Blanche von Beaulieu Alexandre Dumas der Ältere Alexandre Dumas (père) Blanche von Beaulieu I Derjenige, welcher am Abend des 15. Decembers 1793 die Stadt Clisson, um sich nach dem Dorfe Saint-Crepin zu begeben, verlassen und auf dem Berge, an dessen Fluß die Moine hinfließt, halt gemacht hätte, würde ein seltsames Schauspiel gesehen haben. Vor Allem wurde er an dem Orte, wo sein Blick das in den Bäumen verlorene Dorf mitten an einem schon durch die Abenddämmerung verdüsterten Horizont gesucht hätte, drei bis vier Rauchsäulen erschaut haben, welche, an ihrer Base vereinzelt, bei ihrer Ausdehnung sich verbanden, sich einen Augenblick wie ein gebräunter Dom schaukelten, und dann, schlaff einem feuchten Westwinde nachgebend, in dieser Richtung mit den Wolken eines trüben, nebeligen Himmels fortrollten. Er hätte gesehen, wie diese Base sich langsam röthete, wie sodann jeder Rauch aufhörte, und von den Dächern der Häuser spitzige Feuerzungen mit Geprassel, bald sich in Spiralen windend, bald sich neigend und sich wieder erhebend wie der Mast eines Schiffes, hervorbrachen. Es hätte ihm geschienen, es öffnen sich bald alle Fenster, um Feuer auszuspeien. Von Zeit zu Zeit, wenn ein Dach einsank, hätte er ein dumpfes Geräusch gehört, er hätte eine lebhaftere Flamme gemischt mit Tausenden von Funken unterschieden, und beim blutigen Scheine des zunehmenden Brandes hätte er Waffen glänzen und einen Kreis von Soldaten sich in der Ferne ausdehnen sehen. Er hätte Geschrei und Gelächter gehört und mit Schrecken gesagt: »Gott verzeihe mir, es ist eine Armee, die sich mit einem Dorfe wärmt!« Es hatte wirklich eine republicanische Brigade von zwölf bis fünfzehnhundert Mann das Dorf Saint-Crepin verlassen gefunden und es in Brand gesteckt. Das war keine Grausamkeit, sondern ein Kriegsmittel, ein Feldzugsplan wie ein anderer; die Erfahrung bewies, daß es das einzige gute Mittel war. Eine einzelne Hütte brannte indessen nicht, man schien sogar alle nothwendige Maßregeln getroffen zu haben, damit das Feuer sie nicht erreichen konnte. Zwei Schildwachen standen vor der Thüre, und jeden Augenblick traten Ordonnanzofficiere, Adjutanten ein und kamen bald wieder heraus, um Befehle zu überbringen. Derjenige, welcher diese Befehle gab, war ein junger Mann, wie es schien, von zwanzig bis zweiundzwanzig Jahren; lange, blonde, aus der Stirne gescheitelte Haare fielen wogend auf jeder Seite seiner weißen, magern Wangen herab; sein ganzes Gesicht trug das Gepräge der unseligen Traurigkeit an sich, das sich an die Stirne von denjenigen, welche jung sterben sollen, anhängt. Sein blauer Mantel, indem er ihn umhüllte, verbarg ihn nicht so gut, daß er nicht die Zeichen seines Grades, ein Paar Generalsepauletten, hätte sehen lassen; nur waren diese Epauletten von Wolle, denn die republicanischen Officiere hatten dem Convente das patriotische Opfer von allem Golde ihrer Uniformen gebracht. Er war auf einen Tisch gebeugt, eine Landkarte lag auseinander gerollt vor seinen Augen, und er bezeichnete darauf mit Bleistift, bei der Helle einer Lampe, deren Licht selbst vor dem Scheine des Brandes erdunkelte, den Weg, dem seine Soldaten zu folgen hatten. Das war der General Marceau, der drei Jahre später bei Altenkirchen getödtet werden sollte. »Alexandre!« sagte er halb sich erhebend . . . »Alexandre, ewiger Schläfer, träumst Du von St. Domingo, daß Du so lange schläfst?« »Was gibt es?« fragte plötzlich aufstehend derjenige, an welchen er sich wandte, und dessen Kopf beinahe die Decke der Hütte berührte, »was gibt es? rückt der Feind heran? . . .« Und diese Worte wurden mit einem leicht creolischen Accente gesprochen, wodurch sie selbst unter der Drohung Milde behielten. »Nein, doch es ist uns ein Befehl des Obergenerals Westermann zugekommen.« Und während sein College las, denn derjenige, welchen er angesprochen, war sein College, schaute Marceau mit der Neugierde eines Kindes die muskeligen Formen des mulattischen Hercules an, den er vor den Augen hatte. Es war ein Mann von achtundzwanzig Jahren, mit krausen, kurzen Haaren, mit braunem Teint, mit kahler Stirne und weißen Zähnen, dessen fast übernatürliche Stärke die ganze Armee kannte, denn sie hatte ihn an einem Schlachttage einen Helm bis zum Küraß spalten und an einem Paradetag ein wildes Pferd, das mit ihm durchging, zwischen seinen Beinen ersticken sehen. Dieser hatte auch nicht mehr lange zu leben; doch minder glücklich als Marceau, sollte er fern vom Schlachtfeld?, vergiftet auf den Befehl eines Königs, sterben. Das war der General Alexandre Dumas, es war mein Vater. »Wer hat Dir diesen Befehl gebracht?« fragte er. »Der Volksrepräsentant Delmar.« »Es ist gut. Und wo sollen sich diese armen Teufel versammeln?« »In einem Walde, anderthalb Meilen von hier; sieh auf der Karte; es ist da.« »Ja; doch auf der Karte trifft man die Schluchten, die Berge, die gefällten Bäume, die tausend Wege nicht, welche die wahre Straße versperren, wo man selbst am hellen Tage Mühe hat, sich zurecht zu finden! . . . Dabei ist es beständig kalt.« »Nun,« sagte Marceau, indem er mit dem Fuße die Thüre aufstieß und ihm das brennende Dorf zeigte, »geh hinaus, und Du wirst Dich wärmen. . . He! was ist das, Bürger?« Diese Worte waren an eine Gruppe von Soldaten gerichtet, welche Lebensmittel suchend in einem an die Hütte, wo sich die zwei Generale befanden, anstoßenden Hundestalle einen vendeeischen Bauern gefunden hatten,'der so betrunken zu sein schien, daß er wahrscheinlich den Einwohnern des Dorfes, als sie dieses verlassen, nicht hatte folgen können. Der Leser denke sich einen Meier mit einfältigem Gesichte, mit großem Hute, langen Haaren und grauem Wammse; ein Wesen nach dem Bilde des Menschen angelegt, eine Art, welche noch eine Stufe unter dem Thiere; denn offenbar fehlte dieser Masse der Instinct. Marceau richtete einige Fragen an ihn; das Patois und der Wein machten seine Antworten unverständlich. Er wollte ihn eben als ein Spielzeug den Soldaten überlassen, als der General Dumas ungestüm den Befehl gab, die Hütte zu räumen und den Gefangenen darin einzuschließen. Er war noch bei der Thüre; ein Soldat schob ihn ins Innere; er stolperte bis an die Wand, lehnte sich daran an, und schwankte einen Augenblick auf seinen halb gebogenen Beinen hin und her; dann fiel er schwer zu Boden und blieb ohne Bewegung ausgestreckt. Eine Schildwache stand vor der Thüre, und man nahm sich nicht einmal die Mühe, das Fenster zu schließen. »In einer Stunde können wir abgehen,« sagte der General Dumas zu Marceau; »wir haben einen Führer.« »Welchen?« »Diesen Menschen.« »Ja, wenn wir uns morgen auf den Weg begeben wollen, gut. Es ist in dem, was dieser Mensch getrunken hat, Schlaf für vierundzwanzig Stunden.« Dumas lächelte. »Komm,« sagte er. Und er führte ihn unter den Schoppen, wo der Bauer entdeckt worden war^in einfacher Verschlag trennte ihn vom Inneren der Hütte, und die Wand war noch durchfurcht von Spalten, welche unterscheiden ließen, was hier vorging, und hatten erlauben müssen, selbst das geringste Wort der zwei Generale zu hören, die sich einen Augenblick vorher im Inneren befanden. »Und nun schau,« fügte er die Stimme dämpfend bei. Marceau gehorchte, dem Einflusse nachgebend, den sein Freund, selbst bei den gewöhnlichen Dingen des Lebens, auf ihn übte. Er hatte einige Mühe, den Gefangenen zu unterscheiden, der zufällig in den dunkelsten Winkel der Hütte niedergesunken war; er lag noch unbeweglich an demselben Platze. Marceau wandte sich zurück, um seinen Collegen zu suchen: er war verschwunden. Als er seine Blicke wieder in die Hütte lenkte, schien es ihm, derjenige, welcher sich darin aufhielt, habe eine leichte Bewegung gemacht: sein Kopf hatte eine Richtung angenommen, die ihm das ganze Innere mit einem Blicke zu umfassen gestattete. Bald öffnete er die Augen mit dem gedehnten Gähnen eines Menschen, der aufwacht, und er sah, daß er allein war. Ein seltsamer Blitz der Freude und des Verstandes zuckte über sein Gesicht. Von da an war es für Marceau klar, daß er von diesem Menschen bethört worden wäre, hätte nicht ein schärferer Blick Alles errathen. Er betrachtete ihn also mit einer neuen Aufmerksamkeit; sein Gesicht hatte wieder seinen ersten Ausdruck angenommen, seine Augen waren wieder geschlossen, seine Bewegungen waren die eines Menschen, der wieder einschläft; bei einer derselben hakte er mit dem Fuße den leichten Tisch an, der die Karte und den Befehl des Generals Westermann trug, was Marceau Beides wieder auf diesen Tisch geworfen hatte: Alles fiel durcheinander; der Soldat von der Wache öffnete halb die Thüre, streckte bei diesem Geräusche den Kopf hinein, sah, was dasselbe verursacht hatte, und sagte lachend zu seinem Kameraden: »Es ist der Bürger, der schläft!« Dieser hatte indessen die Worte gehört, seine Augen hatten sich Mieder geöffnet, ein Blick der Drohung verfolgte einen Moment den Soldaten; alsdann ergriff er mit einer raschen Bewegung das Papier, auf welches der Befehl geschrieben war, und verbarg es in seiner Brust. Marceau hielt seinen Athem zurück; seine rechte Hand schien am Griffe seines Säbels festgeklebt: seine linke Hand trug mit der Stirne das ganze Gewicht seines an die Scheidewand angelehnten Körpers. Der Gegenstand seiner Aufmerksamkeit lag nun auf der Seite; bald rückte er, sich mit dem Ellenbogen und dem Knie helfend, langsam, immer liegend, gegen den Eingang der Hütte vor; der Zwischenraum, der sich zwischen der Schwelle und der Thüre fand, erlaubte ihm, die Beine einer Gruppe von Soldaten zu bemerken, welche davor standen. Geduldig und immer langsam, sing er nun an gegen das halb geöffnete Fenster zu kriechen; auf drei Fuß von demselben angelangt, suchte er in seiner Brust eine Waffe, die darin verborgen war, richtete seinen Körper auf, und stürzte mit einem einzigen Sprunge, mit einem Jaguarssprunge, aus der Hütte. Marceau stieß einen Schrei aus: er hatte weder Zeit gehabt, diese Flucht vorherzusehen, noch sie zu verhindern. Ein anderer Schrei antwortete auf den seinen: dieser war ein Fluch. Der Vendéer war, aus dem Fenster fallend, von Angesicht zu Angesicht mit dem General Dumas zusammengetroffen; er hatte ihn mit seinem Messer stechen wollen, doch Dumas hatte den Bauern bei der Faust gepackt, diese gegen seine Brust umgebogen, und er brauchte nur noch zu stoßen, daß der Vendéer sich selbst erdolchte. »Ich versprach Dir einen Führer, Marceau; hier ist einer, und zwar ein verständiger, wie ich hoffe. – Ich könnte Dich erschießen lassen, Bursche,« sagte er zu dem Bauern; »es ist mir bequemer, Dir das Leben zu schenken. Du hast unser Gespräch gehört, doch Du wirst es denen, die Dich geschickt haben, nicht berichten. – Bürger,« wandte er sich an die Soldaten, welche diese seltsame Scene herbeigeführt hatte, – »zwei von Euch haben jeder eine Hand von diesem Menschen zu nehmen und sich mit ihm an die Spitze der Colonne zu stellen; er wird unser Führer sein; bemerkt Ihr, daß er Euch täuscht, macht er eine Bewegung, um zu fliehen, so jagt ihm eine Kugel durch den Kopf und werft ihn über die Hecke.« Einige leise gegebene Befehle setzten sodann diese gebrochene Linie von Soldaten in Bewegung, welche sich um die Asche, die ein Dorf gewesen, ausdehnte. Die Gruppen verlängerten sich, jedes Peloton schien sich an das andere anzulöthen. Eine schwarze Linie bildete sich, stieg den langen Hohlweg hinab, der Saint-Crepin von Montfaucon trennt, drang hier ein wie ein Rad in ein Fahrgeleise, und als nach einigen Minuten der Mond zwischen zwei Wolken durchzog und sich einen Augenblick aus diesem Bande von Bajonneten spiegelte, welche geräuschlos hinschlüpften, d.a hätte man geglaubt, man sehe im Schatten eine ungeheure schwarze Schlange mit stählernen Schuppen kriechen. II Es ist etwas Trauriges für eine Armee um einen Nachtmarsch. Der Krieg ist schön an einem schönen Tage, wenn der Himmel das Treffen anschaut; wenn die Völker, um das Schlachtfeld sich erhebend wie auf den Stufen eines Circus, den Siegern zuklatschen; wenn die schmetternden Töne der Blechinstrumente die muthigen Fibern des Herzens schauern machen; wenn Euch der Rauch von tausend Kanonen mit einem Leichentuche bedeckt; wenn Freunde und Feinde da sind, um zu sehen, wie Ihr gut sterbt: das ist erhaben! Doch die Nacht! . . . Nicht wissen, wie man Euch angreift und wie Ihr Euch vertheidigt; fallen ohne zu sehen, wer Euch schlägt, noch woher der Streich kommt; fühlen, wie Euch diejenigen, welche noch stehen, mit dem Fuße stoßen, ohne zu wissen, wer Ihr seid, und auf Euch gehen! . . . Oh! da nimmt man nicht die Stellung eines Gladiators an, man wälzt sich, man krümmt sich, man beißt in die Erde, man zerreißt sie mit den Nägeln; das ist gräßlich! Darum marschirte diese Armee traurig und stillschweigend: sie wußte, daß sich auf jeder Seite der Straße hohe Hecken, ganze Felder von Stechgenster hinzogen, und daß am Ende dieses Weges ein Kampf, ein Kampf bei Nacht stattfinden sollte. Sie marschirte seit einer halben Stunde; von Zeit zu Zeit drang, wie gesagt, ein Mondstrahl zwischen zwei Wolken durch und ließ an der Spitze der Colonne den Bauern erscheinen, der als Führer diente, das Ohr aufmerksam aus das geringste Geräusch, und immer bewacht von den zwei Soldaten, welche an seiner Seite gingen. Zuweilen hörte man auf den Flanken ein Rauschen von Blättern; die Spitze der Colonne machte plötzlich Halt; mehrere Stimmen riefen: Wer da? . . . Nichts antwortete, und der Bauer sagte lachend: »Es ist ein Hase, der sein Lager verläßt!« Oesters glaubten die zwei Soldaten vor sich etwas sich bewegen zu sehen, was sie nicht unterscheiden konnten; sie sagten zu einander: »Schau doch!..« und der Vendéer erwiederte: »Es ist Euer Schatten, laßt uns weiter gehen.« Plötzlich, bei der Biegung der Straße, sahen sie zwei Männer vor ihnen aufstehen: sie wollten rufen: Einer von den Soldaten fiel, ohne daß er Zeit gehabt, ein Wort hervorzubringen; der Andere wankte eine Secunde und hatte nur noch Zeit, zu sagen: »Herbei!« Zwanzig Flintenschüsse gingen auf der Stelle los. Beim Scheine dieses Blitzes konnte man drei Männer unterscheiden, welche flohen; der Eine von ihnen wankte und schleppte sich einen Augenblick längs der Böschung fort, in der Hoffnung, die andere Seite der Hecke zu erreichen. Man lief auf ihn zu: es war nicht der Führer; man befragte ihn, er antwortete nicht! ein Soldat stieß ihm das Bajonnet durch den Arm, um zu sehen, ob er todt sei: er war es. Nun wurde Marceau der Führer. Das Studium, das er über die Oertlichkeiten gemacht, ließ ihn hoffen, er werde sich nicht verirren. Nachdem man noch eine Viertelstunde marschirt war, erblickte man wirklich die schwarze Masse des Waldes. Hier sollten sich nach der Kunde, welche die Republicaner erhalten, um eine Messe zu hören, die Einwohner einiger Dörfer, die Trümmer mehrerer Heere, ungefähr achtzehnhundert Mann versammeln. Die zwei Generale trennten ihre Truppe in mehrere Colonnen, mit dem Befehle, den Wald einzuschließen und ihre Richtung auf allen Wegen zu verfolgen, welche nach dem Mittelpunkte gingen. Eine Colonne machte Halt auf dem Wege, der sich vor ihr fand; die anderen dehnten sich im Kreise auf den Flügeln aus; man hörte noch einen Augenblick das abgemessene Geräusch ihrer Schritte, das immer schwächer wurde; endlich erlosch es ganz, und es trat eine völlige, Stille ein. Die halbe Stunde, welche einem Kampfe vorhergeht, verläuft rasch. Der Soldat hat kaum Zeit, nachzuschauen, ob sein Gewehr gut mit Zündkraut versehen ist, und zu seinem Kameraden zu sagen: »Ich habe zwanzig bis dreißig Franken in der Ecke meines Sackes; sterbe ich, so schicke sie meiner Mutter!« Das Wort Vorwärts! erscholl, und Jeder bebte, als ob er nicht darauf gefaßt gewesen wäre. So wie sie vorrückten, schien es ihnen, der Kreuzweg, der den Mittelpunkt des Waldes bildete, sei erleuchtet; als sie näher kamen, gewahrten sie flammende Fackeln; bald wurden die Gegenstände deutlicher, und ein Schauspiel, von welchem keiner von ihnen eine Idee gehabt, bot sich ihren Blicken. An einem plump durch ein paar aufgehäufte Steine repräsentirten Altar las der Pfarrer von Sainte-Marie-de-Rhe eine Messe; Greise umgaben eine Fackel in der Hand haltend den Altar, und rings umher beteten Weiber und Kinder auf den Knieen. Zwischen den Republicanern und dieser Gruppe stand eine Mauer von Männern und bot auf einer schmäleren Fronte denselben Schlachtplan für die Vertheidigung wie für den Angriff. Es wurde klar, daß sie unterrichtet worden, selbst wenn man nicht im ersten Gliede den Führer, welcher entflohen war, erkannt hätte; nun war es ein vendeeischer Soldat mit seinem vollständigen Costume, auf der linken Seite der Brust das Herz von rothem Stoffe, das als Erkennungszeichen diente, und am Hute das weiße Sacktuch, das den Helmbusch ersetzte, tragend. Die Vendéer warteten nicht, bis man sie angriff; sie hatten Tirailleurs im Walde verbreitet, und sie begannen das Feuer; die Republicaner rückten das Gewehr im Arm vor, ohne einen Schuß zu thun, ohne auf das wiederholte Feuer ihrer Feinde zu antworten, ohne andere Worte nach jeder Salve von sich zu geben, als die: »Schließet die Glieder! schließet die Glieder!« Der Priester hatte seine Messe nicht vollendet, und er setzte sie fort; sein Auditorium schien dem, was vorging, fremd zu sein, und blieb auf den Knieen. Die republicanischen Soldaten rückten immer weiter vor. Als sie nur noch dreißig Schritte von ihren Feinden entfernt waren, kniete das erste Glied nieder, drei Linien Gewehre senkten sich wie Aehren, die der Wind beugt. Das Feuer brach los: man sah die Reihen der Vendéer sich lichten, und, durchgehend, tödteten einige Kugeln Weiber und Kinder am Fuße des Altars. Es herrschten einen Augenblick in dieser Menge Geschrei und Tumult. Der Priester hob die geweihte Hostie in die Höhe, die Köpfe beugten sich bis zur Erde, und Alles wurde wieder still. Die Republicaner gaben eine zweite Salve aus zehn Schritte, mit eben so viel Ruhe, als bei einer Revue, mit eben so viel Präcision als nach einer Scheibe. Die Vendéer erwiederten das Feuer; alsdann hatten weder die Einen, noch die Andern Zeit, ihre Gewehre wieder zu laden; es kam die Reihe an das Bajonnet, und hier war der Vortheil ganz auf der Seite der regelmäßig bewaffneten Republicaner. Der Priester las die Messe immer weiter. Die Vendéer wichen zurück, ganze Glieder fielen, ohne daß man ein anderes Geräusch als Flüche hörte.. Der Priester bemerkte es; er machte ein Zeichen: die Fackeln erloschen, der Kampf kehrte in die Finsterniß zurück. Dann war es nur noch eine Scene der Verwirrung und des Gemetzels, wobei Jeder mit Wuth schlug, ohne zu sehen, und starb, ohne Gnade zu verlangen, Gnade, die man kaum bewilligt, wenn man sie in derselben Sprache von einander fordert. Es wurden indessen doch die Worte: »Gnade! Gnade!« von einer herzzerreißenden Stimme zu den Füßen von Marceau, der eben einen Streich führen wollte, ausgesprochen. Es war ein junger Vendéer, ein Knabe ohne Waffen, der aus diesem entsetzlichen Gemenge hinauszukommen suchte. »Gnade! Gnade,« sagte er, retten Sie mich! im Namen des Himmels, im Namen Ihrer Mutter!« Der General schleppte ihn ein paar Schritte vom Schlachtfelde fort, um ihn den Blicken seiner Soldaten zu entziehen, bald sah er sich aber genöthigt, anzuhalten: der junge Mann war ohnmächtig geworden. Dieses Uebermaß von Angst setzte ihn von Seiten eines Soldaten in Erstaunen; nichtsdestoweniger beeiferte er sich, ihm Hilfe zu leisten; er öffnete seinen Rock, um ihm Luft zu geben: es war ein Weib, Man durfte keinen Augenblick verlieren; die Befehle des Convents waren sehr bestimmt; jeder Vendéer, den man mit den Waffen in der Hand oder zu einer Zusammenschaarung gehörend ergriff, was auch sein Alter und sein Geschlecht sein mochte, sollte auf dem Schaffot sterben. Er legte die junge Person an den Fuß eines Baumes und eilte nach dem Schlachtfelde. Unter den Todten erblickte er einen jungen republicanischen Officier, dessen Wuchs ihm ungefähr der der Unbekannten zu sein schien; er nahm ihm rasch seine Uniform und seinen Hut ab, und kehrte zu ihr zurück. Die Kühle der Nacht erweckte sie bald aus ihrer Ohnmacht. »Mein Vater! mein Vater!« waren ihre ersten Worte; dann stand sie auf und drückte ihre Hände an ihre Stirne, als wollte sie ihre Gedanken darin befestigen. »Oh! das ist gräßlich; ich war mit ihm, ich habe ihn verlassen. Mein Vater, mein Vater! er wird todt sein!« »Unsere junge Gebieterin, Fräulein Blanche,« sagte ein Kopf, der plötzlich hinter dem Baume erschien, »der Marquis von Beaulieu lebt, er ist gerettet. Es lebe der König! es lebe die gute Sache!« Derjenige, welcher diese Worte gesprochen, verschwand wie ein Schatten; jedoch nicht schnell genug, daß Marceau nicht Zeit gehabt hätte, den Bauern von Saint-Crepin zu erkennen. »Tinguy! Tinguy!« rief das Mädchen seine Arme gegen den Mann ausstreckend. »Stille! ein Wort verräth Sie: ich könnte Sie nicht retten, und ich will Sie retten! Ziehen Sie diesen Rock an, setzen Sie diesen Hut auf, und erwarten Sie mich hier.« Er kehrte auf das Schlachtfeld zurück, gab den Soldaten den Befehl, sich gegen Chollet zurückzuziehen, überließ seinem Collegen das Commando über die Truppe, und kam wieder zu der jungen Vendéerin. Er fand sie bereit, ihm zu folgen. Beide wandten sich nach einem Orte der Landstraße, welche die Romagne durchzieht, wo der Bediente von Marceau mit Handpferden wartete, die nicht in das Innere der Landschaft eindringen konnten, da hier die Wege nur Schluchten und Morastlöcher sind. Nun verdoppelte sich seine Verlegenheit; er befürchtete, seine junge Gefährtin könne nicht reiten und habe nicht die Kraft, zu Fuße zu gehen; doch sie hatte ihn bald beruhigt, da sie ihr Pferd mit weniger Kraft, aber mit ebenso viel Anmuth als der beste Reiter führte.[1 - Selbst wenn das, was folgt, diese bei uns bei einer Frau seltene Gewohnheit nicht erklären würde, müßte sie der Gebrauch des Landes rechtfertigen. Die Damen der Schlösser reiten buchstäblich wie ein Fashionable von Longchamps; nur tragen sie unter ihren Röcken, die der Sattel aufhebt, Beinkleider denen ähnlich, welche man den Kindern anzieht Die Weiber aus dem Volke gebrauchen nicht einmal diese Vorsicht, obschon mich die Farbe ihrer Haut das Gegentheil glauben A. D.] Sie sah das Erstaunen von Marceau und lächelte. »Sie werden weniger erstaunt sein, wenn Sie mich kennen. Sie werden erfahren, durch welche Reihenfolge von Umständen ich mit den Uebungen der Männer vertraut geworden bin; Sie sehen so gut aus, daß ich Ihnen alle Ereignisse meines so jungen und schon so gemarterten Lebens sagen will.« »Ia, ja, doch später,« erwiederte Marceau; »wir werden Zeit dazu haben, denn Sie sind meine Gefangene, und um Ihretwillen werde ich Ihnen nicht die Freiheit geben. Was wir nun zu thun haben ist, daß wir Chollet so rasch als möglich erreichen. Befestigen Sie sich also auf Ihrem Sattel, und im Galopp, mein Cavalier!« »Im Galopp!« wiederholte die Vendéerin; und nach drei Viertelstunden ritten sie in Chollet ein. Der Obergeneral war auf der Manie. Marceau ließ seine Gesungene und seinen Bedienten vor der Thüre und ging hinauf. Er erstattete mit ein paar Worten Bericht über seine Mission, kam zurück und suchte mit seiner kleinen Escorte ein Lager im Gasthause zu den Sansculottes, eine Inschrift, welche auf dem Schilde die Worte: Zum großen heiligen Nicolaus ersetzt hatte. Marceau nahm zwei Zimmer: er führte die junge Gefangene in eines derselben und lud sie ein, sich ganz angekleidet auf das Bett zu werfen, um hier einige Augenblicke eine Ruhe zu genießen, die sie nach der gräßlichen Nacht, welche sie zugebracht, sehr nöthig haben müßte, und er schloß sich in das seine ein, denn nun hatte er die Verantwortlichkeit für eine Existenz, und er mußte aus Mittel, sie zu erhalten, bedacht sein. Blanche ihrerseits hatte auch zu träumen, von ihrem Vater vor Allem, sodann von dem jungen republicanischen General mit dem sanften Gesichte und der milden Stimme. Alles das dünkte ihr ein Traum. Sie ging, um sich zu versichern, daß sie wirklich wach war, sie blieb vor einem Spiegel stehen, um sich zu überzeugen, daß wirklich sie Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/pages/biblio_book/?art=48632356) на ЛитРес. Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом. notes 1 Selbst wenn das, was folgt, diese bei uns bei einer Frau seltene Gewohnheit nicht erklären würde, müßte sie der Gebrauch des Landes rechtfertigen. Die Damen der Schlösser reiten buchstäblich wie ein Fashionable von Longchamps; nur tragen sie unter ihren Röcken, die der Sattel aufhebt, Beinkleider denen ähnlich, welche man den Kindern anzieht Die Weiber aus dem Volke gebrauchen nicht einmal diese Vorsicht, obschon mich die Farbe ihrer Haut das Gegentheil glauben A. D.