Der Secretair der Marquise Du-Deffand
Alexandre Dumas der Ältere




Alexandre Dumas

Der Secretair der Marquise Du-Deffand





Erster Band





Erstes Kapitel


Ein Brief von Herrn Walpole, den ich gestern erhielt, hat mich die ganze Nacht träumen gemacht, denn ich bin wie Lafontaine's Haase in seinem Lager, ich träume in dem meinigen viel, wenn ich nicht darin schlafen kann.

Da es seit fast einem Jahrhunderte mehre sehr bekannte Walpole's in der Welt giebt, so ist es billig, daß ich hier darthue, wer der meinige ist. Er ist weder Robert Walpole, erster Graf von Oxford, Minister des Königs Georg I., noch Horaz Wolpole, der Bruder des genannten, Gesandter in Frankreich bei den Generalstaaten; er ist Horaz Walpole, der Neffe des Letztern und dritter Sohn des Ministers, Schloßherr von Strawberry-Hill, mein bester Freund und eifrigster Correspondent.

Walpole gab mir, ein wenig barsch vielleicht, nach seiner Gewohnheit, ein Mittel, einen Hauptfeind zu bekämpfen, die Langweile nämlich, die mich trotz aller meiner Gegenanstrengungen verfolgt und verzehrt. Er hat mich veranlaßt, Erinnerungen aus meinem Leben zu schreiben; er sagt mir, daß ich viel gesehen habe, und daß ich mir folglich viel in das Gedächtniß zurückrufen könne. Das ist wahr, aber ich langweile mich bereits dergestalt über meine traurige Person, daß ich mich ohne Zweifel noch mehr langweilen werde, wenn ich von mir spreche. Ich habe indeß ein Hilfsmittel, das ich gewiß anwenden werde, und dies besteht darin, mich mehr mit Andern, als mit mir selbst zu beschäftigen.

Ich werde dabei das christliche Gesetz von der Liebe zu dem Nächsten in Anwendung bringen, und mich bemühen, diesen armen Nächsten, den ich stets außerordentlich seltsam gefunden und der mir so oft Gutes erzeigt hat, so wenig als möglich zu verleumden.

Sprechen wir also, da es einmal geschehen muß, von dem Nächsten. Alle Nächsten sind unter sich verschieden. Der Nächste meiner Jugend hatte eine andere Gestalt als der von heute, er besaß einen anderen Geist, andere Ideen; und dennoch muß ich bekennen, daß es mir nicht schien, als ob er seit dieser Zeit gewonnen hätte. Ich im Gegentheil habe so viel verloren! Sollte ich die Einzige sein, der Unrecht geschehen wäre?

Eine arme Blinde wie ich ist recht sehr zu beklagen; sie muß sich auf Andere verlassen, hat zu Niemandem Vertrauen, und muß fürchten, daß man sie beständig hintergeht. Wird der boshafte kleine Secretair, den, ich dictire, Alles niederschreiben, was ich ihm sage? Die jungen Mädchen sind verschmitzt, und sicher im hohen Grade, daß es fähig ist, mich an die Nachwelt, wenn es eine solche für mich giebt, eine Menge Grobheiten richten und unterschreiben zu lassen, während der wahre Namen derer, die sie geschrieben, unbekannt bleibt. Was ist da zu thun? Ich bin überzeugt, daß es lacht, während es diese Zeilen, die Frucht meiner üblen Laune, schreibt. Leider lacht man so gern mit zwanzig Jahren! Ich werde nie mehr lachen können, die ich einst so gern gelacht habe.

Einst! Welch ein häßliches Wort! Und wie oft sprechen wir es in unserm Leben aus. Es ist der Ausdruck des Bedauerns, der Begleiter der Erinnerung; es ist das Wort der Vergangenheit, jener Hälfte unsers Daseins, welche täglich die andere verschlingt, bis sie völlig aufgezehrt ist.

»Einst! Einst war ich jung, einst war ich schön, gefeiert und begehrt, sagt das Alter.

»Einst war ich reich und mächtig, einst hatte ich Höflinge und Freunde! sagt der betrogene Ehrgeiz.

»Einst war ich geliebt! sagt die entfliehende Liebe.

»Einst war ich im Schlamme, ich verkaufte meine Zeit und meine Mühen; jetzt verkaufe ich mein Gewissen und kaufe das Anderer,« sagt der Emporkömmling.

Ich könnte diesen »Einst« noch manche hinzufügen, aber ich muß nun auf das meinige kommen, was in diesem Augenblicke das nothwendigste ist; es schließt sie alle in sich, ausgenommen, daß ich nie etwas verkauft und sehr wenig gekauft habe, aus Mangel an den zu Einkäufen nöthigen Mitteln. Es ist ganz gewiß, daß ich sehr viel Dinge weiß, und daß mein »Einst« ein weit umfassendes ist. Ich habe den Hof gesehen, ohne Theil daran genommen zu haben, befinde mich also in der glücklichen Lage, ihn unpartheiisch zu beurtheilen. Ich habe in der Stadt die Leute gesehen, die man anerkennt. Vor allen Dingen aber habe ich besser als irgend Jemand die Gesellschaft von Schwätzern und den Kern der Schöngeister kennen gelernt, welche dieses Jahrhundert leiten und es, meiner Meinung nach, seinem Verderben entgegenführen. Jene Philosophen, die eine Schule bilden wollen, und selbst darthun, daß sie Nichts wissen. Ich habe sehr wenig von ihnen gehalten, Lies ist ein Grund, um sie gern zu sehen, und ich verspreche meinem verehrten Leser, sie getreu zu schildern. Sie sind in einen sehr ernsthaften Mantel gekleidet, dessen reicher Stoff aber nichts destoweniger schillert wie ein Katzenauge in der Sonne; je nachdem das Licht ihn trifft oder ihm entzogen wird, ist er von verschiedener Farbe. Ich werde Ihnen das Unterfutter zeigen, es ist das Sonderbarste dabei. Wie viel Lumpen hangen unter dieser glänzenden Hülle!

Es steht demnach entschieden fest, daß ich mein Leben schreibe, daß ich dreiundsiebzig Jahre zurückgehen werde. Fürchten Sie nicht, daß ich schon fasele, ich habe nichts destoweniger ein gutes und umfassendes Gedächtniß; ich erinnere mich der geringsten Einzelheiten, und jetzt, da ich begonnen habe, glaube ich Herrn Walpole beipflichten zu müssen, ich werde eine große Wonne an den Erinnerungen finden.

Der Verlust meiner Augen hat mich in dem Besitze einiger Illusionen gelassen, in meiner ewigen Nacht sehe ich die Schattengestalten meiner Jugend noch eben so klar, als ich sie »einst« gesehen. Da stoße ich schon an das verhängnißvolle Wort! Kümmern wir uns nicht mehr darum, es wird noch sehr oft vorkommen.

Meine Freunde sind für mich nicht alt, bin ich auch für sie sehr alt; und dies muß wohl sein, denn ich bin für mich selbst erschrecklich alt, nach Art Mascarille's. Ich lebe schon lange Zeit, und sie werden dessen, daß ich noch lebe, ohne Zweifel überdrüssig sein.

Sehen wir nun zunächst, wer mein Secretair ist. Voltaire hat mich gelehrt, daß man stets die Personen in Scene setzen muß.

Gewöhnlich dictire ich Viard, meinem alten und treuen Kammerdiener. Er schreibt meine Briefe; aber bei Abfassung dieser Memoiren werde ich mich seiner nicht bedienen, denn er würde eine Menge Betrachtungen über alle die Masken anstellen, die er gekannt hat, Betrachtungen, denen ich vielleicht Recht geben würde. Es giebt deren, die er begünstigt, dann wieder andere, die ihm mißfallen, und ich will meine Unabhängigkeit wahren, ich will frei von jedem Einflusse sein. Mademoiselle de Saint-Benant macht mir in dieser Beziehung keine Sorgen. Sagen wir kurz, wer sie ist.

Sie ist ein sehr liebliches, geistreiches und graziöses Kind, eine meiner Verwandten, die man mir aus der Provinz geschickt hat, damit sie bei mir bleiben und leicht einen Mann finden solle. Wir werden ihr suchen helfen. Sie ist erst seit vierzehn Tagen hier, und so lange lehrt ich sie das Hebräische.

– Erröthen Sie nicht bei diesen Complimenten, mein schönes Fräulein, bedenken Sie, daß ich rede, und beeinträchtigen Sie mir meine Gedanken nicht.

– Ich erröthe nicht, Madame, vorausgesetzt, daß man sich nicht zu schämen braucht, wenn man keine andere Mitgift besitzt als die Eigenschaften, die Sie so freundlich waren anzudeuten. Was den Mann anbetrifft, so wird er sich schon finden, wenn es Gott, und vorzüglich wenn es mir gefällt. Da ich einmal zu dem Leser rede, erlaube ich mir hinzuzufügen, daß ich ihm oft Dinge sagen werde, die mir die Frau Marquise nicht dictiren wird; ich werde ein wenig ihre Memoiren nebenbei schreiben; es entgehen ihr viel kleine Ereignisse, und sie selbst ist mit ihrer Blindheit ein so bemerkenswerthes Ereigniß! Sie verdient, daß man in Bezug auf sie dasselbe thut, was sie für andere thut.

Ich unterbreche mich, denn Madame spricht:

– Sind Sie hier, mein Kind?

– Ja, Madame!

– Dann fahren Sie fort, und spielen Sie nicht mehr mit Toutou. (Ich werde Ihnen sagen wer Toutou ist.)

– Ich fahre fort, denn Madame dictirt.

Da Sie jetzt meinen Secretair kennen, so beginnen wir:

Ueber meine Kindheit werde ich schnell hinweggehen, dieses Alter hat nur für die Mütter und für die Ammen Interesse. Aber das Bekenntniß muß ich mir wohl erlauben, daß ich am 1. August 1697 geboren ward, also unter dem großen Könige, drei Jahre nach Voltaire, und ein Jahr nach Richelieu – daß man mich Marie von Chamrond nennt, und daß mein Vater, der Graf von Vichy Chamrond (und nicht Chamrond, wie viele meiner Zeitgenossen schrieben) ein guter Edelmann in Burgund war, wo es viel sehr gute Edelleute gab. Auf seinem Gute Chamrond, wo man viel des Adels empfing und sich sehr gut amüsirte, behauptete er unter den Besten der Provinz seinen Rang. Dies hat sich seitdem sehr geändert.

Meine Mutter, eine gute und liebenswürdige Frau, hatte nur einen Fehler, und dieser bestand in ihrer Schwachheit, ein Fehler, der ihr selbst und andern schrecklich war. Er vernichtete vortreffliche Eigenschaften, er machte sie unfähig Gutes zu thun, obgleich man einige Neigung dazu hatte, und autorisierte das Böse geschehen zu lassen, worüber man seufzte, weil man nicht die Kraft hatte, es zu verhindern.

Durch meine Mutter war ich mit den Choiseuls verwandt, und dieser Umstand bewirkte eine innige Freundschaft mit dem Minister und seiner so vollendeten Gattin, wovon zu sprechen ich noch oft Gelegenheit haben werde.

Ich hatte eine Schwester und zwei Brüder; einer von ihnen war älter, der andere war jünger als ich. Meine Schwester war die älteste. Ich bin mit ihr wenig in meinem Leben in Berührung gekommen, da wir nicht zu einander paßten.

Meine ersten Jahre verlebte ich in Chamrond. Ich ward verzogen, denn ich war ein sehr hübsches Kind, und man fand mich geistreich.

Ich erinnere mich alles dessen nicht sehr genau mehr; ich war nur wenig bei meinen Eltern. Man ließ uns auf den großen Wiesen spielen, wo wir nach Gefallen laufen und springen konnten, während mein Vater ein Anhänger der Freiheit und der Bewegungen jener Zeit war. Diese grünen und blühenden Wiesen von Chamrond sind eine jener Luftspiegelungen von einst, die mich am meisten verfolgen. Ich habe viel andere Auen gesehen, ich habe so manchen Duft eingeathmet – ich habe sie leider vergessen, wie man Alles vergißt. Aber jetzt, wo sich eine ewige Nacht um mich verbreitet hat, finde ich sie in meiner Erinnerung noch eben so frisch, eben so reizend, als in den Tagen der Unschuld, wo die Zukunft sich so lang und so süß eröffnet. Diese Zukunft hat eins, ihrer Versprechen gehalten, aber dies ist das grausamste für mich! Die erste Erziehung meiner Brüder und meiner Schwester war ungenügend, trotz der beiden Abbe's und einer Art von Gouvernante, die man ihnen gab. Mich bestimmte man für ein Kloster, in das ich sobald als möglich eintreten sollte, da man wünschte, daß ich mich der Religion widmen möge.

Mein Vater kannte einige heilige Seelen unter den Frömmlern in Paris, obgleich er selbst nichts weniger als fromm war und es ihm sauer ankam, sich den nöthigen Erfordernissen zu unterwerfen.

Er ging mitunter nach Versailles, um dort seine Aufwartung zu machen; er stieg in die Carossen Seiner Majestät, wie dies sein Recht war, und kam nach Chamrond zurück, das meine Mutter niemals verließ.

Wir hatten eine Tante, die wie ich Fräulein von Chamrond hieß, eins der interessantesten Mädchen, die ich je kennen gelernt habe.

Sie hat sich nicht verheirathet, zunächst weil sie nicht viel Männer finden sonnte, und dann, weil sie wenig danach gesucht hat.

Man wollte eine Stiftsdame aus ihr machen; aber sie widersetzte sich dem, denn sie zog es vor, frei zu bleiben und ihren Bruder nicht zu verlassen, für den sie eine Art Leidenschaft hegte.

Fräulein von Chamrond war bucklig, auffallend bucklig, aber sie hatte ein liebliches Köpfchen und die schönsten Augen in der Provinz. Sie war unendlich geistreich, und schrieb fast eben so gut als Frau von Sevigné, was auch Herr Walpole, der enthusiastische Verehrer von der, die er unsere Frau von Livry nennt, davon sagen möge. Wenn er zu ihrer Zeit gelebt hätte, so weiß ich nicht, was von der göttlichen Marquise noch hinzugekommen wäre, aber er würde diese so gepriesene Tugend gewiß angegriffen haben.

Meine Tante war nun zwar nicht Frau von Sevigné, aber sie hatte sie gekannt und unterhielt eine ziemlich unausgesetzte Verbindung mit Bussy-Rabutin, dessen ich mich noch sehr deutlich erinnere. Beide waren aus unserer Provinz.

Frau von Sevigné war in dem Jahre meiner Geburt gestorben, aber ihr Cousin überlebte sie.

Ich sehe ihn von hier aus. Er hatte sich in seinem Alter noch einen stolzen Gang, einen zurückgeworfenen Schnurrbart, einen groben Ton und die Manieren eines spanischen Kapitains bewahrt, welche der Jugend Anlaß zum Lachen gaben. Dessen ungeachtet galt er viel bei den bejahrten Leuten; er hatte Erinnerungen von mehr als einer Art, er erzählte sie gut, und seine Unterhaltung war eine sehr angenehme, wenn man die Uebertreibung in seinen Redensarten und die gute Meinung, die er von sich selbst hegte, davon wegnahm.

Seine Tochter, Frau von La Riviere, hatte tausend sehr bekannte Abenteuer. Man klagt ihn an, daß er in sie verliebt und eifersüchtig gewesen sei.

Ich weiß nicht, ob dies wahr ist, und meine Tante glaubt durchaus nicht daran; sie duldet nicht, daß man in ihrer Gegenwart davon spricht. Außer ihrer Freundschaft und ihrer geistigen Beziehung zu Herrn von Rabutin, hat meine Tante noch einen Grund, um auf diese Familie Etwas zu halten.

»… Um bucklig zu sein, bleibt man nichts destoweniger doch Frau.«

Seit achtzehn Jahren hegte sie eine romantische Leidenschaft zu einem schönen Grafen von Toulongeon, den Cousin Bussy's. Eine solche Leidenschaft findet man nur in den Büchern, sie hat fast immer einen traurigen Ausgang.

Sie sahen sich oft, da sie Nachbarn und Verbündete waren. Herr von Toulongeon war ebenfalls noch sehr jung, er vergaß über dem schönen Gesichte, dem feinen Geiste und dem sanften Charakter meiner Tante den Buckel. Er verliebte sich in sie, und wollte sie heirathen.

Aber Fräulein von Chamrond war kein gewöhnliches Mädchen, sie besaß die übertriebenen Ideen einer frommen und zärtlichen Seele, die an Exaltation grenzten. Sie weigerte sich hartnäckig, obgleich beide sich darüber ein Wenig grämten.

Vergebens bat er sie, vergebens ließ er sie durch seine Verwandten und Freunde bitten – sie blieb unbeugsam.

– Ein Mädchen wie ich, sagte sie, verheirathet sich nicht, um in ihrem Geschlechte eine bejammernswerthe Gebrechlichkeit fortzusetzen, um ein Gegenstand der Lächerlichkeit zu werden, und diese Lächerlichkeit auch auf den Mann zurückfallen zu lassen, dessen Namen sie trägt. Je theuerer er ihr ist, je weniger darf sie ihn, einen solchen Makel aufbürden. Es ist wahr, ich liebe Herrn von Toulongeon, und ich bin die unglücklichste Person von der Welt, daß ich ihm diesen Schmerz aussprechen muß. Um so schlimmer für mich, wenn mein Herz thöricht fühlt, es wird dafür bluten müssen.

– Aber, mein Fräulein, antwortet man ihr, diese schöne Widersetzlichkeit wird Einen wie den Andern der Verzweiflung preisgeben.

– Gewiß, wir werden verzweifeln; aber nur für kurze Zeit. Er wird für das, was er verliert, Besseres finden und sich trösten. Ich, ich werde ihn immer lieben, und diese Liebe wird genügen, mich glücklich zu machen. Ich werde mich mit ihm beschäftigen, werde das Glück genießen, dessen er sich erfreut, und dies wird mir viel mehr sein, als ob ich es selbst besäße.

– Sehen Sie denn nicht, daß er Sie anbetet, mein Fräulein, und daß Sie Nichts wagen, wenn Sie ihn erhören?

– Ich sehe, daß er nicht gemacht ist, um über seine Frau zu erröthen, und daß es leicht dahin kommen wird, mich nicht mehr zu lieben, oder darüber zu leiden, daß er mich weniger liebt. Sprechen Sie nicht mehr davon.

Da meine Tante keine Frau werden konnte, ward sie ein Engel, dessen Leben Andern gehörte; sie weihte sich dem Glücke Aller.

Sie liebte uns und behandelte uns besser als unsere Mutter, so gut diese auch war. Sie sorgte für die Armen, indem sie ihnen von ihrem Vermögen gab; sie besuchte die Kranken, betete zu Gott, ohne Ostentation, und nie hat es wohl eine duldsamere Frömmigkeit gegeben, als die ihrige. Ihre Beziehungen zu dem Grafen von Toulongeon blieben gleich freundschaftlich und wohlwollend.

Sie wohnte seiner Verheirathung bei und besuchte sehr oft die Gräfin und ihre Kinder, ohne je die Gefühle zu verbergen, die sie bewahrte.

Das ganze Land verehrte sie wie eine Heilige. Sie war um so bescheidener dafür.

Als ich das sechste Jahr vollendet hatte, führte mich diese gute Tante nach Paris in das Kloster Madeleine du Traisnel, wo man sagte, daß ich aufgenommen werden solle, um zu prüfen, wozu ich berufen sei. Fräulein von Chamrond war nicht der Ansicht, daß man mich einsperrte, aber mein Vater wollte es durchaus, und das beste Mittel, ihn von seinem Willen zurückzubringen war, sich ihm vor der Hand zu fügen. Ich folgte also der über mich geschlossenen Bestimmung, bis es mir gestattet sein würde, eine andere nach meinem Gefallen zu suchen.




Zweites Kapitel


Als ich mit Fräulein von Chamrond nach Paris kam, begrüßten wir zunächst unsere Verwandten bei Hofe. Dies übte einen großen Eindruck auf mich aus. Wir sahen die Herzogin von Luynes, die Choiseuls und noch viel Andere, die eine ganze Litaney machten, um die ich mich nicht mehr kümmere.

Die Pracht und die Gewohnheiten von Versailles blendeten mich; ich glaubte mich durch eine gute Fee, die meine Tante war, in eine unbekannte Welt versetzt, wo ich nur Prinzen und Prinzessinnen, die einen schöner als die andern, mit Gold und Diamanten bedeckt, sah, und alle schienen geneigt zu sein, mich mit Wohlthaten zu überschütten.

Ich bildete mir nun sehr häufig Chimären in meinem Kopfe. Diese werde ich Herrn Walpole nach meinem Tode lesen lassen, ihn, der mich stets anklagte, daß ich mit sechzehn Jahren romantisch gewesen sei, er würde sie als ein sehr schlagendes Argument benutzen, und ich werde mich hüten, ihn damit zu versehen.

Ich war in meiner Kindheit, nicht in meiner Jugend, wirklich romantisch, die Regentschaft gab dazu gute Anleitung, denn um diese Zeit ereignete sich Alles thatsächlich und nicht in Träumen; aber bis zu meinem Austritte aus dem Kloster waren dies Romane aller Gattungen in meiner Einbildung. Zuerst waren es Feenmärchen, dann wunderbare fromme Geschichten, und endlich Liebesgeschichten, ehe ich einmal wußte, so zu sagen, daß die Liebe existirte.

Ich muß hinzufügen, daß diese Zeit der Träume und Chimären die glücklichste meines Lebens war. Später habe ich nur zu viel Dinge gesehen, und zu viel Reelles, um gegen die Menschen nicht einen Widerwillen zu empfinden. Wenn ich sage die Menschen, so verstehe ich darunter eine Art, Männer und Frauen, denn wir sind Einer nicht mehr werth als der Andere. Ich gehöre jetzt keinem Geschlechte mehr an, und urtheile völlig unpartheiisch.

Was hätte ich, außer einer kleinen Zahl geliebter Freunde in dieser großen Menge mir gleichgültiger Geschöpfe, auf dieser Welt zu schonen, die ich nicht einmal mehr sehen kann?

Wir verwendeten vierzehn Tage zu unsern Ausflügen.

Man zeigte mir den König Ludwig wie er durch die Gallerie zur Messe ging. Ich sehe ihn noch: er war.noch nicht gebeugt, wie er von jener Zeit an erschien, er trug sein Haupt erhoben, und war sehr einfach gekleidet. Seine Blicke richteten sich auf mich.

Damals war ich schön, man weiß es, und sehr geputzt. Dies fiel ihm ohne Zweifel auf. Er fragte nach meinem Namen, und man sagte ihm denselben. Er grüßte durch ein kaum merkliches Zeichen, auf das mich meine Tante durch eine tiefe Verbeugung danken ließ. Dann ging er vorüber.

Ich sah auch die Prinzen und Prinzessinnen, deren ich mich nicht mehr erinnere; auch Frau von Maintenon, die ich nie vergessen werde.

Ihr Blick durchbohrte mich wie ein Degenstoß und machte mich erstarren. Ich ward ihr durch die Luynes vorgestellt. Sie empfing mich gut, aber mit jener gefühllosen, kalten Frömmelei, die umsonst ihres Gleichen sucht.

Ich habe immer gewünscht, fromm zu werden, aber nicht auf diese Weise. Diese Leute sind nach Berechnung und System fromm, sie lieben Gott mit ganzem Geiste, aber nicht mit ganzem Herzen, und deshalb sind sie für mich besondere Wesen, die ich mit den andern nicht in gleiche Gattung bringe. Ich bin deren vielen in meinem Leben begegnet, aber keinem von dieser Allgewalt.

Frau von Maintenon war eine Person, die man als eine Ausnahme betrachten muß; man würde ihr nicht volle Gerechtigkeit widerfahren lassen, da man sie nicht lieben kann. Vom Gesichtspunkte des Egoismus aus, hatte sie eben so große und ausgedehnte Pläne als der erste Politiker Europa's; während vieler Jahre leitete sie das Königreich zwar nicht auf eine untadelhafte, aber auf eine gleiche, feste Weise, und dies ist seltener als man wohl glauben möchte. Die Leute, die sich ein Ziel stecken, und von der Erreichung desselben nicht ablassen, sind nicht so gewöhnlich, als daß man an ihnen vorüber gehen könnte, ohne sie im Gedächtnisse zu behalten.

Nachdem die Besuche und Spaziergänge abgemacht, übergab mich meine Tante den Händen der Klosterfrauen. Sie sagte mir schluchzend Lebewohl und verließ kummervoll die Straße Charonne.

Sie hatte um die Erlaubniß nachgesucht, zwei Tage in einem Zimmer des Klosters verbleiben zu dürfen, um mich zu gewöhnen, wie sie sagte. Dies hatte sie nicht nöthig, denn ich fand mich sogleich in meine neue Lage.

Das Ordenshaus war reizend; es galt für ein streng nach der Ordensregel eingerichtetes. Von den Zeiten der Regentschaft an ward es erst übel berüchtigt, woran Herr von Argenson die Schuld trug. Voltaire hat Recht.

»Dieser gute Regent, der Alles verwöhnte in Frankreich,« denn er verwöhnte selbst das Kloster Madeleine du Traisnel!

Die Frau Aebtissin, eine vortreffliche Person, und zwei oder drei Nonnen, von denen die Schwester Engel-Marie ein Wunder von Schönheit war, wurden meine Freundinnen. Die Äbtissin wollte, daß ich in ihrem Zimmer schliefe; dies machte die Mißgunst meiner Freundinnen rege, die mich Alle um dieses Glück beneideten.

Man pflegte und verzärtelte mich, man überfütterte mich mit Naschwerk, ohne der feinen Mahlzeiten und der Leckereien von Geflügel und Wildpret zu gedenken, deren sich die Nonnen nicht gern berauben. Man muß ihnen diese unschuldigen Vergnügungen hingehen lassen, um sie zu verhindern, andere zu suchen.

Ich fand diese Lebensordnung sehr angenehm. Meine weißen Kleider gefielen mir; aber so waren auch die der Nonnen, vorzüglich ihre Chorröcke, ganz vortrefflich.

Der Garten war mit den schönsten Blumen und Früchten angefüllt. Man ließ mich eine reichliche Erndte machen. In dem Sprechzimmer wurden täglich Gesellschaften abgehalten, zu denen eine Menge Damen und Herren kamen.

Die Frau Aebtissin war sehr liebenswürdig in ihrer Unterhaltung. Sie nahm Besuche in ihrem besondern Sprechzimmer an, ohne Gitter, und zwar zu allen Stunden, selbst des Abends. Die Pensionärinnen hatten keinen Zutritt zu diesem Zimmer, es sei denn, daß sie besonders dazu geladen waren. Dieser Gunst erfreuten sie sich nie vor dem sechzehnten oder siebzehnten Lebensjahre.

Das Sprechzimmer der Nonnen bot den gewöhnlichen Anblick der in den Klöstern üblichen. Es war durch ein Gitter in zwei Hälften getheilt, hinter dem sich die Nonnen und die ihrer Sorge anvertrauten Kinder befanden. Zuweilen ward uns erlaubt, die Grenzen des Gitters zu überschreiten; aber unsern Lehrerinnen niemals.

Auf der andern Seite sahen sich Damen in Toilette, junge lebhafte Männer, Militairs, Abbés und große Herren. Financier's traf man wenig, sie nahmen nicht Theil an dieser ausgezeichneten Gesellschaft. Alles schwatzte und kokettirte wie in dem königlichen Palaste zu Trianon. Man lachte laut auf, man erzählte Anekdoten, man las Verse. Das Gitter war durchaus nicht lästig, man überging es, wenn nicht in der That, so doch im Sinne, und ich habe einige Male zu dem Marquis La Fare sagen hören:

– Seit der Hof fromm geworden ist, schwatzt man nirgends mehr, als in den Sprechzimmern der Klöster.

In den Winkeln flüsterte man, das Gesicht in dem Schiebfensterchen. Dies waren stets junge Nonnen und junge Damen, mitunter auch junge Herren. Sie liefen einem Schatten nach, wenn sie die Beute nicht haben konnten.

Außerdem aß man Zuckerwerk und Orangenkuchen, wegen deren das Kloster eine gewisse Berühmtheit erlangt hatte. Ueberall herrschte Fröhlichkeit und gute Laune; nirgends sah man eine Thräne, gewahrte man Kummer. War ja einmal eine Unruhe vorhanden, so ward sie durch den Schleier und die Clausur verheimlicht. Dieses mit weltlichen Zerstreuungen geschmückte zurückgezogene Leben floß wie ein Bach zwischen zwei blumigen Ufern dahin; die Dornen verbargen sich, und der Duft allein stieg empor.

Ich möchte eine Nonne sein, und zwanzig Jahre zählen. In diesem Alter bildet sich in der Seele und in dem Dasein eine Mischung von Lebensschwierigkeiten und Klosterzänkereien, die, wenn man Beide wie die Oberfläche eines Korbes betrachtet, einen ungemeinen Reiz gewähren. Später ändern sich die Ansichten; das Gleichgewicht verliert sich, der Ueberdruß wird stärker, die Frömmigkeit läßt nach und formt sich nach der Gewohnheit; man murmelt Gebete her, dreht den Rosenkranz zwischen den Fingern und geräth nicht mehr in Entzückung: man sorgt für den Beichtvater, stickt ihm Bilderchen und bereitet ihm Leckereien, aber man geht nicht allein mehr in die große Kastanien-Allee, stundenlang niederzuknieen und zu beten; man geht nicht mehr in die Kapelle, um mehr unter den Heiligen des Paradieses, als unter den Menschen zu leben. Die Alten gehen noch in das Sprechzimmer, aber sie bringen das ruhige, sorgenlose Gewissen nicht mit, jene verschlossene Freuden und himmlische Hoffnungen, die süßer sind als die Wirklichkeit. Sie fragen mehr nach den politischen Neuigkeiten und nach den Ministern, als nach der neuen Mode und niedlichen Hofintriguen. Die alten Nonnen mit einem Worte sind zweimal alt, während die jungen auch zweimal jung sind, in ihrer wahren Jugend nämlich und in der Jugend der Träume und Illusionen, die sie sich außer ihren Mauern machen. Sie sehen nur die schöne Seite der Dinge, und haben keine Ahnung von dem Kummer in dieser Freiheit, die sie in den bösen Tagen beneiden.

Von der harten Lebensweise, von den Fasten, von den gräßlichen Strafen und den in pace, aus denen die Philosophen Schreckbilder machen, habe ich keine Spur gesehen.

Die Nonne, von Diderot, ist ein abgeschmackter Roman unserer Zeit. In dem Mittelalter vielleicht, als die Unduldsamkeit ihr Scepter noch schwang, mag man sich wohl Uebertreibungen dieser Art zu Schulden haben kommen lassen; aber seit wenigstens einem Jahrhunderte sind die Klöster, ich bürge dafür, rein von solchen Gräuelthaten. Man kann mir glauben, denn ich bin leider nicht fromm geworden, ich habe es stets gewünscht, ohne zum Zwecke zu gelangen.

Meine Schwester Engel-Marie ist die willfährigste, die heiterste und die duldsamste der Frauen, wie sie die schönste unter ihnen ist.

Denken Sie sich einen blühenden Frühling, der tausend berauschende Wohlgerüche um sich verbreitet, einen Sonnenstrahl, der die Orte erheitert, wo sie wandelt, wie die Schäferin von Lafontaine.

Sie besitzt eine Eleganz in ihrem Gange und in ihren Bewegungen, wie ich sie bis jetzt noch bei keiner Person gesehen habe. Dieses Mädchen stammt aus Poitou und nennt sich Fräulein de la Jousselière. Sie hat sich dem Kloster gewidmet, um einem Bruder, den sie hatte, ein kleines Vermögen ungeschmälert zu lassen, und den man im Dienste emporbringen wollte, denn er zeigte große Anlagen dazu,

Sie liebte diesen Bruder mit großer Zärtlichkeit. Nichts war bewundernswürdiger als sie zu hören, wenn sie von ihm sprach. Als man ihr das Bedauern darüber äußerte, sie in ihrem Alter, ein Muster von Schönheit. in dieser Abtei eingesargt zu sehen, antwortete sie lächelnd, wobei sich ihre Perlenzähne zeigten:

– Was nennen Sie eingesargt? Ich bin durchaus nicht eingesargt, ich fühle vollkommen, daß ich am Leben bin. Ich habe es wie unsere Patronin Magdalene gemacht, ich habe mir den besten Theil erwählt. Mein Bruder hat bereits eine schöne Stufe erstiegen, er schreitet vorwärts und wird seinen Weg schon machen. Nennen Sie das ein Opfer, daß ich es habe bis zu dem Glücke bringen können, ihm zu helfen? Wenn Sie dies nickt begreifen, so kommt es daher, daß Sie die Liebe zweier Waisen für einander nicht kennen. Wir besitzen nichts als unsere gegenseitige Liebe, und ich habe den guten Gott als den Dritten in unsern zärtlichen Bund gezogen. Ich glaube, daß er in diesem Bunde nichts verderben wird.

Leider verlor das arme Mädchen diesen Bruder bei Danain. Mit Ruhm bedeckt, sank er auf einem Haufen von Feinden nieder, die seine Hand getödtet hatte.

Der Marschall Villars ließ ihn in einer Fahne begraben, die er erobert hatte, und bewilligte ihm eine besondere Erwähnung.

Engel-Marie ward nun ganz gottesfürchtig, am Fuße des Altars beweinte sie ohne Unterlaß den verlorenen Helden. Sie überlebte ihn nicht lange. Ich war bis zu ihren letzten Augenblicken bei ihr, ich habe sie sehr bedauert.

Wir waren zwar sehr glücklich in dem Kloster, aber wir waren auch sehr unwissend. Man lehrte uns Nichts. Richtig lesen und schreiben, sehr oberflächliche Kenntnisse in der Geschichte, die vier Species im Rechnen, einige Stickarbeiten und sehr viel Paternoster – das war Alles.

Dieser Unterricht war durchaus nicht geeignet, um uns zu Gelehrten und Schöngeistern zu machen.

Was mich anbetrifft, so fand ich den Müßiggang damals sehr süß, jetzt finde ich ihn sehr bitter, denn ich habe tausendmal die Unzulänglichkeit dieser Erziehung gefühlt.

Die Männer haben mit Unrecht einen großen Vorzug vor uns. Man macht sich über uns lustig, wenn wir bis zu einer gewissen Ueberlegenheit gelangen; man verachtet uns, wenn wir in den gewöhnlichen Reihen bleiben, und nimmt uns die Mittel emporzukommen.

Wenn die Frauen, selbst diejenigen, die man anführend nennt, oft mittelmäßig gewesen sind, so kommt dies daher, daß sie ihren Muth und ihre Kraft zur Besiegung der Hindernisse angewendet haben, die ihren Pfad bedeckten. Ich habe deren tausend überall gefunden, und finde deren heute noch bei den einfachsten Dingen. Ein alter Mann wird nicht so von der Langweile geplagt, wie ich.

Es macht mir kein Vergnügen, Ihnen alle Vorfälle meines Pensions -Lebens zu erzählen. Sie sind wenig interessant, mit Ausnahme eines einzigen, den ich Ihnen morgen erzählen werde, nicht etwa, weil er meine Person betrifft, oder vielleicht aus eben diesem Grunde. Es ist das erste Auftreten einer Person, von der ich später zu reden haben werde, und zwar in andern Ausdrücken. Dies beweist uns wieder einmal, daß man an den Anordnungen Gottes nichts ändern muß, denn wir können nicht so gut handeln, als er.

Meine Schwester Engel-Marie hatte in ihrer Zelle ein Jesuskind von Wachs, umgeben von einer Blumenfolie und spanisch gekleidet, ein niedliches Ding nach der alten Mode.

Eine meiner Genossinnen und ich, wir hatten entdeckt, daß dieses Bild, vor dem die Schwester, und nicht minder die übrigen Nonnen, eine lebhafte Verehrung zeigte, nichts als eine Puppe war, welche die Königin Anna von Oesterreich vorstellte, als sie Ludwig XIII. zu heirathen im Begriffe stand.

Man hatte sie geschickt, um einen Begriff von diesen spanischen Kleidern zu geben, und um zu wissen, ob man sie für die Damen bei der Heirath des Königs adoptiren sollte.

Dieses Bild war von einem Manne in Sevilla gefertigt, der ein besonderes Glück in solchen Arbeiten hatte. Der Kardinal Richelieu hatte es einer seiner Verwandten, einer Priorin des Klosters von Traisnel geschenkt, und diese hatte auf der Stelle ein Christkind daraus gemacht, indem sie der Puppe ein Kreuz in die Hand gab.

Diese Geschichte war auf ein altes, vergilbtes Blatt Papier geschrieben, das wir sorgfältig verborgen in der Muschelgrotte fanden, in der das Christkind aufgestellt war. Die kleinen Mädchen durchstöberten jeden Winkel.

Wir machten nun unsern Fund bekannt, ohne uns um die verletzten Gläubigen weiter zu kümmern. Man zankte uns aus, und man hatte Unrecht, denn wir konnten noch nicht schlecht handeln.

Ich erzähle diesen Vorfall, weil er einen großen Einfluß auf die übrige Zeit meines Aufenthaltes im Kloster ausübte, selbst auf die übrige Zeit meines Lebens. Gebe Gott, daß dieser Einfluß nicht sehr groß auf mein ewiges Heil sein möge. Dies werde ich wahrscheinlich bald erfahren.




Drittes Kapitel


Die Liebe, von der ich bis dahin keine Ahnung gehabt, sollte bald in den heiligen Mauern eine Rolle spielen, damit ich sie in ihrer ganzen Gewalt und Romantik kennen lernte. Zwei Fräuleins von Roquelaure wurden dem Kloster übergeben. Die eine war um vier bis fünf Jahre älter als ich, die andere stand mit mir in gleichem Alter. Ich muß bekennen, daß die Schönheit der älteren, und vorzüglich ihre Lebendigkeit, die oft an Trotz und Uebermuth grenzte, mich mit einer gewissen Achtung und dem Wunsche erfüllte, eine Freundin der Roquelaure zu werden. Diese aber hielt sich stets allein und zeigte durchaus keine Neigung, in ein näheres Freundschaftsverhältniß mit irgend einer ihrer Genossinnen zu treten.

Anfangs hielt ich die junge Dame für stolz, da sie der mächtigen und reichen Familie Roquelaure angehörte, später aber entdeckte ich (sie war nämlich ein Gegenstand meiner besonderen Aufmerksamkeit geworden), daß ein Geheimniß der Grund ihrer Absonderung war.

Beide Schwestern hatten ihre Gouvernanten mit in das Kloster gebracht, zwei bejahrte Frauen mit strengen Gesichtern, die ihren Zöglingen wie Schatten überall folgten. Man sah sie in der Kapelle, in dem Klostergarten während der Spaziergänge und in dem Sprechzimmer, wo sie mit wahren Argusblicken die Mädchen überwachten.

Jeder Anderen entging diese Art specielle Polizei, da sie von den Gouvernanten mit großer Vorsicht ausgeübt wurde, man erkannte in ihnen nur die sorgsamsten und aufmerksamsten Dienerinnen, die selbst von der Superiorin gelitten wurden. Mir aber war dieses Verhältniß der Roquelaure, für die selbst die Clausur nicht streng genug zu sein schien, ein Gegenstand des Forschens geworden.

Nicht selten erschien eine glänzende Karosse, um die beiden Fräuleins abzuholen. Unter Begleitung der Gouvernanten stiegen sie in den Wagen, der wiederum in der Begleitung von drei bis vier glänzenden Dienern davonfuhr. Ebenso kehrten die Pensionärinnen nach fünf oder sechs Stunden zurück.

– Wohin fahren diese jungen Mädchen? fragte ich mich. Was kann der Zweck ihres Aufenthaltes in dem Kloster sein, wenn sie durch diese häufigen Besuche stets zu der Welt in Beziehung bleiben? Und warum isoliren sie sich von ihren Mitschülerinnen?

Man erinnert sich, daß ich nicht aus Neigung in das Kloster gegangen war, sondern nur um dem Befehle meines Vaters zu gehorchen. Der Gedanke war daher sehr natürlich, daß die beiden Fräuleins von Roquelaure ein gleiches Schicksal haben könnten. Dies war abermals ein Umstand, der meine Neugierde reizte, und zwar um so mehr, als es mir in den Sinn kam, dasselbe zu thun, was sie thun würden, um sich der ihnen gewaltsam aufgedrängten Bestimmung zu entziehen.

Ein Zufall setzte mich von dem Ziele ihrer Besuche in Kenntniß. Ich befand mich bei der Superiorin, die nicht nachließ, mir ihre besondere Aufmerksamkeit zu schenken; es schien, als ob die gute Frau den Entschluß nach und nach in mir feststellen wollte, das fromme Klosterleben zu meinem Berufe zu wählen. Sie kannte ohne Zweifel die Absicht meines Vaters, aber auch meine Abneigung, dieser Absicht zu entsprechen. Ich ward demnach oft zu frommen Gesprächen in ihr Zimmer geladen.

Bei einer solchen Gelegenheit also wurden unsere Betrachtungen durch den Eintritt des Fräuleins von Roquelaure, dem älteren nämlich, unterbrochen.

Die Superiorin empfing sie mit großer Güte und Milde.

Das stolze Fräulein von Roquelaure verneigte sich und küßte ihr ehrfurchtsvoll die Hand.

– Was bringen Sie mir, mein liebes Kind? fragte die Superiorin.

– Einen Brief von Frau von La Vieuville. Hier ist er.

– Wer brachte ihn? fragte zwar die Superiorin sehr freundlich, und weder der Ton ihrer Stimme noch irgend ein Gesichtsausdruck verrieth einen Argwohn; mir aber, die ich scharf beobachtete, entging es nicht, daß in der Frage selbst eine Art Inquisition lag, zu der die würdige Klosterfrau Auftrag erhalten haben mußte.

Auf Fräulein von Roquelaure brachte diese Frage nicht den geringsten Eindruck hervor. Als ob sie ganz natürlich wäre, antwortete sie:

– Ein Diener der Freundin meiner Mutter, der Frau von La Vieuville.

Die Superiorin war zufrieden.

Sie öffnete und las den Brief. Dann sagte sie:

– Frau von La Vieuville sucht um die Erlaubniß für Sie nach, diesen Mittag bei ihr zu speisen, da eine Verwandte Ihrer Mutter gegenwärtig in Paris ist. Ich habe keinen Grund, Ihnen diese Erlaubniß zu verweigern. Theilen Sie es Ihrer Schwester mit.

– Meine Schwester zieht es vor, bei der Prozession zu bleiben, die heute stattfinden soll.

– Ihre Schwester ist ein gutes, frommes Kind!

– Ich würde ihrem Beispiele folgen, wenn ich in dieser Einladung nicht einen Befehl meiner Mutter erblickte. Frau La Vieuville vertritt ihre Stelle in Paris.

– Darum folgen Sie der Einladung. Ich erwarte Sie um die gewohnte Zeit zurück.

– Ich kenne meine Pflicht! sagte Fräulein von Roquelaure, indem sie ehrfurchtsvoll die Hand der Superiorin küßte.

Dann entfernte sie sich.

Ich war erstaunt über das demüthige Betragen des jungen Mädchens, das sich sonst so stolz zeigte. Mein mir angeborner Scharfsinn, vielleicht auch ein Instinkt, über den ich damals nicht recht im Klaren war, sagte mir, die Roquelaure ist eine sehr kluge Person, sie verfolgt durch ihre scheinbare Demuth einen wichtigen Plan.

Diese Scene brachte die Wirkung auf mich hervor, daß ich vor dem Fräulein eine gewisse Ehrfurcht hegte, denn es erschien mir wie das unschuldige Opfer irgend einer Intrigue. Dadurch gewann die ganze Sache an Romantik, die meine leicht entzündbare Phantasie bis zu den äußersten Grenzen trieb. Ich bedauerte, daß ich dem armen schönen Kinde nicht nützlich sein konnte.

Kurz vor der Mittagstafel traf ich die jüngere Roquelaure in der großen, düstern Kastanienallee des Klostergartens. Die Gouvernante, die sie stets begleitete, saß auf einer Steinbank und war eingeschlafen. Die ihrer Aufsicht Anvertraute ging auf und ab und las in einem Buche.

Als ich mich ihr näherte, grüßte sie mit einem Lächeln, das deutlich ihre Neigung verrieth, mit mir Bekanntschaft zu machen. Nichts kam mir erwünschter, und ich beschloß, die Gelegenheit zu benutzen und meinen längst gehegten Wunsch zu befriedigen. Ein Gespräch war bald angeknüpft. Es bewegte sich zunächst um die Prozession, die zur Vesperzeit aus der Kapelle durch die weiten Gänge des Gartens stattfinden sollte. Die Vorbereitungen dazu waren schon getroffen.

– In dem Garten findet die Prozession statt? fragte verwundert die Roquelaure, ein allerliebstes rothwangiges Mädchen.

– Wo anders? entgegnete ich. Wir dürfen die Mauern unter keiner Bedingung überschreiten. Selbst unsere Andachtsübungen bleiben den Augen der Welt verborgen. Die Altäre, bei denen die Prozession Halt macht, sind an den verborgensten Orten des Gartens errichtet.

– Ich habe noch keiner Prozession beigewohnt.

– Sie ist höchst poetisch, vorzüglich unter dem stillen, majestätischen Blätterdome dieser Kastanien.

Die Roquelaure sah mich verwundert an.

– Mir ist eine Prozession feierlicher, als ein Gottesdienst in der Kirche, fuhr ich fort. In der stillen Abgeschiedenheit liegt für mich ein Reiz, den ich nicht beschreiben kann. Sie sollen die mit Kränzen geschmückten Steinaltäre sehen – überhangen von schweren Zweigen – —

– Wo sind diese Altäre?

– Ich will sie Ihnen zeigen. Folgen Sie mir!

– Aber Meine Gouvernante —

Wir sahen nach der guten Frau zurück. Ihr Kopf war auf die Lehne der Bank gesunken, sie lag in einem festen Schlafe.

– Ich möchte sie nicht gern wecken, sagte die Roquelaure, denn sie klagt über heftigen Kopfschmerz.

– Nun, meinte ich, so lassen wir sie bis zu unserer Rückkehr schlafen. Ich denke, fügte ich hinzu, daß wir einen Weg unternehmen, den wir später vollkommen rechtfertigen können.

Meine neue Freundin lächelte mir Beifall zu.

– Ich glaube es! flüsterte sie.

– Wollen wir gehen?

– Ja!

– So folgen Sie mir.

– Aber wir kehren rasch zurück.

– Ehe die Gouvernante erwacht, sagte ich mit einem leichten Anfluge von Ironie.

Hand in Hand gingen wir nun rasch durch die schattigen Alleen. Ich führte meine Begleiterin zu einem Altare, der in dem entferntesten Theile des Gartens dicht an der hohen Klostermauer stand. Dieser Altar hatte für mich in der That etwas Ehrwürdiges, denn er war mit Moos bewachsen und lag in einem dämmernden Haine. Das Madonnenbild in der Nische desselben hatte man mit Bändern, Flittergold und Kränzen geschmückt. Zur Seite rieselte eine Quelle, deren melancholisches Murmeln den stillen, schattigen Hain mit einem steten Geräusche erfüllte. Als wir uns näherten, sang eine Nachtigall in den Wipfeln der hohen Bäume, die schweigend wie ein majestätisches Dach sich über uns wölbten. Der Boden war mit frischen Blumen bestreut, die einen lieblichen Duft verbreiteten. Außer uns zeigte sich nirgends ein menschliches Wesen. Am Fuße des Altars blieben wir stehen. Ich muß bekennen, daß ich das Erstaunen theilte, das sich meiner Begleiterin bemächtigte.

– Von diesem Altare herab, flüsterte ich, ertheilt der Priester den Segen. Dann beginnt der Gesang, der hier wie in den Hallen einer Kirche klingt.

– Was ist das? fragte Plötzlich die Roquelaure.

Wir lauschten. Ein Geräusch ließ sich vernehmen, das auf der Mauer über dem Altare verursacht wurde. Meine Begleiterin, sichtlich erschreckt, wollte entfliehen; ich hielt sie bei der Hand zurück. Was konnte uns in dem Klostergarten begegnen? Mein Muth wuchs mit der Neugierde, die sich meiner bemächtigte. Da die Baumzweige dicht auf der Mauer lagen, konnten wir den Gegenstand nicht sehen, von dem das Rauschen ausging. Soviel aber ließ sich unterscheiden, daß er sich auf dem Rande hin und her bewegte, denn es fielen Steine und Erdbrocken an verschiedenen Stellen herab. Anfangs war ich der Meinung, ein Thier machte dort oben, in einer fast schwindelnden Höhe, seine Sprünge, aber schon nach einer Minute ward ich eines Besseren belehrt, denn ich sah die Beine eines Mannes, welche hervorragende Steine zu Stützpunkten suchten.

– Die Strickleiter, Jean! rief eine Stimme.

Es ward eine Strickleiter herabgelassen.

– Hast Du sie befestigt? hörte ich fragen.

– Ja, Sie können sich ihrer ohne Furcht bedienen, mein Prinz.

– Gut, so bleibe oben!

– Suchen Sie den Altar zu erreichen! rief die Stimme aus den Zweigen herab. Ich irre nicht, er muß sich an dieser Stelle der Mauer befinden!

Das Wort »Prinz« durchzuckte mich wie ein elektrischer Schlag. Ein Prinz stieg mit Gefahr seines Lebens über die hohe Klostermauer! Was konnte ihn dazu veranlassen? Ich sah fragend meine Begleiterin an. Ihre Gesichtsfarbe hatte sich verändert, sie war glühend roth geworden. Konnte ich noch zweifeln, daß der Besuch ihr galt? Aber sie war noch so jung, und hatte schon eine geheime Liebschaft! Ich suchte sie durch einen freundlichen Händedruck zu beruhigen, denn sie zitterte am ganzen Körper und war unvermögend, einen Schritt zu thun. Aber auch ich zitterte vor Freude über dieses Abenteuer, denn es war das erste, das mir begegnete. Was hätte ich darum gegeben, wenn ein junger hübscher Prinz meinetwegen die gefährliche Reise über die Mauer gemacht hätte. Seine Liebe mußte wahrlich keine geringe sein. Bei diesen Gedanken empfand ich etwas, das dem Neide ähnlich war. Sie sehen, daß ich meine Schwächen nicht verberge, daß ich sie vielmehr frei eingestehe.

– Wollen wir uns entfernen? fragte ich ein wenig boshaft.

– Nein, nein! flüsterte sie.

– Kennen Sie den kühnen Mann?

– Ja.

– Wer ist er denn?

– Der Prinz von Leon.

Ich erinnerte mich, von seiner Familie gehört zu haben. In dem Augenblicke, als ich eine Frage an meine neue Freundin, die durch diesen Besuch meine Vertraute geworden war, richten wollte, sank der Prinz mit Blitzesschnelle auf den Altar herab. Ich glaubte, er müßte den Hals brechen, und stieß einen lauten Schreckensschrei aus. Meine Freundin fiel zitternd zu Boden. Unser Schrecken war vergebens gewesen, denn der Prinz stand wohlerhalten auf der mit einem weißen Tuche bedeckten Platte des Altars. Als er uns erblickte, sprang er herab und lief zu uns.

– Wo ist Ihre Schwester. Cecile? rief er aus.

Cecile konnte nicht gleich antworten, denn der Schrecken hatte ihr fast die Besinnung geraubt.

– Sie ist bei Frau von La Vieuville, gab ich statt ihrer zur Antwort.

Jetzt erzitterte der verwegene Prinz.

– Bei Frau von La Vieuville? fragte er bestürzt.

– Ja. Vor einer halben Stunde ist sie zu ihr gefahren.

– Mein Gott! Das trifft sich schlecht. Und wann wird sie zurückkehren?

– Gegen Abend, antwortete Cecile, die sich wieder erholt hatte.

Ich begriff, daß der Besuch der älteren Roquelaure galt. Der Prinz war ein schöner junger Mann von einigen zwanzig Jahren, und seine Liebe zu dem jungen Mädchen schien mir vollkommen gerechtfertigt,

– Haben Sie Schaden gelitten? fragte Cecile den Prinzen, der rath- und trostlos vor uns stand.

– Nein, Cecile! Der dumme Teufel hatte die Strickleiter nicht genug befestigt. Ach, das ist nichts, das macht mir wenig Kummer – aber wie fange ich es an, daß ich Ihre Schwester spreche? Ich muß sie sprechen!

Diese Worte rief der Prinz im Ausdrucke der Verzweiflung. Er schien meine Anwesenheit, obgleich ich mit ihm schon gesprochen hatte, entweder nicht zu bemerken, oder nicht zu fürchten.

– Bedenken Sie, wo Sie sind! sagte ängstlich Cecile.

– Legen Sie sich keinen Zwang an, mein Herr! warf ich rasch ein. Sie haben nichts von mir zu fürchten, vielmehr Alles zu hoffen. Kann ich Ihnen nützlich sein, so zählen Sie auf mich.

Cecile drückte mir dankbar die Hand.

– Sind wir hier vor Ueberraschung sicher? fragte der Prinz.

– Wenn die Gouvernante nicht erwacht und uns aufsucht, ja!

– Die Gouvernante! rief Cecile erschreckt. Sie darf uns nicht sehen.

– Gut, so weichen wir ihr aus. Folgen Sie mir! Ich führte den Prinzen und meine Freundin in ein dichtes Bosket, von dem ich wußte, daß es wenig betreten ward, da es in dem dunkelsten Winkel des Gartens lag. Hier angekommen, wollte ich mich entfernen; Cecile bat mich, zu bleiben.

– Nachdem Sie so viel wissen, meinte sie, können Sie Alles erfahren. Auf Ihre Verschwiegenheit glaube ich rechnen zu dürfen.

Ich wiederholte, daß man in jeder Beziehung auf mich zählen könne.

– Ach, Cecile, sagte der Prinz im Ausdrucke des höchsten Schmerzes, antworten Sie mir offen auf meine Fragen, ich beschwöre Sie, verhehlen Sie mir nichts, denn das Glück meines Lebens hängt davon ab. Man sagte mir, Ihre Schwester selbst hätte den Entschluß gefaßt, in daß Kloster zu gehen, sie sei nicht davon abzubringen gewesen, ihr Leben der Kirche zu weihen. Ich kann es nicht glauben, da ich weiß, daß sie mich aufrichtig liebt. Ist wirklich eine Veränderung mit ihr vorgegangen?

– Nein, Prinz, sagte das junge Mädchen eifrig, meine Schwester liebt Sie noch, und erst diesen Morgen noch hat sie mir zugeschworen, daß sie Ihnen treu bleiben würde, es möge kosten, was es wolle. Man hat sie zu dem Klosterleben gezwungen, das ihr in tiefster Seele zuwider ist.

– Wie abscheulich!

– Meine arme Schwester leidet viel. Unsere Verwandte tragen die Schuld daran.

– Aber sie haben es bewirkt, daß wir uns kennen lernen mußten. Der Plan unserer Verbindung ist ja ein Werk Ihrer Verwandten.'

– Aber sie haben diesen Plan geändert.

– Aus welchem Grunde?

– Aus Geiz. Ihre Verwandte, Prinz, haben eine bedeutende Mitgift gefordert.

– Ich will nichts, nichts, ich will das Mädchen, das ich liebe!

– Der Bruch zwischen Ihrer und unserer Familie ist ein vollständiger, das frühere Verhältniß wird kaum wieder herzustellen sein.

– Und darunter sollen wir leiden? Cecile, Ihre Schwester liebt mich noch? rief der Prinz.

– Ich kann versichern, mehr als je. Unsere Besuche bei Frau von La Vieuville, der intimen Freundin unserer Mutter, haben keinen anderen Zweck, als meine arme Schwester von der Liebe zu Ihnen zurückzubringen. Man läßt uns von Gouvernanten streng bewachen, und diese müssen an Frau von La Vieuville Bericht erstatten. Nur wenn der Wagen dieser Frau uns abholt, und wenn sie die Superiorin in einem Briefe darum ersucht hat, dürfen wir das Kloster verlassen. Man behandelt uns wie Gefangene.

Der Prinz hatte einen Augenblick nachgedacht,

– Ich werde diesen Plan vereiteln! sagte er dann entschlossen. Geben Sie mir Gelegenheit, daß ich meine Braut sprechen kann.

Das junge Mädchen sah mich fragend an.

– Können Sie morgen denselben Weg machen, den Sie heute gemacht haben? fragte ich den jungen Mann.

– Und wenn die Mauer bis in die Wolken reichte! rief er aus.

– So ist es leicht, Ihrem Wunsche zu genügen. Morgen ist ein Fast- und Bettag, die Nonnen werden sich in ihren Zellen aufhalten. Wenn Sie um Mittag in diesem Bosket sind, kann Fräulein von Roquelaure ihre Schwester zu Ihnen führen.

– Und Sie begleiten uns! sagte Cecile.

Nachdem wir unsere Verabredungen getroffen, entfernte sich der Prinz. Wir sahen ihn mit bewunderungswürdiger Geschicklichkeit die Mauer ersteigen, wobei ihm der alte Steinaltar gute Dienste leistete. Nun eilten wir nach der Bank zurück. Die Gouvernante schlief noch so fest, daß wir sie wecken mußten. Denselben Abend, auf einer Promenade durch den Garten, lernte ich Cecile's Schwester näher kennen. Sie begrüßte mich, obgleich sie älter war als ich, mit großer Herzlichkeit und nannte mich ihre Freundin. Ich mußte feierlich ein tiefes Schweigen geloben. Die ganze Nacht träumte mir von Liebesscenen und Entführung.




Viertes Kapitel


Am nächsten Tage fanden wir uns um die verabredete Stunde in dem Bosket ein. Der Prinz wartete bereits. Kaum bemerkte er uns, als er sich auf die Kniee warf und Thränen vergoß, indem er seine Blicke und seine Hände zum Himmel emporhob.

– Mademoiselle! Mademoiselle! rief er aus.

– Ach, mein Prinz! entgegnete die Roquelaure, indem sie ihre Augen mit der Hand bedeckte, wie eine Iphigenia auf Aulis.

– So kann es nicht gehen; man wird uns nicht trennen, und wir werden nicht das Opfer unserer Verwandten und ihres Geizes werden.

– Sie werden davon zurückkommen, warf ich ein.

– Nein, Mademoiselle, nein, sie werden nicht davon zurückkommen. Sie kennen sie wenig. Sie werden Fräulein von Roquelaure im Kloster vergehen lassen – und ich werde darüber sterben, das ist sicher!

– Und doch sind sie es, die diese Heirath erdacht haben; sie haben es bewirkt, daß wir uns kennen und lieben gelernt. Erst fanden sie unsere Verbindung passend, und nun zerreißen sie sie. Ach, mein Gott, was soll daraus werden?

– Mademoiselle, lassen wir uns nicht betrügen.

– Mein Herr, was rathen Sie mir?

– Mademoiselle, es bleibt uns nur eins zu thun.

– Aber was, mein Prinz? Ich verstehe Sie nicht, ich will Sie nicht verstehen.

Sie stützte sich auf meine Schulter, indem sie vermied, ihren Alcindor anzusehen, dessen Auge der Zorn weit aufgerissen hatte, was nicht eben verführerisch aussah.

– Mademoiselle, ich kann Ihnen nicht genug wiederholen: es bleibt uns nur ein Ausweg, ein einziger. Haben Sie den Muth, ihn zu betreten, und es geht Alles gut. Erlauben Sie mir, Sie von hier zu entführen, Sie mit mir zu nehmen und Sie zum Altare zu geleiten.

Sie stieß einen Schrei aus und verbarg ihren Kopf mehr als je hinter meinem Rücken.

Ich bemerkte indeß, daß sie nicht mehr weinte, und daß sie aufmerksam zuhörte.

– Ja, fuhr er fort, wir werden uns verheirathen, und so aufgebracht sie auch sein mögen, sie werden sich besänftigen. Ja, wir werden so fest verbunden sein, daß man uns nicht trennen kann, und so machen wir uns unabhängig von ihren Launen.

– Mein Herr!

– Mademoiselle, ich beschwöre Sie, lassen Sie sich erweichen!

Der Form wegen ließ sie sich lange bitten; endlich entriß er ihr die Einwilligung, die zu ertheilen sie sicherlich vor Begierde brannte.

Es handelte sich nun darum, wie man am zweckmäßigsten zu Werke ginge.

Er forderte drei Tage um Alles vorzubereiten, und schwor ihr, daß sie dann für das ganze Leben glücklich sein würden.

Man ließ auch mich schwören, daß ich schweigen wolle. Wir schworen Alle. Ich glaube, daß sie mich wer weiß wohin gewünscht hätten; aber sie bedurften einer dritten Person, und ich erschreckte sie weniger als die Gouvernante.

Dies war das letzte Mal, und ich habe nie erfahren, auf welche Weise sie in der Folge ihre Correspondence unterhalten.

Von diesem Augenblicke an forderte man von mir nichts mehr, als zu schweigen, und ich schwieg getreulich. Dies war nöthig,

Wie man weiß, gingen die Fräulein von Roquelaure nur aus, um Frau von La Vieuville zu besuchen, die vertraute Freundin der Herzogin von Roquelaure. Mochten sie zusammen oder getrennt gehen, ihre Gouvernanten begleiteten sie. Herr de Leon war davon unterrichtet.

Er ließ eine Karosse von derselben Form und mit derselben Ausschmückung anfertigen, als die der Frau von La Vieuville; er kleidete drei Lakaien in ihre Livree, machte einen Brief dieser Freundin nach, den er mit ihrem Wappen siegelte, und schickte diese ganze Equipage an einem schönen Maimorgen nach dem Kloster, wo sie nach Fräulein von Roquelaure der ältern fragen sollte. Diese war genau unterrichtet, sie trug den Brief zu der Superiorin, und erhielt ohne Schwierigkeit die gewöhnliche Erlaubniß.

Ich sah meine Genossin fortgehen, und dabei fand ich in ihr so etwas von einem Eroberer, das mich in Erstaunen setzte; ich konnte es mir damals nicht erklären, aber ich begriff es nachher.

Fräulein und Gouvernante stiegen in die Karosse, die an der Biegung der ersten Straße hielt.

Der Prinz von Leon wartete. Er ließ den Schlag öffnen, und sprang zu seiner Schönen, die sich beeilte ihm Platz zu machen, wahrend die Gouvernante verblüfft sitzen blieb.

Der Kutscher schwang die Peitsche. Man fuhr ab, und Madame Paulier, die Gouvernante, begann aus Leibeskräften zu schreien. Der Liebhaber ließ sich dadurch nicht aus der Fassung bringen, er bemächtigte sich ihrer Hände, und mit Hilfe der Schülerin steckte er der Schreienden ein Schnupftuch in den Mund. Fräulein Roquelaure suchte ihr in dieser Zeit begreiflich zu machen, daß es in ihrem Interesse sei, ihnen zu dienen.

Sie reisten direct nach Brüyères, dem Landhause des Herzogs von Lorges, unweit Mesnilmontant. Der Herzog und der Graf von Rieux, beide intime Freunde des Prinzen von Leon, erwarteten sie hier.

Man hatte einen bretanischen abgesetzten Priester, ein sehr schlechtes Subject, herbeigeholt, der sie, obgleich er dies war, in Gegenwart der beiden großen Herren nicht weniger verheirathete. Nach der Trauung führte man sie in ein Zimmer, wo das Bett und die Toilette vorbereitet waren. Man ließ die Vermählten zwei oder drei Stunden allein, dann setzte man sich zu Tische, und nahm fröhlich ein Mal ein, ausgenommen die Gouvernante, deren Augen nicht trocken wurden, und die sich verloren sah.

Die Braut war die fröhlichste Person von der Welt. Sie sang, sprach tolles Zeug, pries begeistert ihr Glück, schwor, daß sie sich jetzt, wo sie eine Fürstin von Leon sei, nicht mehr leiten lassen wolle, und daß sie es denen schon begreiflich machen würde, die daran zweifelten

Dann bestiegen sie die Karosse wieder, die sie nach dem Kloster Madeleine du Traisnel zurückbrachte.

Die Frau Fürstin ging geraden Wegs zu der Superiorin. Stolz den Kopf erhoben und gefolgt von der Gouvernante, die sich kaum noch aufrecht erhalten konnte, trat sie ein. Indem sie die Thür öffnete, sagte sie ohne Umstande:

– Madame, ich habe Ihnen mitzutheilen, daß ich verheirathet bin, und daß ich nicht mehr hierher zurückkehre.

– Jesus Maria! Was sagen Sie da? Verheiratet? Das ist unmöglich!

– Es ist gewiß! Fragen Sie nur Madame Paulier, die weint und Alles gesehen hat.

– Es ist leider nur zu wahr!

Die Gouvernante bestätigte es durch ihr Schluchzen, und die gute Frau schrie im Vereine mit der Priorin so laut, daß sie das ganze Kloster zusammenriefen – Nonnen und Pensionärinnen stimmten in das Geschrei mit ein.

Frau von Leon ging ruhig auf und ab, sie rieb sich die Hände und sah uns eine nach der andern an.

– Nun, warum schreien Sie denn? Wozu soll das führen? Ich bin verheirathet, ich weiß es, und damit abgemacht! Lassen Sie mich gehen, ich will an meine Mutter schreiben, ihr die That gestehen und sie um Verzeihung bitten, wenn sie mir nämlich verzeihen will.

Stolz und entzückt entfernte sie sich. Sie schrieb ihren Brief, während die Gouvernante an die Herzogin schrieb, und ihr die Gewaltthätigkeiten meldete, die sie hatte ertragen müssen, ihre Verzweiflung, ihre Rechtfertigung und die ganze Geschichte von der falschen Frau von La Vieuville.

Die Herzogin wollte schier vor Zorn bersten. Im ersten Augenblicke klagte sie ihre Freundin an und bereitete ihr eine schreckliche Scene, von der diese nichts verstand. Sie hatte Mühe ihr begreiflich zu machen, daß sie keinen Verrath begangen habe, und daß sie von der ganzen Sache nichts wisse.

Frau von Roquelaure war wie eine Löwin, sie wußte nicht, was sie beginnen sollte. Sie wandte ihren Zorn gegen Herrn von Leon, der sie seit dem Bruche so gut amüsirt hatte, daß er von ihr das Versprechen einer ewigen Freundschaft erhalten. Sie sah ganz einfach, daß er sich über ihre Artigkeit lustig machte, und hätte ihn mit eigenen Händen zerrissen. Was ihre Tochter anbetraf, so sollte er verhindert werden, sie zu sehen; man wußte nicht, wie weit sie in ihrem Zorne gehen würde. Die Lieder von der Brüyères konnte sie nicht verzeihen.

– Sie hat gesungen, die Unverschämte, als sie vor Scham hätte sterben müssen.

– Ah bah! antwortete ihre Tochter mit ungezwungener Miene, ich habe mich ganz allein verheirathet; hätte ich dies nicht gethan, so würde mich meine Frau Mutter Zeitlebens eine Jungfer bleiben lassen.

Herr und Frau von Rohan schrien wie enragirte Pfauen, als ob man ihnen ein blutjunges Mädchen genommen hätte. Man hat nie so viel schreien gehört, als bei dieser Angelegenheit, es war wie eine Epidemie. Die beiden Familien beklagten sich mit einander um die Wette und machten wahre Wunder von Ansuchen. Wenn die Einen Frau von Soubise hatten, so hatten die Andern Frau von Roquelaure, eine alte Erinnerung des Königs, nicht weniger gebieterisch, obgleich weniger mächtig.

Sie lief nach Marly, sprengte alle Thüren, die der Frau von Maintenon mit inbegriffen, und forderte von Ludwig XIV., indem sie sich ihm zu Füßen warf, Gerechtigkeit gegen Herrn de Leon.

Der König hob sie auf und suchte sie zu beruhigen; aber da er seinen Zweck nicht erreichen konnte, und sie beharrlich blieb, sagte er zu ihr:

– Wissen Sie, Madame, wie weit Ihre Bitte geht? Sie fordern nichts weniger als den Kopf des Prinzen von Leon.

– Ich will seinen Kopf, ich will Alles, was ich von ihm haben kann, ich will, daß er meine Tochter nicht behalte!

Der König versprach ihr endlich volle Gerechtigkeit.

Man kann ermessen, daß unsere Verliebten den Ton herabstimmten: die Furcht bemächtigte sich ihrer. Die Roquelaure vergoß unendlich viel Thränen und zitterte für ihren Gatten. Ihr Vater schrie lauter als die Herzogin, sie gingen so weit, daß sie die Schande ihrer Tochter vor die Oeffentlichkeit, und den Prinzen von Leon auf das Schaffot bringen wollten.

Der König wollte weder das Eine noch das Andere, er ließ mit ihnen unter der Hand reden. Ihre Verwandten und Freunde traten dazwischen und schlugen ein Arrangement vor. Aber die Leons wollten einen größeren Vortheil von ihrer Stellung ziehen. Sie kümmerten sich wenig um ihren Sohn, ein kleines Exil für ihn schien ihnen angenehmer, als diese Heirath; so entledigten sie sich seiner auf eine anständige Weise.

Dies führte zu unendlichen Unterhandlungen. Der König, getrieben durch Frau von Soubise, die ganz im Interesse ihres Neffen handelte, that, was er noch nie in seinem Leben gethan hatte, er trat mit seiner Autorität dazwischen, befahl, daß man sie sofort verheirathete, damit die Sache zu Ende käme. Alle Partheien mußten gehorchen.

Die Roquelaure ward nicht außer Acht gelassen, Tag und Nacht ward sie von fünf oder sechs Nonnen bewacht, damit sie nicht entfliehen konnte.

Die beiden mürrischen Familien, bereit sich eine auf die andere zu stürzen, kamen nach dem Kloster. Man las für sie die Messe, verheirathete sie, gab ihnen als eigenthümliches Vermögen fünfzehntausend Livres Renten, packte sie sorgfältig in eine Karosse, und sagte ihnen:

– Geht wohin Ihr wollt, Ihr habt Nichts mehr von uns zu erwarten.

Sie gingen auf das Land, wo sich dieser Affe und diese Aeffin zu Romanhelden träumten, und sich gegenseitig anbeteten wie Cyrus und Mondane. Dieses Haus wurde nun, was alle Welt seit der Zeit gesehen hat, eine wahre Merkwürdigkeit, ein Haus von Zigeunern. Sie begannen damit, von dem Herzoge von Lorges die Brüyères zu kaufen, diese Wiege ihres Glücks, und dabei sagten sie ihm, daß sie das Kaufgeld vielleicht seinen Enkeln zahlen würden.

– So lange unsere Verwandte ihre Börse festhalten, werden wir karg leben, und so lange sie leben, halten sie ihre Börse fest.

Der Herzog von Lorges begnügte sich damit, er trat ihnen die Brüyères ab, die sie verschönerten, und wo sie nun girrten wie Turteltauben. Das Seltene dabei war, daß die Fürstin stets häßlicher wurde, und selbst einen Buckel bekam; sie bedurften ihres ganzen Geistesreichthums, um sich nicht lächerlich zu machen. Man stattete ihnen häufig Besuche ab, und die Brüyères wurde nie leer von der höchsten und besten Gesellschaft. Sie setzten sich kühn auf einen Fuß der Zärtlichkeit und Treue, den man genehmigte.

– Mein Liebster! Meine Liebste!

Dies ward zum Sprichwort, und keiner spöttelte darüber.

Ungeachtet dieser fortwährenden Anbetung zankten sie sich vom Morgen bis zum Abend wacker herum. Sie waren nie einig, und sie sagten sich die beißendsten Dinge, stets von »mein Liebster« und »meine Liebste« begleitet.

Es war zum Lachen unter Thränen; sie selbst lachten, wenn so etwas vorbei war.

Ihre fünfzehntausend Livres waren ein Tropfen Wasser in den Fluß, gegossen. Sie verschwendeten noch sechsmal so viel, denn sie ließen sich nichts abgehen und empfingen gastlich das ganze Land.

Nach den Schulden kamen die Auswege, und nach diesen das Quasi-Elend.

Herr und Frau von Rohan, ihre Verwandte, lebten fast eben so lange als sie, und weigerten sich hartnäckig, ihnen etwas zu geben Don Juan konnte nicht schöner mit seinen Schuldnern verfahren sein, als Herr und Frau von Leon mit den ihrigen. Mascarille und Scapin hatten nie mehr Ausflüchte gebraucht, um Credit zu erlangen.

Ich habe mehren solcher Scenen beigewohnt, sie gewährten wahrlich ein großes Vergnügen.

– Mein liebster, mein bester Fürst, sagte meine Gespielin, da ist der Wagenfabrikant, der durchaus die Halb-Chaise mitnehmen will, die Sie im vorigen Jahre von ihm gekauft haben. Ich weiß nicht, wie ich ihn beruhigen soll, und doch muß es geschehen. Wir kennen doch nicht zu Fuß nach Versailles gehen. Gestehen Sie, daß Ihr Herr Vater und Ihre Frau Mutter sehr unangenehme Leute sind – sie behalten Ihr Vermögen zurück, und setzen Sie in eine solche Verlegenheit.

– Meine Liebste, ich denke, die Ihrigen sind nicht um ein Haar besser; wissen Sie wohl, daß mich der Haushofmeister mit seinen Rechnungen schon seit dem Morgen verfolgt? Er schwört, daß er unserer Gesellschaft diesen Abend kein Souper giebt, wenn er nicht Zahlung erhält. Das wäre hübsch! Was denken Sie davon?

– Wir müssen diesen verwünschten Wagenfabrikanten zufrieden stellen!

– Wir müssen zu Abend essen, Madame, ohne zu gedenken, daß mich Ihre Putzmacherin Tag und Nacht plagt.

– O, Tag und Nacht! wiederholte sie mit einem Lächeln, dem die Albernheit nicht fehlte.

– Sie ist seit gestern Morgen drei Uhr hier.

– Ich hoffe, Sie haben sie nicht gesehen!

– Das wäre schön! Aber das Abendessen?

– Aber der Wagen?

– Schicken Sie mir den rebellischen Wagenfabrikanten.

– Schicken Sie mir den Haushofmeister und den Koch. Dies war eine äußerst komische Kreuz- und Quer-Jagd. Der Fürst unterhielt den Wagenfabrikanten, verblüffte ihn durch Phrasen, und endigte damit, daß er ihm wie eine große Gunst die Erlaubniß ertheilte, einen alten Reisewagen und drei zweirädrige Karren mitzunehmen, die sich in der Remise befanden.

Mit der Bezahlung der Dienstleute ging es nicht besser.

– Nun, werden wir zu Abend essen? fragte er, als er sie sah.

– Ohne Zweifel!

– Ist es indiscret zu fragen, was wir essen?

– Nein. Wir haben ein Kalb gekauft.

– Ein ganzes Kalb?

– Ja.

– Und was wollen Sie damit machen, um Gotteswillen?

– Man wird es diesen Abend und morgen essen, mein Liebster; man wird es ganz, bis auf das Fell, bis auf den Schwanz verzehren, und zwar mit einer Sauce, daß man sich die Finger danach leckt.

Und nun machte sie ihm einen possierlichen und dabei sehr vollständigen Küchenzettel von den verschiedenen Arten, wie das Kalb zubereitet und gegessen werden sollte. Es konnte nichts Sinnreicheres und Komischerisches geben. Ich hielt mir vor Lachen die Seiten. Der Fürst schäumte vor Wuth.

– Aber, meine Liebste, ist denn dieses Kalb wenigstens bezahlt?

– Mein schöner Fürst, ich, habe mein Möglichstes gethan, antwortete sie schmollend, wie gewöhnlich. Ich habe den Haushofmeister drei von Ihren alten Perrücken, einen flachen Ring und den Sammetrock gegeben, den Sie einst beschmutzt haben. Nicht wahr, das ist ein köstlicher Handel?

Und dabei erfolgte eine wahre Fluth von »mein Liebster« und andern Eigenschaftswörtern, und der Buckel der Fürstin lachte mit, denn dieser Buckel war intelligent. Ich weiß nicht, woher dies kam.

Dieser Buckel war abwechselnd traurig und fröhlich, komisch, witzig und verzweifelt, man konnte sich nicht darin täuschen.

Man erkannte die Laune der Fürstin, wenn man sie von hinten sah: sie hatte unglaubliche Abhandlungen und Theorien darauf.

Kaum hatte man diese Klippe überwunden, so zeigten sich tausend andere. Der Hof wimmelte von schreienden und heulenden Gläubigern. Die Fürstin, der Fürst und alle ihre Leute, die sie liebten, versuchten einer nach dem andern die Schreier durch Versprechungen und Drohungen zu beruhigen, und so ging das täglich bis Abends sechs Uhr. Sobald der Hammer aus die Glocke schlug, verschwanden die Gläubiger, ohne daß man nöthig hatte, sie hinauszuwerfen. Sie waren so abgerichtet, denn sie wußten, daß sie der großen und gewählten Gesellschaft Platz machen mußten, die um diese Zeit kam.

– Ach, mein Gott, Theuerste, sagte Plötzlich der Prinz, es ist hundekalt, und wir haben kein Holz, Wie soll man sich erwärmen?

– Ich habe mich darauf vorgesehen, antwortete der freche Buckel. Machen Sie sich keine Sorge.

Und in der That, als wir in den Speisesaal traten, sahen wir eine herrliche Flamme, die nicht einen Augenblick aufhörte zu lodern. Trotzdem aber würde man vor Kälte gezittert haben., hätten nicht das pünktlich aufgetragene Kalb und die Weine des Herrn d'Argensons, den man aus vollen Bechern trank, Wärme geschaffen.

Nach dem Essen war ich so neugierig, dieses Räthsel zu sondiren. Ich öffnete die Thür des Ofens, und fand darin – eine Lampe.

So existirte dieses Haus fast dreißig Jahre. Während der ganzen Fastenzeit lebte man hier von bretagnescher Butter. Fand sich zufällig ein guter Bissen ein, so nahm ihn Herr von Leon, ohne ihn zu verstecken. Aber er hatte fast täglich zwanzig Personen zu Tische, und stets unerwartete Gäste. Die Tafel und die Gerichte waren elastisch.

Nach dem Tode ihrer Eltern bezahlten sie Alles. Der Fürst starb zuerst. Die Fürstin erhielt mit der Fürstin von Pons, ihrer Schwester, die reiche Erbschaft der Roquelaure's.

Sie ward von dieser Zeit an so geizig, daß sie am Abende vor ihrem Tode ihre Todtenbahre verkaufte. So kann man sich ändern!




Fünftes Kapitel


Ich habe gesagt, daß die Geschichte von dem aus Wachs geformten Jesuskinde einen großen Einfluß auf die übrige Zeit meines Lebens ausübte; es ist sonderbar genug, daß es verdient, mitgetheilt zu werden, wie dies zuging. Wir hatten das Unglück, in einem philosophischen Jahrhunderte geboren zu werden, das Alles erklären will, und in dem die Kinder philosophirend zur Welt kommen. Es ist gleichsam eine über die Glaubenslehre verhängte Epidemie, um sie alle, eine nach der andern, zu vernichten, und Gott weiß, welch ein Resultat für unsere Nachkommen daraus hervorgehen wird.

Da ich von den Nachkommen spreche, will ich gleich bemerken, daß ich die meinigen in dem Vorzimmer habe, sie machen einen Lärm, der die Siebenschläfer auferwecken könnte. Ich weiß nicht, was sie glauben, aber sie zwingen mich, ihre Anwesenheit bei mir außer Zweifel zu setzen.

Dieses kleine Volk ist für eine arme Blinde, der nur die Ohren zur Entschädigung bleiben, sehr lästig.

Diese Disposition in der Gegenwart und die Ungewißheit in der Zukunft sind sehr treffend durch die Worte gezeichnet, die man Ludwig XV. beilegt:

– Mein Nachfolger wird sich herauswinden, wie er kann, und dies wird bei ihm eben so lange dauern, als bei mir.

Der Präsident Henault, der den seligen König sehr gut gekannt, hat stets behauptet, daß dies nicht wahr sei, und daß Ludwig XV. dieser schlechten Gesinnung unfähig gewesen. Was mich anbetrifft, so weiß ich es nicht; aber das steht fest, daß überall eingerissen, aber nirgends um uns her wieder aufgebaut wird. Ich gestehe, daß dies für die Nachdenkenden sehr traurig ist. Ich habe stets zu meinen Freunden, den Philosophen, gesagt:

– Wenn Ihr uns darthut, daß wir unvernünftig sind, daß wir es stets gewesen, indem wir an die Religion geglaubt, und Gebräuche unserer Väter bewahrt haben, so gebt uns wenigstens statt dessen etwas Anderes. Man kann so nicht reinen Tisch machen, ohne einen Brocken des Trostes zu lassen.

– Madame, die Menschen müssen dessen nicht bedürfen, sie müssen durch die Kraft ihrer Intelligenz Alles verstehen, Alles zergliedern, indem sie sich auf die Natur allein und auf die Güte des Schöpfers beziehen, ohne sich von jenem Krame abgeschmackter Ideen, denen man den Namen Religion und Gesetz beilegt, hindern zu lassen. Wir stehen im Begriffe, den Wald von Vorurtheilen zu zerstören.

– Deshalb also macht Ihr so viel läppisches Zeug! antwortete ich ihnen.

Man ist mir dieser Antwort wegen viel zu Leibe gegangen, da man viel in den Gesellschaften und bei den Soupers davon sprach.

Doch, ich komme auf die Wachspuppe zurück. Nachdem ich also viel darüber gelacht und mich über die Schwester Engel-Marie, über ihre ex voto und ihre Gebete vor der Modepuppe lustig gemacht, folgte die Ueberlegung. An einem schönen Abende kam ich auf den Gedanken, daß alle Bilder, alle Götzen sehr zu beachten seien, und daß, wenn man ihrem Ursprunge nachforscht, vielleicht auf dem Grunde von allen dem ein verkapptes Heidenthum verborgen wäre.

Von hier aus bis zum Zweifel war nur ein Schritt. Indem ich mit den Symbolen anknüpfte, kam ich zu der Wahrheit, und ich fragte mich, ob diese Dogmen, diese Mysterien, diese ganze katholische Religion wohl etwas Anderes als eine Allegorie sei, als eine Nothwendigkeit, die man den Leidenschaften der Massen wie einen Zaum anlegt; die gut sei, diejenigen zu bestrafen, die nicht darüber hinaus denken, die der Teufel erschreckt, und die sich bei dem kleinsten Fehltritte von seiner großen Gabel aufgespießt und in den Ofen geworfen sehen, wo er sie nicht mehr noch weniger umwendet, wie einen Eierkuchen in der Pfanne.

Mit Hilfe einer Freundin, des Fräuleins von Beaumont, des nachdenkendsten Mädchens, das sich finden läßt, kamen diese Gedanken in meinem jungen Hirne zur Reife.

Wir stritten uns stundenlang über diese Fragen, die wir nicht verstanden, und aus eben diesem Grunde erklärten wir sie einstimmig für unzulässig. Hieraus entstanden für uns ernste Unannehmlichkeiten.

Anstatt uns an das zu halten, was Man uns gelehrt, machten wir es verächtlich. Die armen Schwestern, die uns nichts Anderes als die Liebe zu Gott und zu seinen Geboten lehren konnten, verloren ihre Zeit, und bildeten nur zwei Ungläubige heran, zwei starke Geister, wie man heute sagen würde, und dies geschah zu Ende der Regierung Ludwigs XIV., zu einer Zeit, wo die Frömmigkeit in großem Ansehen stand. Urtheilen Sie!

Man ward es Anfangs nicht gleich gewahr. Wir folgten den andern Schwestern zur Kirche, wir waren äußerlich wie sie; wir behielten unsere Entschlüsse und unsere innern Revolutionen für uns bis zu dem Augenblicke der Vorfeier, ich weiß nicht welchen hohen Festes, wo man uns die Hälfte des Tages beten, den Rest desselben nachdenken, dann fasten und schließlich bei einem noch oben darein außergewöhnlichen Beichtvater beichten lassen wollte.

Uns fehlte die Geduld, bis zum Schlusse auszuharren, und eines Morgens weigerte ich mich geradezu in die Kapelle zu gehen, indem ich zu der Schwester Engel-Marie sagte, daß es der Mummerei nun genug sei, und daß die Beaumont und ich sie nicht mehr mitmachen wollten.

– Barmherziger Gott! rief die gute Schwester. Was sagt dieses kleine Mädchen? Was denkt es? Mummerei!

– Ja, Mummerei, und Sie werden sich bald davon überzeugen, wenn Sie mich anhören wollen.

Und nun entwickelte ich meine Grundsätze, meine Ideen und meine Theologie, die, ich gestehe es, nicht viel gewöhnlichen Sinn hatte. Ich erschuf neue Dinge, verwarf das, was sie anbetete, enthüllte das, was wir mit großem Aufwande unserer unvernünftigen Schlüsse und mit Hilfe jener über das Dogma unklaren Bücher, die man unklug in unsere Hände gegeben und die nur dazu dienen, uns zu verwirren, ausgearbeitet hatten.

Die Schwester fiel der Länge nach nieder; dann holte sie Andere herbei, die mich hören sollten; aber noch ehe ich zu Ende kam, entflohen sie, indem sie das Zeichen des Kreuzes machten. Eine Stunde später wußte es die Aebtissin. Sie ließ mich kommen, und vor ihr sagte ich meinen Rosenkranz mit derselben Sicherheit her.

– Unglückliche! rief sie aus. Was wird Frau von Chamrond sagen, wenn sie vernimmt, daß ihre Nichte gottlos geworden ist? Sie wird vor Kummer sterben!

Diese Worte kitzelten mir das Herz. Ich liebte meine Tante, ich that Alles zu dem Zwecke, ihr zu gefallen, und ihre Glückwünschungsbriefe waren für mich das non plus ultra des Ruhms. Die Frau Aebtissin wußte es wohl, und sie glaubte einen tödtlichen Streich auf meine Zweifel zu führen, indem sie mir zeigte, in wie hohem Grade meine Tante sie mißbilligen würde.

Aber es handelte sich hier um meinen Stolz, oder vielmehr um die Eitelkeit der Denkerin, und deshalb konnte ich ihr nicht nachgeben. Ich wagte es, ihr auf eine Weist zu antworten, daß die hochwürdige Frau ihr Gesicht verschleierte.

– Gehen Sie in Ihr Zimmer, Mademoiselle, und bleiben Sie dort! Sie besitzen einen gefährlichen Geist, und deshalb können wir den Umgang mit ihren Genossinnen nicht dulden, die Sie ohne Zweifel verderben werden. Wir untersagen Ihnen besonders den Umgang mit Fräulein von Beaumont, die Sie bereits überredet haben. Sie können der Einen oder der Andern nur schaden. Gehen Sie, ich werde Sie dem Gebete der Gemeinde empfehlen lassen, Sie bedürfen dessen im hohen Grade.

Von da an datirt sich meine Meinungs-Veränderung, die ich stets beklagt habe, und die ich mein ganzes Leben lang beklagen werde, denn, auch zugestanden, daß ich im Irrthume wäre, ist es nicht ein großes Glück, Eichenblätter für Gold zu nehmen?

Man überwachte mich in meiner kleinen Zelle, in der ich keine andere Gesellschaft als die Engel-Mariens hatte, die mir nicht zürnte, sondern mich beklagte.

Sie war eine zärtliche, duldsame Schwester; sie erblickte in der Religion einen Trost, eine Zuflucht; sie sah darin das einzige Glück, das sie in ihrem Kloster geträumt hatte; sie sah darin die Zukunft des Lebens, und dachte nicht an das ewige Braten auf dem Roste, das die Ungläubigen bedrohete. Diese eine Seele war nicht im Stande, auch nur einen flüchtigen Blick auf die Hölle zu werfen. Sie liebte Gott zu sehr, als daß sie ihn für unversöhnlich halten konnte.

Die andern Schwestern sprachen zu mir von dem Teufel, von seinen Hörnern und von seiner Gabel; sie bekreuzigten sich mit zitternder Hand, als sie mir die Strafen, die meiner warteten, angekündigt hatten.

Engel-Marie sagte mit ihrer sanften Stimme:

– Denken Sie daran, meine liebe Kleine, daß der gute Gott Sie nicht lieben wird, daß Sie ihn nicht sehen werden, und daß es Ihnen verboten sein wird, ihn zu lieben!

Für sie war dies eine wahre Pein.

So blieb ich acht Tage bei Wasser und Brot eingeschlossen, und nichts erschütterte meinen hartnäckigen Widerstand. Unser Director, ein sehr beschränkter Mann, glaubte mir Briefe schreiben zu müssen, um mich zu überzeugen. Er verbrauchte dazu viel Papier und viel unnützes und dummes Geschwätz; dies war nicht die wahre Religion. Ich dagegen empfand in dem Streiten über jede Kleinigkeit ein großes Vergnügen. Die Beaumont hatte weniger Muth, sie fügte sich. Das gute Mädchen war eine Gutschmeckerin, das trockene Brot überzeugte sie.

Ich besitze zwar noch Briefe vom Vater Menillon, aber ich lese sie nicht mehr, sie erscheinen mir zu fade und albern. Die Briefe, die mir meine Tante geschrieben, rührten mich. Sie sprachen zu meinem Herzen wie Angel-Marie, und mein Herz fühlte sich versucht, darauf zu hören. Er aber bekämpfte mit aller Kraft meinen Geist, und dieser war so hartnäckig, so eitel, daß er glaubte, sich tapfer halten zu müssen.

Ich war eine Philosophin eigener Art, von der man ihm gesagt, daß ich die Leute jener Zeit durchschaue, und daß ich es ihnen in der Dummheit zuvorthun wolle.

Meine Tante fand die Sache so ernst, daß sie eigens die Reise nach Paris machte, um diese Grundsätze und Bestrebungen in mir auszurotten. Ich hörte sie achtungsvoll und zärtlich an, aber ich gab ihr fest und entschieden zur Antwort:

– Ich kann nichts dabei thun, es hängt nicht von mir ab, zu glauben oder zu zweifeln. Verzeihen Sie mir, meine gute Tante; lieben Sie mich, trotz allem – ich kann nicht anders!

Das theure Wesen weinte heiße Thränen, es bekreuzte sich und wiederholte mir, daß ich verloren sei und daß ich selbst meine Seele der Hölle verschriebe.

– Leider, fügte sie hinzu, werde ich bald sterben, und ich muß Sie auf immer verlassen. Wir werden uns unter jenen ewigen Schatten nicht wiedersehen, wo man so wohl und so glücklich zusammen ist, wo man an Gott mit einer unauslöschlichen Liebe hängt. Ach, mein Kind, mit welchem Schmerze verlasse ich diese Welt!

Fräulein von Chamrond täuschte sich in mir und darin, daß sie mich bei meiner Schwachheit antasten konnte. Sie hielt mich dem Urtheilen zugänglicher als der Liebe, und dem war nicht so. Mein Geist war fest entschlossen, nicht nachzugeben, aber mein Herz war leichter zu verleiten, und von dem Augenblicke, wo er Widerstand leistete, war die Eroberung unmöglich.

Sie verstand dies nicht, und sie suchte sich eine Hilfe, die nach ihrer Meinung Alles besiegen mußte.

Eines Tages kam sie in das Sprechzimmer, und mit ihr erschien ein sehr angenehmer, geschmeidiger und einschmeichelnder Prälat, ein Mann von großem Verdienste und unbestreitbaren Kenntnissen, dessen Rednertalent sich bei dem kürzlich erfolgten Tode des Königs auf eine glänzende Weise offenbart hatte – es war Massillon.

Meine Familie hatte ihn auf seiner Pfarre in Clermont gekannt, und meine Tante war dergestalt für ihn eingenommen, daß sie ihn für das Werk meiner Bekehrung interessirte und ihn in das Kloster brachte, um meine Seele wiederzufischen, wie die Beaumont, die eine Heuchlerin geworden war, sagte.

Ich war verblendet von diesem Besuche.

Massillon war der religiöse Held des Tages. In den Klöstern und bei den Frommen sprach man nur von ihm. Seine glänzende Leichenrede auf Ludwig XIV- begründete seinen Ruf, und mehr noch eine Thatsache, die man sich überall erzählte, obgleich sie nicht wahr war; ich werde sie dessenungeachtet mittheilen, weil sie eins der schönsten und ergreifendsten Bilder ist, die ich kenne, zugleich aber auch ein vortrefflicher Gegenstand des Nachdenkens für die christliche und ungläubige Philosophie.

Man behauptet nämlich, daß Massillon an das Sterbebett Ludwigs XIV. gerufen sei, als Frau von Maintenon es bereits verlassen und seine gewöhnlichen Geistlichen nach den Obliegenheiten ihres Amtes und der hergebrachten Etikette ihm die Sacramente ertheilt hatten.

Beiläufig bemerke ich, daß der schöne Kadinal von Rohan, Bischof von Straßburg, der sehr bekannte, wenn auch nicht anerkannte Sohn Seiner Majestät Ludwig XIV. und der Frau von Soubise, seiner ewigen Maitresse, damals Grohalmosenier von Frankreich war.

Der Kardinal leistete also seinem Vater Beistand; er dachte dabei weniger an den Verlust seines Königs und an die Streitigkeiten desselben mit dem Erzbischof von Paris, die er sich bemühete beizulegen; der Sterbende war vielmehr sein Pfarrkind, er hatte das Recht, ihn bis an das Ende zu begleiten, und wagte, was die Kabale durchaus nicht wollte.

Kurz, Massillon ward, wie man sagte, von dem Königs selbst herbeigerufen. Er gab ihm seinen letzten Rath, ermuthigte ihn mit seiner kräftigen Stimme zu dem letzten und schrecklichen Gange bis zu dem Augenblicke, wo der erste Arzt, nachdem er noch einmal den Puls seines Kranken untersucht, die Grabesworte sprach:

– Der König ist todt!

Die ganze Umgebung sank unwillkührlich auf die Knie nieder.

Massillon allein stand auf der Estrade, er breitete die Hand aus über das erhabene Haupt, das seit so langer Zeit die Welt regiert und Alles seinen Launen gebeugt hatte, und indem er die Blicke zu dem Himmel erhob, sagte er:

– Gott allein ist groß, meine Herren!

Ich habe nie ein herrlicheres und erhabeneres Citat gehört, als dieses, und nun in einer solchen Situation!

»Se non e vero i ben trovato,« sagen die Italiener.

Mit denselben Worten begann Massillon seine so berühmte Rede, aber so bemerkenswerth sie hier auch immer sein mögen, es läßt sich mit dem nicht vergleichen, daß man sie liest.

Die Gelegenheit macht Alles.




Sechstes Kapitel


Mit der Zuversicht eines Mannes, der seiner selbst gewiß ist, hörte Massillon meine Raisonnemems an, ohne mich zu unterbrechen. Er legte mir einige Fragen vor, auf die ich als gelehrter Doctor antwortete, wobei mich fast die Lust anwandelte – Gott verzeihe es mir! – den Bischof witzigen zu wollen, und als eine wahrhaft Tolle schmeichelte ich mir, daß mir dies gelingen würde.

Ruhig lächelnd legte er mir durch eine Handbewegung Schweigen auf, dann sagte er:

– Genug, mein Fräulein, genug für heute! Ich weiß nun, was Sie denken, und in unserer ersten Unterhaltung werde ich Sie zu überführen suchen, wozu ich den lebhaften Wunsch in mir verspüre. Fräulein von Chamrond ist meine gute Freundin, und schon ihretwegen möchte ich Sie dahin bringen, daß Sie mich verstehen. Was die Aenderung meiner Ansicht und meines Glaubens anbetrifft, so erlauben Sie mir, nichts damit vorzunehmen. Ich glaube, weil ich liebe, und dies ist die beste und gediegenste aller Glaubenslehren. Gott ist der Herr meines Herzens und meines Geistes. Wenn es mir gelingt, Sie bis zu demselben Anschauungspunkte zu führen, so werden Sie es mir in dieser und in jener Welt danken.

Der gute Bischof sprach sehr wahr; aber ich habe nie jenen Punkt erreichen können, und ich kann es auch jetzt noch nicht, trotz meines hohen Alters, trotz meines Verstandes, trotz meines Willens, und selbst meines Herzens. Der rebellische Geist, der in der Schule der Zweifler dieses Jahrhunderts genährt ist, will sich nicht beugen. Ich mag beginnen, was ich will – nichts zähmt ihn. Massillon hatte keinen größern Erfolg, als ich. Er kam indeß mehr als zehnmal hintereinander; endlich leistete er darauf Verzicht, zwar mit Schmerz und Güte, aber er leistete Verzicht.

– Mein Fräulein, sagte er mir, Gott hat Sie erschaffen, damit Sie ein Engel werden sollten; ich weiß nicht, welcher böse Geist aus Ihnen einen Dämon gemacht hat.

Das Wort war hart, aber in dem Lächeln, von dem es begleitet ward, lag so viel Zauber, so viel Nachsicht, daß man ihm nicht grollen konnte.

– Gott ist groß, fügte er hinzu, er vermag Alles, ich werde für Sie zu ihm beten. Vielleicht werden meine unwürdigen Gebete unerhört bleiben, aber die Güte Gottes ist größer als meine Unwürdigkeit. Hoffen wir!

Er verließ mich. Wie meine arme Tante ihren Träumen, so mußten meine Eltern ihren Plänen mit mir entsagen. Wie konnte man ein junges Mädchen, das die Gebräuche und die Glaubenslehren des Klosters von sich stieß, der Religion widmen! Es blieb ihnen nichts, als mir einen Mann zu suchen, oder mich wieder zu sich zu nehmen und nach Art der Engländer eine Tante aus mir zu machen, das heißt eine Erzieherin der Kinder meines Bruders. Ich fühlte dazu durchaus keinen Beruf in mir. Ich erklärte laut, daß ich die erste passende Aussicht ergreifen, daß ich sie mir selbst eröffnen würde, und daß ich nicht daran dächte, die heilige Katharina zu putzen. Meine Mutter und mein Vater antworteten mir, daß ich mit dem Manne auch eine Aussteuer zu suchen hätte. Ich entgegnete, daß ein gebildetes Mädchen wie ich des Geldes nicht bedürfe.

– Ein großes Vermögen macht Sie gebildet, Fräulein von Chamrond! antwortete mein Vater. Verschmähen Sie das Geld, wenn Sie können – ich kenne keinen Mann, der nicht darnach fragt.

Die Herzogin von Luynes, meine Tante, ließ mich um jene Zeit oft zu sich kommen; sie unternähme es, sagte sie, mich zu verheirathen, und ich ließ sie gewähren. In ihrem Saale fand man mich schön: man rühmte mich; es umschwärmten mich einige Liebhaber, aber keiner war reich genug, um meinen Mangel an Vermögen zu übersehen, oder fähig, ihn zu ersetzen. Ich seufzte, aber ich verlor den Muth nicht.

Sie bat mich einmal, mit ihr nach Dampierre zu gehen und dort einige Wochen bei ihr zu bleiben. Da ich siebzehn Jahre alt war, besuchte ich die Schule nicht mehr, und man erlaubte mir um so mehr die Einladung anzunehmen, als meine darüber entzückte Mutter mir nach Kräften beizustehen suchte. Ich reiste mit der Herzogin ab; eine war entzückt über die andere. Wir waren ohne alle Begleitung, denn wir wollten in Familie sein, wie sie mir gesagt hatte, um von der Welt auszuruhen.

– Wir werden nur einen Secretair des Herrn de Luynes haben, in den wir uns verlieben. Dieser Secretair besitzt Geist, er wird seinen Weg machen.

– Da Sie so von ihm reden, Madame, werden Sie ihn mir doch nicht zum Manne vorschlagen? fragte ich lachend.

– Sie werden überall Männer sehen, antwortete sie mit einem verachtenden Achselzucken; dieser hier ist ein Mensch von Nichts, der natürliche Sohn irgend eines Jemandes; wird er es wagen, auch nur daran zu denken?

Hier endete diese Unterredung. Ich beschäftigte mich nicht mit dem Secretair, ich sah ihn auch den ganzen Tag nicht, nachdem wir in Dampierre angekommen waren; aber Abends beim Souper, als Herr de Luynes eintrat, bemerkte ich hinter ihm einen der schönsten jungen Männer von der Welt. Haltung, Gestalt und Eleganz waren von der Art, wie man sie nur bei Hofe und unter den vornehmen Herren findet. Ich hielt ihn wenigstens für einen Herzog oder für einen Pair.

– Fräulein von Chamrond, sagte die Herzogin, ich halte das Versprechen, das ich Ihnen gegeben habe; wir werden allein sein, Herr de Luynes, Sie und Herr Larnage, der Secretair, von dem ich Ihnen gesagt habe.

Ich konnte ein unwillkürliches Gefühl der Ueberraschung nicht zurückhalten, und machte eine tiefere Verbeugung, als sie einem Secretair zukam. Er verbeugte sich wie vor der Nichte der Frau von Luynes, nämlich sehr achtungsvoll; aber mir schien, daß er mich nicht eben so achtungsvoll ansah. Die jungen Mädchen verstehen bewunderungswürdig die Abstufungen dieser Art. Er war sehr aufgeräumt, der Herzog und die Herzogin billigten es. Er sprach mit Geist und Takt, was ihm sehr gut stand, und über alle Dinge. Seine Unterhaltung war in der That ein Feuerwerk: er wußte Alles, er hatte Alles gesehen, Alles gelesen, und obgleich er noch sehr jung war, besaß er dennoch die Gelehrsamkeit eines Benedictiners. Ich hörte ihm mit Vergnügen zu; wenn ich mitunter schüchtern ein Wort zu äußern wagte, so verfehlte er nicht, es aufzunehmen. Ich gestand aufrichtig meine Unwissenheit ein, und gab zu, daß man mich nichts gelehrt hatte, und daß ich große Lust habe zu lernen.

– Nichts ist leichter als das, mein Fräulein; ich bin überzeugt, daß Sie nur zu fragen brauchen. Mit einer Intelligenz wie der Ihrigen kann man schnell Alles verstehen und behalten.

– Aber Sie, Herr Larnage, sagte mein Onkel, der Sie Alles wissen, könnten sie wenigstens in dem Nöthigsten unterweisen. Sie sind hier für einige Zeit beisammen, benützen Sie diese Zeit und arbeiten Sie. Wollen Sie es?

– Ich stehe Fräulein von Chamrond zu Diensten, und sie wird mir eine große Ehre erzeigen, wenn sie mir erlaubt, daß ich ihr Unterricht ertheile. Welch eine Schülerin werde ich da haben!

– Ach, ich verlange nichts Besseres! antwortete ich verwirrt.

Frau von Luynes sagte nichts; sie leitete selbst das Gespräch auf einen andern Gegenstand, so daß ich die Ansicht gewann, sie fürchte eine Annäherung zwischen mir und diesem jungen Manne; wie ward ich überrascht, als sie mir nach Tische sagte:

– Erlernen Sie nicht Alles, mein liebes Kind, Sie würden unerträglich werden; ich habe mehrere pedantische Frauen gekannt, mit denen es unmöglich war zu leben. Sie wissen genug, ich versichere Sie! Zu viel Kenntnisse erschrecken die Ehemänner.

Ich war nicht dieser Ansicht, ich dachte sogar das Gegentheil, und sprach es der Herzogin aus. Herr de Luynes stimmte mir glücklicherweise bei. Man stritt viel. Es ward endlich beschlossen, daß Herr Larnage am folgenden Tage beginnen solle mich oberflächlich in einigen Wissenschaften zu unterweisen, und daß wir oft während meines Aufenthaltes in Dampierre Stunden abhielten, unbeschadet derer in Paris, wo wir fortfahren würden.

Ich erwähne hier dieser Einzelheiten aus einem Grunde, den Sie nicht leicht ahnen werden. Dieses Abenteuer meiner Jugend ist der erste Keim zu der »Neuen Heloise« gewesen. Ich erzählte es einst in Gegenwart Rousseau's. Es interessirte allgemein, nur er allein äußerte sich nicht darüber. Aber am folgenden Tage kam er zu mir und dankte mir.

– Sie haben mir eine Idee gegeben, nach der ich längst suchte, fügte er hinzu. Sie werden es sehen.

Als das Buch vollendet war, brachte er es mir. Er fragte mich, ob es mich nicht freue, das Muster der Julie geliefert zu haben.

Ich versprach ihm zu antworten, wenn ich das Buch gelesen haben würde. Leider kam mir diese Julie sehr langweilig vor, und ich hoffte, daß ich ihr nicht ähnlich sei. Und dieser Saint-Preux! Mein Larnage war doch etwas Anderes! Was Herrn Du-Deffand anbetrifft, so hatte er nichts gemein mit dem so guten und philosophischen Ehemanne. Es ist wahr, Rousseau hat ihn nicht gekannt.

Doch verfolgen wir die Geschichte der wahren Julie, die durchaus nicht, die der Heloise ist. Hegen Sie diese schlechte Meinung nicht von ihr.

Herr Larnage hatte eine eben so reizende als achtungsvolle Art und Weise zu unterrichten. Ich fand einen so großen Gefallen daran, daß ich den ganzen Tag mit Schreiben und Lesen hinbrachte, entweder mit oder ohne meinen Lehrer. Morgens erwachte ich mit der Freude über das, was ich vernehmen würde. Es war wirklich eine Vergnügungs-Parthie. Ich grübelte nicht, ich berührte nur oberflächlich. Endlich erlernte ich die Orthographie, die mir meine Nonnen kaum gezeigt hatten. Frau von Luynes hatte ihre Stellung geändert, sie interessirte sich für meine Fortschritte. Herr von Luynes lachte darüber, und Larnage nahm diese Situation sehr ernst. Was ich empfand, weiß ich nicht.

Eines Abends sprachen wir über Astronomie. Während wir Alle in dem Parke spazieren gingen, lehrte uns der junge Professor die Sterne kennen. Die Herzogin beklagte sich über Kälte, der Herzog hatte uns verlassen, um mit einem Prediger und einem Edelmann aus der Nachbarschaft l'Hombre zu spielen. Ich blieb mit Larnage allein zurück, um einen Planeten, ich weiß nicht mehr welchen, aufgehen zu sehen. Die Nacht war köstlich, die Blumen dufteten Weihrauch – es war eine jener wunderbaren Stunden, die Luft zum Leben, das Bedürfniß zu lieben, und den Drang es zu sagen erwecken.

Das Tête-à-Tête ward gefährlich. Frau von Luynes war zu fromm und zu sehr Herzogin, um dies vorauszusetzen. Die Andern dachten nicht daran.

Die Augen nach dem Himmel gerichtet, gingen wir weiter. Nach und nach kam das Gespräch auf Empfindung und Träumerei. Ich erstickte, das heißt mein Herz und meine siebzehn Jahre erstickten in meiner Brust, und Larnage war nicht viel ruhiger als ich. Wir sprachen nicht mehr, wir fühlten nur noch.

– Mein Fräulein, sagte er plötzlich – und seine Stimme war so bewegt, daß sie mich zittern machte – mein Fräulein…

– Mein Herr… antwortete ich wie eine Person, die vor Schrecken aus dem Schlafe erwacht

– Sie sind gut, Sie besitzen einen großen Geist, Sie sind jung, Sie werden mich verstehen… Sie werden sich nicht lustig über mich machen.

– Dessen seien Sie gewiß, antwortete ich ihm.

– Ach, ich kenne Sie ja, und darum will ich reden! Was würden Sie von einem jungen Manne denken, der sich weder einer hohen Geburt noch eines Vermögens rühmen kann, der aber die Kühnheit besitzt, ein Fräulein zu lieben, ihr zu gefallen strebt und später ihre Hand zu erlangen hofft, wenn er sie nämlich verdient, und wenn sie überhaupt Jemand zu verdienen fähig ist. Was würden Sie von ihm denken?

– Wenn dieser Mann Verdienste besitzt, antwortete ich, so würde ich denken, daß sein Streben ein edles, lobenswerthes ist; besitzt er keine Verdienste, so würde ich es für eine Unbescheidenheit halten.

– Und könnten Sie diesen Mann lieben, mein Fräulein? Konnten Sie ihn in dem ermuthigen, was Sie ein edles Streben nennen? O sagen Sie es mir!

Ich verstand ihn nur zu gut, und mein Herz klopfte dabei ein wenig; aber ich empfand auch zugleich die Schamhaftigkeit und die Freude über das erste empfangene Geständniß. Ich wollte weder die Eine noch die Andere gelten lassen. Ich liebte noch nicht ganz. Ich war gerührt und kokett, aber auch neugierig. Ich gewann in meinen eigenen Augen an Wichtigkeit, als ich erfuhr, daß ich geliebt ward; es machte mich größer. Ich trat aus der Kindheit heraus, und dies war weit feierlicher, als das Ablegen des Kinderkleides. Dies lag mir indeß an jenem Tage wenig noch am Herzen.

– Mein Fräulein, fuhr er in fieberhafter Ungeduld fort, Sie antworten mir nicht. Verstehen Sie mich auch?

– Ich habe Ihnen geantwortet, mein Herr.

– Ja, für einen Andern; aber für mich bitte ich um Antwort. Sehen Sie denn nicht, daß ich leide?

– Mein Herr, ich will nicht, daß Sie leiden.

– Ach, mein Fräulein, wenn Sie wüßten, wie ich Sie liebe!

Ich fühlte eine Regung unschuldiger Einfalt, ihn toll zu machen, und ich war wirklich unschuldig und redlichen Herzens. Indem ich ihn ansah, antwortete ich:

– Mein Gott! Es hängt nur von Ihnen ab, mein Herr, es mich zu lehren.




Siebentes Kapitel


Larnage wandte sich um wie ein Mann, der nicht weiß, was er glauben soll. Er wagte eine Liebe nicht vorauszusetzen, die außer dem Bereiche seiner Hoffnungen, wenn nicht selbst seiner Anmaßung lag. Er stammelte einige Worte, indem er hoffte, daß ich meinen Ausspruch wiederholen und vielleicht noch ein wenig weiter gehen würde. Aber ich schwieg, und nur mein Blick richtete sich fragend auf ihn.

– Nun, mein Fräulein? begann er wieder, als er sah, daß wir so nicht bis zum letzten Gericht bleiben konnten.

– Nun, mein Herr, ich warte.

– Sie warten, mein Fräulein, und auf was?

– Auf das, was Sie mir sagen wollten.

– Ach, mein Fräulein, Sie lieben mich nicht!

– Dies brauche ich nicht zu wissen, mein Herr, es handelt sich um Ihre Person.

– Sie treiben mich zur Verzweiflung, mein Fräulein; ich weiß nicht, was ich denken soll; mein Kopf ist ein Chaos; die Hoffnung ist unerträglich vermessen, und die Furcht… ist der Tod.

Ich war jung, ich war natürlich, ich war unschuldig; aber ich besaß eine unbezähmbare Neugierde und einen entwickelten Instinct, das schwöre ich Ihnen. Ich suchte zu begreifen und wollte wissen.

Die Ausrufungen und Klagen des Herrn Larnage befriedigten mich nicht. Ich wartete begierig, ohne dieses Gefühl des jungen Mädchens zu ahnen.

Er täuschte sich darüber.

– Im Namen des Himmels, erlauben Sie mir zu reden? rief er in einer so heftigen Aufregung, daß sie mir unerklärlich erschien.

– Seit einer Stunde schon fordere ich es von Ihnen, mein Herr!

– Mein Fräulein, ich liebe Sie! wiederholte er in der größten Verwirrung.

– Sie haben es bereits gesagt – und nun?

– Nun möchte ich um Ihre Hand anhalten; aber wenn Sie mich nicht ermuthigen, werde ich dazu nicht fähig sein.

Ich ward verlegen, und schwieg.

– Ich wage viel, ich bin sehr kühn, nicht wahr? Ach. Fräulein, die Liebe macht Alles möglich! Außerdem bin ich auch nicht so aller Mittel und jeder Protection baar, wie Sie wohl glauben mögen. Um Sie davon zu überzeugen, werde ich Ihnen, auf Ihr Wort, das Geheimniß meiner Geburt anvertrauen; ich wage zu hoffen, daß Sie es nicht verrathen.

– Ich, mein Herr? O, zählen Sie auf mich!

– Mein Herkommen ist Ihnen ohne Zweifel bekannt, denn meine Beschützer haben den Herrn Herzog und die Frau Herzogin davon unterrichtet; eine Freundin meiner Mutter hat mich der Güte derselben anvertraut, aber sie wissen den Namen meiner Eltern nicht, und Sie sollen ihn erfahren, mein Fräulein. Ich lege meine ganze Zukunft in Ihre Hände.

– Nehmen Sie die Versicherung, mein Herr, daß ich sehr verschwiegen bin.

Ich verging fast vor Neugierde, und zitterte, daß man uns stören würde. Glücklicherweise waren mein Onkel und meine Tante mit ihrem Spiele beschäftigt und glaubten, wir trieben Astronomie.

– Ich bin der Sohn eines Fräuleins von guter Herkunft; sie ward in Saint-Cyr erzogen und war arm, schön, gut und liebenswürdig. Ach, wenn Sie doch meine Mutter kennen lernten!

– Lebt sie noch?

– Sie lebt, sie ist fast eben so jung, als ich. Ich versichere Sie, man hält sie für meine Schwester, wenn wir mit einander ausgehen. Sie hat die Ehre, eine nahe Verwandte des Herrn Grafen von Feriol zu sein, des Gesandten Seiner Majestät in Constantinopel.

– Und Ihr Vater, mein Herr?

– Ach! Mein Vater?

Seine Stirn verfinsterte sich, er senkte die Blicke und stockte einige Augenblicke.

– Mein Vater! Ich will ihn nicht anklagen, aber er hat meine arme Mutter grausam hintergangen. Er hat ihre Jugend und ihr Vertrauen gemißbraucht, und dann hat er sie und mich verlassen. Das ist abscheulich, mein Fräulein! Ich möchte ihn verwünschen, aber ich kann es nicht, die Natur spricht, und mein Herz ist zerrissen. Ich hoffe noch immer, daß mein Vater später…

– Zu Ihrer Mutter zurückkehren wird, nicht wahr?

– Ja, er wird zurückkehren, er wird sein Unrecht einsehen und uns die Hand reichen. Auf ihn baue ich die Pläne meines Glücks,

– Ist er denn vermögend?

– Er war es und wird es noch sein. Seine Geburt, seine Fähigkeiten… um mit einem Worte Alles zu sagen, er ist der Herzog von Maine.

– Der Herzog von Maine! wiederholte ich erstaunt.

– Er selbst! Jetzt begreifen Sie wohl meine Hoffnungen, entschuldigen vielleicht meine Kühnheit, und…

– Aber mein Herr, sagte ich rasch, Sie sind der Enkel Ludwigs XIV.

– Ja, mein Fräulein! antwortete Larnage, indem er stolz das Haupt emporhob. Und ich werde mich dieser Ehre würdig zeigen.

Ich fühlte, daß sich meiner eine Art Bestürzung bei dieser Eröffnung bemächtigte. Meine Familie hatte eine übertriebene Bewunderung des seligen Königs in mir genährt, meine Nonnen hatten sie bis zur Anbetung ausgebildet – es war kein Wunder, wenn mir Larnage wie der Sohn Jupiters erschien. Mir kam es wie ein Traum vor, wie eine jener Opernherrlichkeiten, wenn man die Halbgötter aus den Wolken herabsteigen sieht. Ich fand in ihm eine andere Persönlichkeit, als ich, Marie von Chamrond, war. Es schien mir, als ob er mir eine große Ehre erzeigte, und ich stand auf dem Punkte, mich vor ihm zu verbeugen. Aber der arme Bastard, der an eine untergeordnete Stellung und an Demüthigungen gewöhnt war, errieth diesen Eindruck nicht, er deutete vielmehr mein Schweigen zu seinem Nachtheile, und indem er sich rasch von mir abwandte, sagte er:

– Ach, mein Fräulein, ich fühle es wohl, ich bin verloren! Sie werden ferner nicht geneigt sein, mich zu hören oder zu sehen.

Ich war in dem Sinne, den er nicht voraussah, schon sehr weit vorgeschritten. Ich fand die Stellung einer Schwiegertochter Ludwigs XIV. für ein Mädchen ohne Mitgift sehr annehmbar, vorzüglich wenn der Ehemann einem Larnage gleicht. Indem ich den Mund öffnete, um ihm einige Worte der Hoffnung zu sagen, rief uns Frau von Luynes zurück. Demnach, mußte ich mich mit einem Blicke begnügen; er aber flüsterte mir in das Ohr:

– Mein Fräulein, erlauben Sie, daß ich Sie morgen sehe?

Der gute Bursch wußte nicht, was er sagte. Sahen wir uns nicht täglich, und stets allein? Die Verliebten haben immer unvernünftig geredet, und ich bin der Ansicht, daß sie in diesem Jahrhunderte der Vernünftelei noch unvernünftiger reden. Da sie gezwungen sind zu vernünfteln, so müssen sie langweilige Personen werden, und die jungen Frauen von heute machen sich sehr verdient, wenn sie sie anhören. Ich möchte dazu nicht verdammt sein.,

Mag dem sein wie ihm wolle, ich komme auf meine erste Liebe zurück, auf die Liebe, die man nicht vergißt, selbst wenn man sich nicht mehr darüber grämt. Ich war wie betäubt, ich sprach und hörte nicht mehr, ich konnte nur denken. Der Herzog und die Herzogin von Luynes scherzten darüber. Man fragte mich, ob ich in den Sternen schwärmte. Ich antwortete eine Dummheit, von der ich nichts mehr weiß. Nachts fehlte mir der Schlaf, ich stand mit dem Morgenrothe auf, um durch den Park zu irren. Mir lagen zwei Dämonen in den Ohren: der Ehrgeiz und die Liebe. Ich hörte Beide, und war durchaus nicht abgeneigt, beiden Glauben zu schenken. Mein guter oder böser Stern sandte mir den Herrn von Luynes, der kam, um mit mir zu plaudern. Er war erstaunt, mich so früh schon im Freien zu sehen. Ich brannte vor Begierde, mancherlei zu erfahren, und da ich geschickter war als mein Onkel, so hoffte ich, ihn zum Reden zu bringen, ohne daß er mich erriethe. Nun begann ich ihn auszufragen.

Ich hatte ein sehr einfaches Mittel, um zu dem Hauptpunkte zu gelangen. Man beschäftigte sich viel mit den Kindern, welche die Gräfin von Verrue, seine Schwester, von dem Herzoge von Savoyen gehabt hatte, und stritt sich über ihren Stand. Herr von Luynes, der im Punkte der Ehre sehr streng war, hatte der Gräfin lange gezürnt; aber er verzieh ihr, und wollte nun die Pflichten eines Bruders gegen sie erfüllen, indem er ganz genau zu wissen verlangte, welche Stellung man ihr und seinen Neffen anweisen werde.

So lenkte ich nun das Gespräch auf diesen Gegenstand, der ihm am Herzen lag. Er ließ sich eifrig darauf ein, und wir kamen rasch auf das Geschick der Bastarde zu sprechen. Die Ansicht meines Onkels war folgende:

– Der selige König hat seine Bastarde behandelt, wie man sie nie behandelt. Der Herzog von Savoyen kündigt die Absicht an, ihm nachzuahmen, das ist allerdings gut, aber man findet es nirgends so. In England, in Deutschland, in Spanien, mit einem Worte überall, sind die Bastarde des Königs und der Prinzen nichts, sie gelangen nie zu großer Bedeutung.

– Aber, mein Herr, unterbrach ich ihn, denn alles dies genügte meiner Neugierde nicht, mein Herr, wie ist es mit den Bastarden der Bastarde?

– Meiner Treu! rief er verwirrt. Wer zum Teufel hat je daran gedacht! Die Bastarde der Bastarde – das bedeutet sehr wenig.

– Aber wie wäre es, mein Herr, wenn der Herzog von Maine und der Graf von Toulouse Bastarde hätten – wären sie nichts?

– Zunächst ist der Herzog von Maine und der Graf von Toulouse dessen nicht fähig, sie sind vollkommene Edelleute, und noch keiner hat sie dessen bisher angeklagt; aber wenn auch ein jeder von ihnen eben so viel hatte als der selige König, so würde dies in der persönlichen Lage nichts ändern. Die Bastarde der Bastarde! Es giebt genug solcher Väter, nur zu viel für die Sorge, die sie uns bereiten, zu viel für die ewigen Streitigkeiten, die sie unter uns erregen. Der verstorbene König hat ein großes Unrecht begangen, indem er uns Verlegenheiten dieser Art vermachte. Der Regent hat durch die Vernichtung seines Testamentes noch nicht genug gethan; die Stücke, die uns bleiben, sind für die Monarchie Plagen.

– Aber die Kinder des Herzogs von Maine sind die Enkel Ludwigs XIV.

– Ohne Zweifel, wenn sie nämlich in legitimer Ehe geboren sind; außerdem zählen sie nicht, und werden niemals zählen.

Der Ehrgeiz war durch diese Gewißheit schon getödtet, es blieb nur noch die Liebe. Sie war noch nicht geboren, und der Tod ihres Bruders mußte sie jedenfalls im Wachsen hindern. Als ich Herrn von Luynes verließ, war ich mehr als jemals mit meinen Gedanken beschäftigt, und unentschlossener als ich es bisher gewesen. Aber ich hatte auch eine Illusion weniger: das Phantom des großen Königs war unter den Worten meines Onkels zusammengesunken.

Larnage kam, um mir Unterricht zu ertheilen, er war bleich und zitterte. Anfangs zeigte er sich verwirrt, nach und nach aber ward er lebhafter, und gewann endlich seine Beredsamkeit wieder. Indem er mich einen Auszug aus der Geschichte machen ließ, erzählte er auf eine so glänzende Weise das Leben Julius Cäsar's, seine Erfolge und seine Siege, daß man sah, er hoffte, wie er, die Welt zu erobern, sie mir anzutragen, und sie zu meinen Füßen niederzulegen. Meiner Eitelkeit ward dadurch ein wenig geschmeichelt.

So blieben wir einen Monat in Dampierre, einen Monat, in dem ich alle Phasen der unschuldigen Liebe durchlief, und mehr Wahrheiten des Herzens hörte, als in meinem ganzen Leben.

Larnage war wahnsinnig, betrunken von seiner Leidenschaft. Er schrieb mir glühendere und natürlichere Briefe, als die sind, welche Saint-Preux geschrieben hat. Ich antwortete zwar nicht wie Julie, aber ich antwortete. Es waren Briefe von einem kleinen Mädchen; mein Liebhaber war meine Puppe. Ich habe sie nach vielen Jahren wieder gelesen, und habe mich über mich selbst sehr lustig gemacht: diese schönen Liebschaften dauerten, diesmal nämlich, nur sehr kurze Zeit.

Später verließen wir Dampierre. Larnage war der Verzweiflung nahe, er konnte sich nicht trösten. Die Correspondence ward mittels meiner Kammerfrau fortgesetzt. Der junge Mann kam selbst in das Sprechzimmer, wo wir unter dem Deckmantel der Wissenschaft und der Literatur durch das Gitter mit einander plauderten.

Diese geheimnißvollen Zusammenkünfte verursachten mir mehr Gemüthsbewegung als in Dampierre; ich weiß nicht, was noch daraus geworden wäre, um so mehr, als er seine Mutter zu Hilfe rief, und diese liebenswürdige Frau mich noch mehr verführte, als er. Sie war, wie man bereits weiß, eine nahe Verwandte der Feriols und nannte sich Frau von Creance, Durch sie habe ich Pont-de-Veyle und seine Familie kennen gelernt. Wie sich Alles verkettete!

Meine Mutter starb indessen Ich ging nach Burgund, und sah Larnage nicht mehr. Unsere Geschichte ist aber noch nicht aus, man wird ihn noch oft wiederfinden, und zwar in seltsamen Verhältnissen. Er hörte nicht auf an mich zu schreiben, und hat nur mit seinem Tode aufgehört. Armer Larnage! Er war ein guter, ein edler Mensch. Seit gestern, wo ich angefangen habe von ihm zu sprechen, bedaure ich ihn herzlich.

– Madame hat aufgehört zu dictiren, und ich bin nicht böse darüber, denn es ist sechs Uhr Morgens; aber für sie, die nicht sieht, giebt es weder Tage noch Nächte. Das war also ihre erste Liebe! Ich habe große Lust, das, was man gelesen hat, mit einer kleinen Scene zusammenzustellen, welche diesen Morgen in meiner Gegenwart stattfand, sie bildet eine vortreffliche Parallele.

Madame spricht von einem Herrn von Pont-de-Veyle, und Niemand weiß, daß er mit dem Präsidenten Henault und dem Herrn von Fremont der treueste ihrer Liebhaber war. Sie verhehlt es nicht, und man verhehlt überhaupt Nichts vor mir. Unter dem Vorwande, daß ich keine Mitgift besitze und daß ich mich wahrscheinlich nie verheirathen werde, erzählt man mir Alles, was ich von meinem Manne lernen, und selbst das, was ich von ihm nicht lernen müsse. Ich trage kein Bedenken, es zu wiederholen.

Herr von Pont-de-Veyle ist der Bruder des Herrn d'Argental, beide sind Neffen des Grafen von Feriol, des Gesandten, also die Söhne seines Bruders; sie waren die beständigsten Gesellschafter der Madame Du-Deffand. Herr von Pont-de-Veyle kommt noch alle Tage, ausgenommen diejenigen, wo er im Begriffe ist zu sterben, was er gewiß bald vollenden wird, denn er kann nicht lange mehr widerstehen.

Er saß gestern am Kamine. Die Frau Marquise saß in ihrem großen Stuhle und klapperte mit ihren Stöcken. Ich beobachtete sie Beide. Da begann Madame:

– Pont-de-Veyle, ich glaube, so lange wir Freunde sind, hat sich nie eine Wolke in unserer Liaison gezeigt?

– Nein, Madame!

– Dies kommt wohl daher, weil Einer den Andern nicht weniger liebt?

– Das kann wohl sein, Madame.

Sie sagten dies so kalt, als ob sie von dem Kaiser von China sprächen. Ich war darüber erstarrt. Das also war in diesen beiden Herzen von einer sechzigjährigen Neigung geblieben!

Es ist wahr, daß diese beiden Herzen allein beinahe einhundertsechszig Jahre zählen.




Achtes Kapitel


Ich hatte also Paris, Larnage, Frau von Luynes und Frau von Creance verlassen, und lebte in meinem väterlichen Hause. Ich hatte tiefe Trauer angelegt und weinte um meine Mutter, mehr weil die Andern sie beweinten, als aus eigenem Schmerze, denn ich erinnerte mich ihrer kaum noch, ich war ja seit so vielen Jahren von ihr getrennt gewesen. Ich wußte, daß sie gut war, daß sie mich liebte, daß sie mich selbst verzog, und daß die Andern mich nicht verzogen, aber bei mir war der Geist stets die vorherrschende Eigenschaft gewesen; meine Mutter sprach weniger zu meinem Geiste als meine Tante, und ich zog ihr aus diesem Grunde meine Tante vor. So lebte ich eingezogen und sehr traurig in Chamrond. Ich dachte oft an Larnage, der mir ganze Bände schrieb, bedauerte Paris, hegte den Wunsch, mich zu verheirathen, um dieser physischen und moralischen Unbeweglichkeit zu entgehen, und entdeckte nirgends einen Heirathscandidaten, der Luft zu mir, oder zu dem ich Lust gehabt hätte. Es ist eine alberne Idee, das Glück in die Führung und in den Willen eines Andern zu setzen, aber dennoch ist das Leben der Frauen kein anderes Ding. Verdammt zu einer steten Abhängigkeit, unterwerfen sie sich unwillkürlich dem Schicksale, das man ihnen auferlegt, sie tragen die Folgen desselben, und wenn diese Folgen sie erdrücken, so schreibt man ihnen noch die Schuld zu. Die Gerechtigkeit der Welt ist nun einmal so, alle mögliche Philosophie wird sie nicht besser machen; ich selbst habe viel gelitten, um mich zu fügen.

Dieses Landleben, bei dem mein Geist so wenig Nahrung fand, ward mir täglich unerträglicher. Ich würde den Teufel geheirathet haben, wenn er als Edelmann verkleidet gekommen wäre, und mir ein leidliches Leben zugesichert hätte. Leider stellten sich nur Teufel ohne einen Heller Geld ein, und das Elend ist mir stets schrecklich gewesen. Auf die Erinnerung an Larnage gab ich viel, ich sah ihn schon als den vom Souverain anerkannten Enkel, vom Souverain in der Thai, wenn auch nicht nach dem Rechte – denn nach meiner Politik konnte es nicht fehlen, daß der Herzog von Maine den Herzog von Orleans überwog, und ihn unter die Regentschaft stellte. Der arme Sire schrieb mir jede Woche seine Hoffnungen, er bauete prächtige Schlösser, deren Zweck natürlich ich war. Seine Liebe zu mir war so heiß, daß ich mich an ihrem Wiederscheine erwärmte, und daß es mir mitunter vorkam, als liebe ich ihn. Dann schwärmte ich in köstlichen Entzückungen unter den großen Bäumen des Parks, und ich sah meinen Geliebten in seiner Glorie. Ich vergötterte ihn, wie es junge Mädchen von achtzehn Jahren zu thun pflegen, ehe sie aus eigener Erfahrung wissen, daß es keinen andern Gott als den dort oben giert, und daß alle andern Contrebande sind.

So verflossen die Wochen, dann die Monate, dann die Jahre. Mein Muth begann zu sinken, und die Zeit kam mir sehr lang vor. Zwanzigmal sah ich täglich in den Spiegel, um mich zu überzeugen, daß ich noch nicht alterte, und daß ich immer noch schon sei. Ich gab mich endlosen Lectüren hin, und ging sehr oft zur Beichte, aber leider nicht aus Frömmigkeit, sondern um dem Beichtvater meine Gedankensünden zu erzählen, da ich ihm keine anderen erzählen konnte, obgleich ich große Lust dazu hatte. Ich wandte alle nur erdenklichen Mittel an, die Langweile ward immer größer. Meine Tante selbst war zu ohnmächtig, sie zu beschwören, ihre Zärtlichkeit scheiterte an dieser Klippe.

Sie nahm mich mit zu Herrn von Toulongeon, bei dem eine Zusammenkunft des Adels stattfand. Wir sollten dort einen Monat bleiben. Sie hoffte mich zu zerstreuen, meine Ideen zu ändern, und vielleicht auch auf den Festen jenen bis jetzt unauffindbaren Mann zu finden. Ich reiste ab, ohne Vergnügen zu empfinden, ich dachte nicht einmal an meinen Putz, der, ich bekenne es, sehr einfach war, und wäre meine Tante nicht gewesen, so hätte ich die Reise in der Nachtmütze und mit leerem Koffer angetreten. Glücklicherweise hatte die gute Fee Vorsorge getragen; sie hatte mir von Dijon zwei vollständige Anzüge kommen lassen, einen für den Morgen, einen für den Ball, die, mit einigen aufgeputzten Schmucksachen meiner Mutter, eine anständige Garderobe bildeten. Ich verlangte nicht einmal so viel.

Am ersten Tage sah ich nichts in dieser mir fast unbekannten Menge, ich zeichnete nichts aus, und hörte nur die gewöhnlichen Complimente, ohne mich darum zu kümmern. Unter der Zahl der Gäste befand sich der Abbé de Saint Croix, ein römischer Prälat, Kammerherr des Papstes, ein geistreicher, feiner und unendlich liebenswürdiger Mann. Er lebte in Italien und war nur auf einige Monate nach Burgund gekommen, wo er Verwandte hatte. Der Zufall brachte uns einander näher, er griff mich mit Worten an, und nahm sich vor, mich zum Reden zu bringen. Ich hielt ihn würdig mich zu vernehmen, und erzählte ihm meine Chimären, fast ohne mich dessen zu versehen, und einzig und allein, weil er mich dazu trieb. Durch seine Fragen ermuthigt, ging ich in meiner Vertraulichkeit sehr weit: ich gestand ihm mein Verhältniß zu Larnage, denn ich hatte nur dies zu gestehen; ich gestand unsere Hoffnungen, unsere thörichten Träume, er lächelte, sah mich an, und nach einer Pause sagte er:

– Ich will Sie verheirathen!

– Sie wollen mich verheirathen?

– Ja, mein Fräulein, und wenn Sie vernünftig sind, so nehmen Sie den Mann an, den ich Ihnen bestimme. Sie erreichen bald das zwanzigste Jahr, das schönste Alter! Später steigt man auf der schlechten Seite des Berges hinab, dies ist der Augenblick, wo man still stehen muß – denken Sie es nicht?

– Mein Herr, ich habe Ihnen meine Gedanken vielleicht nur zu deutlich zu erkennen gegeben.

– Welche Thorheit! Halten Sie mich für einen Abbé vom Hofe? Hören Sie meinen Vorschlag: Was würden Sie zu einem Edelmanne aus sehr altem Geschlechte sagen, dessen Ahnen in den Jahrbüchern von Burgund verzeichnet stehen, selbst unter den Herzögen, der Colonel eines Dragoner-Regiments und Marquis ist, und mir die Ehre erweist, mich seinen Cousin zu nennen?

– Der letzte Grund ist ohne Zweifel der beste. Sie haben mir die guten Eigenschaften genannt, kommen wir auch zu den Fehlern.

– Er besitzt ohne Zweifel Fehler, denn keiner von uns ist frei davon; aber er besitzt deren nur wenig. So wird er zum Beispiel Lieutenant-General der Orleanisten sein, eine Charge, die seine Familie seit 1666 besitzt.

– Ach, mein Herr, Sie jagen mir eine erschreckliche Furcht ein! Ihr Bräutigam muß ja eine Art von Ungeheuer sein, daß Sie so lange zögern, es mir zu sagen.

– Ich muß bekennen, daß er nicht schön ist, aber er hat…

– Eine edele Gestalt und Verdienste. Gehen wir weiter – ich kenne diese Ausflüchte.

– Er besitzt die Anmaßung nicht, je in die Academie-Francaise aufgenommen zu werden.

– Ich noch weniger, das schwöre ich Ihnen!

– Man behauptet, daß er langweilig ist.

– Ah, das ist schon wichtiger!

– Daß er einen schwachen Charakter hat, und leicht zu leiten ist.

– Um so schlimmer! So mögen wir Beide thun und lassen, was wir wollen, wir werden den Dummköpfen zu reden geben.

– Wenn man ihnen kein Futter giebt, so nehmen sie es sich. Es ist besser, wenn man freiwillig und mit Anstand giebt.

– Sie wissen auf Alles zu antworten. Aber werden Sie auch auf mein Unglück zu antworten wissen, wenn ich darüber Rechenschaft von Ihnen fordere?

– Sie werden nicht unglücklich sein.

– Warum denn?

– Weil Sie zu viel Geist besitzen. Mit einem Geiste, wie der Ihrige ist, nimmt man das Leben stets von der guten Seite, das Uebrige laßt man den Dummen.

– Die es nicht aufheben, mein Herr, Verleumden Sie die Dummen in Bezug auf das Glück nicht, sie kennen es besser, als irgend Jemand.

– Wollen Sie meine Cousine werden?

– Hängt es von mir ab?

– Durchaus nur von Ihnen. Ihre Familie wird keine Schwierigkeiten machen. Ihr Herr Vater ist sehr willfährig, sagt man; und Ihre Vormünder von mütterlicher Seite – wer sind sie?

– Meine Großmutter und Herr Boutillier von Chavigny, mein Onkel.

– Ich werde mit ihnen reden; aber ich verhehle es nicht, daß Sie mir mehr Besorgniß einflößen, als alle Uebrigen zusammen.

– Ich bin wirklich sehr schwer zu verführen. Aber ich werde ja sehen.

– Bald?

– Bevor ich dieses Haus verlasse, das verspreche ich Ihnen, mein Herr!

– Das ist zu lange. Ich kann Ihnen nicht mehr als drei Tage bewilligen. Ich muß nach Rom zurückkehren, und zuvor möchte ich die Angelegenheit beendet haben. Denn ich bin es, der Sie verheirathet.

– So weit sind wir noch nicht!

– Wir werden dahin kommen!

– Kann ich den Namen Ihres Auserkorenen wissen?

– Nur dann erst, wenn Sie mir Ihre Antwort ertheilt haben werden.

Ich mußte mich fügen. Wir verplauderten den Nest des Abends, aber von der Heirath war nicht mehr die Rede. Nichtsdestoweniger dachte ich immer daran, ich schwieg gegen meinen Willen, und der gleichgültigen Dinge kamen nur wenig über meine Lippen, da sie meinem Herzen so fern lagen. Meine Blicke schweiften durch das Zimmer, und zufällig richteten sie sich nach einem sehr dunkelen Winkel, in dem sich drei Männer befanden, die ich nicht kannte. Zwei von ihnen waren mir gleichgültig; der dritte war zwar nicht bemerkenswerther, aber er erregte dennoch meine ganze Aufmerksamkeit. Er war erst am Morgen angekommen, und ich hatte ihn noch nicht gesehen.

Dieser Mann schien ungefähr dreißig Jahre alt zu sein, hatte eine gewöhnliche Leibesgestalt, ein gewöhnliches Gesicht, ein gewöhnliches Benehmen, mit einem Worte, in jeder Beziehung ein gewöhnliches Aussehen, das mich wie ein Blitzstrahl berührte.

– Der dort ist Dein künftiger Mann! flüsterte mir eine unerklärliche Ahnung zu. Ganz gewiß, er ist es.

Ich zeigte ihn dem Abbé von Sainte-Croix; er lächelte über meinen Scharfsinn.

– Nun, sagte er, da Sie es errathen haben, will ich es Ihnen nicht verbergen – er ist wirklich mein Cousin. Wie finden Sie ihn?

– Noch finde ich ihn gar nicht, mein Herr, es wird mir unmöglich sein, mir eine Meinung von ihm zu bilden, und ich wollte, daß er überhaupt Niemandem eine Meinung einflößt.

– Das ist eine vortreffliche Eigenschaft. Wenn das Ansehen nichts verspricht, hat man nichts zu halten, und Alles, was man giebt, wird höher angeschlagen, als es werth ist.

– Wie nennt sich dieser Bewerber? Sagen Sie es mir nicht, so werde ich es in fünf Minuten wissen, wenn ich will.

– Er ist der Marquis Du-Deffand.

Ich begnügte mich damit, und gab dem Gespräche eine andere Wendung. Man trennte sich. Ich dachte die ganze Nacht darüber nach und erwog den Vorschlag nach allen Seiten. Ich dachte mir diesen Mann schon als meinen Gatten, diesen Mann, der nichts zu sein schien, der so wenig geschaffen war, um etwas zu werden, weder als Mensch, noch als Gatte.

Neben diesem häßlichen Phantome erschien mir Larnage, der so schöne, reizende, feurige, zärtliche Larnage. Aber Larnage war der vergessene Sohn eines Prinzen, der ewige Secretair des Herzogs von Luynes, ohne Aussicht auf eine bessere Anstellung. Konnte dieser Larnage, der weder Vermögen besaß, noch hoffen durfte, je eins zu erwerben, konnte er ein Fräulein von Chamrond heirathen? War jener dort ein Ehemann? Ohne Zweifel nein! Da Herr Du-Deffand jedes nothwendige Verdienst besaß, so fehlte ihm nichts dazu.

Die drei Tage verflossen unter Beobachtungen, es ward kein Wort gesprochen. Der Abbé zog Herrn Du-Deffand zwei oder dreimal in unser Gespräch. Ich muß ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen und hinzufügen, daß er uns wenig lästig war, weil er nicht viel sprach. Zu der Gewißheit war ich wenigstens gelangt, daß er mir durch seine Reden nie Ungelegenheiten bereiten würde, und dies war schon eine Beruhigung,

Was soll ich Ihnen noch mehr sagen? Die drei Tage Verflossen. Es war mir langweilig, Mädchen zu sein, es war mir langweilig, ewig den Namen meines Vaters zu tragen. Diese Langweile war meine tödlichste Feindin, und ich glaubte, daß ich mich mit einem Ehemanne weniger langweilen würde. So gab ich denn meine Zustimmung, und erlaubte dem Abbé von Sainte-Croix, Herrn Du-Deffand in der Eigenschaft als Bewerber um meine Hand mir vorzustellen.

Ich erzählte meiner Tante diese Geschichte. Man schrieb an meinen Vater, an meine Vormünder, und nach kaum einem Monate war Alles fertig, Alles entschieden.

Diejenigen, die mich kennen, wissen recht gut, daß ich nie von meinem Manne spreche, und daß ich ihn betreffende Unterhaltungen nie geduldet habe; es wird ihnen nicht ungewöhnlich erscheinen, wenn ich mich bei den Einzelheiten meiner Verheirathung aufhalte. Gewisse Handlungen, gewisse Gedanken müssen sich vor den Augen Aller verbergen. Was auch immerhin ein Ehemann Unrechtes gethan hat, wozu wäre es gut, es zu veröffentlichen? Und mag er sich immerhin gut betragen haben, es geht Niemanden an. Die Geheimnisse des Innern müssen nach meiner Ansicht, fromm bewahrt werden. Man darf sich daher nicht wundern, wenn in diesen Memoiren von Herrn Du-Deffand selten die Rede ist. Ich kündige es Ihnen, mein lieber Leser, im Voraus an, daß wir uns nur wenig mit ihm beschäftigen werden, zumal da er so schnell aus meinem Leben entschwunden ist, in dem er einen höchst unbedeutenden Platz einnahm.

Meine Heirath fand am 2. August 1718 auf Chamrond statt, im dritten Jahre der Regentschaft, also in der günstigsten Zeit, um die Welt, wie sie damals war, zu sehen und zu beurtheilen. Es war ausgemacht, daß wir sofort nach Paris abreisen sollten, und dieser Plan ward auch ausgeführt, als die Hochzeitsfestlichkeiten zu Ende waren. Ein großer Seufzer der Erleichterung entquoll meiner Brust, als ich Burgund verließ. Ich glaubte den Himmel auf dieser glücklichen Reise geöffnet zu sehen. Dieser Himmel sollte sich aber nur zu bald wieder schließen. Ich hatte nicht Zeit, ihn zu betreten.




Neuntes Kapitel


Herr Du-Deffand wollte während der Reise den Liebhaber spielen, und Gott weiß, wie er sich dabei benommen hat. Ungeduldig über hundert ungeschickte Streiche, die er am Tage begangen hatte, fragte ich ihn eines Abends in einem ziemlich hochmüthigen Tone, wie er seine Demonstrationen und seine Schwüre nenne, und was uns Beiden damit genützt sei?

– Es geschieht aus Liebe, und die Liebe führt uns zum Glücke, wenn Sie wollen.

– Ah, also aus Liebe! Ich bin sehr erfreut, dies zu vernehmen. Es ist unnütz, mir Vorsicht anzuempfehlen, denn ich bin zu gut darin bewandert, um mich täuschen zu lassen.

Uebrigens wußte ich wohl, daß die Liebe Larnage's dieser nicht ähnlich war, und daß Herr Du-Deffand auf seine, nur ihm eigene Weise liebte. Die Frauen haben in ihrem Herzen stets einen geheimen Winkel, in dem sie das vergraben, was sie nur sich selbst gestehen, und noch kein Philosoph hat die Nase in diesen Winkel gesteckt, so ehr sie sich dessen auch rühmen. Wessen rühmen sich die Philosophen nicht!

Wir kamen in Paris an. Wir wohnten so lange bei einem Verwandten meines Mannes, bis über unsere Lage entschieden sein würde. Wir wußten noch nicht genau, wo wir uns fest niederlassen sollten. Ich hatte große Vorliebe für Paris; aber wir mußten wissen, ob wir hier standesgemaß leben konnten. Unser erster Besuch war der bei der Herzogin von Luynes, und die erste Person, die uns begegnete, als wir den Fuß in das Hotel setzten, war Larnage, der, ein Portefeuille in der Hand, ausgehen wollte. Er grüßte achtungsvoll, aber er ward bleich wie ein Leinentuch. Ich ward noch bleicher und bewegter als er. Herr Du-Deffand fragte mich nach dem Grunde meiner Verwirrung. Ich antwortete ihm, daß mir die Hitze lästig sei, und beeilte mich, zu meiner Tante hinaufzugehen. Sie empfing mich sehr zuvorkommend, erfreute Herrn Du-Deffand durch tausend Artigkeiten und behielt uns, trotz meiner Weigerung, zum Souper.

Eben dies hatte ich gefürchtet. Ich sollte mit jenem Unglücklichen zusammentreffen, dem ich bei meiner Verheiratung einen sehr aufrichtigen Brief geschrieben, und ihm untersagt hatte, mir zu antworten. Er hatte sich streng darnach gerichtet, ich wußte nicht, womit ich mich rechtfertigen sollte. Der arme Junge war gehorsam gewesen und hatte dabei viel gelitten, mir war dies nicht unbekannt geblieben. An jenem Tage erschien er wie ein Gekreuzigter bei Tische, er wagte kaum, die Augen aufzuschlagen. Herr und Frau von Luynes, die keine Ahnung von unserm Verhältnisse hatten, scherzten über seine Schülerin und über die Zurückhaltung, die er gegen sie beobachtete. Er setzte sich durch eine thörichte Antwort in Verlegenheit, die man nicht begriff – ich aber begriff sie nur zu gut.

Mir war, als ob dieses Souper nie zu Ende kommen würde. Bei dieser Gelegenheit aber hatte ich ein unvermuthetes Zusammentreffen, das einen großen Einfluß auf mein Leben ausübte: das nämlich mit Herrn von Feriol, dem alten Gesandten des Königs in Konstantinopel, und mit seiner Schwägerin, Fräulein Guerin von Tencin, Schwester des Cardinals und der berühmten Stiftsdame, die wir noch oft wiederfinden werden. Frau von Feriol gewann mich sogleich lieb, sie lud mich zum Besuche ein, und ließ mich nicht eher, bis ich ihr versprochen hatte, zu kommen.

Frau von Feriol hatte einen General-Einnehmer der Finanzen zum Manne, der später Rath und Parlamentspräsident zu Metz ward. Seine Frau kümmerte sich wenig um ihn, sie unterhielt ganz öffentlich ein Verhältniß mit dem Marschall von Uxelles, der sie liebte, so lange sie jung war, und sie später ihre Reize beweinen ließ. In jener Zeit blieb sie sich noch immer gleich; ich fand sie alt, weil ich erst zwanzig Jahre zählte, aber sie war wirklich schön, und konnte einem Podagristen sehr wohl gefallen. Sie lud mich auf den folgenden Tag zu einer Art von Fest ein, welche Einladung anzunehmen ich nicht unterließ, da es für mich gegeben wurde.

Frau von Feriol hatte einen wunderlichen, phantastischen, capriciösen Charakter. Sie konnte sich darüber nicht zufrieden geben, daß sie alter wurde, und Alles, was sie umgab, bereitete ihr deshalb Kummer. Jedes harte Wort, jeder launige Augenblick des Marschalls fiel auf Unglückliche zurück, die sie mit ihren Thränen bestrafte.

Sie hatte zwei Söhne: Pont-de-Veyle und d'Argental, zwei Gefährten meines ganzen Lebens, die am Morgen desselben erschienen und sich nur im Tode erst von mir trennen wollten – der Tod scheint uns alle drei vergessen zu haben. Pont-de-Veyle steht mit mir in gleichem Alter, d'Argental ist um drei Jahre jünger, und wir leben noch. Mein Gott, das ist erschrecklich!

Das Haus der Feriols war um jene Zeit das angenehmste von Paris. Die Feriols besaßen Geist, und empfingen große und gute Gesellschaft. Wir gingen zum Mittagsessen dorthin, und waren Gäste für den ganzen Tag. Unter anderen Gästen fanden wir auch den Lord Bolingbroke vor, den in Ungnade gefallenen Minister von England, und die Marquise von Villette, mit der, er bereits seit einem Jahre lebte, und in die er sichtlich verliebt war.

Wir fanden dort auch Fräulein von Delaunay, die vertraute Kammerfrau der Frau Herzogin von Maine, mit der ich sofort ein Freundschaftsbündniß schloß. Außerdem fanden wir auch die Frau Marquise von Parabère, die damals in der höchsten Gunst bei dem Herrn Regenten stand; sie kam mir eifrig entgegen, und ich stieß sie nicht zurück. Frau von Parabère war die Verführung in Person; sie war eine von jenen Zauberinnen, Venen man nicht widerstehen kann, so gern man es auch möchte, und die sich wider Willen jedes Herzens bemächtigen.

Endlich fanden wir auch noch ein außergewöhnliches und anbetungswürdiges Geschöpf, eine Türkin, die Herr von Feriol mit nach Frankreich gebracht hatte. Sie gefiel, mir bei dem ersten Begegnen, und ward später meine Freundin. Man nannte sie Fräulein Aissé. Der Gesandte hatte sie als ein ganz kleines Mädchen gekauft, um sie erziehen zu lassen; er hatte ihr die Ehre zugedacht, seine Maitresse zu werden, sobald sie das Alter dazu erlangt hätte. Für das Land, dem er sie entnommen, war dies ganz einfach. Aissé entschlüpfte ihm mit vielem Glücke und großer Geschicklichkeit. Sie blieb nur seine Tochter, und was die Welt auch für Thorheiten reden mochte – Herr von Feriol küßte ihr nicht einmal die Fingerspitzen.

Alle diese Personen, die ich soeben genannt, waren meine intimen Freunde, und alle haben ein eigenthümliches Leben gehabt. Ich will es Ihnen erzählen, nämlich im Laufe dieser Memoiren. Ich gedenke eine Gallerie aufzustellen, in der man die Geschichte meines Jahrhunderts und der Gesellschaft, die ich besuchte, finden kann. Ich bin nicht Willens, mich dabei streng an Regeln zu halten, ich will im Gegentheil meine Portraits nach der Phantasie zeichnen, ich will jene Gestalten wieder aus der Erde holen, die seit langer Zeit verschwunden sind, je nachdem sie sich in meiner Einbildung oder in meinem Gedächtnisse zeigen. Wahr und genau zu sein ist die einzige Art und Weise, sie zu beleben, und ich werde auf das Eine wie auch auf das Andere halten.

Frau von Feriol hatte ihre Besitzung von Pont-de-Veyle in Burgund, aber sie besuchte es selten. Sie gebrauchte die Nachbarschaft, wenn es eine Nachbarschaft gab, als Vorwand, um mich zu feiern und mich so zu empfangen. Erfreut, daß ich mich in einer solchen Umgebung befand, daß ich sprechen und geistreiche Leute sprechen hören und das Gehörte meinem Gedächtnisse einprägen konnte, ließ ich es geschehen. Da ich sehr unwissend, sehr neugierig und begierig war, Alles zu wissen und zu erlernen, konnte ich keine bessere Schule haben ich fühlte mich in der Sphäre, die ich geträumt hatte, die meinem Geschmacke entsprach, und es schien mir selbst während einiger Stunden, daß ich Herrn Du-Deffand liebte, um ihm dafür zu danken, daß er mich hierher geführt hatte.

An jenem Abende sah ich Voltaire zum ersten Male, der kam, um seinen Oedipus zu geben. Er hatte sein Jahr in der Bastille wegen seiner »j' ai vu« bereits überstanden, und war noch in Zorn und Wuth. Dieses Katzengesicht frappirte mich anfangs, Frau von Parabère gerieth darüber in Lachen bis zu Thränen, und als er ein Epigramm wagte, hob sie ihren kleinen Finger (den ich noch sehe) um ihm zu drohen.

Eine andere Person, berühmt in einem anderen Sinne, kam ebenfalls zu dem Souper: es war Frau von Tencin, die Schwester der Frau von Feriol, eine durch ihren Geist, durch ihre Intriguen und durch die Stellung berühmte Person, die sie zu Anfang dieses Jahrhunderts in der Welt einnahm. Um jene Zeit zählte sie vielleicht sechs und dreißig Jahre; sie war schön und frisch wie eine zwanzigjährige Frau; ihre Augen funkelten; ihren Mund umspielte ein zugleich sanftes und liebliches Lächeln; sie wollte gut sein, und gab sich viel Mühe es zu scheinen, ohne daß es ihr gelang. Man ließ sich nicht tauschen, sie wußte dies, und begriff es mehr als nöthig. Trotzdem ließ sie sich nicht entmuthigen, sie blieb stets im grellsten Widerspruche.

Mehr als einmal während jenes Abends zankte sie sich mit Voltaire herum, und nichts war sonderbarer als diese Streitereien; sie liebten sich nicht, sie fürchteten sich, oder vielmehr sie beobachteten sich, warfen sich scharfe Blicke zu und zügelten die Geschosse, damit sie später um so sicherer träfen – es war ein köstliches Schauspiel. Ich werde Ihnen auch von der Gräfin Alexandrine von Tencin erzählen, wie von den Andern; nur Geduld, es kommt ein Jeder zu seiner Zeit an die Reihe.

Ach, welche schönen Tage waren diese Tage der Jugend! Wie gern erinnere ich mich ihrer! Welche Freuden, welche Triumphe! Welche Liebschaften! Und welche Leute, welche Geister befanden sich in meiner Umgebung! Ach, wie beeilte man sich, zu leben! Jene Heuchelei, welche die letzten Jahre Ludwigs XIV. auferlegten, jene Maske, die man gewaltsam dem Gesichte aufdrang, lastete auf aller Welt. Man beeilte sich, sie abzulegen, und warf sie weit von sich. Nichts vermag einen Begriff von dem Zustande jener Gesellschaft zu geben, nichts, selbst das nicht, was wir an Ausschweifungen des Hofs und der Stadt unter dem seligen Könige gesehen haben.

Das Beispiel des Regenten drang in alle Klassen. Für eine junge Person wie ich, war dies eine gefährliche Schule. Die goldenen Grundsätze, die ich von meiner Tante und von meinen Nonnen empfangen, gingen natürlich darüber verloren. Da die Religion sie nicht unterstützen konnte, flogen sie schnell davon. Ich muß dies bekennen, denn außerdem könnte ich das Uebrige meines Lebens nicht erklären.

Ich bin nie richtig erkannt gewesen. Stets hat man meinen Schwachheiten Gründe untergeschoben, die sie nicht hatten. Es giebt keinen meiner Zeitgenossen, der mich nicht für leidenschaftlich oder kokett gehalten: ich war keins von beiden, ich langweilte mich. Ich habe geliebt, um mich zu zerstreuen, ich habe die Liebe Anderer angenommen, weil ich nichts zu thun hatte, ich habe meine Liebhaber gewechselt, weil ich mich mit ihnen langweilte, und weil ich hoffte, daß mich ein anderer weniger langweilen würde. Diese alte Feindin zu tödten, ist mir nicht gelungen, sie ist in meinem Alter noch Siegerin, nachdem sie die zertrümmert hat, die ich ihr entgegenstellte und die sie zu erdrücken versuchten. Sie wird mich zu Grabe bringen, ich weiche ihr jetzt. Sie verfolgt mich, sie begleitet mich, wohin ich gehe; sie sitzt bei Tische an meiner Seite, sie gießt selbst in mein Trinkglas den Ekel oder die Müdigkeit, um mich anzufüllen oder mich unter ihrer eisernen Ruthe zurückzuhalten. Sie ist stets zwischen mir und denen, die sich mir nahen; sie schläft auf meinem Bette während der kurzen Augenblicke meines Schlummers. Bis hierher sind ihr meine Erinnerungen entkommen, gebe der Himmel, daß sie ihr nie zum Opfer fallen.




Zehntes Kapitel


Am Morgen des Festes war ich kaum erwacht, als man mir Frau von Parabère ankündigte. Sie öffnete ohne Umstände meine Thür und überraschte mich in dem kleinen Zimmer, das ich bewohnte, und, weil ich mich dessen bereits schämte, schnell mit einem anständigen Hause vertauschen wollte. Der Tag, den ich bei Frau von Feriol zugebracht, hatte meinen Entschluß festgestellt, und ich dachte nicht mehr daran, Paris zu verlassen; ich fühlte, daß ich anderswo künftig nicht leben könne, und daß mein Platz in Paris sei.

Unsere Verwandte, eine gute und fromme Frau, die keinen Besuch empfing, floh in den tiefsten Theil ihres Gartens, als sie vernahm, daß die Maitresse des Regenten unter ihrem Dache sei. Mein Mann ließ sie hart an und nannte sie eine übertrieben sittsame Person; sie aber antwortete ihm, daß alles Weihwasser des Kirchspiels den Platz nicht rein waschen könne, den diese Unreine betreten habe.

Während dieser Zeit empfing ich die Marquise, die, ungeachtet der frühen Morgenstunde und einer ganzen im Palais-Royal bei einer jener Orgien verbrachten Nacht, welche die Herzogin von Berry hundert Jahre in fünfundzwanzig verleben ließen, völlig schön und frisch war.

Frau von Parabère war aus Stahl und Eisen gemacht.

Obgleich sie klein, zart und dem Anscheine nach delicat war, so besaß sie in Wirklichkeit die Gesundheit eines Musketärs. In ihren schönen schwarzen Augen lag noch mehr, als in ihren Versprechungen, die ohnehin schon sehr herausfordernd waren. Wegen ihres bräunlichen Teint und ihrer wie Ebenholz schwarzen Haare hatte der königliche Geliebte ihr den Beinamen »der kleine Rabe« gegeben. Sie lachte über diesen Spottnamen, den sie oft unter ihre Morgenbillets setzte.

– Ah, meine Schöne, sagte sie beim Eintreten, ohne auf meine Entschuldigungen zu hören, ich weiß Alles, was Sie mir über Ihr Zimmer und über Ihre Toilette sagen wollen; dies hat unter uns nichts zu bedeuten. Sie gefallen mir unendlich, ich bin seit gestern rein närrisch über Sie, und habe die ganze Nacht dem Regenten und der Herzogin von Berry von Ihnen erzählt. Es ist beschlossen, daß ich Sie zu ihnen führe.

– Aber Madame…

– Wollen Sie nicht?

– Nicht ich, wohl aber…

– Herr Du-Deffand! unterbrach sie mich. Kann Herr Du-Deffand etwas wollen? Ich habe ihn nur eine Viertelstunde lang gesprochen, aber es genügt mir, um zu wissen, was man von ihm erwarten kann. Denken Sie weiter nicht darüber nach, Ihre königlichen Hoheiten erwarten Sie, und ich werde Sie an einem der nächsten Tage vorstellen. Aber es handelt sich in diesem Augenblicke nicht darum allein – ich komme, um Sie zu entführen.

– Mich, Madame?

– Sie, ja! Und zwar ohne Ihren Mann. Sie werden mit mir zu Mittag essen.

– Das ist unmöglich!

– Unmöglich! Ah, dieses Wort aus der Provinz kennt man hier nicht! Wie kann eine so geistreiche Person als Sie sind es nur gebrauchen? Unmöglich! Kleiden Sie sich schnell an und gehen Sie mit mir. Dieses Haus riecht nach Klosterluft, die mir Vapeurs verursacht. Wann werden Sie es gänzlich verlassen?

Auf diese Fluth von Worten fand ich keine Antwort. Aber wie konnte ich Herrn Du-Deffand in der Wohnung zurücklassen und allein zu dem Abenteuer gehen? Ich vertheidigte mich, soviel ich konnte, aber Frau von Parabère lachte und zuckte die Achseln bei meinen Gründen. Sie öffnete meine Koffer und Schiebladen, holte meine Kleider und Schmucksachen hervor, legte die, die ich gebrauchen sollte, auf die eine, und die, welche ich nicht gebrauchen sollte, auf die andere Seite. Und alles dies führte sie lachend und singend aus, sie drehete sich im Zimmer herum, verspottete mich, küßte mich auf beide Wangen, machte sich über meine Cousine lustig, über ihr Haus, ihre Möbel, ihre Livree, mit einem Worte über Alles, was mich umgab, selbst ohne meinen Mann davon auszunehmen.

Als sie damit fertig war, rief sie meine Kammerfrau.

– Was wollen Sie von ihr? fragte ich.

– Warten Sie nur, Sie werden es sehen, antwortete sie.

Die Kammerfrau trat ein.

– Wie heißen Sie? fragte Frau von Parabère.

– Paulat, Madame! antwortete die Kammerfrau mit einer tiefen Verbeugung.

– Gut. Mademoiselle Paulat. Dort liegen Kleidungsstücke und andere Dinge, die Ihnen die Frau Markise schenkt. Danken Sie ihr dafür, und halten Sie sie gut. Nun gehen Sie. meine Freundin; man wird Sie rufen, um ihre Herrin anzukleiden.

Mein Erstaunen läßt sich denken. So verfügte sie über meine Garderobe, über meine in Dijon gekauften Hochzeitsgeschenke, auf die ich so stolz war! Und dabei fragte sie nicht, ob ich auch die Mittel habe, mir andere anzuschaffen.

Ich stand auf dem Punkte, ärgerlich zu werden.

Frau von Parabère bemerkte es. Sie ließ mich nicht zu Worte kommen.

– Meine liebe Kleine, sagte sie. Sie müssen sich bilden und kleiden wie alle Welt. Sie müssen die Provinz vergessen und sich umgestalten. Eine Frau von Ihrem Alter und von Ihrer Schönheit kann solchen Flitter nicht tragen als der ist, von dem ich Sie so eben befreit habe. Bedauern Sie die Dinge nicht, kaufen Sie sich andere. Und wenn Sie das Geld beunruhigt, so ertheile ich Ihnen die Versicherung, daß es Ihnen nicht fehlen wird.

Sie umarmte mich, und liebkoste mich auf eine Weise, daß meine schlechte Laune sofort verschwand.

Nun mußte ich ihr versprechen, daß ich mit ihr zu Tische gehen und den Tag in ihrer Gesellschaft verbringen wollte.

– Wir werden Voltaire sehen, sagte sie.

– Voltaire?

– Ja. Ich freue mich, ihn zu mir kommen zu lassen und ihn zu zwingen, mir die Aufwartung zu machen – ihn, der so viel gegen den Regenten geschrieben und gesprochen hat. Ich liebe solche Contraste und suche sie auf. Ich liebe überhaupt Alles, was seltsam ist. So finde ich das Leben sehr angenehm. O, die strengen Moralisten mögen immerhin reden, ich werde nie glauben, daß wir auf der Erde sind, um unglücklich zu sein!

Leicht und lebendig wie ein Vogel ging sie über diese Sentenz hinweg.

Ich war halb entzückt, halb verwirrt, denn ich wußte nun, wie ich es anzufangen hatte, um mir ein hofmäßiges Ansehen zu geben, und nicht einer Person zu gleichen, welche die Provinz vergessen machen will.

Ich setzte in mich selbst Mißtrauen, überredete mich, daß ich lächerlich sei, und bekam Furcht vor Reflexionen und Epigrammen.

Für ein Nichts wäre ich nach Burgund zurückgekehrt; glücklicherweise rettete mich mein Spiegel.

Während ich mit meiner Toilette beschäftigt war, kündigte man mir einen Besuch anderer Art, aber nichts destoweniger eben so angenehmen an. Ich konnte ihn nicht mehr abweisen, und wenn es geschehen, würde ich mich darüber geärgert haben.

Frau von Staal erschien, das heißt Mademoiselle Delaunay, denn sie war damals noch nicht verheiratet.

Das Zusammentreffen war ein sonderbares.

Der Herzog von Orleans und der Herzog von Maine waren geschworene Feinde, sie waren es gewesen, so lange sie lebten. Seit der Regentschaft war ihre Feindschaft in einen unauslöschlichen Haß ausgeartet. So befand ich mich nun zwischen den beiden feindlichen Lagern, und dies war eine schwierige Situation, ich kann es versichern.

Mademoiselle Delaunay wiederholte mir genau dasselbe, was ich so eben von Frau von Parabère vernommen hatte.

– Sie müssen nach Sceaux kommen. Ich habe seit gestern an Sie gedacht, Sie sind ganz vortrefflich geschaffen, um der Frau Herzogin zu gefallen und ihre Favoriten zu werden. Die Herzogin wird Sie leidenschaftlich lieben, und Sie werden Alle entthronen.

– Glauben Sie, Mademoiselle, daß Ihre Hoheit geruhen werden, mich zu empfangen?

– Mit offenen Armen, mit der größten Freude, ich verbürge es! Man amüsirt sich in Sceaux vortrefflich: man spielt Komödie, man giebt reizende Feste. Ueberdies liebt die Prinzessin geistreiche Feste, und Sie besitzen so viel Geist, daß Sie sich ihrer Gunst versichert halten dürfen.

– Ach, Mademoiselle, ich bin eine dumme Person, seit gestern habe ich mich doppelt davon überzeugt.

– Wie?

– Glauben Sie mir, ich werde meinen Platz in dem Palaste nicht behaupten können, wo unaufhörlich so viel Schöngeister glänzen.

– O nein! ich glaube vielmehr, daß Sie unter den ersten glänzen werden. Ich kehre sogleich zurück und melde Sie an.

– Mademoiselle!

– Sie werden ohne Zweifel bald eine Einladung erhalten.

– Nein, nein!

– Madame wird sich eine so seltene Gelegenheit nicht entgehen lassen, Geist und Schönheit vereint zu finden.

Nach Sceaux und nach dem Palais-Royal!

Die Soupers des Herzogs von Orleans, und die Komödien der Herzogin von Maine!

Das war viel für eine Debütantin, so viel, daß mir der Kopf ein wenig schwindelte. Ich war einen Augenblick verblendet, und ging gerade zu meinem Manne, um ihm seine Ausschließung anzudeuten und die Freiheit, die ich ihm gewahrte. Er sah mich, mit großen, runden Augen an, die reden wollten, und doch nichts sagten. Der Wille fehlte Herrn Du-Deffand nie, aber die Ausführung fiel ihm schwer.

– Ich werde im Vorbeigehen bei Frau von Luynes vorsprechen, mein Herr, und es wird mich freuen, wenn Sie dorthin kommen wollen. Dann lasse ich Sie bei Ihrer Frau Cousine, der ohne Zweifel die Ehre Ihrer Gesellschaft sehr angenehm sein wird. Sie hat mehrere fromme Personen zu Tische, deren ich nicht würdig bin, und die sich gewiß an Ihrer Unterhaltung erbauen werden.

Herr Du-Deffand blieb einige Augenblicke unbeweglich an seinem Platze. Ich weiß nicht, was er dachte, und ob er überhaupt dachte. Dann verbeugte er sich, und ging.

Um die bestimmte Stunde fand ich ihn wartend in meinem Salon.

Er versuchte den Oedipus zu lesen, von dem er nicht viel verstand. Er ist niemals über die Sphynx und den Minotaur in's Klare gekommen, diese beiden Worte sind in seinem Kopfe unerklärbar geblieben, und Nichts war sonderbarer als die Verhandlungen, die zwischen ihm und einem Pedanten, einem fleißigen Tischgenossen seiner Verwandten, über diesen Punkt stattfanden. Sie kamen nie zu einer Verständigung, und endigten damit, daß sie sich auf die höflichste Weise von der Welt schimpften.

Dies war in der That ein köstlicher Spaß, Ich blieb dabei neutral, weil ich fürchtete ihn zu unterbrechen.

Als wir bei Frau von Luynes eintraten, wo sich immer und zu jeder Stunde eine große Gesellschaft befand, ward ich ein wenig bewegt: Larnage konnte sich ja in irgend einem Winkel befinden.

Und so war es wirklich.

Nachdem der erste Andrang vorüber war, näherte er sich mir. Ich empfing ihn erröthend, und nahm neben ihm Platz. Wie ein einfältiges Geschöpf fragte ich ihn mit zitternder Stimme um Nachrichten von seiner Mutter.

Er verneigte sich, um mir zu danken, dann sagte er rasch:

– Sind Sie glücklich, Madame?

– Ohne Zweifel, mein Herr. Warum soll man es nicht sein?

– Ach, Madame, Sie haben wenig Vertrauen zu mir gehabt, und eben so wenig Geduld mit mir,

– Mein Herr!

– Ich würde für Sie das Glück erreicht haben, wenn Sie es gewollt hätten.

– Das Glück, mein Herr, läuft leider sehr schnell, und Sie gehen, wie mir scheint, sehr langsam, denn ich finde Sie an demselben Platze wieder.

– Madame, Sie sind sehr grausam…

– Ich rede die Wahrheit.

– Aber Sie machen mir meine Ohnmacht und mein Unglück zum Vorwurf.

– Mein Herr, ich vertheidige mich.

– Mit solchen Waffen!

– Und habe ich Ihnen etwas versprochen?

– Mein Gott!

– Ich erlaube mir, meine Frage zu wiederholen.

– Sie haben mir nichts versprochen.

– Nun?

– Aber Sie haben mich angehört…

– Was ist das?

– Sie haben mir die Hoffnung gelassen…

– Und Sie?

– Ich habe gehofft.

– Was werden Sie jetzt beginnen? fragte ich.

Larnage erröthete. Dann flüsterte er:

– Ich werde nicht mehr hoffen, aber ich werde ewig lieben.

Indem Larnage so zu mir sprach, fand ich ihn besonders schön.

Frau von Luynes, die Herrn Du-Deffand zum Reden gebracht hatte, näherte sich mir, und forderte mich auf, sie in ihr Kabinet zu begleiten, wo sie mir etwas zu sagen hätte.

Ich ward der Unterhaltung, die mir Vergnügen gewährte, entrissen. Uebel gelaunt, verließ ich meinen Platz.

Die Physiognomie meiner Tante kündigte eine Moral an, ich kannte sie schon seit langer Zeit; aber ich war weit entfernt, das zu erwarten, was mir bevorstand.

– Meine Nichte, sagte sie, ohne mir Zeit zu gönnen, mich niederzusetzen, Ihr Mann hat mir von Ihnen Dinge erzählt, die mich mit Erstaunen erfüllen.

– Was hat er Ihnen erzählt, Madame?

– Er behauptet, daß Sie im Begriffe sind, allein zu Frau von Parabère zu gehen…

– Das behauptet er?

– Zu dieser Schmach des Adels, fuhr meine Tante fort, zu dieser Frau, die Niemand mehr grüßt, wenn man ihr begegnet.

– Das ist wahr. Madame! antwortete ich, ohne mein Erstaunen zu äußern.

– Ist es möglich? fragte Frau von Luynes, als ob sie glaubte, ihren Ohren nicht trauen zu dürfen.

– Ich wiederhole es! fügte ich hinzu, indem ich mir vornahm, meinen Herrn Gemahl seine Schwatzhaftigkeit theuer bezahlen zu lassen.

Die Herzogin war über meine Kühnheit bestürzt.

– Haben sie keine Entschuldigung? fragte sie stammelnd und in einem Tone, der verrieth, daß sie selbst auf eine ersonnene Entschuldigung gezählt hatte.

– Keine!

Diese Freiheit und dieses fast unglaubliche Geständniß raubten ihr die Sprache. Sie sah mich erbleichend, an und rang nach Fassung. Als ich in meinem Schweigen verharrte, sagte sie entsetzt und trostlos:

– Sie haben es eingestanden!

Mehr vermochte sie nicht auszusprechen.

Frau von Luynes war sehr streng; ihre Verbindungen, ihre Gewohnheiten und ihre Familienbeziehungen fesselten sie an den alten Hof, und veranlaßten sie, die Scheinsittsamkeit beizubehalten, jenes Vermächtniß des großen Königs, das wir uns freudig beeilten zu beseitigen wie sein Testament.

Man begreift wohl, daß das Leben des Palais-Royal von einer so ängstlichen Frau wie meine Tante sehr streng getadelt ward, und daß sie es für Pflicht hielt, eine junge Verwandte davon zurückzuhalten.

Dieses Pflichtgefühl gab ihr die Sprache wieder.

– Madame, begann sie, Sie haben noch keine Erfahrung, und sehen den Abgrund nicht, an dessen Rande Ihr Fuß steht. Ich kann es nicht über mich gewinnen, Sie, ungeachtet Ihres Benehmens, ohne Warnung Ihre gefährliche Bahn gehen zu lassen. Es bedarf nur noch eines Schrittes, und Sie sind untergegangen.

Sie hatte Recht; heute weiß ich es, aber damals theilte ich ihre Ansicht nicht.

– Aber wo ist denn das Böse, Madame, von dem Sie sprechen? fragte ich, ohne mich aus der Fassung bringen zu lassen.

– Ich habe Ihnen Frau von Parabère bezeichnet.

– Nun?

– Hören Sie meine Warnung nicht, so wird man Sie bald in gleiche Kathegorie mit ihr stellen. Man wird von Ihnen sprechen, wie von ihr. Man wird Sie verachten, wie Frau von Parabère – man wird an Ihnen vorübergehen, ohne Sie zu grüßen. Ich denke, das sind Dinge, die man berücksichtigen muß. Und nun vergessen Sie nicht, daß Sie meine Verwandte sind, daß ich ein Recht habe, von Ihnen Gehorsam zu fordern. Ihre Schande fällt auf mein Haus zurück.

Diese Worte trieben mir ein wenig das Blut nach dem Kopfe. Ich beschloß, mich dafür auf der Stelle zu rächen.

– Madame, sagte ich, ist Frau von Parabère nicht von einem eben so guten Hause, als Frau von Verrue, und begeht, sie andere Dinge, als jene begangen hat? Ich habe die Ehre gehabt, Ihre Frau Schwägerin an Ihrer Tafel und auf Ihrem Schlosse von Dampierre anzutreffen, und ich glaubte nicht fehl zu gehen, wenn ich den Weg verfolge, auf den Sie selbst gehen.

Ich wußte, welch einen Schlag ich führte, denn die Herzogin konnte eine Anspielung auf die alte Intrigue der Gräfin von Verrue mit dem Könige von Sardinien nicht leiden. Sie Und ihr Mann hatten diese Dame nur mit großem Leidwesen, und so zu sagen wider ihren Willen empfangen. Sie sahen sie so wenig als möglich, und seufzten darüber; aber sie sahen sie, und dies war ein schweres Kreuz für sie.

Der Pfeil hatte also gut getroffen.

– Das wagen Sie mir zu sagen? rief sie aus.

– Sie zwingen mich dazu, Madame. Außerdem ist es meine Ansicht, und Sie wissen…

– Ich weiß, daß Sie eine verderbte Natur sind…

– Madame!

– Schweigen Sie!

Nach diesem Befehle veränderte sich plötzlich die Miene meiner Tante; sie schien zu bedenken, daß jede Bekämpfung meiner Ansichten vergebens war. Sie erhob sich kalt, als ob ich ihr lästig sei, und indem sie mir die Thür wies, sagte sie befehlend:

– So gehen Sie denn, Madame, da Sie es wollen. Aber wenn Sie Ihren Namen entehren, so zählen Sie nicht auf mich, daß ich Sie unterstütze. Ich habe meine Pflicht erfüllt – ich werde nie mehr mit Ihnen darüber sprechen!




Elftes Kapitel


Entzückt über meinen Sieg, ging ich also zur Frau von Parabère. Es war dies wirklich eine Schilderhebung: ich leistete in derselben Zeit meinem Manne und meiner Tante Widerstand, und diese Tante war noch obendrein die Herzogin von Luynes! Nach diesem ersten Auftreten versprach ich viel. Jetzt, wo ich die Dinge aus der Ferne und mit Verstand betrachte, gestehe ich ein, daß ich Unrecht hatte. Aber dies war nicht gänzlich meine Schuld: der Geist meiner Zeit, die Revolutionsgedanken, die heute so hervorstechend geworden sind, begannen aufzutauchen und rissen mich mit fort. Man hatte damals schon wenig Achtung vor den Eltern und den Pflichten; in einem andern Jahrhunderte seufzte man mit Recht darüber.

Frau von Parabère empfing mich mit offenen Armen.

– Ich erwartete Sie nicht mehr, meine Königin! rief sie aus. Wer hat Sie zurückgehalten?

– Nun, wer die Frauen zurückhält – der Mann!

– Ah, wie thöricht sind Sie gewesen, sich einen Mann zu nehmen! Wie bedauere ich, daß ich Sie nicht früher gekannt habe, ich würde Ihr Leben anders geordnet haben!

– Hätte ich, wie meine Tante Fräulein von Chamrond, eine alte Jungfer bleiben sollen?

– Sie hätten sich Gräfin Marie von Chamrond nennen und ein Stiftsfräulein wie die Gräfin Alexandrine von Tencin werden müssen.

– Ach, das ist wahr! antwortete ich seufzend. Warum haben meine Verwandte nicht daran gedacht?

– Ein Stiftsfräulein ist das Muster von Glück auf der Erde. Ein Stiftsfräulein ist frei, überall gut placirt, es hat den Bestand einer verheiratheten Frau, aber es hat keine Pflichten und keinen Mann; dagegen aber hat es ein Einkommen, das ihm erlaubt zu leben und die Hilfe Anderer anzunehmen; es hat die Unabhängigkeit einer Wittwe, ohne die Erinnerungen derselben, ein wenig Familienverbindung, einen unbestreitbaren Rang, den man Niemandem verdankt – und dabei Nachsichtigkeit, selbst Straflosigkeit. Witz und Spott können sie nicht treffen, weil sie an ihrem Stande nichts ändern. Für alle diese Vortheile haben sie die Mühe, ein Kreuz zu tragen, das ihnen ansteht, schwarze oder graue Kleider, die man so prächtig machen kann, wie man es nur immer wünscht – einen kleinen, kaum merklichen Schleier, und Frauenputz aller Art. Gestehen Sie, meine Beste, daß dies eine große Wohlthat ist. Ach, wenn ich nicht die Marquise von Parabère wäre, würde ich sicherlich die Gräfin Marie von Vieuville sein.

– Eins ist so gut wie das Andere

– Und dies verdanke ich meiner eigenen Wahl. Man muß mich nehmen, wie ich mich gebe. Ich werde mich für Niemanden verändern, ich habe es laut ausgesprochen. Ich bin jung, hübsch, frei, reich, ich besitze den Geist meines Alters und meiner Herkunft, ich amüsire mich, ich will mich amüsiren, und zwar so lange als möglich, ich will immer froh leben, und werfe die Sorgen zur Thür hinaus. Wer würde es mir danken, wenn ich es anders machte?

– Ohne Zweifel Niemand, wenn nicht der alte Hof…

– Ich ziehe es vor, mit ihm zu zerfallen, denn er langweilt mich, und auf diese Weise habe ich mich seiner entledigt.

– Der Regent liebt Sie herzlich, und Sie lieben ihn ohne Zweifel in demselben Grade wieder, dies tröstet und vertritt das Uebrige. Uebrigens setze ich voraus, daß Alles so ist, fügte ich verwirrt hinzu, denn ich schämte mich ein wenig, so unterrichtet zu erscheinen und der Erinnerung an Larnage eine so ausschließliche Herrschaft über mich eingeräumt zu haben.

Frau von Parabère sah mich lächelnd an, indem sie leicht die Achseln zuckte.

– Philipp! Ja, er liebt mich wohl… auf seine Weise, und ich liebe ihn eben so… auf meine Weise. Kennen Sie den Regenten?

– Ich habe nicht die Ehre gehabt, ihm vorgestellt zu werden.

– Ich werde Sie in den königlichen Palast führen, und werde Sie auch der Herzogin von Berry vorstellen. Sie werden diese Fürstin sehen und mir Ihre Meinung darüber sagen.

Bei diesem Vorschlage fühlte ich ein Schamgefühl aufsteigen, aber ich wagte es, aus Furcht vor Spott, nicht zu zeigen

– Ich hoffe, der Regent wird heute nicht zu Ihnen kommen!

– Wer weiß? Ich hoffe im Gegentheil, daß er kommen wird. Zu einem andern Zwecke habe ich Voltaire nicht eingeladen. Ich bin entzückt, sie zusammenzubringen. Dieser kleine Arouet rast inwendig, er hat einen tollen Geist. Der gute Philipp würde dieser Schlange gegenüber in Zorn gerathen, wenn er die Kraft dazu hätte; aber er verzeiht ihm im Voraus Alles, was er thun wird, wie er ihm das, was er bereits gethan, verziehen hat, wie er ihm überhaupt in seiner Gutherzigkeit sein ganzes Leben verzeiht. Ach, dies ist ein unterhaltendes Schauspiel, Sie werden sehen!

– Ist es denn passend, daß mich der Regent bei Ihnen findet? Wird es ihn nicht beleidigen?

– Halten Sie denn den Regenten für einen Ludwig XIV.? Er ist stets entzückt, wenn er eine hübsche Frau sieht, und in ihrer Nähe kümmert er sich wenig um ihren Rang.

Diese leichtsinnige Existenz, diese Unterhaltung, die nichts achtete, und diese Freiheit, die nicht einmal sich selbst einige Rücksicht auferlegte, bildete mit dem Leben in der Provinz und den gemessenen Worten meiner Tante und meiner Nonnen einen argen Contrast. Noch nahm ich kein Aergerniß daran, noch war ich nicht verletzt, aber ich war bis zur Bestürzung erstaunt. Frau von Parabère bemerkte es, sie umarmte mich mit einer wahren Ausgelassenheit und sagte in einem Tone, aus dem unwillkührlich ihre Empfindlichkeit hervorleuchtete:

– Ich verstehe Sie, meine Königin, ich bin eben so gewesen. Dies geht vorüber. Man ist viel glücklicher, wenn man kein anderes Geräusch hört, als das des Vergnügens.

In diesem Augenblicke ward Voltaire angemeldet; er trat ein, ohne verwirrt oder linkisch zu erscheinen.

Voltaire war damals ein drolliger junger Mann; es erinnern sich seiner nicht viel Leute mehr, denn wir sind aus jener Zeit nur wenige noch vorhanden. Er war eben so lang und mager als jetzt; sein Gesicht, nahe daran Falten zu bekommen, war dasselbe; sein Mund ward stets von einem Lächeln umschwebt, das schneidend und glänzend war wie eine Klinge; sein Auge blitzte. Er hatte eine bleiche, gallichte Gesichtsfarbe, und seine Miene war angenehm, wenn man ihn nicht reizte. Es bedurfte aber einer langen Gewöhnung an seinen Geist, wenn man sicher sein wollte, daß man von ihm nicht verspottet würde.

Man hielt ihn den Großen gegenüber für einen Schmeichler und Speichellecker, während seine ganze Person nur ein Epigramm war. An jenem Tage habe ich ihn kennen und schätzen gelernt; er bemerkte es, und wußte es mir Dank, er hat sich oft darüber ausgesprochen.

– Mein lieber Dichter, sagte die Marquise, Sie werden mit der Frau Marquise Du-Deffand, der ich Sie vorzustellen mir erlaube, das Mittagsmal einnehmen. Sie kommt aus der Provinz, um uns zu zeigen, daß man dort mehr Geist besitzt, als in Paris.

Voltaire prüfte mich, und warf einen jener Blicke auf mich, welche die ganze Person einzusaugen scheinen. Nach dem Gesagten wußte er, wer ich war, was ich galt, und er bedurfte keiner Auskunft weiter.

– Herr von Voltaire, haben Sie uns nicht einige Verse vorzulesen?

– Verse! Madame, ich sollte Verse machen und sie hierherbringen! Man hat für mich so viel gemacht, daß ich ausruhen kann.

– Das ist Groll, mein Herr!

– Groll? Nein, Madame, es ist Gerechtigkeit. Ich erinnere mich!

– Verlohnt es sich der Mühe, daß man für ein wenig Bastille gegen einen guten Fürsten so aufgebracht ist, dem Gott vergessen hat Galle zu geben?

– Ich bin gegen Niemanden aufgebracht, Madame, und gegen den Herrn Regenten noch weniger, als gegen irgend eine andere Person, denn er ist sehr gütig gegen mich gesinnt; aber ich werde seine Güte nicht vergessen, es ist meine Absicht, sie täglich zu verdienen, und darum lese ich meine Verse nicht, wenn ich das Unglück hätte, Verse zu machen. Ich denke, daß dies keine Majestätsbeleidigung ist

Die Marquise begann zu lachen. Man lachte damals sehr viel.

– Ich weiß nicht, warum Sie sich über Ihre Verse beklagen, Messire Arouet; sie haben stets einen guten Erfolg gehabt, und der Regent hat mit beiden Händen ihren Oedipus beklatscht, trotz der Anfeindungen, Auslegungen und Verleumdungen.

– Weil der Regent mehr Geist besitzt, als seine und meine Feinde, weil er die Menschen nach ihrem Werthe, und die Sachen wie sie sind, beurtheilt.

– Und vorzüglich weil er gut, sehr gut ist! fügte sie mit Intention hinzu.

– Was soll das heißen, Madame? Glauben Sie vielleicht, daß diese Güte sich auf mich verirrt hat, daß ich sie nicht verdiente, und daß ich schuldig war?

– Ich habe gesehen, mein bester Herr! Ich habe gesehen!

– Parbleu, Madame, auch ich habe gesehen! Ich habe vor allen Dingen die vier Mauern der Bastille, die häßliche Nase des Kerkermeisters und den flammenden Blick des Herrn Gouverneurs gesehen. Diese Dinge noch einmal zu sehen, habe ich keine Lust.

– Bekennen Sie aufrichtig: sollten Sie deshalb nicht diese Visionen gehabt haben, um sie in ihrer Kritik als ungereimte Erscheinungen zu bezeichnen?

– In Wahrheit, Madame, das Gedicht »Ich habe gesehen« ist nicht von mir, ich werde es bis zum Ueberdrusse wiederholen, ich werde es vor Gott und den Menschen verneinen; und da Sie mich einmal dazu drängen, so muß ich Ihnen sagen, daß ich es, wenn ich mich mit der Satyre befasse, auf eine andere Weise angreife.

– Nun, wie würden Sie es angreifen? fragte Frau von Parabère, indem sie sich auf dem Sopha wälzte wie eine durch Sahne angelockte Katze.

– Erlauben Sie, Madame, dies für mich zu behalten; denn wenn irgend Etwas in Versen oder in Prosa erschiene, in dem sich dieselben Gedanken fänden, so würde man es mir zuschreiben, und ich habe an meinen Sünden genug, ohne die Anderer zu büßen.

Man kündigte das Mittagsessen an, das sehr gut war. Die Marquise war eine Feinschmeckerin, wie alle Leute von Geist. Sie eröffnete mir diesen Tempel, der mir bis dahin verschlossen gewesen, und ich war ihr dafür sehr verpflichtet.

Voltaire vergaß sein Gefängniß.und ward liebenswürdig. Er machte uns Complimente über den guten Ton, spottete über alle Welt, stichelte auf alle Lächerlichkeiten, und lästerte vorzüglich auf die Gräfin von Tencin, die er nicht leiden konnte. Sie behauptete nämlich, daß er sie sehr geliebt, und daß sie diese Liebe zurückgewiesen habe. Dies verzieh er ihr nicht. Ich zweifle daran. Voltaire hat die Frauen nie geliebt: er hat eine gelehrte und eitele Empfindung für Madame Düchatelet gehegt, welche sich dessen nur rühmte, indem sie seinen Geist hervorhob. Ich möchte indessen nicht beschwören, daß ihn auch irdischere Bande gefesselt haben. Zu ihrer Zeit werde ich die Liebschaften erzählen, von denen ich Zeuge gewesen bin, und man wird sehen, wieviel sich in den Sternen und in den Wolken zugetragen hat.

Als wir die Tafel verließen, fanden wir in dem Salon einen Herrn von mittlerem Wuchse, mit leutseligem Gesichte, vollkommen gutem Genehmen, einer großen Noblesse in seiner Haltung und mit einer geistreichen und zugleich guten Physiognomie.

Frau von Parabère, die mich bei der Hand führte, folgte ihrer Gewohnheit, indem sie mich bei seinem Anblicke losließ und zu ihm eilte.

– Ach, mein Herr, Sie sind schon da? sagte sie, indem sie sich leicht vor ihm verneigte. Sie sind liebenswürdiger, als Sie versprochen haben.

– Und das wünschten Sie vielleicht nicht! fügte der Fürst hinzu.

– Welche Thorheit! ich bin allein mit der jungen Freundin, von der ich Ihnen bereits gesagt habe, und mit Herrn von Voltaire.

– Der Niemand ist, mein gnädigster Herr, fügte dieser hinzu, indem er sich tief verneigte.

– Frau Marquise Du-Deffand, gnädigster Herr, fuhr das übermüthige Geschöpf fort, indem es mich zu dem Fürsten zog, eine liebenswürdige Frau, für die ich Ihre Güte erbitte. Ihr Mann ist im Dienste, es ist unmöglich, daß er nicht irgend eine Bitte an Sie zu richten hatte, die Sie ihm gnädigst bewilligen werden.

– Madame hat mir nur ihre Befehle zu ertheilen, und ich beeile mich zu gehorchen! antwortete der Fürst mit einem jener Blicke, welche die Frauen errathen und eine ganze Unterhaltung ausmachen.

Ich konnte nichts weiter finden als eine einfältige Verbeugung, einen jener Pfauen- oder Truthahn- Knixe, die Zeichen der Verlegenheit oder des Dünkels.

Der Fürst täuschte sich nicht darüber, er ließ mir Zeit mich zu fassen, und wandte sich lächelnd zu Voltaire, indem er sagte:

– Ach, Sie, Herr Prophet, Herr Raisonneur! Ich habe diesen Morgen an Sie gedacht.

– An mich, gnädigster Herr? Ich habe große Furcht. Liegt nicht etwas Bastille auf dem Grunde dieses Gedankens?

– Sie haben les Phillppiques nicht gemacht, Herr von Voltaire, Sie sind dessen unfähig, fuhr der Regent in bewegtem Tone fort.

– Hat man gewagt, mich dessen anzuklagen, gnädigster Herr? rief der beleidigte Dichter.

– Nein, nein, mein Herr! Der Verfasser verbirgt sich nicht, er ist La Grange Chancel, ein alter Page der Prinzessin von Conti, Haushofmeister bei meiner Mutter, der durch unser Haus ernährt und erzogen ist. Und dieser Mann beschuldigt mich, daß ich ein Blutschänder, ein Giftmischer, und Gott weiß was Alles sei.

Als Frau von Parabère sah, daß eine schmerzliche Bewegung in ihm aufstieg, wollte sie seine Hand ergreifen. Sie wußte, wie tief diese Wunde war, seit der Herzog von Orleans jene Verse kannte; er sagte Allen davon, die sich ihm näherten.

Der Fürst entzog sich ihr sanft.

– Beruhigen Sie sich, Madame, ich werde mich nicht mehr damit beschäftigen. Diesen Morgen habe ich Justiz geübt.

– Wie, gnädiger Herr! La Orange…

– Ich hoffe, Sie werden ihn rädern lassen? sagte rasch die Marquise.

– Nein, Madame, ich habe ihn kommen lassen und habe ihn gefragt, ob er alle Abscheulichkeiten dächte, die er geschrieben. Er hat mir mit Ja geantwortet.

– Um so besser! denn wäre es anders, so hätte ich Ihnen gerathen, ihn hängen zu lassen.

– Ich habe ihn einpacken und nach der Insel Saint-Marguerite schicken lassen, wo er nicht lange bleiben soll, da er nur mich beleidigt hat. In Bezug auf Sie, Herr von Voltaire, ist meine Gesinnung besser, als Sie glauben. Sie können zu meinem Schatzmeister gehen, der Ihnen eine Summe einhändigen wird, die dem Oedipus hilft, einen andern Erfolg erwarten.

– Ach, gnädigster Herr, wie dankbar bin ich Ihnen! Sorgen Sie stets so für meine Nahrung, aber beschäftigen Sie sich ferner nicht mehr mit meiner Wohnung.

Der Regent wollte antworten, als die Thür geöffnet ward, und ein Laquais den Grafen von Horn anmeldete. Das Gesicht des Fürsten zog sich augenblicklich zusammen, und Frau von Parabère ward feuerroth. Voltaire lächelte wie immer; aber er vermied es irgend eine Person anzusehen, sein Lächeln sagte genug.




Zwölftes Kapitel


Der junge Mann, der nun eintrat, war auffallend schön und auffallend geputzt; in seiner ganzen Person lag eine ungewöhnliche Distinction, die sich durchaus nicht verkennen ließ. Der Ausdruck seiner großen verschleierten Augen war eine rührende Melancholie, eine verhängnißvolle Traurigkeit, die einen unwiderstehlichen Zauber ausübte. Mit einem kaum merklichen Stolze, der sich unter einer tiefen Achtung verbarg, grüßte er zunächst den Regenten, dann Frau von Parabère affectirt ceremoniell; dann mich, und zuletzt Voltaire. So unerfahren und neu ich auch war, so errieth ich dennoch ein Geheimnis, und einen Zwang; ein Jeder, so schien mir, und vorzüglich der Herzog von Orleans, war unangenehm berührt.

– Ich glaubte, Sie seien abwesend, Herr Graf, sagte er endlich im Tone eines Gebieters, der fragt und tadelt.

– Ich bin in der That nach Deutschland verreist gewesen, gnädiger Herr; aber ich bin zurückgekehrt.

– Ihre Familie hat Sie erwartet, mein Herr; Ihre Mutter hat schriftlich »Madame« gebeten, Sie reisen zu lassen, und wir hatten uns verbindlich gemacht, Sie dem Prinzen, Ihrem Bruder, zurückzusenden.

– Verzeihung, mein gnädigster Herr, in diesen Worten waltet ein kleiner Irrthum ob; die Dinge sind nicht ganz auf diese Weise von Statten gegangen, und deshalb bin ich zurückgekehrt.

– Was heißt das, mein Herr? unterbrach ihn der Regent mit stolzer Hoheit. So hätte ich eine Lüge gesagt?

– Der Himmel behüte mich, so etwas zu denken, gnädigster Herr! Ich will nur sagen, daß man Sie getäuscht hat. Nicht meine Mutter hat um meine Zurückberufung geschrieben, sondern es sind von hier aus falsche Berichte an meine Familie gegangen, die sie über mein Betragen beunruhigt haben. Ich habe mich darüber erklärt, habe die Schriftstücke gesehen und die Verleumdung vernichtet. Sicher, daß man mich in meinen Plänen und Vergnügungen ferner nicht stören wird, bin ich zurückgekehrt.

– Ich wünsche es, mein Herr; aber ich fordere Sie auf, daß Sie sich Madame nicht vorstellen; die Mißachtung ihrer Gefälligkeiten und ihrer Vermittelung wird ihr sicherlich nicht gefallen, und Sie würden übel empfangen werden.

– Ich komme soeben von Ihrer Königlichen Hoheit; meine erhabene Cousine hat mich mit gewohnter Güte empfangen. Sie hat mir Anfangs ein wenig gezürnt, später aber verziehen, indem sie mich von unserm lieben Deutschland und von unsern Verwandten zu reden aufforderte.

Der Regent biß sich in die Lippen.

Der junge Mann spielte den Vorsichtigen.

Die Marquise brachte das Gespräch auf einen andern Gegenstand und zog Voltaire mit hinein, der sich bei Seite hielt, und mit seinem bekannten Teufel von Lächeln beobachtete. Er ließ sich bitten, denn Arouet war in seiner Jugend, wie ich bereits gesagt, kein Hofmann. Er hatte es gern, daß die Großen zu ihm kamen, und er ging ihnen nur entgegen, um über ihre Allmacht zu spotten. Es lag in ihm etwas von einem Regierungsunzufriedenen und von einem rebellischen Bürger. Damals war er noch nicht der Bastard-Edelmann, den wir seit jener Zeit gesehen haben. Frau von Parabère verlor die Geduld darüber und hielt sich an mich.

– Sehen Sie doch, gnädigster Herr, welche schonen Augen und Haare diese kleine Frau aus der Provinz besitzt. Sie könnte uns wahrlich um so mehr eifersüchtig machen, da sie nicht stolz darauf ist und es scheint, als ob Gott sie ebenso bescheiden und schön erschaffen hat, als Frau von Brancas häßlich ist.

Der Regent war zu artig, um mich nach einer solchen Aufforderung nicht anzusehen; er wandte den Kopf nach mir. Sein Auge sagte mir mehr, als Frau von Parabère vielleicht dachte. Ich senkte die Blicke zu Boden.

– Madame, begann der Fürst, werden Sie nicht in das Palais-Royal kommen? Es wird mich freuen, Sie recht oft dort zu sehen.

Ich verstand die Kunst nicht, zu sprechen, ohne etwas zu sagen, zu versprechen, ohne zu versichern. Ich ward roth und antwortete nicht. Die Marquise übernahm die Antwort.

– Morgen, mein gnädigster Herr, morgen werde ich sie bei Frau von Berry und bei Ihrer Königlichen Hoheit einführen; aber wir haben einen Ehemann aus Burgund, der das Wachen nicht liebt und es gern hat, wenn seine Frau ihm in allen Dingen nachahmt. Dieser Ehemann sieht in Ihnen nichts Anderes, als den Antichrist, den Teufel mit Horn und Gabel, und da wir noch jung sind, fürchten wir diese ehrwürdigen Personen, wir wagen nicht…

Der Regent horchte mit halb gesenktem Kopfe und als ob er einen Entschluß faßte.

– Herr Du-Deffand ist ohne Zweifel ein guter Soldat, Madame? Er hat gedient, ich weiß es – wird er eine vertrauliche Sendung übernehmen?

Ich ward roth bis unter die Augen. Da ich nicht dumm war, begriff ich den ganzen Umfang dieser Frage. Es widerstand mir, darauf zu antworten. Die Entfernung meines Mannes beunruhigte mein Gewissen. Ich fühlte, daß er mir eine Stütze, wenn auch eine schwache war, und daß ich, indem.ich an seiner Entfernung mitwirkte, mir das einzige Mittel raubte, den mich umgebenden Verführungen zu widerstehen. Der Vorschlag des Fürsten erschreckte mich.

Die mit aller weiblicher Schlauheit ausgerüstete Frau von Parabère bemerkte es; sie trat dazwischen, ohne mir Zeit zur Antwort zu lassen.

– Nein, nein, gnädigster Herr, was denken Sie? Es ist noch zu früh, um zwei Neuvermählte zu trennen, um diese junge Frau ihres Schützers zu berauben.

– Ja wohl, warf Voltaire ein, man lasse ihnen wenigstens Zeit, sich kennen zu lernen, damit sie sich verabscheuen können, indem sie erfahren warum.

Der Graf von Horn schwieg und sah die Marquise an, als der Regent ihn außer Acht ließ. Der Einzige, der sich von uns Allen nicht beengt fühlte, war sicherlich der Dichter; er lachte über Andere und betrachtete »den kleinen Raben« wie ein Schauspiel, um die Aufmerksamkeit von unserm kleinen Cirkel abzulenken und nach einem andern Orte zu übertragen, er erforschte den Hof und die Stadt, und fand Tugenden, die nicht existirten, Laster, die niemals bekannt gewesen, in der Absicht, ihren königlichen Liebhaber anderswo zu zerstreuen, der diesen Abend sehr geneigt zum Denken erschien.

– Sie kennen die Zänkereien der Frau von Pleneuf und der Frau von Prie, nicht wahr, gnädigster Herr?

– Ich habe davon gehört. Von Prie will seinen Gesandtschaftsposten nicht mehr, er, ist eben so unentschieden, als seine Frau selbst, die eine sehr hübsche Person ist.

– Wer zweifelt daran? Ich finde sie reizend und geistreich.

– Sie ist kaum achtzehn Jahre alt – nicht wahr, Marquise?

– Ich weiß es nicht genau, aber nach ihrem Gesichte zu urtheilen, muß sie noch jünger sein.

– Sie haben heute einen Tag der Gerechtigkeit, und es ist an Ihnen…

– Seien Sie eben so gerecht, als ich, sagte sie leise zu dem Fürsten, und indem sie sich mit einer liebenswürdigen Einfältigkeit ihm näherte. Zürnen Sie diesem armen Grafen von Horn nicht, der es auf keine Weise verdient.

Der Regent biß sich in die Lippen.

– Er! Er ist ein Mensch ohne Treu und Glauben, ohne Ehre, ein Leichtsinniger, ein Spieler!

Sie begann zu lachen, und entließ durch einen Wink den Grafen. Voltaire befand sich bereits in einem andern Saale und betrachtete ein Gemälde. Wir drei blieben allein.

– Philipp, sagte sie, stets noch lachend, sehen Sie mich an, wenn Sie können, und wiederholen Sie Ihre Vorwürfe.

– Ja, ich werde sie wiederholen, er ist ein Leichtsinniger, ein Spieler.

– Und Sie?

– Nun, ich besuche die Spielhäuser nicht, ich laufe auch nicht…

– Nein, weil Sie Alles zu Hause haben. Bekennen Sie offen, Sie zürnen diesem jungen Manne nicht wegen seines Betragens, um das Sie sich wenig kümmern, sondern weil Sie voraussetzen, daß er in mich verliebt ist.

– Sehe ich denn aus wie ein Eifersüchtiger? Ah, meine liebe Marquise, müßte ich mir einmal diese Mühe nehmen, anstatt das Königreich zu regieren, ich würde kaum im Stande sein, Ihre Liebhaber im Zaume zu halten.

– Spotten Sie, so viel Ihnen beliebt, wenn Sie mich nur anhören. Dieser junge Mann liebt mich, es ist wahr.

– Wirklich?

– Ja, er liebt mich, und es giebt deren noch mehre. Warum beunruhigen Sie sich darüber?

– Ich beunruhige mich nicht.

– Ach, gnädigster Herr, dies ist eben nicht schmeichelhaft für mich. Nehmen Sie sich in Acht!

– Madame, ich lasse Ihrer Tugend Gerechtigkeit widerfahren.

Wir waren zu drei; ich hatte große Lust, aufzustehen, denn meine Lage war nicht haltbar. Ich machte eine Bewegung – die Marquise hielt mich zurück, sie wollte ohne Zweifel einen Zeugen haben.

– Mein gnädigster Herr, fuhr sie beharrlich fort, und zwar mit einer gewissen Bewegung, Sie hassen den Grafen von Horn – gestehen Sie es ein?

– Madame, ich hasse nur die Feinde des Königs, ich habe nie die meinigen hassen können. Was meine Nebenbuhler anbetrifft, wenn ich deren habe, so verachte ich sie, oder ich vergesse sie. Ich begreife nicht, warum Sie sich so eifrig dieses Fremden annehmen? Er ist ein Vogel auf der Straße, unwürdig, daß wir uns Beide mit ihm beschäftigen. Mein Haß würde eine unverhoffte Ehre für ihn sein. Ich bitte, reden wir von andern Dingen, es ist schon zu viel. Rufen Sie Voltaire, Ihren Protegé, Sie stehen im Begriffe, Madame Du-Deffand glauben zu machen, daß ich Sie wie ein junger gascognischer Edelmann anbete, und daß ich aus Eifersucht meinen eigenen Schatten fürchte – dies hieße mich sonderbar beurtheilen, bekennen Sie es!

Die verschmitzte Marquise hatte ihren Zweck mit einer Kühnheit erreicht, die ich nicht vorauszusetzen gewagt hatte. Ich verstand damals nichts davon, später aber ward mir diese so geschickt angelegte Scene klar, deren Zweck der gute Fürst nicht ahnte. Er blieb noch einige Augenblicke, indem er mit Voltaire und selbst mit dem Grafen von Horn sprach, und zwar mit Letzterem auf eine Weise, als ob nichts vorgefallen wäre. Der Herzog von Orleans war gut, er besaß viel Geist, er führte eine anziehende Unterhaltung, er wußte selbst sehr viel, und wäre er ein schlichter Privatmann gewesen, es hätte wenig seines Gleichen gegeben. Ich war entzückt über ihn. Er verließ uns, indem er einem Jeden, selbst dem Grafen von Horn, eine Artigkeit sagte. Die Marquise begleitete ihn bis in das Vorzimmer, nicht um der Etikette zu genügen, sondern vertraut, den Arm auf seine Schulter gelehnt; sie legte sich durchaus keinen Zwang auf. Auch Voltaire und der Graf entfernten sich bald.

– Wo essen Sie zu Abend? fragte mich die Marquise.

– Zu Hause, mit meinem Manne.

– Wahrhaftig! Bleiben Sie hier. Ich werde meine Thür verschließen, und wir plaudern zusammen.




Dreizehntes Kapitel


Frau von Parabère lachte viel, ich habe es bereits gesagt; sie schien sehr lebhaft und ausgelassen zu sein, sie scherzte über die ernstesten Ereignisse, und dennoch fand ich, daß in dieser Fröhlichkeit etwas Gezwungenes, etwas Schmerzliches lag, wenn ich mich so ausdrücken darf. Sie schien gewaltsam eine Maske vor ihrem Gesichte zu tragen.

Wie fast jeden Abend, so sollte sie auch heute in dem Palais-Royal soupiren. aber aus einer Art Eigensinn leistete sie darauf Verzicht, um bei mir zu bleiben. Ich bemerkte die Veränderung ihrer Laune und fragte sie um den Grund.

– Ah, ah! entgegnete sie, einen Grund! Warum soll ich einen Grund haben? Warum soll ich mir darüber Sorgen machen? Ich habe meine Laune geändert, ohne es zu bemerken, und wenn ich Ihnen den Grund davon sagte, so würden Sie mir nicht glauben. Sprechen wir von andern Dingen, sprechen wir von Ihnen, erzählen Sie mir von Ihren ersten Jahren, von Ihrer Heirath! Sagen Sie mir, ob Sie einen galanten Mann haben, oder ob Sie uns eine Tugend voll Scheinheiligkeit und Frömmigkeit bringen. Das wäre Schade, wahrhaftig, mit einem so hübschen Gesichte wäre es Schade!

Ich hatte durchaus keine Lust, etwas zu erzählen. Obgleich Frau von Parabère mir ungemein gefiel, so machte sie mich dennoch bestürzt, ich war für so etwas nicht geschaffen. Der Antwort auf ihre Frage wich ich dadurch aus, daß ich auf Herrn Du-Deffand und auf die Art, wie unsere Verbindung entstanden, zurückkam. Sie spottete über meine Gutmüthigkeit, wie sie es nannte, und über meinen Entschluß, ihm durchaus treu bleiben zu wollen.

– Aber, Madame, wie kann ich meinen Mann täuschen…

– Man täuscht ihn nicht, meine Liebe, man amüsirt sich. Haben Sie ihn heute getäuscht? Und doch sind Sie hier ohne seine Erlaubniß.

Der Beweisgrund war ein scheinbarer, ich fand keine Antwort darauf. Aber ich war immer noch schüchtern auf diesem Wege, ich ging erschreckt weiter, denn ich fürchtete mich zu verirren und zu verlieren. Aber ich war auch neugierig, und wollte Kenntnisse sammeln; deshalb fragte ich viel. Der Marquise kam nichts gelegener, als daß sie antworten konnte. Wir plauderten wie zwei gute Freundinnen, und ich begann mich zu unterrichten, ich begann vorzüglich Vergnügen an diesem Unterrichte zu finden. Da trat ein Diener ein, und meldete einen Boten des Regenten an.

– Ach, sagte die Marquise mit einem Anfluge von Laune, was will er denn noch von mir? Ich hatte ihn schon vergessen.

Der Bote war ein Page, ein sehr hübscher Page, der Chevalier von Ravannes, eben so schlau als kühn, wie es seine Obliegenheiten erforderten. Er grüßte uns cavaliennäßig, und überreichte ein Billet, das Frau von Parabère mit ihren Fingerspitzen in Empfang nahm. Indem sie las, erröthete sie und biß sich in die Lippen.

– Wie, bin ich nicht Herrin meiner Zeit? Kann ich denn nicht zu Hause mit einer guten Freundin allein bleiben, ohne daß man nach mir schickt, weil das Souper in meiner Abwesenheit ein trauriges ist? Muß ich denn für Zerstreuung sorgen? Ich werde nicht kommen, Herr von Ravannes, sagen Sie dies Sr. Hoheit.

– Madame, Ihre Hoheit erwartet Sie!

– Nun, so mag sie mich erwarten.

– Man erwartet Sie, ebenso auch die Frau Marquise Du-Deffand. Ich bin beauftragt, Sie ganz besonders einzuladen.

– Mich? rief ich erschreckt.

– Ja, Madame! gab er mit einem sehr einnehmenden Lächeln zur Antwort.

– Wie, Madame Du-Deffand? Dann muß ich sie führen, dann muß ich sehen, wie sie diesen Abend zum ersten Male bei einem Souper im Palais-Royal auftritt. Ach, die kleine Frau, die sich vor Allem fürchtet, die uns für der Hölle entflohene Kinder hält! Das ist etwas anderes! Das kommt mir recht! Ich werde gehen – wir werden gehen! Ich werde mich unendlich amüsiren!

– Ich kann die Einladung nicht annehmen, Madame, antwortete ich bewegt.

– Nicht annehmen? Das wäre eine schöne Thorheit! Schlägt man dem Regenten etwas ab?

– Madame, ich habe den Befehl, Sie zu entführen. Ich war dem Weinen nahe.

– Unmöglich! Ich kann durchaus nicht! fuhr ich fort.

– Madame, ich habe den Befehl, nicht ohne Sie fortzugehen.

– Aber Herr Du-Deffand?

– Ich soll ihn, nachdem ich hier meinen Auftrag vollzogen habe, benachrichtigen. Mein gnädigster Herr hat daran gedacht, er denkt an Alles.

– Herr Du-Deffand wird in Zorn gerathen, er wird mir niemals verzeihen!

– Wird er es wagen, gegen den Herzog von Orleans in Zorn zu gerathen?

– Ach, daß ich Unglückliche hierher gekommen bin! Ich hätte auf meinen Mann, auf meine Tante hören sollen. Man hat es mir wohl gesagt, daß ich weiter gehen würde, als ich möchte.'

– Auf Ehre, Chevalier, sie ist bewunderungswürdig. Ich wette, daß sie weinen wird.

Ich hatte große Luft dazu, aber nie fand ich mich mehr daran verhindert. Ravannes und die Marquise brachen in ein lautes Gelächter über mich aus. Dies brachte mich wirklich in Zorn. Es gab indeß noch eine Stimme, die mir ein Ja zuflüsterte. Ich ward durch Furcht, durch einen Rest von Vorunheil zurückgehalten, außerdem hatte ich große Luft mich zu amüsiren, mehr aber noch große Lust das kennen zu lernen, was mich so heftig erschreckte. Ich machte noch einen letzten und schüchternen Einwand.

– Kann ich denn in einem solchen Anzuge gehen?

– Ihr Anzug ist gut, wenn wir ihm noch einige Schmucksachen hinzufügen, und dies ist das Werk eines Augenblicks. Sie werden dann schön, und noch schöner sein, als die andern. Sie fangen an, auf bessere Gedanken zu kommen.

– Nein, nein, Madame, ich will nicht, ich kann nicht!

– Herr von Ravannes, gehen Sie und benachrichtigen Sie Herrn Du-Deffand. Hören Sie nicht auf diese weinende Schöne. Während der Zeit bereiten wir uns vor. Ehe eine Stunde verflossen, wird man bei Tafel sein.

– Madame… mein Herr, unternehmen Sie Nichts! Begreifen Sie denn nicht, daß ich erst Morgen früh nach Hause kommen würde? Und wie wird man mich empfangen!

Das Lachen verdoppelte sich. Ich lachte nicht mit.

– Sie hat Furcht vor der Ruthe. Das ist köstlich! Schade, daß sie einen Mann hat, man würde sie sonst als eine Mündel des Königs einschreiben lassen, und alle Chamronds der Welt würden darüber ihr Latein vergessen. Gehen Sie, Ravannes, gehen Sie schnell! Um die Schwierigkeit zu beseitigen, werden wir sie morgen durch eine Korporalschaft der Wache nach Hause geleiten lassen, durch das respectabelste Corps Europa's – dann wird man sie gut empfangen.

Der Page entfernte sich. Halb freiwillig, halb gezwungen folgte ich Frau von Parabère in das Toilettenzimmer. Sie rief ihre Frauen, die mich wie eine Puppe putzten und coiffirten, ohne daß ich eine Hand anzulegen brauchte. Die Marquise kreiste um mich herum, sie ordnete an und gab Befehle. Ich ließ Alles mit mir geschehen, und mußte bald über mich lächeln, denn ich fand, daß ich schön war. Dies war mehr als die Hälfte des zurückgelegten Wegs.

Der kleine Rabe dachte bei sich, Niemand hat mehr Geschmack. Ich sah, daß sie sich plötzlich umwandelte, die Lebhaftigkeit ihrer Bewegungen setzte mich immer mehr in Erstaunen. Aber ihr Lachen war verschwunden, seit sie sich nicht mehr mit mir beschäftigt; ihr Gesicht hatte einen so ernsten Ausdruck, wie ich ihn früher nicht bemerkt.

– Man zwingt mich, diese Nacht zu kommen, sie sollen mir dafür zahlen! Ich werde Niemanden verschonen, und wir werden dann sehen, wie sie mir meine Freiheit danken.

– So sind Sie schlecht?

– Ich bin wüthend. Es ist mir unerträglich, daß man mich stört, und daß mein Liebhaber mir gegenüber den Fürsten spielt. Ich bin dieses Joches müde.

– Warum brechen Sie es nicht?

– Es brechen! Das ist leicht gesagt; aber was soll ich dann beginnen?

– Es giebt noch so viel Dinge!

– Es giebt keine. Mein liebes Kind, merken Sie sich das, ich habe heute meinen Tag der Wahrheit, und ich theile Ihnen jetzt eine Wahrheit mit: es giebt eine gewisse Existenz, die nothwendig wird, wenn man sie erkannt hat. Man verwünscht sie, man beklagt sie, man rast, man will sie aufgeben; aber man kommt unwillkührlich darauf zurück, man kann eine andere nicht mehr beginnen, alles Uebrige wird zum Ekel, und hieraus entsteht das unmögliche Glück, weil man es nirgends finden kann. Diese Existenz nun ist die meinige, und sie wird die Ihrige werden, zweifeln Sie nicht daran. Lassen wir uns dadurch aber nicht behindern, mit Seiner Hoheit zu Nacht zu essen, und uns zu beeilen, denn man erwartet uns.




Vierzehntes Kapitel


Wir betraten den königlichen Palast. Ich konnte mir über die Vorgänge noch keine Rechenschaft ablegen. Ich ward mit fortgezogen ohne zu wissen wohin, und ohne zu überlegen; ich war mehr als zur Hälfte zufrieden und suchte meine Unruhe zu verscheuchen. Gern hätte ich gesagt, wie eine Person aus dem Alterthume:

»Morgen kommen die ernsten Angelegenheiten.«

Wir stiegen eine kleine Treppe hinan, denn wir gingen zu einem vertrauten Souper. Die Zimmer, die wir betraten, waren durch die Gänge nur wenig erhellt, aber die Marquise kannte sie genau. Ein roth gekleideter Knabe ging vor uns her. Weiterhin fanden wir Kammerdiener, dann Huissiers, und endlich die geöffneten Thüren eines Saales. Ich fühlte, daß ich mich in einer duftenden Atmosphäre befand, in dem Scheine von tausend Kerzen, wo reizende Frauen und elegante Männer plauderten und nach Herzenslust lachten. Ich war geblendet, betäubt, und hörte nicht, daß mich Frau von Parabère dem Regenten vorstellte, den ich Anfangs nicht grüßte, weil ich weder hörte noch sah. Als ich mich ein wenig erholt, unterschied ich den Fürsten, der mir die Hand leichte; ich bemerkte zwei oder drei Schönheiten, die mich prüfend ansahen, und hörte die Marquise, welche nach den Namen der Gäste fragte.

– Wen haben wir diesen Abend, gnädigster Herr?

– Frau von Sabran, Frau von Phalaris, Frau, von Lussan, Frau von Pleneuf; Nocé, Richelieu, Lafare, Simiane, Lauzün… und ich weiß nicht, wen noch.

– Wie, der alte Herzog von Lauzün?

– Setzt Sie das in Erstaunen? Ich war noch erstaunter darüber, denn ich verzeihe ihm das schöne Stück Arbeit nicht, das er mir im Luxembourg gemacht hat; aber er hat mich mit jener Unverschämtheit gebeten, bei mir soupiren zu dürfen, die Sie kennen, und ich habe nicht gewagt, ihn abzuweisen.

– Wird man aus dem Luxembourg kommen?

Der Fürst zuckte mit den Achseln.

– Sprechen Sie nicht davon, diese thörichte Liebe entführt uns ihn – sie will mit ihm allein bleiben; es ist ein wahrer Scandal!

– Ich werde ihm morgen Madame Du-Deffand vorstellen; ich werde es sehen.

Die Herzogin von Berry, die Tochter des Herzogs von Orleans, von der die Rede war, bewohnte den Luxembourg. Sie war in den Herrn von Riom, den Neffen des Herzogs von Lauzün, verliebt. Dieser, ein Mann von mehr als achtzig Jahren, einst der Geliebte von Mademoiselle, hatte seit einigen Jahren erst eine reizende Person geheirathet, die Tochter des Herzogs von Lorges, Schwester der Herzogin von Saint-Simon; er hielt seine Gattin in Passy eingesperrt, und machte sie unglücklich bis zum Sterben. Dies geschah aus einer sehr ungegründeten Eifersucht. Trotzdem aber suchte er sich Maitressen, rühmte sich, solche zu haben, lief den hübschen Frauen nach, und besuchte übel berüchtigte Orte.

Da sein Neffe der Frau von Berry gefiel, gab sie ihm die besten Nachschlage über die Art und Weise sich zu betragen, und brachte die Enkelin Ludwigs XlV. dahin, daß sie heimlich einen Edelmann aus Gascogne Heirathete, wie er selbst einst die Enkelin Heinrichs IV. geheirathet hatte. Dies sind zwei sehr hervorragende Thaten in dem Leben eines Mannes.

Lauzün, der übrig bleibende, hatte ein gewöhnliches Gesicht mit einem impertinenten Ausdrucke, und eine kleine von Stolz und Eigendünkel aufgeblähte Gestalt; er besaß viel Geist, eine Sicherheit, die nichts Wanken machte, große Ruhmredigkeit, eine Meinung von sich selbst, die an Verehrung grenzte – mit einem Worte, er war eine jener Persönlichkeiten, aus der man in jugendlicher Verirrung und Hitze einen Geliebten, aber nie einen Freund machen kann. Dies ist nur ein schwacher Umriß von jener außergewöhnlichen Ruine; später wird man ihn besser kennen lernen.

Frau von Parabère näherte sich den Frauen, die sie erwarteten; ich folgte ihr. Frau von Sabran hatte zuerst die Gewogenheit des Regenten mit ihr getheilt; sie hatte ihren Platz der Frau von Phalaris eingeräumt, und erschien jetzt in dem königlichen Palaste nur als Gast.

Die Herzogin von Phalaris, deren Mann der Papst zum Herzoge gemacht hatte – diese Erhebung hatte weiter keine Folgen, man schlug seinen Rang eben nicht hoch an – war eine große, dicke Blondine mit weißer Haut, schmachtenden Augen und einem… zweideutigen Betragen. (Mein kleiner Secretair braucht dieses Wort nicht zu verstehen.)

(Anmerkung des kleinen Secretairs: Er versteht es ganz gut!)

Frau von Phalaris besaß durchaus keine Grazie, aber sie wußte diesen Fehler durch einen andern, für den Regenten äußerst werthvollen zu ersetzen: dies geht uns nichts an.

Die Marquise, die sie nicht leiden konnte, hatte den Entschluß gefaßt, sie zu verspotten; sie begann, sie mit Complimenten über ihre Toilette zu überhäufen, die, beiläufig gesagt, einen sehr schlechten Geschmack verrieth. Sie bestand nur aus Bijouterien, Goldstoff, Perlen, Diamanten und Halsbändern. Das Kleid ließ fast ihre ganze Brust sehen. Auch als ihre Rivalin sagte sie der Frau Sabran, wie heimlich, aber so, daß es alle verstehen konnten:

– Diese gute Herzogin weiß wohl nicht, daß die Männer nur das betrachten, was man ihnen verbirgt.

– Madame, antwortete Frau von Phalaris beleidigt, indem sie auf das einfache Costüm der Marquise anspielte, Sie tragen ein reizendes Hauskleid, es sitzt Ihnen zum Entzücken; aber Sie sehen aus, als ob Sie eben aus dem Bette gestiegen wären.

– Ich mache es nicht wie Sie, Madame; man möchte schwören, daß Sie sich seit gestern Abend nicht schlafen gelegt hätten.

– Dies begegnet wohl mitunter den schönen Frauen unserer Zeit? fragte unschuldig der Herzog von Lauzün. In meiner Jugend gestand man solche Dinge nicht ein, und keiner von uns rühmte sich eines solchen Sieges, unbeschadet des Reversino und des Landsknechts.

– Andere Zeiten, andere Sitten, Herr Herzog. Sie würden heute sicherlich ein ähnliches Glück zur Schau stellen, wenn es Ihnen begegnete.

– Verzeihung, Madame, ich bin nicht der Regent, ich bin, Gott sei Dank, noch weniger als der Graf von Horn, und nicht mehr als der Marquis…

Zum Glück für Frau von Parabère unterbrach die Ankündigung des Souper diese Litanei, denn der boshafte Greis war aller Scham baar, und man konnte ihm gegenüber nie das letzte Wort behalten.

Man ging in den Speisesaal. Welch ein Wunder von Eleganz und Reichthum! Man ließ mich zwischen Herrn von Lauzün und dem Regenten Platz nehmen. Zur Rechten des Letztern saß Frau von Parabère, neben dieser der Herzog von Richelieu.

– Gnädigster Herr, rief unbesonnen Herr von Nocé, werden wir den Kardinal nicht sehen?

– Er erwartet die Erlaubniß der Frau von Parabère, die ihn verbannt hat, wie ich voraussetze. Doch nein, da ist er ja! Setze Dich zu Tische, Abbé, und erzähle uns Neuigkeiten. Wenn Du keine weißt – wer soll uns welche mittheilen?

– Ich weiß nur zu viel, mein gnädigster Herr. Die gewisstste ist, daß ich alt werde und das Gedächtniß verliere.

– Was Haft Du vergessen?

– Mein Souper von gestern.

– So warft Du wohl sehr krank?

– Man setzt Abends, wenn ich arbeite, eine Suppe und ein Geflügel neben mich; geschähe dies nicht, so würde ich oft nüchtern schlafen gehen. Gestern um zehn Uhr bekam ich Hunger, ich fragte nach meinem Souper – meine Leute versicherten, daß ich es gegessen habe, und dennoch…

– Sie müssen es gegessen haben! unterbrach man ihn von allen Seiten.

– Die Geschichte durchläuft ganz Paris, sagte mir Lauzün in's Ohr; sein Haushofmeister hatte ihn vernachlässigt, und man hat für ihn diese Fabel erfunden. Der große Minister glaubt sie!

– Hast Du Deine Officianten nicht getödtet? fuhr der Fürst fort.

– Da hätte man viel zu tödten, von dieser Sorte ist stets vorhanden! Mein gnädigster Herr verlangt Neuigkeiten? Gut, ich habe einige wissenswerthe: zunächst die lauten Klagen der Polizei gegen die Frau Marquise von Parabère.

– Gegen mich?

– Ja, Madame! Sie allein geben uns mehr zu thun, als alle Unterthanen des Königs zusammengenommen.

– Wie?

– Die Rapporte sind voll von Ihnen. Ueberall hört man von Opfern Ihrer Augen, die sich tödten oder vor Verzweiflung sterben. Wir wissen nicht, was wir davon denken sollen.

– Es giebt Leute, die nicht davon sterben, sagte die Gräfin von Lüssan.

– Haben Sie die Güte, Madame, diese Leute aufzunehmen; Sie üben eine Großmuth, die ich Ihnen Dank weiß! antwortete Frau, von Parabère.

– Ah, wenn man einer solchen Kleinigkeit wegen stürbe, rief der Marquis Lasare, so würde keiner von uns Hier sein.

– Wie, eines Korbes wegen?

– Ich erkläre, daß ich nie einen Korb erhalten habe! lief läppisch Herr von Richelieu.

– Und ich erkläre, daß ich nie einen gegeben habe! Ueber diese Unschuld der Frau von Phalaris brachen alle Gäste in ein lautes Lachen aus.

– Mein Gott! Diese Frau wäre mitunter geistreich, wenn sie nicht so dumm wäre, flüsterte die Marquise ganz leise ihrem Nachbar zu.




Fünfzehntes Kapitel


– Marquise, Sie hegen diesen Abend eine köstliche Verachtung unser Aller, sagte Frau von Sabran.

– Ich verachte niemals meine Freunde, Madame, und Sie wissen eben so gut als ich, wie Sie es zu verstehen haben.

– Wir haben es bewiesen! fügte der Herzog von Richelieu hinzu.

– Ich habe es Ihnen gut gemacht?

– O gewiß!

– Ich hoffe, es künftig noch besser zu machen.

– Dies wird sehr liebenswürdig sein.

– Heute, zum Beispiel, bin ich sehr gut disponirt.

– Was geben Sie uns?

– Man würde schwören, ich sei eine testirende Tante, und Sie theilten meine Hinterlassenschaft.

– Ich bin neugierig, dieses Testament zu sehen, sagte der Fürst.

– Wird es Ihnen Vergnügen machen, gnädigster Herr? Nichts ist leichter.

– Ihr Testament! Was haben Sie alles zu vermachen!

– Ich habe zugleich vielen Leuten zu genügen.

– Was werden Sie mir hinterlassen? rief der Herzog von Richelieu.

– Meinen Spiegel, Herr Herzog!

– Und mir, Madame?

– Ihnen, Herr von Lauzün, meine Schreibtafel.

– Werden Sie auch mir Etwas zukommen lassen, beste Marquise?

– Beste Frau von Sabran, Ihnen vermache ich mein Affenweibchen Anemisia, das Muster der Wittwen; Frau von Pleneuf wird die Güte haben, meine Parfüme anzunehmen.

Sie hatte es nöthig, sie vergiftete förmlich.

– Und der Regent?

– Meine stärkenden Tropfen.

– Und der Kardinal?

– Meinen Katechismus,

– Und Frau von Phalaris?

– Ah, dies ist das wichtigste meiner Legate; sie wird in allen Dingen meine Stelle vertreten müssen, was nicht leicht ist.

– Sie machen mir Angst, Madame!

– Beunruhigen Sie sich nicht, Frau Herzogin, ich möchte Ihnen noch mehr geben, damit das Fest vollständig sei.

– Ihre Diamanten, Ihre Perlen?

– Vielleicht.

– Ihr Hotel, Ihre Karossen?

– Nein, die behalte ich.

– Nach ihrem Tode?

– Ja, zu meiner Begleitung.

– Dann weiß ich nicht…

– Suchen Sie nur.

– Vielleicht einen Lieblingshund? sagte Herr von Nocé.

– Nein, nein!

– Einen Liebhaber?

– Solche Gegenstände giebt man nicht, dies zu besorgen lassen Sie uns nicht Zeit, Sie besorgen es selbst.

– Wir folgen Ihrem Beispiele, Madame; denn, Gott sei Dank, Sie wechseln schneller als wir; aber in Ihrem Sinne ist die letzte Liebe stets die stärkste.

– Nur die Thoren können uns solche Gründe geben…

– Wahrhaftig? Erklären Sie sich.

– Wozu wäre es gut, mich zu erklären? Wissen Sie es nicht eben so gut als ich? Das erste Mal liebt man aus Neugierde, das zweite Mal aus Verdruß, das dritte Mal aus Erkenntlichkeit, und die übrigen Male aus Gewohnheit.

– Welches ist denn meine Nummer? fragte der Regent.

– Wählen Sie, mein gnädigste! Herr, ich bin nicht die Frau, die Ihnen widerspricht.

– Kommen wir auf Frau von Phalaris zurück. Was hinterlassen Sie ihr?

– Sie errathen es nicht?

– Nein.

– Meinen guten Ruf!

Wir alle brachen in Lachen aus.

– O lachen Sie, lachen Sie! Das ist nicht so leicht zu behaupten. Was sagt man von mir? zunächst sagt man, daß ich meine Anbeter tödte! Frau Herzogin, alle die, welche Sie tödten, fühlen sich bewundernswürdig wohl. Wenn Sie dieselbe Gewohnheit hätten, so würden diesen Abend nur Frauen zu Tische sitzen.

Frau von Phalaris verstand dies nicht, sie lachte, weil die Andern lachten.

– So sagen Sie mir doch endlich mein Legat; Sie lassen mich sehr lange warten.

– Nehmen Sie an, ich sei todt. Ich lasse Ihnen die Huldigungen, die Komplimente, die Schmeicheleien; ich lasse Ihnen meine Freunde, ohne jedoch dafür zu garantiren. Aber ich lasse Ihnen auch meine Feinde: man muß die Beschwerden ebenfalls mit übernehmen. Ich lasse Ihnen die Liebe und das Herz des Herrn Herzogs von Orleans: das heißt ein Kapital auf Leibrente anlegen. Ich hinterlasse Ihnen die Sorge, einen Fürsten zu amüsiren, Höflinge zu empfangen, Verleumdungen zu steuern, Lügen zu machen, allen Zubehör der Thorheit, deren ich müde bin, und wünsche Ihnen eben so viel Glück, als mir.

– Da Sie einmal im Begriffe sind zu testiren, sagte der Herzog von Richelieu, müßten Sie ihr auch Ihren Geist hinterlassen.

– O mein Gott, was sollte sie damit machen? Sie würde sich seiner nicht zu bedienen wissen.

Der Regent war traurig geworden, was ihm öfter begegnete, als man wohl glauben möchte; er küßte die Hand der Marquise von Parabère und sagte:

– Ein hübscher Scherz; aber er ist mir grausam, und ich bitte Sie, ihn einzustellen.

– Grausam! ich wäre grausam gegen Sie? O, mein gnädigster Herr, ich versichere, daß ich nie daran gedacht habe. Man hat mein Testament gefordert, und ich habe es gemacht. Ich habe über das verfügt, was »mir gehört.« Können wir uns nicht unsere Erben wählen?

Herr von Lauzün, der zum ersten Male in dem königlichen Palaste soupirte, hatte aufmerksam zugehört, und wandte seine Blicke von dieser so lebhaften, so freimüthigen und kühnen Frau nicht ab. Sie hatte es bemerkt, und indem sie sich zu ihm wandte, fragte sie ihn, was er von dieser Erbtheilung und von denen dächte, die sie die Nachfolger Alexanders nannte.

– Ich denke, Madame, daß ich eine bei Allem vergessene Nachbarin habe, die wohl ein Andenken verdient, antwortete er, indem er auf mich zeigte.

– O, dieser Nachbarin habe ich nichts zu geben, sie wird sich ihren Theil allein nehmen. Wenn ich ihr Etwas bestimmte, so wäre es mein Witwenschleier, aber unter der Bedingung, daß sie ihn, wie ich, in einen Kasten schließt. Ihnen, der Sie meine Schreibtafel besitzen, stelle ich die Bedingung, daß Sie sich ihrer bedienen, und darin Ihre schöne Jugend erzählen, erzählen, daß die Damen Sie anbeten, und daß Sie durch die Gunst der Liebe im Begriffe stehen, der Vetter des Königs zu werden. Nicht wahr, die Zeiten haben sich geändert?

– Madame, es giebt drei veränderte Dinge: die Zeiten, die Leute, und mich selbst. Von diesen dreien bin ich der am wenigsten Veränderte.

– Und die Frauen?

– Sie haben sich für mich verändert; aber als die Nachfolger Alexanders scheinen sie mir noch dieselben zu sein; ein Jeder von uns ist ein wenig Alexander, wenigstens in seinen eigenen Augen.

– Giebt es denn unter uns Personen, die Sie an diejenigen von ehedem erinnern? Gleicht jemand der großen Mademoiselle? der Frau von Monaco?

Mit der Miene der Scheinheiligkeit und Herzenszerknirschung sagte er:

– Reden Sie nicht von Mademoiselle, sie ist die ewige Trauer meines Herzens.

– Und die andere, und Frau von Monaco? Frau von Monaco, die uns mit jenem lächerlichen Herzoge von Valentinois begnadigt hat, über den wir so viel gelacht haben, ohne ihren im höchsten Grade lächerlichen Herrn Vater zu zählen, was die Prinzessin besser wußte, als irgend Jemand. Wer war diese berühmte Prinzessin von Monaco? Finden Sie hier Jemanden, der Sie daran erinnert?

Nie werde ich den Blick und das Lächeln vergessen, mit denen Herr von Lauzün den Kreis durchlief, den wir bildeten: es war eine vollständige Satyre.

– In einer gewissen Beziehung gleichen Sie ihr alle, meine Damen; aber keine von Ihnen besitzt,weder ihre Züge, noch ihre Art sich zu benehmen. Das Benehmen zur Zeit meiner Jugend läßt sich mit dem Ihrigen nicht vergleichen. Man amüsirte sich anders: der Zweck war derselbe, die Formen waren verschieden; wir waren scheinbar majestätischer, ernster; man entschädigte sich dafür im Geheimen, aber für die Oeffentlichkeit blieb das Decorum. Verzeihen Sie mir Ihnen zu sagen: wir waren größere Herren, wir stiegen nicht leicht von dem Ruhme der Nike herab, wo wir bewundert sein wollten. Ich glaube, dies war gut, und um so besser, da das Vergnügen nichts dabei verlor.

Was würde Herr von Lauzün wohl sagen, wenn er die jungen Herren und die großen Damen von heute, wenn er den erschrecklichen Verfall des Adels sähe, ohne der Zukunft zu gedenken, die noch einen größeren Verfall bringt?




Sechzehntes Kapitel


Ich habe nur wenig gesprochen, denn ich war eingeschüchtert; ich war begierig, die Andern zu hören und von jenem Geiste zu genießen, den der meinige so hoch bewunderte und nach dem ich seit langer Zeit gestrebt hatte. Der Regent beobachtete ein sehr galantes, aber dennoch sehr schickliches Betragen, und mir gegenüber war er achtungsvoller als gegen irgend eine andere Dame, die er genau kannte. Weder in seinem Benehmen noch in seinen Worten lag etwas, das mich zu der Voraussetzung dessen berechtigte, was noch geschehen sollte. Vielleicht gab es in unserer Nähe gefährliche Blicke. Ich vergaß meinen Mann, meine Cousine und die Unannehmlichkeiten, die meiner warteten. Aber als der Augenblick der Heimkehr nahete, erinnerte ich mich alles dessen, und die Furcht begann sich meiner zu bemächtigen. Ich würde nicht davon gesprochen haben, wenn Frau von Parabère, die sah, daß ich ernst wurde, den Herzog von Orleans nicht darauf aufmerksam gemacht hätte.

– Sie zittert, sagte sie lächelnd, sie fürchtet die Zusammenkunft einer wüthenden Familie. Wenn Sie, mein gnädigster Herr, sie nicht beruhigen, und wenn Sie meine Freundin nicht unter Ihren Schutz nehmen, so werden wir sie nicht wiedersehen.

– Ist denn Herr Du-Deffand so schrecklich?

– Mein Gott, gnädiger Herr, er ist durchaus nicht schrecklich; in einigen Monaten, in einigen Wochen, in einigen Tagen vielleicht, wird sie sich nicht um ihn kümmern; Sie begreifen es nicht, warum sie so furchtsam ist, Sie, den Ihr Dubois vor dem Verstandesalter für mündig, erklärt hat! Mit einem Worte, damit sie ihn nicht mehr fürchtet, darf sie sich nicht mehr vor sich selbst fürchten, sie muß sich von den Gewissensbissen der Pensionärin frei machen, und dies läßt sich nicht mit einem Male bewirken. Sie hat diesen Abend kein großes Uebel gethan, nicht wahr? Nun, so ist es nicht ihr Herz, sondern ihr Gewissen, das schlagen wird, sobald sie sich unter dem ehelichen Dache befindet. Sie lachen darüber, Ihr Gewissen schlägt nicht mehr, als Ihr Herz – aber wir sind jung!

– Sie, Marquise, Sie haben noch ein Gewissen und ein Herz? Sollten Sie sich diesen Kram nicht vom Halse geschafft haben?

Der Herzog von Orleans war gut; er machte sich unwillkührlich ein Gewissen über Dinge, die Leute seiner Art nicht beunruhigten; aber er war wie Ludwig XIV. sagte, ein Prahler mit seinen Lastern; er rühmte sich deren, die er nicht hatte.

Frau von Parabère genehmigte diese Anklage nicht; sie flüsterte ihm, ich weiß nicht was, in das Ohr, worüber der Fürst nicht zu lachen wagte. Dann wandte er sich zu Herrn von Lauzün und gab ihm ein Zeichen, daß er näher treten möge.

– Mein Herr, sagte er, Sie sind der Achtbarste in, der ganzen Gesellschaft,

– Glauben Sie das, gnädiger Herr?

– Uebernehmen Sie es, die Frau Marquise Du-Deffand in ihr Hotel zu begleiten, und sagen Sie dem Herrn Du-Deffand, daß ich ihn morgen nach dem Staatsrathe erwarte.

– In meiner Eigenschaft als der Achtbarste der ganzen Gesellschaft werde ich nicht verfehlen, mich dieses Auftrags zu entledigen. Sind dies Ihre letzten Befehle.

– Sie wissen, was man in einem solchen Falle einem rebellischen Ehemann sagen muß? Ich maße mir nicht an, Ihnen das zu sagen, was Sie uns so lange Zeit durch Ihr Beispiel gelehrt haben.

– Leider schon seit zu langer Zeit! Und deshalb weiß ich es sehr genau. Madame, wenn es gefällig ist, fügte er hinzu, indem er mich auf eine Weise grüßte, die sein Versailles aus der schönen Zeit des Ruhms merken ließ.

Unter den Empfehlungen des Fürsten, der Frau von Parabère, mit einem Worte Aller, verließen wir den Saal. Ich stieg in die prächtige Karosse des Herzogs, der als großer Herr stets einen ganzen Zug mit sich führte; wir waren von Fackeln und Laquaien zu Pferde umgeben, von Pagen, die um fünf Uhr Morgens durch die Straßen liefen (es begann mit Ihrer Erlaubniß Tag zu werden) und mit starken Schlägen bei der armen Frau von Sivetot anklopften, welche, sich bekreuzigend, aus dem Schlafe erwachte, und alle Teufel der Hölle an ihrer Thür glaubte.

Ein Domestik öffnete; er fragte, ob die Wache da sei, und schwor bei allen Heiligen, daß er gehorchen würde, wenn man Jemanden in dem Hause suchte.

Herr von Lauzün lachte herzlich darüber.

– Ich habe Dir nur einen Befehl zu ertheilen, sagte er; wecke nämlich sogleich den Herrn Du-Deffand, mit dem ich im Namen Sr. königlichen Hoheit, Madame, zu reden haben.

Er lief davon, seine schlecht befestigten Hosen emporziehend.

Ceremoniell, als ob wir eine Menuette tanzen wollten, reichte mir Herr von Lauzün die Hand, und führte mich in das Haus. Ich ließ es geschehen, denn ich hatte versprochen, durchaus keine Einrede zu erheben.

Man führte mich in den untern Saal; er roch nach Schimmel und nach Frömmelei, das heißt, er war mit jenem Geruche angefüllt, der den Klöstern und vorzüglich den frommen Personen eigen ist, welche die Welt mit ihrer Verachtung bedecken. Der Herzog machte seine Bemerkung darüber, indem er hinzufügte, daß er im Voraus wisse, was er zu sagen habe.

– Für diese Leute giebt es nur eine einzige Sprache, und ich habe sie bei guter Zeit reden gelernt. Seien Sie ohne Sorgen, Madame, Sie werden mit mir zufrieden sein.

Mein Mann trat ein, und warf mir einen zornigen Blick zu, den Lauzün auffing; er stellte sich zwischen uns und nahm rasch das achtunggebietende Wesen eines Kirchenvorstehers an.

Der Anblick des alten, mit Sternen und Bändern geschmückten Herrn, meine unterwürfige Stellung, und meine wohlbekreuzte Tante beruhigten den aufgebrachten Herrn Du-Deffand ein wenig. Er verneigte sich tief vor dem Herzoge, gab seinem Diener ein Zeichen, Stühle heranzurücken, und als er den Mund öffnete, um zu fragen, was wir wollten, kam ihm Herr von Lauzün geschickt zuvor, indem er sagte:

– Mein Herr, Madame Du-Deffand kommt aus dem Palais-Royal.

– Ich weiß es, mein Herr! antwortete trocken mein Mann.

– Ihre Königliche Hoheit Madame hat mich beauftragt, sie Ihnen wieder zuzuführen.

– Madame, wie, Madame soupirt im Palais-Royal?

– Wo anders soll sie soupiren, mein Herr, da sie dort wohnt?

Der Grund war bewundrungswürdig. Der Marquis machte große Augen und sagte kein Wort.

– Madame hat die Frau Marquise Du-Deffand bis zu diesem Augenblick bei sich behalten, sie ist närrisch in sie verliebt, und will sie oft sehen, aber allein, und zwar wegen der Frau Marschall von Clerambault, die eine Favoritin nicht zuläßt. Ihre Königliche Hoheit hat mit Monsieur, ihrem Sohne, von Ihnen gesprochen; sie hat für Sie um eine Audienz nachgesucht, und Sie werden heute nach dem Staatsrathe empfangen werden.

Herr Du-Deffand war unter der Last dieser Coinplimente und Gunstbezeigungen wie zerschmettert, er wagte nicht einmal zu zweifeln, und Herr von Lauzün konnte leicht in seinen Spöttereien fortfahren. In mir stieg die Scham darüber auf; ich wollte der Scene ein Ende machen, und erhob mich unter dem Vorwande der Erschöpfung, die ich nicht empfand. Ich machte eine Verbeugung und flüchtete mich auf mein Zimmer.

Ich erfuhr, daß Herr Du-Deffand und Herr Lauzün sich als die besten Freunde von der Welt trennten. Der Zorn meines Mannes hatte sich gelegt, er hegte für seine Zukunft und seinen Ehrgeiz die schmeichelhaftesten Hoffnungen. Indem er den Herzog in das Vorzimmer geleitete, sagte er in Form der Vollendung:

– So werde ich denn die Ehre haben, Ihrer Königlichen Hoheit Madame zu danken, nachdem ich den Herrn Herzog von Orleans gesehen habe, nicht wahr, mein Herr?

– Es wird Ihnen erlaubt sein, antwortete der böse Mann; ich zweifele nicht da,ran, haß Ihre Königliche Hoheit Sie empfängt, und daß Alles zu Ihrer Zufriedenheit abläuft.

Lauzün entfernte sich, indem er sich die Hände rieb; er war über sich selbst erfreut und über den Krieg, den er entzündete. Trotz seines Alters hatte er viel Ideen, und man weiß, daß Herr von Lauzün nach Galanterie strebte. Eine junge Frau aus der Provinz, die nichts kannte, sehr hübsch, nicht zu dumm und eine Frau von Stande war, ohne nach der höchsten Würde einer Stiftsdame zu streben, dies Alles schien ihm eine seiner würdige Beute, und er sagte sich, daß er einen gefährlichen Nebenbuhler weniger habe, wenn er den Regenten beseitigte. Er schonte sich dabei nicht; aber Herr Du-Deffand wußte sich auf eine Weise zu benehmen, daß mir Beide erhalten blieben. Er hat ohne Zweifel nicht darnach gestrebt, denn die Umstände fügten es von selbst. Herr von Lauzün hatte die Muße, seine Zeit zu verlieren, indem er mich langweilte. Was den Herzog von Orleans anbetrifft, so muß ich gerecht sein, er langweilte mich nicht.




Siebzehntes Kapitel


Herr Du-Deffand ward von dem Regenten, der mit Huldbezeigungen nicht geizig war, außerordentlich gut empfangen. Indem er von Madame und ihrer Gute sprach, verwirrte er sich dergestalt, daß der Fürst nichts davon verstand oder verstehen wollte. Er gab ihm einen Vertrauensposten in Languedoc, eine Art Vollmacht, welche Alles in der Provinz umzukehren schien, übrigens durchaus nichts bedeutete.

Er befahl ihm, sofort abzureisen, ohne zu sagen, wohin er ginge. Es konnte dem Herzog von Orleans nicht schwer fallen zu begreifen, daß mein Mann ein Dummkopf war, und er behandelte ihn demgemäß. Ich bin sehr alt, bin seit langer Zeit Wittwe – Herr Du-Deffand gehört der Nachwelt an, woran er bei Lebzeiten wohl nicht gedacht hat; aber ich noch viel weniger, ich bekenne es, denn ich bin der Nachwelt die Wahrheit schuldig. Ich sage die Wahrheit, dies ist ein seltener Genuß, den das Alter uns läßt, und es würde mich sehr verdrießen, mich dieses Genusses zu berauben.

Die Abreise des Herrn Du-Deffand erfolgte unmittelbar. Er konnte nicht daran denken mich mit auf eine Reise von solcher Wichtigkeit zu nehmen. Er eilte zu der Herzogin von Luynes und bat sie, sich meiner anzunehmen. Sie empfing ihn mit der Sprödigkeit, die sie zu zeigen pflegte, wenn man ihrer Frömmigkeit zu nahe trat; sonst war sie eine sehr gute Frau.

– Ich soll mich der Madame Du-Deffand annehmen, rief sie, einer Dame, die in das Palais-Royal geht, und die man nächstens im Luxembourg einführen wird? Nein, o nein, mein Herr! Ist nicht Frau von Parabère da, Frau von Phalaris, Frau von Averne und die ganze Gesellschaft des Herzogs von Orleans, um sie zu schützen?

– Aber, Madame… ich weiß nicht… ich glaube nicht… Außerdem hat sie die Ehre, Ihre Nichte zu sein.

– Sie ist meine Nichte, gewiß! Ich werde sie stets als solche empfangen, so lange wenigstens, als sie mich nicht zwingt, anders zu handeln, so lange sie allein zu mir kommt, so lange sie nicht an allen vier Enden von Paris zur Schau aushängt. Fragen Sie mich ferner nicht darum!

– Es giebt aber noch sehr achtbare Damen, Madame, die den Luxembourg besuchen, die den Regenten begrüßen…

– Sehr wenig, sehr wenig! Und diese muß eine besondere Lage dazu zwingen, diese gehen zu Madame, zur Frau Herzogin von Orleans; wenn diese im Luxembourg erscheinen, so werden sie durch die Frau Herzogin von Saint-Simon, die Ehrendame der Frau Herzogin von Berry, vorgestellt, und nicht durch Frau von Parabère; diese, mein Herr, treten durch die große Thür, und nicht durch die kleine ein. Pfui! Sie sollten nicht dulden…

Herr Du-Deffand unterbrach die Herzogin, was eben nicht anständig war, nahm die Miene eines Mannes an, und sagte:

– Ich weiß viel Dinge, Madame, die Sie nicht wissen, die Sie aber später erfahren werden. Glauben Sie mir, ich handele nicht blindlings. Madame Du-Deffand thut nichts ohne meine Bewilligung. Beeilen Sie Ihr Urtheil nicht, Sie werden sehen!

– Ich bin darüber entzückt, mein Herr, höchlich entzückt! Aber wenn Sie sich nicht in Acht nehmen, so wird man Sie sehen lassen – Sie, der Sie vom Lande sind.

– Ich gehe, um zu sehen, Frau Herzogin! antwortete er mit jenem dummen und impertinenten Lächeln, in das sich von Eitelkeit aufgeblähte Leute hüllen. Ich gehe, um zu sehen, weil ich sogleich abreise.

– Der Augenblick ist eben nicht passend.

– Ich habe ihn nicht gewählt.

– Ah! Und wer denn? Ihre Gattin vielleicht?

– Veranlassen Sie mich nicht zu reden, Madame, es ist mir verboten. Erlauben Sie mir, daß ich mich zurückziehe, mein Wagen ist angespannt.

Die Herzogin schüttelte den Kopf. Indem sie meinen Mann durch ein Zeichen verabschiedete, fügte sie hinzu:

– Gehen Sie, mein Herr, ich halte Sie nicht zurück; aber ich fürchte sehr, daß Sie einen schlechten Weg betreten. Ich werde mir wenigstens nie den Vorwurf machen, geschwiegen zu haben. Wenn meine Nichte von Chamrond noch lebte, so würde ich ihr ohne Umstände schreiben; da sie nicht mehr ist, kann ich mich nur an Sie wenden. Sie sind taub, Sie sind blind, und das ist ein Unglück. Ich verspreche Ihnen indeß, Alles zu thun, um das zu verhindern, was ich mit gutem Grunde fürchte. Sagen Sie Madame Du-Deffand, sie möge mich nicht vernachlässigen. Ich bin Ihre Dienerin!

Sie ließ ihn stehen. Ehe er in den Wagen stieg, kam er zu mir, um mir diese Unterredung Wort für Wort zu erzählen. Ich habe sie nie vergessen, sie gab mir Stoff zum Nachdenken. Hätte ich von jenem Tage an die Gelegenheit gemieden, vielleicht… so würde ich nichts zu schreiben gehabt haben, und ich weiß nicht, was ich mit meiner Gegenwart machen sollte, wenn meine Vergangenheit unbenützt geblieben wäre.

Herr Du-Deffand hatte sich kaum entfernt, als Frau von Parabère in einer glänzenden Toilette zu mir eintrat. Da sie mich in einem sehr traurigen Neglige fand, begann sie rasch ihre alten Mittel anzuwenden. Sie ließ mich coiffiren, ankleiden und mit einem gewissen Puder à l'iris pudern, den sie in die Mode brachte. Sie zog mich mir sich fort. Wir stiegen in ihren Wagen, und kamen in dem Luxembourg an, ohne daß sie mir erlaubte, eine Bemerkung zu machen.

Wir traten durch kleine Thüren ein, wie meine Tante gesagt hatte, und gingen über geheime Corridors. Man klopfte auf eine gewisse Art und Weise, Frauen und Laquaien kannten die Ankommenden. Man durchschritt eine lange Reihe von Kabinets und Galerien, und kam endlich bei Frau von Mouchy an, der Kammerdame und Vertrauten der Fürstin. Sie empfing die vertrauten Besuche, wie Frau von Saint-Simon die öffentlichen. Als sie Frau von Parabère erblickte, schien sie für mich keine Aufmerksamkeit zu haben; sie ging ihr rasch entgegen.

– Gott sei gelobt, daß Sie da sind! sagte sie. Madame hat schon diesen Morgen nach Ihnen gefragt, denn nur Sie allein vermögen sie aus einer Verlegenheit zu reißen, oder vielmehr Sie allein können verhindern, daß Ihre Königliche Hoheit eine Thorheit begeht.

Da ich mich ganz in der Nähe befand, nannte die Marquise meinen Namen, ehe sie antwortete.

– Verzeihung, Madame, sagte die Mouchy, wir haben einen Augenblick zu reden, wir sind sogleich wieder bei Ihnen.

– Ich komme zu ungelegener Zeit, antwortete ich verletzt; ich glaube, es muß…

Schon war ich einen Schritt zurückgetreten, als eine Thür geöffnet ward. Eine junge, sehr starke und ziemlich hübsche Frau trat ein. Ihre Haare waren wirr, der Toilettenmantel hing auf ihrem Rücken. In der Hand trug sie einen Reiherbusch.

– Gräfin, sagte sie, bringen Sie ihm dies, und fragen Sie, ob diese Perlen ihn endlich zufrieden stellen könnten.

An der Art, wie Frau von Parabère grüßte, erkannte ich die Frau: es war die Herzogin von Berry.

– Ihre Königliche Hoheit hat mir die Ehre erzeigt, mich rufen zu lassen, sagte sie; ich stehe zu Ihren Befehlen.

– Ach, mein lieber Rabe, ich bin untröstlich… Aber wen haben wir da?

Ich hätte mögen hundert Fuß unter der Erde sein, denn ich kenne nichts Schlimmeres, als zu ungelegener Zeit kommen.

Frau von Parabère nannte meinen Namen, und fügte hinzu, daß der Regent uns Beide geschickt und ihr aufgetragen habe, mich ihr vorzustellen.

– Gehen Sie, gehen Sie, Frau von Mouchy, die Zeit rückt vor, der Gesandte muß bald kommen, und ich werde nicht vorbereitet sein, ihn zu empfangen.

– Was giebt es denn, schöne Fürstin? fragte Frau von Parabère, indem sie die Hände derselben ergriff und sie küßte.

– Die Churfürstin von Baiern ist gestorben; sie war die Schwägerin meiner Großmutter. Der Abgesandte des Churfürsten kommt, um mich im Trauerschleier zu begrüßen, und Riom will nicht, daß ich Trauer trage.

– Mein Gott, was kann er dabei haben?

– Ich begreife den Grund, der Riom zu dieser Forderung veranlaßt. Seit diesem Morgen hat er sich eingeschlossen, weil ich mich nicht mit Rubinen coiffiren wollte. Er antwortet durch die Thür und widersetzt sich hartnäckig – die Zeit vergeht, ich weiß nicht, was ich beginnen soll… Urtheilen Sie! Was wird mein Vater, was wird Madame sagen, wenn dieser Gesandte sich beklagt, daß ich um meine Großtante nicht trauere! Sie allein können den Regenten besänftigen; Madame mag, ihren Zorn an irgend eine Person oder an irgend einer Sache auslassen – sie fürchte ich nicht.

– Noch einmal, Madame, warum will dieser verdammte Riom Sie zwingen, einen Reiherbusch von Rubinen anzulegen? Er sollte doch wenigstens einen Vorwand angeben.

– Er verabscheut die Baiern, und Madame ist von ihnen eingenommen. Nun will er ihr zeigen, daß er mächtiger ist als sie, und zwingt sie zu dieser Abscheulichkeit.

– Nah, das würde komisch sein! rief Frau von Parabère lachend. Madame, speist man hier im Hause nicht zu Mittag? Riom kommt vielleicht zurück, und ich werde ihn zu belehren suchen.

– Speisen wir zu Mittag, der Gesandte mag zum Teufel gehen! Ich werde ihm sagen lassen, daß ich krank sei, er möge ein andermal wiederkommen. Zu Tische! Madame, Sie kommen von meinem Vater – seien Sie willkommen, folgen Sie uns!




Achtzehntes Kapitel


Erstaunt und verwirrt über diese Vorgänge, folgte ich der Fürstin und den beiden Damen. Wir traten intimen kleinen Speisesaal, der so niedrig wie ein Zwischenstock war; aber er war sehr freundlich, hell und traulich, eine Art indischer Vogelbauer, wohl versteckt, und nur den Eingeweihten zugänglich.

Ein Haushofmeister, die Serviette unter dem Arme, stand neben der Thür. Als er die Fürstin bemerkte, verschwand er.

– Aber, Madame, binden Sie wenigstens Ihre Haare auf, sagte Frau von Mouchy, indem sie sich ihr näherte; man wird sie Ihnen später ordnen. Lassen Sie uns ruhig zu Mittag essen, ich bitte Sie um der Liebe Gottes willen!

– Gott hat hier nichts zu schaffen, Frau von Mouchy; was die Liebe anbetrifft – ah, das ist ein anderes Ding; damit sie uns komme, lassen Sie gefälligst den Grafen rufen.

Die Marquise entfernte sich durch dieselbe Thür, durch die der Haushofmeister verschwunden war. Nach einigen Secunden kam sie zurück; ein Mann folgte ihr. Dieser Mann war groß, stark, sehr häßlich, außerordentlich gemein, hatte ein mit Finnen besäetes Gesicht, ein wiederwärtiges Benehmen, trug Hals und Brust bloß, und glich mit einem Worte allen Dingen, nur nicht dem Tyrannen einer Enkelin von Frankreich. Frau von Berry ging ihm entgegen; ihr Gesicht leuchtete, als sie ihm sagte:

– Kommen Sie, man erwartet Sie, schöner Sieger. Zunächst wollen wir speisen, das Uebrige wird sich finden.

Ohne zu antworten grüßte Herr von Riom zuerst die Prinzessin, dann uns.

Frau von Parabère war nicht die Frau, um bei dieser Feierlichkeit lange auszuharren.

– Wahrhaftig, mein Herr, sagte sie, Sie haben geschworen, den Herrn Regenten seines Charakters zu berauben, und diese gute Prinzessin so zu quälen, daß sie stirbt. Was liegt Ihnen daran, sie in Trauer zu sehen?

– Ich weiß nicht, was Sie wollen, Madame? Ich quäle Niemanden! antwortete er mit der Miene eines gemeinen Menschen.

Welch einen seltsamen Geschmack hatte die Herzogin von Berry!

– Sie handeln klug, wenn Sie Ihre Forderungen verschweigen, mein Herr; aber Sie können ohne Furcht reden. Die Frau Marquise Du-Deffand ist keine Fremde; sie besitzt zu viel Geist, um die Dinge nicht schätzen zu können. Außerdem begreife ich nicht, warum Sie sich in diesem Augenblicke verstecken, da Sie sich doch denen so stark zeigen, die Sie nicht sehen sollten.

Der Graf von Riom hegte einen Grundsatz seines Onkels, des Herrn von Lauzün, dessen Befolgung ihm gelang: er war im höchsten Grade unverschämt. Während er der Welt eine unterwürfige Artigkeit zeigte, behandelte er die Prinzessin mit der gemeinsten Grobheit. Der alte Günstling von Mademoiselle behauptete, daß dies das beste Mittel sei, sich die königliche Eroberung zu erhalten. Als er mir eines Tages dieses schöne System mittheilte, fragte ich ihn, wo er es in Ausübung gebracht habe.

Er konnte nichts darauf antworten.

Als wir einst von der Jagd zurückkehrten, fragte ich ihn:

– Ist es wahr, daß Sie die Enkelin Heinrichs IV. zu Ihrem Kammerdiener gemacht und ihr gesagt haben:

»Louise von Bourbon, ziehe mir die Stiefel aus!«

Der Herzog stieß einen Schrei der Wuth aus.

– Barmherzigkeit, Madame! Wer ist der Schulfuchs, der Ihnen dies gesagt hat? Wiederholen Sie es niemals wieder, oder man möchte glauben, Sie verkehrten mit Laquaien. Ich, Antoine de Compar de Caumont, sollte so mit Mademoiselle reden! Mit Mademoiselle, der stolzesten und erhabensten Prinzessin in der ganzen Welt! Haben denn die Leute, die solche Dummheiten reden, die Fronde, die Einnahme von Orleans und das Kanon der Bastille vergessen? Hätte Ludwig XIV. selbst, hätte es der angebetetste Geliebte selbst gewagt, solche Worte an Mademoiselle zu richten, ich schwöre Ihnen, er wäre nicht lebendig aus ihrem Zimmer gekommen – sie würde ihn sicherlich durch das Fenster geworfen haben. Es ist ein Glück, daß sie nicht an das wirksame Mittel Christinens von Schweden gedacht, daß sie keinen öffentlichen Verweis gegeben hat, daß sie vielmehr entschuldigte, indem sie sagte:

»Wenn dieser Mann sich an ihr vergangen hätte, so wäre er ihr Domestik, die Königin hat wohlgethan, ihn dafür zu bestrafen.«

– Aber Sie waren doch nicht ihr Domestik?

– Nein, ich war ihr Mann.

– Nun, ich sehe, daß Sie in Ihren Worten schlauer sind, als in Ihren Handlungen, und das beruhigt mich wieder. Aber warum erziehen Sie Ihren Neffen auf diese seltsame Weise? Was gedenken Sie aus ihm zu machen?

– Parbleu, meinen Rächer! Ich habe mit dem Hause Bourbon abzurechnen. Ich bewahre ihm den Groll wegen meiner Gefangenschaft, meines Exils, meiner Ungnade, und diese kleine Herzogin wird für die Andern zahlen.

– Sie bewahren diesem armen Hause Bourbon auch noch andere Dinge.

– Was noch, Madame?

– Vermuthlich seine Thaler. Haben Sie nicht das schönste Ihrer Güter von ihm erhalten?

Er hatte auf Alles eine Antwort; hier blieb er stumm.

Kehren wir jetzt in den Luxembourg zu dem unglaublichen Mittagsessen zurück, das ich nicht zu erzählen wagen würde, wenn nicht zweihundert Zeugen ähnlichen Scenen beigewohnt hätten.

Herr von Riom begann mit der Marquise zu scherzen, die stets auf die Trauer und den Reiher zurückkam, und ihre Beute nicht fahren ließ. Der Graf besaß wenig Geist, er schlug sich mit seinen eigenen Worten, ein Unglück, das ihm die Laune verdarb. Frau von Parabère gegenüber blieben seine Manieren gut; die Prinzessin aber behandelte er dergestalt, daß sie weinte.

– Ich weiß wahrhaftig nicht, was ich machen soll, sagte diese unglückliche Frau; ich kann Sie nie zufriedenstellen. Sie scheinen mich als eine Sklavin zu betrachten. Ihre Launen werden endlich unerträglich, und…

– Bah, bah! Man muß Ihren Stolz zügeln, Madame, denn Sie würden sonst Dummheiten begehen und glauben, daß Sie über den Kaiserinnen ständen. Ihre Heerpauken waren einst in Paris von großer Kühnheit, weil der König dort ist. Hat man jemals mit einer solchen Vermessenheit reden gehört? Man muß Ihnen darthun, Madame, daß Sie von demselben Stoffe geformt sind, wie wir; man muß Sie von Zeit zu Zeit an Diejenigen erinnern, die Sie mit Füßen treten, denn Sie würden sonst schlimmer werden, als Satan, und der Blitz würde Sie zerschmettern, wie ihn. Sie sehen, man leistet Ihnen einen Dienst.

Frau von Berry, die so gebieterische und heftige Dame, weinte vor Zorn, und riß sich vor Wuth die Haare aus.

Die Lippen der Frau von Mouchy umspielte ein leises

Lächeln, ein Lächeln, das mir Manches offenbarte.

Ich beobachtete damals schon.

– Ich werde mich bei meinem Vater beklagen, sagte endlich die Herzogin.

– Das ist nicht nöthig, Madame. Der Regent hat zwischen uns nichts zu suchen. Von dem Augenblicke an, daß meine Gewohnheiten Ihnen mißfallen, ziehe ich mich zurück, und ich versichere Sie, es wird nur nicht schwer werden. Außer Ihnen giebt es nichts in diesem Lande, das mich fesselt; ich werde wieder Hasen schießen, und in meinen Bergen nach Wölfen jagen. Da meine Freundschaft für Sie durch eine solche Undankbarkeit belohnt wird, würde es Unrecht sein, Sie noch ferner zu langweilen. Adieu, Madame!

– Nein, nein! rief die thörichte junge Frau.

Dann lief sie weinend zu ihm.

– O, lassen Sie ihn doch gehen, Madame; es fehlt wahrlich nicht an wohlgewachsenen und starken Burschen, die mit diesem kräftigen Jungen, der Ihnen so gefällt, Faustschläge wechseln; es fehlt nicht an geistreichen Burschen, die ihn zum Schweigen bringen, auch nicht an brutalen, die Sie, wie er, behandeln; da es Ihnen Vergnügen macht, werden Sie wenigstens die Veränderung dabei gewinnen.

Aber die Herzogin hörte nicht; sie rief den Grafen zurück, der sich entfernen wollte, und sagte ihm zärtlich:

– Ich werde den Reiher mit Rubinen anlegen.

– Legen Sie den Teufel an, wenn Sie wollen, aber behandeln Sie mich nicht so in Gegenwart einer reizenden Dame, die mich obendrein zum ersten Male sieht. Was wird sie von mir denken? Und dennoch tragen Sie die Schuld daran!

– Ich weiß, was ich denke, aber ich sage es nicht; Sie verrathen es.




Zweiter Band





Erstes Kapitel


Das, was ich im Luxembourg gesehen hatte, war eben nicht einladend für mich, und ich pries mich glücklich, als Frau von Parabère aufstand, um zu gehen. Wir hatten der Toilette der Frau Herzogin von Berry beigewohnt, die weinend und seufzend ihre Rubinen anlegte, und sich dabei durch den Gedanken tröstete, daß der Gesandte von Baiern vor dem folgenden Tage nicht kommen würde.

– Bis dahin, fügte sie hinzu, wird er andern Sinnes sein, und wir haben eine andere Laune.

– Aber wie kommt es, Madame, antwortete die Marquise, daß Sie von Herrn von Riom erdulden, was ich Ihrem Herrn Vater nicht erlauben würde?

– Rabe, darin liegt keine Aehnlichkeit. Ich verspreche Ihnen, diesen Abend im Palais-Royal zu soupiren, und auf einige Stunden den zu vergessen, der mich Alles vergessen läßt.

Die Prinzessin fügte einige für mich sehr liebenswürdige Phrasen hinzu, und lud mich ein, recht oft wiederzukommen. Dies reizte mich zwar wenig, aber ich kam wieder.

Als wir in der Carosse saßen und allein waren, sagte die Marquise mit einer Art Widerwillen:

– Puah! Alle diese Dinge stoßen mich zurück, und ich glaube wirklich, daß Frau von Sabran Recht hat.

– Was hat Frau von Sabran gesagt?

– Als sie einst mit uns Allen bei der Frau Herzogin von Berry soupirte, hat sie eines jener Worte gesagt, die hinreißen, und die man nie vergißt.

– Aber was ist es denn?

– Sie hat gesagt: nachdem Gott den Menschen geschaffen, hat er einen Rest von Koth genommen und daraus die Seele der Fürsten und der Laquaien gebildet. Ich versichere Sie, dies ist wahr. Sehen Sie diese Enkelin von Frankreich an, die sich von einem Gascogner in die Gosse schleppen läßt – von einem Menschen ohne Schönheit, ohne Geist, ohne Talent; und einzig und allein nur deshalb, weil er das Benehmen eines Lastträgers hat, und weil er aussieht, als ob er zuschlagen wollte. Ist das nicht schändlich? Ich wette, daß er sie schon wieder hat auskleiden lassen, und daß er eine andere Ertravagance von ihr fordert. Sie ist immer so gewesen.

– Wahrhaftig?

– Ohne allen Zweifel! Vierzehn Tage nach ihrer Hochzeit, nicht nach der Trauung… sie war kaum sechzehn Jahre alt – war sie in Lahaye verliebt, den Stallmeister des Herzogs von Berry. Zuerst hat sie ihm Nichts verweigert, dann fand sie es für gut, mit ihm zu entfliehen, ihre Diamanten bei ihrer Kammerfrau zu lassen, ihrem Vater fünfhunderttausend Livres zu stehlen, und in Holland oder in England ihrer Liebe nachzuhängen.

– Ist es möglich?

– Glücklicherweise fürchtete Lahaye für seinen Hals; er ging zu dem Herzoge von Orleans und entdeckte ihm Alles. Dieser nahm die Kostbarkeiten und das Geld zurück, bat seine Tochter, ihren Liebhaber bei verschlossenen Thüren zu behalten, und hatte nicht den Muth, ihr ein böses Wort zu sagen. Er fürchtete sie mehr, als Ludwig XIV. selbst, und zwar deshalb, weil sie ihn für einen Tyrannen hielt. Armer Philipp! Er wird nie Muth haben, einem schwachen Wesen gegenüber, er wird ihm nie ein Nein entgegenstellen können.

Man begreift wohl, daß mich dies bei meinen Provinzbegriffen in Erstaunen setzte. Ich war davon wie berauscht und empfand das gebieterische Bedürfniß, in meine Wohnung zurückzukehren, um mich zu sammeln. Mir wirbelte der Kopf. Ich bat die Marquise, mich nach Hause zu begleiten; sie drang in mich, mit ihr in die Oper zu gehen. Ich dankte ihr, denn ich befand mich wirklich unwohl.

Nachdem ich ihr das Versprechen gegeben, am andern Morgen sie zu besuchen, trennten wir uns.

Auf der Treppe begegnete ich meiner Cousine; flüchtig grüßend eilte sie vorüber. Man hätte darauf schwören mögen, daß ich verpestet sei. Obgleich ich gegen solche Erscheinungen noch nicht genug abgehärtet war, um mich nicht darüber zu grämen, so forderte ich doch keine Erklärung. Ich war zu stolz, um mich zu rechtfertigen.

Oben an der Treppe erwartete mich mein Laquais; er überreichte mir ehrfurchtsvoll einen Brief, auf dessen Beantwortung man schon lange gewartet hatte. Fräulein Delaunay lud mich in diesem Briefe im Namen der Herzogin von Maine ein, am folgenden Tage nach Sceaux zu kommen. Man wollte eine »weiße Nacht« feiern, es sollte ein »Ritter von der Fliege« aufgenommen werden, und man rechnete um so mehr auf mich, da auch eine Comödie stattfinden sollte. Mir stand eine glänzende Rolle bevor. Eine Carosse der Prinzessin sollte mich holen, denn man nahm an, daß ich noch keine besitze, da ich erst neu angekommen sei.

Glück über Glück! Nun sollte ich auch nach Sceaux kommen! Es gab keinen Vorwand, die Einladung abzulehnen. Aber was würde man im Palais-Royal sagen? Ich war noch zu jung, zu isolirt, um mich in diese Intriguen zu wagen. Das vorherrschende Gefühl in mir war das Erstaunen. Die Neugierde führte mich nach Sceaux. Man sprach ja so viel von diesem Hofe, von dem, was dort vorging, von dem seltsamen Leben, das Frau von Maine führte, und von den Vergnügungen, die sie ihren Freunden bot. Ich traf.meine Vorbereitungen, indem ich der Frau von Parabère schrieb, daß ich für den folgenden Tag nicht frei sei, ohne eine weitere Erklärung hinzuzufügen. Dann dachte ich in meinem Zimmer über das nach, was ich gesehen hatte, und was ich noch sehen sollte.

Ich war nicht lange allein. Man kündigte die Herren Pont-de-Veyle, d'Argental und Milord Bolingbroke an, die zum Souper bei Madame von Feriol kamen, wo man sich einen vergnügten Abend machen wollte. Ich wollte ablehnen, denn ich empfand das Bedürfniß nach Ruhe; aber sie machten sich über mich lustig, und zogen mich mit fort. In einem so tollvergnügten Leben war die Ruhe nicht erlaubt. Man mußte sich ohne Unterlaß amüsiren, und sollte man auch darüber bersten. Ich verlangte nichts Besseres. War ich auch ein wenig verwirrt und noch nicht recht daran gewöhnt, so folgte ich doch dem Beispiele der Andern. Aber meine größte Feindin begann sich zu regen, und ich konnte auf dem Wege des Vergnügens, der nie der meinige war, nicht gleichen Schritt halten.

Es schien, als ob man sich doppelt anstrengte. Es war eine Art Fieber, Man langweilte sich entsetzlich unter dem seligen Könige. Man war dergestalt eingezwängt und maskirt, daß man vor Begierde brannte, die Maske abzuwerfen und sein Gesicht zu zeigen. Gott weiß, was für ein Gesicht man wirklich zeigte!

Wir gingen zu Frau von Feriol. Als sie uns empfing, befand sich Voltaire zu ihrer Rechten, Düclos zu ihrer Linken. Hier sah ich zum ersten Male den Mann, von dem man so verschieden gesprochen hatte. Düclos war um diese Zeit noch sehr jung, er trug schon in seinem Gesichte die Spuren von dem, was er wirklich war, das heißt, seine Physiognomie drückte Verschlagenheit, Schlechtigkeit, Neid und Liebe zur Herrschsucht aus. Er besaß Geist, aber einen gewöhnlichen Geist ohne Grazie und Anziehungskraft. Man liebte Düclos nicht, man duldete ihn. Man suchte ihn nicht, denn man fürchtete seine Epigramme.

Dies Alles war damals noch in der Entwickelung begriffen; er war damals noch nicht einmal in der Literatur aufgetreten, wohl aber in der Welt. Ungeachtet seiner Jugend sah er schon nach Etwas aus; seine Manieren waren unbeholfen, aber man lachte nicht darüber, denn er besaß die Kunst, sie durch einen glänzenden Aplomb zu mildern. Der Abbé Dangeau hatte ihn eingeführt. Dangeau war der Bruder des Marquis, des Historiographen Ludwig's XIV. Der Marquis hatte ihm in der Straße de Charonne eine Art Schule für junge Edelleute gegründet, und dies konnte ihm in seiner Eigenschaft als Großmeister des Sanct-Lazarus-Ordens nicht schwer werden. Düclos, der Sohn eines Kaufmanns aus Saint-Malo, war in diese Schule für Geld und gute Worte aufgenommen. Er zeichnete sich bereits aus. Der Abbé Dangeau, ein sehr bejahrter Mann, hegte eine besondere Vorliebe für ihn, ebenso für zwei andere junge Leute, die alter als er waren: den Grafen und den Chevalier von Aydie, Cousins des Grafen von Riom, desselben, den ich im Luxembourg kennen gelernt. Der gute Abbé nahm seine Schüler oft mit sich, um sie zu bilden, und diese Besuche übten einen entscheidenden Einfluß auf ihr späteres Leben aus.

Vor Allen beschäftigte uns heute Düclos. Er erzählte uns mit Geist seine Postreise von Dinan nach Paris, und wie man ihn »mit den übrigen Packeten« in der rothen Rose in der Straße la Harpe zurückgelassen hatte. Der Freund, dem er empfohlen war, nahm ihn nicht in Empfang, da er erst am folgenden Tage erwartet wurde. Er fand Aufnahme bei guten Leuten, die Mitleid mit ihm hatten und ihn zwei Tage behielten; dann führten sie ihn in die Pension, wo er erwartet ward.

Mit Erstaunen bemerkte ich, daß Düclos für diese Leute durchaus keine Dankbarkeit an den Tag legte; er lachte über seinen Appetit an ihrem Tische und über ihre Verlegenheit. Er besaß durchaus kein Herz, Alles war frostig und trocken in diesem Alter. Wie es scheint, werden die Philosophen so geboren, und man muß ihnen deshalb nicht böse sein.




Zweites Kapitel


Ich kehrte zeitig in mein Zimmer zurück. Ich empfand das Bedürfniß zu schlafen, Und ich schlief. Frau von Feriol ließ mich durch ihren Bruder begleiten. Da Alles ordnungsmäßig zuging, konnte mich meine Cousine heute nicht tadeln. Ich ging schnell zu Bett, und ließ die Betrachtungen vor der Thür.

Am folgenden Morgen stand ich früh, auf, und machte eine den Umständen angemessene Toilette. In Sceaux herrschte eine andere Eleganz, als im Palais-Royal. Es ließen sich Beide nicht vergleichen.

Die Herzogin von Maine amüsirte sich, und wollte, daß man sich bei ihr amüsire; aber dies geschah, wenn auch nicht mit Maß, wenigstens doch mit Distinction. Den geistigen Vergnügungen gab sie den Vorzug, sie hegte und pflegte sie vor allen andern. Seit dem Tode des Königs hatte sie ihren Hof vermindert; er war indeß immer noch zahlreich, und vorzüglich gewählt. Er bildete gewissermaßen einen neutralen Boden, wo man sich amüsirte, ohne sich zu sehr zu compromittiren. Die Frommen fanden wohl ein wenig daran zu makeln, aber man hörte nicht auf sie.

Die große Gunst, in der der Herzog von Maine bei Ludwig XIV. gestanden, hatte ihm eine besondere Sphäre angewiesen; man sah ihm Alles nach. Frau von Maine war weniger gelitten, weniger gerechtfertigt; aber man schonte sie, denn ihr Geist ward gefürchtet. Sie war zwar nicht positiv schlecht, aber sie biß um sich, und hielt die Stücke mit den Zähnen fest.

Ich brannte vor Ungeduld, den Herzog von Maine zu sehen, den Vater Larnage's. Ich hatte für ihn eine entschiedene Schwachheit, von der ich mir keine Rechenschaft geben konnte; sie zog mich mehr nach Sceaux, als alle Vergnügungen, die mich dort erwarteten.

Die Carosse kam um die bestimmte Stunde an. Man hatte einen Mann als Cavalier mitgeschickt, der unter der vorigen Regierung viel von sich reden gemacht, einen Liebhaber der Prinzessin von Conti, der ersten Douairiere, und Tochter Ludwig s XIV., die er mit Fräulein von la Vallière erzeugt.

Dieser schöne Clermont, um den sich die Damen in seiner Jugend rissen, hatte den schlechten Geschmack, Demoiselle Chouin, die Geliebte des Dauphin, auszuzeichnen, und dieses dicke und häßliche Mädchen der liebenswürdigsten Prinzessin von der Welt vorzuziehen. Durch das Postgeheimniß fing der König mehrere Briefe des Galans an seine Geliebte auf. Diese Briefe machten Frau von Conti lächerlich, und verscheuchten jeden Zweifel über die Untreue, deren Opfer sie ward. Er ließ die Prinzessin kommen, schalt sie heftig aus, zeigte ihr die Briefe, und zwang sie, sie ihm laut vorzulesen. Dies war eine stolze Strafe. Hernach verzieh er ihr, exilirte Herrn von Clermont, jagte die Chouin aus dem Hause der Conti, wo sie zu gleicher Zeit Ehrendame und Rivalin war, und Alles trat in das gewohnte Gleis zurück, mit Ausnahme des Herrn Clermont, der die Gelegenheit benutzte, um die Chouin zu entführen, sie erst zu seiner Maitresse und später zu seiner Frau zu machen.

Sie war eine Maintenon im verkleinerten Maßstabe. Trotz ihrer an der Prinzessin begangenen Infamie besaß sie Herz und Geist.

Es giebt Augenblicke unfreiwilliger Verirrung.

Nach dem Tode des Dauphin's zog sie sich mit einer bescheidenen Pension in ein Kloster zurück. Sie empfing Niemanden, mischte sich in Nichts, und starb in der Zurückgezogenheit, völlig unbekannt, und noch zu jung, um zu sterben.

Als ich Herrn Clermont kennen lernte, war er nur noch der Rest eines schönen Mannes; ohne Geist, aber mit einer stolzen Miene, der Emphase eines Mannes, den die Frauen verwöhnt haben, und der sich einbildet, daß er es verdient. Er bewies mir die höchste Artigkeit; trotzdem aber würde ich nicht von ihm gesprochen haben, wenn jener Umstand nicht gewesen, der ihn einst bei Hofe berühmt gemacht, und einen Reflex auf sein ganzes Leben warf.

Wir kamen bei guter Zeit in Sceaux an. Hier war Alles in Bewegung, man bereitete eine große Nacht vor, ein Divertissement, das lange nicht stattgefunden und in diesem Augenblicke alles Andere verdeckte. Fräulein de Launay empfing mich an dem Wagenschlage; sie reichte mir die Hand, und führte mich zu der Prinzessin, die, in Erwartung des Bessern, Gesellschaft hatte.

Diese Gesellschaft glich durchaus nicht denen bei Hofe. Man sprach und lachte nach Gefallen. Ein Jeder äußerte sich, ohne sich um Rang und Etikette zu kümmern. Es herrschte eine reizende Freiheit, die nie an Ausgelassenheit grenzte. Zunächst sah ich dort den Cardinal Polignac, die Marquise von Lambert, den ersten Präsidenten von Mesmos, Herrn de Saint-Aulaire, Madame Drucillet und viele andere Personen, deren ich mich später erinnern werde.

Da fällt mir Davisart und der Abbé von Vaubrun ein. Mein Gott, wie lange habe ich nicht an diese Leute gedacht!

In einer Ecke des Saales sah ich einen Mann, der sich verbarg, als mein Name ausgesprochen ward. Es war Larnage! Larnage bei dem Herzoge von Maine! Larnage, der vielleicht auf dem Punkte stand, von ihm anerkannt zu werden. Larnage, auf dem Wege zu Glück und Ehren! Mein Gott, warum hatte ich nicht gewartet! Es bedurfte ja nichts weiter, als ein wenig Geduld. Er kam mir sehr schön, sehr gut gekleidet vor, und wie es schien, ward er hoch gehalten, was ihn jedoch nicht verwöhnte. Wenn er mir nur den Anfang des Glücks anvertraut hätte, ich würde das Uebrige erwartet haben!

Frau von Maine sagte mir tausend Schmeicheleien, die ihre Hofleute wiederholten, wie sich das von selbst versteht. Es fehlte nicht viel, so hatte ich mich selbst für ein Wunder von Geist und Schönheit gehalten. Glücklicherweise hatte ich mehr als Eitelkeit, ich hatte Stolz. Ich fing mich nicht in der Schlinge, ich schätzte mich nach meinen, Werthe, nicht höher, und ich weiß mir dessen Dank.

Man sprach von der Aufführung einer Comödie, und auf der Stelle ertheilte mir die Prinzessin eine Rolle. Ich wollte mich mit meiner Unfähigkeit entschuldigen. Man antwortete mir, daß man mit Augen, wie ich sie hätte, zu Allem fähig sei.

Nun fragte Frau von Maine Herrn von Clermont, warum er Madame d'Estaing nicht mitgebracht habe.

– Madame d'Estaing ist krank, Madame; sie konnte den Befehlen Eurer Hoheit nicht genügen.

– Madame d'Estaing ist krank! Ist es denn wahr, daß wir Madame d'Estaing nicht sehen werden? Ach mein Gott, das schmerzt, das betrübt mich! Arme Madame d'Estaing! Man lasse sogleich Erkundigungen über sie einziehen! Man bringe sie in einer Sänfte her! Sie soll kommen! Wenn sie leidet, werden wir für sie sorgen; aber sie komme!

– Mein Gott, Madame! antwortete Madame von Charson. Ich glaubte nicht, daß Ew. Hoheit um Madame d'Estaing so besorgt wären!

– Ich? Durchaus nicht. Aber ich würde sehr glücklich sein, wenn ich mich über Dinge hinwegsetzen könnte, die mich nicht besorgt machen.

Alles brach in Lachen aus.

Die Prinzessin fand es nicht übel.

Die Unterhaltung hatte ihren Fortgang; sie ward mehr und mehr lebhaft und anziehend. Ich fand so viel Vergnügen daran, daß meine Furchtsamkeit schwand, und daß ich mitsprach. Jeder ermuthigte mich. Der Cardinal von Polignac wandte sich zu mir, und ich hatte das Glück, ihm eins von jenen Worten zu entgegnen, die Glück machen. Und dies machte ein großes Glück. Es wies mir sofort meine Stellung an und verschaffte mir eine geistige Reputation, die ich nie wieder verloren habe.

Man sprach von dem Märtyrerthume des heiligen Donis. Da wandte sich plötzlich der Cardinal zu mir und sagte:

– Ist es wohl begreiflich, Madame, daß dieser Heilige seinen Kopf während zwei Lieues in den Händen den trug?

– Ah, Monseigneur, antwortete ich, nur der erste Schritt ist ein saurer!




Drittes Kapitel


Der Cardinal wiederholte diesen Ausspruch der Herzogin, die ihn lobte, ihn ebenfalls wiederholte, ihn wiederholen ließ und zwar so oft, daß er sprichwörtlich ward, und daß man ihn noch nach Jahren citirte. Am folgenden Tage schrieb Herr Walpole an mich; er hatte davon gehört und wollte die Geschichte näher kennen lernen. Es kam mir sonderbar vor, darüber sprechen zu müssen. Ich glaubte nicht, daß es der Mühe werth sei. Seit jener Zeit hatte ich schon manches Andere gesagt, das besser war, und man dachte nicht mehr daran.

Man nennt das ein Wort zur rechten Zeit gesprochen.

Mein guter Stern hatte mich an einem jener Tage nach Sceaux geführt, die seit dem Tode des Königs selten geworden waren: Frau von Maine gab ein Fest, und dies war fast das letzte vor den Ereignissen, die sie treffen sollten. Ich habe stets angenommen, obgleich man es mir hartnäckig leugnete, daß dieses Fest eine Maske war, um die ernsten Sachen, die später zum Vorscheine kamen, zu verdecken. Die Prinzessin wollte an eine Wiederholung ihrer Vergnügungen glauben machen, um die ernsten Sachen, die später zum Vorscheine kamen, zu verdecken. Die Prinzessin wollte an eine Wiederholung ihrer Vergnügungen glauben machen, um die Aufmerksamkeit des Regenten abzulenken, der nicht gewohnt war, die Gewissen zu ergründen, und ohne Dubois vom Morgen bis zum Abend betrogen worden wäre,

Sie wiederholte also eine schon gegebene große Soiree, die ich indeß nicht kannte, wohlverstanden, da ich überhaupt Nichts kannte. Sie war also neu für mich. Ich habe nie die Dummheit begangen, meine Bewunderung und mein Vergnügen zu verbergen; die Lobeserhebungen stimmten mich heiter, und Niemand ward dadurch an die Provinz erinnert,

Fräulein Delaunay hatte das Stück oder vielmehr den Canevas zu diesem Feste zusammengestellt. Die Verse waren von Larnage, von meinem theuern Larnage! Ach, ich bedauerte ihn damals aus vollem Herzen. Mir schien, er war auf dem Wege zum Glücke und zur Macht.

Herr von Maine sprach nie mit ihm, aber die Herzogin rief ihn sehr oft und erkundigte sich, ob das Programm fortschreiten, ob Alles gut gehen und ob kein Aufenthalt entstehen würde. Mir schien, daß sie ihn öfter rief, als nöthig war, und ich erblickte darin ein Zeichen ihres Interesses.

Die Frau Herzogin von Maine – man muß sie wohl so nennen, weil sie es war, und weil ich noch oft von ihr sprechen werde – die Frau Herzogin von Maine war, man weiß es, die Enkelin des großen Condé, den die blinde Liebe Ludwig's XIV, zu seinen Bastarden zu einer Stellung erhob, die seiner Geburt so fern lag. Sie war nicht eben schön (ich spreche von ihrer Jugend, denn zu der Zeit, wo ich sie kennen lernte, zählte sie bereits zweiundvierzig Jahre), sie besaß Grazie, Phsiyognomie und einen stolzen, gebieterischen Zug um den Mund, der nur zu gut ihren Charakter verrieth. Sie war ungewöhnlich klein, und darüber ärgerte sie sich. Ihre ganze Familie war ebenso. Sie stellte sich, als ob sie darüber lachte, aber der Teufel lachte aus ihr.

Frau von Maine hatte viel Geist, und zwar Geist von allen Arten: mitunter von der besten, öfter aber noch von der gemeinsten Art; sie bediente sich dessen je nach ihren Launen. Viele behaupteten, daß sie verrückt war – sie war es nicht, sie war nur eine außerordentliche Person. Sie wollte Alles wissen, Alles in ihren Bereich ziehen; sie setzte sich nach der Reihe auf alle Throne, sie wollte überall Königin sein, und ihr Hof von Sceaux war souverainer, als der des Königs, Bei ihrem unangemessenen Ehrgeize und der Sucht, sich in Alles zu mischen, war sie nicht gut, aber sie war auch nicht schlecht; sie hat nie ohne Noth schlecht gehandelt, nie, weil es ihr Vergnügen machte. Sie dachte z. B. nicht daran, wenn sie dabei etwas gewinnen konnte. Gegen den Herzog von Orleans hegte sie den schönsten Haß, der sich denken laßt; sie wollte mir das Versprechen abnehmen, daß ich nie mehr in das Palais-Royal gehen sollte. Glücklicherweise erinnerte Herr von Sainte-Aulaire daran, daß mein Mann meines Kredites bedürfe, und daß wir unser Glück machen müßten.

– So gehen Sie denn, da es geschehen muß, antwortete die Prinzessin; aber ich hoffe, daß Sie nicht lange dorthin gehen werden.

Ich habe später begriffen, was sie damit sagen wollte.

Die Nacht brach an.

Man begann das Fest Mit der Illumination der Gästen und Wasserparthien. Ein wirklich magischer Anblick bot sich uns dar. Das Souper ward auf einen Rasenplatze servirt. Die Verkleidung begann damit, daß uns Faunen und Hamadryaden bedienten. Ich benahm mich dabei wie die Andern. Ich konnte die Augen nicht aufschlagen, ohne denen Larnage's zu begegnen, der mich anstarrte, als ob er mich verschlingen wollte. Er schien über mein Benehmen erstaunt zu sein, und wagte Nichts, als zu staunen. Es wäre mir lieb gewesen, ich bekenne es, wenn er ein wenig kühner geworden wäre. Ich ermuthigte ihn durch meine kleinen unschuldigen und naiven Mittel. Bei Tische saß er fern von mir. Nach dem Souper begannen die Lustbarkeiten, die erst mit dem Morgen endigten, um den Titel einer »weißen oder großen Nacht« zu rechtfertigen, den man dieser Art von Feisten gegeben hatte.

Ich sann auf einen Staatsstreich, und dieser bestand darin, Larnage während der Comödie und der Ausführung des Tanzes neben mir zu haben. Er war so schüchtern, so furchtsam, daß ich ihn anreden mußte. Ich ging geraden Wegs auf ihn zu. Er erröthete.

– Ach, Madame, warum das? Wollen Sie, daß ich mich zu Ihnen setze, damit mein Unglück sich verdoppele?

– Ist es denn ein Unglück, neben mir zu sitzen und mit mir zu sprechen?

– Es ist ein Glück, Madame, es ist der heißeste Wunsch meines Herzens, es ist mein ehrgeizigster Traum, aber leider!…

– Nun, leider?

– Sie gehören einem Andern an, Sie haben mich vergessen, verlassen, Sie sind für mich verloren, und ich darf mir nicht einmal einen Gedanken erlauben, aus Furcht, Sie zu beleidigen.

Für den Bastard eines Fürsten, für den Secretair eines großen Herrn war diese Aeußerung des armen Larnage sehr einfältig. Es ist wahr, der Fürst und der große Herr waren zwei fromme Personen, aber was lag daran? Er war ja kaum dreiundzwanzig Jahre alt, und mehr brauchte es nicht.

Er begriff mich endlich, setzte sich zu mir, und legte seine Freude und sein Wohlbehagen an den Tag. Die Andern hatten nur Sinn für das Schauspiel, aber Larnage, obgleich er der Dichter war, beschäftigte sich nur mit mir; ich hingegen beschäftigte mich zunächst mit dem Schauspiele, und dann mit ihm, und um gerecht zu sein, mit demselben Vergnügen und derselben Lebhaftigkeit.

Wir sahen zuerst den »guten Geschmack, der sich nach Sceaux geflüchtet und unter den Schutz der Frau von Maine begeben hatte,« Er führte die Grazien, die tanzend eine Toilette vorbereiteten, während ihr Gefolge zu einer sanften Musik die Verse von Larnage sang.

Dieses erste Zwischenspiel ward mit einem großen Erfolge aufgeführt, man fand es allgemein köstlich. Ich machte meinem ehemaligen Lehrer ein Compliment – er ward vor Freude fast toll darüber.

In dem zweiten Zwischenspiele waren die Spiele personificirt; sie brachten die Spieltische mit Allem, was zu den verschiedenen Spielen erforderlich ist. Sie sangen und tanzten zu gleicher Zeit, und diese an die Prinzessin gerichteten Schmeicheleien wurden von ihr als eben so wahr wie verständig aufgenommen. Dies Alles ward von den besten Mitgliedern der Oper dargestellt.

Endlich ward das Theater mit Blumen und Kränzen geschmückt wie zu einer Tragödie; aber man wollte nicht etwa eine Tragödie aufführen, sondern ein Stück von Fräulein Delaunay, das sie mit Hilfe Larnage's gefertigt hatte. Mein Gott, was für erschreckliche Verse hatten Beide gemacht! Die Prinzessin selbst spielte eine Rolle, und Jeder spielte die seinige recht hübsch. Der Hof von Sceaux war auf das Theater verpflanzt, und sprach gereimte Prosa statt der gewöhnlichen.

– Diese Verse sind rührend! sagte ich zu Larnage. Ich hatte den Kopf ein wenig verloren.

– Ich dachte an Sie, als ich sie machte! Antwortete er. Ach, Madame, werden Sie denn kein Mitleid mit mir haben, werde ich nie, wie sonst, eine schöne Sternennacht mit Ihnen verplaudern?

– Vielleicht, mein Herr! Antwortete ich, gereizt von dem Wunsche, etwas zu empfinden, was ich nicht kannte.

– Uns wann, wann?

Ich wollte diese Frage beantworten aber ein Zwischenfall den ich nicht vorausetzte, unterbrach mich.




Viertes Kapitel


Fräulein Delaunay berührte meine Achsel und sagte leise:

– Sie sprechen hier von Liebe, Frau Marquise, und denken nicht an Ihre Nachbarn.

Ich zitterte. Diese Worte riefen mich auf die Erde zurück, denn ich war Larnage auf den Flügeln, der Poesie gefolgt, ich weiß nicht, wohin. Erröthend stammelte ich einige Worte.

– O, erschrecken Sie nicht! fügte sie hinzu. Sie sind nicht die Einzige, die so spricht, auch wir Andern sprechen so!

Sie zeigte mir mit der Hand ihren Nachbar, den ich zweimal ansah, ehe ich sie verstand. Dieser Nachbar war der gute Abbé von Chaulieu, der damals älter als achtzig Jahre war. Sie sah meine Ueberaschung und antwortete:

– Sie glauben, daß ich scherze? Fragen Sie ihn

– Leider, sagte der Abbé, es ist nur zu wahr! Sie verschmäht meine letzte Liebe und meine letzten Verse.

– Wie, sind die Verse von Ihnen, Her Abbé? Und die Undankbare verschmäht sie?

–Ja, Madame, ja! Ich habe ihr gesagt:

		Was danke ich Dir nicht? Denn ohne Dich
		Vergingen die letzten Tage mir
		In Langsamkeit und Ueberdruß,
		Wozu Natur sie unbeugsam verdammt.
		Nur Du belebst mit unbekannter Kraft
		Das alte Werk, das Nichts mehr schafft.
		Du gießest Feuer in mein erstarrtes Herz,
		Und weckst die Liebe, meiner Jugend süßen Schmerz.
		Nur Dir zu gefallen, von Dir geliebt zu sein,
		Ist all' mein Hoffen, mein Wünschen allein.
		Der Gedanke an Dich bewegt mir die Brust,
		Schafft himmlisches Glück, schafft göttliche Lust!
		Mein Glaube an Glück ist für immer dahin,
		Bleibt schnöde Dein Herz, bleibt verschlossen Dein Sinn!

Ich besitze jetzt noch diese Verse, von der Hand des Abbé Chaulieu geschrieben. Es sind die letzten, die er gemacht hat. Trotz seiner achtzig Jahre besaß er noch viel Geist.

Der Abbé sprach diese Verse mit einer Gutmüthigkeit und mit einer Ueberzeugung, die mich entzückte. Fräulein Delaunay lachte darüber ohne Spott und Hohn, wie es sich für eine ehrbare und gute Person schickt.

– Ja, ich liebe Madame, fügte der Greis hinzu. Ich bewiese es gern durch mehr, als durch Worte. Es liegen tausend Pistolen zu ihrer Verfügung bereit, aber ich kann sie nicht zur Annahme derselben bewegen.

– Schon zum dritten Male muß ich es Ihnen abschlagen, Abbé. Aus Dankbarkeit für Ihren großmüthigen Antrag rathe ich Ihnen, nicht bei vielen Frauen so zu verfahren, denn Sie könnten eine finden, die Sie beim Worte hält.

– O, ich weiß, an wen ich mich wende! war die naive Antwort.

Wir brachen in Lachen aus; er begriff nicht warum, und fuhr ruhig fort:

– Sie könnte es auf ihren Putz verwenden; sehen Sie nur, Madame, wie sie gekleidet ist! Ich kann in dieser Beziehung Nichts bei ihr erreichen. Sie kränkt mich… sie hat so einfache Kleider, wie sie keine Person trägt…

– Abbé, ich finde, daß mich Alles schmückt, was mir fehlt.

Hierauf hatte er keine Antwort.

Der Abbé betete sie deshalb um so mehr an that sein Möglichstes, um ihr zu gefallen. Seine Carossen und sein Haus gehörten mehr dem Fräulein Delaunay als ihm. Er schickte jeden Morgen, um ihre Befehle in Empfang nehmen zu lassen. Sie jagte seine Leute fort, wenn sie ihr nicht mehr gefielen, oder zwang ihn, sie gegen seinen Willen zu behalten. Alles, was von ihr kam, machte ihn glücklich. Es war eine jener Leidenschaften des Alters, die in Monomanie ausarten.

Larnage und ich hätten es diesen Abend gern gesehen, wenn sie ihrer Liebe nachgehangen hätten, ohne uns zu stören. Ich wollte meinem Geliebten über einen sehr wichtigen Punkt Antwort geben, als sie uns unterbrachen. Er brannte vor Begierde, die Unterhaltung wieder aufzunehmen, und unsere Nachbarn erlaubten es nicht. Fräulein Delaunay hatte ihre Gründe. Ich war noch nicht ihre Freundin, und die feine Fliege machte aus mir ein Werkzeug.

– Sie werden doch zwei oder drei Tage in Seaux bleiben, nicht wahr, Madame? Es werden einige sonderbare Personen hier ankommen, mit denen wir uns zu amüsieren Willens sind. Lehnen Sie es nicht ab, die Frau Herzogin hat mir befohlen, Sie nicht fortzulassen.

Mir war Nichts lieber, als zu bleiben. Ich ließ mich der Form wegen ein wenig bitten, dann willigte ich ein. Larnage dankte mir dafür mit einem Blicke, der das Herz heftig klopfen machte. Dies war noch nicht alles, und Fräulein Delaunay wollte ihre Rolle zu Ende spielen.

– Frau von Maine beschäftigt sich in diesem Augenblicke mit einem Aufsatze, den sie in Prozeß-Angelegenheiten der legitimirten Prinzen gegen die Prinzen von Geburt verfassen lassen will. Sie besitzen Geist, und die Frau Herzogin würde sehr erfreut sein, Sie dabei zu Rathe ziehen zu können.

– Mich, mein Fräulein? rief ich, im höchsten Grade erschreckt. Ich weiß nicht einmal, daß dieser Prozeß existirt. Wie kann, ich mit Denen darüber sprechen, die ihn kennen? ^

– Es betrifft nicht gerade den Prozeß, man will die Ansicht gelehrter Leute! hören, und auch Sie werden Ihre Ansicht sagen. Einer derselben kommt morgen, oder vielmehr heute – er ist wirklich ein Gelehrter.

– Mein Fräulein, ich bin nicht gelehrt, entbinden Sie mich…

– Es wird Sie amüsiren.

Alles erschien mir so außerordentlich, daß ich nicht weiter in sie drang. Aber ein Umstand war nicht minder außerordentlich: Man kannte meine Beziehungen zu dem Palais-Royal, und doch bewarb man sich um mich. Gewöhnlich ward man deswegen allein schon ausgeschlossen. Ich kümmerte mich nicht um dieses Räthsel, und fragte weiter nicht, damit Man mich frei ließe. Fräulein Delaunay entführte wirklich ihren alten Tython, und ich blieb mit Larnage allein. Ein Frösteln durchlief meinen ganzen Körper. Wir schwiegen. Endlich begann eine so leise Stimme, daß ich sie kaum verstehen konnte:

– Wann, Madame, gehen wir, um, wie ernst in Dampierre, diese theuern, geliebten Sterne zu betrachten, die so sanft auf uns herniederblicken? Ach, lassen Sie mich vor Ungeduld nicht sterben, ich beschwöre Sie!

Der Himmel war wirtlich mit Sternen besäet. Die Lichter des Festes erloschen; die Gäste, des Vergnügens und des Spazierengehens müde, zogen sich in Gruppen zurück, nachdem sie in den herrlichen Schatten umhergeirrt waren.

Ich antwortete nicht, aber ich warf einen Blick nach dem Park hinüber.

Er verstand mich und ergriff meine Hand, Wie eine Automatin stand ich auf und folgte ihm.

Wir befanden uns unter den jungen Hagebuchen, deren ich noch nicht erwähnt habe. Ich weiß nicht, wie es kam, daß ich meine Hand in der seinigen ließ, daß wir uns gegenseitig ansahen, anstatt die Sterne zu betrachten, daß er bald seinen Arm um mich schlang und mich an sich drückte, ohne daß ich Widerstand leistete. Ich habe viel gesehen, viel empfunden und viel gefühlt in meinem Leben; aber ich erkläre, daß dieses keusche Umarmen, dieses reine Drücken in meiner Erinnerung nicht ihres Gleichen haben. Es war ein Moment wirklicher Seligkeit, ein Herzensdelirium, das die Philosophen verspotten werden, und das alle andern Delirien übersteigt.

Um einen solchen Moment noch einmal herbeizuführen, würde ich mein Leben noch einmal beginnen, trotz der Langweile, die damit verknüpft ist.

Wir waren die Letzten in dem Parke, und kehrten später in unsere Zimmer zurück, als die Andern. Keiner dachte an uns, Keiner sprach von uns in der kleinen Gesellschaft, wo die Leidenschaften sich concentrirten, indem sie sich verbargen. Frau von Maine gab sich ganz ihrem Ehrgeize, ihren Plänen hin; ihr Gemahl seinen unfruchtbaren Wünschen, die Andern vielleicht der Liebe, und wir waren frei, waren glücklich; aber, ich bezeuge es, dieses Glück kostete meinem Ruhme Nichts, und als ich Larnage beim Frühstück wieder antraf, eröthete ich, indem ich ihn ansah, nicht vor Scham, sondern vor Wonne.

Um diese äußerst glückliche Zeit der Regentschaft gab es nur wenig Frauen meines Alters, die diese Röthe noch kannten.




Fünftes Kapitel


Habe ich vielleicht schon zu viel von der Frau Herzogin von Maine gesprochen? Wahrhaftig, ich weiß es nicht; ich erinnere mich dessen nicht. Ich habe dieses kleine Mädchen darum befragt; es hat mir geantwortet, daß ich noch viel von der Prinzessin zu erzählen hätte. Aber dieses kleine Wesen besitzt so viel Arglist, daß es mich vielleicht veranlassen will zu faseln, damit man meine achtzig Jahre merke.

Ich will nicht, daß Madame faselt, aber ich möchte, daß sie über diese Herzogin von Maine, über die man so verschieden urtheilt, sich noch weiter auslasse. Sollte sie etwas in ihren Memoiren verschweigen, so ist dies nicht meine Schuld; doch, man beruhige sich, ich werde

über ihre Erinnerungen wachen, daß sie Nichts übergeht.

(Anmerkung des Secretairs.)

Die Herzogin von Maine war, obwohl man es von ihr sagte, nicht eben galant. Es ist gewiß, daß sie ihre Liebhaber hatte, vielleicht zwei oder drei. War dies bei den andern Prinzessinnen nicht eben so? Und vorzüglich bei denen, die nach ihr kamen? Man bedenke nur ihre drei Nichten von Condé: Fräulein von Sern, Fräulein von Charolais und Fräulein von Clermont! Ich schwöre es, daß ich von ihren Heldenthaten nicht reden werde, nicht einmal von denen, deren man sie beschuldigt und wovon Beweise vorliegen, ich liebe das Ausschwatzen nicht, und es würde mit schlecht anstehen, sie zu tadeln.

Man muß es eingestehen, daß die Herzogin von Maine den Cardinal von Polignac am meisten liebte. Er war der Gegenstand ihrer letzten Neigungen, und diese sind bei uns Frauen die stärksten, sie vergrößern sich mit unserm Bedauern; jeder entfliehende Tag nimmt eine Illusion mit sich und vermehrt die Kraft der Gefühle. Man verehrt das, dessen Verlust bevorsteht, man legt den letzten Blumen den größten Glanz, den schönsten Duft bei und sieht ihre Blätter mit einer unbeschreiblichen Melancholie abfallen. Ich habe dies Alles empfunden, und wahrlich, ich weiß nicht warum, denn seit langer Zeit schon habe ich die Nichtigkeit der Neigungen dieser Welt kennen gelernt. Aber man muß doch an etwas hangen.

'Einige Schulfüchse und Sudler sind sogar soweit gegangen, daß sie der Herzogin von Maine eine blutschänderische Liebe zu ihrem Bruder, dem Herzoge von Bourbon, beigelegt haben. Diese Leute kennen weder sie noch ihn! Frau von Maine hat nie einen Blick auf einen geistlichen Mann werfen können; sie hat stets das Materielle verachtet, sie hat die Delicatesse bis zum Aeußersten getrieben – Und der Herzog! Großer Gott, man frage nur seine Frau! Sie konnte ihn nicht leiden, und sie hatte Grund dazu. Beide verbrachten ihr Leben damit, sich zu streiten und anzuklagen, und wahrlich, sie hatten Recht dazu. Die Herzogin brauste mit dem ganzen Geiste der Mortemart's auf, und der Herzog mit dem Geiste der Ausschweifung. Bei einem Streite sagte sie ihm einst:

– Mein Herr, Sie mögen immerhin schreien, ich kann Prinzen von Geblüt ohne Sie machen, aber ich traue es Ihnen nicht zu, daß Sie es ohne mich vermögen.

Sie hat mehr gethan, als diese Worte zu sprechen, sie hat es durch die That bewiesen.

Kehren wir zur Frau von Maine zurück.

Am Morgen nach dieser großen Nacht stand sie sehr spät auf. Auch wir. Fräulein von Delaunay holte mich aus meinem Zimmer, um mich zur Toilette der Prinzessin zu führen. Sie hatte ihre Absicht dabei. Frau von Maine empfing mich mit dem wohlwollendsten Lächeln; sie bot mir einen Stuhl und fragte mich, ob es mir in Sceaux gefalle und ob ich oft wiederkommen wolle?

Mit Begeisterung antwortete ich ihr, daß es mir hier außerordentlich gefalle, und daß ich stets wiederkommen würde, wenn man mir die Ehre erzeigte, mich zu empfangen.

– Kennen Sie den kleinen Larnage? fragte sie hastig, indem sie ein Corset anlegte.

Ich fuhr erstaunt zusammen und stand auf, um ihr eine Verbeugung zu machen, ohne zu wissen, was ich that.

Sie lächelte und wiederholte die Frage.

– Ja, Madame, antwortete ich nun, ich habe ihn bei der Frau Herzogin von Luynes gesehen.

– Kennen Sie seine Mutter?

– Ja, Madame,

– Und was sagt man, wer sein Vater sei?

– Ich weiß es nicht, Madame.

– Ah, Sie wissen es nicht! Aber man giebt ihm einen Vater, den ich sehr gut kenne. Er leugnete es, als ob mir dies viel Kummer machte. Ich bin nicht die Frau, die sich um solche Kleinigkeiten grämt.

Fräulein Delaunay unterbrach diese Unterhaltung, indem sie meldete, daß man nach ihr gefragt habe, und daß wahrscheinlich der erwartete Gelehrte angekommen sei,

– Entfernen Sie sich nicht, antwortete die Herzogin; man lasse ihn eintreten, ich will ihn empfangen. Bleiben Sie, Madame, vielleicht macht es Ihnen Vergnügen. Diese Gelehrten sind mitunter sehr drollig. Es handelt sich um einen Aufsatz gegen meinen Herrn Vetter. Delaunay, nennen Sie mich nicht.

– Man führte den Gelehrten ein. Mein Gott, was war das für ein Geschöpf! Was für ein Convolut von Latein und Großsprecherei. Er trug große Strümpfe, Schuhe mit Schnallen, einen zerrissenen Rock und einen Hut nach Art der Küchenjungen. Die ganze Erscheinung war zwar nicht elend, aber widerwärtig. Der Gelehrte brüstete sich damit, wie Diogenes mit seiner Tonne.

Unser Mann besah sich das vergoldete Getäfel, die Toilette und die Menge Leute, die dabei Dienste leisteten. Man merkte ihm an, daß er stolz von der Höhe seiner Größe herabblickte. Er näherte sich der Frau von Maine, grüßte sie auf seine Weise, und schien mehr mit den hebräischen Gebräuchen als mit den unsrigen vertraut zu sein.

– Mademoiselle, sagte er, sie konnten sich, behufs Lösung der Frage, die Sie beschäftigt, an keinen Bessern wenden; die Frau Herzogin von Maine hat bewiesen, daß sie stets mit Scharfsinn ihre Wahl trifft.

– Sie sind sehr gütig, mein Herr!

Er hielt sie für Fräulein Delaunay, oder er stellte sich, als ob er sie dafür hielte. Der größern Bequemlichkeit wegen ließ man ihn dabei.

– Mein Herr, was halten Sie von dem Herrn Herzoge und von den Gründen, die er gelten macht?

– Mademoiselle, Semiramis hat den Fall vorgesehen und ihre Gesetze sind sehr genau. Bei Hofe können solche Dinge nicht geschehen.

– Aber, mein Herr, am Hofe der Semiramis gab es keine legitimirten Prinzen.

– Das ist ein arger Irrthum, ein sehr arger Irrthum, Mademoiselle! Semiramis hatte mehre Bastarde.

Wir Alle machten eine Bewegung.

Frau von Maine behielt ihre Fassung.

– Ja, Mademoiselle, sie hatte mehre, und Ninus ebenfalls. Der Ehebruch war zu Babylon in der Mode. Und nun bedenken Sie den Nimrod! Die Prinzen seines Blutes empörten sich über die großen Wohlthaten, mit denen er die Kinder seiner Liebschaften überhäufte. Sie unternahmen es selbst, sie auszuplündern. Wissen Sie, was Nimrod that, Mademoiselle, wissen Sie es?

– Nein, mein Herr!

– Er ließ den Aufwieglern die Ohren, selbst die Nasen abschneiden. Gewiß, Mademoiselle, ich kann es Ihnen versichern. Und wenn der Herr Regent gerecht ist, so wird er dasselbe Mittel anwenden, um dem Dinge sobald als möglich ein Ende zu machen.

Wir lachten dem guten Manne laut in das Gesicht. Der Gedanke, den Herzog ohne Nase zu sehen, war überaus komisch.

Frau von Maine blieb ernst; sie antwortete mit würdiger Miene:

– Mein Herr, das Mittel wird um so besser sein, da ich nicht weiß, was von dem Gesichte des Herrn Herzogs noch bleibt, wenn man ihm die Nase genommen hat.

– Zu Zeiten der Chaldäer, mein Fräulein, würde man einen solchen Mißbrauch nicht geduldet haben.

– Wie, die Nase des Herrn Herzogs?

– Nein; ich meine die Reclamationen gegen die Willensmeinungen des seligen Königs,

Gegen eine Revolte waren sie unbarmherzig. Ich habe gelesen, daß Smerdis, nicht Smerdis der Magier, sondern ein anderer Smerdis – daß Smerdis auf einem Auge blind geworden, weil er im Gefängnisse so viel geweint hatte.

– Mit einem Auge?

– Er war verurtheilt, jeden Tag nackten Fußes zu dem Grabe seines Onkels zu gehen, dessen Willen er ungehorsam gewesen. Und er ging dorthin, Mademoiselle.

– Dieses Verfahren wäre auch bei uns anzuwenden. Man könnte den Herzog von Orleans und alle Prinzen jeden Morgen zu Fuß nach Saint-Denis schicken; ich würde darum anhalten, diese Prozession sehen zu können. Dabei ließe sich beobachten, ob die Familie Ludwigs XIV. sich mit denselben Gesetzen regieren ließe, wie die Kinder Nimrod's, oder ob wir einige Neuerungen müßten eintreten lassen.

– Ah, Mademoiselle, was sind die modernen Gesetze gegen die erhabenen des Alterthums! Welche Muster finden wir in der wunderbaren Vergangenheit, von der wir nur eine blasse Copie sind!

Nun erhob er sich, und begann eine Abhandlung über die Alten, die ein wahres Convolut von Lateinisch und Griechisch war. Die Prinzessin machte ihr dadurch ein Ende, daß sie den Gelehrten fragte, ob er nicht in die Sorbonne eintreten wolle.

– Ich würde sie gern dorthin schicken, mein Herr, fügte sie hinzu, um Ihnen für das Vergnügen zu danken, das Sie mir heute gemacht haben. Aber unglücklicher weise hängt dies nicht von mir ab. Die Stunde meines Dienstes hat geschlagen – leben Sie wohl!

Dieser Mann, der Bourdin der Aeltere hieß – ich erinnere mich seines Namens – richtete sich hoch empor; er fühlte sich verletzt, daß man Nichts anderes von ihm gewollt, als ihn nur anhören.

– Ich gehe, Mademoiselle, sagte er; aber wenn Sie mich sollten noch einmal rufen lassen, so zählen Sie nicht auf mich, ich werde nicht kommen.

Er verließ ohne Umstände das Zimmer.

Dies ist das wahre Bild der Gelehrten jenes Jahrhunderts. Molière hat es nicht in Abrede gestellt, er hat ein Meisterstück daraus gemacht.




Sechstes Kapitel


Diese Unterhaltung war für mich ungemein anlockend, Alles, was man mir sagte, glaubte ich zuversichtlich. Als Fräulein Delaunay mir vorschlug, noch eine gewisse Gräfin, eine Madame Düpuis und einen gewissen Abbé Lecamus zu sehen, die Zaubereien und wunderbare Eröffnungen machen sollten, war ich unendlich erfreut, und willigte rasch ein. Dies erregte in Sceaux eine große Freude, man bediente sich meiner wie eine spanische Wand. Da der Herzog von Orleans mich schätzte, so war ich nicht verdächtig, und ich konnte mich bei dieser Gelegenheit überzeugen, daß man nichts Strafbares that, denn man drang in mich, zu bleiben und allen diesen Scenen beizuwohnen. Dies war sehr gut ausgesonnen, und da ich in meinem Alter wenig Erfahrung hatte, ging ich willig in die Falle. – Sie werden mit der Delaunay zu Mittag essen, fügte Frau von Maine hinzu; denn sie empfängt und bewirthet diese berühmten Personen. Ich selbst werde bei dem Nachtische verkleidet und unbekannt erscheinen. Wenn sie mich erkennen, lasse ich sie auf der Stelle davonjagen. Der Herr Herzog von Maine ist kein Freund von solchen Kunden, sie sind gut für den Herrn Herzog von Orleans, der an den Teufel glaubt, um nur an etwas zu glauben, Sie, die Sie frei und unabhängig sind, werden sich amüsiren.

Den ganzen Vormittag verbrachte ich damit, die geistreiche und unterhaltende Prinzessin anzuhören. Sie sprach von ihrem Fliegenorden und äußerte dabei ihr Bedauern, daß sie jetzt nicht mehr jene schönen Ceremonien, wie früher, habe, um mich als Ritterin aufnehmen zu lassen.

– Aber unser Kummer geht vorüber, und wir werden wieder damit beginnen. Dann, hoffe ich, werden Sie Sceaux in seinem ersten Glanze sehen. Wenn ich meinen Prozeß gewinne, fügte sie hinzu, so werden wir reicher sein, als je; Herr von Maine wird dann keine Sorgen wegen des Vermögens und der Zukunft seiner Kinder mehr haben, und wir amüsiren uns in aller Ruhe.

Obgleich Fräulein Delaunay den Titel der Kammerfrau Ihrer Hoheit führte, so war sie in der That doch etwas mehr. Sie hatte keine andere häusliche Obliegenheiten, als stets zugegen zu sein. Zuweilen aber gebrauchte man sie als Secretair, als Vertraute. Nie zog sie ihrer Herrin die Strümpfe und Schuhe an, nie steckte sie ihr eine Nadel ein. Deshalb sagte auch Frau von Maine:

– Man hält die Delaunay für meine Kammerfrau; aber mein Geist ist ein ergebener Diener des ihrigen.

Dies war nicht wahr, Frau von Maine beherrschte Alles.

Die Stunde kam, unsere Toilette war gemacht, und man benachrichtigte mich, daß wir in ein Haus von Sceaux zum Mittagsessen gehen würden, zu einer Art von Edelmann, einem Gelehrten, der mit unumstößlichen Argumenten zur Besiegung der Feinde des Hauses Maine ausgerüstet sei.

– In dieser Comödie wird eine verhungerte Gräfin mitspielen, von der ich Ihnen schon gesagt habe; sie hat mit großer Mühe den Edelmann überredet, daß er mir ein Mittagsessen giebt, damit ich ihn anhöre. Er wohnt in der Stadt Sceaux, ist sehr reich, aber geizig; er langweilt mich mit seinen Büchern bis zum Sterben. Ich hoffe indeß, dem Magier Smerdis und der Semiramis auszuweichen. Klagen Sie mich an, wenn Sie wollen; aber ich wollte eine Genossin haben. Was langweilt, wenn man allein ist, amüsirt, wenn man sich in Gesellschaft befindet. Sind Sie nicht meiner Ansicht?

Ich war damit einverstanden und folgte meiner Führerin, sehr geneigt, mich auf diese Art und Weise zu amüsiren; dessenungeachtet aber hatte ich keine Ahnung von dem, was ich sehen sollte.

Man brachte uns in einer Carosse bis an die Thür des Edelmanns, der sich Despré nannte. Der Weg war ziemlich lang bis zu seinem Schlosse. Bei unsrem Anblicke setzte sich Alles in Bewegung. Die Mägde empfingen uns mit ihren Küchenschürzen, die makellos weiß, waren, wie Meubles, die man nicht oft benutzt.

– Man ist hier entweder sehr verschwenderisch, oder sehr geizig! flüsterte ich leise meiner Begleiterin zu. Diese Köchinnen sehen aus, als ob sie ein mageres Fricasse bereitet hätten.

– Wir werden sehen!

Herr Despré kam uns entgegen; seine Gäste begleiteten ihn. Wir waren wichtige Personen, denn man grüßte uns durch Verbeugen bis zur Erde.

Die Gräfin war außer sich vor Freude, als sie sah, daß der Zeitpunkt des Mittagsessens eintrat. Das Glück darüber machte sie zur Liebenswürdigkeit selbst; sie stellte unsere Stühle zurecht, und nannte uns die anwesenden Personen. Mit einem Worte, jede ihrer Bewegungen sagte:

– Wie danke ich Ihnen dafür, daß ich heute mehr als trockenes Brod essen werde!

Arme Frau! Wie hatte sie sich getäuscht! Sind die alten Magen wie die jungen Herzen? Lassen sie sich durch Chimären betrügen? Genügt der Rauch, um sie zufrieden zu stellen?

Es waren auch Leute aus der andern Welt zugegen: der Abbé Leramus und die Dame Düpuis, die angekündigte Pythia. Man setzte sich in einen Kreis, und obgleich es nicht kalt war, so rauchten doch einige Holzstücke in dem Kamine. Wir wußten, daß es aus Oekonomie geschah. Das große Zimmer des Erdgeschosses, in dem wir uns befanden, ward nie geöffnet; es war entsetzlich feucht, und ohne diesen Anschein von Feuer würde der Aufenthalt darin unerträglich gewesen sein. Bald sahen wir jedoch, daß das Feuer einen andern Zweck hatte.

Um die Delaunay und mich zu ehren, wies man jeder von uns einen Platz im Winkel des Kamins an; man trennte uns daher zu unserm großen Bedauern. Wir konnten nicht anders als durch die Blicke mit einander sprechen. Und dabei wurden wir noch überwacht, denn man sah uns stets an.

Die Frauen sprachen viel, die Männer lächelten gefällig. Wir glichen zwei Pagoden, und mich wandelte die Lust an, zu lachen.

– Mein Herr, begann endlich die Delaunay, wann wird uns Madame Düpuis ihre Wunder zeigen?

– Beim Dessert, Mademoiselle, das wir an einem eigens dazu vorbereiteten Orte einnehmen werden.

– Äh, rief ich, wahrscheinlich in einer Grotte oder in einer Rasenhütte des Gartens?

– Nein, Madame, es ist ein Ort, den der Blick der Profanen nicht erreicht, und wo die Wunder sich ohne Gefahr zeigen können.

Bei diesen Worten erhob sich Fräulein Delaunay rasch.

– Wie, mein Herr, wir werden die Wunder also nicht in Ihrem Hause sehen?

– In meinem Hause, Demoiselle, aber nicht hier!

– Ich erwarte eine meiner Freundinnen, eine sehr gelehrte Person, die sich gegen zwei Uhr einfinden wird, um die Wunder zu sehen. Wird sie uns finden?

– Sie wird uns finden, gewiß! Wir werden sie erwarten. Erst um elf Uhr bemächtigt sich der Gott der Zauberin; bis dahin bleibt sie stumm, wie Sie sie sehen.

– Wird sie nicht soupiren?



Despré antwortete mit einem Seufzer:

– Leider wird sie nur zu viel soupiren, Mademoiselle. Die Begeisterung bindet ihr zwar die Zunge, aber nicht die Kinnladen.

Die Düpuis saß wirklich wie ein Götzenbild da, sie bewegte sich nicht, sie sprach nicht.

Alle diese Mumien schwiegen nach dieser Erklärung, und die Unterredung stockte.

Um ihre Fassung zu bewahren, ergriff die Delaunay die Zange und wollte dem Feuer, das dem Erlöschen nahe, Nahrung geben. Sie nahm einen schwarzen Gegenstand, den sie für ein angebranntes Stück Holz hielt, um ihn auf die Kohlen zu legen.

Ein allgemeiner Schrei ließ sich vernehmen. Ich erstickte fast, indem ich das Lachen unterdrückte.

– Barmherzigkeit! Das ist die Chocolaten-Kanne! Was machen Sie, Mademoiselle? Wir werden nun kein Souper haben! rief trostlos die Gräfin.

Ein Knistern in der Asche verrieth, daß Alles verzehrt war. Die ausgeschüttete Chocolate hatte das Feuer verlöscht – die Delaunay hatte alle unsere Hoffnungen vernichtet.

– Mein Herr, sagte sie mit großer Ruhe, wer hätte denken können, daß es nach dem Souper Chocolate giebt?

– Mademoiselle, ist es nicht die schöne Sitte des Hofes? Ich glaubte, die Leute vom Stande äßen Abends nicht, und wollte sie demgemäß bedienen.

– Ich bin nicht vom Stande, und deshalb esse ich! antwortete meine Begleiterin.

– Und ich bin vom Stande, fuhr die Gräfin fort; aber ich esse zweimal für einmal.

Obgleich das Souper in der Asche lag und das Feuer erloschen war, so schwieg doch die Prophetin, und die andern Gelehrten streckten trostlos die Hände danach aus.

So conspirirte man um jene Zeit.




Siebentes Kapitel


Nach dem Untergange der Chocolate gerieth die Unterhaltung wieder in's Stocken. Ich fand die Geschichte ein wenig ernsthaft, da mir das Lachen nicht erlaubt war.

Man kündigte das Souper an.

Der Saal, den wir nun betraten, war noch feuchter, da man kein Feuer darin angemacht hatte. Auf dem Tische stand ein Rostbraten, eine Omelette und ein Salat. Für vier Personen wäre diese Mahlzeit hinreichend gewesen, aber es waren fünfzehn anwesend. Ein ungenießbarer Wein war die Würze des Ganzen.

Ich lachte aus vollem Herzen darüber. Uns blieb Nichts, als die Hoffnung, daß sich die Zauberin bald zeigen werde. Die Mahlzeit dauerte nicht lange, da sich nur die Augen befriedigt hatten. Man schickte sich auf die Wunderdinge für den Abend an.

Frau von Maine, bürgerlich gekleidet, und von dem Cardinal begleitet, der das Costüm eines Gerichtsschreibers trug, erwartete uns in dem Vorzimmer. Sie war unter ihrem hohen Kopfputze nicht zu erkennen. Fräulein Delaunay, die ein schlechtes Auge hatte, erkannte sie nur an der Stimme. Die Herzogin gab mir ein freundschaftliches Zeichen, wir vereinigten uns zu vier und folgten unserm Wirthe, der mit dem Abbé Lecamus, der Gräfin und einem Abbé von Verac voranging, der aus dem andern Lager zurückgekommen war und im Verdachte des Spionirens stand. Wir hatten einen Weg angetreten, auf dem man sich den Hals brechen konnte.

Zunächst durchschritten wir ein Ballhaus, ein halbverfallenes Gebäude, dessen Decke über unsern Häuptern zusammenzustürzen drohte. Von dort aus gingen wir durch einen Raum, dessen durchsichtiger Fußboden Schwindel erregte; ich drängte mich an meine Begleiterin, die noch weniger wußte als ich, wohin man uns führte, und ihrer Herrin wegen besorgt war.

– Es war unklug, hierher zu gehen, flüsterte sie mir zu. Was könnte die Folge sein, wenn man die Herzogin erkennt?

– Warum denn, Mademoiselle? Sie thut ja nichts Böses. Sie vertheidigt das Gut ihrer Kinder, und deshalb kann man sie nicht tadeln, und wenn das dazu gewählte Mittel noch so außergewöhnlich ist.

Fräulein Delaunay schüttelte den Kopf; sie wußte wohl, daß man ihren Schritt mißbilligen würde. Wir sahen aus, als ob wir zu einem Hexensabbath gingen. Es war mit einem Worte ein schreckliches Abenteuer, wie Don Quixote sagt.

Wir kamen endlich in eine Art Dachkammer, wo uns eine dem Orte entsprechende Gesellschaft erwartete. Ich habe später ähnliche Verzückungen gesehen, von denen ich am geeigneten Orte reden werde; für diesmal aber war ich nicht daran gewöhnt, und ich sah wirklich mit erschreckten Blicken um mich.

– Aber wo sind wir, Mademoiselle? Diese Leute wollen uns doch nicht erwürgen?

– Wir sind bei einer Hexe, Alle diese Leute haben den Herzog und seine Manöver gekannt; sie wissen viel Dinge, die für Ihre Hoheit von Wichtigkeit sind. Madame Düpuis, die oft inspirirt ist, wird uns seine Geheimnisse offenbaren.

– Wie, alle diese Phantome sind Ihrer Hoheit wichtig und können ihr nützen?

– Diese da nicht, sie sind Zuschauer wie wir; aber die Zauberin und ihre Freunde, die Sie sehen werden. Frau von Maine ist eine Kranke, die sich mit ihren Aerzten nicht begnügt, sie zieht auch noch Leute von Erfahrung zu Rathe.

Ich glaubte Alles, ich war der Wahrheit sehr fern. Man stellte uns die Wände entlang. Dann zündete man zwei rauchende Lampen an, die nur dazu dienten, die Finsterniß noch schrecklicher zu machen. Nun trat ein tiefes Schweigen ein. Die Düpuis erschien in der Mitte des Kreises, setzte sich auf einen krummbeinigen Schemel, machte tausend Drohungen und Verzerrungen, und öffnete den Mund – aber sie brachte keine Sylbe hervor,

– Ah, sagte meine Begleiterin, sie hat nicht getrunken, und darum wird sie nicht reden! Man hat uns zur Strafe hierhergeführt.

Nun begann die Zauberin die Augen zu verdrehen, inarticulirte Töne auszustoßen und jämmerlich zu wimmern. Dann ließ sie den Kopf hängen und schlief ein, oder sah aus, als ob sie schliefe. Die Delaunay ließ mich nicht aus den Augen, und suchte meine Aufmerksamkeit auf ihre Weise zu fesseln. Während dieser Zeit konnte ich Frau von Maine nicht beobachten, die fröhlich mit den falschen Wichten conspirirte, die theils von Spanien geschickt, theils Diener ihres Hauses waren; sie bereiteten den Schlag vor, der später fallen und ihr Nachrichten bringen sollte. Man rechnete darauf, daß ich, das einfältige Ding, erforderlichenfalls wiedererzählen sollte, was ich gesehen hatte; ich war dazu bestimmt, durch mein ernstes und uninteressirtes Zeugniß die Anklagen völlig zu entkräften.

Plötzlich erhob sich die Sybille, als ob sie eine Feuer emporgeschnellt hätte; in einem Augenblicke stand sie aufrecht.

– Ich sehe! Ich sehe! Ich sehe! rief sie.

– Vortrefflich! antwortete meine Nachbarin.

Wir Alle richteten unsere Blicke in die Luft, um das zu suchen, was sie sah. Wir entdeckten Nichts, als ein elendes Holzgerüst, das mit gebrannten Ziegeln bedeckt war.

– Ich sehe eine Reihe von Prinzen und Königen, ich sehe wiederhergestellte Schriften, ich sehe einen großen Gesetzgeber, ich sehe den Sohn eines mächtigen Monarchen, großmüthig wie sein Vater!

– Ach, flüsterte mir die Delaunay zu, das ist der Herzog von Maine, der sich mit dem Herrn Herzoge verständigt und ihm seine Fehler verzeiht.

Ich öffnete weit die Augen, aber ich sah Nichts. Ich begriff Nichts von Allem, hatte aber auch keine Lust, zu lachen; ich war übler Laune, denn ich fühlte, daß ich nicht an meinem Platze war, daß in der ganzen Angelegenheit etwas Dunkeles lag, Demoiselle Delaunay beobachtete mich, sie fürchtete, daß ich Argwohn schöpfen möchte, und darum begann sie zu scherzen. Ich hörte nur halb, was sie sagte. Ich suchte das Räthsel zu lösen, aber es gelang nur nicht,

– Mademoiselle, unterbrach ich sie, diese Frau ist weder berauscht, noch begeistert, sie treibt einfach ein Spiel.

– Alle diese Frauen machen es so; es ist ihr Beruf; sie würden außerdem keine dummen Seelen finden, die ihnen glauben.

– Aber ist denn Frau von Maine so leichtgläubig? Warum hat sie uns hierher geschickt?

– Ich habe es Ihnen schon gesagt: sie will diesen Prozeß gewinnen; sie selbst macht einen Aufsatz und sucht Beweise, Man hat ihr die Versicherung gegeben, daß diese Frau in ihrer Begeisterung von dem Herzoge redet, Nun ist die Neugierde wach geworden, und sie wünscht die Frau zu sehen. Das ist Alles. Sie glaubt Ihnen ein Vergnügen zu verschaffen, und hat Sie mit sich genommen. Wenn Sie Ihre Hoheit näher kennen lernen, werden Sie sich nicht darüber wundern.

Diese Erklärung war sehr natürlich und ich schenkte ihr Glauben. Fräulein Delaunay ließ nun die Funken ihres Geistes verführerisch sprühendes machte mir Vergnügen, sie zu hören. Die Düpuis beschäftigte mich nicht mehr. Frau von Maine trat uns gleich darauf näher; sie berührte meine Schulter, um mich am Aufstehen zu hindern.

– Sie vergessen, wo wir sind, sagte sie. Man darf mich nicht erkennen. Man hat uns zu einem Schauspiele geführt, das für Narren gut ist. Delaunay, wenn diese Marionetten wiederkommen sollten, empfangen Sie sie nicht. Wahrhaftig, da der Herr Regent sich mit Magie befaßt, sollte sich alle Welt damit befassen. Gehen wir, wenn es Ihnen beliebt.

Wir folgten ihr. Sie schien sich gelangweilt zu haben. Dennoch entschied sie sich zu der Conspiration, die man später die Conspiration des Cellamare nannte, und der Gesandte selbst war eine jener schmutzigen, in Lumpen gehüllten Gestalten, die mir so sehr mißfallen hatten.

Aus diesem Grunde habe ich mich, ohne es zu ahnen, an jenem großen Abenteuer betheiligt, und so kam es, daß ich eine Conspiration entschuldigte, von der ich keine Ahnung hatte.

Wir kamen nach Sceaux zurück, wo wir ein Souper einnahmen.

Am folgenden Morgen früh weckte mich ein Courier der Frau von Parabère. Er brachte mir einen Brief, der folgende Zeilen enthielt:

»Sie sind noch nicht meine Freundin, aber Sie sind gut; ich wende mich mit vollem Vertrauen an Sie. Reisen Sie sogleich ab, zögern Sie nicht einen Augenblick, und kommen Sie in meine Wohnung, ich bedarf Ihrer. Es handelt sich um Leben und Tod. Lassen Sie nicht auf sich warten. In meiner ganzen Umgebung befindet sich keine Frau, von der ich fordern könnte, was ich von Ihnen erwarte. Wenn Sie meiner Bitte nicht genügen, bin ich verloren.«




Achtes Kapitel


Ich beeilte mich, diesen Brief der Delaunay zu bringen und sie zu bitten, mich bei der Frau Herzogin von Maine zu entschuldigen und bei ihr darum nachzusuchen, daß ich nach Paris zurückkehren dürfe. Ich glaubte ihr Mißfallen zu erregen, aber wie war ich überrascht, als ich erfuhr, daß sie gern einwilligte, daß sie mich vor meiner Abreise nur noch einmal sehen wolle, und daß eine Carosse zu meiner Verfügung stehe, wenn mir dies angenehm sei. Ihre letzten Worte bei meinem Abschiede waren:

– Es freuet mich, Madame, daß Sie Ihren Freunden getreu sind; ich hoffe, Sie so zu finden, wie ich es wünsche, wenn ich zu der Zahl Ihrer Freunde gehören werde.

Nun reiste ich schnell ab. Denselben Abend kam ich in Paris an und fuhr direct vor die Wohnung der Frau von Parabère. Da man meine Carosse erwartet hatte, ließ man die Thüren öffnen. Eine Vertraute der Frau von Parabère kam hastig die Treppe herab mir entgegen.

– Ach, Madame, die Frau Marquise wird glücklich sein, Sie zu sehen.

– Ist sie zu Hause?

– Ja, Madame, sie ist zu Hause, wenigstens für Sie. Die arme Dame trägt großes Verlangen nach ihren Freundinnen.

Ich dachte daran, daß sie In Ungnade gefallen sein könne; aber nach dem Verhältnisse zwischen der Marquise und dem Regenten konnte ich nicht daran glauben. Unter mancherlei Vermuthungen stieg ich die Treppe hinan. Frau von Parabère kam mir in großer Verwirrung entgegen; sie warf sich weinend in meine Arme, ohne sich um die Diener zu kümmern, die uns ansahen. Dann zog sie mich in ihr Zimmer.

– Was giebt es denn, Madame? fragte ich. Worin kann ich Ihnen nützlich sein? Sie haben mich gerufen, und ich bin gekommen…

– O, Dank, Dank! Lassen Sie mich nur ein wenig zur Besinnung kommen, dann werde ich Ihnen Alles sagen. Ach, und ich bin unschuldig daran!

Es war wirklich eine große Veränderung mit ihr vorgegangen. Ich hätte nie geglaubt, daß sie die Sacht so nehmen würde.

Nachdem sie stärkende Tropfen genommen und Salze eingeathmet, war sie anscheinend gestärkt. Dann begann sie:

– Sie erinnern sich des Grafen Horn?

– Vollkommen, Madame. Ich hatte die Ehre, ihn vor einigen Tagen noch bei Ihnen zu sehen.

– Nun, Madame, er ist verhaftet.

– Verhaftet! Warum?

– Er ist eines Mordes angeklagt, ja eines Mordes! Jenes abscheuliche System des Hasses, das Alle wahnsinnig macht, will ihn verderben.

– Hat er denn diesen Mord begangen?

– Nein, er hat ihn nicht begangen, er ist unschuldig. Sie haben ihn gesehen, und können noch daran zweifeln?

– Wenn er unschuldig ist, so muß ihm Gerechtigkeit werden.

– Ihm wird keine Gerechtigkeit werden, Madame; denn zum ersten Male in seinem Leben hat der Regent einen Willen. Er haßt ihn!

– Warum haßt er ihn?

– Weil ich ihn liebe.

Hierauf hatte ich keine Antwort, und dies war wohl natürlich.

– Vor drei Tagen kam der Graf von Horn zu mir, und blieb eine ziemlich lange Zeit. In einer Anwandlung von Exaltation warf er sich vor meinen Füßen nieder – da trat der Regent ein. Er ward roth vor Zorn und zeigte dem jungen Manne die Thür, indem er rief:

– Gehen Sie hinaus, mein Herr!

– Unsere Ahnen würden gesagt haben: Gehen wir! antwortete der Graf von Horn, indem er ihn stolz ansah.

Nun folgte eine Scene, die fast den ganzen Tag spielte. Ich habe den Fürsten gemißhandelt, ich habe ihm Wahrheiten gesagt, die er nie vergessen wird. Wüthend ging er fort, und ich habe ihn nicht wiedergesehen.

Bis dahin begriff ich nicht viel von der Sache,

Sie fuhr fort:

– Gestern Morgen kündigt man mir einen Gefreiten der französischen Garde an, der mir selbst einen Brief zu übergeben wünsche. Hier ist der Brief!

Ich las:

»Schöne und angebetete Marquise!,,Meine einzige Hoffnung beruht auf Ihnen; ich bin verloren, wenn Sie mir nickt zu Hilfe kommen. In Folge jener schrecklichen Scene bei Ihnen hat mich ein Unglücklicher fortgeschleppt und mich eines Mordes schuldig gemacht.«

– Aber, Madame, fügte ich hinzu, Sie sehen ja, daß er bekennt.

– O, es ist kein Mord; lesen Sie nur weiter!

»Ich habe einen Menschen getödtet, der mich beleidigt hatte; einen Menschen ohne Vertheidigung. Er war ein Elender, ein Dieb, gegen den ich mich nur schützte. Bewirken Sie meine Entlassung aus dem Gefängnisse, sonst kann ich Sie nicht sehen, und ich muß Sie sehen, da es zu meinem Leben nothwendig ist.«

– Nun, fragte ich, was haben Sie gethan?

– Mein Gott, ich habe gewartet! Da ich wegen der stattgehabten Scene nicht wagen konnte, mich direkt an den Regenten zu wenden, habe ich die Antwort auf einen Brief abgewartet, den ich an Dubois geschrieben. Damals hielt ich die Sache nicht für so ernst, ich glaubte, die Gefangenschaft würde nur sehr kurz sein. Die Criminalkammer hat Rücksichten zu nehmen, bevor sie sich in diese Angelegenheiten mischt. Nach meiner Ansicht gehörte ein fremder souveräner Prinz vor das Forum des Hofes. Die Antwort Dubois' nahm mir diesen Irrthum. Die Sache war ernst, es handelte sich um einen Mord, und anstatt den Grafen zu entlassen, macht man ihm den Proceß. Bestürzt eilte ich zu dem Regenten; er ließ mich nicht vor. Ich schrieb an ihn – er antwortete mir nicht. Ich wandte Alles an – Nichts hatte einen Erfolg. Nun sah ich die Gefahr, ich fühlte das Bedürfniß nach einer Freundin, ich dachte an Sie, und schrieb an Sie. Sie sind gekommen, und ich bin überzeugt, daß Sie mir beistehen.

– Was kann ich thun?

– Wir gehen zusammen zu dem Regenten; Sie wird er empfangen.

– Er kennt mich ja kaum.

– Er kennt Sie genug, um Sie schön zu finden, und dies genügt.

– Haben Sie schon versucht, heute zu ihm zu gelangen?

– Er ist diesen Morgen schon nach Saint-Cloud gegangen, und noch nicht wieder zurückgekehrt. Sobald er eintrifft, erhalte ich Nachricht. Sie werden mit mir gehen, nicht wahr?

Wenn Herr Walpole mich beschuldigt, daß ich romantisch gesinnt sei, so hat er, was meine Jugend anbetrifft, nicht ganz unrecht, denn seit langer Zeit schon bin ich davon geheilt, und es ist von dieser romantischen Gesinnung keine Spur geblieben. In jener Zeit aber war ich es, und daß ich mich in eine solche Angelegenheit mischen konnte, machte mich glücklich. Ich gab der Marquise die Versicherung, daß ich sie nicht verlassen würde. Sie antwortete mir, daß man mir ein Zimmer vorbereiten solle. Ich versuchte es, ihr Trost und Hoffnung zu geben; sie aber schüttelte den Kopf und antwortete:

– Sie wissen noch nicht Alles!

– Er wird nicht sterben, wir retten ihn!

Wir retten ihn nicht, er wird sterben; ich weiß es!

– Martern Sie sich nicht mit solchen Chimären, Madame!

– Es sind keine Chimären, es ist die Wirklichkeit. Alle Diejenigen, die mich liebten, und denen ich erlaubt habe, mich zu lieben, sind eines gewaltsamen Todes gestorben. Ich bringe nur Unglück.

Ich gab meinen Unglauben zu erkennen.

– Wollen Sie das Verzeichniß und den Beweis? Hören Sie mich an:

Der Abbé von Montmorency ward an meiner Thür ermordet.

Der Vicomte von Jonsac stürzte sich aus dem Fenster.

Die beiden Brüter von Secheval wurden meinetwegen im Duelle gethötet.

Der Chevalier von Breteuil fiel meinetwegen in einem Duelle.

Der junge von Blesne, erster Page von Madame, ward in einem Fiacre ermordet, während er bei einem Balle in der Oper vor der Thür auf mich wartete.

Der Abbé von Gisors vergiftete sich.

Herr von Gernay ward verrückt und erdrosselte sich mit seinen eigenen Haaren.

Der Chevalier von Vieuville, mein Cousin, sprengte sich mit seinem Schiffe in die Luft.

Sie sehen, die Liste ist lang, und die Namen, die sie enthält, sind berühmt Auch der Graf von Horn wird einen Platz darauf erhalten. Aber auch der Tag Philipp's von Orleans wird kommen, so steht es da oben geschrieben!

Noch schwebt mir der Gesichisausdruck der Marquise vor, mit dem sie diese Worte sprach. Noch sehe ich diesen Schrecken, diese Ueberzeugung, die sich so tief in ihren Zügen ausprägten. Ich hatte Furcht, wie sie; aber ich versuchte ihr zu antworten und diese Bilder zu verscheuchen. Da trat eine Kammerfrau ein und meldete:

– Der Herr Regent ist zurückgekehrt; er erwartet die Frau Marquise.




Neuntes Kapitel


Ich hatte versprochen, Frau von Parabère zu begleiten, und außerdem, ich muß es gestehen, empfand ich selbst eine große Lust dazu. Ich ließ mich also nicht bitten, ihr zu folgen. Cauche, der Vertraute im Palais-Royal, meldete uns an. Der Fürst ließ uns unmittelbar darauf eintreten. Ich las auf seinem Gesichte die Ueberraschung, die er bei meinem Anblicke empfand. Dessenungeachtet empfing er mich freundlich, und bat mich sehr artig, daß ich mich setzen möge.

– Gnädiger Herr, sagte die Marquise heftig, der Graf von Horn befindet sich in der Conciergerie.

. – Ich weiß es; er hat in der Straße Quincampoix einen Menschen ermordet.

– Sagen Sie vielmehr, daß er eine ihm zugefügte Beleidigung gerächt hat.

– Sie sind schlecht unterrichtet, Madame; er hat einen Wucherer, der große Summen bei sich trug, ermordet und »bestohlen«. Ein piemontesischer Abenteurer, der sich Chevalier von Milhn nennt und der Bruder eines Stallmeisters der Prinzessin von Carignan ist, hat ihm geholfen.

– Mein Herr, das ist nicht wahr! Sie wissen es, und doch wiederholen Sie es. Das ist abscheulich!

– Ich sage die Wahrheit.

– Es ist nicht die Wahrheit. Hören Sie die Wahrheit: Der Graf von Horn hatte einem Juden viel Geld anvertraut. Um dieses Geld zurückzufordern, suchte er den Juden in einem Wirthshause auf, das er zu besuchen pflegte. Der Jude weigerte sich, es zurückzugeben. Herr von Horn, sehr heftig, überschüttete ihn mit Beleidigungen, und dieser Elende hat Hand an ihn gelegt. Da, mein Herr, hat er gethan, was jeder gute Edelmann gethan haben würde, was Sie selbst gethan haben würden – er hat ihm den Degen durch den Leib gestoßen.

– Ihr Bericht ist eine Fabel.

– Wie?

– Ich habe den officiellen Bericht, der Graf hat gestanden, und das Portefeuille ist bei seinem Genossen vorgefunden. Hundert Zeugen haben es dargethan.

– Was beabsichtigen Sie zu thun?

– Die Sache wird ihren Gang gehen. Das Parlament entscheidet. Man ermordet die Unterthanen des Königs nicht ungestraft.

– Wie, einer Ihrer Verwandten? Ein Fremder? Ein Prinz? Sie wissen, daß er nicht bei vollem Verstande ist, daß die Narrheit in der Familie fast erblich geworden.

– Ich habe ihn nur für vernarrt in Sie gehalten, Madame, und dies ist eine Narrheit, die wir Alle mit ihm theilen,

– Mein Herr, Sie stehen im Begriffe, eine schlechte Handlung zu begehen, eine Unwürdigkeit gegen sich selbst. Ueberlegen Sie wohl!

– Sie sind für meinen Ruhm sehr besorgt, Madame!

– Und wenn nun diese Verleumdungen Glauben finden, wenn die Richter ihn für schuldig erklären?

– So werden sie ihn verurtheilen.

– Und… wozu?

– Ohne Zweifel zum Tode!

Die Marquise stieß einen Schrei aus.

Ich zitterte am ganzen Körper.

– Zum Tode! O dieser unglückliche junge Mann! Dieser Unsinnige, der fast noch ein Kind ist! Ach, Sie werden ihn nicht sterben lassen, Sie werden ihn begnadigen!

– Der König kann es.

– Und Sie sind der König. Nun bin ich ruhig.

– Aber ich müßte mich rächen. Ihr beharrliches Bitten verräth, daß Sie ihn lieben.

– Und wenn ich ihn nun liebte? rief sie heftig. Wäre dies nicht für Sie ein Grund mehr, mein gnädigster Herr, ihm Gerechtigkeit angedeihen zu lassen? Ein so großer Fürst wie Sie, rächt sich nicht durch einen Verrath. Sie fürchten sich, Blut zu vergießen – Sie werden nicht wollen, daß das seinige vergossen werde.

In diesem Augenblicke kündigte man den Herzog von Saint-Simon an.

– Ah, rief die Marquise, indem sie ihm entgegenlief, da kommt mir eine Hilfe!

Herr von Saint-Simon grüßte ernst, denn er war der Ernst, die Wichtigkeit und die Arglist in Person. Er glich seinen Memoiren, die wir gelesen haben, und die eine der schönsten Schriften über jenes Jahrhundert sind. Ueberaus streng in seinen Sitten, hatte er für Nichts Nachsicht, und am wenigsten für die Galanterie, Alle Maitreffen des Regenten haßten ihn, und es bedurfte des ganzen Ernstes der obwaltenden Verhältnisse, um Frau von Parabère abzuhalten, daß sie ihm Verachtung für Verachtung zurückgab.

– Sie kommen wegen des Grafen Horn, sagte sie… nicht wahr, mein Herr?

– Diese unglückliche Geschichte führt mich wirklich hierher, Madame. Bevor ich nach der Festung abgehe, wie um diese Zeit meine Gewohnheit ist, komme ich, um von dem Herrn Regenten Abschied zu nehmen und ihn an das verwandtschaftliche Band zu erinnern, das Madame und das Haus Horn verbindet.

– Ich weiß das.

– Sie werden nicht zugeben, mein Herr, daß der Graf von Horn entehrt werde; Sie werden mir Ihr Wort geben, daß weder die Bitten Ihrer Vertrauten, noch sonst eine persönliche Rücksicht Sie veranlassen, die Augen über dem zu schließen, was vorgehen muß. Ich werde nicht ruhig abreisen können, wenn ich nicht Ihr Ehrenwort mit mir nehme. Bedenken Sie, daß die Strafe dieses jungen Mannes die Wappen aller Häuser von Europa befleckt, und das Ihrige zunächst.

– Wir sind soweit noch nicht,

– Das Parlament hält seine Schlußsitzung, und es ist im Stande, bis zum Rade zu gehen.

– Bis zum Rade! der Graf Horn auf dem Rade! Wenn der Herr Regent diese Abscheulichkeit duldet, so müssen ihn alle Fürsten ächten!

Die Lippen des Regenten umspielte ein bitteres Lächeln.

– Ich bin erfreut, zu sehen, wie Sie Ihre Freunde vertheidigen, Madame, sagte er. Und Sie, mein Herr, reisen Sie ruhig ab; Ihr Protege hat gute Advokaten, Sie sehen es ja. Wird seine Unschuld dargethan, so werden wir uns Alle dazu Glück wünschen. Soupiren Sie nicht mit uns, Marquise? Und Sie, Madame, wollen Sie nicht unser Gast sein?

Diese Einladung ward in einem Tone gesprochen, daß sie mehr einer Entlassung glich. Frau von Parabère hatte keine Lust, sie anzunehmen, und ich noch viel weniger. Wir verbeugten uns, oder richtig gesagt, ich verbeugte mich, und dann gingen wir. In ihrer Wohnung angekommen, rief sie eine bretagnische Frau, die in ihren Diensten stand. Diese Frau hing mit einer Liebe an ihr, daß sie sich für ihre Herrin hätte hängen lassen.

– Hier sind fünfundzwanzig Louisd'or, sagte sie; gehen Sie zu dem Schließer der Conciergerie, und geben Sie ihm das Geld, damit er dem Grafen von Horn ein Billet einhändige.

In diesem Briefe beruhigte sie den Gefangenen und kündigte ihm an, daß der Regent ihr sein Wort gegeben habe, und daß ihm nichts Böses widerfahren solle.

Auf diesen Brief antwortete der Unbesonnene: ihm sei Alles gleich, er verlange Nichts von ihr, und liebe sie nicht mehr, weil sie seine Verzeihung von einem Andern erbeten habe.

Die Verliebten sind die thörichtsten Menschen, die es auf der Welt giebt.

Dieser unglückliche Prozeß ward vor dem Parlamente fortgesetzt; man wandte alle nur möglichen Mittel an; der Adel empörte sich, denn man konnte den Gedanken seiner Verurtheilung nicht ertragen. Der Graf gestand den Mord ein und vertheidigte sich wie ein Mörder, während der Chevalier Milhn im Gegentheil darauf beharrte, daß sie gemeinschaftlich den Juden getötet, nachdem sie ihn hinterlistig aufgelauert, und daß sie den Inhalt des Portefeuilles unter sich getheilt hätten.

Dies Alles, mit Hilfe geheimer Einflüsse – Gott möge es dem Regenten wie seinen würdigen Rathgebern verzeihen – machte auf die Richter einen Übeln Eindruck. Nach vielen Debatten und endlosen Berathungen ward der Graf Anton von Horn des Diebstahls und des Mordes für schuldig erkannt und zur Todesstrafe durch das Rad verurtheilt.

Ein Schrei der tiefsten Indignation durchzuckte ganz Paris. Die großen Häuser von Frankreich, die Eltern und Verwandten des Angeklagten waren zuvor in dem

Justizpalaste gewesen, um die Richter zu begrüßen. Als das Urtheil gesprochen war, hatten sie eine neue Zusammenkunft gehalten. Man fertigte eine neue Bittschrift an, die von aller Welt, von Männern und Frauen unterzeichnet, und dem Regenten officiell in seinem Palais- Royal überreicht ward.

Am Morgen dieses Tages hatten der Fürst und die Marquise eine stürmische Unterredung. Sie hatte ihm ein neues Versprechen entrissen: das Leben des Grafen sollte unter der Bedingung verschont bleiben, daß er dem Regenten niemals wieder unter die Augen käme, daß er weder direct noch indirect in eine Beziehung zu ihm träte. Während des Tages blieb der Cardinal mehrere Stunden bei seinem Zögling, wo sein Meister, als die Deputation erschien, ihn kalt und unbeweglich fand. Trotz aller Bitten war die Verzeihung für den Grafen nicht zu erhalten.

– Der Graf von Horn ist wahnsinnig, sagte Herr von Crequy.

– Dann ist er ein gefährlicher Wahnsinniger, mein Herr, dessen sich die Welt bei Gelegenheit entledigen muß.

– Aber die Schmach, mein gnädigster Herr, die Schmach für alle unsere Familien!

– Ich theile sie mit Ihnen, meine Herren.

– Er hat die Ehre, mit Ew. Hoheit von einem und demselben Geblüt zu sein; Madame ist mit dem Hause Horn nahe verwandt.

– Wenn ich schlechtes Blut habe, so lasse ich es mir ab. Mir steht nur das Recht zu, über die Todesart zu entscheiden. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß er nicht auf den Grèveplatz gehen wird. Es soll im Hofe der Conciergerie ein Schaffot erbauet werden – wenn man ihn dort enthauptet, bleibt uns die Schande seiner Strafe erspart. Der Befehl zur Milderung der Strafe soll morgen an den Generalprocurator abgehen, ich verspreche es Ihnen.




Zehntes Kapitel


Nocé, der der Frau von Parabère zugethan war, benachrichtigte sie von dem, was sich ereignet hatte.

– Dubois und Law, die für ihr hündisches System fürchten, sorgen dafür, daß der Regent sich nicht erweichen läßt. Ihr beharrliches Dringen, verbunden mit seinen geheimen Beweggründen, werden ihm eine ungewöhnliche Festigkeit geben, fügte er hinzu. Der Graf muß sterben. Ihnen bleibt nur ein Mittel, und ich an Ihrer Stelle würde es anwenden. Lassen Sie den Grafen entfliehen.

Dieser Rathschlag war vielleicht der beste; aber man hätte früher daran denken müssen. Wer konnte indeß voraussehen, was kommen würde? Ich blieb bei der Marquise und verließ sie nur selten. Die arme Frau jammerte mich, ich vergaß darüber Larnage und seine gestirnten Nächte. Sie schlug mir vor, ich möge sie in die Conciergerie begleiten, denn sie selbst mußte dahin gehen, um den Schließer durch ihre unwiderstehliche Schönheit und durch ihre Thränen zu verleiten. Ich konnte es ihr nicht abschlagen, da ich noch nicht so alt war, um klug zu handeln. Wir verkleideten uns, füllten unsere Taschen mit Gold, und suchten vor einem Spielhause einen Fiacre auf. Die Bretagnerin, die den Schließer schon kannte, begleitete uns der Kutscher sagte uns Dummheiten, denn er hielt uns für Nachtläuferinnen.

Um ihn zu beruhigen und uns Respect zu verschaffen, wollte ihm Frau von Parabère einen Louisd'or geben; die Kammerfrau war so verständig, sie daran zu hindern, denn er würde uns vielleicht ermordet haben, wenn er gesehen hätte, daß wir so wohl versorgt waren. Ich verhehlte mir die Gefahr nicht, sie war in jeder Beziehung groß: wären wir erkannt, so würden wir dem Grafen Unrecht gethan haben, denn die Eifersucht des Regenten hätte uns diesen tollen Streich nicht verziehen. Wie in aller Welt war er zu dieser Eifersucht gekommen, er, der nie eifersüchtig gewesen? Der Mann ist doch ein bizarres Geschöpf!

Der Schließer empfing uns in einem kleinen, finstern Zimmer, das von einem rauchenden Lichte erhellt ward. Eine Nässe fiel auf unsern Rücken wie ein eisiger Mantel.

Ich zitterte am ganzen Körper.

Frau von Parabère befand sich in einem fieberhaften Zustande,

Der Schließer ließ sie ihre Anrede nicht vollenden, wenn das, was sie sprach, eine Anrede war; mit geschlossenen Augen wies er das Gold zurück, das sie ihm handvoll zeigte. Der gute Mann hatte große Lust, es anzunehmen, aber die Unmöglichkeit hinderte ihn daran.

– Das Gefängniß ist rings von einer starken Wache besetzt, Madame. Man lauscht und beobachtet dergestalt, daß ich nicht allein in eine Zelle zu gehen wage. Ich habe tausend Kunstgriffe anwenden müssen, um dem Gefangenen Ihren Brief zu übergeben und seine Antwort in Empfang zu nehmen. Glauben Sie mir, Madame, ich kann nicht einmal den Versuch wagen.

Frau von Parabère brach in Thränen aus. Auf einer schlechten Holzbank sitzend und mit groben Kleidern bekleidet, war sie schöner als je. Ihre Thränen glichen Perlen. Der Schließer ward davon gerührt.

– Madame, sagte er, glauben Sie mir: Sie thun besser, wenn Sie dieses Geld dem Henker von Paris geben, damit er den armen Grafen nicht so lange leiden läßt. Ich fürchte. Sie können in dieser Welt Nichts mehr für ihn thun – die Gebete sind für die andere Welt.

Die Marquise schluchzte laut.

– Mein Herr, mein Herr, rief sie, lassen Sie mich ihn wenigstens zum letzten Male sehen! Nehmen Sie mein Gold, nehmen Sie Alles, was Sie wollen!

– Mit der Erlaubniß des Herrn Regenten, oder des Herrn Generalprocurators, ja; anders ist es mir unmöglich.

– Mein Gott, er wird sterben, indem er mich anklagt!

– Schreiben Sie ihm, setzen Sie ihm die Sache auseinander, wie sie ist – er wird es begreiflich finden.

– Nein, er liebt mich zu sehr, er wird Nichts davon begreifen!

Ich bot ihr Feder und Dinte. Sie schrieb einige kaum leserliche Zeilen, ihre Thränen benetzten das Papier. Der Schließer trieb uns zur Eile an, er mußte sich entfernen, um eine Runde zu machen. Andernfalls hätten wir uns compromittirt. Es war wirklich Zeit. Bevor wir unsern Fiacre erreichten, wurden wir durch eine Nachtwache aufgehalten, die ein Officier vorbeiführte.

Das unglückliche Geschöpf befand sich in einem solchen Zustande, daß ich es nicht verlassen konnte. Ich ließ mir in dem Zimmer der Marquise ein Bett zurecht machen. Erschöpft von krampfhaftem Schluchzen und Weinen schlief sie gegen Morgen ein. Auch ich bedurfte des Schlafes, ich bekenne es ich schlief mit ihr ein.

Gegen neun Uhr stürzte die Bretagnerin in das Zimmer; sie sank vor ihrer Herrin auf die Knie, und stieß ein gräßliches Geschrei aus.

– Was giebt es? Was giebt es denn? fragten wir erschreckt.

– Ach, Madame, es ist gräßlich!

– So rede!

– Der Herr Graf von Horn…

– Um Gottes willen!

– Man hat ihn auf das Rad geschleppt!

– Auf das Rad? Großer Gott!

– Ja, auf das Rad! Ich komme von dem Grèveplatze, ich habe ihn gesehen, ich habe sein Gesicht und seine Glieder gesehen! Ach, wie er leidet!

Die Marquise stieß einen Schrei aus, den ich jetzt noch höre. Sie sprang aus dem Bette, öffnete alle ihre Schränke und zog daraus hervor, was ihr in die Hand fiel.

– Geh', schnell, geh', er leidet! Ich erinnere mich des Rathes, den jener Mann mir gestern gab. Er kannte ohne Zweifel diese abscheuliche Treulosigkeit. O mein Gott, und ich schlief! Ach, ich bin feig! Trage Alles zu dem Henker, daß er den Todeskampf endige – ich beschwöre Dich! Nimm meine Carosse, nimm Alles, was Du willst, aber beeile ich! Ich werde zu dem Regenten gehen, und…

– Madame, bedenken Sie…

– Was soll ich bedenken, Madame? Ich kann nur an Den denken, der stirbt, und an Den, der ihn getödtet hat. Einen Trauerschleier – gleichviel, was es ist – ich will Nichts, wenn man Nichts findet! Ich gehe!

Halb angekleidet, mit fliegenden Haaren, und mit herabhängenden Strümpfen eilte sie der Treppe zu und verschwand in einem Augenblicke. Im Hofe traf sie den Wagen eines ihrer Pächter, der gekommen war, um mit ihrem Intendanten zu verhandeln, Sie sprang in diesen Wagen, und ließ sich nach dem Palais-Royal. fahren.

Man verweigerte ihr den Zutritt zu dem Regenten, da die Thür geschlossen war. Sie klopfte so heftig an, und warf den Zimmer-Huissier, der ihr den Weg vertrat, so gewaltig zurück, daß sie endlich Eintritt erlangte.

Der Abbé Dubois arbeitete mit dem Regenten.

– Gehen Sie hinaus, mein Herr! sagte sie zu ihm, wie zu einem Laquais.

– Ich erwarte den Befehl des gnädigen Herrn, Madame!

– Befehlen Sie diesem Menschen, daß er hinausgeht, mein Herr, oder ich öffne die Fenster dieses Zimmers und rufe von dem Balcon hinab, was hier vorgeht und was der Regent von Frankreich eigentlich ist.

– Ich verlasse Sie, mein gnädigster Herr, denn die Scene wird stürmisch! flüsterte leise der Cardinal.

Der Regent runzelte die Stirn. Er wäre lieber gegangen, als sein Minister. Bis so weit erstreckte sich seine Festigkeit nicht.

– Mein Herr, fuhr heftig die Marquise fort, glauben Sie, daß ein Fürst nicht dieselben Pflichten zu erfüllen hat, wie ein Edelmann?

– Was wollen Sie sagen, Madame?

– Ich will sagen, daß ein Edelmann sein Wort nicht bricht, ohne sich zu entehren, und Sie, Philipp von Orleans, erster Prinz von Geblüt und Regent des Königreichs, Sie haben zweimal Ihr Wort gebrochen!

– Madame!

– Sie sind ein Feiger, ein Elender, mein Herr! Als mir die Marquise diese Scene erzählte, überlief ein kalter Schauder meine Haut.

Der Zorn stieg in dem Regenten auf, aber er mäßigte sich, denn er fühlte sich schuldig.

– Mäßigen Sie Ihre Worte, Madame! sagte er verweisend.

– Nein, ich werde mich nicht mäßigen, und Sie werden mich hören. Sie haben Ihr Wort gebrochen, das Sie mir gegeben, und obgleich ich nur eine Frau bin, so ist dies ein Meineid! Sie haben Ihr Wort gebrochen, das Sie dem Adel gegeben; weder der Adel noch ich werden es vergessen. Sie haben einen Unschuldigen getödtet, Sie haben seine Familie und die Ihrige entehrt, Sie haben sich im Kothe gewälzt!

– Madame, haben Sie nicht auch das Ihrige gebrochen? Hatten Sie nicht versprochen, jede Verbindung mit dem Gefangenen abzubrechen? Haben Sie ihm nicht geschrieben? Hier sind Ihre Briefe! Haben Sie nicht versucht, ihn entfliehen zu lassen? Ich habe auf Ihren Meineid durch einen andern geantwortet. Vielleicht habe ich Unrecht, aber Sie theilen dieses Unrecht. Ohne Sie hätte ich ihn gerettet; ohne Sie, und ohne die Beweise, die man mir diese Nacht gebracht und die mir den Befehl, den ich bedauere erlassen zu haben, entrissen, hätte er diese Strafe nicht erlitten Es ist zu spät!

– Mein Herr! Mein Herr! rief die Marquise, außer sich vor Wuth. Es ist nicht zu spät, Sie können ihn noch retten, und Sie werden ihn retten!

Man klopfte an die Thür. Auf den Befehl des Regenten, der erfreut war, daß diese Scene unterbrochen wurde, trat ein Palast-Officier ein.




Elftes Kapitel


– Was giebt es, mein Herr? fragte der Fürst.

– Gnädigster Herr, der Polizeilieutenant läßt Ew. Hoheit melden, daß alle die Personen, die sich beehrten, Ihnen ein Bittschreiben zu überreichen, auf dem Grèveplatze in großer Trauer und schwarz behangenen Wagen angekommen sind, daß sie schweigend der Hinrichtung des Grafen von Horn beiwohnten, und nun erwarten, man löse seinen Körper vom Rade, damit sie ihn mit sich nehmen und ihm die letzte Ehre erweisen können. Was befiehlt mein gnädigster Herr?

– Ist der Graf todt?

– Ja, gnädigster Herr. Bevor man ihn neben den Chevalier Milhn auf das Rad flocht, hat er die Tortur erlitten.

Als Frau von Parabère diese Worte hörte, sank sie halbtodt auf ein Sopha, und stieß ein klagendes Gewimmer aus, ohne sich um den Officier zu kümmern.

– Man gebe seinen Körper den Verwandten, sie mögen damit machen, was sie wollen.

Die Marquise sank in sich zusammen und bedeckte das Gesicht mit ihren langen Haaren.

Als der Officier sich entfernt hatte, sah sie um sich. Ihre Züge waren bleich und verstört, aber sie hatten dabei einen so stolzen Ausdruck, daß der Regent unwillkürlich die Augen zu Boden schlug.

– Sie haben gehört, mein Herr Regent, was man soeben gesagt hat. Der ganze Adel von Frankreich befindet sich auf dem Grèveplatze; er protestirt durch seine Gegenwart, durch sein Schweigen selbst, Angesichts des Volks, gegen die Treulosigkeit des Regenten von Frankreich und verlangt deshalb Gerechtigkeit.

Der Herzog von Orleans wich vor ihr zurück, denn ihre Augen schossen Flammenblicke; sie schien die Gerechtigkeit in Person zu sein.

– Sie haben den Grafen von Horn getödtet, weil ich ihn liebte. Ja, mein Herr, ich liebte ihn, ich liebe ihn noch, ich liebe ihn mehr als je, jetzt, da er todt ist, jetzt, wo Sie das Maß meiner Schande gehäuft, wo Sie meinen Namen mit einem blutigen Flecken gebrandmarkt haben. Ich werde Ihnen verzeihen. – Hören Sie?

– Sie irren, Madame; meine Eifersucht hat meinen Willen nicht irre geleitet. Wenn der Graf von Horn unbestraft geblieben wäre, so hätte man dadurch ein System…

– Sagen Sie das Andern, aber nicht mir, mein Herr! Sie wagen es, mir so etwas in das Gesicht zu sagen? O, ich werde gehen, ich werde diesen Hof verlassen Ich will nicht länger einem Edelmanne ohne Treu und Glauben angehören!

Hierauf hatte der Regent nicht gerechnet. Eine so tragische Entwickelung hatte er nicht erwartet, denn gewöhnlich lief keine Sache im Palais-Royal tragisch aus. Gedrängt von Law und Dubois, hatte er sich eines Nebenbuhlers entledigt, der Rache und Grausamkeit war er unfähig. Jetzt bereuete er, was er gethan. Er hatte die Sache nicht so ernst angesehen. Die Verzweiflung und die Drohungen der Marquise zeigten ihm, was er gewöhnlich nicht sehen wollte, und darum wandte er sich ab.

– Ich werde nicht bleiben! wiederholte sie. Ihre Orgien und Ihre Lustbarkeiten widern mich jetzt an. Ich verachte, ich hasse Sie! Ich werde mich in irgend einem Kloster verbergen, und nie soll man mehr von mir hören.

– Eine ewige Verzweiflung, Marquise! Das wäre zu lange für einen so reizenden Kopf. Diese schönen Augen können nicht immer weinen.

Er nahm zum Scherze und zur Galanterie seine Zuflucht, zu den gewöhnlichen Waffen in diesen kleinen Kämpfen. Aber diesmal ward er besiegt. Sie warf ihm einen stolzen Blick zu, dann verließ sie das Kabinet, indem sie geringschätzend sagte:

– Sie dauern mich!

Sie kam in einem fürchterlichen Zustande zurück. Eine Krankheit von sechs Monaten hätte sie nicht mehr verändern können. Ich war aufgestanden und hatte mich angekleidet, da ich ihretwegen besorgt war.

– Kommen Sie, kommen Sie! sagte sie. Ich will ihn noch einmal sehen.

Und ohne mir Zeit zur Antwort zu lassen, zog sie mich mit sich fort, die Treppe hinab, stieß mich in den Wagen des Pächters, der ein solches Fest nicht vermuthete, setzte sich neben mich, und rief dem Kutscher zu:

– Nach dem Grèveplatze!

Ich würde Nichts davon verstanden haben, wenn sie mich nicht nach einem Orte geführt Härte, wohin zu gehen ich durchaus keine Neigung hatte, und wo vielleicht eine öffentliche Scene stattfinden würde, die ich vermeiden wollte. So ruhig als möglich machte ich ihr darüber Vorstellungen.

Sie antwortete mir:

– Lassen Sie! Lassen Sie! Sie werden dort gute Gesellschaft finden.

Dann sank sie in den Fond des Wagens zurück, verhüllte ihr Gesicht mit dem Schnupftuche und begann zu schluchzen. Ich hätte sie eines so wahren und so tiefen Schmerzes nicht für fähig gehalten. Ich muß bekennen, daß ich sie nicht begriff, und daß mir dieser Schmerzensausbruch wegen eines Geliebten, den sie nicht anerkennen durfte, sehr unzeitig erschien.

Wir kamen nur langsam weiter, da eine große Volksmenge die Straßen erfüllte. Je näher dem Grèveplatze, je mehr häuften sich die Schwierigkeiten. Endlich bemerkten wir den Platz und das Hochgericht, Die Marquise steckte den Kopf aus dem Wagen, um zu sehen. Ihre Thränen waren verschwunden.

Als die berittenen Soldaten, die Wache hielten, den Wagen des Pächters sahen, warfen sie sich den Pferden entgegen, um uns zu hindern, weiter vorzudringen. Sie riefen dem Kutscher zu, einen andern Weg einzuschlagen. Der Kutscher blieb unbeweglich auf seinem Sitze, denn er hatte noch nie eine solche Ceremonie gesehen, und wußte nicht, was geschehen sollte. Frau von Parabère rief ihm zu, daß er den Weg fortsetzen solle. Die Soldaten lachten und antworteten, daß die Familie des Grafen allein das Recht habe, sich zu nähern, und daß ein Steuereinnehmer augenscheinlich bei der Familie Horn Nichts zu thun habe.

– Man lasse sie, sagte einer derselben; es ist das Haus des Juden, den sie ermordet haben; es kommt, um sich das Ragout des Opfers zu holen.

Die Marquise hörte diese Worte. Rasch wie der Gedanke erhob sie sich, und rief der Menge zu:

– Ich bin die Marquise von Parabère, macht mir Platz!

– Die Maitresse des Regenten! riefen einige Stimmen.

– Ja, die Maitresse des Regenten, und deshalb muß man mir Platz machen.

Es erfolgte keine Antwort; schweigend traten sie zurück.

Ihr schönes, durch den Schmerz verwirrtes Gesicht, ihre zerzausten Haare, ihre unordentliche Toilette, ihre von Thränen geschwollenen Augen verriethen diesen Leuten eine Verzweiflung, die in allen Lagen Achtung auferlegt, selbst mit der Schande.

Nie werde ich vergessen, was ich nun sah. Meine Augen haben dieses Bild meinem Gedächtnisse tief eingeprägt. Es war ein seltsames, schreckliches Schauspiel.

Der Grèveplatz war dergestalt mit Menschen angefüllt, daß kein Apfel zur Erde fallen konnte.

Die Stadtsoldaten mit ihren Partisanen umgaben oder bewachten das Schaffot, auf dem sich der Chevalier von Milhn noch wand und krümmte, indem er laut den armen Grafen, der ihn nicht mehr hörte, um Verzeihung bat; er klagte sich zugleich an, der einzige Thäter dieses räuberischen Ueberfalls zu sein.

Die Menge war bewegt, und murrte selbst; aber Alles dies erweckte den Unschuldigen nicht wieder zum Leben.

Die Fenster, selbst die Dächer waren mit Neugierigen angefüllt, die einen Prinzen des heiligen Reichs, dessen Name und Unschuld ihn nicht vertheidigt hatten, auf dem Rade leiden und sterben sehen wollten.

Und nun diese behangenen Carossen mit den Wappen des ganzen hohen Adels, in denen die vornehmsten Herren Europas saßen, in tiefer Trauer, ernst und still, protestirend durch ihr Erscheinen, protestirend gegen den Treuebruch eines regierenden Fürsten. Alle diese Wagen folgten dem des Marquis von Crequiy, auf den man den' Körper des Grasen von Horn mit allen Ehrenbezeigungen legte, um ihn nach einem erleuchteten Trauergerüste zu bringen, das im Hotel Crequiy errichtet war, und wo er sechs Tage auf einem Paradebette ausgestellt blieb.

Ach, und außerdem hatte ich diese Frau neben mir, die weder ihre Thränen, noch ihre Trauer verbarg, die laut schluchzte und den, Adel folgte, der sie verstoßen hatte, obgleich sie ihm angehörte.

Mir wollte das Herz zerspringen. Ich war so ergriffen, daß ich nicht weinen konnte, daß ich stumm und unbeweglich blieb.

Wir waren die Letzten in dem Zuge. Als wir an dem Schaffotte vorüberfuhren, sahen wir eine große Blutlache, die den Platz bezeichnete, den der Unglückliche eingenommen hatte. Bei diesem Anblicke konnte sich Frau von Parabère nicht länger halten – sie stieß einen Schrei aus, und sank ohne Bewußtsein zurück.,

Ich gab rasch Befehl, auf einem Umwege zurückzukehren, damit wir dem Anblicke dieser Schreckensscene entzogen würden.




Zwölftes Kapitel


Ich habe versprochen, eines Mannes noch besonders zu erwähnen; ich werde daran erinnert, weil er die erste Person ist, die mir in meiner Wohnung entgegentrat, als ich heimkehrte, nachdem ich Frau von Parabère meine Sorge hatte angedeihen lassen.

Dieser Mann war Milord Bolingbroke. Wohl wenig Leute können wie ich über ihn sprechen, denn wenig haben ihn, wie ich, gekannt und sein Leben verfolgt. Herr Walpole will diesen Namen nicht hören, weil er mit seinem Vater Streitigkeiten gehabt, in denen er nicht eben eine schöne Rolle spielte; aber da er Gegenwärtiges nur erst nach meinem Tode lesen wird, so verzeiht er gewiß meinem Gedächtnisse, daß es sich eines alten Freundes erinnert, und daß ich diesem Freunde Gerechtigkeit widerfahren lasse.

Milord Bolingbroke ist eine der auffallendsten und seltsamsten Erscheinungen dieses Jahrhunderts. Nicht leicht findet man so viel Geist, Gewandtheit und Scharfblick mit so viel Rechtlichkeit, Geradheit und Großmuth in Gedanken und Handlungen vereint. Er hatte zwei Fehler, die ihm in der Meinung Anderer schadeten, ohne indessen sein Betragen zu ändern. Der erste war die Galanterie, der zweite der Leichtsinn. Das Alter und eine wahrhafte Leidenschaft heilten ihn von dem ersten; der zweite war eine Folge der Lebendigkeit seines Geistes, er war mehr scheinbar als wirklich vorhanden, nur Thoren haben ihn dessen angeklagt und Leute, die ausschließlich ernst waren und die Langweile zu ihrem Panier erwähnt hatten, verkannten ihn. Ich habe Lord Bolingbroke sehr geliebt, ich denke oft an ihn und es ist für mich ein hohes Glück, einige Zeilen seinem interessanten und abenteuerlichen Leben weihen zu können, dessen sich jetzt in Frankreich nur wenig erinnern, ausgenommen die Herren von Matignon, seine ergebenen Freunde, Voltaire, Pont-de-Veyle und d'Argental, meine Zeitgenossen – ausgenommen den Marschall von Richelieu, der ebenfalls unser Zeitgenosse ist. Der Letztere erinnert sich aber nur dessen, was ihm Nutzen bringt, eines Ruhms oder eines Vergnügens.

Milord Bolingbroke war eng mit Frau von Feriol liiert; bei ihr war ich mit ihm bekannt geworden, wie ich bereits gesagt habe. Er gefiel mir von Anfang an, und ich gefiel ihm ebenfalls. Schon am folgenden Tage stattete er mir einen Besuch in meiner Wohnung ab, und seit der Zeit hat er seine Besuche nicht unterbrochen.

Da er im Jahre 1672 geboren, so war er damals fast vierzig Jahre alt. Er wäre schön gewesen, hätte man ihm eine furchtbare Nase, eine wahre Nase des Thomas Cocial, des Gevatters des Samso, abnehmen können; sein Benehmen war schön und stolz. Ich konnte es leicht begreifen, daß die Marquise von Villette, die um zehn Jahre älter war als er, bis zu dem Grade in ihm verliebt war, daß sie sich öffentlich als seine Geliebte erklärte und mit ihm wie verheirathet lebte, was man unter einer andern Regierung als der Regentschaft nicht geduldet haben würde.

Milord Bolingbroke stammte aus der berühmten Familie des Saint-Jean oder Saint-John.: diese Engländer haben uns unsere Namen genommen und richten sie nach ihrer Weise zu. Er war mit einer Winchescomb verheirathet, die zur Zeit, als ich ihren Mann kennen lernte, noch lebte, aber seit lange schon wohnten sie nicht mehr zusammen. Mit den Schöngeistern Englanos, mit Pope, Swift und Dryden befreundet, lag er selbst mit Geschmack und Erfolg den Wissenschaften ob. Er hat eine bemerkenswerthe Correspondence und zahlreiche Werke hinterlassen. Seine Beredtsamkeit war in dem Hause der Gemeinen bekannt und seine Reden begannen sein Glück zu gründen: man hatte ihn für das Parlament vorgeschlagen. Die Königin Anna wollte ihn an sich fesseln, und sie fesselte ihn auch wirklich, denn sie gab ihm unaufhörlich, trotz der Intriguen aller Art, Beweise ihres Wohlwollens. Er ward bald Kriegs- und Marine-Minister, und in dieser Stellung kam er häufig mit dem Herzoge Malborough in Berührung. Es war höchst interessant, ihn von diesem berühmten Manne sprechen zu hören. Ich habe dabei manche interessante, und dabei bis jetzt unbekannte Einzelheit bewahrt, und da ich mir vorgenommen habe, in meinen Memoiren alles Interessante, was ich weiß, zu berichten, besonders über historische Personen, so werde ich diese Einzelheiten mittheilen.

Malborough stammte aus einer edeln, aber armen, und nicht berühmten Familie, Der Ursprung seines Vermögens ist außerordentlich, und die Erzählung desselben für eine Frau fast unmöglich. Ich besitze wenig Vorurtheile, und in meinem Alter gehört man keinem Geschlechte mehr an; aber ich weiß, daß Frauen meinen Bericht lesen, und ich achte mich selbst, indem ich meine Leserinnen achte.

Es ist wohl wenig bekannt, daß Jean Churchill, seit jener Zeit Herzog von Malborough, noch sehr jung seine ersten Waffenthaten unter Herrn von Turenne vollbrachte. Er ward darauf Page des Herzogs von York, seit jener Zeit Jakob II. dessen Maitresse Elisabeth Churchill, die Schwester Jean's, war,

Jean und Elisabeth waren bewunderungswürdig schön, man zeichnete sie überall aus. Es war dem Herzoge von York leicht, in den Garden eine Officierstelle für seinen Pagen zu erhalten.

Hier beginnt die Geschichte, dessen Erzählung mich in Verlegenheit setzt. Wenn ich auch meine Sprache und meine Feder drehete und wendete, wie ich wollte, ich würde nie dahin gelangen, mich verständlich.zu machen. Es giebt gewisse Kraftproben, gewisse Seiltanzer-Uebungen. die die Wohlanständigkeit verbiete öffentlich auszuführen. Die Männer haben die Schwachheit, einen großen Werth auf diese Vortheile zu legen, und doch sind wenige, wie es scheint, mit einer solchen Ausdauer begabt.

Bei einem Officier – Gelage entfaltete Churchill einst bewunderungswürdige Talente und eine Kraft, die durch Geschicklichkeit noch vermehrt wurde. Dies genügte, um ihn in den Ruf eines Herkules zu bringen. König Karl II. erfuhr nicht zuletzt die equilibristen Fähigkeiten des schönen Officiers, er zollte dem starken Manne, der die schwersten Gewichte trug, ohne auch nur einen Zoll breit zusammenzusinken, eine wahrhafte Bewunderung, und zog ihn in die Nähe seiner Person, überzeugt, daß ein solcher Gardist ihn besser vertheidigen würde, als zehn andere.

Die Anekdote ward bei Hofe und in der Stadt bekannt. Karl II. hatte damals eine Maitresse, ein sehr schönes Geschöpf, die angeklagt und überführt war, unter der schönen Jugend von London eine Entschädigung für die Majestät ihres königlichen Geliebten zu suchen. Es verlohnt sich der Mühe, bei dieser Maitresse ein wenig stehen zu bleiben, denn sie führte ein höchst sonderbares Leben,

Sie hieß Barbara Villiers, und war die einzige Tochter und Erbin des Vicomte Grandisson; sie heirathete Royer Palmer, Grafen von Castelmaind, und ward bald die Favoritin Karls II,, aus dem sie sich bald einen Diener und Sklaven machte. Ihr zu Liebe ließ er den Großkanzler, Grafen von Clarendon, den sie nicht leiden konnte, in Ungnade fallen.

Barbara Villiers machte sich die Freude, ihn an sich vorübergehen zu lassen, als er die Siegel zurückgegeben hatte, und dabei war sie so unverschämt, ihn zu beleidigen. Mit stoischer Ruhe antwortete der Graf auf diese Beleidigung:

– Geduld, Geduld, Milady, die Zeit bleibt nicht aus, wo sie alt und häßlich sein werden!

Er konnte wahrlich keine größere Beleidigung an sie richten, als diese.

Frau von Castelemaind benutzte indeß, das Alter erwartend, ihre schönen Tage, Man erzählte ihr die Geschichte von Churchill; sie war so neugierig zu wissen, ob diese Geschichte wahr sei, und der starke Soldat blieb nicht hinter seinem Rufe zurück.

Da die gute Frau von Castelemaind ihre Neugierde einmal befriedigt hatte, so wollte sie auch wissen, ob die öffentlichen Theatertänzer und Marktkünstler mit dem künftigen Helden einen Vergleich aushielten, und sie trieb die Prüfungen so weit, daß Karl II. sie erfuhr, und sie trotz seines guten Willens davonjagte. Sie weigerte sich zwar nicht, zu gehen, aber sie forderte eine Entschädigung, und ließ sich zur Herzogin von Cleveland machen.

Ein Edelmann aus der Grafschaft Warwick, Robert Gielding mit Namen, der schon lange in die schöne Herzogin verliebt war, heirathete sie als seine dritte Frau. Seine zweite Frau lebte noch, und als die Frau Herzogin von Cleveland anfing, ihn nicht mehr so liebenswürdig zu finden, klagte sie ihn der Bigamie an und ließ sich von ihm scheiden. Der arme Fielding sollte gehangen werden, aber die Königin Anna begnadigte ihn. Dies geschah ohne Zweifel in Erwägung der Allianz!

Die Herzogin von Cleveland hatte mehre Kinder, unter denen eine Tochter, die in Pontoiso Nonne war. Ihre Mutter schickte der Abtei ein seltsames Geschenk: sie ließ sich mit dem Jesuskinde auf dem Arme malen, und dieses Bild hing man, da es für die Jungfrau Marie gehalten ward, über den Altar. Die junge Nonne hatte ihre Mutter nie gesehen, da sich die Herzogin ihrer Tochter so bald als möglich entledigt hatte, sie wußte demnach nicht mehr, als die andern und verrichtete ihr Gebet vor dem Heiligenbilde. Dies dauerte so lange, bis eine mitleidige Seele die Aebtissin von dieser Profanation in Kenntniß setzte, und man beeilte sich, ihr ein Ende zu machen.

Die Maitressen der Könige von England müssen wohl sehr scheinheilige Damen gewesen sein. Man trifft dies öfter, als man wohl glauben möchte.




Dreizehntes Kapitel


In seiner Eifersucht schickte Karl II, den schönen Churchill aus, um den Herzog von Monmouth, seinen natürlichen Sohn, zu bekämpfen, der in den Armeen Ludwigs XIV. stand,

Er kam nach England zurück, als Jakob II. den Thron bestieg. Dieser liebte ihn und machte ihn zum Pair des Königreichs und zum General. Von dieser plötzlichen Gunst ward natürlich viel gesprochen, denn noch hatte er keine Beweise geliefert, daß er sie verdiente. Der König verheirathete ihn außerdem mit der berühmten Sarah Jerminys, der Tochter des Chevaliers Richard Jerminys von Sandrige, die unter der Königin Anna in England mehr regierte, als ihr Mann.

Ich habe sie in ihrem Alter kennen gelernt, als sie eine kleine Reise nach Frankreich machte, wo man sie wie ein Ereigniß betrachtete. Sie hatte noch Ueberreste einer großen Schönheit bewahrt und zeigte einen scharfen Geist; dabei aber war sie zu stolz, zu hochfahrend, um einen angenehmen Eindruck auszuüben. Sie wollte ihre Herrschaft bis in das Schloß von Versailles ausdehnen, das sie nicht betrat, weil sie fürchtete, die Etikette würde ihre Würde beleidigen.

Sarah leitete den Herrn von Malborough, als ob er ein Kind von sechs Jahren wäre. Zur Zeit der englischen Revolution ließ sie ihn alle Arten Niederträchtigkeiten begehen; so bewirkte sie, daß er den König Jakob, seinen Wohlthäter, verließ; er mußte an diesen armen König einen Brief schreiben, der ein wahres Meisterstück von Dummheit und Anmaßung war. Wilhelm beeilte sich, Vortheil daraus zu ziehen, aber Milady Malborough, die ihn zu ihrem Sclaven zu machen glaubte nach Art der Königin Anna, war eben nicht erfreut, als sie sah, daß sie zu den einfachen Herzoginnen gezählt ward und daß man sie behandelte, als ob sie nie das väterliche Schloß verlassen habe.

Ich werde noch eine Abschweifung machen, und Gott weiß, daß ich die Gelegenheit dazu nie versäumt habe; die Philosophen, deren symmetrischer Geist nur stets nach geraden Linien sucht, haben mir dies stets zum Vorwurfe gemacht Aber diesmal werden sie mir die Abschweifung verzeihen, denn es handelt sich darum, eine Geschichte an das Tageslicht zu ziehen, die sehr dunkel geblieben ist. Außerdem ist es auch noch eins von den Dingen, die Niemand sagen wird, wie ich, denn ich allein stehe auf den Ruinen dieses bereits verfallenen Jahrhunderts, und dem, wenn der Anschein in Erfüllung geht, ein anderes, noch verfalleneres folgen muß.

Ich will von dem berühmten Liede sprechen:


Malborough zieht in den Krieg

Man weiß nicht, wer es gemacht hat, und Niemand wird es auch sagen können; man hat ihm zwanzig verschiedene Verfasser untergelegt, wie »den Herrn von la Palisse.« Nun, ich habe dieses Klagelied entstehen sehen, und werde sagen wo und wie.

Frau von Sevigné hatte ein Geschwisterkind, das zwar nicht Bussy war, aber ihm in jeder Beziehung gleich kam.

Dieser Cousin hieß Coulanges.

Die Leser der Frau von Sevigné kennen ihn recht wohl, ebenso auch seine Frau, die wegen ihres hübschen Gesichtes und ihrer geistigen Delicatesse berühmt war.

Beide wurden sehr alt. Der Mann führte von seiner Jugend an bis zu seinem Ende ein nomadisches und seltsames Leben, ein Leben, das ihm, aber auch nur ihm, anstand.

Er brachte einen Monat, nach Umständen mehr oder weniger, mit einem seiner Freunde zu, und er hatte deren viel, sowohl in Frankreich als in den übrigen Ländern der Erde. Da er stets fröhlich, gut und gefällig war, so suchte man ihn wie einen jungen Mann; er machte mittelmäßige Lieder mit unerschöpflicher Leichtigkeit, und richtete diese Lieder an alle Frauen, an alle siegreiche und besiegte Mächte.

Coulanges hatte nie einen eigenen Willen, er fügte sich zunächst den Ereignissen, dann seinen Freunden, und vorzüglich aber seiner Frau Sie lebten stets sehr gut mit einander, und dies erreichten sie dadurch, daß sie sich nie sahen. Von Zeit zu Zeit kehrte er zu ihr zurück, und dann unterwarf er sich dem Despotismus ihrer Gründe^ ohne sie zu bestreiten, oft sogar, ohne sie zu verstehen. Coulanges hatte im Parlamente als vortragender Rath debütirt, aber er verdarb sich diese Stellung durch eine Zerstreuung und durch einen Scherz,

Als er nämlich einmal In dem Prozesse eines gewissen Grapin plaidirte, der von seinem Gegner einen Sumpf zurückforderte, den er sich angemaßt hatte, verwirrte er sich in der Auseinandersetzung dergestalt, daß ihn Niemand mehr verstehen konnte. Er war zu geistreich, um sich Illusionen zu machen, deshalb brach er kurz mit den, Worten ab:

– Wahrhaftig, meine Herren, ich schwimme in Grapin's Sumpfe.

Es war vorbei, er plaidirte nicht mehr.

Mit Frau von Coulanges war es anders: sie blieb so jung, daß sie Andere überreden konnte, sie sei es wirklich. Sie hatte lange Zeit Geliebte und Galane, und war die geistreichste, liebenswürdigste und beißendste Frau von Paris. Als das Alter kam, als sie sah, daß es um sie her leer wurde, zog sie sich nach Saint-Gratien, nach dem großen Teiche von Enghien, zurück. Hier empfing sie die beste und gewählteste Gesellschaft; ihr Geist, ein wenig traurig über die entschwundene Jugend, ward indeß auf Augenblicke noch lebhaft, graziös und fröhlich, wie ehemals. Man citirte sie wie ein Orakel, wie ein Wunder. Als ich einst die Herzogin von Luynes besuchte, führte sie mich zu dieser berühmten Dame, daß ich sie kennen lernen sollte. Ich bin ihr deshalb zu großem Danke verpflichtet.

Sie lebte in bescheidener, aber reizender Zurückgezogenheit; sie gab sich für fromm aus und glaubte auch aufrichtig, es zu sein, weil sie unzählige Paternoster betete und die Kirche und ihren Pfarrer besuchte.

An dem Tage meines Besuche hatte es ein ungewöhnlich guter Zufall gefügt, daß Herr von Coulanges sich in Saint-Gratien befand. Außerdem waren noch einige andere mir bekannte Personen zugegen, wie z, B. die Frau Marschall von Villars, die Frau Herzogin von Nevers, der Herzog von Nevers, ihr Gemahl, und der Herzog von Antin. Ein dummer zudringlicher Mensch näherte sich der Frau Marschall und sagte hastig, indem er fast vor ihren Füßen niedersank:

– Madame, Sie werden sehr glücklich sein: der große Feind und Rival des Herrn Marschalls von Villars ist nicht mehr: der Herr von Malborough ist todt.

– Wie, riefen alle Anwesenden wie mit einer Stimme, Herr von Malborough ist todt?

– Man erzählte es diesen Morgen laut in den Straßen, als ich Paris verließ, fuhr der Lästige fort.

– Herr von Malborough ist todt! wiederholte Coulanges. Das ist ein großes Unglück für den König Wilhelm. Und was sagt die schöne Frau von Malborough dazu?

– Wahrhaftig, mein Herr, ich weiß Nichts! antwortete die Gefragte, die völlig außer Fassung gebracht war.

– Sie wird wahrscheinlich nicht mehr ihr ewiges Rosa-Kleid tragen, fuhr Frau von Coulanges fort. Und dieser Umstand zwingt sie, sich neue Kleidungsstücke zu schaffen, was sie anders wohl nicht gethan haben würde, weil sie so geizig ist.

– Madame, ich will ein Lied auf den Tod Malborough's machen; es ist dies meine Art, die Te Deum zu singen.

– In Ihrem Alter, mein Herr! antwortete die gute Dame, die keine Gelegenheit versäumte, um sich ihrem Gatten angenehm zu zeigen,

– Ich werde es immerhin versuchen, denn man wird ja nicht gehängt, wenn der Versuch mißlingt.

Er begann die erste Strophe, dann die zweite. Hierauf gab Jeder unter allgemeinem Lachen die Idee zu einer neuen Strophe. Die vier Zoffioiers sind von dem Herzoge von Antin, der den Geist und den beißenden Spott seiner Mutter besaß, der Frau von Montespan. So ward das Klagelied nach einer Weise des pont neuf beendet. Frau von Coulanges äußerte, man müsse eine neue, eigene Weise dazu erfinden.

– Das kann gleich geschehen! rief Herr von Revers. Haben wir dort nicht Apollo mit seiner Leier?

Er zeigte auf den kleinen Rameau, der an einem Fenster stand und an den Scheiben trommelte. Rameau's erste Versuche hatten bereits angekündigt, was er später werden sollte.

Man ging zu ihm und drängte ihn so lange, bis er sich endlich an das Clavier setzte und eine Melodie versuchte. Nach einigen Augenblicken hatte er die erfunden, welche die Runde durch die ganze Welt machte. Man war entzückt darüber und versprach sich, das Werk allgemein zu verbreiten. – Da kam, ich weiß nicht wer, Jemand an, und erklärte die Nachricht von dem Tode Malborough's nicht nur für eine Lüge, er kündigte auch noch eine Art Frieden zwischen uns und ihm an.

Man hielt das Besingen eines künftigen Verbündeten für eine Beleidigung seines Hofs, und nach einem gemeinschaftlichen Beschlüsse ward das Lied vergessen. Aber nicht Jeder hat es vergessen, denn einige Jahre später, als der Herzog wirklich gestorben war, erschien es wieder, und zwar anonym.

Coulanges und Rameau lieferten sicherlich an jenem Tage, ohne es zu ahnen, das berühmteste und unsterblichste ihrer Werke. Das Pikanteste bei der Sache ist, daß man es überhaupt eben so wenig vermuthete, als sie selbst.




Vierzehntes Kapitel


Malborough war bei seinen Lebzeiten der habgierigste, räuberischste und geizigste aller Helden; er scharrte zusammen, und wenn Ludwig XIV. ihn sehr theuer hätte erkaufen können, so würden wir die Niederlagen und beklagenswerthen Streiche nicht gehabt haben, die das Ende seiner Regierung bezeichnen.

Der Marschall von Villars behandelte ihn in dieser Beziehung mit großer Verachtung, und der Marschall von Richelieu sprach später in meiner Gegenwart bei der Marschallin von Luxembourg mit einer Art religiösen Diplomatie, die den Churchill stark vertheidigte.

– Aber, Herr Marschall, er hat nur das gehabt, was man ihm gegeben!

– Ah, mein Herr, Sie vergessen Alles, was er genommen hat!

Durchs folgende an den Diplomaten gerichteten Worte machte ich sie schweigen, weil mich die Unterredung langweilte!

– Warum streiten Sie darüber, mein Herr? Kennt sich der Herr Marschall nicht besser, als Sie?

Es hatte ein Jeder seinen Theil. Der Marschall antwortete nicht darauf. So geistreich und schlecht er auch war, bei einer so gut angebrachten Wahrheit blieb er verlegen. Er stellte sich, als ob er über das Wappen von Hannover lachte, aber ich weiß genau, daß er sich verletzt fühlte, und daß er den Parisern nie verzieh, die nicht ermangelten, darüber zu singen.

Kehren wir jetzt zu Milord Bolingbroke zurück.

Er lebte inmitten der Hofintriguen der Königin Anna, und Gott weiß, daß er dabei nicht fehlte. Die Herzogin von Malborough fing es ganz entgegengesetzt an, zu regieren und die Erwählten der Königin sowie ihre Vorliebe für ihren Bruder, den Prätendenten, zu beseitigen. Saint Jean aber neigte sich im Gegentheil den Torys zu: dies war ein ewiger Wechselkampf. Ich kann nicht Alles davon erzählen, es würden starke Bände, und zwar sehr langweilige daraus entstehen. Aber ich erinnere mich eines Zuges der Herzogin Malborough, von dem man in ganz Europa sprach.

Die Königin hatte ihr ihr reich mit Diamanten besetztes Portrait geschenkt; sie, die Diamanten zu verkaufen hatte, behielt trotzdem nicht das Bild, sie legte es bei einer Trödlerin nieder, wo es Jeder sehen konnte. Swift nannte deshalb die Herzogin mit einem Namen, der in der guten Gesellschaft wenig gebräuchlich ist, und da er von einem ehrwürdigen Doctor kommt, werde ich ihn nicht wiederholen.

Die Stunde der Ungnade schlug für Lord Bolingbroke, oder vielmehr für Saint-John, denn damals war er es noch nicht. Die Königin ernannte ihn zum Vicomte Bolingbroke, und machte ihn zum Pair von England. Aber dies war die erste Stufe zu seinem Falle. Die zweite war der Tod des Herzogs Hamilton, seines Freundes. Dieser Edelmann hatte ein Duell im Hyde-Park mit Lord Mohun, Letzterer ward getödtet. In dem Augenblicke, wo der Herzog sich aufrichtete, rannte ihm der Colonel Macarting, der Secundant seines Gegners, den Degen rücklings durch den Leib, und warf seinen Körper auf den des Lords Mohun. Man klagte den Herzog von Malborough dieses feigen Verbrechens an, und beschuldigte ihn außerdem, daß er den Grafen von Oxford habe heimtückisch ermorden wollen, so daß er England, wahrend diese Gerüchte umliefen, verlassen mußte, indem er den Pfeil zurückließ, der den armen Bolingbroke, welchen die in Ungnade gefallene Herzogin nicht leiden konnte, verderben sollte.

Vielleicht aber wäre er in Gunst geblieben, vorzüglich nachdem der Graf von Oxford in Ungnade gefallen war; aber die Königin Anna starb. Sie war eine vortreffliche Frau, vielleicht ein wenig schwach, aber im Allgemeinen gut und großmüthig. Wenige sagten, man habe sie vergiftet, Andere wieder, sie sei an dem zu häufigen Genüsse starker Getränke gestorben, die ihr Gemahl, der Prinz von Dänemark, habe bereiten lassen. Bolingbroke behauptete seinen Platz im Parlamente, und sprach nach dem Tode der Königin laut darüber, was die Wighs aufbrachte. Der Herzog von Sunderland, sein Freund, ließ ihm unter der Hand sagen, daß man ihn, wenn er nicht flöhe, in Anklagezustand versetzen wolle, um ihn auf das Schaffot zu bringen, und könne man dies nicht erreichen, so würde man ihn todtschlagen.

Bolingbroke gab nach. Er schiffte sich in Dover ein und nahm fünfhunderttausend Francs mit sich, den Rest seines Ungeheuern Vermögens ließ er zurück. Damit man ihn nicht anklagte, er bediene sich der Jacobiter-Complots, so hielt er sich in Paris nicht auf, sondern ging nach Saint-Clair in der Dauphiné, an die Ufer des Rhone. Dort forderte er die Rache seiner Feinde heraus, die indessen Mittel fanden, ihn zu erreichen. Man nahm ihm seinen Titel und sein Vermögen, um Beides auf seinen Vater zu übertragen, einen durchaus unbedeutenden Mann, der seine Kinder nicht liebte, und Alles für sich behielt.

Bolingbroke war auf seine fünfhunderttausend Francs beschränkt; er fand, daß dies eine magere Portion sei. Die Partei des Prätendenten begriff ihn sehr schnell, und eines schönen Morgens fand sich ein Emissär der Torys und des Fürsten in seiner Abgeschiedenheit bei ihm ein, der den Augenblick seines Zorns benützte, um ihn zu verführen. Er erinnerte ihn zugleich an die Plane der Königin Anna, seiner Wohlthäterin. Er sprach von allen seinen Empfindungen und Leidenschaften und übergab ihm einen Brief Jakobs III., der ihn aufforderte, ihn in Commerci aufzusuchen, um ihn mit seinen Rathschlägen zu unterstützen.

Saint-Jean zögerte lange.

Aber endlich entschloß er sich, seinem legitimen Souverain seine Dienste anzubieten. Dieser ernannte ihn zu seinem Minister, und schickte ihn nach Paris, um Ludwig XIV. um Hilfe anzugehen. Der König, der im Sterben lag, wollte Nichts davon wissen; dies änderte aber in der Sache Nichts.

Nach dem Tode des alten Monarchen wurden die Aussichten noch ungewisser; nichtsdestoweniger aber führte Jakob III., trotz der Rachschläge Bolingbroke's, eine lächerliche Landung in Schottland aus, welche zu Nichts diente, als seine Schwachheit darzuthun. Er schiffte sich fast auf der Stelle wieder ein.

Das Schönste bei der Sache war, daß man sich nun an Bolingbroke hielt, der versucht hatte, ihn daran zu hindern, und daß der Prätendent ihn aus seiner Nähe trieb, indem er ihn anklagte, das Fehlschlagen des Plans bewirkt zu haben. Saint-Jean unterwarf sich, ohne zu murren; er war nicht Jacobiter aus Ueberzeugung, und der Lord Stair, der Gesandte Georg's I. leitete die Rückkehr dieses gewandten Mannes zum Hofe seines Herrn mit großer Umsicht wieder ein.

Gerade um diese Zeit ward Malborough auf seinem Schlosse Blimheim vom Schlage getroffen, und er war ihm nun kein Hinderniß mehr, denn sein Körper lebte nur noch, seine Seele existirte nicht mehr.

Die Herzogin, weniger erschreckt vor dem Wittwenthume, als davor, die Frau eines gelähmten Dummkopfs zu bleiben, hatte zu dem Arzte die berühmten Worte gesagt:

– Retten Sie seinen Ruhm!.

Aber der Arzt war ein gewissenhafter Mann, und zog es vor, ihm das Leben zu retten, was der neuen Artemista nicht besonders gefiel. Sie mußte ihn demnach noch manches Jahr behalten. Vor der Krankheit sind Alle gleich: Die Helden werden Menschen und hören auf, Halbgötter zu sein. Wir andern Sterblichen müssen doch in Etwas entschädigt werden

Jene Zustände waren indessen schwierig; man stritt lange hin und her. Vielleicht hatte es' Bolingbroke eben nicht sehr eilig. Umgeben von allen Schöngeistern und hervorragenden Männern jener Zeit, führte er in Paris ein angenehmes Leben. Er lief allen hübschen Frauen nach, und da er wollüstig und leichtfertig war, liebte er sie Alle, und sie vergalten es ihm. Er gab ihnen, was er hatte, selbst das, was er nicht hatte Dies dauerte bis zu der Zeit, wo er, indem er ein Haus in der Vorstadt Saint-Germain suchte, die Marquise von Villette kennen lernte Sie wohnte in der Straße Saint-Dominique, dem Hotel von Luynes gegenüber. Wir sahen sie oft bei einer Tante, obwohl diese sie nicht liebte; sie fand sie sehr zerstreut. Die Herzogin war dergestalt fromm, daß sie uns fast gänzlich Alle entfernte, ausgenommen bei Gelegenheiten der Wohlanständigkeit.

Frau von Villette war ein Fräulein Deschamps von Marcilly, die Tochter des Gouverneurs der Koppelhunde. Sie hatte ihre Erziehung in Saint-Cyr mit der Herzogin von Caylus genossen, einer noch liebenswürdigen Frau, die ich recht gut gekannt habe, und von der ich später reden werde.

Diese beiden Mädchen hatten ein enges Freundschaftsband geschlossen, und eines Tags, als sich Beide im Sprechzimmer befanden, kam Herr von Villette, der Vater der Frau Caylus an. Er sah Fräulein von Marcilly; lange schon hatte er von seiner Wiederverheirathung gesprochen, er fand das Fräulein reizend, und konnte sich nicht erwehren, es zu äußern.

Das junge Fräulein von Villette antwortete unbesonnen:

– Nun, mein Herr, da Sie mir eine zweite Mutter geben wollen, so heirathen Sie meine gute Freundin.

Herr von Villette behielt diese Worte. Er war Chef eines Geschwaders und ein naher Verwandter der Frau von Maintenon. Es gab keine Familie, die sich durch seine Wahl nicht geehrt fühlte. Einige Wochen nachher erklärte die Familie dem Fräulein von Marcilly, daß sie Marquise von Villette werden solle.

– Ach, ich werde die Mutter meiner Freundin, welch ein Glück! antwortete das unerfahrene Kind.




Fünfzehntes Kapitel


Herr von Villette starb. Nach einer jener Heimchen, die weder glücklich noch traurig sind, wie man deren so viel steht, ward sie Wittwe, Sie bedauerte ihn wohl ein wenig, aber sie tröstete sich schnell wieder, und suchte sich für die erste Hälfte ihres Lebens dadurch zu entschädigen, daß sie sich für die zweite desselben eine doppelte Freiheit nahm.

Sie war nicht schön, aber sie war anmuthig und lieblich. Ein Fehler, den ich bequem finde und der im Allgemeinen mißfällt, zog ihr viel Feinde zu: sie war schwatzhaft, sie sprach ohne Aufhören und ohne Wahl.

D'Argental hat sie deswegen nie leiden mögen. Sie besaß ein hübsches Vermögen, denn sie war eine wirkliche Gräfin von Pimbèche, und führte Prozesse gegen das ganze menschliche Geschlecht. Bolingbroke ward von ihr eingenommen, als er sie sah, Sie war zweiundfünfzig, war fünfundvierzig Jahre alt, ein nicht gewöhnlicher Umstand, denn die Männer dieses Alters verlangen in der Regel frisches Wildpret. Sie wurden närrisch in einander verliebt; die Marquise kümmerte sich nicht darum, es zu verbergen, und Bolingbroke war dessen nicht fähig. Sie liebten sich also öffentlich, verließen sich nicht mehr, und wohnten bei einander. Ueber diesen Haushalt lachte die Jugend bei Hofe viel. Die Jugend lacht über Alles, was nicht jung ist, ohne zu bedenken, daß auch sie alt wird.

Es giebt drei Dinge, die der Geist einer jungen Frau nicht faßt:

Erstens, den Gedanken, daß sie alt wird,

Zweitens, den Gedanken, daß sie einst sterben wird.

Drittens, daß, wenn sie liebt, ihre Liebe und die ihres Geliebten indeß aufhören müsse.

Und dennoch sind diese drei Dinge unvermeidlich und im Voraus bestimmt.

Aber was kümmert man sich im zwanzigsten Jahre darum?

Milord Bolingbroke besaß alle Eigenschaften, die ein leidenschaftlicher Liebhaber besitzen muß: er war eifersüchtig wie alle Tiger Asiens. Zwar dachte keiner daran, ihm sein liebes Kind zu entführen, aber er sah überall Nebenbuhler,

Einst aß ich zu Mittag bei der Marquise. Der Abbé Alary war gegenwärtig, der berühmte Präsident des »Entresol«, von dem ich später Gelegenheit haben werde, zu reden, von dieser kleinen Sache, die zu ihrer Zeit so groß war, und jetzt vergessen ist. Wir speisten also mit dem Abbé Alary und einem gewissen Magdonald. Letzterer war Stallmeister des Prätendenten und ein sehr schöner Mann, der es liebte, sich als solchen geltend zu machen. Frau von Villette entfaltete vor ihm ihre schöne Sprache, und suchte die wohlklingendsten und abgerundetsten Phrasen. Der Stallmeister antwortete mit glühenden Augen und mit einem Eifer, der Bolingbroke in eine fast unglaubliche Wuth brachte.

In dem interessantesten Augenblicke, gerade als der schöne Engländer und die weise Dame sich herzlich beglückwünschten, stieß Milord einen so derben Fluch aus und führte einen so gewaltigen Faustschlag auf den Tisch, daß Gläser, Teller, mit einem Worte das ganze Tischgeschirr zuerst auf die Kokette flogen, und dann auf uns, die wir Nichts dafür konnten.

Nach dieser schönen Heldenthat stand er auf, warf seine Serviette von sich, und entfernte sich, ohne den Kopf zu wenden. Ich überlasse es dem Leser, sich die Scene zu denken. Die Marquise ward unwohl, der Abbé und Magdonald, die glücklicherweise Nichts davon begriffen, hielten ihr Salze und starkriechende Tropfen unter die Nase, während ihre Frauen sie aufschnürten. Schmachtend und bestürzt kam sie zu sich; sie suchte den Undankbaren, der sie anklagte, und doch war sie stolz, so geliebt zu sein.

– Mein Herr, sagte sie zu Magdonald, während ihren Augen Thränen entströmten, die sie noch rührender machten, mein Herr, verzeihen Sie mir – aber ich kann Sie ferner nicht mehr sehen. Er ist trostlos und sein Glück geht mir über Alles, selbst über die Artigkeit und die gute Lebensart.

– Madame, antwortete stolz der Stallmeister, Mylord hat Unrecht, sich zu beunruhigen, ich will Niemandes Glück stören, und ich habe nur an Sie, als an eine achtbare Dame gedacht, deren Charakter, Tage und Alter die Rücksichten Aller verdienen, die sie erkennen. Ich ziehe mich zurück und werde erwarten, daß Sie mich wieder zu sich berufen; diese Art Dessert ist nicht nach meinem Geschmack.

Er grüßte, und entfernte sich.

Dies war die Strafe dafür, daß Milord und seine Freunde soviel Geist besaßen, um solche Auftritte herbeizuführen. Kaum konnte sich Frau von Villette wieder aufrecht erhalten, so lief sie Bolingbroke nach; sie ließ mich und den Abbé allein. Der Abbé zuckte mit den Achseln; und dennoch war er dem Lord sehr zugethan. Man denke, was seine Feinde davon sagen mußten!

Der Abbé setzte mich in Erstaunen, indem er mir eine Thatsache erzählte, für deren Richtigkeit er sich verbürgte, als ob er dabei eine Rolle gespielt habe, die nicht weniger außerordentlich war, als das Factum selbst.

Es existirte nämlich in Paris ein gewisser Graf von Boulainvilliers, der sich damit beschäftigte, die Horoskope zu stellen, und mitunter die seltsamsten Dinge sagte. Er fragte nur nach dem Datum der Geburt und einigen andern Zeichen derselben Art. Als Frau von Villette das von hörte, bat sie den Abbé, der einer ihrer Freunde war, ihre Titel dem Wahrsager zu überbringen, und seine Antwort in Empfang zu nehmen.

Das Orakel sprach sich folgendermaßen aus: »Diese Person besitzt eine große Anzahl Leidenschaften; in ihrem zweiundfünfzigsten Jahre wird die eine größer, als die andere sein. Sie wird in einem fremden Lande sterben,«

Diese Prophezeihung ist Punkt für Punkt eingetroffen.

Herr von Boulainvilliers, der für Andere so weit sah, vermochte es nie für sich selbst. Eine Prophezeihung stellte ihm ein großes Vermögen in Aussicht; er starb vor Kummer darüber, daß diese Prophezeihung nicht in Erfüllung ging. Man hat viele Zauberer gesehen, die es ebenso machten. Ich zweifele indessen an dieser Wissenschaft, trotz der vielen außerordentlichen Beispiele, die ich selbst mit dem Regenten, einem wahren Adepten, gesehen, und mit dem Grafen von Saint-Germain, den sehr viel Leute für den Teufel gehalten haben. Ich für meine Person bin dieser Ansicht nicht.

Herr von Matignon, ein intimer Freund der beiden Liebenden, kam während dieses Streites an. Er söhnte sie, wie dies seine Gewohnheit war, wieder aus, denn sie zankten sich unaufhörlich, und dies war sein großes Amt. Er blieb sein ganzes Leben lang dieser Freundschaft getreu, und sein Sohn blieb es nach ihm. So etwas ist bei Hofe sehr selten.

Trotz seiner Leidenschaft und seiner Eifersucht machte sich Milord mitunter eben nicht sehr unschuldige Zerstreuungen. Die zärtliche Alcimene machte sie ihm dergestalt zum Vorwurfe, und ihre Gesundheit ward davon so heftig angegriffen, daß er, als er einst von einem zurückgezogenen Leben in Chaillot zurückkehrte, den Entschluß faßte, den Versuchungen zu widerstehen, und die ganze Treue zu gewähren, die er selbst forderte.

Das Sonderbarste ist, daß er Wort hielt.

Ueber diesen Zwischenfallen starb seine Frau, die trotz ihrer Frömmigkeit ihm großen Verdruß bereitet hat. Von nun an verbannten die Liebenden jeden Zwang, und man versichert, sie hätten sich heimlich geheirathet. Ich weiß nicht, warum sie dies nicht öffentlich erklärten, da sie Nichts daran hinderte, wie ich voraussetze. Es scheint, daß diese Heirath später wirklich stattgefunden hat. Soviel ist gewiß, daß die Marquise seinen Namen getragen, und daß man sie, selbst in England, für Milady Bolingbroke gehalten hat, außer bei Hofe, wo sie, wie man versichert, in dieser Eigenschaft nie zugelassen worden ist.

Man bat Milord Bolingbroke von Neuem, die Sacht des Prätendenten wiederaufzunehmen, und zwar wegen eines neuen, besser überdachten Plans, bei dessen Ausführung man seiner Rathschläge zu bedürfen glaubte. Der König Jakob selbst schrieb an ihn, und da sein Brief nicht genügte, so sandte er ihm seinen Vertrauten mit einem ebenso rührenden als liebenswürdigen und artigen Schreiben. Er berief sich abermals auf seine Gesinnungen für die Königin Anna und erinnerte ihn an die letzten Worte seiner Wohlthäterin!

– Ach, mein theurer Bruder, was soll aus Ihnen werden?

Bolingbroke ward ein wenig gerührt, das heißt., er verlangte die Sache einige Zeit als Geheimniß zu bewahren, und versprach seine Ansichten mitzutheilen, wenn man deren bedürfen würde; aber er verweigerte es, sich offen zu erklären, weil er einen zweiten harten Verweis fürchtete, der ihn unrettbar in's Verderben stürzte, ohne daß Jemandem dadurch genützt würde.

Lord Stairs, der damals englischer Gesandter in Paris war, hatte während dieser Zeit von dem Regenten das Versprechen erlangt, den König Jakob verhaften zu lassen, wenn er Frankreich betreten sollte; der Plan war also schon verkauft, denn man erwartete die Ankunft des Königs.

Bolingbroke wollte seinen flüchtigen Monarchen um jeden Preis abhalten, soweit zu gehen, aber er wußte ihn nicht mehr zu finden, der Flüchtige mußte bereits abgereist sein. Milord beruhigte sich ein wenig bei dem Gedanken, daß der Regent nicht der Mann sei, der Jakob III. auslieferte, er bauete auf seine Gewandtheit und Großmuth. Trotzdem aber erwartete er in lebhafter Unruhe den Erfolg des Befehls, den man dem Herrn von Coutades, dem Major seiner Garde, öffentlich gegeben, sofort nach Chateau-Thierry abzureisen und den letzten der Stuarts zu verhaften, sobald er diese Stadt beträte.

Und beide waren Enkel Heinrichs IV.!




Sechzehntes Kapitel


Herr von Contades wußte es so einzurichten, daß er Chateau-Thierry durch das eine Thor betrat, während der Prätendent es durch das andere verließ. Der Regent wußte, was er that, indem er ihn dorthin schickte. Der Fürst reiste weiter, und kam in Chaillot in dem kleinen Hause an, wo er die Königin, seine Mutter, viele seiner Verwandten, und ganz im Geheimen den Lord Bolingbroke antraf. Dieser ward von dem Zusammentreffen sehr ergriffen; er verbarg Jakob nicht, daß seine Neigungen ihn mehr dem protestantischen Zweige zutrieben, und daß ihn, außer der achtungsvollen Erinnerung an seine verstorbene Herrin, Nichts zu einer Parthei hinzöge, die er nicht liebte.

– Gehen Sie nach Schottland, Sire, dort werden Sie treue Unterthanen finden, die Sie erwarten und sich nach Ihnen sehnen. Kommt der Tag, wo Sie meiner bedürfen, so finden Sie mich bereit, zu Ihnen zu stoßen, vorausgesetzt, daß der Erfolg Ihnen günstig ist. Ich bin unerschütterlich fest entschlossen, nicht zum Gelächter Europas zu werden, und nur mit einem sichern Schlage zu treffen. Verzeihen Sie mir, Sire, ich bin frei, ich bin Niemandes Hofmann mehr. Die Politik ist mir im tiefsten Herzen zuwider, ich habe keine Hoffnungen mehr, ich habe nur noch Erinnerungen, und diesen folge ich in diesem Augenblicke. Ew. Majestät werden dies nicht übersehen.

Denselben Abend bestieg der König von England den Wagen des Herrn Torcy und schlug die Straße nach Orleans ein, um sich von dort nach der Bretagne zu begeben.

Lord Stairn ward rasend; er wollte um jeden Preis seinen Herrn von einem legitimen und furchtbaren Feinde befreien. Noch hielt er sich nicht für geschlagen. Da er in der Wahl der Mittel sehr vorsichtig war, so entdeckte er einen Colone! Dougals, eine Art Strauchdieb und Wegelagerer, der früher ein irländisches Regiment in französischem Solde kommandirt hatte. Diesen ließ er kommen, versprach ihm goldene Berge, reizte ihn durch tausend erdichtete Dinge gegen den König Jakob, und bestimmte ihn endlich, das Schwert Gottes zu ergreifen, um England von diesem Papisten, von diesem, gottlosen Könige zu befreien, der es zu unterjochen trachtete.

Douglas nahm zweihundert Mann von seinem alten Regimente mit sich, auf die er zählen konnte, und da er vor Strafe sicher und einer Belohnung gewiß war, legte er sich an dem Wege in einen Hinterhalt, den der Exilirte kommen mußte.

In Nonancourt, einem kleinen Dorfe an der Straße, stieg er vom Pferde, ließ sich zu essen geben und erkundigte sich bei der Postmeisterin nach einem Wagen, den er ihr bezeichnete. Diese antwortete, daß sie davon Nichts wisse.

– Das ist unmöglich, er muß hier vorbeigekommen sein.

– Nein, mein Herr!

– Aber ich sage Ihnen, daß es so ist.

– Und ich sage Ihnen, daß es nicht so ist.

– Sie wollen mich täuschen; aber hüten Sie sich! Ich werde mich furchtbar rächen, und sie werden es bereuen.

Er stieß furchtbare Schwüre und Flüche in englischer Sprache aus, und dabei drohete er aller Welt mit dem Regenten und dein englischen Gesandten.

Frau Lhopital – so hieß die gute Frau – erschrak, nicht davor, aber sie hörte ihn aufmerksamer an, als zuvor.

Da kam ein Mann mit verhängten Zügeln angesprengt, und sprach leise mit dem Colonel, dessen Wuth sich vermehrte.

– Ich will, daß man ihn finde, und man wird ihn finden! rief er. Es handelt sich um mein Glück, und diesmal soll es mir nicht fehlschlagen!

Diese unvorsichtig ausgestoßenen Worte bestärkten die gute Frau in ihrem Verdachte. Sie stellte sich, als ob sie mit andern Dingen beschäftigt sei, verlor den Colonel aber nicht aus den Augen. Da hörte sie einige Worte von seiner Unterredung mit dem Reiter, und diese gaben ihr die Gewißheit, daß sie sich nicht täuschte.

Ihr Gatte war abwesend, aber sie hatte einen treuen, verständigen und gewandten Burschen. Diesen zog sie bei Seite, wo sie nicht gehört werden konnte, und sagte ihm:

– Diese Menschen sinnen Böses gegen den armen exilirten Fürsten, den der Herr Regent verläßt, obgleich er sein Vetter ist. Es scheint, daß er hier durchkommen wird, und daß diese Elenden ihn ermorden wollen. Führe genau aus, was ich Dir vorschreibe, und wir retten ihn vielleicht. Der Teufel kann nicht immer starker sein, als die rechtschaffenen Leute.




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