John Davys Abenteuer eines Midshipman Alexandre Dumas der Ältere Dumas (père), Alexandre John Davys Abenteuer eines Midshipman Erster Teil I Es sind etwa vierzig Jahre, daß meinem Vater, dem Capitän Edward Davys, Commandanten der englischen Fregatte »Jono« durch eine der letzten ans dem Linienschiff »Vengeur« kommenden Kanonenkugeln ein Bein zerschmettert wurde. In Portsmouth, wohin ihm die Nachricht von dem Siege des Admirals Howe vorangeeilt war, fand er seine Ernennung zum Contreadmiral. Leider ward ihm dieser Titel nur als Belohnung bei seinem Uebertritt in den Ruhestand bewilligt; die Lords der Admiralität dachten wohl, der Verlust eines Beines habe den kaum fünfundvierzigjährigen Contreadmiral Edward Davys untauglich für den Seedienst gemacht. Mein Vater war einer jener braven Seemänner, welche die Nothwendigkeit des Landes nicht recht einsehen und demselben nur dann einige Aufmerksamkeit schenken, wenn frisches Wasser an Bord zu nehmen oder Fisch zu dörren ist. Er war am Bord einer Fregatte geboren und hatte in seiner Kindheit nur Himmel und Meer gesehen. Mit fünfzehn Jahren war er Midshipman, mit fünfundzwanzig Lieutenant, mit dreißig Capitän geworden und hatte seine schönsten und besten Jahre auf einem Kriegsschiffe zugebracht. Das feste Land hatte er nur von Zeit zu Zeit und fast mit Widerwillen betreten, so daß der ehrenwerthe Contreadmiral, der mit verbundenen Augen seinen Weg durch die Behringstraße oder Bassinsbai gefunden haben würde, nicht ohne Führer von Saint-Jams nach Piccadilly hätte gehen können. Er kränkte sich daher nicht über die Wunde selbst, sondern über die Folgen derselben: er war auf mancherlei Unglück und Ungemach, auf Schiffbruch, Feuersbrunst und Kampf, aber nie auf den Ruhestand gefaßt gewesen, und er hatte es kaum für möglich gehalten, daß er einst als Greis in seinem Bett sterben werde. Die Genesung des Verwundeten ging bei seiner gereizten Stimmung langsam von Statten; seine kräftige Gesundheit siegte indeß über Körperschmerzen und Seelenleiden. Es fehlte ihm übrigens keineswegs an sorgsamer Pflege: Sir Edward hatte einen treuen Diener, wie man sie gemeiniglich nur unter Soldaten und Seeleuten findet. Dieser brave Matrose, der einige Jahre älter war als mein Vater, war von dem Tage an, wo er als Midshipman an Bord der »Königin Charlotte« gekommen war, bis zu dem Kampfe, in welchem er blutend und bewußtlos vom Verdeck der »Juno« getragen wurde, sein beständiger Gefährte gewesen. Tom Smith hätte am Bord der Fregatte bleiben können, aber er mochte sich von seinem Capitän nicht trennen; er suchte um seinen Abschied nach, der ihm in Berücksichtigung des Beweggrundes, den er geltend machte, nebst einer kleinen Pension bewilligt wurde. Die beiden alten Freunde – denn im Privatleben verschwand der Rangunterschied – sahen sich also plötzlich in einen Lebenskreis versetzt, auf den sie gar nicht vorbereitet waren und der ihnen viele Angst machte; allein sie mußten sich in das Unvermeidliche fügen. Sir Edward erinnerte sich, daß es ein paar hundert Miles von London ein altes Familiengut und in der Stadt Derby einen Verwalter gebe, der ihm persönlich gar nicht bekannt war und dem er nur von Zeit zu Zeit Prisengelder und andere Summen geschickt hatte, mit denen er nichts anzufangen wußte. Er schrieb an diesen Verwalter und beschied ihn nach London, um sich über sein Vermögen, um welches er sich früher gar nicht gekümmert, die nöthige Auskunft zu verschaffen. In Folge dieser Einladung kam Mr. Sanders nach London. Seine Rechnungen waren in der größten Ordnung; seit dem Tode meines Großvaters, Sir William Davys, der das Schloß hatte bauen lassen, waren alle Einnahmen und Ausgaben auf das sorgfältigste eingetragen worden. Auch über die von dem gegenwärtigen Besitzer von Williamhouse eingesandten Summen und deren fruchtbringende Verwendung war genaue Rechnung geführt worden. Sanders war beständig auf Arrondirung und Verbesserung der Besitzung bedacht gewesen, so daß sich diese in dem blühendsten Zustande befand. Sir Edward fand zu seinem großen Erstaunen, daß er eine Rente von zweitausend Pfund Sterling und außerdem noch sechshundert Pfund Sterling Ruhegehalt hatte. Der glückliche Zufall hatte ihm ausnahmsweise einen ehrlichen Mann zum Verwalter gegeben. Wie groß auch der philosophische Gleichmuth des Contreadmirals war, so war ihm diese Entdeckung doch nicht gleichgültig. Er hätte zwar gerne sein Vermögen hingegeben, wenn er dadurch sein verlorenes Bein hätte wieder kaufen und zumal in seinen früheren Wirkungskreis eintreten können; aber da er einmal außer Dienst war, so waren seine über alle Erwartung günstigen Verhältnisse keineswegs zu verachten; er erklärte daher dem Verwalter, daß er entschlossen sei, sein Erbgut zu bewohnen. Sanders reiste voraus, um in Williamhouse Alles in Bereitschaft setzen zu lassen ; Sir Edward wollte acht Tage später nachkommen. Diese acht Tage benutzten Sir Edward und Tom zum Ankauf aller irgend auszutreibenden Seereisen und Schiffsgeschichten, von »Gulliver’s Abenteuern« bis zu den »Entdeckungsreisen des Capitän Cook«. Zu diesem Sortiment von nautischen Unterhaltungsschriften packte Sir Edward eine große Erdkugel, einen Zirkel, einen Quadranten, einen Compaß, ein Tagfernrohr und ein Nachtfernrohr. Als alle diese Sachen eingepackt und die Koffer an einem bequemen Reisewagen befestigt waren, wurden Postpferde bestellt und die beiden Seeleute traten die längste Landreise an, welche sie jemals gemacht hatten. Wenn den Capitän etwas hätte trösten können, so wäre es gewiß der Anblick der freundlichen heitern Landschaft gewesen: England ist ja ein großer Garten mit Baumgruppen und grünen Wiesen und Bächen und Flüssen; überall findet man die besten Straßen mit Pappelalleen, überall schattige Parks. Aber wie reizend auch dieser Anblick war, Sir Edward konnte doch das Meer nicht vergessen. Das Grün des Oceans schien ihm weit prächtiger als der Teppich der Wiesen; die Pappeln hielten keinen Vergleich aus mit den Masten, an denen sich die Segel blähen, und die schönste Landstraße konnte sich mit dem Verdeck der »Juno« nicht messen. Der Capitän war also unempfänglich für alte Reize des alten Landes der Bretagner; er kam durch die schönsten Gegenden Englands, aber er fand kein Wort des Lobes. So erreichte er endlich die Anhöhe, von welcher er sein ganzes Erbgut übersehen konnte. Das Schloß hatte eine reizende Lage; ein kleiner Fluß, der in dem Gebirge zwischen Manchester und Sheffield entspringt, wand sich mitten durch fette Wiesen, bildete einen kleinen See, der eine Stunde im Umfange hatte, und ergoß sich dann bei Derby in den Trent. Die ganze Landschaft prangte im frischesten Grün, als ob sie eben erst aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen wäre. Eine heitere Ruhe schwebte über dem weiten Thale, welches von der sich durch ganz England ziehenden Hügelkette begrenzt war. Das Schloß war seit fünfundzwanzig bis dreißig Jahren nicht bewohnt gewesen, aber die Gemächer waren von Mr. Sanders in so gutem Stande erhalten worden, daß die Vergoldungen und die Farben der Stoffe und Tapeten noch wie neu waren. Für einen Mann, der die Einsamkeit sucht, weite es sein sehr behaglicher Ruhesitz gewesen; aber nicht für Sir Edward. Diese ruhig heitere Natur schien ihm eintönig im Vergleich mit dem ewig bewegten Ocean und dem regen Leben am Bord des Kriegsschiffes. Er ging seufzend durch die weiten Gemächer, auf deren getäfeltem Fußboden sein hölzernes Bein unheimlich dröhnte, und blieb an den Fenstern jeder Ironie stehen, um mit den vier Himmelsgegenden seiner Besitzung Bekanntschaft zu machen. Tom, der ihm folgte, verbarg sein Erstaunen über die nie gesehene Pracht hinter einer stolzen, naserümpfenden Miene. Als die in aller Stille vorgenommene Inspection beendet war, wandte sich Sir Edward zu seinem Begleiter und fragte ihn: »Nun, Tom, was sagst Du dazu?« »Nun, das Zwischendeck ist recht sauber,« antwortete Tom; »es fragt sich nur, ob der Kielraum eben so gut im Stande ist.« »O! Mr. Sanders hat einen so wichtigen Theil der Ladung gewiß nicht übersehen. Geh hinunter, Tom, und sieh nach. Ich will Dich hier erwarten.« »Aber ich weiß nicht,« erwiederte Tom, sich hinter dem Ohre kratzend, »ich weiß nicht wo die Luken sind.« »Ich will sie Ihnen zeigen,« sagte eine aus dem Nebenzimmer kommende Stimme. »Wer bist Du?« fragte Sir Edward sich umsehend. »Ich bin der Kammerdiener Eurer Herrlichkeit,« antwortete die Stimme. »Dann tritt vor.« Ein großer hübscher Mensch, in einfacher, aber geschmackvoller Livrée erschien in der Thür. »Wer hat Dich in Dienst genommen?« fragte Sir Edward weiter. »Master Sanders.« »So! Was kannst Du denn?« »Ich kann rasieren, frisieren, Gewehre putzen, kurz Alles was Eure Herrlichkeit von einem Diener verlangen können.« »Wo hast Du das gelernt?« »Bei dem Capitän Nelson.« »Auf welchem Schiffe hast Du gedient?« »Drei Jahre am Bord des »Boreas.« »Wo hat Dich denn Sanders aufgegabelt?« »Als der »Boreas« abgetakelt wurde, zog sich der Capitän Nelson nach Norfolkshire zurück, und ich ging wieder nach Nottingham, wo ich geheiratet habe.« »Wo hast Du denn deine Frau?« »Sie ist auch bei Ew. Herrlichkeit im Dienst.» »In welcher Eigenschaft?« »Sie hat die Aufsicht über die Wäsche und den Hühnerhof.« »Wer ist Kellermeister?« »Die Stelle ist noch nicht besetzt; Mr. Sanders hält den Posten für zu wichtig und wollte nicht darüber verfügen.« »M. Sanders ist ein unbezahlbarer Mann. Hörst Du wohl, Tom, der Kellermeisterposten ist noch unbesetzt.» »Ich hoffe,« antwortete Tom, »daß der Keller nicht leer ist.» »Sie können sich davon überzeugen,« sagte der Kammerdiener. »Ja, das will ich thun,« sagte Tom, »mit der Erlaubniß des Commandanten.« Sir Edward gab ihm durch einen Wink zu verstehen, daß er ihm diesen wichtigen Auftrag ertheile, und der brave Seemann folgte dem Kammerdiener. II Tom’s Besorgnisse waren ganz unbegründet: der Theil des Schlosses, welcher in diesem Augenblicke der Gegenstand seiner Wißbegierde war, befand sich in demselben vortrefflichen Zustande wie der ganze übrige Haushalt. Tom, der in solchen Dingen ein Kenner war, ließ dem Anordner volle Gerechtigkeit widerfahren: je nachdem die Qualität oder das Alter des Weines es erheischte, standen oder lagen die Flaschen, aber alle waren voll, und ein im Erdboden steckendes Stäbchen mit einem daran genagelten Zettel war gleichsam die Fahne für jedes einzelne Armeecorps. Die ganze Anordnung machte den strategischen Kenntnissen des würdigen Mr. Sanders die größte Ehre. Tom zollte dieser regelrechten Aufstellung seinen Beifall, und da vor jedem Flaschenbataillon eine Probeflasche ausgestellt war, so hob er ohne weiteres drei dieser Schildwachen auf und erschien mit denselben vor seinem Commandanten. Sir Edward saß an einem Fenster der Wohnung, die er wegen der Aussicht auf den See für sich gewählt hatte. Der Anblick dieser kleinen Wasserfläche, welche wie ein Spiegel in dem grünen Rahmen der Wiesen glänzte, hatte alle Erinnerungen des Seemannes geweckt; aber als Tom eintrat, sah er sich um, und als ob er sich seiner Wehmuth geschämt hätte, fing er an zu husten, wie es seine Gewohnheit war, wenn er seine Gedanken bezwingen und ihnen eine andere Richtung geben wollte. Tom sah auf den ersten Blick was für Gefühle den Commandanten erfüllten; aber Sir Edward wollte seine wehmüthige Stimmung nicht merken lassen und nahm einen heitern Ton an. »Nun, alter Camerad,« sagte er, »der Feldzug scheint nicht schlecht gewesen zu sein; wie ich sehe, hast Du Gefangene gemacht.« »Ja, Herr Commandant,« antwortete Tom; »der Strand, den ich in Augenschein genommen habe, ist stark bevölkert. Sie können lange aus die künftige Ehre von Altengland trinken , nachdem Sie zu seiner bisherigen Ehre so viel beigetragen haben.« Sir Edward hielt gedankenlos ein Glas hin, nippte einige Tropfen Bordeaux, den der König Georg nicht verschmäht haben würde, und fing an ein Liedchen zu pfeifen. Dann stand er schnell auf, ging im Zimmer auf und ab, sah die Gemälde an und trat wieder ans Fenster. »Ich sehe wohl, Tom,« sagte er, »daß unser Quartier so gut ist, wie es am Lande sein kann.« »Das will ich meinen,« erwiederte Tom, der einen lustigen Ton annahm, um den Commandanten zu erheitern; »ich glaube, daß ich in acht Tagen gar nicht mehr an die »Juno« denken werde. »O, die »Juno« war eine schöne Fregatte, lieber Tom, sagte Sir Edward seufzend; »sie glitt wie eine Möwe über die Wellen hin – und wie leicht führte sie jedes Manöver aus! wie tapfer war sie im Gefecht! – Doch wir wollen nicht mehr davon reden – oder vielmehr wir wollen recht oft von ihr sprechen. Sie ist unter meinen Augen vom Kiel bis zum Mastkorbe gebaut worden; sie war mein Liebling, mein Kind, – jetzt ist mir’s, als wäre sie verheiratet, auf immer von mir getrennt. Gott gebe, daß ihr Mann gut steuert, denn ich würde untröstlich sein, wenn ihr ein Unglück begegnete. – Komm, lieber Tom, wir wollen in den Garten gehen.« Sir Edward, der feine Rührung nicht mehr zu verbergen suchte, nahm den Arm seines treuen Gefährten und ging die in den Garten führende Freitreppe hinunter. Es war einer jener reizenden Parks, von denen die Engländer allen Nationen die Muster gegeben haben, mit Grasplätzen, Blumenfiguren, Gebüschen und Alleen. Hier und da standen einige hübsche Häuschen. Vor einem derselben bemerkte Sir Edward seinen Verwalter. Sanders kam auf ihn zu. »Es freut mich, Master Sanders,« rief ihm der Gutsherr schon von weitem zu, »es freut mich, daß ich Gelegenheit finde, Ihnen meinen wärmsten Dank auszudrücken. Wahrhaftig, Sie sind ein lieber, vortrefflicher Mann.« – Sanders verneigte sich. – »Wenn ich gewußt hätte, wo Sie zu finden sind , würde ich nicht so lange gewartet haben.« »Ich danke dem Zufall, der Ew. Herrlichkeit hierher geführt hat,« antwortete Sanders, über das Compliment sichtlich erfreut. »In diesem Hause wohne ich in Erwartung Ihrer Verfügungen. »Gefällt es Ihnen nicht in Ihrer Wohnung?« »Ja wohl, ich wohne hier seit vierzig Jahren; mein Vater ist hier gestorben und ich bin hier geboren; aber wenn Ew. Herrlichkeit anders darüber verfügen —« »Zeigen Sie mir das Haus,« sagte Sir Edward. Sanders führte den Gutsherrn in die »Cottage«, die er bewohnte. Diese Wohnung bestand ans einer kleinen Küche, einer Wohnstube, einem Schlafzimmer und einem Arbeitszimmers in welchem alle auf die Besitzung Williamhouse bezüglichen Schriften und Bücher sorgfältig aufbewahrt wurden. In dem ganzen Häuschen herrschte echt holländische Sauberkeit und Ordnung. »Wie viel Gehalt haben Sie?« fragte Sir Edward. »Hundert Guineen. Diesen Gehalt hat bereits mein Vater bezogen und obgleich ich bei seinem Tode erst fünfundzwanzig Jahre alt war, erbte ich seinen Platz und seine Besoldung. Wenn Ew. Herrlichkeit finden, daß es zu viel ist, so werde ich mir jeden Abzug gefallen lassen.« »Im Gegentheil,« antwortete Sir Edward, »ich will Ihren Gehalt verdoppeln und Ihnen eine Wohnung im Schlosse geben.« »Ich danke pflichtschuldigst,« erwiederte Sanders; »aber ich erlaube mir gehorsamst zu bemerken, daß eine so beträchtliche Gehaltserhöhung überflüssig ist. Ich gebe kaum die Hälfte meiner Besoldung aus, und da ich nicht verheiratet bin, weiß ich nicht wer meine Ersparnisse einst erben soll. – Und was den Wohnungswechsel betrifft —« »Nun , sagen Sie gerade heraus, was Sie darüber denken,« sagte der Gutsherr. »Ich werde mich, wie in allen anderen Dingen, dem Willen Eurer Herrlichkeit fügen und auf Ihren Befehl ausziehen; aber – ich bin an diese Cottage gewöhnt; ich weiß Alles zu finden, ich brauche nur die Hand auszustrecken, um zu nehmen, was ich suche. Hier habe ich meine Jugend verlebt; alle Möbeln stehen noch auf ihrem Platze; hier am Fenster, in diesem Lehnstuhl pflegte meine Mutter zu sitzen; dieses Gewehr hat mein Vater an den Nagel über dem Camin gehängt; dort steht das Bett, in welchem der würdige Greis seinen Geist aufgegeben hat. – Verzeihen Sie mir, aber ich würde es fast als eine Entweihung ansehen, wenn ich Alles dies freiwillig verändern wollte. Doch wenn Ew. Herrlichkeit befehlen —« »Gott behütet« unterbrach Sir Edward; »ich kenne die Macht der Erinnerungen zu gut, als daß ich die Ihrigen nicht achten sollte. Bleiben Sie hier, lieber Sanders, so lange es Ihnen beliebt. – Bei der Verdoppelung Ihres Gehaltes bleibt es; Sie können ja mit dem Pfarrer Rücksprache nehmen, damit diese Vermehrung Ihrer Besoldung einigen armen Familien zu gute komme. – Wann speisen Sie?« »Um zwölf Uhr.« »Ich auch, und merken Sie sich ein- für allemal, daß Sie an meinem Tische essen. – Nicht wahr, Sie machen zuweilen eine Partie L’Hombre?« »Ja wohl; wenn Herr Robinson Zeit hat, gehe ich zu ihm, oder er kommt zu mir, und wir machen nach vollbrachtem Tagewerk ein Spielchen.« »Nun, an den Tagen, wo er nicht kommt, werden Sie an mir einen Partner finden, der sich nicht leicht schlagen läßt. Und wenn er kommt, bringen Sie ihn mit, wenn es ihm angenehm ist; wir spielen dann Whist.« »Ew. Herrlichkeit erweisen mir viel Ehre.« »Und Sie, lieber Sanders, werden mir Vergnügen machen. Es bleibt also bei der Abrede.« Sanders empfahl sich mit einer tiefen Verbeugung. Sir Edward nahm wieder Tom’s Arm und setzte seine Wanderung fort. In einiger Entfernung von der Wohnung des Verwalters fand er das Häuschen des Wildhüters, der zugleich die Aufsicht über die Fischerei hatte. Der Wildhüter hatte Frau und Kinder, es war eine glückliche Familie. Das Glück hatte sich, wie man sieht, in diese Einsamkeit zurückgezogen, und diese kleine Welt, welche vor der Ankunft des Gutsherrn manche unangenehme Veränderung gefürchtet hatte, ward durch seine Gegenwart bald beruhigt. Sir Edward war in der ganzen englischen Marine durch seine Strenge und seinen Muth bekannt, aber außer Dienst war er der beste, gutherzigste Mann von der Welt. Er kam etwas ermüdet wieder in’s Schloß, denn es war der längste Spaziergang, den er mit seinem Stelzfuß gemacht; aber er war so vergnügt, wie es in seiner gedrückten Stimmung möglich war. Sein Lebenszweck war verändert; aber er war noch immer Herr und Gebieter seiner Umgebungen, er war nur aus dem Befehlshaber ein Patriarch geworden, und mit der ihm eignen Raschheit des Entschlusses nahm er sich vor, seine Zeit so regelmäßig einzutheilen, wie er es an Bord seiner Fregatte gewohnt gewesen war. – So blieb er bei seinen alten liebgewordenen Gewohnheiten. Tom wurde von dieser Zeiteintheilung in Kenntniß gesetzt. George, der Kammmerdiener, gewöhnte sich leicht daran, denn er hatte die strenge Mannszucht des »Boreas« noch nicht vergessen. Der Koch erhielt die nöthigen Befehle, und schon am folgenden Tage war Alles geordnet wie am Bord der »Juno«. Statt der Trommel sollte die Glocke alle Hausgenossen bei Tagesanbruch wecken; eine halbe Stunde nachher sollte, wie aus den Kriegsschiffen, ein Imbiß genommen und dann gekehrt und geputzt werden. Die Thürschlösser, Camine, Feuerschaufeln, Zangen und kupfernen Geschirre erforderten, um das Schloß im comfortablen Zustande zu erhalten, eine eben so strenge Disciplin, wie am Bord der »Juno« geherrscht hatte. Daher wollte der Capitän, von seiner ganzen Dienerschaft gefolgt, das ganze Schloß mustern, und alle dienenden Personen wußten, daß sie im Falle der Fahrlässigkeit die auf den Kriegsschiffen üblichen Strafen zu gewärtigen hatten. Um zwölf Uhr sollten alle Arbeiten durch das Mittagessen unterbrochen werden. Während der Capitän, wie vormals auf dem Hinterdeck, im Park spazieren ging, wurden Reparaturen an Möbeln, Fenstern und Wäsche vorgenommen. Um fünf Uhr wurde zum Abendessen geläutet, und um acht Uhr begab sich die Hälfte der Dienerschaft zur Ruhe, um der anderen »auf Wache« bleibenden Hälfte die weiteren Arbeiten zu überlassen. Dieses Leben war freilich so zu sagen nur die Parodie des Seemannlebens, an welches Sir Edward gewöhnt war; es war die Einförmigkeit ohne die Wechselfälle, welche den Reiz und die Poesie desselben ausmachen. Das Schwanken des Schiffes fehlte dem Capitän, wie dem einschlummernden Kinde das Wiegen in den Armen der Mutter fehlt. Er hatte keinen Sturm mehr zu bekämpfen, und die Erinnerung an jene gewaltigen Kämpfe, in denen der einzelne Mensch die Sache einer Nation vertheidigt, wo der Ruhm der Lohn des Siegers, die Schmach die Strafe des Besiegten ist, machte in seinen Augen jede andere Beschäftigung kleinlich und unbedeutend; die Vergangenheit verschlang die Gegenwart. Sir Edward, der von jeher das Beispiel der Charakterstärke gegeben hatte, ließ nicht merken, was in ihm vorging. Nur Tom, der ebenfalls an die Vergangenheit zurückdachte, bemerkte mit Besorgniß die immer zunehmende Schwermuth seines Herrn. Dieser innerliche, sorgfältig verborgene Seelenschmerz starker Gemüther ist der gefährlichste; statt sich durch Thränen Luft zu machen, verbirgt er sich in der Brust, und erst wenn die Brust zerspringt, sieht man die Verwüstungen, welche er angerichtet. Eines Abends war der Capitän krank, und am andern Morgen, als er auferstehen wollte, fiel er in Ohnmacht. III Im Schlosse herrschte große Bestürzung. Der Verwalter und der Pfarrer, welche noch Tags zuvor ihre Partie Whist mit Sir Edward gemacht hatten, konnten sich diese plötzliche Unpäßlichkeit nicht erklären ; aber Tom gab ihnen die nöthigen Erklärungen über die Ursache und Bedeutung der Krankheit. Es wurde also beschlossen, den Arzt zu Rathe zu ziehen und um Sir Edward nicht merken zu lassen, wie besorgt man um ihn war, sollte der Doktor am folgenden Tage wie zufällig zum Essen kommen. So verging der Tag in gewohnter Weise. Mit Hilfe seiner großen Willenskraft hatte der Capitän seine Schwäche überwunden; aber er aß sehr wenig, setzte sich auf seinem Spaziergange sehr oft nieder, schlief beim Lesen ein und machte beim Whist einen Fehler um den andern. Am folgenden Tage kam der Arzt. Der Besuch bot dem Capitän anfangs eine willkommene Zerstreuung und entriß ihn seiner Erschlaffung; aber bald stellte sich die Abspannung und Gedankenlosigkeit wieder ein. Der Arzt erkannte die Merkmale des Spleen, jener bedenklichen Gemüthskrankheit, gegen welche die Heilkunst nichts vermag. Er verordnete indeß eine Diät, welche in magenstärkenden Getränken und gebratenem Fleische bestand; dabei sollte der Kranke sich möglichst viele Zerstreuungen verschaffen. Der erste Theil der ärztlichen Verordnungen war leicht zu befolgen; man findet ja überall Kräutersaft, Bordeaux und Beefsteak; aber an Zerstreuung fehlte es in Williamhouse. Tom hatte bereits alle Hebel in Bewegung gesetzt; man war auf Lectüre, Promenade und Whist beschränkt, und es ließ sich höchstens in der Zeit und Reihenfolge dieser Unterhaltungen eine Veränderung vornehmen; sonst wußte der brave Seemann nichts zu erfinden, was seinen Commandanten der immer mehr überhand nehmenden Erstarrung hätte entreißen können. Er schlug eine Reise nach London vor; aber Sir Edward erklärte, daß er sich zu schwach fühle eine so weite Reise zu unternehmen, und da es ihm einmal nicht vergönnt sei in einer Hängematte am Bord seiner Fregatte zu sterben, so wolle er doch lieber im Bette als im Wagen den Geist aufgeben. Ein bedenkliches Symptom fand Tom darin, daß Sir Edward anfing die Gesellschaft seiner Freunde zu meiden. Tom selbst schien ihm jetzt zur Last zu sein. Der Capitän ging wohl noch im Parke spazieren, aber allein; und Abends machte er nicht mehr wie sonst seine Partie, sondern zog sich in sein Zimmer zurück und verbot Jedermann, sogar seinem getreuen Tom, ihm zu folgen. Er aß nicht mehr, als zur Erhaltung des Lebens nothwendig war, die Lectüre hatte keinen Reiz mehr für ihn; Kräutersaft wollte er gar nicht mehr nehmen, und seitdem er seinem Kammerdiener, der ihm in der besten Absicht einige Gewalt anthat, eine Tasse ins Gesicht geworfen hatte, getraute sich Niemand mehr von bitterer Medicin zu sprechen. Tom reichte ihm Thee mit etwas Rum. Diese Auflehnungen gegen die ärztlichen Vorschriften verschlimmerten das Uebel indeß mit jedem Tage. Sir Edward war nur noch der Schatten von dem, was er früher gewesen; er war menschenscheu und düster; jedes Wort, das ihm mit Mühe entlockt wurde, war von deutlichen Zeichen der Ungeduld begleitet. Im Park hatte er eine entlegene Allee gewählt, an deren Ende eine aus verschlungenen Zweigen gebildete Laube oder vielmehr Grotte war. Dort saß er oft Stunden lang, ohne daß ihn Jemand zu stören wagte. Vergebens zeigten sich Tom und Sanders zuweilen absichtlich in der Nähe; er schien sie nicht zu sehen, er wollte nicht mit ihnen sprechen. Das Schlimmste dabei war, daß diese Menschenscheu mit jedem Tage größer wurde und daß der Capitän sich immer mehr von den Schloßbewohnern zurückzog. Ueberdies waren die Nebelmonate vor der Thür und man mußte, wenn nicht Wunder geschah, das Aergste fürchten. Dieses Wunder wirkte Gott durch einen seiner Engel. Eines Tages, als Sir Edward grübelnd in seiner dunkeln Laube faß, hörte er in der Allee das Rauschen des trockenen Laubes unter einem unbekannten Fußtritte. Er schaute auf und sah eine weibliche Gestalt, die in ihrem weißen Anzuge und bei ihrem leichten schwebenden Gange einer überirdischen Erscheinung glich, aus sich zukommen. Er sah sie erstaunt an und wartete, ohne einen Laut von sich zu geben. Die Unbekannte schien etwa fünfundzwanzig Jahre alt zu sein, aber sie konnte auch etwas älter sein. Sie war noch schön, obgleich die erste, bei den Engländerinnen so blendende Jugendfrische vorüber war, aber sie stand, so zu sagen, in der zweiten Blüthe, welche sich durch üppigere Fülle auszuzeichnen pflegt. Ihre blauen Augen hatten einen unbeschreiblich sanften, milden Ausdruck; ihr langes schwarzes Haar wallte in natürlichen Locken unter dem kleinen Strohhute herab; ihr Gesicht hatte die reinen edlen Zuge, die den Frauen im nördlichen Großbritannien eigen sind, und ihr einfacher, aber geschmackvoller Anzug hielt die Mitte zwischen der Mode des Tages und dem Puritanismus des siebzehnten Jahrhunderts. Sie wollte die wohlbekannte Güte Sir Edwards für eine arme Witwe mit vier Kindern, deren Versorger Tags zuvor gestorben war, in Anspruch nehmen. Der Eigenthümer des Hauses, in welchem die Witwe wohnte, befand sich aus Reisen, und der Verwalter forderte den seit einem Jahre rückständigen Miethzins. Der harte, auf den Vortheil seines Herrn bedachte Mann drohte Mutter und Kinder zum Hause hinauszuwerfen. Der Winter war vor der Thür; die arme Familie setzte ihre letzte Hoffnung auf den edelmüthigen Capitän und hatte die nun erscheinende junge Dame zur Fürsprecherin gewählt. Sie schilderte die Noth der Witwe in so rührender Weise, daß Sir Edwards Augen feucht wurden ; er griff in die Tasche, zog eine mit Gold gefüllte Börse hervor und reichte sie der Abgesandten, ohne ein Wort zu sagen; denn wie Dante’s Virgil hatte er im langen Schweigen das Sprechen verlernt. Die junge Dante ergriff dankend die Hand des Gutsherrn und küßte sie. Dann entfernte sie sich schnell, um der armen Familie diese unerwartet schnelle Hilfe zu bringen. Sir Edward glaubte geträumt zu haben. Er sah sich nach allen Seiten um – die weiße Erscheinung war verschwunden. Er konnte sich kaum von der Wirklichkeit dieses Vorfalls überzeugen; doch er konnte nicht zweifeln, die Börse war nicht mehr in seiner Tasche und er fühlte noch den sanften Druck des Kusses aus seiner Hand. In diesem Augenblick kam Sanders zufällig in die Allee. Der Capitän rief ihm. Sanders sah sich erstaunt um, denn er war an eine solche Vertraulichkeit schon längst nicht mehr gewöhnt. Sir Edward gab ihm einen Wink. Sanders kam. Der Capitän fragte mit einer Lebhaftigkeit, die seiner Stimme schon lange nicht eigen gewesen war, wer die junge Dame sei, die sich so eben entfernt. »Es ist Anna Mary,« antwortete der Verwalter, als ob es sich von selbst verstände, daß der Capitän die bezeichnete Person kenne. »Wer ist denn Anna Mary?« fragte Sir Edward. »Wie, Ew. Herrlichkeit kennen sie nicht?« fragte Sanders erstaunt. »Nein« erwiederte der Capitän mit einer Ungeduld, die in seinem apathischen Zustande ein gutes Zeichen war; »nein, ich kenne sie nicht, sonst würde ich nicht fragen wer sie ist.« »Wer sie ist? Der Himmel hat sie den Armen und Bedrängten als rettenden und tröstenden Engel gesandt. Sie hat vermuthlich um eine Beisteuer zu einem guten Werke gebeten?« »Ja, ich glaube, sie hat von Nothleidenden gesprochen, denen man helfen müsse.« »Ganz recht, sie erscheint bei reichen Leuten nur als Bittende, bei armen als Wohlthäterin.» »Wer ist die Frau?« »Sie ist noch ein Fräulein, und ein sehr gutes, braves Fräulein.« »Aber wer ist sie?« »Das weiß Niemand genau, obgleich man’s wohl vermuthet. Es mögen etwa dreißig Jahre sein, im Jahre 1766 oder 1767, kamen ihre Eltern nach Derbyshire; sie kamen aus Frankreich, wohin sie sich als Anhänger des Prätendenten [Edward, Enkel Jakobs II., der letzte Sprößling des Hauses Stuart.]) begeben haben sollen; ihr Vermögen war confiscirt, und sie ließen sich, da sie mindestens sechzig Miles von London entfernt bleiben mußten, in Derbyshire nieder. – Vier Monate nach der Ansiedlung der Familie wurde die kleine Anna Mary geboren. Im Alter von fünfzehn Jahren verlor sie ihre Eltern und stand mit einer kleinen Rente von vierzig Pfund Sterling allein in der Welt. Es war zu wenig, um einen vornehmen Herrn zu heiraten, und für einen Bauer schickte sich ein so fein erzogenes Fräulein auch nicht; sie blieb also ledig und entschloß sich ihr Leben der Wohlthätigkeit zu widmete. Seitdem hat sie ihren Entschluß mit großem Eifer ausgeführt. Einige medicinische Kenntnisse, welche sie sich erworben, haben ihr die Thüren der armen Kranken geöffnet, und wo die Heilkunst nichts mehr vermag, soll ihr Gebet Alles vermögen. Denn Anna Mary wird von allen Leuten als eine Heilige betrachtet. Es ist daher nicht zu verwundern, daß sie sich die Erlaubniß genommen Ew. Herrlichkeit zu stören; sie hat überall Zutritt und kein Diener getraut sich sie abzuweisen.« »Das ist recht,« sagte Sir Edward aufstehend; »denn es ist eine brave ehrenwerthe Person. – Geben Sie mir Ihren Arm, lieber Sanders; ich glaube, es ist Essenszeit.« Er war seit mehr als einem Monate das erste Mal, daß der Appetit des Capitäns der Tischglocke vorauseilte Sanders mußte zum Essen dableiben, der Gutsherr wollte ihn nicht fortlassen. Der Verwalter war sehr erfreut über diese Rückkehr zur Geselligkeit und benutzte die ganz ungewohnte Gesprächigkeit des Capitäns, um von einigen Geschäftssachen zu sprechen, die er wegen der Krankheit aufgeschoben hatte. Aber diese Anwandlung von Gesprächigkeit ging bald vorüber, der Kranke gab dem Verwalter keine Antwort, – Vielleicht hielt er die zur Sprache gebrachten Angelegenheiten keiner Beachtung werth. Kurz, Sir Edward versank wieder in seine gewohnte Schweigsamkeit, und alle Bemühungen ihn zu zerstreuen blieben erfolglos. IV Die Nacht verging wie gewöhnlich und ohne daß Tom in dem Zustande des Kranken eine Veränderung bemerkte. Der Tag brach trübe und nebelig an. Tom wollte sich dem Spaziergange seines Herrn widersetzen, er fürchtete die schädliche Einwirkung der Herbstnebel. Aber Sir Edward wurde böse und ging trotz den Gegenvorstellungen des treuen Dieners auf die Grotte zu. Als er etwa eine Viertelstunde auf seinem Lieblings- play gesessen, sah er Anna Mary in Begleitung von einer Frau und drei Kindern am Ende der Allee erscheinen. Es waren die Witwe und die Waisen, welche dem Capitän für die ihnen erwiesene Wohlthat danken wollten. Sir Edward stand auf, um Anna Mary entgegenzugehen; aber kaum hatte er einige Schritte gemacht, so fing er an zu wanken und mußte sich an einen Baum lehnen. Anna eilte ihm zu Hilfe. Die Witwe und die Kinder fielen ihm zu Füßen und faßten seine Hände, welche sie mit Küssen und Thränen bedeckten. Der Ausdruck dieser offenen ungeheuchelten Dankbarkeit rührte den Capitän zu Thränen. Er wollte seine Rührung bekämpfen, denn er meinte, es zieme sich nicht für einen Seemann so weichherzig zu sein; aber es schien ihm, daß Thränen seine gepreßte Brust erleichtern würden, und ohne Gewalt über sein Herz, das unter der rauhen Hülle so gut geblieben war, überließ er sich seinen Gefühlen. Er nahm die Kleinen einen nach dem andern auf den Arm und küßte sie und versprach ihrer Mutter sie nicht zu verlassen. Anna Mary sah mit inniger Freude zu; ihr Gesicht, ihr Auge schien verklärt. Dieses Glück war ja ihr Werk. Man sah wohl, daß ihre Züge solchen oft wiederholten Anblicken den sanften heitern Ausdruck verdankten. In diesem Augenblicke kam Tom, um seinen Herrn nöthigenfalls mit Gewalt ins Schloß zurückzuführen. Als er den Capitän von mehren Personen umgeben sah, ward er in seinem Entschlusse bestärkt, denn er zweifelte nicht, daß man ihm beistehen würde. Er begann in halb keifendem halb bittendem Tone eine lange Anrede, in welchen er dem Kranken zu beweisen suchte, daß er ihm folgen müsse; aber Sir Edward schenkte der Beredtsamkeit des braven Matrosen nur geringe Beachtung. Einen um so größern Eindruck machten seine Vorstellungen auf Anna. Sie sah ein, daß Sir Edward’s Gesundheitszustand bedenklich war, daß er sich der feuchten Luft nicht aussehen dürfe. Sie traten ihn zu und sagte mit ihrer sanften, einschmeichelnden Stimme: »Haben Ew. Herrlichkeit wohl gehört?« »Was denn?« fragte Sir Edward, wie aus einem Traum erwachend. »Was dieser brave Mann gesagt hat,« erwiederte Anna. »Was hat er denn gesagt?« fragte der Capitän. Tom gab durch einen Wink zu verstehen, daß er seine Anrede wieder anfangen wolle; aber Anna kam ihm zuvor. »Er hat gesagt,« setzte sie hinzu, »daß es gefährlich für Sie sei, in dieser naßkalten Luft zu bleiben, daß Sie sich ins Schloß begeben müssen.« »Wollen Sie mir Ihren Arm geben und mich führen?« fragte Sir Edward. »O ja,« antwortete Anna lächelnd, »wenn Sie mir die Ehre erweisen, meinen Arm anzunehmen.« Der Capitän nahm ihren Arm und ging zum größten Erstaunen Tom’s auf das Schloß zu. Unten an der Freitreppe stand Anna Mary still, sprach noch einmal ihren Dank aus, verneigte sich höflich und entfernte sich in Begleitung der armen Familie. Sir Edward blieb wie festgebannt auf der Stelle, wo sie ihn verlassen hatte, und schaute ihr nach, bis sie verschwunden war. Dann ließ er sich seufzend und folgsam wie ein Kind in sein Zimmer führen. Abends kamen der Doktor und der Pfarrer zum Whist, und der Capitän hatte mit ziemlicher Aufmerksamkeit zu spielen angefangen, als der Arzt, während Sanders Karten gab, plötzlich sagte: »Wie ich höre, haben Sie heute Anna Mary gesehen?« »Sie kennen sie?« fragte Sir Edward. »Allerdings,« antwortete der Doctor, sie ist ja mein College.« »Ihr College?« »Ja wohl, und sie macht mir eine sehr gefährliche Concurrenz: sie heilt mehr Kranke mit ihren sanften Worten und Hausmitteln, als ich mit meiner Wissenschaft. Nehmen Sie sie nur nicht als Hausarzt, Commandant, sie wäre im Stande Sie zu curiren.« »Und mir,« sagte der Pfarrer, »mir führt sie durch ihr Beispiel mehr Seelen zu, als ich durch meine Predigten bekehre. Wenn sie sich’s angelegen sein ließe, würde sie den verstocktesten Sünder ins Paradies führen.« Von diesem Augenblicke an war nur noch von Anna Mary die Rede, die Karten blieben Nebensache, der Capitän hörte nicht nur aufmerksam zu, sondern nahm auch an dem Gespräch lebhaften Antheil, kurz, es war eine merkliche Besserung eingetreten. Seine trübe, gedrückte Stimmung schwand so lange, als von Mary die Rede war. Sobald aber Herr Robinson die in der Morgenzeitung gelesenen wichtigen Nachrichten aus Frankreich mittheilte, stand Sir Edward auf und zog sich in sein Zimmer zurück Sanders und der Doctor sannen dann wohl noch eine Stunde auf Mittel, der französischen Revolution Einhalt zu thun; aber ihre gelehrten und wohlgemeinten Theorien blieben eben nur Theorien, die nicht den Weg über den Aermelcanal fanden. Die Nacht war gut: der Capitän erwachte in ziemlich heiterer Stimmung; aber er war zerstreut und sah sich bei jedem Geräusch um, als ob er Jemand erwartete. Endlich, als der Thee genommen wurde, meldete der Kammerdiener Miß Anna Mary. Sie wollte sich nach dem Befinden des Gutsherrn erkundigen und von der Verwendung seiner Gabe Rechnung ablegen. Aus der Aufnahme, welche Miß Anna bei Sir Edward fand, zog Tom den Schluß, daß sie erwartet worden war. Die gestrige Fügsamkeit fand in der ehrerbietigen Begrüßung, mit der die junge Miß empfangen wurde, eine genügende Erklärung. Nachdem sich Anna Mary nach dem Befinden des Capitäns erkundigt und dieser versichert hatte, daß er sich seit zwei Tagen merklich besser befinde, brachte sie die Angelegenheit der armen Witwe zur Sprache. Die Börse, welche ihr Sir Edward gegeben, hatte dreißig Guineen enthalten; zehn Guineen hatte Anna zur Zahlung des rückständigen Miethzinses, fünf zum Ankauf der nothwendigsten Lebensbedürfnisse, zwei als Lehrgeld für den ältesten Sohn bei einem Tischler und zwei als Schulgeld für die Tochter verwendet. Das jüngste Kind, ein Knabe, mußte noch bei der Mutter bleiben. Es blieben der armen Frau also noch elf Guineen, mit denen sie allerdings einige Zeit leben konnte, aber was sollte sie später anfangen, wenn es ihr nicht gelang einen Dienstplatz zu bekommen? Einen solchen Dienstplatz hatte Sir Edward gerade zu besetzen: George’s Frau brauchte eine Gehilfin. Er erbot sich, Mistreß Denison zu sich zu nehmen und es ward verabredet, daß sie morgen mit dem kleinen Jack ins Schloß kommen sollte. Anna Mary blieb beinahe zwei Stunden, welche dem Capitän wie eine Minute vergingen. Endlich stand sie auf und empfahl sich, ohne daß er es wagte sie zurückzuhalten, obgleich er Alles in der Welt gegeben haben würde, die schöne Miß noch länger bei sich zu sehen. Draußen fand sie Tom, der sie erwartete. Der brave Matrose hatte Wunderdinge von ihren Curen gehört, und er zweifelte nicht, daß sie den Commandanten, dessen Zustand er noch vor drei Tagen als hoffnungslos betrachtet, wieder gesund machen werde. Anna Mary selbst fand die Krankheit Sir Edwards bedenklich. Der Doctor und der Pfarrer hatten ihr nicht verhehlt, welchen seltsamen Einfluß ihr Besuch auf den Kranken gehabt und wie aufmerksam er zugehört, wenn von ihr die Rede gewesen war. Sie hatte sich gar nicht darüber gewundert ; sie hatte ja, wie der Doctor erzählte, mehr als einmal durch ihre Gegenwart geheilt; sie sah ein, welchen Einfluß das Erscheinen eines weiblichen Wesens auf den gemüthskranken Commandanten haben müsse; sie war zwei Stunden bei ihm geblieben und hatte sich überzeugt, wie wohlthuend das Gespräch auf den Kranken gewirkt hatte. Sie versprach daher morgen wieder zu kommen und ihr Heilmittel selbst zu bringen. Der Capitän erzählte Jedermann, daß Miß Anna ihn besucht habe. Sobald er erfuhr, daß Mistreß Denison eingezogen sei, ließ er sie herauskommen, unter dem Vorwande, ihr einige Verhaltungsbefehle zu geben, im Grunde aber, um Gelegenheit zu haben von Anna Mary zu sprechen. Mißtreß Denison, welche von der Natur mit großer Zungenfertigkeit begabt war, gab überdies ihrem Dankgefühl den lebhaftesten Ausdruck; sie war unerschöpflich in dem Lobe der »Heiligen«, wie man Anna Mary im Dorfe nannte. Dieses Gespräch wurde endlich durch die Tischglocke unterbrochen. Als sich Sir Edward in den Speisesaal begab, fand er den Doctor. Die von diesem erwartete Wirkung zeigte sich ganz deutlich. Sir Edward’s Gesicht war heiterer geworden. Der Doctor, der ihn auf so gutem Wege sah, gab ihm den Rath, anspannen zu lassen und nach Tisch mit ihm auszufahren. Er hatte in dem Dorfe, wo Miß Anna wohnte, einige Kranke zu besuchen und wenn der Capitän diesen Weg zu nehmen beliebe, so würde er ihn mit Vergnügen begleiten, da sein Pony sehr krank sei. Sir Edward machte anfangs ein finsteres Gesicht; aber sobald er hörte, daß das Dorf, in welchem Miß Anna wohnte, das Ziel der vorgeschlagenen Spazierfahrt sein sollte, ließ er dem Kutscher den Befehl geben, sich bereit zu halten, und von nun an trieb er den Doktor zur Eile, so daß dieser, der gern in Ruhe speiste, sich vornahm solche Vorschläge künftig nur beim Dessert zu machen. Das Schloß war vier Miles vom Dorfe entfernt; die Pferde legten den Weg in zwanzig Minuten zurück, und gleichwohl ging’s dem Capitän nicht schnell genug. Endlich hielt der Wagen vor einem Hause, in welchem der Doktor zu thun hatte; es war zufällig dem Hause der Miß Anna gegenüber. Der Doctor sagte es dem Capitän, als er ausstieg. Es war ein hübsches englisches Häuschen, welches sich mit seinen grünen Fensterläden und rothen Ziegeln gastfreundlich und sauber ausnahm. Während der Doktor bei seinem Kranken war, behielt Sir Edward die Hausthür im Auge: er hoffte Miß Anna herauskommen zu sehen. Aber er sah sich in seiner Erwartung getäuscht, und der Doktor fand ihn in tiefen Gedanken. Der Jünger Aeskulaps stieg nicht ein; er machte dem Commandanten mit der unbefangensten Miene von der Welt den Vorschlag, der schönen Miß den Besuch zu erwiedern. Sir Edward nahm es sehr bereitwillig an und Beide gingen auf die Hausthür zu. Der Capitän gestand nachher, daß ihm bei diesem Gange über die Straße das Herz stärker geschlagen habe, als bei dem ersten Seegefecht, das er mitgemacht. Der Doctor klopfte an die Thür und eine alte Gouvernante, welche die Eltern der Miß Anna mit aus Frankreich gebracht hatten, empfing die Fremden. Anna Mary war nicht zu Hause; man hatte sie zu einem an den Blattern erkrankten Kinde gerufen. Aber der Doctor ging trotzdem hinein, um dem Commandanten das Innere des Häuschens zu zeigen. Es war kaum möglich etwas Anmuthigeres und Freundlicheres zu sehen, als diese »Cottage«. Der kleine Garten glich einem Blumenkorbe, die Zimmer waren sehr einfach, aber mit viel Geschmack verziert ; ein kleines Maleratelier, aus welchem die an den Wänden hängenden Landschaften hervorgegangen waren, und ein Wohnzimmer mit Piano und gewählter Bibliothek bezeugten, daß die Bewohnerin ihre Mußestunden der Kunst und Lectüre widmete. Miß Anna war Eigenthümerin dieses Häuschens; ihre Eltern hatten es gekauft und es ihr sammt der jährlichen Rente von vierzig Pfund Sterling hinterlassen. Sir Edward, dessen Neugierde dem Doctor große Freude machte, nahm natürlich mit Ausnahme des Schlafzimmers das ganze Haus in Augenschein. Die Gouvernante wußte sich diese Haussuchung nicht zu erklären; aber sie sah nur, daß die beiden Fremden, zumal der Capitän, der Ruhe bedurften, nachdem sie alle Räume von der Küche bis zum Boden durchwandert hatten. Sie führte daher die beiden Herren in den Salon und entfernte sich, um Thee zu machen. Als Sir Edward mit dem Doctor allein war, versank er wieder in das Stillschweigen, welches er unterbrochen hatte, um an die Haushälterin eine Menge Fragen über Miß Anna und ihre Eltern zu richten; aber dieses Mal war der Arzt ohne Besorgniß, denn dieses Schweigen war kein dumpfes Hinbrüten, sondern ein träumerischer Zustand, der das Gemüth seines Patienten anregte und auf dessen Zustand einen wohlthuenden Einfluß haben konnte. Während Sir Edward in Gedanken vertieft war, that sich die Thür auf – und statt der Gouvernante erschien Miß Anna, in der einen Hand eine Theekanne, in der andern einen Teller mit Sandwiches tragend. Sie war eben nach Hause gekommen und wollte nun selbst die Honneurs des Hauses machen. Sir Edward stand mit sichtbarer Freude auf und begrüßte sie. Anna stellte den Thee auf den Tisch, machte dem Capitän einen französischen Knix und reichte ihm nach englischer Sitte die Hand. Anna Mary war wirklich reizend: der Weg, den sie gemacht, hatte ihre Wangen stärker geröthet. Dazu kam eine gewisse Befangenheit über den unerwarteten Besuch, verbunden mit dem Bestreben, die beiden Fremden nach Gebühr zu empfangen. Es ist daher nicht zu verwundern, daß Sir Edward ungemein redselig ward. Diese Redseligkeit blieb freilich nicht in den strengen Grenzen der Convenienz und ein strenger Beobachter der Formen würde vielleicht gefunden haben, daß die Lobsprüche in dem Gespräch des Commandanten einen zu großen Platz einnahmen. Aber er sagte was er dachte, und er dachte viel Gutes von Miß Anna. Ungeachtet seines Redeeifers bemerkte er ein adeliges Wappen an dem Silberzeuge. Diese Entdeckung schmeichelte, er wußte nicht warum, seinem alten aristokratischen Stolz. Sir Edward würde sich beschämt gefühlt haben, eine so hohe Bildung bei einem Mädchen aus dein Volke oder Bürgerstande zu finden. Der Doctor mußte ihn erinnern, daß der Besuch schon zwei Stunden gedauert. Sir Edward mochte es nicht glauben, aber er sah nach der Uhr und erkannte die Unschicklichkeit eines längeren Verweilens. Er nahm Abschied und ließ sich von Miß Anna versprechen, morgen mit Mademoiselle de Villevieille – so hieß die Gouvernante – den Thee im Schlosse zu nehmen. »Sie haben zuweilen vortreffliche Ideen, Doctor,« sagte der Capitän, als er wieder im Wagen saß; »ich weiß nicht, warum wir nicht täglich eine solche Spazierfahrt machen; meine Pferde bekommen ja steife Beine, wenn sie gar nicht aus dem Stall kommen. V Am andern Morgen stand der Capitän eine Stunde früher als gewöhnlich auf, durcheilte das Schloß und ertheilte persönlich die Weisungen, die er für nothwendig hielt, um den heutigen Besuch in gebührender Weise zu empfangen. Die Ordnung und Sauberkeit, die er in dem Hause der Miß Anna gefunden hatte, gefiel ihm so, daß er beschloß Williamhouse auf denselben Fuß einzurichten. Er ließ daher nicht nur Fußböden und Möbeln bohnen, sondern auch die Gemälde reinigen. Die bis dahin mit Staub und Schmutz bedeckten Ahnen Sir Williams’ schienen wieder aufzuleben und Alles was in diesen so lange verödet gewesenen Zimmern vorging, mit klaren Augen zu betrachten. Der Doctor begleitete den Capitän, der für diese Vorkehrungen alles Feuer seiner Jugendjahre wieder gefunden zu haben schien. Auch Sanders kam dazu, und als er die ganze Dienerschaft so emsig beschäftigt sah , fragte er ob etwa der König nach Derbyshire kommen werde, und zu seinem Erstaunen vernahm er, daß alle diese Vorkehrungen getroffen wurden, weil Miß Anna Mary eine Tasse Thee im Schlosse trinken wollte. Tom wußte seit drei Tagen nicht was er denken sollte; den Spleen fürchtete er nicht mehr, aber er meinte, es spuke dem Commandanten im Kopfe. Nur der Doktor schien aus diesem für Alle dunkeln Wege muthig vorzuschreiten und einen längst entworfenen Plan zu verfolgen. Der würdige Mr. Robinson freute sich herzlich über die merkliche Besserung Sir Edward’s; er war gewohnt, der Vorsehung die Mittel zu überlassen und ihr für den Erfolg zu danken. Miß Anna Mary und Mademoiselle de Villevieille kamen zur bestimmten Stunde, ohne zu ahnen, daß ihr Besuch so viele Vorkehrungen veranlaßt hatte. Der Capitän machte in der liebenswürdigsten Weise die Honneurs. Er war wohl noch blaß und schwach, aber wer ihn so flink und geschäftig sah, konnte kaum glauben, daß er derselbe Mann sei, der sich acht Tage vorher langsam und still wie ein Gespenst durch die Zimmer geschleppt hatte. Während der Thee genommen wurde, klärte sich der im nördlichen England gemeiniglich so trübe Octoberhimmel plötzlich auf und die Sonne schien gar freundlich zwischen den sich zerstreuenden Wolken hindurch. Der Doktor benutzte den schönen Abend, um einen Spazirgang durch den Park vorzuschlagen. Die Besucherinnen willigten ein. Der Doctor bot dem alten Fräulein, der Capitän der Miß Anna den Arm. Anfangs war der Seemann etwas befangen; aber Anna Mary war so heiter und anmuthig, daß seine Verlegenheit schwand, sobald sie anfing zu sprechen. Sie harte viel gelesen, Sir Edward hatte viel gesehen, das Gespräch konnte daher nicht stocken. Er erzählte seine Seereisen und Kriegsfahrten, wie er zweimal in Gefahr gewesen sei zwischen den Eisbergen am Nordpol stecken zu bleiben, und wie er im indischen Ocean Schiffbruch gelitten. Dann kam die Geschichte der elf Seegefechte, die er mitgemacht, zumal der letzten Schlacht, in welcher er das Bein verloren. Er erzählte, wie er sich auf dem Verdeck aufgerichtet und in die Hände geklatscht, als ein feindliches Kriegsschiff, dessen Mannschaft sich nicht habe ergeben wollen, mit Mann und Maus untergegangen sei. Anfangs hörte Anna ans Höflichkeit zu; nach und nach aber schenkte sie der schmucklosen, aber lebhaften Erzählung die größte Aufmerksamkeit Anna lauschte noch immer, als der Capitän längst aufgehört hatte zu sprechen, und der Spaziergang hatte zwei Stunden gedauert, ohne daß Sir Edward müde wurde und Miß Anna sich langweilte. Das Fräulein von Villevieille, welche das Gespräch mit dem Doctor nicht so anziehend zu finden schien, erinnerte endlich ihre junge Herrin, daß es Zeit sei sich nach Hause zu begeben. Sir Edward war den ganzen Abend sehr vergnügt; aber als er am andern Morgen bedachte, daß Miß Anna keine Ursache habe wieder ins Schloß zu kommen und daß er schwer einen Vorwand zu einem neuen Besuch finden werde, schien ihm der Vormittag endlos lang, und Tom fand ihn wieder sehr traurig und niedergeschlagen. Der Capitän hatte sein fünfundvierzigstes Jahr erreicht und noch nie geliebt. Er war schon als Knabe in den Seedienst getreten und seine Seele war sofort durch die großartigen Erscheinungen in der Natur gefesselt worden; die zarteren Gefühle waren durch die strenge Mannszucht unterdrückt worden; so lange er am Bord seiner Fregatte gewesen war, hatte er die eine Hälfte der Schöpfung als einen Luxusartikel betrachtet, die Gott den Menschen zum Vergnügen geschenkt, wie die duftenden Blumen und die singenden Vögel. Die Blumen und Vögel dieser Art, welche er kennen gelernt, hatten freilich nichts Anlockendes: es waren einige Wirthinnen, welche in den verschiedenen Seehäfen, wo er sich vor Anker gelegt, die besuchtesten Gasthäuser hielten; Negerinnen an der Küste von Guinea oder Zangebar, Hottentottinnen am Cap oder Patagonierinnen im Feuerlande. Der Gedanke, daß sein Geschlecht mit ihm aussterben werde, hatte ihm nie große Bekümmerniß gemacht. Diese frühere Gleichgültigkeit machte es sehr wahrscheinlich, daß ihn die erste einigermaßen hübsche und geistreiche Dame völlig umstimmen werde, zumal wenn dieselbe, wie Anna Mary, so viele ausgezeichnete Eigenschaften besaß. Wir haben gesehen, daß dies wirklich der Fall war. Der Capitän, der auf einen Angriff nicht gefaßt gewesen war, hatte nicht an Vertheidigung gedacht, so daß er bei dem ersten Scharmützel kampfunfähig wurde und in Gefangenschaft gerieth. Sir Edward brachte den Tag zu wie ein Kind, das sein liebstes Spielzeug verloren hat und sich mit keinem andern die Zeit vertreiben will. Er zankte mit Tom, kehrte Sanders den Rücken zu und wurde erst wieder heiterer, als der Doktor zur gewohnten Stunde erschien, um seine Partie zu machen. Aber Sir Edward mochte nicht spielen: er ließ Tom, Sanders und den Pfarrer einen vierten Partner suchen und führte den Doctor unter einem sehr ungeschickten Vorwande in sein Zimmer. Er sprach von allen möglichen Dingen, nur nicht von der Angelegenheit, die er eigentlich auf’s Tapet bringen wollte, erkundigte sich nach dem Patienten im Dorfe und erbot sich ihn morgen dahin zu begleiten. Leider war der Kranke bereits genesen. Sir Edward wurde nun grob gegen den Doctor, der alle Leute, außer ihm, curirte. Er erklärte, daß er verloren sei, wenn er noch drei so langweilige Tage wie der heutige verleben müsse. Der Doktor verordnete ihm Kräutersaft, Beefsteak und Zerstreuung. Der Capitän schickte den Doctor zu allen Teufeln und ging verdrießlich zu Bett, ohne den Namen Anna Mary ein einziges Mal genannt zu haben. – Der Doctor rieb sich schmunzelnd die Hände – der sonderbare Kauz! Am folgenden Tage war’s noch schlimmer. Sir Edward war ganz unzugänglich. Er hatte nur einen Gedanken, nur einen Wunsch: Anna Mary zu sehen. Aber wie sollte er sie sehen? der Zufall hatte sie das erste Mal zusammengeführt; die Dankbarkeit hatte Miß Anna wieder zu ihm geführt; der Capitän hatte einen Höflichkeitsbesuch gemacht; Miß Anna hatte seinen Besuch erwiedert, und er hätte mehr Gewandtheit und Weltkenntniß haben müssen, um dieser Verlegenheit ein Ende zu machen. Sir Edward setzte seine Hoffnung nur noch auf Witwen und Waisen; aber es stirbt nicht alle Tage ein armer Teufel, und wenn sich auch ein solcher Fall ereignet hätte, so würde es Anna Mach vielleicht nicht gewagt haben, sich schon wieder als Bittende an ihn zu wenden. Es wäre nicht recht gewesen: Sir Edward war in der Stimmung, alle Witwen der Welt zu versorgen und alle Waisen zu adoptiren. Das Wetter war unfreundlich, ein Besuch der Miß Anna war also nicht zu erwarten; der Capitän beschloß daher selbst auszufahren und ließ anspannen. Tom fragte, ob er ihn begleiten solle, aber Sir Edward lehnte es mit harten Worten ab; und als der Kutscher fragte, welchen Weg er fahren sollte, antwortete der Capitän: »Wohin Du willst.« Es war ihm jeder Weg gleichgültig; den Weg, welchen er gern gewählt hätte, mochte er nicht nennen. Der Kutscher besann sich einen Augenblick; dann stieg er auf den Bock und fuhr im scharfen Trabe davon. Es regnete stark, es war dem Kutscher offenbar darum zu thun, bald irgendwo anzuhalten. Nach einer Viertelstunde hielt er wirklich an. Der Capitän, der bis dahin in Gedanken vertieft gewesen war, steckte den Kopf zum Schlage hinaus. Der Wagen hielt vor der Thür des vormaligen Patienten, den der Doctor besucht hatte, und folglich dem Hause der Miß Mary gegenüber. Der Kutscher erinnerte sieh, daß sein Herr hier unlängst einen zweistündigen Besuch gemacht hatte, und er hoffte, daß der Capitän seinen Besuch wiederholen und besseres Wetter für die Rückfahrt abwarten werde. Sir Edward zog die Schnur; der Kutscher stieg vom Bock und öffnete die Wagenthür. »Was machst Du denn?« fragte der Capitän. »Ich halte an, Ew. Gnaden.« »Warum hältst Du denn hier an?« »Wollten Ew. Gnaden nicht hierher fahren?« Der Mann hatte, ohne es zu ahnen, die geheimsten Gedanken seines Herrn errathen. Sir Edward wußte nichts zu erwiedern; er würde den Kutscher ausgezankt haben, wenn er ihn anderswo hingefahren hätte. »Du hast Recht,« sagte er; »hilf mir aussteigen. Sir Edward stieg aus und klopfte an die Thür des vormaligen Patienten, dessen Namen er nicht einmal wußte. Der Genesende erschien selbst. Der Capitän sprach von dem Antheil, den er an seiner Krankheit genommen, als er vor vier Tagen mit dem Doktor da gewesen sei, er wünsche sich jetzt persönlich nach seinem Befinden zu erkundigen. Der vormalige Patient, ein dicker Bierbrauer, der sich ans der Hochzeit seiner Tochter den Magen verdorben und deshalb ärztliche Hilfe in Anspruch genommen hatte, fühlte sich sehr geschmeichelt durch den Besuch des Gutsherrn, führte ihn in sein schönstes Zimmer und setzte ihm alle seine Biersorten vor. Der Capitän stellte seinen Stuhl so, daß er auf die Straße sehen konnte, und schenkte sich ein Glas Porter ein, um wenigstens so lange bis das Glas geleert sein würde, bleiben zu können. Der Brauer machte dem theilnehmenden Gutsherrn eine sehr genaue Beschreibung der Verdauungsbeschwerden, an denen er gelitten, die aber, wie er versicherte, keineswegs die Folge von Unmäßigkeit, sondern durch zwei Gläschen Wein, die er auf der Hochzeit getrunken, entstanden waren. Er benutzte diese Gelegenheit, die Schädlichkeit des Weines zu beweisen und sich dem Capitän als Bierlieferant zu empfehlen. Sir Edward bestellte zwei Fässer Bier, und da der Abschluß dieses Geschäfts eine gewisse vertrauliche Annäherung zur Folge hatte, fragte der Brauer, warum Seine Herrlichkeit so aufmerksam auf die Straße schaue. »Ich sehe die gegenüber stehende Cottage mit den grünen Fensterläden an,« antwortete Sir Edward. »Aha! Dort wohnt die Heilige,« sagte der Brauer. Wir wissen bereits, daß Miß Mary allgemein so genannt wurde. »Recht hübsch,« sagte der Capitän. »Ja wohl, eine schöne junge Dame,« erwiederte der Brauer, welcher glaubte, der Capitän meine seine Nachbarin, »und sehr gut ist sie. Denken Sie sich, heute hat sie trotz dem Regenwetter einen Weg von fünf Miles gemacht, um eine arme Mutter zu pflegen, die schon sechs Kinder hatte und noch Zwillinge dazu bekommen hat. Sie wollte zu Fuß fort, denn sie läßt sich durch nichts abhalten, wenn ein gutes Werk zu thun ist; aber ich sagte zu ihr: Nehmen Sie meine Carriole, Miß Anna. Sie wollte nicht, aber ich ließ nicht nach, und sie nahm meine Carriole.« »Hören Sie, lieber Freund,« sagte Sir Edward, »schicken Sie mir vier Fässer Bier.« »Ueberlegen Sie sich’s recht,« erwiederte der Brauer; »Ew. Herrlichkeit sind einmal hier, vielleicht brauchen Sie mehr.« »Nein, nein,« sagte der Capitän lächelnd. »Aber ich sprach nicht von Miß Anna: ich meinte die Cottage sei recht hübsch. »O ja, nicht übel. Aber es ist Alles, was sie besitzt, nebst einer kleinen Rente, von der ihr die Bettler noch die Hälfte wegnehmen. Die arme Miß kann daher nicht einmal ein Glas Bier trinken – sie trinkt nur Wasser.« »Sie wissen, daß es bei den Französinnen so Sitte ist,« erwiederte der Capitän, »und Miß Anna ist von Mademoiselle de Villevieille, einer Französin, erzogen worden.« Der Brauer schüttelte den Kopf. »Nein, Ew. Herrlichkeit,« sagte er, »es ist nicht natürlich Wasser zu trinken, wenn man Bier trinken kann. Ich weiß wohl, daß die Französinnen Wasser trinken und Heuschrecken essen; aber Miß Anna ist eine Engländerin, die Tochter des Baron Lampton, eines braven Herrn, den mein Vater zur Zeit des Prätendenten gekannt hat. Der Baron hat bei Preston-Ponns wie ein Teufel gekämpft, und die Folge davon war, daß er sein ganzes Vermögen verlor und lange nach Frankreich verbannt wurde. – Nein, Ew. Herrlichkeit, sie trinkt aus Noth und nicht ans freien Stücken Wasser – und doch hatte sie ihr Leben lang das beste Bier trinken können.« »Wie so?« »Weil mein ältester Sohn so närrisch war sich in sie zu verlieben und sie durchaus heiraten wollte.« »Und Sie haben Ihre Einwilligung verweigert?« »Mein Gott! ja , so lange als ich konnte. Ein Bursch, 40 der seine zehntausende Pfund Sterling hat, das Doppelte, Dreifache hätte finden können, sollte ein Mädchen heiraten, das nichts besitzt! Aber er wollte keine Vernunft annehmen, und endlich mußte ich meine Einwilligung geben.« »Und dann?« sagte der Capitän mit bebender Stimme. »Dann wollte sie nicht.« – Der Capitän athmete tief auf. – »Natürlich ans Stolz und weil sie von Adel ist. O, ich wollte, daß der Teufel alle Adeligen —« »Halt,« sagte Sir Edward aufstehend; »ich gehöre auch dazu.« »O, mit Ew. Herrlichkeit ist es etwas Anderes, erwiederte der Brauer, »ich meine nur die, welche Wasser oder Wein trinken – Sie haben ja vier Fässer Bier bestellt.« »Sechs!« setzte der Capitän hinzu. »Ja richtig, sechs!« sagte der Brauer, »ich habe mich geirrt. – Sonst brauchen Ew. Herrlichkeit nichts?« setzte er hinzu, indem er Sir Edward mit der Mühe in der Hand folgte. »Nein, sonst nichts. Adieu, lieber Freund!« »Ich empfehle mich Ew. Herrlichkeit.« Sir Edward stieg wieder in den Wagen. »Nach Hause?« fragte der Kutscher. »Nein, zum Doctor,« antwortete Sir Edward. Es regnete in Strömen. Der Kutscher setzte sich murrend auf den Bock und fuhr im Galopp davon. In zehn Minuten hielt er an. – Der Doctor war nicht zu Hause. »Wohin soll ich fahren?« fragte der Kutscher. »Wohin Du willst,« antwortete der Capitän. Dieses mal benutzte der Kutscher die Erlaubniß und fuhr nach Hause. Der Capitän ging, ohne ein Wort zu sprechen, in sein Zimmer. »Er ist verrückt, sagte der Kutscher leise zu Tom, der ihm in der Vorhalle begegnete. »Ich fürchte es auch,« antwortete Tom. Sir Edward war in einer großen Aufregung und dieser Zustand war nach der bisherigen Verstimmung und Abspannung so plötzlich, unerwartet eingetreten, daß den beiden treuen Dienern, welche die wahre Ursache nicht kannten, diese etwas gewagte Meinung nicht zu verargen war. Diese Meinung theilten sie Abends dem Doktor mit, als dieser zur gewohnten Stunde kam. Der Doktor hörte mit der größten Aufmerksamkeit zu und unterbrach die Mittheilung von Zeit zu Zeit durch einige Worte der Befriedigung. Dann ging er sich die Hände reibend, in Sir Edward’s Zimmer. Tom und Patrice sahen ihm erstaunt nach und schüttelten den Kopf. »Ach, ich bin sehr krank, lieber Freund!« rief der Capitän dem Doctor zu. »Wirklich!« erwiederte dieser; »aber es ist recht gut, daß Sie es selbst fühlen.« »Ich glaube,« setzte der Capitän hinzu, »daß ich seit acht Tagen den Spleen habe.« »Und ich glaube,« entgegnete der Doctor, »daß Sie ihn seit acht Tagen nicht mehr haben.« »Alles langweilt mich.« »Fast Alles.« »Ich langweile mich überall.« »Fast überall.« »Tom ist mir unausstehlich.« »Ich finde das begreiflich.« »Hr. Robinson ist mir zuwider.« »Nun ja, sein Stand ist nicht unterhaltend.« »Sauders verursacht mir Nervenzucken.« »Das glaube ich wohl, er ist als ehrlicher Verwalter eine seltene Erscheinung.« »Und Sie selbst, Doctor, es gibt Augenblicke —« »Ja; aber es gibt auch andere.« »Was meinen Sie?« »Ich habe ein scharfes Auge.« »Doctor, wir werden uns entzweien!« »Ich werde Miß Anna bitten, uns wieder auszusöhnen.« Sir Edward wurde roth wie ein beim Naschen ertapptes Kind. »Lassen Sie uns aufrichtig reden, Commandant,« setzte der Doktor hinzu. »Seht gern,« antwortete Sir Edward. »Haben Sie sich gelangweilt,, als Sie bei Miß Mary zum Thee waren?« »Nein, nicht eine Minute.« »Haben Sie sich gelangweilt, als Mary bei Ihnen zum Thee war?« »Nicht eine Secunde.« »Würden Sie sich langweilen, wenn Sie jeden Morgen die Gewißheit hätten sie zu sehen?« »O nein, nie!« »Würde Ihnen dann Tom noch unausstehlich sein?« »Tom! ich würde ihn herzlich lieb haben.« »Würde Ihnen Hr. Robinson noch zuwider sein?« »Ich glaube, daß ich ihn herzen und küssen würde.« »Würde Ihnen Sanders noch Nervenzucken verursachen?« »Es würde mir kein Mensch auf der Welt lieber sein als er.« »Und würden Sie in Versuchung kommen, sich mir mir zu entzweien?« »Ich würde Ihr bester Freund sein, so lange ich lebe.« »Würden Sie sich nicht mehr krank fühlen?« »Ich würde wieder zwanzig Jahre alt werden.« »Würden Sie noch den Spleen haben?« »Ich würde lustig sein wie ein Meerschweinchen.« »Es ist ja sehr leicht. Anna Mary täglich zu sehen.« »Wie habe ich das anzufangen? Sagen Sie, Doctor!« »Sie müssen sie heiraten.« »Heiraten!« wiederholte der Capitän fast erschrocken. »Allerdings. Sie wissen wohl, daß sie als Gesellschaftsdame nicht zu Ihnen kommen würde.« »Aber sie will nicht heiraten.« »Das sagen alle Mädchen.« »Sie hat sehr reiche Partien ausgeschlagen.« »Einen Brauerssohn. Die Tochter des Baron Lampton als Bierwirthin, das wäre in der That hübsch!« »Ich bin schon alt, Doctor.« »Sie sind fünfundvierzig, Miß Anna ist beinahe dreißig« »Und ich habe einen Stelzfuß. »Miß Anna hat Sie immer so gesehen, sie muß schon daran gewöhnt sein.« »Dazu kommt mein unausstehliches Temperament.« »Sie sind der beste Mann von der Welt.« »Glauben Sie?« erwiederte der Capitän mit liebenswürdiger Offenheit. »Ich bin fest davon überzeugt.« »Aber es ist noch ein Hinderniß: ich kann mich nicht entschließen ihr zu sagen, daß ich sie liebe.« »Es ist ja gar nicht nöthig, daß Sie es sagen.« »Wer soll’s ihr denn sagen?« »Ich. Sie dürfen nur befehlen und ich gehorche.« »Doctor, Sie retten mir das Leben!« »Das ist ja mein Beruf.« »Wann wollen Sie hingehen?« »Morgen, wenn Sie wollen.« »Warum nicht heute?« »Heute ist sie nicht zu Hause.« »Sie können ja warten, bis sie kommt.« »Ich will meinen Ponny satteln lassen.« »Nehmen Sie lieber meinen Wagen.« »Dann lassen Sie anspannen.« Der Capitän schellte so heftig, daß der Glockezug riß. Patrice eilte ganz erschrocken herbei. »Anspannen!« rief ihm der Capitän zu. Patrice entfernte sich in der festen Ueberzeugung, daß sein Herr den Verstand verloren habe. Bald nach Patrice kam Tom. Der Capitän fiel ihm um den Hals. Tom seufzte tief; es war nicht mehr zu bezweifeln, der Capitän war völlig wahnsinnig. Eine Viertelstunde nachher fuhr der Doctor, mit den ausgedehntesten Vollmachten versehen, nach dem Dorfe. Der Besuch hatte für Sir Edward und für mich das befriedigendste Resultat: für Sir Edward, weil er sich sechs Wochen nachher mit Anna Mary vermälte; für mich, weil ich zehrt Monate nach der Hochzeit glücklich zur Welt kam. VI Aus den ersten drei Jahren meines Lebens ist mir nur erinnerlich, daß meine Mutter sehr zärtlich mit mir war und mich ihr liebes Kind nannte. So weit als ich zurückdenken kann, sehe ich mich auf einem großen Rasenplatz, der sich vor der Freitreppe des Schlosses ausdehnte und mit spanischem Flieder und Geisblatt bepflanzt war. Während ich mich ans dem weichen Rasen herumtummelte, saß meine Mutter auf einer grünen Bank und las oder stickte und warf mir von Zeit zu Zeit Kußhände zu. Gegen zehrt Uhr Morgens erschien mein Vater, nachdem er die Zeitungen gelesen hatte, aus der Freitreppe; meine Mutter eilte ihm entgegen ; ich trippelte ihr nach und kam gewöhnlich an die Treppe, während sie mit ihm herunterkam. Dann machten wir einen kleinen Spaziergang, dessen Ziel fast immer die »Grotte« war, und setzten uns auf die Bank, auf welcher Sir Edward gesessen, als er Anna Mary zum ersten Male gesehen hatte. Dann kam Georges und sagte, daß angespannt sei. Wir machten eine zwei- bis dreistündige Spazierfahrt und einen Besuch bei dem alten Fräulein von Villevieille, welche das Häuschen und die kleine Rente meiner Mutter geerbt hatte, oder bei einer nothleidenden Familie, wo Anna Mary immer als tröstender Engel erschien. Endlich kehrten wir ins Schloß zurück und setzten uns mit ausgezeichnetem Appetit zu Tische. Nach dem Essen nahm mich Tom in Beschlag und das war meine größte Freude; er trug mich auf der Schulter, zeigte mir die Hunde und Pferde, kletterte auf die Bäume, um Vogelnester auszunehmen, während ich ihm von unten zurief: »Fall nicht, lieber Tom!« Endlich ward ich so müde, daß ich die Augen kaum offen halten konnte, und Tom trug mich nach Hause Aber trotz meiner Müdigkeit machte ich ein saures Gesicht , wenn Mr. Robinson kam, weil seine Ankunft fast immer das Signal meines Rückzugs in die Schlafstube war. Wenn ich allzu großen Widerstand leistete, wurde Freund Tom geholt. Er erschien dann im Salon mit einer Miene, die mir großen Respect einflößte, ich folgte ihm willig. Er legte mich dann in eine Hängematte, die er in Bewegung setzte, und fing an gar wundersame Geschichten zu erzählen, die ich aber selten hörte, weil ich gewöhnlich schon bei den ersten Worten einschlief. Dann kam meine Mutter und trug mich aus der Hängematte in mein Bett. Der Leser verzeihe mir diese mir so theuern Erinnerungen: jetzt sind meine Eltern und Tom todt, und ich befinde mich in dem Alter, wo mein Vater heimkehrte, allein in dem alten Schlosse, in bessert Nachbarschaft keine Anna Mary als tröstender Engel mehr waltet. Ich erinnere mich des ersten Winters, welcher kam, weil er für mich die Quelle neuer Freuden ward; es lag hoher Schnee und Tom stellte Fallen, Sprenkel und Netze, um die von den Feldern herbeieilenden Vögel zu sangen. Mein Vater hatte uns einen großen Schuppen überlassen, den Tom mit einem feinen Draht geflochten schloß. Dieser Schuppen war das Gefängniß für alle unsere Vögel, welche hier reichliches Futter und einige in Kasten gesetzte Tannenbäume fanden. Am Ende des Winters waren die eingefangenen Vögel kaum zu zählen. Ich konnte mich nicht satt an ihnen sehen, kaum hielt ich’s bei Tische aus. Meine Mutter war anfangs um meine Gesundheit besorgt, aber als ihr mein Vater meine vollen rothen Backen zeigte, beruhigte sie sich und ließ mich zu meinem Vogelhanse zurückkehren. Im Frühjahr zeigte mir Tom an, daß wir alle unsere gefiederten Kostgänger in Freiheit setzen würden. Ich wollte es anfangs nicht zugeben ; aber meine Mutter bewies mir mit der ihr so natürlichen Logik des Herzens, daß ich nicht berechtigt sei, die armen überlisteten Vöglein mit Gewalt festzuhalten. Sie erklärte mir, daß es ungerecht sei, die Noth des Schwachen zur Unterjochung zu mißbrauchen ; sie zeigte mir, wie die armen kleinen Gefangenen durch das Drahtgitter zu schlüpfen suchten, um frei und fröhlich in der zu neuem Leben erwachten Natur umherzufliegen. Ein Vogel starb über Nacht: meine Mutter sagte mir, er habe sich zu Tode gegrämt, daß er nicht frei sei. Ich öffnete sogleich den Käfig und alle meine Gefangenen flogen zwitschernd in den Park. Abends holte mich Tom ab und führte mich, ohne ein Wort zu sagen, an das Vogelhaus. Zu meiner großen Freude sah ich es fast eben so bevölkert wie am Morgens die meisten Vögel hatten bemerkt, daß die Bäume noch nicht dicht gering belaubt waren, um sie gegen die kalte Nachtluft zu schützen, und hatten sich wieder in die Tannen geflüchtet, wo sie ihre lieblichsten Lieder sangen, als hätten sie mir für das Obdach danken wollen. Ich erzählte es meiner Mutter ganz erfreut, und sie erklärte mir was Dankbarkeit sei. Am andern Morgen eilte ich an mein Vogelhaus: alle meine gefiederten Kostgänger mit Ausnahme einiger Sperlinge, waren ausgeflogen Tom zeigte mir, wie sie Stroh und Wolle im Schnabel herbeischleppten, um sich Nester zu bauen. Ich hüpfte vor Freude bei dem Gedanken, daß ich kleine Vögel haben und heranwachsen sehen konnte, ohne aus einen Baum klettern zu müssen, wie Tom gethan hatte. Die schöne Jahreszeit kam; die Sperlinge legten Eier und brüteten. Ich beobachtete dir Entwickelung der Jungen mit einer Freude, an die ich mich noch erinnere, wenn ich vierzig Jahre nachher dieses ganz verfallene Vogelhaus sehe. Es liegt in den frühesten Erinnerungen ein so großer Reiz, daß es wohl gestattet ist, einige Augenblicke auf den grünen, blühenden Fluren zu verweilen, welche man fast immer im Anfange des Lebensweges findet, ehe man eine lange Wanderung durch glühende Vulcane, blutige Felder und Eiswüsten antritt. Der Sommer kam und unsere Spaziergänge dehnten steh immer weiter aus. – Eines Tages setzte mich Tom, wie gewöhnlich, auf seine Schulter; meine Mutter küßte mich noch zärtlicher als sonst; mein Vater nahm seinen Stock und ging mit uns. Wir gingen durch den Park, an dem Flüschen hinauf, und kamen an den See. Es war sehr warm. Tom zog Jacke und Hemd aus; dann trat er ans Ufer, hielt die Hände hoch empor, machte einen Sprung, wie die fliehenden Frösche, und verschwand im Wasser. Ich schrie laut auf und wollte ans Ufer laufen, ich weiß nicht in welcher Absicht, vielleicht um mich ebenfalls in den See zu stürzen; aber mein Vater hielt mich zurück. Ich weinte und rief meinen lieben Tom. – Endlich tauchte er wieder auf und kam ans Ufer. Ich war beruhigt, als ich ihn wieder bei mir sah. Mein Vater zeigte mir nun die Schwäne, welche leicht auf dem Wasserspiegel glitten, und die einige Fuß tief schwimmenden Fische; dabei erklärte er mir, daß der Mensch mittelst gewisser Bewegungen mehre Stunden in dem Element der Fische und Schwäne bleiben könne. Um mir diese Erklärung recht anschaulich zu machen, ging Tom langsam in den See, ohne unter dem Wasser zu verschwinden; er schwamm vor meinen Augen, streckte von Zeit zu Zeit die Arme nach mir aus und fragte mich, ob ich Lust hätte mit ihm ins Wasser zu gehen. Ich schwankte zwischen Furcht und Verlangen, als mein Vater, der meine Gedanken errieth, zu Tom sagte: »Quäle ihn nicht länger ; er fürchtet sich.« Dieses Wort war ein Talisman, der eine wahre Zauberkraft aus mich ausübte. Ich hatte immer gehört, daß Tom und mein Vater mit großer Verachtung von feigen und furchtsamen Menschen sprachen, und ich erröthete bis über die Ohren. »Nein, ich fürchte mich nicht,« sagte ich entschlossen, »ich will mit Tom ins Wasser gehen.« Tom stieg wieder ans Ufer. Mein Vater kleidete mich aus und hob mich auf Tom’s Rücken. Ich schlang meine Arme um den Hals des Schwimmers, der nun wieder ins Wasser ging. Er mußte an dem Druck meiner Arme fühlen, daß mein Muth nicht so groß war, wie ich mich gerühmt hatte. Im ersten Augenblick ging mir in dem kalten Wasser der Athem ans; aber nach und nach gewöhnte ich mich daran. Den folgenden Tag band mich Tom auf ein Bündel Binsen, zeigte mir die Bewegungen und schwamm neben mir. Acht Tage nachher hielt ich mich allein auf dem Wasser; im Herbst konnte ich schwimmen. Meine Mutter hatte sich meine übrige Erziehung vorbehalten; aber sie wußte ihren Unterricht so angenehm zu machen und so sanft zu befehlen, daß ich gleichsam spielend lernte und sehr gern meine Spiele mit den Lehrstunden vertauschte. Es war Herbst geworden, das Wetter fing an kalt zu werdens es war mir verboten an den See zu geben, und dies war mir um so unangenehmer, da ich bald merkte, daß dort etwas Ungewöhnliches vorging. Ich hatte nemlich unbekannte Gesichter in Williamhouse gesehen; mein Vater hatte sich lange mit diesen Fremden unterhalten; endlich schien die Sache abgethan zu sein. Tom begleitete sie bis an die nach der Wiese hinabführende Parkthür, und als er wieder zurückkam, sagte er zu meiner Mutter: »Für das nächste Frühjahr wird Alles fertig sein.« Meine Mutter lächelte dabei wie gewöhnlich, es war also nichts Beunruhigendes; aber das Geheimniß reizte doch meine Neugierde. Jeden Abend kamen die fremden Männer ins Schloß, um zu essen und zu übernachten, und täglich gegen Mittag ging mein Vater fort, um ihnen einen Besuch zu machen. Der Winter kam und mit ihm der Schnee. Dieses Mal hatten wir nicht nöthig Fallen und Netze zu stellen, um s die Vögel einzufangen; wir brauchten nur die Thüren des Vogelhauses aufzumachen und alle unsere vorjährigen Kostgänger kamen wieder mit noch vielen anderen, denen sie vermuthlich in ihrer Sprache die behaglichen Winterquartiere gerühmt hatten. Sie waren insgesammt willkommen und fanden ihren Hanfsamen, ihre Hirse und ihre Tannenbäume wieder. In diesem Winter lernte ich von meiner Mutter lesen und schreiben, von meinem Vater die Anfangsgründe der Geographie und der Nautik. Ich war ein großer Freund von Reisebeschreibungen. Die Abenteuer Gulliver’s konnte ich von Anfang bis zu Ende erzählen, und aus einer Erdkugel verfolgte ich die Entdeckungsreisen Cook’s und Lapeyrouse’s. Mein Vater hatte auf dem Camin seines Zimmers das Modell einer Fregatte, und bald wußte ich die Namen aller Bestandtheile eines Schiffes. Im folgenden Frühjahr war ich ein sehr geschickter Theoretiker, dem nur noch die Uebung fehlte, und Tom behauptete, ich würde wie Sir Edward einst Contreadmiral werden; aber so oft als er diese Meinung äußerte, warf meine Mutter einen wehmüthigen Blick auf den Stelzfuß ihres Gatten und wischte verstohlen eine Thräne ab, die an ihren Wimpern zitterte. Der Geburtstag meiner Mutter war im Mai, und zu meiner großen Freude kehrte dieses Fest alljährlich mit den Blumen und dem grünen Laube wieder. An diesem Tage fand ich, statt meiner gewöhnlichen Kleider, eine vollständige Midshipmanuniform. Ich eilte jubelnd in den Salon; mein Vater war in Uniform. Wie gewöhnlich waren alle unsere Bekannten erschienen. – Ich sah mich nach Tom um; er allein fehlte. Nach dem Frühstück wurde ein Spaziergang an den See vorgeschlagen; der Vorschlag wurde einstimmig angenommen. Wir brachen auf; aber statt den gewohnten kürzeren Weg über die Wiese zu nehmen, gingen wir den schönen Weg durch den Wald. Ich wunderte mich gar nicht über diese Veränderung unserer gewöhnlichen Marschroute. Jener Tag ist mir noch so lebhaft im Gedächtniß, als ob es gestern gewesen wäre. – Wie alle Kinder, konnte ich mich auf den langsamen gemessenen Spazierschritt der Gesellschaft nicht beschränken; ich lief voraus und pflückte Maiblumen – da stand ich plötzlich am Saum des Waldes wie versteinert still und meine erstaunten Blicke waren auf den See gerichtet. »Vater, eine Brigg!« mehr vermochte ich nicht zu sagen. »Wahrhaftig, er weiß sie von einer Fregatte und Goelette zu unterscheiden!« rief mein Vater hoch erfreut. »Komm her, John, und laß Dich küssen.« Eine allerliebste kleine Brigg, an deren Mastspitze die englische Flagge wehre, schaukelte sich anmuthig auf dein See. Am Vordertheile stand in goldenen Buchstaben »Anna Mary«. Die unbekannten Arbeiter, welche seit fünf Monaten im Schlosse gewohnt hatten, waren Zimmerleute von Portsmouth. Im April war das Schiff von Stapel gelassen und aufgetakelt worden, ohne daß ich etwas davon erfahren hatte. Als wir aus dem Walde traten, wurden wir von einer Salve seiner aus vier Kanonen bestehenden Artillerie begrüßt. Ich war entzückt. In der nächsten Bucht des Sees lag die Schaluppe, von Tom und sechs Matrosen bemannt. Die ganze Gesellschaft stieg ein. Tom nahm am Steuer Platz, die Matrosen setzten die Ruder in Bewegung und wir glitten leicht über den See. Sechs andere Matrosen, unter dem Befehle George’s, erwarteten den Capitän an Bord, um ihm die seinem Range gebührenden Ehren zu erweisen. Sobald Sir Edward aus dem Verdecke war, übernahm er das Commando. Wir wendeten auf dem Anker; die Marssegel wurden ausgespannt, dann senkten sich alle Segel und die Brigg setzte sich in Bewegung. Ich fühlte eine unaussprechliche Freude, nun wirklich am Bord eines Schiffes zu sein. Als ich die Bewegung unter meinen Füßen fühlte, klatschte ich in die Hände und Freudenthränen traten mir in die Augen. Meine Mutter fing auch an zu weinen, sie dachte, daß ich einst ein wirkliches Seeschiff besteigen würde und daß ihre bis dahin so sanften friedlichen Träume voll von Stürmen und Kämpfen sein würden. Uebrigens freute sich die ganze Gesellschaft herzlich der von meinem Vater bereiteten Ueberraschung. Das Wetter war herrlich und die »Anna Mary« ließ sich lenken wie ein gut zugerittenes Pferd. Wir machten zuerst die Runde um den See, dann fuhren wir von einem Ende desselben zudem andern; endlich warf man zu meinem großen Bedauern die Anker und zog die Segel ein. Wir stiegen in die Schaluppe und fuhren wieder an’s Land. Während wir uns in’s Schloß zurückbegaben, wurden wir, wie bei unserer Ankunft, von einer Geschützsalve begrüßt. Von jenem Tage an war die Brigg meine einzige Freude, meine einzige Zerstreuung. Mein Vater freute sich herzlich, daß ich so große Lust zum Seedienst hatte, und da die Schiffszimmerleute, welche bei der Festlichkeit die Bemannung gebildet hatten, wieder nach Portsmouth gingen, so ließ er sechs Matrosen von Liverpool kommen. Meine Mutter lächelte wehmüthig und tröstete sich mit dem Gedanken, daß ich noch sieben bis acht Jahre bei ihr zu bleiben hatte, ehe ich mich wirklich einschiffte. Meine gute Mutter vergaß die Schule, die erste so schmerzliche Trennung, welche indeß den Vortheil hat, auf eine zweite fast immer folgende ernstere Trennung vorzubereiten. Die verschiedenen Bestandtheile eines Schiffes waren mir bereits bekannt; nach und nach lernte ich auch den Gebrauch derselben. Im Herbste fing ich sogar an kleine Manöver auszuführen. Tom und mein Vater waren abwechselnd meine Exerciermeister. Der übrige Unterricht wurde dabei vernachlässigt, aber man hatte ihn auf den Winter verschoben. Wenn ich meine Uniform angezogen hatte und an Bord der Brigg war, glaubte ich kein Kind mehr zu sein; meine Gedanken waren voll von Manövern, Stürmen und Schlachten. An einem Ende des Gartens wurde eine Scheibe aufgestellt; mein Vater ließ mir von London eine kleine Kugelbüchse und zwei Scheibenpistolen kommen. Ehe ich aber diese Zerstörungswerkzeuge berührte, sollte ich den ganzen Mechanismus derselben genau kennen lernen. Ein Büchsenmacher von Derby kam zweimal wöchentlich in’s Schloß und zeigte mir, wie ein Gewehrschloß auseinandergenommen und zusammengesetzt wird. Als ich endlich jedes Stück beim Namen nennen konnte, wurden die Schießübungen angefangen und den ganzen Herbst täglich fortgesetzt. Als der Winter kam, wußte ich mein kleines Arsenal schon ziemlich geschickt zu gebrauchen. Das schlechte Wetter unterbrach keineswegs unsere nautischen Uebungen, es kam meinem Vater vielmehr in meiner seemännischen Ausbildung zu Hilfe. Unser See erlaubte sich bei stürmischem Wetter einen Wellenschlag, wie ein Meer, das Schiff machte recht hübsche Schwankungen. Dann kletterte ich mit Tom am Takelwerke hinauf, um die höchsten Segel einzuraffen. Das waren wirklich Festtage für mich; denn zu Hause hörte ich, wie mein Vater und Tom die heutigen Heldenthaten erzählten, und meine Eigenliebe wuchs fast zur Mannesgröße empor. So vergingen drei Jahre unter diesen anstrengenden Uebungen, die man mir so anziehend zu machen wußte. Ich war nicht nur ein gewandter und kühner Matrose geworden, sondern ich hatte eine so genaue Kenntniß von dem gesammten Tau- und Takelwerk, daß ich im Stande war den Befehl zu führen. Zuweilen reichte mir mein Vater ein kleines Sprachrohr, und der kleine Matrose spielte nun die Rolle des Capitäns; auf mein Commando führte dann die Mannschaft die Bewegungen aus, welche ich selbst mitgemacht hatte, und ich konnte die von mir gemachten Fehler beurtheilen, wenn ich sah, daß geschicktere Matrosen als ich dieselben Fehler machten. Uebrigens war meine Ausbildung langsam vorgeschritten, aber in der Geographie war ich so gut bewandert, wie von einem zehnjährigen Knaben zu erwarten. Im Scheibenschießen leistete ich Ausgezeichnetes; Jedermann freute sich, ausgenommen meine gute Mutter, die darin nur ein Zerstörungsstudium sah. Der Tag kam, an welchem ich das Vaterhaus verlassen sollte. Mein Vater hatte für meine wissenschaftliche Ausbildung das berühmte aristokratische College zu Harrow-on-the-Hill gewählt. Es war meine erste Trennung von meinen guten Eltern ; sie war schmerzlich, obgleich sich jeder von uns Gewalt anthat, seinen Schmerz zu verbergen. Tom allein sollte mich begleiten; er erhielt von meinem Vater einen Brief an den Doktor Butler, den Director der Lehranstalt, welchem die für besonders wichtig gehaltenen Unterrichtsgegenstande angelegentlichst empfohlen wurden. Turnen, Fechten und Boxen waren dick unterstrichen. Auf die alten Sprachen legte Sir Edward wenig Werth; er verbot indeß meine Theilnahme an dem Unterricht nicht. Nachdem ich von der Brigg und den Matrosen einen fast eben so zärtlichen Abschied genommen, wie von meinen Eltern, setzte ich mich mit Tom in den Reisewagen meines Vaters. Die Jugend ist selbstsüchtig, sie unterscheidet die Zuneigung nicht von den Genüssen. Unterwegs war Alles neu und merkwürdig für mich. Leider war Tom wenig geeignet meine Neugierde zu befriedigen, der Weg von London nach Williamhouse war seine einzige Landreise gewesen, und seitdem hatte er das Schloß nicht wieder verlassen. In jeder etwas großen Stadt, wo wir ankamen, fragte ich ob, es London sei. Endlich kamen wir nach Harrow. Tom führte mich sogleich zu dem Doctor Butler. Dieser war eben an die Stelle des sehr beliebten Drury gekommen, und dieser Wechsel des Directors hatte unter den Schülern einen kaum beschwichtigten Aufstand hervorgerufen. Dieser Umstand machte meine Vorstellung zu einer steifen Förmlichkeit. Der Doctor saß in seinem Lehnstuhl, sah mich forschend an, las den Brief meines Vaters, gab seine Zustimmung durch Kopfnicken zu verstehen, bot Tom einen Stuhl und fragte mich was ich könne. Ich antwortete, daß ich ein Schiff lenken, die Mittagshöhe der Sonne aufnehmen, reiten, schwimmen und schießen könne. Der Pädagog erklärte, ich sei ein Narr, runzelte die Stirn und wiederholte seine Frage. Aber Tom kam mir zu Hilfe und versicherte, daß ich die Wahrheit gesagt. »Und sonst kann er nichts?« fragte Doctor Butler naserümpfend. Tom war ganz verblüfft; er glaubte, ich sei in meiner Ausbildung außerordentlich weit vorgeschritten, und hatte es immer für ganz überflüssig gehalten, mich in die lateinische Schule zu schicken, wo ich, wie er meinte, nichts mehr zu lernen hätte. »Entschuldigen Sie,« erwiederte ich, »ich spreche sehr gut französisch, kann ziemlich viel Geographie, etwas Mathematik und bin einigermaßen in der Geschichte bewandert. Ich vergaß das irische Kauderwelsch, welches ich wie ein wahrer Erinssohn sprach; ich hatte es von Mrs. Denison gelernt. »Das ist schon etwas,« sagte der Professor, erstaunt über den zwölfjährigen Knaben, der in den gewöhnlichen Schulkenntnissen hinter den Knaben seines Alters zurück zu sein schien und Vieles wußte, was man sonst erst weit später zu erlernen pflegt. Aber haben Sie denn die Anfangsgründe des Lateinischen und Griechischen nicht gelernt?« setzte er hinzu. Ich mußte gestehen, daß ich von diesen Sprachen nichts wisse. Der Professor nahm nun ein großes Register und schrieb in dasselbe: »John Davys, angekommen im College zu Harrow-on-the-Hill den 7. October 1806, in die letzte Classe gesetzt.« Da er Wort für Wort las, was er niederschrieb, so verstand ich die letzten demüthigenden Worte sehr gut. Das Blut stieg mir ins Gesicht, und ich wollte mich eben entfernen, als die Thür aufging und ein Zögling erschien. Es war ein Jüngling von sechzehn bis siebzehn Jahren, blaß von Gesichtsfarbe, mit feinen Zügen und stolzem, hochfahrendem Wesen. Sein schwarzes lockiges Haar war sorgfältiger geordnet, als sonst bei jungen Leuten der Fall zu sein pflegt. Ueberdies hatte er – ebenfalls eine Seltenheit bei Schülern – feine zarte Hände wie ein Mädchen. An einem Finger trug er einen kostbaren Ring. »Sie haben mich rufen lassen, Master Butler?« sagte er schon an der Thür mit hochfahrendem Tone. »Ja, Mylord, antwortete der Professor. »Darf ich wissen was mir diese Ehre verschafft?« fragte der aristokratische Zögling mit einem sarkastischen Lächeln, das von Keinem unbemerkt blieb. »Ich wünsche zu wissen, Mylord, warum Sie gestern auf meine Einladung nicht mit den übrigen Zöglingen an meinem Tische erschienen sind.« »Erlassen Sie mir die Antwort, Sir.« »Leider kann ich das nicht, Mylord. Das gemeinsame Mahl am Schlusse eines Halbjahres ist ein alter Brauch, dem Sie zuwider gehandelt haben, und ich wünsche die Ursache zu wissen – wenn Sie nemlich eine Ursache angeben können.« »Ja, ich habe eine Ursache.« »So lassen Sie hören.« »Ich will sie Ihnen sagen, Master Butler,« sagte der junge Lord mit der größten Ruhe, »ich würde Sie auch nicht zu Tisch laden, wenn Sie während der Ferien in mein Schloß Newstead kämen, und ich kann doch von Ihnen eine Einladung nicht annehmen, die ich zu erwiedern durchaus nicht geneigt bin.« »Ich muß Ihnen erklären, Mylord,» erwiederte der Professor, dem die Zornglut ins Gesicht stieg, »daß Sie nicht hier bleiben können, wenn Sie Ihr Benehmen nicht ändern.« »Und ich, Sir, erkläre Ihnen, daß ich morgen abreise, um in das Trinity-College zu Cambridge zu treten. Hier ist ein Brief meiner Mutter, der Sie von diesem Beschlusse in Kenntniß setzt.« Bei diesen Worten reichte er den Brief hin, aber ohne näher zu treten. »Mein Gott, so kommen Sie doch näher, Mylord,« sagte der Professor; »man weiß ja, daß Sie hinken.« Der junge Lord war tief verletzt; aber statt zu erröthen, wie der Professor, ward er schrecklich blaß. »Ich bin lahm, Sir,« antwortete der junge Peer, den Brief in seiner Hand zerdrückend; »aber es fragt sich, ob Sir mir folgen werden auf der Bahn, die ich zu wandeln gedenke. – James,« sagte er zu einem hinter ihm stehenden Diener in eleganter Livrée, »laß meine Pferde satteln, wir reiten fort.« Und er verließ das Zimmer, ohne von dem Professor Abschied zu nehmen. »Gehen Sie in Ihre Classe, Master Davys,« sagte Doktor Butler nach einer kurzen Pause zu mir, »und nehmen Sie sich das unziemliche Betragen dieses Jünglings zum abschreckenden Beispiel.« Als wir über den Hof gingen, sahen wir den Zögling, dessen Beispiel mir zur Nichtbefolgung empfohlen worden war, mitten unter seinen Cameraden, die von ihm Abschied nahmen. Ein Diener, der schon zu Pferde saß, hielt ein anderes Pferd am Zügel. Der junge Lord schwang sich behende in den Sattel, winkte noch einmal mit der Hand und ritt im Galopp davon. »Der scheint mir ein kecker Patron zu sein,« sagte Tom, ihm nachschauend. »Frage doch, wie er heißt,» sagte ich zu ihm, denn der scheidende Zögling hatte meine Neugierde im höchsten Grade erregt. Tom redete einen Schüler an, sprach einige Worte mit ihm und kam wieder zu mir. »Er heißt George Gordon Byron,« sagte er. Ich bezog also das College zu Harrow-on-the-Hill an dem Tage, wo Lord Byron austrat. VII Den folgenden Tag reiste Tom nach Williamhouse zurück, nachdem er die Haupttheile meiner Ausbildung, nemlich Turnen, Fechten und Boten, dem Director dringend ans Herz gelegt hatte. Ich befand mich zum ersten Male in meinem Leben allein unter wildfremden Menschen, wie in einem Walde mit unbekannten Blumen und Früchten, die ich nicht zu kosten wagte, weil ich fürchtete, sie könnten bitter schmecken. Die Folge davon war, daß ich in den Lehrstunden nicht von meinem Papier aufschaute und mich in den ersten zwei bis drei Tagen in einem Winkel auf der Treppe versteckte, statt mit den Anderen im Hofe zu spielen. In diesen Stunden unfreiwilligen Nachdenkens trat das freundlich ruhige Leben in Williamhouse, wo ich immer bei meinen guten Eltern und bei meinem lieben Tom gewesen war, vor meine Seele ; ich dachte mit Sehnsucht an den See, an die Brigg, an das Scheibenschießen, an die Reisebeschreibungen, an die Spazierfahrten mit meiner Mutter zu den Kranken und Nothleidenden der Nachbarschaft, es war mir sehr traurig zu Muthe. – Am dritten Tage fing ich an zu weinen. Während ich in meinem Winkel saß und mein in Thränen gebadetes Gesicht mit beiden Händen verhüllte, fühlte ich einen leisen Schlag aus meiner Schulter. Ich machte, ohne mich aufzurichten, eine ungeduldige Bewegung; aber der Camerad, der mich ausgesucht hatte, ließ nicht nach und sagte ernst, aber theilnehmend: »Wie kommt es, John, daß der Sohn eines so braven Seemannes wie Sir Edward Davys wie ein Kind weint?« Ich war ganz beschämt, ich sah ein, daß das Weinen eine Schwäche sei. »Ich weine nicht mehr,« sagte ich, mich ausrichtend. Der theilnehmende Camerad war etwa fünfzehn Jahre alt; er gehörte noch nicht zu den »Seniors«, aber auch nicht mehr zu den »Fags«. Er sah ernster und gesetzter aus, als in seinem Alter zu ersparten war, und ich brauchte ihn nur anzusehen, um sogleich Vertrauen zu ihm zu bekommen. »Gut,« sagte er; »Du mußt nicht kindisch sein. Wenn etwa Einer Streit mit Dir anfängt und Du meines Beistandes bedarfst, so komm nur zu mir. Ich heiße Robert Peel.« »Ich danke,« erwiederte ich. Robert Peel reichte mir die Hand und ging in sein Zimmer. Ich mochte ihm nicht folgen; aber da ich mich schämte in meinem Versteck zu bleiben, so ging ich in den Hof. Die Schüler belustigten sich mit verschiedenen Spielen. Ein »Großer« kam auf mich zu. »Hat Dich noch keiner zum »Fag« genommen?« fragte er mich. »Ich weiß nicht was Du meinst,« antwortete ich. »Dann nehme ich Dich,« setzte er hinzu. »Von dieser Stunde an gehörst Du mir; ich heiße Paul Wingfield. Merke Dir den Namen deines Herrn und komm.« Ich ging willig mit ihm, denn ich wußte nicht was er meinte, und doch wollte ich mir das Ansehen geben, als ob ich ihn verstünde, um nicht lächerlich zu erscheinen. Ich glaubte, es sei ein Spiel. Paul Wingfield nahm wieder Theil am Ballspiel; ich dachte, daß ich sein Partner sei, und stellte mich neben ihn. Aus sein Geheiß ging ich zurück. In diesem Augenblicke wurde der Ball geworfen; ich wollte ihn aufnehmen und zurückschleudern, aber Paul rief mir zu: »Rühre den Ball nicht an, kleiner Knips; ich verbiete es Dir!« Der Ball war sein, er hatte das Recht mich zurückzuhalten und meine Begriffe von Recht und Unrecht stimmten mit seinem Verbot überein. Aber ich fand, daß er mir sein Besitzrecht höflich hätte ausdrücken können, so entfernte ich mich. »Wohin?« fragte Paul. »Ich gehe fort,« antwortete ich. »Wohin denn?« »Wohin es mir gefällt.« »Wie, wohin es dir gefällt?« »Allerdings, ich spiele ja nicht mit und kann gehen wohin mir’s beliebt. Ich glaubte, daß ich mitspielen sollte; ich sehe, daß ich mich geirrt habe. Adieu!« »Hole nur den Ball dort,« sagte Paul und zeigte ans das andere Ende des Hofes. »Hole ihn selbst,« antwortete ich; »ich bin kein Bedienter.« »Warte nur,« sagte Paul Wingfield, »ich will Dich Gehorsam lehren!« Ich erwartete ihn festen Fußes. Er hatte wohl geglaubt, daß ich die Flucht nehmen würde, denn er war etwas betroffen über meine entschlossene Haltung. Er zögerte; seine Cameraden fingen an zu lachen; die Röthe der Beschämung stieg ihm in’s Gesicht und er kam auf mich zu. »Hole mir den Ball!« sagte er noch einmal. »Und weint ich ihn nicht hole?«— »So bekommst Du Prügel, bis Du ihn holst.« »Mein Vater hat mir immer gesagt,« antwortete ich ganz ruhig, »daß nur ein erbärmlicher Wicht einen Schwächern schlägt. Du bist also ein erbärmlicher Wicht, wenn Du mich schlägst.« Paul kam in Wuth und schlug mich mit der Faust lass Gesicht. Des Schlag war so heftig, daß ich wankte und fast zu Boden stürzte. Ich griff nach meinem Messer, aber ich glaubte die warnende Stimme meiner Mutter zu hören. Ich zog die Hand wieder aus der Tasche, und da ich’s mit meinem Gegner nicht aufnehmen konnte, so rief ich ihm noch einmal zu: »Du bist ein erbärmlicher Wicht, Paul Wingfield!« Diese Worte würden mir vielleicht eine noch stärkere Züchtigung zugezogen haben; aber zwei Freunde Pauls, Namens Hurzer und Dorset, hielten ihn zurück. Ich ging fort. Ich war, wie dieser Austritt zeigt, nicht wie andere Knaben. Ich hatte immer unter Männern gelebt. Die Folge davon war, daß mein Charakter meinen Jahren weit vorausgeeilt war. Paul hatte also, ohne es zu ahnen, einen Jüngling geschlagen, als er nur einen Knaben zu schlagen glaubte. Kaum hatte ich den Schlag bekommen, so erinnerte ich mich an viele von meinem Vater und von Tom erzählte Geschichten, wo der Beleidigte mit den Waffen in der Hand Genugthuung von dem Beleidiger gefordert hatte. »Ja solchen Fällen,« hatte mein Vater oft gesagt, »sei man es seiner Ehre schuldig ; wer eine Ohrfeige geduldig hinnehme, ohne Genugthuung zu fordern, sei entehrt. Da es nun meinem Vater und mir nie in den Sinn gekommen war, vor mir eine Demarcationslinie zwischen Mann und Knabe zu ziehen, oder mir zu sagen, in welchem Alter dieses Ehrgefühl entstehen müsse, so dachte ich, daß ich entehrt sei, wenn ich von Paul Wingfield keine Genugthuung forderte. Ich ging also langsam in meinen Schlafsaal. Ich hatte meine kleinen Pistolen vor meiner Abreise in meinen Koffer gepackt, denn ich hoffte Gelegenheit zum Scheibenschießen zu haben. Ich zog meinen Koffer unter dem Bette hervor, steckte Pistolen, Pulver und Kugeln in die Taschen und ging zu Robert Peel. Als ich in sein Zimmer trat, las er; aber als die Thüre aufging, sah er sich um. »Mein Gott!« sagte er, »was ist denn geschehen, John? Du blutest ja!« »Paul Wingfield hat mich ins Gesicht geschlagen, antwortete ich; »Du sagtest mir, ich möge nur zu Dir kommen, wenn Jemand Streit mit mir anfinge – und da bin ich.« »Sei nur ruhig, John,« erwiederte Robert Peel aufstehend; »er soll’s mit mir zu thun haben.« »Wie, mit Dir?« »Allerdings; wünschest Du denn nicht, daß ich Dich räche?« »Nein, ich will Dich bitten mir beizustehen – ich will mich selbst rächen,« antwortete ich und legte meine kleinen Pistolen auf den Tisch. Peel sah mich erstaunt an. »Wie alt bist Du?« fragte er. »Bald dreizehn,« antwortete ich. »Wem gehören diese Pistolen?« »Sie gehören mir.« »Seit wann hast Du schießen gelernt?« »Seit zwei Jahren.« »Wer hat Dich’s gelehrt?« »Mein Vater.« »Zu welchem Zwecke?« »Für Fälle, wo ich mich meiner Haut wehren muß.« »Würdest Du die Wetterfahne treffen?« fragte Paul weiter, öffnete das Fenster und zeigte mir einen Drachenkopf, der sich in einer Entfernung von etwa fünfundzwanzig Schritten knarrend drehte. »Ich glaube wohl,« antwortete ich. »So zeige was Du kannst,« setzte Paul hinzu. Ich lud ein Pistol, zielte sorgfältig und schoß mitten durch den Drachenkopf. »Bravo!« rief Peel; »seine Hand hat nicht gezittert; er hat Muth.« Er nahm die Pistolen, legte sie in eine Schublade seiner Commode und steckte den Schlüssel in die Tasche. »Jetzt komm mit mir, John,« sagte er. Ich hatte ein so großes Vertrauen zu Robert, daß ich ihm ohne Zögern folgte. Er ging in den Hof. Die Schüler waren in einer Gruppe versammelt; sie hatten den Schuß gehört, und sahen sich erstaunt um. – Robert Peel ging auf Paul Wingfield zu. »Paul,« sagte er, »weißt Du, wo der Pistolenschuß abgefeuert worden ist?« »Nein,« antwortete Paul. »Aus meinem Fenster. Und weißt Du, wer geschossen hat?« »Nein.« »John Davys. Und sieh, er hat mitten durch die Wetterfahne geschossen.« Aller Augen richteten sich auf die Wetterfahne, und Jeder konnte sich überzeugen, daß Robert Peel die Wahrheit gesagt hatte. »Du hast John geschlagen,« setzte Robert hinzu; »er ist zu mir gekommen, weil er Genugthuung von Dir fordern will; und um mir zu beweisen, daß er im Stande ist, Dir eine Kugel durch die Brust zu jagen, that er den Probeschuß. Paul erblaßte. »Du bist stärker als John,« fuhr Robert fort; »aber John ist gewandter als Du ; Du hast einen Knaben geschlagen, der das Herz eines Mannes bat; für diesen Irrthum mußt Du büßen. Du mußt Dich entweder mit ihm schlagen, oder ihn um Verzeihung bitten.« »Ein Kind um Verzeihung bitten!« fuhr Paul auf. »Höre,« sagte Robert näher tretend. »Ich will Dir einen Ausweg vorschlagen. Wir sind ziemlich von gleichem Alter, ich führe das Rapier mit derselben Geschicklichkeit wie Du. Wir stecken Jeder einen Zirkel auf einen Stock und machen einen Gang hinter der Mauer. Du hast bis diesen Abend Bedenkzeit.« In diesem Augenblicke wurde geläutet, und wir gingen wieder in die Schulzimmer. »Um fünf Uhr,« sagte Robert Peel zu mir, als er mich verließ. Ich arbeitete mit einer Ruhe, welche alle meine Cameraden in Erstaunen setzte. Der Lehrer merkte nichts. Die abendlichen Freistunden kamen; wir gingen wieder in den Hof. Robert kam auf mich zu. »Hier,« sagte er und gab mir einen Brief. »Paul schreibt Dir, daß es ihm leid thue, Dich geschlagen zu haben. Mehr kannst Du von ihm nicht verlangen.« Ich nahm den Brief. Der Inhalt war so wie Robert sagte. »Jetzt, lieber John,« setzte Peel hinzu und nahm meinen Arm, »sehr will ich Dir etwas sagen. Ich habe deinen Wunsch erfüllt, weil Paul Wingfield ein schlechter Camerad ist und weil es mir lieb war, daß er von einem jüngeren einen Denkzettel bekam. Aber wir sind noch keine Männer, wir sind Knaben. Unsere Handlungen haben kein Gewicht, unsere Worte keine Geltung; ich habe noch fünf bis sechs, Du hast noch neun bis zehn Jahre Zeit, ehe wir wirklich eine Stellung in der Welt einnehmen werden. Wir dürfen unseren Jahren nicht vorauseilen. Was für einen Bürger oder Soldaten eine Schmach ist, kann einem Schüler gleichgültig sein. In der großen Welt duellirt man sich, aber auf der Schule klopft man sich. Kannst Du boxen?« »Nein.« »Nun, ich will Dich’s lehren; und wenn Dich Einer angreift, ehe Du im Stande bist Dich zu wehren, so werde ich ihn tüchtig durchbläuen.« »Ich danke, Robert. Wann wirst Du mir die erste Lection geben?« »Morgen um elf Uhr.« Robert hielt Wort. – Als der Vormittagsunterricht beendet war, ging ich in sein Zimmer. Das Boxen wurde nach den Regeln der Kunst betrieben und regelmäßig fortgesetzt. Ich besaß eine weit größere Kraft und Gewandtheit als andere Knaben meines Alters, und nach einem Monate konnte ich’s mit den größten meiner Mitschüler aufnehmen. Uebrigens hatte mein Raufhandel mit Paul großes Aufsehen gemacht, und keiner trat mir zu nahe. Dieses Abenteuer zeigt, wie verschieden ich von anderen Knaben meines Alters war. Ich hatte eine ganz ungewöhnliche Erziehung genossen, die mich körperlich und geistig abgehärtet hatte. Mein Vater und Tom hatten bei jeder Gelegenheit eine so große Verachtung der Gefahr gezeigt, daß ich letztere später nie als ein Hinderniß betrachtete. Diese Unerschrockenheit war bei mir nicht Naturanlage, sondern ein Ergebniß des Unterrichtes. Uebrigens wurden die in dem Briefe meines Vaters an den Doctor Butler ertheilten Weisungen genau befolgt. Man gab mir, wie mehren größern Schülern, einen Fechtmeister und ich machte sehr rasche Fortschritte in der Fechtkunst. Die schwierigsten Turnübungen waren nichts im Vergleiche mit dem Matrosendienst, den ich auf meiner Brigg versehen hatte, und schon am ersten Tage gab ich Beweise von meiner Kraft und Gewandtheit, welche mir die Anderen nicht nachthun konnten. Die Zeit Verstrich mir also schneller, als ich erwartet hatte. Ich war aufmerksam und fleißig, und außer meinem hartnäckigen, unbeugsamen Charakter hatte man mir nichts vorzuwerfen. Aus den Briefen meiner guten Mutter ersah ich, daß zu Williamhouse die günstigsten Berichte über mich eingelaufen waren. Ich sah indeß den Ferien mit großer Freude entgegen. Je näher die Abreise von Harrow kam, desto lebendiger wurden meine Erinnerungen an das Vaterhaus. Von Tag zu Tag erwartete ich Tom. Eines Morgens sah ich unsern Reisewagen vor dem Hause halten. Tom stieg aus und hob meinen Vater und meine Mutter aus dem Wagen. Meine Freude war unaussprechlich. Es gibt im Leben drei oder vier solcher Augenblicke, wo der Mensch ganz glücklich ist; und wie kurz diese Augenblicke auch sind, so genügen sie doch, um das Leben lieb und werth zu machen. Meine Eltern begaben sich mit mir zu dem Doctor Butler. Man lobte mich in meiner Gegenwart nicht allzusehr, aber man gab meiner Mutter deutlich zu verstehen, daß man mit mir zufrieden sei. Meine guten Eltern freuten sich herzlich. Als wir den Doktor Butler verließen, fand ich Robert Peel, der mit Tom sprach. Tom schien entzückt über das was ihm Robert erzählte. Der Letztere hatte bereits Abschied von mir genommen, weil er den Ferienmonat ebenfalls bei seinen Eltern zubringen wollte. Er hatte sich seit meinem Abenteuer mit Paul Wingfield immer als mein Freund bewährt. Sobald sich eine schickliche Gelegenheit darbot, ging Paul mit meinem Vater auf die Seite und sprach leise mit ihm. Mein Vater kam auf mich zu, küßte mich und sagte für sich hin: »Ja, ja, es wird ein ganzer Mann aus ihm.« Meine Mutter wollte wissen, was es gebe; Sir Edward gab ihr durch einen Wink zu verstehen, sie möge sich gedulden, sie solle es schon erfahren. Die Zärtlichkeit, mit der sie mir gute Nacht wünschte, bewies, daß er im Laufe des Tages Wort gehalten hatte. Meine Eltern erboten sich, eine Woche mit mir in London zuzubringen; aber meine Sehnsucht nach Williamhouse war so groß, daß ich lieber sogleich nach Derbyshire abreisen wollte. Mein Wunsch wurde erfüllt. Am andern Morgen fuhren wir ab. Das Wiedersehen meiner Heimat nach dieser ersten Abwesenheit machte einen unbeschreiblichen Eindruck auf mich. Die Hügelkette, welche Chester von Liverpool trennt; die zum Schlosse führende Pappelallee, in welcher mich jeder Baum zu begrüßen schien; der Hofhund, der ans seiner Hütte sprang und fast die Kette zerriß, um mich zu bewillkommnen; Mistreß Denison, die mich in ihrem irischen Kauderwelsch fragte, ob ich sie nicht Vergessen; mein mit freiwilligen Gefangenen angefülltes Vogelhaus; der gute Sanders, der pflichtschuldigst seinen jungen Herrn begrüßte – kurz Alles machte mir Freude, sogar der Doktor und Mr. Robinson, obgleich ich diesen beiden Herren nicht sehr gewogen gewesen war, weil ihre Ankunft fast immer das Signal zum Schlafengehen war. Ich fand Alles unverändert. Jedes Hausgeräth war an seinem gewohnten Platze. Der Lehnstuhl meines Vaters stand am Camin, der Arbeitstisch meiner Mutter am Fenster, der Spieltisch indem Winkel hinter der Thür. Alle Bewohner des Schlosses hatten in meiner Abwesenheit ihr ruhiges, zufriedenes Leben fortgesetzt; ich allein hatte einen neuen Weg betreten und fing an mit freudigen, vertrauenvollen Blicken in die Ferne zu schauen. Mein erster Besuch galt dem See. Ich eilte meinem Vater und Tom voraus, um meine Brigg einen Augenblick früher wiederzusehen. Sie wiegte sich noch immer anmuthig auf derselben Stelle; ihre Wimpel flatterten im Winde; das Boot lag in der Bucht. Ich legte mich in das hohe Gras und weinte vor Freude. Mein Vater und Tom holten mich ein. Wir stiegen in das Boot und begaben uns an Bord. Das Verdeck war Tags zuvor gescheuert und gebohnt worden: man sah, daß ich in meinem schwimmenden Palast erwartet wurde. Tom feuerte eine Kanone ab. Es war der Signalschuß für die Schiffsmannschaft. Zehn Minuten nachher waren unsere sechs Matrosen am Bord. Ich hatte von der Theorie nichts vergessen, und meine gymnastischen Uebungen hatten meine Kraft und Gewandtheit vermehrt. Ich führte jedes Manöver so rasch und sicher aus wie der geschickteste Matrose. Mein Vater war überglücklich und sah mich gleichwohl mit Besorgniß im Takelwerk herumklettern. Tom klatschte in die Hände; meine Mutter, die uns nachgekommen war und vorn Ufer zusah, wendete sich oft ab, um meine halsbrechenden Künste nicht zu sehen. Die Tischglocke rief uns ins Schloß zurück. Es waren viele Gäste geladen, um meine Rückkehr zu feiern. Der Doktor und Mr. Robinson erwarteten uns vor der Thür. Beide befragten mich über meine Studien und Beide schienen mit meinen Kenntnissen sehr zufrieden. Nach Tische ging ich mit Tom zum Scheibenschießen. Abends wurde ich, wie vormals, das ausschließliche Eigenthum meiner Mutter. Ich hatte vom ersten Tage an meine frühere Lebensweise wieder angenommen: ich hatte überall meinen Platz wieder gefunden, und nach drei Tagen erschien mir das verflossene Schuljahr wie ein Traum. O, wie schnell vergehen die schönen frischen Jugendjahre! Und doch erfüllen sie die ganze übrige Lebenszeit mit Erinnerungen! Viele wichtige Dinge habe ich vergessen, aber die geringsten Vorfälle meiner Schuljahre sind tief in mein Gedächtniß eingegraben. – Die fünf Jahre, welche meinem Eintritt in das College folgten, vergingen mir wie ein Tag ; aber wenn ich zurückblicke, schienen sie mir von einer andern Sonne erleuchtet, als meine übrige Lebenszeit. Wie viel Unglück ich nachher auch ertragen habe, ich danke dem Himmel für meine glückliche Jugend. So kam das Ende des Jahres 1810. Ich war im siebzehnten Jahre. Meine Eltern holten mich wie gewöhnlich im Spätherbst ab ; aber dieses Mal zeigtest sie mir an, daß ich nicht wieder nach Harrow gehen würde. Ich fand meinen Vater so ernst und meine Mutter so traurig, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Ich hatte diese Nachricht so oft herbeigewünscht, aber sie machte mir doch das Herz schwer. Ich nahm Abschied von dem Doktor Butler und von allen meinen Mitschülern, mit denen ich übrigens keine große Freundschaft geschlossen hatte. Mein einziger vertrauter Freund war Robert Peel gewesen, und er hatte schon vor einem Jahre die Universität Oxford bezogen. In Williamhouse fing ich meine gewohnten Uebungen wieder an; aber jetzt schienen meine Eltern keinen Gefallen mehr daran zu finden, und selbst Tom, obschon daran theilnehmend, schien etwas von seiner heitern Laune verloren zu haben. Ich wußte mir’s nicht zu erklären, ich war ebenfalls niedergeschlagen, ohne zu wissen warum. Eines Morgens endlich, als wir beim Thee saßen, brachte George einen Brief mit einem großen rothen Siegel. Meine Mutter stellte die Tasse, welche sie eben zum Munde führte, auf den Tisch. Mein Vater nahm das Schreiben und betrachtete es eine Weile, ohne es zu erbrechen. »Da nimm,« sagte er und reichte es mir; »es geht Dich an.« Ich erbrach das Siegel und fand meine Ernennung zum Midshipman am Bord des Kriegsschiffes »Trident«, Capitän Stanbow auf der Rhede von Plymonth vor Anker liegend. Der von mir so sehnlich herbeigewünschte Tag war gekommen; aber als sich meine Mutter abwendete, um ihre Thränen zu verbergen , als mein Vater das »Rule Britannia« pfiff, um seine Fassung zu bewahren, als sogar Tom mit unsicherer Stimme zu mir sagte: »Jetzt haben wir’s erreicht, Herr Offizier!« – da fühlte ich mich so tief ergriffen, daß ich den Brief fallen ließ, meiner Mutter zu Füßen fiel und weinend ihre Hand küßte. Mein Vater nahm die Depesche auf und las sie drei- bis viermal, um diesen ersten Gefühlserguß vorübergehen zu lassen. Er selbst bekämpfte seine zärtlichen Gefühle, um sich nicht schwach zu zeigen. Endlich stand er auf, räusperte sich, schüttelte den Kopf und ging einige Male im Zimmer auf und ab. »John,« sagte er dann, vor mir stehen bleibend, »sei ein Mann!« Meine Mutter schlang die Arme um meinen Hals, als hätte sie sich stillschweigend dieser Trennung widersetzen wollen, und ich blieb in meiner knieenden Stellung. Eine kurze Pause folgte; dann ließen mich die zärtlichen Arme los und ich stand auf. »Wann muß er abreisen?« fragte meine Mutter. »Er muß den 30. September am Bord sein und es ist heute der achtzehnte. Er kann noch sechs Tage hier bleiben: am vierundzwanzigsten reisen wir ab.« »Kann ich mitreisen ?« fragte meine Mutter schüchtern. »Ja, das versteht sich,« sagte ich. »Wir wollen uns so spät wie möglich trennen.« »Ich danke Dir, lieber John!« sagte meine Mutter zärtlich. »Ich danke Dir, mein Sohn – durch dieses einzige Wort hast Du mich für Alles belohnt, was ich um deinetwillen gelitten habe.« An dem festgesetzten Tage reiste ich mit meinen Eltern und Tom ab. VIII Da mein Vater, um die Abreise möglichst lange aufzuschieben, nur sechs Tage für die Fahrt nach Plymouth gelassen hatte, so ließen wir London links liegen und nahmen unsern Weg durch die Grafschaften Warwick, Glocester und Sommerset. Am Morgen des fünften Tages kamen wir nach Devonshire, und Nachmittags gegen fünf Uhr befanden wir uns am Fuße des Berges Edgecombe, der die Bucht von Plymouth auf der Westseite begrenzt. Wir waren am Ziel unserer Reife. Mein Vater lud uns ein auszusteigen, nannte dem Kutscher den Gasthof, wo er einkehren wollte, und während der Wagen auf der Landstraße weiter fuhr, stiegen wir einen auf den Bergrücken führenden Seitenpfad hinan. Ich hatte meiner Mutter den Arm gegeben, mein Vater wurde von Tom geführt. Ich ging langsam den ziemlich steilen Pfad hinan; die Betrübniß meiner Mutter hatte auch mir das Herz schwer gemacht. Mein Blick war auf einen oben stehenden verfallenen Thurm gerichtet – da sah ich zufällig auf die Seite – ein Schrei der Ueberraschung und Bewunderung entfuhr mir – das Meer war vor mir! Der Ocean, das Bild des Unermeßlichen, Unendlichen; der ewig klare, unzerbrechliche Spiegel, die unzerstörbare Fläche, welche seit der Erschaffung der Welt gleich geblieben ist; während die Erde, wie ein Mensch alternd, abwechselnd mit Getöse und Schweigen, mit blühenden Fluren und Wüsten, mit Städten und Trümmern bedeckt ist; der Ocean, den ich zum ersten Male sah, zeigte sich mir im günstigsten Lichte, in der Glut der untergehenden Sonne. Ich stand eine Weile sprachlos vor Erstaunen; endlich gewann ich so viel Fassung, daß ich die Einzelheiten des großartigen Bildes betrachten konnte. Das Meer schien von der Stelle, wo wir waren, ruhig und spiegelglatt zu sein, aber eine breite Einfassung von Schaum, die sich an der Küste hob und senkte, verrieth das immerwährende kräftige Athmen des alten Oceans. Vor uns war die von zwei Vorgebirgen gebildete Bucht; etwas weiter links die kleine Insel St. Nicolas; zu unseren Füßen die Stadt Plymouth mit ihren Tausenden von Maßen, die einem entlaubten Walde ähnlich waren, mit ihren zahlreichen, theils vor Anker liegenden, theils aus- oder einlaufenden Schiffen und ihrem verworrenen Getöse, welches der frische Seewind zu uns emportrug. Meine Eltern und Tom waren ebenfalls stehen geblieben ; auf jedem Gesicht waren die verschiedenen Eindrücke zu lesen, den dieses großartige Bild auf das Gemüth machte. Mein Vater und Tom freuten sich, einen alten lieben Freund wiederzusehen ; meine Mutter erschrak, wie vor dem Anblick eines Feindes. Nach einigen der Betrachtung gewidmeten Minuten suchte mein Vater mitten im Hafen das Schiff, auf welchem ich meine erste Seereise machen sollte, und mit dem geübten Seemannsauge fand er den »Trident« heraus, wie der Hirt ein Schaf aus seiner Heerde herausfindet, das stattliche Kriegsschiff, welches vierundsiebzig Kanonen führte, wiegte sich stolz auf seinem Anker und zeigte seine dreifache Stückpfortenreihe; am Hauptmast wehte die königliche Flagge. Capitän Stanbow, der Commandant des Schiffs, war ein alter Waffenbruder meines Vaters. Als wir uns daher den folgenden Tag an Bord des »Trident« begaben, wurde Sir Edward nicht nur als Freund, sondern sogar mit den einem Vorgesetzten gebührenden Ehren empfangen. Sir Edward war, wie schon erwähnt, bei seinem Scheiden aus dem activen Dienst zum Contre-Admiral ernannt worden; Capitän Stanbow behielt meine Eltern und mich zu Tisch; Tom wurde von den Matrosen, in deren Gesellschaft er durchaus speisen wollte, festlich bewirthet, denn der Capitän ließ ihnen doppelte Rationen Wein und Rum verabreichen. Meine Ankunft am Bord des »Trident« gab also Anlaß zu einer Festlichkeit, deren Erinnerung in allen Herzen blieb. Ich war, wie ein alter Römer, unter glücklichen Auspicien eingezogen. Der Capitän, durch die Thränen meiner Mutter gerührt, erlaubte mir die Nacht noch bei meinen Eltern zu bleiben, jedoch unter der ausdrücklichen Bedingung, daß ich am andern Morgen um zehn Uhr am Bord sein müsse. Unter solchen Umständen ist jede Stunde kostbar. Meine Mutter dankte dem Capitän so innig, als ob ihr jede Minute einen Edelstein eingetragen hätte. Am andern Morgen um neun Uhr begaben wir uns an den Hafen. Das Boot des »Trident« erwartete mich, denn der neue Gouverneur, den wir nach Gibraltar bringen sollten, war in der Nacht angekommen und die mitgebrachten Depeschen enthielten den Befehl, am 1. October unter Segel zu gehen. Die Scheidestunde hatte geschlagen, und doch bewahrte meine Mutter mehr Fassung, als wir erwartet hatten. Mein Vater und Tom versuchten anfangs heldenmüthig zu scheiden; aber beim Abschiede wurden sie doch von ihren Gefühlen überwältigt, und die beiden eisernen Männer, die vielleicht nie Thränen vergossen hatten, weinten wie Kinder. Ich sah wohl, daß ich diesem Auftritt ein Ende machen mußte ; ich drückte meine theure Mutter noch einmal an mein Herz und sprang in das Boot, welches sogleich vorn Ufer abstieß und rasch auf das Schiff zu fuhr. Die Gruppe, welche ich verlassen hatte, blieb am Hafen stehen und schaute mir nach, bis ich an Bord gestiegen war. Auf dem Verdeck winkte ich noch ein letztes Lebewohl zurück; meine Mutter antwortete mir mit dein Schnupftuch, und ich begab mich zu dem Capitän, der mir sagen ließ, daß er mich zu sprechen wünsche. Ich fand ihn in seiner Cajüte mit dem zweiten Lieutenant. Vor ihm lag eine Karte der Umgebungen von Plymouth, auf welcher die Dörfer und Wege, sogar die kleinen Gehölze und einzelnen Häuser sehr genau angegeben waren. Als ich eintrat, schaute er auf und erkannte mich. »Ah! Sie sind’s?« sagte er freundlich; »ich habe Sie erwartet.« »Bist ich so glücklich, Capitän, Ihnen schon am Tage meiner Ankunft nützlich sein zu können? Das wäre für mich eine unerwartete Freude, für die ich dem Himmel danke.« »Vielleicht,« erwiederte der Capitän; »kommen Sie her und sehen Sie.« Ich trat an den Tisch und warf einen Blick aus die Karte. »Sehen Sie dieses Dorf?« fragte er. »Walsmouth?« sagte ich. »Ja Was glauben Sie, wie weit es von der Küste entfernt ist?« »Nach dem Maßstabe zu urtheilen, etwa acht Miles.« »Ganz recht. Kennen Sie das Dorf?« »Nein, ich habe den Namen nicht einmal gehört.« »Würden Sie aber mit Hilfe der topographischen Erläuterungen den Weg von der Stadt nach diesem Dorfe finden?« »O ja.« »Gut. Halten Sie sich bereit. Um sechs Uhr wird Ihnen Mr. Burke das Uebrige sagen.« »Sehr wohl, Capitän.« Ich salutirte und ging wieder aus das Verdeck. Mein erster Blick fiel auf die Stelle des Hafens, wo ich meine theilten Eltern gelassen hatte, aber ich sah sie nicht mehr. Es war also geschehen! ich ließ einen Abschnitt meines Lebens hinter mir zurück. Dieser Lebensabschnitt war eine schöne Wanderung über grüne Auen, im milden Sonnenschein des Frühlings gewesen, die Liebe meiner Theueren hatte mich auf jedem Schritte begleitet. Ich stand nun am Anfange eines rauhen, mühsam zu ersteigenden Pfades. Während ich, an den Besanmast gelehnt, traurig zum Ufer hinblickte, fühlte ich eine Hand auf meiner Schulter. Es war einer meiner künftigen Cameraden, ein Jüngling von sechzehn bis siebzehn Jahren, der schon drei Jahre gedient hatte. Ich salutirte, und er erwiederte meinen Gruß mit der unter den englischen Seeoffizieren üblichen Höflichkeit. Dann sagte er mit einem Anfluge von Ironie: »Mister Davys, der Capitän hat mich beauftragt, Ihnen von der Bramstange des Hauptmastes bis zur Pulverkammer die Honours zu machen. Da Sie aller Wahrscheinlichkeit nach einige Jahre am Bord des »Trident« zubringen werden, so wird es Ihnen nicht unlieb sein, seine nähere Bekanntschaft zu machen.« »Ich werde diesen Besuch in Ihrer Gesellschaft mit Vergnügen machen, obschon ich vermuthe, daß der »Trident« wie alle Kriegsschiffe von Kanonen ist, und ich hoffe lange Ihr Camerad zu bleiben. Sie kennen meinen Namen; darf ich fragen, wem ich für meine erste Lection zu danken habe?« »Ich heiße James Bulwer; ich kam vor drei Jahren aus der Marineschule zu London und habe seit dem zwei Reisen gemacht, nach dem Nordcap und nach Calcutta. Sie kommen wahrscheinlich auch aus einer Vorbereitungsschule?« »Nein,« antwortete ich; »ich war bis jetzt im College zu Harrow-on-the-Hill, und sah vorgestern zum ersten Male das Meer.« James lächelte. »Dann,« setzte er hinzu, »fürchte ich nicht Sie zu langweilen; die Gegenstände, welche Sie sehen werden, sind Ihnen gewiß neu und werden Ihr Interesse erregen.« Ich antwortete mit einer leichten Verbeugung und folgte meinem Cicerone, der mit mir die Treppe am Besanmast hinunter stieg und mich auf das zweite Verdeck führte. Er zeigte mir den zwanzig Fuß langen Speisesaal, der durch eine nöthigenfalls abzunehmende Scheidewand von der Cajüte getrennt war. Unsere sechs Schlafcabinte waren ebenfalls eingerichtet, daß sie bei einem bevorstehenden Gefecht verschwinden konnten. Vor der großen Cajüte fanden wir den Wachposten, die Küche und Speisekammern u.s.w. Auf jeder Seite, am Steuerbord und Backbord, war eine prächtige Batterie von dreißig Achtzehnpfüdern aufgepflanzt. Von dem zweiten Verdeck gingen wir zu dem ersten hinunter, welches wir mit gleicher Aufmerksamkeit in Augenschein nahmen. Hier fanden wir die Pulverkammer, die Cajüten des Schreibers, des Geschützmeisters, des Arztes, des Geistlichen und alle Hängematten der Matrosen. Vor den Stückpforten waren achtundzwanzig Kanonen von größerem Caliber aufgepflanzt; es waren Achtunddreißigpfünder, ans Laffeten ruhend und mit Zugwinden und nöthigem Zubehör versehen. Von da gingen wir zum untersten Verdeck hinab. Zuerst machten wir die Runde um die Gallerien, welche angebracht sind, damit man sehen kann, ob während des Gefechtes eine Kanonenkugel unter der Wasserlinie in das Schiff schlägt; dann besuchten wir die Proviantmagazine, sowie die Kammern, wo Taue, Segel und verschiedene Geräthe und Materialien aufbewahrt werden. Endlich kam die Reihe an den Kielraum, den wir eben so sorgfältig in Augenschein nahmen wie die übrigen Schiffsräume. James hatte Recht; alle diese Gegenstände waren mir zwar nicht so neu, wie er glaubte, aber sie waren doch sehr merkwürdig. Abgesehen von dem Unterschiede zwischen einer Brigg und einem Kriegsschiffe, war mir die ganze Einrichtung wohl bekannt; aber im Vergleich mit dem, was ich bis dahin gescheit hatte, zeigte sich Alles in so kolossalen Verhältnissen, daß ich, wie Gulliver, plötzlich in das Land der Riesen versetzt zu sein glaubte. Wir stiegen wieder auf das oberste Verdeck, und James wollte mir eben das Mast- und Takelwerk zeigen, als zu Tisch geläutet wurde. Die Glocke rief uns zu einem höchst wichtigen Geschäft, wir zögerten daher keine Secunde. – In der Cajüte fanden wir vier andere junge Leute von unserm Alter. Wer je ein englisches Kriegsschiff betreten hat, kennt die Kost der Midshipman. Die künftigen Howe und Nelson bekamen Tag für Tag halb rohes Roastbeef mit Kartoffeln in der Schale zu essen und dazu sogenannten Porter zu trinken, und dieses einfache Mahl wird auf einem baufälligen, mit einem meistens schmutzigen Tuch belegten Tische servirt. Glücklicherweise war ich in der Lehranstalt an schlechte Kost gewöhnt worden und ließ mir’s recht wohl schmecken, zum großen Aerger meiner Cameraden, welche vermuthlich auf meine Portion mit gezählt hatten. James, der vermuthlich eine ruhige Verdauung liebte, sagte nichts mehr von unserer früher beabsichtigten Wanderung in die lustigen Regionen des Tauwerks , sondern setzte sich mit den Uebrigen zum Kartenspiel. Es war gerade Zahltag; jeder hatte Geld in der Tasche. Ich hatte von je her einen großen Abscheu vor dem Spiel, der mit den Jahren zugenommen hat. Ich lehnte die Theilnahme ab und ging Wieder auf das Verdeck. Das Wetter war schön, der Westnordwestwind war unserer Abfahrt höchst günstig. Die Vorbereitungen wurden mit allem Eifer getroffen. Der Capitän ging auf der Steuerbordseite des Hinterdecks auf und ab, von Zeit zu Zeit still stehend, um nachzusehen; aus der Backbordseite gab der zweite Lieutenant lauter und ungeduldiger seine Befehle. Man brauchte diese beiden Männer nur anzusehen, um die Verschiedenheit ihres Charakters wahrzunehmen. Capitän Stanbow war bereits ein Sechziger. Der englischen Aristokratie angehörend, war ihm seine Weltsitte zur andern Natur geworden. Er hatte auch einige Jahre in Frankreich gelebt. Sein etwas träges Naturell zeigte sich am deutlichsten, wenn sich einer seiner Untergebenen etwas hatte zu Schulden kommen lassen, und er nahm erst einige Prisen Spaniol, ehe er sich entschloß, die Strafe zu dictiren. Diese Schwäche nahm seinem Urtheil den Anschein der Gerechtigkeit; er that nie einem Unrecht, aber selten strafte er zur rechten Zeit. Diese im Umgange mit Menschen so angenehme, aber auf einem Kriegsschiffe sehr gefährliche Herzensgüte behielt bei ihm immer die Oberhand. Das schwimmende Gefängniß, wo das Leben vorn Tode, die Zeit von der Ewigkeit nur durch einige Bretter getrennt ist, hat seine eigenthümlichen Sitten, seine absonderliche Bevölkerung: es bedarf eines eigenthümlichen Gesetzbuchs. Der Matrose steht zugleich über und unter dem civilisirten Menschen; er ist hochherzjger, kühner und furchtbarer; aber die beständige drohende Gefahr, welche seine guten Eigenschaften entwickelt, bringt auch die schlechten Neigungen zur Reife. Der Seemann gleicht dem Löwen, der seinem Herrn entweder schmeichelt oder ihn zerreißt. Es bedarf daher anderer Triebfedern um die rauhen Söhne des Oceans anzuregen oder im Zaum zu halten, als um die weichherzigen Kinder des Festlandes zu beherrschen. Und diese gewaltigen Triebfedern wußte unser sanftmüthige ehrwürdige Capitän nicht anzuwenden. Im Gefecht oder Sturm war von dieser Unschlüssigkeit und unzeitigen Milde keine Spur vorhanden. Seine hohe Gestalt wurde dann wahrhaft imponirend, seine Stimme laut und gebietend, und sein Auge sprühte Feuer. Aber sobald die Gefahr vorüber war, verfiel er wieder in seine sanfte Stimmung – der einzige Fehler, den ihm selbst seine Feinde vorwerfen konnten. Lieutenant Burke bildete einen so auffallenden Gegensatz zu dem Charakter des Capitäns, daß es fast den Anschein hatte, als ob die Vorsehung die beiden Männer auf ein Schiff gewiesen hätte, um sich gegenseitig zu ergänzen und die Schwäche durch Strenge zu bekämpfen. Burke war ein Mann von sechsunddreißig bis vierzig Jahren. Er war zu Manchester von unbemittelten Eltern geboren ; diese starben, als er kaum seine Studien vollendet hatte. Der Knabe, der nur durch den Ertrag ihrer Arbeit in der Lehranstalt erhalten worden war, nahm Dienste am Bord eines Kriegsschiffes. Die strenge Mannszucht hatte ihn hartherzig gemacht. Im Gegensatze zu dem Capitän Stanbow war er schonungslos, die von ihm dictirten Strafen hatten den Charakter der Rache. Es schien fast, als hätte er seinen Grimm über die harte Behandlung, welche er Vielleicht mit Unrecht erduldet hatte, an seinen Untergebenen auslassen wollen. Ein anderer, noch auffallenderer Unterschied bestand noch zwischen ihm und seinem würdigen Comrnandanten; im Sturm oder im Gefecht war an Barke eine gewisse Unschlüssigkeit zu bemerken. Er schien zu fühlen, daß ihm seine- gesellschaftliche Stellung bei der Geburt weder das Recht gegeben habe, den Befehl über andere Menschen zu führen, noch die Kraft mit den Elementen zu ringen. Er zeigte indeß großen Muth im Kampfe und Thätigkeit und Umsicht im Sturm, so daß ihm Niemand eine Pflichtverletzung zur Last gelegt hatte. Aber einem scharfen Beobachter konnte nicht entgehen, daß sein Gesicht blässer, seine Stimme nicht so sicher war wie gewöhnlich; man hätte glauben können, der Muth sei bei ihm nicht sowohl eine Naturgabe als ein Ergebniß der Erziehung gewesen. Diese beiden Männer, welche die ihnen durch den Dienst angewiesenen Plätze einnahmen, schienen durch eine natürliche Abneigung noch mehr getrennt als durch die Etikette ihres Ranges. Der Capitän war allerdings, wie gegen Jedermann, so auch gegen seinen Lieutenant, anständig und höflich; allein es war nicht zu verkennen, daß seine Stimme, wenn er mit Burke sprach, nicht jenen Ton des Wohlwollens hatte, der ihn bei seinen Untergebenen so beliebt machte. Burke empfing die Befehle des Capitäns in einer ganz eigenthümlichen Weise, und sein Gehorsam hatte etwas Düsteres und Gezwungenes, das gegen die freudige Fügsamkeit der übrigen Schiffsmannschaft sehr abstach. Als ich indeß an Bord kam, waren sie durch einen ziemlich wichtigen Vorfall zu einmüthigem Handeln gezwungen worden. Man hatte Abends vorher bemerkt, daß sieben Mann beim Appell fehlten. Anfangs glaubte der Capitän, die sieben Matrosen, von denen Einige als große Freunde des Gin bekannt waren, hätten sich nur im Wirthshause verspätet und sie würden mit einigen Stunden Arrest davonkommen. Aber Burke schüttelte zweifelnd den Kopf; und da die Nacht verging, ohne daß man von den Abwesenheit etwas erfuhr, sah sich der Capitän, wie sehr er auch zur Nachsicht geneigt war, am andern Morgen zu dem Geständnisse gezwungen, daß der Fall bedenklich sei. Die Desertionen sind auf den englischen Kriegsschiffen ziemlich häufig, denn die Matrosen finden auf den Handelsschiffen der indischen Compagnie oft bessere Bezahlung, als ihnen die Lords der Admiralität bewilligen Sobald aber einmal der Befehl zur Abfahrt gegeben ist, muß das Schiff den ersten günstigen Wind benutzen, und es ist keine Zeit die freiwillige oder gezwungene Rückkehr der Ausreißer abzuwarten. In solchen Fällen greift man gemeiniglich zu dem sinnreichen Mittel der »Matrosenpresse«, indem man in dem ersten besten Wirthshause so viele Leute als eben fehlen, aufgreift und an Bord schleppt. Aber da die ausgesandten Werber alles Gesindel, das ihnen zufällig in die Hände fällt, nehmen müssen, so beschloß der Capitän, Alles aufzubieten, um die sieben gut eingeschulten Matrosen wieder an Bord zu holen. In allen Seestädten oder deren nächster Umgebung gibt es immer einen oder zwei Schenkwirthe, welche die Ausreißer verstecken. Solche Wirthshäuser sind der Mannschaft aller Schiffe bekannt und natürlich fällt auf dieselben der erste Verdacht, wenn ein Deficit auf einem Schiffe bemerkt wird; die ersten Haussuchungen werden in diesen Schenken vorgenommen. Aber je größer die Gefahr, desto vorsichtiger sind die Wirthe; es ist eine Art Schmuggelei, in welcher die Nachforschungen der Zollwächter gemeiniglich erfolglos bleiben. Burke hatte dies so oft erfahren, daß er, obschon der Befehl über ein solches Unternehmen weit unter seinem Range war, die nöthigen Anordnungen mit Genehmigung des Capitäns persönlich getroffen hatte. Morgens hatte man die fünfzehn ältesten Matrosen zusammenberufen und in Gegenwart des Capitäns und des Lieutenants einen Kriegsrath gehalten, in welchem die Meinung der Matrosen maßgebend sein sollte. Denn in derlei Fällen sind die Matrosen weit erfahrener als die Offiziere; und wenn den Letzteren auch die Leitung bleiben mußte, so konnten doch nur Jene die nöthige Auskunft geben. Das Resultat der Berathung war, daß sich die Ausreißer aller Wahrscheinlichkeit nach in dem kleinen Dorfe Walsmouth, bei einem irischen Schenkwirth Namens Jemmy, versteckt hielten. Es wurde also beschlossen in diesem Wirthshause nachzusuchen. Ueberdies sollte sich ein vorauszusendender Plänkler unter irgend einem Vorwande in die Schenke begeben und von Master Jemmy zu erfahren suchen, in welchem Theile seines Hauses sich die Ausreißer versteckt hielten ; denn die Letzteren wußten ja, daß die Abfahrt des »Trident« sehr nahe bevorstand und hatten deshalb ihre Maßregeln ohne Zweifel mit besonderer Vorsicht genommen. Aber es war der Ausführung dieses Planes ein großes Hinderniß in den Weg getreten. Der Matrose, der sich als Kundschafter brauchen ließe, würde nach dem Gelingen des Streifzuges den Antheil, den er daran genommen, vielleicht theuer bezahlen müssen, und ein Offizier würde trotz der sorgfältigsten Verkleidung entweder von dem Wirth oder von den Ausreißern unfehlbar erkannt werden. Ich hingegen war erst angekommen und konnte daher keinen Verdacht erregen. Ich konnte daher gute Dienste leisten, wenn ich auch nur den vierten Theil der Klugheit besaß, welche mir der gute Capitän zuschrieb. Hieraus erklären sich die Fragen des Letzteren und die Weisungen, die ich von dem Lieutenant zu erwarten hatte. Gegen fünf Uhr meldete mit ein Matrose, daß Mr. Burke mich in seiner Cajüte erwarte. Ich beeilte mich der Einladung Folge zu leisten. Der Lieutenant erklärte mir mit kurzen Worten was ich zu thun hatte, und nahm aus einem Koffer einen vollständigen Matrosenanzug, den ich gegen meine Uniform vertauschen sollte. Ich mußte gehorchen, wie groß auch mein Widerwillen gegen die mir in dieser Tragikomödie zugetheilte Rolle war. Die starre Disziplin gestattete keine Widerrede, und überdies war der Lieutenant Barke unerbittlich streng gegen seine Untergebenen. Ich verlor daher meine Zeit nicht mit nutzlosen Gegenvorstellungen, zog meine Uniform aus, legte das rothe Flanellhemd, die weiten Beinkleider und die kurze blaue Jacke an, drückte die Mühe aufs rechte Ohr, und nahm mit Hilfe meiner natürlichen Anlagen bald die Manieren eines Strolches an, welche den unterscheidenden Charakter der von mir darzustellenden Person bildeten. Als meine Verkleidung beendet war, stiegen wir, Burke und ich, sammt den fünfzehn Matrosen, welche den Kriegsrath gebildet hatten, in die Schaluppe. Zehn Minuten nachher waren wir in Plymouth. Da trennten wir uns am Hafen mit der Verabredung, zehn Minuten nach unserer Trennung unter einem von der Rhede sichtbaren alleinstehenden Baume jenseits der Stadt zusammenzukommen. Nach einer Viertelstunde hielten wir Appell, Jeder war an seinem Posten. Burke hatte den Feldzugsplan bereits entworfen, und als derselbe zur Ausführung kommen sollte, beehrte er mich mit ausführlichen Erläuterungen. Ich sollte so schnell wie meine Beine, deren Geschwindigkeit er zu übertreiben geruhte, laufen könnten, nach Walsmouth vorauseilen, die Uebrigen würden mir unterdessen im gewöhnlichen Schritte folgen. Da ich in Folge dieser Anordnung fast eine Stunde früher in das Dorf kommen wurde, so sollten mich meine Cameraden bis Mitternacht in einem verfallenen Hause erwarten, welches einen Büchsenschuß vom Dorfe entfernt war. Wenn ich um Mitternacht nicht zurück wäre, so wollten die Andern, in der Voraussetzung, daß ich gefangen oder umgebracht sei, in die Schenke dringen, um mich zu befreien oder meinen Tod zu rächen. Die Aussicht auf die drohende Gefahr gab dem sonderbaren Auftrage, den ich zu vollziehen hatte, in meinen Augen eine große Wichtigkeit. Ich fühlte wohl, daß mehr Arglist als Muth nöthig war, und ich hatte mich eines gewissen Mißbehagens nicht erwehren können; sobald ich aber einige Gefahr dabei sah, sobald ein Kampf in Aussicht stand, war auch die Möglichkeit des Sieges vorhanden und der Sieg rechtfertigt Alles: es ist der Talisman, der das Blei in Gold verwandelt. In Plymouth schlugs sieben; ich brauchte anderthalb Stunden, um nach Walsmouth zu kommen; meine Cameraden brauchten mindestens zwei Stunden. Ich nahm Abschied, Burke gab seiner rauhen Stimme einen milden Ton, um mir Glück zu wünschen, und ich eilte davon. Es war in den nebeligen Herbstmonaten; das Wetter war trübe, schwere Wolken zogen einige Fuß über meinem Kopf vorüber, und von Zeit zu Zeit rauschte ein Windstoß in den Bäumen und trieb mir das abgeschüttelte Laub ins Gesicht. Der hinter den Wolken versteckte Mond verbreitete ein mattes, krankhaftes Dämmerlicht. Bald fing es an zu regnen; in einer halben Stunde war ich durchnäßt. Ich lief indeß, ohne zu rasten, in die traurige öde Nacht hinein. In etwa anderthalb Stunden bemerkte ich die ersten Häuser von Walsmouth. Ich war ungeachtet des raschen, ununterbrochenen Laufens gar nicht müde. Ich stand still, um mich zu orientiren, denn ich mußte, ohne zu fragen, in Jemmy’s Schenke gehen. Ein Matrose mußte die Schenke kennen, eine Erkundigung würde Verdacht erregt haben. Da ich nur einige Häuser vor mir sah, so entschloß ich mich in das Dorf zu gehen, ich hoffte die Schenke an einem äußern Zeichen zu erkennen. Master Jemmy hatte wenigstens keinen Versuch gemacht, durch falschen Schein zu täuschen. Es war eine wahre Spelunke. In der schmalen niedrigen Thür war eine vergitterte Oeffnung, durch welche der Wirth die ankommenden Gäste mustern konnte, ehe er sie einließ. Ich schaute durch das Gitter; aber es war stockfinster dahinter, und ich konnte nur einige schmale Lichtstreifen bemerken, welche durch die Spalten einer Thür drangen. »He da!« rief ich und klopfte. Keine Antwort. – Ich wartete einen Augenblick, rief und klopfte dann wieder, aber ohne Erfolg. Ich ging nun rückwärts einige Schritte von diesem sonderbaren Hause weg, um zu sehen, ob nicht ein anderer Eingang vorhanden sei, denn die Thür war vielleicht nur der Symmetrie wegen da. Aber die Fenster waren sorgfältig verrammelt, ich mußte daher auf dem gewöhnlichen Wege ins Haus zu kommen suchen. Ich trat also zum dritten Male an die Thür; aber dieses Mal blieb mein Gesicht einige Zoll von dem Gitter entfernt; hinter den Eisenstangen bemerkte ich ein anderes Gesicht, welches mich forschend betrachtete. »Endlich!« sagte ich. »Wer seid Ihr? Was wollt Ihr?« sagte eine sanfte Mädchenstimme, die ich hier nicht erwartet hätte. »Wer ich bin, mein schönes Kind?« erwiederte ich. »Ich bin ein armer unglücklicher Matrose, der wahrscheinlich im Hundeloch übernachten wird, wenn Ihr ihn nicht einlaßt.« »Zu welchem Schiff gehört Ihr?« »Zum »Boreas«, der morgen Früh unter Segel geht.« »Kommt herein,« sagte das Mädchen und öffnete gerade so weit, daß ich eben hineinschlüpfen konnte. Dann schob sie wieder zwei starke Riegel vor und legte überdies noch einen Pfahl quer vor die Thür. Ich gestehe, daß mir der kalte Schweiß ausbrach, als die Thür so fest hinter mir verrammelt wurde. Aber ich konnte nicht mehr zurück. Das Mädchen öffnete die Stubenthür. Mein Blick fiel zuerst auf Master Jemmy, dessen bärbeißiges Aussehen wohl geeignet gewesen wäre, einem minder entschlossenen Kundschafter einen Schrecken einzujagen. Es war ein fast sechs Fuß hoher, breitschulteriger Kerl mit rothen Haaren; sein Gesicht verschwand von Zeit zu Zeit hinter dem Tabaksrauch seiner Pfeife, und wenn sich der Rauch verzog, sah ich seine feurigen Augen leuchten, deren scharfer, durchdringender Blick in dem Innersten meiner Seele zu lesen schien. «Vater,« sagte sie, »es ist ein armer Bursch, der in Strafe verfallen ist und für diese Nacht um ein Obdach bittet.« »Was bist Du?« fragte Jemmy nach einer kurzen Pause und mit unverkennbarem irischen Accent. »Wer ich bin?« antwortete ich im Munsterschen Dialekt, den ich sehr geläufig sprach. »Mich dünkt doch, Master Jemmy, das ich es Euch weniger als jedem Andern zu sagen brauche.« Ja daß ist wahr!« erwiederte der Wirth, der unwillkürlich aufstand, als er das geliebte Idiom seiner grünen Insel hörte. »Und von reinem Geblüt,« setzte ich hinzu. »Dann sei willkommen!« sagte er und reichte mir die Hand. Ich trat vor, um von der Ehre, die mir Jemmy erwies, Gebrauch zu machen. Aber er schien noch ein Bedenken zu haben; er sah mich noch einmal mit seinen funkelnden Augen an und sagte: »Wenn Du ein Irrländer bist, mußt Du Katholik sein.« »Wie St. Patrick,« antwortete ich. »Das wollen wir sogleich sehen,« sagte Jemmy. Bei diesen Worten, die mir doch einige Angst machten, trat er vor einen Schrank, nahm ein Buch heraus und schlug es auf. Ich sah ihn sehr erstaunt an. »Antworte,« sagte er; »wenn Du wirklich Katholik bist, so mußt Du die Messe können.» Ich verstand sogleich, was er von mir verlangte. Ich hatte als Knabe oft mit dem Meßbuch der Mistreß Denison gespielt und nicht nur die heiligen Bilder betrachtet, sondern mir auch die Responsorien gemerkt. Ich gab daher dreist die auf seine vorgebeteten Sätze passenden Antworten. »Bravo!« sagte Jemmy und legte das Buch wieder in den Schrank. »Du bist ein Bruder. Jetzt sage, was wünschest Du? Du sollst bedient werden, wenn Du Geld hast.« »O, das Geld fehlt nicht,« antworte ich und klapperte mit einigen Thalern in der Tasche. »Dann vivat St. Patrick!« sagte der ehrenwerthe Herbergsvater erfreut. »Mein Junge, Du kommst wie gerufen zu der Hochzeit.» »Ja der Hochzeit?» erwiederte ich erstaunt. »Ja wohl. Kennst Du Bob?« »Bob? freilich kenne ich ihn.« »Er heiratet.« »Wirklich?« »Ja, und eben jetzt ist er in der Kirche.« »Aber er ist doch nicht der Einzige vom »Trident?« fragte ich. »Nein, mein Junge, es sind ihrer sieben, gerade so viel wie es Todsünden gibt.« »Wo sind sie denn?« »Sie der Kirche. Ich will Dich hinführen.« »Bemühet Euch nicht, Master Jemmy, erwiederte ich ; »ich kann ja allein hingehen.« »Ja wohl, damit Dich die Kundschafter Sr. brittischen Majestät auf der Straße packen. Nein, mein Junge, das geht nicht. Komm hierher.« »Habt Ihr denn einen heimlichen Gang zur Kirche?« »Ja, wir sind maschinirt wie das Theater in Drurylane, wo in einer Pantomime fünfundzwanzig Verwandlungen vorkommen. Komm mit mir.« Jemmy faßte mich beim Arm und zog mich sehr freundlich, aber zugleich mit solcher Riesenkraft fort, daß es mir nicht möglich gewesen wäre, den mindesten Widerstand zu leisten. Aber der Gang zur Kirche paßte nicht in meinen Kram, ich hatte nicht den mindesten Wunsch mit den Ausreißern znsammenzutreffen. Ich griff unwillkürlich nach meinem Dolch, den ich unter meinem rothen Hemde versteckt trug. Einstweilen folgte ich meinem gewaltigen Führer; ich war entschlossen den Umständen gemäß zu handeln, aber nöthigenfalls das Außerste zu wagen, denn meine ganze Laufbahn hing wahrscheinlich von dem Erfolge dieses gefährlichen Unternehmens ab. Wir gingen durch zwei oder drei Stuben. In einer derselben stand ein mit Speisen und Getränke beladener Tisch. Dann stiegen wir in einen dunkeln Keller hinab. Jemmy ging, ohne mich loszulassen, langsam und vorsichtig vorwärts. Endlich öffnete er nach kurzem Besinnen eine Thür. Kühle Luft wehte uns entgegen. Ich stieß mit dem Fuße an eine Treppe. Kaum war ich einige Stufen hinaufgestiegen, fühlte ich einen feinen Regen im Gesicht. Ich schaute auf und sah den bewölkten Himmel über mir. Ich sah mich um, wir waren auf einem Friedhofe, an dessen Ende die Kirche mit zwei erleuchteten Fenstern stand. Der Augenblick der Gefahr kam heran. Ich zog meinen Dolch halb aus der Scheide und schickte mich an weiter zu gehen; aber nun stand Jemmy still. »Jetzt,« sagte er, »geh nur gerade aus, mein Junge, Du kannst Dich nicht verirren und hast auch sonst nichts zu fürchten. Ich gehe wieder ins Haus. Du kommst mit den Brautleuten zurück; Du wirst am Tische einen Platz für Dich finden.« Zugleich that sich der Schraubstock auf, in welchem mein Arm eingeklemmt war, und ohne mir Zeit zu einer Antwort zu lassen, kehrte Jemmy um und verschwand sogleich unter dem Treppengewölbe. Kaum war ich allein, so stand ich still und dankte Gott, daß Master Jemmy mich nicht weiter begleitet hatte. Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, bemerkte ich, daß die Kirchhofsmauer nicht hoch war, ich konnte daher entkommen, ohne durch die Kirche zu gehen. Ich lief auf die Mauer los, stieg rasch an den hervorstehenden Steinen hinauf und sprang an der andern Seite hinunter. Ich stand in einer ganz menschenleeren Seitengasse. Ich wußte nicht genau, wo ich war; aber ich orientirte mich nach dem Winde, der mir auf dem ganzen Wege gerade entgegengeweht hatte; ich brauchte ihm daher nur den Rücken zu kehren, um meines Weges ziemlich sicher zu sein. – So kam ich bald zum Dorfe hinaus. Links bemerkte ich die an der Landstraße stehenden hohen Bäume. Ich ging auf diese Bäume zu. Dreißig Schritte von der Straße war das verfallene Haus. Unsere Leute waren auf ihrem Posten. Es war kein Augenblick zu verlieren. Ich erzählte ihnen, was geschehen war. Wir theilten unsere Schaar in zwei Haufen und begaben uns im Geschwindschritte, aber schweigend in das Dorf. Am Ende der zu Jemmy’s Schenke führenden Straße zeigte ich dem Lieutenant Burke die vor dem Wirthshause hängende Laterne und den spitzigen Kirchthurm. Da ich mit den Ortsverhältnissen bekannt war, übertrug mir der Lieutenant die Führung der sechs Mann, welche die Schenke besehen sollten; dann ging er an der Spitze der neun andern auf die Kirche zu. Da die Kirche und die Schenke ziemlich weit entfernt waren, so mußte unser doppelter Angriff gleichzeitig stattfinden, und dies war von Wichtigkeit, um den Ausreißern den Rückzug abzuschneiden. Ich wollte die mir schon gelungene Kriegslist wieder anwenden. Meine Leute mußten dicht an die Wand treten und ich rief durch das Gitter. Ich hoffte, wir würden ohne Gewaltmittel in das Wirthshaus eindringen; aber es herrschte tiefe Stille in dem Wirthshause und ich sah wohl ein, daß wir Gewalt brauchen mußten. Ich befahl daher zwei mit Aexten bewaffneten Matrosen die Thür einzuschlagen. Dies war in wenigen Augenblicken geschehen, und wir stürzten in das Vorhaus. Die zweite Thür war verschlossen, wir mußten sie einschlagen wie die erste. Die Stube, in welcher mich Jemmy empfangen hatte, war dunkel; sogar das Feuer im Ofen hatte man mit Wasser ausgelöscht. Ein Matrose schlug Feuer; aber wir suchten vergebens eine Lampe oder eine Kerze. Ich dachte an die Laternen und eilte an die Hausthür, um sie abzunehmen; sie war ausgelöscht. Die Besatzung war offenbar gewarnt worden und leistete nun passiven Widerstand, der aller Wahrscheinlichkeit nach eine hartnäckige Gegenwehr in Aussicht stellte. Als ich wieder hineinging, war die Stube hell; einer unserer Leute, ein Kanonier der dritten Backbordbatterie, hatte zufällig eine Lunte bei sich und hatte sie angezündet. Aber es war kein Augenblick zu verlieren, das Licht konnte nur einige Secunden dauern; ich nahm die Lunte, forderte die Matrosen auf mir zu folgen und stürzte in die zweite Stube. Auch durch die dritte Stube, wo der Tisch gedeckt war, eilten wir ohne Hinderniß. Aber die in den Keller führende Thür war verschlossen. Die Lunte erlosch. Man hatte indeß nicht Zeit gehabt die Thür zu verrammeln, denn als ich die Hand ausstreckte, fühlte ich den Schlüssel. Ich ging voran, denn der Weg, den ich vorher gemacht hatte, war mir noch ziemlich gut erinnerlich. Ich hatte zehn Stufen gezählt, und als ich aus der letzten war, wandte ich mich rechts; aber kaum war ich in der Finsterniß einige Schritte fortgegangen, so hörte ich eine Stimme, die mir zuflüsterte: »Verräther!« Zugleich fühlte ich einen schweren Gegenstand auf meinen Kopf fallen, als ob sich ein Stein von dem Gewölbe losgemacht hatte. Ich sah Millionen Funken vor den Augen, stieß einen Schrei aus und fiel bewußtlos nieder. Als ich wieder zur Besinnung kam, lag ich in meiner Hängematte und fühlte an der Bewegung des Schiffes, daß eben die Anker gelichtet wurden. Meine durch einen Faustschlag des herkulischen Jemmy entstandene Betäubung hatte den Erfolg des Unternehmens nicht beeinträchtigt. Der Lieutenant Burke hatte die Brautleute sammt den Zeugen und Hochzeitgästen in der Sacristei überrascht; die Ausreißer waren also wie in einer Falle gefangen worden, und bis auf Bob, der aus dem Fenster gesprungen war, hatte man sie alle festgenommen. Der Flüchtling war übrigens sogleich ersetzt worden, denn der Lieutenant hatte einen der Hochzeitsgäste »geentert« und sammt den übrigen Gefangenen an Bord des »Trident« geschleppt. Dieser arme Teufel, der so unerwartet und so ungern Matrose wurde, hieß David und war ein Haarkünstler von Walsmouth. IX Obgleich ich durch meine Ohnmacht gehindert worden war, an der Gefangennahme der Ausreißer thätigen Antheil zu nehmen, so ist doch nicht zu läugnen, daß das glückliche Gelingen des Unternehmens großentheils mein Werk war. Als ich daher wieder zum Bewußtsein meines Daseins kam und bald darauf die Augen aufschlug, sah ich unsern braven Capitän, der persönlich erschienen war, um sich von meinem Zustande zu überzeugen. Da ich mich, abgesehen von einer gewissen Schwere des Kopfes, ganz wohl befand, so antwortete ich ihm, daß ich in einer Viertelstunde auf dem Verdeck sein und meinen Dienst wieder antreten würde. Sobald sich der Capitän entfernt hatte, sprang ich aus meiner Hängematte und kleidete mich um. Die einzige sichtbare Spur, welche von Jemmy’s Faustschlage zurückgeblieben, war eine starke Röthe der Augen. Der herkulische Ire würde mich todtgeschlagen haben, wenn mein Schädel nicht so hart gewesen wäre. Die Anker waren inzwischen aufgewunden und das Schiff fing an sich nach der Steuerbordseite zu wenden. Ehe diese Wendung vollendet war, überließ der Capitän dem Lieutenant den Befehl am Deck und begab sich in seine Cajüte, um von seinen erst bei der Abfahrt zu erbrechenden Depeschen Kenntniß zu nehmen. Alle meine Cameraden benützten diese kurze Muße, um mir Glück zu wünschen und nach meinem Befinden zu fragen. Während ich ihnen mein Abenteuer ausführlich erzählte, bemerkten wir eine vom Lande kommende Barke, welche verschiedene Signale gab. Ein Midshipman richtete sein Fernrohr auf das Fahrzeug. »Beim Himmel!« sagte er, nachdem er die Barke einige Augenblicke gemustert hatte, »dort kommt der Püster Bob.« »Ein spaßiger Mensch,« sagte ein Matrose; »er nimmt Reißaus, wenn man hinter ihm herläuft, und läuft uns nach, wenn wir an Bord gehen.« »Er hat sich vielleicht schon mit seiner Gattin gezankt,« sagte ein anderer. »Ich möchte in seiner Haut nicht stecken,« setzte ein dritter hinzu. »Still!« gebot eine Stimme, die manchem von uns seine Gänsehaut machte. »Jeder auf seinen Posten! Steuer rechts! Besansegel nach dem Winde gestellt! Sehet Ihr denn nicht, daß das Schiff über Steuer geht.« Der Befehl wurde sogleich vollzogen und das Schiff hörte in seiner zurückweichenden Bewegung auf. Nachdem es einige Augenblicke still gestanden, fing es endlich an sich vorwärts zu bewegen. – In diesem Augenblicke rief eine Stimme: »Eine Barke auf der Backbordseite!« »Sehet zu was sie will,« sagte der Lieutenant, den nichts bewegen konnte, von der einmal vorgeschiebenen Ordnung abzugehen. »Ohe!« rief dieselbe Stimme zu der Barke hinüber, »was wollt Ihr?« Als der Matrose die Antwort erhalten hatte, setzte er hinzu: »Herr Lieutenant, es ist Bob, der Püster, der einen kleinen Abstecher ans Land gemacht hat und wieder an Bord zu kommen wünscht.« »Werfet dem Kerl ein Seil zu,« sagte der Lieutenant, ohne nach der Barke hin zu sehen, und führet ihn mit den Andern in die Löwengrube.« Der Befehl wurde pünktlich vollzogen, und ein paar Minuten nachher bemerkte ich über der Schanzkleidung an der Backbordseite den Kopf Bob’s, der den von seinen Cameraden erhaltenen Spitznamen rechtfertigend, aus Leibeskräften schnob.« »Bravo, alter Pottfisch,« sagte ich zu ihm; »besser spät als gar nicht. Acht Tage bei Wasser und Brot im Kielraum,, und die Sache ist abgethan.« »Ganz recht, ich verdiene es,« erwiederte Bob in einem fort schnaubend, »und wenn ich so davonkomme, kann ich mich nicht beklagen. – Aber mit Verlaub, Mister Midshipman, zuerst möchte ich mit dem Lieutenant reden.« »Führet ihn zum Lieutenant,« sagte ich zu den beiden Matrosen, die den Ausreißer schon ergriffen hatten. Burke stand mit dem Sprachrohre auf dem Hinterdecke und ertheilte seine Befehle, als er Bob kommen sah. Er sah ihn mit seinem ernsten finstern Blick an und fragte: »Was willst Du?« »Mit Respect zu melden, Herr Lieutenant,« sagte Bob, indem er seine blaue Mütze zwischen den Fingern drehte, »ich weiß, daß ich strafbar bin und habe für meine Person nichts zu sagen.« »Das ist ja schön ,« sagte der Lieutenant grinsend. »Sie würden mich wohl schwerlich wieder gesehen haben,« fuhr Bob fort, »wenn nicht ein Anderer für mich die Zeche bezahlen sollte. Ich dachte mir: Bob, das geht nicht, du mußt wieder an Bord des »Trident«, sonst wärest Du ein Galgenvogel – und da bin ich.« »Und was weiter?« »Nun , da ich mich gestellt habe, um meine Strafe zu empfangen und meinen Platz wieder einzunehmen, so brauchen Sie keinen Stellvertreter für mich und werden David zurückschicken. Sehen Sie nur, Herr Lieutenant, dort stehen sein Weib und seine Kinder und jammern.« Er zeigte mit der Hand auf einige am Ufer stehende Personen. »Wer hat dem Kerl erlaubt mich anzureden?« fragte Burke. »Ich, Herr Lieutenant,« antwortete ich. »Sie bekommen einen Tag Arrest, Mister Davys,« sagte Burke zu mir; »Sie werden sich künftig nicht in fremde Angelegenheiten mengen. Ich salutirte und trat einen Schritt zurück. »Herr Lieutenant,« sagte Bob, »das ist nicht recht, und wenn dem armen David ein Unglück geschieht, so haben Sie es vor Gott zu verantworten!« »Leget den Kerl in Ketten und werfet ihn in den Kielraum!« rief der Lieutenant. Bob wurde abgeführt. Ich ging die eine Treppe hinunter und er die andere; aber wir begegneten einander aus dem zweiten Verdeck. »Es ist meine Schuld, daß Sie Strafe bekommen,« sagte er zu mir, »und ich bitte Sie um Verzeihung; aber ich hoffe es wieder gut zu machen.« »Laß es nur gut sein, Bob,« erwiederte ich; »aber füge Dich in Geduld, wenn Dir deine Haut lieb ist.« »Ich würde schon Geduld haben,« sagte Bob, »aber der arme David dauert mich.« Die Matrosen schleppten ihn in den Kielraum und ich begab mich in meine Kammer. – Am andern Morgen kam der Matrose, welcher mich bediente, schloß vorsichtig die Thür und sagte geheimnißvoll: »Ist es erlaubt, ein paar Worte von Bob zu melden ?« »Sprich, mein Freund,« sagte ich. »So hören Ew. Gnaden: Bob sagt, daß er und die anderen Ausreißer Strafe verdient haben, aber es sei Unrecht, den armen David, der gar nichts verbrochen, zu bestrafen.« »Er hat Recht.« »Da Ew. Gnaden auch seiner Meinung sind,« fuhr der Matrose fort, »so läßt er Sie bitten, mit dem Capitän darüber zu reden ; der Capitän ist ein guter Herr und leidet kein Unrecht.« »Es soll heute geschehen, darauf kann sich Bob verlassen.« Es war sieben Uhr, und da mein Arrest um elf Uhr zu Ende war, so begab ich mich sogleich zum Capitän. Ich sprach, ohne Bob zu nennen, von dem armen David und von der Ungerechtigkeit, ihn mit den Andern in der Löwengrube festzuhalten. Der Capitän stimmte mir bei und ertheilte sofort die nöthigen Befehle. Ich wollte mich entfernen, aber er hielt mich zurück, ich mußte Thee mit ihm trinken. Der brave Mann hatte erfahren, daß mich der Lieutenant in Arrest geschickt, und wollte mir zu verstehen geben, daß er diese Strafe ungerecht fand , obgleich es sich nicht geziemt hätte, zu meinen Gunsten einen Eingriff in die Regeln der Disciplin zu machen. Nach dem Frühstück ging ich wieder auf’s Verdeck. Die Matrosen bildeten einen Kreis um einen mir unbekannten Mann: es war David. Der arme Mann hielt sich mit der einen Hand an einem Tau, während die andere schlaff herabhing ; seine Blicke waren auf das Land gerichtet, das nur noch wie ein leichter Nebel am Horizont sichtbar war, und stille Thränen stürzten ans seinen Augen. Die Gewalt eines wahren und tiefen Schmerzes ist so groß, daß alle diese an Gefahr, Blut und Tod gewöhnten Meerwölfe sich mitleidig um diesen Mann drängten, der seine Familie und seine Heimat beweinte. David sah nur das Land, welches jeden Augenblick mehr verschwand, und jeden Augenblick nahm die Verzweiflung des Unglücklichen zu. Als das Land endlich völlig verschwunden war, wischte er sich die Augen, als ob er gedacht hätte, daß ihn die Thränen hinderten zu sehen. Dann breitete er die Arme aus und sank bewußtlos nieder. »Was gibt’s?« fragte Lieutenant Burke, der zufällig vorüberging. Die Matrosen traten schweigend auf die Seite, so daß er den ohnmächtigen David sehen konnte. »Ist er todt?« fragte er noch gleichgültiger, als wenn von Fox, dem Hunde des Kochs, die Rede gewesen wäre. »Nein, Herr Lieutenant,s sagte ein Matrose; »er ist nur ohnmächtig.« »Schüttet dem Kerl einen Eimer Wasser ins Gesicht, dann wird er schon wieder zur Besinnung kommen.« Glücklicherweise kam der Schiffsarzt dazu und wiedersetzte sich dem Befehl des Lieutenants, denn ein Matrose kam schon mit einem Eimer Wasser. Der Arzt ließ David in seine Hängematte bringen und öffnete ihm eine Ader. Der Unglückliche bekam endlich sein Bewußtsein wieder. Unterdessen war die Fregatte mit günstigem Winde an den Inseln Jersey und Guernesey vorbeigesegelt und befand sich im atlantischen Ocean. Als daher David nach zwei Tagen auf das Verdeck kam, sah er nur Himmel und Wasser. Die wieder eingefangenen Ausreißer wurden übrigens milder behandelt, als zu erwarten war: sie betheuerten, daß sie die Absicht gehabt, in der Nacht wieder an Bord zu kommen, aber der Wunsch, bei der Hochzeit eines Cameraden zu sein, habe über die Furcht vor Strafe den Sieg davongetragen. Zu ihrer Rechtfertigung führten sie an: daß sie sich ohne Widerstand hatten verhaften lassen und daß Bob, der entsprungen sei, um der ehelichen Freuden nicht ganz beraubt zu werden, am andern Morgen freiwillig zurückgekehrt sei; das Urtheil lautete auf acht Tage Arrest bei Wasser und Brot in der Löwengrube und zwanzig Hiebe. Die Strafe war milde im Vergleich mit dem Vergehen, wie überall, wo der Capitän Recht zu sprechen hatte. Der von allen schlechten Matrosen der englischen Marine gefürchtete Donnerstag kam. Der Donnerstag ist der Prügeltag. Um acht Uhr Morgens stellten sich die Seesoldaten in Parade am Backbord und Steuerbord auf; dann erschienen die Delinquenten in Begleitung des Profoßen und seiner beiden Gehilfen. Zum großen Erstaunen der meisten Anwesenden befand sich David unter denen, welche gezüchtigt werden sollten. »Mister Burke,« sagte der Capitän Stanbow, sobald als er den armen Haarkünstler erkannte, »dieser Mann kann nicht als Deserteur behandelt werden; denn er gehörte nicht zu unserer Mannschaft, als er am Lande festgenommen wurde.« »Ich lasse ihn auch nicht als Deserteur bestrafen, Capitän,« erwiederte der Lieutenant, »sondern als Trunkenbold. Gestern kam er völlig betrunken auf’s Verdeck.« »Herr Capitän,« sagte David, »es liegt mir wenig daran, ob ich ein Dutzend Hiebe bekomme, denn ich habe in der Seele einen größern Schmerz, als man meinem Leibe machen kann ; aber zur Steuer der Wahrheit muß ich sagen und ich schwöre es bei meiner Seligkeit, daß ich auf diesem Schiffe noch keinen Tropfen Wein oder Ruhm getrunken habe. Ich berufe mich auf meine Cameraden, denen ich bei jeder Mahlzeit meine Portion gegeben habe.« »Ja, das ist wahr,« sagten mehre Stimmen. »Still!« rief der Lieutenant. »Wie kommt es denn,« sagte er zu David, »daß Ihr nicht aufrecht stehen konntet, als Ihr gestern auf das Verdeck kamet?« »Das Schiff schwankte sehr stark,« antwortete David, »und ich war seekrank.« »Seekrank!« wiederholte der Lieutenant höhnisch; »besoffen waret Ihr. Ich habe die in solchen Fällen übliche Probe mit Euch vorgenommen, Ihr konntet keine drei Schritte auf den Deckplanken gehen, ohne zu fallen.« »Ich bin nicht gewohnt auf einem Schiffe zu gehen,« antwortete David. »Ihr waret besoffen!« schrie der Lieutenant. »Uebrigens kann Euch der Herr Capitän die verdiente Strafe erlassen; er möge indeß bedenken, wie sehr eine solche Nachsicht der Mannszucht schaden würde.« Der Capitän konnte David nicht begnadigen, ohne dein Lieutenant Unrecht zu geben. Es blieb bei der ersten Bestimmung. Niemand getraute sich ein Wort hinzuzusetzen, und nachdem alle Anwesenden das vom Profoßen abgelesene Urteil mit entblößtem Haupte vernommen hatten, begann die Execution. Die an körperliche Züchtigung gewöhnten Matrosen ertrugen die Hiebe mit mehr oder minder Gleichmuth. Bob war der vorletzte. Als die Reihe an ihn kam, öffnete er den Mund, als ob er noch etwas zu sagen hätte; aber nach kurzem Besinnen trat er vor. Er schien es auf ein andermal zu verschieben. Bob wurde von seinen Cameraden nicht mit Unrecht der »Püster« genannt: sobald die Hiebe auf seinen Rücken fielen, fing er so laut an zu schnauben, daß man hätte glauben können, ein Pottfisch schwimme neben der Fregatte. Dies war übrigens die einzige Schmerzensäußerung, die er hören ließ. – Nach dem zwanzigsten Hieb richtete sich Bob auf; seine von der Sonne gebräunte und vom Salzwasser gehärtete Haut war ganz geschwollen, aber kein Tropfen Blut kam hervor. Man sah, daß er sprechen wollte, und tiefe Stille herrschte auf dem Verdeck. »Ich habe eine Bitte an den Herrn Capitän,« sagte Bob, indem er seinen Kautabak von der einen Backe zur andern schob; »ich bin einmal da und bitte um die Gnade, mir die zwölf Hiebe Davids aufzählen zu lassen.« »Was sagst Du da, Bob?« rief der Haarkünstler. »Laß mich doch,« sagte Bob mit einem tiefen schnarrenden Athemzuge. – »Herr Capitän, ich habe nicht zu entscheiden, ob er strafbar ist oder nicht; aber ich weiß, daß er’s nicht aushält. Ja, er wird sterben und Weib und Kinder im Elende zurücklassen. Ich hingegen habe einmal meine sechsunddreißig ausgehalten – und es war bald überwunden.« »Tritt zurück, Bob,« sagte der Capitän, dessen Augen sich mit Thränen füllten. Bob gehorchte, ohne ein Wort zu antworten, David trat vor. – Als man ihm Jacke und Hemd auszog und sein weißer schmächtiger Körper zum Vorschein kam, fanden alle Anwesenden, daß Bob Recht hatte. Ich machte eine Bewegung gegen den Capitän. Dieser bemerkte es; er mochte wohl errathen, was ich ihm zu sagen hatte, denn er gab mir durch eine Handbewegung zu verstehen, daß er eine Störung nicht wünsche. Dann wandte er sich zu dem Profoßen und dessen Gehilfen und sagte: »Thut eure Pflicht.« Tiefes Stillschweigen folgte diesen Worten. Die neunschwänzige Katze wurde aufgehoben und schlug blaue Striemen auf den Rücken des Unglücklichen; die Striemen, welche durch den zweiten Hieb entstanden, kreuzten die ersten ; bei dem dritten Hiebe kam das Blut tropfenweise hervor; bei dem vierten spritzte es weit weg und besudelte die zunächst Stehenden. »Genug!« sagte der Capitän. Alle Anwesenden atmeten tief auf; lauter als alle Anderen schnob Bob. Die Hände David’s wurden losgebunden. Er hatte keinen Laut von sich gegeben, aber er war leichenblaß. Trotzdem trat er festen Schrittes auf den Capitän zu. »Ich danke Ihnen, Herr Capitän,« sagte er; »ich werde des Mitleids wie der Rache gedenken.« »Sie haben nur an Ihre Pflichten zu denken,« erwiederte der Capitän. »Ich bin kein Matrose,« setzte David hinzu; »ich bin Familienvater, und Gott wird mir verzeihen, daß ich jetzt meine Pflichten als Gatte und Vater nicht erfülle, denn es ist nicht meine Schuld.« »Führt die Sträflinge hinunter. Der Arzt soll sie besuchen.« Bob bot David seinen Arm. »Ich danke, mein braver Freund,« sagte David ; »ich denke, ich kann allein hinuntergehen.« David ging wirklich festen Schrittes die Treppe der ersten Batterie hinunter. »Es wird ein schlechtes Ende nehmen,« sagte ich leise zu dem Capitän. »Ich fürchte es,« antwortete er. – »Gehen Sie zu dem armen Teufel, Mister Davys, und suchen Sie ihn zu beruhigen.« X Zwei Stunden nachher ging ich hinunter. David lag im heftigen Fieber auf seiner Hängematte. Ich trat näher. »Nun, Freund David,« sagte ich, »wir geht’s?« »Gut,« antwortete er kalt, ohne sich zu mir zu wenden. »Ihr antwortet, ohne zu wissen, wer mit Euch spricht. Ich bin Mr. Davys.« David wandte sich rasch um. »Mr. Davys!« sagte er sich aufrichtend und mich anstarrend. »Wenn Sie wirklich Mr. Davys sind, so habe ich Ihnen zu danken. Bob sagte mir, Sie hätten den Capitän gebeten, mich aus der Löwengrube zu holen. Ohne i Ihre Fürbitte wäre ich erst mit den Andern herausgekommen und ich hätte England nicht noch einmal gesehen. Ich danke Ihnen, Mr. Davys.« »Seid gutes Muthes, lieber David, Ihr sollt eure Heimat wieder sehen und dort bleiben. Der Capitän ist ein vortrefflicher Mann und er hat mir versprochen, daß es Euch bei seiner Rückkehr frei stehen sollte, das Schiff zu verlassen.« »Ja, der Capitän ist ein vortrefflicher Mann!« erwiederte David mit bitterem Unmuth; »aber er hat zugegeben, daß der schändliche Lieutenant mich peitschen ließ, wie einen Hund – und er wußte doch, daß ich gar nichts verbrochen hatte.« »Er konnte Euch aber nicht völlig begnadigen, David; der erste Grundsatz der Disciplin ist, daß ein Vorgesetzter nie Unrecht haben darf. Aber Ihr habt ja gesehen, daß er bei dem vierten Hiebe Halt gebot.« »Ja, ja,« sagte David, »und wenn es dem Lieutenant gefallen hätte, mich hängen zu lassen, würde mir der Capitän ein Drittheil der Strickeslänge erlassen haben.« »David,« erwiederte ich, man hängt nur Diebe und Mörder, und Ihr werdet nie einen Diebstahl oder Mord begehen.« »Wer weiß?« antwortete David. Ich sah wohl, daß ihn meine Worte nur noch mehr reizten. Ich winkte daher Bob, der aus einem Haufen aufgerollter Taue saß und den Branntwein trank, den er erhalten hatte, um Compressen daraus zu machen, und stieg wieder auf das Verdeck. Es war hier Alles so ruhig, als ob gar nichts Ungewöhnliches vorgefallen wäre. Niemand schien an die eben beschriebene Scene mehr zu denken. Das Wetter war schön; wir machten mit günstigem Winde unsere acht Knoten in der Stunde. Der Capitän ging auf dem Hinterdeck sinnend auf und ab. Ich blieb in ehrerbietiger Entfernung von ihn stehen. Zwei- oder dreimal ging er vorbei; endlich bemerkte er mich. »Nun, wie stehts mit ihm?« fragte er. »Er phantasiert,« antwortete ich, um David als unzurechnungsfähig darzustellen, falls er drohen würde. Der Capitän schüttelte den Kopf, legte eine Hand aus meine Schulter und erwiederte: »Mister Davys, für jeden Mann, in dessen Hände Gott eine Gewalt gegeben hat, ist es sehr schwer gerecht zu sein, und aufrichtig gesagt, ich fürchte, daß ich gegen den Unglücklichen nicht gerecht war.« »Sie waren mehr als gerecht, Herr Capitän,« erwiederte ich; »Sie haben sich gewiß keine Vorwürfe zu machen.« »Glauben Sie denn, daß Mr. Burke von Davids Schuld nicht überzeugt gewesen sei?« »Das will ich nicht sagen; aber seine Strenge soll an Barbarei grenzen. Ich gestehe, daß seine Art zu befehlen mir im ersten Augenblicke Lust gemacht hat ihm ungehorsam zu sein.« »Thun Sie das nicht, Sir,« sagte der Capitän, der seinem Gesichte einen strengen Ausdruck zu geben suchte; »denn ich würde gezwungen sein, Sie zu bestrafen – Lieber Davys,« setzte er mit fast bittendem Tone hinzu, »thun Sie das nicht, ich beschwöre Sie im Namen Ihres Vaters, meines alten Freundes; es würde mir zu schmerzlich sein.« Wir gingen eine Weile neben einander auf und ab, ohne uns anzusehen; dann sagte der Capitän, absichtlich das Gespräch auf einen andern Gegenstand lenkend: »Was meinen Sie, Mister Davys, in welcher Höhe wir jetzt sind?« »Ich glaube in gleichem Breitengrade mit dein Cap Mondego.« »Sie irren sich nicht,« erwiederte er; »es ist sehr viel für einen Neuling. Morgen umsegeln wir das Cap Sainte-Vincent, und wenn uns die schwarze Wolke dort, die wie ein liegender Löwe aussieht, keinen arglistigen Streich spielt, sind wir übermorgen Abend in Gibraltar.« Ich sah nach der vom Capitän angedeuteten Richtung hin. Die Wolke bildete einen schwärzlich-m Fleck am Himmel. Aber ich war damals noch zu unerfahren, um auf diese Vorbedeutung einen Werth zu legen. Ich wünschte nur zu wissen, wohin wir von Gibraltar segeln würden. Ich hatte gerüchtweise vernommen, daß wir die Stapelplätze in der Levante besuchen würden, und diese Hoffnung hatte nicht wenig beigetragen, meinen Schmerz über die Trennung von meinen theuren Eltern zu mildern. Ich knüpfte daher an die letzten Worte des Capitäns an und fragte: »Werden Sie lange in Gibraltar bleiben?« »Ich weiß es noch nicht. Ich werde dort die Befehle der Admiralität erwarten,« antwortete der Capitän und sah wieder nach der Wolke hin. Ich wartete eine Weile, ob er das Gespräch wieder aufnehmen würde ; da er schwieg, so salutirte ich und wollte mich entfernen; aber er gab mir einen Wink. »Hören Sie, lieber Davys,« sagte er, »lassen Sie einige Flaschen Bordeaux heraufbringen und geben Sie sie dem armen David – aber er muß es als ein Geschenk von Ihnen ansehen.« Ich war so gerührt, daß ich eine Hand des Capitäns ergriff und an meine Lippen ziehen wollte. Er entzog sie mir lächelnd. »Gehen Sie,« sagte er, »ich« empfehle Ihnen den armen Teufel. Ich werde Alles gutheißen, was Sie thun.« Als ich wieder auf dem Verdeck war, betrachtete ich die Wolke, die inzwischen, wie eine Operndecoration, eine andere Form angenommen hatte. Sie sah nun aus wie ein riesiger Adler mit ausgebreiteten Flügeln. Am Bord war indeß keine Veränderung wahrzunehmen. Die Matrosen spielten oder plauderten auf dem Verdeck. Der Capitän setzte seine Promenade auf dem Hinterdeck fort. Der erste Lieutenant saß oder vielmehr lag auf der Laffete einer Coronade. Die Wache saß im Mastkorbe, und Bob schien, an die Backbordverschanzung gelehnt, die vom Schiffe aufgetriebenen Schaumflocken zu betrachten. Ich setzte mich zu ihm und pfiff die Melodie eines alten irischen Wiegenliedes, welches mir Mistreß Denison oft vorgesungen hatte. Bob hörte eine Weile schweigend zu; aber bald wandte er sich zu mir, nahm seine Mütze ab und sagte zögernd zu mir: »Mit Respect zu melden, Mister Davys, ich habe von alten erfahrenen Leuten gehört, daß es gefährlich sei den Wind zu rufen, wenn der Großadmiral der Wolken eine so große Ladung in Bereitschaft hat, wie eben jetzt.« »Du willst damit sagen, alter Püster,« erwiederte ich lachend, »daß meine Musik Dir nicht gefällt und daß ich schweigen soll?« »Ich habe Ew. Gnaden nichts zu befehlen, ich bin vielmehr jederzeit bereit Ihren Befehlen zu gehorchen; ich habe ja nicht vergessen, was Sie für den armen David gethan. Aber für den Augenblick dürfte es gerathen sein den Wind nicht zu wecken. Wir haben eine hübsche Nordnordwestbrise, und das ist Alles, was ein unter dem weißen Bramsegel, unter den beiden Marssegeln und dem Focksegel fahrendes rechtschaffenes Schiff braucht.« »Aber, lieber Bob,« erwiederte ich, um ihn gesprächig zu machen, »woraus schließet Ihr denn, daß das Wetter umschlagen müsse? Der ganze Himmel ist ja heiter, bis auf jenen dunkeln Streifen.« »Mister John,« sagte Bob und legte seine breite Hand auf meinen Arm, »ein Schiffsjunge braucht acht Tage Zeit, um zu lernen, wie man ein Tau splißt oder eine Beschlagleine einzieht; aber ein Seemann braucht eine ganze Lebenszeit, um die Schrift des Himmels in den Wolken lesen zu lernen.« »Ja, ja,« antwortete ich und schaute wieder auf den Horizont, »ich sehe wohl, daß sich dort etwas zusammenzieht, aber es scheint mir nicht von Bedeutung.« »Mister John,« sagte Bob mit einem Ernst, der doch einigen Eindruck auf mich machte, »wer die Wolke dort für einen Windstoß oder eine Bö kauft, verdient hundert Procent daran. Es ist ein Sturm im Anzuge, ein tüchtiger Sturm.« »Wirklich?« erwiederte ich, erfreut über die Gelegenheit, aus seiner Erfahrung einigen Nutzen zu ziehen ; »ich hatte gewettet, daß wir für den Augenblick nur einen hohen Windstoß zu fürchten hätten.« »Weil Sie nur nach einer Seite hinschauen. Wenden Sie sich nur ostwärts, Mister John. Ich habe noch nicht hingesehen; aber so wahr als ich Bob heiße, ich bin überzeugt, daß dort etwas im Werke ist« . Ich sah mich um und bemerkte wirklich eine Reihe Wolken, welche wie Inseln aus dem Meere hervorzukommen schienen und ihre grauweißen Köpfe emporstreckten. Bob hatte Recht; es waren zwei Gewitter im Anzuge. Aber ehe der Sturm eine bestimmte Richtung nahm, war nichts zu thun, und Alle am Bord spielten, plauderten oder promenirten ruhig fort. Nach und nach fing der bisher frische Wind an zu flattern, der Himmel bezog sich, das Meer bekam eine aschgraue Farbe und man hörte den fernen Donner. Da wurde Alles still am Bord, man hörte nur das Flattern des Bramsegels. »Heda, Topmast!« rief der Capitän dem Matrosen im Mastkorbe zu, »was macht der Wind?« »Er ist noch nicht ganz still,« antwortete der Mastwächter; »aber er kommt nur noch stoßweise, und jeder Windstoß wird schwächer und wärmer.« »Komm herunter!« rief der Capitän. Der Matrose kletterte mit einer Schnelligkeit, welche bewies, daß ihm die Abkürzung seiner Wache gar nicht unlieb war, am Tauwerk herab und nahm mitten zwischen seinen Cameraden Platz. Der Capitän setzte seine Promenade fort und Alles ward wieder still. »Euer Camerad scheint sich geirrt zu haben,« sagte ich zu Bob; »die Segel blähen sich wieder und das Schiff geht tüchtig vor dem Winde. Sehet nur.« »Es wird bald anders werden,« erwiederte Bob. Er hatte Recht. Das Schiff legte noch etwa eine Viertelmeile vor dem Winde rasch zurück; dann fing es an zu schwanken und auf den Wellen zu tanzen. »Alle an Deck! rief der Capitän. Sogleich kam die übrige Mannschaft aus allen Winkeln hervor und Jedermann war der weitern Befehle gewärtig. »Oho!« sagte Bob, »unser Capitän trifft frühzeitig seine Vorkehrungen. Mich dünkt, wir haben noch eine gute halbe Stunde Zeit, ehe sich der Wind entschließt, von welcher Seite er zu blasen gedenkt.« »Sehet,« sagte ich, »er hat sogar den Lieutenant Burke geweckt – er steht auf.« »Der Lieutenant hat so wenig geschlafen wie Sie,« erwiederte Bob leise. »Wie! Sehet ihn nur an, er gähnt ja wie ein Windhund.« »Man gähnt nicht immer aus Müdigkeit,« entgegnete Bob; »fragen Sie nur den Arzt.« »Was bedeutet denn das Gähnen sonst noch?« »Daß das Herz aufschwillt. Sehen Sie nur den Capitän an, er gähnt nicht. – Da wischt sich der Lieutenant das Gesicht mit dem Schnupftuch ab. Und nun geht er gar an erneut Stock, er hat doch sonst einen so sichern Tritt.« »Was wollt Ihr damit sagen, Bob?« »Nichts; ich weiß was es bedeutet.« Burke trat auf den Capitän zu und Beide wechselten einige Worte. »Achtung!« rief der Capitän. Dieser mit starker Stimme ertheilte Befehl wirkte wie ein elektrischer Schlag auf die ganze Mannschaft. Der Capitän warf einen Blick auf das Verdeck, um zu sehen, ob jeder auf seinem Posten war; dann fuhr er fort: »Die Kette des Blitzableiters ins Wasser! Die Eimer und die Feuerspritze gefüllt! die Lunten von den Kanonen weg! die Zündlöcher verstopft! die Stückpforten, Luftlöcher und Fenster geschlossen! Kein Luftzug darf im Schiffe sein!« In diesem Augenblicke fing es stärker an zu donnern, als ob das Gewitter den angeordneten Vorkehrungen Hohnsprechen wollte. In zehn Minuten waren die Befehle vollzogen und Jedermann nahm seinen Platz auf dem Verdeck wieder ein. Das Meer war noch ruhig, kein Lüftchen regte sich; die Segel hingen schlaff von den Raaen herab, es wurde immer dunkler und schwüler; die kupferfarbenen Wolken senkten sich immer tiefer und schienen sich auf den Mastspitzen zu lagern. Unsere geringsten Bewegungen machten ein unheimliches Getöse in dieser Todtenstille, die nur von Zeit zu Zeit durch den Donner unterbrochen wurde, und doch war noch nicht zu bemerken, von welcher Seite der Wind kommen würde. Der Sturm schien, wie ein Missethäter, zu zögern, ehe er sein Zerstörungswerk begann. Endlich bemerkte man hier und da ganz kleine, von Osten nach Westen treibende Wellen, von den Matrosen »Katzenpfoten« genannt, und die Segel singen an sich zu bewegen. Ostwärts zwischen Meer und Wolken zeigte sich ein Lichtstreif, als ob ein Vorhang aufgezogen wäre, um den Wind durchzulassen; man hörte ein aus den Tiefen des Oceans aufsteigendes furchtbares Getöse; die Wasserfläche kam in Bewegung und bedeckte sich mit Schaum; dann glitt ein leichter durchsichtiger Nebel von Osten her mit wogenden und schäumenden Fluten. Es war endlich der Sturm. »Muth, Kinder!« rief der Capitän. »Der Wind kommt vom Lande her und wir haben einen weiten Raum, ehe wir einen Felsen finden. – Das Steuer vor den Wind! – Wir wollen uns treiben lassen, bis der Sturm müde wird uns zu verfolgen.« Das Schiff, welches eine Zeitlang unbeweglich geblieben war, hatte eine zur raschen Vollziehung dieses Befehls günstige Stellung. Der schwimmende Koloß gehorchte dem Steuer so willig wie ein gut dressiertes Pferd dem Gebiß. Zweimal neigten sich die hohen Mastbäume so tief, daß die Spitzen der Raaen das Meer berührten, und zweimal richteten sie sich wieder auf. Endlich faßten die Segel den Wind und das Schiff tanzte auf den Fluten wie ein von der Peitsche getriebener Kreisel. Es segelte so schnell, daß die nacheilenden Wogen es nicht erreichen konnten. »Ja, ja,« sagte Bob, wie mit sich selbst redend, »der »Trident« ist ein tüchtiger Segler, und der Capitän kennt ihn so gut wie eine Amme ihren Säugling – Sie können sich keine schönere Lection wünschen, Mister John,« setzte er, sich zu mir wendend, hinzu. »Aber benutzen Sie sie schnell, denn sie wird nicht lange dauern. Was glauben Sie, wie viel der Wind in jeder Secunde macht?« »Fünfundzwanzig bis dreißig Fuß.« »Gut geantwortet,« sagte Bob, mit seinen breiten Händen klatschend, »gut geantwortet für einen Midshipman, der das Meer kaum vierzehn Tage kennt; aber der Wind macht jeden Augenblick einige Fuß mehr und wird uns überholen.« »Nun, dann spannen wir mehr Segel auf.« »Hm! wir führen alle Segel, die wir tragen können. Sehen Sie nur, Mister John, die Bramstange biegt sich wie eine Weidenruthe. Das Holz hat keinen Verstand, man darf ihm nicht allzu viel zumuthen.« »Den kleinen Klüver aufgehißt und das Riff des Fortsegels aufgespannt!« rief der Capitän, dessen Stimme das Heulen des Sturms weit übertönte. Dieser Befehl wurde so rasch und genau vollzogen, als ob das Schiff ganz ruhig seine zehn Knoten in der Stunde zurückgelegt hatte, und der »Trident« trieb noch rascher vor dem Winde. Durch diesen Zuwachs an Segelkraft wurde das Schiff mit dem Vordertheil so heftig in die Wogen getrieben, daß die aus dem Vorderdeck befindlichen Matrosen einige Augenblicke bis an den Gürtel im Wasser waren. Aber das Schiff richtete sich sogleich wieder auf wie ein edles Roß, das nach einem Fehltritt rascher läuft, als vorher. So segelten wir etwa eine Stunde vor dem Winde, ohne daß das Takelwerk die mindeste Beschädigung erlitt. Der Sturm wurde indeß immer heftiger; die Wellen überholten das Schiff, und eine haushohe Welle schlug auf das Verdeck. Zugleich thaten sich die auf den Mastspitzen hängenden Wollen auf und der nun durchblickende Himmel war glühend wie der Krater eines Vulkans, – ein betäubender Donnerschlag trachte, der einen Augenblick um den Mastkorb zuckende Blitz fuhr an dem Leiter hinab ins Meer. Diesem Donnerschlage folgte eine kurze unheimliche Stille, und selbst der Sturm schien sich, wie von dieser Kraftanstrengung erschöpft, zu beruhigen. Der Capitän benutzte diesen Augenblick der Windstille und rief : »Alle Segel einreffen! – Mister Burke, schicken Sie Leute zu den Geitauen der Marssegel! – Alle hinauf!« Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/pages/biblio_book/?art=48632684) на ЛитРес. 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