So sey es Alexandre Dumas der Ältere Dumas Alexandre (père) So sey es! Erster Teil Vorwort an den Leser Es ist eine sonderbare Geschichte, die dem geneigten Leser erzählt werden soll; sie ist von einem Manne geschrieben, der außer dieser Geschichte nie etwas geschrieben hat. Es ist ein Abschnitt seines Lebens, oder vielmehr sein ganzes Leben. Das leben des Menschen ist nicht nach der Anzahl der von ihm durch lebten Jahre zu messen, sondern nach den Minuten, in denen sein Herz geschlagen hat. Mancher Greis, der im Alter von achtzig Jahren stirbt, hat in der Wirklichkeit nur ein Jahr, einen Monat, einen Tag gelebt. Leben ist glücklich sein oder leiden. Man lasse vor einem sterbenden alle durchlebten Tage vorüberziehen, er wird nur die anerkennen, die ihm mit lächelnden Munde oder thränenfeuchten Augen erscheinen. Die übri-.... Solche Tage hat er verlebt, aber nicht gelebt. Am längsten gelebt hat der Mensch, der am meisten erfahren und empfunden hat. * * * Ich hatte einen Freund. Es ist bekannt wie weit man den Namen Freund auszudehnen pflegt. In unserer conventionellen Sprache bedeutet ein Freund nicht immer einen Genossen, einen Cameraden, ein Freund heißt oft nichts als ein Bekannter. Für uns soll dieses Wort weder einen Genossen noch einen Cameraden, sondern einen angenehmen lieben Bekannten bedeuten. Wir werden ihn nur mit dem Namen Max bezeichnen, die weibliche Hauptperson aber Edmée nennen. Ich hatte Max auf einer Jagdpartie im Park von Campiegne zu der Zeit, wo der Herzog von Orleans das Lager befehligte, kennen gelernt. Es war im Jahre 1836, ich schrieb damals den Caligula zu Corneille. Max war ein Schulcamerad des Herzogs von Orleans, und etwa zehn Jahre jünger als ich. Er war ein feingebildeter junger Mann nein fünf- bis sechsundzwanzig Jahren, von vornehmen Manieren und Gentleman vom Kopf bis zur Zehe. Ich entlehne den Engländern diesen uns mangelnden Ausdruck, um genau zu bezeichnen was ich sagen will. Ohne reich zu seyn, hatte er einiges Vermögen ohne schön zu seyn, war er einnehmend; ohne gelehrt zu seyn, hatte er viel gelernt; ohne Maler zu seyn, war er Künstler und zeichnete unglaublich schnell und treffend die Züge eines Gesichtes oder die Umrisse einer Landschaft. Er war ein großer Freund von Reisen. Er kannte England, Deutschland, Italien, Griechenland, Constantinopel. Während der fünf oder sechs Jagden, die wir mit dem Herzoge von Orleans machten, gewannen wir einander lieb, wir wählten unsere Plätze neben einander. So war’s auch bei Tische, wo wir uns nach Belieben setzen konnten; ein Blick genügte, um uns gegenseitig zu nähern, und während der ganzen Mahlzeit berührten sich unsere Stuhle und wir plauderten nach Herzenslust. Er gehörte zu den wenigen Menschen, die geistreich sind ohne es zu ahnen. Seine Nachbarschaft war mir daher höchst angenehm: auf der Jagd, weil er vorsichtig, bei Tische, weil er unterhaltend war. Ich glaube, daß er mir ebenfalls sehr zugethan war. Wir hatten Übrigens Vieles mit einander gemein; wir spielten nicht, rauchten nicht und tranken nur Wasser. Er sagte mir sehr oft: »Wenn Sie einmal eine Reise machen, so zeigen Sie mir’s an, wir reisen zusammen.« * * * Im Jahre 1838 reiste ich nach Italien und ich hörte nichts von Max. Im Jahre 1842 erfuhr ich in Florenz den Tod des Herzogs von Orleans: ich reiste mit Extrapost nach Paris zurück und kam eben noch zur rechten Zeit an, um dem Trauergottesdienst in der Notredamekirche beizuwohnen und mich dem Leichenzuge nach Dreux anzuschließen. Die erste Person, die ich in der Kirche bemerkte, war Max. Er gab mir durch einen Wink zu verstehen, daß neben ihm auf den stufenweise erhöhten Bänken ein Platz leer sey. Ich stieg zu ihm hinauf; wir begrüßten uns mit Thränen und setzten uns schweigend Hand in Hand neben einander. Wir hatten offenbar ganz gleiche Gedanken: wir dachten in der schwarz ausgeschlagenen Kirche an die Zeit zurück, wo wir neben einander an der Tafel des unglücklichen Prinzen gesessen. Wir wechselten nur wenige Worte während der Trauerfeierlichkeit. »Sie gehen doch mit nach Dreux?« »Ja.« »Wir können ja mit einander gehen.« »Sehr gern.« Wir begaben uns nach Dreux und blieben bis zur Beisetzung der Leiche bei dem Sarge. Die Freundschaft und innige Zuneigung, die wir Beide fast in gleichem Maße einem Dritten widmeten – ich will nicht sagen einem Prinzen, denn für uns, die wir mit dem Ehrgeiz nichts zu thun hatten, war der Herzog von Orleans kein Prinz – diese Freundschaft für einen Dritten knüpfte die unsrige fester; es war als ob wir uns den Antheil, der dem erlauchten Todten nicht mehr gewidmet werden konnte, gegenseitig zuwendeten. Wir begaben uns zusammen nach Paris zurück, und als wir schieden, sagte er zum zweiten oder dritten Male: »Wenn Sie eine Reise machen, so schreiben Sie mir.« »Aber wo sind Sie zu finden?« fragte ich. Er gab mir die Adresse seiner Mutter. »Dort,« antwortete er, »weiß man wo ich bin.« * * * Im Jahre 1846, nemlich zehn Jahre nach der Zeit, wo ich Max zum ersten Male gesehen hatte, entschloß ich mich, eine Reise nach Spanien und Afrika zu machen. Ich schrieb an Max: »Wollen Sie die Reise mitmachen?« Den Brief schickte ich an die angegebene Adresse. Zwei Tage nachher erhielt ich folgende Antwort: Unmöglich, lieber Freund. Meine Mutter liegt im Sterben. Beten Sie für mich.     Max.« Ich reiste ab. Die Reise dauerte sechs Monate. Nach meiner Rückkehr übergab man mir alle in meiner Abwesenheit eingelaufenen Briefe. Alle Briefe, deren Schriftzüge mir unbekannt waren, warf ich ungelesen in’s Feuer. Unter den bekannten Schriftzügen war ein Brief von Max. Ich erbrach den Brief hastig; er enthielt nur folgende Worte: Meine Mutter ist todt. Beklagen Sie mich.     Max« * * * Das Schloß, welches die Mutter meines Freundes bewohnt hatte, lag in der Picrardie, unweit La Fére. Ich reiste noch denselben Tag ab, um Max zu trösten, wenigstens zu begrüßen. In La Fére nahm ich einen Wagen und fuhr nach dem Schlosse Friéres. Das Schloß wurde mir von weitem von meinem Kutscher gezeigt. Es stand am Abhange eines schön bewaldeten Hügels, welchem große freie Rasenplätze ein parkartiges Aussehen gaben. Alle Fenster waren geschlossen. Ich vermuthete, daß Max abwesend sey, aber ich setzte doch meinen Weg fort, ich wollte wenigstens Gewißheit haben. Vor dem Gitterthor ließ ich anhalten. Ein alter Diener erschien, um mich einzulassen. Ich sage Diener und nicht Bedienter; die alten Diener werden in Frankreich immer seltener, in zwanzig Jahren wird es nur noch Bediente, aber keine Diener mehr geben. Der erscheinende Diener gehörte zu dem Stamme, welcher sagt: »Unsere gute Dame« und »Unser junger Herr.« Ich fragte nach Max. Der Diener schüttelte den Kopf. »Drei Monate nach dem Tode unserer guten Dame,« sagte er, »ist unser junger Herr auf Reisen gegangen.« »Wo ist er?« »Das weiß ich nicht.« »Wann wird er wieder kommen?« »Das kann ich auch nicht sagen.« Ich nahm mein Federmesser aus der Tasche, schnitt ein Kreuz in die Mauer und schrieb darunter: Amen! »Wenn euer Herr zurückkommt,« sagte ich zu dem alten Diener, »so saget ihm, ein Freund von ihm sey hier gewesen, und zeiget ihm das.« »Wollen Sie mir Ihren Namen nicht sagen?« »Das ist nicht nöthig, er wird mich leicht erkennen.« Ich reiste ab. * * * Ich sah Max nicht wieder. Ich erkundigte mich oft nach ihm bei gemeinsamen Freunden, aber Niemand wußte was aus ihm geworden war. Der am besten unterrichtete meinte, er sey in Amerika. Vor vierzehn Tagen erhielt ich aus Martinique ein großes Parket. Ich erbrach es mit begreiflicher Neugierde. Es war ein Manuskript. Im ersten Augenblicke erschrak ich, denn ich glaubte nicht zu Manuscripten, die über den atlantischen Ocean kamen, verurtheilt zu seyn. Ich war im Begriffe es wegzuwerfen, als meine Aufmerksamkeit durch den Titel gefesselt wurde. Es war ein Kreuz und darunter stand das Wort Amen! Ich erkannte nun auch die Schriftzüge. »O, es ist von Max!« sagte ich. Und ich las, was ich dem Leser mittheilen will. I Amen! Insel Martinique. Port-Royal. 7.November 1856 Sobald als es mir gestattet ist. ein Lebenszeichen zu geben« fühle ich das Bedürfniß mich Ihnen anzuvertrauen, lieber Freund, und Ihnen die Ereignisse zu erzählen, die mich hieher geführt haben. Der Tod der Person, die am meisten Ursache hatte, mein Stillschweigen zu wünschen, erlaubt mir Ihnen Dinge zu erzählen, die bei Lebzeiten dieser Person in das undurchdringlichste Geheimniß gehüllt bleiben mußten. Die letzten Nachrichten, welche Sie unmittelbar von mir erhielten, war der Brief, worin ich Ihnen schrieb: »Meine Mutter ist todt, beklagen Sie mich!« Da meine Mittheilungen wahrscheinlich nur von Ihnen gelesen werden, so erlauben Sie mir, daß ich von meiner Wenigkeit ganz offen rede. Ob es Vertrauen zu Ihnen, ob es Eigendünkel von mir ist, das weiß ich nicht, aber es scheint mir, daß ich für Sie in Bezug auf die Anatomie des Herzens etwa dasselbe thun werde, was ein Mann der Wissenschaft für einen Arzt thun würde, wenn er zu ihm sagt: »Ich habe an einer schmerzhaften innerlichen Krankheit gelitten; jetzt bin ich genesen; secriren Sie mich lebendig, damit Sie die Spuren der Krankheit sehen.« Vide manus, vide pedes, vide latus! Aber um mich wohl zu verstehen, lieber Freund, müssen Sie mich genau kennen lernen. Meine einzige Wissenschaft ist, wie ich glaube, die Selbstkenntniß, und hierin habe ich die Vorschrift des Weisen befolgt. Als ich Sie zum ersten Male in Compiégne sah, war ich fünfundzwanzig Jahre alt; ich bin im Jahre 1811 geboren. Als ich Sie zum letzten Male in Dreux sah, war ich einunddreißig; als ich meine Mutter verlor, fünfunddreißig. Meine Mutter war mir Alles. Mein Vater hatte als Oberst eines Uhlanenregimentes den russischen Feldzug mitgemacht. Meine Mutter, die mich jeden Morgen in meiner Wiege küßte, benetzte eines Morgens meine Wangen mit Thränen. Mein Vater war bei Smolensk gefallen. Sie war Witwe, ich war eine Waise. Ich war der einzige Sohn« sie lebte nur für mich. Meine Mutter war eine hochgebildete, zumal feinstfülende Frau; sie beschloß daher, meine erste Erziehung, die wichtigste, welche die Blüthen treibt, aus denen einst die Früchte reifen sollen, keiner fremden Person anzuvertrauen. Sie konnte mich ohne fremde Beihilfe lesen, schreiben und rechnen lehren; sie konnte mich in den Anfangsgründen der Geschichte, Geographie und Musik, sowie im Zeichnen unterrichten. In dieser letzteren Kunst war sie die Schülerin ihres Oheims Prudhon, dessen Werth man nach seinem Tode anerkannt hat, nachdem er bei seinen Lebzeiten mit Mangel und Elend gekämpft. Die erste Erinnerung, die ich von meiner Mutter habe, zeigt sie mir als eine sehr schöne schwarzgekleidete Frau. Sie war dreißig Jahre alt, als mein Vater starb; sie war seit zehn Jahren vermält, eine ältere Schwester war gestorben. Ich erinnere mich nicht, sie ein einziges Mal lachen gesehen oder gehört zu haben; aber sie lächelte, wenn sie mich küßte oder mir einen Verweis gab. Es blieb mir überlassen, dieses doppelte Lächeln zu unterscheiden. Meine Muttter war sehr religiös, nicht vor den Leuten, sondern im Herzen. Sie lehrte mich zumal Ehrerbietung vor den symbolischen Dingen. Ich glaube nie laut in einer Kirche gesprochen zu haben, nie ohne mich zu verneigen an einem Kreuz vorübergegangen zu seyn. Diese Verehrung für die Symbole des Glaubens zog mir oft Neckereien von meinen Gespielen zu; ich antwortete nicht darauf. Hinsichtlich der Priester stand es mir frei, sie nach ihren Handlungen zu beurtheilen, wie alle anderen Menschen. Nach der Ansicht meiner Mutter war der Priester kein mit besonderen Vorrechten ausgerüstetes Wesen, sondern ein Mann, der größere Verpflichtungen hat als andere Menschen und dieselben gewissenhaft halten muß. Den Priester, der seine Pflichten nicht erfüllt, stellte sie in gleichen Rang mit dem Kaufmann« der seine Verbindlichkeiten nicht erfüllt; nur mit dein Unterschiede, daß der Letztere nur fallire, der Erstere aber völlig Bankerott mache. Sie kennen das Schloß Frières, lieber Freund, Sie sind da gewesen, und der Titel dieses Manuscriptes beweist Ihnen, daß ich Ihre Handschrift erkannt habe. Das Schloß ist im siebzehnten Jahrhundert erbaut worden und die Bäume des Parkes sind eben so alt. Ich verlebte dort meine Kindheit bis zum zwölften Jahre.« Nie sagte meine Mutter zu mir: »Max, Du mußt arbeiten;« sie wartete immer, daß ich sie darum bat. »Was willst Du machen? fragte sie mich dann.« Und fast immer wählte ich selbst die Lection, die ich zu nehmen wünschte. Meine Mutter hatte mich gewöhnt, meine Arbeitsstunden als Erholungsstunden zu betrachten; sie marterte mich nicht mit mechanischem Auswendiglernen, sie lehrte mich Geschichte, Geographie, Musik; sie erzählte mir eine historische Begebenheit oder schilderte mir ein Land. Was sie mir gesagt hatte, blieb tief in meinem Gedächtnisse haften; was sie mir erzählt hatte, wiederholte ich ihr den folgenden Tag. Sie spielte mir eine Melodie auf dem Clavier vor und in den meisten Fällen konnte ich am andern Morgen dieselbe Melodie spielen. So gingen wir vom Einfachen zum Zusammengesetzten über. Die Schwierigkeiten, die natürlich nicht ausblieben, wurden nach meinen Kräften so gut vertheilt, daß ich sie nicht für Schwierigkeiten hielt und sie überwand, ohne sie gesehen zu hoben. Das Zeichnen lernte ich ohne Unterricht; meine Mutter gab mir, als ich noch ein Kind war, einen Bleistift in die Hand und forderte mich auf zu copiren. »Was soll ich denn copiren?« fragte ich. »Alles was Du siehst, jenen Baum, jenen Hund, jenes Huhn.« »Ich kann’s nicht.« »Versuch’s nur.« Ich versuchte es; die ersten Versuche waren abgeschmackt; nach und nach aber begann der Block eine Form anzunehmen, der Embryo erschien, die Umrisse wurden bemerkbar, dann die Schatten, endlich die Perspective. Ich erinnere mich, daß Sie sich über die Leichtigkeit, mit der ich eine Skizze entwerfe, gewundert haben. »Wer hat Ihnen Unterricht im Zeichnen gegeben?« fragten Sie mich einst. »Niemand,« antwortete ich. Wie undankbar war ich1 Ich hatte ja zwei geduldige, zärtliche Lehrerinnen gehabt: meine Mutter und die Natur. Nie habe ich die den Kindern sonst gewöhnlich eigene Furchtsamkeit gekannt; Tag und Nacht waren mir ganz gleichgültig; ich betrachtete einen Friedhof mit Ehrerbietung, aber nie mit Furcht. Kurz, ich habe nie gewußt was Furcht oder Schrecken war. Ich war schon früh gewöhnt gewesen, sowohl im Dunkeln als am Tage im Park umherzulaufen, und so war ich mit jedem nächtlichen Geräusch vertraut geworden. Das abendliche Leben und Treiben der Thierwelt war mir genau bekannt; ich wußte den Flug der Nachtschwalbe von dem Fluge anderer Vögel, den leisen Tritt des Fuchses von dem des Hundes zu unterscheiden; ich kannte den Gesang des Rothkehlchens wie des Finken oder Hänflings. Sie sagten oft zu mir: »Warum schreiben Sie nicht? Warum machen Sie keine Gedichte?« Ich antwortete Ihnen dann naiv oder stolz, wie Sie wollen: »Weil ich in Versen nie schreiben würde wie Hugo, in Prosa nicht wie Chateaubriand.« Aber an Poesie fehlte es mir keineswegs, lieber Freund, ich wußte ihr nur keine Form zu geben; ich hatte das Herz und nicht die Hand; ich fühlte, aber ich trug Bedenken, meinen Gefühlen einen Ausdruck zu geben. Sie sehen, daß ich mich endlich dazu entschlossen habe, denn ich sende Ihnen an zweihundertdreißig Seiten von einer Handschrift; ich habe nur zu spät angefangen. Als ich mein zwölftes Jahr erreicht hatte, sah meine Mutter ein, daß es Zeit sey, mich der Leitung von Männern zu übergeben. Die Erziehung konnte nach ihrer Meinung nur in Paris vollendet werden, und da sie mich nicht verlassen wollte, entschloß sie sich, ihren Wohnsitz in die Hauptstadt zu verlegen. Sie gab mich in das College Henri IV. und miethete sich in der Nähe ein, um mich an meinen freien Tagen bei sich haben zu können. Ich blieb sieben Jahre im College und hatte in dieser ganzen Zeit – ein vielleicht beispielloser Fall – nicht ein einziges Mal Arrest. Ich wüßte, daß meine Mutter mich erwartete. Wenn die Ferien begannen, so flüchtete ich mit meiner Mutter nach Frières. O! wie groß war meine Freude, wenn ich alle Freunde meiner Kindheit, Hausgeräthe, Hunde, Bäume, Bäche wiedersah! Schon früh hatte mir meine Mutter eine Flinte, mich selbst aber dem Waldhüter, einem gewandten, vorsichtigen Manne, in die Hände gegeben. Sie wissen, daß er einen ziemlich guten Jäger aus mir gemacht hat. Im Collège Henri IV. machte ich, wie Sie wissen, die Bekanntschaft des unglücklichen Herzogs von Orleans, bei welchem wir uns zuerst sahen. Das Jahr 1830 kam; sein Vater wurde König, er selbst Kronprinz; ich gehörte zu seinen vertrauten Freunden: er ließ mich kommen und fragte mich was er für mich thun könne. Ich gestand ihm aufrichtig, ich sey allen ehrgeizigen Bestrebungen von jeher fremd geblieben, ich sey immer ein Glückskind gewesen; warum sollte ich auf der einmal betretenen Bahn des Glückes nicht bleiben? Ich dankte ihm übrigens für seine Güte und sagte, das ich meine Mutter in Rath nehmen würde. Ich begab mich nach Hause und erzählte meiner Mutter, was vorgegangen war. »Nun« was hast Du beschlossen?« fragte sie. »Nichts liebe Mutter; was räthst Du mir?« »Ich werde vielleicht eine sonderbare Sprache führen, erwiederte sie; »aber ich will nach meinem Gefühl und Gewissen mit Dir sprechen.« In dem Tone meiner Mutter lag eine gewisse Feierlichkeit, an welche sie mich nicht gewöhnt hatte. Ich sah sie an. Sie lächelte. »Bis jetzt,« begann sie, »bin ich deine Mutter, dein weiblicher Mentor gewesen; ich will jetzt mit Dir reden, als ob ich dein Vater wäre.« Ich faßte ihre beiden Hände und küßte sie. »Sprich, liebe Mutter,« sagte ich. Sie stand vor mir, ich hatte meinen Kopf auf die Hand gestützt, mein Blick war zu Boden gesenkt. Ich lauschte auf ihre Stimme, die mir von oben zu kommen schien, wie die Stimme Gottes. »Max,« sagte sie, »ich weiß, daß man in unseren sozialen Verhältnissen die Wahl eines Berufes für nothwendig hält. Ich bin nur ein schwaches Geschöpf und vermag keine Meinung, und wäre sie auch irrig, zu widerlegen; aber ich glaube, daß jeder redlich denkende Mann sich vor Allem bestreben muß das Böse zu vermeiden, das Gute zu thun. Wir besitzen ein ganz unabhängiges Vermögen, eine jährliche Rente von vierzigtausend Francs; von heute an trete ich Dir vierundzwanzigtausend ab und behalte sechzehntausend für mich.« »Mutter, ich kann es nicht annehmen —« »Es ist genug für mich. Ein junger Mann, der vierundzwanzigtausend Livres Renten hat, muß übrigens immer in der Lage seyn, einem Freunde mit tausend oder fünfzehnhundert aus der Verlegenheit zu helfen. Wenn ich einmal tausend oder fünfzehnhundert Franks brauche, so werde ich mich an Dich wenden« Ich schüttelte den Kopf, aber ich wagte nicht die Augen aufzuschlagen. Meine Augen waren mit Thränen gefüllt. »Dein künftiger Beruf,« fuhr sie fort, »ist keineswegs Sache der Berechnung, sondern der freien Wahl. Wenn Du ein großes Talent hättest, so würde ich sagen: werde ein Maler oder Dichter, oder vielmehr Du würdest es seyn, ohne daß ich Dirs sage. Wenn Du ein kaltes Herz und einen scharfen durchdringenden Verstand hättest, so würde ich Dir sagen: wähle die diplomatische Laufbahn. Wenn jetzt Krieg wäre, so würde ich Dir rathen, Soldat zu werden. Du hast ein gutes Herz und einen klaren Verstand; ich sage Dir also ganz einfach: Bleibe was Du bist, lebe für Dich. – Es gibt wenige Berufsarten, in denen man nicht einen Diensteid ablegen muß. Ich kenne Dich: Du wärst deinen Eid halten; wenn ein Regierungswechsel sitttfindet, wirst Du deine Entlassung nehmen und deine Laufbahn ist abgebrochen. – Mit vierzigtausend Livres Renten —« Ich fuhr auf, aber meine Mutter setzte hinzu: »Du wirst sie einst haben. Ein Mann, der sein Geld gut zu verwenden weiß, ist kein unnützes Mitglied der Gesellschaft. Du wirst auf Reisen gehen; die Reisen dienen zur Vollendung der wahren Bildung. Ich weiß es wohl, daß es mir wehe thun wird, Dich zu verlassen« aber ich selbst werde Dir rathen, Dich von mir zu trennen. Wer ein unabhängiges Vermögen besitzt und von der Regierung eine Anstellung erbittet oder annimmt, entzieht diese Anstellung irgend einem armen Teufel« der sie braucht. Der Mann, welcher den Dir angebotenen Platz erhält, kann vielleicht seine Familie dadurch glücklich machen. Wenn wieder eine Revolution ausbrechen sollte und Du glaubst, daß deine Klugheit, Beredsamkeit oder Biederkeit dem Vaterlande nützlich seyn könne, so wähle wohl deine Partei, um sie nie zu verläugnen oder zu verrathen, und biete dem Vaterlande deine Kraft und Redegabe an. Wenn Frankreich vom Feinde bedroht werden sollte, so biete deinen Arm und dein Leben an, ohne an mich zu denken: ich bin ja nur deine zweite Mutter, das Vaterland hat die ersten Ansprüche an Dich. Der grundsatzlose verderbte Mensch muß durch irgend eine strenge Pflicht geleitet werden., der Biedermann schafft sich selbst die Pflicht, sie braucht ihm nicht anfgelegt zu werden. Uebrigens ziehe die Sache in Erwägung, Du hast Zeit dazu. Denke über meine Worte nach: ich gebe Dir ja nur einen Rath und keinen Befehl. Ich küßte meiner Mutter die Hände mit aufrichtiger Dankbarkeit, und am folgenden Tage dankte ich dem Herzog von Orleans für seine Güte, erklärte ihm aber zugleich, daß ich für keinen Beruf eine entschiedene Neigung fühlte und daher frei und unabhängig zu bleiben wünschte. Der Prinz, der so viele Gesuche zurückweisen mußte, war anfangs erstaunt über diese ablehnende Antwort; aber nach kurzem Besinnen erwiederte er: »Bei Ihrem Charakter haben Sie vielleicht Recht; ich bitte daher nur noch um die Fortdauer Ihrer Freundschaft.« Dann setzte er mit dem Ihnen bekannten freundlichen Lächeln hinzu: »Natürlich, so lange ich derselben würdig bin.« II Ich lag bis zum einundzwanzigsten Jahre meinen Studien ob und im Jahre 1832 ging ich auf Reisen. Jede Reise, die ich unternahm, machte mich mit den Sprachen der verschiedenen Länder bekannt. Das Englische und Deutsche hatte ich schon im College gelernt und ich lernte diese Sprachen sehr geläufig sprechen. Das Italienische hatte ich unter der Anleitung meiner Mutter gelernt. Sie sprach zuerst von Reisen. Ich würde es nicht gewagt haben, sie um ihre Einwilligung zu bitten; aber sie vertrat, wie sie mir einst gesagt, von Zeit zu Zeit Vatersstelle bei mir, um sich der mütterlichen Schwächen zu entledigen. Nach jeder Reise brachte ich bald in Paris, bald zu Frières sechs Wochen bei ihr zu. Während eines solchen kurzen Aufenthaltes lernten wir uns kennen. Ich hatte versucht, den Rath meiner Mutter so viel als möglich zu befolgen. Mit meiner Jahresrente von vierundzwanzigtausend Francs war ich reich. Dazu kam noch, daß meine Mutter nicht nur alle kostspieligen Liebhabereien befriedigte, sondern mir auch ihre Börse öffnete, wenn etwas Gutes zu thun war, wozu meine Mittel nicht ausreichten. Ich legte ihr von Allem Rechenschaft ab. »Machst Du Andere zuweilen glücklich?« fragte mich meine Mutter. »So viel als ich kann,« antwortete ich. »Bist Du selbst glücklich?« »Ja, Mutter.« »Langweilst Du Dich?« »O nein, nie.« »Nun, dann geht ja Alles gut,« sagte sie und schloß mich in ihre Arme. In einem einzigen Punkte war sie streng: sie hatte mir das Versprechen abgenommen, nicht zu spielen, und ich hatte mein Versprechen gehalten, ohne daß ich mir den mindesten Zwang angethan. »Es ist besser, einen Wechsel zu unterzeichnest, als eine Karte auzurühren.« sagte meine Mutter oft zu mir. »Wer einen Wechsel unterzeichnet, weiß wozu er sich verbindlich macht; wer eine Karte anrührt, betritt eine unbekannte Bahn und weiß nicht wohin diese ihn führen kann.« Der Herzog von Orleans, der meine Lebensweise kannte, nannte mich scherzweise den »kleinen Blaumantel.« Aber wenn Jemand nach mir fragte, so wurde er wieder ernsthaft und antwortete: »Er macht sich nützlich.« Er kannte meine Mutter und wußte ihre trefflichen Eigenschaften zu schätzen. Als er sich vermälte, wollte er sie in die nächste Umgebung der Kronprinzessin bringen, aber meine Mutter lehnte es ab. Sie hatte seit dem Tode meines Vaters den Verkehr mit der vornehmen Welt abgebrochen; es war eine kaum vernarbte Wunde, die sie nicht wieder aufreißen wollte. Im Jahre 1842 fand der Prinz den Tod. Dieser Verlust schmerzte mich tief. Ich sah Sie nach Ihrer Rückkehr von Florenz, wir betrauerten den Todten gemeinschaftlich. In Dreux sprach ich wiederholt den Wunsch aus, mit Ihnen zu reisen ; ich gab Ihnen die Adresse meiner Mutter mit der Versicherung, daß man dort wissen würde, wo ich war. Ihr Brief fand mich wirklich zu Frières – aber an dem Sterbebette meiner Mutter! An demselben Morgen um fünf Uhr hatte ich erfahren, daß sie an einer Gehirnentzündung erkrankt sey; ich war auf der Eisenbahn bis Compiegne gefahren und von dort im Galopp nach Frières geeilt. Meine arme Mutter lag sprachlos und ohne Bewegung, aber ihre Augen waren offen. Sie schien Jemand zu erwarten. Ich hatte Niemand befragt, ich war in ihr Zimmer gestürzt und mit den Worten: »Da bin ich, Mutter!« vor ihrem Bett niedergesunken. Die Thränen, an denen ich unterwegs fast erstickt war, brachen nun unaufhaltsam hervor. Die Augen der Kranken machten nun eine schwache Bewegung gen Himmel und nahmen einen freudig dankenden Ausdruck an. »O! sie erkennt mich,« schluchzte ich; »sie erkennt mich! Meine arme Mutter!« Sie bewegte die Lippen; man sah es ihr an, daß sie dazu alle ihre Kraft brauchte. O! ich weiß gewiß, diese Lippenbewegung bedeutete: Lieber Sohn! Von jenem Augenblicke an blieb ich immer vor ihrem Bett. Dann erhielt ich Ihren Brief und beantwortete ihn. Der Arzt hatte meine Mutter kurz vor meiner Ankunft verlassen; er hatte ihr eine Ader geöffnet und Senfumschläge um die Füße gelegt. Ich hatte genug medicinische Kenntnisse, um zu wissen, daß nichts weiter zu thun war; gleichwohl schickte ich zu ihm. Als ich aufstand und auf die Thür zuging, um zu rufen, war es mir, als ob mich ein unsichtbares Etwas zu dem Bett meiner Mutter zurückrufe. Ihr Kopf war regungslos, aber ihr Blick folgte mir mit ängstlicher Spannung. Ich errieth ihre Bekümmerniß und kniete vor ihrem Bett nieder. »O! sey nur ruhig, Mutter,« sagte ich, »ich verlasse Dich keinen Augenblick!« Ihr Auge wurde wieder ruhig. Der Arzt kam und fand mich auf den Knien. Als wir einige Worte gewechselt hatten, sagte er: »Haben Sie denn Medicin studirt?« »Ein wenig,« antwortete ich seufzend. »Dann.,« erwiederte er, »müssen Sie wissen« daß ich Alles gethan habe, was zu thun war; noch mehr, Sie müssen wissen, was zu hoffen oder zu fürchten ist. . Ach! ja, ich wußte es, und deshalb befragte ich ihn, deshalb suchte ich anderswo eine Hoffnung, die ich nicht hatte. Um den Arzt zu empfangen und mit ihm zu sprechen, hatte ich mich von meiner Mutter entfernt. Als ich mich nach ihr umsah, fand ich ihren traurigen Blick wieder auf mich gerichtet. Dieser Blick schien mir zu sagen: Alles dies entfernt Dich von mir; was kann es nützen? Ich setzte mich wieder vor ihr Bett. Das Auge wurde wieder heiter. Ich schob meinen Arm unter ihren Kopf. Das Auge bekam einen fast freudigen Ausdruck. Es war nicht zu verkennen, in dem absterbenden Körper lebten nur noch Auge und Herz und standen durch unsichtbare Fibern mit einander in Verbindung. Der Arzt trat auf meine Mutter zu und untersuchte ihren Puls. Ich hatte es nicht gewagt, ich fürchtete nichts so sehr als die Gewißheit. Er mußte den Puls, der am Handgelenk nicht mehr zu finden war, mitten am Arm suchen. Der Puls zog sich gegen die Arterie zurück. Ich sah dieses bedenkliche Zeichen und meine Thränen flossen reichlicher. Meine Thränen fielen auf das Gesicht meiner Mutter; Ich suchte sie ihr nicht zu verbergen, ich dachte sie müßten ihr wohl thun. Es erschienen wirklich zwei Thränen an ihren Augenlidern; ich küßte sie auf. Der Arzt blieb vor mir stehen; ich sah ihn durch meine Thränen an, er hatte mir offenbar etwas zu sagen. Aber er zögerte. »Reden Sie,« sagte ich zu ihm. »Ihre Mutter war eine fromme Dame,« sagte er, »wenn sie sprechen könnte, würde sie sagen was sie wünscht. Sie kennen sie besser als ich, Sie haben die Befehle zu geben, welche sie nicht geben kann.« »Sie meinen, daß sie einen Priester wünscht?« fragte ich ihn. Er nickte bejahend. Mir brach der Angstschweiß auf der Stirn aus. »O mein Gott! mein Gott!« sagte ich; »ist denn keine Hoffnung mehr? Könnte man mit der Elektricität nicht versuchen?« »Es fehlt uns an einem Apparat.v »Ich will von St. Quentin oder Soissons einen holen —« Ich hielt inne. Das Auge meiner Mutter hatte einen trostlosen Ausdruck angenommen. »Nein, nein, nein!« sagte ich zu ihr, »ich verlasse Dich keine Minute, keine Secunde!« Ich warf mich wieder auf meinen Armsessel und schmiegte meinen Kopf an das Gesicht der theuern Kranken. »Lassen Sie einen Priester kommen,« sagte ich zum Arzt. Er nahm seinen Hut, aber als er fortgehen wollte, rief ich ihm nach: »Mein Gott! ich sehe wohl, daß sie mich kennt, aber wird sie nicht mehr mit mir sprechen?« »Es ist zuweilen der Fall, daß die scheidende Seele noch einmal Klarheit und Worte findet, um Abschied zu nehmen, ehe sie ihre Hülle verläßt; aber – es ist selten,« setzte er kopfschüttelnd hinzu. Ich sah ihn erstaunt an. »Ich dachte,« sagte ich, »die Aerzte wollten von einer Seele nichts wissen.« »Ja,« erwiederte er, »manche Aerzte läugnen das Daseyn der Seele: andere hingegen hoffen es.« »Herr Doctor.« sagte ich, »Sie sprachen eben von Elektricität.« Er schien zu errathen was ich meinte. »Erklären Sie sich,« sagte er. »Könnte man die Elektricität nicht durch den Magnetismus ersetzen?« »Ich glaube, daß es möglich wäre,« sagte er lächelnd. »Nun, so versuchen wir es,« sagte ich. Er legte die Hand auf meinen Arm. »In der Provinz,«– erwiederte er, »kann ein Arzt solche Versuche nicht machen; in Paris würde es vielleicht rathsam seyn. Aber man braucht ja kein Arzt zu seyn, um zu magnetisiren; Sie müssen vermöge Ihrer Organisation eine große magnetische Kraft haben; versuchen Sie, wenn etwas auf der Welt im Stande ist, Ihrer Mutter auf Augenblicke die Sprache wieder zu geben, so ist es der Magnetismus.« Er entfernte sich, als ob er über seine eigenen Worte erschrocken gewesen wäre. Ich blieb allein mit meiner Mutter. Ich war nicht weniger erschrocken als er. Ich konnte, wie der Doctor sagte, mit Hilfe des Magnetismus dem Herzen meiner Mutter noch einige Worte, vielleicht ein letztes Lebewohl entlocken. Für diese wenigen Worte, für dieses Lebewohl würde ich zehn Jahre von meinem Leben gegeben haben. Aber war’s kein Frevel? Hatte die Anwendung dieses von der Wissenschaft bereits verworfenen und von der Religion noch nicht gebilligten Mittels nicht einige Aehnlichkeit mit Magie und Beschwörung? Und war es statthaft, daß ein Sohn die magnetische Kraft bei seiner Mutter anwandte? Nein, mein Gefühl sagte mir, daß ich es nicht dürfe. Ich begann inbrünstig zu beten. »O Gott! flüsterte ich. »Du weißt wie innig ich meine Mutter liebe; gib, daß ich nie etwas thue, was deinem heiligen Willen nicht angemessen ist. Gott, ich flehe zu Dir, erhöre mich!« Ich sank auf die Knie und überließ mich meinen Gedanken und Gefühlen. Merken Sie wohl auf, lieber Freund! Es war vermuthlich nur eine Täuschung der Sinne aber als ich mit erhobenen Händen und gegen Himmel gerichteten Blicken betete und im Gebet die Seelenruhe fand, die dein Gläubigen gewährt wird, wo der Ungläubige nur Verzweiflung findet: da fühlte ich einen Kuß auf meine Wange und ich hörte eine leise Stimme, die mir in’s Ohr flüsterte: »Lebe wohl, Max – mein lieber Sohn!« Ja, ich fühlte, ich hörte es, lieber Freund; so wahr wie wir zwei biedere, aufgeklärte, verurtheilsfreie Männer sind! Die Ueberraschung, die Freude entlockte mir einen Schrei und ich richtete mich auf. Meine Mutter hatte sich nicht von der Stelle bewegt, sie lag noch immer regungslos und stumm da. Aber ich hätte geschworen, daß ihr Auge mich anlächelte. O! wie räthselhaft ist doch die Geistesthätigkeit des Menschen in den letzten Augenblicken seines Erdenlebens! Kein erschaffener Geist vermag dieses Geheimniß zu durchdringen. Ich schloß meine Mutter in meine Arme und sagte: »Ja Du hast mich geküßt, Du hast mir Lebewohl gesagt! Ich habe deine Lippen auf meiner Wange gefühlt, ich habe deine leisen Worte gehört.O wie danke ich Dir!« Draußen ertönte die Glocke; sie meldete die Ankunft des Priesters, welcher der Sterbenden die letzten Tröstungen der Religion brachte. Ich richtete mich auf und sah meine Mutter an. Ihr Auge hatte einen unbeschreiblich heitern, ruhigen Ausdruck. Ob sie, wie ich, den Glockenton gehört hatte, der ihr das nahe Scheiben ankündigte? Ob sie noch Empfindungen hatte, ohne sie äußern zu können? Ich glaube es. Der Priester trat ein; der Kreuzträger und die Chorknaben folgten ihm. In den Vorgemächern, auf der Treppe, im Hofe knieten die Schloßbewohner und die Leute aus dem Dorfe, die dem Priester in der frommen und naiven Absicht, ihre Gebete mit den seinigen zu verbinden, gefolgt waren. Meine Mutter hatte nicht Zeit gehabt zu beichten; aber die Kirche ist unter derlei Umständen sehr nachsichtig. Der Priester schickte sich an, ihr die Sterbesacramente zu reichen. Ich ersuchte ihn durch einen Wink, einen Augenblick zu warten. Während meines Aufenthaltes in Rom hatte ich bei dem Papst Gregor XVI. eine Audienz gehabt, und ich trug am Halse an einer goldenen Kette ein kleines Kreuz von Perlmutter, welches von den Mönchen in Palästina gearbeitet, von dem heiligen Vater geweiht und mir zum Geschenk gemacht worden war. Ich nahm das Kreuz ab und legte es meiner Mutter aus die Brust. Es war ja das Sinnbild des Heilands, der die Tochter des Janus und den Bruder der Magdalena vom Tode erweckt hatte. Ich betete im Stillen zu dem göttlichen Erlöser, für mich ein Wunder zu thun und mir meine Mutter wieder zu geben. Ich kann nicht glauben, daß mein Gebet nicht inbrünstig genug gewesen, um zum Throne Gottes aufzusteigen, ich legte ja die ganze Innigkeit des Gefühles in meine Worte; aber ich muß glauben, daß die Zeit der Wunder vorüber ist oder daß ich einer solchen Gnade nicht würdig war. »Ist die Kranke bereit, die Sterbesacramente zu empfangen?« fragte der Priester. »Ja,« antwortete ich. Ich richtete meine Mutter auf, der Priester sprach die heiligen Worte und reichte ihr die Hostie; der zuvor etwas offene Mund der Sterbenden schloß sich wieder, ich legte ihr Haupt wieder auf das Kissen und kümmerte mich um nichts mehr. Ich betete, wie lange, weiß ich nicht. Als ich aufstand und mich umsah, war ich allein. Der Priester war fort, er hatte seine Arbeit maschinenmäßig, ohne Theilnahme gethan, er hatte eine Berufspflicht erfüllt. Ich sah wieder meine Mutter an: ihre Augen waren geschlossen. Ich schrie laut auf – sollte sie verschieden seyn, ohne noch einen Blick auf mich geworfen zu haben? Das war nicht möglich. Sie schlug langsam und mit Ruhe die Augen auf. Der Blick war matt glanzlos. Mein Gott, der Tod kam! Ich wandte meine Augen wenigstens nicht mehr ab von den Augen der Sterbenden. O! wenn man durch den Blick in ein erlöschendes Herz wieder Leben bringen könnte, so würde meine Mutter gelebt haben. Die Augenlider sanken langsam wieder hinab; ich hob sie mit den Fingerspitzen und hielt sie geöffnet. Dann fiel mir ein, daß es vielleicht frevelhaft sey: es mag wohl einen Moment geben, wo die Sterbenden ihren Blick über die irdischen Dinge erheben. Ich fühlte den Puls, er schlug nicht mehr; ich suchte die Arterie, ich konnte sie nicht finden. Ich legte die Hand auf ihr Herz. Das Herz schlug heftig und unregelmäßig. »O! ich verstehe dich, du armes Herz, das mich so innig geliebt!« sachte ich schluchzend; »du magst mich nicht verlassen, du sträubst dich gegen die Trennung. Könnte ich doch auch den Tod bekämpfen, um dich am Leben zu erhalten!« Dieses Herz schlug; es war für mich ein unaussprechlicher Schmerz, und gleichwohl konnte ich meine Hand nicht von ihm entfernen, es schien sich in alle Winkel der Brust flüchten zu wollen; ich verfolgte es überall, ich meinte, jeder Schlag des Herzens sage mir: Ich liebe dich! Dies dauerte zwei Stunden. Dann öffnete sich das Auge plötzlich und wurde glänzend; der Mund bebte und ließ einen leisen Hauch entschlüpfen. Das Herz hörte auf zu schlagen – meine Mutter war todt! Es war wenigstens Niemand da als ich; den letzten Blick der Augen, den letzten Hauch der Lippen, die letzten Schläge des Herzens, Alles hatte ich für mich genommen. Ich ging aber noch nicht fort. Ich setzte mich vor das Bett, und hier saß ich lange regungslos, mit gefalteten Händen und zum Himmel gerichteten Blicken. Im Laufe des Tages kam der Arzt. Er öffnete leise die Thür. Ich nickte ihm bejahend zu, er verstand mich. Er kam auf mich zu und küßte mich. Dem Priester war dies nicht eingefallen. Abends kam der Priester wieder; er ließ Wachskerzen anzünden und setzte sich, das Brevier in der Hand, am Fußende des Bettes nieder. Am andern Morgen kamen die Leichenfrauen. Ich mußte mich entfernen. Ich nahm mein Kreuz von der Brust meiner Mutter, drückte noch einen Kuß auf ihre Lippen und ging dann festen Schrittes und trockenen Auges in mein Zimmer. Aber als ich allein war, verriegelte ich die Thür und überließ mich meinem Schmerz. Unzählige Male küßte ich das kleine Kreuz, welches dem nun stillstehenden Herzen so nahe gewesen war. III Es war mir ein Bedürfniß, lieber Freund, Ihnen alles dies mitzutheilen. Ich habe beim Schreiben viel geweint, und dies hat mir wohl gethan. Ich will Sie daher mit der Erzählung der weiteren für mich so schmerzlichen Vorgänge verschonen. Vor Allem befahl ich, in dem Zimmer meiner Mutter nichts zu verändern. Ich brachte hier die ersten Tage nach ihrem Tode zu. Abends ging ich auf den Friedhof; erst spät begab ich mich wieder in’s Schloß, und mein erster Gang war in das Zimmer meiner Mutter. Immer ohne Licht. In den ersten Nächten schlief ich auf dem Armsessel, der noch vor dem Bette stand. Ich hoffte die Verewigte werde mir erscheinen, doch ich hoffte vergebens. Ich dachte mit Schmerz, ja fast mit Vorwürfen an die Zeit, die ich bei meiner Mutter hätte zubringen können und die ich fern von ihr verlebt hatte; ich dachte an die langen Reisen, auf denen ich freiwillig auf das Glück, sie zu sehen, verzichtet hatte. Und dieses Glück würde ich mir jetzt um jeden Preis erkauft haben. Es schien mir, daß mein Leben künftig verfließen würde, ohne mich den Freuden und Genüssen der Gesellschaft wieder zuzuführen. Der Sommer verging, ohne daß es mir einfiel zu reisen; der Herbst kam und ich dachte nicht an die Jagd; es war mir nicht einmal in den Sinn gekommen, mit jenen weiblichen Bekanntschaften zu brechen, welche in dem gewöhnlichen frivolen Treiben der eleganten Welt die Liebe ersetzen sollen. Ich hätte es in meiner Trauer für einen Frevel gehalten, in meinem Schmerz an eine jener Bekannten zu schreiben, selbst um ihr anzuzeigen, daß ich ihr nicht mehr schreiben würde. Ich glaubte nie mehr lieben zu können. So lebte ich vier Monate in meiner Einsamkeit. Zuweilen sprach ich den jungen Arzt, der meine Mutter, leider erfolglos behandelt hatte. Er hatte nach und nach eine gewisse Gewalt über mich bekommen; auf seinen oft wiederholten Rath, eine Reise zu machen, entschloß ich mich endlich, Friéres zu verlassen. Aber dreimal kehrte ich zurück; ich war mit tausend Banden an das Zimmer, an das Grab meiner Mutter gefesselt. Endlich entfernte ich mich, aber ich mied Paris: die Einsamkeit war noch Bedürfniß für mich. Ich wollte in einem kleinen belgischen oder holländischen Seehafen, wo ich keinen Menschen kannte, im Angesicht des Orcans ein paar Monate bleiben. Ich warf einen Blick auf eine Karte, die ich in einem Gasthof zu Peronne fand, und ich wählte Blankenberg drei Stunden von Brügge. Dort« dachte ich« werde ich allein seyn. Ich war zu Pferde abgereist, um weder im Postwagen noch im Waggon mit andern Menschen in Berührung zu kommen. Es war mir ziemlich gleichgültig, ob ich einen Tag oder eine Woche unterwegs war. Ich rastete, wenn mein Pferd müde war, ich ward nie müde, ich schien unermüdlich. Ich fragte nicht einmal nach dem Namen einiger Städte, in denen ich übernachtete, und ich würde gar nicht bemerkt haben, daß ich die Grenze überschritten, wenn man nicht nach meinem Paß gefragt hätte. Ich hatte in einem Städtchen unweit Brüssel übernachtet; ich wollte in Brüssel nicht anhalten, sondern in einem Dorfe jenseits dieser Stadt rasten. Als ich am botanischen Garten vorüberritt, hörte ich mich bei meinem Taufnamen rufen. Ich kann Ihnen nicht beschreiben, wie unangenehm mir dies war. Ich gab meinem Pferde die Sporen, um zu entfliehen, aber man trat mir in den Weg. Es war Alfred de Senonches, einer meiner besten Freunde. Aber in meiner damaligen Stimmung waren mir selbst meine besten Freunde unerträglich. Ich war indeß so innig mit ihm befreundet, daß mein Schrecken gemildert wurde, als ich ihn erkannte. Er war erster Gesandtschaftssecretär in Brüssel, und ich war der Schnelligkeit seiner Carriere nicht fremd gewesen. Er bestürmte mich mit Fragen; ich deutete auf den Flor am Hut. Er drückte mir die Hand. »Ich verstehe,« sagte er. »Armer Freund, später werden wir —« »Ja wohl,« unterbrach ich ihn, »später wird es mir viel Vergnügen machen, Dich zu sehen.« »Willst Du nicht bei mir bleiben?« »Ich halte mich in Brüssel gar nicht auf.« »Wohin reisest Du denn?« »An irgend einen Ort, wo ich allein seyn kann.« »So reife glücklich!« sagte er, »Du bist noch zu krank, armer Freund, als daß man deine Heilung unternehmen könnte. Aber vergiß nicht, daß ein großer Schmerz eine wohlthuende Ruhe ist; Du wirst nach überstandener Trauer stärker-werden, als Du vorher warst.« Ich sah ihn erstaunt an.« »Bist Du etwa unglücklich gewesen?« fragte ich ihn. »Ein geliebtes Wesen hat mich betrogen.« Ich sah ihn an und zuckte die Achseln. Ich hielt es für unmöglich, daß man durch getäuschte Liebe so viel leiden könne, wie ich gelitten hatte. »Und jetzt?« fragte ich. »Jetzt bin ich sehr glücklich; ich spiele, rauche, trinke. Ich glaube, daß ich bald Präfect werde: Du kannst denken, daß mir an meinem Glücke nichts fehlen wird. Dieses Mal sah ich ihn traurig an. Konnte wirklich ein Mensch unglücklicher seyn als ich? Er errieth meine Gedanken, als ob ich sie laut ausgesprochen hätte. »Lieber Max,« sagte er, »außer vielen anderen Arten des Schmerzes, die ich mit Stillschweigen übergehe, gibt es einen traurigen Schmerz: diesem bist Du verfallen. Dann gibt es einen bittern Schmerz, und diesen fühle ich. Ich möchte wohl tauschen, aber Dir rathe ich: tausche nicht. – Adieu, Du wirst mich doch in meiner Präfectur besuchen? Du mußt mein Hans als das deinige betrachten; ich werde Dich ruhig weinen lassen, vorausgesetzt, daß Du mir erlaubst, nach Herzenslust zu lachen. Hast Du Feuer bei Dir? ich möchte meine Cigarre anzünden. – Entschuldige, ich hatte vergessen, daß Du nicht rauchst, Adieu.« Er redete einen Arbeiter an, der eine Meerschaumpfeife rauchte, zündete seine Cigarre an und ging, mir noch einige Male zuwinkend, auf die Vorstadt Schaerbeck zu. Ich sah ihm nach, bis ich ihn aus dem Gesicht verloren hatte. Dann ritt ich weiter und dankte Gott« daß er mir keinen so profanen Schmerz geschickt hatte. Drei Tage nachher war ich in Blankenberg. Drei Monate blieb ich im Angesicht des Oceans, des unendlichen. Täglich ging ich am Strande hin, zu einer Felsengruppe, an welcher einige Tage vor meiner Ankunft ein Schiff gescheitert war. Die fünf Seeleute, welche sich am Bord befunden, waren umgekommen; die menschliche Maschine war zuerst vernichtet worden. Der Rumpf des Schiffes war mit solcher Gewalt zwischen zwei Felsen geworfen worden, daß er festsaß. Am ersten Tage, wo ich das gestrandete Schiff besuchte, hatte es noch einen Mast, das Bugspriet und den größten Theil des Takelwerks. Aber es war Winter und das Meer immerfort unruhig; das Schiff verlor daher täglich etwas von seinem Takelwerk. Heute war’s eine Segelstange, morgen ein Mast, übermorgen das Steuerruder. Wie ein Rudel Wölfe einen Leichnam anfällt, so wälzten sich die Wogen auf das Wrack und rissen ein Stück davon ab, Bald war das Schiff völlig abgetakelt. Nach dem Oberwerk wurde das Unterwerk abgerissen; die Planken wurden zertrümmert, dann sprang das Verdeck in Stücke, dann wurde das Hintertheil von den Wellen weggespült, endlich verschwand das Vordertheil. Lange noch hing ein Stück des Bugspriets an seinem Tauwerk fest. Endlich in einer stürmischen Nacht rissen die Taue, und der Mast würde von den Wellen fortgerissen. Die letzte Spur des Schiffbruches war unter dem sich immer wiederholenden Andrang der Wogen, unter dem gewaltigen Flügel des Windes verschwunden. Ach, lieber Freund, ich mußte mir selbst gestehen, daß, es mit meinem Schmerz ebenso ging, wie mit dem gescheiterten Schiffe, von welchem täglich ein Stück losgerissen und in das unendliche Weltmeer getrieben wurde. Endlich kam die Zeit, wo äußerlich nichts mehr sichtbar blieb, und wie an der Stelle, wo das Wrack auf den Klippen festgesessen, nur noch diese Klippen geblieben waren, ebenso blieb da, wo mein Schmerz nach und nach verschwunden war, nur ein Abgrund zurück. Wer sollte diesen Abgrund ausfüllen? Ob wohl die Freundschaft genügen würde oder ob es nur die Liebe vermochte? Ich kehrte nach Frankreich zurück. Mein nächstes Reiseziel war das Schloß Frières. Als ich die Reihe geschlossener Fenster, als ich das Zimmer, wo meine Mutter gestorben war, das Grab« in welchem sie ruhte, wiedersah, fand ich die Thränen wieder, die ich versiegt geglaubt. In den ersten Tagen durchlebte ich noch einmal alle Stadien meines früheren Schmerzes. Man zeigte mir an der Mauer das Erinnerungszeichen an Ihren Besuch. Ich erkannte Sie, obgleich Ihr Name nicht darunter stand. Ich hatte meinem Schmerz zu viel zugetraut, als ich wieder nach Frières kam; er war nicht mehr stark genug, um zu bleiben: ich fühlte, daß diese ehrwürdige Stätte für mich dasselbe werden würde, was die Kirche für den Priester. Ich gewöhnte mich daran. Ich fühlte das Bedürfniß, diesen Wohnort, von welchem ich mich vor vier Monaten kaum loszureißen vermochte, zu verlassen. Statt mit Thränen zu scheiden, ging ich mit trockenen Augen, aber mit gepreßtem Herzen fort. Ich hatte geglaubt, daß ich Paris nie wiedersehen würde, und nun ging ich aus freiem Antriebe dahin. In Paris fand ich das gleiche bunte, fieberhaft bewegte, sorglose, selbstsüchtige Leben, welches zwischen den Zähnen dieses sich unaufhörlich drehenden, in das Weltgetriebe eingreifenden Riesenrades Alles zermalmt, den Besitz, die sociale Stellung der Menschen, die Throne und Dynastien. Das öffentliche Leben wurde von scandalösen Prozessen durchzuckt; überall hörte man die Namen Teste, Praslin, Villefort. Ich weiß nicht, ob ich durch meine Abwesenheit, durch meinen Schmerz, durch meine lange Einsamkeit, durch meinen Aufenthalt am Ocean eine gewisse Sehergabe bekommen hatte, aber ich glaubte in diesem moralischen Chaos etwas Dunkles, unergründliches, eine politische Sündflut zu sehen, in welcher eine ganze Epoche untergehen müsse.« Ich sah im Geiste das große stattliche Schiff, welches den Namen »Frankreich« führt, mit ausgespannten Segeln auf offenem Meere; der Himmel war heiter, keine Klippen zeigten sich in der Nähe, aber das Schiff versuchte unaufhörlich gegen Wind und Strömung zu fahren; ich sah am Steuerruder den mürrischen Lootsen, den ernsten Geschichtschreiber, den starren fühllosen Mann, dem ein altersschwacher, verblendeter König die Lenkung des Schiffes anvertraut hatte – und dachte an die wahren Worte, welche der Herzog von Orleans einst zu mir gesprochen: »Dieser Mann legt uns beißende Senfpflaster auf und wir brauchen erweichende Umschläge!« Der kluge, einsichtsvolle Prinz hatte Recht gehabt: Herr Guizot legte der französischen Nation, deren Nervensystem schon überreizt war, Senfpflaster auf. Ich war ganz erstaunt über dieses Phantasiegebilde. Hätte der Herzog von Orleans noch gelebt, ich wäre zu ihm gegangen und hätte ihn gefragt: »Habt ich mich geirrt? Sehen Sie nicht auch, was ich sehe? Aber er ruhte in seiner Familiengruft zu Dreux; er wenigstens war sicher, aus dem ihm so theuren Frankreich nicht verbannt zu werden. Mich kümmerte es nicht, ich nahm an nichts mehr Theil. Ich dachte an zwei Freunde: an Sie und an Alfred de Senonches. Sie waren eben mit der Gründung eines Theaters beschäftigt und dies gab Ihren Gedanken eine von den meinigen ganz verschiedene Richtung. Vom künstlerischen Standpunkte betrachtet, war Ihr Unternehmen gut und schön, ich wollte Sie dabei nicht stören. Ich erkundigte mich nach Alfred de Senonches; er war Präfect in Evreux. Die Normandie war mir eben recht mit ihren schönen schattigen Wäldern, mit ihren klaren Bächen und grünen Triften. Ueberdies hatte ich dort Gelegenheit, ein krankes Herz zu studiren, zu trösten, vielleicht zu heilen. Ich beschloß nach Evreux zu reisen. Als Gast wollte ich indeß nicht zu meinem Freunde kommen; ich wollte ihn auf der Durchreise besuchen, das Uebrige sollte von der Aufnahme abhängen, die ich bei ihm finden würde. Wenn ich nicht mit ihm zufrieden war, wollte ich weiter reisen. Eines Morgens kam ich auf die Präfectur. Ich fragte nach dem Herrn Präfecten. Man antwortete mir« der Herr Präfect habe ungeheuer viel zu thun und lasse Niemand vor. Ich antwortete, es sey keineswegs meine Absicht, ihn zu stören, ich sey ein Freund von ihm und auf der Durchreise. Der Amtsdiener entschloß sich endlich, meine Karte zu übergeben. Einige Secunden nachher ging die Thür auf. Es war Alfred de Senonches in eigener Person. Er schob den Amtsdiener auf die Seite und nannte ihn einen Einfaltspinsel, weil er mich nicht erkannt hatte. »Sie hätten doch an der Haltung dieses Herrn, an dem Schnitt seines Fracks, an der Form seiner Karte erkennen sollen, daß dieser Herr kein Beamter meines Verwaltungsbezirkes ist, und daß es mir folglich sehr angenehm seyn würde, ihn zu empfangen. Derlei Versehen dürfen Sie künftig nicht mehr machen.« Er schlang einen Arm um meinen Hals und zog mich in sein Cabinet. »Da bist Du ja!« sagte er, »Ich habe Dich schon lange erwartet, aber heute glaubte ich das Vergnügen nicht zu haben. Du kommst wie gerufen, lieber Max; der Generalrath ist heute versammelt, morgen tractire ich alle hervorragenden Persönlichkeiten des Departements de l’Eure. Wenn Du dummen Stolz, maßlose Eitelkeit, eingebildete Hohlköpfe suchst, so lösche deine Laterne aus, Diogenes, Du hast deine Leute gefunden.« »Ich glaube vielmehr,« erwiederte ich, »daß ich sehr zur Unzeit gekommen bin und daß ich Dich belästige. Du hattest Befehl gegeben, Niemand vorzulassen, Du hattest Dich eingeschlossen und dachtest an die uns bedrohenden schweren Ereignisse —« »Ich! Lieber Freund, warum soll ich an solche Dinge denken? Ich habe zwanzigtausend Francs Renten in Grundstücken, die mir durch kein Ereigniß, wie schwer es auch sey, genommen werden können. Ich bin zum Garcon geboren, habe als Garcon gelebt und werde wahrscheinlich als Garcon sterben. Eine Geliebte hatte mich betrogen und ich hätte mir aus Verzweiflung fast eine Kugel durch den Kopf gejagt; denke Dir das Unglück, wenn’s meine Frau gewesen wäre. Sie hätte dann freilich eine gute Entschuldigung gehabt, sie würde gesagt haben: Ich konnte Dich nicht verlassen! Die Andere hatte eben denselben Grund, aber es ist ihr nicht eingefallen, ihn geltend zu machen. Die Weiber sind so launenhaft! – Aber was wolltest Du sagen? Ich habe es ganz vergessen.« »Ich sagte, Du hattest Dich eingeschlossen und Befehl gegeben, Niemand Vorzulassen —« »Ja richtig« ich hatte mich eingeschlossen und Befehl gegeben, Niemand vorzulassen, um – den Küchenzettel auf morgen zu machen.« »So! den Küchenzettel?« »Ja wohl. Ich nehme mir um meiner selbst willen die Mühe und nicht wegen der plumpen Kinnladen, die ich zu Tische haben werde. Wer zu der politischen Schule eines Romieu und Véron gehört, hat in Bezug auf die Befriedigung des Magens eine gewisse moralische Verantwortung; wer Courchamps und Montron gekannt hat, steht natürlich in dein Ruf eines Feinschmeckers. Ich werde den Generalräthen ein Diner geben, welches dem Schmause Monte-Cristo’s zu Auteuil nicht nachstehen soll – bis auf die Störe aus der Wolga und die Vogelnester aus Indien. Als ich die diplomatische Laufbahn verließ, um in das Verwaltungsfach zu treten; als ich mir dachte, dass ich ungeachtet meiner Intelligenz noch zehn bis zwölf Jahre dienen müßte, um Gesandter in Baden oder Geschäftsträger in Rio Janeiro zu werden, daß ich als Präfect hingegen leicht Deputirter werden und es als Deputirter leicht sehr weit bringen könnte: da wurde ich lieber Präfect. Und als ich hier installirt war, ließ ich mir von meiner würdigen Mama ein sehr werthvolles Geschenk machen – nicht etwa mein Erbtheil, Gott behüte! mein Geld ist in ihren Händen besser aufgehoben als in den meinigen – nein, ich ließ mir ihren Koch schenken. Zum Glück, lieber Max, hatte ich mich der Diplomatie bereits zehn Jahre gewidmet; wenn man mir die Aufgabe stellte, England zur Herausgabe Schottlands an die Stuarts, Rußland zur Zurückgabe Kurlands an die Familie Biron, Preußen zur Anerkennung der Rheingrenze zu bewegen, ich würde es durchsetzen; aber nie würde ich die Eroberung Bertrand’s zum zweiten Male unternehmen.« »Bertrand heißt der große Mann?« »Ja, lieber Freund; wenn er einmal bei guter Laune ist, will ich Dich ihm vorstellen. Merke Dir als Reiseerinnerung eine bisher unbekannte Speise und gib ihm das Recept dazu. Bertrand denkt wie Cambacéres: wer eine neue Speise erfindet, steht bei ihm in höherem Ansehen als der Entdecker eines neuen Sternes; denn Sterne, meint er, gäbe es ohnedies schon genug, und die neuentdeckten könnten gar nichts nützen.« »Bertrand ist ein großer Philosoph.« »Ein unvergleichlicher Mensch, lieber Max. Ich kann von ihm sagen was Ludwig XIII. in »Marion Delorme« von Langely sagt: »wenn ich ihn nicht hätte, um mich ein bischen zu unterhalten —« aber zum Glück habe ich ihn; morgen wirst Du seine Speisen kosten. Was gedenkst Du inzwischen zu thun?« »Lieber Freund, ich wollte Dich nur auf der Durchreise begrüßen und dann weiter reisen.« »Wohin?« »Das weiß ich wirklich nicht.« »Du lügst, Max; Du bist jetzt in dem Stadium des Schmerzes, wo man Zerstreuung braucht. Du hast an mich gedacht und bist zu mir gekommen; ich danke Dir dafür. Aber sey nur ruhig«,die Zerstreuung soll nicht toll seyn, sie soll an die noch ein bischen stumpfen Winkel deines Schmerzes nicht anstoßen; denn ich sehe wohl, die spitzen Winkel sind verschwunden. Jeder Schmerz vergeht, wenn auch langsam; ein großes Unglück vergißt man nicht, aber man gewöhnt sich daran. Du kennst ja die Worte, welche Shakespeare dem Claudius, der Hamlet zu trösten sucht, in den Mund legt: Doch denkt, auch eurem Vater starb ein Vater, Dem seiner, und dem Ueberlebenden Gebot die Pflicht des Kindes gleichenfalls, Ihn zu betrauern für die nächste Zeit. Hier, lieber Max, wirst Du eine ernste Zerstreuung finden, die der Langweile so ähnlich ist, daß man ein scharfer Beobachter seyn muß, um zu bemerken, daß es nur die Schwester derselben ist. Und wenn Dir diese Zerstreuung nicht mehr genügt, so gehst Du fort und suchst Dir eine andere, die mit deiner Herzensstimmung im Einklange ist. Sey ruhig, wenn Du es nicht bemerkst, so will ich Dich aufmerksam machen, ich werde es gewiß bemerken, ich bin Schmerzensarzt.« »Warum curirst Du Dich selbst denn nicht, armer Freund?« »Lieber Max, Du weißt ja, daß Lännec, der das beste Werk über die Brustkrankheiten geschrieben, an der Lungensucht gestorben ist. Jetzt verlange ich nicht von Dir zu hören, ob ich Recht oder Unrecht habe, ich sage Dir ganz einfach: ich habe eine halbe Stunde von hier an der Eure ein sehr hübsches Landhaus, das ich gegenwärtig gemiethet habe, aber in der nächsten Revolution kaufen werde; ich fahre jeden Abend hinaus, und da ich Dich schon erwartet hatte, so findest Du einen Pavillon zu deinem Empfange eingerichtet.« Er klingelte. Ich wollte eine Einwendung machen, aber er winkte mir Stillschweigen zu. Der Amtsdiener erschien. »Lassen Sie das Pferd anspannen,« sagte der Präfect zu ihm, »und sagen Sie Georges, er soll diesen Herrn nach Reuilly fahren; um fünf Uhr soll er zurückkommen, um mich zu holen.« Der Amtsdiener entfernte sich. »Dann ist mein Tagewerk Vollbracht,« setzte Alfred hinzu. »Und was hast Du bis fünf Uhr zu thun?« »Vor Allem, lieber Max, muß ich den Küchenzettel fertig machen. Dies ist die Hauptsache – und die erste wirklich bedeutende Arbeit, die ich seit meiner Ernennung zum Präfecten zu machen habe; ich darf sie natürlich nicht vernachlässigen.« Fünf Minuten nachher war ich auf der Straße nach Reuilly. IV Reuilly – oder vielmehr das Schloß Reuilly – war ein reizender Landsitz, ein Versteck, wie er für den menschenfeindlichen Sybariten Alfred de Senonches paßte. Das Schloß war im siebzehnten Jahrhundert erbaut und suchte sich durch seine zwei Thürme mit den spitzen Schieferdächern ein herrschaftliches Ansehen zu geben, welches einem aristokratischen Auge wohlthat. Es stand auf einem Hügel, der sich, mit seinem Rasen bedeckt, bis an den mit Pappeln bepflanzten Fluß erstreckte. Auf beiden Seiten dieses grünen Teppichs standen malerische Baumgruppen von jenem frischen saftigen Grün, welches sich nur in etwas feuchten Gegenden findet. Der Rasen, welcher jeden Morgen von unsichtbaren Gärtnern geharkt wurde, konnte sich mit den schönsten »Lawns« in den englischen Packs messen. Ein kleiner Pavillon, bestehend aus einem Salon, einem Schlafzimmer, einem Ankleidecabinet und einem Arbeitszimmer, wurde zu meiner Verfügung gestellt, als ob man mich wirklich erwartet hätte. Vier Stufen, die auf beiden Seiten mit Geranium besetzt waren, führten aus diesem Papillen in einen Blumengarten, so daß ich zu jeder Stunde des Tages und der Nacht nur die Thür meiner Wohnung zu öffnen brauchte, um in den Garten oder in meine Zimmer zu gehen. Die Wände des Cabinets waren mit Zeichnungen von Gavarni und Raffet bedeckt, und drei Fächer waren mit den verschiedensten, zum Theil seltenen und kostbaren Waffen angefüllt. Das eine Fach enthielt eine Sammlung von Schießgewehren aus der neuesten Zeit, in dem zweiten hingen orientalische Flinten und Pistolen, in dem dritten Hieb- und Stichwaffen aus verschiedenen Ländern, von dem malayischen Kriege bis zum mexicanischen Machete, von dem Haubayonnet des Pariser Büchsenmachers Devismes bis zum türkischen Handschar. Ich wunderte mich, daß ein Mann zugleich Kunstgeschmack und administrative Befähigung haben konnte. Als Alfred kam, sagte ich es ihm ganz offen. »Lieber Max,«– erwiederte er, »deine Mutter hat Dich verzogen; sie hat recht gut erkannt, daß es keineswegs nothwendig ist etwas zu werden, um auf Achtung in der Gesellschaft Anspruch zu machen, und daß eine ausgezeichnete Persönlichkeit mehr werth ist als eine schöne Stellung. Ich hingegen habe drei Tanten, deren einziger, aber nicht unbedingt nothwendiger Erbe ich bin. Diese Tanten sind meine drei Parzen; sie spinnen mir goldene und seidene Fäden, aber eine von ihnen ist immer bereit den Faden abzuschneiden, wenn ich nicht auf der einmal betretenen Laufbahn bleibe. Du kannst denken, Theuerster, daß ich mit meinen zwanzigtausend Franks Renten und mit meinen fünfzehntausend Francs Gehalt nicht sechs Pferde im Stall, vier Wagen in der Remise., einen Kutscher, einen Kammerdiener, einen Jäger, einen Koch und drei oder vier andere dienstbare Geister habe, deren Namen ich nicht einmal weiß; nein, dafür sorgen meine drei Tanten unter der Bedingung, daß ich eine Stellung einnehme; sie haben mir eine Art Intendanten zur Aufsicht gesetzt, und in der Erwartung, daß sie mir ihre zweihunderttausend Franks jährlicher Renten, die sie gemeinschaftlich besitzen, hinterlassen, widmen sie monatlich viertausend Franks zur Bestreitung meines Haushaltes, so daß ich meine eigene Rente und meinen Gehalt als Taschengeld verwenden kann. Die drei alten Damen sind herzensgute Seelen, und Du kannst denken, daß sie meine officiellen Diners besonders bezahlen müssen. Ich erweise ihnen natürlich große Aufmerksamkeit durch welche sie sich unendlich gerührt fühlen. Da wir zu einer Feinschmeckerfamilie gehören, so schicke ich ihnen den Küchenzettel, eine von mir selbst angefertigte Zeichnung des Tisches und die Namen der vornehmen Gäste, die ich auf Kosten der Tanten füttere. Mittelst dieser rührenden Aufmerksamkeit könnte ich ohne Bedenken jede Woche ein officielles Diner geben, aber ich thue es nicht.« »Du langweilst Dich dabei.« »Nein« das gerade nicht, Speisen ist nicht langweiliger als andere Unterhaltungen, wenn man gut speist; aber ich würde mich zu gewöhnlich, zu alltäglich machen, ich würde für wichtige Gelegenheiten keinen Hebel mehr anzusetzen haben. Willst Du meinen Küchenzettel sehen?« »Ich bin in die Geheimnisse der Gastronomie nicht eingeweiht, lieber Freund. »So denke Dir, ich sey ein Poet und wünsche Dich mit dem neuesten Sprößling meiner Muse bekannt zu machen; mein Küchenzettel ist gewiß nicht langweiliger als ein Gedicht.« »Nun, so lass hören.« »Armer Max« Du bringst mir ein großes Opfer!« Alfred zog ein Papier aus seinem amtlichen Portefeuille, entfaltete es mit wichtiger Miene und las: »Küchenzettel zu dem Diner, welches der Präfect des Departement de l’Eure den Generalräthen gibt.« »Du mußt wissen, setzte er erläuternd hinzu, »daß ich mich um meiner Tanten willen dieser mühevollen Redaktion unterzogen habe.« Ich nickte bejahend. Tafel von zwanzig Couverts Zwei Suppen Suppe à la reine mit Schnecken Kraftsuppe mit Krebsen Vier Hauptgerichte Steinbutt mit Austernpürée Truthahn mit Trüffeln von Barbézieux Hecht à la Chambord Wildschweinsrücken à la St. Huber Vier Entrées Warme Feldhühnerpastete Zehn Flügel von jungen Guten mit Pomeranzensaft Sechs Flügel von glacirten Hühnern mit Gurken Schmerlen à la Bourguignonne Vier Braten Zwei Fasanen, der eine gespickt, der andere mit Speck umwickelt Scheiterhaufen, bestehend aus zehn kleinen Hummern und vierzig Krebsen, mit Sillerywein Detto, bestehend aus zwei Schnepfen, vier Repphühnern, vier jungen Waldtauben, zwei Turteltauben und zehn Wachteln Gebratene Entenleber Acht Entremets Große Spargelköpfe à la Pompadour mit Butter von Rennes Feinzerschnittene Champignons und schwarze Trüffeln à la Béchamel Birnschnitte à la Vaille Aschenkuchen mit Chocolade Artischocken à la Lyonnaise mit Schinkenbrühe Macédoine von spanischen Pataten, grünen Erbsen, weißen Trüffeln aus Piemont à la Créme und gehackten Kalbsdrüsen Schaum, von Ananassaft geschlagen Fanchonettes à la Gelée aus Aepfeln von Rouen Dessert Vier Körbe mit Obst Acht Schüsseln mit seinem Zuckerwerk Zehn Sorten Gefrornes Acht Sorten Compote Vier Sorten Käse, extra servirt mit Porter, Pale Ale und Scotch Ale, für die Gäste, welche diese Getränke lieben Weine Lunel zur Suppe Merkurey aus dem Kometenjahre zu den Entremets und Hors-d’oeuvres Ai de Monte, nicht moussirend, gegen das Ende der Entrees Romanéée Conty zum Braten Pacaret, Malvasier, Albano und Lacrymä Christi zum Dessert Nach dem Kaffeh Ratasia, Absinth und Mirobolan von Madame Alphons Alfred athmete tief auf, als er dieses gelehrte gastronomische Verzeichniß zu Ende gelesen hatte. »Was sagst Du zu meinem Küchenzettel, lieber Freund,« fragte er. »Ich zolle Dir meine aufrichtige Bewunderung.« »Du bist ganz geblendet, wie ein nasser Hund durch das Wasser, das er abschüttelt. »Wie sagst Du?« »Nichts, ich citire Hugo. Von Zeit zu Zeit protestire ich durch eine Pariser Reminiscenz gegen die Provinz, aber in aller Stille; zu viel Aufsehen würde meiner Carriere schaden. – Wie findest Du Reuilly?« »Es ist ein reizender Landsitz, lieber Freund.« »Hierher werde ich mich zurückziehen, wenn ich Deputirter und zu lebenslänglichem Gefängniß verurtheilter und begnadigter Minister gewesen bin,« d. h. wenn ich meine Carriere vollbracht habe.« »Diablel Du hast ja sehr weitreichende Pläne —« »Wir haben ähnliche Beispiele an Polignac,« Montbel, Peyronnet. Die Diplomaten sind gegen die Minister im Vortheil: sie leisten blos einen neuen Eid und gehen ohne Weiteres von der älteren Linie zur jüngeren über.« Ein Diener meldete, daß die Tafel gedeckt sey. »Ich habe Niemand eingeladen, lieber Max, setzte Alfred hinzu, »ich möchte recht ungehindert mit Dir plaudern. Unser einziger Tischgenosse wird mein erster Secretär seyn; ich würde ihm längst den Platz eines Unterpräfekten verschafft haben, wenn ich kein Egoist wäre. Nach Tische werden zwei gesattelte Pferde für uns bereit stehen, wenn Du nicht etwa lieber ausfährst.« »Ich reite lieber.« »Ich dachte es wohl. – Also zu Tische!« Alfred, der stets unruhig und aufgeregt war und nach jedem Lächeln seufzte, nahm meinen Arm und führte mich in den Speisesaal. Der Abend wurde durch einen Spazirritt ausgefüllt; um neun Uhr kamen wir wieder nach Hause, der Thee erwartete uns. Nach dem Thee führte mich Alfred in eine Bibliothek von zwei- bis dreitausend Bänden. »Ich weiß, sagte er, »daß Du nie einzuschlafen pflegst, ohne eine Stunde gelesen zu haben. Du wirst hier von Allem etwas finden, von Mallebranche bis Viktor Hugo, von Rabelais bis Balzac. Ich lese Balzac sehr gern, er hinterläßt wenigstens keine Täuschungen, und wer behauptet, er habe seinem Zeitalter geschmeichelt, sieht die Dinge nicht im rosigen Lichte. – Jetzt gute Nacht!« Alfred verließ mich. Ich nahm Josselin von Lamartine und ging in mein Schlafzimmer. Ich hatte sonderbare Gedanken. Ich dachte, welcher Unterschied zwischen diesem oder jenem Schmerze, je nach der Quelle, aus welcher er hervorgegangen« stattfinden könne. Mein Schmerz, der aus den heiligsten Gefühlen hervorgegangen und dessen Ursache eine unersetzliche war, hatte den gewöhnlichen Verlauf genommen. Anfangs war er heftig, ergreifend, mit Thränen benetzt gewesen und allmälig in tiefe thatlose Trauer, dann in wehmüthige Betrachtung der Kämpfe in der Natur, dann in den Wunsch einer Ortsveränderung und endlich in das noch halb unbewußte Bedürfniß der Zerstreuung übergegangen. In diesem letzten Stadium war er noch. Ob Alfreds Schmerz mehr oder minder heftig war, weiß ich nicht, aber er lachte noch eben so und folglich war sein Inneres noch eben so wund wie bei unserem Zusammentreffen in Brüssel. Am andern Morgen sah ich ihn nur wenige Augenblicke beim Frühstück; er mußte sich auf die Präfectur begeben und hatte überdies noch mit seinem Diner zu thun. Man erwartete mich um halb sieben, bis dahin war ich frei. Ich wollte nicht bei der Tafel erscheinen, aber Alfred nahm meine Weigerung nicht an, und da ein officielles Diner in einer Provinzstadt im Grunde etwas Neues für mich war, so ließ ich mich leicht erbitten. Als ich mit Alfred in den Speisesaal ging, flüsterte er mir zu: »Ich habe Dir deinen Platz bei Herrn von Chambray angewiesen; er ist der Intelligenteste in der Gesellschaft, man kann von allen Dingen mit ihm sprechen. Ich dankte ihm für seine Aufmerksamkeit und suchte meinen Zettel. Mein Nachbar zur Rechten war wirklich Herr von Chambray, zu meiner Linken saß ein Herr, dessen Name mir nicht mehr erinnerlich ist. Der Leser kennt den Küchenzettel; das Diner war glänzend, mein Nachbar zur Linken war ausschließlich mit der Befriedigung seines Gaumens und Magens beschäftigt. Mein Nachbar zur Rechten zollte jeder Speise ein wohl verdientes, verständigen Lob. Wir sprachen von Reisen, von Industrie, Politik, Literatur und Jagd. Alfred hatte Recht, ich fand einen Mann, der von Allem zu sprechen wußte. Ich machte übrigens die Bemerkung, daß die meisten großen Grundbesitzer Gegner der Regierung waren. Beim Dessert wurden Toaste ausgebracht. Nach Tische ging die Gesellschaft in den Salon, um den Kaffeh zu nehmen; neben dem Salon war das Rauchzimmer, welches die Aussicht in den Garten der Präfektur bot. In dem Rauchzimmer lagen auf vergoldeten Porzellantellern die feinsten Cigarren, von den Puros bis zu den Manillas. Herr von Chambray rauchte nicht. Diese gute Eigenschaft – denn als solche betrachte ich das Nichtrauchen – brachte uns gegenseitig noch näher. Wir verließen die Raucher, die sich in Ratasia, Absinth und Mirobolan betranken, und gingen in den Lindenalleen des Präfecturgartens spaziren. Herr von Chambray hatte in Evreux ein Stadthaus und in Bernay ein Landhaus. Dieses war von herrlichen Jagdgründen umgeben. Seine Besitzung – oder vielmehr die Besitzung seiner Frau, welche ihm das Vermögen zugebracht – hatte einen Flächenraum von zweitausend Acres. Er lud mich zur Eröffnung der Jagd ein und ich sagte beinahe zu. Die Nacht brach an, während wir plauderten, die Salone wurden erleuchtet. Von diesem Augenblicke an glaubte ich bei meinem neuen Bekannten, dessen Gesellschaft mir sehr angenehm war, eine gewisse Ungeduld zu bemerken. Endlich hielt er es nicht mehr aus. »Entschuldigen Sie,« sagte er zu mir. »ich glaube, es wird gespielt.« »Ja,« antwortete ich. »Gehen Sie wieder in den Salon?« »Um Ihnen zu folgen; ich spiele nicht.« »Wirklich? dann sind Sie sehr glücklich – oder sehr unglücklich.« »Sie spielen also?« »Wie ein Rasender.« »Dann will ich Sie nicht aufhalten.« Herr den Chambray begab sich wieder in den Salon, ich folgte ihm. Es waren wirklich Spieltische für jeden Geschmack: für Whist, Piquet, Ecarté u. s. w. Um zehn Uhr kamen die Abendgäste. Ich hörte, daß Alfred zu Herrn den Chambray sagte: »Wird Madame nicht kommen?« »Ich glaube nicht, antwortete der Gast, sie ist leidend.« Ein sonderbares Lächeln zog sich um Alfreds Mund, während er die alltägliche Antwort gab. »Das thut mir unendlich leid. Haben Sie die Güte, ihr mein Bedauern zu erkennen zu geben.« Herr von Chambray verneigte sich; er war schon eifrig mit dem Spiel beschäftigt. Ich nahm Alfred bei Seite. »Warum lächeltest Du denn, als Herr von Chambray Dir sagte, seine Frau sey leidend?« »Habe ich gelacht?« »Ich glaubte es zu bemerken.« »Frau von Chambray geht nicht in Gesellschaften und man macht über diese Eingezogenheit, die ich für freiwillig halte, allerlei boshafte Bemerkungen. Die bösen Zungen behaupten, die Ehe sey nicht sehr glücklich; das Vermögen sey von beiden Seiten ziemlich gleich gewesen« aber Chambray habe sein Erbtheil vergeudet und greife jetzt das Vermögen seiner Frau an.« »Ich verstehe, die Mutter vertheidigt das Vermögen ihrer Kinder.« »Es sind keine Kinder da.« »Halten Sie zwanzig Louisd’or, die gegen mich fehlen, Herr von Senonches?« fragte Herr von Chambray, der die Karten hielt. Alfred bejahte; aber er setzte, sich zu mir wendend, hinzu: »Vorausgesetzt, daß Du die zwanzig Louisd’or nicht halten willst.« »Ich spiele nicht.« »Es ist auch eine meiner Verbindlichkeiten, zu spielen und zu verlieren. Ein Präfect, der nicht spielte oder gar gewänne, würde den Lästerzungen viel Stoff bieten; man würde sagen, ich sey Präfect geworden, um zu leben..« »Hier sind Ihre zwanzig Louisd’or.« sagte Alfred. Und er verließ mich, um sein Geld auf den Tisch zu legen. Alfred war ein Weltmann im vollen Sinne des Wortes; es war unmöglich, in einem Salon die Honneurs mit mehr Anstand zu machen, als er. Man stellte ihn auch im ganzen Departement als ein Muster von einem Manne hin, und die Mütter, welche Töchter zu verheirathen hatten, hegten den sehnlichen Wunsch, ihre Sprößlinge möchten Gnade vor seinen Augen finden; er hätte nur winken dürfen, um die reichste unter den Erbinnen heimzuführen. Aber Alfred benützte jede Gelegenheit, seine Abneigung gegen die Ehe zu erkennen zu geben. Der Luxus der Tafel dehnte sich über die ganze Abendgesellschaft aus; es gab Gefrornes in Menge für die Damen, Punsch und Champagner für die Herren, hohes Spiel für Alle. Gegen zwei Uhr Früh nahm Alfred die Bank im Baccharatspiel. »Wenn Du es nicht verschworen hast, sagte er zu mir, »so mußt Du wenigstens einmal im Leben spielen, für oder gegen mich, und wär’s auch nur ein Louisd’or.« »Ich spiele nicht, erwiderte ich mit wehmüthigem Lächeln, denn ich dachte an die Abneigung meiner Mutter gegen das Spiel. »Meine Herren, sagte Alfred, der wie die Uebrigen die Wirkung des Punsches und Champagners zu spüren begann, »mein Freund Max ist ein musterhafter Mensch: er trinkt nicht, raucht nicht, spielt nicht. Am Abend vor der Bartholomäusnacht sagte König Carl IX. zu dem Könige von Navarra: Tod, Messe oder Bastille! Ich mache es eben so, Max, nur mit einer kleinen Variation sage ich: Spiel, Champagner oder Cigarren! Der König von Navarra wühlte die Messe, was wählst Du?. »Ich mag nicht trinken, weil ich keinen Durst habe; ich mag nicht rauchen, weil ich’s nicht vertragen kann; ich mag nicht spielen, weil es mir kein Vergnügen macht,« antwortete ich; »aber hier sind fünf Louisd’or die Du für mich setzen kannst, sobald es an einem Einsatz fehlt.« Ich legte meine fünf Louisd’or auf den Kranz eines Leuchters.« Bravo! meine Herren« ich habe zehntausend Francs von mir.« Alfred nahm fünftausend Francs in Banknoten und eben so viel in Gold aus der Tasche. Das Spiel machte mich sehr verstimmt, ich kannte Niemand, Chambray spielte leidenschaftlich; ich entfernte mich und ersuchte einen Diener, mir mein Zimmer zu zeigen. Alfred übernachtete in der Präfectur und ich mochte Niemand in der Nacht mit dem Anschirren oder Satteln eines Pferdes belästigen. Ich hatte daher gesagt, ich würde ebenfalls in der Präfectur übernachten. Man führte mich in mein Zimmer. Ich war von dem Lärm, der mich seit sechs bis sieben Stunden umgeben hatte, betäubt und ermüdet; ich schlief bald ein. Am andern Morgen weckte mich Alfred, der lachend eintrat. »Lieber Max,«– sagte er, »Du kannst fürwahr nicht sagen, daß Dir das Glück nicht im Schlafe komme.« Er löste drei Zipfel des Schnupftuches los, das er in der Hand hielt, und ließ einen Goldregen auf meinen Teppich fallen. »Was ist daß, fragte ich; »was bedeutet dieser Scherz?« »O! es ist kein Scherz, lieber Freund, es ist voller Ernst. Du mußt wissen, Max, daß ich alle meine Gäste ruinirt habe; ich mußte meine Bank von zehntausend Franks auf dreitausend heruntersetzen und mit dreitausend habe ich meine letzte Razzia gemacht. Alle Börsen waren leer, da sah ich deine fünf Louisd’or auf dem Leuchter. – Ah! Pardieu, sagte ich, Max muß auch daran; ich setzte dein Geld und hielt die fünf Louisd’or – und weißt Du, Starrkopf, was Du gethan hast? Du gewannst siebenmal hinter einander, und beim siebenten Coup sprengtest Du die Bank! – Gute Nacht!« Alfred ging fort und ließ einen Haufen Gold vor meinem Bett. V Ich versuchte vergebens wieder einzuschlafen. Die Tischuhr schlug acht. Ich stand auf und zählte das Gold, welches Alfred auf den Teppich geschüttet hatte. Es waren etwas über sechstausend Francs. Ich that die Goldstücke in eine bronzene Schale und stellte sie auf den Camin. Dann kleidete ich mich an und ging hinunter. Da alle Hausbewohner erst zu Bett gingen, ging ich selbst in den Pferdestall, sattelte ein Pferd und machte einen Spazirritt. Gegen zehn Uhr kam ich zurück. Alfred wünschte bis Mittag zu schlafen und ersuchte mich, von seinem Cabinet Besitz zu ergreifen und den Präfecten zu spielen, wenn es mir Vergnügen mache. Mein Frühstück war bereit. Ich frühstückte. Während ich bei Tische saß wurde eine Dame gemeldet, die Herrn von Senonches zu sprechen wünsche. Ich schickte den Bedienten mit dem Auftrage zurück, nach dem Namen der Dame zu fragen. Er kam zurück und sagte, es sey Frau von Chambray, sie komme in Geschäftsangelegenheiten. Ich wurde neugierig; es fiel mir ein, daß mich Alfred beauftragt hatte, diesen Vormittag seine Stelle zu vertreten; wir hatten Abends zuvor von Frau von Chambray gesprochen; ich befahl dem Diener, sie in das Geschäftszimmer zu führen. Es war keine Indiscretion von mir, meinen Freund zu vertreten. Ich sah die Straße hinunter. Die Dame war in einem eleganten zweispännigen Coupé gekommen. Der Kutscher war in kleiner Livrée. Ich verließ das Speisezimmer und als ich durch das zum Cabinet führende Vorzimmer ging, sah ich einen zweiten Bedienten in derselben Livrée, der seine Gebieterin in das Haus begleitet hatte. Aus dem Wagen und der Dienerschaft war zu schließen, daß Frau von Chambray wirklich in Geschäftsangelegenheiten gekommen war und daß ich durch Benutzung der mir ertheilten Vollmacht keine Indiscretion beging. Ich trat in das Cabinet. Eine Dame saß vom Fenster abgewandt; sie stand auf als sie mich bemerkte. »Herr Alfred von Senonches?« fragte sie mit melodischer Stimme. Ich bat sie durch eine verbindliche Handbewegung, ihren Platz wieder einzunehmen. »Nein, Madame,« erwiederte ich, »aber ich bin ein Freund von ihm, der das Glück hat, diesen Morgen seine Stelle zu vertreten, und ich werde mir mein Leben lang Glück dazu wünschen, wenn ich Ihnen in dieser kurzen Zwischenzeit nützlich seyn kann.« »Entschuldigen Sie,« sagte Frau von Chambray aufstehend; »ich wünschte den Herrn Präfecten« – sie betonte dieses Wort – »um eine Gunst zu bitten, die er allein mir bewilligen kann. Ich werde später wiederkommen, wenn er sichtbar ist.« »Ich bitte, Madame —« sagte ich. Sie nahm wieder Platz. »Wenn Sie um eine Gunst zu bitten haben, Madame, warum nehmen Sie dann meine Vermittlung nicht in Anspruch? Zweifeln Sie an meiner Bereitwilligkeit, Ihre Angelegenheit warm zu befürworten?« »Entschuldigen Sie, mein Herr, ich weiß nicht einmal, mit wem ich die Ehre habe zu sprechen.« »Mein Name ist Ihnen ganz unbekannt, Madame, und wird Ihnen daher nichts nützen. Ich heiße Maximilian von Villiers. Aber ich bin Ihnen nicht so fremd, wie Sie glauben; ich hatte gestern das Vergnügen, Herrn von Chambray vorgestellt zu werden; ich war sein Tischnachbar und wir haben bei Tische und nachher viel miteinander gesprochen. Er war so gütig, mich zur Eröffnung der Jagd auf Ihr Schloß Bernay einzuladen, und ohne mir einen Besuch zu erlauben, gedachte ich heute die Ehre zu haben, meine Karte bei Ihnen abzugeben. Ich verneigte mich und setzte hinzu: »Herr von Chambray ist ein sehr feingebildeter Mann —« »Ja« das ist wahr« ein feingebildeter Mann.« Frau von Chambray begleitete diese Antwort mit einem leisen Seufzer. Unterdessen sah ich sie an. Ihr Anzug war sehr einfach und geschmackvoll; es war ein Morgenanzug von perlgrauem Taffet, der Hut, halb von italienischem Stroh, halb von Taffet, der mit dem Kleide gleiche Farbe hatte, war nur mit einigen Haferähren und Kornblumen geziert. Ein Halbschleier von Spitzen beschattete den oberen Theil des Gesichtes. Ich benutzte das kurze Stillschweigen, welches dem erwähnten Seufzer folgte, um einen Blick auf Frau von Chambray zu werfen. Es war eine junge Dame von zwanzig bis vierundzwanzig Jahren, mehr groß als klein, und ihr schlanker zarter Wuchs war unter ihrer weiten Mantille deutlich zu bemerken. Sie hatte graublaue Augen, lange blonde Locken, kleine weiße Zähne und rothe Lippen, welche gegen die Blässe ihres Gesichtes stark abstachen. Ihre ganze Haltung zeigte eine gewisse Abspannung oder ein Wehgefühl, als ob sie des Kampfes gegen ein physisches oder moralisches Leiden überdrüssig gewesen wäre. Der flüchtige Blick, der mir alles dies zeigte, erregte in mir den eifrigen Wunsch, die Ursache, des Erscheinens der Frau von Chambray in der Präfectur kennen zu lernen. »Wenn ich Sie fragen wollte, Madame,« begann ich, »was mir die Ehre Ihres Besuches verschafft, so würden Sie vielleicht glauben, «ich wünschte die Zeit abzukürzen, die ich in Ihrer Gegenwart zuzubringen das Glück habe; allein ich gestehe, daß ich gern wissen möchte, worin Ihnen mein Freund nützlich seyn kann.« »Die Angelegenheit, welche mich zu dem Herrn Präfecten führt, ist folgende,« erwiederte die Dame. »Vor einem Monate hat die Ziehung zur Conscription stattgefunden. Der jüngere Bruder meiner Milchschwester, die ich sehr lieb habe, muß sich stellen. Der junge Mensch ist die Stütze seiner Mutter und einer jüngeren Schwester; überdies war er im Begriff, seine Braut zu heirathen; dies wird nun vereitelt: die unglückliche Nummer hat also vier Personen in Trauer gesetzt.« Ich verneigte mich, um anzudeuten, daß ich die Aeußerung ihres Wunsches erwartete. »Nächsten Sonntag, fuhr Frau von Chambray fort, »versammelt sich die Revisionscommission. Herr von Senonches führt den Vorsitz; er braucht dem Arzt nur ein Wort zu sagen und der arme junge Mensch ist frei, und vier Personen werden ihm ihr Glück verdanken.« »Aber vier Andere werden dadurch vielleicht unglücklich,« erwiederte ich lächelnd. »Wie so?« fragte Frau von Chambray erstaunt. »Allerdings, Madame. Wie viele junge Leute muß der Canton stellen, in welchem Ihr Schützling seinen Wohnsitz hat?« »Fünfundzwanzig.« »Hat er einen Grund zur Abdankung?« Frau von Chambray erröthete. »Ich glaube Ihnen gesagt zu haben,« stammelte sie, »daß ich mir seine Befreiung als eine Gunst von dem Herrn Präfecten erbitten wollte.« »Entschuldigen Sie meine Aufrichtigkeit, Madame. Diese Gunst ist eine Ungerechtigkeit, sobald einer anderen Familie dadurch eine Last aufgebürdet wird.« »Ich verstehe Sie nicht —« »Es ist sehr leicht zu verstehen, Madame. Der Canton muß fünfundzwanzig Recruten stellen; angenommen, es werde von zweien einer tauglich befunden, so sind es fünfzig, und Nr. 51 wird eben durch die von ihm gezogene Nummer frei. Verstehen Sie mich, Madame?« »Ja wohl, ich verstehe Sie sehr gut.« »Wenn nun einer der fünfundzwanzig tauglichen Recruten durch besondere Begünstigung frei wird, so muß der einundfünfzigste, der sich freigelost hatte, an seine Stelle treten.« »Das ist wahr,« sagte Frau von Chambray betroffen. »Ich hatte also Recht, Madame,« setzte ich hinzu, »daß das Glück Ihrer vier Schützlinge vielleicht vier andere Personen unglücklich macht und daß mein Freund durch die Gewährung Ihrer Bitte eine Ungerechtigkeit begehen würde.« »Sie haben vollkommen Recht, sagte Frau von Chambray aufstehend; »ich habe nur noch eine Bitte an Sie. »Reden Sie, Madame.» »Schreiben Sie den unpassenden Schritt, den ich gethan, nur meiner Unbedachtsamkeit und nicht etwa meiner Herzlosigkeit zu. Ich hatte die Sache nicht überlegt, ich wollte nur einen jungen Menschen für seine Familie erhalten; es kann nicht seyn, ich begnüge mich – es wird vier Unglückliche mehr in der Weit geben, aber in der großen Menge wird man’s nicht merken.» Frau von Chambray wischte verstohlen eine an ihren Wangen zitternde Thräne ab, verneigte sich und ging auf die Thür zu. Ich schaute ihr mit tiefem Bedauern nach. »Madame – sagte ich. Sie stand still. »Würden Sie die Güte haben, mir ebenfalls eine Gunst zu bewilligen?»fragte ich. »Ich?»– erwiderte sie mit Befremden. »Was meinen Sie?» »Ich bitte Sie, Madame« sich zu setzen und mir ein kurzes Gehör zu schenken.« Sie lächelte wehmüthig und setzte sich wieder auf ihren Fauteuil. »Es wäre unverzeihlich von mir, Madame,»sagte ich, »so schonungslos zu reden, wenn ich Ihnen nicht ein Auskunftsmittel vorzuschlagen hätte. »Was für ein Mittel?« »Es gibt Gewerbsleute, die mit todtem Fleisch handeln, es sind die Fleischer; es gibt auch Speculanten, die lebendiges Fleisch verkaufen, ich weiß nicht wie man sie nennt, aber ich weiß, daß sie existiren: man kann für Ihren Schützling einen Stellvertreter kaufen.« Dieser Vorschlag schien einen sehr schmerzlichen Eindruck auf die Dame zu machen. »Ich habe auch schon daran gedacht,« erwiederte sie; »aber —« »Aber?« wiederholte ich. »Man kann sich nicht immer ein gutes Werk vergönnen; ein Stellvertreter kostet zweitausend Francs —« Ich nickte zustimmend. »Wenn ich über mein Vermögen frei verfügen könnte,« fuhr Frau von Chambray fort, »so würde ich keinen Augenblick zögern; aber mein Vermögen gehört meinem Gatten, und da ihm meine Milchschwester ganz gleichgültig ist, so bezweifle ich, daß er mir erlauben wird, diese Summe zu opfern. Madame,« fragte ich, »würden Sie einem Fremden erlauben, an Ihre Stelle zu treten, und das Ihnen versagte gute Werk zu thun?« »Ich verstehe Sie nicht,« erwiederte sie; »denn ich kann nicht glauben, daß Sie sich erbieten, für meinen Schützling einen Stellvertreter zu kaufen.« »Entschuldigen Sie, Madame, sagte ich mit einer Bewegung, welche sie einlud, ihren Platz wieder einzunehmen, denn sie stand auf; »haben Sie die Güte mich ausreden zu lassen.« Sie nahm ihren Platz wieder ein. »Ich hatte meiner Mutter feierlich versprochen, nie zu spielen, fuhr ich fort, »und ich habe mein Versprechen gehalten. Gestern Abends zwang mich mein Freund Alfred von Senonches, ihm hundert Francs als Einsatz anzuvertrauen. Mit diesen hundert Francs hat er sechs- bis siebentausend gewonnen, und wahrscheinlich einen Theil dieser Summe von Ihrem Herrn Gemal. Dieses Spielgeld, welches mir Alfred diesen Morgen brachte, habe ich nur mit dem Vorbehalt angenommen, es zu mehren guten Werken zu verwenden. Ihr Besuch, Madame, gibt mir Gelegenheit, diesen Vorsatz sogleich auszuführen.« Frau von Chambray unterbrach mich, indem sie wiederaufstand. »Sie werden einsehen,« sagte sie, »daß ich ein solches Anerbieten nicht annehmen kann.« »Ich habe es ja nicht Ihnen gemacht, Madame,« erwiderte ich; »Sie haben mir gesagt, wo der Schmerz ist, den ich heilen, wo die Thränen sind, die ich trocknen kann; Sie sind mir deshalb keinen persönlichen Dank schuldig. Bei der nächsten Sammlung, die man für eine arme Familie, für einen Kirchenbau, für eine Grabstelle macht, würde ich zu Ihnen kommen und Sie um eine Gabe bitten; wenn Sie auch nur einen Louisd’or geben, so geben Sie mehr als ich heute spende, denn der Louisd’or gehört Ihnen, ich hingegen gebe zweitausend Francs, die mir der Zufall, oder wenn Sie wollen, die Vorsehung in die Hände gegeben hat.« »Geben Sie mir Ihr Ehrenwort,« erwiederte Frau von Chambray bewegt, »daß Sie auf die angegebene Weise in den Besitz des Geldes gekommen sind?« »Ja, Madame« ich gebe Ihnen mein Ehrenwort; ich würde mich nicht einmal, um das Recht zu haben, ein gutes Werk zu thun, einer Unwahrheit schuldig machen.« Sie reichte mir die Hand. Ich faßte ihre Hand und berührte sie ehrerbietig mit den Lippen. Sie trat etwas zurück und erwiederte: »Ich darf Sie nicht hindern, eine Familie der Verzweiflung zu entreißen; ich will Ihnen meinen Schützling, oder vielmehr seine Braut schicken; sein Glück wird größer seyn, wenn er es von ihr erfährt.« Dieses Mal stand ich auf. »Zweimal habe ich Sie zurückgehalten, Madame,« sagte ich; »jetzt gebe ich Ihnen mit Vergnügen Ihre Freiheit.« »Zürnen Sie mir nicht, wenn ich mich beeile, meinen Schützlingen die erfreuliche Nachricht zu bringen. Sie machen eine ganze Familie glücklich, Gott vergelte es Ihnen!« Ich verneigte mich und begleitete Frau von Chambray bis an die Thür des Vorzimmers, wo ihr Diener wartete, Als ich allein war, befand ich mich in einer seltsamen Gemüthsstimmung. Anfangs, als ich die Thür geschlossen hatte, blieb ich, ohne zu wissen warum, mitten im Zimmer stehen. Ich dachte über die Unterredung nach und konnte mir nicht verhehlen, daß ich durch einen unwiderstehlichen Zauber gefesselt war. Ohne mir die Ursache erklären zu können, war mir unaussprechlich wohl. Es schien mir, als ob eine nie geahnte Harmonie von meinem Innern Besitz genommen. Alle meine Sinne hatten eine ungemeine Schärfe, meine Gedanken eine nie geahnte Klarheit bekommen. Ich fühlte mich glücklich, ohne daß in meinem Leben eine Veränderung, die mir das Glück zu versprechen schien, vorgegangen war. Ich fühlte fast eine Anwandlung von Reue, denn nach dem Tode meiner Mutter hatte ich gedacht, ich könne nie mehr glücklich werden. Und nun dachte ich an jenen Verlust nicht mehr mit dem ursprünglichen Schmerzes den er mir verursacht hatte, sondern mit heiterer Wehmuth, welche meinen Blick himmelwärts zog. Meine Augen wurden durch einen Sonnenstrahl geblendet. »O meine theure Mutter,« sagte ich leise für mich »siehst Du auf mich herab?« In diesem Augenblicke zog eine leichte Wolke über den Sonnenstrahl, der aber alsbald wieder glänzender hervorbrach. Es war mir als ob der Schatten des Todes vorüberzöge. Der Sonnenstrahl war ein Lächeln, ich begrüßte ihn mit Freude und setzte mich wieder in den Fauteuil, der dem nun leeren Sitz gegenüberstand. Hier verträumte ich eine der süßesten halben Stunden meines Lebens. Diesen Träumereien wurde ich durch Alfreds Diener entrissen, der mir meldete, ein junges Mädchen in normannischer Bauerntracht wünsche mich zu sprechen. Ich errieth, daß es die Milchschwester der Frau von Chambray sey, die mir danken wollte. Ich befahl dem Bedienten, das Mädchen hereinzuführen und mir sodann aus der bronzenen Schale, die auf meinem Camine stand, zweitausend Francs zu bringen. VI Es war wirklich die Milchschwester der Frau von Chambray, ein hübsches Bauernmädchen, dem Anscheine nach ein paar Jahre jünger als ihre Herrin. Ich sage: ihre Herrin denn später erfuhr ich, daß sie Kammerjungfer bei ihr war. Die normannische Tracht, welche sie in ihrer größten Zierlichkeit trug, stand ihr sehr gut zu Gesicht und ich gestehe, daß ich nie ein hübscheres Mädchen gesehen habe. Sie war ganz beschämt und ihr Gesichtchen bis über die Ohren roth. »Sind Sie der Herr« welcher —?e stammelte sie. »Ja wohl, ich bin der Herr, welcher,« sagte ich lachend. »Madame hat mir etwas gesagt, was mir nicht möglich scheint.« »Was hat denn Madame gesagt?«. »Sie hat gesagt, Sie wollten uns zweitausend Francs geben, um für Gratian einen Stellvertreter zu kaufen.« In diesem Augenblicke kam der Bediente und händigte mir die zweitausend Francs ein. »Es ist die Wahrheit,« sagte ich; »hier ist das Geld, liebes Kind. Halte die Hand her. Sie zögerte. »Verschmähst Du es etwa?« Endlich streckte sie schüchtern die Hand aus, ich zählte die Goldstücke hinein. »O mein Gott!« sagte sie, »das macht ja eine große Summe aus, und wenn wir sie Ihnen nicht wiedergeben können —« »Hat Dir denn Madame nicht gesagt, daß ich das Geld nicht zurückverlange?« »Aber mein lieber Herr, Sie können uns doch so viel Geld nicht umsonst geben?« »Ich gebe es Euch auch nicht umsonst,« erwiederte ich. »Was sollen wir denn dafür thun?« »Beruhige Dich, mein Kind: Du sollst nur fünf Minuten von Jemand sprechen, der Dich sehr lieb hat, und dessen Liebe Du gewiß erwiederst.« »Ich liebe außer meiner Mutter und meiner kleinen Schwester nur zwei Menschen auf der Welt: Gratian und Frau von Chambray. Ich sollte Frau von Chambray eigentlich zuerst nennen, denn ich glaube, daß ich sie noch lieber habe als ihn. »Nun, von einer dieser beiden Personen wollen wir sprechen.« »Von welcher?« »Von Frau von Chambray.« »O! so viel Sie wollen, lieber Herr; es ist mir eine Freude, von ihr zu sprechend.« »Dann setze Dich, mein Kind,« sagte ich und bot ihr einen Stuhl. Nach einigem Zögern und auf meine wiederholte Einladung setzte sie sich. »Denken Sie sich mein lieber Herr,« sagte sie mit einer Gefühlsinnigkeit, die leicht erkennen ließ, daß ihr die Worte vom Herzen kamen, »denken Sie sich, daß ich sie nie verlassen habe; sie war immer so gut gegen mich, und ich weiß nicht, ob ich es ihr vergelten könnte, wenn ich mein ganzes Leben für sie betete. Sie sehen meine Kleidung an und finden sie hübsch, nicht wahr? Ja, das glaube ich, ich muß immer nett und sauber seyn, Madame will es so haben, sie sagt, es mache ihr Freude und sie spiele mit mir wie in unseren Kinderjahren. Aber Sie können leicht denken, lieber Herr, daß es nur Vorwände sind, um mich schön zu machen, und sie hat wegen des Geldes; das sie für meinen Putz ausgab, mit dem Herrn oft Streit gehabt. Kurz, sie hat an mich immer eher gedacht, als an sich selbst.« Ich unterbrach sie. »Aber Frau von Chambray sagte mir, Du wärest ihre Milchschwester —« »Ja wohl, ich bin ihre Milchschwester.« »Aber sie schien mir auf den ersten Anblick älter, als Du zu seyn scheinst. »Ach ja« der Kummer macht alt.« Diese Worte berührten mich sehr peinlich. Ich hatte mich also nicht geirrt: Frau von Chambray war unglücklich! »Der Kummer?« wiederholte ich. Die Bäuerin bemerkte, daß sie mehr gesagt hatte, als sie sagen wollte. »Wenn ich sage: der Kummer,« erwiederte sie, »so meine ich damit die Verdrießlichkeiten. Reiche Leute sind nicht immer glücklich; das Geld ist zuweilen wohl eine schöne Sache,« – sie warf dabei einen freudigen Blick auf die Goldstücke, die sie in der Hand hielt – »aber sehr oft macht es doch viele Plage. Das Sprichwort sagt ja: das Geld macht nicht glücklich.« »Ja wohl« mein Kind« so sagt das Sprichwort« und es thut mir sehr leid, daß es auf Frau von Chambray anzuwenden ist.« »Ach! der liebe Gott sucht die guten Menschen oft mit schweren Prüfungen heim..« »Ist Frau von Chambray schon lange verheirathet?« fragte ich, als ob ich das Gespräch abbrechen wollte. »Seit vier Jahren; sie war achtzehn Jahre alt, als sie heirathete. »Dann ist sie also jetzt zweiundzwanzig?« »Ja, zweiundzwanzig.« »Sie hat doch gewiß aus Liebe geheirathet?« Die kleine Bäuerin schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte sie leise und geheimnißvoll; »sie sagt, der Priester habe die Ehe geschlossen —« »Der Priester? wie so?« »O es ist nicht,« erwiederte sie einlenkend, als ob sie über die ihr entschlüpften Worte erschrocken wäre. Sie stand auf. »Liebes Kind,« sagte ich, »ich wollte gern von Frau von Chambray sprechen, weil sie mir eine liebenswürdige Dame zu seyn scheint, aber es ist keineswegs meine Absicht, Dir die Geheimnisse deiner Wohlthäterin entlocken zu wollen.« »Gott behüte mich,« erwiederte sie, »daß ich etwas Unrechtes von ihr sagen sollte; aber ihre Geheimnisse kenne ich so wenig wie die anderen Leute im Hause. Ueberdies beklagt sie sich nie, und es wäre recht gut, wenn sie einen Freund fände, dem sie ihre Geheimnisse anvertrauen könnte; es würde ein Trost für sie seyn, und ich glaube, daß sie Trost braucht.« Ich hätte gerne mehr erfahren, aber ich sah ein, daß ich, ohne mich einer Indiscretion schuldig zu machen, nicht weiter gehen durfte, und ich trug Bedenken, dem arglosen Mädchen noch mehr zu entlocken. Vielleicht war ich schon zu weit gegangen. »Sey überzeugt, mein Kind,« sagte ich, »daß ich mich glücklich schätzen würde, der Freund zu seyn, dessen Frau von Chambray nach deiner Meinung so sehr bedarf, und daß ich ihr mit Freuden mein Herz öffnen würde, um ihre Geheimnisse zu bewahren. Ich weist nicht ob sich jemals die Gelegenheit dazu finden wird; aber wenn sie sich findet, wenn sie einen treuen Freund sucht, so bringe mich bei ihr in Erinnerung, gleichviel ob es morgen oder in einem Jahre oder in zehn Jahren ist. Gott wird, wie ich hoffe, das Uebrige thun.« Das Mädchen sah mich erstaunt an. »Gut,« sagte sie nach einer Pause, »ich will Sie bei ihr in Erinnerung bringen; denn ich glaube, daß Sie es wirklich so meinen, und daß Sie für meine gute Herrin thun würden, was ein Vater thut.« Ich legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Bewahre diesen Glauben in deinem Herzen, mein Kind,« sagte ich, »und vergiß meine Bitte nicht, wenn es Noth thut.» »Fürchten Sie nichts, ich werde schon daran denken,« erwiederte sie. Sie ging auf die Thür zu, blieb aber verlegen stehen. »Nun, was gibt’s?« fragte ich. »O! ich – ich getraue mich nicht —« »Sprich, mein Kind, fürchte Dich nicht.« »Es wäre wirklich eine große Gnade —« »Sage aufrichtig, was wünschest Du?« »Nein, nein, ich kann’s nicht sagen – ich will Madame bitten, Ihnen mein Anliegen mitzutheilen.« »Gut wie Du willst,« sagte ich zustimmend, denn ich dachte, daß dieses Anliegen mindestens einen Brief, vielleicht sogar einen Besuch von Frau von Chambray nothwendig machen würde. »Aber Madame muß mich persönlich darum ersuchen, jede andere Person würde eine abschlägige Antwort von mir bekommen.« »Ich auch?« fragte sie lachend. »Ja, Du auch,« antwortete ich. »Nun, dann will ich Madame darum bitten.« Unter dieser Bedingung sage ich im Voraus die Gewährung zu.« »Ach! es ist doch jammerschade,« sagte die kleine Bäuerin,« »daß Sie nicht —« »Nun« was weiter?« fragte ich. »O nichts, nichts!« erwiederte sie und lief zum Zimmer hinaus. Noch denselben Abend erhielt ich zu Reuilly folgenden Brief von Frau von Chambray: »Mein Herr! »Zoe versichert, sie bedürfe meiner Vermittlung um von Ihnen eine große Gefälligkeit zu erlangen. Obgleich ich durchaus nicht weiß, wie und warum ich irgend einen Einfluß auf Ihren Entschluß haben könnte, so finde ich den Wunsch des Mädchens doch so natürlich, daß ich mir die Freiheit nehme, Ihnen denselben mitzutheilen. Sie wünscht nemlich, daß Sie ihre Hochzeit mit Ihrer Gegenwart beehren möchten; das arme Kind verdankt ja Ihnen ihr Glück, und natürlich wünscht sie, daß Sie Zeuge desselben seyen. Es wird mir persönlich sehr angenehm seyn, wenn Sie die Einladung annehmen, denn Sie werden mir dadurch Gelegenheit bieten, Ihnen aufs Neue meinen Dank zu sagen.     Ihre dankbar ergebene     Edmée de Chambray.« »Wer hat diesen Brief gebracht?« fragte ich den Bedienten. »Ein Bursch, der vom Lande zu seyn scheint,« antwortete der Bediente. »Ist er jung?« »Etwa dreiundzwanzig Jahre.« »Lassen Sie ihn herankommen.« Der Bote erschien in der Thür. Es war ein kräftiger Bursch mit blühendrothen Wangen, blonden Haaren und blauen Augen: ein echter Sprößling der aus dem Norden gekommenen Volksstämme, welche Übrigens nach Jahrhunderten ihren alten kriegerischen Geist verloren zu haben scheinen. »Ihr seyd also der Recrut?« fragte ich. »Ja wohl,« antwortete er, »diesen Morgen war ich noch Recrut, aber jetzt bin ich’s nicht mehr, und das habe ich Ihnen zu danken.« »Wie! Ihr seyd es nicht mehr? Habt Ihr denn schon einen Stellvertreter gefunden?« »O ja,« mit Geld findet man Alles, was man will, Jean Pierre, der Sohn des alten Dubois, hat Nummer 120 gezogen: es ist keine Gefahr, daß es an ihn kommt. Sein Vater hat ihm eingeredet, er müsse Soldat werden, und so sind wir um siebzehnhundert Francs handeleins geworden. Zoe hat Ihnen also dreihundert Francs zurückzugeben.« »Wie,« erwiederte ich, »sein Vater hat ihm eingeredet, er müsse Soldat werden?« »Ja, der Jean Pierre hat sich beschwatzen lassen, und glaubt steif und fest, er sey zum Soldaten geboren.« »Ein welcher Absicht hat es ihm der Vater eingeredet?« »O! der alte Dubois ist ein Schlaukopf!« »Sot ein Schlauhkopf!« »Ein Erzpfifficus!« »Wie so?« »Ein durchtriebener Fuchs!« »Ich verstehe wohl. Aber warum ist er ein Pfifficus, ein durchtriebener Fuchs?« »Er denkt nur an das Land.« »Ich verstehe Euch noch nicht, mein Freund.« »Das ist möglich, aber ich verstehe mich. »Das ist nicht genug, denn wir sprechen ja miteinander, und da muß Einer den Andern verstehen.« »Das ist wohl wahr; aber Sie sind ja aus der Stadt, was kann Ihnen an einem armen Bauer liegen?« »Mir liegt viel daran, ich möchte mich belehren.« »O! Sie scherzen, lieber Herr. Was kann denn ein Mann« wie Sie sind, von mir lernen?« »Ihr könnt mir sagen, was für ein Mann, der alte Dubois ist.« »Ich hab’s Ihnen ja gesagt und ich nehme mein Wort nicht zurück.« »Ihr habt mir gesagt, er sey ein Schlaukopf, ein Erzpfifficus, ein durchtriebener Fuchs, der nur an das Land denkt.« »Es ist die reine Wahrheit,« »Das ist möglich, aber es ist die Wahrheit in einem tiefen Schacht, holet sie heraus.« »Ich will ihm nichts Böses nachsagen, aber er ist einmal so. Es ist bereits der dritte, den er unter den Fahnen hat – oder vielmehr gehabt hat, denn die beiden ersten sind geblieben; aber das thut nichts, sie waren ja bezahlt. »Ei! der Alte ist ja ein wahrer Horatier!« »Nein« er heißt Duboise.« »Ich meine damit, daß er ein eifriger Patriot ist.« »Er – ein Patriot! Er denkt nur an sein Land.« »Ganz richtig, das meine ich eben: er denkt an das Vaterland.« »Gott bewahre! er denkt nur an sein Land. Der alte Fuchs kauft immer mehr zusammen, er hat bereits seine zwölf Aecker beieinander. »Aha« jetzt verstehe ich. »Sein Land geht ihm über Alles, an Weib und Kind liegt ihm nichts. In der Früh um fünf Uhr ist er schon auf seinem Lande und wirft jeden Stein, den er findet, auf seines Nachbars Feld; er ackert, säet oder schneidet, wie es gerade die Jahreszeit mit sich bringt. Man sieht ihn auf der Straße mit einem Korbe in der Hand; er sieht sich rechts und links um. Man denkt, was mag der alte Dubois suchen? Er sucht Pferdemist, um sein Land zu düngen. Er ißt und trinkt auf seinem Lande und am Ende wird er darauf schlafen. Sonntags macht er sich schön und geht in die Messe, damit die Leute glauben sollen, er bete für die Todten oder die Lebenden; nein, er betet für sein Land, daß der liebe Gott Sturm und Hagelschlag abwende, daß seine Aepfelbäume nicht erfrieren, daß sein Getreide sich nicht lege. Und nach der Messe, wenn alle Leute sich ausruhen oder unterhalten, geht er auf sein Land.« »Wie! er arbeitet am Sonntage?« »Nein, er arbeitet nicht, er reißt Unkraut aus, fängt Feldmäuse und Maulwürfe. Das ist seine Unterhaltung, seine einzige, aber sie scheint ihm zu genügen. Er hat seine beiden ältesten Söhne verkauft und hat dafür Land angekauft. »Die armen Burschen sind also in Afrika gefallen?« »Ja, aber das thut nichts, das Land geht nicht verloren. Seit drei Jahren hat er den Jean Pierre gehegt und gepflegt und oft hat er zu den Leuten gesagt: »Sehet den Jungen, er wird einen schönen Kürassier für den König Ludwig Philipp geben.« Jean Pierre heißt im Dorfe nur der Kürassier. Einen Monat vor der Ziehung zündete er jeden Morgen vor dem Bilde der heiligen Jungfrau eine Wachskerze an, damit sie seinem Sohne eine gute Nummer in die Hand spiele – nicht damit er frei werde, sondern damit er sich verkaufen könne, wie sich seine beiden Brüder verkauft hatten. Und der alte Lump hat Glück: der erste hatte Nr. 95, der zweite Nr. 107 gezogen, und jetzt ist dem dritten Nr. 120 zugefallen; wenn noch einer da wäre, würde er gewiß Nr. 150 150 ziehen.« »Ihr habt also den Vertrag abgeschlossen?« »Ja wohl, vor Notar und Zeugen. Der Jean Pierre ist mein Stellvertreter für siebzehnhundert Franks; die übrigen dreihundert hat Ihnen Zoe zurückzugeben. »Seyd Ihr denn auch ein Anbeter des Landes, wie der alte Dubois?« »Nein, ich bin wie die Vögel in der Luft, ich lebe von dem, was auf anderer Leute Lande wächst.« »Und Ihr singet wohl auch wie die Vögel?« »O ja; aber ich muß gestehen, daß ich seit vierzehn Tagen nicht mehr gesungen habe. »Aber Ihr treibt doch ein Gewerbe?« »Ich arbeite mit Stemmeisen und Hobel, ich bin Tischlergesell bei dem Vater Guillaume, wo ich fünfzig Sous täglich verdiene, und so wird’s wohl noch eine Weile bleiben, wenn ich nicht etwa von einem unbekannten Onkel in Amerika oder Indien dreitausend Francs erbe, um mich für meine Rechnung besetzen zu können.« »Mit dreitausend Franks würdet Ihr Euch also etabliren?« »O! sehr gut, und es bliebe noch etwas übrig, um das Brautbett zu kaufen; aber da ich keinen Onkel habe —« »Ihr habt freilich wohl keinen Onkel; aber Ihr habt ja Frau von Chambray, die eure Braut sehr lieb hat und reich ist.« »Das ist wohl wahr, aber die liebe gute Dame hat die Schnur vom Geldbeutel nicht in der Hand, sonst würden Sie den Jean Pierre gewiß nicht gekauft haben. Frau von Chambray hätte sichs nicht nehmen lassen. Ich bin Ihnen darum nicht minder dankbar, lieber Herr, denn siebzehnhundert Francs findet man nicht in einem Haufen Hobelspäne. Im Grunde hats nur siebzehnhundert gekostet, so daß Zoe noch dreihundert —« »Gut, gut, wir werden schon miteinander abrechnen, mein Freund. Ich hätte beinahe vergessen, daß ich der Frau von Chambray antworten muß. »Und uns.« »Ja wohl. Die Antwort an Euch ist kurz und bündig: Ich werde kommen.« »Das läßt sich hören! Fürwahr, Sie sind ein braver Kerl! – Nichts für ungut, verzeihen Sie, ich hätte mich in der Freude meines Herzens beinahe vergaloppirt,« sagte er und zog die ausgestreckte Hand zurück. »Warum denn nichts für ungut? Was habe ich Euch denn zu verzeihen?»fragte ich und bot ihm meine Hand. »Ich meine, ein Tischlergesell sollte gegen einen Vicomte oder Baron – freilich, wenn auf beiden Seiten ein gutes Herz ist —« Gratian faßte meine Hand und drückte sie mit sichtbarer Freude. »Jetzt bleibt noch der Brief,« sagte er. »Ihr sollt ihn sogleich haben.« Ich setzte mich und schrieb: »Madame! »Sie bieten mir eine neue Gelegenheit, Sie wiederzusehen und Ihnen nochmals zu danken für den mir gegebenen Anlaß, etwas Gutes zu thun. Belohnen Sie mich immer so und ich werde ein Spieler. »Meine Wünsche, Madame, vereinigen sich mit den Ihrigen für das Glück Ihrer beiden Schützlinge. »Empfangen Sie die Versicherung meiner innigsten Verehrung.     »Max von Villiers.« »Hier, mein Freund,« sagte ich zu Gratian, »nehmt den Brief und übergebt ihn morgen Früh an Frau von Chambray.« »Ich gebe ihn diesen Abend noch ab,« erwiederte Gratian. »Ihr werdet aber vor zehn Uhr nicht nach Evreux kommen,« entgegnete ich. »Das thut nichts. Madame sagte: »Gratian, bringe mir gleich die Antwort des Herrn von Villiers, gleichviel wann Du zurückkommst.« Sie sehen, daß ich den Brief noch diesen Abend abgeben muß.« Er ging fort. Es freute mich, daß Frau von Chambray meine Antwort mit einiger Ungeduld erwartete; sie würde sonst nicht den Befehl gegeben haben, ihr meinen Brief noch diesen Abend zu bringen. VII Es vergingen drei Wochen, ohne daß ich Frau von Chambray wieder sah oder Nachricht von ihr erhielt; ich hörte nur gesprächsweise, daß ihr Gatte so eben eine ihr gehörende kleine Besitzung verkauft habe. Diese Besitzung welche, wie man sagte, 120.000 Francs werth war, hatte er in solcher Hast verkauft, daß er sich nicht einmal die Zeit genommen, eine vortheilhafte Gelegenheit zu suchen, sondern für 90.000 Francs hingegeben hatte. Ich weiß nicht warum ich das unwiderstehliche Verlangen hegte, diese Besitzung zu haben. Ich erkundigte mich; das Gut lag im Departement Oran und führte den Namen Juvigny. Das Herrenhaus stand am Ufer der Mayenne. In diesem Hause war Frau von Chambray geboren, dort hatte sie ihre erste Erziehung erhalten; ihr Mädchenname war Edmée von Juvigny gewesen. Das Herrenhaus war vollständig möblirt verkauft worden, und mit demselben die Ländereien und Waldungen. Ich ging zu dem Notar, der diesen Verkauf abgeschlossen hatte, er hieß Desbrosses und wohnte zu Alencon. Glücklicherweise war der neue Besitzer des Schlosses nur durch den billigen Preis zum Ankauf bewogen worden; er beabsichtigte es mit einigem Nutzen wieder zu verkaufen. Der Notar fragte ihn auf mein Ersuchen um den Preis; zwei Stunden nachher erhielt ich die Antwort: er verlangte zwanzigtausend Francs Nutzen. Diese Preiserhöhung trieb die Kaufsumme nur bis zu 110.000 Francs hinauf, so daß ich das Schloß Juvigny noch zehntausend Francs unter dem Schätzungswerthe bekommen konnte. Aber wenn man zehn- oder zwanzigtausend Francs mehr verlangt hätte, als die Besitzung werth war, ich würde sie doch gekauft haben. Ich« ersuchte Maitre-Desbrosses, den Contract auszufertigen und zur Unterzeichnung denselben Abend bereit zu halten. Ich verpflichtete mich in fünf Tagen zu zahlen. Denselben Abend wurde der Contract unterzeichnet. Eine Stunde nachher reiste ich nach Paris, um eine Summe von 120.000 Francs zu realisiren. Ich verkaufte fünfprozentige Staatspapiere, brachte jene Summe zusammen und reiste wieder nach Alencon. Maitre Desbrosses wünschte mir Glück, daß ich den Ankauf des Schlosses so eifrig betrieben; denn in meiner Abwesenheit, und zwar einen Tag nach meiner Abreise war ein Priester gekommen, um Juvigny zu kaufen. Ich weiß nicht warum mich die beiden Wörter: ein Priester, die in Bezug Juvigny gesprochen wurden, an die zwei Wörter: »der Priester« erinnerte, welche Zoe gesprochen hatte, als von den früheren Verhältnissen der Frau von Chambray die Rede gewesen war. Es schien mir, daß der Priester, der die Heirath der Dame gemacht, derselbe seyn müsse, wie der Priester, der nach Alencon gekommen war, um Juvigny zu kaufen. Ich fragte wie er heiße. Er hatte seinen Namen nicht genannt. Ich ließ mir seine Person beschreiben. Es war ein Mann von 55 bis 56 Jahren, von mehr als mittler Größe, mit kleinen grünen Augen, spitzer Nase und dünnen Lippen. Seine Haare waren sehr dünn, aber ungeachtet seines Alters noch schwarz geblieben. Er hatte von den Ortsverhältnissen in einer Weise gesprochen, welche vermuthen ließ, daß er denselben keineswegs fremd war. Er war sehr verdrießlich geworden, als er hörte, daß er zu spät komme, und hatte um den Namen des neuen Käufers gefragt. Man hatte ihm meinen Namen genannt; er hatte zweimal wiederholt: Max de Villiers – Max de Villiers, als ob ihm der Name nicht unbekannt gewesen wäre. Dann war er abgereist. Für meine hundertzehntausend Francs und die Contractskosten übergab man mir die Schlüssel des Schlosses. Ich fragte, an wen ich mich wenden könne, um mich in meiner neuen Besitzung zurechtzufinden. Man nannte mir eine alte Frau, Namens Josephine Gauthier, die in einer kleinen Hütte an einer Thür des Parkes wohnte. Sie war die einzige Hüterin, welche das Schloß seit der Vermälung des Fräuleins von Juvigny mit Herrn von Chambray, also seit vier Jahrem gehabt hatte. Ich nahm in Alencon einen Wagen und fuhr nach dem Dorfe Juvigny. Das Schloß lag eine halbe Viertelstunde vom Dorfe. Ich kam gegen drei Uhr Nachmittags an. Vor der Thür eines vor dem Parkthor stehenden Häuschens saß eine einfach, aber sauber gekleidete Frau und spann. »Sind Sie nicht Josephine Gauthier?« fragte ich. Sie schaute auf und sah mich an. »Ja wohl, zu dienen,« sagte sie. Ich sprang aus dem Wagen. »Ich bin der neue Käufer des Schlosses und Landgutes Juvigny,« sagte ich. »Sie?« erwiederte sie; »das ist unmöglich!« »Warum denn unmöglich?« »Vor fünf bis sechs Tagen war hier ein kleines dürres Männlein, dem man’s ansah, daß ihm das Zusammenscharren von blanken Thalern das liebste Geschäft ist; Sie hingegen —« »Mir sehen Sie es an, daß ich die blanken Thaler lieber springen lasse, als zusammenscharre, nicht wahr?« »O! das will ich nicht sagen,« erwiederte die Frau abwehrend. »Sie können mir’s gerade heraussagen, Mütterchen, weil es nicht wahr wäre. Aber zu Ihrer Beruhigung will ich Ihnen sagen, daß das dürre Männlein, das wahrscheinlich gern Thaler zusammenscharrt, das Gut Juvigny wirklich gekauft und natürlich auch angesehen hatte; daß ich es ihm aber mit zwanzigtausend Francs Nutzen wieder abgekauft habe und es jetzt ebenfalls in Augenschein nehmen will. Wenn’s Ihnen vielleicht unangenehm ist mich umherzuführen, so will ich den Besuch ganz allein machen, denn hier habe ich die Schlüssel, die mir Maitre Desbrosses übergeben hat. »Wie könnte es mir unangenehm seyn, Sie umherzuführen, gnädiger Herr?« erwiederte die Frau; »im Gegentheil, es ist mir lieber, daß das Gut meiner armen Kleinen Ihnen gehört, als dem alten Pfennigfuchser.« »Wen nennen Sie Ihre arme Kleine?« fragte ich. »Meine arme kleine Edmée, wen denn sonst!« »Sind Sie etwa die Amme der Frau von Chambray?« »Ja, lieber Herr, nicht nur ihre Amme, sondern auch ihre Haushälterin.« »Dann sind Sie die Mutter der kleinen Zoe!« Die Frau sah mich erstaunt an. »Ja wohl,« erwiederte sie. »Soll ich Ihnen auch sagen, wer Sie sind?« »Wie könnten Sie das wissen?« »Glauben Sie, ich könnte es nicht wissen?« sagte sie auf mich zutretend. »Sie sind Herr Maximilian von Villiers!« Ich gestehe, daß ich sehr erstaunt war. »Ich habe keine Ursache,« erwiederte ich, »meinen Namen zu verschweigen. Denn Sie werden mich nicht verrathen, wenn ich Sie ersuche, meinen Namen nicht zu nennen, nicht wahr?« »O! ich werde schweigen, so lange Sie wollen.« »Nun ja, ich bin Maximilian von Villiers. Aber woher wissen Sie es?« Die Frau zog einen Brief aus ihrem Halstuch. »Kennen Sie diese Handschrift?« fragte sie. »Es ist die Handschrift der Frau von Chambray.« »Ja wohl, die Handschrift meiner armen Kleinen.« »Und was steht in diesem Briefe?« »Lesen Sie – lesen Sie, Herr von Villiers!« Ich faltete den Brief auseinander und las: »Meine liebe Josephine! »Ich habe Dir eine gute Nachricht zu melden. Man hat für Gratian einen Stellvertreter gekauft, er heirathet Zoe. Sobald die Vorbereitungen getroffen sind, werde ich trachten Dich zur Hochzeit abholen zu lassen, denn ich werde mich sehr freuen Dich wieder zu sehen. Wenn Du mich fragst, wie alles dies zugegangen ist, so sage ich Dir, daß ein Wunder geschehen ist, und zwar durch einen guten edelmüthigen jungen Mann, Namens Maximilian von Villiers.     Deine arme Ma. Ich sah die Alte an. »Nun,« sagte sie, »ist es so?« »Ja« es ist so, Mütterchen,« erwiederte ich mit Thränen in den Augen. Und nach kurzem Besinnen fragte ich: »Wollen Sie mir diesen Brief verkaufen?« »Nicht uni alles Gold der Weilte antwortete die gute Alte; »aber ich will Ihnen ein Geschenk damit machen.« »Tausend Dank« Mütterchen!« sagte ich, und in der Freude meines Herzens drückte ich einen Kuß auf den Brief, »Ich sehe wohl,« sagte sie, »Sie sind ihr auch gut.« »Ich!« antwortete ich meine Uebereilung einsehend. »Sind Sie von Sinnen? Ich habe sie ja erst einmal in meinem Leben gesehen.« »Was brauchte denn mehr, wenn man Augen und ein Herz hat!« sagte sie und begleitete diese Worte mit einer unbeschreiblichen Geberde. Ich fühlte, daß die gute Alte mit jenem feinen Instinct, der vielen Frauen eigen ist, tiefer in mein Herz geblickt hatte, als ich selbst. »Wollen Sie mir jetzt das Schloß zeigen?« sagte ich abbrechend. »Sehr gern,« erwiederte sie; »kommen Sie.« »Soll ich ausspannen?« fragte der Kutscher. »Allerdings,« antwortete ich; »ich weiß noch nicht einmal, ob ich diesen Abend wieder zurückfahre. – Kann ich nöthigenfalls im Schlosse übernachten?« fragte ich die alte Josephine. »O ja« gnädiger Herr, und ich will Ihnen ein Bett machen. Sie werden Alles in gutem Stande finden, es ist noch so, wie es Monsieur und Madame verlassen haben. »Aber es ist schon lange her, daß sie das Schloß verlassen haben —« »Vier Jahre.« »Und seit jener Zeit sind sie zuweilen wiedergekommen?« »Madame war zweimal hier, Herr von Chambray aber ist nie wiedergekommen.« »Und Madame hat hier übernachtet?« »Ja, jedesmal war sie eine Nacht hier.« »Und sie hat sich nicht gefürchtet?« »Warum hätte sich die arme Kleine fürchten sollen? Sie hat ja nie einem Menschen in der Welt Böses gewünscht, wie hätte ihr der liebe Gott etwas Böses thun können!« »Wo hat sie denn übernachtet?« »In dem Zimmer, das sie als Mädchen bewohnte; ich werde es Ihnen zeigen.« »Ja, kommen Sie – ins Schloß.« Wir gingen auf das Herrenhaus zu. Es war ein hübsches steinernes Gebäude aus der Zeit Ludwigs XIII., mit einem Schieferdach. Zu dem Haupteingang, führte eine zierlich abgerundete Außentreppe von zehn bis zwölf Stufen mit einem schönen Geländer. An der einen Seite des Vorsaales war das Speisezimmer, auf der andern der Salon. Hinter dem Salon war eine Bibliothek. Eine breite steinerne Treppe mit eisernem Geländer führte in den ersten Stock. Durch die Hauptthür kam man in einen sehr gut erhaltenen, im Rococogeschmack decorirten Salon, an dessen Fenstern man die Aussicht auf den schönsten Theil des Parkes hatte. Mitten durch den Park floß die Mayenne, eine kleine Brücke führte von einem Ufer zum andern. Aus diesem Salon kam man in ein großes, mit grünem Damast ausgeschlagenes Schlafzimmer. Die alte Josephine blieb in diesem Zimmer stehen und berührte meine Schulter. »Hier in diesem Zimmer,« sagte sie, »ist das arme Kind geboren; am fünfzehnten September werden’s dreiundzwanzig Jahre. Das Bett steht noch an derselben Stelle. Die Mutter reichte mir die Neugeborne mit den Worten: »Josephine, hier nimm deine Tochter; ich fürchte, daß ich nicht mehr Zeit haben werde, ihre Mutter zu seyn.« – Die Ahnung der guten Dame ging leider in Erfüllung; drei Tage nachher war sie todt! – Zwei Jahre später vermälte sich ihr Vater wieder; aber er starb bald. Er hinterließ seiner zweiten Frau fünfhunderttausend Francs in baarem Gelde und seiner Tochter wohl dreimal so viel. Aber seine Tochter erbte schöne Landgüter und Schlösser, wie dieses. Warum Herr von Chambray sie verkauft, weiß ich nicht, aber ich glaube nicht, daß er die Absicht hat, noch schönere und bessere dafür zu kaufen. – Ach! die liebe arme Kleine! Als ich sie fünfzehn Jahre später in ihrer Brautnacht bleich und aus einer Kopfwunde blutend in diesem Bett hier liegen sah, da dachte ich an ihre arme Mutter, die sie mir anvertraut hatte, und ich dachte, ich würde das Unglück nicht überleben —« »Ich verstehe Sie nicht recht,« unterbrach ich sie; »Sie sagen jetzt: fünfzehn Jahre nach ihrer Geburt in der Brautnacht – und vorhin sagten Sie, Frau von Chambray sey bald dreiundzwanzig und seit vier Jahren verheirathet: wie konnte sie sich zugleich mit fünfzehn und mit achtzehn Jahren verheirathen?« »Die arme Kleine hat sich zweimal verheirathet, wenn man nemlich die erste Heirath mitzählen kann. Ich höre noch das Angstgeschrei meiner Zoe; ich eilte herbei – es war zu spät! Edmée lag da, bleich wie eine Wachskerze und aus einer Kopfwunde blutend.« »Was war ihr denn geschehen?« »Ach! das ist ein Geheimnis, das nie aufgeklärt worden ist. Nur Edmée und Zoe könnten reden; aber Keine von Beiden wollte über die Sache sprechen. Ich glaube, daß ihr der Unhold Montigny nach dem Leben getrachtet —« »Wer war dieser Montigny?« »Ihr erster Gemal, ein Protestant, ein Ketzer, ein Hugenott. Die Stiefmutter, eine Engländerin, hatte die Heirath zu Stande gebracht; glücklicherweise war der Priester —« »Aha!« sagte ich, »da ist er wieder!« »O ja, glücklicherweise, wie ich sagte.« Ich fiel ihr ins Wort. »Nicht wahr, ein kleiner Mann von fünf- bis sechsundfünfzig Jahren, mit kleinen grünen Augen, spitzer Nase, schmalen Lippen, dünnen dunkelbraunen Haaren —« »Sie kennen den Abbé Morin, wie es scheint.« »Der Abbé Morin heißt er?« »Ja, ein sehr braver Mann, der die arme Kleine gefirmt hat. Er nahm sich ihrer an und setzte die gerichtliche Scheidung durch. Sie können denken, das es keine große Mühe kostete: ein Ehegatte, der seiner jungen Frau in der Brautnacht eine tiefe Kopfwunde beibringt —« »Und was ist aus diesem Montigny geworden?« »Er starb zwei Jahre später – wie ein Rasender und mit abscheulichen Verwünschungen gegen den guten Abbé Morin. Die arme Kleine wurde also Witwe, ohne Frau gewesen zu seyn.« »O Gott! das ist ja schrecklich!« Bald nachher heirathete sie Herrn von Chambray. Diese Heirath brachte der Abbé Morin zu Stande – und der Himmel hat diese Ehe gesegnet —i »Glauben Sie denn,«– fragte ich, »daß Frau von Chambray glücklich ist?« »Ja wohl. Die beiden Male, daß ich sie hier gesehen, sprach sie von ihrem Gemal mit aller Achtung, und so oft sie mir schrieb, versicherte sie, daß sie recht glücklich sey. Der gute Abbé nimmt sich ja ihrer an, und unter seiner Leitung kann ihr das Paradies in dieser und jener Welt nicht fehlen.« »Und Sie sagten, daß sie bei ihren Besuchen in dem Zimmer übernachtet, welches sie einst als Mädchen bewohnte?« »Ja.« »Sie versprachen mir das Zimmer zu zeigen.« »Ja wohl, es gehört ja Ihnen sammt allem Uebrigen.« »Zeigen Sie es mir.« Die alte Josephine schloß eine kleine Thür auf und wir traten unmittelbar aus dem großen grünen Zimmer in ein kleineres, mit blauem Atlas tapezirtes Zimmer. An der Wand stand ein kleines Bett im Rocorogeschmack mit Vorhängen von weißem Musselin. Auf dem mit blauem Sammt ausgeschlagenen Camin stand eine kleine Stockuhr zwischen zwei Porzellanvasen und zwei Leuchtern. Der Spiegelrahmen war von Porzellan mit schön gearbeiteten Blumen. Ein kleiner Schreibtisch von Rosenholz stand am Fenster; die Fauteuils und Stühle waren mit geblümtem blauen Atlas beschlagen. In einer Ecke endlich stand ein Betschämel, und das über demselben angebrachte Marienbild war von so zarten, schönen Formen, daß man es für ein Werk Jean Goujou’s hätte halten können. Das Bild war von Marmor und die einzige Verzierung war ein schmaler Goldreif, der das Haupt und den Saum des Mantels umgab. Noch mehr als durch dieses Meisterwerk der Bildhauerkunst wurde meine Aufmerksamkeit durch einen Kranz und einen Strauß von Orangenblüthen gefesselt, welche in der Nische neben dem Bilde aufgehängt waren. »Es ist ihr Kranz und Strauß, den sie der heiligen Jungfrau gewidmet hat,« sagte die Alte, als sie bemerkte, mit welchem Interesse ich die beiden Gegenstände betrachtete. Ich seufzte. Das kleine Zimmer stimmte mich sehr wehmüthig; es war ja das Grab aller Erinnerungen, aller Freuden des jungen Mädchens; hier hatte sie mit ihrem jungfräulichen Schmuck alle ihre schönen Jugendträume zurückgelassen; hier war sie unter den Augen ihrer schönen Madonna herangeblüht; von hier war sie fortgegangen in die Welt voll Schmerzen und Verderbniß, welche man die Gesellschaft nennt. Sie hatte in den neuen Umgebungen ihr Engelslächeln, ihre rosige Frische verloren und die blasse Farbe der schon vom kalten Nordwinde berührten Herbstblumen angenommen; Thränen waren ihr Los – jener bittere Thau, der beim Anbruch stürmischer Tage fällt. Zweimal war sie wieder hier gewesen, vermuthlich um sich an dem Anblick ihrer Heimat zu kräftigen gegen die traurige Gegenwart und die düstere Zukunft. Ohne die Anwesenheit der alten Josephine zu beachten kniete ich auf dem Betschämel nieder und drückte einen Kuß auf die Füße der heiligen Jungfrau, welche sie mit ihren Lippen gewiß oft berührt hat. Am andern Morgen reiste ich ab, nachdem ich Josephine Gauthier das tiefste Stillschweigen über meinen Besuch, sowie über meinen Ankauf empfohlen hatte. Ich ließ ihr alle Schlüssel, mit Ausnahme des Schlüssels zu dem kleinen Zimmer. Diesen nahm ich mit. VIII Ich begab mich wieder nach Evreux oder vielmehr in das Schloß -Reuilly. Meine Abwesenheit hatte beinahe sechs Tage gedauert und Alfred von Senonches war von meiner Abreise nicht einmal in Kenntniß gesetzt worden. Ich war so heiter und vergnügt, daß er mich erstaunt ansah. »Du Glücklicher!« sagte er. Ich antwortete nicht, ich wollte weder läugnen noch gestehen, daß ich glücklich war.« »Ich weiß im Voraus, setzte er hinzu, »daß Du heute nicht mit mir nach Evreux kommen wirst.« »Warum nicht?« fragte ich. »Weil die Einsamkeit für Dich Bedürfniß ist, lieber Freund. Du sehnst Dich nach dem Rauschen der Bäume, nach dem Plätschern des Wassers, nach den durch das Laub dringenden Sonnenstrahlen. Mit diesen schönen Dingen habe ich nichts mehr zu thun und ich überlasse sie Dir zu meinem größten Bedauern. Ergehe Dich in deinen Träumen, verirre Dich in deinem Paradiese, Du Glücklicher; ich will dem Vaterlande nützliche Dienste leisten, ich will auf meinem Kanzleipapier schreiben; unterdessen schreibe Du auf deinem rosafarbenen Papier.« Ich antwortete nicht, ich schloß ihn in meine Arme. »Aha! Du bist noch mehr bei den Engeln, als ich glaubte,« sagte Alfred. »Und wenn ich mir denke, daß es eine Zeit gab, wo ich dem Wunsche, einen Freund zu umarmen, nicht widerstehen konnte, wo ich die Menschen meine Brüder nannte, wo ich alle Blumen des Paradieses hätte Haben mögen, um sie der Geliebten zu Füßen zu legen« – er lachte laut – »zum Glück ist jene Zeit vorüber. Wandle im Schatten der Buchen, träume und seufze; ich überlasse Dir Reuilly und gehe auf meine Präfectur.« Alfred de Senonches warf sich in seinen Tilbury, nahm seinem Diener die Zügel ab, hieb auf sein Pferd ein und fuhr im Galopp davon. Er ließ mich allein in der Einsamkeit des Parkes unter den hohen Bäumen, an dem silberklaren Strome – in der schönen Natur, der wahren Freundin der Menschen, der Glücklichen wie der Unglücklichen, die sich ihres Glückes freut, an ihren Leiden theilnimmt. Sobald Alfred fort war, ging ich in den Park und suchte den einsamsten, schattigsten Ort auf, um mich wie ein Schüler in den Ferien in’s Gras zu legen. Wie lange ich dort gelegen bin, weiß ich nicht; endlich erschien Georges und entriß mich meinen Träumereien. Ich sah mich um. »Entschuldigen Sie, daß ich Sie störe,« sagte Georges; »der Herr Pfarrer von Reuilly wünscht Sie in Abwesenheit – des Herrn Präfecten zu sprechen.« Ich bemerkte wirklich den Pfarrer, der einige Schritte hinter dem Bedienten stand und den Hut in der Hand hielt. Nichts rührt mich so sehr wie die Demuth bei einem Geistlichen, denn es ist eine Tugend seines Berufes, und es ist selten, daß der Mensch die Tugend seines Berufes ausübt. Ich stand schnell auf, nahm meinen Hut ab und ging auf ihn zu. Er war ein Mann von etwa vierzig Jahren. Seine Züge hatten einen sanften, wehmüthigen Ausdruck, seine Gesichtsfarbe war blaß und etwas kränklich. Er hatte große schwarze Augen und schöne weiße Zähne. »Verzeihen Sie, daß ich Sie gestört habe,« sagte er mit sanfter Stimme; »aber Ihr Freund hat mich ein für allemal ersucht, zu jeder Stunde zu ihm zu kommen, wenn es sich um ein Werk der Wohlthätigkeit handle.« »Daran erkenne ich meinen Misanthropen,« erwiederte ich lachend, und ersuchte den Pfarrer sich zu bedecken. Aber er erwiederte wehmüthig lächelnd: »Ich komme im, Namen der Armen und muß daher demüthig seyn, wie die, in deren Namen ich erscheine.« Er bat mich seinerseits, meinen Hut aufzuseßen. »Sie kommen im Namen Gottes,« antwortete ich, »es schickt sich daher für mich, vor Ihnen unbedeckt zu bleiben.« »Ein kleiner, von sehr armen Leuten bewohnter Weiler,« fuhr der Pfarrer fort, »ist in Folge der Unvorsichtigkeit eines Kindes abgebrannt. Die nun in Trümmern liegenden Hütten, die nicht einmal einen Namen haben, sind kaum eine halbe Stunde von hier entfernt. Man hat eine Sammlung veranstaltet; Jedermann steuert nach Kräften bei; Gott sieht ja auf die gute Absicht und nicht auf die Größe der Gabe.« Er zog ein Papier aus der Tasche. Es standen schon einige Unterschriften darauf. Ich nahm zehn Louisd’or ans meiner Börse. »Herr Pfarrer,« sagte ich, »hier ist meine Gabe. Haben Sie die Güte, mir Ihre, Liste hier zu lassen; mein Freund wird gewiß auch einen Beitrag zeichnen.« »Es gehört zu den trostreichen Dingen in dieser Welt,« sagte der Pfarrer, »daß Gott den Reichthum oft in würdige Hände legt. Wenn ich noch zehn oder zwölf mildthätige Herzen fände, wie das Ihrige, so würden die armen Leute mehr wieder bekommen, als sie verloren haben.« »O! Sie werden sie finden,« erwiederte ich, »zweifeln Sie nicht daran.« Er verneigte sich, um sich zu entfernen. »Ich werde Sie mit Ihrer Erlaubniß bis an’s Schloß begleiten,« sagte ich. »Ich möchte Sie nicht bemühen —« »Ich gehe in die Stadt.« »Wenn das ist, nehme ich Ihre Begleitung mit Vergnügen an.« Und da er seinen Hut nicht wieder aussetzen wollte, so gingen wir mit dem Hut in der Hand neben einander. Vor der Thür fragte er mich: »Wann erlauben Sie mir diese Liste wieder abzuholen? Ich sammle selbst die milden Gaben, und Ihre Freigebigkeit wird Andere vielleicht ebenfalls zur Freigebigkeit aneifern; von guten Beispielen erwarte ich viel.« »Sie wollen nicht sagen: von der Eitelkeit und dem Stolz, Herr Pfarrer.« »Ich sehe nur was man mir zeigt; Gott allein vermag die Herzen zu ergründen.« »Ich will Sie nicht noch einmal hierher bemühen; ich werde mir die Erlaubniß nehmen, Ihnen die Liste mit den von mir eingesammelten Beträgen noch heute zu überbringen. Ich weiß wohl, schnelle Hilfe ist doppelte Hilfe.« Der Pfarrer empfahl sich; erst vor dem Gitterthor setzte er den Hut auf. Der Mann hatte mir mit seinem anspruchlosen und doch würdevollen Wesen ungemein gefallen; man erkannte in ihm auf den ersten Blick einen würdigen Diener Gottes. Ich ließ einspannen; eine halbe Stunde nachher war ich in der Präfectur. Alfred war sehr erstaunt mich zu sehen. »Was ist denn geschehen?« sagte er. »Wenn man mich gefragt hätte, wer da klopfte, so würde ich an Dich nicht gedacht haben. Brennt’s etwa in Reuilly? Ich hoffe doch, daß Du Dich wegen einer solchen Kleinigkeit nicht incommodiren würdest.« »Nein,« antwortete ich, »es brennt nicht in Reuilly, aber draußen im Weiler scheint’s gebrannt zu haben. »Ja, ich habe davon gehört; es sind fünf bis sechs Häuser abgebrannt.« »Was für ein Mann ist dein Pfarrer?« »Wie? mein Pfarrer? Habe ich denn einen Pfarrer?« »Ich meine den Pfarrer von Reuilly?« »O! ein vortrefflicher Mann – wenigstens halte ich ihn dafür.« »Er muß wohl ein braver Mann seyn, da Du ihm unbedingten Zutritt bei Dir gestattet hast.« »Das ist wahr.« »Er hat diese Erlaubniß benützt, er hat gesammelt.« »Ja, für die Abgebrannten. Der würdige Mann ist brustkrank; so wahr ich in zwei Jahren Deputirter seyn werde, wird er in zwei Jahren nicht mehr leben. Und trotzdem wird er vielleicht dreißig bis vierzig Stunden zu Fuß machen, um für die Abgebrannten tausend Francs zusammenzubringen. Solche aufopfernde Tugend bewundere ich, und nicht die dünkelhafte Mildthätigkeit unserer Excellenzen.« »Ich widme ihr ebenfalls meine aufrichtige Bewunderung; ich habe nicht nur mein Schärflein beigesteuert, sondern auch eine Gabe von Dir versprochen.« »Wie viel hast Du gegeben?« »Zehn Louisd’or.« »Aber Du ruinirst Dich!« »Wie so?« »Du wirst gewiß der Freigebigste im ganzen Departement seyn; aber der Präfect muß doppelt so viel geben wie der Freigebigste. Hier sind zwanzig Louisd’or. Ein andermal, Freund« ziehe meine Börse zu Rathe, und nicht die deinige, wenn Du wieder freigebige Anwandlungen bekommst. Ich stand auf. »Du willst schon gehen?« fragte Alfred. »Ja, ich habe Vollmacht von dem Pfarrer und will ein gutes Haus in Contribution setzen. Diesen Abend bei Tisch sehen wir uns wieder. Soll ich den Pfarrer einladen?« »Lade ihn ein, aber er wird es ablehnen.« »Warum denn?« »Du weißt ja, daß er kränklich ist; er hält strenge Diät.« »Das thut mir leid. Ich fürchte, daß ich gezwungen seyn werde, einen andern Abbé zu hassen, und es wäre mir gar nicht unlieb, diesen als Ersatz recht lieb zu haben.« Ich verließ Alfred und stieg in mein Coupé. »Zu Herrn von Chambray!« rief ich dem Kutscher zu. Sie errathen, lieber Freund, warum ich dem Pfarrer die Liste abgenommen hatte. Ich hatte darin sogleich einen schicklichen Vorwand zu einem Besuche bei Frau von Chambray gefunden. Ich ließ fragen, ob Herr von Chambray zu Hause sey. Herr von Chambray war in Alencon. Ich ließ fragen, ob Frau von Chambray sichtbar sey. Der Diener kam zurück und führte mich in den Solon. Madame ließ mich ersuchen, einige Secunden zu warten. Ich sah mich um: prächtige Spiegel, schön verzierter Camin, weiche Teppiche, bequeme elegante Fauteuils und Sophas; kurz, ich sah, daß ich mich in einem reichen Hause befand. Während ich den Solon musterte, that sich die Thür auf und Frau von Chambray erschien. Sie trug ein kleines Spitzentuch unter dem Kinn zusammengebunden, und im Haar eine Narzrisse, weiß und bleich, wie ihr Gesicht. »Entschuldigen Sie, Madame, daß ich mir die Freiheit nehme,« sagte ich mit mühsam behaupteter Fassung. »Ich hatte nach Herrn von Chambray gefragt, und man antwortete mir, er sey verreist; da erkühnte ich mich zu fragen, Sie sichtbar wären. Ich hoffte nicht, daß Sie die Güte haben würden, mich zu empfangen.« »Es macht mir viel Vergnügen,« erwiederte sie; »denn seit unserer Unterredung habe ich mir mehr als einmal Vorwürfe gemacht, daß ich Ihnen nicht im Namen der Familie, der sie die Ruhe und Zufriedenheit wieder gegeben, gebührend gedankt habe. Nehmen Sie Platz und sagen Sie mir, was Sie von meinem Manne wünschten – wenn es sich nemlich zur Mittheilung an die Frau eignet.« »Ich gestehe Ihnen aufrichtig, Madame, antwortete ich »daß ich nur aus Anstandsrücksichten nach Herrn von Chambray fragte; ich wünschte eigentlich Sie zu sprechen.« Sie sah mich betroffen an. »Oder wenn ich mich eines andern Ausdruckes bedienen soll, Madame,« setzte ich hinzu: »eine Geschäftssache führt mich zu Ihnen.« Sie verneigte sich lächelnd. »Als Sie mir gütigst erlaubten, Madame, etwas für Ihre Schützlinge zu thun, hatte ich die Ehre Ihnen zu sagen, daß ich an Sie denken würde, sobald sich die Gelegenheit zu einem guten Werke bieten würde —« Sie stutzte. »Diese Gelegenheit hat sich dargeboten, Madame. Ein kleines Dorf in der Nähe ist abgebrannt; der Pfarrer von Reuilly, der eine Sammlung für die Abgebrannten veranstaltet, kam diesen Morgen in das Landhaues meines Freundes Alfred von Senonches; Alfred war nicht zu Hause, ich nahm dem Pfarrer die Liste ab, übergab ihm mein Schärflein, eilte in die Präfectur, um Alfreds Gabe in Empfang zu nehmen, und komme jetzt zu Ihnen, um eine Beisteuer zu erbitten.« Die zuvor sehr blassen Wangen der jungen Dame bedeckten sich mit einer lebhaften Röthe; sie schien zu zittern und wischte sich einige Schweißtropfen von der Stirn. Aber plötzlich lächelte sie und zog einen Brillantring vom Finger. »Hier ist meine Gabe,« sagte sie aufstehend. Ich sah sie erstaunt an. »Sie verweigern die Annahme?« fragte sie. »Nein« Madame,« antwortete ich; »aber ich verstehe Sie nicht, dieser Ring ist fünfhundert Francs werth, ohne die Arbeit, die, wie es scheint, von Froment Meurice ist.« Sie antwortete nicht und hielt mir fortwährend den Ring hin. »Ich wollte Sie nur um eine kleine Gabe bitten,« setzte ich hinzu, »um ein Almosen, wie man es in die Büchse einer Sammlerei legt – einen Louisd’or zum Beispiel.« Sie lächelte mit Wehmuth. Lieber Freund, dieses Lächeln werde ich nie vergessen! »Herr von Villiers,« sagte sie, »einem Manne wie Sie sind kann man Alles sagen: einem Herzen wie das Ihrige kann man Alles anvertrauen.« »Reden Sie« Madame.« »Es gibt Augenblicke, wo es einer Frau, die über ihr Vermögen nicht verfügen kann, leichter ist einen Ring zu geben im Werthe von fünfhundert Francs – als einen Louisd’or.« Sie ließ den Ring in meine Hand gleiten und verließ das Zimmer. Ehe sie die Thür geschlossen hatte, hörte ich sie schluchzen. Ich sah mich noch einmal im Salon um und war fast« entsetzt über den darin herrschenden Luxus. »O mein Gott!« sagte ich, »ist es möglich, daß eine Frau, die ihrem Manne zwei Millionen Heirathsgut zugebracht, nach vierjähriger Ehe nicht einmal einen Louisd’or für Abgebrannte zu geben hat? Ach, eine solche Frau ist ärmer, elender, beklagenswerther, als die, für welche ihre Mildthätigkeit in Anspruch genommen wird.« Ich drückte den Ring an meine Lippen und eilte aus dem Salon. Ich mußte in’s Freie, ich glaubte zu ersticken. Und sie hatte sich in allen ihren Briefen an Josephine Gauthier nicht beklagt, sie hatte ihr zu verstehen gegeben, daß sie glücklich sei! Sie mußte ein Engel seyn. * * * Denselben Abend brachte ich dem Pfarrer von Reuilly tausend Francs: vierhundert im Namen Alfreds, sechshundert im Namen der Frau von Chambray. Diese sechshundert Francs waren der Werth des Ringes nach der Schätzung des ersten Juweliers in Evreux. Zweiter Teil I Ich hatte nicht vergessen, was mir Gratian. der künftige Gatte der kleinen Zoe, gesagt hatte: »Ich warte bis ich von einem unbekannten Onkel in Amerika dreitausend Franks erbe, um mich für meine Rechnung besetzen zu können; bis dahin begnüge ich mich mit meinem täglichen Erwerb von fünfzig Sous.« Von meinem Gewinn blieben mir fünftausendfünfhundert Franks, überdies die dreihundert Francs. die mir Zoe. wie Gratian sagte. schuldig war. Am Tage nach meinem Besuche bei Frau von Chambray, die einen Theil des auf ihrem Leben liegenden Schleiers gelüftet und deshalb einen so tiefen Eindruck auf mich gemacht hatte, reiste ich noch Bernay, ohne Alfred davon in Kenntniß zu setzen. Es sollte Niemand wissen, wohin ich ging. Uebrigens war der liebe Alfred. das muß ich ihm lassen, nichts weniger als neugierig oder zudringlich. Ich fragte ihn blos, ob ich eines seiner Reitpferde auf zwei oder drei Tage benutzen könne, und auf seine bejahende Antwort ließ ich satteln und einen leichten Mantelsack auflegen. Um meine Absichten nicht zu verrathen, ritt ich in einer andern Richtung fort und erreichte die nach Bernay führende Landstraße auf einem Umwege. Bernay war das Ziel meiner kurzen Reise. In Beaumont-la-Roger ließ ich mein Pferd ausruhen. Zwei-Stunden nachher war ich zu Bernay im Gasthause zum »goldenen Löwen.« Ich war in Bernay ganz unbekannt. Ich war noch nie da gewesen. Ich mußte daher bei meinem Wirthe Erkundigungen einziehen. Ich fragte zuerst nach dem Schlosse des Herrn von Chambray. Das Schloß lag auf einem Hügel im Charentonnethale. Der reizende kleine Fluß, der dem Thale den Namen gibt, floß in malerischen Windungen an dem Park vorbei und begrenzte denselben auf der einen Seite. Etwas weiter aufwärts theilten sich die beiden Arme. um sich jenseits des Städtchens wieder zu vereinigen und in südlicher Richtung weiter zu fließen. Dies war Alles was ich wissen wollte. Ich ging auf das Schloß zu. – Es war ein Gebäude aus der neuesten Zeit, die ganze Facade zeigte die kahlen, geraden Formen, die den Bauwerken aus dem Anfange des neunzehnten Jahrhunderts eigen sind. Sehr schön war Übrigens der Park, der das Schloß umgab. Er war etwa einen halben Kilometer von den letzten Häusern des Städtchens oder vielmehr Dorfes entfernt. Am Ende des Ortes bemerkte ich einen Zettel an einer Hausthür. Es war ein hübsches, pittoreskes Häuschen, aus Bruchsteinen und Holz erbaut. Balken und Fensterläden waren grün angestrichen; oben auf dem Strohdache blühte ein ganzes Beet von Schwertlilien. Thüren und Fensterläden waren geschlossen; aber auf dem Zettel stand, daß man sich an Herrn Dubois. Kirchengasse Nr. 12. zu wenden habe. Die Kirchengasse war ganz in der Nähe. Ich schellte bei Herrn Dubois. Der alte Mann machte eben seinen gewohnten Spaziergang; aber in seiner Abwesenheit erbot sich ein kleines Mädchen, das sich als seine Nichte zu erkennen gab, mir das Häuschen zu zeigen. Ich nahm das Anerbieten an. Die Kleine nahm den Schlüssel und ging schnell und geschäftig voran; sie schien sich auf dieses Beschließeramt nicht wenig einzubilden. Das kleine Haus hätte mir nicht besser gefallen können, wenn ich selbst den Plan gemacht hätte. Das Erdgeschoß bestand aus einem großen Zimmer, das als Kaufladen oder Waarenlager benutzt werden konnte, aus einem kleinen Zimmer und einer Küche. Im ersten Stocke waren zwei Zimmer. Alles dies war naiv eingetheilt, wie in den kleinen hölzernen Häuschen, die man den Kindern als Spielzeug kauft und deren wohl dreißig sammt den aus Papier geschnittenen Bäumen in eine Schachtel gehen. Ein Gärtchen gehörte zu dem Hause. Aus dem Gärtchen und den Fenstern sah man das Schloß Chambray. Ich fragte nach dem jährlichen Miethpreise. Die Kleine sagte: hundertfünfzig Francs. Auf meine Frage, ob das Haus zu verkaufen sey, antwortete die Kleine. sie wisse es nicht, ich müsse ihren Onkel Dubois fragen. Dieser Name fiel mir zum zweiten Male auf, ich glaubte ihn schon gehört zu haben. In diesem Augenblicke hörte ich hinter mir ein Geräusch. Ich sah mich um und bemerkte einen alten Mann. den ich leicht als den Eigenthümer erkannte. Der alte Mann. ein Sechziger, hatte kleine lebhafte Augen und eine stark gebogene Nase; das ganze Gesicht hatte den Ausdruck der Schlauheit. Wir begrüßten uns und ich erneuerte die Frage, die ich bereits an seine Nichte gerichtet hatte. »Nun, das kommt auf den Preis an,« sagte er. Ein Normann sagt bekanntlich nie ja oder nein. »Auf was für einen Preis?« fragte ich. »Auf den Preis, den Sie mir geben würden.« »Ich habe den Preis nicht zu bestimmen, erwiederte ich; »Ihr habt als Verkäufer einen Preis zu fordern.« »Auf dem Zettel steht, daß das Haus zu vermiethen ist, von einem Verkauf ist nicht die Rede.« »Ihr wollt es also nicht verkaufen?« »Das sage ich nicht.« Ich fing an ungeduldig zu werden. »Ich habe nicht lange Zeit,« sagte ich. »Macht es kurz.« »Das freut mich.« sagte er. »Wie, das freut Euch.« »Ja. ich mache gerne Geschäfte mit Leuten, die keine Zeit haben.« »Ich möchte gern ein Geschäft mit Euch machen, aber Ihr müßt mir entschieden antworten.« Der Alte sah mich etwas betroffen an. »Was meinen Sie damit?« fragte er. »Ich meine damit. daß Ihr ja oder nein antworten müßt auf die ganz einfache Frage: Wollt Ihr euer Haus verkaufen oder nicht.« »Wie wär’s erwiederte er, »wenn wir zu Herrn Blanchard gingen?« »Wer ist Herr Blanchard?« »Der Notar.« »Gut, gehen wir zum Notar.« »Kommen Sie.« Die Kleine blieb in der Thür stehen. Der Onkel hatte ihr durch einen Wink zu verstehen gegeben. daß wir wahrscheinlich wiederkommen würden. – Wir begaben uns zu dem Notar. Der ehrenwerthe Mann des öffentlichen Vertrauens war zu Hause. Ein junger Springinsfeld von zwölf bis fünfzehn Jahren führte uns in die Schreibstube. Das ganze Kanzleipersonal schien aus diesem jungen Menschen zu bestehen. Der Notar war, wie es sich für eine Respectsperson seines Standes ziemt, in weißer Cravate. Dabei trug er eine grüne Brille, aber nicht auf der Nase. sondern auf der Stirn. Als wir eintraten, schob er die Brille geschwind herunter. Ich merkte wohl, daß Maitre Blanchard die Brille gegen seine Clienten und nicht zum Lesen und Schreiben brauchte. Er war auch ein Normann. »Grüß Gott, Herr Blanchard und Ihre werthe Gesellschaft, sagte der Bauer, obgleich der Notar ganz allein war. »Da ist ein Herr, der durchaus mein Haus kaufen will.« Dabei zeigte er mit dem Finger auf mich. »Ich wollte Sie fragen, ob ich’s verkaufen kann.« Der Notar verneigte sich gegen mich; dann antwortete er dem Bauer:: »Allerdings könnt Ihr’s verkaufen. Freund, es gehört ja Euch.« »Ich habe kein Geld nöthig,« setzte der Bauer hinzu; »das wissen Sie wohl, Herr Blanchard, und ich werde das Haus nur hergeben, wenn ich einen guten Preis dafür bekommen könnte.« »Herr Notar,« sagte ich, »meine Zeit ist sehr beschränkt. Wenn es in Ihrer Macht steht, so haben Sie die Güte, diesen Mann zu einer schnellen Erklärung zu bewegen. Es gibt wahrscheinlich noch mehr Häuser in Bernay zu verkaufen oder zu vermiethen.« »O ja,« antwortete der Notar. »Es gibt wohl noch Häuser,« setzte der Bauer hinzu, »aber keines wie das meinige.« »Warum nicht wie das eurige?« Der Bauer schüttelte den Kopf. »Ich sage, was ich sage,« antwortete er. »Herr Notar,« sagte ich, »der Miethpreis ist mir bekannt: hundertfünfzig Francs jährlich.« »Wer hat Ihnen das gesagt?« unterbrach der Bauer. »Das kleine Mädchen. das mir das Haus zeigte.« »Es ist ein albernes Ding. Sie wollen ja auch mein Haus nicht miethen, sondern kaufen.« Gut, ich wills kaufen,« sagte ich zum Notar; »suchen Sie also aus Ihrem Clienten den Preis herauszubringen.« »Ich hab’s Herrn Blanchard schon gesagt.« fiel der Bauer wieder ein; »unter sechstausend Francs gebe ich das Haus nicht her, und davon geht kein Saus ab.« Dies war das Doppelte des Wertes. Ich stand auf, nahm meinen Hut und wollte fortgehen. »Bedenkt doch, Papa Dubois,« sagte der Notar. Dieses Wort: »Papa Dubois« erinnerte mich an meine Unterredung mit Gratian, dem Bräutigam der kleinen Zoe. Als der Bauer sah, daß ich meinen Hut nahm, streckte er einen Arm nach mir aus, als ob er mich zurückhalten wollte. »Wo wollen Sie denn hin?« sagte er, »man zahlt ja nicht gleich einen verlangten Preis.« Ich sah wohl« daß ich mit einem echt normännischen Schacherer zu thun hatte.« »Höret, mein lieber Mann,« sagte ich. »Ein Miethzins von hundertfünfzig Franks stellt den Werth eines Hauses auf dreitausend Francs. Ich gebe Euch dreitausend Francs für das Haus. Es sind dreizehnhundert mehr als der Preis, für den Ihr Jean-Pierre verkauft habt.« »Jean Pierre! – Jean Pierre verkauft!« stammelte Dubois. »Ja, euren letzten Sohn, den sogenannten Kürassier,« erwiederte ich. – »Herr Notar,« setzte ich, meine Uhr hervrorziehend, hinzu, »es ist zwei Uhr. Bis vier Uhr will ich ein anderes zu verkaufendes oder zu vermiethendes Haus suchen. Um vier Uhr will ich wieder zu Ihnen kommen. Wenn Ihr Seelenverkäufer kein Haus für dreitausend Franks verkaufen will, so halten Sie den Contract bereit, ich verspreche Ihnen den Vorzug vor Allem was ich bis dahin sehen werde. Wenn Ihnen der Preis nicht genehm ist, so werde ich mit einem Andern unterhandeln. Adieu, Herr Notar, ich lasse Ihrem Clienten zwei Stunden Bedenkzeit.« Ich entfernte mich und ging wieder in den Gasthof »zum goldenen Löwen.« In der sichern Erwartung, daß mir der alte Dubois sein Haus zu dem von mir gebotenen Preise lassen würde, ließ ich mein Pferd satteln und ritt einen reizenden Weg am Ufer der Charentonne bis nach Rose-Moray. Schlag vier Uhr war ich wieder vor dem Hause des Notars. Ich rief einen Bettler, dem ich ein Geldstück gab, um mein Pferd zu halten, und ging in die Schreibstube. Ich fand Maitre Blanchard an derselben Stelle und in derselben Haltung. Es war seine officielle StelIe und Haltung. »Nun, was hat der alte Dubois beschlossen?« fragte ich. »Er will Ihnen das Haus lassen,« antwortete der Notar; »aber er verlangt hundert Franks Nadelgeld für seine Nichte.« »Ich gebe dreihundert,« erwiederte ich, »unter der Bedingung, daß dieses Geld in Ihren Händen bleibt, daß Sie es fruchtbringend anlegen und daß Sie es ihr an ihrem neunzehnten Geburtstage oder an ihrem Hochzeitstage übergeben.« »Der Papa Dubois wird schön angeführt,« sagte Maitre Blanchard lächelnd. »Das glaube ich wohl: er wollte die hundert Francs für sich behalten.« »Natürlich,« versetzte der Notar. »Ich bin nicht ganz Ihrer Meinung,« entgegnete ich; »doch das thut nichts zur Sache. Ist der Kaufcontract fertig?« »Ja, wohl, der Verkäufer hat ihn schon unterzeichnet.« Ich nahm die Feder. »Warum Sie,«sagte Maitre Blanchard; »auch dem Gesetze muß der Vertrag, bei Strafe der Ungültigkeit, den Parteien vorgelesen werden.« Er las mir den Vertrag vor. Der Empfang von dreitausend Franks wurde darin natürlich bestätigt. Während Maitre Blanchard las, nahm ich die tausend Thaler aus der Brieftasche und legte sie in drei Banknoten auf den Tisch. Als der Kaufkontrakt vorgelesen war, unterschrieb ich. Es blieben noch die Gebühren des Notars zu bezahlen. Diese betrugen, mit Inbegriff der Einregistrirung, achtzig Francs. Ich gab ihm eine Banknote von hundert Franks unter der Bedingung, daß die übrigen zwanzig Francs dem armen kleinen Teufel, der das ganze Kanzleipersonal ausmachte, ausgezahlt werden sollten. Maitre Blanchard übergab mir nun die Schlüssel des Hauses. Ich ersuchte ihn, sie bis auf weiteres in Verwahrung zu behalten und empfahl mich. Vor dem Hause fand ich mein Pferd nicht mehr von dem Bettler, sondern von einem kleinen Knaben, der mir bis ans Knie reichte, bewacht. Ich wollte ihm den Zügel aus der Hand nehmen. »Cè ty à tè, le cheval?«[1 - Gehört das Pferd Dir?] fragte der Kleine in seinem Patois. »Ja. es gehört mir,« antwortete ich mit einem halbmißlungenen Versuch, in demselben Dialekt zu sprechen. »Mußt es beweisen,« versetzte der Kleine und zog den Zügel an sich. Ich rief den Notar und ersuchte ihn, dem Berwahrer meines Pferdes zu bezeugen, daß das Pferd wirklich mir gehöre. Der Notar erfüllte meinen Wunsch und ich kam wieder in den Besitz meines Rosses.« Der Knabe verdiente dabei ein Fünffrankenstück. »Jetzt kann ich beschwören,« sagte er, »daß das Pferd dem Herrn gehört.« Ich wandte mich noch einmal zu dem Notar und sagte: »Dieser kleine Mensch wird gewiß einst ein famöser Client für Ihren Nachfolger.« Ich begab mich wieder in den Gasthof, ließ hier Alfreds Pferd zurück und fuhr um fünf Uhr mit dem Postwagen nach Lisieux. Drei Tage nachher war ich, wie ich Alfred versprochen, wieder in Evreux. II Vierzehn Tage nachher war ich wieder im Gasthof »zum goldenen Löwen.« Dieses Mal war ich zur Hochzeit Gratians und Zoe’s nach Bernay gekommen; denn das Domicil des jungen Mannes war zu Bernay, bei dem Tischlermeister Guillaume, in der Hauptstraße. Das Domicil der Braut war im Schlosse Chambray, dessen Lage wir beschrieben haben, und wohin sie ihrer Milchschwester gefolgt war. Die Gräfin hatte für den Brautschmuck gesorgt, und Zoe sollte im Schlosse abgeholt werden.« Für die dreihundert Francs, die von dem Kauf Jean Pierre’s übrig geblieben waren, hatte Gratian den Hochzeitschmaus im Gasthofe »zum goldenen Löwen« bestellt. Frau von Chambray hatte von ihrem Gemal die Einwilligung erhalten, zur Hochzeit zu gehen; er selbst mochte bei diesem Feste, das er als eine Last betrachtete, nicht erscheinen. Der Hochzeitstag kam. Gratian, von meiner Ankunft benachrichtigt, hatte mir Abends vorher einen Besuch gemacht. Frau von Chambray und Zoe waren Abends auch angekommen. Ich hatte den Wirth »zum goldenen Löwen« veranlaßt, im Namen der Frau von Chambray die Mutter der Braut von Juvigny holen zu lassen. Die gute Alte hatte so sehnlich gewünscht, ihre Kleine, wie sie die Gräfin nannte, wiederzusehen, daß ich ihr den Wagen schickte und hundert Franks für kleine Einkäufe übergeben ließ; denn aus den Beobachtungen, die ich bei der Sammlung gemacht hatte, zweifelte ich daß ihr Frau von Chambray dieses Glück verschaffen könne. Ich schrieb ihr, es sey von dem neuen Besitzer des Schlosses, und machte zur Bedingung« daß sie diesem nicht dafür danken sollte. Alles dies konnte ich ihr noch einmal ans Herz legen, denn sie kam eine Stunde früher von Juvigny an, als Frau von Chambray und Zoe von Evreux eintrafen. Zoe fand also im Schlosse ihre Mutter und die Gräfin ihre Amme. Abends machte ich einen Spazirgang. Seit dem Tage, wo mir Frau von Chambray ihren Ring für die Abgebrannten gegeben, hatte ich sie nicht wiedergesehen. Diesen Ring, den ich natürlich nicht verkauft, sondern nur nach denn Schätzungswerthe bezahlt hatte, trug ich an einer dünnen goldenen Kette auf der Brust. Ich hatte keine Hoffnung sie zu sehen; aber ich fühlte, mich unwillkürlich zu ihrer Wohnung hingezogen. Es wurde Abend, als ich aus dem Städtchen ging. Ich ging am Ufer der Charentonne fort und befand mich bald an der zur Kirche Notre-Dame de la Coulture führenden Treppe. Ich ging die Treppe hinauf und befand mich auf einem kleinen Friedhofe. Ein echt ländlicher Friedhof, öde und traurig wie der Gottesacker Gray’s. Im Schimmer der letzten Sonnenstrahlen, die sich wie leuchtende Lanzen über die Erdfläche erstreckten, las ich einige Grabschriften, welche Zeugniß gaben von der Einfalt der Verstorbenen und von der Naivität der Ueberlebenden. Dann ging ich in die Kirche. – Ich glaubte sie verödet zu finden. Ich irrte mich. In einer Ecke betete eine weibliche Gestalt. Sie war in einen großen Shawl gehüllt und ich konnte ihr Gesicht nicht sehen; aber ich stutzte. Eine Stimme flüsterte mir nicht ins Ohr, sondern ins Herz: »Sie ist’s!« Ich stand still und drückte die Hand auf die Brust, denn mein Athem stockte. Mein fester Wille siegte indeß schnell über meine Befangenheit. Ich ging in den dunkelsten Winkel der Kirche, und lehnte mich an einen Pfeiler nahe an die Thür. Von da betrachtete ich sie. Ein Strahl der scheidenden Sonne fiel durch ein Kirchenfenster, und ließ die Betende in einem überirdischen Strahlenglanze erscheinen. Aber der Sonnenstrahl fing an allmälig zu erblassen und erlosch endlich ganz. Warum wurde mein Herz so beklommen bei diesem Anblick als ob jenes Licht, das ihr der neidische Himmel entzog, ihre Seele gewesen wäre, die, eine kleine Weile in diese Welt verbannt, wieder zum Himmel, ihrer wahren Heimat, aufstieg?« Bald war sie von Dämmerung umgeben, und eine Bewegung, welche sie machte, zeigte mir an, daß ihr Gebet zu Ende war. Ich wurde unwillkürlich an den Vers Hamlet"s erinnert: – Nymphe, wenn Du betest, Gedenke aller meiner Sünden. Sie stand auf, küßte den rechten, auf dem Kopf der Schlange stehenden Fuß der heiligen Jungfrau, ging auf den Armenstock zu und warf ein Geldstück hinein.« Ich wußte – und Gott wußte es auch – wie schwer ihr selbst das geringste Almosen wurde! Als sie den Armen ihr Schärflein geopfert, ging sie auf die Thür zu. Ich trat nun aus dem Dunkel hervor, um meine Fingerspitzen in das Weihwasser zu tauchen, und ihr meine nassen Finger zu bieten. Sie erkannte mich. Die Ueberraschung entlockte ihr einen leisen Schrei. Ich glaubte sie unter ihrem Schleier erblassen zu. sehen. Aber sie zog einen Handschuh aus, berührte meine Fingerspitzen mit den ihrigen, schlug ein Kreuz und entfernte sich. Ich schaute ihr nach, bis sich die Thür hinter ihr geschlossen hatte und ihre Fußtritte nicht mehr zu hören waren. Dann kniete ich an derselben Stelle nieder, welche sie verlassen hatte. Ich will nicht sagen, daß ich betete, ich habe kein Gebet gelernt. Ich gehe in eine Kirche um nachzudenken, meinen Geist zu sammeln. Wenn ich Gott um etwas zu bitten, ihm für eine Wohlthat zu danken habe, so thue ich es nicht mit erlernten, fremden Lippen entlehnten Worten, sondern mit Gefühlen, die meinem Herzen entströmen und sich nicht immer in Worten aussprechen. Ich befinde mich dann in einem beschaulichen, dem Treiben der Welt entrückten, ich möchte fast sagen träumerischen Seelenzustande; mein Geist scheint Schwingen zu bekommen und himmelwärts getragen zu werden. Ich spreche mit Gott nicht wie Moses auf dem Sinai, nicht im Angesicht des feurigen Busches und von leuchtenden Blitzen umgeben, sondern wie der singende Vogel, wie die Blume, die ihren Duft verbreitet, wie der plätschernde Bach. Ich bete nicht mit Worten, ich bin ganz im Anschauen des Ueberirdischen versunken. Ich wende mich nicht zu dieser oder jener Himmelsgegend. Ich sage zu dem Winde: Du magst von Nord oder von Süd, von Ost oder West wehen, ich weiß daß Du meinen Hauch zu Gott empor trägst, durch den ich lebe, den ich segne, daß er mir so viel Liebe und so wenig Haß ins Herz gelegt hat. Und ich entferne mich ruhigen, vertrauensvollen, aber doch wehmüthigen Herzens. Gott weiß, es ist nicht Zweifel, nicht Reue, es ist Demuth. Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/pages/biblio_book/?art=48632884) на ЛитРес. Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом. notes 1 Gehört das Pferd Dir?