Der Geflügelschütze
Alexandre Dumas der Ältere




Alexandre Dumas (père)

Der Geflügelschütze





Erster Band





Erstes Kapitel.

Eine vernachlässigte Erziehung


So reich auch unsere französischen Flüsse ausgestattet sind, – nicht wenn wir sie mit den Flüssen Amerikas und Indien’s, sondern mit den andern Wasserläufen Europa’s vergleichen – so reich auch, sagen wir, unsere französischen Flüsse ausgestattet sind, hinsichtlich der Durchsichtigkeit ihrer Wellen und der reichlichen Fülle ihres Wassers, hinsichtlich ihrer malerischen Ufer, des Reizes ihrer seltsamen und wunderlichen Schlangenwindungen, so denke ich doch, daß weder die Seine, stolz, der Hauptstadt die Füße zu waschen, noch die Loire, erfreut, den Garten Frankreichs zu bespülen, noch die Garonne, stolz, so viele Schiffe zu tragen, wie ein Meer, noch die Rhone, erstaunt, in ihren Wogen Ruinen abzuspiegeln, die man für römische Ruinen halten sollte, mit der Vire wetteifern könnte, welches indessen ein sehr bescheidener Fluß ist, und den die Normannen, deren Durst er in Concurrenz mit dem Cider stillt, immer nur einen unbedeutenden Bach genannt haben.

Sie wissen nicht, daß grammatikalisch und geographisch jeder Wasserlauf, so schwach und ausgetrocknet er auch sein möge, ein Recht an die Benennung eines Flusses hat, wenn er sich ins Meer stürzt.

Die Italiener würden den Arno oder den Senethus nicht so herabwürdigen lassen.

Sie haben ein Wort für den Fluß, so groß oder so klein er auch sein möge.

Fiume heißt er, wenn er groß, Fiumicello, wenn er klein ist.

Die Vire ist also ein Fluß, wie die Geographen sagen, und nicht ein Bach, wie die Normannen sie nennen.

Ich muß indeß gestehen, daß, ungeachtet meiner Vorliebe für den Fluß, dem ich durch diese Zeilen die Stellung wiederzugeben versuche, an die er ein Recht hat, wie viele irdische Dinge, wie eine Menge hübscher Frauen und großer Männer, Revolutionen und Tragödien, kurz, wie ihre großen Gefährten, der Rhein und die Rhone, die Vire ein ihres Anfanges unwürdiges Ende hat.

An demselben Orte entstanden, wo, wenn man den archäologischen Forschungen der Brüder Parfait glauben darf, das Baudeville entstand, nämlich im Val-de-Vire (im Thale der Vire), an ihrer Quelle von dem reizenden Walde von Saint-Sever beschattet, nachdem sie fünf und zwanzig Meilen ihr kristallhelles Wasser über einen Grund vom blauen Felsen und über ein Bett von goldenem Sande und grünen Alpen hat hinfließen, nachdem sie über zwanzig Wasserfälle Myriaden von Scheffeln Perlen hat schimmern lassen, die in der Sonne funkeln, nachdem sie die poetische Mühle Oliver Basselins getrieben, verschwindet plötzlich die Vire einige Meilen unterhalb Saint-Lo, Isigny gegenüber, berühmt wegen seiner unvergleichlichen Butter, versenkt sich in seichte und schlammige Sümpfe und wird Etwas, was dem Kanal von l’Ourcox gleicht. Keine Gürtel mehr von grünenden und blühenden Wiesen; keine Kränze von Felsen mehr, purpurfarbig von Fingerhutblumen; keine Federbüsche mehr von Buchen mit glatten Stämmen, diesen kräftigen Kindern des mit Gebüsch bewachsenen Gebiets. Nein, der arme kleine Fluß, ganz beschämt über sein Mißgeschick, scheint auf seinem Wege umkehren zu wollen. Er läuft nicht mehr, er wandert. Sein lebhaftes und flüchtiges Wasser, worin die Nymphen des Ufers ihre durchsichtigen Füße badeten und ihre blonden Haare netzten, ein lebhaftes und flüchtiges Wasser, welches in tausendfachen Gemurmel sang, indem es über die Kiesel dahin sprang, während die Vögel, ihre Lieder singend, in dem Gebüsch hin und her hüpfend, ihre purpurnen und azurnen Farben verloren, wie die Bewohner von Aigues-Mortes und die Italiener der pontinischen Sümpfe ihre lebhaften Farben unter den bitteren und beißenden Küssen des Fiebers verlieren, schleppt sich schweigend und traurig über eine Lage von Torf, welche es braun färbt dahin, und spiegelt das Bild des gelblichen Rohrs ab, welches an seinen verlassenen Ufern vegetiert.

Der Ocean, der Vater der Flüsse, wie ihn Homer nannte, kommt glücklicherweise dem unglücklichen Flusse entgegen, reicht ihm die Arme, nimmt ihn in seinen Schooß auf und trägt ihm zur Unermeßlichkeit fort, wie der Tod sich eines leidenden Kindes erbarmt und es zur Unendlichkeit fortträgt.

Eine oder zwei Meilen oberhalb der Mündung der Vire, auf ihrem rechten Ufer befindet sich ein Dorf, wie alle Dörfer an der normännischen Küste, am Rande des Seestrandes erbaut, so daß die Wellen bei der hohen Fluth die Fundamente der Häuser benetzen.

Dieses Dorf heißt Maisy. Etwa zweitausend Schritte von dem Eingange von Maisy, wenn man von Isigny kommt, bemerkt man eine kleine Meyerei, deren Strohdächer und Mauern von Ziegelsteinen theilweise verborgen werden von einem Dickichte von Ulmen und Hagebuchen, welche einen Strauß, gleich einer grünen Insel auf der kahlen Fläche bilden, die im Winter weiß, im Frühling grün und im Sommer gelblich ist.

Diese Meyerei ist die Cochardiere.

Im Jahre 1818 gehörte die Cochardiere Jean Montplet.

Wir wollen in wenigen Worten sagen, wer Jean Montplet, der Vater des Alain Montplet war.

Jean Montplet hatte sich durch seine eigene Arbeit emporgeschwungen, und man sagte, daß dieser Mann dreihunderttausend Francs besitze.

Jean Montplet hatte mit dem Geschäfte eines Thierbeschauers begonnen; er war endlich Viehhändler, dann Landwirth geworden.

Seine Waare lieferte ihm guten Dünger, und da dieser gute Dünger ihm fette Kühe verschaffte, so war er schnell und leicht reich geworden.

»Das Vermögen macht nicht das Glück,« haben die Millionäre gesagt, um das Gefühl des Neides, welches die Armen natürlich gegen sie hegen, ein Wenig abzustumpfen.

Jean Montplet war nicht dieser Meinung.

Jean Montplet, welcher der reichste Mann in Maisy war, konnte zugleich für den glücklichsten Mann in der Umgegend gelten.

Er besuchte alle normannischen Märkte auf einem vortrefflichen, kleinen Pferde, herrschte auf den Märkten, wo seine Schätzung den Preis der Getreidearten bestimmte, und wo er und sein Pferd in den Gasthäusern gern und freudig aufgenommen wurden, und wo man den besten Cider für den Mann und den besten Hafer für das Pferd lieferte. Er sprach laut in den Gemeindeversammlungen, wo seine Stimme angehört und seine Meinung befolgt wurde. Von den Armen geliebt, mit welchen er ebenso gern trank, wie zur Zeit, wo er zu Fuß auf der Landstraße ging, und die Kühe der Anderen trieb, von den Reichen gegrüßt, für die er zur rechten Zeit eine Ecke von dem vergoldeten Futter seiner groben Blouse zu zeigen wußte – gestand Jean Montplet selber, daß Nichts an seinem Glück fehle.

Wir irren uns, im Jahre 1818 – wir hatten vergessen dieses Datum angegeben zu haben – im Jahre 1818 fehlte ihm ein Erbe, den ihm Madame Montplet, ungeachtet des Bedauerns, welches sie aussprach, seit zwölf Jahren immer nicht schenkte.

Aber zum Glücke war der Himmel nicht so grausam, sein Werk unvollendet zu lassen.

Im Jahre 1819 kam endlich dieser so sehr gewünschte Sohn.

Nur trat er unter unheilvollen Vorbedeutungen in die Welt.

Seine Geburt kostete seiner Mutter das Leben.

Jean Montplet weinte sehr, denn er liebte seine Frau aufrichtig.

Dann sah er einen Knaben an, in welchem die arme Verstorbene wieder aufzuleben schien; er jagte sich, da er sein ganzes Leben lang gearbeitet, diesem Erben ein Vermögen zu hinterlassen, so sei es nicht der Augenblick auszuruhen, nun da der Herr ihm bewilligte, was er so lange gewünscht hatte. Er bestieg also ein Pferdchen ritt auf den Markt von Bayeux, gewann einen großen Sack voll Thaler an einer Anzahl Kühe, so daß die Freude über einen Markt, die frische Luft und die Bewegung seinen Schmerz zu mildern begannen.

Die Zeit that das Uebrige.

O Saturn, Du Gott der Zeit, Du ältester Sohn der Ewigkeit, nicht ohne Grund haben die Dichter Dich mit einer Sichel in der Hand dargestellt. Unerbittlicher Schnitter, Du mäht unsere Freuden wie unsere Mißgeschicke hinweg, und der Mensch, dieses Atom, welches im Winde auf Deinem Wege zittert, bemerkt mit Verzweiflung, daß Nichts ewig ist bei ihm, nicht einmal der Schmerz!

Die Zeit schloß also Jean Montplet’s Wunde.

Alain – dies war der Name, den der junge Erbe der Meyerei Cochardiere in der Taufe erhalten hatte – Alain wurde also zugleich der Trost und der Antrieb des guten Montplet.

Für ihn unternahm der Viehhändler ohne Aufhören neue Reisen; Alain’s kindliche Liebkosungen belohnten ihn, wenn er nach Hause zurückkehrte, für seine Anstrengungen.

Und der arme Vater, Das müssen wir sagen, fühlte sich so reichlich belohnt, daß er jeden Tag Gott dankte.

Auch verzog er den kleinen Alain, so daß es zugleich Schmerz und Vergnügen verursachte, es zu sehen.

Als Alain zehn Jahre alt war, dachte Jean Montplet an die Erziehung seines Sohnes.

Wie alle reich gewordenen Bauern und viele abgehobelte Handwerker verachtete Jean seine Profession und wünschte für seinen Sohn die Ehre des Baccalaureats und den Glanz der Toga.

Indessen war er noch unentschieden und wußte nicht, an welchem Orte er den Wildling, den er für die Wissenschaft bestimmt hatte, wollte erblühen lassen, als eines schönen Tages ein College, indem er ihm von einem guten Kuhmarkte sprach, der in Saint-Lo zu machen sei, zugleich das Gymnasium dieser Stadt erwähnte. Jean Montplet beschloß also, zwei Fliegen auf einer Klappe zu schlagen, die Kühe zu kaufen und seinen Knaben dort unterzubringen.

Er legte eine großen Gamaschen an, nahm den Knaben hinter sich aufs Pferd und brachte ihn aufs Gymnasium, wo derselbe ganz heiter blieb, als er die Menge von jungen Kameraden sah, die er haben sollte, und den schönen Garten, in welchem alle spielten.

Der arme Alain war während der Erholungsstunde angekommen und hatte geglaubt, daß das Gymnasium ein beständiges Kriegspiel sei.

Jean Montplet hatte sich entfernt, nachdem er dem Vorsteher wohl zehnmal wiederholt hatte, indem er mit dem Gelde klapperte, welches er in der ledernen Geldkatze hatte, die er unter seiner Blouse trug, daß er nicht auf die Thaler achten werde, wenn man aus seinem Sohne nur einen Hippokrates oder Demosthenes mache.

Es waren zwei Namen, die er aus dem Munde des Pfarrers von Maisy gehört hatte, als Dieser eines Tages an einem Tische zu Mittag gespeist.

Er hatte sich erkundigt, wer diese beiden Herren wären, und erfahren, daß der Eine ein großer Arzt und der Andere ein großer Redner gewesen.

Nur hatte er sich nicht nach der Zeit erkundigt, in welcher sie gelebt. Aber es lag ihm wenig daran, da Beide in ihrer Kunst dieselbe Stellung errungen hatten, die er selber unter den Landleuten und unter den Viehhändlern von la-Manche und Calvados einnahm.

Aber ach! Jean Montplet hatte völlig ohne seinen Sohn gerechnet.

Der Knabe hatte das Gymnasium reizend gefunden, wie wir gesagt haben, weil er in der Erholungsstunde eingetreten war.

Aber die Erholung war zu Ende und er mußte in die Classe eintreten.

An dem eichenen Tische und vor dem Pult, hatte die Sache ihr Aussehen verändert, und Alain hatte das Gymnasium in seiner ganzen strengen Disciplin gesehen.

Seitdem schien es ihm, als wäre die Zeit mit ungleicher Hand gemessen, nicht genug für das Vergnügen, zu viel für die Arbeit. Die Schulstrenge, die pedantischen Formen hatten diesen rauhen kleinen Dorfjungen, dessen Leben bis dahin eine beständige Schule im Freien gewesen und der eine unerläßliche Gewohnheit, ein unwiderstehliches Bedürfniß angenommen hatte, in der frischen Luft am Strande umhergelaufen und das schroffe Gestade zu ersteigen, die Wissenschaft bald verleidet gemacht.

Von dem Augenblicke an, wo der Hauch der Langenweile ihn berührt hatte, begann er dahinzuschwinden. Die lebhaften Farben der Wangen verblichen, eine Art Heimweh bemächtigte sich einer, und er wurde kränklich und schmächtig unter dieser mit Griechisch und Latein überladenen Atmosphäre.

Jean Montplet, von den Professoren selber benachrichtigt, kam einen Sohn zu besuchen und erschrak über die Fortschritte des Uebels. Er bedachte, daß der schwarze Rock ebenso gut den Bürger wie die Robe den Advocaten und den Doctor mache, daß, wenn Gott fortfahre, ihm in der Gegenwart und Zukunft Beistand zu leisten, wie er es in der Vergangenheit gethan, Alain Montplet eines Tages eine hübschen 25.000 Livres Renten haben und folglich so reich sein werde, um nicht nöthig zu haben, Consultationen zu halten oder Recepte zu verschreiben.

Alain wurde also aus dem Gymnasium zu Saint-Lo weggenommen und einen Kameraden von Maisy zurückgegeben.

Als er wieder auf der Meyerei war, Das heißt tausend Schritte vom Meere, und sich wieder in der Umgebung befand, an die er gewöhnt war, in der einzigen Luft, die er athmen konnte, erhielt der Knabe bald eine gute Laune, seinen röthlichen Teint und seine ursprüngliche Stärke wieder.

Bald hatte er nicht nur in Maisy, sondern aus Grand-Camp und in Saint-Pierre-du-Mont keinen Nebenbuhler in der Kunst, die Klippen zu erklimmen, um die Nester der Taucherhühner auszunehmen; bald lief er allen Lehrlingen der Schiffsbaukunst den Rang ab, kleine Schiffe aus einen Stück Holz auszuschnitzen und sie auf den Wasserflächen, welche die Ebbe auf dem Sande zurückließ, treiben zu lassen, aber besonders als Schwimmer machte der junge Alain die erstaunlichsten Fortschritte.

Das Meer schien ein ebenso vertrautes und fügsames Element für ihn geworden zu sein, wie das Land; man hätte denken sollen, die Natur habe ihn zur Amphybie bestimmt, so leicht konnte er nach dem Beispiele des Delphins über die Wogen dahinfahren, und daß er ein besonderes Athmungssystem besitze, so unendlich lange konnte er unter dem Wasser bleiben. Nichts machte ihm etwas aus – weder hoher Wellenschlag noch Wirbelwind, weder Sturm noch Ungewitter, und für die Fischer der Küste war er eine Art Thermometer geworden, wie es gewisse Fische sind, die nur aus dem Wasser springen, um den Wind anzukündigen. Man sagte, wenn man ihn unter den Wogen seine Possen treiben sah:

»Der Bursche Alain ist heute sehr lustig; es wird morgen das Meer hoch gehen.«

Die Ueberlegenheit, die sein Sohn in allen Spielen erlangte, reichte hin, den väterlichen Stolz des alten Montplet zu befriedigen, welcher jeden Tag einen kleinen Schatz mehr und mehr abrundete und immer gewisser wurde, einem Erben eine gute Zukunft zu sichern, und sich immer mehr überzeugt hielt, daß man in den Augen der Menschen immer gelehrt genug sei, wenn man nur reich genug sei.

Er sprach also nicht mehr davon, daß Alain, selbst als Dieser ein Jüngling wurde, irgend eine Lehrstunde haben solle, und übergab ihn den einzigen Professoren, welche ihm die Küste umsonst lieferte, und die es übernahmen, die Talente zu vervollkommnen, wovon wir eben gesprochen, indem sie dem künftigen Besitzer der Meyerei lehrten, ein Ruder geschickt einzuholen, eine Reuse auszuspannen und eine Schnur gehörig mit jedem Köder zu versehen, der sich für diesen oder jenen Fisch, von dem Stint bis zur Makrele eignet.

Noch eine Kunst, in welcher der junge Alain große Fortschritte machte, war die Kunst der Jagd. Freilich hatte er in dieser Kunst einen vortrefflichen Lehrer.

Dieser Lehrer war der Geflügelschütze Vater Gabion.

Wir wollen zuerst sagen, wer und was Vater Gabion war, dann wollen wir erklären, was ein Geflügelschütze ist.

Der Vater Gabion, der so hieß, weil er in einem kleinen Häuschen wohnte, welches an der Mündung der Vire stand und welches man le Gabion (der Schanzkorb) nannte – der Vater Gabion war ein großer Greis von beinahe sechs Fuß Höhe, trocken und schmächtig und anscheinend nicht dem Menschengeschlechte, sondern der Familie der Stelzenläufer angehörig. Er hatte eine eingedrückte Stirn, ein zurücktretendes Kinn und eine spitzige Nase, so daß er einen ganz hübschen Kopf wie eine Fettgans hatte, und wann er an der Küste oder bei der Ebbe am Strande dahin lief und von Felsen zu Felsen sprang, glich er einem jener Seevögel mit langen Beinen, die am Strande dahin laufen und von Felsen zu Felsen hüpfen, um kleine Fische zu erhaschen.

Ohne Zweifel hatten sich auf den ersten Blick die Vögel der Küste, die Enten, die Trauerenten, die Schnepfen, die Moorschnepfen, die Brachvögel und die Taucherhühner durch diese Aehnlichkeit täuschen lassen und den Vater Gabion für einen riesenhaften Storch, für einen vorsündfluthlichen Reyher gehalten und nicht die geringste Furcht vor ihm gehabt.

Aber nach und nach waren ihnen über diese falsche Aehnlichkeit die Augen aufgegangen und die armen Vögel hatten endlich bemerkt, daß sie im Gegentheile keinen erbitterteren Feind hatten, als den Vater Gabion.

In der That war der Vater Gabion, wie wir gejagt haben, ein Geflügelschütze.

Wir wollen unser Versprechen halten, und nachdem wir den Vater Gabion wenigstens in physischer Hinsicht beschrieben haben, wollen wir sagen, was ein Geflügelschütze ist.

Man versteht unter dem wilden Geflügel alle die Vögel, die in den Sümpfen, an den Küsten und auf Flüssen leben.

Die Enten, die Trauerenten, die Wasserhühner, die wilden Gänse, die Regenpfeifer, die Krickenten und selbst die unschuldigen Weißschwänze, so roh gejagt von den Nimrods von Saint-Denis und Bougival, gehören zu dem wilden Geflügel.

Die Jagd dieses Wildes, wenn man sie am Ufer des Meeres ausübt, ist vielleicht heutiges Tages die einzige, welche ernstliche Gefahren bietet, die einzige, welche noch die abenteuersuchenden Geister anlocken kann, für welche die Gefahr ein Reiz ist, welche die lebhaften Gemüthsbewegungen als Genüsse aufsuchen, die sich endlich geniert und unbequem fühlen in dem gemächlichen Leben, welches die Civilisation den Bescheidensten bereitet hat.

Nicht in den Sümpfen allein muß der Geflügelschütze sein Wild suchen! Die Felsen, die Sandbänke, die Klippen, die man besonders an der Mündung der Flüsse findet, sind viel vortheilhafter auszubeuten. Diese Felsen und Sandbänke dienen Tausenden von Wasservögeln als Zufluchtsort. Wenn die Nacht kommt, mögen nun die Vögel den Tag auf dem Oceane zugebracht, mögen sie ihre Nahrung auf den Flüssen oder auf den Teichen im Innern des Landes gesucht haben, oder dort nur auf ihren Wanderungen einen Halt machen, auf alle Fälle versammeln sie sich dort auf diesen Sandbänken und auf diesen Felsen, wie an einem verabredeten Orte, lassen sie sich in unzähligen Schaaren nieder und bilden eine buntscheckige Bevölkerung, wo die Geschlechter und Familien häufig unter einander gemischt sind.

Aber so reichlich dieses Wild vorhanden sein mag, ist es doch oft schwierig, ja gefährlich, es auf diesen beweglichen Sandbänken, die von jeder Fluth versetzt werden, auf diesen Felsen zu suchen, die so glatt und schlüpfrig sind wie Gletscher und die wie die Gletscher einen Abgrund unter sich haben, und zwar während der dunklen und kalten Nächte der strengsten Jahreszeit, denn nur vom Monat October bis zum April ist die Jagd des wilden Geflügels wahrhaft ergiebig.

Nach Dem, was wir eben gesagt haben, wird der Leser leicht begreifen, welches die Gefahren sind, denen, der Jäger ausgesetzt ist. So groß auch seine Gewandtheit, seine Geschicklichkeit, seine Stärke und Kühnheit ist, darf er doch keinen Augenblick vergessen, daß er auf einem dem Meere angehörigen Terrain ist, und daß die Fluth in wenigen Stunden wieder überschwemmen wird, was die Ebbe für den Augenblick verlassen hat. Einige Minuten der Zerstreuung, der Träumerei oder des Schlummers können ihm das Leben kosten, denn seine ganze Gewandtheit, seine ganze Energie, eine ganze Geistesgegenwart würde ohnmächtig werden in dem Kampf, den er gegen das wüthende Element zu bestehen haben würde, welches in ein Gebiet zurückkehrt, unerbittlich wie ein legitimer Besitzer, der auf einen Augenblick verdrängt worden.

Diese Gefahren eines gewaltsamen Todes haben ihre kleinen Nebenumstände: diese sind der Schnupfen, der Husten, die Lungenentzündung, der Rheumatismus, der natürliche Erfolg der Unbeweglichkeit, die der Jäger bewahren muß, wenn er in der Nähe einer Wasserfläche, in einem Loch versteckt, von dem Pfeifen der Windstöße und dem Gebrüll der Wogen betäubt, erstarrt von der Feuchtigkeit, die ihn nach und nach durchdringt und sich eines ganzen Körpers von der Haut bis in das Mark der Knochen bemächtigt, wartet, daß ein Mondstrahl, zwischen zwei-Wolken durchgleitend, ihm gestattet, auf das Wild anzulegen, welches nur einige Schritte von ihm entfernt eingeschlafen ist.

Woher kam der Vater Gabion? Man wußte es nicht.

Welches war ein wahrer Name?

Man wußte es nicht.

Eines Tages – vor einigen zwanzig Jahren – war er in dem Lande erschienen und aus dem Departement la-Manche gekommen, seine Entenflinte auf der Schulter und von seinem Pudel begleitet.

Er hatte sich also in dem Gabion (Schanzkorbe) niedergelassen und nicht mehr oder weniger als ein Montmorency oder ein Coucy den Namen seiner Besitzung angenommen.

Da er nun aber Niemanden Unrecht oder Leid zugefügt hatte, da er am Tage schlief, in der Nacht jagte, dem Wildhändler von Isigny ein Wild brachte, den Preis dafür einstrich und das Wenige, welches er kaufte, baar bezahlte, so wurde er weder geliebt noch gehaßt, und man ließ ihn endlich nach einem Gefallen leben, ohne sich mehr um ihn zu kümmern, als er sich um die Anderen kümmerte.

Dies war der Lehrer, den der Jägerinstinct des jungen Montplet ihn hatte entdecken lassen, und welcher ihm bald gezeigt, wie er sich anstellen müsse, um Enten und Becassinen zu schießen, und daß er nicht eher auf einen Seevogel feuern dürfe, als bis er sein Auge unterscheiden könne.




Zweites Kapitel.

Der Shylock des Dorfes


Diese ausschließlich materielle Erziehung entwickelte die schon ein Wenig wilden Neigungen des Characters unseres Helden, denn der Leser ist gewiß nicht mehr im Zweifel, daß Alain Montplet unser Held ist.

Er begeisterte sich für das Schwimmen, für den Fischfang, für die Jagd mit jener wilden Leidenschaft, welche in unseren Tagen nur eine Ausnahme bildet.

Sie beschäftigte ihn nicht nur einen Theil seiner Tage, sondern auch während seiner Nächte.

Die Eintheilung der Zeit, die Reihenfolge der gewöhnlichen Ordnungen war nicht vorhanden für den jungen Erben der Meyerei. Die Stunden der Mahlzeiten, die Stunden des Schlafes – Nichts war regelmäßig bei ihm. Er aß, wenn er Hunger hatte, er schlief, wenn er zu schlafen, geneigt war, und außer der Zeit, die er mit Schlafen hinbrachte, außer drei reichlichen Mahlzeiten und einigen Stunden des Schlummers, die er benutzte, wo er sich befand, war alles Uebrige seinen Lieblingsübungen gewidmet.

Von Arbeit war natürlich nicht die Rede.

Alain konnte lesen und schreiben, Das war Alles. Er kannte beinahe die beiden ersten mathematischen Species, aber er hatte nie über die Multiplication hinauskommen können. Es versteht sich von selber, daß die Division ein australisches Land, völlig unbekannt und unerforscht, für ihn war.

Indessen konnten die drei Leidenschaften, zwischen welchen sich das Leben des jungen Montplet theilte, diese überschäumende Natur nicht ganz in Anspruch nehmen. Es bemächtigte sich einer eine unbestimmte Unruhe, eine Melancholie ohne Grund; eine gewohnten Zerstreuungen genügten ihm nicht mehr; es schien ihm, als ob einem Leben irgend Etwas fehle. Er hatte nie sagen können, was dieses Etwas war; dieses Etwas war ihm völlig unbekannt.

Er empfand jenes Mißbehagen eines Jünglings von sechzehn bis siebzehn Jahren; aber als er zu diesem Alter gelangt war, veränderte sich Alles.

Die hohe Statur Alain’s, ein kräftiges Aussehen, seine Frische und seine siebzehn Jahre machten ihn zu einem herrlichen Jungen nach der normännischen Weise. Auch machten ihn die Mädchen von Maisy, von Grand-Camp und Saint-Lo bald mit diesem unbekannten Etwas bekannt, welches er suchte, und welches zu finden er jetzt in dem Alter war.

Mit achtzehn Jahren war Alain Montplet der Lovelace aller Schönen in baumwollenen Mützen des Landes Bessin; auch blieb er nicht in den Kreis des Districts der Mädchen von Maisy, von Grand-Camp und Saint-Lo eingeschlossen; er ging zu denjenigen von La-Cambe, von Formigny, von Trevière über und breitete seine Liebesunternehmungen bis zur Delivrande aus.

Damals war er eine von jenen zwitterhaften Personen, Einer jener feinen Stutzer des Landes, halb Bürger, halb Bauer, die man in den kleinen Städten und den großen Marktflecken trifft, welche sich in Hemdärmeln oder in der Blouse in den Schenken, Kaffeehäusern oder in den Gängen jener Häuser umhertreiben, wie die Söhne der pariser Familien, in gelben Handschuhen und die Cigarre zwischen den Lippen, auf dem Asphalt des Boulevarddes-Italiens und auf dem Trottoirs des Stadtviertels Breda umherstolzieren.

Man glaubte nicht nach der Benennung Lovelace – denn der Name des Helden Richardson’s ist vermöge der Elasticität der Sprache ein Beiwort geworden —, die wir mit dem Namen Alain in Verbindung gesetzt haben, daß die Liebe eine Rinde geglättet, seine Manieren civilisiert, seinen Charakter gemildert habe.

Nein, die Liebe, die man in der Welt Alain Montplet’s antreffen konnte, war nicht von der Stärke, um ähnliche Verwandlungen hervorzubringen; nein, der junge Bursche aus der Meyerei hatte nicht, wie Phaon von der Venus jene erweichende und parfümierte Essenz erhalten, welche das Elend der glühenden Sappho herbeiführte. Er war schön nach der ursprünglichen Weise, er war stark wie ein Titane, und er theilte sein Leben zwischen seiner Liebe, einem Fischfange mit dem Vater Henin – von Diesem werden wir später zu sprechen Gelegenheit haben – und seiner Jagd in den Sümpfen der Vire und auf den steilen Felsenufern an der Bucht von Vays.

Es versteht sich von selber, daß Jean Montplet bei einer unbegrenzten Liebe für seinen Sohn, sobald als der Knabe ein Mann wurde und seine Bedürfnisse sich vermehrten, die Schnure einer Börse weiter löste.

Aber bald vermehrten sich eine Bedürfnisse sehr und stiegen bis zur Verschwendung.

Bald auch wurde diese Verschwendung von der Art, daß sie Jean Montplet zu erschrecken begann. Er wagte einige furchtsame Vorstellungen, worauf ein junger Mann, der seit seiner Kindheit gewöhnt ist, nach seinen eigenen Einfällen zu leben, nicht viel achten konnte und in der That auch nicht viel achtete.

Auch hörte Alain nicht auf, in Folge der Partien der Jagd, des Fischfanges und des Schwimmens, wozu er alle seine Freunde einlud, seine Rolle als Amphitryo in den Wirthshäusern fortzusetzen und die Buden auf allen Jahrmärkten in der Umgegend auszuleeren, um sich in der Gunst der hübschen Mädchen der Departements von la-Manche und Calvados zu erhalten.

Da seine Kameraden von Maisy, Geffosse und Saint-Pierre-du-Mont lauter Arbeiter, die sich und ihre Familie nur durch die Anstrengung ihrer Hände ernährten, nicht immer geneigt waren, ihren Tag seinen Launen zu opfern, so weigerten sie sich oft, ihm die Last seines Müßigganges tragen zu helfen, und wie Alain Ausflüge gemacht hatte, um hübsche Mädchen zu entdecken, so suchte er jetzt muntere Kameraden auf und ging bis Isigny, bis Balleroy und selbst bis Bayeux, wo er als Theilnehmer seiner Vergnügungen Schreiber der Notare, Officianten und reisende Handlungsgehilfen fand, die es mit ihren Berufsgeschäften nicht allzu genau nahmen, wenn es sich darum handelte, einen tollen Streich auszuführen.

Wenn aber die Gesellschaft dieser Herren angenehm war, müssen wir gestehen, daß sie verderblich wurde. Indem er ihnen Diners gab und nach diesen Diners Bouillotte und Ecarté spielte, nahm er die Freigebigkeit eines Vaters übermäßig in Anspruch und begann Schulden zu machen, die zu bezahlen er sich wohl hütete. Die Gläubiger warteten einige Zeit, denn sie wußten, daß der Vater Montplet, wenn sein Sohn sie nicht zahle, die einst zahlen würde; als sie aber endlich lange genug vergeblich gewartet hatten, ob es dem Sohne passend sein würde zu zahlen, gingen sie in die Meyerei, um ihre Klagen vorzubringen.

Als ihm die ersten Rechnungen überreicht wurden, zahlte Jean Montplet ohne viel zu schreien, da er sich nicht träumen ließ, von welchen Lawinen von Zahlen er bedroht werde.

Die bezahlten Gläubiger sagten dann zu ihren unbezahlten Collegen, wie sie es angestellt hätten, um zu ihrem Gelde zu kommen, und man ging beständig zwischen der Meyerei und den benachbarten Städten und Dörfern hin und her.

So groß auch die Zärtlichkeit eines Vaters für feinen Sohn sein mag, so verschwindet dieselbe, wenn dieser Vater ein Normand ist, fast immer, um der Kaltblütigkeit Platz zu machen, wenn die Geldfrage zur Verhandlung kommt.

Jean Montplet war aus diesem Lande; und um jeder Anforderung dieser Art zu begegnen, kündigte er in dem Journal des Departement an, daß es jedem frei stehe, dem Alain Montplet Credit zu geben oder Geld zu borgen, aber von jetzt an werde er keine von einem Sohne gemachte Schuld anerkennen, viel weniger noch bezahlen.

Das Mittel war heroisch, aber es verfehlte seinen Zweck.

Wenn es sich darum handelt, den Kindern der Familie Geld zu borgen, gibt es weitsichtige Leute, welche sich jagen, daß in Ermangelung der Börse des lebenden Vaters die Erbfolge des todten Vaters eintreten wird, und die so gut die Zinsen von Zinsen zu berechnen wissen, daß man ihnen einen um so größeren Dienst leistet, je länger man sie auf das Kapital warten läßt.

Alain, der sich durch die Gewohnheiten von drei Jahren und den vollständigen Müßiggang Bedürfnisse angeeignet hatte, welche das ihm von seinem Vater bewilligte Jahrgeld nicht befriedigen konnte, fügte sich nicht, sondern empörte sich im Gegentheil.

Er suchte daher einen von jenen verbindlichen Geldverleihern auf, von welchen wir gesprochen haben, und zum Unglück durften seine Augen nicht lange suchen, ehe sie auf Das fielen, was er bedurfte.

Der geeignete Mann befand sich in Maisy selber, das heißt im Bereiche seiner Hand.

Dieser wohlwollende Kapitalgeber hieß Thomas Langot, und war kein Anderer, als der erste Materialhändler des Fleckens.

Wir wollen sagen, was Thomas Langot war, der eine gewisse Rolle in dieser Erzählung spielen soll.

Thomas Langot war der jüngste Sohn einer Fischerfamilie in Saint-Pierre-du-Mont. Die Natur, die ihn in socialer Hinsicht wenig begünstigte, hatte ihn in physischer Hinsicht noch mehr gemißhandelt. Er war schwach, mit der englischen Krankheit behaftet und hinkend. Das am Knie nach innen gebogene Bein ließ immer glauben, daß er, wenn er ging, einen Halbzirkel beschreiben wolle, und nur vermöge gewisser mathematischer Combinationen gelang es ihm, die gerade Linie zu behaupten und zu dem Ziele zu kommen, welches er sich vorgesetzt hatte. Die Schwäche seiner Constitution, vereint mit seinem fehlerhaften Körper, hatte ihm eine elende Kindheit bereitet in einer Welt, wo man die Körperkraft vor allen Dingen schätzt.

Von seinem Vater gemißhandelt, der in ihm nur einen unnützen Mund sah, so wie von seinen Brüdern, deren Aufpasser er wurde, da er nicht ihr Gefährte werden konnte, verhöhnt von seinen kleinen Kameraden, welchen er nur aus der Ferne folgen konnte, und die ihm den Beinamen Säbelbein gegeben hatten, welcher Name ihm blieb, schöpfte der junge Langot aus den frühzeitigen Schmerzen seiner Jugend einen falschen, verbitterten und neidischen Character, aber zu gleicher Zeit einen festen und beharrlichen Entschluß, zu einem Vermögen zu gelangen und so dem Drucke der Beleidigung und der Schmach zu entgehen, welche das beständige Erbtheil des Armen und Schwachen hier auf der Erde zu sein scheinen.

Mit fünfzehn Jahren reiste er, ohne sich um die Entfernung zu kümmern und ohne sich von seiner Gebrechlichkeit zurückhalten zu lassen, mit zwei Fünfrankenthalern in der Tasche nach Paris ab.

Wie legte er den Weg zurück?

Gott weiß es!

Zu Fuß, auf leeren Wagen, auf Retourpferden, Brod essend, Wasser trinkend und sich ein Strohlager erbittend.

Kurz, er wußte sich auf dieser Reise so einzuschränken, daß ihm von diesen Fünfrankenthalern noch acht Livres und elf Sous übrig waren, als er in die große Stadt eintrat.

Nach einander Colporteur, Commissionair, Schuhputzer, Aufleser von Cigarrenresten und Contremarken, sammelte er Heller für Heller, die Summe von hundert Franken, welche er für nöthig gehalten hatte, um den Grund zu dem Vermögen zu legen, wovon er träumte.

Mit dieser Summe versehen, erwarb er sich die Berechtigung und unternahm einen Handel mit alten Kleidern.

Eine Auvergner Habsucht auf eine normännische List gepfropft, war ihm in diesem Geschäfte so nützlich, daß er darin bald geschickter wurde, als alle seine Kameraden.

In der That waren ihm seine psychologischen Studien nützlich.

Er besaß einen wunderbaren Tact, um die Aengstlichkeit des Elends oder den gierigen Durst nach dem Vergnügen in der scheinbaren Gleichgültigkeit zu lesen, womit die Verkäufer ihm ihre Waaren darreichten.

Hunger oder Leidenschaft, Alles mußte ihm dienen. Er spielte mit der Seelenangst wie die Katze mit der Maus, wie der Sperber mit der Lerche. Dieser Shylock im kleinen Maßstabe unterhielt sich zuweilen, wie der Jude von Venedig, den er übrigens nicht einmal dem Namen nach kannte, ihnen ihr Geheimniß zu entlocken, ohne darum einen Heller zu dem bedungenen Preise für den Lumpen, den man ihm anbot, hinzuzufügen. Ganz im Gegentheil, wenn die Wunde offen dargelegt war, fuhr er wie zufällig mit einer schweren Klaue hinein und zog sich zurück, indem er das Blut ableckte, welches ihm an den Nägeln geblieben war.

Kurz, nicht einmal ging er aus dem Kampfe hervor, ohne einen vortrefflichen Handel gemacht zu haben.

Zehn Jahre lang setzte er dieses Geschäft fort und lebte in Paris, als wenn er auf dem Dorfe gelebt hätte. Während dieser zehn Jahre versäumte er keinen einzigen Tag, die Garküche unter freiem Himmel zu besuchen, wo er, als er nach Paris gekommen, für vier Sous sein erstes Mahl eingenommen. Während dieser zehn Jahre veränderte er nicht im Geringsten sein tägliches Leben.

Seit zehn Jahren waren fünfzehn Sous zu seinem täglichen Leben ausreichend.

Die freie und uneigennützige Liebe war ein Luxus, den seine Mißgestalt und sein unfreundliches Wesen nicht gestatteten, und er hielt sich niemals für reich genug, um sich einen Ersatz dafür zu erkaufen.

Thomas Langot wurde also niemals geliebt und liebte nie.

Was die Schauspiele betraf, so war es damit, wie mit der Liebe, und Thomas Langot sah nur diejenigen, welche die Volksfeste, der Assienhof und die Barriere Saint-Jacques gewährten.

Die Energie, womit er zu einem einzigen Ziele hinstrebte, gab ihm die Kraft, dieses klösterliche Dasein inmitten von Versuchungen aller Art zu führen, und die Vergnügungen des modernen Babylon glitten, ohne ihn zu berühren, von dieser rauhen normännischen Rinde ab.

Eines Tages zählte er seinen Schatz, fand ihn genügend, lächelte seine Thaler an, packte ein und kehrte ebenso öconomisch, wie er gekommen war, in seine Provinz zurück.

Er besaß 15 000 Franken.

Er hütete sich wohl, einen triumphierenden Einzug in Maisy zu halten, wo er seine Wohnung aufzuschlagen beabsichtigte.

Nein, er kehrte am Abend, ohne Geräusch in Kleidern zurück, wozu er keine Käufer hatte finden können, und ging, um sich Gastfreundschaft bei einem seiner Brüder zu erbitten, der zugleich Sakristan und Diener des Pfarrers war.

Der Sacristan bat um gastfreundliche Aufnahme auf zwei oder drei Tage für Thomas Langot.

Der Pfarrer bewilligte dieselbe.

Während dieser drei Tage theilte Thomas Langot den bescheidenen Abhub des Pfarres mit seinem Bruder.

Kurz, es waren drei Tage, in welchen er keinen Heller ausgegeben hatte.

Seine Rückkehr war so unbemerkt geschehen, daß nur zwei oder drei Gevatterinnen in Form des Ausrufs und um ihre Unterhaltung wieder fortzusetzen, sagten: »Wissen Sie, Jeanne, wissen Sie, Javotte, Thomas Langot von Saint-Pierre-du-Mont, den man Säbelbein nannte, ist zurückgekehrt.«

Thomas Langot’s Eltern waren eben gestorben.

Um einen Brüdern und Schwestern, die ihn für reich halten konnten, den Gedanken zu benehmen, den geringsten Beistand von ihm zu verlangen, zeigte er sich hart, habgierig und vielfordernd bei der Theilung der wenigen Fischergeräthe, welche den ganzen Nachlaß des Verstorbenen bildeten – so hart, so habgierig, so vielfordernd, daß er sich mit seinem Bruder, dem Sacristan, mit dem er das Zimmer theilte, entzweite.

So sah er sich auf die freie Straße gesetzt.

Darauf ging er zu Jean Montplet und bat ihn, in irgend einem Winkel seiner Meyerei schlafen zu dürfen; dann fragte er ihn, ob er ihm nicht auf einige Tage irgend eine Arbeit für seinen Unterhalt geben könne.

Jean Montplet, welcher Thomas Langot für noch ein Wenig ärmer hielt, als Hiob, antwortete ihm, wenn es nur auf einige Tage wäre, könne er entweder in der Scheune oder in der leeren Hütte des Schäfers schlafen.

Die täglichen Mahlzeiten könne er ohne irgend eine Arbeit mit den Pflügern und den Hirten einnehmen.

Welche Arbeit konnte man von dem armen Säbelbein verlangen? Thomas Langot blieb vierzehn Tage in der Meyerei.

Nach Verlauf von vierzehn Tagen dankte er Jean Montplet und kündigte ihm an, daß er eben einen kleinen Vorrath von Materialwaaren erstanden habe, und bat ihn um seine Kundschaft.

Jean Montplet versprach sie ihm.

Säbelbein überhäufte ihn mit Segenswünschen und Danksagungen und entfernte sich rückwärts schreitend.

Er hatte in der That für sechshundert Franken, in drei Raten je nach sechs Monaten zahlbar, einen kleinen Vorrath von Materialwaaren von einer armen Wittwe gekauft, die von dem kleinen Vorrathe nicht leben konnte, und die sich in den Ruhestand setzen wollte.

In dem Augenblicke, als Thomas Langot die erste Zahlung zu machen hatte, erbot er sich, alle drei auf einmal zu leisten, wenn die Wittwe sich einen Abzug von fünfzig Franken gefallen lassen wolle.

Die Wittwe, die das Land verlassen wollte, nahm dies an, so daß der Vorrath von Materialwaaren Thomas Langot in der That nur 550 Franken kostete.

Aber die Wohnung der Wittwe war zu theuer für ihn.

Er miethete auf dem Platze von Maisy, der Kirche gegenüber, ein schmutziges und verfallenes Haus, wovon er die Reparaturen, deren es bedurfte, selber besorgte.

Nach und nach vergrößerte er seinen Geschäftskreis, indem er bei diesem Wachsthum die äußerste Geduld anwendete.

Endlich, wieder nach zehn Jahren, hatte er jede Concurrenz vernichtet.

Der enge und bescheidene Laden war ein Magazin geworden, worin sich Alles befand, was die Bewohner des Landes fordern konnten: Baumwollenzeuge und Pflugscharen, Lebkuchen und Theer, eiserne Oefen und Rosenkränze.

Da ein Handel bei Weitem nicht das Capital, welches er besaß in Anspruch nahm, so stürzte sich Thomas Langot in jene Art der Speculation, wo die Schaam des Borgens gewöhnlich für die Verschwiegenheit des Borgers einsteht, und so begann er außer einem gesetzmäßigen und offenkundigen Handel ein kleines verborgenes Wuchergeschäft, wobei er zugleich wenig zu wagen und viel zu gewinnen wußte.

Uebrigens waren eine Kenntnisse von Proceßsachen sehr beschränkt.

Er wollte nur von Wiederkäufen hören, die ihm ein sicheres Pfand in die Hände gaben, welches einen dreimal größeren Werth hatte, als die vorgestreckte Summe.

Zum Beispiel, ein Bauer besaß einen Acker, der zu 1500 Franken geschätzt wurde; Thomas Langot borgte fünfhundert Franken darauf und legte zum Voraus seine Klaue auf das Feld.

Wenn der Bauer an dem bestimmten Termine zahlte, nahm Thomas Langot sein Geld mit Zinsen zurück und gab den Acker brummend wie ein Hund, dem man einen Knochen entreißt, wieder heraus.

Wenn der Bauer nicht an dem bestimmten Tage, zu der festgesetzten Stunde und Minute zahlte, packte Thomas Langot die Beute mit seiner Klaue und zog sie nach sich.

Ein zweites Beispiel.

Ein Fischer wollte vom einfachen Matrosen Schiffsbesitzer werden. Thomas Langot liebte die Ehrgeizigen und war immer geneigt, ihnen zu Hilfe zu kommen. Thomas Langot kaufte eine Barke und ließ sich als Sicherheit die Ersparnisse des Fischers auszahlen; dann vertraute er diese Barke dem Fischer unter der Bedingung an, daß der Rest des Kaufgeldes der erwähnten Barke in gleichen Raten und zu bestimmten Zeiten ausgezahlt werde.

Wenn eine Zahlung ausblieb, fiel ihm die Barke wieder zu und er erstattete die früheren Zahlungen nicht zurück. So brachte diese wurmstichige und ausgeflickte Nußschale ihrem Besitzer so viel ein, daß er einen hübschen Dreimaster davon hätte erbauen können.

So reich er, im Gegensatze zu Jean Montplet geworden, war Thomas Langot nicht glücklicher.

Das Glück der Anderen ärgerte ihn, so wie auch die Achtung, die damit verbunden ist, wenn man sein Vermögen auf rechtliche Weise erworben hat.

Er war besonders neidisch auf den Besitzer der Meyerei, dem er nicht verzeihen konnte, daß er ihm als Almosen auf vierzehn Tage Logis und Unterhalt gegeben, und er kam nie an dem Meyerhofe vorüber, ohne einen Blick der gehässigen Habsucht auf diese schönen Felder zu werfen, die von langen und vollen Aehren strotzten.

Er seufzte immer wenn er die Apfelbäume betrachtete, die sich unter der Last ihrer Früchte beugten, und er weinte, wenn er das Gras sah, welches dicht und üppig auf den Wiesen wuchs, wo Kühe und Ochsen weideten, von welchen man nur den Oberkörper, die harmlosen Hörner und die großen sinnenden und erstaunten Augen sah.

Und wohl zehnmal den Kopf umwendend, wenn er sich von diesem Eden entfernte, fragte er sich, warum dies Alles Jean Montplet und nicht ihm gehöre, und es schien ihm, als wären diese schönen Aecker, dieses große Landgut, dieses glänzendere Rindvieh die Frucht eines Diebstahls, wovon er, Thomas Langot, das Opfer sei.

Nun hatte Säbelbein, wie man ihn nannte – man entschuldige uns, wenn dieser Name zuweilen unserer Feder entschlüpft – nun hatte Säbelbein, sagen wir, auf bewunderungswürdige Weise vorhergesehen, wie Alain’s leichter Character, wie die schlechte Erziehung, die er erhalten, wie die unregelmäßige Aufführung, welche die Folge davon gewesen, der Erfüllung seiner Wünsche günstig sein könne.

Ungeachtet der geringen Sympathie, die zwischen zwei faunähnlichen Wesen existieren mußte, wußte er es so einzurichten, daß er sich die Freundschaft des jungen Mannes verschaffte.

Er kam seinen Geständnissen zuvor und seine Bedürfnisse errathend, ging er in seinem Falle allein von seinen mißtrauischen und geizigen Gewohnheiten ab; ihm allein streckte er Geld vor, ohne Zinsen anzunehmen und ohne einen Wechsel zu verlangen; dann als er ihn genügend angeködert hatte, beschränkte er nach und nach seine Großmuth und endlich eines Tages, als der junge Mann mit dringender Bitte Geld von ihm verlangte, erklärte er ihm, daß seine Kasse leer sei.

Er verschaffte ihm dennoch die verlangte Summe, doch sagte er, er habe sie sich selber borgen müssen.

So begannen die übertriebenen Anforderungen des angeblichen Leihers Thomas Langot reichlich für die anfänglich verstellte Uneigennützigkeit zu entschädigen.

Alain Montplet hatte die Fingerspitze in ein Räderwerk gebracht.




Drittes Kapitel.

Alain Montplet’s erste Waffen


Als Alain Montplet einmal diesen Weg der thörichten Ausgaben und der wucherischen Anleihen betreten hatte, konnte er nicht mehr anhalten.

Bei jedem dieser ohne Aufhören wiederkehrenden Bedürfnisse wendete er sich an Thomas Langot.

Die Anforderungen dieser Art erneuerten sich so oft, daß der Wucherer, sei es nun wirkliche Erschöpfung oder Berechnung, eines schönen Tages seinem Clienten im Vertrauen zu verstehen gab, daß er Unrecht thue, nicht von Jean Montplet den Antheil zu verlangen, der ihm von einem mütterlichen Erbe zukomme.

Diesmal erbebte Alain, als wenn ihn ein Viper gestochen hätte.

Er dachte einen Augenblick nach und antwortete dann, daß seine Mutter als einfache Bäuerin ihrem Manne nichts zugebracht habe und daß ein Anspruch an Gütergemeinschaft von einer Seite nicht gerechtfertigt sein würde.

Langot mochte, wie er wollte, die hübsche runde Summe, welche die Theilung ihm einbringen würde, vor den Augen des jungen Mannes funkeln lassen; er mochte ihm das Verlangen einflößen, Paris zu sehen und sich den zahllosen Vergnügungen hinzugeben, die man dort findet, wenn man ein hübsches Gesicht und eine wohl gefüllte Börse hat. Alain widerstand fortwährend diesen glänzenden Vorspiegelungen.

Ungeachtet seiner Leichtigkeit war Alain von keiner üblen Gemüthsart. Er liebte seinen Vater und war unfähig zu einer überlegten Absicht, ihm, ohne durch irgend eine Leidenschaft dazu getrieben zu werden, einen so großen Kummer zu verursachen.

Aber die Umstände zogen ihn wider seinen Willen zu dem Abhange hin, zu welchem Langot ihn hinschob.

In Folge einer kleinen Anforderung, wo der brutale Gläubiger mit Execution und Verkauf gedroht hatte, wurde der Erbe der Meyerei – nachdem Jean Montplet dem Anforderer ins Gesicht gelacht und ihm gesagt hatte, daß sein Sohn ein Lump sei, ohne Geld oder Geldeswerth, von dem er nicht mehr, als von einer Eierschale würde herunterscheeren können – so erbittert von diesen Worten, die er gehört hatte, daß er, als der Gläubiger fort war, seinerseits eintrat und ganz einfach zu Jean Montplet sagte, daß er, Alain, noch kein so großer Lump sei, als wofür sein Vater ihn ausgeben wolle, da er noch das Vermögen seiner Mutter habe, wovon man ihm noch nie gesprochen.

Da Jean Montplet schon sehr aufgebracht war, so kannte sein Zorn keine Grenzen, als er diese Anforderung aussprechen hörte, die er nicht erwartet hatte und die durch die Art, wie sie gemacht wurde, zugleich etwas Vorwurfsvolles und Drohendes an sich hatte.

Alain, der vielleicht das Gefühl der kindlichen Liebe hatte, dem aber der Zauber derselben fehlte, antwortete auf diesen Ausbruch des väterlichen Zornes mit einigen unpassenden Worten, und der alte Landmann, aufgebracht von dieser Undankbarkeit, verfluchte seinen Sohn und jagte ihn aus dem Hause.

Zu Thomas Langot ging Alain Montplet, um ihm seinen Kummer mitzutheilen.

Er fand den Wucherer selbst in einem lebhaften Kummer.

Langot hatte sein Vermögen nicht so verbergen können, daß es nicht durch die rissigen Wände und die trüben Fensterscheiben seines Hauses gestrahlt.

Die Folge von diesem Mangel an Verschwiegenheit der Wände und Fensterscheiben war, daß die Anforderungen der arm gebliebenen Familie zu ihm drangen.

Langot hatte bis dahin heroisch dem Andringen widerstanden, welches ein wirkliches Elend vor den Augen der Welt rechtfertigte, aber nicht vor den seinigen, die durchdringender und schwerer zu rühren waren, als plötzlich der Mann einer seiner Nichten, ein armer Fischer von der Küste, in einem Sturme umgekommen war und seine Frau als Wittwe und ohne Hilfsmittel mit einem Kinde von sieben bis acht Jahren hinterlassen hatte. Der Maire von Maisy, von diesem großen Mißgeschicke gerührt, war in Person gekommen, um Langot in seinem Laden aufzusuchen und ihn im Namen der Familienbande und der christlichen Liebe aufzufordern, irgend Etwas für die arme Jeanne Marie zu thun. – Dies war der Name der Wittwe.

Der Materialhändler, der in diesem Augenblicke nach der Würde eines Gemeinderathes strebte, hatte nicht gewagt, sich zu weigern, wie er zu thun große Lust hatte. Nur hatte er es so eingerichtet, diese Großmuth so wenig lästig wie möglich werden zu lassen.

Bis dahin hatte er die Geschäfte seines kleinen Haushalts und eines vielseitigen Handels allein besorgt, und es war ein Wunder, zu begreifen, wie er, da er weder lesen noch schreiben und nur einen Namen unterzeichnen konnte, dahin gelangt war.

So machte Thomas Langot, vermöge eines bewunderungswürdigen Mechanismus des Gedächtnisses, alle seine Berechnungen im Kopfe.

Freilich, da er bei dem täglichen Verkaufe an die Bewohner von Maisy keinen Credit gab, so bedurfte er auch keines Rechnungsbuches, und was seine Schuldscheine und Wechsel betraf, so waren sie von Dem unterschrieben, der sie ihm ausstellte.

Aber wir begreifen wohl, daß Dies alles, so wie sich die Geschäfte vervielfachten, eine kopfbrechende Arbeit war.

Uebrigens wurde Thomas Langot alt; er fühlte das Bedürfniß eines Beistandes hinsichtlich der materiellen Seite seiner Haushaltung; und als ihm die Aufforderung des Maire kam, war er beinahe entschlossen, sich den Luxus einer Magd zu gestatten.

Thomas Langot hatte also eben feierlich der Behörde angekündigt, daß er seine Nichte Jeanne Marie und das verwaiste Kind bei sich aufnehmen wolle.

Es waren zwei Personen zu ernähren, aber es war eine Entschädigung dabei – er durfte keinen Lohn ausgeben; und doch, ungeachtet dieser Entschädigung, von der wir sprechen, die ihm aber wahrscheinlich nicht recht einleuchten wollte, fand der Materialhändler den Handel nicht sehr vortheilhaft, denn wir haben gesagt, daß er in sehr übler Laune war, als Alain Montplet die Thür seines Ladens öffnete.

Ein ärmlicher Laden war es, mit dem Ladentische zur Rechten des Einganges; dann kam der Kamin ohne Feuer – im Winter wie im Sommer, das Bett im Schatten der Tiefe und über die ganze übrige Wand Regale und Schubfächer mit Aufschriften.

In diesem Laden verschimmelte Thomas Langot, indem er sich wie ein Pilz abrundete.

Uebrigens war es eine gute Neuigkeit, die ihm sein Client Alain brachte, indem er ihm ankündigte, daß er sich mit seinem Vater entzweit habe.

Auch war sie genügend, den Aerger des Wucherers zu beseitigen. Thomas ließ sich den Streit von dem jungen Manne zweimal umständlich erzählen, dann rieb er sich geräuschlos die Hände, indem er Grimassen schnitt:

»Es ist ärgerlich, es ist Schade, es ist widerwärtig, einen Sohn und einen Vater so auf’s Aeußerste kommen zu sehen!«

Aber dieses Aeußerste war gerade eine Angelegenheit für Thomas Langot; und vermöge der Vorschüsse, die er dem Sohne bereits gemacht, und die er ihm noch zu machen gedachte, sah er sich schon im Traum am Winkel des großen Kamins im Meyerhause, einen Becher Cider von dem berühmten Obstgarten in kleinen Zügen nippend; und um diesen Traum zu verwirklichen, begann er, während er sich stellte, als bedauere er seine Lage, den Sohn zum Kriege zu treiben.

Wie alle Männer von sanguischem Temperamente, die gewöhnlich heftig und gute Menschen sind, hatte Jean Montplet, als der Anfall eines Zornes sich besänftigt hatte, bedauert, wohin ihn derselbe geführt. Er hatte einen Fluch so schnell zurückgenommen, daß der liebe Gott – so hoffte er wenigstens – nicht Zeit gehabt hatte, ihn in die Tafeln seines Gerichts einzutragen; dann, als er seinen Fluch zurückgenommen hatte, als wenn ein Sohn hätte fühlen müssen, daß er nicht mehr über einem Kopfe schwebe, erwartete er Alain, um ihm seine Arme zu öffnen, ihn an sein Herz zu drücken und ihn um Verzeihung zu bitten wegen des Unrechtes, welches ihm das böse Kind zugefügt hatte.

Vielleicht, wäre Thomas Langot nicht gewesen, so hätten diese Arme den Sohn umfaßt und Alles wäre vergessen gewesen.

Aber anstatt Alain’s war es ein Gerichtsdiener, der sich an der Barriere zeigte, welche der Obstgarten auf der Meyerei bildete.

Dieser Gerichtsdiener, an den Thomas Langot den jungen Mann gewiesen, war der Ueberbringer einer Vorladung und einer förmlichen Aufforderung Rechenschaft abzulegen.

Jean Montplet war wie vernichtet. Er weinte, er, der seit dem Tode seiner armen Frau keine Thräne vergossen hatte. Dann, als diese Thränen versiegt waren, blieb er zwei Stunden lang vor diesem schlecht geschriebenen Stück Papier sitzen und drehte es beständig zwischen seinen Fingern herum, wie es ein Verurtheilter mit einem Todesurtheile thun würde, und fragte sich, wie so viel Undankbarkeit in so wenigen Zeilen enthalten fein könne.

O! Ich kann Euch versichern, es war ein großer und tiefer Schmerz, den Jean Montplet beim Anblicke dieses Stück Papiers empfand! So groß, so tief, daß er ihn heftig erschütterte und das Nationalgefühl auslöschte.

Der arme Vater vergaß, daß er Normand war, schüttelte den Kopf, um seinen eigenen Gedanken zu antworten, und entsagte der Klage.

Er theilte ein Vermögen in zwei Theile, machte den einen zu Gelde, welches er zu dem Notar eines Sohnes, einem Winkelsachwalt in Isigny, Namens Richard, trug, und beauftragte ihn, Alain zu sagen, wenn er, Jean Montplet darauf bestanden, dieses Geld zu behalten, so sei es nur geschehen, um es ihm eines Tages mit Wucher wiederzugeben.

Dann kehrte Jean Montplet, der diesmal vollständig verwittwet war, da er die Mutter und das Kind verloren hatte, zurück, um sich in die Meyerei einzuschließen, die selbst sehr verändert war, seit der Entfernung des Undankbaren, der die Seele des Hauses und die Freude des Herzens gewesen.

Von jetzt an lebte er in seiner Einsamkeit oder vielmehr in seiner Abgeschiedenheit eben so traurig, eben so düster und eben so verzweifelt, wie er in der Vergangenheit heiter lächelnd und freudig gelebt hatte.

Was Jean Montplet’s Schmerz noch verdoppelte, war, daß er erfuhr, Alain sei nach Paris abgereist.

Und in der That richtete das Leben in der Provinz nicht so schnell zu Grunde, wie es den Wünschen Thomas Langot’s entsprach.

Er bedurfte der Stadt Paris, dieses Strudels und Abgrundes zugleich, dieser Stadt Paris, welche berauscht und verschlingt.

Alain war also in Paris, wo er mit Jean Montplet’s Thalern ein lustiges Leben führte.

Dieses Leben wollen wir nicht zu beschreiben versuchen, übrigens liegt das Herz des Buches, welches wir schreiben nicht hier, und wir sind erst bei der Vorrede, kaum bei der Exposition angekommen.

Die Geschichte aller verlornen Söhne ist dieselbe: da ist die Tafel, das Spiel und die Weiber.

Alain Montplet brachte ein Jahr in Paris zu. Man rechnet vier Monate für die Maison-d’Or, vier Monate für Frascati und vier Monate für das Quartier-Breda, und Ihr habt beinahe die topographische Geschichte seines Lebens während dieses Jahres.

Brutal, absprechend und selbst grob, wie er es war, konnte Alain nicht umhin, häufig in unangenehme Streitigkeiten verwickelt zu werden.

Er hatte zweimal einen ernstlichen Streit. Der eine war auf dem Balle im Opernhause.

Als er betrunken war, beleidigte er einen jungen Mann, an dessen Arme er ein Frauenzimmer zu erkennen glaubte, welches eine Geliebte gewesen.

Alain Montplet verstand sich nur auf Eins, nämlich zuzuschlagen, und er schlug zu.

Er war stark wie ein Stier. Der junge Mann, den er geschlagen hatte, beugte sich unter dem Schlage und versuchte nicht einmal, ihn zurückzugeben.

Aber am folgenden Morgen um sieben Uhr ließen ihm zwei junge Männer, die unserem Helden unbekannt waren, die Karte überreichen.

Alain Montplet stand brummend auf.

Die beiden Unbekannten waren die Zeugen des jungen Mannes, den er auf dem Opernballe beleidigt hatte.

Alain Montplet, der in die Maison-d’Or gegangen war, hatte den Opernball, das masquierte Frauenzimmer und den Streit vergessen.

Die beiden jungen Leute erinnerten ihn höflich an Dies alles; nach und nach wurde es in Alain’s Kopfe hell. Es wurde ihm erklärt, daß es in Paris nicht ganz so sei, wie in Maisy, wo es hinreichend sei, der Stärkste zu sein, um Recht zu haben; es wären unter gebildeten Leuten andere Formen zu beobachten, und um die Ungleichheit der Kräfte auszugleichen, habe die Civilisation kleine Instrumente erfunden, wovon man einige Degen und andere Pistolen nenne, und vermöge welcher der Zwerg dem Riesen, der Schwache dem Starken gleich werde.

In Folge Dessen nahm Monsieur Hector de Ravennes, der die Ueberlegenheit der Stärke des jungen Bauern anerkannte und darauf verzichtete, mit Faustschlägen gegen ihn zu kämpfen, sein Recht in Anspruch, sich auf andere Weise Genugthuung zu verschaffen.

Alain Montplet wurde also aufgefordert, sich zwei Zeugen zu wählen, und sich am folgenden Tage um neun Uhr Morgens in der Allee-de-la-Muette einzufinden.

Er konnte seine Degen mitbringen; sein Gegner brachte auch die einigen mit.

Man wollte durchs Loos entscheiden, welcher man sich bedienen sollte.

Alain begriff während dieser ganzen Auseinandersetzung, daß es eine ernstliche Sache sei, und daß es sich ums Leben handelte.

In Maisy war es bequemer, besonders für ihn.

Wenn er einen Streit gehabt, hatte man sich mit den Fäusten geschlagen; man kam mit einem abgebrochenen Zahne, einer zerquetschten Nase oder einem angelaufenen Auge davon; aber Das war Alles.

In Paris ging es, wie es ihm schien, anders zu.

Nun war man in Paris – und nicht in Maisy; in dem Departement der Seine und nicht im Departement Calvados.

Man mußte sich also der Sitte des Ortes fügen.

Der junge Landmann war tapfer.

Er war also weit entfernt, den Zweikampf, wozu er aufgefordert wurde, auszuschlagen.

Aber er hatte nie einen Degen in der Hand gehabt und es war ihm nie der Gedanke in den Sinn gekommen, daß er einst Veranlassung haben werde, einen zu führen.

Er wußte ebenso wenig mit Pistolen umzugehen; aber er hatte seine Flinte viel gehandhabt und wußte sich derselben auf ausgezeichnete Weise zu bedienen.

Nur sah er ein, daß eine große Aehnlichkeit zwischen der Flinte und der Pistole obwalte, so daß er mit der Pistole wenigstens ein Leben vertheidigen konnte.

Er verlangt also, daß man anstatt des Degens die Pistole anwende.

Aber auf diesen Vorschlag wurde ihm eine zweite Theorie, ebenso logisch wie die erste, auseinandergesetzt.

Nämlich, daß Der, welcher beleidige oder schlage, sich durch die zugefügte Beleidigung oder den gethanen Schlag der gänzlichen Verfügung seines Gegners aussetze; sonst würde der Mann, der eine Ueberlegenheit in irgend einer Waffe zu haben fühle, beleidigen, schlagen und dann seine Waffe bestimmen können.

Diese bewunderungswürdige Erfindung der Degen und Pistolen, welche der physischen Stärke ein Gleichgewicht bildet, würde sonst völlig unnütz werden.

Alain Montplet hatte den Vortheil gehabt, zu beleidigen und zu schlagen. Es blieb dem Monsieur Hector de Ravennes gegen diese beiden Vortheile, die sich ein Gegner angemaßt hatte, der einzige Vortheil, die Waffen zu wählen.

Auf diesen Vortheil machte er Anspruch und wählte den Degen.

Alain Montplet wollte noch einige Bemerkungen machen, aber er erhielt die Antwort, daß man beauftragt sei, Genugthuung von ihm zu verlangen und nicht, seine Erziehung zu vervollständigen; wenn er an der Wahrheit, der ihm mitgetheilten Worte zweifle, könne er sich bei seinen Secundanten erkundigen, und wenn ihm Das noch ungenügend erscheine, könne er die Duellgesetze befragen, die in dem vortrefflichen Buche des Grafen de Chateau-Villars, eines untadelhaften Cavaliers in Hinsicht der Geburt, der Loyalität und des Muthes, enthalten wären.

Es gebe noch ein anderes Mittel, Alles auszugleichen.

Nämlich, sich schriftlich bei dem Herrn Baron Hector de Ravennes zu entschuldigen und Alles dem Zustande der Trunkenheit zuzuschreiben, in welchem sich Monsieur Alain Montplet in dem Augenblicke befunden, als die Beleidigung vorgegangen.

Aber bei diesen Worten, welche Einer von den Zeugen des Monsieur Hector de Ravennes geäußert, stand Alain Montplet mit einer Würde auf, deren man ihn für unfähig gehalten, und kündigte den Zeugen seines Gegners an, daß er den Degen annehme und daß er sich am folgenden Morgen zu der bezeichneten Stunde mit zwei Freunden in der Allee-de-la-Muette einfinden wolle.

Die beiden jungen Leute, die begonnen hatten, Alain Montplet mit einer Unwissenheit auszuspotten, fanden hinter dieser Unwissenheit den Muth und entfernten sich, unseren Helden mit jener respectvollen Höflichkeit begrüßend, welche immer die kräftigen Naturen einflößen.

Alain Montplet erwartete seinerseits gerade zwei Freunde zum Frühstücke.

Diese beiden Freunde kamen zu der verabredeten Stunde.

Der Wirth erzählte ihnen die Geschichte.

Es waren ziemlich gemeine Leute, wie alle Freunde, die unser Landmann sich in Paris erworben hatte; aber es waren Leute, die am Ende mit dergleichen Angelegenheiten bekannt waren und die ihrem Zöglinge die Versicherung gaben, – Alain Montplet hatte sie nämlich gebeten, ihm als Secundanten zu dienen – daß die Secundanten seines Gegners ihm Nichts gesagt hätten, was nicht die vollständige Wahrheit wäre.

Es handelte sich darum zu erfahren, was man mit Alain Montplet anfangen solle, wenn er den Degen in der Hand habe.

Es gibt in Paris einen Fechtmeister, welcher einen Ruf wegen einer sogenannten Vertheidigungslectionen hat, und der mit dieser Art von Lectionen einigen zwanzig Ungeschickten oder Unwissenden das Leben gerettet.

Dieser Fechtmeister ist Grisier.

Nach dem Frühstücke begab man sich in die Vorstadt Montmartre Nr. 4.

Dort ertheilte der berühmte Professor seine Lectionen.

Einer von den beiden Secundanten Montplet’s war ein Schüler Grisier’s.

Er erklärte dem Lehrer die Sache.

»Ah! ah!« sagte Dieser, »und Dies ist unser junger Mann ?«

»Da bin ich,« sagte Montplet.

»Und Sie haben nie ein Fechtrapier in der Hand gehalten?«

»Niemals!«

»Haben Sie Furcht?«

»Vor was?«

»Verwundet zu werden?«

»Ich?« sagte Montplet, indem er mit den Fingern ein Schnippchen schlug; »daran liegt mir Nichts.«

Wir sind nicht ganz gewiß, ob er gerade so sagte, Der Professor war gewohnt, so viele junge Leute im Begriff zu sehen, sich zu schlagen, daß er psychologische Studien über die verschiedenen Temperamente hätte anstellen können.

Er erkannte, wie es der junge Landmann in der That sagte, daß die Gefahr, welche sie auch sein mochte, keinen großen Einfluß auf diese wilde Organisation hatte.

»Sie wünschen,« sagte der Professor, »daß ich Sie in den Stand setze, nicht getödtet zu werden, oder mit einer Schramme davonzukommen?«

»Was die Schramme betrifft,« antwortete Alain, »so zweifle ich, daß es möglich ist, da ich mich auf das Stockfechten verstehe.«

Grisier schüttelte den Kopf.

»Eine schlechte Gewohnheit,« sagte er; »im Allgemeinen berühren die gebildeten Leute einander nur mit dem Degen.«

»Ja, ich weiß Das seit gestern. Aber ich bin kein gebildeter Mann; ich bin ein einfacher Bauer.«

»Teufel! nun, was wollen Sie? Man sagt mir, daß Sie sich mit Monsieur Hector de Ravennes schlagen wollen; es ist ein bekannter Fechter von vorzüglicher Geschicklichkeit. Sie denken doch nicht, daß ich Sie von heute bis morgen in den Stand setzen kann, ihn zu tödten, ihn zu verwunden oder zu entwaffnen?«

»Ich will Nichts weiter, als daß ich mich unter den Waffen nicht lächerlich mache. Stellen Sie mich sogleich in die Parade, Das ist es, was ich von Ihnen verlange.«

»Sie wissen, daß Das, was Sie von mir verlangen, gerade das Mittel ist, sich tödten zu lassen?«

»Wie denn Das?«

»Da Monsieur Hector de Ravennes Ihre Unerfahrenheit im Fechten an Ihrer ungeschickten Parade erkennen muß, so wird er keinen Mord begehen wollen, indem er Sie tödtet. Er wird sich begnügen, Sie zu verwunden oder Sie zu entwaffnen.«

»Ei! zum Henker! Das ist es gerade, was ich nicht will. Er tödte mich, aber er soll nicht meiner spotten. Zeigen Sie mir, wie ich mich in die Parade zu stellen habe, und beschäftigen Sie sich nur damit. Ich will meinen Degen nicht wie eine Wachskerze oder einen Besenstiel in der Hand halten; das Uebrige ist die Sache des Wundarztes, wenn er mich verwundet, und des Todtengräbers, wenn er mich tödtet.«

»Es wäre Schade, wenn er Sie tödtete,« entgegnete Grisier; »denn Sie haben mir das Ansehen eines wackeren Burschen! – Nun, so nehmen Sie ein Rapier, und lassen Sie uns Das einüben.«

Nach einer Viertelstunde war Alain Montplets Auslage so gut, als hätte er seit zehn Jahren den Fechtboden besucht.«

Als er Dies erlangt hatte, ging der Professor zu der Vertheidigung über.

Sie bestand darin, einem Gegner in den Stoß zu fallen und zweimal mit dem Fuße zu stampfen, parierend zurückzuweichen und Gegenstöße zu thun.

Vermöge seiner eisernen Muskeln konnte Alain Montplet eine Lection von zwei oder drei Stunden nehmen.

»Befolgen Sie die Instructionen, die ich Ihnen ertheile,« sagte Grisier, »und Sie werden mit zwei oder drei Schrammen davonkommen.«

Dann wendete er sich zu den Secundanten und sagte:

»Meine Herren, es wird an Ihnen sein, dem Zweikampfe ein Ende zu machen, wenn Sie denken, daß er auf ehrenvolle Weise beendet werden kann.«

Alain bot dem Professor eine Börse an.

»Diese Lection, mein Herr,« sagte der Fechtmeister, »gebe ich unentgeltlich, oder wenigstens lasse ich sie erst nach der Rückkehr von dem Terrain zahlen.«

Alain faßte die Hand des Professors und drückte sie ihm so, daß er sie fast zerbrochen hätte.

»Ein hübscher Händedruck,« sagte Dieser; »wie Schade, daß Sie bei einer so starken Faust sich nicht schon mit zehn oder zwölf Jahren der Fechtkunst gewidmet haben.«

Alain Montplet kaufte, als er von Grisier kam, ein Paar Degen bei Derisme.

Derisme, selber ein vortrefflicher Fechter, hatte diesen Waffen, welche gewöhnlich Colichemardes genannt werden, eine angemessene Biegung und ein schützendes Stichblatt gegeben.

Daraus, daß ein Mann solche Waffen besaß, konnte man schließen, daß er sich ihrer zu bedienen verstehe.

Als Alain Montplet nach Hause kam, stellte er sich vor seinem Spiegel in Parade und war sehr zufrieden mit sich selber.

Am folgenden Morgen um acht Uhr war er auf und erwartete seine beiden Secundanten.

Sie kamen in einem Miethwagen.

Sie hatten einen jungen Eleven der Chirurgie, der ihr Freund war, bei sich.

Um drei Viertel auf Neun fuhren Montplet, seine beiden Secundanten und der Wundarzt in die Allee-de-la-Muette ein.

Das Zusammentreffen war erst auf neun Uhr bestimmt, wie wir es gesagt haben.

Fünf Minuten vor neun Uhr zeigte sich ein Wagen am Ende der Allee.

Er kam rasch näher.

Drei junge Männer stiegen aus.

Die drei jungen Männer waren Monsieur Hector de Ravennes und die beiden Secundanten, welche am Tage zuvor in seinem Namen zu Alain Montplet gekommen waren.

Die Secundanten und die Gegner grüßten einander mit Höflichkeit.

Dann gingen die Secundanten auf einander zu, prüften die beiden Paar Degen, erkannten sie von beiden Seiten für passend und warfen einen Louisdor in die Luft, um zu entscheiden, welches Paar den Vorzug haben solle.

Der Zufall entschied sich für die am Tage zuvor bei Derisme gekauften Waffen.

Einer von den Secundanten reichte beide Degen gekreuzt dem Baron.

Dieser nahm einen; der, den er zurückließ, wurde Alain Montplet zugestellt. Der Baron stellte seinen Degen auf den Stiefel und fuhr dann damit durch die Luft.

Darauf wendete er sich an seine Secundanten.

»Dies ist eine vortreffliche Waffe und hat einen bewunderungswürdigen Griff,« sagte er; »ich ziehe diesen Degen dem meinigen vor.«

»So erlauben Sie, Herr Baron,« sagte Alain Montplet, »ehe wir wissen, was wir mit den unsrigen ausrichten werden, daß ich die Ehre habe, Ihnen das Paar anzubieten?«

Der Baron verbeugte sich ohne zu antworten. Der Faustschlag Montplet’s war zu stark gewesen, als daß er sich zu einer großen Erwiderung der Höflichkeit hätte veranlaßt finden sollen.

Einer von den Secundanten kreuzte die Spitzen der beiden Degen, und als er mit der größten Sorgfalt die Sonne und das Terrain getheilt hatte, trat er einen Schritt zurück und sagte

»Auf die Mensur, meine Herren!«

Die Duellanten legten sich in Parade.

Alain Montplet, der sich der Lection des Professors erinnerte, nahm eine so sichere Auslage an, als wäre er in eben so guter Fechter gewesen, wie der Baron von Ravennes.

Wie Grisier es ihm vorher gesagt hatte, war diese akademische Stellung ein Verderben.

Der Baron von Ravennes trat einen Schritt zurück.

»Was zum Teufel hat man mir denn gesagt,« flüsterte er seinen Secundanten zu, »daß der Herr noch nie einen Degen in der Hand gehalten hätte? Er liegt ja aus wie der heilige Georg!«

Dann legte er sich selber wieder in Parade und sagte:

»Es thut mir leid um ihn; ich war entschlossen, ihn nur zu verwunden; ich werde genöthigt sein, ihn zu tödten.«

Man hörte die Berührung des Stahls, man sah den Degen des Barons wie eine Schlange dahingleiten, und die Klinge seines Gegners umspielend, fiel der Baron weit aus und richtete sich in kürzerer Zeit wieder auf als der Blitz bedarf, um zu glänzen und zu erlöschen.

Das Hemd Alain Montplet’s färbte sich mit Blut; einen Augenblick blieb er noch aufrecht stehen; man hätte denken sollen, daß ein einziger Stoß den Koloß nicht umstürzen könne.

– Endlich schwankte er auf seinen Füßen, streckte die Arme aus, ließ seinen Degen fallen, ein röthlicher Schaum zeigte sich auf einen Lippen und dann stürzte er plötzlich nieder wie eine Eiche, von dem Beil des Holzhauers entwurzelt.

Die Zeugen sahen den Fall des jungen Mannes mit einer Gemüthsbewegung an, welche ein ähnliches Schauspiel immer erregt.

Darauf wendete sich der Baron zu den vier Zeugen und fragte:

»Meine Herren, habe ich als Mann von Ehre gehandelt?«

»Ja,« antworteten die vier Zeugen einstimmig.

»Konnte ich anders handeln, nach einer Beleidigung, wie sie mir zu Theil geworden?«

»Nein,« wurde mit derselben Einstimmung geantwortet.

»In diesem Falle hoffe ich, daß das Blut über das Haupt des Beleidigers kommen wird.«

Die Secundanten gaben ein Zeichen, welches sagen wollte, daß dieser Wunsch völlig erhört zu sein scheine, worauf der Baron mit seinen beiden Zeugen wieder in den Wagen stieg und Alain Montplet leblos wie eine Leiche in den Händen einer beiden Freunde und des jungen Wundarztes zurückließ.




Viertes Kapitel.

Eine Wiedervergeltung, welche die Angelegenheiten nicht ausgleicht


Alain war indessen nicht todt.

Der Degen hatte eine Rippe getroffen und war ein wenig von seiner Richtung abgewichen.

Er war durch die Brustmuskel gedrungen, hatte den äußeren Rand der rechten Lunge verletzt und war unter dem Schulterblatt wieder herausgekommen.

Es war ein hübscher Degenstoß, sehr zierlich und frei, aber nicht durchaus tödtlich.

Indessen war der Verwundete nahe daran, zu ersticken.

Es war eine Verblutung zu befürchten.

Der junge Wundarzt zog ihm den Hemdärmel herauf, entblößte seinen herkulischen Arm und öffnete ihm eine Ader, um einen starken Aderlaß zu bewerkstelligen.

Alain öffnete die Augen wieder und athmete leichter.

Aber bei der ersten Bewegung, die er zu machen versuchte, fehlte ihm die Stärke und er wurde von Neuem ohnmächtig.

Man war nur wenige Schritte von dem Pavillonde-Madrid entfernt, und dorthin brachte man den Verwundeten.

Dieser Pavillon ist von einem Wächter bewohnt, der, an ähnliche Besuche gewöhnt, immer für solche Fälle ein Zimmer in Bereitschaft hält.

Dies ist das Trinkgeld des alten Mannes.

Zum Glück war dieses Zimmer nicht besetzt; seit acht Tagen hatte man sich in der Umgebung von Madrid nicht geschlagen, und der letzte Verwundete war nach Verlauf einer Viertelstunde gestorben.

Man breitete frische Betttücher auf das Bett und legte Montplet darauf.

Der junge Wundarzt, der noch keine Praxis hatte, konnte ihm eine ganze Zeit widmen.

Diese beständige Sorgfalt, vereint mit der vortrefflichen Körperbeschaffenheit des Verwundeten machten, daß die Genesung mit erstaunenswerther Schnelligkeit vor sich ging, für Die, welche nicht wußten, wie schnell gewisse Wunden heilen.

Drei Wochen, nachdem seine Brust durchlöchert worden war, konnte Alain Montplet wieder aufstehen.

Acht Tage später bezahlte er den wackeren Wächter reichlich für den Unterhalt eines Monats.

Dann kehrte Alain in eine Wohnung zurück, ebenso wohl, wie an dem Tage, als er hinausgegangen war.

Nur eine Idee quälte Alain.

Wenn er nicht einem Pariser zurückgab, was ein Pariser ihm gegeben, so mußte er, wie man auf der Schule sagt, einen Makel auf sich sitzen lassen.

Nun schmeichelte sich Alain, daß er sich nie dergleichen habe zu Schulden kommen lassen.

Er ging, seinen Professor zu besuchen.

Als dieser ihn nicht zurückkehren gesehen, hatte er errathen, was geschehen war.

Der Genesene erzählte ihm mit allen Einzelnheiten, wie die Sache sich zugetragen; Grisier hatte sich keinen Vorwurf zu machen, er hatte ihm vorher gesagt, wenn sein Gegner eine so gute Auslage sähe, würde er glauben, daß Etwas dahinter sei.

Der Baron hatte sich nicht geirrt: hinter der Auslage war Alain Montplet’s Körper.

Alain erinnerte hierauf den Professor an Das, was er von seiner Anlage zum Fechten gesagt, und fragte ihn, wie viel Zeit er glaube, daß er verwenden müsse, um dem Baron Hector gewachsen zu sein.

Grisier ist ein gewissenhafter Mann, der einen Eleven nicht täuschen würde.

»Zwei Jahre,« sagte er ihm, »wenn Sie mit Aemsigkeit studieren.«

Alain Montplet war unfähig, eine Sache, welche es auch ein mochte, zwei Jahre zu treiben.

»Gut,« sagte er, »es ist mir lieb, daß Sie mir Das jagen; ich will mich auf das Pistolenschießen legen; in acht Tagen werde ich mich vollkommen darauf verstehen.«

Grisier versuchte den jungen Mann davon abzubringen, sich dem Studium einer Waffe zu widmen, die so undankbar und brutal sei, wie die Pistole.

»Der Degen,« sagte der berühmte Professor, »der Degen ist die wahre Waffe des Cavaliers.«

»O! was Das betrifft,« erwiderte Montplet, »ist mir die Sache sehr gleichgültig; ich bin kein Cavalier, ich bin ein Bauer.«

»Aber,« versetzte Grisier, »wenn Der, mit dem Sie künftig zu thun haben werden, den Degen wählt?«

»Gut,« sagte Montplet, »ich weiß jetzt, wie es damit zugeht; der Beleidigte hat die Waffe zu wählen; ich werde warten, bis man mich beleidigt!«

»Warum das ?«

»Nun, um mich zu schlagen.«

»Sie haben also einen Groll auf Ihren Gegner?«

»Auf Monsieur Hector de Ravennes? Nicht den geringsten! Es ist ein charmanter Junge, der die ganze Zeit, während ich zu Bette gelegen, keinen einzigen Tag verfehlt hat, nach meinem Befinden fragen zu lassen; weit entfernt, einen Groll gegen ihn zu haben, würde ich, wenn ich von seinem Range wäre, ihn bitten, mich zu seinen Freunden zählen zu dürfen.«

»So haben Sie also einen Groll auf irgend einen Anderen?«

»Auf Niemand in der Welt! Nur begreifen Sie wohl, will ich keinen Makel auf mir sitzen lassen.«

Alain irrte sich, Grisier begriff es nicht.

Der junge Mann und der Professor wechselten einen herzlichen Händedruck.

Alain sprang in ein Cabriolet und ließ sich zu Gossjet’s Schießstande fahren.

Unser Jäger hatte richtig geurtheilt; die Aehnlichkeit, welche zwischen einer Feuerwaffe und einer anderen Feuerwaffe herrschte, machte, daß Alain’s Hand, nachdem er bei den ersten Schüssen das Ziel ein Wenig verfehlt hatte, sicherer wurde, so daß er bei der fünfundzwanzigsten Kugel ein vollendeter Schütze geworden war.

Nach Verlauf von acht Tagen machte Alain alle Kunststücke, welche die geübtesten. Schützen machten: er zerbrach die Pfeifen, durchlöcherte die tanzenden Eier, dublirte und triplirte die Kugeln.

Als er einmal seines Schusses gewiß war, und dies war eine Angelegenheit von acht Tagen, kehrte Alain nicht mehr auf den Schießplatz zurück.

Jede Einförmigkeit ermüdete ihn.

Was diese überschäumende Organisation bedurfte, war das unordentliche und umherschweifende Leben der Trottoirs, der Kaffeehäuser, der Theater und der Spielhäuser.

Nur zeigte sich bei allen diesen Thorheiten nicht die Gelegenheit für ihn, Revanche zu nehmen.

Alain begann zu glauben, daß er genöthigt sein würde, nach Maisy zurückzukehren, und den Makel mit sich zu nehmen.

Die Erbschaft feiner Mutter näherte sich ihrem Ende. —

In weniger als anderthalb Jahren hatte er mehr als 150.000 Franken verthan.

Als die letzten Thaler bei einem Mittagessen aufgegangen waren, nahm Alain Montplet wieder eine Zuflucht zu Thomas Langot.

Gegen einen Wechsel, der völlig nach der Regel ausgestellt war, ließ ihm Thomas Langot noch etwa 30.000 Franken zukommen.

Aber die Geldsendungen nahmen beständig ab.

Die vorletzte betrug nur tausend Franken, die letzte nur noch fünfhundert.

Auch sagte ihm der Materialhändler in dem Briefe, der diese letzte Sendung begleitete, welchen Brief Thomas Langot sich hatte schreiben lassen, da er selber nicht schreiben konnte, nicht mehr auf ihn zu rechnen, und diese fünfhundert Franken wären die letzten, die er erhalten werde.

Alain wendete seine fünfundzwanzig Louisdor nach allen Seiten und fragte sich, was er damit machen solle.

Es war so Viel, wie er gewöhnlich in vierundzwanzig, höchstens achtundvierzig Stunden ausgab.

Nur sagte er sich, beim Spiele könne er, wenn er ein Wenig Glück habe, diese Summe verdoppeln, verdreifachen, vervierfachen, verzehnfachen.

Er kannte vier oder fünf Häuser, wo man spielte.

Als der Abend gekommen war, gab er sich nicht einmal die Mühe, zu wählen. Er ging geradezu in das nächste.

Es war nicht das erste Mal, daß man ihn dort sah.

Sein Eintritt machte also kein weiteres Aufsehen, als die Ankunft eines hübschen und leidenschaftlichen Spielers zu erregen pflegt.

Alain setzte sich an den ersten besten Tisch und spielte.

Der Zufall wollte, daß er als Gegner einen fremden Officier, halb Italiener, halb Polen, hatte, der schon mehrmals mit beharrlichem Glücke gegen ihn gespielt hatte. —

So lange Alain Montplet eine Taschen voll Louisd’or und Banknoten gehabt hatte, achtete er nicht viel auf die Art, wie diese Louis d’or und diese Banknoten fortgingen; aber zu dieser Stunde, wo es sich darum handelte, seine letzten fünfhundert Franken einträglich zu machen oder Paris zu verlassen, achtete der junge Mann auf sein Spiel.

Indem er genau beobachtete, glaubte er zu bemerken, daß der Officier nicht ganz richtig abschlug.

Von seinen fünfundzwanzig Louis d’or waren ihm schon nicht mehr als fünfzehn übrig, und er setzte sie auf diesen Coup.

Der Officier schlug Kreuzkönig auf.

Weder er noch ein Gegner hatte noch die Karten aufgenommen.

Alain Montplet legte eine Hand auf das Spiel seines Gegners.

»Man berührt die Karten nicht,« sagte der Officier.

»Verzeihen Sie, mein Herr,« antwortete Alain; »aber wenn Sie nicht drei Atouts unter ihren fünf Karten haben, will ich im Unrecht sein, und ich mache Ihnen zum Voraus meine Entschuldigungen.«

»Und wenn ich drei Atouts unter meinen fünf Karten habe?« sagte der Officier in rauhem Tone.

»Dann werde ich Ihnen nicht nur keine Entschuldigungen machen,« entgegnete Alain Montplet sehr höflich, sondern ich werde auch sagen – ich werde jagen —«

»Was werden Sie jagen?« brummte der Officier.

Alain wendete die Karten um.

Das Spiel des Officiers enthielt Kreuzdame, Kreuzbube und Kreuzzehn.

»Ich werde jagen,« fuhr Alain Montplet fort, »daß Sie die Volte geschlagen haben, und daß Sie ein Betrüger sind.«

Der Officier nahm eine Hand voll Karten und warf die Alain ins Gesicht.

»Gut,« sagte Alain, »ich habe in den Duellgesetzen des Monsieur Chateau-Villars gelesen, daß eine Berührung schon ein Schlag ist.

Ich werde genöthigt sein, nach Maisy zurückzukehren, aber ich glaube, daß ich den Makel nicht mit dorthin nehmen werde.«

Das Ereigniß hatte Aufsehen gemacht.

Ehe man sich trennte, wurde ein Zusammentreffen auf den folgenden Morgen um acht Uhr verabredet.

Alain, der von dem Officier gleichsam geschlagen worden war, hatte die Wahl der Waffen.

Er wählte die Pistolen.

Der Officier machte keine Einwendung dagegen – er galt selber für einen außerordentlich guten Schützen.

Alain wünschte sich in der Muette zu schlagen.

Er hatte eine Revanche gegen den Ort selber zu nehmen, wo er den ersten Aermel verloren hatte.

Dies wurde ihm auch bewilligt.

Es wurde verabredet, daß die Secundanten einfache Pistolen, die noch nie gebraucht worden, von dem Schießstande mitbringen sollten.

Ein Aufwärter von dort begleitete die Secundanten, um die Waffen zu laden.

Um acht Uhr war man auf dem Platze.

Als man die Pistolen untersuchte, fand man sie allen Bedingungen entsprechend.

Man bestimmte, daß die Gegner sich vierzig Schritte von einander aufstellen und auf einander losgehen sollten.

Jeder von ihnen sollte still stehen, nachdem er zehn Schritte zurückgelegt.

Die wahre Entfernung betrug also zwanzig Schritte.

Man weiß, daß bei einem Duell ein Schritt drei Fuß beträgt.

Die Duellanten wurden in der bestimmten Entfernung aufgestellt.

Als der Aufwärter die Pistolen geladen hatte, wurde einem Jeden eine in die Hand gegeben.

Die beiden Secundanten, welche den Gegnern die Pistolen zugeschickt hatten, zogen sich jetzt zurück und sagten zugleich:

»Vorwärts!«

Auf dieses Commando gingen Alain und der Officier auf einander los.

Nach zwei Schritten erhob Jeder eine Pistole und gab Feuer.

Man hörte nur einen einzigen Knall.

Alain schwankte, blieb aber stehen.

Der Officier drehte sich zwei Mal um sich selbst und fiel mit dem Gesicht auf den Boden.

Jeder Secundant lief auf einen Duellanten zu.

Alain hatte die Kugel gerade in die Mitte des Kinns erhalten, wo sie sich wie auf einer eisernen Platte breit geschlagen.

Der Knochen war frei geworden, aber nicht zerbrochen.

Die Heftigkeit der Erschütterung hatte Alain schwanken gemacht.

Dem Officier war die Kugel ins Herz gedrungen und er war auf der Stelle todt.

»Es ist kein großer Schade,« sagten die vier Secundanten zugleich; »es ist ein Betrüger weniger auf der Welt, Das ist Alles.«

Dies war die Leichenrede des Officiers, nach dessen Namen ich vergebens gefragt habe, um ihn hier aufzuzeichnen; aber Niemand hat mir ihn sagen können.

Man nannte ihn »den Officier,« Dies war die einzige Benennung, unter welcher er bekannt war.

»Ah, Henker! Henker!« sagte Alain, ein Taschentuch an sein Kinn haltend; »ich habe keinen Sou mehr, aber wenigstens habe ich den Makel von mir abgeschüttelt.«

Als Alain nach Paris zurückkehrte, verkaufte er seine Uhr.

An diesem Abend war er auf dem Balkon im Opernhause und hatte ein englisches Pflaster auf einem Kinn.

Dies war die einzige Spur, die ihm außer einer gewissen Schwere des Kopfes von dem Duell an dem Morgen übrig blieb.

Am folgenden Tage reiste er auf der Post nach Saint-Malo.

Er hatte sich zwei Jahre in Paris aufgehalten und in diesen zwei Jahren mehr als zweihunderttausend Franken vergeudet.




Fünftes Kapitel.

Wer die Zeche zahlen mußte


Es ist eine Ueberlieferung, die uns seit dreitausend Jahren aus der Bibel kommt und die sich folglich unserer Verehrung, von der Majestät der Jahrhunderte umgeben, darstellt, daß die verlorenen Söhne, so verschwenderisch sie auch gewesen, immer in dem väterlichen Hause gut empfangen werden, sobald sie sich herablassen, dorthin zurückzukehren.

Jean Montplet bestätigte die Parabel durch die Art, wie er seinen Sohn empfing, und große Thränen durchfurchten eine von der Sonne verbrannten Wangen, als Alain plötzlich eintrat, sich ihm zu Füßen warf und ihn um Verzeihung bat.

Der arme Vater umarmte ihn zärtlich und ohne ihm ein Wort von der Vergangenheit zu sagen, gab er ihm seinen Platz im Hause zurück.

Den Platz im Herzen hatte der unartige Junge gegenwärtig oder abwesend immer eingenommen.

Der Mißbrauch des Vergnügens hatte übrigens einen so heilsamen Erfolg, daß die Vorstellungen unnöthig gewesen wären.

Obgleich die Nothwendigkeit allein ihn bewogen hatte, nach Maisy zurückzukehren, so war es doch nicht ohne eine lebhafte Genugthuung, daß er seinen Geburtsort wiedersah und die tiefen und rührenden Gemüthsbewegungen wiederfand, die ihm der Fischfang, das Schwimmen und die Jagd gewährten, wofür die zügellosen Freuden der Hauptstadt ihn nie vollständig hatten entschädigen können.

Nachdem er einige Tage in der Meierei zugebracht hatte, während welcher er bis zu den Stunden seiner ersten Jugend zurückgekehrt war, kam er dahin, sich zu fragen, wie man ein so leichtes und glückliches Leben gegen gemachte Genüsse vertauschen könne, die nur eine Leere in der Seele – und Gewissensbisse im Herzen zurücklassen.

Aber dem guten Vater Montplet wäre es nicht leid gewesen, den Leidenschaften, deren Ueberschäumen er zu fürchten gelernt hatte, einen mächtigeren Zügel, als die Reue anzulegen.

Folglich sprach er mit Alain von der Verheirathung.

Das erste Mal antwortete Alain: Nein:

Das zweite Mal wurde er roth vor Zorn.

Der junge Mann hatte in Paris in jener Gesellschaft von leichtfertigen Sitten gelebt, die jedem Zwange Feind war, und die Leichtigkeit, womit er die Gewohnheit angenommen, hatte seinen Widerwillen gegen Das vermehrt, was er die Welt nannte, das ist: die friedlichen und ehrlichen Leute. Die verächtlichen Frauenzimmer, mit welchen er Umgang gehabt, hatten ihm eine tiefe Verachtung gegen das weibliche Geschlecht eingeflößt. Er verwechselte die Gattung mit den einzelnen Personen – und welchen Personen!

Er hatte mit allen Verbindungen dieser Art gebrochen und verwünschte das Andenken daran. Aber seltsam genug! Alain Montplet war von Natur furchtsam! Kühn und frech gegen gewisse Frauenzimmer, erröthete er, schlug die Augen nieder und verlor die Fassung vor einem anständigen Mädchen. Dann vermöge einer leicht begreiflichen Unzufriedenheit mit sich selber, ließ er dieser letzteren die Furchtsamkeit entgelten, die er in ihrer Nähe empfand, und da er doch unter diesen seine Lebensgefährtin auswählen und sich verheirathen mußte, so hatte er sich selber gelobt als Junggeselle zu leben und zu sterben.

Ueberdies bei einem Glücke das väterliche Haus wieder gefunden zu haben, hatte Alain doch eine Augenblicke der Schwermuth. Er dachte nicht ohne Schrecken an die Verbindlichkeiten, die er gegen Langot übernommen hatte. Die Unordnung des jungen Lebemanns war so groß, daß es ihm unmöglich war, auch nur annährungsweise zu bestimmen, auf welche Summe sich eine Verpflichtungen beliefen.

Er wußte nur, daß sie beträchtlich waren, und daß die immer größer werdende Summe wie eine Lawine, die von der Höhe des Berges herunterrollt, ihn vernichten könne, wenn sie auf ihn herabstürze.

Von Zeit zu Zeit fragte er sich, ob er nicht dem guten Vater Montplet Alles gestehen solle, der ihm schon so Vieles verziehen hatte, daß er mit seiner Nachsicht nicht zurückbleiben werde.

Da übrigens Langot sehr freundlich gegen ihn war, so verschob er immer das schmerzliche Geständniß, und indem er wartete, verging die Zeit.

Der alte Montplet liebte einen Sohn zu sehr, um nicht seine Traurigkeit zu bemerken.

Sie erschreckte ihn, denn er hielt sie für Langeweile.

Er erneuerte seine Heirathsvorschläge, welche er für um so nöthiger und dringender hielt, da er ein unbestimmtes Vorgefühl hatte, daß der Tod ihn bald von seinem Sohne trennen werde.

Indessen, von der Erfahrung belehrt, hütete er sich wohl, diesmal den Stier bei den Hörnern zu fassen.

Er hatte in Isigny einen alten Freund, Namens Jousselin, der einen Butterhandel hatte.

Ganz Frankreich kennt den Ruf der Butter von Isigny.

Freund Jousselin hatte bei diesem Handel sein Glück gemacht.

Er hatte eine einzige Tochter von so bewunderungswürdiger Schönheit, daß man bis Caen von ihr sprach.

Wenn man sich von ihr unterhielt, bezeichnete man sie nur mit dem Namen: die schöne Jousseline.

Man kennt die Gewohnheit der Provinz, den Namen eine weibliche Endung zu geben.

Jean Montplet schöpfte aus der lebhaften Zärtlichkeit, die ihm sein Sohn einflößte, den Muth, die Schmerzen zu überwinden, welche ihm seine Gicht verursachte. Er ließ sich auf das alte Pferdchen heben, welches seit drei Jahren, wie ein Herr, von seinen früheren Anstrengungen ausruhte – der Eine auf seinem Lehnsessel, das Andere auf einer Streu.




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