Abenteuer und Drangsale eines Schauspielers
Alexandre Dumas der Ältere




Alexandre Dumas (père)

Abenteuer und Drangsale eines Schauspielers





Vorwort


An einem Tage des Monats Oktober 1882 trat mein Bedienter in mein Zimmer ein und debutirte, da es noch ziemlich frühzeitig war, mit den herkömmlichen Worten:

»Will der Herr empfangen?«

Ich schaute ihn an.

»Je nachdem,« erwiederte ich.

»Das habe ich mir auch gesagt.

»Wer ist da?«

»Ein hübscher Junge, mein Herr.«

»Das ist schon Etwas: ich liebe die hübschen Gesichter; doch es ist nicht genug.«

»Das habe ich mir auch gesagt.«

Die Worte: Das habe ich mit auch gesagt. waren eine sprichwörtliche Redensart eines neuen Bedienten, Namens Louis, den ich angenommen.

»Wenn Sie sich das gesagt haben, Louis, haben Sie ihn auch nach seinem Namen gefragt?« versetzte ich.

»Gewiß, mein Herr.«

»Nun! wie heißt er?«

»Ah! mein Herr, er heißt nicht.«

»Wie, er heißt nicht?«

»Ei! das ist kein Name, Herr Gustave.«

»Herr Gustave, wer?«

»Das habe ich mir auch gesagt, mein Herr.«

»Sie hätten besser daran gethan. es ihm zu sagen.«

»Ich habe es ihm auch gesagt. Ah! ich habe mir kein Blatt vor den Mund genommen.«

»Und was hat er geantwortet?«

»Er hat geantwortet: »»Sagen Sie Herrn Dumas, ich komme von Rouen, und ich bringe ihm einen Brief von Madame Dorval.««

»Einen Brief von Dorval! Einfältiger! das hätten Sie mir zuerst sagen müssen.«

Und ich lief selbst an die Thüre.

»Entschuldigen Sie, mein Herr!« rief ich in die Coulissen, »ich habe einen neuen Kammerdiener, und er kennt meine alten Freunde noch nicht; ich hoffe, Sie werden eines Tages zu diesen gehören, da Sie von meiner guten Dorval zu mir kommen.«

Und ich reichte meine Hand dem jungen Mann, den ich im Schatten nur schlecht unterscheiden konnte.

Der junge Mann nahm sie und drückte sie treuherzig.

»Wahrlich, mein Herr,« sagte er, »Ihr Empfang setzt mich nicht in Erstaunen. so wohlwollend er auch ist. Madame Dorval versicherte mich, Sie werden mich so empfangen.«

»Sie ist immer noch in Rouen?«

»Ja, mein Herr.«

»Macht sie Geld?«

»Sie hat viel Succeß.«

»Das ist es nicht gerade, was ich Sie frage.«

»Die Zeit ist nicht sehr günstig für die Theater.«

»Ah!« Sie sind ihr Freund . . . Sie hat mir geschrieben?«

»Hier ist der Brief.«

Der junge Mann reichte mir einen Brief, den er nicht zwischen dem Daumen und dem Zeigefinger, wie es ein Postbote oder ein Handlungsdiener gethan hätte, sondern zwischen dem Zeigefinger und dem Mittelfinger hielt.

Wenn ich einen Menschen zum ersten Male sehe, bemerke ich Alles, und das Geringste fällt mir auf.

Die Hand, die mir den Brief reichte, war schön, zart, länglich; sie hatte einen etwas langen Daumen, künstlerisches Merkmal, feine Fingerglieder, Kennzeichen der Distinction in der Kunst.

Diese Hand kam aus einem Mantel hervor, der in Falten denen der Draperie einer Bildsäule ähnlich fiel.

Der junge Mann hatte seinen Mantel im Vorzimmer nicht abgelegt; bei einem Anscheine des Sichgehenlassens, war er also schüchtern, an sich zweifelnd, wenig auf sich vertrauend, da er, trotz des Briefes von Dorval, nur einen Augenblick zu bleiben erwartete.

Er sah, daß ich ihn anschaute, und richtete mit einer Schulterbewegung zwei gebrochene Falten seines Mantels zurecht.

Der junge Mann glich einem Bildhauer.

Da er einen Augenblick im Vorzimmer hatte warten müssen, so hatte er wartend eine Cigarette zwischen seinen Fingern gerollt; diese Cigarette hielt er, wie er einen Bleistift gehalten hätte.

Ich öffnete den Brief, überzeugt, es sei dies das beste Mittel, sein Gewerbe kennen zu lernen.

Und ich las.

Es versteht sich von selbst, daß ich ihn, während ich las, über das Papier anschaute.

Dorval schrieb mir, wie folgt:

»»Mein lieber Dumas,

»Ich adressiere an Dich Herrn Gustave, der in »»Rouen mit mir gespielt hat . . .««

Es war ein Komödienspieler oder vielmehr ein Tragödienspieler denn aufgestellt und drapirt, wie er war, schien er nach einer Statue modellirt zu sein.

Und dennoch war in diesem jungen Mann viel mehr vom Mittelalter, als vom Alterthum viel mehr vom Jahrhundert von Leo X., als von dem von Perikles.

Ich las weiter:

»Es ist, wie Du siehst, ein schöner Charakterspieler, voll Unerfahrenheit und vom besten Willen, dem sein Platz zum Voraus bei der Porte Saint-Martin bezeichnet ist.««

Es war in der That ein stattlicher Cavalier, in dem Sinne, den man unter Ludwig XIII. diesem Worte gab, mit herrlichen Augen, einer geraden Nase von schönem Verhältniß, langen schwarzen Haaren und anmuthigem blassem Teint.

Der einzige Fehler des sehr schönen Gesichtes war vielleicht eine zu starke Verlängerung des unteren Kinnbackens; doch dieser Fehler verlor sich in einem schönen schwarzen, mit röthlichen Tönen, wie man sie bei den Bärten von Titian findet, gemischten Barte.

Er war übrigens groß, trug den Kopf hoch und war sichtbar gewandt in seinem ganzen Körper.

Indem ich ihn anschaute, in seiner Hand einen spitzigem breitkrämpigen Filzhut erblickte, vorn Filzhute zu seinem Gesichte zurückkam, vom Gesichte auf die Tournure überging, war ich ganz erstaunt, daß ich nicht den Korb eines Schwertes aus den so zierlichen Falten seines Mantels hervorkommen sah.

»»Was Du auch für ihn thun magst, er ist der Mann, es Dir dadurch zu erwiedern, daß er Dir eines Tages Deine Rollen spielt, wie sie Dir Niemand spielen wird.««

»Teufel!« murmelte ich, »es ist wahr, mit diesem Kopfe und dieser Tournure kann er es, wenn in diesem Menschen ein Körnchen Talent ist, weit bringen.«

»»Sprich übrigens mit ihm; sage ihm, er soll Dir sein Leben erzählen, und Du wirst sehen, daß Du es mit einem wahren Künstler zu thun hast.



»»Deine sehr gute Freundin

    »»Marie Dorval.««

»»NS. Gäbe es für ihn in diesem Augenblicke einen Platz beim Theater der Porte Saint-Martin, so suche ihm dadurch nützlich zu sein, daß Du ihm eine Arbeit als Bildhauer oder als Maler verschaffst.««

»Ah! Herr Gustave,« sagte ich lächelnd, »Sie sind also Universalkünstler?«

»Es ist wahr, man hat Alles ein wenig versucht,« erwiederte er mit jener Bewegung der Schultern, welche dem Menschen eigenthümlich ist, der das Leben unter einem gewissen philosophischen Gesichtspunkte zu betrachten pflegt, »Alles, sogar ein wenig das Seiltanzen.«

»Sie sind Gaukler gewesen!«

»Warum nicht? Kean war es wohl.«

»Sie haben Kean gesehen?«

»Ach! Nein; doch mit Gottes Hilfe werde ich ihn wohl früher oder später sehen: der Canal ist nicht so breit als das Atlantische Meer, und London nicht so weit als Guadeloupe.«

»Sie sind auf den Antillen gewesen?«

»Ich komme in aller Eile von dort an.«

»Ich fange an zu glauben, Dorval hat Recht, wenn sie mir sagt, ich soll Sie bitten, mir Ihr Leben zu erzählen.«

»Oh! das ist nicht interessant, der erste, der beste Zigeuner wird Ihnen so viel sagen als ich.«

»Ei! täuschen Sie sich nicht: es wäre mir nicht unangenehm, das Leben des ersten, des besten Zigeuners von ihm selbst erzählt zu hören.«

»Das wird sehr lang sein.«

»Haben Sie um elf Uhr Probe?« fragte ich lachend.

»Leider, nein.«

»Nun! dann haben wir Beide Zeit. Wir frühstücken mit einander, und nach dem Frühstück erzählen Sie mir das. Ich gebe Ihnen keinen so guten Kaffee, als Sie auf Martinique getrunken haben; doch ich gebe Ihnen besseren Thee, als Sie irgendwo trinken werden, Caravanenthee, den ich von einer hübschen Frau aus Petersburg erhalte. Gehen Sie nach Rußland, so werde ich Sie ihr empfehlen, wie Dorval Sie mir empfohlen hat. Abgemacht, wir frühstücken mit einander, nicht wahr?«

»Oh! sehr gern.«

Ich klingelte Louis.

Louis trat ein.

»Louis, zwei Gedecke, Herr Gustave frühstückt mit mir.«

»Das habe ich mir auch gesagt: Herr Gustave muß mit dem Herrn frühstücken.«

»Nun! desto besser, dann haben Sie den Tisch gedeckt und etwas darauf gesetzt.«

»Nein, mein Herr, nein: das hätte ich mir nicht erlaubt.«

»Sie haben Unrecht gehabt. . . Vorwärts, Louis, geschwinde; ich habe Probe.«

Louis ging ab.

»Ei!« fragte mich der junge Mann, »wenn ich mich vor dem Frühstück eines Theils von meinten Gepäcke entledigen würde?«

»Thun Sie das.«

»Muß ich Alles erzählen?«

»Alles.«

»Sogar die Dummheiten?«

»Besonders die Dummheiten! Was die Anderen die Dummheiten nennen, nenne ich das Pittoreske.«

»So verstehe ich es auch.«

Es sind zwanzig Jahre her, daß mir die Erzählung, die Sie lesen sollen, gemacht worden ist; wundern Sie sich also nicht, mein lieber Leser, wenn ich mich beim Erzähler substituire und er statt ich sage.

Seit jener Zeit ist Herr Gustave einer der ausgezeichnetsten Künstler von Paris geworden. Die Einzelheiten, welche hier folgen sollen. werden also, wie wir hoffen, nicht ohne Interesse für Sie sein.




I



Herr Gustave. – Sein Theatername, sein wahrer Name. – Seine Geburt, seine Mutter, sein Vater, seine erste Jugend. —

Herr Gustave hieß nur Gustave vor den Menschen; das war sein Theatername; vor Gott hieß er Etienne Marin.

Er war geboren in Caen, in der Rue des Carmes, im Jahre 1808; er zählte folglich 1833, zu welcher Zeit ich seine Bekanntschaft sachte, vierundzwanzig bis fünfundzwanzig Jahre.

Körperlich ist er dem Leser bekannt und ich brauche daher sein Porträt nicht mehr zu geben.

Befragte er seine Erinnerungen, so sah er sich in weitester Entfernung in den Armen einer guten Frau mit seinem wenigstens zwei Jahre jüngeren Bruder Adolphe.

Die gute Frau und die zwei Kinder standen an einem Krankenbette.

In diesem lag eine Sterbende, die Augen vom Fieber entflammt die Zähne an einander gepreßt. Sie zog von dieser Gruppe, die sie nicht erkannte, eine Weintraube zurück und sagte mit einem kurzen, abgestoßenen Tone:

»Das ist für meine Kinder! Das ist für meine Kinder!«

Ein Mann in halb militärischer Tracht saß auf einer Bank beim Kamin und hielt seinen Kopf in seinen Händen.

Diese Sterbende war die Mutter des kleinen Etienne und des kleinen Adolphe; dieser Mann war ihr Vater.

Wir werden dem Kinde seinen Namen Etienne lassen, bis es sich selbst umtauft, um den Namen Gustave anzunehmen.

Das Kind hatte keine andere Erinnerung an seine Mutter als die, welche ihm in einer Entfernung von zwanzig Jahren durch die Dunkelheit dieser Nacht des Sterbekampfes erschien.

Doch diese Erinnerung war so gegenwärtig, daß er, wie er sagte, nach zwanzig Jahren die Scene hätte zeichnen und seine Mutter vollkommen ähnlich machen können.

Uebrigens entsann er sich keines andern Umstandes mehr, weder der letzten Oelung, noch des Todes, noch der Beerdigung mochte man ihn nun durch Entfernung der Reihenfolge dieser traurigen Schauspiele entzogen haben, oder hatte sie sein zu schwaches Gedächtniß entschlüpfen lassen, wie die Hand durch die Spalte der Finger Tropfen um Tropfen das Wasser ablaufen läßt. das sie aus einem Bache geschöpft hat.

Der Vater, den man nie mit seinem Familiennamen, sondern immer den Vater nannte, war zur Zeit, wo wir ihn erscheinen sehen, ein Mann von vierzig bis fünf und vierzig Jahren, Freiwilliger von 92, Soldat vom Lager von Lune, emsiger Kriegsschautspieler, der seine Rolle bei unseren ersten Siegen spielte.

Er hatte den Dienst 1806 verlassen und sodann diejenige geheirathet, welche so frühe gestorben war; er besaß zwei Kinder, von denen das eine seiner Mutter bald ins Grab folgen sollte, von denen das andere unser Held ist.

Er war ein Mann von hohem Wachse, mit starker Stimme und mächtigen durchdringendem Blicke. Er hatte schon weiße Haare, aber seine Augenbrauen und sein Bart deuteten, vollkommen schwarz, an, daß er noch in der Kraft des Alters.

Als er den Dienst quittirt, erhielt er den Posten eines Douanier mit einem Gehalte von sechshundert Franken. Zu jener Zeit waren die Douaniers eine Art von Soldaten: sie trugen einen grünen Rock, einen dreieckigen Hut, den Säbel an der Seite, den Carabiner auf der Schulter und Pistolen im Gürtel. Sie mußten, auf den Küsten der Normandie besonders, jeden Augenblick bereit sein, Flintenschüsse mit den Corsaren und den englischen Schmugglern zu wechseln, welche ihrerseits immer bereit waren, an unsern Ufern zu landen.

Seinen Dienst, der streng war, – denn er hielt ihn zuweilen acht Tage, zuweilen vierzehn Tage, zuweilen einen Monat von Hause entfernt, – seinen Dienst, sagen wir, der streng war, und dessen Pflichten er gewissenhaft erfüllte, verrichtete er, der Mann, den man nie hatte lachen sehen, mit einem ewigen Geträller im Munde. Allerdings war das Lied, das er mehr brummte, als sang, ein gräßliches Lied, welches bei Balmy und Jemappes denjenigen, die es hörten, den Tod brachte.

Dieses Lied war die Marseillaise.

Als die Bourbonen auf das Kaiserreich folgten, fuhr der Vater fort, sein Lied zu singen; doch man war so sehr daran gewöhnt, den Einen nicht zu sehen, ohne das Andere zu hören, daß man nicht darauf merkte.

Hatte er nicht den Dienst auf der Küste, und nach 1815 als der Friede mit England unterzeichnet war wurde sein Geschäft minder beschwerlich, – hatte er nicht den Dienst auf der Küste, so trug er Sorge für die Kinder, und nie sorgte eine Kammerfrau oder die Gouvernante von vornehmen Hause besser für Fürstenkinder.

Die Kinder waren immer gleich gekleidet; ihre Tracht hatte etwas Milltärisches; sie trugen Seemannsjacken mit einer doppelten Reihe von runden Knöpfen, wie sie die Husaren haben, dunkelfarbige Beinkleider und Holzschuhe im Winter, weiße Beinkleider und Halbstiefel im Sommer.

Nur waren die Holzschuhe von einer besonderen Zierlichkeit, welche den Kindern ungemein schmeichelte, weil sie dieselben von ihren Kameraden unterschied; das Vordertheil war oben mit einem Stücke Leder, alten Stiefelschäften entlehnt, bedeckt und mit englischer Wichse glänzend gemacht. Es versteht sich, daß der alte Grenadier seine Wichse selbst bereitete und sie aus ihm bekannten Ingredienzien, Wohlthätern und Freunden des Leders, das sie erhielten und weich machten, zusammensetzte.

Alle Jahre um Ostern legten die Kinder die Holzschuhe ab und bekamen dafür ein Paar neue lederne Halbstiefel.

Diese Schuhe mußten bis zum Winter halten.

Wie war aber auch der Vater besorgt für diese Jacken mit den messingenen Knöpfen, für diese Holzschuhe mit ledernem Besatze, für diese an Ostern neue Halbstiefel, welche an Allerheiligen abgetragen, aber immer noch glänzend waren.

Jeden Morgen war er vor Tagesanbruch auf, Jacken und Beinkleider, Holzschuhe oder Halbstiefel wurden aus dem Hause getragen, Schuhe oder Halbstiefel gewichst, Beinkleider und Jacken gebürstet. Knöpfe mit der größten Geduld polirt.

Alles das glänzte in der aufgehenden Sonne. Dann ließ man die Kinder ausstehen. Im Winter wie im Sommer setzte man sie ins kalte Wasser, und mit rother Haut im Winter, mit weißer im Sommer schlüpften sie in ihre Kleider.

Gehen wir nun vom Hauptbewohner zum Hause über.

Das Haus verdient wohl eine besondere Erwähnung.

Das wird ein Gemälde von Gerhard Dow oder Mieris sein, welches, wie wir hoffen, geduldig auf einen Stich von Tallot warten macht.




II



Das Haus des Vaters

Das Innere des Hauses bestand aus einer großen Stube und einem Cabinet.

Diese Stube wurde durch einen ungeheuren Kamin geheizt.

Dieser Kamin war geschmückt mit einer Pendeluhr mit einer Zwiebel in der Mitte; auf jeder Seite dieser Pendeluhr, und die Augen auf sie geheftet, bockten zwei Löwen von Tannenholz mit krausen Mähnen, Troddelschweifen, und einen angenehmen Harzgeruch um sich her verbreitend. Ein wenig davon entfernt, – die Pendeluhr war immer der Mittelpunkt dieser Schmückung, – erhoben sich zwei messingene Leuchter, glänzend wie Spiegel, und in diesen Leuchtern waren zwei Kerzen, welche nur ein einziges Mal angezündet gesehen zu haben das Kind sich erinnert; wir werden sagen, bei welcher Veranlassung. Die Garnitur wurde vervollständigt durch eine Flasche und eine kleine chinesische Vase.

Alles Feuergeräth war von Eisen und glänzte wie der Lauf des Carabiners und der Pistolen des Vaters; das Feuergitter war ein Viertelsreif der einst als Beschläge an einem Rade gedient hatte; der Schlosser hatte ihn in der Schmiede neu bearbeitet, die Löcher durch Hammerschläge verstopft, und ihn, seine gewölbte Form beibehaltend, damit er allein stehen konnte, polirt.

Ein ungeheures Bett von Eichenholz hob sich, von der Thürschwelle aus, in der Perspective gesehen, mit seinen grünen Sarschevorhängen von einer Wand ab, welche nie mit einer Tapete bedeckt gewesen und nur mit Sand und Kalk getüncht war. Von Zeit zu Zeit zog eine kleine Muschel, ein Ueberrest von einer erloschenen Welt, die einst diesen Sand bewohnt hatte, das Auge der Kinder an, und diese belustigten sich damit, daß sie dieselbe mit der Spitze eines Messers aus der Wand ausgruben und vertilgten.

In der andern Ecke, parallel mit dem großen Bette, war das schmälere und besonders kürzere Bett der zwei Kinder, welche beisammen schliefen.

Ein großer Tisch von massivem Mahagoniholz stand mitten in der Stube; er war umgeben von Strohstühlen mit blau-grau angemaltem Gestell. Zwölf Stühle waren unveränderlich aufgestellt: drei um den Tisch; sieben längs der Wand, einer vor einem Secretär, an welchem der Vater seine Berichte schrieb, und einer beim Kamin, einem hölzernen Bänkchen gegenüber.

Wurden diese Stühle aus irgend einem Grunde, wegen eines Besuches, eines Frühstücks, eines Mittagsmahles oder einer einfachen Erfrischung, verrückt und der Grund war verschwunden, so nahmen die Stühle unveränderlich wieder den gewohnten Posten ein, und man hätte glauben sollen, sie kehren, wie in den Zauberstücken, von selbst an ihren Platz zurück.

Vier Rahmen von schwarzem Holze, welche vier Stiche, die Vier Jahreszeiten vorstellend, enthielten,« bildeten die artistische Zierrat der vier Wände.

Die militärische Zierath bildete eine Trophäe aus dem Carabiner, den Pistolen und dem Säbel des Vaters bestehend.

Ein großer eichener Schrank vervollständigte das Mobiliar.

Als die Mutter gestorben war, – ihr Tod mußte sich im Jahre 1811 ereignen, – als die Mutter gestorben war und der Vater den Dienst auf der Küste bekam, schloß man das Haus, und die zwei Kinder wurden in Pension zu zwei Demoiselles gegeben, welche eine Schule in Caen hatten: man nannte sie Mademoiselle Meulan und Mademoiselle Poupinette.

Die zwei Kinder, welche hinzukamen, schliefen in einem Zimmer mit den zwei alten Jungfern.

Doch, wie gesagt, diese Abwesenheiten hörten mit dem Kaiserreiche auf. Der Friede erlaubte den Küsten, sich ganz allein zu bewachen, oder wenigstens, sich mit ihren gewöhnlichen Wachen zu begnügen, und die längsten Dienstrunden dauerten nur vierundzwanzig, achtundvierzig, höchstens zweiundsiebzig Stunden.

Während dieser Stunden brachten die Kinder den ganzen Tag bei den zwei Schullehrerinnen zu: aber man führte sie am Abend zurück, und sie schliefen in dem großen Bette, was ein Fest für sie war.

Oft kam der Vater bei Nacht nach Hauses doch halb vermöge des guten Schlafes, der der Wiederherstellungsengel der Kräfte der Kindheit ist, halb vermöge der Vorsichtsmaßregeln, die der alte Soldat, zärtlich wie eine Mutter, nahm, um seine zwei Söhne nicht aufzuwecken, bemerkten diese die Rückkehr des Vaters erst am andern Morgen, wenn sie auf dem Boden die kothige Verlassenschaft des Douanier sahen; auf dem Mahagonitische gewahrten sie seinen Säbel, seinen Carabiner, seine Pistolen, und im Bette der Kinder den Douanier selbst, dessen auf einen Stuhl gelegten Beine um anderthalb Fuß über die Matratze hinausgingen und ihnen durch die Vergleichung noch viel größer schienen.

Und dann erhoben sich die Kinder halb nackt, stiegen geräuschlos aus dem großen Bette, näherten sich dem kleinen und betrachteten mit großen Augen den republikanischen Riesen, erstaunt, wie jene Bauern von Virgil beim Anblick der gewaltigen Knochen, die die Pflugschaar aus den fruchtbaren Ebenen zog, welche Schlachtfelder gewesen waren.

Der Vater war für sich selbst indevot: er nannte die Priester Pfaffen und die Mysterien der Religion Albernheiten. Er fing indessen zuweilen in die militärische Messe und schickte regelmäßig die Kinder zum Hochamt. Die Kinder verfehlten nicht, ein Stück geweihtes Brod daraus zurückzubringen. Der Vater legte sodann seine Pfeife aus den Mahagonitisch oder auf den Secretär, nahm das Brod zart zwischen den Zeigefinger und den Daumen der rechten Hand, zog mit der linken Hand seine Polizeimütze oder seinen Hut ab, machte das Zeichen des Kreuzes mit dem geweihten Brode. Schob es in seinen Mund und verschluckte es, indem er es so wenig als möglich zermalmte.

Alles dies geschah in drei Tempi auf militärische Weise.

Doch schon waren die Kinder herangewachsen und aus den Händen der zwei alten Jungfern in die eines ehemaligen Unterofficiers übergegangen, der, da er die Tochter eines Professors geheirathet, eine Schule gegründet hatte, wo der Schwiegervater das Lateinische und das Französische lehrte, während der Schwiegersohn Lectionen in der Geographie und in der Mathematik gab.

An den Abenden, wo der Vater nicht im Dienste war, gingen Vater und Kinder um acht Uhr im Winter und um neun Uhr im Sommer zu Bette, und Alles schlief bis zum Tage, der gewöhnlich mit seinem ersten Strahle die Augen von Jedermann wieder öffnete.

An den Tagen oder vielmehr in den Nächten, wo der Vater wachte, machten ihm gewöhnlich die Kinder einen Besuch in der Wachstube, welche am Ufer des Flusses lag.

Um zehn Uhr, manchmal um elf Uhr, – und sogar um Mitternacht, aus besonderer Gnade und wenn die Douaniers, die Kameraden des Vaters, sich an dem Geplauder der zwei Kinder belustigten, – schickte man sie zum Schlafengehen nach dem Hause, dessen Schlüssel man ihnen anvertraute unter der Bedingung, daß sie weder Feuer, noch Licht anzünden würden.

Die Kinder entfernten sich sodann, jedoch mit einem sichtbaren Widerwillen; sie baten, in der Wachstube bleiben und aus dem Feldbette schlafen zu dürfen, eine Bitte, die ihnen unbarmherzig abgeschlagen wurde.

Der Vater führte sie bis zur Thüre zurück und sagte zu ihnen: »Geht!« Die Kinder gingen, ohne das weiter zu widerstreben wagten, und der Vater schloß die Thüre hinter ihnen.

Sie marschirten Anfangs sachte, flüsterten leise, und suchten in den dunklen, nebeligen Nächten eine unentschiedene Form, die sich am Himmel zeichnete, – in den vom Monde erleuchteten Nächten, hatten sie nicht nöthig, etwas zu suchen, – diese Form hob sich kräftig oder klar, je nachdem sie im Schatten oder im Lichte war, vom gestirnten Azur des Firmamentes ab.

Diese Form war die eines hohen Thurms, und es geschah zuweilen, daß die zwei Fenster seiner Spitze, von einem röthlichen Feuer erleuchtet, wie Wehrwolfsaugen glänzten

Die Kinder waren genöthigt, am Fuße dieses Thurmes vorbeizugehen.

Wenn sie nur noch zwanzig Schritte vom Granitriesen, der in der Dunkelheit mit der Majestät der unbeweglichen Dinge emporragte, entfernt waren, nahmen sie sich bei der Hand und liefen, ohne ein Wort, ohne ein anderes Geräusch, als das, welchen ihrer keuchenden Brust entschlüpfte, unaufhaltsam bis sie am Hause angekommen waren. Hier erst blieben sie stehen; derjenige welcher den Schlüssel hatte, steckte ihn mit einer zitternden Hand ins Schloß, der Schlüssel drehte sich den Riegel ergreifend, die Thüre öffnete sich, die Knaben traten rasch ein, und der Muthigere, das heißt der Aeltere schloß die Thüre wieder.

Dann kleidete man sich rasch aus, man legte sich in einem Nu zu Bette, man schwatzte noch einen Augenblick leise; bald aber erlosch das Geplauder und es Folgte darauf ein doppeltes Athmen, sanft und rein, wie das von zwei entschlummerten Tauben.

Warum machte nun dieser Thurm den Kindern so sehr bange? Was hatte dieser Thurm Erschrecklicheres, als jeden andere Gebäude? Woher kam es, daß die zwei Kinder, welche doch sonst nicht furchtsam waren, so stark zitterten und so schnell liefen, wenn sie am Fuße dieses Thurmes vorbeigehen mußten?

Wir wollen es sagen.

Dieser Thurm hieß der Thurm des Amphiteaters; in diesem Thurme versammelten sich, um die Todten der Hospitäler von Caen zu seciren, die Studenten der Medicin. Die Tradition versicherte, diese glühenden Schüler der Wissenschaft studiren nicht nur in anima vili, sondern es liefern ihnen auch Entheiliger der Kirchhöfe Todte, die an Krankheiten verschieden, welche aristokratischer als die, die den Armen zu treffen pflegen und in den Hospitälern herrschen.

Die zwei glänzenden Augen des Thurmes waren entflammt durch das innere Licht, bei dessen Helle die Studenten arbeiteten.

Die schwarzen, krächzenden Raben, die sich vom Morgen bis zum Abend in einem unheimlichen Wirbel um die Spitze des Thurmes drehten, was suchten sie hier? was forderten sie mit heftigem Geschrei, wenn man sie warten ließ? Die Fetzen Menschenfleisch, die ihnen so reichlich Nahrung lieferten, daß sie, wenn sie ihre Tafel auf der Spitze des Thurmes halten, ihr Futter nicht anderswo zu suchen brauchten.

Das war es, was den Kindern bange machte, wenn sie am Fuße dieses Thurmes vorüberkamen; das ließ sie bleicher werden; das machte reichlicher den Schweiß von ihren eiskalten Stirnen fließen, besonders wenn sie auf ihren Wege einem verspäteten Arbeiter begegneten, der eine Last trug; denn sie hielten diesen Arbeiter für einen Todtendieb! denn sie hielten diese Last für eine Leiche!

Ein Lied der Leute vom Hafen, ein Lied so häßlich, so erschrecklich als die Sache, auf die es sich bezog, bestätigte die Tradition und erhob sie zum Range der Legende

Dieses Lied heißt:

		C’est à l’Amphitéâtre
		Qu’y a des écorheux,
		Tant mieux!

		Qu’ecochent les bell’ dames
		Ainsi que les beaux messieux,
		Tant mieux![1 - Im Amphitheater gibt es Schinder, desto besser!welche die schönen Damen schinden, sowie die schönen Herren, desto besser!]

Wie der Vater Tag und Nacht die Marsellaise trällerte, so erwachte dieses unglückliche Lied der Ecorcheux mit dem Schimmer der ersten Sterne im Geiste der Kinder, die es, wenn sie es nicht trällerten, wenigstens beständig im Gedächtniß gegenwärtig hatten.

Der Aeltere von den Knaben hatte indessen sein zwölftes Jahr erreicht und der Jüngere sollte sein zehntes erreichen, als dieser eines Abends sich über heftiges Kopfweh beklagte und sich früher als gewöhnlich zu Bette legte.

Man hielt dieses Kopfweh für eine Unpäßlichkeit ohne Folge, und man schenkte diesem Umstande keine große Aufmerksamkeit.

Am andern Tage wollte Adolphe aufstehen: man ließ ihn gewähren; doch er konnte nur eine Stunde aufbleiben.

Nach einer Stunde ging er ganz schwankend wieder zu Bette. Fünf Minuten nachher klapperten seine Zähne; er hatte das Fieber. In der darauf folgenden Nacht sang er das Lied der Ecorcheux. Er hatte das Delirium.

Man ließ den Arzt kommen. Der Knabe war von einer Hirnentzündung befallen.

Was auch der Mann der Wissenschaft that, es war zu spät. Am fünften Tage der Krankheit erklärte er dem Vater, jede Hoffnung, das Kind zu retten, sei verloren.

Der Vater beugte unter diesem Worte einen Kopf, der sich nie unter dem Pfeifen der Kugeln gebeugt hatte, wischte eine Thräne ab, die einzige, die ihn der kleine Etienne hatte vergießen sehen, wandte sich gegen die Frau um, welche die zwei Kinder an das Bett ihrer Mutter in jener Nacht gestellt, wo die Mutter selbst das Delirium gehabt hatte, und sagte:

»Holt den Priester.«

Die Frau ging hinaus.

Eine Stunde nachher ertönte das Glöckchen der letzten Oelung in der Rue des Carmes, die Thüre der großen Stube öffnete sich und entblößte das kleine Bett der Kinder, beleuchtet durch die zwei jungfräulichen Kerzen vom Kantine, welche die eine am Haupte, die andere am Fuße des Bettes in ihren großen messingenen Leuchtern, von denen jeder auf einem Stuhle stand, brannten.

Es war Abends neun Uhr; das Fieber hatte das Kind verlassen und dieses schien eingeschlafen zu sein.

Der Priester trat ein, gefolgt von zwei Chorknaben, welche Kerzen trugen, und vom Kirchendiener, der das Kreuz trug.

Hinter ihnen ging jener fromme Theil der Einwohnerschaft, der immer bereit ist, seine Gebete ans Bett der Sterbenden zu bringen.

Der Vater nahm seine Mütze ab, als er den Priester, die Chorknaben und den Kirchendiener erblickte, kniete nieder und ließ Etienne an seine Seite knieen.

Die heilige Ceremonie ging in Erfüllung; die Füße und die Stirne des Sterbenden wurden mit dem Chrisam gesalbt; hiernach entfernte sich der Priester, wie er eingetreten war, gefolgt von den Chorknaben und den zwölf bis fünfzehn Gläubigen, welche für das Kind um einen glücklichen und leichten Uebergang von dieser Welt in jene gebetet hatten.

Die Thüre schloß sich wieder hinter dem Letzten von ihnen. Der Vater und der Bruder blieben allein bei dem Sterbenden.

Der Vater stand sodann auf, löschte die zwei Kerzen aus, stellte die Leuchter wieder auf den Kamin an ihren gewöhnlichen Plan, und setzte sich auf das Bänkchen dem Feuer gegenüber, das allein noch die Stube erleuchtete.

Der kleine Etienne setzte sich zu seinem Vater.

Der Vater stützte seine Ellenbogen auf seine Kniee und versenkte seinen Kopf in seine Hände; sein Gesicht war verschleiert wie das von Agamemnon.

Das Kind saß, die Hände auf seinem Schooße ausgestreckt, da.

Der Wiederschein des Herdes beleuchtete diese zwei wie Statuen unbeweglichen Gestalten und spielte zitternd an der Wand gegenüber.

Nur dehnte er sich nicht weit genug aus, um die Finsterniß der Ecke zu zerstreuen, in der das Bett des Kindes stand.

Alles schwieg in der Stube, wo der doppelte Schmerz wachte.

Man fühlte, daß der Tod nicht mehr fern war.

Plötzlich unter dieser unheimlichen Stille, erhob sich ein sanftes, liebkosendes, klares Stimmchen, vom Bette herkommend.

Es war die Stimme des Kindes.

»Vater,« sagte sie mit einem Ausdrucke der Angst, der sich nicht schildern läßt, »sprich, die Schinder vom Amphitheater, welche die schönen Herren und die schönen Damen schinden, schinden sie auch die kleinen Knaben wie mich?«

Etienne schauerte und fing an zu weinen.

Der Vater stand auf, und die Hand an der Kehle, als hätte er eine unsichtbare Zange davon entfernen wollen, sank er auf das Bett des Kindes und erwiederte:

»Nein, nein, mein Kind, sei ruhig! überdies wache ich über Dich.«

»Ich danke, Vater,« sagte die sanfte Stimme des Kindes.

Das waren die letzten Worte, die Etienne seinen Bruder sprechen hörte.

Eine Stunde nachher fing der Sterbende an zu röcheln.

»Geh zur Tante,« sagte zu Etienne der Vater der nicht wollte, daß er Zeuge vom Todeskampfe und vom Tode seines Bruders sein sollte.

Das Kind gehorchte, ohne ein Wort zu erwiedern.

Zum Glück brauchte man, um zur Tante zu gehen, nicht am Fuße des Thurmes zu passiren.

Nach dem, was Etienne seinen Bruder hatte sagen hören, würde er eher die Nacht auf der Thürschwelle zugebracht, als dem Granitriesen getrotzt haben.

Er lief zu seiner Tante und erzählte- was vorgefallen war.

Der Vater war beim Kinde geblieben.

Gott allein wohnte als Dritter dem Todeskampfe bei.

Um andern Tage, gegen Mittag, wurde die Thüre der Tante geöffnet.

Der Vater erschien auf der Schwelle.

Er war bleich und stumm.

Er schloß langsam und leise die Thüre; dann setzte er sich immer still, in einen Winkel.

Niemand wagte es, ihn zu fragen.

Endlich wandte sich der kleine Etienne gegen ihn und sagte:

»Vater, wie geht es meinem Bruder?«

»Besser,« antwortete der alte Soldat mit einer Stimme, deren Ausdruck sich nicht beschreiben läßt.

Das Kind war todt.

Am zweiten Tage fand die Beerdigung auf einem kleinen äußeren Friedhofe statt, der viel mehr zur Bannmeile, als zur Stadt selbst gehörte

Es waren wenig Leute da. Der Vater, der Bruder, die Tante und drei bis vier gute Seelen, deren Gebete sich allen Schmerzen weihen, sodann die Douauiers, die Kameraden des Vaters.

Die Priester, die zwei Chorknaben und der Kirchendiener, welche zwei Tage vorher dem Kinde die letzte Oelung gebracht hatten, gingen an der Spitze des Zuges.

Man weiß, mit welcher Geschwindigkeit die Gebete auf dem Grabe der armen Leute gesprochen werden.

Der Priester sprach diese Gebete, sprengte mit dem Wedel ein paar Tropfen Weihwasser auf den Sarg, gab den Wedel den Umstehenden und entfernte sich mit den Chorknaben und dem Kirchendiener.

Die Anwesenden defilirten längs dem Grabe, reichten sich nach und nach den Wedel und schüttelten ihn Einer nach dem Andern.

Gegen die Gewohnheit blieb der Vater bis zuletzt.

Der kleine Etienne wollte bei ihm bleiben; doch der Vater sagte ein paar Worte leise zu einem Douanier, und dieser führte ihn fort.

Es war auf dem Friedhofe nur noch der in die Tiefe des Grabes gelegte Leichnam und auf beiden Seiten des Loches der Vater und der Todtengräber.

Der Todtengräber schickte sich an, die erste Schaufel voll Erde auf den Sarg rollen zu lassen.

Der Vater hielt ihn zurück.

»Was gibt es?« fragte der Todtengräber.

»Es ist eine letzte Vorsichtsmaßregel zu treffen.«

»Welche?«

»Steige ins Grab hinab, hebe den Deckel vom Sarge auf.«

»Aber, Herr . . .«

»Thu, was ich Dir sage.«

Der Todtengräber glaubte, dieser Vater, der seine Frau und sein Kind verloren, wolle sein Kind zum letzten Male sehen.

Er stieg ins Grab hinab, hob den Deckel vom Sarge auf und schob das Leichentuch auf die Seite.

Das Kind war weiß wie Alabaster.

»Oeffne nun die Brust des Kindes mit Deinem Messer.«

Der Todtengräber schaute ganz erschrocken empor.

»Thu, was ich Dir sage,« wiederholte der Vater mit einem immer mehr gebieterischen Tone.

Der Todtengräber gehorchte. Eine lange Wunde war bald vom Brustbein bis zum Nabel geöffnet.

»Nun?« fragte der Todtengräber.

»Nun,« erwiederte der Vater, indem er eine Flasche aus jeder von seinen Taschen zog, »nun leere in die Brust diese zwei Flaschen Vitriol. Ich habe keine Lust, den Körper meines Sohnes von den Leichendieben, um ihn an die Schinder zu verkaufen, stehlen zu lassen.«

Der Todtengräber nahm die zwei Flaschen und leerte sie in die Brust des Kindes; er überließ es sodann der ätzenden Flüssigkeit, ihr Zerstörungswerk zu vollbringen, und schickte sich an, das Grab zu füllen.

Doch der Vater hielt schon den Spaten, schob den Todtengräber mit der Hand zurück und sagte:

»Das ist meine Sache.«

Und er füllte das Grab, auf dem er herumtrat, bis es zum Niveau des Bodens geebnet war.

Sodann entfernte er sich mit gesenktem Kopfe und die Arme gekreuzt, ohne ein Wort zu sagen.«

Einen Monat lang wachten die Douaniers der Brigade der Reihe nach auf dem Friedhofe, ans Furcht, die Leichendiebe könnten den Leib des Kindes stehlen, um ihn an die Schinder zu verkaufen.




III



Die Erziehung des kleinen Etienne. – Die Zeichenclasse. – Die Bildnerschule – Ein erster Preis. – Väterliche Belohnung. – Die Reiter. – Die Gaukler

>Ohne daß der Vater eine Klage von sich gab, ohne daß er eine Thräne vergoß, ohne daß sich etwas in seinem Leben geändert zu haben schien, war sein Schmerz so tief daß sich der kleine Etienne vorstellte, sein Vater wolle sich tödten; er schloß sich deshalb seinen Schritten an, folgte ihm überall, wohin er ging, und verließ ihn eben so wenig, als sein Schatten.

Er wußte nicht, daß sich ein Vater nicht den Tod gibt, so lange ihm ein Kind bleibt, dem er das Leben gegeben hat.

Erst nach sechs Wochen oder zwei Monaten beruhigte sich das Kind allmälig.

Uebrigens sprach der Vater nie von dem Abwesenden. Man würde geglaubt haben, es sei ihm nur ein einziger Sohn geboren worden, hätten sich nicht von Zeit zu Zeit seine Augen mit einem tiefen Schmerz auf das Bett, wo der kleine Adolphe den letzten Seufzer ausgehaucht, geheftet.

Doch nach und nach nahm Alles im Hause wieder den gewöhnlichen Gang an, und der kleine Etienne stellte sich vor, sein Vater fange an zu vergessen, weil er selbst vergaß.

Im folgenden Jahre war das Gras auf dem Grade gewachsen. Und welches Auge, das eines Vaters und einer Mutter ausgenommen, weiß, was unter dem Grase eines Grabes ist?

Etienne war allerdings allein geblieben; doch mit der Einsamkeit war bei ihm der Geschmack für das Lesen gekommen. Während der langen Abende des Winters von 1821 auf 1822 blieb er zu Hause und las entweder die Romane mit blauen Decken, die Jeden von uns an die ersten Tage unserer Jugend erinnern, oder die Reiseerzählungen, die man hätte belustigend machen können mit der Hälfte des Talents, das man gebraucht hat, um sie langweilig zu machen; Diese Erzählungen von Fahrten nach den neuen Welttheilen gaben ihm den Gedanken ein, Seemann zu werden; da aber die erste Bedingung, welche die Natur für das Gewerbe eines Seemanns stellt, die ist, daß er das Meer ertragen kann, so beschloß man, Etienne sollte bei der ersten Fahrt sein, die sein Vater mit dem Wachschiffe machen würde.

Von dem Augenblick, wo das Wachschiff den Fluß verließ, bis zur Minute, wo es in denselben zurückkehrte, erbrach sich der zukünftige Seemann unablässig.

Der Vater, dem es ziemlich anstand, daß der kleine Etienne Seemann würde, hielt sich nicht für geschlagen in der Person seines Sohnes. Man machte einen zweiten Versuch, doch der zweite Versuch war noch unglücklicher, als der erste. Das erste Mal hatte sich das Kind nur bis zur Galle erbrochen; das zweite Mal erbrach es sich bis zum Blute.

Diesmal beschloß man, etwas Anderes zu suchen.

Doch es war schwierig, etwas Anderes zu finden.

Die Erzählungen des Vaters, so kurz sie waren, die Reiseberichte von Laharpe, so wenig anziehend sie sind, hatten in den Geist des Kindes einen wahren Beruf für die herumschweifende Lebensart infiltrirt.

Man schlug seinem Vater vor, ihn Soldat werden zu lassen.

Er schüttelte den Kopf.

Er war der Meinung, es sei erlaubt, Soldat zu werden, wenn Krieg stattfinde: der einzige Reiz des Soldatenlebens sei die Gefahr, getödtet zu werden; in Friedenszeiten aber sei der Soldatenstand seiner Ansicht nach der letzte der Stände.

Es gab einen Stand, der den Knaben noch viel mehr anlockte, als der des Seemanns oder des Soldaten: das war der Gauklerstand.

Ah! wir müssen es sagen. der ganze Ehrgeiz des kleinen Etienne mit vierzehn Jahren war, in einem rothen Rocke die Trommel vor dem Eingange einer Bude zu schlagen, oder im Innern auf dem Seile zu tanzen oder den großen Sprung zu machen.

Der Kunstreiterstand lockte ihn auch sehr an. Es war äußerst verführerisch, den Damen Küsse zusendend auf einem Pferde zu stehen, oder durch Papierreife zu springen, um jenseits derselben mit beiden Knieen auf den Sattel zu fallen.

Mehr als Alles dies aber hätte der Knabe gewünscht, Schauspieler auf einem wahren Theater zu werden. Nur schien ihm dieser Ehrgeiz zu den übermenschlichen Aspirationen zu gehören.

Bon diesen mächtigen Hinneigungen zur Zigeunerei wagte man es indessen nicht dem Vater etwas zu sagen.

Dabei hatte der Knabe eine Art von Laufbahn begonnen, gegen welche er durchaus keinen Widerwillen hegte, obgleich sie in seiner Schätzung nach der des Seiltänzers, des Kunstreiters ’oder des Schauspielers kam.

Er hatte in der Zeichenschule der Stadt zu zeichnen angefangen.

Der Gedanke, ihn in diese Schule zu geben, war dem Vater also gekommen:

In dem Jahre, das auf den Tod des kleinen Adolphe folgte, bewohnte man im Sommer eine Baracke am Ufer des Meeres. Der Douanelieutenant hatte eine ungeheure Tabacksdose, auf deren Deckel ein kleines Bild: der Grenadier von Waterloo angebracht war.

Alle Männer meines Alters erinnern sich von 1820 bis 1825 an allen Schaufenstern der Bilderhändler eine Lithographie gesehen zu haben, die einen Grenadier vorstellte, der seine Fahne auf seiner Brust hielt und, einen Säbel über ihm ausstreckend, einen am Kopf verwundeten Kameraden vertheidigte, welcher ihn mit beiden Armen umschlang.

Dies nannte man den Grenadier von Waterloo.

Der Lieutenant war so glücklich, auf seiner Tabacksdose eine Verjüngung von diesem Bilde zu besitzen.

Der kleine Etienne mühte sich dergestalt bald mit einem Bleistift, bald mit einer Feder ab, daß es ihm gelang, etwas zu machen, was einer Copie des Grenadiers von Waterloo glich.

»Man muß diesen Burschen in die Zeichenschule der Stadt schicken,« sagte der Lieutenant; »er hat die schönsten Anlagen.«

Und bei seiner Rückkehr nach der Rue des Carmes wurde dieser Rath vom Vater befolgt.

Doch trotz der Prophezeiung des Lieutenants, trotz des guten Willens von Seiten des Jünglings, machte dieser keine Fortschritte.

Er blieb ganze Stunden vor Nasen, Augen und Ohren, welche zehnmal größer, als in der Natur, und seine Nasen waren immer die buckeligsten, seine Ohren immer die ungestaltetsten, seine Augen die schielendsten der ganzen Classe.

Die Knaben arbeiteten am Abend, denn man durfte sie nicht den Geschäften entziehen, die sie am Tage trieben: sie saßen in zwei Reihen, beleuchtet durch zweiarmige Lampen, welche über ihrem Kopfe hingen. Ueberdies hatte Jeder ein mit einem Schirme bedecktes Licht, nach der Art derjenigen, welche die Orangenhändler auf dem Boulevard haben.

Nach einer halben Stunde, die sie dazu anwandten, daß sie ihr Papier mit Kreide schwärzten und mit Brodkrume wieder weiß machten, trat der Professor ein.

Der Professor hieß Herr Elouis.

Er trat mit einer würdevollen Miene, den Handleuchter in der Faust, die Brille auf der Nase, ein, blieb vor dem Pulte jedes Zöglings stehen und machte laut keine Betrachtungen.

Für den jungen Etienne aber, dessen Hände immer die schwärzesten waren, dessen Papier immer am fettesten aussah, hatte er nur drei Ausrufungen, immer dieselben und in der vom Schmerze zur Verzweiflung aufsteigenden Tonleiter gesetzt.

Ah! mein Herr! Ah! mein Herr!! ah! Mein Herr!!!«

Und er ging weiter.

Diese drei Ausrufungen ermuthigten den Knaben ganz und gar nicht.

Er blieb indessen bis zum Ende des Jahres in der Zeichenclasse.

Um seinen Tag nützlich zu verwenden und ihn eine Arbeit zu lehren, schickte man ihn zu einem Bildschnitzer.

Dieser Bildschnitzer machte hauptsächlich für die Tischler jene großen Schränke mit Tauben, welche die Bürger und die reichen Leute der Normandie ihren Kindern, wenn sie dieselben verheirathen, als Symbole der Zärtlichkeit und der Einigkeit geben.

Der Knabe griff ziemlich gut bei der Bildschnitzerei an.

In Folge hiervon, da es zwei Curse gab, einen für die Sculptur, einen für das Zeichnen, ließ man am Neujahr den kleinen Etienne vom Zeichnen zur Bildnerei übergehen.

Dieser Bildnercursus wurde von einem Italiener geleitet, einem Manne von vierzig bis fünf und vierzig Jahren, der sehr schön und besonders voll artistischer Würde: er trug den Kopf hoch und schüttelte von Zeit zu Zeit herrliche Haare; in seinen ganzen Wesen war etwas Großartiges, Poetisches, wie bei Francois Arago im Mannesalter.

Er war zugleich Bildner, Zeichner, Architekt und Musiker und hieß Odelli.

Er war nach Caen gekommen, um eine Kapelle der Jungfrau geweiht bei der St. Peterskirche auszuführen. Als die Kapelle vollendet war, machte ihm der Municipalrath den Antrag, in Caen als Professor der Sculptur und Architektur der Stadt zu bleiben.

Er nahm dies an.

Herr Odelli leitete also den Bildnercursus parallel mit Herrn Elouis, der den Zeichencursus leitete.

Wir sagen parallel, weil die zwei Säle parallel waren.

Am l. October 1823 erschien also der kleine Etienne in der Classe von Herrn Odelli.

»Woher kommen Sie?« fragte ihn dieser.

»Von Hause, mein Herr,« antwortete Etienne.

Der Herr Odelli lächelte.

»Das meine ich nicht; ich frage, ob Sie schon studirt haben.«

»Ich habe acht Mal den Zeichenunterricht von Herrn Elouis mitgemacht.«

»Kommen Sie mit mir.« »

Der Italiener führte den Knaben in ein Cabinet, wo die Cartons von Modellen waren, gab ihm einen Stich, der ein Bruchstück von einem antiken Capitäl vorstellte, und fragte:

»Fühlen Sie sich fähig, dies zu machen?«

»Ja, mein Herr,« antwortete entschlossen der Knabe.

»So kommen Sie morgen und nehmen Sie hier einen Platz.«

Und der Professor bezeichnete dem Knaben einen Tisch und einen Stuhl.

Ohne Zweifel wollte er, daß sein neuer Zögling seine Arbeit in der Einsamkeit ausführe, damit er, wenn Niemand da wäre, um ihn mit dem Bleistifte oder einem Rathe zu unterstützen, besser den Werth seiner Composition beurtheilen könnte.

Am andern Tage kam der kleine Etienne vor der bestimmten Stunde; sobald er aber dem Bilde gegenüber saß und in den Kampf mit der Schwierigkeit trat, fühlte er den Schweiß zu seiner Stirne steigen: er war vollkommen unfähig.

Zum Glück war er allein.

Da er die Zeichnung nicht copiren konnte, so machte er einen Abdruck davon.

Kaum hatte er diese Arbeit vollendet und gewisse Theile daran zu schattiren angefangen, als er die Thüre öffnen und wieder schließen hörte.

Er wagte es nicht, den Kopf zu drehen.

Tritte näherten sich ihm.

Er verhielt sich still.

Eine Hand legte sich aus seine Schulter.

Er wartete.

»Das ist sehr gut, mein Freund,« sprach die Stimme von Herrn Odelli, »vortrefflich im Gefühle!« »Komm Sie, ich will Ihnen etwas Anderes geben.«

Der Knabe fing nun erst an zu athmen.

Herr Odelli beschäftigte sich von diesem Augenblicke an ganz besonders mit dem kleinen Etienne. Und trotz der häufigen Schwänzereien des Knaben, trotz seiner Besuche bei den Seilentänzern an der Ostermesse, wurde er für den ersten Preis bestimmt.

Die Austheilung der Zeichen- und Sculpturpreise ist eine große Feierlichkeit in einer Provinzstadt. Der Maire ist da, der Municipalrath ist da, die Musik ist da, die Trommeln sind da.

Der Vater war auch da.

Man rief den kleinen Etienne auf.

Er trat vor, dem Weinen nahe, so sehr ergriff diese Feierlichkeit sein ganzes Herz. Der Maire verkündigte seinen Namen und umarmte ihn; der Beifall erscholl; die Musik spielte Où peut-on être mieux; die Trommeln wirbelten.

Der Knabe ging, mit seinem Lorbeerzweige in einer Hand, mit seiner silbernen Medaille in der andern, nach Hause an der Seite seines Vaters; da rief dieser, sich besinnend, plötzlich:

»Gut! und ich habe Herrn Odelli nicht gedankt.«

»Ah! das ist wahr.«

»Gehe nach Hause und erwarte mich.«

Der Knabe zog seines Weges trag der Rue des Carmes und der Vater kehrte nach dem Stadthause zurück.

Es war da dem Vater ein schlimmer Gedanke gekommen.

Herr Odelli wußte ihm Dank für das Gefühl, doch er gestand ihm, nach seinem Gewissen habe der kleine Etienne den Preis nur bekommen, weil kein Stärkerer da gewesen sei; er fügte indessen bei:

»Ah! wenn der kleine Mensch arbeiten wollte. . .«

»Wie!« rief der Vater, »er arbeitet also nicht?«

»Er arbeitet, gewiß, bei Gott« . . . es muß wohl Jedermann arbeiten; doch er könnte mehr arbeiten.«

»Was macht er denn?«

»Ah! fragen Sie das die Reiter vom Circus oder die Seiltänzer vom großen Platze, für die er Costümzeichnungen macht.«

»Sehen Sie, der Bursche! Man hat mir das gesagt . . . Er soll es mir bezahlen!«

»Aber, mein Herr, heute . . .«

»Ah! es gibt kein heute. Zum Glück weiß ich, wo er zu finden ist . . . seien Sie unbesorgt.«

Und der Vater lief nach der Rue des Carmes.

Der Knabe war beschäftigt, seinen Lorbeerzweig zwischen dem Carabiner und den Pistolen seines Vaters durchzuschlingen.

Der Vater kam nach Hause und sah denjenigen, welchen er suchte, auf einem Gerüste hockend, das er sich aus dem Mahagonitische und einem Stuhle gemacht hatte.

Er nahm sein Lineal, das er hinter seinem Rücken verbarg, und näherte sich dem Tische.

Doch der Knabe hatte gesehen, was er gemacht, und zwar nicht ohne Bangigkeit.

»Vater.« sagte der Knabe, »siehst Du wo ich meinen Lorbeerkranz angebracht habe?«

»Seht gut. Steige herab.«

»Wozu?«

»Du wirft es erfahren, wenn Du auf dem Boden bist.«

»Aber, Vater . . .«

»Steige herab.«

»Aber, Vater . . .«

»Wirst Du herabsteigen!«

»Hier bin ich, Vater.«

Der Vater packte ihn beim Kragen seiner Jacke, schlug ihn mit dem Lineal auf die fleischigen Theile und rief:

»Ha! Kerlchen!«

»Aber, Vater, ich habe den großen Preis bekommen! . . . Aie!«

»Ha! Faulenzer!«

»Aber, Vater, ich habe den großen Preis bekommen . . . Aie! aie!«

»Ich will Dich Deine Zeit mit den Reitern verlieren lehren!«

»Aber, Vater, da ich den großen Preis bekommen habe . . . Aie! Aie! aie!«

In demselben Augenblick hörte man, als sollte sie diese Ausrufungen im Tenor begleiten, eine Trommel rasseln.

Dann rief eine Baßstimme:

» . . . Um die Ehre zu haben, Herrn Etienne zu begrüßen, der den ersten Sculpturpreis der Stadt Caen erhalten hat.

Rantamplan. – rantamplan, – rantamplan.

Der junge Belorbeerte vergaß nie dieses Ständchen und die seltsame Position, in der er sich befand, als es ihm gegeben wurde.

Er hegte indessen keinen Groll gegen Herrn Odelli.

Wie der Vater, wenn er eine Correction in der Art derjenigen, welche der Belorbeerte empfangen, ertheilte, bei jeder Erneuerung: »Es ist für Dein Wohl, für Dein Wohl, für Dein Wohl!« zu wiederholen pflegte, so hatte das Kind die Gewohnheit angenommen, dieselben Worte zu wiederholen; und es besaß ein solches Vertrauen zu der Correctiven Gerechtigkeit seines Vaters, daß es, wenn die Gevatterinnen zu ihm sagten: »Nun! Dein Vater hat Dich geschlagen, Etienne?« nur antwortete:

»Es ist für mein Wohl!«

Die Prügelsuppe trug ihre Früchte: der Knabe ging mit größerem Eifer zur Arbeit. Es kam die Ostermesse.

Sie kehrte alle Jahre wieder, und sie währte vierzehn Tage officiell und vierzehn weitere Tage geduldet.

Zum Unglück hatte der Vater den außerordentlichen Dienst.

Welch eine schöne Gelegenheit, um als Kunstreiter oder als Seiltänzer zu debutiren!

Der junge Mann fing mit der Equitation an.

Etienne erreichte eben das sechzehnte Jahr: er war schon groß wie Vater und Mutter, zu groß für die stehende Arbeit.

Man verwandte ihn beim Voltigiren.

Während er nun über ein Pferd zu springen versuchte, hing sich sein Fuß am Kreuze an, und er fiel auf der andern Seite auf den platten Bauch.

Dieser einzige Sturz genügte, um den jungen Reiter von der Equitation zu heilen, wie eine einzige Fahrt auf dem Wachschiffe genügt hatte, um den Seemann vom Meere zu curiren.

Er ging in die Bude nebenan.

Sie gehörte dem großen Gringalet von Rouen, das heißt, einer der Provinzcelebritäten jener Zeit.

Drei Tage hinter einander figurirte er in einer Pantomime als Brautdiener. Er beseitigte die Blumengewinde am Hause der Braut.

Alles dies brachte ihn ein wenig von der Sculpturschule ab.

»Was Teufels machen Sie denn mit Ihrer Zeit?« fragte Herr Odelli.

»Mein Herr,« erwiederte der Komödienlehrling, »mein Meister beschäftigt mich damit, daß er mich Arbeit ausfragen läßt.«

»Ah!«

Eines Tags wiederholte Herr Odelli zum zehnten Male dieselbe Frage, und zum zehnten als erhielt er dieselbe Antwort.

»Nun! Wohl!« sagte der Professor, der vielleicht etwas vermuthete und zu seinem Schmerz einen Zögling voller Anlagen sich von ihm entfernen sah; »nun wohl! das erste Mal. wo man Sie wieder Arbeit austragen heißt, lassen Sie mich doch diese Arbeit sehen, damit ich durch mich selbst beurtheile, was Sie machen, wenn ich nicht da bin, um Sie zu leiten.«

Es war nicht möglich, zurückzuweichen, überdies hatte die Messe ihr Ende erreicht, und Kunstreiter und Seiltänzer waren abgezogen.

Das erste Mal, da der junge Mann, – denn die Zeit schritt weiter und allmälig wurde der kleine Etienne zum jungen Manne, – das erste Mal, da der junge Mann ausging mit einem Schrankaufsatze zwei Tauben vorstellend, die sich in einem Myrtenkranze schnäbelten, brachte er diese Schnitzarbeit Herrn Odelli.

Herr Odelli schaute die zwei Tauben aufmerksam an und rief nach einem Augenblick:

»Das ist abscheulich!«

»Sie finden?« fragte der Schüler.

»Sie dürfen nicht einen Tag länger bei einem solchen Pfuscher bleiben.«

»Was soll ich dann thun.?«

»Sie müssen nicht mehr zu ihm gehen.«

»Der Vater will aber, daß ich zu ihm gehe.«

»So lassen Sie sich von Ihrem Meister vor die Thüre werfen.«

»Wirft mich mein Meister vor die Thüre, so wird mich mein Vater schlagen.«

»Lassen Sie sich schlagen.«

Diese Antwort dünkte dem jungen Manne heroisch; sie erinnerte ihn an das: Schlageaber höre! Des athenieusischen Feldherrn. Nur war es Themistokles selbst, den man schlug, und nicht sein Nebenmensch, was der Antwort etwas Großartigeres gab.

Der junge Mann dachte nichtsdestoweniger über das: Lassen Sie sich schlagen!nach.

Eines Tags erschien er bei seinem Meister, entschlossen, Allem Trotz zu bieten.

Es ist vielleicht wesentlich, zu sagen, was ihm am Tage vorher begegnet war, und was ihm den Muth gab, der väterlichen Ruthe zu trotzen.




IV



Taufe und Weihe von Etienne

Man vernehme, was sich am vorhergehenden Tage ereignet hatte.

Am Tage vorher, – als er müßig herumschlenderte. – wir haben zugestanden, daß der junge Etienne viel herumschlenderte, – als er am Tage vorher auf dem Komödienplatze herumschlenderte, von fern das Monument, von nahe die Anschlagzettel anschaute, sah sich der Zögling von Herrn Odelli vor einem Gäßchen, das zwischen einer von den Seitenfacen des Theaters und einem Klumpen Häuser durchlief.

Er trat in das Gäßchen ein; Alles dies, begreifen Sie wohl? einzig und allein in Absicht, sich an, Steinen zu reiben, welche Komödie spielen hörten.

Sie kennen das Sprichwort: »Die Wände haben Ohren.«

Links fand der junge Etienne einen Eingang so düster wie der der Höhle von Ali Baba.

Schlüpfriger Boden, feuchte Wände, Wassertropfen diamantene Rinnen die Mauern entlang ziehend nichts fehlte.

Der Hausmeister. der sich gewöhnlich hier aufhielt, war nicht da.

Der schwarze Rachen der Höhle schien ihn verschlungen zu halten.

Der junge Mann wagte es, drei Stufen hinabzusteigen, dann zwanzig hinauf, wobei er das Licht hinter sich ließ und sich bei jedem Schritte, den er machte immer mehr in die dichteste Finsternis vertiefte.

Oben auf der Treppe drückte er eine Thüre auf: diese Thüre ging auf die Eingeweide des Ungeheuers.

Nie warf Jonas im Bauche des Wallfisches einen so erstaunten Blick auf den Rückgrath, auf die Rippen, ans die Blase, welche so groß wie ein Ballen Godard, und auf die fünfhundert Fuß dünner Gedärme, als dies unser junger Mann, das Lampengestell, die Träger mit den eisernen Sprossen, die vom Plafond herabgebenden zahllosen Fäden und die Riesenthüre, durch welche die Coulissenrahmen herein kommen, anschauend that.

Er ging Schritt für Schritt in dieser Finsternis und in dieser Einsamkeit und trat so leicht, als er konnte, auf, um kein Geräusch zu erregen, als er fühlte, wie sich eine breite, mächtige Hand auf seine Schulter legte.

Er glaubte unter die Klauen eines Riesen gefallen zu sein.

Erschrocken wandte er sich um; dann gab er plötzlich einen Schrei des Erstaunens, an dem die Freude ihren guten Theil hatte, von sich und rief:

»Sie da, Herr Aubin der Aeltere!«

So nannte man, um ihn von seinem jüngeren Bruder zu unterscheiden, den älteren von den Söhnen eines Bildhauers, der sein Magazin auf dem Komödienplatze hatte.

»Nun, ja.« antwortete Aubin, »ich bin es . . . was dann?«

»Was dann? Es freut mich sehr, daß Sie es sind.«

»Warum?«

.Weil Sie mich nicht vor die Thüre werfen werden.«

»Vor welche Thüre?«

»Vor die Thüre des Theaters.«

»Du hattest bange, man könnte Dich vor die Thüre werfen?«

»Gewiß.«

»Interessirt es Dich, ein Theater zu sehen?«

»Im höchsten Grade. Seit ungeheuer langer Zeit gelüstet es mich hiernach.«

»Du möchtest gern Schauspieler sein?«

»Ah! Herr Aubin, ich glaube wohl, daß ich das sein möchte.«

»Wer hält Dich davon ab?«

»Der Vater! Wenn Sie wüßten, wie er mich geprügelt hat, als er hörte, ich habe in der Pantomime von Gringalet von Rouen gespielt!«

»Und trotz der Schläge hast Du den Beruf behalten.«

»Meine Neigung ist stärker als je. Ich glaube, ich werde rasend, wenn ich nicht eines Tags Schauspieler bin.«

»So komm hierher. «

»Hier bin ich, Herr Aubin.«

»Knie’ nieder.«

»Wozu?«

»Knie’ nieder.-«

»Ich kniee.«

»Warte.«

Er nahm einen Tümmler voll Oel.

»Im Namen von Talma, Garrick und Roscins taufe ich Dich zum Schauspieler,« sprach er zu dem jungen Mann.

Und er goß ihm den Tümmler Oel auf den Kopf.

»Ah! was machen Sie denn, Herr Auhin?«

»Es ist nun nicht mehr zu widerrufen: Du bist zum Schauspieler getauft; Du wirst unter jeder Bedingung Schauspieler sein.«

Er war mehr als getauft, er war geweiht.

Das hatte sich am vorhergehenden Tage ereignet; das war die sibyllinische Wahrsagung, die dem Schüler von Herrn Odelli den Muth gab, sich von seinem Bildschnitzer wegjagen zu lassen.

Am andern Tage, gegen neun Uhr Morgens, hieß man ihn zwei geschnitzte Tauben zum Tischler tragen.

Reichlich berechnet, brauchte man eine Viertelstunde, um hin- und herzugehen.

Etienne blieb heldenmüthig drei und eine halbe Stunde aus.

Er kam Mittags um drei Viertel auf ein Uhr zurück.

»Woher kommst Du, Faulenzer ’s« fragte der Meister.

»Woher ich komme?«

»Ja, das frage ich Dich.«

»Ich komme, woher es mir beliebt.«

»Wie, woher es Dir beliebt?«

»Nicht anders!«

»Ah! so antwortest Du mir?«

»Sie mußten mich nicht fragen, dann hätte ich Ihnen auch nicht geantwortet.«

Hätte der Meister einen Spiegel vor sich gehabt, so würde er sich darin angeschaut haben, um zu sehen, ob er wohl wache.

»Du willst also vor die Thüre gesetzt werden?«

»Oh! man braucht mich nicht vor die Thüre zu setzen; ich werde mich allein davor setzen.«

»Warte, warte, kleiner Schlingel!«

»Vor Allem heiße ich nicht kleiner Schlingel, sondern Etienne Marin.«

»Du unterstehst Dich, so zu reden, Schuft?« rief der Meister.

Und er hob zwei angefangene Tauben auf, um sie dem Knaben an den Kopf zu werfen.

Der Knabe flüchtete sich über einen Werktisch und war in einem Nu vor der Thüre.

»Ah! das soll Dein Vater erfahren . . . »Warte! Warte!«

Hiernach setzte der Bildschnitzer seine Mütze auf, zog seine Schürze aus, schlüpfte in seinen Rock und schlug in Geschwindschritt den Weg nach der Rue des Carmes ein.

Da half kein Widerruf. Die Prügeleinnahme war sicher, es handelte sich nur um das Mehr oder Weniger.

So stoisch der Schüler von Herrn Odelli auch sein mochte, es war doch ganz einfach, – angenommen, daß eine Wahl zu treffen und Freiheit in der Wahl war. – es war einfach, daß er das Minder zum Nachtheil des Mehr wählte.

Der Vater hatte eine Nachtrunde zu machen. Gewöhnlich ging der Vater zu seiner Nachtrunde um sieben Uhr Abends aus und ließ den Schlüssel unter der Thüre, damit ihn der Knabe, von Herrn Odelli zurückkehrend, finden könnte.

Die ganze Frage war, die Rückkehr erst nach acht Uhr zu versuchen; der Vater würde seit einer Stunde weggegangen sein; der Säumige hätte die ganze Nacht vor sich.

Etienne ging bis um acht Uhr spazieren.

Um acht Uhr wandelte er nach der Rue des Carmes.

In dein Augenblick, wo er, an den Mauern hinschleichend, die Thüre erreichte, öffnete sich diese, und der Vater erschien, den Carabiner auf der Schulter, die Pistolen im Gürtel, den Säbel an der Seite und die Marsellaise trällernd.

Der junge Mann blieb verdutzt und gleichsam an die Wand geklebt stehen.

Nachdem er zwei Schritte gemacht, erblickte ihn der Vater, er zog seinen Säbel und schrie:

»Ha! Schuft, Du bist da!«

Der Knabe stürzte in den Gang, doch der Vater stürzte ihm nach.

Auf der ersten Stufe der Treppe holte er ihn ein, und er schlug auf ihn mit dem flachen Säbel.

Er geleitete ihn so immer schlagend bis zum dritten Stocke.

Es war nicht möglich, weiter zu gehen: hier endigte die Treppe.

Der arme Geschlagene sah sich genöthigt, anzuhalten und sich seiner Strafe zu unterziehen.

Sie war lang und streng

Am andern Tage, Morgens um acht Uhr, kam Etienne bleich und ganz gerädert von Schlagen bei Herrn Odelli an.

Herr Odelli brauchte keinen Blick auf ihn zu werfen, um zu begreifen, was vorgefallen.

»Ah!« sagte er, »es scheint, es ist vorbei!«

»Ja, mein Herr,« antwortete mit kläglichem Tone der Schüler.

Es war von nichts mehr die Rede.

Ein ganzes Jahr lang blieb der junge Mensch noch die Sculptur studirend bei Herrn Odelli; er schwänzte aber immer wieder die Schule den Theatern, den Kunstreitern und den Seiltänzern zu Liebe.

Was ihm eine so unberechenbare Anzahl Prügel von seinem Vater eintrug, daß er, um welchen Preis es auch sein möchte, in der Hauptstadt Kunst zu treiben beschloß.

Haben die Menschen ihren Platz in der Zukunft bezeichnet, so ist immer eine Vorsehung da, welche im gegebenen Augenblick einen Menschennamen entlehnt, den Auserwählten bei der Hand nimmt und führt, wohin er gehen will.

Die Vorsehung des jungen Mannes nahm den Namen Herr Lair an.

Herr Pierre Aimé Lair war Präfecturrath. Er war einer von den Männern, welche so kostbar für die Provinzstädte zweiten Ranges, weil sie sich an die Spitze des Fortschrittes stellen und allen Verbesserungen die Hand bieten.

Sagen wir, was in physischer und moralischer Hinsicht Herr Pierre Aimé Lair war, den die Stadt Caen vor zwei Jahren zu verlieren das Unglück gehabt hat.

In physischer Hinsicht war er ein Mann von mittlerem Wachse, braun, mager, blatternarbig, immer sehr gut rasirt, was den unteren Theil seines Gesichtes kobaltblau machte, seine Tracht war die eines zurückgebliebenen Provinzbewohners, wodurch indessen seiner großen natürlichen Distinction durchaus kein Abbruch geschah: er trug gewöhnlich einen blauen Rock, eine weiße Weste, Nankinbeinkleider im Sommer, eine Tuchhose im Winters er zog selten Stiefel an, und wenn er keine hatte, so trug er, von welcher Farbe auch seine Beinkleider sein mochten, unabänderlich blaue Strümpfe.

In moralischer Hinsicht war er ein Mann von so vollkommener Freundlichkeit und Höflichkeit, daß er in seinen Manieren etwas vom Prälaten hatte. Diese außerordentliche Einigkeit diente bei ihm als Hülle für eine mächtige Energie.

Eines Tags, als er bekleidet mit dem königsblauen und hellblau gestickten Fracke eines Präfecturrathes, mit seinen Nankinhosen, seinen blauen Strümpfe, das Kinn frisch rasirt und umrahmt von einer weißen Halsbinde, der Ziehung der Conscription beiwohnte, zog ein armer normannischer junger Mensch die Nummer 1. Der junge Mann hatte keinen Befreiungsgrund und es war also sehr wahrscheinlich, daß er abgehen mußte; seine Mutter, die sich in einem Winkel vom Saale des Rathhauses befand, erhob auch ein gewaltiges Geschrei.

Dieses Geschrei berührte unangenehm das Trommelfell des bei der Ziehung anwesenden Generals.

»Laßt die Schreierin abtreten!« rief er mit lauter Stimme.

Eine solche Brutalität empörte Herrn Lair, und er sagte mit seinem sanftesten, artigsten Tone:

»Ah! General, ehren Sie den Schmerz einer Mutter.«

Ein Gemurmel des Beifalls folgte auf die Worte von Herrn Lair mit der eisigen Stille contrastirend, welche auf die des Generals gefolgt war.

Die von Seiten von Herrn Lair höfiche Lection war streng von Seiten des Publicums geworden.

Der General, der sich nicht an das Publikum halten konnte, hielt sich an Herrn Lair.

Er warf seinen Kopf an die Lehne seines Stuhles zurück, um mit seinem hinter ihm sitzenden Adjutanten sprechen zu können, und fragte ihn, laut genug, um von allen denen, welche ihn umgaben, und folglich auch von Herrn Lair selbst gehört zu werden:

»Sagen Sie doch, mein Lieber, wissen Sie den Namen von diesem Herrn mit seinem blauen Kinn, seinem blauen, blau gestickten Rocke und seinen blauen Strümpfen?«

Der Adjutant lachte auf eine sehr angenehme Weise über diesen Witz seines Generals.

Herr Lair veränderte sein Gesicht nicht im Mindesten. Jedermann wandte sich gegen ihn um: er allein schien nicht gehört zu haben.

Nur, als die Ziehung vorüber war, näherte er sich dem General und sagte zu ihm mit der Höflichkeit, von der er, selbst wenn er gewollt hätte, nicht abzulassen im Stande gewesen wäre:

»Mein Herr, Sie wünschten, wie es schien, meinen Namen zu wissen, da Sie Ihren Herrn Adjutanten gefragt haben, der Ihnen denselben nicht nennen konnte. Ich will dies thun: ich heiße Pierre Aimé Lair.«

»Sehr erfreut,« erwiederte der General.

»Was nun die Revue betrifft, die Sie meine Person und meine Tracht passiren zu lassen mir die Ehre erwiesen, so ist sie vollkommen genau, jedoch Eines ausgenommen.«

»Was, mein Herr?«

»Ei! den Degen, den ich an der Seite trage, und dessen Spitze ich Sie fühlen zu lassen hoffe, wo und wann es Ihnen beliebt, General, damit Sie denselben ein andermal nicht vergessen.«

So leise sie auch gesagt war, die Herausforderung wurde gehört; man legte sich ins Mittel. Es war ein Zu schlechtes Beispiel, einen General und einen Präfecturrath sich schlagen zu sehen. Das Duell fand nicht statt.

Zehn Jahre später, in einem Alter von fünfzig Jahren, hatte Herr Lair die Idee, eine Reise durch Frankreich zu machen. Er war eines der ausgezeichnetsten Mitglieder der Gesellschaft der Alterthumsfreunde der Normandie, und die Reise, die er unternahm, hatte besonders archäologische Studien zum Zwecke. An einem schönen Morgen ging er zu Fuß ab, er macht seinen Stock mit dem goldenen Knopfe in der Hand sechs, acht bis zehn Meilen am Tage und reiste so ein Jahr oder achtzehn Monate.

Zum Glück für den Schüler von Herrn Odelli, war er aber im Jahre der Gnade 1826 nicht auf der Reise.

Er besuchte oft die Zeichenschule, plauderte liebevoll mit den Zöglingen, besonders mit denjenigen welche Hoffnungen gaben, und unter diesem Titel war er mehrere Muse vor dem jungen Etienne stehen geblieben und hatte verschiedene Fragen über seine Hoffnungen und Wünsche an ihn gerichtet.

Der junge Mensch hatte hingesagt, seine Hoffnungen und seine Wünsche vereinigen sich in einem Trachten: nach Paris gehen.

Herr Lair vermuthete wohl, eines der Hindernisse der Reise sei der Mangel der für den jungen Reisenden nothwendigen Summe.

Eines Tages sagte er zu ihm:

»Vor Ihrem Abgang, mein Kind, wünschte ich einige von Ihren Studien zu kaufen.«

Am andern Tage war er in der Rue des Carmes; er hatte den Augenblick erwählt, wo der Vater unfehlbar da sein mußte. Er sprach lange von den Anlagen des jungen Menschen, von der Nothwendigkeit, in er sich befinde, seine Studien bald in Paris zu verfolgen, kaufte einen Kopf von Seneka und einen Kopf von Cicero, und bezahlte zwanzig Franken für jeden, ferner einen Fuß und eine Hand von riesigen Formen, jedes Stück von ihm zu zehn Franken geschätzt.

Der junge Mann hatte sechzig Franken Taschengeld.

Vor einer Autorität wie die von Herrn Laie, der Paris rieth, wagte es der Vater nicht, eine Einwendung zu machen. Er kaufte einen Koffer, ließ eine vollständige Schelfe machen. – wir bedienen und der Ausdrücke, deren er sich bediente. – legte genannte Schelfe aus ein Dutzend Hemden, die den Grund des Koffers bildeten, completirte die hundert Franken, bezahlte den Platz auf der Diligence und führte seinen Sohn, stoisch wie ein Spartaner, zum Wagen.

Etienne weinte viel. In dem Augenblick, wo er sich von seinem Vater trennte, vergaß er die zahlreichen Correctionen, die er von ihm empfangen hatte, oder in die Tiefen seines Gewissens hinabsteigend, sagte er sich vielmehr, diede Correctionen seien rechtmäßig gewesen.

Der Vater blieb felsenfest.

Der Postillon ließ seine Peitsche knallen; der Wagen gerieth in Bewegung, und die schwerfällige Maschine ging in starkem Trabe ab, ein Gang, den sie behielt, so lange sie in der Stadt rollte. Halb traurig, halb freudig- – um gerecht zu sein, müssen wir sagen, mehr freudig, als traurig, – hatte der junge Mann die ersten Schritte zur Nachwelt gemacht.

Da wir mit ihm abgereist sind, so wollen wir auch zugleich mit ihm ankommen.

Wer sagt und, die zukünftigen Talma, Garrick und Roscins, – man erinnert sich, der junge Mann war unter diesem dreifachen Patronat getauft worden, – werden nicht eine Lehre, in artistischer oder in philosophischer Hinsicht, in dem Vagabundenleben finden, das wir zu erzählen versuchen?




V



Ankunft in Paris. – Das Theater der Porte Saint-Martin. – Das Hotel von Madame Carré. – Die Miethsleute. – Die Schlafkameraden. – Hippolyte. – Der Bildhauer der Madeleine. – Eine Vorstellung von Freunden. – Die polnischen Röcke. – Engagement für die Provinz. – Der Vater Duma noir. – Seine Cassette. – Ferdinand der Kosak. —

Unser Held kam um fünf Uhr in Paris an, stieg um sechs Uhr in der Rue Notre-Dames des Victoires aus, ließ sein Gepäck im Bureau und lief, da es ihn drängte, Paris zu sehen, gerade vor sich hin, ohne zu wissen, wohin er ging.

Nach zehn Minuten eines wahnsinnigen Laufes, so sehr war er berauscht von all diesem armen von Menschen und Wagen, befand er sich vor einer Art von Monument.

»Halt, ein Theater!« rief er.

Und er blieb stehen, entschlossen, für diesen Abend nicht weiter zu gehen.

Er hatte nicht zu Mittag gegessen; er kaufte einen Krapfen, verzehrte ihn bis auf das legte Krümchen, und trat ins Theater ein.

Man denke sich die Freude des jungen Mannes!

Er war in diesem so sehr ersehnten Paris; er war in einem Schauspielsaale, ohne daß er bei seiner Rückkehr nach Haue gezankt oder geschlagen zu werden befürchten mußte. Acht der arme Knabe, er satte schon keine Heimath mehr, und er hatte hundert Franken in seiner Tasche!

Hundert Franken! das ist, um damit eine Mühle am Paktalos, einen Palast im Eldorado zu bauen.

Eine Viertelstunde vor Mitternacht ging das Schauspiel zu Ende.

Unser Held entfernte sich mit den andern Zuschauern, nur war er vielleicht der Einzige, der nicht wußte, wo er schlafen gehen sollte.

Er beschloß sich dem Zufall zu überlassen; der Zufall hatte ihn nach der Porte Saint-Martin geführt, Der Zufall würde ihn wohl zu einem Wirtshause führen.

Er schlug die erste Straße rechts ein.

Nach ungefähr dreihundert Schritten befand er sich am Ende er Rue Saint-Jean, und er erblickte ein Transparent, auf welchem geschrieben stand:


Hotel Carré


Man übernachtet

Etienne trat ein, verlangte ein Zimmer und ein Bett.

Zum Glück hatte er seinen Paß bei sich, sonst hätte ihm der Mangel an Koffer, Felleisen oder Nachtsack von Nachtheil sein können.

Der Paß wurde gelesen und als gut anerkannt; der Reisende ließ seine neunzehn Fünffrankenstücke in Einer Tasche klingen: eines war schon seit seiner Angst verschwunden, man ab ihm mit allen Arten von Rücksichten das verlangte Zimmer und Bett.

Man war nicht gewohnt, Reisende ein Zimmer und ein Bett für eine einzige Person verlangen zu sehen.

Das Hotel war von Bildhauern, Ornamentisten und Malern bewohnt; die Gäste von Madame Carré – denn obgleich es einen Herrn Carré gab, pflegte man doch zu sagen: das Hotel von Madame Carré, – die Gäste von Madame Carré trieben im Allgemeinen die Sparsamkeit unter dem Vorwande der Brüderlichkeit so weit, daß sie zu zwei schliefen.

Schon am Tage nach seinem Einzuge, als der Bildhauer-Jüngling sich beklagte, daß man von ihm die ungeheure Summe von fünfzehn Sous für das Zimmer und das Bett forderte, machte man ihn bekannt mit den Gewohnheiten des Hauses; es stand ihm frei, einen Stuben- und Bettkameraden zu nehmen; dann würde ihn seine Hälfte am Zimmer und am Bett für seinen Theil zehn Franken sieben Sous monatlich kosten.

An demselben Tage stellte man bei Tische dem Neuaugekommenen einen Gefährten vor, der sich in derselben Lage befand wie er, das heißt, der auch eine Stuben- und Betthälfte suchte.

Dieser Kamerad» hieß Hippolyte und war Porzellanmaler.

Die zwei Atome hingen sich an einander an und sind noch heute zwei Freunde.

Etienne wollte seine Zeit nicht mit dem Herumschlendern verlieren; er ließ seinen Koffer holen, zog die Schelfe des Vaters an und begann unverzüglich seine Besuche bei den Unternehmern.

Der Erste, an den er sich wandte, hieß Herr Bochard

Herr Bochard war Unternehmer der Sculpturen der Madeleine.

Er sprach einen Augenblick mit dem jungen Manne, und da ihm sein Ton und seine Manieren gefielen, so fragte er ihn:

»Aus welcher Provinz sind Sie?«

»Ich bin Normann.«

»Von welcher Stadt?«

»Von Caen.«

»Ich vermuthete es.«

»Warum?«

»Sie haben eine normannische Hand; die Normannen sind im Allgemeinen geschickt; nehmen Sie morgen früh Ihr Werkzeug und gehen Sie nach der Madeleine; Sie werden sich unter Bekannten finden.«

Am anderen Tage, Morgens um acht Uhr, war der junge Mann in der Madeleine.

Die Ornamentisten waren bei der Arbeit.

»Ah!« rief einer von ihnen, »das ist mein Pathe!«

»Wie, Dein Pathe?«

»Ja, ich habe dieses Bürschchen im Theater in Caen mit Lampenöl getauft; komm hierher, Talma!«

Etienne näherte sich dem Sprechenden und erkannte in ihm Aubin den Aeltern.

Bei ihm war sein Bruder.

Die zwei Aubin nehmen heute ihren Rang unter den ersten Ornamentisten von Paris ein.

»Auf, eine Tirade!« sagten die Bildhauer.

Der Ankömmling legte sein Werkzeug nieder, setzte die linke Faust aus die Hüfte, rundete den rechten Arm und begann:

»N’en doutez pas, Burrhus, malgré ses injustices . . .«

Das Auftreten von Nero wurde von einem Beifallssturm bedeckt. Talma war gestorben und sein Nachfolger gab die schönsten Hoffnungen.

Mittlerweile mußte man den Meißel und den Hammer nehmen. Der zukünftige erste Held des Théâtres-Francais band eine Maske mit Brille vor, damit ihm die Steinsplitter das Auge nicht verletzten, und griff ein Capitäl an.

Hier war die Arbeit, doch bei der Mutter Carré war die Erholung. Jedermann sprach Verse bei der Mutter Carré: Maler, Bildhauer, Ornamentisten. Hippolyte, der Kamerad von Etienne, war besonders theaterwüthend.

Man wollte um jeden Preis Komödie spielen.

Man war darauf bedacht, ein Stück einzurichten.

»Was sollte man spielen?

Die Wahl fiel auf Eine einfache Geschichte von Eugene Scribe.

Etienne lernte die erste Rolle, Hippolyte die des Liebhabers, und man probirte auf dem Theater der Rue de Lesdiguières.

Es kam der Tag der Vorstellung. Den zwei jungen Leuten, Etienne und Hippolyte, wurde die Ehre des Abends zu Theil.

Allen Vorstellungen, welche aus dergleichen Theatern gegeben werden, wohnen Leute bei, die man Veranstalter nennt.

Einer von diesen Veranstaltern machte den Liebhabern den Vorschlag, vor einem bezahlenden Publikum zu spielen.

Solche Vorstellungen bieten den Vortheil, daß man nach ein paar Successen ein Engagement findet.

Allerdings ein Provinzengagement. Doch der Mann, der an seine Tasche klopfend spricht: »Ich habe hier mein Engagement!« ist sehr stolz und besonders sehr geachtet.

Ueberdies braucht er nicht zu sagen, für welche Stadt sein Engagement ist.

Alle diese Partieen förderten die Sculptur aus festem Stein und die Malerei auf Porzellan nicht sehr.

Doch das that einen Schritt zur Komödie.

Es können nicht alle Künste zugleich vorwärts schreiten.

Zu jener Zeit, nämlich im Jahre 1827, versammelten sich die Künstler, welche von der Provinz zurückkamen, besonders in der Rue des Vieilles-Etuves, im Café des Comédiens.

Dort warben die Direktoren ihre Truppe an.

Man trug damals viel polnische Röcke.

Jeder Trial, jeder Martin, jeder Elleviou hatte seinen politischen Rock.

Der Ehrgeiz unserer zwei jungen Leute war, einen polnischen Rock zu haben, – wohl verstanden, nicht zwei politische Röcke: zwei polnische Röcke kosten das Lösegeld eines Königs! aber einen polnischen Rock für zwei, wie sie ein Zimmer für zwei, ein Bett für zwei hatten.

Sie würden Einer um den Andern ins Kaffeehaus gehen und so das Ansehen haben, als besäße Jeder einen polnischen Rock.

Die Schelfe des Vaters, welche nur drei bis viermal angezogen worden war, wurde zu einem Trödler getragen und gegen einen polnischen Stock vertauscht, der nur acht bis zehnmal angezogen worden, wie der Trödler selbst sagte.

Im Ganzen war genannter polnischer Rock von königsblauem Tuch, mit schwarzen Borten und Schnüren und einem Besatze von Astracan am Kragen und an den Vorderärmeln noch ziemlich präsentabel.

Er brachte aus dem Rücken von Etienne am ersten Tage und aus dem von Hippolyte am zweiten eine entsprechende Wirkung hervor.

Zum Beweise dient, daß Beide mit Herrn Dumanoir, Director der dritten französischen Truppe des ersten Theaterarrondissement, das französische Flandern umfassend, einen Vertrag abschlossen.

Man begreift, daß während dieser Zeit die Madeleine sich selbst vollendete.

Der Director war im Rückstande; er drängte auch seine Pensionäre ungemein.

Man ging zu Fuß ab; ein Wagen mit den Weibern und dem Gepäcke beladen folgte den Zigeunern oder fuhr ihnen voran.

Werfen wir einen Blick auf die Karavane, die sich munter aus der Straße nach Amiens. bei einer schönen Sonne des Monats Mai, ausdehnt.

Wir haben auch, wie Scarron, unser Kapitel vom komischen Roman zu machen.

Der wirkliche und privilegirte Director, – wir sagen, der wirkliche und priviligirte Director, weil wir sogleich von der Usurpation des Regisseur zu sprechen haben, – der wirkliche und privilegirte Director hieß, wie gesagt, Herr Dumanoir.

»Herr Dumanoir war eine Art von altem Marquis, ein ehemaliger Schöner des Directoriums, der in den Tuilerien und im Luxembourg pirouettirt hatte in der Nankinhose, woraus Bänderwogen, mit grün gestreiften Strümpfen, Schnallenschuhen, zwei Uhrketten, einer Basinweste, einem apfelgrünen Frack, einer sehr hohen Halsbinde von Batist, den Chignon oben auf dem Kopfe durch einen Kamm festgehalten, den Hut rückwärts und das Stückchen unter dem Arm.

In der Zeit. wo wir ihn zu der Würde eines Directors der dritten Truppe des ersten Arrondissement erhoben sehen. und wo er im Triumphe aus Paris auszog, war er ein Mann von sechzig Jahren, roh, dürr, mager, mit einem knochigen Körper, dessen hervorstehende Theile durch das Tuch eines Ueberrocks sichtbar wurden, der zu weit und, wir würden sagen, zu lang war, hatte man damals dieses Kleid nicht auf die Absätze schlagend getragen. Von seinem Kostume von 1798 hatte er nichts beibehalten, als den charakteristischen Theil, nämlich den Chignon. Sein ehemaliges Haupthaar, das die Bewunderung der schönen Damen der Zeit gebildet hatte, war unter dem Hauche der Jahre verschwunden und hatte dem Exincroyable nur einen Kranz oder vielmehr einen Halbkreis von Haaren, welche dicht im Genick, aber spärlich an den Schläfen, hinterlassen. Doch man weiß, welche Illusion ein Ueberrest gut angewandter Haare hervorbringen kann; die des Genicks waren in einer Flechte vereinigt, welche, ungefähr einem Krebsschwanze ähnlich, vom Hals gegen das Organ der Religiosität emporstieg, den Kreis des Schädels umfaßte und sich oben aus der Stirne abplattete.




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notes



1


Im Amphitheater gibt es Schinder, desto besser!

welche die schönen Damen schinden, sowie die schönen Herren, desto besser!


