Die Fünf und Vierzig
Alexandre Dumas der Ältere




Alexandre Dumas

Die Fünf und Vierzig





1tes bis 3tes Bändchen





Erstes Kapitel

Die Porte Saint-Antoine


Etiamsi omnes!


Am 26. October des Jahren 1585 waren die Barrieren der Porte Saint-Antoine wider alle Gewohnheit noch um halb elf Uhr Morgens geschlossen.

Um drei Viertel auf elf Uhr kam eine Wache von zwanzig Schweizern, in denen man Schweizer aus den kleinen Kantonen, das heißt die besten Freunde des damals regierenden Könige Heinrich III. erkannte, aus der Rue de La Mortellerie hervor und marschierte auf die Porte Saint-Antoine zu, die sich vor ihnen öffnete und hinter ihnen schloß; sobald sie vor dem Thore waren, stellten sie sich längs den Hecken auf, welche außerhalb der Barriere die umfriedeten Plätze begrenzten, und drängten schon durch ihre Erscheinung allein eine große Anzahl den Bauern und geringen Bürgersleuten zurück, welche von Montreuil, Vincennes oder Saint-Maux kamen, um vor Mittag in die Stadt zu gelangen, was sie nicht zu bewerkstelligen vermocht hatten, da das Thor, wie gesagt, geschlossen war.

Ist es wahr, daß die Menge natürlich die Unordnung mit sich bringt, so hätte man glauben können, es wäre der Wille des Herrn Prevot gewesen, durch die Absendung dieser Wache der Unordnung zuvorzukommen, welche an der Porte Saint-Antoine stattfinden könnte.

Die Menge war in der That groß; sie kam auf den drei zusammenlaufenden Wegen; jeden Augenblick erschienen Mönche aus den Klöstern des Stadtgebietes, Frauen, welche seitlings auf dem Saumsattel ihrer Esel saßen, Bauern auf ihren Karten, und ballten sich an diese schon beträchtliche Masse an, welche das ungewöhnliche Geschlossensein der Thore vor der Barriere aufhielt, und Alle bildeten durch ihre mehr oder minder dringenden Fragen ein Geräusch, das zum Grundbaß wurde, während zuweilen einige Stimmen aus diesem Baß hervortraten und bis zur Oktave der Drohung oder der Klage aufstiegen.

Man konnte außer dieser Masse von Ankömmlingen, welche in die Stadt hinein wollten, noch einige besondere Gruppen wahrnehmen, die herausgekommen zu sein schienen. Statt ihre Blicke durch die Zwischenräume der Barriere in die Stadt zu tauchen, schauten diese gierig nach dem Horizont, der von dem Kloster der Jacobiner, der Priorei von Vincennes und dem Kreuz Faubin begrenzt war, als ob ihnen auf einer von diesen drei einen Fächer bildenden Straßen ein Messias zukommen müßte.

Die letzteren Gruppen glichen nicht wenig den ruhigen Inselchen, welche sich inmitten der Seine erheben, während um sie her das Wasser strudelnd und spielend bald einen Theil vom Rasen, bald ein paar alte Weidenstämme ablöst, welche sich am Ende dem Strome hingeben, nachdem sie eine Zeit lang auf dem Wirbel gezögert haben.

Diese Gruppen, zu denen wir beharrlich zurückkehren, weil sie unsere ganze Aufmerksamkeit verdienen, wurden meistens von Bürgern von Paris gebildet, welche sehr hermetisch in ihre Hosen und Wämmser eingepackt waren; denn wir haben vergessen, zu bemerken, das Wetter war kalt, der Nordostwind schneidend, und große Wolken, die sich nahe über der Erde, fortwälzten, schienen den Bäumen die letzten gelben Blätter, welche sich noch traurig darauf schaukelten, entreißen zu wollen.

Drei von diesen Bürgern sprachen mit einander, oder es sprachen vielmehr zwei und der dritte hörte zu. Drücken wir unsere Gedanken genauer aus und sagen wir: der dritte schien nicht einmal zu hören, so groß war die Aufmerksamkeit, mit der er gegen Vincennes schaute.

Beschäftigen wir uns zuerst mit dem Letzteren.

Es war ein Mann, der von hoher Gestalt sein mußte, wenn er sich aufrecht hielt; aber in diesem Augenblick waren seine Beine, von denen er, wie es schien, nicht wußte, was er mit ihnen machen sollte, wenn er sie nicht zu ihrer nötigen Bestimmung anwandte, unter ihm gebogen, während seine Arme, verhältnismäßig nicht minder lang, als seine Beine, sich über seinem Wamms kreuzten. An die Hecke angelehnt, gehörig auf das elastische Buschwerk gestützt, hielt er mit einer Beharrlichkeit, welche der Klugheit eines Menschen glich, der nicht erkannt sein will, sein Gesicht hinter seiner breiten Hand verborgen und wagte es nur ein Auge entblößt zu lassen, dessen durchdringender Blick zwischen dem Mittelfinger und dem Ringfinger durchschoß, welche nur in der für den Durchgang des Gesichtsstrahls streng nothwendigen Entfernung auseinander blieben.

An der Seite dieses seltsamen Menschen plauderte ein kleiner Mann der aus einen Erdhaufen gestiegen war, mit einem dicken Mann, welcher am Abhang diesen Haufens schwankte und sich bei jedem Schwanken wieder an den Knöpfen des Wammses seines Gegenredners anhakte.

Es waren zwei weitere Bürger, welche mit der sitzenden Person die kabalistische Drei bildeten, die wir in einem der vorhergehenden Paragraphen angekündigt haben.

»Ja, Meister Miton,« sprach der kleine Mann zu dem Dicken, »ja, ich sage und wiederhole, es werden hundert tausend Personen um das Schaffot von Salcède zusammentreffen, wenigstens hundert tausend Personen. Seht, ohne diejenigen, welche sich schon auf der Grève versammelt haben, oder welche sich nach diesem Platze aus den verschiedenen Quartieren von Paris begeben, – seht, wie viel Leute hier sind und das ist nur ein Thor. Urtheilt also, denn wenn wir wohl zählten, würden wir sechzehn Thore finden.«

»Hundert tausend, das ist viel, Gevatter Friard,« erwiederte der Dicke, »glaubt mir, Viele werden meinem Beispiel folgen und den unglücklichen Salcède nicht viertheilen sehen, aus Furcht vor einem Tumult, und sie haben Recht.«

»Meister Miton, Meister Miton, nehmt Euch in Acht,« entgegnete der kleine Mann, »Ihr sprecht da wie ein Politiker. Es wird nichts vorfallen, durchaus nichts, ich stehe Euch dafür.«

»Nicht wahr, mein Herr?« fuhr er dann, als er sah, daß der Andere den Kopf mit einer Miene den Zweifeln schüttelte, fort, indem er sich an den Mann mit den langen Armen und den langen Beinen wandte, der, statt fortwährend in der Richtung von Vincennes zu schauen, ohne seine Hand von dem Gesichte zu nehmen, eine Viertelsschwenkung gemacht hatte und nun die Barriere zum Zielpunkte seiner Aufmerksamkeit wählte.

»Wie beliebt?« fragte dieser, als ob er eben so wenig den Anruf, der an ihn gerichtet war, als die demselben vorhergehenden an den zweiten Bürger gerichteten Worte gehört hatte.

»Ich sage, es wird heute auf der Grève nichts vorfallen.«

»Ich glaube, daß Ihr Euch täuscht und daß die Viertheilung von Salcède statthaben wird,« antwortete ruhig der Mann mit den langen Armen.

»Ja, allerdings, aber ich sage, es werde kein Lärmen bei dieser Viertheilung entstehen.«

»Es wird der Lärmen der Peitschenhiebe stattfinden, die man den Pferden gibt.«

»Ihr begreift mich nicht. Unter Lärmen verstehe ich Aufruhr, und ich sage, es werde kein Aufruhr losbrechen. Wenn ein Aufruhr hätte entstehen sollen, so würde der König nicht haben eine Loge im Stadthause schmücken lassen, um mit den zwei Königinnen und einem Theile des Hofes der Hinrichtung beizuwohnen.«

»Wissen die Könige je, wann es Meutereien geben soll?« sprach mit einer Miene erhabenen Mitleids der Mann mit den langen Armen und den langen Beinen.

»Oh! Oh!« machte Meister Miton, sich an das Ohr des andern Bürgers neigend. »Das ist ein Mensch, der in einem seltsamen Tone spricht. Kennt Ihr ihn, Gevatter?«

»Nein,« antwortete der kleine Mann.

»Nun! warum redet Ihr dann mit ihm?«

»Ich rede mit ihm, um mit ihm zu reden.«

»Und Ihr habt Unrecht; Ihr seht wohl, daß er nicht gesprächsamer Natur ist.«

»Mir scheint jedoch,« versetzte der Gevatter Friard laut genug, um von dem Mann mit den langen Armen gehört zu werden, »mir scheint, daß es das größte Glück des Lebens ist, seine Gedanken auszutauschen.«

»Mit denjenigen, welche man sehr gut kennt,« erwiederte Meister Miton, »aber nicht mit denen, welche man nicht kennt.«

»Sind nicht alle Menschen Brüder, wie der Pfarrer von Saint-Leu sagt?« fügte der Gevatter Friard mit überzeugendem Tone bei.

»Das heißt, sie waren es ursprünglich; doch in Zeiten wie die unsrigen hat sich die Verwandtschaft sonderbar gelockert, Gevatter Friard. Plaudert also mit mir, wenn Ihr durchaus Plaudern wollt, und überlasst diesen Fremden seinen Gedanken.«

»Ich kenne Euch seit langer Zeit, wie Ihr sagt, und weiß zum Voraus, was Ihr mir antworten werdet, während dieser Unbekannte mir im Gegentheil vielleicht etwas Neues zu sagen hätte.«

»St! er horcht auf Euch.«

»Desto besser; wenn er auf uns horcht, so wird er mir vielleicht antworten. Ihr denkt also, es werde auf der Grève Lärmen geben?« fuhr er sich, an den Unbekannten wendend fort.

»Ich habe kein Wort hiervon gesagt.«

»Ich behaupte nicht, daß Ihr es gesagt habt,« versetzte Friard mit einem Tone, den er fein zu machen suchte, »ich behaupte nur, daß Ihr das denkt.«

»Und worauf gründet Ihr diese Gewißheit? Solltet Ihr ein Zauberer sein, Herr Friard«

»Halt! er kennt mich,« rief der Bürger im höchsten Maße erstaunt, »und woher kennt er mich?«

»Habt ich Euch nicht zwei oder dreimal genannt, »Gevatter?« sprach Miton die Achseln zuckend, wie ein Mensch, der sich vor einem Fremden des geringen Verstandes seines Gefährten schämt.

»Ah! es ist war,« sagte Friard, der sich anstrengte um zu begreifen, und in Folge dieser Anstrengung auch wirklich begriff, »bei meinem Wort es ist wahr. Nun! da er mich kennt, wird er mir wohl antworten. Nun! mein Herr,« fuhr er fort, indem er sich wieder an den Unbekannten. wandte, »ich denke, Ihr deutet, es werde auf der Grève Lärmen geben, in Betracht, daß Ihr, wenn Ihr es nicht dachtet, dort wäret, indeß Ihr im Gegentheil hier seid… ha…«

Dieses ha bewies, daß der Gevatter Friard in seiner Folgerung die entferntesten Gesetzen. seiner Logik und seines Geistes erreicht hatte.

»Aber Ihr, Herr Friard, der Ihr das Gegentheil von dem denkt, was Ihr denkt, daß ich denke,« erwiederte der Unbekannte, indem er auf die schon von seinem Gegenredner ausgesprochenen und von ihm wiederholten Worte einen besonderen Nachdruck legte »warum seid Ihr nicht auf der Grève? Mir scheint doch, das Schauspiel ist ergötzlich genug, daß sich die Freunde des Königs dort drängen. Hiernach werdet Ihr mir vielleicht antworten, Ihr gehöret nicht zu den Freunden des Königs, sondern zu denen von Herrn von Guise, und Ihr erwartet hier die Lothringer, welche, wie man sagt, in Paris einfallen sollen, um Herrn den Salcède zu befreien.«

»Nein, mein Herr,« antwortete rasch der Dicke, sichtbar erschrocken über die Voraussetzung des Unbekannten, »nein, mein Herr, ich erwarte meine Frau, Madame Nicole Friard, welche vier und zwanzig Tischtücher in die Priorei der Jacobiner getragen hat, da sie sich der Ehre erfreut, die Privatwäscherin von Don Modeste Gorenflot, dem Abte der genannten Priorei der Jacobiner, zu sein. Doch um auf den Tumult zurückzukommen, von dem der Gevatter Miton sprach, und an den ich eben so wenig glaube als Ihr, wenigstens wie Ihr sagt…«

»Gevatter, Gevatter,« rief Miton, »schaut doch, was vorgeht.«

»Meister Friard folgte der durch den Finger seines Gefährten angegebenen Richtung und sah, daß man außer den Barrieren, deren Schließung die Geister so sehr beunruhigte, auch nach das Thor schloß.

Als dieses Thor geschloßen war, stellte sich ein Theil der Schweizer vor dem Graben auf.

»Wie! Wie!« rief Friard erbleichend, »es ist nicht genug mit der Barriere und man schließt nun auch noch das Thor.«

»Nun! was sagte ich?« versetzte Miton, ebenfalls erbleichend.

»Das ist drollig, nicht wahr?« rief der Unbekannte lachend.

Und während er lachte, entblößte er zwischen dem Schnurrbart und dem Kinnbart eine Reihe weißer Zähne, welche durch die Gewohnheit, sich derselben wenigstens viermal des Tage zu bedienen, vortrefflich geschärft zu sein schienen.

Bein Anblick dieser neuen Maßregel erhoben sich ein langes Gemurmel des Erstaunens und einige Schreie des Schreckens aus der gedrängten Menge, welche die Zugänge der Barriere balagerte.

»Laßt den Kreis bilden,« rief die gebieterische Stimme eines Officiers.

Das Manoeuvre wurde auf der Stelle ausgeführt, doch nicht ohne Schwierigkeit; genöthigt, zurückzuweichen, zerquetschten die Leute zu Pferde und die auf den Karren da und dort einige Füße oder sie drückten rechts und links ein paar Rippen in der Menge ein.

Die Weiber schrieen, die Männer fluchten, diejenigen, welche fliehen konnten, flohen, einander über den Haufen werfend.

»Die Lothringer! die Lothringer!« rief eine Stimme mitten unter diesem Getümmel.

Der furchtbarste Schrei, aus dem bleichen Wörterbuch der Angst entlehnt, hätte keine raschere und entschiedenere Wirkung hervorbringen können, als der Ruf:

»Die Lothringer!!!«

»Nun! seht Ihr? seht Ihr?« rief Miton zitternd, »die Lothringer, die Lothringer, fliehen wir!«

»Fliehen, und wohin?«

»In dieses Gehege,« erwiederte Miton, der sich die Hände zerriß, indem er die Dornen der Hecke faßte, auf der der Unbekannte ganz bequem saß.

»In dieses Gehege,« rief Friard, »das ist leichter zu sagen, als zu thun, Meister Miton. Ich sehe kein Loch, durch das man in dieses Gehege gelangen könnte; und Ihr beabsichtigt doch wohl nicht, über die Hecke zu setzen, welche höher ist, als ich.«

»Ich werde mich bemühen,« erwiederte Miton unter neuen Anstrengungen.

»Ah! nehmt Euch doch in Acht, meine Frau,« rief Friard in dem schmerzlichen Tone eine Menschen, der den Kopf zu verlieren anfängt, »Euer Esel tritt mir auf die Fersen. Uf! Herr Reiter, paßt doch auf, Euer Pferd schlägt aus. Ho! Ho! Kärrner, mein Freund, Ihr rennt mir die Gabel Eures Karrens in die Seite!«

Während sich Meister Miton an die Zweige des Hages klammerte, um darüber zu kommen, und der Gevatter Friard vergebens ein Loch suchte, um durchzuschlüpfen, stand der Unbekannte auf, öffnete ganz einfach den Zirkel seiner langen Beine und stieg mit einer Bewegung, der eines Reiters ähnlich, welcher sich in den Sattel setzt, über die Hecke, ohne daß ein Zweig seine Hosen streifte.

Meister Miton ahmte ihn, die seinigen an drei Stellen zerreißend nach, aber nicht so ging es beim Gevatter Friard, der weder darüber, noch unten durch kommen konnte, und immer mehr bedroht, von der Menge erdrückt zu werden, ein herzzerreißendes Geschrei ausstieß, als der Unbekannte seinen langen Arm ausstreckte ihn zugleich bei seiner Halskrause und beim Kragen seines Wammses packte, aufhob und auf die andere Seite der Hecke mit einer Leichtigkeit setzte, als ob er es mit einem Kinde zu thun gehabt hätte.

»Oh! oh! oh!« rief Meister Miton, ergötzt durch dieses Schauspiel und mit den Augen dem Aufheben und Herablassen seines Freundes Friard folgend, »Ihr seht aus, wie das Schild zum Großen-Absalon.«

»Uf!« rief Friard, die Erde berührend, »mag ich aussehen, wie Uhr wollt, ich bin nun auf der andern Seite des Hages, und das habe ich dem Herrn zu verdanken.« Dann sich erhebend, um den Unbekannten anzuschauen, dem er kaum an die Brust reichte, fuhr er fort: »Ah! mein Herr, wie viel Gnade, Ihr seid ein wahrer Herkules, bei meinem Ehrenwort, so wahr ich Jean Friard heiße; Euren Namen, mein Herr, den Namen meines Retters… meines Freundes?«

Der brave Mann sprach in der That diesen Namen mit dem Überfließen eines tief erkenntlichen Herzens aus.

»Ich heiße Briquet, mein Herr,« erwiederte der Unbekannte, »Robert Briquet, Euch zu dienen.«

»Ich erlaube mir, zu sagen, Ihr habt mir schon bedeutend gedient. Oh! meine Frau wird Euch segnen;… doch meine arme Frau, sie wird in diesem Gedränge erstickt werden. Ah! verfluchte Schweine, die nur dazu taugen, die Leute zu erdrücken.«

Der Gevatter Friard hatte kaum diesen Ausruf beendigt, als er auf seine Schulter eine Hand so schwer wie die einer eisernen Statue fallen fühlte.

Diese Hand war die einen Schweizers.

»Soll ich Euch niederschlagen, Freundchen?« sprach der kräftige Soldat.

»Ah! wir sind eingeschlossen!« rief Friard.

»Rette sich, wer kann!« fügte Miton bei.

Und da sie die Hecke hinter sich und Raum vor sich hatten, so entflohen Beide, verfolgt von dem stillen Gelächter und dem höhnischen Blicke des Mannes mit den langen Armen, der, als er sie aus dem Gesichte verloren, sich dem Schweizer näherte, den man hier als Schildwache aufgestellt.

»Die Hand ist gut, Kamerad, wie es scheint?« sprach er.

»Ja wohl, Herr, nicht schlecht, nicht schlecht.«

»Desto besser, denn das ist von Belang, besonders wenn die Lothringer kämen, wie man sagt.«

»Sie kommen nicht.«

»Nicht?«

»Durchaus nicht.«

»Warum schließt man dann dieses Thor? Ich begreife das nicht.«

»Es ist nicht nöthig, es zu begreifen,« erwiederte der Schweizer, über seinen Witz in ein schallenden Gelächter ausbrechend.

»Das ist richtig, Kamerad, ganz richtig… ich danke,« erwiederte Robert Briquet.

Hiermit entfernte sich Robert Briquet, um sich einer andern Gruppe zu nähern, während der würdige Helvetier zu lachen aufhörte und durch die Zähne murmelte:

»Bei Gott! ich glaube, er spottet meiner. Was ist das für ein Mensch, der einen Schweizer Seiner königlichen Majestät auszulachen sich erlaubt?«[1 - Zur Erklärung dieser Worte ist zu bemerken: Robert Briquet sagt, das schlechte Französisch des Schweizers nachahmend: C‘être chuste, mon camarate, très chuste, »Das ist richtig,« &c.Worauf der Schweizer in deutscher die Worte »Bei Gott u.s.w.« erwiederte.]

Eine von diese Gruppen wurde von einer beträchtlichen Anzahl außerhalb der Stadt durch dieses unerwartete Schließen der Thore überraschter Bürger gebildet. Diese Bürger umgaben vier oder fünf Reiter von martialischer Haltung, denen das Schließen der Thore, wie es schien, sehr unbequem war, denn sie schrieen mit voller Lunge:

»Das Thor! das Thor!«

Welche Schreie, von allen Anwesenden mit wachsender Hitze wiederholt, in diesem Augenblick einen Höllenlärm verursachten.

Robert Briquet schritt auf diese Gruppe zu und rief noch lauter als einer von denjenigen, die sie bildeten:

»Das Thor! das Thor!«

Folge davon war, daß einer von den Reitern, entzückt über diese Stimmgewalt, sich gegen ihn umwandte ihn grüßte und zu ihm sprach:

»Ist es nicht schändlich, mein Herr, daß man am hellen Tage ein Stadtthor schließt, als ob die Engländer oder die Spanier Paris belagerten?«




Zweites Kapitel

Was außerhalb der Porte Saint-Antoine vorging


Robert Briquet schaute aufmerksam denjenigen an, welcher das Wort an ihn richtete.

Es war ein Mann von vierzig bis fünf und vierzig Jahren, und er schien der Anführer der drei oder vier anderen Reiter zu sein, die ihn umgaben.

Dieses prüfende Betrachten gab ohne Zweifel Robert Briquet Vertrauen, denn sogleich verbeugte er sich ebenfalls und erwiederte:

»Oh! mein Herr, Ihr habt Recht, zehnmal Recht, zwanzigmal Recht; aber,« fügte er bei, »dürfte ich Euch, ohne neugierig zu sein, fragen, welchem Beweggrunde Ihr diese Maßregel zuschreibt?«

»Bei Gott!« rief einer von den Umstehenden, »der Furcht, die sie haben, man könnte ihnen ihren Salcède fressen.«

»Cap de Bious! ein trauriger Fraß!« sprach eine Stimme.

Robert Briquet wandte sich nach der Seite, von der diese Stimme kam, deren Accent ihm einen Gascogner andeutete, und er erblickte einen Mann von zwanzig bis fünf und zwanzig Jahren, der seine Hand auf das Kreuz des Pferdes von demjenigen stützte, welcher ihm der Anführer der Andern zu sein geschienen hatte.

Der junge Mann war barhaupt; ohne Zweifel hatte er seinen Hut im Getümmel verloren.

Meister Briquet schien ein Beobachter zu sein, doch in der Regel waren seine Beobachtungen kurz; er wandte auch sogleich seinen Blick wieder von dem Gascogner ab, der ihm ohne Zweifel bedeutungslos vorkam, um ihn zu dem Reiter zurückzuführen.

»Aber,« sprach er, »da man meldet, dieser Salcède gehöre Herrn von Guise, so ist es kein so schlechter Ragout.«

»Bah! man sagt das?« versetzte der neugierige Gascogner, seine Ohren weit aufsperrend.

»Ja, allerdings, man sagt das,« antwortete der Reiter, die Achseln zuckend, »aber in unsern Zeitläufen sagt man so viel närrisches Zeug.«

»Ah!« bemerkte Briquet mit seinem forschenden Auge und seinem spöttischen Lächeln, »Ihr glaubt also, mein Herr, Salcède gehöre nicht Herrn von Guise?«

»Ich glaube es nicht nur, sondern ich bin dessen sicher,« antwortete der Reiter. Dann, als er sah, daß Robert Briquet, sich ihm nähernd, eine Bewegung machte, welche sagen wollte: »Ah, bah! Und worauf gründet Ihr diese Sicherheit?« fügte er bei:

»Ganz gewiß: wenn Salcède dem Herzog gehört hätte, so würde der Herzog ihn nicht haben hängen oder wenigstens nicht an Händen und Füßen gebunden haben von Brüssel nach Paris fahren lassen, ohne mindestens einen Entführungsversuch zu seinen Gunsten zu machen.«

»Einen Entführungsversuch!« versetzte Briquet, »das wäre sehr gewagt; denn er mag gelingen oder scheitern, sobald er von Seiten von Herrn von Guise käme, würde Herr von Guise zugestehen, daß er gegen den Herzog von Anjou conspiriert habe.«

»Ich bin überzeugt, Herr von Guise wäre durch diese Betrachtung nicht zurückgehalten worden,« erwiederte trocken der Reiter, »und da er Salcède weder reclamirt, noch vertheidigt hat, so gehört Salcède nicht ihm an.«

»Entschuldigt meine Beharrlichkeit,« fuhr Briquet fort, »ich erfinde nicht, es scheint sicher, daß Salcède gesprochen hat.«

»Wo dies?«

»Vor den Richtern.«

»Nein, nicht vor den Richtern, mein Herr, auf der Folter.«

»Ist dies nicht dasselbe?« fragte Meister Robert Briquet mit einer Miene, die er vergebens naiv zu machen suchte.

»Nein, das ist entfernt nicht dasselbe; man behauptet, er habe gesprochen, das mag sein, aber man wiederholt nicht, was er gesagt hat.«

»Ihr werdet mich abermals entschuldigen,« entgegnete Robert Briquet, »man wiederholt es, und zwar sehr ausführlich.«

»Und was hat er gesagt? laßt hören?« fragte ungeduldig der Reiter, »sprecht, Ihr, der Ihr so gut unterrichtet seid.«

»Ich rühme mich nicht gut unterrichtet zu sein, da ich mich im Gegentheil bei Euch zu belehren suche, mein Herr.«

»Verständigen wir uns,« versetzte der Reiter immer ungeduldiger, »Ihr habt behauptet, man wiederhole die Worte von Salcède; wie lauten diese Worte?«

»Ich kann nicht dafür stehen, daß es seine eigenen Worte sind,« sagte Robert Briquet, dem es, wie es schien, ein Vergnügen machte, den Reiter aufzustacheln.

»Aber wie heißen diejenigen, welche man ihm in den Mund legt?«

»Man behauptet, er habe zugestanden, daß er für Herrn von Guise conspirirte.«

»Gegen den König von Frankreich, ohne Zweifel. Immer dasselbe Lied!«

»Nicht gegen Seine Majestät den König von Frankreich, sondern gegen Seine Hoheit Monseigneur den Herzog von Anjou.«

»Wenn er das zugestanden hat…«

»Nun!« fragte Robert Briquet

»Nun! so ist er ein Elender,« sprach der Reiter, die Stirne faltend.

»Ja,« sagte leise Robert Briquet, »doch hat er gethan, was er zugestanden, so ist er ein braver Mann. Ah! mein Herr, der spanische Bock, der, Flaschenteufel und die Wippe veranlaßten ehrliche Leute, viele Dinge zu sagen.«

»Ach! Ihr sprecht da eine große Wahrheit aus,« versetzte der Reiter sich besänftigend und einen Seufzer von sich gebend.

»Bah!« unterbrach ihn der Gascogner, der beständig den Kopf in der Richtung jedes Redenden ausstreckte und Alles gehört hatte, »bah! Spanischer Bock, Flaschenkessel und Wippe, schöne Erbärmlichkeiten dies Alles! Hat Salcède gesprochen, so ist er ein Schuft und sein Patron ebenfalls.«

»Oh! Oh!« machte der Reiter, der ein Auffahren der Ungeduld nicht zu bewältigen vermochte, »Ihr singt sehr laut, Herr Gascogner!«

»Ich?«

»Ja, Ihr.«

»Cap de Bious, ich ich singe auf der Tonart, die mir beliebt; desto schlimmer für diejenigen, welchen mein Gesang nicht gefällt.«

Der Reiter machte eine Bewegung des Zorns.

»Ruhe!« sagte eine zugleich sanfte und gebieterische Stimme, deren Eigenthümer Robert Briquet vergebens zu erkennen suchte.

Der Reiter schien gegen sich selbst zu kämpfen; doch er besaß nicht die Kraft, ganz an sich zu halten.«

»Kennt Ihr diejenigen, »von welchen Ihr sprecht?« fragte er den Gascogner.

»Ob ich Salcède kenne?«

»Ja.«

»Nicht im Geringsten.«

»Und den Herzog von Guise?«

»Eben so wenig.«

»Und den Herzog von Anjou?«

»Noch weniger.«

»Wißt Ihr, daß Herr von Salcède ein Braver ist?«

»Desto besser, dann wird er brav sterben.«

»Und daß Herr von Guise, wenn er conspiriren will, selbst conspirirt?«

»Cap de Bious, was geht das mich an?«

»Und daß der Herzog von Anjou, früher Herr von Alencon, Jeden hat tödten lassen, der sich für ihn interessirte, La Mole, Coconnas, Bussy und Andere?[2 - La Mole und Coconnas uns bekannt aus »Königin Margot,« Bussy aus der »Dame von Monsoreau,« deren Fortsetzung dieser Roman bildet.]

»Ich kümmere mich den Teufel darum.«

»Wir, Ihr kümmert Euch den Teufel darum?«

»Mayneville! Mayneville!« murmelte dieselbe Stimme.

»Allerdings kümmere ich mich nicht darum. Gottes Blut! ich weiß nur Eines: ich habe heute, noch diesen Morgen, in Paris zu thun, und wegen des wüthenden Salcède schließt man mir die Thore vor der Nase zu. Cap de Bious! dieser Salcède ist ein Lumpenkerl, und eben so alle diejenigen welche daran Schuld sind, daß ich die Thore geschlossen, statt geöffnet finde.«

»Oh! das ist ein rauhborstiger Gascogner, und wir werden ohne Zweifel etwas Interessantes sehen,« murmelte Briquet.

Doch das Interessante, das der Bürger erwartete, kam nicht. Der Reiter, dem bei dieser letzten Rede das Blut ins Gesicht gestiegen war, senkte die Nase, schwieg und verschluckte seinen Zorn.

»Ihr habt im Ganzen Recht,« sagte er nach einer Pause, »ein Gewitter über alle diejenigen, welche uns verhindern nach Paris hinein zu kommen.«

»Oh! Oh!« sagte zu sich selbst Robert Briquet, der weder die Nuancen vom Gesichte des Reiters noch die zweimaligen Aufforderungen, welche an seine Geduld ergangen waren, verloren hatte, »ah! Ah! es scheint, ich werde etwas sehen, das noch interessanter sein dürfte, als das, was ich erwartet hatte.«

Während er diese Betrachtung anstellte, erklang eine Trompete und beinahe in demselben Augenblick trennten die Schweizer, diese ganze Menge mit ihren Hellebarden schlitzend, als ob sie eine Lerchenpastete durchschneiden würden, die Gruppen in zwei compacte Stücke welche sich auf beiden Seiten des Weges aufstellten und die Mitte leer ließen.

In dieser Mitte ritt der Officier, von dem wir gesprochen und dessen Bewachung das Thor anvertraut zu sein schien, auf und ab; nach einem Augenblick prüfender Beschauung, welche einer Aufforderung glich, befahl er sodann seinen Trompetern zu blasen, was auf der Stelle ausgeführt wurde und in allen den Massen ein Stillschweigen herrschen machte, das man nach so viel Aufregung und Getöse für unmöglich gehalten hätte.

Der Ausrufer mit seiner mit Lilien besäten Tonika, auf der Brust ein Schild mit dem Wappen von Paris, trat sodann, ein Papier in der Hand, vor und las mit der diesen Leuten eigenthümlichen näselnden Stimme:

»Kund und zu wissen unserem guten Volke von Paris und der Umgegend, daß die Thore von jetzt bis ein Uhr Nachmittags geschlossen sind, und daß Niemand vor dieser Stunde in die Stadt eindringen wird, nach dem Willen des Königs und durch die Wachsamkeit des Herrn Prevot von Paris.«

Der Ausrufer hielt inne, um wieder Athem zu schöpfen. Sogleich benützten die Anwesenden die Pause, um ihr Erstaunen und ihre Unzufriedenheit durch ein langen Gezische zu äußern, das der Ausrufer, man muß ihm diese Gerechtigkeit widerfahren lassen, ohne eine Miene zu verziehen aushielt.

Der Officier machte ein gebieterisches Zeichen mit der Hand, und bald war die Stille wiederhergestellt.

Der Ausrufer fuhr ohne Unruhe und ohne Zögern fort, als ob ihn die Gewohnheit gegen diese Kundgebungen, wie er einer preisgegeben war, gepanzert hätte.

»Von dieser Maßregel sollen ausgenommen sein diejenigen, welche sich durch Erkennungszeichen ausweisen oder gehörig mit Mandaten versehen sind.

»Gegeben im Hotel der Prevoté von Paris, auf ausdrücklichen Befehl Seiner: Majestät am 26 October des Jahres der Gnade 1585.

»Trompeter, blaset.«

Die Trompeter ließen sogleich ihr heiseres Geschmetter vernehmen.

Kaum hatte der Ausrufer zu sprechen aufgehört, als hinter der Linie der Schweizer und der Soldaten, die Menge zu wogen anfing, wie eine Schlange, deren Ringe sich aufschwellen und krümmen.

»Was bedeutet das?« fragte man sich bei den Friedlichsten. »Ohne Zweifel abermals ein Complott.«

»Oh! oh! ohne Zweifel, um es zu verhindern, daß wir in die Stadt hinein kommen, hat man die Sache so eingerichtet,« sagte leise sprechend zu seinen Gefährten der Reiter, der mit so seltener Geduld die Ungezogenheiten des Gascogners ertragen hatte: »diese Schweizer, dieser Ausrufer, diese Riegel, diese Trompeten, das ist Alles unseretwegen; bei meiner Seele, ich hin stolz darauf.«

»Platz! Platz! Ihr Leute,« rief der Officier, der die Abtheilung befehligte. »Tausend Teufel! Ihr seht wohl, daß Ihr diejenigen, welche das Recht haben, sich die Thore öffnen zu lassen, weiter zu gehen verhindert!«

»Cap de Bious, ich bin einer, der durchkommen wird, wenn alle Bürger der Erde zwischen ihm und der Barriere wären,« sagte mit den Ellenbogen spielend der Gascogner, der sich durch seine groben Erwiederungen die Bewunderung von Meister Robert Briquet zugezogen hatte.

Und er war in der That in einem Augenblick in dem leeren Raum, der sich mit Hilfe der Schweizer zwischen den zwei Reihen der Zuschauer gebildet hatte.

Man denke sich, wie sich die Augen voll Eifer und Neugierde auf einen Mann richteten, der so sehr begünstigt war, daß er eintreten durfte, während die Anderen nach einem strengen Befehle außen bleiben mußten.

Doch der Gascogner kümmerte sich wenig um alle diese neidischen Blicke; er dehnte sich stolz aus und ließ durch sein dünnes grünes Wamms alle Muskeln seines Körpers hervortreten, welche eben so viele durch eine innere Kurbel angespannte Stricke zu sein schienen. Dürr und knochig standen seine Faustgelenke um drei Zoll aus seinen abgeschabten Aermeln hervor; er hatte einen klaren Blick, gelbe, krause Haare, sei es durch die Natur, sei es durch den Zufall, denn der Staub nahm ein gutes Zehntel von ihrer Farbe in Anspruch. Groß und geschmeidig schlossen sich seine Füße an Knöcheln so nervig wie die eines Hirsches an. An einer von seinen Händen, nur an einer einzigen trug er einen Handschuh von gesticktem Leder, der ganz erstaunt schien, daß er bestimmt sein sollte das andere Leder, das noch rauer war als das seinige, zu beschützen; mit der anderen Hand schwang er ein Haselstöckchen.

Er sah einen Augenblick umher, dachte dann wohl, der Officier, von dem wir gesprochen, wäre die wichtigste Person dieser Truppe, und ging gerade auf ihn zu.

Dieser schaute ihn eine Zeit lang an, ohne mit ihm zu reden.

Ohne sich sich im Geringsten aufs der Fassung bringen zu lassen, that der Gascogner das selbe.

»Ihr habt Euren Hut verloren, wie es scheint?« sagte er zu ihm.

»Ja, mein Herr.«

»Geschah es im Gedränge?«

»Nein, ich hatte einen Brief von meiner Geliebten erhalten. Cap de Bious, ich las ihn am Flusse, eine Viertelmeile von hier, als mir plötzlich ein Windstoß den Brief und den Hut entriß. Ich lief dem Brief nach, obgleich der Knopf meines Hutes ein einziger Diamant war. Meinen Brief erwischte ich, als ich aber zum Hut zurückkehrte, hatte ihn der Wind in den Fluß fortgenommen, in den Fluß von Paris!… Er wird das Glück von irgend einem armen Teufel machen. Desto besser!«

»Somit seid Ihr barhaupt?«

»Findet man keine Hüte in Paris, Cap de Bious! Ich werde einen herrlicheren kaufen und einen Diamant zweimal so groß, als der erste war, daran setzen.«

Der Officier zuckte unmerklich die Achseln, aber so unmerklich auch diese Bewegung war, entging sie doch dem Gascogner nicht.

»Wenn es beliebt!« sagte er.

»Ihr habt eine Karte?« fragte der Officier.

»Gewiß habe ich eine, und eher zwei als eine.«

»Eine einzige wird genügen, wenn sie in Ordnung ist.«

»Aber täusche ich mich nicht?« fuhr der Gascogner die Augen weit aufsperrend fort, »nein, Cap de Bious, ich täusche mich nicht, ich habe das Vergnügen, mit Herrn von Loignac zu sprechen?«

»Es ist möglich, mein Herr,« antwortete trocken der Officier, sichtbar wenig erfreut über diese Wiedererkennnng.

»Mit Herrn von Loignac meinem Landsmann?«

»Ich sage nicht nein.«

»Mit einem Vetter?«

»Es ist gut, Eure Karte?«

»Hier ist sie…«

Der Gascogner zog aus seinem Handschuh eine kunstvoll abgeschnittene Karte.

»Folgt mir,« sagte Loignac, ohne die Karte anzuschauen, »Ihr und Eure Gefährten, wenn Ihr habt, wir wollen die Einlaßscheine untersuchen.«

Und er nahm seinen Posten beim Thor.

Der barhaupte Gascogner folgte ihm.

Fünf andere Männer folgten dem barhaupten Gascogner.

Der Erste war mit einem herrlichen Panzer von so wunderbarer Arbeit bedeckt, daß man hätte glauben sollen, er käme aus den Händen von Benvenuto Cellini. Da indessen das Muster, nach dem dieser Panzer gemacht worden, etwas aus der Mode gekommen war, so erregte dieses Prachtstück eher Gelächter als Bewunderung.

Allerdings entsprach kein anderer Theil des diesen Panzer tragenden Menschen der beinahe königlichen Herrlichkeit des Prospectus.

Der Zweite, der gleichen Schrittes hinter ihm ging, wurde von einem dicken Lakeien mit gräulichen Haaren gefolgt, und mager und gebräunt, wie er war, schien er der Vorläufer von Don Quicote zu sein, wie sein Diener für den Vorläufer von Sancho gelten konnte.

Der Dritte erschien mit einem Kinde auf seinen Armen; ihm folgte eine Frau, die sich an seinem ledernen Gurte! anklammerte, während zwei Kinder, das eine von vier, das andere von fünf Jahren, sich an dem Rock der Frau festhielten.

Der Vierte erschien hinkend und gleichsam an einen langen Degen befestigt.

Um den Zug zu beschließen, rückte ein junger Mann von schönem Aussehen auf einem Rappen herbei, der zwar mit Staub bedeckt, aber von edler Race war.

Dieser hatte gegen die Andern die Miene eines Königs.

Genöthigt, ziemlich sachte zu marschiren, um nicht seinen Gefährten voranzukommen, übrigens vielleicht innerlich zufrieden, nicht zu nahe bei ihnen reiten zu müssen, blieb dieser junge Mann einen Augenblick an den Gränzen der vom Volke gebildeten Hecke.

In diesem Augenblick fühlte er, daß man ihn an der Scheide seines Degens zog, und neigte sich rückwärts.

Derjenige, welcher seine Aufmerksamkeit durch diese Berührung rege machte, war ein junger Mensch mit schwarzen Haaren, funkelndem Auge, klein, schmächtig, anmuthig und sorgfältig behandschuht.

»Was steht zu Dienst, mein Herr?« fragte unser Reiter.

»Mein Herr, eine Bitte.«

»Sprecht, aber sprecht geschwinde, ich bitte Euch, man wartet aus mich.«

»Ich muß nothwendig in die Stadt hinein, mein Herr, es ist eine gebieterische Nothwendigkeit für mich, versteht Ihr? Ihr Eurerseits seid allein und braucht einen Pagen, der Eurem guten Aussehen Ehre macht.«

»Nun.«

»Nun! gebt und es wird gegeben; nehmt mich mit hinein und ich werde Euer Page sein.«

»Ich danke,« sprach der Reiter, »aber ich will von Niemand bedient sein.«

»Nicht einmal von mir?« fragte der junge Mann mir einem so seltsamen Lächeln, daß der Reiter fühlte, wie die eisige Hülle schmolz, mit der er sein Herz zu umschließen versucht hatte.

»Ich wollte sagen, ich könnte nicht bedient sein.«

»Ja. ich weiß, Ihr seid nicht reich, Herr Ernauton von Carmainges,« sagte der junge Page.

Der Reiter bebte, aber ohne diesem Beben eine Aufmerksamkeit zu schenken, fuhr der Jüngling fort:

»Auch werden wir nicht vom Gehalt sprechen; wenn Ihr mir bewilligt, was ich von Euch fordere, sollt Ihr im Gegentheil und zwar hundertfach, für die Dienste, die Ihr mir leistet, belohnt werden; ich bitte also, laßt mich Euch bedienen und bedenkt, daß derjenige, welcher bittet, zuweilen befohlen hat.«

»Kommt,« sagte der Reiter, unterjocht durch diesen Ton der Beredung und zugleich der Autorität.

Der Jüngling reichte ihm die Hand, was sehr vertraulich für einen Pagen war; dann sich gegen die uns schon bekannte Gruppe umwendend, sprach er:

»Ich komme hinein, das ist das Wichtigste; Ihr, Mayneville, sucht dasselbe zu thun, durch welches Mittel es auch sein mag.«

»Damit ist nicht Alles geschehen, daß Ihr hinein kommt,« erwiederte der Edelmann, »er muß Euch sehen.«

»Oh! seid unbesorgt, sobald ich dieses Thor im Rücken habe, wird er mich sehen.«

»Vergeßt nicht das verabredete Zeichen.«

»Zwei Finger auf den Mund, nicht wahr?«

»Ja; Gott helfe Euch!«

»Nun!« rief der Herr des Rappen, »Herr Page, entschließen wir uns?«

»Hier bin ich, Herr,« antwortete der junge Mann, und er sprang leicht auf das Kreuz hinter seinen Gefährten. der den fünf anderen Auserwählten nachfolgte, welche eben damit beschäftigt waren, ihre Karten vorzuweisen und ihre Rechte darzuthun.

»Alle Wetter!« sagte Robert Briquet, der ihnen nachschaute, »das ist eine ganze Landung von Gascognern, oder der Teufel soll mich holen!«




Drittes Kapitel

Revue


Diese Prüfung, welcher die sechs Bevorzugten sich zu unterziehen hatten, die wir aus den Reihen des Volkes hervortreten sahen, um sich dem Thore zu nähern, war weder sehr lang, noch sehr verwickelt.

Man mußte die Hälfte einer Karte aus der Tasche ziehen und sie dem Officier überreichen, der sie mit einer andern Hälfte verglich, und wenn sich bei dieser Vergleichung die beiden Hälften zusammenfügten und ein Ganzes bildeten, so waren die Rechte des Inhabers der Karte nachgewiesen.

Der barhaupte Gascogner näherte sich zuerst. Mit ihm begann folglich die Revue.

»Euer Name?« fragte der Officier.

»Mein Name? »Herr Officier, er steht auf der Karte geschrieben, auf der Ihr noch etwas Anderen sehen werdet.«

»Gleichviel! Euer Name?« wiederholte der Officier ungeduldig, »wißt Ihr Euren Namen nicht?«

»Doch wohl, ich weiß ihn, Cap de Bious! Und wenn ich ihn auch vergessen hätte, so könntet Ihr mir ihn sagen, da wir Landsleute und Vettern sind.«

»Euer Name? tausend Teufel! Glaubt Ihr, ich habe Zeit in Wiedererkennungen zu verlieren?«

»Es ist gut – Ich heiße Perducas von Pincorney.«

»Perducas von Pincorney,« versetzte Herr von Loignac, welchem wir fortan den Namen geben werden, mit dem ihn sein Landsmann begrüßt hatte; dann die Augen auf die Karte werfend:

»Perducas von Pincorney, am 26. October 1585, auf den Schlag zwölf Uhr.«

»Porte Saint-Antoine,« fügte der Gascogner bei, indem er seinen schwarzen, dürren Finger auf die Karte ausstreckte.

»Sehr gut! in Ordnung; tretet ein,« sagte Herr von Loignac, um jedes weitere Gespräch zwischen ihm und seinem Landsmann kurz abzuschneiden. »Nun ist die, Reihe an Euch!« sprach er zum Zweiten.

Der Mann. mit dem Panzer näherte sich.

»Eure Karte?« fragte Loignac

»Wie, Herr von Loignac,« rief dieser, »erkennt Ihr nicht den Sohn von einem Eurer Jugendfreunde, den Ihr zwanzigmal auf Euren Knieen geschaukelt habt?«

»Nein.«

»Pertinax von Montcrabeau,« versetzte der junge Mann erstaunt, »Ihr erkennt ihn nicht?«

»Wenn ich im Dienste bin, erkenne ich Niemand, mein Herr. Eure Karte?«

Der junge Mann mit dem Panzer reichte seine Karte.

Pertinax von Montcrabeau, am 26. Oktober, auf den Schlag zwölf Uhr, Porte Saint-Antoine. Geht zu.«

Der junge Mann ging vorüber und folgte etwas verblüfft über den Empfang Perducas nach, der ihn am Thor erwartete.

Der dritte Gascogner näherte sich; es war der mit der Frau und den Kindern.

»Eure Karte?«« fragte Loignac.

Seine gehorsame Hand tauchte sogleich in eine kleine Waidtasche von Ziegenfell, weiche an seiner rechten Seite hing.

Aber es war vergeblich: belästigt durch das Kind, das er auf dem Arme trug, konnte er das Papier nicht finden, das man von ihm forderte.

»Was Teufels macht Ihr mit dem Kinde, mein Herr, Ihr seht wohl, daß es Euch hindert?«

»Es ist mein Sohn, Herr von Loignac.«

»Nun! so setzt Euren Sohn auf die Erde.«

Der Gascogner gehorchte, das Kind fing an zu heulen.

»Ihr seid also verheirathet? fragte Loignac.

»Ja, Herr Officier.«

»Mit zwanzig Jahren?«

»Man heirathet jung bei uns, Ihr wißt es wohl, Herr von Loignac, Ihr, der Ihr mit achtzehn geheirathet habt.«

»Gut,« sagte Loignac »das ist abermals einer, der mich kennt.«

Die Frau hatte sich mittlerweile genähert, und die an ihrem Rocke hängenden Kinder waren ihr gefolgt.

»Und warum sollte er nicht verheirathet sein?« fragte sie, indem sie sich aufrichtete und von ihrer sonngebräunten Stirne ihre schwarzen Haare strich, die der Staub des Weges wie einen Teig daran kleben machte, »ist es in Paris aus der Mode gekommen, zu heirathen? Ja, mein Herr, er ist verheirathet und hier sind noch zwei Kinder, die ihn Vater nennen.«

»Ja, aber es sind nur die Söhne meiner Frau, Herr von Loignac, wie auch dieser große Junge, der hinten steht; tritt vor, Militor, und grüße Herrn von Loignac, unsern Landsmann.«

Ein junger Mensch von sechzehn bis siebzehn Jahren, kräftig, lebhaft und durch sein rundes Auge, sowie durch seine Nase einem Falken ähnlich, näherte sich, die Hände in seinem Gürtel von Büffelleder; er war in eine gute Kasake von gestrickter Wolle gekleidet, trug auf seinen muskeligen Beinen eine Hose von Gemsleder und ein entstehender Schnurrbart beschattete seine zugleich freche und sinnliche Lippe.

»Es ist Militor, mein Stiefsohn, Herr von Loignac, der älteste Sohn meiner Frau, die eine Chavantrade, eine Verwandte der Loignac Militor von Chavantrade, ist, Euch zu dienen. Verbeuge dich, Militor.«

Dann sich zu dem Kinde bückend, das sich schreiend auf der Straße wälzte, fügte er bei, während er seine Karte in allen Taschen suchte:

»Schweige, Scipion, schweige, Kleiner.«

Um dem Befehle seines Vaters zu gehorchen verbeugte sich Militor während dieser Zeit leicht und ohne seine Hände aus dem Gürtel zu ziehen.

»Um Gottes willen, mein Herr, Eure Karte,« rief Loignac ungeduldig.

»Kommt und helft mir, Lardille,« sagte der Gascogner errötend zu seiner Frau.

Lardille machte nacheinander die an ihrem Rocke angeklammerten Hände los und suchte selbst in dem Weidsack und in den Taschen ihres Mannes.

»Wir müssen sie verloren haben,« sagte sie.

»Dann lasse ich Euch verhaften,« versetzte Loignac.

Der Gascogner wurde bleich und erwiderte:

»Ich heiße Eustache von Miradoux und werde mich durch Herrn von Sainte-Maline, meinen Vetter, empfehlen.«

»Ah! Ihr seid ein Verwandter von Sainte-Maline,« sagte Loignac, ein wenig besänftigt… »Freilich, wenn man sie hört, sind sie mit allen verwandt; so sucht noch einmal und sucht mit Erfolg!«

»Lardille, seht in den Kleidern Eurer Kinder nach,« sprach Eustache, zitternd vor Ärger und Unruhe.

Lardille kniete vor ein kleines Päckchen bescheidener Effekten nieder und drehte es murrend um.

Der junge Scipion fuhr fort, sich heiser zu schreien, daß seine Brüder von der Mutter her, als sie sahen, daß man sich um nicht um sie bekümmerte, sich zu belustigen, ihm Sand in den Mund zu stopfen.

Militor regte sich nicht; es war, als gingen die Erbärmlichkeiten des Familienlebens unter oder über diesen großen Burschen hin, ohne ihn zu berühren.

»Ei!« rief plötzlich Herr von Loignac, »was sehe ich dort auf dem Ärmel dieses Schöpses in einem ledernen Umschlag?«

»Ja, ja, das ist es,« rief Eustache triumphierend, »das ist ein Gedanke von Lardille; ich erinnere mich nun, sie hat die Karte Militor angenäht.«

»Damit er doch etwas trage,« sagte Loignac spöttisch. »Pfui! das große Kalb, das nicht einmal mit den Armen schlenkert, aus Furcht, seine Arme zu tragen.«

Militors Lippen erbleichten vor Zorn, während sein Gesicht auf der Nase, auf dem Kinn und auf der Stirn marmorartig rot wurde.

»Ein Kalb hat keine Arme,« brummte er mit boshaften Augen, »es hat Klauen wie gewisse Leute von meiner Bekanntschaft.«

»Friede!« sagte Eustache, »du siehst wohl, Militor, daß Herr von Loignac uns die Ehre erweist, mit uns zu scherzen.«

»Nein, bei Gott! ich scherze nicht,« erwiderte Loignac, »dieser große Bursche soll im Gegenteil meine Worte so nehmen, wie ich sie sage. Wenn er mein Stiefsohn wäre, ließe ich ihn Mutter, Bruder, Gepäck tragen und würde selbst noch darauf steigen und ihm die Ohren verlängern, um ihm zu beweisen, daß er nur ein Esel ist.«

Militor kam ganz aus der Fassung; Eustache wurde unruhig; aber unter dieser Unruhe trat eine gewisse Freude über die Demüthigung hervor, welche seinem Stiefsohn wiederfuhr.

Um jede Schwierigkeit zu beseitigen und ihren Erstgeborenen von den Sarkasmen von Herrn von Loignac zu retten, überreichte Lardille dem Officier die von ihrer ledernen Umhüllung befreite Karte.

Herr von Loignac nahm sie und las:

»Eustache von Miradoux, am 26. Oktober, Schlag zwölf Uhr, Porte Saint-Antoine.«

»Geht,« sagte er, »und seht, daß Ihr keine von Euern Meerkatzen, schön oder häßlich, verliert.«

Eustache von Miradoux nahm den jungen Scipion wieder auf seine Arme; Lardille hing sich abermals an seinen Gürtel; die zwei Kinder klammerten sich wieder am Rock ihrer Mutter an; und diese Familientraube schloß sich, mit dem schweigsamen Militor, denjenigen an, die nach überstandener Prüfung warteten.

»Die Pest!« murmelte Loignac zwischen den Zähnen, während er Eustache von Miradoux und den Seinigen mit den Augen folgte, »welchen Auswurf von Soldaten wird Herr von Épernon da haben.«

Dann wandte er sich um und rief dem vierten zu:

»Nun kommt Ihr dran!«

Diese Worte waren an den vierten Bittsteller gerichtet.

Er war allein und sehr steif, hielt den Daumen um den Mittelfinger zusammen, um seinem eisengrauen Wamms Schneller zu geben und den Staub zu vertreiben; sein Schnurrbart, der von Katzenhaaren gemacht zu sein schien, seine grünen, funkelnden Augen, seine Brauen, deren Bogen einen Halbkreis über zwei hervorspringenden Backenknochen bildete, seine dünnen Lippen endlich verliehen seinem Gesichte den Typus des Mißtrauens und karger Zurückhaltung, woran den Menschen erkennt, der eben so sorgfältig den Grund seiner Börse als den seines Herzens verbirgt.

»Chalabre, am 26. Oktober, auf den Schlag zwölf Uhr. Es ist gut, geht!« sagte Loignac.

»Ich denke, es sind Reisekosten bewilligt,« bemerkte mit süßlichem Tone der Gascogner.

»Ich bin nicht Zahlmeister, mein Herr,« erwiederte Loignac trocken, »ich bin nur Thorwart, geht.«

Chalabre ging vorüber.

Hinter Chalabre kam ein blonder junger Reiter, der, als er seine Karte zog, aus seiner Tasche einen Würfel und mehrere Tarokkarten fallen ließ.

Er nannte sich Saint-Capautel, und da seine Erklärung durch die Karte bestätigt wurde, welche der Officier in Ordnung fand, so folgte er Chalabre.

Es blieb noch der sechste, der zufolge der Aufforderung des improvisierten Pagen vom Pferde gestiegen war und Herrn von Loignac eine Karte überreichte, auf der man las:

»Ernauton von Carmainges, am 26. Oktober, auf den Schlag zwölf Uhr.«

Während Herr von Loignac die Karte las, war der Page, der ebenfalls abgestiegen, bemüht, seinen Kopf zu verbergen, indem er die Kinnkette am Pferde seines Herrn noch fester anzog.

»Der Page gehört Euch?« fragte Loignac, mit dem Finger auf den jungen Menschen deutend.

»Ihr seht, Herr Kapitän,« erwiderte Ernauton, der weder lügen noch verraten wollte, »daß er mein Pferd zäumt.«

»Geht zu,« sagte Herr von Loignac, der mit großer Aufmerksamkeit Herrn von Carmainges betrachtete, dessen Gesicht und Haltung ihm mehr zu gefallen schien, als die aller anderen.

»Das ist doch wenigstens ein Erträglicher,« murmelte er.

Ernauton stieg wieder zu Pferde, der Page war ihm, gleichsam absichtslos, aber nicht langsam, vorangegangen und hatte sich schon mit der Gruppe der übrigen vermischt.

»Öffnet das Tor,« rief Loignac, »und laßt diese sechs Personen und die Leute ihres Gefolges hinein.«

»Vorwärts, rasch,« sagte der Page, »in den Sattel und Marsch!«

Ernauton wich abermals der Gewalt, die dieses seltsame Geschöpf über ihn ausübte, und da das Tor offen war, so gab er seinem Pferd den Sporn und drang, von dem Pagen geleitet, bis in das Herz des Faubourg Saint-Antoine.

Loignac ließ hinter den sechs Auserwählten das Tor wieder schließen zur großen Unzufriedenheit der Menge, welche nach Erfüllung der Förmlichkeit ebenfalls passieren zu dürfen glaubte und nun geräuschvoll ihre Mißbilligung äußerte.

Meister Miton, der nach einem unbändigen Laufe querfeldein, allmählich wieder Mut gefaßt hatte, und während er das Terrain auf jedem Schritte sondierte, am Ende wieder auf den Platz zurückgekommen war, wagte es, einige Klagen über die Willkür vorzubringen, mit der die Soldateske die Verbindung unterbrach.

Gevatter Friard, dem es gelungen war, seine Frau wiederzufinden, und der, von ihr beschützt, nichts mehr zu befürchten schien, erzählte seiner erhabenen Ehehälfte die Neuigkeiten des Tages, bereichert und geschmückt mit Kommentaren seiner Art.

Die Reiter endlich, von denen einer von dem kleinen Pagen Mayneville genannt worden war, beratschlagten, ob sie nicht die Ringmauer umgehen sollten in der Hoffnung, irgendeine Bresche daran zu finden und durch diese Bresche in die Stadt hineinzukommen, ohne daß sie nötig hätten, sich länger an diesem oder einem andern Tore zu zeigen.

Robert Briquet als ein analysirender Philosoph und als ein Gelehrter, der die Quintessens auszieht, Robert Briquet, sagen wir, bemerkte, daß die ganze Entwickelung der so eben von uns erzählten Scene bei dem Thore so vorgehen würde, und daß er aus den einzelnen Gesprächen der Reiter, der Bürger und den Bauern nichts mehr erfahren könnte.

Er näherte sich also immer mehr einer kleinen Baracke, welche dem Torwart als Loge diente und durch zwei Fenster erhellt wurde, von denen eins gegen Paris, das andere gegen das Feld ging.

Kaum hatte er sich auf seinem neuen Posten aufgestellt, als ein Mann, der im schnellsten Galopp herbeieilte, von seinem Pferde sprang, in die Loge trat und am Fenster erschien.

»Ah! ah!« machte Loignac.

»Hier bin ich, Herr von Loignac,« sagte er.

»Gut, woher kommt Ihr?«

»Von der Porte Saint-Victor.«

»Euer Sortenzettel?«

»Fünf.«

»Die Karten?«

»Hier sind sie.«

Loignac nahm die Karten, untersuchte sie und schrieb auf eine Schiefertafel, welche zu diesem Behufe bereit zu sein schien, die Ziffer 5.

Der Bote entfernte sich wieder.

Es waren kaum fünf Minuten vorüber, als zwei andere Boten kamen.

Loignac befragte sie nach einander und immer durch sein Fenster.

Der eine kam von der Porte Bourdelle und brachte die Ziffer 4.

Der andere kam von der Porte du Temple und meldete die Ziffer 6.

Die Boten verschwanden und wurden nach und nach von vier anderen ersetzt, welche kamen:

Der erste von der Porte Saint-Denis mit der Ziffer 5.

Der zweite von der Porte Saint-Jacques mit der Ziffer 3.

Der dritte von der Porte Saint-Honoré mit der Ziffer 8.

der vierte von der Porte Montmartre mit der Ziffer 4.

Es erschien ein letzterer, der von der Porte Bussy kam und die Ziffer 4 brachte.

Nun reihte Loignac aufmerksam und ganz leise folgende Ziffern an einander:








Gesamtsumme fünfundvierzig.

»Es ist gut.«

»Nun öffnet die Tore, und es trete ein, wer will,« rief Loignac mit starker Stimme.

Die Tore öffneten sich.

Sogleich drängten sich Pferde, Maultiere, Weiber, Kinder nach der Stadt, auf die Gefahr, unter dem Pressen der zwei Pfeiler der Zugbrücke erstickt zu werden.

In einer Viertelstunde verlief durch diese weite Arterie, die man Rue Saint-Antoine nennt, die Anhäufung der Volksmenge, welche sich vom Morgen um diesen augenblicklichen Damm aufhielt.

Das Geräusch entfernte sich allmälig.

Robert Briquet, der bis zuletzt geblieben, nachdem er der Erste gewesen war, stieg phlegmatisch über die Kette der Brücke und sagte:

»Alle diese Leute wollten etwas sehen und haben nichts gesehen, nicht einmal in ihren Angelegenheiten; ich wollte nichts sehen und bin der einzige, der etwas gesehen hat. Das ist aufmunternd; fahren wir fort; doch wozu fortfahren? Ich weiß bei Gott genug. Wird es für mich von Nutzen sein, Herrn von Salcède in vier Stücke zerreißen zu sehen? Wahrlich! nein. Überdies habe ich auf die Politik Verzicht geleistet.«

»Gehen wir zum Mittagessen; die Sonne würde Mittag bezeichnen, wenn es eine Sonne gäbe; es ist Zeit.«

Er sprach es und kehrte nach Paris zurück mit seinem ruhigen, boshaften Lächeln.




Viertes Kapitel

Die Loge auf der Grève von Seiner Majestät dem König Heinrich III


Wenn wir nur bis zur Grève, wohin er ausmündet, diesem bevölkerten Wege des Quartiers Saint-Antoine folgen würden, so fänden wir wieder unter der Menge vieler von unsern Bekannten. Doch während diese armen Bürgersleute, minder weise als Robert Briquet, gestoßen, gedrängt, gequetscht hinter einander gehen, ziehen wir es mittels des Privilegiums, das uns unsere Geschichtsschreiberflügel geben, vor, uns auf den Platz selbst zu versetzen, und wenn wir das ganze Schauspiel mit einem Blicke umfaßt haben, auf kurze Zeit zur Vergangenheit zurückzukehren, um die Ursache zu ergründen, nachdem wir die Wirkung betrachtet haben.

Man darf wohl sagen, daß Meister Friard recht hatte, wenn er zu hundert tausend Menschen wenigstens die Zahl der Zuschauer berechnete, welche sich auf dem Platze der Grève und in der Umgegend zusammenfinden würden, um das Schauspiel zu genießen, das sich daselbst vorbereitete. Ganz Paris hatte sich Rendezvous beim Stadthause gegeben, und Paris ist sehr pünktlich. Paris versäumt kein Fest, und es ist ein Fest, sogar ein außerordentliches Fest, der Tod eines Menschen, wenn er so viele Leidenschaften zu erregen gewußt hat, daß die Einen ihn verfluchen und die Andern ihn loben, während ihn die Mehrzahl beklagt.

Der Zuschauer, dem es gelang, auf den Platz hinaus zu kommen, sei es über den Quai bei der Schenke zum Bilde unser lieben Frau, sei es durch die Halle der Place Beaudoyer, erblickte zuerst auf der Grève die Bogenschützen des Lieutenants vom Stadtgericht Tanchon, und eine große Anzahl von Schweizern und Chevauxlegers, welche ein kleines, ungefähr vier Fuß hohes Schaffot umgaben.

So niedrig, daß es nur für diejenigen sichtbar war, welche es umgaben, oder für die Leute, welche an einem Fenster Platz zu finden das Glück hatten, erwartete dieses Schaffot den Missetäter, dessen sich die Mönche seit dem Morgen bemächtigt hatten, und nach dem energischen Ausdrucke des Volkes, die Pferde entgegenharrten, um ihn die große Reise machen zu lassen.

Unter dem Wetterdache des ersten Hauses nach der Rue du Mouton, auf dem Platze, stampften wirklich vier kräftige Pferde, vom Perche, mit prallen Kreuzen, weißen Mähnen, langhaarigen Füßen ungeduldig das Pflaster und bissen einander wiehernd zum großen Schrecken der Frauen, die diesen Platz freiwillig gewählt hatten, oder durch die Gewalt auf die Seite gedrängt wurden.

Die Pferde waren neu; kaum einige Male hatten sie in den grasreichen Ebenen ihrer Heimath auf ihrem breiten Rückgrat das pausbackige Kind eines bei der Rückkehr vom Felde, wenn die Sonne unterging, verspäteten Bauer getragen.

Aber nach den wiehernden Pferden und dem leeren Schafott, war dasjenige, was am Beständigsten die Blicke der der Menge anzog, das mit rotem Samt und Gold ausgeschlagene Hauptfenster des Stadthauses über dessen Balkon ein mit dem königlichen Wappenschild verzierter Teppich von Samt herabhing.

Dieses Fenster war in der That die Loge des Königs.

Es schlug halb ein Uhr aus Saint-Jean-en-Grève, als dieses Fenster, der Einlassung eines Gemäldes ähnlich, sich mit Personen füllte, die sich in einen Rahmen stellten.

Zuerst kam Heinrich III., bleich, beinahe kahl, obgleich er zu dieser Zeit erst vierunddreißig bis fünf und dreißig Jahre alt war, das Auge eingesunken in seine schwarzblaue Höhle und den Mund ganz zitternd von Nervenzuckungen.

Er erschien düster, den Blick starr, zugleich majestätisch und wankend, seltsam in seiner Haltung, seltsam in seinem Gang, mehr ein Schatten als ein Lebender, mehr ein Gespenst, als ein König, ein für seine Untertanen stets unbegreifliches und von ihnen nicht begriffenes Geheimnis, denn wenn sie ihn erscheinen sahen, wußten sie nicht, ob sie: »Es lebe der König!« rufen oder für seine Seele beten sollten.

Heinrich war in ein schwarzes Wams mit schwarzen Posamenten gekleidet; er hatte weder Orden noch Edelsteine; ein einziger Diamant, der als Agraffe für drei kurze, krause Federn diente, glänzte an seinem Toquet. Er trug in seiner linken Hand ein schwarzes Hündchen, das ihm seine Schwägerin, Maria Stuart, aus ihrem Gefängnis geschickt hatte, und auf dessen seidenem Fell seine feinen, weißen Finger wie alabasterne Finger glänzten.

Hinter ihm kam Catharina von Medici, schon vom Alter gekrümmt, denn die Königinmutter war damals sechsundsechzig bis sieben und sechzig Jahre alt; doch den Kopf trug sie noch fest und gerade; unter ihrer gewohnheitsmäßig zusammengezogenen Stirn schleuderte sie einen scharfen Blick, aber trotz dieses Blickes war ihre Erscheinung unter ihren ewigen Trauerkleidern matt und kalt wie ein Wachsbild.

In derselben Linie zeigte sich das schwermütige und sanfte Antlitz der Königin Luise von Lothringen, der scheinbar bedeutungslosen, in Wirklichkeit aber getreuen Gefährtin seines geräuschvollen und unglücklichen Lebens.

Die Königin Catharina von Medici ging einem Triumph entgegen.

Die Königin Luise wohnte einer Hinrichtung bei.

König Heinrich behandelte eine Angelegenheit.

Eine dreifache Nuance, die man auf der hochmütigen Stirn der ersten, der ergebenen der Zweiten und auf der bewölkten und gelangweilten des Dritten lesen konnte.

Hinter den erhabenen Personen, die das Volk bewunderte, kamen zwei hübsche junge Leute: der eine von kaum zwanzig, der andere von höchstens fünfundzwanzig Jahren.

Sie hielten sich am Arm, trotz der Etikette, die verbietet, daß die Menschen vor den Königen aneinander zu hängen scheinen.

Sie lächelten:

Der jüngere mit unaussprechlicher Traurigkeit, der ältere mit bezaubernder Anmut; sie waren schön, sie waren groß, sie waren Brüder.

Der jüngere hieß Henri von Joyeuse, Graf du Bouchage, der andere Herzog Anne von Joyeuse. Noch vor kurzem war er bei Hofe nur unter dem Namen d’Arques bekannt; aber der König liebte ihn über alles und hatte ihn ein Jahr zuvor, die Vicomte Joyeuse zu einem Herzogtum und zur Pairie erhebend, zum Pair gemacht.

Das Volk hegte gegen diesen Günstling keinen Haß, wie einst gegen Maugiron, Quelus, Schomberg, einen Haß, den Épernon allein geerbt.

Es empfing also den Fürsten und die beiden Brüder mit bescheidenem, aber schmeichelhaftem Zurufe.

Heinrich grüßte das Volk ernst und ohne zu lächeln, dann küßte er seinen Hund auf den Kopf.

Er wandte sich gegen die jungen Leute um und sagte zu dem Älteren:

»Lehnt Euch an die Tapete an, Anne; ermüdet Euch nicht dadurch, daß Ihr stehenbleibt; es wird vielleicht lange dauern.«

»Ich hoffe es,« unterbrach ihn Catharina, »lange und gut, Sire.«

»Ihr glaubt also, Salcède werde sprechen, meine Mutter?«

»Gott wird hoffentlich unseren Feinden diese Verwirrung geben. Ich sage unseren Feinden, denn es sind auch Eure Feinde, meine Tochter,« fügte sie bei, indem sie sich an die Königin wandte, welche erbleichte und ihr sanftes Auge senkte.

Der König schüttelte den Kopf mit einer Gebärde des Zweifels.

Dann wandte er sich wieder zu Joyeuse um und sagte, als er sah, daß dieser trotz seiner Aufforderung immer noch stand:

»Nun, Anne, tut, was ich gesagt habe, lehnt Euch mit dem Rücken an die Wand oder stützt Euch mit den Ellenbogen auf meinen Stuhl.«

»Eure Majestät ist in der Tat zu gut, und ich werde nur von der Erlaubnis Gebrauch machen, wenn ich wirklich müde bin.«

»Und wir werden nicht warten, bis Du es bist, nicht wahr, mein Bruder,« sagte Henri ganz leise.

»Seid unbesorgt,« erwiederte Anne mehr mit den Augen als mit der Stimme.

»Mein Sohn, sehe ich nicht ein Getümmel dort an der Ecke des Quai?« fragte Catharina.

»Welch ein scharfes Gesicht, meine Mutter! In der Tat, ich glaube, Ihr habt recht. Oh! wie schlimm sind meine Augen, und ich bin doch nicht alt.«

»Sire,« sagte Joyeuse, »dieser Tumult rührt vom Zurückdrängen des Volkes durch die Kompagnie der Bogenschützen her. Sicherlich kommt der Verurteilte.«

»Wie schmeichelhaft ist es für Könige, einen Menschen vierteilen zu sehen, der in seinen Adern einen Tropfen königlichen Blutes hat,« sagte Catharina von Medicis.

Und bei diesen Worten ließ sie ihren Blick auf Luise ruhen.

»Oh! Madame, verzeiht, schont mich,« versetzte die junge Königin mit einer Verzweiflung, die sie vergebens zu verbergen suchte, »nein, dieses Ungeheuer gehört nicht zu meiner Familie, und Ihr wolltet nicht sagen, es sei von derselben.«

»Gewiß nicht,« sagte der König, »ich bin überzeugt, daß meine Mutter dies nicht sagen wollte.«

»Ei!« erwiderte Catharina mit Bitterkeit, »er hält zu den Lothringern, und die Lothringer sind die Eurigen, Madame; ich denke es wenigstens. Dieser Salcède berührt Euch also an und zwar ziemlich nahe.«

»Das heißt,« unterbrach sie Joyeuse mit einer ehrenhaften Entrüstung, die der hervorstechende Zug seines Charakters war und bei jeder Veranlassung gegen denjenigen, welcher sie gereizt, wer es auch sein mochte, losbrach, das heißt, »er berührt vielleicht Herrn von Guise, aber keineswegs die Königin von Frankreich.«

»Ah! Ihr seid da, Herr von Joyeuse,« sagte Catharina mit unbeschreiblichem Hochmut und mit einer Demüthigung einen Widerspruch zurückbezahlend. »Ah! Ihr seid da? Ich hatte Euch nicht gesehen.«

»Ich bin da, nicht nur mit Bewilligung, sondern auf Befehl des Königs, Madame,« antwortete Joyeuse, Heinrich mit dem Blick befragend. »Es ist nicht so ergötzlich, einen Menschen vierteilen zu sehen, daß ich zu einem solchen Schauspiel kommen sollte, wenn ich nicht dazu genötigt wäre.«

»Joyeuse hat recht, Madame,« sagte Heinrich, »es handelt sich hier nicht um Lothringer, nicht um Guise und besonders nicht um die Königin; es handelt sich darum, Herrn von Salcède, einen Mörder, der meinen Bruder töten wollte, in vier Stücke zerreißen zu sehen.«

»Ich habe heute wenig Glück,« sagte Catharina, plötzlich nachgebend, was ihre geschickteste Taktik war, »ich mache, daß meine Tochter weint, und Gott verzeihe mir, ich glaube, ich bewirke auch, daß Herr von Joyeuse lacht.«

»Ah! Madame,« rief Luise, Catharinas Hände ergreifend, »ist es möglich, daß sich Eure Majestät so in meinem Schmerze täuscht?«

»Und in meiner tiefen Ehrfurcht?« fügte Anne von Joyeuse bei und verbeugte sich auf den Arm des königlichen Lehnstuhles.

»Es ist wahr, es ist wahr,« versetzte Catharina, einen letzten Pfeil in das Herz ihrer Schwiegertochter abdrückend. »Ich sollte wissen, wie peinlich es Euch ist, mein liebes Kind, die Complotte Eurer Verwandten von Lothringen enthüllen zu sehen, und obgleich Ihr nichts dafür könnt, leidet Ihr doch durch diese Verwandtschaft.«

»Ah! Was das betrifft, meine Mutter, das ist ein wenig wahr,« sagte der König, der Jedermann in Einklang zu bringen suchte, »denn diesmal wissen wir, woran wir uns in Beziehung auf die Theilnahme von Herrn von Guise an dem Complott zu halten haben.«

»Aber Sire,« sprach Louise von Lothringen, kühner, als sie es bis jetzt gethan hatte, »Eure Majestät weiß wohl, daß ich, als ich Königin von Frankreich wurde, meine Verwandten ganz unten am Throne gelassen habe.«

»Oh!« rief Anne von Joyeuse, »Ihr seht wohl, daß ich mich nicht täuschte, Sire, der Missetäter erscheint auf dem Platz. Teufel! welch ein gemeines Gesicht!«

»Er hat Angst,« sagte Catharina, »er wird sprechen.«

»Wenn er die Kraft dazu hat,« entgegnete der König. »Seht doch, meine Mutter, sein Kopf wankt wie der eines Leichnams.«

»Ich wiederhole,« versetzte Joyeuse, »er ist abscheulich.«

»Wie soll ein Mensch schön sein, dessen Inneres so häßlich ist? Habe ich Euch nicht die geheimen gegenseitigen Beziehungen des Physischen und Moralischen erklärt, Anne, wie Hippokrates und Galenus dieselben verstanden und erklärten?«

»Ich sage nicht nein, Sire, aber ich bin kein Jünger von Eurer Stärke, und ich habe zuweilen gesehen, daß äußerst häßliche Menschen sehr tapfere Soldaten waren. Nicht wahr, Henri?«

Anne wandte sich nach seinem Bruder um, als wollte er dessen Beifall zu Hilfe rufen; doch Henri schaute ohne zu sehen, horchte, ohne zu hören; er war in tiefe Träumerei versunken, der König antwortete daher für ihn.

»Ei, mein Gott! mein lieber Anne,« rief er, »wer sagt, daß jener dort nicht tapfer sei? Er ist es wie ein Bär, wie ein Wolf, wie eine Schlange. Erinnert Ihr Euch nicht seiner Manieren? Er hat in seinem Hause einen normannischen Edelmann, seinen Feind, verbrannt. Er hat sich zehnmal geschlagen und drei von seinen Gegnern getötet; man hat ihn beim Falschmünzen ertappt und deshalb zum Tode verurteilt.«

»Wobei er sodann durch die Vermittelung des Herrn Herzog von Guise, Eures Vetters, meine Tochter, begnadigt worden ist,« sagte Catharina de Medicis.

Diesmal war Louise von Lothringen mit ihren Kräften zu Ende; sie vermochte nur einen Seufzer auszustoßen.

»Das ist ein wohlerfülltes Dasein, welches bald sein Ende erreichen wird,« sagte Joyeuse.

»Herr von Joyeuse, ich hoffe im Gegenteil, es wird so langsam wie möglich endigen,« sagte Catharina.

»Madame,« erwiderte Joyeuse, den Kopf schüttelnd, »die Pferde, die ich dort unter jenem Wetterdache sehe, kommen mir so kräftig und ungeduldig vor, ganz unbeschäftigt stehen bleiben zu sollen, daß ich nicht an einen sehr langen Widerstand der Muskeln, Nerven und Sehnen des Herrn von Salcède glaube.«

»Ja, wenn man nicht für den Fall vorhersehen würde,« versetzte Catharina mit jenem Lächeln, das nur ihr angehörte, »doch, mein Sohn ist barmherzig, er wird den Knechten Befehle geben, daß sie sachte ziehen.«

»Aber, Madame,« warf die Königin schüchtern ein, »ich habe Euch diesen Morgen zu Frau von Mercœur sagen hören, dieser Unglückliche würde nur zwei Züge auszuhalten haben.«

»Von Herzen gern, wenn er sich gut benimmt,« erwiderte Catharina, »dann wird er so rasch wie möglich abgefertigt werden; doch Ihr versteht, meine Tochter, und ich wollte, Ihr würdet es ihm sagen lassen, da Ihr Euch für ihn interessiert, er halte sich gut, das ist seine Sache.«

»Madame,« sprach die Königin, »Gott hat mir nicht wie Euch die Stärke verliehen, und ich habe somit nicht viel Muth, leiden zu sehen.«

»So werdet Ihr es nicht anschauen.«

Louise schwieg.

Der König hatte nichts gehört; er war ganz Auge, denn man beschäftigte sich damit, den Missethäter vom Karren zu nehmen, der ihn gebracht hatte, um ihn auf das kleine Schaffot zu legen.

Während dieser Zeit hatten die Hellebardiere, die Bogenschützen und die Schweizer den Raum beträchtlich erweitert, und es herrschte nun rings um das Schafott eine Leere, welche groß genug war, daß alle Blicke Salcèdes trotz der geringen Erhöhung des Blutgerüstes unterscheiden konnten.

Salcède mochte ungefähr vierunddreißig bis fünf und dreißig Jahre alt sein, er war stark und kräftig; seine bleichen Gesichtszüge, worauf einige Schweiß- und Blutstropfen perlten, belebten sich, wenn er umherschaute, durch einen unbeschreiblichen Ausdruck bald der Hoffnung, bald der Angst.

Gleich Anfangs warf er seine Blicke nach der königlichen Loge; aber sein Auge verweilte nicht hier, als hätte er begriffen, daß ihm aus derselben statt der Rettung der Tod zukam.

Er ging auf die Menge über; im Schoße dieses stürmischen Meeres wühlte er mit seinen glühenden Augen und mit seiner am Rande seiner Lippen zitternden Seele.

Die Menge schwieg.

Salcède war kein gemeiner Mörder, Salcède war vor allem von guter Geburt; da Catharina de Medicis, welche sich um so mehr auf die Genealogie verstand, als sie pfui darüber zu machen schien, einen Tropfen königlichen Blutes in seinen Adern entdeckt hatte; dabei war er ein Kapitän von einigem Rufe gewesen. Nun durch einen schmählichen Strick gebunden, hatte diese Hand einst mutig das Schwert geführt; dieser bleiche Kopf, auf dem sich die Schrecknisse des Todes abmalten, Schrecknisse, die der Missetäter ohne Zweifel in der tiefsten Tiefe seiner Seele verschlossen haben würde, wenn die Hoffnung nicht zu viel Platz eingenommen hätte, dieser bleiche Kopf hatte großartige Pläne beherbergt.

Aus dem Gesagten geht hervor, daß Salcède für viele Zuschauer ein Held war; für viele andere ein Opfer; wohl betrachteten ihn Einige als einen Mörder, aber die Menge hat stets Mühe in ihrer Verachtung in die Reihen gemeiner Mörder diejenigen zuzulassen, welche große Morde versucht haben, die das Buch der Geschichte gleichzeitig mit dem der Justiz einträgt.

Man erzählte sich in der Menge, Salcède sei aus einem Kriegergeschlechte geboren; sein Vater habe heftig den Kardinal von Lothringen bekämpft, was ihm in der Metzelei in der Bartholomäusnacht einen glorreichen Tod eingetragen, der Sohn aber habe, diesen Tod vergessend oder vielmehr seinen Haß einem Ehrgeize opfernd, für den der große Haufe immer eine gewisse Sympathie hegt, einen Vertrag mit Spanien und mit den Guisen eingegangen, um in Flandern die wachsende Souveränität des bei den Franzosen so sehr verhaßten Herzogs von Anjou zu vernichten.

Man sprach ferner von seiner Verbindung mit Baza und Balouin, den angeblichen Urhebern des Komplotts, das den Herzog Franz, den Bruder Heinrichs III., beinahe das Leben gekostet hätte; man führte die Gewandheit an, welche Salcède bei diesem ganzen Prozesse entwickelt hatte, um dem Rade, dem Galgen oder dem Scheiterhaufen zu entgehen, worauf noch das Blut seiner Genossen rauchte; allein hatte er durch falsche, sehr künstliche Geständnisse, sagten die Lothringer, seine Richter so sehr geködert, daß der Herzog von Anjou, um mehr zu erfahren, für den Augenblick sein Leben verschonte und ihn in nach Frankreich führen ließ, statt ihn in Antwerpen oder Brüssel enthaupten zu lassen; allerdings gelangte er am Ende zu demselben Resultat; aber auf der Reise, die der Zweck seiner Geständnisse war, hoffte Salcède von seinen Parteigängern befreit und entführt zu werden; zu seinem Unglück hatte er ohne Herrn von Bellièvre gerechnet, der, mit dieser kostbaren Verwahrung betraut, so gut Wache hielt, daß weder die Spanier, noch die Lothringer, noch die Liguisten sich des Gefangenen eine Meile nähern konnten.

Salcède hoffte im Gefängnis, Salcède hoffte auf der Folter; Salcède hoffte auf dem Karren; er hoffte noch auf dem Schafott. Nicht als hätte es ihm an Muth oder Resignation gefehlt; aber er gehöhrte zu den lebhaften Wesen, die sich bis zum letzten Athemzuge mit der Hartnäckigkeit und der Stärke wehren, welche die menschliche Kraft nicht immer bei den Geistern von untergeordnetem Werthe erreicht.

Dem König entging so wenig wie dem Volk dieser beständige Gedanke von Salcède.

Catharina studierte ängstlich jede, auch die geringste Bewegung des unglücklichen jungen Mannes; aber sie war zu weit von ihm entfernt, um der Richtung seiner Blicke zu folgen und ihr fortwährendes Spiel zu bemerken.

Bei der Ankunft des Missethäters erhoben sich wie durch einen Zauber Stockwerke von Männern, Frauen und Kinder; so oft ein neuer Kopf über diesen beweglichen, aber schon von dem wachsamen Auge von Salcède gewesenen Niveau erschien, analysirte er ihn völlig in einer Prüfung von einer Secunde, welche wie eine Prüfung von einer Stunde dieser übermäßig gereizten Organisation genügte, in der die so kostbare Zeit alte Fähigkeiten verzehnfachtes oder vielleicht verhundertfachte.

Nach diesem Blick, nach diesem auf das unbekannte und neue Gesicht geschleuderten Blitz, wurde Salcède wieder düster und wandte seine Aufmerksamkeit einer andern Seite zu.

Der Henker fing indessen an, sich seiner zu bemächtigen, und band ihn mitten um den Leib auf den Mittelpunkt des Schaffots.

Auf ein Zeichen von Meister Tranchon, dem Lieutenant vom Stadtgericht und Comrnandanten der Hinrichtung, waren schon zwei Bogenschützen durch die Menge gedrungen, um die Pferde zu holen.

Unter anderen Umständen oder in einer anderen Absicht hätten die Bogenschützen nicht einen Schritt in dieser kompacten Masse machen können, aber die Menge wußte, was die Bogenschützen thun wollten, und sie schloß sich noch enger an und gab Raum, wie man auf einem überfüllten Theater stets den mit wichtigen Rollen beauftragten Schauspielern Platz macht.

In diesem Augenblick entstand ein Geräusch an der Thüre der königlichen Loge, und den Vorhang aufhebend meldete der Huissier Ihren Majestäten, der Präsident Brisson und vier Räthe, von denen der eine der Berichterstatter des Prozesses, wünschten die Ehre zu haben, mit dem König über den Gegenstand der Hinrichtung eine kurze Unterredung zu pflegen.

»Das ist wunderbar,« sagte der König.

Dann sich gegen Catharina umwendend, fuhr er fort:

»Meine Mutter, Ihr werdet befriedigt werden.«

Catharina machte ein leichtes Zeichen mit dem Kopf, womit sie ihre Billigung bezeugte.

»Laßt die Herren eintreten,« sagte der König.

»Sire, eine Gnade,« sprach Joyeuse.

»Laß hören,« erwiederte der König, »vorausgesetzt, es ist nicht die Begnadigung des Verurtheilten.«

»Seid unbesorgt, Sire.«

»Nun?«

»Sire es ist ein Ding, was besonders das Gesicht meines Bruders und hauptsächlich auch das meinige verletzt: die rothen Roben und die schwarzen Roben; Eure Majestät wolle also die Güte haben, uns zu erlauben, daß wir uns zurückziehen.«

»Wie, Ihr interessiert Euch so wenig für meine Angelegenheiten, Herr von Joyeuse, daß Ihr Euch in einem solchen Augenblick entfernen zu dürfen verlangt?« rief Heinrich.

»Glaubt das nicht, Sire, Alles, was Eure Majestät berührt, ist von tiefem Interesse für mich; aber ich bin von einer erbärmlichen Organisation und die schwächste Frau ist in diesem Punkte stärker als ich. Ich kann keine Hinrichtung sehen, ohne auf acht Tage krank zu werden. Da nun aber nur ich noch bei Hofe lache, seit dem mein Bruder, ich weiß nicht warum, nicht mehr lacht, so bedenkt, was aus dem armen, jetzt schon so trübseligen Louvre werden wird, wenn es mir einfällt, ihn noch trübseliger zu machen. Habt also Gnade, Sire…«

»Du willst mich verlassen, Anne?« sagte Heinrich mit einem Ausdruck unbeschreiblicher Traurigkeit.

»Seht, Sire, Ihr fordert sehr viel; eine Hinrichtung auf der Grève, das heißt die Rache und das Schauspiel, und zwar ein Schauspiel, auf das Ihr, ganz im Gegensatze zu mir, äußerst begierig seid, die Rache und das Schauspiel genügen Euch nicht, und Ihr müßt Euch noch zugleich an der Schwäche Eurer Freunde weiden.«

»Bleibe, Joyeuse, bleibe; Du wirst sehen, daß es interessant ist.«

»Ich zweifle nicht daran; ich befürchte sogar, wie ich Eurer Majestät gesagt habe, das Interesse dürfte sich auf einen Grad steigern, wo ich es nicht mehr auszuhalten vermöchte. Ihr erlaubt mir also, Sire, nicht wahr?«

Und er machte eine Bewegung gegen die Thüre.

»Gehe,« sagte Heinrich III. seufzend, »halte es nach Deiner Phantasie, es ist mein Loos allein zu leben.«

Und der König wandte sich die Stirne gefaltet gegen seine Mutter, denn er befürchtete, sie könnte das Gespräch gehört haben, das zwischen ihm und seinem Günstling stattgefunden.

Das Gehör von Catharina war eben so fein als ihr Gesicht, wenn sie aber nicht hören wollte, so war kein Ohr härter als das ihrige.

Mittlerweilen neigte sich Joyeuse an das Ohr seines Bruders und sagte zu ihm:

»Geschwinde, geschwinde, du Bouchage, während die Räthe eintreten, schlüpfe hinter ihren großen Roben hinaus und laß uns wegschleichen; der König sagt, jetzt ja, in fünf Minuten wird er nein sagen.«

»Ich danke, mein Bruder,« erwiederte der junge Mann, »ich war wie Du, es drängte mich, wegzugehen.«

»Vorwärts, die Roben erscheinen, verschwinde zarte Nachtigall.«

Man sah in der That hinter den Herren Räthen wie zwei rasche Schatten die zwei jungen Leute entfliehen.

Hinter ihnen fiel der Vorhang mit seinen schweren Flügeln herab.

Als der König den Kopf umwandte, waren sie schon verschwunden.

Heinrich stieß einen Seufzer aus und küßte seinen kleinen Hund.




Fünftes Kapitel

Die Hinrichtung


Die Räthe blieben schweigsam im Hintergrunde der königlichen Loge stehen und warteten, bis der König das Wart an sie richtete.

Der König ließ einen Augenblick auf sich warten, wandte sich dann gegen sie um und sprach:

»Nun, meine Herren, was gibt es Neues? Guten Morgen, Herr Präsident Brisson.«

»Sire,« antwortete der Präsident mit seiner leichten Würde, die man bei Hofe seine Hugenotten-Höflichkeit nannte, – »wir kommen, um Eure Majestät, wie es Herr von Thou gewünscht hat, anzuflehen, das Leben des Schuldigen zu schonen. Ohne Zweifel hat er einige Offenbarungen zu machen, und wenn man ihm das Leben verspräche, würde man sie von ihm erhalten.«

»Aber hat man sie nicht von ihm erhalten, Herr Präsident?«

»Ja, Sire, – theilweise, – genügt das Eurer Majestät?«

»Ich weiß, was ich weiß, Messire.«

.»Eure Majestät weiß also, woran sie sich in Beziehung auf die Theilnahme Spaniens bei dieser Angelegenheit zu halten hat.«

»Spaniens, ja, Herr Präsident, und sogar mehrerer anderer Mächte.«

»Es wäre wichtig, diese Theilnahme zu konstatieren, Sire.«

»Der König hat auch die Absicht, die Hinrichtung zu verschieben,« sagte Catharina, »wenn der Schuldige ein mit seinen Angaben vor dem Richter, der ihn auf die Folter spannen ließ, gleichlautendes Bekenntniß unterzeichnet.«

Brisson fragte den König mit den Augen und der Geberde.

»Das ist meine Absicht und ich verberge sie nicht länger,« sagte der König, »Ihr könnt Euch davon überzeugen. Herr Brisson, wenn Ihr Euren Lieutenant vom Gericht mit dem Missethäter sprechen laßt.«

»Euere Majestät hat mir nichts mehr zu befehlen?«

»Nichts, Doch keine Veränderung in den Geständnissen, oder ich nehme mein Wort zurück! – Sie sind öffentlich, sie müssen vollständig sein.«

»Ja, Sire. Mit dem Namen der betheiligten Personen?«

»Mit dem Namen, mit allen Namen.«

»Selbst wenn diese Personen durch das Geständniß des Verbrechers mit Hochverrath und Empörung gegen das Oberhaupt befleckt würden?«

»Selbst wenn diese Namen die meiner nächsten Verwandten wären,« sagte der König.

»Es soll geschehen, wie Eure Majestät befiehlt.«

»Ich will mich erklären, Herr Brisson, damit kein Mißverständniß obwalte. Man bringe dem Verurtheilten Feder und Papier. Er schreibe sein Bekenntniß und zeige dadurch öffentlich, daß er sich unserer Gnade und Barmherzigkeit anheimstellt. Hernach werden wir sehen.«

»Aber ich kann versprechen?«

»Versprecht immerhin.«

»Seht, meine Herren,« sagte der Präsident, seine Räthe verabschiedend.

Und nachdem er sich ehrfurchtsvoll vor dem König verbeugt hatte, ging er hinter ihnen hinaus.

»Er wird sprechen,« sagte Louise von Lothringen, ganz zitternd, »er wird sprechen und Eure Majestät wird ihn begnadigen. Seht, wie der Schaum auf seine Lippen tritt.«

»Nein, nein, er sucht nur,« erwiederte Catharina.

»Was sucht er denn?«

»Parbleu,« sprach Heinrich III., »das ist nicht schwer zu errathen: er sucht den Herrn Herzog von Parma, den Herrn Herzog von Guise; er sucht Monsieur meinen Bruder, den allerkatholischsten König. Ja, suche! suche! warte, glaubst Du die Grève sei ein so bequemer Ort für Hinterhalte, wie die Straße von Flandern? glaubst Du, ich habe hier nicht hundert Bellièvre, um Dich zu verhindern, vom Schaffot hinabzusteigen, wohin Dich ein Einziger geführt hat?«

Salcède hatte die Bogenschützen abgehen sehen, um die Pferde zu holen. Er hatte den Präsidenten und die Räthe in der Loge des Königs bemerkt, – dann hatte er sie wieder verschwinden sehen: er begriff, daß der König Befehl zur Hinrichtung gegeben hatte.

Da erschien auf seinem leichenbleichen Munde der blutige Schatten, den die junge Königin wahrgenommen: in der tödtlichen Ungedud, die ihn verzehrte, biß sich der Unglückliche bis auf das Blut in die Lippen.

»Niemand! Niemand!« murmelte er. »Nicht Einer von denjenigen, welche mir Hilfe versprochen hatten! Feige! Feige! Feige!«

Der Lieutenant Tranchon näherte sich dem Schaffot und sagte zu dem Henker:

»Haltet Euch fertig.«

Der Nachrichter machte ein Zeichen gegen das andere Ende des Platzes und man sah die Pferde, die Menge durchschneidend, eine stürmische Furche zurücklassen, die sich, der des Meeres ähnlich, wieder hinter ihnen schloß.

Diese Furche wurde von den Zuschauern gebildet, welche der rasche Durchzug der Pferde niederwarf oder zurückdrängte; aber die umgestürzte Mauer schloß sich alsbald wieder, und zuweilen wurden die Ersten die Letzten und so gegenseitig, – denn die Starken warfen sich in den leeren Raum.

Man konnte nun an der Ecke der Rue de la Vannerie, als die Pferde hier vorüberkamen, einen uns bekannten hübschen jungen Mann von dem Weichsteine, auf dem er stand, herabspringen sehen, angetrieben den einem Jüngling von kaum fünfzehn bis sechzehn Jahren, der sehr heißgierig auf dieses furchtbare Schauspiel zu sein schien. Dies war der geheimnißvolle Page und der Vicomte Ernauton von Carmainges.

»Geschwinde! Geschwinde!« flüsterte der Page seinem Gefährten in‘s Ohr, werft Euch in das Loch, es ist kein Augenblick zu verlieren.«

»Aber man wird uns erdrücken,« entgegnete Ernauton, »Ihr seid ein Narr, mein kleiner Freund.«

»Ich will sehen, von Nahem sehen,« sagte der Page mit so gebieterischem Tone, daß man leicht zu erkennen vermochte, dieser Befehl komme aus einem an das Befehlen gewöhnten Mund.

Ernauton gehorchte.

»Schließt Euch fest an die Pferde an,« sagte der Page, »verlaßt sie nicht um eine Sohle breit, oder wir kommen nicht an Ort und Stelle.«

»Aber ehe wir ankommen, werdet Ihr in Stücke zerschmettert sein.«

»Kümmert Euch nicht um mich. Vorwärts! Vorwärts!«

»Die Pferde werden ausschlagen.«

»Packt das letzte am Schweif; nie schlägt ein Pferd, wenn man es so hält.«

Ernauton unterlag unwillkührlich dem seltsamen Einfluß dieses Kindes; er gehorchte und hing sich an den Schweif des Pferdes an, während sich der Page an seinem Gürtel festhielt.

Mitten durch diese wie ein Meer wogende, wie ein Gebüsch dornige Menge gelangten sie, hier einen Flügel von ihrem Mantel, dort ein Bruchstück von ihrem Wamms, anderswo ihre Hemdkrause zurücklassend, zu gleicher Zeit mit dem Gespann bis auf drei Schritte zu dem Schaffot, auf welchem sich Salcède in den Zuckungen der Verzweiflung krümmte.

»Sind wir an Ort und Stelle?« murmelte athemlos der junge Mann, als er Ernauton anhalten sah.

»Ja, zum Glück, denn meine Kräfte sind erschöpft,« antwortete der Vicomte.

»Ich sehe nicht.«

»Tretet vor mich.«

»Nein, nein, noch nicht… Was macht man?«

»Schlingen an das Ende der Stricke.«

»Und was macht er?«

»Wer er?«

»Der Verurtheilte.«

»Er verdreht die Augen wie ein Geier aus der Lauer.«

Die Pferde waren nahe genug am Schaffot, daß die Knechte des Henkers an die Füße und Fäuste von Salcède die an ihren Kummeten befestigten Zugriemen binden konnten.

Salcède brüllte, als er an seinen Knöcheln die rauhe Berührung der Stricke fühlte, die eine Schlinge um sein Fleisch zusammenzog.

Er richtete einen äußersten, einen unbeschreiblichen Blick an diesen ungeheuren Platz, dessen hundert tausend Zuschauer er im Kreise seines Gesichtsstrahl umfaßte.

»Mein Herr?« sagte höflich der Lieutenant Tranchon, »beliebt Euch, mit dem Volke zu sprechen, ehe wir vorfahren?«

Und er näherte sich dem Ohre des Verbrechers, um leise beizufügen:

»Ein gutes Geständniß… und Euer Leben ist gerettet.«

Salcède schaute ihm bis in die Tiefe der Seele.

Dieser Blick war so beredet, daß er die Wahrheit aus dem Herzen von Tranchon zu reißen schien und sie bis in seine Augen heraussteigen machte, wo sie hervorbrach.

Salcède täuschte sich nicht und begriff, daß der Lieutenant aufrichtig war und halten würde, was er verprach.

»Ihr seht,« fuhr Tranchon fort, »man verläßt Euch, Ihr habt keine andere Hoffnung mehr auf dieser Welt, als die, welche ich Euch biete.«

»Nun wohl!« sagte Salcède mit einem heiseren Seufzer, »gebietet Stillschweigen, ich bin bereit, zu sprechen.«

»Der König verlangt ein geschriebenes und unterzeichnetes Geständniß.«

»Dann macht mir die Hände frei und gebt mir eine Feder, ich werde schreiben.«

»Euer Geständniß?«

»Mein Geständniß, es sei.«

Entzückt vor Freude hatte Tranchon nur ein Zeichen zu machen, denn es war für den Fall vorhergesehen. Ein Bogenschütze hielt das Erforderliche bereit; er gab ihm Schreibzeug, Federn, Papier, und Tranchon legte Alles auf das Holz des Schaffots.

Zu gleicher Zeit lockerte man um ungefähr drei Fuß den Strick, der das rechte Faustgelenke von Salcède hielt und hob ihn auf die Estrade, damit er schreiben konnte.

Als Salcède saß, fing er an, mit aller Kraft zu athmen und sich seiner Hand zu bedienen. um seine Lippen abzuwischen und seine Haare zurückzustreichen, welche feucht von Schweiß über seine Augbrauen herabfielen.

»Vorwärts, vorwärts,« sagte Tranchon, »setzt Euch bequem und schreibt Alles.«

»Oh! habt nicht bange,« erwiederte Salcède seine Hand nach der Feder ausstreckend. »Seid ruhig, ich werde diejenigen nicht vergessen, welche mich vergessen.«

Bei diesen Worten schaute er zum letzten Male umher. Ohne Zweifel war der Augenblick, sich zu zeigen, für den Pagen gekommen, denn er ergriff Ernauton bei der Hand und sagte zu ihm:

»Mein Herr, habt die Güte, nehmt mich in Eure Arme und hebt mich über diese Köpfe empor, die mich zu sehen verhindern.«

»Ah! in der That, Ihr seid unersättlich, junger Mensch.«

»Noch diesen Dienst, mein Herr.«

»Ihr mißbraucht mich.«

»Ich muß den Verurtheilten sehen, versteht Ihr? ich muß ihn sehen.«

Dann, als Ernauton wahrscheinlich nicht rasch genug auf diese Einschärfung antwortete, fügte er bei:

»Habt Mitleid, Herr, habt Gnade ich flehe Euch an.«

Das Kind war nicht mehr ein phantastischer Tyrann, sondern ein unwiderstehlich Flehender.

Ernauton hob den jungen Menschen in seine Arme, doch nicht ohne ein gewisses Erstaunen über die Zartheit des Körpers, den er in seinen Händen hielt.

Der Kopf des Pagen überragte nun die anderen Köpfe.

Eben hatte Salcède seine Rundschau vollendend, die Feder ergriffen.

Plötzlich erblickte er zu seinem großen Erstaunen das Antlitz des jungen Menschen.

In diesem Augenblick drückte der Page zwei Finger auf seine Lippen. Eine unsägliche Freude verbreitete sich auf dem Gesichte des Verbrechers. Es war wie die Trunkenheit des bösen Reichen, da Lazarus einen Tropfen Wasser auf seine vertrocknete Zunge fallen läßt.

Er hatte das so ungeduldig erwartete Signal erkannt, das ihm Hilfe verkündigte.

Nach einer Betrachtung von mehreren Sekunden bemächtigte sich Salcède des Papiers, das ihm Tranchon unruhig über sein Zögern reichte, und fing an mit einem fieberhaften Eifer zu schreiben.

»Er schreibt, er schreibt,« murmelte die Menge.

»Er schreibt,« wiederholte die Königin Mutter mit offenbarer Freude.

»Er schreibt,« sagte der König, »bei Gottes Tod! ich werde ihn begnadigen.«

Plötzlich unterbrach sich Salcède, um noch einmal den jungen Menschen anzuschauen.

Der junge Mensch wiederholte dasselbe Zeichen, und Salcède schrieb weiter.

Dann nach einem kürzeren Zwischenraum unterbrach er sich wieder, um abermals zu schauen.

Diesmal machte der Page Zeichen mit den Fingern und dem Kopfe.

»Seid Ihr zu Ende?« fragte Tranchon, der sein Papier nicht aus dem Gesichte verlor.

»Ja,« antwortete Salcède maschinenmäßig.

»So unterzeichnet.«

Salcède unterzeichnete, ohne seine Augen, welche an den jungen Menschen genietet blieben, auf das Papier zu richten.

Tranchon streckte seine Hand nach dem Geständnis aus.

»Dem König, dem König allein,« sprach Salcède.

Und er reichte dem Lieutenant das Papier, doch mit einem Zögern und wie ein besiegter Soldat, der seine letzte Waffe übergibt.

»Wenn Ihr Alles wohl gestanden habt, so seid Ihr gerettet, Herr von Salcède,« sagte der Lieutenant.

Ein aus Spott und Unruhe gemischtes Lächeln trat auf den Lippen des Verurtheilten hervor, der den geheimnißvollen Pagen ungeduldig zu befragen schien.

Ermüdet wollte Ernauton seine Last niedersetzen und öffnete die Arme. Der Page glitt auf den Boden.

Mit ihm verschwand die Vision, die den Verurtheilten aufrecht erhalten hatte.

Als ihn Salcède nicht mehr sah, suchte er ihn mit den Augen; dann rief er ganz verwirrt:

»Nun! Nun!«

Niemand antwortete.

»Rasch, rasch, beeilt Euch,« sagte er, »der König hat das Papier in der Hand, er wird es sogleich lesen.«

Niemand rührte sich.

Der König entfaltete lebhaft das Geständniß.

»Oh! tausend Teufel!« rief Salcède, »sollte man mich hintergangen haben? Ich erkannte sie doch wohl! Sie war es, sie war es!«

Kaum hatte der König die ersten Zeilen durchlaufen, als er von Entrüstung ergriffen zu sein schien.

Dann erbleichte er und schrie:

»Oh! der Elende!… oh! der boshafte Mensch!«

»Was gibt es, mein Sohn?« fragte Catharina.

»Er nimmt Alles zurück, meine Mutter; er behauptet, nie etwas gestanden zu haben.«

»Und dann?«

»Dann erklärte er die Herren von Guise für unschuldig und allen Complotten fremd.«

»In der That,« stammelte Catharina, »wenn es wahr ist.«

»Er lügt,« rief der König, »er lügt wie ein Heide.«

»Was wißt Ihr davon, mein Sohn? die Herren von Guise sind vielleicht verleumdet worden. Die Richter haben vielleicht in ihrem zu großen Eifer die Angaben falsch ausgelegt.«

»Ei. Madame,« rief Heinrich, der sich nicht mehr länger bemeistern konnte, »ich habe Alles gehört.«

»Ihr, mein Sohn?«

»Ja, ich.«

»Und wann dies, wenn‘s beliebt?«

»Als der Schuldige die Folter auszuhalten hatte… ich war hinter einem Vorhang; ich habe nicht eines von seinen Worten verloren, und jedes von diesen Worten drang in meinen Kopf wie ein Nagel unter dem Hammer.«

»Nun, so laßt ihn unter der Folter sprechen, da er die Folter braucht; befehlt, daß die Pferde anziehen.«

Vom Zorne hingerissen erhob Heinrich die Hand.

Der Lieutenant Tranchon wiederholte dieses Zeichen.

Schon waren die Stricke wieder an die vier Glieder des Missethäters gebunden worden; vier Männer sprangen auf die vier Pferde; vier Peitschenhiebe erschollen, und die vier Rosse stürzten in entgegengesetzten Richtungen fort.

Eins furchtbares Krachen und ein entsetzlicher Schrei erhob sich zu gleicher Zeit vom Boden des Schaffots. Man sah, wie die Glieder des unglücklichen Salcède blau wurden, sich verlängerten und mit Blut unterliefen; sein Gesicht war nicht mehr das eines menschlichen Geschöpfes: es war die Maske eines Dämons.

»Ah! Verrath! Verrath!« schrie er. »Nun! ich werde sprechen, ich will sprechen, ich will Alles sagen. Ah! verfluchte Herzog…«

Seine Stimme übertönte das Gewieher der Pferde und den Lärmen der Menge; aber plötzlich erlosch sie.

»Haltet ein! haltet ein!« rief Catharina.«

Es war zu spät. Kurz zuvor noch durch den Schmerz und die Wuth starr, fiel der Kopf von Salcède plötzlich auf den Boden des Blutgerüstes.

»Laßt ihn sprechen,« rief die Königin Mutter. »Haltet ein, haltet doch ein!«

Das Auge von Salcède war übermäßig erweitert, starr, und blieb hartnäckig auf die Gruppe geheftet, wo der Page erschienen war. Tranchon folgte geschickt der Richtung.

Aber Salcède konnte nicht mehr sprechen, er war todt.

Tranchon gab leise seinen Bogenschützen einige Befehle und diese durchsuchten die Menge in der durch die verrathenden Blicke von Salcède bezeichneten Richtung.

»Ich bin entdeckt,« sagte der junge Page Ernauton ins Ohr, »habt Mitleid, helft mir, unterstützt mich, Herr, sie kommen! sie kommen!«

»Aber wer seid Ihr denn?«

»Eine Frau… rettet mich, beschützt mich!«

Ernauton erbleichte, aber der Edelmuth trug den Sieg über das Erstaunen und die Furcht davon.

Er stellte seine Schutzbefohlene vor sich, brach ihr Bahn durch gewaltige Streiche mit dem Knopfe seines Degens und trieb sie bis zur Ecke der Rue du Mouton, gegen eine offene Thüre.

Der junge Page stürzte darauf zu und verschwand in dieser Thüre, die ihn zu erwarten schien und sich hinter ihm schloß.

Er hatte nicht einmal Zeit gehabt, ihn nach seinem Namen zu fragen, nach wo er ihn wiederfinden würde.

Aber während er verschwand, machte ihm der Page, als hätte er seinen Gedanken errathen, ein Zeichen voll von Versprechungen.

Nunmehr frei, wandte sich Ernauton gegen den Mittelpunkt des Platzes um und umfaßte mit einem Blicke das Schaffot und die königliche Loge.

Salcède lag starr und bleifarbig auf dem Blutgerüste ausgestreckt.

Catharina stand leichenbleich und zitternd in der Loge.

»Mein Sohn,« sagte sie endlich, sich den Schweiß von der Stirne wischend, »Ihr würdet wohl daran thun, mit Eurem Scharfrichter zu wechseln. Dieser ist ein Liguist.«

»Woran seht Ihr es?«

»Schaut! Schaut!«

»Nun, ich schaue.«

»Salcède hat nur einen Zug erlitten, und er ist todt.«

»Weil er zu empfindlich für den Schmerz ist.«

»Nein, nein! entgegnete Catharina, mit einem Lächeln der Verachtung, das ihr die geringe Scharfsichtigkeit ihres Sohnes entriß, »nein, sondern weil er unter dem Schaffot mit einem feinen Strick in dem Augenblick erdroßelt worden ist, wo er diejenigen, welche ihn sterben ließen, anklagen wollte. Laßt den Leichnam durch einen gelehrten Doctor untersuchen, und ich bin sicher, Ihr findet um seinen Hals den Kreis, den der Strick daran zurückgelassen hat.«

»Ihr habt Recht,« sprach Heinrich, dessen Augen einen Moment funkelten, »mein Vetter von Guise ist besser bedient als ich.«

»Stille! Stille! mein Sohn, keinen Lärmen, man würde unserer spotten; denn die Partie ist diesmal wiederum verloren.«

»Joyeuse hat wohl daran gethan, sich anderwo zu belustigen,« sagte der König, »man kann auf nichts in dieser Welt zählen, nicht einmal auf die Hinrichtungen. Gehen wir, meine Damen, gehen wir.«




Sechsten Kapitel

Die beiden Joyeuse


Die Herren von Joyeuse hatten sich, wie wir gesehen, während dieser ganzen Scene durch die Hintergebäude des Stadthauses entfernt; sie ließen bei den Equipagen des Königs ihre Lackeien, welche mit ihren Pferden auf sie warteten, und gingen neben einander durch die Straßen dieses volkreichen Quartiers, welche an diesem Tage ganz verlassen waren, so sehr zog das Schauspiel auf der Grève die Bevölkerung an sich.

Sobald sie außen waren, wanderten sie Arm in Arm fort, aber ohne mit einander zu reden.

Kurz zuvor noch so freudig, war Henri ernst, in Gedanken versunken, beinahe düster.

Anne schien unruhig und gleichsam über das Stillschweigen seines Bruders verlegen.

Er war es auch, der zuerst dieses Stillschweigen brach.

»Nun, Henri,« fragte er, »wohin führst Du mich.

»Ich führe Dich nicht, ich gehe Dir voran, mein Bruder,« erwiederte Henri, als ob er plötzlich erwachte.

»Wünschest Du irgend wohin zu gehen, mein Bruder?«

»Und Du?«

Henri lächelte traurig.

»Oh! Ich,« sagte er, »mir ist es gleichviel, wohin ich gehe.«

»Du gehst doch diesen Abend irgendwohin,« entgegnete Anne, »denn jeden Abend gehst Du zu derselben Stunde aus, um erst ziemlich spät in den Nacht nach Hause zu kommen, und zuweilen kommst Du gar nicht nach Hause.«

»Willst Du mich ausfragen, mein Bruder?« sagte Henri mit einer reizenden Weichheit, gemischt mit einer gewissen Ehrfurcht vor seinem älteren Bruder.

»Ich Dich ausfragen? Gott behüte mich! Die Geheimnisse gehören denjenigen, welche sie bewahren.«

»Wenn Du es wünschest, habe ich keine Geheimnisse für Dich. Du weißt es wohl.«

»Du wirst keine Geheimnisse für mich haben, Henri?«

»Nie, mein Bruder; bist Du nicht zugleich mein Herr und mein Freund?«

»Verdammt! ich dachte, Du kümmerst Dich nicht um mich, der ich nur ein armer Laie bin; ich dachte, Du hättest unseren weisen Bruder, diesen Pfeiler der Gottesgelehrtheit, diese Leuchte der Religion, diesen gelehrten Architekten der Gewissensfälle des Hofes, der eines Tages Cardinal sein wird, ich dachte, Du vertrautest ihm, und fändest in ihm zugleich Beichte, Absolution und wer weiß… Rath; denn in unserer Familie,« fügte Anne lachend bei, »ist man zu Allem gut, Du weißt es, davon zeugt unser vielgeliebter Vater.«

Henri du Bouchage ergriff die Hand seines Bruders und drückte sie liebevoll.

»Du bist für mich mehr als Gewissensrath, mehr als Beichtiger, mehr als Vater, mein lieber Anne,« sagte er, »ich wiederhole, Du bist mein Freund.«

»So sprich, mein Freund, warum habe ich Dich, der Du so heiter warst, allmälig traurig werden sehen, und warum gehst Du, statt bei Tage auszugehen, jetzt nur noch bei Nacht aus?«

»Mein Bruder, ich bin nicht traurig,« erwiederte Henri lächelnd.

»Was bist Du denn?«

»Ich bin verliebt.«

»Gut, und dieses Versunkensein?«

»Kommt davon her, daß ich unablässig an meine Liebe denke.«

»Und Du seufzest, während Du mir das sagst?«

»Ja.«

»Du seufzest, Du, Henri, Graf du Bouchage, Du, der Bruder von Joyeuse, Du, den die schlimmen Zungen den dritten König von Frankreich nennen? Du weißt, Herr von Guise ist der zweite, wenn nicht gar der erste! Du, der Du reich, der Du schön bist, der Du Pair von Frankreich sein wirst, wie ich, und Herzog, wie ich, bei der ersten Gelegenheit, die ich finde, Du bist verliebt, nachdenkend und seufzest; Du, der Du: Hilariter[3 - Hilariter, joyeusement, freudig.] zum Wahlspruch hast.«

»Mein lieber Anne, alle diese Gaben der Vergangenheit oder alle diese Verheißungen der Zukunft haben nicht für mich in der Reihe der Dinge gezählt, welche mein Glück machen sollten. Ich besitze keinen Ehrgeiz.«

»Das heißt, Du besitzest keinen mehr.«

»Oder ich strebe wenigstens nicht nach den Dingen, von denen Du sprichst.«

»In diesem Augenblick vielleicht; doch später wirst Du darauf zurückkommen.«

»Nie, mein Bruder, ich wünsche nichts, ich will nichts.«

»Und Du hast Unrecht, mein Bruder. Wenn man den Namen Joyeuse, einen der schönsten Namen Frankreichs, führt, wenn man einen Bruder hat, der der Günstling des Königs ist, so wünscht man Alles, so will man Alles, … und hat man Alles.«

Henri schüttelte schwermüthig sein blondes Haupt.

»Sprich, da wir nun allein und von aller Welt entfernt sind,« sagte Anne. »Der Teufel soll mich holen, wir sind über das Wasser gekommen, und befinden uns auf dem Pont de la Tournelle, ohne daß wir es bemerkt haben… Ich glaube nicht, daß in dieser Einöde, bei diesem scharfem kalten Nordost, in der Nähe dieses grünen Wassers irgend Jemand uns behorchen wird… Hast Du mir etwas Ernstes zu sagen, Henri?«

»Nichts, nichts, wenn nicht, daß ich verliebt bin, und das weißt Du schon, mein Bruder, da ich es Dir soeben gestanden habe.«

»Aber den Teufel! das ist nichts Ernstes,« erwiederte Anne, mit dem Fuße stampfend. »Beim Papst, ich bin auch verliebt!«

»Nicht wie ich, mein Bruder.«

»Ich denke auch zuweilen an meine Geliebte.«

»Ja, aber nicht immer.«

»Ich habe auch Widerwärtigkeiten, Kummer sogar.«

»Ja, Du hast aber auch Freuden, denn man liebt Dich.«

»Oh! ich stoße auch auf große Hindernisse; man verlangt von mir großes Geheimhalten.«

»Man verlangt? Du hast gesagte man verlangt, mein Bruder. Wenn Deine Geliebte verlangt, so gehört sie Dir.«

»Allerdings gehört sie mir… nämlich mir und Herrn von Mayenne; denn ein Vertrauter ist des andern werth, Henri, ich habe gerade die Geliebte von diesem Unzüchter von Mayenne, ein in mich vernarrtes Mädchen, das Mayenne auf der Stelle verlassen würde, wenn es nicht befürchtete, es könnte von ihm umgebracht werden. Du weißt, es ist seine Gewohnheit, die Frauen umzubringen. Dann hasse ich diese Guisen, und es belustigt mich auf Kosten von einem derselben zu belustigen. Nun wohl! ich sage es Dir, ich wiederhole es, ich habe zuweilen Widerwärtigkeiten, Zänkereien; doch ich werde deshalb nicht düster wie ein Karthäuser; ich mache keine trübe Augen. Ich fahre fort zu lachen, wenn nicht immer, doch wenigstens von Zeit zu Zeit. Nun, so sprich, wen liebst Du, Henri? Deine Geliebte ist doch wenigstens schön.«

»Ach! mein Bruder, es ist nicht meine Geliebte.«

»Ist sie schön?«

»Zu schön.«

»Ihr Name?«

»Ich Weiß ihn nicht.«

»Gehe doch!«

»Bei meinem Ehrenwort.«

»Mein Freund, ich fange an zu glauben, daß die Sache noch gefährlicher ist, als ich dachte… Das ist, beim Papst! keine Traurigkeit, sondern Tollheit!«

»Sie hat nur ein einziges Mal mit mir, oder vielmehr nur ein einziges Mal in meiner Gegenwart gesprochen, und seit dieser Zeit habe ich nicht einmal mehr den Ton ihrer Stimme gehört.«

»Und Du hast Dich nicht erkundigt?«

»Bei wem?«

»Wie! bei wem? bei den Nachbarn.«

»Sie bewohnt ein Haus für sich allein und Niemand kennt sie.«

»Das ist wohl ein Schatten?«

»Es ist eine Frau, groß und schön wie eine Nymphe, ernst und erhaben wie der Engel Gabriel.«

»Wie hast Du sie kennen lernen? wo hast Du sie getroffen?«

»Eines Tages verfolgte ich ein Mädchen, bei der Sackgasse der Gypecienne, ich trat in einen kleinen Garten, der an die Kirche stößt, dort ist eine Bank unter Bäumen. Bist Du je in diesen Garten gekommen, mein Bruder?«

»Nie! gleichviel, fahre fort, es ist dort eine Bank unter Bäumen… hernach?«

»Der Schatten fing an dichter zu werden, ich verlor das Mädchen aus dem Gesicht, und während ich es suchte, gelangte ich zu der Bank.«

»Immerzu, ich höre.«

»Ich erblickte im Halbdunkel ein Frauenkleid und streckte die Hände aus.

»Verzeiht, mein Herr,« sagte plötzlich die Stimme eines Mannes, den ich nicht bemerkt hatte, »»verzeiht.««

»Und die Hand dieses Mannes schob mich sachte, aber mit Festigkeit zurück.«

»Er wagte es, Dich zu berühren, Joyeuse?«

»Höre, dieser Mann hatte das Gesicht in einer Art von Kutte verborgen, ich hielt ihn für einen Mönch, dann machte er Eindruck auf mich durch den liebevollen und höflichen Ton seiner Warnung, denn während er zu mir sprach, bezeichnete er mit dem Finger auf zehn Schritte die Frau, deren weiße Kleidung mich nach dieser Seite gezogen hatte… Sie kniete vor der steinernen Bank, als ob es ein Altar wäre.

»Ich blieb stehen, mein Bruder, dieses Abenteuer begegnete mir am Anfang des September; die Luft war lau; die Rosen und die Veilchen, welche die Gläubigen auf den Gräbern des Geheges pflanzen, sandten mir ihre zarten Wohlgerüche zu; der Mond zerriß eine weißliche Wolke hinter dem Glockenthurme der Kirche und die Fenster fingen an, sich an ihrem First zu versilbern, während sie sich unten von dem Wiederscheine der angezündeten Kerzen vergoldeten. Mein Freund, war es die Majestät des Ortes, war es die persönliche Würde, diese knieende Frau glänzte für mich in der Finsterniß, wie eine Bildsäule von Marmor und als ob sie wirklich von Marmor gewesen wäre. Sie flößte mir eine gewisse Ehrfurcht ein, die mir kalt im Herzen machte.

»Ich schaute sie gierig an.

»Sie beugte sich auf die Bank, umfaßte sie mit ihren Armen, druckte ihre Lippen darauf, und bald sah ich ihre Schultern unter der Gewalt ihrer Seufzer und ihres Schluchzens wogen; nie hast Du solche Ausbrüche gehört, mein Bruder; nie hat ein scharfes Eisen so schmerzlich ein Herz zerrissen.

»Während sie weinte, küßte sie den Stein mit einer Trunkenheit, die mich von Sinnen brachte; ihre Thränen rührten mich, ihre Küsse machten mich verrückt.«

»Beim Papst! sie war verrückt,« sagte Joyeuse, »küßt man einen Stein so? schluchzt man so um nichts?«

»Oh! es war ein großer Schmerz, der sie schluchzen machte, oh! es war eine tiefe Liebe, der sie diesen Stein zu küssen bewog; aber wen liebte sie? wen beweinte sie? Für wen betete sie? Ich weiß es nicht.«

»Doch dieser Mann, hast Du ihn nicht befragt?«

»Gewiß.«

»Und was hat er geantwortet?«

»Sie habe ihren Gatten verloren.«

»Beweint man auf diese Art einen Gatten? Das ist bei Gott! eine schöne Antwort; und Du hast Dich damit begnügt?«

»Ich mußte wohl, da er mir keine andere geben wollte.«

»Aber dieser Mann selbst, wer ist er?«

»Eine Art von Diener, der bei ihr wohnt.«

»Sein Name?«

»Er weigerte sich, ihn mir zu sagen.«

»Jung? Alt?«

»Er mag acht und zwanzig bis dreißig Jahre alt sein.«

»Und was geschah hernach?… Sie hat wohl nicht die ganze Nacht fort geweint und gebetet?«

»Nein. Als sie zu weinen aufgehört, nämlich als sie ihre Thränen erschöpft und ihre Lippen auf dem Stein abgenutzt hatte, stand sie auf, mein Bruder; es lag in dieser Frau eine so geheimnißvolle Traurigkeit, daß ich, statt auf sie zuzugehen, wie ich es bei jeder andern Frau gethan hätte, zurückwich; sie schritt sodann auf mich, oder vielmehr auf die Stelle zu, wo ich stand, denn sie sah mich nicht einmal; da traf ein Mondstrahl ihr Antlitz und dieses erschien mir erleuchtet, schimmernd: sie hatte ihren düsteren Ernst wieder angenommen: kein Zusammenziehen des Gesichts, kein Beben, keine Thränen mehr, nur noch noch die feuchte Furche, die sie gezogen. Ihre Augen allein glänzten noch. Ihr Mund öffnete sich sanft, um das Leben einzuathmen, das einen Augenblick sie zu verlassen bereit zu sein geschienen hatte; sie machte ein paar Schritte mit einer gewissen weichen Mattigkeit und denjenigen ähnlich, welche im Traume wandeln; der Mann lief auf sie zu und führte sie; denn sie schien vergessen zu haben, daß sie auf der Erde ging. Oh! mein Bruder, welch eine Schönheit, welche übermenschliche Macht! Ich habe nie etwas gesehen, was ihr aus Erden gliche, und nur zuweilen in meinen Träumen, wenn sich der Himmel öffnete, waren dieser Wirklichkeit ähnliche Visionen herabgestiegen.«

»Hernach, hernach?« fragte Anne, der unwillkührlich, ein Interesse an dieser Erzählung nahm, über die er Anfangs zu spotten beabsichtigt hatte.

»Oh! nun bin ich bald zu Ende, mein Bruder; ihr Diener sagte ein paar Worte leise zu ihr, und sie ließ ihren Schleier nieder; ohne Zweifel sagte er ihr, ich wäre da: aber sie schaute nicht einmal auf meine Seite, sie senkte nur ihren Schleier, und ich sah sie nicht mehr; es kam mir vor, als hätte sich der Himmel verdüstert und als wäre es kein lebendiges Geschöpf mehr, sondern ein diesen Gräbern entstiegener Schatten, der durch das hohe Gras schweigend vor mir hinschlupfte.

»Sie verließ das Gehege: ich folgte ihr.

»Von Zeit zu Zeit wandte sich der Mann um und er konnte mich sehen, denn ganz verwirrt und betäubt, wie ich war, verbarg ich mich nicht; was willst Du? ich hatte noch die alten gemeinen Gewohnheiten im Kopfe, den alten rohen Sauerteig im Herzen.«

»Was willst Du damit sagen, Henri?« fragte Anne. »Ich verstehe Dich nicht.«

Der junge Mann antwortete lächelnd:

»Ich will damit sagen, daß meine Jugend geräuschvoll war, daß ich oft zu lieben glaubte, und daß alle Frauen für mich bis zu jenem Augenblick Frauen waren, denen ich meine Liebe anbieten konnte.«

»Oh! Oh! was ist das?« rief Joyeuse, der, unwillkührlich etwas beunruhigt durch das Geständniß seines Bruders, seine Heiterkeit wieder zu erlangen suchte. »Nimm Dich in Acht, Henri, Du schweifst aus, es ist also keine Frau von Fleisch und Knochen?«

»Mein Bruder,« sagte der junge Mann, die Hand von Joyeuse mit einem fieberhaften Drucke umschließend, »mein Bruder,« sprach er so leise, daß sein Hauch kaum an das Ohr des Aelteren gelangte, »so wahr mich Gott hört, ich weiß nicht, ob es ein Geschöpf dieser Welt ist.«

»Beim Papst!« erwiederte Anne, »Du würdest mir Angst machen, wenn ein Joyeuse je Angst haben könnte.«

Dann fügte er bei, indem er seine Heiterkeit wieder zu gewinnen suchte.

»Doch immerhin ist es gewiß, daß sie geht, daß sie weint, und daß sie Küsse gibt; Du hast es mir selbst gesagt, und dies ist, wie mir scheint, ein sehr gutes Vorzeichen, mein theurer Freund; aber das ist nicht Alles; sprich, hernach, hernach?«

»Hernach kommt nur noch wenig: ich folgte ihr also, sie suchte sich mir nicht einmal zu entziehen, den Weg zu verändern, einen falschen Weg einzuschlagen; sie schien nicht einmal hieran zu denken.«

»Nun! wo wohnte sie?«

»Ein der Gegend der Bastille, in der Rue de Lesdiguières; vor ihrer Thüre wandte sich ihr Begleiter um und sah mich.«

»Du machtest ihm sodann ein Zeichen, um ihm zu verstehen zu geben, daß Du mit ihm zu sprechen wünschest.«

»Ich wagte es nicht; was ich Dir da sage, ist lächerlich, aber der Diener imponirte mir beinahe eben so sehr als die Gebieterin.«

»Gleichviel, Du tratst in das Haus?«

»Nein, mein Bruder.«

»In der That, Henri, ich habe große Lust, zu leugnen, daß Du ein Joyeuse bist; doch Du gingst wenigstens am andern Tag wieder dahin?«

»Ja, aber vergebens, vergebens nach der Gypecienne, vergebens in die Rue de Lesdiguières.«

»Sie war verschwunden.«

»Wie ein Schatten, der entflohen.«

»Du hast Dich jedoch erkundigt?«

»Die Straße hat wenig Bewohner, keiner konnte mich befriedigen; ich lauerte auf den Diener, um ihn zu befragen, er erschien nicht wieder; doch ein Licht, das ich am Abend durch die Jalousien glänzen sah, tröstete mich, indem es mir andeutete, sie wäre immer noch da. Ich wandte hundert Mittel an, um in das Haus zu dringen: Briefe, Boten, Blumen, Geschenke, Alles scheiterte. Eines Abends verschwand das Licht ebenfalls und erschien nicht wieder; ohne Zweifel meiner Verfolgungen müde, hatte die Dame die Rue des Lesdiguières verlassen; Niemand kannte ihre neue Wohnung.«

»Du hast sie jedoch wiedergefunden, die schöne Spröde?«

»Der Zufall gestattete es: ich bin ungerecht, mein Bruder, es ist die Vorsehung, welche nicht will, daß man das Leben hinschleppe. Höre, es ist in der That seltsam! Ich ging vor vierzehn Tagen um Mitternacht durch die Rue de Bussy… Du weißt, mein Bruder, daß die Feuerverordnungen sehr streng vollzogen werden; nun wohl! ich sah nicht nur Feuer an den Scheiben eines Hauses, sondern einen wahren Brand, der im zweiten Stocke ausbrach.

»Ich klopfte kräftig an die Thüre, ein Mann erschien am Fenster.

»»Es brennt bei Euch!«« rief ich.

»»Stille, habt Mitleid,«« erwiederte er, »»stille, ich bin eben beschäftigt, zu löschen.««

»»Soll ich die Wache rufen?««

»»Nein, nein, um des Himmels willen, ruft Niemand.««

»»Aber wenn man Euch helfen kann?««

»»Wollt Ihr? so kommt und Ihr leistet mir einen Dienst, für den ich Euch mein ganzes Leben dankbar sein werde.««

»»Und wie soll ich kommen?««

»»Hier ist der Schlüssel zur Thüre.««

»Und er warf mir aus dem Fenster einen Schlüssel zu.

»Ich stieg rasch die Treppe hinauf und trat in das Zimmer, das der Schauplatz des Brandes war.

»Der Boden brannte; ich befand mich in dem Laboratorium eines Chemikers; als er irgend einen Versuch machte, hatte sich eine entzündbare Flüssigkeit auf der Erde ausgebreitet, wodurch der Brand entstanden war.

»Bei meinem Eintritt war er schon Meister des Feuers, so daß ich mir ihn anschauen konnte.

»Es war ein Mann von acht und zwanzig bis dreißig Jahren, wenigstens schien er mir dieses Alter zu haben; eine furchtbare Narbe durchfurchte die Hälfte der Wange, eine andere den Schädel; sein buschiger Bart verbarg den Rest des Gesichtes.

»»Ich danke Euch, mein Herr, aber Ihr seht. Alles ist vorbei; seid Ihr ein so artiger Mann, als sich aus Eurem Aussehen schließen läßt, so habt die Güte, Euch zu entfernen, denn meine Gebieterin kann jeden Augenblick eintreten, und sie dürfte ärgerlich werden, wenn sie zu dieser Stunde einen Fremden bei mir oder vielmehr bei sich sehen würde.

»Der Ton dieser Stimme lähmte, erschreckt mich. Ich öffnete den Mund, um ihm zuzurufen: »»Ihr seid der Mann der Gypecienne, der Mann der Rue de Lesdiguières, der Mann von der unbekannten Dame,«« denn Du erinnerst Dich, mein Bruder, daß er mit einer Kutte bedeckt war, daß ich sein Gesicht nicht gesehen, daß ich nur seine Stimme gehört hatte. Ich war im Begriff, ihm dies zu sagen, ihn zu befragen; als sich plötzlich eine Thüre öffnete und eine Frau eintrat.

»»Was gibt es denn, Remy?«« fragte sie, indem sie majestätisch auf der Thürschwelle stehen blieb, »»und warum dieser Lärmen?««

»Oh! mein Bruder, sie war es, noch schöner im sterbenden Feuer des Brandes, als sie mir in den Strahlen des Mondes geschienen hatte; sie war es, die Frau, deren beständiges Andenken mir das Herz zernagt.

»Bei dem Schrei, den ich ausstieß, schaute mich der Diener ebenfalls aufmerksamer an.

»»Ich danke, Herr, ich danke,«« sagte er noch einmal, »»Ihr seht, das Feuer ist gelöscht, Geht, ich bitte Euch, geht.««

»»Mein Freund,«« erwiederte ich, »»Ihr verabschiedet mich sehr hart.«

»»Madame,«« sagte der Diener, »»er ist es.««

»»Wer?«« fragte sie.

»»Der junge Cavalier, den wir im Garten der Gypecienne trafen, und der uns nach der Rue de Lesdiguières folgte.««

»Sie heftete nun ihren Blick auf mich, und aus diesem Blick konnte ich schließen, daß sie mich zum ersten Male sah.

»»Mein Herr,«« sprach sie, »»habt die Güte, entfernt Euch.««

»Ich zögerte, ich wollte sprechen, bitten; aber die Worte fehlten meinen Lippen; ich blieb unbeweglich und stumm und schaute sie nur an.

»»Nehmt Euch in Acht, mein Herr,«« sagte der Diener mehr traurig als streng, »»nehmt Euch in Acht, Ihr würdet Madame zwingen, zum zweiten Male zu fliehen.««

»»Oh! Gott verhüte es,«« erwiederte ich, mich verbeugend, »»aber Madame, ich beleidige Euch doch nicht.«««

»Sie antwortete mir nicht. So unempfindlich, so stumm, so eisig, als ob sie mich nicht gehört hätte, wandte sie sich um, und ich sah sie allmälig im Schatten verschwinden und die Stufen einer Treppe hinabgehen, auf der ihr Tritt nicht mehr scholl, als wenn es der eines Gespenstes gewesen wäre.«

»Und das ist Alles?« fragte Joyeuse.

»Das ist Alles. Der Diener geleitete mich zur Thüre zurück und sprach:

»»Mein Herr, vergeßt im Namen Jesu und der Jungfrau Maria, ich flehe Euch an, vergeßt!««

»Ich entfloh betrübt, verwirrt, albern, preßte meinen Kopf zwischen meinen beiden Händen und fragte mich, ob ich nicht ein Narr würde.

»Seitdem gehe ich jeden Abend in diese Straße, und deshalb wandten sich meine Schritte, als wir das Stadthaus verließen, ganz natürlich nach dieser Seite; jeden Tag, sagte ich, gehe ich in diese Straße, ich verberge mich an der Ecke eines Hauses dem ihrigen gegenüber, unter einem Balcon, dessen Schatten mich gänzlich umhüllt; einmal unter zehnmal sehe ich Licht in dem Zimmer, das sie bewohnt; dort ist mein Leben, dort ist mein Glück!«

»Welch ein Glück!« rief Joyeuse.

»Ach! ich verliere es, wenn ich ein anderes zu erlangen wünsche.«

»Aber wenn Du Dich mit dieser Resignation zu Grunde richtest?«

»Mein Bruder,« sprach Henri mit einem traurigen Lächeln, »was willst Du? ich fühle mich so glücklich.«

»Das ist unmöglich.«

»Das Glück ist immer beziehungsweise; ich weiß, daß sie dort ist, daß sie dort lebt, daß sie dort athmet; ich sehe sie durch die Mauer, oder es kommt mir vielmehr vor, als erblickte ich sie; wenn sie dieses Haus verließe, wenn ich abermals vierzehn Tage zubrächte, wie die, welche ich zubrachte, als ich sie verloren hatte, so würde ich ein Narr, mein Bruder, oder ich ginge in ein Kloster, um Mönch zu werden.«

»Nein, bei Gott! es ist schon genug mit einem Narren und einem Mönch in der Familie; bleiben wir hierbei, mein theurer Freund.«

»Keine Bemerkungen, Anne, keinen Spott; die Bemerkungen wären unnütz, der Spott würde nichts bewirken.«

»Wer spricht von Bemerkungen und Spott?«

»Schon gut. Doch…«

»Laß mich Dir nur Eines sagen.«

»Was?«

»Du hast Dich benommen wie ein Freischüler.«

»Ich habe weder Combinationen, noch Berechnungen gemacht, ich habe mich nicht benommen, ich habe mich einer Sache hingegeben, welche stärker war als ich. Wenn ein Strom uns fortreißt, ist es besser, ihm zu folgen, als dagegen zu kämpfen.«

»Und wenn er zu einem Abgrund führt?«

»So muß man versinken, mein Bruder.«

»Das ist Deine Ansicht?«

»Ja.«

»Es ist nicht die meinige, und an Deiner Stelle…«

»Was hättest Du gethan, Anne?«

»Gewiß genug um ihren Namen, ihr Alter zu erfahren, an Deiner Stelle…«

»Anne, Anne, Du kennst sie nicht.«

»Nein, aber ich kenne Dich. Wie, Henri, Du hattest fünfzig tausend Thaler, die ich Dir von den hundertausend gegeben, welche mir der König an seinem Namenstage zum Geschenk machte.«

»Sie sind noch in meiner Kasse, Anne, nicht einer fehlt.«

»Gottes Tod! desto schlimmer. Lägen sie nicht mehr in Deiner Kasse, so wäre die Frau in Deinem Alkoven.«

»Oh! mein Bruder.«

»Es gibt kein oh! mein Bruder, ein gewöhnlicher Diener verkauft sich für zehn Thaler, ein guter für hundert, ein vortrefflicher für tausend, ein wunderbarer für drei tausend. Nehmen wir nun einen Phönix von einem Diener an, träumen wir von einem Gott der Treue, und mit zwanzig tausend Thalern gehört er beim Papst! Dir… es blieben Dir somit hundert und dreißig tausend Livres um den durch den Phönix der Diener ausgelieferten Phönix der Frauen zu bezahlen. Henri mein Freund, Du bist einfältig.«

»Anne,« erwiederte Henri seufzend, »es gibt Leute, die sich nicht verkaufen; es gibt Herzen, die ein König sogar zu bestechen nicht reich genug ist.«

Joyeuse besänftigte sich.

»Nun wohl! ich pflichte dem bei,« sagte er, »aber es finden sich keine, die sich nicht ergeben.«

»Das mag sein.«

»Nun was hast Du gethan, daß sich das Herz dieser schönen Unempfindlichen sich Dir ergebe?«

»Ich lebe der Ueberzeugung, Anne, daß ich Alles gethan habe, was ich thun konnte.«

»Graf du Bouchage, Ihr seid ein Narr. Ihr seht eine traurige, verschlossene, weinende Frau, und Ihr macht Euch trauriger, verschlossener, seufzender, das heißt schwerfälliger, als sie selbst ist. In der That, Ihr sprecht auf eine sehr gewöhnliche Manier von der Liebe und Ihr seid alltäglicher als ein Viertelsmeister. Sie ist allein, leistet ihr Gesellschaft; sie ist traurig, seid heiter; sie beklagt, tröstet sie und ersetzt.«

»Unmöglich, mein Bruder!«

»Hast Du es versucht?«

»Warum dies?«

»Bei Gott! und wäre es nur, um es zu versuchen. Du bist verliebt, sagst Du?«

»Ich kenne keine Worte, um meine Liebe auszudrücken.«

»Wohl in vierzehn Tagen sollst Du Deine Geliebte haben.«

»Mein Bruder.«

»So wahr ich Joyeuse heiße. Ich denke, Du bist nicht hoffnungslos?«

»Nein, denn ich habe nie gehofft.«

»Um welche Stunde siehst Du sie?«

»Um welche Stunde?«

»Allerdings.«

»Ich habe Dir gesagt, daß ich sie nicht sehe, mein Bruder.«

»Nie?«

»Nie.«

»Nicht einmal an ihrem Fenster.«

»Nicht einmal ihren Schatten, sage ich Dir.«

»Das muß endigen. Sprich, hat sie einen Liebhaber?«

»Mit Ausnahme des Remy, von dem ich Dir gesprochen, habe ich nie einen Mann in ihr Haus eintreten sehen.«

»Wie ist das Haus beschaffen?«

»Zwei Stockwerke, kleine Thüre über einer Stufe, Terrasse oberhalb des zweiten Fensters.«

»Kann man nicht über diese Terrasse hineinkommen?«

»Sie ist von den anderen Häusern abgesondert.«

»Und was ist gegenüber?«

»Ein anderes, beinahe ähnliches Haus, obgleich etwas höher, wie mir scheint.«

»Von wem wird dieses Haus bewohnt?«

»Von einem Bürger.«

»Von böser oder guter Laune?«

»Von guter, denn ich höre ihn zuweilen ganz allein lachen.«

»Kaufe ihm sein Haus ab.«

»Wer sagt Dir, daß es verkäuflich ist?«

»Biete ihm das Doppelte von seinem Werthe.«

»Und wenn mich die Dame dort sieht?«

»Nun!«

»So wird sie abermals verschwinden, während ich, meine Gegenwart verbergend, sie früher oder später wiederzusehen hoffe.«

»Du wirst sie diesen Abend sehen.«

»Ich?«

»Stelle Dich um acht Uhr unter ihren Balkon.«

»Ich werde dort sein, wie ich es alle Tage bin, aber ohne mehr Hoffnung, als an den anderen Tagen.«

»Doch sage mir die Adresse ganz genau.«

»Zwischen der Porte Bussy und dem Hotel Saint-Denis, beinahe an der Ecke der Rue des Augustins, zwanzig Schritte von einem großen Gasthof mit dem Schilde: Zum Schwerte des kühnen Ritters.«

»Sehr gut, um acht Uhr diesen Abend.«

»Aber was willst Du machen??«

»Du wirst es sehen, Du wirst es hören. Mittlerweile kehre nach Hause zurück, lege Deine schönsten Kleider an, nimm Deine reichsten Juwelen, gieße auf Deine Haare Deine feinsten Essenzen: diesen Abend kommst Du in die Festung.«

»Gott höre Dich, mein Bruder.«

»Henri, wenn Gott taub ist, so ist es der Teufel nicht… Ich verlasse Dich, meine Geliebte erwartet mich, nein, ich will sagen, die Geliebte von Herrn von Mayenne… Beim Papst! diese ist kein Zieraffe.«

»Mein Bruder.«

»Verzeih, schöner Liebesritter; ich mache keine Vergleichung zwischen den zwei Damen; sei hiervon überzeugt, obschon ich nach dem, was Du mir sagst, die meinige mehr liebe, – oder vielmehr die unsrige… Doch sie erwartet mich und ich will sie nicht warten lassen. Gott befohlen, Henri, diesen Abend.«

»Diesen Abend, Anne.«

Die zwei Brüder drückten sich die Hand und trennten sich.

Nach zweihundert Schritten hob der Eine den Klopfer eines schönen beim Parvis Notre-Dame liegenden gothischen Hauses muthig auf und ließ ihn geräuschvoll wieder fallen.

Der Andere vertiefte sich schweigsam in einer von den krummen Straße, welche nach dem Palaste ausmünden.




Siebenten Kapitel

Worin das Schwert des kühnen Ritters gegen Amors Rosenstock Recht behält


Während des von uns erzählten Gespräches war die Nacht gekommen und hatte mit ihrem feuchten Nebelmantel die zwei Stunden zuvor noch so geräuschvolle Stadt umhüllt.

Sobald Salcède todt war, kehrten die Zuschauer zu Ihren Lagern zurück, und man sah auf den Straßen nur noch zerstreute Häufchen, statt der ununterbrochenen Kette der Neugierigen, welche am Tage einem Punkte zugeströmt waren.

Bis in die entferntesten Quartiere der Grève fanden sich Reste von Bebungen, welche nach der langen Aufregung des Tages leicht zu begreifen waren.

Bei der Porte Bussy zum Beispiel, wohin wir uns zu dieser Stunde versetzen müssen, um einigen Personen zu folgen, die wir am Anfang dieser Geschichte in Scene gebracht haben, und um die Bekanntschaft von neuen Personen zu machen, bei diesem Stadtende, sagen wir, hörte man, wie einen Bienenstock bei Sonnenuntergang, ein gewisses rosenfarbig angestrichenes und mit blauen und weißen Malereien verziertes Haus summen, welches das Haus zum Schwerte des kühnen Ritters genannt wurde, und doch nichts Anderes war, als ein Gasthof von riesigen Verhältnissen, den man in jüngster Zeit in diesem neuen Quartier eingerichtet hatte.

Damals besaß Paris nicht ein einziges gutes Gasthaus, das nicht sein siegreiches Schild gehabt hätte. Das Schwert des kühnen Ritters war eine von den herrlichen Ankündigungen, bestimmt, alle Geschmacksrichtungen zu vereinigen, alle Sympathie zusammenzufassen.

Man sah auf dem Schilde den Kampf eines Erzengels oder eines Heiligen gegen einen Drachen gemalt, der, wie das Ungeheuer von Hippolyt, Ströme von Flammen und Rauch ausspie. Durch ein heroisches und zugleich frommes Gefühl beseelt, hatte der Maler dem vollständig gerüsteten kühnen Ritter in seine Hände nicht ein Schwert, sondern ein ungeheures Kreuz gegeben, womit er besser als mit der schärfsten Klinge den unglücklichen Drachen entzwei schnitt, von dem die Stücke blutend auf dem Boden umherlagen.

Man sah auf dem Hintergrunde des Schildes oder vielmehr des Gemäldes, denn das Schild verdiente gewiß diesen Namen, eine Menge von Zuschauern, welche ihre Arme in die Luft emporhoben, während am Himmel die Engel über den Helm des kühnen Ritters Lorbeerzweige und Palmblätter ausstreckten.

Gierig, zu beweisen, daß er alle Genres malte, hatte der Künstler im Vordergrunde Kürbisse Trauben, Käfer, Eidechsen, eine Schnecke auf einer Rose und endlich zwei Kaninchen, das eine weiß, das andere grau, gruppirt, welche Kaninchen, trotz der Verschiedenheit der Farben, was eine Verschiedenheit der Meinungen hätte andeuten können, beide sich an der Nase kratzten, ohne Zweifel aus Freude über den merkwürdigen Sieg, den der kühne Ritter über den parabolischen Drachen davon getragen, der kein Anderer war, als Satan.

Entweder war der Eigenthümer des Schildes von sehr schwer zu befriedigendem Charakter, oder mußte er mit der Gewissenhaftigkeit des Malers sehr zufrieden sein. Der Künstler hatte in der That nicht eine Linie vom Raum verloren, und wenn man hätte eine Milbe beifügen müssen, so würde es an Platz gefehlt haben.

Gestehen wir nur Eines, und dieses wenn auch peinliche Geständniß ist unserem Geschichtsschreiber-Gewissen auferlegt. Aus dem schönen Schilde ging nicht hervor, daß das Wirthshaus wie dieses an den guten Tagen gefüllt war, im Gegentheil aus Gründen, die wir sogleich erklären wollen, und die das Publikum begreifen wird, gab es, wir sagen nicht zuweilen, sondern beinahe immer, große Leeren im Gasthofe zum kühnen Ritter.

Das Haus war jedoch, wie man in unseren Tagen sagen würde, groß und comfortabel; viereckig gebaut, durch breite Unterlagen an den Boden angeklammert, streckte es stolz über seinem Schilde vier Thürmchen empor, ven denen jedes ein achteckiges Zimmer enthielt, das Ganze allerdings von Holz gebaut, aber zierlich und geheimnisvoll, wie jedes Haus sein muß, das den Männern und besonders den Frauen gefallen will; doch hierin lag das Uebel.

Man kann nicht Jedermann gefallen.

Doch das war nicht die Ueberzeugung von Dame Fournichon, der Wirthin zum kühnen Ritter. In Folge ihrer Ueberzeugung hatte sie ihren Mann bewogen, ein Badehaus zu verlassen, in welchem sie in der Rue Saint-Honoré vegetirten, um zu Gunsten der Verliebten bei der Porte Bussy und aus anderen Quartieren von Paris den Bratspieß drehen zu lassen und Wein zu zapfen. Zum Unglück für die Bestrebungen von Dame Fournichon lag ihr Gasthaus etwas zu nahe beim Pré-aux-Clercs, weshalb, zugleich durch die Nachbarschaft und das Schild angelockt, so viele zum Schlagen bereite Paare in das Schwert des kühnen Ritters kamen, daß die anderen minder kriegerischen Paare wie die Pest das arme Wirthshaus aus Furcht vor dem Lärmen und den Degenstichen flohen. Die Verliebten sind friedliche Leute, welche sich nicht gern stören lassen, so daß man sich genöthigt sah, in die so zierlichen Thürme nur Kriegsknechte einzuquartieren, und daß alle im Innern von dem Künstler des Schildes in die hölzernen Füllungen gemalte Cupidos mit Schnurrbärten und anderen mehr oder minder anständigen Zuthaten durch die Kohle der Stammgäste verziert worden waren.

Dame Fournichon behauptete auch, es ist nicht zu leugnen, bis dahin nicht ohne Grund, das Schild habe dem Hause Unglück gebracht, und sie versicherte, wenn man sich hätte auf ihre Erfahrung verlassen und statt des kühnen Ritters und des häßlichen Drachen, welche Jedermann zurückstießen, etwas Galantes malen wollen, wie zum Beispiel Amors Rosenstock mit entflammten Herzen statt der Rosen, so hätten alle zarte Seelen ihr Haus zum Wohnsitz gewählt.

Unfähig, zu gestehen, daß er seinen Gedanken bereue und den Einfluß beklage, den dieser Gedanke auf sein Schild geübt habe, nahm leider Meister Fournichon keine Rücksicht auf die Bemerkungen seiner Ehehälfte und erwiederte die Achseln zuckend, daß er, ein ehemaliger Trabant von Herrn Dauville, natürlich seine Kundschaft unter Kriegsleuten suchen müsse; er fügte bei, ein Reiter, der nur an das Trinken zu denken habe, trinke wie sechs Verliebte, und wenn er auch nur die Hälfte der Zeche bezahle, so gewinne man doch noch dabei, da die verschwenderischsten Liebesleute nie bezahlen wie drei Reiter.

»Ueberdies,« schloß er, »ist der Wein moralischer als die Liebe.«

Bei diesen Worten zuckte Dame Fournichon ebenfalls die Achseln, welche fett genug waren, daß man auf eine boshafte Weise ihre Ansichten über Moralität auslegen konnte.

Die Angelegenheiten in der Haushaltung der Fournichon hatten diesen schismatischen Zustand erreicht, und die Ehegatten vegetirten im Carrefour Bussy, wie sie in der Rue Saint-Honoré vegetirt hatten, als ein unvorhergesehener Umstand das Angesicht der Dinge veränderte und der Meinung von Meister Fournichon den Triumph verlieh… zum Ruhm und zur Ehre des würdigen Schildes, worauf jedes Reich der Natur seinen Repräsentanten hatte.

Einen Monat vor der Hinrichtung vom Salcède befanden sich, nach einigen militärischen Uebungen, welche auf dem Pré-aux-Clercs stattgefunden hatten, Dame Fournichon und ihr Gatte, ihrer Gewohnheit gemäß, jedes in einem Thürmchen ihrer Anstalt, Beide müßig, träumerisch und kalt, weil alle Tische und alle Zimmer des Wirthshauses zum kühnen Ritter völlig leer waren.

Amors Rosenstock hatte an diesem Tage keine Rosen gebracht.

Das Schwert des kühnen Ritters hatte an diesem Tag in’s Wasser geschlagen.

Die beiden Gatten schauten also traurig nach der Ebene, wo, sich an der Fähre der Tour de Nesle einschiffend, um nach dem Louvre zurückzukehren, die Soldaten verschwanden, welche ein Kapitän hatte manoeuvriren lassen, und während sie schauten und über den militärischen Despotismus seufzten, der nach ihrer Wachstube zurückzukehren die Soldaten zwang, welche natürlich sehr durstig sein mußten, sahen sie diesen Kapitän sein Pferd in Trab setzen und allein mit einem Mann Ordonnanz nach der Porte Bussy reiten.

Dieser ganz befiederte, ganz stolz auf seinem Schimmel sitzende Officier, dessen Degen mit der vergoldeten Scheide einen schönen Mantel von flandrischem Tuch emporhielt, war in zehn Minuten vor dem Gasthaus.

Da er sich aber nicht in das Gasthaus begeben wollte, war er im Begriff, vorüberzureiten, ohne nur das Schild bewundert zu haben, denn er schien sehr sorgenvoll und in Gedanken vertieft, dieser Kapitän, als Meister Fournichon, dem das Herz beinahe bei dem Gedanken brach, daß er den ganzen Tag kein Geld lösen sollte, sich aus seinem Thürmchen neigte und ausrief:

»Das ist ein schönes Pferd, Frau!«

Welchem Madame Fournichon, als übereinstimmende Wirthin die Erwiederung ergreifend, beifügte:

»Und wie schön ist der Reiter!«

Der Kapitän, der für das Lob, von welcher Seite es auch kam, nicht unempfindlich zu sein schien, schaute empor, als ob er plötzlich erwachte. Er sah den Wirth, die Wirthin und das Wirthshaus, hielt sein Pferd an, und rief seiner Ordonnanz.

Dann betrachtete er, immer noch im Sattel, sehr aufmerksam das Haus und das Quartier.

Fournichon rumpelte zu vier und vier Stufen seine Treppe hinab und stellte sich, seine Mütze in den Händen zusammengerollt, vor die Thüre.

Der Kapitän dachte einen Augenblick nach und stieg dann ab.

»Ist Niemand hier?« fragte er.

»Für den Augenblick nicht, mein Herr.« antwortete der gedemüthigte Wirth.

Er wollte eben beifügen:

»Es ist dies jedoch nicht gewöhnlich so in meinem Hause.«

Aber Dame Fournichon war, wie beinahe alle Frauen, scharfsichtiger als ihr Mann; sie rief daher eiligst von ihrem Fenster aus:

»Sucht der Herr die Einsamkeit, so wird er sich bei uns vortrefflich finden.«

Der Kapitän richtete seine Augen in die Höhe, und als er das gute Gesicht sah, nachdem er die gute Antwort gehört hatte, erwiederte er:

»Für den Augenblick, ja, das ist es gerade, was ich suche, meine gute Frau.«

Dame Fournichon eilte sogleich dem Fremden entgegen, indem sie sich sagte:

»Diesmal gibt Amors Rosenstock Geld zu lösen und nicht das Schwert des kühnen Ritters.«

Der Kapitän, der zu dieser Stunde die Aufmerksamkeit der Gatten in Anspruch nahm, und zugleich die des Lesers zu erregen verdient, dieser Kapitän war ein Mann von dreißig bis fünf und dreißig Jahre, während er erst acht und zwanzig Jahre alt zu sein schien, so viel Sorge verwandte er auf seine Person.

Er war groß, gut gewachsen, von einer ausdrucksvollen und feinen Physiognomie; bei näherer Prüfung hätte man vielleicht etwas Affectation in seinem großartigen Wesen gefunden, doch affectirt oder nicht, sein Wesen blieb immerhin großartig.

Er warf in die Hände seines Begleiters den Zaum eines herrlichen Pferdes, das mit einem Fuß die Erde stampfte, und sagte zu ihm:

»Führe das Pferd auf und ab und erwarte mich hier.«

Der Soldat nahm den Zaum und gehorchte.

Sobald er sich im großen Saale des Wirthshauses befand, blieb er stehen und sagte, einen Blick der Zufriedenheit umher werfend:

»Oh! Oh! ein so großer Saal und kein einziger Zecher! Sehr gut!«

Meister Fournichon schaute ihn mit Erstaunen an, während ihm Madame Fournichon mit Einverständniß zulächelte.

Der Kapitän fuhr fort:

»Es ist also etwas in Eurem Benehmen oder in Eurem Hause, was die Gäste von Euch entfernt?«

»Gott sei Dank, weder das Eine, noch das Andere, mein Herr,« erwiederte Madame Fournichon. »Das Quartier ist nur neu, und was die Kunden betrifft, so wählen wir.«

»Ah! sehr gut,« sagte der Kapitän.

Meister Fournichon billigte während dieser Zeit mit dem Kopfe die Antworten seiner. Frau.

»Zum Beispiel,« fügte sie mit einem gewissen Blinzeln der Augen bei, das den Urheber des Planes mit Amors Rosenstock offenbarte, »zum Beispiel für einen Kunden wie Eure Herrlichkeit ließe man gerne zwölf gehen.«

»Das ist artig, meine hübsche Wirthin, und ich danke.«

»Will der gnädige Herr Wein kosten?« fragte Fournichon mit seiner am Mindesten heiseren Stimme.

»Will der gnädige Herr die Wohnungen besichtigen?« sagte Madame Fournichon mit ihrer süßesten Stimme.

»Das Eine und das Andere mit Eurer Erlaubniß.« erwiederte der Kapitän.

Fournichon stieg in den Keller hinab, während seine Frau ihrem Gaste die nach den Thürmchen führende Treppe zeigte, auf der sie ihm voran ging, wobei sie ihren Rock zierlich etwas aufhob und auf jeder Stufe einen wahren Pariserin-Schuh krachen ließ.

»Wie viel Personen könnt Ihr hier quartieren?« fragte der Kapitän, als er im ersten Stock angelangt war.

»Dreißig Personen, worunter zehn Herren.«

»Das ist nicht genug, schöne Wirthin,« entgegnete der Kapitän.

»Warum, mein Herr?«

»Ich hatte einen Plan, sprechen wir nicht mehr davon.«

»Ah! mein Herr, Ihr werdet sicherlich nichts Besseres finden, als Amors Rosenstock.«

»Warum Amors Rosenstock?«

»Den kühnen Ritter, wollte ich sagen, und wenn man nicht den Louvre und seine Zugehör hat…«

Der Fremde heftete einen seltsamen Blick auf sie.

»Ihr habt Recht,« sagte er, »wenn man nicht den Louvre und seine Zugehör hat.«

Dann fuhr er bei Seite fort:

»Warum nicht, das wäre bequemer und minder theuer.«

»Ihr sagt also, meine gute Dame,« sprach er laut, »Ihr könntet hier dreißig Personen zum Wohnen aufnehmen?«

»Ja, gewiß.«

»Aber für einen Tag?«

»Oh! für einen Tag vierzig und sogar fünf und vierzig.«

»Fünf und vierzig, Parfandious! das ist gerade meine Zahl.«

»Wirklich! seht, wie glücklich sich das trifft.«

»Und ohne daß es auswärts Lärm macht?«

»Sonntags haben wir oft achtzig Soldaten hier.«

»Und keine Zusammenrottung vor dem Hause, kein Spion unter den Nachbarn?«

»Oh! mein Gott, nein; wir haben keinen andern Nachbar, als einen würdigen Bürgersmann, der sich nie in eines Dritten Angelegenheiten mischt, und keine andere Nachbarin, als, eine Dame welche so zurückgezogen lebt, daß ich sie in den drei Wochen, die sie hier wohnt, noch gar nicht zu Gesicht bekommen habe; alle Uebrigen sind unbedeutende Leute.«

»Das sagt mir vortrefflich zu.«

»Ah! desto besser.«

»Und von heute in einem Monat,« fuhr der Kapitän fort, »behaltet das wohl, Madame, von heute in einem Monat.«…

»Am 26. October also?«

»Am 26. October.«

»Nun?«

»Am 26. October miethe ich Euer ganzes Gasthaus.«

»Das ganze?«

»Das ganze. Ich will einigen Landsleuten eine Ueberraschung bereiten… Officieren oder wenigstens Kriegsmännern der Mehrzahl nach, welche in Paris ihr Glück suchen; bis dahin erhalten sie Nachricht, daß sie bei Euch absteigen sollen.«

»Und wie erhalten sie diese Nachricht, da Ihr ihnen eine Ueberraschung bereiten wollt?« fragte unkluger Weise Madame Fournichon.

»Ah!« erwiederte der Kapitän, durch diese Frage sichtbar in Verlegenheit gebracht, »ah! wenn Ihr neugierig oder indiscret seid…. Parfandious!«

»Nein, nein, mein Herr,« rief hastig und erschrocken Madame Fournichon.

Fournichon hatte theilweise gehört, bei den Worten: Officiere oder Kriegsmänner schlug sein Herz vor Wohlbehagen.

Er lief herbei.

»Mein Herrn.« rief er, »Ihr werdet hier Meister, Despot des Hauses sein, und zwar ohne Frage; mein Gott! alle Eure Freunde sind willkommen.«

»Mein Braver, ich sagte nicht meine Freunde,« erwiederte hochmüthig der Kapitän, »ich sagte meine Landsleute.«

»Ja, ja, die Landsleute Eurer Herrlichkeit; ich täuschte mich.«

Dame Fournichon drehte ärgerlich den Rücken; die Liebesrosen hatten sich in Hellebardenbündel verwandelt.

»Ihr werdet ihnen Abendbrod geben,« fuhr der Kapitän fort.

»Sehr wohl.«

»Mit einem Worte Ihr werdet Euch ohne die geringste Frage ganz ihrer Discretion anheimgeben.«

»Abgemacht.«

»Hier sind dreißig Livres Angeld.«

»Der Handel ist abgeschlossen; Eure Landsleute sollen als Könige behandelt werden, und wenn Ihr Euch, den Wein kostend, versichern wollt…«

»Ich danke, ich trinke nie.«

Der Kapiteln näherte sich dem Fenster und rief den Hüter der Pferde.

Meister Fournichon stellte mittlerweile eine Betrachtung an.

»Gnädigster Herr,« sagte er (seit dem Empfang der so großmüthig zum Voraus bezahlten drei Pistolen nannte Meister Fournichon den Fremden gnädigster Herr): »gnädigster Herr, wie soll ich die Herrn erkennen?«

»Parfandious! das ist wahr, das habe ich vergessen; gebt mir Wachs, Papier und Licht.«

Dame Fournichon brachte Alles.

Der Kapitän drückte auf das siedende Wachs die Gravur eines Ringes, den er an der linken Hand trug.

»Ihr seht dieses Bild?« sagte er.

»Meiner Treue, eine schöne Frau.«

»Ja, es ist eine Cleopatra; nun wohl! jeder von meinen Landsleuten wird Euch einen ähnlichen Abdruck bringen, und Ihr beherbergt den Inhaber eines solchen Abdrucks, das ist abgemacht, nicht wahr?«

»Wie lange?«

»Ich weiß es noch nicht; Ihr werdet meine Befehle hierüber erhalten.«

»Wir werden sie erwarten.«

Der schöne Kapitän stieg wieder die Treppe hinab, schwang sich in den Sattel und ritt in scharfem Trabe fort.

In Erwartung seiner Rückkehr sackten die Gatten Fournichon die dreißig Livres Angeld ein… zur großen Freude des Wirthen der unabläßig wiederholte:

»Kriegsleute! Ah! das Schild hat entschieden nicht Unrecht, durch das Schwert werden wir unser Glück machen.«

Und er fing an, dem 26sten October entgegenharrend, alle seine Casserolen zu scheuern.




Achtes Kapitel

Silhouette von Gascognern


Wir würden es nicht wagen, zu behaupten, Dame Fournichon sei so discret gewesen, als der Fremde es ihr empfohlen hatte. Uebrigens glaubte sie sich wegen des Vortheils, den er dem Schwerte des kühnen Ritters eingeräumt, ohne Zweifel jeder Verbindlichkeit gegen ihn überhoben; da ihr aber noch mehr zu errathen blieb, als man ihr gesagt hatte, so fing sie, um ihre Vermuthungen auf einer festen Grundlage beruhen zu lassen, damit an, daß sie suchte, wer der unbekannte Cavalier wäre, der seinen Landsleuten so großmüthig Gastfreundschaft bot. Sie verfehlte auch nicht, den ersten Soldaten, den sie vorübergehen sah, nach dem Namen des Kapitäns zu fragen, der die Revue gehalten.

Ohne Zweifel von verschwiegenerem Charakter, als die Wirthin, fragte der Soldat zuerst, ehe er antwortete, zu welchem Behufe sie diese Frage an ihn richte.

»Weil er so eben von hier weggeht,« sagte Madame Fournichon, »weil er mit uns geplaudert hat, und weil man auch gern wissen möchte, mit wem man spricht.«

Der Soldat lachte.

»Der Kapitän, der die Revue commandirte, wäre nicht in das Schwert des kühnen Ritters eingetreten, Madame Fournichon,« sage er.

»Und warum?« fragte die Wirthin, »ist er zu vornehmer Herr hierzu?«

»Vielleicht.«

»Nun, wenn ich sage, daß er nicht seinetwegen in das Gasthaus zum kühnen Ritter gekommen ist?«

»Und wessen wegen denn?«

»Seinen Freunden zu Liebe.«

»Der Kapitän der die Revue commandirte, würde seine Freude nicht im Schwerte des kühnen Ritters einquartieren, dafür stehe ich.«

»Pest! Wir nehmt Ihr den Mund so voll, mein braver Mann! Und wie nennt sich denn der Herr, der zu vornehm ist, um seine Freunde im besten Gasthof von Paris einzuquartieren?«

»Nicht wahr, Ihr sprecht von dem, welcher die Revue commandirte?«

»Allerdings.«

»Ei, meine liebe Frau, derjenige, welcher die Revue kommandirte, ist ganz einfach der Herr Herzog Nogaret de la Valette d‘Épernon, Pair von Frankreich, General-Oberster der Infanterie des Königs, und ein wenig mehr König, als Seine Majestät selbst. Nun! was sagt Ihr von diesem?«

»Daß er mir Ehre erwiesen hat, wenn er es ist, der zu mir gekommen.«

»Habt Ihr ihn Parfandious sagen hören?«

»Ei! Ei!« machte Dante Fournichon, welche viele außerordentliche Dinge im Leben gesehen hatte, und der das Wort Parfandious nicht ganz unbekannt war.

Man kann sich nun denken, mit welcher Ungeduld der 26. Oktober erwartet wurde.

Am 25. Abends trat ein Mann mit einem ziemlich schweren Sack ein, den er auf den Schenktisch von Fournichon legte.,

»Das ist der Preis für das auf morgen bestellte Mahl,« sagte er.

»Zu wie viel den Kopf?« fragten gleichzeitig die beiden Ehegatten.

»Zu sechs Livres.«

»Die Landsleute des Kapitäns werden also nur ein einziges Mahl hier einnehmen?«

»Ein einziges.«

»Der Kapitän hat also eine Wohnung für sie gefunden?«

»Es scheint.«

Trotz der Fragen des Rosenstocks und des Schwertes entfernte sich der Bote, ohne daß er dem einen und dem andern mehr antworten wollte.

Endlich ging die Sonne über den Küchen des kühnen Ritters auf.

Es hatte halb ein Uhr bei den Augustinern geschlagen, als vier Reiter vor der Thüre des Gasthauses hielten, vom Pferde stiegen und eintraten.

Sie waren von der Porte Bussy gekommen und trafen natürlich zuerst ein, einmal weil sie Pferde hatten, und sodann weil das Gasthaus zum Schwerte nur hundert Schritte von der Porte Bussy entfernt lag.

Einer von ihnen, der, sowohl nach seinem guten Aussehen, als nach seinem Luxus zu schließen, ihr Anführer zu sein schien, kam sogar mit zwei wohl berittenen Lackeien.

Jeder von ihnen zeigte sein Siegel mit dem Bilde der Cleopatra und wurde von dem Ehepaar mit jeglicher Zuvorkommenheit empfangen, besonders der junge Mann mit den zwei Lackeien.

Mit Ausnahme des Letzteren erschienen die Ankömmlinge indessen nur schüchtern und mit einer gewissen Befangenheit; man sah, daß sie etwas Ernstes beunruhigte, besonders wenn sie maschinenmäßig die Hand in ihre Tasche steckten.

Die Einen verlangten, sich zur Ruhe zu legen, die Andern, vor dem Abendbrod die Stadt zu durchlaufen; der junge Mann mit den zwei Lackeien fragte, ob es nichts Neues in Paris zu sehen gebe.

Sehr empfänglich für die gute Miene des Cavaliers, antwortete Dame Fournichon:

»Meiner Treue, wenn Euch die Menge nicht bange macht, und wenn Ihr nicht davor erschreckt, daß Ihr vier Stunden hintereinander auf Euren Beinen bleiben müßt, könnt Ihr Euch dadurch eine Zerstreuung verschaffen, daß Ihr Herrn von Salcède, einen Spanier, der conspirirt hat, viertheilen seht.«

»Ah!« sagte der junge Mann, »es ist wahr, ich habe davon sprechen hören, Pardieor! ich gehe dahin.«

Und er entfernte sich mit seinen beiden Lackeien.

Gegen zwei Uhr kamen in Gruppen zu vier und fünf etwa fünfzehn neue Reisende.

Einige von ihnen trafen einzeln ein.

Einer kam sogar nachbarartig ohne Hut, ein Stöckchen in der Hand; er fluchte über Paris, wo die Diebe so verwegen seien, daß sie ihm bei der Grève, als er eine Gruppe durchschritten, den Hut gestohlen, und so gewandt, daß er nicht einmal habe sehen können, wer ihm denselben genommen.

Uebrigens sei das sein Fehler, er hätte nie in die Stadt Paris mit einem Hute, der mit einer so prachtvollen Agraffe geschmückt gewesen, eintreten sollen.

Gegen vier Uhr hatten sich schon vierzig Landsleute des Kapitäns in dem Gasthause von Fournichon eingefunden.

»Ist das nicht seltsam?« sprach der Wirth zu seiner Frau, »es sind lauter Gascogner.«

»Was findest Du denn Seltsames?« erwiederte die Dame, »sagte der Käpitän nicht, er würde Landsleute empfangen?«

»Nun?«

»Da er selbst Gascogner ist, so müssen seine Landsleute wohl auch Gascogner sein.«

»Das ist wahr.«

»Ist Herr von Épernon nicht von Toulouse?«

»Das ist wahr, das ist wahr! Du bleibst also immer noch bei Herrn von Épernon?«

»Hat er nicht dreimal das bekannte Parfandious losgelassen?«

»Er hat das bekannte Parfandious losgelassen?« fragte der Wirth unruhig, »was für ein Thier ist das?«

»Dummkopf, das ist sein Lieblingsschwur.«

»Richtig, richtig.«

»Staune darüber, daß nur vierzig Gascogner da sind, während wir fünf und Vierzig haben sollten.«

Aber gegen fünf Uhr kamen die andern fünf Gascogner auch, und die Gäste des Schwertes waren vollzählig.

Nie hatten das Erstaunen und die Ueberraschung eine solche Verklärung über Gascogner Gesichter verbreitet: eine Stunde lang hörte man nur Sandioux, Mordioux, Cap de Bious, kurz so geräuschvolle Freudenausbrüche, daß es den Fournichon vorkam, als ob ganz Saintonge, ganz Poirou, ganz Aunis und ganz Languedoc in ihren großen Saal eingebrochen wären.

Einige kannten sich: so umarmte Eustache von Miradoux den Cavalier mit den zwei Lackeien und stellte ihm Lardille, Militor und Scipion vor.

»Durch welchen Zufall bist Du in Paris?« fragte dieser.

»Du selbst, mein lieber Sainte-Maline?«

»Ich habe eine Stelle bei der Armee, und Du?«

»Ich komme in Erbschaftsangelegenheiten.«

»Ah! Ah! Du schleppst also die alte Lardille immer noch nach?«

»Sie wollte mir folgen.«

»Konntest Du nicht insgeheim abreisen, statt Dich mit diesem Volke zu beschweren, das an ihrem Rocke hängt?«

»Unmöglich, sie hat den Brief des Anwaltes geöffnet.«

»Ah! Du hast die Nachricht von der Erbschaft durch einen Brief erhalten?« fragte Sainte-Maline.

»Ja,« antwortete Miradoux. Dann rief er, hastig das Gespräch wechselnd:

»Ist es nicht seltsam, daß dieses Gasthaus voll und zwar von Landsleuten voll ist?«

»Nein, das ist nicht seltsam, das Schild macht Leuten von Ehre Appetit,« unterbrach ihn unser alter Bekannter Perducas von Pincorney, sich in das Gespräch mischend.

»Oh! Ihr seid es, Kamerad,« versetzte Sainte-Maline, »Ihr habt mir immer noch nicht erklärt, was Ihr mir bei der Grève erzählen wolltet, als uns die Menge trennte.«

»Und was wollte ich Euch erklären?« fragte Pincorney ein wenig eröthend.

»Wie es kommt, daß ich Euch zwischen Angoulème und Angers auf dem Wege begegnet habe, daß ich Euch heute zu Fuß ein Stöckchen in der Hand und ohne Hut sehe?«

»Beschäftigt Euch das, mein Herr?«

»Meiner Treue, ja,« sagte Sainte-Maline, »es ist weit von Poitiers hierher, und Ihr kommt noch von ferner als von Poitiers.«

»Ich kam von Saint-André de Cubsac.«

»Und so ohne Hut?«

»Das ist ganz einfach.«

»Ich finde es nicht.«

»Doch wohl, und Ihr werdet es begreifen. Mein Vater hat zwei prächtige Pferde, auf welche er so große Stücke hält, daß er im Stande ist, mich zu enterben, nach dem Unglück, das mir begegnete.«

»Welches Unglück ist Euch begegnet?«

»Ich ritt auf einem derselben, auf dem schönsten, spazieren, als plötzlich zehn Schritte von mir ein Büchsenschuß losgeht, mein Pferd scheu wird und auf der Straße nach der Dordogne fortrennt.«

»Wo es hineinstürzt?«

»Vollkommen.«

»Mit Euch?«

»Nein, zum Glück hatte ich noch Zeit gehabt, zu Boden zu gleiten, sonst wäre ich mit ihm ertrunken.«

»Ab! Ah! das arme Thier ist ertrunken!«

»Pardioux! Ihr kennt die Dordogne, eine halbe Meile breit.«

»Und dann?«

»Dann beschloß ich, nicht nach Hause zurückzukehren und mich soweit als möglich dem väterlichen Zorne zu entziehen.«

»Aber Euer Hut?.«

»Wartet doch beim Teufel! mein Hut war herabgefallen.«

»Wie Ihr?«

»Ich war nicht herabgefallen, ich hatte mich zu Boden gleiten lassen; ein Pincorney fällt nicht vom Pferde, die Pincorney sind Stallmeister in der Wiege.«

»Das ist bekannt,« sagte Sainte-Maline, »aber Euer Hut?«

»Ah! mein Hut!«

»Ja.«

»Mein Hut war also herabgefallen, ich suchte ihn, denn es war meine einzige Hilfsquelle, da ich mich ohne Geld von Hause weg begeben hatte.«

»Wie konnte Euer Hut eine Hilfsquelle für Euch sein?« fragte Sainte-Maline, entschlossen, Pincorney durch seine Beharrlichkeit in die Enge zu treiben.

»Sandioux! Und zwar eine große! Ich muß Euch sagen, daß die Feder dieses Hutes von einer Diamantagraffe gehalten wurde, welche Seine Majestät Kaiser Karl V. meinem Großvater schenkte, als er auf seiner Reise von Spanien nach Flandern in unserem Schlosse anhielt.«

»Ah! Ihr habt die Agraffe verkauft und den Hut damit. Dann mein Freund, müßt Ihr der Reichste von uns Allen sein, und Ihr hättet müssen mit dem Gelde von Eurer Agraffe einen zweiten Handschuh kaufen. Ihr habt Hände, welche nicht zusammen passen: die eine ist weiß wie eine Frauenhand, die andere schwarz wie eine Negerhand.«

»Wartet doch! in dem Augenblick, wo ich mich umdrehe, um meinen Hut zu suchen, sehe ich einen ungeheuren Raben, der darüber herfällt.«

»Ueber Euren Hut?«

»Oder vielmehr über meinen Diamant; Ihr wißt daß dieses Thier Alles stiehlt, was glänzt; es fällt also über meinen Diamant her und stiehlt ihn.«

»Euern Diamant?«

»Ja, mein Herr. Ich folge ihm zuerst mit den Augen, dann laufe ich ihm nach und rufe: »Haltet auf! haltet auf! ein Dieb!« Die Pest! nach fünf Minuten war er verschwunden und ich habe nie mehr von ihm sprechen hören.«

»Und durch diesen doppelten Verlust niedergebeugt…«

»Wagte ich es nicht mehr, in das elterliche Haus zurückzukehren, und entschloß mich, mein Glück in Paris zu suchen.«

»Schön!« sagte ein Dritter, »der Wind hat sich also in einen Raben verwandelt? Ich habe Euch, wie es mir scheint, Herrn von Loignac erzählen hören, beschäftigt, einen Brief Eurer Geliebten zu lesen, habe Euch der Wind Brief und Hut fortgenommen, als wahrer Amadis seid Ihr dem Brief nachgelaufen, und habet den Hut gelassen, wo es ihm hinzugehen gefallen.«

Halb unterdrücktes Gelächter machte sich hörbar.

»Ei! Ei! meine Herren.« sagte der reizbare Gascogner, »sollte man zufällig über mich lachen?«

Jeder wandte sich ab, um bequemer lachen zu können.

Perducas schaute forschend umher und erblickte am Kamin einen jungen Mann, der seinen Kopf in seinen Händen verbarg; er glaubte, dieser mache es nur so, um sich mehr verborgen zu halten.«

Er ging auf ihn zu und sagte zu ihm.

»Ei mein Herr, wenn Ihr lacht, lacht mir wenigstens ins Gesicht, damit man Euer Antlitz sieht.«

Und er klopfte auf die Schulter des jungen Mannes, der ganz ernst und nachdenkend seine Stirne erhob.

Der junge Mann war kein Anderer, als unser Freund Ernauton von Carmainges, der sich von dem Abenteuer auf der Gréve noch ganz betäubt fühlte.

»Ich bitte Euch, mich in Ruhe zu lassen, mein Herr.« erwiederte Herr, »und besonders wenn Ihr mich noch einmal berührt, mich mit der Hand zu berühren, an der Ihr einen Handschuh habt; Ihr seht wohl, daß ich mich nicht mit Euch beschäftige.«

»Das will ich mir gefallen lassen,« brummte Pincorney, »wenn Ihr Euch nicht mit mir beschäftigt, so habe ich nichts zu sagen.«

»Ah! mein Herr,« sprach Eustache von Miradoux zu Carmainges, »bei den versöhnlichsten Absichten seid Ihr nicht höflich gegen unsern Landsmann.«

»In was des Teufels mischt Ihr Euch?« entgegnete Ernauton immer ärgerlicher.

»Ihr habt Recht, mein Herz.« sagte Miradoux sich verbeugend, »das geht mich nichts an.«

Und er wandte sich auf den Absätzen um und wollte zu Lardille zurückkehren, welche in einer Ecke am großen Kamin saß, aber es versperrte ihm Jemand den Weg.

Es war Militor, mit seinen beiden Händen im Gürtel und mit seinem höhnischen Lächeln auf den Lippen.

»Sagt doch, Stiefvater,« machte der Taugenichts.

»Nun?«

»Was sagt Ihr dazu?«

»Wozu?«

»Ja der Art und Weise, wie dieser Edelmann Euch abgeführt hat?«

»Hm!«

»Er hat Euch gehörig gebeutelt.«

»Ah! Du hast das bemerkt?« erwiederte Eustache, indem er Militor auf die Seite zu schieben suchte.

Doch dieser machte das Manoeuvre dadurch scheitern, daß er sich links drückte, wodurch er wieder vor ihn zu stehen kam.

»Nicht nur ich,« sagte Militor, »sondern Jedermann, seht nur, wie Alle um uns her lachen.«

Man lachte wirklich, doch nicht mehr hierüber, als über andere Dinge.

Eustache wurde roth wie eine glühende Kohle.

»Auf, auf, Stiefvater, laßt die Sache nicht kalt werden,« sagte Militor.

Eustache erhob sich auf seine Hinterbeine, ging auf Carmainges zu und sprach zu ihm:

»Mein Herr, man behauptet, Ihr habet besonders unangenehm gegen mich sein wollen?«

»Wann dies?«

»So eben.«

»Gegen Euch?«

»Gegen mich.«

»Wer behauptet dies?«

»Dieser Herr,« antwortete Eustache, auf Militor deutend.

»Dann ist dieser Herr,« entgegen Carmainges mit einem besondern Nachdruck auf die Betitelung, »dann ist dieser Herr ein Stahrmatz.«

»Oh! oh!« machte Militor wüthend.

»Und ich fordere ihn auf,« fuhr Carmainges fort, »mit dem Schnabel fern von mir zu bleiben, oder ich werde mich des Rathes von Loignac erinnern.«

»Herr von Loignac hat nicht gesagt, ich wäre eine Stahrmatz.«

»Nein, er hat gesagt, Ihr wäret ein Esel, zieht Ihr das etwa vor? Mir ist wenig daran gelegen; seid Ihr ein Esel, so gebe ich Euch die Peitsche, seid Ihr ein Stahrmatz, so rupfe ich Euch.«

»Mein Herr,« sprach Eustache, »es ist mein Stiefsohn; ich bitte Euch, behandelt ihn besser aus Rücksicht für mich.«

»Ah! so vertheidigt Ihr mich, Stiefvater,« rief Militor außer sich, »wenn es sich so verhält, werde ich mich besser allein vertheidigen.«

»In die Schule mit diesen Kindern, in die Schule!« sagte Ernauton.

»In die Schule?« rief Militor, mit aufgehobener Faust gegen Herrn von Carmainges vorrückend, »ich bin siebzehn Jahre alt, versteht Ihr wohl, mein Herr?«

»Und ich bin fünf und zwanzig,« entgegnete Ernauton, »und deshalb will ich Euch, wie Ihr es verdient, zurechtweisen.«

Und er packte ihn beim Kragen und am Gürtel, hob ihn von der Erde auf, und warf ihn wie einen Ballen zum Fenster des Erdgeschoßes hinaus auf die Straße, während Lardille ein Geschrei ausstieß, daß die Wände hätten einfallen sollen.

»Nun mache ich aus Stiefvater, Stiefmutter, Stiefsohn und allen Familien der Welt Fleisch zu Pasteten, wenn man mich noch einmal stört,« fügte Ernauton ruhig bei.

»Meiner Treue, ich finde, er hat Recht,« sagte Miradoux, »warum diesen Edelmann reizen?«

»Ah! Feiger, der seinen Sohn schlagen läßt,« rief Lardille, auf Eustache zurückend und ihre zerstreuten Haare schüttelnd.

»Nun, nun, nun,« sprach Eustache, »das bildet seinen Charakter.«

»Ah! Ah! sagt doch, man wirft also die Leute hier aus dem Fenster?« sprach ein Officier, der eben eintrat, »was Teufels, wenn man solche Späße treibt, sollte man wenigstens: Aufgepaßt da unten! rufen.«

»Herr von Loignac!« riefen zwanzig Stimmen.

»Herr von Loignac!« wiederholten die fünf und vierzig.«

Und bei diesem in der ganzen Gascogne bekannten Namen standen Alle auf und schwiegen.




Neunten Kapitel

Herr von Loignac


Hinter Herrn von Loignac trat Militor, wie gemahlen durch seinen Sturz und purpurroth vor Zorn, ein.

»Ich grüße Euch, meine Herren,« sagte Loignac, »mir scheint, es geht etwas stürmisch zu. Ah! Ah! Meister Militor hat wieder den Zänker gemacht und darunter muß seine Nase leiden.«

»Man wird mir meine Schläge bezahlen,« brummte Militor Carmainges die Faust weisend.

»Tragt auf, Meister Fournichon,« rief Loignac, »und Jeder sei, wenn es möglich ist, freundlich gegen seinen Nachbar. Von diesem Augenblick an sollt Ihr Euch lieben wie Brüder.«

»Hm!« machte Sainte-Maline.

»Die Nächstenliebe ist selten,« sagte Chalabre, während er über seinem eisengrauen Wamms seine Serviette so ausbreitete, daß ihm kein Unfall begegnen konnte, wie groß auch der Ueberfluß an Brühen sein mochte.

»Und sich so von Nahem lieben ist schwierig,« fügte Ernauton bei, »allerdings sind wir nicht auf lange Zeit beisammen.«

»Seht,« rief Pincorney, der die Spöttereien von Biran noch auf dem Herzen hatte, »man verhöhnt mich, weil mir mein Hut abhanden gekommen ist, und man sagt nichts über Herrn von Montcrabeau, der mit einem Panzer aus der Zeit von Kaiser Pertinax, von dem er aller Wahrscheinlichkeit nach abstammt, zu Mittag speisen will… Das ist Defensive.«

Montcrabeau erhob sich gereizt und sprach mit einer Falsettstimme:

»Meine Herren, ich nehme ihn ab, dies zur Kunde für diejenigen, welche mich lieber mit Angriffswaffen als mit Vertheidigungswaffen sehen.«

Und er band majestätisch seinen Panzer los und befahl seinem Lackeien, einem Graukopf von fünfzig Jahren, zu ihm zu kommen.

»Friede! Friede!« rief Herr von Loignac, »setzen wir uns zu Tische.«

»Befreiet mich von diesem Panzer, ich bitte Euch,« sagte Pertinax zu seinem Lackeien.

Der Graukopf nahm ihn aus seinen Händen und fragte leiser:

»Und ich, werde ich nicht auch zu Mittag essen? Laß mir doch etwas geben, Pertinax, ich sterbe vor Hunger.«

Diese Aufforderung, so seltsam vertraulich sie auch sein mochte, erregte durchaus nicht das Erstaunen desjenigen, an welchen sie gerichtet war.

»Ich werde thun, was mir möglich ist.« antwortete er, »doch zu größerer Sicherheit seht Euch selbst danach um.«

»Hm!« machte der Lackei mit verdrießlichem Tone, »das ist durchaus nicht beruhigend.«

»Habt Ihr denn gar nichts mehr?« fragte Pertinax.

»Wir haben unsern letzten Thaler in Sens verzehrt.«

»Nun, so sucht irgend Etwas zu Geld zu machen.«

Kaum hatte er dies gesprochen, als man aus der Straße und dann aus dir Schwelle des Wirthshauses rufen hörte:

»Alteisenhändler! wer verkauft Eisen?«

Bei diesem Rufe lief Madame Fournichon nach der Thüre, während Fournichon majestätisch die ersten Platten auftrug.

Nach dem Empfang, der ihm zu Theil wurde, war die Küche von Fournichon ausgezeichnet.

Fournichon, der nicht alle Complimente, die man ihm machte, einernten konnte, wollte seine Frau zur Theilnahme zulassen.

Er suchte sie mit den Augen, aber vergebens; sie war verschwunden.

Er rief ihr.

»Was macht sie denn?« fragte er einen Küchenjungen, als er sah, daß sie nicht kam.

»Ah! Meister, einen Goldhandel,« antwortete dieser.

»Sie verkauft all Euer altes Eisen gegen neues Geld.«

»Ich hoffe, daß von meinem Kriegspanzer und meiner Sturmhaube nicht die Rede ist!« rief Fournichon nach der Thüre stürzend.

»Nein, nein,« sagte Loignac, »das Kaufen von Waffen ist durch eine Verordnung des Königs verboten.«

»Gleichviel,« erwiederte Fournichon forteilend.

Madame Fournichon kehrte triumphirend zurück.

»Nun, was habt Ihr?« fragte sie, ihren erschrockenen Mann anschauend.

»Man sagt mir, Ihr verkaufet meine Waffen.«

»Hernach?«

»Ich will nicht, daß man sie verkauft.«

»Bah! da wir Frieden haben, sind zwei neue Casserolen mehr werth, als ein alter Panzer.«

»Es muß ein armseliger Handel sein, der Handel mit altem Eisen, seit dem Edict des Königs, von dem Herr von Loignac so eben sprach,« sagte Chalabre.

»Im Gegentheil, mein Herr,« erwiederte Dame Fournichon, »seid langer Zeit führte mich derselbe Händler mit seinen Anerbietungen in Versuchung. Heute konnte ich nicht widerstehen, und ich ergriff die Gelegenheit, die sich mir bot. Zehn Thaler, mein Herr, sind zehn Thaler, und ein alter Panzer bleibt ein alter Panzer.«

»Wie! zehn Thaler!« rief Chalabre, »Teufel! so viel?«

Und er wurde nachdenkend.

»Zehn Thaler,« wiederholte Pertinax indem er einen beredeten Blick auf seinen Lackei warf, »hört Ihr Herr Samuel?«

Aber Samuel war schon nicht mehr da.

»Ah! mir scheint, dieser Händler setzt sich der Gefahr aus, gehenkt zu werden,« sagte Herr von Loignac.

»Oh! es ist ein braver Mann, sehr freundlich und sehr fügsam,« versetzte Madame Fournichon.

»Aber was macht er mit all dem alten Eisen?«

»Er verkauft es wieder nach dem Gewicht.«

»Nach dem Gewicht,« entgegnete Loignac, »und Ihr sagt, er habe Euch zehn Thaler gegeben, wofür?«

»Für einen alten Panzer und für eine alte Sturmhaube.«

»Angenommen, sie haben zusammen zwanzig Pfund gewogen, so ist das ein halber Thaler für das Pfund. Parfandious! wie einer von meinen Bekannten sagt, darunter steckt ein Geheimniß.«

»Oh! daß ich diesen braven Handelsmann in meinem Schlosse hätte,« sagte Chalabre, dessen Augen sich entzündeten, »ich würde dreißig Centner Armschienen, Beinschienen und Panzer an ihn verkaufen.«

»Wie! Ihr würdet die Rüstungen Eurer Ahnen verkaufen?« sagte Sainte-Maline mit spöttischem Tone.

»Ah! mein Herr, Ihr hättet Unrecht,« rief Eustache von Miradoux, »das sind heilige Reliquien.«

»Bah!« versetzte Chalabre, »zu dieser Stunde sind meine Ahnen selbst Reliquien und bedürfen nur noch der Messen.«

Man erhitzte sich immer mehr bei dem Mittagessen durch den Burgunderwein, dessen Verbrauch die Gewürze von Fournichon beschleunigten.

Die Stimmen steigerten sich, die Teller klangen, die Gehirne füllten sich mit Dünsten, durch welche jeder Gascogner Alles rosenfarbig sah, … mit Ausnahme von Militor, der an seinen Sturz dachte, und von Carmainges, der an seinen Pagen dachte.

»Das sind viele lustige Leute,« sagte Loignac seinem Nachbar, der gerade Ernauton war, »und sie wissen nicht warum.«

»Ich weiß es auch nicht,« erwiederte Carmainges, »allerdings mache ich meines Theils eine Ausnahme, denn ich bin nicht im Mindesten freudig gestimmt.«

»Ihr habt Eurerseits Unrecht,« sprach Loignac, »denn Ihr seid einer von denjenigen, für welche Paris eine Goldmine, ein Ehrenparadies, eine Welt der Glückseligkeit ist.«

Ernauton schüttelte den Kopf.

»Nun, was sagt Ihr?«

»Spottet meiner nicht, Herr von Loignac,« sprach Ernauton, »Ihr, der Ihr alle Fäden in der Hand zu haben scheint, welche die Mehrzahl von uns in Bewegung setzen, habt wenigstens die Gnade, den Vicomte Ernauton von Carmainges nicht wie einen hölzernen Komödianten zu behandeln.«

»Ich werde Euch noch ganz andere Gnaden erweisen, Herr Vicomte,« erwiederte Loignac sich höflich verbeugend, »ich habe Euch mit dem ersten Blick unter Allen unterschieden, Euch, dessen Auge sanft und stolz, und jenen andern jungen Mann dort, dessen Auge verdrießlich und düster ist.«

»Ihr nennt ihn?«

»Herrn von Sainte-Maline.«

»Und was ist die Ursache dieser Unterscheidung, wenn Ihr meine Frage nicht für eine zu große Neugierde von meiner Seite anseht?«

»Weil ich Euch kenne.«

»Mich,« sagte Ernauton erstaunt, »mich kennt Ihr?«

»Euch und ihn, … ihn und alle diejenigen, welche hier sind.«

»Das ist seltsam.«

»Ja; aber es ist nothwendig.«

»Warum ist es nothwendig?«

»Weil ein Anführer seine Soldaten kennen muß.«

»Und alle diese Leute?«

»Werden morgen meine Soldaten sein.«

»Aber ich glaubte, Herr von Épernon…«

»St! sprecht diesen Namen hier nicht aus oder sprecht vielmehr gar keinen Namen aus; öffnet die Ohren und, schließt den Mund, und da ich Euch jegliche Gnade verhießen habe, so nehmt vorläufig diesen Rath auf Abschlag.«

»Ich danke, mein Herr.« sagte Ernauton.

Loignac wischte sich den Schnurrbart ab, stand auf und sprach:

»Meine Herren, der Zufall führt hier fünf und vierzig Landsleute zusammen, leeren wir ein Glas von diesem spanischen Wein auf die Wohlfahrt aller Anwesenden.«

Dieser Vorschlag wurde mit wüthendem Beifall aufgenommen.

»Sie sind meistens trunken,« sagte Loignac zu Ernauton, »es wäre ein guter Augenblick, Jeden seine Geschichte erzählen zu lassen, aber es fehlt uns an Zeit.«

Dann rief er die Stimme erhebend:

»Holla, Meister Fournichon, laßt alle Frauen, Kinder und Lackeien weggehen.«

Lardille erhob sich fluchend; sie hatte ihren Nachtisch noch nicht völlig verzehrt.

Militor rührte sich nicht.

»Hat man mich dort nicht gehört?« sprach Loignac mit einem Blicke, der keine Widerrede duldete…«

»Vorwärts, in die Küche, Herr Militor…«

Nach einem Augenblick waren nur noch die fünf und vierzig Gäste und Herr von Loignac im Saal.

»Meine Herren.« sagte der letztere, »Jeder von Euch weiß oder vermuthet wenigstens, wer ihn hat nach Paris kommen lassen… Gut, ruft nicht seinen Namen aus… Ihr wißt, das genügt…Ihr wißt auch, daß Ihr gekommen seid, um ihm zu gehorchen.«

Ein Gemurmel der Beistimmung erhob sich aus allen Theilen des Saales; nur, da Jeder einzig und allein das wußte, was ihn betraf, und nicht wußte, daß sein Nachbar durch dieselbe Macht wie er bewogen, gekommen war, schauten sich Alle erstaunt an.

»Es ist gut,« sprach Loignac, »Ihr werdet Euch später anschauen, meine Herren. Seid unbesorgt, Ihr habt Zeit, Bekanntschaft zu machen. Ihr seid also gekommen, um diesem Mann zu gehorchen: erkennt Ihr das an?«

»Ja,« riefen die Fünf und Vierzig, »wir erkennen, es an.«

»Nun wohl! um anzufangen,« fuhr, Loignac fort, »Ihr werdet Euch geräuschlos aus diesem Gasthofe wegbegeben, um die Wohnung zu beziehen, die man Euch angewiesen hat.«

»Allen?« fragte Sainte-Maline.

»Allen.«

»Wir sind Alle berufen, wir sind hier Alle gleich,« sagte Perducas, dessen Beine so unsicher waren, daß er um seinen Schwerpunkt zu behaupten, einen Arm um den Hals von Chalabre schlingen mußte.

»Nehmt Euch doch in Acht,« sprach dieser, »Ihr zerknittert mir mein Wamms.«

»Ja, Alle gleich vor dem Willen des Gebieters,« rief Loignac.

»Oh! Oh! mein Herr.« entgegnete Carmainges erröthend, »verzeiht, man sagte mir nicht, daß sich Herr von Épernon meinen Gebieter nenne.«

»Wartet doch.«

»So hatte ich die Sache nicht verstanden.«

»Aber wartet doch, verdammter Kopf.«

Es herrschte beider Mehrzahl ein neugieriges Schweigen und bei einigen Anderen ein ungeduldiges Schweigen.

»Ich habe Euch noch nicht gesagt, wer Euer Gebieter sein würde, meine Herren…«

»Ja,« versetzte Sainte-Maline, »aber Ihr sagtet, daß wir einen haben würden.«

»Die ganze Welt hat einen Gebieter,« rief Loignac, »aber wenn Euer Wesen zu stolz ist, um da stehen zu bleiben, wo Ihr gesagt habt, so sucht höher; ich verbiete es Euch nicht nur nicht, sondern ich bevollmächtige Euch dazu.«

»Der König,« murmelte Carmainges.

»Stille,« sprach Herr von Loignac, »Ihr seid hierher gekommen, um zu gehorchen, gehorcht also; mittlerweile ist hier ein Brief, den Ihr mit lauter Stimme zu lesen mir das Vergnügen machen werdet, Herr Ernauton.«

»Befehl an Herrn von Loignac zum Cammando, die fünf und vierzig Edelleute, die ich mit Bewilligung Seiner Majestät nach Paris berufen habe, zu übernehmen.



    Rogaret de la Valette Herzog von
    Épernon.«

Trunken oder wieder besänftigt, verbeugten sich Alle; es gab nur Ungleichheiten im Equilibre, als man sich wieder erheben mußte.

»Ihr habt mich also verstanden,« sagte Herr von Loignac. »Auf der Stelle müßt Ihr mir folgen, Eure Equipagen und Eure Leute bleiben hier bei Meister Fournichon, der für sie sorgen wird, und wo ich sie später holen lasse; jetzt aber sputet Euch, die Boote warten.«

»Die Boote?« wiederholten alle Gascogner, »wir werden uns also einschiffen?«

»Allerdings werdet Ihr Euch einschiffen,« erwiederte Loignac. Muß man nicht über das Wasser, um nach dem Louvre zu gehen?«

»In den Louvre, in den Louvre,« murmelten freudig die Gascogner, »Cap de Bious! wir gehen in den Louvre.«

Loignac erhob sich von der Tafel, ließ die Fünf und Vierzig an sich vorübergehen, zählte sie wie Schafe, und führte sie durch die Straßen bis zur Tour de Nesle.

Hier fanden sich drei große Barken, von denen jede fünfzehn Passagiere an Bord nahm, und sogleich entfernten sie sich vom Ufer.

»Was Teufels werden wir im Louvre machen?« fragten sich die Unerschrockensten, welche, durch die Kälte des Wassers vom Rausche befreit, der Mehrzahl nach sehr schlecht gekleidet waren.

»Wenn ich nur wenigstens meinen Panzer hätte,« murmelte Pertinax von Montcrabeau.




Zehntes Kapitel

Der Panzermann


Pertinax hatte sehr Recht, die Abwesenheit seines Panzers zu beklagen, denn gerade zu dieser Stunde entäußerte er sich desselben auf immer durch die Vermittelung des seltsamen Lackeien, den wir so vertraulich mit seinen Herrn haben sprechen sehen.

Auf die von Madame Fournichon ausgesprochene magischen Worte: zehn Thaler, lief der Diener von Pertinax dem Händler in der That nach.

Da es schon Nacht war und der Alteisenhändler ohne Zweifel Eile hat, so war dieser schon etwa dreißig Schritte entfernt, als Samuel aus dem Gasthaus trat.

Samuel war genöthigt, dem Händler zu rufen.

Dieser blieb furchtsam stehen und warf einen durchdringenden Blick auf den Mann, der zu ihm kam.

»Was wollt Ihr, mein Freund« sagte er.

»Ei, bei Gott!« erwiederte der Lackei mit schlauer Miene, »ich will ein Geschäft mit Euch machen.«

»Nun, so wachen wir es geschwinde.«

»Ihr habt Eile?«

»Ja.«

»Oh! Ihr werdet mir, beim Teufel! doch Zeit lassen, zu schnaufen.«

»Allerdings, doch schnauft geschwinde, man erwartet mich.«

Der Eisenhändler hegte offenbar ein gewisses Mißtrauen gegen den Lackei.

»Wenn Ihr gesehen habt, was ich Euch bringe,« sagte dieser, »so werdet Ihr Euch Zeit nehmen, da Ihr mir ein Liebhaber zu sein scheint.«

»Und was bringt Ihr mir?«

»Ein herrliches Stück, ein Werk, womit… doch Ihr hört mich nicht.«

»Nein, ich schaue.«

»Was?«

»Ihr wißt also nicht, mein Freund,« sagte der Panzermann, »Ihr wißt nicht, daß der Waffenhandel durch ein Edict des Königs verboten ist?«

Und er warf unruhige Blicke umher.

Der Lackei hielt es für gut, sich den Anschein zu geben, als wüßte er nichts.

»Ich weiß nichts,« erwiederte er, »ich komme von Mont-de-Marsan.«

»Ah! das ist etwas Anderes.« sagte der Panzermann, den diese Antwort etwas zu beruhigen schien, »aber obgleich Ihr von Mont-de-Marsan kommt, wißt Ihr doch schon, daß ich mit Waffen handle,« fuhr er fort.

»Ja, ich weiß es.«

»Und wer hat es Euch gesagt?«

»Sandioux! das brauchte mir Niemand zu sagen, Ihr habt es so eben laut genug ausgerufen.«

»Wo dies?«

»Vor der Thüre des Gasthauses zum Schwerte des kühnen Ritters.«

»Ihr waret dort?«

»Ja.«

»Mit wem?«

»Mit einer Menge von Freunden.«

»Mit einer Menge von Freunden? Gewöhnlich ist kein Mensch in diesem Gasthause.«

»Dann müßt Ihr ihn sehr verändert gefunden haben?«

»In der That. Doch woher kommen alle diese Freunde?«

»Von Gascogne, wie ich.«

»Gehört Ihr dem König von Navarra?«

»Geht doch, wir sind Franzosen von Herz und Blut.«

»Ja, aber Hugenotten?«

»Katholiken, wie unser heiliger Vater der Papst, Gott sei Dank,« sprach Samuel, seine Mütze abnehmend, »aber es ist nicht hiervon die Rede, sondern von diesem Panzer.«

»Nähern wir uns ein wenig der Mauer, wenn es Euch beliebt, wir stehen hier gar zu entblößt auf der offenen Straße.«

Sie gingen mit einander einige Schritte aufwärts bis zu einem Hause von bürgerlichem Aussehen, an dessen Fensterscheiben man kein Licht erblickte.

Dieses Haus hatte seine Thüre unter einem Wetterdach, das einen Balcon bildete. Eine Steinbank war als einziger Zierrath an seiner Facade angebracht.

Es war dies zugleich das Nützliche und das Angenehme, denn es diente den Vorüberkommenden als Bügel, um auf ihre Maulthiere oder auf ihre Pferde zu steigen.

»Laßt einmal den Panzer anschauen,« sagte der Handelsmann, als sie unter dem Wetterdach standen.

»Hier ist er.«

»Wartet, man bewegt sich, glaube ich, in diesem Hause.«

»Nein, es ist gegenüber.«

Der Händler drehte sich um.

Gegenüber lag wirklich ein Haus von zwei Stockwerken, dessen zweites sich zuweilen flüchtig erleuchtete.

»Machen wir geschwinde,« sagte der Handelsmann, den Panzer betastend.

»Nicht wahr, der ist schwer?« versetzte Samuel.

»Alt, plump aus der Mode.«

»Ein Kunstgegenstand.«

»Sechs Thaler, wollt Ihr?«

»Wie, sechs Thaler, und Ihr habt dort zehn für ein altes, schadhaftes Bruststück gegeben?«

»Sechs Thaler, ja oder nein,« wiederholte der Handelsmann.

»Aber betrachtet doch diese getriebene Arbeit.«

»Was ist an der getriebenen Arbeit gelegen, wenn man nach dem Gewicht wieder verkauft?«

»Oh! Oh! Ihr handelt hier, und dort habt Ihr Alles gegeben, was man wollte.«

»Ich gebe noch einen Thaler mehr,« sagte der Händler voll Ungeduld.

»Gut,« erwiederte Samuel, »Ihr seid ein drolliger Bursche von einem Kaufmann. Ihr verbergt Euch, um Euren Handel zu treiben, »Ihr verletzt die Edicte des Königs, und feilscht mit ehrlichen Leuten.«

»Ruhig, ruhig, schreit nicht so.«

»Oh! ich fürchte mich nicht,« erwiederte Samuel, die Stimme erhebend. »Ich treibe keinen unerlaubten Handel und werde durch nichts veranlaßt, mich zu verbergen.«

»Stille, stille, und nehmt zehn Thaler.«

»Zehn Thaler? Ich sage Euch, daß das Gold allein so viel werth ist; ah! Ihr wollt Euch flüchtig machen?«

»Nein, nein! das ist ein wüthender Mensch.«

»Ah!, wenn Ihr Euch flüchtig macht, rufe ich nach der Wache!

Während er diese Worte sprach, erhob Samuel die Stimme dergestalt, daß er seine Drohung eben so gut hätte verwirklichen können.

Bei diesem Lärmen wurde ein kleines Fenster auf dem Balcon des Hauses geöffnet, dem gegenüber der Handel stattfand, und das Knarren, welches das Oeffnen dieses Fensters zur Folge hatte, hörte der Handelsmann mit Schrecken.

»Schon gut,« sagte er, »ich sehe, daß man Alles thun muß, was Ihr wollt, hier sind fünfzehn Thaler und geht Eures Wegs.«

»Das lasse ich mir gefallen, »sprach Samuel die fünfzehn Thaler einsackend.

»Das ist ein Glück.«

»Doch diese fünfzehn Thaler sind für meinen Herren,« fuhr Samuel fort, »und ich muß doch auch etwas für mich haben.«

Der Handelsmann schaute umher, und zog seinen Dolch halb aus der Scheide. Offenbar war es seine Absicht in die Haut von Samuel einen Riß zu machen, der ihn für immer von der Sorge befreit hätte, einen Panzer zu kaufen, um denjenigen zu ersetzen, welchen er verkauft hatte, aber Samuel hatte ein Auge so wachsam wie das eines Sperlings, der sich an den Trauben erlabt, und er sagte zurückweichend:

»Ja, ja, guter Kaufmann; ja, ich sehe Deinen Dolch, aber ich sehe auch etwas Anderes: jenes Gesicht auf dem Balkon, das Dich auch sieht.«

Bleich vor Schrecken, schaute der Händler in der von Samuel, bezeichneten Richtung, und sah in der That auf dem Balcon ein langes phantastisches Geschöpf, in einen Schlafrock von Katzenpelz gehüllt; dieser Argus hatte weder eine Sylbe, noch eine Geberde von der letzten Scene verloren.

»Vorwärts, Ihr macht aus mir, was Ihr wollt,« sagte der Handelsmann mit einem Gelächter dem des Schakals ähnlich, der seine Zähne zeigt, »hier ist noch ein Thaler mehr… und der Teufel erdroßle Euch,« fügte er ganz leise bei.

»Ich danke Euch,« sprach Samuel, »ein gutes Geschäft.«

Und er grüßte den Panzermann und verschwand mit einem Hohngelächter,

Der Handelsmann, der allein auf der Straße geblieben war, hob den Panzer von Pertinax auf und bemühte sich, ihn in den von Fournichon zu schieben.

Der Bürger schaute immer noch; als er den Handelsmann sehr ängstlich beschäftigt sah, sagte er:

»Mein Herr, es scheint, Ihr kauft Rüstungen.«

»Nein, mein Herr, erwiederte der unglückliche Handelsmann, »das geschieht nur so zufällig, und weil sich mir eine Gelegenheit geboten hat.«

»Dann bedient mich der Zufall wunderbar.«

»Worin, mein Herr?« fragte der Handelsmann.

»Denkt Euch, daß ich gerade hier im Bereiche meiner Hand einen Haufen von altem Eisen habe, der mir lästig ist.«

»Ich sage nicht nein; aber für den Augenblick habe ich wie Ihr seht, Alles, was ich tragen kann.«

»Ich will es Euch immerhin zeigen.«

»Unnöthig, ich habe kein Geld mehr.«

»Das ist gleichgültig, ich gebe Euch Credit, Ihr seht mir aus wie ein vollkommen ehrlicher Mann.«

»Ich danke, doch man wartet auf mich.«

»Es ist seltsam, aber mir scheint, ich kenne Euch!« versetzte der Bürger.

»Mich!« erwiederte der Handelsmann, der vergebens einen Schauer zurückzudrängen suchte.

»Schaut doch diese Sturmhaube an,« sagte der Bürger, indem er mit seinem langen Fuß den bezeichneten Gegenstand vorschob, denn er wollte das Fenster nicht verlassen, aus Furcht, der Handelsmann konnte sich wegstehlen.

Und er hob die erwähnte Sturmhaube über den Balcon und in die Hand des Kaufmanns.

»Ihr kennt mich.« sagte dieser, »nämlich Ihr glaubt mich zu kennen.«

»Das heißt, ich kenne Euch, Seid Ihr nicht…«

Der Bürger schien zu suchen; der Händler wartete unbeweglich.

»Seid Ihr nicht Nicolas?«

Das Gesicht des Handelsmanns zersetzte sich gleichsam, man sah den Helm in seiner Hand zittern.

»Nicolas?« wiederholte er.

»Nicolas Truchou, Quincailleriehändler in der Rue de la Cossonnerie.«

»Nein, nein,« erwiederte der Handelsmann, der nun wieder lächelte und wie ein viermal glücklicher Mensch athmete.

»Gleichviel, Ihr habt ein gutes Gesicht, und es handelt sich darum, mir eine vollständige Rüstung abzukaufen: Panzer, Armschienen und Schwert.«

»Merket wohl auf, dieser Handel ist verboten.«

»Ich weiß es, Euer Verkäufer hat es so eben laut genug geschrieen.«

»Ihr habt es gehört?«

»Vollkommen; Ihr seid sogar im Geschäft weit gegangen, was mich auf den Gedanken brachte, mich mit Euch in Verbindung zu setzen; doch seid unbesorgt, ich werde Euch nicht mißbrauchen; ich weiß, was der Handel ist, denn ich bin selbst Kaufmann gewesen.«

»Ah! und was habt Ihr verkauft?«

»Was ich verkauft habe.«

»Ja.«

»Gunst.«

»Ein guter Artikel.«

»Ich habe auch mein Glück gemacht, und Ihr seht, daß ich ein wohlhabender Bürger bin.«

»Ich mache Euch mein Compliment.«

»Folge davon ist, daß ich meine Bequemlichkeit liebe, und all mein altes Eisen verkaufe, weil es mich belästigt.«

»Ich begreife das.«

»Hier sind auch noch Beinschienen. Ah! und dann die Handschuhe.«

»Aber ich brauche dies Alles nicht.«

»Ich auch nicht.«

»Ich werde nur den Panzer nehmen.«

»Ihr kauft also nur Panzer?«

»Ja.«

»Das ist drollig, denn Ihr kauft am Ende, um nach dem Gewicht wieder zu verkaufen, und Eisen ist Eisen.«

»Das ist wahr, doch seht Ihr, vorzugsweise…«

»Wie es Euch beliebt, kauft den Panzer, oder vielmehr, Ihr habt Recht, kauft gar nichts.«

»Was wollt Ihr damit sagen?«

»Ich will damit sagen, daß in Zeitläufen, wie die gegenwärtigen, Jeder seine Waffen braucht.«

»Wie, im vollen Frieden?«

»Mein lieber Freund, wenn wir im vollen Frieden wären, so würde man, beim Teufel! keinen solchen Handel mit Panzern treiben. Dergleichen Dinge sagt man mir nicht.«

»Mein Herr?«

»Und besonders so heimlich.««

Der Handelsmann machte eine Bewegung, um sich zu entfernen.

»Doch in der That,« sprach der Bürger, »je mehr ich Euch anschaue, desto sicherer bin ich, daß ich Euch kenne; nein – Ihr seid nicht Nicolas Truchou, aber ich kenne Euch dennoch.«

»Stille!«

»Und wenn Ihr Panzer kauft…«

»Nun?«

»So geschieht es wahrhaftig, um ein gottgefälliges Werk zu verrichten.«

»Schweigt.«

»Ihr entzückt mich,« sagte der Bürger und streckte über den Balcon einen ungeheuren Arm herab, dessen Hand in die Hand des Kaufmanns griff.

»Aber wer Teufels seid Ihr denn?« fragte dieser, der seine Hand wie in einem Schraubstock gepackt fühlte.

»Ich bin Robert Briquet, genannt der Schrecken des Schisma, Freund der Union und wüthender Katholik; jetzt erkenne ich Euch ganz genau.«

Der Handelsmann wurde wieder bleich.

»Ihr seid Nicolas… Grimbelot, Gerber zur Kuh ohne Knochen.«

»Nein, nein, Ihr täuscht Euch, Gott befohlen, Meister Robert Briquet; es hat mich ungemein gefreut, Eure Bekanntschaft zu machen.«

Hiernach drehte der Handelsmann dem Balcon den Rücken zu.

»Wie! Ihr geht?«

»Ihr seht es Wohl.«

»Ohne mir mein altes Eisen abzunehmen?«

»Ich habe, wie ich Euch sagte, kein Geld bei mir.«

»Mein Diener wird Euch folgen.«

»Unmöglich.«

»Was ist dann zu machen?«

»Bleiben wir, wie wir sind.«

»Alle Teufels ich werde mich wohl hüten, denn ich habe zu große Lust, Eure Bekanntschaft zu cultiviren.«

»Und ich, die Eurige zu fliehen,« entgegnete der Handelsmann, der sich diesmal darein ergab, lieber seine Panzer im Stiche zu lassen und Alles zu verlieren, als erkannt zu werden, und über Hals und Bein entfloh.

Aber Robert Briquet war nicht der Mann, der sich auf diese Art schlagen ließ; er schwang sich auf das Geländer seines Balcons, stieg auf die Straße hinab, beinahe ohne daß er zu springen nöthig hatte, und erreichte den Kaufmann in vier bis fünf Sätzen.

»Seid Ihr ein Narr, mein Freund,« sagte er, seine breite Hand auf die Schulter des armen Teufels legend, »wenn ich Euer Feind wäre, wenn ich Euch festnehmen lassen wollte, so brauchte ich nur zu schreien; die Wache kommt zu dieser Stunde durch die Rue des Augustins; aber nein, der Teufel soll mich holen, Ihr seid mein Freund, und nun erinnere ich mich ganz bestimmt Eures Namens.«

Diesmal brach der Handelsmann in ein Gelächter aus.

Robert Briquet stellte sich ihm gegenüber und sprach:

»Ihr heißt Nicolas Poulain und seid Lieutenant der Prevoté von Paris; ich erinnerte mich, daß ein Nicolas dabei war.«

»Ich bin verloren,« stammelte der Händler.

»Im Gegentheil Ihr seid gerettet! alle Teufel! Ihr werdet nie für die gute Sache thun, was ich zu thun beabsichtige.«

Nicolas Poulain entschlüpfte ein Seufzer.

»Auf, auf,« Muth,« sagte Robert Briquet, »faßt Euch; Ihr habt einen Bruder gefunden, den Bruder Briquet, nehmt einen Panzer, ich nehme die zwei andern, ich mache Euch ein Geschenk mit meinen Armschienen, mit meinen Beinschienen und gebe Euch meine Handschuhe in den Kauf; vorwärts, und es lebe die Union!«

»Ihr begleitet mich?«

»Ich helfe Euch diese Waffen tragen, welche die Philister besiegen müssen; zeigt mir den Weg, ich folge Euch.«

Die Seele des unglücklichen Lieutenants der Prevoté durchzuckte ein sehr natürlicher Blitz des Argwohns, aber er verschwand auf der Stelle wieder.

»Hätte er gestanden, daß er mich kenne, wenn er mich verderben wollte?« sagte er leise zu sich selbst.

Dann sprach er laut:

»Vorwärts also, da Ihr es durchaus so wollt, kommt mit mir.«

»Zum Leben und in den Tod,« rief Robert Briquet und drückte mit einer Hand die Hand seines Verbündeten, während er mit der andern triumphirend seine Eisenlast in die Luft hob.

Beide setzten sich in Marsch.

Nachdem sie zwanzig Minuten gegangen waren, kam Nicolas Poulain in den Marais; er war ganz in Schweiß gebadet, sowohl wegen der Schnelligkeit des Ganges, als durch das Feuer ihres politischen Gespräches.

»Welch einen Rekruten habe ich gemacht!« murmelte Nicolas Poulain, als er in geringer Entfernung von dem Hotel Guise stehen blieb.

»Ich vermuthete, meine Rüstung würde in diese Gegend kommen,« dachte Briquet.

»Freund,« sprach Nicolas Poulain, sich mit einer tragischen Miene gegen Briquet umwendend, »ehe wir in des Löwen Höhle eintreten, lasse ich Euch eine letzte Minute der Ueberlegung; es ist noch Zeit, zurückzukehren, wenn Ihr nicht stark in Eurem Gewissen seid.«

»Bah!« erwiederte Briquet, »ich habe andere Dinge gesehen. Et non intremuit modullamea,« declamirte er. »Ah! verzeiht, Ihr versteht das Lateinische vielleicht nicht.«

»Ihr versteht es?«

»Wie Ihr seht.«

»Wissenschaftlich gebildet, kühn, kräftig, reich, welch ein Fund!« sagte Poulain zu sich selbst. »Vorwärts, laßt uns eintreten.«

Und er führte ihn zu der riesigen Pforte des Hotel Guise, die sich bei dem dritten Schlage des bronzenen Klopfers öffnete.

Der Hof war voll von Wachen und Männern, die denselben, in Mäntel gewickelt, wie Gespenster durchliefen.

Es war kein einziges Licht im Hotel.

Acht gesattelte und gezäumte Pferde warteten in einem Winkel.

Bei dem Lärmen des Hammers wandte sich die Mehrzahl dieser Leute um, welche eine Art von Spalier bildeten, um die Ankömmlinge zu empfangen.

Nicolas Poulain, neigte sich an das Ohr eines Portier, der die kleine Thüre halb geöffnet hielt, und nannte ihm seinen Namen.

»Und ich bringe einen guten Kameraden,« fügte er bei.

»Geht vorbei, meine Herren,« sprach der Portier.

»Bringt dies in die Magazine,« sagte Poulain und übergab einer Wache die drei Panzer nebst dem Eisenwerk von Robert Briquet.

»Gut, es ist ein Magazin hier,« sagte dieser zu sich selbst, »es kommt immer besser; Pest! welch ein Organisirer seid Ihr, Herr Prevot.«

»Ja, ja, man hat Verstand,« erwiederte Poulain stolz lächelnd, »doch kommt, daß ich Euch vorstelle.«

»Nehmt Euch in Acht,« sprach der Bürger, »ich bin außerordentlich schüchtern. Man dulde mich, mehr will ich nicht; wenn ich meine Proben abgelegt habe, werde ich mich, wie der Grieche sagt, allein durch meine Thaten vorstellen.«

»Wie es Euch beliebt,« antwortete der Lieutenant der Prévôté, »erwartet mich also hier.«

Und er ging und drückte der Mehrzahl der Spaziergänger die Hand.

»Auf was warten wir noch?« fragte eine Stimme.

»Auf den Herrn,« antwortete eine andere Stimme.

In diesem Augenblick trat ein Mann von hoher Gestalt in das Hotel; er hatte die letzten von den geheimnißvollen Spaziergängern ausgetauschten Worte gehört.

»Meine Herren,« sagte er, »ich komme in seinem Namen.«

»Ah! das ist Heer von Mayneville,« rief Poulain.

»Ich bin hier im Lande von Bekannten,« sagte Briquet zu sich selbst, indem er eine Grimasse studierte, die ihn völlig entstellte.

»Meine Herren, wir sind nun vollzählig, berathen wir uns,« sprach die Stimme, die sich zuerst hatte hören lassen.

»Ah! Gut!« sagte Briquet zu sich selbst, »nun sind es zwei: dieser ist mein Anwalt, Meister Marteau.

Und er veränderte seine Grimasse mit einer Leichtigkeit, durch die er bewies, wie sehr er mit physiognontischen Studien vertraut war.

»Gehen wir hinauf!« sprach Poulain.

Herr von Mayneville ging voran, Nicolas Poulain folgte; die Männer in den Mänteln kamen nach Nicolas Poulain und Robert Briquet nach den Männern in den Mänteln.

Alle stiegen die Stufen einer äußeren. nach einem Gewölbe ausmündenden Treppe hinauf.

Robert Briquet stieg wie die Andern, murmelte aber dabei:

»Doch der Page, wo des Teufels ist der Page?«




Elftes Kapitel

Abermals die Ligue


In dem Augenblick, wo Robert Briquet hinter den Andern die Treppe hinaufstieg, wobei er sich eine ziemlich anständige Verschwörermiene gab, bemerkte er, daß Nicolas Poulain, nachdem er mit mehreren seiner geheimnißvollen Gefährten gesprochen hatte, an der Thüre des Gewölbes wartete.

»Das geschieht meinetwegen,« sagte Briquet zu sich selbst.

Der Lieutenant der Prevoté hielt wirklich seinen Freund an, als er eben die furchtbare Schwelle zu überschreiten im Begriff war.

»Ihr werdet es mir nicht verargen,« sprach er zu ihm, »aber die meisten von unseren Freunden kennen Euch nicht, und wünschen Auskunft über Euch zu haben, ehe sie Euch zum Rath zulassen.«

»Das ist nur zu billig,« erwiederte Briquet, »und Ihr wißt, daß meine natürliche Bescheidenheit diese Einwendung schon vorhergesehen hatte!«

»Ich lasse Euch Gerechtigkeit widerfahren, Ihr seid ein ganzer Mann,« sagte Poulain.

»Ich entferne mich also, sehr glücklich, an einem Abend so viele brave Vertheidiger der katholischen Union gesehen zu haben.«

»Soll ich Euch zurückführen?«

»Nein, ich danke, es bedarf dessen nicht.«

»Man könnte Euch Schwierigkeiten machen; doch man erwartet mich anderswo.«

»Habt Ihr nicht ein Losungswort, um hinauszukommen; ich würde Euch nicht daran erkennen, das wäre nicht klug, Meister Nicolas.«

»Doch wohl.«

»Nun, so gebt es mir.«

»Im Ganzen, da Ihr hereingekommen seid…«

»Und da wir Freunde sind…«

»Es sei! Ihr braucht nur Parma und Lothringen zu sagen.«

»Und der Pförtner wird mir öffnen?«

»Auf der Stelle.«

»Sehr gut, ich danke. Geht zu Euren Geschäften, ich kehre zu den meinigen zurück.«

Nicolas Poulain trennte sich von seinem Gefährten und begab sich wieder zu seinen Collegen.

Briquet machte ein paar Schritte, als ob er in den Hof hinabgehen wollte, blieb aber, sobald er die erste Stufe der Treppe erreicht hatte, stehen, um die Oertlichkeit zu erforschen.

Das Resultat seiner Beobachtungen war, daß sich das Gewölbe parallel mit der äußeren Mauer hinzog, die es durch ein großes Wetterdach beschirmte. Offenbar mündete dieses Gewölbe gegen einen unteren Saal, bestimmt für die geheimnißvolle Versammlung, aus, zu der zugelassen zu werden Briquet nicht die Ehre gehabt hatte.

Was ihn in dieser Annahme bestärkte, welche bald zur Gewißheit wurde, war der Umstand, daß er ein Licht an einem vergitterten Fenster erscheinen sah, das in dieser Mauer angebracht und durch eine Art von hölzernen Trichter beschützt war, wie man sie heut zu Tage an den Fenstern der Gefängnisse oder der Klöster anwendet, um die Aussicht abzuschneiden und nur das Einströmen der Luft und den Anblick des Himmels zu gewähren.

Briquet dachte, dieses Fenster wäre das des Versammlungssaales, und wenn man bis zu demselben gelangte könnte, so wäre der Ort günstig zur Beobachtung, und an diesen Beobachtungsposten gestellt, könnte das Auge leicht die übrigen Sinne ersetzen.

Es war nur die Schwierigkeit, an diesen Ort zu gelangen und sich daran festzustellen, ohne gesehen zu werden. Briquet schaute umher.

Es waren im Hofe die Pagen mit ihren Pferden, die Soldaten mit ihren Hellebarden und der Pförtner mit seinen Schlüsseln; im Ganzen lauter rüstige und hellsichtige Leute.

Zum Glück war der Hof sehr groß und die Nacht sehr schwarz.

Die Pagen, welche die Vertrauten unter dem Gewölbe hatten verschwinden sehen, bekümmerten sich überdies um nichts mehr, und der Pförtner, welcher wußte, daß seine Thüren wohl verschlossen waren, und daß man ohne das Losungswort nicht hinauskommen konnte, war nur bemüht, sein Bett für die Nacht zu machen und einen hübschen Flaschenkessel gewürzten Wein zu bereiten, den er am Feuer lau erhielt.

Es finden sich in der Neugierde eben so energische Anstachelungen, als in den Strömungen jeder Leidenschaft. Das Verlangen, zu wissen, ist so groß, daß es mehr als ein Leben eines Neugierigen verzehrt hat.

Briquet war bis jetzt zu gut unterrichtet worden, als daß er nicht eine Vervollständigung dessen, was er erfahren, hätte wünschen sollen. Er warf einen zweiten Blick umher und glaubte, geblendet durch das Licht, das dieses Fenster auf die Gitterstangen zurückfallen ließ, in dem Wiederschein ein Appellzeichen und in den so glänzenden Stangen eine Aufforderung an seine kräftigen Glieder zu erkennen.

Hiernach entschlossen, seinen Trichter zu erreichen, schlüpfte Briquet längs dem Vorsprung hin, welcher von der Freitreppe, die er als Ornament fortzusetzen schien, nach diesem Fenster zulief, und folgte der Mauer, wie es nur eine Katze oder ein Affe hätte thun können, indem er sich mit den Händen und den Füßen an den aus der Mauer selbst ausgehauenen Zierrathen festhielt.

Hätten die Pagen und die Soldaten in der Dunkelheit diese phantastische Silhouette sehen können, wie sie mitten an der Mauer ohne einen scheinbaren Stützpunkt hinglitt, so würden sie sicherlich ein Geschrei über Zauberei erhoben haben, und mehr als einer unter den Bravsten hätte seine Haare sich sträuben gefühlt.

Aber Robert Briquet ließ ihnen nicht Zeit, seine Zauberei zu sehen.

Bald berührte er die Stangen, klammerte sich daran an und kauerte sich zwischen die Stangen und den Trichter, so daß er von außen nicht gesehen werden konnte und von innen durch das Gitter maskirt war.

Briquet hatte sich nicht getäuscht, er wurde reichlich für seine Bemühungen und für seine Kühnheit belohnt, als er diesen Punkt erreicht hatte.

Sein Blick umfaßte wirklich einen großen Saal, der durch eine eiserne Lampe mit vier Schnäbeln beleuchtet und mit Rüstungen aller Art gefüllt war, worunter er, gut suchend, sicherlich seine Armschienen und sein Bruststück hätte entdecken können.

Was an Piken, Stoßdegen, Hellebarden und Musketen, theils aufgehäuft, theils in Bündeln zusammengestellt, vorhanden war, hätte genügt, um vier starke Regimenter zu bewaffnen.

Briquet schenkte indessen weniger Aufmerksamkeit der herrlichen Anordnung dieser Waffen, als der Versammlung, welche beauftragt war, davon Gebrauch zu machen oder sie zu vertheilen. Seine glühenden Augen durchdrangen das dicke und mit einer fetten Lage von Rauch und Staub überzogene Glas, um die Gesichter von Bekannten unter den Visieren oder Capucen zu erkennen.

»Oh! Oh!« sagte er, »das ist Meister Crucé, unser Empörer… Hier sehe ich unsern kleinen Brigard, den Gewürzkrämer an der Ecke der Rue des Lombards; dort steht Meister Leclerc, der sich Bussy nennen läßt, es jedoch sicherlich nicht gewagt hätte, zur Zeit, wo der wahre Bussy noch lebte, eine solche Ruchlosigkeit zu begehen. Ich muß einmal diesen Meister in den Waffen von ehedem fragen, ob er den geheimen Stoß kenne, an dem einer von meinen Bekannten, ein gewisser David, in Lyon, gestorben ist. Pest, das Bürgerthum ist großartig vertreten, aber der Adel… Ah! Herr von Mayneville, Gott verzeihe mir! er drückt Nicolas Poulain die Hand: das ist rührend, man schließt Brüderschaft. Ah! Ah! Herr von Mayneville ist also ein Redner. Er nimmt die erforderliche Stellung, um eine Rede zu halten. Seine Geberde ist angenehm und er verdreht die Augen sehr überzeugend.»

Herr von Mayneville hatte in der That eine Rede begonnen.

Robert Briquet schüttelte den Kopf, während Herr von Mayneville sprach, nicht als hätte er ein Wort von der Rede verstehen können, sondern er legte seine Geberden und die der Versammlung aus.

»Er scheint mir seine Zuhörer nicht ganz zu überzeugen; Crucé schneidet ihm eine Grimasse; Lachapelle-Marteau wendet ihm den Rücken zu und Bussy-Leclerc zuckt die Achseln. Auf, auf, Herr von Mayneville, sprecht, schwitzt, schnauft, seid beredt, alle Teufel… Oh! Das gefällt mir… das Auditorium belebt sich… Oh! Oh, sie nähern sich einander, sie drücken sich die Hand; man wirft die Hüte in die Luft, Teufel!«

Briquet sah, doch er konnte, wie gesagt, nicht hören; aber wir, die wir im Geiste den Verhandlungen der stürmischen Versammlung beiwohnen, wir wollen dem Leser sagen, was vorging.

Zuerst beklagten sich Crucé, Marteau und Bussy bei, Herrn von Mayneville über die Unthätigkeit des Herzogs von Guise.

Marteau nahm in seiner Eigenschaft als Anwalt das Wort.

»Herr von Mayneville,« sagte er, »Ihr kommt im Auftrag des Herrn Herzogs Heinrich von Guise? Wir danken. Und mir empfangen Euch als Botschafter, aber die Gegenwart des Herzogs selbst ist für uns unerläßlich. Nach dem Tode seines glorreichen Vaters hat er, in einem Alter von achtzehn Jahren, alle gute Franzosen dem Plane einer Union beitreten lassen und uns Alle unter diesem Banner eingereiht. Unserem Schwure gemäß haben wir unsere Personen bloßgestellt und unser Vermögen geopfert für den Sieg dieser heiligen Sache. Und nun schreitet er trotz unserer Opfer nicht vorwärts, entscheidet sich nicht. Nehmt Euch in Acht, Herr von Mayneville, die Pariser werden müde werden; ist aber Paris einmal müde, was wird man in Frankreich machen? Herr von Guise sollte dies bedenken.«

Diese Rede erhielt die Beistimmung aller Liguisten, und Nicolas Poulain zeichnete sich besonders durch seinen eifrigen Beifall aus.

Herr von Mayneville antwortete einfach:

»Meine Herren, wenn sich nichts entscheidet, so ist es der Fall, weil nichts reif ist. Ich bitte Euch, prüft die Lage der Dinge: der Herzog und sein Bruder, der Cardinal, sind zur Beobachtung in Nancy. Der Eine bringt ein Heer auf die Beine, bestimmt, die Hugenotten in Flandern im Zaume zu halten, welche der Herr Herzog von Anjou auf uns werfen will, um uns zu beschäftigen; der Andere entsendet Eilboten auf Eilboten an die ganze Christlichkeit Frankreichs und an den Papst, um die Union adoptiren zu lassen. Der Herzog von Guise weiß, was Ihr nicht wißt, meine Herren: daß das alte schlecht gebrochene Bündniß zwischen dem Herzog von Anjou und dem Bearner demnächst wieder geschlossen werden wird. Es handelt sich darum, Spanien auf der Seite von Navarra zu besetzen und es zu verhindern, uns Waffen und Geld zu schicken. Der Herr Herzog von Guise will aber, ehe er irgend Etwas thut und besonders ehe er nach Paris kommt, im Stande sein, die Ketzerei und die Usurpation zu bekämpfen. Doch in Ermangelung von Herrn von Guise haben wir Herrn von Mayenne, der sich vervielfacht als General und als Rath und den ich jeden Moment erwarte.«

»Das heißt,« unterbrach ihn Bussy, und dies war der Augenblick, wo er die Achseln zuckte, »das heißt, Eure Prinzen sind überall, wo wir nicht sind, und nie, wo wir sie nöthig haben. Was macht zum Beispiel Frau von Montpensier?«

»Mein Herr, Frau von Montpensier ist diesen Morgen in Paris eingetroffen.«

»Und Niemand hat sie gesehen?«

»Doch, mein Herr?«

»Wer?«

»Salcède.«

»Oh! Oh!« rief die ganze Versammlung.

»Sie hat sich also unsichtbar gemacht?« sagte Crucé.

»Nicht ganz, aber ich hoffe ungreifbar.«

»Und woher weiß man, daß sie hier ist?« fragte Nicolas Poulain. »Ich denke nicht, daß Salcède es Euch gesagt hat.«

»Ich weiß, daß sie hier ist«« antwortete Mayneville, »weil ich sie bis zur Porte Saint-Antoine begleitet habe.«

»Ich habe sagen hören, die Thore seien geschlossen worden,« unterbrach ihn Marteau, der gierig nach einer Gelegenheit haschte, um wieder eine Rede anzubringen.

»Ja, mein Herr,« erwiederte Mayneville mit seiner ewigen Höflichkeit, aus der ihn kein Angriff herausbringen konnte.

»Wie hat sie sich dann dieselben öffnen lassen?«

»Auf ihre Weise.«

»Ah! sie hat die Macht, sich die Thore von Paris öffnen zu lassen,« sagten die Liguisten, eifersüchtig und argwöhnisch, wie es die Kleinen immer sind, wenn sie sich mit den Großen verbünden.

»Meine Herren»,« sprach Mayneville, »es ging diesen Morgen an dem Thor von Paris etwas vor, was Ihr nicht zu kennen oder wenigstens nur unbestimmt zu wissen scheint. Man hatte Befehl gegeben, nur diejenigen durch die Barriere zu lassen, welche sich durch eine Einlaßkarte ausweisen würden. Von wem mußte diese Karte unterzeichnet sein? Ich weiß es nicht. Vor uns kamen zur Porte Saint-Antoine fünf oder sechs Männer, von denen vier ziemlich schlecht gekleidet waren und aussahen; sie waren mit den nothwendigen Karten versehen und zogen uns vor der Nase vorüber. Einige erschienen mit der unverschämten Aufgeblasenheit von Leuten, die sich in einem eroberten Lande glauben. Wer sind diese Menschen? was für Karten sind das? antwortet uns. Ihr Herren von Paris, Ihr, deren Aufgabe es ist, Alles zu wissen, was die Angelegenheiten Eurer Stadt betrifft.«

So machte sich Mayneville vom Angeklagten zum Ankläger, was die große Kunst des Redners ist.

»Karten… unverschämte Leute… ausnahmsweise Zulassungen bei den Thoren von Paris… oh! Oh! Was soll das bedeuten?« fragte Nicolas Poulain ganz träumerisch.

»Wenn Ihr diese Dinge nicht wißt, Ihr, die Ihr hier lebt, wie sollten wir sie wissen, die in Lothringen leben und unsere ganze Zeit damit hinbringen, Daß wir auf den Straßen umherlaufen, um die zwei Enden des Kreises, den man die Union nennt, zu vereinigen.

»Und wie kamen diese Leute?«

»Die Einen zu Fuß, die Andern zu Pferde, die Einen allein, die Andern mit Lackeien.«

»Sind es Leute des Königs?«

»Drei oder vier sahen aus wie Bettler.«-

»Sind es Kriegsleute?«

»Sie hatten zu sechs nur zwei Degen.«

»Es sind Fremde.«

»Ich halte sie für Gascogner.«

»Oh!« machten einige Stimmen mit dem Ausdruck der Verachtung.«

»Gleichviel,« sprach Bussy, »sie müssen unsere Aufmerksamkeit erregen, und wenn es Türken wären. Man wird sich nach ihnen erkundigen: Herr Poulain, das ist Eure Sache. Doch dies Alles sagt uns nichts über die Angelegenheiten der Ligue.«

»Es ist ein neuer Plan im Werke,« erwiederte Mayneville. »Ihr werdet morgen erfahren, daß Salcède, der uns schon verrathen hatte und uns noch mehr verrathen sollte, nicht nur nicht gesprochen, sondern sogar auf dem Schaffot auf Veranlassung der Herzogin zurückgenommen hat, welche, im Gefolge von einem jener Kartenträger durch das Thor gelangt, den Muth hatte, bis zum Blutgerüste vorzudringen, auf die Gefahr tausendmal erdrückt, und sich dem Verurtheilten zu zeigen, auf die Gefahr, erkannt zu werden. In diesem Augenblick hielt Salcède in seiner Versuchung zu gestehen an; einen Augenblick nachher hemmte ihn unser braver Henker in seiner Reue. Ihr habt also nichts von Seiten unserer Unternehmungen in Flandern zu befürchten. Das furchtbare Geheimniß ist in ein Grab hinabgerollt.«

Diese letzte Phrase näherte die Liguisten Herrn von Mayneville.

Briquet errieth ihre Freude aus ihren Bewegungen.

Diese Freude beunruhigte ungemein den würdigen Bürger, welcher plötzlich einen Entschluß zu fassen schien.

Er ließ sich oben von seinem Trichter auf das Pflaster des Hofes hinabgleiten und wandte sich nach dem Thore wo ihm der Pförtner auf den Ausspruch der zwei Worte Lothringen und Parma, Ausgang gewährte.

Sobald Meister Robert Briquet auf der Straße war, athmete er so geräuschvoll, daß man begriff, er habe seit langer Zeit den Athem zurückgehalten.

Die Berathung dauerte immer noch fort; die Geschichte lehrt uns, was dabei vorging.

Herr von Mayneville brachte von Seiten der Guisen den künftigen Insurgenten von Paris den ganzen Plan des Aufstandes.

Es handelte sich um nichts Geringeres, als alle wichtige Personen, von denen man wußte, daß sie beim König in Gunst standen, zu ermorden, mit dem Ausruf: »Es lebe die Messe! Tod den Politikern!« die Straße zu durchlaufen und so eine neue Bartholomäusnacht mit den Trümmern der alten zu entflammen; nur vermischte man bei dieser die schlimm denkenden Katholiken mit den Hugenotten aller Art.

Indem man so handelte, diente man zwei Göttern: demjenigen, welcher im Himmel herrscht, und dem, welcher in Frankreich herrschen sollte:

Dem Ewigen und Herrn von Guise.




Zwölftes Kapitel

Das Gemach Seiner Majestät Heinrich III. im Louvre


In jenem großen Gemache im Louvre, in das wir schon so oft mit unseren Lesern eingetreten sind, und wo wir den armen König Heinrich III. so lange und so grausame Stunden haben hinbringen sehen, finden wir ihn abermals, nicht mehr als König, nicht mehr als Herrn, sondern niedergeschlagen, bleich, unruhig, und ganz und gar der Verfolgung aller Schatten preisgegeben, welche bei ihm die Erinnerung unablässig unter diesen erhabenen Gewölben hervorruft.

Heinrich war sehr verändert seit dem unseligen Tode seiner Freunde, den wir anderswo erzählt haben… Diese Trauer war über sein Haupt wie ein verheerender Sturm hingegangen… und der arme König, der, beständig sich erinnernd, daß er ein Mensch, seine Stärke und sein Vertrauen nur in Privatneigungen gesetzt, hatte sich jeder Stärke und jedes Vertrauens durch den neidischen Tod berauben sehen und war so dem furchtbaren Augenblick zuvorgekommen, wo die Könige allein… ohne Freunde… ohne Wachen… und ohne Krone zu Gott gehen.

Heinrich III. war grausam heimgesucht worden. Alles was er liebte, war nach und nach um ihn her gefallen. Nachdem Schomberg, Quelus und Maugiron im Duell durch Livarot und Antraguet getödtet worden, wurde Saint-Mégrin durch Herrn von Mayenne ermordet: die Wunden waren offen und blutig geblieben… Seine Zuneigung für seine neuen Günstlinge, Épernon und Joyeuse, glich der, die ein Vater nachdem er seine besten Kinder verloren, auf diejenigen überträgt, welche ihm noch bleiben; während er die Fehler der letzteren vollkommen kennt, liebt er, schont er, behütet er sie, um dem Tod keine Gewalt über sie zu geben.

Er hatte Épernon mit Gütern überhäuft, und dennoch liebte er ihn nur stellenweise und aus Laune. In gewissen Augenblicken haßte er ihn sogar. Dann geschah es, daß Catharina, diese unbarmherzige Rathgeberin, in der der Geist stets wachte, wie die Lampe im Tabernakel, daß Catharina, selbst in ihrer Jugend zu Thorheiten unfähig, die Stimme des Volkes übernahm, um die Neigungen des Königs zu tadeln.

Nie hätte sie ihm gesagt, wenn sie ihn den Schatz leeren sah, um das Gut Lavalette zu einem Herzogthum zu erheben und es königlich zu vergrößern, nie hätte sie ihm gesagt: »Sire, haßt diese Menschen, die Euch nicht lieben, oder die Euch, was noch schlimmer ist, nur um ihretwillen lieben.« Sah sie aber die Stirne des Königs sich falten, hörte sie ihn in einem Augenblick des Ueberdrusses Épernon des Geizes oder der Feigheit beschuldigen, so fand sie sogleich das unbeugsame Wort, welches alle Klagen des Volkes und des Königthums gegen Épernon zusammenfaßte und eine neue Furche in den königlichen Haß grub.

Als unvollständiger Gascogner, hatte Épernon mit seiner Feinheit und seiner angeborenen Verderbtheit das Maß der königlichen Schwäche genommen; er wußte seinen Ehrgeiz, einen unbestimmten Ehrgeiz, dessen Ziel ihm selbst noch unbekannt war, zu verbergen; nur ersetzte ihm seine Habgier den Compaß, um ihn gegen die entfernte Welt zu lenken, die ihm noch die Horizonte der Zukunft verbargen, und nach dieser Habgier allein steuerte er sich.

War der Schatz zufällig ein wenig voll, so sah man Épernon den Arm gerundet und das Gesicht lachend, auferstehen und sich nähern; war der Schatz leer, so verschwand er mit verächtlicher Lippe und gerunzelter Stirne, um sich entweder in seinem Hotel oder in einem von seinen Schlössern einzuschließen, wo er jammerte und klagte, bis er den armen König wieder bei der Schwäche seines Herzens gepackt und ihm irgend ein neues Geschenk entlockt hatte.

Durch ihn war das Günstlingthum zu einem Gewerbe erhoben worden, zu einem Gewerbe, bei dem er alle nur immer mögliche Revenuen[4 - Einkünfte] ausbeuten. Zuerst gestattete er dem König nicht die geringste Zögerung beim Bezahlen zur Verfallzeit; später, als er Höfling wurde und die launenhaften Nordwinde der königlichen Gunst oft genug wiederkehrten, um sein gascognisches Gehirn zu befestigen, später, sagen wir, ließ er sich herbei, einen Theil von der Arbeit zu übernehmen, nämlich zum Eintreiben der Geldmittel beizutragen, aus denen er seine Beute machen wollte.

Diese Notwendigkeit, das fühlte er wohl, zwang ihn, vom trägen Höfling, was der beste von allen Ständen ist, ein thätiger Höfling zu werden, was man als die schlimmste von allen Lagen betrachten darf. Er beklagte sehr bitter die süße Wonne von Quelus, Schomberg und Maugiron, welche nie von öffentlichen oder Privatangelegenheiten gesprochen und so leicht die Gunst in Geld und das Geld in Vergnügungen verwandelt hatten; aber die Zeiten hatten sich geändert; das eiserne Zeitalter war auf das goldene gefolgt; das Gold kam nicht mehr wie sonst; man mußte zu dem Golde gehen, um es zu nehmen, in den Adern des Volkes wühlen, wie in einer halb versiegten Mine. Épernon schickte sich darein und warf sich in das unentwirrbare Gestrüppe der Administration, verheerte da und dort auf seinem Durchzuge und erpreßte, ohne den Verwünschungen Rechenschaft zu tragen, wenn nur der Lärmen der Goldthaler die Stimme der Kläger bedeckte.

Die rasche und sehr unvollständige Skizze, die wir von dem Charakter von Joyeuse entworfen haben, vermag dem Leser zu zeigen, welcher Unterschied zwischen den beiden Günstlingen stattfand, die sich, wir sagen nicht in die Freundschaft, sondern in die große Portion des Einflusses theilten, den Heinrich immer über Frankreich und über sich selbst diejenigen, welche ihn umgaben, nehmen ließ. Ganz natürlich und ohne darüber nachzudenken, hatte sich Joyeuse der Tradition der Quelus, der Schomberg, der Maugiron und der Saint-Mégrin hingegeben und war ihrer Spur gefolgt; nur waren die seltsamen Gerüchte, welche über die wunderbare Freundschaft im Umlauf gewesen, die der König für die Vorgänger von Joyeuse hegte, mit dieser Freundschaft gestorben; kein ehrloser Flecken beschmutzte die beinahe väterliche Zuneigung von Heinrich für Joyeuse. Aus einer Familie berühmter und redlicher Leute, beobachtete Joyeuse wenigstens öffentlich die Achtung vor dem Königthum und seine Vertraulichkeit überschritt nie gewisse Gränzen. In der Mitte des moralischen Lebens war Joyeuse ein wahrer Freund für Heinrich; aber diese Mitte bot sich selten. Anne war jung, feurig, verliebt, und wenn er verliebt war, selbstsüchtig; es war wenig für ihn, durch den König glücklich zu sein und das Glück zu seiner Quelle zurückgehen zu lassen; es war Alles für ihn, glücklich zu sein, auf welche Weise es auch sein mochte. Brav, schön, reich, glänzte er in diesem dreifachen Reflex, der für junge Stirnen eine Liebesglorie bildete, die Natur hatte Zuviel für Joyeuse gethan, und Heinrich verfluchte zuweilen die Natur, welche ihm, dem König, so wenig für seinen Freund zu thun übrig gelassen.

Heinrich kannte genau diese zwei Männer und liebte sie vielleicht des Contrastes willen. Unter seiner skeptischen und abergläubischen Hülle verbarg Heinrich einen Fond von Philosophie, der sich, ohne Catharina, in einer merkwürdig nützlichen Richtung entwickelt hätte.

Oft verrathen, wurde Heinrich nie getäuscht.

Mit dem vollkommenen Verständniß des Charakters seiner Freunde, mit der tiefen Kenntniß ihrer Fehler und ihrer guten Eigenschaften, dachte er nun, von ihnen entfernt, einsam, traurig, in diesem düsteren Gemache an sie, an sich, an sein Leben, und betrachtete im Schatten diese dunklen Horizonte, welche schon in der Zukunft für viele minder hellsehende Blicke, als die seinigen, gezeichnet waren.

Die Angelegenheit von Salcède hatte ihn sehr trübe gestimmt. Allein zwischen zwei Frauen in einem solchen Augenblick, hatte Heinrich seine Vereinzelung, seine Entblößung gefühlt; die Schwäche von Louise machte ihn traurig; die Stärke von Catharina erschreckte ihn. Heinrich empfand endlich in seinem Inneren jene unbestimmte, ewige Angst, welche die Könige erfaßt, die vom Mißgeschick dazu bezeichnet sind, daß ein Geschlecht in ihnen und mit ihnen erlösche.

In der That bemerken, daß, obgleich man über alle Menschen erhaben ist, diese Größe doch keine feste, unerschütterliche Grundlage hat; fühlen, daß man die Statue ist, die man beweihräuchert, das Ideal, das man anbetet, das aber die Priester und das Volk, die Anbeter und die Diener, je nach ihrem Interesse erheben oder niederbeugen, nach ihrer Laune schwanken machen, ist für einen stolzen Geist das grausamste der Mißgeschicke. Heinrich fühlte dies lebhaft und ärgerte sich, daß er es fühlte.

Und dennoch raffte er sich von Zeit zu Zeit zu der Energie seiner lange in ihm, vor dem Ende seiner Jugend, erloschenen Jugend auf.

»Warum soll ich mich im Ganzen beunruhigen?« sagte er zu sich selbst. »Ich habe keine Kriege mehr durchzukämpfen; Guise ist in Nancy; Heinrich in Pau; der Eine ist genöthigt, seinen Ehrgeiz in sich selbst zu verschließen, der Andere hat nie Ehrgeiz gehabt. Die Geister besänftigen sich, kein Franzose hat im Ernste das unmögliche Unternehmen, den König zu entthronen, im Blick gehalten; die durch die goldene Scheere von Frau von Montpensier versprochene dritte Krone ist nicht mehr als das Wort eines in seiner Eitelkeit verletzten Weibes; meine Mutter allein träumt immer von ihrem Usurpationsgespenst, ohne mir im Ernst den Usurputor zeigen zu können; doch ich, der ich ein Mann bin, der ich trotz meines Kummers ein noch junges Gehirn besitze, ich weiß woran ich mich hinsichtlich der Prätendenten, die sie fürchtet, zu halten habe.

»Ich werde Heinrich von Navarra lächerlich, Guise verhaßt machen, und mit dem Schwerte in der Hand die fremden Bündnisse zerstreuen. Bei Gottes Tod! ich war bei Jarnac und Moncontour nicht mehr werth, als ich heute werth bin.

»Ja,« fuhr Heinrich fort, indem er seinen Kopf auf die Brust fallen ließ, »ja, aber mittlerweile langweile ich mich, und es ist tödtlich, sich zu langweilen. Die Langeweile ist mein einziger, mein wahrer Verschworener, und meine Mutter spricht nie etwas von diesem.

»Ich will doch sehen, ob diesen Abend einer zu mir kommt! Joyeuse versprach mir, frühzeitig zu erscheinen: er belustigt sich, aber wie des Teufels macht er es, um sich zu belustigen? Épernon? Oh! dieser belustigt sich nicht; er schmollt, er hat seine Klauensteuer von fünf und zwanzig tausend Thalern noch nicht erhalten; meiner Treue! er mag nach seinem Belieben schmollen.«

»Sire,« sprach die Stimme des Huissier, »der Herr Herzog von Épernon!«

Alle diejenigen, welche das Aergerliche des Wartens, die Anschuldigungen, die daraus für die erwarteten Personen hervorgehen, sowie die Leichtigkeit kennen, mit der sich die Wolke zerstreut, wenn die Person erscheint, werden den Eifer begreifen, mit dem der König einen Stuhl für den Herzog vorzurücken befahl.

»Ah! guten Abend, Herzog,« sagte er, »ich bin entzückt, Euch zu sehen.«

Épernon verbeugte sich ehrfurchtsvoll.

»Warum habt Ihr diesen Schurken von einem Spanier nicht viertheilen sehen? Ihr wußtet wohl, daß Ihr einen Platz in meiner Loge hattet, da ich es Euch sagen ließ.«

»Sire, ich konnte nicht«

»Ihr konntet nicht?.-

»Nein, Sire, ich hatte Geschäfte.«

»Sollte man nicht in der That glauben, er wäre mein Minister mit seinem ellenlangen Gesichte, und käme, um mir zu melden, eine Steuer sei nicht bezahlt worden,« sagte Heinrich die Achseln zuckend.

»Meiner Treue,« sprach Épernon, die Kugel im Sprunge auffassend, »Eure Majestät hat Recht, die Steuer ist nicht bezahlt worden, und ich habe keinen Thaler mehr.«

»Gut,« machte Heinrich ärgerlich.

»Doch,« fuhr Épernon fort, »es handelt sich nicht um dieses, und ich beeile mich, es Eurer Majestät zu sagen, denn sie könnte glauben, dies seien die Angelegenheiten, mit denen ich mich beschäftige.«

»Laßt Eure Angelegenheiten hören, Herzog.«

»Euere Majestät weiß, was bei der Hinrichtung von Salcède vorgefallen ist?«

»Bei Gott! da ich dabei gewesen bin.«

»Man hat den Verurtheilten zu entführen versucht.«

»Das habe ich nicht gesehen.«

»Dieses Gerücht ist jedoch in der Stadt im Umlauf.«

»Ein Gerücht ohne Ursache und ohne Folge; man hat sich nicht gerührt.«

»Ich glaube, Eure Majestät ist in einem Irrthum begriffen.«

»Worauf gründet Ihr Eure Meinung?«

»Darauf, daß Salcède vor dem Volke in Abrede zog, was er vor den Richtern gesagt hatte.«

»Ah! das wißt Ihr schon, Ihr?«

»Ich suche Alles zu erfahren, was Eure Majestät interessirt.«

»Ich danke; aber worauf zielt Ihr mit diesem Eingang ab?«

»Darauf: ein Mann, der stirbt wie Salcède, ist als sehr guter Diener gestorben, Sire.«

»Nun! und hernach?«

»Der Herr, der solche Diener hat, ist sehr glücklich; das ist das Ganze.«

»Und Du willst sagen, ich habe keine solche Diener, ich, oder deutlicher gesprochen, keine mehr? Du hast Recht, wenn Du das sagen willst.«[5 - Dieses Abwechseln von Du und Ihr ist eine Eigenthümlichkeit der Sprache von Heinrich III. mit seinen Günstlingen, welche Dumas auch schon in der Dame von Monsoreau bemerkbar macht.]

»Das will ich nicht sagen. Eure Majestät fände, sobald es Gelegenheit gäbe, dafür kann ich besser stehen, als irgend Jemand, so treue Diener, als der Herr von Salcède.«

»Der Herr von Salcède, der Herr von Salcède! nennt doch einmal die Dinge bei ihrem Namen! Ihr Leute, die Ihr mich umgebt. Wie heißt er, dieser Herr?«

»Eure Majestät muß es besser wissen als ich, sie, die sich mit Politik beschäftigt.«

»Ich weiß, was ich weiß. Sagt mir, was Ihr wißt.«

»Ich weiß nichts, ich vermuthe nur viele Dinge.«

»Gut,« sprach Heinrich ärgerlich, »nicht wahr, Ihr kommt hierher, um mich zu erschrecken und mir unangenehme Dinge zu sagen? Ich danke, Herzog, daran erkenne ich Euch.«

»Ah! nun mißhandelt mich Eure Majestät,« sagte Épernon.

»Ich glaube, das ist nicht mehr als billig.«

»Nein, Sire. Die Warnung eines ergebenen Mannes kann schlecht angebracht sein, aber dieser Mann thut nichtsdestoweniger seine Pflicht, wenn er die Warnung gibt.«

»Das sind meine Sachen.«

»Ah! sobald es Eure Majestät so nimmt, habt Ihr Recht, Sire, sprechen wir nicht mehr davon.«

Hier trat ein Stillschweigen ein, das der König zuerst brach.

»Höre,« sagte er, »mache mich nicht düster, Herzog. Ich bin schon traurig wie ein ägyptischer Pharao in seiner Pyramide. Erheitere mich!«

»Ah! Sire, die Freude läßt sich nicht befehlen.«

Der König schlug zornig mit der Faust auf den Tisch und rief:

»Ihr seid ein halsstarriger Mensch, ein schlechter Freund, Herzog. Ach! Ach! ich glaubte nicht so viel verloren zu haben, als ich meine früheren Diener verlor.«

»Darf ich es wagen, Eurer Majestät zu bemerken, daß sie die neuen nicht sehr ermuthigt?«

Hier machte der König eine neue Pause, während welcher er statt jeder Antwort diesem Menschen, dessen ganzes Glück er gegründet hatte, mit einem äußerst bezeichnenden Ausdruck anschaute.

Épernon begriff.

»Eure Majestät wirft mir ihre Wohlthaten vor,« sagte er mit dem Tone eines vollendeten Gascogners. »Ich werfe Ihr meine Ergebenheit vor.«

Und der Herzog, der sich noch nicht gesetzt hatte, nahm den Stuhl, den der König für ihn hatte bereitstellen lassen.

»Lavalette, Lavalette,« sprach der König voll Traurigkeit., »Du verwundest mir das Herz, Du, der Du so viel Witz hast, Du, der Du mich durch Deine gute Laune heiter und freudig machen könntest. Gott ist mein Zeuge, daß es nicht meine Absicht gewesen ist, von Quelus zu sprechen, der so brav, von Schomberg, der so gut, von Maugiron, der so kitzelig im Punkte meiner Ehre war. Nein, in jener Zeit gab es sogar Bussy. Bussy, der, wenn Du willst, nicht mir angehörte, den ich mir aber erworben haben würde, hätte ich nicht den Andern Schatten zu machen befürchtet, Bussy, der leider die unwillkührliche Ursache ihres Todes ist! Wohin ist es mit mir gekommen, daß ich sogar den Verlust meiner Feinde beklage! Gewiß waren alle Vier brave Leute. Ei, mein Gott! Ärgere Dich nicht über das, was ich sage. Was willst Du, Lavalette? es liegt nicht in Deinem Temperament, zu jeder Stunde dem nächsten Besten gewaltige Degenstiche zu geben; aber, mein theurer Freund, wenn Du auch kein Wagehals, kein Dreinschläger bist, so bist Du dagegen fein, schlau und zuweilen ein Mann von gutem Rath. Du kennst alle meine Angelegenheiten, wie jener andere demüthigere Freund, mit dem ich nie einen einzigen Augenblick der Langeweile durchzumachen hatte.«

»Von wem spricht Eure Majestät?« fragte der Herzog.

»Du müßtest ihm gleichen, Épernon.«

»Aber ich müßte doch wissen, wen Eure Majestät beklagt?«

»Oh! armer Chicot, wo bist Du?«

Épernon stand ganz gereizt auf.

»Nun! was machst Du?« fragte der König.

»Es scheint, Sire, Eure Majestät schwelgt in der Erinnerung; doch in der That, das ist nicht für Jedermann ein Glück.«

»Und warum dies?«

»Weil mich Eure Majestät vielleicht ohne es zu überlegen, mit Messire Chicot vergleicht und weil ich mich durch diese Vergleichung sehr wenig geschmeichelt fühle.«

»Du hast Unrecht, Épernon. Ich kann mit Chicot nur einen Menschen vergleichen, den ich liebe, und der mich liebt. Er war ein gediegener und geistreicher Diener.«

Heinrich stieß einen Seufzer aus.

»Ich denke, nicht damit ich Meister Chicot gleiche, hat mich Eure Majestät zum Pair und Herzog gemacht,« sagte Épernon.

»Stille, erheben wir keine Gegenbeschuldigung,« sprach der König mit einem so boshaften Lächeln, daß der Gascogner, so fein und so unverschämt er zugleich war, sich unbehaglicher vor diesen schüchternen Sarkasmen fühlte, als er es bei offenem Vorwurf gewesen wäre.

»Chicot liebte mich, und er fehlt mir, das ist Alles, was ich sagen kann.« fuhr Heinrich fort. »Oh! wenn ich bedenke, daß an demselben Platz, wo Du bist, alle diese jungen, schönen, braven und treuen Leute vorübergegangen sind, daß auf dem Lehnstuhl, auf den Du Deinen Hut gelegt hast, Chicot mehr als hundertmal eingeschlafen ist.«

»Das war vielleicht sehr geistreich,« versetzte Épernon, »jedenfalls aber war es sehr wenig ehrfurchtsvoll.«

»Ach!« sprach Heinrich. »dieser theure Freund hat heute nicht mehr Geist als Körper.«

Und er schüttelte traurig seinen Rosenkranz von Todtenköpfen, der ein so düsteres Geklapper hören ließ, als ob er von wirklichen Gebeinen gemacht weite.

»Was ist denn aus Eurem Chicot geworden?« fragte Épernon mit gleichgültigem Tone.

»Er ist todt,« antwortete Heinrich, »todt wie Alles, was mich geliebt hat.«

»Nun, Sire,« sprach der Herzog, »ich glaube in der That, er hat wohl daran gethan, daß er gestorben ist; er alterte, viel weniger indessen, als seine Späße, und man hat mir gesagt, die Nüchternheit sei nicht seine Lieblingstugend gewesen. An was ist der arme Teufel, gestorben, Sire, an der Unverdaulichkeit?«

»Chicot ist vor Kummer gestorben, schlechtes Herz,« erwiederte bitter der König.

»Er hätte Euch zum letzten Male lachen machen sollen.«

»Du täuschest Dich: er wollte mich nicht einmal durch die Ankündigung seiner Krankheit betrüben; weil er wußte. wie sehr ich meine Freunde betraure er, der mich so oft weinen sah.«

»Dann ist sein Schatten zurückgekehrt.«

»Gefiele es Gott, daß ich ihn wiedersehen würde, selbst im Schatten. Nein, sein Freund, der würdige Prior Gorenflot, hat mir diese Kunde mitgetheilt.«

»Gorenflot, wer ist dies?«

»Ein frommer Mann, den ich zum Prior der Jacobiner gemacht habe; er bewohnt das schöne Kloster vor der Porte Saint-Antoine, bei Bel-Esbat.«

»Sehr gut! irgend ein schlechter Prediger, dem Eure Majestät eine Priorei von dreißig tausend Livres gegeben haben wird, ohne daß sie es wagt, ihm das Empfangene vorzurücken.«

»Willst Du nun gottlos werden?«

»Wenn dies Eurer Majestät die Langweile vertreiben könnte, so würde ich es versuchen.«

»Willst Du wohl schweigen, Herzog; Du beleidigst Gott.«

»Chicot war sehr gottlos, und mir scheint, ihm verzieh man.«

»Chicot kam in einer Zeit, wo ich noch über etwas lachen konnte.«

»Dann hat Eure Majestät Unrecht, seinen Verlust zu beklagen.«

»Warum?«

»Wenn sie über nichts mehr lachen kann, so würde ihr Chicot, so heiter er auch war, keine große Unterstützung gewähren.«

»Dieser Mann war zu Allem gut, und ich beklage seinen Verlust nicht allein wegen seines Witzes.«

»Und warum sonst? ich denke, nicht seines Gesichtes wegen, denn er war sehr häßlich, dieser Herr Chicot.«

»Er ertheilte weise Rathschläge.«

»Ah! ich sehe wohl, wenn er noch lebte, würde Eure Majestät einen Siegelbewahrer aus ihm machen, wie sie aus diesem Kuttenmann einen Prior gemacht hat.«

»Stille, Herzog, ich bitte Euch, spottet nicht über diejenigen, welche mir Zuneigung bewiesen haben, und denen ich zugethan war. Seitdem Chicot gestorben, ist er mir heilig wie ein ernster Freund, und wenn ich nicht Lust habe zu lachen, soll Niemand lachen.«

»Es sei, Sire, ich habe so wenig Lust, zu lachen, als Eure Majestät. Doch so eben beklagtet Ihr den Verlust von Chicot wegen seiner guten Laune; eben verlangtet Ihr von mir, daß ich Euch aufheitere, während Ihr nun wünscht, daß ich Euch traurig mache… Parfandious!… Oh! verzeiht, Sire, dieser verdammte Fluch entschlüpft mir immer.«

»Gut, gut, nun bin ich abgekühlt; nun bin ich auf dem Punkte, wo Du mich haben wolltest, als Du das Gespräch mit so düsteren Redensarten begannst. Sage mir nun Deine schlimmen Nachrichten, Épernon; bei dem König findet sich immer die Kraft eines Mannes.«

»Ich bezweifle es nicht, Sire.«

»Und das ist ein Glück, denn schlecht bewacht wie ich bin, wäre ich, wenn ich mich selbst nicht bewachte, zehnmal des Tags gestorben.«

»Was gewissen Leuten, die ich kenne, nicht mißfallen würde.«

»Gegen diese habe ich die Hellebarden meiner Schweizer, Herzog.«

»Das ist sehr ohnmächtig, um aus der Ferne zu treffen.«

»Gegen diejenigen, welche man aus der Ferne treffen muß, habe ich die Musketen meiner Schützen.«

»Das ist unbequem, will man von Nahem treffen; um eine königliche Brust zu beschützen, taugen mehr als Hellebarden und Musketen gute Brüste.«

»Ach, das hatte ich einst,« sagte Heinrich, »und in diesen Brüsten edle Herzen; nie hatte man mich erreicht zur Zeit der lebendigen Wälle, die man Quelus, Schomberg, Saint-Luc, Maugiron und Saint-Mégrin nannte.«

»Das ist es also, was Eure Majestät beklagt?« fragte Épernon, der seine Genugthuung dadurch zu nehmen hoffte, daß er den König bei einem offenen Frevel der Selbstsucht faste.

»Ich beklage die Herzen, welche vor Allem in der Brust dieser Männer schlugen,« erwiederte Heinrich.

»Sire,« sprach Épernon, »wenn ich es wagte, würde ich Eurer Majestät bemerken, daß ich Gascogner, das heißt vorsichtig und gewandt bin; daß ich durch den Geist die Eigenschaften zu ersetzen suche, die mir die Natur versagt hat, mit einem Wort, daß ich Alles thue, was ich kann, das heißt Alles, was ich soll, und daß ich folglich mit Recht sagen kann: Komme was da will.«

»Ah! so ziehst Du Dich heraus; Du trittst ein und nimmst den Mund sehr voll mit wahren oder falschen Gefahren; denen ich preisgegeben sein soll, und wenn es Dir gelungen ist, mich zu erschrecken, so fassest Du Dich in den Worten zusammen: »»Komme was da will.«« Sehr verbunden, Herzog.«

»Eure Majestät will also ein wenig an diese Gefahren glauben?«

»Es sei. Ich werde daran glauben, wenn Du mir beweisest, daß Du sie bekämpfen kannst.«

»Ich glaube, daß ich es kann.«

»Du kannst es?«

»Ja, Sire.«

»Ich weiß wohl, Du hast Mittel – Deine kleinen Mittel, – Du Fuchs.«

»Nicht so klein.«

»Laß hören.«

»Will Eure Majestät die Gnade haben, aufzustehen?«

»Wozu?«

»Um mit mir zu den alten Gebäuden des Louvre zu kommen.«

»Auch der Seite der Rue de l'Astruce.«

»Gerade an den Ort, wo man sich damit beschäftigte, ein Geräthemagazin zu bauen, ein Plan, den man aufgegeben hat, seitdem Eure Majestät kein anderes Geräthe mehr will, als Betpulte und Rosenkränze von Todtenköpfen.«

»Zu dieser Stunde?«

»Es schlägt so eben zehn Uhr im Glockenthurme des Louvre; mir scheint, das ist nicht so spät.«

»Was werde ich in diesen Gebäuden sehen?«

»Ah! bei Gott! wenn ich es Euch sage, so ist dies das Mittel, daß Ihr nicht kommt.«

»Das ist sehr fern von hier, Herzog.«

»Durch die Gallerien gebt man in fünf Minuten dahin, Sire.«

»Épernon, Épernon!«

»Nun, Sire?«

»Wenn das, was Du mich sehen lassen willst, nicht sehr interessant ist, so nimm Dich in Acht.«

»Sire, ich stehe Euch dafür, daß es interessant sein wird.«

»Vorwärts,« sprach der König, indem er sich mit einer gewissen Anstrengung erhob.

Der Herzog nahm seinen Mantel, und reichte dem König seinen Degen; dann ergriff er eine Wachsfackel und schritt in der Gallerie Seiner Allerchristlichsten Majestät voran, die ihm mit schleppendem Gange folgte.




Dreizehntes Kapitel

Das Schlafgemach


Obgleich es erst zehn Uhr war, wie Épernon gesagt hatte, herrschte doch schon eine Todesstille im Louvre, kaum hörte man, so wüthend wehte der Wind, den schweren Tritt der Schildwachen und das Knarren der Zugbrücken.

Die nächtlichen Wanderer gelangten wirklich in weniger als fünf Minuten zu den Gebäuden der Rue de l’Astruce, welche diesen Namen selbst seit der Erbauung von Saint-Germain-l‘Auxerrois, beibehalten hatten.

Der Herzog holte einen Schlüssel aus seiner Tasche, stieg einige Stufen hinab, durchschritt einen kleinen Hof und öffnete eine gewölbte Thüre, welche halb von Brombeerstauden und langem Gras versperrt war.

Er folgte ungefähr zehn Schritte einem dunkeln Weg, an dessen Ende er sich in einem inneren Hof befand, hier war in einer Ecke eine steinerne Treppe bemerkbar.

Diese Treppe führte in ein weites Zimmer oder vielmehr in einen ungeheuren Corridor.

Épernon hatte auch den Schlüssel zu diesem Corridor.

Er öffnete sachte die Thüre und machte Heinrich auf die seltsame Einrichtung, aufmerksam, welche, sobald diese Thüre geöffnet war, sogleich ins Auge fiel.

Es waren fünf und vierzig Betten aufgereiht. In jedem Bett lag ein Schläfer.

Der König schaute alle diese Betten, alle diese Schläfer an, wandte sich dann mit einer unruhigen Neugierde gegen den Herzog um und fragte:

»Nun, wer sind alle diese Leute, welche hier schlafen?«

»Leute, welche noch diesen Abend schlafen, morgen aber nicht mehr schlafen werden, als es ihre Reihe erlaubt.«

»Und warum werden sie nicht mehr schlafen?«

»Damit Eure Majestät schlafen kann.«

»Erkläre Dich; diese Leute sind also insgesamt Freunde?«

»Durch mich erwählt, ausgelesen wie das Korn auf der Tenne; unerschütterliche Wachen, die Eure Majestät nicht mehr als ihr Schatten verlassen werden, lauter Edelleute, welche, weil sie das Recht haben, überallhin zu gehen, wohin Eure Majestät geht, auf eine Degenlänge Niemand Euch nähern lassen werden.«

»Du hast dies erfunden, Épernon?«

»Ei! mein Gott, ja, ich ganz allein, Sire.«

»Man wird darüber lachen.«

»Nein, man wird Furcht darüber haben.«

»Sie sind schrecklich, Deine Edelleute?«

»Sire, es ist eine Meute, die Ihr auf jedes Wild, das Euch beliebt, hetzen werdet, und die, da sie nur Euch kennt, nur mit Eurer Majestät in Verbindung steht, sich nur an Euch wenden wird, um das Licht, die Wärme, das Leben zu erhalten.«

»Aber das wird mich zu Grunde richten.«

»Richtet sich ein König je zu Grunde?«

»Ich kann schon die Schweizer nicht bezahlen.«

»Schaut diese Ankömmlinge wohl an, und sagt mir, ob sie wie Leute aussehen, welche große Ausgaben fordern?«

Der König warf einen Blick auf diesen langen Schlafsaal, der eine ziemlich bemerkenswerthe Ansicht selbst für einen König bot, welcher an schöne architekturale Einrichtungen gewöhnt war.

Dieser lange Saal war von einem Verschlag durchschnitten, an dem der Erbauer fünf und vierzig Allkoven angebracht hatte, welche wie eben so viele Kapellen neben einander lagen, und auf den Gang ausmündeten, an dessen einem Ende der König und Épernon standen.

Eine Thüre in jedem von diesen Alkoven gewährte den Zugang in eine Art von Loge unmittelbar daneben.

Folge von dieser geistreichen Eintheilung war, daß jeder Edelmann sein öffentliches Leben und sein abgeschlossenes Leben hatte.

Oeffentlich erschien er in dem Alkoven.

In Familie verbarg er sich in seiner Loge.

Die Thüre von jeder dieser Logen ging auf einen Balcon, der an der ganzen Länge des Hauses hinlief.

Der König begriff diese seinen Unterscheidungen nicht sogleich.

»Warum zeigt Ihr mir sie Alle so in ihren Betten schlafend?« fragte der König.

»Sire, weil ich gedacht habe, die Inspection wäre so leichter von Eurer Majestät vorzunehmen. Jeder von diesen Alkoven hat eine Nummer und diese Nummer läßt sich auf seinen Bewohner übertragen. Somit wird jeder von diesen Bewohnern nach dem Bedürfniß ein Mann oder eine Zahl sein.«

»Das ist gut ersonnen,« sagte der König, »besonderes wenn wir allein den Schlüssel dieser Arithmetik bewahren. Aber die Unglücklichen werden ersticken, wenn sie beständig in dieser Keuche leben sollen.«

»Wünscht es Eure Majestät, so wird sie mit mir umhergehen und die Wohnung jedes Einzelnen besichtigen.«

»Gottes Tod! welch eine Geräthekammer hast Du mir machen lassen, Épernon!« sagte der König, indem er die mit dem Besitz der Schläfer beladenen Stühle betrachtete. »Wenn ich die Fetzen dieser Bursche darin einschließe, wird Paris viel lachen.«

»Es ist wahr,« antwortete der Herzog, »meine Fünf und Vierzig sind nicht sehr kostbar gekleidet; doch, Sire, wenn sie Alle Herzöge und Pairs gewesen wären…«

»Ja, ich begreife,« sprach der König lächelnd, »sie würden mich bedeutend mehr kosten.«

»Das ist es, Sire.«

»Wie viel werden sie mich kosten? laßt hören. Das wird mich vielleicht bestimmen, denn in der That, das Aussehen ist nicht sehr Appetit erregend.«

»Sire, ich weiß, sie sind ein wenig mager und gebräunt von der Sonne, die in unseren südlichen Provinzen glüht, aber ich war auch mager und sonnverbrannt, wie sie, als ich nach Paris kam, und sie werden fett werden und sich bleichen wie ich.«

»Hm!« machte Heinrich und warf einen schiefen Blick auf Épernon.

Dann nach einer Pause sagte der König:

»Weißt Du, daß Deine Edelleute schnarchen wie Domsänger?«

»Sire, man darf sie nicht hiernach beurtheilen, sie haben sehr gut zu Nacht gespeist.«

»Sieh, hier ist Einer, der ganz laut träumt,« sagte der König neugierig horchend.

Den Kopf und die Arme aus dem Bett hängend, den Mund halb geschlossen, seufzte wirklich einer von den Edelleuten einige Worte mit einem schwermüthigen Lächeln.

Der König näherte sich ihm auf den Fußspitzen.

»Wenn Ihr eine Frau seid,« sagte er, »flieht, flieht!«

»Ah! Ah!« sprach Heinrich, »dieser ist galant.«

»Was denkt Ihr von ihm, Sire?«

»Sein Gesicht gefällt mir ziemlich gut.«

Épernon näherte seine Fackel dem Alkoven.

»Er hat auch weiße Hände und einen gut gekämmten Bart.«

»Es ist der Sire Ernauton von Carmainges, ein hübscher Junge, der es weit bringen wird.«

»Der arme Teufel hat dort eine angefangene Liebschaft zurückgelassen.«

»Um keine andere Liebe mehr zu haben, als die zu seinem König. Sire; wir werden ihm für sein Opfer Rechnung tragen.«

»Oh! Oh! da kommt eine seltsame Gestalt hinter Deinem Sire. Wie nennst Du ihn?«

»Ernauton von Carmainges.«

»Ah! Pest, was für ein Hemd hat Nummer 34. Man sollte glauben, es wäre ein Büßersack.«

»Das ist Herr von Chalabre; wenn er Eure Majestät zu Grunde richtet, so wird es nicht geschehen, ohne daß er sich ein wenig dabei bereichert.«

»Und das andere düstere Gesicht, das nicht aussieht, als träumte es von der Liebe?«

»Welche Nummer, Sire?«

»Nummer 12.«

»Ein feiner Degen, ein ehernes Herz, ein Mann von Mitteln, Herr von Sainte-Maline, Sire.«

»Ah! wenn ich bedenke… weißt Du, daß Du da einen guten Gedanken gehabt hast?«

»Ich glaube wohl; beurtheilt ein wenige welche Wirkung diese meine Hofhunde hervorbringen müssen, welche Eure Majestät nicht mehr verlassen werden, als der Schatten den Körper, diese Molosser, die man nirgends gesehen hat und die sich bei der ersten Gelegenheit auf eine Weise zeigen werden, welche uns Ehre macht.«

»Ja, ja, Du hast Recht, es ist ein guter Gedanke. Aber warte doch.«

»Was?«

»Ich denke, sie werden mir in diesem Aufzug nicht wie mein Schatten folgen. Mein Körper hat eine gute Form, und sein Schatten, oder vielmehr seine Schatten sollen ihm keine Schande machen.«

»Ah! Sire, wir kommen auf die Zifferfrage zurück.«

»Gedachtest Du sie zu umgehen?«

»Nein, denn es ist bei allen Dingen die Grundfrage; aber in Beziehung auf diese Ziffer habe ich auch einen Gedanken.«

»Épernon! Épernon!«

»Was wollt Ihr, Sire? Das Verlangen, Eurer Majestät zu gefallen, verdoppelt meine Einbildungskraft.«

»So sprich doch Deinen Gedanken aus.«

»Nun wohl! wenn es von mir abhängen würde, fände jeder von diesen Edelleuten morgen früh auf dem Stuhle, der seine Kleidungsstücke trägt, eine Börse mit tausend Thalern… zu Bezahlung des ersten Semesters.«

»Tausend Thaler für das erste Semester, sechs tausend Livres jährlich! Geht doch, Herzog. Ihr seid ein Narr. Ein ganzes Regiment würde nicht so viel kosten.«

»Ihr vergeßt, Sire, daß sie die Schatten Eurer Majestät zu werden bestimmt sind; und Ihr habt selbst den Wunsch ausgesprochen, Eure Schatten mögen gut gekleidet sein. Jeder wird sich also von diesen tausend Thalern auf eine Weise zu kleiden und zu bewaffnete haben, die Euch Ehre macht. Und auf das Wort Ehre laßt den Gascognern den Zügel ein wenig lose. Fünfzehn hundert Livres für die Equipirung angenommen, so wäre dies also viertausend fünfhundert Livres für das erste Jahr, dreitausend für das zweite und die anderen.«

»Das ist annehmbarer.«

»Und Eure Majestät willigt ein?«

»Es hat nur eine Schwierigkeit. Herzog.«

»Welche?«

»Den Mangel an Geld.«

»Den Mangel an Geld?«

»Bei Gott! Du mußt besser als irgend Jemand wissen, daß der Grund, den ich Dir hier angebe; kein schlechter Grund ist, Du, der Du Dir noch nicht einmal hast können Deine Steuer bezahlen lassen.«

»Sire, ich habe ein Mittel gefunden.«

»Mir Geld zu verschaffen?«

»Für Eure Leibwache, ja.«

»Ein Knauserstückchen,« dachte der König, Épernon von der Seite anschauend.

Dann sprach er laut:

»Laß Dein Mittel hören.«

»Man hat gerade heute vor sechs Monaten ein Edict über die Abgaben von Wildbret und Fischen einregistriert.«

»Das ist möglich.«

»Die Bezahlung des ersten Semesters hat fünfundsechzig tausend Thaler abgeworfen, die der Staatsschatzmeister diesen Morgen einkassiren wollte, doch ich sagte ihm, er möge nichts thun, so daß er, statt es in den Schatz fließen zu lassen, das Steuergeld Eurer Majestät zur Verfügung hält.«

»Ich bestimmte es zu Kriegen, Herzog.«

»Gerade das ist es, Sire, die erste Bedingung des Krieges ist, Menschen zu haben; das erste Interesse des Königreichs ist die Vertheidigung und Sicherheit des Königs; wenn man die Leibwache des Königs besoldet, erfüllt man alle diese Bedingungen.«

»Der Grund ist nicht schlecht; doch Deiner Rechnung nach sehe ich nur fünf und vierzig tausend Thaler verwendet. es werden mir also zwanzig tausend für meine Regimenter bleiben.«

»Verzeiht, Sire, ich habe, mit Vorbehalt der Billigung Eurer Majestät, über diese zwanzig tausend Thaler verfügt.«

»Ah! Du hast darüber verfügt.«

»Ja, Sire, es wird eine Abschlagszahlung an meiner Steuer sein.«

»Ich wußte das,« sagte der König, »Du gibst mir eine Leibwache, um zu Deinem Gelde zu kommen.«

»Ah! Sire!«

»Aber warum gerade die Zahl fünf und vierzig?« fragte der König zu einem andern Gedanken übergehend.

»Höret, Sire. Die Zahl drei ist eine Urzahl und göttlich. Mehr noch, sie ist bequem. Wenn zum Beispiel ein Reiter drei Pferde hat, ist er nie zu Fuß; das zweite ersetzt das erste, wenn dieses müde ist, und dann bleibt noch ein drittes, um im Falle einer Verwundung oder Krankheit für das erste einzutreten. Ihr werdet also immer dreimal fünfzehn Edelleute haben. Fünfzehn im Dienst, dreißig, welche ausruhen. Jeder Dienst wird zwölf Stunden dauern. Und während dieser zwölf Stunden habt Ihr immer fünf rechts, fünf links. Zwei vorne und drei hinten. Mit einer solchen Wache komme man und wage es ein wenig, Euch anzugreifen.«

»Bei Gottes Tod! das ist geschickt combinirt, Herzog, und ich mache Dir mein Compliment.«

»Schaut sie an, Sire, sie werden wahrhaftig eine gute Wirkung hervorbringen.«

»Ja, gekleidet werden sie nicht übel sein.«

»Glaubt Ihr nun, daß ich das Recht habe, von den Gefahren zu sprechen, die Euch bedrohen?«

»Ich sage nicht nein.«

»Ich hatte also Recht.«

»Es mag sein.«

»Herr von Joyeuse hätte diesen Gedanken nicht gehabt!«

»Épernon! Épernon! es ist nicht liebreich, Schlimmes von Abwesenden zu sagen.«

»Parfandious! Ihr sagt viel Schlimmes von den Anwesenden. Sire.«

»Ah! Joyeuse begleitet mich immer. Er war mit mir heute auf der Grève.«

»Nun, ich war hier, Sire, und Eure Majestät sieht, daß ich meine Zeit nicht verloren habe.«

»Ich danke Lavalette.«

»Ah! Sire,« sagte Épernon, nachdem er einen Augenblick geschwiegen hatte, »ich wollte Eure Majestät um etwas bitten.«

»Es wunderte mich in der That sehr, Herzog, daß Du mich um nichts batest.«

»Eure Majestät ist heute bitter, Sire.«

»Ei! nein, Du begreifst nicht, mein Freund.« sprach der König, bei dem der Spott die Rache befriedigt hatte, »oder Du begreifst vielmehr schlecht; ich sagte, da Du mir einen Dienst geleistet, so habest Du das Recht, Dir etwas von mir zu erbitten; bitte also.«

»Das ist etwas Anderes, Sire. Uebrigens ist das, was ich mir von Eurer Majestät erbitte, eine Stelle.«

»Eine Stelle! Du, der General-Oberste der Infanterie willst noch eine Stelle; sie wird Dich erdrücken.«

»Ich bin stark wie Simson für den Dienst Eurer Majestät; für Eurer Majestät Dienst würde ich den, Himmel und die Erde tragen.«

»Bitte also,« sprach der König seufzend.«

»Ich wünsche, daß Eure Majestät mir das Commando dieser fünf und vierzig Edelleute übertrage.«

»Wie,« erwiederte der König erstaunt, »Du willst vor mir, hinter mir marschiren? Du willst Dich in diesem Maße aufopfern, Du willst Kapitän der Garden sein?«

»Nein, nein, Sire!«

»Nun. was willst Du denn?« sprich.

»Ich will, daß diese Garden, meine Landsleute, mein Commando besser verstehen, als das von jedem Andern; doch ich will ihnen weder vorausmarschiren, noch folgen. Ich werde einen Beiständigen haben.«

»Darunter steckt wieder etwas,« dachte Heinrich den Kopf schüttelnd, »dieser verteufelte Mensch gibt immer, um zu erhalten.«

Dann sprach er laut:

»Gut. Du sollst das Commando haben.«

»Geheim?«

»Ja. Doch wer wird officiell der Anführer meiner Fünf und Vierzig sein?«

»Der kleine Loignac.«

»Ah! desto besser.«

»Er ist Eurer Majestät genehm?»

»Vollkommen.«

»Ist das nun abgemacht, Sire?«

»Ja, aber…«

»Aber?«

»Welche Rolle spielt, er bei Dir, dieser Loignac?«

»Er ist mein Épernon, Sire.«

»Er kostest Dich also viel?« brummelte der König.

»Was sagt Eure Majestät?«

»Ich sage, ich willige ein.«

»Ich gehe zum Staatszahlmeister, um die fünf und vierzig Börsen zu holen.«

»Diesen Abend?«

»Müssen sie nicht unsere Leute morgen auf ihren Stühlen finden?«

»Das ist richtig. Gehe; ich kehre in meine Wohnung zurück.«

»Zufrieden, Sire?«

»Ziemlich.«

»In jedem Fall gut bewacht.«

»Ja, durch Leute, die mit geschlossenen Fäusten schlafen.«

»Sie werden morgen wachen, Sire.«

Épernon führte Heinrich bis zur Thüre der Gallerie zurück und verließ ihn, indem er zu sich selbst sagte:

»Wenn ich nicht König bin, so habe ich wenigstens Leibwachen wie ein König, und diese kosten mich nichts… Parfandious!«




Vierzehntes Kapitel

Der Schatten von Chicot


Der König täuschte sich, wie wir vorhin sagten, nie über seine Freunde. Er kannte ihre Fehler und ihre guten Eigenschaften. und er las, der König der Erde, eben so scharf in der tiefsten Tiefe ihres Herzens. als es der König des Himmels thun konnte.

Er hatte, sogleich begriffen, worauf Épernon abzielte, doch da er nichts für das, was er geben würde, zu erhalten erwartete, und im Gegentheil fünf und vierzig Trabanten für fünf und sechzig tausend Thaler erhielt, so erschien ihm der Gedanke des Gascogners als ein Fund.

Und dann war es eine Neuigkeit. Ein armer König von Frankreich ist nicht immer üppig mit dieser Waare versehen, welche sogar für seine Unterthanen selten ist. König Heinrich III. besonders, der, wenn er seine Prozessionen gemacht, seine Hunde gekämmt, seine Todtenköpfe aufgereiht, und die von ihm beliebte Anzahl von Seufzern ausgestoßen, nichts mehr zu thun hatte.

Die von Épernon errichtete Leibwache gefiel also dem König, besonders weil man davon sprechen würde, und weil er folglich auf den Gesichtern etwas Anderes lesen könnte, als was er in den zehn Jahren seit seiner Rückkehr aus Polen sah.

Allmälig und je mehr er sich dem Zimmer näherte, wo ihn der Huissier erwartete, den dieser nächtliche und ungewöhnliche Ausgang nicht wenig neugierig machte, entwickelte Heinrich sich selbst die Vortheile der Anstalt der Fünf und Vierzig, und er durchblickte halb, wie alle schwache und geschwächte Geister, die Ideen, welche Épernon in dem Gespräch, das er mit ihm gepflogen, ins Licht gesetzt hatte.

»Diese Leute,« dachte der König, »werden ohne Zweifel brav und sehr ergeben sein. Einige haben einnehmende Gesichter. Andere widerwärtige Physiognomien; es werden, Gott sei Dank! Leute für Jedermanns Geschmack darunter sein… und dann ist es etwas Schönes um ein Gefolge von fünf und vierzig Schwertern, welche stets bereit sind, aus der Scheide zu fahren!«

Dieses letzte Kettenglied seines Gedankens, das sich der Erinnerung an die anderen ihm so ergebenen Schwerter anfügte, deren Verlust er so bitter laut, und noch viel bitterer leise beklagte, brachte Heinrich zu der tiefen Traurigkeit, in welche er so oft verfiel in der Zeit, zu der wir gelangt sind, so daß man hätte sagen können, es wäre sein gewöhnlicher Zustand. Die so harten Zeiten, die so boshaften Menschen, die auf der Stirne der Könige so sehr wankenden Kronen machten es ihm abermals zum ungeheuren Bedürfniß, zu sterben oder sich zu erheitern, um einen Augenblick aus der Krankheit hervorzugehen, welche die Engländer, unsere Meister in der Schwermuth, schon damals mit dem Namen Spleen getauft hatten.

Er suchte mit den Augen Joyeuse, und da er ihn nirgends fand, fragte er nach ihm.«

»Der Herr Herzog ist noch nicht zurückgekehrt,« sagte der Huissier.

»Es ist gut… Ruft meinen Kammerdiener und entfernt Euch.«

»Sire, das Gemach Eurer Majestät ist bereit und Ihre Majestät die Königin hat nach den Befehlen des Königs fragen lassen.«

Heinrich spielte den Tauben.

»Soll man Ihrer Majestät melden, sie möge das Kopfkissen legen?« fragte schüchtern der Huissier.

»Nein, nein,« erwiederte Heinrich. »Ich habe meine Andachten, ich habe meine Arbeiten, und dann bin ich leidend und werde allein schlafen.«

Der Huissier verbeugte sich.

»Hört,« sagte Heinrich ihn zurückrufend, »bringt der Königin diese Confituren aus dem Orient, sie bereiten Schlaf.«

Und er übergab dem Huissier seine Confectbüchse.

Der König trat in sein Gemach, das die Bedienten wirklich zubereitet hatten.

Als Heinrich hier war, warf er einen Blick auf alle die ausgesuchten, umständlichen, kleinlichen Nebendinge und Beigaben jener ausschweifenden Toiletten, die er kurz zuvor noch machte, um der schönste Mann der Christenheit zu sein, da er nicht der größte König derselben sein konnte.

Aber nichts sprach ihm zu Gunsten dieser Zwangsarbeit, in die er sich sonst so muthig fügte. Alles, was er einst vom Weibe in dieser Hermaphroditen-Organisation hatte, war verschwunden. Heinrich war wie jene alten Coquetten, welche ihren Spiegel gegen ein Meßbuch vertauscht haben; er fühlte beinahe einen Abscheu vor den Dingen, die er einst so sehr geliebt.

Parfumirte und gesalbte Handschuhe, Masken von feiner Leinwand mit Teigen überstrichen, chemische Combinationen, um die Haare zu kräuseln, den Bart zu schwärzen, die Ohren roth und die Augen glänzend zu machen, dies Alles vernachläßigte er schon seit längerer Zeit.

»Mein Bett,« sagte er mit einem Seufzer.

Zwei Diener entkleideten ihn, zogen ihm Unterhosen von schöner friesischer Leinwand an, hoben ihn vorsichtig auf und schoben ihn zwischen seine Leinenlaken.

»Der Vorleser Seiner Majestät!« rief eine Stimme.

Denn Heinrich, der Mann der langen und grausamen Schlaflosigkeiten, ließ sich zuweilen durch eine Vorlesung einschläfern, und man bedurfte sogar des Polnischen, um dieses Wunder zu bewirken, während ihm einst, nämlich ursprünglich, das Französische genügte.

»Nein. Niemand,« sagte Heinrich, »keinen Vorleser, oder er mag in seinem Zimmer für mich Gebete lesen; nur Herrn von Joyeuse, wenn er zurückkommt, führt zu mir.«

»Aber, wenn er spät kommt, Sire?«

»Ach! er kommt immer spät nach Hause, doch zu welcher Stunde er auch kommen mag, führt ihn zu mir, hört Ihr?«

Die Diener löschten die Kerzen aus und zündeten beim Feuer eine Lampe mit Essenzen an, welche blasse und bläuliche Flammen gaben… eine Art von phantasmagorischer Unterhaltung, die der König seit der Rückkehr seiner Grabgedanken besonders liebte; dann verließen sie auf den Fußspitzen das schweigsame Gemach.

Brav im Angesicht einer wirklichen Gefahr, hatte Heinrich jede Angst, jede Schwäche der Weiber und der Kinder. Er fürchtete die Erscheinungen, es graute ihm vor Gespenstern, und dennoch hegte er das Gefühl, daß er sich weniger langweile, wenn er Furcht habe. In dieser Hinsicht war er jenem Gefangenen ähnlich, der, überdrüssig der Unthätigkeit einer langen Kerkerhaft, denjenigen, weiche ihm ankündigten, er habe die Folter auszustehen, antwortete:

»Gut, damit werde ich immer einen Augenblick hinbringen.«

Während er indessen den Reflexen seiner Lampe auf der Wand folgte, während er mit dem Blick die dunkelsten Winkel seines Zimmers sondirte, während er das geringste Geräusch aufzufassen suchte, das den geheimnißvollen Eintritt eines Schattens hätte verkündigen können, verschleierten sich die Augen von Heinrich, der durch das Schauspiel am Tage und durch den Verlauf des Abends ermüdet war, und bald entschlummerte er in dieser Stille und Einsamkeit.

Doch die Ruhe von Heinrich dauerte nicht lange: untergraben durch das dumpfe Fieber, das in ihm das Leben im Schlafe, wie im Wachen abnutzte, glaubte er Geräusch in seinem Zimmer zu hören und erwachte.

»Joyeuse, bist Du es?« fragte er.

Niemand antwortete.

Die Flammen der blauen Lampe waren schwächer geworden sie sandten nach dem Plafond von geschnitztem Eichenholz nur noch einen bleichen Kreis, der die goldenen Zierrathen grün färbte.

»Allein, abermals allein,« murmelte der König. »Ah! der Prophet hat Recht: »»Majestät müßte immer seufzen.«« Es wäre besser gewesen wenn er gesagt hätte: Sie seufzt immer.«

Dann nach einer Pause von einem Augenblick sprach er in Form eines Gebets:

»Mein Gott, gib mir die Kraft, stets in meinem Leben allein zu sein, wie ich nach meinem Tode allein sein werde.«

»Ei! ei! allein nach Deinem Tode, das ist nicht sicher,« erwiederte eine scharfe Stimme, welche wie ein metallisches Zusammenstoßen einige Schritte vom Bett klang, »und für was hältst Du die Würmer?«

Erschrocken setzte sich Heinrich auf und befragte ängstlich jedes Geräthe des Zimmers.

»Oh! ich kenne diese Stimme,« murmelte er.

»Das ist ein Glück,« versetzte die Stimme.

Ein kalter Schweiß floß über die Stirne des Königs und er seufzte:

»Man sollte glauben, es wäre die Stimme von Chicot.«

»Du brennst, Heinrich. Du brennst,« antwortete die Stimme.

Nun erblickte Heinrich, der mit einem Bein aus dem Bette fuhr, in einiger Entfernung vom Kamin in demselben Lehnstuhl, den er eine Stunde zuvor Épernon bezeichnet hatte, einen Kopf, auf den das Feuer einen von jenen rothgelben Reflexen warf, welche allein auf den Gründen von Rembrandt eine Person erleuchten, die man beim ersten Anblick zu bemerken Mühe hat.

Dieser Reflex stieg auf den Arm des Lehnstuhles herab, worauf der Arm der Person gestützt war, dann auf ihr knochiges, hervorspringendes Knie, und endlich auf die Fußbiege, weiche einen rechten Winkel mit einem nervigen, magern und übermäßig langen Bein bildete.

»Gott beschütze mich!« rief Heinrich, »es ist der Schatten von Chicot.«

»Ah! mein armer Henriquet,« sagte die Stimme, »Du bist also immer noch so einfältig?«

»Was soll das bedeuten?«

»Die Schatten sprechen nicht, Schwachkopf, denn sie haben keinen Körper und folglich keine Zungen,« erwiederte die im Lehnstuhl sitzende Gestalt.

»Dann bist Du wirklich Chicot?« rief der König trunken vor Freude.

»Ich will in dieser Hinsicht nichts entscheiden: wir werden später sehen, was ich bin, wir werden sehen.«

»Wie, Du bist also nicht todt, mein armer Chicot?«

»Gut nun schreist Du wie ein Adler; doch, im Gegentheil, ich bin todt, hundertmal todt.«

»Chicot, mein einziger Freund!«

»Du hast wenigstens den Vortheil vor mir, daß Du immer dasselbe sagst. Pest! Du hast Dich nicht verändert«

»Aber, Du, Du,« entgegnete der König traurig, »hast Du Dich verändert?«

»Ich hoffe wohl.«

»Chicot, mein Freund,« sagte der König, indem er seine beiden Füße auf den Boden setzte, »sprich, warum hast Du mich verlassen?«

»Weil ich todt bin.«

»Aber Du sagtest so eben, Du wärest es nicht.«

»Und ich wiederhole es.«

»Was soll dieser Widerspruch heißen?«

»Dieser Widerspruch soll heißen, daß ich für die Einen todt und für die Andern lebendig bin.«

»Und was bist Du für mich?«

»Für Dich bin ich todt.«

»Warum für mich todt?«

»Das ist leicht zu begreifen. Höre wohl.«

»Ja.«

»Du bist nicht Herr bei Dir.«

»Wie?«

»Du vermagst nichts für diejenigen, welche Dir dienen.«

»Herr Chicot!«

»Aergere Dich nicht, oder ich ärgere mich.«

»Ja, Du hast Recht,« sprach der König, zitternd vor Angst, der Schatten könnte verschwinden, »sprich, mein Freund, sprich.«

»Nun wohl! ich hatte ein kleines Geschäft mit Herrn von Mayenne abzumachen, erinnerst Du Dich?«

»Vollkommen.«

»Ich mache es ab. Gut! Ich prügle diesen Kapitän ohne Gleichen, sehr gut. Er läßt mich suchen, um mich zu hängen, und Du, auf den ich rechnete, um mich gegen diesen Helden zu vertheidigen, verlässest mich, statt mich zu beschützen; statt ihm den Garaus zu machen, versöhnst Du Dich mit ihm. Was habe ich sodann gethan? ich habe mich für todt erklärt und durch die Vermittelung meines Freundes Gorenflot beerdigt, so daß seit jener Zeit Herr von Mayenne der mich suchte, mich nicht mehr sucht.«

»Du hast einen gräulichen Muth gehabt, Chicot; sprich, wußtest Du nicht, welchen Schmerz mir Dein Tod verursachen würde?«

»Ja, das ist muthig, aber durchaus nicht gräulich. Ich habe nie so ruhig gelebt, als seitdem die ganze Weit überzeugt ist, ich lebe nicht mehr.«

»Chicot, Chicot, mein Freund!« rief der König, »Du erschreckst mich, mein Kopf geräth in Verwirrung.«

»Ah, bah! das bemerkst Du erst heute?«

»Ich weiß nicht, was ich glauben soll.«

»An etwas mußt Du Dich, bei Gott! doch halten, oder glaubst Du, laß hören?«

»Ich glaube, daß Du gestorben bist und zurückkehrst.«

»Dann lüge ich; Du bist artig.«

»Du verbirgst mir wenigstens einen Theil der Wahrheit; doch sogleich wirst Du mir, wie die Gespenster des Alterthums, furchtbare Dinge sagen.«

»Ah! was das betrifft, ich sage nicht nein. Halte Dich bereit, armer König.«

»Ja, ja,« sprach Heinrich, »gestehe, daß Du ein durch den Herrn auferweckter Schatten bist?«

»Ich werde zugestehen, was Du willst.«

»Wie wärest Du sonst durch diese bewachten Gänge hierher gekommen? Wie würdest Du bei mir in meinem Zimmer sein? Der Erste der Beste findet also jetzt Eintritt in den Louvre! So bewacht man also den König?«

Und ganz sich dem schwindelartigen Schrecken überlassend, der ihn ergriffen hatte, warf sich Heinrich in sein Bett zurück und wollte sich mit seinen Leinenlaken bedecken.

»La! La! La!« sagte Chicot mit einem Tone, der einiges Mitleid und viel Sympathie verbarg, »erhitze Dich nicht, Du brauchst mich nur zu berühren, um Dich zu überzeugen.«

»Du bist also kein Bote der Rache?«

»Alle Wetter! habe ich Hörner wie Satan, oder ein flammendes Schwert wie der Erzengel Michael?«

»Wie bist Du denn hereingekommen?«

»Du kamst auch so eben zurück.«

»Allerdings.«

»Nun, begreifst Du, daß ich immer noch meinen Schlüssel habe, den welchen Du mir gegeben hast, und den ich an meinen Hals hing, um Deine Kammerherrn wüthend zu machen, die nur das Recht hatten, sich ihn Hinten anzuhängen. Mit diesem Schlüssel kommt man herein und ich bin hereingekommen.«

»Durch die geheime Thüre?«

»Ganz gewiß.«

»Doch warum bist Du eher heute nie gestern gekommen?«

»Ah! es ist wahr, das ist die Frage. Nun, Du sollst es erfahren.«

Heinrich streifte seine Leinenlaken zurück und sprach mit demselben Tone der Naivetät, den ein Kind angenommen hättet:

»Chicot, ich bitte Dich, sage mir nichts Unangenehmes, oh! wenn Du wüßtest, welches Vergnügen es mir macht, Deine Stimme zu hören!«

»Ich werde Dir ganz einfach die Wahrheit sagen. Schlimm genug, wenn Dir die Wahrheit unangenehm ist.«

»Nicht wahr, Deine Furcht vor Herrn von Mayenne ist nicht so ernst?«

»Im Gegentheil, sehr ernst. Du verstehst, Herr von Mayenne hat mir fünfzig Stockprügel geben lassen; ich habe mir Genugtuung genommen und ihm hundert der Hiebe mit der Degenscheide aufgemessen; nimm an, daß zwei Hiebe mit der Degenscheide so viel werth sind, als ein Stockprügel, so sind wir quitt. Nimm an, daß ein Schlag mit der Degenscheide so viel werth ist, als ein Stockprügel, dies kann die Ansicht von Herrn von Mayenne sein, so ist er mir noch fünfzig Schläge mit dem Stock oder der Degenscheide schuldig; ich fürchte aber nichts so sehr, als die Schulden dieser Art, und ich wäre auch nicht hierhergekommen, so sehr Du meiner bedürfen möchtest, hätte ich nicht gewußt, daß Herr von Mayenne sich in Soissons befindet.«

»Nun wohl! Chicot, da sich die Sache so verhält, so nehme ich Dich unter meinen Schutz, und ich will…«

»Was willst Du? Nimm Dich in Acht. Henriquet, so oft Du die Worte: »Ich will!,« aussprichst, bist Du bereit, eine Albernheit zu sagen.«

»Ich will, daß Du auferstehst, daß Du an den hellen Tag trittst.«

»Ich sagte es wohl.«

»Ich werde Dich vertheidigen.«

»Gut.«

»Chicot, ich verpfände Dir mein königliches Wort.«

»Basta! ich habe etwas Besseres.«

»Was hast Du?«

»Ich habe mein Loch und bleibe darin.«

»Ich werde es Dir verbieten,« rief energisch der König, indem er sich auf die Stufe seines Bettes stellte.

»Heinrich,« sagte Chicot, »Du wirst den Schnupfen bekommen; ich bitte Dich, lege Dich wieder nieder.«

»Du hast Recht, Du bringst mich aber auch in Verzweiflung,« versetzte der König, während er sich wieder in seine Tücher steckte. »Wie! wenn ich, Heinrich von Valois, König von Frankreich, finde, daß ich genug Schweizer, Schottländer, französische Leibwachen und Edelleute zu meiner Vertheidigung habe, findet sich Herr Chicot nicht zufrieden und in Sicherheit?«

»Höre… Wie hast Du gesagt? Du habest Schweizer?«

»Ja, befehligt von Tocquenot.«

»Gut… Du habest Schottländer?«

»Ja, befehligt von Larchant.«

»Sehr gut… Du habest französische Leibwachen?«

»Befehligt von Crillon.«

»Vortrefflich. Und hernach?«

»Hernach? Ich weiß nicht, ob ich Dir das sagen soll?«

»Sage es nicht. Wer fragt Dich danach?«

»Und hernach, eine Neuigkeit, Chicot.«

»Gut Neuigkeit?«

»Denke Dir fünf und vierzig brave Edelleute…«

»Fünf und vierzig? Wie sagst Du das?«

»Fünf und vierzig Edelleute.«

»Wie hast Du sie gefunden? jedenfalls nicht in Paris.«

»Nein, doch sie sind heute in Paris angekommen.«

»Alle Wetter!« rief Chicot, von einem raschen Gedanken erleuchtet. »Ich kenne sie, Deine Edelleute.«

»Wahrhaftig.«

»Fünf und vierzig, denen nur der Bettelsack fehlte.«

»Ich leugne es nicht.«

»Gesichter, daß man darüber vor Lachen sterben könnte.«

»Chicot es sind herrliche Männer unter ihnen.«

»Gascogner, wie der General-Oberste Deiner Infanterie.«

»Und wie Du, Chicot.«

»Ah! ich, Heinrich, das ist ein großer Unterschied. Ich bin kein Gascogner mehr, seitdem ich die Gascogne verlassen habe.«

»Während sie?«

»Gerade das Gegentheil; sie waren in der Gascogne keine Gascogner, und sind doppelte Gascogner hier.«

»Gleichviel. Ich habe fünf und vierzig furchtbare Schwerter.«

»Befehligt von dem sechs und vierzigsten furchtbaren Schwert, das man Épernon nennt.«

»Ganz richtig.«

»Und von wem?«

»Von Loignac.«

»Puh!«

»Willst Du nicht etwa Loignac herabwürdigen?«

»Ich werde mich wohl hüten, er ist mein Vetter im sieben und zwanzigsten Grad.«

»Ihr seid Alle mit einander verwandt, Ihr Gascogner.»

»Das ist gerade das Gegentheil von Euch Valois, die es nie sind.«

»Wirst Du endlich antworten?«

»Worauf?«

»Auf meine Fünf und Vierzig.«

»Damit gedenkst Du Dich zu beschützen?«

»Ja, bei Gottes Tod! Ja,« rief Heinrich aufgebracht.

Chicot oder sein Schatten, denn wir sind hierüber nicht besser unterrichtet als der König und müssen unsere Leser im Zweifel lassen – Chicot, sagen wir, schlüpfte in seinen Lehnstuhl, wobei er seine Absätze auf die Randleiste desselben Stuhles stützte, so daß seine Kniee die Spitze eines Winkels bildeten, der höher war, als Kopf.

»Nun! sprach er, »ich habe mehr Truppen, als Du.«

»Truppen? Du hast Truppen?«

»Warum, nicht?«

»Und was für Truppen?«

»Du wirst es sehen. Ich habe zuerst die ganze Armee, die sich die Herren von Guise in Lothringen bilden.«

»Bist Du ein Narr?«

»Nein, eine wahre Armee, wenigstens sechs tausend Mann.«

»Doch aus welchem Grunde willst Du, der Du vor Herrn von Mayenne so sehr Angst hast, Dich gerade durch die Soldaten von Herrn von Guise beschützen lassen?«

»Weil ich todt bin.«

»Abermals dieser Scherz.«

»Chicot war es, dem Herr von Mayenne grollte. Ich habe also diesen Tod benützt, um meinen Körper, meinen Namen und meine gesellschaftliche Stellung zu verändern.«

»Du bist also nicht mehr Chicot?«

»Nein.«

»Wer bist Du denn?«

»Ich bin Robert Briquet, ehemaliger Handelsmann und Liguist.«

»Du, Liguist, Chicot?«

»Und ein wüthender! Folge hiervon ist, daß ich, wenn ich nicht zu nahe von Herrn von Mayenne gesehen werde, zu meiner, Briquet‘s eines Mitgliedes der heiligen Union, persönlichen Vertheidigung zuerst die Armee der Lothringer habe, sechs tausend Mann. Behalte wohl die Zahlen.«

»Gut.«

»Sodann hundert tausend Mann Pariser.«

»Vortreffliche Soldaten!«

»Vortrefflich genug, um Dir sehr lästig zu werden, mein Fürst. Also hundert tausend und sechs tausend macht hundert und sechs tausend. Sodann das Parlament, der Papst, die Spanier, den Herrn Cardinal von Bourbon, die Flamänder, Heinrich von Navarra, den Herzog von Anjou.«

»Fängst Du an, die Liste zu erschöpfen?« rief Heinrich ungeduldig.

»Stille doch, es bleiben mir noch drei Sorten von Leuten.«

»Sprich.«

»Die Dir sehr abhold sind.«

»Sprich.«

»Die Katholiken zuerst.«

»Ah! ja, weil ich die Hugenotten nur zu drei Vierteln ausgerottet habe.«

»Sodann die Hugenotten, weil Du sie zu drei Vierteln ausgerottet hast.«

»Ja – und die dritten?«

»Was sagst Du zu den Politikern, Heinrich?«

»Ah! ja, diejenigen, welche weder von mir, noch von meinem Bruder, noch von Herrn von Guise etwas wissen wollen.«

»Wohl aber von Deinem Schwager von Navarra.«

»Ja, wenn er abschwört.«

»Eine schöne Geschichte! nicht wahr, und wie ihn das in Verlegenheit bringt?«

»Ah! doch die Leute, von denen Du mir da sprichst…«

»Nun?«

»Das ist ganz Frankreich.«

»Richtig. Das sind die Truppen von mir, dem Liguisten. Vorwärts, addire und vergleiche.«

»Wir scherzen, nicht wahr, Chicot?« sagte Heinrich, der einen gewissen Schauer durch seine Adern laufen fühlte.

»Es ist die Stunde zum Scherzen, da Du allein gegen die ganze Welt bist, mein armer Henriquet.«

Heinrich nahm eine würdevolle, ganz königliche Miene an und sprach:

»Allein bin ich, allein befehle ich aber auch… Du zeigst mir eine Armee, sehr gut… Zeige mir nun einen Anführer. Oh! Du wirst mir Herrn von Guise bezeichnen… Siehst Du nicht, daß ich ihn in Nancy halte?…Herrn von Mayenne… Du gestehst selbst, daß er in Soissons ist… Den Herzog von Anjou?… Du weißt, daß er sich in Brüssel befindet… Den König von Navarra… Er ist in Pau… während ich, ich allein bin, es ist wahr, aber ich bin frei zu Hause und sehe den Feind kommen, wie mitten auf einer Ebene der Jäger sein Wild, Hasen oder Hühner, aus den umliegenden Wäldern hervorkommen sieht.«

Chicot kratzte sich an der Nase. Der König hielt ihn für besiegt.

»Was hast Du hierauf zu antworten?« fragte Heinrich.

»Daß Du immer beredt bist, Heinrich; es bleibt Dir Deine Zunge; das ist in der That mehr als ich glaubte, und ich mache Dir mein aufrichtiges Compliment. Doch ich werde nur Eines in Deiner Rede angreifen.«

»Was?«

»Oh! mein Gott, nichts, beinahe nichts, eine rhetorische Figur, ich werde Deine Vergleichung angreifen.«

»Worin?«

»Dann, daß Du behauptest, Du seist der Jäger, der das Wild auf dem Anstande erwarte, während ich im Gegentheil sage, Du seist das Wild, das der Jäger bis in seinem Lager umstellt.«

»Chicot!«

»Sprich, Mann im Hinterhalt, wen hast Du kommen sehen.«

»Niemand, bei Gott!«

»Und es ist dennoch Jemand gekommen!«

»Einer von denjenigen, welche ich Dir angeführt habe.«

»Nicht gerade, aber so ungefähr.«

»Und wer ist gekommen?«

»Eine Frau.«

»Meine Schwester Margot?«

»Nein, die Herzogin von Montpensier.«

»Sie! in Paris!«

»Ei! mein Gott, ja.«

»Nun! und wenn dies wäre, seit wann habe ich Angst vor den Weibern?«

»Das ist wahr, man muß nur vor den Männern Angst haben. Warte ein wenig. Sie kommt als Vorläufer; sie kommt, um die Ankunft ihres Bruders zu verkündigen.«

»Ist Ankunft von Herrn von Guise?«

»Ja.«

»Und Du glaubst, das bringe mich in Verlegenheit.?«

»Oh! Dich bringt nichts in Verlegenheit.«

»Gib mir Tinte und Papier.«

»Wozu? um den Befehl an Herrn von Guise, in Nancy zu bleiben, zu unterzeichnen?«

»Ganz richtig. Der Gedanke ist gut, da er Dir zu gleicher Zeit mit mir gekommen ist.«

»Im Gegentheil, abscheulich.«

»Warum?«

»Sobald er diesen Befehl erhalten hat, wird er errathen, daß seine Gegenwart in Paris dringend ist, und herbeieilen.«

Der König fühlte, wie ihm der Zorn in den Kopf stieg. Er schaute Chicot von der Seite an und sprach:

»Wenn Ihr nur zurückgekehrt seid, um mir solche Mittheilungen zu machen, so hättet Ihr bleiben können, wo Ihr waret.«

»Was willst Du, Heinrich? die Gespenster sind keine Schmeichler.«

»Du gestehst also, daß Du ein Gespenst bist?«

»Ich habe es nie geleugnet.«

»Chicot!«

»Aergere Dich nicht, denn vom Kurzsichtigen, der Du bist, würdest Du ein Blinder werden. Sprich, hast Du mir nicht gesagt, Du hieltest Deinen Bruder in Flandern?«

»Ja, gewiß, und ich behaupte, das ist eine gute Politik.«

»Höre nun, und ärgern wir uns nicht. In welcher Absicht denkst Du, daß Herr von Guise in Nancy bleibe?«

»Um dort eine Armee zu organisiren.«

»Gut! Ruhe… Wozu bestimmt er diese Armee?«

»Ah! Chicot, Ihr ermüdet mich mit allen diesen Fragen.«

»Werde müde, werde müde, Heinrich, Du wirst nachher besser ruhen, das verspreche ich Dir. Wir sagten also, er bestimme diese Armee?«

»Zu Bekämpfung der Hugenotten im Norden.«

»Oder vielmehr, um Deinem Bruder entgegenzutreten, der sich Herzog von Brabant nennen läßt, der sich einen kleinen Thron in Flandern zu bauen trachtet, und der Dich beständig um Unterstützung bittet, um zu diesem Ziele zu gelangen.«

»Eine Unterstützung, die ich ihm stets verspreche und nie schicken werde, wohl verstanden!«

»Zur großen Freude des Herrn Herzogs von Guise. Nun wohl, Heinrich, einen Rath.«

»Welchen?«

»Wenn Du Dich einmal stellen würdest, als wolltest Du ihm die versprochenen Hilfstruppen schicken, wenn Du diese Truppen gegen Brüssel vorrücken ließest, und würden sie auch nur halbwegs gehen?«

»Ah! Ja, ich verstehe,« rief Heinrich, »Herr von Guise würde sich nicht von der Gränze rühren.«

»Und das Versprechen, das Frau von Montpensier uns Liguisten gegeben hat, daß Herr von Guise vor acht Tagen in Paris sein werde…«

»Dieses Versprechen würde ins Wasser fallen.«

»Das hast Du gesagt, mein Meister,« erwiederte Chicot, der es sich ganz bequem machte. »Sprich, was denkst Du von meinem Rath?«

»Ich halte ihn für gut… doch…«

»Was noch?«

»Während diese beiden Herren dort einer durch den andern beschäftigt wären…«

»Ah! ja, der Süden, nicht wahr? Du hast Recht, Heinrich, vom Süden kommen die Stürme.«

»Würde sich während dieser Zeit nicht meine dritte Geißel in Bewegung setzen? Du weißt, was der Bearner macht.«

»Der Teufel soll mich holen, nein.«

»Er macht Ansprüche.«

»Worauf?«

»Auf die Städte, welche die Mitgift seiner Frau bilden.«

»Seht Ihr den Unverschämten, dem die Ehre, mit dem Hause Frankreich verwandt zu sein, nicht genügt, und der sich auf das, was ihm gehört, Ansprüche zu machen erlaubt!«

»Cahors zum Beispiel, als ob es gute Politik wäre, eine solche Stadt seinem Feinde zu überlassen.«

»Nein, in der That, das wäre nicht die Sache eines guten Politikers, aber zum Beispiel die eines redlichen Mannes.«

»Herr Chicot!«

»Nehmen wir an, ich habe nichts gesagt; Du weißt, daß ich mich nicht in Deine Familienangelegenheiten mische.«

»Doch das beunruhigt mich nicht; ich habe meinen Gedanken.«

»Gut.«

»Kommen wir also auf das Dringendere zurück.«

»Auf Flandern.«

»Ich werde Einen nach Flandern zu meinem Bruder schicken; aber wen schicke ich, mein Gott! wem kann ich eine so wichtige Sendung anvertrauen?«

»Verdammt…«

»Ah! ich bedenke.«

»Ich auch…«

»Gehe Du dahin, Cicot!«

»Ich soll nach Flandern gehen?«

»Warum nicht?«

»Ein Todter nach Flandern gehen! Stille doch!«

»Da Du nicht mehr Chicot, sondern Robert Briquet bist…«

»Gut, ein Bürger, ein Liguist, ein Freund von Herrn von Guise soll die Funktionen eines Botschafters beim Herrn Herzog von Anjou versehen.«

»Du weigerst Dich?«

»Bei Gott!«

»Du bist ungehorsam gegen mich?«

»Ich Dir ungehorsam? Bin ich Dir Gehorsam schuldig?«

»Du bist mir keinen Gehorsam schuldig, Unglücklicher?»

»Hast Du mir je etwas gegeben, was mich Dir verbindet? Das Wenige, was ich besitze, ist mir durch Erbschaft zugefallen. Ich bin bettelarm und dunkeln Standes. Mache mich zum Herzog und Pair, erhebe mein Landgut la Chicoterie zum Marquisat. Dotire mich mit fünfmal hundert tausend Thalern, dann wollen wir von der Botschafterei sprechen.«

Heinrich wollte antworten und einen von den guten Gründen finden, wie sie die Könige immer finden, wenn man ihnen solche Vorwürfe macht, als man den schweren sammtenen Thürvorhang rauschen hörte.

»Der Herr Herzog von Joyeuse,« sagte die Stimme des Huissier.

»Ei, alle Wetter! hier hast Du, was Du brauchst. Ich fordere Dich auf, mir einen Botschafter zu finden, der Dich besser vertreten würde, als Messire Anne.«

»In der That,« murmelte Heinrich, »dieser verteufelte Mensch ist offenbar ein besserer Ratgeber, als es je einer meiner Minister war!«

»Ah! Du gibst es also zu?»sagte Chicot.

Und er vertiefte sich in seinen Stuhl und nahm die Form einer Kugel an, so daß der geschickteste Seemann des Königreichs, gewohnt, dem kleinsten Punkt über den Linien des Horizonts zu unterscheiden, keinen Vorsprung über den Sculpturen des Lehnstuhls, in dem er sich begraben, hätte entdecken können.

Herr von Joyeuse mochte immerhin Großadmiral von Frankreich sein, er sah nicht mehr als ein Anderer.

Der König stieß einen Freudenschrei aus, als er seinen jungen Günstling erblickte, und drückte ihm die Hand.

»Setze Dich, Joyeuse, mein Kind,« sagte er zu ihm. »Mein Gott, wie spät kommst Du!«

»Sire,« erwiederte Joyeuse, »Eure Majestät ist sehr gnädig, daß sie es bemerkt.«

Und der Herzog näherte sich der Estrade des Bettes und setzte sich auf die mit Lilien besäten Kissen, welche zu diesem Behufe zerstreut auf den Stufen der Estrade umherlagen.




Fünfzehntes Kapitel

Wie schwierig es für einen König ist, gute Botschafter zu finden


Chicot war noch immer unsichtbar in seinem Lehnstuhl; Joyeuse lag halb auf den Kissen, der König hatte sich bequem in sein Bett gewickelt, und das Gespräch begann.

»Nun. Joyeuse,« fragte der König. »seid Ihr viel in der Stadt umhergestrichen?«

»Ja, Sire, sehr viel, ich danke,« antwortete mit gleichgültigem Tone Joyeuse.

»Wie schnell seid Ihr auf der Grève verschwunden!«

»Hört, Sire, offenherzig gestanden, ist das wenig erquicklich, und dann liebe ich es nicht, die Menschen leiden zu sehen.«

»Mitleidiges Herz!«

»Nein, selbstsüchtiges Herz… die Leiden Anderer greifen mir die Nerven an.«

»Du weißt, was vorgefallen ist.«

»Wo, Sire?«

»Auf der Grève.«

»Meiner Treue, nein.«

»Salcède hat geleugnet.«

»Ihr nehmt das sehr gleichgültig auf.«

»Ich?«

»Ja.«

»Ich gestehe, Sire, daß ich kein großes Gewicht auf das legte, was er sagen konnte; überdies war ich sicher, daß er leugnen würde.«

»Aber da er gestanden hatte?«

»Ein Grund mehr. Die ersten Geständnisse haben die Guisen behutsam gemacht, sie arbeiteten, während Eure Majestät ruhig blieb: das konnte nicht anders sein.«

»Wie, Du siehst solche Dinge vorher und sagst sie mir nicht?«

»Bin ich Minister, um über Politik zu sprechen?«

»Lassen wir das, Joyeuse.«

»Sire.«

»Ich bedarf Deines Bruders.«

»Mein Bruder gehört wie ich ganz dem Dienste Eurer Majestät.«

»Ich kann also auf ihn zählen?«

»Ganz gewiß.«

»Ich will ihn mit einer kleinen Sendung beauftragen.«

»Außerhalb Paris?«

»Ja.«

»Dann ist es unmöglich, Sire.«

»Warum?«

»Du Bouchage kann in diesem Augenblick den Platz nicht verlassen.«

Heinrich erhob sich auf seinen Ellenbogen und schaute Joyeuse mit großen Augen an.

»Was soll das bedeuten?« fragte er.

Joyeuse hielt den fragenden Blick des Königs mit der größten Gemüthsruhe aus und erwiederte:

»Sire, die Sache ist unendlich leicht zu begreifen. Bouchage ist verliebt, nur hatte er seine Liebesunterhandlungen schlecht angesponnen; er schlug einen falschen Weg ein, so daß das arme Kind magerer und immer magerer wurde.«

»In der That, ich habe das bemerkt,« sagte der König.

»Und wie düster wurde Du Bouchage, Gottes Tod! so düster, als ob er am Hofe Eurer Majestät gelebt hätte.«

Ein gewisses Knarren, das vom Winkel des Kamins kam, unterbrach Joyeuse, der ganz erstaunt umherschaute.

»Merke nicht darauf, Anne,« sprach Heinrich lachend, »es ist ein Hund, der auf einem Stuhl träumt. Du sagtest also, Freund, der arme Teufel Du Bouchage wäre traurig?«

»Ja, Sire, traurig wie der Tod; es scheint, er hat in der Welt eine Frau von trübseliger Gemüthsstimmung gefunden; ein solches Begegnen ist furchtbar. Indessen gelingt es einem bei dergleichen Charakteren eben so gut als bei lachenden Weibern, nur muß man sich zu benehmen wissen.«

»Ah! Du wärest nicht in Verlegenheit gekommen, Leichtfertiger!«

»Geht doch! Ihr nennt mich leichtfertig, weil ich die Frauen liebe.«

Heinrich stieß einen Seufzer aus.

»Du sagst also, diese Frau habe einen trübseligen Charakter?«

»Wenigstens wie Du Bouchage behauptet: ich kenne sie nicht.«

»Und trotz dieser Traurigkeit würdest Du siegen?«

»Bei Gott, man darf nur mit Contrasten zu Werke gehen. Ich kenne Schwierigkeiten nur bei Frauen von mittlerem Temperament. Diese fordern von Seiten des Belagerers eine Mischung von Liebfreundlichkeit und Strenge, welche nur wenige Personen zu verbinden vermögen. Du Bouchage ist also auf eine düstere Frau verfallen und hat eine schwarze Liebe.«

»Armer Junge!«

»Ihr begreift, Sire,« fuhr Joyeuse fort, »daß er mir nicht sobald sein Geständniß ablegte, als ich ihn zu heilen mich bemühte.«

»So daß…«

»Zu dieser Stunde die Kur beginnt.«

»Er ist schon weniger verliebt?«

»Nein, Sire; aber er hat Hoffnung, daß die Frau mehr verliebt wird, was eine angenehmen Weise ist, die Leute zu heilen, als ihnen ihre Liebe zu benehmen; statt einstimmig mit der Dame zu seufzen; wird er sie von diesem Abend an durch alle mögliche Mittel erheitern; diese Nacht zum Beispiel schicke ich seiner Geliebten dreißig italienische Musiker, welche unter ihrem Balcon alle ihre Kräfte aufbieten werden.«

»Pfui! das ist gemein.«

»Wie, das ist gemein, dreißig Musiker, die auf der ganzen Welt nicht ihres Gleichen haben?«

»Ah! meiner Treue, mich hätte man mit Musik nicht zerstreut, als ich in Frau von Condé verliebt war.«

»Ihr waret verliebt. Sire?«

»Wie ein Narr,« sprach der König.

Man vernahm ein neues Knurren, das ungemein einem Hohngelächter glich.

»Ihr seht wohl, daß es etwas ganz Anderes ist,« sagte Joyeuse, der wahrzunehmen suchte, woher die seltsame Unterbrechung kam, doch vergebens. »Die Dame ist im Gegentheil gleichgültig wir eine Bildsäule und kalt wie eine Eisscholle.«

»Und Du glaubst die Musik werde die Eisscholle schmelzen, die Bildsäule beleben?«

»Gewiß glaube ich es.«

Der König schüttelte den Kopf.

»Bei Gott!« fuhr Joyeuse fort, »ich sage nicht die Dame werde sich beim ersten Bogenstrich in die Arme von Du Bouchage werfen; nein, aber es wird ihr auffallen, daß man all diesen Lärmen ihr zu Liebe macht; allmälig wird sie sich an die Concerte gewöhnen, und wenn sie sich nicht daran gewöhnt, nun! so bleiben uns die Komödie, die Gaukler, die Zauberspiele, die Poesie, die Pferde, alle die Thorheiten der Erde endlich, so daß wenn bei der schönen Trostlosen die Heiterkeit nicht zurückkehrt, sie wenigstens bei Du Bouchage zurückkehren muß.«

»Ich wünsche es ihm.« sprach Heinrich, »aber lassen wir Du Bouchage, da es für ihn in diesem Augenblick zu lästig wäre, sich von Paris zu entfernen; es ist für mich nicht unumgänglich nothwendig, daß er diese Sendung erfüllt, doch ich hoffe, daß Du, der Du so gute Rathschläge gibst, Dich nicht, wie er, zum Sklaven irgend einer Leidenschaft gemacht hast?«

»Ich!« rief Joyeuse, »ich bin nie in meinem Leben so vollkommen frei gewesen.«

»Das ist vortreffliche also hast Du nichts zu thun?«

»Durchaus nichts, Sire.«

»Ich glaubte, Du hättest eine Liebschaft mit einer hübschen Dame.«

»Ja, ja, mit der Geliebten von Herrn von Mayenne, eine Frau, die mich anbetete.«

»Nun?«

»Denkt Euch, diesen Abend, nachdem ich Du Bouchage eine Lection gegeben, verlasse ich ihn, um zu ihr zu gehen; ich komme an, den Kopf erhitzt durch die Theorien, die ich entwickelt hatte; ich schwöre Euch, Sire, ich hielt mich für beinahe eben so verliebt, als Henri; nun finde ich eine Frau ganz zitternd und erschrocken; mein erster Gedanke ist, ich störe irgend Einen; ich schaue umher, Niemand; ich suche sie zu beruhigen, vergebens; ich frage sie, sie antwortet nicht; ich will sie küssen, sie wendet den Kopf ab, und da ich die Stirne falte, wird sie ärgerlich, steht auf, wir zanken uns und sie kündigt mir an, sie werde nie mehr zu Hause sein, wenn ich mich bei mir einfinde.«

»Armer Joyeuse,« versetzte der König lachend, »und was hast Du gethan?«

»Bei Gott! Sire, ich nahm meinen Degen und meinen Mantel, verbeugte mich artig und ging weg, ohne rückwärts zu schauen.«

»Braver Joyeuse, das ist muthig.«

»Um so muthiger, da es mir vorkam. als hörte ich das arme Mädchen seufzen.«

»Wirst Du Deinen Stoicismus nicht bereuen?«

»Nein, Sire, wenn ich es einen Augenblick bereute, würde ich sogleich dahinlaufen… Ihr begreift, nichts wird mir den Gedanken rauben, das arme Mädchen verlasse mich wider seinen Willen.«

»Und dennoch bist Du weggegangen?«

»Wie Ihr seht.«

»Und Du wirst nicht zurückkehren?«

»Nie… wenn ich den Bauch von Herrn von Mayenne hätte, dürfte es wohl geschehen, doch ich bin schmächtig, und habe das Recht, stolz zu sein.«

»Mein Freund,« sprach der König ernsthaft, »dieser Bruch ist ein Glück für Dich.«

»Ich leugne es nicht, Sire; doch einstweilen werde ich mich acht Tage lang grausam langweilen, da ich nichts zu thun habe und nicht weiß, was ich anfangen soll; es sind mir auch köstliche Trägheitsgedanken gewachsen, es ist wahrhaftig belustigend, sich zu langweilen… es war nicht meine Gewohnheit und ich finde das ausgezeichnet.«

»Ich glaube wohl, daß es ausgezeichnet ist, ich habe es in die Mode gebracht,« sagte der König.

»Hört nun meinen Plan, Sire; ich habe ihn gemacht, während ich vom Parvis Notre-Dame in den Louvre zurückkehrte. Ich begebe mich jeden Tag in der Sänfte hierher; Eure Majestät spricht ihre Gebete, ich lese Bücher über Alchemie oder über Marine, was noch besser ist, da ich ein Seemann bin. Ich werde kleine Hunde haben, die ich mit den Eurigen spielen lasse, oder vielmehr kleine Katzen, das ist anmuthiger; sodann essen wir Creme und Herr von Épernon erzählt uns Mährchen. Ich will auch fett werden. Ist die Frau von Du Bouchage von traurig heiter geworden, so suchen wir eine Andere, welche von heiter traurig werden soll; das wird uns Abwechselung bringen; doch Alles, ohne uns von der Stelle zu rühren, Sire: man ist entschieden nur behaglich, wenn man sitzt, und sehr behaglich, wenn man liegt. Oh! die guten Kissen, Sire man sieht wohl, daß die Tapezirer Eurer Majestät für einen König arbeiten, der sich langweilt.«

»Pfui doch, Anne!«

»Was! pfui doch!«

»Ein Mann von Deinem Alter und Deinem Rang träge und fett werden, was für häßliche Gedanken!«

»Ich finde das nicht, Sire.«

»Ich will Dich mit etwas beschäftigen.«

»Wenn es langweilig ist, will ich es wohl annehmen.«

Ein drittes Knurren ließ sich vernehmen; man hätte glauben sollen, der Hund lache über die Worte, welche Joyeuse gesprochen.

»Das ist ein sehr verständiger Hund,« sagte Heinrich, »er erräth, was ich Dich will thun lassen.«

»Was wollt Ihr mich thun lassen, Sire? Sprecht ein wenig.«

»Du sollst Dich stiefeln.«

Joyeuse machte eine Bewegung des Schreckens.

»Oh nein, verlangt das nicht von mir, Sire, das ist wider alle meine Gedanken.«

»Du wirst zu Pferde steigen.«

Joyeuse machte einen Sprung.

»Zu Pferde! nein, eine Sänfte ist mir lieber. Eure Majestät hat es also nicht gehört?«

»Joyeuse, genug des Scherzes; verstehst Du mich, Du wirst Dich stiefeln und zu Pferde steigen.«

»Nein, Sire,« erwiederte der Herzog mit dem größten Ernst, »das ist unmöglich«

»Und warum unmöglich?« fragte zornig der König.

»Weil… weil… ich Admiral bin.«

»Nun?«

»Und die Admirale nicht zu Pferde steigen.«

»Ah! das ist es!« sagte Heinrich.

Joyeuse antwortete mit einem von den Zeichen mit dem Kopf, wie sie die Kinder machen, wenn sie halsstarrig genug sind, um nicht zu gehorchen. schüchtern genug, um nichts zu erwiedern.

»Wohl! es sei! Herr Admiral von Frankreich, Ihr werdet nicht zu Pferde steigen, Ihr habt Recht, es ist nicht die Sache eines Seemanns, zu reiten; aber es die Sache eines Seemanns, zu Schiffe und in einer Galeere zu gehen; Ihr werdet Euch also auf der Stelle zu Schiff nach Rouen begeben; in Rouen findet Ihr Eure Admiralsgaleere; Ihr besteigt sie sogleich und laßt nach Antwerpen segeln.«

»Nach Antwerpen,« rief Joyeuse so verzweiflungsvoll, als ob er den Befehl erhalten hätte, nach Canton oder Valparaiso zu reisen.

»Ich glaube es gesagt zu haben,« sprach der König mit einem eisigen Tone, der ohne Widerrede sein Recht als Oberhaupt und seinen Willen als Souverain hervorstellte, »ich glaube es gesagt zu haben und will es nicht wiederholen.«

Ohne den geringsten Widerstand zu äußern, häkelte Joyeuse seinen Mantel zu, legte seinen Degen an seine Schulter und nahm von einem Stuhle sein sammetenes Toquet.

»Heiliger Gott! wie viel Mühe hat man, um sich Gehorsam zu verschaffen,« brummelte Heinrich, »wenn ich zuweilen vergesse, daß ich Gebieter bin, sollte sich wenigstens Jedermann außer mir dessen erinnern.«

Joyeuse verbeugte sich stumm und eisig, und legte der Ordnung gemäß eine Hand an das Stichblatt seines Degens.

»Eure Befehle, Sire,« sagte er mit einer Stimme, die durch den Ton der Unterwürfigkeit sogleich den Willen des Monarchen in schmelzendes Wachs verwandelte.

»Du wirst Dich nach Rouen begeben,« sprach Heinrich, »wo ich wünsche. daß Du Dich einschiffest, wenn Du es nicht vorziehst, zu Land nach Brüssel zu gehen.«

Heinrich erwartete ein Wort von Joyeuse, doch dieser beschränkte sich auf eine Verbeugung.

»Ziehst Du die Reise zu Land vor?« fragte der König.

»Ich kenne keinen Vorzug, wenn es sich darum handelt, einen Befehl zu vollstrecken, Sire,« antwortete Joyeuse.

»Schmolle, schmolle, abscheulicher Charakter.« rief Heinrich. »Ah! die Könige haben keine Freunde.«

»Wer Befehle gibt, kann nur erwarten, daß er Diener findet,« erwiederte Joyeuse feierlich.

»Mein Herr,« sprach der König verletzt, »Ihr werdet also nach Rouen gehen; Ihr besteigt Eure Galeere, und sammelt die Garnisonen von Caudebec, Harfleur und Dieppe, die ich ersetzen lassen werde; Ihr beladet damit sechs Schiffe, die Ihr in den Dienst meines Bruders zu bringen habt, der die Hilfe erwartet, die ich ihm versprochen habe.«

»Meinen Auftrag, wenn es Euch beliebt,« Sire, sagte Joyeuse.

»Und seit wann handelt Ihr nicht mehr Kraft Eurer Admirals Gewalt?« erwiederte der König.

»Ich habe nur das Recht, zu gehorchen, und vermeide, so viel ich kann, jede Verantwortlichkeit.«

»Es ist gut, Herr Herzog, Ihr werdet den Auftrag in Eurem Hotel im Augenblick der Abreise erhalten.«

»Und wann wird dieser Augenblick sein, Sire?«

»Ein einer Stunde.«

Joyeuse verbeugte sich ehrfurchtsvoll und wandte sich nach der Thüre.

Dem König brach das Herz beinahe.

»Wie,« sagte er, »nicht einmal die Höflichkeit eines Abschieds! Herr Admiral, Ihr seid nicht sehr artig, das ist ein Vorwurf, den man gewöhnlich den Seeleuten macht.«

»Vielleicht werde ich mit meinem General Obersten der Infanterie mehr zufrieden sein.«

»Wollt mir verzeihen, Sire,« stammelte Joyeuse, »aber ich bin noch ein eben so schlechter Höfling, als Seemann, und ich begreife, daß Eure Majestät bedauert, was sie für mich gethan hat.«

Und er ging die Thüre heftig zumachend hinaus, während sich der Vorhang vom Winde getrieben aufschwellte.

»So lieben mich also diejenigen, für welche ich so viel gethan habe!« rief der König, »ah! Joyeuse, undankbarer Joyeuse!«

»Nun, willst Du ihn nicht etwa zurückrufen?« sagte Chicot gegen das Bett vorschreitend. »Wie! weil Du zufällig ein wenig Willen gehabt hast, bereust Du es?«

»Höre doch,« erwiederte der König, »Du bist herrlich; glaubst Du, es sei angenehm, im Monat Oktober den Regen und den Wind auf der See zu bekommen? ich möchte Dich dabei sehen, Selbstsüchtiger.«

»Es steht Dir frei, großer König, es steht Dir frei.«

»Dich zu Wasser und zu Land zu sehen?«

»Zu Wasser und zu Land, es ist in diesem Augenblick mein lebhaftestes Verlangen, zu reisen.«

»Wenn ich Dich also irgendwohin schicken wollte, wie ich Joyeuse abgeschickt habe, so würdest Du es annehmen?»

»Ich würde es nicht nur annehmen, sondern ich bitte, ich bewerbe mich darum.«

»Eine Sendung?«

»Eure Sendung.«

»Du gingest nach Navarra?«

»Ich ginge zum Teufel, großer König.«

»Spottest Du, Narr?«

»Sire, ich war schon zu meinen Lebzeiten nicht sehr heiter, und bin noch viel trauriger seit meinem Tode.«

»Aber Du weigertest Dich so eben, Paris zu verlassen.«

»Mein huldreicher Fürst, ich hatte Unrecht, großes Unrecht, und ich bereue es.«

»Und Du wünschest Paris nun zu verlassen?«

»Sogleich, erhabener König, aus der Stelle, großer Monarch.«

»Das begreife ich nicht.«

»Du hast also die Worte des Großadmirals von Frankreich nicht gehört?«

»Welche?«

»Diejenigen, in welchen er Dir seinen Bruch mit der Geliebten von Herrn von Mayenne mittheilte?«

»Ja, und hernach?«

»Wenn diese Frau, verliebt in einen reizenden Jungen wie der Herzog, denn Joyeuse ist reizend…«

»Allerdings.«

»Wenn diese Frau ihn seufzend verabschiedet, so hat sie einen Beweggrund.«

»Ohne Zweifel, sonst würde sie ihn nicht verabschieden.«

»Kennst Du nun diesen Beweggrund?«

»Nein.«

»Du erräthst ihn nicht?«

»Nein.«

»Weil Herr von Mayenne zurückkommen wird.«

»Oh! oh!« machte der König.

»Du begreifst endlich, ich wünsche Dir Glück.«

»Ja, ich begreife, aber dennoch…«

»Dennoch?«

»Dennoch finde ich Deinen Grund nicht stark genug.«

»Gib mir die Deinigen, Heinrich, ich verlange nichts Anderes, als sie vortrefflich zu finden, gib.«

»Warum brach diese Frau nicht mit Mayenne, statt Joyeuse zu entlassen? Glaubst Du, Joyeuse wüßte ihr nicht Dank genug, um Herrn von Mayenne auf den Pré-aux-Clercs zu führen und ihm dort seinen dicken Bauch zu durchlöchern; er führt einen schlimmen Degen, unser Joyeuse.«

»Sehr gut, aber Mayenne hat einen verrätherischen Dolch, wenn Joyeuse einen schlimmen Degen führt. Erinnere Dich an Saint-Mégrin.« Heinrich stieß einen Seufzer aus und schlug die Augen zum Himmel auf. »Die Frau, welche wirklich verliebt ist, will nicht, daß man ihren Liebhaber tödtet, sie zieht es vor, ihn zu verlassen, Zeit zu gewinnen, und besonders nicht sich selbst umbringen zu lassen. Man ist teufelsmäßig brutal in dem lieben Hause Guise.«

»Ah! Du kannst Recht haben.«

»Das ist ein Glück.«

»Ja, und ich fange an zu glauben, daß Mayenne zurückkehren wird; aber Du, Du, Chicot, Du bist keine furchtsame oder verliebte Frau?«

»Ich Heinrich, bin ein kluger Mann, ein Mann, der eine offene Rechnung, eine eingegangene Partie mit Herrn von Mayenne hat; findet er mich, so wird er wieder anfangen wollen; er ist ein Spieler, der einen schauern macht, dieser gute Herr von Mayenne.«

»Nun?«

»Nun, er, wird so gut spielen, daß ich einige Messerstiche bekomme.«

»Bah! ich kenne meinen Chicot, er empfängt nicht, ohne zurückzugeben.«

»Ich werde ihm zehn zurückgeben, an denen er krepiert.«

»Desto besser, dann ist die Partie zu Ende.«

»Desto schlimmer, alle Wetter! im Gegentheil: desto schlimmer, die Familie wird ein furchtbares Geschrei erheben, Du wirst die ganze Ligue auf dem Halse haben, und an einem schönen Morgen wirst Du mir sagen: »Chicot, mein Freund. entschuldigt mich, aber ich bin genöthigt, Dich rädern zu lassen.«

»Ich werde dies sagen?«

»Du wirst dies sagen, und sogar, was noch schlimmer ist, thun, großer König. Es ist mir also lieber, wenn die Sache eine andere Wendung nimmt, verstehst Du? Ich befinde mich nicht schlecht, so wie ich bin, und habe Lust, mich so zu halten. Siehst Du, alle diese arithmetischen Progressionen erscheinen mir auf den Haß angewendet gefährlich; ich werde also nach Navarra gehen, wenn Du mich dahin schicken willst.«

»Gewiß will ich es.«

»Ich erwarte Deine Befehle, huldreicher Fürst.«

Hierbei nahm Chicot dieselbe Stellung, welche Joyeuse genommen hatte, und wartete.

»Aber Du weißt nicht, ob die Sendung Dir zusagen wird,« sprach der König.

»Sobald ich Dich darum bitte…«

»Siehst Du, Chicot, ich habe gewisse Pläne einer Entzweiung zwischen Margot und ihrem Gemahl.«

»Trennen um zu herrschen,« sagte Chicot, »das war schon vor hundert Jahren das A B C der Politik.«

»Es widerstrebt Dir also nicht?«

»Geht das mich etwas an?« erwiederte Chicot, »Du wirst thun, was Dir beliebt, großer Fürst. Ich bin nur Botschafter; Du hast mir keine Rechenschaft abzulegen, und vorausgesetzt, daß ich unverletzlich bin… Ah! was das betrifft, Du begreifst, darauf halte ich.«

»Aber Du mußt auch wissen, was Du meinem Schwager zu sagen hast.«

»Ich, etwas sagen, nein, nein, nein!«

»Wie, nein, nein, nein?«

»Ich werde gehen, wohin Du willst, aber ich werde durchaus nichts sagen. Es gibt ein gewisses Sprichwort hierüber. Viel Katzen…«

»Du weigerst Dich also?«

»Derjenige, welcher das Wort führt, hat immer eine Verantwortlichkeit; derjenige welcher ein Schreiben überreicht, wird stets erst von zweiter Hand angepackt.«

»Gut, es sei, ich werde Dir einen Brief geben; das schlägt in die Politik ein.«

»Sieh ein wenig, wie sich das findet… gib.«

»Was sagst Du?«

»Ich sage: gib.«

« Und er streckte die Hand aus.

»Ah! bilde Dir nicht ein, ein solcher Brief lasse sich auf der Stelle schreiben. Er muß combinirt, überlegt, abgewogen werden.«

»Nun so wäge ab, überlege, combinire. Ich werde morgen bei Tagesanbruch vorüberkommen oder ihn abholen lassen.«

»Warum willst Du nicht hier schlafen?«

»Hier?«

»Ja, in diesem Lehnstuhl.««

»Wetter! das ist vorbei. Ich werde nicht mehr im Louvre schlafen. Ein Gespenst, das man in einem Fauteuil schlafen sehen würde, welche Albernheit!«

»Aber Du sollst doch wenigstens meine Absichten in Beziehung auf Margot und ihren Gemahl wissen,« rief Heinrich. »Du bist ein Gascogner, mein Brief wird Lärmen am Hof von Navarra machen. Man wird Dich befragen, Du mußt antworten können. Was Teufels! Du repräsentierst mich. Du sollst nicht aussehen wie ein Dummkopf.«

»Mein Gott!« erwiederte Chicot die Achseln zuckend, »wie stumpf ist Dein Geist, großer König. Wie, Du meinst, ich werde einen Brief in eine Entfernung von zwei hundert und fünfzig Meilen tragen, ohne zu wissen, was darin steht! Alle Wetter! sei unbesorgt, an der nächsten Straßenecke, unter dem nächsten Baume, wo ich anhalte, öffne ich Deinen Brief. Wie, Du schickst seit zehn Jahren Botschafter nach allen Enden der Welt, und Du weißt das nicht besser! Auf, lege Deinen Körper und Deinen Geist zur Ruhe, ich kehre in meine Einsamkeit zurück.«

»Wo ist sie, Deine Einsamkeit?«

»Auf dem Cimetière des Innocens[6 - Ein Friedhof bei Paris.], großer Fürst.«

Heinrich schaute Chicot mit jenem Erstaunen an, das er seit den zwei Stunden, die er ihn wiedergesehen, noch nicht ganz aus seinem Blicke hatte verbannen können.

»Nicht wahr, das hast Du nicht Alles erwartet?« sagte Chicot, indem er seinen Hut und seinen Mantel nahm. »So ist es indessen, wenn man in Verbindung mit Leuten aus der andern Welt steht. Es ist abgemacht, morgen ich oder mein Bote.«

»Es sei, doch Dein Bote muß auch ein Losungswort haben, damit man weiß, daß er von Dir kommt und damit man ihm die Thüren öffnet.«

»Vortrefflich! Bin ich es, so komme ich von mir; ist es mein Bote, so kommt er vom Schatten.«

Nach diesen Worten verschwand er so leicht, daß der abergläubische Geist von Heinrich im Zweifel stand, ob ein Körper oder ein Schatten durch die Thüre, ohne sie krachen zu machen, unter dem Vorhange durch gegangen sei, ohne eine seiner Falten in Bewegung zu setzen.




Sechzehntes Kapitel

Wie und aus welcher Ursache Chicot gestorben war


Chicot ein wirklicher Körper, – es mißfalle dies denjenigen Lesern nicht, welche genugsam Freunde des Wunderbaren wären, um zu glauben, wir haben die Kühnheit gehabt, einen Schatten in unsere Geschichte einzuführen – Chicot war weggegangen, nachdem er dem König unter der Form des Spottes seiner Gewohnheit gemäß, alle Wahrheiten gesagt, die er ihm zu sagen hatte.

Man höre, was geschehen war.

Nach dem Tode der Freunde des Königs, seit den von den Guisen angesponnenen Unruhen und Verschwörungen, hatte Chicot nachgedacht. Brav, wie man weiß, und sorglos, war ihm doch sehr viel am Leben gelegen, das ihn ergötzte, wie alle Leute der Elite. Nur die Albernen langweilen sich in dieser Weit und suchen Zerstreuung in der anderen.

Das Resultat der bezeichneten Ueberlegung war, daß ihm die Rache von Herrn von Mayenne furchtbarer vorkam, als die Protection des Königs wirksam sein konnte, und er sagte sich mit jener praktischen Philosophie, die ihn auszeichnete, daß in dieser Welt nichts ungeschehen zu machen sei, was einmal geschehen, und daß alle Hellebarden und alle Gerichtshöfe des Königs von Frankreich eine gewisse Oeffnung, die das Messer von Herrn von Mayenne dem Wammse von Chicot beigebracht, so wenig sichtbar sie auch sein dürfte, nicht wieder schließen würden.

Er faßte also seinen Entschluß als ein Mann, der überdies der Rolle des Spaßmachers, die er jede Minute in eine ernste Rolle zu verwandeln vor Begierde brannte, und der königlichen Vertraulichkeiten müde war, die ihn, in diesen Zeitläufen gerade zum Verderben führten.

Chicot fing also damit an, daß er zwischen das Schwert von Herrn von Mayenne und die Haut von Chicot eine möglichst große Entfernung setzte. Zu diesem Behufe reiste er nach Beaune ab, in der dreifachen Absicht, Paris zu verlassen, seinen Freund Gorenflot zu umarmen, und den berühmten Wein von 1550 zu kosten, von dem so viel die Rede war in dem bekannten Briefe, der unsere Erzählung von der  D a m e   v o n  M o n s o r e a u  endigt.

Die Tröstung war in der That wirksam: nach Verlauf von zwei Monaten bemerkte Chicot, daß er augenscheinlich stärker wurde, was seine Absicht, sich zu verstellen, wunderbar unterstützen würde, aber er bemerkte auch, daß er, stärker werdend, sich Gorenflot mehr näherte, als es für einen Mann von Geist schicklich war. Der Geist trug den Sieg über die Materie davon. Nachdem Chicot einige hundert Flaschen von dem berühmten 1550er getrunken, und die zwei und zwanzig Bände verschlungen hatte, aus denen die Bibliothek der Priorei bestand, und worin vom Prior das Axiom: bonum vinum laetificat cor hominis, aufgefunden worden war, fühlte Chicot ein großes Gewicht im Magen und eine gewaltige Leere im Hirn.

»Ich würde wohl Mönch werden,« dachte er, »aber bei Gorenflot wäre ich zu sehr Meister und in einer andern Abtei wäre ich es nicht genug. Die Kutte würde mich allerdings für immer in den Augen von Herrn von Mayenne verbergen. aber bei allen Teufeln, es gibt andere Mittel, als die gewöhnlichen: suchen wir. Ich habe in einem Buche gelesen, – es ist wahr, dieses trifft man nicht in der Bibliothek von Gorenflot: Quaere et invenies.[7 - Suche und du wirst finden.].« Chicot suchte also und fand Folgendes. Für jene Zeit war es ziemlich neu.

Er eröffnete sich Gorenflot und bat ihn, dem König unter seinem Dictate zu schreiben.

Gorenflot schrieb schwer, es ist nicht zu leugnen, doch er schrieb. Chicot habe sich in die Priorei zurückgezogen, der Kummer darüber, daß er sich habe genöthigt gesehen, sich von seinem Herrn zu trennen, als dieser sich mit Herrn von Mayenne ausgesöhnt, sei sehr nachtheilig für seine Gesundheit gewesen, er habe durch Zerstreuung dagegen zu kämpfen gesucht, doch der Schmerz sei stärker gewesen und er sei am Ende unterlegen.

Chicot schrieb seinerseits selbst einen Brief an den König. Dieser Brief, datirt vom Jahr 1580, war in fünf, Paragraphen abgetheilt.

Jeder von diesen Paragraphen war, wie man glauben mußte, an einem von dem andern entfernten Tag und gemäß der Fortschritte der Krankheit geschrieben.

Der erste Paragraph war mit einer ziemlich festen Hand geschrieben und unterzeichnet.

Der zweite zeugte von einer minder sicheren Hand, und die Unterschrift war, wenn auch leserlich, doch schon zitternd.

Unten an den dritten schrieb er nur Chic…

An das Ende des vierten Ch…

An das Ende des fünften machte er ein C mit einem Tintenklecks.

Dieser Tintenklecks eines Sterbenden brachte die schmerzliche Wirkung auf den König hervor.

Dies erklärt, warum er Chicot für ein Gespenst und einen Schatten gehalten hatte.

Wir würden wohl den Brief von Chicot hier citiren, aber Chicot war, wie man heut zu Tage sagen würde, ein sehr excentrischer Mensch, und da der Styl der Mensch ist, so war besonders sein Briefstyl so excentrisch, daß wir es nicht wagen, diesen Brief hier zu wiederholen, welche Wirkung wir auch damit hervorbringen dürften.

Unten an diesem Brief, und um das Interesse von Heinrich für seine Person nicht erkalten zu lassen, fügte Gorenflot bei, seit dem Tode seines Freundes sei ihm die Priorei Beaune verhaßt geworden und er würde Paris vorziehen.

Chicot hatte besonders viel Mühe, diese Nachschrift mit dem Ende der Finger von Gorenflot zu schreiben. Gorenflot befand sich im Gegentheil vortrefflich in Beaune und Panurgos auch. Er bemerkte Chicot mit kläglichem Tone, der Wein sei immer verfälscht, wenn man ihn nicht an Ort und Stelle auswähle. Chicot aber versprach, jedes Jahr in Person seine Einkäufe an Romanée, Volnay und Chambertin zu machen, und da Gorenflot in diesem Punkt wie in so vielen andern die Ueberlegenheit von Chicot anerkannte, so gab er am Ende dem Begehren seines Freundes nach.

In Antwort auf den Brief von Gorenflot und die letzten Abschiedsworte von Chicot schrieb der König eigenhändig:

»Mein Herr Prior, Ihr werdet ein frommes und poetisches Begräbniß unserem armen Chicot geben, den ich von ganzer Seele beklage, denn er war nicht nur ein treu ergebener Freund, sondern auch ein ziemlich guter Edelmann, obgleich er selbst in seiner Genealogie nie über seinen Urältervater hinaussehen konnte. Ihr werdet ihn mit Blumen umgeben und es so machen, daß er in der Sonne ruht, die er sehr liebte, da er von Süden war. Was Euch betrifft, dessen Traurigkeit ich in gleichem Maße ehre und theile, so werdet Ihr nach dem Wunsche, den Ihr gegen mich aussprecht, die Priorei Beaune verlassen. Ich bedarf in Paris zu sehr ergebener Männer und guter Geistlicher, um Euch entfernt zu halten. Dem zu Folge ernenne ich Euch zum Prior der Jakobiner, wonach Ihr vor der Porte Saint-Antoine wohnen werdet, ein Quartier, dem unser armer Freund ganz besonders zugethan war.



    »Euer wohlgewogener Heinrich, der Euch bittet, ihn in Euren Gebeten nicht zu vergessen.«

Man kann sich denken, wie der Prior bei diesem ganz eigenhändig vom König geschriebenen Briefe große Augen machte, die Macht des Genies von Chicot bewunderte und sich beeilte, seinen Flug gegen die ehrenvolle Stellung zu nehmen, die ihn erwartete.

Denn der Ehrgeiz hatte, wie man sich erinnert, schon früher eines von den haltbaren Wurzelreisern in dem Herzen von Gorenflot getrieben, – von Gorenflot, dessen Vorname stets Modeste gewesen, und der sich, schon seitdem er Prior von Beaune war, Dom Modeste Gorenflot nannte.

Alles ging zugleich nach den Wünschen des Königs und von Chicot. Ein Bündel Dorne, bestimmt physisch und allegorisch den Leichnam darzustellen, wurde in der Sonne, inmitten von Blumen, unter einer schönen Weinrebe begraben; und sobald Chicot todt und in effigie beerdigt war, half er Gorenflot bei seinem Umzuge.

Modeste nahm mit großem Gepränge Besitz von seiner Priorei der Jacobiner. Chicot wählte die Nacht, um in Paris einzuschlüpfen. Er kaufte bei der Porte Bussy ein kleines Haus, das ihn drei hundert Thaler kostete, und wenn er Gorenflot besuchen wollte, so hatte er drei Wege: den durch die Stadt, der der kürzere, den am Strande des Wassers, der der poetischere, und den längs den Mauern, der der sicherste war.

Aber Chicot, ein Träumer, wählte beinahe immer den an der Seine, und da der Fluß in jener Zeit noch nicht zwischen steinerne Mauern eingeschachtet war, so leckte das Wasser, wie der Dichter sagt, seine Ufer, an denen die Bewohner der Cité mehr als einmal die lange Silhouette von Chicot bei schönem Mondschein sich hervorheben sehen konnten.

Nachdem Chicot eingezogen war und seinen Namen verändert hatte, war er bemüht. auch sein Gesicht zu verändern; er nannte sich Robert Briquet und ging leicht vorwärts gebeugt; dann hatte ihn die beständige Unruhe und der Verlauf der letzten sechs Jahre beinahe kahl gemacht, so daß sein sonst krauses schwarzes Haar sich, wie das Meer bei der Ebbe, von seiner Stirne gegen sein Genick zurückgezogen.

Ueberdies trieb er, wie gesagt, die den alten Mimen so theure Kunst, welche darin bestand, daß man durch geschicktes Zusammenziehen das natürliche Spiel der Muskeln und das gewöhnliche Spiel der Physiognomie veränderte.

Folge von diesem anhaltenden Studium war, daß Chicot am hellen Tag gesehen, wenn er sich die Mühe geben wollte, als ein wahrhafter Robert Briquet, das heißt, als ein Mensch erschien, dessen Mund von einem Ohr zum andern ging, dessen Kinn die Nase berührte und dessen Augen schielten, daß man bange bekam: Alles ohne Grimassen, aber nicht ohne einen gewissen Reiz für Liebhaber von Verwandlungen, weil sein Gesicht, sonst lang, fein und eckig, breit, aufgedunsen und stumpf wurde.

Nur seine langen Arme und seine ungeheuren Beine konnte Chicot nicht verkürzen; da er aber sehr erfindungsreich war, so bog er, wie gesagt, seinen Rücken, so daß seine Arme beinahe so lang waren, als seine Beine.

Mit diesen physiognomischen Uebungen verband er die Vorsicht, daß er mit Niemand eine Bekanntschaft anknüpfte. So ausgerenkt Chicot auch war, so konnte er doch nicht ewig dieselbe Postur behalten. Wie kann man buckelig um zwölf Uhr erscheinen, wenn man um zehn Uhr gerade gewesen war, und welchen Vorwand soll man einem Freund angeben, der uns plötzlich das Gesicht verändern sieht, weil uns, während wir mit ihm spazieren gehen zufällig eine verdächtige Person begegnet?

Robert Briquet führte also ein Klausnerleben, was übrigens seinem Geschmacke entsprach; seine ganze Zerstreuung bestand darin, daß er Gorenflot besuchte, mit dem er vollends den ausgezeichneten 1550er trank, welchen in den Kellern von Beaune zu lassen der würdige Prior sich wohl gehütet hatte.

Doch die gemeinen Geister sind Veränderungen unterworfen, wie die großen Geister. Gorenflot veränderte sich, Gott sei Dank nicht physisch, aber moralisch.

Er sah denjenigen, welcher bisher sein Geschick in seinen Händen hatte, in seiner Macht und seiner Diskretion anheimgegeben. Chicot, der zum Mittagessen in die Priorei kam, erschien ihm als ein Chicot-Sklave, und Gorenflot hielt von diesem Augenblick an zu viel von sich und nicht genug von Chicot.

Chicot sah, ohne sich dadurch beleidigt zu fühlen, die Veränderung seines Freundes. Er hatte sich durch ähnliche Erfahrungen bei König Heinrich zu einer solchen Philosophie gebildet. Er beobachtete sich mehr, und das war Alles. Statt alle zwei Tage in die Priorei zu gehen, ging er nur noch einmal in der Woche, dann alle vierzehn Tage, dann alle Monate dahin. Gorenflot war so aufgeblasen, daß er es gar nicht bemerkte.

Chicot war zu sehr Philosoph, um empfindlich zu sein; er lachte im Stillen über die Undankbarkeit von Gorenflot und kratzte sich nach seiner Gewohnheit an der Nase und am Kinn.

»Das Wasser und die Zeit,« sagte er, »sind die zwei mächtigsten auflösenden Mittel, die ich kenne. Das eine löst den Stein auf und das andere die Eitelkeit. Warten wir.« Und er wartete.

Er war in diesem Warten begriffen, als die von uns erzählten Ereignisse eintraten, unter denen einige von den neuen Elementen aufzutauchen schienen, welche große politische Katastrophen weissagen. Da nun sein König, den er immer noch liebte, obgleich er gestorben war, ihm unter diesen zukünftigen Ereignissen einigen Gefahren, denen ähnlich, vor welchen er ihn bewahrt hatte, preisgegeben zu sein schien, so entschloß er sich, ihm im Zustande eines Gespenstes zu erscheinen und ihm in dieser Absicht allein die Zukunft vorherzusagen. Wir haben gesehen, wie Chicot durch die in die Entlassung von Joyeuse eingewickelte Ankündigung der nahe bevorstehenden Ankunft von Herrn von Mayenne, eine Ankündigung, welche Chicot im Grunde ihrer Hülle herausgefunden, wie Chicot, sagen wir vom Zustande eines Gespenstes zur Lage eines Lebendigen, und von der Stellung eines Propheten zu der eines Botschafters überging.

Nun, da Alles, was in unserer Erzählung dunkel erscheinen könnte, erklärt ist, werden wir, wenn es unsere Leser erlauben, Chicot bei seinem Ausgang aus dem Louvre wiederaufnehmen und ihm bis zu seinem kleinen Hause im Carrefour Bussy folgen.




4tes – 7tes Bändchen





Erstes Kapitel

Die Serenade


Um vom Louvre nach Hause zu kommen, hatte Chicot keinen weiten Weg zu gehen.

Er stieg an dem steilen Ufer hinab und fing an über den Fluß mit einem kleinen Schiffe zu fahren, das er selbst lenkte und von der Rive de Nesle an den verlassenen Quai des Louvre gebracht hatte.

»Es ist seltsam,« sagte er zu sich selbst, indem er ruderte, und während er ruderte, nach den Fenstern des Pallastes schaute, von denen ein einziges das des Königs trotz der vorgerückten Nacht erleuchtet bliebe, »es ist seltsam, nach vielen Jahren ist Heinrich immer noch derselbe, die Einen sind groß geworden. Andere haben sich erniedrigt und wieder Andere sind gestorben, er hat ein paar Falten im Gesicht und im Herzen bekommen und mehr nicht, es ist immer derselbe schwache und erhabene phantastische und politische Geist; es ist ewig diese selbstsüchtige Seele, welche stets mehr verlangt, als man ihr geben kann, – die Freundschaft bei der Gleichgültigkeit, die Liebe bei der Freundschaft, die Ergebenheit bei der Liebe – und ein unglücklicher König, ein armer König, traurig bei Alledem mehr als ein Mensch seines Reiches. Ich glaube, ich habe diese seltsame Mischung von Ueppigkeit und von Reue, von Gottlosigkeit und Aberglauben ergründet; wie nur ich allein den Louvre kenne, durch dessen Gemächer so viele Günstlinge gezogen sind, um in das Grab, die Verbannung oder in die Vergessenheit zu gehen; auch nur ich allein ohne Gefahr mit dieser Krone spiele, welche einstweilen den Geist von so vielen Leuten verbrennt, da sie ihnen auch die Finger verbrennen wird.

Chicot stieß einen mehr philosophischen als trauriger Seufzer aus und drückte kräftig auf seine Ruder.

»Ah!« sagte er plötzlich, »hat mir der König nicht von Reisegeld gesprochen? dieses Vertrauen ehrt mich, den es beweist mir, daß ich immer noch sein Freund bin.«

Dabei lachte Chicot im Stillen, wie es seine Gewohnheit war, und warf dann mit einem letzten Ruderschlag sein Schiff auf den feinen Sand, wo es sitzen blieb.

Er band das Vordertheil mit einem Knoten, dessen Geheimniß er kannte, und der in jenen, vergleichungsweise unschuldigen Zeiten hinreichende Sicherheit bot, an einem Pfahl an und wandte sich sofort nach seiner, wie man weiß nur zwei Büchsenschüsse von dem Ufer der Seine entfernt liegenden Wohnung.

Als er in die Rue des Augustins kam, war er sehr erstaunt, da er Stimmen und Instrumente ertönen hörte, welche das in so vorgerückter Stunde sonst so friedliche Quartier mit Harmonie erfüllten.

»Es ist also hier eine Hochzeit,« dachte er Anfangs, »alle Wetter! ich hatte nur fünf Stunden zu schlafen, und werde genöthigt sein, zu wachen, ich, der ich nicht Hochzeit halte.«

Während er sich näherte, sah er einen großen Lichtschein in den Fensterscheiben der wenigen Häuser tanzen, die sich in dieser Straße fanden; dieser Schein wurde durch Dutzend Fackeln hervorgebracht, welche Pagen und Lackeien trugen, indeß vier und zwanzig Musiker unter Befehlen eines besessenen Italieners aus Leibeskräften mit ihren Violen, Psaltern, Geigen, Zithern, Trompeten und Trommeln aufspielten.

Dieses Heer von Lärmmachern war in schöner Ordnung vor einem Hause aufgestellt, in welchem Chicot zu seiner Verwunderung das seinige erkannte.

Der unsichtbare General, der das Manoeuvre leitete, hatte Musiker und Pagen so geordnet, daß alle, das Gesicht gegen die Wohnung von Robert Briquet gewendet, das Auge auf die Fenster geheftet, nur für diese Betrachtung zu athmen zu leben und sich zu beleben schienen.

Chicot schaute einen Augenblick erstaunt diese Evolution an und horchte auf das ganze Getöse.

Dann schlug er mit seinen knochigen Händen auf seine Schenkel und sprach:

»Das ist ein Irrthum; es ist nicht möglich, daß man für mich einen solchen Lärmen macht.«

Hierauf trat er näher hinzu, vermischte sich mit den Neugierigen, welche die Serenade herbeigezogen hatte, und versicherte sich, aufmerksam umherschauend, daß alles Licht der Fackeln sich an seinem Hause abspiegelte, wie die ganze Harmonie an dieses anprallte, und daß Niemand in der Menge sich im Geringsten um das Haus gegenüber oder um die benachbarten Häuser bekümmerte.

»In der That,« sagte Chicot zu sich selbst, »es ist für mich: sollte sich zufällig eine unbekannte Prinzessin in mich verliebt haben?«

Diese Annahme, so schmeichelhaft sie auch war, schien indessen Chicot keines Wegs zu überzeugen.

Er wandte sich nach dem Hause um, das dem seinigen gegenüber stand.

Nur zwei Fenster dieses Hauses, die zwei einzigen, welche keine Läden hatten, fingen zuweilen Lichtblitze auf; doch dies geschah nur zum Vergnügen des armen Hauses selbst, das alles Lebens beraubt, von jedem menschlichen Antlitz verlassen zu sein schien.

»Man muß einen sehr harten Schlaf in diesem Hause haben,« sagte Chicot, »alle Teufel! ein solches Bacchanal müßte Todte erwecken.«

Während aller dieser Fragen und Antworten, welche Chicot an sich selbst richtete, setzte das Orchester seine Symphonie fort, als ob es vor einer Versammlung von Königen und Kaisern gespielt hätte.

»Verzeiht Freund,« fragte Chicot, sich an einen Fackelträger wendend, »könntet Ihr mir nicht sagen, für wen diese ganze Musik?«

»Für den Bürger, der hier wohnt,« antwortete der Diener, indem er Chicot das Haus von Robert Briquet bezeichnete.

»Es ist für mich, entschieden für mich,« dachte Chicot.

Chicot drang durch die Menge, um die Erklärung des Räthsels auf dem Aermel und der Brust der Pagen zu lesen, aber jedes Wappen war sorgfältig unter einer Art von mauerfarbigem Ueberwurf verborgen.

»Wem gehört Ihr, mein Freund?« fragte Chicot einen Tamburinschläger, der seine Finger mit dem Athen erwärmte, weil er in diesem Augenblick gerade nichts zu trommeln hatte.

»Dem Bürger, der hier wohnt,« antwortete der Musiker, indem er mit seinem Stäbchen die Wohnung von Robert Briquet bezeichnete.

»Ah! ah!« sagte Chicot, »sie sind nicht nur meinetwegen hier, sondern sie gehören sogar mir. Es kommt immer besser; wir werden wohl am Ende sehen.«

Er bewaffnete sein Gesicht mit der schwierigsten Grimasse, die er finden konnte, stieß rechts und links Pagen, Lackeien, Musiker, um die Thüre zu erreichen, ein Manoeuvre, das er nicht ohne Schwierigkeit durchführte, zog hier, sichtbar und glänzend in dem von den Fackelträgern gebildeten Kreis, den Schlüssel aus der Tasche öffnete die Thüre, trat ein, stieß die Thüre wieder zu und schob den Riegel vor.

Dann stieg er auf seinen Balkon, stellte auf den Vorsprung einen metallenen Stuhl, setzte sich bequem darauf, stützte das Kinn auf das Geländer und sprach, ohne daß er das Gelächter zu bemerken schien, das seine Person empfing:

»Meine Herren, täuscht Ihr Euch nicht, sind Eure Triller, Cadenzen und Rouladen wirklich an mich gerichtet?«

»Ihr seid Meister Robert Briquet?« fragte der Director des ganzen Orchesters.

»In Person.«

»Wohl, wir sind ganz zu Euren Diensten, mein Herr,« erwiederte der Italiener mit einer Bewegung seines Stabes, welche einen neuen Melodiesturm hervorrief.

»Das ist wahrhaftig nicht zu verstehen,« sagte Chicot zu sich selbst, indem er seine scharfen Augen auf der ganzen Menge und an allen Häusern der Nachbarschaft umherlaufen ließ.

Alle Bewohner waren an ihren Fenstern, auf der Schwelle ihres Hauses oder mit den Gruppen vermischt, die vor der Thüre standen.

Meister Fournichon, seine Frau und das ganze Gefolge der Fünf und Vierzig bevölkerten die Oeffnungen des Gasthauses zum Schwert des kühnen Ritters.

Nur das Haus gegenüber war stumm, düster wie ein Grab.

Chicot suchte fortwährend mit den Augen den Schlüssel zu diesem unerklärlichen Räthsel, als er plötzlich unter dem Weiterdach seines Hauses, durch die Spalten des Bodens vom Balken, einen ganz in einen dunkelfarbigen Mantel gehüllten Mann erblickte, der einen schwarzen Hut mit rother Feder und einen langen Degen trug und, da er nicht gesehen zu sein glaubte, mit seiner ganzen Seele nach dem gegenüber liegenden öden, stummen, todten Haus schaute.

Von Zeit zu Zeit verließ der Director des Orchesters seinen Posten, um leise mit diesem Mann zu sprechen.

Chicot errieth bald, daß das ganze Interesse der Scene hier war, und daß dieser schwarze Hut das Gesicht eines Edelmanns verbarg.

Von diesem Augenblick an war seine ganze Aufmerksamkeit dem Unbekannten zugewendet. Die Rolle des Beobachtens war ihm leicht, seine Stellung am Geländer erlaubte seinem Blicke aus der Straße und unter dem Wetterdache zu unterscheiden; es gelang ihm, jeder Bewegung des geheimnißvollen Unbekannten zu folgen, dessen Züge ihm seine erste Unvorsichtigkeit unfehlbar enthüllen mußte.

Plötzlich, und während Chicot ganz in seine Beobachtungen vertieft war, erschien ein Cavalier, gefolgt von zwei Stallmeistern, an der Ecke der Straße und vertrieb energisch mit Gertenhieben die Neugierigen, welche hartnäckig Gallerie für die Musiker bildeten.

»Herr Joyeuse,« murmelte Chicot, der in dem Cavalier den aus Befehl des Königs gestiefelten und gespornten Großadmiral von Frankreich erkannte.

Sobald die Neugierigen zerstreut waren, schwieg das Orchester.

Ohne Zweifel hatte ihm ein Wink des Gebieters Stillschweigen auferlegt.

Der Cavalier näherte sich dem unter dem Wetterdache verborgenen Edelmann und fragte:

»Nun, Henri, was gibt es Neues?«

»Nichts, mein Bruder, nichts.«

»Nichts!«

»Neins sie ist nicht einmal erschienen.«

»Diese Bursche haben also keinen Lärmen gemacht?«

»Sie haben das ganze Quartier betäubt.«

»Sie haben also nicht gerufen, wie es ihnen empfohlen war, sie spielen zu Ehren dieses Bürgers?«

»Sie haben es so laut gerufen, daß er in Person auf seinem Balcon sitzt und der Serenade zuhört.

»Sie ist nicht erschienen?«

»Weder sie, noch sonst Jemand.«

»Der Gedanke war doch geistreich,« sagte Joyeuse gereizt, »denn sie könnte es am Ende, ohne sich zu compromittiren, machen wie alle diese guten Bürgersleute und die ihrem Nachbar gegebene Musik benütze.«

Henri schüttelte den Kopf.

»Ah! man sieht wohl, daß Du sie nicht kennst, Bruder,« sagte er.

»Doch, doch, ich kenne sie; das heißt, ich kenne alle Frauen, und da sie in dieser Zahl inbegriffen ist, so wollen wir den Muth nicht sinken lassen.«

»Oh! mein Gott! Bruder, Du sagst mir das mit einem ganz entmuthigten Tone.«

»Durchaus nicht; nur muß der Bürger von heute an jedem Abend seine Serenade bekommen.«

»Sie wird ausziehen.«

»Warum, wenn Du nichts sagst, wenn Du sie nicht bezeichnest, wenn Du stets verborgen bleibst? Sprach der Bürger, als man ihm diese Artigkeit erwies?«

»Er hat eine Rede an das Orchester gehalten… Ah! sieh, Bruder, er will in der That noch einmal sprechen.«

Entschlossen, in der Sache ins Klare zu kommen, stand Briquet wirklich auf, um zum zweiten Male den Direktor des Orchesters zu befragen.

»Schweigt da oben und geht hinein,« rief Anne in seiner üblen Laune, »was Teufels, da Euch Eure Serenade zu Theil geworden ist, so habt Ihr nichts zu sagen, haltet Euch also ruhig.«

»Meine Serenade. meine Serenade,« erwiederte Chicot mit der freundlichsten Miene, »ich will wenigstens wissen, an wen meine Serenade gerichtet ist.«

»An Eure Tochter, Dummkopf.«

»Verzeiht, Herr, ich habe keine Tochter.«

»An Eure Frau also.«

»Ich bin, Gott sei Dank! nicht verheirathet.«

»An Euch, an Euch persönlich.«

»Ja, an Dich und wenn Du nicht hineingehst…«

Joyeuse verband die That mit der Drohung und sprengte sein Pferd gegen den Balcon von Chicot, und zwar mitten durch die Instrumentisten.

»Alle Wetter!« rief Chicot, »wer wirft hier die Musiker nieder, wenn die Musik für mich ist?«

»Alter Narr,« brummte Joyeuse das Haupt erhebend, »wenn Du Dein häßliches Gesicht nicht in Deinem Rabennest verbirgst, so werden Dir die Musiker alle ihre Instrumente auf dem Genick zerbrechen.«

»Laß diesen armen Menschen,« sprach Du Bouchage, »er muß sich in der That sehr wundern!«

»Und warum wundert er sich, beim Teufel! Uebrigens siehst Du wohl, daß wir, wenn wir einen Streit anfangen, Jemand an das Fenster ziehen werden; prügeln wir also den Bürger, stecken wir sein Haus in Brand, wenn es sein muß, aber rühren wir uns, rühren wir uns.«

»Ich bitte, mein Bruder,« entgegnete Heinrich, »erpressen wir nicht die Aufmerksamkeit dieser Frau, wir sind besiegt, ergeben wir uns!«

Briquet verlor kein Wort von diesem Zwiegespräch, das helles Licht in seine noch verworrenen Ideen brachte; er traf im Geiste seine Anstalten zur Vertheidigung, denn er kannte die Laune desjenigen, welcher ihn angriff.

Doch Joyeuse ergab sich den Vernunftgründen seines Bruders, ging nicht weiter und entließ Pagen, Diener, Musiker und Maestro.

Er zog sodann seinen Bruder bei Seite und sprach zu ihm:

»Du siehst mich in Verzweiflung, Alles ist gegen uns verschworen.«

»Was willst Du damit sagen?«

»Es gebricht mir an Zeit, Dir zu helfen.«

»Du bist in der That in Reisekleidern; ich hatte das nicht bemerkt.«

»Ich reise heute Nacht mit einer Sendung des Königs nach Antwerpen ab.«

»Wann hat er Dir sie übertragen?«

»Diesen Abend.«

»Mein Gott!«

»Komm mit mir, ich bitte Dich.«

Erbleichend bei dem Gedanken an diese Abreise, ließ Henri die Arme sinken und fragte:

»Befiehlst Du es mir, mein Bruder?«

Joyeuse machte eine Bewegung.

»Wenn Du es mir befiehlst, Bruder, werde ich Dir gehorchen.«

»Ich bitte Dich nur darum, Du Bouchage.«

»Ich danke, mein Bruder.«

Joyeuse zuckte die Achseln.

»So lange Du willst, Joyeuse; aber siehst Du, wenn ich darauf verzichten müßte, meine Nächte in dieser Straße zuzubringen, wenn ich aufhören müßte, nach diesem Fenster zu schauen…«

»Nun?«

»So würde ich sterben.«

»Armer Narr!«

»Mein Herz ist dort,« sagte Henri, indem er die Hand nach dem Fenster ausstreckte, »mein Leben ist dort; fordere nicht, daß ich lebe, wenn Du mir das Herz aus der Brust reißest.«

Der Herzog kreuzte die Arme mit einem Zorn, in den sich Mitleid mischte, biß sich auf seinen feinen Schnurrbart und sprach, nachdem er einige Augenblicke stillschweigend nachgedacht hattet:

»Wenn Dein Vater Dich bäte, Du möchtest Dich durch Miron behandeln lassen, der ein Philosoph und zugleich ein Arzt ist…«

»So würde ich ihm antworten, ich sei nicht krank, mein Kopf sei gesund, und Miron heile keinen Liebesschmerz.«

»Man muß also Deine Art, die Sache anzusehen, adoptiren; doch warum sollte ich mich beunruhigen? Diese Frau ist eine Frau, Du bist beharrlich, nichts steht also verzweifelt, und bei meiner Rückkehr werde ich Dich munterer, freudiger und singlustiger finden, als ich bin.«

»Ja, ja,« erwiederte der junge Mann, seinem Freunde die Hände drückend, »ja, ich werde genesen, ja, ich werde glücklich sein, ja, ich werde munter sein, Dank sei Deiner Freundschaft!… Das ist mein kostbarstes Gut.«

»Nach Deiner Liebe.«

»Vor meinem Leben.«

Trotz seiner scheinbaren Frivolität tief gerührt, sagte Joyeuse, seinen Bruder ungestüm unterbrechend:

»Gehen wir? Die Fackeln sind ausgelöscht, die Instrumente auf dem Rücken der Musiker, die Pagen unter Weges.«

»Gehe, gehe, mein Bruder, ich folge Dir,« erwiederte Du Bouchage seufzend, daß er den Platz verlassen sollte.

»Ich verstehe Dich,« sprach Joyeuse, »das letzte Lebewohl an das verlassene Fenster, das ist billig! Nun auch ein Lebewohl für mich, Henri.«

Henri schlang seine Arme um den Hals seines Bruders, der sich zu ihm herabneigte.

»Nein,« sagte er, »ich werde Dich bis zu den Thoren begleiten; erwarte mich nur hundert Schritte von hier. Wenn sie die Straße verlassen glaubt, wird sie sich vielleicht zeigen.«

Anne ritt zu der Escorte, welche in einer Entfernung von hundert Schritten stille gehalten hatte.

»Vorwärts, vorwärts,« sagte er, »wir bedürfen Euer bis aus weiteren Befehl nicht mehr. Entfernt Euch.«

Die Fackeln verschwanden, das Gelächter und die Gespräche der Musiker erloschen, und eben so auch die letzten den Saiten der Violen und Lauten durch das Berühren einer verirrten Hand entlockten Seufzer.

Henri warf einen letzten Blick nach dem öden Hause, sandte ein letztes Gebet nach dessen Fenstern, und folgt langsam und beständig sich umwendend seinem Bruder, dem seine zwei Stallmeister voranritten.

Als Robert Briquet die zwei jungen Leute mit den Musikanten sich entfernen sah, dachte er, die Entwickelung dieser Scene, wenn sie überhaupt eine Entwickelung hätte, würde stattfinden.

Dem zu Folge zog er sich geräuschvoll vom Balcon zurück und schloß das Fenster.

Einige hartnäckige Neugierige blieben noch auf ihrem Posten, aber nach zehn Minuten war auch der Ausdauerndste verschwunden.

Während dieser Zeit erreichte Robert Briquet das Dach seines Hauses, welches ausgezackt war, wie das der flamändischen Häuser; er verbarg sich hinter einer dieser Zackungen und beobachtete die Fenster gegenüber.

Sobald der Lärm auf der Straße aufgehört hatte und man weder Instrumente, noch Tritte, noch Stimmen mehr vernahm, sobald endlich Alles in die gewöhnliche Ordnung zurückgekehrt war, öffnete sich geheimnißvoll eines von den oberen Fenstern dieses seltsamen Hauses und ein vorsichtiger Kopf kam daraus hervor.

»Nichts mehr,« murmelte eine Männerstimme, »folglich keine Gefahr mehr; es war eine Mystification an unsern Nachbar gerichtet; Ihr könnt Euer Versteck verlassen, gnädige Frau und in Euer Zimmer hinabgehen.«

Bei diesen Worten schloß der Mann das Fenster wieder, ließ das Feuer aus einem Stein springen, zündete eine Lampe an und reichte sie einem Arm, der sich ausstreckte, um sie zu empfangen.

Chicot schaute mit allen Kräften seines Augensternes.

Doch er hatte nicht sobald das bleiche und erhabene Antlitz der Frau erschaut, welche die Lampe in Empfang nahm, er hatte nicht sobald den sanften, traurigen Blick aufgefaßt, der zwischen dem Diener und der Gebieterin ausgetauscht wurde, als er selbst erbleichte und fühlte, wie ein eisiger Schauer seine Adern durchlief.

Die junge Frau war kaum vier und zwanzig Jahre alt. Sie stieg nun die Treppe hinab; ihr Diener folgte Ihr.

»Ah!« murmelte Chicot der mit der Hand über die Stirne fuhr, um sich den Schweiß abzuwischen, und als ob er zugleich eine furchtbare Erscheinung hätte verjagen wollen, »ah! Graf Du Bouchage, braver, schöner junger Mann, wahnsinniger Verliebter, der Du davon sprichst Du werdest freudig, munter, singlustig werden, tritt Deinen Wahlspruch Deinem Bruder ab, denn nie mehr wirst Du sagen können: hilariter.«[8 - Joyeusement, freudig, vergnügt, die Devise von Henri von Joyeuse war, wie gesagt, das lateinische Wort: hilariter.]

Dann stieg er ebenfalls in sein Zimmer hinab… die Stirne verdüstert, wie wenn er in eine furchtbare Vergangenheit, in einen blutigen Abgrund hinabgestiegen wäre, und setzte sich in den Schatten, unterjocht, er zuletzt, aber am vollständigsten vielleicht, durch den unglaublichen Einfluß der Schwermuth, der von dem Mittelpunkte dieses Hauses ausging.




Zweites Kapitel

Die Börse von Chicot


Chicot brachte die ganze Nacht träumend in seinen Lehnstuhl zu. Träumend ist das richtige Wort, denn in der That, es waren weniger Gedanken, als Träume, was ihn beschäftigte.

Zur Vergangenheit zurückkehren, mit einem Blick eine ganze, beinahe im Gedächtniß vermischte Epoche an Feuer eines einzigen Blickes sich erhellen sehen, heißt nicht denken. Chicot wohnte die ganze Nacht in einer Welt, welche längst von ihm verlassen und mit erhabenen oder anmuthigen Schatten bevölkert war, die ihm der Blick der bleichen Frau, einer treuen Lampe ähnlich, einer nach dem andern mit seinem Gefolge von glücklichen und schrecklichen Erinnerungen an ihm vorüberziehend zeigte.

Chicot, der so sehr seinen Schlaf beklagte, da er vom Louvre zurückkam, dachte nicht einmal mehr daran, sich niederzulegen. Als die Morgendämmerung die Scheiben seinen Fenstern versilberte, sprach er:

»Die Stunde der Gespenster ist vorüber, wir müssen nun auch ein wenig an die Lebendigen denken.«

Er stand auf, gürtete sich sein langes Schwert um, warf über seine Schultern einen Oberrock von weinhefenfarbiger Wolle, von einem auch für die stärksten Regen undurchdringlichen Gewebe, und prüfte mit der stoischen Festigkeit des Weisen den Grund seiner Börse und die Sohle seiner Schuhe.

Diese erschienen Chicot würdig; einen Feldzug zu beginnen; jene verdiente eine besondere Aufmerksamkeit. Wir werden daher unsere Erzählung einen Halt machen lassen und uns Zeit nehmen, sie unseren Lesern zu beschreiben.

Chicot wie man weiß, ein Mensch von erfindungsreicher Einbildungskraft, hatte den Hauptbalken ausgehöhlt, der sein Haus von einem Ende zum andern durchzog und zugleich zur Zierrath, denn er war verschiedenfarbig bemalt, und zur Festigkeit diente, denn er hatte wenigstens achtzehn Zoll im Durchmesser.

Aus diesem Balken hatte er sich mittelst einer Aushöhlung von anderthalb Fuß Länge und sechs Zoll Breite, eine Kasse gemacht, in deren Seiten tausend Goldthaler enthalten waren.

Chicot hatte folgende Berechnung angestellt:

»Ich gebe jeden Tag den zwanzigsten Theil von einem solchen Thaler aus; ich habe also Mittel, zwanzigtausend Tage zu leben. Ich werde sie nie leben, aber ich kann die Hälfte erreichen, und dann vermehren sich, je älter ich werde meine Bedürfnisse und folglich meine Ausgaben, denn die Gemächlichkeit muß im Verhältnis der Abnahme des Lebens zunehmen.

Somit habe ich also zwanzig bis fünf und zwanzig schöne Jahre zu leben. Das ist, Gott sei Dankt genug.«

Chicot war also, mit Hilfe der Rechnung, die wir ihm nachgemacht haben, einer der reichsten Rentiers der Stadt Paris, und diese Ruhe über seine Zukunft verlieh ihm einen gewissen Stolz.

Nicht als ob Chicot geizig gewesen wäre, er war sogar lange Zeit verschwenderisch, aber er hatte eine furchtbare Angst vor der Armuth, denn er wußte, daß sie wie ein bleierner Mantel auf die Schultern fällt und die Stärksten niederbeugt.

Als er diesen Morgen seine Kasse öffnete, um sich seine Rechnung zu machen, sagte er zu sich selbst:

»Bei Gott! das Jahrhundert ist hart und die Zeiten sind nicht für die Großmuth geeignet. Ich habe kein Zartgefühl gegen Heinrich zu beobachten. Diese tausend Goldthaler kommen nicht einmal von ihm, sondern von einem Oheim, der mir sechsmal mehr versprochen hatte. Dieser Oheim war allerdings Junggeselle. Wenn es noch Nacht wäre, würde ich hundert Thaler aus der Tasche des Könige nehmen, aber es ist Tag und ich habe keine andere Quelle mehr, als bei mir selbst und … bei Gorenflot.«

Der Gedanke, von Gorenflot Geld zu beziehen, machte seinen würdigen Freund lächeln.

»Es müßte schön anzusehen sein,« fuhr er fort, »wenn Meister Gorenflot, der mir sein Glück verdankt, hundert Thaler seinem Freunde für den Dienst des Königs abschlagen würde, welcher ihn zum Prior der Jacobiner ernannt hat.

»Ah!« sprach er, »es ist nicht mehr Gorenflot.

»Ja, aber Robert Briquet ist immer noch Chicot.

»Doch der Brief des Königs, der Brief, bestimmt, Navarra in Flammen zu setzen, ich sollte ihn vor Tag holen, und der Tag ist gekommen. Ah! dieses Mittel werde ich haben, und es wird sogar einen furchtbaren Schlag auf den Schädel von Gorenflot thun, wenn mir – sein Gehirn zu hart zu überzeugen scheint.

»Vorwärts also!«

Chicot fügte das Brett wieder ein, das sein Versteck schloß, befestigte es mit vier Nägeln, und bedeckte es mit der Platte, auf die er gehörig Staub streute, um die Fugen zu verstopfen; dann schaute er, zum Aufbruch bereit, zum letzten Male dieses kleine Zimmer an, wo er seit vielen glücklichen Tagen undurchdringlich und bewacht war, wie es das Herz in der Brust ist.

Zuletzt warf er einen Blick auf das Haus gegenüber.

»In der That, diese Teufel von Joyeuse könnten wohl in einer schönen Nacht Feuer an mein Haus legen, um einen Augenblick die unsichtbare Dame an ihr Fenster zu ziehen. Ei! ei! wenn sie mein Haue verbrennen würden, machten sie zugleich eine Goldstange, aus meinen tausend Thalern. Wahrhaftig, ich glaube, ich würde wohl daran thun, die Summe zu vergraben. Nun, wenn die Herren von Joyeuse mein Haue verbrennen, so wird es mir der König bezahlen.«

So beruhigt schloß Chicot seine Thüre, deren Schlüssel er mit sich nahm; als er sodann hinaus ging, um das Ufer zu erreichen, sagte er:

»Ei! ei! dieser Nicolas Poulain könnte wohl hierher, kommen, meine Abwesenheit verdächtig finden und… Ah! diesen Morgen habe ich nur Hasengedanken. Vorwärts! vorwärts.«

Indeß Chicot seine Hausthüre nicht minder sorgfältig schloß, als er seine Zimmerthüre geschlossen hatte, bemerkte er an seinem Fenster den Diener der unbekannten Dame, der, ohne Zweifel in der Hoffnung, so früh am Morgen nicht bemerkt zu werden, Luft schöpfte.

Dieser Mann war erwähnter Maßen ganz entstellt durch eine Wunde am linken Schlaf, die sich über einen Theil der Wange erstreckte. Durch die Heftigkeit des Schlages von der Stelle gerückt, verbarg eine von seinen Augenbrauen beinahe völlig das linke in seine Höhle eingesunkene Auge.

Seltsamer Weise hatte er, bei seiner kahlen Stirne und seinem grünlichen Barte, einen lebhaften Blick und eine Jugendfrische auf der Wange, welche verschont worden war.

Beim Anblick von Robert Briquet, der seine Thürschwelle hinabstieg, bedeckte er sich den Kopf mit seiner Capuce. Er machte eine Bewegung, um zurückzutreten, doch Chicot bedeutete ihm durch eine Bewegung, er möge bleiben.

»Nachbar,« rief ihm Chicot zu, »der Gelärme gestern hat mir mein Haus entleidet; ich will einige Wochen auf meine Meierei gehen; wäret Ihr wohl so gefällig, von Zeit zu Zeit einen Blick nach dieser Seite zu werfen?«

»Ja, mein Herr, gern,« antwortete der Unbekannte.

»Und solltet Ihr Diebe bemerken…«

»Seid unbesorgt, ich habe eine gute Büchse.«

»Ich danke. Indessen hätte ich Euch noch um einen Dienst zu bitten.«

Chicot schien mit dem Auge die Entfernung die zu dem Unbekannten zu messen.

»Doch es ist zu zarter Natur, um es Euch von so ferne zuzurufen, Nachbar,« sagte er.

»Dann werde ich hinabkommen,« erwiederte der Unbekannte.

Chicot sah ihn in der That verschwinden, und als er sich während dieses Verschwindens dem Hause näherte, hörte er seine Tritte in der Hausflur schallen, dann öffnete sich die Thüre und sie standen einander gegenüber.

Diesmal hatte der Diener sein Gesicht völlig in seine Capuce gehüllt.

»Es ist diesen Morgen sehr kalt,« sagte er, um seine geheimnißvolle Vorsicht zu verbergen oder zu entschuldigten.

»Ein eisiger Nordwind, mein Nachbar,« erwiederte Chicot, der sich stellte, als schaute er den andern nicht an, um es ihm bequemer zu machen.

»Ich höre, mein Herr,« sprach der Unbekannte.

»Ich verreise,« sagte Chicot.

»Ihr habt mir schon die Ehre erwiesen, mir dies mitzuteilen.«

»Ich erinnere mich dessen vollkommen; aber indem ich abreise, lasse ich Geld zurück.«

»Desto schlimmer, mein Herr, desto schlimmer, nehmt es mit.«

»Nein, der Mensch ist schwerfälliger und minder entschlossen, wenn er seine Börse zugleich mit seinem Leben zu retten sucht. Ich lasse all mein Geld wohl verborgen hier, so wohl verborgen, daß ich nur das Unglück eines Brandes zu befürchten habe. Wenn mir das begegnete, wollt das Verbrennen eines gewissen dicken Balken beobachten, von dem Ihr dort rechts das in Gestalt eines Drachenkopfes geschnitzte Ende erblickt… beobachtet, sage ich, und sucht in der Asche.«

»In der That, mein Herr,« entgegnete der Unbekannte mit sichtbarer Unzufriedenheit, »Ihr belästigt mich ungemein. Diese vertrauliche Mittheilung wäre besser bei einem Freunde angebracht, als bei einem Mann, den Ihr gar nicht kennt, den Ihr nicht kennen könnt.«

Während er diese Worte sprach, befragte sein glänzendes Auge die häßliche Grimasse von Chicot.

»Es ist wahr,« sprach dieser, »doch ich habe großes Zutrauen zu den Physiognomien, und ich finde, daß Eure Physiognomie die eines ehrlichen Mannen ist.«

»Bedenkt, mein Herr, welche Verantwortlichkeit! Ihr mir aufbürdet. Kann nicht diese ganze Musik meiner Gebieterin eben so ärgerlich sein, als sie Euch ärgerlich gewesen ist, und können wir nicht deshalb die Wohnung verändern?«

»Nun wohl! dann ist Alles abgethan, und ich werde mich nicht an Euch halten, Nachbar.«

»Ich danke für das Vertrauen, das Ihr einem armen Unbekannten beweist,« sagte der Diener sich verbeugend, »ich werde mich desselben würdig zu zeigen suchen.«

Und er grüßte Chicot und ging wieder hinein.

Chicot grüßte ihn seinerseits liebevoll und sprach, als er sah, daß die Thüre wieder hinter ihm geschlossen war:

»Armer junger Mann, diesmal ist es ein wahres Gespenst, und ich habe ihn doch so heiter, so lebendig, so schön gesehen!«




Drittes Kapitel

Die Priorei der Jacobiner


Die Priorei, welche der König Gorenflot geschenkt hatte um ihn für seine redlichen Dienste und besonders für seine glänzende Beredtsamkeit zu belohnen, lag ungefähr zwei Büchsenschüsse jenseits der Porte Saint-Antoine.

Es war damals ein sehr vornehm besuchtes Quartier, das Quartier der Porte Saint-Antoine, der König kam häufig nach dem Schlosse von Vincennes, das man in jener Zeit Boisde Vincennes nannte.

Einige kleine Häuser von vornehmen Herren mit reizenden Gärten und prächtigen Höfen bildeten auf dem Wege dahin gleichsam eine Zugehör des Schlosses und man gab sich hier viele Rendezvous, wobei trotz der Manie, sich mit Staatsangelegenheiten zu beschäftigen, welche damals der geringste Bürger hegte, die Politik streng ausgeschlossen war.

Folge der Hin- und Herfahrten des Hofes war, daß diese Straße verhältnißmäßig die Wichtigkeit hatte, welche heut zu Tage die Champs-Elisées haben.

Man muß gestehen, es war dies eine schöne Lage für die Priorei, welche sich stolz rechts vom Wege nach Vincennes erhob.

Diese Priorei bestand aus einem Viereck von Gebäuden, das einen ungeheuren, mit Bäumen bepflanzten Hof enthielt, und es gehörten dazu außer dem Gemüsegarten, der hinter dem Viereck lag, eine Menge von Gebäulichkeiten und Gartenstücken, die der Priorei die Ausdehnung eines Dorfes gaben.

Zweihundert Jacobinermönche bewohnten die Schlafsäle, welche im Hintergrunde des Hofes parallel mit der Straße lagen.

Auf der Vorderseite verliehen vier Fenster, mit einem einzigen eisernen, an diesen Fenstern hinlaufenden Balcon, den Gemächern der Priorei Luft, Licht und Leben.

Einer Stadt ähnlich, von der man annimmt, sie könnte in Belagerungszustand versetzt werden, fand die Priorei in sich alle ihre Mittel auf den zinspflichtigen Grundgebieten von Charonne, Montreuil und Saint-Mandé. Ihre Weiden machten eine stete vollzählige Herde von fünfzig Ochsen und neun und neunzig Schafen fett; die religiösen Orden durften, war dies nun Ueberlieferung oder geschriebenes Gesetz, nichts zu hundert besitzen.

Ein eigener Palast beherbergte auch neun und neunzig Schweine von einer besonderen Gattung, welche mit Liebe und hauptsächlich mit Eigenliebe ein von Dom Gorenflot erwählter Fleischer auszog.

Diese ehrenvolle Wahl hatte der Fleischer den ausgezeichneten farcirten Ohren, den Fleischwürsten und den Blutwürsten mit Zipollen[9 - Zwiebeln] zu danken, welche er einst dem Gasthause zum Füllhorn lieferte. Erkenntlich für die guten Mahle, die er bei Meister Bonhomet gemacht hatte, trug Dom Modeste so die Schulden von Gorenflot ab.

Es ist nicht nöthig, von den Officen und vom Keller zu sprechen. Das Spalier der Priorei gab, gegen Osten und Süden liegend, unvergleichliche Pfirsiche, Aprikosen und Trauben; überdies wurden Conserven von diesen Früchten und Zuckerteige von einem gewissen Bruder Eusèbe bereitet, der den berühmten Confectfelsen verfertigt hatte, den das Stadthaus von Paris den beiden Königinnen bei seinem letzten Festmahl angeboten.

Den Keller hatte Gorenflot, alle die von Burgund leerend, selbst versorgt, denn er hegte die allen wahren Trinkern angeborene Vorliebe, welche sich auf ihre Behauptung gründet, der Burgunder sei derjenige Wein, den man wahrhaft Wein nennen könne.

Im Schooße dieser Priorei, einem wahren Paradies der Müßiggänger und der Wohlschmecker, in der kostbaren Wohnung, deren Balcon auf die Straße geht, finden wir Gorenflot wieder, geschmückt mit einem Kinn mehr und mit jenem ehrwürdigen Ernste, welchen die beständige Gewohnheit der Ruhe und des Wohlbehagens auch den gemeinsten Gesichtern verleiht.

In seinem schneeweißen Gewande, mit dem schwarzen Kragen, der seine breiten Schultern warm hält, hat Gorenflot nicht mehr so viel Freiheit der Bewegung, als in seinem einfachen grauen Mönchkleide, aber er hat mehr Majestät.

Breit wie eine Schöpfenkeule, stützt sich seine Hand auf einen Quartanten, den sie völlig bedeckt; seine dicken Füße drücken einen Wärmer nieder und seine Arme sind nicht mehr lang genug, um einen Gürtel für seinen Bauch zu bilden.

Es hat so eben halb acht Uhr geschlagen. Der Prior, ist zuletzt aufgestanden; er pflegt die Regel zu benützen, welche dem Obersten eine Stunde Schlaf mehr gestattet, als den Mönchen, doch er setzt seine Nacht ruhig und gemüthlich in einem Lehnstuhle mit Ohren fort, der so weich ist wie Eiderdun.

Die Ausstattung des Zimmers, worin der würdige Abt schläft, ist mehr weltlich als religiös: ein Tisch mit gedrehten Füßen und mit einem reichen Teppich bedeckt, religiöse Gemälde galanter Art, eine seltsame Mischung von Liebe und Devotion, welche man nur in jener Zeit in der Kunst findet, kostbare Gefäße für die Kirche oder die Tafel auf Schenktischen, an den Fenstern große Vorhänge von venetianischem Brokat, trotz ihres Alters glänzender, als die theuersten neuen Stoffe, dies sind im Einzelnen die Reichthümer, deren Besitzer Dom Gorenflot durch die Gnade Gottes, des Königs und besondere Chicot’s geworden war.

Der Prior schlief also in seinem Lehnstuhl, während ihm der Tag seinen gewöhnlichen Besuch machte und mit seinen silbernen Lichtern die purpurnen und perlmutterartigen Töne auf dem Gesichte des Schläfers liebkoste.

Die Stubenthüre öffnete sich sachte und zwei Mönche traten ein, ohne den Prior aufzuwecken.

Der Erste war ein Mann von dreißig bis fünf und dreißig Jahren, mager, bleich und nervös gekrümmt in seinem Jacobinergewand; er trug den Kopf hoch; wie ein Pfeil aus seinem Falkenauge schießend, befahl sein Blick, ehe er gesprochen hatte, und dennoch milderte sich dieser Blick durch das Spiel von zwei weißen Augenlidern, welche sich senkend den breiten blauen Kreis hervorheben, von dem seine Augen begränzt waren.

Glänzte aber im Gegentheil dieser schwarze Augenstern zwischen diesen Brauen und der falben Umrahmung der Augenhöhle, so hätte man glauben sollen, es springe ein Blitz aus den Falten zweier kupferner Wolken hervor.

Dieser Mönch hieß Bruder Borromée; er war seit drei Wochen Säckelmeister des Klosters.

Der Andere war ein junger Mensch von siebzehn bis achtzehn Jahren, mit lebhaften schwarzen Augen, kühner Miene, hervorspringendem Kinn, klein aber gut gewachsen, der, wenn er seine weiten Aermel zurückschlug, mit einem gewissen Stolz zwei nervige, in der Geberde behende Arme sehen ließ.

»Der Prior schläft noch, Bruder Borromée,« sagte der jüngere von den beiden München zu dem anderen, »wecken wir ihn auf?«

»Hüten wir uns wohl, Bruder Jacques,« erwiederte der Säckelmeister.

»Es ist in der That Schade, daß wir einen Prior haben, der so lange schläft,« versetzte der junge Bruder, »denn man hätte diesen Morgen die Waffen probiren können; habt Ihr gesehen, was für schöne Panzer und Büchsen darunter sind?«

»Stille, mein Bruder, man könnte Euch hören.«

»Welch ein Unglück,« sprach der kleine Mönch, indem er mit dem Fuße auf den Boden stampfte, was jedoch durch den dicken Teppich gedämpft wurde, »welch ein Unglück, das Wetter ist heute so schön, der Hof ist so trocken, welch eine schöne Uebung hätte man heute vornehmen können, Bruder Borromée!«

»Man muß warten, mein Kind,« entgenete Bruder Borromée mit einer geheuchelten Unterwürfigkeit, welche durch das Feuer seiner Blicke Lügen gestraft wurde.

»Aber warum befehlt Ihr nicht immerhin, daß die Waffen ausgetheilt werden?« sprach ungestüm Jacques, während er seine herabgefallenen Aermel wieder zurückschlug.

»Ich, befehlen?«

»Ja, Ihr.«

»Ich befehle nicht, Ihr wißt es wohl, mein Bruder,« erwiederte Borromée mit Salbung, »ist nicht der Herr da?«

»In diesem Lehnstuhl, … eingeschlafen, … während alle Welt wacht,« sagte Jacques mit einem weniger ehrfurchtsvollem als ungeduldigen Tone, »der Herr?«

Und ein Blick stolzen Verständnisses schien bis in die Tiefe des Herzens von Bruder Borromée dringen zu wollen.

»Achten wir seinen Rang und seinen Schlummer,« sprach dieser, indem er mitten in das Zimmer trat, doch so unglücklich, daß er einen Schämel auf den Boden warf.

Obgleich der Teppich das Geräusch des Schämels dämpfte, wie er das des Stampfens von Bruder Jacques gedämpft hatte, fuhr Dom Gorenflot doch bei diesem, Lärmen auf und erwachte.

»Wer ist da?« rief er mit der bebenden Stimme einer eingeschlafenen Schildwache.

»Ehrwürdiger Herr Prior,« sagte der Bruder Borromée, »verzeiht, wenn wir Eure fromme Meditation stören, aber ich komme, um Eure Befehle einzuholen.«

»Ah! guten Morgen, Bruder Borromée,« sprach Gorenflot mit einem leichten Zeichen des Kopfes.

Dann nach einem Augenblick des Nachdenkens, in welchem er offenbar alle Saiten seines Gedächtnisses angespannt hatte, fragte er, drei bis viermal mit den Augen blinzelnd:

»Welche Befehle?«

»In Beziehung auf die Waffen und Rüstungen?«

»In Beziehung auf die Waffen und Rüstungen?« wiederholte Gorenflot.

»Allerdings, Eure Herrlichkeit hat befohlen, Waffen und Rüstungen herbeizuschaffen.«

»Wem?«

»Mir.«

»Bei Euch habe ich Waffen bestellt?«

»Ganz gewiß, ehrwürdiger Herr Prior,« antwortete Borromée mit gleichem, festem Tone.

»Ich!« wiederholte Dom Modeste, im höchsten Maße erstaunt, »ich! und wann dies?«

»Vor acht Tagen?«

»Ah! vor acht Tagen… Doch wozu Waffen?«

»Ihr sagtet mir, ehrwürdiger Herr und ich will Eure eigenen Worte wiederholen, Ihr sagtet mir: »»Bruder Borromée, es wäre gut, wenn man sich Waffen verschaffen würde, um unsere Mönche und Brüder zu bewaffnen; die gymnastischen Uebungen entwickeln die Kräfte des Körpern, wie die frommen Ermahnungen die den Geistes entwickeln.«

»Ich habe das gesagt?« versetzte Gorenflot.

»Ja, ehrwürdiger Herr Prior, und ich, ein unwürdiger, gehorsamer Bruder, beeilte mich, Eure Befehle zu vollziehen, und verschaffte mir Kriegswaffen.

»Das ist seltsam,« murmelte Gorenflot, »ich erinnere mich an nichts von dem Allem.«

»Ehrwürdiger Herr Prior, Ihr fügtet sogar der lateinischen Text bei: Militat spiritu, militat gladio.«

»Ah!« rief Dom Gorenflot, die Augen übermäßig aufreißend, »ich habe den Text beigefügt!«

»Ich besitze ein treues Gedächtniß, ehrwürdiger Herr Prior,« erwiederte Borromée, die Augen niederschlagend.

»Wenn ich es gesagt habe,« versetzte Gorenflot, indem er sachte den Kopf von oben nach unten schüttelte, »so hatte ich meine Gründe, es zu sagen, Bruder Borromée. In der That, es war stets meine Ansicht, man müsse den Körper üben, und als ich noch einfacher Mönch war, kämpfte ich mit dem Wort und sogar mit dem Schwert… Militat… spiritus… Sehr gut, Bruder Borromée, das war eine Eingebung des Herrn.«

»Ich will also Eure Befehle vollendet ausführen,« sagte Borromée, indem er sich mit Jacques zurückzog, der ihn, ganz bebend vor Freude, unten an seinem Rocke zupfte.

»Geht,« sprach Gorenflot majestätisch.

»Ah! ehrwürdiger Herr Prior,« sagte Borromée, der einige Secunden nach seinem Verschwinden wieder eintrat, »ich vergaß…«

»Was?«

»Im Sprechzimmer ist ein Freund Eurer Herrlichkeit, der mit Euch zu reden wünscht.«

»Wie nennt er sich?«

»Meister Robert Briquet,«

»Meister Robert Briquet,« versetzte Gorenflot, »das ist kein Freund von mir, Bruder Borromée, sondern ein einfacher Bekannter.«

»Eure Ehrwürden wird ihn also nicht empfangen?«

»Doch, doch,« sagte mit gleichgültigem Tone Gorenflot, »dieser Mensch zerstreut mich; laßt ihn heraufkommen.«

Bruder Borromée verbeugte sich zum zweiten Male und ging hinaus. Bruder Jacques aber hatte nur einen Sprung von dem Zimmer des Priors bis in die Kammer gemacht, wo die Waffen aufbewahrt wurden.

Fünf Minuten nachher öffnete sich die Thüre wieder und Chicot erschien.




Viertes Kapitel

Die zwei Freunde


Dom Modeste verließ die andächtig vorgebeugte Stellung nicht, die er angenommen hatte.

Chicot durchschritt das Zimmer und ging auf ihn zu.

Der Prior war nur so gnädig, den Kopf ein wenig zu senken, um dem Eintretenden anzudeuten, daß er ihn bemerke.

Chicot schien sich nicht einen Augenblick über die Gleichgültigkeit des Priors zu wundern; er schritt immer weiter vor, grüßte, als er eine ehrfurchtsvoll abgemessene Entfernung erreicht hatte, und sprach:

»Guten Morgen, Herr Prior.«

»Ah! Ihr seid hier,« sagte Gorenflot, »Ihr seid wieder auferstanden, wie es scheint?«

»Habt Ihr mich todt geglaubt, Herr Prior?«

»Bei Gott! man sah Euch nicht mehr.«

»Ich hatte Geschäfte.«

»Ah!«

Chicot wußte, daß Gorenflot, wenn er sich nicht durch zwei bis drei Flaschen alten Burgunder erwärmt hatte, wortkarg blieb. Da aber in Betracht der wenig vorgerückten Stunde Gorenflot aller Wahrscheinlichkeit nach nüchtern war, so nahm er einen guten Lehnstuhl und setzte sich schweigsam an die Ecke des Kamins, wobei er seine Füße auf die Feuerböcke ausstreckte und seine Lenden auf die weiche Lehne stützte.

»Werdet Ihr mit mir frühstücken, Herr Briquet?« fragte Dom Modeste.

»Vielleicht, ehrwürdiger Herr Prior.«

»Ihr dürft mir nicht grollen, Herr Briquet, wenn es mir unmöglich würde, Euch jede Zeit zu schenken, die ich Euch gern schenken möchte.«

»Ei! wer des Teufels! fordert Eure Zeit von Euch, Herr Prior? alle Wetter! ich verlangte nicht einmal Frühstück von Euch, Ihr habt es mir angeboten.«

»Sicherlich, Herr Briquet,« versetzte Dom Gorenflot mit einer Unruhe, welche der feste Ton von Chicot rechtfertigte, »ja, allerdings, ich habe es Euch angeboten, doch…«

»Doch Ihr glaubtet ich würde es nicht annehmen?«

»Oh! nein. Ist es meine Gewohnheit, politisch zu sein, sprecht, Herr Briquet?«

»Man nimmt alle Gewohnheiten an, die man annehmen will, wenn man ein Mann von Eurer Erhabenheit ist, ehrwürdiger Herr Prior,« erwiederte Chicot mit jenem Lächeln, das nur ihm gehörte.

Dom Gorenflot schaute Chicot mit den Augen blinzelnd an. Es war ihm unmöglich, zu errathen, ob Chicot spottete oder im Ernste sprach.

Chicot war aufgestanden.

»Warum steht Ihr auf, Herr Briquet?« fragte Gorenflot.

»Weil ich gehe.«

»Und warum geht Ihr, da Ihr sagtet, Ihr würdet mit mir frühstücken?«

»Ich habe nicht gesagt, ich würde mit Euch frühstücken.«

»Verzeiht, ich habe es Euch angeboten.«

»Und ich erwiederte vielleicht; vielleicht bedeutet nicht: ja.«

»Ihr ärgert Euch?«

Chicot lachte.

»Ich mich ärgern,« sagte er, »und worüber sollte ich mich ärgern? darüber, daß Ihr unverschämt, unwissend und grob seid? Oh! lieber Herr Prior, ich kenne Euch zu lange, um mich über solche Unvollkommenheiten zu ärgern.«

Durch diesen naiven Ausfall seines Gastes niedergeschmettert, blieb Gorenflot mit offenem Munde und ausgestreckten Armen.

»Gott befohlen, Herr Prior,« fuhr Chicot fort.

»Oh! geht nicht.«

»Meine Reise läßt sich nicht verzögern.«

»Ihr reist?«

»Ich habe eine Sendung.«

»Von wem?«

»Vom König.«

Gorenflot stürzte von Abgrund zu Abgrund.

»Eine Sendung,« sagte er, »eine Sendung vom König, Ihr habt ihn also wiedergesehen?«

»Gewiß.«

»Und er hat Euch aufgenommen?«

»Mit Begeisterung; er hat Gedächtniß, obschon er ein König ist.«

»Eine Sendung vom König,« murmelte Gorenflot, »und ich unverschämt, unwissend und grob!«

Sein Herz schwoll nach und nach ab, wie ein Ballon, der seinen Wind durch Nabelstiche verliert.

»Gott befohlen,« wiederholte Chicot, Gorenflot erhob sich auf seinem Lehnstuhl und hielt mit seiner breiten Hand den Flüchtigen zurück, der sich, gestehen wir es, leicht Gewalt anthun ließ.

»Sprecht, erklärt Euch,« sagte der Prior.

»Worüber?« fragte Chicot.

»Ueber Eure heutige Empfindlichkeit.«

»Ich bin heute wie immer.«

»Nein.«

»Ein einfacher Spiegel der Leute mit denen ich zusammen bin.«

»Nein.«

»Ihr lacht, ich lache; Ihr schmollt, ich mache ein Grimasse.«

»Nein, nein, nein!«

»Ja, ja, ja.«

»Nun wohl, ich gestehe, ich war anderweitig in Anspruch genommen.«

»Wirklich!«

»Wollt Ihr nicht nachsichtig gegen einen Mann sein, der mit den peinlichsten Arbeiten überladen ist? Mein Gott! habe ich meinen Kopf für mich? Ist diese Priorei nicht wie das Gouvernement einer Provinz? Bedenkt daß ich zwei hundert Menschen befehlige, daß ich zugleich Oekonom, Architekt, Intendant bin, Alles, ohne meine geistlichen Functionen zu rechnen.«

»Oh! das ist in der That zu viel für einen unwürdigen Diener Gottes!«

»Oh! nun spottet er,« sagte Gorenflot, »Herr Briquet, solltet Ihr Eure christliche Liebe und Mildherzigkeit verloren haben?«

»Ich besaß also dergleichen?«

»Ich glaube auch, daß Neid bei Eurer Handlungsweise im Spiele ist; nehmt Euch in Acht, der Neid ist eine Todsünde.«

»Neid bei meiner Handlungsweise! Ich frage Euch, wen sollte ich beneiden?«

»Hm! Ihr sagt Euch: der Prior Dom Modeste Gorenflot, steigt stufenweise empor, er ist auf der aufsteigenden Linie.«

»Während ich auf der absteigenden Linie bin, nicht wahr?« entgegnete Chicot mit spöttischem Tone.

»Daran ist Eure falsche Stellung Schuld, Herr Briquet.«

»Herr Prior, erinnert Ihr Euch des Textes im Evangelium?«

»Welchen Text meint Ihr?«

»Wer sich erhöht, wird erniedrigt werden, wer sich erniedrigt, wird erhöht werden.«

»Puh!« machte Gorenflot.

»Ah! nun setzt er die heiligen Texte in Zweifel, der Ketzer!« rief Chicot die Hände faltend.

»Ketzer,« wiederholte Gorenflot, »die Hugenotten sind Ketzer.

»Schismatiker also.«

»Was wollt Ihr sagen, Herr Briquet? In der That, Ihr verkennt mich.«

»Nichts, wenn nicht, daß ich eine Reise mache und zu Euch gekommen bin, um von Euch Abschied zu nehmen. Lebt also wohl, Seigneur Dom Modeste.«

»Ihr verlaßt mich so?«

»Ganz gewiß, bei Gott!«

»Ihr?«

»Ja, ich.«

»Ein Freund?«

»In der Größe hat man keine Freunde mehr.«

»Ihr, Chicot?«

»Ich bin nicht mehr Chicot, Ihr habt es mir so eben vorgeworfen.«

»Ich, wann dies?«

»Da Ihr von meiner falschen Stellung sprachet.«

»Vorgeworfen! Ah! was für Worte habt Ihr heute!«

Und der Prior neigte seinen dicken Kopf, dessen drei Kinne sich in einem einzigen an seinem Stierhals abplatteten.

Chicot beobachtete ihn aus einem Augenwinkel: er sah den Prior leicht erbleichen.

»Gott befohlen und ohne Groll wegen der Wahrheiten, die ich Euch gesagt habe.«

Und er machte eine Bewegung, um wegzugehen.

»Sagt mir. Alles, was Ihr wollt,« sprach Dom Gorenflot, »doch habt keine solche Blicke mehr für mich.«

»Ah! ah! es ist ein wenig spät.«

»Wie zu spät. Hört doch, man geht nicht so weg, ohne zu essen, was Teufels! das ist nicht gesund, Ihr habt es mir selbst zwanzigmal gesagt. Nun, laßt uns frühstücken.«

Chicot war entschlossen, auf einmal alle seine Vortheile wieder zu gewinnen.

»Meiner Treue nein, man speist zu schlecht hier.«

Gorenflot hatte die anderen Angriffe muthig ertragen; unter diesem erlag er.

»Man speist schlecht bei mir?« stammelte er ganz verwirrt.

»Das ist wenigstens meine Meinung.«

»Habt Ihr Euch über Euer letztes Mittagemahl zu beklagen gehabt?«

»Ich habe noch den herben Geschmack am Gaumen, puh!«

»Ihr macht puh!« rief Gorenflot, die Arme zum Himmel erhebend.

»Ja,« sagte Chicot entschlossen, »ich mache puh!«

»Aber warum? sprecht.«

»Schweinsrippchen waren unwürdig verbrannt.«

»Oh!«

»Die farcirten Ohren krachten nicht unter den Zähnen.«

»Oh!«

»Der Kapaun mit Reis schmeckte nur nach Wasser.«

»Gerechter Himmel!«

»Von der Kraftsuppe war das Fett nicht abgeschöpft.«

»Barmherzigkeit!«

»Man sah auf der Brühe ein Oel, das noch in meinem Magen schwimmt.«

»Chicot, Chicot!« seufzte Gorenflot mit demselben Tone, mit dem der verscheidende Cäsar: Brutus! Brutus! rief.

»Und dann könnt Ihr mir keine Zeit schenken.«

»Ich?«

»Ihr sagtet mir, Ihr hättet zu thun; habt Ihr das gesagt, ja oder nein? Es fehlte nur noch, daß Ihr zum Lügner würdet.«

»Nun! dieses Geschäft läßt sich verschieben. Ich habe nur eine Bittstellerin zu empfangen.«

»So empfangt sie.«

»Nein, nein, Herr Chicot, obgleich sie mir hundert Flaschen sicilianischen Wein geschickt hat.«

»Hundert Flaschen sicilianischen Wein?«

»Ich werde sie nicht empfangen, obschon sie wahrscheinlich eine sehr vornehme Dame ist; ich werde sie nicht empfangen; ich will nur Euch empfangen, theurer Herr Chicot. Sie wollte mein Beichtkind werden, die vornehme Dame, welche die Flaschen sicilianischen Wein in Hunderten schickt. Wenn Ihr es verlangt, verweigere ich ihr meinen geistlichen Rath, ich lasse ihr sagen, sie möge einen andern Beichtvater annehmen.«

»Dies Alles werdet Ihr thun?«

»Um mit Euch zu frühstücken, theurer Herr Chicot, um mein Unrecht gegen Euch wieder gut zu machen.«

»Euer Unrecht rührt von Eurem unbändigen Stolze her.«

»Ich werde mich demüthigen, mein Freund.

»Von Eurer unverschämten Trägheit.«

»Chicot, Chicot, von morgen an kasteie ich mich, indem ich meine Mönche alle Tage Uebungen vornehmen lasse.«

»Eure Mönche Uebungen?« versetzte Chicot, die Augen weit aufreißend, »und was für Uebungen, mit der Gabel?«

»Nein, mit den Waffen.«

»Waffenübungen?«

»Ja, und das Commandiren ist ermüdend.«

»Ihr commandirt bei den Uebungen der Jacobiner?«

»Ich gedenke wenigstens zu commandiren.«

»Von morgen an?«

»Von heute an, wenn Ihr es verlangt.«

»Und wer hat den Gedanken gehabt, Kuttenträger exerciren zu lassen?«

»Ich, wie es scheint.«

»Ihr, unmöglich.«

»Doch, ich habe dem Bruder Borromée Befehl gegeben.«

»Wer ist der Bruder Borromée?«

»Ah! ist wahr, Ihr kennt ihn nicht.«

»Wer ist es?«

»Der Säckelmeister.«

»Warum hast Du einen Säckelmeister, den ich nicht kenne, Einfaltspinsel?«

»Er ist hier seit Eurem letzten Besuche.«

»Und woher hast Du diesen Säckelmeister bekommen?«

»Der Herr Cardinal von Guise hat ihn mir empfohlen.«

»In Person?«

»Durch einen Brief,« mein lieber Herr Chicot durch einen Brief.

»Sollte es das Hühnergeier-Gesicht sein, das ich unten gesehen habe?«

»So ist es.«

»Der Mönch der mich meldete?«

»Ja.«

»Oh! oh!« machte Chicot unwillkührlich, »und welche Eigenschaft hat der vom Herrn Cardinal so warm unterstützte Säckelmeister?«

»Er rechnet wie Phythagoras.«

»Und mit ihm habt Ihr diese Waffenübungen beschlossen?«

»Ja, mein Freund.«

»Nämlich, er hat Euch vorgeschlagen, Eure Mönche zu bewaffnen, nicht wahr?«

»Nein, lieber Herr Chicot, der Gedanke ist von mir, ganz von mir.«

»Und in welcher Absicht?«

»In der Absicht, sie zu bewaffnen.«

»Keinen Stolz, verhärteter Sünder, der Stolz ist eine Todsünde; dieser Gedanke ist nicht Euch gekommen.»

»Mir oder ihm, ich weiß nicht mehr, ob mir oder ihm der Gedanke gekommen ist. Nein, nein, entschieden mir, es scheint sogar, daß ich bei dieser Gelegenheit ein sehr geistreiches und glänzendes lateinisches Wort gesprochen habe.«

Chicot näherte sich dem Prior.

»Ein lateinisches Wort, Ihr, mein lieber Prior?« sagte er, »und Ihr erinnert Euch diesen lateinischen Worts?«

		»Militat spiritu…«
		»Militat spiritu, militat gladio.«

»So ist es, so ist es!« rief Dom Modeste ganz begeistert.

»Gut, gut,« sprach Chicot, »man kann sich unmöglich freundlicher entschuldigen, als Ihr es thut, Dom Modeste; ich verzeihe Euch.«

»Oh!« machte Gorenflot voll Rührung.

»Ihr seid stets mein Freund, mein wahrer Freund.«

Gorenflot wischte eine Thräne ab.

»Aber wir wollen frühstücken und ich will nachsichtig gegen das Frühstück sein.«

»Hört,« sprach Gorenflot begeistert, »ich werde dem Bruder Küchenmeister sagen, wenn das Essen nicht königlich sei, so lasse ich ihn einstecken.«

»Thut das, Ihr seid der Herr.«

»Und wir wollen einige von den Flaschen des Beichtkindes entpfropfen.«

»Ich werde Euch mit meiner Erleuchtung unterstützen, mein Freund.«

»Erlaubt, daß ich Euch umarme, Chicot.«

»Erstickt mich nicht und laßt uns plaudern.«




Fünftes Kapitel

Die Tischgenossen


Gorenflot brauchte nicht lange, um seine Befehle zu geben.

War der würdige Prior auf der aufsteigenden Linie, wie er dies behauptete, so war er es besonders in dem man die Einzelheiten eines Mahles und die Fortschritte der culinarischen Wissenschaft betraf.

Dom Modeste ließ den Bruder Eusèbe rufen, der nicht vor seinem Oberen, sondern vor seinem Richter erschien. Aus der Art und Weise, wie man ihn vorgefordert, hatte er errathen können, daß etwas Außerordentliches bei dem ehrwürdigen Prior vorging.

»Bruder Eusèbe,« sprach Gorenflot mit strengem Tone, »hört, was Herr Robert Briquet, mein Freund, Euch sagen wird. Ihr vernachläßigt Euch, wie es scheint. Ich habe über schwere Unpünktlichkeiten bei Eurer letzten Kraftsuppe und über eine unselige Unachtsamkeit hinsichtlich des Krachens Eurer Ohren klagen hören. Nehmt Euch in Acht, Bruder Eusèbe, ein einziger Schritt auf dem schlimmen Weg zieht den ganzen Körper nach sich.«

Der Mönch erröthete und erbleichte abwechselnd und stammelte eine Entschuldigung, welche nicht angenommen wurde.

»Genug,« sprach Gorenflot.

Bruder Eusèbe schwieg.

»Was habt Ihr heute zu frühstücken?« fragte der ehrwürdige Prior.

»Ich habe Rühreier mit Hahnenkämmen.«

»Hernach?«

»Gefüllte Champignons.«

»Hernach?«

»Krebse in Madeira.«

»Kleines Zeug, dies Alles, kleines Zeug, habt Ihr nicht etwas, das einen Grund bilden würde, sprecht geschwinde.«

»Ich hatte außerdem noch einen Schinken mit Pistazien.«

»Puh!« machte Chicot.

»Verzeiht,« unterbrach ihn schüchtern der Bruder Eusèbe, »er ist in Xeres Sect gekocht. Ich habe ihn mit einem in einer Marinade von Aix-Oel erweichten Ochsenfleisch gespickt, so daß man mit dem Fett des Ochsen das Magere des Schinken und mit dem Fett des Schinken das Magere des Ochsen ißt.«

Gorenflot wagte es, an Chicot einen Blick begleitet von einer Geberde der Billigung zu richten.

»Das ist gut, nicht wahr, Herr Robert?« sagte er.

Chicot machte eine Geberde der Halbbefriedigung.

»Und hernach?« fragte Gorenflot, »was habt Ihr noch?«

»Man kann Euch einen Aal in der Minute fertig machen.«

»Pfui über Euren Aal!»sagte Chicot.

»Ich glaube, Herr Briquet,« entgegnete Bruder Eusèbe, der nach und nach muthig wurde, »ich glaube, daß Ihr von meinen Aalen kosten könnt, ohne es zu sehr zu bereuen.«

»Was haben sie denn so Seltenes, Eure Aale?«

»Ich füttere sie auf eine eigenthümliche Weise.«

»Oh! oh!«

»Ja,« sprach Gorenflot, »es scheint, daß die Römer oder die Griechen, ich weiß nicht mehr genau, kurz ein Volk Italiens, ihre Lampreten fütterten, wie es Bruder Eusèbe thut. Er hat es in einem alten Autor Namens Sueton gelesen, der über die Küche schreibt.«

»Wie, Bruder Eusèbe,« rief Chicot »Ihr gebt Euren Aalen Menschen zu fressen?«

»Nein, mein Herr, ich hacke die Eingeweide und Lebern von Geflügel und Wildbret klein, ich füge ein wenig Schweinefleisch bei, ich mache aus dem Allem eine Art von Wurstfleisch, das ich meinen Aalen vorwerfe, welche in dem auf einem, jeden Tag erneuerten Kies in einem Monat fett werden und sich, während sie fett werden, beträchtlich verlängern. Derjenige, zum Beispiel, welchen ich heute dem ehrwürdigen Herrn Prior anbiete, wiegt neun Pfund.«

»Das ist also eine Schlange,« sagte Chicot.

»Er verschlang mit einem Mal ein Hühnchen von sechs Tagen.«

»Und wie habt Ihr ihn zubereitet?« fragte Chicot.

»Ja, wie habt Ihr ihn zubereitet?« wiederholte der Prior.

»Abgehäutet, gebräunt, durch Sardellenbutter gezogen, in feinem geriebenem Brod umgedreht, dann wieder zehn Secunden lang auf den Rost gelegt, wonach ich die Ehre haben werde, Euch denselben mit Knoblauch und spanischem Pfeffer gewürzt, in einer Sauce schwimmend vorzusetzen.«

»Aber die Sauce selbst?«

»Ja, die Sauce selbst?«

»Eine einfache Sauce von Aix-Oel, mit Citronen und Senf geschlagen.«

»Ganz gut,« sagte Chicot.

Bruder Eusèbe athmete.

»Nun fehlen die Confituren,« sprach Gorenflot einsichtsvoll.

»Ich werde ein Gericht ersinnen, das im Stande ist, den Beifall den ehrwürdigen Herrn Priors zu gewinnen.«

»Es ist gut, ich verlasse mich auf Euch,« sagte Gorenflot, »zeigt Euch meines Vertrauens würdig.«

Eusèbe verbeugte sich.

»Darf ich mich entfernen?« fragte er.

Der Prior befragte Chicot.

»Er mag sich entfernen,« sagte Chicot.

»Gut, und schickt mir den Bruder Kellermeister.«

Eusèbe verbeugte sich und ging hinaus.

Der Bruder Kellermeister folgte auf den Bruder Eusèbe und erhielt nicht minder pünktliche und nicht minder ins Einzelne gehende Befehle.

Zehn Minuten nachher saßen die zwei Freunde vor einem mit einem feinen leinenen Tuche bedeckten Tisch, in großen ganz mit Kissen ausgelegten Lehnstühlen begraben, Messer und Gabeln in der Hand, wie zwei Duellisten einander gegenüber.

Obgleich hinreichend groß für sechs Personen, war die Tafel doch voll gestellt, dergestalt hatte der Kellermeister Flaschen von verschiedenen Formen und Etiquetten aufgehäuft.

Dem Programm getreu, schickte Eusèbe Rühreier, Krebse und Champignone, welche die Luft mit einem milden Dampf von Trüffeln und von Butter durchdufteten, wozu sodann der Geruch der Thymiancrême und des Madeiraweins kam.

Chicot griff wie ein Hungeriger an.

Der Prior dagegen wie ein Mensch, der sich selbst, seinem Koch und seinem Tischgenossen mißtraut.

Doch nach einigen Minuten fing Gorenflot an zu schlingen, während Chicot beobachtete.

Man begann mit dem Rheinwein, dann ging man zu dem Burgunder von 1550 über, man machte einen Ausflug zu einem Ermitage, dessen Alter man nicht kannte; man nippte am Saint-Perey; endlich kam man zum Wein des Beichtkindes.

»Was sagt Ihr dazu?« fragte Gorenflot, nachdem er dreimal gekostet hatte, ohne daß er sich auszusprechen wagte.«

»Wild, aber leicht,« erwiederte Chicot, »und wie heißt die Bußfertige?«

»Ich kenne sie nicht.«

»Alle Wetter, Ihr wißt ihren Namen nicht.«

»Meiner Treue, nein, wir verhandeln durch Botschafter.«

Chicot machte eine Pause, während welcher er sanft die Augen schloß, als wollte er den Geschmack eines Schlucks Wein untersuchen, den er im Mund hielt, ehe er ihn durch die Gurgel laufen ließ, in der Wirklichkeit aber, um nachzudenken.

»Ich habe also die Ehre, einem Armee-General gegenüber zu speisen?« sagte er nach fünf Minuten.

»Oh! mein Gott, ja!«

»Wie, Ihr seufzt, während Ihr dies sagt?«

»Ah! das ist sehr anstrengend.«

»Allerdings; aber es ist ehrenvoll, es ist schön.«

»Herrlich! nur habe ich keine Stille mehr in den Officien… und vorgestern bin ich beinahe genöthigt gewesen, eine Platte beim Abendbrod zu streichen.«

»Eine Platte streichen… und warum?«

»Weil mehrere von meinen besten Soldaten, ich muß es gestehen, die Vermessenheit hatten, den Weinbeermus von Burgund, den man am Freitag als drittes Gericht gibt, ungenügend zu finden.«

»Ah! ungenügend… und welchen Grund gaben sie hierfür an?«

»Sie behaupteten, sie hätten noch Hunger, und verlangten noch eine Fastenspeise, wie Kriechente, Hummer oder einen schmackhaften Fisch. Begreift Ihr diese Freßgierigen?«

»Verdammt, wenn sie übermäßige Uebungen vornehmen müssen, so darf man nicht staunen, daß sie Hunger haben, diese Mönche.«

»Wo wäre denn das Verdienst?« entgegnete der Prior, »gut essen und gut arbeiten kann Jedermann. Was Teufels! man muß seine Entbehrungen dem Herrn anzubieten wissen,« fügte der würdige Abt bei, indem er ein großes Stück Schinken und Ochsenfleisch auf eine sehr ehrenwerthe Portion Gelantine häufte, von der der Bruder Eusèbe nicht gesprochen hatte, weil dieses Gericht zu einfach war, nicht um auf den Tisch gesetzt zu werden, wohl aber, um auf der Karte zu figuriren.

»Trinkt, Modeste, trinkt,« sagte Chicot, »Ihr werdet ersticken, Ihr seht schon carmesinroth aus.«

»Vor Entrüstung,« erwiederte der Prior und leerte sein Glas, das eine halbe Pinte enthielt.

Chicot ließ ihn machen, als jedoch Gorenflot sein Glas wieder auf den Tisch gesetzt hatte, sprach er:

»Laßt hören, vollendet Eure Geschichte, sie interessirt mich sehr lebhaft, bei meinem Ehrenwort. Ihr habt ihnen also eine Platte entzogen, weil sie fanden, sie hätten nicht genug zu essen?«

»Ganz richtig.«

»Das ist geistreich.«

»Die Strafe hat auch eine gehörige Wirkung hervorgebracht; ich glaubte, man würde sich empören, die Augen glänzten, die Zähne klapperten.«

»Das ist ganz natürlich, sie hatten Hunger.«

»Sie hatten Hunger, nicht wahr?«

»Ganz gewiß.«

»Ihr sagt es, Ihr glaubt es?«

»Ich bin dessen sicher.«

»Nun, ich habe an jenem Abend eine seltsame Erscheinung wahrgenommen, die ich der Analyse der Wissenschaft empfehlen werde; ich berief den Bruder Borromée und gab ihm meine Instructionen in Betreff dieser Entziehung einer Platte, der ich, als ich die Meuterei sah, die Entziehung den Weins beifügte.

»Nun?«

»Um mein Wort zu krönen, befahl ich eine neue Uebung, da ich die hydra den Aufruhrs zu Boden treten wollte; die Psalmen sagen das, Ihr wißt; wartet doch: Cabis poriabis diagonem, ei! Ihr kennt das, Gottes Tod!«

»Proculcabis draconem,« sagte Chicot und schenkte dem Prior Wein ein.

»Draconem, so ist es, bravo! Ah! was die Drachen betrifft, eßt doch von diesem Aal, er ist vortrefflich.«

»Ich danke, ich kann nicht mehr schnaufen; doch erzählt, erzählt.«

»Was?«

»Eure seltsame Erscheinung.«

»Welches ich erinnere mich nicht mehr.«

»Diejenige, welche Ihr den Gelehrten empfehlen wolltet.«

»Ah! ja, nun entsinne ich mich.«

»Ich höre.«

»Ich verordne also eine Uebung für den Abend; ich glaubte, ich würde meine Bursche geschwächt, bleich schwitzend sehen, und hatte eine ziemlich hübsche Rede über den Texte:Derjenige, welcher mein Brod ißt, vorbereitet.«

»Trockenes Brod? Ganz richtig, trockenen Brod,« rief Gorenflot und riß mit einem cyklopischen Gelächter seine mächtigen Kinnladen auseinander und hatte mit dem Worte gespielt. »Ich lachte zum Voraus eine Stunde lang ganz allein, als ich mitten im Hofe eine Truppe belebter nerviger, wie Heuschrecken hüpfender Bursche fand, und dies ist die Illusion, über welche ich die Gelehrten befragen will.«

»Eine Illusion!«

»Und nach Wein rochen sie auf eine Meile.

»Nach Wein? Bruder Borromée hatte Euch also hintergangen?«

»Oh! des Borromée bin ich sicher,« rief Gorenflot, »das ist der leidende Gehorsam in Person; wenn ich dem Bruder Borromée sagte, er solle sich am kleinen Feuer rösten, er würde selbst den Rost holen und ein Reisbüschel anzünden.«

»Das heißt ein schlechter Physiognomiker sein,« erwiederte Chicot, indem er sich an der Nase kratzte, »auf mich macht er nicht diesen Eindruck.«

»Es ist möglich, doch ich kenne meinen Borromée, siehst Du, wie ich Dich kenne, mein lieber Chicot,« sprach Gorenflot, der trunken werdend zugleich auch zärtlich wurde.

»Und Du sagst, sie haben nach Wein gerochen?«

»Borromée?«

»Nein, Deine Mönche.«

»Wie die Fässer, abgesehen davon, daß sie roth waren wie gesottene Krebse; ich machte diese Bemerkung gegen Borromée.«

»Bravo!«

»Ah! ich schlafe nicht.«

»Und was hat er geantwortet?«

»Warte, das war sehr subtil.«

»Ich glaube es.«

»Er antwortete, das sehr lebhafte natürliche Verlangen bringe dieselben Wirkungen hervor, wie die Befriedigung.«

»Oh! oh!« machte Chicot, »alle Wetter! das ist in der That äußerst subtil, wie Du sagst. Dein Borromée ist sehr stark, ich wunderte mich, daß er eine so schmale Nase und so dünne Lippen hat. Und das überzeugte Dich?«

»Ganz und gar, und Du wirst selbst überzeugt werden, nähere Dich ein wenig, denn ich kann mich nicht mehr ohne einen Schwindel rühren.«

Chicot rückte näher. Gorenflot machte aus seiner Hand einen akustischen Trichter, den er an das Ohr von Chicot hielt.

»Nun?« fragte Chicot«

»Warte doch, ich will mich kurz fassen. Erinnerst Du Dich noch der Zeit, wo wir jung waren, Chicot?«

»Ich erinnere mich.«

»Der Zeit, wo das Blut brannte… wo unehrbare Gelüste?…«

»Prior! Prior!« rief der keusche Chicot.

»Borromée spricht, und ich behaupte, er hat Recht; brachte ein sehr lebhaftes Verlangen nicht zuweilen die Illusionen der Wirklichkeit hervor?«

Chicot lachte so heftig, daß der Tisch mit den Flaschen zitterte, wie der Boden einen Schiffes.

»Gut, gut,« sagte er, »ich werde in die Schule von Bruder Borromée gehen, und wenn mich seine Theorien gehörig durchdrungen haben, werde ich Euch um eine Gnade bitten, mein Ehrwürdiger.«

»Und sie soll Euch bewilligt werden, wie Alles was Ihr von Eurem Freunde verlangt. Sprecht nun, was für eine Gnade?«

»Beauftragt mich nur acht Tage lang mit der Oekonomie-Verwaltung der Priorei.«

»Und was wollt Ihr während dieser acht Tage thun?«

»Ich werde den Bruder Borromée mit seinen Theorien füttern, ihm eine Platte und ein leeres Glas vorsetzen und ihm sagen: verlangt mit der ganzen Macht Euers Hungers und Euren Durstes ein wälsches Huhn mit Champignons und eine Flasche Chambertin, aber nehmt Euch in Acht, daß Ihr Euch nicht mit diesem Chambertin berauscht, nehmt Euch in Acht vor einer Indigestion durch dieses wälsche Huhn, lieber Bruder Philosoph.«

»Du glaubst also nicht an das natürliche Verlangen, Heide?« sagte Gorenflot.

»Es ist gut! es ist gut! ich glaube, was ich glaube, doch lassen wir die Theorien.«

»Es sei, lassen wir sie und sprechen wir ein wenig von der Wirklichkeit,« versetzte Gorenflot. Und er füllte sich ein Glas.

»Auf die gute Zeit, von der Du vorhin sprachst, Chicot,« sagte er, »auf unsere Abendbrode im Füllhorn!«

»Bravo, ich glaubte, Du hättest dies Alles vergessen, Ehrwürdiger.«

»Profaner, dies Alles schläft unter der Majestät meiner Stellung; aber ich, bin, bei Gott! immer derselbe.«

Und Gorenflot stimmte, obgleich ihn Chicot wiederholt zum Schweigen ermahnte, sein Lieblingslied an.

		»Riecht der Esel nur die Weid,
		Spitzt er stracks das lange Ohr,
		Ist die Flasch’ vom Kork befreit,
		Spritzet wilder Wein empor.
		Doch nichts ist so ausgelassen,
		Als der Mönch vom Wein erhitzt,
		Der sich tollt in Schenk und Gassen,
		Wenn die Freiheit ihm geblitzt.«




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notes



1


Zur Erklärung dieser Worte ist zu bemerken: Robert Briquet sagt, das schlechte Französisch des Schweizers nachahmend: C‘être chuste, mon camarate, très chuste, »Das ist richtig,« &c.Worauf der Schweizer in deutscher die Worte »Bei Gott u.s.w.« erwiederte.




2


La Mole und Coconnas uns bekannt aus »Königin Margot,« Bussy aus der »Dame von Monsoreau,« deren Fortsetzung dieser Roman bildet.




3


Hilariter, joyeusement, freudig.




4


Einkünfte




5


Dieses Abwechseln von Du und Ihr ist eine Eigenthümlichkeit der Sprache von Heinrich III. mit seinen Günstlingen, welche Dumas auch schon in der Dame von Monsoreau bemerkbar macht.




6


Ein Friedhof bei Paris.




7


Suche und du wirst finden.




8


Joyeusement, freudig, vergnügt, die Devise von Henri von Joyeuse war, wie gesagt, das lateinische Wort: hilariter.




9


Zwiebeln


