Johanna dArc die Jungfrau von Orleans
Alexandre Dumas der Ältere




Dumas (père), Alexandre

Johanna d'Arc





Erstes Kapitel.

Eine Familie von Landleuten


Am Tage der Heiligen Drei Könige im Jahre unseres Herrn 1429, gegen zehn Uhr Morgens, ritt ein völlig gewappneter Ritter auf seinem Schlachtrosse, gefolgt von seinem Schildknappen und von seinem Pagen die einige Schritte hinter ihm sich hielten, in das Dorf Domremy, welches man Domremy-les-Greux nannte, und das seitdem diese zweite Benennung verloren hat: da er, der Kirche gegenüber angekommen, sah, dass das heilige Messopfer noch nicht beendigt war, hielt er an, stieg von seinem Rosse ab, gab seinen Helm, seinen Degen und seine Sporen seinem Pagen[1 - Das Privilegium, gewappnet, behelmt, bespornt in die Kirchen zu treten, war etwas Seltenes in Frankreich, wo man kaum drei oder vier Beispiele einer solchen Erlaubnis; nachweisen könnte. Einer der ältesten Ritter, welche sie befassen, war ein bretonischer Seigneur, Namens Herr von Kergournadech.Dieses Privilegium war ihm von dem heiligen Paulus Aurelian, erstem Bischof von Lyon, gestorben gegen das Jahr 600, zur Belohnung für das Anerbieten dieses Ritters, eine Schlange zu tödten, die das Land verheerte, verliehen worden. Dieses Haus erlosch in der Person des Olivier, Herrn von Kergournadech, der ohne Nachkommenschaft starb, und des Franz von Kersoasona. Johanna von Kergournadech, seine älteste Schwester erbte seine Güter, und brachte sie als Mitgift dem Alain von Kerhoënt unter der Bedingung zu, dass sein ältester Sohn, unter Beibehaltung seine« Namens Kerhoënt, das Wappen von Kergournadech führen sollte. A. D.] und ging, also, entwaffnet, die vier Stufen hinauf, die zur Vorhalle der Kirche führten, mit dem festen und zuversichtlichen Gange des Edelmannes, mitten durch die Bauern schreitend, von denen das Haus des Herrn dergestalt wimmelte, dass die zuletzt Gekommenen waren genötigt worden, sich auf die Stufen und selbst auf die Straße zu knien.

Aber der edle Kriegsmann, wie man leicht begreift, gehörte nicht zu jenen, welche demütig vor der Tür bleiben; daher brach er sich Bahn durch dieses Gedränge das übrigens, bei dem widerhallenden Dröhnen seiner Schritte, von selbst sich öffnete, und kniete sich ebenfalls zu dem kleinen eisernen Gitter hin, das den Priester von den Anwesenden trennte, so zwar, dass er sogar weiter vorne war, als die Kirchensänger, und zwischen dem Priester und ihm nur der Sakristan und die Chorknaben sich befanden. Zum Unglücke für die religiösen Wünsche des guten Ritters, hatte er sich ein wenig spät eingestellt, und da die Messe in dem Augenblicke seines Eintrittes sich ihrem Ende näherte, kaum Zeit gefunden, ein Vater Unser zu beten, als der Priester die sakramentlichen Worte sprach, verkündend, dass der Gottesdienst zu Ende sei, und «a ihm vorüberging, in die Sakristei das silberne Cilborium forttragend, das er so eben zur Comminumon benützt hatte.

Bei dieser Verkündigung und diesem Aufbruch des die Messe lesenden Priesters, stand, wie es Sitte ist, Jedermann auf, machte das Zeichen des Kreuzes, und ging der Tür zu, mit Ausnahme des Ritters, welcher ohne Zweifel mit seinem Gebete noch nicht fertig, der Letzte von Allen vor dem Chore knien blieb, und mit einer Andacht zu Gott betete, die, von diesem Jahrhunderte an, unter den Kriegsmännern sehr selten zu werden begann; daher begab sich, entweder weil die Landsleute ob dieser Frömmigkeit betroffen waren, oder bei dem Anblicke eines Mannes, der dem Adel anzugehören schien, von ihm Nachrichten über die Staatsangelegenheiten zu erhalten hofften, welche zu jener Zeit misslich genug waren, um die Vornehmsten des Königreiches wie die geringsten Dorfbewohner zu beschäftigen, nur ein unbedeutender Teil der Gläubigen nach Hause, die Mehrzahl blieb, ungeachtet einer ziemlich heftigen Kälte, veranlasst durch zwei oder drei Zoll hohen Schnee, die während der Nacht gefallen waren, auf dem Platze, Gruppen bildend, jedoch ohne dass, trotz der guten Lust, die Jeder von Ihnen dazu hatte, auch nur ein Einziger unter allen diesen wackeren Leuten sich befand, der den Pagen oder den Schildknappen zu fragen wagte.

Unter diesen Gruppen befand sich eine, die, ohne dem Anblicke etwas Merkwürdigeres, als die übrigen, zu bieten, dennoch die Aufmerksamkeit des Lesers fesseln mag. Diese Gruppe bestand aus einem Manne von ungefähr achtundvierzig bis fünfzig Jahren, aus einer Frau von vierzig bis fünfundvierzig, aus drei jungen Leuten und einem jungen Mädchen. Der Mann und die Frau, obgleich, wegen der harten Feldarbeiten, ein wenig älter aussehend, als sie wirklich waren, schienen dennoch eine kräftige Gesundheit zu genießen, die dazu beitragen mochte, die Heiterkeit des Gemütes zu unterhalten, welche man in ihren Mienen las; die drei jungen Leute, von denen die beiden Älteren, der Eine fünfundzwanzig, der Andere vierundzwanzig Jahre, alt sein konnten, und der Dritte sechzehn zu zählen schien, waren kräftige Ackerleute, und seit ihrer Geburt, wie man wohl sah, von jenen tausend kleinen Unpässlichkeiten befreit, welchen die schwächliche Gesundheit des Kindes der Städte ausgesetzt ist; daher schienen sie fröhlich und wacker die Last der erblichen Arbeit tragen zu können, zu der Gott den Menschen verdammte, als er ihn aus dem irdischen Paradiese verjagte; das junge Mädchen endlich war eine dicke und frische Bäuerin, an welcher man, ungeachtet der milderen Formen des Weibes, und obgleich sie kaum neunzehn Jahre zählte, noch die kräftige Natur ihres Vaters und ihrer zwei älteren Brüder erkennen konnte.

Obgleich diese Gruppe am nächsten derjenigen stand, die der Page, der Schildknappe und die drei Pferde bildeten, schien doch keine von den Personen derselben entschlossen, anders als mit den Augen die Diener des Ritters zu fragen, da der Page durch die verachtende und spöttische Miene seines Gesichtes, und der Schildknappe durch eine Physiognomie sie einschüchterte, deren brutaler Ausdruck bis zur Wildheit ging: sie begnügten sich also, sie schweigend anzuschauen, und unter sich mit leiser Stimme einige Vermutungen zu wechseln, als ein Bauer, eine von den nahen Gruppen verlassend, jener sich näherte, die wir der Aufmerksamkeit unserer Leser empfahlen, und dem Manne auf die Schulter klopfend, den wir als das Haupt der Familie bezeichneten, zu ihm sagte:

»Wohl an, Bruder Jakob, weißt Du mehr, als die Andern, und kannst Du uns sagen, wer jener Ritter ist, der ein so langes und so frommes Gebet in unserer Kirche verrichtet?«

»Meiner Treue, Bruder Durand,« antwortete jener, an den die Frage gestellt wurde, »Du würdest mir einen großen Dienst erweisen, wolltest Du selbst es mir sagen, denn ich erinnere mich nicht, sein Gesicht jemals gesehen zu haben.«

»Er ist ohne Zweifel einer von jenen Capitainen, die unser unglückliches Land durchstreifen, weit mehr um ihre eigenen Angelegenheiten zu besorgen, als jene unseres armen Königs Karl VII, den Gott behüte, und ohne Zweifel ist er bis zuletzt in der Kirche geblieben, um sich zu überzeugen, ob die Gefäße und Leuchter von Silber seien, und der Mühe lohnten, gestohlen zu werden.«

»Bruder, Bruder,« murmelte Jakob, den Kopf schüttelnd, »obwohl das Alter Dich von diesem Fehler geheilt haben sollte, bist Du noch immer schnell und leicht» sinnig in Deinen Äußerungen, als ob Du erst fünfundzwanzig Jahre zähltest. Es ist weder schön noch gut, das Betragen des Nächsten so ohne Grund zu tadeln, vorzüglich wenn dieses Betragen keinen Anlass zum Tadel gab, und ganz im Gegenteil sich als jenes eines Ehrenmannes und frommen Ritters betätigte.«

»Nun denn,« versetzte Durand, »wenn Du seiner Höflichkeit so gewiss bist, warum gehst Du nicht dreist zu ihm hin, und fragst ihn nicht, woher er komme, und wer er sei?«

»O! wenn Hannchen da wäre,« äußerte der Jüngste der drei Brüder, »würde sie es uns wohl sagen.«

»Und warum glaubst Du, dass Deine Schwester mehr davon wüsste, als wir, Peter? Hat sie diesen Ritter jemals gesehen?«

»Nein, mein Vater,« murmelte der junge Mensch, »ich glaube nicht, dass sie ihn jemals gesehen hat.«

»Wie kommst Du also auf den Gedanken,« fragte Jakob mit einer strengen Miene, »dass sie, da sie ihn niemals sah, wissen könne, wer er ist?«

»Ich habe unrecht gehabt, mein Vater,« entgegnete der junge Mensch, dem die ersteren, von ihm gesprochenen Worte gleichsam wider seinen Willen entschlüpft waren; »ich hätte nicht sagen sollen, was ich sagte, ich sehe es ein.«

»In der Tat, bemerkte Meister Durand mit einem plumpen Lachen, »in der Tat, Bruder, wenn Deine Tochter Seherin und Wahrsagerin ist, wie man sagt, konnte sie vielleicht wissen . . .«

»Stille, Bruder, versetzte Jakob mit jenem Tone patriarchalischen Ansehens, welches in unsern Tagen in der Strohhütte unserer Landleute das Haupt der Familie noch bewahret hat; »stille; mehr brauchte es nicht, als was Du so eben davon sprachest, um uns, wären Deine Worte von feindlichen Ohren vernommen worden in einen schlimmen Handel mit dem Official von Toul zu verwickeln. »Weib,« fuhr er fort, »wo ist denn Johanna, und warum nicht hier bei uns?«

»Sie wird in der Kirche geblieben sein, um zu beten, antwortete jene, an welche Jakob diese Frage stellte.

»Nein, meine Mutter, sagte der junge Mensch, »sie ging mit uns heraus, begab sich aber nach Hause, um Körnchen für ihn Vögel zu holen.«

»Wahrhaftig, da kommt sie,« erwiderte die Mutter, einen Blick in die Straße werfend, in der sie wohnte; dann kehrte sie sich zu ihrem Manne, und fuhr mit einer schier flehenden Stimme fort: »Jakob, mein. Mann, zanke dieses arme Kind nicht aus, ich bitte Dich darum.«

»Und warum sollte ich Johanna aus zanken?« versetzte Jakob; »sie hat nichts Böses getan.«

»Nein, aber bisweilen fährst Du sie härter an, als es vielleicht passend sein dürfte. Es ist nicht ihre Schuld, wenn ihre Schwester zweimal so stark ist, als sie; zuvörderst ist jene achtzehn Monate älter, als sie, und in diesem Alter machen achtzehn Monate viel aus; ferner bringt Johanna, wie Du weißt, manchmal ganze Nächte im Gebete zu, so dass man ihr deshalb nicht zürnen darf, wenn sie den Tag über bisweilen wider ihren Willen einschläft, oder wenn es nach ihrem Erwachen scheint, dass ihre Seele noch schläft, so fremd bleibt ihr Leib Allem, was man ihr sagt. Aber bei allem dem, Jakob, ist Johanna eine gute und fromme Tochter; glaube, was ich Dir sage.«

»Und bei allem dem, Weib, siehst Du Wohl, dass Jedermann über sie lacht, und selbst mein Bruder, der ihr Oheim ist. Es ist kein Segen in einer Familie, wenn sie derlei Sehende zählt, die man bald für Verrückte und bald für Propheten zu halten versucht wird.«

»Deiner Ansicht unbeschadet, mein Vater,« bemerkte Peter, »Johanna ist geeignet, den Segen des Herrn in jede Familie zu bringen, der sie angehören würde, wär's auch die Familie eines Königs.«

»Kind,« sagte Jakob, »nimm ein Beispiel an Deinen Brüdern, die kein Wort reden, obgleich sie älter sind, als Du, und die Männer und Greise sprechen lassen.«

»Ich schweige, mein Vater,« antwortete ehrerbietig der junge Mensch.

Inzwischen näherte sich das junge Mädchen, welches der Gegenstand des Gespräches war, langsam und ernst; es war ein schönes Kind von kaum siebzehn Jahren, groß, geschmeidig und gut gebaut, und dessen Gang etwas Ruhiges und Zuversichtliches hatte, das nicht der Erde angehörte; es war mit einem langen Rocke von azurblauer Wolle angetan, jenen Röcken gleich, in welche Beato Angelico die göttlichen Formen seiner Engel hüllt, und den an der Taille ein Strick von der nämlichen Farbe gürtet; es trug auf seinem Kopfe eine Art von Mütze von gleichem Stoffe, wie der Rock, das Ganze ohne irgend eine Verzierung von Silber oder Gold, und doch schien sie mit ihren schwarzen Augen, ihren blonden Haaren und ihrem blassen Teint, obwohl die Einfachste von Allen, die Gebieterin der jungen Mädchen des Dorfes.

Jeder von den Sprechenden, die wir so eben auf den Schauplatz brachten, sah das junge Mädchen mit einem verschiedenen Ausdrucke der Physiognomie sich nähern: Meister Durand, mit jenem unsern Bauern so eigentümlichen schalkhaften Lächeln; Jakob, mit jener Ungeduld des Mannes, der eine Gelegenheit finden mochte, sich zu ärgern,, und sie vergebens sucht; die Mutter, mit jener schweigenden und beschützenden Besorgnis, mit welcher Gott selbst die Weibchen der Tiere begabte; die Beiden älteren Brüder, mit Unbekümmertheit; die Schwester, mit jener Lustigkeit, welche bewies, dass sie in dem so eben statt gefundenen kleinen Zwiste nichts sehr Ernstes gesehen hatte., und Peter, mit jener Ehrerbietung, die er nicht nur für seine ältere Schwester fühlen musste, sondern die er auch für eine Heilige gefühlt hätte. Das junge Mädchen näherte sich immer ihrer Familie, aber ihre unbestimmten, obgleich auf diese viel geliebte Gruppe gehefteten Blicke, verkündeten sichtbar, dass die ihrem Leibe mitgeteilte Bewegung ganz maschinenmäßig war, und die Augen der Seele, den Augen des Leibes die Sorge überlassend, sie zu geleiten, anderswohin schauten.

»Sei willkommen, Nichte Johanna,« sagte Meister Durand; »wir Alle wissen nicht, wie wir es anstellen sollen, um zu erfahren, wer jener Ritter ist, und Dein Bruder Peter da behauptet, dass Du, wenn Du so gütig sein möchtest, es uns sagen könntest.«

»Welcher Ritter?' fragte Johanna.

»Jener, der in die Kirche hineingegangen ist,« antwortete Durand.

»Ich Hab' ihn nicht gesehen,« versetzte Johanna.

»Wenn Du ihn nicht gesehen hast,« fuhr der Fragende fort, »so hast Du ihn wenigstens hören müssen, denn er machte mit seinem Panzerhemd und mit seinen eisernen Sandalen ein so großes Geräusch, dass selbst de» Priester sich umwendete, um zu wissen, wer so eintrat.«

»Ich Hab' ihn nicht gehört,« sagte Johanna.

»Wenn Du ihn weder gesehen noch gehört hast,« äußerte Jakob in übler Laune, »was Tatest Du dann, und an was dachtest Du also?«

»Ich verrichtete mein Gebet, und dachte an mein, Seelenheil,« antwortete Johanna sanft.

»Nun denn, wenn Du ihn nicht gesehen hast, so schau, denn da kommt er,« entgegnete Durand, indem « ihr mit dem Finger den Ritter wies, der in diesem Momente auf der Türschwelle erschien.

»Er ist's!« rief Johanna aus, indem sie blässer als gewöhnlich wurde, und sich auf die Arme ihres jungen Bruders stützte, wie wenn sie fühlte, dass ihre Beine sie nicht mehr tragen wollten.

»Wer er?« fragte Jakob mit einem mit Unruhe gemischten Erstaunen.

»Der Capitain Robert von Beaudricourt,« antwortete Johanna.

»Und wer ist dieser Capitain Robert von Beaudricourt?« fragte Jakob immer erstaunter.

»Ein tapferer Ritter,« versetzte Johanna, »der zur Partei des edlen Dauphin Karl hält, in der Stadt Vaucouleurs.«

»Und wer hat Euch alle diese sauberen Sachen gesagt, Plaudertasche, die Ihr seid?« rief Jakob aus, der seinen Zorn nicht mehr bewältigen konnte.

»Er ist's!« entgegnete Johanna; »dies ist Alles, was ich Euch sagen kann, mein Vater; denn jene, die es mir gesagt haben, können sich nicht täuschen.«

»Meiner Treue,« äußerte Meister Durand, »ich will es genau wissen; und wenn dieses Kind die Wahrheit gesagt hat, so will ich mit verbundenen Augen Alles glauben, was ihr fortan belieben wird, mir zu erzählen.«

Bei diesen Worten verließ Meister Durand die Gruppe, an welcher er Theil nahm, und ging, seinen Hut in die Hand nehmend, auf den Ritter zu, der so eben wie» der de n Zügel aus den Händen seines Pagen genommen hatte, und zu Pferd zu steigen sich anschickte. Als der Ritter nun sah, dass dieser Bauer in der offenbaren Absicht ihm sich näherte, mit ihm zu sprechen, stützte er den Arm auf den Sattelknopf, kreuzte ein Bein über das andere, und wartete.

»Herr Ritter,« sagte dann Meister Durand mit der schmeichelndsten Stimme, die ihm zu Gebote stand, »wenn es wahr ist, wie Jemand so eben sagte, dass Ihr der tapfere Capitain Robert von Beaudricourt seid, von dem wir so rühmlich sprechen hörten, so hoffe ich, dass Ihr einem armen Bauer, der aus Herzensgrunde Armagnac ist, die Frage verzeihen werdet, ob Ihr nicht aus der Gegend der Loire kommt, und ob Ihr uns nicht irgend eine gute Nachricht von unserm Herrn, dem Könige Karl dem Siebenten, geben könntet?«

»Mein Freund,« antwortete der Ritter mit einem leutseligeren Tone, als dessen der Adel gewöhnlich sich zu bedienen pflegte, um mit diesem Schlage von Leuten zu reden, »ich bin wirklich der Capitain Robert von Beaudricourt, und jener, der Dir meinen Namen sagte, täuschte Dich nicht. Was die Nachrichten vom Könige, betrifft, so sind sie unbedeutend, denn mit den Sachen geht es täglich schlimmer in dem armen Königreiche Frankreich, seit dem Treffen an der Brücke von Montereau.«

»Und doch, um Vergebung, Herr, wenn ein so armer Mann, wie ich, von so hohen Personen spricht,« fuhr Meister Durand fort, durch den Ton des Ritters kühn geworden, »aber es dünkt mir, dass Alles besser ging, seitdem der Herr Connetabel Arthur von Richemont, dem Herrn von Beaulieu sein Recht widerfahren ließ, und in die Umgebung unseres viel geliebten Königs den Herrn Georg de la Trémoille brachte.«

»Ach! ganz im Gegenteil, und Ihr bedürft wirklich sehr der Nachrichten, mein Freund, wenn Ihr hiewegen mehr noch nicht wisst, als dies,« versetzte der Ritter, den Kopf schüttelnd; »der Herr de la Trémoille hat Ärgeres getan, als der Herr von Beaulieu; denn kaum war er in Gunst gestanden, als er sie benützte, um den Connetabel zu entfernen, und den König so zu Hintergehen, dass, Gott verzeihe es ihm, Monseigneur Karl nur noch durch die Augen seines Günstlings sieht, so zwar, dass bei ihm nur mehr Tanneguy Duchâtel, der Präsident Houret, und der Meister Michel le Massen bleiben, die Dreifaltigkeit des Teufels, die ihn geraden Weges in die Hölle führt.«

»Aber ich glaubte,« erwiderte Durand, der sich nach und nach vom ganzen Dorfe umgeben sah, und auf die leutselige Art ganz stolz war, auf welche der Ritter mit ihm sprach, »ich glaubte, dass der König von Schottland versprochen hatte, seinen Vetter Johann Stuart mit einer beträchtlichen Anzahl Schotten nach Frankreich zu schicken, um den braven Capitainen zu Hilfe zu kommen, die, wie Ihr, weder Engländer, noch Burgunder geworden sind, und noch das Feld behaupten.«

»Schotten, Engländer, Irländer,« murmelte Herr Robert von Beaudricourt, »sind Alle Hunde, aus dem nämlichen Hundestall hervorgehend, und, wie ich sehr befürchte, nach dem nämlichen Ziele rennend. Ereigne sich der völlige Sturz des Königreiches Frankreich, und Ihr werdet sie Alle in die Stücke sich teilen sehen, wie eine Meute in das Jägerrecht. Zudem, wie sehr sie nun eilen mögen, so fürchte ich sehr, gesetzt, sie kommen, dass sie nicht rechtzeitig kommen, um die gute Stadt Orleans zu retten, die das letzte Bollwerk ist, welches der König an der Loire besitzt, und der Graf von Salisbury zum Hohn des feierlichen Versprechens belagert, das er in England Monseigneur dem Herzog von Orleans machte, nicht Domainen mit Krieg zu überziehen, die ihr Gebieter nicht verteidigen könne, da er ein Gefangener ist.«

»Und da jeder Meineid eine unmittelbare, dem Himmel zugefügte Beleidigung ist,« äußerte eine sanfte Stimme, die sich zur Seite des Meisters Durand vernehmen ließ, »so hat der Herr erlaubt, dass der Treulose ob der seinigen bestraft wurde.«

»Was will dieses junge Mädchen damit sagen?« fragte Robert von Beaudricourt, erstaunt, dass ein so junges Kind in ein Gespräch sich mischte, das sehr wenige von jenen, die sich da befanden, zu führen fähig gewesen wären.

»Ich will damit sagen,« antwortete Johanna mit der nämlichen sanften und bescheidenen, aber ruhigen und zuversichtlichen Stimme, »dass bereits vor achtzehn oder zwanzig Tagen wenigstens, der Graf von Salibury mit einer Todsünde gestorben ist, von einem Kanonensplitter getroffen.«

»Und woher weißt Du so wichtige Neuigkeiten, junges Mädchen, da ich selbst sie noch nicht weiß?« entgegnete der Ritter lachend.

,O! gebt nicht Acht auf sie, Herr,« rief Jakob eilig aus, indem er zwischen seine Tochter und Robert von Beaudricourt trat; »dieses Kind ist eine Unwissende, die nicht weiß, was sie sagt.«

»Und wüßte sie es,« versetzte der Ritter, »wäre auch der Graf tot, wie Eure Tochter es verkündet, wackerer Mann, den ich vermute, dass sie Eure Tochter ist. . . .«

»Ach! ja,« murmelte Jakob, »und sie macht uns Allen viel Verdruss.«

»Wohl an, wäre er auch tot, bleiben nicht für Einen Gestorbenen zehn Andere übrig, fast eben so mächtig, wie er? Bleiben nicht der Graf von Suffolk übrig, Herr Wilhelm de la Poule, Herr Johann Falstaff, Herr Robert Héron, die Seigneurs von Gray, von Talbot von Scales, Lancelot von Lille, Gladesdale, Wilhelm von Rochefort und so viele Andere?«

»Und bleiben uns,« erwiderte Johanna lebhaft werdend, »und dem edlen Dauphin, unserm Herrn, nicht der Herzog von Alencon, der Graf von Clermont, der Graf von Dunois, Vignoles de la Hiré, Pothon von Vaintrailles, und so viele Andere, eben so Tapfere und Loyale, wie Ihr, Herr, und bereit, wie Ihr, ihr Leben für das Wohl des Königreiches zu opfern? Bleibt nicht ferner, am Schlusse von allem dem, auch noch Unser Herr Jesus Christus übrig, welcher Frankreich liebt, und nicht gestatten wird, dass es in die Hände unserer Feinde falle, der Engländer und Burgunder?«

»Ach! ach! Herr, verzeiht diesem Kind, dass es Euch also widerspricht,« rief Jakob höchst betrübt aus; »aber, ich sagte es Euch, es gibt Augenblicke, in denen sie so seltsame Dinge spricht, dass man sie für verrückt halten möchte.«

»Ja,« entgegnete der Ritter traurig, »ja, sie muss verrückt sein, um eine Hoffnung zu bewahren, die der König selbst nicht mehr hegt, und um zu glauben, dass Orleans widerstehen wird, während nicht nur die Hauptstadt, sondern auch die guten und befestigten Städte Nogent, Fargeau, Sully, Jaurille, Beaugency, Marchenois, Rambouillet, Montpipeau, Thoury, Pithiviers, Rochefort, Chartres und selbst Mons, eine nach der andern sich ergeben haben; während von den vierzehn Provinzen, die der weise König Karl V. dem unsinnigen Könige Karl VI, hinterlassen hat, nur mehr drei seinem Sohne übrig bleiben. Nein, nein, gute Leute, das Königreich Frankreich ist wegen der großen Sünden verdammt, die darin begangen wurden.«

»Die Sünden der Menschen, wie groß sie auch sein mögen, sind für die Vergangenheit und Zukunft durch das Blut Unseres Herrn getilgt worden,« versetzte Johanna mit einer außerordentlichen Zuversicht, und zum Himmel ihre Augen voll göttlicher Eingebung, hebend, »das Königreich Frankreich wird nicht zu Grunde gehen, müsste auch Gott ein Wunder wirken, um es zu retten.«

»Amen,« antwortete der Ritter, sich auf sein Roß schwingend und bekreuzend; »inzwischen, gute Leute,« fügte er bei, im Sattel sich zurecht setzend, »wenn die Burgunder noch einmal kommen sollten, um das Dorf Domremy zu plündern, so macht es eiligst Robert von Beaudricourt zu wissen, und er müsste, so wahr er ein Edelmann ist, anderswo sehr beschäftigt sein, wenn er Euch nicht zu Hilfe käme.«

Bei diesen Worten setzte der Capitain, der zu Domremy länger verweilt hatte, als er es zu tun gedachte, seinem Rosse beide Sporen ein, und ritt im scharfen Trabe auf dem Wege von dannen, der nach Vaucouleurs führte, von seinen beiden Dienern gefolgt, und von den Segnungen aller Landleute begleitet, die ihm nachschauten, so lange sie ihn erblicken konnten.

Als er verschwunden war, wendete Jakob sich um, um Johanna wegen ihrer so eben betätigten großen Keckheit auszuzanken; aber er rief ihr und suchte sie vergebens; Johanna war nicht mehr da, und weil das ganze Dorf mit dem Wegreiten des Herrn von Beaudricourt beschäftigt war, hatte Niemand von den Landleuten bemerkt, nach welcher Seite hin das junge Mädchen fortgegangen war.




Zweites Kapitel.

Die Stimmen


Wirklich hatte Johanna, sobald sie die Vorkehrungen zum Aufbruch des Ritters bemerkte, den um ihn herum gebildeten Kreis verlassen, und entfernte sich nun mit demselben langsamen und ruhigen Schritte, mit dem sie gekommen war, den Weg entlang, der nach Neuschâteau führt, ohne dem Anscheine nach zu beachten, dass der Boden, wie gesagt, mit zwei Zoll Schnee bedeckt war.

dies geschah, weil dieses seltsame junge Mädchen, dessen Geschichte wir zu schreiben unternahmen, in nichts seinen Gefährtinnen ähnlich war; ihre Geburt, ihre Kindheit, ihre Jugend, wurden von allen jenen weissagenden Zeichen angekündigt, begleitet oder gefolgt, die in den Augen derjenigen, welche sie umgeben, deutlich die Auserwählte des Herrn bezeichnen: man höre, was man damals mit dem Tone des Zweifels von ihr sagte, man Höre, was man seitdem mit der Stimme der Dankbarkeit und des Glaubens wiederholte.

Johanna, oder vielmehr Hannchen, wie man sie noch häufiger nannte, war zu Domremy geboren, einem anmutigen, von der Maas bewässerten, zwischen Neuschâteau und Vaucouleurs gelegenen Thale. Ihr Vater hieß Jakob d'Arc, und ihre Mutter Isabella Romée, Beide bekannt wegen ihrer strengen Redlichkeit, und im Genusse eines fleckenlosen Rufes. Die Nacht, in welcher Johanna geboren wurde, und die jene des Festes der heiligen Drei Könige im Jahre der Gnade 1412 war, woraus hervorgeht, dass zur Zeit, da diese Chronik beginnt, sie gerade siebzehn Jahre zählte, war eine von jenen festlichen Nächten, die der Himmel bisweilen der Erde spendet: obwohl das Wetter um diese Zeit gewöhnlich kalt und regnerisch zu sein pflegt, erhob sich gegen Abend ein sanfter Wind, ganz durch duftet von jenen süßen Wohlgerüchen, die man während der Dämmerung« des Monats Mai einatmet. Da es gegen das Ende eines Ruhetages geschah, dass diese Art von Wunder fühlbar wurde, hatte Jeder diese unverhoffte Wohltat genießen wollen, und die meisten Einwohner waren unter ihren Haustüren geblieben, als gegen Mitternacht ein Stern sich vom Himmel abzusondern schien, und in der Luft einen glänzenden Lichtstreifen furchend, auf das Haus des Jakob d'Arc herabschoß.

Zu gleicher Zeit krähten die Hähne, schlugen mit den Flügeln, und ließen unbekannte Töne vernehmen, obgleich die Zeit, zu welcher sie zu krähen pflegten, noch nicht gekommen war, und Jeder fühlte sich, ohne zu wissen warum, von einer so lebhaften Freude durchdrungen, dass alle Bewohner des Dorfes durch die Gassen zu eilen begannen, einander fragend, was denn so eben im Himmel oder auf Erden sich ereignet habe, wodurch ihr Herz in eine so große Fröhlichkeit versetzt werde. Unter jenen, die so herum eilten, befand sich ein alter Schäfer, wegen des Umstandes bekannt, dass er oft Weissagungen gemacht hatte, die sich verwirklichten, und der nicht nur zu Domremy, sondern auch auf zehn Meilen in der Runde in einem großen Wissensrufe stand; dieser alte Schäfer antwortete, von einigen Personen gefragt: ,.

»Drei vornehme Buhlerinnen haben Frankreich in's Verderben gestürzt,[2 - Diese drei Frauenpersonen waren: die Erste, Eleonore, Gemahlin Ludwigs des Jüngern, die, von ihrem Gemahl Verstoßen, in zweiter Ehe Heinrich von Anjou, König von England heiratete, und ihm als Mitgift Aquitainen, Poitou, Touraine und Maine zubrachte, welche, mit dem Herzogtum Normandie und der Grafschaft Anjou vereinigt, den dritten Teil Frankreichs in die Hunde seiner Feinde lieferten:Die Zweite, Isabelle von Frankreich, Gemahlin Eduards III. die, auf ihren Sohn Eduard III. die Rechte übertragend, welche sie auf den Thron von Frankreich zu haben behauptete, jenen berüchtigten Krieg herbeigeführt hatte, der noch währte, und folglich die Schlachten von Crécy, Poitiers und Azincourt, die drei blutigsten Episoden desselben:Und die Dritte, Isabelle von Bayern, Mutter Karls VII., welche jetzt die Engländer und Burgunder gegen ihren eigenen Sohn aufhetzte.Die Jungfrau, welche Frankreich retten sollte, war die von jenen drei königlichen Buhlerinnen so hart kompromittierte, niedrige Bäuerin, deren Geschichte wir schreiben. A.D.] eine Jungfrau wird es retten.«

Man schenkte diesen Worten um so größere Aufmerksamkeit, als sie mit einer alten Prophezeiung Merlin's übereinstimmten, also lautend:


Descendet virgo dorsum sagitari


Et flores virgineos obscultavi

Und Jeder redete lange davon, in der Hoffnung irgend eines großen Ereignisses.

Am folgenden Tage erfuhr man, dass gerade zu dieser Mitternachtsstunde Isabelle Romée, das Weib des Jakob d'Arc, von einer Tochter entbunden wurde.

Am folgenden Tage wurde dieses Mädchen getauft, und erhielt den Namen Johanna. Der Priester, welcher sie taufte, hieß Nynet. Sie hatte zwei Paten und zwei Patinnen. Ihre zwei Paten hießen Johann Barrent und Johann Lingue, und ihre zwei Patinnen Johanna und Agnes.

Ungeachtet aller Zeichen der Vorbestimmung, die bei ihrer Geburt sich kund gaben, verfloss Johanna's Kindheit wie jene der übrigen Kinder; als sie das Alter von sieben Jahren erreicht hatte, verwendeten sie ihre Eltern, wie es bei Landleuten gebräuchlich ist, zur Hütung ihrer Heerde; ein Umstand, den man anfangs nicht beachtete, aber späterhin bemerkte, war: dass nie ein Schaf oder Hammel Johanna's sich verirrte. Wenn irgend ein Lamm sich verlief, brauchte sie ihm bloß bei dem Namen zu rufen, den sie ihm zu geben pflegte, und das Lamm kehrte sogleich zurück. Wenn der Wolf aus dem Walde hervorbrach, brauchte sie ihm bloß mit ihrem Schäferstabe entgegen zu gehen, mit einem einfachen Baumzweige, oder auch nur mit einer Blume, und der Wolf trabte auf der Stelle in den Wald zurück, aus dem er gekommen war. Endlich ereignete sich, so lange sie im väterlichen Hause war, nie das mindeste Unglück darin, und war die erbliche Hütte Zeugin irgend eines Unfalles, so erinnerte man sich späterhin, dass dieser Unfall immer wahrend der Abwesenheit Johanna's eintrat. Johanna erreichte so das Alter von zwölf Jahren, und der Segen Gottes folgte ihren Schritten, aber ohne dass irgend etwas von der Zukunft sich ihr kund gab, für welche sie bestimmt war.

Eines Tages, da sie auf einer zwischen Domremy und Neuschâteau gelegenen Wiese mit mehreren von ihren Gefährtinnen die Heerden hütete, machten die jungen Mädchen den Vorschlag, gemeinschaftlich einen Blumenstrauß zu binden, und wenn er fertig sein würde, ihn zum Preise eines Wettlaufes unter ihnen zu bestimmen. Johanna nahm den Vorschlag an, und wirkte mit den Uebrigen zur Vollendung des Blumenstraußes mit, dann gelobte sie ihn in dem Momente des Fortlaufens, um zu erfahren, wer ihn gewänne, der heiligen Katharina, mit dem Versprechen, denselben auf ihren Altar zu legen, wenn er in ihren Besitz käme; kaum hatte sie dieses Gelübde getan, als das Zeichen zum Aufbruch gegeben wurde, und die jungen Mädchen wie ein Schwarm von Turteltauben dahinstoben; aber bald überflügelte Johanna alle ihre jungen Freundinnen, und zwar mit einer solchen Schnelligkeit, dass ihre Füße kaum den Boden berührten, und jene, die ihr zunächst folgte, nach einer Strecke von hundert Schritten, ganz entmuthigt, mit dem Ausrufe stehen blieb:

»Hannchen! Hannchen! Du läufst nicht auf dem Boden, wie wir, Du stiegst durch die Luft, wie ein Vogel.«

»In der Tat fühlte sich das junge Mädchen, ohne zu wissen, warum und wie, emporgehoben, wie dies bisweilen in einem Traume geschieht, und immer so über den Boden hinstreichend, gelangte sie an das Ziel, und raffte den Blumenstrauß auf; doch da sie den Kopf emporhob, stand ein schöner junger Mann da, den sie nicht gesehen hatte, schaute sie lächelnd an, und sagte zu ihr:

»Johanna, lauft schnell nach Hause, denn Eure Mutter bedarf Eurer.«

Johanna, in der Meinung, dass dieser junge Mann irgend ein Bursche aus Neuschâteau sei, den ihre Mutter oder ihre Brüder mit diesem Auftrage zu ihr schickten, ließ ihre Heerde unter der Obhut von einer ihrer Gefährtinnen, und machte sich eilig auf den Weg nach Hause; aber auf der Schwelle angekommen, fragte ihre Mutter sie, warum sie vor der gewöhnlichen Zeit zurückkehre, und woher sie komme, und warum sie so ihre Heerde verlasse.

»Habt Ihr mir nicht gerufen?« fragte Johanna.

»Nein,« antwortete die Mutter.

Hierauf legte Johanna ihren Blumenstrauß vor dem Altare der heiligen Katharina nieder, und kehrte wieder durch den Garten ihres Hauses zurück, um nicht die ganze Straße entlang gehen zu müssen, und um so den Weg durch Abschneiden kürzer zu machen; aber im Garten angekommen, hörte sie eine Stimme zur Rechten, von der Kirche her; Johanna hob den Kopf empor, und sah eine leuchtende Wolke; die Stimme kam aus dieser Wolke, und sprach:

»Johanna, Du bist geboren, um wunderbare Dinge zu verrichten, denn Du bist die vom Herrn zur Wiedereinsetzung des Königs Karl auserwählte Jungfrau; als Mann gekleidet, wirst Du die Waffen ergreifen, Kriegsanführer sein, und Alles im Königreiche wird nach Deinem Rathe geschehen.«

Nachdem die Stimme diese Worte gesprochen hatte, hörte sie auf, sich vernehmen zu lassen, die Wolke verschwand, und das junge Mädchen blieb still und unbeweglich, über ein solches Wunder erschrocken.

Späterhin, und nach Johanna's Vollzuge ihrer Mission bemerkte man, dass sie diese erste Erscheinung am 17. August 1424 gehabt hatte, nämlich gerade am Tage der Schlacht von Verneuil, in welcher gefallen waren: der Graf von Douglas, Herr Jakob, sein Sohn, der Graf von Buchan, der Graf von Aumale, Johann von Harcourt, der Graf von Tonnere, der Graf von Bentadour, der Herr von Roche-Baron, der Herr von Samaches, und so viele andere edle und loyale Ritter, dass man diese Schlacht für den Adel Frankreichs eben so verhängnisvoll hielt, als es jene von Crécy, von Poitiers und Azincourt gewesen waren.

Indessen erholte sich Johanna wieder, und schlug wieder den Weg nach der Wiese ein, an ihre Heerde denkend, die sie allein gelassen: ihre Heerde hatte sich von selbst geschart, und wartete vereinigt unter einem schöne n Maibaume auf sie, den man den Baum der Damen oder den Baum der Feen nannte, weil Bauern, die bisweilen bei Nacht heimkehrten, daselbst lange weiße Gestalten tanzen gesehen zu haben behaupteten, welche jedes mal, wenn man sich ihnen näherte, in der Luft zerstoben, oder im Nebel verschwammen. Eine von Johanna's Tanten gehörte ebenfalls zu jenen, die daselbst ähnliche Erscheinungen getroffen zu haben vorgaben; aber obgleich Johanna oft dort mit ihre n jungen Freundinnen tanzte, und vorzüglich sang, hatte sie für ihre Person nie etwas dergleichen gesehen. Dieser Baum stand einem Walde gegenüber, den man den Wald Chenu hieß, und neben einer Quelle, wohin arme fieberkranke Leute in großer Zahl kamen: dieser Baum, einer der schönsten,, die man sehen konnte, und der eine große Berühmtheit allen diesen Erzählungen verdankte, gehörte dem Herrn Peter von Bolemont, Seigneur von Domremy..

Johanna blieb den ganzen Tag in der Umgebung dieses Baumes, den sie sehr liebte, Kronen flechtend zu Ehren der heiligen Katharina und der heiligen Margareth, denen sie eine große Andacht weihte, und Kronen an die Aeste dieses Baumes hängend; brach dann der Abend an, so führte sie ihre Heerde wieder nach Hause.

Da Johanna mit zwölf Jahren groß zu werden begann, und zudem schlank und gut gewachsen war, beschlossen ihre Eltern, sie nicht mehr auf das Feld zu schicken, und dass ihr Bruder Peter, ein Jahr jünger als sie, fortan statt ihrer die Heerde hüten solle; man lehrte sie dann die verschiedenen Nadelarbeiten, die sich für eine Frauensperson schicken, und es gelang ihr bald, hierin eben so geschickt zu sein, als die geschickteste Hausfrau des Dorfes.

Die Erinnerung an das Abenteuer im Garten, tauchte jedoch zehnmal des Tages wieder in ihrem Innern auf, und der Klang jener von ihr gehörten wunderbaren Stimme, schlug unablässig an ihr Ohr. An einem Sonntage, da sie nach Entfernung Aller in der Kirche geblieben war, in ihr Gebet versunken, vernahm sie plötzlich die nämliche Stimme, welche ihr bei ihrem Namen rief; sie schaute empor, und es dünkte ihr, das Gewölbe der Kirche habe sich aufgetan, um eine schöne goldene Wolke hereinschweben zu lassen, und mitten in dieser Wolke sah sie einen jungen Mann, den sie für denjenigen erkannte, der mit ihr auf der Wiese sprach; aber da er diesmal lange weiße Flügel an den Schultern trug, begriff sie, dass er ein Engel sei, fühlte sich ganz erfreut ob diesem Anblicke, und fragte ihn sanft:

»Monseigneur, habt Ihr mir gerufen?«

»Ja, Johanna,« antwortete der Engel, »ich.«

»Was wollt Ihr von Eurer Magd?« fragte Johanna.

»Johanna,« versetzte der schöne junge Mann, »ich bin der Erzengel Michael, und ich komme im Namen des Königs des Himmels, um Dir zu sagen, dass er Dich unter den Frauenspersonen auserwählt hat, um das Königreich Frankreich von der Gefahr zu befreien, die es bedroht.«

»Und was kann ich hierzu tun, ich arme Schäferin auf den Feldern?« fragte Johanna.

»Bleibe immer ein sittsames Kind, wie Du es bisher warst,« entgegnete der Engel, »und wenn die Zeit gekommen sein wird, werden wir es Dir sagen, die heilige Katharina, die heilige Margareth, und ich; denn Beide haben eine wunderbare Freundschaft zu Dir gefasst, zur Belohnung der großen Andacht, die Du ihnen weihst.«

»Der Wille Gottes geschehe,« erwiderte das junge Mädchen, »und er verfüge über seine Magd, wann und wie es ihm belieben wird.«

»Amen!« sagte der Engel, und die Wolke, über ihm sich wieder schließend, entschwebte durch das Gewölbe der Kirche, und verschwand.

Von diesem Momente an hegte Johanna keinen Zweifel mehr: es war weder eine Erscheinung, noch ein Traum, sondern eine wunderbare Wirklichkeit, und da in diesem Augenblicke der Priester, der die Messe gelesen hatte, durch die Kirche schritt, um in das Pfarrhaus zu gehen, bat ihn Johanna, sie Beichte zu hören, und erzählte ihm, was sie so eben gesehen und gehört hatte. Der Priester, ein alter einfacher und guter Pfarrer, hatte eine große Freude über dieses Geständnis Johannas, die er wegen ihrer Bescheidenheit und Andacht immer geliebt hatte; dann anempfahl er ihr, von diesen Erscheinungen Niemanden etwas zu sagen, und pünktlich die Befehle zu vollziehen, die sie vom Himmel erhalten würde.

Drei Jahre verflossen, ohne dass Johanna wieder etwas von dem sah, was sie gesehen hatte, aber sie fuhr fort, groß zu werden, frisch und bescheiden, wie eine Feldblume, und obgleich nichts von diesem himmlischen Schutze materiell den Augen dessen sich kund gab, was sie umgab, fühlte sie sich doch innerlich in der Gnade des Herrn; daher dünkte es ihr oft, wenn sie allein war, die Chöre der Engel zu vernehmen, und dann erhob sie sanft die Stimme, und sang Liedchen nach einer unbekannten Weise, die sie nicht wieder finden konnte, wenn diese himmlische Musik verklungen war. Oft auch, wenn der Winter gekommen war, wenn der Schnee die Erde bedeckte, ging sie aus, und sagte, dass sie einen Blumenstrauß für ihre Heiligen pflücken wolle: so nannte sie die heilige Katharina und die heilige Margareth, und Jeder machte sich lustig über sie, die ganz mit Schnee bedeckten Gefilde ihr zeigend, und sie lächelte sanft, verließ das Dorf auf dem Wege nach Neuschâteau, und kehrte mit einer schönen Krone von Veilchen, von Schlüsselblumen und Goldknöpfen[3 - Eine Spielart der Wiesenranunkeln, von goldgelber Farbe. D. Ü.] heim, die sie gepflückt und unter dem Baume der Damen geflochten hatte.

Welche Sicherheit verhießen; es gab keinen Anbau, und folglich keine Ernten mehr, mit Ausnahme eines Bogenschusses im Umkreise der Mauern; eine Schildwache stand immer auf dem Kirchthurme, und läutete Sturm, sobald sie den Feind bemerkte. Bei diesem Dröhnen kehrten die Feldarbeit« eilig zurück, ohne sich um ihre Heer» den zu kümmern; denn auch die Heerden hatten diesen Schall erkennen gelernt, und rannten hastig heimwärts, sobald sie die Glocke ertönen hörten, brüllend und blökend mit kläglicher Stimme, und an den Thoren um den Vortritt sich drängend und kämpfend, um sich unter dem Schutze der Menschen in Sicherheit zu bringen.

Dann schauten sie ihre jungen Gefährtinnen erstaunt an, und als sie ebenfalls hingingen, und nichts fanden, sagten sie, dass die Feen der Johanna diese Kronen schon geflochten geben. Noch seltsamer endlich war der Umstand, dass die scheuesten Thiere sie durchaus nicht fürchteten, und die kleinen Rehe und jungen Pfaue zu ihren Füßen spielten und hüpften, und oft irgend eine Grasmücke oder irgend ein Stieglitz kam und sich auf ihre Schulter setzte, und da sein melodisches Lied sang, wie wenn er auf dem höchsten Zweige eines Baumes gesessen wäre.

Während dieser drei Jahre ging es mit den Angelegenheiten des Königs und Frankreichs immer schlimmer; das Königreich war bis an die Loire einer großen Wüste gleich geworden, die Felder lagen öde, die Dörfer in Ruinen, und die einzigen bewohnten Orte waren die Wälder und Städte; die Wälder, wegen ihrer Dicke, welche eine Zuflucht bot; die Städte, wegen ihrer Mauern, welche Sicherheit verhießen; es gab keinen Anbau, und folglich keine Ernten mehr, mit Ausnahme eines Bogenschusses im Umkreis der Mauern; eine Schildwache stand immer auf dem Kirchturm, und läutete Sturm, sobald sie den Feind bemerkte. Bei diesem Dröhnen kehrten die Feldarbeiter eilig zurück, ohne sich um ihre Heerden zu kümmern; denn auch die Heerden hatten diesen Schall erkennen gelernt, und rannten hastig heimwärts, sobald sie die Glocke ertönen hörten, brüllend und blökend mit kläglicher Stimme, und an den Toren um den Vortritt sich drängend und kämpfend, um sich unter dem Schutz der Menschen in Sicherheit zu bringen.

Um diese Zeit, nämlich gegen den Anfang des Jahres 1428, wurde Monseigneur Thomas von Montaigu, Ritter, Graf von Salisbury, von den drei Ständen Englands beauftragt und entsendet, Frankreich zu bekriegen. Da nun die Kunde von diesem Feldzuge dem Herzog von Orleans zukam,der seit der Schlacht von Azincourt Gefangener in der Stadt London war, ohne dass die Engländer ihm gestatteten, sich loszukaufen, ging er zu dem Grafen von Salisbury, und bat ihn, als guter und loyaler Feind, nicht Güter und Domainen mit Krieg zu überziehen, die er, als abwesend, nicht mehr vertheidigen könne; der Graf versprach es ihm eidlich, landete, nach Ueberschiffung des Meeres, mit einer großen Macht zu Calais, und schlug sogleich den Weg nach jenem Theile Frankreichs ein, der noch nicht erobert war.

Auf diese Art wurde die Gefahr dringender, als sie jemals gewesen war; daher erschienen Johanna's Visionen wieder. Das erste mal, da sie den heiligen Michael wieder sah, war er, wie er es dem jungen Mädchen versprochen hatte, von der heiligen Katharina und der heiligen Margareth begleitet; die beiden Heiligen nannten sich selbst der Johanna, und dankten ihr für ihre Andacht zu ihnen, und sagten ihr, dass, weil sie fromm, gut und sittsam geblieben, Gott sie noch immer für jene halte, welche Frankreich befreien sollte: sie befahlen ihr folglich, zu dem Könige Karl VII. zu gehen, und ihm zu sagen, dass sie aus Auftrag Gottes komme, um Kriegsanführer zu werden, und mit den Franzosen gegen die Engländer und Burgunder zu marschieren.

Johanna blieb stumm bei diesem Befehle: denn sie war schwach und furchtsam wie ein junges Mädchen, konnte nicht leiden sehen, ohne gerührt zu werden, kein Blut stießen sehen, ohne zu weinen; wie kam es also, dass man ihr, einem Herzen voll Mitleiden, befahl, das harte Werk eines Kriegsmeisters zu vollbringen? Daher bebte sie, das arme Kind von sechzehn Jahren, vor der schrecklichen Zukunft zurück, die ihr beschieden war, Gott bittend, sie in ihrer Niedrigkeit zu lassen, und irgend einer Andern, Würdigeren, als sie, das Gewicht dieser blutigen Erwählung aufzuladen.

Aber Johanna war gewählt; weder stumme Herzensaufschwünge, noch Bitten mit lauter Stimme, sollten den Beschluss der Vorsehung ändern. Eines Tages, da sie bei einer kleinen, der Jungfrau Maria geweihten, und an einem Kreuzwege des Waldes Chenu erbauten Kapelle kniete, schwebte die Wolke wieder zwischen ihren Augen und dem Himmel herab, aber diesmal noch leuchtender, als gewöhnlich; sie öffnete sich dann, und enthüllte die drei Abgesandten des Herrn; nur waren diesmal die beiden Heiligen, die bei ihrer ersten Erscheinung nur eine Armlänge hatten, in natürlicher Größe. Nun schlug Johanna die Augen nieder, denn menschliche Blicke konnten diesen göttlichen Glanz nicht ertragen, und sie hörte, ohne zu wissen, welche von den drei himmlischen Personen mit ihr sprach, eine Stimme, die ihr den Vorwurf machte:

»Warum zögerst Du so, Johanna? Auf was wartest Du, da der Befehl gegeben ist, und warum beeilst Du Dich nicht, ihn zu vollziehen? In Deiner Abwesenheit wird Frankreich zerfleischt, die Städte sind zertrümmert, rechtschaffene Leute gehen zu Grunde, die Edlen werden niedergemetzelt, und ein kostbares Blut fließt zu Boden, wie wenn es das unnütze und schlammige Wasser der Ströme wäre. Ziehe also von dannen, Johanna, ziehe also hurtigen Schrittes von dannen, da der König des Himmels Dich gesendet hat!«

Johanna ging nun zu ihrem Beichtvater, und erzählte ihm, was sie so eben gesehen und gehört hatte. Der alte Priester erteilte ihr den Rat, zu gehorchen.

»Aber,« versetzte Johanna, »wenn ich auch von dannen ziehen möchte, wie könnt' ich es tun?« Ich kenne die Wege nicht, ich kenne weder das Volk noch den König; sie werden mir nicht glauben; Jedermann wird über mich lachen, und mit Recht, denn was gibt es Unsinnigeres, als zu den Großen zu sagen: »»Ein Kind wird Frankreich befreien, durch seine Fähigkeit die militärischen Unternehmungen leiten, den Sieg durch seinen Mut zurückführen;-« und was ist übrigens seltsamer und unschicklicher, mein Pater, als ein junges Mädchen in Mannskleidern?«

Auf diese so vernünftige Rede wusste der alte gute Priester nur zu antworten, dass Gott sehr mächtig sei, und dass man gehorchen müsse; als dann Johanna zu weinen begann, an das ihr auferlegte peinliche Werk denkend, tröstete und stärkte er sie, so gut er es vermochte, indem er zu ihr sagte, sie solle noch warten, und das erste mal, da sie den heiligen Michael und die beiden Heiligen wieder sähe, sie fragen, wie sie es anstellen, welchen Weg sie nehmen, und an welchen Ort sie gehen müsse.

Einige Monate lang, entweder weil die Stimmen, wie sie sie nannte, ob ihrer Unschlüssigkeit zürnten, oder weil die Zeit, zu handeln, noch nicht gekommen war, sah Johanna jedoch nichts. Dann wurde sie besorgt; das arme Kind wähnte, bei dem Herrn in Ungnade gefallen zu sein, und da sie von ihren himmlischen Beschützerinnen sich verlassen sah, setzte sie ein Gebet zusammen, um sie zu bitten, wieder zu ihr zu kommen, dann kniete sie sich vor den Altar der heiligen Katharina hin, und sagte es aus der tiefsten Tiefe ihres Herzens her. Das Gebet lautete, wie folgt:

»Ich bitte Unsern Erlöser und Unsere Liebe Frau, mir Rat und Beistand hinsichtlich dessen zu senden, was ich nach ihrem Willen tun soll, und zwar durch die Vermittlung des seligen heiligen Michael, und der seligen heiligen Katharina und der heiligen Margareth.«

Kaum hatte Johanna diese Worte ausgesprochen, als die leuchtende Wolke herabschwebte, und sich wie gewöhnlich öffnete, und die himmlischen Abgesandten erschienen. Nur war es diesmal der Engel Gabriel, der die beiden Heiligen begleitete. Nun senkte Johanna den Kopf, und die gewöhnliche Stimme ließ sich vernehmen:

»Woher kommt es, dass Du zweifelst und zauderst, Johanna?« sagte die Stimme. »Woher kommt es, dass Du fragst, auf welche Weise die Dinge, welche Du vollbringen sollst, geschehen werden? Du weißt den Weg nicht, der zum Könige führt, sagst Du; auch die Israeliten wussten den Weg nicht, der sie in das gelobte Land führen konnte, und dennoch brachen sie auf, und die Flammensäule führte sie.«

»Aber,« erwiderte Johanna, durch die Sanftheit dieser Stimme ermutigt, von der sie glaubte, sie würde zürnen, »wo ist der Feind, den ich bekämpfen, und wie lautet der Auftrag, den ich vollziehen soll?«

»Der Feind, den Du bekämpfen sollst,« antwortete die Stimme, »ist in der Gegend von Orleans, und damit Du keinen Zweifel mehr hegst, dass wir Dir die Wahrheit sagen, wisse, dass heute sein Kriegsanführer, der Graf von Salisbury, getötet wurde; der Auftrag, den Du vollziehen sollst, besteht darin, die Belagerung der guten Stadt des Herzogs von Orleans aufzuheben, der Gefangener in England ist, und Karl VII. zur Salbung nach Rheims zu führen; denn so lange er nicht gesalbt sein wird, wird er nur Dauphin sein, und nicht König.«

»Aber ich kann nicht so allein gehen,« versetzte Johanna. An wen muss ich mich wenden, auf dass er mir Hilfe und Beistand leiste?«

»Du hast Recht,« antwortete die Stimme; »geh also in den benachbarten Ort, Namens Vaucouleurs, der allein in der Champagne seine Treue dem Könige bewahrte, und dort verlange mit dem guten Ritter Robert von Beaudricourt zu sprechen; sag ihm beherzt, in wessen Namen Du kommst, und er wird Dir glauben. Und damit man Dich nicht zu täuschen suche, oder etwa an einen Andern weise, blick auf, und Du wirst das wahre Ebenbild dieses Ritters sehen.«

Johanna hob den Kopf empor, und sah wirklich einen Ritter ohne Helm, ohne Schwert und ohne Sporen; sie schaute ihn einige Secunden lang an, um seine Züge ihrem Gedächtnisse wohl einzuprägen; dann verschwand nach und nach diese neue Erscheinung. Johanna kehrte sich zu dem Heiligen und den heiligen Jungfrauen um, allein sie waren wieder zum Himmel empor geschwebt.

Von nun an zauderte Johanna nicht mehr, und bereitete sich in ihrem Herzen zum Aufbruch vor; aber den Entschluss zu ergreifen, so Eltern und Heimat zu verlassen, dies war für ein junges Mädchen so schrecklich, dass die Tage sich folgten, und Johanna kraftlos, ihre Zeit mit Weinen zubrachte. Eines Tages, da sie ganz in Tränen zerstoß, überraschte sie ihr junger Bruder Peter: sie liebte ihn sehr, und auch er liebte sie sehr. Er fragte sie, was ihr fehle. Johanna erzählte ihm Alles. Der Knabe erbot sich, mit ihr fortzugehen; dies war Alles, war er ihr bieten konnte.

Einige Tage verflossen noch; die Nachricht von der Belagerung von Orleans, und von der großen Gefahr, in welcher die Stadt schwebte, verbreitete sich von allen Seiten, und verdoppelte die Bestürzung derjenigen, die dem Könige treu geblieben waren. Unter diesen Verhältnissen geschah's, dass der heilige Dreikönigstag kam, und zu Domremy die Ereignisse stattfanden, die wir in unserem ersten Kapitel erzählten.

Diese Ereignisse verkündeten der Johanna, dass die Stunde ihres Ausbruchs gekommen sei; denn sie hatte den Herrn von Beaudricourt so ähnlich dem Bildnisse gesehen, dass sie nur einen Blick auf ihn zu werfen brauchte, um ihn wieder zu erkennen; sie hatte also den Entschluss gefasst, die Einsamkeit zu suchen, um einmal noch ihre Stimmen um Rat zu fragen, und wenn ihre Stimmen ihr aufzubrechen gebieten sollten, wär's auch auf der Stelle, so war sie diesmal entschlossen, ihnen zu gehorchen.




Drittes Kapitel.

Der Capitain von Beaudricourt


Kaum hatte Johanna einige Schritte auf dem Wege gemacht, als die Vögel der Felder und Wälder, die durch den gefallenen Schnee seit dem vorigen Tage der Nahrung beraubt waren, um sie herum flatterten, als ob sie es gewusst hätten, dass Johanna ihnen Körnchen bringe. Das junge Mädchen erinnerte sich nun, dass dies ihre erste Absicht war, und sie säte, während sie ihres Weges ging, Getreide und Hanfsamen um sich her, wovon sie, wie Peter sagte, zu Hause Vorrat geholt hatte. So gelangte sie unter den Baum der Feen, der zu dieser Zeit seines schönen Laubwerkes beraubt war, immer noch von ihrer geflügelten Bedeckung begleitet, welche die Zweige des schönen Maibaumes bedeckte, und das Lob Gottes in einer Sprache zu singen begann, die, wenn auch den Menschen unverständlich, deshalb von, Gott nicht weniger verstanden wird.

In diesem Momente verkündete die Dorfglocke Mittag; Johanna hatte bemerkt, dass vorzüglich wenn die Glocken geläutet wurden, die Visionen sich bei ihr einzustellen pflegten. Sie kniete sich dann nieder, wie sie es zu tun gewohnt war, sobald sie diese eherne Stimme hörte, die zu den Menschen im Namen des Herrn spricht, und richte« voll Hoffnung und Vertrauen an die Heiligen und heiligen Frauen ihre gewöhnliche Bitte. Johanna hatte nicht vergebens geglaubt und gehofft. Kaum war das Gebet zu Ende, als die Vögel, welche die Zweige des Baumes bedeckten, verstummten, die Wolke herabschwebte, und ihre himmlischen Beschützer vor ihren Augen erschienen.

»Johanna,« sagten sie zu ihr, »Du hast Vertrauen auf Gott und uns gehabt; sei gesegnet! tu, was befohlen wurde, Kind; ziehe dahin, ohne Besorgnis, Dich zu verirren, und laß Dich durch eine erste Weigerung nicht abschrecken: der Herr und König des Himmels wird Dir die Überredung verleihen.«

»Aber soll ich so,« fragte Johanna, »auf den Wegen ganz allein der Gefahr mich aussetzen, oder mich in Städte wagen ohne sichtbaren Schutz, und wird man mich nicht für irgend ein entlaufenes Kind, oder irgend eine Abenteurerin von schlechtem Leben halten?«

»Der Schutz Gottes genügt dem, der an Gott glaubt, Johanna; aber weil Du einen Beschützer wünschest, so wird der Herr Dir, bevor Du wieder von Deinen Knien Dich erhoben hast, einen solchen senden. Also keinen Aufschub, keine Unschlüssigkeit mehr: auf, auf, Johanna, denn der Augenblick ist gekommen.«

»Der Wille des Herrn geschehe!« versetzte Johanna. »Ich bin nur die Demütigste unter seinen Mägden, und werde gehorchen.«

Kaum hatte Johanna diese Worte gesprochen, als die Wolke entschwebte, und die Vögel ihre Gesänge wieder begannen. Johanna vollendete ein innerliches Gebet, ein frommes und kindliches Gebet, worin sie ihre Eltern bat, ihr zu verzeihen, wenn sie so dieselben verließe, ohne ihnen Lebewohl zu sagen, und sie um ihren Segen zu bitten. Aber Johanna kannte ihren Vater: er war ein Mann von strengem Herzen und Geiste, und sie wusste, dass er ihr niemals erlauben würde, das Haus zu verlassen, um sich so mitten unter Kriegsleute und Schlachtfelder zu wagen.

Johanna lag noch auf den Knien, als sie hörte, dass man ihr rief. Zu gleicher Zeit flogen alle Vögel davon, die auf den Bäumen sangen. Johanna wendete sich um, und erblickte ihren Oheim Durand Haxart. Sie begriff, dass dies der Beschützer sei, welchen ihre Stimmen ihr verhießen, und sogleich sich erhebend, ging sie gerade auf ihn zu, voll Vertrauen und Heiterkeit, obwohl die unwillkürlichen Tränen des Scheidens noch in den Wimpern ihrer langen Augenlider zitterten.

»Du bist's, Hannchen?« sagte Meister Durand; »was machst Du denn da, mein Kind, während Dein Vater und Deine Mutter Dich überall suchen?«

»Ach! mein Oheim,« antwortete das junge Mädchen, traurig den Kopf schüttelnd, »sie werden mir noch lange so rufen, und mich suchen, denn ich habe sie so eben, vielleicht für immer, verlassen.« .

»Und wohin gehst Du denn, Hannchen?«

»Ich gehe, wohin mich Gott sendet, mein Oheim, und meine Stimmen sagten mir so eben, dass ich darauf zählen könnte, Ihr würdet mich dorthin begleiten, wohin ich gehe.«

»Höre, Hannchen,« versetzte Meister Durand, »hättest Du mir diesen Morgen einen solchen Antrag gemacht, so würde ich Dich bei dem Arme genommen, zu Deinem Vater zurückgeführt, und ihm geraten haben, Dich fortan besser zu hüten; als er es bisher tat; aber in Folge dessen, was ich mit meinen Augen sah und mit meinen Ohren hörte, fühle ich mich ganz geneigt, Dir beizustehen, wär's auch, um eine Torheit zu begehen. Erzähle mir also, was Dir begegnete, sprich, worin ich Dir nützen kann, und zähle auf mich.«

Johanna schlug mit ihrem Oheim den Weg nach Neuschâteau ein, wo er wohnte, und setzte ihn, den ganzen Weg entlang, von den Vorfällen in Kenntnis, die wir so eben selbst erzählten, so, dass durch die den ungläubigen Leuten so natürliche Gegenwirkung, Herr Durand Haxart, vor der Türe seines Hauses ankommend, Johanna ermutigte und tröstete. Dennoch hielt er es für passend, eine kleine Aenderung an dem von dem jungen Mädchen gewühlten Plane zu machen; dieser Plan bestand darin, ihr nach Vaucouleurs voranzugehen, und den Capitain Robert von Beaudricourt von dem Besuche in Kenntnis zu setzen, den er bekommen winde; da Johanna vorzüglich Anstand nahm, allein sich ihm vorzustellen, empfing sie das Anerbieten ihres Oheims mit Dankbarkeit.

Meister Durand brach am folgenden Tage auf; aber der Empfang von Seite des Capitains Beoudricourt war weit entfernt, seiner Erwartung zu entsprechen: es hatte bereits eine Frauenperson, Namens Marie Davignon, auf Merlins Weissagung sich stützend, dem Könige vorgestellt zu werden verlangt, behauptend, dass sie ihm wichtige Dinge zu offenbaren habe, aber als sie einmal vor ihm stand, ihm nur zu sagen gewusst, dass einst ein Engel ihr erschienen war, der ihr Waffen reichte, und bei dem Anblicke dieser Waffen eine so große Furcht sie befiel, dass der himmlische Abgesandte ihr zu sagen sich beeilte, diese Waffen seien nicht für sie bestimmt, sondern für eine andere Frauenperson, welcher es vorbehalten wäre, Frankreich zu retten. Nun aber antwortete der Capitain Beaudricourt, der mit irgend einer Abenteurerin vom nämlichen Schlage zu tun zu haben fürchtete, dem Meister Durand, dass seine Nichte eine Verrückte sei, und dass er ihm rate, sie nach tüchtiger Beohrfeigung zu ihrem Vater und ihrer Mutter zurück zuführen.

Meister Durand hinterbrachte diese Antwort seiner Nichte, die sogleich zu beten begann, die Stimme in den gewohnten Ausdrücken anstehend: diesmal, wie sonst erschienen der Erzengel und die Heiligen. Johanna befragte sie wegen des so eben stattgefundenen Misslingens, und die Stimme sagte zu ihr:

»Du hast gezweifelt, Johanna, während Gott glaubensvolle Herzen will; Gott befahl Dir, selbst hinzugehen, und Du sendetest einen Andern, und diesem Andern ist

es nicht gelungen, denn Dir allein verlieh Gott die Gabe der Überredung. Geh also, denn Alles kann noch wieder gut gemacht werden, indessen, wenn Du zauderst, Alles verloren sein wird.«

Johanna sah, dass sie nicht mehr zögern dürfe, und brach an dem Tage auf, welcher der Freitag nach dem Dreikönigsfeste, im Jahre der Gnade 1429 war; sie kam bei Nacht nach Vaucouleurs: ihr Oheim, der sie begleitete, klopfte an die Tür eines Wagners, der sie gastfreundlich aufnahm. Das Weib des Wagners wollte das eigene Bett mit Johanna teilen; aber Johanna lehnte es ab, schickte sich zum Gebete an, und betete, bis der Tag kam.

Dieses Gebet verlieh ihr eine so große Zuversicht, dass sie, als sie glaubte, dass die Stunde gekommen sei, bei dem Herrn von Beaudricourt zu erscheinen, den Beistand ihres Oheims mit der Bemerkung ablehnte, die Stimmen hätten ihr befohlen, allein hinzugehen; wirklich stellte sie sich gegen neun Uhr Morgens bei dem Capitain ein. Da es noch sehr früh war, ergötzte dieser Besuch die Reisigen sehr, welche sie sogleich zu ihrem Gebieter führten, obgleich er in diesem Augenblicke mit einem tapferen Ritter, Namens Johann von Novelompont, eine Unterredung pflog, der gerade von Chien, an der Loire, kam, und dem Herrn von Beaudricourt die Nachricht von dem Tode des Grafen von Salisbury brachte.

Johanna trat ein, näherte sich dem Capitain, und sagte zu ihm:

»Herr Robert, wisst, dass mein Gebieter mir seit langer Zeit befahl, zu dem edlen Dauphin zu gehen, welcher der einzige und wahre König von Frankreich sein soll, ist, und sein wird.«

»Und wer ist dieser Gebieter, meine Liebe?« fragte Herr von Beaudricourt lächelnd. ,

»Der König des Himmels,« antwortete Johanna.

»Und was wird geschehen, wenn Ihr bei dem Dauphin sein werdet?«

»dass der Dauphin mir Reisige geben wird; dass ich die Belagerung von Orleans aufheben, und nach ihrer Aufhebung ihn zur Salbung nach Rheims führen werde.«

Die beiden Rittet schauten sich an, und brachen in ein lautes Gelächter aus.

»Zweifelt nicht,« sprach Johanna mit der ihr eigentümlichen ernsten und ruhigen Miene, »denn, meiner Treue, ich sage Euch die genaue Wahrheit.«

»Aber es ist nicht das erste mal, dass ich Euch sehe, dünkt mir,« bemerkte Herr von Beaudricourt, Johanna anschauend.

»Ich bin's,« entgegnete das junge Mädchen, »die Euch am Dreikönigstage den Tod des Grafen von Salisbury verkündete, den dieser edle Ritter,« fügte sie bei, zu Johann von Novelompont sich wendend, »Euch so eben bestätigt hat.«

Der Ritter bebte, denn er war in der Nacht angekommen, und hatte mit Niemanden von der Nachricht gesprochen, die er brachte; selbst der Capitain wurde in seinem Zweifel erschüttert.

»Aber,« sagte er zu dem jungen Mädchen, »wenn Du früher, als irgend Jemand, den Tod des edlen Grafen wusstest, so musst Du auch wissen, auf welche Art er starb?«

»Ja, ohne Zweifel,« antwortete Johanna; »er stand bei einem Fenster in einem Türmchen, von wo aus er die gute und treue Stadt Orleans betrachtete, als der Herr, welcher die Menschen nach ihrem Verdienste kennt, behandelt und belohnt, zugab, dass er von einem Steinsplitter getroffen wurde, der ihm das Auge ausstach, und woran er zwei Tage nachher verschied.«

Die beiden Ritter schauten sich erstaunt an, denn alle diese Einzelheiten waren höchst genau. Da jedoch diese Offenbarungen eben sowohl aus der Hölle, als vom Himmel kommen konnten, so entließ Herr von Beaudricourt, um Zeit zur Überlegung zu erhalten, Johanna, ohne ihr etwas zu versprechen.

Johanna kehrte zum Wagner zurück, ohne noch von dem kalten Empfange, den sie gefunden, allzu sehr abgeschreckt zu sein, denn ihre Stimmen hatten ihr gesagt, dass man einige Zeit an ihr zweifeln, zuletzt aber Gott die Gabe der Überredung ihr verleihen würde. Dort hielt sie sich auf, so wenig Platz als möglich bei diesen guten Leuten einnehmend, um sie nicht zu beengen, brachte ihre Tage in der Kirche zu, beichtete unablässig, fastete und kommunizierte, und hörte nicht auf, zu wiederholen, dass man sie zu dem edlen Dauphin führen müsse, und dass sie, daselbst angekommen, nach Aufhebung der Belagerung von Orleans, ihn zur Salbung nach Rheims führen würde; sie war so jung, sie war so schön, so sanfte und so züchtige Worte stoßen von ihren Lippen, dass das arme Volk, immer zur Hoffnung geneigter, als es die Großen sind, weil man, je unglücklicher, desto gläubiger ist, sie mit ihren Gebeten geleitete, und sagte, dass sie wirklich eine fromme Frauenperson sei, und dass, wenn man sie Verstöße, die Missgeschicke, welche Frankreich bedrohten, zugleich auf jene fallen würden, die sie Verstoßen hätten.

Dieser allgemeine Einklang von Lobeserhebungen gelang zur Kunde des Herrn von Beaudricourt, der, selbst schon von dem Vorgefallenen ergriffen, den Pfarrer von Vaucouleurs besuchte, und ihm Alles erzählte, was er wusste. Der Pfarrer sann einen Augenblick nach, und sagte dann zu ihm, die Besorgnisse des Capitains hinsichtlich der Zauberei teilend, dass es nur ein Mittel gebe, sich zu überzeugen, ob ihr die Wahrsagerkunst von Gott oder vom Satan verliehen, und dass dieses Mittel die Teufelsbeschwörung sei. Herr von Beaudricourt nahm den Vorschlag an; der Pfarrer bekleidete sich wieder mit seiner Stole, nahm ein Kruzifix, und Beide machten sich auf den Weg nach dem Hause, worin Johanna wohnte.

Sie fanden Johanna im Gebete; der Pfarrer und der Capitain traten in ihr Zimmer, und öffneten die Tür, damit Jeder sehen konnte, Was geschehen würde; Johanna blieb im Gebete, wie man sie traf, und nun reichte ihr der Pfarrer das Kruzifix, und beschwor sie, im Falle sie böse wäre, sich von ihnen wegzuheben; aber im Gegenteil, Johanna rutschte auf ihren Knien zum Priester hin, küsste die beiden Enden der Stole, und die Wunden der Seite, der Hände und Füße Christi, Alles mit so viel Glauben und Inbrunst, dass der Pfarrer erklärte, sie könnte verrückt sein, sei aber sicher nicht besessen.

Herr Robert von Beaudricourt entfernte sich also, hinsichtlich des Punktes der Zauberei beruhigt; aber diese Zuversicht genügte nicht, ihn zu bestimmen, zu tun, was Johanna verlangte. Sie war freilich nicht besessen, konnte aber, wie der Pfarrer sagte, verrückt sein, und was würde man zudem von einem Krieger sagen, welcher Lanze und Schwert trug, und seinem Könige eine Frauenperson sendete, um ihn zu verteidigen? Johanna hatte sohin den Zweifel besiegt, aber es blieb ihr noch die Bekämpfung des Hochmutes übrig.

Am folgenden Morgen dieses Tages, als der Ruf ihrer Frömmigkeit von der Stadt Vaucouleurs bis zu den umliegenden Dörfern sich verbreitete, ließ René von Anjou, Herzog von Bar, der seit langer Zeit krank war, und den die Ärzte nicht heilen konnten, sie holen, um sie wegen seines Übels um Rat zu fragen. Johanna beeilte sich, zu ihm sich zu begeben, wie sie es bei jedem Leidenden tat, der sie rief, aber vor ihm erschienen erklärte sie ihm dass sie von Gott nur einen einzige Auftrag erhalten habe, nämlich die Belagerung von Orleans aufzuheben, und Karl VII. zur Salbung nach Rheims zu führen. Übrigens sagte sie zu ihm, er möge guten Mut fassen, und seinen Untertanen nicht mehr das Ärgernis geben, mit seiner Gemahlin in Feindschaft zu leben, wie er es tat; dann anempfahl sie ihm die Furcht Gottes, und verabschiedete sich von ihm mit dem Versprechen, für seine Heilung zu beten. Der Herzog schenkte ihr vier Francs, die sie, von ihm weggehend, unter die Atmen verteilte.

Als sie wieder nach Vaucouleurs kam, traf sie den Ritter Johann von Novelompont, der mit einem andern Ehrenmanne, Namens Bertrand von Poulangy, auf den Straßen spazieren ging. Johann von Novelompont, der sie erkannte, ging zu ihr, und da dieses junge Mädchen einen starken Eindruck auf ihn gemacht hatte, und täglich die traurigsten Nachrichten von der Belagerung einliefen, sagte er zu ihr:

»Ah! Johanna, wird es denn so weit mit uns kommen, den König aus Frankreich vertrieben, und uns genötigt zu sehen, Engländer zu werden!«

»Ah!« antwortete Johanna, »nichts von allem dem würde geschehen, wenn man mir glauben wollte; aber leider kümmert sich Herr von Beaudricourt weder um mich, noch um meine Worte, und entzieht uns dadurch eine kostbare Zeit; ich muss jedoch vor Mittefasten bei Monseigneur dem Dauphin sein, und müsste ich auch meine Beine bis zu den Knien abnützen, ich werde gwiß dort sein, denn Niemand auf der Welt, weder Kaiser noch König, noch Herzog, noch die Tochter des Königs, von Schottland, noch irgend ein Anderer, kann das Königreich Frankreich wieder erheben: es gibt keine Hilfe für ihn, als in mir. Und dennoch möchte ich lieber bei meiner armen Mutter bleiben und spinnen, denn dies ist keine Arbeit für mich, aber ich muss gehen und handeln, weil mein Herr es will.«

Nun schaute der Seigneur von Novelompont Johanna starr an, und sagte zu ihr, den Glauben und das Vertrauen erblickend, die in ihren Augen glänzten:

»Hört, Johanna, ich weiß nicht, woher es mir kommt, und wehe Euch, wenn's aus der Hölle, ist, aber ich fühle mich von der Wahrheit dessen überzeugt, was Ihr sagt: ich verpfände Euch mein Wort, Euch, wenn Beaudricourt fortfährt, in seiner Verhärtung zu bleiben, unter dem Geleite Gottes zum Könige zu führen.«

Und er legte die Hand in die ihrigen zum Zeichen der Verpfändung.

»O! tut dies, tut dies,« versetzte Johanna, diese loyale Hand drückend, »nur beeilt Euch, es zu tun; denn gerade heute hat der edle Dauphin bei Orleans einen sehr großen Nachtheil erlitten, und ist von einem noch weit größeren bedroht, wenn Ihr mich nicht eiligst zu ihm führt oder sendet.«

Herr Verstand von Poulangy, der das ganze Gespräch gehört hatte, fühlte sich zu gleicher Zeit, wie Herr Johann von Novelompont, von dem Glauben gerührt, und schwor, die Hand ausstreckend, der Johanna ebenfalls, dass er sie nicht mehr verlassen, und, wie sein Freund, überallhin begleiten würde, wohin es ihr zu gehen gefiele.

Johnnna dankte Beiden; sie war so freudig, dass sie ihnen die Knie geküsst hätte: sie wollte auf der Stelle abreisen, und ohne länger zu warten; aber sie antworteten ihr, dass sie aus Höflichkeit, um dieses Unternehmen auszuführen, Herrn Robert um Urlaub ersuchen müssten.

»Und wenn er ihn verweigert?« fragte das junge Mädchen zitternd.

»Wenn Robert ihn verweigert,« antworteten die beiden Ritter, »werden wir dennoch tun, was uns beliebt, allein wenigstens gehandelt haben, wie es unsere Pflicht war, zu handeln.«

»Lebt wohl also, und Gott behüte Euch!« sagte Johanna, und begann, zu ihrem Wirte, dem Wagner, heimgekehrt, ihrer harrend zu beten.

Wie gesagt, Herr Robert war bereits mehr als zur Hälfte überredet, aber durch die Besorgnis des Lächerlichen zurückgehalten; er war sohin entzückt, dass zwei so tapfere Ritter, wie Johann von Novelompont und Bertrand von Poulangy, ihre Verantwortlichkeit verpfändend, die seinige sicher stellten: er willigte also in Alles ein, und sagte zu ihnen, sie möchten ihm Johanna bringen, um miteinander alle Reisevorkehrungen zu ordnen.

Die beiden Ritter holten Johanna ab, die mit großer Freude vernahm, was so eben hinsichtlich ihrer war beschlossen worden; sie stand sogleich auf, und begleitete sie zu Herrn Robert von Beaudricourt. Der Capitain fragte sie dann, was sie nötig habe, um die Reise anzutreten. Johanna antwortete ihm, dass die Stimmen ihr geboten hätten, Mannskleidung anzuziehen, und sie alles Übrige ihm anheimstelle. Man ließ ihr sogleich ein solches Kleid machen, und am zweiten Tage war es fertig: Johanna zog es mit eben so großer Leichtigkeit und Ungezwungenheit an, wie wenn sie? all ihr Lebtage kein anderes getragen hätte, setzte ihre Mütze auf, legte ihre Stiefeletten an, und befestigte ihre Sporen. Herr Robert wollte ihr ein Schwert geben; sie lehnte es jedoch ab, indem sie sagte, dass nicht dieses das Schwert sei, dessen sie sich bedienen sollte, sondern ein anderes. Dann fragten sie die beiden Ritter, welchen Weg man nehmen müsste, um zum Könige zu kommen, der zu Chinon war.

»Den kürzesten,« antwortete Johanna.

»Aber auf dem kürzesten,« versetzten sie, »werden wir viele Engländer treffen, die uns den Durchzug versperren werden.«

»Im Namen Gottes,« rief Johanna aus, »tut, was ich sage! und sofern Ihr zu Monseigneur dem Dauphin mich führt, werden wir kein Hindernis auf dem Wege treffen.« . Die Ritter, durch diesen Ton der Zuversicht überzeugt, mochten keine Einwendung mehr, und folgten ihr voll Glauben und Vertrauen.

An der Tür angekommen, nahm sie Abschied von ihrem Oheim, den sie zärtlich umarmte, und bat, sie bei ihren Eltern zu entschuldigen, und ihnen zu sagen, dass sie mit völliger Freude abreisen würde, wenn sie mit ihrem Segen fortzöge, jedoch hoffe, es werde eine Zeit kommen, wo sie sie loben würden, dass sie dem Herrn gehorcht habe.

Ein von Herrn Robert gekaufter prächtiger Rappe harrte Johanna's; sie wollte ihn sogleich besteigen, aber das Pferd gebärdete sich so wild, dass es unmöglich war. Nun sagte Johanna:

»Führt es zu dem Kreuze, das vor der Kirche am Wege steht.«

Der Diener, welcher den Zügel hielt, gehorchte, und kaum stand der schöne Renner vor dem Kreuze, als er sanft wie ein Lamm wurde, und Johanna ohne irgend eine Schwierigkeit inmitten aller Einwohner ihn bestieg, welche, über das Selbstvertrauen und die Gewandtheit des jungen Mädchens verwundert, von allen Seiten ausriefen:

..Heil! Heil! . . .»

Hierauf empfing Herr von Beaudricourt den Schwur des Johann von Novelompont und des Bertrand von Poulangy, Johanna zum Könige zu führen, wendete sich, als dieser Schwur getan war, zu dem jungen Mädchen, grüßte sie zum letzten mal mit der Hand, und sagte zu ihr:

»Geh, und mag kommen, was da will.«

sogleich kehrte sich Johanna zu den Priestern und übrigen Geistlichen, die von den Stufen des Portales herab sie betrachteten, und sagte:

»Und Ihr, Priester und übrige Geistliche, haltet feierlichen Umgang, und betet zu Gott!«

Dann setzte sie ihrem Pferde die beiden Sporen ein, wie es der kühnste und gewandteste Reiter hätte tun können, und rief:

»Vorwärts! Vorwärts!«

Und sie trabte von dannen, von den beiden Rittern begleitet, und von deren Dienern gefolgt, einem Bogenschützen und einem Boten des Königs.




Viertes Kapitel.

Der edle Dauphin


Ungeachtet des großen Selbstvertrauens, welches Johanna erscheinen ließ, waren Herr Bertrand von Poulangy und Herr Johann von Novelompont nur sehr mittelmäßig beruhigt; sie mussten ungefähr hundertfünfzig Meilen zurücklegen, um von Vaucouleurs nach Chinon zu reisen, das heißt: die Hälfte von Frankreich durchziehen, und beinahe zwei Drittel dieses Weges waren in der Gewalt der Engländer und Burgunder. Aber als sie nach drei- oder viertägigem Marsch gesehen hatten, dass sie auf keine feindliche Partei stießen, als sie, wenn sie Wälder auf ihrem Wege trafen, das junge Mädchen dreist sich hineinwagen und darin ihren Weg ohne Führer erkennen gesehen hatten, wenn sie, am Ufer breiter und tiefer Ströme angekommen, das Pferd ihrer Führen» ganz allein unbekannte Furt finden gesehen hatten, und sie ohne Unfall an da« andere Gestade gelangt waren, begannen sie ein vollständiges Vertrauen auf Johanna zu setzen, und folgten ihr unbedingt, indem sie dieselbe anhalten ließen, wann sie wollte, um ihre Andacht in den Kirchen zu verrichten, was sie ihr früher nicht erlauben wollten, aus Furcht, von den Armaniaken erkannt, von dem Volke verraten, und von den Besatzungen angegriffen zu werden.

Uebrigens taten sie wohl daran, der Begeisterten vertraut zu haben; sie führte sie, wie der Stern der Weisen aus Morgenland; und endlich nach vierzehntägigem Marsch, Chaumont und Auxerre durchziehend, kamen sie nach Chien an der Loire, und erfuhren die berüchtigte Niederlage von Rouvray, welchen man den Tag der Häringe nennt, weil die Engländer von den Franzosen waren angegriffen worden, während .sie dem Grafen von Suffolk, der die Belagerung befehligte, eine größtenteils aus gesalzenen Fischen bestehende Zufuhr besorgten. In dieser Schlacht, in welcher Johann Falstaff, Anführer der Bedeckung, seinen Ruf als großer Feldherr betätigte, waren Johann Stuart, Connetabel von Schottland, die Herren von Dorval, von Lesqot und von Chateaubrun mit drei- oder vierhundert der tapfersten Krieger, die noch zur Partei von Frankreich hielten, getötet und der Graf von Dunois verwundet worden, so, dass der Schrecken größer als jemals war; andererseits aber erhöhte auch diese Nachricht Johanna's Credit im Geiste ihrer beiden Gefährten, denn Johann von Novelompont erinnerte sich, dass diese Niederlage gerade an jenem Tage stattfand, an welchem Johanna ihm zu Vaucouleurs verkündete, dass der Dauphin so eben einen neuen Nachtheil erlitten habe.

Zu Chien angekommen, hatten unsere Reisenden ihr härtestes Geschäft verrichtet, denn sie befanden sich endlich auf französischem Boden, und dieses Geschäft war vollzogen worden, wie Johanna es voraus gesagt, ohne dass der mindeste Unfall den Rittern, ihren Dienern, ja selbst nicht den Pferden begegnet war; da verbreitete sich das Gerücht, dass Merlins Weissagung in Erfüllung gehen werde, und das junge Mädchen, welches das Königreich Frankreich auf eine wunderbare Weise retten sollte, gefunden sei; Jedermann lief eilig herbei, und wollte die Auserwählte sehen.

Johanna erschien nun am Fenster des Gasthauses, und sagte laut, dass man sich freuen könnte, und die Trostlosigkeit enden würde, indem sie von Gott abgesandt sei, um Frankreich zu befreien, und den Dauphin salben zu lassen. Johanna äußerte eine solche Zuversicht, und betätigte sich dergestalt als ein Werkzeug der Vorsehung, ihre Reden waren so voll eigener Demuth und so voll Vertrauen auf Gott, dass hier wie zu Vaucouleurs, das Volk sich zu freuen begann, ohne irgend einen Zweifel an der Wahrheit dessen zu hegen, was sie sagte.

Am folgenden Tage machte man sich wieder auf den Weg, denn wie ermüdend auch ein solcher Marsch für ein junges Mädchen war, das nie ein Pferd bestieg, schien doch Johanna durchaus nicht zu leiden, und bestand darauf, dass man möglichst schnell zum Dauphin reite, der zu Chinon in einer bedauernswürdigen Lage war, als jemals ein König von Frankreich sich befunden hatte. Wirklich erzählte man, dass das Elend des Volkes endlich auch den Thron erreicht habe, und so groß sei, dass kein Geld mehr in der Börse des Königs und in der königlichen Schatzkammer liege, und dass sein Zahlmeister, Renaut von Bouligny, Jedem, der es hören wollte, sagte, sowohl vom Gelde des Königs als von dem seinen, seien in Allem vier Taler in seiner Kasse, so zwar, dass, als Vaintrailles und la Hiré eines Tages den König besuchten, von ihm zur Mittagstafel eingeladen, das ganze Mahl, welches er ihnen auftischen konnte, nur aus zwei Hühnern und einem Hammelschweif bestand.

Es war also Zeit, wie man sieht, dass Johanna kam. Sie wollte jedoch in der Kirche der heiligen Katharina von Fierbois verweilen, die ein heiliger Wallfahrtsort war, um dort ihre Andacht zu verrichten. Von da ließ sie durch die Ritter, welche sie begleiteten, dem König schreiben, und ihm verkünden, dass sie sehr weit herkomme, um ihm beizustehen, um ihm Dinge von der höchsten Wichtigkeit mitzuteilen. Die Antwort säumte nicht: Johanna wurde nach Chinon beschieden. Die Reisenden brachen sogleich wieder auf, und Johanna stieg, in der königlichen Residenz angekommen, in einem Gasthaus ab, während ihre beiden Reisegefährten sich zu Karl VII. begaben.

Aber Karl VII. war misstrauisch, wie ein unglücklicher König: oft von jenen getäuscht, die er für seine besten Freunde hielt, oft von jenen verlassen, die er für seine Getreuesten erachtete, konnte er an die uneigennützige Ergebenheit einer Fremden nicht glauben. Daher machte er große Schwierigkeit, Johanna zu empfangen, und begnügte sich, drei von seinen Räten zu ihr zu senden. Anfangs wollte ihnen Johanna nicht antworten, mit der Bemerkung, dass sie mit Monseigneur dem Dauphin zu tun habe, und nicht mit ihnen. Endlich aber willigte sie ein, ihnen zu wiederholen, was sie so oft schon gesagt hatte, ohne dass man ihr glaubte, nämlich dass sie komme, um die Belagerung von Orleans aufzuheben, und den Dauphin nach Rheims zu führen, und die Räche, durch sie wohl unterrichtet, gingen fort, dem Könige diese Nachricht zu melden.

Johanna sah zwei Tage lang Niemand wieder erscheinen. Sie hegte jedoch immer noch gutes Selbstvertrauen, die beiden Ritter tröstend, die sie hergeführt hatten, indem sie mit einer wunderbaren Zuversicht zu ihnen sagte, dass der König sie zuletzt anhören würde, dass sie es gewiss wisse, und sie deshalb eben so ruhig sein dürften, wie sie. Wirklich kam am dritten Tage der Graf von Vendôme in das Gasthaus, und verkündete der Johanna, dass er sie zu holen komme, um sie zum Könige zu führen. Johanna schien weder bestürzt noch erstaunt: sie erwartete seit langer Zeit diese Unterredung, und hatte sich darauf vorbereitet. Sie antwortete sohin dem Grafen von Vendôme, dass sie über seinen Besuch sich nicht verwundere, indem ihre Stimmen ihr gesagt hätten, dass er kommen würde, dann fügte sie bei, dass sie bereit sei, ihm zu folgen, und bat ihn, keine Zeit mehr zu verlieren, da deren ohnehin schon genug verloren sei.

Inzwischen hatte der König, noch immer misstrauend, nach der Entfernung des Grafen von Vendôme, seinen Räten vorgeschlagen, Johanna zu prüfen, und die von ihm bezeichnete Prüfung bestand darin, sich unter die Ritter seines Gefolges zu mischen, und einen Andern an seinen Platz zu setzen, um zu sehen, ob Johanna sich täuschen würde. Diese Prüfung wurde beschlossen, und der König ließ seinen Thron von einem jungen Seigneur seines Alters einnehmen, der sogar prächtiger gekleidet war, als er, während er hinter den Andern stehen blieb. Kaum war die Unterschiebung geschehen, als die Tür aufging, und Johanna eintrat.

Aber nun wiederstrahlte die ganze Wahrheit ihrer Mission, denn Johanna ging, ohne bei dem Anscheine zu verweilen, gerade auf Karl VII. zu, kniete vor ihm nieder, und sagte zu ihm:

»Gott verleihe Euch ein gutes und langes Leben, edler und großer Dauphin!«

»Ihr irrt Euch, Johanna,« antwortete ihr Karl VII.; »nicht ich bin der König, wohl aber jener dort, der auf dem Throne sitzt.«

»Bei meinem Gotte, edler Prinz,« versetzte Johanna, »sucht mich nicht zu täuschen, denn Ihr seid der Dauphin, und kein Anderer!«

Da nun ein Murmeln des Erstaunens durch die Versammlung lief, fuhr sie fort:

»Edler Dauphin, warum glaubt Ihr mir nicht? Ich sage Euch, Monseigneur, und vertraut auf meine Worte, dass Gott sich Euer erbarmt, und Eures Königreiches und Eures Volkes; denn der heilige Ludwig und Karl der Große liegen auf den Knien vor ihm, und bitten für Euch. Übrigens werde ich Euch, so es Euch beliebt, etwas sagen, was Euch wohl zu erkennen geben wird, dass Ihr mir glauben dürft.«

Hierauf führte sie Karl in ein Betzimmer, das neben dem Beratungssaale war, und sagte zu ihr, dort angekommen:

»Wohl an, Johanna, wir sind allein; sprecht!«

»Ich verlange es nicht besser,« entgegnete Johanna. »Aber werdet Ihr, wenn ich Euch so geheime Dinge sage, dass Niemand sie wissen kann, als Gott und Ihr, endlich Vertrauen auf mich setzen, und glauben, dass wohl Gott es ist, der mich sendet?«

»Ja Johanna,« antwortet» der König.

»Nun denn, Sire«, fuhr das junge Mädchen fort, »erinnert Ihr Euch noch, dass Ihr am verflossenen Allerheiligentage, während Ihr ganz allein in Eurem Betzimmer im Schloss Loches waret, drei Bitten an Gott stelltet?«

»Das ist vollkommen wahr,« antwortete der König, »und ich erinnere mich vortrefflich daran.«

»Sire,« erwiderte Johanna, »habt Ihr diese Bitten niemals Eurem Beichtvater oder sonst Jemanden offenbart?«

»Niemals,« sagte der König.

»Wohl an, ich will Euch sagen, was für drei Bitten es waren,« fuhr das junge Mädchen fort. »Die erste, die Ihr an Gott stelltet, lautete, dass er, wenn Ihr nicht der rechtmäßige Erbe des Königreiches Frankreich wäret, Euch den Mut entziehen möge, diesen Krieg fortzusetzen, der Eurem armen Königreiche so viel Geld und Blut kostet. Die zweite war, dass, wenn die schreckliche, auf Frankreich lastende Geißel, eine Folge Eurer Sünden wäre, Ihr ihn bätet, dieses arme Volk von einem Vergehen loszusprechen, das es nicht begangen habe, und die ganze Strafe desselben auf Euer Haupt zurückfallen zu lassen, sollte auch diese Strafe eine ewige Buße, oder selbst der Tod sein. Die dritte endlich bestand darin, dass, wenn im Gegenteil die Sünde vom Volke ausgehe, Ihr ihn bätet, Erbarmen mit diesen, Volke zu haben, und es seines Mitleidens zu würdigen, damit das Königreich endlich von der Trübsal befreit würde, von denen es seit mehr als zwölf Jahren heimgesucht werde.«

Nach Anhörung dieser Worte blieb der König lange Zeit nachdenkend, senkte das Haupt, um nachzusinnen, und hob es wieder empor, um das junge Mädchen aufmerksam anzuschauen. Endlich brach er das Schweigen, und sagte zu ihr:

»Alles, was Ihr mir da vortrugt, ist wahr, Johanna; aber dies genügt noch nicht, um mich zu überzeugen, dass Ihr im Namen Gottes kommt; auch meine Räte müssen meine Ansicht teilen, außerdem Ihr Uneinigkeit unter uns stiften werdet, und wir sind, so wie wir sind, bereits genug unglücklich und geteilt.«

»Wohl an,« entgegnete Johanna, »versammelt morgen drei oder vier Eurer Getreuesten, und, wo möglich, Geistliche, und ich werde Euch ein Zeichen geben, nach welchem Niemand mehr zweifeln wird; denn meine Stimmen haben mir versprochen, mir dieses Zeichen zu gewähren, und ich bin überzeugt, dass sie meine Bitte bewilligen werden.«

Hierauf kehrte der König und Johanna wieder in den Ruth zurück, wo man ihre Rückkehr mit Ungeduld erwartete. Kaum war die Türe geöffnet, als alle Augen sich »ach dem Könige wendeten, und man an seiner ernsten und nachdenkenden Physiognomie sah, dass was zu ihm das junge Mädchen sagte, einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht habe.

»Meine Herren,« sagte der König, es ist genug für heute; in dem, was uns begegnet, liegt reichlicher Stoff zum Nachdenken, und wir müssen über dieses Ereignis die Meinung unserer vertrautesten Räche vernehmen. Johanna, begebt Euch nach Hause, denn Ihr müsst von dem weiten Marsch ermüdet sein, den Ihr so eben machtet, und vergesst nicht, was Ihr uns für morgen versprochen habt.«

»Mit Gottes Hilfe,« antwortete Johanna, »wird nicht nur, was ich für morgen versprach, sondern auch, was ich für die Zukunft verhieß, geschehen! . . .«

Und sie ließ sich vor dem Könige auf ein Knie nieder, küsste ihm die Hand, und ging mit der nämlichen Bescheidenheit und mit der nämlichen Ruhe von dannen, womit sie gekommen war.

In dem Momente, da Johanna an dem Haustor ankam, ging ein Reiter vorüber, der sein Pferd zur Tränke an die Loire führte. Da das Gerücht von Johanna's Ankunft in der Stadt sich bereits verbreitet hatte, blieb der Reiter, welcher in solchen Sachen sehr ungläubig war, vor Johanna stehen, beschimpfte sie mit rohen Worten, und vermischte diese Schimpfworten mit Gotteslästerungen. Als Johanna sah, dass diese Worte an sie gerichtet waren, hob sie den Kopf empor, schaute ihn mit mehr Traurigkeit als Zorn an, und sprach:

»Ach! wie unglücklich bist Du, dass Du Gott so verleugnen kannst, da Du vielleicht dem Tode so nahe bist!«

Der Reiter hielt nichts auf diese Art von Prophezeiung, sondern entfernte sich, indem er vielmehr fortfuhr, Gott mit den nämlichen Flüchen zu lästern, und gelangte so an den Fluß; aber in dem Momente, da sein Pferd soff, wurde es durch irgend ein Geräusch erschreckt, und sprang in's Wasser; der Reiter wollte es an's Ufer zurückführen, aber wie sehr er sich auch anstrengte, das Pferd fuhr fort, der tiefsten Tiefe des Flusses sich zu nähern, und verlor bald den Grund. Der Reiter schwang sich dann von seinem Pferde, und wollte an das Gestade schwimmen; allein entweder befiel ihn irgend ein Krampf, oder das, was Johanna ihm so eben gesagt hatte, fiel ihm wieder ein; er konnte nur noch sagen: »Vergieb mir, mein Gott!« und verschwand. Zwei Stunden nachher fand man seine Leiche an der Schleuse einer Mühle wieder.

Da mehrere Personen gehört hatten, was der Reiter zu Johanna sagte, und was Johanna ihm antwortete, so wurde dieses Ereignis für ein Wunder gehalten, und der Ruf der jungen Begeisterten stieg dadurch dergestalt, dass am Abende alle Einwohner unter die Fenster ihres Gasthauses eilten, und sie zu sehen verlangten. Johanna erschien sogleich auf einem Balkone, und wiederholte dem Volke mit ihrer sanften und glaubenvollen Stimme, dass sie vom Herrn gesendet sei, um den König und Frankreich zu retten, so dass das arme Volk, beruhigter durch die Worte dieses jungen Mädchens, als es durch eine Armee von zwanzigtausend Mann geworden wäre, ganz fröhlich abzog, mit dem Rufe: Heil! Am Abende wurde ein Teil der Stadt zum Zeichen der Freude erleuchtet.

Am folgenden Tage um zehn Uhr Morgens, ließ der König Johanna holen; Johanna, dieser Botschaft gewärtig, ließ den königlichen Abgesandten keinen Augenblick verziehen, sondern folgte ihm vielmehr sogleich; Beide kamen zu Chateau-Chinon an, wo der König ihrer harrte. Sie waren von einer großen Volksmenge begleitet, die, sobald sie Johanna erblickt hatte, sich ihr nachdrängte, und vor der Türe stehen blieb, um Nachrichten von dieser Unterredung zu bekommen. Johanna schritt beherzt die Treppe hinauf, und trat in das Gemach de« Königs; sie traf darin Karl VII. mit dem Erzbischof von Rheims, und die Herren Karl von Bourbon und de la Trémoille.




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notes



1


Das Privilegium, gewappnet, behelmt, bespornt in die Kirchen zu treten, war etwas Seltenes in Frankreich, wo man kaum drei oder vier Beispiele einer solchen Erlaubnis; nachweisen könnte. Einer der ältesten Ritter, welche sie befassen, war ein bretonischer Seigneur, Namens Herr von Kergournadech.

Dieses Privilegium war ihm von dem heiligen Paulus Aurelian, erstem Bischof von Lyon, gestorben gegen das Jahr 600, zur Belohnung für das Anerbieten dieses Ritters, eine Schlange zu tödten, die das Land verheerte, verliehen worden. Dieses Haus erlosch in der Person des Olivier, Herrn von Kergournadech, der ohne Nachkommenschaft starb, und des Franz von Kersoasona. Johanna von Kergournadech, seine älteste Schwester erbte seine Güter, und brachte sie als Mitgift dem Alain von Kerhoënt unter der Bedingung zu, dass sein ältester Sohn, unter Beibehaltung seine« Namens Kerhoënt, das Wappen von Kergournadech führen sollte. A. D.




2


Diese drei Frauenpersonen waren: die Erste, Eleonore, Gemahlin Ludwigs des Jüngern, die, von ihrem Gemahl Verstoßen, in zweiter Ehe Heinrich von Anjou, König von England heiratete, und ihm als Mitgift Aquitainen, Poitou, Touraine und Maine zubrachte, welche, mit dem Herzogtum Normandie und der Grafschaft Anjou vereinigt, den dritten Teil Frankreichs in die Hunde seiner Feinde lieferten:

Die Zweite, Isabelle von Frankreich, Gemahlin Eduards III. die, auf ihren Sohn Eduard III. die Rechte übertragend, welche sie auf den Thron von Frankreich zu haben behauptete, jenen berüchtigten Krieg herbeigeführt hatte, der noch währte, und folglich die Schlachten von Crécy, Poitiers und Azincourt, die drei blutigsten Episoden desselben:

Und die Dritte, Isabelle von Bayern, Mutter Karls VII., welche jetzt die Engländer und Burgunder gegen ihren eigenen Sohn aufhetzte.

Die Jungfrau, welche Frankreich retten sollte, war die von jenen drei königlichen Buhlerinnen so hart kompromittierte, niedrige Bäuerin, deren Geschichte wir schreiben. A.D.




3


Eine Spielart der Wiesenranunkeln, von goldgelber Farbe. D. Ü.


