Zwei Schicksalswege
William Wilkie Collins




Wilkie Collins

Zwei Schicksalswege





Einleitung

Der Gast schreibt und erzählt die Geschichte der Mittagsgesellschaft


Seit meine Frau und ich die Vereinigten Staaten verließen, um England einen Besuch abzustatten, sind viele Jahre verflossen.

Wir waren natürlich mit vielen Empfehlungsbriefen versehen. Der eine davon war von dem Bruder meiner Frau geschrieben. Er sollte uns bei einem englischen Gentleman einführen, der unter seinen alten geschätzten Freunden hohes Ansehen genoss.

»Ihr werdet Mr. George Germaine in einer sehr interessanten Lebensepoche kennenlernen«, sagte mein Schwager, als wir uns von ihm verabschiedeten. »Die letzten Nachrichten, die ich von ihm erhielt, verkünden mir, dass er sich eben verheiratet hat. Ich weiß nichts von der Dame oder den Umständen, unter denen mein Freund ihr zuerst begegnet ist, aber davon bin ich überzeugt, ob Junggesell oder Ehemann, George Germaine wird euch um meinetwillen in England herzlich willkommen heißen.«

Am Tage unserer Ankunft in London gaben wir unseren Empfehlungsbrief in Mr. Germaines Hause ab.

Am nächsten Morgen gingen wir aus, um – den Tower von London – einen Lieblingsgegenstand des amerikanischen Interesses, zu besichtigen. Die Bürger der Vereinigten Staaten finden die Reliquien aus der guten, alten Zeit von großem Nutzen, um dadurch die Achtung der Nation vor den republikanischen Institutionen zu heben. Bei unserer Rückkehr ins Hotel sagten uns die Karten von Mr. und Mrs. Germaine, dass sie unseren Besuch bereits erwidert hatten. An demselben Abende erhielten wir eine Einladung, mit dem neuvermählten Paare zu speisen. Sie war in einem Billet von Mrs. Germaine an meine Frau enthalten, in dem sie uns mitteilte, dass wir keine große Gesellschaft erwarten sollten. »Es ist das erste Diner, das wir nach der Rückkehr von unserer Hochzeitsreise geben«, schrieb die Dame; »wir werden Sie nur mit einigen von meines Mannes alten Freunden bekanntmachen.«

In Amerika und, wie ich höre, auch auf dem Kontinent von Europa, erweist man dem Wirte die Höflichkeit, zu der in der Einladung bezeichneten Stunde pünktlich beim Diner zu erscheinen. Nur in England herrscht die unbegreifliche und unhöfliche Sitte vor, den Wirt und das Diner eine halbe Stunde länger warten zu lassen, ohne triftigen Grund, und ohne bessere Entschuldigung, als die hohle Redensart, die die Worte enthalten »bedaure mich verspätet zu haben.«

Wir hatten allen Grund uns zu beglückwünschen, dass wir durch unsere Unwissenheit so pünktlich zur bezeichneten Stunde in Mr. und Mrs. Germaines Hause anlangten; wir waren wirklich eine halbe Stunde vor den andern Gästen dort.

Die Art und Weise, wie sie uns begrüßten, war so herzlich und so frei von aller Förmlichkeit, dass wir uns wirklich in unsere Heimat zurückversetzt glaubten, und gewannen die Eheleute im ersten Augenblick, als wir sie sahen, unser Interesse. Die Dame bezauberte uns fast. In ihrem Gesicht und Wesen lag ein ungekünstelter Reiz, in allen ihren Bewegungen eine so anmutige Einfachheit, dazu ihre liebliche melodiöse Stimme, – kurz sie erschien uns Amerikanern ganz unwiderstehlich. Dass hier einmal ein glücklicher Ehebund geschlossen worden war, sah man klar und konnte sich dessen freuen! Dieses waren zwei Menschen, die in ihren innigsten Wünschen und Hoffnungen sympathisierten – denen man es ansah, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, dass sie füreinander geschaffen waren. Im Verlauf der halben Stunde, die uns um des guten Tons willen, mit unseren Wirten allein gegönnt war, hatte unsere Unterhaltung sich so gemütlich und vertraulich gestaltet, als wenn wir, alle vier, alte Freunde waren.

Als es acht Uhr schlug erschienen die ersten englischen Gäste. Da ich den Namen des Herrn vergessen habe, möge man mir gestatten, ihn durch einen Buchstaben des Alphabets zu bezeichnen. Ich werde ihn Mr. A. nennen. Als er ins Zimmer trat, sahen beide, mein Wirt und meine Wirtin, erschrocken und erstaunt aus. Sie erwarteten ihn sichtlich in Begleitung einer andern Person. Mr. Germaine empfing ihn mit der eigentümlichen Frage.

»Wo ist Ihre Frau?«

Mr. A. beantwortete diese Frage mit folgenden Worten der Entschuldigung:

»Sie hat heftiges Kopfweh. Sie bedauert unendlich, und hat mich beauftragt sie zu entschuldigen.«

Er hatte nur eben Zeit seinen Auftrag auszurichten, als ein anderer einzelner Herr erschien. Um an den Buchstaben des Alphabets festzuhalten, werde ich ihn Mr. B. nennen. Wiederum sah ich, dass meine Wirte erschraken, als sie ihn allein ins Zimmer treten sahen und zu meinem größten Erstaunen hörte ich Mr. Germaine an seinen neuen Gast wiederum die seltsame Frage richten:

»Wo ist Ihre Frau?«

Die Antwort war – mit einer kleinen Abweichung – Mr. A.s höfliche Entschuldigung, die Mr. B. wiederholte.

»Ich bedaure unendlich. Mrs. B. ist von heftigen Kopfschmerzen geplagt. Sie leidet oft daran und hat mich beauftragt sie zu entschuldigen.«

Mr. und Mrs. Germaine sahen einander an. Des Gatten Gesichtsausdruck verriet deutlich den Argwohn, den diese zweite Entschuldigung in ihm wachgerufen hatte. Die Frau war fest und ruhig. Es entstand eine längere Pause. Mr. A. und Mr. B. zogen sich schuldbewusst in eine Ecke zurück. Meine Frau und ich betrachteten die Bilder.

Mrs. Germaine erlöste uns endlich von der peinlichen Stille. Wie es schien, fehlten noch zwei Gäste, um die Gesellschaft vollzählig zu machen.

»Wollen wir gleich zu Tische gehen, George?« fragte sie ihren Gatten, »oder wollen wir auf Mr. und Mrs. C. Warten?«

»Wir wollen noch fünf Minuten warten«, antwortete er kurz – die Augen auf Mr. A. und Mr. B. gerichtet, die immer noch schuldbewusst in ihrer Ecke standen.

Die Tür des Empfangszimmers wurde geöffnet. Wir alle wussten, dass eine dritte Dame mit ihrem Gemahl erwartet wurde; und sahen alle in unsagbarer Erwartung nach der Tür. Unausgesprochen ruhten alle unsere Hoffnungen auf Mrs. C. Wird diese bewundernswürdige, wenn auch unbekannte Frau uns durch ihr Erscheinen zugleich entzücken und beruhigen? Mich durchschauert es noch, als ich dieses niederschreibe. Mr. C. betrat das Zimmer und – betrat es allein.

Mr. Germaine änderte seine bisherige Frage, indem er den Gast mit den Worten empfing:

»Ist Ihre Frau krank?«

Mr. C. War ein ältlicher Herr; er hatte dem Anscheine nach noch in der Zeit gelebt, wo die altmodischen Gesetze der Höflichkeit in voller Kraft waren. Als er seine beiden verheirateten Freunde in ihrer Ecke, unbegleitet von ihren Frauen entdeckte, entschuldigte er das Ausbleiben der seinen mit dem Ausdruck wirklicher Beschämung darüber. Mrs. C. bedauert so von Herzen. Sie hat sich sehr heftig erkältet. Es tut ihr so innig leid mich nicht begleiten zu können. Bei dieser dritten Entschuldigungsrede machte sich Mr. Germaines verhaltener Grimm in Worten Luft.

»Zwei arge Erkältungen und ein heftiges Kopfweh«, sagte er mit ironischer Höflichkeit. »Ich weiß nicht, meine Herren, wie sehr Ihre Gemahlinnen übereinstimmen, wenn sie gesund sind. In ihrem leidenden Zustande ist ihre Einigkeit bewunderungswürdig!«

Während dieser scharfen Worte wurde gemeldet, dass das Mahl serviert war.

Ich hatte die Ehre, Mrs. Germaine zu Tische zu führen. Die Erregung, die sie über die Beleidigung fühlte, welche ihr von den Frauen der Freunde ihres Mannes widerfahren war, äußerte sich nur in einem leisen, ganz leisen Zittern der Hand, welche sie auf meinen Arm legte. Mein Interesse für sich wuchs um das Zehnfache. Nur eine Frau, die gewohnt war zu leiden, die durch die Schule der Selbstbeherrschung schon gebeugt war, konnte das moralische Märtyrertum, das ihr auferlegt war, so tragen, wie diese Frau es vom Anfang bis zum Ende jenes Abends ertrug.

Übertreibe ich, wenn ich von meiner Wirtin in diesen Ausdrücken schreibe? Man betrachte nur die Umstände, wie sie meiner Frau und mir erscheinen mussten.

Diese war die erste Gesellschaft, die Mr. und Mrs. Germaine nach ihrer Verheiratung gaben. Es waren drei von Mr. Germaines Freunden mit ihren Frauen eingeladen, um Mrs. Germaine kennenzulernen und hatten die Einladung augenscheinlich ohne Rückhalt angenommen. Was für Entdeckungen, zwischen dem Empfange der Einladung und der Gesellschaft selbe, gemacht sein konnten, war unmöglich zu sagen. Eines nur war klar ersichtlich, dass die drei Frauen in der Zwischenzeit übereingekommen waren, sich an Mrs. Germaines Tafel durch ihre Männer vertreten zu lassen; und was noch staunenerregender war, die Männer waren auf die grobe Unhöflichkeit ihrer Frauen so weit eingegangen, dass sie sich herbeiließen, die verbrauchtesten und darum so beleidigenderen Entschuldigungen zu machen. Konnte eine Frau, im Angesichte ihres Mannes, in Gegenwart zweier Fremden aus fernem Lande, bei ihrem ersten Schritt in die Welt grausamer befleckt werden? Ist »Märtyrertum« ein zu inhaltsschweres Wort, um zu bezeichnen, was eine gefühlvolle Frau bei solcher Behandlung gelitten haben muss? Ich glaube kaum.

Wir setzten uns zu Tische. Ich bin außer Stande, diese unbehaglichste aller Zusammenkünfte, dieses ermüdendste und trübseligste aller Feste zu schildern! Es ist wahrhaftig schon schwer genug, dieses Abends überhaupt zu gedenken.

Meine Frau und ich bemühten uns nach Kräften, die Unterhaltung so harmlos und fließend als möglich zu erhalten. Es war ein schweres Stück Arbeit und dennoch war unser Erfolg sehr gering. Wie sehr wir uns auch bemühten, die leeren Plätze der drei abwesenden Damen waren nicht zu übersehen und sprachen für sich selbst in ihrer eigenen, niederdrückenden Sprache. Wie gern wir auch widerstanden hätten, unwillkürlich drängte sich die eine traurige Folgerung den Gemütern auf. Es lag zu klar am Tage, dass plötzlich irgendein furchtbares Gerücht über den Ruf der Dame, die an der Spitze der Tafel saß, aufgetaucht war und mit einem Schlage die Achtung der Freunde ihres Mannes für sie zerstört hatte. Was konnten die eng befreundeten Gäste diesen Entschuldigungen im Empfangszimmer, diesen leeren Plätzen an der Tafel gegenüber tun, um diesem Ehepaar in seinem plötzlichen und bitteren Leid beizustehen? Sie konnten sich nur als einzige Wohltat für sie je eher je lieber empfehlen und das unglückliche Paar sich selbst überlassen.

Zur Ehre der drei Herren, die in diesen Zeilen als A., B. und C. Bezeichnet sind, sei es aber gesagt, dass sie beschämt genug über ihre und ihrer Frauen Handlungsweise waren, um wenigstens die Ersten aus der Gesellschaft zu sein, die das Haus verließen. Nach einigen Augenblicken erhoben wir uns, um ihrem Beispiel zu folgen. Mrs. Germaine nötigte uns dringend noch zu bleiben.

»Bleiben Sie noch einige Augenblicke«, flüsterte sie mit einem Blick auf ihren Gatten. »Ich habe Ihnen etwas zu sagen, ehe Sie uns verlassen.«

Sie verließ uns, nahm den Arm ihres Mannes und führte ihn in den entgegengesetzten Teil des Zimmers. Beide sprachen einige Augenblicke leise miteinander, der Mann schloss die Beratung, indem er die Hand seiner Frau an seine Lippen zog.

»Tue wie die willst, Geliebte«, sagte er. »Ich überlasse es dir ganz.«

Er setzte sich, traurig und in Gedanken verloren, nieder. Mrs. Germaine verschloss einen Schrank am anderen Ende des Zimmers und kehrte dann allein zu uns zurück eine kleine Brieftasche in der Hand haltend.

»Mir fehlen die Worte, um Ihnen genugsam auszudrücken, wie dankbar ich Ihre Güte für mich anerkenne!« sagte sie, mit vollkommener Einfachheit und Würde. »Sie haben mich unter sehr schwierigen Umständen mit einer Zärtlichkeit und Teilnahme behandelt, wie man sie nur alten Freunden zollt. Die einzige Weise, in der ich Ihnen einigermaßen erwidern kann, was Sie für mich taten, ist, dass ich Ihnen mein vollstes Vertrauen schenke. Urteilen Sie dann selbst, ob ich die Behandlung, die ich heute Abend erfuhr, verdiene oder nicht.«

Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie schwieg um ruhiger zu werden. Wir baten sie beide nicht weiter zu sprechen, ihr Gatte, der sich uns zugesellte, vereinte seine Bitten den unseren. Sie dankte uns, fuhr aber dennoch fort. Wie die meisten tieffühlenden Menschen, konnte sie entschlossen sein, sobald sie es durch die Gelegenheit geboten fand.

»Ich habe noch einige Worte zu sagen«, fuhr sie, sich zu meiner Frau wendend, fort. »Sie sind die einzige Frau, die heute zu unserer Gesellschaft gekommen ist. Die geflissentliche Abwesenheit der andern Frauen spricht für sich selbst. Ob sie im Recht oder Unrecht sind, indem sie unser Haus meiden, wage ich nicht zu entscheiden. Mein teurer Mann – vor dem mein ganzes Leben so klar liegt, wie vor mir selbst – hatte den Wunsch diese Damen einzuladen. Er glaubte irrtümlicherweise, dass seine Achtung für mich maßgebend für die Achtung seiner Freunde sein würde; weder er noch ich konnten ahnen, dass die schmerzlichen Schicksale meines vergangenen Lebens durch jemand der sie kannte und dessen Verrat wir noch erst zu ergründen haben werden, enthüllt sein konnten. Das Geringste, was ich als Anerkennung für Ihre große Güte tun kann, ist, Sie mir gegenüber in dieselbe Lage zu setzen, in der sich die andren Damen befinden. Die Umstände, unter denen ich Mr. Germaines Frau geworden bin, sind in vielen Beziehungen sehr wunderbar. Sie sind ohne Rückhalt oder Auslassung in einer kleinen Geschichte niedergelegt, die mein Mann zur Zeit unserer Verheiratung schrieb, um dadurch seine fernen Verwandten, an deren Wohlwollen ihm viel gelegen war, zufriedenzustellen. Das Manuskript befindet sich in dieser Brieftasche. Ich erbitte es mir von Ihnen beiden als eine persönliche Gunst, dass Sie den Inhalt durchlesen. Mögen Sie, nachdem Sie es gelesen haben, entscheiden, ob ich für den Umgang achtbarer Frauen geeignet bin oder nicht.«

Sie reichte uns mit einem sanften, traurigen Lächeln ihre Hand und wünschte uns Gutenacht. Meine Frau vergaß in ihrer erregten Weise alle Förmlichkeiten und küsste sie beim Abschied. Bei diesem einen, kleinen Beweise schwesterlicher Teilnahme brach alle Stärke, die das arme Wesen den ganzen Abend über gezeigt hatte, zusammen – sie weinte bitterlich.

Ich teilte ganz die herzlichen, teilnehmenden Gefühle meiner Frau für sie, leider konnte ich aber von dem Vorrecht meiner Frau, sie zu küssen, nicht Gebrauch machen. Auf der Treppe fand ich Gelegenheit ihrem Manne, der uns zur Haustür geleitete, einig ermunternde Worte zu sagen.

»Ehe ich dieses öffne«, sagte ich, auf die Brieftasche unter meinem Arme deutend, »bin ich mir eines klar bewusst, dass wenn ich nicht schon verheiratet wäre, ein Herr, ich Sie um Ihre Frau beneiden würde, glauben Sie mir.«

»Lesen Sie, was hier geschrieben steht und Sie werden begreifen, was ich um meiner falschen Freunde willen diesen Abend gelitten habe.«

Am nächsten Morgen öffneten meine Frau und ich die Brieftasche und lasen die seltsame Geschichte von George Germaines Verheiratung.




Die Geschichte

George Germaine schreibt und erzählt seine eigene Liebesgeschichte





Erstes Kapitel

Die Grünwasser-Fläche


Schau zurück, Erinnerung, durch das dunkle Labyrinth der Vergangenheit durch die gemischten Freuden und Schmerzen von zwanzig Jahren. Erwache wieder, meine Knabenzeit, an den geschlängelten, grünen Ufern des kleinen Sees. Kehre zu mir zurück, meine Kinderliebe, in der schuldlosen Schöne deiner ersten zehn Jahre. Lass uns wiederum leben, mein Engel, wie wir in unserem ersten Paradiese lebte, ehe Sünde und Schmerz ihre flammenden Schwerter erhoben und uns in die Welt hinaustrieben.

Es war im Monat März. Die letzten wilden Vögel der Jahreszeit flatterten über den Wassern des Sees, den wir in der Suffolkischen Mundart die »Grünwasser-Fläche« nannten.

Durch alle Windungen hindurch färbten die grünen Ufer und die überhängenden Bäume den See mit ihrem saftigen Grün, indem sie sich darin spiegelten und der dadurch seien Namen erhielt. In einer kleinen Bucht am südlichen Ende wurden die Boote aufgestellt – mein eigenes, niedliches Segelboot hatte seinen kleinen, natürlichen Hafen ganz für sich allein. Gegen Norden stand die große Schlinge, der Entenfang genannte, worin die wilden Vögel gefangen wurden, die im Winter zu Tausenden und Tausenden die »Grünwasser-Fläche« besuchten. Meine kleine Mary und ich gingen Hand in Hand hinaus, um die letzten Vögel in die Schlinge locken zu sehn.

Der äußere Teil der seltsamen Vogelfalle ragte aus dem Wasser des Sees in einer Reihe von Bogen hervor, die von biegsamen Zweigen geformt und von feinem Netzwerk bedeckt waren. Kleiner und kleiner werdend, folgten die Bogen mit ihrem Netzdach den geheimen Windungen der kleinen Bucht landwärts bis zu ihrem Ende. Rings um die Bogen, nach der Landseite zu, lief ein hölzerner Zaun, der hoch genug war, um einen knieenden Mann den Blicken der Vögel auf dem Wasser zu verbergen. In gewissen Zwischenräumen waren Öffnungen in den Zaun gemacht, die grade ausreichten um einem Dachshund oder Windspiel den Eingang zu ermöglichen. Dieses war die ganze, einfache Bauart des Entenfanges.

In jenen Tagen war ich dreizehn und Mary zehn Jahre alt. Auf unserem Wege zum See hatten wir Marys Vater als Führer und Begleiter bei uns. Der gute Mann diente als Vogt auf meines Vaters Gute und war nebenbei einer der geschicktesten Meister in der Kunst des Entenfanges. Ein kleiner Dachshund war sein Gehilfe, als Lockvögel waren wir in Suffolk gewohnt Enten zu zähmen. Der Dachshund war auch in seiner Art ein Meister in seiner Kunst – ein Geschöpf, welches zu gleichen Teilen die beneidenswerten Vorzüge unwandelbar guter Laune und natürlichen Verstandes besaß.

Der Hund folgte dem Vogte und wir folgten dem Hunde.

Als wir an dem Zaune ankamen, der den Entenfang umgab, setzte sich der Hund, um zu warten, bis er gebraucht wurde. Der Vogt und die Kinder kauerten hinter dem Zaun, und guckten durch das äußerste Hundeloch, durch das man einen völligen Überblick über den See hatte. Es war ein windstiller Tag; nicht eine Welle trübte die Spiegelfläche des Sees; sanfte, graue Wolken überzogen den Himmel und verbargen die Sonne den Blicken. Wir guckten durch das Loch im Zaun. Da waren die wilden Enten – im Bereich des Entenfanges versammelt – auf dem friedlichen Spiegel des Wassers, friedlich ihre Federn ordnend. Der Vogt machte dem Hunde ein Zeichen. Der Hund sah den Vogt an; und, langsam vorwärts schreitend, ging er durch das Loch, so dass er sich auf dem schmalen Landstreifen zeigte, der sich von der äußeren Seite des Zaunes in den See senkte.

Zuerst entdeckte eine Ente, dann eine andere, endlich ein halbes Dutzend zusammen, den Hund.

Der neue Gegenstand, der auf der einsamen Szenerie erschien, wurde sofort auch der alles verschlingende Gegenstand der Neugierde der Enten. Die Äußersten derselben begannen langsam dem seltsamen, vierfüßigen Geschöpf entgegen zu schwimmen, das regungslos am Ufer saß. Zu zweien und dreien rückte das ganze Gros der Wasservögel allmälig der Avantgarde nach. Näher und näher an den Hund heranschwimmend, machten die schlauen Enten plötzlich Halt und auf dem Wasser sitzend, betrachteten sie aus einiger Entfernung das Phänomen auf dem Lande.

Der Vogt, der hinter dem Zaune kniete, flüsterte »Trim!« Als er seinen Namen hörte, wendete sich der Dachshund um, und sich durch das Loch zurückziehend, war er den Blicken der Enten entschwunden. Die Vögel saßen regungslos auf dem Wasser und wunderten sich und warteten. Einen Augenblick später war der Hund herum gegangen und zeigte sich in dem nächsten Loch des Zaunes, das mehr nach innen belegen war, wo der See den äußersten Windungen der Bucht folgte.

Das zweite Erscheinen des Hundes erregte neue Neugier unter den Enten. Mit einem Ruck schwammen sie wieder vorwärts, um den Hund wiederholt und näher in Augenschein zu nehmen; dann, um ihre gesicherte Stellung nicht zu verlieren, hielten sie wieder an, und zwar unter dem äußersten Bogen des Entenfanges. Wiederum verschwand der Hund und die erstaunten Enten warteten. Es entstand eine Pause – und Trim erschien zum dritten Male, im dritten Loche des Zaunes, welches weiter landeinwärts, an der Bucht lag. Zum dritten Male lockte unwiderstehliche Neugier die Enten weiter und weiter vorwärts in die verhängnisvollen Bogen des Entenfanges. Zum vierten und fünften Male begann das Spiel, bis der Hund die Wasservögel Schritt für Schritt weiter vorwärts in die inneren Räume des Entenfanges gelockt hatte. Dort erschien Trim zum letzten Male. Ein letztes Vorwärtsbringen, eine letzte vorsichtige Pause wurde von den Enten gemacht. Der Vogt zog an den Schnüren. Das beschwerte Netzwerk sank senkrecht ins Wasser und verschloss den Entenfang. Nun wurden die Enten zu Dutzenden und Dutzenden durch ihre eigene Neugier gefangen – durch keine andere Lockspeise als einen kleinen Hund! Wenige Stunden darauf waren sie alle als tote Enten auf dem Wege zu den Londoner Märkten befindlich.

Als der letzte Akte der seltsamen Komödie im Entenfange zu Ende war, legte mir die kleine Mary ihre Hand auf die Schulter, erhob sich auf die Zehspitzen und flüsterte mir ins Ohr:

»George! Komm mit mir nach Hause. Ich möchte dir etwas zeigen, was sehenswerter ist als die Enten.«

»Was ist es?«

»Es ist eine Überraschung. Ich sage es nicht.«

»Willst du mir einen Kuss geben?«

Das reizende kleine Geschöpf legte seine schlanken, sonnverbrannten Arme um meinen Hals und sagte:

»So viele Küsse als du willst, George.«

Sie sagte es unschuldig und ich ebenso. Der gute, gemütliche Vogt, der gerade von seinen Enten zur Seite blickte, sah uns in unserer kindlichen Courmacherei einander in den Armen liegen. Er drohte uns mit seinem dicken Zeigefinger und lächelte trübe und zweifelhaft:

»Oh, Mr. George! Mr. George!« sagte er. »Wenn Ihr Vater heimkehrt, meinen Sie, dass er damit einverstanden sein wird, wenn sein Sohn und Erbe die Tochter seines Vogtes küsst?«

»Wenn mein Vater heimkehrt«, sagte ich mit großer Würde, »so werde ich ihm die Wahrheit sagen. Ich werde ihm sagen, dass ich Ihre Tochter zu heiraten gedenke.«

Der Vogt lachte laut auf und kehrte zu seinen Enten zurück.

»Nun! Nun!« hörten wir ihn zu sich selbst sagen, » sie sind ja noch Kinder. Es ist noch nicht nötig, die armen Dinger jetzt schon zu trennen.«

Mary und ich hörten uns sehr ungern Kinder nennen. Von rechtswegen war einer eine Dame von zehn Jahren und der andere war ein dreizehnjähriger Herr. Wir verließen sehr ungehalten den Vogt und gingen Hand in Hand nach Hause.




Zweites Kapitel

Zwei junge Herzen


»Er wächst zu schnell«, sagte der Doktor zu meiner Mutter, »und wird für einen Knaben von seinem Alter viel zu klug. Lassen Sie ihn sechs Monate lang aus der Schule, Madame, damit er zu Hause in der freien Luft umherlaufen kann; und sehen Sie ein Buch in seiner Hand, so nehmen Sie es ihm fort. Das sind meine Verordnungen!«

Diese Worte waren für ein Lebensschicksal entscheidend.

Um des Doktors Rat zu befolgen, wurde ich unbeschäftigt gelassen und durchstreifte einsam, ohne Brüder, Schwestern oder Gefährten meines Alters, die Umgebungen unseres einsamen Landhauses. Die Tochter des Vogtes war, wie ich, ein einziges Kind und hatte gleich mir keine Spielgefährten. Wir begegneten uns auf unseren einsamen Wanderungen an den Ufern des Sees. Aus unzertrennlichen Gefährten wurden wir allmälig zärtliche Liebende und beabsichtigten unser bräutliches Verhältnis ehe ich zur Schule zurückkehrte zur vollen Reife zu bringen, indem wir uns heirateten.

Was ich schreibe ist kein Scherz. So töricht es »vernünftigen Menschen« auch erscheinen mag, wir beiden Kinder waren Liebesleute – wenn solche überhaupt je existiert haben.

Wir kannten keine andere Freude, als die alles umfassende, die wir einer in des andern Gesellschaft fanden. Wir zürnten der Nacht, weil sie uns trennte. Wir flehten unsere beiderseitigen Eltern an, uns im nämlichen Zimmer schlafen zu lassen. Ich grollte meiner Mutter und Mary war ungehalten über ihren Vater, wenn sie uns auslachten und nach unseren ferneren Wünschen befragten. Wenn ich von jenen Tagen bis zur Zeit meines Mannesalters vorwärts blicke, erinnere ich mich lebhaft der glücklichen Stunden, die ich damals verlebte. Aus der späteren Zeit aber wüsste ich kein Entzücken dem zu vergleichen, das ich damals unaussprechlich und unwandelbar empfand und das mein ganzes, junges Herz erfüllte, wenn ich mit Mary die Felder durchstreifte; wenn ich mit Mary in meinem Boot den See durchkreuzte; wenn ich Mary nach der grausamen Trennung der Nacht wiedersah und in ihre geöffneten Arme flog, als wären wir Monde und Monde lang getrennt gewesen.

Welch eine Anziehungskraft fesselte uns so eng in einem Alter aneinander, wo der sympathische Zug der Geschlechter in ihr, wie in mir noch verborgen schlief?

Wir wussten es nicht und bemühten uns nicht es zu ergründen, wir gehorchten dem Triebe uns zu lieben, wie der Vogel dem Triebe zu fliegen folgt.

Man darf durchaus nicht voraussetzen, dass wir hervorragende Gaben oder Vorzüge besaßen, die uns in irgendeiner Art vor anderen Kindern unseres Alters auszeichneten. Wir waren durchaus nicht anders als andere. Man hatte mich in der Schule einen klugen Jungen genannt, aber es gab tausend Knaben in tausend anderen Schulen, die so gut wie ich obenan in der Klasse saßen und ihre Auszeichnungen erhielten. Um die Wahrheit zu sagen, ich ragte in keiner Weise hervor, außer – wie man zu sagen pflegt, dass ich »groß für mein Alter« war. Mary, ihrerseits, entwickelte keine besonderen Reize. Sie war ein zartes Kind mit milden, grauen Augen und von bleicher Gesichtsfarbe; sie war seltsam scheu, still und zurückhaltend, außer, wenn sie mit mir ganz allein war. Die Schönheit, die sie in jenen jungen Jahren schmückte, lag in einer gewissen ungekünstelten Reinheit und Liebenswürdigkeit des Ausdrucks und in der reizenden rotbraunen Farbe ihres Haares, das zierlich und anmutig in wechselndem Glanze strahlte. Obgleich wir dem äußeren Anscheine nach zwei ganz gewöhnliche Kinder waren, schien ihr Geist und der meine doch geheimnisvoll durch einen verwandten Zug verbunden zu sein, der nicht nur uns selbst verborgen blieb, sondern auch zu tief in uns schlummerte, um von älteren und weiseren Köpfen als die unseren enthüllt zu werden.

Man wird natürlich fragen, ob unsere Eltern nichts taten, um unsere vorzeitige Neigung, als sie nur noch eine harmlose Tändelei zwischen einem Knaben und einem Mädchen war, zu verhindern.

Mein Vater tat nichts – aus dem einfachen Grunde, weil er von Hause abwesend war.

Er war ein Mann von ruhelosem, unternehmendem Charakter. Da er sein Gut von Schulden beladen geerbt hatte, war es sein höchster Ehrgeiz, sein geringes Einkommen durch seine Bestrebungen zu vergrößern, einen Haushalt in London zu haben und auf der Leiter des Parlaments politische Ehren zu erklimmen. Ein alter Freund, der nach Amerika ausgewandert war, hatte ihm ein landwirtschaftliches Unternehmen in den westlichen Staaten vorgeschlagen, wodurch sie beide ihr Glück machen würden. Meines Vaters erregbare Phantasie erfasste die Idee. Über ein Jahr war er fern von uns in den Vereinigten Staaten; wir wussten nichts von ihm, als dass er, wie seine Briefe besagten, in nächster Zeit als einer der reichsten Männer Englands zurückkehren würde.

Was meine arme Mutter anbelangt, so war sie die sanfteste, weichherzigste Frau der Welt und – mich glücklich zu sehn, war das Ziel ihrer Wünsche.

Der kleine, hübsche Liebesroman der zwei Kinder zerstreute und interessierte sie. Sie scherzte mit Marys Vater über die bevorstehende Verbindung der beiden Familien, ohne den geringsten Gedanken an die Zukunft – ohne auch nur eine Ahnung von dem zu haben, was bei meines Vaters Rückkehr geschehen könnte. »Jeder Tag hat sein eigenes Glück und Leid« war der Wahlspruch meiner Mutter ihr ganzes Leben hindurch gewesen und sie stimmte ganz der Philosophie des Vogtes bei, die wir schon in diesen Zeilen mitteilten: »Sie sind nur Kinder, es ist kein Grund die Dinger jetzt schon zu trennen!«

Ein Mitglied der Familie aber fasste die Sache doch ernster und bedenklicher auf.

Meines Vaters Bruder besuchte uns in unserer Einsamkeit – er entdeckte was zwischen Mary und mir vorging – und war natürlich zuerst auch geneigt uns auszulachen; ein näheres Eingehen auf die Sache änderte aber seine Denkweise. Er überzeugte sich bald, wie töricht meine Mutter handelte, sah, dass der Vogt, obgleich er der bravste Diener war, den man sich denken konnte, hierbei schlau seine Interessen durch seine Tochter zu fördern suchte und fand, dass ich ein junger Tollkopf war, der seine natürliche Anlage zum Dummheiten machen außergewöhnlich früh entwickelte. Im Sinne dieser Beobachtungen sprach mein Onkel mit meiner Mutter und bot ihr an mich mit nach London zu nehmen und dort zu behalten, bis ich durch den Umgang mit seinen Kindern und die sorgfältige Aufsicht in seinem Hause wieder vernünftig geworden wäre.

Meine Mutter zögerte seinen Vorschlag anzunehmen, da sie besser meinen Charakter als mein Onkel kannte. Während sie noch zweifelte und mein Onkel ungeduldig die Entscheidung erwartete, ordnete ich selbst die Sache für meine Angehörigen, indem ich davon lief.

Ich ließ als Stellvertreter in meiner Abwesenheit einen Brief zurück, worin ich erklärte, dass keine Macht mich von Mary trennen würde und dass ich, so wie mein Onkel das Haus verlassen haben würde, heimzukehren und die Verzeihung meiner Mutter zu erbitten beabsichtigte. Trotz der genausten Nachforschungen gelang es nicht, mein Versteck zu

entdecken. Mein Onkel reiste mit der Prophezeiung ab, dass ich zur Schande der Familie heranwachsen würde und versprach, dass er meinem Vater mit der nächsten Post seine

Ansichten über mich nach Amerika hin mitteilen würde.

Das Geheimnis von dem Versteck, in dem ich allen Nachforschungen trotzte, ist bald zu erklären.

Ich war, ohne dass der Vogt es wusste, in dem Schlafgemach seiner Mutter versteckt. Ihr fragt: ob die Mutter des Vogtes darum wusste? Worauf ich Euch antworte: dass sie es wusste und – was noch mehr sagen will, dass sie stolz darauf war; nicht um eine feindliche Tat gegen meine Familie zu begehen, sie meinte nur damit eine Gewissenspflicht zu erfüllen.

Aber, im Namen alles Wunderbaren, wie war der Charakter dieser alten Frau? Lasst sie vor Euch erscheinen und für sich selber sprechen – die wilde, fast für eine Zauberin geltende Großmutter der sanften kleinen Mary, die moderne Sybille, die weit und breit in unserem Teile

von Suffolk, als Dame Dermody, bekannt war.

Sie schwebt mir wiederum so deutlich vor, als ich dieses schreibe, wie sie strickend oder lesend in dem niedlichen Landhause ihres Sohnes am Wohnstubenfenster saß und das Licht auf ihre Schulter fiel. Dame Dermody war eine kleine, magere, bewegliche, alte Frau mit feurigen schwarzen Augen, die von buschigen weißen Brauen bestattet waren, mit einer hohen, gefurchten Stirn und dichtem, weißem Haar, das sauber unter einem Häubchen geordnet war. Das Gerücht behauptete und behauptete mit Recht, dass sie von Geburt und Erziehung eine Dame war und dass sie absichtlich ihre Lebensstellung aufgegeben hatte, um einen Mann zu heiraten, der dem gesellschaftlichen Rande nach weit unter ihr stand. Sie selbst bedauerte diesen Schritt nie, wie auch ihre Familie darüber denken mochte. Nach ihrer Anschauung war ihres Gatten Andenken für sie etwas Heiliges; sein Geist war der Schutzgeist, der, wachend oder schlafend, tags oder nachts, sie bewachte.

Da sie an diesem Glauben festhielt, blieb sie ganz unbeeinflusst von den modernen Auswüchsen grobsinnlicher Anschauungen, die die Gegenwart der Geister mit plumpen Verschwörungskünsten und närrischen Zeichen auf Tischen und Stühlen in Verbindung zu bringen suchen. Dame Dermodys edlerer Aberglaube bildete einen wichtigen Teil ihrer religiösen Überzeugungen – Überzeugungen, die seitdem längst in Emanuel Swedenborgs mystischen Lehren ihren Ausdruck gefunden haben. Die Werke des schwedischen Sehers waren die einzigen Bücher, die sie las. Sie vermischte Swedenborgs Lehren über Engel und abgeschiedene Geister, über Nächstenliebe und Reinheit des Wandels mit ihren eigenen milden Phantasien und verwandten Anschauungen und predigte die so gewonnenen schwärmerischen Religionslehren nicht allein im Hause des Vogtes, sondern auch aus Bekehrungsausflügen in den Häusern ihrer einfachen Nachbarn weit und breit.

Unter ihres Sohnes Dach war sie, nach dem Tode seiner Frau, die oberste Machthaberin und rühmte sich ebenso der treuen Erfüllung ihrer häuslichen Pflichten, wie des bevorzugten Verkehrs mit Engeln und Geistern. Mochte zugegen sein, wer da wollte, so hielt sie doch lange Unterreedungen mit dein Geist ihres verstorbenen Mannes und versetzte dadurch die einfältigen Zuhörer in stummes Grauen. Bei ihrer mystischen Anschauungsweise erschien ihr der Liebesbund zwischen Mary und mir als etwas so Heiliges und Schönes, dass man ihn nicht nach den niedrigen und gewöhnlichen Gesetzen der Gesellschaft beurteilen durfte. Sie schrieb für uns kleine Gebete und Lobgesänge, deren wir uns täglich, bei unserm Begegnen oder Auseinandergehen, bedienen mussten. Ihren Sohn ermahnte sie ernstlich uns als zwei junge, geheiligte Wesen zu betrachten, die auf einem himmlischen Pfade wandelten, dessen Beginn zwar hier auf Erden sei, dessen seliges Ende wir aber droben in einem besseren Sein bei den Engeln finden würden. Nun stelle man sich den Eindruck vor, als ich vor dieser Frau in Tränen der Verzweiflung gebadet erschien und ihr meinen Entschluss verkündigte: eher zu sterben, als mich durch meinen Onkel von Marys Seite reißen zu lassen – und man wird ein Verständnis für die Gastfreundschaft bekommen, welche mir das Heiligtum von Dame Dermodys Zimmer öffnete.

Ich machte einen argen Missgriff, als es Zeit war mein Versteck zu verlassen. Als ich der alten Frau nämlich beim Fortgehen dankte, sagte ich, veranlass durch meine kindischen Begriffe von Ehre: »Ich werde Sie nicht verraten, Madame. Meine Mutter soll nicht erfahren, dass Sie mich

in Ihrem Schlafzimmer verborgen hielten.«

Die Sybille legte ihre dürren, knochigen Hände auf meine Schulter und drückte mich in den Stuhl, von dem ich eben aufgestanden war, zurück.

»Knabe!« rief sie, mich mit ihren feurigen Augen durchbohrend, »wagst Du zu glauben, dass ich je in meinem Leben etwas tat, dessen ich mich zu schämen hätte? Glaubst Du, dass ich mich dieser Tat schäme? Warte hier. Damit Deine Mutter mich nicht auch missversteht, werde ich ihr schreiben.«

Sie setzte ihre große, runde Brille mit der Schildpatteinfassung auf und begann zu schreiben. Sobald ihre Gedanken sie verließen oder sie einen Ausdruck suchte, den sie nicht gleich finden konnte, blickte sie über ihre Schulter, als ob ein sichtbares Wesen dort stände und ihren Brief verfolgte – es war der Geist ihres Mannes, den sie so zu Rate zog, wie man einen lebenden Menschen befragt – sanft lächelnd schrieb sie dann ruhig weiter. »So!« sagte sie und reichte mir den Brief mit einer herablassenden Gebärde: »Seine Ansicht und die meine sind hier niedergeschrieben. Geh Kind, ich verzeihe Dir. Diesen Brief gib Deiner Mutter.«

Sie sprach immer mit derselben Förmlichkeit und würdigen Gemessenheit in Ausdruck und Bewegung.

Ich brachte meiner Mutter den Brief. Wir lasen und bestaunten ihn gemeinschaftlich. Beeinflusst durch den immer gegenwärtigen Geist ihres Gatten, hatte Dame Dermody also geschrieben:

»Madame! – Ich nehme mir nach Ihrer Ansicht wohl eine große Freiheit heraus, indem ich Ihnen schreibe. Ich bin Ihrem Sohne behilflich gewesen seinem Onkel Trotz zu bieten. Ich habe Ihren Sohn George in seinem Vorsatze, meiner Enkelin Mary Dermody in Zeit und Ewigkeit treu zu sein, bestärkt.

Ich bin Ihnen und mir selbst die Erklärung der Beweggründe schuldig, die mich zu diesem Schritt veranlassen.

Ich glaube, dass jede wahre Liebe im Himmel vorausbestimmt und geweiht ist. Geister, die zu einer ewigen Vereinigung in einer besseren Welt bestimmt sind, haben die göttliche Weisung sich hinieden zu suchen und in dieser Welt ihren Bund zu schließen. Nur wo die für einander bestimmten Geister sich hinieden finden, kann eine glückliche Ehe geschlossen werden.

Sind die verwandten Geister sich einmal begegnet, so vermag keine Macht sie zu trennen. Dem göttlichen Befehl zufolge müssen sie sich immer wieder finden und wieder vereinigen. Mag weltliche Weisheit sie in ganz verschiedene Lebensbahnen zwingen; mag weltliche Weisheit

sie täuschen oder mögen sie sich selber täuschend einen irdischen, falschen Bund schließen, das ändert nichts. Die Zeit muss kommen, wo dieser Bund sich als irdisch und falsch erweist und wo die beiden getrennten Geister sich hier wiederfinden, um sich hinieden für das Jenseits zu

vereinen – zu vereinen, sage ich, trotz aller menschlichen Satzungen, trotz aller weltlichen Begriffe von Recht und Unrecht.

Das ist mein Glaube und ich habe ihn durch mein eigenes Leben bewährt. Als Mädchen, wie als Gattin und als Witwe, habe ich daran festgehalten und ich habe ihn richtig erfunden.

Ich bin in der Lebensstellung geboren, zu der auch Sie gehören, Madame. Man unterrichtete mich in dem niedrigen, materiellen Wissen, das den weltlichen Begriff von Erziehung bildet. Gott sei es gedankt, dass der mir verwandte Geist dem meinen in frühen Jahren schon begegnete, ich lernte wahre Liebe und wahre Geistesgemeinschaft kennen bevor ich zwanzig Jahre alt wurde. Mein Mann gehörte den arbeitenden Klassen an, ich heiratete also in die Gesellschaftsschicht hinein, Madame, aus der Christus einst seine Jünger wählte. Kein irdisches Wort kann genugsam das Glück bezeichnen, das ich schon in unserer Vereinigung hinieden fand – sein Tod hat uns nicht getrennt. Er steht mir bei, während ich diesen Brief schreibe. In meiner letzten Stunde werde ich ihn sehen, wie er an den Ufern des glänzenden Flusses unter der Engelschar steht und mich erwartet.

Sie werden nun begreifen, mit welchen Blicken ich das Band betrachte, welches die jugendlichen Geister unserer Kinder, schon bei ihren ersten Schritten in das Leben, verbindet.

»Glauben Sie mir, die Tat, die Ihres Gatten Bruder von Ihnen forderte, war eine Entheiligung und Entweihung. Ich gestehe offen, dass ich das, was ich in dieser Angelegenheit tat, um die Absichten Ihres Verwandten zu durchkreuzen, für ein Gebot der Tugend halte. Sie können von mir nicht erwarten, dass ich den Zufall, dass Ihr Sohn des Herrn Erbe und meine Enkelin des

Vogtes Tochter ist, als ein ernstliches Hindernis für eine Vereinigung betrachte, die im Himmel vorausbestimmt ist. Werfen auch Sie, ich beschwöre Sie, die unwürdigen und unchristlichen Standesvorurteile ab. Sind wir vor Gott nicht alle gleich? Sind wir nicht auch selbst vor dieser

Welt vor Elend und Tod gleich? Von der Beachtung meiner Worte hängt nicht allein Ihres Sohnes Glück, sondern Ihr eigener Seelenfrieden ab. Es wird Ihnen nicht gelingen, Madame, in späteren Jahren den vorausbestimmten Ehebund dieser beiden Kindergeister zu verhindern, dess’ seien sie versichert. Trennen Sie sie jetzt und – Sie werden die Verantwortung für alle Opfer, Erniedrigungen und Schmerzen zu tragen haben, durch die Ihr George und meine Mary in ihrem späteren Leben den Rückweg zueinander suchen müssen.

Jetzt ist mein Gewissen seiner Bürde enthoben. Ich habe Alles gesagt.

Habe ich zu frei gesprochen oder Ihnen ohne mein Wissen wehe getan, so erbitte ich mir Ihre Verzeihung, Madame, und verharre, mit treuen Wünschen für ihr Wohlergehn Ihre ergebene Dienerin

Helene Dermody.«

So endete der Brief.

Mir gilt er mehr als eine bloße seltsame Probe von Briefstellerei. Mir ist er die wunderbar in späteren Jahren erfüllte Prophezeiung von Ereignissen in Marys und meinem Leben, die die folgenden Seiten enthüllen werden.

Meine Mutter beschloss den Brief unbeantwortet zu lassen. Sie fürchtete, wie viele ihrer ärmeren Nachbarn, Dame Dermody ein wenig und war, nebenbei, allen Abhandlungen über die Mysterien des Geisterlebens abgeneigt. Ich wurde gescholten, verwarnt und mit ihrer Verzeihung entlassen – so endete die Sache.

Für einige glückliche Wochen kehrten Mary und ich, ungestört und ungehindert, zu unserem früheren, innigen Verkehr zurück. Leider aber kam das Ende, als wir es am wenigsten erwarteten. Eines Morgens erhielt meine Mutter einen Brief von meinem Vater, worin er sie zu ihrem Erstaunen benachrichtigte, dass er unverhofft gezwungen worden sei, sofort nach England abzusegeln und auch bereits in London angekommen sei, wo ihn unverschiebbare Geschäfte

noch zurückhielten. So wie er sich frei machen könne, würde er kommen, wir könnten ihn also täglich erwarten.

Diese Nachrichten erfüllten das Gemüt meiner Mutter mit ahnungsvollen Zweifeln über das Gelingen der großen Spekulationen ihres Gatten in Amerika. Seine plötzliche Abreise aus den Vereinigten Staaten, der geheimnisvolle Aufenthalt in London, waren in ihren Augen Vorboten

herannahender Missgeschicke. Ich schreibe jetzt von jenen dunklen Tagen der Vergangenheit, als Eisenbahnen und elektrische Telegraphen nur noch goldene Träume in den Köpfen ihrer Erfinder waren. So war ein schneller Verkehr mit meinem Vater unmöglich, selbst wenn er darein gewilligt hätte, uns in sein Vertrauen zu ziehen. Uns blieb keine Wahl, als zu hoffen und zu harren.

Langsam vergingen die Tage – und immer noch sagten uns meines Vaters flüchtige Briefe, dass er in London zurückgehalten würde. So kam der Morgen, wo Mary und ich mit dem Vogte Dermody ausgingen, um die letzten wilden Vögel in den Entenfang locken zu sehen – und noch immer harrte man daheim, um den Herrn des Hauses zu begrüßen und harrte noch immer vergebens.




Drittes Kapitel

Swedenborg und die Sybille


Ich nehme meine Erzählung an der Stelle wieder auf, wo ich sie im ersten Kapitel fallen ließ.

Wie man sich erinnern wird, hatten Mary und ich den Vogt im Entenfange allein gelassen und hatten uns auf den Weg nach Dermodys Hause gemacht.

Als wir uns dem Gartengitter näherten, sah ich einen Diener unseres Hauses dort warten. Er brachte eine Botschaft von meiner Mutter – eine Botschaft für mich.

»Mr. George, meine Herrin wünscht, dass Sie sobald als möglich nach Hause kommen, es ist ein Brief mit der Post gekommen. Der Herr beabsichtigt von London einen Postwagen zu nehmen und benachrichtigt uns, dass wir ihn im Laufe des Tages erwarten können.«

Marys gespanntes Gesicht verdüsterte sich bei diesen Worten. »Musst Du wirklich gehn, George«, flüsterte sie, »ehe Du gesehen hast, was dich hier zu Hause erwartet?«

Mir fiel Marys verheißene »Überraschung« ein, deren Geheimnis erst enthüllt werden sollte, wenn wir im Hause wären. Wie konnte ich sie betrüben? Mein armes, kleines Herzblatt begann fast, bei dem bloßen Gedanken daran, schon zu weinen.

Ich entließ den Diener mit der vertröstenden Bestellung, dass ich meine Mutter grüßen ließe und in einer halben Stunde nach Hause zurückkehren würde.

Wir gingen ins Haus.

Dame Dermody saß wie gewöhnlich am Fenster, auf ihrem Schoße lag geöffnet eines von Emanuel Swedenborgs mystischen Büchern. Bei unserem Eintreten erhob sie feierlich die Hand und gab uns ein Zeichen, dass wir uns in unsere gewohnte Ecke zurückziehen sollten, ohne mit ihr zu sprechen. Es galt als ein Akt des häuslichen Hochverrats, wenn man die Sybille bei ihren Büchern störte. Wir schlichen still auf unsere Plätze. Mary wartete, bis ihrer Großmutter graues

Haupt sich neigte und ihrer Großmutter buschige Augenbrauen sich aufmerksam über ihrem Buche zusammenzogen. Da erst erhob sich das bescheidene Kind auf den Zehenspitzen, verschwand geräuschlos in der Richtung ihrer Schlafkammer und trug, zu mir zurückkehrend, etwas in der Hand, das sie vorsichtig in ihr bestes, baumwollenes Taschentuch gehüllt hatte.

»Ist das die Überraschung?« flüsterte ich.

Mary erwiderte ebenso: »Rate, was es ist!«

»Etwas für mich?«

»Ja. Rate. Was ist es?«

Ich riet drei Mal – und jedes Mal riet ich falsch. Mary entschloss sich mir durch einen Wink zu Hilfe zu kommen.

»Sage die Buchstaben her,« meinte sie, »und fahre fort bis ich Dich unterbreche.«

Ich begann: »A, B, E, D, E, F« – Hier unterbrach sie mich.

»Es ist der Name einer Sache,« sagte sie. »Er beginnt mit F.«

Ich riet »Farnkraut«, »Feder«, »Fünf« – da war meine Weisheit zu Ende.

Mary seufzte und schüttelte den Kopf. »Du gibst Dir keine Mühe,« sagte sie. »Du bist drei ganze Jahre älter als ich. Nach aller der Mühe, die ich mir gegeben habe Dich zu erfreuen, bist Du nun am Ende zu groß, um dir aus meinem Geschenk etwas zu machen, wenn Du es

siehst. Rate weiter.«

»Ich kann nicht raten.«

»Du musst!«

»Ich gebe es auf!«

Mary wollte nicht, dass ich aufhörte zu raten. Sie kam mir durch einen anderen Wink zu Hilfe.

»Was wünschtest Du neulich in Deinem Boot zu haben?« fragte sie.

»Ist es schon lange her, als ich es wünschte?« fragte ich, verlegen um eine Antwort.

»Lange, lange ist es her! Es war noch vor dem Winter, als im Herbst die Blätter fielen und Du mich zu einer Wasserfahrt abholtest. Oh, George, Du hast es vergessen!«

Ihre Worte waren nur zu wahr in Bezug auf mich, wie auf alle meine alten und jungen Mitbrüder. Es ist überall seine Liebe, die vergessen kann und ihre Liebe, die alles treu im Gedächtnis bewahrt. Wir waren nur zwei Kinder und doch war der Typus von Mann und Weib schon so bezeichnend in uns ausgeprägt! Mary verlor die Geduld. Trotz der furchtbaren Gegenwart ihrer Großmutter sprang sie auf und riss das Taschentuch von dem verborgenen Gegenstande.

»Hier!« rief sie aus, »weißt Du nun, was es ist?«

Endlich fiel es mir ein. Der Gegenstand, den ich mir monatelang für mein Boot gewünscht hatte, war eine neue Flagge. Und nun hatte Mary eigenhändig eine neue Flagge für mich gearbeitet! Auf grünseidenem Grunde war eine weiße Taube gestickt, die den herkömmlichen Ölzweig, aus

Goldfäden gearbeitet, im Schnabel hielt. Die Arbeit war das unsichere, zaghafte Werk kindlicher Finger. Wie treulich hatte mein kleiner Liebling meinen Wunsch behalten – wie

geduldig hatte sie ihre Nadel auf dem aufgezeichneten Muster hin- und hergleiten lassen, – wie fleißig hatte sie in den trüben Wintertagen gearbeitet; und das Alles für mich! Wie konnte ich orte finden ihr meinen Stolz, meine Dankbarkeit, mein Glück auszusprechen? Auch ich vergaß die Anwesenheit der über ihr Buch gebeugten Sybille – ich schloss die kleine, fleißige Arbeiterin in meine Arme und küsste sie, bis ich ganz außer Atem war und nicht mehr küssen konnte.

»Mary!« rief ich im ersten Feuer meines Enthusiasmus aus, »heute kehrt mein Vater heim. Ich will heute Abend mit ihm sprechen und morgen heirate ich Dich.«

»Knabe!« sagte die ehrfurchtgebietende Stimme am anderen Ende des Zimmers, »komm her!«

Dame Dermodys mystisches Buch war geschlossen und Dame Dermodys zauberische schwarze Augen beobachteten uns in unserer Ecke. Ich näherte mich ihr und Mary folgte mir schüchtern Schritt für Schritt.

Die Sybille fasste mich in einer so milden, liebkosenden Weise bei der Hand, wie sie mir ganz neu an ihr war.«

»Ist Dir dieses Spielzeug teuer?« fragte sie, auf die Flagge deutend. »Verbirg es!« rief sie, ehe ich ihr antworten konnte, »verbirg es oder es wird dir genommen werden!«

»Warum soll ich es verbergen?« fragte ich. »Es soll eben am Maste meines Bootes wehen.«

»Nimmer wird das geschehen!« Bei diesen Worten nahm sie die Flagge aus meiner Hand und steckte sie ungeduldig in die Brusttasche meiner Jacke.

»Zerknittere sie nicht, Großmutter!« rief Mary bittend.

Ich wiederholte meine Frage:

»Warum soll sie nie an dem Maste meines Bootes wehen?«

Dame Dermody legte ihre Hand auf das geschlossene Buch von Swedenborg, das in ihrem Schoße lag.

»Seit diesem Morgen habe ich das Buch drei Mal aufgeschlagen,« sagte sie. »Dreimal verkünden mir die Worte des Propheten, dass Sorgen heranziehen. Kinder! Diese Sorgen werden über Euch kommen! Wenn ich dorthin blicke,« fuhr sie fort, indem sie auf eine Stelle im Zimmer wies, die ein Sonnenstrahl beschien, »so sehe ich meinen Gatten im himmlischen Licht. Er beugt kummervoll sein Haupt und weist mit seiner nimmerirrenden Hand auf Euch. George

und Mary, Ihr seid einander geweiht; bleibt immer dieser Weihe, bleibt Eurer selbst würdig.« Sie schwieg. Ihre Stimme bebte. Ihre Augen ruhten mit jenem sanften, trüben Blick auf uns, der von einer nahen Trennungsstunde sprach. »Kniet nieder!« sagte sie im leisen Tone der Furcht

und des Kummers. »Zum letzten Male segne ich Euch! Zum letzten Male bete ich für Euch in diesem Hause. Kniet nieder!«

Wir knieten noch beieinander zu ihren Füßen. Ich fühlte Marys erregten Herzschlag, als sie sich enger und enger an mich schmiegte. Ich fühlte die Schläge meines eigenen Herzens sich unter dem Einflusse einer Furcht verdoppeln, die mir unerklärlich war.

»Gott segne und behüte George und Mary jetzt und immerdar. Gott fördre in Zukunft ihre Vereinigung, die seine Weisheit ja beschlossen hat. Amen. So sei es. Amen.«

Als e die letzten Worte ausgesprochen hatte, wurde die Haustür aufgerissen. Mein Vater, – von dem Vogt gefolgt – trat ins Zimmer. Dame Dermody erhob sich langsam und musterte ihn mit strengen Blicken.

»Das Verhängnis bricht herein,« sagte sie zu sich selbst, »es blickt mit den Augen – es spricht mit der Stimme dieses Mannes.«

Sich zu dem Vogte wendend, brach mein Vater das Schweigen.

»Ich finde meinen Sohn in Eurem Zimmer, Dermody«, sagte er, »wie Ihr seht, statt dass er in meinem Hause ist.« Geduldig aus die Gelegenheit zum Sprechen wartend, stand ich und hatte meine Arme um die kleine Mary geschlungen, als er sich zu mir wendete. »George,« sagte er, mit dem herben Lachen, welches ihm eigentümlich war, wenn er seinen Zorn verbergen wollte, »du machst Dich zum Narren. Lass das Kind und komme zu mir.«

Jetzt oder niemals musste ich mich erklären. Dem Anscheine nach war ich noch ein Knabe. Meinem eigenen Gefühl nach bedurfte es eines Augenblicks, um mich zum Manne

zu entwickeln.

»Papa,« sagte ich, »ich freue mich, dass Du heimgekehrt bist. Dies ist Mary Dermody, die ich liebe und die mich wieder liebt. Ich möchte sie heiraten sobald als Du und meine Mutter es gestatten.« Mein Vater brach in lautes Gelächter aus, doch bevor ich weiter sprechen konnte, wechselte seine Stimmung. Er hatte beobachtet, dass Dermody sich anschickte, die Sache auch scherzhaft aufzufassen. Im nächsten Augenblick schien er wild vor Wut zu werden. »Man hat

mich von diesem höllischen Narrenspiel in Kenntnis gesetzt,« sagte er, »aber ich habe bis jetzt nicht daran glauben wollen. Wer hat des Knaben schwachen Kopf verdreht? Wer hat ihn ermutigt, dieses Mädchen zu umarmen? Wenn Ihr es waret, Dermody, so war das die schlechteste Tagearbeit, die Ihr in Eurem Leben getan habt.« Er wandte sich wieder zu mir, ehe der Vogt sich verteidigen konnte. »Hörst Du was ich sage? Ich befehle Dir Dermodys Tochter zu verlassen und mit mir nach Hause zu kommen.«

»Jawohl, Papa,« sagte ich, »aber wenn ich bei Dir gewesen bin, gestattest Du doch, dass ich zu Mary zurückkehre.«

Trotz seines Ärgers wurde mein Vater ganz stutzig über meine Verwegenheit.

»Deine Unverschämtheit übersteigt Alles, junger Narr,« brach er los. »Ich sage Dir, dass Dein Fuß nie wieder diese Schwelle betreten wird! Man hat Dich gelehrt mir den Gehorsam zu verweigern. Man hat Dir hier Dinge in den Kopf gesetzt, die kein Knabe Deines Alters wissen

darf, die kein anständiger Mensch Dir beigebracht haben würde – weiter will ich nichts sagen.«

»Verzeihung, Herr,« unterbrach ihn Dermody sehr ehrerbietig, aber gleichzeitig sehr bestimmt, »es gibt viele Dinge, welche ein Herr das Vorrecht hat, seinem Diener in der Erregung zu sagen, aber Sie haben dieses Vorrecht überschritten. Sie haben mich in Gegenwart meiner Mutter und vor den Ohren meines Kindes beschimpft.«

Hier fiel ihm mein Vater ins Wort.

»Erspart Euch das Ende,« sagte er. »Wir sind nicht länger Herr und Diener. Als mein Sohn Euer Haus zu besuchen anfing und mit Eurer Tochter zu tändeln begann, war es Eure Pflicht ihm Eure Tür zu verschließen. Ihr habt Eure Pflicht versäumt, ich kann Euch nicht länger trauen. Ich kündige Euch hiermit für den nächsten Monat Euren Dienst, Dermody.«

Nun stand der Vogt mit meinem Vater auf neutralem Boden. Er war nicht länger der bequeme, sanfte, bescheidene Mann, als den ich ihn kannte.

»Ich erlaube mir Ihre Kündigung für den nächsten Monat abzulehnen, mein Herr,« erwiderte er. »Sie sollen keine Gelegenheit haben mir das eben Gesagte zu wiederholen. Ich werde Ihnen heute Abend meine Rechnungen zuschicken und werde morgen Ihren Dienst verlassen.«

»So sind wir doch in einer Sache einverstanden,« sagte mein Vater, »je eher Ihr geht, je besser.«

Er schritt durch das Zimmer und legte seine Hand auf meine Schulter.

»Höre mich an,« sagte er, indem er eine letzte Anstrengung zur Selbstbeherrschung machte. »Ich mag vor einem entlassenen Diener nicht mit Dir streiten. Dieser Unsinn muss ein Ende haben. Verlass diese Leute, damit sie aufpacken und gehn können – und komm mit mir nach Hause.«

Seine schwere Hand, die auf meine Schulter drückte, schien den Geist des Widerspruchs in mir zu erdrücken. Ich gab in so weit nach, als ich ihn durch Bitten zu erweichen versuchte.

»Ach Papa! Papa!« rief ich aus, »trenne mich nicht von Mary! Sieh wie hübsch und gut sie ist! Sie hat mir eine Flagge für mein Boot gestickt. Lass mich zuweilen her gehen und sie sehen, ich kann nicht ohne sie leben.«

Weiter konnte ich nichts sagen. Meine arme, kleine Mary brach in Tränen aus, aber ihre Tränen rührten meinen Vater eben so wenig, als meine Bitten.

»Wähle,« sagte er, »ob Du gutwillig mit mir kommen willst oder ob ich Gewalt brauchen soll. Ich werde Dich und Dermodys Tochter trennen.«

»Weder Sie noch irgend ein Mensch kann sie trennen,« warf eine Stimme aus dem Hintergrunde dazwischen, »geben Sie diesen Gedanken auf, Herr, ehe es zu spät ist.«

Mein Vater sah sich schnell um und bemerkte Dame Dermody, die hell vom Fenster beleuchtet vor ihm stand. Sie hatte sich beim Beginn des Streites in die Ecke am Kamin zurückgezogen. Dort hatte sie ihre Zeit abgewartet und verließ nun ihren stillen Winkel bei meines Vaters letzter Drohung, um zu sprechen.

Sie blickten sich einen Augenblick lang an. Mein Vater schien es unter seiner Würde zu halten, ihr zu antworten und fuhr also in dem fort, was er mir zu sagen hatte:

»Ich werde langsam bis drei zählen, bevor ich die letzte Zahl ausspreche, entschließe Dich zu tun, was ich von Dir fordere, oder füge Dich der Schande, mit Gewalt fortgeschleppt zu werden.«

»Bringt ihn, wohin Ihr wollt,« sagte Dame Dermody, »er wird immer auf dem Wege bleiben, der zur Verheiratung mit meiner Enkelin führt.«

»Und wo werde ich bleiben, wenn’s beliebt?« fragte mein Vater, der nun doch versucht war mit ihr zu sprechen.

Die Antwort erfolgte sofort in den wunderbaren Worten: —

»Sie werden dann auf dem Wege zu Ihrem Untergange und zu Ihrem Tode sein.«

Mein Vater kehrte der Prophetin mit einem verächtlichen Lächeln den Rücken.

»Eins!« begann er zu zählen.

Ich biss die Zähne zusammen und schlang beide Arme um Mary, als er sprach. Er sollte jetzt erfahren, dass ich etwas von seinem Charakter geerbt hatte.

»Zwei!« fuhr mein Vater nach einer kleinen Weile fort.

Mary flüsterte mir mit bebenden Lippen ins Ohr: »Lass mich hinaus gehen, George! Ich kann es nicht ertragen, sieh, wie er grollt, ich weiß er wird Dir weh tun!«

Mein Vater erhob seinen Zeigefinger, um mich noch einmal zu warnen, ehe er Drei zählte.

»Haltet ein!« schrie Dame Dermody.

Mein Vater sah sich mit höhnischem Erstaunen nach ihr um.

»Verzeihen Sie, Madame, – haben Sie mir irgendetwas Wichtiges zu sagen?« fragte er.

»Mann!« erwiderte die Sybille, »Ihr sprecht leichtfertig. Habe ich auch leichtfertig zu Euch gesprochen? Lasst Euch warnen, beugt Euren gottlosen Willen vor dessen Willen, der mächtiger ist als Ihr. Die Geister dieser Kinder sind verwandt, sie sind für Zeit und Ewigkeit verbunden. Trennt sie durch Land und Meer, – sie bleiben doch vereint; sie werden durch Visionen miteinander verkehren; sie werden in Träumen beieinander sein. Bindet sie mit irdischen Banden; vermählt Euren Sohn einem anderen Weibe, gebt meiner Enkelin einen anderen Mann – umsonst! Ich sage Euch, es ist umsonst! Ihr könnt sie zum Elend verdammen, – Ihr könnt sie zur Sünde treiben, – der Tag, wo sie sich auf Erden wiederfinden werden, ist dennoch im Himmel voraus bestimmt. Er muss kommen! Und wird kommen! Unterwerft Euch dem Schicksal nun es Zeit ist. Ihr seid ein Verurteilter! Ich sehe auf Eurem Gesicht die Schatten des Unheils, ich sehe das Siegel des Todes darauf. Geht und lasst diese füreinander bestimmten Wesen ihren dunklen Weg durch das Leben gemeinsam gehen, in der Kraft ihrer Unschuld» im Lichte ihrer Liebe. Geht – und Gott möge Euch vergeben.«

Gegen seinen eigenen Willen war mein Vater erstaunt über die unwiderstehliche Macht der Überzeugung, die aus diesen Worten sprach. Die Mutter des Vogtes hatte auf ihn den Eindruck gemacht, wie eine tragische Schauspielerin auf der Bühne ihn ihm gemacht haben würde. Die höhnische Antwort war auf seinen Lippen erstorben – aber sein eiserner Wille war nicht erschüttert. Sein Gesicht war so streng wie zuvor, als er sich wieder zu mir wendete.

»Entschließe Dich, George!« sagte er – und zählte: »Drei!« -

Ich stand stumm und regungslos.

»So willst Du denn nicht anders?« sagte er und packte meine Hand.

Ich hielt Mary fest und flüsterte ihr zu: »Ich lasse dich nicht!« Sie schien mich nicht zu hören und zitterte von Kopf bis Fuß in meinen Armen. Ein schwacher Aufschrei entrang sich ihren Lippen. Dermody trat zu mir und ehe mein Vater mich von ihr losreißen konnte, sagte er mir ins Ohr: »Ihr könnt sie mir anvertrauen, Mr. George!« Damit entwand er sein Kind meiner Umarmung. Als sie in Dermodys Armen lag, streckte sie ihre kleine, zarte Hand verlangend nach mir aus. »Lebewohl, Geliebtester!« flüsterte sie. Als ich zur Tür geschleppt wurde, sah ich ihren Kopf

an ihres Vaters Brust sinken. In meiner machtlosen Wut und Verzweiflung bot ich alle meine Kraft auf, mich den grausamen Händen zu entwinden, die mich umklammerten. Ich rief ihr zu: »Ich liebe Dich, Mary! Ich werde zu Dir zurückkehren und nie ein andres Weib heiraten, als Dich! Schritt für Schritt wurde ich vorwärts gestoßen. Das Letzte, was ich sah, war noch, wie meines Lieblings Kopf an ihres Vaters Brust lehnte. Neben ihr stand ihre Großmutter und – meinem Vater drohend, rief sie ihm, in der fieberhaften Aufregung, in die sie durch die vollzogene Trennung versetzt war, ihre furchtbare Prophezeiung noch einmal nach! »Geht! – Ihr geht ins Verderben! In den sicheren Tod!« Während ihre Worte noch in meinen Ohren widerhallten, wurde die Haustür geöffnet und geschlossen. Es war Alles vorbei. Die bescheidene Welt meiner Kinderliebe und meiner Kinderfreuden sank wie ein Traumbild vor mir zusammen. Die Wildnis draußen, die meines Vaters Welt war, öffnete sich mir – liebeleer, – freudenleer. Gott verzeihe mir – wie ich meinen Vater in jenem Augenblick hasste! —




Viertes Kapitel

Der Vorhang fällt


Den Tag über und während der nächsten Nacht wurde ich als Gefangener in einem Zimmer gehütet. – Ein Mann, auf dessen Zuverlässigkeit mein Vater bauen konnte, bewachte mich.

Am nächsten Morgen machte ich einen Fluchtversuch, wurde aber entdeckt ehe ich das Haus verlassen hatte. Wieder in mein Zimmer verbannt, gelang es mir an Mary zu schreiben und meinen Brief den willigen Händen des Hausmädchens, die mich bediente, zu übermitteln. Vergebene Mühe! Die Wachsamkeit meines Hüters war nicht zu täuschen. Er beargwöhnte das Mädchen, verfolgte sie und nahm ihr den Brief ab. Mein Vater zerriss ihn eigenhändig.

Im Laufe des Tages wurde meiner Mutter gestattet, mich zu besuchen. Die arme Seele war nicht fähig für mich einzutreten oder meine Rechte wahrzunehmen. Sie war ganz benommen durch die Mitteilung meines Vaters, dass bei seiner Rückkehr nach Amerika, seine Frau und sein Sohn ihn begleiten sollten.

»Er steckt jeden Pfennig, den er besitzt in diese verhasste Spekulation,« sagte meine Mutter. »Er hat in London Geld aufgenommen; hat sein Haus auf sieben Jahre an einen reichen Kaufmann vermietet und hat das Silbergeschirr und die Juwelen verkauft, die ich von seiner Mutter geerbt hatte. Die Ländereien in Amerika verschlingen das alles. Wir haben keine Heimat, George, und es bleibt uns keine Wahl, als ihm zu folgen.«

Eine Stunde später stand der Postwagen vor der Tür.

Mein Vater brachte mich selbst in den Wagen. Ich riss mich mit einer Verzweiflung von ihm los, der selbst seine Entschlossenheit nicht Widerstand leisten konnte. Ich lief, ich flog den Pfad entlang, der zu Dermodys Hause führte. Die Tür stand offen; das Wohnzimmer war leer, ich ging in die Küche, ich stieg zu den oberen Zimmern hinauf. Überall Stille. Der Vogt hatte den Ort verlassen und seine Mutter und Tochter waren mit ihm gegangen. Kein Freund oder Nachbar war mit einer Botschaft für mich betraut; nirgends lag ein Brief für mich; kein Zeichen verriet mir auf welchem Wege sie von dannen gezogen waren. Dermody setzte seinen Stolz darin, keine Spur eines Daseins zurückzulassen, nachdem sein Herr ihn so tief beleidigt hatte; mein Vater hätte ja glauben können, dass er mir absichtlich, um mich zu Mary zu leiten, ein Zeichen gegeben. Ich hatte kein Andenken, das mir von meinem verlorenen Liebling sprach, außer der Flagge, die sie eigenhändig gestickt hatte. Die Einrichtung war im Hause geblieben. Ich setzte mich in der gewohnten Ecke neben Marys leerem Stuhle nieder, sah meine liebe, grüne Flagge an und brach in heiße Tränen aus.

Eine leichte Berührung schreckte mich auf. Mein Vater hatte so weit nachgegeben, dass er meiner Mutter die Verantwortlichkeit übertrug, mich zu dem Reisewagen zurückzuführen.

»Hier können wir Mary nicht mehr finden, George,« sagte sie sanft. »Vielleicht hören wir in London von ihr. Komm mit mir.«

Ich stand auf und reichte ihr schweigend die Hand.

Als wir die reine, weiße Schwelle überschritten, fiel mein Auge auf einen kleinen Gegenstand, der dort lag. Ich hob ihn auf und sah einige mit Bleistift geschriebene Zeilen, bei näherer Beobachtung erkannte ich Marys Hand. In ungeübten, kindlichen Schriftzügen hatte sie mir ein letztes Lebewohl zurückgelassen:

»Lebe wohl, Teurer. Vergiss nie Deine Mary.«

Ich kniete nieder und küsste die Schrift. Sie tröstete mich – sie war mir wie ein letzter Händedruck von Mary. Still folgte ich nun meiner Mutter in den Wagen.

Am Abend spät kamen wir in London an.

Meine Mutter tat Alles, was ihr ihre eigene traurige Lage gestattete, um mich liebevoll zu trösten. Sie schrieb selbst an die Anwälte ihrer Familie, übersandte ihnen eine genaue Beschreibung von Dermody und seiner Mutter und Tochter und ersuchte sie in allen Reisebureaux in London nach ihnen zu forschen. Auch an zwei Verwandte von Dermody, die in der City wohnten, verwies sie sie, vielleicht wussten diese etwas über sein Verbleiben, nachdem er meines Vaters Dienst verlassen hatte. Damit hatte sie das Mögliche für mich getan, denn zu Zeitungsannoncen besaßen wir leider nicht Geld genug.

Eine Woche später segelten wir nach den Vereinigten Staaten ab. Bis dahin fragte ich zwei Mal bei den Anwälten nach, ob sie etwas erfahren, hörte aber leider beide Male, dass die Nachforschungen zu keinem Resultat geführt hatten.

Hiermit endet der erste Abschnitt meiner Liebesgeschichte.

Zehn Jahre lang sah ich nichts von meiner kleinen Mary, – ich erfuhr selbst nicht einmal ob sie noch lebte, um zum Weibe heranzureifen. Die grüne Flagge mit der gestickten Taube bewahrte ich sorgsam – übrigens hatten die Wogen der Vergessenheit sich über den goldenen Tagen an der »Grünwasser-Fläche« geschlossen.




Fünftes Kapitel

Meine Geschichte


Ihr habt mich zuletzt als einen dreizehnjährigen Knaben gesehen. Jetzt bin ich ein Mann von dreiundzwanzig Jahren.

Die Geschichte der Zeit, die zwischen diesen beiden Lebensepochen liegt, ist bald erzählt.

Um zuerst von meinem Vater zu reden, habe ich nur zu bestätigen, dass das Ende seiner Laufbahn in der Tat so war, wie Dame Dermody es vorausgesagt hatte. Ehe wir noch ein Jahr in Amerika waren, folgte sein Tod schon dem gänzlichen Zusammensturz seiner Spekulationen in Ländereien. Der Ruin war vollständig. Hätte meine Mutter nicht das kleine Einkommen gehabt, was bei ihrer Verheiratung für sie festgestellt war, so waren wir der Gnade fremder Menschen erbarmungslos anheimgefallen.

Wir hatten einige gütige Freunde unter den warmherzigen und gastfreien Bewohnern der Vereinigten Staaten gefunden, von denen wir mit aufrichtigem Bedauern schieden; triftige Gründe bestimmten uns aber nach meines Vaters Tode in unsere Heimat zurückzukehren – so reisten wir denn ab.

Außer ihrem Bruder, dessen ich schon früher in dieser Erzählung erwähnte, hatte meine Mutter noch einen anderen Verwandten, – einen Vetter, namens Germaine, auf dessen Beistand sie sehr hoffte, wenn die Zeit herangekommen sein würde, wo ich irgendeinen Beruf erwählen musste. Ich erinnere mich als ein Familiengeheimnis gehört zu haben, dass Herr Germaine, als beide jung waren, sich vergeblich um die Hand meiner Mutter beworben haben sollte. Als er zu

einer späteren Zeit durch den Tod seines Bruders, der ohne Erben starb, in den Besitz eines hübschen Vermögens kam, war er noch Junggesell. Der erlangte Reichtum änderte seine Lebensgewohnheiten nicht; er war ein einsamer Mann, allen seinen anderen Verwandten entfremdet, als meine Mutter und ich nach England zurückkehrten. Wenn es mir nur gelang Herrn Germaine zu gefallen, so konnte ich, wenigstens in gewisser Beziehung, meine Aussichten im Leben für gesichert halten.

Dieses war der eine Grund, der uns bestimmte Amerika zu verlassen. Es gab aber noch einen zweiten, – für mich allein bestimmenden – der mich unwiderstehlich zu den einsamen Ufern der Grünwasser-Fläche zurückzog.

Meine einzige Hoffnung eine Spur von Mary zu entdecken lag in der Möglichkeit, unter den Bewohnern der Nachbarschaft meiner alten Heimat Nachforschungen anstellen zu können. Der gute Vogt war in seinem engen Lebenskreise herzlich geliebt und geachtet gewesen. Es war wenigstens nicht unmöglich, dass einer oder der andere seiner vielen Freunde in Suffolk, im Laufe des Jahres, das ich fern von England verlebte, eine Spur von ihm entdeckt hatte. In meinen Träumen von Mary – und ich träumte immer von ihr, – bildete oft der See mit seinen waldigen Ufern den Hintergrund für das Bild, das mein Geist sich von der verlorenen Gefährtin schuf. Zu den Ufern des Sees blickte ich, mit freudiger Ahnung, als zu dem einzigen Leben vorwärts, das für mich glückverheißend war – zu einem Leben mit Mary.

Gleich nach unserer Ankunft in London reiste ich, auf

meiner Mutter Wunsch allein nach Suffolk ab. Sie schreckte natürlich, in ihrem vorgerückten Lebensalter, vor dem Gedanken zurück, ihre alte Heimat, in der nun die Fremden walteten, denen wir sie überlassen hatten, so verändert wieder zu sehen.

O, wie schlug mein Herz, jung wie ich war, als ich die wohlbekannten grünen Wogen des Sees wiedersah! Es war Abend. Der erste Gegenstand, den mein Auge erblickte, war mein altes Boot in seinen heiteren Farben, wie oft hatten Mary und ich darin miteinander den See durchkreuzt! Jetzt fuhren die neuen Bewohner unseres Hauses darin. Der Widerhall ihres fröhlichen Lachens zog über den stillen See zu mir herüber. Ihre Flagge wehte von der kleinen Mastspitze, an der der fröhliche Wind Marys Flagge nie bewegen sollte. Ich wendete mich von dem Boote ab, – es schmerzte mich, es zu sehen. Wenige Schritte vorwärts brachten mich zu einem Vorsprung des Ufers, von wo sich mir der Entenfang an der gegenüberliegenden Seite zeigte. Da war der Zaun, hinter dem wir gekniet hatten, um dem Fangen der Enten zuzusehen; dort war das Loch, durch welches »Trim«, der Dachshund, sich gezeigt hatte, um die Neugierde der einfältigen Wasservögel zu erregen; dort, durch die Bäume schimmernd, wand sich der Waldweg entlang, auf dem Mary und ich an jenem Tage, als meines Vaters grausame Hand uns voneinander riss, zu Dermodys Hause wanderten. Wie weise war es von meiner Mutter, dass sie sich weigerte die alte Heimat wiederzusehen! Ich wendete dem See den Rücken, um, in der schattigen Einsamkeit des Waldes, ruhiger denken zu können.

Nachdem ich eine Stunde ungefähr an den gewundenen Ufern des Sees entlang gegangen, kam ich bei dem Häuschen an, das einst Marys Heimat gewesen.

Eine Frau, die mir fremd war, öffnete die Tür. Sie lud mich höflich ein in das Wohnzimmer zu treten, allein ich hatte schon genug gelitten und zog es also vor, meine Fragen von der Türschwelle an sie zu richten. Sie waren bald erledigt. Die Frau war in unserem Teil von Suffolk

fremd; weder sie noch ihr Mann hatten je Dermodys Namen gehört. Von Haus zu Haus gehend, verfolgte ich meine Nachforschungen unter den Landleuten. Die Dämmerung brach herein; der Mond ging auf; die Lichte fingen an hinter den Fenstern zu verlöschen – und doch setzte ich noch meine traurige Wanderung fort; leider war, wo ich auch fragen mochte, die Antwort immer dieselbe. Niemand wusste etwas von Dermody; im Gegenteil glaubte jeder, dass ich Nachrichten von ihm brächte. Noch jetzt schmerzt es mich, wenn ich an die grausame Nutzlosigkeit aller der Anstrengungen, die ich an jenem unseligen Abende machte, gedenke. Die Nacht verbrachte ich in einem der Bauernhäuser; am nächsten Tage kehrte ich gebrochen und mutlos nach London, ohne Plan oder Sorge für die nächste Zukunft zurück.

Dennoch waren wir nicht ganz getrennt. Wie Dame Dermody vorausgesagt hatte, sah ich Mary in meinen Träumen.

Oft erschien sie mir mit der grünen Flagge in der Hand und wiederholte mir ihre Abschiedsworte »Vergiss Mary nicht!« Oft führte sie mich in die wohlbekannte Ecke des alten Wohnzimmers und öffnete das Papier, auf das ihre Großmutter die Gebete für uns aufgeschrieben hatte: dann beteten wir miteinander und sangen unsere Hymnen, als wären die alten Zeiten zurückgekehrt. Einst erschien sie mir mit tränenfeuchten Augen, und sprach: »Wir müssen noch warten, Geliebter; unsere Zeit ist noch nicht erfüllt.« Zweimal sah sie mich unruhig und angstvoll an und ich hörte sie zweimal sagen: »Lebe in Geduld, lebe in Unschuld, Georg, um meinetwillen.«

Wir siedelten uns in London an, wo ein Privatlehrer meine Ausbildung übernahm. Bald nachdem wir unsere neue Wohnung bezogen hatten, trat ein unerwarteter Wechsel in unseren Verhältnissen ein. Meine Mutter erhielt zu ihrer großen Überraschung einen schriftlichen Heiratsantrag von Mr. Germaine.

»Ich bitte Sie über meinen Vorschlag nicht zu sehr zu erstaunen,« schrieb der alte Herr; »Sie werden sicher nicht vergessen haben, dass ich Sie einst liebte, als wir beide jung und mittellos waren. Die Gefühle jener Zeit können jetzt unmöglich wieder in uns erwachen. Alles, was ich in meinem Alter noch von Ihnen erbitten möchte, ist, dass Sie die Gefährtin meiner letzten Lebensjahre werden und dass Sie mir über Ihren Sohn etwas von den Rechten eines Vaters einräumen, indem Sie mir gestatten, für sein künftiges Wohlergehn zu sorgen. Überlegen Sie das Alles, meine Teure, und sagen Sie mir ob Sie den leeren Stuhl am einsamen Herde eines alten Mannes einnehmen wollen.«

Meine Mutter sah so verschämt aus, als wäre sie wieder ein junges Mädchen geworden, die arme Seele! Die ganze Verantwortung der Entscheidung legte sie aber auf die Schultern ihres Sohnes! Ich bedurfte keiner langen Überlegung. Mit ihrem Jawort nahm sie die Hand eines reichen und ehrenwerten Mannes an, dessen Herz ihr sein ganzes Leben hindurch gehört hatte; und sie erlangte alles Behagen, allen Luxus, die Wohlfahrt und die gesellige Stellung wieder, die meines Vaters gewissenloses Leben ihr geraubt hatte. Dazu kommt noch, dass ich Mr. Germaine und er mich liebte. Warum sollte meine Mutter unter diesen Umständen Nein sagen. Als ich ihr diese Frage vorlegte, konnte sie mir keine vernünftige Antwort geben. Sie wurde also in kürzester Zeit Mrs. Germaine. Ich habe nur noch hinzuzufügen, dass meine Mutter sich an ihrem Lebensende wenigstens in diesem Falle dazu beglückwünschte, dem Rate ihres Sohnes gefolgt zu sein.

Jahre vergingen – und, außer in meinen Träumen, blieben Mary und ich noch immer getrennt. Jahre vergingen, bis auch ich die gefahrvolle Zeit erreichte, die in dem Leben jedes Mannes ihre Rechte fordert. Ich erreichte das Alter, wo die stärkste aller Leidenschaften die Sinne umfängt und

ihre Herrschaft über Leib und Seele ausübt.

Ich hatte bis dahin den Untergang meiner ersten und schönsten Hoffnungen geduldig ertragen, ich hatte ergeben und unschuldig um Marys willen gelebt. Jetzt verließ mich die Geduld; meine Unschuld gehörte den verlorenen Schätzen vergangener Zeiten an. Ich verbrachte die Tage mit Arbeiten für meinen Erzieher, das ist wahr, aber meine Nächte widmete ich heimlich gewissenlosen Schwelgereien, an die ich in diesem Augenblick mit Widerwillen und Scham zurückdenke. Ich entweihte meine Erinnerungen an Mary durch den Umgang mit Frauen, die die tiefsten Tiefen der Erniedrigung erreicht hatten. Gottloserweise sagte ich mir: »Ich habe lange genug auf sie gehofft; lange genug habe ich gewartet: ich kann nichts Besseres tun als meine Jugend genießen und – sie vergessen.«

Von dem Augenblick an, wo ich in diese Erniedrigung versank, dachte ich wohl manchmal reuevoll an Mary – besonders morgens, wenn uns oft Gedanken der Buße erfüllen, – aber meine Träume von ihr hatten völlig aufgehört. Jetzt waren wir, im wahren Sinne des Wortes, getrennt. Marys reiner Geist konnte jetzt keine Gemeinschaft mit mir haben – Marys reiner Geist war von mir geflohen. Selbstverständlich konnte ich vor den Augen meiner Mutter das Geheimnis meiner Gesunkenheit nicht bewahren. Der Anblick ihres Kummers war der erste ernüchternde Einfluss. In gewissem Grade legte ich mir Zügel an – ich versuchte zu einem reineren Lebenswandel zurückzukehren. Mr. Germaine war ein zu verständiger Mann, um mich verloren zu geben, so sehr ich ihn auch betrübt hatte. Er riet mir, als Mittel zur Selbstbesserung, mir einen Beruf zu wählen und mich dann in die dazu gehörigen Studien so zu vertiefen, wie ich es bis jetzt in keinerlei Weise getan.

Ich schloss mit meinem besten Freunde, meinem zweiten Vater, Frieden, nicht allein, indem ich seinen Rat befolgte, sondern auch indem ich den Beruf als Arzt wählte, dem er selbst angehörte, bevor er sein großes Vermögen erbte. Mr. Germaine war Arzt gewesen: ich beschloss es auch zu werden.

Jünger als es meist der Fall ist, hatte ich meinen neuen Lebensweg betreten und kann zu meiner Ehre sagen, dass ich wacker arbeitete. Ich gewann und erhielt mir die Gunst der Professoren, bei denen ich studierte. Andrerseits darf ich nicht leugnen, dass meine moralische Umwandlung durchaus nicht vollkommen war. Ich arbeitete freilich, – aber was ich tat, tat ich aus Eigennutz, mit verbittertem, verhärtetem Herzen. In religiöser und sittlicher Beziehung nahm ich die ganz materiellen Lebensanschauungen eines Studiengenossen an – eines ganz abgelebten Menschen, der noch einmal so alt war, als ich. Ich glaubte nichts, was ich nicht sehen, schmecken oder fühlen konnte. Den Glauben an die Menschheit verlor ich ganz. Mit Ausnahme meiner Mutter, hatte ich keine Achtung vor den Frauen. Meine Erinnerungen an Mary verloren sich mehr und mehr, bis sie nichts weiter als ein kleines Bindeglied mit der Vergangenheit waren. Die grüne Flagge bewahrte ich noch aus Gewohnheit auf – aber ich trug sie nicht mehr bei mir: sie lag unberührt in einem Kasten meines Schreibtisches. Ab und zu stieg ein leiser Zweifel in mir auf, ob mein Leben nicht ein ganz wertloses, unwürdiges sei, aber meine Gedanken verweilten nicht lange dabei. Der logischen Ordnung der Dinge nach musste ich, indem ich Andere verachtete, meine Schlüsse auch bis zu dem bitteren Ende zu verfolgen, mich selbst zu verachten.

Die Zeit meiner Mündigkeit kam heran. Ich war einundzwanzig Jahre alt – und von den Illusionen meiner Jugend war nicht ein Schimmer geblieben!

Weder meine Mutter noch Mr. Germaine konnten sich eigentlich über mein Benehmen beklagen, beide waren aber in hohem Grade besorgt um mich. Nach reiflichen Erwägungen kam mein Stiefvater zu einem Entschluss. Er gewann die Überzeugung, dass die einzige Möglichkeit mich meinem besseren, edleren Selbst wieder zurückzugeben, in dem Einflusse lag, den ein Leben unter neuen Menschen und in neuen Umgebungen auf mich auszuüben vermöchte.

Zur Zeit von der ich schreibe, hatte die einheimische Regierung beschlossen, eine besondere diplomatische Sendung an einen der eingeborenen Fürsten abgehen zu lassen, der eine entlegene Provinz unseres indischen Kaiserreiches beherrschte. Bei dein unruhigen Zustande, in dem sich die Provinz damals befand, war es nötig, dass die Gesandtschaft bei ihrer Ankunft in Indien von einer Eskorte aus Truppen und Zivilbeamten der Krone bestehend, an den Hof des Fürsten begleitet wurde. Der Arzt, der die Expedition von England aus begleiten sollte, war ein alter Freund von Mr. Germaine, er suchte einen Assistenten, auf dessen Leistungen er sich verlassen konnte. Durch meines Stiefvaters Vermittelung wurde mir die Stellung angeboten. Ohne Zögern nahm ich sie an. Der einzige Stolz, der mir geblieben war, war der elende Stolz gänzlicher Blasiertheit. So lange ich meinem Berufe obliegen musste, war mir die Stellung, in der ich es tat, ganz gleichgültig.

Um meine Mutter nur zu veranlassen meine neue Lebensaussicht in Erwägung zu ziehen, bedurfte es langer Überredung. Als sie das schließlich tat, gab sie, wenn auch ungern, nach. Ich gestehe, dass ich sie mit heißen Tränen – die ersten, die ich seit manchem, langem Jahre vergossen, verließ. Die Geschichte dieser Sendung bildet einen Teil der indischen Geschichte und gehört also nicht in diese Erzählung.

Was mich anlangt, so habe ich nur zu berichten, dass ich kaum eine Woche, nachdem die Sendung ihr Ziel erreicht hatte, unfähig wurde meine Berufspflichten zu erfüllen. Wir hatten unser Lager außerhalb der Stadt aufgeschlagen, und die fanatischen Eingeborenen machten unter dem Deckmantel der Finsternis einen Angriff auf uns. Der Angriff wurde, mit geringer Schwierigkeit und unerheblichen Verlusten unsrerseits, zurückgeschlagen. Ich befand mich unter den Verwundeten – indem ich durch einen Wurfspieß oder Speer getroffen war, als ich von einem Zelt zum andern ging.

Hätte eine europäische Waffe mich verletzt, so würde die Wunde ganz ohne Bedeutung gewesen sein, aber die Spitze des indischen Speeres war vergiftet. Ich entging zwar der Todesgefahr des »Kinnbackenkrampfes« – aber, durch eine eigentümliche Einwirkung des Giftes auf meinen Organismus, die mir selbst unerklärlich ist, wollte meine Wunde durchaus nicht heilen. Ich wurde als Kranker nach Kalkutta geschickt, wo mir die beste ärztliche Hilfe zur Verfügung stand. Dem Anscheine nach heilte hier die Wunde – brach aber bald wieder auf und zwar wiederholentlich; da kamen die Ärzte darin überein, dass ich nach England geschickt werden müsste. Sie rechneten auf die belebende Kraft der Seereise, und, sollte diese fehlschlagen, auf den heilsamen Einfluss der vaterländischen Luft. Im indischen Klima hielten sie mich für unheilbar.

Zwei Tage bevor das Schiff absegelte, brachte mir ein Brief meiner Mutter sehr aufregende Nachrichten. Mein zukünftiges Leben, – wenn es noch ein solches für mich gab, – war in eine ganz neue Bahn geleitet. Mr. Germaine war plötzlich an einem Herzleiden gestorben. Sein letzter Wille, der von der Zeit meiner Abreise aus England datiert war, bestimmte für meine Mutter ein lebenslanges Einkommen und übergab mir seinen übrigen, großen Besitz unter der Bedingung, dass ich seinen Namen annahm. Natürlich ging ich auf die Bedingung ein und – wurde George Germaine.

Drei Monate später war ich mit meiner Mutter wieder vereint.

Abgesehen von den Leiden, die mir meine Wunde noch bereitete, war ich nun allem Anscheine nach einer der beneidenswertesten Sterblichen: zur Stellung eines reichen Mannes erhoben, Besitzer eines Hauses in London und eines Landsitzes in Pertshire! – Und dennoch war ich in der Tat mit dreiundzwanzig Jahren einer der elendesten Menschen, die da lebten!

Und Mary!

Was war in den letztverflossenen zehn Jahren aus ihr geworden? Ihr kennt nun meine Geschichte, lest die wenigen folgenden Seiten, um die ihrige zu erfahren.




Sechstes Kapitel

Ihre Geschichte


Was ich von Marys Geschichte erzählen will, habe ich erst durch Nachforschungen zu einer viel späteren Zeit meines Lebens erfahren, viele Jahre nachdem alles bisher Geschriebene sich zutrug. Man möge das beherzigen.

Der Vogt Dermody hatte Verwandte in London, von denen er zuweilen sprach und andere in Schottland, derer er nie erwähnte. Mein Vater hatte nämlich ein hartes Vorurteil gegen die schottische Nation. Dermody kannte seinen Herrn zu gut, um nicht zu fürchten, dass das Vorurteil sich auch auf ihn erstrecken könnte, wenn er über seine schottische Verwandtschaft sprach. Er schwieg deshalb und nannte sie nie.

Als er den Dienst meines Vaters verließ, war er teils zu Lande teils zu Wasser, nach Glasgow gegangen, wo seine Verwandten lebten. Durch seinen Charakter und seine Erfahrungen zeichnete sich Dermody von Tausenden aus und war für jeden Herrn, der das Glück hatte ihn in seine Dienste zu nehmen, von großem Wert. Seine Freunde bemühten sich für ihn und nach sechs Wochen war er von einem Gentleman angestellt, dessen Gut an der östlichen Küste Schottlands lag. Dort hatte er nun mit Mutter und Tochter eine behagliche neue Heimat gefunden.

Die beleidigenden Worte, welche mein Vater zuletzt an ihn gerichtet hatte, waren tief in Dermodys Gemüt gedrungen. Er schrieb seinen Verwandten in London im geheimen, dass er eine neue, vorteilhafte Stellung gefunden hätte, vorläufig aber Gründe habe seine Adresse zu verschweigen. So vereitelte er die Nachfragen, welche die Anwälte meiner Mutter bei seinen Londoner Verwandten anstellten, nachdem sie seine Spur anderswo nicht hatten auffinden können. Teils gereizt durch die Vorwürfe seines früheren Herrn – teils aus einem Gefühl der Selbstachtung – opferte er Mary und mich; andererseits hielt er es auch für seine Pflicht bei der Verschiedenheit unserer Lebensstellungen, jeden Verkehr zwischen uns abzubrechen, ehe es zu spät war.

In einem entlegenen Teile von Schottland, mir und der Welt verloren, lebte nun die kleine Familie in Zurückgezogenheit begraben.

In meinen Träumen hatte ich Mary gesehen und gehört. Sie sah und hörte mich in den Ihrigen. Das unschuldige Sehnen und Verlangen meines Herzens wurde ihr in geheimnisvollem Schlummer offenbar, so lange ich noch ein Knabe war. Ihre Großmutter, welche den Glauben an unsere vorausbestimmte Vereinigung festhielt, stärkte ihr Herz und erhob ihren Mut. Wenn sie ihren Vater auch sagen hörte, was der meine gesagt hatte, dass wir getrennt wären, um uns nie wiederzusehen, so gedachte sie im Stillen ihrer glückverheißenden Träume und hielt diese für sichere Bürgschaften einer anderen Zukunft als die, die Dermody im Auge hatte. So lebte sie doch im Geiste mit mir – und hoffte.

Der Tod der Großmutter, die in sehr hohem Alter der natürlichen Schwäche erlag, war die erste Trübsal die über die kleine Familie kam. Im letzten Augenblick, als sie noch bei Bewusstsein war, sagte sie zu Mary: »Vergiss nie, dass Du und George für einander bestimmte Geister seid. Warte geduldig – in der festen Überzeugung, dass keine Macht der Erde Eure Verbindung verhindern kann, wenn Eure Zeit gekommen ist.

Obgleich diese Worte in Mary unauslöschlich fortlebten, wurde unsere geistige Gemeinschaft in Träumen plötzlich ihrerseits unterbrochen, wie es mir ja ebenfalls geschehen war. Von den ersten Tagen meiner Selbsterniedrigung an war mir Mary nicht mehr erschienen – genau zur selben Zeit sah sie mich auch nicht mehr.

Des Mädchens gefühlvolle Natur brach unter diesem Schlage zusammen. Sie hatte nun keine ältere Frau mehr, die ihr Trost und Rat gab; sie lebte mit ihrem Vater allein und dieser wechselte jedes Mal den Gegenstand der Unterhaltung, wenn von den alten Zeiten die Rede war. Der geheime Kummer, der Leib und Seele verzehrt, nagte auch an ihr. Eine Erkältung, die sie sich in der rauhen Jahreszeit zugezogen hatte, artete in ein Fieber aus. Wochenlang war sie in Lebensgefahr. Als sie genas, war ihr Kopf, auf Wunsch des Arztes, seines schönen Haarschmuckes beraubt. Das Opfer war nötig, um ihr Leben zu retten. In einer Hinsicht war dieses Opfer sehr groß gewesen – denn ihr Haar wuchs nie wieder so üppig. Das neue Haar hatte keine Spur von dem reizvollen, rotbraunen Schimmer des früheren; es war nun einförmig lichtbraun geworden, so dass Marys schottische Verwandte sie zuerst kaum wieder erkannten.

Aber die Natur glich reichlich den Verlust des schönen Haares durch den größeren Reiz aus, den sie dem Gesicht und der Gestalt verlieh.

In einem Jahre war nach der Krankheit das zarte kleine Kind aus der alten Zeit der Grünwasserfläche in der stählenden schottischen Luft und durch ihre gesunde Lebensweise zur hübschen, stattlichen Jungfrau herangereift. Ihre Züge waren, wie in ihren früheren Jahren, durchaus nicht regelmäßig schön und doch war die Veränderung eine sehr merkliche. Das hagere Gesicht war ausgefüllt und der bleiche Teint hatte nun seinen Farbenschmuck erhalten. Die wunderbare Veränderung ihrer Gestalt fiel selbst den rohen Leuten um sie her auf. Höchst unbedeutend, als sie ein Kind war, hatte sie sich nun zu jungfräulicher Fülle, zu Ebenmaß und Anmut entwickelt – sie hatte im wahren Sinne des Wortes eine überraschend schöne Gestalt.

Es gab zu jener Zeit Augenblicke, wo selbst der eigene Vater seine Tochter, geistig, wie körperlich, kaum wieder erkannte. Sie hatte ihre kindliche Lebhaftigkeit – ihr süßes, fröhliches Geplauder verloren. Still und versunken in sich selbst, erfüllte sie geduldig ihre täglichen Pflichten. Die Hoffnung mich wiederzusehen war zu dieser Zeit in ihr erstorben. Sie klagte nie; die Kraft, die ihr Körper in der letzten Zeit gewonnen hatte, unterstützte und stärkte nun die Seele. Als ein oder zwei Mal ihr Vater sie fragte, ob sie noch mein gedenke, antwortete sie ruhig, dass sie es nun über sich gewonnen habe, seine Ansichten über die Sache zu teilen. Sie zweifelte nicht, dass ich sie längst vergessen hatte und war nun alt genug geworden, um einzusehen, dass, selbst wenn ich ihr treu geblieben war, unsere Heirat in den verschiedenen Lebenssphären, denen wir angehörten, eine Unmöglichkeit wäre. Sie sagte sich, dass es das Beste sei die Vergangenheit zu vergessen – mein nicht mehr zu gedenken, wie ich ihrer nicht mehr gedachte. So sprach sie jetzt. Allem Anscheine nach hatten Dame Dermodys vertrauensvolle Voraussagungen über unser Schicksal sich nicht bewahrheitet und waren dem Reiche der unerfüllten Prophezeiungen verfallen.

Als Mary neunzehn Jahre alt war, ereignete sich seit ihrer Krankheit der nächste wichtige Vorfall in den Familienannalen. Selbst jetzt, nach dieser langen Zeit, sinkt mir das Herz, fehlt mir der Mut bei der inhaltsschweren Stelle meiner Erzählung, an der ich jetzt angelangt bin.

Ein ungewöhnlich heftiger Sturm tobte an der Ostküste von Schottland. Unter den Fahrzeugen, die der Sturm vernichtete, war ein holländisches Schiff, das an der felsigen Küste nah bei Dermodys Wohnung scheiterte. Wie er in allen guten Werken voranging, zeigte der Vogt auch hier durch sein Beispiel den Weg zur Rettung der Passagiere und Bemannung des verlorenen Schiffes. Einen Mann hatte er bereits lebend ans Land gebracht und war nun wieder auf dem Wege zum Schiff – als zwei heftig aufeinander folgende Windstöße ihn gegen die Felsen warfen. Er wurde von seinen Nachbarn mit Lebensgefahr gerettet. Die ärztliche Untersuchung ergab, dass ein Knochen gebrochen war und verschiedene andre ernstliche Verletzungen stattgefunden hatten. Soweit waren seine Beschädigungen leicht festzustellen gewesen, aber nach einiger Zeit entdeckte der Arzt an dem Kranken Symptome, die ernstliche innere Verletzungen schließen ließen. Nach des Doktors Ansicht konnte er seine tätige Lebensweise nie wieder aufnehmen. Er musste für seine Lebenszeit ein elender, gebrechlicher Mann bleiben.

Sein Herr tat für den Vogt Alles, was man unter diesen traurigen Umständen erwarten durfte. Er mietete einen Stellvertreter, der die Landarbeit beaufsichtigen konnte und gestattete Dermody noch für die nächsten drei Monate in seinem Hause zu bleiben. Dadurch war dem armen Manne Zeit gegeben, die Trümmer seiner früheren Kräfte zu sammeln und sich mit seinen Verwandten in Glasgow über seine Zukunftspläne zu beraten.

Die Aussichten waren sehr trübe. Dermody war für jede sitzende Lebensweise untauglich und die geringen Mittel, die er erübrigt hatte, reichten nicht für seinen und seiner Tochter Unterhalt aus. Die schottischen Verwandten waren freundlich und bereitwillig, aber sie hatten ihre eigenen Familien und konnten kein Geld missen.

Der Passagier des gescheiterten Schiffes, dem Dermody das Leben gerettet hatte, trat, grade in dieser Not, mit einem Vorschlage hervor, der Vater und Tochter in gleiches Erstaunen versetzte. Er machte nämlich Mary einen Heiratsantrag, mit der ausdrücklichen Bedingung, dass, wenn sie

seine Hand annähme, ihre Heimat auch lebenslang die Heimat ihres Vaters sein sollte.

Der Mann, der der Familie Dermody in dieser schweren Zeit so nahe trat, war ein holländischer Edelmann namens Ernst von Brandt. Er besaß einen Anteil an einer Fischerei an den Ufern des Zuider-Sees und war, als das Schiff scheiterte, auf dem Wege eine Vereinbarung mit den Fischereien des nördlichen Schottlands anzubahnen. Als er Mary zuerst sah, hatte sie einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Er hatte sich in der Nachbarschaft aufgehalten, weil er hoffte mit der Zeit ihre Gunst zu gewinnen. Er war ein hübscher Mann, im Lenz des Lebens; sein Einkommen machte es ihm vollständig möglich zu heiraten. Als er um Mary anhielt, nannte er Personen von hoher, gesellschaftlicher Stellung in Holland, die über ihn Auskunft geben konnten, insofern es seinen Charakter und seine Stellung anlangte.

Mary überlegte lange, was für ihren hilflosen Vater und für sie selbst das Geratenste sein würde.

Seit Jahren hatte sie die Hoffnung auf eine Heirat mit mir aufgegeben. Keine Frau sieht gern ein einsames Leben vor sich und Mary sah sich natürlich, wenn sie an ihre Zukunft dachte, immer als verheiratete Frau. Konnte sie jemals erwarten einen annehmbareren Antrag zu erhalten, als diesen jetzigen? Herr van Brandt hatte jeden persönlichen Vorzug, den eine Frau wünschen kann, er liebte sie zudem zärtlich und hatte ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit für ihren Vater, seinen Lebensretter. Was konnte sie Besseres tun als Herrn van Brandt zu heiraten, welche andere Aussicht blieb ihr – welche andere Hoffnung durfte sie hegen?

Durch diese Betrachtungen veranlasst, entschloss sie sich das verhängnisvolle Wort zu sprechen. Sie sagte, Ja!

Gleichzeitig sprach sie ganz offen mit Herrn van Brandt. Sie gestand ihm ohne Rückhalt, dass sie von einer anderen Zukunft, als die, die jetzt vor ihr läge, geträumt habe. Sie verschwieg ihm nicht, dass eine alte Liebe in ihrem Herzen gewohnt habe und dass es außer ihrer Macht sei wieder zu lieben – Dankbarkeit, Achtung und Verehrung hatte sie jetzt noch zu geben und Liebe konnte ja mit der Zeit kommen. Übrigens hatte sie sich längst von der Vergangenheit losgerissen und entschieden alle Hoffnungen und Wünsche aufgegeben, die sich darauf bezogen. Die einzigen Segnungen, die sie vom Schicksal erbat, waren Ruhe für ihren Vater und ein stilles Glück für sich selbst. Diese konnte sie unter dem Dache eines ehrenwerten Mannes, der sie liebte und achtete, finden und wenn sie ihm auch nichts anderes bieten konnte, so konnte sie ihm versprechen, ihm ein gutes, treues Weib zu sein. Es war nun an Herrn van Brandt sich klar zu machen, ob er unter den obwaltenden Umständen in dieser Ehe sein Glück finden würde.

Herr van Brandt nahm ohne Zögern ihre Bedingungen an.

Durch eine bedenkliche Verschlimmerung in Dermodys Zustande musste die Hochzeit, die sonst augenblicklich stattgefunden hätte, noch verschoben werden. Es zeigten sich Symptome, die der Doktor nach seiner eigenen Aussage nicht vorausgesehen hatte, als er sein Urteil über die Krankheit abgab. Er unterrichtete Mary, dass ihres Vaters Ende herannahe. Herr van Brandt ließ einen Arzt aus Edinburgh kommen, der die Ansicht des Landarztes bestätigte. Der gute Vogt quälte sich noch einige Tage. Am letzten Tage legte er die Hand seiner Tochter in van Brandts Hand: »Machen Sie sie glücklich, Herr,« sagte er in seiner einfachen Weise, »und ich bin dafür entschädigt, dass ich Ihnen das Leben rettete.« Am selben Tage starb er ruhig in den Armen seiner Tochter.

Marys Zukunft lag nun ganz in den Händen ihres Verlobten. Die Verwandten in Glasgow hatten für ihre eigenen Töchter zu sorgen, die Londoner Verwandten ließen sie entgelten, dass Dermody sie vernachlässigt hatte. Mit zarter Rücksicht wartete van Brandt bis das arme Mädchen die erste Heftigkeit ihres Schmerzes niedergekämpft hatte – und dann machte er unwiderstehlich die Macht eines Gatten geltend, um sie besser trösten zu können.

Sie heiratete zu derselben Zeit in Schottland, als ich von Indien zurückkehrte. Mary war nun zwanzig Jahre alt geworden.


* * *

Die Geschichte unserer zehnjährigen Trennung ist nun erzählt: und wir stehen an dem Ausgangspunkte unserer neuen Lebensschicksale.

Ich lebe mit meiner Mutter und beginne meine Laufbahn als ein Landedelmann auf dem Gute in Pertshire, welches ich von Mr. Germaine ererbte. Mary erfreut sich an der Seite ihres Mannes ihrer neuen Rechte und erlernt ihre neuen Pflichten als Frau. Auch sie lebt in Schottland – und durch eine wunderbare Fügung, nicht weit von meinem Landsitze entfernt. Ich ahne nicht, dass sie mir so nahe ist: der Name von Frau van Brandt, selbst wenn ich ihn gehört hätte, ruft in meiner Erinnerung keinerlei Beziehungen wach. So sind die verwandten Geister noch immer getrennt. Noch ahnt weder sie noch ich, dass wir uns je wieder begegnen werden.




Siebentes Kapitel

Die Frau auf der Brücke


Meine Mutter störte mich durch einen Blick in die Tür der Bibliothek, bei meinen Büchern.

»Ich habe in meinem Zimmer ein kleines Bild aufgehängt«, sagte sie, »komm hinauf, mein Sohn und sage mir deine Meinung darüber.«

Ich stand auf und folgte ihr. Sie zeigte auf ein kleines Miniaturbild, das sie über den Kaminsims gehängt hatte.

»Weißt du, wen dieses Bild darstellt?« fragte sie, halb traurig, halb scherzend. »George! Erkennst du dich wirklich selbst, als dreizehnjährigen Knaben, nicht wieder?«

Wie soll ich mich wiedererkennen? Durch Krankheit und Kummer gealtert, auf meinem langen Heimwege von der Sonne gebräunt! Schon begann mein Haar sich an der Stirn zu lichten, meine Augen hatten sich gewöhnt traurig und müde zu blicken – was hatte ich mit jenem blonden, starken, lockigen, klaräugigen Knaben gemein, der mich aus dem Bilde anblickte? Der Anblick des Bildes machte mir einen merkwürdigen Eindruck. Es ergriff mich eine unsagbare Schwermut und eine unerträgliche Verzweiflung über mich selbst erfüllte mich. Indem ich mich bestmöglichst bei meiner Mutter entschuldigte, verließ ich das Zimmer und stand im nächsten Augenblick vor der Haustür.

Zuerst durchschritt ich den Park und ließ dann die Grenzen meiner Besitzung hinter mir. Einen Nebenweg verfolgend, kam ich an unseren wohlbekannten Fluss – der so schön, so berühmt unter Schottlands Forellenfischern ist. Augenblicklich war nicht die Jahreszeit zum Fischen. Kein

lebendes Wesen war in der Nähe, als ich mich an das Ufer setzte. Die alte steinerne Brücke, die sich über den Fluss wölbte, war ungefähr hundert Schritte von mir entfernt; und die untergehende Sonne färbte eben das sanft unter ihren Bogen dahinfließende Wasser mit dem roten Licht der sinkenden Sonne.

Immer verfolgte mich das Gesicht des Knaben auf dem Bilde. Mir war’s, als machte mir das Bild in seiner eigenen, unerbittlichen Sprache den Vorwurf: »Sieh wie Du einst warst – und was bist Du jetzt!«

Mein Gesicht in dem weichen, duftigen Grase verbergend dachte ich der zehn verlorenen Jahre von damals bis jetzt.

Wie sollte das enden? Wenn ich das gewöhnliche Leben eines Mannes lebte, welche Aussichten hatte ich dann?

Liebe? Heirat? Ich lachte laut auf, als mir der Gedanke einkam. Seit den harmlos glücklichen Tagen meiner Knabenzeit hatte ich von Liebe nicht mehr empfunden als das Insekt, das eben vom Grase auf meine Hand kroch. Sicherlich konnte ich mir mit meinem Gelde eine Frau kaufen; aber würde mein Geld sie mir teuer machen? – so teuer wie mir einst Mary in der goldenen Zeit war, als jenes Bild gemalt wurde? May! Ob sie noch lebte? Ob sie verheiratet war? Würde ich sie wohl wiederkennen, wenn ich sie sähe? Torheit! Ich hatte sie seit ihrem zehnten Jahre nicht gesehen: jetzt war sie eine Frau, ich ein Mann. Würde sie mich erkennen, wenn wir uns begegneten? Das Bild, das mich noch immer verfolgte, beantwortete mir die Frage! »Sieh, wie Du einst warst —was bist Du nun?«

Ich erhob mich und schritt auf und ab, bestrebt meinen Gedanken eine andere Richtung zu geben. Es war unmöglich. Nach jahrelanger Verbannung war Mary in mein Gedächtnis zurückgekehrt. Ich setzte mich wieder am Ufer nieder. Die Sonne sank tiefer; schwarze Schatten hingen unter den Bogen der alten, steinernen Brücke. Der rote Schimmer war von dem sanft fließenden Wasser gewichen und hatte es mit eintönigem Stahlgrau überzogen. Friedlich blickten die ersten Sterne vom Himmel hernieder. Die ersten Schauer des Nachtwindes rauschten durch die Bäume und erregten hier und dort die seichten Stellen des Wassers. Und immer wieder – je dunkler es wurde, je beharrlicher führte mein Bild mich in die Vergangenheit zurück – je lebhafter zeigte sich meiner Erinnerung das längst verlorene Bild der kleinen Mary.

War das die Vorahnung, dass sie auch in meinen Träumen zurückkehren würde – in vollendeter Weiblichkeit, im Frühling ihres Lebens?

Es war ja möglich.

Ich war nicht mehr ihrer unwert, wie ich es einst gewesen. Schon der Eindruck, den mein Bild auf mich hervorgebracht hatte, war in sich selbst durch eine innere, moralische Wandlung zum Bessern hervorgerufen, und diese hatte sich im sicheren Fortschreiten vollzogen, seit ich an meiner Wunde krank, ganz hilflos unter Unbekannten im fremden Lande lag. Krankheit, die manchem Menschen Freund und Lehrer geworden ist, war es auch mir geworden. Mit Schrecken gedachte ich meiner Jugendsünden – der verlorenen Tage, als ich mich gottlosen Zweifeln über die edelsten und trostreichsten Güter des menschlichen Lebens ergeben hatte. War es töricht zu hoffen, dass ihr Geist und der meine sich wieder vereinigen könnten, nun ich geweiht durch Schmerzen, gereinigt durch Reue war. Wer konnte das sagen? Ich erhob mich wiederum. Es war ungesund, wenn ich mich bis zur Nachtzeit an dem Ufer des Flusses aufhielt. Dem Antrieb folgend, der uns in gewissen aufgeregten Gemütsstimmungen veranlasst, Wechsel und Bewegung aufzusuchen, hatte ich das Haus verlassen. Das Mittel war fehlgeschlagen, denn mein Gemüt war mehr beunruhigt als zuvor. Das Weiseste was ich tun konnte, war nach Hause zu gehen und meiner guten Mutter bei ihrem Lieblingsspiel, dem Piquet, Gesellschaft zu leisten. Ich erhob mich, um den Heimweg anzutreten – blieb aber gebannt durch die Schönheit des letzten, matten Lichtes am westlichen Himmel, der hinter der dunklen Linie des Brückengeländers hervorleuchtete, stehn.

In dem großartigen Zusammenfließen der nächtlichen Schatten, in dem tiefen Schweigen des scheidenden Tages, stand ich allein und beobachtete das sinkende Licht.

Als ich so dastand, wechselte die Szenerie. Eilig und leicht glitt eine lebende Gestalt über die Brücke. Sie kam hinter der dunklen Linie des Brückengeländers hervor und wurde von dem letzten Strahle des westlichen Lichtes beleuchtet. Sie überschritt die Brücke, stand still und kehrte halbwegs zurück. Wiederum stand sie still. Es vergingen Minuten – und immer noch stand die Gestalt dort hinter dem Brückengeländer wie ein bewegungsloser, dunkler Gegenstand.

Ich trat ein Wenig vorwärts, bis ich nahe genug war um den Anzug, in den die Gestalt gekleidet war, zu erkennen. Aus der Kleidung ging mir hervor, dass die einsame Gestalt ein weibliches Wesen war.

Sie sah mich im Schatten, den die Bäume auf das Ufer warfen, nicht. Sie stand, die Arme in ihren Mantel gehüllt und blickte in den dunklen Fluss. Warum wartete sie hier, am späten Abend, so allein?

Als ich darüber nachdachte, bewegte sie den Kopf. Sie blickte von einem Ende bis zum andern über die Brücke. Erwartete sie jemand, den sie hier treffen wollte? Oder fürchtete sie beobachtet zu werden und wollte sich überzeugen, dass sie allein war?

Ein plötzlicher Zweifel über den Grund, weshalb sie diesen einsamen Ort aufsuchte – ein plötzliches Misstrauen gegen die verlassene Brücke und den sanft rauschenden Fluss machte mein Herz rascher schlagen und bewog mich zum sofortigen Entschluss. Ich stieg schnell den Weg vom Ufer zur Brücke hinan, in der Absicht sie anzureden, da es noch Zeit war.

Sie bemerkte mich erst, als ich ganz nahe bei ihr stand. Ich war ihr mit einem unwiderstehlichen Gefühl der Erregung genaht, weil ich nicht wusste wie sie meine Anrede aufnehmen würde. Im Augenblick, als sie sich zu mir umwendete, kam mir die Fassung zurück. Mir war als hätte ich mit der Voraussetzung einem Fremden zu begegnen, plötzlich einen Freund gefunden.

Und doch war sie eine Fremde. Ich hatte nie vorher in dieses edle, erregte Antlitz geschaut, nie die hohe Gestalt gesehen, deren ungewöhnliche Anmut und deren vollkommenes Ebenmaß, selbst der lange Mantel nicht ganz zu verhüllen im Stande war. Sie war vielleicht eine vollendete

Schönheit. Ihr Äußeres hatte Mängel, die selbst in dem erlöschenden Lichte sichtbar waren. Auch ihr Haar, wie es unter dem großen Gartenhut hervorblickte, schien nur kurz, wie Männerhaar, zu sein und die Farbe war jenes einförmige, glanzlose Braun wie man es so oft bei englischen Frauen von gewöhnlichem Schlage sieht. Trotz dieser Mängel aber, lag ein geheimnisvoller Reiz in ihrem Ausdruck, ein angeborener Zauber in ihren Bewegungen, die mich unendlich sympathisch berührten und mich zur Bewunderung hinrissen. Der erste Blick, den ich auf sie richtete, hatte mich für sie eingenommen.

»Darf ich fragen, ob Sie Ihren Weg verfehlt haben?« fragte ich.

Mit einem wunderbar forschenden Ausdruck ruhten ihre Augen auf mir. Sie schien weder erstaunt noch verwirrt, dass ich gewagt hatte, sie anzureden.

»Ich kenne die Gegend sehr genau,« fuhr ich fort. »Kann ich Ihnen irgendwie nützlich sein?«

Sie sah mich noch immer mit ruhigen forschenden Blicken an. Für einen Augenblick schien mein Gesicht, fremd, wie ich ihr war, sie zu beunruhigen; es war ihr, als hätte sie dieses Gesicht einstmals gesehen und wieder vergessen. Mit einer leichten Kopfbewegung verwarf sie den Gedanken, wenn sie ihn überhaupt gehabt hatte, und sah in den Fluss hinab, als ob ich sie nichts weiter anginge.

»Tausend Dank. Ich habe den Weg nicht verfehlt und gehe oft abends allein aus. Gute Nacht.«

Sie sprach kalt, aber höflich. Ihre Stimme war herrlich; ihre Verneigung, als sie sich von mir verabschiedete, war vollendet in ihrer ungekünstelten Anmut. Sie ging von der Seite die Brücke hinab, von der sie sie betreten hatte und folgte langsam der dunklen Spur des Weges.

Ich war aber noch nicht ganz befriedigt. Hinter diesem reizenden Ausdruck und diesen bezaubernden Bewegungen lag etwas Anderes, was mir mein Instinkt als etwas Gefahrdrohendes bezeichnete. Als ich dem entgegengesetzten Ende der Brücke zuschritt, begannen sich Zweifel in mir zu regen, ob sie die Wahrheit gesprochen hatte. Verließ sie die Nähe des Flusses nicht etwa bloß, um mich los zu werden?

Ich beschloss meinen Argwohn auf die Probe zu stellen. Von der Brücke aus hatte ich nur den Weg zu überschreiten, um in eine Schonung am Ufer des Flusses zu gelangen. Hier konnte ich, versteckt hinter dem nächsten Baum, der stark genug war, mich zu decken, die ganze Brücke übersehen und ich musste es sicher bemerken, wenn sie zum Fluss zurückkehrte, weil noch ein Lichtstrahl die Stelle erhellte. Es ging sich nicht leicht in der dunklen Schonung; ich musste mich förmlich bis zu einem geeigneten Baume durchtasten.

Kaum hatte ich auf dem unebenen Boden festen Fuß hinter dem Baume gefasst, als die Stille der Dämmerungsstunde plötzlich durch den fernen Ton einer Stimme unterbrochen wurde.

»Es war eine Frauenstimme. Sie erhob sich durchaus nicht zu besonderer Höhe – der Ausdruck war der Ausdruck des Gebets – und die Worte, die ich vernahm, waren:

»Christus, sei mir gnädig!«

Darauf war Alles still. Eine namenlose Angst beschlich mich, als ich nach der Brücke sah.

Sie stand am Geländer. Ehe ich mich bewegen, ehe ich rufen, ja selbst ehe ich frei atmen konnte, sprang sie in den Fluss.

Der Strom floss mir entgegen. Ich sah sie aus dem Wasser emportauchen, während ein Lichtstrahl auf die Mitte der Strömung fiel. Ich stürzte am Ufer hinab. Als ich eben Hut, Mantel und Schuh abwerfen wollte, versank sie wieder. Ich war ein geübter Schwimmer und sobald ich im Wasser war, gewann ich meine Fassung wieder – ich war wieder ich selbst geworden.

Ich wurde mitten in die Strömung getrieben und schwamm dadurch erheblich schneller. Als sie zum zweiten Male auftauchte, war ich dicht hinter ihr – ich sah sie nur als einen dunklen Gegenstand, der noch vor mir auf der Oberfläche des Wassers trieb. Noch ein Stoß und – ich hatte sie mit meinem rechten Arm umfasst, und hielt ihr Gesicht über dem Wasser. Sie war bewusstlos. Ich konnte sie bequem so halten, dass ich Herr meiner Bewegungen blieb und

konnte mich, wenn nicht Ermüdung oder ein Windstoß mich hinderten, sicher der Aufgabe unterziehen, sie ans Ufer zurückzubringen.

Mein erster Anlauf machte mir klar, dass ich die Hoffnung aufgeben musste, beladen, wie ich war, dem starken Strome entgegen zu schwimmen, der von beiden Ufern zur Mitte trieb. Ich versuchte es von einer und von der andern Seite und – gab es auf. Mir blieb nur der Ausweg

mich mit ihr in den Strom hinabtreiben zu lassen. Einige fünfzig Ellen weiter abwärts machte der Fluss eine Biegung um einen Landvorsprung, auf dem ein kleines Gasthaus stand, das Angler in der Zeit des Fischens besuchten. An der Stelle angelangt, machte ich einen wiederum vergeblichen Versuch zu landen. Jetzt blieb unsere letzte Hoffnung nur noch, dass die Bewohner des Gasthauses mich hörten. Ich rief mit aller Kraft meiner Stimme, als wir vorbeitrieben. Der Ruf wurde beantwortet. Ein Mann bestieg ein Boot. Fünf Minuten später hatte ich sie sicher am Ufer und der Mann und ich trugen sie in das Gasthaus am Ufer.

Die Wirtin und ihr Dienstmädchen waren sehr bereitwillig uns zu helfen, aber ebenso ungeschickt, um es richtig anzufangen. Zum Glück befähigten meine medizinischen Kenntnisse mich, sie anzuleiten. Ein gutes Feuer, warme Decken, Wärmflaschen, Alles stand zu meiner Verfügung. Ich zeigte den Frauen, wie sie das Belebungswerk anzufangen hatten, wir arbeiteten Alle beharrlich daran. Leider aber lag sie noch immer in ihrer ganzen Formenschönheit da, ohne ein Lebenszeichen von sich zu geben – allem Anscheine nach war sie ertrunken.

Eine letzte Hoffnung blieb noch – die Hoffnung, sie durch den Prozess, den man »künstliches Atmen« nennt, wieder zu beleben, wenn es mir nur gelang den dazu nötigen Apparat rechtzeitig herzustellen. Als ich im Begriff stand der Wirtin klar zu machen, was ich brauchte, wurde ich mir einer seltsamen Schwerfälligkeit mich auszudrücken bewusst; die gute Frau trat plötzlich von mir zurück und stieß einen Schrei des Schreckens aus.

»Guter Gott, Herr, Sie bluten!« schrie sie. »Wo kommt das Blut her? Wo sind Sie verwundet?«

In dem Augenblick, als sie das sagte, wusste ich was geschehen war. Die alte indische Wunde, wahrscheinlich durch die heftige Anstrengung, die ich mir zugemutet hatte, beschädigt, war wieder aufgegangen. Ich kämpfte mit einer plötzlichen Ohnmacht, die mich zu befallen drohte; ich versuchte den Bewohnern des Gasthauses noch zu sagen, was zu tun sei. Vergebens. Ich sank in die Knie; mein Kopf fiel an die Brust der Frau, die bewusstlos vor mir auf dem niedrigen Lager lag. Der Scheintod, der sie umfangen hielt, umfing nun auch mich. Der Welt um uns her verloren, lagen wir vereint durch die Zaubermacht des Todes, während mein Blut auf sie niederströmte! Wo weilten unsere Geister in jenem Augenblick? Waren sie vereint und sich einander bewusst? Kannten wir uns in jener Entzückung wieder, die uns durch ein geistiges Band vereinte, wir Zwei, die wir uns ahnungslos und unentdeckt auf der verhängnisvollen Brücke begegnet waren? Ihr die Ihr geliebt und verloren habt – deren einziger Trost gewesen ist an andre Welten über diese hinaus zu glauben – könnt Ihr Euch unwillig von meiner Frage abwenden? Könnt Ihr wahrheitsgemäß sagen, dass Ihr nicht auch einmal so gefragt habt?




Achtes Kapitel

Die verwandten Geister


Der Morgensonnenschein, der in ein schlecht verhängtes Fenster schien; ein ungeschicktes, hölzernes Bett, mit dicken Pfosten, die bis zur Decke reichten; an einer Seite des Bettes meiner Mutter willkommenes Gesicht; an der anderen Seite ein ältlicher Herr, der mir im Augenblick

fremd erschien – das waren die Gegenstände, die sich meinen Blicken darboten, als ich zuerst wieder mit Bewusstsein zu der Welt zurückkehrte, in der wir leben.

»Sehen Sie, sehen Sie Doktor, er kommt wieder zur Besinnung.«

»Öffnen sie den Mund, mein Herr, und nehmen Sie einen Schluck hiervon.«

An einer Seite des Bettes saß meine Mutter und erfreute sich an meinem Anblick und von der andern reichte mir der unbekannte Herr, der als »Doktor« angeredet wurde, einen Löffel voll Branntwein und Wasser. Er nannte das »das Lebenselixier« und bat mich zu beachten, er sprach mit starkem, schottischem Akzent, dass er selbst auch davon genösse, um mich von der Wahrheit seiner Aussage zu überzeugen.

Das Reizmittel tat seine guten Dienste. Mein Kopf war weniger schwindlig; mein Bewusstsein wurde klarer. Ich konnte mich einigermaßen auf die Hauptereignisse des letzten Abends besinnen. Eine oder zwei Minuten später – und in meinem Gedächtnis tauchte lebhaft das Bild derjenigen auf, um deren Person sich alle diese Ereignisse gedreht hatten. Ich versuchte mich im Bett auszurichten und fragte ungeduldig: »Wo ist sie?« Der Doktor reichte mir einen zweiten Löffel voll von dem Lebenselixier und wiederholte mir ernst seine erste Anrede.

»Öffnen Sie den Mund, mein Herr, und nehmen Sie einen Schluck hiervon.«

Ich beharrte auf meiner Frage.

»Wo ist sie?«

Der Doktor beharrte auf seiner Verordnung.

»Nehmen Sie einen Schluck hiervon.«

Ich war zu schwach, um über die Sache zu streiten und – gehorchte.

Mein ärztlicher Beistand nickte meiner Mutter über mein Bett hin zu, und sagte: »Nun wird es werden!« Meine Mutter empfand Mitleid mit mir und befreite mich mit einigen Worten aus meiner Unruhe:

»Dank der Hilfe des Herrn Doktors hier wird die Dame bald wieder hergestellt sein, George.«

Ich sah meinen ärztlichen Kollegen mit erneutem Interesse an. Er war also der rechtmäßige Urquell der Überzeugung, die mir beigebracht worden war, dass ich sterben müsse.

»Wie haben Sie sie wieder zum Leben zurückgebracht?« fragte ich. »Wo ist sie jetzt?«

Der Doktor erhob seine Hand und gemahnte mich zu schweigen.

»Es wird Alles gut werden, mein Herr, wenn wir systematisch vorschreiten,« begann er in sehr entschiedener Weise. »Jedes Mal, wenn Sie den Mund öffnen, darf es nur geschehen, um einen Schluck hiervon zu nehmen, nicht aber um zu sprechen. Zur gehörigen Zeit werde ich sowohl als Ihre gute Frau Mutter Ihnen Alles sagen, was für Sie wissenswert ist. Da ich zufällig der Erste war, der, wie man es zu nennen pflegt auf dem Schauplatz der Tat erschien, so liegt es in der Natur der Sache, dass ich auch zuerst spreche. Erlauben Sie mir nur noch einen Löffel voll von dem Lebenselixier zu mischen – und dann werde ich, wie der Dichter sagt, meine schlichte ungeschmückte Geschichte erzählen.«

In dem sorgfältig gewähltesten Englisch, das ich je gehört habe, sprach er diese Worte mit seinem scharfen schottischen Akzent. Ein dickköpfiger, breitschultriger, halsstarriger Mann – es war vollkommen nutzlos mit ihm zu streiten. Zu meiner Ermutigung blickte ich meiner Mutter in ihr liebes Gesicht und ließ dem Doktor seinen Willen.

»Mein Name ist Mac Glue,« fuhr er fort. »Bald nachdem Sie Ihren Wohnsitz in dieser Gegend aufgeschlagen hatten, gab ich mir die Ehre, Ihnen meine Aufwartung zu machen. Sie erinnern sich meiner jetzt nicht, was bei dem unsicheren Zustand Ihres Gedächtnisses sehr begreiflich

ist. Da Sie selbst Arzt sind, werden Sie sich erklären, dass dieser Zustand von dem starken Blutverlust herrührt.«

Hier riss mir die Geduld.

»Bitte, lassen Sie mich ganz aus dem Spiel,« warf ich ein. »Sprechen Sie mir nur von der Dame.«

»Sie haben den Mund geöffnet, mein Herr!« rief Mr. Mac Glue streng. »Sie wissen die Strafe, die darauf steht – nehmen Sie einen Schluck hiervon. Ich sagte Ihnen, dass wir systematisch vorgehen müssten,« fuhr er fort, nachdem er mich gezwungen hatte, mich seiner Strafe zu unterziehen. »Jedes Ding zu seiner Zeit, Mr. Germaine, jedes Ding zu seiner Zeit. Ich sprach von Ihrem körperlichen Zustand. Nun mein Herr, wie entdeckte ich Ihren körperlichen Zustand? Zu Ihrem Glück fuhr ich gestern Abend auf dem unteren Wege, das ist der Weg am Ufer des Flusses, nach Hause; als ich mich in der Nähe dieses Gasthauses, sie nennen es zwar Hotel, aber es ist nur ein Gasthaus, befand, hörte ich das Geschrei der Wirtin schon eine halbe Meile vorher. Wenn Alles im Geleise ist, sehen Sie, dann ist sie eine gute Frau, aber ganz unbrauchbar im Notfall. Halten Sie sich ruhig, ich komme nun zur Sache. Ich ging also hinein, um zu hören, ob das Geschrei durch irgendetwas veranlasst sei, was ärztliche Hilfe wünschenswert mache und da fand ich Sie und die fremde Dame – in einer Lage, die aufrichtig gesagt, was die Schicklichkeit anlangte, einiges zu wünschen übrig ließ. Still! Still! Ich spreche

im Scherz – Sie waren beide ohnmächtig. Als ich die Erzählung der Wirtin angehört und nach besten Kräften Erzählung und Erregung voneinander getrennt hatte, befand ich mich, während die Frau weiter sprach, im Zwiespalt, welchem von zwei Gesetzen ich zuerst gehorchen sollte. Das Gesetz der Galanterie gebot mir zuerst die Dame zum Gegenstande meiner ärztlichen Fürsorge zu machen – während das Gesetz der Menschlichkeit, da ich Sie noch immer bluten sah, mich gebieterisch an Sie wies. Ich bin kein Jüngling mehr – so ließ ich die Dame warten. Auf mein Wort! Mr. Germaine, Ihr Fall war kein leichter, besonders da wir Sie hier hinaufschaffen mussten. Mit Ihrer alten Wunde ist nicht zu scherzen mein Herr. Hüten Sie sich davor sie je wieder aufzureißen. Wenn Sie das nächste Mal abends spazieren gehen und eine Dame im Wasser finden – werden Sie im Interesse Ihrer Gesundheit am Besten tun, sie ruhig darin liegen zu lassen. Was sehe ich? Öffnen Sie schon wieder den Mund? Wünschen Sie wieder einen Schluck?«

»Er möchte mehr über die Dame hören,« sagte meine Mutter, meine Wünsche verdolmetschend.

»Ach so über die Dame,« fuhr Mac Glue fort. Er machte dabei den Eindruck eines Mannes, dem das vorgeschlagene Gesprächsthema nicht sehr anziehend erschien. »Über die Dame weiß ich nicht viel zu sagen. Sie ist ohne Zweifel eine schöne Frau. Wenn man ihr das Fleisch von den Knochen abziehen könnte, würde man ein herrliches Skelett darunter finden. Denn, glauben Sie mir, es gibt keine schön geformte Frau, die nicht bei ihrer Entstehung ein gutes Knochengerüst mitbekommen hat. Ich halte nicht viel von dieser Dame, – vom sittlichen Standpunkte aus, verstehen Sie. Wenn Sie mir gestatten, Madame, meine Ansicht auszusprechen, so glaube ich unbedingt, dass im Hintergrund dieser dramatischen Aufführung auf der Brücke, die sie gemacht hat, ein Mann steckt. Da ich aber entschieden nicht der Mann bin so geht mich die Sache nichts an. Ich hatte nur die Pflicht, die lebende Maschine wieder in Gang zu bringen und, weiß der Himmel, das war ein gutes Stück Arbeit! Der Fall war noch schwieriger als der Ihre, mein Herr. In meinen langen Erfahrungen sind mir noch nie zwei Menschen begegnet, die so wenig bereit waren zu dieser Welt und ihren Mängeln zurückzukehren als Sie beide. Als mir nun endlich das Werk gelungen war und ich selbst vor Anstrengung und Ermüdung fast ohnmächtig wurde, raten Sie – dieses eine Mal erlaube ich Ihnen zu sprechen – raten Sie, welches die ersten Worte der Dame waren, als sie wieder zum Bewusstsein kam!«

Ich war zu erregt, um nachdenken zu können. »Ich kann nicht raten!« sagte ich ungeduldig.

»Ja, geben Sie es nur auf,« bemerkte Mr. Mac Glue. »Die ersten Worte, die sie an den Mann richtete, der sie dem Rachen des Todes entrissen hatte«, waren diese: »Wie konnten Sie wagen mein Vorhaben zu stören? Warum ließen Sie mich nicht sterben?« Ich kann einen Eid darauf leisten, dass dieses ihre eigenen Worte sind. Ich war so gereizt dadurch, dass ich sie mit ihrer eigenen Münze bezahlte, wie man zu sagen pflegt. »Der Fluss ist hier ganz nah, Madame«, sagte ich. »Führen Sie Ihr Vorhaben aus. Ich verspreche Ihnen, dass ich meinerseits keine Hand rühren werde, um sie zu retten.« Sie sah mich scharf an. »Sind Sie der Mann, der mich aus dem Wasser zog?« fragte sie. »Gott bewahre! Nein,« sagte ich. »Ich bin nur der Arzt, der töricht genug war sich nachher an Ihre Behandlung zu wagen.« Sie wendete sich zur Wirtin: »Wer zog mich aus dem Flusse?« fragte sie. Die Wirtin sagte es ihr – und nannte Ihren Namen. »Germaine?« sprach sie zu sich selbst. »Ich kenne niemand des Namens; ob er der Mann sein mag, der auf der Brücke mit mir sprach?« »Ja,« sagte die Wirtin; »Mr. Germaine sagte, dass er Sie auf der Brücke traf.« Als sie das hörte, dachte sie ein Weilchen nach und dann verlangte sie Mr. Germaine zu sehen. »Wer er auch sei,« sagte sie, »er hat sein Leben für meine Rettung eingesetzt und dafür bin ich ihm Dank schuldig.« »Heute Abend können Sie ihm nicht mehr danken,« versetzte ich, »er liegt hier oben und befindet sich zwischen Leben und Sterben; ich habe nach seiner Mutter geschickt – warten Sie bis morgen.« Sie drehte sich nach mir um, und sah halb erschreckt, halb erzürnt aus. »Ich kann nicht warten« sagte sie, »Sie wissen nicht, was Sie dadurch hier angerichtet haben, dass Sie mich zum Leben zurückbrachten; ich muss morgen diese Gegend verlassen; ich muss morgen aus Pertshire fort sein, wann kommt die erste Post, die nach Süden geht, hier vorüber?« Da mich die erste Post, die nach Süden geht, nichts anging, verwies ich sie an die Bewohner des Gasthauses. Nun die Dame hergestellt war, führte mich mein Beruf hinauf in dieses Zimmer, um zu sehen, wie es bei Ihnen ging. Sie befanden sich ganz nach Wunsch; ich fand Ihre gute Mutter an Ihrem Bett. So ging ich denn nach Hause, um zu sehen, wer von meinen gewöhnlichen Kranken mich erwartete. Als ich diesen Morgen zurückkam – erzählte mir die alberne Wirtin eine neue Geschichte. »Sie ist fort!« rief sie. »Wer ist fort?« fragte ich. »Die Dame,« sagte sie, »sie fuhr heute früh mit der ersten Post ab!«

»Sie wollen mir doch nicht sagen, dass sie dieses Haus verlassen hat?« rief ich aus.

»Ja, gewiss!« sagte der Doktor, so bestimmt wie immer. »Fragen Sie Ihre Frau Mutter, die wird es Ihnen nach Herzenslust bestätigen. Ich muss noch andere Kranke besuchen – und bin eben auf meiner Rundfahrt begriffen. Sie werden nichts mehr von der Dame sehen und ich denke das ist das Beste! In zwei Stunden bin ich wieder zurück und wenn sich Ihr Zustand inzwischen nicht verschlimmert hat, will ich versuchen Sie aus diesem unbehaglichen Ort in Ihr bequemes, wohlbekanntes Bett daheim zu übersiedeln. Aber lassen Sie ihn nicht sprechen, Madame, – lassen Sie ihn nicht sprechen!«

Mit diesen Abschiedsworten verließ uns Mr. Mac Glue.

»Ist es wirklich wahr?« fragte ich meine Mutter.

»Hat Sie das Gasthaus ohne mich zu sehen, verlassen?«

»Sie war nicht aufzuhalten, George,« antwortete meine Mutter. »Die Dame verließ das Gasthaus heute früh mit der Edinburgher Post.«

Ich war tief betrübt und bitter enttäuscht. Ja »bitter« ist das rechte Wort, obgleich sie mir eine Fremde war.

»Sahst Du sie selbst?« fragte ich.

»Ich sah sie einige Minuten lang, lieber Sohn, als ich auf dem Wege zu Deinem Zimmer war.«

»Was sagte sie?«

»Sie bat mich, sie bei Dir zu entschuldigen. Sie sagte: »Teilen Sie Mr. Germaine mit, dass meine Lage furchtbar ist: mir kann kein Mensch helfen. Ich muss fort von hier. Mein verflossenes Leben ist in diesem Augenblicke ebenso entschieden beendet, als hätte Ihr Sohn mich gestern in dem Flusse ertrinken lassen. Ich muss an einem neuen Ort ein neues Leben zu beginnen versuchen. Bitten Sie Mr. Germaine in meinem Namen um Vergebung, dass ich abreise, ohne ihm gedankt zu haben. Ich darf nicht zögern! Man könnte mich verfolgen und auffinden. Es gibt einen Menschen, den ich entschlossen bin nie wieder zu sehen – nie! nie! nie! Leben Sie wohl; versuchen Sie mir zu vergeben.«

Sie barg ihr Gesicht in ihre Hände und schwieg. Ich bemühte mich ihr Vertrauen zu gewinnen – es war vergebens; ich musste sie verlassen. Diese unglückliche Frau, George, muss maßlos elend sein und sie ist ein so herzgewinnendes Geschöpf! Es war mir unmöglich ihr mein Mitleid zu versagen, ob sie es verdient oder nicht. Ein tiefes Geheimnis umgibt sie, lieber Sohn. Sie spricht Englisch ohne jeden fremdartigen Akzent – und doch trägt sie einen fremden Namen.

»Sagte sie Dir ihren Namen?«

»Nein – und ich wollte sie nicht danach fragen. Die Wirtin hier ist aber keine sehr rückhaltende Person, sie erzählte mir, dass sie die Wäsche der Unglücklichen noch gesehen habe, während sie am Feuer getrocknet wurde. Der Name, den sie trug war: »Van Brandt.«

»Van Brandt?« wiederholte ich. »Das klingt, wie ein holländischer Name. Du sagst aber, dass sie wie eine Engländerin sprach, vielleicht ist sie in England geboren.«

»Oder vielleicht ist sie verheiratet,« fügte meine Mutter hinzu, »und van Brandt ist der Name ihres Mannes.«

Der Gedanke, dass sie verheiratet sein möchte, war mir unbehaglich. Ich wünschte meine Mutter hätte diese Vermutung nicht ausgesprochen. Ich weigerte mich sie zu teilen und beharrte in meinem Glauben, dass die Fremde unvermählt sei, dann konnte ich mir ja gestatten, ungehindert an sie zu denken; ich konnte dann ja hoffen die Spur der reizenden Fliehenden zu entdecken, die mir ein so hohes Interesse eingeflößt hatte und deren Selbstmordversuch mich fast das Leben gekostet hätte. Freilich war die Hoffnung sie wiederzufinden zweifelhaft genug, wenn sie wirklich bis Edinburgh gereist war, – was ziemlich sicher schien, da sie unentdeckt

bleiben wollte. Die große Stadt und mein schwacher Gesundheitszustand machten das Suchen dort sehr schwer und dennoch belebte mich die Hoffnung so, dass ich kein Gefühl der Niedergeschlagenheit empfand. Ich hatte die feste Überzeugung, oder ich sollte besser sagen, den sicheren Aberglauben, dass wir beide, die wir beinah mit einander gestorben wären, die wir vereint zum Leben zurückgerufen waren, auch bestimmt sein mussten in Zukunft noch gemeinsame Freuden oder Schmerzen zu durchleben. »Ich denke, ich werde sie wiedersehen,« war mein letzter Gedanke, ehe die Schwäche mich übermannte und ich in einen friedlichen Schlummer sank.

In derselben Nacht wurde ich von dem Gasthause nach meinem eigenen Zimmer gebracht und in dieser Nacht sah ich sie im Traum wieder.

Ihr Bild war mir ebenso lebhaft gegenwärtig, als das so ganz verschiedene der kleinen Mary, wie ich sie in früheren Tagen erblickt hatte. Die Traumgestalt der Frau war gekleidet wie ich sie auf der Brücke gesehen hatte. Sie trug denselben breitgeränderten Gartenhut von Stroh. Sie sah mich an, wie sie mich angesehen hatte, als ich mich ihr in dem matten Abendlicht genähert hatte, bald aber verklärte sich ihr Gesicht durch ein göttlich schönes Lächeln und sie flüsterte in mein Ohr: »Freund, kennst du mich?«

Ich kannte sie sicherlich und – doch hatte ich ein unbegreifliches Gefühl von Zweifel. Obgleich ich sie im Traum als die Fremde erkannte, die mich so lebhaft beschäftigte, war ich doch unzufrieden mit mir selbst, als hätte ich sie nicht recht erkannt. Mit diesem Gedanken erwachte

ich und schlief die Nacht über nicht mehr.

In drei Tagen war ich kräftig genug mit meiner Mutter auszufahren und zwar in dem bequemen, altmodischen, offenen Wagen, der Mr. Germaine gehört hatte.

Am vierten Tage beschlossen wir einen Ausflug nach einem kleinen Wasserfall in unserer Nachbarschaft zu machen. Meine Mutter hatte eine große Vorliebe für diesen Ort und hatte den Wunsch ausgesprochen, ein Andenken daran zu besitzen. Ich beschloss mein Skizzenbuch mitzunehmen, für den Fall, dass ich mich kräftig genug fühlen würde, um ihr eine Zeichnung von ihrer Lieblingslandschaft zu machen. Ich fand das Skizzenbuch, das ich suchte und das ich seit Jahren nicht benutzt hatte, in einem alten Schreibtisch, der seit meiner Abreise nach Indien nicht geöffnet worden war. Während des Suchens zog ich einen Schubkasten in dem Tisch auf und fand darin eine Reliquie aus alter Zeit – meiner armen, kleinen Mary erste Stickerei – die grüne Flagge!

Der Anblick des vergessenen Talismanes führte meine Erinnerung zu des Vogtes Hause zurück, ich gedachte der Dame Dermody und ihrer vertrauensvollen Prophezeiung für Mary und mich.

Ich lächelte, als ich mir die Behauptung der alten Frau zurückrief, dass es in Zukunft keiner menschlichen Macht gelingen würde, die verwandten Geister dieser Kinder zu trennen. Was war aus den prophezeiten Träumen geworden, durch die wir während unserer Trennungszeit miteinander verkehren sollten? Jahre waren vergangen und ich hatte weder schlafend noch wachend etwas von Mary gesehen. Jahre waren vergangen und das erste Traumbild, das mir von einem Weibe erschienen, war, vor wenigen Nächten, das Bild der Frau gewesen, die ich vom Ertrinken gerettet hatte! Ich dachte über diese Ereignisse und Wechsel in meinem Leben nach – aber ohne Zorn und Bitterkeit. Die neue Liebe, die sich in mein Herz geschlichen hatte, machte mich sanfter und milder. Ich sprach zu mir selbst: »Arme kleine Mary!« – und küsste die grüne Flagge in dankbarer Erinnerung an jene Tage, die nimmer wiederkehren konnten.

Wir fuhren nach dem Wasserfall.

Es war ein herrlicher Tag: die einsame Waldgegend war so strahlend und schön! Der Besitzer des Ortes hatte ein hölzernes Lusthaus, das eine Aussicht auf den niederstürzenden Strom bot, zur Bequemlichkeit der Besucher erbaut. Meine Mutter bat mich, zu versuchen, ob ich nicht

von dieser Stelle aus die Aussicht aufnehmen könnte. Ich bemühte mich ihr den Gefallen zu tun, aber das Resultat befriedigte mich nicht und ich gab das Zeichnen auf, ehe ich halb fertig war. Skizzenbuch und Bleistift auf dem Tische des Lusthauses zurücklassend, schlug ich meiner Mutter vor einen Gang über die kleine hölzerne Brücke zu machen, die den Strom dicht bei seinem Fall überspannt, um zu sehen, wie sich die Landschaft von dem neuen Gesichtspunkte aus ausnahm.

Die Ansicht des Wasserfalles, vom entgegengesetzten Ufer aus gesehen, bot für einen mittelmäßigen Zeichner, wie ich es war, noch größere Schwierigkeiten, als die eben verlassene. Wir kehrten also zum Lusthause zurück.

Ich näherte mich zuerst der geöffneten Tür, stand aber, durch eine unerwartete Entdeckung am Eintreten gehindert, plötzlich still. Das Haus war nicht mehr leer, wie wir es verlassen hatten. Eine Dame saß am Tisch, meinen Bleistift in der Hand, in meinem Skizzenbuche schreibend!

Nach einigem Zögern trat ich näher zur Tür und hielt dann wieder, in atemlosem Erstaunen, inne. Die Fremde in dem Lusthause war keine Andere, als die Frau, die sich von der Brücke aus den Tod geben wollte!

Darüber war kein Zweifel. Es war dasselbe Kleid; es war das unvergessliche Gesicht, das ich im Abendlicht gesehn, das mir noch vor wenigen Nächten im Traum erschienen war! Ja, es war dieselbe Frau – ich sah sie so deutlich, wie ich die Sonne auf den Wasserfall scheinen sah – es war dieselbe, mit meinem Bleistift in der Hand, in meinem Buche schreibend!

Meine Mutter stand dicht hinter mir: sie sah meine Erregung. »George, was ist Dir!« rief sie aus.

Ich wies durch die offene Tür des Lusthauses.

»Nun?« fragte meine Mutter, »was ist da zu sehen?«

»Siehst Du nicht jemand am Tisch sitzen und in meinem Skizzenbuche schreiben?«

Meine Mutter blickte mich erstaunt an. »Sollte er wieder krank werden?« sagte sie zu sich selbst.

Im selben Augenblick legte die Frau den Bleistift aus der Hand und erhob sich langsam.

Sie sah mich mit traurigen, bittenden Augen an, und erhob ihre Hand, indem sie mir winkte. Ich gehorchte. Mich unwillkürlich vorwärts bewegend, fühlte ich mich durch eine unwiderstehliche Macht näher und näher zu ihr gezogen, ich erstieg die kleine Treppe, die zu dem Lusthause führte. Wenige Schritte vor ihr stand ich still. Sie trat zu mir heran und legte ihre Hand auf meine Brust. Ihre Berührung erfüllte mich mit einem wunderbar gemischten Gefühl von Entzücken und Ehrfurcht. Nach einigen Augenblicken sprach sie, in leisen, melodischen Tönen, die sich in meinem Ohr mit dem fernen Rauschen des Wasserfalls vermischten, bis sie zu einem Tone verschwammen. Ich hörte das Rauschen, ich hörte von ihrer Stimme die Worte: »Gedenke mein. Komm zu mir.« Ihre Hand sank von meiner Brust herab. Das helle Tageslicht in dem Zimmer verdunkelte sich einen Augenblick, wie durch einen flüchtigen Schatten. Ich sah mich nach ihr um, als es wieder hell wurde. Sie war verschwunden.




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