Der sechste Sinn
 




Palle Rosenkrantz

Der sechste Sinn





Ein Stelldichein


Einen Kuß, Monny, nicht wahr?«

»Glaubst Du, das geht, Arthur?«

»Natürlich, man wird doch seinen Schatz küssen dürfen – das war stets Brauch in Dänemark, und ist's noch heutzutage.«

Und so bekam Monny Busgaard einen wohlgemeinten Kuß. Sie war 18 Jahr alt und Arthur 22, in dem Alter ist so etwas angenehm. Und in diesem Falle war es um so angenehmer, als kein Mensch etwas davon wußte. Die beiden Liebenden waren heimlich verlobt; sie war die Tochter des Gutsbesitzers Busgaard auf Braendholt im Bezirk Leire, und es war auf Braendholt in einer tiefen Fensternische der Gartenstube, wo der Kuß gegeben wurde. Er war durchs Fenster gekommen und hatte diesen etwas ungewöhnlichen Weg benutzt, weil ihm der Zugang zu Braendholt durch die Haupttür verschlossen war. Warum? Ja, Gott weiß warum. Viel Mühe und Ärger hätte er sich sparen können, wenn er den geraden Weg gegangen wäre; nun ging er den krummen, den verborgnen, aber ungeheuer romantischen.

Arthur Franck war stud. jur. Der Vater war Großkaufmann in Wein und Zigarren. Alles dies klärt auf, erklärt aber nichts und eine vernünftige Erklärung ist wohl auch kaum möglich.

Der liebt nicht, der nicht beim ersten Blick liebt. Die beiden hatten einander eines Abends auf einem Ball bei Monnys Tante Bine getroffen und sie gehörten einander fürs Leben. So meinten sie auf jeden Fall selber. Der normale Schritt wäre nun gewesen, dieses Faktum den respektiven Angehörigen und der großen Welt kund zu tun. Aber das taten sie nicht. Monny war bange vor ihrem Vater. Gutsbesitzer Busgaard haßte die Juristen, weil ein Rechtsanwalt ihn bei einem Güterhandel geprellt und ein Amtsrichter ihm nicht recht gegeben hatte, als er den Anwalt verklagte. Das war lange her, aber Busgaard war ein Mann, der an seinen Ansichten festhielt; und als Thomas, der Sohn des einzigen Bruders seiner Frau, hinging und Jurist wurde, sogar Dr. juris und Kriminalassessor, schwor Busgaard, daß Thomas seinen Fuß nie mehr in sein Haus setzen sollte. Das war schlimm, denn Thomas Klem liebte Busgaards älteste Tochter Tine und da sie ihn wiederliebte, gab das Anlaß zu sehr bewegten Szenen im Hause.

Monny begriff also sehr wohl, daß, wenn auch sie jetzt mit einem Rechtsgelehrten daherkäme, das Maß des Unglückes voll sein würde. Daher versuchte sie, Arthur von der Rechtswissenschaft abzubringen; das wäre wohl gegangen, wenn er selber das Bestimmungsrecht darüber gehabt hätte; aber er mußte seinem Vater gehorchen, und daher blieb seine Verlobung mit Monny geheim.

Das war ja auch ganz praktisch für einen jungen Mann von 22 Jahren; denn warum mit seinem Glück prunken und goldene Fesseln tragen? Das sagte Mosjö Arthur indessen nicht zu Monny, und sie fand die heimliche Verlobung furchtbar romantisch und gräßlich interessant.

Drei Vierteljahre hatte dieser kleine Roman gedauert. Die Liebenden sahen sich selten, wechselten aber zärtliche und liebevolle Briefe – per Post, aber nicht direkt. Die Post auf Braendholt war das Ereignis des Tages; sie kam angefahren und wurde in einer Tasche abgeladen, wozu der Herr des Hauses den Schlüssel hatte. Er nahm alle abgehenden Briefe in Empfang, und es wäre für Monny unmöglich gewesen, einen Brief in die Tasche hineinzuschmuggeln oder heimlich herauszunehmen. Erfinderisch wie Liebende sind, hatte sie daher ein Abkommen mit der alten Aufwartefrau des Gutes, Stine, genannt Stine Steiffinger – aus leicht begreiflichen Gründen – getroffen, und diese alte Frau besorgte nun gegen eine geringe Bezahlung Monnys Briefe zur Post und expedierte Arthurs Briefe in Monnys Hände.

Da geschah das Furchtbare, was immer geschieht in Romanen, die von schönen Mädchen mit hartherzigen Vätern handeln; und das Furchtbare kam in Gestalt eines jungen Ingenieurs, der eine elektrische Lichtanlage auf Braendholt einrichten sollte. Das Furchtbare veranlaßte Monny Botschaft an Arthur zu senden, er solle sich unverzüglich einfinden und verkleidet und unter fingiertem Namen Aufenthalt beim Waldhüter des Ortes nehmen. Und obgleich es nahe an Weihnachten und bitter kalt war, kam Jung-Arthur.

Monny weinte viel vor Kummer und Freude und erzählte ihm das Furchtbare. Arthur ward bedenklich und bereitete sich auf einen längeren Aufenthalt beim Waldhüter vor, um den Gang der Schlacht verfolgen zu können. Die beiden trafen sich im Walde; aber da war es kalt und deshalb erzwang Jung-Arthur eines schönen Tages den Eintritt durchs Fenster.

Er stand also in der Nische mit Monny und küßte sie. »Monny,« sagte er nach einem Kuß ungefähr so lang wie vorstehende notwendige Erklärung. »Monny, jetzt halte ich es nicht länger aus. Die Waldhüterhütte ist eine Höhle; wärst Du bei mir, wollte ich sie für ein Schloß ansehen, aber Du bist nicht da. Das Essen ist nicht zu genießen, – wärst Du da, könnte ich Sohlenleder essen, aber Du bist nicht da; das Bett ist wie –«

Monny hielt mit ihrer kleinen weißen Hand dem Geliebten den Mund zu, und er küßte sie.

»Kurz,« fuhr er fort, »ich kann nicht mehr. Herrgott, Dein Vater wird mich wohl nicht fressen, und laß ihn kommen, ich werde ihn schon zu nehmen wissen . . .«

»Es ist unmöglich,« unterbrach ihn Monny, »Du kennst Vater nicht. Es ist unmöglich.«

Und sie sah sich um und lauschte.

»Es ist schrecklich unvorsichtig von Dir, hierher zu kommen. Mutter und Tine sind bloß in den Pfarrhof hinüber und die beiden Jungen können jeden Augenblick kommen. Vater schläft drinnen in seinem Arbeitszimmer und der Ingenieur –«

Arthur runzelte die Brauen: »Der Ingenieur! Ich will das Weiße in des Schurken Auge sehen – Monny! Nein, jetzt hat es lange genug gedauert, es muß ein Ende haben. Du sagst, Deine Schwester habe Dir erzählt, sie hätte Deinen Vater sagen hören, Ingenieur Willumsen wäre ein Mann für Dich – gut, laß den Unglücklichen sein Schicksal ereilen!«

Stud. jur. Arthur Franck war ganz romantisch anzusehen. Seine Augen funkelten und seine Monny küßte ihn. Alles in der Gartenstube auf Braendholt in einer tiefen Nische neben einem großen Mahagonisekretär.

Plötzlich knarrte eine Tür, und die Liebenden fuhren zusammen. Es war 4 Uhr und beinahe dunkel. Monny zog den Geliebten tief in die Nische zurück und – o Schreck! – durchs Zimmer schritt breit und mächtig der Herr des Hauses, Gutsbesitzer Busgaard, in der Hand ein großes gelbes Kuvert. Er paffte aus seiner Meerschaumpfeife und sprach vor sich hin, wie es seine Gewohnheit war. Er steuerte grade auf den Sekretär los.

Dort blieb er stehen, während die beiden jungen Leute in atemlosem Schweigen in der Nische standen. Der Herr des Hauses nahm sich gute Zeit. Er entnahm dem Kuvert einen Haufen Banknoten und zählte sie. Es waren 2500 Kronen. Dann steckte er sie wieder ins Kuvert und legte sie in ein Fach des Sekretärs.

Die beiden standen dicht aneinander und hielten den Atem an. Der Gutsbesitzer bemerkte sie nicht und ging gemächlich und ruhig den Weg zurück, den er gekommen war.

Das war eine Erleichterung, aber es dauerte eine Weile, ehe Monny die Sprache wiederfand, und Arthur wußte nicht, was er sagen sollte.

»Das war Vater,« sagte Monny endlich.

»Das kann ich mir denken,« erwiderte Arthur.

»Gott sei Dank, daß er uns nicht gesehen hat,« sagte sie.

»Gott sei Dank,« wiederholte er; aber dann fiel ihm ein, daß es im Grunde viel praktischer gewesen wäre, wenn er sich zu erkennen gegeben und das Donnerwetter über sich ergehen lassen hätte.

»Monny,« sagte er, »ist es nicht viel besser, ich gehe hinein zu Deinem Vater und sage wie Luther auf dem Reichstage zu Worms: Hier stehen wir, wir konnten nicht anders, Gott helfe uns! – so sagt der strenge Vater sicher Amen.«

»Du kennst Vater nicht, Du kennst Vater nicht,« antwortete Monny und schauderte – »er tut es nie in Ewigkeit.«

»Und was wollte er hier im Sekretär?« fragte Arthur. Denk, wenn er das oberste Fach geöffnet hätte, das Dein liebevoller Leichtsinn als Briefkasten braucht.«

Monny lächelte. »Du bist dumm, Arthur. Jetzt sind ja keine Briefe darin.«

Arthur küßte die Geliebte. Sie hatte recht. Es waren keine Briefe darin, aber das oberste Fach des Sekretärs war doch der Briefkasten der Liebenden; und das war Monnys Idee. Und da diese Idee eine bedeutende Rolle in dieser kleinen Erzählung spielt, soll sie näher und ausführlich besprochen werden. Wie schon bemerkt, war die alte Aufwartefrau, Stine Steiffinger, Postillon d'amour für unsere beiden Liebenden. Nun könnte es scheinen, als wäre es das Leichteste und Bequemste gewesen, daß besagter Postillon d'amour die Briefe von Monny an Arthur und vice versa zur Weiterbesorgung empfing. So glatt ging es indessen nicht. Um es schwieriger zu machen, hatte Monnys kleines romantisches Gehirn einen verwickelteren Postgang ausgeheckt. Stine kam am ganz frühen Morgen auf den Hof, um beim Reinemachen usw. zu helfen. Sie ging um 8 Uhr heim in ihr Häuschen und kam dann selten wieder, weil sie noch für den Waldhüter und einen alten Auszügler die Wirtschaft zu besorgen hatte. Die Post kam um 2 Uhr und die Briefe waren an Stine adressiert. Statt damit nach dem Gutshof zu gehen, wie es natürlich gewesen wäre, aber vielleicht auf dem regelmäßig eingerichteten Hof Argwohn erregt hätte, wartete Stine bis zum nächsten Morgen und legte dann den Brief, wenn einer angekommen war, in das erwähnte Fach des Sekretärs. Am gleichen Ort holte sie Monnys Briefe. Es konnten Wochen vergehen, wo Monny und Stine einander nicht sahen, und kein Mensch würde Argwohn fassen, daß zwischen diesen beiden eine Verbindung bestände. Eine Entdeckung bei einer Untersuchung des Sekretärs war nicht zu befürchten, da es niemanden einfiel, in das Fach zu gucken, und die Briefe ganz weit hinter gelegt wurden.

Aber jetzt war es doch sehr bedenklich, daß der Sekretär auch vom Herrn des Hauses benutzt wurde, und es war daher mehr als zweifelhaft, ob der geheime Postdienst in den gewohnten Formen aufrecht erhalten werden konnte .

»Du Thure!« sagte Monny, »in dem Fach, das ich immer benutze und das nicht verschlossen werden kann, ist ein breiter Spalt. Wenn wir uns nun hinschleichen und durchgucken, so können wir sehen, was Vater in das Fach gelegt hat, und ist es etwas Wichtiges, so müssen wir den Briefkasten aufgeben. Bleib nur ruhig in der Nische stehen, ich werde nachsehen.«

Und Monny schlich auf den Zehenspitzen zum Sekretär. Hell war es nicht, aber doch genug, daß man sehen konnte, und das Licht fiel vom Fenster her auf den Sekretär. Monny spähte, dann schlich sie durchs Zimmer und horchte an der Tür zum Eßzimmer.

»Ich höre Vater draußen im Hof,« sagte sie. »Komm nur hervor Thure, jetzt sind wir ganz allein im Hause.«

Und Thure kam hervor. Die beiden zogen das Fach mit Hilfe eines krummen Nagels, der Monnys Dietrich bildete und den sie zu diesem Zwecke in einer Nische des Sekretärs aufhob, auf.

Durch den breiten Spalt in dem leeren »Briefkasten« spähten sie in das verschlossene Fach hinab. Es war äußerst spannend; denn sie konnten jeden Augenblick überrascht werden.

»Du Monny!« sagte Arthur, »wenn wir das Fach herausziehen, können wir nehmen, was in dem darunter liegt; wenn es Geld ist, so ist es ein ganz schlechter Aufbewahrungsort, den der Alte sich gewählt hat, und ist er nicht verständiger, so brauchen wir beide wirklich nicht bange vor ihm zu sein.«

Sie zogen das Fach heraus und in dem jetzt zugänglichen Fach lag ein großes gelbes Kuvert offen und von Wohlstand schwellend vor ihren Augen; es barg 2500 Kronen.

»Monny,« sagte Arthur, »die nehmen wir und flüchten damit in die weite Welt.«

»Bist Du verrückt?« rief Monny. In diesem Augenblick hörte man Pferdegetrappel auf dem Hof.

»Das sind Mutter und Tine,« flüsterte Monny, »Du mußt gehen – Du mußt zum Fenster hinaus, den Weg, den Du gekommen bist, aber rasch, in einem Augenblick sind sie drinnen!«

Das Fach kam wieder hinein, Monny bekam einen Kuß – den letzten – und dann verschwand Romeo zum Fenster hinaus in den Garten, wo die Dunkelheit sich über die Bäume herab zu senken begann. –

Dies geschah Sonnabend Nachmittag am 16. Dezember auf Braendholt.

Montag morgen, am 18. desselben Monats, als Gutsbesitzer Busgaard hereinkam, um das Kuvert mit dem Geld zu holen, lag in dem verschlossenen Fach nur das leere Kuvert.

Das Geld war gestohlen.




Familie Busgaard


Gutsbesitzer Hans Busgaard auf Braendholt war ein Mann von 56 Jahren, Sohn eines Landmannes und Besitzers von Braendholt, Enkel eines Landmannes und Besitzers von Braendholt, und Urenkel eines Landmannes und Besitzers von Braendholt. Damit hörte der Stammbaum auf und das Geschlecht verlor sich im Dunkel der Hörigkeit und Leibeigenschaft. Jetzt waren Schillinge in der Truhe und Ordnung in den Sachen. Nicht daß Busgaard ein hervorragender Landwirt gewesen wäre, das war er durchaus nicht, im Gegenteil; die Landwirtschaft interessierte ihn eigentlich nicht; er bewirtschaftete seinen Hof, der zirka 200 Tonnen Landes umfaßte, mit einem Verwalter, den er in der Regel viele Jahre lang hatte, bis die Lust selbständig zu werden diesen Nächstkommandierenden aus sicherer Lage einem ungewissen – oder richtiger gewissen Schicksale als eigener Herr entgegenführte. Busgaard griff selber nur ein, wenn er eine Entschuldigung für sein Dasein brauchte, und daraus entsprang regelmäßig Skandal mit dem Gesinde, weil es Busgaard ebenso schwer fiel die Gaben zu verstehen, die der hochselige König Friedrich der Siebente mit der Verfassung dem dänischen Wählervolk verliehen hatte, wie es den früheren Besitzern von Braendholt und anderem damals unfreiem Gut schwer gefallen war, die Wohltaten zu begreifen, mit denen Kronprinz Friedrich, später der sechste Friedrich die leibeigenen und in andrer Weise gehemmten Busgaards überschüttet hatte. Gutsbesitzer Busgaard war gegen seine Leute ein Tyrann im Prinzip; in praxi hatten sie es vortrefflich, solange der Besitzer sich von ihnen fern hielt, wenn er aber »wirtschaftete«, tauchten immer theoretische Fragen auf, die zu Schwierigkeiten und Gesindeprozessen führten, die Busgaard immer verlor, was seinen Haß gegen die Rechtsgelehrten nur noch steigerte. Ferner war Busgaard ein »bestimmter« Mann, das heißt wenn er zufällig eine Idee hatte, so mußte sie durchgeführt werden. Hatte er bestimmt einzufahren, so fuhr er ein und wenn es platzregnete; hatte er bestimmt zu warten, so wartete er, und wenn die Sonne strahlte und die Lerchen sangen. Es war daher mehr als gut, daß Busgaard nur gelegentlich »wirtschaftete«. Er hatte ein einziges wirkliches Interesse, ein Interesse, das nicht von den hörigen und leibeigenen Busgaards hergeleitet werden konnte, sondern das auf einem Seitenwege in die Familie hineingekommen war durch eine schwarzhaarige und schwarzäugige Italienerin, die Busgaards Vater in einem Pfarrhof getroffen hatte. Dies Interesse war die Musik.

Busgaard war beinahe »Musikidiot«. Musikidiot ist: wenn man zu Zeit und Unzeit, früh und spät, Sonntags und Wochentags sich selber in unmittelbarer Nähe irgendeines Instrumentes anbringt oder dieses in unmittelbarer Nähe von sich, und Musik macht.

Musik machte Busgaard vermittelst eines Violoncells und das strich er vom Morgen bis zum Abend mit kleinen agrarischen Unterbrechungen und zur Begleitung des unglückseligen klavierspielenden Individuums, das sich in seiner Nähe befand. In seiner Jugend war es seine Mutter, später wurde es seine Frau, und jetzt waren es seine beiden Töchter, Tine und Monny. Sie verdienten sich ihren Unterhalt mit Spielen, sagte Monny, die voll Widerspruchsgeist war – aber spielen mußten sie.

Busgaard war mittelgroß, breit und starkgliedrig, mit grauem Backenbart und einem stark geröteten Gesicht. Er hatte einen Schritt wie ein Elefant, sprach sehr laut und war immer mit der Lust behaftet zu herrschen.

So war Gutsbesitzer Busgaard; ein jeder mußte glauben, daß er unbeschränkter Herr auf Braendholt war, Unterdrücker von Hausfrau, Kindern und Gesinde, der souveräne Herrscher im Hause. In Wirklichkeit war davon gar keine Rede. Die eigentlich ausübende Gewalt lag bei Frau Abel Katharine Busgaard, geborene Klem, Tochter des verstorbenen Gutsverwalters und Justizrates Thomas Klem. Man hätte es nicht für möglich halten sollen! Frau Busgaard war so still, so still. Sie sprach leise, lächelte meist, ging so lautlos in dem großen Hause umher, hatte niemals Eile und wurde doch mit allem fertig. Sie widersprach ihrem Manne nie, beugte sich gehorsam unter seinen laut ausgesprochenen Willen und tat, da sie sicher wußte, daß Busgaard nie nachsah, ob seine Befehle befolgt würden, immer das, was sie selber wollte und was, in Parenthese bemerkt, immer das Richtige war. Frau Busgaard gehörte zu jenen Frauen, die von allen vermißt, aber unbesungen in ihr Grab gehen, bescheiden, rechtgläubig und zugleich demütig, ein lebender Protest gegen eins der grundlegenden Dogmen der Kirche, das Dogma von der Erbsünde, aber selbst im Innersten überzeugt von der eignen angeborenen Schwachheit und daher nachsichtig in ihrem Urteil über den Nächsten.

Eine freundliche, ältliche, ein wenig müde Gestalt, leicht ergraut infolge von Geburten, Kindererziehung und häuslicher Arbeit, in baumwollnem Kleid mit Haube und Strickzeug. Ein gelblichblasses Gesicht mit guten blauen Augen, die alles sehen, aber niemals spähen oder starren. So war Frau Busgaard.

Nun ist es eine nie vollständig geklärte Frage, wie die Kinder sich innerlich und äußerlich zu ihren Eltern verhalten. Da gibt es Kinder, die beiden Eltern gleichen, selbst wenn diese untereinander ganz verschieden sind; dann gibt es Kinder, die keinem von ihren Eltern ähnlich sehen, Kinder, die nur dem Vater und andre, die nur der Mutter ähnlich sehen, ja endlich auch Kinder, die Vetter Peter oder dem jungen Mann, der Provisor in der Apotheke war, ähnlich sehen – und das Ganze kann doch in Ordnung sein.

Das Geheimnis ist wohl dies, daß die Kinder in den allermeisten Fällen ihren Eltern gar nicht ähnlich sehen, sondern daß die Umwelt, die gewisse Gesetze zur Beruhigung des Gemütes und die Gewißheit, daß alles mit rechten Dingen zugegangen ist, braucht, mit Fleiß einzelne an und für sich unbedeutende Phänomene heraussucht, die beiden Parteien, oder richtiger Eltern und Kindern, gemeinsam sind. Das geht so leicht, wenn Vater rothaarig ist und Peter dieselbe Kouleur hat. Mutters braune Augen sind lange kein so gutes Ähnlichkeitsmerkmal, sintemal es viele braune Augen in der Welt gibt. Aber das Prinzip ist dasselbe, ob es sich nun um die Farbe von Haar und Augen, die Form der Nase oder kleine innere Eigentümlichkeiten, wie Reizbarkeit, Lust die Unwahrheit zu sagen, oder Milde und Reinheit in Gedanken, die sie von der Mutter geerbt hat, handelt.

Diese mehr allgemeinen Betrachtungen seien vorausgeschickt, damit der verständige Leser selbst aus dem Folgenden entnehmen kann, welche von den bei den Eltern hervorgehobenen Eigentümlichkeiten sich bei den Busgaardschen Kindern wiederfanden. Dadurch bleibt es dem Autor erspart, ein doch nicht völlig erschöpfendes Bild von etwas so schwer Bestimmbarem wie zwei jungen Mädchen von 18 und 22 und zwei Knaben von 14 und 10 Jahren zu geben.

Vier Kinder gab es also in der Familie Busgaard. Die älteste war Martine Luthera getauft, so genannt nach dem Reformator von Wittenberg. Sie hätte ein Junge werden sollen. Wie erzählt war Busgaard ein bestimmter Mann; er hatte bestimmt, daß er vier Kinder haben wollte, zuerst zwei Knaben, dann zwei Mädchen. Es ging wie es immer geht, er bekam vier und auch zwei Jungen und zwei Mädchen, wie bestimmt, aber die Mädchen kamen zuerst, und doch wollte Busgaard die Namenliste nicht ändern. Der älteste, zu geistlicher Tätigkeit bestimmte Sohn wurde also eine Tochter und zu ihrem eignen Kummer und gegen ihren kräftigen Protest in der Kirche Martine Luthera getauft. Nummer zwei, die wir unter dem Namen Monny kennen, hieß Monradine, genannt nach dem Staatsmann, Krieger und Bischof Ditlev Gothard Monrad; das arme Kind trug sein Geschick mit einer gewissen Ergebung und sprach seinen Namen so aus, daß man glaubte, es sei Konradine. Allmählich gewöhnte sie sich an den flotten Namen Monny, der zu einer Zeit, wo die Engländer mit ihrem Tee, ihren Moden und ihrem Sport die Welt eroberten, ganz angenehm in Monnys Ohren klang.

Schlimmer war es mit den Knaben. Nummer drei hieß Tyrus Dannebod Busgaard, und der jüngste hieß Margarethus. Leser, die dänische Geschichte kennen, werden dies begreifen und möglicherweise verzeihen. Die beiden armen Jungen hatten schon jetzt viel ihrer Namen wegen durchgemacht. Wenn die Eltern nur bedenken wollten, wie wehrlos die ungetauften Kleinen den Namenattentaten ihrer Väter, Mütter und Tanten preisgegeben sind, wenn sie nur bedenken wollten, wie wichtig es ist, daß Kinder zivilisierte Namen bekommen und welch große Bedeutung in einem Namen liegen kann.

Aber es ist fruchtlos hier zu predigen; die Tatsachen müssen sprechen.

Die praktische Folge von Gutsbesitzer Busgaards Bestimmtheit war die, daß seine Kinder nicht so genannt wurden, wie sie getauft waren. Die zu täglichem Gebrauch eingerichtete Namenliste war folgende: Tine, Monny, Tyr und Tut. Das klang etwas affektiert, aber es war der offiziellen Namenliste weit vorzuziehen.

Auf gleichem Fuß mit der Familie und zu dieser gerechnet stand außerdem ein Hund, der Treu hieß, und eine glänzendschwarze Katze, die Knurre hieß, sowie ein landwirtschaftskundiger Verwalter mit Namen Hans Klemmesen. Er war ein Vollblut-Jütländer von dem langschädeligen Typus, der nach dem Vater der jütländischen Bewegung direkt von Walhalls Göttern abstammt und der Prototyp des homo sapiens, d. h. des Menschen ist. Dieser Typus findet sich hauptsächlich in Himmerland und sporadisch in Salling. Mittelgroß, blondgelockt, mit guten festen blauen Augen, die mehr Einfältigkeit vorspiegelten, als ihnen innewohnte, einem Paar starker Fäuste, die einen Pflug festzuhalten verstanden und niemals ein Fünförestück losließen, einem Kindergemüt, das einen Hamburger Börsenjuden sicher und arglos machen konnte, kurz die ganze liebenswürdige Mischung von Vortrefflichkeit und Niedertracht, die den Jütländer zu dem macht, was er ist, in seinen und seiner Gesinnungsgenossen Augen der einzige richtige Däne – in den Augen der andern nichts, denn man soll sich höllisch in acht nehmen, auch nur ein böses Wort über einen Jütländer zu sagen, wenn es einem in der Welt gut gehen soll.

Klemmesen erhielt 1200 Kronen im Jahr und legte 1400 zurück. – Erkläre das wer kann, aber es war so.

Außer den hier erwähnten, zur Familie gehörigen Individuen muß noch einer genannt werden. Ein junger, schöner und in vieler Hinsicht tüchtiger Mann, Ingenieur John Willumsen, der mit dem Furchtbaren, wovon oben die Rede war. Er war wegen einer elektrischen Installation auf den Hof gekommen. Der Gutsbesitzer hatte bestimmt, daß ein altes Mühlenwerk mit dazugehörigem Teich in eine elektrische Kraftstation umgewandelt würde. Dies geschah, und Willumsen kam auf den Hof als Obermonteur und Leiter. Er gewann augenblicklich durch sein ausgezeichnetes Klavierspiel das Herz des Gutsbesitzers. Anfangs waren auch die Mädchen froh darüber, denn so hatten sie Ruhe; aber als der Ingenieur begann die Kur zu machen, schlug die Stimmung um. Tine war fest und sicher an Vetter Thomas verankert; sie betrachtete den Ingenieur mit hellen blauen Augen, in denen deutlich eine Abweisung zu lesen stand. Monny war mehr echtes Weib, ihre braunen Augen sandten den Männern manchen raschen Blick, aber da auch sie – wie wohl bekannt – einen Herzenserwählten hatte, kam in die Blicke bald Zorn und zuletzt Haß. Es kränkte sie, daß der Ingenieur ihr den Hof machte, und er, der die kleinen süßen Eigentümlichkeiten der Frau kannte, glaubte nur: sie wollte sich kostbar machen. Kurz, es kam zum Krieg. Der Ingenieur war arm wie eine Kirchenmaus, verschuldet dazu, wie man in der Stadt meinte, und Monny fand nun heraus, daß er sie ihres Geldes wegen haben wollte. Das machte sie ganz unversöhnlich und je weiter die Zeit vorschritt – der Ingenieur war jetzt drei Monate im Hause – um so mehr spitzte sich die Situation zu.

Schlimmer war es, daß Gutsbesitzer Busgaard ganz offen die Pläne des Ingenieurs begünstigte und ihn um der Musik willen gern zum Schwiegersohn gehabt hätte.

So standen die Sachen, als die 2500 Kronen aus dem Sekretär gestohlen wurden.




Zwei Rechtsgelehrte


Die Vorstellung, die die Allgemeinheit in der Regel mit einem Kriminalassessor verbindet, ist wohl folgende: ein dürrer, infolge seines geringen Gehaltes etwas schäbig aussehender älterer Herr, dessen Sprache bissig und spitz, dessen Augen kurzsichtig aber böse, dessen Wesen schroff und abweisend ist, und der überhaupt der Inbegriff alles Menschenfeindlichen und Unangenehmen ist. Die Vorstellung war in alten Tagen kaum ganz unberechtigt, aber es sind neue Zeiten gekommen, und die große internationale kriminalistische Bewegung hat das Kriminal- und Polizeigericht ganz umgewandelt. Humanität ist die Losung des Gerichtes, sein Ziel die Welt zu verbessern und zugleich die Bürger gegen die Verbrecher zu schützen, seine Mittel sind freundliche Behandlung und Entfaltung von Klugheit und Scharfsinn, unterstützt von internationalem Wissen; in Wirklichkeit fehlen den Assessoren des Gerichts nur die weißen Flügel, um für Gottes Engel eintreten zu können.

Jedenfalls gibt es Leute, die das meinen.

Und zugleich hat sich der Typus in Aussehen und Lebensweise geändert. Ein Kriminalassessor ist ein untadelig gekleideter Herr, der zur besten Gesellschaft der Stadt gehört, bei Premieren im Theater zu sehen ist, an dem geistigen Leben in dessen Zentrum teilnimmt und aus ehrlichem Willen danach strebt, ein hervorragender und repräsentativer Bürger in einer hochkultivierten Gesellschaft zu sein.

Jedenfalls gibt es einige, die das meinen.

Zu diesen gehörte Dr. juris Kriminalassessor Thomas Klem. Schlank, elegant, ein Jon Chamberlain mit Monokel und ultramodernem Anzug, ein gewandter Causeur, ein vortrefflicher Tennisspieler, ausgezeichneter Turner und Schwimmer. Dunkel, über Mittelgröße mit leicht gelichtetem Haar und 35 Jahr alt, ein Mann mit Sinn für das Schöne id est schöne Frauen, schöne Kunst, prächtige Landschaften und gute Pferde und für das Gute id est französische Küche, guten Wein und gute Zigarren sowie alles andere Gute.

Das wäre ungefähr das Signalement.

Sohn eines Obergerichtsprokurators, selbst von Geburt an zum Juristen bestimmt, Kandidat mit der ersten Note, ein paar Jahre im Justizministerium verbunden mit Tätigkeit bei einem Anwalt des höchsten Gerichtshofes, dann freiwilliger Protokollführer im Kriminalgericht, Dr. juris auf Grund einer Untersuchung über Straf- und Zurechnungsfähigkeit und schließlich mit 30 Jahren Assessor in dem vorhin erwähnten von flügellosen Engeln gebildeten Rechtskollegium.

Das wären die biographischen Daten.

Im übrigen Junggeselle aus Zwang von wegen Fehlens jeglichen Vermögens und ernstlich verliebt in Gutsbesitzer Busgaards älteste Tochter, die sanfte häusliche Martine Luthera, genannt Tine.

Diese Aufschlüsse mögen genügen.

Thomas Klem saß in seiner wohleingerichteten Junggesellenwohnung in der Störresöstraße und beschäftigte sich mit seinen Studien über moderne Kriminalogie, als es an der Tür klingelte und sein Hausfaktotum Fräulein Petersen ihm ein Telegramm folgenden Inhaltes überbrachte:

2500 Kronen aus Onkels Sekretär gestohlen; verstehe nichts. Komme sofort.        Tante Mus.

Thomas drehte sich nach seiner Hausdame herum und sagte diese wenigen Worte: »Fräulein Petersen, ich reise morgen nach Braendholt und bleibe bis nach Weihnachten fort.«

Fräulein Petersen sagte nichts, aber sie wurde blaßgrün im Gesicht. Fräulein Petersen wußte, daß Braendholt Tine bedeutete und daß Tine eine Annonce, die sie selbst bezahlen mußte von folgendem Inhalt bedeutete: Eine gebildete Dame, die gewohnt ist einem vornehmen Hause vorzustehen, sucht Stellung bei einem alleinstehenden Herrn, der usw. . . .

Fräulein Petersen wußte auch, daß dies unvermeidlich war, aber sie hoffte zäh, daß es sich recht lange hinaus ziehen möchte. Sie schloß Onkel Busgaard in ihre Gebete ein, obgleich sie diesen älteren Capulet nie gesehen hatte; sie flehte, daß er fest bleiben möchte in seinem Widerstand gegen das Glück ihres Romeo und ihr graute vor der Stunde, die kommen mußte.

Wir wollen uns nicht mit Fräulein Petersen beschäftigen; wir haben genug mit vielen andern zu tun; wir wollen nur notieren und begreifen, daß ein Weihnachten mit der Geliebten unter einem Dach verbracht eine Gefahr war, die nicht überschätzt werden konnte, mehr als das, daß es der Abschluß war mit solcher Gewißheit, wie menschliche Berechnungen sie überhaupt erreichen können.

Thomas Klem war froh wie ein Vöglein, das die Sonne bescheint; er dachte nicht an die 2500 Kronen, nicht an den Diebstahl, nicht an Onkel Busgaard und ganz und gar nicht an Fräulein Petersen. Er suchte um Urlaub nach, den er erhielt, und packte seinen Koffer. Und im übrigen dachte er an Tine, an Martine Luthera und dann noch einmal an Tine, seine Tine – unsre Tine – – –

»Der Zug hält nicht vor Roskilde!« Plautz! die Tür schlug zu, und Assessor Klem streckte die Beine von sich. Außer ihm war nur noch ein Reisender im Kupee und dieser saß versunken in das Studium einer Monatsschrift.

Es war ein Mann von ungefähr 55 Jahren, lang, mager mit einer großen graugesprenkelten Künstlermähne und einem eigentümlichen Gesicht, wie man es kennt von den Bildern der Herren Mendelssohn, Beethoven, Haydn, Liszt und anderer Herren aus dem Reiche der Töne, einem interessanten, etwas menschenfernen, aber trotzdem gütigen Gesicht, bartlos, markiert und außerordentlich anziehend.

Der Mann war Däne, denn die Zeitschrift war dänisch, und Thomas kam es vor, als kennte er das Gesicht. Die Zeitschrift war die »Wochenschrift für Rechtswesen«, von der anzunehmen war, daß nur Juristen sie lasen. Der Mann sah aus wie ein Kanzleibeamter von einem älteren Jahrgang, einem Jahrgang, der vor dem lag, welcher Kriminalassessoren zu Engeln machte.

Und Thomas kannte ihn, aber der Name – der Name!

Der andere kannte ihn ebenfalls. Sie betrachteten einander eine Weile, dann lächelte der ältere Herr und sagte freundlich: »Ich weiß, woran Sie denken, Assessor Klem!«

Thomas beugte sich vor und sah ein wenig betreten aus. Wenn der ältere Herr ihn kannte, so war es ein Fehler, daß er nicht wußte, wer es war, der ihm gegenüber saß.

Der ältere Herr fuhr fort: »Ich bin Kreisrichter Heiden aus dem Kreise Leire. Sie kennen mich nicht, aber ich kenne Sie – ganz Sevilla kennt Don Bartholo.«

Der Kreisrichter lachte.

»Aha,« sagte Thomas, »so reisen wir vermutlich nach derselben Station. Ich fahre nach Braendholt zu meinem Onkel, dem Gutsbesitzer Busgaard.«

In dem Augenblicke fiel es Thomas ein, daß es nicht ganz klug von ihm war, dies zu sagen. Denn Kreisrichter Heiden war die Obrigkeit des Ortes, der Gerichtsbeamte, dem es gesetzlich oblag, nach dem Urheber des Diebstahls zu forschen. Und wenn man jetzt nach ihm, Thomas, telegraphiert hatte, so mußte es sein, weil man zu der lokalen Obrigkeit nicht das richtige Vertrauen hatte. Das konnte diesem durchaus nicht angenehm sein, und es galt jetzt den Zweck der Reise zu verbergen.

Der Kreisrichter schien Thomas Gedanken zu erraten; er lächelte ihm freundlich zu.

»Ja, Herr Assessor,« sagte er, »wir werden sicher in den kommenden Tagen zusammentreffen. Ich erhielt gestern die Mitteilung von einem Diebstahl, der bei Ihrem Onkel in Braendholt begangen ist, einem bedeutenden Diebstahl von barem Geld, von 2500 Kronen. Ich reise nach Hause, um ungesäumt Untersuchungen anzustellen, und ich kann nur sagen, daß ich mich außerordentlich freue, mit Ihnen zusammen zu arbeiten. Also wenn Sie geglaubt haben, Sie würden hier draußen Ferien genießen, so müssen Sie Ihren Glauben ändern.«

Und der Kreisrichter lachte mit einem stillen glucksenden Lachen.

Das ist ein vernünftiger Mann, dachte Thomas. Die Gerichtsbeamten auf dem Lande haben auf Grund gewisser Naturverhältnisse, die man ohne nähere Erklärung begreifen wird, nicht mit den Richtern der Hauptstadt Schritt halten können. Es fehlen ihnen mit anderen Worten mehr als die Flügel, und es ist sehr gewöhnlich, daß so ein Handhaber der Gerechtigkeit vom Lande oder aus einer Kleinstadt mit unglaublichem Eifer darüber wacht, daß kein Fremder einen Einblick erhält, auf welche Weise er sein kleines abgegrenztes Arbeitsfeld verwaltet. Die höheren Instanzen sind seine Feinde, die er ertragen muß; er findet sich in sie, beugt sich vor ihnen, aber kritisiert sie scharf, wenn sie seine Urteile nicht bestätigen. Er ist nach Lage der Dinge ein kleiner Herr in seiner Welt, und diese Herrenstellung erfüllt ihn mit Selbstgefühl, steift ihm den Rücken, und läßt ihm sein Bäuchlein mit Würde unter der goldgestickten Weste tragen.

So war also Kreisrichter Heiden nicht.

Das muß einen Grund haben, dachte Thomas und mit dem den Menschen innewohnenden Hang selbst die angenehmsten Phänomene als Ausfluß dieser oder jener Schwäche zu erklären, spekulierte er darüber, was es sein könnte, was den Kreisrichter Heiden veranlaßt, statt sein Territorium zu verteidigen, seine Jagdgründe fremden Jägern zu öffnen, obendrein einem Sonntagsjäger aus dem im übrigen Lande mit zweifelhaftem Recht so wenig populären Kopenhagen.

Unterdessen saß Kreisrichter Heiden da und lächelte ihn mit einem eigentümlichen, ruhigen, harmonischen Lächeln an, wie es nur die Menschen haben, deren Reich in des Wortes schönster Bedeutung nicht von dieser Welt ist, ein Lächeln, das aufleuchtet im Gesicht stark religiöser Individuen, oder bei Leuten mit ausgesprochener musikalischer oder dichterischer Begabung.

Der Kreisrichter las Thomas' Gedanken: »Ich bin nicht ehrgeizig,« sagte er freundlich. »Das hatten Sie vielleicht angenommen?«

Er ist nicht dumm, dachte Thomas. Er hatte schon früher Richter aus ländlichen Distrikten getroffen und diese waren bis zum Rande mit Selbstvertrauen geladen gewesen, das seinen notwendigen Abfluß in Berichten über vortreffliche Leistungen in der Handhabung des Rechtes fand. Dieser hier war also von einem andern Typus, und dies sei ohne Bosheit mit dem Recht der Wahrheit gesagt, ein Gerichtsbeamter von einem »anderen« Typus als dem autorisierten, besitzt Möglichkeiten zum Guten.

So meinte wenigstens Thomas! Er lachte freundlich.

»Herr Kreisrichter,« sagte er, »ich bin Grossist in der Branche. Beim Kriminalgericht wird unser junger Ehrgeiz nur spärlich von dem mütterlichen Staat gelohnt, dafür, daß wir uns mit 10000 jährlichen Diebstählen von beweglichen Gegenständen im Durchschnittswert von 10 Öre beschäftigen, begangen von ein paar hundert hoffnungsvollen Typen vom Schlage Christian Westerbro, von denen die älteren Jahrgänge durch die staatliche Besserungsanstalt nicht gebessert werden können und die jüngeren Jahrgänge durch dieselben Anstalten unweigerlich verschlechtert werden. Bedenkliches Umgehen mit dem Gute des Nächsten hat für mich das Interesse der Neuheit verloren; man wird stumpf und erkennt seine Ohnmacht. Ich behandle allmählich alle Fälle geschäftsmäßig, wie einlaufende Briefe, die von der Polizei sortiert, vom Gericht eingetragen und von mir in meiner Geschäftszeit erledigt werden. Bisweilen vergesse ich ganz, daß meine Objekte auf zwei Beinen herumlaufen und auf kopenhagnerisch fluchen; ich leugne nicht, daß es mir konveniert, meine Objekte als Sachen zu betrachten.«

»Wie gesagt, ich bin in einem Engros-Geschäft angestellt und da lernt man mechanisch arbeiten.«

Der Kreisrichter nickte. »Ich verstehe Sie. Ich treibe ein Detailgeschäft; ich schäme mich nicht, einzugestehen, daß ich nicht weiter energisch daran arbeite, das Geschäft zu erweitern, und da ich nur kurz dabei gewesen bin, es ist nur wenige Monate her, daß ich mein ruhiges Dasein im Kultusministerium mit meiner – nun ja – ebenso ruhigen Stellung in Leire vertauschte, so glaube ich, daß Sie, der Sie, wie Sie selber sagen, Grossist im Fach sind, mir hier helfen können, wo es sich um einen, das Gewöhnliche etwas übersteigenden Betrag handelt und wo ich eingreifen muß.«

Der Kreisrichter sah seinem Mitreisenden freundlich in die Augen. »Ich will ihnen nämlich eins sagen, Verehrtester, eine 20jährige Arbeit in einer königlich dänischen Kanzlei hat mich gelehrt, mich nie mit einer Arbeit anzustrengen, die ein anderer für mich ausführen kann.«

»Aha,« sagte Thomas.

Der andere fuhr fort: »Ihr Onkel hat selbstverständlich nach Ihnen geschickt, weil er meinem Können nicht traut. Machen Sie sich darüber keine Gedanken, lieber Assessor. Ich kann nicht verlangen, daß die Leute eine bessere Meinung von mir haben als ich selber. Ich räume den Platz – und das soll uns nicht entzweien.«

»Ich bin stolz, aber nicht hochmütig,« sagte Thomas. Entweder ist der Mann recht anständig, oder er ist ein Idiot, dachte er. Kreisrichter Heiden konnte seinem Aussehen nach das eine wie das andere sein.

Sie glitten an Vridslöselille vorüber. »Da liegt Brasen,« sagte der Kreisrichter mit wehmütigem Lächeln. »Der vierflügelige Stern erinnert mich immer an eine Kaffeemühle, wo viel dänische Jugend zu unnützem Sägemehl zermahlen wird. Traurig ist es und traurig bleibt es. Hier saust ein Zug nach dem andern vorbei und da sitzen sie drinnen und horchen. Die Tage gehen und die Nächte kommen, die Sonne scheint und der Wind heult. – Volk stirbt und Vieh stirbt, und die Mühle mahlt weiter Großes und Kleines, Taugliches und Untaugliches, das muß so sein und ist so und müßte doch anders sein, aber es ist hoffnungslos. Auf mich wirkt ein Gefängnis immer wie ein Kirchhof, wo Tote umgehen. Ich will Ihnen nämlich sagen, ich liebe die Menschen!«

Thomas sah auf, ein leichtes Staunen, eine höfliche Verwunderung stand auf seinem Gesicht geschrieben. Es war doch ein schnurriger Geselle, dieser Kreisrichter.

Der Kreisrichter lächelte wieder. »Ich schulde den Menschen das, was meinem Leben Inhalt gibt: Ich bin Musiker – leidenschaftlicher Violinspieler – und daher stehe ich in Schuld bei den verstorbenen Meistern. »Ich denke Musik – verstehn Sie –«

Thomas schüttelte den Kopf. »Nein, ich bin absolut unmusikalisch. Ob man Töne auf den Därmen einer toten Katze hervorbringt, oder ob dasselbe Geschöpf Töne hervorbringt, wenn man es kräftig in den Schwanz kneift, ist für mich ganz derselbe Genuß.«

»Schade,« sagte der Kreisrichter – »schade! Es ist so wenig Reichtum unter den Menschenkindern, daß es traurig ist, wenn man sich auch nur etwas von dem Vorhandenen rauben läßt. Und Harmonie ist ein Reichtum – ein geistiger Reichtum.«

»Mag sein,« wandte Thomas ein, – »aber ich bin sehr unmoralischen Individuen im Musikerfach begegnet. Wahrhaftig die größten Musikgenies sind oft moralisch sehr wenig wertvolle Menschen gewesen. Das habe ich jedenfalls gelesen, und ich bin von vornherein geneigt, es zu glauben.«

»Ich will es nicht bestreiten,« sagte der Kreisrichter. »Die moralische Wertung ist eine eigene Sache, und es ist nur unter dem Gesichtswinkel der Selbsterhaltung, daß sich bestimmte Kategorien für gut und böse aufstellen lassen. Ich liebe die Musik und für mich ist Musik ein absolut Gutes. Tolstoi betrachtet die Musik als den breiten Weg zu den Pforten der Hölle, das heißt Ursache und Wirkung umkehren. Ein Diebsgeselle, der vortrefflich Haydn spielt, ist mir als Mensch mehr wert als einer der ›König Christian‹ falsch singt. Ich würde einen Wagner laufen lassen und wenn er einen Massenmord begangen hätte, das ist meine Schwäche.«

»Jeder hat seine,« erwiderte Thomas und zündete sich eine Zigarre an. Der gute Kreisrichter verlor sich ein bischen zu viel in allgemeine Betrachtungen, und Thomas war in hohem Grade ein Freund des Konkreten. Aber er war höflich und wenn ein Gespräch ihn nicht interessierte, ließ er den Betreffenden ruhig weitersprechen.

Der Kreisrichter schwieg indessen.

Thomas rauchte in Ruhe seine Zigarre.

»Haben Sie die gemeinsame Arbeit aufgegeben?« sagte er endlich mit einem leichten Lächeln. – »Ich kann Ihnen nicht versprechen, daß ich die Nachforschung nach Onkel Busgaards Dieb wegen Violine und Klavier aufschieben werde; das ist nun einmal nicht meine Arbeitsmethode, aber ich glaube doch, daß wir auch ohne Musik ein Resultat erreichen. Onkel ist ein leidenschaftlicher Musikant, und wenn die Herren das Orchestrale übernehmen wollen, so werde ich meinerseits den minder lyrischen Teil der Arbeit besorgen. Ist es Ihnen nicht so am liebsten, Herr Kreisrichter?«

Der Kreisrichter nickte. »Ich schulde Ihnen eine Erklärung, Herr Assessor,« sagte er, »und die sollen Sie haben, da die blinde Vorsehung uns nun einmal zusammengeführt hat. Ich lebe für meine Musik, aber ich muß eine Tretmühle für meinen Körper haben. Sie könnten mich dazu anstellen, die Buchstaben in der Berlingschen Abendzeitung zu zählen, wenn es nur etwas wäre, was täglich zu erledigen wäre. Ich muß eine Mühle treten, und nun bin ich in diese hineingeglitten. Ich trete meine Mühle; manche finden, ich tue es respektabel, andere meinen, es könnte besser sein. Ich selber trete nur, und wenn die Mühle steht, nehme ich meine Violine und spanne eine Brücke zwischen mir und dem Ewigen; auf der steigen meine Seele und meine Gedanken hinauf zu dem, was für mich der Sinn des Ganzen ist.

Das verstehen Sie nicht, weil Sie wohl nicht Künstler sind! Ich will nicht behaupten, daß ich es selber verstehe, doch so ist es, und so ist es gut und segensreich. – Ja, ich bin eine wunderliche Schnecke; aber ich werde nun einmal nicht mehr anders, und wäre ich nicht zufällig Kreisrichter in Leire, würde ich Sie wahrhaftig nicht mit meiner geistigen Einrichtung beschwert haben. Dazu bin ich nun genötigt. Ich trete meine Mühle und Sie werden erfahren, daß ich es ruhig und einigermaßen geschickt tue, aber wenn Sie forsch vorgehen wollen, wie es vermutlich Ihre Absicht ist, so ist es am besten, Sie wissen dies vorher, sonst gerate ich vielleicht mit den Zehen ins Rad und dann dreht sich die Mühle bekanntlich nicht.«

Dazu war nichts zu sagen, und als verständiger Mann, der Thomas war, sagte er auch nichts.

Die beiden erreichten Roskilde ohne ein einziges Wort über den Diebstahl auf Braendholt gewechselt zu haben. Und aus diesem Umstand hat der Leser wirklich Grund zu vermuten, daß die beiden Herren ihm noch Überraschungen bieten werden. – Was auch von ihnen erwartet wird.




Häusliche Szenen


Gutsbesitzer Busgaard meldete den Diebstahl schriftlich bei dem Gericht in Leire und unternahm sonst keine Schritte. Wohl wütete er zunächst gewaltig, aber da das Geld fort war und nicht wiederkam, wieviel er auch wütete, so beschloß er in muhammedanischer Art alle Verantwortung auf die Obrigkeit zu wälzen, in der sicheren Vertröstung, daß sie nichts ausrichten würde. Wir wollen mit ihm nicht ins Gericht gehen, wegen seines mangelnden Zutrauens. Das Telegramm an Thomas war hinter seinem Rücken abgesandt worden. Das war ein kluger Schritt, aber ein Schritt, der vorbereitet werden mußte. Und dieser Vorbereitung sollen wir nun beiwohnen.

Die Szene ist idyllisch. Mittwoch Morgen auf Braendholt um 9 Uhr. Die Familie, die wir also kennen, ist im Wohnzimmer versammelt und der Hausherr und Ingenieur Willumsen spielen eine Sonate. Die übrige Familie hört zu. Die Mädchen arbeiten in Speisekammer und Küche und draußen in Scheunen und Ställen wird gewirtschaftet. Arthur Franck ist noch nicht aufgestanden, er liegt unter dem steinharten Federbett des Waldhüters und schnarcht.

Wir lassen ihn liegen und werfen einen Blick in die Busgaardsche Wohnstube, wo die blanken Mahagonimöbel glänzen und die weißen Dielen um die Wette mit Gardinen und Sofadeckchen leuchten.

Wir beschreiben das Idyll:

Und während die starken braunen Finger des Ingenieurs über die weißen und schwarzen Tasten hinspielten, glitt Onkel Bus auf den Flügeln der Töne empor zu höheren Sphären, dort wo immer Musik gemacht wird.

Die Sonne schien auf den Schnee draußen und warf weiße Reflexe gegen das Fenster, wo Monny stand, träumend den Kopf gegen das kalte Glas gelehnt, während sie hinausspähte zwischen den Bäumen hindurch nach dem Waldhüterhaus drüben auf dem Hügel am Waldrande, wo der schiefe niedrige Schornstein Ringe gegen den blauen Himmel emporblies. Und die Sonnenstrahlen glitten über ihr braungelocktes Haupt, streiften Tines rote Wangen, wirrten sich aus den hellen aschblonden Locken heraus und blieben ruhig auf der weißen Haube von Tante Mus liegen, die am Ende des Tisches saß und die fleißigen Finger mit großen gelben Stricknadeln arbeiten ließ, während ihre lieben mütterlichen Augen auf Tyr und Tut ruhten, die sich unter dem Tisch mit freundschaftlichen Fußtritten bedachten.

Wie – hätte irgend ein Schriftsteller im indianischen Sommer das schöner machen können.

»Monny komm her und wende für Ingenieur Willumsen die Seiten um,« erklang Busgaards Stimme oben von den Sphären herab. Monny zögerte.

»Monny, Dein Vater rief,« ließ sich die milde Stimme der Mutter vernehmen.

Und Monny ging langsam durchs Zimmer, während das Cello mit seinen tiefsten, sanftesten Flötentönen lockte, und es unter Willumsens Händen pianissimo wie Silberglöckchen läutete.

Das Blatt wurde umgewendet und Monny ging finster und oppositionell zum Fenster und zu ihren Träumen zurück.

Das Cello flötete so wehmütig und die Glocken klangen so schelmisch – da knarrte plötzlich die Tür – und ging ganz langsam auf, während Onkel Bus Ruhe gebietend den Kopf schüttelte.

Es war Klemmesen.

Er brachte Neuigkeiten – und die trieben ihn vorwärts, aber die Abwehr seines Herrn lähmte seinen Schritt; er blieb stehen und drehte den Kopf, bald nach rechts, bald nach links, trat von einem Fuß auf den anderen, geriet dann unter die Macht des Cello und begann mit dem Kopf den Takt zu schlagen, während die Neuigkeit ihm auf den Lippen brannte.

Die Hausfrau beugte sich zu ihm.

»Was gibt's, Klemmesen?«

Da kam es heraus – leise flüsternd, tuschelnd aber fest und deutlich.

»Du guter Gott, Bus« – die Frau fuhr in die Höhe – »Klemmesen sagt, daß Sau Nr. 16 Ferkel bekommt und sie ebenso schnell auffrißt wie sie kommen . . .«

Ratsch – Die Musik brach ab, und Busgaard fuhr in die Höhe.

»Was sagst Du, Mutter? – Monny, Tine nimm das Instrument – da mag der Teufel Landmann sein.«

Das Violoncell fiel in Tines Schoß, Monny verwickelte sich mit den Füßen in Mutters Garnknäueln, und Tyr und Tut hüpften von ihren Stühlen. Aus der Idylle wurde ein Wirrwarr, der nur kinematographisch wiederzugeben ist.

»Warum zum Teufel« – »Bus,« tönte es ermahnend von den Lippen der Hausfrau.

»Warum sagten Sie das nicht gleich? – Sie Leithammel, Idiot, Oberjütländer . . .«

»Der Herr Gutsbesitzer spielten so herrlich,« sagte der Verwalter und legte den Kopf auf die Schulter.

Busgaard zog die Hosen hinauf und stampfte sich Zirkulation in die Beine: »Danke schön, aber wenn bei jedem Takt ein Saugferkel darauf geht, so wird es weiß Gott eine etwas zu teure Sonate. – Kommen Sie . . .«

Und Busgaard schnurrte herum wie ein Kreisel.

Tyr und Tut im Chor: »Ach Vater, dürfen wir mitkommen?«

Seid ihr verrückt, Jungens, erscholl Vaters Stimme; aber Tyr blieb dabei:

»Es ist so hübsch zu sehen, wenn eine Sau Ferkel kriegt. – Dürfen wir nicht, Mutter?« Und ehe die Frage beantwortet war, eilten Busgaard, Klemmesen und die beiden Knaben zur Tür hinaus nach den Gegenden wo es duftet, und wo eine Sau lebendige Junge bekam.

Tine lächelte und Monny wandte sich an den Ingenieur.

»Wollen Sie nicht mit hinaus und das ländliche Schauspiel betrachten, Herr Willumsen?«

Augenblicklich flog der Ball zurück: »Ja, wenn die Damen meinen –.«

Tines Lächeln löste sich in Lachen auf und Monny warf den Kopf in den Nacken. Frau Busgaard beschwichtigte freundlich. Es amüsierte sie, Monnys kleine Attacken auf den Ingenieur zu beobachten. Sie verstand sie nicht ganz, sie konnten das eine oder das andere bedeuten. Und daß sie Arthur Franck bedeuteten, wußte die zärtliche Mutter so nicht. Zärtliche Mütter wissen nicht alles, und brauchen vielleicht auch nicht alles zu wissen.

Willumsen hatte seine Ahnungen und war im Begriff, seine Vortruppen zu einem kleinen Vorstoß zu ordnen.

»Fräulein Monny,« sagte er äußerst freundlich, »machen Sie nicht einen kleinen Spaziergang bei dem herrlichen Wetter?«

Monny warf den Kopf zurück und sagte spitz: »Nein, danke.«

»Ich glaube, ich tue es,« sagte der Ingenieur darauf. »Ich bin nicht wie Sie, Fräulein Monny, die am liebsten lange Spaziergänge allein macht.«

»Geniert Sie das?« tönte es wie eine Aufforderung zum Kampf.

»Nur insofern, als ich Wert darauf legen würde, dabei zu sein,« erwiderte der Ingenieur und fügte hinzu: »sehr großen Wert.«

Monny sah ihn groß an: »danke, dann bleibe ich lieber zu Hause.«

Jetzt kam der erste scharfe Schuß: »Man sollte meinen, Sie gingen zum Stelldichein.«

Monny richtete sich empor, schritt durchs Zimmer, stemmte die Hände in die Seiten und blieb mitten vor ihrem Feinde stehen: »Kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten, unverschämter Mensch!«

»Aber Monny!« erscholl es im Chor von Mutter und Schwester. Doch Monny ging stolz und hochaufgerichtet wie Carmen im ersten Akt durchs Zimmer und verschwand durch die Eßzimmertür.

Willumsen sah ihr lange nach, und sagte dann zu Tine gewandt: »Sie kann mich gewiß nicht recht leiden.«

Tine lachte. »Das scheint so.«

»Ist sie in einen anderen verliebt?« fragte Willumsen prüfend.

»Nicht daß ich wüßte,« antwortete Tine. »Glaubst Du wohl, Mutter?«

»Nein, da garantiere ich dafür,« sagte Frau Busgaard und legte das Strickzeug beiseite. »Machen Sie sich nichts daraus, Herr Ingenieur. Monny ist ein Kind. Sie ist ein wenig eigen. Sie meint es gut.«

Willumsen lächelte. »Mit mir meint sie es jedenfalls ehrlich. Und Ihr Mann ist vielleicht auch zu freundlich gegen mich.«

Frau Busgaard nickte. – »Wir nehmen das zweite Frühstück heute etwas zeitiger. Der Wagen ist nach der Stadt, meinen Neffen abzuholen. Ich habe ihm telegraphiert, er kommt mit dem Morgenzug.«

Tine fuhr mit einem Ruck in die Höhe.

»Thomas kommt?«

»Es sollte eine Überraschung sein,« sagte Frau Busgaard freundlich. »Freust Du Dich darüber, Tine?«

Tines ganze Person sprach – nur ihr Mund schwieg.

Frau Busgaard erklärte: »Sie müssen wissen, Herr Ingenieur, daß ich kein rechtes Zutrauen zu unserem neuen Kreisrichter habe. Er wird die Diebesgeschichte kaum allein aufklären können, und mein Neffe ist ein wahres Wunder in dieser Richtung. Darum habe ich ihn gebeten, zu kommen. Ich habe meinem Mann nichts davon gesagt. Er kann Thomas Art nicht recht leiden. Aber wenn mein Neffe erst hier ist, wird er sich, meine ich, schon darein finden. Das Wichtigste ist ja, daß wir den Dieb finden. Meinen Sie nicht auch?«

Willumsen verneigte sich »Selbstverständlich. Nichts ist so häßlich wie der Argwohn, der sich unwillkürlich auf die Leute im Hause richtet. Aber ich glaube doch, Sie tun dem Kreisrichter unrecht. Heiden ist ein stiller Mann, eine Künstlernatur, aber er ist kein dummer Mann, und sein Amt versieht er gut.«

»Man sagt, es sei in den wenigen Monaten, die er hier ist, mehr gestohlen worden, als in der ganzen Amtszeit des vorigen Kreisrichters,« sagte Tine mit Nachdruck.

Willumsen lachte. – »Sie sind nicht unparteiisch, Fräulein Tine.«

Tine wurde rot. – »Ich verbitte mir . . .«

Und auch sie verließ mit ziemlich festen Schritten das Zimmer. Frau Busgaard drehte ihre Haubenbänder umeinander.

»Sie haben doch keinen rechten Stein im Brett bei den Mädchen, Herr Ingenieur,« sagte sie gutmütig. »Na, Tine und Thomas ziehen an einem Strang, und ich habe ihn lieb. Er ist der einzige Sohn meines einzigen Bruders, und Sie werden ihn auch schätzen lernen. Er hat eine scharfe Zunge, aber das Herz sitzt auf dem rechten Fleck. Und das tut der Kopf übrigens auch. Sie sollen sehen, wir werden Vergnügen an Thomas haben.«

»Ich freue mich auf ihn,« sagte der Ingenieur höflich. Das tat er eigentlich nicht; er hatte das Gefühl, als sollte er sich zu den Alten halten, bei den Jungen waren seine Chancen vorläufig nur gering.

Jetzt stürzte Tyr herein, beinahe ehe er die Tür geöffnet hatte.

»Mutter, Mutter, das war ein Spaß. Sowie die Ferkel kamen, fraß die Sau sie auf – wie bei der Katze, die du mir vorige Weihnachten in Kopenhagen gekauft hattest. Die kleinen Tiere gingen einfach durch das große durch.«

Und Tyr glänzte vor Freude und schwitzte vor Vergnügen über den praktischen Beitrag zur Fortpflanzungslehre, dem er draußen im Schweinestall beigewohnt hatte.

Nach ihm kam Busgaard. Er schwitzte auch und trocknete sich den Schweiß mit seinem großen rotgeblümten Taschentuch von der Stirn.

Und dann fluchte er: »Dieser Satans Viehknecht, dieser Tölpel, der Kerl ist ein kompletter Esel! Ich werfe ihn hinaus, ohne Lohn, augenblicklich.«

»Das tust Du nicht,« sagte Frau Busgaard beruhigend.

»Du meinst, dann rennt er gleich zum Kreisrichter und bekommt Recht, wie?«

Und Busgaard schwitzte stärker und trocknete sich die Stirn eifriger.

Er fauchte ein paar Minuten und fiel dann über den abwesenden Kreisrichter Heiden in sehr unparlamentarischen Wendungen her, die mit der durch die Situation gegebenen Bemerkung endeten: »Und wenn der Knallidiot mir wenigstens meine Gelder wieder schaffen könnte! – Aber das kann er natürlich auch nicht –.«

Tante Mus benutzte kluger Gewohnheit gemäß die Gelegenheit; das war ihre Force, und darauf beruhte ein gut Teil ihrer stillen aber unzweifelhaften Macht.

»Bus,« warf sie leicht hin, »darum habe ich auch nach Thomas telegraphiert! Niels holt ihn mit dem Wagen von der Bahn.«

In alten Tagen betrachtete man Explosionen als etwas Unangenehmes und Abnormes; in unseren Tagen, wo nicht allein Gasmotoren, sondern alle Motoren, Petroleum- und Benzinmotoren durch eine ununterbrochene Reihe von Explosionen getrieben werden, die also eine Bedingung für den Betrieb von Automobilen und Luftschiffen sind, hat man sich an diese Erscheinungen gewöhnt. Ein moderner Leser wird sich also auch an Gutsbesitzer Busgaard gewöhnen können, dessen ganzes Leben eine fortgesetzte Reihe kräftiger Explosionen ist.

Bei dem Namen Thomas explodierte er gewaltig.

»Den Teufel hast Du –.«

»Pst, Bus, pst,« erwiderte Frau Busgaard beschwichtigend. – »Ja, das habe ich. Ich mag nicht, daß die Leute hier auf dem Hofe herumgehn und sich gegenseitig verdächtigen. Und von Thomas weiß ich, was Du auch von ihm sagen magst, auf Diebe versteht er sich. Und deshalb meine ich, wir sollen ihn zu dem brauchen, wozu er gut ist. Das ist meine Ansicht, und ich bin sicher, ich habe recht!«

Busgaard brummte – aber sie hatte recht. Das haben Frauen nicht immer. Aber wehe dem Ehemann, dessen Frau es so eingerichtet hat, daß sie meistens recht hat. Die Männer sind nun einmal geneigt einzuräumen, daß ihr Widerpart recht hat, und darum unterliegen sie. Frauen räumen das niemals ein. Und darum ist auch kein Auskommen mit ihnen. Wenn sie nicht sind wie Frau Busgaard, dann gnade Gott! Und sie sind nicht alle wie Frau Busgaard. Freuen wir uns, daß sie so ist. –

Thomas wurde stillschweigend akzeptiert.

»Die Sonate ist hin,« sagte Busgaard den Kampf aufgebend. Erst verliere ich 5 Spanferkel, dann ärgere ich mich über den verwünschten Kreisrichter und den infamen Diebstahl, und jetzt schafft Mutter mir den Laffen, den Thomas, auf den Hals. – Alles an einem Vormittag! es wäre erklärlich und verzeihlich, wenn ich mich dem Trunke ergäbe – rein spielen, wenn es mir so im Kopf summt, kann ich nicht – facit, der Tag ist verloren.

Ich gehe zum Vieh hinaus. – Glauben Sie nur, Ingenieur, die stummen Kreaturen sind die wahren Freunde des Menschen.«

Mit dieser philosophischen Bemerkung ging Onkel Bus hinaus, um zu wirtschaften, wodurch der Betrieb auf Braendholt für einen Tag ernstlich gebremst wurde. Frau Busgaard schüttelte den Kopf und nahm den Strickstrumpf wieder auf.

»Sie haben wohl nichts dagegen, daß ich meinem Neffen das Zimmer, das Sie haben, gebe? Er hat es immer gehabt, wenn er hier war,« sagte sie freundlich zu Willumsen, und der Ingenieur verstand, daß der Herr, der kam, einen Stein im Brett hatte an den Stellen, von denen die eigentliche Regierung auf dem Gute ausging.

Er neigte den Kopf mit einem »Gott bewahre« und ging, um seine Habseligkeiten zu ordnen.

Unterdessen rollte ein Wagen dem Hofe entgegen, und darin saßen unsere beiden Rechtsgelehrten aus der Eisenbahn, die somit auf den Kampfplatz geführt wurden, den das Leben ihnen für diesen Augenblick anweisen wollte.




Entree der Juristen


Die wenigsten Leser ahnen, wie schwer es ist, die rechten Farbentöne für ein Interieur zu finden, das einem kritischen Publikum behagen soll. Es scheint so einfach. Soll Liebesglück geschildert werden, so nimmt man eine Sommernacht mit Mond, tiefblauem Himmel und funkelnden Sternen; handelt es sich um Gewalt und Mord, so ist die Nacht schwarz, der Sturm heult, während die Wolken wie böse Gewissen über einen mondlosen Himmel jagen; im Jugendglück leuchtet der Wald grün und die Lerchen schlagen, bei Hoffnung spielen die blauen Wogen, als Abschluß versinkt die Sonne rot über dampfenden Wiesen und so weiter in großer festlicher Auswahl.

Nach dem alten Rezept.

Das moderne ist gerade entgegengesetzt. Soll stilles Glück geschildert werden, so rast eine sturmgepeitschte See; soll Liebe gemalt werden, so stehen steife dürre Bäume da und strecken Totenfinger gegen die Liebenden aus, kurz der Gegensatz wird von dem Dichter betont, der ein Weihnachtsidyll gibt und dabei beschreibt, wie ein brustkrankes Proletarierkind auf einer Hintertreppe sitzt und zu Tode hungert. Das ist etwas schwerer als das andere und es endet damit, daß man wie jüngst ein junger Lyriker einen idyllischen Fjord bei Sonnenuntergang mit einer aufgerissenen blutigen Wunde vergleicht.

Auch dies hat seine Liebhaber – es gilt bloß den Geschmack des geneigten Lesers zu treffen. Aber Staffage gehört dazu.

Wenn nun also Kreisrichter Heiden und Kriminalassessor Klem in Gutsbesitzer Busgaards zweisitzigen Jagdwagen von Roskilde nach Braendholt hinausrollen, um zu den Untersuchungen zu schreiten, die auf mehr als 252 Seiten die gespannten Leser dieser wahrhaftigen Schilderung fesseln sollen, so ist es Pflicht des Autors eine landschaftliche und meteorologische Staffage zu geben, die sich auf passende und angenehme Weise um die Schilderung herumlegt.

Die Roskildegegend kann man nun einmal nicht umändern, und da im vorigen Kapitel auf Braendholt Sonnenschein war, ist das Wetter – diese große immer wiederkehrende Frage – eine gegebene Größe in der Gleichung. Winter ist es, wie schon früher öfters bemerkt, und die Uhr ist gegen zehn.

Einige Tiere haben wir zur Verfügung – sie dienen immer zur Belebung. Die Kühe sind im Stall, und wilde Tiere gibt es in der Gegend von Roskilde in größerer Menge nicht. Ein Hase kann draußen auf den Schneefeldern herumhüpfen. Mag er! Fünf, sechs Krähen können mit heiserem Krächzen – heiseres Krächzen ist gut – von rechts geflogen kommen. Das bedeutet Glück, und wenn die beiden Herren kein Glück haben sollten, hätten wir sie ebensogut zu Hause lassen können.

Also.

Die Sonne schien über die Schneefelder, die sich gegen den tiefblauen Fjord herabsenkten, wo das Eis am Ufer schmale Rinden gebildet hatte wie die Ränder einer mit Kollodium bestrichenen Wunde (eine Anleihe beim Lyriker). Die Weiden mit ihren starrenden nackten Zweigen guckten wie Hexen über die Zäune, und draußen im Schnee hüpfte ein einsamer Hase umher. Eine Schar grauer Krähen strich von rechts her über den Weg, der sich den Hügel hinauf wand, und der Wagen rollte vorwärts über den gefrornen Schneemorast, der unter den Rädern knirschte wie Kandiszucker. Eine leichte Dampfwolke stand über den schwitzenden blankbraunen Pferden, und die Nase von Niels, dem Kutscher, leuchtete wie ein blauroter Leuchtturm aus seinem Bärenfellkragen hervor.

Es ist nicht ganz sicher, ob diese Schilderung künstlerisch ganz richtig ist, da im Künstlerischen das Perspektivische eine große Rolle spielt und die Türme von Roskildes Domkirche, die sich in der Ferne von dem weißblauen Himmel abheben, sich nicht gut in ein perspektivisches Verhältnis zu Niels Nase bringen lassen.

Gehen wir über diesen Punkt hinweg und lassen unsre beiden Rechtsgelehrten ohne weitere Naturbeschreibung in Braendholt einfahren.

Hier ist ein Hiatus geboten.

Tyr, Tut, Tine und Monny kommen in die Wohnstube auf Braendholt hineingetanzt.

Hipp, hipp, hurra, rufen die beiden Kleinen und Tine strahlt wie ein Jubiläumszweikronenstück. Hipp, hipp, hurra für Vetter Thomas.

»Ergebenster Diener, Onkel Bus – küß die Hand, Tante Mus! Hier habt Ihr mich.«

Thomas Klem macht sich aus der Jugendgruppe los und nähert sich dem Familientisch, wo die beiden alten Busgaards sitzen. Er ist vergnügt, schön und strahlt, schlank, jung und groß. Er ist da, und er hat das Recht da zu sein. Denn man hat nach ihm geschickt.

Nichtsdestoweniger sagt Onkel Bus: »Was Teufel willst Du hier? Wer hat Dich gerufen?«

Thomas fängt den Ball im Wurfe: »Du nicht, Onkel Bus, aber öffne Deine Arme, denn meine Kamele dürsten gewaltig!«

Busgaard brummt. »Ist der Herr dort mit dem langen Haar vielleicht eins von Deinen Kamelen?«

Thomas verbeugt sich vorstellend: »Im Gegenteil, darf ich vorstellen Kreisrichter Heiden, Ritter des Dannebrog, p. p.«

Tante Mus schlägt die Hände überm Kopf zusammen: »Unser neuer Kreisrichter, Gott bewahre uns!«

»Das tut er schon, Tante, wenn Du ihn hübsch darum bittest,« sagt Thomas, aber jetzt poltert der Gutsbesitzer los: »Da soll doch gleich der Teufel . . .«

Thomas fährt fort: »Er auch, Onkel, wenn Du ihn kräftig beschwörst. Er hat Dir früher geholfen, und Du hast die Adresse.«

Der Gutsbesitzer ignoriert den Neffen und wendet sich zum Kreisrichter, der mit einem muntern Lächeln dasteht und sein Entree genießt. »Sind Sie unser neuer Kreisrichter?«

Und Heiden geht auf den Ton seines Begleiters ein: »Mit der Erlaubnis des Herrn Gutsbesitzers und königlicher Bestallung.«

»Nun, ich habe Sie nie gesehen,« sagt Busgaard und schlägt die Hände zusammen.

»Das haben Sie nicht –« fährt der Kreisrichter fort: »Sie haben mich nie vorher gesehen und deshalb sollen Sie mich auch betrachten dürfen, wie Sie tun, obgleich ich selber meine, daß ich ganz zivilisiert aussehe. – Ich bin Ihre weltliche Obrigkeit«

Thomas legt seine Hand auf die Schulter des Kreisrichters. »Sehen Sie ihn an! Mein Onkel Gutsbesitzer Niels Busgaard auf Braendholt! Kratzbürste, Geißel für jeden Gerichtsbezirk, Grossist in Arbeiterunruhen und Gesindeprozessen. Ein Mann, mit dem man nur umgehn kann, wenn man nicht die geringste Rücksicht auf ihn nimmt. Ein Landwirt mit rauhen aber reinen Sitten!«

»Und dies ist seine Familie.«

Heiden lächelt. »Eine recht liebenswürdige Familie.«

Worauf Thomas sich ihm zuwendet und mit Überzeugung sagt: »Ja, das können Sie Onkel bitten, mit einem Fluch zu bekräftigen, er flucht häufig und gern.«

»Kopenhagner Laffe,« klingt es halbversöhnt von den Lippen des Hausherrn, und damit haben unsre beiden Juristen ihren Einzug auf Braendholt gehalten.

Die Familie bemächtigt sich des Vetters Thomas, der in Prozession auf sein Zimmer geführt wird. Der Assessor ist ein höchst patenter und reinlicher Mann, der gleich Toilette machen will. Er ist auch besonders populär in der Familie, und daß er solange nicht auf Braendholt gewesen ist, hat die früher erwähnten Gründe. Der Kreisrichter blieb allein mit dem Hausherrn zurück; es war deutlich, daß die Begegnung mit dem Neffen Busgaard nicht sonderlich erbaut hatte, aber er meinte doch, er müßte sich vor dem neuen Kreisrichter, der zum ersten Mal in seiner Stube stand, zusammennehmen. Und dann mußte er ja auch die Gelegenheit benutzen sich mit der Obrigkeitsperson bekannt zu machen. An den Diebstahl dachte Onkel Bus ganz und gar nicht; wahrhaftig er war zerstreut, und es fiel ihm in diesem Augenblick durchaus nicht ein, was der Kreisrichter auf dem Hofe wollte. Er hatte nur instinktmäßig das Gefühl, daß etwas Unangenehmes seiner wartete.

»Wollen Herr Kreisrichter Platz nehmen?« sagte er geschäftsmäßig freundlich und ließ sich in den großen Mittagsruhestuhl am Familientisch fallen. Heiden setzte sich seinem Wirt gegenüber und faltete die Hände über die Knie. Es knackte in seinen schmalen, weißen Fingern; er wandte sein schönes Gesicht fragend dem Gutsbesitzer zu.

Es entstand eine Pause.

»Ein charmanter junger Mann, Ihr Neffe,« sagte Heiden. Er war freundlich gestimmt und wollte gern das Seinige zum Sonnenschein beitragen.

»Ein Kopenhagener Laffe,« brummte Busgaard.

Der Kreisrichter protestierte. »Klem ist einer der angesehensten Assessoren des Kriminalgerichtes. Er ist Dr. jur. ein kenntnisreicher und tüchtiger Mann, auf den jedes Richterkollegium mit Recht stolz sein kann, und auf den das Kriminalgericht auch stolz ist.«

»Sie haben auch nicht viel, auf das sie stolz sein können, die Herren!« sagte Busgaard mit dem höchsten Grad von Feindseligkeit gegen den Richterstand. Ehrlich gesprochen: »Das größte Übel, was wir von dem Diebsgesindel haben, ist, daß wir die hochnäsigen Juristen ertragen müssen, die eine Entschuldigung für ihr Dasein darin finden, daß sie auf die Verbrecher aufpassen sollen, mit denen sie sich nur in dem einen messen können, nämlich daß sie uns friedliche Bürger genieren. Ich kümmere mich sonst nicht viel um das Gewäsch, was in den Zeitungen steht, aber so viel habe ich doch herausgelesen, daß die wichtigtuenden Herrn da drinnen genötigt sind, unschuldige Leute zu quälen und zu arretieren, weil sie die, die es wirklich gewesen sind, nie erwischen.«

»Es steht so viel in den Zeitungen,« schob der Kreisrichter mit seinem stillen Sokrateslächeln ein.

»Zugegeben,« erwiderte Busgaard, »aber soviel weiß ich doch, wenn es Lügen wären, was die Blätter über die Richter schreiben, so würden sie die Zeitungsschreiber ins Loch sperren, und wenn sie es nicht tun, so geschieht es, weil sie wissen, daß jene recht haben. Nein, mein Lieber, das Diebsgesindel ist ein elendes Pack, das sei zugegeben, aber die Richter sind bei Gott viel schlimmer. Das steht bei den meisten Blättern fest, und selbst wenn es nicht so wäre, so ist es doch meine Meinung und damit Basta.«

Heiden lachte. »Sie meinen es nicht so schlimm.«

»Ich meine immer, was ich sage,« sagte Busgaard barsch.

Der Kreisrichter nickte. »So, meinen Sie das. Es kann auch seine Annehmlichkeiten haben mit einem Mann zu verhandeln, der meint, was er sagt. Solche sind nicht häufig.«

»Also – – –«

»Sie kommen in amtlicher Eigenschaft, soviel ich weiß?« Busgaard war jetzt etwas versöhnlicher gestimmt.

Er haßte Widerspruch, gab man ihm jedoch recht, so wurde er gleich umgänglicher. »Das tue ich,« erwiderte Heiden. »Ich vereine das Nützliche mit dem Angenehmen, indem ich bei Ausübung meines Berufes die Bekanntschaft eines ausgezeichneten Mannes mache. Ich bin eine poetische und harmonische Natur.«

»So, so, sind Sie von dieser Art?« Busgaard fühlte sich bereits ganz überlegen. »Da taugen Sie wohl nicht viel zum Kreisrichter?«

Heiden genoß seinen Wirt. »Das kann ich nicht sagen,« sagte er freundlich. »Ich habe das Amt erst vor kurzem angetreten. Und ein Maulheld bin ich nicht.«

Busgaard fuhr auf. »Soll das eine Anspielung sein,« sagte er augenblicklich en garde, »so muß ich doch . . .«

»Sie müssen gar nichts,« unterbrach ihn Heiden. »Sie sind sicher ein angenehmer Mann, wenn man Sie näher kennen lernt. – Sie sind kein ganz höflicher Mann – absolut nicht, auch kein ruhiger Mann. Aber Sie sind ein Mann, der 2500 Kronen verloren hat in einem Haus, das in meinem Gerichtsbezirk liegt, und daher interessieren Sie mich im Augenblick im allerhöchsten Grade.«

»Das hatte ich ganz vergessen,« sagte der Gutsbesitzer und zog ein saures Gesicht bei der Erinnerung an den Verlust.

Der Kreisrichter lächelte. »Sie sind also auch ein glücklicher Mann. Ein glücklicher Mann ist der, der vergessen kann, daß man ihm vor kurzem 2500 Kronen gestohlen hat. Den Dieb habe ich nicht, so glücklich bin ich nicht, aber ich habe mir den Beistand Ihres Neffen gesichert, und ich habe die feste Gewißheit, daß ich darin auf alle Fälle klug und bedachtsam gehandelt habe. Es ist mir deshalb darum zu tun, daß Sie, wenigstens solange unsere Untersuchungen währen, wenn nicht mit Wohlwollen, so doch mit einem gewissen Vertrauen auf die Juristen blicken, die Sie doch nun einmal selber herbei gerufen haben und in die Sie sich daher schicken müssen. Mein Polizeidiener Hansen ist ein flinker Spürhund, und ihren Neffen nennen sie drinnen in der Hauptstadt den Mann mit dem sechsten Sinn. Also, des Diebes können Sie sicher sein.«

Nach dieser ungewöhnlich langen Auseinandersetzung sank der Kreisrichter im Stuhl zurück und sah seinen Mandanten wohlwollend fragend an.

Busgaard brummte: »Sicher – ja die Sicherheit hat mich 2500 Kronen gekostet. Die sind weg, aber daß die Polizei den Dieb erwischen sollte – nie!«

»Soll ich Ihnen etwas anvertrauen?« fragte Heiden mit seinem sanftesten Lächeln. »Ich glaube es auch nicht. So werden Sie jedenfalls nicht enttäuscht.«

Busgaard sperrte Mund und Nase auf, und Heiden fuhr fort: »Wissen Sie vielleicht, wo der Dieb ist?«

»Ich –?«

»Ja, sehn Sie. Sie sitzen mitten darin, und Sie wissen es nicht. Finden Sie es da nicht etwas viel verlangt, daß ich, der ich anderthalb Meilen davon sitze, wissen soll – –«

»Das muß ich sagen,« fiel Busgaard ein.

»Ja, das dürfen Sie gern,« fuhr der Kreisrichter in demselben sanften Ton fort. »Es ist nämlich sehr klug. Sie sind überzeugt, daß die Obrigkeit nicht dazu taugt, die Diebe zu finden. Und in diesem Punkte werde ich Ihnen durchaus nicht widersprechen. Das ist sehr schwer, weil die Herren ein Interesse daran haben, inkognito zu bleiben. Meine Auffassung ist es denn auch, daß die Richter dazu da sind, die Verbrecher, mit denen die Herren kommen, zu verurteilen, das ist meiner Treu Arbeit genug, und es ist wohl ein bißchen viel verlangt, daß wir auch noch Untersuchungen anstellen sollen, wer das Verbrechen begangen hat. Dazu gehören gar keine Voraussetzungen, auf jeden Fall keine juristische Ausbildung, und es wird Ihnen sicher bekannt sein, daß die Nationalhelden, die in die Literatur übergegangen sind, die Sherlock Holms und Nick Carter und wie die Herren sonst heißen, alle viel klüger sind als die Polizei, und das sind, wie Sie in allen Ihren Blättern lesen können, unsere nationalen Gentlemen of the press auch.«

Busgaard hörte ihn etwas betreten an. Dann sagte er: »Na, sind Sie von der Art?«

»Von der Art bin ich,« lautete die friedfertige Antwort. »Sie müssen mich nehmen wie ich bin. Ihre Aussichten sind gering und es ist, wie gesagt, am vernünftigsten, mit niedrigen Erwartungen zu beginnen, was Sie ja auch, wie Sie mir offenherzig mitgeteilt haben, tun.«

Busgaard stand auf. »Das muß ich übrigens sagen –«

»Überflüssig,« unterbrach ihn Heiden, »ganz überflüssig, denn ich habe es bereits gesagt. Ich bin eine harmonische, poetische Natur, und sollte es mir glücken, Sie auf Moll herabzustimmen, so ist meine Reise nicht vergebens gewesen.«

»Halten Sie mich zum Narren?« brauste Busgaard auf, mit gesenktem Kopf, wie ein angriffsbereiter Stier. Jetzt wurde er nämlich zornig.

Doch der Kreisrichter erhob seine schmale, weiße Hand und sagte mild und freundlich wie vorher: »Ich spiele Violine, mein Herr, und vor dem Konzert stimme ich mein Instrument und mein Mitspieler muß sich im Ton nach mir richten. Das wissen Sie ja, der Sie selber ein Streichinstrument spielen. Dann spiele ich oft mit Sordine weiche, lange Striche, Verehrtester! Nicht wahr?

		Wo man spielt, da laß dich ruhig nieder,
		Böse Menschen haben keine Lieder –

Wir beide werden noch Freunde werden.«

Busgaard blieb stehen und starrte ihn an. – Frau Busgaard trat aus dem Eßzimmer herein.

»Wollen die Herren nicht eine Herzstärkung haben. – Das Frühstück ist fertig.«

»Vielen Dank,« erwiderte Heiden und schritt an Frau Busgaard vorbei auf die Tür zu. Busgaard gab seiner Frau einen Wink und sie näherte sich ihm.

»Mutter,« sagte er, so leise er konnte, »er ist verrückt, komplett unmöglich.«

Frau Busgaard dämpfte: »Aber Bus!«

Der Kreisrichter, der das eheliche Duett gehört hatte, wandte sich auf der Schwelle lächelnd um.

»Kümmern Sie sich nicht darum, liebe Frau Busgaard. Sie kennen und schätzen Ihren Mann; ich kenne ihn noch nicht richtig, aber ich glaube sicher, ich werde ihn schätzen lernen. Er spielt mehrere Instrumente, auch Gonggong und Pauke, das sind Instrumente, die ihre Berechtigung in jedem größeren Orchester haben. Und sie sind leicht zu handhaben. – – Ist dies der richtige Weg?«

Und lächelnd glitt der Kreisrichter über die Schwelle dem Tisch entgegen, der sich bog unter der Last der Schüsseln, während der Herr des Hauses hinterhertrippelte, desorientiert und kopfschüttelnd. – – Das war doch ein schnurriger Kauz, dieser Kreisrichter.




Wenn ein Kriminalassessor liebt


Kreisrichter Heiden hat gefrühstückt und sitzt jetzt am Klavier in der Wohnstube, damit beschäftigt die Familienvioline zu stimmen, um ein Duo mit dem bestohlenen Busgaard zu probieren. Polizeidiener Hansen hat einen Bissen Brot und einen Schnaps in der Leutestube erhalten und ist jetzt dabei den Taillenumfang der Wirtschaftsschülerin, Fräulein Antonsen, zu messen – dies geschieht aus Gründen der Vorsicht in der Speisekammer.

Und Thomas Klem – Dr. jur. und Kriminalassessor, der Mann, auf dessen Schultern alles ruht – er steht in der Fensternische in seiner Stube, während die Sonne die Eisblumen am Fenster schmilzt, tief versunken in seine starke junge Liebe.

Thomas Klem liebte Martine Luthera Busgaard – ja das klingt nach Lustspiel, das duftet nach Spießbürgerlichkeit, das kann unmöglich erhaben sein. Und doch, es ist erhaben, denn die Liebe ist erhaben. An und für sich ist diese Bemerkung banal, aber an dieser Stelle, in dieser Erzählung, die sich hier zu Höhen zu erheben trachtet, die sie später nicht wieder erreichen wird, muß es mit fünfzölligen Nägeln im Bewußtsein des Lesers festgenagelt werden, daß in dem Satze: die Liebe ist erhaben – doch mehr als Banalität steckt.

»Tine,« sagte Thomas, der selber die Empfindung hatte, daß ihre Liebe sich in ungewohnt erhabene Regionen verstieg, »der Kuß der Geliebten schmeckt doch am besten!«

»Thomas,« sagte Tine mit Zweifel in der Stimme.

»Nein, Geliebte, wie kannst Du an Jung-Hagbarths Treue zweifeln.«

»Warum nennst Du Dich Hagbarth?« fragte Tine mit einem Lächeln, das die Mißstimmung verscheuchen sollte.

»Frage nicht,« antwortete Thomas und küßte sie – »für Dänemark ist das Erhabene in der Liebe durch Hagbarth und Signe symbolisiert, jüngst vorgeführt im Tiergarten unter einigen herrlichen Buchenstämmen, auf die die Kopenhagener bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal aufmerksam wurden. Tine, Dein Vater gleicht der Königin Bera, ohne die Perfektibilität dieser hohen Dame. – Tine!«

»Wenn Vater nur wollte,« seufzte die holde Maid.

Aber ihr Vater wollte nicht. Es läßt sich nicht verhehlen, daß ein junger Mann, der in züchtiger Liebe ein Heim gründen will, Mittel haben muß, und die Assessoren des Kriminalgerichts sind bezahlt wie bessere Kegeljungen, vielleicht weil der Öffentlichkeit die Augen für ihre Vortrefflichkeit noch nicht aufgegangen sind.

Thomas seufzte. »Tine, ich habe bisweilen Lust der Gerechtigkeit Lebewohl zu sagen und ins Gastwirtsfach überzugehen. Das Bier ist ja der Weg zu Ruhm und Macht. Und ich fühle selbst, daß ich ohne Dich nicht menschenwürdig leben kann. Ich kann nicht, Tine.«

»Ich bin so grenzenlos unglücklich,« seufzte Tine mit Tränen in den Augen, Tränen, die wohl trotzalledem Freudentränen waren.

Thomas küßte die Tränen fort. »Und ich bin grenzenlos glücklich – vierzehn Tage lang. Weißt Du, Tine, es gibt keine Liebe auf Erden, die in Seligkeit sich mit unglücklicher Liebe messen kann. Das wirst Du merken, wenn wir beide erst glücklich werden. Und Spaß beiseite, jetzt muß es geschehen! Du mußt nämlich wissen, Tine, daß ich Schaden an meiner Seele nehme. Es ist etwas daran an dem Wort, es ist nicht gut, daß der Mann allein sei. Meine Gedanken sind mein Kapital – mein einziges, doch das Kapital ist gebunden, die Gedanken sind bei Dir. Und meine Liebe zu Dir, die mich emportragen sollte, führt mich von dem fort, was meine Aufgabe ist. Es ist grenzenlos töricht, wenn man es als erhabener Herr der Schöpfung aussprechen muß, kleine Tine, aber ich bin ganz unglücklich, und was schlimmer ist, ich werde ganz untauglich. Es ist zu Hause in meiner Stube ein leerer Platz, und selbst, wenn ich innerlich überzeugt bin, daß die Zeit kommen wird, wo ich Dich bitte, mich mit meiner Arbeit allein zu lassen – jetzt ist es merkwürdig, ich kann nicht arbeiten ohne Dich.«

Tine fühlte das Bedürfnis den Armen zu trösten und tröstete ihn.

Dies verlief eine Weile in Stillschweigen.

»Tine,« sagte Thomas ernst. »Im Grunde ist es ganz dumm von Dir und mir, daß wir uns wie ein paar Operettenliebende aufführen, die auf den Klimax im dritten Akt warten, um im vierten vereint zu werden. Und nun muß es ein Ende haben! Es gibt garnichts romantisches in der Geschichte unserer Liebe, sie beruht auf sich selber und muß aus sich selber wachsen. Wir sind alt genug dazu, und nun muß es ein Ende haben! Dein Vater kann mich nicht leiden, das ist sein Fehler. Deine Mutter hat mich um einen Dienst gebeten, und ich leiste ihr einen Dienst, doch dann muß ihr Ehegemahl sich darein finden, daß ich Dich als Siegespreis mitnehme. Die Möglichkeiten, die wohl verborgen unter meiner vielleicht nicht sonderlich vertrauenerweckenden Schale liegen, kannst nur Du allein durch Liebe zur Entwicklung bringen. Und ich kann merken, daß Dir die Lust dazu nicht fehlt.«

Das war nicht weiter verwunderlich, denn Tine hatte die Arme um seinen Hals geschlungen und sah zu ihm auf, als ob er ein Halbgott wäre. Es dient zu Thomas Klems Ehre, daß er in einem solchen Augenblick ganz die Lust verlor, witzig zu sein, eine Gewohnheit, die, im Vertrauen gesagt, die größte Schwäche des Mannes war.

»Du bist ein Engel, Tine,« sagte er ganz leise. Dies ist ja keine außergewöhnliche Wendung, sie zeichnet sich auch nicht durch Originalität oder besonders modernes Gepräge aus, aber sie ist eben so gut, wie sie alt ist. Wer es nicht glaubt, probiere es!

»Kleine Tine,« fuhr Thomas fort und zog sie vom Fenster weg nach dem kleinen steifen Roßhaarsopha – das von früheren Herren auf Braendholt und ihrer Liebe berichten konnte – »kleine Tine! Jetzt geloben wir einander, daß wir diese Stätte zusammen verlassen und dort hingehen, wo wir wirken sollen. Und als ein Pfand dieses Gelübdes sollst Du in mir in diesen Tagen einen Diener dieses Hauses sehen, einen demütigen Diener, der sein Kreuz schweigend trägt und in der Stille wirkt. Aber daß Du es weißt, Tine, jetzt lasse ich Dich nicht mehr.«

Und Tine bekräftigte das Gelübde schweigend. Die richtige Liebe ist stumm. Oder ist das nur eine schwache Entschuldigung für die mangelnde Fähigkeit, der Liebe Worte zu verleihen?

Monny brach in das Idyll ein. Sie klopfte leicht an die Tür und stand einen Augenblick später schweigend mit einem Lächeln im Zimmer. Dann lachte sie und sagte neckend: »Das sollte Klemmesen sehen, Tine!«

Thomas sprang auf: »Wer ist Klemmesen? – Ich sage, wer ist Klemmesen?«

Und so kriegte Thomas zu wissen, wer Klemmesen war. Wieder bewies die Liebe hier ihre Allmacht. Assessor Klem, der große Mann, der Herr über das Wohl und die Freiheit von Hunderten, hatte in diesem Augenblick das Gefühl, als ob ihm das Herz zusammengepreßt und die Kehle zugeschnürt würde. Er wiederholte den Namen für sich: Klemmesen, Klemmesen – ich muß das Weiße in den Augen des Mannes sehen. Ich muß Klemmesen sehen! Und die Gefahr, die er geahnt und gefühlt hatte, als etwas Unbestimmtes, nahm feste Form, nahm Menschenform an und wurde zu Klemmesen. Tine begriff es garnicht und Monny war ganz bestürzt. Die beiden kannten ja den richtigen Klemmesen.

Für Thomas war es nur ein Name, der Name eines Unbekannten, aber so viel Mensch war Thomas doch, daß der Name das Böse in ihm in Bewegung setzte. Bulwer würde geschrieben haben: Wehe Klemmesen.

Was Bulwer tun konnte, können wir hier auch tun: Wehe Klemmesen! Und der Konflikt tritt in sein erstes Stadium. Die Idylle verwandelt sich in Kampf.

Als Thomas Klem in die Wohnstube trat, saß der Kreisrichter da und spielte Haydn mit Busgaard. Was Polizeidiener Hansen machte, wissen wir auch. Heiden wandte sich dem Assessor zu, aber bevor er noch ein Wort sagen konnte, gab Thomas den Ereignissen die Wendung, die die Polizeimänner dahin zurückbrachte, wohin sie gehörten.

Und jetzt ist also alles auf seinem richtigen Platz.




Das erste Verhör


Es wurde also beschlossen mit dem Verhör zu beginnen. Der Kreisrichter wünschte kein eigentliches gerichtliches Verhör, nur ein vorläufiges Polizeiverhör, und er machte kein Hehl daraus, daß ihm die Anwesenheit des Kriminalassessors Klem besonders angenehm war. Der gute Heiden war kein schlechter Beamter; er hatte die Gabe des Kanzleibeamten, sich in eine Sache hineinzuversetzen.

Er konnte ein sehr verständiges Urteil abgeben, und er erledigte die laufenden Sachen ordentlich und sorgfältig. Aber er war weltfremd, in einem Grade, der jede wirkliche Tüchtigkeit im Abhalten von Verhören ausschloß. Seine schöne reine Auffassung der Menschen, als gute Vernunftwesen, die auf Worte und Handlungen anderer nach verschiedenen, der Erfahrung zugänglichen Gesetzen reagieren, hatte nicht das mindeste mit den Erscheinungen zu tun, die in der Praxis eines Gerichtsbeamten das tägliche Brot sind. Er sprach gebildet zu Vagabunden, die ihn auslachten; er sprach so höflich zu den Bauern, daß sie meinten er halte sie zu Narren, kurz er traf den rechten Ton nicht. Wären die Menschen gewesen, wie sie sein sollten, so wäre Heiden das Ideal eines Kreisrichters gewesen, – aber dann hätte man ja überhaupt keine Kreisrichter gebraucht! – –

Jetzt stand er mit Assessor Klem und Busgaard in der Wohnstube zu Braendholt, wo der Diebstahl begangen war. Und wahrhaftig, er hatte die größte Lust, Thomas das Ganze zu überlassen. Es galt nur die am wenigsten kompromittierende Form zu finden. Die Gemeinde durfte den Respekt vor der von Gott und dem König eingesetzten Obrigkeit nicht ganz verlieren!

Der Kreisrichter rieb sich die seinen schmalen Hände: »Ja, so wollen wir das Gericht auftun; da ich als Kanzleibeamter ohne größere Erfahrung bin, und Sie, lieber Assessor, lange Übung vom Kriminalgericht her haben, möchte ich Sie bitten, mir behilflich zu sein.«

Thomas blinzelte schlau zu Busgaard hinüber. »Ja, wenn Onkel Bus nichts dagegen hat.«

Der Gutsbesitzer warf ihm einen bösen Blick zu. »Du weißt, ich habe alles gegen Dich, aber in diesem Falle ist es vielleicht doch möglich, daß Du mir von Nutzen sein kannst.«

»Ich bin stolz, aber nicht hochmütig; aber da ich ohne Waffe in der Hand nicht arbeiten kann, will ich hinauf gehen und mir mein Notizbuch und einen Bleistift holen. Ich will Ihnen sagen, Herr Kreisrichter, es ist bei den Untersuchungsrichtern wie bei den Taschenspielern, der Zauberstab ist unentbehrlich.« Und mit einer leichten Verbeugung vor den Herrschaften drehte sich Thomas auf dem Absatz herum.

Die Tür ging auf und herein trat Polizeidiener Hansen; er blieb mit einem Ruck stehen und schlug die Hacken zusammen.

Thomas nickte freundlich. »Hansen, O. B. 37 Hansen –« und indem er sich Onkel Bus zuwandte und Hansen die Hand reichte, führte er den Polizisten wie zur Vorstellung in die Stube hinein.

»Onkel Bus, Deine Aktien steigen. – Und Sie, Herr Kreisrichter, ich will Sie nicht beleidigen, Sie sind ein bescheidener Mann und haben meine ungeteilte Sympathie gewonnen, ganz abgesehen von der Musik. Aber Hansen, das war ein Verlust für die 8. Kammer, als der Mann uns verließ.«

Hansen verneigte sich verlegen und drehte seinen flachsfarbenen Schnurrbart. »Herr Assessor sind zu freundlich,« sagte er.

Thomas lächelte: »So kennen Sie mich wohl nicht von dort oben, Hansen? Aber ich will Ihnen etwas sagen, ich trete hier als Gast auf, mit drei Sternen auf der Etikette, wie ein besserer Kognak.«

Der Polizeidiener lieferte eine reguläre Unteroffiziersverbeugung, und Thomas ging.

Als die Thür sich hinter ihm geschlossen hatte, sagte Heiden mit einem Lächeln: »Alte Bekannte,« und Hansen verbeugte sich mit der komischen Mischung von offizieller Höflichkeit und freundlicher Nachsicht, die seine Haltung seinen Vorgesetzten gegenüber kennzeichnete.

Onkel Bus brummte: »Wollen Sie rauchen, Herr Kreisrichter?«

»Nein danke,« antwortete Heiden, »ich rauche nie.«

Onkel Bus brummte wieder; er fand, alle Männer müßten rauchen, und es setzte den Kreisrichter wieder in seiner Achtung etwas herab, daß die brave Obrigkeitsperson nicht rauchte.

»Sie haben wohl nichts dagegen, daß ich meine Pfeife hole?« fragte er etwas ironisch, und als Heiden ruhig und freundlich lächelte, machte Onkel Bus sich daran seine Pfeife zu holen.

Heiden wandte sich an Hansen, der da stand und dem Gutsbesitzer nachblickte.

»Was denken Sie über ihn, der eben fort ging?« fragte Heiden.

»Den Gutsbesitzer?«

»Nein, den Assessor!«

»Ein Rasiermesser,« lautete die Antwort, und Hansen sah aus wie ein Landtagsabgeordneter, der draußen in seinem Wahlkreis über das Königliche Theater spricht. Heiden lächelte:

»Tüchtig?«

»Das langt nicht. Der Herr Kreisrichter müssen viel höher hinauf. Aber man muß ihn kennen, versteht sich, das ist schwer, aber es kann gelernt werden. Der Herr Kreisrichter sind ein sehr kluger Mann, ein Mann, der mit sich reden läßt – aber der – den muß man gewähren lassen, ganz wie er will. Wir verstehen nicht ein Tüpfelchen davon – anfangs, aber am anderen Ende sitzt das Richtige, das schlägt niemals fehl.«

Heiden blickte auf – er genoß Hansen. »Glauben Sie?« sagte er neckend.

Der Polizeidiener war mitten in der Bewunderung seines alten Vorgesetzten und stolz auf die Bekanntschaft.

»Das ist sicher,« erwiderte er.

»Ja, wenn Sie dafür garantieren,« sagte der Kreisrichter im gleichen Ton.

»Das tue ich,« versicherte Hansen. »Er wird garnicht dergleichen tun und scheinbar alles dem Herrn Kreisrichter überlassen. Er tut einfältig, wenn es ihm paßt. Aber es entgeht ihm kein Wort.«

»Sie sehen wohl Assessor Klem für einen Zauberer an, Hansen?« Er fand die Bewunderung ein bißchen reichlich und wollte ihn ein wenig necken.

»Sie nennen ihn den Mann mit dem sechsten Sinn,« bemerkte Hansen mit tiefem Ernst. »Davon verstehe ich übrigens nichts und das ist etwas Mystiphistisches. Aber gleichgültig, ehe die Uhr zwölf geschlagen hat, haben wir den Dieb, da will ich ziemlich viel darauf wetten.«

»Na, ja, ja,« sagte der Kreisrichter ein wenig gestoßen. Der Kreisrichter machte sich doch geltend in ihm, und die Bewunderung war zu intensiv.

Hansen richtete sich in die Höhe: »Der Herr Kreisrichter fragten, und ich war so frei zu antworten.«

Es waren Oberklasse und Unterklasse, die mit leichtem Gekränktsein von einander wegglitten.

Jetzt kam Onkel Bus zurück.

Heiden wandte den Kopf nach ihm: »Polizeidiener Hansen sieht ihren Neffen für einen Hexenmeister an.«

»Ein Kopenhagner Laffe ist er,« polterte Onkel Bus los, »ein großmäuliger Kopenhagner.«

Und schwere Wolken umwogten den Herrn des Hauses.

Der Polizeidiener verbeugte sich sarkastisch: »Der Herr Gutsbesitzer müssen ihn wohl kennen, er ist ja von der Familie.«

So kriegte Onkel Bus den kleinen Gifttropfen, den Hansen nicht auf seinen Vorgesetzten zu träufeln wagte.

Onkel Bus merkte den Stachel nicht, doch aus seiner dichten Tabakswolke stieß er die Worte hervor: »Ihn kennen, ja weiß Gott kenne ich ihn – sogar allzugut.«

Die Tür knarrte und Thomas trat mit einer leckeren hellbraunen Havanna zwischen dem Gehege der Zähne ein.

»Hier bin ich – Du gestattest vielleicht, daß ich eine von meinen eigenen Zigarren rauche.«

Onkel Bus feuerte einen Kanonensalut von dickem Knasterrauch gegen den Assessor.

»Ich habe Dich überhaupt nicht eingeladen . . .«

»Und ich komme überhaupt nicht Deinetwegen –,« ein leichter blauer Rauch begegnete dem dicken grauen.

»Das ist eine Probe von dem Ton, der zwischen mir und meinem gestrengen Onkel herrscht,« fügte Thomas hinzu, indem er sich mit einem Lächeln an den Kreisrichter wandte – »als Salut zu betrachten, wie ihn freundlich gesinnte Mächte wechseln, ehe es losgeht – Also zur Sache.«

»Wollen Sie die Leitung übernehmen, Herr Kreisrichter?«

Heiden schüttelte den Kopf: »Nein, ich würde es lieber sehen, wenn Sie es tun wollten.«

»Nein wahrhaftig, das will ich nicht,« antwortete Thomas, und suchte Schutz hinter dem Klavier. »Tun Sie das Richtige, so ist meine Wirksamkeit überflüssig, und finde ich, daß Sie etwas Verkehrtes tun, so waren Sie ja so freundlich mich zu bitten, Sie auf den rechten Weg zu weisen. Es erscheint mir als der richtige Geschäftsgang, wenn die bestellte Obrigkeit das Schwert führt – dafür werden Sie ja außerdem bezahlt. Also . . .«

Heiden nickte und nahm Platz in einem Lehnstuhl am Familientisch. »Es macht sich also notwendig die Sache zu rekapitulieren,« sagte er und rückte seine Brille zurecht. »Die 2500 Kronen lagen in einem Kuvert dort im Schubfach. Sie hatten sie am selben Tag bekommen; wann war das?«

»Sonnabend,« sagte Onkel Bus aus seiner Wolke heraus. »Sie kamen um 2 Uhr mit der Post.«

»Und Sie legten sie gleich hier in das Fach?« fragte der Kreisrichter.

»Nein,« lautete die Antwort, »erst um vier.«

»Und wann vermißten Sie das Geld?«

»Montag morgen«

»War das Fach verschlossen?«

»Ja – das tue ich immer. Ich habe die Schlüssel bei mir. Das heißt nicht den Schlüssel zum Sekretär, der liegt in meinem Schreibtischfach, das mit einem Schlüssel verschlossen ist, der an meinem Bund hängt.«

»Onkel Bus ist schlau,« tönte es vom Flügel herüber, »er verwahrt sein Geld nicht im Schreibtisch, wo Diebe drauf verfallen könnten es zu suchen, er verwahrt es in diesem alten Gerümpel von Sekretär. Das ist furchtbar fein ausgeklügelt, und das ist günstig, denn es indiziert, daß die Diebe mörderlich schlau sein – oder Bescheid wissen müssen.«

»Gibt es jemand, der weiß, daß Sie Ihr Geld im Sekretär aufbewahren, Herr Gutsbesitzer?« fragte der Kreisrichter.

»Ja, meine Frau,« antwortete Onkel Bus.

»Da haben wir den Dieb – Tante Mus,« ertönte es vom Flügel her.

Onkel Bus fuhr in die Höhe: »Willst Du Deine Zunge hüten Du . . .«

»Du hast recht, Onkel,« sagte Thomas friedlich, »Tante Mus ist von vorn herein frei von Verdacht. Aber oben, im Gericht würden wir Dich festsetzen, weil Du im Verdacht stehst, bei Dir selber Einbruch verübt zu haben. Du bist doch gegen Diebstahl versichert, nicht wahr? Gut. Sehn Sie, Herr Kreisrichter, Sie sollten sich des Anmelders versichern. Das tun wir bisweilen, allerdings nicht immer mit Glück, aber es spricht manches dafür.«

»Der Herr Assessor hat nicht ganz unrecht,« meinte Heiden und schüttelte bedenklich den Kopf.

Onkel Bus fuhr empor und stampfte auf den Flügel zu.

»Was sagt Ihr, beschuldigt Ihr mich?«

»Wen beschuldigst Du?« fragte Thomas freundlich.

»Den Dieb, zum Satan – dies hier ist Ernst.«

»Selbstverständlich,« kam es mild und freundlich von den Lippen des Kreisrichters. »Aber da Sie sagen, Herr Gutsbesitzer, daß niemand sonst das Versteck kennt, so sieht es doch wirklich etwas merkwürdig aus.«

»Ja,« fuhr Thomas mit seiner mildesten Stimme fort, »es sieht mehr als merkwürdig aus. Können Sie sich erinnern, Hansen,« fügte er zu dem Polizeidiener gewandt hinzu, »daß wir schon früher einmal einen wegen derselben Sache arretiert haben?«

»Jawohl, den Doktor, Herr Assessor,« erwiderte der Polizist.

»Richtig, den Doktor, und er gestand. Er saß lange im Arrest und schließlich kam er damit heraus, daß er selber den Einbruch arrangiert hatte, um das Geld von der Versicherungsgesellschaft zu verdienen. Das war eine Geschichte, die viel Aufsehen machte, ich verdiente mir die Sporen dabei, und ich will Dir sagen, Onkel Bus, ich gewann ein Teil Erfahrung bei dieser Sache, die ich mit Freuden der lokalen Obrigkeit zur Disposition stelle. Du kannst versichert sein, mein lieber Onkel, daß ich der Sache freien Lauf lassen werde. Wir beginnen mit der Verhaftung . . .«

»Willst Du mich verhaften – da soll doch der Teufel . . .« Onkel Bus wurde ganz blau vor Zorn und der Kopf wirbelte ihm, während er wilde Blicke auf die beiden Richter warf.

»Ruhig, ruhig,« sagte Heiden.

»Nein, mein guter Mann. Sie können nicht verlangen, daß ich ruhig sitzen und anhören soll, daß Sie mich verhaften wollen. Das hat mir, hol mich der Teufel, noch niemand in meinem eigenen Hause geboten, und das soll zum Henker . . .«

»Lieber Onkel,« unterbrach ihn Thomas – »Du verletzt meine empfindliche Seele mit Deinen fürchterlichen Flüchen. In der Schrift steht: Eure Rede sei Ja, Ja, Nein, Nein, aber von hol mich der Teufel und zum Henker schweigen die Quellen. Seid Ihr, Tante und Du, die einzigen, die um das Versteck gewußt haben, so müßt Ihr verhört werden. Und Du mußt Dich darein finden. Also Hansen hole die gnädige Frau.«

Hausen schlug die Hacken zusammen, machte kehrt und schritt auf die Eßzimmertür zu.

»Was sagst Du,« brüllte Onkel Bus.

»Ruhig, ruhig,« sagte der Kreisrichter beschwichtigend.

Thomas genoß die Wut des Onkels, und während dieser fauchend mitten im Zimmer stand, ging er an den Sekretär und zog das Fach auf. »Was lag in dem Fach?«

»Einige Papiere, eine Stange Siegellack, ein altes Petschaft, ein paar alte Münzen und anderer Kram,« antwortete der Gutsbesitzer. Die Pfeife war ihm ausgegangen und er stand mitten im Zimmer wie ein Stier, der stoßen will, aber nicht weiß, gegen welchen von den zwei Feinden er die Hörner richten soll.

»Alte Münzen,« fragte Heiden interessiert.

»Wie viele?«

»Ein halbes Dutzend,« lautete die mürrische Antwort.

»Wir wollen das Fach herausziehen,« schlug der Kreisrichter vor.

Thomas zog das Fach heraus und setzte es mit einer zierlichen Verbeugung vor den Kreisrichter auf den Tisch.

»Das ist ganz richtig,«' sagte er. »Hier liegen Papiere, ein paar alte Münzen, zwei Uhrschlüssel und ein Stück eines Manschettenknopfes.«

»Fehlt eine von den Münzen?« fragte der Kreisrichter.

»Im Gegenteil,« erwiderte Thomas, »es sind zwei mehr als es sein sollen.«

»Es kann gut sein, daß es 8 waren,« zischte Busgaard.

»Es gilt in einem Verhör genau zu sein; wenn angegeben wird, ein halbes Dutzend, so bedeutet es 6. Wir stellen also fest, daß es 8 waren.«

»Ist das nicht gleichgültig,« schob Heiden ein.

»Nichts ist gleichgültig in einem Verhör,« dozierte der Assessor, »sehen Sie diesen Plunder, Herr Kreisrichter, ein alter Nagel und ein Messer.«

»Das Messer gehört mir,« schnob Busgaard.

»Und der Nagel?« fuhr Thomas fort. »Könnte man sich nicht denken, der Dieb habe dieses Werkzeug als Nachschlüssel benutzt?«

Heiden blickte auf. »Das Werkzeug, das im Fach lag?«

Onkel Bus warf den Kopf zurück. – »Da sehen Sie selbst den klugen Kopenhagner! Ja, das ist klar. Der Dieb hat einen Nagel benutzt, der im Fach lag, und . . .«

Thomas richtete sich in die Höhe und sah den Gutsbesitzer streng an. »Du vergißt, daß wir vorläufig garnicht an einen Dieb glauben. Wir befinden uns noch in dem Stadium, wo wir mit vollem Recht den beargwöhnen, der den Diebstahl angezeigt hat, und das bist Du . . .«

»Da soll doch der Teufel . . .«

»Nein, er soll nicht,« sagte Thomas ruhig, »aber Du solltest Dir den Nagel ansehen, das Fach ist damit aufgezogen worden, es ist Lack an der Spitze des Nagels und Kratzer an dem Fach in der Umgebung des Schlüssellochs. Das Messer da ist zum schneiden gebraucht worden, es sitzen noch Holzsplitter an der kleinen Klinge.«

»Und was bedeutet das alles?« brummte Onkel Bus.

»Daß ich Eure Herrlichkeit nicht arretieren will, alldieweil Du nicht nötig hattest, einzubrechen, wenn Du den Schlüssel hattest. Und ich habe einen gewaltigen Respekt vor Deiner gesunden und natürlichen Begabung, aber ich will Dir, und ohne daß Du mich deshalb aufzufressen brauchst, doch nicht die Abgefeimtheit zutrauen, daß Du die Geschichte mit dem Nagel und dem Messer arrangiert hast. Nicht wahr, Herr Kreisrichter, ein Richter soll sich wohl vor genialen Hypothesen hüten! Man kann berühmt damit werden, man kann aber auch niederträchtig in die Tinte geraten damit. So ging es neulich einem überbegabten Kollegen von mir, den wir jedoch in diesem Zusammenhang ungenannt bleiben lassen wollen. Wenn Du dagegen angezeigt hättest, es sei ein Dietrich benutzt worden, so wärst Du es selbst gewesen. Lerne daraus, daß man vorsichtig sein soll, ehe man in einem wohlgeordneten Staat einen Diebstahl anmeldet.«

»Ja, das kann ich bei Gott merken,« brummte der Gutsbesitzer. »Aber sonst verstehe ich kein Wort von der ganzen Geschichte.«

»Nein,« sagte Thomas, »und das ist Dein Glück. – Du bist unschuldig.«

»Willst Du mich verschonen . . .«

Thomas lachte. »Du wirst doch nicht etwa auch zornig werden, weil wir sagen, daß Du unschuldig bist. Deine Entwicklung hat Dich in den letzten Jahren wirklich etwas von der geordneten Gesellschaft entfernt. Willst Du Dein Geld wieder haben, oder nicht?«

»Selbstverständlich,« schrie Onkel Bus.

Heiden blickte ärgerlich in die Höhe: »Dann müssen Sie ruhig sein.«

Polizeidiener Hansen kam mit Frau Busgaard zurück; er hatte sie im ganzen Hause gesucht. Sie war im Keller. Tyr und Tut zeigten sich in der Tür mit großen Augen und roten Köpfen, sie fanden es furchtbar spannend, aber sie wurden nicht zum Verhör zugelassen, sondern im Gegenteil von ihrem Vater ziemlich unsanft vor die Tür gesetzt.

Tante Mus fühlte sich bei der feierlichen Zurüstung ein wenig schwach in den Knien, aber sie wußte ja nichts und konnte nur beteuern, daß sie die Benutzung des Sekretärs als Schatzkammer keiner Menschenseele gegenüber erwähnt hatte, und damit war man um keinen Schritt weiter.

Thomas wühlte weiter in dem Fach, besonders interessierte er sich für das Bruchstück des Manschettenknopfes, das darin lag. Es war eine gebogene Metallplatte, mit dem geprägten Bild der Haupthalle von der Ausstellung zu Aarhus 1908. Es fuhr Thomas durch den Kopf, daß der Dieb diese Platte verloren haben könnte, und es galt daher zu konstatieren, ob sich ein Seitenstück zu dem Knopf im Hause fand.

»Onkel,« sagte Thomas scharf, in richtigem Untersuchungsrichterton, »darf ich Deine Manschettenknöpfe sehen?«

»Willst Du nicht lieber meine Hosenknöpfe sehen,« lautete die mürrische Antwort.

»Danke, nein, vorläufig nicht, laß mich die Manschettenknöpfe sehen.«

Er bekam sie zu sehen. Sie waren von Gold und glatt. »Onkel,« fragte er weiter, »kennst Du das Stück hier? Es lag im Fach.«

Onkel Bus schüttelte den Kopf. »Nein, das habe ich nie gesehen. Ich habe es nicht in das Fach gelegt, und ich kann Dir nicht sagen, wie es dahin gekommen ist.«

Thomas nickte. »Nein, das habe ich mir gedacht.« Er wendete sich an Frau Busgaard. »Danke, Tante, Du kannst gern wieder gehen.«

»Danke,« sagte sie. »Ihr habt mich furchtbar erschreckt.«

Heiden stand auf und verbeugte sich. – »Das war absolut nicht beabsichtigt. Sie müssen entschuldigen, gnädige Frau, aber wir halten Verhör.«

»Verhör,« schnaubte Busgaard, »ja wenn das Verhör heißen soll, anständige Leute zu verunglimpfen und ihre Kleider nachzusehen – ja entschuldigen Sie, Herr Kreisrichter, Sie tun ja nichts, aber der dort. – Was glotzt Du so, Du Satan.«

Thomas beugte sich zu Heiden hinüber.

»Herr Kreisrichter, wir wollen hoffen, daß dieser brave Landwirt nie vor eine höhere juristische Instanz zitiert wird! Das sage ich Dir, Onkel Bus, wenn das Schicksal Dich in Kopenhagen zu einem meiner Kollegen führt, so endest Du, hol mich der Teufel – um eine Deiner Redeblumen zu gebrauchen – in einer Zelle.«

»Einer Zelle,« sagte Busgaard und glotzte – »was für einer Zelle – was ist eine Zelle . . .«

»Ein Aufbewahrungsort für Personen, die nicht das nötige Verständnis für die Bedeutung und Würde des Gerichtes haben. Laß uns den gehörnten Schutzpatron bitten, daß er Dich davor bewahrt, vor einem Richterkollegium erscheinen zu müssen. Und nun geh mit Gott, Tante Mus.«

Das ließ Tante Mus sich nicht zweimal sagen. Sie ging mit dem Gefühl, einer drohenden Gefahr entronnen zu sein.

Onkel Bus' Pfeife war ausgegangen, und dazu gehörte viel. Er zündete sie ostentativ wieder an; es kochte inwendig in ihm, aber es war etwas in dem Ganzen, was ihn niederhielt. – Dieser Satans Thomas.

»Noch mehr?« fragte er schließlich.

»Ich weiß nicht, ob der Herr Kreisrichter noch etwas zu bemerken hat,« sagte Thomas mild und friedlich.

Heiden legte den Finger an die Nase: Offenbar muß es ein Hausdieb sein und der Manschettenknopf ist ein wertvoller Fingerzeig. Nun gilt es nur den zu finden, der das Seitenstück zu dem Manschettenknopf besitzt.«




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