Tausend und Ein Gespenst
Alexandre Dumas der Ältere




Dumas Alexandre (père)

Tausend und Ein Gespenst





Erster Band





Vorrede



»Mein lieber Veron!

Sie haben mir oft in diesen so selten gewordenen Abendgesellschaften, in welchen Jedermann nach seinem Gefallen plaudert, indem er entweder den Traum seines Herzens erzählt, oder der Laune seines Geistes folgt, oder den Schatz seiner Erinnerungen verschwendet, gesagt, daß ich seit Scheherazads und nach Nodier einer der unterhaltendsten Erzähler wäre, den Sie gehört hätten.

Da schreiben Sie mir heute, daß Sie in Erwartung eines langen Romanes von mir, – Sie wissen, eines jener endlosen Romane, wie ich deren schreibe, und in welchem ich ein ganzes Jahrhundert auftreten lasse, – Sie gern einige Erzählungen, – zwei, vier oder höchstens sechs Bände haben mögten, arme Blumen meines Gartens, welche Sie unter die politischen Sorgen des Augenblickes, – zum Beispiel zwischen den Prozeß von Bourges und die Wahlen des Monats Mai auszustreuen gedenken.

Leider! Mein Freund, ist die Zeit betrübt und ich sage Ihnen im Voraus, daß meine Erzählungen nicht lustig sein werden. Nur werden Sie erlauben, daß ich müde dessen, was ich täglich sich in der wirklichen Welt zutragen sehe, meine Erzählungen in der erdichteten Welt suche. Leider fürchte ich sehr, daß es allen ein wenig erhabenen, ein wenig poetischen, ein wenig tiefer denkenden Geistern in diesem Augenblicke geht wie mir, nämlich, daß sie das Ideale aufsuchen, die einzige Zuflucht, welche uns Gott gegen die Wirklichkeit läßt.

Sehen Sie, ich befinde mich da unter fünfzig Bänden, die ich in Bezug auf eine Geschichte der Regentschaft, welche ich so eben beendigt, aufgeschlagen habe, und ich bitte Sie, wenn Sie davon Bericht erstatten, die Mütter aufzufordern, ihre Töchter dieselbe nicht lesen zu lassen. Nun denn! Wie ich Ihnen sagte, bin ich daran, und indem ich Ihnen schreibe, verweilen meine Augen auf einer Seite der Memoiren des Marquis d'Argenson, auf welcher ich unter den Worten: Von der Unterhaltung ehedem und jetzt, ich Folgendes lese:

»»Ich bin überzeugt, daß zu der Zeit, wo das Hotel von Rambouillet der guten Gesellschaft den Ton angab, man aufmerksam zuhörte und vernünftig urtheilte. Man bildete seinen Geschmack und seinen Geist aus. Ich habe noch Muster dieser Art der Unterhaltung unter den Greisen des Hofes gesehen, mit denen ich umging. Sie hatten das richtige Wort, Energie und Feinheit, einige Gegensätze, aber Benennungen, welche den Sinn erhöhten; Gründlichkeit ohne Pedanterie, Munterkeit ohne Bosheit.««

Es ist gerade Hundert Jahre her, daß der Marquis d'Argenson diese Zeilen schrieb, welche ich aus seinem Buche abschreibe. – Er war zu der Zeit, in welcher er sie schrieb ohngefähr in unserem Alter, – und wie er, mein lieber Freund, – können wir sagen: – Wir haben Greise gekannt, welche das waren, was wir leider nicht mehr sind, – das heißt Leute von guter Gesellschaft.

Wir haben sie gesehen, aber unsere Söhne werden sie nicht sehen. Woraus hervorgeht, daß wir, obgleich wir nicht viel welch sind, doch noch mehr werth sein werden, als unsere Söhne.

Wahr ist es, daß wir mit jedem Tage einen Schritt auf die Freiheit, die Gleichheit, die Bruderliebe zu thun, drei gewichtige Worte, welche die Revolution von 93, Sie wissen, die andere, die alte, mitten unter die moderne Gesellschaft geschleudert hat, wie sie es mit einem Tiger, einem Löwen und einem Bären in Lammfelle gehüllt gethan hätte; unglücklicher Weise leere Worte, welche man durch den Pulverdampf des Juni auf unseren von Kugeln durchlöchern öffentlichen Gebäuden gelesen hat.

Ich! – ich gehe wie die Anderen voran; – ich folge der Bewegung. Gott bewahre mich, den Stillstand zu predigen. – der Stillstand ist der Tod. Aber ich gehe wie einer jener Männer, von denen Dante spricht, – dessen Füße freilich vorwärts schreiten, – dessen Kopf aber nach der Seite seiner Fersen gewandt ist.

Und das, was ich vor Allem suche, – das, was ich vor Allem bedaure,– das, was mein rückwärts gelichteter Blick in der Vergangenheit sucht, das ist die Gesellschaft, welche davon geht, – welche verdunstet, – welche wie eines jener Gespenster verschwindet, deren Geschichte ich Ihnen erzählen will.

Kurz eine Gesellschaft welche das elegante Leben, das höfliche Leben, dieses Leben ausmachte, das der Mühe werth war, gelebt zu sein (verzeihen Sie mir den Verstoß gegen die Sprache; da ich kein Mitglied der Akademie bin, so darf ich ihn wagen), ist diese Gesellschaft gestorben oder haben wir sie umgebracht?

Sehen Sie, ich erinnere mich, daß ich als kleiner Knabe von meinem Vater zu Frau von Montesson geführt worden bin. Sie war eine vornehme Dame, durchaus eine Frau des vorigen Jahrhunderts. Sie hatte vor ohngefähr sechszig Jahren den Herzog von Orleans, den Großvater Ludwig Philipps geheirathet; sie war neunzig Jahre alt. Sie wohnte in einem großen und glänzenden Hotel der Chaussée d'Antin. Napoleon setzte ihr einen Jahrgehalt von Hundert Tausend Thalern aus.

Wissen Sie, auf welchen Anspruch diese von dem Nachfolger Ludwig des XVI. in das rothe Buch eingeschriebene Rente gegründet war? – Nein. – Nun denn! Frau von Montesson bezog von dem Kaiser eine Rente von Hundert Tausend Thalern dafür, weil sie in ihrem Salon die Gebräuche der guten Gesellschaft aus den Zeiten Ludwig des XIV. und Ludwig des XV. erhalten hätte.

Das ist gerade die Hälfte von dem, was die Kammer jetzt seinem Neffen dafür gibt, daß er Frankreich das vergessen lasse, woran sein Onkel wollte, daß es sich erinnere.

Sie werden Eines nicht glauben, mein lieber Freund, daß diese beiden Worte, welche ich die Unvorsichtigkeit gehabt habe auszusprechen: die Kammer, mich gerade auf die Memoiren des Marquis d'Argenson zurückführen.

Wie das?

Sie sollen sehen.

»»Man beklagt sich, sagte er, daß es in unseren Tagen keine Unterhaltung mehr in Frankreich gibt. Ich weiß wohl den Grund davon. Er besteht darin, daß die Geduld zu hören mit jedem Tage bei unseren Zeitgenossen abnimmt. Man hört nicht aufmerksam, oder man hört vielmehr gar, nicht mehr. Ich habe diese Bemerkung in der besten Gesellschaft gemacht, welche ich besuche.««

Welches ist nun aber, mein lieber Freund, die beste Gesellschaft, die man in unseren Tagen besuchen kann? Es ist ganz zuverlässig die, welche acht Millionen Wähler für würdig gehalten haben, die Interessen, die Meinungen, den Genius Frankreichs zu vertreten. Kurz, es ist die Kammer.

Nun denn! Betreten Sie auf den Zufall hin, an welchem Tage und zu welcher Stunde Sie wollen, die Kammer. Es steht Hundert gegen Eins zu wetten, daß Sie auf der Rednerbühne einen Mann finden werden, welcher spricht, und auf den Bänken fünf bis sechs Hundert Personen, die nicht auf ihn hören, sondern die ihn unterbrechen.

Was ich Ihnen da sage, ist so wahr, daß es in der Constitution von 1848 einen Artikel gibt, der die Unterbrechungen untersagt.

Zählen Sie demnach die in der Kammer seit ohngefähr einem Jahre, als wie lange sie versammelt ist, gegebene Anzahl von Ohrfeigen und Faustschlägen, – sie ist unzählbar!

Wohl verstanden, immer im Namen der Freiheit, der Gleichheit und der Bruderliebe.

Wie ich Ihnen sagte, mein lieber Freund, bedaure ich daher gar Vieles, nicht wahr? Obgleich ich ohngefähr die Hälfte des Lebens überschritten habe; – nun denn! das, was ich am Meisten unter dem bedaure, was entschwunden ist oder was entschwindet, – das ist das, was der Marquis von Argenson vor Hundert Jahren bedauerte: – Die Höflichkeit.

Und dennoch hatte man zu den Zeiten des Marquis von Argenson noch nicht den Einfall gehabt, sich Bürger zu nennen. – Urtheilen Sie daher.

Wenn man zum Beispiele dem Marquis von Argenson zu der Zeit, wo er diese Worte schrieb, gesagt hätte:

Sehen Sie, wie weit wir in Frankreich gekommen sind; der Vorhang fällt; jedes Schauspiel verschwindet; es gibt nur noch Pfeifen, welche pfeifen. Bald werden wir weder anmuthige Erzähler in der Gesellschaft, noch Künste, noch Malereien, noch erbaute Paläste mehr haben. Aber Neidische auf Alles und überall.

Wenn man ihm zu der Zeit, wo er diese Worte schrieb, gesagt hätte, daß man, – zum Mindesten ich, – dazu gelangen würde diese Zeit zu beneiden, so würde man diesen armen Marquis von Argenson sehr in Erstaunen versetzt haben, nicht wahr? – Was thue ich daher auch? – Ich lebe viel mit den Todten, – ein wenig mit den Verbannten. – Ich versuche, die erloschenen Gesellschaften, die verschwundenen Menschen wieder aufleben zu lassen, – die, welche nach Ambra rochen, statt nach der Cigarre zu riechen; – die, welche sich Degenstöße versetzten, statt die jetzt üblichen Faustschläge.

Und deshalb, mein Freund, verwundern Sie sich, wenn ich plaudere, eine Sprache sprechen zu hören, die man nicht mehr spricht. – Deshalb sagen Sie mir, daß ich ein unterhaltender Erzähler bin. – Deshalb wird meine Stimme, das Echo der Vergangenheit, noch in der Gegenwart gehört, welche so wenig und so schlecht hört.

Das kommt am Ende daher, weil wir, wie jene Venetianer des XVIII. Jahrhunderts, denen die Aufwandgesetze verboten, etwas Anderes als Leinwand und grobes Tuch zu tragen, – immer noch gern sich Seide und Sammet, und die schönen Goldbrocate entfalten sahen, aus denen das Königthum die Kleider unserer Väter anfertigte.

Ich sende Ihnen also Ihrem Wunsche gemäß die beiden ersten Bände von meinen Tausend und Ein Gespenst; es ist eine einfache Einleitung unter den Titel: Ein Tag in Fontenay-aux-Roses.

Ganz der Ihrige



    Alexander Dumas.




Einleitung





Ein Tag in Fontenay-aux-Roses





I.

Die Straße Diana in Fontenay-aux-Roses


Im ersten September des Jahres I83l wurde ich von einem meiner alten Freunde, Büreauchef der Privatdomänen des Königs, eingeladen, mit seinem Sohne die Jagd in Fontenay-aux-Roses zu eröffnen.

Ich liebte zu jener Zeit die Jagd sehr, und in meiner Eigenschaft als großer Jäger war die Wahl der Gegend, in welcher jedes Jahr die Eröffnung derselben stattfinden sollte, eine wichtige Angelegenheit.

Gewöhnlich gingen wir zu einem Pächter, oder vielmehr einem Freunde meines Schwagers; bei ihm hatte ich, indem ich einen Hasen schoß, meinen Anfang in der Wissenschaft der Nimrods und der Elzéar Blazes gemacht. Sein Pachthof lag zwischen den Wildern von Compiègne und Villers-Cotterets, eine halbe Meile von dem reizenden Dorfe Morienval, eine Stunde von den prachtvollen Ruinen von Pierrefonds entfernt gelegen.

Die zwei.bis drei Tausend.Morgen Land, welche seine Pächtern bilden, bieten eine unermeßliche, fast ganz mit Waldung umgebene Ebene, welche etwa in Mitte von einem hübschen Thal durchschnitten ist, auf dessen Grunde man unter grünen Wiesen und Bäumen mit schillernden Farben halb in dem Laube verlorene Häuser liegen sieht, welche sich durch bläuliche Rauchsäulen ankündigen, die, durch die sie umgebenden Berge geschützt, anfangs gerade gen Himmel aufsteigen, und dann, in die höheren Luftlagen gelangt, sich, wie die Gipfel der Palmen ausgeweitet, in der Richtung des Windes beugen.

In diese Ebene und auf dem doppelten Abhange dieses Thales läßt sich das Wild der beiden Wälder wie auf einen neutralen Boden herab.

Man findet daher auf der Ebene von Brassoire Alles. – Rehe und Fasanen, indem man an den Waldungen entlang geht, – Hasen auf den Hochebenen, – Kaninchen an den Abhängen, – Rebhühner um die Meierei herum, – Herr Moequet, das ist der Name unseres Freundes, war also gewiß, uns ankommen zu sehen; wir jagten den ganzen Tag über, und kehrten am folgenden Tage um zwei Uhr nach Paris zurück, indem wir vier bis fünf Jäger Hundert und fünfzig Stück Wild geschossen hatten, von dem unser Wirth niemals ein Einziges hat annehmen wollen.

Aber dieses Jahr hatte ich, – Herrn Mocquet ungetreu. – den Bitten meines alten Bureaukameraden nachgegeben, indem ich durch ein Gemälde verführt worden war, das mir sein Sohn, ein ausgezeichneter Schüler der Römischen Schule gesandt hatte, und das eine Ansicht des Ebene von Fontenay-aux-Roses mit Stoppeln voller Hasen und Kleefelder voller Rebhühner vorstellte.

Ich war niemals in Fontenay-aux-Roses gewesen; Niemand kennt die Umgegend von Paris weniger, als ich. – Wenn ich Paris verlasse, so geschieht es fast immer, um fünf bis sechs Hundert Stunden zurückzulegen. Bei der geringsten Platzveränderung ist daher für mich Alles ein Gegenstand der Neugierde.

Um sechs Uhr Abends fuhr ich nach Fontenay ab, den Kopf wie immer aus dem Schlage gestreckt; ich fuhr durch die Barrière d'Enfer, ließ die Straße de la Tomde-Issoire zu meiner Linken und schlug die Straße von Orleans ein.

Man weiß, daß Issoire der Name eines berüchtigten Räubers ist, der zu den Zeiten Julians die Reisenden brandschatzte, welche sich nach Lutetia begaben. – Wie ich glaube, wurde er ein wenig gehangen, und an dem Orte, der jetzt seinen Namen führt, in einiger Entfernung von den Katakomben begraben.

Die Ebene, welche sich an dem Eingange von Klein Montrouge entfaltet, gewährt ein seltsames Ansehen. Unter künstlichen Wiesen, Feldern mit gelben Rüben und Streifen von Runkelrüben, erhebt sich eine Art viereckiger Schanzen von weißen Steinen, welche ein Rad mit Jähren gleich dem Skelette eines abgebrannten Feuerwerkes überragt. Dieses Rad hat an seinem Umkreise hölzerne Sprossen, auf welchen ein Mann abwechselnd den einen und den andern Fuß stützt. Diese Arbeit eines Eichhörnchens, welche dem Arbeiter eine anscheinend große Bewegung verursacht, ohne daß er in der Wirklichkeit den Platz verändert, hat zum Zwecke, ein Seil um eine Kurbel zu wickeln, das, indem es sich aufwickelt, einen Quaderstein aus der Tiefe des Steinbruches auf die Oberfläche des Bodens führt, welcher langsam zu Tage kömmt.

Diesen Stein führt ein Haken an den Rand der Mündung, wo ihn Rollen erwarten, um ihn an den Platz zu bringen, der ihm bestimmt ist. Dann fällt das Seil wieder in die Tiefe hinab, wo es eine andere Last sucht, indem es dem modernen Ixion einen Moment der Ruhe gewährt, dem bald ein Schrei meldet, daß ein anderer Stein die mühselige Arbeit erwartet, durch welche er den Steinbruch verlassen soll, und dasselbe Werk beginnt von Neuem, um nochmals wieder zu beginnen, um immer sich zu wiederholen.

Wenn der Abend herbeigekommen, so hat der Mann fünfzig Tausend Schritte gemacht, ohne den Platz zu wechseln; wenn er in der Wirklichkeit jedes Mal, wo sein Fuß sich auf eine Sprosse stellt, um eine Stufe höher, stiege, so würde er nach Verlauf von drei und zwanzig Jahren in dem Monde angekommen sein.

Besonders am Abend, – das heißt zu der Stunde, zu welcher ich über die Ebene fuhr, die das Kleine Montrouge von dem Großen trennt,– nimmt die Landschaft durch diese unendliche Anzahl beweglicher Räder, welche bei der untergehenden Sonne kräftig hervortreten, einen phantastischen Anblick an. Man könnte ihn für einen jener Kupferstiche von Goya halten, auf welchen Zahnbrecher in dem Halbdunkel Jagd auf Gehängte machen.

Gegen sieben Uhr stehen die Räder still; das Tagewerk ist beendigt.

Aus diesen der Erde entrissenen Bruchsteinen bildet man Vierecke von fünfzig bis sechszig Fuß Länge, bei sechs bis acht Fuß Höhe. Sie sind das zukünftige Paris. Die Steinbrüche, aus denen dieser Stein kommt, werden mit jedem Tage ausgedehnter; sie bilden die Fortsetzung der Katakomben, aus denen das alte Paris hervorgegangen ist; es sind die Vorstädte der unterirdischen Stadt, welche unabläßlich Raum gewinnen und sich in dem Umkreise ausbreiten. Wenn man auf diesen Wiesen von Montrouge geht, so geht man auf Abgründen. Von Zeit zu Zeit findet man eine Vertiefung des Bodens, ein Thal im Kleinen, eine Runzel des Bodens, Das ist ein unterhalb schlecht gestützter Steinbruch, dessen Decke von Gyps gebrochen ist. Es hat sich eine Spalte gebildet, durch welche das Wasser in die Höhle dringt, das Wasser hat die Erde nachgezogen, daher rührt die Unebenheit des Bodens, welche man einen Erdfall nennt.

Wenn man das nicht weiß, wenn man nicht weiß, daß diese schöne Lage grüner Erde, die uns anlockt, auf nichts ruht, so kann man, indem man den Fuß auf eine dieser Spalten setzt, verschwinden, wie man auf den Montanvert zwischen zwei Eiswänden verschwindet.

Die Bevölkerung, welche diese unterirdischen Gallerien bewohnt, hat, wie ihre Existenz, ihren besonderen Charakter und Physiognomie.– In der Dunkelheit lebend, hat sie ein wenig die Instincte der Nachtthiere, das heißt, daß sie schweigsam und grimmig ist. Oft hört man von einem Unfalle sprechen: – eine Stütze hat nachgegeben, ein Seil ist gebrochen, ein Mann ist zerschmettert worden. – Auf der Oberfläche der Erde glaubt man, daß das ein Unglück ist; – dreißig Fuß unterhalb weiß man, daß es ein Verbrechen ist.

Das Aeußere der Steinbrecher ist im Allgemeinen widrig. – Am Tage blinzelt das Auge, – im Freien klingt ihre Stimme dumpf. – Sie tragen glatt gekämmte, bis auf die Augenbrauen herabfallende Haare; einen Bart, der nur jeden Sonntag Morgens Bekanntschaft mit dem Rassiermesser macht; – eine Weste, welche Aermel von grober grauer Leinwand sehen läßt; – ein Schurzfell, dessen Leder durch die Berührung des Steines weiß geworden; – ein Beinkleid von blauer Leinwand. – Auf der einen ihrer Schultern befindet sich ihre zusammengeschlagene Jacke, und auf dieser Jacke ruht der Stiel der Steinhaue oder das Brecheisen, das sechs Tage in der Woche den Stein ausgräbt.

Wenn es irgend einen Aufstand gibt, so ist es selten, daß die Männer, welche wir so eben zu schildern versucht haben, sich nicht hineinmischen. – Wenn man an der Barrière d'Enfer sagt! – Da kommen die Steinbrecher von Montrouge, so schütteln die Bewohner der benachbarten Straßen den Kopf und verschließen ihre Thüren.

Das ist es, was ich betrachtete, das, was ich während dieser Stunde der Dämmerung sah, welche im Monat September den Tag von der Nacht trennt; – dann, als die Nacht hereingebrochen, warf ich mich in den Wagen zurück, von wo aus zuverlässig keiner meiner Reisegefährten das gesehen hatte, was ich gesehen hatte. Dem ist so mit allen Dingen: – Viele betrachten, sehr wenige sehen.

Wir kamen gegen halb neun Uhr in Fontenay an; ein vortreffliches Abendessen erwartete uns; dann, nach dem Abendessen, ein Spaziergang in dem Garten.

Sorrento ist ein Wald von Orangenbäumen; Fontenay ist ein Rosenstrauch. Jedes Haus hat seinen Rosenstrauch, der an dem Fuße durch ein Gehäuse von Brettern geschützt, längs der Mauer hinaufsteigt; – zu einer gewissen Höhe gelangt, breitet sich der Rosenstrauch in einen riesenhaften Fächer aus; die Luft, welche vorüberzieht, ist mit Wohlgerüchen erfüllt, und wenn statt eines Luftzuges der Wind weht, so regnet es Rosenblätter, wie es Rosenblätter an dem Frohnleichnamsfeste regnete, als es noch ein Frohnleichnamsfest gab.

Von dem äußersten Ende des Gartens aus hätten wir eine unermeßliche Aussicht gehabt, wenn es Tag gewesen wäre. – Die in der Ferne ausgestreuten Lichter deuteten allein die Dörfer Sceaux, Bagneaux, Chàtillon und Montrouge an; – in dem Hintergrunde erstreckte sich eine große röthliche Linie, aus welcher ein Geräusch gleich dem Hauche des Leviathans drang: – das war das Athemholen von Paris.

Man war genöthigt, uns mit Gewalt zu Bett zu schicken, wie man es mit den Kindern macht. Gern hatten wir unter diesem schönen, ganz von Sternen funkeln, den Himmel, bei der Berührung dieser duftigen Nachtluft den Tag abgewartet.

Um fünf Uhr Morgens begaben wir uns, von dem Sohne unseres Wirthes geführt, der uns Berge und Wunder versprochen hatte, und der, ich muß es sagen, fortfuhr, uns den Reichthum seines Gebietes an Wild mit einer eines besseren Schicksals würdigen Beharrlichkeit zu preisen, auf die Jagd.

Um Mittag hatten wir ein Kaninchen und vier Rebhühner gesehen. – Das Kaninchen war von meinem Gefährten zur Rechten, ein Rebhuhn von meinem Gefährten zu Linken gefehlt worden, und von den drei andern Rebhühnern waren zwei von mir geschossen worden.

Auf der Ebene von Brassoire hätte ich um Mittag bereits drei bis vier Hasen und fünfzehn bis zwanzig Rebhühner nach der Meierei gesandt.

Ich liebe die Jagd, aber ich verabscheue das Herumlaufen, besonders das Herumlaufen über die Felder. Unter dem Vorwande, einen zu meiner äußersten Linken gelegenen Kleeacker zu durchsuchen, auf welchem ich fest überzeugt war nichts zu finden, entfernte ich mich daher auch aus der Linie, und machte einen Abstecher.

Aber das, was es auf diesem Felde gab, das was ich in dem Verlangen mich zurückzuziehen, welches sich meiner bereits seit länger als zwei Stunden bemächtigte, bemerkt hatte, war ein Hohlweg, der, indem er mich den Blicken der andern Jäger entzog, mich auf der Straße von Sceaux geraden Weges nach Fontenay-aux-Roses zurückführen mußte.

Ich irrte mich nicht. – Als es ein Uhr auf dem Kirchturme schlug, erreichte ich die ersten Häuser des Dorfes.

Ich ging eine Mauer entlang, welche mir ein ziemlich schönes Besitzthum einzuschließen schien, als ich in dem Augenblicke, wo ich an dm Ort gelangte, wo die Straße Diana sich mit der Großen Straße vereinigt, von der Seile der Kirche einen Mann von so sonderbarem Aussehen auf mich zukommen sah, daß ich stehen blieb und instinctmäßig meine Doppelflinte spannte, indem ich von dem einfachen Gefühle der Selbsterhaltung bewegt war.

Aber bleich, mit gesträubten Haaren, mit aus den Höhlen getretenen Augen, mit verwirrten Kleidern und blutigen Händen ging dieser Mann an mir vorüber, ohne mich zu sehen. – Sein Blick war starr und zugleich matt. – Sein Gang hatte den unüberwindlichen Ungestüm eines Körpers, der von einem zu steilen Berge hinabgeht, und inzwischen deutete sein röchelndes Athemholen mehr noch Entsetzen als Ermüdung an.

Bei dem Zusammenlaufen der beiden Straßen verließ er die Große Straße, um in die Straße Diana zu gehen, auf welche sich das Grundstück öffnete, an dessen Mauer ich während sieben bis acht Minuten entlang gegangen war. Diese Thür, auf der meine Augen auf der Stelle verweilten, war grün angestrichen und führte die Nr. 2. Die Hand des Mannes streckte sich, lange bevor er sie berühren konnte, nach der Schelle aus, dann erreichte er sie, zog sie heftig, und indem er sich um sich selbst drehte, befand er sich fast sogleich auf einem der beiden Ecksteine sitzend, welche diesem Thore zum Außenwerke dienen. Sobald er sich dort befand, blieb er regungslos mit herabhängenden Armen und den Kopf auf die Brust geneigt.

Ich kehrte wieder um, so sehr war ich überzeugt, daß dieser Mann der Haupturheber irgend eines unbekannten und schrecklichen Dramas sein müßte.

Hinter ihm und zu den beiden Seiten der Straße waren einige Personen, auf welche er ohne Zweifel denselben Eindruck hervorgebracht hatte, als auf mich, aus ihren Häusern herausgekommen, und betrachteten ihn mit einem Erstaunen gleich dem, das ich selbst empfand.

Bei dem Rufe der Glocke, welche heftig geläutet hatte, öffnete sich eine kleine, neben dem großen Thore gebrochene Thür, und eine Frau von vierzig bis fünf und vierzig Jahren erschien.

– Ah! Sie sind es, Jacquemin, sagte sie; was machen Sie denn da?

– Ist der Herr Maire zu Haus? fragte der Mann, den sie angeredet hatte, mit dumpfer Stimme.

– Ja.

– Nun denn, Mutter Antoine, sagen Sie ihm, daß ich meine Frau umgebracht habe, und daß ich mich als Gefangener zu stellen komme.

Die Mutter Antoine stieß einen Schrei aus, auf den zwei bis drei Ausrufe antworteten, welche das Entsetzen Personen entrissen hatte, die sich nahe genug befanden, um dieses schreckliche Geständniß zu hören.

Ich that selbst einen Schritt zurück und stieß auf den Stamm einer Linde, an den ich mich stützte.

Uebrigens waren alle die, welche sich in dem Bereiche der Stimme befanden, regungslos geblieben.

Was den Mörder anbetrifft, so war er von dem Ecksteine auf den Boden geglitten, wie als ob ihn die Kraft verlassen hätte, nachdem er die verhängnißvollen Worte ausgesprochen hatte.

Inzwischen war die Mutter Antoine verschwunden, indem sie die kleine Thür offen ließ. Es war augenscheinlich, daß sie den ihr von Jacquemin gegebenen Auftrag bei ihrem Herrn ausrichtete.

Nach Verlauf von fünf Minuten erschien der, den man geholt hatte, auf der Schwelle der Thür.

Zwei andere Männer folgten ihm.

Ich sehe noch den Anblick der Straße.

Jacquemin war, wie ich gesagt habe, auf den Boden geglitten. Der Maire von Fontenay-aux-Roses, den die Mutter Antoine geholt hatte, stand neben ihm, indem er ihn mit der ganzen Höhe seiner Gestalt überragte, welche groß war. In der Oeffnung der Thür drängten sich die beiden andern Personen, über welche wir bald ausführlicher sprechen werden. Ich war an den Stamm einer in der großen Straße gepflanzten Linde gelehnt, von wo aus sich aber, mein Blick in die Straße Diana senkte. Zu meiner Linken befand sich eine Gruppe, die aus einem Manne, einer Frau und einem Kinde bestand, das Kind weinte, damit seine Mutter es auf ihre Arme nähme. Hinter dieser Gruppe streckte ein Bäcker seinen Kopf aus einem Fenster des ersten Stockwerkes, indem er mit seinem Gesellen sprach, der sich unten befand, und ihn fragte, ob es nicht Jacquemin, der Steinbrecher wäre, der so eben im Laufe vorübergekommen sei; dann endlich erschien auf der Schwelle seiner Thür ein Hufschmied, schwarz von vorn, dessen Rücken aber durch das Licht seiner Schmiede erleuchtet war, deren Blasebalg ein Lehrling fortwährend zog. Das für die große Straße.

Was die Straße Diana anbelangt, so war sie mit Ausnahme der von uns beschriebenen Hauptgruppe verlassen. – Nur sah man an ihrem äußersten Ende zwei Gendarmen auftauchen, welche ihren Umgang in der Ebene gemacht hatten, um die Waffenpässe zu verlangen, und die, ohne das Geschäft zu ahnen, das sie erwartete, sich uns näherten, indem sie ruhig im Schritt ritten.

Es schlug ein Viertel auf zwei Uhr.




II.

Die Sackgasse des Sergens


Mit dem letzten Schlage der Glocke vereinigte sich der Klang der ersten Worte des Maires.

– Jacquemin, sagte er, ich hoffe, daß die Mutter Antoine närrisch ist; sie hat mir in Deinem Auftrage gesagt, daß Deine Frau gestorben sei, und daß du sie umgebracht hättest.

– Es ist die reine Wahrheit, Herr Maire, antwortete Jacquemin. Sie müssen mich in das Gefängniß führen und mich schnell richten lassen.

Und indem er diese Worte sagte, versuchte er sich aufzurichten, indem er sich mit seinen Ellbogen an die Höhe des Ecksteines klammerte; aber nach einer Anstrengung sank er wieder zurück, wie als ob die Knochen seiner Beine gebrochen gewesen wären.

– Geh doch,! Du bist närrisch, sagte der Maire.

– Betrachten Sie meine Hände, antwortete er.

Und er erhob zwei blutige Hände, denen ihre krampfhaft zusammengezogenen Finger das Ansehn von zwei Krallen verliehen.

In der That, die Linke war roth bis über die Faust, die Rechte bis an den Ellbogen.

Außerdem floß an der rechten Hand ein Streifen frischen Blutes an der ganzen Länge des Daumens herab, der von einem Bisse herrührte, den das Opfer aller Wahrscheinlichkeit nach ihrem Mörder versetzt hatte, indem sie sich wehrte.

Während dieser Zeit hatten sich die beiden Gendarmen genähert, waren zehn Schritte weit von der Hauptperson stehen geblieben, und betrachteten von der Höhe ihrer Pferde das, was sich zutrug.

Der Maire gab ihnen einen Wink; sie stiegen ab, warfen den Zügel ihrer Pferde einem Gassenbuben zu, der mit einer Soldatenmütze bedeckt war, und ein Soldatenkind zu sein schien.

Worauf sie sich Jacquemin näherten, und ihn unter den Armen aufhoben.

Er ließ es sich ohne irgend einen Widerstand und mit der Schlaffheit eines Mannes gefallen, dessen Geist mit einem einzigen Gedanken beschäftigt ist.

In demselben Augenblicke kam der Polizeicommissär und der Arzt, sie waren von dem benachrichtigt worden, was sich zutrug.

– Ah! kommen Sie, Herr Robert! – Ah! kommen Sie, Herr Cousin! sagte der Maire.

Herr Robert war der Arzt, Herr Cousin war der Polizeicommissär.

– Kommen Sie; ich stand im Begriffe, Sie holen zu lassen.

– Nun denn! sagen Sie an, was gibt es? fragte der Arzt mit der lustigsten Miene von der Welt. – Ein kleiner Mord, wie man sagt?

Jacquemin antwortete Nichts.

– Sagen Sie doch. Vater Jacquemin, fuhr der Doctor fort, ist es etwa wahr, daß Sie Ihre Frau umgebracht haben?

Jacquemin sagte kein Wort.

– Zum Mindesten hat er sich dessen selbst angeklagt, sagte der Maire, – indessen hoffe ich noch, daß es ein Augenblick der Verblendung und kein wirkliches Verbrechen ist, das ihn sprechen läßt.

– Jacquemin, sagte der Polizeicommissär, antworten Sie. Ist es wahr, daß Sie Ihre Frau getödtet haben?

Dasselbe Schweigen.

– In jedem Falle werden wir es wohl sehen, sagte der Doctor Robert, wohnt er nicht in der Sackgasse des Sergens?

– Ja, antworteten die beiden Gendarmen.

– Nun denn! Herr Ledru, sagte der Doctor, indem er sich an der Maire wandte, lassen Sie uns nach der Sackgasse des Sergens gehen.

– Ich gehe nicht dorthin; – ich gehe nicht dorthin, rief Jacquemin aus, indem er sich den Händen der Gendarmen mit einer so gewaltsamen Bewegung entriß, daß, wenn er hätte fliehen wollen, er zuverlässig Hundert Schritte weit gewesen wäre, bevor Jemand daran gedacht hätte, ihn zu verfolgen.

– Aber warum willst Du nicht dorthin gehen? fragte der Maire.

– Wozu habe ich nöthig dorthin zu gehen, da ich Alles gestehe, – da ich Ihnen sage, daß ich sie umgebracht habe, mit diesem großen zweihändigen Schwerdte umgebracht, das ich im vorigen Jahre aus dem Artilleriemuseum genommen habe? Führen Sie mich in's Gefängniß, – ich habe dort Nichts zu thun, führen Sie mich in's Gefängniß.

Der Doctor und Herr Ledru sahen einander an.

– Mein Freund, sagte der Polizeicommissär, welcher, wie Herr Ledru noch hoffte, daß Jacquemin unter dein Einflusse irgend einer augenblicklichen Verwirrung des Verstandes wäre, – mein Freund, die Confrontation ist durchaus nothwendig; – außerdem müssen Sie dort sein, um die Gerechtigkeit zu leiten.

– In was hat die Gerechtigkeit nöthig geleitet zu sein? sagte Jacquemin; Sie werden die Leiche in dem Keller finden, – und neben der Leiche den Kopf auf einem Gypssacke; – was mich anbetrifft, so führen Sie mich in das Gefängniß.

– Es ist nothwendig, daß Sie mitgehen, sagte der Polizeicommissär.

– O! mein Gott! mein Gott! wenn ich gewußt hätte. . .

– Nun denn! was hättest Du gethan?

– Nun denn! ich hätte mich umgebracht.

Herr Ledru schüttelte den Kopf, und indem er sich mit dem Blicke an den Polizeicommissär wandte, schien er ihm zu sagen: dahinter steckt irgend etwas.

– Mein Freund, begann er wieder, indem er sich an den Mörder wandte, sag an, erkläre mir das.

– Ihnen, ja, Alles, was Sie wollen, Herr Ledru, fragen Sie, verhören Sie.

– Wie kömmt es, daß Du, da Du den Muth gehabt hast, den Mord zu begehen, nicht den hast, Dich Deinem Opfer wieder gegenüber zu befinden? Es hat sich also irgend Etwas zugetragen, das Du uns nicht sagst?

– O! ja! irgend etwas Schreckliches.

– Nun denn! laß hören, erzähle.

– O! nein, Sie würden sagen, daß es nicht wahr sei; Sie würden sagen, daß ich närrisch wäre.

– Gleich viel! was hat sich zugetragen? sage es mir.

– Ich will es Ihnen sagen, aber Ihnen.

Er näherte sich Herrn Ledru. Die beiden Gendarmen wollten ihn zurückhalten, aber der Maire gab ihnen einen Wink, und sie ließen den Gefangenen frei.

Außerdem, wenn er auch hätte entfliehen wollen, so war die Sache unmöglich geworden; die Hälfte der Bevölkerung von Fontenay-aux-Roses versperrte die Straße Diana und die Große Straße.

Wie ich gesagt, näherte sich Jacquemin dem Ohre des Herrn Ledru.

– Glauben Sie, Herr Ledru, fragte Jacquemin mit leiser Stimme, glauben Sie, daß ein Kopf sprechen kann, sobald er einmal von dem Körper getrennt ist?

Herr Ledru stieß einen Ausruf aus, der einem Schreie glich, und erbleichte sichtlich.

– Glauben Sie es? Sagen Sie, wiederholte Jacques min. Herr Ledru überwandt sich und sagte:

– Ja, ich glaube es.

– Nun denn!. . . Nun denn!. . . er hat gesprochen.

– Wer?

– Der Kopf. . . der Kopf Johannas.

– Du sagst?

– Ich sage, daß er die Augen aufgemacht hatte, – ich sage, daß er die Lippen bewegt hat. Ich sage, daß er mich angeblickt hat. Ich sage, daß er, indem er mich anblickte, mich einen Elenden genannt hat!

Indem er diese Worte sagte, welche er nach seiner Absicht Herrn Ledru ganz allein sagen wollte, und die indessen von Jedermann gehört werden konnten, war Jacquemin entsetzlich.

– O! eine schöne Aufschneiderei, rief der Doctor lachend aus; er hat gesprochen. . . ein abgeschlagener Kopf hat gesprochen! Gut, gut, gut!

Jacquemin wandte sich um.

– Wenn ich es Ihnen sage, äußerte er.

– Nun denn! sagte der Polizeicommissär, ein Grund mehr, daß wir uns nach dem Orte begeben, wo das Verbrechen begangen worden ist. Gendarmen, führen Sie den Gefangenen fort.

Jacquemin stieß einen Schrei aus, indem er sich sträubte.

– Nein, nein, sagte er, Sie mögen mich in Stücken zerhauen, wenn Sie wollen, aber ich werde nicht hingehen.

– Kommen Sie, mein Freund, sagte Herr Ledru. Wenn es wahr ist, daß Sie das schreckliche Verbrechen begangen haben, dessen Sie Sich anklagen, so wird das schon eine Buße sein. Außerdem, fügte er hinzu, indem er leise sprach, ist der Widerstand nutzlos; wenn Sie nicht gutwillig hingehen wollen, – so führen sie Sie mit Gewalt dorthin.

– Nun denn! dann, sagte Jacquemin, – ich will es thun, aber versprechen Sie mir eines, Herr Ledru.

– Was?

– Während der ganzen Zeit, daß wir in dem Keller sein werden, – werden Sie mich nicht verlassen.

– Nein.

– Sie werden mich Ihre Hand halten lassen?

– Ja.

– Wohlan, sagte er, lassen Sie uns gehen.

Und indem er ein carrirtes Schnupftuch aus seiner Tasche zog, trocknete er sich seine mit Schweiß bedeckte Stirn ab.

Man ging nach der Sackgasse des Sergens.

Der Polizeicommissär und der Doctor gingen voraus, dann Jacquemin und die beiden Gendarmen.

Hinter ihnen kam Herr Ledru und die beiden Männer, welche zu gleicher Zeit, als er, an seiner Thüre erschienen waren.

Dann folgte wie ein Strom voller Wogen und Getöse die ganze Bevölkerung, unter welche ich gemischt war.

Nach Verlauf von ungefähr einer Minute des Weges kamen wir in der Sackgasse des Sergens an. – Es war eine kleine, zur Linken der Großen Straße gelegene Gasse, welche Berg unter bis an ein großes verfallenes hölzernes Thor führte, das sich zugleich durch zwei Flügel und eine kleine, in einem der großen Flügel angebrachte Pforte öffnete.

Diese kleine Pforte hielt nur noch an einer Angel.

Auf den ersten Blick schien Alles ruhig in diesem Hause; ein Rosenstock blühte an der Thüre, und neben dem Rosenstocke wärmte sich voll Behaglichkeit auf einer steinernen Bank eine große rothgelbe Katze in der Sonne.

Indem sie alle diese Leute erblickte, indem sie allen diesen Lärm hörte, bekam sie Furcht, entfloh und verschwand durch ein Kellerloch.

An der Thüre angelangt, welche wir beschrieben haben, blieb Jacquemin stehen.

Die Gendarmen wollten ihn mit Gewalt eintreten lassen.

– Herr Ledru, sagte er, indem er sich umwandte, Herr Ledru, Sie haben versprochen, mich nicht zu verlassen.

– Nun denn! hier bin ich, antwortete der Maire.

– Ihren Arm, Ihren Arm.

Und er wankte, wie als ob er dem Fallen nahe gewesen wäre.

Herr Ledru näherte sich, gab den beiden Gendarmen einen Wink, den Gefangenen loszulassen und reichte ihm den Arm.

– Ich stehe für ihn sagte er.

Es war augenscheinlich, daß Herr Ledru in diesem Augenblicke nicht mehr der Maire der Gemeinde war, der die Bestrafung eines Verbrechens verfolgte, sondern ein Philosoph, der das Gebiet des Unbekannten erforschte.

Nur war sein Führer bei dieser seltsamen Erforschung, ein Mörder.

Der Doctor und der Polizeicommissär traten zuerst ein, dann Herr Ledru und Jacquemin; hierauf die beiden Gendarmen, dann einige Bevorrechtigte, unter deren Zahl ich mich Dank der Berührung befand, die ich mit den Herren Gendarmen gehabt hatte, für welche ich bereits kein Fremder mehr war, da ich die Ehre gehabt hatte, ihnen in der Ebene zu begegnen und ihnen meinen Waffenpaß zu zeigen.

Die Thüre wurde vor der übrigen Bevölkerung wieder geschlossen, welche murrend außerhalb blieb.

Man ging nach der Thüre des kleinen Hauses.

Nichts deutete das schreckliche Ereigniß an, das sich in ihm zugetragen hatte; Alles war an seinem Platze: das Bett von grüner Sarsche in seinem Alkoven; an dem Kopfende des Bettes das Crucifix von schwarzem Holze mit einem vertrockneten Zweige von Buchsbaum von dem letzten Osterfeste. – Auf dem Kamin ein Jesuskind von Wachs, das unter Blumen zwischen zwei ehedem versilberten Leuchtern aus der Zeit Ludwig XVI. lag; an der Wand vier illuminirte Kupferstiche in Rahmen von schwarzem Holz, welche die vier Welttheile vorstellten.

Ein Tisch war gedeckt, in dem Kamine kochte ein Fleischtopf, und neben ein Kuckuck, an welchem es halb schlug, stand ein Brodschrank offen.

– Nun denn! sagte der Doctor in seinem lustigen Tone, bis jetzt sehe ich Nichts.

– Schlagen Sie die Thüre zur Rechten ein, murmelte Jacquemin mit dumpfer Stimme.

Man folgte der Andeutung des Gefangenen und befand sich in einer Art von Vorratskammer, in deren Ecke sich eine Fallthüre öffnete, an deren Mündung ein Lichtschein zitterte, der von unten kam.

– Dort, dort, murmelte Jacquemin, indem er sich mit der einen Hand an den Arm des Herrn Ledru klammerte, und mit der andern die Oeffnung des Kellers zeigte.

– Ah! ah! sagte der Doctor mit dem schrecklichen Lächeln von Leuten, auf die Nichts Eindruck macht, weil sie an Nichts glauben, leise zu dem Polizeicommissär, es scheint, daß Madame Jacquemin die Vorschrift des Meister Adams befolgt hat. und er summte:

Im Keller sollst Du mich begraben, wo ich so. . .

– Still, unterbrach ihn Jacquemin mit todtenbleichem Gesichte, gesträubten Haaren und Schweiß bedeckter Stirn, singen Sie hier nicht.

Durch den Ausdruck dieser Stimme überrascht, schwieg der Doctor.

Aber indem er fast sogleich die ersten Stufen der Treppe hinabging, fragte er:

– Was ist das?

Und indem er sich bückte, raffte es ein Schwerdt mit breiter Klinge auf.

Das war das zweihändige Schwerdt, das Jacquemin, wie er es gesagt hatte, am 29. Juli 1830 aus dem Artilleriemuseum genommen hatte; die Klinge war mit Blut gefärbt.

Der Polizeicommissär nahm es aus den Händen des Doctors.

– Erkennen Sie dieses Schwerdt? sagte er zu dem Gefangenen.

– Ja, antwortete Jacquemin. Gehen Sie! gehen Sie! machen Sie ein Ende.

Das war die erste Spur des Mordes, welche man angetroffen hatte.

Man trat in den Keller, indem jeder die Stelle einnahm, welche wir bereits genannt haben.

Der Doctor und der Polizeicommissär voran, dann Herr Ledru und Jacquemin, dann die beiden Personen, welche sich bei ihm befanden, dann die Gendarmen, dann die Bevorrechtigten, unter deren Zahl ich mich befand.

Nachdem ich die siebente Stufe hinabgeschritten war, senkte sich mein Auge in den Keller und übersah das schreckliche Ganze, das ich zu schildern versuchen will.

Der erste Gegenstand, auf welchem die Augen verweilten, war eine Leiche ohne Kopf, die neben einem Fasse lag, dessen halb offener Hahn fortwährend einen dünnen Strahl von Wein fließen ließ, der im Fließen eine Rinne bildete, die sich unter den Lagerbalken verlor.

Die Leiche war halb zusammengezogen, wie als ob der nach den Rücken zu gezogene Rumpf eine Bewegung des Todeskampfes begonnen hätte, welche die Beine nicht hatten folgen können. – Das Kleid war auf der einen Seite bis zum Strumpfband hin aufgeschlagen.

Man sah, daß das Opfer in dem Augenblicke getroffen worden war, wo es vor dem Fasse knieend anfing eine Flasche zu füllen, welche den Händen entfallen war und an ihrer Seite auf dem Boden lag.

Der ganze obere Körper schwamm in einer Pfütze von Blut.

Auf einem Sacke voll Gyps, der an die Mauer gelehnt war, erblickte oder errieth man vielmehr einen Kopf, der in seinen Haaren verborgen war; ein Blutstreif färbte den Sack von der Höhe bis zur Hälfte roth.

Der Doctor und der Polizeicommissär hatten bereits die Runde der Leiche gemacht, und befanden sich der Treppe gegenüber.

Ungefähr in der Mitte des Kellers befanden sich die beiden Freunde des Herrn Ledru und einige Neugierige, die sich beeilt hatten, so weit vorzugehen.

Unten an der Treppe stand Jacquemin, den man nicht vermogt hatte, weiter als auf die letzte Stufe vorzuschreiten.

Hinter Jacquemin standen die beiden Gendarmen.

Hinter den beiden Gendarmen standen fünf bis sechs Personen, unter deren Zahl ich mich befand, und die sich mit mir auf der Treppe gruppirten.

Dieses ganze grausige Innere war von dem zitternden Scheine eines Talglichtes erleuchtet, welches auf dem Fasse selbst stand, aus dem der Wein floß, und dem gegenüber die Leiche der Frau Jacquemins lag.

– Einen Tisch, einen Stuhl, sagte der Polizeicommissär, und nehmen wir das Protokoll auf.




III.

Das Protokoll


Man brachte dem Polizeicommissär die beiden verlangten Gegenstände; er stellte seinen Tisch fest, setzte sich davor, verlangte das Talglicht, welches der Doctor ihm brachte, indem er über die Leiche stieg, zog ein Tintenfaß, Federn und Papier aus seiner Tasche, und begann sein Protokoll.

Während er die Einleitung schrieb, machte der Doctor eine Bewegung der Neugierde nach dem auf dem Gypssack gestellten Kopfe, aber der Polizeicommissär hielt ihn zurück.

– Rühren Sie nichts an, sagt er, die Regelmäßigkeit vor Allem.

– Das versteht sich, sagte der Doctor.

Und er nahm seinen Platz wieder ein.

Es entstanden einige Minuten des Schweigens, während welcher man nur die Feder des Polizeicommissärs auf dem rauhen Regierungspapiere kratzen hörte, und während welcher man sich die Zeilen mit der Schnelligkeit einer dem Schreiber zur Gewohnheit gewordenen Formel folgen sah.

Nach Verlauf von einigen Zeilen erhob er den Kopf und blickte um sich.

– Wer will zu Zeugen dienen? fragte der Polizeicommissär, indem er sich an den Mails wandte.

– Ei, sagte Herr Ledru, indem er auf seine beiden stehenden Freunde deutete, welche mit dem sitzenden Polizeicommissär eine Gruppe bildeten, zuvörderst diese beiden Herren.

– Gut.

Er wandte sich nach meiner Seite.

– Dann, wenn es diesem Herrn nicht unangenehm ist, seinen Namen auf einem Protokoll zu sehen.

– Keinesweges, mein Herr, antwortete ich ihm.

– Dann wolle der Herr gefälligst herunter kommen, sagte der Polizeicommissär.

Ich empfand einigen Widerwillen, mich der Leiche zu nähern. Von dort aus, wo ich war, erschienen mir gewisse Umstände, ohne mir gänzlich zu entgehen, in einem Halbdunkel verloren, der über ihre Gräßlichkeit den Schleier der Poesie verbreitete, minder abscheulich.

– Ist es durchaus nothwendig? fragte ich.

– Was?

– Daß ich hinuntergehe?

– Nein. Bleiben Sie dort, wenn Sie Sich dort gut befinden.

– Ich machte ein Zeichen mit dem Kopfe, welches ausdrückte: – Ich wünsche zu bleiben, wo ich bin.

Der Polizeicommissär wandte sich an denjenigen der beiden Freunde des Herrn Ledru, der sich ihm am nächsten befand.

– Ihre Namen, Vornamen, Alter, Stand, Gewerbe und Wohnung? fragte er mit der Geläufigkeit eines Mannes, der daran gewöhnt ist. diese Art Fragen zu stellen.

– Johann Ludwig Alliette, antwortete der, an welchen er die Frage gerichtet, durch Anagramme Etteilla genannt, Schriftsteller, wohnhaft in der Straße de l'Ancienne Comédie Nr. 20.

– Sie vergessen Ihr Alter, sagte der Polizeicommissär.

– Muß ich das Alter sagen, welches ich habe, oder das Alter, das man mir gibt?

– Sagen Sie mir Ihr Alter, bei Gott! man hat keine zwei Alter.

– Das heißt, Herr Polizeicommissär, daß es gewisse Personen gibt, Cagliostro, den Grafen von Saint Germain, den ewigen Juden zum Beispiel. . .

– Wollen Sie damit sagen, daß Sie Cagliostro, der Graf von Saint Germain oder der ewige Jude sind? sagte der Polizeicommissär, indem er bei dem Gedanken, daß man sich über ihn lustig mache, die Stirn runzelte,

– Nein; aber. . .

– Fünf und siebenzig Jahre, sagte Herr Ledru; – schreiben Sie fünf und siebenzig Jahre, Herr Cousin.

– Es sei, sagte der Polizeicommissär.

Und er schrieb fünf und siebenzig Jahre.

– Und Sie, mein Herr? fuhr er fort, indem er sich an den zweiten Freund des Herrn Ledru wandte.

Und er wiederholte genau dieselben Fragen, welche er an den ersten gestellt hatte.

– Peter Joseph Moulle, alt ein und sechszig Jahre, Geistlicher, an der Kirche Saint Sulpice angestellt, wohnhaft in der Straße Servandoni Nr. 11, antwortete mit sanfter Stimme der, welchen er fragte.

– Und Sie, mein Herr? fragte er, indem er sich an ich wandte.

– Alexander Dumas, dramatischer Schriftsteller, sieben und zwanzig Jahre alt, wohnhaft in Paris, Straße der Universität Nr. 21, antwortete ich.

Herr Ledru wandte sich nach meiner Seite und machte mir eine artige Verbeugung, auf welche ich in demselben Tone, so gut als ich es vermochte antwortete.

– Gut! äußerte der Polizeicommissär. Sehen Sie, ob es so recht ist, meine Herren, und ob Sie einige Bemerkungen zu machen haben.

Und er las mit jenem näselnden und einförmigen Tone, der nur den öffentlichen Beamten angehört:

»Da ich am heutigen Tage, am 1. September 1831 um zwei Uhr Nachmittags, durch das öffentliche Gerücht benachrichtigt worden war, daß das Verbrechen eines Mordes in der Gemeinde von Fontenay-aux-Roses an der Person der Maris Johanna Ducoudray, von dem genannten Peter Jacquemin, ihrem Gatten, begangen worden wäre, und daß der Mörder sich in die Wohnung des Herrn Johann Peter Ledru, des Maires der genannten Gemeinde von Fontenay-aux-Roses begeben hätte, um sich aus eigenem Antriebe als Urheber dieses Verbrechens anzugeben, haben wir uns beeilt, uns in Person nach der Wohnung genannten Johann Peter Ledru's, Straße Diana Nr. 2 zu verfügen, in welche Wohnung wir in Begleitung des Herrn Sebastian Robert, Doctor der Medizin, in genannter Gemeinde Fontenay-aux-Roses wohnhaft, angekommen sind, und dort haben wir den genannten Peter Jacquemin bereits in den Händen der Gendarmerie gefunden, der in unserer Gegenwart wiederholt hat, daß er der Urheber des Mordes seiner Frau wäre; worauf wir ihn aufgefordert haben, uns in das Haus zu begleiten, in welchem der Mord begangen worden, dessen er sich zuerst geweigert hat; da er aber bald auf die Vorstellungen des Herrn Maire nachgegeben, so sind wir nach der Sackgasse des Sergens gegangen, in welcher das von dem genannten Peter Jacquemin bewohnte Haus gelegen ist. Nachdem wir in dieses Haus gelangt und die Thür wieder hinter uns verschlossen, um das Volk am Eindringen zu verhindern, sind wir in ein erstes Zimmer gedrungen, in welchem nichts andeutete, daß ein Verbrechen begangen worden wäre; hierauf sind wir auf die Aufforderung genannten Jacquemins selbst aus dem ersten Zimmer in das zweite gegangen, in dessen Ecke eine Fallthür offen stand, die zu einer Treppe führte. Da uns angedeutet war, daß diese Treppe in einen Keller führte, in welchem wir die Leiche des Opfers finden würden, so begannen wir diese Treppe hinabzugehen, auf deren ersten Stufen der Doctor ein Schwert mit kreuzförmigem Griffe, breiter und schneidender Klinge gefunden hat, von welchem genannter Jacquemin uns gestanden hat, daß er es zur Zeit der Juli-Revolution aus dem Artilleriemuseum genommen, und daß es ihm zur Vollstreckung des Verbrechens gedient hätte. Und auf dem Boden des Kellers haben wir die Leiche der Frau Jacquemin auf den Rücken zurückgeworfen und in einer Pfütze von Blut schwimmend gefunden, deren Kopf vom Rumpfe getrennt war, welcher Kopf auf einem, an die Wand gelehnten Sack mit Gyps gestellt war, und nach, dem genannter Jacquemin anerkannt hat, daß die Leiche und dieser Kopf wirklich der seiner Frau wäre, in Gegenwart des Herrn Johann Peter Ledru, Maire der Gemeinde von Fontenay-aux-Roses; – des Herrn Sebastian Robert, Doctor der Medizin, wohnhaft in genannter Gemeinde Fontenay-aux-Roses; – des Herrn Johann Ludwig Alliette, genannt Etteilla, Schriftsteller, fünf und siebenzig Jahre alt, wohnhaft in Paris, Straße de l'Anciennecomédie Nr. 20; – des Herrn Peter Joseph Moulle, ein und sechszig Jahre alt, Geistlicher, an der Kirche Saint Sulpice angestellt, wohnhaft in Paris, Straße Servandoni, Nr. 11; – und des Herrn Alexander Dumas, dramatischer Schriftsteller, sieben und zwanzig Jahre alt, wohnhaft in Paris, Straße der Universität Nr. 21; – sind wir, wie folgt, zu dem Verhöre des Angeklagten geschritten.«

– Ist es so recht, meine Herren? fragte der Polizeicommissär, indem er sich mit augenscheinlich zufriedener Miene nach uns umwandte.

– Vollkommen! mein Herr, antworteten wir alle einstimmig.

– Wohlan! verhören wir den Angeklagten.

Indem er sich hierauf nach dem Gefangenen umwandte, der, so lange das Vorlesen währte, geräuschvoll und wie ein beklommener Mensch geathmet hatte, sagte er:

– Angeklagter, Ihren Namen, Vornamen, Alter, Wohnung und Gewerbe?

– Wird Alles das sehr lange dauern? fragte der Gefangene wie ein Mann, dessen Kräfte erschöpft sind.

– Antworten Sie: Ihren Namen und Vornamen? – Peter Jacquemin.

– Ihr Alter?

– Ein und vierzig Jahre.

– Ihre Wohnung?

– Sie kennen sie wohl, da Sie Sich darin befinden.

– Gleichviel, das Gesetz will, daß Sie auf diese Frage antworten.

– Sackgasse des Sergens.

– Ihr Gewerbe?

– Steinbrecher.

– Sie bekennen sich als den Urheber des Verbrechens?

– Ja.

– Sagen Sie uns die Ursache, welche Sie dasselbe hat begehen lassen und die Umstände. unter denen es begangen worden ist.

– Die Ursache, welche es hat begehen lassen. . . – das ist unnöthig, sagte Jacquemin; das ist ein Geheimniß, das zwischen mir und der bleiben wird, welche da liegt.

– Es gibt indessen keine Wirkung ohne Ursache. – Die Ursache. Ich sage Ihnen, daß Sie dieselbe nicht erfahren werden. Was die Umstände anbelangt, – wie Sie sagen, – Sie wollen sie kennen lernen?

– Ja.

– Nun denn! ich will sie Ihnen sagen. Wenn man unter der Erde arbeitet, wie wir so in der Dunkelheit arbeiten, und wenn man dann einen Grund zu Kummer zu haben glaubt, dann quält man sich die Seele, und dann steigen böse Gedanken in uns auf.

– O! o! unterbrach ihn der Polizeicommissär, Sie gestehen also den Vorbedacht.

– Ei! da ich Ihnen sage, daß ich Alles gestehe, ist das noch nicht genug?

– Doch, reden Sie.

– Nun denn, dieser böse Gedanke, der in mir aufgestiegen war, war Johanna zu tödten. – Das quälte mir länger als einen Monat den Kopf: – das Herz verhinderte den Kopf; – endlich bestimmte mich ein Wort, das ein Kamerad zu mir sagte.

– Welches Wort?

– O! das gehört zu den Dingen, welche Sie nichts angehen. Heute Morgen sagte ich zu Johanna: Ich werde heute nicht auf die Arbeit gehen; ich will mich belustigen, als ob es ein Festtag wäre; ich werde mit Kameraden zum Kugelspiel gehen. Sorge dafür, daß das Mittagessen um ein Uhr bereit ist. – Aber. . . – Es ist gut, keine Einwendungen; das Mittagessen für ein Uhr, Du verstehst? – Es ist gut! sagte Johanna.

Und sie ging aus, um das Mittagessen einzukaufen.

Statt zum Kugelspiele zu gehen, nahm ich während dieser Zeit das Schwert, das Sie da haben. – Ich hatte es selbst auf einem Sandsteine geschliffen. – Ich ging in den Keller hinab und versteckte mich hinter den Fässern, indem ich mir sagte: – Sie muß wohl in den Keller gehen, um Wein abzuziehen; dann werden wir sehen.

Von der Zeit, welche ich hinter dem Fasse blieb, das aufrecht steht. . . weiß ich nichts, ich hatte das Fieber, mein Herz klopfte, und ich sah Alles roth in der Nacht.

Und dann gab es eine Stimme, welche in mir und um mich herum jenes Wort wiederholte, das der Kamerad mir gestern gesagt hatte.

– Aber was ist das am Ende für ein Wort? fragte der Polizeicommissär von Neuem.

– Unnöthig. Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß Sie es niemals erfahren werden. Endlich hörte ich das Rauschen eines Kleides, einen Schritt, der näher kam. Ich sah Licht zittern. Den unteren Theil ihres Körpers, der herabkam, dann ihren Kopf. . . Man sah ihren Kopf wohl. . . Sie hielt ihren Leuchter in der Hand. – Ah! sagte ich, es ist gut!. . . und ich wiederholte leise das Wort, das mir der Kamerad gesagt hatte.

Während dieser Zeit näherte sie sich. Auf Ehre! Man hätte sagen können, daß sie eine Ahnung hätte, daß das eine schlechte Wendung für sie nehmen würde. Sie hatte Furcht, sie blickte nach allen Seiten; aber ich war gut versteckt, ich rührte mich nicht.

Nun warf sie sich vor dem Fasse auf die Kniee, hielt die Flasche daran und drehte den Hahn.

Ich stand auf. – Sie werden verstehen, sie lag auf den Knieen. – Das Geräusch des Weines, der in die Flasche lief, verhinderte sie, das Geräusch zu hören, das ich vielleicht machte. Außerdem machte ich keines; sie lag wie eine Schuldige, wie eine Verurtheilte auf den Knieen. Ich erhob das Schwert, und. . . hau!!. . . A Ich weiß nicht ein Mal, ob sie einen Schrei ausstieß, – der Kopf rollte auf den Boden.

In diesem Augenblicke wollte ich nicht sterben. Ich wollte mich retten. – Ich gedachte ein Loch in dem Keller zu machen und sie zu begraben. – Ich sprang auf den Kopf zu, der auf dem Boden rollte, während der Körper seiner Seite sprang. – Ich hatte einen Sack Gyps bereit, um das Blut zu verbergen. – Ich packte daher den Kopf, oder vielmehr der Kopf packte mich. – Sehen Sie.

Und er zeigte seine rechte Hand, an welcher ein tiefer Biß den Daumen verstümmelt hatte.

– Wie! Der Kopf hat Sie gepackt? sagte der Doctor. Was der Teufel sagen Sie denn da?

– Ich sage, daß er mich tüchtig biß, wie sie sehen. Ich sage, daß er mich nicht loslassen wollte. Ich stellte ihn auf den Sack Gyps, ich drückte ihn mit meiner linken Hand gegen die Wand und versuchte ihm die rechte zu entreißen; aber nach Verlauf eines Augenblickes ließen die Zähne von selbst los. Ich zog meine Hand zurück, nun, sehen Sie, es war vielleicht Wahnsinn, aber es schien mir, als ob der Kopf lebendig wäre; die Augen standen weit offen. Ich sah sie wohl, da das Licht auf dem Fasse stand, und dann die Lippen, die Lippen bewegten sich, und indem die Lippen sich bewegten, haben die Lippen gesagt: – Elender! Ich war unschuldig!

Ich weiß nicht, welche Wirkung diese Aussage auf die Andern hervorbrachte; aber was mich anbetrifft, so weiß ich, daß der Schweiß mir von der Stirn floß.

– Ah! Das ist zu stark, rief der Doctor aus, die Augen haben Dich angeblickt, die Lippen haben gesprochen?

– Hören Sie, Herr Doctor, da Sie ein Arzt sind, so glauben Sie an Nichts, das ist natürlich; aber ich sage Ihnen, daß der Kopf, den Sie da sehen, da, verstehen Sie? ich sage Ihnen, daß der Kopf mich gebissen hat, ich sage Ihnen, daß dieser Kopf da zu mir gesagt hat: Elender, ich war unschuldig! und der Beweis, daß er mir es gesagt hat, nun denn! ist daß ich mich retten wollte, nachdem ich Johanne getödtet hatte, nicht wahr? Und daß ich, statt mich zu retten, geraden Weges zu dem Herrn Maire gelaufen bin, um mich selbst anzugeben. Ist das wahr, Herr Maire, ist das wahr? antworten Sie.

– Ja, Jacquemin, antwortete Herr Ledru in einem Tone vollkommener Güte, – ja. es ist wahr.

– Untersuchen Sie den Kopf, Doctor, sagte der Polizeicommissär.

– Wenn ich nicht mehr da bin, Herr Robert, wenn ich nicht mehr da bin! rief Jacquemin aus.

– Fürchtest Du Dich etwa, daß sie Dich nochmals anredet, Einfaltspinsel? sagte der Doctor, indem er das Licht nahm und sich dem Gypssacke näherte.

– Herr Ledru, um Gottes Willen, sagte Jacquemin, sagen Sie ihnen mich gehen zu lassen, ich bitte Sie – ich bitte Sie inständigst.

– Mein Herr, sagte der Maire, indem er eine Geberde machte, welche den Doctor zurückhielt, – Sie haben Nichts mehr aus dem Unglücklichen herauszubringen; erlauben Sie, daß ich ihn in das Gefängniß führen lasse. – Wenn das Gesetz die Confrontation vorgeschrieben hat, so hat es vorausgesetzt, daß der Angeklagte die Kraft hätte sie zu ertragen.

– Aber das Protokoll? sagte der Polizeicommissär. .

– Es ist so ziemlich beendigt.

– Der Angeklagte muß es unterzeichnen.

– Er wird es in seinem Gefängnisse unterschreiben.

– Ja, ja! rief Jacquemin aus, in dem Gefängnisse werde ich Alles unterschreiben, was Sie wollen.

– Es ist gut! äußerte der Polizeicommissär.

– Gendarmen! Führen Sie diesen Mann fort, sagte Herr Ledru.

– Ach! Ich, danke Ihnen. Herr Ledru, ich danke Ihnen, sagte Jacquemin mit dem Ausdrucke unendlicher Dankbarkeit.

Und indem er selbst die beiden Gendarmen bei den Armen ergriff, zog er sie mit übermenschlicher Kraft nach der Höhe der Treppe fort.

Als dieser Mann sich entfernt, hatte sich das Drama mit ihm entfernt. – Es blieben nur noch zwei gräßlich anzusehende Dinge in dem Keller: eine Leiche ohne Kopf und ein Kopf ohne Körper.

Ich neigte mich nun auch zu Herrn Ledru.

– Mein Herr, sagte ich zu ihm. ist es mir erlaubt mich zu entfernen, indem ich dabei für die Unterzeichnung des Protokolles zu Ihrer Verfügung bleibe?

– Ja, mein Herr, aber unter einer Bedingung.

– Welche?

– Daß Sie zu mir kommen, um das Protokoll zu unterzeichnen.

– Mit dem größten Vergnügen, mein Herr; aber wann das?

– Ungefähr in einer Stunde. Ich werde Ihnen mein Haus zeigen; es hat Scarron angehört, das wird Sie interessiren.

– Ich werde in einer Stunde bei Ihnen sein, mein Herr.

Ich grüßte und ging nun auch die Treppe wieder hinauf; auf der höchsten Stuft angelangt, warf ich einen letzten Blick in den Keller.

Sein Licht in der Hand, schlug der Doctor Robert die Haare des Kopfes zurück: – Es war der einer noch schönen Frau, – so viel als ich darüber urtheilen konnte, denn die Augen waren geschlossen, die Lippen zusammengezogen und blau.

– Dieser Einfaltspinsel von Jacquemin, sagte er, zu behaupten, daß ein abgeschlagener Kopf sprechen kann; – es sei denn, daß er das erfunden hat, um glauben zu lassen, daß er wahnsinnig wäre; – das wäre nicht so übel gespielt. Es wären dann mildernde Umstände vorhanden.




IV.

Das Haus Scarrons


Eine Stunde nachher war ich bei Herrn Ledru.

Der Zufall wollte, daß ich ihn auf dem Hofe antraf.

– Ah! sagte er, als er mich erblickte, da sind Sie; um so besser, es ist mir nicht unlieb mich ein wenig mit Ihnen zu unterhalten, bevor ich Sie unseren Tischgenossen vorstelle, denn Sie essen mit uns zu Mittag, nicht wahr?

– Aber, mein Herr, Sie werden mich entschuldigen.

– Ich nehme keine Entschuldigungen an; Sie fallen auf einen Donnerstag, um so schlimmer für Sie; der Donnerstag ist mein Tag; jeder, der am Donnerstage zu mir eintritt, gehört mir als volles Eigenthum an. Nach dem Mittagessen wird es Ihnen freistehen zu bleiben oder zu gehen. Ohne das Ereigniß von heute hätten Sie mich bei Tische gefunden, da ich unveränderlicher Weise um zwei Uhr zu Mittag esse. Ausnahmsweise werden wir heute um halb vier oder um vier Uhr essen. Pyrrhus, den Sie da sehen, – und Herr Ledru zeigte mir einen stattlichen Bullenbeißer, – Pyrrhus hat die Gemüthserschütrerung der Mutter Antoine benutzt, um sich der Hammelkeule zu bemächtigen; das war sein Recht; so daß man genöthigt gewesen ist eine andere von dem Fleischer zu holen. Ich sagte, daß mir das nicht allein Zeit gewähren würde, Sie meinen Gästen vorzustellen, sondern auch noch die, Ihnen einige Auskünfte über sie zu geben.

– Einige Auskünfte?

– Ja, es sind Personen, welche wie die des Barbier von Sevilla und Figaros nöthig haben, daß ihnen eine gewisse Erklärung über das Kostüm und den Charakter vorausgeht; – aber fangen wir zuerst mit dem Hause an.

– Wie ich glaube, mein Herr, haben Sie mir gesagt, daß es Scarron angehört hätte.

– Ja, hier verpflegte die zukünftige Gattin des Königs Ludwig des XIV. einstweilen, bis sie den nicht zu unterhaltenden Mann unterhielt, den armen Gelähmten, ihren ersten Gatten; – Sie werden ihr Zimmer sehen.

– Der Frau von Maintenon?

– Nein, der Madame Scarron; – verwechseln wir nicht; das Zimmer der Frau von Maintenon ist in Versailles oder in Saint- Cyr. – Kommen Sie.

Wir gingen eine große Treppe hinauf, und befanden uns in einem Corridor, der auf den Hof ging.

– Setzen Sie, sagte Herr Ledru zu mir, das geht Sie an, Herr Dichter; das ist der reinste Bombast, der im Jahre 1650 gesprochen wurde.

– Ah, ah! Die Karte der Zärtlichkeit.

– Die Zu- und Abnahme, von Scarron gezeichnet, und von der Hand seiner Frau mit Anmerkungen versehen; Nichts als das.

In der That, zwei Karten nahmen die Zwischenwände der Fenster ein.

Sie waren mit der Feder auf einen großen, auf eine Pappe geklebten Bogen Papier gezeichnet.

– Sie sehen, fuhr Herr Ledru fort, diese große blaue Schlange, das ist der Fluß der Zärtlichkeit; diese kleinen Taubenschläge, das sind die Weiler der kleinen Aufmerksamkeiten, Liebesbriefe, Geheimniß. Da ist das Wirthshaus der Sehnsucht, das Thal der Süßigkeiten, die Brücke der Seufzer, der ganz mit Ungeheuern, wie der der Armida bevölkerte Wald der Eifersucht. Endlich ist hier in Mitte des Sees, in welchem der Fluß entspringt, der Palast der vollkommenen Befriedigung, das ist das Ziel der Reise, der Zweck seines Laufes.

– Den Teufel, was sehe ich da, einen Vulkan?

– Ja; er verheert zuweilen die Gegend. Es ist der Vulkan der Leidenschaften.

– Er befindet sich nicht auf der Karte der Fräulein von Scudéry.

– Nein. Er ist eine Erfindung der Madame Paul Scarron. —

– Die Andere?

– Die Andere, ist die Abnahme. Wie Sie sehen, fließt der Fluß über; er ist durch die Thränen derer angeschwollen, welche seinen Ufern folgen. Hier sind die Weiler der Langenweile, das Wirthshaus des Mißvergnügens, die Insel der Reue. Das ist höchst sinnreich.

– Würden Sie die Güte haben, mich das abschreiben zu lassen?

– Ah! So viel als Sie wollen. Wollen Sie jetzt das Zimmer der Madame Scarron sehen?

– Ich glaube es wohl!

– Hier ist es.

Herr Ledru machte eine Thüre auf; er ließ mich vorausgehen.

– Es ist jetzt das meinige;– aber mit Ausnahme der Bücher, mit denen es überfüllt ist, – ist es so, wie es zu der Zeit seiner berühmten Besitzerin war; – es ist derselbe Alkoven, dasselbe Bett, dieselben Möbeln; diese Toiletten-Kabinette waren die ihrigen.

– Und das Zimmer Scarrons?

– O! Das Zimmer Scarrons befand sich auf dem andern Ende des Corridors; aber, was dieses betrifft, so müssen Sie darauf verzichten; – man betritt es nicht, – es ist das geheime Zimmer, – das Kabinet Blaubarts.

– Den Teufel!

– Dem ist so. – Auch ich habe meine Geheimnisse, obschon ich Maire bin; – aber kommen Sie, – ich will Ihnen etwas Anderes zeigen.

Herr Ledru ging mir voraus; – wir gingen die Treppe hinab und traten in den Salon.

Wie das ganze übrige Haus, hatte dieser Salon einen eigenthümlichen Charakter. Seine Tapete war von einem Papier, dessen ursprüngliche Farbe zu bestimmen schwer gewesen wäre; längs der ganzen Wand befand sich eine doppelte Reihe von Sesseln, vor denen eine Reihe von Stühlen stand, das Ganze von alter Stickerei; von Stelle zu Stelle standen Spieltische und Guéridons; dann in Mute von alle dem, wie der Leviathan in Mitte der Fische des Oceans, ein riesenhafter Arbeitstisch, der sich von der Wand an, an welche er eines seiner Enden stützte, bis auf den dritten Theil des Salons erstreckte, ein ganz mit Büchern, Broschüren und Journalen, unter welchen der Constitutionel, die Lieblingslectüre des Herrn Ledru, wie ein König den Vorrang hatte, bedeckter Arbeitstisch.

Der Salon war leer, die Gäste gingen in dem Garten spazieren, den man in seiner ganzen Ausdehnung durch die Fenster erblickte.

Herr Ledru ging gerade auf seinen Arbeitstisch zu und zog eine ungeheure Schublade auf, in welcher sich eine Menge kleiner Pakete gleich Saamenpacketen befanden. Die Gegenstände, welche diese Schublade enthielt, waren selbst in überschriebene Papiere eingewickelt.

– Sehen Sie, sagte er zu mir, da ist für Sie, den Geschichtsschreiber, noch etwas weit Merkwürdigeres, als die Karte der Zärtlichkeit. Es ist eine Sammlung von Reliquien, nicht von Heiligen, sondern von Königen.

In der That, jedes Papier enthielt einen Knochen, Haare des Kopfes oder des Bartes. – Es befand sich darunter eine Kniescheibe Karls des IX, der Daumen Franz des I., ein Stück von dem Schädel Ludwigs des XIV., eine Rippe Heinrichs des II, ein Wirbelbein Ludwigs des XV, Haare aus dem Barte Heinrich des IV, und Haare von dem Kopfe Ludwig des XIII. Jeder König hatte seinen Beitrag geliefert, und aus allen diesen Knochen hätte man bis auf weniges ein Skelet zusammensetzen können, das auf eine vollkommene Weise das der Französischen Monarchie vorgestellt hätte, welcher seit langer Zeit die Hauptgebeine fehlen.

Außerdem befand sich darunter ein Zahn Abeillard und ein Zahn Heloisens, zwei weiße Schneidezähne, welche sich vielleicht zu den Zeilen, wo sie mit ihren beben den Lippen bedeckt waren, in einem Kusse begegneten.

Woher rührte dieses Beinhaus?

Herr Ledru hatte die Ausgrabungen der Könige in Saint Denis geleitet, und aus jedem Grabe das genommen, was ihm beliebt hatte.

Herr Ledru ließ mir einige Augenblicke, um meine Neugierde zu befriedigen; als er hierauf sah, daß ich so ziemlich alle seine Überschriften die Musterung hatte passiren lassen, sagte er zu mir:

– Nun denn, wir haben uns genug mit den Todten beschäftigt, lassen Sie uns ein wenig zu den Lebendigen übergehen.

Und er führte mich an eines der Fenster, durch welches man, wie ich gesagt habe, die Aussicht auf den Garten hatte.

– Sie haben da einen herrlichen Garten, sagte ich zu ihm.

– Der Garten eines Pfarrers mit seiner Lindenallee, seiner Sammlung von Dahlias und Rosenstöcken, seinen Weinlauben und seinen Spaliren von Pfirsichen und Aprikosen. – Sie werden Alles das sehen; – aber lassen Sie uns für den Augenblick nicht mit dem Garten, sondern mit denen beschäftigen, welche darin spazieren gehen.

– Ah! Sagen Sie mir zuvörderst, wer dieser Herr Alliette, durch ein Anagramm Etteilla genannt, ist, welcher fragte, ob man sein wahres Alter oder nur das Alter wissen wollte, das er zu haben schiene; – es scheint mir, daß er ganz die fünf und siebenzig Jahre hat, welche Sie ihm gegeben haben.

– Ganz recht, antwortete mir Herr Ledru. – Ich fange mit ihm an. Haben Sie Hoffmann gelesen?

– Ja. . . warum?

– Nun denn! Er ist ein Mann Hoffmanns. Sein ganzes Lebenlang hat er die Karten und die Zahlen auf die Errathung der Zukunft anzuwenden gesucht; Alles was er besitzt, geht in dem Lottospiel verloren, in welchem er zuerst eine Terne gewonnen hatte, und worin er seitdem Nichts mehr gewonnen hat. Er hat Cagliostro und den Grafen von Saint-Germain gekannt: er behauptet zu ihrer Familie zu gehören, mit ihnen das Geheimniß und das Elixir eines langen Lebens gekannt zu haben. Wenn Sie ihn um sein wirkliches Alter fragen, so ist er zwei Hundert fünf und sechzig Jahre alt; er hat zuerst Hundert Jahre ohne Gebrechlichkeiten von der Regierung Heinrich II. bis zu der Regierung Ludwig XIV. gelebt; dann hatte er Dank seinem Geheimnisse, indem er immerhin in den Augen der gewöhnlichen Menschen starb, drei andere Veränderungen, jede von fünfzig Jahren vollzogen. In diesem Augenblicke beginnt er die vierte wieder, und ist dem zu Folge nur fünf und zwanzig Jahre alt. Die zwei Hundert und fünfzig ersten Jahre zählen nur noch als Erinnerung. Er wird auf diese Weise, und er sagt es ganz laut, bis zu dem jüngsten Gerichte leben. Im fünfzehnten Jahrhunderte hätte man Alliette verbrannt, und man hätte Unrecht gehabt; heut zu Tage begnügt man sich ihn zu bedauern, und man hat wieder Unrecht. Alliette ist der glücklichste Mensch auf der Erde; er spricht nur von Karten, Zaubereien, ägyptischen Wissenschaften des Thot, Geheimnissen der Isis. Er gibt über diese Gegenstände kleine Bücher heraus, welche Niemand liest, und die indessen ein Buchhändler, der eben so närrisch ist als er, unter dem Pseudonym, der vielmehr unter dem Anagramm Etteilla herausgibt; er hat immer seinen Hut voller Broschüren. Da, sehen Sie, er hält ihn unter seinem Arme, so sehr fürchtet er sich, daß man ihm seine kostbaren Bücher nehmen mögte. Betrachten Sie den Mann, betrachten Sie das Gesicht, betrachten Sie den Anzug, und sehen Sie, wie die Natur immer übereinstimmend ist, und wie genau der Hut zu dem Kopfe, der Mann zu dem Anzuge, das Wamms zu der Form paßt, wie Sie Romantiker sagen.

In der That, Nichts war wahrer. Ich musterte Alliette, er war in einen schmierigen, staubigen, abgeschabten Rock voller Flecken gekleidet; sein Hut mit wie lakirteß Leder glänzenden Rändern wurde oben übermäßig weit; er trug ein kurzes Beinkleid von schwarzem Kasimir, schwarze oder vielmehr fuchsige Strümpfe, und abgerundete Schuhe gleich denen der Könige, unter welchen er geboren zu sein behauptete.

Was den Körper anbelangt, so war er ein dicker kleiner Mann, untersetzt, das Gesicht einer Sphinx, verzerrt, breiter zahnloser Mund, der durch eine tiefe Furche angedeutet war, mit dünnen, langen und gelben Haaren, welche wie ein Heiligenschein um seinen Kopf herumflatterten.

– Er unterhält sich mit dem Abbé Moulle, sagte ich zu Herrn Ledru, der, welcher uns bei unserer Untersuchung von heute Morgen begleitete, eine Untersuchung, auf welche wir zurückkommen werden.

– Und warum sollten wir wieder darauf zurückkommen? fragte mich Herr Ledru, indem er mich neugierig anblickte.

– Weil, entschuldigen Sie mich, aber Sie haben an die Möglichkeit zu glauben geschienen, daß dieser Kopf gesprochen hätte.

– Sie sind Physiognom. Nun denn! es ist wahr, ich glaube daran; ja, wir werden von alledem wieder sprechen, und wenn Sie neugierig auf Geschichten der Art sind, so finden Sie hier Jemand, mit dem Sie darüber sprechen können. Aber gehen wir auf den Abbé Moulle über.

– Er muß im Umgange ein angenehmer Mann sein, unterbrach ich ihn; das Sanfte seiner Stimme, als er auf die Fragen des Polizeicommissärs antwortete, hat mich überrascht.

– Nun denn! Sie haben dieses Mal wieder richtig gerathen. Moulle ist seit vierzig Jahren mein Freund, und er ist sechszig alt; wie Sie sehen, ist er eben so sauber und sorgfältig gekleidet, als Alliette verschabt, schmierig und schmutzig ist; er ist im höchsten Grade ein Mann von Welt, und in der Gesellschaft des Faubourg Saint Germain sehr gern gesehen; er ist es, der die Söhne und die Töchter der Pairs von Frankreich verheirathet; diese Verheiratungen sind für ihn die Veranlassung kleine Reden zu halten, welche die sich Verheirathenden drucken lassen und sorgfältig in der Familie aufbewahren. – Er wäre beinahe Bischof von Clermont geworden. – Wissen Sie, worum er es nicht geworden ist? weil er ehedem ein Freund Cazotte gewesen ist, kurz weil er, wie Cazotte an das Bestehen höherer und niederer Geister, guter und böser Genien glaubt; wie Alliette, sammelt er Bücher. – Sie werden bei ihm Alles finden, was über Gesichter und Erscheinungen, über Gespenster und Geister geschrieben ist, – obgleich er, ausgenommen unter Freunden, schwer über alle diese Dinge spricht, die nicht durchaus orthodox sind. – Kurz, er ist ein überzeugter, aber vorsichtiger Mann, der Alles das, was sich Außergewöhnliches auf dieser Welt zuträgt, der Macht der Hölle oder der Vermittelung himmlischer Geister zuschreibt. – Wie Sie sehen, hört er schweigend das an, was Alliette ihm sagt, – scheint irgend einen Gegenstand zu betrachten, den sein Begleiter nicht sieht, und dem er von Zeit zu Zeit durch eine Bewegung der Lippen oder ein Nicken des Kopfes antwortet. Zuweilen verfällt er mitten in unserer Gesellschaft plötzlich in eine finstere Träumerei, – schaudert, zittert, wendet den Kopf um und geht in dem Salon auf und ab. In diesem Falle muß man ihn gehen lassen; es wäre vielleicht gefährlich ihn zu wecken, – ich sage zu wecken, denn ich glaube, daß er dann in dem Zustande des Somnambulismus ist. Außerdem erwacht er von selbst, und, wie Sie sehen werden, hat er in diesem Falle ein liebenswürdiges Erwachen.

– O! aber, sagen Sie doch, äußerte ich Herrn Ledru, es scheint mir, daß er so eben einen jener Geister beschworen hat, von denen Sie mir vorhin erzählten?

Und ich zeigte meinem Wirthe mit dem Finger ein wahrhaft wanderndes Gespenst, das die beiden Plaudernden eingeholt hatte, und das vorsichtig seinen Fuß zwischen die Blumen stellte, auf denen es gehen zu können schien, ohne sie zu beugen.

– Dieser da, sagte er zu mir, ist noch einer meiner Freunde, der Chevalier Lenoir.

– Der Errichter des Museums des Petits Augustins?. . .

– Er selbst. Er stirbt vor Kummer über die Zerstreuung seines Museums, für welches er im Jahre 93 und 94 zehn Male beinahe umgebracht worden ist. Die Restauration hat es mit ihrem gewöhnlichen Geiste schließen lassen, – mit dem Befehle, die Monumente den Gebäuden zurückzugeben, denen sie angehörten und den Familien, welche Rechte hatten sie zurückzufordern. – Unglücklicher Weise waren die meisten Monuments zerstört, die meisten Familien waren ausgestorben, so daß die merkwürdigsten Fragmente unserer alterthümlichen Bildhauerkunst, und dem zu Folge unserer Geschichte, zerstreut, verloren gegangen sind. So geht Alles von unserem alten Frankreich unter; es blieben nur noch diese Fragmente, und von diesen Fragmenten wird bald nichts mehr übrig bleiben, und wer sind die, welche zerstören? Die selbst, die das meiste Interesse für die Erhaltung haben sollten.

Und, so liberal er auch war, wie man zu jener Zeit sagte, Herr Ledru stieß einen Seufzer aus.

– Sind das alle Ihre Gäste? fragte ich Herrn Ledru.

– Wir werden vielleicht den Doctor Robert haben. Ueber diesen sage ich Ihnen nichts, ich glaube, daß Sie ihn beurtheilt haben. Er ist ein Mann, der sein ganzes Leben lang Versuche an der menschlichen Maschine angestellt hat, wie er es an einer Gliederpuppe gethan hätte, ohne zu ahnen, daß diese Maschine eine Seele hat, um die Schmerzen zu begreifen, und Nerven, um sie zu fühlen. Er ist ein Lebemann, der eine große Anzahl Todte gemacht hat. Dieser glaubt, zum Glück für ihn, nicht an Gespenster. Er ist ein mittelmäßiger Kopf, der geistreich zu sein meint, weil er lärmend ist, Philosoph, weil er Gottesleugner ist; er ist einer jener Männer, die man empfängt, nicht um sie zu empfangen, sondern weil sie zu uns kommen. Sie dort zu holen, wo sie sind, das wird uns niemals einfallen.

– O! mein Herr, wie gut ich diese Menschenklasse kenne!

– Wir sollten noch einen andern Freund von mir haben, der nur weit jünger als Alliette, als der Abbé Moulle und der Chevalier Lenoir ist, der zugleich Alliette über die Wahrsagerei, Moulle über die Lehre von den Geistern, und dem Chevalier Lenoir über die Alterthümer die Spitze bietet; eine lebendige Bibliothek, ein in eine Christliche Haut gebundener Katalog, den Sie sogar kennen müssen.

– Den Bibliophilen Jakob?

– Ganz recht.

– Und er wird nicht kommen?

– Er ist zum Mindesten nicht gekommen, und da er weiß, daß wir gewöhnlich um zwei Uhr essen, und es auf vier Uhr geht, so ist keine Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß er zu uns kömmt. – Er ist auf der Aufsuchung irgend einer alten, im Jahre 1570 in Amsterdam gedruckten Scharteke. Eine Urausgabe mit drei Druckfehlern, einen auf dem ersten Blatte, einen auf dem siebenten und einen auf dem letzten.

In diesem Augenblicke machte man die Thür des Salons auf und die Mutter Antoine erschien.

– Das Essen ist angerichtet, meldete sie.

– Geschwind, meine Herren, sagte Herr Ledru, indem er nun auch die Thür des Gartens aufmachte, zu Tische, zu Tische.

Indem er sich hierauf nach mir umwandte, sagte er zu mir:.

– Jetzt muß sich noch irgendwo in dem Garten außer den Gästen, welche Sie sehen und deren Geschichte ich Ihnen geschildert habe, ein Gast befinden, den Sie nicht gesehen und von dem ich nicht gesprochen habe. Dieser ist zu fern von den Dingen dieser Welt, um die rohe Aufforderung gehört zu haben, die ich so eben gemacht, und dem alle unsere Freunde Folge leisten, wie Sie sehen. Suchen Sie, das geht Sie an: wenn Sie eine Immaterialität, eine Durchsichtigkeit, eine Erscheinung, wie die Deutschen sagen, gefunden haben werden, so werden Sie Sich nennen und versuchen sie zu überreden, daß es gut sei, zuweilen zu essen, wäre es auch nur, um zu leben; Sie werden ihr Ihren Arm anbieten und sie zu uns führen; gehen Sie.

Ich gehorchte Herrn Ledru, indem ich errieth, daß der liebenswürdige Mann, den ich in einigen Minuten gewürdigt hatte, mir irgend eine angenehme Überraschung vorbehielt, und ich ging in den Garten, indem ich um mich blickte.

Die Nachforschung dauerte nicht lange, und ich erblickte bald das, was ich suchte.

Es war eine in dem Schatten einer Linde sitzende Frau, von der ich weder das Gesicht noch die Gestalt sah; das Gesicht, weil es nach der Seite des Feldes gerichtet war; die Gestalt, weil sie in einen großen Shawl gehüllt war.

Sie war ganz schwarz gekleidet.

Ich näherte mich ihr, ohne daß sie eine Bewegung machte. Das Geräusch meiner Schritte schien nicht bis zu ihrem Ohre zu gelangen; man hätte sagen können, daß sie eine Statue wäre.

Uebrigens war Alles das, was ich von ihrer Person erblickte, anmuthig und ausgezeichnet.

Von Weitem hatte ich bereits gesehen, daß sie blond war. Ein Strahl der Sonne, der durch das Laub der Linden fiel, spielte auf ihren Haaren, und machte aus Ihnen einen goldigen Heiligenschein; in der Nähe konnte ich die Feinheit ihrer Haare bemerken, die mit jenen seidenen Fäden gewetteifert hätten, welche die ersten Herbstwinde von dem Mantel der Jungfrau abnehmen; ihr Hals rundete sich, um ihrem Kopf zu helfen, sich auf ihre rechte Hand zu stützen, deren Ellbogen sich auf die Lehne des Stuhles stützte, während ihr linker Arm an ihrer Seite herabhing, indem er mit der Spitze seiner zarten Finger eine weiße Rose hielt. Der wie der eines Schwanes gerundete Hals, die zurückgeschlagene Hand, der herabhängende Arm, alles das war von derselben matten Weiße. – Man hätte sie für einen Marmor von Paros, ohne Adern auf der Oberfläche, ohne Pulse im Innern halten können; die Rose, welche zu verwelken begann, war weit röther und weit lebendiger, als die Hand, die sie hielte.

Ich betrachtete sie einen Augenblick lang, und je mehr ich sie betrachtete, desto mehr schien es mir, daß es kein lebendes Wesen wäre, welches ich vor Augen hatte.

Ich war so weit gekommen zu zweifeln, daß wenn ich sie anrede, sie sich umwenden würde. Zwei bis drei Male öffnete sich mein Mund und schloß sich wieder, ohne ein Wort ausgesprochen zu haben. Endlich entschloß ich mich.

– Madame, sagte ich zu ihr.

Sie erbebte, wandte sich um, betrachtete mich voller Erstaunen, wie es Jemand thut, der aus einem Traume erwacht und seine Gedanken sammelt.

Ihre großen schwarzen, auf mich gehefteten Augen, – sie hatte zu den blonden Haaren, die ich beschrieben, schwarze Augenbrauen und Augen, – ihre großen schwarzen, auf mich gehefteten Augen hatten einen seltsamen Ausdruck.

Während einiger Sekunden blieben wir ohne uns anzureden; – sie, indem sie mich anblickte, ich, indem ich sie betrachtete.

Es war eine Frau von zwei und dreißig bis drei und dreißig Jahren, die von wundervoller Schönheit gewesen sein mußte, bevor ihre Wangen hohl geworden, bevor die Farbe ihrer Haut erbleicht war; – übrigens fand ich sie so, mit ihrem bleichen Gesichte vollkommen schön, das von derselben Farbe als ihre Hand ohne irgend einen Schimmer von Roth war, wodurch ihre Augen kohlschwarz, ihre Lippen von Korallen schienen.

– Madame, wiederholte ich, Herr Ledru behauptet, daß wenn ich Ihnen sagte, daß ich der Verfasser von Heinrich II., von Christine und von Antony bin, Sie mich als vorgestellt halten und meinen Arm bis zu dem Speisesaale annehmen würden.

– Verzeihung, mein Herr, sagte sie, Sie sind seit einem Augenblicke hier, nicht wahr? – Ich habe Sie kommen fühlen, – aber ich vermogte nicht mich umzuwenden; – das begegnet mir zuweilen, wenn ich nach gewissen Seiten sehe. Ihre Stimme hat den Zauber gebrochen, so geben Sie mir denn Ihren Arm und lassen Sie uns gehen.

Sie stand auf und legte ihren Arm unter den meinigen; aber kaum, obgleich sie sich keineswegs Zwang anzuthun schien, fühlte ich den Druck dieses Armes.

Man hätte sie für einen Schatten halten können, der an meiner Seite ging.

Wir kamen in den Speisesaal, ohne, weder der eine noch die andre, ein Wort weiter gesprochen zu haben.

Zwei Plätze waren an dem Tische vorbehalten.

Einer zur Rechten des Herrn Ledru für sie, einer ihr gegenüber für mich.




V.

Die Ohrfeige der Charlotte Corday


Dieser Tisch des Herrn Ledru hatte seinen Charakter, wie Alles das, was bei Herrn Ledru war.

Es war ein großes, an die Gartenfenster gestütztes Hufeisen, welches drei Viertel des unermeßlichen Saales für die Bedienung frei ließ. Dieser Tisch konnte zwanzig Personen empfangen, ohne daß dadurch Jemand genirt war; man aß immer an demselben, Herr Ledru mochte nun ein, zwei, vier, zehn, oder zwanzig Gäste haben oder allein essen; an diesem Tage waren wir nur zu sechs, und nahmen kaum den dritten Theil desselben ein.

Jeden Donnerstag war der Küchenzettel derselbe. Herr Ledru dachte, daß seine Gäste während der acht verflossenen Tage zu Haus oder bei den andern Wirthen, welche sie eingeladen hatten, etwas Anderes wieder gegessen haben. Man war daher gewiß, bei Herrn Ledru jeden Donnerstag Suppe, Rindfleisch, ein gebratenes Huhn, einen Hammelsbraten, Bohnen und Salat zu finden.

Die Hühner verdoppelten oder verdreifachten sich je nach den Bedürfnissen der Gäste.

Es mogte nun wenig, keine oder viel Gesellschaft da sein, Herr Ledru saß immer an dem einen Ende des Tisches, dem Garten den Rücken, dem Hofe das Gesicht zugewandt. Er saß in einem großen, seit zehn Jahren auf demselben Platze stehenden Sessel; – dort empfing er aus den Händen seines Gärtners Antoine, – der wie Meister Jacques in einen Bedienten verwandelt war, außer dem gewöhnlichen Weine einige Flaschen alten Burgunder, den man ihm mit gewissenhafter Sorgfalt überbrachtes den er entpfropfte und seinen Gästen selbst mit derselben Achtung und derselben Verehrung einschenkte.

Vor achtzehn Jahren glaubte man noch an Etwas, in zehn Jahren wird man an Nichts mehr glauben, nicht einmal an alten Wein.

Nach dem Mittagessen ging man in den Salon, um den Kaffee zu trinken.

Das Mittagessen verfloß, wie ein Mittagessen verfließt damit, die Köchin zu loben und den Wein zu preisen. – Die junge Frau allein aß nur einige Krumen Brod, trank nur ein Glas Wasser, und sprach kein einziges Wort aus.

Sie erinnerte mich an den Erdgeist aus Tausend Und Eine Nacht, welcher sich wie die Andern zu Tische setzte, aber nur um einige Körner Reis mit einem Zahnstocher zu essen.

Nach dem Mittagessen ging man wie gewöhnlich in den Salon.

Es war natürlicher Weise an mir, unserer schweigsamen Tischgenossin den Arm zu geben. Sie kam mir die Hälfte des Weges entgegen, um ihn zu nehmen. Es war immer dieselbe Nachlässigkeit in den Bewegungen, dieselbe Anmuth in der Haltung, ich mögte fast sagen, dieselbe Unfühlbarkeit in den Gliedern.

Ich führte sie an einen langen Sessel, auf den sie sich legte.

Während wir zu Mittag aßen, waren zwei Personen in den Salon geführt worden.

Es war der Doctor und der Polizeicommissär.

Der Polizeicommissär kam, uns das Protokoll unterzeichnen zu lassen, das Jacquemin bereits in seinem Gefängnisse unterzeichnet hatte.

Ein kleiner Blutflecken war auf dem Papier zu bemerken:

Ich unterzeichnete nach meiner Reihe, und indem ich unterzeichnete, fragte ich:

– Was ist das für ein Fleck? rührt dieses Blut von der Frau oder von dem Gatten her?

– Es rührt von der Wunde her, antwortete mir der Polizeicommissär, welche der Mörder an der Hand hatte, und die fortwährend blutet, ohne daß man das Blut zu stillen vermag.

– Begreifen Sie, Herr Ledru, sagte der Doctor, daß dieser dumme Mensch darauf beharrt zu behaupten, daß der Kopf seiner Frau zu ihm gesprochen hatte?

– Und Sie halten die Sache für unmöglich, nicht wahr, Doctor?

– Bei Gott!

– Sie halten es sogar für unmöglich, daß die Augen sich wieder geöffnet haben?

– Unmöglich.

– Sie glauben nicht, daß das in seinem Ausfließen durch diese Lage Gyps, welche auf der Stelle alle Adern und alle Gefäße verstopft hat, unterbrochene Blut, diesem Kopfe einen Augenblick des Lebens und des Gefühles hat wiedergeben können?

– Ich glaube es nicht.

– Nun denn! sagte Herr Ledru, ich glaube es.

– Ich auch, sagte Alliette.

– Ich auch, sagte der Abbé Moulle.

– Ich auch, sagte der Chevalier Lenoir.

– Ich auch, sagte ich.

Der Polizeicommissär und die bleiche Dame allein sagten nichts: – der eine ohne Zweifel, weil ihn die Sache nicht genug interessirte, die andere vielleicht, weil sie die Sache zu sehr interessirte.

– Ah! wenn Sie Alle gegen mich sind, so werden Sie Recht haben. Nur, wenn einer von Ihnen Arzt wäre. . .

– Aber, Doctor, sagte Herr Ledru, Sie wissen, daß ich es so ziemlich bin.

– In diesem Falle, sagte der Doctor, müssen Sie wissen, daß es da keinen Schmerz mehr gibt, wo es kein Gefühl mehr gibt, und daß das Gefühl durch die Trennung der Wirbelsäule zerstört wird.

– Und wer hat Ihnen das gesagt? fragte Herr Ledru.

– Der Verstand, bei Gott!

– O! eine schöne Antwort. – Ist es nicht etwa auch der Verstand, der den Richtern, welche Galilei verdammt haben, sagte, daß es die Sonne wäre, die sich drehe, und daß die Erde regungslos bliebe? – Der Verstand ist ein Dummkopf, mein lieber Doctor. Haben Sie selbst Versuche an abgeschnittenen Köpfen angestellt?

– Nein, niemals.

– Haben Sie die Dissertationen Sömmerings gelesen? Haben Sie die Protokolle des Doctor Sue gelesen? Haben Sie die Protestationen Oelchers gelesen?

– Nein.

– Demnach also glauben Sie, nicht wahr, nach dem Berichte des Herrn Guillotin, daß seine Maschine das sicherste, das schnellste und das am wenigsten schmerzhafte Mittel ist, das Leben zu beendigen.

– Ich glaube es.

– Nun denn! Sie irren sich, mein lieber Freund, das ist Alles.

– Ah! zum Beispiele!

– Hören Sie, Doctor, da Sie Sich auf die Wissenschaft berufen haben, so will ich Ihnen wissenschaftlich antworten, – und glauben Sie es nur, Niemand von uns ist dieser Unterhaltung fremd genug, um nicht daran Theil zu nehmen.

Der Doctor machte eine Geberde des Zweifels.

– Gleichviel, dann werden Sie allein verstehen.

Wir hatten uns Herrn Ledru genähert, und ich für mein Theil hörte ihm begierig zu, da die Frage der entweder durch den Strick, oder durch das Schwert, oder durch Gift angewandten Todesstrafe, mich immer als eine Frage der Menschlichkeit außerordentlich beschäftigt hatte.

Ich hatte sogar selbst einige Nachforschungen über die verschiedenen Schmerzen angestellt, welche den verschiedenen Todesarten vorausgehen, sie begleiten und ihnen folgen.

– Wohlan, sprechen Sie, sagte der Doctor in einem ungläubigen Tone.

– Es ist leicht jedem, der nur den geringsten Begriff von dem Baue und von den Lebenskräften unseres Körpers hat, fuhr Herr Ledru fort, zu beweisen, daß das Gefühl nicht gänzlich durch die Hinrichtung zerstört ist, und das, was ich behaupte, Doctor, ist nicht auf Hypothesen, sondern auf Thatsachen begründet.

– Lassen Sie diese Thatsachen hören.

– Hier sind sie: 1) der Sitz des Gefühles ist in dem Gehirn, nicht wahr?

– Das ist wahrscheinlich.

– Die Verrichtungen dieses Bewußtseins des Gefühles können vor sich gehen, obgleich der Umlauf des Blutes durch das Gehirn unterbrochen, geschwächt oder theilweise zerstört sei.

– Das ist möglich.

– Wenn also der Sitz der Fähigkeit zu fühlen in dem Gehirne ist, so hat der Hingerichtete, so lange als das Gehirn seine Lebenskraft behält, das Gefühl seines Daseins.

– Beweise!

– Hier sind sie. – Haller sagt in seinen Elementis Physicis, Tom. 4., pag. 35:

»Ein abgeschlagener Kopf schlug die Augen wieder auf, und blickte mich von der Seite an, weil ich mit der Spitze des Fingers sein Rückenmark berührt hatte.«

– Haller, es sei; – aber Haller hat sich irren können.

– Er hat sich geirrt, ich will es zugeben. Gehen wir zu einem Andern über. – Weycard, Arts philosophiques p. 22l, sagt:

»Ich habe die Lippen eines Mannes sich bewegen sehen, dem der Kopf abgeschlagen war.«

– Gut; aber von sich Bewegen bis zum Sprechen. . .

– Warten Sie, wir kommen darauf. – Hier ist Sömmering; seine Werke sind da, und Sie können suchen. Sömmering sagt: »Mehrere Aerzte, meine Collegen, haben mir versichert, einen von dem Rumpfe getrennten Kopf vor Schmerz mit den Zähnen knirschen gesehen zu haben, und ich bin überzeugt, daß wenn die Luft noch durch die Organe der Stimme kreiste, die Köpfe sprechen würden.« – Nun denn! Doctor, fuhr Herr Ledru erbleichend fort, – ich bin weiter als Sömmering. – Zu mir hat ein Kopf gesprochen.

Wir erbebten Alle. – Die bleiche Dame erhob sich auf ihrem langen Stuhl.

– Zu Ihnen?

– Ja, zu mir; werden Sie etwa auch sagen, daß ich ein Narr bin?

– Dam! äußerte der Doctor, wenn Sie mir sagen, daß Ihnen selbst. . .

– Ja, ich sage Ihnen, daß mir die Sache selbst begegnet ist. Sie sind zu höflich, nicht wahr, Doctor, um mir laut zu sagen, daß ich verrückt bin; aber Sie werden es in Ihrem Inneren sagen, und das würde durchaus auf dasselbe herauskommen.

– Wohlan! lassen Sie hören, erzählen Sie uns das, sagte der Doctor.

– Sie haben gut sprechen. Wissen Sie, daß ich das, was Sie von mir Ihnen erzählt wünschen, seit den sieben und dreißig Jahren, wo mir die Sache begegnet ist, noch Niemand erzählt habe; wissen Sie, daß ich Ihnen nicht dafür stehe, ohnmächtig zu werden, indem ich es Ihnen erzähle, wie ich ohnmächtig geworden bin, als jener Kopf gesprochen hat, als die sterbenden Augen sich auf die meinigen geheftet haben?

Das Gespräch wurde immer interessanter, die Lage immer dramatischer.

– Nun denn, Ledru, Muth, sagte Alliette, erzählen Sie uns das.

– Erzählen Sie uns das, mein Freund, sagte der Abbé Moulle.

– Erzählen Sie, sagte der Chevalier Lenoir.

– Mein Herr. . . flüsterte die bleiche Frau.

Ich sagte Nichts, aber mein Verlangen lag in meinen Augen.

– Es ist sonderbar, sagte Herr Ledru, ohne uns zu antworten und wie, als ob er mit sich selbst spräche, es ist sonderbar, welchen Einfluß die Ereignisse auf einander haben! Sie wissen, wer ich bin, sagte Herr Ledru, indem er sich nach meiner Seite wandte.

– Ich weiß, mein Herr, antwortete ich, daß Sie ein sehr unterrichteter, sehr geistreicher Mann sind, der vortreffliche Mittagessen gibt, und daß Sie Maire von Fontenay-aux-Roses sind.

Herr Ledru lächelte, indem er mir mit einem Zeichen des Kopfes dankte.

– Ich spreche von meiner Herkunft, von meiner Familie, sagte er.

– Ich kenne Ihre Herkunft nicht, mein Herr, und kenne Ihre Familie nicht.

– Wohlan! Hören Sie, ich will Ihnen Alles sagen, und vielleicht wird dann die Geschichte, die Sie zu wissen wünschen und die ich Ihnen nicht zu erzählen wage, nachher kommen. Wenn sie kömmt, wohlan! so werden Sie sie nehmen; wenn sie nicht kömmt, so verlangen Sie sie nicht mehr von mir; es ist ein Beweis, daß die Kraft mir gefehlt hat, sie Ihnen zu erzählen.

Jedermann setzte sich und traf seine Anstalten, um nach seiner Bequemlichkeit zuzuhören.

Uebrigens war der Salon ein wahrer Salon für Erzählungen oder Legenden, groß, dunkel durch die dicken Vorhänge und das abnehmende Tageslicht, dessen Ecken bereits in voller Finsterniß waren, während die Linien, welche mit den Thüren und den Fenstern in Verbindung standen, allein einen Rest von Licht behielten.

In einer dieser Ecken befand sich die bleiche Dame. Ihr schwarzes Kleid war gänzlich in der Dunkelheit verloren. Ihr weißer, regungslos auf das Kissen des Sophas zurückgeworfener Kopf war allein sichtbar.

Herr Ledru begann:

– Ich bin, sagte er, der Sohn des berühmten Comus, Physiker des Königs und der Königin; mein Vater, den sein spaßhafter Beiname unter die Taschenspieler und Charlatane hatte stellen lassen, war ein ausgezeichneter Gelehrter der Schule Voltas, Galvanis und Mesmers. Er war der Erste in Frankreich, welcher sich mit Phantasmagorie und Electricität beschäftigte, indem er dem Hofe mathematische und physikalische Sitzungen gab.

Die arme Maria Antoinette, die ich zwanzig Male gesehen habe, und die mich bei ihrer Ankunft in Frankreich, das heißt, als ich ein Kind war, bei den Händen ergriffen und geküßt hat, Maria Antoinette war in, ihn vernarrt. Bei seiner Anwesenheit im Jahre 1777 erklärte Joseph II., daß er nichts Merkwürdigeres gesehen hätte, als Comus.

Bei alle dem beschäftigte sich mein Vater mit der meines Bruders und meiner Erziehung, indem er uns in das einweihte, was. er von geheimen Wissenschaften wußte, und in eine Menge von galvanischen, physikalischen und magnetischen Kenntnissen, die heut zu Tage allgemein bekannt sind, die aber zu jener Zeit Geheimnisse, nur Vorrechte für Einige waren; der Titel als Physiker des Königs brachte meinen Vater im Jahre 93 in das Gefängniß; aber vermittelst einiger freundschaftlichen Verbindungen, die ich mit der Berg-Partei hatte, gelang es mir, ihn wieder freigeben zu lassen.

Mein Vater zog sich nun in dasselbe Haus zurück, in welchem ich mich befinde, und starb darin im Jahre 1807 im Alter von sechs und siebenzig Jahren.

Kommen wir auf mich zurück.

Ich habe von meinen freundschaftlichen Verbindungen mit der Berg-Partei gesprochen. Ich war in der That mit Danton und Camille Desmoulins befreundet. Ich hatte Marat, eher als Arzt, wie als Freund, gekannt, kurz ich hatte ihn gekannt. Aus dieser Bekanntschaft, so kurz sie auch gewesen ist, die ich mit ihm hatte, ging hervor, daß ich mich an dem Tage, an welchem man Fräulein von Corday auf das Schaffot führte, entschloß, ihrer Hinrichtung beizuwohnen.

– Ich wollte Ihnen gerade, unterbrach ich ihn, in Ihrem Streite mit dem Herrn Doctor Robert über die Fortdauer des Lebens dadurch zu Hilfe kommen, daß ich die Thatsache erzählte, welche die Geschichte in Bezug auf Charlotte von Corday aufbewahrt hat.

– Wir kommen darauf, unterbrach mich Herr Ledru, lassen Sie mich erzählen. Ich war Zeuge, dem zu Folge können Sie das glauben, was ich sagen werde.

Von zwei Uhr Nachmittags an hatte ich meinen Posten neben der Statue der Freiheit eingenommen. Es war ein heißer Julitag, das Wetter war drückend, der Himmel war bedeckt und verhieß ein Gewitter.

Um vier Uhr brach das Gewitter aus; wie man sagt, bestieg Charlotte gerade in diesem Augenblicke den Karren. Man hatte sie in dem Augenblicke in ihrem Gefängnisse abgeholt, wo ein junger Maler damit beschäftigt war, ihr Porträt zu malen. Der eifersüchtige Tod schien zu wollen, daß Nichts das junge Mädchen überleben sollte, nicht einmal ihr Bild.

Der Kopf war flüchtig auf der Leinwand entworfen, – und, wie sonderbar! in dem Augenblicke, wo der. Scharfrichter eintrat, war der Maler an der Stelle des, Halses, welche das Eisen der Guillotine durchschneiden sollte.

Die Blitze leuchteten, der Regen fiel, der Donner grollte, aber nichts hatte das neugierige Volk zerstreuen können; die Kais, die Brücken, die Plätze waren überfüllt; – das Getöse der Erde überschallte fast das Getöse des Himmels. – Jene Weiber, welche man mit jenem energischen Namen Leckerinnen der Guillotine benannte, verfolgten sie mit Verwünschungen. – Ich hörte dieses Brüllen zu mir kommen, wie man das eines Wasserfalles hört. Lange bevor man etwas erblicken konnte, wogte die Menge; endlich erschien der Karren wie ein unglückseliges Schiff, indem er den Strom spaltete, und ich konnte die Verurtheilte erkennen, welche ich nicht kannte, die ich niemals gesehen hatte.

Es war ein schönes junges Mädchen von sieben und zwanzig Jahren, mit prachtvollen Augen, einer Nase von vollkommenem Schnitte, Lippen von außerordentlicher Regelmäßigkeit. Sie stand aufrecht, den Kopf erhoben, weniger als wolle sie diese Menge zu beherrschen scheinen, als weil ihre auf den Rücken gebundenen Hände sie zwangen den Kopf so zu halten. – Der Regen hatte aufgehört; da sie aber während drei Viertel des Weges den Regen ertragen hatte, so zeigte das Wasser, das auf sie geflossen war, die Umrisse ihres reizenden Körpers; – man hätte glauben können, daß sie aus dem Bade käme. – Das rothe Hemd, mit dem sie der Scharfrichter bekleidet hatte, verlieh diesem so stolzen und so energischen Kopfe einen seltsamen Anblick, einen schaurigen Glanz.

In dem Augenblicke, wo sie auf dem Platze anlangte, hörte der Regen auf, und ein zwischen zwei Wolken durchfallender Sonnenstrahl spiegelte sich auf ihren Haaren, die er wie einen Heiligenschein glänzen ließ. Wahrlich, – ich schwöre es Ihnen, obgleich dieses junge Mädchen einen Mord begangen hatte, – eine schreckliche That, selbst dann, wenn sie die Menschheit rächt, – obgleich ich diesen Mord verabscheute, – ich hätte nicht zu sagen vermogt, ob das, was ich sah, eine Apotheose oder eine Hinrichtung wäre. Als sie das Schaffot erblickte, erbleichte sie, und diese Blässe war merklich, besonders wegen des rothen Hemdes, das bis zu ihrem Hals hinauf reichte; aber fast sogleich beherrschte sie sich, und wandte sich vollends nach dem Schaffotte um, das sie lächelnd anblickte.

Der Karren hielt; Charlotte sprang auf den Boden, ohne erlauben zu wollen, daß man ihr beim Aussteigen helfe, dann stieg sie die durch den gefallenen Regen schlüpferig gewordenen Stufen des Schaffottes so rasch hinauf, als es ihr die Länge ihres schleppenden Hemdes und die Unbequemlichkeit ihrer gebundenen Hände erlaubten. Als sie die Hand des Scharfrichters sich auf ihre Schultern legen fühlte, um das Tuch abzureißen, das ihren Hals bedeckte, erbleichte sie ein zweites Mal; aber auf der Stelle widersprach ein letztes Lächeln dieser Blässe, und von selbst, ohne daß man sie auf das entehrende Fallbret befestigte, streckte sie in einer erhabenen und fast freudigen Regung ihren Kopf durch die gräßliche Oeffnung. – Das Beil fiel, der von dem Rumpfe getrennte Kopf fiel auf das Gerüst und prallte zurück. Jetzt, achten Sie wohl auf folgendes, Doctor; achten Sie wohl auf folgendes, Dichter, jetzt ergriff einer der Knechte des Scharfrichters, Namens Legros, diesen Kopf bei den Haaren, und gab ihm aus einer gemeinen Schmeichelei für die Menge eine Ohrfeige. Nun denn! Ich sage Ihnen, daß der Kopf bei dieser Ohrfeige erröthete; ich habe es gesehen, der Kopf, nicht die Wange, verstehen Sie wohl? Nicht nur die berührte Wange, sondern die beiden Wangen; und das mit einer gleichen Röthe, denn das Gefühl lebte in diesem Kopfe, – und sie empörte sich, eine Schmach erlitten zu haben, welche das Urtheil nicht ausgesprochen hatte.

Das Volk sah gleichfalls dieses Erröthen, und nahm Partei für die Todte gegen den Lebenden, für die Hingerichtete gegen den Scharfrichter. Es verlangte auf der Stelle Rache für diese Abscheulichkeit, und auf der Stelle wurde der Elends den Händen der Gendarmen übergeben und in das Gefängniß geführt.

Warten Sie, sagte Herr Ledru, welcher sah, daß der Doctor sprechen wollte, warten Sie, das ist nicht Alles.

Ich wollte wissen, welches Gefühl diesen Menschen zu der schändlichen That hätte veranlassen können, die er begangen hatte. Ich erkundigte mich nach dem Orte, wo er war; ich verlangte eine Erlaubniß, um ihn in der Abtei zu besuchen, wo man ihn eingesperrt hatte; ich erlangte sie und besuchte ihn.

Ein Urtheil des Revolutions-Tribunals hatte ihn zu drei Monat Gefängniß verurtheilt. Er begriff nicht, daß er wegen einer so natürlichen Sache, als die, welche er begangen hatte, verurtheilt worden war.

Ich fragte ihn, was ihn zu dieser That veranlaßt hätte.

– Ei! sagte er, eine schone Frage! Ich bin ein Anhänger Marats; ich hatte sie für Rechnung des Gesetzes bestraft, – ich habe sie für meine Rechnung bestrafen wollen.

– Aber, sagte ich zu ihm, Sie haben also nicht eingesehen, daß in dieser Verletzung der dem Tode schuldigen Achtung fast ein Verbrechen liegt?

– Ah so! sagte Legros zu mir, indem er mich fest anblickte, Sie glauben also, daß sie todt sind, weil man sie guillotinirt hat?

– Ohne Zweifel.

– Nun denn! Man sieht Wohl, daß Sie nicht in den Korb blicken, wenn sie alle mit einander darin sind; daß Sie nicht sehen, wie sie noch während fünf Minuten nach der Hinrichtung die Augen verdrehen und mit den Zähnen knirschen. Wir sind qenöthigt, alle drei Monate den Korb zu wechseln, so sehr zerreißen sie den Boden mit den Zähnen. – Sehen Sie, es ist ein Haufen aristokratischer Köpfe, die sich nicht entschließen wollen zu sterben, und ich würde mich nicht verwundern, wenn eines Tages einer von ihnen auszurufen begänne: Es lebe der König!

– Ich wußte Alles, was ich wissen wollte; ich entfernte mich, von einem Gedanken verfolgt: – Nämlich, daß diese Köpfe in der That noch lebten, und ich beschloß mich davon zu überzeugen.




VI.

Solange


Während der Erzählung des Herrn Ledru war die Nacht gänzlich hereingebrochen. Die Bewohner des Salons erschienen nur noch wie Schatten, – nicht allein stumme, sondern auch noch regungslose Schatten, so sehr fürchtete man, daß Herr Ledru sich unterbrechen mögte; denn man sah ein, daß hinter der schrecklichen Erzählung, welche er gemacht hatte, sich eine noch weit schrecklichere befände.

Man hörte daher keinen Athemzug. – Der Doktor allein that den Mund auf, ich ergriff ihn bei der Hand, um ihn vom Sprechen abzuhalten, und er schwieg in der That.

Nach Verlauf einher Secunden fuhr Herr Ledru fort:

Ich hatte die Abtei verlassen, und ging über den Platz Taranne, um mich nach der Straße Turnon zu begeben, in welcher ich wohnte, als ich eine um Hilfe rufende weibliche Stimme hörte.

Es konnten keine Missethäter sein, es war kaum zehn Uhr Abends. Ich eilte nach der Ecke des Platzes, wo ich den Schrei gehört hatte, und sah bei dem Scheine des hinter einer Wolke hervortretenden Mondes eine Frau, welche sich in Mitte einer Runde Sans-Culotten sträubte.

Diese Frau erblickte mich gleichfalls, und da sie an meinem Kostüme bemerkte, daß ich nicht gänzlich ein Mann des Volkes wäre, stürzte sie auf mich zu, indem sie ausrief:

– Ah! Sehen Sie, da ist gerade Herr Albert, den ich kenne, er wird Ihnen sagen, daß ich wirklich die Tochter der Mutter Ledieu, der Wäscherin bin!

Und zu gleicher Zeit ergriff die arme, ganz bleiche und ganz zitternde Frau meinen Arm, indem sie sich wie der Schiffbrüchige an die rettende Planke an mich klammerte.

– Die Tochter der Mutter Ledieu so viel als Du willst, aber Du hast keine Bürgerkarte, schönes Kind, und Du wirst uns auf die Wache folgen!

Die junge Frau drückte mir den Arm; – ich fühlte Alles, was an Schrecken und an Bitte in diesem Drucke lag. – Ich hatte verstanden.

Da sie mich bei dem ersten besten Namen genannt hatte, der ihr eingefallen war, so nannte ich sie bei dem ersten besten Namen, der mir einfiel.

– Wie! Sie sind es, meine arme Solange, sagte ich zu ihr, was begegnet Ihnen denn?

– Da, sehen Sie, meine Herren, begann sie wieder.

– Es scheint mir, daß Du wohl sagen könntest: Bürger.

– Hören Sie, Herr Sergeant, es ist nicht meine Schuld, daß ich so spreche, sagte das junge Mädchen, meine Mutter hatte Kunden in der vornehmen Welt, sie hatte mich daran gewöhnt höflich zu sein, so daß es eine üble Gewohnheit ist, die ich angenommen habe, ich weiß es wohl, eine aristokratische Gewohnheit; aber dem ist nun einmal so, Herr Sergeant, und ich vermag nicht, sie mir abzugewöhnen.

Und es lag in dieser mit zitternder Stimme gegebenen Antwort ein unmerklicher Spott, den ich allein erkannte. Ich fragte mich, wer diese Frau sein könnte. Das Problem war unmöglich zu lösen. Nur war ich davon überzeugt, daß sie nicht die Tochter einer Wäscherin sei.

– Was mir begegnet? begann sie wieder, Bürger Albert, sehen Sie, was mir begegnet: stellen Sie sich vor, daß ich ausgegangen bin, um Wäsche zurückzubringen, daß die Herrin vom Hause ausgegangen war, daß ich gewartet habe, um mein Geld zu erhalten, bis sie nach Haus käme. Dam! Bei den jetzigen Zeiten hat jeder sein Geld nöthig. Die Nacht ist hereingebrochen, ich glaubte am Tage nach Haus zurückzukehren. Ich hatte meine Bürgerkarte nicht mitgenommen, ich bin mitten unter diese Herren gerathen, Verzeihung, ich wollte sagen unter diese Bürger, sie haben mich nach meiner Karte gefragt, ich habe ihnen gesagt, daß ich keine hätte, und sie haben mich auf die Wache führen wollen. Ich habe gerufen, Sie sind herbeigeeilt, gerade eine Bekanntschaft, nun bin ich beruhigt gewesen. Ich habe mir gesagt: da Herr Albert weiß, daß ich Solange heiße, da er weiß, daß ich die Tochter der Mutter Ledieu bin, so wird er für mich gut sagen, nicht wahr, Herr Albert?

– Gewiß werde ich für Sie gut sagen, und ich stehe für Sie gut.

– Gut! sagte der Anführer der Runde, und wer wird mir für Dich gut sagen, Herr Stutzer?

– Danton. Ist Dir das recht? Ist der ein guter Patriot?

– Ah! Wenn Danton für Dich bürgt, so ist Nichts dagegen zu sagen.

– Wohlan! Es ist Sitzungstag bei den Cordelliers, gehen wir dorthin.

– Gehen wir dorthin, – sagte der Sergeant. – Bürger Sans-Culotten, vorwärts, Marsch!

Der Club der Cordelliers wurde in dem ehemaligen Franziskaner Kloster Straße l'Observance gehalten, in welcher wir in einem Augenblicke waren. An der Thüre angelangt, riß ich ein Blatt aus meiner Schreibtafel, schrieb einige Zeilen mit Bleistift, und übergab sie dem Sergeanten, indem ich ihn aufforderte, sie Danton zu überbringen, während wir in den Händen des Corporals und der Runde bleiben würden.

Der Sergeant trat in den Clubb, und kehrte mit Danton zurück.

– Wie! sagte er zu mir. Du bist es, den man verhaftet, Du, mein Freund, – Du, der Freund Camiles, Du, einer der besten Republikaner, welche es gibt! Ei was! – Bürger Sergeant, fügte er hinzu, indem er sich wieder nach dem Anführer der Sans-Culotten umwandte, – ich bürge Dir für ihn. – Genügt Dir das?

– Du bürgst für ihn; aber bürgst Du auch für sie? begann der hartnäckige Sergeant wieder.

– Für sie? Von wem sprichst Du?

– Von dieser Frau, bei Gott!

– Für ihn, für sie, für Alles, was ihn umgibt; bist Du zufrieden?

– Ja, ich bin zufrieden, sagte der Sergeant, besonders Dich gesehen zu haben.

– Ah, bei Gott! Dieses Vergnügen kannst Du Dir umsonst gewähren; betrachte mich ganz nach Deinem Gefallen, – so lange als Du mich hast.

– Ich danke, – fahre fort die Interessen des Volkes zu behaupten, und sei unbesorgt, das Volk wird Dir dankbar sein.

– O, ja, ich rechne darauf! sagte Danton. – Willst Du mir eine Hand geben? fuhr der Sergeant fort.

– Warum nicht?

Und Danton gab ihm die Hand.

– Es lebe Danton! rief der Sergeant aus.

– Es lebe Danton! wiederholte die ganze Runde. Und sie entfernte sich unter Anführung ihres Sergeanten, der zehn Schritte weit entfernt sich umwandte, und indem er seine rothe Mütze schwenkte, noch ein Mal ausrief: Es lebe Danton! Ein Ruf, der von seiner Mannschaft wiederholt wurde.

Ich, wollte Danton danken, als sein mehrere Male in dem Innern des Clubbs wiederholter Name bis zu uns gelangte. Danton! Danton! riefen mehrere Stimmen, – auf die Tribüne! – Verzeihung, mein Lieber, sagte er zu mir, – Du hörst, – eine Hand, und laß mich zurückkehren. Ich habe dem Sergeanten die Rechte gegeben, – ich gebe Dir die Linke. – Wer weiß? der würdige Patriot hatte vielleicht die Krätze.

Und indem er sich umwandte, sagte er mit dieser mächtigen Stimme, welche die Stürme der Straße erhob und besänftigte:

– Hier bin ich, hier bin ich, erwartet mich.

Und er eilte wieder in das Innere des Clubbs.

Ich blieb allein mit meiner Unbekannten vor der Thüre.

– Wohin muß ich Sie jetzt führen, Madame? sagte ich zu ihr, ich stehe zu Ihren Befehlen.

– Dam! Zu der Mutter Ledieu, antwortete sie mir lachend, Sie wissen wohl, daß sie meine Mutter ist.

– Aber wo wohnt die Mutter Ledieu?

– Straße Fèrou, Nr. 24.

– Gehen wir zu der Mutter Ledieu, Straße Fèrou Nr. 24.

Wir gingen die Straße des Fossès-Monsieur-le-Prince bis nach der Straße des Fossès-Saint-German, dann die Straße du Petit-Lion hinab, dann gingen wir den Platz Saint Sulpice und dann die Straße Fèrou wieder hinauf.

Dieser ganze Weg wurde zurückgelegt, ohne daß wir ein Wort ausgewechselt hätten.

Nur hatte ich sie bei dem Scheine des Monde, der in seinem ganzen Glanze leuchtete, nach meinem Gefallen aufmerksam betrachten können.

Sie war eine liebenswürdige Person von zwanzig bis zwei und zwanzig Jahren, braun, mit großen, mehr geistreichen als schwermüthigen blauen Augen, einer schmalen und geraden Nase, spöttischen Lippen, Zähne wie Perlen, Hände einer Königin, Füße eines Kindes. Alles das hatte unter dem Volkskostüme der Tochter der Mutter Les dieu ein aristokratisches Ansehen behalten, welches mit gutem Rechte den Verdacht des wackeren Sergeanten und seiner kriegerischen Runde erweckt hatte.

Als wir an der Thüre ankamen, blieben wir stehen, und blickten uns einen Augenblick lang schweigend an.

– Nun denn! Was wollen Sie von mir, mein lieber Herr Albert? sagte meine Unbekannte lächelnd zu mir.

– Ich wollte Ihnen sagen, meine liebe Demoiselle Solange, daß es nicht der Mühe werth war, uns zu begegnen, um uns so schnell wieder zu verlassen.

– Ich bitte Sie Tausend Male um Verzeihung. Ich finde, daß es im Gegentheile ganz der Mühe werth war, – weil, wenn ich Ihnen nicht begegnet wäre, man mich auf die Wache geführt hätte; – man hätte erkannt, daß ich nicht die Tochter der Mutter Ledieu bin; – man hätte entdeckt, daß ich eine Aristokratin wäre, und man hätte mir sehr wahrscheinlicher Weise den Hals abgeschnitten.

– Sie gestehen also, daß Sie eine Aristokratin sind?

– Ich. ich gestehe Nichts.

– Nun denn, sagen Sie mir zum Mindesten Ihren Namen.

– Solange.

– Sie wissen wohl, daß dieser Name, den ich Ihnen auf den Zufall hin gegeben habe, nicht der Ihrige ist.

– Gleich viel! Ich liebe und behalte ihn. . . zum Mindesten für Sie.

– Wozu haben Sie nöthig ihn für mich zu behalten, wenn ich Sie nicht wiedersehen darf?

– Das sage ich nicht. Ich sage nur, daß, wenn wir uns wiedersehen, es ebenso unnöthig ist, daß Sie wissen, wie ich heiße, als daß ich weiß, wie Sie heißen. Ich habe Sie Albert genannt, behalten Sie diesen Namen Albert, wie ich den Namen Solange behalte.

– Wohlan! Es sei; aber hören Sie, Solange, sagte ich zu ihr.

– Ich höre Sie, Albert, antwortete sie.

– Sie sind eine Aristokratin, Sie gestehen es?

– Wenn ich es nicht gestände, so würden Sie es errathen, nicht wahr? Mein Geständniß verliert demnach viel von seinem Verdienste.

– Und in Ihrer Eigenschaft als Aristokratin werden Sie verfolgt?

– Es findet wohl etwas derartiges statt.

– Und Sie verbergen sich, um den Verfolgungen auszuweichen?

– Straße Fèrou, Nr. 24. bei der Mutter Ledieu, deren Gatte Kutscher meines Vaters gewesen ist. Sie sehen, daß ich keine Geheimnisse für Sie habe.

– Und Ihr Vater?

– Ich habe keine Geheimnisse für Sie, mein lieber Herr Albert, so lange als diese Geheimnisse die meinigen sind; aber die Geheimnisse meines Vaters sind nicht die meinigen. Mein Vater verbirgt sich seiner Seits, bis daß er eine Gelegenheit zum Auswandern findet. Das ist Alles, was ich Ihnen sagen kann.

– Und Sie. was gedenken Sie zu thun?

– Mit meinem Vater abzureisen, wenn das möglich ist; wenn es unmöglich ist, ihn allein abreisen zulassen und ihm später zu folgen.

– Und heute Abend, als Sie verhaftet worden sind, kehrten Sie von Ihrem Vater zurück?

– Ich kehrte von ihm zurück.

– Hören Sie mich an, liebe Solange!

– Ich höre Sie an.

– Sie haben gesehen, was sich heute Abend zugetragen hat?

– Ja, und das hat mir einen Maßstab Ihres Ansehens gegeben.

– O! Mein Ansehen ist unglücklicher Weise nicht groß. Ich habe indessen einige Freunde.

– Ich habe heute Abend die Bekanntschaft des einen von ihnen gemacht.

– Und wie Sie wissen, gehört dieser mit zu den minder mächtigen Männern der Zeit.

– Sie gedenken keinen Einfluß anzuwenden, um die Flucht meines Vaters zu unterstützen?

– Nein, ich behalte ihn für Sie vor.

– Und für meinen Vater?

– Für ihren Vater habe ich ein anderes Mittel.

– Sie haben ein anderes Mittel! ruf Solange aus, indem sie sich meiner Hände bemächtigte und mich voll Bangigkeit anblickte.

– Werden Sie mich in gutem Andenken behalten, wenn ich Ihren Vater rette?

– O! Ich werde Ihnen mein ganzes Leben lang dankbar sein.

Und sie sprach diese Worte mit einem liebenswürdigen Ausdrucke im Voraus gehegter Dankbarkeit aus.

Indem sie mich hierauf anblickte, fragte sie mit einem bittenden Tone:

– Aber wird Ihnen das genug sein?

– Ja, antwortete ich.

– Nun denn! Ich hatte mich nicht geirrt, Sie sind ein edles Herz. Ich danke Ihnen im Namen meines Vaters und dem meinigen, und wenn es Ihnen in der Zukunft nicht gelingen sollte, so bin ich Ihnen nichts desto weniger für die Vergangenheit verpflichtet.

– Wann werden wir uns wiedersehen, Solange?

– Sobald Sie mich wieder zu sehen nöthig haben.

– Ich hoffe, daß ich Ihnen morgen irgend etwas Gutes mitzutheilen habe.

– Wohlan! sehen wir uns morgen wieder.

– Wo das?

– Hier, wenn Sie wollen.

– Hier, auf der Straße?

– Ei! mein Gott! Sie sehen, daß das noch das Sicherste ist; seit einer halben Stunde, welche wir vor dieser Thür sprechen, ist keine einzige Person vorübergekommen.

– Warum sollte ich nicht zu Ihnen hinaufkommen, oder warum sollten Sie nicht zu mir kommen?

– Weil, wenn Sie zu mir kommen, Sie diese wackeren Leute compromittiren, welche mir eine Zuflucht gewährt haben; weil, wenn ich zu Ihnen komme, ich Sie compromittire.

– Wohlan! es sei, ich werde die Karte einer meiner Verwandten nehmen, und sie Ihnen geben.

– Ja, damit man Ihre Verwandte guillotinirt, wenn ich zufällig vethaftet würde.

– Sie haben Recht, ich werde Ihnen eine Karte auf den Namen Solange bringen.

– Vortrefflich! Sie werden sehen, daß Solange am Ende mein einziger und wahrer Name werden wird.

– Ihre Stunde?

– Dieselbe, zu welcher wir uns heute getroffen,hoben.

– Um zehn Uhr, wenn Sie wollen.

– Es sei, um zehn Uhr.

– Und wie werden wir uns begegnen?

– O! das ist nicht sehr schwierig. Sie werden um fünf Minuten vor zehn Uhr an der Thür sein; um zehn Uhr werde ich herabkommen.

– Also morgen um zehn Uhr, liebe Solange.

– Morgen um zehn Uhr, lieber Albert.

Ich wollte ihr die Hand küssen, sie bot mir die Stirn.

Am folgenden Abend war ich um halb zehn Uhr in der Straße.

Ein Viertel vor zehn Uhr machte Solange die Thür auf.

Jeder von uns war der Stunde zuvorkommen.

Ich that nur einen Sprung bis zu ihr.

– Ich sehe, daß Sie gute Nachrichten haben, sagte sie lächelnd.

– Vortreffliche; zuvörderst ist hier Ihre Karte.

– Zuvörderst mein Vater, und sie wies meine Hand zurück.

– Ihr Vater ist gerettet, wenn er es will.

– Wenn er es will, sagen Sie? was muß er thun?

– Er muß Vertrauen zu mir haben.

– Das ist eine abgemachte Sache.

– Sie haben ihn gesehen?

– Ja.

– Sie haben sich der Gefahr ausgesetzt?

– Das ist nicht zu ändern, es muß sein; aber Gott ist da!

– Und Sie haben Ihrem Vater Alles gesagt,?

– Ich habe ihm gesagt, daß Sie mir gestern das Leben gerettet hätten, und daß Sie ihm vielleicht morgen das Leben retten würden.

– Morgen, – ja, gerade morgen rette ich ihm das Leben, wenn er will.

– Wie das? sagen Sie, lassen Sie hören, sprechen Sie. Welche wundervolle Begegnung ich gemacht hätte, wenn Alles das gelänge!

– Nur, sagte ich zögernd zu ihr.

– Nun denn?

– Sie werden nicht mit ihm abreisen können.

– Was das anbetrifft, habe ich Ihnen nicht gesagt, daß mein Entschluß gefaßt wäre?

– Außerdem bin ich sicher, späterhin einen Paß für Sie zu erhalten.

– Sprechen wir zuvörderst von meinem Vater, wir werden nachher von mir sprechen.

– Wohlan! ich habe Ihnen gesagt, daß ich Freunde hätte, nicht wahr?

– Ja.

– Ich habe heute einen derselben besucht.

– Weiter?

– Einen Mann, dessen Namen Sie kennen, und dessen Name eine Bürgschaft des Muthes, der Rechtschaffenheit und der Ehre ist.

– Und dieser Name ist. . .

– Marceau.

– Der General Marceau?

– Ganz recht.

– Sie haben Recht, wenn dieser versprochen hat, so wird er Wort halten.

– Nun denn! er hat versprochen.

– Mein Gott! wie glücklich Sie mich machen! lassen Sie hören, was hat er versprochen? sagen Sie.

– Er hat versprochen uns zu dienen.

– Wie das?

– Ah! auf eine sehr einfache Weise. Kleber hat ihn zum kommandirenden General des Westens ernennen lassen. Er geht morgen Abend ab.

– Morgen Abend; aber wir werden nicht Zeit haben, irgend etwas vorzubereiten.

– Wir haben nichts vorzubereiten.

– Ich verstehe Sie nicht.

– Er nimmt Ihren Vater mit.

– Meinen Vater?

– Ja, als Secretär. In der Vendée angelangt, gibt Ihr Vater Morceau sein Wort, nicht gegen Frankreich zu dienen, und eines Nachts erreicht er das Vendéeische Lager; von der Vendée geht er nach der Bretagne, und von da nach England. Wenn er in London angekommen ist, läßt er Ihnen Nachrichten zukommen; ich verschaffe Ihnen einen Paß, und Sie gehen zu ihm nach London.

– Morgen! rief Solange aus. Mein Vater würde morgen abreisen!

– Aber es ist keine Zeit zu verlieren.

– Mein Vater ist nicht benachrichtigt.

– Benachrichtigen Sie ihn.

– Heute Abend?

– Heute Abend.

– Aber wie, zu dieser Stunde?

– Sie haben eine Karte und meinen Arm.

– Sie haben Recht, – meine Karte.

Ich gab sie ihr; sie steckte sie in ihren Busen.

– Jetzt, Ihren Arm.

Ich gab ihr meinen Arm, und wir brachen auf.

Wir gingen bis noch dem Platze Taranne hinab, das heißt bis nach dem Orte, wo ich ihr am Abende zuvor begegnet war.

– Erwarten Sie mich hier, sagte sie zu mir.

Ich verneigte mich und wartete.

Sie verschwand an der Ecke des ehemaligen Hotels Matignon; – dann erschien sie nach Verlauf einer Viertelstunde wieder.

– Kommen Sie, sagte sie, mein Vater will Sie sehen und Ihnen danken.

Sie nahm meinen Arm wieder, und führte mich in die Straße Saint Guillaume dem Hotel Mortemart gegenüber.

Dort angelangt, nahm sie einen Schlüssel aus ihrer Tasche, schloß eine kleine Thür auf, nahm mich bei der Hand, führte mich bis auf den zweiten Stock und klopfte auf eine eigenthümliche Weise an.

Ein Mann von acht und vierzig bis fünfzig Jahren machte die Thür auf. Er war als Arbeiter gekleidet, und schien das Gewerbe eines Buchbinders zu betreiben.

Aber bei den ersten Worten, welche er mir sagte, bei den ersten Danksagungen, die er an mich richtete, hatte sich der vornehme Herr verrathen.

– Mein Herr, sagte er zu mir, die Vorsehung sendet Sie uns, und ich empfange Sie wie einen Abgesandten der Vorsehung. Ist es wahr, daß Sie mich retten können, und besonders, daß Sie mich retten wollen?

Ich erzählte ihm Alles, ich sagte ihm, wie Marceau es übernehme, ihn als Secretär mitzunehmen, und nichts Anderes von ihm verlangte, als das Versprechen, nicht die Waffen gegen Frankreich zu tragen.

– Dieses Versprechen gebe ich Ihnen von ganzem Herzen, und ich werde es ihm erneuern.

– Ich danke Ihnen dafür in seinem Namen und in dem meinigen.

– Aber wann geht Marceau ab?

– Morgen.

– Muß ich mich heute Nacht zu ihm begeben?

– Wann Sie wollen, er wird Sie immer erwarten. Der Vater und die Tochter sahen einander an.

– Ich glaube, daß es weit vorsichtiger sein würde, sich heute Abend zu ihm zu begeben, mein Vater, sagte Solange.

– Es sei. Aber wenn man mich anhält, ich habe keine Bürgerkarte.

– Hier ist die meinige.

– Aber Sie?

– O! ich bin bekannt.

– Wo wohnt Marceau?

– Strafe der Universität, Nr. 40, bei seiner Schwester, Mademoiselle Desgraviers Marceau.

– Werden Sie mich dorthin begleiten?

– Ich werde Ihnen folgen, um Mademoiselle zurück führen zu können, sobald Sie eingetreten sind.

– Und wie wird Marceau wissen, daß ich der Mann bin, von dem Sie mit ihm gesprochen haben?

– Sie werden ihm diese dreifarbige Kokarde geben, sie ist das Erkennungszeichen.

– Was werde ich für meinen Retter thun?

– Sie werden mich mit der Rettung Ihrer Tochter beauftragen, wie sie mich mit der ihrigen beauftragt hat.

– Gehen wir.

Er setzte seinen Hut auf und löschte die Lichter aus.

Wir gingen bei dem Scheine des Mondes hinab, der durch die Fenster der Treppe fiel.

An der Thür nahm er den Arm seiner Tochter, wandte sich rechts und erreichte durch die Straße des Saint Pères die Straße der Universität.

Ich folgte ihnen immer in der Entfernung von zehn Schlitten.

Man gelangte an die Nr. 40, ohne irgend Jemand begegnet zu sein.

Ich näherte mich ihnen.

– Das ist von guter Vorbedeutung, sagte ich; wollen Sie jetzt, daß ich warte, oder daß ich mit Ihnen hinaufgehe?

– Nein, compromittiren Sie Sich nicht weiter; erwarten Sie meine Tochter hier.

Ich verneigte mich.

– Haben Sie nochmals Dank und leben Sie wohl, sagte er zu mir, indem er mir die Hand reichte. Die Sprache hat keine Worte, um die Gefühle auszudrücken, die ich Ihnen gewidmet habe. Ich hoffe, daß mich Gott eines Tages in den Stand setzen wird, Ihnen meine ganze Dankbarkeit auszudrücken.

Ich antwortete ihm durch einen einfachen Händedruck.

Er trat ein. Solange folgt ihm, aber auch sie drückte mir die Hand, bevor sie eintrat.

Nach Verlauf von zehn Minuten öffnete sich die Thür wieder.

– Nun denn? sagte ich zu ihr.

– Nun denn? erwiderte sie, Ihr Freund ist ganz würdig, Ihr Freund zu sein; – das heißt, daß er jedes Zartgefühl besitzt. – Er sieht ein, daß ich glücklich sein würde bei meinem Vater bis zu dem Augenblicke seiner Abreise zu bleiben. Seine Schwester läßt mir ein Bett in ihrem Zimmer zurecht machen. Morgen Nachmittag um drei Uhr wird mein Vater außer aller Gefahr sein. Wenn Sie glauben, daß der Dank einer Tochter, welche Ihnen ihren Vater verdanken wird, der Mühe werth ist sich zu bemühen, so kommen sie morgen Abend um zehn Uhr, ihn in der Straße Fèrou zu holen.

– O! gewiß, ich werde hingehen. Hat Ihnen Ihr Vater nichts für mich gesagt?

– Er dankt Ihnen für Ihre Karte, die ich Ihnen hier zurückbringe, und bittet Sie, mich so bald als es Ihnen möglich sein würde, ihm nachzusenden.

– Das wird geschehen, wann Sie es wünschen, Solange, antwortete ich mit beklommenem Herzen.

– Ich muß zum Mindesten wissen, wo ich meinen Vater finde, sagte sie, dann fügte sie lächelnd hinzu: – O! Sie sind meiner noch nicht entledigt.

Ich ergriff ihre Hand und drückte sie an mein Herz. Aber, indem sie mir wie am Abende zuvor die Stirn bot, sagte sie:

– Auf morgen.

Und indem ich meine Lippen auf ihre Stirn drückte, drückte ich nicht mehr allein ihre Hand an mein Herz, sondern ihr bebender Busen, ihr klopfendes Herz berührte das meine.

Ich kehrte von Herzen so vergnügt nach Haus zurück, wie ich es niemals gewesen war. War es das Bewußtsein der guten That, welche ich vollbracht hatte, oder liebte ich bereits das liebenswürdige Wesen?

Ich weiß nicht ob ich schlief, oder ob ich wachte; ich weiß nur, daß alle Harmonien der Natur in mir sangen; ich weiß nur, daß die Nacht mir endlos, der Tag mir unermeßlich schien; ich weiß nur, daß, indem ich immerhin die Zeit drängte, ich sie hätte zurückhalten mögen, um nicht eine Minute der Tage zu verlieren, die ich noch zu leben hatte.

Am folgenden Tage war ich um neun Uhr in der Straße Fèrou.

Um halb zehn Uhr erschien Solange.

Sie kam auf mich zu, und schlang mir die Arme um den Hals.

– Gerettet, sagte sie, mein Vater ist gerettet, und Sie sind es, dem ich seine Rettung verdanke! O! wie ich Sie liebe!

Vierzehn Tage nachher empfing Solange einen Brief, welcher ihr meldete, daß ihr Vater in England war.

Am folgenden Tage brachte ich ihr einen Paß.

Indem sie ihn empfing, brach Solange in Thränen aus.

– Sie lieben mich also nicht? sagte sie.

– Ich liebe Sie mehr als mein Leben, antwortete ich; aber ich habe Ihrem Vater mein Wort verpfändet, und ich muß vor Allem mein Wort halten.

– Dann, sagte sie, bin ich es, die ich das meinige brechen wird. Wenn Du den Muth hast mich abreisen zu lassen, Albert, so habe ich nicht den Muth, Dich zu verlassen.

Ach! sie blieb.




VII.

Albert


Wie bei der ersten Unterbrechung der Erzählung des Herrn Ledru entstand ein Augenblick des Schweigens.

Ein noch mehr als das erste Mal geehrtes Schweigen, denn man fühlte, daß man sich dem Ende der Geschichte nähere, und Herr Ledru hatte gesagt, daß er vielleicht nicht die Kraft haben würde diese Geschichte zu endigen.

Aber fast sogleich begann er wieder.

Drei Monate waren seit diesem ersten Abende verflossen, an welchem die Rede von der Abreise Solanges gewesen war, und seit diesem Abende war kein Wort von Trennung ausgesprochen worden.

Solange hatte eine Wohnung in der Straße Taranne gewünscht. Ich hatte sie unter dem Namen Solange gemiethet; ich kannte keinen andern von ihr, wie sie keinen andern als Albert von mir kannte. Ich hatte sie in eine Erziehungsanstalt junger Mädchen als Unterlehrerin eintreten lassen, und das, um sie weit sicherer den Nachforschungen der Revolutionspolizei zu entziehen, die weit thätiger als jemals geworden war.

Die Sonntage und die Donnerstage brachten wir mit einander in dieser kleinen Wohnung der Straße Taranne zu; von dem Fenster des Schlafzimmers aus sahen wir den Platz, auf welchem wir einander zum ersten Male begegnet waren.

Jeden Tag empfingen wir einen Brief, sie unter dem Namen Solange, ich unter dem Namen Albert.

Diese drei Monate waren die glücklichsten meines Lebens gewesen.

Ich hatte indessen nicht auf diesen Plan verzichtet, den ich in Folge meiner Unterhaltung mit dem Knechte des Scharfrichters gefaßt hatte.

Ich hatte die Erlaubniß verlangt und erhalten, Versuche über die Fortdauer des Lebens nach der Hinrichtung anzustellen, und diese Versuche hatten mir bewiesen, daß der Schmerz die Hinrichtung überlebte und schrecklich sein müßte.

– Ah! dem widerspreche ich! rief der Doctor aus.

– Sagen Sie an, begann Herr Ledru wieder, werden Sie leugnen, daß das Beil an dem Orte unseres Körpers trifft, welcher wegen der Nerven, die dort vereinigt sind, am Empfindlichsten ist? Werden Sie leugnen, daß der Hals alle Nerven der oberen Glieder enthält; den Nervus sympathicus, den Vagus, den Phremius, endlich das Rückenmark, aus denen alle Nerven entspringen, welche den untern Gliedern angehören? Werden Sie leugnen, daß die Brechung, daß die Zerschmetterung der knochigen Wirbelsäule einen der gräßlichsten Schmerzen hervorbringen muß, welche ein menschliches Geschöpf zu empfinden vermag?

– Es sei, sagte der Doctor; aber dieser Schmerz dauert nur einige Sekunden.

– O! dem widerspreche ich nun meinerseits, lief Herr Ledru mit inniger Ueberzeugung aus, und dann, wenn er auch nur einige Sekunden dauern sollte, so bleiben wahrend dieser wenigen Sekunden das Gefühl, die Persönlichkeit, das Ich lebendig; der Kopf hört, sieht, fühlt und beurtheilt die Trennung von seinem Dasein, und wer vermag zu sagen, ob die kurze Dauer des Leidens den gräßlichen Schmerz dieses Leidens ausgleichen kann.[1 - Wir verweilen nicht bei einem solchen Gegenstande, um mit kaltem Blute das Gräßliche zu schildern, aber es scheint uns, daß in dem Augenblicks, wo man sich ernstlich mit Abschaffung der Todesstrafe beschäftigt, eine solche Abhandlung nicht überflüssig sein mögte.]

– Nach Ihrer Meinung war also die constituirende Versammlung, welche die Guillotine an die Stelle des Galgens hat treten lassen, in einem menschenfreundlichen Irrthume, und es wäre besser, gehangen als enthauptet zu werden?



– Ohne allen Zweifel, viele sind gehangen oder gehangen gewesen, die wieder in das Leben zurückgekehrt sind. – Nun! diese haben die Empfindung schildern können, welche sie empfunden haben. – Es ist die eines Schlagflusses, – das heißt eines tiefen Schlafes ohne irgend einen besonderen Schmerz, ohne irgend das Gefühl irgend einer Angst, eine Art von Flamme, die vor den Augen sprüht, und die allmählig sich in eine blaue Farbe, dann in Dunkelheit verwandelt, wenn man in Ohnmacht fällt. Und in der That, Doctor, Sie wissen das besser als irgend Jemand. Der Mensch, dessen Gehirn man mit dem Finger an einer Stelle drückt, wo ein Stück des Schädels fehlt, dieser Mensch empfindet keinen Schmerz, nur schläft er ein. Nun denn! dasselbe Phänomen ereignet sich, wenn das Gehirn durch eine Aufhäufung des Blutes zusammengedrückt ist. – Nun aber häuft sich bei den Gehangenen das Blut auf, zuvörderst, weil es durch die Adern des Rückgrates in das Gehirn dringt, welche, da sie durch die knochigen Kanäle des Halses gehen, nicht zusammengedrückt werden können, und dann, weil es, indem es wieder durch die Adern des Halses zurückzuströmen sucht, durch die Bande aufgehalten wird, welche den Hals und die Adern zuschnüren.

– Es sei, sagte der Doctor, aber lassen Sie uns auf die Versuche zurückkommen. Es drängt mich, zu diesem merkwürdigen Kopfe zu kommen, der gesprochen hat.

Ich glaubte einen Seufzer aus der Brust des Herrn Ledru entschlüpfen zu hören. – Sein Gesicht konnte ich nicht sehen, denn es war gänzlich stacht. —

– Ja, sagte er, ich komme in der Thal von meinem Gegenstand ab, Doctor kommen wir auf meine Versuche zurück.

Unglücklicher Weise fehlten die Gegenstände dazu nicht.

Wir waren in der Zeit, wo die meisten Hinrichtungen stattfanden, man guillotinirte dreißig bis vierzig Personen täglich, und es floß eine so große Masse von Blut auf dem Revolutionsplatze, daß man genöthigt gewesen war, einen drei Fuß tiefen Graben um das Schaffot herum anzubringen.

Dieser Graben war mit Brettern zugedeckt.

Eines dieser Bretter drehte sich unter dem Fuße eines Kindes von acht bis zehn Jahren, das in diesen abscheulichen Graben fiel und darin ertrank.

Es versteht sich von selbst, daß ich mich wohl hütete, Solange zu sagen, womit ich mich am Tage, wo ich sie nicht sah, beschäftigte; übrigens muß ich gestehen, daß ich Anfangs einen so heftigen Widerwillen gegen diese armen menschlichen Ueberreste empfand, daß mich der nachträgliche Schmerz, welchen meine Versuche vielleicht der Hinrichtung hinzufügten erschreckte. – Aber am Ende hatte ich mir gesagt, daß die Studien, denen ich mich hingab, der ganzen menschlichen Gesellschaft zum Nutzen gereichen könnten, weil, wenn es mir jemals gelänge, meine Überzeugungen einer Versammlung von Gesetzgebern theilen zu lassen, es mir vielleicht gelingen würde, die Todesstrafe abschaffen zu lassen.

In dem Maße, als meine Versuche Resultate lieferten, schrieb ich sie in einer Denkschrift nieder,

Nach Verlauf von zwei Monaten hatte ich über die Fortdauer des Lebens nach der Hinrichtung alle die Versuche angestellt, welche man machen kann. Ich beschloß, diese Versuche mit Hilfe des Galvanismus und der Electricität noch weiter zu treiben, wenn es möglich wäre.

Man überließ mir den Friedhof von Clamart, und stellte alle Köpfe und alle Leichen der Hingerichteten zu meiner Verfügung.

Man hatte eine kleine Kapelle, welche in der Ecke des Friedhofes erbaut war, für mich in ein Laboratorium umgewandelt. Wie Sie wissen, verjagte man Gott aus seinen Kirchen, nachdem man die Könige aus ihren Palästen verjagt hatte.

Ich hatte dort eine Electrisirmaschine und drei bis vier jener Instrumente, welche man Auslader (electrische Flaschen) nennt.

Gegen fünf Uhr langte der schreckliche Leichenwagen an. Die Leichen befanden sich bunt durcheinander auf dem Karren, die Köpfe bunt durcheinander in einem Sacke.

Ich nahm auf den Zufall hin ein bis zwei Köpfe und ein bis zwei Leichen; die übrigen warf man in die gemeinsame Gruft.

Am folgenden Tage wurden die Köpfe und die Leichen, an denen ich am Tage zuvor Versuche angestellt hatte, den neuesten Transporten hinzugefügt. Mein Bruder half mir fast immer bei diesen Versuchen.

Unter diesen Berührungen mit dem Tode, wuchs meine Liebe für Solange mit jedem Tage. Das arme Kind liebte mich ihrer Seits mit aller Kraft ihres Herzens.

Sehr oft hatte ich daran gedacht, sie zu meiner Gattin zu machen, sehr oft hatten wir das Glück einer solchen Verbindung ermessen; aber, um meine Gattin zu werden, mußte Solange ihren wahren Namen nennen, und ihr Name, der Name eines Ausgewanderten, eines Aristokraten, eines Geächteten, hatte den Tod im Gefolge.

Ihr Vater hatte ihr verschiedene Male geschrieben, um ihre Abreise zu beschleunigen, aber sie hatte ihm unsere Liebe gestanden. Sie hatte ihn um seine Einwilligung zu unserer Verheirathung gebeten, welche er bewilligt hatte; es ging daher von dieser Seite Alles gut.

Unter alle den schrecklichen Processen hatte uns indessen ein Proceß, der noch weit schrecklicher war, als die andern, beide tief betrübt.

Es war der Proceß der Königin Maria Antoinette.

Am 4. October begonnen, wurde dieser Proceß mit Tätigkeit betrieben; am 14. October war sie vor dem Revolutionstribunale erschienen; am 16. war sie um vier Uhr Morgens verurtheilt worden, und um eilf Uhr des selben Tages hatte sie das Schaffot bestiegen.

Am Morgen hatte ich einen Brief von Solange erhalten, welche mir schrieb, daß sie einen solchen Tag nicht vorübergehen lassen wollte, ohne mich zu sehen.

Gegen zwei Uhr kam ich nach unserer kleinen Wohnung der Straße Talanne, und fand Solange ganz in Thränen. Ich war selbst über diese Hinrichtung tief erschüttert. Die Königin war in meiner Jugend so gütig gegen mich gewesen, daß ich eine tiefe Erinnerung an diese Güte bewahrt hatte.

O! Ich werde mich dieses Tages immer erinnern; es war ein Mittwoch, es herrschte in Paris mehr als Traurigkeit, es herrschte Schrecken.

Ich selbst empfand eine seltsame Entmuthigung, Etwas wie die Ahnung eines großen Unglückes. Ich hatte versuchen wollen. Solange wieder Kräfte zu verleihen, welche in meine Arme zurückgeworfen weinte, und die tröstenden Worte hatten mir gefehlt, weil kein Trost in meinem Herzen war.

Wir brachten die Nacht wie gewöhnlich mit einander zu; unsere Nacht war noch weit trauriger als unser Tag. Ich erinnere mich, daß ein in einem Zimmer über den unsrigen eingeschlossener Hund bis gegen zwei Uhr Morgens heulte.

Am folgenden Morgen erkundigten wir uns; sein Herr war ausgegangen, indem er den Schlüssel mitnahm, auf der Straße war er verhaftet und vor das Revolutionstribunal geführt, um drei Uhr verurtheilt, und um vier Uhr schon hingerichtet worden.

Wir mußten uns trennen, die Unterrichtsstunden Solanges begannen um neun Uhr Morgens. Ihr Pensionat befand sich in der Nähe des Jardin des Plantes. Ich zögerte lange sie gehen zu lassen. – Sie selbst konnte sich nicht entschließen mich zu verlassen. – Aber zwei Tage außerhalb zu bleiben, hieß sich Nachforschungen aussetzen, welche in der Lage Solanges immer gefährlich waren.

Ich ließ einen Wagen kommen, und begleitete sie bis an die Ecke der Straße des Fossés-Saint-Bernard; – dort stieg ich aus, und sie setzte ihren Weg fort. Während des ganzen Weges hatten wir uns umarmt gehalten, ohne ein Wort auszusprechen, indem wir die Bitterkeit unserer Thränen, welche bis auf unsere Lippen flossen, mit dem Schmerze unserer Küsse vereinigten.

Ich stieg aus dem Fiaker; aber statt mich nach meiner Wohnung zu entfernen, blieb ich auf denselben Platz gefesselt, um länger den Wagen zu sehen, der sie fortführte. – Nach Verlauf von zwanzig Schritten hielt der Wagen, Solange streckte ihren Kopf aus dem Schlage, wie als ob sie errathen hätte, daß ich noch da wäre. – Ich eilte zu ihr. Ich stieg wieder in den Fiaker und verschloß die Fenster. Ich drückte sie noch ein Mal m meine Arme, aber es schlug neun Uhr am Thurme Saint-Etienne-du-Mont. – Ich trocknete ihre Thränen ab, – ich verschloß ihre Lippen mit einem Kusse, und indem ich aus dem Wagen sprang, entfernte ich mich im Laufe.

Es schien mir, daß Solange mich zurückriefe, aber diese Thränen, all dieses Zögern, konnte bemerkt werden. Ich hatte den unglückseligen Muth, mich nicht umzuwenden.

Ich kehrte verzweifelt nach Haus zurück. Ich brachte den Tag damit zu, an Solange zu schreiben; am Abend sandte ich ihr einen Band.

Ich hatte soeben meinen Brief auf die Post geworfen, als ich einen von ihr erhielt.

Es war sehr mit ihr gezankt worden; man hätte eine Menge Fragen an sie gerichtet und ihr gedroht ihr ihren nächsten Ausgang zu nehmen.

Ihr nächster Ausgang war der bevorstehende Sonntag; aber Solange schwor mir, daß sie in jedem Falle, sollte sie auch mit der Vorsteherin der Erziehungsanstalt brechen, mich an diesem Tage sehen würde.

Auch ich schwor es; es schien mir, wenn ich sie sieben Tage lang nicht sehen würde, was geschähe, wenn sie ihren ersten Ausgang nicht benutzte, ich wahnsinnig werden würde.

Um so mehr, als Solange einige Besorgniß ausdrückte. Ein von ihrem Vater angekommener Brief, den sie bei ihrem Nachhausekommen gefunden hatte, schien ihr erbrochen gewesen zu sein.

Ich brachte eine schlimme Nacht zu und nach ihr einen noch schlimmeren Tag. Ich schrieb wie gewöhnlich an Solange, und da es der Tag meiner Versuche war, so ging ich gegen drei Uhr zu meinem Bruder, um ihn mit nach Clamart zu nehmen.

Mein Bruder war nicht zu Haus; ich ging allein. Es war ein gräßliches Wetter; die verwaiste Natur ergoß sich in Regen, in diesen kalten und strömenden Regen, der den Winter meldet. Auf meinem ganzen Wege hörte ich die öffentlichen Ausrufer mit heiserer Stimme die Liste der Verurtheilten des Tages kreischen; sie war zahlreich; es befanden sich darunter Männer, Frauen und Kinder. Die blutige Ernte war reich, und es konnte mir nicht an Gegenständen für die Sitzung fehlen, welche ich für den Abend zu machen im Begriffe stand.

Die Tage endigten frühzeitig. Um vier Uhr kam ich nach Clamart; es war fast Nacht.

Der Anblick dieses Friedhofes mit seinen ungeheuren frisch aufgehäuften Gräbern, mit seinen seltenen und in dem Winde wie Skelette klappernden Bäumen, war traurig und fast abscheulich.

Alles, was nicht umgegrabene Erde war, war Gras, Disteln oder Brennnesseln. Jeden Tag erfüllte die aufgegrabene Erde die grüne Erde.

Unter allen diesen Hügeln des Bodens stand das Grab des Tages weit offen und erwartete seine Beute; man war von dem Zuwachse der Verurteilten benachrichtigt, und das Grab war weit größer als gewöhnlich.

Ich näherte mich ihm unwillkürlich. Der ganze Grund war voller Wasser; arme, nackte und kalte Leichen, welche man in dieses wie sie kalte Wasser werfen würde!

Als ich an das Grab gelangte, glitt mein Fuß aus, und ich wäre beinahe hinein gefallen; meine Haare sträubten sich. Ich war durchnäßt, ich hatte Fieberschauder; ich ging nach meinem Laboratorium.

Es war, wie ich gesagt habe, eine ehemalige Kapelle; ich suchte mit den Augen (warum suchte ich? Ich weiß es nicht), ich suchte mit den Augen, ob nicht an der Wand oder auf dem,, was der Altar gewesen war, irgend ein Zeichen des Gottesdienstes geblieben wäre. Die Wand war nackend, der Altar kahl. An der Stelle, wo sich ehemals der Tabernakel, das heißt Gott, das heißt das Leben, befunden halte, befand sich ein seines Fleisches und seiner Haare beraubter Schädel, das heißt der Tod, das heißt das Nichts.

Ich zündete mein Licht an, stellte es auf den Tisch, der zu meinen Versuchen diente, und dem ganz mit jenen Werkzeugen von seltsamer Form bedeckt war, die ich selbst erfunden hatte, und setzte mich tiefsinnig; – an was dachte ich? – an die arme Königin, welche ich so schön, so glücklich, so geliebt gesehen hatte; die am Tage zuvor, von den Verwünschungen eines ganzen Volkes verfolgt, auf einem Karren nach dem Schaffotte geführt worden war, und die jetzt, mit dem Rumpfe ohne Kopf, in dem Sarge der Armen schlief; sie, welche unter dem vergoldeten Getäfel der Tuilerien, von Versailles und von Saint-Cloud geschlafen hatte.

Während ich mich in diese traurigen Träumerein versenkte, verdoppelte sich der Regen, der Wind zog in gewaltigen Stößen vorüber, indem er seine schaurige Klage zwischen den Zweigen der Bäume, zwischen den Stengeln der Kräuter verbreitete, die er erbeben ließ.

Mit diesem Getöse vereinigte sich bald etwas wie ein schauriges Rollen des Donners; nur statt in den Wolken zu grollen, rollte dieser Donner auf dem Boden, den er erbeben ließ.

Es war das Rollen des rothen Karrens, der von dem Revolutionsplatze zurückkehrte, und in Clamart einfuhr.

Die Thüre der kleinen Kapelle ging auf, und zwei von Regen triefende Männer traten mit einem Sacke ein.

Der eine war derselbe Legros, den ich im Gefängisse besucht hatte, der Andere war ein Todtengräber.

– Hier, Herr Ledru, sagte der Knecht des Scharfrichters zu mir, hier ist Ihre Sache; – Sie haben heute Abend nicht nöthig sich zu eilen; – wir lassen Ihnen den ganzen Pack da; – morgen wird man sie begraben; – es wird Tag sein; – sie werden sich keinen Schnupfen dadurch zuziehen, eine Nacht im Freien zugebracht zu haben.

Und mit einem abscheulichen Gelächter stellten diese beiden Besoldeten des Todes ihren Sack in die Ecke neben den ehemaligen Altar zu meiner Linken vor mich.

Hierauf entfernten sie sich, ohne die Thüre wieder zuzumachen, welche in ihrer Einlassung zu schlagen begann, indem sie Stöße des Windes eindringen ließ, welche die Flamme meines Lichtes bewegten, die bleich und so zu sagen sterbend längs ihrem geschwärzten Dochte aufstieg.

Ich hörte sie das Pferd abspannen, den Friedhof verschließen und sich entfernen, indem sie den Karren voller Leichen zurückließen.

Ich hatte große Lust gehabt mit ihnen fortzugehen; aber ich weiß nicht, warum mich irgend Etwas, – ganz schaudernd, – auf meinem Platze zurückhielt. Gewiß hatte ich keine Furcht; aber das Tosen des Windes, das Peitschen des Regens, das Knarren der Bäume, welche sich biegen, das Pfeifen dieser Luft, welche mein Licht zittern ließ, – alles das verbreitete über mein Haupt ein unbestimmtes Entsetzen, das sich von der feuchten Wurzel meiner Haare über meinen ganzen Körper verbreitete.

Plötzlich schien es mir, als ob eine sanfte und zugleich klagende Stimme, eine Stimme, welche aus dem inneren Raume der Kapelle selbst erschallte, den Namen Albert ausspräche.

O! dieses Mal erbebte ich. – Albert!. . . Eine einzige Person auf der Welt nannte mich so.

Meine verwirrten Augen machten langsam die Runde der kleinen Kapelle, deren Wände zu erleuchten mein Licht nicht ausreichte, so eng sie auch war, und verweilten auf dem an die Ecke des Altares gestellten Sacke, dessen blutige Leinwand den grausigen Inhalt andeutete.

In dem Augenblicke, wo meine Augen auf dem Sacke verweilten, wiederholte dieselbe Stimme, aber weit schwächer, aber noch weit klagender, den Namen:

– Albert!

Vor Entsetzen erstarrt richtete ich mich auf; diese Stimme schien aus dem Innern des Sackes zu kommen.

Ich befühlte mich, um mich zu überzeugen, ob ich schliefe oder ob ich wachte; dann schritt ich steif, indem ich wie ein Mann von Stein ging, mit ausgestreckten Armen auf den Sack zu, in welchen ich eine meiner Hände senkte.

Nun schien es mir, als ob noch warme Lippen sich auf meine Hand drückten.

Ich war zu diesem Grade des Schreckens gelangt, wo gerade das Uebermaß des Schreckens uns den Muth wiedergibt. Ich nahm diesen Kopf, und indem ich nach meinem Sessel zurückkehrte, auf welchen ich sank, stellte ich ihn auf den Tisch.

O! Ich stieß einen schrecklichen Schrei aus. Dieser Kopf, dessen Lippen noch warm schienen, dessen Augen halb geschlossen waren, war der Kopf Solanges!

Ich glaubte wahnsinnig zu werden. Ich rief drei Male:

Solange! Solange! Solange!

Bei dem dritten Male öffneten sich die Augen wieder, blickten mich an, ließen zwei Thronen fallen, und indem sie eine feuchte Flamme aussprühten, wie, als ob die Seele ihnen entströmte, schlossen sie sich wieder, um sich nicht mehr zu öffnen.

Ich stand wahnsinnig, sinnlos, rasend auf; ich wollte entfliehen; aber indem ich aufstand, blieb ich mit dem Schooße meines Rockes an dem Tische hängen; der Tisch fiel, zog das Licht nach sich, welches erlosch, der Kopf rollte herab, indem er mich selbst, außer mir, nach sich zog. Nun, auf dem Boden liegend, schien es mir, als ob dieser Kopf auf den Steinplatten dem meinigen zuglitte; seine Lippen berührten meine Lippen, ein eisiger Schauder verbreitete sich durch meinen ganzen Körper; ich stieß ein Stöhnen aus und sank in Ohnmacht.

Am folgenden Tage fanden mich die Todtengräber um sechs Uhr Morgens eben so kalt als die Steinplatten wieder, auf denen ich lag.

Durch den Brief ihres Vaters erkannt, war Solange an demselben Tage verhaftet, verurtheilt, und an denselben Tage hingerichtet worden.

Der Kopf, welcher mich angeredet, die Augen, welche mich angeblickt, die Lippen, welche meine Lippen geküßt hatten, es waren die Lippen, die Augen, der Kopf Solanges!

Sie wissen, Lenoir, fuhr Herr Ledru fort, indem er sich nach dem Chevalier umwandte, daß ich zu jener Zeit beinahe gestorben wäre.




VIII.

Die Katze, der Gerichtsdiener und das Skelett


Die durch die Erzählung des Herrn Ledru hervorgebrachte Wirkung war schrecklich; Niemand von uns dachte daran, gegen diesen Eindruck zu wirken, nicht einmal der Doctor. Von Herrn Ledru angeredet, antwortete der Chevalier Lenoir durch ein einfaches Zeichen der Zustimmung; die bleiche Dame, welche sich einen Augenblick lang auf ihrem Kanapee aufgerichtet hatte, war wieder auf ihre Kissen zurückgesunken, und hatte nur durch einen Seufzer ein Lebenszeichen von sich gegeben; der Polizeicommissär, der in alle dem keinen Stoff zu einer Protokoll-Aufnahme sah, sagte kein Wort. – Was mich anbetrifft, so merkte ich mir alle die Umstände der Catastrophe in meinem Kopfe, um sie darin wiederzufinden, – wenn es mir eines Tages gefallen sollte, sie wieder zu erzählen, – und was Alliette und den Abbé Moulle anbelangt, so ging das Abenteuer zu sehr in ihre Ideen ein, als daß sie es zu bestreiten versuchten.

Der Abbé Moulle brach im Gegentheile zuerst das Schweigen, und indem er in gewisser Art die allgemeine Meinung darstellte, sagte er:

– Ich glaube das, was Sie uns erzählt haben, – mein lieber Ledru; aber wie erklären Sie sich diesen Vorfall, wie man in der materiellen Sprache sagt?

– Ich erkläre mir ihn nicht, sagte Herr Ledru, – ich erzähle ihn; sonst Nichts.

– Ja. wie erklären Sie ihn? fragte der Doctor, – denn am Ende, welches die Fortdauer des Lebens auch sein möge, so werden Sie doch nicht annehmen, daß ein abgeschnittener Kopf nach Verlauf von zwei Stunden spricht, anblickt und handelt.

– Wenn ich es mir erklärt hätte, mein lieber Doctor, sagte Herr Ledru, so würde ich keine so schreckliche Krankheit in Folge dieses Ereignisses bestanden haben.

– Aber am Ende, Doctor, sagte der Chevalier Lenoir, wie erklären Sie es sich selbst? – denn Sie nehmen nicht an, daß Herr Ledru uns eine absichtlich erfundene Geschichte erzählt hat; – seine Krankheit ist gleichfalls eine materielle Thatsache.

– Bei Gott! Eine große Sache, durch eine Verblendung. Herr Ledru hat zu sehen geglaubt, Herr Ledru hat zu hören gelaubt, das ist gerade für ihn, wie, als ob er gesehen oder gehört hätte. – Die Organe, welche die Wahrnehmung dem Sessorium zu führen, – das heißt dem Gehirne, – können durch die Umstände, welche Einfluß auf sie haben, gestört sein; – in diesem Falle trüben sie sich, und indem sie sich trüben, übertragen sie falsche Wahrnehmungen; man glaubt zu hören, man hört; man glaubt zu sehen, und man sieht.

Die Kälte, der Regen, die Dunkelheit hatten die Organe des Herrn Ledru getrübt, das ist Alles. Der Wahnsinnige sieht und hört gleichfalls das, was er zu sehen und zu hören glaubt; die Verblendung ist ein augenblicklicher Wahnsinn; man behält die Erinnerung davon, wenn sie verschwunden ist. Das ist Alles.

– Aber wenn sie nicht verschwindet? fragte der Abbé Moulle.

– Nun denn! Dann wird die Krankheit zur unheilbaren Krankheit, und man stirbt daran.

– Und Sie haben zuweilen diese Arten von Krankheiten behandelt, Doctor?

– Nein, aber ich habe einige Aerzte gekannt, welche sie behandelt haben, und unter andern einen englischen Doctor, der Walter Scott auf seiner Reise nach Frankreich begleitete.

– Der Ihnen erzählt hat?

– Etwas dem Ähnliches, was uns so eben unser Wirth erzählt hat. etwas vielleicht sogar noch weit Außerordentlicheres.

– Und das Sie von der materiellen Seite erklären, fragte der Abbé Moulle,

– Natürlicher Weise.

– Und können Sie uns den Fall erzählen, der Ihnen von dem englischen Doctor erzählt worden ist?

– Ohne Zweifel.

– Ah! Erzählen Sie, Doctor, erzählen Sie.

– Muß es sein?

– Ei, ohne Zweifelt rief Jedermann aus.

– Es sei. Der Arzt, welcher Walter Scott nach Frankreich begleitete, nannte sich Doctor Sympson; er war einer der ausgezeichnetsten Männer der Facultät von Edinburg, und dem zu Folge mit den angesehensten Personen der Stadt befreundet.

Unter der Zahl dieser Personen befand sich ein Richter an dem Criminal-Gerichtshofe, dessen Namen er mir nicht genannt hat. – Der Name war das einzige Geheimniß, das er für angemessen fand, in dieser ganzen Angelegenheit zu verschweigen.

Dieser Richter, den er gewöhnlich als Arzt behandelte. verfiel sichtlich ohne irgend eine scheinbare Ursache der Störung in der Gesundheit; eine finstere Schwermuth hatte sich seiner bemächtigt. Seine Familie hatte bei verschiedenen Veranlassungen den Doctor befragt, und der Doctor hatte gleichfalls seine Freunde befragt, ohne etwas Anderes aus ihnen herauszubringen, als unbestimmte Antworten, welche seine Besorgnis, nur noch mehr erregt hatten, indem sie ihm bewiesen, daß ein Geheimniß obwalte, daß aber der Kranke dieses Geheimniß nicht sagen wollte.

Endlich drang der Doctor Sympson eines Tages dermaßen in ihn, daß sein Freund ihm gestehen mögte, daß er krank wäre, daß dieser, indem er ihn mit einem traurigen Lächeln bei den Händen ergriff, zu ihm sagte:

– Nun denn! Ja, ich bin krank, und meine Krankheit, lieber Doctor, ist um so unheilbarer, als sie gänzlich in meiner Einbildung liegt.

– Wie! In Ihrer Einbildung.

– Ja, ich werde wahnsinnig.

– Sie werden wahnsinnig! Und in was, ich bitte Sie? Sie haben einen klaren Blick, eine ruhige Stimme, – er ergriff ihn bei der Hand, – einen vortrefflichen Puls.

– Und das ist es gerade, was das Gefährliche meines Zustandes ausmacht, lieber Doctor, nämlich daß ich es sehe und es beurtheile.

– Aber worin besteht am Ende Ihr Wahnsinn?

– Verschließen Sie die Thüre, damit man uns nicht stört, Doctor, und ich will es Ihnen sagen.

Der Doctor verschloß die Thüre und kehrte zurück, sich neben seinen Freund zu setzen.

– Erinnern Sie sich des letzten Criminalprocesses, sagte der Richter zu ihm, in welchem ich berufen gewesen bin ein Urtheil auszusprechen?

– Ja; über einen schottischen Räuber, der von Ihnen zum Galgen verurtheilr und gehangen worden ist.

– Ganz recht. Nun denn! In dem Augenblicke, wo ich das Unheil aussprach, sprühte eine Flamme aus seinen Augen und er zeigte mir drohend die Faust. Ich achtete nicht darauf. . . Solche Drohungen sind bei den Verurtheilten häufig. Aber am Tage nach der Hinrichtung erschien der Scharfrichter bei mir, indem er mich demüthig über seinen Besuch um Verzeihung bat, aber mir erklärte, daß er geglaubt hätte, mich von Etwas benachrichtigen zu müssen; der Räuber war gestorben, indem er eine Art von Beschwörung gegen mich aussprach, und indem er sagte, daß ich am folgenden Tage um sechs Uhr, der Stunde, in welcher er hingerichtet worden war, Nachrichten von ihm erhalten würde.

Ich glaubte an irgend eine Ueberraschung seiner Kameraden, an irgend eine Rache mit bewaffneter Hand, und als die sechste Stunde herbeikam, schloß ich mich mit einem Paar Pistolen auf meinem Schreibtische in mein Kabinet ein.

Es schlug sechs Uhr auf der Standuhr meines Kamines. Ich war den ganzen Tag über mit dieser Mittheilung des Scharfrichters beschäftigt gewesen. Aber der letzte Schlag erbebte auf der Glocke, ohne daß ich etwas Anderes hörte, als ein gewisses Schnurren, dessen Ursache ich nicht wußte. Ich wandte mich um, und erblickte eine große schwarze und feuerfarbige Katze. Wie war sie herreingekommen? Es war unmöglich, das zu sagen; meine Thüren und meine Fenster waren verschlossen. Sie mußte während des Tages in das Zimmer eingesperrt gewesen sein.

Ich hatte mein Vesperbrod nicht genommen; ich schellte, mein Bedienter kam, aber er konnte nicht eintreten, da ich mich von Innen eingeschlossen hatte; ich ging an die Thüre und machte sie auf. Nun sprach ich ihm von der schwarzen und feuerfarbigen Katze; aber wir suchten sie vergebens, sie war verschwunden.

Ich bekümmerte mich nicht weiter darum; der Abend verfloß, die Nacht brach an, dann der Tag, dann verfloß der Tag, dann schlug es sechs Uhr. Im selben Augenblicke hörte ich dasselbe Geräusch hinter mir und sah dieselbe Katze.

Dieses Mal sprang sie auf meinen Schooß.

Ich habe keinen Widerwillen gegen die Katzen, und dennoch verursachte diese Vertraulichkeit mir einen unangenehmen Eindruck. Ich verjagte sie von meinem Schooße. Aber kaum war sie auf dem Boden, als sie von Neuem auf mich sprang. Ich stieß sie zurück, aber eben so vergebens, als das erste Mal. Nun stand ich auf und ging in dem Zimmer auf und ab; die Katze folgte mir Schritt vor Schritt; unwillig über diese Beharrlichkeit, schellte ich wie am Tage zuvor, mein Bedienter trat ein, aber die Katze entfloh unter das Bett, wo wir sie vergebens suchten; sobald sie sich unter dem Bette befunden hatte, war sie verschwunden.

Ich ging am Abend aus, und besuchte zwei bis drei Freunde; dann kehrte ich nach Haus zurück, in welches ich mittels eines Hauptschlüssels eintrat.

Da ich kein Licht hatte, so ging ich aus Furcht mich an irgend etwas zu stoßen vorsichtig die Treppe hinauf. Als ich auf die letzte Stufe gelangte, hörte ich meinen Bedienten, der sich mit der Kammerjungfer meiner Frau unterhielt.

Mein ausgesprochener Name veranlaßte, daß ich auf das horchte, was er sagte, und nun hörte ich ihn das ganze Abenteuer von gestern und Heute erzählen; nur fügte er hinzu: der Herr muß wahnsinnig werden, es befand sich eben so wenig eine schwarz und feuerfarbige Katze in dem Zimmer, als sich eine solche in meiner Hand befand.

Diese wenigen Worte erschreckten mich; entweder war die Erscheinung wirklich, oder sie war falsch; wenn die Erscheinung wirklich war, so befand ich mich unter der Last einer übernatürlichen Sache; wenn die Erscheinung falsch war, wenn ich etwas zu sehen glaubte, das nicht bestand, wie mein Bedienter es gesagt hatte, so wurde ich wahnsinnig.

Sie werden errathen, mit welcher mit Furcht gemischter Ungeduld ich die sechste Stunde erwartete; am folgenden Tage behielt ich unter dem Vorwand etwas zu ordnen meinen Bedienten bei mir zurück; es schlug sechs Uhr, während er da war; bei dem letzten Schlage der Glocke hörte ich dasselbe Geräusch und sah meine Katze wieder.

Sie saß neben mir.

Ich blieb einen Augenblick lang ohne etwas zu sagen, indem ich hoffte, daß mein Bedienter das Thier erblicken und zuerst davon sprechen würde; aber er ging in meinem Zimmer hin und her, ohne daß er etwas zu sehen schien.

Ich ergriff einen Moment, wo er in der Linie, die er durchschreiten mußte, um den Auftrag auszuführen, den ich ihm geben wollte, fast auf die Katze treten mußte.

– Stellen Sie meine Schelle auf meinen Tisch, John, sagte ich zu ihm.

Er stand an dem Kopfende meines Bettes, die Schelle stand auf dem Kamine; um von dem Kopfende

meines Bettes nach dem Kamine zu gehen, mußte er nothwendiger Weise über das Thier gehen.

Er setzte sich in Bewegung; aber in dem Augenblicke, wo sein Fuß sich aus sie zu stellen im Begriffe stand, sprang die Katze auf meinen Schooß.

John sah sie nicht oder schien sie zum Mindesten nicht zu sehen.

Ich gestehe, daß ein kalter Schweiß auf meine Stirn trat, und daß die Worte: »Der Herr muß wahnsinnig werden, sich auf eine schreckliche Weise meinen Gedanken wieder vorstellten.

– John, sagte ich zu ihm, sehen Sie nichts auf meinem Schooße?

John blickte mich an. Dann sagte er wie ein Mensch, der einen Entschluß faßt:

– Doch, mein Herr, ich sehe eine Katze.

Ich athmete wieder auf.

Ich nahm die Katze und sagte zu ihm:

– Dann tragen Sie sie hinaus, John, ich bitte Sie. Seine Hände kamen den meinigen entgegen; ich legte ihm das Thier auf die Arme, worauf er auf einen Wink von mir das Zimmer verließ.

Ich war ein wenig beruhigt; während zehn Minuten blickte ich mit einem Reste von Angst um mich; da ich aber kein lebendiges Wesen, das irgend einer Thierart angehörte, erblickt hatte, so beschloß ich zu sehen, was John mit der Katze gemacht hätte.

Ich verließ daher mein Zimmer in der Absicht, ihn darüber zu fragen, als ich, indem ich den Fuß auf die Schwelle der Thür des Salons setzte, ein lautes Gelächter hörte, das aus dem Toilettenkabinette meiner Frau kam. Ich näherte mich leise auf den Fußzehen, und hörte die Stimme Johns.

– Meine liebe Freundin, – sagte er zu der Kammerjungfer, – der Herr wird nicht wahnsinnig, – nein, er ist es. – Wie Du weißt, besteht sein Wahnsinn darin, eine schwarze und feuerfarbige Katze zu sehen. – Heute Abend hat er mich gefragt, ob ich diese Katze nicht auf seinem Schooße sähe.

– Und was hast Du geantwortet? antwortete die Kammerjungfer.

– Bei Gott! ich habe geantwortet, daß ich sie sähe, sagte John. Ich habe den armen lieben Mann nicht ärgern wollen; errathe nun, was er gethan hat?

– Wie soll ich das errathen?

– Nun denn! er hat die vermeintliche Katze von seinem Schooße genommen, mir sie auf die Arme gelegt und zu mir gesagt: – Trage sie fort! – Trage sie fort! – Ich habe die Katze herzhaft fortgetragen, und er ist zufrieden gewesen.

– Aber wenn Du die Katze fortgetragen hast, – so bestand die Katze also.

– Nicht doch, die Katze bestand nur in seiner Einbildung. Aber wozu hätte ihm das genützt, wenn ich ihm die Wahrheit gesagt hätte? – mich aus dem Hause werfen zu lassen; – meiner Treue, nein, ich befinde mich hier gut und ich bleibe. – Er gibt mir fünf und zwanzig Pfund jährlich, – um eine Katze zu sehen. Ich sehe sie. – Er soll mir dreißig geben, und ich werde deren zwei sehen.

Ich hatte nicht den Muth mehr zu hören. Ich stieß einen Seufzer aus und kehrte in mein Zimmer zurück.

Mein Zimmer war leer. . .

Am folgenden Tage fand sich um sechs Uhr meine Gesellschafterin wie gewöhnlich wieder bei mir ein, und verschwand erst am folgenden Morgen.

Was soll ich Ihnen sagen, mein Freund? fuhr der Kranke fort, einen Monat lang erneuerte sich dieselbe Erscheinung jeden Abend, und ich fing an mich an ihre Gegenwart zu gewöhnen; am dreißigsten Tage nach der Hinrichtung schlug es sechs Uhr, ohne daß die Katze erschien.

Ich glaubte von ihr befreit zu sein, ich schlief nicht vor Freude; den ganzen Morgen des folgenden Tages drängte ich so zu sagen die Zeit vor mir her; ich hatte Eile die verhängnißvolle Stunde zu erreichen. Von fünf bis sechs Uhr verließen meine Augen meine Standuhr nicht. Ich folgte dem Gange des großen Zeigers von Minute zu Minute. Endlich erreichte er die Zahl XII., das Knarren der Uhr ließ sich hören, – dann that der Hammer den ersten, den zweiten, den dritten, den vierten, den fünften, endlich den sechsten Schlag! . . .

Bei dem sechsten Schlage ging meine Thür auf. . .

Bei dem sechsten Schlage ging meine Thür auf, sagte der unglückliche Richter, und ich sah eine Art von Gerichtsboten der Kammer in einem Kostüme eintreten, wie als ob er im dem Dienste des Lord Lieutenants von Schottland gestanden hätte.

Mein erster Gedanke war, daß der Lord Lieutenant mir irgend ein Schreiben sende, und ich streckte die Hand nach meinem Unbekannten aus. Aber er schien auf meine Geberde durchaus nicht geachtet zu haben, und stellte sich hinter meinem Sessel.

Ich hatte nicht nöthig mich umzuwenden, um ihn zu sehen; ich befand mich dem Spiegel gegenüber, und ich sah ihn in diesem Spiegel.

Ich stand auf und ging; er folgte mir in der Entfernung einiger Schritte.

Ich kehrte nach meinem Tische zurück und schellte.

Mein Bedienter erschien, aber er sah den Gerichtsboten eben so wenig, als er die Katze gesehen hatte.

Ich schickte ihn wieder fort und blieb mit dieser seltsamen Person allein, welche ich alle Zeit hatte nach meinem Gefallen zu betrachten.

Er trug das Hofkleid, den Haarbeutel, den Degen an der Seile, eine gestickte Weste und seinen Hut unter dem Arme.

Um zehn Uhr legte ich mich zu Bett; nun, wie um gleichfalls die Nacht so bequem als möglich zuzubringen, setzte er sich meinem Bette gegenüber in einen Sessel.

Ich wandte den Kopf nach der Seite der Wand; da es mir aber unmöglich war einzuschlafen, so wandt ich mich zwei bis drei Male wieder um, und zwei bis drei Male sah ich ihn bei dem Lichte meiner Nachtlampe in demselben Sessel.

Auch er schlief nicht.

Endlich sah ich die ersten Strahlen des Tages durch die Zwischenräume der Läden in mein Zimmer dringen, ich wandte mich ein letztes Mal nach meinem Mann um: er war verschwunden, der Sessel war leer.

Bis zum Abend war ich von meiner Erscheinung befreit.

Am Abend fand Empfang bei dem Großcommissär der Kirche statt, und ich rief unter dem Vormunde, mein Feierkleid zurecht zu machen, um sechs Uhr weniger fünf Minuten meinen Bedienten, indem ich ihm befahl, die Riegel der Thür vorzuschieben.

Er gehorchte.

Bei dem letzten Schlage der sechsten Stunde heftete ich die Augen auf die Thür; die Thür ging auf und mein Gerichtsbote trat ein.

Ich ging auf der Stelle nach der Thür; die Thür war wieder verschlossen; die Riegel schienen nicht aus ihren Haken gegangen zu sein, ich wandte mich um, der Gerichtsbote stand hinter meinem Sessel, und John ging in dem Zimmer hin und her, ohne daß er im Mindesten mit ihm beschäftigt schien.

Es war augenscheinlich, daß er eben so wenig den Mann sah, als er das Thier gesehen hatte. Ich kleidete mich an.

Nun trug sich etwas Seltsames zu; voll Aufmerksamkeit für mich. half mein neuer Hausgenosse John bei alle dem, was er that, ohne daß John es bemerkte, daß man ihm helfe. So hielt John meinen Rock bei dem Kragen, das Gespenst unterstützte die Schöße; so reichte mir John mein Beinkleid bei dem Gürtel, das Gespenst hielt es bei den Beinen.

Ich hatte niemals einen dienstfertigeren Bedienten gehabt.

Die Stunde meines Ausganges kam herbei.

Nun, statt mir zu folgen, ging der Gerichtsbote mir voraus, schlüpfte durch die Thür meines Zimmers, ging die Treppe hinab, hielt sich, den Hut unter dem Arme, hinter John, der den Schlag des Wagens aufmachte, und als John ihn verschlossen und seinen Platz hinter dem Wagen eingenommen hatte, stieg er auf den Bock des Kutschers, der zur Rechten rückte, um ihm Platz zu machen.

An der Thür des Großcommissärs der Kirche hielt der Wagen; John machte den Schlag auf, aber das Gespenst befand sich bereits hinter ihm auf seinem Posten. Kaum war ich ausgestiegen, als das Gespenst mir vorauseilte, indem es durch die Bedienten drang, welche die Eingangsthür überfüllten, und nachsah, ob ich ihm folgte.

Nun ergriff mich die Lust bei dem Kutscher denselben Versuch anzustellen, den ich bei John angestellt hatte.

– Patrick, fragte ich ihn, wer war der Mann, der neben Euch saß.

– Welcher Mann, Eure Gnaden?

– Der Mann, der auf Eurem Bocke saß.

Patrick machte große erstaunte Augen, indem er um sich blickte.

– Es ist gut, sagte ich zu ihm, ich irrte mich.

Ich trat nun auch ein.

Der Gerichtsbote war auf der Treppe stehen geblieben und erwartete mich. Sobald er mich meinen Weg wieder einschlagen sah, schlug er den seinigen wieder ein, trat vor mir ein, wie um mich in dem Empfangssaale zu melden; dann, als ich eingetreten war, nahm er m dem Vorzimmer den Platz wieder ein, der sich für ihn geziemte.

Wie für John und wie für Patrick war das Gespenst für Jedermann unsichtbar gewesen.

Nun verwandelte sich meine Furcht in Entsetzen, und ich sah ein, daß ich wahrhaft wahnsinnig würde.

Von diesem Abende an wurde man die Veränderung gewahr, welche in mir vorging.– Jedermann fragte mich, welche Sorgen mich beschäftigten, – Sie, wie die Andern.

Ich fand mein Gespenst in dem Vorzimmer wieder. – Wie bei meiner Ankunft eilte er mir bei meinem Forts gehen voraus, kehrte mit mir nach Haus und hinter mir in mein Zimmer zurück, und setzte sich in den Sessel, in dem er sich die Nacht vorher gesetzt hatte.

Nun wollte ich mich versichern, ob irgend etwas Wirkliches und besonders etwas Fühlbares an dieser Erscheinung wäre. Ich nahm allen meinen Muth zusammen, und setzte mich rückwärts schreitend auf den Sessel.

Ich fühlte nichts, aber ich sah ihn in dem Spiegel hinter mir stehen.

Wie am Abende zuvor legte ich mich zu Bett, aber erst um ein Uhr Morgens. Sobald ich in meinem Bette war, sah ich ihn auf seinem Sessel wieder. Am folgenden Morgen verschwand er. Die Erscheinung dauerte einen Monat. Nach Verlauf eines Monats fehlte sie gegen ihre Gewohnheit und blieb einen Tag aus.

Dieses Mal glaubte ich nicht mehr an ein gänzliches Verschwinden, wie das erste Mal, sondern an irgend eine schreckliche Veränderung, und statt mein Alleinsein zu genießen, erwartete ich den folgenden Tag voll Entsetzen.

Am folgenden Tage hörte ich bei dem letzten Schlage der sechsten Stunde ein leises Rauschen in den Vorhängen meines Bettes, und an dem Durchschnittspunkte, den sie hinter dem Bette an der Wand bildeten, erblickte ich ein Skelett.

Dieses Mal, mein Freund, war es, wenn ich mich so ausdrücken darf, das lebendige Bild des Todes.

Das Skelett befand sich dort regungslos, und blickte mich mit seinen hohlen Augen an.

Ich stand auf, machte mehrere Gänge in meinem Zimmer, der Kopf folgte allen meinen Bewegungen. Die Augen verließen mich keinen Augenblick, der Körper blieb regungslos.

Diese Nacht hatte ich nicht den Muth mich zu Bett zu legen. Ich schlief, oder ich blieb vielmehr mit geschlossenen Augen in dem Lehnstuhl, in welchem gewöhnlich das Gespenst saß, nach dessen Gegenwart ich mich nun sogar sehnte.

Mit dem Tage verschwand das Skelett.

Ich befahl John, mein Bett von der Stelle zu rücken und die Vorhänge zuzuziehen.

Bei dem letzten Schlage der sechsten Stunde hörte ich dasselbe Rauschen, ich sah die Vorhänge sich bewegen, dann erblickte ich zwei Knochenhände, welche die Vorhänge meines Bettes zurückschlugen, und, als die Vorhänge zurückgeschlagen waren, nahm das Skelett in der Oeffnung den Platz ein, den es die Nacht zuvor eingenommen hatte.

Dieses Mal hatte ich den Muth, mich zu Bett zu legen.

Der Kopf, welcher wie am Tage zuvor allen meinen Bewegungen gefolgt war, neigte sich nun zu mir.

Die Augen, welche mich wie in der vorhergehenden Nacht keinen Augenblick aus dem Gesicht verloren hatten, hefteten sich nun auf mich.

Sie werden begreifen, welche Nacht ich zubrachte! Nun denn! mein lieber Dotter, ich bringe jetzt zwanzig ähnliche Nächte zu. Jetzt wissen Sie, was ich habe; werden Sie es noch unternehmen mich zu heilen?

– Ich werde es zum Mindesten versuchen, antwortete der Doctor.

– Wie das? lassen Sie hören.

– Ich bin überzeugt, daß das Gespenst, welches Sie sehen, nur in Ihrer Einbildung besteht.

– Was liegt mir daran, ob es besteht oder nicht, wenn ich es sehe?

– Sie wollen, daß ich versuche es zu sehen, nicht wahr?

– Das ist es. was ich wünsche.

– Wann das?

– Sobald als möglich. Morgen.

– Es sei, morgen. . . bis dahin, guten Muth?

Der Kranke lächelte traurig.

Am folgenden Tage trat der Doctor um sieben Uhr Morgens in das Zimmer seines Freundes.

– Nun denn! fragte er ihn, das Skelett?

– Es ist so eben verschwunden, antwortete dieser mit schwacher Stimme.

– Wohlan! wir wollen uns so einrichten, daß es heute Nacht nicht wieder kömmt.

– Thun Sie es.

– Zuvörderst, Sie sagen, daß es mit dem letzten Schlage der sechsten Stunde eintritt?

– Unfehlbar.

– Fangen wir damit an, die Uhr stehen zu lassen, und er hielt den Pendel an.

– Was wollen Sie thun?

– Ich will Ihnen die Möglichkeit nehmen, die Zeit zu berechnen.

– Gut.

– Jetzt wollen wir die Läden verschlossen halten, und die Vorhänge der Fenster zuziehen.

– Warum das?

– Immer zu demselben Zwecke, damit Sie sich keine Rechenschaft von dem Gange des Tagses abzulegen vermögen.

– Thun Sie es.

Die Läden wurden zugemacht, die Vorhänge zugezogen, und man zündete Kerzen an.

– Halten Sie ein Frühstück und ein Mittagessen bereit, John, sagte der Doctor, wir wollen nicht zu bestimmten Stunden bedient sein, sondern nur dann, wenn ich rufen werde.

– Sie hören, John, sagte der Kranke.

– Ja, mein Herr.

– Dann, geben Sie uns Karten, Würfel, Dominos, und lassen Sie uns allein.

Die verlangten Gegenstände wurden von John gebracht, der sich entfernte.

Der Doctor begann damit, den Kranken nach seinen Kräften zu zerstreuen, bald indem er plauderte, bald ins dem er mit ihm spielte; dann, als er Hunger hatte, schellte er.

John, welcher wußte, warum man geschellt hatte, brachte das Frühstück.

Nach dem Frühstücke begann die Parthie wieder, und wurde durch einen neuen Schellenzug des Doctors unterbrochen.

John brachte das Mittagessen.

Man aß, man trank, nahm den Kaffee zu sich und begann wieder zu spielen. So unter vier Augen zugebracht, schien der Tag lang. Der Doctor glaubte die Zeit in seinem Geiste ermessen zu haben, und daß die verhängnißvolle Stunde vorüber sein müßte.

– Nun denn! sagte er, indem er aufstand, Victoria.

– Wie, Victoria? fragte der Kranke.

– Ohne Zweifel, es muß zum Mindesten acht bis neun Uhr sein, und das Skelett ist nicht gekommen.

– Sehen Sie nach Ihrer Uhr, Doctor, da es die einzige im Hause ist, welche geht, und wenn die Stunde vorüber ist, so werde ich, meiner Treue, wie Sie Victoria rufen.

Der Doctor sah nach seiner Uhr, aber sagte Nichts.

– Sie hatten sich geirrt, nicht wahr, Doctor? sagte der Kranke, es ist gerade sechs Uhr.

– Ja, nun denn!

– Nun denn! da tritt das Skelett ein.

Und der Kranke warf sich mit einem tiefen Seufzer zurück.

Der Doctor blickte nach allen Seiten,

– Wo sehen Sie es denn? fragte er.

– An seinem gewöhnlichen Platze, hinter meinem Bette, zwischen den Vorhängen.

Der Doctor stand auf, zog das Bett vor, ging hinter dasselbe und nahm zwischen den Vorhängen den Platz ein, den das Skelett einnehmen sollte.

– Und jetzt, sagte er, sehen Sie es immer noch?

– Ich sehe nicht mehr den untern Theil seines Körpers, da der Ihrige es mir verbirgt, aber ich sehe seinen Schädel.

– Wo das?

– Ueber Ihrer rechten Schulter. Es ist, als ob Sie zwei Köpfe hätten, den einen lebendig, den andern todt.

So ungläubig er auch war, so schauderte der Doctor doch unwillkürlich.

Er wandte sich um, aber er sah nichts.

– Mein Freund, sagte er trauriger Weise, indem er zu dem Kranken zurückkehrte, wenn Sie einige testamentliche Bestimmungen zu treffen haben, so thun Sie es.

Und er entfernte sich.

Als John neun Tage nachher in das Zimmer seines Herrn trat, fand er ihn todt in seinem Bette.

Es war, genau gerechnet, drei Monate her, seitdem der Räuber hingerichtet worden war.




IX.

Die Gräber von Saint-Denis


– Nun denn! Was beweiset das, Doctor? fragte Herr Ledru.

– Das beweiset, daß die Organe, welche dem Gehirn die Wahrnehmungen überliefern, die sie empfangen, in Folge gewisser Ursachen in dem Grade gestört werden können, um dem Verstande einen untreuen Spiegel zu bieten, und daß man in solchem Falle Gegenstände sieht und Töne hört, welche nicht bestehen. Das ist Alles.

– Indessen, sagte der Chevalier Lenoir mit der Schüchternheit eines überzeugten Gelehrten, – indessen ereignen sich gewisse Dinge, die eine Spur zurücklassen, gewisse Prophezeihungen, die in Erfüllung gehen. Wie wollen Sie erklären, Doctor, daß von Gespenstern gegebene Schläge schwarze Flecke auf dem Körper dessen haben entstehen lassen können, der sie erhalten hat? wie wollen Sie erklären, daß eine Erscheinung zehn, zwanzig, dreißig Jahre zuvor die Zukunft hat offenbaren können? Kann das, was nicht besteht, das verletzen was besteht, oder das verkünden, was geschehen wird?

– Ah! sagte der Doctor, Sie wollen von der Erscheinung des Königs von Schweden sprechen.

– Nein, ich will von dem sprechen, was ich selbst gesehen habe.

– Sie!

– Ich.

– Wo das?

– In Saint-Denis.

– Wann das?

– Im Jahre 1794, zur Zeit der Entweihung der Gräber.

– Ah, ja! Hören Sie das, Doctor, sagte Herr Ledru.

– Wie, was haben Sie gesehen? – erzählen Sie.

– Hier ist es: – Im Jahre 1793 war ich zum Direktor des Museums der französischen Monumente ernannt worden, und als solcher war ich bei der Ausgrabung der Leichen der Abtei von Saint-Denis gegenwärtig, deren Namen die aufgeklärten Patrioten in den von Franciade umgeändert hatten. – Ich kann Ihnen nach vierzig Zahlen die seltsamen Dinge erzählen, welche diese Entweihung bezeichnet haben.

Der Haß, den man dem Volke gegen den König Ludwig XVI. einzuflößen gewußt, und den das Schaffot des 21. Januar nicht zu stillen vermogt hatte, war auch auf die Könige seines Geschlechtes übergegangen; – man wollte die Monarchie bis an ihre Quelle – die Monarchen bis in ihr Grab verfolgen – die Asche von sechszig Königen in den Wind streuen.

Dann war man vielleicht auch neugierig zu sehen, ob die großen Schätze, von denen man behauptete, daß sie in einigen von diesen Gräbern eingeschlossen wären sich ebenso unverletzt erhalten hätten, als man es sagte.

Das Volk fiel daher über Saint-Denis her.

Vom 6. bis zum 8. August zerstörte es ein und fünfzig Gräber, die Geschichte von zwölf Jahrhunderten.

Nun beschloß die Regierung diesen Frevel zu ordnen, für eigene Rechnung die Gräber zu durchsuchen und von der Monarchie zu erben, welche in Ludwig dem XVI., ihren letzten Repräsentanten gefällt hatte.

Dann handelte es sich darum, selbst den Namen, selbst das Andenken, selbst die Gebeine der Könige zu vernichten; es handelte sich darum, vierzehn Jahrhunderte der Monarchie aus der Geschichte auszustreichen.

Arme Thoren, welche nicht begreifen, daß die Menschen zuweilen die Zukunft. . . niemals die Vergangenheit ändern können.

Man hatte auf dem Friedhofe ein großes gemeinsames Grab nach dem Muster der Armen-Gräber vorbereitet. In dieses Grab und auf ein Bett von Kalk, sollten wie auf einen Schindanger die Gebeine derer geworfen werden, welche aus Frankreich die erste der Nationen gemacht hatten, von Dagobert an bis auf Ludwig XV.

Auf diese Weise war dem Volke Genugthuung gegeben, aber besonders war diesen Gesetzgebern, diesen Advokaten, diesen neidischen Zeitungsschreibern, den Raubvögeln der Revolutionen, Genuß gewählt, deren Auge jeder Glanz verletzt, wie das Auge ihrer Brüder, der Nachteulen, durch jedes Licht verletzt wird.

Der Stolz derer, welche nicht aufzubauen vermögen, besteht darin, zu zerstören.

Ich wurde zum Aufseher der Ausgrabungen ernannt; das war für mich ein Mittel, eine Menge kostbarer Dinge zu retten. Ich nahm es an.

Am Sonnabend den 12. Oktober, während man den Prozeß der Königin einleitete, ließ ich das Grabgewölbe der Bourbons zur Seile der unterirdischen Kapellen eröffnen, und begann damit den Sarg Heinrichs IV. herauszunehmen, der am 14. Mai 1610 im Alter von sieben und fünfzig Jahr ermordet gestorben war.

Was die Statue des Pont-Neuf anbelangt, ein Meisterstück Johanns von Bologna und seines Schülers, so war sie eingeschmolzen worden, um Sous daraus zu schlagen.

Die Leiche Heinrichs IV. war zum Verwundern erhalten; die vollkommen erkennbaren Züge des Gesichts waren ganz die, welche die Liebe des Volkes und Rubens Pinsel der Nachwelt überliefert haben. Als man ihn zu, erst aus dem Grabe hervorgehen und in seinem Leichentuche so gut erhalten erscheinen sah, war die Gemüthsbewegung groß, und es fehlte wenig, daß der in Frankreich so volkschümliche Ruf: Es lebe Heinrich IV.! nicht instinctmäßig unter den Gewölben der Kirche erschallte.

Als ich diese Zeichen von Ehrerbietung, ich mögte sogar sagen von Liebe, sah, ließ ich die Leiche aufrecht gegen eine der Säulen des Chores stellen, und dort konnte sie jeder befrachten.

Er war wie zu seinen Lebszeiten mit seinem Wammse von schwarzem Sammet, auf welchem sich seine weißen Krausen und Manschetten zeigten, mit seiner Faltenhose von Sammet gleich dem Wammse, mit seidenen Strümpfen von derselben Farbe und Schuhen von Sammet bekleidet.

Seine schönen grauen Haare bildeten immer noch einen Heiligenschein um seinen Kopf, sein schöner weißer Bart fiel immer noch auf seine Brust herab.

Nun begann eine unermeßliche Prozession, wie nach dem Reliquienkästchen eines Heiligen; die Frauen kamen, die Hände des guten Königs zu berühren, andere küßten den Saum seines Mantels, andere ließen ihre Kinder niederknien, indem sie leise murmelten:

– Ach! Wenn er lebte, so würde das arme Volk nicht so unglücklich sein. Und sie hätten hinzufügen können: Noch so grausam; denn was das Volk grausam macht, ist das Unglück.

Diese Prozession dauerte während des ganzen Tages Sonnabends, des 12. Oktobers, des Sonntage den 13. und Montag den 14. fort.

Am Montage begannen nach dem Mittagessen der Arbeiter, das heißt gegen drei Uhr Nachmittags, die Ausgrabungen von neuem.

Die erste Leiche, welche nach der Heinrichs IV. Zu Tage kam, war die seines Sohnes Ludwigs XIII. Sie war gut erhalten, und obgleich die Züge des, Gesichts eingefallen waren, so konnte man ihn doch noch an seinem Schnurrbarte erkennen.

Dann kam die Ludwigs XlV., erkenntlich an seinen starken Zügen, welche aus seinem Gesichte die typische Maske der Bourbons gemacht haben; nur war sie schwarz wie Tinte.

Dann kam allmählig die der Maria von Medicis, der zweiten Gattin Heinrichs IV.; Annas von Oesterreich, der Gattin Ludwigs XIII., Maria Theresias, Infantin von Spanien und Gattin Ludwigs XIV., und die des großen Dauphins.

Alle diese Leichen waren verweset. – Nur die des großen Dauphins war in flüssiger Verwesung.

Am Dienstage den 15. Oklober wurden die Ausgrabungen fortgesetzt.

Die Leiche Heinrichs IV. stand immer noch an ihrer Säule, indem sie gleichgültig dieser großen Ruchlosigkeit beiwohnte, welche zugleich an seinen Vorgängern und an seinen Nachkommen vollzogen wurden.

Am Mittwoch den 16., gerade in dem Augenblicke, wo der Königin Maria Antoinette auf dem Revolutionsplatze der Kopf abgeschlagen wurde, das heißt um eilf Uhr Morgens, – nahm man aus dem Begräbnißgewölbe der Bourbons nach seiner Reihe den Sarg König Ludwigs XV. Nach altem Hofgebrauch von Frankreich schlief er an dem Eingange des Gewölbes, wo er seinen Nachfolger erwartete, der dort nicht zu ihm kommen sollte. – Man nahm ihn, trug ihn fort und öffnete ihn nur auf dem Friedhofe und an dem Rande des Grabes.

Anfangs schien die aus dem bleiernen Sarge genommene und gut in Leinwand und in Binden eingehüllte Leiche ganz gut erhalten; aber von dem befreit, was sie umhüllte, bot sie nur noch das Bild der abscheulichsten Verwesung, und es entströmte ihr ein dermaßen verpesteter Geruch, daß Jedermann entfloh und man genöthigt war, mehre Pfund Pulver zu verbrennen um die Luft zu reinigen.

Man warf sogleich das, was von dem Helden des Park-aux-Cerfs, dem Geliebten der Madame von Châteauroux, der Frau von Pompadour und der Frau du Barry übrig geblieben war, in das Grab, und auf ein Bett von ungelöschtem Kalk gefallen, bedeckte man diese unreinen Reliquien mit ungelöschtem Kalk.

Ich war bis zuletzt geblieben, um das Feuerwerk abbrennen und den Kalk werfen zu lassen, als ich einen großen Lärm in der Kirche hörte; ich kehrte rasch in dieselbe zurück und erblickte einen Arbeiter, der sich in Mitte seiner Kameraden wehrte, während die Frauen ihm die Faust zeigten und ihm drohten.

Der Elende hatte sein trauriges Werk verlassen, um ein noch bei weitem traurigeres Schauspiel, die Hinrichtung Maria Antoinettens, zu sehen; dann berauscht durch das Geschrei, das er ausgestoßen und das er hatte ausstoßen hören, durch den Anblick des Blutes, das er hatte vergießen sehen, war er nach Saint-Denis zurückgekehrt, und indem er sich Heinrich IV. näherte, der an seinen Pfeiler gelehnt stand, und immer noch von Neugierigen, und ich mögte fast sagen von Verehrern umgeben war, hatte er zu ihm gesagt:

– Mit welchem Rechte bleibst Du hier stehen, wenn man auf dem Revolutionsplatze den Königen den Kopf abschlägt?

Und während er mit der rechten der königlichen Leiche eine Ohrfeige gab, hatte er zugleich mit der linken Hand den Bart gepackt und ihn ausgerissen.

Die Leiche war auf den Boden gefallen, indem sie ein klapperndes Geräusch hören ließ, dem eines Sackes voller Gebeine, den man hatte fallen lassen, ähnlich.

Sogleich hatte sich ein großes Geschrei von allen Seiten erhoben. – Bei jedem andern Königs, welcher es auch sein mogte, hätte man eine solche Beschimpfung wagen können, – aber bei Heinrich IV., dem Könige des Volkes, war es fast eine dem Volke angethane Schmach.

Der ruchlose Arbeiter lief also die größte Gefahr, als ich zu seiner Hilfe herbeieilte.

Sobald er sah, daß er in mir einen Beistand finden könnte, stellte er sich unter meinen Schutz.

Aber, indem ich ihn immerhin beschützte, wollte ich ihn unter dem Drucke der schändlichen Handlung lassen, welche er begangen hatte.

– Meine Kinder, sagte ich zu den Arbeitern, laßt diesen Elenden; der, den er beleidigt hat, steht dort oben hinlänglich gut, um von Gott seine Strafe zu erlangen.

Als ich ihn hierauf den Bart wieder abgenommen, den er der Leiche ausgerissen hatte, und den er immer noch in der linken Hand hielt, jagte ich ihn aus der Kirche, indem ich ihm meldete, daß er nicht mehr zu den Arbeitern gehöre, die ich verwendete.

Das Hohngeschrei und die Drohungen seiner Kameraden verfolgten ihn bis auf die Straße.

Indem ich neue Beschimpfungen für Heinrich IV. fürchtete, befahl ich, daß er in die gemeinsame Gruft getragen würde; aber die Leiche wurde bis dorthin von Zeichen der Ehrerbietung begleitet. Statt, wie die andern, in das königliche Beinhaus geworfen zu werden, – wurde er herabgelassen, sanft niedergelegt und sorgfältig in eine Ecke gebettet; dann wurde eine Lage Erde, statt einer Lage Kalk, frommer Weise über ihn ausgebreitet.

Da das Tagewerk beendigt, so entfernten sich die Arbeiter, und der Wächter blieb zurück; er war ein wackerer Mann, den ich dort angestellt hatte, aus Furcht, daß man des Nachts in die Kirche dringen mögte, um entweder neue Verstümmelungen vorzunehmen, oder um neue Diebstähle zu begehen; dieser Wächter schlief am Tage und wachte von Neben Uhr Abends bis sieben Uhr Morgens. Er brachte die Nacht stehend zu und ging herum, um sich zu wärmen, oder setzte sich an ein angezündetes Feuer an einen der Pfeiler, der sich der Thüre am nächsten befand.

Alles in der Domkirche bot das Bild des Todes, und die Verheerung machte dieses Bild des Todes noch weit schrecklicher. Die Grabgewölbe standen offen und ihre Platten waren gegen die Wände gestellt; die zerbrochenen Statuen bedeckten den Fußboden der Kirche; hie und da hatten aufgebrochene Särge die Todten zurückgegeben, von denen sie erst am Tage des jüngsten Gerichts Rechenschaft abzulegen geglaubt hatten. Kurz alles führte den Geist des Menschen, wenn dieser Geist erhaben war, zu der Betrachtung, wenn er schwach war, zu dem Schrecken.

Glücklicher Weise war der Wächter kein Geist, sondern ein organisirter Stoff. Er betrachtete alle diese Trümmer mit demselben Auge, wie er einen gefällten Wald oder ein gemähtes Feld betrachtet hätte, und war nur damit beschäftigt die Stunden der Nacht zu zählen, die einförmige Stimme der Uhr, des Einzigen, was in dem verwaisten Dome lebendig geblieben war.

In dem Augenblicke, wo es Mitternacht schlug, und wo der letzte Schlag des Hammers in den dunkeln Tiefen der Kirche erbebte, hörte er lautes Geschrei, das von der Seite des Kirchhofes herkam. Dieses Geschrei waren Rufe, lange Klagen, schmerzliches Jammern. – Nach dem ersten Augenblicke der Ueberraschung bewaffnete er sich mit einer Hacke und schritt auf die Thüre zu, welche die Kirche mit dem Friedhofe in Verbindung setzte; als er aber, nachdem er diese Thüre geöffnet, vollkommen erkannte, daß dieses Geschrei von der Gruft der Könige herkäme, wagte er nicht weiter zu gehen, verschloß die Thüre wieder, und eilte, mich in dem Wirthshause zu wecken, in welchem ich logirte.

Ich wollte anfangs nicht an das Bestehen dieses aus der königlichen Gruft kommenden Geschreies glauben; da ich aber der Kirche gerade gegenüber logirte, so machte der Wächter mein Fenster auf, und in Mitte des nur allein durch das Rauschen des Winterwindes gestörten Schweigens, glaubte ich in der That lange Klagen zu hören, welche mir nicht einzig und allein das Jammern des Windes zu sein schienen.

Ich stand auf und begleitete den Wächter bis in die Kirche. Dort angelangt, und nachdem wir die Vorhalle wieder hinter uns verschlossen hatten, hörten wir die Klagen weit deutlicher, von denen er gesprochen hatte. Es war um so leichter zu erkennen, woher diese Klagen kamen, als die von dem Wächter schlecht verschlossene Thüre des Kirchhofes sich wieder hinter ihm geöffnet hatte. – Es kamen also wirklich diese Klagen von dem Kirchhofe.

Wir zündeten zwei Fackeln an und gingen nach der Thüre; aber drei Male löschte sie die Zugluft aus, welche von Außen nach Innen entstanden war, wenn wir uns dieser Thüre näherten. – Ich sah ein, daß es wie mit diesen schwer zu überschreitenden Engpässen wäre, und daß, wenn wir einmal auf dem Kirchhofe wären, wir nicht mehr denselben Kampf zu bestehen hätten. – Ich ließ außer unseren Fackeln eine Laterne anzünden. – Unsere Fackeln erloschen, aber die Laterne widerstand. – Wir schritten durch die enge Thüre, und sobald wir auf dem Kirchhofe waren, zündeten wir unsere Fackeln wieder an, welche der Wind respectirte.

Indessen in dem Maße, als wir näher kamen, nahm das Geschrei ab, und in dem Augenblicke, wo wir an dem Rande des Grabes ankamen, war es so ziemlich erloschen.

Wir schwangen unsere Fackeln über der ungeheuren Oeffnung, und wir sahen in Mitte der Gebeine, auf dieser ganz von ihnen durchlöcherten Lage von Kalk und von Erde etwas Gestaltloses, das sich abkämpfte.

Dieses Etwas glich einem Manne.

– Was haben Sie und was wollen Sie? fragte ich diese Art von Gespenst.

– Ach! murmelte es, ich bin der elende Arbeiter, der Heinrich IV. eine Ohrfeige gegeben hat.

– Aber wie befindest Du Dich dort? fragte ich.

– Ziehen Sie mich zuerst hier heraus, Herr Lenoir, denn ich sterbe, und nachher sollen Sie Alles erfahren.

Sobald der Todtenwächter überzeugt war, daß er es mit einem Lebendigen zu thun hätte, so war der Schrecken verschwunden, der sich anfangs seiner bemächtigt hatte, und er hatte bereits eine in dem Grase des Kirchhofes liegende Leiter ergriffen, diese aber aufgerichtet und erwartete meine Befehle.

Ich befahl ihm, die Leiter in das Grab hinabzulassen, und forderte den Arbeiter auf heraufzusteigen. Er schleppte sich in der That bis an den Fuß der Leiter; aber dort angelangt, als er sich aufrichten mußte, um die Sprossen hinaufzusteigen, bemerkte ich, daß er ein Bein und einen Arm gebrochen hatte.

Wir warfen ihm einen Strick mit einer Schleife zu; er schlang sich den Strick um seine Schultern, – Ich behielt das andere Ende in meinen Händen; der Wächter stieg einige Sprossen hinab, und Dank dieser doppelten Unterstützung gelang es uns, diesen Lebendigen der Gesellschaft der Todten zu entreißen.

Kaum war er außer dem Grabe, als er ohnmächtig wurde.

Wir trugen ihn an das Feuer, und legten ihn auf ein Bett von Stroh; dann sandte ich den Wächter fort, um einen Wundarzt zu holen.

Der Wächter kehrte mit einem Doctor zurück, bevor der Verwundete wieder zur Besinnung gekommen war, und erst während der Operation schlug er die Augen wieder auf.

Als der Verband angelegt war, verabschiedete ich den Wundarzt, und da ich wissen wollte, durch welchen seltsamen Umstand sich der Entweiher in dem königlichen Grabe befand, schickte ich auch den Wächter fort. Diesem war nichts lieber, als sich nach den Gemüthsbewegungen einer solchen Nacht zu Bett zu legen, und ich blieb allein bei dem Arbeiter. Ich setzte mich auf einen Stein neben das Stroh, auf welchem er lag, und dem Heerde gegenüber, dessen zitternde Flamme den Theil der Kirche erleuchtete, wo wir uns befanden, aber die ganze Tiefe in einer um so schwärzeren Dunkelheit ließ, da der Theil, wo wir uns befanden, in einem weit helleren Lichte war.

Ich verhörte nun den Verwundeten; hier ist das, was er mir erzählte.

Seine Verabschiedung hatte ihn wenig bekümmert. – Er hatte Geld in der Tasche, und bis dahin hatte er gesehen, daß man mit Geld keinen Mangel litte.

Er war dem zu Folge in die Schenke gegangen.

In der Schenke hatte er angefangen eine Flasche anzubrechen; aber bei dem dritten Glase hatte er den Wirth eintreten sehen.

– Sind wir bald fertig? hatte dieser gefragt.

– Und warum das? hatte der Arbeiter geantwortet.

– Weil ich habe sagen hören, daß Du es wärest, der Heinrich IV. eine Ohrfeige gegeben hat.

– Nun denn! ja, ich bin es, sagte der Arbeiter unverschämter Weise. – Was mehr?

– Was mehr? ich will keinem schlechten Schurken zu trinken geben, wie Du einer bist, der den Fluch über mein Haus herbeiziehen würde.

– Dein Haus, – Dein Haus ist das Haus für Jedermann, und sobald man bezahlt, – so ist man zu Haus.

– Ja, aber Du wirst nicht bezahlen.

– Und warum das?

– Weil ich Dein Geld nicht will. – Da Du nun aber nicht bezahlst, so wirst Du nicht zu Haus sein, – sondern bei mir, und da Du bei mir sein wirst, so werde ich das Recht haben. Dich vor die Thür zu werfen.

– Ja, wenn Du der Stärkere bist.

– Wenn ich nicht der Stärkere bin, so werde ich meine Aufwärter rufen.

– Wohlan! rufe ein wenig, damit wir sehen.

Der Schenkwirth hatte gerufen; drei im Voraus benachrichtigte Aufwärter waren jeder mit einem Stocke in der Hand bei seiner Stimme eingetreten, und so große Lust er auch hatte sich zu widersetzen, so war der Arbeiter dennoch gezwungen worden, sich ohne ein Wort zu sagen zurückzuziehen.

Nun hatte er sich entfernt, war einige Zeit lang in der Stadt herum geirrt und zur Stunde des Mittagessens zu einem Garkoch eingetreten, bei welchem die Arbeiter gewöhnlich ihre Mahlzeiten einnahmen.

Er hatte kaum seine Suppe gegessen, als die Arbeiter eintraten, welche ihr Tagewerk so eben beendigt hatten.

Als sie ihn erblickten, blieben sie auf der Schwelle stehen, und indem sie den Wirth riefen, erklärten sie ihm, daß wenn dieser Mann fortführe seine Mahlzeiten bei ihm zu nehmen, sie von dem ersten bis zum letzten sein Haus verlassen würden.

Der Garkoch fragte, was dieser Mensch gethan hatte, der so der allgemeinen Verdammung unterläge.

Man sagte ihm, daß es der Mann wäre, welcher Heinrich IV. eine Ohrfeige gegeben hätte.

– Dann pack Dich hinaus, sagte der Garkoch, in, dem er auf ihn zuschritt, und möge das, was Du gegessen hast. Dir zu Gift werden!

Es war noch weniger möglich, bei dem Garkoch Widerstand zu leisten, als bei dem Weinhändler. – Der geächtete Arbeiter stand auf, indem er seine Kameraden bedrohte, welche vor ihm zur Seite traten, nicht wegen der Drohungen, die er ausgestoßen, sondern wegen der Entweihung, die er begangen hatte.

Er verließ voll Wuth im Herzen das Haus und irrte einen Theil des Abends fluchend und lästernd in den Straßen von Saint Denis herum. Dann ging er gegen zehn Uhr nach seiner Schlafstelle.

Gegen die Gewohnheit des Hauses waren die Thüren verschlossen.

Er klopfte an die Thür.

Der Wirth erschien an einem Fenster. Da es finstere Nacht war, so konnte er den nicht erkennen, welcher klopfte.

– Wer sind Sie? fragte er.

Der Arbeiter nannte sich.

– Ah! sagte der Wirth, Du bist es, der Heinrich IV. eine Ohrfeige gegeben hat; warte.

– Wie, warum muß ich warten? sagte der Arbeiter ungeduldig.

Zu gleicher Zeit fiel ein Bündel zu seinen Füßen.

– Was ist das? fragte der Arbeiter.

– Alles, was von Dir hier war.

– Wie! Alles, was von mir hier war?

– Ja, Du kannst schlafen gehen, wo Du willst; ich habe keine Lust, daß mir mein Haus über dem Kopfe zusammen stürzt.

Der Arbeiter ergriff rasend einen Pflasterstein, und warf ihn gegen die Thür.

– Warte! sagte der Wirth, ich will Deine Kameraden wecken, und wir werden sehen.

Der Arbeiter sah ein, daß er nichts Gutes zu er, warten hätte. Er zog sich zurück, und als er Hundert Schritte weit von dort eine offene Thür gefunden hatte, so trat er ein, und legte sich unter einen Schoppen.

Unter diesem Schoppen befand sich Stroh; er legte sich auf dieses Stroh und schlief ein.

Um drei Viertel auf zwölf Uhr schien es ihm, als ob ihn Jemand, an der Schulter berühre.

Er erwachte und sah vor sich eine weiße Gestalt, welche das Ansehen einer Frau hatte, und die ihm einen Wink gab, ihr zu folgen.

Er glaubte, daß es eine jener Unglücklichen wäre, welche immer ein Lager und Vergnügen dem zu bieten haben, welcher das Lager und das Vergnügen bezahlen kann, und, da er Geld hatte, da er es vorzog die Nacht unter einem Obdache und in einem Bette, als hier unter einem Schoppen auf Stroh zuzubringen, so stand er auf und folgte der Frau.

Die Frau ging einen Augenblick lang die Häuser der linken Seite der Großen Straße hinab, dann ging sie über die Straße, schlug eine Gasse zur Rechten ein, wobei sie dem Arbeiter immer winkte ihr zu folgen.

Dieser, an dieses nächtliche Treiben gewöhnt, und indem er aus Erfahrung die Gassen kannte, in denen gewöhnlich die Frauen von der Art derer logirten, welcher er folgte, machte keine Schwierigkeit, und trat in die Gasse.

Die Gasse führte auf das Feld; er glaubte, daß diese Frau ein abgelegenes Haus bewohne, und folgte ihr immer noch.

Nach Verlauf von Hundert Schritten gingen sie durch eine Mauerlücke; als er aber plötzlich die Augen erhoben hatte, erblickte er die alte Abtei von Saint-Denis mit ihrem riesenhaften Glockenturme und ihren durch das innere Feuer, bei welchem der Wächter wachte, leicht gerötheten Fenstern vor sich.

Er suchte mit den Augen die Frau; sie war verschwunden.

Er befand sich auf dem Kirchhofe.

Er wollte wieder durch die Mauerlücke zurück gehen.

Aber es schien ihm, als ob er auf dieser Mauerlücke, finster, drohend, den Arm nach ihm ausgestreckt, das Gespenst Heinrich IV. sähe.

Das Gespenst that einen Schritt vorwärts, und der Arbeiter einen Schritt zurück.

Bei dem vierten oder fünften Schritte fehlte der Boden unter seinen Füßen, und er fiel rücklings in das Grab.

Nun meinte er um sich herum alle diese Könige, die Vorgänger und die Nachkommen Heinrich IV. sich aufrichten zu sehen; – nun schien es ihm, als ob die einen ihre Zepter, die andern ihre Hände der Gerechtigkeit über ihn erhöben, indem sie ihr Wehe über den Heiligthums-Schänder schrien. Nun schien es ihm, als ob bei der Berührung dieser Hände der Gerechtigkeit und dieser wie Blei schweren, wie Feuer brennenden Zepter er seine Glieder eines nach dem andern zerschmettert fühlte.

Dies war der Augenblick, wo es Mitternacht schlug und der Wächter die Klagen hörte.

Ich that, was ich vermochte, um diesen Unglücklichen zu beruhigen; aber sein Verstand war zerrüttet, und nach dreitägigem Delirium starb er mit dem Ausrufe: Gnade!

– Verzeihung, sagte der Doctor, aber ich verstehe den Schluß Ihrer Erzählung nicht recht. Der Unfall Ihres Arbeiters beweist, daß er, mit dem beschäftigt, was ihm am Tage begegnet war, entweder im wachenden Zustande, oder im Zustande des Somnambulismus, – des Nachts herumzuirren, begonnen hat, daß er im Herumirren auf den Kirchhof gekommen ist, und daß er, während er in die Luft blickte, statt zu seinen Füßen zu sehen, in das Grab gefallen ist, in welchem er natürlicher Weise in seinem Sturze einen Arm und ein Bein gebrochen hat. Nun aber haben Sil von einer Prophezeiung gesprochen, die in Erfüllung gegangen ist, und ich sehe an alle diesem nicht die geringste Prophezeiung.

– Warten Sie, Doctor, sagte der Chevalier, die Geschichte, welche ich so eben erzählt habe, und die, wie Sie Recht haben, nur ein Vorfall ist, führt geraden Weges zu dieser Prophezeiung, welche ich Ihnen erzählen werde, und die ein Geheimniß ist.

Diese Prophezeiung, hier ist sie:

Gegen den 20. Januar 1794, nach Zerstörung des Grabmals Franz l. öffnete man das Begräbniß der Gräfin von Flandern, der Tochter Philipps des Langen.

Diese beiden Gräber waren die letzten, die zu durchsuchen übrig blieben, alle Grabgewölbe waren erbrochen, alle Begräbnisse waren leer, alle Gebeine lagen in dem Beinhause.

Ein letztes Begräbniß war unbekannt geblieben, es war das des Kardinals von Retz, – den, wie man sagte, in Saint Denis begraben worden war.

Alle Grabgewölbe, das Grabgewölbe der Valois, das Grabgewölbe der Karls, waren wieder verschlossen worden, oder so ziemlich.

Es blieb nur noch das Grabgewölbe der Bourbons übrig, das man am folgenden Tage verschließen sollte.

Der Wächter brachte seine letzte Nacht in der Kirche zu, in welcher er nichts mehr zu bewachen hatte, es war ihm daher die Erlaubniß gegeben worden zu schlafen, und er benutzte die Erlaubniß.

Um Mitternacht wurde er durch den Klang der Orgel und religiöser Gesänge geweckt.

Er erwachte, rieb sich die Augen und wandte den Kopf nach dem Chore, das heißt nach der Seite, von woher die Gesänge kamen.

Nun sah er voll Erstaunen die Sitze des Chores von den Mönchen von Saint Denis besetzt; er sah einen Erzbischof, der am Altare Messe las; er sah das Todtengerüst erleuchtet, und unter dem erleuchteten Todtengerüst das. große goldene Leichentuch, welches gewöhnlich nur die Leiche der Könige bedeckt.

In dem Augenblicke, wo er erwachte, war die Messe beendigt, und die Feierlichkeit des Begräbnisses begann.

Das Zepter, die Krone und die Hand der Gerechtigkeit, welche auf einem Kissen von rothem Sammet lagen, wurden den Herolden wieder übergeben, welche sie drei Prinzen überreichten, die sie nahmen.

Sogleich näherten sich, eher gleitend als gehend, und ohne daß das Geräusch ihrer Schritts das geringste Echo in dem Gewölbe erweckte, die Edelleute der Kammer, welche die Leiche nahmen und sie in das Grabgewölbe der Bourbons trugen, das allein offen geblieben war, während alle anderen verschlossen waren.

Nun ging der Wappenkönig in dasselbe hinab, und als er hinabgegangen war, rief er den andern Herolden zu, daß sie hinabzukommen hätten, um ihren Dienst zu versehen.

Der Wappenkönig und die Herolde waren fünf an der Zahl.

Aus der Tiefe des Grabgewölbes rief der Wappenkönig den ersten Herold, der die Sporen trug. Dieser stieg hinab.

Dann den zweiten, der hinabging, indem er den Panzerhandschuh trug.

Dann den dritten, dieser trug das Schild.

Dann den vierten, welcher folgte, indem er die Helmsturmhaube trug.

Dann den fünften, der den Panzer trug.

Hierauf rief er den ersten Vorschneider, der das Banner brachte.

Die Kapitäne der Schweizer, der Bogenschützen der Garde und der zwei Hundert adeligen Garden des Königs.

Den Oberstallmeister, welcher das königliche Schwert brachte.

Den ersten Kammerherrn, der das Banner von Frankreich brachte.

Den Großhaushofmeister, vor dem alle Haushofmeister vorübergingen, indem sie ihre weißen Stäbe in das Grabgewölbe warfen und in dem Maße, als sie vorübergingen, sich vor den drei Prinzen verneigten, welche die Krone, das Zepter und die Hand der Gerechtigkeit trugen.

Die drei Prinzen, welche nun auch das Zepter, die Hand der Gerechtigkeit und die Krone brachten.

Nun rief der Wappenkönig mit lauter Stimme und drei Male aus:

Der König ist todt; es lebe der König!

Der König ist todt; es lebe der König!

Der König ist todt; es lebe der König!

Ein Herold, der in dem Chore geblieben war, wiederholte diesen dreifachen Ruf.

Endlich zerbrach der Großhaushofmeister seinen Stab zum Zeichen, daß der königliche Hofhalt aufgelöst wäre, und daß die Beamten des Königs für sich sorgen könnten.

Sogleich schmetterten die Trompeten und die Orgel ertönte wieder.

Dann, während die Trompeten immer schwächer bliesen, während die Orgel immer leiser stöhnte, erbleichten die Lichter der Kerzen, verdunkelten sich die Körper der Anwesenden, und, bei dem letzten Stöhnen der Orgel, bei dem letzten Klange der Trompeten, – verschwand Alles.

Am folgenden Tage erzählte der Wächter in Thränen zerfließend das königliche Begräbniß, das er gesehen hatte, und dem er, der arme Mann, allein beiwohnte, indem er prophezeite, daß diese verstümmelten Gräber wieder hergestellt werden würden, und daß Frankreich trotz den Dekreten des Convents und dem Werke der Guillotine eine neue Monarchie und Saint Denis neue Könige wiedersehen würde.

Diese Prophezeiung brachte den armen Teufel in das Gefängniß und beinahe auf das Schaffot, ihn, der dreißig Jahre später, das heißt am 20, September 1824, hinter derselben Säule, wo er seine Erscheinung gehabt hatte, zu mir sagte, indem er mich bei dem Schooße meines Rockes zog:

– Nun denn! Herr Lenoir, hatte ich es Ihnen nicht gesagt, daß unsere armen Könige eines Tages nach Saint Denis zurückkehren würden, – hatte ich mich geirrt?

In der That, an diesem Tage begrub man Ludwig XVIII. mit denselben Feierlichkeiten, welche der Wächter der Gräber dreißig Jahre vorher hatte ausüben sehen.

– Erklären Sie das, Doctor.




X.

Artifaille


Der Doctor schwieg; vielleicht war er überzeugt, oder, was weit wahrscheinlicher ist, es erschien ihm der Widerspruch gegen einen Mann, wie der Chevalier Lenoir, zu schwierig.

Das Schweigen des Doctors ließ den Auslegern freies Feld; der Abbé Moulle bemächtigte sich des Kampfplatzes.

– Alles das bestätigt mich in meinem Systeme, sagte er.

– Und welches ist Ihr System? fragte der Doctor, entzückt, die Polemik mit weniger tüchtigeren Kämpfern, als Herr Ledru und der Chevalier Lenoir, wieder aufs nehmen zu können.

– Daß wir zwischen zwei unsichtbaren Welten leben, von denen die eine mit Dämonen, die andere mit himmlischen Geistern bevölkert ist; daß zu der Stunde unserer Geburt zwei Genien, ein guter und ein böser, an unsere: Seite Platz nehmen, und uns unser ganzes Leben lang begleiten, indem der Eine uns das Gute, der Andere das Böse zuflüstert, und daß zur Stunde unseres Todes der, welcher den Sieg davon trägt, sich unserer bemächtigt; auf diese Weise wird unser Leib entweder die Beute eines Dämons, oder die Wohnung eines Engels. Bei der armen Solange hatte der gute Genius triumphirt, und er war es, der Ihnen, Ledru, durch die stummen Lippen der jungen Märtyrerin Lebewohl sagte; bei dem von dem schottischen Richter verurtheilten Räuber war der Dämon Herr des Platzes geblieben, und er ist es, der dem Richter unter der Gestalt einer Katze, dann in dem Anzuge eines Gerichtsdieners, und endlich mit dem Anscheine eines Skelettes erschien; in dem letzteren Falle endlich ist es der Engel der Monarchie, der an dem Heiligthumsschänder die schreckliche Entweihung der Gräber gerächt hat, und der, indem er sich wie Christus den Demüthigen kundthat, einem armen Wächter der Gräber die zukünftige Restauration des Königthumes gezeigt hat, und das mit eben so viel Prunk, als ob die Phantastische Feierlichkeit alle zukünftigen Würdenträger von dem Hofe Ludwigs XVIII. zu Zeugen gehabt hätte.

– Aber am Ende, Herr Abbé, sagte der Doctor, ist jedes System auf eine Ueberzeugung gegründet.

– Ohne Zweifel.

– Aber damit diese Ueberzeugung wirklich sei, muß sie auf einer Thatsache beruhen.

– Die meinige beruht daher auch auf einer Thatsache.

– Auf einer Thatsache, welche Ihnen von Jemand erzählt worden ist, zu dem Sie Alles Vertrauen haben.

– Auf einer Thatsache, die mir selbst begegnet ist.

– Ah! Abbé, erzählen Sie uns.die Thatsache.

– Mit Vergnügen. Ich bin in diesem Theile des Erbes der ehemaligen Könige geboren, den man heut zu Tage das Departement de l'Aisne nennt und den man ehedem Isle-de-France nannte; mein Vater und meine Mutter bewohnten ein kleines Dorf mitten im Walde von Villers-Cotterets, Fleury genannt. Vor meiner Geburt hatten meine Eltern bereits fünf Kinder gehabt, drei Knaben und zwei Mädchen, die Alle gestorben waren; es ging daraus hervor, daß meine Mutter, als sie sich mit mir schwanger sah, das Gelübde that, mich bis zum Alter von sieben Jahren weiß zu kleiden, und mein Vater eine Wallfahrt nach Notre-Dame de Liesse gelobte.

Diese beiden Gelübde sind in der Provinz nicht selten, und es fand zwischen ihnen eine directe Verbindung statt, da das Weiße die Farbe der Jungfrau ist, und unter Notre-Dame de Liesse Niemand anders gemeint ist, als die Jungfrau Maria.

Unglücklicher Weise starb mein Vater während der Schwangerschaft meiner Mutter; aber meine Mutter, welche eine fromme Frau war, beschloß nichts desto weniger das Gelübde in seiner ganzen Strenge zu erfüllen; gleich nach meiner Geburt wurde ich von Kopf bis zu den Füßen weiß gekleidet, und sobald sie gehen konnte, unternahm meine Mutter zu Fuß die heilige Wallfahrt, wie sie gelobt worden war.

Glücklicher Weise lag Notre-Dame de Liesse nur fünfzehn Stunden weit von dem Dorfe Fleury; in drei Tagereisen hatte meine Mutter den Bestimmungsort erreicht.

Dort verrichtete sie ihre Andacht und empfing aus den Händen des Pfarrers eine silberne Medaille, welche sie mir um den Hals hing.

Dank diesem doppelten Gelübde war ich von allen Unfällen der Jugend befreit, und als ich das Alter der Vernunft erreicht hatte, fühlte ich mich, entweder als Resultat der religiösen Erziehung, die ich erhalten, oder durch den Einfluß der Medaille, zu dem geistlichen Stande hingezogen; nachdem ich meine Studien in dem Seminar von Soissons vollendet, verließ ich dasselbe im Jahre 1780 als Priester, und wurde als Pfarrverweser nach Etampes gesandt.

Der Zufall wollte, daß ich an der der vier Kirchen von Etampes angestellt wurde, welche der Mutter Gottes gewidmet ist.

Diese Kirche ist eines der wundervollen Monumente, welche die romanische Epoche dem Mittelalter hinterlassen hat. Von Robert dem Starken gegründet, wurde sie erst im zwölften Jahrhundert beendigt; sie hat noch heut zu Tage bewunderungswürdige Fensterscheiben, welche zur Zeit ihrer Erbauung wundervoll mit der Malerei und der Vergoldung harmoniren mußten, welche ihre Säulen bedeckten und die Kapitaler derselben schmückten.

Schon als Kind hatte ich diese Wundervillen Blumen von Granit sehr geliebt, welche der Glaube von dem zehnten bis zum sechszehnten Jahrhunderte aus der Erde hat hervorgehen lassen, um den Boden von Frankreich, dieser erstgebornen Tochter Roms, mit einem Walde von Kirchen zu bedecken, und der aufhörte, als der von dem Gifte Luthers und Calvins getödtete Glauben in dem Herzen erstarb.

Ich hatte als kleines Kind in den Ruinen der Sanct-Johanneskirche zu Soissons gespielt; – ich hatte meine Augen an den Gebilden aller dieser Gesimse erfreut, welche versteinerte Blumen zu sein scheinen; so daß ich, als ich Notre-Dame von Etampes sah, glücklich war, daß der Zufall oder vielmehr die Vorsehung mir, der Schwalbe, ein solches Nest, mir, dem Acyon, ein solches Schiff gegeben hatte.

Die glücklichsten Augenblicke waren daher für mich auch die, welche ich in der Kirche zubrachte. Ich will nicht sagen, daß ein rein religiöses Gefühl mich darin zurückhielt; nein, es war ein Gefühl des Wohlseins, das mit dem des Vogels verglichen werden kann, den man aus der Luftpumpe, aus welcher man angefangen hat die Luft zu ziehen, heraus nimmt, um ihn dem Raums und der Freiheit wiederzugeben. Mein Raum war der, welcher sich von dem Portale nach dem Chore erstreckte; meine Freiheit war die: zwei Stunden lang auf einem Grabe kniend oder an eine Säule gelehnt zu träumen. – Worüber träumte ich? zuverlässig nicht über irgend eine theologische Spitzfindigkeit; nein, es war der ewige Kampf des Guten und des Bösen, welcher den Menschen seit dem Tage des Sündenfalles hin und herzieht; ich träumte von den schönen Engeln mit weißen Flügeln, von den abscheulichen Dämonen mit rothen Gesichtern, welche bei jedem Sonnenstrahle an den Fensterscheiben funkelten, die einen von dem himmlischen Feuer strahlend, die andern in dem Feuerpfuhle der Hölle flammend. Kurz, die Kirche unserer lieben Frau war meine Wohnung; – dort lebte, dachte, betete ich. Das kleine Pfarrhaus, das man mir gegeben, war nur mein Absteigequartier, ich aß und schlief dort, sonst Nichts,.

Dabei verließ ich oft meine schöne Kirche erst um Mitternacht oder um ein Uhr Morgens.

Man wußte das. – Wenn ich nicht im Pfarrhause war, so war ich in der Kirche. – Man suchte, und fand mich dort.

Eingeschlossen in dieses Heiligthum der Religion und besonders der Poesie, wie ich es war, gelangten von den Gerüchten der Welt sehr wenige bis zu mir.

Unter diesen Gerüchten gab es eines, das Jedermann, groß und klein, Geistliche und Laien interessirte. Die Umgegend von Etampes ward durch die Unternehmungen eines Nachfolgers oder vielmehr eines Nebenbuhlers von Cartousche und von Poulailler in Schrecken verseht, der, was die Vermessenheit anbetrifft, in die Fußtapfen seiner Vorgänger treten zu müssen schien. Dieser Räuber, der sich an Allem vergriff, aber besonders an den Kirchen, nannte sich Artifaille.

Etwas, das mir noch eine besondere Aufmerksamkeit auf die Unternehmungen dieses Räubers verlieh, war, daß seine Frau, welche in der untern Stadt von Etampes wohnte, eines meiner fleißigsten Beichtkinder war. Eine wackere und würdige Frau, für welche das Verbrechen, in welches ihr Gatte versunken war, ein Gewissensbiß war, und die, indem sie sich als Gattin vor Gott verantwortlich hielt, ihr Leben in Gebeten und in Beichten in der Hoffnung zubrachte, durch ihre frommen Werke die Gottlosigkeit ihres Gatten zu mildern.

Was ihn anbetrifft, so war er, wie ich Ihnen gesagt habe, ein Räuber, der weder Gott noch den Teufel fürchtete, indem er behauptete, daß die Gesellschaft schlecht eingerichtet und daß er auf die Erde gesandt wäre, um sie zu verbessern; daß durch ihn sich das Gleichgewicht in den Vermögensumständen herstellen würde, und daß er nur der Vorbote einer Secte wäre, die man eines Tages erscheinen sehen und die das predigen würde, was er in Ausübung setzte, nämlich die Gemeinschaft der Güter.

Zwanzig Male war er gefangen genommen und in das Gefängniß geführt worden; aber fast immer hatte man in der zweiten oder in der dritten Nacht das Gefängniß leer gefunden; da man nicht wußte, wie man sich Rechenschaft über diese Einweichung ablegen sollte, so sagte man, daß er das Kraut gefunden hätte, welches das Eisen durchschneidet.

Es gab also etwas Wunderbares, das sich an diesen Manne fesselte.

Was mich anbetrifft, so gestehe ich, daß ich nur dann daran dachte, wenn seine arme Frau zu mir in die Beichte kam, indem sie mir ihre Schrecken gestand und mich um meinen Rath fragte.

Dann rieth ich ihr, wie Sie wohl begreifen werden, ihren ganzen Einfluß auf ihren Gatten anzuwenden, um ihn auf den guten Weg zurückzuführen. Aber der Einfluß der armen Frau war sehr schwach. Es blieb ihr daher nur die ewige Zuflucht zur Gnade, welche das Gebet vor dem Herrn eröffnet.

Das Osterfest des Jahres 1783 nahte heran. Es war in der Nacht vom Donnerstag auf den Charfreitag. Ich hatte am Donnerstage eine große Anzahl von Beichten gehört, und gegen acht Uhr Abends fühlte ich mich dermaßen erschöpft, daß ich in dem Beichtstuhle eingeschlafen war.

Der Messner hatte mich eingeschlafen gesehen; da er aber meine Gewohnheiten kannte und wußte, daß ich einen Schlüssel zu der kleinen Kirchenthüre bei mir trug, so hatte er nicht einmal daran gedacht mich zu wecken; das, was mir an diesem Abende begegnete, war mir Hundert Male begegnet.

Ich schlief also, als ich mitten in meinem Schlummer etwas wie ein doppeltes Geräusch erschallen fühlte.

Das eine war der Klang des ehernen Hammers, der die Mitternachtsstunde schlug.

Das andere war das Knarren eines Schrittes auf den Steinplatten.

Ich öffnete die Augen und schickte mich an den Beichtstuhl zu verlassen, als es mir in dem Mondscheine, der durch die Scheiben eines der Fenster fiel, schien, einen Mann vorübergehen zu sehen.

Da dieser Mann mit Vorsicht ging, indem er bei jedem Schritte, den er that, um sich blickte, so sah ich ein, daß es weder einer der Assistenten, noch der Kirchendiener, noch der Sänger, noch irgend einer der Pfarrgehülfen der Kirche, sondern irgend ein Eingedrungener wäre, der sich in einer bösen Absicht da befände.

Der nächtliche Besucher ging nach dem Chore. Dort angelangt blieb er stehen, und nach Verlauf eines Augenblickes hörte ich das Anschlagen eines Stahles an einen Feuerstein; ich sah einen Funken knistern, ein Stück Schwamm entzündete sich, und ein Schwefelholz heftete sein unstätes Licht an eine auf dem Altare stehende Kerze.

Bei dem Scheine dieser Kerze konnte ich nun einen Mann von mittlerer Größe sehen, der in seinem Gürtel zwei Pistolen und einen Dolch trug, mit eher spöttischem als schrecklichem Gesicht, und der, indem er einen forschenden Blick in dem ganzen von der Kerze erleuchteten Kreise herumwarf, durch diese Untersuchung vollkommen beruhigt schien.

Dem zu Folge zog er aus seiner Tasche, nicht ein Bund Schlüssel, sondern ein Bund jener Werkzeuge, die dazu bestimmt sind, sie zu ersetzen, und die man Rossignols Dietriche nennt, ohne Zweifel nach dem Namen jenes berühmten Rossignol, der sich rühmte, den Schlüssel zu jeder Zeichenschrift gefunden zu haben. – Mit Hilfe eines dieser Werkzeuge schloß er den Tabernakel auf, indem er zuerst das heilige Ciborium herausnahm, eine prachtvolle Schaale von altem unter Heinrich II, cisilirten Silber, dann eine massive Monstranz, welche der Stadt von Maria Antoinette geschenkt worden war, dann endlich zwei Kännchen von vergoldetem Silber.

Da das Alles war, was das Tabernakel enthielt, so verschloß er ihn wieder sorgfältig und kniete nieder um den untern Theil des Altares aufzuschließen, der zum Reliquienkästchen diente.

Der untere Theil des Altares enthielt ein Muttergottesbild von Wachs mit einer Krone von Gold und Diamanten, das mit einem ganz von Edelsteinen gestickten Kleide angethan war.

Nach Verlauf von fünf Minuten war das Reliquienkästchen, dessen Wände von Glas der Dieb übrigens hätte zerbrechen können, wie das Tabernakel mit Hilfe eines Nachschlüssels geöffnet, und er schickte sich an, das Kleid und die Krone der Monstranz, den Kännchen und dem heiligen Ciborium hinzuzufügen, als ich, indem ich nicht wollte, daß ein solcher Diebstahl vor sich ginge, den Beichtstuhl verließ und auf den Altar zuschritt.

Das Geräusch, welches ich verursachte, indem ich die Thüre aufmachte, ließ den Dieb sich umwenden. Er neigte sich nach meiner Seite und versuchte seinen Blick in die ferne Dunkelheit der Kirche zu senken; aber der Beichtstuhl war außer dem Bereiche des Lichtes, so daß er mich erst wirklich sah, als ich in den durch die zitternde Flamme der Kerze erleuchteten Kreis trat.

Als er einen Mann erblickte, lehnte sich der Dieb gegen den Altar, zog eine Pistole ans seinem Gürtel und richtete sie auf mich.

Aber an meinem langen schwarzen Gewande konnte er bald sehen, daß ich nur ein einfacher friedlicher Priester wäre, und als ganzen Schutz nur den Glauben, als ganze Waffe nur das Wort hätte.

Trotz der Drohung der gegen mich gerichteten Pistole schritt ich bis an die Stufen des Altares vor. Ich fühlte, daß, wenn er auf mich schösse, die Pistole entweder versagen, oder die Kugel abweichen würde; ich hatte die Hand auf meiner Medaille, und ich fühlte mich ganz durch die heilige Liebe der Mutter Gottes gedeckt.

Diese Ruhe des armen Pfarrverwesers schien den Räuber zu erschüttern.

– Was wollen Sie? sagte er zu mir mit einer Stimme, die er beherzt zu machen sich bemühte.

– Sie sind Artifaille? sagte ich zu ihm.

– Bei Gott, antwortete er, wer würde es denn sonst wagen, allein in eine Kirche zu dringen, wie ich es thue. wenn ich es nicht wäre.

– Armer verhärteter Sünder, der Du stolz auf Dein Verbrechen bist, sagte ich zu ihm, begreifst Du denn nicht, daß Du bei dem Spiele, das Du spielst, nicht allein Deinen Leib, sondern auch noch Deine Seele in's Verderben stürzest?

– Bah! sagte er, was meinen Leib anbetrifft, so habe ich ihn bereits so viele Male gerettet, daß ich gute Hoffnung habe ihn ferner zu retten, und, was meine Seele anbetrifft. . .

– Nun denn! Was Deine Seele anbetrifft?

– Das geht meine Frau an; sie ist fromm für zwei, und sie wird meine Seele zugleich mit der ihrigen retten.

– Sie haben Recht, Ihre Frau ist eine fromme Frau, mein Freund, und sie würde zuverlässig vor Schmerz sterben, wenn sie erführe, daß Sie das Verbrechen vollbracht hätten, das Sie auszuführen im Begriffe standen.

– O, o! Sie glauben, daß sie vor Schmerz sterben würde, meine arme Frau?

– Ich bin davon überzeugt.

– Ei! Ich werde also Wittwer werden, fuhr der Räuber fort, indem er in Gelächter ausbrach und die Hände nach den heiligen Gefäßen ausstreckte.

Aber ich ging die drei Stufen des Altares hinauf und hielt ihm den Arm zurück.

– Nein, sagte ich zu ihm, denn Sie werden diesen Kirchenraub nicht begehen.

– Und wer wird mich davon abhalten?

– Ich.

– Mit Gewalt?

– Nein, durch Ueberredung. Gott hat seine Diener nicht auf die Erde gesandt, damit sie Gewalt anwenden sollen, was eine menschliche Sache ist, sondern die Ueberredung, die eine himmlische Kraft ist. Mein Freund, nicht wegen der Kirche, welche sich andere Gefäße verschaffen kann, sondern wegen Ihrer, der Sie Ihre Sünden nicht zurückkaufen können, geschieht es. Mein Freund, Sie werden diesen Kirchenraub nicht begehen.

– Oh so! Sie glauben also, daß es der erste ist, mein wackerer Mann?

– Nein, ich weiß, daß es der zehnte, der zwanzigste, der dreißigste vielleicht ist; aber was liegt daran? Bis hierher waren Ihre Augen verschlossen, Ihre Augen werden sich heute Abend öffnen, das ist Alles. Haben Sie nicht sagen hören, daß es einen Mann Namens Soul gab, welcher die Mäntel derer hielt, die den heiligen Stephan steinigten? Nun denn! Dieser Mann hatte die Augen mit Schuppen bedeckt, wie er es selbst sagt; eines Tages fielen die Schuppen von seinen Augen; er sah und er wurde der heilige Paulus.

– Sagen Sie mir doch, Herr Abbé, ist der heilige Paulus nicht gehängt worden?

– Ja.

– Nun denn! Wozu hat es ihm denn genützt, zu sehen?

– Es hat ihm dazu genützt, überzeugt zu werden, daß das Heil zuweilen in der Marter liegt. Jetzt hat der heilige Paulus einen verehrten Namen auf der Erde zurückgelassen, und genießt die ewige Glückseligkeit im Himmel.

– In welchem Alter ist es dem heiligen Paulus begegnet, zu sehen?

– Mit fünf und dreißig Jahren.

– Ich bin über das Alter hinaus; ich bin vierzig Jahre alt.

– Es ist immer Zeit, seine Sünden.zu bereuen. – Jesus sagte an dem Kreuze zu dem bösen Schacher: Ein Wort des Gebetes, und ich rette Dich.

– Ah so! Du hältst also sehr auf Dein Silberzeug? sagte der Räuber, indem er mich anblickte.

– Nein. Ich halte auf Deine Seele, die ich retten will.

– Auf meine Seele! – Du willst mir das aufbinden; Du machst Dich nicht übel lustig.

– Willst Du, daß ich Dir beweise, daß es Deine Seele ist, auf welche ich halte? – sagte ich zu ihm.

– Ja, gib mir diesen Beweis, – Du wirst mir Vergnügen machen.

– Wie hoch schätzest Du den Diebstahl, den Du heute Nacht begehen willst?

– Ei, ei! äußerte der Räuber, indem er die Kännchen, den Kelch, die Monstranz und das Kleid der Jungfrau wohlgefällig anblickte, auf Tausend Thaler.

– Auf Tausend Thaler?

– Ich weiß wohl, daß sie das Doppelte werth sind, aber ich werde zum Mindesten zwei Drittheile daran verlieren müssen; diese verteufelten Juden sind so große Spitzbuben!

– Komm zu mir.

– Zu Dir?

– Ja, zu mir, in das Pfarrbaus. Ich habe eins Summe von Tausend Livres, ich werde sie Dir auf Abschlag geben.

– Und die beiden andern Tausend?

– Und die beiden andern Tausend? Wohlan! ich verspreche Dir auf mein Priesterwort, daß ich in meine Heimart, geben werde; meine Mutter besitzt einiges Vermögen, ich werde drei bis vier Morgen Land verkaufen, um die beiden andern Tausend zu erlangen, und ich werte sie Dir geben.

– Ja, damit Du mir ein Rendezvous gibst, und mich in irgend eine Falle gerathen läßt.

– Du glaubst nicht, was Du da sagst, äußerte ich, indem ich die Hand nach ihm ausstreckte.

– Nun denn! Es ist wahr, ich glaube nicht daran, sagte er mit finsterer Miene. – Deine Mutter ist also reich?

– Meine Mutter ist arm.

– Dann wird sie zu Grunde gerichtet sein?

– Wenn ich Ihr gesagt haben werde, daß ich um den Preis ihrer Armuth vielleicht eine Seele gerettet habe, so wird sie mich segnen. Außerdem wird sie, wenn sie Nichts mehr hat, bei mir wohnen können, und ich werde immer für zwei zu leben haben.

– Ich nehme es an, sagte er; laß uns zu Dir gehen.

– Es sei, – aber warte.

– Wie?

– Schließe die Gegenstände wieder in das Tabernakel, die Du aus ihm genommen hast, – verschließe ihn wieder ordentlich, das wird Dir Glück bringen.

Die Stirn des Räubers runzelte sich wie die eines Mannes, dessen sich der Glaube wider seinen Willen bemächtigt; er stellte die heiligen Gefäße wieder in das Tabernakel und verschloß es.

– Komm, sagte er.

Mach zuvor das Zeichen des Kreuzes, sagte ich zu ihm.

Er versuchte ein spöttisches Gelächter auszustoßen, aber das angefangene Gelächter unterbrach sich von selbst.

Hierauf machte er das Zeichen des Kreuzes.

– Jetzt folge mir, sagte ich zu ihm.

Wir entfernten uns durch die kleine Pforte; – in weniger als fünf Minuten befanden wir uns in meiner Wohnung.

Während des Weges, so kurz er auch sein mogte, schien mir der Räuber sehr besorgt zu sein, indem er um sich blickte und fürchtete, daß ich ihn in irgend einen Hinten halt locken mögte.

In meiner Wohnung angelangt, blieb er an der Thür stehen.

– Nun denn! diese Tausend Franken? fragte er.

– Warte, antwortete ich.

Ich zündete eine Kerze an meinem ausgehenden Feuer an, schloß einen Schrank auf und nahm einen Beutel aus demselben.

– Hier sind sie, sagte ich zu ihm.

Und ich gab ihm den Beutel.

– Jetzt die beiden andern Tausend, wann werde ich sie erhalten?

– Ich verlange sechs Wochen von Dir.

– Es ist gut; ich gebe Dir sechs Wochen.

– Wem werde ich sie übergeben?

Der Räuber überlegte einen Augenblick lang.

– Meiner Frau, sagte er.

– Es ist gut.

– Aber sie wird nicht erfahren, woher sie kommen, noch wie, ich sie gewonnen habe?

– Sie wird es nicht erfahren, weder sie, noch irgend Jemand. Und niemals wirst Du dagegen etwas gegen Notre-Dame-des-Etampes, noch gegen jede andere Kirche unternehmen, welche der heiligen Jungfrau gewidmet ist?

– Niemals!

– Auf Dein Wort?

– So war ich Artifaille heiße.

– Geh, mein Bruder, und sündige nicht mehr.

Ich grüßte ihn, indem ich ihm ein Zeichen mit der Hand gab, daß es ihm frei stände sich zurückzuziehen.

Er schien einen Augenblick lang zu zögern; indem er hierauf vorsichtig die Thür öffnete, verschwand er.

Ich warf mich auf die Knie. . . und betete für diesen Menschen.

Ich hatte mein Gebet noch nicht beendigt, als ich an die Thür klopfen hörte.

– Herein, sagte ich, ohne mich umzuwenden.

Es trat in der That Jemand ein, welcher, da er mich im Gebet sah, hinter mir stehen blieb.

Als ich mein Gebet beendigt hatte, wandte ich mich um und sah Artifaille regungslos und steif, mit seinem Beutel unter dem Arme an der Thür stehen.

– Nimm, sagte er zu mir, ich bringe Dir Deine Tausend Livres zurück.

– Meine Tausend Livres?

– Ja, und ich entbinde Dich für die beiden andern Tausend.

– Und indessen besteht das Versprechen fort, das Du mir gegeben hast?

– Bei Gott!

– Du bereust also?

– Ich weiß nicht, ob ich bereue oder nicht, aber ich will Dein Geld nicht, das ist Alles.

Und er stellte den Beutel auf dm Rand des Schenktisches.

Als er hierauf den Beutel hingestellt, blieb er stehen, wie um irgend etwas zu verlangen; aber man fühlte, daß dieses Verlangen Mühe hatte über seine Lippen zu treten.

– Was wünschen Sie? fragte ich ihn. Sprechen Sie, mein Freund. Das, was Sie gethan haben, ist gut, schämen Sie Sich nicht, mehr zu thun.,

– Du hast eine große Verehrung für die heilige Jungfrau? fragte er mich.

– Eine große.

– Und Du glaubst, daß ein Mensch, so strafbar er auch sein möge, zur Stunde des Todes durch Ihre Fürbitte gerettet werden kann? Wohlan! gib mir gegen Deine drei Tausend Franken, für die ich Dich entbunden halte, irgend eine Reliquie, irgend einen Rosenkranz, die ich in meiner Stunde des Todes küssen kann.

Ich nahm die Medaille und die goldene Kette ab, welche meine Mutter an dem Tage meiner Geburt mir um den Hals gehängt, und die mich seitdem niemals verlassen hatte, und schenkte sie dem Räuber.

Der Räuber drückte seine Lippen auf die Medaille – und entfloh.

Ein Jahr verfloß, ohne daß ich von Artifaille sprechen hörte; ohne Zweifel hatte er Etampes verlassen, um sein Gewerbe anderswo auszuüben.

Inzwischen empfing ich einen Brief von meinem Amtsbruder, dem Pfarrverweser von Fleury. Meine gute Mutter war sehr krank und rief mich zu sich. Ich erlangte einen Urlaub und begab mich auf die Reise.

Sechs Wochen bis zwei Monate guter Pflege und Gebete gaben meiner Mutter die Gesundheit wieder. Wir verließen uns, ich vergnügt, sie munter und gesund, und ich kehrte nach Etampes zurück.

Ich kam an einem Freitag Abend an; die ganze Stadt war in Bewegung. Der berüchtigte Dieb Artifaille war in der Gegend von Orleans eingefangen, und von dem Landgerichte dieser Statt gerichtet worden, das ihn nach der Verurtheilung nach Etampes geschickt hatte, um gehangen zu werden, da der Bezirk von Etampes der Hauptplatz seiner Missethaten gewesen war.

Die Hinrichtung hatte am selben Morgen stattgefunden.

Das ist es, was ich auf der Straße erfuhr; – als ich aber in das Pfarrhaus trat, erfuhr ich noch etwas Anderes: nämlich daß eine Frau der unteren Stadt seit dem Morgen des vorigen Tages, das heißt seit dem Augenblicke, wo Artifaille in Etampes angekommen war, um dort seine Hinrichtung zu erleiden, mehr als zehn Male gekommen war, um sich zu erkundigen, ob ich zurückgekehrt wäre.

In dieser Beharrlichkeit lag nichts Verwunderungswerthes. Ich hatte geschrieben, um meine bevorstehende Ankunft zu melden, und ich wurde von einem Augenblick zum andern erwartet.

Ich kannte in der untern Stadt nur die arme Frau, welche Wittwe geworden war, und ich beschloß zu ihr zu gehen, bevor ich nur den Staub von meinen Füßen geschüttelt hatte.

Von dem Pfarrhause nach der untern Stadt war nur ein Schritt. – Es schlug freilich zehn Uhr Abends, aber ich dachte, da das Verlangen mich zu sehen so groß gewesen, ich die arme Frau durch meinen Besuch nicht stören würde.

Ich ging also nach der Vorstadt hinab, und ließ mir ihr Haus andeuten. – Da Jedermann sie als eine Fromme kannte, so machte Niemand ihr aus dem Verbrechen ihres Gatten ein Verbrechen, Niemand rechnete seine Schande ihr zu.

Ich gelangte an die Thür. Der Laden stand offen, und ich konnte durch die Fensterscheiben die arme Frau an den Füßen des Bettes knieend und im Gebete sehen.

Nach der Bewegung ihrer Schultern konnte man errathen, daß sie im Beten schluchzte.

Ich klopfte an die Thür.

Sie stand auf und öffnete schnell.

– Ach! Herr Abbé! rief sie aus, ich errieth Sie. Ms man angeklopft hat, habe ich vermuthet, daß Sie es wären. Leider! leider! kommen Sie zu spät; mein Gatte ist ohne Beichte gestorben.

– Er ist also in schlechten Gesinnungen gestorben?

– Nein, ganz im Gegentheile, ich bin überzeugt, daß er im Grunde des Herzens Christ war; aber er hatte erklärt, daß er keinen andern Priester, als Sie wollte, daß er nur Ihnen beichten würde, und daß er, wenn er Ihnen nicht beichtete, Niemand beichten würde, als Unserer lieben Frau.

– Er hat Ihnen das gesagt?

– Ja, und indem er es sagte, küßte er eine Medaille der heiligen Jungfrau, welche an einer goldenen Kette an seinem Halse hing, wobei er über alles empfahl, daß man ihm diese Medaille nicht abnähme und versicherte, daß wenn es gelänge, ihn mit dieser Medaille zu begraben, der böse Geist keine Gewalt über seinen Leib haben würde.

– Ist das Alles, was er gesagt hat?

– Nein. Indem er mich verließ, um nach dem Richtplatze zu geben, hat er mir noch gesagt, daß Sie heute Abend ankommen würden, daß Sie mich gleich nach Ihrer Ankunft besuchen würden; deshalb erwartete ich Sie.

– Er hat Ihnen das gesagt? äußerte ich voll Erstaunen.

– Ja, und dann hat er mich noch mit einer letzten Bitte beauftragt.

– Für mich?

– Für Sie. Er hat gesagt, daß, zu welcher Stunde Sie such kommen mögten, – ich Sie bitten sollte. . . Mein Gott! ich werde es niemals wagen, so etwas zu sagen.

– Reben Sie, meine gute Frau, reden Sie.

– Nun denn, daß ich Sie bitten sollte, nach dem Richtplatze zu gehen, um dort unter seiner Leiche zu Gunsten seiner Seele fünf Pater Noster und fünf Ave Maria zu beten. – Er hat gesagt, daß Sie mir es nicht ausschlagen würden, Herr Abbé.

– Und er hat Recht gehabt, denn ich will hingehen.

– O! was Sie gütig sind!

Sie ergriff meine Hände und wollte sie küssen.

Ich machte mich los.

– Nun denn, meine gute Frau, sagte ich zu ihr, Muth!

– Gott verleiht ihn mir, Herr Abbé, ich beklage mich nicht.

– Er hat nichts Anderes verlangt?

– Nein.

– Es ist gut! Wenn er für die Ruhe seiner Seele nur der Erfüllung dieses Wunsches bedarf, so wird seine Seele in Ruhe sein.

Ich entfernte mich.

Es war ohngefähr halb eilf Uhr. – Es war in den letzten Tagen des April, der Nordwind war noch frisch. Der Himmel war indessen schön, – besonders schön für einen Maler, denn der Mond schwamm in einem Meere dunkler Wolken, welche dem Horizonte einen erhabenen Charakter verliehen.

Ich umschritt die alten Stadtmauern und gelangte an das nach Paris zu führende Thor. – Nach eilf Uhr war dies das einzige Thor von Etampes, welches offen blieb.

Das Ziel meines Ausganges war auf einem Glacis, welches heut zu Tage wie damals die ganze Stadt überragte. Nur ist heut zu Tage keine andere Spur von dem Galgen mehr übrig geblieben, der damals auf diesem Glacis stand, als drei Bruchstücke des Mauerwerks, welche die drei unter sich durch zwei Balken verbundenen Pfeiler trugen, die den Galgen bildeten.

Um auf dieses Glacis zu gelangen, welches zur Linken der Heerstraße liegt, wenn man von Etampes nach Paris geht, und zur Rechten, wenn man von Paris nach Etampes geht, mußte man an dem Fuße des Thurmes de Guinette vorüber, ein vorgeschobenes Werk, das einer in der Ebene zur Bewachung der Stadt aufgestellten Schildwache gleicht.

Dieser Thurm, den Sie kennen müssen, Chevalier Lenoir, und den Ludwig XI. vor Zeiten in die Luft sprengen zu lassen versucht hat, ist durch diesen Versuch geborsten, und scheint den Galgen, von dem er nur das äußerste Ende steht, mit der schwarzen Höhle eines großen Auges ohne Augapfel zu betrachten.

Am Tage ist er die Wohnung der Raben; des Nachts ist er der Palast der Eulen.

Ich schlug unter ihrem Geschrei und ihrem Geheul den Weg nach dem Glacis ein, – einen engen, beschwerllchen, steinigen, in den Felsen ausgehauenen und durch das Gestrüpp gebrochenen Weg.

Ich kann nicht sagen, daß ich Furcht hatte. – Der Mensch, der an Gott glaubt und der ihm vertraut, darf vor nichts Furcht haben, – aber ich war aufgeregt.

Man hörte von der Welt nur das einförmige Klappern der Mühle der untern Stadt, das Geschrei der Uhus und der Käuze und das Pfeifen des Windes in dem Gestrüppe.

Der Mond trat in eine schwarze Wolke, deren Ränder er mit einem weißlichen Saume schmückte.

Mein Herz klopfte. Es schien mir, als ob ich nicht das sehen würde, was ich zu sehen gekommen war, sondern irgend etwas Unerwartetes. Ich ging immer weiter hinauf.

Auf einen gewissen Punkt der Anhöhe gelangt, begann ich das obere Ende des Galgens zu unterscheiden, das aus diesen drei Pfeilern und zwei Querbalken von Eichenholz bestand, von denen ich bereits gesprochen habe.

An diesen Querbalken von Eichenholz hängen die eisernen Kreuze, an welche man die Hingerichteten knüpft. Ich erblickte, wie einen beweglichen Schatten, die Leiche des unglücklichen Artifaille, welche der Wind in der Lust schaukelte.

Plötzlich blieb ich stehen, ich sah jetzt den Galgen von seinem obern Ende bis zu seinem Fuße. Ich erblickte eine gestaltlose Masse, welche einem Thiere mit vier Füßen glich und die sich bewegte.

Ich blieb stehen und legte Mich hinter einen Felsen. Dieses Thier war weit größer als ein Hund und weit dicker als ein Wolf.

Plötzlich erhob es sich auf die Hinterfüße und ich erkannte, daß dieses Thier kein anderes wäre, als das, welches Plato ein Thier mit zwei Füßen und ohne Federn nennt, das heißt ein Mensch.

Was konnte zu dieser Stunde ein Mensch unter einem Galgen thun, es sei denn, daß er mit einem religiösen Herzen, um zu beten, oder mit einem irreligiösen Herzen kam, um dort irgend eine Ruchlosigkeit zu begehen?

In jedem Falle beschloß ich, mich ruhig zu verhalten und abzuwarten.

In diesem Augenblicke trat der Mond hinter der Wolke hervor, welche ihn einen Augenblick lang versteckt hatte, und erleuchtete den Galgen vollständig.

Nun konnte ich den Mann deutlich und selbst alle Bewegungen sehen, welche er machte.

Dieser Mann raffte eine auf dem Boden liegende Leiter auf, und stellte sie dann der Leiche des Gehangenen so nahe als möglich gegen einen der Pfeiler.

Dann stieg er die Leiter hinauf.

Dann bildete er mit dem Gehangenen eine seltsame Gruppe, in welcher der Lebendige und der Todte sich in einer Umarmung mit einander zu vereinigen schienen.

Plötzlich erschallte ein schrecklicher Schrei. Ich sah die beiden Körper sich bewegen; ich hörte mit erstickter Stimme, die bald aufhörte deutlich zu sein, um Hilfe rufen, dann machte sich einer der beiden Körper von dem Galgen los, während der andere an dem Stricke hängen blieb und seine Arme und seine Beine bewegte.

Es war mir unmöglich zu errathen, was sich unter dem Galgen zutrug, mogte es aber am Ende Menschenwerk oder das Werk des Teufels sein, es hatte sich irgend etwas Außergewöhnliches zugetragen, irgend etwas, das um Hilfe rief, das Beistand forderte.

Ich stürzte herbei. Bei meinem Anblicke schien der Gehangene seine Bewegungen zu verdoppeln, während unter ihm der Körper, welcher sich von dem Galgen losgemacht hatte, ohne Bewegung lag.

Ich eilte zuerst zu dem Lebendigen. Ich stieg rasch die Sprossen der Leiter hinauf, und schnitt mit meinem Messer den Strick ab; der Gehangene fiel auf den Boden; ich sprang von der Leiter.

Der Gehangene wälzte sich in gräßlichen Krämpfen, die andere Leiche hielt sich immer regungslos.

Ich sah ein, daß die Schleife fortwährend den Hals des armen Teufels zuschnürte. Ich legte mich auf ihn, um ihn festzuhalten, – und löste mit großer Mühe die Schleife auf, welche ihn erstickte.

Während dieser Verrichtung bemühte ich mich, diesem Manne in's Gesicht zu sehen, und erkannte voll Erstaunen, daß dieser Mann der Scharfrichter war.

Seine Augen waren aus ihren Höhlen hervorgetreten, sein Gesicht bläulich, die Kinnlade fast verdreht, und ein Athem, der mehr einem Röcheln als einem Athemholen glich, drang aus seiner Brust.

Indessen kehrte die Luft allmählig in seine Lungen zurück, und mit der Luft das Leben.

Ich hatte ihn an einen großen Stein gelehnt; nach Verlauf eines Augenblickes schien er wieder zur Besinnung zu kommen, hustete, drehte den Hals im Husten, und sah mir am Ende in's Gesicht.

Sein Erstaunen war nicht minder groß, als es das meinige gewesen war.

– O, o! Herr Abbé, sagte er, Sie sind es?

– Ja, ich bin es.

– Und was machen Sie hier? fragte er mich.

– Aber Sie selbst?

Er schien sich zu besinnen. Er blickte nochmals um sich, aber dieses Mal verweilten seine Augen auf der Leiche.

– Ah! sagte er, indem er aufzustehen versuchte, – lassen Sie uns gehen, Herr Abbé, um des Himmels Willen, lassen Sie uns gehen!

– Gehen Sie, wenn Sie wollen, mein Freund; aber ich habe eine Pflicht zu erfüllen.

– Hier?

– Hier.

– Worin besteht sie denn?

– Dieser Unglückliche, der heute von Ihnen gehängt worden ist, hat gewünscht, daß ich an dem Fuße des Galgens fünf Pater Noster und fünf Aue Maria für das Heil seiner Seele beten mögte.

– Für das Heil seiner Seele, o! Herr Abbé, Sie werden viel zu thun haben, wenn Sie diese retten, er ist der leibhaftige Satan.

– Wie! Der leibhaftige Satan!

– Ohne Zweifel, haben Sie nicht gesehen was er mir gethan hat?

– Wie! Was er Ihnen gethan hat, und was hat er Ihnen denn gethan?

– Er hat mich gehängt, bei Gott!

– Er hat Sie gehängt? aber es schien mir im Gegentheile, als ob Sie es wären, der ihm diesen traurigen Dienst erwiesen hätte.

– Ja, meiner Treue! Und ich glaubte ihn gut und gehörig gehängt zu haben. Es scheint, daß ich mich geirrt hatte! Aber wie hat er denn nicht den Augenblick benutzt, wo ich hing, um zu entfliehen?

Ich ging nach der Leiche und hob sie auf; sie war steif und kalt.

– Ei, weil er todt ist, sagte ich.

– Todt! wiederholte der Scharfrichter, todt! Ah! den Teufel! Das ist weit schlimmer; dann lassen Sie uns fliehen, Herr Abbé, lassen Sie uns fliehen.

Und er stand auf.

– Nein, bei meiner Treue! sagte er, ich ziehe es vor zu bleiben, er brauchte nur auszustehen und mir nachzulaufen. – Sie, der Sie ein fromme r Mann sind, Sie werden mich zum Mindesten schützen.

– Mein Freund, sagte ich zu dem Scharfrichter, indem ich ihn fest anblickte, dahinter steckt irgend etwas. Sie fragten mich vorhin, was ich hier zu dieser Stunde zu thun hätte. Ich mögte Sie nun auch fragen, was Sie hier thun wollten?

– Ah, meiner Treue! Herr Abbé, ich würde es Ihnen immerhin in der Beichte oder auf andere Weise sagen müssen. Nun denn? Ich will es Ihnen auf andere Weise sagen, Aber, warten Sie doch. . .

Er machte eine Bewegung rückwärts.

– Was denn?

– Er rührt sich doch nicht?

– Nein, sein Sie unbesorgt, der Unglückliche ist wirklich todt.

– O! wirklich todt. . . wirklich todt. . . – gleichviel! – Ich will Ihnen immerhin sagen, warum ich gekommen bin, und wenn ich lüge, so wird er mich Lügen strafen, das ist Alles.

– Reden Sie!

– Ich muß Ihnen sagen, daß dieser Ungläubige Nichts von der Beichte hat sprechen hören wollen; – er sagte nur von Zeit zu Zeit: – Ist der Abbé Moulle angekommen? – Man antwortete ihm: – Nein, noch nicht. – Er stieß einen Seufzer ans; man bot ihm einen Priester an, er antwortete: – Nein! den Abbé Moulle. . . und keinen Andern.

– Ja, ich weiß das.

– An dem Fuße des Thurmes der Guinette blieb er stehen. – Sehen Sie doch nach, sagte er zu mir, ob Sie nicht den Abbé Moulle kommen sehen.

– Nein, sagte ich zu ihm.

Und wir begaben uns wieder auf den Weg.

An dem Fuße der Leiter blieb er nochmals stehen.

– Kömmt der Abbé Moulle nicht? fragte er.

– Nein doch!. Wenn man es Ihnen sagt., – Es gibt nichts Langweiligeres als einen Mann, der uns immer dasselbe wiederholt.

– Vorwärts! sagte er.

Ich legte ihm den Strick um den Hals. – Ich stellte ihm die Füße gegen die Leiter und sagte zu ihm: Steig hinauf.

Er stieg hinauf, ohne sich zu sehr bitten zu lassen; als er aber auf zwei Drittel der Leiter angekommen war, sagte er zu mir:

– Warten Sie, damit ich mich versichere, daß der Abbé Moulle nicht kömmt.

– Ah! Sehen Sie nach, sagte ich zu ihm, das ist nicht verboten.

Nun suchte er ein letztes Mal in der Menge; da er Sie aber nicht sah, so stieß er einen Seufzer aus.

Ich glaubte, daß er entschlossen wäre, und daß ich ihn nur noch fortzustoßen hätte; aber er sah meine Bewegung und sagte:

– Warte.

– Was gibt es noch?

– Ich mögte eine Medaille unserer Lieben Frau küssen, die an meinem Halse hängt.

– Ah! Was das anbetrifft, sagte ich zu ihm, das ist zu gerecht. Küsse.

Und ich drückte ihm die Medaille an die Lippen.

– Was gibt es denn noch? fragte ich.

– Ich will mit dieser Medaille begraben werden.

– Hm, hm! äußerte ich, es scheint mir, daß der ganze Nachlaß des Gehängten dem Henker gehört.

– Das geht mich Nichts an, ich will mit meiner Medaille begraben werden.

– Ich will, ich will; wie Sie den Mund voll nehmen.

– Ich will, wie!

Die Geduld ging mir aus; er war ganz bereit, er hatte den Strick um den Hals, das andere Ende des Strickes war an dem Hacken befestigt.

– Geh zum Teufel! sagte ich zu ihm.

Und ich schleuderte ihn von der Leiter.

– Mutter Gottes, habe Erb. . .

Meiner Treue, das ist Alles, was er noch sagen konnte; der Strick erstickte zugleich den Mann und die Rede.

Im selben Augenblicke, Sie wissen wie das ausgeführt wird, packte ich dm Strick; ich sprang auf seine Schultern, und im Nu war Alles aus. Er hatte sich nicht über mich zu beklagen, und ich stehe Ihnen dafür, daß er nicht gelitten hat.

– Aber Alles das sagt mir nicht, warum Sie heute Abend hierher gekommen sind.

– O! Das kommt daher, weil das gerade am Schwersten zu erzählen ist.

– Wohlan! Ich will es Ihnen sagen, Sie sind gekommen, um ihm seine Medaille zu nehmen.

– Nun denn! Ja, der Teufel hat mich in Versuchung geführt. Ich habe mir gesagt: gut, gut! Du willst; das ist sehr leicht zu sagen; aber sei unbesorgt, wenn die Nacht hereingebrochen ist, so werden wir sehen. Als nun die Nacht hereingebrochen war, bin ich von Haus weggegangen. Ich hatte meine Leiter in der Umgegend gelassen; ich wußte, wo ich sie wiederfinden würde. Ich habe einen Spaziergang gemacht, bin auf dem längsten Wege zurückgekehrt, und dann, als ich gesehen habe, daß sich Niemand mehr in der Ebene befände, als ich kein Geräusch mehr gehört, habe ich mich dem Galgen genähert, meine Leiter aufgestellt, bin hinaufgestiegen, habe den Gehängten an mich gezogen, habe ihm seine Kette abgehängt, und. . .

– Und was?

– Meiner Treue! Glauben Sie mir, wenn Sie wollen; in dem Augenblicke, wo die Medaille seinen Hals verlassen hat, hat der Gehängte mich gepackt, seinen Hals aus der Schleife gezogen, meinen Kopf an die Stelle des seinigen hineingesteckt, und, meiner Treue! mich nun auch fortgestoßen, wie ich ihn fortgestoßen hatte. So ist die Sache.

– Unmöglich, Sie irren sich.

– Haben Sie mich gehängt gefunden oder nicht?

– Ja.

– Nun denn! Ich versichere Ihnen, daß ich mich nicht selbst gehängt habe. Das ist Alles, was ich Ihnen sagen kann.

Ich überlegte einen Augenblick lang.

– Und die Medaille, fragte ich ihn, wo ist sie?

– Meiner Treue, suchen Sie auf der Erde, sie muß nicht weit sein. Als ich mich gehängt gefühlt habe, habe ich sie fallen lassen.

Ich stand auf und warf die Augen auf den Boden.

Ein Schein des Mondes fiel darauf, wie um meine Nachforschung zu leiten.

Ich raffte sie auf, ging nach der Leiche des armen Artifaille, und hing ihm die Medaille wieder um den Hals.

In dem Augenblicke, wo sie seine Brust berührte, lief etwas wie ein Schauder über seinen ganzen Körper, und ein schneidender und fast schmerzhafter Schrei drang aus seiner Brust.

Der Scharfrichter that einen Sprung zurück.

Mein Geist war durch diesen Schrei aufgeklärt worden. Ich erinnerte mich dessen, was die heiligen Schriften über die Beschwörungen und den Schrei sagen, welchen die Teufel ausstoßen, indem sie den Körper der Besessenen verlassen.

Der Scharfrichter zitterte wie Espenlaub.

– Kommen Sie hierher, mein Freund, sagte ich zu ihm, und fürchten Sie Nichts.

Er näherte sich zögernd.

– Was wollen Sie von mir? sagte er.

– Hier ist eine Leiche, die Sie wieder an ihren Platz bringen müssen.

– Niemals. – Wohl, damit er mich nochmals hängt!

– Es ist keine Gefahr vorhanden, mein Freund, ich stehe Ihnen für Alles.

– Aber, Herr Abbé! Herr Abbé!

– Kommen Sie, sage ich Ihnen. Er that noch einen Schritt.

– Hm! murmelte er, ich traue nicht.

– Und Sie haben Unrecht, mein Freund, – so lange als der Körper seine Medaille hat, so werden Sie Nichts zu fürchten haben.

– Warum das?

– Weil der Teufel keine Gewalt über ihn haben wird, – diese Medaille beschützte ihn, Sie haben sie ihm genommen; – auf der Stelle ist der böse Geist, der ihn zum Bösen verleitet hat und der von seinem guten Engel beseitigt worden war, in die Leiche zurückgekehrt, und Sie haben gesehen, welches das Werk des bösen Geistes gewesen ist.

– Dann ist dieser Schrei, den wir so eben gehört haben. . .

– Der, den er ausgestoßen hat, als er gefühlt, daß seine Beute ihm entginge.

– Ei, sagte der Scharfrichter, das wäre in der That wohl möglich.

– Dem ist so.

– Dann will ich ihn wieder an seinen Haken hängen.

– Hängen Sie ihn wieder daran; die Gerechtigkeit muß ihren Lauf haben. Das Urtheil muß vollstreckt werden.

Der arme Teufel zögerte noch.

– Fürchten Sie Nichts, sagte ich zu ihm, ich stehe für Alles.

– Wenn auch, erwiderte der Scharfrichter, verlieren Sie mich nicht aus den Augen, und kommen Sie mir bei dem geringsten Schrei zu Hilfe.

– Sein Sie unbesorgt, Sie werden meiner nicht bedürfen.

Er näherte sich der Leiche, hob sie vorsichtig bei den Schultern auf und zog sie nach der Leiter, indem er zu ihr sprach.

– Sei ohne Furcht, Artifaille, es geschieht nicht, um Dir Deine Medaille zu nehmen. Sie verlieren uns nicht aus den Augen, Herr Abbé?

– Nein, mein Freund, sein Sie unbesorgt.

– Es geschieht nicht, um Dir Deine Medaille zu nehmen, fuhr der Scharfrichter in dem freundlichsten Tone fort, nein, sei unbesorgt; da Du es gewünscht hast, so wirst Du mit ihr begraben werden. Es ist wahr, er rührt sich nicht, Herr Abbé.

– Sie sehen.

– Du wirst mit ihr begraben werden. – Inzwischen hänge ich Dich auf den Wunsch des Herrn Abbé wieder an Deinen Platz, – denn, was mich anbetrifft, so begreifst Du!. . .

– Ja, ja, sagte ich zu ihm, ohne daß ich mich enthalten konnte zu lächeln, aber machen Sie geschwind.

– Meiner Treue, es ist geschehen, sagte er, indem er den Körper los ließ, den er von Neuem an den Haken gehängt hatte, und zu gleicher Zeit auf den Boden sprang.

Und der Körper schaukelte sich ohne Bewegung und leblos in der Luft.

Ich knieete nieder und begann die Gebete, welche Artifaille von mir verlangt hatte.

– Herr Abbé, sagte der Scharfrichter, indem er neben mir niederkniete, wären Sie so gefällig, die Gebete laut und langsam herzusagen, damit ich sie wiederholen könnte?

– Wie! Unglückseliger! Sie haben sie also vergessen?

– Ich glaube, daß ich sie niemals gekannt habe.

Ich betete die fünf Pater Noster und die fünf Ave Maria, welche der Scharfrichter gewissenhaft nach mir wiederholte.

Als das Gebet beendigt war. stand ich auf.

– Artifaille, sagte ich laut zu dem Hingerichteten, ich habe für das Heil Deiner Seele das gethan, was ich vermogt; an der glückseligen Jungfrau Maria ist es, das Uebrige zu thun.

– Amen! sagte mein Begleiter.

In diesem Augenblicke erleuchtete der Mond die Leiche mit seinem Silberscheine. Es schlug Mitternacht auf der Kirche Notre-Dame.

– Lassen Sie uns gehen, sagte ich zu dem Scharfrichter, wir haben hier Nichts mehr zu thun.

– Herr Abbé, sagte der arme Teufel, wären Sie so gütig, mir eine letzte Gunst zu bewilligen?

– Welche?

– Mich bis nach meiner Wohnung zu begleiten; so lange als ich meine Thüre nicht zwischen mir und diesem Schelme wohl verschlossen fühle, werde ich nicht.ruhig sein.

– Kommen Sie, mein Freund.

Wir verließen das Glacis, nicht ohne daß mein Begleiter sich von zehn zu zehn Schritt umwandte, um zu sehen, ob der Gehängte wirklich an seinem Platze wäre.

Nichts rührte sich.

Wir kehrten in die Stadt zurück. Ich führte meinen Mann bis nach seiner Wohnung. Ich wartete, bis er Licht angemacht hatte, dann verschloß er die Thüre, nahm Abschied von mir und dankte mir durch die Thüre. Vollkommen ruhig an Leib und an Geist kehrte ich nach Haus zurück.

Als ich am folgenden Tage erwachte, sagte man mir, daß die Frau des Diebes mich in dem Eßzimmer erwartete.

Ihr Gesicht war ruhig und fast freudig.

– Herr Abbé, sagte sie zu mir, ich komme, Ihnen zu danken; mein Gatte ist mir gestern erschienen, als es Mitternacht auf der Kirche Notre-Dame schlug, und er hat zu mir gesagt:

– Du wirst morgen früh zu dem Abbé Moulle gehen und ihm sagen, daß ich Dank ihm und der Jungfrau Maria gerettet bin.




XI.

Das Armband von Haaren


Mein lieber Abbé, sagte Alliette, ich habe die größte Achtung für Sie und die größte Verehrung für Cazotte; ich nehme ohne Weiteres den Einfluß Ihres guten und Ihres bösen Genius an; aber es gibt Etwas, das Sie vergessen, und von dem ich ein Beispiel bin: nämlich daß der Tod das Leben nicht tödtet; – der Tod ist nur eine Art Umgestaltung des menschlichen Körpers; der Tod tödtet das Gedächtniß, sonst nichts. Wenn das Gedächtniß nicht stürbe, so würde sich jeder aller der Wanderungen seiner Seele von Anfang der Welt bis zu uns erinnern. – Der Stein der Weisen ist nichts anderes als dieses Geheimniß; es ist das Geheimniß, das Pythogoras gefunden hatte, und das der Graf von Saint Germain und Cagliostro wiedergefunden haben; – es ist das Geheimniß, welches ich nun auch besitze, und welches macht, daß mein Leib sterben wird, wie ich mich bestimmt erinnere, daß ihm das bereits vier bis fünf Male begegnet ist, und dabei irre ich mich noch, wenn ich sage, daß mein Leib sterben wird, es gibt gewisse Körper, welche nicht sterben, und ich gehöre zu diesen.

– Herr Alliette, sagte der Doctor, wollen Sie mir im Voraus eine Erlaubniß geben?

– Welche?

– Die, Ihr Grab einen Monat nach Ihrem Tode öffnen zu lassen.

– Einen Monat, zwei Monate, ein Jahr, zehn Jahre, wann Sie wollen, Doctor; nur treffen Sie Ihre Vorsichtsmaßregeln. . . denn das Leid, das Sie meiner Leiche zufügen würden, könnte dem Körper schaden, in den meine Seele neuerdings eingetreten wäre.

– Sie glauben also an diese Thorheit?

– Ich habe mit einer bittern Erfahrung das Recht bezahlt daran zu glauben: ich habe gesehen.

– Was haben Sie gesehen?. . . einen jener lebendigen Todten?

– Ja.

– Lassen Sie hören, Herr Alliette, da jeder seine Geschichte erzählt hat, so erzählen Sie uns auch die Ihrige; es wäre merkwürdig, wenn es die wahrscheinlichste von den gehörten wäre.

– Wahrscheinlich oder nicht, Doctor, hier ist sie in ihrer ganzen Wahrheit. Ich ging von Straßburg nach den Bädern von Louesche. Sie kennen die Straße, Doctor?

– Nein; aber gleichviel, erzählen Sie immerhin.

– Ich ging also von Straßburg nach den Bädern von Louesche, und kam natürlicher Weise über Basel, wo ich den Postwagen verlassen, und einen Miethkutscher nehmen mußte.

In dem Wirthshause zur Krone angelangt, das man mir empfohlen hatte, erkundigte ich mich nach einem Wagen und nach einem Miethkutscher, indem ich meinen Wirth bat, sich zu erkundigen, ob vielleicht irgend Jemand in der Stadt geneigt wäre dieselbe Reise als ich zu machen; dann war er beauftragt, dieser Person eine Vereinigung anzubieten, welche die Reise natürlicher Weise weit angenehmer und minder kostspielig machen mußte.

Am Abend kehrte er zurück, indem er das gefunden hatte, was ich verlangte; die Frau eines Kaufmannes von Basel, welche ihr drei Monat altes Kind, das sie selbst stillte, verloren hatte, war in Folge dieses Verlustes von einer Krankheit befallen worden gegen welche man ihr die Bäder von Louesche anqerathen hatte. Es war das erste Kind dieser seit einem Jahre geschlossenen Ehe.

Mein Wirth erzählte mir, daß man große Mühe gehabt hätte die Frau zu bestimmen, ihren Gatten zu verlassen. Sie wollte durchaus entweder in Basel bleiben, oder daß er mit ihr nach Louesche ginge; da aber auf der andern Seite der Zustand ihrer Gesundheit die Bäder erheischte, während der Zustand ihres Geschäfts seine Anwesenheit ein Basel erforderte,, so entschloß sie sich, und reisete am folgenden Morgen mit mir ab. Ihre Kammerjungfer begleitete sie.

Ein katholischer Priester, der Pfarrvicar an der Kirche eines kleinen Dorfes der Umgegend war, begleitete uns, und sollte den vierten Platz in dem Wagen einnehmen.

Am folgenden Tage gegen acht Uhr Morgens holte uns der Wagen in dem Wirthause ab; der Priester befand sich bereits darin. Ich stieg gleichfalls ein, und wir holten die Dame und ihre Kammerjungfer ab.

Wir wohnten von dem Innern unseres Wagens aus dem Abschiede der beiden Gatten bei, der in dem Innern ihres Zimmers angefangen, in dem Laden sich fortsetzte und erst auf der Straße endigte. Ohne Zweifel hatte die Frau irgend eine Ahnung, denn sie vermogte sich nicht zu trösten. Man hätte glauben können, daß sie, statt eine Reise von ohngefähr fünfzig Stunden zu machen, zu einer Reise um die Welt aufbräche.

Der Gatte schien ruhiger als sie. aber nichts desto weniger war er weit aufgeregter, als man vernünftiger Weise bei einer solchen Trennung voraussetzen konnte.

Endlich fuhren wir ab.

Natürlicher Weise hatten wir, der Priester und ich, der Reisenden und ihrer Kammerjungfer die beiden besten Plätze gegeben, das heißt, daß wir rückwärts und sie im Hintergrunde des Wagens saßen.

Wir schlugen den Weg nach Solothurn ein, und übernachteten am ersten Tage in Mundischwyll. Den ganzen Tag über war unsere Reisegefährtin gequält und beunruhigt gewesen. Als sie am Abend einen Wagen vorüberkommen sah. der zurückfuhr, wollte sie wieder den Weg nach Basel einschlagen. Es gelang indessen ihrer Kammerjungfer, sie zur Fortsetzung ihrer Reise zu bestimmen.

Am folgenden Tage begaben wir uns gegen neun Uhr Morgens auf den Weg. Die Tagereise war kurz, wir gedachten nicht weiter als bis nach Solothurn zu gehen.

Gegen Abend, und als wir die Stadt zu erblicken begannen, erbebte unsere Kranke. . .

– Ah! sagte sie, hattet an, man eilt uns nach. Ich bückte mich aus dem Schlage.

– Sie irren sich, Madame, antwortete ich, die Straße ist gänzlich leer.

– Das ist sonderbar, beharrte sie. Ich höre den Galopp eines Pferdes.

Ich glaubte nicht recht gesehen zu haben, und streckte mich weiter aus dem Wagen.

Niemand, Madame, sagte ich zu ihr.

Sie sah selbst nach, und fand wie ich die Straße einsam.

– Ich hatte mich geirrt, sagte sie, indem sie sich in den Wagen zurückwarf, und sie schloß die Augen wie eine Frau, welche ihre Gedanken in sich selbst verschließen will.

Am folgenden Tage brachen wir um fünf Uhr Morgens auf. Dieses Mal war die Tagereise lang. Unser Kutscher übernachtete in Bern. In derselben Stunde, wie am vorigen Tage, das heißt gegen fünf Uhr, erwachte unsere Reisegefährtin aus einer Art von Schlummer, in den sie versunken war, und indem sie den Arm nach dem Kutscher ausstreckte, sagte sie:

– Haltet, Kutscher. Dieses Mal bin ich gewiß, man eilt uns nach.

– Madame irrt sich, antwortete der Kutscher. Ich sehe nur die drei Landleute, welche an uns vorübergekommen sind, und die ihren Weg ruhig fortsetzen.

– O! aber ich höre den Galopp des Pferdes.

Diese Worte waren mit solcher Ueberzeugung gesagt, daß ich mich nicht enthalten konnte hinter uns zu blicken. Wie am Tage zuvor war die Straße durchaus verlassen.

– Es ist unmöglich, Madame, antwortete ich, ich sehe keinen Reiter.

– Wie kömmt es, daß Sie keinen Reiter sehen, da ich den Schatten eines Mannes und eines Pferdes sehe?

Ich blickte in der Richtung ihrer Hand, und sah in der That den Schatten eines Pferdes und eines Reiters, ober ich suchte vergebens die Körper, denen die Schatten angehörten.

Ich machte den Priester auf diese seltsame Erscheinung aufmerksam, der sich bekreuzigte.

Allmählig erhellte sich dieser Schatten, wurde von Augenblick zu Augenblick weniger sichtbar und verschwand endlich gänzlich.

Wir fuhren in Bern ein.

Alle diese Vorbedeutungen schienen der armen Frau verhängnißvoll; sie sagte ohne Unterlaß, daß sie wieder umkehren wollte, setzte indessen ihre Reise fort.

Sei es nun moralische Besorgniß, oder sei es natürliches Zunehmen der Krankheit, als sie in Thun ankam, befand sich die Kranke so leidend, daß sie ihre Reise in einer Sänfte fortsetzen mußte.

Auf diese Weise kam sie durch das Kander Thal und über den Gemmi. Als sie in Louesch ankam, zeigte sich ein Rothlauf, und sie wurde wahrend länger als einen Monate taub und blind.

Uebrigens hatten sie ihre Ahnungen nicht getäuscht; kaum hatte sie zwanzig Stunden zurückgelegt, als ihr Gatte von einer Gehirnentzündung befallen worden war.

Die Krankheit hatte so rasche Fortschritte gemacht, daß er, da er die Gefährlichkeit seines Zustandes fühlte, am selben Tage einen Boten zu Pferde abgeschickt hatte, um seine Frau zu benachrichtigen und sie zur Rückkehr aufzufordern. Aber zwischen Laufen und Breitensteinbach war das Pferd gestürzt, und da der Reiter im Fallen mit dem Kopfe gegen einen Stein gestoßen und in einem Wirthshause geblieben war, so vermogte er nichts für den zu thun, der ihn abgesandt hatte, als ihn von dem Unfalle benachrichtigen zu lassen, der ihm zugestoßen war.

Nun hatte man einen anderen Eilboten abgesandt, aber ohne Zweifel waltete ein Verhängniß über ihnen ob; an dem Ausgange des Kander Thales hatte er sein Pferd verlassen und einen Führer genommen, um die Hochebene von Schwalbach zu ersteigen, welche das Oberland von dem Walliser Lande trennt, als auf halbem Wege eine von dem Berge Attels herobrollende Lawine ihn mit sich in den Abgrund fortgerissen hatte; der Führer war wie durch ein Wunder gerettet worden.

Während dieser Zeit machte die Krankheit schreckliche Fortschritte. Man war genöthigt gewesen, den Kopf des Kranken, der sehr lange Haare trug, zu rasiren, um ihm Eis auf den Schädel zu legen. Von diesem Augenblicke an hatte der Sterbende keine Hoffnung mehr bewahrt, und in einem ruhigen Momente an seine Frau geschrieben:

»Theure Bertha,

Ich werde sterben, aber ich will mich nicht gänzlich von Dir trennen. Laß Dir aus den Haaren, die man mir so eben abgeschnitten hat, und die ich bei Seite legen lasse, ein Armband machen. Trage es immer, und es scheint mir, daß wir auf diese Weise noch vereinigt sein werden.



    Dein Friedrich.«

Dann hatte er diesen Brief einem dritten erpressen Boten übergeben, dem er befohlen hatte auf der Stelle abzureisen, sobald er gestorben wäre.

Er starb am selben Abende. Eine Stunde nach seinem Tode war der erpresse Bote aufgebrochen, und glücklicher, als seine beiden Vorgänger, war er gegen Abend des fünften Tages in Louesch angekommen.

Aber er hatte die Frau blind und taub gefunden, erst nach Verlauf eines Monates hatte vermöge der Wirksamkeit des Bades dieses doppelte Gebrechen zu verschwinden angefangen. Erst, nachdem noch ein Monat verflossen war, hatte man gewagt, der Frau die unglückselige Nachricht mitzutheilen, auf welche sie übrigens die verschiedenen Erscheinungen, die sie gehabt, vorbereitet hatten. Sie war noch einen Monat geblieben, um sich gänzlich wieder herzustellen; endlich war sie nach dreimonatlicher Abwesenheit wieder nach Basel abgereist.

Da ich meinerseits meine Kur beendigt hatte, denn die Krankheit, gegen welche ich das Bad gebraucht, halte in einem Rheumatismus bestanden, der sich sehr gebessert hatte, so bat ich sie um die Erlaubniß, mit ihr abzureisen, was sie mit Dank annahm, da sie in mir eine Person gefunden hatte, mit der sie von ihrem Gatten sprechen konnte, den ich nur in dem Augenblicke der Abreise flüchtig gesehen, den ich aber am Ende doch gesehen hatte.

Wir verließen Louesch, und am fünften Tage Abends waren wir nach Basel zurückgekehrt.

Nichts war trauriger und schmerzlicher, als die Rückkehr dieser armen Wittwe in ihr Haus; – da die beiden jungen Gatten allein auf der Welt da standen, – so hatte man nach dem Tode des Gatten den Laden geschlossen, – das Geschäft hatte aufgehört, wie die Bewegung aufhört, wenn eine Uhr stehen bleibt. Man ließ den Arzt holen, der den Kranken behandelt hatte, die verschiedenen Personen, welche seinen letzten Augenblicken beigewohnt hatten, und durch sie ließ man gewisser Maßen diesen Todeskampf von Neuen entstehen, stellte man diesen, von diesen gleichgültigen Herzen fast bereits vergessenen Tod wieder her.

Sie verlangte zum Mindesten die Haare zurück, welche ihr Gatte ihr vermacht hatte.

Der Arzt erinnerte sich wohl, verordnet zu haben, daß man sie abschnitte; der Barbier erinnerte sich wohl, den Kranken rasirt zu haben, aber das war Alles. Die Haare waren in den Wind geworfen, zerstreut, verloren worden.

Die Frau war untröstlich; es war also unmöglich, den einzigen und alleinigen Wunsch des Sterbenden zu verwirklichen, daß sie ein Halsband von seinen Haaren trüge.

Mehrere Nächte verflossen; unendlich traurige Nächte, in denen die in dem Hause herumirrende Wittwe weit eher einem Schattenbilde, als einem lebendigen Wesen glich.

Kaum lag sie im Bette, oder kaum war sie vielmehr eingeschlafen, als sie ihren rechten Arm erstarren fühlte, und sie erwachte erst in dem Augenblicke, wo es ihr schien, als ob diese Erstarrung sich ihres Herzens bemächtigte.

Diese Erstarrung fing an dem Handgelenke an, – das heißt an der Stelle, wo das Armband von den Haaren hätte sein sollen, – und wo sie einen Druck gleich dem eines zu engen Armbandes von Eisen fühlte, und von dem Handgelenke an erreichte die Erstarrung, wie wir gesagt haben, das Herz.

Es war augenscheinlich, daß der Todte sein Bedauern darüber kund that, daß sein Wille so schlecht befolgt worden wär. Die Wittwe verstand dieses Bedauern, das von jenseits des Grabes kam. – Sie beschloß das Grab zu öffnen, und wenn der Kopf ihres Gatten nicht gänzlich rasirt worden wäre, von ihm Haare genug zu sammeln, um seinen letzten Wunsch zu verwirklichen.

Ohne irgend Jemand etwas von ihrem Vorhaben zu sagen, ließ sie dem zu Folge den Todtengräber holen.

Aber der Todtengräber, welcher ihren Gatten begraben hatte, war gestorben. Der neue, erst seit vierzehn Tagen in Dienst getretene Todtengräber wußte nicht, wo das Grab war.

Nun begab sie sich in der Hoffnung einer Offenbarung, – sie, welche durch die doppelte Erscheinung des Pferdes und des Reiters, sie. welche durch den Druck des Armbandes das Recht hatte an Wunder zu glauben, – allein auf den Kirchhof, setzte sich auf einen mit grünem und lebendigem Grase, wie es auf den Gräbern wächst, bedeckten Hügel, und beschwor dort irgend ein neues Zeichen, an das sie sich mit ihren Nachforschungen fesseln könnte.

Ein Todtentanz war an die Mauer des Friedhofes gemalt. Ihre Augen verweilten auf dem Tode und hefteten sich lange auf diese zugleich spöttische und schreckliche Gestalt.

Nun schien es ihr. als ob der Tod seine entfleischten Arme erhöbe, und mit der Spitze seines knochigen Fingers eins unter den letzten Gräbern bezeichnete.

Die Wittwe ging gerade auf dieses Grab zu, und als sie dort war, schien es ihr, als ob sie deutlich sähe, wie der Tod seinen Arm wieder auf seinen ursprünglichen Platz zurücksinken ließ.

Nun machte sie ein Zeichen an dem Grabe, holte den Todtengräber, führte ihn an den bezeichneten Ort zurück und sagte zu ihm:

– Graben Sie, hier ist es!

Ich wohnte dieser Verrichtung bei. Ich hatte diesem merkwürdigen Abenteuer bis an's Ende folgen wollen.

Der Todtengräber grub.

Auf den Sarg gelangt, hob er den Deckel auf. Anfangs hatte er gezögert; aber die Wittwe hatte mit fester Stimme zu ihm gesagt:

– Heben Sie ihn auf, es ist der Sarg meines Gatten. Er gehorchte daher, so sehr wußte diese Frau den Andern das Vertrauen einzuflößen, das sie selbst besaß.

Nun zeigte sich etwas Wunderbares, das ich mit meinen eigenen Augen gesehen habe. Nicht nur war es die Leiche ihres Gatten, – die Leiche war nicht allein, die Blässe ausgenommen, wie als ob sie noch lebte, sondern ihre Haare waren auch, seitdem sie rasirt worden waren, das heißt seit dem Tage seines Todes, dermaßen gewachsen, daß sie wie Wurzeln durch alle Spalten des Sarges drangen.

Nun neigte sich die arme Frau über diese Leiche, welche nur zu schlafen schien; sie küßte sie auf die Stirn, schnitt eine Locke ihrer langen, so wunderbarer Weise auf dem Kopfe eines Todten gewachsenen Haare ab, und ließ sich daraus ein Armband machen.

Seit diesem Tage hörte die nächtliche Erstarrung auf. Nur benachrichtigte sie jedes Mal, wenn sie im Begriffe stand irgend eine große Gefahr zu laufen, ein sanfter und freundschaftlicher Druck des Armbandes, auf ihrer Huth zu sein.

– Nun denn! glauben Sie, daß dieser Todte wirklich todt war, daß diese Leiche wirklich eine Leiche war? Ich glaube es nicht.

– Und, – fragte die bleiche Dame mit einem so seltsamen Klang der Stimme, daß er uns Alle, da kein Licht angezündet worden, und wir im Finstern saßen, erbeben ließ, »Sie haben nicht sagen hören, daß diese Leiche jemals das Grab verlassen hätte, Sie haben nicht sagen hören, daß irgend Jemand durch ihren Anblick und durch ihre Berührung zu leiden gehabt hätte?«

– Nein! sagte Alliette. – Ich habe das Land verlassen.

– Ah! sagte der Doctor, Sie haben Unrecht, Herr Alliette, sich so leicht zufrieden stellen zu lassen. – Madame Gregoriska hier war ganz bereit, aus Ihrem guten Basler Kaufmanne in der Schweiz einen polnischen, wallachischen oder ungarischen Vampyr zu machen. – Hätten Sie etwa während ihres Aufenthaltes in den Karpathen zufälliger Weise Vampyre gesehen? fuhr der Doctor lachend fort.

– Hören Sie, sagte die bleiche Dame mit außerordentlicher Feierlichkeit, da Jedermann hier eine Geschichte erzählt hat, so will ich gleichfalls eine erzählen. Sie werden nicht sagen, daß die Geschichte nicht wahr ist. Doctor, sie ist die meinige. . . Sie werden das erfahren, was Ihnen die Wissenschaft bis jetzt nicht zu fassen vermogt hat, Doctor; Sie werden erfahren, wodurch ich so bleich bin.

In diesem Augenblicke fiel ein Schein des Mondes zwischen den Vorhängen durch das Fenster, und indem er auf das Kanapee schien, auf welchem sie lag, hüllte er sie in ein bläuliches Licht, welches aus ihr eine auf einem Grabe liegende Statue von schwarzem Marmor zu machen schien.

Nicht eine Stimme hieß den Antrag willkommen, aber das tiefe Schweigen, welches in dem Salon herrschte, zeigte an, daß jeder voll Bangigkeit erwartete.




XII.

Die karpathischen Gebirge


Ich bin eine Polin, aus Sandomir gebürtig, das heißt, aus einem Lande, in welchem die Sagen Glaubensartikel werden, in welchem wir an unsere Familien-Ueberlieferungen eben so sehr, vielleicht mehr noch, als an das Evangelium glauben. Es gibt nicht eines unserer Schlösser, das nicht sein Gespenst hat, nicht eine unserer Hütten, die nicht ihren Hausgeist hat. Bei dem Reichen, wie bei dem Armen, in dem Schlosse, wie in der Hütte, erkennt man das Prinzip der Freundschaft wie das Prinzip der Feindschaft an. Zuweilen gerathen diese beiden Grundsätze in Streit und bekämpfen sich. Dann findet so geheimnißvolles Geräusch in den Corridors, so entsetzliches Gebrüll in den alten Thürmen, so entsetzliches Erbeben in den Mauern statt, daß man aus der Hütte, wie aus dem Schlosse flieht, und daß der Bauer wie der Edelmann nach der Kirche eilt, um das gesegnete Kreuz oder die geheiligten Reliquien zu holen, die einzigen Verwahrungsmittel gegen die Dämonen, welche uns quälen.

Aber dort stehen sich auch zwei noch weit schrecklichere, weit erbitterte, weit unversöhnlichere Prinzipe einander gegenüber; nämlich die Tyrannei und die Freiheit.

Das Jahr 1825 sah zwischen Rußland und Polen einen jener Kämpfe liefern, in denen man glauben könnte, daß alles Blut eines Volkes erschöpft sei, wie sich oft alles Blut einer Familie erschöpft.

Mein Vater und meine beiden Brüder hatten sich gegen den neuen Czaar erhoben und sich unter die Fahne der immer gestürzten, – immer wieder aufgerichteten polnischen Unabhängigkeit gestellt.

Eines Tages erfuhr ich, daß mein jüngster Bruder getödtet worden wäre; eines andern Tages meldete man mir, daß mein älterer Bruder tödtlich verwundet wäre; endlich sah ich nach einem Tage, während dessen ich voll Schrecken den sich beständig nähernden Donner der Kanonen gehört hatte, meinen Vater mit ohngefähr Hundert Reitern ankommen, dem Ueberreste von drei Tausend Mann, welche er anführte.

Er kam, sich in unser Schloß einzuschließen, mit der Absicht, sich unter dessen Trümmern zu begraben.

Mein Vater, der Nichts für sich fürchtete, zittertet für mich. Für meinen Vater handelte es sich in der That nur um den Tod, denn er war fest überzeugt, nicht lebendig in die Hände seiner Feinde zu fallen; aber für mich handelte es sich um die Sclaverei, um die Entehrung, um die Schande.

Mein Vater wählte unter den Hundert Mann, welche ihm übrig blieben, zehn, rief den Haushofmeister, übergab ihm alles Gold und alle Kleinodien, welche wir besaßen, und indem er sich erinnerte, daß zur Zeit der zweiten Theilung Polens meine Mutter, die fast noch ein Kind war, eine fast unzugängliche Zuflucht in dem mitten m den Karpathischen Gebirgen gelegenen Kloster Sahastru gefunden hatte, so befahl er, mich in dieses Kloster zu führen, welches gastfreundlich für die Mutter, ohne Zweifel es nicht minder für die Tochter sein würde.

Trotz der großen Liebe, welche mein Vater für mich hegte, war der Abschied nicht lang. – Aller Wahrscheinlichkeit nach mußten die Russen am folgenden Tage im Angesichte des Schlosses sein. Es war also keine Zeit zu verlieren.

Ich legte in der Eile einen Amazonen-Anzug an, in welchem ich gewöhnt war meine Brüder auf die Jagd zu begleiten. – Man sattelte mir das sicherste Pferd des Stalles, – mein Vater steckte eine eigenen Pistolen, ein Meisterstück der Fabrik von Toula, in meine Holfter, umarmte mich, und gab den Befehl zum Aufbruche.

Während der Nacht und während des folgenden Tages legten wir zwanzig Meilen zurück, indem wir dem Ufer eines jener Flüsse ohne Namen folgten, welche sich in die Weichsel ergießen. – Diese erste verdoppelte Tagesreise hatte uns außer den Bereich der Russen gebracht. Bei den letzten Strahlen der Sonne hatten wir die Schneegipfel der Karpathen funkeln sehen. – Gegen das Ende des folgenden Tages erreichten wir ihren Fuß; endlich begannen wir in den Morgenstunden des dritten Tages eine ihrer Schluchten zu betreten.

Unsere Karpathischen Gebirge gleichen den cultivirten Gebirgen Ihres Abendlandes nicht. Alles, was die Natur Seltsames und Großartiges hat, bietet sich dort den Blicken in seiner vollständigsten Majestät. Ihre stürmischen Gipfel verlieren sich mit ewigem Schnee bedeckt in den Wolken; ihre unermeßlichen Tannenwälder neigen sich auf den glatten Spiegel von Seen, die Meeren gleichen, und diese Seen hat niemals ein Nachen durchfurcht; niemals hat das Netz eines Fischers ihren dem tiefen Blau des Himmels gleichen Krystall getrübt; – kaum erschallt die menschliche Stimme darin von Zelt zu Zeit, indem sie eine moldauische Gesangweise hören läßt, auf die das Geschrei der wilden Thiere antwortet; Gesang und Geschrei erwecken irgend ein einsames Echo, das ganz erstaunt ist, durch irgend ein Geräusch über sein eigenes Dasein belehrt zu werden. – Während gar vieler Meilen reiset man unter den dunkeln Gewölben der Wälder, die von jenen unerwarteten Wundern unterbrochen werden, welche die Einöde uns mit jedem Schritte offenbart, – und die unsern Geist von dem Erstaunen zu der Bewunderung übergehen lassen. – Dort ist die Gefahr überall, – und sie besteht aus tausend verschiedenen Gefahren; aber man hat keine Zeit sich zu fürchten, so sehr erhaben sind diese Gefahren. Bald sind es durch das Schmelzen des Eises verursachte Wasserfälle, welche, indem sie von Felsen zu Felsen springen, plötzlich den schmalen Fußpfad erfüllen, auf dem man geht, – ein von dem Vorüberkommen wilder Thiere und von dem sie verfolgenden Jäger gebahnter Fußpfad; bald sind es durch die Zeit untergrabene Bäume, welche sich von dem Boden los machen und mit einem schrecklichen Krachen fallen, welches das eines Erdbebens zu sein scheint; – bald sind es endlich Orkane, die uns mit Wolken umhüllen, in denen man den Blitz sprühen, sich gleich einer Flammenzunge ausstrecken und winden sieht.

Dann nach diesen alpenartigen Spitzbergen, nach diesen Urwäldern, nachdem man riesenhafte Berge, nachdem man grenzenlose Wälder gehabt hat, hat man endlose Steppen, ein wahres Meer mit seinen Wellen und mit seinen Stürmen, unfruchtbare und unebene Flächen, auf denen sich das Auge in einem Horizonte ohne Grenzen verliert; dann ist es nicht mehr der Schrecken, der sich unserer bemächtigt, es ist Traurigkeit, welche uns erfüllt; es ist eine unermeßliche und tiefe Schwermuth, von der nichts zu zerstreuen vermag, denn der Anblick der Gegend ist immer derselbe, so weit sich unser Auge zu erstrecken vermag. Man geht zwanzig Male sich ähnelnde Anhöhen hinauf und hinab, indem man vergebens einen gebahnten Weg sucht; indem man sich so mitten in der Wüste allein sieht, glaubt man allein in der Natur zu sein, und unsere Schwermuth wird Trostlosigkeit; in der That, das Gehen scheint nutzlos geworden zu sein und uns zu Nichts zu führen; man trifft weder Dorf, noch Schloß, noch Hütte, keine Spur einer menschlichen Wohnung an; nur zuweilen versperrt, wie eine neue Verlegenheit auf dieser traurigen Landschaft, ein kleiner See ohne Schilf und ohne Gebüsch, der, wie ein anderes todte's Meer, in der Tiefe einer Schlucht schläft, uns den Weg mit seinem grünen Wasser, über das sich bei unserer Annäherung einige Wasservögel mit langem und mißtönendem Geschrei erheben. Dann macht man einen Umweg, erklimmt den Hügel, der vor uns liegt, geht in ein anderes Thal hinab, erklimmt einen andern Hügel, und das dauert so fort, bis man die wellenförmige Gebirgskette erschöpft hat, die immer niedriger wird.

Wenn man aber, nachdem man diese Gebirgskette hinter sich hat, eine Wendung nach Süden macht, dann nimmt die Landschaft wieder das Großartige an, dann erblickt man eine weit höhere Gebirgskette von malerischerer Form, von weit reicherem Ansehen; diese ist ganz mit Wäldern gekrönt, ganz von Bächen durchschnitten; mit im Schatten und dem Wasser entsteht das Leim wieder in der Landschaft; man hört die Glocke einer Einsiedelei; man sieht an der Seite irgend eines Berges sich eine Karavane hinschlängeln. Endlich erblickt man bei den letzten Strahlen der Sonne gleich einer Schaar weißer, an einander gelehnter Vögel die Häuser irgend eines Dorfes, die sich aufgestellt zu haben scheinen, um sich vor irgend einem nächtlichen Angriffe zu bewahren; denn mit dem Leben ist die Gefahr zurückgekehrt, und es sind nicht mehr wie in den ersten Bergen, durch welche man gekommen ist, Schaaren von Bären und von Wölfen, die man fürchten muß, sondern Horden moldauischer Räuber, die man bekämpfen muß,

Wir näherten uns inzwischen. Zehn Tage des Marsches waren ohne Unfall verflossen. Wir konnten bereits den Gipfel des Berges Pion sehen, der mit dem Haupte diese ganze Riesen-Familie überragt, und auf dessen südlichem Abhange das Kloster Sahastru liegt, wohin ich mich begab. Noch drei Tage, und wir wären angekommen.

Es war gegen das Ende des Monats Juli, der Tag war glühend heiß gewesen, und mit einem Entzücken ohne Gleichen hatten wir gegen vier Uhr angefangen, die erste Frische des Abends einzuathmen. Wir waren an den verfallenen Thürmen von Niantzo vorüber gekommen. Wir gingen nach einer Ebene hinab, welche wir durch die Oeffnung des Gebirges zu erblicken begannen. Von dem Orte aus, wo wir uns befanden, konnten wir bereits mit dm Augen den Lauf der Bistriza mit buntscheckigen Ufern von rothen Wasserblumen und großen weißen Glockenblumen folgen. Wir gingen an einem Abgrunde hin, in dessen Tiefe der Fluß rollte, der dort nur erst ein Waldstrom war. Unsere Pferds hatten kaum Raum genug, um neben einander zu gehen.

Unser Führer ritt uns voraus, indem er auf seinem Pferde lag und ein morlachisches Lied von monotoner Melodie sang, dessen Worten ich mit außerordentlicher Theilnahme folgte.

Der Sänger war zugleich der Dichter. Was die Melodie anbelangt, so müßte man einer jener Gebirgsbewohner sein, um sie in ihrer ganzen wilden Traurigkeit, in ihrer ganzen traurigen Einfachheit zu wiederholen.

Hier sind die Worte davon:

		Dans le marais de Stavila
		Oùtant de sang guerrier coula,
		Voyez-voas ce cadavre là!
		Ce n'est point un fils d’lllyrie;
		C'est un brigand plein de furie
		Qui, trompant la douce Marie,
		Extermina, trompa, brûla.

		Une balle au cueur du brigand
		A passé comme l'ouragan.
		Dans sa gorge est un yatagan.
		Mais depuis trois jours, ô mystére,
		Sous le pin morne et solitaire,
		Son sang tiède abreuve la terre
		Et noircit le pâle Ovigan.

		Ses yeux bleus pour jamais out lui,
		Fuyons tous, malbeur à celui
		Qui passe au morais près de lui
		C'est un vampire! Le loup fauve
		Loin da caduvre impur se sauve,
		Et sur la montagne au front chauve,
		Le funèbre vautour a fui.[2 - Seht Ihr in dem Sumpfe von Skavila, wo dasBlut so vieler Krieger floß, diese Leiche da! Es ist keinSohn Illyriens; es ist ein Räuber voller Grimm, der,indem er diese sanfte Maria betrog, singend und brennend wüthete.Eine Kugel in dem Herzen des Räubers,ist wie der Orkan vorübergezogen.In seiner Gurgel steckt ein türkischer Säbel.Aber seit drei Tagen, welches Geheimniß,tränkt unter der dunkeln und einsamen Fichtesein laues Blut die Erdeund schwärzt den bleichen Ovigan.Seine blauen Augen haben für immer geleuchtet,laßt uns Alle fliehen, wehe dem,der in dem Moraste an ihm vorüberkömmt,er ist ein Vampyr! Der grimmige Wolfflieht fern von der unreinen Leiche,und auf dem Berge mit kahler Stirn entflieht der grausige Geier.]

Plötzlich knallte ein Schuß, eine Kugel pfiff. Das Lied wurde unterbrochen, und der tödtlich getroffene Führer rollte in die Tiefe des Abgrundes, während sein Pferd schaudernd stehen blieb, indem es seinen verständigen Kopf nach der Tiefe des Schlundes ausstreckte, in welchem sein Herr verschwunden war.

Zu gleicher Zeit erhob sich lautes Geschrei, und wir sahen an der Seite des Berges sich ohngefähr dreißig Räuber ausrichten; wir waren gänzlich umringt.

Jeder ergriff seine Waffen, und obgleich unversehens überfallen, ließen sich doch die, welche mich begleiteten, und alte an das Feuer gewöhnte Soldaten waren, nicht einschüchtern und leisteten Widerstand; – ich selbst ergriff eine Pistole, indem ich das Beispiel gab, und da ich den Nachtheil der Stellung fühlte, so rief ich aus: Vorwärts! – und gab meinem Pferde die Sporn, das in der Richtung der Ebene davon sprengte.

Aber wir hatten mit Gebirgsbewohnern zu thun, welche wie wahre Dämonen der Abgründe von Felsen zu Felsen sprangen, indem sie im Springen schossen und immer auf unserer Seite die Stellung behielten, die sie eingenommen hatten.

Außerdem war unser Manöver vorausgesehen worden. – An einem Orte, wo der Weg breiter wurde, wo der Berg eine Hochebene bildete, – erwartete uns ein junger Mann an der Spitze von ungefähr zehn Leuten zu Pferde; als sie uns erblickten, setzten sie ihre Pferde in Galopp und griffen uns von vorn an, während die, welche uns verfolgten, sich von der Seite des Berges herabrollen ließen und uns von allen Seiten umringten, nachdem sie uns den Rückzug abgeschnitten hatten.

Die Lage war gefährlich, indessen seit meiner Kindheit an Kriegsauftritte gewöhnt, konnte ich sie in's Auge fassen, ohne einen Umstand davon zu verlieren.

Alle diese in Schaaffelle gekleideten Männer trugen ungeheure, wie die der Ungarn mit Blumen bekränzte runde Hüte. Sie hatten jeder eine lange türkische Flinte in der Hand, welche sie unter grimmigem Geschrei schwenkten, nachdem sie geschossen hatten, und trugen in dem Gürtel einen krummen Säbel und ein Paar Pistolen.

Was ihren Hauptmann anbelangt, so war er ein junger Mann von kaum zwei und zwanzig Jahren, von bleicher Gesichtsfarbe, mit schwarzen Augen und mit in Locken auf seine Schultern herabfallenden langen Haaren, Sein Kostüm bestand aus dem mit Pelzwerk besetzten moldauischen Rocke, der über den Hüften mit einer Schärpe von goldenen und seidenen Streifen zusammengezogen war. Ein krummer Säbel glänzte in seiner Hand und vier Pistolen funkelten in seinem Gürtel. Während des Kampfes stieß er heisere und undeutliche Rufe aus, welche der menschlichen Sprache nicht anzugehören schienen, die indessen seinen Willen ausdrückten, denn seine Leute gehorchten auf diese Rufe, indem sie sich auf den flachen Leib warfen, um dem Schießen unserer Soldaten auszuweichen, wieder aufstanden, um gleichfalls Feuer zu geben, die niederschossen, welche noch standen, die Verwundeten vollends tödteten, und endlich den Kampf in ein Gemetzel verwandelten.

Ich hatte zwei Drittel meiner Vertheidiger nach einander fallen sehen. Vier blieben noch aufrecht, indem sie sich um mich drängten, – keine Gnade verlangten, die sie gewiß waren nicht zu erlangen, und nur an Eines dachten, nämlich ihr Leben so theuer als möglich zu verkaufen.

Nun stieß der junge Hauptmann einen weit ausdrucksvolleren Ruf als die früheren aus, indem er die Spitze seines Säbels nach uns ausstreckte. Ohne Zweifel war das der Befehl, diese letzte Gruppe in einen Feuerkreis einzuhüllen und uns Alle mit einander zu erschießen, – denn die langen moldauischen Flinten senkten sich mit ein und derselben Bewegung. Ich sah ein, daß unsere letzte Stunde gekommen wäre. – Ich erhob die Augen und die Hände mit einem letzten Gebete gen Himmel und erwartete den Tod.

In diesem Augenblicke sah ich, nicht herabschreiten, sondern herabstürzen, von Felsen zu Felsen springen, einen jungen Mann, der auf einem Steine stehen blieb, welcher diesen ganzen Auftritt überragte, und der gleich einer Statue auf einem Fußgestelle, die Hand über das Schlachtfeld ausstreckte und nur das einzige Wort aussprach:

– Genug!

Bei dieser Stimme erhoben sich Aller Augen, jeder schien diesem neuen Herrn zu gehorchen. Ein einziger Räuber legte sein Gewehr wieder an seine Schulter und feuerte es ab.

Einer unserer Leute stieß einen Schrei aus, die Kugel hatte ihm den linken Arm zerschmettert.

Er wandte sich sogleich um, um über den Mann herzufallen, der ihn verwundet hatte, aber bevor sein Pferd vier Schritte getan, leuchtete ein Blitz über uns, und der widerspänstige Räuber rollte mit von einer Kugel zerschmettertem Kopfe zu Boden.

So viele verschiedene Gemüthserschütterungen hatte meine Kräfte erschöpft, ich sank in Ohnmacht.

Als ich wieder zu mir kam lag ich auf dem Grase, dm Kopf auf den Schooß eines Mannes gestützt, von dem ich nur die Weiße und mit Ringen bedeckte Hand sah, die meinen Leib umschlang, während der junge moldauische Hauptmann, welcher den Angriff gegen uns geleitet hatte, mit übereinandergeschlagenen Armen und den Säbel unter dem einen seiner Arme vor mir stand.

– Kostaki, sagte der, welcher mich unterstützte in Französischer Sprache und in einem befehlenden Tone, du wirst auf der Stelle Deine Leute sich zurückziehen lassen, und mir die Pflege dieser jungen Frau überlassen.

– Mein Bruder, mein Bruder, antwortete der, an den diese Worte gerichtet waren, und der sich mit Mühe zu beherrschen schien, mein Bruder, nimm Dich in Acht, meine Geduld zu ermüden, ich lasse Dir das Schloß, laß mir den Wald. Auf dem Schlosse bist Du der Herr, aber hier bin ich allmächtig. Hier genügt mir ein Wort, um Dich zu zwingen mir zu gehorchen.

– Kostaki, ich bin der Erstgeborne, das sagt Dir, daß ich überall der Herr bin, in dem Walde wie auf dem Schlosse, dort wie hier. O! ich bin wie Du von dem Blute der Brancovans, – königliches Blut, das gewöhnt ist zu befehlen.

– Du befiehlst Deinen Dienern, Gregoriska, ja; aber nicht meinen Soldaten.

– Deine Soldaten sind Räuber, Kostaki. . . die ich an die Zinnen unserer Thürme hängen lassen werde, wenn sie mir nicht auf der Stelle gehorchen.

– Wohlan! so versucht es doch, ihnen zu befehlen. Nun fühlte ich, daß der, welcher mich unterstützte, sein Knie zurückzog und meinen Kopf vorsichtig auf einen Stein legte. Und ich folgte ihm voll Angst mit dem Blicke, und erblickte denselben jungen Mann, der in Mitte des Kampfes so zu sagen vom Himmel herabgefallen war, und den ich nur flüchtig hatte sehen können, da ich in demselben Augenblicke ohnmächtig geworden war, wo er gesprochen hatte.

Es war ein junger Mann von vier und zwanzig Jahren von hoher Gestalt, mit großen blauen Augen, in denen man eine außerordentliche Entschlossenheit und Festigkeit las. Seine langen blonden Haare, das Zeichen des slavischen Stammes, fielen wie die des Erzengels Michael auf seine Schultern herab, indem sie jugendliche und frische Wangen umgaben; seine Lippen waren durch ein geringschätzendes Lächeln erhoben, und ließen eine doppelte Reihe von Perlen sehen; sein Blick war der, welchen der Adler mit dem Blitze kreuzt. Er war in eine Art von Tunika von schwarzem Sammet gekleidet; eine kleine, mit einer Adlerfeder geschmückte Mütze, gleich der Raphaels, bedeckte seinen Kopf; er trug ein anschließendes Beinkleid und gestickte Stiefel. An seinem Gürtel trug er einen Hirschfänger und eine kleine Doppelflinte auf der Achsel, deren Richtigkeit der eine der Räuber hatte würdigen können.

Er streckte die Hand aus, und diese ausgestreckte Hand schien selbst seinem Bruder zu gebieten.

Er sprach einige Worte in moldauischer Sprache aus. Diese Worte schienen einen tiefen Eindruck auf die Räuber hervorzubringen.

Nun sprach der junge Hauptmann gleichfalls in derselben Sprache, und ich errieth, daß seine Worte mit Drohungen und Verwünschungen untermischt wären.

Aber auf diese lange und feurige Rede antwortete der ältere der beiden Brüder nur ein Wort. Die Räuber verneigten sich.

Er gab einen Wink, und die Räuber stellten sich hinter uns.

– Nun denn! es sei, Gregoriska, sagte Kostaki, indem er wieder Französisch sprach. Diese Frau wird nicht in die Höhle gehen, aber sie wird darum nichts desto weniger mein sein. Ich finde sie schön, ich habe sie erobert und ich will sie.

Und indem er diese Worte sagte fiel er über mich her und hob mich in seinen Armen auf.

– Diese Frau wird auf das Schloß geführt und meiner Mutter übergeben werden, und ich werde sie bis dahin nicht verlassen, antwortete mein Beschützer.

– Mein Pferd! rief Kostaki in moldauischer Sprache aus.

Zehn Räuber beeilten sich zu gehorchen und führten ihrem Herrn das Pferd zu, das er verlangte.

Gregoriska blickte um sich, ergriff ein herrnloses Pferd bei dem Zügel und schwang sich hinauf, ohne die Steigbügel zu berühren.

Kostaki schwang sich fast eben so leicht auf den Sattel als sein Bruder, obgleich er mich noch in seinen Armen hielt, und sprengte im Galopp davon.

Das Pferd Gregoriskas schien denselben Eindruck erhalten zu haben, und legte seinen Kopf und seine Seite an den Kopf und an die Seile von Kostaki's Pferde.

Diese beiden Reiter, die finster, schweigend neben einander dahinflogen, indem sie sich keinen Augenblick lang aus dem Gesicht verloren, ohne daß sie das Ansehen hatten sich anzublicken, indem sie sich ihren Pferden überließen, deren verzweifelter Lauf sie durch die Wälder, die Felsen und über die Abgründe forttrug, war merkwürdig anzusehen. Mein zurückgeworfener Kopf erlaubte mir die schönen, auf die meinigen gehefteten Augen Gregoriskas zu sehen. – Kostaki wurde es gewahr, er erhob mir den Kopf, und ich sah nur noch seinen finstern Blick, der mich verschlang. – Ich schlug meine Augenlider nieder, aber es war vergebens, ich sah durch ihren Schleier fortwährend den stechenden Blick, der bis in die Tiefe meiner Brust drang und mir das Herz durchbohrte, – nun bemächtigte sich meiner ein seltsames Blendwerk; – es schien mir, als ob ich die von dem Pferde und dem gespenstigen Reiter fortgetragene Leonore der Ballade Bürgers wäre, und als ich fühlte, daß wir anhielten, schlug ich nur mit Schrecken die Augen auf, so sehr war ich überzeugt, nur zerbrochene Kreuze und offene Gräber zu sehen.

Das, was ich sah, war eben nicht heiterer, – es war der innere Hof eines im vierzehnten Jahrhunderte erbauten moldauischen Schlosses.




XIII.

Das Schloß der Brancovan's


Kostaki ließ mich aus seinen Armen auf den Boden gleiten, und stieg fast zugleich zu mir ab; – aber so rasch seine Bewegung auch gewesen sein mogte, er war nur der Gregoriska gefolgt.

Wie es Gregoriska gesagt hatte, war er auf dem Schlosse wirklich der Herr.

Als sie die beiden jungen Leute und die Fremde am kommen sahen, welche sie mitbrachten, eilten die Diener herbei, aber obgleich die Aufmerksamkeiten zwischen Kostaki und Gregoriska getheilt waren, so fühlte man doch, daß die größten Rücksichten, daß die tiefste Ehrerbietung für diesen letzteren waren.

Zwei Frauen näherten sich; Gregoriska ertheilte ihnen einen Befehl in moldauischer Sprache und gab mir einen Wink mit der Hand ihnen zu folgen.

Es lag so viel Ehrerbietung in dem Blicke, der diesen Wink begleitete, daß ich nicht zögerte. Fünf Minuten nachher befand ich mich in einem Zimmer, das, so kahl und unbewohnbar es auch dem am Leichtesten zu Befriedigenden scheinen mogte, augenscheinlich das schönste des Schlosses war.

Es war ein großes viereckiges Zimmer mit einer Art von Divan von grüner Sarsche; am Tage der Sitz, des Nachts das Bett. Fünf bis sechs große Sessel von Eichenholz, eine große Truhe, und in einer der Ecken dieses Zimmer ein Thronhimmel gleich einem großen und prachtvollen Kirchenstuhle.

Von Vorhängen an den Fenstern, von Vorhängen an dem Bette war keine Rede.

Man ging nach diesem Zimmer auf einer Treppe hinauf, auf welcher in Nischen drei Statuen der Brancovan's von mehr als natürlicher Größe standen.

In dieses Zimmer brachte man nach Verlauf eines Augenblickes das Gepäck, unter welchem sich meine Felleisen befanden. Die Frauen boten mir ihre Dienste an. Aber indem ich der Unordnung abhalf, welche dieses Ereigniß in meiner Toilette hervorgebracht hatte, behielt ich meinen Amazonen-Anzug bei, ein Kostüm, das mehr in Uebereinstimmung mit dem meiner Wirthe stand, als irgend eines von denen, welche ich hätte anlegen können.

Kaum waren diese kleinen Veränderungen vorgenommen, als ich leise an meine Thür klopfen hörte.

– Herein, sagte ich natürlicher Weise auf Französisch, da, wie Sie wissen, das Französische uns Polen fast eine Muttersprache ist.

Gregoriska trat ein.

– Ah! Madame, ich bin sehr erfreut, daß Sie Französisch sprechen.

– Und auch ich bin sehr erfreut, diese Sprache zu sprechen, mein Herr, antwortete ich ihm, da ich durch diesen Zufall Ihr großmüthiges Verfahren gegen mich habe würdigen können. – In dieser Sprache haben Sie mich gegen die Absichten ihres Bruders vertheidigt, in dieser Sprache biete ich Ihnen den Ausdruck meiner sehr aufrichtigen Dankbarkeit an.

– Ich danke, Madame. – Es war ganz natürlich, daß ich mich für eine Frau in der Lage interessirte, in welcher Sie Sich befanden. Ich jagte in den, Gebirge, als ich unregelmäßige und fortdauernde Schüsse hörte; ich sah ein, daß es sich um irgend einen Angriff mit bewaffneter Hand handelte, und ich rückte gegen das Feuer, wie man im militärischen Ausdruck sagt. – Ich bin, dem Himmel sei Dank, zur rechten Zeit gekommen; aber werden Sie mir erlauben, Madame, mich zu erkundigen, durch welchen Zufall eine Frau von Stande, wie Sie es sind, sich in unsere Gebirge gewagt hatte?

– Ich bin Polin, mein Herr, antwortete ich ihm, meine beiden Brüder sind in dem Kriege gegen Rußland gefallen; mein Vater, den ich verlassen habe, indem er bereit war unser Schloß gegen den Feind zu vertheidigen, wird zu dieser Stunde ohne Zweifel zu ihnen gegangen sein, und ich kam, indem ich auf den Befehl meines Vaters dieses Blutbad floh, eine Zuflucht in dem Kloster Sahastru zu suchen, in welchem meine Mutter in ihrer Jugend und unter ähnlichen Umständen eine sichere Freistätte gefunden hatte.

– Sie sind die Feindin der Russen; dann um so besser, sagte der junge Mann, dieser Titel wird Ihnen ein mächtiger Beistand auf dem Schlosse sein, und wir haben alle unsere Kräfte nöthig, um den Kampf zu bestehen, der sich vorbereitet. Zuvörderst, da ich weiß, wer Sie sind, Madame, so erfahren Sie, wer wir sind; der Name Brancovan ist Ihnen nicht fremd, Madame, nicht wahr?

Ich verneigte mich.

Meine Mutter ist die letzte Fürstin dieses Namens, der letzte Nachkomme dieses erlauchten Oberhauptes, das die Cantimirs, diese elenden Höflinge Peters I. umbringen ließen. Meine Mutter heirathete in erster Ehe meinen Vater, Serban Waivady, Fürst wie sie, aber von minder berühmtem Stamme.

Mein Vater war in Wien erzogen worden, er hatte dort die Vorzüge der Civilisation schätzen gelernt. Er beschloß, aus mir einen Europäer zu machen. Wir gingen nach Frankreich, Italien, Spanien und Deutschland.

Ich weiß wohl, daß es einem Sohne nicht geziemt, das zu erzählen, was ich Ihnen sagen will; da es aber für unser Heil nöthig ist, daß Sie uns genau kennen, so werden Sie die Gründe dieser Mittheilung würdigen. Meine Mutter, welche während der ersten Reisen meines Vaters, als ich in meiner frühesten Kindheit war, strafbare Verbindungen mit einem Hauptmanne von Parteigängern gehabt hatte, so nennt man in dieser Gegend die Leute, welche Sie angegriffen haben, fügte Gregoriska lächelnd hinzu, – meine Mutter, sage ich, welche strafbare Verbindungen mit einem Grafen Giordaki Koproly, halb Grieche, halb Moldauer, gehabt hatte, schrieb meinem Vater, um ihm Alles zu sagen und die Scheidung von ihm zu verlangen, indem sie dieses Verlangen darauf stützte, daß sie, – eine Brancovan, – nicht die Frau eines Mannes bleiben wollte, der sich mit jedem Tage seinem Vaterlande mehr entfremdete. – Leider hatte mein Vater nicht nöthig seine Einwilligung zu dieser Forderung zu geben, welche Ihnen sonderbar scheinen kann, die aber bei uns das Gewöhnlichste und das Natürlichste ist. – Mein Vater war an einer Pulsadergeschwulst gestorben, an welcher er seit langer Zeit litt, – und ich war es, der den Brief empfing.

Ich hatte nichts zu thun, als sehr aufrichtige Wünsche für das Glück meiner Mutter auszusprechen. – Diese Wünsche überbrachte ihr ein Brief von mir, indem er ihr meldete, daß sie Wittwe wäre.

Dieser selbe Brief verlangte von ihr für mich die Erlaubniß meine Reisen fortzusetzen, eine Erlaubniß, welche mir bewilligt wurde.

Meine sehr bestimmte Absicht war, mich in Frankreich oder in Deutschland niederzulassen, um mich nicht einem Manne gegenüber zu befinden, der mich verabscheute und den ich nicht lieben konnte, das heißt dem Gatten meiner Mutter, als ich plötzlich erfuhr, daß der Graf Giordaki Koproly, wie man sagte, von den ehemaligen Kosaken meines Vaters ermordet worden wäre.

Ich beeilte mich zurückzukehren; ich liebte meine Mutter; ich begriff ihr Alleinstehen, ihr Bedürfniß in einem solchen Momente die Personen bei sich zu haben, welche ihr theuer sein konnten. Ohne daß sie jemals eine sehr zärtliche Liebe für mich gehabt hatte, war ich ihr Sohn, Eines Morgens kehrte ich ohne erwartet zu sein auf das Schloß unserer Väter zurück.

Ich fand dort einen jungen Mann, den ich anfangs für einen Fremden hielt, und von dem ich nachher erfuhr, daß er mein Bruder wäre.

Das war Kostaki, der Sohn des Ehebruches, den eine zweite Ehe legitimirt hatte. – Kostaki, das heißt das unbändige Geschöpf, das Sie gesehen haben, dessen einziges Gesetz die Leidenschaften sind, dem nichts auf dieser Welt heilig ist, als seine Mutter, der mir nur gehorcht, wie der Tiger dem Arme gehorcht, der ihn gebändigt hat, aber mit einem ewigen, durch die dunkle Hoffnung, mich eines Tages zu zerreißen, unterhaltenem Brüllen. – In dem Innern des Schlosses, in der Wohnung der Brancovans und der Waivadys, bin ich noch der Herr; sobald er aber außer diesen Ringmauern, sobald er im freien Felde ist, so wird er wieder der wilde Sohn der Wälder und der Berge, der alles unter seinen eisernen Willen beugen will. Wie hat er heute nachgegeben? wie haben seine Leute nachgegeben? ich weiß es nicht; eine alte Gewohnheit, ein Rest von Ehrerbietung. Aber ich mögte keine neue Probe wagen. Bleiben Sie hier, verlassen Sie dieses Zimmer, diesen Hof, kurz das Innere der Mauern nicht, und ich stehe für Alles; thun Sie einen Schritt außerhalb des Schlosses, so stehe ich für Nichts mehr, als mich tödten zu lassen, um Sie zu vertheidigen.

– Könnte ich denn nicht den Wünschen meines Vaters gemäß meine Reise nach dem Kloster Sahastru fortsetzen?

– Thun Sie es, versuchen Sie es, befehlen Sie, ich werde Sie begleiten; – aber ich werde auf dem Wege bleiben, – und Sie, Sie . . . Sie werden nicht ankommen.

– Was dann thun?

– Hier bleiben, abwarten, sich nach den Ereignissen richten, die Umstände benutzen. – Nehmen Sie an, daß Sie in eine Räuberhöhle gefallen sind, und daß Ihr Muth allein Sie herauszuziehen, daß Ihre Kaltblütigkeit allein Sie zu retten vermag. Trotz ihrer Vorliebe für Kostaki, dem Sohne ihrer Liebe, ist meine Mutter gut und großmüthig. Außerdem ist sie eine Brancovan, das beißt eine wahre Fürstin. Sie werden sie sehen; sie wird Sie vor den rohen Leidenschaften Kostakis schützen. Stellen Sie Sich unter ihren Schutz; – Sie sind schön, sie wird Sie lieben. Außerdem, – er blickte mich mit einem unbeschreiblichen Ausdrucke an! – wer vermögte Sie zu sehen und Sie nicht zu lieben? Kommen Sie jetzt in den Speisesaal, wo sie uns erwartet. Zeigen Sie weder Verlegenheit noch Mißtrauen; sprechen Sie Polnisch: Niemand versteht hier diese Sprache; ich werde Ihre Worte meiner Mutter übersetzen, und, sein Sie ohne Sorgen, ich werde nur das sagen, was zu sagen nöthig ist. Vor Allem kein Wort über das, was ich Ihnen mitgetheilt habe; man darf nicht ahnen, daß wir uns verstehen. Sie kennen die List und die Verstellung des Aufrichtigsten unter uns noch nicht. Kommen Sie.

Ich folgte ihm auf diese Treppe, welche von Harzfackeln erleuchtet war, die in eisernen, aus den Mauern hervortretenden Händen brannten.

Es war augenscheinlich, daß man diese ungewöhnliche Erleuchtung meinetwegen gemacht hatte.

Wir kamen in den Speisesaal.

Sobald Gregoriska die Thüre desselben aufgemacht und in moldauischer Sprache ein Wort ausgesprochen hatte, von dem ich seitdem erfahren, daß es die Fremde bedeutete, schritt eine große Frau auf uns zu.

Es war die Fürstin Brancovan.

Sie trug ihre weißen Haare um ihren Kopf herum geflochten; sie war mit einer kleinen Mütze von Zobelpelz bedeckt, auf der sich eine Reiherfeder befand, das Zeug: niß ihres fürstlichen Ursprunges. Sie trug eine Art von Tunika von Goldtuch mit einem mit Edelsteinen gestickten Mieter, welche ein langes Kleid von türkischem Stoffe bedeckte, das mit Pelzwerk gleich dem der Mütze besetzt war.

Sie hielt einen Rosenkranz von Bernstein-Perlen in der Hand, die sie sehr rasch durch ihre Finger rollen ließ.

An ihrer Seite befand sich Kostaki, der das glänzende und majestätische magyarische Kostüm trug, unter welchem er mir noch weit seltsamer schien.

Es bestand in einem Rocke von grünem Sammet mit weiten Aermeln, der bis über das Knie herabfiel. Beinkleider von rothem Kasimir, Stiefeln von mir Gold gesticktem Saffian; sein Kopf war unbedeckt; und seine langen schwarzen Haare fielen auf seinen bloßen Hals herab, den nur der schmale weiße Streifen eines seidenen Hemdes umgab.

Er grüßte mich linkisch und sprach in moldauischer Sprache einige Worte aus, welche unverständlich für mich blieben.

– Du kannst Französisch sprechen, mein Bruder, sagte Gregoriska, Madame ist Polin und versteht diese Sprache.

Nun sprach Kostaki in französischer Sprache einige für mich fast eben so unverständliche Worte aus, als die, welche er in moldauischer Sprache ausgesprochen hatte; aber die Mutter unterbrach sie, indem sie würdevoll den Arm ausstreckte. Es war augenscheinlich für mich, daß sie ihren Söhnen erklärte, daß es an ihr wäre, mich zu empfangen.

Nun begann sie in moldauischer Sprache eine Bewillkommungsrede, welcher ihr Gesicht einen leicht anzuwendenden Sinn gab. Sie zeigte mir den Tisch, bot mir einen Sessel neben sich an, bezeichnete mir mit der Geberde das ganze Haus, wie um mir zu sagen, daß es das meinige wäre, und indem sie sich zuerst mit einer wohlwollenden Geberde setzte, machte sie ein Zeichen des Kreuzes und begann ein Gebet. Nun nahm jeder seinen Platz ein; einen durch die Etikette bestimmten Platz. Gregoriska saß neben mir. Ich war die Fremde, und schuf dem zu Folge Kostaki einen Ehrenplatz neben seiner Mutter Smeranda.

So hieß die Gräfin.

Gregoriska hatte gleichfalls das Kostüm gewechselt. Er trug die magyarische Tunika wie sein Bruder, nur war diese Tuinka von granatfarbigem Sammet und seine Beinkleider von blauem Kasimir. Ein glänzender Orden hing an seinem Halse: es war der Nisham des Sultans Mahmud.

Die übrigen Hausgenossen aßen an demselben Tische, jeder in dem Range, den ihm seine Stellung unter den Freunden oder unter den Dienern verlieh.

Das Abendessen war traurig, nicht ein einziges Mal richtete Kostaki das Wort an mich, obgleich sein Bruder immer die Aufmerksamkeit hatte, Französisch mit mir zu sprechen. Was die Mutter anbetrifft, so bot sie mir mit dieser feierlichen Miene, welche sie niemals ablegte, von Allem selbst an. Gregoriska hatte die Wahrheit gesagt, sie war eine wahre Fürstin.

Nach dem Abendessen schritt Gregoriska auf seine Mutter zu. Er erklärte ihr in moldauischer Sprache das Bedürfnis, das ich haben müßte allein zu sein, und wie sehr nach den Gemüthserschütterungen eines solchen Tages die Ruhe mir nothwendig wäre. Smeranda machte mit dem Kopfe ein Zeichen der Billigung, reichte mir die Hand, küßte mich auf die Stirn, wie sie es mit ihrer Tochter gethan hätte, und wünschte mir eine gute Nacht auf ihrem Schlosse.

Gregoriska hatte sich nicht geirrt; ich wünschte diesen Augenblick der Einsamkeit sehnlichst. Ich dankte daher auch der Fürstin, welche mich bis an die Thüre zurückbegleitete, wo mich die beiden Frauen erwarteten, die mich bereits in mein Zimmer geführt hatten.

Ich grüßte sie gleichfalls, so wie ihre beiden Söhne, und kehrte in das nämliche Zimmer zurück, aus welchem ich eine Stunde zuvor gekommen war.

Ich dankte den Frauen. Ich gab ihnen einen Wink, daß ich mich allein auskleiden würde; sie entfernten sich sogleich mit Beweisen der Ehrerbietung, welche Andeuteten, daß sie den Befehl hätten, mir in allen Dingen zu gehorchen.

Ich blieb in diesem unermeßlichen Zimmer, von dem mein Licht, indem ich es weiter trug, nur die Theile erleuchtete, welche ich durchschritt, ohne jemals das Ganze derselben erleuchten zu können. Ein seltsames Spiel des Lichtes, das zwischen dem Scheine meiner Kerze und dem Scheine des Mondes, der durch meine Fenster ohne Vorhänge fiel, einen Kampf entstehen ließ.

Außer der Thüre, durch welche ich eingetreten war, und die auf die Treppe führte, befanden sich zwei andere Thüren in meinem Zimmer; aber ungeheure, an diesen Thurm auf meiner Seite angebrachte Riegel genügten, um mich zu beruhigen.

Ich ging an die Eingangsthüre, welche ich untersuchte. Diese Thüre hatte, wie die andern, ihre Vertheidigungsmittel.

Ich machte mein Fenster auf, es ging auf einen Abgrund.

Ich sah ein, daß Gregoriska mit diesem Zimmer eine überlegte Wahl getroffen hatte.

Indem ich nach meinem Sopha zurückkehrte, fand ich endlich auf einem an meinem Bette stehenden Tische ein kleines zusammengeschlagenes Billet.

Ich machte es auf und las in polnischer Sprache:

»Schlafen Sie ruhig, Sie haben Nichts zu fürchten, so lange als Sie in dem Innern des Schlosses bleiben.



    Gregoriska.«

Ich befolgte den mir gegebenen Rath, und indem die Ermüdung über meine Sorgen den Sieg davon trug, legte ich mich zu Bett und schlief ein.




XIV.

Die beiden Brüder


Von diesem Augenblicke an wohnte ich auf dem Schlosse, und von diesem Augenblicke an begann das Drama, das ich Ihnen erzählen will.

Die beiden Brüder verliebten sich in mich, jeder nach der Art seines Charakters.

Kostaki sagte mir gleich am folgenden Tage, daß er mich liebe, erklärte, daß ich ihm, und keinem Andern angehören würde, und daß er mich eher tödten würde, als mich, wem es auch sein mögte, angehören zu lassen.

Gregoriska sagte nichts; aber er umgab mich mit Aufmerksamkeiten und Artigkeiten. Alle Mittel einer glänzenden Erziehung, alle Erinnerungen, einer an den edelsten Höfen Europas zugebrachten Jugend wurden angewandt, um mir zu gefallen. Ach! Das war nicht schwer; bei dem ersten Klange seiner Stimme hatte ich gefühlt. daß diese Stimme meiner Seele schmeichle; bei dem ersten Blicke seiner Augen hatte ich gefühlt. daß dieser Blick mir bis in das Herz drang.

Nach Verlauf von drei Monaten hatte mir Kostaki hundert Male wiederholt, daß er mich liebe, und ich haßte ihn; nach Verlauf von drei Monaten hatte mir Gregoriska noch kein einziges Wort von Liebe gesagt, und ich fühlte, daß ich ganz die seine sein würde, sobald er es verlangte.

Kostaki hatte auf seine Ausgänge verzichtet. – Er verließ das Schloß nicht mehr. Er hatte für den Augenblick zu Gunsten einer Art von Lieutenant abgedankt, der von Zeil zu Zeit kam, um seine Befehle zu holen und verschwand.

Smeranda liebte mich gleichfalls mit leidenschaftlicher Freundschaft, deren Ausdruck mir Furcht machte. Sie begünstigte sichtlich Kostaki, und schien weit eifersüchtiger auf mich, als er es selbst war. Nur, da sie weder polnisch noch französisch, und ich die moldauische Sprache nicht verstand, so konnte sie nicht sehr zu Gunsten ihres Sohnes in mich dringen; aber sie hatte drei Worte in Französischer Sprache sagen gelernt, die sie mir jedes Mal wiederholte, wenn sich ihre Lippen auf meine Stirn drückten:

– Kostaki liebt Hedwig.

Eines Tages empfing ich eine schreckliche Nachricht, welche mein Unglück auf das Höchste steigerte: die vier Männer, welche den Kampf überlebt hatten, waren wieder in Freiheit gesetzt worden; sie waren wieder nach Polen abgegangen, indem sie ihr Wort verpfändeten, daß einer von ihnen vor Ablauf von drei Monaten zurückkehren würde, um mir Nachrichten von meinem Vater zu bringen.

Einer von ihnen erschien in der That eines Morgens wieder. Unser Schloß war genommen, verbrannt und geschleift worden, und mein Vater hatte sich bei seiner Vertheidigung tödten lassen.

Ich stand von nun allein auf der Welt.

Kostaki verdoppelte seine Bewerbungen und Smeranda ihre Zärtlichkeit, aber dieses Mal schützte ich die Trauer um meinen Vater vor. Kostaki beharrte darauf, indem er sagte, daß ich um so mehr einer Stütze bedürfte, je einsamer ich dastände; seine Mutter beharrte wie er und mit ihm, vielleicht mehr noch als er darauf.

Gregoriska hatte mir von der Gewalt gesprochen, welche die Moldauer über sich selbst haben, wenn sie nicht in ihren Gefühlen lesen lassen wollen. Er war ein lebendiges Beispiel davon. Es war unmöglich, von der Liebe eines Mannes überzeugter zu sein, als ich es von der seinigen war; wenn man mich indessen gefragt hätte, auf welchem Beweise diese Ueberzeugung beruhe, so wäre es mir unmöglich gewesen, es zu sagen; Niemand auf dem Schlosse halte seine Hand die meinige berühren, seine Augen die meinigen suchen sehen. Die Eifersucht allein konnte Kostaki über diese Nebenbuhlerschaft aufklären, wie meine Liebe allein mich über diese Liebe aufzuklären vermogte.

Ich gestehe indessen, daß diese Gewalt Gregoriskas über sich selbst mich beunruhigte. – Zuverlässig glaubte ich, aber das war nicht genug, ich hatte das Bedürfniß überzeugt zu werden, – als ich eines Abends, wo ich so eben in mein Zimmer zurückgekehrt war, leise an die eine jener beiden Thüren klopfen hörte, welche ich als sich von Innen schließend bezeichnet habe; nach der Art, mit welcher man klopfte, errieth ich, daß dieser Ruf der eines Freundes wäre. Ich näherte Mich und fragte wer da sei.

– Gregoriska, antwortete eine Stimme, über deren Ton ich mich zuverlässig nicht irrte.

– Was wollen Sie von mir? fragte ich ihn ganz bebend.

– Wenn Sie Vertrauen zu mir haben, sagte Gregoriska, wenn Sie mich für einen Mann von Ehre halten, so bewilligen Sie mir meine Bitte.

– Worin besteht sie?

– Löschen Sie Ihr Licht aus, wie, als ob Sie zu Bett gegangen wären, und öffnen Sie mir in einer halben Stunde Ihre Thüre.

Kommen Sie in einer halben Stunde wieder, war meine einzige Antwort. Ich löschte mein Licht aus und erwartete.

Mein Herz klopfte heftig, denn ich sah ein, daß es sich um irgend ein wichtiges Ereigniß handelte.

Die halbe Stunde verfloß; ich horte noch weit leiser als das erste Mal klopfen. Während der Zwischenzeit hatte ich die Riegel zurückgezogen, ich hatte daher nur die Thüre zu öffnen.

Gregoriska trat ein, und ohne daß er mir es nur sagte, machte ich die Thüre wieder hinter ihm zu und verschloß die Riegel.

Er blieb einen Augenblick lang stumm und regungslos, indem er mir mit der Geberde Schweigen auferlegte. Dann, als er sich versichert hatte, daß uns keine dringende Gefahr bedrohte, führte er mich in die Mitte des großen Zimmers, und indem er an meinem Zittern fühlte, daß ich nicht stehen zu bleiben vermögte, hatte er mir einen Stuhl.

Ich setzte mich oder ließ mich vielmehr auf diesen Stuhl sinken.

– O, mein Gott! sagte ich zu ihm, was gibt es denn, und wozu so viele Vorsichtsmaßregeln?

– Weil mein Leben, was nichts wäre, weil vielleicht auch das Ihrige von der Unterhaltung abhängt, welche wir mit einander haben werden.

Ich ergriff ihn ganz erschreckt bei der Hand.

Er drückte meine Hand an seine Lippen, indem er mich dabei anblickte, um mich über eine solche Vermessenheit um Verzeihung zu bitten.

Ich schlug die Augen nieder, das hieß einwilligen.

– Ich liebe Sie, sagte er mit seiner wie ein Gesang lieblichen Stimme zu mir, lieben Sie mich?

– Ja, – antwortete ich ihm.

– Würden Sie einwilligen, meine Gattin zu werden?

– Ja.

Er legte mit einem tiefen Seufzer des Glückes die Hand auf seine Stirn.

– Dann werden Sie sich nickt weigern mir zu folgen?

– Ich werde Ihnen überall hin folgen!

– Denn Sie werden begreifen, fuhr er fort, daß wir nur glücklich sein können, indem wir fliehen.

– O! ja, rief ich aus, lassen Sie uns fliehen.

– Still! äußerte er erbebend, – still!

– Sie haben Recht.

Und ich näherte mich ihm ganz zitternd.

– Hören Sie, was ich gethan habe, sagte er zu mir; hören Sie, warum ich so lange geschwiegen habe, ohne Ihnen zu gestehen, daß ich Sie liebte. – Ich wollte, daß sich Nichts mehr unserer Verbindung widersetzen könnte, sobald ich Ihrer Liebe gewiß wäre. Ich bin reich, Hedwig, unermeßlich reich, aber nach der Weise des moldauischen Adels: – reich an Ländereien, an Heerden, an Leibeigenen. – Nun denn! ich habe an das Kloster Hango für eine Million Ländereien, Heerden und Dörfer verkauft. Sie haben mir dagegen drei Mal Hundert Tausend Franken Werth an Edelsteinen, Hundert Tausend Franken in Gold, – das Uebrige in Wechseln auf Wien gegeben. Wird Ihnen eine Million genügen?

Ich drückte ihm die Hand.

– Ihre Liebe hätte mir genügt, Gregoriska, urtheilen Sie.

– Wohlan! hören Sie: ich gehe morgen nach dem Kloster Hango, um meine letzten Verabredungen mit dem Superior zu treffen. Er hält mir Pferde bereit; diese Pferde werden uns von neun Uhr an Hundert Schritte weit von dem Schlosse versteckt erwarten. Nach dem Abendessen gehen Sie wie heute wieder auf ihr Zimmer, löschen wie heute Ihr Licht aus, und wie heute werde ich zu Ihnen eintreten. Aber statt allein Ihr Zimmer zu verlassen, werden Sie mir morgen folgen, wir erreichen das Thor, welches auf das Feld führt, finden unsere Pferde, schwingen uns darauf, und übermorgen werden wir mit Tagesanbruche dreißig Stunden zurückgelegt haben.

– Warum ist es nicht schon Uebermorgen!

– Theure Hedwig.

Gregoriska drückte mich an sein Herz, – unsere Lippen begegneten sich. O! er hatte ganz richtig gesagt, daß ich einem Manne von Ehre die Thüre meines Zimmers geöffnet hätte; – aber er sah es wohl ein; wenn ich ihm nicht durch den Körper angehörte, so gehörte ich ihm durch die Seele an.

Die Nacht verfloß, ohne daß ich einen einzigen Augenblick lang schlafen konnte. Ich sah mich mit Gregoriska fliehend, – ich fühlte mich von ihm fortgetragen. Wie mich Kostaki fortgetragen hatte; – nur vewandelte sich dieses Mal dieses schreckliche, entsetzliche, grausige Rennen in eine süße und entzückende Umschlingung, welcher die Schnelligkeit Wollust hinzufügte, denn die Schnelligkeit hat gleichfalls eine ihr eigene Wollust.

Der Tag brach an. Ich ging hinab. Es schien mir, als ob noch Etwas bei Weitem Finstereres als gewöhnlich in der Art und Weise läge, mit der Kostaki mich begrüßte. – Sein Lächeln war sogar nicht mehr ein Spott, es war eine Drohung. Was Smeranda anbelangt, so schien sie mir dieselbe wie gewöhnlich.

Während des Frühstückes bestellte Gregoriskas seine Pferde. – Kostaki schien auf diesen Befehl durchaus nicht zu achten.

Gegen eilf Uhr grüßte er uns, indem er seine Rückkehr erst für den Abend meldete und seine Mutter bat, ihn nicht zum Mittagessen zu erwarten; indem er sich hierauf an mich wandte, bat er mich gleichfalls, ihn zu entschuldigen.

Er verließ das Zimmer. Das Auge seines Bruders folgte ihm bis zu dem Augenblicke, wo er über die Schwelle trat, und in diesem Augenblicke sprühte aus diesem Auge ein solcher Blitz des Hasses, daß ich schauderte.

Der Tag verstoß unter Bangigkeiten, welche Sie begreifen werden. Ich hatte Niemandem Etwas von unseren Plänen mitgetheilt, kaum sogar in meinen Gebeten, wenn ich es gewagt hätte, Gott davon zu sprechen, und es schien mir, als ob diese Pläne Jedermann bekannt wären, daß jeder Blick, der sich auf mich heftete, bis auf den Grund meines Herzens dränge und in ihm lesen könnte.

Das Mittagessen war eine Marter; finster und schweigsam, sprach Kostaki selten; dieses Mal begnügte er sich damit, zwei bis drei Male in moldauischer Sprache das Wort an seine Mutter zu richten, und jedes Mal ließ mich der Ausdruck seiner Stimme erbeben.

Als ich aufstand, um wieder in mein Zimmer hinaufzugehen, umarmte mich Smeranda wie gewöhnlich, und indem sie wich umarmte, sagte sie mir jene drei Worte, welche ich seit acht Tagen nicht über ihre Lippen hatte treten hören:

– Kostaki liebt Hedwig!

Diese Worte verfolgten mich wie eine Drohung; sobald ich in meinem Zimmer war, schien es mir, als ob eine verhängnißvolle Stimme an meinem Ohre flüsterte: Kostaki liebt Hedwig!

Nun aber war die Liebe Kostakis, wie Gregoriska mir gesagt hatte, der Tod.

Gegen sieben Uhr Abends, und als der Tag sich zu neigen begann, sah ich Kostaki über den Hof gehen. – Er wandte sich um, um nach meiner Seite zu blicken, aber ich trat rasch zurück, damit er mich nicht sehen könnte.

Ich war besorgt, denn so lange als die Lage meines Fensters mir erlaubt hatte, ihm zu folgen, hatte ich ihn nach den Ställen zuschreiten sehen. – Ich wagte die Riegel meiner Thüre aufzuziehen, und in das anstoßende Zimmer zu schlüpfen, von wo aus ich Alles das sehen konnte, was er thun würde.

Er begab sich in der That nach den Ställen. – Er zog nun selbst sein Lieblingspferd heraus, sattelte es mit eigenen Händen und mit der Sorgfalt eines Mannes, der die größte Wichtigkeit auf die geringsten Umstände legt. – Er trug dasselbe Kostüm, unter welchem er mir zum ersten Male erschienen war. Nur trug er als ganze Waffe seinen Säbel.

Als sein Pferd gesattelt war, warf er nochmals die Augen auf das Fenster meines Zimmers. Dann, da er mich nicht sah, schwang er sich auf den Sattel, ließ sich dasselbe Thor öffnen, durch welches sein Bruder ausgeritten war und zurückkehren mußte, und entfernte sich in: Galopp in der Richtung des Klosters Hango.

Nun wurde mein Herz auf eine schreckliche Weise beklommen, eine unglückselige Ahnung sagte mir, daß Kostaki seinem Bruder entgegenginge.

Ich blieb an diesem Fenster, so lange als ich diesen Weg unterscheiden konnte, der eine Viertelstunde weit von dem Schlosse eine Krümmung machte und sich in dem Anfange eines Waldes verlor. Aber die Nacht wurde mit jedem Augenblicke finsterer, der Weg verschwand am Ende gänzlich. Ich blieb noch. Endlich gab mir meine Besorgniß gerade durch ihr Uebermaß meine Kraft wieder, und da es augenscheinlich war, daß ich in dem unteren Saale die ersten Nachrichten von dem Einen oder dem Andern der beiden Brüder haben müßte, so ging ich hinab.

Mein erster Blick war Smeranda. Aus der Ruhe ihres Gesichtes ersah ich, daß sie keine Befürchtung empfand; sie ertheilte ihre Aufträge für das gewöhnliche Abendessen, und die Gedecke der beiden Brüder lagen an ihren Plätzen.

Ich wagte Niemand zu befragen. Wen hätte ich außerdem befragen können? Mit Ausnahme von Kostaki und Gregoriska sprach Niemand auf dem Schlosse die beiden einzigen Sprachen, welche ich sprach.

Bei dem geringsten Geräusche erbebte ich.

Gewöhnlich setzte man sich um neun Uhr zum Abendessen zu Tisch. Ich war um halb neun Uhr Hinabgegangen, ich folgte mit den Augen dem Minutenzeiger, dessen Gang auf dem großen Zifferblatts der Uhr fast sichtbar war.

Der wandernde Zeiger überschritt den Raum, der ihn von dem Viertel trennte. Das Viertel schlug. – Die Glocke erschallte traurig und grausig, – dann begann der Zeiger seinen schweigenden Lauf wieder, und ich sah ihn von Neuem den Raum mit der Regelmäßigkeit und der Langsamkeit der Spitze einer Magnetnadel durchlaufen.

Einige Minuten vor neun Uhr schien es mir, als ob ich den Galopp eines Pferdes auf dem Hofe hörte. – Smeranda hörte ihn auch, denn sie wandte den Kopf nach der Seite des Fensters; aber die Nacht war zu finster, als daß sie sehen konnte.

O! wie sie hätte errathen können, was in meinem Herzen vorging, wenn sie mich in diesem Augenblicke angeblickt hätte, – man hatte nur den Aufschlag eines einzigen Pferdes gehört, – und das war ganz natürlich. Ich wußte wohl, daß nur ein Reiter zurückkehren würde.

Aber welcher?

Schritte erschallten in dem Vorzimmer, – diese Schritte waren langsam und schienen voller Zögern, – jeder dieser Schritte schien auf meinem Herzen zu lasten.

Die Thüre ging auf, ich sah in der Dunkelheit einen Schatten erscheinen. Dieser Schatten blieb einen Augenblick lang unter der Thüre stehen. Mein Herz hörte auf zu schlagen.

Der Schatten schritt vor, und in dem Maße, als er in den Kreis des Lichtes trat, athmete ich wieder auf.

Ich erkannte Gregoriska. Ein Augenblick des Zweifels mehr, und mein Herz wäre gebrochen.

Ich erkannte Gregoriska, aber bleich wie ein Todter. Bei seinem bloßen Anblicke errieth man, daß sich irgend etwas Schreckliches zugetragen hatte.

– Bist Du es, Kostaki? fragte Smeranda.

– Nein, meine Mutter, antwortete Gregoriska mit dumpfer Stimme.

– Ah! Sie sind da, sagte sie. . . und seit wann muß Ihre Mutter auf Sie warten?

– Meine Mutter, sagte Gregoriska, indem er einen Blick auf die Uhr warf, es ist erst neun Uhr.

Und zu gleicher Zelt schlug es in der That neun Uhr.

– Es ist wahr, sagte Smeranda. Wo ist Ihr Bruder?

Unwillkürlich dachte ich, daß Gott dieselbe Frage an Kain gerichtet hatte.

Gregoriska antwortete nicht.

– Hat Niemand Kostaki gesehen? fragte Smeranda. Der Vatar, oder Haushofmeister, erkundigte sich um sich herum.

– Gegen sieben Uhr ist der Graf in den Ställen gewesen, sagte er, hat sein Pferd selbst gesattelt, und ist auf der Straße von Hango aufgebrochen.

In diesem Augenblicke begegneten meine Augen denen Gregoriskas. Ich weiß nicht, ob es eine Wirklichkeit war, es schien mir, als ob er einen Tropfen Blut auf der Stirn hätte.

Ich legte langsam meinen Finger auf meine eigene Stirn, indem ich die Stelle andeutete, wo ich diesen Fleck zu sehen glaubte.

Gregoriska verstand mich; er nahm sein Taschentuch und trocknete sich ab.

– Ja, ja, murmelte Smeranda, er wird irgend einen Bären, irgend einen Wolf angetroffen haben, den zu verfolgen er sich belustigt hat. Deshalb läßt ein Kind seine Mutter warten. Wo haben Sie ihn gelassen, Gregoriska? sagen Sie.

– Meine Mutter, antwortete Gregoriska mit bewegter aber zuversichtlicher Stimme, mein Bruder und ich sind nicht mit einander ausgegangen.

– Es ist gut', sagte Smeranda. Man richte das Essen an, man setze sich zu Tisch und verschließe die Thore; die, welche außerhalb sind, mögen außerhalb schlafen.,

Die beiden ersten Theile dieses Befehles wurden buchstäblich ausgeführt. Smeranda nahm ihren Platz ein, Gregoriska setzte sich zu ihrer Rechten, und ich mich zu ihrer Linken.

Hierauf entfernten sich die Diener, um den dritten auszuführen, das heißt um die Thore des Schlosses zu verschließen.

In diesem Augenblicke hörte man einen großen Lärm in dem Hofe, und ein ganz erschreckter Diener trat mit den Worten in den Saal:

– Fürstin, das Pferd des Grafen Kostaki ist allein und ganz mit Blut bedeckt in den Hof zurückgekehrt.

–O! murmelte Smeranda, indem sie sich bleich und drohend aufrichtete, auf diese Weise ist eines Abends das Pferd seines Vaters zurückgekehrt.

Ich warf die Augen auf Gregoriska; er war nicht blässer, er war todtenbleich.

In der That, das Pferd des Grafen Koproly war eines Abends ganz mit Blut bedeckt in den Schloßhof zurückgekehrt, und eine Stunde nachher hatten die Diener die mit Wunden bedeckte Leiche gefunden und zurückgebracht.

Smeranda nahm eine Fackel aus den Händen eines der Diener, schritt auf die Thür zu, öffnete sie und ging in den Hof hinab.

Das ganz scheue Pferd ward mit Gewalt von drei bis vier Dienern gehalten, welche ihre Bemühungen vereinigten, um es zu beruhigen.

Smeranda schritt auf das Thier zu, betrachtete das Blut, welches den Sattel befleckte, und erkannte eine Wunde an der Höhe seiner Stirn.

– Kostaki ist von vorn getödtet worden, sagte sie, im Duell und durch einen einzigen Feind. Sucht seine Leiche, Kinder, späterhin werden wir seinen Mörder suchen.

Da das Pferd durch das Thor von Hango zurückgekehrt war, so stürzten alle Diener aus diesem Thore, und man sah ihre Fackeln in der Ebene herumirren und sich in den Wald vertiefen, wie man an einem schönen Sommerabende in den Ebenen von Nizza und von Pisa die Leuchtkäfer funkeln sieht.

Wie als ob sie überzeugt gewesen wäre, daß die Nachforschung nicht lange dauern würde, wartete Smeranda unter dem Thore stehend. Nicht eine Thräne floß aus den Augen dieser betrübten Mutter, und dennoch fühlte man die Verzweiflung auf dem Grunde ihres Herzens grollen.

Gregoriska stand hinter ihr, und ich stand neben Gregoriska.

Indem er den Saal verließ, hatte er einen Augenblick lang die Absicht gehabt, mir den Arm anzubieten, aber er hatte es nicht gewagt.

Nach Verlauf von ungefähr einer Viertelstunde sah man an der Wendung des Weges eine, zwei, dann alle Fackeln wieder erscheinen.

Nur hatten sie sich dieses Mal. statt sich in der Ebene zu vertheilen, um einen gemeinschaftlichen Mittelpunkt vereinigt.

Bald konnte man sehen, daß dieser gemeinschaftliche Mittelpunkt aus einer Tragbahre und auf einem, auf dieser Tragbahre ausgestreckten Manne bestand.

Der Leichenzug kam langsam heran, aber er kam heran. Nach Verlauf von zehn Minuten befand er sich an dem Thore. Als sie die lebende Mutter erblickten, welche den todten Sohn erwartete, entblößten die, welche ihn trugen, instinctmäßig ihr Haupt, und kehrten dann schweigend in den Hof zurück.

Smeranda folgte ihnen, und wir folgten Smeranda. Auf diese Weise erreichte man den großen Saal, in welchem man die Leiche niederlegte.

Indem sie nun einen Wink hoher Majestät gab, entfernte Smeranda Jedermann, und sich der Leiche nähernd. setzte sie ein Knie auf den Boden, schlug die Haare zurück, welche ihrem Gesichte als Schleier dienten, und betrachtete sie lange und immer mit trockenen Augen. Indem sie hierauf den moldauischen Rock aufknöpfte, schlug sie das mit Blut befleckte Hemd zurück.

Die Wunde befand sich an der rechten Seite der Brust. Sie mußte von einer geraden und zweischneidigen Klinge gemacht worden sein.

Ich erinnerte mich, an demselben Tage an Gregoriskas Seite den langen Hirschfänger gesehen zu haben, der seiner Büchse zum Bajonette diente.

Ich suchte diese Waffe an seiner Seite; aber sie war verschwunden.

Smeranda verlangte Wasser, tauchte ihr Taschentuch in dieses Wasser und wusch die Wunde.

Frisches und reines Blut röthete die Lefzen der Wunde.

Das Schauspiel, welches ich vor Augen hatte, bot etwas Gräßliches und zugleich Erhabenes. Dieses große, von den Harzfackeln mit Rauch erfüllte Zimmer, diese barbarischen Gesichter, diese von Grausamkeit funkelnden Augen, diese seltsamen Kostüme, diese Mutter, welche bei dem Anblicke des noch warmen Blutes berechnete, seit wie lange der Tod ihr ihren Sohn geraubt hätte, dieses liefe, nur durch das Schluchzen der Räuber, deren Hauptmann Kostaki war, unterbrochene Schweigen, Alles das, ich wiederhole es, war ein gräßlicher und zugleich erhabener Anblick.

Endlich näherte Smeranda ihre Lippen der Stirn ihres Sohnes, indem sie sich dann wieder aufrichtete, – indem sie dann die langen Flechten ihrer weißen Haare zurückwarf, die sich aufgelöst hatten, sagte sie:

– Gregoriska!

Gregoriska erbebte, schüttelte den Kopf, und indem er aus seiner Gefühllosigkeit erwachte, antwortete er:

– Meine Mutter!

– Kommen Sie hierher, mein Sohn, und hören Sie mich an.

Gregoriska gehorchte schaudernd, aber er gehorchte.

In dem Maße, als er sich der Leiche näherte, floß das Blut weit reicher und weit röther aus der Wunde. Glücklicher Weise sah Smeranda nicht mehr nach dieser Seite, denn bei dem Anblicke dieses anklagenden Blutes hätte sie nicht mehr nöthig gehabt zu suchen, wer der Mörder wäre.

– Gregoriska, sagte sie, ich weiß wohl, daß Kostaki und Du Euch nicht liebtet. Ich weiß wohl, daß Du ein Waivady durch Deinen Vater bist, und er ein Koproly durch den seinigen; aber durch Eure Mutter waret Ihr beide Brancovans. Ich weiß, daß Du ein Mann der Städte des Abendlandes bist, und er ein Sohn der Berge des Morgenlandes; aber durch den Schooß, der Euch beide getragen hat, seid Ihr am Ende Brüder. Wohlan! Gregoriska, ich will wissen, ob wir meinen Sohn zu seinem Vater tragen werden, ohne daß der Schwur ausgesprochen worden ist, ob ich endlich ruhig wie eine Frau weinen kann, indem ich mich auf Dich, das heißt auf einen Mann, hinsichtlich der Strafe verlasse.

– Nennen Sie mir den Mörder meines Bruders, Madame, und befehlen Sie, ich schwöre Ihnen, daß er vor Verlauf einer Stunde, wenn Sie es verlangen, aufs gehört haben wird zu leben.

– Schwöre immerhin, Gregoriska, schwöre, bei Strafe meines Fluches, verstehst Du, mein Sohn? – Schwöre, daß der Mörder sterben wird, – schwöre, daß Du keinen Stein seines Hauses auf dem andern lassen wirst; – schwöre, daß seine Mutter, seine Kinder, seine Brüder, seine Gattin oder seine Verlobte von Deiner Hand umkommen werden. Schwöre, und rufe, indem Du schwörst, den Zorn des Himmels auf Dich herab, wenn Du diesen geheiligten Schwur brichst. – Wenn Du diesen geheiligten Schwur brichst, so unterwirf Dich dem Elende, dem Abscheue Deiner Freunde, dem Fluche Deiner Mutter.

Gregoriska streckte die Hand über die Leiche aus.

– Ich schwöre, daß der Mörder sterben wird, sagte er. Bei diesem seltsamen Schwure, dessen wahren Sinn ich und der Todte vielleicht nur allein verstehen konnten, sah ich, oder glaubte ich, ein entsetzliches Wunder zu sehen. Die Augen der Leiche öffneten sich wieder und hefteten sich weit lebendiger auf mich, als ich sie jemals gesehen hatte, und ich fühlte, wie als ob dieser doppelte Strahl fühlbar gewesen wäre, als dringe ein glühendes Eisen in mein Herz.

Das war mehr, als ich zu ertragen vermochte; ich sank in Ohnmacht.




XV.

Das Kloster Hango


Als ich wieder erwachte, befand ich mich in meinem Zimmer auf meinem Bette liegend; eine der beiden Frauen wachte bei mir.

Ich fragte, wo Smeranda wäre, man antwortete mir, daß sie bei der Leiche ihres Sohnes wachte.

Ich fragte, wo Gregoriska wäre; man antwortete mir, daß er in dem Kloster Hango wäre.

Es war keine Rede mehr von Flucht. War Kostaki nicht todt? Es war keine Rede mehr von Heirath. Konnte ich den Brudermörder heirathen?

Drei Tage und drei Nächte verflossen so unter seltsamen Träumen. Im Nachen oder im Schlafe sah ich immer diese beiden lebendigen Augen in diesem todten Gesichte; es war eine gräßliche Erscheinung.

Am dritten Tage sollte die Beerdigung Kostakis stattfinden. Am Morgen dieses Tages brachte man mir im Namen von Smeranda ein vollständiges Wittwenkostüm. Ich kleidete mich an und ging hinab.

Das Haus war öde; Jedermann befand sich in der Kapelle.

Ich ging nach dem Versammlungsorte. In dem Augenblicke, wo ich über die Schwelle trat, trat Smeranda, welche ich seit drei Tagen nicht gesehen hatte, über die Schwelle und kam zu mir.

Sie schien eine Statue des Schmerzes. Mit einer langsamen Bewegung gleich der einer Statue drückte sie ihre eisigen Lippen auf meine Stirn, und sprach mit einer Stimme, welche bereits aus dem Grabe zu kommen schien, ihre gewöhnlichen Worte aus:

– Kostaki liebt Sie.

Sie vermögen sich keinen Begriff von dem Eindrucke zu machen, welche diese Worte auf mich hervorbrachten. Diese im Präsens, statt im Imperfectum gemachte Liebeserklärung: dieses liebt Sie, statt liebte Sie, diese Liebe jenseits des Grabes, welche mich in dem Leben aufsuchte, brachte auf mich einen schrecklichen Eindruck hervor.

Zu gleicher Zeit bemächtigte sich meiner ein seltsames Gefühl, wie als ob ich in der That die Frau dessen gewesen wäre, der todt war, und nicht die Verlobte dessen, welcher lebte. Dieser Sarg zog mich unwillkürlich, schmerzlicher Weise an, wie man sagt, daß die Schlange den Vogel anzieht, den sie bezaubert. Ich suchte Gregoriska mit den Augen, ich erblickte ihn bleich und an einen Pfeiler gelehnt; seine Augen waren gen Himmel gerichtet, – ich vermag nicht zu sagen, ob er mich sah.

Die Mönche des Klosters von Hango umgaben die Leiche, indem sie die Psalmen des griechischen Ritus sangen, die zuweilen so harmonisch, weit öfter noch sehr eintönig sind. Ich wollte gleichfalls beten, aber das Gebet erstarb auf meinen Lippen, mein Kopf war dermaßen verwirrt, daß es mir weit eher schien einer Versammlung von Teufeln beizuwohnen, als einer Versammlung von Priestern.

In dem Augenblicke, wo man die Leiche forttrug, wollte ich ihr folgen, aber meine Kräfte versagten mir den Dienst. Ich fühlte meine Beine unter mir krachen, und ich lehnte mich an die Thür.

Nun kam Smeranda zu mir und gab Gregoriska einen Wink.

Gregoriska gehorchte und näherte sich.

Nun redete Smeranda mich in moldauischer Sprache an.

– Meine Mutter befiehlt mir, Ihnen Wort vor Wort das zu wiederholen, was Sie sagen wird, äußerte Gregoriska.

Nun sprach Smeranda von Neuem; als sie geendigt hatte, sagte er:

– Hier sind die Worte meiner Mutter:

»Sie beweinen meinen Sohn, Hedwig, Sie liebten ihn, nicht wahr? Ich danke Ihnen für Ihre Thränen und für Ihre Liebe; von nun an sind Sie eben so sehr meine Tochter, als wenn Kostaki Ihr Gatte gewesen wäre; Sie haben von nun an ein Vaterland, eine Mutter, eine Familie. Vergießen wir die Thränen, welche man den Todten schuldig ist, und werden wir nachher wieder Beide dessen würdig, der nicht mehr ist. . . ich, seine Mutter, Sie, seine Gattin! Leben Sie wohl, kehren Sie in Ihr Zimmer zurück; ich will meinem Sohne bis zu seiner letzten Wohnung folgen; bei meiner Rückkehr werde ich mich mit meinem Schmerze einfließen, und Sie werden mich nicht eher sehen, als bis ich ihn besiegt habe; sein Sie unbesorgt, ich werde ihn besiegen, denn ich will nicht, daß er mich umbringt.«

Ich vermogte auf diese von Gregoriska übersetzten Worte Smerandas nur durch ein Stöhnen zu antworten. Ich ging wieder in mein Zimmer hinauf, der Leichenzug entfernte sich. Ich sah ihn an der Ecke der Straße verschwinden. Das Kloster Hango war in gerader Linie nur eine halbe Stunde weit von dem Schlosse entfernt, aber Hindernisse des Bodens nöthigten ihn, einen Umweg zu machen, und indem man die Straße befolgte, war die Entfernung ungefähr zwei Stunden.

Es war im Monate November. Die Tage waren wieder kalt und kurz geworden. Um fünf Uhr Abends war es gänzlich Nacht.

Gegen sieben Uhr sah ich die Fackeln wieder erscheinen. Es war der Leichenzug, der zurückkehrte. Die Leiche ruhte in dem Grabe seiner Väter. Alles war vorbei. Ich habe Ihnen gesagt, welchen seltsamen Plagen ich seit dem verhängnißvollen Ereignisse ausgesetzt war, das uns Alle in Trauer gekleidet hatte, und besonders seitdem ich die Augen, welche der Tod geschlossen hatte, sich wieder öffnen und sich auf mich richten sah. Von den Gemüthsbewegungen des Tages niedergebeugt, war ich an diesem Abende noch weit trauriger. Ich hörte auf der Uhr des Schlosses die verschiedenen Stunden schlagen, und ich wurde in dem Maße betrübt, als die entschwundene Zeit mich dem Augenblicke näherte, in welchem Kostaki gestorben sein mußte.

Ich hörte drei Viertel auf Neun schlagen.

Nun bemächtigte sich meiner eine seltsame Empfindung. Es war ein schaudernder Schrecken, der über meinen ganzen Körper lief und ihn erstarrte; dann mit diesem Schrecken irgend Etwas wie ein unüberwindlicher Schlaf, der meine Sinne betäubte; meine Brust wurde beklommen, meine Augen verschleierten sich. Ich streckte die Arme aus, und sank rückwärts schreitend auf mein Bett.

Meine Sinne waren indessen nicht dermaßen verschwunden, daß ich nicht Etwas wie einen Schritt hören konnte, der sich meiner Thür näherte; dann schien es mir, als ob meine Thür aufginge. Dann sah und hörte ich Nichts mehr.

Nur fühlte ich einen heftigen Schmerz am Halse.

Hierauf versank ich in gänzliche Erstarrung.

Um Mitternacht erwachte ich wieder, meine Lampe brannte noch; ich wollte aufstehen, aber ich war so schwach, daß ich es zwei Male versuchen mußte. Ich besiegte indessen diese Schwäche, und da ich wachend denselben Schmerz am Halse empfand, den ich in meinem Schlummer empfunden hatte, so schleppte ich mich, indem ich mich an die Wand stützte, bis nach dem Spiegel und sah hinein.

Etwas gleich einem Nadelstiche bezeichnete die Pulsader meines Halses.

Ich dachte, daß irgend ein Insect mich während meines Schlafes gestochen hätte, und da ich vor Ermüdung erschöpft war, so legte ich mich zu Bett und schlief ein.

Am folgenden Tage erwachte ich wie gewöhnlich. Wie gewöhnlich wollte ich aufstehen, sobald meine Augen geöffnet waren; aber ich empfand eine Schwäche, welche ich bis dahin nur ein einziges Mal in meinem Leben empfunden hatte, nämlich am Tage nach demjenigen, an welchem man mir zu Ader gelassen hatte.

Ich näherte mich meinem Spiegel, und war durch meine Blässe überrascht.

Der Tag verfloß traurig und trübselig; ich empfand etwas Seltsames; da, wo ich war, hatte ich das Bedürfniß zu bleiben, jede Ortsveränderung war eine Ermüdung.

Die Nacht kam herbei, man brachte mir meine Lampe; meine Frauen, ich verstand es zum Mindesten aus ihren Geberden, boten mir an, bei mir zu bleiben. Ich dankte ihnen; sie entfernten sich.

Zu derselben Stunde, als am Abende zuvor, empfand ich dieselben Symptome. Ich wollte nun aufstehen und um Hilfe rufen; aber ich vermogte nicht, bis nach der Thür zu gehen. Ich hörte dunkel die Glocke der Uhr, welche drei Viertel auf neun Uhr schlug, Schritte erschallten, die Thür ging auf; aber ich sah und hörte Nichts mehr; wie am Tage zuvor war ich rückwärts auf mein Bett gesunken. ein Anfang von Wahnsinn scheinen würde, und ich schloß mit einer gewissen Schüchternheit, als ich im Gegentheile sah, daß er dieser Erzählung eine tiefe Aufmerksamkeit schenkte.

Wie am Tage zuvor empfand ich einen stechenden Schmerz an demselben Orte.

Wie am Tage zuvor erwachte ich um Mitternacht; nur erwachte ich noch weit schwacher und weit bleicher, als am Tage zuvor.

Am folgenden Tage erneuerte sich die gräßliche Plage nochmals.

Ich war entschlossen, zu Smeranda hinabzugehen, so schwach ich auch sein mogte, als eine meiner Frauen in mein Zimmer trat und den Namen Gregoriska aussprach.

Gregoriska kam hinter ihr.

Ich wollte aufstehen, um ihn zu empfangen, aber ich sank wieder auf meinen Sessel zurück.

Als er mich erblickte, stieß er einen Schrei aus und wollte auf mich zustürzen; aber ich hatte die Kraft, den Arm nach ihm auszustrecken.

– Was wollen Sie hier? fragte ich ihn.

– Ach! sagte er, ich kam, um Abschied von Ihnen zu nehmen! Ich kam, Ihnen zu sagen, daß ich diese Welt verlasse, welche mir ohne Ihre Liebe und ohne Ihre Gegenwart unerträglich ist; ich kam, Ihnen zu sagen, daß ich mich in das Kloster Hango zurückziehe.

– Meine Gegenwart ist Ihnen genommen, Gregoriska, antwortete ich ihm, aber nicht meine Liebe. Ach! ich liebe Sie immer noch, und mein großer Schmerz ist, daß diese Liebe von nun an fast ein Verbrechen ist.

– Dann kann ich hoffen, daß Sie für mich beten werden, Hedwig.

– Ja, nur werde ich nicht lange beten, fügte ich lächelnd hinzu.

– In der That, was haben Sie denn, und warum sind Sie so bleich?

– Gott hat ohne Zweifel Erbarmen mit mir und wird mich zu sich rufen!

Gregoriska näherte sich mir, ergriff mich bei der Hand, die ich nicht die Kraft hatte, zurückzuziehen, und indem er mich fest anblickte, sagte er:

– Diese Blässe ist nicht natürlich, Hedwig, woher kommt sie? reden Sie.

– Wenn ich es Ihnen sagte, Gregoriska, so würden Sie glauben, daß ich wahnsinnig sei.

– Nein, nein, reden Sie, Hedwig, ich bitte Sie inständigst darum, wir befinden uns hier in einem Lande, das keinem andern Lande gleicht, in einer Familie, die keiner andern Familie gleicht. Reden Sie, sagen Sie Alles, ich bitte Sie inständigst darum.

Ich erzählte ihm Alles: jene seltsame Verblendung, die mich zu der Stunde befiel, in welcher Kostaki gestorben sein müßte; den Schrecken, die Erstarrung, die eisige Kälte, die Hinfälligkeit, welche mich auf mein Bett legte, das Geräusch von Schritten, das ich zu hören glaubte, diese Thür, welche ich sich öffnen zu sehen glaubte, endlich den stechenden Schmerz, dem meine beständig zunehmende Blässe und Schwäche folgte.

Ich hatte geglaubt, daß meine Erzählung Gregoriska ein Anfang von Wahnsinn scheinen würde, und ich schloß mit einer gewissen Schüchternheit, als ich im Gegentheile sah, daß er dieser Erzählung eine tiefe Aufmerksamkeit schenkte.

Nachdem ich aufgehört hatte zu sprechen, überlegte er einen Augenblick lang.

– Demnach also, fragte er, schlafen Sie jeden Abend um drei Viertel auf neun Uhr ein?

– Ja, welche Mühe ich mir auch geben mag, um dem Schlafe zu widerstehen.

– Demnach also glauben Sie, Ihre Thüre sich öffnen zu sehen?

– Ja, obgleich ich sie verriegle.

– Demnach also empfinden Sie einen stechenden Schmerz am Halse?

– Ja, obgleich mein Hals kaum die Spur einer Wunde behält.

– Wollen Sie erlauben, daß ich sie sehe? sagte er. Ich warf meinen Kopf auf meine Schulter zurück. Er untersuchte diese Narbe.

– Hedwig, sagte er nach einem Augenblicke, haben Sie Vertrauen zu mir?

– Sie fragen es mich? antwortete ich.

– Glauben Sie an mein Wort?

– Wie ich an das heilige Evangelium glaube.

– Nun denn! Hedwig, auf mein Wort, ich schwöre Ihnen, daß Sie keine acht Tage mehr zu leben haben, wenn Sie nicht noch heute einwilligen das zu thun, was ich Ihnen sagen werde.

– Und wenn ich darein willige?

– Wenn Sie darein willigen, – so werden Sie vielleicht gerettet sein.

– Vielleicht?

Er schwieg.

– Was auch geschehen möge, Gregoriska, begann ich wieder, ich werde das thun, was Sie mir befehlen werden.

– Nun denn! Hören Sie, sagte er, und vor Allem erschrecken Sie nicht. In Ihrem Lande, wie in Ungarn, wie in unserem Romanien, besteht eine Sage.

Ich schauderte, denn diese Sage war mir in das Gedächtniß gekommen.

– Ah! sagte er, Sie wissen was ich sagen will?

– Ja, antwortete ich, ich habe in Polen diesem gräßlichen Verhängnisse unterworfene Personen gesehen.

– Sie wollen von Vampyren sprechen, nicht wahr?

– Ja, ich habe in meiner Kindheit auf dem Friedhofe eines meinem Vater gehörigen Dorfes vierzig Personen wieder ausgraben sehen, die in vierzehn Tagen gestorben waren, ohne daß man die Ursache ihres Todes errathen konnte. Siebzehn haben alle Anzeichen von Vampyren gehabt, das heißt, daß man sie frisch und roth, gleich Lebendigen wieder gefunden hat, – die Andern waren ihre Opfer.

– Und was that man, um die Gegend davon zu befreien?

– Man stieß ihnen einen Pfahl in das Herz und verbrannte sie nachher.

– Ja. so verfährt man gewöhnlich; aber für uns genügt das nicht. Um Sie von dem Gespenste zu befreien, will ich es zuvörderst kennen lernen, und beim Himmel! Ich werde es kennen lernen. Ja, und wenn es sein muß, so werde ich Leib gegen Leib mit ihm kämpfen, wer es auch sein möge.

– O, Gregoriska! rief ich erschreckt aus.

– Ich habe gesagt, wer es auch sein möge, und ich wiederhole es. – Aber um dieses schreckliche Abenteuer zu einem guten Ende zu führen, müssen Sie in Alles willigen, was ich von Ihnen verlangen werde.

– Reden Sie.

– Halten Sie sich um sieben Uhr bereit, – gehen Sie in die Kapelle hinab, gehen Sie allein hinab; – Sie müssen Ihre Schwäche überwinden, – es muß sein. – Dort werden wir die eheliche Einsegnung erhalten. Willigen Sie darein, meine Geliebte; um Sie zu beschützen, muß ich vor Gott und vor den Menschen das Recht haben über Sie zu wachen. Wir werden wieder hier hinaufgehen, und dann werden wir sehen.

– O! Gregoriska, rief ich aus, wenn er es ist, so wird er sie tödten.

– Fürchten Sie Nichts, meine geliebte Hedwig. Nur willigen Sie ein.

– Sie wissen wohl, daß ich Alles das thun werde, was Sie wollen, Gregoriska.

– Dann auf heute Abend.

– Ja. thun Sie Ihrerseits, was Sie thun wollen, und ich werde Ihnen nach meinen Kräften beistehen, gehen Sie.

Er entfernte sich. Eine Viertelstunde nachher sah ich einen Reiter, der auf der Straße des Klosters dahin sprengte. Er war es.

Kaum hatte ich ihn aus dem Gesicht verloren, als ich auf die Knie sank und betete, wie man in Ihrem Lande ohne Glauben nicht mehr betet, und wartete die siebente Stunde ab, indem ich Gott und den Heiligen das Opfer meiner Gedanken darbrachte; ich stand erst in dem Augenblicke wieder auf, wo es sieben Uhr schlug.

Ich war schwach wie eine Sterbende, bleich wie eine Gestorbene. Ich warf einen großen schwarzen Schleier über meinen Kopf, ging die Treppe hinab, indem ich mich an den Wänden stützte, und begab mich in die Kapelle, ohne Jemandem begegnet zu sein.

Gregoriska erwartete mich mit dem Vater Basilius, dem Superior des Klosters Hango. Er trug ein heiliges Schwert an der Seite, die Reliquie eines alten Kreuzfahrers, der mit Ville-Hartouin und Balduin von Flandern Constantinopel genommen hatte.

– Hedwig, sagte er, indem er mit der Hand auf sein Schwert schlug, mit dem Beistande Gottes wird dieses Schwert den Zauber brechen, der Ihr Leben bedroht. Nähern Sie sich daher entschlossen, hier ist ein heiliger Mann, der, nachdem er meine Beichte empfangen hat, unsere Schwüre empfangen wird.

Die Feierlichkeit begann; niemals hatte vielleicht eine einfachere und zugleich feierlichere stattgefunden. Niemand leistete dem Popen Beistand; er selbst setzte uns die Hochzeitslränze auf den Kopf. Beide in Trauer gekleidet, gingen wir mit einer Kerze in der Hand um den Altar; als hierauf der Geistliche die heiligen Worte ausgesprochen hatte, fügte er hinzu:

– Geht jetzt, meine Kinder, und möge Gott Euch Muth und Kraft verleihen, gegen den Feind der Menschheit zu kämpfen. Ihr seid mit Eurer Unschuld und seiner Gerechtigkeit gerüstet; Ihr werdet den Dämon besiegen. Geht, und seid gesegnet.

Wir küßten die heiligen Bücher und verließen die Kapelle.

Nun stützte ich mich zum ersten Male auf den Arm Gregoriskas, und es schien mir, als ob bei der Berührung dieses tapferen Armes, bei der Berührung dieses edlen Herzens das Leben in meine Adern wieder zurückkehrte. Ich glaubte mich gewiß zu triumphiren, da Gregoriska bei mir war; wir gingen wieder in mein Zimmer hinaus.

Es schlug halb neun Uhr.

– Hedwig, sagte nun Gregoriska zu mir, wir haben keine Zeit zu verlieren. Willst Du wie gewöhnlich einschlafen und daß sich Alles während Deines Schlafes zuträgt? Willst Du wach bleiben und Alles sehen?

– Bei Dir fürchte ich Nichts, ich will wach bleiben, ich will Alles sehen.

Gregoriska zog einen geweihten Buchsbaumzweig aus seinem Busen, der noch ganz feucht von dem Weihwasser war, und gab ihn mir.

– So nimm denn diesen Zweig, sagte er, lege Dich auf Dein Bett, sag die Gebete an die Jungfrau her und warte ohne Furcht. Gott ist mit uns. Vor Allem laß Deinen Zweig nicht fallen; mit ihm wirst Du selbst der Hölle gebieten. Rufe mich nicht, schreie nicht; bete, hoffe und warte.

Ich legte mich auf das Bett. Ich faltete meine Hände auf der Brust, auf welche ich den geweihten Zweig stützte.

Was Gregoriska anbelangt, so verbarg er sich hinter dem Thronhimmel, von dem ich bereits gesprochen habe, und der die Ecke meines Zimmers einnahm.

Ich zählte die Minuten, und ohne Zweifel zählte sie Gregoriska seiner Seite gleichfalls.

Es schlug drei Viertel.

Der Klang der Glocke bebte noch, als ich dieselbe Erstarrung, denselben Schrecken, dieselbe eisige Kälte wieder empfand; aber ich näherte den geweihten Zweig meinen Lippen, und diese erste Empfindung verschwand.

Nun hörte ich sehr deutlich das Geräusch jenes langsamen und abgemessenen Schrittes auf der Treppe erschallen und sich meiner Thüre nähern.

Hierauf ging meine Thüre langsam, geräuschlos, wie von einer übernatürlichen Macht geöffnet auf, und nun. . .

Die Stimme stockte wie erstickt in dem Munde der Erzählerin.

– Und nun, fuhr sie mit Anstrengung fort, erblickte ich Kostaki, bleich, wie ich ihn auf der Tragbahre gesehen hatte; seine langen, auf seiner Schulter zerstreuten Haare trieften von Blut; er trug sein gewöhnliches Kostüm; nur war es auf seiner Brust offen und ließ seine blutende Wunde sehen.

Alles war todt, Alles war Leiche. . . Fleisch, Kleider, Gang. . . die Augen allein, diese schrecklichen Augen, waren lebendig.

Wie sonderbar! statt mein Entsetzen zu verdoppeln, fühlte ich bei diesem Anblicke meinen Muth wachsen.

Gott sandte mir ihn ohne Zweifel, damit ich meine Lage beurtheilen und mich gegen die Hölle vertheidigen könnte. Bei dem ersten Schritte, den das Gespenst auf mein Bett zu that, kreuzte ich kühn meinen Blick mit diesem bleiernen Blicke und hielt ihm den geweihten Zweig entgegen.

Das Gespenst versuchte weiter zu schreiten, aber eine weit stärkere Gewalt, als die seinige, hielt es auf seiner Stelle zurück. Es blieb stehen.

– O! murmelte er, sie schläft nicht: sie weiß Alles.

Er sprach in moldauischer Sprache, und dennoch verstand ich ihn, wie als ob diese Worte in einer Sprache ausgesprochen worden wären, die ich verstanden hätte.

Wir, das Gespenst und ich, befanden uns so einander gegenüber, ohne daß meine Augen sich von den seinigen abzuwenden vermogten, als ich, ohne daß ich nöthig hatte den Kopf nach seiner Seite zu wenden, Gregoriska hinter dem hölzernen Sessel gleich einem Vertilgungsengel Und mit seinem Schwerte in der Hand hervorkommen sah. Er machte das Zeichen des Kreuzes mit der linken Hand, und schritt langsam, das Schwert nach dem Gespenste ausgestreckt vor; bei dem Anblicke seines Bruders hatte dieses gleichfalls mit einem schrecklichen Gelächter seinen Säbel gezogen; aber kaum hatte der Säbel den geweihten Stahl berührt, als der Arm des Gespenstes schlaf an seinem Körper herabfiel.

Kostaki stieß einen Seufzer aus, der seinen innern Kampf und seine Verzweiflung bezeichnete.

– Was willst Du? sagte er zu seinem Bruder.

– Im Namen des lebendigen Gottes, sagte Gregoriska, beschwöre ich Dich, zu antworten.

– Sprich, sagte das Gespenst, indem es mit den Zähnen knirschte.

– War ich es, der Dich ermordet hat?

– Nein.

– War ich es, der Dich angegriffen hatte?

– Nein.

– War ich es, der Dich getroffen hat?

– Nein.

– Du hast Dich auf mein Schwert gestürzt, und das ist Alles. Ich bin daher in den Augen Gottes und der Menschen nicht des Verbrechens des Brudermordes schuldig; Du bist also nicht dem Rufe Gottes, sondern dem des Teufels gefolgt; Du hast also nicht das Grab wie ein heiliger Schatten verlassen, sondern wie ein verfluchtes Gespenst, und Du wirst in Dein Grab zurückkehren.

– Mit ihr, ja, rief Kostaki aus, indem er eine äußerste Anstrengung machte, um sich meiner zu bemächtigen.

– Allein, rief nun Gregoriska aus, diese Frau gehört mir.

Und indem er diese Worte aussprach, berührte er mit dem geweihten Stahle die frische Wunde.

Kostaki stieß einen Schrei aus, wie als ob ein Flammenschwert ihn berührt hätte, und indem er die linke Hand auf seine Brust legte, trat er einen Schritt zurück.

Zu gleicher Zeit und mit einer Bewegung, welche mit der seinigen in Verbindung zu stehen schien, trat Gregoriska einen Schritt vor; nun, die Augen aus die Augen des Todten geheftet, das Schwert auf die Brust seines Bruders gerichtet, begann ein langsamer, schrecklicher, feierlicher Marsch, in etwas ähnlich dem Vorüberkommen Don Juans und des Commandeurs; das Gespenst wich vor dem geheiligten Schwerte unter dem unwiderstehlichen Willen des Streiters Gottes zurück; dieser folgte ihm Schritt vor Schritt ohne ein Wort auszusprechen; Beide athemlos, Beide todtenbleich, trieb der Lebendige den Todten vor sich her, und zwang ihn, das Schloß, welches in der Vergangenheit seine Wohnung war, mit dem Grabe zu vertauschen, das in der Zukunft seine Wohnung sein sollte.

O! ich schwöre es Ihnen, es war gräßlich anzusehen.

Und, selbst von einer höheren, unsichtbaren, unbekannten Gewalt angetrieben, stand ich indessen auf und folgte ihnen, ohne mir Rechenschaft von dem abzulegen, was ich that. Wir gingen die nur von den glühenden Augen Kostakis erleuchtete Treppe hinab. Wir gingen so durch die Gallerte, so über den Hof. Wir überschritten so das Thor in demselben abgemessenen Schritte; das Gespenst rückwärts schreitend, Gregoriska mit ausgestrecktem Arm, ich ihnen folgend. Dir verziehen werden wird, wenn Du bereuest, versprichst Du in Dein Grab zurückzukehren, – versprichst Du es nicht mehr zu verlassen, – versprichst Du endlich Gott die Verehrung zu widmen, welche Du der Hölle gewidmet hast?

Dieser phantastische Marsch dauerte eine Stunde lang; man mußte den Todten nach seinem Grabe zurückführen; nur waren Kostaki und Gregoriska, statt den gewöhnlichen Weg einzuschlagen, in gerader Linie querfeldein gegangen, indem sie sich wenig um die Hindernisse bekümmerten, welche aufgehört hatten zu bestehen; unter ihren Füßen ebnete sich der Boden, die Ströme trockneten aus, die Bäume wichen zurück, die Felsen traten zur Seite; dasselbe Wunder, das sich für sie ereignete, ereignete sich für mich; nur schien mir der ganze Himmel mit einem schwarzen Flore bedeckt, der Mond und die Sterne waren verschwunden, und ich sah immer nur in der Nacht die flammenden Augen des Vampyrs leuchten.

So kamen wir nach Hango, so gingen wir durch die Hecke von Meerkirschen, welche dem Friedhofe zur Umzäunung diente. Kaum eingetreten, erkannte ich in der Dunkelheit das Grab Kostakis, das neben dem seines Vaters gegraben war; ich wußte nicht, daß es dort war, und dennoch erkannte ich es.

In dieser Nacht wußte ich Alles.

An dem Rande des offenen Grabes blieb Gregoriska stehen.

– Kostaki, sagte er, noch ist nicht Alles für Dich beendigt, und eine Stimme des Himmels sagt mir, daß Dir verziehen werden wird, wenn Du bereuest, versprichst Du in Dein Grab zurückzukehren, – verprichst Du es nicht mehr zu verlassen, – versprichst Du endlich Gott die Verehrung zu widmen, welche Du der Hölle gewidmet hast?

– Nein! antwortete Kostaki.

– Bereuest Du? fragte Gregoriska.

– Nein!

– Zum letzten Male. Kostaki?

– Nein!

– Wohlan! rufe den Satan zu Hilfe, wie ich Gott zu Hilfe rufe, und sehen wir auch dieses Mal, wem der Sieg bleiben wird.

Zwei Schreie erschallten zu gleicher Zeit; die Schwerter kreuzten sich Funken sprühend, und der Kampf dauerte eine Minute lang, welche mir ein Jahrhundert schien.

Kostaki fiel; ich sah das schreckliche Schwert sich erheben, ich sah es sich in seinen Leib senken und diesen Leib auf die frisch umgegrabene Erde aufspießen.

Ein letzter Schrei, der nichts Menschliches hatte, zog durch die Luft.

Ich eilte herbei.

Gregoriska war stehen geblieben, aber er wankte.

Ich eilte herbei und unterstützte ihn in meinen Armen.

– Bist Du verwundet? fragte ich ihn voll Bangigkeit.

– Nein, sagte er zu mir; aber in einem solchen Kampfe, theure Hedwig, ist es nicht die Wunde, welche tödtet, es ist der Kampf. Ich habe mit dem Tode gekämpft, ich gehöre dem Tode an.

– Freund! Freund! rief ich aus, entferne Dich, entferne Dich von hier, und das Leben wird vielleicht zurückkehren.

– Nein, sagte er, hier ist mein Grab, Hedwig; aber verlieren wir keine Zeit; nimm ein wenig von dieser mit seinem Blute getränkten Erde, und lege sie auf den Biß, den er Dir beigebracht hat; das ist das einzige Mittel, Dich in Zukunft vor seiner gräßlichen Liebe zu bewahren.

Ich gehorchte schaudernd. Ich bückte mich, um diese blutige Erde aufzuraffen, und indem ich mich bückte, sah ich die auf dem Boden aufgespießte Leiche, das geweihte Schwert durchbohrte ihr das Herz, und schwarzes Blut floß reichlich aus seiner Wunde, wie als ob er erst so eben gestorben wäre.

Ich knetete ein wenig Erde mit dem Blute, und legte den gräßlichen Talisman auf meine Wunde.

– Jetzt, meine angebetete Hedwig, sagte Gregoriska mit schwach gewordener Stimme, höre aufmerksam meine letzten Verhaltungsvorschriften an; verlaß das Land sobald als Du es vermagst. Die Entfernung allein ist eine Sicherheit für Dich. Der Vater Basilius hat heute meinen letzten Willen erhalten, und er wird ihn vollziehen. Hedwig! einen Kuß! den letzten, den einzigen, Hedwig! Ich sterbe.

Und indem er diese Worte sagte, sank Gregoriska neben seinem Bruder zu Boden.

Unter allen andern Umständen wäre ich auf diesem Friedhofe, neben diesem offenen Grabe, bei diesen neben einander liegenden beiden Leichen, wahnsinnig geworden; aber, wie ich bereits gesagt, Gott hatte mir Kraft verliehen, die den Ereignissen, zu deren Zeugen er mich machte, nicht allein gewachsen war, sondern an denen er mich auch noch thätigen Theil nehmen ließ.

In dem Augenblicke, wo ich um mich blickte, indem ich einige Hilfe suchte, sah ich das Thor des Klosters aufgeben, und von dem Vater Basilius angeführt, schritten die Mönche je zwei und zwei heran. Sie trugen brennende Fackeln und sangen die Todtengebete.

Der Vater Basilius war so eben in dem Kloster angekommen; er hatte das vorausgesehen, was sich zugetragen hatte, und er begab sich an der Spitze der ganzen Gemeinde auf den Friedhof.

Er fand mich lebend neben zwei Todten.

Das Gesicht Kostakis war durch einen letzten Krampf entstellt.

Gregoriska war dagegen ruhig und fast lächelnd.

Wie es Gregoriska anempfohlen hatte, begrub man ihn neben seinem Bruder, – so daß der Christ den Verdammten bewachte.

Als sie dieses neue Unglück und den Antheil erfuhr, den ich daran genommen hatte, wollte mich Smeranda sehen; sie besuchte mich in dem Kloster Hango, und erfuhr aus meinem Munde alles das, was sich in dieser schrecklichen Nacht zugetragen hatte.

Ich erzählte ihr die phantastische Geschichte in allen ihren Umständen, aber sie hörte mich an, wie mich Gregoriskas angehört hatte, ohne Erstaunen und ohne Schrecken.

– Hedwig, antwortete sie nach einem Augenblicke des Schweigens, so seltsam das auch sein möge, was Sie so eben erzählt haben, so haben Sie dennoch nur die reine Wahrheit gesagt. – Das Geschlecht der Brancovans ist bis zur dritten und vierten Generation verflucht, – und das, weil ein Brancovan einen Priester getödtet hat. Aber das Ziel des Fluches ist gekommen; – denn obgleich Gattin, sind Sie Jungfrau, und mit mir stirbt das Geschlecht aus. – Wenn mein Sohn Ihnen eine Million vermacht hat, so nehmen Sie dieselbe. Nach meinem Tode werden Sie, mit Ausnahme der frommen Vermächtnisse, die ich zu machen gedenke, den Rest meines Vermögens erhalten. Jetzt befolgen Sie so schnell als möglich den Rath Ihres Gatten. Kehren Sie so schnell als möglich in die Länder zurück, in denen Gott nicht zugibt, daß diese schrecklichen Wunder sich zutragen. Ich bedarf Niemandes, um meine Sohne mit mir zu beweinen. Mein Schmerz verlangt die Einsamkeit. Leben Sie wohl, kümmern Sie Sich nicht mehr um mich. Mein zukünftiges Schicksal gehört nur noch mir und Gott an.

Und nachdem sie mich wie gewöhnlich auf die Stirn geküßt halt, verließ sie mich und schloß sich in das Schloß Brancovan ein.

Acht Tage nachher reiste ich nach Frankreich ab. Wie es Gregoriska gehofft hatte, hörten meine Nächte auf, von dem schrecklichen Gespenste besucht zu werden. Selbst meine Gesundheit hatte sich wieder hergestellt, und ich habe von diesem Ereignisse nur diese Todtenblässe behalten, welche jedes menschliche Wesen, das den Kuß eines Vampyrs bekommen, bis zum Grabe begleitet.

Die Dame schwieg, es schlug Mitternacht, und ich mögte fast zu sagen wagen, daß der Herzhafteste von uns bei dem Klange der Standuhr erbebte.

Es war Zeit, sich zurückzuziehen; wir nahmen Abschied von Herrn Ledru. Ein Jahr nachher starb dieser vortreffliche Mann.

Dies ist das erste Mal, daß ich, seit diesem Tode, Gelegenheit habe, dem guten Bürger, dem bescheidenen Gelehrten, besonders dem rechtschaffenen Manne einen Tribut abzutragen. – Ich beeile mich, es zu thun.

Ich bin niemals nach Fontenay-aux-Roses zurückgekehrt.

Aber die Erinnerung dieses Tages ließ einen so tiefen Eindruck in meinem Leben zurück, alle diese seltsamen Geschichten, welche sich an einem einzigen Abende aufgehäuft hatten, gruben eine so tiefe Furche in meinem Gedächtnisse, daß ich in der Hoffnung, bei Anderen eine Teilnahme zu erwecken, die ich selbst empfunden hatte, in den verschiedenen Ländern, welche ich seit achtzehn Jahren durchwandert habe, das heißt in der Schweiz, in Deutschland, in Italien, in Spanien, in Sicilien, in Griechenland und in England, alle die Sagen derselben Art sammelte, welche die Erzählungen der verschiedenen Völker in meinem Ohre wieder aufleben ließen, und aus ihnen diese Sammlung bildete, welche ich jetzt meinen gewöhnlichen Lesern unter dem Titel liefere:


Tausend und Ein Gespenst




Zweiter Band





I.

Ein Mittagessen bei Rossini


Im Jahre 1840 reisete ich zum dritten oder vierten Male nach Italien, und mein lieber Freund Dennién, Inspector der Musterungen, hatte mich beauftragt, der Madame Rossini einen Spitzenschleier zu überbringen, welche mit dem berühmten Componisten, ihrem Gatten, dem der Graf Ory und Wilhelm Tell das Französische Bürgerrecht erworben haben, Bologna bewohnte.

Ich weiß nicht, ob nach meinem Tode irgend etwas von mir mich überleben wird, aber auf jeden Zufall hin habe ich die fromme Gewohnheit angenommen, indem ich meine Feinde vergesse, die Namen meiner Freunde nicht allein in mein häusliches, sondern auch noch in mein literarisches Leben zu mischen. Auf diese Weise führe ich in dem Maße, als ich der Zukunft zuschreite. Alles das mit mir fort, was Antheil an meiner Vergangenheit gehabt hat, und Alles das, was sich in meine Gegenwart mischt, wie es ein Fluß thun würde, der sich nicht damit begnügte, die Blumen, die Wälder, die Häuser seiner Ufer wiederzuspiegeln, sondern auch noch das Bild dieser Häuser, dieser Wälder und dieser Blumen zwänge, ihm bis in den Ocean zu folgen.

Demnach bin ich auch niemals allein, so lange als noch eines meiner Bücher bei mir bleibt. Ich schlage dieses Buch auf. Jede Seite erinnert mich an einen verflossenen Tag, und dieser Tag entsteht auf der Stelle von seiner Morgenröthe bis zu seiner Abenddämmerung wieder, völlig belebt von denselben Gemüthsbewegungen, die ihn erfüllt haben, ganz bevölkert mit denselben Personen, die an ihm aufgetreten sind. Wo war ich an diesem Tage? An welchem Orte der Welt suchte ich eine Zerstreuung, verlangte ich eine Erinnerung, Pflückte ich eine Hoffnung, eine Knospe, die oft verwelkt, bevor sie aufgeblüht ist, eine Blume, die sich oft entblättert, bevor sie aufgegangen ist? Besuchte ich Deutschland, Italien, Afrika, England oder Griechenland? Ging ich den Rhein hinauf, betete ich im Coliseum, jagte ich in der Sierra, lagerte ich in der Wüste, träumte ich in der Westminsterabtei, grub ich meinen Namen auf das Grab des Archimedes oder auf den Felsen von Thermophlä? Welche Hand hat die meinige an diesem Tage berührt? War es die eines auf seinem Throne sitzenden Königs? oder die eines seine Heerde hütenden Hirten? Welcher Fürst hat Mich seinen Freund, welcher Bettler mich seinen Bruder genannt? Mit wem habe ich am Morgen meinen Geldbeutel getheilt? Wer hat am Abend sein Brod mit mir gebrochen? Welches sind seit zwanzig Jahren die glücklichen, mit Kreide bezeichneten Stunden, welches sind die traurigen, mit Schwarz bezeichneten Stunden?

Ach! der beste Theil meines Lebens besteht bereits in meinen Erinnerungen, ich bin wie einer jener dichtbelaubten Bäume voller Vögel, die am Mittag stumm sind, die aber gegen das Ende des Tages erwachen, und die, wenn der Abend herbeigekommen ist, mein Alter mit dem Schlage ihrer Flügel und ihrer Gesänge erfüllen werden; sie werden auf diese Weise mit ihrer Freude, mit ihrer Liebe und mit ihrem Leben es erheitern, bis der Tod nun auch den gastfreundlichen Baum berührt, und bis der Baum im Fallen alle diese lärmenden Sänger verscheucht, von denen jeder nichts Anderes als eine Stunde meines Lebens sein wird.

Und man sehe, wie ein einziger Name mich von meinem Wege abweichen läßt, und mich aus der Wirklichkeit in das Traumgebiet zurückgeworfen hat. Jener Freund, der mich beauftragt hatte, diesen Schleier zu überbringen, ist seitdem gestorben. Er war ein liebenswürdiger Kopf, ein unerschöpflicher und fröhlicher Erzähler, mit dem ich gar viele Abende bei Mademoiselle Mars zugebracht habe, ein anderer liebenswürdiger Geist, den der Tod gleichfalls angehaucht hat, und der erloschen ist, wie ein Stern an dem Himmel meines Lebens erloschen wäre. Florenz war das Ziel meiner Reise; aber statt dort anzuhalten, hatte ich den Einfall, bis nach Bologna zu gehen und meinen Auftrag als würdiger Bote selbst auszuführen, das heißt, indem ich selbst den Schleier den schönen Händen übergäbe, denen er bestimmt war.

Drei Tage waren erforderlich zur Hinreise, drei Tage, um zurückzukehren, dazu ein Tag des Aufenthaltes, waren dies im Ganzen sieben Tage, sieben für die Arbeit verlorene Tage. Aber, meiner Treue! ich sollte Rossini wiedersehen, Rossini, der sich ohne Zweifel aus Furcht verbannt hatte, der Versuchung nachzugeben, irgend ein neues Meisterwerk zu machen.

Ich erinnere mich, daß es gegen Abend war, als sich die Ansicht von Bologna mir darstellte. Die Stadt schien mir aus der Ferne in einen Dunst gebadet, über welchen sich, auf dem dunkeln Hintergrunde der Apenninen hervortretend, die Kathedrale von Sankt Petrus und die beiden Nebenbuhler des schiefen Thurmes von Pisa erhoben, die Garizenda und der Asinelli. Von Zeit zu Zeit warf die Sonne im Augenblicke des Unterganges einen letzten Strahl, welcher die Fensterscheiben irgend eines Palastes entflammte, wie als ob die Zimmer dieses Palastes voll Flammen wären, während der kleine Fluß Reno, mit allen den Farben des Himmels schattiert, den er wiederspiegelte, sich in der Ebene wie ein Silberband hinschlängelte; aber allmählig ging die Sonne hinter' dem Gebirge unter; die Anfangs funkelnden Fensterscheiben erloschen nach und nach. Der Reno nahm die dunkle Farbe des Zinns an; dann kam die Nacht rasch herbei, und hüllte die Stadt in ihre schwarzen Schleier, durch welche bald Tausend eben so lichtvolle Punkte hindurchschimmerten, als die, welche am Himmel glänzten.

Es war zehn Uhr Abends, als ich mit meinem ganzen Gepäck in dem Wirthshause zu den drei Königen anlangte.

Meine erste Sorge war, Rossini meine Karte zu übersenden, der mir antworten ließ, daß von diesem Augenblicke an sein Palast zu meiner Verfügung stände. Am folgenden Morgen um eilf Uhr war ich bei ihm.

Rossini's Palast ist, wie alle Italienischen Paläste, von Marmorsäulen, von Freskobildern und von Gemälden zusammengesetzt. Das Ganze, so geräumig, um drei oder vier Französische Häuser darin tanzen zu lassen, für den Sommer, niemals für den Winter gebaut, das heißt voll Luft, Schatten, Frische, Rosen und Camelia's.

Wie man weiß, scheinen in Italien die Blumen in den Zimmern zu wachsen, und nicht in den Gärten, in denen man nur Heuschrecken sieht und hört.

Rossini bewohnte diese Welt von Salons, von Zimmern, von Vorzimmern und von Terrassen. Immer heiter, lachend, von Einfällen und von Witz sprudelnd; seine Frau schritt dagegen durch diese selben Zimmer, gleichfalls lächelnd, aber langsam, ernst und schön wie die Judith von Horaz Vernet.

Sie verneigte sich vor mir und ich warf ihr diesen merkwürdigen schwarzen Schleier über den Kopf, der die Ursache meines Besuches in Bologna war.

Rossini hatte sein Mittagessen bereits angeordnet. Er wünschte, daß ich mich in Gesellschaft von Tischgenossen befinden mögte, die mir angenehm wären, und da er wußte, daß ich irgend eines Tages nach Venedig gehen würde, so hatte er einen jungen Venetianischen Dichter Namens Luigi von Scamozza eingeladen, der seine Studien auf der berühmten Universität von Bologna beendigt hatte, welche der Münze der Stadt den Wahlspruch verliehen hat: Bononia docet.

Ich hatte vier Stunden vor mir, um Bologna zu besuchen, das ich am folgenden Tage zu verlassen gedachte, vorbehaltlich, später dahin zurückzukehren. Ich bat Rossini, mich zu beurlauben und machte mich auf den Weg, während der berühmte Maestro in die Küche hinabging, um einer Schüssel Stuffato mit Macaroni seine ganze Sorgfalt zu widmen, für deren Zubereitung Rossini behauptet, auf der ganzen Italienischen Halbinsel seines Gleichen nicht zu haben, seitdem der Kardinal Alberoni gestorben ist.

Späterhin werde ich vielleicht die Wunder der Universitätsstadt erzählen. Ich werde den Neptun von Bronze beschreiben, das Meisterstück des berühmten Sohnes seiner Mauern, den sie mit ihrem eigenen Namen getauft hat; ihre Kathedrale von Sanct Petrus, die besonders reich durch die Verkündigung Ludovicos Caraccios ist, ihre Kirche von Sanct Petrone mit dem berühmten Meridian Cassinis. Ich werde die Neigung ihrer beiden Thürme ausmessen, der ewige Text zu Streitigkeiten der Gelehrten, die noch nicht zu bestimmen vermogt haben, ob sie sich durch eine Laune des Baumeisters oder durch die Wirkung eines Erdbebens neigen; ob sie sich unter der Hand des Menschen oder unter dem Hauche Gottes geneigt haben. Aber heute habe ich, wie Scheherazade, Eile, auf meine Geschichte zurückzukommen, und ich komme darauf zurück.

Um sechs Uhr waren wir bei dem berühmten Maestro um eine lange Tafel herum versammelt, die in Mitte eines großen, in Fresco gemalten und von allen Seiten gelüfteten Speisesaales stand. Den Italienischen Gebrauchen gemäß war die Tafel mit Blumen und eingemachten Früchten besetzt, das Ganze so eingerichtet, um dem berühmten Stuffato, welcher die Hauptschüssel des Mittagessens war, als Begleitung zu dienen.

Unsere Tischgenossen waren zwei bis drei Italienische Gelehrte, das heißt, eine Probe jener wackeren Leute, welche ein Jahrhundert lang streiten, um zu wissen, ob die Geschichte Ugolinos ein Gleichniß oder eine Thatsache ist; ob Beatrice ein Traum oder eine Wirklichkeit ist; ob Laura dreizehn Kinder oder nur zwölf gehabt hat.

Zwei bis drei Sänger von dem Theater von Bologna, unter denen sich ein junger Tenor Namens Roppa befand, der plötzlich eine schöne Stimme bekommen und sich aus den Küchen eines Kardinals auf das Theater de la Fenice erhoben hatte.

Endlich dieser junge Dichter Student, von dem mir Rossini gesagt hatte, ein trauriges, oder vielmehr schwermüthiges Gesicht, ein edler Denker, in dessen Seele die Hoffnung der Italienischen Wiedergeburt lebte; ein bewunderungswürdiger Krieger, der jetzt wie ein anderer Hector dieses heldenmüthige Venedig vertheidigt, das die unmöglichen Wunder des Alterthumes wieder aufleben läßt, indem es wie ein anderes Troja, wie ein anderes Syracus, wie ein anderes Carthago kämpft.

Endlich Rossini, seine Gattin und ich.

Die Unterhaltung drehte sich um Dante, Petrarca, Tasso, Cimarosa, Pergolèse, Beethoven, Grimod de la Rehnière und Brillat-Savarin, und ich muß zum großen Lobe Rossini's sagen, daß es mir schien, als ob er über diese beiden berühmten Gastronomen die klarsten und bestimmtesten Ansichten habe.

Beeilen wir uns, hinzuzufügen, daß er in dieser Beziehung tapfer von Roppa unterstützt ward, der, unbekannt mit der Theorie, aber ein Mann der Praxis, zehn Jahre lang die Küche besorgt hatte, ohne Carème zu kennen, wie er seit vier Jahren Musik trieb, ohne Grétry zu kennen.

Diese ganze Unterhaltung brachte mich dazu, Rossini zu fragen, warum er nicht mehr componirte.

– Aber, ich glaubte einen hinlänglichen Grund angegeben zu haben.

– Welchen?

– Ich bin faul.

– Ist das der einzige?

– Ich glaube ja.

– So daß, wenn ein Direktor Sie an der Ecke eines Theaters erwartete, und Ihnen eine Pistole auf die Brust setzte. . .

– Indem er mir sagte: Rossini, Du wirst Deine; schönste Oper schreiben, nicht wahr?

– Ja.

– Ei nun! so würde ich sie schreiben.

Leider lag vielleicht bei Weitem mehr Bitterkeit, als Gutmüthigkeit in diesem Worte. Außerdem, vielleicht habe ich Unrecht, aber ich habe niemals an die Gutmütigkeit eines mächtigen Genies geglaubt, und so oft Rossini in meiner Gegenwart über die Küche gesprochen hat, bat es mir immer geschienen, als ob es geschähe, um von Nichts Anderem zu sprechen.

– Demnach also, sagte ich zu Rossini, handelte es sich am Ende blos um einen Ueberfall?

– Um nichts Anderes.

– Wenn man Ihnen aber statt einer Pistole ein Gedicht auf die Brust setzte?

– Versuchen Sie es.




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notes



1


Wir verweilen nicht bei einem solchen Gegenstande, um mit kaltem Blute das Gräßliche zu schildern, aber es scheint uns, daß in dem Augenblicks, wo man sich ernstlich mit Abschaffung der Todesstrafe beschäftigt, eine solche Abhandlung nicht überflüssig sein mögte.




2


		Seht Ihr in dem Sumpfe von Skavila, wo das
		Blut so vieler Krieger floß, diese Leiche da! Es ist kein
		Sohn Illyriens; es ist ein Räuber voller Grimm, der,
		indem er diese sanfte Maria betrog, singend und brennend wüthete.

		Eine Kugel in dem Herzen des Räubers,
		ist wie der Orkan vorübergezogen.
		In seiner Gurgel steckt ein türkischer Säbel.
		Aber seit drei Tagen, welches Geheimniß,
		tränkt unter der dunkeln und einsamen Fichte
		sein laues Blut die Erde
		und schwärzt den bleichen Ovigan.

		Seine blauen Augen haben für immer geleuchtet,
		laßt uns Alle fliehen, wehe dem,
		der in dem Moraste an ihm vorüberkömmt,
		er ist ein Vampyr! Der grimmige Wolf
		flieht fern von der unreinen Leiche,
		und auf dem Berge mit kahler Stirn entflieht der grausige Geier.


