spitze für ein Chorhemd ihres Onkels an. Bei der Arbeit betete sie und dachte beständig an den heiligen Ludwig, denn den jungen Heiligen mit den großen, reinen Augen zu sehen verlangte sie.

Doch der erste Versuch mißlang. Zu viele Dinge lenkten sie ab. Sie hörte Paskas Geplauder, die Fragen, die ihr Vater, vor der Haustür sitzend, an die Vorübergehenden richtete; sie konnte nicht umhin sich über den Bruder zu ärgern, der seine Tage bei Zia Itria verbrachte und nur dann und wann nach Hause kam, um leise wie ein Dieb in den Keller zu schleichen und zu trinken. Und am Abend gar sah sie Priamo, der sich nach ihr umkehrte.

Am zweiten Tage nahm sie das Arbeiten und Beten in ihrem Zimmer vor, an dem nach dem stillen Garten gehenden Fenster sitzend. Aber um die Zeit, wo der Seminarist zum Kanonikus Sulis zu gehen pflegte, fühlte sie sich versucht an das andere Fenster zu treten. Dieses Verlangen, das ihr an jenem Tage sündhafter erschien als je, drängte sie zwar zurück, doch wenn sie an den Heiligen dachte, so sah sie ihn mit blassem Gesicht, die schmachtenden Augen fest auf die ihren gerichtet, und die Stirne von einem Kranz von schwarzen Haaren umgeben: er sah aus wie Priamo! Der Sonnenuntergang färbte die Berge rot, Dämmerung senkte sich über den Garten: die Erscheinung kam nicht.

Das dritte Mal, am Tage vor dem Feste der Madonna im Schnee genoß Gavina nur Wasser und Brot und arbeitete bis zum späten Abend, bis den malvenfarbenen Himmel über den Domplatz einfallende Goldstrahlen streiften. Aber die Erscheinung kam nicht, und Gavina weinte vor Kummer und vor Sehnsucht.

Am folgenden Tage war das hohe Kirchenfest. Schon am frühen Morgen kamen mehrere Freunde Herrn Sulis’ zu Gast, darunter eine Dame aus einem Dorf im Gebirge. Es war eine Hochgewachsene, stattliche Frau, in schwarz und gelb gekleidet, mit weitem Rock und Schneppenmieder, wie eine Dame des Seicento. Gavina begleitete sie zur Kirche und kniete neben ihr, zwischen zwei alten Hirten, die einen unangenehmen Stallgeruch verbreiteten.

Die Kirche war gedrängt voll. Die elegantesten jungen Damen saßen auf ihren zierlichen Klappstühlchen dicht unter der Kanzel beisammen; einige von ihnen scheuten sich nicht, sich nach den jungen Leuten umzusehen, die sich vor der Taufkapelle aufgestellt hatten, und sogar mit ihnen Blicke zu tauschen. Gavina blickte auf sie als auf die vornehmsten und verderbtesten Geschöpfe der Welt.

Auf einmal öffnete sich das Hauptportal der Kathedrale; und in einem Strom von Licht schritt der von Gold strotzende Bischof herein, zwischen den Domherren in rotseidenen Mäntelchen und den Seminaristen in spitzenbesetztem Meßhemd und blauen Bändern um den Hals. Zwei von ihnen trugen die gleißende Schleppe des Bischofs – und der eine war bleich und schön wie ein Engel, und die herabfallenden weiten Ärmel seines Meßhemdes sahen aus wie zusammengelegte müde Flügel. Als der Zug dicht an den Bänken vorüberkam, begegneten die trüben Augen des müden Engels den Augen Gavinas.

Die Seminaristen nahmen auf dem Chore Platz. Nachdem Priamo die bischöfliche Schleppe niedergelegt hatte, dachte er an nichts anderes mehr, als Gavina mit den Blicken zu suchen. Es war, als ob er in der von Licht und Farben strahlenden Kirche nichts anderes sähe als sie. Und sie fühlte ihre Kraft schwinden unter jenem Blick; sie selbst erschien sich verderbter als jene Mädchen, die nach den jungen Leuten blickten, und sie hätte weinen mögen vor Liebe und Gewissenspein.

Am Nachmittag begleitete sie die Dame bei einigen Besuchen. Zuletzt gingen sie zum Kanonikus Bellia, einem Landsmann der Dame.

Er wohnte in einem Häuschen außerhalb des Ortes mit einer alten Verwandten, die so naiv und einfach war wie ein Kind. Gavina, die außerhalb des Beichtstuhls eine große Scheu und eine fast geheimnisvolle Furcht vor ihrem strengen Beichtvater hatte, saß in einer Ecke des Besuchzimmers, das wie eine Kapelle aussah, und verhielt sich so stumm und steif, als wäre sie eine der hundert Heiligenfiguren um sie her. Die Frauen plauderten harmlos und liebenswürdig; der Kanonikus Bellia, eine hohe, gebeugte Gestalt mit olivenfarbigem, tief gefurchtem Gesicht, hörte zu, ohne nur die bläulichen Lider zu heben, und runzelte jeden Augenblick die dichten grauen Brauen, als ob er das doch so unschuldige Geplauder der beiden Frauen mißbillige. Ein einzigesmal nur lächelte er, als seine Verwandte sagte: »Wir wollen es nicht machen wie Bellia; er beklagt sich immer, daß ihn niemand grüßt, und im Gegenteil ist er es, der die Leute nicht ansieht.«

Auf einmal ging die Tür auf, und zwei schwarze Gestalten traten ein: Kanonikus Felix und sein Neffe.

Gavina errötete, sprang auf, setzte sich wieder hin, sah Priamo vor sich – und von dem Augenblick an nichts anderes mehr.

Der Kanonikus Felix sagte mit seiner gewohnten Gelassenheit: »Es ist kalt heute! Darum hatten auch alle Herren den Überzieher an.«

»Ist es zu heiß hier?« fragte Signora Bellia besorgt. »Sollen wir ein wenig in den Garten gehen? Sie könnten unsere Aprikosen kosten.«

Sie gingen in den Garten und kosteten die Aprikosen.

Priamo reckte sich hoch auf, um die Zweige zu erfassen. Er war schlank und gewandt und brannte vor Verlangen nach Bewegung; er schien sogar Gavina zu vergessen, um in dem Garten umherzuspringen, der groß und dicht verwachsen war und mit den allenthalben verstreuten Felsbrocken wie ein Stückchen Gebirg aussah.

Gavina überkam eine unbestimmte Trauer. An dem Gespräch der Domherren und der Frauen nahm sie nicht teil und fühlte sich deshalb vereinsamt. Während die andern weitergingen, setzte sie sich auf ein Felsstück, das die Form eines hochlehnigen Sessels hatte. Die Sonne neigte sich zum Untergang und schwebte wie ein feuriger Ball auf goldigem Himmelsgrund über dem alten Kloster. Durch die Stille erklang der Schrei eines Falken, die Luft roch nach Königskerzen. Mit einem Male gewahrte Gavina vor dem flimmernden Sonnengold einen dunkeln Schatten, der auf sie zueilte. Sie sprang auf, wie von der Furcht einer unabwendbaren Gefahr erfaßt; doch bevor sie sich noch von dieser Gefahr Rechenschaft zu geben vermochte, fühlte sie sich eingeklemmt zwischen dem Felsen und der schwer atmenden Brust Priamos. Er schien ganz verwandelt: sein Gesicht war tieftraurig, und aus den Augen sprach eine wilde Erregung; seine Lippen bebten und preßten sich mit zuckender Leidenschaft auf die Gavinas. Sie empfand einen gewaltigen Schmerz: es war ihr, als müsse sie nun ihr Leben lang so zwischen dem Felsen und der keuchenden Brust Priamos eingeklemmt bleiben – und doch war in dieser Pein auch etwas Süßes, wie in den mystischen Verzückungen, die sie bisweilen überkamen.

Ein Geräusch hinter den Bäumen machte der wilden Liebeserklärung des Studenten ein Ende. Er ließ von Gavina ab, und sie blickte verwirrt um sich.

»Ich will dich sehen! . . . Wo? Wo? Ich hab’ dich lieb, und du auch . . . mich . . . Ich will nicht Priester werden«, sagte er hastig und versuchte sie festzuhalten; aber sie stieß ihn zurück und lief davon, von Liebe und von Furcht ganz verwirrt.

Alsbald ward sie von den heftigsten Gewissensbissen erfaßt: Geküßt! Er hat mich geküßt! dachte sie mit Zittern. And es war ihr, als sei sie befleckt, als habe sie bereits alle Offenbarungen der Liebe empfangen.

Diese Offenbarungen indes dünkten sie brutal. War das die Liebe? So war sie wohl süß, doch auch schrecklich: der Kuß hatte ihr wehgetan.

An jenem Abend ging sie mit Paska zum Brunnen. Sie mußte Michela sehen, um ihr ihr quälendes Geheimnis anzuvertrauen.

Der Abend war mild und dämmerhell; der Mond stieg hinter einem leichten violetten Duft auf, der den ganzen Himmel verhüllte und doch sein tiefes Blau durchscheinen ließ. Die Berge drüben im Talgrund waren so licht wie Silber.

Michela wartete bereits am Tor ihres Häuschens und wechselte unterdes einige Worte mit ihrem jungen Einwohner, der an seinem Fensterchen stand.

Er lachte und rief: »Zehnmal bin ich vorübergegangen und habe sie nicht gesehen . . .«

Als er Gavina bemerkte, verstummte er.

Sobald die Frauen die Landstraße erreicht hatten, sagte Michela: »Francesco Fais hat sich in dich verliebt, aber er fürchtet sich . . .«

»Daran tut er sehr gut,« brummte Paska und fing an, über den Unverschämten loszuziehen.

»Das ist ja schnell gegangen,« sagte Gavina geringschätzig, »Hat er nichts anderes zu tun?« Dann schwieg sie, wie traumverloren. Und als sie mit Michela allein an der Brüstung lehnte, sagte sie mit Herzklopfen: »Wenn du wüßtest!« . . . Und sie erzählte ihr, daß Priamo gewagt hatte, sie zu küssen und ihr eine Liebeserklärung zu machen.

Michela war bestürzt, erregt: »Und das hast du zugelassen?« sagte sie mit dumpfem Ton. »Du durftest das nicht leiden! Du hättest schreien sollen, den Onkel rufen! . . . Was für eine Sünde habt ihr begangen, was für eine Sünde! . . . Du mußt sie beichten, gleich morgen, ich werde mit dir gehen!«

Gavina widersprach nicht. Auch sie erkannte, daß sie gesündigt hatte. Und während die andere fortfuhr, Worte eifersüchtiger Entrüstung vorzubringen, weinte Gavina in der weichen, linden Sommernacht.


* * *

Der Kanonikus Bellia war ein von den Frauen sehr gesuchter Beichtvater. Obwohl er äußerst streng war, brachte er es fast immer fertig, seine Beichtkinder zu überzeugen und gleichzeitig wieder aufzurichten. Man erzählte sich sogar, er habe eine Frau von schlechten Sitten überredet, die Stadt zu verlassen und ins Kloster zu gehen.

Als Gavina und Michela sich dem Beichtstuhl näherten, harrten bereits zehn oder zwölf reuige Sünderinnen beklommen des Augenblicks, da sie an die Reihe kommen würden, immer zum Streit bereit, wenn eine von ihnen sich vorzudrängen versuchte.

Gavina mußte lange warten, erschöpft vom Fasten und beschämt über die furchtbare Sünde, die sie zu beichten hatte. Inzwischen überdachte sie nochmals ihre übrigen Sünden. Sie zieh sich des Neides, der Eitelkeit, des Hochmuts; sie dachte an Luca und bezeichnete die Feindseligkeit, die sie gegen ihn hegte, als »Unduldsamkeit«.

Endlich kam der Kanonikus Bellia im violetten Mäntelchen aus der Sakristei und schritt zum Beichtstuhl. Er hatte den Kopf gesenkt, die Brauen gerunzelt und sah so düster aus, als ob er über einem Verbrechen brüte.

Als Gavina vor dem kleinen Gitter niederkniete, verspürte sie einen Schwindel. Das dunkle Violett vor ihr kam ihr vor wie ein Gewitterhimmel; sie vernahm einen Seufzer und eine dumpfe Stimme: »Sprecht! Wie lange ist es her, daß Ihr zuletzt gebeichtet habt?«

»Vierzehn Tage.«

Nach einer kurzen Pause hob die dumpfe Stimme wieder an und in einem Ton, als richte sich die Frage an einen, der seit Jahren und Jahren in Todsünde gelebt: »Was habt ihr während dieser Zeit getan?«

Sie begann, von Furcht, aber auch von Hoffnung erfüllt, dem Kranken gleich, der nach einer schlimmen Operation zu genesen hofft. Sie fing mit den »kleinen Sünden« an: »Eitelkeit, Ungehorsam, Unduldsamkeit, unnütze Worte, müßige Reden, Gefallen an der bösen Nachrede anderer, Lauheit im Guten!«

Der Kanonikus seufzte und drängte: »Weiter nichts?«

Sie sagte, sie habe am Dasein Gottes gezweifelt. Das war nicht wahr. Sie hatte nur Furcht gehabt, sie könnte daran zweifeln.

Er schien nicht sehr überrascht. Er seufzte, sagte etwas von Voltaire und Renan, und daß nur Toren das Dasein Gottes bezweifeln könnten . . .

»Weiter nichts?«

Er erwartete stets bei allen seinen Beichtkindern das Bekenntnis schwerer Sünden; ja es schien, als ob er auf die Enthüllung eines Verbrechens warte.

Gavina fühlte ihr Herz angstvoll klopfen und suchte den bittern Kelch so lange wie möglich von sich fernzuhalten. Sie sagte, sie habe an Träume geglaubt, an Erscheinungen, an Gesichte, und sie habe selbst eine himmlische Erscheinung angerufen und erwartet.

Der Kanonikus entgegnete ihr, das sei durch Hoffart sündigen: die Heiligen erschienen nur den Heiligen, den schuldlosen Seelen.

»Weiter nichts?«

Der entsetzliche Augenblick war gekommen! Leise wie ein Hauch sagte sie: »Ich habe durch Unzüchtigkeit gesündigt . . .«

Ein neuer Seufzer des Beichtvaters, ein langgezogener Seufzer, gleichsam der Befriedigung; er schien zu bedeuten: »Endlich haben wir’s!«

»So sprecht, meine Tochter . . .«

»Ich habe mich von einem jungen Manne küssen lassen . . .«

»Welche Beziehungen habt Ihr zu diesem jungen Mann? Hat er ehrliche Absichten? Wissen Eure Eltern davon?«

Ihr stockte der Atem. Wie, wie sollte sie nur den abscheulichen Vorfall beichten?

»Er . . . er würde wohl redliche Absichten haben, aber er kann nicht . . . Er . . . er . . .«

»Ist er anderweitig gebunden? Ist er verheiratet?«

»Er . . . soll Priester werden!«

Diesmal seufzte der Beichtiger nicht; er schwieg, wie betäubt; dann schneuzte er sich.

Gott, o Gott, was soll aus mir werden? fragte sich Gavina. Es war ihr, als stünde sie vor einem Richter, der die Macht habe, die schwersten Strafen über sie zu verhängen. Wie ein Grashalm vom Wind, so ward ihre kleine Seele zu Boden gedrückt durch den Schreckenshauch, der von jenem hölzernen Versteck ausging, das einen Mann umschloß, wie das Tabernakel den Heiland.

Und der schreckliche Mann redete: seine schauerliche Stimme schien aus einer dunkeln, veilchenfarbenen Ferne zu kommen, in der alles Trauer war.

»Meine Tochter, was Ihr mir soeben gesagt habt, ist sehr ernst. Vielleicht versteht Ihr nicht einmal den ganzen Greuel Eures Tuns. Sprecht nun, bekennt mir Eure schwere Sünde in allen Einzelheiten!«

Und sie sprach, wie außer sich und von einem unsinnigen Verlangen erfaßt, zu leiden, zu büßen. Sie übertrieb noch, sagte, sie habe den Seminaristen ermutigt, indem sie ihn angesehen, ihn am Fenster erwartet und selbst in der Kirche seine Blicke erwidert habe.

Der andere horchte, mit düsterer Miene. Und als die große Sünderin schwieg, hob er an: »Eure Sünde ist schlimmer als ein Verbrechen. Ihr wolltet Gott eine Seele rauben! Wenn Ihr erst die ganze Größe Eurer Schuld erkannt haben werdet, so werdet Ihr nicht Tränen genug haben, sie zu beweinen. Die fleischliche Sünde ist schon an und für sich die schwerste und verabscheuungswürdigste Sünde, und außer in der heiligen Ehe verdammt der Herr alles verliebte Treiben, das keusche und reine Seelen beschmutzt. Ihr habt Eure Seele schon befleckt, ohne zu bedenken, daß Eure Schuld doppelt schwer ist, weil sie mit einem Manne begangen wurde, der dem Dienst des Seren bestimmt ist. Ihr weint, meine Tochter? Ja, weint nur, bereut, was Ihr getan, und bedenkt, daß unser Leben kurz ist, und daß der Herr uns auch hier auf Erden strafen kann . . .«

So ging es noch ein gut Stück weiter. Gavina weinte wie ein bestraftes Kind und nahm sich vor, Buße zu tun und sich von den Eitelkeiten dieser Welt loszureißen. Aber trotz ihrer reuevollen Zerknirschung erteilte der Beichtvater ihr die Absolution nicht.

»Kommt in drei Tagen wieder,« sagte er, nachdem er ihr eine lange Reihe Bußgebete vorgeschrieben hatte. »Und nun geht in Frieden.«

Dieses frommen Wunsches ungeachtet ging sie mit aufgewühltem Herzen und flammendem Gesicht ihres Weges. Sie hatte keine Absolution empfangen! Es war ihr, als sei sie von der Gemeinschaft der Gläubigen ausgeschlossen, und drei Tage lang lebte sie dahin wie ein Verbrecher, der ein zweckloses Verbrechen begangen hat und Entdeckung fürchtet Sie fastete, betete und hielt sich verborgen: über die Spitze gebeugt, die wie ein Naturwunder, zartem Laubwerk gleich, aus ihren kleinen Fingern hervorging, saß sie allein oben in ihrem Zimmer, und plagte sich im Schweiße ihres Angesichts, ward von Tag zu Tag blasser und bekam Schwindelanfälle. Und das Verlangen Priamo zu sehen, und die Gewissensbisse über dieses Verlangen folterten sie unablässig. Am Abend des dritten Tages ging sie in den Garten hinunter und fühlte sich so schwach und hinfällig, daß sie sich an der Steineiche halten mußte.

Der letzte Dämmerschein erhellte den Himmel, der im Westen wie Perlmutter schimmerte; eine Stimme sang in der Ferne, und ihr leise zitternder Ton schien sich mit dem zitternden Schein des Abendsterns, mit dem leisen Blätterrauschen zu vermischen. Die Stunde war so lind und süß, daß Gavina für einen Augenblick all ihre Not vergaß. Mit einem Mal war es ihr, als ob die Eiche, an deren Stamm sie ihre Schläfe lehnte, lebendig sei und sich leise rege. Diese Offenbarung verursachte ihr innigste Freude: sie empfand eine wahre Zärtlichkeit für den Baum, es war ihr, als ob alle Dinge ringsum sich belebten, und sie warb inne, daß sie all diese Dinge liebte, daß sie ihr Leben, ihren Herzschlag teilten.

Ein Freudentaumel erfaßte sie, und ihre Füße versagten den Dienst; sie umschlang die Eiche und schloß die Augen, und in momentaner Verwirrung war es ihr, als sei der Baum Priamo.

Doch es war eben nur ein Augenblick! Dann raffte sie sich auf, öffnete die Augen – und alles schien verwandelt. Siehe da: sie hatte auf’s neue gesündigt! Finsternis umhüllte sie wieder, sie warf sich auf das Mäuerchen neben der Eiche, biß in die Steine und ward von Haß erfaßt gegen alles, was lebte und sich regte.




III


Zwei Monate lang lebte sie von diesem Haß. Sie behandelte sich selbst wie eine Feindin; sie magerte ab und – gleich ihrem Beichtvater – wagte nicht mehr, vor den Leuten die Augen auszuschlagen. Eines Tages dachte sie daran, Nonne zu werden. Während sie ihrer Mutter und Paska bei der Arbeit half, malte sie sich ein Idealkloster aus, das ganz aus Marmor erbaut wäre und von einem Garten voller Rosen und grünlich schillernder Insekten umgeben, wie das Gärtchen aus ihrer Standuhr. Aus den Fenstern des erträumten Klosters könnte man die rosige und zartgrüne Dämmerung genießen, den Mond und die Sterne betrachten und den Stimmen der Bäume lauschen, ohne in Todsünde zu verfallen.

Sie hätte jetzt leidlich ruhig dahinleben können, wären nicht die heftigen, gehässigen Auftritte gewesen, die sich von Zeit zu Zeit zwischen ihr und Luca abspielten; war er bisher der Stärkere gewesen, so bekam sie jetzt die Oberhand, und er sing an, sich vor ihr zu fürchten, wie er den Vater fürchtete.

Eines Tages, zu Anfang September, kam der Kanonikus Felix mit Priamo zu Besuch. Gavina bereitete den Kaffee, aber sie betrat das Besuchzimmer nicht. Nachher berichtete Paska ihr, Priamo müsse nach seinem Dorfe reifen, um seinen schwer erkrankten Vater zu besuchen, und der Kanonikus Felix habe davon gesprochen, seinen Neffen im Herbst nach Rom zu schicken, damit er Theologie studieren solle.

Addio, also! Alles war zu Ende, und für immer! Sie empfand nicht Schmerz, nicht Freude darüber; aber im Grunde ihres Herzens verspürte sie eine leise Enttäuschung: es war ihr, als habe Priamo sie allzubald vergessen.


* * *

Der Kanonikus Felix war auch deshalb gekommen, um Signor Sulis einen alten Landsmann von sich zu empfehlen, der einen Posten als Weinberghüter suchte.

Zwei Tage später stellte der Alte sich vor: ein sonderbarer Heiliger mit einem völlig bartlosen, sarkastischen Gesicht, eingefallenen Wangen und kleinen, schwarzen, glänzenden Maulwurfsaugen. Da er indes in seinem dunkelgrünen Sammetwams und einer neuen Mühe auf dem kahlen Kopfe recht anständig aussah, ward er gut aufgenommen und sing alsbald an zu plaudern und Verse vorzutragen. Er sagte, er sei der »berühmte« Stegreifdichter Sorighe, habe ein kleines Vermögen damit vertan, daß er von Fest zu Fest gezogen sei, um an den Wettgesängen teilzunehmen, und müsse sich nun mit dem aller bescheidensten Erwerb begnügen. Dieses Los aber nahm er nicht nur als Philosoph hin, sondern er scherzte noch darüber. »Und bei Gelegenheit amüsiere ich mich noch heute«, so schloß er.

Signor Sulis nahm ihn also als Hüter für die Weinberge an, die er auf der Hochebene, eine Stunde von der Stadt entfernt, besaß.

Alle Jahre begab Signora Zoseppa sich dorthin, um die Weinlese zu überwachen, und diesmal nahm sie Gavina mit. Der Ort war rauh, fast wild. Um die Weinberge her, bereit Laub sich tiefgrün von dem gelblichen Erdreich abhob, erstreckte sich Buschwald und Dornenwildnis, dazwischen Wiesen, mit vertrocknetem Asphodelus bedeckt. Außer den niedrigen, am Boden kriechenden Neben gediehen hier nur Feigenbäume, und nur im Weinberg der Familie Sulis, ein wenig oberhalb des grauen Häuschens, erhob sich eine Eiche, die, gleich der Steineiche im kleinen Garten dort unten, wie eine aus dem Hochwald der umliegenden Berge Verbannte erschien.

Zio Sorighe erwartete die Herrschaft vor dem hölzernen Eingangstor. Er hatte das Häuschen gesäubert, das im Erdgeschoß zwei geräumige Zimmer besaß, von denen das eine auch als Küche diente; den Abhang vor der Eiche hatte er geebnet und durch ein kleines Mäuerchen gestützt, das nun eine angenehme Terrasse bildete. Weiter oben hatte er noch ein Hüttchen errichtet, in dem er selbst die Nacht zubrachte.

Ritterlich war er den Herrinnen behilflich vom Pferde zu steigen und an Gavina richtete er alsbald die zierlichen Verse:

		»Dami sa manu, bellita, bellita,
		Dami sa manu e tornamila a dare
		Unu bestire ’e seda biaiatta,
		Dami sa manu, bellita, bellita.«[3 - Gib mir die Hand, du Schöne, du Schöne, Gib mir die Hand und gib mir sie noch einmal, dann schenk’ ich dir ein Kleid aus himmelblauer Seide, Gib mir die Hand, du Schöne, du Schöne.]

Zu Signora Zoseppa sagte er: »Die Weinstöcke sehen aus wie schwarze Schafe, so voller Trauben sind sie.«

Der Tag verging schnell. Der Knecht, Signora Zoseppa und Luca, der sich ebenfalls eingefunden hatte, legten die Gärbottiche um und wuschen sie aus. Der Alte scherzte immerfort, und mitunter waren seine Reden so frei, daß die Herrin die Brauen zusammenzog. Luca arbeitete den ganzen Tag; den Kopf im Bottich, scheuerte er diesen mit einem Besen aus und war ganz still, wie berauscht von dem Mostgeruch, den das Holz noch ausströmte. Gegen Sonnenuntergang schien er der Arbeit müde, paßte schlau einen günstigen Augenblick ab und trank den Wein, den seine Mutter im Schrank geborgen hatte; dann legte er sich nieder und schlief.

Nachdem auch Gavina den ganzen Tag gearbeitet hatte, ging sie und setzte sich auf einen großen Stein am Stamm der Eiche. Dort war es, als weile sie inmitten eines grünen Meeres: die rote, strahlenlose Sonne neigte sich den violetten Bergen zu und breitete einen lieblichen und melancholischen Schleier von rosigem Licht über die Weinberge und den Buschwald, auf dessen Lichtungen kleine, friedliche Pferde weideten, die aus der Entfernung aussahen wie schwarze Schafe. An der rotbestrahlten Eiche regte sich kein Blatt: es war, als ob die Natur schweigend dem großen Mysterium des Sonnenunterganges zuschaue. Und zum ersten Mal nach drei Monaten trüber Träumerei empfand Gavina, wenn auch gegen ihren Willen, die Freude am Leben; sie verspürte eine Bewegung, eine Regung süßer Melancholie, der gleich, die die Erde beim Abschiednehmen von ihrem besten Freunde, der Sonne, zu erfüllen schien. Und als sie gegangen war, und alle Dinge stiller und ernster erschienen, wie in die Erinnerung an den entschwundenen Freund versenkt, da dachte Gavina an Priamo.

Er war fern und unglücklich, und vielleicht würde sie ihn nie mehr wiedersehen! So durfte sie bisweilen seiner gedenken ohne zu sündigen, ja sich freuen, daß sie ihre leidenschaftliche Liebe überwunden hatte!

In den folgenden Tagen hörte sie Zio Sorighe, den Hüter und Dichter, manchmal von der Familie Felix reden: »Früher waren sie reich«, erzählte er, »aber sie haben viel Feindschaft, Streit und Unglück erfahren, und jetzt sind sie vollständig ins Elend geraten. Zum Glück ist noch der Kanonikus da, der sie unterstützt und seinen Sitz einst dem Neffen hinterlassen wird . . . wenn dieser es so weit bringt, daß er geschoren wird (Stirnrunzeln Signora Zoseppas). Ach, dem Burschen gefallen die Schürzen besser als die Soutane . . . ja, ja, das ist so klar wie die Sonne! Übrigens, wenn das nun einmal sein Charakter ist, was ist schlimmes dabei? Wem gefallen die Schürzen etwa nicht? Ich zum Beispiel . . .«

»Still jetzt. Mann Gottes!«

»Aber was sag’ ich denn? Ich sage bloß: hätten sie mich gezwungen, gegen meinen Willen Priester zu werden, so hätte ich . . . mich ebensogut amüsiert. Lustige Priester Hab’ ich genug gekannt! Pride Monnoi, z. B . . . habt ihr ihn nicht gekannt? Dann werd’ ich euch erzählen . . .«

Aber Signora Zoseppa wollte von Priester Monnois Abenteuern nichts wissen. Und Gavina betete still, daß Priamo ein guter Diener des Herrn werden möge. In Rom, in der Stadt des Glaubens, würde er sich gewiß bekehren und das Amt, das seine Verwandten ihm auferlegten, mit Freuden annehmen. Und so begann sie in der Ferne wieder, an ihn zu denken. Abends namentlich zuckte die Erinnerung an ihn durch ihren Sinn gleich dem unsichern Schein der fernen Feuer, die in der einsamen Landschaft aufflammten und wieder erloschen.

Die Nacht war dämmerhell, und die Luft roch nach Weinlaub und Haidekraut. Dann und wann ertönte die Stimme eines kleinen Hirten, der seine Herde auf die Wiesen führte, den trockenen Asphodelus abzuweiden; dann antwortete ihm die scharfe aber wohlgeübte Stimme des alten Weinberghüters, und beide Stimmen sangen Liebeslieder, die wie die Klage der von der abgeschiedenen Sonne träumenden Geholte erschienen.

Auch die Eiche erschauerte leise. Es war, als erwache sie bei dem Gang der Liebe wie ein alter Verbannter beim Erklingen einer heimatlichen Melodie. Stärker regte sich alsdann bei Gavina der Gedanke an Priamo, und auch sie stimmte unwillkürlich in die Liebeslieder ein, die durch die Nacht zitterten.

Eines Tages kamen nun die Winzer an, fast alle jung und fröhlich. Zio Sorighe dichtete für jede Winzerin eine Ottava und fand viel Beifall, doch auch einigen Widerspruch wegen allzu gewagter Behauptungen. Luca, der von der Stadt zum Weinberg kam und ging, ereiferte sich gegen den Hüter, der ihn als einen Tugendbold hinstellte, der die Weiber nicht ansähe und von den andern verlangte, sie sollten ein gleiches tun. Der lustige Alte lachte Luca ins Gesicht und dieser ging zu seiner Mutter und forderte die sofortige Entlassung Zio Sorighes.

»Ich werde den Hüter machen und alles selbst tun!«

»Ach wirklich?« sagte Gavina geringschätzig, »wirklich du?«

»Ja, ich, ich, du Esel! Und wenn der verfluchte Kerl nicht sogleich geht, dann gehe ich!«

»Geh nur, der Keller erwartet dich!«

Er ging. Die Mutter schalt Gavina, aber die Lese ging vortrefflich von statten, auch ohne Luca. Einige Winzerinnen schliefen nachts im Weinberg, und obwohl sie müde waren, erklang ihr Singen und Lachen bis zum späten Abend.

Gavina saß wieder unter der Eiche. Auf einmal hörte sie, wie ein Winzer und eine Winzerin den Abhang heraufkamen. Sie bemerkten Gavina nicht, die durch den Stamm der Eiche verdeckt war, setzten sich auf das Mäuerchen und fingen an, miteinander zu schäkern. Zuerst lachte das Mädchen leise, leise, dann war es still, dann seufzte es. Auch der Mann schwieg. Gavina begriff, daß die beiden sich küßten, und sie erbebte: es war ihr, als ob sie selbst noch hinter jenem Felsen im Garten ihres Beichtvaters stände, als Priamo sie küßte. Sie verbrachte eine unruhige Nacht: jeden Augenblick erwachte sie mit einem seltsamen Angstgefühl. Es war ihr, als sei sie aufs neue in Todsünde verfallen, und wenn sie das Rauschen der Eiche im Nachtwind hörte, dann kam ihr der Gedanke, wie wohl die Einsiedler daran täten, die verderbten Menschen mit ihrem gemeinen Treiben zu fliehen, deren Beispiel nur Versuchung bereitet.

Nachdem die Winzer abgezogen waren, blieben die Frauen wieder mit Zio Sorighe allein im Weinberg. Der Alte war mit den Bottichen beschäftigt, die wie die Kessel kochten.

Aus der Stadt kam der andere Knecht, um wieder neuen Most dorthin zu führen. »Und was werdet Ihr tun, wenn Ihr hier fertig seid?« fragte er den Hüter.

»Dann werde ich wieder wie ein Vogel durch die Lust fliegen«, erwiderte der Alte. »Zuerst besuche ich das Fest des heiligen Franz, dann das des heiligen Konstantin; ich will singen bis ich sterbe.«

»Hoffentlich aber nicht, ohne vorher zu beichten? Werdet Ihr auch Eure Beichte in Versen absingen?«

»Und warum sollt’ ich wohl beichten? Was hab’ ich im Leben Schlimmes getan? Ich habe gelebt, ich habe genossen. Und dazu hat uns Gott geschaffen, wenn mir recht ist. Essen, trinken und fröhlich sein: alles andere ist Todsünde.«

Die Herrin runzelte die Stirn. Wirklich, die Moral des Alten war der ihren völlig entgegengesetzt. Auch Gavina billigte Zio Sorighes Ansichten nicht; sie hielt ihn aber auch für ein wenig verrückt. Wenn er sie mit seinen glänzenden Äuglein ansah und immer wieder anfing:

»Dami sa manu, bellita, bellita . . .«

dann machte sie sich aus dem Staube, statt ihm die Hand zu geben.

Kurz vor dem zu ihrer Rückkehr in die Stadt bestimmten Tage hörte sie einmal, wie Zio Sorighe oben von dem Abhang aus zum Eingangstor hinüberrief: »Heil, Don Pilimu, Seil, Don Pilimu!« Und Gavina fragte sich, ob der Alte nun wohl wirklich toll geworden sei. Gleich darauf aber sah sie Priamo zu Pferde und in bürgerlicher Kleidung, in Begleitung eines hochgewachsenen Mannes, der ebenfalls beritten war und wie ein Imperator aussah; ein junger zahmer Damhirsch folgte ihnen.

Fast erschrocken zog Gavina sich zurück und benachrichtigte ihre Mutter, die ihr gelassen erwiderte: »So muß man sie einladen, abzusteigen.«

Priamo, der aus seinem Dorfe zurückkehrte und einen weiten Umweg gemacht hatte, um an Gavinas Aufenthalt vorüberzureiten, ließ sich nicht lange bitten.

»Es geht meinem Vater besser«, sagte er sogleich, und seine Augen suchten die Gavinas. Aber sie verhielt sich so schüchtern und scheu wie der kleine Damhirsch, der zwischen den Beinen der Pferde Schutz gesucht hatte. Beinahe fürchtete sie sich vor dem Seminaristen, der ihr in seiner bürgerlichen Kleidung als ein anderer erschien: so war er vielleicht weniger schön, aber er sah aus wie ein Mann.

Während Signora Zoseppa den beiden Männern zu trinken bot, und Priamos Landsmann mit Kennerblicken den ausgedehnten Besitz und die vielen schäumenden Bottiche betrachtete, näherte Gavina sich dem Damhirsch. Sein dunkelblondes Fell glänzte wie Samt, und die großen, sanften, braunen Augen blickten mit einem fast menschlichen Ausdruck in die Gavinas. Als sie ihm ein Stück Brot reichte, wich das zierliche Tier zuerst scheu zurück, sein hübsches Köpfchen hintenüberwerfend; dann aber schob es sein schnupperndes Mäulchen vor und nahm das Brot. Und Gavina faßte es um den Hals und zog es zu dem Häuschen hinüber.

»Gefällt er Ihnen?« fragte der Fremde und Priamo fügte sogleich hinzu: »Wenn er dir gefällt, schenke ich ihn dir. Magst du ihn? Dann mußt du ihn aber hier einsperren, damit er uns nicht fortreiten sieht.«

Sie errötete vor Vergnügen und nahm das Geschenk an. Der alte Hüter erbot sich, den Damhirsch zu warten, fütterte ihn und redete in Versen zu ihm.

»Du könntest mir einen Gefallen tun«, sagte Signora Zoseppa zu Priamo. »Du könntest morgen meinen Mann und Luca aufsuchen, ihnen sagen, daß du uns gesehen hast und daß es uns gut geht. Und grüße auch deinen Onkel!«

»Ja, ja, das werd’ ich ausrichten«, rief Priamo indem er wieder aufsaß und einen letzten Blick auf Gavina richtete.

Sie blieb den ganzen Abend über im Sause und streichelte manchesmal das hübsche Tierchen, das keinen Fluchtversuch unternahm, aber immerfort traurig durch das Fenster sah. Und auch sie blickte in die Ferne, und mitunter hatten ihre Augen den gleichen Ausdruck wie die des Damhirsches. Wo mochte Priamo jetzt sein? Dachte er wohl an sie? Und ihr, ihr war es verboten an ihn zu denken, wie es jetzt dem kleinen Damhirsch verboten war, an seine schöne Freiheit im wilden Wald zu denken und an die Spiele mit seinesgleichen . . .

Am folgenden Morgen kam der stattliche Bauer, der wie ein Imperator aussah, wieder vorübergeritten und sagte zu Zio Sorighe: »Wie vergnügt war mein junger Herr gestern Abend! Ich habe ihn noch nie so fröhlich gesehen!« Und wieder blickte er auf Gavina, auf die Bottiche, auf die Weinberge.

Als er fort war, sagte der alte Hüter zu Signora Zoseppa: »Jener Bursche wird Priester werde«, wenn ich Eremit werde.«

»Und warum nicht?« entgegnete Signora Zoseppa gutmütig. »Auch der Teufel ist schließlich Eremit geworden.«

Und nun geschah etwas, was der schlaue Alte vielleicht vorausgesehen hatte: am Nachmittag kamen Luca und Priamo. Luca hegte eine fast krankhafte Zuneigung für alles kleine Getier und kam nur, um den Damhirsch zu sehen. Und Priamo, weshalb kam er? . . . Gavina hätte es sagen können, und vielleicht auch Zio Sorighe; aber der alte Hüter war damit beschäftigt, einen großen Kessel Wasser zum Kochen zu bringen und aschgraue Pfirsichblätter hineinzutun. Und Gavina tat beharrlich, als habe sie das Kommen der beiden jungen Leute gar nicht bemerkt: an dem kleinen Fenster lehnend, blickte sie in die Ferne und schien sehr in Sorgen, weil am Horizont eine kleine, lichte Wolke stand, die wie ein silbernes Schwert aussah. Und mit einemmale war es ihr, als hinge dieses Schwert über ihrem Haupte . . .

Signora Zoseppa sagte: »Luca, laß das Tier jetzt in Ruhe und tue etwas Nützlicheres; hilf mir die Fässer reinigen. Und du, Priamo, könntest mit Gavina gehen und die Feigen pflücken.«

Priamo sprang sogleich hinaus und blieb, Gavina erwartend, bei Zio Sorighe stehen, der das Feuer unter dem Kessel schürte. »Ihr wascht die Fässer mit ausgekochten Pfirsichblättern aus?« sagte Priamo erregt. »Bei uns . . .«

Er vollendete nicht, um Gavina nachzueilen, die, den Damhirsch lockend, zu der Eiche hinaufging, wo sie unter Herzklopfen anhielt. Priamo folgte ihr, und ihr war es, als ob seine Gestalt, wie sie auf dem lichten Hintergrund der Landschaft hervortrat, für sich allein die ganze Einsamkeit der weiten Hochebene ausfülle.

Sie zitterte vor Furcht, vor Neugier, vor Erwartung.

»Gavina, warum eilst du so? Warte doch!« sagte er und betrachtete den mächtigen Stamm der Eiche. »Wie schön ist es hier! Hast du auch schon deinen Namen eingeschnitten? Hier könnte man ihn gut einschneiden und auch den meinen.«

»Wo?« fragte sie, indem sie sich auf die Fußspitzen hob und sich mit der linken Hand auf den Baumstamm stützte. Da legte er seine Hand auf ihre kleine, zitternde Hand; sie schmiegte sich wie Schutz suchend an den Baum – er aber nahm sie sogleich in seine Arme und küßte sie.

»Jetzt sollst du mir nicht mehr entschlüpfen«, sagte er in leidenschaftlicher Erregung. »Ich will wissen, warum du mich fliehst! Denn ich weiß doch, daß du mich lieb hast. Ich will nicht wieder ins Seminar zurück. Nein, lieber werde ich Bauer, Packträger, Hirt . . . Nur nicht Priester . . . Du willst mein sein, sag’ es mir, du willst mein sein . . .«

Obwohl die von ihm eröffneten Aussichten in die Zukunft nicht gerade glänzend waren, erwiderte sie leise, fast unbewußt: »Ja!«

Da küßte er sie stürmischer, und sein Gesicht leuchtete vor Freude; einen Augenblick lang vergaßen sie all das Trübe und Falsche in ihrem Leben; einen Augenblick lang waren sie, was sie ihre ganze Jugend hindurch hätten sein sollen: aufrichtig und glücklich. Der kleine Damhirsch umsprang sie, und die Eiche rauschte über ihnen: es war, als ob das Tier und der Baum und alles ringsum frohlockte beim Anblick der beiden jungen Menschen, die sich in Liebe umschlungen hielten. Auf einmal aber ertönte die Stimme des Hüters, der den Schrei des Falken nachahmte, um die Vögel zu schrecken, die sich auf den Feigenbäumen niedergelassen hatten.

Auch Gavina und Priamo wurden dadurch verscheucht. Er bemerkte die kleine Hütte oben im Weinberg und über die kahlen Weinstöcke hinweg eilte er darauf zu, wie zu einem sicheren Hafen. Gavina folgte ihm, das Herz von Liebe geschwellt, doch schon von Gewissensbissen heimgesucht.

»Ich werde dir schreiben«, sagte er leise. »Wie kann ich dir Briefe schicken? Der Post mag ich sie nicht anvertrauen. Und deshalb allein habe ich dir nie geschrieben.«

»Ach, nein, nein, tu’ es nie! Du würdest mich unglücklich machen«, erwiderte sie erschrocken.

»Ich kenne deine Freundin, Michel« . . .«

»O, sie ist so fromm,« sagte Gavina und errötete. Dann aber ward sie traurig und seufzte wie ihr Beichtvater. »Michela und ich, wir haben gelobt . . . nie zu heiraten«, sagte sie schüchtern.

»Was sagst du da?« unterbrach er sie. »Es ist also nicht wahr, daß du mich liebst . . . warum, warum täuschest du mich denn?«

»Wenn ich dich nicht heiraten kann, so werde ich auch nie einen andern heiraten. Nur um deinetwillen . . .«

»Schwöre es mir! Schwöre!« Er blieb vor der Hütte stehen; sein Gesicht war blaß und tieftraurig, und die Augen blickten angstvoll auf Gavina.

Sie erhob den Kopf, in ihrer alten, stolzen Art, und sah ihm fest in die Augen. »Ich brauche nicht zu schwören . . . Wenn ich dich nicht heirate, so heirate ich auch keinen andern, sage ich dir!«

»Komm!« bat er, Und deutete auf die Hütte.

»Nein, nein, laß uns hier bleiben!«

Aber nachdem er sich versichert, daß niemand sie sah, faßte Priamo Gavina bei den Armen und zog sie hinein.


* * *

In jener Nacht schlief sie nicht. Priamos Küsse brannten noch auf ihren Lippen, aber der Gedanke, daß sie gesündigt habe, quälte ihr Gewissen auf das heftigste. Es war ihr, als ob sie durch das Rauschen der Eiche hindurch die dumpfe Stimme ihres Beichtvaters vernähme: »Ihr wollt zur Nebenbuhlerin Gottes werden? Nebenbuhlerin Gottes, versteht ihr wohl? So denkt daran, daß er uns schon hier auf Erden strafen kann.«

Sie aber wagte, auf die Großmut ihres furchtbaren Nebenbuhlers zu hoffen: Mein Gott, du weißt es, daß wir einander lieb haben, er und ich. Wir werden gute und fromme Menschen werden . . .

Wie aber den Vorwürfen, der Rüge des Kanonikus Bellia entgehen? . . . Ein Gedanke kam ihr in den Sinn: Nicht mehr beichten, schweigen, bessere Zeiten abwarten . . .

Wiederum aber murmelte jene dumpfe Stimme durch das melancholische Blätterrauschen: »Ach, ihr wollt schweigen, meine Tochter? Wen wollt ihr denn betrügen? Wirklich ihn? Er sieht, er weiß alles, meine Tochter; und mögen wir auch uns selbst betrügen – ihn nicht, ihn nicht!«


* * *

Am anderen Morgen in aller Frühe stand Gavina unter der Eiche und dachte an Priamo, als sie den Knecht aus der Stadt mit zwei Pferden ankommen sah. Er sollte freilich an jenem Tage kommen, sie abzuholen, aber erst gegen Sonnenuntergang; weshalb also kam er so früh?

»Der Herr hat diese Nacht einen kleinen Zufall gehabt; es wäre wohl besser, wenn Sie jetzt gleich zurückkämen.«

Der kleine Zufall war ein Gehirnschlag, und als Signora Zoseppa und Gavina nach Hause kamen, lag der Kranke im Sterben. Gavina warf sich zu Füßen des Sterbebettes ihres Vaters nieder und dachte an den furchtbaren Nebenbuhler, der sie getroffen hatte, wie nur Er zu treffen weiß.




Zweiter Teil





I


Nach dem Tode Signor Sulis’ wurde das Haus stiller als ein Kloster. Die Trauer mußte streng beobachtet werden, wenigstens für zwei Jahre; während der ersten sechs Monate blieben die Fenster nach der Straße geschlossen. Gavina verzehrte sich fast vor Traurigkeit. Sie hatte ihren Vater auf dem Totenbett gesehen; blaß und mit verhaltenem Atem hatte sie sich über sein stilles Gesicht gebeugt, in die halbgeschlossenen grünlichblauen Augen geblickt wie in ein Geheimnisvolles ohne Licht und Bewegung, und den Eindruck gehabt, daß dieses Bewegungslose, Kalte nicht der Abgrund des Todes, des Nichts sei, sondern der Abgrund des Lebens. So also endete alles! Ihr Vater, der gestern noch lächelte und scherzte, lag da unbeweglich und stumm für alle Ewigkeit! Was ist das Menschenleben? Ein Vogelflug! Und sie war an das geschlossene Fenster getreten, hatte geweint und gedacht, daß sie durch ihre Sünde vielleicht den Tod des Vaters beschleunigt habe.

Dennoch lehnte sie sich nicht gegen den rächenden Gott auf, der sie so hart strafte, sondern sie verehrte ihn mit der Furcht und der angeborenen Bewunderung der Naturvölker für alles, was zerstörende Kraft ist. Daß der Vater gerade an jenem Tage sterben mußte, das war für ihre kleine Seele wie einer jener sommerlichen Gewitterstürme, die die Luft reinigen, aber die Gärten verwüsten. Ihre kleine Seele ward rein und trocken wie ein Alpengipfel. An Priamo dachte sie nur noch um sich das traurige Wohlgefühl zu verschaffen, diesen Gedanken von sich zu weisen. Wenn sie Michela sah, so zitterte sie jedesmal vor Angst, sie könnte ihr einen Brief bringen – und doch hätte sie gewünscht, Briefe zu bekommen, nur um sie ungelesen zu zerreißen. Ihr gewohntes Gebet: Mein Gott, laß mich leiden! ward in ihr zur fixen Idee.

Dann prüfte sie sich, ob sie wirklich leide, und es schien ihr, als wäre es nie genug. Und so entwickelte sich in ihr unwillkürlich eine stetig zunehmende Fähigkeit, alle Dinge zu zergliedern.

Acht Tage waren vergangen seit dem Tode Signor Sulis’, und seine Witwe saß noch immer, in ein schwarzes Tuch gehüllt, in einer Ecke des Besuchzimmers, in dem ein Hauch des Todes sogar das Licht verlöscht zu haben schien, und empfing die barbarischen Beileidsbesuche.

»Geduld! Wir sind geboren um zu sterben!« so sagten alle. Unbeweglich und blaß saß die Witwe da und weinte und sprach nichts mehr. Es war als hätte die unausgesetzte Ermahnung zur Geduld sie nunmehr überzeugt, daß wir geduldig dahinleben müßten, nur um den Tod zu erwarten.

Neben ihr stand Luca. Schwarz gekleidet, dick und schlapp, sah er wie ein alter Mann aus. Auch Gavina saß dort, zwischen der Konsole und dem Sofa, aber niemand beachtete sie. Ihre stehenden Reden murmelnd, gingen die Leute durch das Zimmer hindurch wie ein Leichengefolge über die Straße.

Und so kamen alle Einwohner der kleinen Stadt, die reichen Bauern, die niedere wie die hohe Geistlichkeit. Der Kanonikus Felix war der einzige, der von Leben sprach. »Mut, Signora Zoseppa! Sie haben noch Ihre Kinder um sich, und sie bedürfen Ihrer; sie sind jung, und ihrer wartet das Leben. Sie haben Sie wirklich nötig . . .«

Aber dann kam der Kanonikus Bellia, düster und mit niedergeschlagenen Augen. »Wir sind geboren um zu sterben. Alles stirbt hienieden; das ist unser Los! Wir sind Staub, den der Wind verweht . . .«

Wie von dem Winde getroffen, von dem der schreckliche Kanonikus sprach, sank Gavina in sich zusammen. Das Halbdunkel um sie her verdichtete sich noch, und selbst die Venus auf der Konsole schien traurig und wahrhaftig zu einer melancholischen Madonna verwandelt. Alles erstarb, alles schwand dahin, sogar die Schönheit und heitere Ruhe einer Göttin!


* * *

Im Keller füllte unterdes Zio Sorighe mit Hilfe des Knechtes den jungen Wein in die Fässer, immer darauf bedacht, keinen Lärm zu machen. Es tat dem Alten ungemein leid, daß er nicht singen durfte; aber ein Verslein murmelte er doch dann und wann vor sich hin. An den Trichter richtete er die Worte:

		Non bi at imbriagolu, in custu mundu,
		chi biat cantu a tie ind fume die . . .[4 - Es gibt keinen Trunkenbold in dieser Welt, der so viel trinkt wie du an einem Tage.]

Paska weinte, überwachte indes auch die beiden Knechte, denn im Keller lag noch ein Faß voll alten Weins. Zio Sorighe aber bemerkte etwas Seltsames: Luca schlich von Zeit zu Zeit auf den Fußspitzen in den Keller, näherte sich jenem Faß und bückte sich, um den Kahn zu öffnen; dann aber schlich er, wie von einem plötzlichen Schrecken gepackt, wieder fort, ohne daß er getrunken hatte.

Eines Abends rief der Kanonikus Sulis, nachdem er sich mit der Witwe seines Bruders besprechen hatte, Gavina und Luca herein und sagte feierlich: »Euer Vater hat in Ehren gelebt und für euch gearbeitet. Jetzt ist es an euch, sein Andenken zu ehren. Er hat kein Testament gemacht, aber ihr wißt, daß sein Besitz nun euch sowohl wie eurer Mutter gehört. Sie aber soll auch ferner hier die Herrin bleiben. Was sagt ihr dazu? Sprich du, Gavina!«

»Ja, ja, sie ist die Herrin!«

»Und du, Luca?«

Gerührt und unter Tränen sagte er: »Ja, sie soll immer hier die Herrin bleiben! Ich will jedem Wink von ihr folgen. Auch ich will in Ehren leben wie mein Vater; ich will arbeiten und ein ehrerbietiger Sohn sein . . .«

Gavina glaubte kein Wort davon. Um indes die rührende Szene nicht zu stören, stand sie auf und ging in den Garten, wo bald darauf Michela sie aufsuchte.

»Weißt du, was mir passiert ist?« sagte sie hastig; »Priamo Felix wollte mir einen Brief für dich geben . . .«

»Und du hast ihn angenommen?« fragte Gavina, blaß vor Erregung. »Nein, nicht wahr? Weh dir, wenn du dich unterstehen solltest . . . Er ist toll.«

»Aber wenn er in mich dringt, was soll ich ihm sagen?«

»Daß ich . . . daß ich nichts von ihm wissen will, weder von ihm noch von anderen, von niemand, niemand! Ich bin so gut wie tot für ihn . . . für alle . . .«

Am folgenden Tage schnürte Zio Sorighe seinen Quersack: seine Arbeit hier war zu Ende. Er ging zum Kanonikus Felix, seinem alten Landsmann, um Abschied zu nehmen, und dann verabschiedete er sich von seiner Herrin; er war ungewöhnlich traurig, und nachdem er sich den Sack auf den Rücken geladen hatte, sagte er: »Mut, Signora Zoseppa! Er ist jetzt glücklicher als wir. Er ist angekommen, während wir noch wandern.« Dann fragte er nach Gavina, und da er hörte, daß sie im Garten sei, ging er auch zu ihr, um sich zu verabschieden.

Sie begoß gerade die Chrysanthemen, die sie mit Sorgfalt pflegte, um Kränze für das Grob ihres Vaters daraus zu winden.

»Dami sa manu, bellita, bellita . . .« sagte der Alte, indem er auf sie zuging.

»Ihr geht? Gute Reise!« erwiderte sie, ohne zu lächeln, ohne ihn nur anzusehen. Und er ging davon mit seinem Quersack, gleich einem Pilger.

Einen Augenblick später, als Gavina Wasser holen wollte, bemerkte sie auf dem Boden einen geschlossenen Brief. Ohne Zweifel hatte Zio Sorighe ihn verloren. Sie bückte sich, hob den Brief auf und erbleichte; denn er war an sie gerichtet, und sie erkannte die Handschrift Priamos. Zuerst empfand sie eine Regung von Zorn gegen den Alten; doch der Zorn schwand und tiefe Traurigkeit folgte ihm. Was sollte sie nur tun? Der Brief brannte ihr zwischen den Fingern; sie verspürte ein heftiges Verlangen, ihn zu öffnen, hatte aber bereits so viel Gewalt über sich, daß sie dieses Verlangen nicht nur überwand, sondern auch scharf prüfte. Sie mußte den Brief zurücksenden – aber wie? Sie dachte an Michela, wies dann aber diesen Gedanken mit Entrüstung von sich.

Sie verharrte lange in unruhigem Grübeln. Der Abend sank herab, lau und dunstig, und mit dem Geruch der welkenden Pflanzen und der feuchten Chrysanthemen stieg es wie ein Hauch der Erinnerung auf. Alle Tage um diese Stunde gedachte sie des toten Vaters und betete für ihn. Auch an jenem Abend begann sie ihre endlose Reihe von requiem aeternam; bald jedoch ward sie inne, daß ihr die genügende Sammlung fehlte. Sie dachte immerzu an den Brief und plötzlich erkannte sie mit Schmerz, daß das Verlangen ihn zu lesen immer heftiger wurde. Fassungslos sank sie auf die Knie, und das gewohnte Gebet befleckte ihre Lippen: »Mein Gott, verzeihe mir, aber laß mich leiden! Schicke mir großes Leid, mein Gott!« Und sie beschloß, den Brief zu behalten, ihn auf der Brust zu tragen wie einen Büßergürtel, um sich durch das Verlangen zu quälen ihn zu lesen, und dieses Verlangen zu überwinden.

Der Herbst war schon weit vorgeschritten, und das Leben im Sulisschen Hause wurde, wie die Jahreszeit, immer trüber. Solange die Herbstsonne noch den Garten beschien, fiel wenigstens ihr Widerschein in die melancholischen Zimmer; nachher aber war alles Schatten und Trostlosigkeit.

Die Witwe und Paska redeten beständig von dem teuren Verstorbenen, und am Tage Allerseelen weinten sie, als wäre er soeben erst gestorben. Und gerade an diesem Tage betraf Gavina von neuem Luca am Speiseschrank. Er hätte ungehindert trinken können – doch es war, als habe er immer noch Furcht vor dem Vater.

Gavina dachte, es sei zwecklos, sich an die Mutter zu wenden; und wie früher schon trat sie vor Luca hin und betrachtete ihn mit zornigem Blick. »Schäme dich! Geh! Sogleich, oder du kriegst es mit mir zu tun! Heute willst du dich betrinken, wirklich heute? So ehrst du das Andenken unseres Vaters? Ich werde dich noch aus dem Hause treiben . . .«

»Du Esel! Ist das Haus dein?«

»Ja, es ist mein, es ist mein! Merk’ es dir wohl, von jetzt an will ich hier die Herrin sein! Denk’ daran . . .«

»Unsere Mutter ist die Herrin. Du hast versprochen . . .«

»Und du, was hast du versprochen, du Elender?« entgegnete sie und drohte ihm mit den Fäusten. »Hast du versprochen, dich und uns zu ruinieren? Ich werde das nicht zulassen, verstehst du, ich werde es nicht zulassen, nie, nie! Eher will ich dich zu Tode ärgern, dich aus dem Hause treiben. Hast du verstanden? Geh’ weg, jetzt! Hörst du nicht, wie die arme Mutter weint, hörst du das nicht?«

In der Tat hörte man Signora Zoseppa in der Küche schluchzen. Luca wich zurück, schwieg und schien betroffen von dem Schmerz der Mutter. Eine Zeit lang verhielt er sich vernünftig, es war, als habe er gute Vorsätze gefaßt. Gavina indes traute dem Frieden nicht und eines Tages hörte sie, wie Luca zu Paska sagte: »Ihr alle quält mich und wollt mich schulmeistern wie ein Kind; aber die Zeit wird kommen, wo ihr mich als Herrn respektieren sollt. Wenn mir ein Plan gelingt, dann werde ich in einer Woche mehr verdienen als du in vierzig Jahren verdient hast.«

»Und Gott gebe es dir!« erwiderte jene überzeugt. »Das Geschick dazu hast du ja, wenn du nur auch den guten Willen hättest!«

Doch die Tage vergingen, und er brachte seinen Plan nicht zur Ausführung. Am Feuer hockend wie ein altes Weib, begnügte er sich damit, über Paska und den Knecht zu räsonieren.

Zu Anfang Dezember machte einmal der Kanonikus Felix mit seinem Neffen der Witwe Sulis einen Besuch, und der erstere sagte mit seinem gewohnten stillen Lächeln: »Ach, heute habe ich nicht eine Dame mit dem Fächer gesehen.«

Priamo blickte mit trüben Augen um sich; aber Gavina erschien nicht, und er tat während der ganzen Dauer des Besuchs nicht den Mund auf.

Der Winter kam mit seinen stürmischen Winden, seinen leisen Schneefällen. Die Berge waren ganz mit Schnee bedeckt, und auch die fernsten schienen nah und hoben sich weiß vom klaren blauen Himmel ab, oder traten nur undeutlich zwischen Wolkenungetümen hervor. Manchen Abend ging der Mond so kalt und klar über den beschneiten Spitzen auf, wie wenn er lange Zeit im Schnee begraben gewesen wäre; und die ganze Landschaft erschien alsdann so marmorstarr, als sollte sie ewig so bleiben.

Bevor sie sich zur Ruhe begab, trat Gavina regelmäßig an das Fenster und dachte an den toten Vater, den es wohl fror dort auf dem kleinen Friedhof am Berghang; dann überfiel sie tiefe Traurigkeit, bis sie über ihren Gedanken an den Tod und an Gott allmählich wieder in Verzückung geriet und ganz zufrieden war zu leiden: ihre Seele war wie der Widerschein der kalten und trostlosen Reinheit der Winternacht.

Als aber der Frühling kam, wurden die Fenster wieder geöffnet, und Gavina konnte das Haus verlassen. Sie ging in die Kirche, sie beichtete und sprach dem Kanonikus Bellia ihren Wunsch aus, Nonne zu werden. Doch zu ihrer großen Verwunderung riet er ihr ab, und machte es ihr zur Pflicht, bei ihrer Mutter zu bleiben. »Welches Kloster wäre besser als euer Haus? Geht in Frieden, meine Tochter, und denkt nicht mehr an dergleichen!«

Hätte nicht Luca immer wieder Anlaß zum Verdruß gegeben, so wäre ihr Haus in Wahrheit so ruhig wie ein Kloster gewesen. Die Welt war so fern! Auch Priamo hatte es aufgegeben, wieder und wieder vorüberzugehen und Michela um ihre Vermittlung bei der Freundin zu bitten.

Nachrichten aus der weiten Welt erfuhr Gavina nur von Zeit zu Zeit aus alten Nummern der »Unità Cattolica«, die der Onkel ihr gelegentlich hereinreichte. Andere Zeitungen oder gar Romane bekam sie nicht zu Gesicht; und gerade deshalb haftete jedes Wort der orthodoxen Zeitung in ihrem Gedächtnis wie auf einem weißen Blatt. Bis zu ihrem zwanzigsten Jahr sah sie die Welt nur durch die Spalten der »Unità Cattolica« hindurch und alles erschien ihr gleichsam in einem schwarzen Rahmen; sie glaubte, jeder gute Christ müsse sich darum grämen, daß Rom nicht mehr dem Papst gehörte. Die Gestalten der italienischen Renaissance erschienen ihr klein und böse, und sie lernte die Dichter verachten, die das Leben priesen, und die Schriftsteller hassen, die nicht an Gott glaubten!

Mit zwanzig Jahren las sie Chateaubriand und einige Bände der Weltgeschichte von Cesare Cantù. Und mit diesen Kenntnissen ausgestattet, hielt sie sich für die gebildetste und einsichtsvollste junge Dame der Stadt.


* * *

Am Karfreitagabend, sechs Monate nach dem Tode ihres Vaters, ging Gavina mit Michela zur Predigt. Dies Jahr war der Fastenprediger ein junger, sehr schöner Priester; auf der Kanzel jedoch wurde er furchtbar und richtete nur stammende Worte, Drohungen, ja Kränkungen an die erschrockenen Gläubigen. Die Frauen weinten und schlugen sich an die Brust; die Studenten, die er mit Schmähreden bedachte, die für eine Schar von Teufeln bestimmt schienen, lachten, murrten und rächten sich dadurch, daß sie nach Beendigung der Predigt sich der Prozession anschlossen, sich unter die Menge mischten und Lärm machten.

Es war ein milder Aprilabend: draußen lag der letzte Dämmerschein, und am Himmel stand die zarte Sichel des neuen Mondes. Über der dunkeln Menge, die langsam die absteigende Straße zum Seminar hinunterzog, schwebte, auf der Suche nach ihrem toten Sohne, die Madonna mit den sieben funkelnden Schwertern in der Brust und einem Gesicht so blaß wie das des Mondes. Die Menge murmelte eine traurige und seltsame Weise, die wie das Summen eines Bienenschwarmes klang, der in der Stille des Abends unversehens ausgeflogen wäre.

Gavina ging in einer Gruppe von jungen Mädchen einher, die nicht alle mystisch veranlagt waren wie sie, und die sich von den dreisten Studenten beschauen, ja selbst anrühren ließen; plötzlich hörte sie wie jemand ihr ins Ohr raunte:

		Oh, dolce, nella tiepida
		Sera d’april vagare
		Al fianco tuo . . . Gavina . . .[5 - O wie süß ist’s, am lauen Aprilabend an deiner Seite zu wandeln, Gavina!]

Wild vor Zorn kehrte sie sich um: »Lassen Sie das sein, Sie Dummkopf!«

Ihre blitzenden Augen waren den klugen und lustigen des Mieters Michelas begegnet, der, statt Gavinas Zurechtweisung übelzunehmen, ihr zulächelte. Er war wie berauscht: trunken von Freude, von Poesie, von Jugend. Sie zankte mit Michela, als ob diese Unrecht daran täte, einen so unverschämten, frechen Burschen in ihrem Hause zu dulden.

Michela verteidigte sich und verteidigte ihren Mieter: »Er wird einmal ein großer Mann werden, vielleicht ein Abgeordneter. Seine Lehrer sagen, sie hätten noch nie einen so begabten Schüler gehabt . . . Und er macht sogar Gedichte!«

»Auch Zio Sorighe ist ein Dichter!« sagte Gavina verächtlich.

Und von jenem Abend an zankten die beiden Freundinnen sich jedesmal, wenn sie sich sahen, wegen Francesco. Im Sommer nahmen sie ihre gewohnten Abendspaziergänge zum Brunnen wieder auf, und der ewige Zankapfel zwischen ihnen blieb der Student.

Eines Abends antwortete Michela nicht auf Paskas Ruf.

»Sie ist im Felde gewesen und hat Korn geschnitten und jetzt hat sie das Fieber«, sagte die Witwe Fais, an das Haustor tretend. »Soll Francesco euch begleiten?«

»Danke, wir fürchten uns nicht allein zu gehen«, entgegnete Gavina in ihrer gewohnten stolzen und spöttischen Art. Dann ging sie in die Küche des Häuschens, wo Michela mit fieberglänzenden Augen auf eine Matte hingestreckt lag.

»Ein grünes Kleid hast du an«, sagte sie mit verschleierter Stimme und faßte an Gavinas Kleidsaum.

»Grün? Nein, es ist doch schwarz . . .«

»Ich sage dir, es ist so grün wie das Kleid der heiligen Anna . . . Sie war eben hier, die heilige Anna . . .«

»Sie phantasiert«, sagte die Witwe.

So oft Gavina in den nächsten Tagen die kranke Freundin besuchte, ging die Mutter Francescos ihr nicht von der Seite und betrachtete sie neugierig.

»Aber warum sieht sie mich so an?« fragte Gavina Michela.

»Wenn ich’s dir sage, wirst du lachen. Sie hofft, daß ihr Sohn dich heiraten wird.«

»Sie ist wohl verrückt? Übrigens will ich ja gar nicht heiraten.«

»Und ich auch nicht . . .«

Dieser Vorsatz der beiden Mädchen wurde bekannt, und auf der »Piazzetta«, wo Zia Itria, zum großen Kummer Signora Zoseppas, den Kreis der jungen Leute aufs neue um sich versammelt hatte, spottete man darüber.

Auch die böse Klatschbase stellte sich jetzt, da der Signor Sulis ihr nicht mehr zuhören konnte, in dem trefflichen Kreise ein, und es gab schöne Erörterungen zwischen ihr und dem Invaliden. Beide wohnten mit Vorliebe den Gerichtsverhandlungen bei und traten abends für oder gegen die Angeklagten ein, gaben die Reden der Verteidiger wie die Anklage des Staatsanwalts wieder. Artete die Erörterung in Zank aus, so klatschte Zia Itria in die Stände und trällerte ein Liedchen, über das die ganze Zuhörerschaft lachte:

		Adamo capo stipite
		Della famiglia umana
		Per causa di una femmina
		Perdè la tramontana . . .[6 - Adam, der Vater des Menschengeschlechts, verlor um eines Weibes willen den Kopf.]

Auch Luca, der zu Hause so mürrisch und böse war, amüsierte sich bei diesen Zusammenkünften. Der Zwerg und der ehemalige Klosterbruder hatten ihn zum besten und verlangten immerzu Gelddarlehen von ihm; Luca hatte kein Geld, sprach indes beständig von seinem geheimnisvollen Vorhaben, das, zur Ausführung gebracht, ihn zum Millionär machen würde. Eine Zeitlang redeten ihm die Schustergesellen zu, mit ihnen nach Amerika zu gehen, um dort den Zwerg als Naturwunder zur Schau zu stellen. Luca hätte sich wohl auch dazu bewegen lassen – aber das Geld fehlte. Da setzte der Klosterbruder ihm den Gedanken in den Kopf, er solle sich seinen Anteil am väterlichen Erbe herausgeben lassen, und Luca sprach zunächst zu Paska davon, die zu weinen anfing und ihn für verrückt hielt.

»Er ist gewiß krank«, sagte sie zur Herrin. »Gebt nur einmal acht: mit dem zunehmenden Mond fängt das Trinken an und hört nicht auf, bis der Mond abnimmt; dann kommt er wieder zu sich, faßt gute Vorsätze und bereut aufrichtig. Sobald aber der neue Mond am Himmel steht, fängt es wieder an.«




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notes



1


Der Soldat im Kriege läßt alles hinter sich und vergißt selbst Gott. Wenn mein Leib begraben ist, so verwandelt er sich in sieben Unzen Staub.




2


Ein schöner Zwerg und eine Zwergin im Alter von achtzig Jahren, krüppelhaft und aller Übel voll, sie schwuren einander Treue.




3


Gib mir die Hand, du Schöne, du Schöne, Gib mir die Hand und gib mir sie noch einmal, dann schenk’ ich dir ein Kleid aus himmelblauer Seide, Gib mir die Hand, du Schöne, du Schöne.




4


Es gibt keinen Trunkenbold in dieser Welt, der so viel trinkt wie du an einem Tage.




5


O wie süß ist’s, am lauen Aprilabend an deiner Seite zu wandeln, Gavina!




6


Adam, der Vater des Menschengeschlechts, verlor um eines Weibes willen den Kopf.


