Ange Pitou Denkwürdigkeiten eines Arztes 3
Alexandre Dumas der Ältere




Alexandre Dumas (père)

Ange Pitou





Erstes bis viertes Bändchen





I.

Worin der Leser Bekanntschaft mit dem Helden dieser Geschichte und mit dem Orte, wo er zuerst das Tageslicht erblickte, machen wird


An der Grenze der Picardie und des Soissonais, auf jenem Teile des Nationalgebietes, der unter dem Namen Ile-de-France zum alten Erbgut der französischen Könige gehörte; in der Mitte eines ungeheuren Halbmondes, den ein Wald von fünfzigtausend Morgen bildet, erhebt sich im Schatten eines von Franz I. und Heinrich II. gepflanzten ungeheuren Parkes das Städtchen Villers-Cotterets, berühmt als Geburtsort von Charles Albert Demoustiers, der hier zur großen Zufriedenheit der hübschen Frauen jener Zeit seine Briefe an Emilie über die Mythologie schrieb, bei deren Erscheinen die Leserinnen sich förmlich darum rissen.

Um den poetischen Ruf dieses Städtchens zu vervollständigen, dem seine Verleumder, trotz seines königlichen Schlosses und seiner zweitausendvierhundert Einwohner hartnäckig den Namen Marktflecken geben, fügen wir bei, daß es zwei Meilen von Laferté-Milon, dem Geburtsorte von Racine, und acht Meilen von Chateau-Thierry, dem Geburtsorte von Lafontaine, liegt; auch führen wir ferner an, daß die Mutter des Verfassers von Britannicus und Athalia von Villers-Cotterets war.

Kehren wir nun zu seinem königlichen Schloß und zu seinen zweitausendvierhundert Einwohnern zurück.

Angefangen von Franz I., dessen Salamander es bewahrt, und vollendet von Heinrich II., dessen Namenszug es verschlungen mit dem von Katharina von Medicis und umkreist von den drei Halbmonden von Diana von Poitiers führt, war dieses Schloß, nachdem es die Liebschaften des ritterlichen Königs mit Frau von Etampes und die von Louis Philipp von Orleans mit der schönen Frau von Montesson beschützt hatte, beinahe unbewohnt seit dem Tode des letzteren Prinzen, da es sein Sohn, Philipp von Orleans, später Egalité genannt, von dem Range einer fürstlichen Residenz zu dem eines Jagdrendezvous hatte herabsinken lassen.

Bekanntlich bildete das Schloß und der Wald von Villers-Cotterets einen Teil der Apanagen, die Ludwig XIV. seinem Bruder Monsieur gab, als der Sohn von Anna von Österreich die Schwester von König Karl II., Madame Henriette von England heiratete.

Was die zweitausendvierhundert Einwohner betrifft, so waren sie, wie überall, wo sich zweitausendvierhundert Individuen beisammen finden, ein Gemisch:

1. Von einigen Adeligen, die den Sommer in ihren Schlössern und den Winter in Paris zubrachten, und die, um den Prinzen nachzuäffen, nur ein Absteigequartier in der Stadt hatten.

2. Von einer großen Anzahl von Bürgern, die man, wie auch das Wetter sein mochte, einen Regenschirm in der Hand, aus ihren Häusern weggehen sah, um nach dem Mittagessen ihren täglichen Spaziergang zu machen, der regelmäßig sein Ziel an einem, den Park vom Walde trennenden, eine Viertelmeile von der Stadt liegenden breiten Graben fand, welchen man ohne Zweifel wegen des Ausrufs, den sein Anblick der Brust der Asthmatischen entlockte, die darüber zufrieden waren, daß sie einen so langen Weg zurückgelegt, ohne zu sehr atemlos geworden zu sein, den Haha nannte.

3. Von einer Menge von Handwerksleuten, die die ganze Woche arbeiteten und sich nur Sonntags den Spaziergang erlaubten, dessen sich ihre mehr vom Glück begünstigten Mitbürger alle Tage erfreuten.

4. Und endlich von einigen elenden Proletariern, für die die Woche nicht einmal einen Sonntag hatte und die, nachdem sie sechs Tage im Lohne entweder der Adeligen oder der Bürger, oder sogar der Handwerker gearbeitet, sich am siebenten im Forste verbreiteten, um hier das dürre oder abgebrochene Holz zu sammeln, das der Sturm zerstreut auf den düstern, feuchten Boden des Hochwaldes, der herrlichen Apanagen des Prinzen, warf.

Zur Zeit, wo diese Geschichte beginnt, waren die königlichen Besitztümer, obschon sehr wankend, noch nicht bis zu dem Grade in Zerfall geraten, wie gegenwärtig. Allerdings war das Schloß nicht mehr von einem Prinzen, aber auch nicht von andern Leuten bewohnt; es stand ganz leer und hatte als Mietsleute nur die für seine Unterhaltung unerläßlichen Personen, unter denen man den Hausmeister, den Ballmeister und den Kastellan bemerkte; alle Fenster des ungeheuren Gebäudes, die teilweise nach dem Park, teilweise nach einem Platz gingen, den man aristokratisch den Schloßplatz nannte, waren geschlossen, was noch dessen Traurigkeit und Einsamkeit vermehrte.

An dem einen Ende des Platzes erhob sich ein Häuschen, von dem man gleichsam nur den Rücken sah. Aber wie bei gewissen Personen, hatte dieser Rücken den Vorzug, daß es die vorteilhafteste Partie seiner Individualität war. Die Fassade, die sich nach der Rue des Soissons, einer der Hauptstraßen, durch ein ungeschickt gewölbtes Thor öffnete, das verdrießlicherweise von den vierundzwanzig Stunden des Tags achtzehn verschlossen war, stellte sich in der That lachend und heiter auf der entgegengesetzten Seite dar. Auf dieser Seite fand sich nämlich ein Garten, über dessen Mauern die Gipfel der Kirsch-, Apfel- und Pflaumenbäume emporragten, während auf jeder Seite einer kleinen Thüre, die Ausgang nach dem Platze und Eingang in den Garten gewährte, zweihundertjährige Akazien sich erhoben, die im Frühjahr ihre Arme über die Mauer auszustrecken schienen, um im ganzen Umfang ihres Blätterwerks den Boden mit ihren wohlriechenden Blüten zu bestreuen.

Dieses Haus bewohnte der Schloßkaplan, der, während er zugleich den Gottesdienst in der herrschaftlichen Kirche versah, wo man, trotz der Abwesenheit des Gebieters, alle Sonntage Messe las, auch eine kleine Pension hielt, mit der durch eine besondere Gunst zwei Stipendien, eines für das College du Plessis, das andere für das Seminar von Soissons, verbunden waren. Es versteht sich von selbst, daß die Familie Orleans die Kosten dieser zwei Stipendien trug, von denen das des Seminars vom Sohn des Regenten, das des College vom Vater des Prinzen gestiftet worden war, und daß diese zwei Stipendien den Gegenstand der Ehrbegierde der Eltern und die Verzweiflung der Zöglinge bildeten, für die sie eine Quelle außerordentlicher Kompositionen waren, die an den Donnerstagen jeder Woche stattfanden.

An einem Donnerstag des Juli 1789 nun, einem ziemlich düsteren, stürmischen Tag, als es in dem spitzigen, mit Schiefer bedeckten Glockenturme der Stadt elf Uhr schlug, erscholl ein Hurrah, so durchdringend, wie wenn es von einem ganzen Regiment Trabanten ausgestoßen würde. Die zwischen den Akazien angebrachte Thüre öffnete sich und ließ einen Kinderstrom durch, der sich auf dem Platze verbreitete, wo sich sogleich fünf bis sechs muntere, lärmende Gruppen bildeten, und zwar die einen um einen zum Zurückhalten der gefangenen Kreisel bestimmten Ring, die anderen vor einem mit weißer Kreide gezeichneten Mühlenspiel, wieder andere vor mehreren regelmäßig ausgegrabenen Löchern, in denen eine Kugel gewinnen oder verlieren machte.

Zu gleicher Zeit, wenn die spielenden Schüler, die von den Nachbarn, deren spärliche Fenster auf den Platz gingen, mit dem Namen schlechte Subjekte bezeichnet wurden, und die in der Regel in Hosen mit Löchern an den Knieen und in Wämser mit zerrissenen Ellbogen gekleidet waren, auf dem Platze erschienen, sah man auch die sog. vernünftigen Schüler, die, nach der Behauptung der Gevatterinnen, die Freude und den Stolz ihrer Eltern bilden mußten, sich von der Masse trennen und auf verschiedenen Straßen mit langsamem Schritt, ihren Korb in der Hand nach dem väterlichen Hause zurückkehren, wo Butterbrötchen oder kleine Kuchen mit Eingemachtem, als Entschädigung dafür, daß sie auf die Spiele verzichteten, ihrer harrten. Diese waren im allgemeinen mit Wämsern in ziemlich gutem Zustand und mit ungefähr tadellosen Hosen bekleidet, was sie aber mit ihrer so sehr belobten Weisheit zu Gegenständen des Spottes oder sogar des Hasses für ihre minder gut bekleideten und besonders minder gut disziplinierten Gefährten machte.

Außer den zwei genannten Klassen, der spielenden und vernünftigen Schüler, bestand noch eine dritte, der trägen Schüler, die beinahe nie mit den andern herauskamen, um auf dem Schloßplatz zu spielen oder nach dem väterlichen Hause zurückzukehren, und zwar deswegen, weil diese unglückliche Klasse beinahe beständig zurückgehalten blieb. Während ihre Kameraden, nachdem sie ihre Übersetzungen und Aufgaben gemacht, mit dem Kreisel spielten oder Törtchen aßen, blieben diese Schüler an ihre Bänke oder vor ihre Pulte gefesselt, um während der Erholungsstunden die Uebersetzungen und Aufgaben zu machen, die sie während der Klasse nicht gemacht hatten, wenn nicht gar die Gewichtigkeit ihres Fehlers dem Zurückbehalten die höhere Strafe der Peitsche, der Rute oder der Schulgeißel beifügte.

An jenem Donnerstag nun ertönte eine mächtige Stimme von der Treppe herab in den Hof des Gebäudes, während ein Schüler, den unsere Geschichtsschreiber-Unparteilichkeit in die dritte Klasse, das heißt in die Klasse der Faulen einzureihen uns zwingt, hastig die Stufen herab stieg und dabei mit den Schultern die Bewegung machte, welche die Esel anwenden, um ihren Reiter abzuwerfen, und die Schüler, die einen Geißelhieb bekommen haben, um den Schmerz abzuschütteln.

»Ah! Unglücklicher, ah! kleiner Ausbund,« sagte die Stimme, »ah, Otterngezücht, entferne dich, gehe vade, vade. Erinnere dich, daß ich drei Jahre geduldig gewesen bin, daß es aber Bursche giebt, welche die Geduld des ewigen Vaters ermüden. Heute ist es vorbei und zwar ganz vorbei. Nimm deine Eichhörnchen, nimm deine Frösche, nimm deine Eidechsen, nimm deine Seidenwürmer, nimm deine Maikäfer und gehe zu deiner Tante, gehe zu deinem Oheim, wenn du einen hast, zum Teufel, kurz, wohin du willst, wenn ich dich nur nicht wiedersehe! Vade, vade.«

»O mein guter Herr Fortier, verzeihen Sie mir, erwiderte auf der Treppe eine andere Stimme; ist es denn der Mühe wert, daß Sie so in Zorn geraten über einige armselige kleine Sprachfehler, Solécismen, wie sie es nennen?«

»Drei Barbarismen und sieben Solécismen in einem Thema von fünfundzwanzig Zeilen!« entgegnete die zornige Stimme.

»Das war heute so,« Herr Abbé, »ich gebe zu, der Donnerstag ist mein Unglückstag; wäre aber zufällig morgen meine Aufgabe gut, würden Sie mein heutiges Mißgeschick nicht verzeihen? sprechen Sie, Herr Abbé.«

»Seit drei Jahren wiederholst du mir alle Kompositionstage dasselbe, Taugenichts; und die Prüfung ist auf den ersten November festgesetzt und ich, der ich auf die Bitte deiner Tante Angélique die Schwäche gehabt habe, dich als Kandidat für das in diesem Augenblick beim Seminar von Soissons erledigte Stipendium aufzuführen, ich werde die Schmach erleben, meinen Zögling zurückweisen zu sehen und überall ausrufen zu hören: Ange Pitou ist ein Esel: Angelus Pitovius asinus est.«

Bemerken wir sogleich, damit der wohlwollende Leser Alles Interesse an ihm nimmt, das er verdient, daß Ange Pitou, dessen Name der Abbé Fortier so malerisch latinisirt hatte, der Held dieser Geschichte ist.

»O mein guter Herr Fortier! o mein lieber Lehrer!« erwiderte der Schüler in Verzweiflung.

»Ich dein Lehrer!« rief der Abbé, tief gedemütigt durch diese Benennung. »Gott sei Dank, ich bin eben so wenig dein Lehrer, als du mein Schüler bist; ich verleugne dich, ich kenne dich nicht! ich wollte, ich hätte dich nie gesehen, ich verbiete dir mich zu nennen, und sogar, mich zu grüßen. Retro, Unglücklicher, retro!«

»Herr Abbé,« beharrte der unglückliche Pitou, für den es von ernstem Interesse zu sein schien, daß er sich nicht mit seinem Lehrer entzweite, Herr Abbé, »ich flehe Sie an, entziehen Sie mir nicht Ihre Teilnahme wegen einer verstümmelten Aufgabe.«

»Ah!« rief außer sich gebracht durch diese letzte Bitte der Abbé, indem er die vier ersten Stufen hinabstieg, während durch eine gleiche Bewegung Ange Pitou die vier letzten hinabeilte und im Hofe zu erscheinen anfing, »ah, du machst Logik, während du nicht einmal ein Thema machen kannst; du berechnest die Kräfte meiner Geduld, während du nicht einmal den Nominativ vom Accusativ zu unterscheiden weist?«

»Herr Abbé, Sie sind so gut gegen mich gewesen, daß Sie nur ein Wort zum hochwürdigsten Bischof, der uns prüft, zu sagen brauchen,« erwiderte der Barbarismenmacher.

»Ich Unglücklicher soll wider mein Gewissen lügen?«

»Wenn es einer guten Handlung wegen geschieht, so wird Ihnen unser Herrgott verzeihen.«

»Nie! nie!«

»Und dann, wer weiß? Die Examinatoren werden vielleicht nicht strenger gegen mich sein, als sie es zu Gunsten von Sebastian Gilbert, meinem Milchbruder, gewesen sind, als er sich im vergangenen Jahr um das Stipendium bewarb. Er war doch ein Barbarismenmacher, Gott sei Dank! obgleich er erst dreizehn Jahre zählt und ich siebzehn.«

»Ah! das ist doch einfältig,« rief der Abbé, der die übrigen Stufen vollends herabstieg und nun mit seiner Geißel in der Hand ebenfalls erschien, während Pitou klugerweise zwischen sich und seinem Professor die erste Entfernung behauptete. »Ja, ich sage einfältig,« fügte er, die Arme kreuzend und seinen Schüler mit Entrüstung anschauend, bei. »Das ist also der Preis meiner Lektionen in der Dialektik! dreifaches Tier! erinnerst du dich so des Axioms: Noti minora, loqui majora volens. Gerade weil Gilbert jünger war als du, ist man nachsichtig gegen ein vierzehnjähriges Kind gewesen, während man es nicht gegen einen großen Dummkopf von achtzehn Jahren sein wird.«

»Ja, und auch weil er der Sohn von Herrn Honoré Gilbert ist, der achtzehntausend Livres Einkünfte aus guten Gütern nur auf der Ebene von Pilleleux hat,« erwiderte mit kläglichem Ton der Logiker.

Der Abbé Fortier schaute Pitou, die Lippen vorstreckend und die Stirne faltend, an.

»Das ist minder dumm,« brummte er, nachdem er seinen Schüler stillschweigend einen Augenblick betrachtet hatte. »Indessen ist es nur scheinbar und nicht begründet.«

»Oh, wenn ich der Sohn eines Mannes von achtzehntausend Livres Rente wäre!« wiederholte Ange Pitou, der bemerkt zu haben glaubte, seine Antwort habe einigen Eindruck auf seinen Professor gemacht.

»Ja, doch du bist es nicht. Dagegen bist du unwissend wie der Bursche, von dem Juvenal spricht; eine profane Citation, – der Abbé bekreuzte sich – aber nicht minder richtig. Arcadius Juvenis. Ich wette, daß du nicht einmal weißt, was Arcadius sagen will.«

»Bei Gott! arcadisch,« antwortete Ange Pitou, indem er sich mit Stolz aufrichtete.

»Und dann weiter?«

»Was weiter?«

»Arcadien war das Land der Esel und bei den Alten wie bei uns Asinus synonym mit stultus.«

»Ich wollte die Sache nicht so verstehen, sagte Pitou, indem der Gedanke, der strenge Geist, meines würdigen Professors könnte sich bis zur Satire erniedrigen, weit von mir entfernt war.«

Und der Abbé Fortier schaute ihn zum zweiten Male mit nicht minder tiefer Aufmerksamkeit als das erste Mal an.

»Bei meinem Wort,« murmelte er, ein wenig besänftigt durch den Weihrauch seines Schülers, »es giebt Augenblicke, wo man darauf schwören würde, der Bursche sei nicht so dumm, als er aussieht.«

»Ah! Herr Abbé,« sagte Pitou, der, wenn nicht die Worte des Professors gehört, doch in seinem Gesicht den Ausdruck der Rückkehr zum Mitleid erhascht hatte, »verzeihen Sie mir, und Sie sollen sehen, welch ein schönes Thema ich morgen machen werde.«

»Nun denn, ich willige ein, erwiderte der Abbé, indem er zum Zeichen des Waffenstillstands seine Geißel in seinen Gürtel steckte und sich Pitou näherte, der auf diese friedliche Demonstration an seinem Platze zu bleiben sich entschloß.

»Oh! ich danke, ich danke!« rief der Schüler.

»Warte und danke nicht so rasch; ja ich verzeihe dir, doch unter einer Bedingung.«

Pitou neigte das Haupt und wartete mit Resignation, da er der Willkür des Lehrers anheimgegeben war.

»Unter der, daß du mir ohne Fehler auf eine Frage antwortest, die ich an dich richten werde.«

»In lateinischer Sprache?« fragte Pitou ängstlich.

»Lateinisch,« erwiderte der Professor.

Pitou stieß einen Seufzer aus.

In einem kurzen Zwischenraume, der nun eintrat, drangen die freudigen Schreie der Schüler, welche auf dem Schloßplatz spielten, bis zu den Ohren von Ange Pitou.

Pitou stieß einen noch tieferen Seufzer aus.

»Quid virtus, quid religio?« fragte der Abbé.

Mit dem Nachdruck des Pädagogen ausgesprochen, erschollen diese Worte in den Ohren des armen Pitou wie der Trompetenstoß des Engels vom jüngsten Gericht. Eine Wolke zog vor seinem Auge hin, und es ging in seinem Verstande eine solche Anstrengung vor, daß er einen Augenblick die Möglichkeit, ein Narr zu werden, begriff.

Infolge dieser Hirnarbeit, die, so gewaltig sie war, doch kein Resultat herbeiführte, ließ die verlangte Antwort unbestimmte Zeit auf sich warten; man hörte nun das gedehnte Geräusch einer Prise Tabak, welche langsam der furchtbare Frager schnupfte.

Pitou sah wohl, daß er ein Ende machen mußte.

»Nescio,« sagte er, in der Hoffnung, seine Unwissenheit würde ihm verziehen werden, wenn er sie in lateinischer Sprache gestände.

»Du weißt nicht was die Tugend ist?« rief der Abbé, erstickend vor Zorn; »du weißt nicht, was die Religion ist?«

»Ich weiß es wohl französisch,« erwiderte Ange, »aber ich weiß es nicht lateinisch.«

»So gehe nach Arcadien, Juvenis, alles ist vorbei zwischen uns. Wicht!«

Pitou war so niedergeschmettert, daß er nicht einen Schritt machte, um zu fliehen, obgleich der Abbé Fortier seine Geißel aus seinem Gürtel mit ebenso viel Würde gezogen hatte, als im Augenblick der Schlacht ein Heerführer sein Schwert aus der Scheide gezogen hätte.

»Aber was soll aus mir werden?« fragte der arme Junge, indem er seine beiden Arme träge an seiner Seite hinabhängen ließ, »was soll aus mir werden, wenn ich die Hoffnung, in das Seminar einzutreten, verliere?«

»Werde, was du kannst, das ist mir, bei Gott gleichgültig.«

»Wissen Sie denn nicht, daß meine Tante glaubt, ich sei schon Abbé?«

»Nun, sie wird erfahren, daß du nicht einmal zum Meßner taugst.«

»Aber, Herr Fortier  . . .«

»Ich sage dir, gehe Limina lingue.«

»Auf denn!« sagte Pitou, wie ein Mensch, der einen schmerzlichen Entschluß faßt, aber ihn dennoch faßt.

»Wollen Sie mir mein Pult lassen?« fragte Pitou, in der Hoffnung, während der kurzen Frist, die ihm gegönnt wäre, würde das Herz des Abbés Fortier zu mitleidigeren Gefühlen zurückkehren.

»Ich glaube wohl,« antwortete dieser, »dein Pult und alles, was es enthält.«

Pitou stieg mit kläglicher Miene die Treppe hinauf zur Klasse im ersten Stock. Er trat in die Stube ein, wo um einen großen Tisch versammelt etwa vierzig Schüler sich den Anschein gaben, als arbeiteten sie, öffnete vorsichtig den Deckel seines Pultes, um zu sehen, ob die Gäste, die es enthielt, vollzählig wären, hob es mit einer Behutsamkeit auf, die von seiner großen Sorgfalt für seine Zöglinge zeugte, und schlug mit langsamem, abgemessenem Schritt wieder den Weg nach der Hausflur ein.

Oben auf der Treppe stand mit ausgestrecktem Arm der Abbé Fortier und deutete mit dem einen Ende seiner Geißel die Stufe hinab.

Man mußte durch die cautinischen Pässe gehen; Ange Pitou machte sich so demütig und klein, als er nur immer konnte. Dessenungeachtet erhielt er beim Durchgang noch eine letzte Tracht mit dem Werkzeug, dem der Abbé Fortier seine besten Schüler zu verdanken gehabt hatte, und dessen Anwendung, obgleich sie häufiger und ausgedehnter bei Ange Pitou, als irgend einem andern, vorgekommen, von einem nur mittelmäßigen Resultat gewesen war.

Während Ange Pitou, eine letzte Thräne trocknend, mit seinem Pulte auf dem Kopfe nach dem Pleux, dem Quartier der Stadt wandert, wo seine Tante wohnt, sagen wir ein paar Worte von seinem Aeußern und seinen Lebensvorgängen.




II.

Worin bewiesen wird, daß eine Tante nicht immer eine Mutter ist


Louis Ange Pitou war in der Zeit, wo diese Geschichte anfängt, siebzehn und ein halbes Jahr alt. Er war ein langer, hagerer Junge, mit gelben Haaren, roten Wangen und fayenceblauen Augen. Die Blüte der frischen, unschuldigen Jugend dehnte sich auf seinem breiten Mund aus, dessen dicke Lippen zwei vollständige Reihen furchtbarer Zähne entblößten, furchtbar für diejenigen, deren Mittagsbrot sie zu teilen bestimmt waren. Am Ende seiner langen, knochigen Arme hingen, solid befestigt, Hände so breit wie Tennenpatschen; ziemlich gebogene Beine, Kniee so dick wie Kindsköpfe, die seine engen schwarzen Hosen springen machten; ungeheure Füße, die jedoch bequem in den durch den Gebrauch geröteten kalbsledernen Schuhen Platz hatten: dies war, mit einer Art von Kittel von brauner Sersche, das genaue Signalement vom Exschüler des Abbés Fortier.

Es bleibt uns noch die moralische Seite zu schildern.

Ange Pitou wurde im Alter von zwölf Jahren Waise, zu welcher Zeit er das Unglück gehabt, seine Mutter zu verlieren, deren einziger Sohn er gewesen. Damit ist gesagt, daß Ange Pitou seit dem Tode seines Vaters, der starb, ehe der Knabe das Alter des Bewußtseins erreichte, als Hätschelkind seiner Mutter ungefähr that, was er wollte, was seine physischen Eigenschaften zwar ungemein entwickelte, aber seine moralische Erziehung gänzlich im Rückstand ließ. In dem reizenden Dorfe Haramont geboren, das eine Meile von der Stadt mitten im Walde lag, galten seine ersten Ausflüge der Erforschung des heimatlichen Waldes und die erste Anwendung seines Verstandes der Bekriegung der Tiere, die ihn bewohnten. Aus diesem, einem einzigen Ziele zugewendeten Streben erfolgte, daß Ange Pitou bereits mit zehn Jahren ein ausgezeichneter Wilddieb und ein Vogelsteller ersten Ranges war, und zwar ohne Arbeit und besonderen Unterricht, ganz allein durch die Stärke des von der Natur dem inmitten der Wälder geborenen Menschen verliehenen Instinktes, der ein Teil des Triebes zu sein scheint, den sie Tieren gegeben hat. Es war ihm auch nicht eine Fährte von Hasen oder Kaninchen unbekannt. Auf drei Meilen in der Runde war nicht ein Tränkherd seiner Forschung entgangen, und überall fand man die Spuren seines Messers auf den für den Vogelfang geeigneten Bäumen. Durch diese unablässig wiederholten Uebungen hatte Pitou eine ganz außerordentliche Stärke erlangt.

Mittelst seiner langen Arme und seiner starken Kniee, die ihm die mächtigsten Stämme zu umfangen gestatteten, stieg er auf die Bäume, um die höchsten Nester mit einer Behendigkeit und Sicherheit auszunehmen, die ihm die Bewunderung seiner Kameraden zuzog und ihm unter einer dem Aequator näheren Breite bei der Jagd der Lockpfeife sogar das Anstaunen von Seiten der Affen erworben hätte, bei dieser selbst für die erwachsenen Personen so anziehenden Jagd, wobei der Jäger die Vögel auf einen mit Leimruten versehenen Baum lockt, indem er das Geschrei des Hähers oder der Nachteule nachahmt, dieser Individuen, die bei dem Federvolk so allgemein verhaßt sind, daß jeder Fink, jede Meise, jeder Grünling herbeieilt in der Hoffnung, seinem Feinde eine Feder zu entreißen, während er meistens die seinigen dabei verliert. Die Kameraden von Pitou bedienten sich einer wirklichen Nachteule, eines natürlichen Hähers, um, gut oder schlecht, das Geschrei von einem oder dem andern dieser Tiere nachzuahmen. Ange Pitou aber vernachlässigte immer diese Vorbereitungen, verachtete eine solche List. Mit seinen eigenen Hilfsquellen kämpfte er, mit seinen natürlichen Mitteln stellte er die Falle. Mit seinem eigenen Munde bildete er die kreischenden, widerlichen Töne, die nicht allein die andern Vögel, sondern auch die von derselben Gattung herbeiriefen, die sich durch dieses gut nachgeahmte Geschrei täuschen ließen. Was die Jagd an Pfützen betrifft, wohin die Vögel zum Trinken kamen, so war diese für Pitou eine Eselsbrücke, und er hätte sie als Gegenstand der Kunst sicher verachtet, wäre sie in Bezug auf den Ertrag minder ergiebig gewesen. Nichtsdestoweniger, und trotz der Verachtung, die er selbst gegen diese so leichte Jagd hegte, wußte nicht einer von den Erfahrensten gleich Pitou eine Pfütze mit Farnkraut zu bedecken, wenn sie zu groß war, um völlig überspannt zu werden; nicht einer wußte wie er die passende Neigung seinen Leimruten zu geben, so daß die schlauesten Vögel weder darunter, noch darüber trinken konnten; nicht einer besaß die Sicherheit der Hand und die genaue Kenntnis der verschiedenen Mischungsverhältnisse von Baumharz, Oel und Vogelleim, damit dieser Leim weder zu flüssig noch zu spröde werde.

Da nun die Achtung, die man den Eigenschaften der Menschen zollt, nach dem Schauplatz, wo sie dieselben, und nach den Zuschauern, vor denen sie dieselben produzieren, wechselt, so genoß Pitou in seinem Dorfe Haramont mitten unter seinen Bauern – das heißt unter Menschen, die gewohnt sind, wenigstens die Hälfte ihrer Mittel von der Natur zu verlangen, wie alle Bauern, einen instinktartigen Haß gegen die Civilisation haben – ein Ansehen, das bei seiner armen Mutter die Vermutung nicht aufkommen ließ, er gehe auf einem falschen Wege, und die vollkommenste Erziehung, die man einem Menschen mit großen Kosten geben könne, sei nicht diejenige, welche sich ihr ausgezeichneter Sohn unentgeltlich selber gab.

Als aber die gute Frau krank wurde, als sie den Tod herannahen sah, als sie begriff, sie werde ihr Kind allein und vereinzelt in der Welt zurücklassen, da fing sie an zu zweifeln und suchte eine Stütze für die zukünftige Waise. Sie erinnerte sich sodann, daß zehn Jahre vorher ein junger Mann mitten in der Nacht an ihre Thüre geklopft, der ihr ein neugeborenes Kind gebracht, für das er nicht nur bar eine ziemlich runde Summe zurückgelassen, sondern auch eine andere, noch viel größere Summe beim Notar in Villers-Cotterets deponiert hatte. Von diesem geheimnisvollen jungen Mann hatte sie anfangs nichts weiteres gewußt, als daß er Gilbert heiße. Doch vor drei Jahren hatte sie ihn wieder erscheinen sehen: er war damals ein Man von siebenundzwanzig Jahren, mit etwas steifer Haltung, mit dogmatischem Wort und einem etwas kalten Wesen. Diese erste Eislage war aber geschmolzen, als er sein Kind wiedergesehen; und da er es schön, stark und freundlich, und, wie er es selbst verlangt, nur naturwüchsig erzogen gefunden, so hatte er der guten Frau die Hand gedrückt und ihr bloß die Worte gesagt:

Rechnet auf mich im Notfall.

Dann hatte er das Kind genommen, sich nach dem Wege nach Ermenonville erkundigt, mit seinem Sohne eine Pilgerfahrt nach dem Grabe von Rousseau gemacht und war nach Villers-Cotterets zurückgekehrt. Verführt ohne Zweifel durch die gesunde Luft, die man hier atmete, sowie durch das Gute, das ihm der Notar von der Pension des Abbés Fortier gefügt, hatte er den kleinen Gilbert bei dem würdigen Mann zurückgelassen, dessen philosophisches Aussehen er mit dem ersten Blick gewürdigt; denn in jener Zeit war die Philosophie eine so große Macht, daß sie sich selbst bei den Geistlichen eingeschlichen hatte. Nachdem er seine Adresse dem Abbé Fortier hinterlassen, reiste er wieder nach Paris zurück.

Die Mutter von Pitou kannte alle diese einzelnen Umstände. In dem Augenblick, wo sie sterben sollte, erinnerte sie sich der Worte: Rechnet auf mich im Notfall. Das war eine Erleuchtung. Ohne Zweifel hatte die Vorsehung dies alles so gelenkt, damit der arme Pitou mehr fände, als er vielleicht verlor. Sie ließ den Geistlichen kommen, da sie nicht zu schreiben verstand; der Geistliche schrieb, und an demselben Tage wurde der Brief dem Abbé Fortier gebracht, der sich beeilte, die Adresse beizufügen und ihn auf die Post zu bringen.

Es war Zeit; zwei Tage nachher starb sie.

Pitou war zu jung, um den Verlust, den er erlitten, in seinem ganzen Umfang zu fühlen; er beweinte seine Mutter, nicht weil er die ewige Trennung des Grabes begriff, sondern weil er seine Mutter kalt, bleich, entstellt sah, weil der Arme instinktartig erriet, der Schutzengel des Herdes sei entflohen; seiner Mutter beraubt, werde das Haus öde und unbewohnbar; er begriff nicht nur seine zukünftige Existenz nicht, sondern nicht einmal die am andern Tag. Als er seine Mutter nach dem Friedhofe geleitet, als der Sarg vom Wurf der Erde ertönte, als sich diese, einen frischen Hügel bildend, gerundet hatte, setzte er sich auf das Grab und antwortete jedem, der ihn aufforderte, aus dem Friedhof wegzugehen, mit Kopfschütteln, er habe seine Mutter Madeleine nie verlassen und wolle bleiben, wo sie bleibe.

Er verweilte auch den ganzen übrigen Tag und die ganze Nacht auf dem Grabe.

Hier fand ihn der würdige Doktor, – haben mir gesagt, daß der zukünftige Beschützer von Pitou Arzt war? – hier fand ihn der würdige Doktor, als er, den ganzen Umfang der Pflicht begreifend, die ihm durch sein Versprechen auferlegt war, selbst ankam, um sie, kaum achtundvierzig Stunden nach dem Abgange des Briefs, zu erfüllen.

Ange war sehr jung gewesen, als er den Doktor zum ersten Mal gesehen. Bekanntlich aber empfängt die Jugend tiefe Eindrücke, die ewige Erinnerungen hinterlassen, und die Erscheinung des geheimnisvollen jungen Mannes hatte seine Spur im Hause fest eingeprägt. Hierher hatte er das von uns erwähnte Kind und mit ihm den Wohlstand gebracht; so oft Ange den Namen Gilberts von seiner Mutter hatte aussprechen hören, war es mit einem Gefühle gewesen, das der Anbetung glich. Als er sodann als ein gemachter Mann und mit dem neuen Doktorstitel wieder im Hause erschienen war, als er den Wohlthaten der Vergangenheit das Versprechen für die Zukunft beigefügt, da hatte Pitou aus der Dankbarkeit seiner Mutter geschlossen, er müsse selbst dankbar sein; und ohne genau zu wissen, was sie sagte, hatte er die Worte ewiger Erinnerung, tiefer Erkenntlichkeit gesammelt, die seine Mutter in seiner Gegenwart ausgesprochen.

Sobald er also den Doktor durch die Gitterthüre des Kirchhofs erblickte, sobald er ihn mitten unter den grasbewachsenen Gräbern und den zerbrochenen Kreuzen herbeischreiten sah, erkannte er ihn, stand auf und ging ihm entgegen; denn er begriff, daß er demjenigen, welcher auf den Ruf seiner Mutter kam, nicht nein sagen konnte, wie den andern; er leistete auch keinen weiteren Widerstand, als er den Kopf rückwärts drehte, da ihn Gilbert bei der Hand nahm und weinend aus dem Kirchhof hinauszog. Ein elegantes Cabriolet war vor der Thüre. Er hieß den armen Knaben einsteigen, ließ für den Augenblick das Haus seiner Mutter unter dem Schutze des öffentlichen Vertrauens und der Teilnahme, die das Unglück einflößt, führte seinen kleinen Schützling nach der Stadt und stieg mit ihm im besten Gasthofe, im Dauphin ab. Kaum hatte er sich hier einquartiert, als er einen Schneider holen ließ; zum voraus benachrichtigt, kam dieser sogleich mit fertigen Kleidern. Er wählte vorsichtig für Pitou Kleider, die zwei bis drei Zoll zu lang waren, ein Ueberfluß, der nach der Art, wie unser Held wuchs, von keiner langen Dauer zu sein versprach, und wanderte sodann mit ihm nach dem schon genannten Quartier, genannt der Pleux.

Je näher er diesem Quartier kam, desto mehr hemmte Pitou seinen Schritt; denn offenbar führte man ihn zu seiner Tante Angélique, und trotz der wenigen Male, die er seine Patin gesehen – die Tante Angélique hatte nämlich Pitou mit ihrem poetischen Taufnamen beschenkt – bewahrte er doch eine furchtbare Erinnerung an diese ehrwürdige Verwandte.

Die Tante Angélique besaß in der That nichts Anziehendes für ein Kind, das sich an alle Zärtlichkeiten mütterlicher Fürsorge gewöhnt hatte. Sie war in jener Zeit eine alte Mademoiselle von fünfundfünfzig bis achtundfünfzig Jahren, verdumpft durch den Mißbrauch der ängstlichen Religionsübungen, bei der eine mißverstandene Frömmigkeit alle mitleidigen, menschlichen Gefühle verengt und zusammengeschnürt hatte, um an ihrer Stelle eine starke Portion gierigen Verstandes zu pflegen, die sich täglich im beständigen Umgang mit den Betschwestern der Stadt vermehrte. Sie lebte nicht gerade von Almosen, doch außer dem Verkauf von flächsenem Garn, das sie am Rädchen spann, und der Vermietung der Kirchenstühle, die ihr vom Kapitel bewilligt worden war, empfing sie von Zeit zu Zeit von frommen Personen, die sich von ihrer Scheinheiligkeit bethören ließen, kleine Summen, welche sie allmählich von Kupfermünze in Silbermünze, und von Silbermünze in Louis d'or verwandelte. Ohne daß jemand ihr Vorhandensein mutmaßte, verschwanden sie einer um den andern in den Kissen des Lehnstuhls, auf dem sie arbeitete. Und befanden sie sich einmal in diesem Versteck, so trafen sie eine gewisse Anzahl ihrer Kameraden, die bestimmt waren, fortan von der Cirkulation ausgeschlossen zu sein, bis zu dem unbekannten Tag, wo der Tod der alten Mademoiselle sie in die Hände ihres Erben bringen würde.

Nach der Wohnung dieser ehrwürdigen Verwandten begab sich also der Doktor Gilbert, den großen Pitou an der Hand fortziehend.

Wir sagen den großen Pitou, weil vom ersten Vierteljahr nach seiner Geburt Pitou für sein Alter immer zu groß gewesen war.

Mademoiselle Rose Angélique Pitou war in dem Augenblick, als sie ihre Thüre öffnete, um ihren Neffen und den Doktor einzulassen, in sehr freudiger Laune. Während man die Totenmesse über dem Leichnam ihrer Schwägerin in der Kirche von Haramont las, hatten Hochzeiten und Taufen in der Kirche von Villers-Cotterets stattgefunden, so daß die Einnahme für die Stühle an einem Tage auf sechs Livres angewachsen war. Mademoiselle Angélique hatte ihre Sous in einen großen Thaler verwandelt, der wiederum mit den drei anderen zu verschiedenen Zeiten in Reserve gelegten Thalern einen Louisd'or gab. Dieser Louisd'or war soeben den übrigen beigesellt worden, und der Tag, an dem eine solche Vereinigung stattfand, bildete natürlich einen Festtag für Mademoiselle Angélique.

Gerade in dem Augenblick, als die Tante eine letzte Runde um ihren Lehnstuhl gemacht hatte, um sich zu versichern, daß nichts von außen den im Innern verborgenen Schatz verrate, traten der Doktor und Pitou ein.

Die Scene wäre rührend gewesen; doch in den Augen eines so richtigen Beobachters, wie der Doktor Gilbert, war sie nur grotesk. Als sie ihren Neffen erblickte, sprach die alte Frömmlerin ein paar Worte von ihrer armen teuren Schwester, die sie so sehr geliebt, und gab sich die Miene, als wischte sie eine Thräne ab. Der Doktor, der erst einen Blick in die tiefste Tiefe des Herzens der alten Mademoiselle werfen wollte, bevor er in Beziehung auf sie einen Entschluß fassen würde, hielt zum Schein Mademoiselle Angélique eine Rede über die Pflichten der Tanten gegen die Neffen. Doch in dem Maße, in welchem die Rede sich entwickelte und die Worte von den Lippen des Doktors strömten, trank das Auge der alten Mademoiselle die Thräne, die es befeuchtet hatte, alle ihre Züge nahmen die Trockenheit des Pergaments wieder an, mit dem sie bedeckt zu sein schienen. Sie hob die linke Hand bis zur Höhe ihres spitzigen Kinns empor und fing an, mit der rechten an ihren dürren Fingern die annähernde Zahl der Sous zu berechnen, die ihr das Vermieten der Stühle jährlich eintrug, so daß sie, da es der Zufall gefügt, daß die Rechnung zugleich mit der Rede geschlossen war, auf der Stelle antworten konnte: wie sehr sie auch ihre arme Schwester geliebt, und in welch hohem Grade sie auch Teilnahme für ihren Neffen hege, so gestatten ihr doch ihre geringen Einnahmen, trotz ihres doppelten Titels als Tante und Patin, keinen Zuwachs an Ausgaben.

Der Doktor war übrigens auf diese Weigerung gefaßt gewesen, sie überraschte ihn daher nicht. Er gehörte zu den großen Parteigängern der neuen Ideen, und da der erste Band vom Werke Lavaters erschienen war, so hatte er die physiognomische Lehre des Philosophen von Zürich schon auf das hagere gelbe Gesicht von Mademoiselle Angélique angewendet.

Aus dieser Untersuchung ergab sich für ihn folgendes: die kleinen, glühenden Augen der alten Mademoiselle, ihre lange Nase und ihre dünnen Lippen bieten die Vereinigung der Habgier, der Selbstsucht und der Heuchelei in einer Person.

Die Antwort erregte bei ihm, wie gesagt, nicht das geringste Erstaunen. Als Beobachter wollte er jedoch sehen, wie weit die Frömmlerin die Entwickelung dieser drei gemeinen Laster treiben würde.

»Aber Mademoiselle,« sagte er, »Ange Pitou ist ein armes Waisenkind, der Sohn Ihres Bruders, und Sie können, im Namen der Menschlichkeit, den Sohn Ihres Bruders nicht der öffentlichen Wohlthätigkeit überlassen.«

»Oh! hören Sie doch, Herr Gilbert,« erwiderte die alte Mademoiselle, »das ist eine Mehrausgabe von wenigstens sechs Sous täglich, und zwar noch gering gerechnet; denn dieser Junge muß mindestens ein Pfund Brot den Tag essen.«

Pitou schnitt ein Gesicht; er aß gewöhnlich anderthalb Pfund nur bei seinem Frühstück.

»Abgesehen von der Seife für seine Wäsche,« fuhr die Betschwester fort, »und ich erinnere mich, daß er erschrecklich verschmutzt.«

Pitou verschmutzte allerdings sehr, und das ist begreiflich, wenn man sich des Lebens erinnern will, das er führte; doch man mußte ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen: er zerriß noch viel mehr, als er verschmutzte.

»Ah!« sagte der Doktor, »pfui, Mademoiselle Angélique; Sie, die Sie so sehr die christliche Liebe üben, machen solche Berechnungen bei einem Neffen und Paten!«

»Abgesehen von der Unterhaltung der Kleider,« rief die alte Frömmlerin aus, die sich erinnerte, ihre Schwester Madeleine beständig mit Flickereien und Ausbesserungen an den Wämsern und Hosen ihres Neffen beschäftigt gesehen zu haben.

»Sie weigern sich also, Ihren Neffen zu sich zu nehmen?« sagte der Doktor; »von der Schwelle seiner Tante zurückgestoßen, wird die Waise genötigt sein, Almosen auf der Schwelle fremder Häuser zu fordern.«

So habgierig sie auch war, so begriff die Betschwester doch das Gehässige, das ganz natürlich auf sie zurückfallen müßte, wäre ihr Neffe, durch ihre Weigerung, ihn aufzunehmen, genötigt, diese Aeußerste zu ergreifen.

»Nein,« sagte sie, »ich behalte ihn bei mir.«

»Ah!« sprach der Doktor, »glücklich, ein gutes Gefühl in diesem Herzen zu finden, das er für vertrocknet hielt.«

»Ja,« fuhr die alte Mademoiselle fort, »ich werde ihn den Augustinern von Bourg-Fontaine empfehlen, und er wird bei ihnen als Laienbruder eintreten.«

Der Doktor war, wie gesagt, Philosoph. Man kennt den Wert des Wortes Philosoph in jener Zeit.

Er beschloß daher auf der Stelle, den Augustinern einen Neophyten zu entreißen, und zwar mit demselben Eifer, den die Augustiner ihrerseits angewandt hätten, den Philosophen einen Adepten zu entführen.

»Nun wohl!« sprach er, indem er die Hand an seine tiefe Tasche drückte, »da Sie in einer so schlimmen Lage sind, meine liebe Demoiselle Angélique, da Sie sich in Ermanglung eigener Mittel genötigt sehen, Ihren Neffen der Wohlthätigkeit anderer zu empfehlen, so werde ich jemand suchen, der wirksamer als Sie zum Unterhalt des armen verwaisten Knaben die Summe anzuwenden vermag, die ich für ihn bestimmt habe  . . . Ich muß nach Amerika zurückkehren und werde vor meinem Abgang Ihren Neffen Pitou in die Lehre bei einem Tischler oder bei einem Stellmacher bringen. Er selbst soll übrigens einen Stand nach seiner Neigung wählen. Während meiner Abwesenheit wird er groß werden, und bei meiner Rückkehr wird er schon geschickt in seinem Handwerk sein, und ich werde dann sehen, was sich für ihn thun läßt. Auf, mein Kind, küsse deine Tante und laß uns gehen,« fügte der Doktor bei.

Der Doktor hatte noch nicht vollendet, als Pitou schon mit seinen zwei langen Armen auf die Mademoiselle zustürzte; es drängte ihn in der That sehr, seine Tante zu küssen, unter der Bedingung, daß dieser Kuß zwischen ihm und ihr das Zeichen einer ewigen Trennung wäre.

Doch bei dem Worte die Summe, bei der Gebärde des Doktors, der seine Hand in seine Tasche steckte, beim silbernen Klang, den diese Hand eine Masse von großen Thalern, deren Quantum man nach der Ausdehnung des Rockes berechnen konnte, von sich geben ließ, hatte die alte Mademoiselle die Hitze der Habgier bis zu ihrem Herzen aufsteigen gefühlt.

»Ah!« sagte sie, »mein lieber Herr Gilbert, Sie wissen eines wohl.«

»Was?« fragte der Doktor.

»Ei! mein guter Gott! daß niemand in der Welt das arme Kind so sehr lieben wird, als ich!«

Und ihre magern Arme mit den ausgestreckten Armen von Pitou verschlingend, drückte sie auf jede seiner Wangen einen sauren Kuß, der ihn von den Fußspitzen bis zu den Haarwurzeln schauern machte.

»Oh! gewiß,« sagte der Doktor, »ich weiß das wohl, und ich zweifelte so wenig an Ihrer Freundschaft für ihn, daß ich ihn unmittelbar zu Ihnen, als seiner natürlichen Stütze, brachte. Aber was Sie mir soeben sagten, liebe Demoiselle, hat mich zugleich von Ihrem guten Willen und von Ihrem Unvermögen überzeugt und Sie sind, wie ich wohl einsehe, selbst zu arm, um einem noch Aermeren zu helfen.«

»Ei! mein guter Herr Gilbert,« entgegnete die alte Frömmlerin, »ist nicht der liebe Herrgott im Himmel, und ernährt er nicht vom Himmel herab alle seine Geschöpfe?«

»Das ist wahr, aber wenn er den Vögeln Futter giebt, so bringt er doch die Waisen nicht in die Lehre. Das muß nun für Ange Pitou geschehen, und das wird Sie bei Ihren geringen Mitteln nicht zu viel kosten.«

»Wenn Sie aber diese Summe geben,« Herr Doktor?

»Welche Summe?«

»Die Summe, von der Sie gesprochen, die Summe, die hier in ihrer Tasche ist?« fügte die Betschwester bei, indem sie ihren gekrümmten Finger gegen den Schoß des kastanienbraunen Rockes ausstreckte.

»Ich werde sie sicherlich geben,« liebe Demoiselle Angélique, doch ich sage Ihnen zum voraus, nur unter einer Bedingung.«

»Unter welcher?«

»Daß das Kind ein bestimmtes Gewerbe erlernt.«

»Es soll eines haben, ich verspreche es Ihnen bei meinem Wort, Herr Doktor,« sagte die Frömmlerin.

»Sie versprechen mir im Ernste?«

»Ich nehme den guten Gott zum Zeugen der Wahrheit meines Schwures,« erwiderte Angélique. Und sie streckte ihre fleischlose Hand in die Höhe.

»Gut, es sei,« sagte der Doktor, während er aus seiner Tasche einen Sack mit rundem prallem Bauche zog; »ich bin bereit, das Geld zu geben, wie Sie sehen; sind Sie Ihrerseits bereit, mir für das Kind zu haften?«

»Bei dem wahrhaftigen Kreuze, Herr Gilbert.«

»Schwören wir nicht so sehr, liebe Demoiselle, und unterzeichnen wir ein wenig.«

»Ich werde unterzeichnen,« Herr Gilbert, »ich werde unterzeichnen.«

»Vor dem Notar?«

»Vor dem Notar.«

»So gehen wir ein wenig zu dem Notar Niguet.«

Der Papa Niguet, dem infolge einer langen Bekanntschaft der Doktor diesen freundschaftlichen Titel gab, war, wie diejenigen von unsern Lesern schon wissen, die mit unserem Buche Joseph Balsamo vertraut sind, der angesehenste Notar des Ortes.

Mademoiselle Angélique, deren Notar Meister Niguet auch war, hatte nichts gegen die vom Doktor getroffene Wahl einzuwenden. Sie folgte ihm daher in die bezeichnete Schreibstube. Hier protokollierte der Notar das von Demoiselle Rose Angélique Pitou geleistete Versprechen, ihren Neffen Louis Ange Pitou zu sich zu nehmen und zur Ausübung eines ehrenhaften Gewerbes gelangen zu lassen, wogegen sie jährlich die Summe von zweihundert Livres erhalten sollte.

Am andern Tag verließ der Doktor Villers-Cotterets, nachdem er einige Rechnungen mit seinem Pächter geordnet hatte. Und Mademoiselle Pitou, die wie ein Geier über die genannten, zum voraus zahlbaren zweihundert Livres herfiel, schloß acht schöne Louisd'or in ihren Lehnstuhl ein.

Was die übrig bleibenden acht Livres betrifft, so warteten sie in einer kleinen Unterschale von Porzellan, die seit dreißig bis vierzig Jahren eine Menge Münzen von allen möglichen Sorten hatte durchziehen sehen, bis die Ernte von einigen Sonntagen die Summe von vierundzwanzig Livres vervollständigte, eine Zahl, bei der immer die genannte Summe eine Verwandlung in Gold durchmachte und von der Schale in den Lehnstuhl überging.




III.

Ange Pitou bei seiner Tante


Wir haben gesehen, wie wenig Sympathie Ange Pitou für einen zu langen Aufenthalt bei seiner guten Tante Angélique hegte; mit einem, dem der Tiere gleichen oder ihm vielleicht überlegenen Instinkte begabt, hatte der arme Knabe zum voraus erraten, was bei diesem Aufenthalt seiner harrte an Verdrießlichkeiten, Plackereien und Widerwärtigkeiten.

Einmal, sobald der Doktor Gilbert abgereist – und das hatte Pitou nicht am meisten gegen seine Tante mißgestimmt – war nicht einen Augenblick mehr davon die Rede gewesen, das Kind in die Lehre zu bringen. Wohl hatte der Notar mit einem Worte die förmliche Uebereinkunft berührt; aber Mademoiselle Angélique antwortete, ihr Neffe sei noch zu jung und besonders von zu zarter Gesundheit, um Arbeiten unterworfen zu werden, die vielleicht seine Kräfte übersteigen würden. Bei dieser Bemerkung bewunderte der Notar das gute Herz von Mademoiselle Pitou und verschob die Lehre auf das nächste Jahr. Dabei war keine Zeit verloren, denn der Knabe hatte erst sein zwölftes Jahr erreicht.

Sobald er bei seiner Tante war, und während sie darüber nachsann, wie sie den besten Nutzen aus ihrem Neffen ziehen könnte, hatte Pitou, der sich wieder in seinem Walde befand, auch schon alle seine topographischen Anordnungen getroffen, um in Villers-Cotterets dasselbe Leben zu führen, wie in Haramont. Denn eine Wanderung in der Runde hatte ihn in der That gelehrt, die besten Tränkherde wären die am Wege nach Dampleux, am Wege nach Compiègne und am Wege nach Vivieres, und der wildreichste Bezirk sei der der Wolfsheide.

Nachdem er diese Rekognoszierung vorgenommen, traf Pitou demgemäß seine Vorkehrungen.

Das, was er sich am leichtesten verschaffen konnte, insofern es keine Anlage von Kapitalien erforderte, war der Leim und die Leimruten. Die Rinde der Stechpalme, mit einer Mörserkeule zermalmt und im heißen Wasser gewaschen, verschaffte den Leim; die Ruten aber wuchsen zu tausenden auf den Birken der Umgegend. Pitou verfertigte sich, ohne einem Menschen ein Wort davon zu sagen, ein tausend Leimruten und einen Topf Leim erster Qualität, und an einem schönen Morgen, nachdem er tags zuvor auf Rechnung seiner Tante einen vierpfündigen Laib Brot beim Bäcker genommen hatte, ging er in der Dämmerung weg, blieb den ganzen Tag auswärts und kehrte erst bei sinkender Nacht wieder zurück.

Pitou hatte einen solchen Entschluß nicht gefaßt, ohne die Folgen davon zu berechnen. Er hatte einen Sturm vorhergesehen. Ohne die Weisheit von Sokrates zu besitzen, kannte er doch die Laune seiner Tante Angélique ebensogut, als der berühmte Lehrer von Alcibiades die seiner Frau Xantippe.

Pitou hatte sich in seiner Vorhersehung nicht getäuscht, doch gedachte er dem Sturme dadurch die Stirne zu bieten, daß er der alten Frömmlerin den Ertrag seines Tagewerkes überreichen würde. Nur hatte er den Platz nicht erraten können, wo ihn der Blitzstrahl treffen würde.

Der Blitzstrahl traf ihn bei seinem Eintritt.

Mademoiselle Angélique hatte sich hinter der Thür in den Hinterhalt gelegt, um ihren Neffen beim Vorübergehen nicht zu verfehlen, so daß er in dem Augenblick, wo er den Fuß in die Stube setzte, einen Schlag an das Hinterhaupt erhielt, an dem er, ohne einer andern Belehrung zu bedürfen, vollkommen die dürre Hand der Betschwester erkannte.

Zum Glück hatte Pitou einen harten Kopf, und obgleich ihn der Schlag kaum erschütterte, gab er sich doch, um seine Tante zu rühren – deren Zorn sich dadurch vermehrte, daß sie sich durch ein maßloses Schlagen an den Fingern sehr wehe gethan – den Anschein, als fiele er stolpernd an das andere Ende der Stube. Sobald er hier angelangt war und seine Tante, ihren Rock in der Hand, auf sich zukommen sah, zog er hastig aus seiner Tasche den Talisman, auf den er gerechnet hatte, um sich Verzeihung für sein Ausbleiben zu verschaffen.

Das waren zwei Dutzend Vögel, worunter ein Dutzend Rotkehlchen und ein halbes Dutzend Drosseln.

Mademoiselle Angélique riß ihre Augen ganz erstaunt auf und fuhr der Form wegen fort zu zanken; aber während sie schalt, bemächtigte sich ihre Hand des Jagdertrags ihres Neffen, sie machte drei Schritte gegen die Lampe und fragte:

»Was ist das?«

»Sie sehen es wohl, mein gutes Tantchen Angélique erwiderte Pitou, es sind Vögel.«

»Gut zum essen?« sagte rasch die alte Mademoiselle, welche in ihrer Eigenschaft als Betschwester natürlich eßgierig war.

»Gut zum essen!« wiederholte Pitou, »entschuldigen Sie; Rotkehlchen und Drosseln, ich glaube wohl.«

»Und wo hast du diese Tiere gestohlen, kleiner Unglücklicher?«

»Ich habe sie nicht gestohlen, ich habe sie gefangen.«

Wie?«

»Am Tränkherd.«

»Was ist das, ein Tränkherd?«

Pitou schaute Tante mit erstaunter Miene an; er konnte nicht begreifen, daß es in der Welt eine Person gebe, die in ihrer Erziehung vernachlässigt genug sei, um nicht zu wissen, was der Tränkherd bedeute.

»Der Tränkherd?« erwiderte er. »Bei Gott! das ist der Tränkherd.«

»Ja, kleiner Schlingel, aber ich weiß nicht, was das ist.«

Da Pitou voll Mitleid gegen alle Unwissenheiten war, so antwortete er:

»Der Tränkherd ist eine kleine Lache, es finden sich solche ungefähr dreißig im Wald; man legt Leimruten rings umher, und wenn die Vögel, die das nicht kennen, die Dummköpfe, kommen, um zu trinken, so fangen sie sich.«

»Woran?«

»Am Leim.«

»Ah! ah!« sagte die Tante Angélique, »ich begreife; doch wer hat dir Geld gegeben?«

»Geld?« erwiderte Pitou, erstaunt, daß man glauben konnte, er habe je einen Pfennig besessen; »niemand.«

»Mit was hast du denn den Leim gekauft?«

»Ich habe den Leim selbst gemacht.«

»Und die Leimruten?«

»Auch.«

»Diese Vögel kosten dich also nichts?«

»Die Mühe, mich zu bücken und sie zu nehmen.«

»Und kann man oft an den Tränkherd gehen?«

»Man kann alle Tage dahin gehen, nur muß man nicht . . .«

»Was muß man nicht?«

»Alle Tage dahin gehen.«

»Aus welchem Grunde?«

»Weil das ruiniert.«

»Was ruiniert das?«

»Den Tränkherd. Sie begreifen, Tante Angélique, die Vögel, die man gefangen hat  . . .«

»Nun?«

»Sie sind nicht mehr da.«

»Das ist richtig, erwiderte die Tante.«

Zum ersten Mal, seitdem er sich in ihrem Hause befand, gab die Tante Angélique ihrem Neffen recht; diese ungewohnte Billigung entzückte auch Pitou.

»Doch,« sagte er, »an den Tagen, wo man nicht an den Tränkherd geht, geht man anderswo hin. An den Tagen, wo man keine Vögel fängt, fängt man etwas anderes.«

»Und was fängt man denn?«

Man fängt Kaninchen.«

»Kaninchen?«

»Ja, man ißt das Fleisch und verkauft den Balg. Ein Kaninchenbalg ist zwei Sous wert.

Die Tante Angélique schaute ihren Neffen mit ganz erstaunten Augen an; sie hatte nie in ihm einen so großen Oekonomen gesehen. Pitou hatte sich geoffenbart.

»Aber ich werde die Kaninchenbälge verkaufen?«

»Allerdings, wie es Mama Madeleine machte.«

Es war dem Kinde nie der Gedanke gekommen, es könnte von dem Ertrage seiner Jagd etwas anderes in Anspruch nehmen, als seinen Teil am Verzehren.

»Und wann wirst du Kaninchen fangen?« fragte Mademoiselle Angélique.

»Ah! sobald ich Schlingen habe,« erwiderte Pitou.

»Nun denn! so mache Schlingen.«

Pitou schüttelte den Kopf. Du hast ja Leim und Leimruten gemacht!

»Ah! ich verstehe wohl Leim und Leimruten zu machen, das ist wahr; aber ich verstehe nicht Messingdraht zu machen; das kauft man fertig bei den Krämern.«

»Und wie viel kostet das?«

»Oh! mit vier Sous werde ich wohl zwei Dutzend machen,« antwortete Pitou an den Fingern rechnend.

»Und wie viel kannst du mit zwei Dutzend Kaninchen fangen?«

Das ist, wie es gerade kommt: vier, fünf, sechs vielleicht; und dann dienen diese Schlingen mehrere Male, wenn sie der Aufseher nicht findet.«

»Hier hast du vier Sous,« sagte Tante Angélique, »kaufe Messingdraht bei Herrn Dambrun und gehe morgen auf die Kaninchenjagd.«

»Ich werde die Schlingen morgen legen,« erwiderte Pitou, »doch erst übermorgen früh erfahre ich, ob sich Kaninchen gefangen haben.«

Der Messingdraht war minder teuer in der Stadt, als auf dem Lande, weil die Krämer von Haramont sich in Villers-Cotterets damit versahen. Pitou erhielt also vierundzwanzig Schlingen für drei Sous. Er brachte einen Sou seiner Tante zurück.

Diese unerwartete Ehrlichkeit ihres Neffen rührte beinahe die alte Mademoiselle. Sie hatte einen Augenblick den Gedanken, mit diesem Sou, der nicht verwendet worden war, ihren Neffen zu beschenken. Zum Unglück für Pitou war es ein mit dem Hammer breit geschlagener Sou, der in der Dämmerung für zwei Sous gelten konnte. Mademoiselle Angélique dachte, man müsse ein Geldstück nicht ausgeben, das hundert Prozent tragen könne; und steckte den Sou wieder in die Tasche.

Pitou hatte die Bewegung bemerkt, aber nicht analysiert. Es wäre ihm nie eingefallen, seine Tante könnte ihm einen Sou geben.

Er verfertigte seine Schlingen, und am andern Morgen verlangte er einen Sack von Mademoiselle Angélique.

»Wozu?« fragte die alte Mademoiselle.

»Weil ich einen brauche,« antwortete Pitou, der voller Geheimnisse war.

Mademoiselle Angélique gab ihm den verlangten Sack, legte den Vorrat an Brot und Käse hinein, der zum Frühstück und Mittagessen ihres Neffen dienen sollte, und dieser ging sogleich nach der Wolfsheide ab.

Die Tante Angélique ihrerseits fing damit an, daß sie die zwölf Rotkehlchen rupfte, die sie zu ihrem Frühstück und ihrem Mittagessen bestimmt hatte. Sie brachte zwei Drosseln dem Abbé Fortier und verkaufte die vier andern an den Wirt zur Goldenen Kugel, der sie ihr mit drei Sous das Stück bezahlte und ihr alle, die sie ihm bringen würde, um denselben Preis abzunehmen versprach. Die Tante Angélique kehrte strahlend zurück. Der Segen des Himmels war mit Pitou in ihrem Hause eingekehrt.

»Ah!« sagte sie, während sie ihre Rotkehlchen aß, die fett waren wie Ortolane und zart wie Feigenschnepfen: »man hat recht, wenn man behauptet, eine Wohlthat sei nie verloren.«

Am Abend kam Ange nach Hause; er trug auf seinem Rücken einen herrlich gerundeten Sack. Diesmal erwartete ihn die Tante nicht hinter der Thüre, sondern auf der Schwelle, und statt mit einer Kopfnuß empfangen zu werden, wurde der Knabe mit einer Grimasse aufgenommen, die beinahe einem Lächeln glich.

»Hier bin ich!« rief Pitou, als er in die Stube mit jener Dreistigkeit eintrat, die das Bewußtsein eines gut ausgefüllten Tages bezeichnet.

»Du und Dein Sack,«

»Ich und mein Sack,« erwiederte Pitou.

Und was ist in deinem Sack? fragte die Tante Angélique.

»Bucheln.«

Bucheln.«

»Allerdings, Sie begreifen wohl, Tante Angélique, wenn der Vater La Jeunesse, der Schütze der Wolfsheide, mich auf seinem Bezirke ohne meinem Sack hätte herumstreichen sehen, so würde er gesagt haben: »»Was machst du hier, kleiner Landstreicher?«« Abgesehen davon, daß er etwas vermutet hätte. Während ich mit meinem Sack, wenn er mich fragt, was ich machen wolle, ihm antwortete: »»Ich komme zur Buchellese; ist es denn verboten, zur Buchellese zu gehen?«« »»Nein.«« »»Nun wenn das nicht verboten ist, so haben Sie mir nichts zu sagen.«« In der That, wenn er etwas sagt, der Vater La Jeunesse, so hat er unrecht.

»Also hast du deinen Tag damit zugebracht, daß du Bucheln gelesen, statt die Schlingen zu legen, Träger!« rief die Tante Angélique, die unter allen diesen Kniffen ihres Neffen die Kaninchen sich entgehen zu sehen glaubte.

»Im Gegenteil, ich habe meine Schlingen gelegt, während ich Bucheln las, so daß er mich bei der Arbeit sah.«

»Und er hat dir nichts gesagt?«

»Doch. Er hat mir gesagt: »»du wirst deiner Tante Pitou meine Komplimente ausrichten.«« Nun! ist das ein braver Mann, der Vater La Jeunesse.

»Aber die Kaninchen? versetzte die Tante Angélique, die nichts von ihrem Hauptgedanken abbringen konnte.

»Aber die Kaninchen?« versetzte die Tante Angélique, welche nichts von ihrem Hauptgedanken abbringen konnte.

»Die Kaninchen? Der Mond geht um Mitternacht auf, und ich werde um ein Uhr nachsehen, ob sie gefangen sind.«

»Wo dies?«

»Im Walde.«

»Wie, du willst um ein Uhr morgens in den Wald?«

»Jawohl!«

»Ohne Angst zu haben?«

»Angst, wovor?«

Die Tante Angélique war ebenso erstaunt über den Mut von Pitou, als sie über seine Spekulationen erstaunt gewesen war.

Einfach wie ein Kind der Natur, kannte Pitou allerdings keine von den scheinbaren Gefahren, die die Kinder der Städte erschrecken.

Er brach auch um Mitternacht auf und ging längs der Kirchhofmauer hin, ohne sich abzuwenden. Das unschuldige Kind, das in seinem Leben, wenigstens in seinen Unabhängigkeitsideen, weder Gott noch die Menschen beleidigt hatte, fürchtete sich ebenso wenig vor den Toten, als vor den Lebendigen.

Ange fürchtete eine einzige Person: den Vater La Jeunesse; er hatte auch die Vorsicht, einen Umweg zu machen, um an seinem Hause vorüberzugehen. Da alles im Innern erloschen, da Thüren und Läden geschlossen waren, so fing Pitou, um sich zu versichern, ob der Schütze zu Hause und nicht in seinem Bezirk sei, an, das Bellen des Hundes nachzuahmen, so daß Ronflot, der Dachshund des Vaters La Jeunesse, sich in der Herausforderung täuschte, ebenfalls mit voller Kehle Laut gab und unter der Thüre durchschnüffelte.

Von diesem Augenblick an fühlte sich Pitou ruhig. War Ronflot zu Hause, so war Vater La Jeunesse auch zu Hause; Ronflot und der Vater La Jeunesse waren unzertrennlich, und sobald man den einen erblickte, konnte man sicher sein, man würde sogleich auch den andern erscheinen sehen.

Vollkommen beruhigt, wanderte also Pitou nach der Wolfsheide. Die Schlingen hatten ihr Werk verrichtet; zwei Kaninchen waren gefangen und erdrosselt.

Pitou steckte sie in die weite Tasche jenes zu langen Rockes, der nach Verlauf eines Jahres zu kurz geworden sein sollte, und kehrte zu seiner Tante zurück.

Die alte Mademoiselle war zu Bette gegangen, doch die Habgier hatte sie wach erhalten; wie Perette, hatte sie berechnet, was ihr vier Kaninchenbälge wöchentlich eintragen konnten, und diese Rechnung hatte sie so weit geführt, daß sie nicht ein Auge zu schließen imstande war: sie fragte auch mit einem nervösen Zittern den Knaben, was er bringe.

»Ein Paar! Ah! Tante Angélique, es ist nicht meine Schuld, daß ich nicht mehr habe bringen können; aber es scheint, sie sind boshaft, die Kaninchen des Vaters Jeunesse.«

Die Hoffnungen der Tante Angélique waren mehr als erfüllt. Sie nahm, bebend vor Freude, die zwei unglücklichen Tiere, untersuchte ihren unversehrt gebliebenen Balg und schloß sie in ihre Speisekammer ein, die in ihrem Leben keine Vorräte gesehen hatte, wie die, die sie enthielt, seitdem es Pitou eingefallen war, sie zu verfolgen.

Dann forderte sie mit ziemlich sanftem Tone Pitou auf, sich niederzulegen; das ermüdete Kind that dies auf der Stelle, ohne ein Abendbrot zu verlangen, was ihn vollends aufs beste in der Meinung seiner Tante stellte. Zwei Tage nachher wiederholte Pitou seinen Versuch, und er war diesmal noch glücklicher als das erste Mal. Er fing drei Kaninchen.

Zwei nahmen den Weg nach dem Wirtshause zur goldenen Kugel, das dritte den nach dem Pfarrhause. Die Tante Angélique trug sehr Sorge für den Abbé Fortier, der sie seinerseits den guten Seelen des Kirchspiels empfahl.

So gingen die Dinge drei bis vier Monate. Die Tante Angélique war entzückt, und Pitou fand seine Lage erträglich. Doch ein unerwarteter Umstand, auf den man indessen gefaßt sein mußte, machte der Tante einen Strich durch die Rechnung und unterbrach die Expeditionen des Neffen.

Es war ein Brief von Doktor Gilbert, datiert von New-York, angekommen. Als der philosophische Reisende den Fuß auf den Boden Amerikas setzte, vergaß er seinen kleinen Schützling nicht. Er schrieb an Meister Niguet, um sich zu erkundigen, ob seine Vorschriften befolgt worden seien, und um den Vollzug des Vertrags, wenn man dies nicht gethan, oder seinen Bruch zu fordern, wenn man diese Vorschriften nicht befolgen wollte.

Der Fall war ernster Natur. Die Verantwortlichkeit des Notars stand auf dem Spiel: er fand sich bei der Tante Pitou ein und stellte sie, den Brief des Doktors in der Hand, über den Vollzug des Vertrags zur Rede.

Man konnte nicht zurückweichen; jede Entschuldigung mit schlechter Gesundheit wurde durch das Aussehen von Pitou Lügen gestraft. Pitou war groß und mager; aber die jungen Bäume des Waldes waren auch groß und mager, was sie nicht verhinderte, sich äußerst wohl zu befinden.

Mademoiselle Angélique verlangte acht Tage, um ihren Geist auf die Wahl des Standes vorzubereiten, den sie ihren Neffen wollte ergreifen lassen.

Pitou war ebenso traurig als seine Tante. Das Gewerbe, das er trieb, kam ihm vortrefflich vor, und er wünschte sich kein anderes.

Während dieser acht Tage war weder von der Vogeltränke, noch vom Wildern mehr die Rede. Ueberdies befand man sich im Winter, und im Winter trinken die Vögel überall. Dann war Schnee gefallen, und beim Schnee wagte es Pitou nicht, seine Schlingen zu legen. Der Schnee bewahrt den Eindruck der Sohlen, und Pitou besaß ein paar Füße, das dem Vater La Jeunesse die schönste Aussicht gab, innerhalb vierundzwanzig Stunden zu erfahren, wer der Dieb gewesen, der den seiner Obhut anvertrauten Bezirk entvölkert.

Während dieser acht Tage wuchsen der alten Mademoiselle die Klauen wieder. Pitou hatte seine Tante Angélique von einst wiedergefunden, diejenige, welche ihm so sehr Furcht eingeflößt, und die das Interesse, diese mächtige Bewegkraft ihres ganzen Lebens, einen Augenblick Sammetpfoten hatte machen lassen. Je näher man dem Ziele rückte, desto mürrischer wurde die Laune der alten Mademoiselle, dergestalt, daß am fünften Tag Pitou wünschte, seine Tante möchte sich sogleich für irgend einen Stand entschließen, gleichviel welcher es wäre, wenn nur nicht der eines Schmerzendulders, den er bei der alten Mademoiselle einnahm.

Plötzlich erschloß sich ein Gedanke in diesem so grausam bewegten Kopf. Dieser Gedanke gab ihr die Ruhe wieder, die sie seit sechs Tagen verloren hatte. Er bestand darin, daß sie den Abbé Fortier bat, den armen Pitou unentgeltlich in seine Klasse aufzunehmen und ihm das von Seiner Hoheit, dem Herzog von Orleans, im Seminar gestiftete Stipendium zu verschaffen. Das war eine Lehre, die der Tante Angélique nichts kostete, und Herr Fortier, abgesehen von den Krammetsvögeln, den Amseln und den Kaninchen, mit denen ihn die alte Frömmlerin seit sechs Monaten überhäufte, war dem Neffen der Vermieterin seiner Kirchenstühle etwas mehr schuldig, als jedem andern. So unter der Glocke gehalten, trug Ange in der Gegenwart ein und versprach für die Zukunft.

Ange wurde in der That beim Abbé ohne irgend eine Bezahlung aufgenommen. Es war ein braver Mann, dieser Abbé; nicht im geringsten interessiert, gab er seine Wissenschaft denen, die arm am Geiste, sein Geld denen, die arm am Körper; aber unlenkbar in einem einzigen Punkt: die Solécismen brachten ihn außer sich, die Barbarismen machten ihn wütend. In diesem Fall kannte er weder einen Freund, noch einen Feind, weder einen Armen, noch einen Reichen, weder einen bezahlenden Schüler, noch einen nicht bezahlenden. Er schlug mit unbestechlicher Unparteilichkeit und mit einem lacedämonischen Stoicismus, und da er einen starken Arm hatte, so schlug er tüchtig. Das war den Eltern bekannt; es hing von ihnen ab, ihre Kinder zum Abbé Fortier zu bringen oder nicht; brachten sie ihre Kinder aber dahin, so mußten sie sie gänzlich seiner Willkür überlassen; denn auf alle mütterlichen Reklamationen antwortete der Abbé mit dem Wahlspruch: Wer gut liebt, der züchtigt gut, den er auf den Handgriff seiner Rute und auf den Stiel seiner Schulgeißel hatte gravieren lassen.

Ange Pitou wurde also auf die Empfehlung seiner Tante unter die Schüler des Abbés Fortier aufgenommen. Ganz stolz auf diese Aufnahme, die Pitou viel weniger angenehm war, begab sich die alte Andächtlerin zu Meister Niguet und benachrichtigte ihn, sie habe sich nicht nur mit den Absichten des Doktors Gilbert in Einklang gesetzt, sondern dieselben sogar übertroffen. Der Doktor hatte in der That für Ange Pitou ein ehrenhaftes Gewerbe verlangt. Sie gab ihm viel mehr als dies, da sie ihm eine ausgezeichnete Erziehung gab; und wo gab sie ihm diese Erziehung? In derselben Pension, wo Sebastian Gilbert, für den er fünfzig Livres bezahlte, die seinige erhielt.

Es ist nicht zu leugnen, Ange erhielt seine Erziehung gratis, aber es war keine Notwendigkeit vorhanden, dies dem Doktor Gilbert mitzuteilen; und teilte man es ihm mit, so kannte man die Unparteilichkeit und die Uneigennützigkeit des Abbés Fortier. Wie sein erhabener Meister, öffnete er die Arme und sprach: Lasset die Kindlein zu mir kommen! Nur waren diese zwei Hände, die das Ende der zwei väterlichen Arme bildeten, die eine mit einer Sprachlehre, die andere mit einem Bündel Ruten bewaffnet, so daß meistens, ganz im Gegenteil zu Jesus, der die Kinder in Thränen empfing und getröstet wegschickte, der Abbé Fortier die armen Kinder voll Angst auf sich zukommen sah und weinend wegschickte.

Der junge Schüler trat in die Klasse ein, mit einer Truhe unter dem Arm, ein hornenes Tintenfaß in der Hand und ein paar Federstümpfe hinter dem Ohr. Die Truhe war bestimmt, um, so gut es eben ging, das Pult zu ersetzen. Das Tintenfaß war ein Geschenk vom Krämer, und die Federstümpfe hatte Mademoiselle Angélique aufgelesen, als sie am Tage vorher Meister Niguet ihren Besuch machte.

Ange Pitou wurde mit jener sanften Brüderlichkeit empfangen, die bei den Kindern entsteht und bei den Männern sich fortpflanzt, nämlich mit Hohngelächter. Die ganze Klasse machte sich über ihn lustig. Zwei Schüler mußten zur Strafe zurückbleiben wegen seiner gelben Haare, und zwei andere wegen seiner sonderbaren Kniee, die wir schon mit einem Worte berührt haben. Diese zwei letzteren sagten, die Beine von Pitou gleichen Brunnenseilen, an die man einen Knoten gemacht. Das Wort fand eine günstige Aufnahme, machte die Runde um die Tafel, erregte die allgemeine Heiterkeit und folglich Aerger beim Abbé Fortier.

Als er am Mittag wegging, nachdem er vier Stunden in der Klasse gewesen war, hatte Pitou, ohne daß er ein Wort an jemand gerichtet, ohne daß er etwas anderes gethan, als hinter seinem Pult gegähnt, sechs Feinde in der Klasse und zwar sechs umso erbittertere Feinde, als er kein Unrecht gegen sie hatte. Sie leisteten auch auf den Ofen, der in der Klasse den Altar des Vaterlandes vorstellt, den feierlichen Eid, die einen, ihm seine gelben Haare auszuraufen, die andern, ihm seine fayenceblauen Augen grün zu schlagen, die letzten, ihm seine vorwärts gebogenen Kniee gerade aufzurichten.

Pitou wußte daraus nichts von diesen feindseligen Gesinnungen. Als er die Schule verließ, fragte er einen seiner Nachbarn, warum sechs von ihren Kameraden zurückbleiben, während sie weggehen.

Der Nachbar schaute ihn von der Seite an, nannte ihn einen boshaften Anzeiger und entfernte sich, ohne ein Gespräch mit ihm anknüpfen zu wollen.

Pitou fragte sich, wie er, der nicht ein einziges Wort während der ganzen Klasse gesagt, ein boshafter Anzeiger sein könne. Doch während der Dauer eben dieser Klasse hatte er entweder durch die Schüler oder durch den Abbé Fortier so viele Dinge sagen hören, die er nicht begriffen, daß er die Anklage des Nachbars in die Zahl der für seinen Geist zu hohen Dinge einreihte.

Als Tante Angélique, die unendlich eifrig sich bei einer Erziehung benahm, von der man glaubte, sie koste sie so große Opfer, Pitou um Mittag zurückkommen sah, fragte sie ihn, was er gelernt habe. Pitou antwortete, er habe schweigen gelernt. Die Antwort wäre eines Pythagoräers würdig gewesen. Nur hätte sie ein Pythagoräer durch Zeichen gegeben.

Der neue Schüler kehrte um ein Uhr ohne zu großen Widerwillen in die Klasse zurück. Die Morgenklasse war von den Schülern zur Prüfung des Äußeren von Pitou angewendet worden; die Abendklasse wurde vom Professor zur Prüfung des Innern angewendet. Als das Examen vorüber war, blieb der Abbé Fortier überzeugt, Pitou habe alle möglichen Anlagen, um ein Robinson Crusoe zu werden, aber sehr geringe Aussichten, dereinst ein Fontenelle oder ein Bossuet zu sein.

Während der ganzen Dauer dieser Klasse, die für den zukünftigen Seminaristen noch viel ermüdender war, als die am Morgen, wiesen ihm die seinetwegen bestraften Schüler zu wiederholtem Malen die Faust. In allen Ländern, zivilsierten oder nicht zivilisierten, gilt diese Demonstration als ein Zeichen der Drohung. Pitou war also auf seiner Hut.

Unser Held hatte sich nicht getäuscht: als er wegging oder vielmehr, sobald man außerhalb der Zubehör des Schulhauses war, wurde Pitou durch die sechs Schüler, die zur Strafe hatten zurückbleiben müssen, bedeutet, er habe ihnen die zwei Stunden Gefangenschaft mit Kosten, Zinsen und Kapital zu bezahlen.

Pitou begriff, es handle sich um einen Zweikampf auf die Fäuste. Er erklärte also, er sei bereit sich in einen Kampf mit demjenigen von seinen Gegnern einzulassen, welcher beginnen wolle, und hintereinander seinen sechs Feinden standzuhalten. Durch diese Erklärung erwarb sich der neue Schüler schon ein ziemlich großes Ansehen.

Die Bedingungen wurden festgestellt, wie sie Pitou vorgeschlagen. Es bildete sich ein Kreis um den Kampfplatz, und die Streiter rückten, nachdem sie, der eine sein Wams, der andre seinen Rock abgelegt hatten, gegeneinander an.

Wir haben von den Händen von Pitou gesprochen. Diese Hände, die nicht angenehm anzusehen waren, waren noch minder angenehm zu fühlen. Pitou ließ am Ende jedes Armes eine Faust so groß wie ein Kindskopf baumeln, und obgleich das Boxen in Frankreich noch nicht eingeführt war und folglich Pitou kein Elementarprinzip von dieser Kunst erhalten hatte, gelang es ihm doch, seinem ersten Gegner einen so hermetisch angepaßten Faustschlag auf das Auge zu geben, daß es sich auf der Stelle mit einem schwarzen Kreise umzog.

Der zweite trat vor. Hatte Pitou gegen sich die Anstrengung eines zweiten Kampfes, so war sein Gegner seinerseits sichtbar minder stark, als der erste. Der Kampf dauerte daher nicht lange. Die furchtbare Faust senkte sich auf die Nase, und die zwei Nasenlöcher zeugten sogleich für die Gültigkeit des Schlages, indem sie einen doppelten Blutbach entströmen ließen.

Der dritte kam mit einem zerbrochenen Zahn davon; dieser war am wenigsten von allen beschädigt. Die andern erklärten sich für befriedigt.

Pitou durchschritt die Menge, die sich vor ihm mit der einem Triumphator schuldigen Achtung öffnete, und zog sich gesund und wohlbehalten nach seinem Herde, d.h. nach dem seiner Tante, zurück.

Als am andern Morgen die drei besiegten Schüler ankamen, wurde eine Untersuchung vom Abbé Fortier angestellt. Doch die Schüler haben auch ihre gute Seite. Nicht einer von den Verstümmelten war schwatzhaft, und auf mittelbarem Wege, nämlich durch einen Zeugen des Streites, der der Schule völlig fremd, erfuhr der Abbé Fortier am andern Tag, Pitou habe auf den Gesichtern seiner Zöglinge den Schaden angerichtet, durch den am Tage vorher seine Besorgnis erregt worden war.

Der Abbé Fortier bürgte in der That den Eltern nicht nur für das Moralische, sondern auch für das Physische seiner Schüler. Der Abbé Fortier hatte eine dreifache Klage von den drei Familien erhalten. Eine Genugthuung war unerläßlich. Pitou mußte drei Tage zurückbleiben. Einen Tag für das Auge, einen andern Tag für die Nase, einen Tag für den Zahn. Diese drei Tage Schulstubenarrest gaben Mademoiselle Angélique eine geistreiche Idee ein, nämlich die, Pitou sein Mittagessen zu entziehen, so oft ihm der Abbé Fortier den Ausgang entziehen würde. Dieser Entschluß mußte notwendig zum Nutzen der Erziehung von Pitou ausfallen, weil er sich zweimal besinnen würde, ehe er Fehler beginge, die eine doppelte Strafe nach sich zögen.

Nur begriff Pitou nie recht, warum er Anzeiger genannt und warum er bestraft worden war, weil er diejenigen geschlagen, die ihn hatten schlagen wollen; doch wenn man alles in der Welt begriffe, so würde man dadurch einen von den Hauptreizen des Lebens, den des Geheimnisses und des Unvorhergesehenen, verlieren.

Pitou blieb seine drei Tage in der Schule zurück und begnügte sich während dieser drei Tage mit seinem Frühstück und seinem Nachtessen, war jedoch mit dieser Entbehrung nicht gerade zufrieden.

Die Strafe, die Pitou erstanden, ohne daß es ihm nur entfernt einfiel, den Angriff zu verraten, den er nur erwidert hatte, trug ihm indessen die allgemeine Achtung ein. Es ist nicht zu leugnen, die drei majestätischen Faustschläge, die man ihn hatte erteilen sehen, waren vielleicht von einigem Gewicht bei dieser Achtung.

Von diesem Tage an war das Leben von Pitou ungefähr das der andern Schüler, nur mit dem Unterschied, daß die andern Schüler die Wechselfälle der Komposition durchmachten, während Pitou beharrlich unter den fünf bis sechs Letzten blieb, und beinahe immer eine Summe von Schulstubenarresten doppelt so groß, als die seiner Mitschüler, anhäufte.

Doch eines, was in der Natur von Pitou lag, was von der ersten Erziehung herrührte, die er erhalten, oder vielmehr nicht erhalten hatte, eines, was man wenigstens für ein drittel bei seinen zahlreichen Schulstubenarresten rechnen mußte, war seine Neigung für die Tiere.

Die erwähnte Truhe, die seine Tante Angélique mit dem Namen Pult geschmückt hatte, war infolge ihres Umfangs und der zahlreichen Fächer, mit denen Pitou ihr Inneres bereicherte, eine Art von Arche Noah geworden, welche alle Arten von kletternden, kriechenden und fliegenden Tieren enthielt. Es fanden sich darin Schlangen, Eidechsen, Ameisenlöwen, Käfer und Frösche, welche Tiere Pitou um so teurer wurden, als er ihretwegen, mehr oder minder harte Strafen zu erdulden hatte.

Bei seinen Spaziergängen in der Woche sammelte Pitou für seine Menagerie. Er hatte sich Salamander gewünscht, die in Villers-Cotterets als das Wappen von Franz I., das dieser an allen Kaminen hatte anbringen lassen, sehr populär sind: es war ihm gelungen, sich solche zu verschaffen. Ein Umstand nahm ihn hierbei sehr in Anspruch, und er setzte dies am Ende unter die Zahl der Dinge, die seinen Verstand überstiegen: er hatte nämlich diese Reptile immer im Wasser gefunden, von denen die Dichter behaupteten, sie leben im Feuer. Dieser Umstand erregte in Pitou, der ein genauer Geist war, eine tiefe Verachtung gegen die Dichter.

Als Pitou Eigentümer von zwei Salamandern war, suchte er das Chamäleon auf. Doch diesmal waren alle seine Forschungen vergeblich, und kein Resultat krönte seine Bemühung. Pitou schloß am Ende aus diesen fruchtlosen Versuchen, das Chamäleon existiere nicht, oder es existiere wenigstens unter einer andern Breite.

Die zwei andern drittel der Arreste von Pitou rührten von den verdammten Solécismen und den verfluchten Barbarismen her, die in den Aufgaben von Pitou wuchsen, wie die Trespe in den Kornfeldern wächst.

Was die Donnerstage und Sonntage betrifft, an denen er frei hatte, so wurden sie auf den Tränkherd und die Wilderei verwendet; nur, da Pitou immer mehr wuchs und sechszehn Jahre zählte, kam ein Umstand hinzu, der Pitou ein wenig von seinen Lieblingsbeschäftigungen ablenkte.

An dem Wege nach der Wolfsheide lag das Dorf Pisseleu. In diesem Dorf war der Pachthof des Vaters Billot, und auf der Schwelle dieses Pachthofs stand beinahe jedes Mal, wenn Pitou daran vorbeiging, ein hübsches, frisches, lebendiges heiteres Mädchen, das man nach seinem Taufnamen Katherine, viel öfter aber noch nach dem Namen ihres Vaters, die Billotte nannte.

Pitou fing damit an, daß er die Billotte grüße. Allmählig faßte er sich sodann ein Herz und grüßte sie lächelnd; dann an einem schönen Tag, nachdem er gegrüßt, nachdem er gelächelt hatte, blieb er stehen und wagte errötend die Worte, die er als eine große Kühnheit betrachtete:

»Guten Morgen, Mademoiselle Katharine.«

Katharine war ein gutes Mädchen, sie empfing Pitou als einen alten Bekannten. Es war in der That ein alter Bekannter, denn seit zwei Jahren sah sie ihn vor dem Pachthofe wenigstens einmal in der Woche hin und her gehen, nur sah Katharine Pitou, und Pitou sah Katharine nicht. Als nämlich Pitou so vorüberging, war Katharine sechszehn Jahre alt und Pitou vierzehn.

Allmählig war Katharine dahin gekommen, daß sie die Talente von Pitou schätzte, denn Pitou teilte ihr Proben davon mit, indem er ihr seine schönsten Vögel und seine fettesten Kaninchen bot. Infolgedessen machte Katharine Pitou Komplimente, und Pitou, der um so empfänglicher für Komplimente war, als er selten solche erhielt, überließ sich dem Zauber der Neuheit, und statt wie früher, seine Wanderung bis zur Wolfsheide fortzusetzen, blieb er auf halbem Wege stehen; und statt seinen ganzen Tag mit der Buchellese oder mit dem Legen der Schlingen zuzubringen, verlor er seine Zeit damit, daß er bei dem Pachthofe des Vaters Billot umherstrich, in der Hoffnung, Katharine einen Augenblick zu sehen.

Daraus ging eine merkliche Verminderung im Ertrage der Kaninchenbälge und ein beinahe völliger Mangel an Rotkehlchen und Drosseln hervor.

Die Tante Angélique beklagte sich. Pitou antwortete, die Kaninchen werden mißtrauisch, und die Vögel, welche die Fallen erkannt haben, trinken aus der Höhlung der Blätter und der Baumstämme. Eines tröstete die Tante Angélique über den Verstand der Kaninchen und diese Schlauheit der Vögel, die sie den Fortschritten der Philosophie zuschrieb, nämlich, daß ihr Neffe das Stipendium erhalten, in das Seminar eintreten, hier drei Jahre zubringen und das Seminar wieder als Abbé verlassen werde. Haushälterin eines Pfarrers zu sein, war aber das ewige Trachten von Mademoiselle Angélique.

Dieses Trachten mußte sich notwendig verwirklichen: denn war Ange Pitou einmal Abbé, so konnte er nicht umhin, seine Tante als Haushälterin zu nehmen, besonders nach dem, was diese Tante für ihn gethan hatte.

Der einzige Umstand, der die goldenen Träume der armen Mademoiselle störte, war der, daß, als sie von ihrer Hoffnung mit dem Abbé Fortier sprach, dieser den Kopf schüttelnd erwiderte:

»Meine liebe Mademoiselle Pitou, um Abbé zu werden, müßte sich Ihr Neffe viel weniger der Naturgeschichte und viel mehr dem De viris illustribus oder dem Selecta e profanis scriptoribus widmen.«

»Das will besagen?«

»Daß er viel zu viel Barbarismen und unendlich zu viel Solécismen macht,« antwortete der Abbé Fortier.

Eine Antwort, die Mademoiselle Angélique in der betrübendsten Unbestimmtheit ließ.




IV.

Ueber den Einfluß, den auf das Leben eines Menschen ein Barbarismus und sieben Solécismen haben können


Pitou befand sich also außerhalb der Schule. Einer von seinen Armen hing an der Seite herab, der andere hielt seine Truhe auf dem Kopfe im Gleichgewicht, sein Ohr surrte noch von den wütenden Ausbrüchen des Abbés Fortier, und so ging er nach dem Pleux mit einer Sammlung des Geistes, die nichts anderes war, als die auf den höchsten Grad gestiegene Bestürzung. Endlich machte sich eine Idee Licht in seinem Geiste, und drei Worte, die seinen ganzen Gedanken enthielten, entschlüpften seinen Lippen:

Jesus! meine Tante!

In der That, was würde Mademoiselle Angélique Pitou über den Umsturz aller ihrer Hoffnungen sagen?

Was aus den Betrachtungen von Ange Pitou hervorging und was von seinen Lippen den kläglichen Ausruf springen gemacht hatte, war, daß Ange Pitou begriff, die Unzufriedenheit werde bei der alten Mademoiselle groß sein, wenn sie die unselige Kunde erfahre. Er kannte aber aus Erfahrung das Resultat einer Unzufriedenheit von Mademoiselle Angélique. Nur mußten diesmal, da die Ursache der Unzufriedenheit sich zu einer unberechenbaren Macht erhob, die Resultate eine unberechenbare Summe erreichen.

Er hatte beinahe eine Viertelstunde gebraucht, um den Weg, der vom großen Thore des Abbés Fortier zum Eingang der Straße in Pleux führte, zurückzulegen, und das war doch nur ungefähr dreihundert Schritte von einander entfernt.

In diesem Augenblick schlug die Glocke der Kirche ein Uhr.

Er bemerkte nun, daß ihn seine letzte Unterredung mit dem Abbé und die Langsamkeit, mit der er den Weg zurückgelegt, um sechszig Minuten verspätet hatten, und daß demnach seit dreißig Minuten die unerstreckbare Frist abgelaufen war, nach der man bei der Tante Angélique nicht mehr zu Mittag aß.

Dies war in der That der heilsame Zügel, den die alte Mademoiselle zugleich den Schularresten und den tollen Leidenschaften ihres Neffen angelegt hatte; dabei ersparte sie, ein Jahr in das andere gerechnet, ungefähr sechszig Mittagsmahle an dem armen Jungen.

Doch diesmal war es nicht das magere Mittagessen der Tante, was den saumseligen Schüler beunruhigte: so karg auch das Frühstück gewesen, Pitou hatte ein zu volles Herz, um zu bemerken, sein Magen sei leer.

Es giebt eine furchtbare, dem Schüler, ein so großer Wicht er auch sein mag, wohlbekannte Qual; das ist der unrechtmäßige Aufenthalt in irgend einem abgelegenen Winkel nach einer Austreibung aus der Schule; es ist der entschiedene und gezwungene Urlaub, den er zu benützen genötigt ist, während seine Mitschüler, die Mappe und die Bücher unter dem Arm, vorüberziehen, um zur täglichen Arbeit zu gehen. Diese verhaßte Schule nimmt eine wünschenswerte Gestalt an. Der Schüler beschäftigt sich ernstlich mit der großen Angelegenheit der Aufgaben und Uebersetzungen, mit der er sich nie beschäftigt hat, und die dort während seiner Abwesenheit verhandelt wird. Es findet eine große Ähnlichkeit zwischen diesem von seinem Lehrer weggeschickten Schüler und dem wegen seiner Gottlosigkeit Exkommunizierten statt, der nicht mehr das Recht hat, in die Kirche zurückzukehren, während er vor Verlangen, eine Messe zu hören, brennt.

Darum dünkte dem armen Pitou, je näher er zu dem Hause seiner Tante kam, desto schrecklicher der Aufenthalt in diesem Hause. Darum stellte er sich zum ersten Male in seinem Leben vor, die Schule sei ein irdisches Paradies, aus dem ihn der Abbé Fortier als ein Würgengel mit seiner Geißel in Form eines flammenden Schwertes vertrieben habe.

So langsam er indessen ging, und obgleich Pitou von zehn zu zehn Schritten Stationen machte, die immer länger wurden, je mehr er sich dem Schreckensorte näherte, er mußte nichtsdestoweniger zur Schwelle des so sehr gefürchteten Hauses kommen. Pitou erreichte also die Schwelle, indem er seine Schuhe schleppte und maschinenmäßig seine Hand auf der Naht seiner Hose rieb.

»Ah! ich bin sehr krank, Tante Angélique,« sagte er, um jedem Spott oder jedem Vorwurf zuvorzukommen, und vielleicht auch, um es zu versuchen, das arme Kind beklagen zu machen.

»Gut,« erwiderte Mademoiselle Angélique, »ich kenne diese Krankheit, und man würde sie leicht heilen, wenn man den Zeiger der Pendeluhr um anderthalb Stunden zurückrückte.«

»Oh mein Gott, nein!« rief Pitou bitter, »denn ich habe keinen Hunger.«

Die Tante Pitou war erstaunt und beinahe unruhig; eine Krankheit beunruhigt gleich sehr die guten Mütter und die Stiefmütter; die guten Mütter wegen der Gefahr, welche die Krankheit herbeiführt, die Stiefmütter wegen des Nachteils, den sie der Börse zufügt.

»Nun, was Hast du denn, laß hören?« fragte die alte Mademoiselle.

Bei diesen Worten, die indessen ohne eine sehr zärtliche Sympathie ausgesprochen wurden, zerfloß Ange Pitou in Thränen, und es ist nicht zu leugnen, die Grimasse, die er von der Klage zu den Thränen übergehend machte, gehörte zu den häßlichsten und unangenehmsten Grimassen, die man sehen kann.

»Oh! meine gute Tante, es ist mir ein sehr großes Unglück begegnet,« sagte er.

»Welches?« fragte die alte Mademoiselle.

»Der Herr Abbé hat mich weggeschickt,« rief Ange Pitou in ein ungeheures Schluchzen ausbrechend.

»Weggeschickt?« wiederholte die Tante, als ob sie ihn nicht recht verstanden hätte.

»Ja, meine Tante.«

»Von wo?«

»Von der Schule.«

Hier verdoppelte sich das Schluchzen von Pitou.

Von der Schule? Also keine Prüfungen, keine Stipendien, kein Seminar mehr?

Das Schluchzen von Pitou verwandelte sich in ein Geheule. Mademoiselle Angélique schaute ihn an, als hätte sie in der Tiefe des Herzens ihren Neffen den Grund seiner Ausweisung lesen wollen.

»Wetten wir, daß du wieder hinter die Schule gegangen bist?« sagte sie; »wetten wir, daß du abermals beim Pachthof des Vaters Billot herumgestrichen bist? Pfui! ein zukünftiger Pfarrer!«

Ange schüttelte den Kopf.

»Du lügst!« lief die alte Mademoiselle, deren Zorn in demselben Maße zunahm, in dem sie die Gewißheit erlangte, daß die Lage der Dinge ernst war; du lügst! noch am letzten Sonntag hat man dich in der Seufzerallee mit der Billotte gesehen.

Mademoiselle Angélique log; doch zu jeder Zeit haben sich die Frömmlerinnen für berechtigt geglaubt, zu lügen, kraft des jesuitischen Axioms: Es ist erlaubt, das Falsche vorzugeben, um das Wahre zu erfahren.

»Man hat mich nicht in der Seufzerallee gesehen, erwiderte Ange; das ist unmöglich, denn wir sind bei der Orangerie gegangen!«

»Ah! Unglücklicher! du siehst wohl, daß du mit ihr warst.«

»Aber, meine Tante,« entgegnete Ange errötend, »es handelt sich hier durchaus nicht um Mademoiselle Billot.«

»Ja, nenne sie Mademoiselle, um dein Spiel zu verbergen. Unreiner! Aber ich werde den Beichtvater von diesem Zieraffen benachrichtigen.«

»Aber, meine Tante, ich schwöre Ihnen, daß Mademoiselle Billot kein Zieraffe ist.«

»Ah, du verteidigst sie, während du der Entschuldigung bedarfst. Gut, ihr versteht euch immer besser. Oh! mein Gott, wie weit kommt es noch!  . . . Kinder von sechszehn Jahren!«

»Meine Tante, ganz im Gegenteil, ich verstehe mich nicht mit Katharine, Katharine jagt mich immer fort.«

»Siehst du, wie du dich verhaspelst! nun nennst du sie Katharine kurzweg. Ja, sie jagt dich fort, die Heuchlerin, wenn man sie beobachtet.«

»Ah!« sagte Pitou plötzlich erleuchtet zu sich selbst, »ah! daran hatte ich nicht gedacht.«

»Siehst du!« rief die alte Mademoiselle, den naiven Ausdruck ihres Neffen benützend, um ihn der Genossenschaft der Billotte zu überweisen; »aber nur zu, ich will das alles ins Reine bringen. Herr Fortier ist ihr Beichtvater; ich werde ihn bitten, dich einsperren zu lassen und auf, vierzehn Tage auf Wasser und Brot zu setzen, und was Mademoiselle Katharine betrifft, wenn sie das Kloster braucht, um ihre Leidenschaft für dich zu mäßigen, wohl! so soll sie es kosten, wir schicken sie nach Saint-Remy.«

Die alte Mademoiselle sprach ihr letztes Wort mit einer Autorität und einer Ueberzeugung von ihrer Macht, daß Pitou bebte.

»Meine gute Tante,« sagte er die Hände faltend. »Sie täuschen sich, wenn Sie glauben, Mademoiselle Billot habe irgend eine Schuld an meinem Unglück.«

»Die Unkeuschheit ist die Mutter aller Laster,« unterbrach ihn salbungsreich Mademoiselle Angélique.

»Meine Tante, ich wiederhole Ihnen, der Herr Abbé hat mich nicht weggeschickt, weil ich unkeusch bin, sondern er hat mich weggeschickt, weil ich zu viel Barbarismen, vermischt mit Solécismen, die mir auch von Zeit zu Zeit entschlüpfen, machte, und die mir, wie er sagt, alle Aussicht benehmen, das Stipendium des Seminars zu erhalten.«

»Wie, alle Aussicht? also wirst du das Stipendium nicht erhalten, also wirst du nicht Pfarrer werden, also werde ich nicht deine Haushälterin sein?«

»Mein Gott! nein, meine Tante.«

»Und, was wirst du denn werden?« fragte die alte Mademoiselle ganz bestürzt.

»Ich weiß es nicht.« Pitou schlug die Augen ganz wehmütig zum Himmel auf. Was es der Vorsehung aus mir zu machen gefällt, fügte er bei.

»Der Vorsehung? Ah! ich sehe, was es ist, rief Mademoiselle Angélique, man hat ihm etwas in den Kopf gesetzt, man hat ihm von den neuen Ideen gesprochen, man hat ihm Grundsätze der Philosophie eingeprägt.«

»Das kann es nicht sein, meine Tante, da man nur in die Philosophie eintreten darf, nachdem man seine Rhetorik gemacht hat, während ich nie meine dritte zu übersteigen imstande gewesen bin.«

»Bah! bah! ich spreche nicht von dieser Philosophie, ich spreche von der Philosophie der unglücklichen Philosophen; ich spreche von der Philosophie des Herrn Arouet, ich spreche von der Philosophie des Herrn Jean Jacques, von der Philosophie des Herrn Diderot, der die Nonne gemacht hat.«

Mademoiselle Angélique bekreuzte sich.

»Die Nonne?« fragte Pitou; »was ist das, meine Tante.«

»Du hast sie gelesen. Unglücklicher.«

»Meine Tante, ich schwöre Ihnen, nein.«

»Darum willst du nichts von der Kirche.«

»Meine Tante, Sie täuschen sich, die Kirche will nichts von mir.«

»Dieser Bursche ist entschieden eine Schlange. Ich glaube, er widerspricht.«

»Nein, meine Tante, ich antworte nur.«

»Oh! er ist verloren,« rief Mademoiselle Angélique mit allen Zeichen der tiefsten Niedergeschlagenheit, während sie in ihren Lieblingslehnstuhl sank.

Die Gefahr war groß. Die Tante Angélique faßte einen äußersten Entschluß: sie erhob sich, als ob eine Feder sie auf ihre Beine geschnellt hätte und lief zum Abbé Fortier, um sich Erklärungen von ihm zu erbitten, und besonders, um einen letzten Versuch bei ihm zu wagen.

Pitou folgte mit den Augen seiner Tante bis auf die Schwelle der Türe; dann, als sie verschwunden war, trat er ebenfalls auf diese Schwelle und sah sie mit einer Geschwindigkeit, von der er keinen Begriff hatte, nach der Rue de Soissons gehen. Von da an blieb ihm kein Zweifel mehr über die Absichten von Mademoiselle Angélique, und er war überzeugt, sie begebe sich zu seinem Lehrer.

Das bedeutete wenigstens eine Viertelstunde Ruhe. Pitou beschloß, diese Viertelstunde, die ihm die Vorsehung bewilligte, zu benützen. Er raffte die Ueberreste des Mittagsmahles seiner Tante zusammen, um seine Eidechsen zu füttern; er haschte ein paar Fliegen für seine Ameisen und seine Frösche; dann öffnete er nach und nach den Brotkasten und den Schrank, und sorgte für seine eigene Sättigung, denn mit der Einsamkeit war bei ihm der Appetit wiedergekehrt.

Als er alle seine Anordnungen getroffen hatte, lauerte er an der Thüre, um nicht bei der Rückkehr seiner zweiten Mutter überrascht zu werden.

Mademoiselle Angélique betitelte sich die zweite Mutter von Pitou.

Während er so lauerte, kam eine hübsche junge Person am Ende des Pleux, dem Gäßchen folgend, das von der Rue de Soissons nach der Rue de l'Ormet führt, vorüber. Sie saß auf dem Kreuz eines mit zwei Körben beladenen Pferdes, wovon der eine mit Hühnern, der andere mit Tauben gefüllt war; das war Katharine. Als sie Pitou auf der Schwelle seiner Tante erblickte, hielt sie an.

Pitou errötete seiner Gewohnheit gemäß; dann verharrte er mit aufgesperrtem Mund und schaute, d. h. bewunderte, denn die Billotte war für ihn der höchste Ausdruck menschlicher Schönheit.

Das junge Mädchen warf einen Blick in die Straße, grüßte Pitou durch ein leichtes Nicken mit dem Kopf und zog ihres Weges.

Pitou erwiderte den Gruß, bebend vor Behagen.

Diese kleine Scene dauerte gerade lange genug, daß der große Schüler, ganz seiner Betrachtung hingegeben und beständig nach dem Platze schauend, wo Katharine gewesen war, seine Tante nicht gewahrte, die vom Abbé Fortier zurückkam und ihn plötzlich, erbleichend vor Zorn, bei der Hand faßte.

Durch diese elektrische Erschütterung, die bei ihm immer das Berühren von Mademoiselle Angélique verursachte, unversehens aus seinem schönen Traume aufgeweckt, wandte sich Ange um, richtete seine Augen vom zornigen Gesicht seiner Tante auf seine eigene Hand und sah sich zu seinem Schrecken mit einer ungeheuren Hälfte von einer Semmel versehen, auf der, zu freigebig aufgestrichen, zwei Lagen frische Butter und darüber weißer Käse erschienen.

Mademoiselle Angélique stieß einen Schrei der Wut und Pitou einen Seufzer der Angst aus. Angélique hob ihren gekrümmten Finger auf, Pitou neigte das Haupt: Angélique bemächtigte sich eines Besenstiels, der nur zu nahe bei ihr stand, Pitou ließ seine Semmel fallen und lief ohne weitere Erklärung davon.

Diese zwei Herzen hatten sich verstanden, sie hatten begriffen, daß fortan nichts mehr unter ihnen bestehen könne.

Mademoiselle Angélique ging hinein und schloß die Thüre doppelt. Pitou, den das Knirschen des Schlosses wie eine Fortsetzung des Sturmes erschreckte, verdoppelte seine Geschwindigkeit.

Aus dieser Scene ging eine Wirkung hervor, die Mademoiselle Angélique entfernt nicht vorhersah, und die Pitou sicherlich ebenso wenig erwartete.




V.

Ein philosophischer Pächter


Pitou lief, als ob ihm alle Teufel der Hölle auf den Fersen wären, und war in einem Augenblick außerhalb der Stadt.

Als er sich um die Ecke des Kirchhofs wandte, wäre er beinahe mit der Nase auf das Hinterteil eines Pferdes gefallen.

»Ei! mein Gott,« sagte eine sanfte Stimme, »wohin laufen Sie denn so, Herr Ange? Sie haben uns so erschreckt, daß Cadet beinahe durchgegangen wäre.«

»Ah! Mademoiselle Katharine,« rief Pitou, mehr seine eigenen Gedanken, als die Frage des Mädchens beantwortend, »ah! Mademoiselle Katharine, welch ein Unglück, mein Gott, welch ein Unglück!«

»Jesus! Sie machen mir bange,« sagte das Mädchen, sein Pferd mitten auf der Straße anhaltend. »Was giebt es denn, Herr Ange?«

»Es giebt,« antwortete Pitou, als ob er ein Sündengeheimnis enthüllen sollte, »es giebt, daß ich nicht Abbé sein werde, Mademoiselle Katharine.«

Doch statt sich in dem Sinne zu gebärden, den Pitou erwartete, schlug die Billotte ein gewaltiges Gelächter auf.

»Sie werden nicht Abbé sein?« sagte sie.

»Nein,« antwortete Pitou bestürzt; es scheint, das ist unmöglich.

»Nun! so werden Sie Soldat,« versetzte Katharine.

»Soldat?«

»Allerdings. Mein Gott! man muß wessen einer solchen Kleinigkeit nicht in Verzweiflung geraten! Anfangs glaubte ich, Sie hätten mir den Tod Ihrer Mademoiselle Tante zu verkündigen.«

»Ah!« sprach Pitou mit Empfindung, es ist gerade dasselbe für mich, wie wenn sie tot wäre, da sie mich fortjagt.

»Verzeihen Sie, es fehlt Ihnen die Befriedigung, sie beweinen zu können,« entgegnete Katharine.

Und sie lachte auf das heiterste, was bei Pitou abermals ein Aegernis bereitete.

»Haben Sie denn nicht gehört, daß sie mich fortjagt!« rief der Schüler in Verzweiflung.

»Ei! desto besser!«

»Sie sind sehr glücklich, daß Sie so lachen können, und das beweist, daß Sie einen äußerst angenehmen Charakter haben, da der Kummer der andern keinen großen Eindruck auf Sie macht.«

»Und wer sagt Ihnen denn, daß ich Sie, wenn Ihnen ein wahres Unglück zustieße, nicht beklagen würde, Herr Ange Pitou.«

»Sie würden mich beklagen, wenn mir ein wahres Unglück zustieße? Sie wissen also nicht, daß ich keine Mittel mehr habe?«

»Abermals desto besser!« rief Katharine. Pitou wußte gar nicht mehr, was er denken sollte.

»Und essen!« sagte er, »man muß doch essen, Mademoiselle! besonders ich, der ich immer Hunger habe.«

»Sie wollen also nicht arbeiten,« Herr Pitou?

»Arbeiten! was? Herr Fortier und meine Tante Angélique haben mir mehr als hundertmal wiederholt, ich tauge zu nichts. Ah! wenn man mich zu einem Tischler, oder zu einem Stellmacher in die Lehre gethan hätte, statt einen Abbé aus mir machen zu wollen! Hören Sie Mademoiselle Katharine,« fügte Pitou mit einer Gebärde der Verzweiflung bei, »es ruht offenbar ein Fluch auf mir.«

»Ach!« sprach Katharine mitleidig, denn sie kannte, wie jedermann, die klägliche Geschichte von Pitou, »es ist etwas Wahres an dem, was Sie da sagen, mein lieber Herr Ange, doch warum thun Sie Eines nicht?«

»Was?« fragte Pitou, der sich an den zukünftigen Vorschlag von Katharine anklammerte, wie ein Ertrinkender sich an einen Weidenzweig anklammert. »Sprechen Sie, was?«

»Sie haben einen Gönner, wie mir scheint.«

»Den Herrn Doktor Gilbert.«

»Sie waren der Klassenkamerad seines Sohnes, da er, wie Sie, beim Abbé Fortier erzogen worden ist.«

»Ich glaube wohl, und ich habe es mehr als einmal verhindert, daß er geprügelt wurde.«

»Nun denn! warum wenden Sie sich nicht an seinen Vater? Er wird Sie nicht verlassen.«

»Ah! ich würde das sicherlich thun, wenn ich wüßte, was aus ihm geworden ist. Aber vielleicht weiß es Ihr Vater, Mademoiselle Billot, da der Doktor Gilbert sein Grundherr ist.«

»Ich weiß, daß er ihm einen Teil der Pachtgelder nach Amerika zu schicken hatte, und daß er das andere einem Notar in Paris übergeben mußte.«

»Ah!« sagte Pitou seufzend, nach Amerika; »das ist sehr fern.«

»Sie würden nach Amerika gehen?« fragte das Mädchen, beinahe erschrocken über den Entschluß von Pitou.

»Ich, Mademoiselle Katharine? Nie! nie! Wenn ich wüßte, wo und was ich essen sollte, so befände ich mich sehr wohl in Frankreich.«

»Sehr wohl,« wiederholte Katharine.

Pitou schlug die Augen nieder. Das Mädchen schwieg. Dieses Stillschweigen dauerte einige Zeit. Pitou war in Träumereien versunken, die den Abbé Fortier, einen logischen Mann, sehr in Erstaunen gesetzt hätten.

Von einem dunkeln Punkte ausgegangen, hatten sich diese Träumereien aufgeklärt; dann wurden sie verworren, obgleich glänzend wie Blitze, deren Ursprung verborgen, deren Quelle verloren ist.

Cadet hatte sich indessen im Schritt in Marsch gesetzt, und Pitou ging neben Cadet, eine Hand auf einen der Körbe gestützt. Katharine aber, die ihrerseits träumte wie Pitou seinerseits, ließ die Zügel auf dem Halse ihres Renners hängen, ohne daß sie befürchtete, er konnte durchgehen. Ueberdies gab es kein Ungeheuer auf dem Wege, und Cadet war von einer Rasse, die keine Ähnlichkeit mit den Pferden von Hippolyt hatte.

Pitou blieb maschinenmäßig stehen, als das Pferd stehen blieb. Man war vor dem Pachthof angekommen.

»Ah! Du bist es, Pitou,« rief ein Mann von mächtiger Gestalt, der ziemlich stolz vor einer Lache aufgepflanzt war, wo er sein Pferd trinken ließ.

»Ei! mein Gott! ja, Herr Billot, ich bin es.«

»Abermals begegnet diesem armen Pitou ein Unglück, sagte Katharine, während sie vom Pferde sprang, ohne sich darum zu bekümmern, ob ihr auffliegender Rock die Farbe ihrer Kniebänder zeigen würde. Seine Tante jagt ihn fort.«

»Und was hat er denn wieder der alten Betschwester gethan?« fragte der Pächter.

»Es scheint, ich bin nicht stark genug im Griechischen,« antwortete Pitou.

Er prahlte, der Geck; im Lateinischen, hätte er sagen müssen.

»Nicht stark genug im Griechischen?« fragte der Mann mit den breiten Schultern, »und warum willst du stark im Griechischen sein?«

»Um den Theokrit zu erklären und die Iliade zu lesen.«

Und wozu würde es dir nützen, den Theokrit zu erklären und die Iliade zu lesen?

»Das würde mir helfen Abbé zu werden.«

»Bah! versetzte Herr Billot; kann ich Griechisch? kann ich Lateinisch? kann ich Französisch? kann ich schreiben? kann ich lesen? Verhindert mich das, zu säen, zu ernten und einzufahren?«

»Ja, doch Sie, Herr Billot, Sie sind nicht Abbé, Sie sind Ackermann, agricola, wie Virgil sagt. O fortunatos nimium  . . .«

»Nun, glaubst du denn, ein Ackermann komme einem Pfaffen nicht gleich, sprich doch, schlimmer Chorknabe, besonders wenn dieser Ackermann sechzig Morgen Land in der Sonne und eintausend Louisd'or im Schatten hat?«

»Man hat mir immer gesagt, Abbé zu sein, sei das beste, was es auf der Welt gebe; es ist wahr,« fügte Pitou auf seine angenehmste Weise lächelnd bei, »ich hörte nicht immer auf das, was man mir sagte.«

»Und das war nicht schlecht, sondern recht. Du siehst, daß ich Verse mache, wenn ich mich damit befasse. Mir scheint, es ist in dir der Stoff, um etwas Besseres zu werden als ein Abbé, und es ist für dich ein Glück, wenn du diesen Stand nicht ergreifst, besonders in diesem Augenblick. Siehst du, in meiner Eigenschaft als Pächter verstehe ich mich auf die Zeit, und die Zeit ist schlecht für die Abbés.«

»Bah!« versetzte Pitou.

»Ja, es wird Sturm geben,« sprach der Pächter. »Glaube also mir. Du bist ehrlich, du bist geschickt.«

Pitou verbeugte sich sehr geehrt, denn zum ersten Male in seinem Leben hatte man ihn geschickt genannt.

»Du kannst also ohne dieses deinen Lebensunterhalt verdienen,« fuhr der Pächter fort.

Während sie die Hühner und die Tauben niedersetzte, horchte Katharine mit Interesse auf das Gespräch, das sich zwischen Pitou und ihrem Vater entsponnen hatte.

»Meinen Lebensunterhalt verdienen?« versetzte Pitou; »das kommt mir schwierig vor.«

»Was kannst du thun?«

»Ich kann Leimruten stellen und Schlingen legen! ich ahme ziemlich gut den Gesang der Vögel nach, nicht wahr, Mademoiselle Katharine?«

»Oh! was das betrifft, das ist wahr, er singt wie ein Fink.«

»Ja, doch dies alles ist noch kein Gewerbe,« erwiderte der Vater Billot.

»Das sage ich ja, beim Blitz!«

»Du fluchst? das ist schon gut.«

»Wie, ich habe geflucht!« rief Pitou; »ich bitte um Verzeihung, Herr Billot.«

»Oh! keine Ursache, das begegnet mir auch zuweilen. Ei! Donner Gottes, fuhr er fort, indem er sich gegen sein Pferd umwandte, willst du ein wenig ruhig sein! diese verteufelten Percherons können doch nicht einen Augenblick still halten. Sprich,« fügte er sodann wieder zu Pitou, »bist du träge?«

»Ich weiß es nicht; ich habe nie etwas anderes getrieben, als Lateinisch und Griechisch, und  . . .«

»Ich muß sagen, das habe ich nicht besonders eifrig angegriffen.«

»Desto besser, das beweist, daß du noch nicht so dumm bist, als ich glaubte.«

Pitou riß die Augen in einer erschrecklichen Dimension auf: es war das erste Mal, daß er diese Ordnung von Ideen bekennen hörte, die alle Theorien, die er bis dahin gehört, umstürzte.

»Ich frage dich,« sagte Billot, »ob du bei der Strapaze träge seist.«

»Oh! bei der Strapaze, das ist etwas anderes, antwortete Pitou; nein, nein, nein, ich würde zehn Meilen machen, ohne müde zu werden.«

»Gut, das ist schon etwas; läßt man dich noch um einige Pfunde abmagern, so kannst du Läufer werden.«

»Abmagern?« versetzte Pitou, während er seine dünne Gestalt, seine langen knochigen Arme und seine langen, pfahlartigen Beine anschaute; »Herr Billot, mir scheint, ich sei schon mager genug.«

»Wahrhaftig, mein Freund,« sagte der Pächter lachend, »du bist ein Schatz.«

Das war ebenfalls das erste Mal, daß man Pitou zu einem so hohen Preis angeschlagen hatte. Er ging auch von einem Erstaunen zum andern über.

»Höre mich,« fuhr der Pächter fort, »ich frage dich, ob du träge bei der Arbeit seist?«

»Bei welcher Arbeit?«

»Bei der Arbeit im Allgemeinen.«

»Ich weiß es nicht; ich habe nie gearbeitet.«

Das Mädchen lachte; doch diesmal nahm der Vater Billot die Sache im Ernst.

»Diese Schufte von Priestern!« rief er, seine dicke Faust gegen die Stadt ausstreckend; »so erziehen sie die Jugend in der Faulenzerei und der Unbrauchbarkeit. Ich frage, wozu kann ein solcher Bursche seinen Brüdern nützen?«

»Oh! nicht zu viel, das weiß ich wohl. Zum Glück habe ich keine Brüder.«

»Keine Brüder? ich meine die Menschen im allgemeinen. Willst du zufällig sagen, es seien nicht alle Menschen Brüder?«

»Oh! doch; überdies steht das im Evangelium.«

»Und gleich?« fuhr der Pächter fort.

»Ah! das ist etwas anderes; wenn ich mit dem Abbé Fortier gleich gewesen wäre, so hätte er mir nicht so oft die Rute und die Schulgeißel gegeben; und wenn ich meiner Tante gleich gewesen wäre, so hätte sie mich nicht fortgejagt.«

»Ich sage dir, daß alle Menschen gleich sind,« sprach der Pächter, »und wir werden das wohl den Tyrannen beweisen.«

»Tyrannis!« rief Pitou.

»Und zum Belege dient, daß ich dich zu mir nehme.«

»Sie nehmen mich zu sich, mein lieber Herr Billot, nicht wahr, um meiner zu spotten, da Sie solche Dinge sagen?«

»Nein. Sprich, was brauchst du, um zu leben?«

»Ei! drei Pfund Brot ungefähr im Tage.«

»Und nebst deinem Brot?«

»Ein wenig Butter oder Käse.«

»Ah! ah! ich sehe, daß du nicht schwer zu ernähren bist. Nun denn! man wird dich ernähren.«

»Herr Pitou, sagte Katharine, haben Sie nichts anderes von meinem Vater zu verlangen?«

»Ich? oh, mein Gott, nein.«

»Und warum sind Sie denn hierher gekommen?«

»Weil Sie kamen.«

»Ah! das ist ganz galant, doch ich nehme das Kompliment nur für das an, was es wert ist. Sie sind gekommen, Herr Pitou, um sich bei meinem Vater nach Ihrem Gönner zu erkundigen.«

»Oh! das ist wahr. Wie drollig! ich hatte das vergessen.«

»Du meinst den würdigen Herrn Gilbert? sagte der Pächter mit einem Ton, der den Grund der tiefen Achtung bezeichnete, die er für seinen Grundherrn hegte.«

»Ganz richtig, erwiderte Pitou, doch ich bedarf seiner nicht mehr, und da Herr Billot mich zu sich nimmt, so kann ich ruhig seine Rückkehr von Amerika abwarten.«

»In diesem Fall wirst du nicht lange zu warten haben, mein Freund, denn er ist zurückgekehrt.«

»Ah!« rief Pitou, »und wann dies?«

»Ich weiß das nicht genau, aber ich weiß, daß er vor acht Tagen in Havre war, denn es steckt dort in meinen Holftern ein Päckchen, das von ihm kommt. Er hat es bei seiner Ankunft, an mich adressiert, und es ist mir heute morgen in Villers-Cotterets zugestellt worden.«

»Wer sagt Ihnen denn, es sei von ihm, mein Vater?«

Es war ja ein Brief in dem Päckchen.

»Entschuldigen Sie, mein Vater,« versetzte lächelnd Katharine, »ich glaubte, Sie könnten nicht lesen. Ich sage Ihnen das, Papa, weil Sie sich rühmen, daß Sie es nicht können!«

»Ja wohl, ich rühme mich dessen! man soll sagen können: »»Der Vater Billot ist niemand etwas schuldig, nicht einmal einem Schulmeister. Der Vater Billot hat sein Glück durch sich selbst gemacht!«« Das soll man sagen können! Ich habe also den Brief nicht gelesen, sondern der Quartiermeister der Gendarmerie, den ich traf.«

»Und was steht in diesem Brief, mein Vater? Nicht wahr, er ist immer noch mit uns zufrieden?«

»Urteile selbst.«

Und der Pächter zog aus seiner ledernen Tasche einen Brief, den er seiner Tochter reichte.

Katharine las:



Mein lieber Herr Billot!

»Ich komme aus Amerika, wo ich ein Volk gefunden habe, das reicher, größer und glücklicher ist, als das unsere. Das rührt davon her, daß es frei ist, während wir es nicht sind. Doch wir gehen auch einer neuen Zeit zu, und jeder muß daran arbeiten, den Tag zu beschleunigen, wo das Licht scheinen wird. Ich kenne Ihre Grundsätze, mein lieber Herr Billot; ich weiß, welchen Einfluß Sie auf die anderen Pächter, und besonders auf die ganze brave Bevölkerung von Arbeitern und Ackerleuten üben, denen Sie nicht als ein König, sondern als ein Vater befehlen. Pflanzen Sie ihnen die Grundsätze der Aufopferung und der Brüderschaft, die ich in Ihnen erkannt habe, ein. Die Philosophie ist allgemein, alle Menschen müssen ihre Rechte und ihre Pflichten beim Scheine ihrer Kerzen lesen. Ich sende Ihnen ein kleines Buch, in dem alle diese Pflichten und alle diese Rechte bezeichnet sind. Das Buch ist von mir, obgleich mein Name nicht auf dem Titel steht. Verbreiten Sie die Grundsätze desselben: es sind die der allgemeinen Gleichheit. Lassen Sie das Buch an den langen Winterabenden vorlesen. Das Lesen ist die Nahrung des Geistes, wie das Brot die Nahrung des Körpers ist.

»An einem dieser Tage werde ich Sie besuchen und Ihnen eine neue Art der Pachtung vorschlagen, die in Amerika sehr üblich ist. Sie besteht darin, daß die Ernte zwischen dem Pächter und dem Grundeigentümer geteilt wird, was mir mehr nach den Gesetzen der Urgesellschaft und besonders nach dem Herzen Gottes zu sein scheint.

Gruß und Brüderschaft.

    Honoré Gilbert,
    Bürger von Philadelphia.

»Ho! ho!« rief Pitou, »das ist ein Brief, der mir gut abgefaßt zu sein scheint.«

»Nicht wahr?« sagte Billot.

»Ja, mein lieber Vater,« sprach Katharine, »doch ich bezweifle, ob der Gendarmerieleutnant Ihrer Ansicht ist.«

»Und warum dies?«

»Weil meines Dafürhaltens dieser Brief nicht nur den Doktor Gilbert, sondern auch Sie gefährden kann.«

»Bah!« sagte Billot, »du hast immer Angst; nichtsdestoweniger ist hier die Broschüre, und dein Geschäft, Pitou, ist völlig gefunden. Am Abend wirst du lesen.«

»Und am Tage?«

»Am Tage wirst du die Schafe und die Kühe hüten. Hier ist indessen deine Broschüre,« sagte der Pächter.

Und er zog aus seinen Holftern eine von jenen kleinen Broschüren mit roter Decke, wie man sie in großer Anzahl in jener Zeit mit und ohne Erlaubnis der Behörden veröffentlichte.

Nur wagte in letzterem Fall der Verfasser die Galeere.

»Lies mir den Titel hievon, Pitou, damit ich einstweilen vom Titel sprechen kann, bis ich vom Werte spreche. Du wirst mir das übrige später lesen.«

Pitou las auf der ersten Seite die Worte, die der Gebrauch seitdem sehr unbestimmt und sehr unbedeutend gemacht hat, die aber in jener Zeit einen tiefen Widerhall in allen Herzen fanden:

Von der Unabhängigkeit des Menschen und von der Freiheit der Nation.

»Was sagst du dazu, Pitou?« fragte der Pächter.

»Mir scheint, Herr Billot, die Unabhängigkeit und die Freiheit, das ist dasselbe; mein Gönner wäre von Herrn Fortier wegen dieses Pleonasmus aus der Schule gejagt worden.«

»Pleonasmus oder nicht, dieses Buch ist das eines Mannes,« erwiderte der Pächter.

»Gleichviel, mein Vater,« sagte Katharine mit jenem wunderbaren Instinkt der Frauen, »ich bitte Sie inständig, verbergen Sie es. Ich weiß, daß ich zittere, wenn ich es nur sehe.«

»Und warum soll es mir schaden, wenn es seinem Verfasser nicht geschadet hat?«

»Was wissen Sie davon, mein Vater; dieser Brief ist vor acht Tagen geschrieben worden, und das Päckchen konnte nicht acht Tage brauchen, um von Havre hierherzukommen. Ich habe heute morgen auch einen Brief erhalten.«

»Von wem?«

»Von Sebastian Gilbert, der uns seinerseits schreibt; er beauftragt mich sogar, viele Dinge seinem Milchbruder Pitou zu sagen; ich hatte den Auftrag vergessen.«

»Nun?«

»Nun, er schreibt, seit drei Tagen erwarte man in Paris seinen Vater, der ankommen sollte und nicht ankommt.«

»Die Mademoiselle hat recht,« sagte Pitou, »mir scheint, dieser Verzug ist beunruhigend.«

»Schweige, Furchtsamer, und lies die Abhandlung, des Doktors,« rief der Pächter; »dann wirst du nicht nur ein Gelehrter, sondern auch ein Mensch werden.«

Man sprach so in jener Zeit, denn man war bei der Vorrede von jener großen griechischen und römischen Geschichte, welche die französische Nation, zehn Jahre hindurch in allen ihren Phasen: Aufopferungen, Ächtungen, Siegen und Sklaverei, kopierte.

Pitou schob das Buch mit einer so feierlichen Geberde unter den Arm, daß er vollends das Herz des Pächters gewann.

»Sage nun, hast du zu Mittag gegessen?« fragte Billot,

»Nein, Herr,« antwortete Pitou, die halb religiöse, halb heroische Stellung behauptend, die er, seitdem er das Buch empfangen, angenommen hatte.

»Er wollte eben essen, als er fortgejagt wurde,« sagte das Mädchen.

»Nun denn!« sprach der Pächter, »verlange von der Mutter Billot die Kost des Pachthofes, und morgen wirst du deine Funktionen antreten.«

Pitou dankte mit einem beredten Blick Herrn Billot und trat, geführt von Katharine, in die Küche ein, welcher Teil des Hauses unter der unumschränkten Herrschaft von Frau Billot stand.




VI.

Hirtengedichte


Frau Billot war eine dicke Mama von fünfunddreißig bis sechsunddreißig Jahren, kugelrund, frisch, fleischig, herzlich; sie trabte ohne Unterschied vom Taubenhaus zum Hühnerhaus, vom Schafstall zum Kuhstall, inspizierte ihre Öfen, ihre Kessel und ihren Braten, beurteilte mit einem einzigen Blick, ob alles an seinem Platze stand, und nach dem Geruch allein, ob Thymian und Lorbeer in den Kasserollen in genügender Quantität verteilt waren; brummte aus Gewohnheit, aber ohne die entfernte Absicht, daß ihnen ihre Brummerei unangenehm sein sollte, gegen ihren Mann, den sie ehrte, wie den höchsten Potentaten, ihre Tochter und gegen ihre Taglöhner, die sie speiste, wie keine Pächterin auf zehn Meilen in der Runde die ihrigen speiste. Es fand sehr große Konkurrenz statt, um bei Herrn Billot unterzukommen. Aber auch hier waren leider, wie im Himmel, im Vergleich zu denen, die erschienen, viele Berufene und wenig Auserwählte.

Wir haben gesehen, daß Pitou, ohne berufen zu sein, auserwählt worden war. Das war ein Glück, das er zu seinem wahren Wert schätzte, besonders als er das goldgelbe Brot sah, das man zu seiner Linken legte, den Äpfelmostkrug, den man zu seiner Rechten stellte, und das Stück gesalzene Fleisch, das man ihm vorsetzte. Seit der Zeit, wo er seine arme Mutter verloren, und das war fünf Jahre her, hatte Pitou selbst an Festtagen keine solche Kost genossen.

Voll Dankbarkeit fühlte auch Pitou in demselben Maße, in dem er das Brot verschluckte und das gesalzene Fleisch mit einem reichlichen Aufguß von Äpfelmost befeuchtete, seine Bewunderung für den Pächter, seine Achtung für dessen Frau und seine Liebe für ihre Tochter zunehmen. Ein einziger Umstand quälte ihn: das war die demütigende Funktion, der zufolge er am Tage die Schafe und die Kühe hüten sollte, eine Funktion, die so wenig im Einklang mit der stand, welche ihm für den Abend vorbehalten war und die Belehrung der Menschheit über die erhabensten Grundsätze der Gesellschaft und der Philosophie zum Zwecke hatte. Pitou träumte davon nach seinem Mittagessen, doch selbst in dieser Träumerei machte sich der Einfluß des vortrefflichen Mahles fühlbar. Pitou sing an, die Dinge unter einem ganz andern Gesichtspunkte zu betrachten, als er dies nüchtern gethan hatte. Die Funktionen eines Schäfers und Kuhhirten, die er als so sehr unter seiner Person ansah, waren von Göttern und Halbgöttern verrichtet worden.

In einer der seinigen ungefähr ähnlichen Lage, nämlich von Jupiter aus dem Olymp weggejagt, wie er, Pitou, durch seine Tante Angélique vom Pleux weggejagt worden, hat sich Apollo zum Hirten gemacht und die Herden von Admetos gehütet; allerdings war Admetos ein König-Hirte, Apollo war aber auch ein Gott.

Herkules war etwas wie Kuhhirte gewesen, da er, wie die Mythologie sagt, die Kühe von Geryon am Schweif gezogen; und ob man die Kühe am Schweif oder am Kopf führt, das ist ein Unterschied in den Gewohnheiten von demjenigen, welcher sie führt, und nichts anderes; im ganzen bleibt er immer ein Kuhführer oder Kuhhirte.

Mehr noch, jener von Virgil erwähnte Titerus, der am Fuße einer Buche liegt und sich in so schönen Versen zu der Ruhe, die ihm Augustus bereitet hat. Glück wünscht, war auch ein Schäfer. Ferner war ein Schäfer jener Mecibeus, der sich so poetisch darüber beklagt, daß er seinen Herd verlassen soll.

Sicherlich sprachen alle diese Leute gut genug Lateinisch, um Abbés zu werden, und dennoch wollten sie lieber ihre Ziegen den bittern Geißklee abweiden sehen, als Messe lesen oder Vesper singen. Es mußte also, im ganzen genommen, der Stand eines Hirten auch seine Reize haben. Wer hielt übrigens Pitou ab, ihm die Würde und die Poesie zurückzugeben, die er verloren? Wer hielt Pitou ab, den Palämons und Menalkes der umliegenden Dörfer Gesangskämpfe vorzuschlagen? Niemand. Sicherlich hatte Pitou mehr als einmal auf dem Chor gesungen, und wenn er nicht von dem Abbé Fortier, der ihn sogleich mit seiner gewöhnlichen Strenge der Würde als Chorknabe entsetzte, beim Austrinken des Weines der Meßkännchen ertappt worden wäre, so konnte ihn dieses Talent weit führen. Er verstand es allerdings nicht, die Hirtenflöte zu blasen, aber er wußte in allen Tonarten das Röhrchen zu spielen, was sich ungemein gleichen mußte. Er schnitt zwar seine Flöte nicht selbst aus Röhren von ungleicher Größe, aber aus Zweigen vom Lindenbaum und vom Kastanienbaum machte er Pfeifen, deren Vollkommenheit ihm den Beifall seiner Kameraden eintrug. Pitou konnte also Schäfer sein, ohne sich zu sehr herabzuwürdigen; er stieg zu diesem in neuerer Zeit schlecht geschätzten Stande nicht herab, er hob ihn vielmehr zu sich hinauf.

Überdies waren die Schäfereien unter die Leitung von Mademoiselle Billot gestellt, und Befehle aus dem Munde Katharinens erhalten, hieß nicht Befehle erhalten.

Doch Katharine wachte ihrerseits über der Würde von Pitou.

Als an demselben Abend der junge Mann auf sie zutrat und sie fragte, um welche Stunde er abgehen müsse, um mit den Schäfern zusammenzutreffen, antwortete Katharine lächelnd:

»Sie werden nicht abgehen.«

»Warum nicht?« fragte Pitou erstaunt.

»Ich habe meinem Vater begreiflich gemacht, die Erziehung, die Sie erhielten, stelle Sie über die Beschäftigung, die er Ihnen zugeschieden. Sie werden im Pachthofe bleiben.«

»Ah! desto besser,« rief Pitou; »somit werde ich Sie nicht verlassen.«

Der Ausruf war dem naiven Pitou entschlüpft. Doch er war nicht so bald aus seinem Munde, als ihm die Röte bis über die Ohren stieg, während Katharine ihrerseits den Kopf senkte und lächelte.

»Ach! verzeihen Sie, das ist mir unwillkürlich aus dem Herzen gekommen. Sie dürfen mir darum nicht grollen,« sagte Pitou.

»Ich grolle Ihnen auch nicht, Herr Pitou,« erwiderte Katharine, »es ist nicht Ihre Schuld, wenn Sie ein Vergnügen daran finden, bei mir zu bleiben.«

Hier trat ein kurzes Stillschweigen ein. Darüber darf man sich nicht wundern; die zwei armen Kinder hatten sich so viele Dinge in so wenig Worten gesagt!

»Aber ich kann nicht im Pachthofe bleiben, ohne hier etwas zu thun. Was werde ich im Pachthofe thun?« fragte Pitou.

»Sie werden thun, was ich that. Sie werden die Schreibereien, die Abrechnungen mit den Taglöhnern besorgen, die Einnahmen und Ausgaben verzeichnen. Sie können doch rechnen, nicht wahr?«

»Ich weiß meine vier Regeln,« antwortete Pitou stolz.

»Also eine mehr als ich,« sagte Katharine. »Ich habe es nie über die dritte bringen können. Sie sehen wohl, mein Vater wird dabei gewinnen, daß er Sie als Rechnungsführer hat; und da ich meinerseits dabei gewinnen werde, und da Sie Ihrerseits dabei gewinnen werden, so wird alle Welt gewinnen«.

»Und was gewinnen Sie dabei, Mademoiselle Katharine?« fragte Pitou.

»Ich gewinne dabei Zeit, und während dieser Zeit werde ich mir Hauben machen, um hübscher zu sein.«

»Ah!« rief Pitou, »ich finde Sie schon sehr hübsch ohne Haube.«

»Wohl möglich! doch das ist Ihr eigentümlicher Geschmack,« erwiderte lachend das Mädchen. Übrigens kann ich am Sonntag nicht in Villers-Cotterets tanzen, ohne eine Art von Haube auf dem Kopfe zu haben. Das ist gut für die vornehmen Damen, die Puder zu nehmen und mit bloßem Kopfe zu gehen berechtigt sind.«

»Ich finde Ihre Haare schöner, als wenn sie Puder hätten.«

»Ah! ah! ich sehe, Sie sind gekommen, um mir Komplimente zu machen.«

»Nein, Mademoiselle Katharine, das verstehe ich nicht. Beim Abbé Fortier hat man das nicht gelernt.«

»Hat man dort tanzen gelernt?«

»Tanzen?« fragte Pitou erstaunt.

»Ja, tanzen.«

»Tanzen, beim Abbé Fortier? Jesus! Mademoiselle Katharine, ah! ja wohl, tanzen!«

»Also können Sie nicht tanzen?«

»Nein.«

»Nun! so werden Sie mich am nächsten Sonntag zum Tanze begleiten und zusehen, wie Herr von Charny tanzt; er tanzt am besten von allen jungen Leuten der Umgegend.«

»Wer ist das, Herr von Charny?«

»Er ist der Eigentümer des Schlosses Boursonne.«

»Er wird also am Sonntag tanzen?«

»Gewiß.«

»Und mit wem?«

»Mit mir.«

Das Herz von Pitou schnürte sich zusammen, ohne daß er wußte, warum.

»Also um mit ihm zu tanzen, wollen Sie sich schön machen?«

»Um mit ihm zu tanzen, um mit den anderen zu tanzen, um mit aller Welt zu tanzen.«

»Mit mir ausgenommen.«

»Und warum nicht mit Ihnen?«

»Weil ich nicht zu tanzen verstehe.«

»Sie werden es lernen.«

»Ah! wenn Sie es mir zeigen wollten, Sie, Mademoiselle Katharine, so würde ich es viel besser lernen, als wenn ich Herrn von Charny zuschaue, das versichere ich Sie.«

»Wir werden sehen,« sagte Katharine; »mittlerweile ist es Zeit, zu Bette zu gehen; gute Nacht, Pitou.«

»Gute Nacht, Mademoiselle Katharine.«

Es war Gutes und Schlimmes in dem, was Katharine Pitou gesagt hatte: das Gute, daß er von der Stelle eines Hirten zu der eines Buchhalters erhoben worden war; das Schlimme, daß er nicht tanzen konnte, während es Herr von Charny konnte; nach der Aussage von Katharine tanzte dieser sogar besser als alle anderen.

Pitou träumte die ganze Nacht, er sähe Herrn von Charny tanzen, und er tanze sehr schlecht.

Am andern Tage ging Pitou unter der Leitung von Katharine ans Geschäft; da fiel ihm eines auf: wie nämlich das Studieren bei gewissen Lehrern eine sehr angenehme Sache ist. Nach zwei Stunden war er vollkommen in seiner Arbeit bewandert.

»Ah! Mademoiselle Katharine,« sagte er, »wenn Sie mich das Lateinische gelehrt hätten, statt daß es der Abbé Fortier that, ich glaube, ich hätte keine Barbarismen gemacht.«

»Und Sie wären Abbé geworden?«

»Und ich wäre Abbé geworden.«

»Somit hätten Sie sich in ein Seminar eingeschlossen, in das nie eine Frau hätte kommen können?«

»Ah!« rief Pitou, »daran habe ich nie gedacht, Mademoiselle Katharine  . . . ich will lieber nicht Abbé sein.«

Um neun Uhr kam der Vater Billot zurück; er war weggegangen, ehe sich Pitou von seinem Lager erhoben hatte. Jeden Morgen um drei Uhr beaufsichtigte der Pächter persönlich den Abgang seiner Pferde und seiner Fuhrleute; dann lief er bis um neun Uhr auf den Feldern umher, um zu sehen, ob jedermann an seinem Posten sei, und ob alle ihre Arbeit verrichteten; um neun lehrte er zum Frühstück zurück, um zehn Uhr begab er sich abermals von Hause weg; um ein Uhr aß man zu Mittag, und der Nachmittag, wie die Stunden des Vormittags, war der Beaufsichtigung gewidmet. Die Geschäfte des Vaters Billot gingen auch vortrefflich. Er besaß, wie er gesagt hatte, seine sechzig Morgen in der Sonne und eintausend Louisd'or im Schatten,

Beim Frühstück eröffnete der Pächter Pitou, die erste Vorlesung des Werkes von Doktor Gilbert werde in zwei Tagen in der Scheune, um zehn Uhr morgens, stattfinden.

Pitou bemerkte hierauf schüchtern, zehn Uhr morgens sei die Stunde der Messe; aber der Pächter erwiderte, er habe gerade diese Stunde gewählt, um seine Arbeiter auf die Probe zu stellen.

Der Vater Billot war, wie gesagt, Philosoph.

Er haßte die Priester als Apostel der Tyrannei, und fand er eine Gelegenheit, Altar gegen Altar zu errichten, so ergriff er sie voll Eifer.

Frau Billot und Katharine wagten auch einige Bemerkungen; doch der Pächter erwiderte, die Frauen werden in die Messe gehen, wenn sie wollen, in Betracht, daß die Religion für die Weiber gemacht sei; was aber die Männer betreffe, so sollen sie die Vorlesung des Werkes vom Doktor anhören, oder bei ihm austreten.

Der Philosoph Billot war sehr Despot in seinem Hause; Katharine allein hatte das Vorrecht, die Stimme gegen seine Entscheidungen zu erheben; waren aber diese Entscheidungen dergestalt im Geiste des Pächters festgestellt, daß er Katharine antwortete mit finsterer Stirne, so schwieg diese wie die andern.

Nur gedachte Katharine aus den Umständen Nutzen für Pitou zu ziehen. Während sie vom Tische aufstand, bemerkte sie ihrem Vater, um alle die schönen Dinge vorzutragen, die er am zweiten Tage zu sagen habe, sei Pitou sehr ärmlich gekleidet; er spiele die Rolle des Lehrers, der da unterrichte, und der Lehrer dürfe nicht vor seinen Schülern zu erröten haben.

Billot bevollmächtigte seine Tochter, über die Kleidung von Pitou mit Herrn Dulauroy, dem Schneider von Villers-Cotterets, übereinzukommen.

Katharine hatte recht, und eine neue Kleidung war keine Sache des Luxus für den armen Pitou: er trug immer noch die Hosen, die ihm fünf Jahre vorher der Doktor Gilbert hatte machen lassen, die von zu lang zu kurz geworden waren, aber sich, das ist nicht zu leugnen, durch die Sorge von Mademoiselle Angélique um zwei Zoll jährlich verlängert hatten. Was den Rock und die Weste betrifft, so waren diese Kleidungsstücke seit mehr als zwei Jahren verschwunden und durch den serschenen Kittel ersetzt worden, mit dem unser Held schon in den ersten Kapiteln dieser Geschichte vor den Augen unserer Leser erschienen ist.

Pitou hatte nie an seinen Anzug gedacht. Der Spiegel war etwas Unbekanntes bei Mademoiselle Angélique, und da er nicht wie der schöne Narcissus die Urneigung hatte, in sich selbst verliebt zu werden, so war es ihm auch nie eingefallen, sich in den Quellen, an denen er seine Ruten stellte, zu beschauen.

Doch seit dem Augenblick, wo ihm Katharine gesagt hatte, er könne sie zum Tanze begleiten, seit dem Augenblick, wo von Herrn von Charny, dem eleganten Kavalier, die Rede gewesen, seit der Stunde, wo die Geschichte mit den Hauben, auf die Katharine, um ihre Schönheit zu vermehren, rechnete, in das Ohr von Pitou gedrungen war, hatte Pitou in einen Spiegel geschaut und sich betrübt über den Verfall seiner Kleidung gefragt, auf welche Art auch er seine natürlichen Vorzüge etwas erhöhen könnte.

Leider war Pitou nicht imstande gewesen, sich auf diese Frage eine Antwort zu geben. Der Verfall seiner Kleidung beruhte auf ihrem Alter, um aber neue zu bekommen, mußte man Geld haben, und Pitou hatte in seinem Leben keinen Pfennig besessen.

Wohl hatte Pitou die Hirten, wenn sie sich um den Preis der Flöte oder der Verse stritten, sich mit Rosen bekränzen sehen; doch er dachte mit Recht, dieser Kranz, so gut er ihm auch zu Gesichte stehen dürfte, würde nur noch mehr die Armut seiner übrigen Kleidung hervorheben.

Pitou war also äußerst angenehm überrascht, als am Sonntag um acht Uhr morgens, während er über die Mittel, seine Person zu verschönern, nachsann, Herr Dulauroy eintrat und auf einen Stuhl einen Rock und himmelblaue Hosen nebst einer großen weißen, rosa gestreiften Weste legte.

Zu gleicher Zeit trat die Näherin ein und legte auf einen andern Stuhl ein Hemd und eine Halsbinde; paßte das Hemd gut, so hatte sie Befehl, ein halbes Dutzend zu machen.

Es war die Stunde der Ueberraschungen: hinter der Nähterin erschien der Hutmacher. Er brachte einen kleinen Dreispitz von der neuesten Form, voll Eleganz, kurz das beste, was man bei Herrn Corau, dem ersten Hutmacher von Villers-Cotterets verfertigte.

Es hatte überdies der Schuster den Auftrag, für Pitou ein Paar Schuhe mit silbernen Schnallen anzufertigen.

Pitou erholte sich nicht von seinem Erstaunen, er konnte nicht glauben, alle diese Reichtümer seien für ihn. In seinen übertriebensten Träumen hätte er es nicht gewagt, sich eine solche Garderobe zu wünschen. Thränen der Dankbarkeit befeuchteten seine Augenlider, und er vermochte nur die Worte zu murmeln: Oh! Mademoiselle Katharine, Mademoiselle Katharine, ich werde nie vergessen, was Sie für mich thun!

Alles dies ging ganz vortrefflich, als ob man das Maß an Pitou genommen hätte; nur die Schuhe fanden sich um die Hälfte zu klein. Herr Lautereau, der Schuster, hatte das Maß am Fuße seines Sohnes genommen, der vier Jahre älter war, als Pitou.

Dieser Vorzug von Pitou vor dem jungen Lautereau machte einen Augenblick unsern Helden stolz; doch die Bewegung des Stolzes war bald gemäßigt durch den Gedanken, er werde genötigt sein, ohne Schuhe zu dem Tanze zu gehen, oder mit seinen alten Schuhen, die durchaus nicht mehr zu seinem übrigen Anzug paßten. Doch diese Besorgnis war von kurzer Dauer: ein Paar Schuhe, das man zu gleicher Zeit dem Vater Billot schickte, machte die Sache ab. Es fand sich zum Glück, daß der Vater Billot und Pitou denselben Fuß hatten, was man sorgfältig, aus Furcht, ihn zu demütigen, vor dem Vater Billot verbarg.

Während Pitou damit beschäftigt war, diese kostbare Kleidung anzuziehen, trat der Friseur ein. Er teilte die gelben Haare von Pitou in drei Massen: die eine, und das war die stärkste, sollte unter der Form eines Zopfes auf seinen Rock herabfallen; die zwei anderen hatten die Bestimmung, die zwei Schläfen zu bekleiden, und zwar unter dem wenig poetischen Namen Hundsohren; doch was ist da zu sagen, das war einmal der Name.

Als Pitou gekämmt, frisiert, mit seinem blauen Rock und seinen blauen Hosen, mit seiner rosa Weste und seinem Jabot-Hemde, mit seinem Zopf und seinen Hundsohren sich im Spiegel betrachtete, hatte er große Mühe, sich selbst zu erkennen, und er wandte sich um, um zu sehen, ob nicht Adonis in Person auf die Erde herabgestiegen wäre.

Er war allein. Er lächelte sich freundlich zu und, den Kopf hoch, die Daumen in den Hosentaschen, sagte er zu sich selbst, indem er sich auf den Zehen erhob:

»Wir werden diesen Herrn von Charny sehen!  . . .«

Es ist wahr, daß Ange Pitou in seiner neuen Tracht nicht einem Schäfer von Virgil, wohl aber einem Schäfer von Watteau glich, wie sich zwei Wassertropfen gleichen.

Der erste Schritt, den Pitou bei seinem Eintritte in die Küche that, war auch ein Triumph.

»Ah! sehen Sie doch, Mama,« rief Katharine, »wie hübsch er ist!«

»Er ist allerdings nicht zu erkennen,« sagte Frau Billot.

Zum Unglück ging Katharine von der Gesamtheit, die das Mädchen angenehm berührt hatte, zu den Einzelheiten über. Pitou war minder hübsch in den Einzelheiten, als in der Gesamtheit

»Oh! wie drollig!« rief Katharine, »was für große Hände haben Sie!«

»Ja,« sagte Pitou, »nicht wahr, ich habe tüchtige Hände.«

»Und große Kniee.«

»Das ist ein Beweis, daß ich wachsen soll.«

»Aber mir scheint, Sie sind schon sehr groß, Herr Pitou.«

»Ich werde immerhin wachsen, denn ich bin erst siebenzehn und ein halbes Jahr alt.«

»Und keine Waden.«

»Ah! das ist wahr, durchaus keine; doch sie werden kommen.«

»Man muß es hoffen,« sagte Katharine. »Gleichviel, Sie sind sehr hübsch.«

Pitou verbeugte sich.

»Oho!« rief der Pächter, der nun eintrat und Pitou ebenfalls betrachtete. »Wie stattlich bist du nun, mein Junge! Ich möchte wohl, daß deine Tante Angélique dich sehen würde.«

»Ich auch,« sagte Pitou.

»Ich wäre begierig, zu wissen, was sie sagen würde,« versetzte der Pächter.

»Sie würde nichts sagen, sie würde wüten.«

»Aber, Papa,« sprach Katharine mit einer gewissen Besorgnis, »hätte sie nicht das Recht, ihn zurückzunehmen?«

»Da sie ihn fortgejagt hat!«

»Und dann sind die fünf Jahre abgelaufen,« sagte Pitou.

»Welche Jahre?« fragte Katharine.

»Die, für welche der Doktor Gilbert tausend Franken hinterlegt hatte.«

»Er hatte also tausend Franken für deine Tante hinterlegt?«

»Ja, ja, ja, um mich in eine Lehre zu schicken.«

»Das ist ein Mann!« rief der Pächter. »Wenn man bedenkt, daß ich alle Tage Aehnliches erzählen höre! Für ihn auch, er machte eine Gebärde mit der Hand, auf Leben und Tod!«

»Er wollte, daß ich ein Gewerbe lerne,« sagte Pitou.

»Und er hatte recht. So werden die guten Absichten vereitelt. Man hinterlegt tausend Franken, um einen Knaben ein Gewerbe lehren zu lassen, und statt ihn ein Gewerbe zu lehren, bringt man ihn zu einem Pfaffen, der einen Seminaristen aus ihm machen will. Und wie viel bezahlte sie deinem Abbé Fortier?«

»Wer?«

»Deine Tante.«

»Sie bezahlte ihm nichts.«

»Also steckte sie die zweihundert Livres des guten Herrn Gilbert ein?«

»Wahrscheinlich.«

»Höre, soll ich dir einen guten Rat geben, Pitou, so rate ich dir, wenn deine alte bigotte Tante abfährt, überall wohl nachzuschauen, in den Schränken, in den Strohsäcken, in den Gurkenhäfen.«

»Warum?« fragte Pitou.

»Siehst du, weil du in einem wollenen Strumpf einen Schatz finden wirst. Ei! gewiß, denn sie wird keine Börse gefunden haben, die groß genug gewesen wäre, um ihre Ersparnisse darin unterzubringen.«

»Sie glauben?«

»Ich bin fest davon überzeugt. Doch wir werden zu geeigneter Zeit hievon sprechen  . . . Hast du das Buch von Doktor Gilbert?«

»Ich habe es hier in meiner Tasche.«

»Mein Vater,« sagte Katharine, »haben Sie wohl überlegt?«

»Es bedarf keiner Ueberlegung, um gute Dinge zu thun, mein Kind,« erwiderte der Pächter; »der Doktor hat mir gesagt, ich soll das Buch lesen lassen, die Grundsätze, die es enthält, verbreiten; das Buch wird gelesen, und die Grundsätze werden verbreitet werden.«

»Und,« fragte Katharine schüchtern, »wir können in die Messe gehen, meine Mutter und ich?«

»Geht in die Messe,« antwortete Billot; »ihr seid Weiber, wir sind Männer, das ist etwas anderes; komm, Pitou.«

Pitou grüßte Frau Billot, und Katharine und folgte dem Pächter, ganz stolz darauf, daß man ihn einen Mann nannte.




VII.

Worin nachgewiesen ist, daß lange Beine, wenn sie auch ein wenig beim Tanzen beschwerlich werden, doch sehr nützlich beim Laufen sind


Es war zahlreiche Versammlung in der Scheune. Billot stand, wie gesagt, in großer Achtung bei seinen Leuten, in Betracht, daß er sie oft schalt, aber sehr gut nährte und sehr gut bezahlte.

Es hatte sich auch jeder beeifert, seiner Einladung Folge zu leisten.

Ueberdies war zu jener Zeit unter dem Volke das seltsame Fieber im Umlauf, das die Nationen erfaßt, wenn sie zur Arbeit zu schreiten im Begriffe sind. Sonderbare, neue, beinahe unbekannte Worte kamen aus dem Munde vieler Leute, die sie nie ausgesprochen hatten. Das waren die Worte Freiheit, Unabhängigkeit, Emanzipation, und seltsamerweise hörte man nicht nur unter dem Volke solche Worte aussprechen; nein, diese Worte waren vom Adel zuerst ausgesprochen worden, und die Stimme, die ihnen antwortete, war nur ein Echo.

Vom Westen war das Licht gekommen, das leuchten sollte, bis es brennen würde. In Amerika hatte sich die Sonne erhoben, die ihren Lauf vollbringend, aus Frankreich einen weiten Brand machen sollte, bei dessen Schein die erschrockenen Nationen das Wort »Republik«, mit blutigen Buchstaben geschrieben, lesen würden.

Diese Versammlungen, in denen man sich mit politischen Angelegenheiten beschäftigte, waren auch minder selten, als man glauben dürfte. Männer, von denen man nicht wußte, woher sie gekommen, Apostel eines unsichtbaren Gottes und beinahe unbekannt, liefen in den Städten und auf dem Lande umher und streuten überall Freiheitsworte aus. Bis dahin blind, fing die Regierung an, die Augen zu öffnen. Diejenigen, welche an der Spitze der großen Maschine standen, die man die öffentliche Sache nennt, fühlten gewisse Räder lahm werden, ohne daß sie begreifen konnten, woher das Hindernis kam. Die Opposition war überall in den Geistern, wenn sie noch nicht in den Armen und in den Händen war, unsichtbar, aber gegenwärtig, untastbar, aber bedrohlich und zuweilen um so bedrohlicher, als sie ungreifbar war und man sie erriet, ohne sie erdrücken zu können.

Zwanzig bis fünfundzwanzig Bauern, alle von Billot abhängig, waren in der Scheune versammelt.

Billot trat, gefolgt von Pitou, ein. Alle Häupter neigten sich, alle Hüte bewegten sich. Man begriff, daß alle diese Menschen bereit waren, sich auf einen Befehl des Herrn töten zu lassen.

Der Pächter erklärte den Bauern, die Broschüre, die Pitou ihnen vorlesen werde, sei das Werk des Doktors Gilbert. Der Doktor Gilbert war sehr bekannt im ganzen Kanton, wo er mehrere Güter hatte, unter denen die Pachtung von Billot das bedeutendste war.

Ein Faß stand für den Leser bereit. Pitou bestieg diese improvisierte Tribüne und begann seine Vorlesung.

Es ist zu bekannt, daß diese Leute aus dem Volk mit um so größerer Aufmerksamkeit zuhören, je weniger sie begreifen. Offenbar entging der allgemeine Sinn der Broschüre den klarsten Geistern der bäuerischen Versammlung und Billot selbst. Doch mitten aus dieser dunkeln Phraseologie zuckten, wie die Blitze an einem dunkeln, mit Elektrizität beladenen Himmel, die leuchtenden Worte: Unabhängigkeit, Freiheit und Gleichheit hervor. Mehr brauchte es nicht; der Beifallssturm brach los; von allen Seiten erscholl der Ruf: Es lebe der Doktor Gilbert! Ungefähr das drittel der Broschüre war gelesen worden; man beschloß, sie an drei Sonntagen zu lesen.

Die Zuhörer wurden eingeladen, sich am darauf folgenden Sonntag zu versammeln, und jeder versprach, zu erscheinen.

Pitou hatte sehr gut gelesen. Nichts ermuntert so sehr, wie der günstige Erfolg. Der Vorleser nahm seinen Teil von dem dem Werke gespendeten Beifall, und Billot, der selbst diesem gegenseitigen Einfluß unterlag, fühlte in seinem Innern eine gewisse Achtung für den Zögling des Abbés Fortier entstehen. In körperlicher Hinsicht schon übermäßig groß, war Pitou moralisch um zehn Ellen gewachsen.

Ein einziges fehlte ihm: Mademoiselle Katharine hatte seinem Triumphe nicht beigewohnt.

Doch entzückt über die Wirkung, welche die Broschüre des Doktors hervorgebracht, beeilte sich der Vater Billot diesen günstigen Erfolg seiner Frau und seiner Tochter mitzuteilen. Frau Billot antwortete nichts, das war ein kurzsichtiges Weib, Katharine aber lächelte traurig.

»Nun! was hast du wieder?« fragte der Pächter.

»Mein Vater! mein Vater!« rief Katharine, »ich befürchte, Sie gefährden sich.«

»Ah! willst du nicht den Unglücksvogel machen? Ich bemerke dir, daß mir die Lerche lieber ist, als die Nachteule.«

»Mein Vater, man hat mir schon gesagt, ich möge Sie warnen, denn Sie werden beobachtet.«

»Und wer hat dir das gesagt?«

»Ein Freund.«

»Ein Freund? Jeder Rat verdient Dank. Du wirst mir den Namen dieses Freundes nennen. Wer ist es, sprich?«

»Ein Mann, der gut unterrichtet sein muß.«

»Wer denn?«

»Herr Isidor von Charny.«

»In was mischt er sich, dieser Stutzer? warum giebt er mir Ratschläge über meine Denkungsart? Gebe ich ihm einen Rat über die Art, wie er sich kleidet? Mir scheint, es wäre doch ebensoviel auf der einen wie auf der andern Seite zu sagen.«

»Mein Vater, ich sage Ihnen das nicht, um Sie zu ärgern. Der Rat ist in guter Absicht gegeben worden.«

»Wohl! ich werde denselben durch einen andern erwidern, und du kannst ihn in meinem Auftrag ausrichten.

»Sprechen Sie!«

»Er und seine Standesgenossen mögen auf sich acht geben; man schüttelt sie ganz sonderbar in der Nationalversammlung, die Herren Adeligen, und mehr als einmal ist von den Günstlingen und Günstlinginnen die Rede gewesen. Das mag sich sein Bruder, Herr Olivier von Charny merken, der dort ist und gar nicht schlecht mit der Österreicherin stehen soll.«

»Mein Vater,« sagte Katharine, »Sie haben mehr Erfahrung als wir, handeln Sie nach Ihrem Gefallen.«

»In der That,« murmelte Pitou, »den der günstige Erfolg seiner Vorlesung mit Vertrauen erfüllt hatte, worein mischt sich denn Herr Isidor?«

Katharine hörte nicht, oder sie stellte sich, als hörte sie nicht, und das Gespräch hatte damit ein Ende.

Das Mittagessen fand wie gewöhnlich statt. Nie war Pitou ein Mahl länger vorgekommen. Es drängte ihn, sich in seinem neuen Glanze, mit Mademoiselle Katharine am Arm, zu zeigen. Dieser Sonntag war ein großer Tag für ihn, und er gelobte sich, das Datum des dreizehnten Juli wohl im Kopfe zu behalten.

Man ging endlich gegen drei Uhr ab. Katharine sah reizend aus. Sie war eine hübsche Blondine mit schwarzen Augen, schlank und biegsam wie die Weiden, welche die kleine Quelle beschatteten, aus der man das Wasser für den Pachthof schöpfte. Sie war überdies mit jener natürlichen Koketterie gekleidet, die alle Reize des Weibes hervorhebt, und ihre von ihr selbst verfertigte Haube stand ihr vortrefflich.

Der Tanz begann gewöhnlich um sechs Uhr. Vier Spielleute, die auf einer Estrade von Brettern saßen, machten gegen eine Bezahlung von drei Sous für den Kontretanz die Honneurs dieses Ballsaales in freier Luft. In Erwartung der sechsten Stunde ging man in der bekannten Seufzerallee spazieren, von der die Tante Angélique gesprochen hatte, oder man schaute den jungen Herren der Stadt oder der Umgegend zu, die unter der Direktion von Varolet, dem Oberballmeister von Seiner Hoheit Monseigneur dem Herzog von Orleans, Ball spielten. Herr Varolet wurde für ein Orakel gehalten, und seine Entscheidungen in allen Fällen des Ballspiels nahm man mit der ganzen Verehrung auf, die man seinem Alter und seinem Verdienste schuldig war.

Ohne genau zu wissen, warum, hätte Pitou in der Seufzerallee zu bleiben gewünscht; doch nicht um im Schatten dieser doppelten Buchenreihe zu bleiben, hatte Katharine die glänzende Toilette gemacht, die Pitou so sehr mit Bewunderung erfüllte.

Die Frauen sind wie die Blumen, die der Zufall im Schatten hat wachsen lassen; sie streben unablässig nach dem Licht, und auf die eine oder die andere Weise muß ihre frische, balsamisch duftende Krone sich in der Sonne öffnen, die sie welk macht und verzehrt.

Katharine zog so lange und kräftig am Arm von Pitou, daß man den Weg zum Ballspiel einschlug. Pitou ließ sich indessen nicht zu sehr am Arm ziehen. Er hatte ebenso große Eile, seinen himmelblauen Rock und seinen zierlichen Dreispitz zu zeigen, als Katharine ihre Haube à la Galetée und ihren taubenhalsfarbenen Leib zur Schau zu stellen.

Eines schmeichelte besonders unserem Helden und gab ihm einen augenblicklichen Vorzug vor Katharine. Da ihn niemand erkannte, denn Pitou war nie in so prächtigen Kleidern gesehen worden, so hielt man ihn für einen jungen Fremden, für einen Neffen, für einen Vetter der Familie Billot, für einen Bräutigam von Katharine sogar. Doch Pitou war zu viel daran gelegen, seine Identität darzuthun, als daß der Irrtum lange währen konnte. Er nickte soviel seinen Freunden zu, er nahm so oft seinen Hut vor seinen Bekannten ab, daß man endlich in dem schön geputzten jungen Landmann den unwürdigen Schüler des Abbés Fortier erkannte, und daß sich eine Art von Geschrei erhob, das besagte: Das ist Pitou! habt ihr Ange Pitou gesehen?

Das Geschrei gelangte bis zu Mademoiselle Angélique; da aber dieses Geschrei ihr sagte, ihr Neffe sei ein hübscher Junge, der die Füße auswärts und die Arme rundend gehe, so schüttelte die alte Mademoiselle, die Pitou immer die Füße einwärts und die Ellenbogen am Leib hatte gehen sehen, ungläubig den Kopf und beschränkte sich auf die Erwiderung:

»Ihr täuscht euch, das ist nicht mein Schlingel von einem Neffen.«

Die zwei jungen Leute kamen zum Ballspiel. Es fand an diesem Tag eine Herausforderung zwischen den Spielern von Soissons und den Spielern von Villers-Cotterets statt, so daß die Partie äußerst belebt war. Katharine und Pitou stellten sich auf die Höhe des Seiles, in der Nähe der Böschung. Katharine hatte diesen Posten als den besten gewählt.

Nach einem Augenblick hörte man die Stimme von Meister Varolet rufen: Zu zwei passiert. Die Spieler passierten wirklich, das heißt, jeder begann seine Chasse zu verteidigen und die seiner Gegner anzugreifen. Einer von den Spielern, als er passierte, grüßte Katharine mit einem Lächeln. Katharine erwiderte dies durch einen Knix und errötete; zu gleicher Zeit fühlte Pitou, wie den Arm von Katharine, der sich auf den seinigen stützte, ein kleines Nervenzittern durchlief.

Etwas wie eine unbekannte Bangigkeit schnürte Pitou das Herz zusammen.

»Ist das Herr von Charny?« sagte er, »seine Gefährtin anschauend.«

»Ja,« antwortete Katharine; »Sie kennen ihn also?«

»Ich kenne ihn nicht, doch ich habe es erraten.«

Pitou hatte nach dem, was ihm Katharine am Tage vorher gesagt, in der That Herrn von Charny in diesem jungen Mann erraten können.

Derjenige, welcher das Mädchen gegrüßt, war ein Kavalier von dreiundzwanzig bis vierundzwanzig Jahren, gut gewachsen, elegant gekleidet und anmutig in seinen Bewegungen, wie dies diejenigen zu sein pflegen, welche schon in der Wiege eine aristokratische Erziehung festgenommen hat. Alle die Leibesübungen, die man nur unter der Bedingung gut macht, daß man sie von Kindheit an geübt hat, führte Herr Isidor von Charny mit einer merkwürdigen Vollkommenheit aus; dabei gehörte er zu denjenigen, deren Tracht stets mit der Übung, für die sie bestimmt ist, im Einklang steht. Seine Jagdlivreen wurden überall als äußerst geschmackvoll angeführt; seine Negligés für den Fechtsaal hätten selbst Saint-Georges als Muster dienen können; seine Reitkleider waren durch die Art, wie er sie trug, von einem ganz besondern Schnitt, oder schienen dies vielmehr zu sein.

Mit der ganzen Schmucklosigkeit einer Morgentoilette frisiert, trug Herr von Charny, der jüngere Bruder unseres alten Bekannten, des Grafen von Charny, eine Art von engem Pantalon von heller Farbe, das die Form seiner Lenden und seiner zugleich feinen und muskeligen Beine hervorhob; elegante Ballspielsandalen ersetzten, durch Riemen gehalten, für den Augenblick entweder den Schuh mit rotem Absatz oder den Stulpenstiefel; eine Weste von weißem Piquee umschloß seinen Leib, als ob er in einem Korsett gefangen wäre; auf der Böschung endlich hielt sein Diener einen grünen Rock mit goldenen Galonen.

Die Aufregung gab ihm in diesem Augenblick den ganzen Reiz und die ganze Frische der Jugend, die er, trotz seiner dreiundzwanzig Jahre, durch lange Nachtwachen, durch nächtliche Schwärmereien und die Spielpartien, welche die Sonne bei ihrem Aufgang beleuchtet, schon verloren hatte.

Keiner der Vorzüge, die ohne Zweifel von dem Mädchen bemerkt worden waren, entging Pitou. Als er die Hände und die Füße von Herrn von Charny sah, fing er an minder stolz auf diese Verschwendung der Natur zu sein, die ihm den Sieg über den Sohn des Schuhmachers verliehen hatte, und er dachte, eben diese Natur hätte auf eine geschicktere Art auf alle Partien seines Körpers die Elemente, aus denen er bestand, verteilen können.

Mit dem, was zu viel an den Händen, an den Füßen und an den Knien von Pitou war, hätte die Natur Stoff gehabt, um ihm ein sehr hübsches Bein daraus zu machen. Die Dinge waren nur nicht an ihrem Platze: wo es der Feinheit bedurfte, war Überfülle, und wo Rundung hätte sein sollen, war Leere.

Pitou schaute seine Beine mit der Miene an, mit welcher der Hirsch der Fabel die seinigen anschaute.

»Was haben Sie denn, Herr Pitou?« fragte Katharine.

Pitou antwortete nicht, er seufzte nur.

Die Partie war zu Ende. Der Vicomte von Charny benützte den Zwischenraum zwischen der beendigten Partie und der, welche beginnen sollte, um Katharine zu begrüßen. Als er näher kam, sah Pitou das Blut dem Mädchen zu Gesichte steigen, und er fühlte, wie der Arm seiner Gefährtin immer mehr zitterte.

Der Vicomte nickte Pitou zu; mit jener vertraulichen Artigkeit, welche die Adeligen jener Zeit gegen die kleinen Bürgerinnen und die Grisetten so gut anzunehmen wußten, erkundigte er sich bei Katharine nach ihrer Gesundheit und forderte den ersten Kontretanz von ihr. Katharine willigte ein. Ein Lächeln war der Dank des jungen Adeligen. Die Partie sollte wieder anfangen, man rief ihn. Er grüßte Katharine und entfernte sich mit derselben Ungezwungenheit, mit der er gekommen war.

Pitou fühlte die ganze Überlegenheit, die über ihn ein Mann hatte, der auf diese Art sprach, lächelte, sich näherte und entfernte.

Ein Monat auf den Versuch verwendet, die einfache Bewegung von Herrn von Charny nachzuahmen, hätte Pitou nur zu einer Parodie geführt, deren ganze Lächerlichkeit er selbst fühlte. Hätte das Herz von Pitou den Haß gekannt, er würde von diesem Augenblick an den Vicomte von Charny gehaßt haben.

Katharine schaute dem Ballspiel bis zu dem Augenblick zu, wo die Spieler ihren Bedienten riefen, um ihre Röcke anzuziehen. Sie wandte sich sodann zum Tanze, zur großen Verzweiflung von Pitou, der an diesem Tage bestimmt schien, gegen seinen Willen überall hin zu gehen, wohin er ging.

Herr von Charny ließ nicht auf sich warten. Eine leichte Veränderung in seinem Anzug hatte aus dem Ballspieler einen eleganten Tänzer gemacht. Die Geigen gaben das Signal, und er reichte seine Hand Katharine, indem er sie an die Zusage, die sie ihm geleistet erinnerte.

Was Pitou empfand, als er den Arm von Katharine sich von dem seinigen losmachen fühlte und er das Mädchen ganz errötend mit seinem Kavalier in den Kreis treten sah, war vielleicht eine der unangenehmsten Empfindungen seines Lebens. Ein kalter Schweiß drang ihm auf die Stirne, eine Wolke zog vor seinen Augen vorüber; er streckte die Hand aus und stützte sich auf das Geländer, denn er fühlte, daß seine Kniee, so kräftig sie auch sein mochten, nahe daran waren, unter ihm zu weichen.

Katharine hatte dem Anscheine und wohl auch der Wirklichkeit nach keinen Begriff von dem, was in dem Herzen von Pitou vorging; sie war zugleich glücklich und stolz: glücklich, zu tanzen, stolz, mit dem schönsten Kavalier der Umgegend zu tanzen. War Pitou gezwungen gewesen, Herrn von Charny als Ballspieler zu bewundern, so mußte er auch Herrn von Charny als Tänzer Gerechtigkeit widerfahren lassen. In jener Zeit hatte sich die Mode, zu gehen, statt zu tanzen, noch nicht eingeschlichen. Der Tanz war eine Kunst, die einen Teil der Erziehung bildete. Abgesehen von Herrn Lauzun, der der Art, wie er seine erste Courante bei der Quadrille des Königs getanzt, sein Glück zu verdanken hatte, verdankte mehr als ein Kavalier die Gunst, in der er bei Hofe stand, der Art, wie er den Kniebug anspannte und die Fußspitze vorwärts stieß. In dieser Hinsicht war der Vicomte ein Muster an Grazie und Vollkommenheit, und er hätte, wie Ludwig XIV., mit der Aussicht, beklatscht zu werden, auf einem Theater tanzen können, obgleich er weder König noch Schauspieler war.

Zum zweiten Mal schaute Pitou seine Beine an, und er war genötigt, sich zu gestehen, wenn nicht eine große Veränderung in diesem Teil seiner Person vorgehe, müsse er darauf verzichten, sich um derartige Siege, die Herr von Charny in diesem Augenblick davontrug, zu bewerben.

Der Kontretanz ging zu Ende; für Katharine hatte er kaum einige Sekunden gedauert, Pitou aber war er wie ein Jahrhundert vorgekommen. Als sie zurückkehrte und den Arm ihres Kavaliers nahm, bemerkte Katharine die Veränderung, die in seiner Physiognomie vorgegangen. Er war bleich; der Schweiß perlte auf seiner Stirne, und eine durch die Eifersucht halb verzehrte Thräne befeuchtete sein Auge.

»Ah! mein Gott!« sagte Katharine, »was haben Sie denn?«

»Ach! erwiderte der arme Junge, ich werde es nie wagen, mit Ihnen zu tanzen, nachdem ich Sie mit Herrn von Charny habe tanzen sehen!«

»Bah! Sie brauchen sich darum nicht zu grämen; Sie werden tanzen, wie Sie können, und es wird mir nicht weniger Vergnügen machen, mit Ihnen zu tanzen.«

»Ah! Sie sagen das, um mich zu trösten; doch ich lasse mir Gerechtigkeit widerfahren, und es wird Ihnen immerhin mehr Vergnügen machen, mit diesem jungen Adeligen, als mit mir zu tanzen.«

Katharine antwortete nichts, denn sie wollte nicht lügen; nur bezeigte sie ihm, da sie ein vortreffliches Geschöpf war und zu bemerken anfing, es gehe etwas Seltsames im Herzen des armen Jungen vor, viel Freundschaft; doch diese Freundschaftsbezeigungen konnten ihm seine verlorene Heiterkeit nicht wiedergeben. Der Vater Billot hatte wahr gesprochen: Pitou fing an ein Mensch zu sein – er litt.

Katharine tanzte noch fünf bis sechs Kontretänze, worunter einen zweiten mit Herrn von Charny. Ohne weniger zu leiden, war Pitou diesmal scheinbar ruhiger. Er folgte mit den Augen jeder Bewegung von Katharine und ihrem Kavalier. Er versuchte es, aus der Bewegung ihrer Lippen zu erraten, was sie sich sagten, und wenn bei den Figuren, die sie ausführten, ihre Hände sich vereinigten, suchte er zu erraten, ob diese Hände nur zusammenkamen oder ob sie, während sie sich vereinigten, sich auch drückten.

Ohne Zweifel wartete Katharine nur diesen zweiten Kontretanz ab, denn kaum war er beendigt, als das Mädchen Pitou mit ihr nach dem Pachthofe zurückzukehren aufforderte. Nie wurde eine Aufforderung mit größerem Eifer angenommen; doch der Schlag war geschehen, und Pitou, während er Schritte machte, die Katharine von Zeit zu Zeit mäßigen mußte, beobachtete das vollkommenste Stillschweigen.

»Was haben Sie denn?« fragte Katharine; »und warum sprechen Sie nicht mit mir?«

»Ich spreche nicht mit Ihnen, Mademoiselle Katharine,« erwiderte Pitou, »weil ich nicht zu sprechen weiß, wie Herr von Charny. Was soll ich Ihnen noch sagen nach all den schönen Dingen, die er Ihnen beim Tanze gesagt hat?«

»Sehen Sie, wie ungerecht Sie sind, Herr Ange; wir sprachen von Ihnen.«

»Von mir, und wie dies?«

»Ah! Herr Pitou, wenn Ihr Gönner sich nicht wiederfindet, wird man wohl einen andern für Sie wählen müssen.«

»Ich bin also nicht mehr dazu gut, die Schreibereien des Pachthofes zu besorgen? fragte Pitou mit einem Seufzer.«

»Im Gegenteil, Herr Ange, ich glaube die Schreibereien des Pachthofes sind nicht gut für Sie. Mit der Erziehung, die Sie erhalten haben, können Sie zu etwas besserem gelangen.«

»Ich weiß nicht, wozu ich gelangen werde, aber ich weiß, daß ich zu nichts gelangen will, wenn ich nur durch den Herrn Vicomte von Charny zu etwas gelangen kann.«

»Und warum sollten Sie seine Protektion ausschlagen? Sein Bruder, der Graf von Charny, ist, wie es scheint, vortrefflich bei Hofe angeschrieben. Er sagte mir, wenn es Ihnen angenehm sein könnte, so würde er Ihnen einen Platz beim Salzsteueramt verschaffen.«

»Sehr verbunden,« Mademoiselle Katharine, »doch ich befinde mich, wie ich Ihnen schon gesagt habe, sehr wohl so, wie ich bin, und wenn Ihr Vater mich nicht fortschickt, werde ich im Pachthofe bleiben.«

»Und warum, des Teufels, sollte ich dich fortschicken?« rief eine gewichtige Stimme, in der Katharine bebend die ihres Vaters erkannte.

»Mein lieber Pitou,« sagte leise Katharine, »ich bitte Sie, sprechen Sie nicht von Herrn Isidor.«

»Wie!« antworte doch!

»Ich weiß nicht,« erwiderte Pitou sehr verlegen, »vielleicht finden Sie mich nicht geschickt genug, um Ihnen nützlich zu sein.«

»Nicht geschickt genug, während du rechnest wie Bareme, und liesest, um unsern Schulmeister zu korrigieren, der sich doch für einen großen Gelehrten hält! Nein, Pitou, der gute Gott führt in mein Haus die Leute, die bei mir eintreten, und sind sie einmal eingetreten, so bleiben sie, so lange es dem guten Gott gefällt.«

Pitou kehrte auf diese Versicherung in den Pachthof zurück; aber obgleich dies etwas war, war es doch nicht viel; eine große Veränderung hatte sich in ihm zwischen seinem Abgang und seiner Rückkehr bewerkstelligt; er hatte eines verloren, was sich, ist es einmal verloren, nicht wiederfindet: das war das Selbstvertrauen; Pitou schlief auch gegen seine Gewohnheit sehr schlecht. In seinen schlaflosen Augenblicken erinnerte er sich des Buches von Doktor Gilbert; dieses Buch war hauptsächlich gegen den Adel, gegen die Mißbräuche der privilegierten Klassen, gegen die Feigheit derjenigen, welche sich dem unterwerfen, gerichtet; es kam Pitou vor, als fänge er erst an, alle die schönen Dinge, die er am Morgen gelesen, zu begreifen, und er nahm sich vor, sobald es Tag wäre, für sich allein und ganz leise das Meisterwerk wiederzulesen, das er laut und vor aller Welt gelesen hatte.

Da aber Pitou schlecht geschlafen hatte, so erwachte er spät. Nichtsdestoweniger beschloß er, seinen Leseplan in Ausführung zu bringen. Es war sieben Uhr; der Pächter sollte erst um neun Uhr zurückkehren; kam er indessen auch zurück, so konnte er einer Beschäftigung, die er selbst empfohlen, nur Beifall spenden.

Er stieg eine kleine Leiter hinab und setzte sich auf eine Bank unter dem Fenster von Katharine. War es der Zufall, der Pitou gerade an diesen Ort geführt hatte, oder kannte er die beziehungsweisen Situationen dieses Fensters und dieser Bank? So viel ist gewiß, daß Pitou, der wieder seine Werktagskleidung, die man durch eine andere ersetzen noch nicht Zeit gehabt hatte, nämlich seine schwarzen Hosen, seinen grünen Kittel und seine geröteten Schuhe trug, die Broschüre aus seiner Tasche zog und zu lesen anfing.

Wir möchten nicht behaupten, die Anfänge dieser Lesung haben stattgefunden, ohne daß sich die Augen des Lesers zuweilen vom Buche nach dem Fenster abwandten, da aber das Fenster in seinem Rahmen von Kapuzinern und Winden durchaus kein Brustbild von einem jungen Mädchen bot, so hefteten sich die Augen von Pitou am Ende unabänderlich auf das Buch.

Insofern jedoch seine Hand es versäumte, die Blätter umzuschlagen, und insofern diese Hand sich um so weniger bewegte, je tiefer seine Aufmerksamkeit zu sein schien, konnte man allerdings glauben, sein Geist sei anderswo und er träume, statt zu lesen.

Plötzlich kam es Pitou vor, als fiele auf die bis dahin durch die Morgensonne beleuchteten Seiten ein Schatten. Dieser Schatten war zu dicht, um der einer Wolke zu sein, und konnte also nur von einem undurchsichtigen Körper herrühren; es giebt aber so reizend anzuschauende undurchsichtige Körper, daß Pitou sich rasch umwandte, um zu sehen, wer derjenige wäre, welcher ihm die Sonne auffing.

Pitou täuschte sich. Es war in der That ein undurchsichtiger Körper, der ihm denjenigen Teil des Lichtes und der Wärme entzog, den Diogenes von Alexander forderte. Doch dieser undurchsichtige Körper bot, statt reizend zu sein, im Gegenteil einen sehr unangenehmen Anblick.

Es war ein Mann von fünfundvierzig Jahren, noch länger und hagerer als Pitou, in einem Kleid, das beinahe so abgetragen war, als das seinige; er neigte den Kopf über seine Schulter und schien eben so neugierig zu lesen, als Pitou dies zerstreut that.

Pitou war sehr erstaunt; ein freundliches Lächeln erschien auf den Lippen des schwarzen Mannes und zeigte einen Mund, in dem nur vier Zähne blieben, zwei oben und zwei unten, die sich kreuzten und wetzten wie die Hauzähne eines Wildschweins.

»Amerikanische Ausgabe,« sagte dieser Mann mit näselnder Stimme, Format in Oktav: Von der Freiheit der Menschen und der Unabhängigkeit der Nationen. – Boston 1788.

Während der schwarze Mann so sprach, öffnete Pitou die Augen mit einem stufenweisen Erstaunen, so daß, als der Mann zu sprechen aufhörte, die Augen von Pitou die größte Entwickelung, zu der sie gelangen konnten, erreicht hatten.

»Boston 1788. So ist es, mein Herr,« wiederholte Pitou.

»Es ist die Abhandlung des Doktors Gilbert,« sagte der schwarze Mann.

»Ja, mein Herr,« erwiderte Pitou artig, und er stand auf, denn er hatte immer sagen hören, es sei unhöflich, sitzend mit einem Höheren zu reden, und in dem noch naiven Geist von Pitou hatte jeder Mensch einen Vorrang vor ihm anzusprechen.

Doch während er aufstand, bemerkte Pitou beim Fenster etwas Rosiges, Bewegliches, was ihm zublinzelte. Dieses Etwas war Mademoiselle Katharine. Das Mädchen schaute ihn auf eine seltsame Weise an und machte sonderbare Zeichen.

»Mein Herr, ohne unbescheiden zu sein,« fragte der schwarze Mann, der, da er dem Fenster den Rücken zugewendet hatte, dem was vorging völlig fremd geblieben war, »mein Herr, wem gehört dieses Buch?« Und er deutete mit den Fingern, jedoch ohne sie zu berühren, auf die Broschüre.

Pitou war im Begriff zu antworten, da gelangten zu ihm die von einer beinahe flehenden Stimme gesprochenen Worte:

»Sagen Sie, es gehöre Ihnen.«

Der schwarze Mann, der ganz Auge war, hörte diese Worte nicht.

»Mein Herr,« antwortete Pitou majestätisch, »dieses Buch gehört mir.«

Der schwarze Mann schaute empor, denn er fing an zu bemerken, daß ihn von Zeit zu Zeit die erstaunten Blicke von Pitou verließen, um sich zu einem besondern Punkte zu erheben. Er sah das Fenster; doch Katharine hatte dessen Bewegung erraten und war rasch wie ein Vogel verschwunden.

»Nach was schauen Sie denn da oben?« fragte er.

»Ah! mein Herr,« erwiderte Pitou lächelnd, »erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß Sie sehr neugierig sind. Curiosus oder vielmehr avidus cognoscendi, wie der Abbé Fortier, mein Lehrer, sagte.«

»Sie sagen also,« sprach der Frager, »ohne daß er im geringsten durch die Probe des Wissens eingeschüchtert schien, die Pitou in der Absicht gegeben hatte, dem Fremden eine höhere Idee von sich beizubringen, Sie sagen also, das Buch gehöre Ihnen?«

Pitou blinzelte so mit dem Auge, daß sich das Fenster wieder in seinem Lichtstrahl befand. Der Kopf von Katharine erschien abermals und machte ein bejahendes Zeichen.

»Ja, mein Herr,« antwortete Pitou. »Sollten Sie begierig sein, es zu lesen? Avidus legendi libri oder legendae historiae?«

»Mein Herr,« sprach der schwarze Mann, »Sie scheinen mir sehr über dem Stande zu sein, den Ihre Kleider bezeichnen: Non dives vestitu sed ingenio. Demzufolge verhafte ich Sie.«

»Wie, Sie verhaften mich?« rief Pitou, »im höchsten Maße erstaunt.«

»Ja,« mein Herr, »ich bitte also, folgen Sie mir.«

Pitou schaute nicht mehr in die Luft, sondern um sich her, und erblickte zwei Sergeanten, die aus der Erde zu kommen schienen.

»Nehmen wir das Protokoll auf, meine Herren, sprach der schwarze Mann.«

Der Sergeant band mit einem Strick die Hände von Pitou und in seinen Händen das Buch des Doktors fest.

Dann band er Pitou selbst an einen Ring, der unter dem Fenster angebracht war.

Pitou wollte aufschreien, doch er hörte, wie dieselbe Stimme ihm zuflüsterte: »Lassen Sie machen.«

Pitou ließ also mit einer Folgsamkeit machen, welche die Sergeanten und besonders den schwarzen Mann entzückten, so daß sie ohne irgend ein Mißtrauen in das Haus des Pächters eintraten, die zwei Sergeanten, um einen Tisch zu holen, der schwarze Mann  . . . wir werden später erfahren, warum.

Kaum waren die Sergeanten und der schwarze Mann in das Haus eingetreten, als die Stimme sich hören ließ.

»Heben Sie die Hände auf,« sagte die Stimme.

Pitou hob nicht nur die Hände, sondern auch den Kopf empor und erblickte das bleiche, erschrockene Gesicht von Katharine; sie hielt ein Messer in der Hand: Noch mehr  . . . noch mehr  . . . sagte sie.

Pitou erhob sich auf den Fußspitzen.

Katharine neigte sich hinaus; die Klinge berührte den Strick, und Pitou erlangte die Freiheit seiner Hände wieder.

»Nehmen Sie das Messer,« sagte Katharine, »und durchschneiden Sie den Strick, der Sie am Ring festhält.«

Pitou ließ sich das nicht zweimal sagen; er durchschnitt den Strick und war völlig frei.

»Hier ist ein Doppel-Louisd'or,« sagte Katharine; »Sie haben gute Beine, retten Sie sich; gehen Sie nach Paris und benachrichtigen Sie den Doktor.«

Sie konnte nicht mehr sprechen; die Sergeanten erschienen wieder, und der Doppel-Louisd'or fiel zu den Füßen von Pitou.

Pitou raffte ihn behende auf. Die Sergeanten waren in der That auf der Thürschwelle; sie verweilten hier einen Augenblick, erstaunt, Pitou, den sie kurz zuvor so gut gebunden, frei zu sehen. Bei ihrem Anblick sträubten sich die Haare auf dem Haupte von Pitou, und er erinnerte sich verworren des in crinibus angues der Eumeniden.

Die Sergeanten und Pitou blieben einen Moment in der Lage des Hasen und eines stehenden Hundes: sie schauten sich unbeweglich an. Wie aber bei der geringsten Bewegung des Hundes der Hase aufpackt, so machte bei der ersten Bewegung der Sergeanten Pitou einen wunderbaren Sprung und befand sich auf der andern Seite einer Hecke.








Die Sergeanten stießen einen Schrei aus, der den Gefreiten, der eine kleine Kassette unter seinem Arm trug, herbeilaufen machte. Der Gefreite verlor seine Zeit nicht mit Redensarten und fing an, Pitou nachzulaufen. Die zwei Sergeanten thaten dasselbe. Doch sie waren nicht stark genug, um wie Pitou über eine Hecke von drei und einem halben Fuß Höhe zu springen, und sahen sich daher genötigt, einen Umweg zu machen.

Als sie aber an die Ecke der Hecke kamen, erblickten sie Pitou auf mehr als fünfhundert Schritte in der Ebene; er steuerte geradeswegs auf den Wald zu, von dem er kaum eine Viertelmeile entfernt war, und den er folglich in wenigen Minuten erreichen mußte.

In diesem Augenblicke wandte sich Pitou um, und als er die Sergeanten erblickte, die ihn mehr zur Befreiung ihres Gewissens, als in der Hoffnung, ihn zu erreichen, verfolgten, verdoppelte er seine Schnelligkeit und verschwand bald am Saume des Waldes.

Pitou lief so noch eine Viertelstunde; er würde zwei Stunden gelaufen sein, wenn es nötig gewesen wäre: er hatte den Atem des Hirsches, wie er auch dessen Geschwindigkeit hatte.

Doch nach Verlauf einer Viertelstunde, als er instinktartig dachte, er sei außer Gefahr, blieb er stehen, atmete, horchte, und nachdem er sich versichert hatte, daß er ganz allein war, sagte er:

»Es ist unglaublich, daß so viele Ereignisse in drei Tagen Raum haben konnten.«

Dann schaute er abwechselnd seinen Doppel-Louisd'or und sein Messer an und sprach:

»Oh! ich hätte gerne Zeit haben mögen, um meinen Doppel-Louisd'or zu wechseln und zwei Sous Mademoiselle Katharine zurückzugeben, denn ich befürchte sehr, dieses Messer schneidet unsere Freundschaft ab. Gleichviel,« fügte er bei, da sie mich hat heute nach Paris gehen heißen, so gehe ich dahin.

Und nachdem er sich orientiert und erkannt hatte, daß er sich zwischen Boursonne und Yvors befand, wählte er einen kleinen durch den Wald gehauenen Pfad, der ihn in gerader Linie zu den Heiden von Gondreville führen mußte, welche die Straße nach Paris durchzieht.




VIII.

Warum der schwarze Mann zu gleicher Zeit mit den zwei Sergeanten in das Haus des Pächters eingetreten war


Kehren wir nun zum Pachthof zurück und erzählen die Katastrophe, von der die Episode von Pitou nur die Entwickelung war.

Gegen sechs Uhr morgens kam ein Polizeiagent von Paris in Begleitung von zwei Sergeanten in Villers-Cotterets an; er erschien beim Polizeikommissär und ließ sich die Wohnung des Pächters Billot bezeichnen.

Fünfhundert Schritte vom Pachthof bemerkte der Gefreite einen Knecht, der auf dem Felde arbeitete, er näherte sich ihm und fragte ihn, ob er Herrn Billot zu Hause fände. Der Knecht antwortete, Herr Billot kehre nie vor neun Uhr, das heißt vor der Stunde seines Frühstücks zurück. Doch in diesem Moment schlug der Knecht zufällig die Augen auf, deutete mit dem Finger auf einen Reiter, der in einer Entfernung von ungefähr einer Viertelmeile mit einem Schäfer plauderte, und sagte:

»Ah! dort ist gerade Herr Billot.«

»Jener Reiter?«

»Er ist es.«

»Mein Freund,« sprach der Gefreite, »wollen Sie Ihrem Herrn wohl ein Vergnügen machen?«

»Das würde ich sehr gern thun.«

»So gehen Sie und sagen Sie ihm, ein Herr von Paris erwartet ihn im Pachthofe.«

»Oh!« rief der Bauer, »sollte es der Doktor Gilbert sein?«

»Gehen Sie immerhin,« sagte der Gefreite.

Der Bauer ließ sich das nicht zweimal sagen; er lief querfeldein, während die Gefreiten und die zwei Sergeanten sich hinter einer halb zerfallenen Mauer, beinahe dem Thore des Pachthofes gegenüber, in den Hinterhalt legten.

Nach einem Augenblick hörte man den Galopp eines Pferdes: Billot kam an.

Er ritt in seinen Hof, stieg ab, warf den Zügel einem Stallknechte zu und stürzte in die Küche, überzeugt, das erste, was er sehen würde, wäre der unter dem weiten Mantel des Kamins stehende Doktor Gilbert; doch er sah nur Frau Billot, die mitten in der Küche saß und ihre Enten mit der ganzen Sorgfalt und der ganzen Pünktlichkeit rupfte, die diese schwierige Operation erfordert.

Katharine war in ihrem Zimmer beschäftigt, eine Haube für den nächsten Sonntag zurecht zu richten; Katharine sorgte, wie man sieht, lange vorher; doch für die Frauen ist, wie sie sagen, das Vergnügen, sich mit ihrem Putz zu beschäftigen, beinahe eben so groß, als das, sich wirklich zu putzen.

Billot blieb auf der Schwelle stehen und schaute umher.

»Wer verlangt nach mir?« sagte er.

»Ich,« antwortete eine flötenartige Stimme in der Nähe.

Billot wandte sich um und erblickte den schwarzen Mann und die zwei Sergeanten.

»Potz tausend!« rief er, indem er zwei Schritte rückwärts machte, »was wollen Sie?«

»Oh! mein Gott, beinahe nichts, mein lieber Herr Billot, antwortete der Mann mit der Flötenstimme, eine Haussuchung in Ihrem Pachthofe vornehmen, das ist das Ganze.«

»Eine Haussuchung!« rief Billot.

Billot warf einen Blick nach seiner Flinte, die über dem Kamin hing, und sagte dann:

Seitdem wir eine Nationalversammlung haben, glaubte ich, wir seien nicht mehr solchen Plackereien ausgesetzt, die einer anderen Zeit angehören und nach einer anderen Regierung riechen. Was wollen Sie von mir, der ich ein friedlicher und rechtschaffener Mann bin?

Die Agenten aller Polizei der Welt haben das miteinander gemein, daß sie nie auf die Fragen ihrer Opfer antworten. Nur, während sie dieselben durchsuchen, verhaften, binden und knebeln, beklagen sie einige, und das sind die gefährlichsten, weil sie die besten zu sein scheinen.

Derjenige, welcher bei dem Pächter Billot erschien, war aus der Schule der Tapin und der Desgres, ganz in Süßigkeit eingemachter Leute, die immer eine Thräne für diejenigen haben, welche sie verfolgen, aber dennoch ihre Hände nie gebrauchen, um sich die Augen abzuwischen.

Der Erwähnte winkte, während er einen Seufzer ausstieß, den zwei Sergeanten mit der Hand; sie näherten sich Billot, der einen Sprung rückwärts machte und die Hand ausstreckte, um seine Flinte zu ergreifen. Doch seine Hand wurde von der Waffe abgewendet, – die in diesem Augenblick doppelt gefährlich, insofern sie sogleich denjenigen, welcher sich ihrer bediente, und den, gegen welchen sie gerichtet war, töten konnte, – und zwischen zwei kleinen, aber durch den Schrecken starken und durch das Flehen mächtigen Händen eingeschlossen.

Katharine war nämlich auf das Geräusch aus der Stube herausgetreten und zu rechter Zeit angekommen, um ihren Vater vor dem Verbrechen der Rebellion gegen das Gericht zu bewahren.

Als der erste Augenblick vorüber war, leistete Billot keinen Widerstand mehr. Der Gefreite befahl, ihn in einen Saal des Erdgeschosses, Katharine in eine Stube des ersten Stocks einzuschließen: Frau Billot hielt man für so harmlos, daß man sich nicht mit ihr beschäftigte und sie in ihrer Küche ließ. Wonach der Gefreite, der sich als Herrn des Platzes sah, Sekretäre, Kommoden und Schränke durchsuchte.

Billot, als er allein war, wollte fliehen. Doch wie die meisten Stuben des Erdgeschosses, so war auch die, in der er eingeschlossen, vergittert. Der schwarze Mann hatte das Gitter mit dem ersten Blick bemerkt, während es Billot, auf dessen Geheiß es angebracht worden war, vergessen hatte.

Durch das Schloß erblickte er den Gefreiten und seine zwei Leute, die das ganze Haus umkehrten.

»Ah!« rief er, »was macht Ihr denn da?«

»Sie sehen es wohl, mein lieber Herr Billot,« antwortete der Gefreite, »wir suchen etwas, was wir noch nicht gefunden haben.«

»Ihr seit aber Banditen, Schurken, Diebe vielleicht.«

»Oh! mein Herr,« antwortete der Gefreite, »Sie thun uns unrecht, wir sind ehrliche Leute, wie Sie, nur stehen wir im Solde Seiner Majestät und sind folglich genötigt, ihre Befehle zu vollziehen.«

»Die Befehle Seiner Majestät!« rief Billot; »König Ludwig XVI. hat euch Befehle gegeben, meinen Sekretär zu durchsuchen und in meinen Kommoden und Schränken das Oberste zu unterst zu lehren?«

»Ja.«

»Seine Majestät,« sprach Billot, »Seine Majestät, als im vorigen Jahre die Hungersnot so groß war, daß wir schon daran dachten, unsere Pferde zu verzehren. Seine Majestät, als uns vor zwei Jahren der Hagel am 13. Juli unsere Ernte zerschlug, Seine Majestät geruhte nicht, sich um uns zu bekümmern. Was hat sie denn heute mit meinem Pachthof zu thun, den sie nie gesehen, und mit mir, den sie nicht kennt?«

»Sie werden mir verzeihen, mein Herr,« sagte der Gefreite, indem er die Thüre vorsichtig ein wenig öffnete und seinen vom Polizeileutnant unterzeichneten, aber dem Gebrauche gemäß mit dem Eingang: Im Namen des Königs, versehenen Befehl vorzeigte, »Seine Majestät hat von Ihnen sprechen hören, und wenn sie Sie nicht persönlich kennt, so weisen Sie darum doch nicht die Ehre zurück, die sie Ihnen anthut, und empfangen Sie diejenigen, welche in ihrem Namen erscheinen, mit Anstand.«

Und mit einer artigen Verbeugung und mit einem kleinen freundschaftlichen Augenwink schloß der Gefreite die Thüre wieder, wonach die Ausspäherei ihren Fortgang nahm.

Billot schwieg und ging mit gekreuzten Armen, wie ein Löwe im Käfig, in der Stube umher; er fühlte sich gefangen und in der Gewalt dieser Menschen.

Das Werk der Durchsuchung wurde stillschweigend fortgesetzt. Diese Menschen schienen vom Himmel gefallen zu sein. Niemand hatte sie gesehen als der Taglöhner, der ihnen den Weg gezeigt. In den Höfen hatten die Hunde nicht gebellt; der Anführer der Häscher mußte unter seinen Genossen ein Meister sein von Kraft und nicht zum erstenmal bei der Ausführung eines ähnlichen Handstreichs.

Billot hörte das Seufzen seiner in der Stube über ihm eingeschlossenen Tochter. Er erinnerte sich ihrer prophetischen Worte, denn es unterlag keinem Zweifel, daß der Grund der Verfolgung, die den Pächter traf, das Buch des Doktors war.

Es hatte indessen neun Uhr geschlagen, und Billot konnte durch sein vergittertes Fenster, einen nach dem andern, seine Knechte zählen, die von der Arbeit zurückkamen. Bei diesem Anblick begriff er, daß im Falle eines Zusammenstoßes wohl die Stärke, wenn auch nicht das Recht, auf seiner Seite wäre. Diese Überzeugung machte das Blut in seinen Adern kochen. Er hatte nicht die Geduld, sich länger zu bewältigen, packte die Thüre beim Handgriff und rüttelte einmal so gewaltig daran, daß er mit ein paar ähnlichen Erschütterungen das Schloß gesprengt hätte.

Die Polizeiagenten öffneten sogleich und sahen den Pächter hoch aufgerichtet und drohend auf der Schwelle erscheinen; überall war das Oberste zu unterst gekehrt.

»Aber was sucht ihr denn bei mir?« rief Billot. »Sagt es, oder beim Teufel, ich schwöre, daß ich Euch zwinge, es zu sagen.«

Die allmählige Rückkehr der Leute des Pachthofes war einem Mann von so geübtem Auge, wie das des Gefreiten, nicht entgangen. Er hatte die Knechte gezählt und die Überzeugung erlangt, er könnte im Falle eines Zusammenstoßes das Schlachtfeld nicht wohl behaupten. Er näherte sich daher Billot mit einer Höflichkeit, die noch honigsüßer als gewöhnlich, bückte sich bis auf den Boden und sprach:

»Ich will es Ihnen sagen, lieber Herr Billot, obgleich das gegen unsere Gewohnheiten ist. Wir suchen bei Ihnen ein Buch, das den Umsturz predigt, eine aufrührerische Broschüre, die von unseren königlichen Zensoren verboten worden ist.«

»Ein Buch bei einem Pächter, der nicht lesen kann?«

»Darüber darf man sich nicht wundern, wenn Sie der Freund des Verfassers sind und er es Ihnen geschickt hat.«

»Ich bin nicht der Freund des Doktors Gilbert,« erwiderte der Pächter, »ich bin sein ergebenster Diener; Freund des Doktors, das wäre eine zu große Ehre für einen armen Pächter meiner Art.«

Dieser unüberlegte Ausfall, in dem sich Billot dadurch verriet, daß er gestand, er kenne nicht nur den Verfasser, was als ganz natürlich erscheinen mußte, da der Verfasser sein Grundherr war, sondern auch das Buch, sicherte dem Agenten den Sieg. Er richtete sich auf, nahm seine liebenswürdigste Miene an, berührte den Arm von Billot mit einem Lächeln, das sein Gesicht wie durch einen Querschnitt zu teilen schien, und sprach:

»Du bist's, der ihn genannt – kennen Sie diesen Vers, mein guter Herr Billot?«

»Ich kenne keine Verse.«

»Er ist von Herrn Racine, einem sehr großen Dichter.«

»Nun, was bedeutet dieser Vers?« fragte Billot ungeduldig.

»Er bedeutet, daß Sie sich verraten haben.«

»Ich? Wie dies?«

»Indem Sie zuerst Herrn Gilbert nannten, welchen wir nicht zu nennen so diskret gewesen sind.«

»Das ist wahr,« murmelte Billot.

»Sie gestehen also?«

»Ich werde mehr thun.«

»Oh! mein lieber Herr Billot, Sie sind allzu gütig; was werden Sie thun?«

»Wenn es dieses Buch ist, was Sie suchen, und wenn ich Ihnen sage, wo Sie es finden können,« erwiderte der Pächter mit einer Unruhe, die er nicht völlig verbergen konnte, »werden Sie dann aufhören, alles umzukehren?«

Der Gefreite gab den zwei Häschern ein Zeichen.

»Ganz gewiß,« sagte er, »da dieses Buch der Gegenstand der Haussuchung ist. Nur werden Sie uns vielleicht ein Exemplar eingestehen, während Sie zehn haben?« fügte er mit seiner lächelnden Grimasse bei.

»Ich habe nur eines, das schwöre ich Ihnen.«

»Lieber Herr Billot, sprach der Gefreite, wir sind verpflichtet, die genaueste Nachforschung zu halten. Gedulden Sie sich also noch fünf Minuten; wir sind nur arme Agenten, die Befehle von der Behörde erhalten haben, und Sie werden sich nicht gern dem widersetzen, daß Leute von Ehre, – es gibt in allen Ständen, lieber Herr Billot, – Sie werden sich nicht gern dem widersetzen, daß Leute von Ehre ihre Schuldigkeit thun.«

Der schwarze Mann hatte den rechten Ton gefunden. So mußte man mit Billot sprechen.

»Thun Sie es, aber geschwinde,« sagte er.

Und er wandte ihnen den Rücken zu.

Der Gefreite machte ganz sachte die Thüre zu und drehte nicht minder sachte den Schlüssel einmal um. Billot ließ ihn, die Achseln zuckend, gewähren, denn er war sicher, die Thüre an sich ziehen zu können, sobald er wollte.

Der schwarze Mann gab seinerseits den Häschern ein Zeichen und sie gingen ans Geschäft, und in einem Augenblick hatten alle drei, ihre Thätigkeit verdoppelnd, Bücher, Papiere und Wäsche geöffnet, entfaltet, entziffert.

Plötzlich erblickte man hinten in einem geöffneten Schranke ein Kistchen von Eichenholz mit eisernem Beschlag. Der Gefreite fiel darüber her, wie ein Geier über seine Beute. Schon beim Anblick, schon beim Geruch, schon bei der Berührung allein erkannte er ohne Zweifel das, was er suchte, denn rasch verbarg er das Kistchen unter seinem Mantel und bedeutete den zwei Häschern durch ein Zeichen, die Sendung sei erfüllt.

Gerade in diesem Augenblick wurde Billot ungeduldig: er blieb vor seiner geschlossenen Thüre stehen.

»Aber ich sage euch, daß ihr es nicht finden werdet, wenn ich euch nicht bezeichne, wo es ist,« rief er. »Es ist ganz unnötig, alle meine Sachen um nichts und wieder nichts unter einander zu werfen. Was Teufels! ich bin kein Verschwörer! Hört ihr mich? Antwortet, oder beim Gewitter! ich gehe nach Paris und beklage mich dort beim König, bei der Nationalversammlung, bei aller Welt!«

In jener Zeit setzte man den König noch vor das Volk.

»Ja, mein lieber Herr Billot, wir hören Sie, und wir sind ganz bereit, uns Ihren vortrefflichen Gründen zu fügen. Sagen Sie uns, wo das Buch ist, und sobald wir uns überzeugt haben, daß Sie nur dieses einzige Exemplar besitzen, so werden wir es in Beschlag nehmen, und uns sodann ganz einfach entfernen.«

»Wohl denn!« erwiderte Billot, »dieses Buch ist in den Händen eines ehrlichen Jungen, dem ich es heute morgen anvertraut habe, um es zu einem Freunde zu bringen.«

»Und wie heißt dieser ehrliche Junge?« fragte mit aller Einfalt der schwarze Mann.

»Ange Pitou. Er ist eine arme Waise, die ich aus Barmherzigkeit bei mir aufgenommen habe, und die gar nicht weiß, von was das Buch handelt.«

»Ich danke, lieber Herr Billot,« sprach der Gefreite, indem er die Wäsche wieder in den Schrank warf, und den Schrank über der Wäsche, aber nicht mehr über dem Kistchen schloß. Aber wo ist, wenn es beliebt, dieser liebenswürdige Junge?«

»Ich glaube ihn bei meiner Rückkehr, bei den Feuerbohnen, unter dem Laube bemerkt zu haben. Gehen Sie, nehmen Sie das Buch, aber thun Sie ihm kein Leid an.«

»Ein Leid, wir! oh! lieber Herr Billot, Sie kennen uns schlecht! Wir würden keiner Fliege ein Leid anthun.«

Und sie rückten gegen den bezeichneten Ort vor. Bei den Feuerbohnen angelangt, gewahrten sie Pitou, den sein großer Wuchs noch furchtbarer erscheinen ließ, als er in Wirklichkeit es war. Da der Gefreite nun dachte, die zwei Häscher würden, um mit dem jungen Riesen fertig zu werden, seiner Hilfe bedürfen, so machte er seinen Mantel los, wickelte das Kistchen darein und verbarg das Ganze in einer nah gelegenen dunkeln Ecke. Doch Katharine, die an der Thüre horchte, unterschied unbestimmt die Worte: Buch, Doktor und Pitou. Als sie den Sturm, den sie geahnt hatte, losbrechen sah, kam ihr auch der Gedanke, seine Wirkung zu schwächen. Da flüsterte sie Pitou zu, er möge sich als Eigentümer des Buches erklären. Was weiter vorfiel, haben wir bereits gesagt, wir haben gesagt, wie Pitou von dem Gefreiten und seinen Leuten gebunden, geknebelt, und sofort von Katharine, die den Augenblick benützte, wo die Häscher hineingingen, um einen Tisch, und der schwarze Mann, um seinen Mantel und das Kistchen zu holen, in Freiheit gesetzt wurde. Ebenso wie Pitou, über eine Hecke springend, die Flucht ergriff, aber wir haben nicht gesagt, daß der Gefreite als ein Mann von Geist diese Flucht benützte.

In der That, da die dem Gefreiten anvertraute doppelte Sendung vollbracht war, bot die Flucht von Pitou dem schwarzen Mann und seinen zwei Agenten eine vortreffliche Gelegenheit, selbst zu entfliehen.

Der schwarze Mann, obgleich er keine Hoffnung hatte, den Flüchtigen einzuholen, trieb daher seine zwei Häscher durch die Stimme und durch sein Beispiel an, so daß jeder, der sie durch den Klee, das Getreide und die Luzerne hätte fliegen sehen, diese drei Menschen für die erbittertsten Feinde des armen Pitou gehalten haben würde, während sie im Grunde ihres Herzens seine langen Beine segneten.

Doch kaum war Pitou in den Wald eingedrungen, kaum hatten sie dessen Saum erreicht, als sie hinter einem Gebüsch stehen blieben. Wahrend ihres Laufes waren zwei weitere Agenten zu ihnen gestoßen, die sich in der Umgegend des Pachthofes verborgen hielten und erst in dem Fall, daß ihr Anführer rufen würde, herbeieilen sollten.

»Bei meiner Treue,« sagte der Gefreite, »es ist ein Glück, daß dieser Bursche nicht das Kistchen gehabt hat, statt das Buch zu haben. Wir wären genötigt gewesen, die Post zu nehmen, um ihn zu erwischen. Großer Gott! das ist nicht der Kniebug eines Menschen, sondern eine Hirschsehne.

»Ja, sprach einer von den Häschern, doch er hatte das Kistchen nicht, nicht wahr, Herr Pas-de-Loup[1 - Wulfstritt.] Im Gegenteil, es befindet sich in Ihren Händen.«

»Gewiß, mein Freund, hier ist es,« antwortete derjenige, dessen Namen oder vielmehr Zunamen, den man ihm wegen der Leichtigkeit und Schrägheit seines Ganges gegeben, wir zum ersten Mal genannt.

»Dann haben wir ein Recht auf die versprochene Belohnung.«

»Hier ist sie,« sagte der Gefreite. Und er zog aus seiner Tasche vier Louisd'or und verteilte sie unter seine vier Agenten, ohne daß er denjenigen, welche handelnd eingegriffen, einen Vorzug vor denen gab, welche bloß gewartet hatten.

»Es lebe der Herr Leutnant!« riefen die Häscher.

»Es ist nicht schlimm zu rufen: Es lebe der Herr Leutnant! sagte Pas de loup; »doch so oft man das thut, muß man es mit Unterscheidung thun. Nicht der Herr Leutnant bezahlt.«

»Wer denn?«

»Einer von seinen Freunden, oder eine von seinen Freundinnen, ich weiß nicht genau, welcher oder welche, da die betreffende Person anonym zu bleiben wünscht.«

»Ich wette, es ist die Person, die das Kistchen erhält.«

»Rigoulot, mein Freund, ich habe immer behauptet, du seist ein Junge voll Scharfsinn; doch mittlerweile, bis dieser Scharfsinn seine Früchte trägt und seine Belohnung herbeiführt, wollen wir ausreißen; der verdammte Pächter sieht nicht sehr mild und umgänglich aus, und wenn er wahrnimmt, daß das Kistchen fehlt, könnte er uns alle seine Knechte nachsetzen lassen, und das sind Bursche, die ihren Schuß so richtig thun, als der beste Schweizer von der Garde Seiner Majestät«.

Diese Ansicht war wohl die der Majorität, denn die fünf Agenten setzten ihren Marsch unaufhaltsam im Saume des Waldes fort, der sie vor aller Augen verbarg und drei Viertelmeilen von da wieder zur Straße führte.

Die Vorsicht war nicht überflüssig, denn kaum hatte Katharine den schwarzen Mann und die zwei Sergeanten in Verfolgung von Pitou verschwinden sehen, als sie voll Vertrauen zu der Schnellfüßigkeit des Verfolgten, – der, wenn kein Unfall dazwischen trat, seine Verfolger weithin entführen mußte, – die ängstlich lauernden Knechte rief, ihr die Thüre zu öffnen. Die Knechte liefen herbei, und sobald Katharine befreit war, beeilte sie sich, ihren Vater auch in Freiheit zu setzen.

Billot schien zu träumen. Statt aus der Stube zu stürzen, ging er nur mißtrauisch und kehrte von der Thüre mitten in das Zimmer zurück. Es war, als getraute er sich nicht, am Platze zu bleiben, und hätte zugleich bange, seinen Blick auf das von den Agenten gesprengte und geleerte Hausgeräte zu werfen.

»Und sie haben ihm das Buch genommen, nicht wahr?« fragte Billot.

»Ja, mein Vater, doch sie haben ihn nicht genommen.«

»Wen, ihn?«

»Pitou. Er ist entflohen. Und wenn sie ihm immer noch nachlaufen, so müssen sie nun in Cayolles oder in Vauciennes sein.«

»Desto besser! Armer Junge! ich habe ihm das zugezogen.«

»Oh! mein Vater, bekümmern sie sich nicht um ihn, und denken wir an uns. Seien Sie unbesorgt, Pitou wird sich schon heraus helfen. Doch, mein Gott! welche Unordnung! Sehen Sie doch meine Mutter!«

»Oh! mein Weißzeugschrank,« rief Frau Billot. »Sie haben nicht einmal meinen Weißzeugschrank respektiert. Das sind ruchlose Gesellen!«

»Sie haben im Weißzeugschrank gesucht!« rief Billot.

Und er stürzte auf den Schrank zu, den, wie gesagt, der Sergeant sorgfältig wieder geschlossen hatte, und fuhr mit seinen beiden Armen durch die Haufen umgeworfener Servietten.

»Oh!« rief er, »das ist unmöglich!«

»Was suchen Sie, mein Vater?« fragte Katharine.

Billot schaute in einer Art von Geistesverwirrung umher.

»Sieh, ob du es irgendwo findest. Doch nein; in dieser Kommode – nein; in diesem Sekretär auch nicht; übrigens war es da, denn ich hatte es selbst hierher gestellt. Noch gestern habe ich es gesehen. Nicht das Buch suchten diese Elenden, sondern das Kistchen.«

»Welches Kistchen?« fragte Katharine.

»Ei! Du weißt es wohl.«

»Das Kistchen des Doktors Gilbert?« sagte Frau Billot, die bei Umständen von hoher Bedeutung schwieg und die andern handeln und sprechen ließ.

»Ja, das Kistchen des Doktors Gilbert,« rief Billot, indem er die Hände in seine dichten Haare versenkte. »Das so kostbare Kistchen!«

»Sie erschrecken mich, mein Vater,« sprach Katharine.

»Oh! ich Unglücklicher!« rief Billot voll Wut; »und ich habe mir das nicht ahnen lassen! ich habe gar nicht an dieses Kistchen gedacht! Oh! was wird der Doktor sagen? was wird er von mir halten? Er muß glauben, ich sei ein Verräter, ein Feiger, ein Elender!«

»Aber, mein Gott, was enthielt denn das Kistchen, mein Vater?«

»Ich weiß es nicht; ich weiß nur, daß ich mich dem Doktor mit meinem Leben dafür verbürgt habe, und daß ich mich hätte müssen töten lassen, um es zu verteidigen,« rief Billot.

Und er machte eine so verzweifelte Geberde, daß seine Frau und seine Tochter vor Schrecken zurückwichen.

»Mein Gott, mein Gott, werden Sie wahnsinnig, mein Vater?« sagte Katharine.

Und sie brach in ein Schluchzen aus.

»Antworten Sie mir doch!« rief sie, »um des Himmels willen, antworten Sie mir doch.«

»Mein Freund,« sprach Frau Billot, »antworte doch deiner Frau, antworte doch deiner Tochter.«

»Mein Pferd, mein Pferd!« rief der Pächter; »man führe mir mein Pferd vor.«

»Wohin wollen Sie denn, mein Vater?«

Den Doktor benachrichtigen, der Doktor muß Nachricht haben.

»Aber wo werden Sie ihn finden?«

»In Paris. Hast du in dem Brief, den er uns geschrieben, nicht gelesen, er begebe sich nach Paris? Er muß dort sein. Ich gehe nach Paris. Mein Pferd! mein Pferd!«

»Und Sie verlassen uns so, mein Vater, Sie verlassen uns in einem solchen Augenblick! Sie lassen uns in Angst und Unruhe zurück?«

»Es muß sein, mein Kind; es muß sein,« sagte der Pächter, während er den Kopf seiner Tochter zwischen seine Hände nahm und krampfhaft seinen Lippen näherte. »»Wenn du je dieses Kistchen verlörest,«« hat der Doktor zu mir gesagt, »»oder wenn man es dir vielmehr stehlen würde, brich sogleich auf, komm und benachrichtige mich überall, wo ich auch sein werde; nichts halte dich auf, nicht einmal das Leben eines Menschen.««

»Herr, was kann denn dieses Kistchen enthalten?«

»Ich weiß es nicht; ich weiß nur, daß man es mir zur Aufbewahrung übergeben hatte, und daß ich es mir habe nehmen lassen. Ah! hier ist mein Pferd. Durch den Sohn, der im Kollege ist, werde ich wohl erfahren, wo sich der Vater befindet.«

Hiernach umarmte der Pächter seine Frau und seine Tochter zum letztenmal, schwang sich auf den Sattel und sprengte querfeldein in der Richtung der Straße nach Paris.




IX.

Straße nach Paris


Kehren wir zu Pitou zurück.

Pitou wurde vorwärts getrieben durch die zwei größten Anstachelungsmittel der Welt: die Furcht und die Liebe.

Die Furcht hatte ihm unmittelbar gesagt:

Du kannst verhaftet oder geschlagen werden, nimm dich in acht, Pitou.

Und das genügte, um ihn wie einen Hirsch laufen zu machen.

Die Liebe hatte ihm durch die Stimme von Katharine gesagt:

Entfliehen Sie geschwinde, mein lieber Pitou.

Die zwei Anstachelungsmittel machten, wie gesagt, daß Pitou nicht lief, sondern flog.

Wie kamen ihm seine langen Beine und seine ungeheuren Kniee, die bei einem Ball so unlieblich erschienen, nun so nützlich auf dem Felde vor, wo sein Herz, von Angst beklommen, drei Pulsschläge in der Sekunde that.

Herr von Charny mit seinen kleinen Füßen, seinen feinen Knieen und seinen symmetrisch an ihren Platz gestellten Beinen wäre sicherlich nicht so gelaufen.

Pitou lief also unaufhaltsam durch das Gehölz, ließ Cayolles zu seiner Rechten, Yvors zu seiner Linken und drehte sich bei jeder Ecke des Waldes, um zu sehen, oder vielmehr, um zu horchen; denn seit langer Zeit sah er nichts mehr, da seine Verfolger durch die Schnelligkeit, von der Pitou eine so glänzende Probe gegeben, gleich von Anfang um tausend Schritte von ihm entfernt waren, eine Entfernung, die jeden Augenblick zunahm.

Es ist wahr, daß sich die Agenten von Pasdeloup, ganz entzückt, ihre Beute in Händen zu haben, nicht im geringsten mehr um Pitou bekümmerten; doch Pitou wußte das nicht. Ihn verfolgten in seiner Angst noch immer die Schatten der Häscher, obgleich sie in Wirklichkeit schon längst von ihm abgelassen hatten.

Was die schwarzen Männer betrifft, so hatten sie das Selbstvertrauen, welches das Geschöpf träge macht.

»Laufe, laufe!« sagten sie, indem sie die Hände in ihre Hosentaschen steckten und darin die Belohnung klingen ließen, mit der sie Herr Pasdeloup beehrt hatte: »laufe, wir werden dich immerhin finden, wann wir wollen.«

Und Pitou lief immer weiter, als ob er die Worte der Agenten von Herrn Pasdeloup hätte hören können.

Als er durch schlaue Kreuzung seiner Laufspuren – wie es die Tiere des Waldes thun, um die Meute von ihrer Fährte abzubringen – seine Fußstapfen in ein so verworrenes Netz verwickelt hatte, daß sich Nimrod selbst nicht ausgekannt haben würde, faßte er plötzlich den Entschluß, nach rechts einen Haken zu machen, um die Straße von Villers-Cotterets nach Paris, ungefähr auf der Höhe der Heide von Gondreville, zu erreichen.

Sobald dieser Entschluß gefaßt war, stürzte er durch das Gehölze, machte einen rechten Winkel und erblickte nach Verlauf von einer Viertelstunde die Landstraße, eingerahmt von ihrem gelben Sandboden und begrenzt von ihren grünen Bäumen.

Eine Stunde nach seinem Abgang vom Pachthofe befand er sich auf dem Pflaster des Königs.

Er hatte ungefähr vier und eine halbe Meile in dieser Stunde gemacht. Das ist alles, was man von einem guten Pferde in scharfem Trab verlangen kann.

Er warf einen Blick rückwärts. Und nirgends zeigte sich was auf dem Wege, nur vor ihm ritten zwei Weiber auf Eseln.

Ein wenig beruhigt durch das, was er sah oder vielmehr nicht sah, machte Pitou einen Purzelbaum auf dem Rasen am Saume des Waldes, trocknete sich mit dem Aermel sein dickes, ganz rotes Gesicht ab, legte sich auf den frischen Klee und überließ sich der Wollust, in Ruhe zu schwitzen.

Doch die süßen Düfte der Luzerne und des Majorans konnten bei ihm das gesalzene Fleisch der Mutter Billot und das anderthalb Pfund schwere Laibchen schwarzes Brot, das ihm Katharine bei jedem Mahl, d. h. dreimal täglich, zuschied, nicht in Vergessenheit bringen.

Pitou sagte sich philosophisch, Mademoiselle Katharine sei die freigebigste Prinzessin der Welt, und der Pachthof des Vaters Billot der kostbarste Palast des Weltalls.

Dann sandte er einen sehnsuchtsvollen Blick in die Richtung des glückseligen Pachthofes und seufzte. Er fühlte, wie seine einen Augenblick sehr verworrenen und sehr gestörten Ideen mit dem ruhigen Atem wieder zu ihrer Regelmäßigkeit zurückkehrten.

»Warum,« sagte er zu sich selbst, »warum sind mir so viele außerordentliche Ereignisse in einem so kurzen Zeitraum begegnet? Warum mehr Vorfälle in drei Tagen, als in der ganzen übrigen Zeit meines Lebens?«

»Weil mir von einer Katze geträumt hatte, die Händel mit mir suchte,« antwortete er sich.

Und er machte eine Geberde, die besagte, die Quelle seines Unglücks sei ihm hinreichend klar.

»Ja,« fügte Pitou bei, nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte, »doch das ist keine Logik wie die meines verehrungswürdigen Abbés Fortier. Nicht, weil ich von einer gereizten Katze geträumt habe, begegnen mir alle diese Abenteuer. Der Traum ist den Menschen nur als Warnung gegeben worden.«

»Darum hat, ich weiß nicht welcher Schriftsteller, gesagt:« »»Du hast geträumt, hüte dich: cave, somniasti««.

»Somniasti?« fragte sich Pitou bestürzt. »Sollte ich denn abermals einen Barbarismus gemacht haben? Ei! nein, ich habe nur eine Elision gemacht; somniavisti hätte ich in grammatikalischer Sprache sagen müssen.«

»Es ist erstaunlich,« fuhr Pitou in Selbstbewunderung fort, »wie ich das Lateinische kann, seitdem ich es nicht mehr lerne.«

Nach dieser Verherrlichung seiner eigenen Person setzte sich Pitou wieder in Marsch.

Pitou ging mit langen Schritten, aber ruhiger. Diese Schritte konnten zwei Meilen in der Stunde zurücklegen.

Infolgedessen hatte Pitou innerhalb zweier Stunden, nachdem er sich wieder in Marsch gesetzt, Manteuil hinter sich und steuerte auf Dammartine zu.

Plötzlich überbrachte ihm sein feines Gehör, das nicht minder geübt war, als das eines wilden Osagen, das Geräusch eines auf dem Pflaster schallenden Hufeisens.

»Ho! ho!« rief Pitou; und er skandierte den bekannten Vers von Virgil: Quadru pe dante pu trem soni tu quatit ungula campum.

Und er schaute, doch er sah nichts.

Waren es die Esel, die er in Levignan gelassen und die einen Galopp angeschlagen hatten? Nein, denn das klirrende Eisen erscholl auf dem Pflaster; Pitou aber hatte in Haramont und selbst in Villers-Cotterets nur den Esel der Mutter Sabot gekannt, der beschlagen war, und zwar, weil die Mutter Sabot den Postdienst zwischen Villers-Cotterets und Crespy verrichtete.

Er vergaß daher für den Augenblick das Geräusch, das er gehört hatte, um zu seinen Betrachtungen zurückzukehren.

Wer waren die schwarzen Männer, die ihn über den Doktor Gilbert gefragt, die ihm die Hände gebunden, ihn verfolgt hatten, und die er so weit zurückgelassen?

Woher kamen diese im ganzen Kanton völlig unbekannten schwarzen Männer?

Was hatten sie besonders mit Pitou abzumachen? mit ihm, der sie nie gesehen und folglich auch nicht kannte?

Wie, da er sie gar nicht kannte, war es ihnen möglich, ihn zu kennen? Warum hatte ihn Mademoiselle Katharine nach Paris gehen heißen, und warum hatte sie ihm, um ihm die Reise zu erleichtern, einen Louisd'or von achtundvierzig Franken gegeben? das heißt zweihundert und vierzig Pfund Brot, das Pfund Brot zu vier Sous gerechnet, also Mittel, um achtzig Tage oder beinahe drei Monate bei einiger Mäßigkeit zu leben?

Vermutete Mademoiselle Katharine, Pitou könnte oder müsse achtzig Tage vom Pachthause entfernt bleiben?

Pitou bebte plötzlich.

»Ho! ho!« sagte er; »abermals dieses Hufeisen.«

Und er richtete sich auf.

»Diesmal täusche ich mich nicht. Das Geräusch, das ich höre, ist das eines galoppierenden Pferdes, ich will es auf der Steige sehen.«

Pitou hatte sein Selbstgespräch noch nicht vollendet, als ein Pferd auf der Höhe eines kleinen Abhanges hinter ihm auf ungefähr vierhundert Schritt erschien.

Die Furcht, die ihn auf einen Augenblick verlassen hatte, ergriff Pitou abermals und gab ihm noch längere und unerschrockenere Beine, als die, von denen er zwei Stunden vorher einen so wunderbaren Gebrauch gemacht, da er sich von einem der Agenten verfolgt glaubte.

Ohne zu überlegen, ohne rückwärts zu schauen, ohne daß er nur seine Flucht zu verhehlen suchte, schwang sich Pitou, auf die Vortrefflichkeit seines stählernen Kniebugs rechnend, mit einem einzigen Satz auf die andere Seite des Grabens, der die Straße begrenzte, und fing an, querfeldein in der Richtung von Ermenonville zu entfliehen. Pitou wußte nicht, was Ermenonville war. Er erblickte nur am Horizont den Gipfel von einigen Bäumen und sagte zu sich selbst:

»Wenn ich diese Bäume erreiche, die ohne Zweifel der Saum eines Waldes sind, bin ich gerettet.«

Und er eilte gegen Ermenonville.

Diesmal handelte es sich darum, ein Pferd im Laufe zu besiegen. Pitous Füße waren nicht Füße mehr, sondern Flügel. Und das um so mehr, weil Pitou, nachdem er sich ungefähr hundert Schritte querfeldein geflüchtet, im Zurücksehen bemerkt hatte, wie der Reiter sein Pferd den ungeheuern Sprung machen ließ, den er selbst über den Straßengraben gemacht.

Von diesem Augenblicke an gab es für den Flüchtigen keinen Zweifel mehr, daß es der Reiter auf ihn abgesehen habe, und der Flüchtige verdoppelte seine Geschwindigkeit, ohne nur noch den Kopf umzuwenden, weil er hierdurch Zeit zu verlieren fürchtete. Was seinen Lauf nun beschleunigte, war nicht mehr das Geräusch der Hufeisen auf dem Pflaster (denn das Geräusch dämpfte sich im Klee und auf dem Brachfelde); sondern es war etwas wie ein Schrei, der ihn verfolgte, die letzte Silbe seines Namens vom Reiter ausgesprochen, – ein Hu! Hu! welches das Echo seines Zornes zu sein schien und durch die Luft zog, die er durchschnitt.

Doch nach zehn Minuten dieses furchtbaren Laufes fühlte Pitou seine Brust schwer werden, seinen Kopf sich verstopfen. Seine Augen fingen an, in ihren Höhlen zu schwanken. Es kam ihm vor, als erhielten seine Kniee eine beträchtliche Ausdehnung, als füllten sich seine Lenden mit kleinen Steinen. Von Zeit zu Zeit stolperte er in den Furchen, er, der gewöhnlich die Füße beim Laufen so hoch aufhob, daß man alle Nägel an der Sohle seiner Schuhe sah.

Endlich triumphierte das Pferd, das in der Kunst zu laufen erhabener als der Mensch geboren ist, über den zweifüßigen Pitou; und dieser hörte zugleich die Stimme des Reiters nicht mehr: Hu! Hu! sondern: Pitou! Pitou! rufen.

Es war um ihn geschehen: alles war verloren.

Pitou versuchte es indessen, seinen Lauf fortzusetzen; das war eine Art von maschinenmäßiger Bewegung geworden; er ging, durch die repulsive Kraft fortgerissen; plötzlich wichen seine Kniee. Er wankte und fiel, einen großen Seufzer ausstoßend, mit dem Gesicht gegen die Erde nieder.

Zu gleicher Zeit aber, als er niederfiel, fest entschlossen, wenigstens mit seinem Willen nicht mehr aufzustehen, erhielt er einen Peitschenhieb um die Lenden. Ein schwerer Fluch, der ihm nicht fremd war, erscholl, und eine wohlbekannte Stimme rief ihm zu:

»Ah! Tölpel, ah! Dummkopf, du hast also geschworen, Cadet krepieren zu machen!«

Der Name Cadet setzte der Unentschlossenheit von Pitou ein Ziel.

»Ah!« rief er, indem er sich halb um sich selbst wandte, so daß er, statt auf dem Bauch zu liegen, auf den Rücken zu liegen kam. »Ah! ich höre die Stimme von Herrn Billot.«

Es war in der That der Vater Billot. Als sich Pitou von der Identität wohl überzeugt hatte, setzte er sich auf.

Der Pächter hatte seinerseits Cadet, der ganz von Schweiß troff, angehalten.

»Ah! lieber Herr Billot,« rief Pitou, »wie gut sind Sie, daß Sie mir so nachrennen! Ich schwöre Ihnen, daß ich in den Pachthof zurückgekommen wäre, nachdem ich den Doppel-Louisd'or von Mademoiselle Katharine verzehrt gehabt hätte. Doch da Sie da sind, so nehmen Sie hier Ihren Doppel-Louisd'or wieder, denn im ganzen gehört er doch Ihnen, und lassen Sie uns in den Pachthof zurückkehren.«

»Tausend Teufel!« entgegnete Billot, »es handelt sich wohl darum, in den Pachthof zurückzukehren, wo die Mouchards sind.«

»Die Mouchards!«[2 - Polizeispione.] fragte Pitou, der die Bedeutung dieses Wortes, das erst seit kurzer Zeit in das Wörterbuch der Sprache aufgenommen worden war, nicht recht begriff.

»Ja, ja, die Mouchards,« sagte Billot, »die schwarzen Männer, wenn du das besser begreifst.«

»Ah, die schwarzen Männer! Sie können sich wohl denken, Herr Billot, daß ich nicht zu meinem Vergnügen auf sie gewartet habe.«

»Bravo! sie sind also zurück.«

»Ich schmeichle mir damit; doch nach einem Laufe, wie ich ihn vollbracht, ist das, wie mir scheint, das Wenigste.«

»Wenn du deiner Sache gewiß warst, warum bist du dann noch immer geflohen?«

»Weil ich glaubte, es sei ihr Anführer, der mich, um mit Ehren zu bestehen, zu Pferde verfolge.«

»Ah! ah! du bist nicht so ungeschickt, als ich dachte. Sobald also der Weg frei ist, auf! auf! nach Dammartine.«

»Wie! auf, auf?«

»Ja, erhebe dich und komm mit mir.«

»Wir gehen also nach Dammartine?«

»Ja, ich werde ein Pferd beim Gevatter Lefranc nehmen; ich lasse ihm Cadet, der nicht mehr weiter kann, und wir marschieren heute Abend bis nach Paris.«

»Gut, Herr Billot, gut.«

»Wohl denn! auf! auf!«

Pitou strengte sich an, um zu gehorchen.

»Ich möchte wohl, lieber Herr Billot, aber ich kann nicht,« sagte er.

»Du kannst nicht aufstehen?«

»Nein.«

»Du hast wohl vorhin den Karpfensprung gemacht?«

»Oh! vorhin, darüber dürfen Sie sich nicht wundern. Ich hörte Ihre Stimme, und bekam zugleich einen Peitschenhieb auf den Rückgrat. Doch dergleichen Dinge gelingen nur einmal; jetzt bin ich an Ihre Stimme gewöhnt, und was Ihre Peitsche betrifft, so bin ich nun fest überzeugt, daß Sie dieselbe nur noch zur Führung des armen Cadet, der beinahe so heiß hat, als ich, anwenden werden.«

Die Logik von Pitou, welche im ganzen genommen keine andre war, als die des Abbés Fortier, überzeugte und rührte beinahe den Pächter.

»Ich habe keine Zeit, mich durch dein Schicksal erweichen zu lassen,« sagte er zu Pitou; »doch strenge dich an und steige auf das Kreuz von Cadet.«

»Ah! ah, da wird der arme Cadet krepieren!«

»Bah! in einer halben Stunde sind wir beim Vater Lefranc.«

»Ei! mein lieber Herr Billot, mir scheint, es ist vollkommen unnütz, daß ich zum Vater Lefranc gehe.«

»Und warum?«

»Weil, wenn Sie etwas in Dammartine bedürfen, ich doch nichts dort bedarf.«

»Ja, aber ich, ich bedarf, daß du nach Paris kommst. In Paris wirst du mir dienen; du hast solide Fäuste, und ich bin fest überzeugt, daß man sich dort demnächst Püffe austeilen wird.«

»Ah! ah!« versetzte Pitou, nicht sehr entzückt über diese Aussicht: »Sie glauben?«

Und er hißte sich auf Cadet, wobei ihn Billot wie einen Mehlsack an sich zog. Der gute Pächter erreichte die Landstraße wieder und agierte so gut mit dem Zaum, mit den Knieen und mit den Sporen, daß man in weniger als einer halben Stunde, wie er gesagt hatte, in Dammartine war.

Billot war in die Stadt durch ein ihm bekanntes Gäßchen eingeritten. Er gelangte in den Pachthof des Vaters Lefranc, ließ Pitou und Cadet mitten im Hof, lief geradeswegs in die Küche, wo der Vater Lefranc, eben im Begriffe auszureiten, um eine Runde in den Feldern zu machen, seine Gamaschen zuknöpfte.

»Geschwinde, geschwinde, Gevatter,« sagte er zu Lefranc, ehe sich dieser von seinem Erstaunen erholt hatte, »Dein stärkstes Pferd.«

»Das ist Margot,« erwiderte Lefranc; »das gute Tier ist gerade gesattelt; ich war im Begriff, aufzusitzen.«

»Gut also, Margot; nur ist es möglich, daß ich sie zu Tode reite, das sage ich dir zum Voraus.«

»Ah! Margot zu Tode reiten, und warum dies?« frage ich dich.

»Weil ich heute Abend in Paris sein muß,« sagte Billot mit düsterer Miene.

Und er machte Lefranc eine äußerst bezeichnende Freimaurergeberde.

»Dann reite Margot zu Tode,« sprach der Vater Lefranc, »du wirst mir Cadet geben.«

»Abgemacht.«

»Ein Glas Wein?«

»Zwei.«

»Doch du bist nicht allein, wie mir scheint?«

»Nein, ich habe einen braven Burschen bei mir, den ich mit mir nehme; er ist so abgemattet, daß er nicht die Kraft gehabt hat, bis hierher zu kommen; laß ihm etwas geben.«

»Sogleich, sogleich,« sagte der Pächter. In zehn Minuten hatten die zwei Freunde jeder seine Flasche Wein getrunken, und Pitou hatte einen zweipfündigen Laib Brot und ein halbes Pfund Speck verschlungen. Wahrend er aß, rieb ihn ein Knecht vom Pachthof, ein guter Teufel, mit einer Handvoll frischer Luzerne, wie er es mit einem Lieblingspferde gemacht hätte.

So gerieben, so erquickt, verschluckte Pitou auch ein Glas Wein von einer dritten Flasche, die mit um so größerer Schnelligkeit geleert wurde, als, wie gesagt, Pitou daran teil nahm, wonach Billot Margot bestieg und Pitou, steif wie ein Stück Holz, auf das Kreuz gesetzt wurde.

Vom Sporne angetrieben, trabte das gute Tier bald unter der doppelten Last mutig gen Paris, wobei es ohne Unterlaß mit seinem kräftigen Schweif nach den Fliegen jagte, dem armen Pitou den staubigen Rücken ausklopfte und von Zeit zu Zeit mit der dicken Rute aus Roßhaar auch an seine dünnen, wegen schlecht aufgezogener Strümpfe schutzlosen Waden schlug.




X.

Was am Ende der Straße, der Pitou folgte, nämlich in Paris vorging


Von Dammartine nach Paris sind es noch acht Meilen. Die vier ersten legte man ziemlich leicht zurück; doch von Bourget an wurden die Beine von Margot, obgleich durch die langen Beine von Pitou angetrieben, am Ende steif.

Als man nach La Villette kam, glaubte Billot in der Nähe von Paris eine große Flamme zu erschauen.

Er machte Pitou auf den rötlichen Schein aufmerksam, der am Horizont aufstieg.

»Sie sehen also nicht,« sagte Pitou, »daß das Truppen sind, die biwakieren und Feuer angezündet haben?«

In der That, indem er aufmerksam zu seiner Rechten schaute, sah der Vater Billot die Ebene von Saint-Denis besät mit schwarzen Abteilungen, die schweigsam, Infanterie und Kavallerie, in der Finsternis marschierten.

Ihre Waffen glänzten zuweilen in den bleichen Strahlen der Sterne. Pitou, der durch seine nächtlichen Wanderungen in der Dunkelheit zu sehen gewöhnt war, zeigte sogar seinem Herrn mitten auf dem feuchten Felde Kanonen, die bis zur Hälfte der Räder im Kot versunken waren.

»Ho! ho!« sagte Billot, »es giebt also neues dort? Beeilen wir uns, Junge, beeilen wir uns.«

»Ja, ja, es giebt Feuer dort,« erwiderte Pitou, der sich auf dem Kreuze von Margot erhoben hatte. »Sehen sie, sehen Sie die Funken!«

Margot blieb stehen. Billot sprang von ihrem Rücken auf das Pflaster und trat zu einer Gruppe blau und gelber Soldaten, die unter den Bäumen an der Straße biwakierten.

»Kameraden,« fragte er sie, »könnt Ihr mir wohl sagen, was es neues in Paris giebt?«

Doch die Soldaten beschränkten sich darauf, daß sie ihm durch einige Flüche in deutscher Sprache antworteten.

»Was Teufel sagen sie?« fragte Billot Pitou.

Pitou antwortete mit gewaltigem Zittern: »Lieber Herr Billot, ich kann Sie bloß versichern, daß es nicht lateinisch ist, was sie reden.«

Billot dachte nach und schaute.

»Ich Dummkopf, der ich bin, daß ich mich an Kaiserliche wende, rief er.«

Und in seiner Neugierde blieb er unbeweglich mitten auf der Straße.

Ein Offizier kam auf ihn zu.

»Ziehen Sie Ihres Weges,« sagte er, »und zwar geschwinde.«

»Verzeihen Sie, Kapitän,« erwiderte Billot, »ich gehe nach Paris.«

»Nun?«

»Und da ich Sie quer auf dem Wege sehe, so befürchte ich, daß man nicht bis zu den Barrièren passiert.«

»Man passiert.«

Billot stieg wieder zu Pferde und passierte wirklich; aber nur, um unter die Husaren von Berchigny zu geraten, die La Villette versperrten.

Diesmal hatte er es mit Landsleuten zu thun, und er fragte daher mit besserem Erfolg.

»Mein Herr,« sagte er, »was giebt es denn neues in Paris?«

»Eure wütenden Pariser,« antwortete ein Husar, »wollen ihren Necker haben, und sie schießen auf uns, als ob das uns anginge.«

»Necker haben!« rief Billot, »Sie haben ihn also verloren?«

»Gewiß, da ihn der König abgesetzt hat.«

»Der König hat Herrn Necker abgesetzt?« sprach Billot mit dem Erstaunen eines Adepten, der über Ruchlosigkeit schreit; »der König hat diesen großen Mann abgesetzt?«

»Oh, mein Gott, ja, mein Braver; dieser große Mann ist sogar schon unterwegs nach Brüssel.«

»Wohl! dann werden wir lachen,« rief Billot mit einer furchtbaren Stimme, ohne sich um die Gefahr zu bekümmern, die er dadurch lief, daß er mitten unter zwölf bis fünfzehnhundert royalistischen Säbeln sich als Aufrührer gebärdete.

Und er bestieg abermals Margots Rücken und trieb sie mit grausamen Fersenstößen bis zur Barrière.

Während er immer weiter ritt, sah er den Brand um sich greifen und sich röten; eine lange Feuersäule stieg von der Barrière zum Himmel auf. Die Barrière selbst brannte.

Eine brüllende, wütende Menge, vermischt mit Weibern, die ihrer Gewohnheit gemäß lauter drohten und schrieen als die Männer, schürte die Flamme mit Trümmern von Zimmerwerk, Hausgeräte und Effekten des Octroieinnehmers.

Auf der Straße schauten die ungarischen und deutschen Regimenter, das Gewehr bei Fuß, der Verwüstung zu und verzogen keine Miene.

Billot hielt nicht bei diesem Flammenwall an. Er trieb Margot durch den Brand. Margot setzte mutig über die weißglühende Barrière; doch jenseits der Barrière mußte Billot vor einer dichtgedrängten Volksmenge anhalten, die aus dem Mittelpunkte der Stadt in die Vorstädte zurückströmte, wobei die einen sangen, die andern: Zu den Waffen! riefen.

Billot hatte das Aussehen von dem, was er war, nämlich von einem guten Pächter, der in seinen Geschäften nach Paris kommt. Er schrie, vielleicht ein wenig zu laut: »Platz! Platz!« Doch Pitou wiederholte so artig hinter ihm: Platz, »wenn's beliebt! Platz!« daß der eine den andern verbesserte. Niemand hatte ein Interesse dabei, Billot zu verhindern, zu seinen Geschäften zu gehen: man ließ ihn vorüber.

Margot hatte ihre Kräfte wiedergefunden! das Feuer hatte ihr die Haare versengt: all dieses ungewöhnliche Geschrei ängstigte sie. Billot war nun genötigt, ihre letzte Anstrengung zu zügeln, denn er befürchtete, die zahlreichen, vor den Thoren zusammengescharten Neugierigen niederzureiten.

Billot rückte immerhin vor, indem er Margot, bald rechts, bald wieder links lenkte, bis zum Boulevard.

Es defilierte eben ein Zug, der von der Bastille kam und nach dem Garde-Meubles marschierte. Dieser Zug versperrte den Boulevard und folgte einer Bahre, auf der zwei Büsten getragen wurden: die eine durch einen Flor verschleiert, die andere mit Blumen bekränzt.

Die durch einen Flor verschleierte Büste war die Büste von Necker, dem nicht in Ungnade gefallenen, aber entlassenen Minister; die andere war die Büste des Herzogs von Orleans, der bei Hofe für den Finanzmann von Genf offen Partei genommen hatte.

Billot erkundigte sich, was diese Prozession bedeute. Man sagte ihm, es sei eine Herrn Necker und seinem Verteidiger, dem Herrn Herzog von Orleans, vom Volke dargebrachte Huldigung.

Billot war in einer Gegend geboren, wo man den Namen des Herzogs von Orleans seit anderthalb Jahrhunderten verehrte. Billot gehörte zur philosophischen Sekte und betrachtete folglich Necker nicht nur als einen großen Minister, sondern auch als einen Apostel der Menschheit. Das war mehr, als es brauchte, um Billot zu begeistern. Er sprang von seinem Pferde, ohne genau zu wissen, was er that, und schrie: »Es lebe der Herzog von Orleans! es lebe Necker!« und mischte sich unter die Menge.

Hat man sich einmal unter die Menge gemischt, so verschwindet die individuelle Freiheit. Billot war es übrigens um so leichter, sich fortreißen zu lassen, als er vielmehr an der Spitze, als an dem Schweife der Bewegung ging.

Der Zug rief aus vollem Halse: »Es lebe Necker! Keine fremden Truppen mehr! Nieder mit den fremden Truppen!«

Billot vermischte seine mächtige Stimme mit allen diesen Stimmen,

Ein Vorzug, welcher es auch sein mag, wird immer vom Volke geschätzt. Der Pariser der Vorstädte mit der schwächlichen, heiseren, durch die Entkräftung geschwächten, oder durch den Wein zerfressenen Stimme würdigte die frische, reine, klangreiche Stimme von Billot und machte ihm Platz, so daß Billot, ohne zu sehr gepufft, mit den Ellbogen gestoßen, des Atems beraubt zu werden, bis zu der Bahre gelangte.

Nach Verlauf von zehn Minuten trat ihm einer von den Trägern, dessen Enthusiasmus seine Kräfte überstieg, seinen Platz ab.

Billot hatte, wie man sieht, rasch seinen Weg gemacht.

Am Tage vorher noch einfacher Verbreiter der Broschüre des Doktors Gilbert, war er am andern Abend eines der Werkzeuge des Triumphes von Necker und vom Herzog von Orleans.

Doch kaum zu diesem Posten gelangt, durchzuckte ein Gedanke seinen Geist. Was war aus Pitou, was war aus Margot geworden?

Während er seine Bahre trug, wandte Billot seinen Kopf um und sah beim Scheine der Fackeln, die den Zug begleiteten und erhellten, beim Schimmer der Lämpchen, die alle diese Fenster beleuchteten, mitten im Zuge eine Art von wandernder Erhöhung, gebildet von fünf bis sechs gestikulierenden und schreienden Menschen.

Unter diesen Gestikulationen und unter diesem Geschrei war die Stimme von Pitou leicht zu unterscheiden, ließen sich seine langen Arme leicht erkennen.

Pitou that, was er konnte, um Margot zu verteidigen, aber trotz seiner Anstrengung war Margot gleichsam im Sturme genommen worden. Margot trug nicht mehr Pitou und Billot, schon eine ehrenwerte Last für das arme Tier.

Margot trug alles, was auf ihrem Rücken, auf ihrem Kreuz, auf ihrem Hals und auf ihrem Widerrist Platz hatte finden können.

Margot glich in der Nacht, die durch die Phantasie alle Gegenstände vergrößert, einem mit Schützen, die auf eine Tigerjagd ausziehen, beladenen Elephanten.

Auf dem breiten Rückgrat von Margot hockten fünf bis sechs Besessene und schrieen: »Es lebe Necker! es lebe der Herzog von Orleans! nieder mit den Fremden!«

Worauf Pitou erwiderte:

»Ihr werdet Margot erdrücken!«

Die Trunkenheit war allgemein.

Billot hatte einen Augenblick den Gedanken, Pitou und Margot Hilfe zu bringen; doch hielt ihn die Furcht wieder davon ab, er könnte, wenn er nur eine Minute auf die von ihm eroberte Ehre, eine von den Stangen der Bahre zu tragen, verzichtete, den Platz an seiner Stange verlieren. Dann dachte er, daß durch den mit dem Vater Lefranc abgeschlossenen Tausch von Cadet gegen Margot, Margot ihm gehörte, und daß, sollte Margot Unglück widerfahren, dies nur eine Sache von drei- bis vierhundert Livres wäre, und daß er, Billot, reich genug sei, um dem Vaterland drei- bis vierhundert Livres zum Opfer zu bringen.

Mittlerweile marschierte der Zug immer weiter; er hatte eine schräge Richtung angenommen und war von der Rue Montmartre bis zur Place des Victoires hinabgegangen. Als man zum Palais Royal kam, fand man eine große Zusammenscharung, die den Weg völlig versperrte. Ein Haufen Menschen mit grünen Blättern am Hut schrie: »Zu den Waffen!«

Man mußte sich erst erkundigen, waren die Menschen, welche die Rue Vivienne versperrten, Freunde oder Feinde? Grün war die Farbe des Grafen d'Artois. Warum die grünen Kokarden?

Nach einer kurzen Verhandlung erklärte sich alles.

Als man die Entlassung Neckers erfuhr, war ein junger Mann aus dem Kaffee Foy herausgetreten, auf einen Tisch gestiegen und hatte, eine Pistole zeigend, gerufen:

»Zu den Waffen!«

Bei diesem Rufe hatten sich alle Spaziergänger des Palais um ihn versammelt und geschrieen: »Zu den Waffen.«

Alle fremden Regimenter waren, wie gesagt, um Paris zusammengeschart. Man hatte glauben sollen, es wäre eine österreichische Invasion; die Namen dieser Regimenter klangen entsetzlich für französische Ohren. Sie hießen: Reynac, Salis Samade, Diesbach, Esterhazy, Römer;[3 - Wir kopieren diese Namen genau nach dem Original, ohne entfernt für die Richtigkeit zu bürgen, D. Uebers.] man brauchte sie nur zu nennen, um der Menge begreiflich zu machen, man spreche feindliche Namen aus. Der junge Mann nannte sie und verkündigte, Schweizer seien auf den Champs-Elysees mit vier Kanonen gelagert und müssen an demselben Abend im Gefolge der Dragoner des Prinzen von Lambesq in Paris einziehen. Er schlug eine neue Kokarde vor, die nicht die ihrige wäre, riß ein Blatt von einem Kastanienbaume und steckte es auf seinen Hut. In demselben Augenblick ahmten ihm alle Anwesenden nach, und in zehn Minuten hatten dreitausend Personen die Bäume des Palais Royal geplündert.

Am Morgen war der Name des jungen Mannes unbekannt, am Abend war er in aller Mund.

Der Name des jungen Mannes war Camille Desmoulins.

Man begrüßte sich, man schloß Brüderschaft, man umarmte sich. Dann marschierte der Zug weiter.

Während des kurzen Haltes, den man gemacht, hatten die Neugierigen, die nichts sehen konnten, selbst wenn sie sich auf den Fußspitzen erhoben, Margot mit einer neuen Last an seinem Zaum, an seinem Sattel, an seinem Schwanzriemen, an seinen Steigbügeln so sehr überbürdet, daß das arme Tier in dem Augenblick, wo es sich wieder in Marsch setzen sollte, buchstäblich unter dem übermäßigen Gewicht zusammensank.

An der Ecke der Rue Richelieu schaute Billot zurück; Margot war verschwunden.

Er stieß, dem Andenken des unglücklichen Tieres gewidmet, einen Seufzer aus. Dann raffte er die Kräfte seiner Stimme zusammen und rief dreimal Pitou, wie es die Römer bei den Leichenbegängnissen ihrer Verwandten thaten; es war ihm, als hörte er aus dem Schoße der Menge eine Stimme hervordringen, die auf die seinige antwortete. Doch diese Stimme ging in dem verworrenen Geschrei verloren, das halb in Drohungen, halb in Beifallsrufen zum Himmel emporstieg.

Der Zug marschierte weiter.

Alle Läden waren geschlossen; doch alle Fenster geöffnet, und aus allen Fenstern kamen Ermutigungen und fielen voll Berauschung auf die Umhergehenden.

So erreichte man die Place Vendôme. Doch hier wurde der Zug durch ein unvorhergesehenes Hindernis aufgehalten.

Jenen Baumstämmen ähnlich, die, von einem ausgetretenen Flusse fortgewälzt, auf einen Brückenpfeiler stoßen und gegen die Trümmer, die ihnen folgen, zurückspringen, fand das Volksheer eine Abteilung von Royal-Allemand auf der Place Vendôme.

Die fremden Soldaten waren Dragoner, die, als sie die durch die Straße Saint-Honoré steigende Volksmasse sahen, die nun gegen die Place Vendôme auszuströmen anfing, ihren Pferden, die durch einen Halt von fünf Stunden ungeduldig geworden, die Zügel schießen ließen und gegen das Volk ansprengten.

Die Träger der Bahre bekamen den ersten Stoß und wurden unter der Last niedergeworfen. Ein Savoyard, der vor Billot ging, stand zuerst wieder auf, ergriff das Bildnis des Herzogs von Orleans, befestigte es auf dem Ende eines Stockes, hob es über seinen Kopf empor und schrie: »Es lebe der Herzog von Orleans!« den er nie gesehen, oder: »Es lebe Necker!« den er nicht kannte.

Billot wollte dasselbe mit der Büste von Necker thun, doch war man ihm zuvorgekommen. Ein junger Mann von vierundzwanzig bis fünfundzwanzig Jahren, elegant genug gekleidet, um den Namen eines Muscadin[4 - In jener Zeit Benennung der Stutzer, deren Lieblingsparfüm Bisam (muse) war.] zu verdienen, war der Büste mit den Augen gefolgt, was für ihn viel leichter, als für Billot war, der sie trug, und hatte sich auf dieselbe gestürzt, sobald sie den Boden berührte.

Der Pächter suchte daher vergebens auf der Erde; die Büste von Necker steckte schon an der Spitze einer Art von Pike und versammelte, neben derjenigen des Herzogs von Orleans getragen, einen großen Teil des Zuges um sich.

Plötzlich beleuchtet ein Feuerschein den Platz. In demselben Augenblick vernimmt man ein Gekrache, Kugeln pfeifen; etwas Schweres schlagt Billot vor die Stirne; er fällt; im ersten Augenblick hält sich Billot für tödlich getroffen.

Doch da ihn das Bewußtsein nicht verlassen hat, da ihm, abgesehen von einem heftigen Schmerz am Kopfe, durchaus nichts wehe thut, so begreift Billot, daß er höchstens verwundet ist; fährt mit der Hand an die Stirne, um sich der Bedeutung seiner Wunde zu versichern, und bemerkt zugleich, daß er nur eine Quetschung am Kopfe hat, und daß seine Hände von Blut gerötet sind.

Dem jungen Manne mit den schönen Kleidern, der Billot voranging, hatte eine Kugel die Brust in der Mitte durchbohrt. Er war tot. Dieses Blut, es war das seinige. Der Schlag, den Billot empfunden hatte, war die Büste von Necker, die ihm, ihre Stütze verlierend, auf den Kopf gefallen war.

Billot stößt einen Schrei aus, halb vor Wut, halb vor Schrecken.

Er tritt von dem jungen Manne zurück, der sich in den Konvulsionen des Todeskampfes zerarbeitet. Diejenigen, welche ihn umgeben, treten, wie er, zurück, und von der Menge wiederholt, verlängert sich der Schrei, den er ausgestoßen, wie ein Leichenecho in den letzten Gruppen der Rue Saint-Honoré.

Dieser Schrei ist ein neuer Aufruhr; man vernimmt ein zweites Krachen, und alsbald bezeichnen tiefe, in die Masse gegrabene Löcher den Durchzug des Geschosses.

Die Büste, deren ganzes Gesicht mit Blut befleckt ist, aufraffen, sie über seinen Kopf erheben, mit seiner männlichen Stimme Einsprache thun, auf die Gefahr hin, sich töten zu lassen gleich dem schönen jungen Mann, dessen Körper zu seinen Füßen liegt, daß ist es, was die Entrüstung Billot eingießt, und was er im ersten Augenblicke seines Enthusiasmus thut.

Doch bald legt sich eine breite, kräftige Hand auf die Schulter des Pächters und drückt dergestalt darauf, daß er genötigt ist, sich unter dem Gewichte zu biegen. Der Pächter will sich dem Druck entziehen, eine andere Hand, nicht minder schwer als die erste, fällt auf seine andere Schulter. Er dreht sich entrüstet um, um zu schauen, mit was für einem Gegner er es zu thun habe.

»Pitou?« ruft er.

»Ja, ja,« antwortet Pitou, »bücken Sie sich ein wenig und Sie werden sehen.«

Und er verdoppelt seine Anstrengung, bis es ihm gelingt, den widerspenstigen Pächter neben sich niederzudrücken.

Kaum hat er ihm das Gesicht gegen die Erde gedrückt, da ertönt eine zweite Salve. Der Savoyard, der die Büste des Herzogs von Orleans trägt, bückt sich auch, von einer Kugel in den Schenkel getroffen.

Dann hört man das Aufschlagen der Hufeisen auf dem Pflaster. Die Dragoner greifen zum zweiten Mal an; ein Pferd mit zerzauster Mähne und wütend, rennt über den unglücklichen Savoyarden, und er fühlt die kalte Spitze einer Lanze in seine Brust eindringen. Er fällt auf Billot und Pitou.

Der Sturm zieht, Schrecken und Tod verbreitend, weiter und weiter bis in die Tiefe der Straße! Die Leichname allein bleiben auf dem Pflaster. Alles flieht durch die anliegenden Gassen. Die Fenster schließen sich. Eine Todesstille folgt auf die Rufe der Begeisterung und auf das Geschrei des Zorns.

Billot wartete einen Augenblick, immer noch durch den klugen Pitou niedergehalten. Als er dann fühlte, daß die Gefahr sich mit dem Lärmen entfernte, erhob er sich auf ein Knie, während Pitou, nach Art der Hafen im Lager, nicht den Kopf aufzurichten, sondern das Ohr zu spitzen anfing.

»Nun, Herr Billot,« fügte Pitou, »ich glaube, Sie haben wahr gesprochen, wir sind im rechten Augenblick angekommen.«

»Auf, hilf mir!«

»Wobei? zu entfliehen?«

»Nein; der junge Muscadin ist tot, doch der arme Savoyard ist, wie ich denke, nur ohnmächtig. Hilf mir ihn auf meinen Rücken laden, wir können ihn nicht hier lassen, daß ihm die verdammten Deutschen den Rest geben.«

Billot sprach eine Sprache, die Pitou gerade zum Herzen ging. Er fand nichts zu antworten und konnte nur gehorchen. Darum nahm er den Körper des ohnmächtigen, blutenden Savoyarden, lud ihn, wie er es mit einem Sacke gethan hätte, auf die Schulter des kräftigen Pächters, und dieser schlug, als er die Rue Saint-Honoré frei und scheinbar verlassen sah, mit Pitou den Weg nach dem Palais-Royal ein.




XI.

Die Nacht vom 12. auf den 13. Juli


Die Straße war anfangs Billot und Pitou leer und verlassen vorgekommen, weil sich die Dragoner, in Verfolgung der Masse der Flüchtigen begriffen, in den Rues Louis-le-Grand und Gaillon verbreitet hatten, als aber Billot, instinktartig und mit halber Stimme das Wort Rache brummend, dem Palais-Royal näher kam, erschienen Menschen an den Straßenecken, in den Öffnungen der Gänge, auf der Schwelle der Thorwege; sie schauten anfangs stumm und erschrocken umher, versicherten sich der Abwesenheit der Dragoner, schlossen sich dann diesem Leichenzuge an, und wiederholten zuerst mit halber Stimme, dann laut, und endlich mit gewaltigem Geschrei das Wort: »Rache! Rache!«

Pitou ging, die schwarze Mütze des Savoyarden in der Hand, hinter dem Pächter.

Sie kamen so, eine unheimliche, traurige Prozession, auf den Platz des Palais-Royal, wo ein ganzes, vor Zorn trunkenes Volk beratschlagte und die Unterstützung der französischen Soldaten gegen die fremden forderte.

»Was für Menschen in Uniform sind das?« fragte Billot, als er vor die Fronte einer Kompagnie kam, die, das Gewehr bei Fuß, den Platz des Palais-Royal vom großen Thore des Schlosses bis zur Rue de Chartres versperrt hielt.

»Es sind französische Garden,« riefen mehrere Stimmen.

»Ah!« sagte Billot, indem er näher auf sie zutrat und den Soldaten den Körper des Savoyarden zeigte, der nur noch eine Leiche war. »Ah! ihr seit Franzosen, und laßt uns durch Deutsche erwürgen!«

Die französischen Garden machten unwillkürlich eine Bewegung rückwärts.

»Tot!« murmelten einige Stimmen in den Reihen.

»Ja, tot, ermordet, er und viele Andere.«

»Und durch wen?«

»Durch die Dragoner von Royal-Allemand. Habt ihr denn das Geschrei, die Schüsse, den Galopp der Pferde nicht gehört?«

»Doch! doch! riefen zwei- bis dreihundert Stimmen; man ermordete das Volk auf der Place Vendôme.«

»Und ihr seid vom Volk, tausend Götter!« rief Billot den Soldaten zu. »Es ist also eine Feigheit von euch, daß ihr eure Brüder ermorden laßt!«

»Eine Feigheit! murmelten einige drohende Stimmen in den Reihen.«

»Ja  . . . eine Feigheit! ich habe es gesagt und wiederhole es. Ah,« fuhr Billot fort, indem er drei Schritte gegen den Punkt machte, woher die Drohungen gekommen waren, »werdet ihr mich nicht töten, um zu beweisen, daß ihr keine Feige seid?«

»Es ist gut  . . . es ist gut,« sagte einer von den Soldaten; »Sie sind ein Braver, mein Freund; doch Sie sind Bürger und können thun, was Sie wollen; aber der Militär ist Soldat und hat einen Befehl.«

»Somit,« rief Billot, »wenn ihr den Befehl bekämet, auf uns, das heißt, auf Unbewaffnete, zu schießen, so würdet ihr schießen, die Nachfolger der Männer von Fontenoy!«

»Ich, ich weiß wohl, daß ich nicht feuern würde,« rief eine Stimme in den Reihen.

»Ich auch nicht, ich auch nicht,« wiederholten hundert Stimmen.

»So verhindert also die andern, auf uns zu schießen. Uns durch die Deutschen ermorden lassen, ist gerade, als ob ihr uns selbst ermorden würdet.«

»Die Dragoner! die Dragoner!« schrieen mehrere Stimmen, während zugleich die Menge, zurückgedrängt und durch die Rue Richelieu fliehend, auf den Platz auszuströmen anfing.

Und man hörte noch in der Ferne, aber näher kommend, den Galopp einer schweren Kavallerie auf dem Platze schallen.

»Zu den Waffen! zu den Waffen!« schrieen die Flüchtigen.

»Tausend Götter!« sagte Billot, während er den Körper des Savoyarden, den er bis jetzt noch nicht losgelassen, auf den Boden warf; gebt uns wenigstens eure Gewehre, wenn ihr euch derselben nicht bedienen wollt.«

»Doch, doch, tausend Donner! wir wollen uns derselben bedienen,« sagte der Soldat, an den sich Billot gewendet, während er aus den Händen des Pächters sein Gewehr losmachte, das der andere schon gepackt hatte. »Auf, auf, ergreift die Patronen, und wenn die Österreicher etwas zu diesen braven Leuten sagen, so werden wir sehen.«

»Ja, ja, wir werden sehen,« schrieen die Soldaten, und sie griffen mit der Hand an die Patrontasche, um Patronen herauszuholen.

»Oh! Donner!« rief Billot, mit dem Fuße stampfend, »daß ich mein Jagdgewehr nicht mitgenommen habe! Doch es wird wohl einer von diesen österreichischen Schuften getötet werden, dem nehme ich seine Muskete.«

»Mittlerweile,« sagte eine Stimme, »nehmen Sie diese Büchse, sie ist geladen.«

Und zugleich schob ein unbekannter Mann Billot eine reiche Büchse in die Hände.

Gerade in diesem Augenblicke mündeten die Dragoner, alles, was sich vor ihnen fand, niederwerfend und niedersäbelnd, auf den Platz aus.

Der Offizier, der die französischen Garden kommandierte, machte vier Schritte vorwärts.

»Holla! meine Herren Dragoner, halt da, wenn's beliebt!« rief er.

Sei es nun, daß die Dragoner nicht hörten, sei es, daß sie nicht hören wollten, sei es, daß sie durch einen zu stürmischen Lauf fortgerissen wurden, um anzuhalten, sie schwenkten rechts auf den Platz ein und warfen eine Frau und einen Greis nieder, die unter den Füßen der Pferde verschwanden.

»Feuer also, Feuer!« rief Billot.

Billot war ganz nahe bei dem Offizier, und man konnte glauben, der Offizier selbst rufe. Die französischen Garden schlugen an und machten ein Rottenfeuer, worauf die Dragoner rasch anhielten.

»Ei! meine Herren Garden,« sagte ein deutscher Offizier, der vor die Front der in Unordnung gebrachten Schwadron ritt, »wissen Sie, daß Sie auf uns feuern?«

»Bei Gott! ob wir das wissen!« rief Billot.

Und er schoß den Offizier vom Pferde.

Da gaben die französischen Garden eine zweite Salve, und die Deutschen, als sie sahen, daß sie es diesmal nicht mit Bürgern, die beim ersten Säbelhieb entflohen, sondern mit Soldaten zu thun hatten, die sie festen Fußes erwarteten, kehrten um und erreichten die Place Vendôme wieder unter einem so furchtbaren Ausbruch von Bravos und Triumphgeschrei, daß viele Pferde durchgingen und sich die Hirnschale an den geschlossenen Fensterläden zerschmetterten.

»Es leben die französischen Garden!« rief das Volk.

»Es leben die Soldaten des Vaterlandes!« rief Billot.

»Wir danken,« antworteten diese, »wir haben das Feuer gesehen und sind nun getauft.«

»Und ich habe das Feuer auch gesehen,« sagte Pitou.

Nun? fragte Billot.

»Nun! ich finde es nicht so erschrecklich, als ich es mir vorstellte.«

»Wem gehört nun das Gewehr?« sagte Billot, der die Büchse zu untersuchen Zeit gehabt und in derselben eine Waffe von großem Wert erkannt hatte.

»Meinem Herrn,« erwiderte dieselbe Stimme, die schon einmal hinter ihm gesprochen. »Doch mein Herr findet, Sie bedienen sich desselben zu gut, um es von Ihnen zurückzunehmen.«

Billot wandte sich um und erblickte einen Piqueur in der Livree des Herzogs von Orleans.

»Und wo ist dein Herr?« fragte er.

Der Piqueur deutete auf eine halb geöffnete Jalousie, hinter der der Prinz alles, was vorgefallen war, gesehen hatte.

»Er ist also mit uns, dein Herr?« fragte Billot.

»Mit Herz und Seele beim Volk,« erwiderte der Piqueur.

»Dann noch einmal: Es lebe der Herzog von Orleans!« rief Billot: »Freunde, der Herzog von Orleans ist für uns; es lebe der Herzog von Orleans!«

Und er deutete auf den Laden, hinter dem der Prinz stand.

Der Laden wurde ganz geöffnet, und der Herzog von Orleans verbeugte sich dreimal.

Dann schloß sich der Laden wieder.

So kurz die Erscheinung gewesen war, sie hatte die Begeisterung auf den höchsten Grad gesteigert.

»Es lebe der Herzog von Orleans!« schrieen zwei- bis dreitausend Stimmen.

»Brechen wir die Buden der Waffenschmiede auf,« sagte eine Stimme in der Mitte.

»Laufen wir ins Invalidenhaus!« riefen einige alte Soldaten. »Sombreuil hat zwanzigtausend Gewehre.«

»Ins Invalidenhaus!«

»Ins Stadthaus!« riefen mehrere Stimmen; der Stadtvogt Flesselles hat den Schlüssel zum Waffendepot der Garden, er wird sie uns geben.«

»Ins Stadthaus!« wiederholte ein Teil der Anwesenden.

Und alle Welt lief in den drei Richtungen weg, die bezeichnet worden waren.

Mittlerweile hatten sich die Dragoner wieder um den Baron Bezenval und den Prinzen von Lambesq auf der Place Louis XV. gesammelt. Das wußten Billot und Pitou nicht; sie waren keinem von den drei Haufen gefolgt und befanden sich beinahe allein auf dem Platze des Palais-Royal.

»Nun, lieber Herr Billot, wohin gehen wir, wenn ich fragen darf?« sagte Pitou.

»Ei! ich hätte große Lust, diesen braven Leuten zu folgen, nicht zu den Waffenschmieden, da ich eine so schöne Büchse habe, sondern nach dem Stadthause, oder ins Invalidenhaus. Insofern ich aber nach Paris gekommen bin, nicht um mich zu schlagen, sondern um die Adresse von Herrn Gilbert zu erfahren, so müßte ich, wie mir scheint, in das College Louis-le-Grand gehen, wo sein Sohn ist, mit dem Vorbehalt, wenn ich den Doktor gesehen habe, mich wieder in diesen ganzen Wirrwarr zu stürzen.«

Und die Augen des Pächters schleuderten Blitze.

»Zuerst in das College Louis-le-Grand zu gehen, kommt mir logisch vor, da wir zu diesem Ende nach Paris gekommen sind,« sprach Pitou pathetisch.

»Nimm also einen Musketon, einen Säbel, irgend eine Waffe von einem der Faulenzer, die dort liegen, sagte Billot, auf einen der fünf bis sechs auf der Erde ausgestreckten Dragoner deutend, und laß uns nach dem College Louis-le-Grand gehen.«

»Aber diese Waffen,« entgegnete Pitou zögernd, »gehören nicht mir.«

»Wem gehören sie denn?« fragte Billot.

»Sie gehören dem König.«

»Sie gehören dem Volk,« sagte Billot.

Stark durch das Gutheißen des Pächters, den er als einen Mann kannte, der seinen Nachbar nicht um ein Hirsenkörnchen hätte benachteiligen wollen, näherte sich Pitou mit allen Arten von Vorsichtsmaßregeln dem Dragoner, der ihm am nächsten lag, und nahm ihm, nachdem er sich versichert hatte, daß er wirklich tot war, seinen Säbel, seinen Musketon und seine Patrontasche.

Pitou hatte große Lust, ihm auch seinen Helm zu nehmen. nur wußte er nicht, ob das, was der Vater Billot von den Angriffswaffen gesagt hatte, sich auch auf die Verteidigungswaffen erstreckte.

Doch während er sich bewaffnete, horchte Pitou nach der Place Vendôme hin.

»Ho! ho!« sagte er, »mir scheint, Royal-Allemand kommt zurück.«

Man hörte in der That das Geräusch eines Reiterhaufens, der im Schritt zurückkehrte. Pitou neigte sich an die Ecke des Kaffees de la Regence und erblickte auf der Höhe des March Saint-Honoré eine herbeireitende Dragoner-Patrouille.

»Geschwinde, geschwinde, sie kommen zurück,« sagte Pitou.

Billot schaute umher, um zu sehen, ob man Widerstand zu leisten im Stande wäre. Der Platz war beinahe leer.

»Gehen wir ins College Louis-le-Grand,« sagte er.

Und er nahm den Weg nach der Rue de Chartres, gefolgt von Pitou, der, mit dem Gebrauche des Wehrgehängs nicht vertraut, seinen großen Säbel schleppte.

»Tausend Götter! Du siehst aus wie ein Alteisenhändler. Hänge dir doch diese Latte an.«

»Wo?«

»Ei! bei Gott! hier,« antwortete Billot.

Und er befestigte den Säbel von Pitou an seinem Wehrgehänge, was ihm eine Schnelligkeit im Gehen gab, die er ohne dieses Mittel nicht erlangt hätte.

Der Marsch wurde ohne einen Unfall bis zur Place Louis XV. fortgesetzt; hier aber fanden Billot und Pitou die Kolonne wieder, die sich nach dem Invalidenhause begeben wollte und plötzlich angehalten worden war.

»Nun! fragte Billot, was giebt es denn?«

»Man passiert nicht auf dem Pont Louis XV.«

»Und auf den Quais?«

»Auch nicht.«

»Und durch die Champs Elysees?«

»Ebenso wenig.«

»So kehren wir um und gehen über die Brücke der Tuilerien.«

Der Vorschlag war ganz einfach, und die Menge zeigte dadurch, daß sie Billot folgte, sie sei bereit, ihm beizutreten; doch ungefähr auf der Hälfte des Wegs zum Garten der Tuilerien sah man Säbel glänzen. Der Quai war durch eine Schwadron Dragoner abgeschnitten.

»Ah! diese verfluchten Dragoner sind also überall?« murmelte der Pächter.

»Hören Sie, lieber Herr Billot, sagte Pitou, ich glaube, wir sind gefangen.«

»Bah!« erwiderte Billot, »man fängt nicht nur so fünf- bis sechstausend Menschen.«

Die Dragoner des Quais rückten allerdings langsam doch merklich vor.

»Es bleibt uns die Rue Royal,« sagte Billot, »komm hier durch, komm, Pitou.«

Pitou folgte dem Pächter wie sein Schatten.

Doch eine Linie von Soldaten schloß die Straße auf der Höhe der Porte Saint-Honoré.

»Ah! ah!« sagte Billot, »du konntest wohl recht haben, Pitou, mein Freund.«

»So!« begnügte sich Pitou zu erwidern.

Doch dieses einzige Wort bezeichnete durch den Ausdruck, mit dem es Pitou gesprochen, wie sehr er es bedauerte, sich nicht getäuscht zu haben.

Die Menge bewies durch ihre Bewegungen und durch ihr Geschrei, daß sie nicht minder empfindlich für die Lage war, in der sie sich befand.

Durch ein geschicktes Manöver hatte der Prinz von Lambesq in der That Neugierige und Aufrührer, fünf bis sechstausend an der Zahl, umringt und hielt sie, indem er den Pont Louis XV., die Quais, die Champs-Elysees, die Rue Royale und die Feuillans absperrte, in einen großen eisernen Bogen eingeschlossen, dessen Sehne die schwer zu erkletternde Mauer des Gartens der Tuilerien und das beinahe nicht zu sprengende Gitter des Pont Tournant bildeten.

Billot erwog die Lage der Dinge: sie dünkte ihm nicht gut. Da er aber ein ruhiger, kalter Mann war, ein Mann, nicht verlegen wegen Hilfsmittel in der Gefahr, so schaute er umher und sagte, als er einen Haufen Zimmerstücke auf dem Ufer des Flusses erblickte, zu Pitou:

»Ich habe einen Gedanken, komm.«

Pitou folgte dem Vater Billot, und Billot ging auf die Zimmerstücke zu, faßte eines an und sagte einfach zu Pitou:

»Hilf mir.«

Pitou half Billot, ohne ihn zu fragen, wozu; daran war ihm wenig gelegen. Er hatte zu dem Pächter ein solches Vertrauen, daß er mit ihm in die Hölle hinabgestiegen wäre.

Der Vater Billot hatte den Balken am einen Ende genommen, Pitou nahm ihn am andern. Beide kehrten nach dem Quai zurück; sie trugen eine Last, die fünf bis sechs Männer von gewöhnlicher Stärke kaum hätten aufheben können.

Die Stärke ist immer ein Gegenstand der Bewunderung für die Menge; so geschäftig sie auch war, sie trat vor Billot und vor Pitou auf die Seite.

Nachdem man begriffen hatte, daß das Manöver, ohne Zweifel ein Manöver von allgemeinem Interesse sei, gingen einige Menschen vor Billot her und riefen:

»Platz! Platz!«

»Sagen Sie, Vater Billot,« fragte Pitou nach ungefähr dreißig Schritten, »gehen wir sehr weit so?«

»Wir gehen bis zum Gitter der Tuilerien.«

»Ho! ho!« rief die Menge, die begriff.

Und sie trat noch rascher, als zuvor, auf die Seite.

Pitou schaute und sah, daß er von dem Platz, wo er war, bis zum Gitter nur noch ungefähr dreißig Schritte zu machen hatte.

»Ich werde gehen!« sagte er mit der Kürze eines Pythagoräers.

Die Arbeit wurde indessen Pitou um so leichter, als fünf bis sechs Männer von den Stärksten am Tragen der Last teilnahmen.

In fünf Minuten war man vor dem Gitter.

»Auf!« sagte Billot, »alle zugleich.«

»Gut,« sprach Pitou, »ich verstehe, wir haben eine Kriegsmaschine gemacht. Die Römer nannten das einen Sturmbock.«

Sogleich in Bewegung gesetzt, zerschmetterte der Balken mit einem furchtbaren Stoß das Schloß des Gitters.

Die Soldaten, die im Innern der Tuilerien die Wache bezogen, liefen herbei, um sich dem Einfall zu widersetzen. Doch beim dritten Stoß gab die Thüre nach, drehte sich ungestüm auf ihren Angeln, und die Menge stürzte in den gähnenden, düsteren Schlund.

Aus der hiebei stattfindenden Bewegung ersah der Prinz von Lambesq, daß ein Ausgang für diejenigen geöffnet war, die er für seine Gefangenen hielt. Der Zorn bemächtigte sich seiner. Er ließ sein Pferd einen furchtbaren Sprung vorwärts machen, um die Lage besser beurteilen zu können. Die hinter ihm aufgestellten Dragoner glaubten, es sei ihnen Befehl zum Angriff gegeben, und folgten ihm. Schon erhitzt, konnten die Pferde ihren Lauf nicht mäßigen; die Männer, die eine Genugthuung für ihre Niederlage auf dem Platze des Palais-Royal zu nehmen hatten, versuchten es wahrscheinlich nicht, sie zurückzuhalten.

Der Prinz, als er sah, daß es ihm unmöglich war, die Bewegung zu mäßigen, ließ sich fortreißen, und ein von den Weibern und Kindern ausgestoßenes herzzerreißendes Geschrei stieg zum Himmel auf, um Rache von Gott zu verlangen.

Es ereignete sich in der Finsternis eine gräßliche Scene. Die Angegriffenen wurden wahnsinnig vor Schmerz, die Angreifer wahnsinnig vor Zorn.

Von den Terrassen herab wurde schnell eine Art Verteidigung organisiert. Die Stühle flogen auf die Dragoner. An den Kopf getroffen, erwiderte der Prinz von Lambesq den Streich durch einen Säbelhieb, ohne zu bedenken, daß er einen Unschuldigen schlug, statt einen Schuldigen zu bestrafen, und ein siebzigjähriger Greis sank zu Boden.

Billot sah den Mann fallen und stieß einen Schrei aus.

Flugs war seine Büchse an seiner Schulter, ein Feuerstreif durchzuckte die Finsternis, und der Prinz wäre tot gewesen, hätte sich nicht in diesem Augenblick aus Zufall sein Pferd gebäumt. Das Pferd erhielt die Kugel in den Hals und stürzte nieder.

Man hielt den Prinzen für tot. Da sprengten die Dragoner in die Tuilerien und verfolgten die Flüchtigen mit Pistolenschüssen.

Doch die Flüchtigen hatten nun einen großen Raum, sie zerstreuten sich unter den Bäumen.

Billot lud wieder ruhig seine Büchse, indem er sagte, »Pitou, ich glaube bei meiner Treue, du hattest recht; wir sind zur rechten Zeit angekommen.«

»Wenn ich tapfer würde,« versetzte Pitou und feuerte seinen Musketon in das dichteste Gedränge der Dragoner ab; »mir scheint, das ist nicht so schwer.«

»Ja,« erwiderte Billot, »doch die unnütze Tapferkeit ist keine Tapferkeit. Komm hieher, Pitou, und nimm dich in acht, daß du dir die Beine nicht in deinem Säbel verwickelst.«

»Warten Sie auf mich, lieber Herr Billot. Wenn ich Sie verlöre, wüßte ich nicht, wohin ich gehen sollte. Ich kenne Paris nicht, wie Sie; ich bin nie hier gewesen.«

»Komm, komm,« sagte Billot, und er schlug den Weg über die Terrasse am Rande des Wassers ein, bis er die Linie der Truppen überschritten hatte, die auf den Quais vorrückten, doch diesmal so rasch, als sie konnten, um, wenn es nötig wäre, den Dragonern des Prinzen von Lambesq Verstärkung zu bringen.

Am Ende der Terrasse angelangt, setzte sich Billot auf die Brüstung und sprang auf den Quai hinab. Pitou that dasselbe.




XII.

Was in der Nacht vom 12. auf den 13. Juli 1789 vorfiel


Als die zwei Landleute auf dem Quai waren und auf der Brücke der Tuilerien die Waffen eines neuen Trupps glänzen sahen, der aller Wahrscheinlichkeit nach kein befreundeter war, schlichen sie bis an das Ende des Quais und stiegen sodann das steile Ufer der Seine hinab.

Die Glocke der Tuilerien schlug elf Uhr. Einmal unter den Bäumen angelangt, die sich längs des Flusses hin erstreckten, einmal unter dem Dunkel ihres Blätterwerks verloren, legten sich der Pächter und Pitou auf dem Rasen nieder und eröffneten eine Beratung.

Es handelte sich um die Entscheidung, und die Frage wurde von dem Pächter gestellt: ob man bleiben sollte, wo man war, das heißt in ziemlicher Sicherheit; oder ob man sich wieder mitten in den Tumult werfen und an dem Kampfe teilnehmen sollte, der den Anschein hatte, die größere Hälfte der Nacht hindurch fortzudauern.

Als diese Frage gestellt war, wartete Billot auf die Antwort von Pitou.

Pitou war in der Achtung des Pächters nicht wenig gestiegen, einmal durch das Wissen, das er am vorhergehenden Tage geoffenbart, und dann durch den Mut, von dem er am Abend eine Probe abgelegt hatte. Pitou fühlte das instinktartig, doch statt deshalb stolzer zu sein, war er nur um so dankbarer gegen den guten Pächter. Pitou war von Natur demütig.

»Herr Billot,« sagte er, »Sie sind offenbar tapferer, und ich bin minder feig, als ich glaubte. Horaz, der doch ein anderer Mann war, als wir, hinsichtlich der Poesie wenigstens, warf seine Waffen weg und entfloh beim ersten Angriff. Ich, ich habe meinen Musketon, meine Patrontasche und meinen Säbel, was beweist, daß ich beherzter bin, als Horaz.«

»Nun, worauf zielst du ab?«

»Ich ziele darauf ab, daß der tapferste Mann von einer Kugel getroffen werden kann.«

»Hernach?«

»Hernach, lieber Herr, hören Sie. Da Sie, als Sie den Pachthof verließen, äußerten, es sei Ihre Absicht, wegen eines wichtigen Gegenstandes nach Paris zu gehen  . . .«

»Oh! tausend Götter! das ist wahr, ich bin wegen des Kistchens gekommen, tausend Donner! und aus keinem andern Grund.«

»Wenn Sie sich durch eine Kugel töten lassen, so wird sich die Angelegenheit, wegen der Sie gekommen sind, nicht abmachen lassen.«

»Wahrhaftig, du hast zehnmal recht,« Pitou.

»Hören Sie von hier aus, wie man zerschmettert, wie man schreit?« fuhr Pitou ermutigt fort. »Das Holz zerreißt wie Papier, das Eisen dreht sich wie Hanf.«

»Das Volk ist aufgebracht,« Pitou.

»Aber,« bemerkte Pitou, »mir scheint, der König ist auch nicht wenig erbost.«

»Wie, der König?«

»Allerdings; die Oesterreicher, die Deutschen, die Kaiserlichen, wie Sie sie nennen, sind die Soldaten des Königs. Nun also, wenn sie das Volk angreifen, so ist es der König, der ihnen anzugreifen befiehlt, und um solche Befehle zu geben, muß der König auch erbost sein.«

»Du hast zugleich recht und unrecht,« Pitou.

»Das scheint mir nicht möglich, lieber Herr Billot, und ich darf Ihnen vielleicht sagen, Sie würden, wenn Sie Logik studiert hätten, ein solches Paradoxon nicht wagen.«

»Du hast recht und hast unrecht, Pitou, und du wirst sogleich einsehen, warum.«

»Das soll mir sehr lieb sein; doch ich bezweifle  . . .«

»Siehst du, Pitou, es giebt zwei Parteien bei Hofe, die des Königs, der das Volk liebt, und die der Königin, welche die Oesterreicher liebt.«

»Das kommt davon her, daß der König Franzose und die Königin Oesterreicherin ist,« erwiderte Pitou philosophisch.

»Warte! Mit dem König sind Herr Turgot, Herr Necker; mit der Königin Herr von Breteuil und die Polignac. Der König ist nicht Gebieter, da er genötigt gewesen ist, Herrn Turgot und Herrn Necker zu entlassen. Die Königin ist also Gebieterin, das heißt, die Breteuil und die Polignac. Darum geht alles schlecht!  . . . Siehst du, Pitou, das Uebel kommt von Madame Defizit; Madame Defizit ist erzürnt, und in ihrem Namen greifen die Truppen an; die Oesterreicher verteidigen die Oesterreicherin: das ist ganz einfach.«

»Verzeihen Sie, Herr Billot,« erwiderte Pitou, »deficit ist ein lateinisches Wort, das bedeutet: es fehlt. Was fehlt denn?«

»Das Geld, tausend Götter! und weil das Geld fehlt, und weil die Günstlinge dieses Geldes, das fehlt, verzehrt haben, nennt man die Königin Madame Defizit. Nicht der König also ist erzürnt, sondern die Königin. Der König ist ärgerlich, ärgerlich, weil alles so schlecht geht.«

»Ich begreife,« sagte Pitou, »doch das Kistchen?«

»Richtig, Pitou! diese verteufelte Politik reißt mich immer weiter fort, als ich gehen will; ja vor allem das Kistchen. Du hast recht, Pitou; erst wenn ich den Doktor Gilbert gesehen habe, erst dann wollen wir zur Politik zurückkehren. Das ist eine heilige Pflicht.«

»Es giebt nichts heiligeres, als die heiligen Pflichten,« sprach Pitou.

»Laß uns also in das College Louis-le-Grand gehen, wo sich Sebastian Gilbert befindet,« sagte Billot.

»Gehen wir,« erwiderte Pitou seufzend, denn er mußte ein weiches Rasenbett verlassen, das ihm lieb geworden war. Ueberdies stieg, trotz der übermäßigen Aufregung des Abends, der Schlaf, der beständige Geist reiner Gewissen und ermatteter Kräfte, mit all seinem Schlummersaft auf den tugendhaften und ermüdeten Pitou herab.

Billot war schon aufgestanden, und Pitou erhob sich, als es halb zwölf Uhr schlug.

»Doch um halb zwölf Uhr wird das College Louis-le-Grand geschlossen sein, wie mir scheint,« sagte Billot.

»Oh! ganz gewiß,« erwiderte Pitou.

»Dann kann man bei Nacht in einen Hinterhalt geraten; mir scheint, ich sehe Biwakfeuer in der Nähe des Justizpalastes; man könnte mich verhaften oder töten; du hast recht, Pitou, man soll mich nicht verhaften, soll mich nicht töten.«

Seit diesem Morgen war es das dritte Mal, daß Billot in die Ohren Pitous die drei für den Menschen so schmeichelhaften Worte klingen ließ: du hast recht.

Pitou fand dagegen nichts besseres zu thun, als die Worte Billots zu wiederholen.

»Sie haben recht,« wiederholte er, während er sich auf den Rasen niederlegte. »Man darf Sie nicht töten, lieber Herr Billot.«

Und mit dem letzten Wort dieses Satzes erlosch die Stimme in der Kehle Pitous. Vox faucibus haesit hätte er sagen können, wenn er wach gewesen wäre. Aber er war eingeschlafen.

Billot bemerkte es nicht.

»Ein Gedanke,« rief er.

»Ah!« schnarchte Pitou.

»Höre mich, ich habe einen Gedanken! Trotz aller Vorsicht, mit der ich zu Werke gehe, kann ich getötet werden, von nahe oder von fern getroffen, vielleicht auf den Tod getroffen werden und sogleich sterben; würde dies geschehen, so mußt du wissen, was du statt meiner dem Doktor Gilbert sagen sollst.«

Pitou hörte nicht und antwortete folglich auch nicht.

»Wenn ich auf den Tod verwundet würde und meine Sendung nicht erfüllen könnte, so müßtest du statt meiner den Doktor Gilbert aufsuchen und ihm sagen  . . . hörst du mich wohl, Pitou?« sprach Billot, indem er sich gegen den jungen Mann hinabbückte, und du wirst ihm sagen  . . . Doch er schnarcht, der Unglückliche.«

Die ganze gewaltsame Aufregung Billots erlitt sofort eine Abspannung durch den Anblick des schlafenden Pitou.

»Schlafen wir also,« sagte er. Denn wie sehr auch der Pächter an Strapazen gewohnt war, der Ritt am Tage und die Ereignisse des Abends waren für ihn nicht ohne einschläfernde Gewalt.

Und nach drei Stunden ihres Schlummers oder vielmehr ihrer Erstarrung, erschien der Tag.

Als sie die Augen wieder öffneten, hatte Paris nichts von der wilden Physiognomie verloren, die sie am Tage zuvor an ihm wahrgenommen.

Nur sahen sie mehr Soldaten und überall Volk.

Das Volk bewaffnete sich mit Piken, die man in der Eile fabriziert hatte; mit Schießgewehren, deren sich die meisten nicht zu bedienen wußten; mit herrlichen Waffen aus einem andern Zeitalter, an denen die Träger ihre Verzierung von Gold, Elfenbein und Perlmutter bewunderten, ohne den Gebrauch und den Mechanismus davon zu verstehen.

Sogleich nach dem Rückzug der Soldaten hatte man das Garde-Meubles geplündert.

Und das Volk rollte zwei kleine Kanonen gegen das Stadthaus.

Die Sturmglocke erscholl in Notre-Dame, im Stadthause, in allen Kirchen. Man sah, und wußte nicht, von wo Legionen von bleichen, magern, nackten Männern und Weibern kommen, welche am Tage zuvor: Brot! geschrieen hatten und heute: Waffen! schrieen.

Es läßt sich nichts entsetzlicheres denken, als die Gespensterbanden, die seit ein paar Monaten aus der Provinz eintrafen, stillschweigend durch die Barrièren zogen und sich in dem selbst ausgehungerten Paris einquartierten, wie die arabischen Goules[5 - Bei den Orientalen eine Art von Dämon, ein weiblicher Dämon, der die Friedhöfe heimsucht und sich mit Leichen füttert. D. Übers] auf einem Friedhof.

Ganz Frankreich rief, an diesem Tage in Paris durch die Ausgehungerten jeder Provinz vertreten, seinem Könige zu: Mache uns frei! und seinem Gott: Sättige uns!

Billot, der zuerst wach geworden war, weckte Pitou auf, und beide wanderten nach dem College Louis-le-Grand, wobei sie, erschreckt durch dieses blutige Elend, schauernd umherschauten.

Als sie näher zu dem Teil der Stadt kamen, den wir heute das Quartier Latin nennen, als sie sodann die Rue de la Harpe hinaufstiegen, und endlich gegen die Rue Saint-Jacques, das Ziel ihres Marsches, vordrangen, sahen sie, wie zur Zeit der Fronde, Barrikaden sich erheben. Weiber und Kinder schleppten in die oberen Stockwerke der Häuser Folianten, schwere Möbel, kostbare Marmorarbeiten, in der Absicht, die fremden Soldaten niederzuschmettern, falls sie sich in die gekrümmten, engen Straßen des alten Paris wagen würden.

Von Zeit zu Zeit bemerkte Billot ein paar französische Gardesoldaten im Mittelpunkte einer Versammlung, die sie organisierten und mit einer wunderbaren Schnelligkeit die Handhabung eines Schießgewehres lehrten, eine Übung, welche die Weiber und Kinder mit Neugierde und beinahe mit dem Wunsche, sie selbst zu lernen, verfolgten.

Billot und Pitou fanden das College Louis-le-Grand im Aufruhr; die Schüler hatten sich erhoben und ihre Lehrer fortgejagt. In dem Augenblick, wo der Pächter und sein Gefährte vor das Gitter kamen, belagerten die Schüler dieses Gitter mit Drohungen, die der erschrockene Vorsteher durch Thränen erwiderte.

Der Pächter schaute einen Augenblick dieser Empörung im Innern zu und rief dann plötzlich mit einer Stentorstimme:

»Welcher von euch heißt Sebastian Gilbert?«

»Ich,« antwortete ein junger Mensch von einer beinahe weiblichen Schönheit, der mit Hilfe von drei bis vier seiner Kameraden eine Leiter brachte, um die Mauer zu erklettern, da er sah, daß er das Gitter nicht sprengen konnte.

»Kommen Sie näher hierher, mein Kind.«

»Was wollen Sie von mir, mein Herr?« fragte der junge Sebastian den Pächter.

»Wollen Sie ihn mitnehmen?« rief der Vorsteher, erschrocken bei dem Anblick der zwei bewaffneten Menschen, von denen der eine ganz mit Blut bedeckt war.

Der Knabe schaute seinerseits diese zwei Menschen mit Erstaunen an und suchte mit vergeblicher Mühe seinen Milchbruder Pitou wiederzuerkennen, denn er war seit der Zeit ihrer Trennung übermäßig gewachsen und in der kriegerischen Rüstung völlig verändert.

»Ihn mitnehmen!« rief Billot, »den Sohn von Herrn Gilbert mitnehmen; ihn in dieses Gemenge führen; ihn der Gefahr aussetzen, einen schlimmen Schlag zu bekommen! Oh! bei meiner Treue, nein!«

»Sehen Sie, Sebastian,« sagte der Vorsteher, »sehen Sie, Wütender, sogar Ihre Freunde wollen nichts von Ihnen. Denn diese Herren scheinen Ihre Freunde zu sein. Höret, meine Herren, höret, junge Zöglinge, höret, meine Kinder,« rief der arme Vorsteher, »gehorchet mir, gehorchet, ich befehle es; gehorchet, ich bitte euch inständig.«

»Oro obtestorque,« sagte Pitou.

»Mein Herr,« sprach der junge Gilbert mit einer für einen Knaben von seinem Alter außerordentlichen Festigkeit, behalten Sie meine Kameraden zurück, wenn es Ihnen gutdünkt, aber ich, verstehen Sie wohl, ich will hinaus.«

Er machte eine Bewegung gegen das Gitter. Der Professor hielt ihn am Arm zurück.

Doch er schüttelte seine schönen kastanienbraunen Haare auf seine bleiche Stirn und rief:

»Mein Herr, geben Sie wohl acht, was Sie thun. Ich bin nicht in der Lage der andern; mein Vater ist verhaftet, eingesperrt worden; mein Vater ist in der Gewalt der Tyrannen!«

»In der Gewalt der Tyrannen!« rief Billot; »sprich, mein Kind, was willst du damit sagen?«

»Ja! ja!« riefen die Knaben, »Sebastian hat recht; man hat seinen Vater verhaftet; und da das Volk die Gefängnisse geöffnet hat, so will er, daß man auch das Gefängnis seines Vaters öffne.«

»Ho! ho!« sprach der Pächter, indem er mit seinem Herkulesarm am Gitter rüttelte, man hat den Doktor Gilbert verhaftet. Alle Wetter! die kleine Katharine hatte also Recht!«

»Ja, mein Herr,« fuhr der junge Gilbert fort, »man hat meinen Vater verhaftet, und darum will ich fliehen, darum will ich ein Gewehr nehmen, darum will ich mich schlagen, bis ich meinen Vater befreit habe!«

Seine Worte wurden begleitet und unterstützt durch hundert tobende Stimmen, die riefen:

»Waffen! Waffen! man gebe uns Waffen!«

»Auf diese Rufe stürzte die Menge, die sich, ebenfalls von heldenmütigem Eifer beseelt, in der Straße zusammengeschart hatte, nach dem Gitter, um den jungen Leuten die Freiheit zu geben.

Der Vorsteher warf sich zwischen den Schülern und den Stürmenden auf die Kniee und streckte seine Arme flehend durch das Gitter.

»Oh! meine Freunde! meine Freunde!« rief er, »respektieren Sie diese Kinder!«

»Ob wir sie respektieren!« sagte einer von der französischen Garde; »ich glaube wohl! Das sind hübsche Jungen, welche die Übung wie die Engel machen werden.«

»Meine Freunde! meine Freunde! Diese Kinder sind ein Gut, das ihre Eltern mir anvertraut haben; ich bin für sie verantwortlich; ihre Eltern rechnen auf mich; ich bin ihnen mein Leben schuldig: doch in des Himmels Namen, führt die Kinder nicht weg!«

Hohngelächter, das aus der Tiefe der Straße, das heißt, aus den letzten Reihen der Menge kam, war die Antwort auf diese schmerzlichen Bitten.

Billot stürzte vor, widersetzte sich den französischen Garden, der Menge, den Schülern selbst, und rief:

»Er hat recht, das ist ein ihm anvertrautes heiliges Gut; die Männer sollen sich schlagen, sollen sich töten lassen, tausend Götter; doch die Kinder sollen leben; man braucht Samen für die Zukunft.«

Ein mißbilligendes Gemurre empfing diese Worte.

»Wer murrt hier?« rief Billot; »sicherlich ist es kein Vater. Mir, der ich mit euch spreche, sind gestern zwei Menschen in meinen Armen getötet worden; seht ihr Blut auf meinem Hemd, seht!«

Und er deutete auf seine gerötete Weste und sein blutiges Hemd mit einer Bewegung von Erhabenheit, welche die Versammlung elektrisierte.

»Gestern,« fuhr Billot fort, »gestern habe ich mich beim Palais-Royal und bei den Tuilerien geschlagen, und dieser Knabe hat sich auch geschlagen; doch dieser Knabe hat weder Vater noch Mutter, und überdies ist er beinahe ein Mann.«

Und er deutete auf Pitou, der sich in die Brust warf.

»Heute,« fuhr Billot fort, »werde ich mich abermals schlagen; doch niemand soll sagen: die Pariser waren nicht stark genug gegen die fremden Soldaten, und sie haben die Kinder zu Hilfe gerufen.«

»Ja! ja!« schrieen von allen Seiten Stimmen von Weibern und Soldaten. »Er hat recht. Kinder! geht hinein, geht hinein!«

»Oh! meinen Dank! meinen Dank! lieber Herr,« murmelte der Vorsteher, der die Hände von Billot durch das Gitter zu fassen suchte.

»Und unter Allen hüten Sie besonders Sebastian gut,« sagte dieser.

»Mich, mich hüten? ich sage Ihnen, daß man mich nicht hüten wird,« rief der junge Mensch, bleich vor Zorn, während er sich in den Händen der Diener des Hauses, die ihn wegführten, sträubte. »Lassen Sie mich hinein,« sprach Billot, »ich übernehme es, ihn zu beruhigen.«

Die Menge trat auf die Seite. Der Pächter zog Ange Pitou nach sich und drang in den Hof des College ein.

Schon bewachten drei bis vier Soldaten und ein Dutzend anderer Männer die Thüren und verschlossen jeden Ausgang für die aufrührerischen jungen Leute.

Billot ging gerade auf Sebastian zu, nahm die weißen feinen Händchen des Knaben in seine großen, schwieligen Hände und sagte zu ihm:

»Sebastian, erkennen Sie mich nicht mehr?«

»Nein.«

»Ich bin Billot, der Pächter Ihres Vaters.«

»Ich kenne Sie, mein Herr.«

»Und diesen Jungen,« fuhr er, auf seinen Gefährten deutend, fort, »kennst du ihn?«

»Ange Pitou?« fragte der Knabe.

»Ja, Sebastian, ja, ich, ich.«

Und Pitou fiel weinend vor Freude seinem Milchbruder und Studienkameraden um den Hals.

Aber ohne sich zu erheitern, sagte der Knabe:

»Nun! – hernach?«

»Hernach?  . . . Wenn man dir deinen Vater genommen hat, so werde ich ihn dir zurückgeben; ich, hörst du wohl?«

»Sie?«

»Ja, ich! ich! und alle diejenigen, welche dort mit mir sind. Was Teufels! wir haben es gestern mit den Österreichern zu thun gehabt, und wir haben ihre Patrontaschen gesehen.«

»Zum Beweise dient, daß ich eine besitze,« sagte Pitou.

»Nicht wahr, wir werden seinen Vater befreien?« rief Billot, sich an die Menge wendend.

»Ja, ja!« brüllte die Menge, wir werden ihn befreien,

Sebastian schüttelte den Kopf.

»Mein Vater ist in der Bastille,« sprach er schwermütig.

»Nun?« rief Billot.

»Nun, man nimmt die Bastille nicht,« erwiderte der Knabe.

»Was wolltest du dann thun, da du diese Überzeugung hattest?«

»Ich wollte auf den Platz gehen; man wird sich dort schlagen; mein Vater hätte mich vielleicht durch das Gitter eines Fensters bemerkt.«

»Unmöglich.«

»Unmöglich! und warum? Ich habe eines Tages, als ich mit meinen Mitschülern spazieren ging, den Kopf eines Gefangenen am Gitter der Bastille gesehen. Wenn ich meinen Vater gesehen hätte, wie ich diesen Gefangenen sah, so hätte ich ihn erkannt und ihm zugerufen: Sei ruhig, guter Vater, ich liebe dich.«

»Und wenn die Soldaten der Bastille dich getötet hätten?«

»Nun! so hätten sie mich unter den Augen meines Vaters getötet!«

»Tod und alle Teufel! Du bist ein böser Knabe, Sebastian. Du willst dich vor den Augen deines Vaters töten lassen! Du willst machen, daß er vor Schmerz in seinem Käfig stirbt, er, der nur dich auf der Welt hat, der dich so sehr liebt! Du bist offenbar ein schlimmes Herz, Sebastian!«

Und der Pächter stieß den Knaben zurück.

»Ja, ja, ein schlimmes Herz,« rief Pitou, in Thränen zerfließend.

Sebastian antwortete nicht.

Und während er in einem düstern Stillschweigen träumte, bewunderte Billot dieses edle, weiße, perlmutterartige Antlitz, das Feuerauge, den spöttischen feinen Mund, die Adlernase und das kräftige Kinn, das zugleich Adel der Seele und Adel des Blutes verriet.

»Du sagst, dein Vater sei in der Bastille?« fragte endlich der Pächter.

»Ja.«

»Und warum?«

»Weil mein Vater ein Freund von Lafayette und Washington ist; weil mein Vater für die Unabhängigkeit Amerikas mit dem Schwerte, und für die Freiheit Frankreichs mit der Feder gekämpft hat; weil mein Vater in beiden Weltteilen dafür bekannt ist, daß er die Tyrannei haßt; weil er die Bastille, wo die andern leiden, verflucht hat . . . Darum brachte man ihn dahin.«

»Wann dies?«

»Vor sechs Tagen.«

»Und wo hat man ihn verhaftet?«

»In Havre, wo er gelandet.«

»Woher weißt du das?«

»Ich habe einen Brief von ihm erhalten.«

»Und man hat ihn in Havre selbst verhaftet?«

»In Lillebonne.«

»Auf, mein Kind! schmolle nicht mit mir und gieb mir alle Umstände an, die du weißt. Ich schwöre dir, daß ich entweder meine Knochen auf dem Platz der Bastille lasse, oder du siehst deinen Vater wieder.«

Sebastian schaute den Pächter mit großen Augen an; und als er wahrnahm, daß er aus dem Grunde des Herzens zu sprechen schien, besänftigte er sich.

»Nun,« sagte er, in Lillebonne hatte er Zeit gefunden, mit Bleistift folgende Worte in ein Buch zu schreiben:

»»Sebastian, man verhaftet mich, und führt mich in die Bastille.

»»Geduld. Hoffe und arbeite!



    Lillebonne, den 7. Juli 1789.
    N. S.

»»Man verhaftet mich der Freiheit wegen.««

»»Ich habe einen Sohn im College Louis-le-Grand in Paris. Derjenige, welcher dies Buch findet, wird gebeten, es im Namen der Menschenliebe ihm zukommen zu lassen; er heißt Sebastian Gilbert.««

»Und dieses Buch?« fragte Billot, schnaubend vor Aufregung.

Er legte ein Goldstück hinein, umband es mit einer Schnur, und warf es durch das Fenster.

»Und?  . . .«

»Und der Pfarrer fand es. Er wählte unter den Gemeindeangehörigen einen kräftigen jungen Mann und sagte zu ihm:

»»Laß zwölf Franken deiner Familie, die kein Brot hat, und mit den andern zwölf trage dieses Buch nach Paris zu einem armen Knaben, dem man den Vater genommen, weil er das Volk zu sehr liebt.««

»Der junge Mann ist gestern Mittag hier angekommen und hat mir das Buch meines Vaters übergeben, daher weiß ich, daß mein Vater verhaftet ist.«

»Ah! ah!« rief Billot, »das söhnt mich ein wenig mit den Pfarren aus. Leider sind sie nicht alle wie dieser; und der brave junge Mann, wo ist er?«

»Er ist gestern Abend wieder abgegangen; er hofft seiner Familie noch fünf Franken von den zwölf, die er mitgenommen, zurückzubringen.«

»Schön! schön!« sagte Billot, fast vor Freude weinend.

»Oh, das Volk! es hat viel Gutes, Gilbert.«

»Nun wissen Sie alles. Sie versprachen mir, wenn ich reden würde, mir meinen Vater zurückzugeben. Ich habe geredet, denken Sie an Ihr Versprechen.«

»Ich habe dir gesagt, ich werde ihn retten, oder mich töten lassen. Zeige mir nun das Buch,« sprach Billot.

Hier ist es, erwiderte der Knabe, indem er aus seiner Tasche einen Band vom Contrat social zog.

»Und wo ist die Schrift deines Vaters?«

»Sehen Sie,« sagte der Knabe. Und er zeigte ihm die Schrift des Doktors.

Der Pächter küßte die Buchstaben.

»Sei nun ruhig,« sprach er, »ich will deinen Vater in der Bastille aufsuchen.«

»Unglücklicher!« rief der Vorsteher, indem er Billot bei den Händen nahm, »wie werden Sie zu einem Staatsgefangenen gelangen?«

»Dadurch, daß ich die Bastille nehme,« tausend Götter!

Einige Soldaten von der französischen Garde lachten. Nach einem Augenblick war das Gelächter allgemein.

»Sprecht,« rief Billot, indem er einen vor Zorn funkelnden Blick um sich her laufen ließ, »was ist denn die Bastille, wenn's beliebt?«

»Steine,« sagte ein Soldat.

«Und Eisen,« sagte ein anderer.

»Und Feuer,« sprach ein dritter. »Nehmen Sie sich in acht, mein braver Mann, man verbrennt sich dort.«

»Ja! ja! man verbrennt sich dort,« wiederholte die Menge voll Schrecken.

»Ah! Pariser!« brüllte der Pächter, »ah! Ihr habt Hacken, und fürchtet die Steine; Ihr habt Blei, und fürchtet das Eisen; Ihr habt Pulver, und Ihr fürchtet das Feuer. Pariser, Prahler; Pariser, Feiglinge; Pariser, Maschinen für die Sklaverei. Tausend Teufel! Wer ist ein Mann von Herz, der mit mir und Pitou die Bastille des Königs nehmen will? Ich heiße Billot, Pächter auf der Ile de France. Vorwärts!«

Billot hatte sich auf den höchsten Grad der Begeisterung emporgeschwungen. Die entflammte Menge bebte um ihn her und rief:

»Nach der Bastille! nach der Bastille!

Sebastian wollte sich an Billot anklammern, doch dieser schob ihn sanft zurück und sagte:

»Kind, was ist das letzte Wort deines Vaters?«

»Arbeite,« antwortete Sebastian.

»Arbeite also hier; wir werden dort arbeiten. Nur heißt unsere Arbeit zerstören und töten.«

Der junge Mann erwiderte nicht ein Wort: er verbarg sein Gesicht in seinen Händen, ohne nur Ange Pitou, der ihn umarmte, die Finger zu drücken, und fiel in so heftigen Konvulsionen nieder, daß man genötigt war, ihn in das Krankenzimmer der Anstalt zu tragen.

»Nach der Bastille!« riefen Billot und Pitou.

»Nach der Bastille!« wiederholte die Menge. Und man zog nach der Bastille.




XIII.

Der König ist so gut, die Königin ist so gut


Unsere Leser mögen uns nun erlauben, sie mit den politischen Hauptereignissen vertraut zu machen, die seit der Epoche, wo wir in unserer letzten Veröffentlichung den französischen Hof verlassen haben, vorgefallen waren.

Diejenigen, welche die Geschichte dieser Zeit kennen, oder diejenigen, welche vor der reinen, einfachen Geschichte zurückschrecken, können dieses Kapitel überschlagen, da das folgende gerade mit den vorangehenden sich zusammenfügt, und da das, welchen wir hier geben, nur für den Gebrauch der vielverlangenden Geister, die sich von Allein Rechenschaft geben wollen, bestimmt ist.

Etwas Unerhörtes, Unbekanntes, etwas, was von der Vergangenheit kam und auf die Zukunft zuging, toste und brummte seit ein paar Jahren in der Luft.

Das war die Revolution.

Voltaire hatte sich einen Augenblick in seinem Todeskampf erhoben, und, mit den Ellbogen auf sein Sterbebett gestützt, hatte er bis in der Nacht, wo er entschlummerte, diese blitzende Morgenröthe glänzen sehen.

Es sollte nämlich die Revolution, wie Christus, dessen Gedanke sie war, die Lebendigen und die Todten richten.

Als Anna von Oesterreich zur Regierung kam, sagte der Cardinal von Retz, gab es nur Ein Wort in Aller Mund: Die Königin ist so gut!

Einen Tage sieht der Arzt von Frau von Pompadour, Quesnoy, Ludwig XV. eintreten: ein Gefühl, das nicht Respect war, beunruhigt ihn dergestalt, daß er zittert und erbleicht.

»Was haben Sie?« fragte ihn Frau von Hausset.

»Madame,« erwiederte Quesnoy, »so oft ich den König sehe, sage ich mir: das ist ein Mann, der mir den Kopf kann abschlagen lassen!«

»Oh! es ist keine Gefahr,« entgegnete Frau von Hausset: »der König ist so gut!«

Mit diesen zwei Sätzen:

Der König ist so gut!

Die Königin ist so gut! hat man die französische Revolution gemacht.

Als Ludwig XV. starb. athmete Frankreich. Man war zugleich wie vom König, so von den Pompadour, von den Dubarry, vom Hirschpark befreit.

Die Vergnügungen von Ludwig XV. kosteten die Nation viel; sie kosteten allein übers drei Millionen jährlich[6 - So heißt es im Original, aber entweder ist die Summe von drei Millionen ein Druckfehler, denn die Vergnügungen von Ludwig XV. kosteten bedeutend mehr, oder hatte es heißen sollen XVI. D. Uebers.].

Zum Glück hatte man einen jungen, moralischen, philanthropischen, beinahe philosophischen König.

Einen König. der wie der Emil von Jean Jaques, ein Handwerk, oder vielmehr drei Handwerke gelernt hatte.

Er war Schlosser, Uhrmacher. Mechanicus.

Erschrocken über den Abgrund, über den er sich neigt, fängt der König damit an, daß er alle Gunstbezeigungen, die man von ihm verlangt, abschlägt. Die Höflinge beben. Zum Glück beruhigt sie Eines: nicht er schlägt sie ab, sondern Turgot. Die Königin ist vielleicht noch nicht Königin, und kann folglich an diesem Abend nicht den Einfluß haben, den sie morgen haben wird.

Im Jahr 1777 erlangt sie endlich den so sehr ersehnten Einfluß: die Königin wird Mutter; der König, der schon ein so guter König, ein so guter Gatte war, kann nun auch guter Vater werden.

Wird er derjenigen, welche der Krone einen Erben gegeben hat, etwas verweigern?

Und dann ist das noch nicht Alles: der König ist auch guter Bruder; man kennt die Anekdote von Beaumarchais, der dem Grafen von Provence geopfert wurde; und der König liebt nicht einmal den Grafen von Provence, weil er ein Pedant ist.

Dagegen liebt er sehr den Grafen d’Artois, diesen Typus von Geist, von Eleganz und französischen Adel. Er liebt ihn so sehr, daß, wenn er zuweilen der Königin das, was sie fordert, abschlägt, der Graf d'Artois sich nur mit der Königin zu verbinden braucht, und der König hat nicht mehr die Kraft, zu verweigerte.

Es ist auch die Regierung der liebenswürdigen Männer. Herr von Calonne, einer der liebenswürdigsten Männer der Welt, ist Generalcontroleur; er hat zur Königin gesagt:

»Madame, wenn es möglich ist, so ist es geschehen; ist eo unmöglich, so wird es sich machen.«

Von dem Tage an, wo diese reizende Antwort in den Salons von Paris und Versailles kreist, hat sich das rothe Buch, das man für geschlossen hielt, wieder geöffnet.

Die Königin kauft Saint-Cloud.

Der König kauft Rambouillet.

Der König hat nicht mehr Favoritinnen, sondern die Königin: die Damen Diane und Juleo von Polignac kosten Frankreich so viel, als die Pompadour und die Dubarry.

Die Königin ist so gut!

Man schlägt eine Ersparniß an den großen Gehalten vor. Einige fügen sich darein. Doch ein Vertrauter des Hofes weigert sich hartnäckig, sich beschränken zu lassen: das ist Herr von Coigny. Der König entflieht und sagt lachend am Abend:

»Wahrhaftig. ich glaube, wenn ich nicht nachgegeben hätte, Coigny würde mich geschlagen haben.«

Der König ist so gut!

Dann hängen die Geschicke einen Reiches von so Geringfügigem ab, vom Sporn eines Pagen zum Beispiel.

Ludwig XV. stirbt; wer wird der Nachfolger von Herrn von Aiguillon sein?

König Ludwig XVI. ist für Machaut. Machaut ist einer von den Ministern, die den schon wankenden Thron gestützt haben. Mesdames, das heißt, die Tanten des Königs, sind für Herrn von Maurepas, der so belustigend ist und so schöne Lieder macht. Er hat im Pontchartrain drei Bände gemacht, die er seine Denkwürdigkeiten nennt.

Dies Alles ist eine Frage den Kirchthurmrennens. Wer wird zuerst ankommen? Der König und die Königin in Arnouville, oder Mesdames in Pontchartrain?

Der König hat die Gewalt in Händen, die Chancen sind also für ihn.

– Er schreibt in Eile:

Reisen Sie auf der Stelle nach Parin ab. Ich erwarte Sie.

Er steckt die Depesche in einen Umschlag und schreibt darauf:

An den Herrn Grafen von Machaut in Arnouville.

Ein Page vom großen Stall wird gerufen. Man übergibt ihm das königliche Schreiben und befiehlt ihm, mit verhängten Zügeln zu reiten.

Nun, da der Page abgegangen ist, kann der König Mesdames empfangen.

Mesdames,dieselben, die ihr Vater, wie wir in Balsamo gesehen, mit den drei außerordentlich aristokratischen Namen: Locque, Chiffe und Graille[7 - Loque, Fetzen, Chiffe ein dünnes, schlechtes Zeug, Graille, Krähe.] beehrt hatte; Mesdames warten vor der Thüre, der entgegengesetzt durch welche der Page abgeht, bin der Page abgegangen ist.

Sobald der Page abgegangen ist, können Mesdames eintreten.

Sie treten ein, und flehen den König zu Gunsten den Herrn Maurepas an, – dies Alles ist eine Zeitfrage – der König kann Mesdames nicht abweisen, der König ist so gut!

Er wird einwilligen, wenn der Page fern genug ist, daß man ihn nicht wieder erwischen kann.

Der König kämpft gegen Mesdames, die Augen auf die Pendeluhr gerichtet, – eine halbe Stunde genügt ihm, – die Pendeluhr wird ihn nicht täuschen; es ist diejenige, welche er selbst richtet. Nach zwanzig Minuten gibt er nach.

»Man hole den Pagen zurück,« sagte er, »und Alles wird abgemacht sein!«

Mesdames stürzten hinaus; man wird aufsitzen; man wird ein Pferd, zwei Pferde, zehn Pferde zu Tode reiten, aber den Pagen einholen.

Das ist unnütz, und man wird gar nichts zu Tode reiten.

Beim Hinabsteigen ist der Page an einer Stufe hängen geblieben und hat einen Sporn zerbrochen. Wie kann man mit verhängten Zügeln reiten, wenn man nur einen Sporen hat?

Uebrigens ist der Chevalier d'Abzac Chef des großen Stalles, und er, der die Aufsicht über die Couriere hat, ließe einen Courier nicht abgehen, wenn derselbe auf eine Weise abgehen müßte, welche dem königlichen Stall nicht Ehre machen würde.

Der Page wird also nur mit beiden Sporen abgehen.

Eine Folge hiervon ist, daß man, statt den Pagen, mit verhängten Zügeln reitend, auf der Straße nach Arnouville einzuholen, ihn im Hofe des Stalles erwischen wird. Er saß nämlich im Sattel und war bereit, in tadellosem Anzug abzugeben.

Man nimmt ihm das Schreiben ab, man läßt den Text, der eben so gut für den Einen als für den Andern paßte. Nur, statt auf die Adresse zu schreiben: An Herrn von Machaut in Arnouville, schreiben Mesdames:

An den Herrn Grafen von Maurepas in Pontchartrain.

Die Ehre den königlichen Stalles ist gerettet, doch die Monarchie ist verloren.

Mit Maurepas und Calonne geht Alles vortrefflich. Der Eine singt, der Andere bezahlt; dann, nach den Höflingen, kommen noch die Generalpächter, die ihren Dienst auch gut versehen.

Ludwig XIV. begann seine Regierung damit, daß er zwei Generalpächter auf den Rath von Colbert aufhängen ließ, wonach er Lavailliére zur Geliebten nahm und Versailles baute. Lavailliére kostete ihn nichts.

Doch Versailles, wo sie wohnen sollte, kostete ihn sehr viel.

Im Jahr 1685 sodann jagt man unter dem Vorwand, sie seien Protestanten, eine Million gewerbsfleißiger Menschen aus Frankreich.

1707, noch unter dem großen König, sagt auch Boisguilbert, von 1698 sprechend:

»Das ging noch in jener Zeit, in jener Zeit war noch Oel in der Lampe. Heute hat in Ermangelung von Stoff Alles ein Ende genommen.

Mein Gott, was wird man achtzig Jahre später sagen, wenn die Dubarry, die Polignac über dies Alles hingegangen sind? Nachdem man das Volk Wasser hat schwitzen lassen, wird man es Blut schwitzen lassen!

Und dies Alles mit so reizenden Formen.

Früher waren die Pächter hart, grob und kalt wie die Thüren der Gefängnisse, in welche sie ihre Opfer warfen.

Heute sind es Philanthropen. Mit einer Hand plündern sie allerdingn das Volk, doch mit der andern bauen sie ihm Hospitäler.

Einer meiner Freunde, ein großer Finanzmann, hat mich versichert, von hundert und zwanzig Millionen, welche die Salzsteuer eintrug, haben die Pächter siebenzig für sich behalten.

In einer Versammlung, wo man die Ausgaben-Etats verlangte, sagte auch ein Rath, mit dem Wort spielend:

»Es sind nicht die besonderen Etats, was wir brauchen, sondern die General-Etats (Reichsstände).«

Der Funke fiel auf das Pulver, dan Pulver entzündete sich und machte einen Brand.

Jeder wiederholte das Wort den Raths und die Reichsstände wurden mit großem Geschrei gerufen.

Der Hof bestimmte die Eröffnung der Reichsstände auf den 5. Mai 1789.

Am 24. August 1788 zog sich Herr von Brienne zurück. Das war auch Einer, der die Finanzen ziemlich leicht verwaltet hatte.

Doch bei seinem Rückzug gab er wenigstens einen ziemlich guten Rath: den Necker zurückzurufen.

Necker trat wieder in das Ministerium ein, und man athmete voll Vertrauen.

Die große Frage der drei Ordnungen wurde indessen in ganz Frankreich verhandelt. Siéyès veröffentlichte seine bekannte Brochure über den dritten Stand.

Das Dauphiné, dessen-Stände sich, trotz des Hofes, versammelten, entschied, daß die Vertretung des dritten Standes der der Geistlichkeit und des Adels gleich sein sollte.

Man bestimmte die Zusammenberufung der Notablen.

Diese Versammlung dauerte zwei und dreißig Tage, das heißt, vom 6. November bis 8. Dezember 1788.

Diesmal mischte sich Gott darein.

Wenn die Peitsche der Könige nicht genügt, so pfeift die Peitsche Gottes ihrerseits in der Luft und macht die Völker vorwärts schreiten.

Der Winter kam in Begleitung der Hungersnoth.

Der Hunger und die Kälte eröffneten die Thore des Jahres 1789.

Paris war voll von Truppen, die Straßen von Patrouilien.

Zwei oder dreimal wurden die Gewehre vor der Menge geladen, welche Hungers starb.

Waren die Gewehre geladen, und man sollte sich derselben bedienen, so geschah dies nicht.

Eines Morgens, am 26. April, fünf Tage vor der Erdöffnung der Reichsstände, ist ein Name in der Menge im Umlauf.

Dieser Name wird mit um so schwereren Flüchen begleitet, als es der einen reich gewordenen Arbeiters ist.

Reveillon, wie man versichert, Reveillon, der Director der berühmten Papierfabrik des Faubourg Saint-Antoine, Reveillon hat gesagt, man müsse die Taglöhne der Arbeiter um fünfzehn Sous erniedrigen.

Das war die Wahrheit.

Man fügte bei, der Hof wolle ihn mit dem schwarzen Bande, das heißt, mit dem Sanct-Michaelsorden decorieren.

Das war die Albernheit.

Es gibt immer ein albernes Gerücht bei den Aufständen. Und es ist merkwürdig, daß sie hauptsächlich durch dieses Gerücht sich rekrutiren, vergrößen, zur Revolution werden.

Das Volk macht einen Gliedermann, tauft ihn Reveillon, decorirt ihn mit dem schwarzen Bande, zündet ihn vor der Thüre von Reveillon selbst an, und verbrennt ihn vollends auf dem Platze des Stadthauses, vor den Augen der Municipalbehörden, die ihn brennen sehen.

Straflosigkeit macht die Menge kühn; sie verkündigt, nachdem sie an Reveillon im Bildniß Gerechtigkeit geübt habe, werde sie am andern Tag in Wirklichkeit Gerechtigkeit an ihm üben.

Das war ein Fehdebrief in allen Regeln an die Regierung gerichtet.

Man schickte dreißig Soldaten von der französischen Garde ab; aber es war nicht einmal die Regierung, die sie abschickte, sondern der Oberst, Herr von Biron. Die dreißig Soldaten waren Zeugen dieses großen Tumultes, den sie nicht verhindern konnten. Sie sahen zu, wie man die Fabrik plünderte, das Hausgeräthe zum Fenster hinauswarf, Alles zerbrach, Alles verbrannte. Mitten unter diesem Tumult wurden fünfhundert Louisd'or gestohlen.

Man trank den Wein der Keller, und als man keinen Wein mehr hatte, trank man die Farben der Fabrik. die man für Wein hielt.

Diese garstige Handlung nahm den ganzen Tag den 27. ein.

Man schickte den dreißig Mann einige Compagnien französische Garden zu Hilfe; sie schaffen Anfangs blind und dann scharf. Mit den französischen Garden verbanden sich gegen Abend die Schweizer von Herrn von Bezenval.

Die Schweizer treiben keinen Scherz mit Revolutionen.

Die Schweizer vergaßen, daß sie Kugeln in ihren Patronen hatten, und da die Schweizer von Natur Schützen, und zwar gute Schützen sind, so blieben etliche und zwanzig Plünderer auf dem Platze.

Einige von ihnen hatten ihren Antheil an den erwähnten fünfhundert Louisd'or bei sich, welche aus dem Secretaire von Reveillon in die Tasche der Plünderer, und aus der Tasche der Plünderer in die der Schweizer übergingen.

Bezenval hatte Alles in seinem Namen gethan, unter seinen Hut genommen, wie man zu sagen pflegt.

Der König dankte ihm nicht und tadelte ihn nicht.

Wenn aber der König nicht dankt, so tadelt er.

Das Parlament eröffnete eine Untersuchung.

Der König schloß sie.

Der König war so gut!

Wer hatte das Volk so entzündet?

Niemand konnte es sagen.

Hat man nicht bisweilen bei großen Sommerhitzen Brände ohne Ursache entstehen sehen?

Man beschuldigte den Herzog von Orleans.

Die Beschuldigung war albern , sie fiel.

Am 29. war Paris vollkommen ruhig, oder schien es wenigstens zu sein.

Es kam der 1. Mai. Der König und die Königin begaben sich mit dem ganzen Hofstaate nach Notre-Dame, um das Veni creator zu hören.

Man rief viel: »Es lebe der König!« und besonders: »Es lebe die Königin!«

Die Königin war so gut!

Das war der letzte Tag den Friedens.

Am andern Tag rief man etwas weniger: »Es lebe die Königin!« und etwas mehr: »Es lebe der Herzog von Orleans!«

Dieser Ruf verletzte sie ungemein, die arme Frau, welche den Herzog so sehr haßte, daß sie von ihm sagte, er sei ein Feiger.

Als ob es je einen Feigen unter den Orleans gegeben hätte, von Monsieur an, der die Schlacht bei Cassel gewann, bin zum Herzog von Chartres, der zum Gewinnen der Schlachten von Jemmapes und Valmy beitrug.

So viel ist gewiß, daß die arme Frau beinahe ohnmächtig geworden wäre; man unterstützte sie, als ihr Kopf sich neigte. Madame Campan erzählt die Sache in ihren Denkwürdigkeiten.

Doch dieser geneigte Kopf erhob sich wieder stolz und hoffartig. Diejenigen welche den Ausdruck dieses Kopfes sahen, waren auf immer davon geheilt, daß sie sagten: »Die Königin ist so gut!«

Es gibt drei Portraits von der Königin; das eine gemalt 1776, dan andere 1784 und das dritte 1788.

Ich habe alle drei gesehen. Sehen Sie dieselben ebenfalls. Wenn sie je in einer Gallerie beisammen sind, so wird man die Geschichte von Marie Antoinette in diesen drei Portraits lesen[8 - Die drei Portraits sind in Versailles.].

Die Vereinigung der drei Ordnungen, die eine Umarmung sein sollte, war eine Kriegserklärnng.

»Drei Ordnungen!« sagte Siéyès, »nein, drei Nationen.«

Am 3. Mai, am Tage vor der Messe den Heiligen-Geistes, empfing der König die Abgeordneten in Versailles.

Einige riethen ihm, die Herzlichkeit an die Stelle der Etiquette zu setzen.

Der König wollte nichts hören.

Er empfing die Geistlichkeit zuerst.

Den Adel sodann.

Und endlich den dritten Stand.

Der dritte Stand hatte lange gewartet.

Der dritte Stand murrte.

In den früheren Versammlungen sprach der dritte Stand auf den Knieen.

Es war nicht möglich, den Präsidenten den dritten Standes zum Knieen zu bewegen.

Man beschloß, der dritte Stand sollte keine Rede halten.

In der Sitzung vom 5. bedeckte sich der König.

Der Adel bedeckte sich.

Der dritte Stand wollte sich auch bedecken; doch der König entblößte sich wieder; er hielt lieber seinen Hut in der Hand, als daß er den dritten Stand vor sich bedeckt sah.

Am Mittwoch, den 10. Juni, trat Siéyès in die Versammlung. Er sah, daß sie beinahe gänzlich aus dem dritten Stande zusammengesetzt war.

Die Geistlichkeit und der Adel versammelten sich anderswo.

»Schneiden wir das Tau ab,« sagte Siéyès, »es ist Zeit.«

Und Siéyès schlug vor, den Adel und die Geistlichkeit zum Erscheinen in der unerstrecklichen Frist von einer Stunde aufzufordern.

Erscheinen sie nicht, so wird man die Abwesenden ausschließen.

Eine deutsche und eine Schweizen-Armee umgab Versailles. Eine Batterie schweres Geschütz war gegen die Versammlung aufgepflanzt.

Siéyès sieht nichts von Allem dem. Er sieht das Volk, das Hunger hat. Doch der dritte Stand, sagt man zu Siéyès kann nicht allein die Stände bilden.

»Desto besser,« erwiederte Siéyès, »er wird die National-Versammlung bilden.

Die Abwesenden erscheinen nicht; der Vorschlag des Abbé Siéyès wird angenommen; der dritte Stand nennt sich die National-Versammlung mit einer Majorität von vierhundert Stimmen.

Am 19. Juni befiehlt der König, daß der Saal, in dem die National-Versammlung ihre Sitzungen hält, geschlossen werden soll.

Doch um einen solchen Staatestreich zu vollführen, bedarf der König eines Vorwandes.

Der Saal wird geschlossen, um darin die Vorbereitungen zu einer königlichen Sitzung zu treffen, welche am Montag stattfinden soll.

Am 29. Juni, um sieben Uhr Morgens, erfährt der Präsident der National-Versammlung, man werde an diesem Tag nicht zusammenkommen.

Um acht Uhr begibt er sich vor die Thüre des Saales mit einer großen Anzahl von Deputirten.

Die Thüren sind geschlossen, und es stehen Schildwachen davor.

Es regnet.

Man will die Thüren sprengen.

Die Wachen haben ihren Befehl und kreuzen die Bajonette.

Der Eine schlägt vor, sich auf der Place d’Armes zu versammeln.

Der Andere in Marly.

Guillotin schlägt das Ballhaus vor.

Guillotin!

Wie seltsam, daß es Guillotin ist, dessen Name mit Hinzufügung von einem „e“ vier Jahre später so berühmt sein wird! Wie seltsam, daß es Guillotin ist, der das Ballhaus vorschlägt.

Das kahle, verwitterte, für alle vier Winde offene Ballhaus.

Das ist die Krippe der Schwester von Christus! Das ist die Wiege der Revolution.

Nur war Christus der Sohn einer Jungfrau.

Die Revolution war die Tochter einer geschändeten Nation.

Auf diese große Demonstration antwortete der König durch das königliche Wort: Veto!

Herr nun Brézé wird zu den Rebellen abgeschickt, um ihnen zu befehlen, aus einander zu gehen. »Wir sind hier durch den Willen des Volks,« spricht Mirabeau, »und wir werden nur mit dem Bajonett im Bauch weggehen.«

Und nicht, wie man gesagt hat: »Nur durch die Gewalt der Bajonette.« Warum ist immer hinter einem großen Mann ein kleiner Redekünstler, der die Worte verdirbt, unter dem Vorwand, sie zu ordnen.

Warum war dieser Redekünstler hinter Mirabeau im Ballhause?

Hinter Cambronne bei Waterloo?

Man überbrachte die Antwort dem König.

Er ging einige Zeit mit der Miene eines gelangweilten Menschen auf und ab.

»Sie wollen nicht gehen?«

»Nein, Sire.«

»Nun, dann lasse man sie.«

Das Königthum beugte sich schon, wie man sieht, unter der Hand des Volks, und zwar sehr tief.

Vom 23. Juni die zum 12. Juli schien Alles ziemlich ruhig, aber es war jene dumpfe, erstickende Ruhe, die dem Sturme vorhergeht.

Es war der böse Traum eines bösen Schlafes.

Am 11. faßt der König, durch die Königin, den l Grafen d'Artois, die Polignac, die ganze Camarilla von Versailles angetrieben, einen Entschluß: er entläßt Necker. Am 12. gelangt die Nachricht nach Paris.

Man hat gesehen, welche Wirkung sie hervorbrachte. Am 13. Abends kam Billot an, um die Barrièren brennen zu sehen.

Am 13. Abends vertheidigte sich Paris; am 14. Morgens war Paris zum Angriff bereit.

Am 14. Morgens rief Billot: Nach der Bastille! – und drei tausend Menschen wiederholten nach Billot denselben Ruf, welcher der der ganzen Pariser Bevölkerung werden sollte.

Es gab nämlich ein Gebäude, das seit beinahe fünf Jahrhunderten auf der Brust Frankreichs lastete, wie der Stein der Hölle auf den Schultern von Sisyphus.

Nur hegte Frankreich weniger Vertrauen zu seinen Kräften, als der Titan, und hatte es nie versucht, die Last aufzuheben.

Dieses Gebäude, ein auf die Stirne von Paris gedrücktes Siegel der Feudalherrschaft, war die Bastille.

Der König war, wie Frau von Hausset sagte, zu gut, um einen Kopf abschlagen zu lassen.

Aber der König schickte in die Bastille.

Befand man sich einmal auf Befehl des Königs in der Bastille, so war ein Mensch vergessen, auf die Seite gebracht, begraben, vernichtet.

Er blieb hier, bis der König sich seiner erinnerte, und die Könige haben so viele neue Dinge, an die sie denken müssen, daß sie oft an die alten Dinge zu denken vergessen.

Ueberdies gab es in Frankreich nicht nur eine Bastille; es gab zwanzig Bastillen, die man das Fort-l'Evêque, Saint-Lazare, das Chatelet, die Conciergerie, Vincennes, das Schloß la Roche, das Schloß If, die Inseln Sainte-Marguerite, Pignerolles u. s. w. Nannte.

Nur hieß die Festung der Porte Sainte-Antoine ; die Bastille, wie Rom die Stadt hieß.

Es war die vorzugsweise Bastille. Sie war für sich allein so viel werth als alle andern.

Beinahe ein Jahrhundert hindurch blieb das Gouvernement der Bastille in einer einzigen Familie.

Der Ahnherr dieser Auserwählten war Herr von Chateauneuf. Sein Sohn Lavrillière folgte ihm in seinem Posten. Seinem Sohne Lavrillière folgte sein Enkel Saint-Florentin. Die Dynastie erlosch im Jahre 1777.

Niemand kann sagen, weiche Menge von geheimen Verhaftsbefehlen[9 - Lettres de cachet.] während dieser dreifachen Regierung, die zum großen Theil unter Ludwig XV. verlief, unterzeichnet wurde. Saint-Florentin allein unterzeichnete mehr als fünfzehn tausend.

Die Verhaftsbefehle warfen ein großes Einkommen ab.

Man verkaufte an Väter, die sich ihrer Söhne entledigen wollten.

Man verkaufte an Frauen, die sich ihrer Männer entledigen wollten.

Je schöner die Frauen waren, desto weniger kosteten die Verhaftsbefehle.

Des war dann zwischen ihnen und dem Minister nur ein Austausch von Artigkeiten.

Seit dem Ende der Regierung von Ludwig XIV. waren alle Staatsgefängnisse und besonders die Bastille in den Händen der Jesuiten. Man erinnert sich der Bedeutendsten unter den Gefangenen:

Die Eiserne Maske. Lauzun, Latude.

Die Jesuiten waren Beichtväter, zu größerer Sicherheit hörten sie die Beichte der Gefangenen.

Abermals zu größerer Sicherheit wurden die Gefangenen, wenn sie starben, unter falschen Namen beerdigt.

Die Eiserne Maske beerdigte man, wie man sich erinnert, unter dem Namen Marchiali.

Sie war 45 Jahre im Gefängniß geblieben.

Lauzun blieb 14 Jahre darin.

Latude 30 Jahre.

Aber die Eiserne Maske und Lauzun hatten wenigstens große Verbrechen begangen.

Die Eiserne Maske, ein Bruder oder nicht von Ludwig XIV., glich, wie man versichert, dem König Ludwig XIV. zum Täuschen.

Es ist sehr unklug, es zu wagen, einem König zu gleichen.

Lauzun hätte beinahe oder hatte sogar wirklich die Groß-Mademoiselle geheirathet.

Es ist sehr unklug, es zu wagen, die Nichte von Ludwig XIII., die Enkelin von König Heinrich IV., zu heirathen.

Doch Latude, der arme Teufel, was hatte er gethan? Er hatte es gewagt, sich in Mlle. Poisson, Dame von Pompadour, die Maitresse des Königs zu verlieben.

Er hatte es gewagt, ihr ein Billet zu schreiben, und dieses Billet, das eine biedere Frau demjenigen, welcher es geschrieben, zurückgeschickt haben würde, wird von Frau von Pompadour an Herrn von Sartines geschickt.

Und verhaftet, flüchtig, gefangen und abermals gefangen, bleibt Latude dreißig Jahre unter Schloß und Riegel der Bastille, von Vincennes und Bicêtre.

Nicht umsonst war also die Bastille gehaßt.




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notes



1


Wulfstritt.




2


Polizeispione.




3


Wir kopieren diese Namen genau nach dem Original, ohne entfernt für die Richtigkeit zu bürgen, D. Uebers.




4


In jener Zeit Benennung der Stutzer, deren Lieblingsparfüm Bisam (muse) war.




5


Bei den Orientalen eine Art von Dämon, ein weiblicher Dämon, der die Friedhöfe heimsucht und sich mit Leichen füttert. D. Übers




6


So heißt es im Original, aber entweder ist die Summe von drei Millionen ein Druckfehler, denn die Vergnügungen von Ludwig XV. kosteten bedeutend mehr, oder hatte es heißen sollen XVI. D. Uebers.




7


Loque, Fetzen, Chiffe ein dünnes, schlechtes Zeug, Graille, Krähe.




8


Die drei Portraits sind in Versailles.




9


Lettres de cachet.


