In der Dämmerstunde
William Wilkie Collins




Wilkie Collins

In der Dämmerstunde





Vorwort


Ich habe mich bemüht, die verschiedenen Erzählungen, welche in diesem Buche enthalten sind, so aneinander zu reihen, dass sie das Interesse des Lesers fesseln müssen, denn sie sind neu, wahr und überraschend! Die Blätter, welche von »Leah’s Tagebuch« handeln, bilden gleichsam den Rahmen der ganzen Sammlung dieser Erzählungen.

In diesem Teile des Buches, wie auch in den Einleitungen der einzelnen Geschichten, hatte ich die Absicht, den Leser einen Einblick in das Lebens der Künstler nehmen zu lassen; ich habe sorgfältige und gern gepflegte Studien zu diesem Zwecke gemacht und denselben auch schon im »Verstecken und Finden« einen Ausdruck gegeben.

Diesmal beabsichtigte ich nun, die Sympathie des Lesers für die Leiden und Freuden eines armen »reisenden Porträt-Malers« zu erregen; dargestellt von seiner Frau, unter dem Titel »Leah’s Tagebuch«, und auch teilweise in den Einleitungen zu den Erzählungen, von ihm selbst. Diese beiden Teile des Buches habe ich etwas scharf begrenzt. An »Leah’s Tagebuch« soll man erkennen, dass dasselbe nur in den Mußestunden, welche die Sorge für den Haushalt übrig ließ, geschrieben wurde; und in den Einleitungen, aus der Feder des Malers, ist auch nur soviel enthalten, wie ein bescheidener und zartfühlender Mann über sich selbst und über die Charaktere, die ihm auf seinen künstlerischen Reisen begegneten, sagen mag: Wenn es mir nun gelingt, durch diese einfache Art verständlich zu werden und daneben durch die verschiedenen Erzählungen ein vollständiges Ganze zu bilden, so werde ich ein mir seit langer Zeit vorgestecktes Ziel erreichen.

Über die einzelnen Erzählungen erlaube ich mir noch zu bemerken, dass die Lady von Glenwith Grange hier zum ersten Male gedruckt erscheint, dass jedoch die andern bereits in den Household Words gedruckt sind. Ich spreche hier gleich Mr. Charles Dickens meinen tiefgefühltesten Dank aus, dass er mir erlaubte, sie in den Rahmen dieses Buches mit einzufassen. Gleichzeitig spreche ich dem Künstler, Herrn W. S.Herrick, meinen Dank aus, für die Erzählungen: »das entsetzliche fremde Bett« und »die gelbe Maske«, zu denen ich durch seine Mitteilungen gelangt bin.

Obgleich diese Erklärungen Manchem, an dieser Stelle, überflüssig erscheinen mögen, der mich kennt, so möchte ich doch nicht den Schein auf mich laden, dass ich mich mit fremden Federn schmücken will.

Der Umstand, dass die Ereignisse in den hier vorliegenden Erzählungen schon in andern Blättern und die handelnden Personen ebenfalls schon bekannt sind, mag vielleicht den Verdacht erregen, dass die Erzählungen selbst nicht Originale sind. Aber der Leser, welcher mich mit seiner Aufmerksamkeit beehrt, kann sich darauf verlassen, dass er nur meine literarischen Nachkommen unter Händen hat. Die Kinder meiner Phantasie sind gewiss nicht immer frei von Schwächen und bedürfen zuweilen einer führenden Hand, die sie in die große Welt geleitet, aber sie sind meine eigenen Kinder im weitesten Umfange dieses Begriffs.

Die Mitglieder meiner literarischen Familie sind in der Tat so weit verbreitet, dass meine eigenen Vorstellungen wohl von erborgten zu unterscheiden sein werden; – denn ich habe nie irgend Etwas durch den Buchhandel veröffentlicht, das nicht auch mein bestimmtes Eigentum gewesen wäre.


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Blätter aus Leah’s Tagebuch



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Am 16. Februar 1827. – Der Doktor ist nun zum dritten Male gerufen worden, um die Augen meines Mannes zu untersuchen. Gott sei Dank, es ist nicht zu befürchten, dass mein armer William sein Augenlicht verlieren wird, vorausgesetzt dass er dasselbe, nach ärztlichem Ausspruch, nicht anstrengt. Der Arzt verlangt, dass mein Mann in den nächsten sechs Monaten nicht arbeite, das ist in unsern Verhältnissen sehr schwer zu befolgen. Es ist das unabänderliche Urteil zu Armut und Not! Doch wir müssen uns geduldig darin ergeben, denn nur diese Schonung seiner Augen wird meinen Mann vor dem trostlosen Zustande der Blindheit zu retten vermögen.

Ich werde mutig ausharren, das fühle ich, seitdem wir nun das Schlimmste wissen. Werde ich aber auch für meine Kinder sorgen können? Ja, ja ich hoffe es; denn es sind ja nur zwei. Zum ersten Male seit meiner Verheiratung, mache ich die traurige Bemerkung: ich bin froh, dass es nur zwei sind!

Am 17. Gestern Abend, nach dem ich William so gut als möglich über die Zukunft getröstet hatte, und nachdem er dann ruhig eingeschlafen war, ergriff mich der furchtbare Verdacht, dass der Arzt uns vielleicht das Schlimmste verschwiegen habe; denn es ist bekannt, dass die Ärzte ihre Patienten sehr oft über den wahren Zustand ihrer Leiden im Unklaren lassen. Ich finde, es ist dies eine falsche Herzensgüte.

Ich konnte meine Unruhe nicht überwinden und beschloss, heute heimlich den Doktor zu besuchen. Ich fand ihn auch glücklicher Weise zu Hause und in wenigen Worten hatte ich ihm die Ursache meines Besuchs mitgeteilt

Er lächelte, nachdem er mich angehört hatte, beruhigte mich und versicherte, dass er uns die volle Wahrheit gesagt habe.

Um aber noch mehr Gewissheit zu erlangen, fragte ich noch einmal, das Ärgste ist also überwunden, wenn mein Mann seine Augen sechs Monat schonen und ihnen vollkommene Ruhe gönnen wird?

»Ja,« so ist es,« erwiderte der Doktor. »Lassen Sie Ihren Mann nie zwei Stunden nach einander ohne den grünen Augenschirm, sonst nimmt die Entzündung zu, und ich wiederhole noch einmal, dass er seine Augen durchaus nicht gebrauchen darf! Er darf weder Bleistift noch Pinsel berühren, darf auch keine Bestellung auf Bilder für die nächsten sechs Monat annehmen. Erinnern Sie sich wohl daran, Mistreß Kerby, dass ich Ihren Mann warnte, die beiden angefangenen Portraits zu vollenden als seine Augen anfingen, schwach zu werden? Er folgte aber nicht, und dies ist die Ursache des Übels, welches wir jetzt bekämpfen wollen.«

»Ich erinnere mich wohl daran,« antwortete ich. »Doch was bleibt einem armen herumziehenden Porträtmaler, wie mein Mann einer ist, zu tun übrig?«

»Haben Sie keine anderen Hilfsquellen, kein anderes Geld, als was Herr Kerby mit der Malerei verdient?« fragte der Doktor teilnehmend

»Nein,« sagte ich niedergeschlagen und dachte dabei an die Rechnung für seinen ärztlichen Beistand.

»Verzeihen Sie, oder vielmehr schreiben Sie es meiner Teilnahme für Ihr Unglück zu, wenn ich mir nun die Frage erlaube, ob Mister Kerby ein reichliches Einkommen von der Ausübung seiner Kunst hat,« sagte der Doktor, indem er etwas beunruhigt auf mich blickte; und bevor ich noch antworten konnte, setzte er hinzu: »Sie nehmen doch gewiss nicht an, dass ich aus bloßer Neugierde frage?« Ich fühlte bestimmt, dass er nur edle Beweggründe zu der Frage habe und antwortete auch mit vollständiger Offenheit: »Mein Mann verdient nur wenig. Die berühmten Porträtmaler in London erzielen wohl enorme Preise, aber ein armer unbekannter Maler, der von einem Ort zum andern wandert und meist nur auf dem Lande Arbeit findet, muss schwer arbeiten und doch mit Wenigem zufrieden sein. Wenn wir hier unsere Schulden bezahlt haben werden, wird uns wenig übrig bleiben für einen noch billigeren Wohnort.«

»Ja diesem Falle,« sagte der gute Doktor, den ich, nebenbei gesagt, von dem ersten Augenblicke an wo ich ihn sah, lieb gewann, »machen Sie sich nur keine Sorgen um meine Rechnung, wenn Sie hier Ihre Schulden bezahlen. Ich warte gern bis Mister Kerbys Augen hergestellt sein werden und dann werde ich ihn bitten, mir meine kleine Tochter zu malen; so werden wir beide bezahlt und und zufrieden sein, hoffe ich.«

Dann gab er mir die Hand und verabschiedete sich schnell, bevor ich ihm noch meinen Dank aussprechen konnte. Nie, nie werde ich es vergessen, wie mich der gute Mann von zwei schweren Sorgen befreite und zwar in der bedrängtesten Zeit meines Lebens. Ich hätte niederknien und seine Fußstapfen küssen mögen, als ich nach Hause ging.

Am 18. Wäre ich nicht entschlossen nach dem was gestern vorgegangen ist, vertrauensvoller in die Zukunft zu blicken, so wäre der heutige Tag ganz dazu geeignet gewesen, mir meinen Mut vollständig zu nehmen. Zuerst kam das Einkassieren unserer Rechnungen und die Entdeckung, dass uns, nachdem wir dieselben bezahlt, nur noch höchstens zwei oder drei Pfund übrig bleiben würden; danach kam die traurige Beschäftigung den reichen Personen Briefe zu schreiben, welche meinem Manne Aufträge erteilt hatten; ich musste ihnen von dem Unglück Mitteilung machen, welches uns betroffen hat und von der Unmöglichkeit, dass ihre Bestellungen in der nächsten Zeit ausgeführt werden könnten. Dann kam das noch traurigere Geschäft der Kündigung, um so unangenehmer da wir uns bequem und gut in unserer Wohnung befanden. Hätte mein Gatte bei seiner Arbeit bleiben können, so würden wir wenigstens noch drei oder vier Monate in dieser Stadt und in dieser trockenen und freundlichen Wohnung geblieben sein. Wir haben früher nie ein so geräumiges Dachstübchen bewohnt, wo die Kinder einen so weiten Tummelplatz für ihre Spiele hatten; nie war eine Wirtin so freundlich daraus eingegangen, ihre Küche mit mir zu teilen und nun sind wir so plötzlich gezwungen, so viel Angenehmes zu verlassen und dem Zufalle anheim zu stellen, wohin er uns führen wird. William sagt in seinem Unmut, wir müssen ins Arbeitshaus; aber das soll nimmer mehr geschehen, so lange ich noch meine Kräfte verwerten kann! Jetzt wird es dunkel! Ich kann nicht mehr sehen zum Schreiben und Licht werde ich auch nicht anzünden, denn wir müssen die Kerzen sparen. Ach, ach, welch ein Tag war dies! Aber eine frohe Minute hatte ich doch seitdem er begann, das war in dem Augenblicke, als ich meiner kleinen Emilie die Perlenbörse für des Doktors Töchterchen zu arbeiten gab. Mein Kind ist so allerliebst, wenn es mit seinen kleinen geschickten Hündchen die Perlen aufreiht. Eine kleine, hübsche, leere Börse ist wohl das geeignetste Zeichen unserer Dankbarkeit.

Am 19. Ein Besuch von unserm einzigen und besten Freunde dem Doktor Nachdem er Williams Augen untersucht hatte und sie nicht verschlimmert gefunden, fragte er, wohin wir nun zu gehen gedachten Ich antwortete, zu der billigsten Stätte, die wir finden könnten, und setzte hinzu, dass ich mich in den Nebenstraßen der Stadt nach einer billigen Wohnung umsehen wollte.

»Lassen Sie das Wohnung suchen, bis Sie wieder von mir hören,« sagte der Doktor »Ich habe jetzt einen Kranken, fünf Meilen von hier, in einem Pächter hause, zu besuchen; es ist nichts Ansteckendes an der Krankheit. Ein unvorsichtiger Bursche bedarf meiner Hilfe, der bei einem Sturz von dem Pferde das Schlüsselbein gebrochen hat. Sie dürfen also Ihrer Kinder wegen außer Sorge sein, Mistreß Kerby. Jene Pächterleute dort, nehmen zuweilen Mieter in ihr Haus auf, und ich wüsste nicht, weshalb Sie dort nicht auch Wohnung finden könnten? Ich werde anfragen. Wenn Sie gut, billig und im Vereine mit rechtschaffenen und liebenswürdigen Menschen leben wollen, so ist Appletreewick der richtige Platz dazu. Danken Sie mir jedoch nicht früher, bis ich weiß, ob Sie die neue Wohnung haben können. In der Zeit, welche zwischen meiner Antwort liegt, können Sie vielleicht Ihre Geschäfte hier beendigen.«

Mit den letzten Worten empfahl sich der gute Mann. Der Himmel gebe ihm Erfolg im Pächter hause! Auch die Gesundheit der Kinder wird gesicherter sein, wenn wir auf dem Lande leben können. Da ich gerade von den Kindern rede, muss ich auch erwähnen, dass Emilie die Perlenbörse beinahe fertig hat.

20. Eine wichtige Nachricht von dem Doktor! Man will uns in Appletreewick aufnehmen. Wir erhalten zwei Zimmer und die Kost bei der Familie für siebzehn Schilling in der Woche. Nach meiner Berechnung werden wir drei Pfund und sechzehn Schilling übrig behalten, nachdem alle Schulden abgetragen sind, diese Summe wird also für vier Wochen zu dem Notwendigsten ausreichen und es bleichen noch acht Schilling übrig. Wenn ich fleißig sticke, so kann ich noch neun Schilling dazu verdienen und damit wäre dann noch die fünfte Woche bezahlt. In der Zeit von fünf Wochen kommt mir vielleicht ein guter Plan zum Erwerben. Das werde ich nun meinem Manne mitteilen und es ihm so oft wiederholen, bis ich selbst daran glauben werde. William ist nicht so leichtgläubig wie ich, er nimmt die Dinge ernster; ja, er ist oft über alle Begriffe mutlos und traurig. Ich suche ihn dadurch aufzumuntern, dass ich ihn an die Jahre erinnere, in denen er für mich und die Kinder arbeitete und mache ihn darauf aufmerksam, dass diese Zeit wiederkehren wird, wie der Doktor versichert. Aber er seufzt und murmelt, dass er einer von den Unglücklichen sei, welche zur Last ihrer Frau zu leben bestimmt seien. Ich konnte nur antworten, was ich aufrichtig fühlte; nämlich, dass ich ihm am Altar schwor, ihm anzugehören in guten und bösen Tagen, dass ich die guten bis jetzt an seiner Seite genossen habe und dass es scheine, die bösen Tage wollten nur einmal erscheinen, um dann nie wiederzukehren. – Die Perlenbörse ist fast vollendet; sie ist hübsch, rot und blau in gestreiften Mustern.

Am 21. Ein geschäftiger Tag. Wir gehen morgen nach Appletreewick. Es gibt noch Rechnungen zu bezahlen und dann einzupacken. Des armen Williams Malergeräthschaften, Leinwand und noch andere Gegenstände kommen zusammen in eine Kiste. Er sieht so traurig aus und sitzt schweigend da, während sein Arbeitsgerät um ihn herum verschwindet Tränen kommen mir bei dem Gedanken in die Augen, dass er und diese, ihm so teuer gewordenen Dinge, sich vielleicht einander nicht mehr nahe kommen werden. – Dies geschieht mir, und ich gehöre doch nicht zu den Weichlichsten. Glücklicherweise hinderte ihn der Augenschirm, mich zu beobachten, denn ich wollte um keinen Preis, dass er mich weinen sehe.

Die Börse ist fertig. Aber wie werden wir nun noch zu den stählernen Ringen und Fransen kommen, die daran gehören? Aber ist es nicht der schönste Zweck, dem ich noch sechs Pence opfern will? —

Am 22. —

Am 23. In dem Pächter hause zu Appletreewick. – Zu müde nach unserer gestrigen Anstrengung, um noch ein Wort in mein Tagebuch zu schreiben über die Reise – nach diesem entzückenden Orte, tue ich dies heute, nachdem wir uns hier als Kolonisten niedergelassen haben.

Meine erste Beschäftigung an dem wichtigen Tage der Abreise war nicht der Reise gewidmet, sondern meiner Emilie. Ich kleidete das Kindchen sorgfältig an, damit es die Börse zu dem Doktor trage. – Ich bekleidete sie mit ihrem besten seidenen Röckchen, welches wohl an einigen Stellen geflickt war, doch sie gefiel mir darin! Ihr Strohhütchen erhielt schnell die Bänder von meiner Haube. Zum Schluss bekam sie noch ihres Vaters Halstuch, welches ein kleines Mäntelchen bildete, und so geschmückt trippelte mein kleiner Liebling, mit der Börse in der Hand, fort. Ach, diese lieben kleinen Händchen, sie sind so hübsch, dass ich es fast nicht bedauere, keine Handschuhe für sie zu besitzen. Sie werden sich über die Börse freuen, denn sie ist recht hübsch geworden; statt der stählernen Ringe und Fransen hat sie beides von weißen Perlen erhalten, die ich bei dem Zusammenpacken noch in einer Schachtel fand; sie harmonieren ausgezeichnet mit dem Roth und Blau der Börse. – Wie ich gedacht, der Doktor und sein Töchterchen waren über das Geschenk entzückt; sie beschenkten Emilie mit einem Arbeitskästchen und gaben ihr für ihre kleine Schwester noch eine Schachtel voll Bonbon mit. Das Kind kam mit vor Freude geröteten Wangen von dem Besuche zurück und erfreute ihren Vater mit der Erzählung ihrer kleinen Erlebnisse und besonders freute sie das Lob, welches die Börse erhalten hatte.

Am Nachmittage kam der Wagen, welcher uns und unsere kleine Habe nach Appletreewick bringen sollte. Es war ein schöner warmer Frühlingstag und doch schmerzte es mich tief, als ich sah, wie kränklich und traurig der arme William mit seinem Augenschirme in das wonnige Sonnenlicht blickte, nachdem man ihm in den Wagen geholfen hatte. »Gott mag wissen, Leah,« hub er dann an, »welche Folgen dies Alles für uns haben wird;« dann seufzte er tief und schwer und fiel wieder in seine frühere Schweigsamkeit zurück. Außerhalb der Stadt begegnete uns der Doktor »Glück mit Ihnen,« rief er uns zu, und dabei schwang er seinen Stock und schritt weiter. »Sobald Sie im Pächter hause heimisch geworden sind, werde ich Sie besuchen,« setzte er noch hinzu, und Emilie rief ihm ein Lebewohl nach, indem sie sich mit großer Anstrengung von dem Boden des Wagens aufzurichten suchte, wo sie einen Platz zwischen Bündeln bekommen hatte. Was mein Kind Alles vermag! Der Doktor stand still. Emilie ist sonst nicht sehr gesprächig, aber sie dankte ihm noch einmal für das Arbeitskästchen und für die Bonbon; er küsste dafür ihre Hündchen, reichte ihr mit dem Stock eine Blüte und ging dann erst weiter, und auch wir fuhren fort.

Wie würde mich diese Fahrt erfreut haben, wenn William sie hätte so sehen können wie ich. Freudig atmete Wärme über Feld und Flur, große Schatten flogen über die saftig grünen Wiesen und oben, an dem blauen Sommerhimmel, zogen zuweilen weiße Wolken, wie in feierlicher Prozession still vorüber.

Der Weg war hügelig, daher bat ich den Kutscher, die Pferde nicht so anzutreiben; wir fuhren sehr langsam und kamen auch erst nach einer Stunde bei dem Eingangsthor von Appletreewick an.

Vom 24. Februar bis zum 2. März. – Wir sind nun lange genug hier, um etwas über Ort und Menschen zu wissen. Zunächst von dem Orte: Wo jetzt das Pächterhaus steht, war früher eine berühmte Abtei. Der Turm steht noch, und das große Zimmer, wo die Mönche aßen und tranken, dient jetzt zu einem Kornspeicher. Das Haus scheint einige Zeit als Ruine dagestanden zu haben, denn nur zwei Zimmer sind von der früheren Einrichtung desselben geblieben. Die Kinder belustigen sich in den dunklen Gängen des Hauses und springen die Treppenstufen auf und ab, die zu den Schlafzimmern der Mönche geführt zu haben scheinen. Oft verirre ich mich in dem großen Hause, und der Pächter machte die lustige Bemerkung, er würde mir Wegweiser durch das Haus setzen lassen und zwar von dem Keller bis zu dem Boden. Im Erdgeschosse haben wir ein großes, zugfreies, still und ruhig liegendes Zimmer; es scheint der Einsamkeit gewidmet zu sein, ferner befindet sich darin eine große Halle mit einem Kantine, diese ist so groß, wie unsere beiden Zimmer in der Stadtwohnung. Hier halten wir uns gewöhnlich auf, speisen auch hier, und die Kinder tummeln sich lustig darin herum; auch die Hunde schnüffeln herein, wenn sie von der Kette befreit sind; hier wird der Arbeitslohn ausgezahlt, Besuch empfangen, Speck eingesalzen, hier rauchen die Männer ihre Pfeifchen und nicken auch zuweilen des Abends ein; kurz, diese weite Halle ist in der Tat den verschiedensten Zwecken dienstbar, denn sie ist der bestbesuchte Teil des ganzen Gebäudes und ich bin schon so vertraut mit ihr, als hätte ich meine halbe Lebenszeit in ihr zugebracht.

Von den Türmen aus blickt man auf den Blumengarten, auf Grasplätze, Hinterhof, Taubenhäuser und den Küchengarten. Das Haus ist umgeben von Grasplätzen, die wieder einzeln von Hecken eingefasst sind; hinter den grünen Feldern erheben sich Hügel, die den Horizont begrenzen; aber von dem Fenster unseres Schlafzimmers erblicken wir eine Öffnung in der Hügelreihe und es zeigt sich an der Stelle ein See, je nach dem Wetter gefärbt, zuweilen blau, dann wieder grau, bei Sonnenuntergang mit Feuer gemalt und bei regenreichen Tagen liegt er da, wie mit Silber gedeckt. —

Die Bewohner des Pächterhauses haben das große und seltene Verdienst, dass man geneigt ist, sie um ihre Freundschaft zu bitten, sobald man sie kennen gelernt hat. Sie empfingen uns bei unserer Ankunft, als wenn wir alte Freunde wären, die von einer langen Reise zurückgekehrt seien. Bevor wir zehn Minuten in der Halle verbracht hatten, saß William in dem bequemsten Stuhl und in der gemütlichsten Ecke. Die Kinder hatten Brot und Kuchen erhalten, welches sie, an dem Fenster sitzend, lustig verzehrten. Ich plauderte gemütlich mit der Pächterfrau und hielt dabei die alte Hauskatze auf meinen Knien, während sich Emilie mit den jungen Kätzchen beschäftigte.

Die Familie besteht aus sieben Mitgliedern. Zunächst also von dem Pächter und seiner Frau. Er ist ein großer starker Mann, spricht sehr laut und ist ein sehr tätiger Landwirt Sie ist die lustigste, dickste und beweglichste Sechzigerin, welche ich je kennen lernte. Außer Vater und Mutter sind noch drei Söhne und zwei Töchter im Hause; die beiden älteren Söhne beschäftigen sich mit der Landwirtschaft und der jüngere ist Seemann. Die beiden Töchter strahlen von Jugendfrische und Gesundheit; – doch ich habe mich über sie zu beklagen, denn sie werden mir die Kinder verziehen durch ihre Zärtlichkeit.

Hier an diesem ruhigen Orte, umgeben von guten und gebildeten Menschen, würde ich mich recht glücklich fühlen können, wäre ich nicht durch Williams Augenleiden so gedrückt und traurig, und dann auch durch die Sorge für unsere Zukunft. Nachdem wir den Tag angenehm verbracht haben, nachdem wir Umgang mit heiteren Menschen gepflegt, sagen wir uns oft des Abends, wenn William und ich allein sind: Werden wir die Mittel besitzen, um noch länger als einen Monat in dieser unserer neuen Heimat leben zu können?

Am 3. Es ist heute ein regenreicher Tag, die Kinder sind schwer zu zügeln. William ist in schlechter Gemütsstimmung; vielleicht beeinflusst er mich auch, oder fühle ich nur heute mehr die Mühe, die mir die Kinder verursachen. Wie kommt es? Ich bin heute gerade so traurig gestimmt als an dem Tage, wo mein Mann zum ersten Male den grünen Augenschirm trug. Ich habe heute das Gefühl gänzlicher Hoffnungslosigkeit; – aber warum schreibe ich dies nieder? Man soll ja immer auf den folgenden Tag blicken, wenn der gegenwärtige trübe ist. »Seid tragen und vergessen,« dieses Ausspruchs sollte ich eingedenk bleiben.

Am 4. Der heutige Tag hat die Hoffnung gerechtfertigt, welche ich auf ihn setzte; überall Sonnenschein, selbst in meinem Herzen ist es klarer als gestern. Oh, ich habe nur die Frist eines Monats in meiner Macht, was werden wir nach dem Ablaufe desselben anfangen?

Am 5. Gestern Abend vor der Teestunde überlegte ich, ob es nicht noch andere Mittel gebe, Geld zu verdienen, als durch Williams Augen allein, – und ich glaube, ich habe einen Weg entdeckt, der uns mit dem Nötigen versehen wird, vielleicht gelingt es mir, so viel zu erwerben, dass wir hier bleiben können, bis Williams Augen geheilt sein werden.

Der neue Plan, den ich für unsere Erhaltung entworfen habe, hat mich vor mir selbst um einige Zoll größer gemacht. Ich werde ihn dem Doktor morgen mitteilen, William ist schnell überredet, ich kenne ihn ja, und schließlich mag er sagen was ihm beliebt, ich werde meine Handlungen schon verantworten.

Doch ich teile mit, wie ich zu den neuen Ideen gelangt bin: – Wir hatten eben den Tee getrunken und mein Mann, in besserer Stimmung als gewöhnlich plauderte mit dem jungen Seemann, der hier den Spitznamen »schlechter Wetter Dick« führt. Der Pächter und seine beiden ältesten Söhne hielten ihr gewöhnliches Schläfchen unter der alten Eiche. Die alte Frau strickte und die beiden jungen Mädchen räumten den Teetisch ab; ich selbst war damit beschäftigt, die Strümpfe der Kinder zu stopfen. Allem Anscheine nach war die Situation eine zu alltägliche, um zu neuen Ideen zu beleben, und doch kamen sie mir ungesucht. Die Männer unterhielten sich von der Einrichtung der Seeschiffe und endlich gab der junge Seemann eine Beschreibung von seiner Hängematte, die er sehr zu lieben schien; obgleich er in ihr, in stürmischen Nächten, oft an die harten Schiffswände geschleudert werde.

Als ich dies Alles mit angehört hatte, fragte ich ihn, ob er es nicht doch verziehen würde, auf dem Lande in einem soliden Himmelbett, mit vier festen Füßen ausgestattet, zu schlafen, als in der schwankenden Hängematte. Doch zu meiner Überraschung erwiderte er. dass er niemals besser schlafe, als in seiner Hängematte und dass er in dem besten Bette auf dem Lande alle die Unannehmlichkeiten vermisse, welche Uneingeweihte seiner lieben Hängematte zuschreiben. Die sonderbare Vorliebe der Seeleute für die Hängematte erinnerte meinen Mann an eine Geschichte, welche ihm einst ein Herr mitgeteilt, dessen Portrait er gemalt hatte. Es war eine entsetzliche Geschichte, die sich in einem französischen Spielhaus zugetragen hatte.

»Sie lachen mich gewiss aus, über meine Neigung zu der Hängematte,« fragte der junge Matrose lächelnd zu William gewendet.

»O nein,« entgegnete mein Mann, »Ihre Abneigung für gewöhnliche Himmelbetten erinnert mich sogar daran, dass ich einen Herren kannte, der ganz Ihrer Ansicht über diese Art zu schlafen war.«

Entschuldigen Sie mich,« sagte Dick, der junge Seemann, »können Sie mir dies nicht in gutem Englisch anschaulich machen, so dass ich es verstehe?«

»Gewiss,« erwiderte mein Mann lachend! »Ich meinte ganz einfach, dass jener Herr, wenn er in einem Himmelbett schlief, sich sehr unheimlich fühlte. Verstehen Sie mich nun?« – »Vollständig,« entgegnete Dick, »und ich bin sehr begierig zu hören, was jenem Herren geschehen ist.« Die alte Frau unterstützte die Bitte ihres Sohnes, die Töchter setzten sich auch zum Zuhören bereit nieder und der alte Pächter erschien auch mit den beiden andern Söhnen, um sich zu uns zu gesellen. Mein Mann sah nun wohl ein, dass er seine Geschichte mitteilen müsse und er begann denn auch bald.

William ist zwar ein vortrefflicher Erzählen ich hörte ihn oft und in vielen Teilen Englands erzählen, aber einen so aufmerksamen und dankbaren Zuhörerkreis, wie den hier zu Appletreewick, hatte er wohl früher nie gehabt; selbst die Leute des Hauses stahlen sich von ihrer Beschäftigung fort und hörten in der Nähe der Tür, unbehelligt von ihrer Herrschaft, aufmerksam zu. Indem ich auch schweigend zuhörte, kam mir plötzlich der Gedanke: Könnte William nicht noch einen größeren Zuhörerkreis für seine Erzählungen gewinnen? Man schreibt ja auch Erzählungen für Bücher, die dann gekauft werden. Wie wäre es denn, wenn wir Williams Erzählungen drucken ließen und sie dann ebenfalls verkauften? Von welch einer großen Angst würde uns eine solche Einnahme befreien! Wir werden so glücklich sein, hier leben zu können, bis Williams Augen geheilt sind. Ich war so freudig bewegt von dem Gedanken, dass ich von meinem Stuhle aufsprang, und ich dachte unwillkürlich daran, dass Newton wie Baron ihre großen Entdeckungen nur etwas Zufälligem zu verdanken gehabt hätten. Ich musste mich zu überwinden suchen, dass ich nicht sogleich William und unsern Freunden hier meine Zukunftspläne mitteilte, aber ich fand, dass es doch besser sei, damit zu warten, bis ich mit William allein sein würde und ich wartete auch.

Als wir gute Nacht gesagt hatten und in unserm Zimmer waren, sagte ich zu William: »ich hörte früher niemals das Abenteuer aus dem französischen Spielhaus so hübsch erzählen. Die Geschichte machte großen Eindruck auf unsere Freunde und zwar in allen ihren Teilen«

Er nahm keine weitere Notiz von dem, was ich sagte, sondern entgegnet mir: »So? schön!« Dann bereitete er das Bad für seine armen kranken Augen, es ist dies stets seine letzte Tagesarbeit.

»Es scheint, alle die Erzählungen sind interessant, die Du in Deiner fünfzehnjährigen Tätigkeit als Maler einsammeltest. Weißt Du vielleicht genau, wie viel Du gehört hast?« fragte ich. – »Nein,« sagte er in einem ganz gleichgültigen Tone und wusch dabei seine Augen mit dem kleinen Schwämmchen ruhig weiter. Ich nahm ihm das Schwämmchen ab und fuhr damit leise über die beiden theuern Augen und fragte: »Denkst Du, dass ich es verstehen würde, Deine hübschen Geschichten niederzuschreiben, wenn Du sie mir noch einmal erzählen würdest?« – »O ja,« erwiderte William, »doch warum diese Frage?«

»Weil ich wünsche, dass sie nicht so schnell vergessen werden mögen,« sagte ich. »Ich werde jetzt Dein linkes Auge baden, weil dies des Nachts die meiste Hitze hat,« fügte ich hinzu und nachdem ich verschiedene Versuche gemacht hatte, ihn noch wach zu erhalten, sagte ich plötzlich: »William, ich habe einen Plan, der uns mit so vielem Geld versehen wird, als wir hier nötig haben werden.«

Er warf seinen Kopf plötzlich in die Höhe und sah mich an. »Welchen Plan?« fragte er. »Diesen,« erwiderte ich; »der Zustand Deiner Augen erlaubt es wahrscheinlich nicht, dass Du ferner Deine Malkunst ausübst, ist es nicht so? Was wirst Du nun tun in Deinen unbeschäftigten Stunden? Werde Schriftsteller, teurer Mann, und wir werden so viel Geld verdienen wie wir brauchen, wenn wir ein Buch veröffentlichen.«

»Aber ich bitte Dich, Leah, bist Du von Sinnen?« rief er aus.

Ich legte meinen Arm sanft um seinen Hals und setzte mich auf seinen Schoß, so mache ich es nämlich stets, wenn ich Etwas von ihm erbitten will. »Nun, William,« bat ich »höre mir aufmerksam zu. Ein Künstler unterliegt Zufällen; seine Kunst hängt von dem Gebrauche seiner Augen und Finger ab; ein Schriftsteller dagegen kann sich der Augen und Finger Anderer bedienen. Du bist jetzt in der Lage, solche Dienste annehmen zu müssen, so werde also Schriftsteller. Doch warte und höre weiter! Dein Buch soll alle die Geschichten enthalten, die Du hörtest und die Du so angenehm vorzutragen verstehst. Du wirst sie mir dictiren und ich werde sie niederschreiben; dann wird unser Manuskript gedruckt werden und wir werden das fertige Buch dem Publikum verkaufen, so werden wir Andere unterhalten und uns helfen.«

Mein Mann hatte aufmerksam zugehört und fragte ganz erstaunt: »Wie kommst Du denn zu diesem Plan, Leah?«

»Ich kam darauf, während Du unserm jungen Seemann von dem Abenteuer in dem Spielhaus erzähltest,« erwiderte ich.

»Es ist eine scharfsinnige und kühne Idee,« warf er gedankenvoll ein; »aber es ist ganz etwas Anderes in Freundeskreisen zu erzählen als für das große Publikum; bedenke doch, meine Liebe, dass wir nicht daran gewöhnt sind für die Öffentlichkeit zu schreiben.«

»Das ist wohl wahr,« sagte ich, »aber daran ist Niemand gewöhnt, der erst anfängt, zu schreiben, und gerade die zufällige Literatur hat oft den meisten Erfolg. Wir haben das fertige Material schon unter unsern Händen und wir werden gewiss einen guten Erfolg zu erwarten haben, denn wir werden nur Wahrheiten bieten.«

»Wo finden sich aber bei uns die lebhafte Beschreibung und die überraschenden Reflexionen und noch mehr dergleichen Eigenschaften?« sagte William, seinen Kopf schüttelnd.

»Nirgends!« rief ich aus. »Die Eigenschaften, welche Du als uns fehlend nanntest, besitzen gewöhnlich die Unterhaltungsbücher, die Niemand liest. Überlege nicht so ängstlich, lieber Mann,« sagte ich, als ich sah, dass er wieder seinen Kopf hin und her zu wiegen begann; »ich bin meines Erfolges fast sicher, wenn Du jedoch noch Zweifel hegst, so lass uns diese Angelegenheit einem andern Schiedsrichter vorlegen. – Der Doktor will Dich morgen besuchen. Ich werde ihm sagen, was ich für uns ersonnen habe, Du kannst dabei sein; sein Ausspruch soll dann maßgebend für mich sein.«

William gab lächelnd seine Erlaubnis dazu; »So ging ich denn in bester Stimmung zur Ruhe. Ich hätte den Doktor gewiss nicht zum Schiedsrichter erwählt, wenn ich nicht im voraus gewusst hätte, er würde auf meiner Seite sein.

Am 6. Der Schiedsrichter hat bewiesen. dass ich mich nicht in ihm geirrt habe. Er war schon ganz meiner Ansicht als ich ihm meinen Plan kaum halb mitgeteilt hatte. Von den Schwierigkeiten, welche mein guter Mann machte, wollte er gar nichts hören. »Keine lange Überlegung, Mister Kerby!« rief er lustig aus. »Schnell ans Werk! und das Glück wird folgen! Ich sagte es ja immer, Ihre Frau wiegt so schwer wie Gold, jetzt beweist sie es, darum schnell an die Arbeit!«

»Von ganzem Herzen gern,« sagte William, und es schien, als ergriff ihn unser Enthusiasmus nun schließlich auch; »aber,« setzte er hinzu, »wenn meine Frau und ich geschrieben haben werden, was sollen wir dann mit dem Produkt unserer Tätigkeit anfangen?«

»Das übernehme ich,« antwortete der Doktor, »beendigen Sie nur Ihr Werk und senden Sie mir es dann, ich werde es dem Herausgeber unserer Zeitung vorlegen; er hat mehrere literarische Freunde in London und ist außerdem ganz der Mann, Ihnen tätig beizustehen. Haben Sie schon einen Titel für Ihr neues Buch, Mistreß Kerby?«

Bei dieser Frage erinnerte ich mich dass ich noch nicht daran gedacht habe, dem Buch auch einen Titel zu geben.

»Ein ansprechender Titel ist von großer Wichtigkeit,« sagte der Doktor nachdenklich. »Wir müssen jetzt Alle daran denken! Nun, Mistreß, Kerby, wie wird er heißen?«

»Wir werden gewiss die Arbeit niemals vollenden können,« warf mein Mann ein; »denn, Leah, wie willst Du Zeit finden, die Arbeit die Dir Deine Mutterliebe auferlegt, mit den schriftstellerischen Arbeiten zu vereinen. Du wirst nicht Zeit finden, das niederzuschreiben, was ich Dir diktieren werde.«

»Daran habe ich diesen Morgen auch gedacht,« antwortete ich, »und da habe ich gefunden, dass ich während der Tagesstunden wenig Zeit für Deine Diktate finden werde, wo ich mit dem Waschen, Ankleiden, Unterricht und Spazierengehen der Kinder viel beschäftigt bin, und wo ich auch Nachmittags so gern mit der Pächterin und ihren Töchtern ein Wenig plaudere; aber wenn die Kinder in ihren Bettchen sind, wenn der Pächter und seine Familie lesen, werde ich fast täglich drei Stunden erübrigen können, dann werden wir an unsere schriftstellerische Arbeit gehen – so »nach der Dämmerstunde«.«

»Da ist der Titel!« rief der Doktor laut aus und sprang von dein Stuhle auf, als wäre er von einem Schuss getroffen worden.

»Wo?« rief ich aus und blickte so erstaunt um mich, als wenn ich erwartete, der Titel solle sich mit magischen Schriftzügen über die Wände des Zimmers ausbreiten.

»Er ist in Ihren letzten Worten enthalten,« sagte der Doktor, »Sie sagten ja soeben, dass Sie nur in der Dämmerstunde zu schreiben beginnen wollten; was können wir Besseres tun, als das Buch nach der Zeit benennen, in welcher es geschrieben ist?

»Nennen Sie es getrost: Nach der Dämmerstunde: doch still! Bevor noch Jemand ein Wort darüber verliert, lassen Sie uns sehen, wie dieser Titel auf dem Papier aussieht.«

Ich öffnete meine Schreibmappe in großer Hast. Der Doktor nahm das größte Stück Papier, welches er finden konnte, heraus, ergriff die schönste Feder, die vorhanden war und schrieb mit großen Buchstaben die zauberhaften Worte:


»Nach der Dämmerstunde.«

Wir neigten uns alle drei über das Papier und in atemloser Stille studierten wir den Effekt dieser Worte. William riss den grünen Augenschirm herab und wurde so dem Doktor trotz dessen Anwesenheit, ungehorsam. Nach einem langen Schweigen blickten wir uns einander an, und fanden, dass der Doktor wirklich, schnell und gut, den treffendsten Titel gefunden hatte.

»Ich habe das Titelblatt geschrieben,« sagte unser Freund und nahm seinen Hut, um sich zum Fortgehen zu rüsten, »ich überlasse es jetzt Ihnen, das Buch zu schreiben.« Seitdem habe ich mir nun vier Federn vorbereitet und ein Buch Papier aus dem Laden des Dorfkrämers gekauft.« William denkt über seine Geschichten nach, damit er bis zur Dämmerstunde bereit sei, mir zu diktieren; denn wir wollen diesen Abend unsere neue Tätigkeit beginnen. Mein Herz schlägt und meine Augen glänzen, wenn ich daran denke. Unsere teuersten Interessen sind ja an die Beschäftigung geknüpft, welche wir heute unternehmen wollen.




Die Erzählung des Reisenden

von dem entsetzlichen fremden Bett




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Einleitung


Bevor ich mit Hilfe meiner geduldigen, aufmerksamen und schreibe-fertigen Frau die Geschichten mitteile, welche ich zu verschiedenen Zeiten und von verschiedenen Personen, deren Bilder ich aufnahm, hörte, will ich des Lesers Interesse für dieselben dadurch vermehren, dass ich ihm kurz mitteile, wie ich zu dem Stoff meiner Erzählungen gelangte.

Über mich selbst will ich nur bemerken, dass ich seit fünfzehn Jahren das Geschäft eines reisenden Porträtmalers ausgeübt habe. Ich bereiste jedoch nicht nur England, sondern ich wurde auch zweimal nach Schottland und einmal nach Irland berufen. Ich hatte in dieser Zeit fast nie einen festen Wohnsitz, sondern ich reiste je nach den Briefen, die ich von den Personen erhielt, die von mir gemalt sein wollten. Oft hörte ich auch von Gegenden, in denen kein Porträtmalerei lebte, dann reiste ich auf Spekulation dort hin; oft aber empfahlen mich auch die Gemäldehändler ihren reichen Kunden und öffneten mir in dieser Weise den Weg zu den größeren Städten; es geschah auch, dass mich wohl bestellte Kollegen zu Arbeiten empfahlen, die ihnen selbst zur Ausführung zu geringe erschienen, und so kam ich durch sie zuweilen auch in angenehme Landhäuser. So ging ich, stets Ort und Menschen wechselnd, durch das Leben, weder Vermögen noch Ruhm einerntend, dabei aber unabhängig und glücklicher als Mancher, der Beides erreichte. So dachte ich allerdings nur in der letzteren Zeit, denn in meiner Jugend schmachtete ich nach Ehre und Ruhm. Gott sei Dank, dass hier nicht der Ort ist von meiner Vergangenheit und von Enttäuschungen reden zu müssen; doch es kommt noch zuweilen der Schmerz aus vergangenen Zeiten über mich, wenn ich meiner Studienzeit gedenke.

Eine Eigentümlichkeit meines Lebens ist, dass ich mit Menschen von den verschiedenartigsten Charakteren zusammen gekommen bin; oft kommt es mir vor, als ob ich berufen wäre, die Charakterverschiedenheiten der menschlichen Gesellschaft in Gemälden darzustellen.

Die verschiedenen Erfahrungen, welche ich in der Welt machte, bestimmten mich, etwas unfreundlich über meine Mitgeschöpfe zu denken.

Oft erfuhr ich von meinen Kunden eine Behandlung, welche ich nicht mitteilen kann, ohne in dem Leser Mitleid und Traurigkeit zu erregen; da ich jedoch nie lange an einem Ort verblieb, so hatte ich auch Gelegenheit, oft gute Menschen kennen zu lernen, derer ich mich gern und mit freundschaftlichen Gefühlen erinnere.

Die Erfahrungen, die ich im Allgemeinen in moralischer Beziehung machte, sind oft sonderbar; ich fand die Frauen z.B. weniger schwierig, was den künstlerischen Ausdruck ihres Gemäldes betrifft, aber auch nicht so großmütig im Bezahlen, wie die Männer; andererseits sind die Männer wieder viel ängstlicher besorgt, ob man ihrer persönlichen Anziehungskraft im Gemälde auch volles Genüge leistet. Im Allgemeinen habe ich gefunden, dass jüngere Menschen viel leichter zu befriedigen sind, als ältere. Den ungnädigsten Lohn für meine Mühen erhielt ich stets von den sogenannten Emporkömmlingen, reichen ungebildeten Bürgern u.s.w. Dagegen haben die wahrhaft vornehmen Leute, wie die ärmsten, also gerade die beiden grellsten Gegensätze, mich stets liebevoll behandelt, je nach ihren Verhältnissen; beide ließen mich bald in ihrem Hause heimisch sein.—

Das größte Hindernis für die Ausübung meiner Kunst besteht nicht darin, wie Manche glauben mögen, dass Diejenigen, welche mir zu ihrem Gemälde sitzen, sich still und ruhig verhalten, o nein, viel mehr darin, dass sie den gewöhnlichen Ausdruck ihres Gesichts beibehalten und die Eigentümlichkeit ihrer Art und Weise wie ihrer Kleidung. Aber gerade bei solchen Sitzungen wird so Vieles erzwungen, was nicht vorhanden ist. Das Haar wird anders geordnet, das Gesicht zu irgend einer schön gedachten Grimasse verzerrt und so geht der wahrhafte Charakter verloren. Wenn wir uns erlauben, eines Menschen Charakter nach seiner Handschrift zu beurteilen, so wünschen wir dieselbe nicht in zierlichster Weise und mit einer besonders gewählten Feder geschrieben, sondern wir verlangen die gewöhnliche Schrift, um so mehr muss die gewöhnliche Art und Weise beibehalten werden, wenn Jemand will, dass sein Gemälde ihm ähnlich sein soll, denn an einem Portrait wollen wir doch erst recht die Individualität des Originals studieren, erkennen. So hat mich denn die Erfahrung gelehrt, dass Diejenigen ihren wirklichen Gesichtsausdruck beibehalten, welche, während sie gemalt werden, mit Interesse über irgend einen Gegenstand plaudern. —

Oft war ich verurteilt, viel Dummes und Uninteressantes mit anhören zu müssen; z.B. wertlose Anekdoten, Stadtgeschichten und mehr dergleichen, aber ich hatte auch Gelegenheit seltene und merkwürdige Ereignisse zu hören, die ich oft und gern in Freundeskreisen wieder erzählte, und diese sind es nun, von denen ich hoffe, dass sie auch meinem Lesern gefallen werden. Sonderbarer Weise sind mir die besten Geschichten, die ich hörte, zufällig mitgeteilt worden. Ich erinnere mich, dass mir nur zweimal absichtlich erzählt worden ist, alle anderen Erzählungen hatte der Zufall herbei geführt; oft machte ich vergebliche Versuche, mir etwas erzählen zu lassen, oft aber war ich auch genötigt, in Folge meiner Aufforderung mich recht langweilen und ermüden zu lassen; intelligentere unter meinen Kunden überließen dem Zufall den Gang des Gesprächs. Oft fand sich der Gesprächsstoff in den vorhandenen Gegenständen im Zimmer, oder ich teilte etwas mit, was mir auf dem Wege Auffälliges begegnet war und dies wurde dann weiter besprochen oder andere Dinge und Ereignisse daran geknüpft. Eine der interessantesten Geschichten, die auch in diesem Buche mitgeteilt werden soll, hörte ich auf die Erkundigung nach einem ausgestopften Pudel.

Es geschieht nicht ohne Grund, dass ich die Art und Weise zunächst mitteile, wie ich zu den Geschichten gekommen bin. Mein Gedächtnis, ist, wie dies gewöhnlich bei melancholischen Menschen der Fall ist, sehr getreu; ich vergesse niemals was ich einmal gehört habe, und die Unterhaltungen, welche ich vor Jahren führte, stehen noch so vor meinem Gedächtnisse, als wären erst einige Wochen darüber hingegangen. Ich kann sogar noch die eigenen Worte des Erzählers wiedergeben, das kommt daher, weil man beidem Malen aufmerksam zuhören kann.

Soviel vorläufig als Einleitung zu den Geschichten, für welche ich die Aufmerksamkeit des Lesers interessieren möchte. Jetzt werde ich zu den Eigentümlichkeiten übergehen, welche mir zu der Geschichte verholfen haben, die ich zunächst mitteilen werde und die ich am meisten wiederholt habe. Wo ich mich auch befand, früher oder später erzählte ich dieselbe überall. Gestern Abend hörten sie die Bewohner des Pächterhauses von mir. Vor einigen Jahren von einer Vergnügungsreise zurückgekehrt, die ich zu einem Freunde, der in Paris lebte, gemacht hatte, fand ich zu Hause mehrere Briefe, die mich erwarteten, vor, der eine enthielt die Aufforderung, dass ich mich sogleich nach Liverpool begeben möchte. Ohne erst auszupacken wartete ich die nächste Gelegenheit ab, um mich nach dahin zu begeben; dort angelangt, fragte ich zunächst bei dem Gemäldehändler an, ob vielleicht Aufträge für mich angekommen seien. Zu meiner Freude erfuhr ich, dass auch hier Einladungen an mich ergangen wären.

Als ich seelenvergnügt den Laden des Gemäldehändlers verließ, wollte ich mich eben nach einem Quartier umsehen, als ich dem Gastwirt eines der größten Hotels in Liverpool begegnete. Er war eine alte Bekanntschaft von mir aus meinen Studententagen, wo er noch als Kellner in einem Londoner Hotel beschäftigt war.

»Mister Kerby,« rief er ganz erstaunt aus, »welch eine unerwartete Begegnung! Sie hätte ich wirklich nicht in dem Augenblicke erwartet, wo ich gerade Schritte tun wollte, mir einen Maler empfehlen zu lassen.«

»Was, noch mehr Bestellungen für mich?« rief ich vergnügt aus, »will sich denn ganz Liverpool von mir malen lassen?«

»Ich weiß nur von einem Portrait, erwiderte der Gastwirt »Ein Herr, welcher in meinem Hotel wohnt, wünscht eine Kreidezeichnung von sich zu haben; ich ging nun eben hier her, um den Gemäldehändler nach der Adresse eines Porträtmalers zu fragen; wie erfreut ich nun aber durch Ihre augenblickliche Anwesenheit bin, können Sie sich leicht vorstellen.«

»Er wünscht sein Portrait also sogleich?« fragte ich, indem ich mich der vielen Bestellungen erinnerte, die ich bereits angenommen hatte.

»Ja, sogleich, fast auf der Stelle, wenn es möglich ist.« sagte der Gastwirt »Mister Faulkner, so heißt der Herr, von dem ich spreche, wollte gestern nach Brasilien reisen; allein der Wind war ungünstig und er kam diesen Morgen wieder ans Land. Es ist möglich, er wird nun noch für einige Zeit hier aufgehalten, aber es kann auch sein, dass der Wind bald für die Abfahrt günstig wird; das ist der Grund, weshalb die Bestellung so schnell ausgeführt sein muss Unternehmen Sie nur diese Arbeit, Mister Faulkner ist ein freigebiger Mann und wird gern aus Ihre Bedingungen eingehen.«

Ich überlegte einige Minuten. Das Bild sollte ja nur in Kreide ausgeführt werden; ich kann es vielleicht am Abend fertig machen, dachte ich, wenn die andern Bestellungen vielleicht auch schnell verlangt werden sollten. Warum sollte ich nicht gleich ans Werk gehen? Richtig, so wird es gemacht! Ich ließ mein geringes Reisegepäck bei dem Gemäldehändler, nahm nur Kreide und Zeichenpapier mit und folgte meinem Bekannten – stehenden Fußes ins Hotel, wo Herr Faulkner auch sogleich zu einer Sitzung bereit war, die denn sofort ihren Anfang nahm. Ich fand in ihm einen jungen hübschen, intelligenten und lustigen Mann. Er war ein Freund des Reisens, hatte bereits die Wunder des Ostens kennen gelernt, und wollte nun auch die Wüsteneien Süd-Amerikas besuchen; das erzählte er mir, während ich meine Vorbereitungen zum Zeichnen traf.

Nachdem ich ihn nun in die rechte Position gebracht und mich an seine Seite gesetzt hatte, änderte er plötzlich das Thema und fragte mich, ob die Maler nicht zuweilen geneigt wären, die Gesichter ihrer Originale zu verschönern, so viel in ihrer Macht steht?

»Ja wohl,« erwiderte ich, »Sie haben da etwas ganz Richtiges bemerkt!«

»Nun,« bemerkte er, »so werde ich Sie höflichst ersuchen, bei mir diese Kunst nicht anwenden zu wellen, sondern mich mit allen meinen Mängeln zu zeichnen, so, wie ich eben aussehe, denn das Bild ist für meine Mutter bestimmt. Meine Reiselust beunruhigt sie sehr und sie trennte sich das letzte Mal recht traurig und ungern von mir. Ich weiß nicht, wie mir heute die Idee in den Kopf gekommen ist, dass ich diese Zeit hier nun nicht besser anwenden könnte, als wenn ich mich für meine Mutter malen ließe. Sie hat nur ein Gemälde von mir aus meiner Kinderzeit und ich weiß, dass sie kein anderes Geschenk so erfreuen würde als gerade ein Gemälde. Ich belästige Sie also nur deshalb mit diesen Erklärungen, weil ich möchte, dass die Zeichnung wahr sei und mich so wiedergebe, wie ich in der Tat aussehe.«

Ich bewunderte und respektierte seinen Wunsch und versprach ihm, dass ich ihn ganz so zeichnen wolle, wie er aussehe. Dann ging ich sofort an die Arbeit. Kaum hatte ich zehn Minuten gearbeitet als die Unterhaltung zu stocken begann. Mister Faulkner schloss seinen Mund, senkte seinen Kopf und zog seine Augenbrauen zusammen; wahrscheinlich dachte er, dass sein Bild ja doch ähnlich werden würde auch ohne sein Hinzutun; allein sein gewöhnlicher Gesichtsausdruck verschwand vollständig und wie er so nachlässig dasaß, war er einem Melancholiker sehr ähnlich.

So lange ich nur die Umrisse des Kopfes zeichnete, war es gleichgültig, welche Miene er annahm, aber nachdem ich mehr als eine Stunde so gearbeitet hatte, gab ich ihm einige Minuten zu freier Bewegung während ich meine Kreide aufs Neue spitzte.

Mister Faulkner spazierte im Zimmer auf und ab; dann bat er um mein Skizzenbuch und fragte, ob ich einige Entwürfe darin habe. Ich erwiderte ihm, dass nur die wenigen darin seien, welche ich während meiner Anwesenheit in Paris aufgenommen habe. »In Paris?« fragte er mit lebhaftem Interesse, »darf ich sie sehen?«

Ich erlaubte es ihm, und er setzte sich nieder, nahm das Portefeuille auf den Schoß und überflog die Zeichnungen darin; als er aber ungefähr das sechste Blatt in die Hand nahm, sprang er auf, lief damit zum Fenster und blickte wohl fünf Minuten auf dasselbe; dann wandte er sich zu mir und fragte, ob ich irgend eine Absicht mit dieser Zeichnung habe.

Es war die am wenigsten interessante aus der ganzen Sammlung, nur eine Ansicht von einer der Straßen, welche rückwärts der Häuser des Palais Royal entlang gehen. Vier oder fünf von diesen Häusern waren mit in die Skizze aufgenommen. Das Ganze hatte keinen besonderen Wert für mich und ich bat ihn, er möge das Blatt behalten. Er dankte herzlich dafür, und als er sah, dass ich etwas erstaunt auf seine Wahl blickte, die er unter meinen Skizzen getroffen hatte, fragte er lachend, ob ich wohl erraten könnte, warum er um den Besitz dieser Skizze gebeten habe.

»Wahrscheinlich knüpft sich an diese Straße irgend eine historische Erinnerung,« antwortete ich, »die mir unbekannt ist?«

»Nein,« sagte Mister Faulkner, »diese Erinnerung geht mich nur persönlich an. Sehen Sie mal dieses Haus auf Ihrer Zeichnung, an welchem die Wasserrinne von dem Dach bis zu dem Boden geht, darin verbrachte ich einst eine Nacht, die ich bis an mein Lebensende nicht vergessen werde. Ich habe mehrere Reiseabenteuer erlebt, aber keines derselben gleicht diesem; – aber anstatt dass Sie mich zeichnen, unterhalte ich Sie und bringe Sie um Ihre Zeit,« setzte er hinzu.

»Nein, nein,« sagte ich, »setzen Sie sich nur wieder; und erzählen Sie mir Ihr Abenteuer, dann wird Ihr Bild auch die gewünschte Ähnlichkeit erhalten;« danach versicherte ich ihm, dass ich außerdem auch ein großes Interesse an seinem Abenteuer nehme. Er zögerte noch ein wenig und begann dann. Er war so mit dem Gegenstande seiner Erzählung beschäftigt, dass er es ganz vergaß, dass ich da sei, um ihn zu zeichnen; sein Gesicht nahm den gewünschten Ausdruck an.

Bei jedem Strich, den ich machte, fühlte ich, dass ich ein sehr getreues Bild herstellen und dazu noch eine wahre Erzählung erhalten würde. Doch ich lasse die Geschichte nun hier folgen.



Bald nachdem meine Universitätsbildung vollendet war, traf ich zufällig mit einem Freunde aus England in Paris zusammen; Beide jung und lebenslustig, genossen wir in vollen Zügen die Vergnügungen der Weltstadt. Eines Abends streiften wir in der Nähe vom Palais Royal umher, unentschlossen, welches Vergnügen wir aufsuchen sollten ; mein Freund schlug einen Besuch bei Frascati vor, allein ich hatte nicht Lust, dahin zu gehen; denn ich war es überdrüssig, diese übertünchten Menschen und unreellen Vergnügungen an mir vorüber gehen zu lassen; ich kannte ja Frascati in und auswendig und war ermüdet von diesem vornehmen Spielhaus

»Um des Himmelswillen,« sagte ich zu meinem Freunde, »lass uns doch einmal zu natürlicheren Menschen gehen, zu solchen, welche um des Vergnügens wegen spielen, nicht aber um leicht Geld zu gewinnen; zu einfachen Menschen; weit, weit fort von dem fashionablen Frascati!«

»Gut,« erwiderte mein Freund, »wir werden uns in die Nähe von Palais Royal begeben, dort wirst Du die gewünschte Gesellschaft finden. Hier dicht vor uns ist ein solcher Ort, welcher genau dem entspricht, wo Du Dich hin-sehnst« In einer Minute war die Tür erreicht und wir traten in das Haus, dessen Rückseite in Ihrer Skizze zu sehen ist.

Nachdem wir die Treppen erstiegen und dem Garderobier unsere Hüte und Stöcke gegeben hatten, wurden wir in den Spielsaal eingelassen. Es waren nicht viele Personen anwesend; aber diese wenigen waren die bemitleidenswertesten Typen aus ihrer Klasse. Wir hatten nur einfache Menschen aus der unteren Klasse sehen wollen, aber diese Menschen hier waren etwas Schlimmeres. —

Wir wollten komische Skizzen sammeln, aber hier spielte sich nur eine stumme, höchst traurige Tragödie ab. Die vollständige Stille in dem Zimmer war schrecklich. Jener hagere, langhaarige junge Mann mit den tief eingefallenen Augen, bewachte stumm das Umschlagen der Karten. Dieser schlaffe, fettwangige Falschspieler, welcher genau aufschrieb, wie oft schwarz verlor und rot gewann, sprach ebenfalls kein Wort. Dort, der alte schmutzige, runzliche Mann mit den Geieraugen und dem geflickten grünen Rock, welcher seinen letzten Sou verloren hatte und nun verzweiflungsvoll zusah, da er nicht mehr spielen konnte, schwieg auch. Nur die Stimme des Croupiers tönte durch den stillen Raum.

Ich hatte einen solchen Ort ausgesucht, um darin einmal froh zu lachen, aber das Schauspiel, welches sich nun hier vor meinen Augen entrollte, war eher geeignet, darüber zu weinen. Ich musste mich von der seltsamen Stimmung befreien, die mich ergriffen hatte; ich ging zum Tisch und fing an zu spielen.

Doch ich sollte noch andere Dinge erleben, denn ich gewann, gewann unaufhörlich; schon bildeten die Spieler eine dichte Gruppe um mich und stierten auf meinen Gewinn mit hungrigen, misstrauischen Blicken, und Einer wisperte dem Andern zu, dass der Engländer die Bank sprengen werde.

Das Spiel hieß Rot und Schwarz. Ich hatte es in vielen Städten Europas gespielt, jedoch ohne es genau zu kennen und man sagt doch, dieser Umstand sei der Glücksstern aller Spieler. Ein Spieler in des Wortes eigentlicher Bedeutung war ich bis dahin überhaupt nicht; mein Spiel war stets nur ein Zeitvertreib gewesen, ich habe es niemals aus Gewinnsucht ausgeübt, denn ich kannte nie den Wunsch, Geld zu besitzen. Kurz, ich hatte stets die Spielsäle so besucht, wie die Ballsäle und die Oper, nur um mich zu amüsieren in meinen Mußestunden. Aber durch diese Fülle des Gewinns änderte sich augenblicklich Etwas in mir; erst war ich erstaunt, dann aber berauscht von dem vorliegenden Gelde. Je sorgloser ich einsetzte, je mehr gewann ich. Zuerst wagten es einige Anwesenden auf meine Farbe zu setzen, aber ich vertrieb sie bald alle mit meinen enorm hohen Einsätzen, und zuletzt sahen sie nur noch in aller Stille meinem Spiele zu.

Meine Einsätze wurden immer größer und noch immer gewann ich unaufhörlich. Das tiefe Schweigen wurde dann und wann durch Ausrufe des Erstaunens in verschiedenen Sprachen unterbrochen, wenn sich die Flut des Goldes vor mir immer höher auftürmte und selbst der sonst so unerschütterliche Croupier blieb nicht gleichgültig bei meinen Erfolgen.

Nur mein Freund bewahrte seine Selbstbeherrschung er trat zu mir heran und flüsterte mir zu, ich möge mich mit dem gemachten Gewinn schnell zurückziehen; diese Warnung ließ er einige Male an mich ergehen; allein da er sah, dass ich ihm kein Gehör schenkte, verließ er den Saal und ging fort.

Kurz nachdem er sich entfernt hatte, rief eine heisere Stimme hinter mir. »Erlauben Sie mir, mein Herr, dass ich die beiden Goldstücke, welche Sie fallen ließen, zurück gebe. – Auf mein Ehrenwort, Herr! ich sah noch nie in meinem langen Leben, Jemand mit so viel Glück spielen. Tausend Sapperment! Machen Sie es noch bessert Sprengen Sie die Bank!« – Ich drehte mich um, und erblickte einen großen Mann mit einem Uniformrock bekleidet, der mir freundlich zunickte. Wäre ich meiner Sinne ganz mächtig gewesen, so hätte ich mich mehr mit seiner Persönlichkeit beschäftigt. Er hatte das Aussehen eines alten Soldaten; seine Augen waren gerötet, seine Nase zerquetscht, der Schnurrbart groß und militärisch geordnet, seine Stimme war ganz für den Kommandoton geschaffen, doch seine Hände waren vielleicht die unsaubersten in ganz Frankreich; diese sonderbare Persönlichkeit störte mich aber in diesen Augenblicken durchaus nicht, denn ich war in der Trunkenheit meines Glückes geneigt, die ganze Welt zu umarmen. Ich nahm die Dose an, welche der Soldat mir reichte und schnupfte daraus, klopfte ihm auf den Rücken und versicherte ihm, dass ich ihn für den ausgezeichnetsten Menschen der Welt halte, ja, für den ruhmreichsten Soldaten der großen Armee. Der Alte schnippte mit den Fingern und munterte mich noch einmal auf, die Bank zu sprengen.

Und ich befolgte seinen Rat und gewann so unerhört, dass der Croupier nach einer Viertelstunde ausrief: »Meine Herren, die Bank ist für heute aufgehoben!«

Alles Papiergeld und Gold der Bank lag in einem großen Haufen unter meinen Händen, das ganze Kapital des Spielhauses war also dazu bestimmt in meine Taschen zu wandern.

»Binden Sie doch das Geld in Ihr Taschentuch,« sagte mein militärischer Freund, als er sah, dass ich mit den Händen in dem Golde wühlte. »Machen Sie es nur mit dem Golde, wie wir es in der Armee mit den Resten des Mittagsmahles machten; Ihr Gewinn ist zu gewichtig für schwache Taschen.« – Ich breitete mein Taschentuch aus und brachte meinen Gewinn darin unter. »Ha, schon wieder ein Goldstück auf der Erde!« rief mein Ratgeber aus, und hob mit verschiedenen Scherzworten begleitet, den Napoleonsd’or von dem Fußboden auf. »So Herr, nun noch fest zugebunden und das Geld ist in Sicherheit,« fügte er hinzu. »Fühlen Sie nur, der ganze Ballen Geld ist fest und hart wie eine Kanonenkugel; ja, wenn man uns bei Austerlitz noch mit solchen Kugeln traktiert hätte.«

»Was werde ich aber jetzt unternehmen?«

»Nichts Einfacheres als meinen werten englischen Freund zu bitten, nun noch, nach seinem immensen Glück, eine Flasche Champagner mit mir zu trinken, um Fortuna hochleben zu lassen.«

Wir setzten uns zu Tische und ließen alle Welt hochleben, selbst Frau und Töchter des Croupiers, dann alle Frauen der Erde, Fortuna mit inbegriffen. Ich fühlte, dass der Wein wie Feuer durch meine Adern rann, mein Kopf brannte heftig, nie hatte der Wein solchen Einfluss auf mich ausgeübt, war ich unwohl oder war der Champagner wirklich so außerordentlich stark?

Doch ich rief trotzdem noch nach einer dritten Flasche, als zwei bereits leer vor uns standen. Der alte Soldat schüttelte jedoch den Kopf, legte seine schmutzigen Finger an seine zerquetschte Nase und empfahl feierlich: »Kaffee, mein Freund, Kaffee!« und stand auf, welchen zu verlangen.

Diese Worte des alten »Helden von Austerlitz« schienen eine zauberhafte Wirkung auf alle Anwesenden auszuüben, denn sie entfernten sich sogleich Einer nach dem Andern. Wahrscheinlich hatten sie gehofft, ich würde mich in meiner Freude so betrinken, dass sie schließlich willkürlichen Anteil an meinem Gewinn nehmen konnten, da sie nun aber sahen, dass sich der Alte zu meinem Schutzgeist gemacht hatte, gaben sie ihre Hoffnung auf. Als der alte Soldat zurückkehrte, waren wir nur noch allein in dem Zimmer anwesend; doch ich bemerkte, dass der Croupier, in einem Vorzimmer saß und schweigend seine Abendmahlzeit hielt, sonst war Alles wieder still und ruhig geworden.

Mit einem Male begann mein Schutzgeist flüsternd: »Hören Sie, mein Freund, ich habe eben mit der Wirtin, die ein wahres Wunder der Kochkunst ist, gesprochen und sie beauftragt, uns einen vorzüglichen Kaffee zu bereiten. Sie müssen diesen Kaffee trinken, damit sich Ihr aufgeregter Kopf wieder ein Wenig sammele, denn es ist sehr gewagt, – mit so vielem Gelde in der Nacht nach Hause zu gehen. Es haben viele der hier anwesend Gewesenen Ihrem Glück im Spiel beigewohnt; – es waren zwar, wie ich glaube, alle gutmütige Menschen, aber – Jeder hat seine schwachen Seiten. Sie verstehen mich doch? Wenn Sie sich dann erfrischt haben, so, rate ich, schicken Sie um einen Wagen, setzen sich mit Ihrem Gelde hinein und befehlen dem Kutscher, dass er nur durch die hellerleuchteten Straßen fahre. Folgen Sie mir; denn nur in dieser Weise werden Sie mit Ihrem Gelde sicher in Ihre Wohnung anlangen und – morgen werden Sie dem alten Soldaten dankbar sein, dass er Ihnen diesen Rat gegeben hat.«

Als der Alte geendigt hatte, kam der Kaffee, schon sorgfältig in zwei Tassen eingegossen. – Ich hatte Durst und trank die Tasse mit einem Zuge leer. Doch kaum hatte ich sie niedergesetzt, als mir ganz sonderbar zu Mute ward. Ein heftiger Schwindel ergriff mich, ich stand aus und ergriff die Lehne meines Stuhles, doch das ganze Zimmer drehte sich kreisförmig, so schien es mir, und ich fühlte mich außerordentlich unwohl, so unwohl dass ich nicht wusste, wie ich nach Hause kommen würde.

»Mein teurer Freund,« hob mein Nachbar wieder an, »Sie können unmöglich in diesem Zustande nach Hause gehen; ich schlage vor, bleiben Sie hier. Ich bleibe auch hier. Man wird Ihnen hier ein prächtiges Bett überlassen und dann schlafen Sie ungestört aus und morgen, bei hellem Tageslicht, tragen Sie denn Ihren Schatz sicher heim.«

Ich hatte nur noch zwei Gedanken, erstlich, dass ich mein Taschentuch mit dem Gelde nicht aus den Händen lassen dürfe und zweitens, dass ich mich sofort niederlegen müsse. So nahm ich nun den Rat des Alten an, stützte mich auf seinen Arm und nahm mein Geld in die Hand; so brachen wir auf. Der Croupier ging, zufällig wahrscheinlich mit uns. Wir durchschritten Gänge und stiegen einige Treppen hinauf, bis wir endlich zu dem Zimmer gelangten, welches für mich bereitet war; der alte Soldat schüttelte mir noch warm die Hand, sagte, dass wir zusammen frühstücken würden und dann, nachdem er mir herzlich gute Nacht gewünscht hatte, verließ er mich. Der Croupier hatte uns ebenfalls begleitet und ging nun mit meinem neuen Freunde fort. Als ich allein war, begab ich mich zu dem Waschtisch und wusch mir das Gesicht, trank dann eine starke Portion frisches Wasser und setzte mich nieder; bald fühlte ich mich nun auch etwas wohler. Die dumpfe Luft in dem Spielzimmer, das grelle Gaslicht, die Aufregung, alles dies hatte mich in den Zustand versetzt. Jetzt aber hatte das erquickende Wasser, die bessere Luft und das milde Licht meiner Kerze so günstig aus mich eingewirkt, dass ich zu überlegen anfing und mir sagte, es sei wohl gewagt, die Nacht in einem Spielhaus zuzubringen, doch noch gewagter sei es, mit der Summe, die ich nun mein nannte, durch die Straßen von Paris zu gehen. Auf meinen Reisen hatte ich ja an noch schlechteren Orten geschlafen. Ich verrammelte dann meine Tür sorgfältig; danach blickte ich noch unter mein Bett und den Schrank, untersuchte die Festigkeit der Fenster und nachdem ich nun alle die Vorsichtsmaßregeln angewendet hatte, entledigte ich mich der Oberkleider, stellte das Licht in die Asche des Kamins und legte mich, mit meinem Gelde unter dem Kopfkissen nieder.

Bald fühlte ich, dass ich nicht einschlafen konnte, ja dass ich nicht einmal meine Augen schließen konnte, ich fühlte, dass ich eine Art Fieberanfall hatte. Meine Glieder zitterten und jeder meiner Sinne schien geschärft zu sein.

Ich warf mich hin und her, legte mich mit dem Kopfe an das Fußende des Bettes und versuchte alle nur möglichen Lagen, doch es blieb vergeblich und ich wusste, dass die Nacht eine schlaflose sein würde.

Wenn ich nur wenigstens ein Buch gehabt hätte, um die Zeit mit Lesen zu verbringen; aber es blieb mir nichts Anderes übrig, als mich mit dem üblen Zustande meiner Nerven zu beschäftigen.

Ich stützte mich auf den Ellenbogen und blickte im Zimmer herum, welches von dem Mondlichte sanft erleuchtet war und gestattete, dass ich die Bilder und die Gegenstände darin unterscheiden konnte. Als meine Blicke so von Wand zu Wand liefen, erinnerte ich mich an Le Maisrtes köstliches kleines Buch, betitelt: »Die Reise durch mein Zimmer.« Ich beschloss, dem französischen Schriftsteller nachzuahmen und die Gegenstände in meinem Zimmer einer Prüfung zu unterwerfen, um mich in dieser Weise während meiner Schlaflosigkeit zu beschäftigen. Aber bis zum Reflektieren vermochte ich mich bei dem Zustande meiner Nerven nicht zu erheben, ich betrachtete nur die Gegenstände und sonst nichts.

Da war nun zunächst das Bett, in welchem ich lag, mit seinen vier Pfosten, seinen Vorhängen und seinem hohen Giebel, ein echt englisches Bett. Dann der Waschtisch mit der Marmorplatte, von welchem das Wasser, welches ich vergessen hatte, noch immer langsam und langsamer hinunter tropfte; dann die beiden Stühle, auf welchen meine Kleider lagen; ferner ein mit schmutzigen weißen Bezügen versehener Armstuhl, über dessen Lehne mein Kragen und mein Halstuch lagen. Ferner erblickten meine umherschweifenden Blicke eine Art Kommode mit zwei oder drei Leuchtern darauf und einem zerbrochenen Schreibzeug von chinesischem Porzellan; dann sah ich den Toilettentisch mit einem kleinen Spiegel und einem großen Nadelkissen. Das Fenster des Zimmers war außergewöhnlich breit, und das Mondlicht, welches durch dasselbe herein kam, zeigte mir ein altes dunkel gewordenes Gemälde an der Wand; es stellte einen jungen Mann dar, welcher einen hohen spanischen Hut auf hatte, der mit Federn geschmückt war. Der Mann hielt seine Hand über den Augen und blickte, als ob ihn etwas blendete, in die Höhe. Dieses Gemälde zwang mich, an ihm haften zu bleiben, es schien, als blicke das Gesicht nach der Spitze meines Bettes. – Ich zählte die Federn an dem Hut, drei weiße, zwei grüne; dann bewunderte ich wieder die Spitze an dem Hut, danach sein fortwährendes Hinaufblicken; er schien mir so gespannt hinauf zu blicken, als sehe er den Galgen und erwarte, in jedem Augenblick gehenkt zu werden. Erst hatte ich ihn für Jemand gehalten, der zum Firmament aufschaut, aber so verzweiflungsvoll konnte nur der aussehen, der gerichtet zu werden fürchtet. Gewiss wird der Henker den schönen Federhut bekommen, phantasierte ich weiter und zählte dann aufs Neue: zwei grüne, drei weiße Federn. – Meine Gedanken wurden durch das sanfte Mondlicht an eine längst vergangene Mondlichtnacht in England erinnert, an die ich fast nie wieder gedacht hatte, seitdem sie vorüber war; und nun hier in dem Spielhaus auf französischer Erde, vergegenwärtigte sich mir die vergangene Nacht so lebhaft, dass ich Ort, Personen und Unterhaltung so vor mir sah, als wie damals, wo dies an mir vorübergegangen war, und dies Alles brachte mir das schwache Mondlicht hervor, welches durch mein Fenster strömte.

Ich dachte daran, wie ich in lustiger Gesellschaft in jener Nacht von einem Picknick heimkehrte, und erinnerte mich auch noch der jungen sentimentalen Dame, welche durchaus Childe Harold anführen wollte, weil der Mond dazu einlud.

Was erblickte ich aber auf ein Mal!

Gott! Gott! der Mann auf dem Bilde hat seinen Federhut bis zu den Augenbrauen herab gezogen! Der Hut war hinunter gerutscht, wo waren die Spitzen, die Federn? An der Stelle des Hutes befand sich ein dunkler Gegenstand, waren es die Augen, die Stirn, oder die Hand, welche die Augen früher zu beschatten schien? Aber, bewegte sich denn mein Bett?

Ich drehte mich herum. Was hatte ich denn gemacht? Träumte ich? war ich betrunken? oder bewegte sich das Bett in der Tat? Die Bettdecke des Bettes sank, sanft, regelmäßig, lautlos, schrecklich auf mich herab. – Mein Blut schien erstarrt, eine furchtbare Kälte lähmte meine Glieder, ich ließ mein Haupt auf das Kissen zurückfallen und blickte nach dem Bilde.

Und, o Wunders Jetzt sehe ich nur noch die Weste von der Figur, aber auch diese verschwand, bis – bis ich endlich nichts mehr von ihr sehen konnte.

Ich bin nicht furchtsam, habe oft mein Leben Gefahren ausgesetzt, aber nie empfand ich etwas Ähnliches, als in den Augenblicken, wo ich sah, wie sich die Decke von dem schweren Bette auf mich senkte; ein panischer Schrecken hatte mich ergriffen, ich lag noch immer atemlos, sprachlos, bewegungslos da. Das Licht erlöschtes nun auch so eben, aber das Mondlicht glänzte noch hell. Die Decke, welche dazu bestimmt schien, mich unter ihrer Wucht zu begraben, kam langsam noch näher und immer fester schien ich auf der Stelle fest-gebannt, wo ich lag; schon spürte ich den Staub, der oben gelegen hatte, in meine Nasenlöcher dringen. Aber noch im letzten Moment kam die Selbstbeherrschung mir zurück und ich hatte die Macht, mich aus dem Bette gleiten zu lassen; als ich geräuschlos auf den Boden fiel, berührte schon die Kante der mörderischen Decke meine Schulter.

Kalter Schweiß drang aus allen meinen Poren, ich erhob mich ein wenig, aber wenn mir auch in diesem Augenblicke Mittel zu meiner Rettung geboten worden wären, ich hätte sie nicht annehmen können, denn ich war wie festgenagelt an der Stelle, mein ganzes Leben schien nur noch in meinen Augen zu liegen.

Die schwere Decke, samt ihrem ganzen Ausputz von Posamentierarbeiten, Fransen und mehr dergleichen war niedergelassen und zwar so dicht, dass nicht einmal soviel Raum zwischen ihr und dem Bett geblieben war, dass ein Finger hätte Raum finden können. Ich berührte das, was ich für eine gewöhnliche Decke eines Himmelbettes gehalten hatte und fand, dass es eine schwere Matratze war; die Bettpfosten standen nun grässlich kahl da. In der Mitte der Decke war eine außerordentlich große, hölzerne Schraube angebracht, die absichtlich los gedreht worden war. Der ganze schreckliche Mordapparat hatte sich geräuschlos niedergelassen. Ein solches Mordinstrument hätte viel eher in die Zeit der Inquisition, oder in die entlegenen Wirtshäuser der Gebirge gepasst, nicht aber für das neunzehnte Jahrhundert und in der lebhaftesten Stadt der Welt. Noch immer starrte ich das grässliche Mordwerkzeug an, aber die Macht des Denkens kam mir langsam zurück. Ich machte mir nun tausend Vorwürfe, dass ich mich so vertrauensvoll den beiden Fremden anvertraut hatte, die mich hier her geführt hatten, um mich zu töten und mir dann das gewonnene Geld und meine andere Habe abzunehmen. Ich dachte, wie mancher Unglückliche mag sich hier an dieser Stelle mit seinem Gewinn niedergelegt haben, um nicht wieder aufzustehen. Hier tötete man ihn und er war für die Welt auf immer verschwunden.

Nachdem die schwere Decke ungefähr zehn Minuten auf dem Bette gelegen hatte, begann sie sich wieder zu erheben. Die Grässlichen, welche sie herab gelassen hatten, glaubten ihr schlechtes Werk sei vollendet. Sie glaubten mich tot Geräuschlos hatte sich »der Himmel« des Bettes, wie er gekommen war, wieder gehoben und seine alte Stelle eingenommen; nachdem er auf den vier Pfosten war, war auch die Decke des Zimmers an der Stelle erreicht; – man sah weder Loch noch Schraube, das ganze hatte das Aussehen eines ganz soliden Gardinenbettes. Jetzt nun erhob ich mich, kleidete mich schnell an und spähte nach einem Rettungswege. Ich verrichtete Alles so leise als möglich, denn ich wusste wohl, hätte man gehört, dass ich nicht erstickt sei, so wäre ich gewiss dennoch ermordet worden. Ich lauschte, aber weder Fußtritte noch ein anderes Geräusch vernahm mein Ohr, überall herrschte Ruhe. Die Tür hatte ich mit einer hölzernen Kiste, die ich unter meinem Bette gefunden, am Abend verbarrikadiert, sollte ich sie fortnehmen? Nein, denn das würde Geräusch machen. Ich ging an das Fenster auf den Fußspitzen.

Mein Zimmer befand sich im ersten Stock und ging nach der Straße hinaus, welche Sie auf Ihrer Skizze so getreu wiedergaben. Ich öffnete das Fenster mit der Vorsicht eines Diebes, geräuschlos, langsam, höchst furchtsam. – Ich blickte auf die Straße hinab, an die Seiten des Hauses entlang; an der linken Seite entdeckte ich die dicke Wasserröhre, welche Sie ebenfalls zeichneten; sie lief dicht neben dem Fenster vorbei. – Ich atmete zum ersten Male, seitdem ich die Decke sich hatte herab senken sehen, frei auf, denn ich wusste, nun sei ich gerettet!

Mancher würde davor zurück gebebt sein, an der Rinne entlang zu rutschen, aber ich war allezeit ein guter Turner gewesen und wusste, dass Kopf, Hände und Füße mir auf dieser Wanderung gute Dienste leisten würden. Schon hatte ich den Fuß auf das Fensterbrett gesetzt, als ich mich meines Taschentuchs mit dem Golde unter meinem Kopfkissen erinnerte. Ich hätte es wohl zurücklassen können, aber ich wünschte rachevoll, dass die schlechten Bewohner des Spielhauses, sowohl ihr Opfer als auch ihren Raub verlieren sollten.

Ich ging noch einmal zu der grässlichen Lagerstätte und nahm mein Geld und hing es mir auf den Rücken, während meines Ritts an der Rinne entlang. Ich hörte, als ich eben das Taschentuch mit seinem schweren Inhalte befestigte, Geräusch im Zimmer, der Atem stockte mir wieder, aber es war nur die Nachtluft, welche durch das Zimmer blies. Mit einem Schwung war ich aus dem Fenster und ergriff die dicke Rinne mit Händen und Füßen. Ich gelangte, wie gehofft, unten an, und da ich ein Polizei-Bureau in der Nähe wusste, lief ich dahin und meldete den Vorfall, in meinem schlechten Französisch. Wahrscheinlich hielt mich der Polizist zuerst für einen betrunkenen Engländer, den man beraubt hatte, aber als er hörte, dass ich wirklich so Schreckliches erlebt hatte, schloss er seine Papiere in eine Schublade, nahm seinen Hut, lieh mir einen zweiten, denn ich war ohne Kopfbedeckung, beorderte etwas Militär und verschiedene Instrumente, Türen und Schlösser zu öffnen, reichte mir den Arm, und so gingen wir dem Spielhaus zu. Unterwegs fragte der Polizeibeamte noch nach den nähern Umständen, und als wir vor der Tür angelangt waren, wurde das Haus von allen Seiten mit Wachtposten umstellt und dann in wahrhaft erschrecklicher Weise angeklopft.

Ein Licht erschien am Fenster und es folgte nun der Ruf: »Öffnen, im Namen des Gesetzes!«

Nach diesem Befehl öffneten sich Schloss und Riegel und ein halb angekleideter, geisterbleicher Kellner erschien.

»Wir wünschen den Engländer zu sehen, der hier im Hause schläft,« sagte der Polizist; ich hielt mich versteckt hinter ihm.

»Er ging vor einigen Stunden fort.« lautete die Antwort.

»So ist es nicht! Nur sein Freund hat das Haus verlassen, er blieb hier; zeigen Sie uns sein Zimmer!«

»Ich schwöre es Ihnen aber, Herr Souspräfect, er ist nicht hier!«

»Und ich, mein Herr Garcon, schwöre Ihnen, dass er hier ist. Er schlief hier, fand Ihr Bett äußerst komfortable und kam zu uns, dies anzuzeigen. Er befindet sich hier unter denen, die mir gefolgt sind. Ich bin gekommen, um in seinem Bett nach Insekten zu suchen. Haben Sie mich nun verstanden?«

Der Ober-Polizeimann rief einen seiner Leute und befahl, den Kellner sofort zu arretieren Danach sagte er zu uns: »Nun, meine Herren, hinauf!«

Das ganze Haus war inzwischen wach geworden, Männer und Frauen kamen herbei gelaufen, darunter auch mein besorgter, verdächtiger Freund von gestern Abend. Ich bezeichnete Zimmer und Bett, wo ich geschlafen hatte und wir begaben uns unverzüglich nach dem Zimmer, welches über dem meinigen war.

In dem ganzen Raume war nichts Verdächtiges zu sehen. – Der Polizist stampfte einige Male auf den Fußboden, beleuchtete dann alle Stellen sorgfältig und befahl schließlich, dass an einer Stelle, die er näher bezeichnete, die Dielen aufgehoben würden; dies geschah ohne große Mühe in kurzer Zeit, und wir erblickten eine große Öffnung zwischen dem Fußboden und der Decke des unteren Zimmers die stark eingeölt war und die Schraube umfasste, welche mit der fürchterlichen Decke des Gardinenbettes in dem unteren Raume zusammen hing. Hier befanden sich auch noch andere frisch geölte Schrauben, Hebel mit Filz überzogen, um sie unhörbar zu machen; kurz, alle Werkzeuge einer sehr schweren Presse. Alles war mit einer höllischen Grausamkeit darauf berechnet, die Opfer, in jenem Marterbette, sicher zu töten Die ganze Maschinerie wurde mit einigen Schwierigkeiten zusammengesetzt, dann begaben wir uns, der Anführer und ich, in das untere Zimmer, und die entsetzliche Maschinerie wurde durch die Polizisten, welche oben waren, in Bewegung gesetzt, und der Betthimmel ließ sich auch sehr geräuschvoll herab. Der Präfekt bemerkte: »Meine Leute sind noch Neulinge bei dieser Maschine, die Leute, deren Geld Sie gewannen, besitzen mehr Praxis.« —

Zwei Polizei-Agenten blieben in dem Hause mit dem Befehl zurück, Jeden auf der Stelle zu arretieren, der sich hinaus begeben wollte.

Der Souspräfect hatte die ganze Angelegenheit zu Protokoll genommen und begab sich dann mit mir in mein Hotel um meinen Pass nachzusehen.

»Glauben Sie in der Tat,mein Herr, dass wirklich schon Menschen in dem Bett erstickt worden sind?« fragte ich den Oberpolizisten unterwegs.

»Ich habe Dutzende von toten Menschen gesehen, die in ihrer Tasche Briefe hatten, welche benachrichtigten, dass sie sich in die Seine gestürzt, weil sie ihr Geld in einem Spielhaus verloren hätten. Wer kann wissen, ob diese Menschen nicht ihr Geld an derselben Stelle gewannen, wo Sie gewannen? Ob sie nicht erstickt wurden, wo Sie den Tod finden sollten? Vielleicht steckte man ihnen, bevor man sie in die Seine warf, erst einen Brief, voll von Lebensüberdruss, in das Portefeuille? Niemand kann wissen, wie viel Menschen unter der schrecklichen Maschinerie erstickt worden sind, denn der Tod schloss ja den Gepeinigten den Mund. Doch jetzt, gute Nacht! mein Herr,« sagte mein Begleiter, »oder vielmehr, guten Morgen! Mein Dienst beginnt um neun Uhr, und um dieselbe Zeit bitte ich Sie, wieder zu mir kommen zu wollen.«

Der Rest meiner Geschichte ist nun bald erzählt. Ich wurde oft verhört, das Spielhaus von dem Boden bis zu dem Keller genau durchforscht, die Gefangenen wurden einzeln verhört, und zwei von ihnen legten auch ein offenes Geständnis ab. Zu meinem Erstaunen erfuhr ich, dass der alte Soldat, der sich meiner an jenem Abend so freundschaftlich angenommen hatte, der Eigentümer des Spielhauses sei, der vor einigen Jahren als Vagabund aus der Armee gestoßen worden war, dass er nun auch als Diebeshehler verdächtig sei, weil er im Besitze vieler gestohlener Waren befunden wurde.

Sein treuer Beistand in allem Schlechten war der Croupier und außerdem noch das Weib, welches mir den Kaffee bereitet hatte. Diese Drei allein kannten auch nur das Geheimnis des schrecklichen Bettes. Die beiden Männer kamen auf die Galeeren und das Weib für einige Jahre ins Zuchthaus. Die Stammgäste des Hauses wurden als verdächtig erklärt und unter die Aufsicht der Polizei gestellt. Ich selbst aber wurde für einige Zeit der »Löwe des Tages« in Paris. Mein Abenteuer wurde sogar dreimal dramatisiert, erblickte aber nie das Lampenlicht, weil die Polizei nicht erlaubte, dass das schreckliche Bett des Spielhauses auf der Bühne kopiert werde, und darin lag doch gerade der Haupteffekt. Ich aber war für immer von dem Spiele Roth und Schwarz geheilt; denn so oft ich einen grünen Tisch mit Karten und Bergen Geldes erblickte, stellte sich stets das mörderische Bett daneben und die Angst, welche ich damals erlitt.

Als Mister Faulkner das letzte Wort ausgesprochen hatte, fuhr er von seinem Sitze auf und rief aus: »Um des Himmelswillen, bei meiner Erzählung vergaß ich ganz, dass ich hier her gekommen bin, um mich zeichnen zu lassen; jetzt habe ich Sie um die Zeit gebracht und mich um das Portrait!«

»Im Gegenteil!« erwiderte ich lachend, »Sie hätten nichts Besseres tun können, denn während Sie mir erzählen, ließen Sie mich Ihr Gesicht in natürlicher Ausdrucksweise sehen. Das Bild ist gelungen!«




Anmerkung von Mistreß Kerby

Ich muss der Geschichte noch hinzufügen, dass unser junger Seemann gestern Abend während des Erzählens bemerkte, dass er nie in einem Himmelbett schlafen könnte, ohne zu fürchten, die Decke würde herabstürzen und ihn ersticken. William sagte mir zwar, es würde diese Bemerkung unsres jungen Freundes den Lesern gleichgültig sein, doch ich kann mich nicht entschließen, sie fortzulassen.

Mögen sie auch nur mit kleinen Buchstaben gedruckt in einer Ecke des Buches ihren Platz finden.




Die Erzählung des Rechtsanwalts

von dem gestohlenen Brief




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Einleitung


Als ich mich einst in dem berühmten Kurorte Tidbury an der Marsy befand, erhielt ich den ehrenvollen Auftrag, den berühmtesten und geschäftigsten Rechtsanwalt der Stadt, Mister Boxsious, in Lebensgröße zu malen.

Es sollte das Bild auf Kosten des Magistrats und der Bürger der Stadt gemalt und, nachdem es vollendet, Mister Boxsious als ein Beweis der Liebe und Hochachtung übergeben werden, für die Verdienste, welche der vielbeschäftigte Mann der Stadt und ihren Bewohnern geleistet hatte. Auf die Empfehlung eines meiner Freunde hatte ich das Glück gehabt, diese Arbeit zu erhalten und es wurde mir ein Tag bestimmt, an welchem ich Mister Boxsious in seiner Wohnung zu einer Sitzung für das Gemälde bereit finden würde. Ich stellte mich auch pünktlich an dem bezeichneten Tage mit meinem Malerwerkzeug bei ihm ein, und wurde auch sofort in ein gut möbliertes Zimmer geführt, von welchem ich die Aussicht auf einen hübschen viereckigen Grasplatz hatte, hinter welchem sich ein neues Hotel der Stadt erhob; weiter die Straße entlang, sah ich das Haus des Doktors mit einer farbigen Laterne daran, und nicht weit davon, das des Bankiers mit einfacher Laterne, außerdem erblickte ich noch einige Privatgebäude und die Wohnungen der verschiedenen Handwerker des Ortes. Als ich eben über die verschiedenen Häuser Betrachtungen anstellen wollte, hörte ich eine kreischende unangenehme Stimme hinter mir, welche rief: »Nun, mein Herr Maler, nennen Sie das an die Arbeit gehen? Wo sind die Pinsel, der Farbendkasten und alles Übrige, was Sie zum Malen benötigen? Mein Name ist Boxsious und ich bin hier um Ihnen die Sitzung zu meinem Bilde zu gewähren!« —

Ich drehte mich um und erblickte einen kleinen krummbeinigen Mann, der die Hände in den Hosentaschen hielt. Er hatte hellgraue Augen mit geröteten Lidern und sein Haar war bereits ergraut, sein Gesicht war außergewöhnlich rot, sein Blick zeigte Unverschämtheit und Klugheit.

Als ich ihn betrachtet hatte, sagte ich mir, erstlich dass dieses kleine Männchen kein besonders günstiger Gegenstand für die Begeisterung eines Malers sei und zweitens, wie unverschämt er auch immer sein würde, wollte ich meiner Würde doch nichts vergeben.

»Ich werde gleich bereit sein!« erwiderte ich kurz.

»Fertig? – gleich?« – wiederholte mein Kunde, »wie meinen Sie das, Herr Maler? Ich bin nun bereit! Welchen Contract haben Sie mit dem Rat der Stadt abgeschlossen? Wer hat subscribirt für das Bild? Und, wo ist denn nun mein Contract? Da soll ich mich nun so ohne Weiteres malen lassen, ohne Contract, ohne irgend eine Garantie, ohne alle Logik des Gesetzes. Doch halt! Lassen Sie mich Ihre Farben sehen! Sind es auch die besten, die es gibt? Ich warne Sie, Herr, es wäre als Contractbruch zu betrachten! Und Ihre Pinsel? Nun, warum denn alte? Die Stadt bezahlt Ihnen doch die Arbeit gut, warum nehmen Sie keine neuen Pinsel? So, Sie malen besser mit alten Pinseln? Das verstehe ich nicht! meine Magd reinigt die Zimmer mit neuen Besen viel besser als mit alten, und meine Schreiber schreiben besser mit neuen Federn als mit alten. Nun, Sie sehen ja aus, als wenn Sie böse auf mich wären? Sie können es ruhig sein, das ist mir ganz gleichgültig und wenn Sie auch noch böser werden, mir ist das Alles eins! Ich bin kein Jüngling, mich rührt das nicht! Ich bin Boxsious, der Rechtsanwalt, der einzige Mann in der Welt den man beschimpfen darf, versuchen Sie nur, wenn’s beliebt!«

Dann schüttelte sich der kleine Mann und ging ans Fenster. Ich wusste nicht, was ich von diesen sonderbaren Äußerungen halten sollte. Waren sie Scherz oder Ernst? Ich nahm einen etwas strengen Blick an und bereitete mich zum Malen vor.

»Kommen Sie nur her!« rief mein Männchen von dem Fenster aus, »sehen Sie dort den dicken Mann mit der Schnupftabacksnase auf der Straße schlendern? Das ist mein Lieblings-Feind Dunball. Er hat zehn Jahre hindurch mit mir gestritten und er hat mich doch nicht aus meiner Langmut und meinem Wohlwollen für ihn heraus bringen können. Sehen Sie nur wie finster er mich ansieht; ich aber lache und nicke ihm freundlich zu: »Guten Morgen, guten Morgen, Mister Dunball!« rief der Kleine, und zu mir gewendet sagte er dann: »sehen Sie nur wie er den Kopf zurück wirft, er bläht sich stolz auf als wäre er noch viermal so dick als er wirklich ist. Ärgerlich und stolz geht er weiter! Dieser Mensch kämpft nun schon wie gesagt, zehn Jahre gegen meine Liebenswürdigkeit und reibt sich dabei auf; sollte er einmal plötzlich sterben, so werde ich die unschuldige Ursache seines Todes sein.«

Mister Boxsious unterstützte seine fatale Prophezeiung mit fortwährendem Nicken und Lachen aus dem Fenster, während das unglückliche Opfer seiner Bosheit so schnell als möglich vorüber schritt. Als er seinen Lieblingsfeind aus dem Gesichte verloren hatte, lief er einige Male das Zimmer auf und ab, während ich meine Leinwand auf der Staffelei befestigte und gerade als ich ihn bitten wollte, sich nun zur Sitzung zu bequemen, schrie er: »Nun, nun, mein Herr Maler, im Interesse Ihrer Arbeitgeber, des Rates der Stadt, frage ich Sie, wann werden Sie sich endlich an die Arbeit machen?«

»Sie erlauben mir wohl, Mister Boxsious,« hob ich an, »Sie im Interesse des Rates der Stadt zu fragen, wann Sie Ihre Spaziergänge durch das Zimmer « aufgeben und sich niedersetzen werden, damit ich Sie malen kann?«

»Ah gut gegeben, verteufelt gut!« erwiderte Mister Boxsious, »das ist das erste vernünftige Wort, welches Sie seit Ihrer Ankunft gesprochen haben, ich fange schon an Sie zu lieben!« Dann nickte er mir freundlich zu und ging zu dem hohen Sessel, welchen ich ihm zu der Sitzung hingestellt hatte.

Nachdem ich ihn so gesetzt, wie ich ihn aufnehmen wollte, bestand er darauf en face gemalt zu werden, weil der Magistrat auf diese Weise mehr für sein Geld haben würde. Dann fragte er mich, ob ich mehr so gute Aufträge habe als diesen. »Ach nein,« erwiderte ich, »ich würde bald ein armer Mann sein, wenn ich alle Gemälde in Lebensgröße ausführen müsste«

»Sie arm?« entgegnete er, »nun, das sieht man Ihnen gerade nicht an! Ihr Rock ist nicht zerrissen, Ihr Hemd ist rein und Ihr Kinn ist glatt und sorgfältig rasiert Sie haben das Aussehen eines Menschen, der in einem ordentlichen Bette schläft und nicht hungert. – Mir dürfen Sie keine Possen von Ihrer Armut aufbinden wollen. Ich weiß, wie die Armut beschaffen ist; arme Menschen haben das Aussehen einer Vogelscheuche, fühlen wie eine Vogelscheuche und wünschen behandelt zu sein wie eine Vogelscheuche. Ich kann von Armut mitsprechen, denn, ich war in Ihrem Alter arm wie eine Kirchenmaus, mein Herr Künstler!«

Mit diesen Worten warf er sich so unruhig in seinem Stuhle hin und her, dass ich ihn bitten musste, still sitzen zu bleiben.

»Es muss eine sehr angenehme Rückerinnerung für Sie sein,« sagte ich, »wenn Sie an das stufenweise Fortschreiten von der Armut zu Ihrem gegenwärtigen Wohlstand denken.«

»Stufenweise? sagen Sie,« rief Mister Boxsious aus, »ich machte diesen Sprung schnell, verdammt schnell, denn ich gewann fünfhundert Pfund an einem Tage bei meinem ersten Rechtsfall.«

»Das war allerdings eine außergewöhnliche Stufe des Fortschritts! Hätten Sie nicht Lust mir etwas aus Ihrem interessanten Leben mitzuteilen, ich würde Ihnen sehr dankbar dafür sein.«

»Ja, sehr gern, aber da müsste ich Sie doch erst im Interesse des Rates der Stadt fragen, ob Sie auch eben so ungestört malen können, wenn ich spreche, damit das Gemälde darunter keinen Schaden erleide,« fragte er.

»Im Gegenteil,« versicherte ich ihm, »ich kann viel besser malen, wenn Sie mir eine interessante Geschichte erzählen.«

»Was,« rief er aus, »ich soll Ihnen eine Geschichte erzählen? Das verstehe ich nicht, aber einen Bericht will ich Ihnen erstatten, wenn es gefällig ist!

Ich war glücklich als ich sah, wie sich der kleine Mann ruhig in seinen Stuhl zurecht setzte, bevor er zu erzählen anfing. Seine sonderbare Art und Weise machte einen solchen Eindruck auf mich, dass ich mich noch genau fast jedes seiner Worte erinnere, und ich werde ihn nun selbst seine Geschichte dem Leser erzählen lassen.



Ich bin während meines ganzen Lebens in keines Menschen Diensten gewesen, denn ich etablierte mich gleich, nachdem ich das Recht hatte zu praktizieren in einer Provinzialstadt. Ich besaß ein kleines Kapital meine Bekannte dagegen waren nur arme Leute; der eine von ihnen machte jedoch eine Ausnahme davon, dieser war der Sohn eines Mister Gatliffe, welcher der stolzeste und reichste Mann in jener Gegend war. —

»Doch, hören Sie auf mit dem Malen, denn Sie werden etwas an mir verderben; Malen und Zuhören, das geht nicht gut!«

»Ja, ja!« versicherte ich.

»Nun, Sie müssen nicht etwa glauben,« fuhr mein Nachbar fort, »dass ich Ihnen den wahren Namen jenes Mannes sagte; nein, so bloß stelle ich Niemand! Ich nannte Ihnen den ersten besten Namen, der mir über die Lippen kam. Mein Freund, der Sohn dieses Mannes, hieß Frank Gatliffe, war sehr intim mit mir und empfahl mich, wo er nur konnte. Dafür lieh ich ihm zuweilen kleine Summen – gegen geringe Zinsen – damit er nicht in die Hände der Juden fallen sollte. Dieses Geld lieh ich Mister Frank, während er auf dem College war. Als er nach Hause zurückkehrte, hatte er das Unglück sich in die Gouvernante seiner Schwester zu verlieben und er beabsichtigte auch, sie zu heiraten, so erzählte man wenigstens in der Nachbarschaft. – Sie wünschen den Namen der Dame zu wissen, nicht wahr, Herr Künstler? Nun, gefällt Ihnen »Schmidt?« —

Ich suchte Mister Frank auf er erzählte mir, dass er wirklich die Absicht habe seinen »teuren Liebling« zu heiraten, wie er das Mädchen nannte. Als der Sohn dem Vater die Absichten mitteilte, die er vor hatte, nahm die Sache den gewöhnlichen Verlauf, der Vater sagte »Nein«, wo der Sohn ein »Ja« verlangte. Die Gouvernante wurde mit einem Geschenk verabschiedet und es trat nun die Frage auf, was jetzt mit dem Sohn zu tun sei. Der junge Mann suchte seine Geliebte in London auf, die dort bei einer Tante Wohnung genommen hatte; allein diese Verwandte wollte es nicht erlauben, dass der junge Mann ohne die Erlaubnis seines Vaters bei ihr erscheine.

Darauf schrieb Frank seinem Vater, dass er ihn entweder das Mädchen heiraten lasse oder er würde sich eine Kugel durch den Kopf jagen.

Da wurde denn Familienrat gehalten und Vater, Mutter und Schwester erschienen schleunigst in London und – statt des noch fest beabsichtigten »Nein«, sagte der Alte endlich doch »Ja.«

Die Gouvernante war übrigens aus guter Familie; ihr Vater in der Armee, wurde dann Weinhändler, wurde bankrott und starb; seine Frau folgte ihm bald ins Grab nach. Es war also Niemand weiter um Erlaubnis zu fragen, als jene alte Tante, die in berechneter Vorsicht dem jungen Liebhaber die Tür vor der Nase zugeschlagen hatte. Man einigte sich bald und der Hochzeitstag wurde festgesetzt und in den Zeitungen las man die Anzeige, mit einer umständlichen Biographie des Vaters der Braut; dass er zuletzt, nachdem er den Militärdienst verlassen hatte, Weinhändler gewesen, davon stand kein Wort darin. —

Eines Tages begegnete mir Frank und führte mich bei seiner zukünftigen Frau ein. Unterwegs fragte er mich, ob ich ihn nicht für einen sehr glücklichen Menschen halte. Ich bejahte die Frage natürlich und bestätigte dieselbe noch mehr, nachdem ich das bildhübsche junge Mädchen gesehen hatte. Ihre Wangen waren rosenrot, ihre Lippen frisch, kurz, sie war sehr hübsch! Jetzt hat sie eine ziemlich große Familie, ihre Wangen sind fetter geworden, ihr Teint dunkler, seit jener Zeit, das versteht sich von selbst! —

Die Hochzeit fand an einem Mittwoch statt. Ich erinnere mich noch sehr deutlich an das Jahr und den Monat. Am Montage zuvor saß ich des Morgens früh in meinem Arbeitszimmer, als Mister Frank, bleich wie der Tod, zu mir ins Zimmer stürzte und sagte, dass er unverzüglich meiner Dienste bedürfe.

»Es ist dies also ein Geschäftsbesuch, Mister Frank?« fragte ich. »Ja oder nein, Mister?« fragte ich und nahm mein Federmesser zur Hand und spielte mit demselben.

»Ja, mein Lieber,« antwortete er, »ich bedarf Deiner Freundschaft jetzt in einer geschäftlichen Angelegenheit.«

»Nun, sage mir doch in kurzen Worten, was Du eigentlich von mir willst?« drängte ich ihn. »Wenn Du Dich übrigens am Mittwoch verheiraten willst, so begreife ich nicht recht, wo Du jetzt so viel überflüssige Zeit her nimmst,« setzte ich noch hinzu. Er nickte mir stumm zu, und ich stach ihn ein wenig mit dem Messer, um ihn von seiner Sentimentalität aufzurütteln.

»So höre denn,« sagte er. »Meine Braut hat mir Etwas aus dem Leben ihres Vaters anvertraut; weil sie vor ihrem künftigen Mann kein Geheimnis haben will.« Dann schwieg Frank wieder, und ich fing wieder an, ihn mit meinem Federmesser zum Fortfahren zu ermuntern.

»Meine Braut,« sagte Frank, »behauptet, ihres Vaters Unglück hat mit dem Austritt aus der Armee begonnen; denn er hatte keine Geschäftskenntnisse, sein Buchhalter betrog ihn, und gleich vom Anfange an ging das Geschäft rückwärts.«

»Wie hieß der Buchhalter?« fragte ich. – »Davager,« lautete die Antwort, die ich gleich notierte – »Das Geschäft ging immer schlechter; Entehrung und Bankrott standen vor der Tür, und in diesen verzweiflungsvollen Verhältnissen —« Mister Frank zögerte.

Das Gesetz hat zwei Hilfsmittel die Zögernden zum Sprechen zu bewegen, den Schreck und den Scherz, ich wendete hier den letzteren an.

»Ah,« sagte ich, »ich weiß, was der Mann tat! Er sollte irgend Etwas unterschreiben, und – wie es uns in zerstreuten Tagen ergeht – er schrieb einen andern Namen als den seinigen unter irgend ein geschäftliches Etwas!«

»Ja,« sagte Frank, »es war ein Wechsel. Sein bedeutendster Gläubiger wollte warten, bis er das Geld austreiben würde, natürlich vergrößerte sich die Schuldsumme enorm dadurch.«

»Die Fälschung wurde also entdeckt?« fragte ich einen Gedankensprung machend.

»Noch bevor der Wechsel in den Verkehr gelangte; er hatte in seiner Unschuld einen ganz verkehrten Weg zur Fälschung eingeschlagen

»Die Person, deren Namen er unterschrieben hatte, war intim befreundet mit ihm und seiner Frau, dabei sehr reich und gut, außerdem hatte sie auch großen Einfluss auf den Hauptgläubiger und wendete denselben auch an. Diese Person hatte eine ganz besondere Neigung zu der Frau meines Schwiegervaters.« – »Aber komme doch nur zur Sache! Was tat er denn in der Geschäftsangelegenheit?«

»Er steckte den falschen Wechsel ins Feuer und stellte einen richtigen auf seinen Namen aus – und dann – so erzählt meine teure Braut – waren Alle recht glücklich.«

»Nun,« entgegnete ich in meinem Geschäftston, »dümmer kann Keiner handeln! Und der Vater? Was geschah denn nun nachdem?«

»Er war krank,« fuhr Frank fort, »aber er sammelte seine Kräfte und schrieb noch denselben Tag einen dank-vollen Brief an den Mann und versprach ihm, dass er Alles verkaufen wolle, um ihm sein Geld zurück zu geben. Er verkaufte auch seine ganze Habe, von den Familiengemälden angefangen, bis auf den letzten Stuhl im Zimmer. Aber es war vergeblich, denn es war schon zu spät. Das Verbrechen, ausgeübt in jenem bedrängten Augenblick, verfolgte ihn täglich, stündlich, wie ein böser Geist; er glaubte für immer die Achtung seiner Frau und Tochter verloren zu haben, und —

»Starb,« ergänzte ich und stach wieder mit meinem Federmesser zu. »Lass uns noch einmal auf den Brief zurückkommen, den er damals im Gefühle der Dankbarkeit geschrieben hat. Weißt Du nicht, Frank, ob der Brief auch des Betruges erwähnte?«

»Ja,« antwortete Frank, »wir konnte er von seiner Dankbarkeit reden, ohne die Ursache zu erwähnen?«

»Sehr gut! wenn er Jurist gewesen wäre,« sagte ich. »Aber ich errate jetzt; Jener Brief wurde gestohlen und zwar von dem betrügerischen Buchhalter, Mister Davager!«

»Richtig, so ist es!« rief Frank verwundert aus, »das ist es nun, was ich Dir mitteilen wollte.«

»Wie setzte er Euch denn von seinem Diebstahl in Kenntnis?« fragte ich.

»Oh, in meiner Gegenwart wagte er es nicht,« fuhr Frank fort, »aber als meine Braut heute allein ausging, nahte er sich ihr und sagte, dass er ihr eine Mitteilung aus früheren Tagen zu machen habe und zeigte ihr dann den unglückseligen Brief von der Hand ihres Vaters und übergab ihr einen zweiten an mich gerichteten; dann verbeugte er sich, ging davon und ließ das arme Mädchen, halb tot vor Schreck, allein. O, wäre ich nur dabei gewesen,« rief Frank, seine Fäuste, ballend, »ich hätte ihn getötet!« «

»Es ist das größte Glück, dass Du nicht dabei gewesen bist,« erwiderte ich. »Hast Du den andern Brief?«

Er händigte ihn mir ein; derselbe war so humoristisch und kurz, dass ich ihn nicht vergessen habe.

Er lautete:


»Mein Herr!

ich habe eine außerordentlich merkwürdige Handschrift zu verkaufen. Der Preis ist eine 500 Pfund Note. Die junge Dame, welche Sie am Mittwoch heiraten wollen, wird Ihnen Näheres über den Wert des Briefes mitteilen Sollten Sie den Brief nicht kaufen wollen, so werde ich eine Kopie desselben der hiesigen Zeitung zum Druck übergeben und werde diese Merkwürdigkeit, am Dienstag Nachmittag, Ihrem Herr Vater übersenden. Da ich in Familienangelegenheiten kam, so habe ich meine Wohnung im Hotel Gatliffe Arm.

Ihr gehorsamer Diener



    Alfred Davager.«

»Das ist ein geschickter Kerl,« sagte ich und legte den Brief in eine besondere Schublade.

»Geschickt?« rief Frank aus. »Ein Betrüger ist er und zwar vom Kopf bis zur Zehe! Ich hätte die Angelegenheit selbst geordnet, aber mein Mädchen bat mich, dass ich sie zuvor mit Dir überlege.«

»Das war gut,« sagte ich, »aber glaubst Du, dass Dein Vater, wenn er diesen gestohlenen Brief erhält, Deine Heirat rückgängig machen wird?«

»Ach,« entgegnete Frank, »was mein Vater tun würde, daran habe ich noch gar nicht gedacht; aber das gute, ehrliche, großmütige Mädchen will mich durchaus meines Versprechens entbinden, wenn der Vater auch nichts einwendet, sie will lieber sterben als heiraten, wenn der Brief in der Zeitung erscheint.« Dabei fing Frank an zu weinen, und ich stach ihn so heftig mit meinem Messerchen, dass er aufhörte. Ich stellte dann die zwei Fragen an ihn: »Weiß das junge Mädchen vielleicht, ob dieser höllische Brief das einzige Schreiben aus jener trüben Zeit ist? Und zweitens, bist Du geneigt, Mister Davager die verlangte Summe zu bewilligen?«

»Ja,« sagte Frank, »ich will ihm das Geld geben.« Der junge Mann fragte eben nicht viel nach dem Wert des Geldes.

»Frank,« sagte ich, »Du kamst hier her um meine Hilfe zu beanspruchen, und bist doch schon entschieden zu tun, was Dir beliebt? Ich mache Dir also folgenden Vorschlag; ich gehe hin und suche von Mister Davager den Brief zu Erlisten, gelingt es mir nicht, so gib ihm morgen Nachmittag das verlangte Geld, mir aber bist Du dann nichts schuldig; erlange ich aber den Brief, so gibst Du mir das Geld.

Bist Du damit einverstanden?«

»Höre doch mit dieser Frage auf, Herzensjunge,« schrie Frank laut aus.

»Ich sage tausend Mal ja dazu! Geh’ nur und verdiene Dir schnell das Geld! – und —

»Du wirst es mir geben,« setzte ich hinzu! »Jetzt aber mache, dass Du nach Hause kommst; tröste Deine Braut und freue Dich des Gedankens, dass am Mittwoch nach der Trauung alle Briefe der Welt Dir nicht mehr zu schaden vermögen an Deinem Liebesglück.« Mit diesen Worten schob ich ihn zur Tür hinaus und fing nun an zu überlegen, wie ich am leichtesten zu meinem Ziele gelangen könnte.

Zunächst schrieb ich Mister Davager, dass ich beauftragt sei, die Angelegenheit des Briefes zu ordnen und dass ich ihn um eine Unterredung bitten lasse. Die Antwort lautete, dass er zwischen 6—7 Uhr Abends bei mir sein würde. Er ließ mich also noch Zeit verlieren zu seinen Gunsten. Ich erwartete Herrn Davager, beauftragte aber meinen ehrlichen Tom vorher noch mit seinigen Verhaltungsmaßregeln.

Mein Tom war ein gescheiter Bursche von vierzehn Jahren. Ich versteckte den Burschen bevor Mister Davager erschien und sagte ihm, dass er nicht früher zum Vorschein kommen möge, bis ich klingeln würde, wenn ich einmal klingeln würde, so hätte er nur den Herrn hinaus zu begleiten, klingelte ich jedoch zwei Mal, so hätte er den Herrn zu verfolgen bis in sein Hotel. Dies war Alles, was ich vorläufig anordnen konnte. Ich wusste, dass Tom der schlaueste aller Burschen war.

Punkt ein Viertel nach Sechs Uhr kam mein Mister Davager.

In unsern Beschäftigungen müssen wir mit den verschiedensten Menschen verkehren, mit Reichen und Armen, mit Reinlichen und Schmutzigen, aber einen so unsauberen gemeinen Menschen, wie Davager, hatte ich denn doch noch nicht vor mir gesehen. Er hatte weißes Haar und ein Gesicht voll Pockennarben; eine niedrige Stirn, und einen fetten Unterleib; der Körper stand auf schwächlichen Füßen. Seine Augen waren mit Blut unterlaufen; er hatte Spirituosen genossen, das roch man von weitem, und kaute Tabak als er eintrat. – »Wie geht es?« fragte er, »ich habe eben gespeist,« setzte er hinzu und zündete sich eine Zigarre an, setzte sich nieder und kreuzte die Füße über einander. Ich wollte erst einen vertraulichen Ton mit ihm anschlagen, aber ich besann mich und fragte, wie er zu dem Briefe gekommen sei. – »Ich besaß das Vertrauen des Schreibers,« erwiderte er mir. —

»Außerdem,« setzte er hinzu. »wusste ich, seit meiner Kindheit überall meine Interessen im Auge zu behalten. « —

Ich machte ihm einige Komplimente, aber sie schienen keinen besonderen Eindruck auf ihn auszuüben. Dann suchte ich ihn für die Angelegenheit nachsichtiger zu machen, aber das war unnütze Mühe; endlich nahm ich zu dem letzten Mittel Zuflucht, ich fing an, ihm zu drohen.

»Bevor wir von dem Auszahlen des Geldes sprechen, muss ich mir doch erlauben, die ganze Angelegenheit vor Ihnen als Rechtsanwalt zu beleuchten. Sie wollen zunächst verhindern, dass die Hochzeit am Mittwoch stattfinde? Nun, ich setzte den Fall, ich hätte eine Magistrats-Vollmacht in meiner Tasche, Sie verhaften zu lassen? Ich setze den Fall, hier, im Nebenzimmer befände sich schon der Beamte, der Sie festnehmen sollte? Ich setzte den Feuer, ich ließe Sie nur einen Tag, nämlich den, an, welchem die Hochzeit stattfindet, des Verdachts der Gelderpressung schuldig, in Haft? Ich setze den Fall, ich bezeichnete Sie als einen verdächtigen Fremden? Wer würde für Sie hier Bürgschaft leisten? Ich setze —

»Halten Sie ein,« rief Davager. »Ich setze den Fall, ich wäre nicht der geriebene Davager der ich wirklich bin! Ich setze den Fall, ich hätte den Brief nicht bei mir, sondern hätte ihn einem Bekannten hier übergeben, mit der Weisung, wenn ich diesen Brief nicht vor Abend selbst zurück verlange, so möge er die Kopie desselben der Zeitung übergeben, eine zweite dem alten Gatliffe! Kurz, mein Verehrten ich setze den Fall, Sie sind noch ein großer Neuling auf diesem Gebiete!« Mit diesen Worten nickte er mir, maliziös lächelnd, zu.

Wir besprachen unsere Angelegenheit weiter und schließlich kamen wir dahin überein, dass ich ihm ein Dokument ausstellte. So klug er auch war, ließ er sich hierbei doch durch mich, den Neuling, überlisten. Denn es war nicht die Anweisung auf Geld, sondern nur auf Zeit. – Es lautete nur darüber, dass das Geld erst Dienstag Nachmittag nach 3 Uhr ausgezahlt werden sollte.

In dem Falle werde ich den Vormittag damit zubringen, sagte Davager, mir die Sehenswürdigkeiten hier in dieser Gegend zu betrachten. Er fragte mich dann nach den Merkwürdigkeiten und ich gab ihm auch genaue Auskunft über alles Sehenswerte Dann warf er seinen Kautabak in meinen Kamin, gähnte und ging auf und davon. Nachdem er am Fenster vorüber war, klingelte ich zwei Mal. Tom, mein gewandter Bursche, hatte mich verstanden und war bereits auf der andern Seite der Straße, und ich sah, wie er Mister Davager folgte.

In einer Viertelstunde kam er zurück mit dem Resultat seiner Forschungen. Mister Davager war bis zur Stadt hinausgegangen; in der Nähe seines Wirtshauses ging er auf einen Mann zu, der dort rauchend auf einer Bank saß. Dieser fragte: »Ist Alles in Ordnung?« und gab Mister Davager einen Brief. Davager antwortete kurz: »Es ist Alles in Ordnung!« Dann gingen beide ins Wirtshaus

Tom folgte ihnen auch noch bis zu dem Saal, wo er hörte, dass Davager Grog, Zigarren und seine Hausschuhe auf sein Wohnzimmer zu bringen befahl, auch verlangte er, dass eingeheizt werde, dann begab er sich die Treppe hinauf und Tom ging nach Hause. Jetzt hatte ich meinen Entschluss gefasst, da ich wusste, dass der wertvolle Brief im Gasthofe zum Gatliffe Arm in Sicherheit war.

Ich schickte Tom wieder zu dem Gasthofe zurück und befahl ihm, dort zu wachen ob Mister Davager noch einmal ausgehen werde. Ich gab ihm sogar die Erlaubnis, zu dem Totenbäcker zu gehen und sich in seinem Laden gütlich zu tun, nur müsse er stets aus dem Laden die Tür des Wirtshauses im Auge behalten.

Auch hatte ich ihm ein Briefchen für das erste Stubenmädchen des Gasthofes, die eine alte Bekanntschaft von mir war, mitgegeben, worin ich sie bat, mich gegen Abend zu erwarten, da ich mit ihr eine Kleinigkeit besprechen wollte. – Nachdem ich alle diese Dinge besorgt hatte, stärkte ich mich noch durch etwas Speise und Trank und fühlte mich durch und durch behaglich. Das Stubenmädchen kam, wie ich gewünscht hatte, und auf gut Glück fing ich, nach einigen andern Scherzen an, sie mit Mister Davager zu necken. Ich fragte sie, ob der schöne Mister sie nicht um ein Küsschen gebracht habe? Sie erging sich, ganz entrüstet in Scheltworten über den hässlichen, gemein aussehenden Davager, und als ich ihr nun sagte, dass dieser Mensch eine schöne, junge und liebenswürdige Dame, deren Namen ich ihr natürlich verschwieg, in ihrem Liebesglück, durch schändliche Verrätherei stören wolle, war das Mädchen gleich bereit, hilfreiche Hand zu leisten, wenn es möglich wäre. Ich sagte ihr, der einzige Weg wäre, sich das Dokument, womit der Verrat bestätigt werden sollte, anzueignen, und schlug vor, dass wir morgen die Kleidertaschen von Mister Davager untersuchen wollten, wenn dieselben zum Reinigen gegeben würden, vorausgesetzt, dass die Taschen früher nicht schon geleert wären; Boots, der Hausknecht, konnte sich ja damit entschuldigen, er habe die Taschen vor dem Ausbürsten der Kleider auszuleeren vergessen. Boots war nämlich der Liebhaber des Stubenmädchens und lag so in ihren Fesseln, dass er blindlings folgte. Sollte nun aber Mister Davager seine Taschen früher schon selbst geleert haben, so mussten wir Gelegenheit suchen, das Dokument aus seinem Zimmer zu nehmen.

Später kam mein Tom nach Hause und berichtete dass das Wirtshaus bereits geschlossen sei. Mister Davager Niemand mehr empfangen habe und dass er ziemlich betrunken zu Bette gegangen sei. Der Bursche schlief die halbe Nacht nicht; ich hörte ihn fortwährend in seinem Zimmer umherlaufen, das kommt davon, wenn man sich den Magen mit Torten überladet.

Am nächsten Morgen um halb Acht ging ich zu dem Wirtshaus und schlich mich in das Kämmerchen, wo Boots die Kleider reinigen musste

Die Kleider kamen, aber die Hosen waren ganz ohne Taschen. Die Westentaschen leer. Die Rocktaschen enthielten das Schnupftuch, ein Schlüsselbund, Zigarren und ein Notizbuch. Das Buch öffnete ich natürlich heftig. In demselben fanden sich jedoch nur einige Zeitungsnotizen und eine alte Haarlocke, einige Geschäftsbriefe und andere unbedeutende Dinge. Auf den Blättern des Buches standen verschiedene Adressen, eine quer und mit roter Tinte geschrieben: fünf der Länge nach, vier Kreuzweise.

Ich verstand alles Übrige, nur diese Worte waren mir unklar, deshalb notierte ich sie mir. Dann trug Boots die Kleider hinauf und ich wartete noch, um zu hören, was Mister Davager heute schon tat Boots kam wieder zurück und berichtete, dass Herr Davager sich nach dem Wetter erkundigt habe, dann hatte er für neun Uhr den Kaffee und für um zehn Uhr ein gesatteltes Pferd bestellt, welches ihn nach Grimwith Abtey bringen sollte. Es ist dies einer der schönsten Punkte unserer Umgegend und eine der Stellen, welche ich ihn am Abende zuvor als besuchenswerth empfohlen hatte. »Ich werde um halb Elf hier zurückkommen,« sagte ich zu dem Stubenmädchen und ging nach Hause.

»Warum?« fragte sie.

»Ich werde heute an Ihrer Stelle das Bett von Mister Davager machen,« sagte ich lachend, und fügte hinzu, »dann bestellen Sie wohl auch, dass der flinke Sam gesattelt werde; denn Tom bedarf der Erholung nach seinen Arbeiten bei dem Totenbäcker; er wird auch ein Wenig nach Grimwith Abtey reiten; auch bitte ich noch, dass Sie meinen braven Tom, hier von diesem Fenster aus die Treppen beobachten lassen, bis Mister Davager fort ist, er wird Boots bei dem Stiefel putzen helfen —.«

»Das soll Alles pünktlich ausgeführt werden,« sagte das Haupt-Stubenmädchen des Hauses, »denn ich hasse diesen abscheulichen Davager und bin Ihnen dankbar, dass ich helfen darf, seine schlechten Pläne zu zerstören.«

Mit dem Brief konnte, meiner Ansicht nach, folgendes geschehen erstlich konnte Davager ihn seinem Freunde übergeben, diesen sah dann Tom von seinem Beobachtungsposten aus. Sollte er ihn dem Freunde nach zehn Uhr übergeben wollen, so war ihm ja Tom wieder auf den Fersen, sollte er ihn aber ja zu Hause lassen, so würde ich ihn selbst, mit Hilfe meiner Bundesgenossin sicher finden. Es störten mich nur die Kürze der Zeit, welche mir zu meinen Operationen blieb und dann die beiden Notizen, welche ich aus dem Taschenbuch Davagers genommen hatte. »Fünf der Länge nach, vier Kreuzweise,« das wollte mir nicht aus dem Kopfe. Ich stellte noch lange Reflexionen über diese sonderbare Notiz an, ohne zu einem Resultat zu gelangen; später als ich, kam Tom mit der Nachricht nach Hause, dass Niemand zu Davager gekommen sei. Ich schickte den Burschen wieder fort, den Ritt zu unternehmen; schrieb dann noch einen flüchtigen Brief an Frank, dass er hoffen möge, und ging dann wieder in den Gasthof, wo das Nest auch schon leer war. Ich begab mich, ohne gesehen zu werden, in Davagers Zimmer und riegelte schnell hinter mir zu.

Ich war nur besorgt, dass er den Brief mitgenommen haben würde, denn alle Schränke und Kasten standen offen; hier war also wenig zu hoffen.

Mister Davager hatte eines der besten Zimmer des Hotels genommen.

Der Fußboden war mit Teppichen belegt, die Wände schön tapeziert, das Meublement war sehr elegant und ein hübsches Gardinenbett machte den Raum recht behaglich aussehend. »Fünf lang, vier kreuzweise,« sagte ich, und durchmaß das Zimmer. Eine ganze Stunde suchte ich vergeblich in dem Zimmer umher; ich ließ kein Stück unberührt, aber ich fand weder den Brief, noch Etwas was sich auf die Notiz: »fünf der Länge nach und vier kreuzweise« beziehen konnte.

Ich hatte Alles! Alles! untersucht und Nichts gefunden! Hatte die Vorhänge des Bettes, die Tapeten, wie gesagt, Alles untersucht! Verzweiflungsvoll starrten meine Augen auf den einst gewiss sehr hübsch gewesenen Teppich, den hatte ich noch nicht untersucht, doch was sollte der verbergen? Wie der arme Teppich stufenweise herabgekommen sein mochte? Erst lag er gewiss in einem hübschen Empfangssalon, dann in einem Speisezimmer und nun bedeckte er den Fußboden eines Schlafzimmers in einem Gasthofe. Ich kniete nieder zu dem alten Teppich und ließ meine prüfenden Finger über die verblichenen Rosen und Blätter streifen, und berührte auch die braune Grundfarbe; da bemerkte ich mit einem Male einen etwa zolllangen Schlitz in dem Teppiche, an welchem ein brauner Faden hing, von derselben Farbe wie der Grund des Teppichs; gerade als ich diese Entdeckung machte, hörte ich draußen Fußtritte.

Es war das Stubenmädchen.

»Haben Sie noch nicht Ihre Untersuchungen beendet?« fragte sie ängstlich.

»Nein, Teuerste,« entgegnete ich, »schenken Sie mir nur noch zwei Minuten und lassen Sie Niemand hier herein.«

Ich nahm den Faden und zog daran, da hörte ich Etwas rascheln, ich zog weiter und es kam ein zusammengerolltes Stückchen Papier zum Vorschein. Ich entrollte es. Heiliger Himmel, es war der Brief!

Es war der Originalbrief, die gelb gewordene Tinte zeigte es klar und deutlich. Dieser Brief wog für mich 500 Pfund! Ich war so lustig, dass ich meinen Hut hätte in die Luft werfen und laut aufschreien mögen, und ich hatte einige Minuten nötig, um meine Selbstbeherrschung wieder zu finden.

Ich riss ein Blatt Papier aus meinem Notizbuch und schrieb mit meinem Bleistifte darauf: »Gewechselt gegen eine Note von 500 Pfund!« Dann rollte ich das Blatt zusammen, band es an den braunen Faden und schob es, boshaft lachend, wieder in die Spalte des Teppichs. Jetzt machte ich mich auf zu Mister Frank, übergab ihm den Brief, und dieser lief damit zu seiner Braut; die junge Dame bestätigte zuerst seine Echtheit und warf ihn dann in das Feuer. Sie versicherte ihrem Geliebten, dass nun erst ihr Glück beginne, dann stürzte sie in seine Arme und drückte ihn an ihr Herz mit dem Gefühle wahrhafter Ruhe und Freude; so erzählte mir Mister Frank. Am Mittwoch wohnte ich der Hochzeit bei und dann ging das junge Paar auf Reisen und ich legte mein erstes Geld in der öffentlichen Bank an, nämlich die leicht verdienten 500 Pfund. Von Mister Davager weiß ich nichts mehr zu berichten, als dass seine Anwesenheit hier gewiss nicht zu seiner Zufriedenheit ausgefallen ist. Mein ehrenwerter Tom hatte auf seinem Ritt nichts Verdächtiges an Mister Davager bemerkt. Bei dem Wirtshaus hatte er dann jenen Freund gesprochen und ihm etwas eingehändigt, es war dies wahrscheinlich die Anweisung wo der Brief zu finden sei, falls Davager unangenehmen Zwischenfällen in meinem Hause ausgesetzt sein sollte. Um zwei Uhr war er vor dem Wirtshaus abgestiegen. Um ein Halb drei Uhr verriegelte ich meine Tür und nagelte eine Karte mit der Aufschrift an: »Vor morgen nicht zu Hause.« Dann begab ich mich zu meinem Freunde, der eine Meile von hier entfernt wohnte und verlebte dort einen angenehmen Tag.

Mister Davager verließ die Stadt noch denselben Abend. Ich weiß nicht, ob er den Wechsel ausgab, den ich ihm in komischer Weise ausgestellt hatte. Ich sah den werten Mann nie wieder, seitdem ich ihn so ärgerte. Run, Mister Maler, jetzt ist mein Bericht zu Ende. Sie werden doch nicht noch behaupten wollen, dass es eine Erzählung war?« schloss der kleine boshafte Rechtsanwalt. »Jetzt lassen Sie mich sehen,« wie weit Sie mit meinem Bilde sind! Doch nehmen Sie sich in Acht! dass nichts daran verdorben ist, während Sie zuhörten, sonst bekommen Sie es mit dem Magistrat zu tun!«

Ich blieb ziemlich lange in dem Hause des Rechtsanwalts. Zuletzt wurde er unzufrieden damit, dass es nicht schneller ging. Die Stadt und ihr Rat waren jedoch sehr zufrieden gestellt mit meiner Arbeit, als sie vollendet war, nur Mister Boxsious meinte, das sei eine leichte Aufgabe, um zu gefallen! Er bestritt zwar nicht die Ähnlichkeit des Bildes, doch fand er, dass die Leinwand nicht genug bemalt sei für die Menge Geld, welches ich für die Arbeit erhalten hatte. Noch heutigen Tages bezeichnet er mich gewiss seinen Freunden als den Maler, welcher den Rat der Stadt betrogen hat, d.h. wenn er noch lebt! —




Die Erzählung der französischen Gouvernante

von Schwester Rose




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Einleitung


Es war ein trüber Tag für mich als ich erfuhr, das Mister Lanfray von Rockleigh, der Gesundheit seiner jüngsten Tochter wegen, von England nach dem Süden Frankreichs reisen wollte. Wer, wie ich, von Ort zu Ort zu reisen genötigt ist, macht wohl viel Bekanntschaften, erwirbt aber dabei wenig Freunde.

Mister Lanfray machte eine Ausnahme von der Regel, dass man Menschen steht und vergisst Ich habe in seinen Briefen an mich Beweise seiner freundlichen Erinnerung. Der letzte derselben erhielt eine Einladung für mich nach dem Süden Frankreichs zu kommen. Es wäre wohl eine angenehme Abwechselung für mich, wenn ich dort hin könnte, allein ich begnüge mich damit, seine Briefe zu lesen und versetze mich dadurch in die glücklicheren kommenden Tage meines Lebens, wo es mir doch vielleicht noch vergönnt sein möchte, dieser Einladung zu folgen.

Meine Einführung in das Haus des Edelmanns versprach keine besonders große Einnahme; ich war gebeten, das Bild der französischen Gouvernante, in Wasserfarben zu malen. Ich dachte, die Gouvernante verlässt gewiss die Familie, und ihre Zöglinge wollen ihr Bild zum Andenken behalten. Allein ich erfuhr, dass die älteste verheiratete Tochter mit ihrem Gemahl nach Indien gehen wollte, und dorthin beabsichtigte sie das Bildnis ihrer besten und teuersten Freundin mitzunehmen.

Die Gouvernante war eine alte Dame, welche Mister Lanfray, nach dem Tode seiner Gattin, aus Frankreich mit in sein Haus gebracht hatte. Die Kinder betrachteten die Dame wie ihre zweite Mutter, seit langen Jahren.

Ich begab mich also nach Rockleigh, oder an den »Platz«, wie die Bewohner rings umher Rockleigh nannten, und fand einen so freundlichen Empfang, als wäre ich ein Familienmitglied gewesen. Meine Ankunft fand Abends statt, aber trotzdem wurde ich doch noch den Töchtern des Hauses vorgestellt. Diese waren nicht nur drei elegante anziehende Frauen, sondern sie waren auch die schönsten Sujets zum Malen, besonders die junge Frau.

Ihr Gemahl fesselte mich nicht gleich, er erschien mir still und schweigsam.

Ich blickte mich nach der Gouvernante »Mademoiselle Clairfait« um, aber sie war nicht anwesend und ich erfuhr, dass sie die Abende gewöhnlich in ihrem eigenen Zimmer zuzubringen pflege.

Bei dem Kaffee suchte ich wieder vergeblich nach dem Original meines Zukunft-Bildes, aber die jungen Damen versicherten: »Mama wird schon erscheinen, denn sie macht besondere Toilette zu der Sitzung für Sie.« Dann kam auch bald die Nachricht, dass Mademoiselle bereit sei.

Niemals sah ich soviel Übereinstimmung des Alters mit der Toilette Mademoiselle war klein und mager. Der Teint weiß, die Haut voller Falten, ihre großen dunklen Augen glänzten jedoch noch mit jugendlichem Feuer. Die Augen überflogen alle Gegenstände mit einer solchen Schnelligkeit, dass man kaum anzunehmen geneigt war, das völlig ergraute Haar sei Eigentum des Kopfes; man hielt die ganze Erscheinung vielmehr für eine junge Dame die sich absichtlich für einen Maskenball kostümiert hatte. Sie trug ein silbergraues, glänzendes Seidenkleid, welches bei jeder Bewegung rauschte. Ihr Kopf, Hals und Brust waren mit einer zarten Spitze geschmückt, die hier und dort höchst malerisch befestigt war. An ihrem rechten Arm trug sie drei kleine Armbänder aus den Haaren ihrer Zöglinge, und an dem linken ein breites goldenes mit einem Miniaturgemälde darauf, in einer Kapsel. Ein dunkelrotes, mit Gold durchwirktes Flortuch war kokett über ihre Schultern geworfen; in der Hand hielt sie einen allerliebsten Fächer aus Federn.

Sie stellte sich mit einem freundlichen Lächeln selbst vor, dabei öffnete sie graziös den Fächer und füllte den Raum mit Wohlgerüchen an. Ich verlor vollständig den Mut, dass ich sie würde getreu malen können. Die schönsten Farben in meiner Schachtel waren nicht warm für das Gemälde, und ich fühlte mich selbst ihr gegenüber, ein ungewaschener, ungebürsteter Repräsentant meiner Kunst.

»Sagt mir, meine Engel,« hob sie in ihrem hübschen gebrochenen Englisch an, »bin ich nicht sehr hübsch eingerahmt? Verstehe ich es nicht, meine sechzig Jahre würdig zu repräsentieren? Was werden die Wilden in Indien zu meinem Bilde sagen, wenn mein Liebhaber das Gemälde präsentiert?«

»Und die Herren? Und die Künstler?«

»Ach! Das wird Sensation erregen!« .

»Finden Sie mich nicht hübsch von der Sohle bis zum Scheitel?«

Dann setzte sie sich in den Sessel und glich vollkommen einer jener Schönen aus Geßner’schen Idyllen.

Die jungen Damen lachten laut auf, und Mademoiselle stimmte lustig mit ein in die allgemeine Fröhlichkeit. Selten hat mich Jemand zum Malen so befriedigt durch Kleidung und Haltung, als jene alte prächtige Dame.

Als ich kaum begonnen hatte, sprang sie wieder von dem Stuhle auf und sagte: »O Himmel, was habe ich vergessen! Ich habe heute noch nicht daran gedacht, meine Engel zu umarmen;« damit ging sie zu den jungen Damen, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste sie schnell auf beide Wangen, viel schneller, als wenn eine englische Gouvernante bloß gesagt hätte: »Guten Morgen, meine Lieben, ich hoffe, Sie haben die Nacht gut geruht?« —

Dann ging sie zurück; aber als ich eben anfangen wollte, sprang sie noch ein Mal aus, ging zum Spiegel und sah, ob auch an ihrer hübschen Toilette nichts in Unordnung geraten sei.

Noch zweimal erhob sie sich, nachdem ich kaum angefangen hatte, zuletzt summte sie eine französische Melodie und spazierte dabei das Zimmer auf und ab.

Ich war mit meiner Weisheit zu Ende, wenn das so fortging, so war ans Malen nicht zu denken. Die jungen Damen schienen zu denken wie ich. – Sie umgaben die alte Dame und baten sie, sich nun ruhig zu verhalten. Sie schien überrascht, dass man sie für unruhig hielt, denn sie streckte ihre Hände aus und sagte: »Aber warum reden Sie mich denn an? Ich bin hier, ich bin bereit, ich bin ganz und gar zu Diensten des geschickten Künstlers? Warum reden Sie mich an?«

Um sie auf andere Gedanken zu bringen« fragte ich sie, ob sie ganz gemalt sein wollte, oder nur als Brustbild?

»Wenn ich Sie für den geübten Maler halten soll, für den man Sie hier empfahl,« sagte sie, »so können Sie doch nicht einen Zoll von meiner ganzen Gestalt fortlassen wollen?« Die Toilette war ihre Leidenschaft! Wenn ich also wollte, dass sie mit meinem Gemälde zufrieden sei, so durfte ich weder ihr Kleid, noch ihre Spitzen, nicht Fächer, Ringe, Juwelen, besonders aber nicht ihre Armbänder fortlassen. Ich war böse auf die Fülle der Arbeit, aber in der besten Absicht, denn ich hatte nur den Wunsch, das Original getreu zu copiren. Dann machte sie mich besonders auf das Miniaturbild aus dem Armbande aufmerksam, und sagte mir, dass dies das Gesicht ihres einzigen und besten Freundes darstelle, ich möge doch dieses schöne, ihr so teure Gesicht, getreu auf ihr eigenes Bild aufnehmen, wenn das möglich wäre.

Ich war etwas unwillig, dass sich meine Arbeit noch vergrößern sollte und dachte, das ist gewiss einer ihrer Liebhaber, der sie in ihrer Jugend täuschte und dann sitzen ließ. – Ich näherte mich ihr, um das Miniaturbild genau zu betrachten, war aber nicht wenig erstaunt, als ich ein sehr sorgfältig ausgeführtes Gemälde erblickte, welches das milde Gesicht einer schönen jungen blonden Frau zeigte, das an Lieblichkeit den Rafael’schen Madonnen glich.

Die alte Dame beobachtete den Eindruck, welchen das Bild aus mich machte und ich sagte: Welch ein schönes unschuldiges Gesicht!« Mademoiselle fuhr mit dem Taschentuch über das Bild und sprach: »Ich habe noch drei Engel, das tröstet mich über den Verlust des vierten, der nicht mehr ist.« Dann befühlte sie das Bildchen sanft und sagte wie zu sich selbst: »Schwester Rosa! Ich möchte das Bild deshalb mit auf meinem Gemälde haben, weil ich es stets trug, seit meiner Jugend, der Schwester Rosa wegen.«

Bei der alten Dame hatte ein so plötzlicher Übergang von Lustigkeit zur Traurigkeit stattgefunden, dass man es bei einer Dame einer andern Nation für theatralisch hätte halten können, aber bei ihr war dies ein ganz natürlicher Übergang Ich kehrte zu meiner Staffelei zurück und fragte mich: »Wer mag Schwester Rosa sein?« Eine Schwester der jungen Damen hier ist sie nicht, das sieht man an jedem Zuge des Gesichts.

Mademoiselle Clairfait saß eine halbe Stunde vollkommen ruhig, mit in einander geschlagenen Händen da, ihre Augen fest auf das Miniaturbild gerichtet. Diesen glücklichen Umstand benutzte ich nun, um die Umrisse des Kopfes zu zeichnen und die der ganzen Figur. Während ich nun recht fleißig im besten Zeichnen war, klopfte eine Dienerin an die Tür und meldete, dass das Frühstück aufgetragen sei.

Mademoiselle sprang auf und sagte: »Wie materiell sind wir doch, der Geist ist dem Magen dienstpflichtig. Meine Seele weilte bei zärtlichen Erinnerungen. Ich bin jetzt nicht aufgelegt zum Frühstück. Kommt, meine Kinder, gehen wir in den Garten!«

Die alte Dame verließ das Zimmer und ihre ehemaligen Zöglinge folgten ihr. Die älteste Schwester blieb etwas zurück und erinnerte mich, dass das Frühstück bereit stehe.

»Sie werden gewiss entsetzt sein,« sagte die junge Dame, »dass Mademoiselle so unruhig ist,« indem sie auf meinen Entwurf blickte; »aber in der letzten halben Stunde verhielt sie sich doch schon etwas ruhiger?«

»Ich glaube, dass das Miniaturbild mit seinen Erinnerungen das Wunder hervorgebracht hat,« antwortete ich lächelnd.

»Ja, so wie man sie an das Bild erinnert, ist sie gleich verändert: sie lässt dann die vergangene Zeit an sich vorübergehen, spricht von Schwester Rosa und von den Ereignissen der französischen Revolution, die sie mit erlebte. Es ist das Alles sehr interessant,« setzte die junge Dame hinzu.

»Schwester Rosa war sicher eine Freundin von Mademoiselle?« fragte ich.

»Ja, eine sehr heißgeliebte Freundin,« erhielt ich zur Antwort. »Mademoiselle Clairfait ist die Tochter eines Seidenhändlers, der einst zu Chalons-sur-Marne etabliert war. Ihr Vater gab einem alten Manne eine Wohnung, der der Schwester Rosa und ihrem Bruder während der Revolutionszeit viel Gutes erzeigt hatte, und dieser Umstand führte die Bekanntschaft zwischen Schwester Rosa und Mademoiselle herbei. Nachdem der Vater unserer guten alten Gouvernante Bankrott gemacht hatte und lange zuvor, ehe wir ihre Zöglinge wurden, lebten Rose, deren Bruder und Mademoiselle zusammen. Damals muss sie alle die interessanten Dinge gehört haben, welche sie mir und meinen Schwestern so oft erzählt hat.«

»Würden Sie vielleicht Mademoiselle dazu bewegen können, mir, während ich male, etwas über das Gemälde oder was mit ihm im Zusammenhang ist, zu erzählen?« fragte ich; »Denn nur so habe ich, wie ich bemerkte, Gelegenheit, das Fräulein zu fesseln.«

»O, das ist das Leichteste, wozu sie sich durch uns bewegen lässt,« sagte die junge Dame, »sie weilt so gern bei ihren Jugenderinnerungen. Ich freue mich, dass Sie auf die Idee gekommen sind. Doch jetzt gestatten Sie mir wohl auch, dass ich Ihnen den Weg zum Frühstückszimmer zeige?«

Die Aufforderung hatte den besten Erfolg. Ich teile auf den nächsten Seiten mit, was ich von Mademoiselle Clairfait vernahm.

Die beiden früheren Erzählungen gab ich mit den Worten des Erzählers wieder; allein bei den Eigentümlichkeiten des Fräuleins und mit Rücksicht auf die verschiedene Zeit, wo mir die Geschichte von Schwester Rosa mitgeteilt wurde, ziehe ich es vor, die Dame nicht selbstredend vorzuführen; ich werde die Geschichte in meiner Weise erzählen, ohne Etwas hinzuzufügen noch abzukürzen, nur will ich das Ganze verständlicher aneinander reihen, um den Leser noch mehr zu interessieren




Erster Theil




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Erstes Kapitel


»Guten Abend, Wilhelm, was gibt es Neues?«

»Ich weiß weiter nichts, als dass Fräulein Rosa sich morgen verheiraten wird!«

»Ich bin in der Lage, diese Neuigkeit gerade so genau zu wissen, wie Sie, mein alter Freund, da ich der Diener des Bräutigams bin, der Morgen eine der beiden Hauptrollen in der Heiratscomödie übernehmen wird. Das war also nichts Neues! Da, schnupfen Sie einmal! Ich fragte nach öffentlichen Neuigkeiten, nicht aber nach denen der beiden Familien, deren Wohl wir zu fördern haben.«

»Ich verstehe Sie nicht, Justin, was Sie mit der Phrase »Wohl zu fördern« meinen? Ich bin nicht der Diener Ihrer Herrschaft, sondern diene allein Herrn Trudaine, der hier mit seiner Schwester, der Braut, lebt. Ihre alte Dame hat zwar die Heirat zwischen ihrem Sohne und meiner jungen Herrin zusammengebracht, aber deshalb interessiere ich mich doch nicht für sie. – Mit den öffentlichen Neuigkeiten befasse ich mich gar nicht, denn ich bin noch ein Bedienter aus der alten Schule, der sich an der Haushaltungs-Politik genügen lässt! Sagt Ihnen das nicht zu, Justin, so bedauere ich es, und wünsche »gute Nacht!«

»Verzeihen Sie, aber ich habe nicht den geringsten Respekt vor der alten Schule, in diesem Sinne, ich interessiere mich für das jetzt so bewegte öffentliche Leben. Sie, mein lieber Wilhelm, werden sich sicher auch bald ändern und zu unserer Fahne schwören! Doch, gute Nacht!«

Dieses Gespräch fand an einem warmen Sommerabende des Jahres 1789 statt. Die beiden Diener die es führten, standen vor der Hintertür eines kleinen Hauses, welches drei Meilen westlich von Rouen, an den Ufern der Seine, stand.

Der eine war ein alter, magerer, mürrisch aussehender Mann; der andere, ein wohlgenährter junger Mann, der in einer reichen Livree steckte. Die Tage der alten Epoche nahten sich schnell ihrem Ende, wie aus der Jahreszahl ersichtlich ist, aber Frau Danville liebte es, ihren Diener noch so gekleidet zu sehen, wie zur Zeit Louis XV.




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