Ein Liebesabenteuer
Alexandre Dumas der Ältere




Dumas (père), Alexandre

Ein Liebesabenteuer





I


Einen Morgens, im Herbst 1856, öffnete mein Diener, ungeachtet des ausdrücklichen Befehls, den ich ihm gegeben hatte, mich nicht zu stören, meine Thür, und sagte als Antwort auf die sehr bedeutungsvolle Grimasse, die er auf meinem Gesichte bemerkte:

»Mein Herr, sie ist sehr hübsch.«

»Wer denn, Dummkopf?«

»Die Person, für die ich mir erlaube, Sie zu stören, mein Herr.«

»Und was liegt mir daran, daß sie hübsch ist? Du weißt doch, wenn ich arbeite, bin ich für: niemand zu Hause.«

»Und dann, mein Herr,« fuhr er fort, »kommt sie von einem Freunde von Ihnen.«

»Der Name dieses Freundes?«

»Er wohnt in Wien.«

»Der Name dieses Freundes?«

»O, mein Herr, ein drolliger Name, ein Name wie Rubin oder Diamant.«

»Saphir?«

»Ja, mein Herr, Saphir heißt er.«

»Das ist etwas Anderes; da laß sie in das Atelier eintreten und bringe mir einen Schlafrock herunter.«

Mein Diener ging hinaus. Ich hörte einen leichten Schritt, der an der Thür meines Kabinetts vorüber ging; dann kam Monsieur Theodor, meinen Schlafrock über den Arm gehängt, herunter.

Wenn ich einem Diener dieses Zeichen der Rücksicht beilege, ihn Monsieur zu nennen, so geschieht es, wenn er sich durch seine Dummheit oder seine Schelmerei auszeichnet.

Ich habe drei der schönsten Exemplare dieser Art, wie man sie nur finden konnte, gehabt: nämlich Monsieur Theodor, Monsieur Joseph und Monsieur Viktor.

Monsieur Theodor war nur ein Dummkopf, aber er war es vollständig.

Ich gebe dies hier beiläufig an, damit der Herr, bei dem er diesen Augenblick ist, wenn er überhaupt einen Herrn hat, ihn nicht mit den beiden Anderen verwechsele.

Ueberdies hat die Dummheit einen großen Vorzug vor der Schelmerei; man sieht immer bald genug, daß man einen einfältigen Bedienten hat; man bemerkt immer zu spät, daß man einen schelmischen hat.

Theodor hatte seine Schützlinge. Mein Tisch hat immer einen ziemlich großen Umfang, so daß zwei oder drei Freunde sich daran niedersetzen können, ohne erwartet zu sein. Sie finden nicht immer ein gutes Mittagessen, aber sie finden immer ein gutes Gesicht. An den Tagen, wo das Mittagessen nach dem Geschmack des Monsieur Theodor gut war, setzte er diejenigen von meinen Freunden oder Bekannten, die er den anderen vorzog, davon in Kenntniß.

Nur sagte er je nach der Empfindlichkeit der Leute zu Einigen:

»Monsieur Dumas sagte diesen Morgen: Es ist lange, daß ich diesen lieben N. nicht gesehen habe; er sollte doch heute kommen und ein Mittagessen von mir verlangen.«

Und der Freund, gewiß, einem Wunsche zuvorzukommen, kam, ein Mittagessen von mir zu verlangen.

Dem Anderen, der weniger empfindlich war, begnügte er sich, den Ellenbogen zu berühren und zu sagen:

»Es giebt heute ein gutes Mittagessen, kommen Sie doch.«

Und gewiß, ein gutes Mittagessen zu finden, kam dieser Freund, der sonst wahrscheinlich nicht gekommen wäre.

Ich erwähne diese Einzelheit der großen Persönlichkeit des Monsieur Theodor; wenn ich das Portrait vervollständigen sollte, müßte ich dieses ganze Kapitel dazu anwenden.

Kehren wir zu dem von Monsieur Theodor angemeldeten Besuche zurück.

Mit meinem Schlafrocke bekleidet, wagte ich zu dem Atelier hinaufzusteigen. In der That fand ich dort eine reizende junge Frau von hohem Wuchse und blendender Weiße, mit blauen Augen, kastanienbraunen Haaren und prächtigen Zähnen; sie trug ein Kleid von perlengrauem Taffet, welches bis zum Halse hinaufging, einen faconnirten Shawl, von arabischem Stoff und einen jener reizenden Hüte, welche die Deutschen mit dem Beinamen »Ein letzter Versuch« belegt haben, die leider von dem französischen Geschmack ein wenig verachtet sind, und die selbst der häßlichen oder nicht mehr jungen Frauen so gut stehen.

Sie überreichte mir einen Brief, auf dessen Adresse ich das unleserliche Gesudel des armen Saphir erkannte.

Ich steckte den Brief in meine Tasche.

»Nun,« sagte sie mit stark markirtem fremden Accent zu mir, »Sie lesen nicht?«

»Unnöthig, Madame,« antwortete ich ihr; »ich habe die Handschrift erkannt, und Ihr Mund ist so graziös, daß ich von ihm selber zu erfahren wünsche, was mir die Ehre Ihres Besuche verschafft.«

»Nun, ich wünsche Sie zu sehen, das ist Alles.«

»Ei! Sie haben doch gewiß die Reise von Wien nicht ausdrücklich deshalb gemacht!«

»Wer sagt Ihnen das?«

Meine Bescheidenheit.«

»Verzeihen Sie; aber Sie gelten am Ende nicht für bescheiden.«

»Ich habe meine Tage der Eitelkeit, das ist wahr.«

»Welche?«

»Die, wo die Anderen mich beurtheilen, und wo ich mich vergleiche.«

»Mit Denen, die Sie beurtheilen?«

»Sie haben Geist, Madame; nehmen Sie doch gefälligst Platz.«

»Wenn ich nur hübsch gewesen wäre, hätten Sie also nicht diese Einladung an mich ergehen lassen?«

»Nein, ich hätte eine andere ausgesprochen.«

»Himmel! welche Thoren die Franzosen sind!«

»Es ist nicht ganz ihre Schuld.«

»Nun, als ich Wien verließ, um nach Frankreich zu gehen, legte ich ein Gelübde ab.«

»Welches?«

»Das, mich zusetzen, das ist Alles.«

Ich stand auf und verbeugte mich.

»Werden Sie die Gnade haben, mir zu sagen, mit wem ich die Ehre habe zu reden?«

»Ich bin dramatische Künstlerin, Ungarin von Geburt; ich heiße Madame Lilla Bulyowsky; ich habe einen Gatten, den ich liebe und ein Kind, welches ich anbete. Wenn Sie den Brief unseres gemeinschaftlichen Freundes Saphir gelesen hätten, würde er Ihnen dies Alles gesagt haben.«

»Glauben Sie, daß Sie nicht dabei gewonnen haben, es mir selber zu sagen?«

»Ich weiß es nicht; die Unterredung mit Ihnen nimmt so seltsame Wendungen.«

»Es steht Ihnen frei, sie wieder aus den Weg zu bringen, der Ihnen passend scheint.«

»Ei! Sie geben ihr immer Ellenbogenstöße, um sie zur Rechten oder zur Linken zu treiben.«

»Besonders zur Linken.«

»Das ist gerade die Seite, wohin ich nicht gehen will.«

»Also wollen wir gerade vor uns hingehen.«

»Ich fürchte sehr, daß das nicht möglich sein wird.«

»Sie sollen sehen, daß es doch möglich ist.«

»Wiederholen Sie, was Sie mir eben gesagt haben; Sie sind?«

»Dramatische Künstlerin.«

»Was spielen Sie?«

»Alles: Drama, Kömödie, Tragödie. Ich habe zum Beispiel fast alle Ihre Stücke gespielt, von Katharina Howard bis Mademoiselle Belle Isle.«

»Und auf welchem Theater?«

»Auf dem in Pesth.«

»In Ungarn also.«

»Ich habe Ihnen gesagt, daß ich Ungarin sei.«

Ich stieß einen Seufzer aus.

»Sie seufzen?« fragte Madame Bulyowsky.

»Ja, eine der lieblichsten Erinnerungen meines Lebens knüpft sich an eine Ihrer Landsmänninnen.«

»Ei, da treiben Sie die Unterhaltung wieder zur Linken.«

»Die Unterhaltung, nicht Sie. Stellen Sie sich doch vor – aber nein, fahren Sie fort.«

»Durchaus nicht. Sie wollten eine Geschichte erzählen, erzählen Sie sie.«

»Warum?«

»Nun, um mich zu unterhalten! Alle Welt kann Sie lesen. aber es ist nicht aller Welt gegeben, Sie zu hören.«

»Sie wollen mich bei der Eigenliebe fassen.«

»Ich will Sie überhaupt nicht fassen.«

»Da wollen wir uns nicht mit mir beschäftigen. Sie sind dramatische Künstlerin, Sie sind Ungarin von Geburt. Sie heißen Madame Lilla Bulyowsky, Sie haben einen Gatten. den Sie lieben, ein Kind, welches Sie anbeten,. und Sie kommen nach Paris um mich zu sehen.«

»Fürs Erste.«

»Sehr gut, und nach mir?«

»Alles, was man in Paris sehen kann.«

»Und wer wird Ihnen Alles zeigen. was man in Paris sehen kann?«

»Sie. wenn Sie wollen.«

»Sie wissen, daß man uns nicht dreimal bei einander sehen darf, ohne Eins zu sagen.«

»Was denn?«

»Daß Sie meine Geliebte sind.«

»Was macht das?«

»Vortrefflich.«

»Ohne Zweifel vortrefflich; die, welche mich kennen, werden das Gegentheil wissen, und was die betrifft, welche mich nicht kennen, was liegt mir daran, was sie sagen?«

»Sie sind philosophisch.«

»Nein. ich bin logisch; ich bin fünfundzwanzig Jahre alt; man hat mir so oft gesagt. daß ich hübsch sei, daß ich gedacht habe, es sei ebenso gut, es zu glauben, während es wahr sei, als wenn es nicht mehr wahr sei. Sie werden doch nicht glauben, daß ich Pesth verlassen habe, um ganz allein, selbst ohne eine Kammerjungfer nach Paris zu kommen, mit der Ueberzeugung, daß man nicht versuchen werde, mich zu verleumden?l Das hat mich nicht zurückgehalten, man verleumde, man verkleinere, besonders meine Kunst.«

»Da ist also Ihre Reise nach Paris eine Kunstangelegenheit?«

»Nichts Anderes; ich habe Ihre großen Dichter sehen wollen, um zu wissen, ob sie den unsrigen gleichen, und Ihre großen dramatischen Künstler, um zu erfahren, ob ich ihnen etwas ablernen könnte; da habe ich Saphir um einen Brief an Sie gebeten, er hat ihn mir gegebene, und da bin ich. Haben Sie mir einige Stunden zu widmen?«

»Alle Stunden. die Sie wollen.«

»Nun, ich werde einen Monat in Paris bleiben, habe hier sechstausend Franken theils zu meinen Einkäufen, theils zu meinen Vergnügungen auszugeben, und tausend Franken, um nach Pesth zurückzukehren. Stellen Sie sich vor, daß Saphir Ihnen einen Studenten aus Leipzig oder Heidelberg anstatt einer dramatischen Künstlerin von dem Theater in Pesth zugeschickt hätte, und richten Sie sich darnach ein.«

»Da werden Sie also mit mir zu Mittag speisen?«

»Jedes mal wenn Sie frei sind.«

»An diesen Tagen werden wir in’s Schauspiel gehen.«

»Sehr gut.«

»Bestehen Sie darauf, daß noch eine dritte Person uns begleite?«

»Durchaus nicht.«

»Und es wird Ihnen gleichgültig sein, was man sagen mag?«

»Wenn Sie Saphirs Brief gelesen hätten, würden Sie gesehen haben, daß er diesem Kapitel einen ganzen Paragraphen gewidmet hat.«

»Ich werde Saphirs Brief lesen.«

»Wann denn?«

»Wenn Sie fort sind.«

»Dann geben Sie mir zwei oder drei Empfehlungsbriefe, und ich gehe; an Lamartine, an Alphonse Karr und an Ihren Sohn. Da fällt mir ein, ich habe seine Kamelien-Dame gespielt.«

»An meinen Sohn? Es ist unnöthig,. Ihnen einen Brief an ihn zu geben; wenn Sie wollen, werden wir morgen mit einander zu Mittag speisen.«

»Ich will es freilich. Endlich an Madame Doche, denn man hat mir gesagt, daß sie in der Kamelien-Dame bezaubernd ist.«

»Madame Doche wird mit uns zu Mittag speisen und es übernehmen, Sie irgend wohin zu führen.«

»Wohin denn?«

»Wohin sie will. Man muß in dieser Welt auch etwas dem Zufall überlassen.«

»Sie müssen mir eines Tages Ihre Geschichte mit meiner Landsmännin erzählen.«

»Wenn es Ihnen Vergnügen macht –«

»Ja.«

»Wann?«

»Wenn ich es von Ihnen verlangen werde.«

»Vortrefflich.«

»Nun, meine Briefe. Sie müssen wissen, daß ich seit sechs Jahren spare, um nach Paris zu reisen; ich werde wahrscheinlich nicht wieder hierher kommen, und ich habe keine Zeit zu verlieren.«

Ich stieg zu meinem. Bureau hinunter und schrieb die zwei oder drei Briefe. um die mich Madame Bulyowsky gebeten hatte; dann ging ich wieder hinauf und gab sie ihr.

Ich wollte ihr die Hand küssen, als sie mich ohne Weiteres auf beide Wangen küßte.

»Habe ich Ihnen nicht angekündigt, daß Sie es mit einem Leipziger oder Heidelberger Studenten zu thun hätten?«

»Ja.«

»Nun also, nach deutscher Sitte: entweder den Händedruck oder die Umarmung.«

»Ich ziehe die Umarmung vor. In Frankreich hat man ein Sprichwort, welches sagt, von einer schlechten Zahlung muß man so viel nehmen wie man kann. Also auf morgen zur Mittagstafel.«

»Auf morgen zur Mittagstafel. Wo?«

»Hier.«

»Um welche Stunde?«

»Um sechs Uhr.«

»Um sechs, sehr gut; wenn ich einige Minuten später komme, muß man es mir nicht übel nehmen.«

»Ebenso, wenn Sie einige Minuten früher kommen, muß man Ihnen nicht dankbar dafür sein?«

»Nein, ich bin gern bei Ihnen, und wenn ich früher komme, geschieht es zu meiner eigenen Genugthuung; auf morgen also.«

Und sie stieg leicht die Treppen hinunter; auf dem Treppenabsatze wendete sie sich noch einmal um und warf mir ein letztes Zeichen der Freundschaft zu.

An der Thür meines Arbeitscabinets fand ich Monsieur Theodor mit blinzelnden Augen und lächelndem Munde.

»Nun sehen Sie doch, mein Herr, daß ich nicht so einfältig bin, wie Sie immer sagen?«

»Nein.« versetzte ich,. »aber Du bist noch viel dummer, als ich es glaubte.«

Mit diesen Worten trat ich wieder in mein Kabinett und ließ ihn ganz bestürzt zurück.




II


Einen Monat lang speiste ich wöchentlich zwei- oder dreimal mit Madame Bulyowsky zu Mittag und zwei- oder dreimal wöchentlich führte ich sie ins Schauspiel.

Ich muß sagen. daß unsere Sterne sie wenig blendeten. mit Ausnahme der Rachel.

Madame Ristori war nicht in Paris.

Eines Morgens kam sie zu mir.

»Ich reise morgen ab.« sagte sie.

»Warum reisen Sie morgen ab?«

»Weil ich nur noch gerade so viel Geld übrig habe, um nach Pesth zurückzukehren.«

»Wollen Sie welches?«

»Nein. ich habe in Paris Alles gesehen. was ich dort sehen wollte.«

»Wie viel haben Sie denn noch übrig?«

»Tausend Franken.«

»Sie werden nicht halb so viel gebrauchen.«

»Doch, denn ich reise nicht direct nach Wien,«

»Sagen Sie mir Ihre Reiseroute.«

»Also: ich gehe nach Brüssel, nach Spaa, nach Köln, ich fahre den Rhein hinaus bis Mainz und reise von dort nach Mannheim.«

»Ei, was wollen Sie in Mannheim machen; Werther hat sich erschossen, und Lotte ist gestorben.«

»Ich will Madame Schröder sehen.«

»Die Schauspielerin?«

»Ja; kennen Sie sie?«

»Ich habe sie einmal in Frankfurt spielen sehen; aber ich habe ihre beiden Söhne und ihre Tochter gut gekannt.«

»Ihre beiden Söhne?«

»Ja.«

ihre beiden Söhne und ihre Tochter gut gekannt.« »Ihre beiden Söhne?« »Ia.«

»Ich kenne nur einen, Devrient.«

»Den Schauspieler; ich kenne den anderen, den Priester, der in Köln hinter der St. Gideonkirche wohnt. Wenn Sie wollen, gebe ich Ihnen einen Brief an diesen mit.«

»Ich danke Ihnen, ich habe mit seiner Mutter zu thun.«

»Was wollen Sie von ihr?«

»Ich bin Ungarin, wie ich Ihnen gesagt habe; ich spiele Komödie, Drama und Tragödie in ungarischer Sprache; nun bin ich dessen müde, nur zu sechs oder sieben Millionen Zuschauern zu reden; ich möchte deutsche Komödie spielen, um zu dreißig oder vierzig Millionen Menschen zu reden. Darum will ich Madame Schröder sprechen, in deutscher Sprache eine Scene vor ihr recitiren, und wenn sie mir die Hoffnung giebt, daß ich mit einer Arbeit von einem Jahre die fremdartige Aussprache verlieren kann, da verkaufe ich einige Diamanten, gehe in die Städte, wo sie sich aufhält, folge ihr als Gesellschafterin oder als Kammerfrau, wenn sie es will, und nach Verlauf von einem Jahre trete ich auf den deutschen Theatern auf. Nun, was giebt's?«

»Ich bewundere Sie.«

»Nein, Sie bewundern mich nicht. Sie finden dies ganz einfach; ich bin entsetzlich ehrgeizig, ich habe große Erfolge gehabt und will noch größere.«

»Bei diesem Willen werden sie Ihnen zu Theil werden.«

»Jetzt speisen wir zusammen zu Mittag, nicht wahr? Wir gehen zum letzten mal ins Schauspiel; Sie geben mir Briefe nach Brüssel mit, wo ich mich einen oder zwei Tage aufhalten und von wo ich all' mein Gepäck nach Wien abschicken werde; wir sagen einander Lebewohl und ich reise ab.«

»Warum sagen wir einander Lebewohl?«

»Nun, ich wiederhole Ihnen, weil ich abreise.«

»Es ist mir ein Einfall gekommen.«

»Welcher?«

»Ich habe in Brüssel zu thun.«



»Das ist nicht wahr.«

»Das ist nicht Ihre Sache.«

»Und dann?«

»Nun, anstatt Ihnen Briefe zu geben, reise ich mit Ihnen ab; allein werden Sie sich zum Sterben langweilen, sein Sie offen.«

Sie fing an zu lachen.

»Ich war gewiß, daß Sie mir diesen Vorschlag machen würden,« sagte sie.

»Und Sie waren zum voraus entschlossen, ihn anzunehmen?«

»Nun ja, in Wahrheit, ich liebe Sie sehr.«

»Meinen Dank.«

»Und wer weiß, ob wir uns je wiedersehen werden! Also morgen reisen wir ab.«

»Morgen, mit welchem Zuge?«

»Mit dem um acht Uhr Morgens. Ich entferne mich.«

»Schon!«

»Ich habe entsetzlich viel zu thun; Sie begreifen wohl, ein letzter Tag –«

»Ich kann Ihnen nicht helfen?«

»In nichts.«

»Dann lassen Sie mich arbeiten; ich muß an einem Tage mein Journal für zwei Wochen machen.«

»Für zwei Wochen? Sie wollen also vierzehn Tage in Brüssel bleiben?«

»Wer weiß: Der Mensch denkt, Gott lenkt.«

»Da fällt mir ein.«

»Was?«

»Wir reisen nicht zusammen ab, wir begegnen uns dort zufällig –«

»Warum das?«

»Weil ich mit Leuten von meiner Bekanntschaft reise.«

»Mit Wienern?«

»Ja.«

»Ihr Gewissen genügt Ihnen also nicht mehr?«

»Es sind Schwachköpfe.«

»Wir wollen mehr thun, als das.«

»Das Bessere ist der Feind des Guten.«

»Anstatt morgen früh abzureisen, reisen Sie morgen Abend ab.«

»Sie reisen erst morgen Abend ab; sie sind entschlossen, mit mir abzureisen.«

»Und wie weit reisen sie so?«



»Bis Brüssel nur.«

»Warten Sie; hören Sie, was wir thun wollen: wir reisen morgen Abend ab.«

»Sie bestehen darauf?«

»Ich bestehe darauf, Sie werden das wohl für mich thun, denke ich. Sie sind nicht voraus,«

»Sie werfen es mir vor?«

»Nein, ich bestätige es nur.«

»Nun, sagen Sie, wir werden später sehen.«

»Wir reisen also mit dem Abendzuge ab; wir begegnen einander nicht einmal; Sie steigen mit Ihren Wienern in irgend einen Waggon; ich sehe Sie einsteigen und bezeichne Sie einem der Angestellten; ich steige ganz allein in einen Waggon; auf der zweiten oder dritten Station beklagen Sie sich über Erstickung; der Eisenbahnbeamte macht Ihnen den Vorschlag, in einen weniger besetzten Waggon zu steigen; Sie nehmen es an, Sie kommen in den meinigen, wo Sie so viel Luft schöpfen, wie Ihnen nöthig ist und worin Sie die ganze Nacht ruhig schlafen.«

Und worin ich ruhig schlafen werde?«

»Auf Ehre.«

»In der That, das läßt sich so anordnen.«

»Also geschehe es so.«

»Vortrefflich.«

»Also auf diesen Abend?«

«Nein, auf morgen.«

»Wir werden morgen zusammen zu Mittag speisen?«

»Unmöglich, da ich am Abend abreise; ich bin genöthigt, mit meinen Wienern zu Mittag zu speisen.«

»Also werden wir uns erst auf der Eisenbahn wiedersehen.«

»Ich werde versuchen, im Laufe des Tages zu Kommen und Ihnen die Hand zu drücken.«

»Kommen Sie.«

Ich begann, mich daran zu gewöhnen, unter diesem Taffet und dieser Seide eine bezaubernde Gesellschafterin zu entdecken, wo ich eine hübsche Frau zu finden geglaubt hatte; wir reichten einander die Hand und Lilla entfernte sich.

Am folgenden Tage erhielt ich dieses kleine Billet:

»Unmöglich, Sie zu besuchen; ich kämpfe mit meinen Schneiderinnen und Modehändlerinnen. Ich packe so viel ein. daß man in Pesth ein Magazin davon anlegen könnte. Ich weiß nicht, wie ich es hätte machen, sollen, wenn ich diesen Morgen hätte abreisen müssen,

»Auf diesen Abend. Gute Nacht.

»Lilla.«

Das stark unterstrichene »Gute Nacht« erschien mir ziemlich ironisch.

»Gute Nacht« wiederholte ich indessen, »man weiß nicht, was geschehen kann.«

Am Abend war ich eine Viertelstunde vorher auf dem Bahnhofe; ich weiß nicht, ob ich je eine Gelegenheit finden werde, den Eisenbahnen in Masse für alle Aufmerksamkeiten zu danken, deren Gegenstand ich von Seiten der Beamten bin, sobald man mich in einem der Gänge sieht, an deren Thüre mit großen Buchstaben die bedeutungsvollen Worte stehen: »Das Publikum hat hier keinen Zutritt.«

Ich suchte den Chef des Bahnhofes auf; ich erklärte ihm die Lage.

Er fing an zu lachen.

»Ei, nein,« sagte ich zu ihm.

»Wirklich!«

»Auf Ehre!«

»O ja! aber während der Fahrt.«

»Ich glaube nicht.«

»Thut nichts. Gutes Glück.«

»Nehmen Sie sich in Acht, man wünscht keinem Jäger eine gute Jagd.«

Ich stieg in meinen Waggon, wo der Beamte mich hermetisch einschloß, indem er an den Griff meiner Thüre eine Karte hing, worauf mit großen Buchstaben geschrieben stand:

»Bestelltes Coupé.«

Als ich das Geräusch hörte, welches die Reisenden machten, als sie herbeiliefen, um ihre Plätze einzunehmen, steckte ich den Kopf aus der Thür, rief den Eisenbahnbeamten herbei, zeigte ihm Madame Bulyowsky, die eben mit ihren drei Wienern und ihren vier Wienerinnen in einen Waggon stieg und erklärte ihm, was ich von seiner Gefälligkeit erwarte.

Welche?« fragte er mich.

»Die hübscheste.«

»Also die mit dem Hute á la Mousquetaire?«



»Richtig.«

»Sie sind nicht übel, Sie!«

»Meinen Sie?

»Wahrhaftig.«

»Nun ich denke nicht.«

»Der Zugführer sah mich mit komischer Miene an und entfernte sich kopfschüttelnd.

»Schütteln Sie nur den Kopf, wie Sie wollen, es ist doch so,« sagte ich zu ihm, ganz ärgerlich, daß ich ihn nicht bewegen konnte, an meine Unschuld zu glauben.

Der Zug fuhr ab. Auf der Station von Pontoise war es finstere Nacht.

Die Thür öffnete sich und ich hörte die Stimme des Zugführers, welcher sagte:

»Steigen Sie ein, Madame, es ist hier.«

Ich streckte die Hand aus und half meiner schönen Reisegefährtin, die beiden Stufen heraufzusteigen.

»Ah! da sind Sie endlich!« rief ich.

»Die Zeit ist Ihnen lang geworden?«

»Das will ich glauben, ich war allein.«

»Nun, mir dagegen ist die Zeit lang geworden, weil ich Jemand bei mir hatte. Glücklicherweise konnte ich die Augen schließen und an Sie denken.«

»Sie dachten an mich?«

»Warum nicht?«

»Ich werde darüber nicht mit Ihnen zanken, doch auf welche Weise dachten Sie an mich?«

»Auf die möglichst zärtliche Weise.«

»Pah!«

»Ja. ich schwöre Ihnen, daß ich Ihnen aufrichtig dankbar bin für die Art, wie Sie sich gegen mich benehmen.«

»Ah! wirklich?«

»Auf Ehre.«

»So ist es freilich; doch wenn Sie in Wien angekommen sind, werden Sie meiner spotten.«

»Nein, denn ich bin nicht nur eine ehrliche Frau, sondern glaube auch eine Frau von Geist zu sein.«

»Und ich, bin ich ein Mann von Geist?«

»Mit aller Welt und für alle Welt, ja.«

»Ja, aber für Sie?«

»Für mich sind Sie mehr, als das; Sie sind ein Mann von Herz. Jetzt umarmen Sie mich und wünschen Sie mir eine gute Nacht; ich fühle mich sehr ermüdet.«

Ich umarmte sie auf deutsche und englische Weise, wie man will. Sie gab mir einen Kuß zurück, der für eine Französin sehr bedeutungsvoll, gewesen wäre – dann setzte sie sich in ihrer Ecke zurecht. Ich sah ihr zu und sagte mir, wenn ein Mann es gegen eine Frau an Respect fehlen lasse, so sei es die Frau, die Veranlassung dazu gebe.

Sie wechselte zwei – oder dreimal ihre Stellung, klagte leise, öffnete die Augen wieder, sah mich an und sagte:

»Ich glaube entschieden, daß es mir bequemer sein würde, wenn ich meinen Kopf an Ihre Schulter lehnte.«

»Vielleicht würde es Ihnen bequemer sein,« antwortete ich ihr lachend; »gewiß aber würde es mir unbequemer sein,«

»Sie verweigern es mir also?«

»Pah! ich werde mich wohl hüten.«

Wir saßen einander gegenüber. Ich veränderte meinen Platz und setzte mich zu ihr. Sie nahm ihren Hut ab, band ein seidenes Taschentuch um den Kopf, legte ihren Kopf an meinen Arm und sagte nach einem Augenblick:

»Ich befinde mich so sehr gut, und Sie?«

»Ich habe keine Meinung.«

»Also auf morgen früh; vielleicht werden Sie sich bis dahin eine gebildet haben. Die Nacht bringt Rath.«

Dann machte sie noch zwei oder drei kleine Bewegungen, wie der Vogel, der seinen Hals unter seinen Flügel steckt, suchte mit ihrer Hand meine Hand, drückte sie zum Zeichen, daß sie mir einen guten Abend wünsche, bewegte ihre Lippen, um ein unverständliches Wort an mich zu richten, und schlief ein.

Ich habe nie eine seltsamere Empfindung gehabt, als die, welche sich meiner bemächtigte, als das Haar dieses bezaubernden Wesens meine Wangen berührte, als ihr Hauch über mein Gesicht dahinfuhr. Ihre Physiognomie hatte einen kindlichen, jungfräulichen, ruhigen Ausdruck angenommen, den ich noch nie an einer Frau, die an meiner Brust geschlummert, gesehen.

Ich sah sie lange an, dann nach und nach schlossen sich meine Augen, öffneten sich und schlossen sich wieder. Ich drückte meine Lippen auf ihre Stirn, flüsterte ebenfalls: »Gute Nacht!« und dann schlief ich sanft und köstlich ein.

In Valenciennes öffnete der Zugführer in Person unseren Waggon und rief:

»Valenciennes, zwanzig Minuten Aufenthalt.«

Wir öffneten die Augen zugleich und fingen an zu lachen.

»In Wahrheit, ich glaube, ich habe nie so gut geschlafen,« sagte Lilla zu mir.

»Meiner Treu,« sagte ich, »was ich Ihnen antworten werde, ist vielleicht nicht sehr galant; aber ich auch nicht weniger.«

»Sie sind ein bezaubernder Mann,« sagte sie, »und Sie haben ein großes Verdienst.«

»Welches?«

»Nicht recht gekannt zu sein, was denen, die Ihre Bekanntschaft machen, Überraschungen bereitet.«

»Sie versprechen, bei Saphir meinen Ruf wieder herzustellen?«

»Ich schwöre es Ihnen zu.«

»Und mir Kunden zuzuschicken?«

»O! das verspreche ich Ihnen nicht.«

»Indessen, wenn ich mich gegen Ihre Empfohlenen wie gegen Sie benehme?«

»Es würde mir entsetzlich schmerzlich sein.«

»Und wenn ich mich aus die entgegengesetzte Weise benehmen wollte?«

»Ich würde entsetzlich aufgebracht sein.«

»Aber was ziehen Sie denn vor?«

»Es ist unnöthig, es Ihnen zu sagen, da ich Ihnen Niemand zuschicken werde.«

»Steigen Sie aus oder bleiben Sie?«

»Ich bleibe, ich befinde mich sehr wohl hier. Nur lassen Sie mich den Platz wechseln und mich an Ihre rechte Schulter setzen.«

»Sie finden, daß ich, wie der heilige Lorenz, auf der linken Seite genug gebraten bin, nicht wahr? Nun, so thun Sie es.«

Sie setzte sich an meiner rechten Schulter zurecht, wie sie es an meiner linken Schulter gethan, schlief wieder ein und erwachte in Brüssel.

»Steigen Sie aus?« sagte sie zu mir.

»Nun, und Ihre Wiener, was werden sie sagen, wenn sie uns bei einander sehen?«

»Es ist wahr, ich hatte sie vergessen. Wo logieren Sie gewöhnlich?«

»Im Hotel d'Europe, aber man hat dort eine so schlechte Meinung von mir, daß ich um Ihretwillen lieber anderswohin gehen möchte.«

»Wahlen Sie.«

»Nun also in das Hotel de Suede.«

»Gut, da Sie vor mir ankommen werden, indem ich für meine zehn oder zwölf Colli zu sorgen habe, so lassen Sie ein Zimmer für mich einrichten.«

»Sein Sie ruhig.«

»Sie umarmen mich nicht?«

»Gewiß nicht; es ist an Ihnen, mich zu umarmen, wenn Sie dazu Lust haben.«

»Sie sind das vielforderndste Geschöpf, welches ich kenne,« sagte sie.

Und sie küßte mich und brach in Lachen aus.

Eine Stunde später war sie im Hotel de Suede. Ich führte sie in ihr Zimmer, ich küßte ihr respectvoll die Hand und trat in das meinige, indem ich murmelte:

»Wie reizend wäre es, wenn man eine Frau als Freund haben könnte!«




III


Es versteht sich von selber, daß ich mein Zimmer auf der anderen Seite des Vierecks wählte.

Ich nahm ein Bad und legte mich nieder.

Als ich erwachte, erkundigte ich mich nach meiner Reisegefährtin. Sie war schon ausgegangen und hatte ihre fünfzehn bis zwanzig Colli besorgt, die mit dem Frachtzuge abgehen sollten, während sie ihre Kunstreise machte, um Madame Schröder aufzusuchen.

Wie alle Künstler und Künstlerinnen, welche die Gewohnheit der raschen Ortsbewegung haben, hatte meine Reisegefährtin das Bewundernswürdige, daß sie ebenso wenig in Verlegenheit war, wie ein Mann, daß sie ihre Koffer packte und zuschnürte, daß sie ihre Reisesäcke füllte und schloß, und daß sie immer fünf Minuten vor der Stunde bereit war, was man sich nicht die Mühe geben darf, von einer Weltdame zu verlangen.

Während ich mich nach ihr erkundigte, kehrte sie zurück.

»Ah! meiner Treu!« sagte ich zu ihr, »ich glaubte Sie schon ausgeflogen.«

»Ich war es in der That.«

»Ja, aber auf immer.«

»Ich bin von der Natur der Schwalben, ich kehre zu dem Neste zurück.«

»Was haben Sie gethan?«

»Ich habe alle meine Koffer abgeschickt und habe die Scheine dafür in Empfang genommen, so daß ich weiter nichts habe als das Kleid, welches ich anhabe, ein anderes in meinem Reisesack und sechs Hemden. Ein Student, das sehen Sie wohl, würde es nicht besser machen können.«

»Und wann reisen Sie ab?«

»Wann Sie wollen.«

»Sie wollen indessen doch Brüssel sehen?«

»Was ist in Brüssel zu sehen?«

»Der Rathhausplatz und der St. Hubertusgang.«

»Und dann?«

»Dann die grüne Allee.«

»Und dann?«

»Das ist Alles.«

»Nun, führen Sie mich in irgend ein Gasthaus; ich gebe Ihnen dort ein Frühstück.«

»Sie?«

»Ja. Meine Colli kosten weniger Fracht, als ich glaubte: ich bin reich. Was ißt man hier?«

»Austern von Ostende, geräuchertes Rindfleisch, Krebse.«



»Und was trinkt man?«

»Faro und Lambick.«

»Nun so lassen Sie uns Faro und Lambick trinken und Krebse, geräuchertes Rindfleisch und Austern von Ostende essen.«

»Kommen Sie.«

Wir machten uns auf den Weg.

Ich schwöre Euch zu, wenn meine Begleiterin Pantalons und einen Oberrock getragen hätte, anstatt eines Kleides und eines Burnus, hätte ich mich von meiner Illusion täuschen lassen und mir vorgestellt, ich sei der Mentor eines schönen jungen Mannes, anstatt der Cavalier einer bezaubernden Frau zu sein.

Wir frühstückten, wir besuchten den St. Hubertusgang, den Rathhausplatz, wir machten einen Umweg zu der grünen Allee und kehrten in das Hotel zurück.

»Da haben wir Alles gesehen, was in Brüssel zu sehen ist?« fragte mich meine Reisegefährtin.

»Alles, mit Ausnahme des Museums.«

»Was giebt's im Museum?'

»Vier oder fünf prächtige Rubens und zwei oder drei bewundernswürdige Vandyk.«

»Warum sagten Sie mir das nicht sogleich?«

»Ich hatte es vergessen.«

»Schöner Cicerone! Lassen Sie uns das Museum sehen!«

Wir gingen, das Museum zu besuchen; die große Künstlerin, welche mit Shakspeare wie mit Schiller, mit Victor Hugo wie mit Shakspeare, mit Calderon wie mit Victor Hugo vertraut war, kannte Rubens und Vandyk wie Calderon und sprach von der Malerei wie sie von dem Theater sprach.

Wir blieben zwei gute Stunden im Museum.

»Nun,« sagte sie hinausgehend zu mir, »was bleibt mir in der Hauptstadt Belgiens zu sehen übrig?«

»Madame Pleyel, wenn Sie wollen.«

»Madame Pleyel! Madame Pleyel, die große Künstlerin? die, von welcher Lißt mir so viel gesagt hat?«

»Dieselbe.«

»Sie kennen sie?«

»Sehr gut.«

»Und Sie können mich ihr vorstellen?«



»In einer halben Stunde.«



»Einen Wagen.«

Und meine ungarische Enthusiastin gab einem Kutscher ein Zeichen, welcher herbeieilte, und als er mich erkannte, seinen Wagenschlag mit Eifer öffnete.

Zu einer besonderen Verwunderung gereichte meiner Reisegefährtin diese Bekanntschaft, welche nicht nur macht, daß auf den Straßen von Paris von zehn Personen, die mir begegnen, fünf mich mit dem Kopfe oder mit der Hand begrüßen, sondern mich auch in die Provinz begleitet, die Grenze mit mir überschreitet und mir ins Ausland folgt. Nun waren wir in Brüssel angekommen, und in Brüssel waren es, die Kutscher mit inbegriffen, nicht mehr fünf, sondern acht Personen von zehn, die mich kannten.

Wir stiegen in einen Wagen; Madame Pleyel wohnte sehr weit entfernt in der Tiefe der Vorstadt Searbeck, so viel ich mich erinnern konnte, so daß meine schöne Begleiterin Zeit genug hatte, mich über die große Künstlerin zu befragen, die wir besuchen wollten, und ich, auf ihre Fragen zu antworten.

Ich kannte Madame Pleyel seit etwa fünfundzwanzig Jahren. Eines Tages meldete man sie mir an, als sie noch keinen anderen Nimbus hatte, als die commmerzielle Berühmtheit ihres Mannes. Ich kannte sie nicht persönlich; ich sah bei mir eine junge magere braune Frau mit weißen Zähnen, schwarzen, prächtigen Augen und einer unglaublichen Beweglichkeit der Physiognomie eintreten.

Beim ersten Anblick begriff ich, daß ich eine Künstlerin vor mir habe.

Und in der That, noch in der Unbestimmtheit treibend, ein enthusiastisches Herz in sich schlagen fühlend, wußte sie noch nicht, zu welcher Kunst sie hingezogen wurde; und kam, mich um Rath zu fragen, was sie thun solle.

Zu dieser Zeit glaubte sie im Theater ihre Bestimmung zu finden.

Ich war im Begriff, Kean zu schreiben. Ich ging zu meinem Tische, ich nahm mein Manuscript, ich öffnete es bei der Scene zwischen Kean und Anna Damby und las es ihr vor; die Situation war eine ähnliche.

Ueberdies war Madame Pleyel nicht frei: sie hatte einen Mann; um aufs Theater zu gehen, mußte sie mit gesellschaftlichen Verhältnissen brechen, deren Zerreißung immer schmerzlich ist.

Ich hatte das Glück, sie wenigstens augenblicklich zu überzeugen, daß alle Bühnentriumphe nicht so viel Werth sind wie die ruhige Monotonie des ehelichen Lebens.

»Sie spann Wolle und blieb zu Hause,« schrieben die alten Römer auf das Grab ihrer Matronen.

Ich selber, damals ein Mann von zwei und dreißig Jahren, war ganz erstaunt, einer Frau von zwanzig gegen über so vernünftig gewesen zu sein.

Ich hatte seit einem oder zwei Jahren nicht mehr von ihr reden hören. Plötzlich erfuhr ich, daß ihr ein Unglück begegnet sei. Ich habe vergessen von welcher schändlichen Schlinge sie das Opfer gewesen – sie war genöthigt, sich zu verbannen.

Sie dachte nicht an mich in ihrem Unglück, so groß, daß sie an nichts dachte, als Frankreich zu verlassen.

Sie reiste mit ihrer Mutter ab.

Alle Beide waren in Hamburg nahe daran, vor Hunger zu sterben, als sie eines Tages beim Vorübergehen vor einem Laden von musikalischen Instrumenten eine große Lust bekam, einzutreten, als ob sie ein Piano kaufen wolle, um ihr Herz mit ein wenig Harmonie zu erfrischen.

Sie war damals noch nicht die bewundernswürdige Künstlerin, die sie gegenwärtig ist; aber indessen hatte das Unglück bei ihr die Flamme des Genies belebt. Sie setzte sich vor das Instrument, ließ ihre Finger auf die Klaviatur fallen, und gleich die ersten Accorde, die sie hervorbrachte, glichen einem herzzerreißenden Geschrei.

Der Kaufmann, der sie nicht kannte, und nur die kaufmännische Höflichkeit für eine gewöhnliche Käuferin gezeigt hatte, näherte sich ihr und hörte zu.

Sie spielte keine bekannte Arie: sie improvisirte; aber in dieser Improvisation lag Alles, was sie seit drei Monaten gelitten; Liebestäuschung, Schmerzen, vereitelte Hoffnungen, Thränen, Verbannung. Da war selbst das entsetzliche Geschrei eines Geiers, der über ihr schwebte, und welchen man dm Hunger nennt.

»Wer sind Sie, und was kann ich für Sie thun?« fragte sie der Kaufmann, als sie geendet.

Sie brach in Thränen aus und erzählte ihm Alles.

Da machte ihr der vortreffliche Mann begreiflich, welch' ein strenger aber erhabener Lehrer der Schmerz sei; er zeigte ihr die geheimnißvolle Stimme, vermöge welcher die Vorsehung sie zum Glück, zur Berühmtheit, vielleicht zum Ruhme treibe; sie zweifelte an sich selber, er, beruhigte sie, ließ sein bestes Piano zu ihr bringen und redete ihr zu, ein Concert zu geben.

Ein Concert! ein Concert, zu geben sie, welche noch am Tage zuvor mit ihrem Genie unbekannt war.

»Der Kaufmann bestand darauf, übernahm alle Kosten, kurz, er stand für Alles.

Die arme Marie entschloß sich dazu.

Sie hieß Marie, wie die Malibran, wie die Dorval.

Ich bin der vertraute Freund dieser berühmten und unglücklichen Frauen gewesen.

Ich habe Unrecht, das Beiwort unglücklich ist nur auf die beiden Anderen, auf die Sängerin und die Schauspielerin anwendbar; das Beiwort glücklich muß man dagegen mit dem Namen Marie Pleyel in Verbindung setzen.

»Sie war glücklich, denn ihr Concert fand Beifall, und sie sah die Zukunft des Erfolges vor sich, die ihr bevorstand.

Zehn Jahre lang ertönten Petersburg, Wien, Dresden von ihren Erfolgen. Sie kehrte in ihr Vaterland Belgien zurück, und gegen alles Herkommen ließ man ihr Gerechtigkeit widerfahren.

Man ernannte sie zum Professor am Conservatorium.

Da kehrte sie nach Paris zurück, wohin ihr der Ruf vorangegangen war: sie gab Concerte und machte Fourore.

Ich sah sie wieder.

Dann ging ich nach dem zweiten December nach Belgien, und zum dritten Mal fand ich sie wieder.

Als wir an ihrer Thür klingelten, kannte Madame Bulyowsky sie ebenso gut wie ich.

Ihre Kammerfrau stieß ein Freudengeschrei aus, als sie mich erkannte!

»O! wie erfreut wird Madame sein!« rief sie.

Und ohne daran zu denken, die Thür hinter uns zu schließen, eilte sie in den Salon, indem sie meinen Namen ausrief.

»Nun,« fragte ich meine Reisegefährtin, »zweifeln Sie noch, daß wir gut empfangen werden?«

Sie hatte keine Zeit zu antworten, als Marie Pleyel uns majestätisch wie eine Königin, graziös wie eine Künstlerin entgegenkam.

»Umarmen Sie sich vorher einander,« sagte ich zu den beiden Frauen, »Sie werden hernach Bekanntschaft machen.«

Meine Reisegefährtin umschlang Marie Pleyel's Hals mit ihren beiden Armen, und einen Augenblick brachte ich damit zu, diese beiden Wesen von so verschiedenem Anblick und so wahrhaft schön? jede von einer der anderen entgegengesetzten Schönheit zu bewundern.

Madame Bulyowsky, schlank, biegsam, blond? und? rosig, voll Innigkeit, wie die deutschen und die ungarischen Frauen.

Madame Pleyel, groß, mit wunderbar ausdrucksvollen Formen, braun, ruhig, fast strenge.

Ein Bildhauer, der diese Gruppe hätte wiedergeben, diese beiden so entgegengesetzten Naturen hätte darstellen können, würde einen glänzenden Erfolg gehabt haben.

Nachdem sie einander umarmt hatten, nahm ich eine unter jeden Arm. Ich trat mit ihnen in den Salon, ließ sie sich niedersetzen, die eine zu meiner Rechten, die andere zu meiner Linken, und setzte mich zu ihnen nieder.

Dann erklärte ich der Madame Pleyel unseren Besuch.

»Sie haben also Lust, mich zu hören?« sagte Madame Pleyel zu der Fremden.

»Ich sterbe vor Verlangen!«

»O Himmel! es ist sehr leicht! Sie kommen mit einem Manne, der das Vorrecht hat, mich Alles thun zu lassen, was er will.«

Ich fiel ihr um den Hals; ich hatte sie noch nicht umarmt.

»Was wollen Sie, daß ich Ihrer Tragödin spiele?« fragte sie mich ganz leise.

»Irgend Etwas in dem Genre von dem, was Sie bei Ihrem Instrumentenhändler in Hamburg gespielt.«

Sie lächelte mit jenem traurigen und bezaubernden Lächeln, welches an die vergangenen Leiden erinnert, und warf ein brillantes Vorspiel in die Lüfte.

»Ah! Marie, Marie.« sagte ich zu ihr, »Sie sind glücklich. Wir. verlangen kein Glück von Ihnen.«

»Und wenn mein Herz brechen will, wie das der Antonia?«

»Nun, so werde ich meine Hand darauf legen, und verhindern, daß es bricht.«

Sie sah mich an, zuckte leicht die Achseln und sagte zu mir:

»Geck!«

Und sie begann.

Ich will nicht versuchen, Euch zu sagen, was die große Künstlerin uns vorspielte; nie haben unter irgend einer Hand Elfenbein und Holz solche Accorde hervorgebracht; ohne Unterbrechung folgten einander eine Stunde lang die ergreifendsten Empfindungen, die berauschendsten Schmerzen; das Instrument selbst schien zu leiden, zu klagen, zu seufzen.

Endlich, nach Verlauf einer Stunde stand sie mit einem Schrei aus.

»Sie haben kein Mitleiden mit mir,« sagte sie zu mir, »sehen Sie nicht, daß Sie mich tödten?«

Ich sah Madame Bulyowsky an. Sie war blaß, bebend, fast ohnmächtig.

Zuhörerin und Spielerin waren einander würdig.

Die beiden Frauen umarmten einander von Neuem; ich zog Madame Bulyowsky fort; ich fürchtete mehr für diese schwache und nervöse Natur, als für die kräftige und mächtige Natur der Marie Pleyel.

»Nun,« fragte ich sie, als ich auf der Straße war, »wollen Sie noch Etwas in Brüssel sehen?«

»Und was sollte ich sehen, nachdem ich diese bewundernswürdige Frau gesehen und gehört habe?« fragte sie mich.

»Was wollen wir denn thun?«

»Ich reise nach Spaa ab – und Sie?«

»Wahrhaftig, ich. ich folge Ihnen.«

Eine Viertelstunde später waren wir auf dem Bahnhofe und reisten nach der Stadt der Mineralwasser und, der Spiele ab, welche ich, während meines dreijährigen Aufenthalts in Belgien nicht die Neugierde gehabt hatte zu besuchen.




IV


Einmal auf der Eisenbahn, athmete meine Begleiterin wieder auf.

»Welche bewundernswürdige Künstlerin,« sagte sie zu mir.

»Sie sind ebenso groß wie sie, liebe Lilla, da Sie sie verstehen.«

»Indessen bin ich auf acht Tage krank.«

»Bah! wie denn das?«

»Ich habe keinen Nerv im ganzen Körper, der nicht zerrissen ist.«

Sie stieß einen Seufzer aus.

»Wollen Sie, daß ich versuche, Sie zu beruhigen?« fragte ich sie.

»Wie denn das?«

»Indem ich Sie magnetisire. Wir sind allein in dem Waggon, und Sie haben Vertrauen genug zu mir, um sich einen Augenblick einschläfern zu lassen? Sie werden, wenn nicht geheilt erwachen, doch aber Erleichterung empfinden.«

»Recht gern, versuchen Sie es; aber ich sage Ihnen vorher, daß es den Magnetiseurs noch immer mißlungen ist, wenn sie mich einschläfern wollten.«

»Weil Sie sich widersetzt haben. Haben Sie den Willen, mir unterwürfig zu sein, und Sie werden sehen, wenn ich Sie nicht vollständig in Schlaf bringe, daß ich Sie doch wenigstens schläfrig machen werde.«

»Ich werde nicht widerstreben, das verspreche ich Ihnen.«

»Was empfinden Sie?«?



»Eine heftige Hitze im Kopfe.«

»Man muß also den Kopf zuerst beruhigen.«

»Und wie wollen Sie das anfangen?«

»O! fragen Sie nicht darnach, ich habe den Magnetismus nicht als Wissenschaft studiert, ich habe ihn als Instinct gefühlt. Ich habe es gethan, um mir selber über seine Macht und seine Wirkungen Rechenschaft abzulegen, in dem Augenblicke, als ich Balsamo schrieb, und seitdem, wenn man mich gebeten hat es zu thun, aber nie zu meinem Vergnügen; die Sache strengt mich zu sehr an.«

»Das beweist wenigstens, daß Sie redlich sind; so ist der Magnetismus also für Sie Etwas, was über das Materielle hinausgeht?«

»Verständigen wir uns; nach meiner Meinung hängt ein Theil der Macht des Magnetismus mit der physischen und folglich mit der materiellen Welt zusammen. Diesen Theil will ich Ihnen als Philosoph zu erklären versuchen. Als die Natur den Mann und das Weib schuf, hatte sie, so vorausblickend sie auch ist, nicht die geringste Idee von den Gesetzen, welche die menschlichen Gesellschaften regieren würden; ehe sie daran dachte, den Mann und das Weib zu erschaffen, wollte sie, wie bei den anderen lebenden Wesen nur ein Männchen und ein Weibchen erschaffen. Das große Geschäft dieser großen Isis mit hundert Brüsten, der griechischen Cybele, der guten römischen Göttin war die Fortpflanzung der Gattungen. Daher der ewige Kampf der fleischlichen Triebe mit den socialen Gesetzen, daher endlich die Herrschaft des Mannes über das Weib und der Zug des Weibes zu dem Manne. Eins von den tausend Mitteln nun, welche die Natur anwendet, um zu ihrem Zwecke zu gelangen, ist der Magnetismus. Die physischen Ausströmungen sind ebenso viel Kräfte, welche das Schwache zu dem Starken hinziehen, und es ist so wahr, daß ich glaube, der Magnetiseur gewinnt einen unwiderstehlichen Einfluß über den Gegenstand, den er magnetisirt, nicht nur, wenn dieser Gegenstand eingeschlafen, sondern auch, wenn er wach ist.«

»Und Sie gestehen mir das?«

»Warum sollte ich Ihnen das nicht gestehen?«

»In dem Augenblicke, wo Sie den Vorschlag machen, mich einzuschläfern!«

»Halten Sie mich für einen redlichen Mann oder nicht?«

»Ich halte Sie für einen redlichen Mann, und der Beweis liegt in der Art, wie ich gegen Sie handle, denn wer würde Sie verhindern zu sagen, daß ich Ihre Geliebte gewesen?«

»Und was sollte mir diese Lüge nützen?«

»Nun, ich weiß nicht, was es den Männern von gutem Glück nützt.«

»Ei, liebe Lilla, haben Sie mir je die Beleidigung angethan zu glauben, daß ich die Anmaßung habe, ein Mann von gutem Glück zu sein, oder dafür zu gelten?«

»Man hatte mir dort drüben gesagt, daß Sie der eitelste Mann in Frankreich wären.«

»Es ist möglich, aber meine Eitelkeit hat nie, so jung ich auch gewesen sein mag, das gute Glück, wie Sie es nennen, zum Gegenstande gehabt. In einem gewissen Grade des Reichthums oder der Berühmtheit hat man nicht Zeit zu suchen und nicht nöthig zu lügen. Ich habe die hübschesten Frauen von Paris, Florenz, Rom, Neapel, Madrid und London, oft nicht nur die hübschesten Frauen, sondern die größten Damen, am Arme gehabt, und ich habe nie ein Wort gesagt, welches diejenige, welche ich am Arme hatte, zu dem Glauben bringen konnte, mochte sie nun Grisette, Schauspielerin, Prinzessin oder Königin sein, daß ich für diese Frau etwas Anderes empfinde, als den Refseet oder die Erkenntlichkeit, die ich immer für die Dame empfunden habe, die sich unter meinen Schutz stellte, wenn sie schwach war, die mich unter ihren Schutz nahm, wenn sie mächtig war.«

Lilla sah mich an und murmelte zwischen ihren Lippen.

»Wie wunderlich es mit dem Rufe ist, den man den Menschen beilegt!«

Dann fügte sie sogleich ohne Uebergang hinzu:

»Mein Kopf brennt; schläfern Sie mich ein.«

Ich stand auf, nahm ihr den Hut ab, blies ihr auf den Kopf und fuhr nach jedem Athemzuge mit der Hand über ihr Haar, bis sie mir sagte:

»Ah! ich fühle mich besser, mein Kopf wird freier.«

Dann setzte ich mich vor sie und legte ihr einfach die Hand auf den oberen Theil der Stirn, indem ich halblaut, aber gebieterisch zu ihr sagte:

»Jetzt schlafen Sie!«

Zehn Minuten später lag sie in einem so ruhigen Schlummer, wie ein Kind.

Seltsam! weder meine Begleiterin, noch ich waren je in Spaa gewesen; weder sie, noch ich kannten den Namen der Stationen; als wir von der letzten abfuhren, begann sie unruhig zu werden und sich zu bewegen, und stotterte einige unverständliche Worte hervor.

Ich berührte ihr die Lippen mit der Fingerspitze und sagte zu ihr:

»Reden Sie!«

Dann sagte sie ohne alle Anstrengung:

»Wir kommen an; erwecken Sie mich.«

Ich erweckte sie, und in der That kündigte fünf Minuten später das Pfeifen der Locomotive an, daß wir auf der Station ankamen.

Sie fühlte sich viel besser.

Wir stiegen im Hotel de l'Orange, dem besten in der Stadt, ab; und da man noch die Badesaison nicht beendet hatte, war es fast ganz voll.

Es waren mir noch zwei Zimmer übrig, die mit einander in Verbindung standen; nur stand vor der Verbindungsthür auf jeder Seite ein Bett. Auf der einen Seite war vermöge des Schlosses und auf der anderen vermöge des Riegels für die Sicherheit des Reifenden gesorgt.

Es versteht sich von selber, daß sich die Thür nach der Seite öffnete, wo das Schloß sich befand.

Ich zeigte meiner Reisegefährtin die Topographie des Gasthauses. Ich ließ die Herrin des Hauses heraufkommen, damit sie ihr selber die Versicherung gebe, daß kein Fallstrick mit dieser Nähe in Verbindung stehe, und ließ ihr die Wahl zwischen den beiden Zimmern.

Sie wählte die Seite des Riegels, indem sie mich nur bat, mein Bett an die Wand zu stellen, anstatt es an der Thür zu lassen, was ich auch eiligst that.

Es war um zehn Uhr Abends, meine Reisegefährtin trank eine Tasse Milch und legte sich zu Bette. Ihr Kopf war ruhig und frei, aber sie empfand einige Magenschmerzen.

Ich speiste solider zu Abend, nahm einen Band von Michelet aus meinem Reisesack, legte mich nieder und begann zu lesen.

Nachdem ich eine Stunde gelesen, und in dem Augenblick, als ich eben mein Licht gelöscht hatte, hörte ich leise an die Verbindungsthür klopfen.

Ich glaubte mich geirrt zu haben; aber auf die Aufforderung folgten die beiden mit leiser Stimme ausgesprochenen Worte:

»Schlafen Sie?«

»Noch nicht; aber es scheint, als ob Sie auch nicht schlafen.«

»Ich habe Schmerzen.«

In der That war die Stimme verändert.

»Was fehlt Ihnen?«

»Ich habe furchtbare Magenkrämpfe.«

»Mein Himmel!«

»Beunruhigen Sie sich deshalb nicht, das begegnet mir zuweilen; es ist schmerzlich, hat aber nichts Beunruhigendes.«

»Wollen Sie, daß ich rufe?«



»Nein, der Aether selbst nützt dabei nicht.«



»Und ich, vermag ich mehr, als der Aether?«



»Vielleicht.«

»Wie denn?«

»Versuchen Sie, mich einzuschläfern.«



»Durch die Thür?«



»Ja.«

»Ich Zweifle, daß es mir gelingen wird, ich will es versuchen.«

Ich versuchte, meinen Willen in jenes Zimmer eintreten zu lassen, aus welchem mich die Schamhaftigkeit der Kranken ausschloß; aber ich erlangte nur einen halben Erfolg.

»Nun?« fragte ich sie.

»Ich fühle, daß ich betäubt werde; aber bei dieser Betäubung leide ich fortwährend.«

»Ich müßte Ihre Brust berühren können, wie ich Ihren Kopf berührt habe; dann würde der Schmerz aufhören.«

»Glauben Sie es?«

»Ich glaube es.«

»Nun, wenn, Sie die Thür öffnen wollen, den Riegel habe ich eben aufgezogen.«

Ich zog ein Pantalon an, und von dem Lichte ihrer Wachskerze geleitet, welches durch die Spalten der Thür drang, ging ich zu dem Schlüssel, den ich umdrehte, und als ich oben und unten die Riegel geöffnet hatte, gingen die beiden Flügelthüren auf.

Mein erster Blick war prüfend; spielte meine Nachbarin eine Komödie, oder litt sie wirklich Schmerzen?

Sie war blaß; ihr Mund war in den Winkeln verzogen und die Gesichtsmuskeln wurden von leichten Kampf»haften Zuckungen bewegt.

Ich faßte ihre Hand, sie war kalt, feucht und zitternd; sie litt wirklich.

»Finden Sie es nicht sehr seltsam, daß ich, anstatt einem Mädchen des Gasthauses zu klingeln und irgend ein beruhigendes Mittel zu verlangen, Sie rufe und Sie verhindere zu schlafen?«

»Durchaus nicht, im Gegentheil finde ich es sehr einfach, sehr natürlich.«

»Ich will Ihnen Eins gestehen.«

»Bah! sollten Sie mich vielleicht lieben?«

»Sie wissen wohl, daß ich Sie liebe, und zwar sehr, aber das ist es nicht. Warten Sie, ich leide.«

Und das Gesicht der Kranken nahm in der That einen Ausdruck des Schmerzes an, den man nicht verkennen konnte.

Ich legte meinen Arm unter ihren Kopf und hob ihn auf, sie erstarrte, ein Schauder überlief ihren ganzen Körper, sie kehrte zur Unbeweglichkeit zurück.

»Es ist vorüber,« sagte sie.

»Sie wollten mir Etwas sagen, mir ein Geständniß ablegen.«

»Ja, ich wollte Ihnen gestehen, daß mein Schlummer im Waggon nicht nur eine Ruhe, sondern auch ein liebliches Gefühl hatte, wie ich es nie empfunden. Schläfern Sie mich also ein, ich bitte Sie, und ich bin gewiß, daß meine Schmerzen aufhören werden.«




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