Joseph Balsamo Denkwürdigkeiten eines Arztes 1
Alexandre Dumas der Ältere




Dumas (père), Alexandre

Joseph Balsamo





1 bis 4. Bändchen

Einleitung





I.

Der Donnersberg


Auf dem linken Rheinufer, ein paar Stunden von der kaiserlichen Stadt Worms, unfern von der Stelle, wo der Selzbach entspringt, beginnen die ersten Kettenglieder von mehreren Bergen, deren Höhen sich gegen Norden zu flüchten scheinen, wie eine Heerde erschrockener Büffel, welche im Nebel verschwinden würde.

Diese Berge beherrschen schon von ihrer Böschung an eine beinahe öde Landschaft, scheinen das Gefolge des höchsten derselben zu bilden und tragen jeder einen ausdrucksvollen Namen, der eine Form bezeichnet oder an eine Tradition erinnert: der eine ist der Königsstuhl, der andere der Rosenstein, der dritte der Falkenfels, der vierte der Schlangenkopf.

Derjenige, welcher am höchsten, seine Granitstirne mit einem Trümmerkranze umgürtend, zum Himmel emporragt, ist der Donnersberg.

Wenn der Abend den Schatten der Eichen verdichtet, wenn die letzten Sonnenstrahlen hinsterbend die hohen Gipfel dieser Riesenfamilie vergolden, so ist es, als steige allmälig die Stille von diesen erhabenen Stufen des Himmels bis zur Ebene herab und ein unsichtbarer, mächtiger Arm entwickle, um ihn über die durch das Geräusch und die Arbeiten des Tages ermüdete Welt auszubreiten, den langen, bläulichen Schleier, auf dessen Grunde die Sterne funkeln. Dann geht Alles unmerklich vom Wachen zum Schlafe über; Alles entschlummert auf der Erde und in der Luft.

Allein mitten in diesem Stillschweigen, verfolgt der bereits von uns erwähnte Selzbach, wie man ihn im Lande nennt, seinen geheimnißvollen Lauf unter den Tannen des Ufers, und obgleich ihn weder Tag noch Nacht aushalten, denn er muß sich in den Rhein werfen, der seine Ewigkeit ist, obgleich ihn nichts aufhält, sagen wir, ist doch der Sand seines Bettes so frisch, sind seine Schilfrohre so biegsam, seine Felsen so gut mit Moos und Steinbrech wattirt, daß keine seiner Wellen rauscht von Morsheim, wo er beginnt, bis Freiweinheim, wo er endigt.

Etwas oberhalb seines Ursprungs, zwischen Albisheim und Kirchheim-Bolanden, führt eine gekrümmte, zwischen zwei abschüssigen Wänden ausgehöhlte und von tiefen Geleisen durchfurchte Straße nach Dannenfels. Jenseits Dannenfels wird die Straße ein Fußpfad, dann nimmt der Fußpfad ab, verschwindet, verliert sich, und das Auge sucht vergebens auf dem Boden etwas Anderes, als den ungeheuren Abhang des Donnersbergs, dessen geheimnißvoller Gipfel, so oft vom Feuer des Herrn heimgesucht, das ihm seinen Namen gegeben hat, sich hinter einem Gürtel von grünen Bäumen wie hinter einer undurchdringlichen Mauer birgt.

Ist der Reisende einmal unter diesen Bäumen angelangt, welche so blätterreich, so buschreich sind, wie die Eichen der alten Dodona, so kann er seinen Weg fortsetzen, ohne daß man ihn, selbst am hellen Tage, von der Ebene aus gewahr wird, und wäre sein Pferd mit Schellen behängt, wie ein spanisches Maulthier, so würde man sein Geräusch doch nicht hören; wäre es mit Sammet und Gold bedeckt, wie das Roß eines Kaisers, so würde doch kein Strahl von Gold oder Purpur das Blätterwerk durchdringen, so sehr erstickt die Dichtheit des Waldes das Geräusch, so sehr tilgt die Dunkelheit seines Schattens die Farben.

Noch heute, wo die höchsten Berge einfache Beobachter geworden sind, noch heute, wo die poetischen Legenden des furchtbarsten Inhalts nur ein Lächeln des Zweifels auf den Lippen des Reisenden hervorrufen, noch heute erschreckt diese Einsamkeit und macht diesen Theil der Gegend so ehrwürdig, wo nur einzelne Häuser von gebrechlichem Aussehen, verlorene Schildwachen der benachbarten Dörfer, allein in einiger Entfernung von dem Zaubergürtel zum Vorschein kommen, um die Anwesenheit des Menschen in dieser Landschaft zu bezeugen.

Die Bewohner der in der Einsamkeit verlorenen Häuser sind Müller, welche lustig den Fluß ihr Korn zermalmen lassen, dessen Mehl sie nach Rockenhausen und Alzey bringen, oder Hirten, die ihr Vieh auf die Waide in den Bergen führen, und zuweilen sammt ihren Hunden bei dem Geräusche einer hundertjährigen Tanne beben, welche aus Altersschwäche in die unbekannten Tiefen des Waldes niederstürzt.

Denn die Erinnerungen der Gegend sind düsterer Natur und der Fußpfad, der sich jenseits Dannenfels mitten unter dem Heidekraut des Gebirges verliert, hat nicht immer, wie die Muthigsten sagen, ehrliche Christen in den Hafen des Heils geführt.

Vielleicht hat einer von den heutigen Bewohnern einst von seinem Vater oder von seinem Großvater erzählen hören, was wir jetzt selbst zu erzählen versuchen wollen.

Am 6. Mai 1770, in der Stunde, wo die Wasser des großen Flusses sich mit einem rosig weißen Reflexe färben, das heißt in dem Augenblick, wo für das ganze Rheingau die Sonne hinter der Thurmspitze des Münsters von Straßburg untergeht, das sie in zwei feurige Hemisphären zerschneidet, erschien ein Mann, nachdem er durch Alzey und Kirchheim-Bolanden geritten war, jenseits des Dorfes Dannenfels, folgte dem Fußpfade, so lange derselbe sichtbar blieb, stieg sodann, als jede Spur des Weges verschwand, von seinem Pferde, nahm es beim Zügel und band es ohne Zögern an die erste Tanne des furchtbaren Waldes.

Das Thier wieherte sehr unruhig und der Wald schien bei diesem ungewohnten Geräusch zu beben.

»Gut! gut!« murmelte der Reisende; »beruhige dich, mein guter Dscherid; wir haben zwölf Stunden zurückgelegt und du bist wenigstens am Ziele deines Laufes angelangt.«

Und der Reisende suchte mit dem Blicke die Tiefe des Blätterwerks zu ergründen; aber die Schatten waren bereits so undurchsichtig, daß man nur die schwarzen Massen unterschied, welche sich von andern, noch dichter schwarzen Massen abhoben. Nach dieser unfruchtbaren Forschung wandte sich der Reisende zu dem Thiere um, dessen arabischer Name zugleich seinen Ursprung und seine Schnelligkeit bezeichnete, nahm es mit beiden Händen unten am Kopfe, näherte die rauchenden Nüstern desselben seinem Munde und sprach:

»Lebe wohl, mein braves Pferd; wenn ich dich nicht wiedersehe, lebe wohl.«

Diese Worte waren von einem raschen Rundblicke begleitet, als hätte der Reisende gehört zu werden befürchtet oder gewünscht.

Das Pferd schüttelte seine seidene Mähne, stampfte mit dem Fuße auf den Boden, und wieherte mit jenem Wiehern, wie es dieses Thier bei Annäherung des Löwen in der Wüste hören lassen mußte.

Der Reisende bewegte diesmal nur den Kopf von oben nach unten, mit einem Lächeln, als wollte er sagen:

»Du täuschest dich nicht, Dscherid, die Gefahr ist hier.«

Ohne Zweifel zum Voraus entschlossen, die Gefahr nicht zu bekämpfen, nahm der abenteuerliche Unbekannte aus seinem Sattelbogen zwei schöne Pistolen mit ciselirten Läufen und mit Kolben von Vermeil, zog mit dem Krätzer die Ladung heraus, warf den Pfropf und die Kugel weg und schüttete das Pulver auf den Boden

Als dies bewerkstelligt war, steckte er die Pistolen in die Holfter.

Das ist noch nicht Alles.

Der Reisende trug an seinem Gürtel einen Säbel mit stählernem Griffe; er schnallte die Kuppel los, wickelte sie um den Säbel, schob das Ganze unter den Sattel und befestigte es mit dem Steigriemen so, daß die Spitze des Säbels nach der Weiche des Pferdes und der Griff nach der Schulter sah.

Nachdem diese seltsamen Förmlichkeiten erfüllt waren, schüttelte der Reisende seine staubigen Stiefeln, zog seine Handschuhe aus, suchte in seinen Taschen, fand darin eine Scheere und ein Federmesser mit einem Schildkrothefte, und warf Beides über seine Schulter, ohne nur zu schauen, wohin es fiel.

Sobald dies geschehen war, fuhr der Reisende zum letzten Male über das Kreuz von Dscherid, athmete, als wollte er seiner Brust den vollen Grad der Ausdehnung geben, den sie erlangen konnte, suchte dann vergebens irgend einen Fußpfad und trat, als er keinen sah, auf Zufall in den Wald.

Es ist unserer Ansicht nach der Augenblick, unsern Lesern einen genauen Begriff von dem Reisenden zu geben, den wir ihnen vor Augen gestellt haben, und der eine wichtige Rolle im Verlauf unserer Geschichte zu spielen bestimmt ist.

Derjenige, welcher, nachdem er vom Pferde gestiegen, sich so kühn in den Wald wagte, war ein Mann von etwa dreißig bis zwei und dreißig Jahren, von mehr als mittlerem Wuchse, aber so bewunderungswürdig gebaut, daß man zugleich die Kraft und die Gewandtheit in seinen geschmeidigen, nervigen Gliedern kreisen fühlte. Er trug eine Art von Reiserock von schwarzem Sammet mit goldenen Knopflöchern. Die zwei Enden einer gestickten Jacke erschienen unterhalb der letzten Knöpfe dieses Rockes, und eine anliegende Lederhose hob Beine hervor, die als Modell für einen Bildhauer hätten dienen können, und deren zierliche Formen man durch die gefirnißten Stiefeln errieth.

Sein Gesicht hatte die ganze Beweglichkeit der südlichen Typen und war eine seltsame Mischung von Kraft und Feinheit: sein Blick vermochte alle Gefühle auszudrücken und schien, wenn er sich auf Jemand heftete, zwei Lichtstrahlen in denjenigen zu tauchen, welchem er galt, um die tiefste Tiefe seiner Seele zu erleuchten. Seine braunen Wangen waren, wie man dies sogleich sah, von einer heißeren Sonne als die unsrige verbrannt Ein großer, aber schön geformter Mund endlich öffnete sich, um eine doppelte Reihe herrlicher Zähne sehen zu lassen, welche die Wärme der Gesichtshaut noch weißer erscheinen ließ. Der Fuß war lang, aber fein, die Hand klein, aber nervig.

Der Mann, dessen Portrait wir entworfen, hatte kaum zehn Schritte unter den schwarzen Tannen gemacht, als er ein rasches Stampfen an der Stelle hörte, wo er sein Pferd gelassen.

Seine erste Bewegung, eine Bewegung, über deren Absicht man sich nicht täuschen konnte, war, zurückzukehren: aber er bemeisterte sich, konnte jedoch dem Verlangen, zu sehen, was aus Dscherid geworden, nicht widerstehen, erhob sich auf den Fußspitzen und schoß einen Blick durch die Lichtung: fortgezogen durch eine unsichtbare Hand, welche den Zaum losgemacht, war Dscherid bereits verschwunden.

Die Stirne des Unbekannten faltete sich leicht und etwas wie ein Lächeln zog seine vollen Wangen und seine Lippen mit den seinen Rändern zusammen.

Dann setzte er seinen Weg gegen den Mittelpunkt des Waldes fort.

Noch einige Schritte leitete ihn die durch die Bäume dringende düstere Abenddämmerung in seinem Marsche; aber bald hörte dieser schwache Reflex auf, und er befand sich in einer so dichten Nacht, daß er nicht mehr sah, wohin er den Fuß setzte, und ohne Zweifel aus Furcht, sich zu verirren, stehen blieb.

»Ich bin nach Dannenfels gekommen,« sagte er laut, »denn von Mainz nach Dannenfels führt eine Landstraße; ich bin von Dannenfels auf die Schwarzheide gelangt, weil sich von Dannenfels nach der Schwarzheide ein Fußpfad findet; ich bin von der Schwarzheide hierher gekommen, obgleich es dann weder mehr eine Landstraße noch einen Fußpfad gab, denn ich gewahrte den Wald; aber hier bin ich genöthigt, stille zu stehen; ich sehe nichts mehr.«

Kaum waren diese Worte in einem halb französischen, halb sicilianischen Dialecte gesprochen, als ein Licht ungefähr fünfzig Schritte vor dem Reisenden hervorsprang.

»Ich danke,« sagte er, »das Licht mag nun gehen, ich werde ihm folgen.«

Sogleich ging das Licht ohne Schwankung, ohne Erschütterung, gleichmäßig sich fortbewegend, wie auf unsern Theatern jene phantastischen Flammen hingleiten, deren Gang durch den Maschinisten und den Scenisten geordnet ist.

Der Reisende machte noch ungefähr hundert Schritte, dann glaubte er etwas wie einen Hauch an seinem Ohr zu vernehmen.

Er schauerte.

»Wende Dich nicht um, oder Du bist todt,« sagte eine Stimme rechts.

»Gut,« erwiederte der unempfindliche Reisende ohne eine Miene zu verziehen.

»Sprich nicht, oder Du bist todt!« sagte eine Stimme links.

Der Reisende verbeugte sich ohne zu sprechen.

»Aber wenn Du Furcht hast«, sagte eine dritte Stimme, welche, wie die von Hamlets Vater aus den Eingeweiden der Erde zu kommen schien, »wenn Du Furcht hast, so kehre zurück, Du wirst dadurch bezeichnen, daß Du Verzicht leistest, und man läßt Dich zurückkehren, wohin Du willst.«

Der Reisende beschränkte sich darauf, eine Geberde mit der Hand zu machen, und setzte seinen Weg fort.

Die Nacht war so finster und der Wald so dicht, daß der Reisende trotz des Scheines, der ihn leitete, nur strauchelnd vorrückte. Die Flamme marschirte ungefähr eine Stunde, und der Reisende folgte ihr, ohne ein Murren hören zu lassen, ohne ein Zeichen der Furcht von sich zu geben.

Plötzlich verschwand sie.

Der Reisende war außerhalb des Waldes. Er schlug die Augen auf; durch das düstere Azur des Himmels funkelten einige Sterne.

Er marschirte in der Richtung weiter, in der das Licht verschwunden war; aber bald sah er, daß sich eine Ruine, das Gespenst eines alten Schlosses, vor ihm erhob.

Zu gleicher Zeit stieß sein Fuß an Trümmer.

Alsbald klebte sich ein eisiger Gegenstand an seine Schläfe und vermauerte seine Augen. Von da an sah er nicht einmal mehr die Finsterniß.

Eine Binde von benetzter Leinwand umschloß seinen Kopf. Es war ohne Zweifel eine verabredete Sache, wenigstens war es eine Sache, die er erwartete, denn er versuchte es nicht, die Binde aufzuheben; er streckte nur schweigend die Hand aus, wie es ein Blinder thut, der nach einem Führer verlangt.

Diese Geberde wurde begriffen, denn in demselben Augenblick klammerte sich eine kalte, trockene, knochige Hand an die Finger des Reisenden an.

Er erkannte, daß es die fleischlose Hand eines Skelettes war; wäre aber diese Hand mit Gefühl begabt gewesen, so würde sie erkannt haben, daß die seinige nicht zitterte.

Dann fühlte sich der Reisende rasch durch einen Raum von ungefähr hundert Klaftern fortgezogen.

Plötzlich verließ die Hand die seinige, die Binde flog von seiner Stirne, und der Unbekannte blieb stehen: er war auf dem Gipfel des Donnersbergs angelangt.




II.

Ich bin, der ich bin


Mitten in einer Lichtung, welche durch das Alter kahl gewordene Birken bildeten, erhob sich das Erdgeschoß von einem jener in Trümmer liegenden Schlösser, welche die Feudalherren einst in Europa umher bei der Rückkehr von den Kreuzzügen ausstreuten.








Die Vorhallen mit ihren schönen Zierrathen von gediegener Bildhauerarbeit, welche in jeder Höhlung, statt der verstümmelten und an den Fuß der Mauer gestürzten Statue, ein Buschwerk von Heidekraut oder wilden Blumen verbargen, hoben von einem bleichen Himmel ihre durch den Einsturz ausgezackten Gewölbe ab.

Als der Reisende die Augen öffnete, sah er sich vor den feuchten, moosigen Stufen des Hauptsäulenganges; auf der ersten von diesen Stufen stand aufrecht das Gespenst mit der knochigen Hand, das ihn hierher geführt hatte.

Ein langes Schweißtuch umhüllte dasselbe vom Kopf bis zu den Füßen; unter den Falten des Tuches funkelten seine Augenhöhlen ohne Blick, seine fleischlose Hand war gegen das Innere der Ruine ausgestreckt und schien dem Reisenden als Ziel seines Ganges einen Saal anzudeuten, dessen Erhöhung über dem Boden die inneren Theile verbarg, während man in seinen eingesunkenen Gewölben ein dumpfes, geheimnißvolles Licht zittern sah.

Der Reisende neigte sein Haupt als Zeichen der Einwilligung. Das Gespenst stieg langsam, eine Stufe nach der andern und ohne Geräusch in die Ruine; der Unbekannte folgte ihm mit demselben ruhigen, feierlichen Schritte, nach dem er stets seinen Gang geregelt hatte, stieg ebenfalls eine nach der andern die eilf Stufen hinauf, auf denen ihm das Gespenst vorangegangen war, und trat ein.

Hinter ihm schloß sich so geräuschvoll als eine von Erz vibrirende Mauer die Thüre der Haupthalle.

Am Eingang eines kreisförmigen, von drei Lampen mit grünlichem Wiederscheine beleuchteten Saales blieb das Gespenst stehen.

Zehn Schritte von ihm blieb der Reisende ebenfalls stehen.

»Oeffne die Augen,« sagte das Gespenst.

»Ich sehe,« antwortete der Unbekannte.

Sodann mit einer steifen, stolzen Geberde ein zweischneidiges Schwert unter seinem Leichentuche hervorziehend, schlug das Gespenst an eine eherne Säule, welche den Schlag durch ein metallisches Brüllen erwiederte.

Sogleich erhoben sich rings im Saale umher Platten, und zahllose Gespenster, dem ersten ähnlich, erschienen, jedes mit einem zweischneidigen Schwerte bewaffnet, und nahmen Platz auf kreisförmigen Stufen, wo besonders der grünliche Schimmer der drei Lampen wiederstrahlte, und wo sie, durch ihre Kälte und ihre Unbeweglichkeit mit dem Steine vermischt, Bildsäulen auf ihren Piedestalen zu sein schienen.

Jede von diesen Bildsäulen hob sich seltsam auf der schwarzen Draperie hervor, welche die Wände bedeckte.

Sieben Stühle waren vor die erste Stufe gestellt; auf diesen Stühlen saßen sechs Gespenster, welche Häupter zu sein schienen, während der siebente Stuhl leer war.

Derjenige, welcher auf dem Stuhle in der Mitte saß, stand auf und sprach, indem er sich gegen die Versammlung wandte:

»Wie viel sind wir hier, meine Brüder?«

»Dreihundert,« antworteten die Gespenster mit einer Stimme, welche im Saale donnerte und sich beinahe in demselben Augenblick an dem Leichenbehänge der Wände brach.

»Dreihundert, von denen jeder zehntausend Verbündete vertritt,« sagte der Präsident, »dreihundert Schwerter, welche so viel werth sind, als drei Millionen Dolche.«

Dann sich an den Reisenden wendend fragte er:

»Was verlangst Du?«

»Das Licht zu sehen,« antwortete dieser.

»Die Pfade, welche auf den Feuerberg führen, sind rauh und hart; fürchtest Du Dich nicht, dieselben zu betreten?«

»Ich fürchte nichts.«

»Hast Du einmal einen Schritt vorwärts gemacht, so ist es Dir nicht mehr gestattet, umzukehren Bedenke dies.«

»Ich werde nur stille stehen, wenn ich das Ziel berührt habe.«

»Bist Du bereit, zu schwören?«

»Sprecht mir den Schwur vor und ich werde ihn wiederholen.«

Der Präsident erhob die Hand und sprach mit langsamem, feierlichem Tone folgende Worte:

»Im Namen des gekreuzigten Sohnes schwöret, die fleischlichen Bande zu brechen, welche Euch noch an Vater, Mutter, Brüder, Schwestern, Frau, Verwandte, Freunde, Geliebtinnen, Könige, Wohlthäter und an irgend ein Wesen binden, dem Ihr Treue, Gehorsam, Dankbarkeit oder Dienstbarkeit gelobt habt.«

Der Reisende wiederholte mit fester Stimme die Worte, die ihm von dem Präsidenten vorgesprochen wurden, welcher zum zweiten Paragraphen des Schwures überging und gleich langsam und feierlich fortfuhr:

»Von diesem Augenblicke an seid Ihr von dem dem Vaterlande und den Gesetzen geleisteten angeblichen Eide frei; schwöret also dem neuen Haupte, das Ihr anerkennt, zu enthüllen, was Ihr gesehen oder gethan, gelesen oder gehört, erfahren oder errathen habt, und sogar das, was sich Euren Augen nicht bieten würde, zu erforschen und zu erspähen.«

Der Präsident schwieg und der Unbekannte wiederholte die Worte, die er gehört hatte.

Dann fuhr der Präsident, ohne den Ton zu verändern, fort:

»Ehret und achtet die Aqua Tosana als ein rasches, sicheres, nothwendiges Mittel, um die Erde durch den Tod oder durch die Verblödung derjenigen zu reinigen, welche die Wahrheit zu erniedrigen oder unsern Händen zu entreißen suchen.«

Ein Echo hätte nicht getreuer diese Worte wiedergegeben, als es der Unbekannte that; der Präsident fuhr fort:

»Flieht Spanien, flieht Neapel, flieht jedes verfluchte Land, flieht die Versuchung, irgend etwas von dem, was Ihr hören oder sehen werdet, zu enthüllen, denn der Blitz trifft nicht rascher, als Euch, wo Ihr auch immer sein möget, das unsichtbare und unvermeidliche Messer erreichen wird.«

»Lebet im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes.«

Trotz der Drohung, welche diese letzten Zeilen enthielten, war es unmöglich, eine Bewegung auf dem Antlitz des Unbekannten wahrzunehmen, der das Ende des Schwures und die Anrufung, die ihm folgte, mit eben so ruhigem Tone aussprach, als er den Ansang gesprochen hatte.

»Und nun umhüllt die Stirne des Aufzunehmenden mit der heiligen Binde,« sagte der Präsident.

Zwei Gespenster näherten sich dem Unbekannten; dieser neigte das Haupt, und eines von ihnen legte auf seine Stirne ein aurorfarbiges Band, das mit silbernen Charakteren beladen war, unter denen das Bild von Unserer Lieben Frau von Loretto sichtbar wurde; das andere Gespenst knüpfte hinter ihm die zwei Enden unten am Halse.

Dann entfernten sie sich und ließen den Unbekannten abermals allein.

»Was verlangst Du?« sprach der Präsident zu ihm.

»Drei Dinge,« antwortete der Candidat.

»Welche Dinge?«

»Die eiserne Hand, das feurige Schwert, die diamantene Wage.«

»Warum wünschest Du die eiserne Hand?«

»Um die Tyrannen zu ersticken.«

»Warum wünschest Du das feurige Schwert?«

»Um den Unreinen von der Erde zu verjagen.«

»Warum wünschest Du die diamantene Wage?«

»Um die Geschicke der Menschheit abzuwägen.«

»Bist Du für die Proben vorbereitet?«

»Der Starke ist zu Allem vorbereitet.«

»Die Proben! die Proben!« riefen mehrere Stimmen.

»Kehre Dich um,« sagte der Präsident.

Der Unbekannte gehorchte und sah sich gegenüber einen Menschen, der bleich wie der Tod, geknebelt und gebunden war.

»Was siehst Du?« fragte der Präsident.

»Einen Verbrecher oder ein Opfer.«

»Es ist ein Verräther, der, nachdem er den Eid geleistet, den Du geleistet hast, das Geheimniß des Ordens offenbarte.«

»Es ist also ein Verbrecher.«

»Ja; welche Strafe hat er verdient?«

»Den Tod.«

Die dreihundert Gespenster wiederholten: »Den Tod!«

In demselben Augenblick wurde der Verurtheilte trotz übermenschlicher Gegenwehr in die Tiefen des Saales fortgezogen; der Reisende sah, wie er sich in den Händen seiner Henker krümmte und sträubte; er hörte seine pfeifende Stimme durch das Hinderniß des Knebels, Ein Dolch funkelte und wiederstrahlte wie ein Blitz im Schimmer der Lampen; dann hörte man einen matten Stoß, und das Geräusch eines schwerfällig aus den Boden fallenden Körpers erscholl dumpf und schauervoll.

»Es ist Gerechtigkeit geschehen,« sprach der Unbekannte, sich gegen den furchtbaren Kreis umwendend, der mit gierigen Blicken durch die Schweißtücher dieses Schauspiel verschlungen hatte.

»Du billigst also die Hinrichtung, welche so eben stattgefunden hat?« sagte der Präsident.

»Ja, wenn derjenige, welcher den Streich erhalten, wirklich schuldig war.«

»Und Du würdest auf den Tod jedes Menschen trinken, der, wie er, die Geheimnisse der heiligen Verbindung verriethe?«

»Ich würde trinken.«

»Was für ein Getränke es auch sein möchte?«

»Was für eines es auch sein möchte.«

»Bringt die Schale,« sprach der Präsident.

Einer von den zwei Henkern näherte sich dem Aufzunehmenden und reichte ihm einen rothen, lauen Saft in einem Menschenschädel, der auf einem bronzenen Fuße befestigt war.

Der Unbekannte nahm die Schale aus den Händen des Henkers, erhob sie über seinen Kopf und sprach:

»Ich trinke auf den Tod jedes Menschen, der die Geheimnisse der heiligen Verbindung verräth.«

Dann senkte er die Schale zur Höhe seiner Lippen, leerte sie bis auf den letzten Tropfen und gab sie kalt demjenigen zurück, welcher sie ihm gereicht hatte.

Ein Gemurmel des Erstaunens durchlief die Versammlung, und die Gespenster schienen sich einander durch ihre Leichentücher anzuschauen.

»Es ist gut,« sprach der Präsident. »Die Pistole!«

Ein Gespenst näherte sich dem Präsidenten, in einer Hand eine Pistole, in der andern eine bleierne Kugel und eine Ladung Pulver haltend.

Der Aufzunehmende wandte kaum seine Augen nach dem Gespenste.

»Du gelobst also der heiligen Versammlung leidenden Gehorsam?« fragte der Präsident.

»Ja«

»Sogar wenn dieser Gehorsam an Dir selbst geübt werden müßte?«

»Derjenige, welcher hier eintritt, gehört nicht sich, sondern Allen.«

»Du wirst also gehorchen, welcher Befehl Dir auch von mir gegeben werden mag?«

»Ich werde gehorchen.«

»Auf der Stelle?«

»Auf der Stelle.«

»Ohne Zögern?«

»Ohne Zögern.«

»Nimm die Pistole und lade sie.«

Der Unbekannte nahm die Pistole, goß das Pulver in den Lauf, setzte einen Pfropf darauf und ließ dann die Kugel hineinfallen, die er mit einem zweiten Pfropf befestigte, wonach er Pulver auf die Pfanne schüttete.

Alle die dunkeln Bewohner dieses seltsamen Ortes schauten ihn mit einem düsteren Stillschweigen an, das nur durch das Geräusch des an die Bogen der Gewölbe anprallenden Windes unterbrochen wurde.

»Die Pistole ist geladen,« sprach kalt der Unbekannte.

»Bist Du dessen sicher?« fragte der Präsident.

Ein Lächeln zog über die Lippen des Aufzunehmenden, und dieser nahm den Ladstock und ließ ihn in den Lauf des Gewehres fallen, aus dem er zwei Zoll hervorragte.

Der Präsident bedeutete durch ein Zeichen, daß er überzeugt sei.

»Ja,« sagte er, »sie ist in der That geladen, und gut geladen.«

»Was soll ich thun?« fragte der Unbekannte.

»Spanne.«

Der Unbekannte spannte die Pistole, und man hörte unter dem tiefen Stillschweigen, das die Zwischenräume des Zwiegespräches begleitete, das Krachen des Hahnen.

»Nun halte die Mündung der Pistole an Deine Stirne,« fuhr der Präsident fort.

Der Unbekannte gehorchte, ohne zu zögern.

Ein tieferes Stillschweigen als je lagerte sich über der Versammlung; die Lampen schienen zu erbleichen; diese Gespenster waren wirklich Gespenster, denn keines von ihnen hatte Athem.

»Feuer!« sagte der Präsident.

Der Drücker rührte sich, der Stein funkelte auf der Batterie; aber nur das Pulver der Pfanne entzündete sich und kein Geräusch begleitete seine ephemere Flamme.

Ein Schrei der Bewunderung entströmte beinahe jeder Brust, und der Präsident streckte mit einer instinktartigen Bewegung die Hand gegen den Unbekannten aus.

Doch zwei Proben genügten ohne Zweifel den Anspruchsvollsten nicht, und einige Stimmen riefen:

»Den Dolch! den Dolch!«

»Ihr verlangt ihn?« fragte der Präsident.

»Ja, den Dolch! den Dolch!« wiederholten dieselben Stimmen.

»Bringt den Dolch,« sprach der Präsident.

»Es ist unnöthig,« sagte der Unbekannte, verächtlich den Kopf schüttelnd.

»Wie, unnöthig!« rief die Versammlung.

»Ja, unnöthig!« entgegnete der Auszunehmende mit einer Stimme, welche alle andere Stimmen bedeckte; »ich wiederhole es Euch, denn Ihr verliert eine kostbare Zeit.«

»Was sagst Du da?« rief der Präsident.

»Ich sage, daß ich alle Eure Geheimnisse kenne, daß die Proben, denen Ihr mich unterwerft, Kinderspiele sind, unwürdig, einen Augenblick ernste Wesen zu beschäftigen. Ich sage, daß dieser ermordete Mensch nicht todt ist, ich sage, daß das Blut, das ich getrunken, in einem aus seiner Brust liegenden und unter seinen Kleidern verborgenen Schlauche enthaltener Wein war, ich sage, daß das Pulver und die Kugeln in dem Augenblick, wo ich den Hahnen spannte, in den Kolben gefallen sind. Nehmt also Eure ohnmächtige Waffe zurück, denn sie taugt nur dazu, Feige zu erschrecken. Stehe auf, lügnerischer Leichnam, denn Du wirst die Starken nicht einschüchtern.«

Ein furchtbarer Schrei erhob sich und machte die Gewölbe schallen.

»Du kennst unsere Geheimnisse,« rief der Präsident; »Du bist also ein Seher oder ein Verräther?«

»Wer bist Du?« fragten dreihundert Stimmen, während zu gleicher Zeit zwanzig Schwerter in den Händen der nächsten Gespenster funkelten und durch eine regelmäßige Bewegung, wie es die einer eingeübten Phalanx gewesen wäre, sich senkten und auf der Brust des Unbekannten vereinigten.

Aber lächelnd, ruhig, das Haupt erhebend und seine Haare schüttelnd, welche nur durch das Band gehalten wurden, das man um seine Stirne gewickelt hatte, sprach er:

»Ego sum qui sum, ich bin, der ich bin.«

Dann ließ er seine Augen auf der menschlichen Mauer, welche ihn enge umschloß, umherlaufen; bei seinem gebieterischen Blicke sanken die Schwerter durch ungleiche Bewegungen nieder, je nachdem diejenigen, welche der Unbekannte mit diesem Blicke traf, sogleich seinem Einflusse wichen, oder ihn zu bekämpfen suchten.

»Du hast ein unkluges Wort ausgesprochen,« sagte der Präsident; »ohne Zweifel sprachst Du es nur, weil Du das Gewicht desselben nicht kennst.«

Der Fremde schüttelte lächelnd den Kopf und erwiederte:

»Ich habe geantwortet, was ich antworten muß.«

»Woher kommst Du denn?« fragte der Präsident.

»Ich komme von dem Lande, von dem das Licht kommt.«

»Unsere Instructionen melden uns, Du kommest von Schweden.«

»Wer von Schweden kommt, kann vom Orient kommen,« antwortete der Fremde.

»Zum zweiten Male, wir kennen Dich nicht. Wer bist Du?«

»Wer ich bin?  . . .« versetzte der Unbekannte; »ich werde es Euch sogleich sagen, da Ihr Euch stellt, als begriffet Ihr mich nicht; zuvor aber will ich Euch sagen, wer Ihr selbst seid.«

Die Gespenster bebten und ihre Schwerter schlugen an einander, während sie von ihrer linken Hand in ihre rechte übergingen und sich bis zu der Höhe der Brust des Unbekannten erhoben.

»Vor Allem Du,« fuhr der Unbekannte, die Hand gegen den Präsidenten ausstreckend, fort, »Du, der Du zu mir sprichst, und der Du Dich für einen Gott hältst und nur ein Vorläufer bist, Du, der Präsident der schwedischen Kreise  . . . ich werde Dir Deinen. Namen sagen, damit ich nicht nöthig habe, Dir die der Andern zu nennen: Swedenborg, haben Dir die Engel, welche vertraulichen Umgang mit Dir pflegen, nicht geoffenbart, daß derjenige, welchen Du erwartetest, sich auf den Weg begeben?«

»Das ist wahr,« antwortete der Präsident, sein Leichentuch erhebend, um den Sprechenden besser zu sehen, »sie haben es mir gesagt.«

Und derjenige, welcher gegen alle Gebräuche der Gesellschaft sein Leichentuch erhob, zeigte hiedurch das ehrwürdige Gesicht und den weißen Bart eines achtzigjährigen Greises.

»Gut,« sprach der Fremde; »zu Deiner Linken ist der Vertreter des englischen Kreises, welcher in der Loge Caledonia präsidirt. Heil, Mylord! wenn das Blut Eures Ahnen in Euch fortlebt, darf England hoffen, daß sich das erloschene Licht wieder entzünden wird.«

Die Schwerter senkten sich; der Zorn fing an dem Erstaunen Platz zu machen.

»Ah! Ihr seid es, Kapitän,« fuhr der Unbekannte, sich an das letzte Haupt zur Linken des Präsidenten wendend, fort; »in welchem Hafen habt Ihr Euer schönes Schiff gelassen, dem Ihr zugethan seid, wie einer Geliebten? Es ist eine brave Fregatte, nicht wahr, die Providence und ein Name, der Amerika Glück bringen wird?«

Dann sich an denjenigen wendend, welcher rechts vom Präsidenten stand:

»Nun ist es an Dir, Prophet von Zürich, schau’ mir in’s Antlitz, Du, der, Du die physiognomische Wissenschaft bis zur Divination getrieben hast, und sage laut, ob Du nicht in meinem Gesichte den Beweis meiner Sendung erkennst?«

Derjenige, an welchen er sich wandte, wich einen Schritt zurück.

»Auf,« sprach er weiter, indem er sich an seinen Nachbar wandte, »auf, Abkömmling von Pelagius, es handelt sich darum, zum zweiten Male die Mauren aus Spanien zu vertreiben. Das wird etwas Leichtes sein, wenn die Castilier nicht für immer das Schwert des Cid verloren haben.«

Das fünfte Haupt blieb stumm und unbeweglich; es war, als hätte es die Stimme des Unbekannten in Stein verwandelt.

»Und mir,« versetzte das sechste Haupt, den Worten des Unbekannten, der es zu vergessen schien, entgegenkommend, »und mir hast Du nichts zu sagen?«

»Doch,« antwortete der Reisende, indem er einen von jenen durchdringenden Blicken, welche die Herzen ergründen, auf ihn heftete, »doch, ich habe Dir zu sagen, was Jesus zu Judas gesagt hat, und werde es Dir auch sogleich sagen.«

Derjenige, zu welchem er sprach, wurde weißer als sein Leichentuch, während ein die ganze Versammlung durchlaufendes Gemurmel von dem Fremden Rechenschaft über diese sonderbare Anschuldigung zu fordern schien.

»Du vergißt den Vertreter von Frankreich,« sagte der Präsident.

»Dieser ist nicht unter uns,« antwortete stolz der Fremde, »und Du weißt es wohl, Du, der Du sprichst, da sein Sitz hier leer ist. Erinnere Dich nun, daß die Fallen denjenigen lächeln machen, welcher in der Finsterniß sieht, welcher trotz der Elemente handelt und trotz des Todes lebt.«

»Du bist jung,« entgegnete der Präsident, »und Du sprichst mit dem Ansehen eines Gottes. Bedenke ebenfalls, die Kühnheit betäubt nur die unentschlossenen oder unwissenden Menschen.«

Ein Lächeln erhabener Verachtung trat auf die Lippen des Fremden und er sprach:

»Ihr seid insgesammt unentschlossen, da Ihr nicht auf mich zu wirken vermöget; Ihr seit insgesammt unwissend, da Ihr nicht wißt, wer ich bin, während ich weiß, wer Ihr seid; ich werde also bei Euch mit der Kühnheit allein siegen; doch wozu dient die Kühnheit demjenigen, welcher allmächtig ist?«

»Die Probe dieser Macht,« rief der Präsident; »gebt uns die Probe.«

»Wer hat Euch zusammenberufen?« sprach der Unbekannte, von der Rolle des Befragten zu der des Fragenden übergehend.

»Nicht ohne Zweck,« sagte der Fremde, sich an den Präsidenten und die fünf Häupter wendend, »nicht ohne Zweck seid Ihr gekommen, Ihr von Schweden, Ihr von London, Ihr von New-York, Ihr von Zürich, Ihr von Madrid, Ihr Alle endlich,« fuhr er sich an die Menge wendend fort, »nicht ohne Zweck seid Ihr von den vier Welttheilen gekommen, um Euch in dem Allerheiligsten des furchtbaren Glaubens zu versammeln.«

»Allerdings nicht,« antwortete der Präsident, »wir kommen demjenigen entgegen, welcher ein geheimnißvolles Reich im Orient gegründet, die zwei Hemisphären in einer Gemeinschaft des Glaubens vereinigt und die brüderlichen Hände des Menschengeschlechts mit einander verschlungen hat.«

»Gibt es ein gewisses Zeichen, an welchem Ihr ihn zu erkennen im Stande seid?«

»Ja,« sprach der Präsident, »und Gott hat die Gnade gehabt, es mir durch die Vermittelung seiner Engel zu enthüllen.«

»Also kennt Ihr allein dieses Zeichen?«

»Ich allein kenne es.«

»Ihr habt dieses Zeichen Niemand enthüllt?«

»Niemand in der Welt.«

»Nennt es ganz laut.«

Der Präsident zögerte.

»Nennt es,« wiederholte der Fremde mit befehlendem Tone, »nennt es, denn der Augenblick der Offenbarung ist gekommen.«

Der Präsident antwortete:

»Er wird auf seiner Brust einen diamantenen Stern tragen, und auf diesem Stern werden die drei ersten Buchstaben eines nur ihm allein bekannten Wahlspruches funkeln.«

»Wie heißen diese drei Buchstaben?«

»L. P. D.«

Der Fremde schob mit einer raschen Bewegung seinen Rock und seine Weste auf die Seite, und auf seinem Hemde von seinem Batist erschien glänzend wie ein flammendes Gestirn der diamantene Stern und auf diesem funkelten die drei Buchstaben in Rubin.

»Er!!« rief der Präsident erschrocken; »sollte er es sein?«

»Derjenige, welchen die Welt erwartet?« fragten ängstlich die Häupter.

»Der Großkophta?« murmelten dreihundert Stimmen.

»Nun!« rief der Fremde mit dem Ausdrucke des Triumphes, »werdet Ihr mir nun glauben, wenn ich Euch zum zweiten Male wiederhole: Ich bin, der ich bin.«

»Ja,« sagten die Gespenster sich niederwerfend.

»Sprecht, Meister,« riefen der Präsident und die fünf Häupter; »sprecht, und wir werden gehorchen.«




III.

L. P. D


Es trat ein Stillschweigen von einigen Sekunden ein; der Unbekannte schien mittlerweile seine Gedanken zu sammeln und sprach sodann:

»Meine edle Herren, Ihr könnt die Schwerter ablegen, welche Eure Arme unnöthig ermüden, und mir ein aufmerksames Ohr schenken, denn Ihr werdet viel in den wenigen Worten zu lernen haben, die ich an Euch richte.«

Die Aufmerksamkeit verdoppelte sich.

»Die Quelle der großen Flüsse ist beinahe immer göttlich und deshalb unbekannt; wie der Nil, wie der Ganges, wie der Amazonenfluß, weiß ich, wohin ich gehe, aber ich weiß nicht woher ich komme! Ich erinnere mich nur, daß ich mich an dem Tage, wo sich die Augen meiner Seele der Auffassung äußerer Gegenstände erschlossen, in Medina, der heiligen Stadt, befand und in den Gärten des Mufti Salaaym umher lief. Dies war ein ehrwürdiger Greis, den ich wie meinen Vater liebte, der jedoch nicht mein Vater war; denn wenn er mich voll Zärtlichkeit anschaute, so sprach er doch nur mit Ehrfurcht zu mir; dreimal des Tags entfernte er sich, um einen andern Greis zu mir gelangen zu lassen, dessen Namen ich nie anders als mit einer Ehrfurcht ausspreche, in welche sich Dankbarkeit mischt.

Dieser ehrwürdige Greis, ein erhabener Behälter aller menschlichen Wissenschaften, unterrichtet durch die sieben höchsten Geister in Allem, was die Engel lernen, um Gott zu begreifen, heißt Althotas; er wurde mein Erzieher, mein Lehrer; er ist noch mein Freund, ein ehrwürdiger Freund, denn er hat zweimal das Alter des Aeltesten unter Euch.«

Diese feierliche Sprache, diese majestätischen Geberden, dieser salbungsreiche und zugleich strenge Ton brachten auf die Versammlung einen von jenen Eindrücken hervor, welche sich in langen Schauern der Beklemmung auflösen.

»Als ich mein fünfzehntes Jahr erreichte, war ich bereits in die bedeutendsten Geheimnisse der Natur eingeweiht. Ich kannte die Botanik, nicht die enge Wissenschaft, welche jeder Gelehrte auf das Studium des Winkels der Welt, den er bewohnt, beschränkt, sondern ich kannte die sechzigtausend Pflanzenfamilien, welche auf der ganzen Welt vegetiren. Ich wußte, wenn mich mein Lehrer dazu zwang, indem er mir die Hände auf die Stirne legte und in meine geschlossenen Augen einen Strahl des himmlischen Lichtes fallen ließ, ich wußte durch eine, beinahe übernatürliche Betrachtung meinen Blick unter die Wellen des Meeres zu tauchen und die ungestalten, unbeschreibbaren Vegetationen zu klassificiren, welche zwischen den zwei Lagern schlammigen Wassers dumpf schwimmen und sich schaukeln und mit ihren riesigen Zweigen die Wiege aller der häßlichen und beinahe formlosen Ungeheuer bedecken, welche das Gesicht des Menschen nie erschaut hat und die Gott seit dem Tage, wo aufrührerische Engel seine einen Augenblick besiegte Macht sie zu schaffen zwangen, vergessen haben muß.

Ich hatte mich überdies den todten und den lebendigen Sprachen gewidmet. Ich kenne alle Idiome, welche man von der, Meerenge der Dardanellen bis zur Meerenge von Magelhaens spricht. Ich las die geheimnißvollen Hieroglyphen geschrieben auf jene Granitbücher, die man die Pyramiden nennt. Ich umfaßte alle menschliche Wissenschaften von Sanchuniathon bis Sokrates, von Moses bis auf den heiligen Hieronymus, von Zoroaster bis Agrippa.

Ich studirte die Medicin, nicht allein im Hippokrates, im Galien, im Averrhoes, sondern auch in dem großen Meister, den man die Natur nennt. Ich erlauschte die Geheimnisse der Kophten und Drusen Ich sammelte den unheilvollen und den glücklichen Samen. Ich konnte, wenn der Samum und der Orkan über mein Haupt hinzogen, ihrem Hauche unbekannte Körner anvertrauen, welche fern von mir den Tod oder das Leben trugen, je nachdem ich die Gegend, nach welcher ich mein zorniges oder lächelndes Gesicht wandte, gesegnet oder verflucht hatte.

Mitten unter diesen Studien, unter diesen Arbeiten, unter diesen Reisen erreichte ich mein zwanzigstes Jahr.

Eines Tages suchte mich mein Lehrer in der Marmorgrotte auf, in welche ich mich während der großen Hitze des Tages zurückzog. Sein Gesicht war zugleich streng und lächelnd; er hielt ein Fläschchen in der Hand.

‚Acharat,’ sprach er zu mir, ‚ich habe Dir immer gesagt, nichts werde geboren, nichts sterbe in der Welt; die Wiege und der Sarg seien Brüder; es fehle dem Menschen, um klar in seine vergangenen Existenzen zu sehen, nur die Hellsichtigkeit, die ihn Gott gleich machen werde, denn von dem Tage, wo er diese Hellsichtigkeit erlangt habe, werde er sich unsterblich wie Gott fühlen. Nun, ich habe einstweilen den Trank gefunden, der die Finsterniß zerstreut, bis ich denjenigen finde, welcher den Tod verjagt. Acharat, ich habe gestern getrunken, was in diesem Fläschchen fehlt.’

Ich hegte ein großes Vertrauen, eine tiefe Verehrung für meinen würdigen Lehrer, und dennoch zitterte meine Hand, als sie das Fläschchen berührte, das mir Althotas reichte, wie die Hand von Adam gezittert haben muß, da er den Apfel berührte, den ihm Eva bot.

‚Trinke,’ sagte er lächelnd zu mir.

Ich trank.

Dann legte er mir die Hände auf den Kopf, wie er dies zu thun pflegte, wenn er mich für den Augenblick mit dem zweiten Gesichte begaben wollte.

‚Schlafe und erinnere Dich,’ sprach er zu mir.

Ich entschlummerte sogleich. Dann träumte mir, ich liege auf einem Scheiterhaufen von Sandelholz und Aloen; ein Engel, der, den Willen des Herrn von Osten nach dem Westen tragend, vorüber kam, berührte meinen Scheiterhaufen mit dem Ende des Flügels und er fing Feuer. Aber statt von der Angst erfaßt zu werden, statt diese Flamme zu fürchten, streckte ich mich wollüstig inmitten der glühenden Zungen aus, wie es der Phönix thut, der ein neues Leben in dem Principe alles Lebens geschöpft hat.

Dann verschwand Alles, was Materielles in mir war, die Seele allein blieb; sie behielt die Form des Körpers, aber durchsichtig, ungreifbar, leichter, als die Atmosphäre, in der wir leben und über die sie sich erhob. Wie Pythagoras, der sich bei der Belagerung von Troja gewesen zu sein erinnerte, erinnerte ich mich sodann der zwei und dreißig Existenzen, die ich durchlebt hatte. Ich sah unter meinen Augen die Jahrhunderte wie eine Reihe großer Greise vorübergehen. Ich erkannte mich unter den verschiedenen Namen, die ich seit dem Tage meiner ersten Geburt bis zu meinem letzten Tode geführt hatte, denn Ihr wißt, meine Brüder, und das ist einer der positivsten Punkte unseres Glaubens, die Seelen, diese zahllosen Ausströmungen der Gottheit, welche bei jedem Hauche aus der Brust Gottes hervorkommen, erfüllen die Luft, vertheilen sich in einer großen Hierarchie, von den erhabensten bis zu den geringsten Seelen, und der Mensch, der zur Stunde seiner Geburt, vielleicht auf den Zufall, eine von den zuvor bestehenden Seelen einathmet, gibt sie zur Stunde seines Todes einer neuen Laufbahn und nachfolgenden Umwandlungen zurück.«

Derjenige, welcher sprach, sprach mit so überzeugtem Tone, schlug seine Augen mit einem so erhabenen Blicke zum Himmel auf, daß ihn bei dieser Periode seines Geistes, welche seinen ganzen Glauben zusammenfaßte, ein Gemurmel der Bewunderung unterbrach; das Erstaunen machte der Bewunderung Platz, wie der Zorn dem Erstaunen Platz gemacht hatte.

»Als ich erwachte,« fuhr der Erleuchtete fort, »fühlte ich, daß ich mehr als ein Mensch, begriff ich, daß ich beinahe ein Gott war.

Da beschloß ich, nicht nur mein gegenwärtiges Dasein, sondern auch alle Existenzen, die ich fernerhin zu leben habe, dem Glücke der Menschheit zu weihen.

Am andern Tage, als hätte er mein Vorhaben errathen, kam Althotas zu mir und sprach:

‚Mein Sohn, es sind zwanzig Jahre, als Eure Mutter, indem sie Euch das Leben gab, verschied; seit zwanzig Jahren hält ein unüberwindliches Hinderniß Euren erhabenen Vater ab, sich Euch zu offenbaren; wir werden unsere Reisen wieder fortsetzen; Euer Vater wird unter denjenigen sein, welche uns begegnen, er wird Euch umarmen, doch Ihr werdet nicht wissen, daß er Euch umarmt hat.’

Es sollte also Alles bei mir, wie bei den Auserwählten des Herrn geheimnißvoll sein: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft.

Ich sagte dem Mufti Salaaym Lebewohl, er segnete mich und überhäufte mich mit Geschenken; dann schlossen wir uns einer Karavane an, welche nach Suez abging.

Verzeiht, edle Herren, wenn ich bei dieser Erinnerung erschüttert bin; eines Tages umarmte mich ein ehrwürdiger Mann und ein seltsamer Schauer bewegte mein ganzes Wesen, als ich sein Herz schlagen fühlte.

Es war der Scherif von Mekka, ein sehr glänzender, sehr erhabener Fürst. Er hatte hundert Schlachten gesehen und mit einer Geberde seines Armes beugte er die Köpfe von drei Millionen Menschen. Althotas wandte sich ab, um nicht unruhig zu werden, vielleicht um sich nicht zu verrathen, und wir setzten unsern Weg fort.

Wir drangen in Asien vor; wir fuhren den Tigris hinauf; wir besuchten Palmyra, Damask, Smyrna, Konstantinopel, Wien, Berlin, Dresden, Stockholm, Moskau, Petersburg, New-York, Buenos-Ayres, das Cap, Aden; als wir uns endlich wieder beinahe auf dem Punkte fanden, von dem wir ausgegangen waren, begaben wir uns nach Abyssinien, fuhren den Nil hinab, landeten später in Rhodus und dann in Malta; ein Schiff kam dem unsrigen auf zwanzig Stunden in die See entgegen; zwei Ritter des Ordens führten uns, nachdem sie mich begrüßt und Althotas umarmt hatten, im Triumph in den Palast des Hochmeisters Pinto.

Ohne Zweifel, meine edle Herren, werdet Ihr mich fragen, warum der Muselmann Acharat mit so großer Ehre von denjenigen aufgenommen worden sei, welche in ihrem Gelübde die Vertilgung der Ungläubigen schwören. Althotas, ein Katholik und selbst Malteserritter, hatte mir immer nur von einem mächtigen, universellen Gott gesprochen, der mit Hülfe der Engel, seiner Diener, die allgemeine Harmonie gegründet und diesem harmoniösen Ganzen den schönen, großen Namen Kosmos gegeben. Kurz ich war Theosoph.

Meine Reisen waren vollendet; aber der Anblick aller dieser Städte mit den verschiedenen Namen, mit den widersprechenden Sitten, hatte kein Erstaunen bei mir erregt; das kam davon her, daß nichts unter der Sonne für mich neu war, daß ich im Verlaufe der zwei und dreißig Existenzen, die ich bereits gelebt, dieselben Städte besucht hatte, daß das Einzige, was mir etwa auffiel, die Veränderungen waren, die sich unter den Menschen, welche dieselben bevölkerten, bewerkstelligt hatten. Ich konnte dann im Geist über die Ereignisse hinschweben und den Gang der Menschheit verfolgen. Ich sah, daß alle Geister auf den Fortschritt abzielten und daß der Fortschritt zur Freiheit führte. Ich sah, daß alle nach und nach zum Vorschein gekommene Propheten vom Herrn erweckt worden waren, um den schwankenden Gang der Menschheit zu stützen, welche, blind von ihrer Wiege ausgegangen, jedes Jahrhundert einen Schritt gegen das Licht macht: die Jahrhunderte sind die Tage der Völker.

Ich sagte mir nun, so viele erhabene Dinge seien mir nicht geoffenbart worden, damit ich sie in mir begrabe, vergebens verschließe der Berg seine Goldadern, vergebens verberge der Ocean seine Perlen; denn der beharrliche Gräber dringe in den Grund des Gebirges, denn der Taucher steige in die Tiefe des Meeres hinab; und statt es zu machen wie der Ocean und der Berg, wäre es besser, zu thun, wie die Sonne thut, und meine Herrlichkeiten auf die Welt auszustreuen..

Nicht wahr, Ihr begreift nun, daß ich nicht, um einfachen Maurergebräuchen zu entsprechen, vom Orient gekommen bin. Ich bin gekommen, um Euch zu sagen: Brüder, entlehnt die Flügel und die Augen vom Adler, erhebt Euch über die Welt, erreicht mit mir den Gipfel des Berges, wohin Satan Jesus führte, und werft die Augen auf die Königreiche der Erde.

Die Völker bilden eine ungeheure Phalanx; in verschiedenen Zeiten und unter verschiedenen Lagen geboren, haben sie ihre Stufen eingenommen und müssen jedes der Reihe nach zu dem Ziele gelangen, für welches sie geschaffen sind. Sie marschiren unablässig, obgleich sie zu ruhen scheinen, und wenn sie zufällig zurückweichen, so gehen sie nicht zurück, sondern sie nehmen einen Ansatz, um ein Hinderniß zu überspringen, oder um eine Schwierigkeit zu brechen.«

Frankreich ist in der Vorhut der Nationen, geben wir ihm eine Fackel in die Hand, die Flamme, die sie verzehrt, wird ein nützlicher Brand werden, weil sie die Welt erleuchtet.

»Deshalb fehlt der Vertreter von Frankreich hier; vielleicht wäre er vor seiner Sendung zurückgewichen. Es bedarf eines Mannes, der vor nichts zurückweicht  . . . ich werde nach Frankreich gehen.«

»Ihr seid in Frankreich,« entgegnete der Präsident.

»Ja, das ist der wichtigste Posten, ich nehme ihn für mich; es ist das gefährlichste Werk  . . . ich lade es mir auf.«

»Ihr wißt also, was in Frankreich vorgeht?« sagte der Präsident.

Der Illuminat lächelte.

»Ich weiß es, denn ich habe es selbst vorbereitet: ein alter, furchtsamer, verdorbener König, minder alt, minder furchtsam, minder verdorben, minder verzweifelt, als die Monarchie, die er vertritt, sitzt auf dem Throne von Frankreich. Es bleiben ihm kaum noch einige Jahre zu leben. Die Zukunft muß von uns auf eine geeignete Weise für den Tag seines Todes angeordnet sein. Frankreich ist der Schlüssel vom Gewölbe des Gebäudes; die sechs Millionen Hände, die sich auf ein Zeichen des höchsten Kreises erheben, müssen den Stein entwurzeln, und das monarchische Gebäude wird zusammenstürzen, und an dem Tage, wo man erfährt, daß es keinen König mehr in Frankreich gibt, werden die Fürsten Europa’s, welche am frechsten auf dem Throne sitzen, fühlen, wie ihnen ein Schwindel nach der Stirne steigt, und sich von selbst in den Abgrund werfen, den der große Einsturz des Thrones vom heiligen Ludwig bereitet hat.«

»Verzeiht, ehrenwerther Meister,« unterbrach ihn der Chef, welcher zur Rechten des Präsidenten stand und in dem man an seinem gebirgsdeutschen Accente den Schweizer erkennen konnte; »Euer Verstand hat ohne Zweifel Alles berechnet?«

»Alles,« antwortete lakonisch der Großkophta.

»Dennoch wird mich der sehr ehrenwerthe Meister entschuldigen, wenn ich so spreche; auf dem Gipfel unserer Berge, im Grunde unserer Thäler, auf den Ufern unserer Seen sind wir gewohnt, so frei zu reden, als der Hauch des Windes und das Gemurmel des Wassers; ich wiederhole jedoch, ich halte den Augenblick für ungünstig, denn es bereitet sich ein großes Ereigniß vor, dem die französische Monarchie seine Wiedergeburt zu verdanken haben wird. Ich, der ich die Ehre habe, mit Euch zu sprechen, erhabener Großmeister, ich habe eine Tochter von Maria Theresia sich in großem Prunke nach Frankreich wenden sehen, um das Blut von siebzehn Cäsaren mit dem des Nachfolgers von ein und sechzig Königen zu vermischen; und die Völker freuen sich blind, wie sie es immer thun, wenn man ihr Joch etwas nachläßt oder vergoldet. Ich wiederhole also in meinem Namen und in dem meiner Brüder, ich halte den Augenblick für ungünstig.«

Jeder wandte sich voll Ernst gegen denjenigen, welcher mit so viel Ruhe und Kühnheit der Unzufriedenheit des Großmeisters Trotz bot.

»Sprich, Bruder,« sagte der Großkophta, ohne daß er bewegt zu sein schien, »Dein Rath wird befolgt werden, wenn er gut ist. Wir Erwählten Gottes stoßen Niemand zurück und opfern nicht das Interesse einer Welt der Regung unserer Eitelkeit.«

Der Abgeordnete der Schweiz fuhr unter dem tiefsten Stillschweigen fort:

»Sehr ehrenwerther Großmeister, bei meinen Studien ist es mir gelungen, mich von einer Wahrheit zu überzeugen: davon, daß die Physiognomie der Menschen dem Auge, das darin zu lesen weiß, stets ihre Laster und ihre Tugenden enthüllt. Der Mensch componirt sein Gesicht, er versüßt seinen Blick, er läßt seine Lippen lächeln; alle diese Muskelnbewegungen sind in seiner Gewalt; aber der Haupttypus seines Charakters bleibt hervorspringend ein lesbares und unwidersprechliches Zeugniß von dem, was in seinem Herzen vorgeht. So hat auch der Tiger ein reizendes Lächeln und liebkosende Blicke, doch an seiner niedrigen Stirne, an seinen hervorspringenden Backenknochen, an seinem ungeheuren Hinterhaupte, an seinem blutigen Aufsperren des Rachens erkennt Ihr den Tiger. Der Hund runzelt die Stirne, zeigt die Zähne und geräth in Wuth; aber an seinem sanften, offenen Auge, an seinem gescheiten Gesichte, an seinem folgsamen Wesen erkennt Ihr, daß er dienstfertig und freundschaftlich ist. Gott hat auf das Antlitz jedes Geschöpfes seinen Namen und seine Eigenschaft geschrieben Wohl! ich habe auf der Stirne des Mädchens, das in Frankreich regieren soll, den Muth, den Stolz und die so zarte Menschenfreundlichkeit der deutschen Jungfrauen gelesen; ich habe, auf dem Antlitz des jungen Mannes, der ihr Gemahl werden wird, die ruhige Kaltblütigkeit, die christliche Milde und den gewissenhaften Geist des Beobachters gelesen. Wie sollte aber ein Volk, und besonders das französische Volk, das kein Gedächtniß für das Böse hat und nie das Gute vergißt, denn es genügt ihm an einem Karl dem Großen, an einem heiligen Ludwig und einem Heinrich IV., um zwanzig feige und grausame Könige zu beschirmen, wie sollte ein Volk, das stets hofft und nie verzweifelt, eine junge, schöne und gute Königin und einen sanften, milden und haushälterischen König nicht lieben, nach der unseligen, verschwenderischen Aera von Ludwig XV., nach dessen öffentlichen Orgien und duckmäuserischen Rachehandlungen, nach der Regierung der Pompadour und der Dubarry? Wird Frankreich nicht die Fürstin segnen, welche ein Muster der von mir erwähnten Tugenden sein und als Mitgift den europäischen Frieden bringen wird? Die Dauphine Marie Antoinette kommt über die Grenze, der Altar und das Ehebett werden in Versaille zugerichtet; ist dies der Augenblick für Frankreich und durch Frankreich Euer Reformationswerk zu beginnen? Verzeiht mir, sehr ehrenwerther Herr, aber ich mußte sagen, was ich im Grunde meines Herzens dachte, und was ich Eurer untrüglichen Weisheit zu unterwerfen für meine Pflicht halte.«

Nach diesen Worten verbeugte sich derjenige, welchen der Unbekannte unter dem Namen des Apostels von Zürich bezeichnet hatte, erntete das schmeichelhafte Gemurmel einstimmiger Billigung und wartete auf die Antwort des Großkophta.

Sie ließ nicht lange auf sich warten, denn dieser erwiderte bald:

»Wenn Ihr in den Physiognomien leset, erhabene Brüder, so lese ich in der Zukunft. Maria Antoinette ist stolz; sie wird im Kampfe hartnäckig werden und unter unsern Angriffen untergehen. Der Dauphin Louis Auguste ist gut und mild, er wird im Kampfe schwach werden und wie seine Frau und mit ihr untergehen; nur wird sich jedes von ihnen durch die entgegengesetzte Tugend oder durch den entgegengesetzten Fehler zu Grunde richten. Sie schätzen sich in diesem Augenblick; wir werden ihnen nicht die Zeit gönnen, sich zu lieben, und in einem Jahre verachten sie sich. Warum übrigens sich berathschlagen, meine Brüder, von welcher Seite das Licht komme, da dieses Licht mir geoffenbart ist? da ich vom Orient komme, geleitet wie die Hirten durch das Gestirn, das eine zweite Wiedergeburt verkündigt? Morgen schreite ich zum Werke, und mit Eurer Unterstützung fordre ich zwanzig Jahre von Euch, um unser Werk zu vollbringen; zwanzig Jahre werden genügen, wenn wir vereinigt und stark auf ein Ziel losgehen.«

»Zwanzig Jahre!« murmelten mehrere Gespenster, »das ist sehr lang.«

Der Großkophta wandte sich an diese Ungeduldigen und sprach:

»Ja, gewiß, es ist sehr lang für Jeden, der sich einbildet, man tödte ein Princip, wie man einen Menschen tödtet mit dem Messer von Jacques Clement oder mit dem Federmesser von Damiens, Wahnsinnige!  . . . das Messer des Menschen tödtet allerdings; aber dem wiedererzeugenden Stahle ähnlich, schneidet es einen Zweig ab, um zehn andere aus dem Stamme hervorspringen zu lassen, und an der Stelle des in seinem Grabe liegenden königlichen Leichnams, erweckt es einen Ludwig XIII., einen albernen Tyrannen; einen Ludwig XIV, einen verständigen Despoten; einen Ludwig XV., ein Idol, benetzt mit den Thränen und dem Blute seiner Anbeter, wie die ungeheuerlichen Gottheiten, die ich in Indien mit einem eintönigen Lächeln die Frauen und die Kinder, welche Guirlanden unter die Räder ihres Wagens werfen, zerquetschen sah. Ah! Ihr findet, zwanzig Jahre seien zu viel, um den Königsnamen aus den Herzen von zwanzig Millionen Menschen zu vertilgen, welche vor Kurzem noch Gott das Leben ihrer Kinder boten, um das des kleinen Königs Ludwig XV. zu erkaufen! Ah! Ihr glaubt es sei eine leichte Aufgabe, Frankreich die Lilien verhaßt zu machen, welche strahlend wie die Gestirne des Himmels, liebkosend wie die Wohlgerüche der Blumen, an die sie erinnern, tausend Jahre hindurch das Licht, die Menschenliebe, den Sieg in alle Winkel der Erde getragen haben! Versucht es doch, meine Brüder, versucht es: ich gebe Euch nicht zwanzig Jahre, ich gebe Euch ein Jahrhundert! Ihr seid zerstreut, zitternd, einander unbekannt; ich allein weiß alle Eure Namen; ich allein schätze, um ein Ganzes daraus zu machen. Euren getheilten Werth; ich allein bin die Kette, die Euch in einem großen, brüderlichen Knoten verbindet. Wohl! ich sage Euch Philosophen, Oekonomisten, Ideologen, ich will, daß Ihr in zwanzig Jahren die Grundsätze, die Ihr mit leiser Stimme am Familienherde murmelt, die Ihr mit unruhigem Auge im Schatten Eurer alten Thürme niederschreibt, die Ihr einander, den Dolch In der Hand, anvertraut, um mit diesem Dolche den Unklugen oder den Verräther niederzustoßen, der Eure Worte lauter, als Ihr sie sagt, wiederholen würde; ich will, daß Ihr diese Grundsätze ganz öffentlich auf der Straße verkündigt, daß Ihr sie am hellen Tage druckt, daß Ihr sie in ganz Europa durch friedliche Emissäre oder an der Spitze der Bajonette von fünfmal hundert tausend Soldaten verkündigt, welche als Kämpfer für die Freiheit, diese Grundsätze auf ihre Fahnen geschrieben, sich erheben werden; ich will endlich, daß Ihr, die Ihr bei dem Namen des Tower von London, Ihr, die Ihr bei dem Namen der Kerker der Inquisition zittert, ich will bei dem Namen der Bastille, der ich Trotz bieten werde, daß wir, Ihr und ich, aus Mitleid lachen, während wir die Trümmer dieser furchtbaren Kerker, auf denen Eure Frauen und Eure Kinder tanzen werden, mit Füßen treten. Doch Alles dies kann nur nach dem Tode, nicht des Monarchen, sondern der Monarchie, nach der Verachtung der öffentlichen Gewalten, nach dem völligen Vergessen jeder socialen Niedrigkeit, nach der Vertilgung der aristokratischen Kasten und der Theilung der adeligen Güter geschehen. Ich verlange zwanzig Jahre, um eine alte Welt zu zerstören und eine neue aufzubauen, zwanzig Jahre, das heißt zwanzig Secunden der Ewigkeit, und Ihr sagt, das sei zu viel!«

Ein langes Gemurmel der Bewunderung und Beistmmung folgte aus die Rede des düsteren Propheten; er hatte offenbar alle Sympathien dieser geheimnißvollen Mandatare des europäischen Geistes gewonnen.

Der Großkophta genoß einen Augenblick seinen Triumph und fuhr dann, als er ihn vollständig fühlte, fort:

»Sprecht nun, meine Brüder, nun, da ich mich ganz hingebe, nun da ich den Bären in seiner Höhle anzugreifen im Begriffe bin und mein Leben gegen die Freiheit der Welt einsetze, was werdet Ihr für den Erfolg der Sache thun, der wir unser Leben, unser Vermögen und unsere Freiheit geweiht haben? Was werdet Ihr thun, sagt es? dies Euch zu fragen, bin ich gekommen.«

Ein durch seine Feierlichkeit erschreckendes Stillschweigen folgte auf diese Worte; man sah in dem düsteren Saale nur unbewegliche Gespenster, versunken in den ernsten Gedanken, der zwanzig Throne erschüttern sollte.

Die sechs Häupter trennten sich von den Gruppen und kehrten nach einer Berathung von einigen Minuten zu dem obersten Haupte zurück.

Der Präsident sprach zuerst.

»Ich vertrete Schweden,« sagte er. »Im Namen von Schweden biete ich, um den Thron von Wasa zu vernichten, die Bergleute, welche diesen Thron errichtet haben, nebst hunderttausend Silberthalern.«

Der Großkophta zog seine Schreibtafel hervor und schrieb das Anerbieten auf, das ihm gemacht worden war.

Derjenige, welcher zur linken des Präsidenten stand, sprach sodann:

»Ich, der Abgesandte der irländischen und schottischen Kreise, kann nichts im Namen von England bieten, das wir uns zu bekämpfen eifrig finden werden; doch im Namen des armen Irland, im Namen des armen Schottland biete ich eine Contribution von dreitausend Mann und dreitausend Kronen jährlich.«

Der Großkophta schrieb dieses Anerbieten neben das vorhergehende.

»Und Ihr?« sagte er zu dem dritten Haupte.

»Ich,« antwortete dieser, dessen Kraft und Ungestüm sich unter dem beengenden Rocke des Eingeweihten verriethen, »ich vertrete Amerika, von dem jeder Stein, jeder Baum, jeder Wassertropfen, jeder Blutstropfen der Empörung angehört. So lange wir Geld haben, werden wir geben; so lange wir Blut haben, werden wir vergießen; nur können wir nicht eher handeln, als bis wir frei sind. Getheilt, gleichsam eingepfercht, numerirt, stellen wir eine riesige Kette mit getrennten Ringen dar; eine mächtige Hand müßte die zwei ersten Glieder zusammenfügen und die andern würden sich wohl von selbst verbinden. Mit uns also müßte man anfangen, sehr ehrenwerther Meister. Wollt Ihr die Franzosen vom Königthum befreien, so macht uns zuerst von der fremden Herrschaft frei.«

»So soll es geschehen,« antwortete der Großkophta; »Ihr werdet zuerst frei sein, und Frankreich wird Euch unterstützen. Gott hat in allen Sprachen gesagt: »»Helfet einander.«« Wartet also; für Euch, Bruder, wird das Warten wenigstens nicht lange dauern, dafür stehe ich Euch.«

Dann wandte er sich an den Abgeordneten der Schweiz.

»Ich, was mich betrifft,« sagte dieser, »ich kann nichts versprechen, als meine persönliche Beihülfe. Die Söhne der Republik sind seit geraumer Zeit die Verbündeten der französischen Monarchie; sie verkaufen ihr Blut an dieselbe seit Marignan und Pavia; es sind getreue Schuldner und sie werden ausliefern, was sie verkauft haben. Zum ersten Male, sehr ehrenwerther Großmeister, schäme ich mich unserer Rechtschaffenheit.«

»Es sei,« antwortete der Großkophta, »wir werden ohne sie und trotz derselben siegen. Und nun ist an Euch die Reihe, Abgeordneter Spaniens.«

»Ich,« sagte dieser, »ich bin arm, ich kann nur drei tausend Brüder geben; doch sie werden jeder tausend Realen jährlich beitragen. Spanien ist ein träges Land, wo der Mensch auf einem Schmerzenslager zu schlafen weiß, wenn er nur schläft.«

»Gut,« sprach der Kophta. »Und Ihr?«

»Ich,« antwortete derjenige, an welchen er sich wandte, »ich vertrete Rußland und die polnischen Kreise. Unsere Brüder sind reiche Unzufriedene oder arme Leibeigene, einer rastlosen Arbeit und einem frühzeitigen Tod geweiht. Im Namen der Leibeigenen kann ich nichts versprechen, weil sie nichts besitzen, nicht einmal das Leben; doch ich verspreche für dreitausend Reiche zwanzig Louis d’or für den Kopf jährlich.«

Die andern Abgeordneten kamen der Reihe nach; jeder vertrat entweder ein kleines Königreich, oder ein großes Fürstenthum oder einen armen Staat; Jeder ließ sein Anerbieten in die Schreibtafel des obersten Hauptes einzeichnen und machte sich durch einen Schwur verbindlich, zu halten, was er versprochen hatte.

»Das durch die drei Buchstaben, an denen Ihr mich erkannt, symbolisirte Losungswort wird sich, bereits in einem Theile der Welt gegeben, nunmehr im andern verbreiten,« sagte der Großkophta. »Jeder Eingeweihte trage diese drei Buchstaben nicht nur in seinem Herzen, sondern auf seinem Herzen, denn wir, der souveräne Meister der Logen des Orients und des Occidents, befehlen den Untergang der Lilien. Ich befehle ihn Dir, Bruder von Schweden, Dir, Bruder von Schottland, Dir, Bruder von Amerika, Dir, Bruder von der Schweiz, Dir, Bruder von Spanien und Dir, Bruder von Rußland:


LILIA PEDIBUS DESTRUE.[1 - Zerstöre die Lilien mit den Füßen. – Die drei Buchstaben L. P. D. waren wirklich die Devise der Illuminaten.]

Ein Zuruf, mächtig wie die Stimme des Meeres, erscholl im Grunde der Ruine und entströmte in traurigen Windstößen in die Schlünde des Gebirges.

»Und nun im Namen des Vaters und des Meisters, entfernt Euch,« sprach der Großkophta, als sich das Gemurmel gelegt hatte, kehrt in Ordnung in die unterirdischen Gewölbe zurück, welche in die Steinbrüche des Donnersbergs ausmünden, und zerstreut Euch, die Einen auf dem Fluße, die Andern durch den Wald, die Uebrigen durch das Thal, vor Sonnenaufgang. Ihr werdet mich noch einmal sehen, und das wird der Tag unseres Triumphes sein. Geht!«

Dann schloß er die Rede mit einer Maurergeberde, welche nur die sechs höchsten Häupter verstanden, so daß diese um den Großkophta versammelt blieben, nachdem die Eingeweihten von geringerer Ordnung verschwunden waren.

Dann nahm der Großkophta den Schweden bei Seite und sprach:

»Swedenborg, Du bist ein wahrhaft inspirirter Mann und Gott dankt Dir durch meine Stimme. Schicke das Geld nach Frankreich unter der Adresse, die ich Dir angeben werde.«

Der Präsident grüßte demüthig und entfernte sich erstaunt über das zweite Gesicht, das seinen Namen dem Großkophta geoffenbart hatte.

»Heil, braver Fairfax,« fuhr er fort, »Ihr seid der würdige Sohn Eures Ahnherrn, empfehlt mich dem Andenken von Washington, sobald Ihr ihm schreibt.«

Fairfax verbeugte sich ebenfalls und folgte Swedenborg.

»Komm, Paul Jones,« sagte der Kophta zu dem Amerikaner; »komm, denn Du hast gut gesprochen; ich erwartete dies von Dir; Du wirst einer der Helden von Amerika sein. Es halte sich mit Dir auf das erste Signal bereit!«

Bebend, wie unter dem Hauche eines Gottes zog sich der Amerikaner ebenfalls zurück.

»Nun Du, Lavater!« fuhr der Auserwählte fort: »schwöre die Theorien ab, denn es ist Zeit zu der Praxis überzugehen; studire nicht mehr, was der Mensch ist, sondern was er sein kann. Geh’, und wehe denjenigen von Deinen Brüdern, welche sich gegen uns erheben werden.«

Der Abgeordnete der Schweiz verbeugte sich zitternd und verschwand.

»Höre mich, Ximenes,« sagte sodann der Kophta, sich an denjenigen wendend, welcher im Namen von Spanien gesprochen hatte. »Du bist eifrig, aber Du mißtraust Dir. Dein Vaterland schlafe, sagst Du: doch das ist nur so, weil man es nicht aufweckt. Gehe, Castilien ist immer noch das Vaterland des Cid.«

Der Letzte trat ebenfalls vor; aber er hatte noch keine drei Schritte gemacht, als ihn der Großkophta mit einem Blicke zurückhielt.

»Du, Scieffort, von Rußland, Du wirst Deine Sache verrathen, ehe ein Monat vergeht; doch in einem Monat bist Du todt.«

Der moskowitische Abgesandte fiel auf die Kniee; aber mit einer drohenden Geberde hob ihn der Großkophta auf, und der Verurtheilte der Zukunft entfernte sich wankend.

Sobald der seltsame Mann, den wir in dieses Drama als Hauptperson eingeführt haben, allein war, schaute er umher und schloß sodann, da er den Empfangsaal leer und verlassen sah, seinen schwarzen Sammetrock mit gestickten Knopflöchern, befestigte seinen Hut auf seinem Kopfe, drückte an der Feder der Bronzethüre, die sich hinter ihm geschlossen hatte, und drang in die Gebirgspässe als ob ihm diese längst bekannt wären; in den Wald gelangt, durchwanderte er diesen, obgleich er weder Führer noch Licht hatte, gerade wie wenn eine unsichtbare Hand ihn leiten würde.

Als er den entgegengesetzten Saum des Waldes erreichte, suchte er mit den Augen sein Pferd; da er es nicht sah, horchte er und schien dann ein entferntes Gewieher zu hören. Ein auf eine besondere Weise modulirtes Pfeifen kam aus dem Munde des Reisenden, und bald konnte man Dscherid im Schatten, treu und gehorsam wie ein freudiger Hund, herbeilaufen sehen. Der Reisende schwang sich leicht auf, und sogleich verschwanden Beide in raschem Laufe, vermischt mit der düsteren Heide, welche sich zwischen Dannenfels und dem Gipfel des Donnersbergs ausdehnt.




I.

Der Sturm


Acht Tage nach der von uns erzählten Scene kam, ungefähr um fünf Uhr Abends, ein mit vier Pferden bespannter und von zwei Postillons geführter Wagen aus Pont-à-Mousson, einem zwischen Nancy und Metz liegenden Städtchen. Es waren im Posthotel frische Pferde an den Wagen gespannt worden und dieser setzte, trotz der erfolglosen Einladungen einer höflichen Wirthin, welche auf der Schwelle ihres Hauses die verspäteten Reisenden betrachtete, die Fahrt nach Paris fort.

Die vier Pferde, welche den Wagen zogen, waren kaum an der Ecke der Straße mit der schweren Maschine verschwunden, als zwanzig Kinder und zehn Gevatterinnen, welche während der paar Minuten, die man zum Umspannen brauchte, um die Kutsche her standen, in ihre Wohnungen mit Geberden und Ausrufungen zurückkehrten, welche bei den Einen eine übermäßige Heiterkeit, bei den Andern ein tiefes Erstaunen offenbarten. Dies kam davon her, daß noch nichts diesem Wagen Aehnliches über die Brücke gefahren war, welche fünfzig Jahre vorher der gute König Stanislaus über die Mosel hatte schlagen lassen, um die Verbindung zwischen seinem kleinen Königreich und Frankreich zu erleichtern. Wir nehmen sogar die seltsamen elsassischen Fourgons nicht aus, welche an Markttagen von Pfalzbourg die zweiköpfigen Phänomene, die tanzenden Bären und die nomadischen Stämme der Gaukler, die Zigeuner der civilisirten Länder, brachten.

Ohne ein neckisches, spöttisches Kind, oder eine schmähsüchtige, neugierige Alte zu sein, konnte man vor Erstaunen stehen bleiben, wenn man dieses monumentale Gefährt sah, das, an vier Rädern von gleichem Durchmesser hängend und gestützt durch starke Federn, nichtsdestoweniger rasch genug vorrückte, um den den Zuschauern entschlüpfenden Ausruf:

»Das ist ein seltsamer Wagen, um damit Extrapost zu fahren,« zu rechtfertigen.

Unsere Leser, die ihn zu ihrem Glücke nicht gesehen haben, mögen uns erlauben, ihnen denselben zu beschreiben.

Der Hauptkasten (wir sagen der Hauptkasten, weil diesem Kasten eine Art von Cabriolet voranging), der Hauptkasten war hellblau angemalt und trug in vollem Felde eine zierliche Baronenkrone, welche über einem J und einem B in künstlicher Verschlingung angebracht war.

Zwei Fenster, wir sagen Fenster und nicht Schläge, mit Vorhängen von weißer Mousseline, ließen das Licht in das Innere ein; nur waren diese Fenster, dem profanen Volke beinahe unsichtbar, in dem vorderen Theile des Kastens angebracht und gingen nach dem Cabriolet. Ein Gitterwerk gestattete zugleich, mit dem Wesen, das diesen Kasten bewohnte, zu sprechen, und, was man ohne diese Vorsichtsmaßregel nicht hätte thun können, sich an die Scheiben anzulehnen, an denen die Vorhänge ausgespannt waren.

Der hintere Kasten, der der wichtigere Theil dieser seltsamen Kutsche zu sein schien, welche acht Fuß Länge und sechs Fuß Breite haben mochte, empfing also das Licht nur durch diese Fenster und Luft nur durch eine mit einer Glasscheibe versehene, gegen die Imperiale gehende Oeffnung; um die Reihe der Seltsamkeiten, welche dieses Gefährt den Blicken der Vorübergehenden bot, zu vervollständigen, ragte eine Röhre von Eisenblech um einen guten Fuß aus der Imperiale empor und spie einen Rauch mit bläulichen Wirbeln aus, welche, immer weißer werdend, in einer Säule fortzogen und sich in der Luftfurche des Wagens verbreiteten.

In unsern Tagen hätte eine solche Seltsamkeit keinen andern Erfolg gehabt, als daß man geglaubt haben würde, man sehe eine neue, fortschreitende Erfindung vor sich, in der der Mechaniker auf eine geistreiche Weise die Macht des Dampfes mit der Kraft der Pferde verbinde.

Dies wäre um so wahrscheinlicher gewesen, als dem Wagen, dem, wie gesagt, vier Pferde und zwei Postillons vorangingen, ein einziges hinten mittelst einer Leine angebundenes Pferd folgte. Dieses Pferd, das durch seinen kleinen Kopf, durch seine magern Beine, durch seine enge Brust, seine dicke Mähne und seinen flatternden Schweif die charaktaristischen Merkmale der arabischen Race bot, war gesattelt: was andeutete, daß zuweilen einer von den geheimnißvollen, in dieser zweiten Arche Noah eingeschlossenen Reisenden sich das Vergnügen eines Rittes machte und neben dem Wagen galoppirte, dem ein solcher Gang unwiderruflich versagt zu sein schien.

In Pont-à-Mousson erhielt der Postillon des vorhergehenden Relais ein doppeltes Trinkgeld von einer weißem, muskeligen Hand, die zwischen den zwei ledernen Vorhängen durchschlüpfte, welche den vorderen Theil des Cabriolet beinahe ebenso hermetisch verschlossen, als die Mousselinevorhängeden vorderen Theil des Kastens schlossen.

Der erstaunte Postillon nahm rasch seinen Hut ab und sagte: »Ich danke, Monseigneur.« Und eine sonore Stimme antwortete in deutscher Sprache, welche man noch in der Gegend von Nancy versteht, wenn man sie auch nicht mehr spricht:

»Schnell, schneller!«

Die Postillons verstehen beinahe alle Sprachen, wenn man die Worte, die man zu ihnen spricht, mit einer gewissen metallischen Musik begleitet, nach der diese Race, die Sache ist allen Reisenden vollkommen bekannt, sich äußerst lüstern zeigt; die zwei neuen Postillons thaten auch Alles, was sie konnten, um im Galopp wegzufahren, und nur nach Anstrengungen, welche mehr der Kraft ihrer Arme, als den Kniebeugen ihrer Pferde Ehre machten, willigten sie, des Krieges müde, ein, sich auf einen ziemlich anständigen Trab zu beschränken, denn er erlaubte ihnen offenbar, zwei und eine halbe bis drei Lieues in der Stunde zurückzulegen.

Gegen sieben Uhr spannte man in Saint-Mihiel um; dieselbe Hand schob durch die Vorhänge die Bezahlung der zurückgelegten Post und dieselbe Stimme ließ eine ähnliche Aufforderung vernehmen.

Es versteht sich, daß der seltsame Wagen dieselbe Neugierde erregte, wie in Pont-à-Mousson; die einbrechende Nacht trug dazu bei, ihm ein noch phantastischeres Aussehen zu geben.

Nach Saint-Mihiel fing das Gebirge an. Hier angelangt, mußten sich die Reisenden begnügen, im Schritte zu fahren; man brauchte beinahe eine halbe Stunde, um eine Viertelslieue zurückzulegen. Auf dem Gipfel der Steige hielten die Postillons an, um ihre Pferde einen Augenblick schnaufen zu lassen, und die ledernen Vorhänge auf die Seite schiebend, konnten die Reisenden im Cabriolet einen ziemlich ausgedehnten Horizont überschauen, den jedoch die ersten Dünste des Abends zu verschleiern anfingen.

Das Wetter war bis drei Uhr Nachmittags klar und warm gewesen, wurde aber gegen Abend erstickend. Eine von Süden kommende, große, weiße Wolke, die dem Wagen absichtlich zu folgen schien, drohte diesen zu erreichen, ehe er in Bar-le-Duc, wo die Postillons anzuhalten und die Nacht zuzubringen vorschlugen, angelangt wäre.

Auf einer Seite durch den Berg und auf der andern durch eine abschüssige Böschung eingeengt, fiel der Weg gegen ein Thal ab, in dessen Hintergrund man die Maas sich hinschlängeln sah, und bot eine halbe Lieue lang einen so raschen Absturz, daß es gefährlich gewesen wäre, ihn anders als im Schritt hinabzufahren; diesen klugen Gang wählten auch die Postillons, als sie wieder aufbrachen.

Die Wolke rückte immer vor, und da sie mächtig war und beinahe die Erde streifte, so breitete sie sich immer mehr aus, während die Dünste, welche vom Boden aufstiegen, sich an sie anhingen; man sah sie auch in ihrer unheilvollen Weiße alle die anderen bläulichen Wolken zurückstoßen, welche sich unter den Wind zu stellen suchten, wie es die Schiffe an einem Schlachttage thun.

Durch diese Wolke, die sich mit der Schnelligkeit einer steigenden Fluth am Himmel ausbreitete, wurden bald die letzten Sonnenstrahlen aufgefangen; ein gräuliches, trübes Licht filtrirte nur mühsam auf die Erde und die Blätter, welche zitterten, ohne daß der geringste Wind durch die Luft strich, nahmen die schwarze Tinte an, mit der sie sich unter den ersten auf die Abwesenheit der Sonne folgenden Lagen der Dunkelheit bekleiden.

Plötzlich durchfurchte ein Blitz die Wolke, der Himmel spaltete sich in Feuerrauten, und das erschrockene Auge konnte in die unermeßlichen, wie die Hölle glühenden Tiefen des Firmaments tauchen.

Ein Donnerschlag erschütterte, von Baum zu Baum bis zu dem Gehölze springend, durch das sich die Straße zog, beinahe in demselben Augenblicke sogar die Erde und ließ die große Wolke wie ein wüthendes Pferd laufen.

Der Wagen rollte immer weiter und spie aus seinem Kamin fortwährend Rauch aus; nur war dieser Rauch, zuvor schwarz, nunmehr zart und opalfarbig geworden.

Hienach verfinsterte sich der Himmel gleichsam in Stößen; das Fenster der Imperiale wurde von einem lebhaften, purpurrothen Schimmer übergossen und blieb beleuchtet; offenbar nahm der Bewohner dieser rollenden Zelle, den äußeren Erscheinungen fremd, seine Maßregeln gegen die Nacht, um nicht in dem Werke, das er vollführte, unterbrochen zu werden.

Der Wagen war noch auf dem Plateau des Berges, er hatte die Fahrt abwärts noch nicht begonnen, als ein zweiter Donnerschlag, noch heftiger als der erste und noch mehr mit metallischen Vibrirungen beladen, den Regen von den Wolken löste; er fiel Anfangs in großen Tropfen, stürzte aber bald dicht und starr herab, wie Arme voll Pfeile, die man vom Himmel geschleudert hätte.

Die Postillons schienen sich zu berathen, der Wagen hielt an.

»Nun!« rief dieselbe Stimme, doch diesmal in vortrefflichem Französisch, »was Teufels machen wir?«

»Wir fragen uns, ob wir weiter fahren sollen,« antworteten die Postillons.

»Es scheint mir, daß man mich das fragen müßte, und nicht Euch,« versetzte die Stimme. »Vorwärts!«

Es lag ein so mächtiger Ausdruck des Befehls in dieser Stimme, daß die Postillons gehorchten und der Wagen auf dem Abhange des Gebirges hinabzurollen begann.

»Gut so!« rief die Stimme.

Und die einen Augenblick geöffneten ledernen Vorhänge fielen abermals zwischen die Reisenden und das Vordergestell der Kutsche.

Doch die von Natur thonige und feuchte, durch die vom Himmel fallenden Regenströme erweichte Erde wurde plötzlich so schlüpfrig, daß die Pferde vorzurücken sich weigerten.

»Mein Herr,« sagte der Postillon, der das Deichselpferd ritt, »es ist unmöglich, weiter zu gehen.«

»Warum dies?« fragte die uns bekannte Stimme.

»Weil die Pferde nicht mehr marschiren.«

»Wie weit sind wir noch von der Station entfernt?«

»Ah! diese ist lang, wir haben noch vier Lieues.«

»Wohl, Postillon, lege Deinen Pferden silberne Hufeisen an, und sie werden marschiren,« sprach der Fremde, indem er den Vorhang öffnete und ihm vier Sechs-Livres-Thaler reichte.

»Sie sind sehr gütig,« sagte der Postillon, nahm die Thaler in seine breite Hand und steckte sie in seinen großen Stiefel.

»Der Herr spricht mit Dir, wie mir scheint,« sagte der zweite Postillon, der den silbernen Klang gehört hatte, welchen die Sechs-Livres-Thaler bei ihrer Versenkung von sich gaben, und von einem Gespräch, das ein so großes Interesse bot, nicht ausgeschlossen sein wollte.

»Ja, er sagt so etwa, wir sollen vorwärts fahren.«

»Habt Ihr etwas gegen diesen Wunsch einzuwenden, mein Freund?« rief der Reisende mit einem wohlwollenden, aber zugleich festen Tone, aus dem zu entnehmen war, daß er in diesem Punkte keinen Widerspruch dulden würde.

»Nein, mein Herr, nicht ich, sondern die Pferde; sehen Sie, sie weigern sich, vorwärts zu gehen.«

»Wozu dienen denn die Sporen?« versetzte der Reisende.

»Ah! wenn ich ihnen das Spornrad ganz und gar in den Bauch drückte, sie würden keinen Schritt mehr machen; der Himmel soll mich vertilgen, wenn . . .,«

Der Postillon konnte seine Blasphemie nicht vollenden, ein Blitzstreich, gleich furchtbar durch das Geräusch und die Flamme, schnitt ihm das Wort ab.

»Das ist ein unchristliches Wetter,« sagte der brave Mann, »Ei! mein Herr, sehen Sie doch, der Wagen rückt jetzt ganz allein vor, in fünf Minuten wird er schneller gehen, als wir wollen. Mein Jesus und Herr! wir rollen unwillkührlich fort.«

Auf das Kreuz der Pferde drückend, welche sie in Ermangelung von Anhalten nicht mehr stützen konnten, nahm die schwere Carrosse in der That eine Bewegung progressiven Laufes, welche die Vervielfältigung der Schweren bald in eine stürmische Umdrehung verwandelte.

Die Pferde wurden vor Schmerz wild und die Equipage flog, sichtbar dem Präcipiß sich nähernd, wie ein Pfeil den dunkeln Abhang hinab.

Es war nicht mehr allein die Stimme, sondern auch der Kopf des Reisenden, was nun aus dem Wagen hervor kam.

»Ungeschickter!« rief er, »Du wirst uns Alle tödten, links die Leitseilc! links doch.«

»Ei! mein Herr, ich möchte Sie wohl hier sehen,« erwiederte der erschrockene Postillon, während er vergebens seine Zügel zusammenzufassen und die verlorene Herrschaft über seine Pferde wieder zu gewinnen suchte.

»Joseph!« rief eine Frauenstimme, die sich zum ersten Male hörbar machte; »Joseph! zu Hülfe! zu Hülfe! Ah! heilige Mutter Gottes.«

Die Gefahr war wirklich dringend, furchtbar, und konnte dieses Anrufen der Mutter Gottes wohl begründen. Stets durch sein Gewicht fortgerissen und nicht mehr durch eine sichere Hand gelenkt, rückte der Wagen immer näher gegen den Abgrund, auf welchem bereits eines von den zwei Pferden zu hängen schien; noch drei Umdrehungen des Rads, und Pferde, Wagen, Postillons, Alles war hinabgeschleudert, zermalmt, vernichtet, als der Reisende aus dem Cabriolet auf die Deichsel stürzte, den Postillon am Rockkragen und am Gürtel seiner Hose faßte, aufhob, wie er es nur mit einem Kinde gethan haben könnte, zehn Schritte hinausschleuderte, an seine Stelle auf den Sattel sprang, die Zügel zusammenfaßte, und mit furchtbarer Stimme dem zweiten Postillon zurief:

»Links, Bursche, links oder ich zerschmettre Dir die Hirnschale!«

Der Befehl brachte eine magische Wirkung hervor; der Postillon, der die Vorderpferde führte, machte, verfolgt von dem Geschrei seines unglücklichen Gefährten, eine übermenschliche Anstrengung, gab dem Wagen die Richtung und führte ihn, mächtig unterstützt durch den Reisenden, auf die Mitte des Pflasters, wo er mit der Geschwindigkeit und dem Lärmen des Donners, gegen den er zu kämpfen schien, hinrollte.

»Im Galopp!« rief der Reisende, »im Galopp; wenn Du nachläßt, fahre ich Dir und Deinen Pferden über den Leib.«

Der Postillon begriff, daß dies keine leere Drohung war, er verdoppelte seine Energie, und der Wagen fuhr mit gräßlicher Geschwindigkeit den Berg hinab; wer ihn in der Nacht hätte vorüberkommen sehen, mit seinem furchtbaren Geräusche, mit seinem flammenden Kamine und dem erstickten Geschrei, dürfte geglaubt haben, er erblicke ein höllisches Fuhrwerk, fortgerissen durch phantastische Pferde und verfolgt von einem Orkan.

Doch die Reisenden hatten nur eine Gefahr vermieden, um in eine andere zu gerathen. Die über dem Thale schwebende elektrische Wolke hatte Flügel und eilte so rasch fort, als die Pferde. Von Zeit zu Zeit schaute der Reisende empor, dies besonders wenn ein Blitz die Wolke zerriß, und bei dem Schimmer dieses Blitzes konnte man auf seinem Gesichte eine Regung der Unruhe unterscheiden, die er nicht zu verbergen suchte, denn Niemand außer Gott war da, um ihn zu beobachten. In dem Augenblick, wo der Wagen den Fuß des Abhanges erreichte und durch seinen Schwung fortgezogen auf einem gleichmäßigeren Terrain rasch weiter fuhr, verband plötzlich die ungestüme Versetzung der Luft die zwei Electricitäten, und die Wolke zerriß sich mit einem furchtbaren Krachen, um zugleich Donner und Blitz durchzulassen. Ein Anfangs violettes, dann grünliches, dann weißes Feuer umhüllte die Pferde; die hinteren bäumten sich, schlugen die Luft mit ihren Vorderbeinen und athmeten geräuschvoll die mit Schwefel geschwängerte Luft ein; die vorderen stürzten nieder, als ob die Erde unter ihren Füßen entwichen wäre; aber beinahe in demselben Augenblick erhob sich dasjenige, welches der Postillon ritt, wieder und trug, als es fühlte, daß seine Stränge durch den Sturz zerrissen worden waren, seinen Herrn fort, und dieser verschwand in der Finsterniß, während der Wagen, nachdem er noch zehn Schritte fortgerollt war, an den Leichnam des vom Blitze getroffenen Pferdes stieß und anhielt.

Diese ganze Episode war begleitet von einem gräßlichen Geschrei, das die Frau im Wagen ausstieß.

Es herrschte einen Augenblick eine sonderbare Verwirrung, während welcher Keiner wußte, ob er todt war oder lebte. Der Reisende selbst betastete sich, um seine Identität zu bestätigen.

Er fand sich unversehrt, aber die Frau war ohnmächtig.

Obgleich der Reisende vermuthete, was vorgefallen, denn das tiefste Stillschweigen war plötzlich auf das Geschrei gefolgt, das aus dem Cabriolet hervorkam, wandte er doch nicht der wehklagenden Frau seine erste Sorge zu.

Kaum hatte er den Boden berührt, so lief er im Gegentheil nach dem Hintergestelle des Wagens.

Hier stand das schöne arabische Pferd, von dem wir gesprochen, starr, straubig, jedes Haar emporrichtend, als ob es lebendig wäre, an der Thüre rüttelnd, an deren Griff es angebunden war, und heftig an seiner Leine zerrend. Das Auge starr, das Maul schäumend, war das stolze Thier nach vergeblichen Versuchen, um seine Bande zu zerreißen, durch den Schrecken des Sturmes verblendet geblieben, und als ihm sein Herr, nach seiner Gewohnheit pfeifend, um es zu liebkosen, mit der Hand über das Kreuz fuhr, machte es einen Sprung und stieß ein Gewieher aus, als ob es ihn nicht erkannt hätte.

»Abermals dieses verteufelte Pferd,« murmelte eine gebrochene Stimme im Innern des Wagens; »verflucht sei das Thier, das meine Mauer erschüttert.«

Dann rief dieselbe Stimme, ihren Umfang verdoppelnd, arabisch mit dem Tone der Ungeduld und der Drohung:



»Nhe gullac hogud schaked haffrit![2 - Ich sage dir, du sollst ruhig bleiben, Dämon.]«


»Erzürnt Euch nicht gegen Dscherid, Meister,« sprach der Reisende, machte das Pferd los und band es sodann an das hintere Rad des Wagens; »er hat Angst gehabt und in der That, man könnte vor Weniger bange bekommen.«

Und als er so gesprochen, öffnete der Reisende den Kutschenschlag, ließ den Fußtritt herab und stieg in den Wagen, dessen Thüre er hinter sich schloß.




II.

Althotas


Der Reisende stand nun einem Greise mit grauen Augen, gebogener Nase, zitternden, aber thätigen Händen gegenüber, der, in einen großen Lehnstuhl vertieft mit der rechten Hand in einem dicken, pergamentenen Manuscripte, betitelt la Chiave del Gabinetto, blätterte und in der linken Hand einen Schaumlöffel hielt.

Diese Haltung, diese Beschäftigung, dieses Gesicht mit den unbeweglichen Runzeln, worin nur die Augen und der Mund zu leben schienen, kurz dieses Ganze, das dem Leser ohne Zweifel seltsam vorkommt, war dem Fremden sicherlich sehr bekannt, denn er warf nicht einmal einen Blick umher, obgleich es sich wohl der Mühe lohnte, diesen Theil der Kutsche zu betrachten.

Drei Mauern, – der Greis nannte so, wie man sich erinnern wird, die Wände des Wagens, – umschlossen, mit Fächern beladen, welche selbst wieder voll von Büchern waren, den Lehnstuhl, den alleinigen Sitz dieser bizarren Person, für die man über den Büchern Brettchen angebracht hatte, auf welche man eine gute Anzahl von Phiolen, Pokalen und Schachteln stellen konnte, die in hölzerne Etuis eingehäuft waren, wie man dies bei dem Tafelgeschirr und dem Glaswerk auf einem Schiffe thut; jeden von diesen Behältern und jedes von diesen Etuis konnte der Greis, der, wie es schien, sich selbst zu bedienen pflegte, dadurch erreichen, daß er seinen Lehnstuhl fortrollte, den er, an dem Orte seiner Bestimmung angelangt, mit Hülfe einer an den Seiten des Sitzes angebrachten Winde, die er selbst spielen ließ, erniedrigte, oder erhöhte.

Das Zimmer, nennen wir so diesen Raum, war acht Fuß lang, sechs breit und sechs hoch; vor dem Kutschenschlage erhob sich, außer den Phiolen und Destillirkolben, näher bei der vierten Füllung, welche für den Aus- und Eingang frei geblieben war, erhob sich, sagen wir, ein kleiner Ofen mit seinem Schirmdache, seinem Blasebalg und seinen Rösten; dieser Ofen wurde gerade dazu verwendet, einen Schmelztigel glühend zu machen und eine Mixtur kochen zu lassen, welche durch die Röhre, die wir an der Imperiale gesehen, den geheimnißvollen Rauch, den beständigen Gegenstand des Erstaunens und der Neugierde für die Vorübergehenden jedes Landes, jedes Alters und jedes Geschlechtes, ausströmte.

Außer den Phiolen, den Büchsen, den Büchern und den Schachteln, welche in pittoresker Unordnung auf dem Boden zerstreut waren, sah man kupferne Feuerzangen, in verschiedenen Präparaten eingeweichte Kohlen, ein großes Gefäß, halb mit Wasser gefüllt, und an der Decke an Fäden hängend Päckchen mit Kräutern, von denen die einen am Tage vorher, die andern vor hundert Jahren gesammelt zu sein schienen.

Dieses Innere duftete einen durchdringenden Geruch aus, den man in einem minder grotesken Laboratorium einen Wohlgeruch genannt hätte.

In dem Augenblick, wo der Reisende eintrat, rollte der Greis seinen Lehnstuhl mit einer wunderbaren Gewandtheit und Behendigkeit fort, näherte sich dem Ofen und fing an seine Mixtur mit einer Aufmerksamkeit, welche an Ehrfurcht grenzte, abzuschäumen; zerstreut durch die Erscheinung, die sich ihm bot, drückte er sodann mit der rechten Hand die einst schwarze Sammetmütze, die seinen Kopf bis unter die Ohren umhüllte, und aus der einige spärliche Haarbüschel, glänzend wie Silberfäden, hervorsahen, tiefer ein und zog unter dem Röllchen seines Lehnstuhles mit einer merkwürdigen Geschicklichkeit den Flügel seines langen Rockes von wattirter Seide zurück, den zehn Jahre des Gebrauchs in einen farblosen, formlosen und besonders unzusammenhängenden Lumpen verwandelt hatten.

Der Greis schien sehr übler Laune zu sein und brummelte, während er seine Mixtur abschäumte und seinen Rock aufhob:

»Es hat Furcht, das verfluchte Thier, und vor was, frage ich Euch? Es hat an meiner Thüre gerüttelt, meinen Ofen erschüttert und ein Viertel von meinem Elixir in das Feuer gegossen. Acharat! im Namen Gottes, überlaßt mir dieses Thier in der ersten Wüste, die wir durchziehen.«

Der Reisende lächelte und erwiederte:

»Einmal durchziehen wir keine Wüste mehr, da wir in Frankreich sind, und dann kann ich mich nicht entschließen, ein Pferd von tausend Louisd’or hinzugeben, oder vielmehr ein Pferd, das gar keinen Preis hat, das von der Race von Al Borah ist.«

»Tausend Louisd’or! tausend Louisd’or! ich werde Euch die tausend Louisd’or, oder ihr Aequivalent geben, wann Ihr wollt. Euer Pferd kostet mich nun mehr als eine Million, abgesehen von den Lebenstagen, die es mir raubt.«

»Sprecht, was hat denn der arme Dscherid wieder gethan?«

»Was er gethan hat? Noch einige Minuten, und das Elixir hätte gekocht, ohne daß ein einziger Tropfen entwichen wäre, was Zoroaster und Paracelsus allerdings nicht angeben, von Borri aber positiv empfohlen wird.«

»Nun, lieber Meister, noch ein paar Secunden und das Elixir wird kochen.«

»Ah! ja, kochen, seht doch, Acharat, es ist wie ein Fluch, mein Feuer erlischt, ich weiß nicht, was durch meinen Kamin herabfällt.«

»Ich weiß wohl, was durch den Kamin fällt: Wasser,« versetzte der Schüler lachend.

»Wie, Wasser! Wasser! dann ist mein Elixir verloren! ich muß meine Operation abermals beginnen  . . . als ob ich Zeit zu verlieren hätte! mein Gott, mein Gott!« rief der alte Gelehrte, die Hände voll Verzweiflung zum Himmel erhebend, »Wasser! und was für Wasser, frage ich Euch, Acharat?«

»Reines Wasser vom Himmel, Meister; es regnet in Strömen, habt Ihr es nicht bemerkt?«

»Bemerke ich etwas, wenn ich bei der Arbeit bin? Wasser!  . . . das ist es also!  . . . Seht Acharat, es ist bei meiner armen Seele, um ungeduldig zu werden! Seit sechs Monaten verlange ich von Euch eine Haube für meinen Kamin  . . . seit sechs Monaten!  . . . was sage ich? seit einem Jahr. Ihr denkt nie daran  . . . Ihr, der Ihr doch nichts Anderes zu thun habt, da Ihr noch jung seid. Was geschieht in Folge Eurer Nachlässigkeit? der Regen von heute, der Wind morgen verwirren alle meine Berechnungen und richten alle meine Operationen zu Grunde; und ich muß mich doch, beim Jupiter! beeilen; Ihr wißt wohl, mein Tag kommt, und wenn ich an diesem Tage nicht im Reinen bin, wenn ich nicht das Lebenselixir wiedergefunden habe, dann gute Nacht Weiser, gute Nacht gelehrter Althotas! Mein hundertstes Jahr beginnt am 15. Juli auf den Punkt 11 Uhr Abends, und bis dahin muß mein Elixir die Vollkommenheit erreicht haben.«

»Aber das bereitet sich vortrefflich, wie mir scheint, lieber Meister,« sagte Acharat.

»Ganz gewiß. Ich habe schon Versuche durch Verschlucken gemacht; mein beinahe gelähmter linker Arm hat wieder seine ganze Elasticität erhalten; dann gewinne ich die Zeit, die ich zu meinen Mahlen verwendete, weil ich nur alle zwei bis drei Tage zu essen brauche und im Zwischenraume ein Löffel voll von meinem Elixir, so unvollkommen es ist, mich ernährt. O! wenn ich bedenke, daß ich wahrscheinlich nur einer Pflanze, nur eines Blattes von dieser Pflanze bedarf, damit mein Elixir vollständig ist! daß wir vielleicht schon hundertmal, fünfhundertmal, tausendmal an dieser Pflanze vorübergekommen sind, daß sie von den Füßen unserer Pferde zertreten, von den Rädern unseres Wagens zermalmt worden ist, diese Pflanze, von der Plinius spricht, Acharat, und welche die Gelehrten nicht gefunden, oder nicht wiedererkannt haben, denn nichts verliert sich! Hört, Ihr müßt Lorenza während einer ihrer Extasen nach ihrem Namen fragen  . . . nicht wahr?«

»Ja, Meister, seid unbesorgt, ich werde sie fragen.«

»Mittlerweile,« sprach der Gelehrte mit einem tiefen Seufzer, »mittlerweile ist mein Elixir auch diesmal verfehlt, und ich brauche, wie Ihr wohl wißt, dreimal fünfzehn Tage, um dahin zu gelangen, wo ich heute war. Aber was für ein Geräusch ist das? rollt der Wagen?«

»Nein, Meister, es ist der Donner.«

»Der Donner?«

»Ja, der uns so eben Alle wie wir sind und mich besonders beinahe getödtet hätte; ich war allerdings in Seide gekleidet, was mich schützte.«

»Seht,« sagte der Greis, auf sein Knie klopfend, das wie ein leerer Knochen klang, »seht, welchem Unheil mich Eure Kindereien aussetzen, Acharat, durch den Donner zu sterben, alberner Weise durch eine electrische Flamme getödtet zu werden, die ich, wenn ich Zeit hätte, zwingen würde, in meinen Ofen herabzusteigen, um meinen Topf kochen zu machen; es ist also nicht genug, daß ich allen Unfällen ausgesetzt bin, welche von der Bosheit oder der Ungeschicklichkeit der Menschen herrühren, Ihr müßt mich auch noch denjenigen aussetzen, welche vom Himmel kommen, denjenigen, welchen am leichtesten zu begegnen ist?«

»Verzeiht, Meister, Ihr habt mir noch nicht erklärt  . . .«

»Wie, ich habe Euch mein System der Metallspitzen, meinen Electricitätsleiter noch nicht entwickelt! Wenn ich mein Elixir gefunden habe, werde ich es Euch wiederholen, doch in diesem Augenblick habe ich, wie Ihr wohl begreift, keine Zeit.«

»Ihr glaubt also, daß man den Blitz bezwingen kann?«

»Man kann ihn nicht nur bezwingen, sondern leiten, wohin man will. Einst, wenn ich mein zweites Fünfzigstes zurückgelegt habe, wenn ich nur noch ruhig mein drittes erwarten darf, werde ich dem Blitze ein stählernes Gebiß anlegen und ihn so leicht führen, als Ihr Dscherid führt  . . . Mittlerweile laßt eine Haube auf meinen Kamin machen, Acharat, ich bitte Euch darum.«

»Seid ruhig, ich werde es thun.«

»Ich werde es thun! ich werde es thun! immer die Zukunft, als ob die Zukunft uns Beiden gehörte. O! man wird mich nie begreifen,« rief der Gelehrte, während er sich unruhig auf seinem Stuhle hin und her bewegte und vor Verzweiflung die Hände rang. »Seid ruhig!  . . . Er sagt mir, ich soll ruhig sein, und wenn ich in drei Monaten mein Elixir nicht vollendet habe, ist Alles für mich vorbei. Ueberschreite ich aber mein zweites Fünfzigstes, finde ich meine Jugend, die Elasticität meiner Glieder, die Fähigkeit mich zu bewegen wieder, so bedarf ich keines Menschen mehr, man wird nicht mehr sagen: ,Ich werde es thun,’ sondern ich sage dann: ,Ich habe gethan!’«

»Könnt Ihr das nun in Beziehung auf unser großes Werk sagen? habt Ihr daran gedacht?«

»O! mein Gott, ja, und wenn ich so sicher wäre, mein Elixir zu finden, als ich sicher bin, den Diamant zu machen . . .«

»Ihr seid also fest davon überzeugt, Meister?«

»Ganz gewiß, da ich bereits gemacht habe.«

»Ihr habt gemacht?«

»Seht nur selbst.«

»Wo?«

»Dort in dem kleinen gläsernen Gefässe, Ihr seid gerade daran.«

Der Reisende ergriff gierig das bezeichnete Gefäß; es war eine kleine Schale von außerordentlich reinem Kristall, deren ganzer Boden mit einem beinahe unfühlbaren, und an den Wänden des Glases hängenden Staub bedeckt war.

»Diamantstaub!« rief der junge Mann.

»Allerdings, Diamantstaub; sucht wohl in der Mitte.«

»Ja, ja, ein Brillant von der Größe eines Hirsekorns.«

»Die Größe ist nicht bedeutend; es wird uns gelingen, allen diesen Staub zu vereinigen, aus dem Hirsekorn ein Hanfsamenkorn, aus dem Hanfsamenkorn eine Erbse zu machen; aber um Gotteswillen, Acharat, für diese Verbindlichkeit, die ich gegen Euch übernehme, laßt eine Haube auf meinen Kamin und einen Ableiter auf Euren Wagen setzen, damit das Wasser nicht in meinen Kamin fällt und der Blitz anderswohin spaziert.«

»Ja, ja, seid ruhig.«

»Abermals! mit seinem ewigen seid ruhig bringt er mich in Verzweiflung. Jugend! tolle Jugend! anmaßende Jugend!« rief er mit einem finsteren Gelächter, das die Zahnlosigkeit seines Mundes sehen ließ und seine tiefen Augenhöhlen noch tiefer zu graben schien.

»Meister,« sprach Acharat, »Euer Feuer erlischt, Euer Schmelztigel erkaltet; was war in Eurem Schmelztigel?«

»Seht selbst.«

Der junge Mann gehorchte, öffnete den Tigel und fand darin ein Stückchen verglaste Kohle von der Größe einer kleinen Haselnuß.

»Ein Diamant!« rief er, doch sogleich fügte er bei:

»Ja, aber fleckig, unvollständig, werthlos.«

»Weil das Feuer erloschen ist, Acharat, weil keine Haube auf meinem Kamin war, versteht Ihr?«

»Vergebt, Meister,« sagte der junge Mann, während er seinen Diamant, der bald lebhafte Lichtreflexe von sich gab, bald dunkel blieb, hin und her drehte; »verzeiht mir und nehmt etwas Speise zu Euch, um Euch zu stärken.«

»Es ist unnöthig, ich habe vor zwei Stunden einen Löffel voll von meinem Elixir getrunken.«

»Ihr täuscht Euch, Meister, Ihr habt diesen Morgen um sechs Uhr getrunken.«

»Nun! wie viel Uhr ist es denn?«

»Bald halb neun Uhr Abends.«

»Jesus!« rief der alte Gelehrte, die Hände faltend, »abermals ein Tag vorüber, entflohen, verloren! die Tage nehmen also ab? sie haben nicht mehr vier und zwanzig Stunden?«

»Wenn Ihr nicht essen wollt, so schlaft wenigstens ein paar Augenblicke.«

»Ja, ich werde zwei Stunden schlafen; doch in zwei Stunden, seht auf Eure Uhr, in zwei Stunden weckt Ihr mich.«

»Ich verspreche es Euch.«

»Seht, wenn ich einschlafe, Acharat, habe ich immer bange, es geschehe in die Ewigkeit,« sprach der Greis mit einschmeichelndem Tone. »Nicht wahr, Ihr kommt und weckt mich? Versprecht es mir nicht, schwört es mir.«

»Ich schwöre es Euch, Meister.«

»In zwei Stunden?«

»In zwei Stunden.«

In diesem Augenblick hörte man auf der Straße etwas wie den Galopp eines Pferdes. Auf dieses Geräusch folgte ein Schrei, der zugleich Erstaunen und Unruhe ausdrückte.

»Was soll das bedeuten?« rief der Reisende, öffnete rasch die Thüre und sprang auf die Straße, ohne sich des Fußtritts zu bedienen.




III.

Lorenza Feliciani


Man höre, was außerhalb des Wagens vorgefallen war, während der Reisende und der Gelehrte im Inneren plauderten.

Bei dem Blitzstreiche, der die Vorderpferde niedergeschlagen und die hinteren Bäumen gemacht hatte, war die Frau im Cabriolet ohnmächtig geworden.

Sie blieb einige Augenblicke ihrer Sinne beraubt; dann kam sie allmälig wieder zu sich, da nur die Angst allein ihre Ohnmacht herbeigeführt hatte.

»O! mein Gott,« sagte sie, »bin ich verlassen, hülflos, ist kein menschliches Geschöpf hier, das Mitleid mit mir hat?«

»Madame,« sprach eine schüchterne Stimme, »ich bin da, wenn ich Ihnen zu irgend etwas nütze sein kann.«

Bei dieser Stimme, welche ganz nahe an ihrem Ohr klang, erhob sich die junge Frau, streckte ihren Kopf und ihre beiden Arme durch die ledernen Vorhänge ihres Cabriolets und befand sich einem jungen Mann gegenüber, der auf dem Fußtritte stand.

»Sie haben mit mir gesprochen, mein Herr?« sagte sie.

»Ja, Madame,« antwortete der junge Mann.

»Und Sie haben mir Ihre Hülfe angeboten?«

»Ja.«

»Was ist denn geschehen?«

»Madame, der Blitz ist beinahe auf Sie herabgefallen und hat bei seinem Fallen die Stränge der Vorderpferde zerrissen, welche mit dem Postillon durchgegangen sind.«

Die Frau schaute mit einem Ausdruck lebhafter Unruhe umher.

»Und derjenige, welcher die Hinterpferde führte, wo ist er?« fragte sie.

»Er ist so eben in den Wagen gestiegen, Madame.«

»Es ist ihm nichts begegnet?«

»Nichts.«

»Sind Sie dessen sicher?«

»Er sprang wenigstens wie ein unversehrter Mensch von seinem Pferde herab.«

»Ah! Gott sei gelobt.«

Und die junge Frau athmete freier.

»Doch wo waren Sie, mein Herr, daß Sie gerade hier sind, um mir Ihre Hülfe anzubieten.«

»Madame, vom Sturme überfallen, war ich dort in jener düsteren Vertiefung, welche nichts Anderes ist, als der Eingang eines Steinbruchs, als ich plötzlich an der Biegung der Straße einen Wagen, im stärksten Galopp fortgerissen, erscheinen sah. Ich glaubte Anfangs, die Pferde gingen durch, bald aber gewahrte ich, daß sie im Gegentheil von einer mächtigen Hand geführt wurden; da schlug der Donner mit so furchtbarem Lärmen, daß ich wähnte, ich wäre vom Blitze getroffen, und einen Augenblick wie vernichtet blieb. Alles, was ich Ihnen erzähle, sah ich wie in einem Traume.«

»Somit können Sie nicht mit Sicherheit behaupten, daß derjenige, welcher die Hinterpferde führte, im Wagen ist.«

»O! doch, Madame, ich kam wieder zu mir und sah ganz genau, wie er einstieg.«

»Ich bitte Sie, versichern Sie sich, daß er noch da ist.«

»Wie kann ich dies?«

»Horchen Sie; ist er im Innern des Wagens, so werden Sie zwei Stimmen hören.«

Der junge Mann sprang vom Fußtritte herab, näherte sich der äußern Wand des Kastens und horchte.

»Ja, Madame, er ist da,« sprach er zurückkehrend.

Die junge Frau machte ein Zeichen mit dem Kopfe, welches sagen wollte: »Es ist gut«; doch sie verharrte den Kopf auf ihre Hand gestützt und wie in tiefe Träumerei versunken. Mittlerweile hatte der junge Mann Zeit, sie prüfend anzuschauen.

Es war eine junge Frau von drei und zwanzig bis vier und zwanzig Jahren, von brauner Gesichtsfarbe, aber von jenem matten Braun, das reicher und schöner ist, als der rosigste und frischrothste Ton. Zum Himmel aufgeschlagen, den sie zu befragen schien, glänzten ihre Augen wie zwei Sterne, und ihre schwarzen Haare, die sie, trotz der Mode der Zeit, ohne Puder trug, fielen in pechschwarzen Locken auf ihren opalartig nuancirten Hals herab.

Plötzlich schien sie ihren Entschluß gefaßt zu haben und sprach:

»Mein Herr, wo sind wir?«

»Auf dem Wege von Straßburg nach Paris, Madame.«

»Auf welchem Punkte der Straße?«

»Zwei Lieues von Pierresitte.«

»Was ist das, Pierresitte?«

»Ein Marktflecken.«

»Und wohin kommt man nach Pierresitte?«

»Nach Bar-le-Duc.«

»Das ist eine Stadt?«

»Ja, Madame.«

»Volkreich?«

»Ich glaube, vier bis fünftausend Seelen.«

»Gibt es einen Seitenweg, der mehr unmittelbar nach Bar-le-Duc führt, als die Landstraße?«

»Nein, Madame, wenigstens kenne ich keinen.«

»Peccato!« murmelte sie leise, während sie sich im Cabriolet zurückwarf.

Der junge Mann wartete einen Augenblick, um zu sehen, ob die junge Frau noch mehr fragen würde, als er aber bemerkte, daß sie schwieg, machte er einige Schritte, um sich zu entfernen.

Diese Bewegung entzog sie, wie es schien, ihrer Träumerei, denn sie warf sich rasch wieder im Cabriolet vor.

»Mein Herr,« sprach sie.

Der junge Mann wandte sich um.

»Hier bin ich, Madame,« sagte er, indem er sich ihr abermals näherte.

»Noch eine Frage, wenn Sie erlauben.«

»Immerhin.«

»Es war ein Pferd hinten am Wagen angebunden?«

»Ja, Madame.«

»Ist es noch dort?«

»Nein, Madame: die Person, welche in das Innere des Kastens gestiegen ist, hat es losgebunden und dann wieder an das Wagenrad angebunden.«

»Dem Pferde ist auch nichts geschehen?«

»Ich glaube nicht.«

»Es ist ein werthvolles Thier, das ich ungemein liebe; ich möchte mich gern selbst überzeugen, daß es unversehrt ist; aber wie soll ich bei diesem Kothe zu ihm gelangen?«

»Ich kann das Pferd hierher führen,« sprach der junge Mann.

»Oh ja!« rief die Frau, »thun Sie das, ich bitte Sie und werde Ihnen sehr dankbar dafür sein.«

Der junge Mann näherte sich dem Pferde, das den Kopf erhob und wieherte.

»Fürchten Sie sich nicht,« sagte die Frau im Cabriolet, »es ist sanft wie ein Lamm.«

Dann die Stimme dämpfend, flüsterte sie:

»Dscherid! Dscherid!«

Das Thier erkannte ohne Zweifel diese Stimme als die seiner Gebieterin, denn es streckte seinen gescheiten Kopf und seine rauchenden Nüstern gegen das Cabriolet aus.

Während dieser Zeit band der junge Mann das Pferd los.

Doch kaum fühlte es seine Leine in den ungeschickten Händen, welche dieselbe hielten, als es sich mit einem heftigen Riffe frei machte und mit einem einzigen Sprunge zwanzig Schritte von dem Wagen entfernte.

»Dscherid!« wiederholte die Frau mit ihrem einschmeichelnden Tone, »hier, Dscherid, hier!«

Der Araber schüttelte seinen schönen Kopf, athmete geräuschvoll die Luft ein und näherte sich, beständig tänzelnd, als ob er einem musikalischen Takte folgte, dem Cabriolet.

Die Frau kam mit dem halben Leibe aus den ledernen Vorhängen hervor und flüsterte: »Komm hierher, Dscherid, komm!«

Und gehorsam bot das Thier seinen Kopf der Hand, die sich ausstreckte, um es zu liebkosen.

Da ergriff die junge Frau mit dieser zarten Hand die Mähne des Pferdes, stützte sich mit der andern auf das Spritzleder des Cabriolets und sprang in den Sattel, mit der Leichtigkeit der Gespenster in den deutschen Balladen, die sich auf das Kreuz der Pferde schwingen und an den Gürteln der Reisenden anklammern.

Der junge Mann eilte auf sie zu; doch mit einer gebieterischen Geberde der Hand hielt sie ihn zurück und sprach:

»Hören Sie, obgleich jung, oder vielmehr, weil Sie jung sind, müssen Sie menschenfreundliche Gefühle haben. Widersetzen Sie sich meinem Abgang nicht. Ich fliehe einen Mann, den ich liebe, doch ich bin vor Allem Römerin und gute Katholikin. Dieser Mann aber würde meine Seele zu Grunde richten, wenn ich länger bei ihm bliebe, denn er ist ein Atheist und ein Nekromant, den Gott so eben durch die Stimme seines Donners gewarnt hat. Möchte er auf diese Warnung hören! Sagen Sie ihm, was ich Ihnen hier gesagt habe, und seien Sie gesegnet für die Hülfe, die Sie mir geleistet. Gott befohlen!«

Und leicht wie jene Dünste, die über den Sümpfen schweben, entfernte sie sich und verschwand von dem luftigen Galopp von Dscherid fortgetragen.

Als der junge Mann sie fliehen sah, konnte er sich eines Schrei’s der Ueberraschung und des Erstaunens nicht erwehren.

Es war dies der Schrei, der bis in das Innere des Wagens drang und die Aufmerksamkeit des Reisenden erregte. —




IV.

Gilbert


Es war dies der Schrei, sagten wir, der die Aufmerksamkeit des Reisenden erregte.

Er sprang hastig aus dem Kasten, schloß diesen sorgfältig, und schaute sodann unruhig umher.

Das Erste, was er erblickte, war der junge Mann, der erschrocken auf der Straße stand. Ein zu gleicher Zeit erscheinender Blitz erlaubte ihm denselben vom Kopf bis zu den Füßen prüfend zu betrachten, eine Prüfung, welche Gewohnheit des Reisenden zu sein schien, so oft sein Blick einer neuen Person oder einer neuen Sache begegnete.

Es war ein Jüngling von kaum sechzehn bis siebenzehn Jahren, klein, mager und nervig; seinen schwarzen Augen, die er kühn auf den Gegenstand heftete, welcher ihn in Anspruch nahm, mangelte es an Sanftheit, aber nicht an einem gewissen Reize; seine schmale, gebogene Nase, seine feinen Lippen und seine hervorspringenden Backenknochen deuteten Schlauheit und Behutsamkeit an, während sich die Entschlossenheit bei ihm durch das kräftige Hervorragen eines runden Kinnes enthüllte.

»Haben Sie so eben geschrieen?« fragte er ihn.

»Ja, mein Herr, ich,« antwortete der junge Mann.

»Und warum haben Sie geschrieen?«

»Weil  . . .«

Der junge Mann hielt unentschlossen inne.

»Weil?« wiederholte der Reisende.

»Mein Herr,« sprach der junge Mann, »es war eine Dame im Cabriolet?«

»Ja.«

Und die Augen von Balsamo richteten sich auf den Kasten, als hätten sie die Dicke der Wände durchdringen wollen.

»Es war ein Pferd an den Federn des Wagens angebunden?«

»Ja, doch wo des Teufels ist es?«

»Mein Herr, die Dame vom Cabriolet ist auf dem Pferde, das an die Federn angebunden war, weggeritten.«

Der Reisende gab keinen Ausruf von sich, sprach kein Wort, sondern sprang nach dem Cabriolet und zog die ledernen Vorhänge aus einander: ein Blitz, der in diesem Augenblick den Himmel entzündete, zeigte ihm, daß das Cabriolet leer war.

»Heiliges Blut Christi!« rief er mit einem Gebrülle ähnlich dem Donner, der demselben als Begleitung diente.

Dann schaute er umher, als wollte er ein Mittel suchen, um nachzusetzen; doch er erkannte bald die Unzulänglichkeit der vorhandenen Mittel, und sprach den Kopf schüttelnd:

»Es versuchen, mit einem dieser Pferde Dscherid einzuholen, wäre gerade so gut, als wenn man eine Schildkröte zur Verfolgung einer Gazelle abschicken würde. Doch ich werde immerhin erfahren, wo sie ist, insofern nicht  . . .«

Und er fuhr rasch und voll Angst mit der Hand nach seiner Westentasche, zog ein kleines Portefeuille hervor und öffnete dasselbe. In einer von den Taschen dieses Portefeuille war ein zusammengefaltetes Papier und in dem Papier fand sich eine schwarze Haarlocke.

Bei dem Anblick dieser Haare erheiterte sich das Gesicht des Reisenden und sein ganzes Wesen wurde, wenigstens scheinbar, wieder ruhig.

»Vorwärts,« sagte er, mit einer Hand, die alsbald von Schweiß troff, über die Stirne fahrend, »es ist gut; und sie hat Ihnen bei ihrem Abgang nichts gesagt?«

»Doch, mein Herr.«

»Was hat sie Ihnen gesagt?«

»Ich soll Ihnen melden, sie verlasse Sie nicht aus Haß, sondern aus Furcht; sie sei eine würdige Christin, während Sie im Gegentheil  . . .«

Der junge Mann zögerte.

»Während ich im Gegentheil?« wiederholte der Reisende.

»Ich weiß nicht, ob ich es Ihnen wiedersagen soll?«

»Ei! sagen Sie es immerhin!«

»Während Sie im Gegentheil ein Atheist und ein Ungläubiger seien, dem Gott diesen Abend eine letzte Warnung habe geben wollen; sie habe diese Warnung begriffen und fordere Sie auf, dieselbe ebenfalls zu begreifen.«

Ein Lächeln der Verachtung schwebte über die Lippen des Reisenden.

»Ist das Alles, was sie Ihnen gesagt hat?« fragte er.

»Das ist Alles.«

»Gut, so sprechen wir von etwas Anderem.«

Die letzten Spuren der Unruhe und der Unzufriedenheit schienen von der Stirne des Reisenden zu entfliehen.

Der junge Mann betrachtete alle diese Gemüthsbewegungen, die sich auf dem Antlitz wiederspiegelten, mit einer Neugierde, welche andeutete, daß er ebenfalls mit einer gewissen Dose Beobachtungsgabe ausgestattet war.

»Wie heißen Sie, mein junger Freund?« sprach der Reisende.

»Gilbert, mein Herr.«

»Gilbert kurzweg? das ist ein Taufname, wie mir scheint.«

»Es ist mein Familienname.«

»Nun, mein lieber Gilbert, die Vorsehung führt Sie auf meinen Weg, um mich einer Verlegenheit zu entreißen.«

»Zu Ihren Befehlen, mein Herr, und Alles, was ich zu thun vermag  . . .«

»Werden Sie thun; ich danke. Ja, in Ihrem Alter ist man gefällig, um das Vergnügen zu haben, gefällig zu sein, ich weiß es wohl; übrigens ist das, um was ich Sie bitten will, nicht sehr schwierig: Sie sollen mir einfach ein Obdach für die Nacht angeben.«

»Einmal ist hier dieser Fels, unter dem ich mich vor dem Sturme verborgen habe,« sprach Gilbert.

»Ja,« versetzte der Reisende, »doch etwas wie ein Haus, wo ich ein gutes Abendbrod und ein gutes Bett finden würde, wäre mir lieber.«

»Das ist schwieriger.«

»Sind wir weit entfernt von dem ersten Dorfe?«

»Von Pierresitte?«

»Pierresitte heißt es?«

»Ja, mein Herr, wir sind ungefähr anderthalb Lieues davon entfernt.«

»Zu anderthalb Lieues in dieser Nacht, bei diesem Wetter, nur mit diesen zwei Pferden, brauchen wir zwei Stunden. Denken Sie wohl nach, gibt es keine Wohnung in der Gegend?«

»Das Schloß Taverney liegt höchstens dreihundert Schritte von hier.«

»Nun! also  . . .« versetzte der Reisende.

»Was, mein Herr?« fragte der junge Mann, die Augen weit aufsperrend.

»Warum sagten Sie das nicht sogleich?«

»Das Schloß Taverney ist kein Wirthshaus.«

»Es ist bewohnt?«

»Allerdings.«

»Von wem?«

»Von dem Baron von Taverney.«

»Wer ist der Baron von Taverney?«

»Der Vater von Fräulein Andrée, mein Herr.«

»Es macht mir großes Vergnügen, dies zu erfahren,« sprach lächelnd der Reisende, »doch ich fragte Sie, was für ein Mensch der Baron sei?«

»Mein Herr, es ist ein alter Edelmann von sechzig bis fünf und sechzig Jahren, der einst reich gewesen sein soll.«

»Ja, und nun arm ist; es ist die Geschichte von allen diesen Leuten. Mein Freund, ich bitte Sie, führen Sie mich zu dem Baron von Taverney.«

»Zu dem Baron von Taverney?« rief der junge Mann beinahe erschrocken.

»Weigern Sie sich, mir diesen Dienst zu leisten?«

»Nein, mein Herr; aber er  . . .«

»Nun?«

»Er wird Sie nicht aufnehmen.«

»Er wird einen verirrten Edelmann, der Gastfreundschaft von ihm verlangt, nicht aufnehmen? Ihr Baron ist also ein Bär?«

»Bei Gott!« rief der junge Mann mit einem Tone, der wohl sagen wollte: »Das hat ziemlich viel Aehnlichkeit.«

»Gleichviel,« sprach der Reisende, »ich werde es wagen.«

»Ich rathe es Ihnen nicht,« entgegnete Gilbert.

»Bah!« versetzte der Reisende, »so sehr der Baron auch Bär sein mag, so wird er mich doch nicht lebendig auffressen.«

»Nein; doch vielleicht verschließt er Ihnen seine Thüre.«

»Dann trete ich sie ein; und wenn Sie sich nicht etwa weigern, mir als Führer zu dienen  . . .«

»Ich weigere mich nicht, mein Herr.«

»So zeigen Sie mir den Weg.«

»Gern.«

Der Reisende stieg wieder in das Cabriolet und nahm eine kleine Laterne.

Da die Laterne erloschen war, so hoffte der junge Mann einen Augenblick, der Fremde würde in das Innere des Wagens zurückkehren, und er dürfte durch die Oeffnung der Thüre sehen, was dieses Innere enthielt.

Doch er näherte sich nicht einmal der Thüre des Kastens.

Der Reisende gab die Laterne Gilbert in die Hände.

Dieser drehte sie in allen Richtungen hin und her und fragte:

»Was soll ich mit dieser Laterne thun?«

»Sie sollen die Straße beleuchten, während ich die Pferde führe.«

»Aber Ihre Laterne ist ausgelöscht.«

»Wir zünden sie wieder an.«

»Oh! ja,« sagte Gilbert, »Sie haben Feuer im Innern des Wagens.«

»Und in meiner Tasche,« entgegnete der Reisende.

»Es wird schwierig sein, Schwamm bei diesem Regen anzuzünden.«

Der Reisende lächelte und erwiederte:

»Oeffnen Sie die Laterne.«

Gilbert gehorchte.

»Halten Sie Ihren Hut über meine beiden Hände.«

Gilbert gehorchte abermals; man sah ihn diese Vorbereitungen mit der größten Neugierde verfolgen. Gilbert kannte kein anderes Mittel, sich Feuer zu verschaffen, als Zunder, Stahl und Stein.

Der Reisende zog aus seiner Tasche ein silbernes Etui und aus diesem Etui ein Zündhölzchen; dann öffnete er den unteren Theil des Etui und tauchte das Zündhölzchen in einen Teig, der ohne Zweifel entflammbar war, denn sogleich fing das Zündhölzchen mit einem leichten Geknister Feuer.

Diese Wirkung war so plötzlich und so unerwartet, daß Gilbert bebte.

Der Reisende lächelte bei seinem Erstaunen, das indessen zu einer Zeit, wo nur die Chemiker den Phosphor kannten und dieses Geheimniß für ihre persönlichen Experimente bewahrten, ganz natürlich war.

Der Reisende theilte die magische Flamme dem Dochte seiner Kerze mit, verschloß sodann das Etui wieder und steckte es in seine Tasche.

Der junge Mann folgte dem kostbaren Gefäße mit Augen, die vor Gierde glühten. Er hätte offenbar viel für den Besitz eines solchen Schatzes gegeben.

»Nun, da Sie Licht haben, wollen sie mich führen?« fragte der Reisende.

»Kommen Sie, mein Herr,« sprach Gilbert.

Und der junge Mann marschirte voran, während sein Gefährte das Pferd am Gebiß faßte und so fortzugehen zwang.

Das Wetter war übrigens erträglicher geworden, der Regen hatte beinahe aufgehört und der Sturm entfernte sich brummend.

Der Reisende fühlte zuerst das Bedürfniß, das Gespräch wieder aufzunehmen.

»Sie scheinen den Baron von Taverney gut zu kennen, mein Freund?« sagte er.

»Ja, mein Herr, und das ist ganz einfach, denn ich bin seit meiner Kindheit bei ihm,«

»Es ist vielleicht Ihr Verwandter?«

»Nein, mein Herr.«

»Ihr Vormund?«

»Nein.«

»Ihr Gebieter?«

Der junge Mann bebte bei dem Worte Gebieter, und eine lebhafte Röthe färbte seine gewöhnlich bleichen Wangen.

»Ich bin kein Diener, mein Herr,« sagte er.

»Aber Sie sind doch irgend Etwas,« versetzte der Reisende.

»Ich bin der Sohn von einem ehemaligen Meier des Barons; meine Mutter ist die Amme von Fräulein Andrée gewesen.«

»Ich verstehe; Sie sind in dem Hause unter dem Titel eines Milchbruders der jungen Person, denn ich setze voraus, die Tochter des Barons ist jung.«

»Sie ist sechzehn Jahre, mein Herr.«

Gilbert escamotirte eine von den zwei Fragen, wie man sieht: die, welche ihn persönlich betraf.

Der Reisende schien dieselbe Betrachtung anzustellen, wie wir; er lenkte jedoch sein Verhör auf einen andern Punkt.

»Durch welchen Zufall waren Sie bei einem so abscheulichen Wetter auf der Straße?«

»Ich war nicht auf der Straße, sondern unter einem Felsen am Wege.«

»Und was machten Sie unter dem Felsen?«

»Ich las.«

»Sie lasen?«

»Ja.«

»Und was lasen Sie?«

»Den Contrat social von Jean Jacques Rousseau.«

Der Reisende schaute den jungen Mann mit einem gewissen Erstaunen an.

»Sie haben das Buch aus der Bibliothek des Barons genommen?« fragte er.

»Nein, mein Herr, ich habe es gekauft.«

»Wo dies? In Bar-le-Duc?«

»Nein, mein Herr, bei einem durchreisenden Hausirer: es kommen seit einiger Zeit viele Hausirer mit guten Büchern auf das Land.«

»Wer sagte Ihnen, der Contrat social sei ein gutes Buch?«

»Ich sah es beim Lesen, mein Herr.«

»Haben Sie denn schlechte Bücher gelesen, daß Sie einen solchen Unterschied feststellen können?« »Ja.«

»Und was nennen Sie schlechte Bücher?«

»Den Sofa, Tanzai und Neadarne, und andere Bücher dieser Art.«

»Wo Teufels haben Sie diese Bücher gefunden?«

»In der Bibliothek des Barons.«

»Wie verschafft sich der Baron solche Neuigkeiten in einem Loche, wie er es bewohnt?«

»Man schickt sie ihm von Paris.«

»Wie kommt es, mein Freund, daß der Baron, wenn er arm ist, wie Sie sagen, sein Geld auf solche Fadheiten verwendet?«

»Er kauft sie nicht, man schenkt sie ihm.«

»Ah! man schenkt sie ihm?«

»Ja, mein Herr.«

»Wer dies?«

»Einer von seinen Freunden, ein vornehmer Herr.«

»Ein vornehmer Herr, wissen Sie den Namen dieses vornehmen Herrn?«

»Der Herzog von Richelieu.«

»Wie! der alte Marschall?«

»Ja, der Marschall, so ist es.«

»Aber ich setze voraus, er läßt solche Bücher nicht vor Fräulein Andrée liegen?«

»Im Gegentheil, er läßt sie überall liegen.«

»Ist Fräulein Andrée auch Ihrer Ansicht, daß diese Bücher schlechte Bücher sind?« fragte der Reisende mit einem hinterhältischen Lächeln.

»Fräulein Andrée liest sie nicht, mein Herr,« antwortete Gilbert trocken

Der Reisende schwieg einen Augenblick. Diese seltsame Natur, eine Mischung von Gutem und Schlechtem, von Schüchternheit und Keckheit, interessirte ihn offenbar unwillkührlich.

»Und warum haben Sie diese Bücher gelesen, da Sie wußten, daß sie schlecht sind?« fuhr derjenige fort, welchen der alte Gelehrte unter dem Namen Acharat bezeichnet hatte.

»Weil ich bei dem Oeffnen derselben ihren Werth nicht kannte.«

»Sie haben dies jedoch leicht ergründet?«

»Ja, mein Herr.«

»Und Sie fuhren nichtsdestoweniger fort zu lesen?«

»Ich fuhr fort.«

»In welcher Absicht?«

»Sie lehrten mich Dinge, die ich nicht wußte.«

»Und der Contrat social?«

»Er lehrt mich Dinge, die ich errathen hatte.«

»Welche?«

»Daß alle Menschen Brüder, daß die Gesellschaften, welche Leibeigene oder Sklaven haben, schlecht organisirt sind; daß eines Tages alle Menschen gleich sein werden.«

»Ah! ah!« machte der Reisende.

Es trat ein kurzes Stillschweigen ein; Gilbert und sein Gefährte marschirten mittlerweile vorwärts; der Reisende zog das Pferd am Zügel, Gilbert hielt die Laterne in der Hand.

»Sie haben also große Lust, zu lernen, mein Freund?« sagte leise der Reisende.

»Ja, mein Herr, es ist mein größter Wunsch.«

»Und was möchten Sie gern lernen?«

»Alles,« antwortete der junge Mann.

»Und warum wollen Sie lernen?«

»Um mich zu erheben.«

»Bis wohin?«

Gilbert zögerte. Er hatte offenbar ein Ziel in seinem Geiste; doch dieses Ziel war sein Geheimniß und er wollte es nicht nennen.

»Wohin der Mensch gelangen kann,« erwiederte er.

»Doch Sie haben wenigstens etwas studirt?«

»Nichts. Wie soll ich studiren, da ich nicht reich bin und in Taverney wohne?«

»Wie! Sie wissen nicht ein wenig von der Mathematik?«

»Nein.«

»Von der Physik?«

»Nein.«

»Von der Chemie?«

»Nein. Ich kann nur lesen und schreiben; doch ich werde Alles dies verstehen.«

»Wann?«

»Einst.«

»Durch welches Mittel?«

»Ich weiß es nicht; aber ich werde es verstehen.«

»Seltsames Kind!« murmelte der Reisende.

»Und dann  . . .« sagte Gilbert mit sich selbst sprechend.

»Nun?«

»Ja.«

»Was?«

»Nichts.«

Gilbert und derjenige, welchem er als Führer diente, marschirten indessen seit ungefähr einer Viertelstunde; der Regen hatte gänzlich aufgehört und die Erde fing an den scharfen Wohlgeruch auszudünsten, der im Frühjahr die glühenden Ausströmungen des Sturmes ersetzt.

Gilbert schien in ein tiefes Nachdenken versunken zu sein.

»Mein Herr,« sagte er plötzlich, »wissen Sie, was der Sturm ist?«

»Allerdings weiß ich es.«

»Sie?«

»Ja, ich.«

»Sie wissen was der Sturm ist? Sie wissen was den Blitz verursacht?«

Der Reisende lächelte und sprach:

»Es ist die Combination von zwei Electricitäten, der Electricität der Wolken und der Electricität des Bodens.«

Gilbert stieß einen Seufzer aus.

»Ich verstehe nicht,« sagte er.

Vielleicht war der Reisende im Begriff, dem armen jungen Manne eine verständlichere Erklärung zu geben, aber leider glänzte in diesem Augenblick ein Licht durch das Blätterwerk.

»Ah! ah! was ist das?« rief der Unbekannte.

»Das ist Taverney.«

»Wir sind also an Ort und Stelle?«

»Hier ist das Hofthor.«

»Oeffnen Sie.«

»Oh! mein Herr, das Thor von Taverney öffnet sich nicht nur so.«

»Taverney ist also ein Kriegsplatz? Klopfen Sie immerhin.«

Gilbert näherte sich dem Thore und klopfte einmal mit dem Zögern der Schüchternheit.

»Oh! oh!« sagte der Reisende, »man wird Sie nie hören, mein Freund; klopfen Sie stärker.«

Es deutete in der That nichts an, daß die Aufforderung von Gilbert gehört worden war; Alles blieb stille.

»Sie nehmen die Sache auf sich?« sagte Gilbert.

»Haben Sie nicht bange.«

Gilbert zögerte nicht länger; er verließ den Klopfer und hing sich an die Glocke, welche einen so scharfen, mächtigen Ton von sich gab, daß man sie hätte auf eine Stunde hören können.

»Meiner Treue! wenn Ihr Baron diesmal nicht gehört hat, so muß er taub sein.«

»Ah! Mahon bellt,« sprach der junge Mann.

»Mahon!« versetzte der Reisende; »das ist ohne Zweifel eine Artigkeit Ihres Barons gegen seinen Freund den Herzog von Richelieu.«

»Ich weiß nicht, was Sie damit sagen wollen, mein Herr.«

»Mahon ist die letzte Eroberung des Marschalls.«

Gilbert stieß einen zweiten Seufzer aus und sprach:

»Ach! ich habe Ihnen bereits gestanden, daß ich nichts weiß, mein Herr.«

Diese zwei Seufzer faßten für den Fremden eine Reihenfolge verborgener Leiden und unterdrückter, wenn nicht getäuschter Bestrebungen zusammen.

In diesem Augenblick ließ sich ein Geräusch von Tritten hören.

»Endlich!« rief der Fremde.

»Es ist der gute La Brie,« sagte Gilbert.

Die Thüre wurde geöffnet; doch bei dem Anblick des Fremden und seines seltsamen Gefährtes wollte der überrumpelte La Brie, der nur Gilbert zu öffnen glaubte, wieder schließen.

»Verzeiht, verzeiht, Freund,« sprach der Reisende, »wir kommen absichtlich hierher, und Ihr müßt uns nicht die Thüre vor der Nase zuschlagen.«

»Mein Herr, ich muß den Herrn Baron benachrichtigen, daß ein unerwarteter Besuch  . . .«

»Es ist nicht der Mühe werth, ihn zu benachrichtigen .. . glaubt mir! Ich will mich der Gefahr eines bösen Gesichtes aussetzen, und wenn man mich fortjagt, so geschieht es nur, dafür stehe ich Euch, nachdem ich mich erwärmt, getrocknet und gefüttert habe. Ich hörte sagen, der Wein sei hier gut; Ihr müßt etwas davon wissen, wie?«

Statt diese Frage zu beantworten, suchte La Brie Widerstand zu leisten; doch der Reisende war fest entschlossen und ließ die Pferde und den Wagen in die Allee einrücken, während Gilbert das Thor wieder zumachte, was in einem Augenblick geschehen war. Als La Brie sich besiegt sah, glaubte er nichts Besseres thun zu können, als seine Niederlage selbst anzukündigen: er setzte seine alten Beine in Thätigkeit, stürzte nach dem Hause und schrie mit der ganzen Gewalt seiner Lunge:

»Nicole Legay! Nicole Legay!«

»Was ist das, Nicole Legay?« fragte der Fremde, während er mit derselben Ruhe nach dem Schlosse zuschritt.

»Nicole, mein Herr?« versetzte Gilbert mit einem leichten Zittern.

»Ja, Nicole, diejenige, welche Meister La Brie ruft.«

»Es ist die Kammerfrau von Fräulein Andrée, mein Herr.«

Auf das Geschrei von La Brie erschien indessen ein Licht unter den Bäumen und beleuchtete ein reizendes Mädchengesicht.

»Was willst Du von mir, La Brie?« fragte das Mädchen, »warum dieses Lärmen?«

»Geschwinde, geschwinde, Nicole,« rief die scheiternde Stimme des Greises; »melde dem Herrn einen Fremden, der vom Sturme überfallen worden ist, bitte ihn um Gastfreundschaft für diese Nacht.«

Nicole ließ sich das nicht wiederholen, sie lief so leicht nach dem Schlosse, daß man sie in einem Augenblick aus dem Gesichte verloren hatte.

La Brie, der nun gewiß war, daß der Baron nicht überfallen werden würde, erlaubte sich einen Augenblick Athem zu holen.

Bald brachte die Botschaft ihre Wirkung hervor, denn man hörte eine scharfe, gebieterische Stimme auf der Thürschwelle und von der Freitreppe herab, die man unter den Akacien erblickte, mit wenig gastfreundlichem Tone rufen:

»Ein Fremder  . . . wer dies? Wenn man so unversehens zu den Leuten kommt, so nennt man sich wenigstens.«

»Das ist der Baron?« fragte La Brie derjenige, welcher die ganze Verwirrung veranlaßte.

»Ach! ja, mein Herr,« antwortete der arme Mensch ganz zerknirscht; »Sie hören, was er fragt?«

»Nicht wahr, er fragt nach meinem Namen?«

»Ganz richtig. Und ich, der ich vergaß, Sie darum zu bitten!«

»Meldet den Baron Joseph Balsamo,« sprach der Reisende; »die Aehnlichkeit des Titels wird Euren Herrn vielleicht entwaffnen.«

La Brie machte seine Meldung, einigermaßen ermuthigt durch den Titel, den sich der Unbekannte beigelegt hatte.

»Es ist gut,« brummte die Stimme, »er mag eintreten, da er einmal hier ist  . . . Treten Sie ein, mein Herr, wenn es Ihnen beliebt: hier  . . . gut; hieher  . . .«

Der Fremde schritt rasch vor; als er aber an die erste Stufe der Freitreppe kam, faßte ihn die Lust, sich umzudrehen, um zu sehen, ob ihm Gilbert folgte.

Gilbert war verschwunden.




V.

Der Baron von Taverney


Obgleich durch Gilbert von der Dürftigkeit des Barons von Taverney unterrichtet, war doch derjenige, welcher sich unter dem Namen Baron Joseph Balsamo melden ließ, erstaunt, als er die Mittelmäßigkeit des von Gilbert emphatisch mit dem Namen Schloß getauften Wohngebäudes erblickte.

Das Haus hatte kaum ein Stockwerk und bildete ein langes Gevierte, an dessen Enden sich zwei viereckige Pavillons in Form von Thürmchen erhoben. Dieser unregelmäßigen Gesammtheit gebrach es indessen bei dem bleichen Schimmer eines zwischen den durch den Orkan zerrissenen Wolken hinschlüpfenden Mondes nicht an einem gewissen pittoresken Reize.

Sechs Fenster unten, zwei Fenster an jedem Thürmchen, d. h. eines in jedem Stocke, eine ziemlich breite Freitreppe, deren ausgerenkte Stufen jedoch bei jeder Fuge Abschüsse bildeten, dies war die Gesammtheit, welche dem Ankömmling in’s Auge fiel, ehe er bis zu der Schwelle hinaufstieg, wo ihn, wie gesagt, der Baron in einem Schlafrocke und einen Leuchter in der Hand erwartete.

Der Baron von Taverney war ein kleiner Greis von sechzig bis fünf und sechzig Jahren, mit lebhaftem Auge und hoher, aber zurücklaufender Stirne; er trug eine schlechte Perrücke, an der von den Kerzen des Kamins allmälig und zufällig verzehrt worden war, was die Ratten im Schranke an Locken verschont hatten. Er hielt in der Hand eine Serviette von problematischer Weiße, woraus hervorging, daß er in dem Augenblick, wo er sich hatte zu Tische setzen wollen, gestört worden war.

Sein boshaftes Gesicht, in welchem man einige Aehnlichkeit mit dem von Voltaire hätte finden können, belebte sich in diesem Augenblick durch einen doppelten, leicht faßbaren Ausdruck; nach den Gesetzen der Höflichkeit mußte er seinem unbekannten Gaste zulächeln; die Ungeduld verwandelte dieses Gebot in eine Grimasse, deren Bedeutung sich offenbar dem Gallsüchtigen und Sauertöpfischen zuwandte, so daß, erhellt von dem zitternden Schimmer des Kronleuchters, dessen Schatten die Hauptzüge zerrissen, die Physiognomie des Barons von Taverney für die eines sehr häßlichen Herrn gelten konnte.

»Mein Herr,« sagte er, »darf ich wissen, welchem glücklichen Zufall ich das Vergnügen, Sie hier zu sehen, zu verdanken habe?«

»Mein Herr, dem Sturme, der die Pferde so scheu machte, daß sie durchgingen und beinahe meinen Wagen zerbrachen. Ich befand mich auf der Landstraße ohne Postillons: der eine war vom Pferde gefallen, der andere mit seinem Rosse entflohen, als ein junger Mann, dem ich begegnete, mir den Weg zu ihrem Schlosse zeigte und mich ihrer wohlbekannten Gastfreundschaft versicherte.«

Der Baron hob seine Kerze in die Höhe, um etwas mehr Raum zu beleuchten, und um zu sehen, ob er nicht in diesem Raume den Ungeschickten entdecken würde, der ihm den glücklichen Zufall verschaffte, von dem er so eben gesprochen.

Der Reisende schaute seinerseits umher, um zu sehen, ob sein Führer wirklich verschwunden sei.

»Wissen Sie, wie derjenige heißt, welcher Ihnen mein Schloß bezeichnet hat, mein Herr?« fragte der Baron von Taverney wie ein Mensch, der erfahren will, wem er seine Dankbarkeit ausdrücken soll.

»Es ist ein junger Mann, der, glaube ich, Gilbert heißt.«

»Ah! ah! Gilbert; ich hätte nicht geglaubt, daß er nur hiezu tauglich wäre. Ah! der Müssiggänger Gilbert, der Philosoph Gilbert!«

Bei diesem Flusse von Beiwörtern, welche mit drohendem Tone ausgesprochen wurden, begriff der Gast, daß wenig Sympathie zwischen dem Lehensherrn und seinem Vasallen bestand.

»Nun, mein Herr,« sprach der Baron nach einem Augenblick eines Stillschweigens, das nicht minder ausdrucksvoll war, als seine Worte, »wollen Sie gefälligst eintreten.«

»Erlauben Sie,« entgegnete der Reisende, »erlauben Sie, daß ich zuerst meinen Wagen, der kostbare Gegenstände enthält, in die Remise bringen lasse.«

»La Brie!« rief der Baron, »La Brie! führe den Wagen des Herrn Baron unter den Schoppen, er wird dort besser bedeckt sein, als mitten im Hofe, insofern sich am Schoppen noch viele Latten finden, wo es Latten gibt; was die Pferde betrifft, so ist dies etwas Anderes, ich stehe Ihnen nicht dafür, daß Futter für sie vorhanden ist, doch da sie nicht Ihnen gehören, sondern dem Postmeister, so wird dies für Sie ziemlich gleichgültig sein.«

»Wenn ich Ihnen jedoch zu sehr lästig falle, wie ich zu glauben anfange  . . .« sagte der Reisende ungeduldig.

»Oh! das ist es nicht, mein Herr,« unterbrach ihn höflich der Baron, »Sie sind mir durchaus nicht lästig; Sie werden sich nur beengt fühlen, das muß ich Ihnen zum Voraus bemerken.«

»Mein Herr, glauben Sie mir, ich werde Ihnen stets dankbar sein.«

»Oh! ich mache mir keine Illusionen, mein Herr,« sagte der Baron, indem er abermals seinen Leuchter erhob, um den Lichtkreis auf der Seite von Joseph Balsamo zu erweitern, der, unterstützt von La Brie, seinen Wagen wegführte; »oh! ich mache mir keine Illusionen, Taverney ist ein trauriger Aufenthalt und besonders ein armseliger Aufenthalt.«

Der Reisende war zu sehr beschäftigt, um zu antworten; er wählte, der Einladung des Baron von Taverney gemäß, die am wenigsten verfallene Stelle des Schoppen, um hier seinen Wagen unterzubringen, und als er ungefähr bedeckt war, drückte er einen Louisd’or in die Hand von La Brie und kehrte sodann zu dem Baron zurück.

La Brie steckte den Louisd’or in die Tasche, überzeugt, es wäre ein Vierundzwanzig-Sous-Stück, und dankte dem Himmel für diese Gabe.

»Gott behüte, daß ich von Ihrem Schlosse so schlecht denke, wie Sie es bezeichnen, mein Herr,« sprach Balsamo, sich vor dem Baron verbeugend; dieser aber führte ihn, um ihm ganz einfach zu beweisen, daß er die Wahrheit gesprochen, durch ein langes, feuchtes Vorzimmer, schüttelte dabei den Kopf und brummte:

»Gut, gut, ich weiß, was ich spreche, ich kenne meine Mittel, sie sind leider sehr beschränkt. Wenn Sie Franzose sind, Herr Baron, doch Ihr deutscher Accent deutet mir an, daß Sie es nicht sind, obgleich Ihr italienischer Name  . . . aber das thut nichts zur Sache; wenn Sie Franzose sind, sagte ich, so muß der Name Taverney Erinnerungen an Pracht und Herrlichkeit in Ihnen erweckt haben: man sagte einst Taverney der Reiche.«

Balsamo meinte Anfangs, diese Phrase würde sich in einem Seufzer endigen, doch dem war nicht so.

»Philosophie,« dachte er.

»Hier durch, Herr Baron, hier durch,« fuhr der Baron fort, indem er die Thüre des Speisesaales öffnete. »Hollah! Meister La Brie, bedient uns, als ob Ihr ganz allein hundert Diener wäret.«

La Brie stürzte hinaus, um seinem Herrn zu gehorchen.

»Ich habe nur diesen Lackei, mein Herr, und er bedient mich sehr schlecht,« sprach Taverney. »Aber ich besitze nicht die Mittel, mir einen andern zu halten. Dieser Dummkopf ist seit beinahe zwanzig Jahren bei mir geblieben, ohne einen Sou Lohn zu beziehen, und ich ernähre ihn ungefähr wie er mich bedient  . . . Er ist albern, wie Sie sehen werden.«

Balsamo verfolgte den Lauf seiner Studien.

»Herzlos!« sagte er; »doch es ist vielleicht Affectation.«

Der Baron machte die Saalthüre wieder zu, und nun erst konnte der Reisende, dadurch, daß der Baron seinen Leuchter über sein Haupt erhob, den Saal in der ganzen Ausdehnung umfassen.

Es war ein großer Saal, der einst die Hauptstube eines kleinen Pachthauses bildete, das sein Eigenthümer zum Range eines Schlosses erhoben hatte; die Ausstattung war so kärglich, daß man beim ersten Blicke den ganzen Saal für leer hielt. Strohstühle mit geschnitztem Rücken, Kupferstiche nach den Schlachtstücken von Lebrun copirt, in Rahmen von gefirnißtem schwarzem Holze, ein eichener Schrank, durch den Rauch und das Alter geschwärzt, dies war die ganze Ausschmückung. In der Mitte erhob sich ein kleiner Tisch, auf welchem eine einzige Platte bestehend aus jungen Feldhühnern und Kohl dampfte. Der Wein war in einem Steinkruge mit weitem Bauche enthalten; das abgenutzte, geschwärzte, buckelige Silberzeug bestand aus drei Gedecken, einem Becher und einem Salzfaß. Von herrlicher Arbeit und großer Schwere schien letzteres Stück ein werthvoller Diamant unter werth- und glanzlosen Kieselsteinen zu sein.

»Hier, mein Herr, hier,« sprach der Baron, seinem Gaste, dessen forschendem Blick er gefolgt war, einen Stuhl anbietend. »Ah! Ihr Auge verweilt bei meinem Salzfaß; Sie bewundern es; das zeugt von gutem Geschmack; denn Sie fallen gerade auf den einzigen Gegenstand, der sich hier zeigen läßt. Mein Herr, ich danke Ihnen, und zwar von ganzem Herzen; doch nein, ich täusche mich. Bei meiner Treue, ich habe noch etwas Kostbareres, und das ist meine Tochter.

»Fräulein Andrée,« sagte Balsamo.

»Bei Gott ja, Fräulein Andrée,« versetzte der Baron erstaunt, daß sein Gast so gut unterrichtet war, »ich will Sie ihr vorstellen. Andrée! Andrée! komm mein Kind, fürchte Dich nicht.«

»Ich fürchte mich nicht, mein Vater,« antwortete mit einer sanften und wohlklingenden Stimme ein großes, schönes Mädchen, das sich ohne Verlegenheit, aber auch ohne Keckheit an der Thüre zeigte.

Obgleich in hohem Grade Herr seiner selbst, wie man bereits sehen konnte, mußte sich Joseph Balsamo doch unwillkührlich tief vor dieser erhabenen Schönheit verbeugen.

Andrée von Taverney, welche erschienen war, um Alles, was sie umgab, zu vergolden und zu bereichern, hatte hell kastanienbraune Haare, die an den Schläfen und am Hals noch lichter wurden; ihre schwarzen, durchsichtigen, weit geöffneten Augen schauten starr, wie die des Adlers. Die Milde ihres Blickes war jedoch unaussprechlich; ihr frischrother Mund bildete sich launenhaft in einem Bogen von feuchter, glänzender Koralle; bewunderungswürdig weiße, zarte Hände von antiker Zeichnung standen mit Armen, blendend an Form und Glanz, in Verbindung; ihr zugleich geschmeidiger und fester Wuchs schien der einer heidnischen Statue zu sein, welcher ein Wunder Leben gegeben hätte; ihr Fuß, dessen Biegung neben dem von Diana der Jägerin merkwürdig gewesen wäre, schien das Gewicht ihres Körpers nur durch ein Wunder des Gleichgewichts tragen zu können; ihr Anzug endlich war, obgleich höchst einfach, doch von einem so vollkommenen Geschmack und so sehr dem Gesammtwesen ihrer Person angemessen, daß eine vollständige Kleidung, aus der Garderobe einer Königin genommen, vielleicht minder reich, minder elegant geschienen hätte, als ihr einfaches Gewand.

Alle diese wunderbaren Einzelnheiten erfaßte Balsamo mit dem ersten Blicke; er hatte Alles gesehen, Alles bemerkt, von dem Augenblick, wo Fräulein von Taverney in den Speisesaal trat, bis zu dem Momente, wo er sie grüßte, und der Baron verlor seinerseits nicht einen von den Eindrücken, den dieser seltene oder vielmehr einzige Verein von Vollkommenheiten auf seinen Gast hervorbrachte.

»Sie haben Recht,« sprach mit leiser Stimme Balsamo, sich gegen seinen Wirth umwendend, »das Fräulein ist eine kostbare Schönheit.«

»Machen Sie der armen Andrée nicht zu viel Complimente, mein Herr,« versetzte mit gleichgültigem Tone der Baron; »sie kommt so eben aus dem Kloster und würde an das, was Sie ihr sagen, glauben. Nicht als befürchtete ich ihre Coquetterie, im Gegentheil, das liebe Kind ist nicht genug coquette, mein Herr, und als guter Vater bemühe ich mich, diese Eigenschaft, welche die erste Macht der Frauen bildet, bei ihr zu entwickeln.«

Andrée schlug die Augen nieder und erröthete. Mit dem besten Willen hatte sie nicht umhin können, diese seltsame Theorie ihres Vaters anzuhören.

»Sagte man dies dem Fräulein, als sie im Kloster war?« fragte lachend Joseph Balsamo, »bestand in dieser Vorschrift ein Theil des Unterrichts, den die Nonnen gaben?«

»Mein Herr,« entgegnete der Baron, »ich habe meine eigenen Ansichten, wie Sie bereits sehen konnten.«

Balsamo verbeugte sich, zum Zeichen, daß er diesem Anspruche des Barons völlig beipflichte.

»Nein,« fuhr dieser fort, »ich will die Familienväter nicht nachahmen, welche zu ihrer Tochter sagen: ,Sei klug, unbeugsam, blind; berausche Dich mit Ehre, Zartgefühl und Uneigennützigkeit!’ Die Dummköpfe! Es kommt mir vor, als sähe ich Sekundanten ihren Streiter, nachdem sie ihn von jedem Stücke entblößt und völlig entwaffnet, auf den Kampfplatz führen, um ihn gegen einen vom Scheitel bis zur Zehe bewaffneten Gegner kämpfen zu lassen. Nein, bei Gott, es wird bei meiner Tochter Andrée nicht so sein, obgleich sie in Taverney, einem Provinznest, erzogen worden ist.«

Wenn auch der Ansicht des Barons über die Bezeichnung, die er seinem Schlosse gegeben, so glaubte doch Balsamo einen Widerspruch mimisch ausdrücken zu müssen.

»Gut, gut,« versetzte der Greis, das Spiel des Gesichts von Balsamo beantwortend, »gut, ich weiß was an Taverney ist, sage ich Ihnen; doch wie es auch sein mag und so weit wir auch von der glänzenden Sonne entfernt sind, die man Versailles nennt, so wird doch meine Tochter die Welt kennen lernen, die ich einst so gut gekannt habe; sie wird in dieselbe eintreten  . . . wenn sie je eintritt, mit einem vollständigen Arsenal, das ich ihr mit Hülfe meiner Erfahrungen und meiner Erinnerungen schmiede  . . . Doch, mein Herr, ich muß Ihnen gestehen, ja, das Kloster hat Alles verdorben  . . . Meine Tochter, solche Dinge sind nur für mich gemacht, meine Tochter ist die erste Kostschülerin, die das Gute vom Unterricht genommen und den Buchstäben des Evangeliums befolgt hat! Corbleu! gestehen Sie, daß dies unglücklich spielen heißt, Baron.«

»Das Fräulein ist ein Engel,« antwortete Balsamo, »und in der That, mein Herr, was Sie mir da sagen, überrascht mich nicht.«

Andrée verbeugte sich vor dem Baron, um ihm ihren Dank und ihre Sympathie darzuthun, und setzte sich sodann, wie es ihr Vater ihr durch ein Zeichen mit den Augen befahl.

»Setzen Sie sich, Baron, und essen Sie, wenn Sie Hunger haben,« sprach Taverney. »Es ist ein abscheulicher Ragout, was dieses Thier von einem La Brie zusammengekocht hat.«

»Junge Feldhühner! Sie nennen das einen abscheulichen Ragout?« sagte lächelnd der Gast des Barons; »Sie verleumden Ihren Tisch. Junge Feldhühner im Mai! Sie sind also von Ihren Gütern?«

»Von meinen Gütern! Seit langer Zeit ist Alles, was ich besaß, und ich muß gestehen, mein guter Vater hinterließ mir eine gewisse Quantität, seit langer Zeit, sage ich, ist Alles, was ich besaß, verkauft, verzehrt, verdaut. O mein Gott! nein, ich habe keinen Zoll breit Land mehr, nein. Es kommt von dem Müssiggänger Gilbert, der nur zum Lesen und Träumen taugt, und der in seinen verlorenen Augenblicken irgendwo eine Flinte, Pulver und Blei gestohlen haben wird und dieses Geflügel schießt, indem er auf den Gütern meiner Nachbarn wildert. Er wird auf die Galeere kommen, und ich lasse ihn sicherlich gehen, denn das befreit mich von ihm. Doch Andrée liebt das Wildpret, weshalb ich Herrn Gilbert verzeihe.«

Balsamo betrachtete forschend das schöne Antlitz von Andrée, und er entdeckte darauf keine Falte, kein Beben, nicht einen Schatten von Röthe.

Er setzte sich zu Tische zwischen sie und den Baron, und sie legte ihm, ohne, wie es schien, im Geringsten über die Dürftigkeit der Tafel in Verlegenheit zu gerathen, seinen Theil von der durch Gilbert gelieferten und durch La Brie gewürzten Platte vor, welche der Baron so geringschätzend behandelte.

Der arme La Brie, der kein Wort von den Lobeserhebungen verlor, die Balsamo ihm und Gilbert ertheilte, reichte den Teller mit einer zerknirschten Miene, welche triumphirend wurde bei jedem Lobe, das der Baron der Zubereitung spenden zu müssen glaubte.

»Er hat seinen abscheulichen Ragout nicht gesalzen!« rief der Baron, nachdem er zwei Rebhühnerflügel verschlungen hatte, welche seine Tochter mitten unter eine ölige Lage Kohl auf seinen Teller legte. »Andrée, gib doch dem Herrn Baron das Salzfaß.«

Andrée gehorchte, den Arm mit vollkommener Anmuth ausstreckend.

»Ah! ich sehe, Sie bewundern abermals mein Salzfaß, Baron,« sagte Taverney.

»Diesmal täuschen Sie sich, mein Herr,« erwiederte Balsamo, »ich bewundere die Hand des Fräuleins.«

»Ah! vortrefflich, es ist ganz ein Richelieu! Doch, da Sie dieses berühmte Salzfaß, in welchem Sie sogleich das erkannten, was es ist, in der Hand haben, so schauen Sie es an; es wurde vom Regenten bei Lucas, dem Goldschmied, bestellt. Es sind Liebschaften von Satyrn und Bacchantinnen; das ist frei, aber hübsch.«

Balsamo bemerkte jetzt erst, daß die Gruppe von Figurinen, reizend, was die Arbeit betrifft, und kostbar in der Ausführung, nicht frei, sondern obscön war. Dieser Anblick veranlaßte ihn, die Ruhe und Gleichgültigkeit von Audrée zu bewundern, welche ihm auf Befehl ihres Vaters das Salzfaß gereicht hatte, ohne eine Miene zu verziehen, und fortaß, ohne zu erröthen.

Doch als hätte es sich der Baron zur Aufgabe gemacht, diesen Firniß der Unschuld abzuschuppen, der, dem jungfräulichen Rocke ähnlich, von dem die heilige Schrift spricht, die ganze Person seiner Tochter bedeckte, fuhr er fort, die Schönheiten seines Salzfasses auseinanderzusetzen, obgleich sich Balsamo die größte Mühe gab, das Gespräch auf einen andern Gegenstand zu bringen.

»Essen Sie doch, Baron,« sagte Taverney; »denn ich bemerke Ihnen zum Voraus, daß nur diese Platte vorhanden ist. Vielleicht denken Sie, der Braten werde kommen und die Zwischengerichte warten; lassen Sie sich diesen Irrthum benehmen, denn Sie wären furchtbar betrogen.«

»Verzeihen Sie, mein Herr,« sagte Andrée mit ihrer gewöhnlichen Kälte, »wenn Nicole mich recht verstanden hat, so muß sie einen Tôt-fait, dessen Recept ich sie lehrte, angefangen haben.«

»Das Recept! Du hast das Recept eines Gerichtes, Nicole Legay, Deiner Kammerfrau, mitgetheilt? Deine Kammerfrau besorgt die Küche? Es fehlte nur noch Eines: daß Du selbst kochen würdest. Kochten die Herzoginnen von Chateauroux oder die Marquise von Pompadour dem König? der König machte im Gegentheil ihnen Pfannkuchen. Mein Tag des Lebens! daß ich Frauen bei mir kochen sehen muß!  . . . Baron, ich bitte Sie, entschuldigen Sie meine Tochter.«

»Aber, mein Vater, man muß doch essen,« entgegnete ruhig Andrée. »Sprich, Legay,« fügte sie etwas lauter bei, »ist es gemacht?«

»Ja, mein Fräulein,« antwortete das Mädchen und brachte eine Platte, deren Geruch äußerst Appetit erregend war.

»Ich weiß wohl, wer nicht von diesem Gerichte essen wird,« rief Taverney wüthend und zerbrach seinen Teller.

»Dieser Herr ißt vielleicht davon,« sprach Andrée mit kaltem Tone.

Dann sich an ihren Vater wendend:

»Sie wissen, mein Herr, daß Sie nur noch siebzehn Teller von dem Service haben, der mir von meiner Mutter zukommt.«

Hiernach zerschnitt sie den Kuchen, den Nicole Legay, die hübsche Zofe, auf den Tisch gestellt hatte.




VI.

Andrée von Taverney


Der Beobachtungsgeist von Joseph Balsamo fand reiche Nahrung in jeder Einzelnheit dieses seltsamen, abgesonderten, in einem Winkel von Lothringen verlorenen Daseins.

Das Salzfaß allein enthüllte ihm eine ganze Seite vom Charakter des Baron von Taverney, oder vielmehr seinen Charakter unter allen seinen Seiten.

Seinen zartesten Scharfsinn zu Hülfe rufend, befragte er die Züge von Andrée in dem Augenblick, wo sie mit der Spitze ihres Messers die silbernen Figuren berührte, welche aus einem der nächtlichen Mahle des Regenten, in deren Folge Canillac die Kerzen auszulöschen beauftragt war, hervorgegangen zu sein schienen.

War es Neugierde, oder bewegte ihn ein anderes Gefühl  . . . Balsamo betrachtete Andrée mit einer solchen Beharrlichkeit, daß zwei oder dreimal in weniger als zehn Minuten die Augen der jungen Leute sich begegnen mußten. Anfangs hielt das reine, keusche Geschöpf diesen Blick ohne Verwirrung aus; endlich aber wurde er, während der Baron mit seiner Messerspitze das Meisterwerk von Nicole auszackte, so starr, daß eine fieberhafte Ungeduld, die ihr das Blut in die Wangen trieb, sich ihrer zu bemächtigen anfing. Bald versuchte sie es, als sie sich durch diesen beinahe übermenschlichen Blick beunruhigt fühlte, demselben zu trotzen, und sie war es nun, die den Baron mit ihrem großen, klaren, ausgedehnten Auge anschaute. Doch auch diesmal mußte sie nachgeben, und von dem magnetischen Fluidum, welches das glühende Auge ihres Gastes ausströmte, übergossen, senkte sich ihr Augenlied schwer und furchtsam, um sich nur mit Zögern wieder zu erheben.

Während sich indessen dieser stumme Kampf zwischen dem jungen Mädchen und dem geheimnißvollen Reisenden entspann, murrte, lachte und fluchte der Baron, schwur er als wahrer Landedelmann und knipp La Brie in den Arm, der sich zu seinem Unglück in dem Augenblick in seiner Nahe befand, wo ihm seine aufgereizten Nerven das Bedürfniß, etwas zu kneipen, fühlbar machten.

Er war ohne Zweifel im Begriff, dasselbe bei Nicole zu thun, als die Augen des Barons, zum ersten Male ohne Zweifel, auf die Hände der jungen Kammerfrau fielen.

Der Baron betete die schönen Hände an, für schöne Hände hatte er alle seine Jugendthorheiten begangen.

»Sieh da,« sagte er, »was für schöne Finger hat diese Weibsperson! wie der Nagel sich zuspitzt! wie er sich auf die Haut zurückbiegen würde, was eine Hauptschönheit ist, wenn das Holz, das man spaltet, wenn die Flaschen, die man schwenkt, wenn die Pfannen, die man scheuert, nicht das Horn furchtbar abnutzen würden! denn es ist Horn, was Sie am Ende Ihrer Finger haben, Mademoiselle Nicole.«

Wenig an die Complimente des Barons gewöhnt, schaute ihn Nicole mit einem Halblächeln an, an welchem das Erstaunen mehr Antheil hatte, als der Stolz.

»Ja, ja,« sagte der Baron, als er bemerkte, was in dem Herzen des gefallsüchtigen Mädchens vorging. »Schlage immerhin das Rad; das ist ganz nach meiner Ansicht. Oh! ich sage Ihnen, mein lieber Gast, die hier gegenwärtige Mademoiselle Nicole Legay ist durchaus keine Prude wie ihre Gebieterin, und ein Compliment macht ihr nicht bange.«

Die Augen von Balsamo wandten sich rasch der Tochter des Barons zu, und er sah die erhabenste Verachtung auf dem schönen Antlitz von Andrée ausgeprägt. Da fand er es für angemessen, sein Gesicht mit dem der Stolzen in Einklang zu setzen; diese bemerkte es und wußte ihm ohne Zweifel Dank dafür, denn sie schaute ihn mit weniger Härte, oder vielmehr mit weniger Unruhe an, als sie es bis dahin gethan.

»Sollten Sie wohl glauben, mein Herr,« fuhr der Baron fort, während er mit dem Rücken seiner Hand das Kinn von Nicole streichelte, welche er diesen Abend reizend zu finden entschlossen schien, »sollten Sie wohl glauben, daß diese Dirne aus dem Kloster kommt wie meine Tochter und beinahe Erziehung erhalten hat? Mademoiselle Nicole verläßt auch ihre Gebieterin nicht einen Augenblick. Es ist eine Anhänglichkeit, die bei den Herren Philosophen, welche behaupten, dergleichen Dinge haben Seelen, ein Lächeln hervorrufen würde.«

»Mein Herr.« sprach Andrée unzufrieden, »es geschieht nicht aus Anhänglichkeit, daß mich Nicole nicht verläßt, sondern weil ich ihr befehle, mich nicht zu verlassen.«

Balsamo schlug seine Augen zu Nicole auf, um zu erforschen, welche Wirkung diese Worte ihrer bis zur Beleidigung stolzen Gebieterin auf sie hervorbrächten, und er sah an dem Zusammenziehen ihrer Lippen, daß sie durchaus nicht unempfindlich gegen die Demüthigungen war, welche aus ihrem Dienstbotenverhältniß hervorgingen.

Dieser Ausdruck zog indessen wie ein Blitz über das Antlitz der Zofe hin, sie wandte sich ab, ohne Zweifel, um eine Thräne zu verbergen, und ihre Augen richteten sich nach einem Fenster des Speisesaals, das gegen den Hof ging. Alles interessirte Balsamo, der seinerseits unter diesen Personen, in deren Mitte er eingeführt worden war, etwas zu suchen schien; Alles interessirte Balsamo, sagen wir; sein Blick folgte dem Blicke von Nicole und es kam ihm vor, als bemerkte er an dem Fenster, das der Gegenstand der Aufmerksamkeiten von Nicole war, ein männliches Gesicht.

»In der That,« dachte er, »Alles ist seltsam in diesem Hause, Jedes hat sein Geheimniß, und ich hoffe, ehe eine Stunde vergeht, das von Fräulein Andrée zu kennen. Ich kenne bereits das Geheimniß des Barons und errathe das von Nicole.«

Er hatte einen Augenblick der Abwesenheit, doch so kurz dieser Augenblick war, so entging es doch dem Baron nicht.

»Sie träumen auch,« sagte er, »Sie sollten wenigstens die Nacht hiezu abwarten, mein lieber Gast. Die Träumerei ist ansteckend, und es ist eine Krankheit, die sich hier erbt, wie mir scheint. Wir wollen die Träumer zählen. Wir haben zuerst Fräulein Andrée, welche träumt, sodann haben wir Mademoiselle Nicole, welche träumt; endlich sehe ich jeden Augenblick den Taugenichts träumen, der diese jungen Feldhühner geschossen hat, welche vielleicht ebenfalls träumten, als er sie schoß.«

»Gilbert?« fragte Balsamo.

»Ja! ein Philosoph wie Herr La Brie; doch was die Philosophen betrifft, gehören Sie zufällig zu Ihren Freunden? Oh! dann sage ich Ihnen, daß Sie nicht zu den meinigen gehören werden  . . .«

»Nein, mein Herr, ich stehe weder gut, noch schlecht mit ihnen; ich kenne keinen,« antwortete Balsamo.

»Bei Gott, desto besser! es sind gemeine Thiere, noch viel giftiger, als häßlich! Sie richten die Monarchie mit ihren Maximen zu Grunde! Man lacht nicht mehr in Frankreich, man liest, und was liest man? Phrasen wie diese: Unter einer monarchischen Regierung ist es sehr schwierig für das Volk, tugendhaft zu sein;[3 - Montesquieu.] oder auch: Die wahre Monarchie ist nur eine eingebildete Constitution, um die Sitten der Völker zu verderben und diese in Knechtschaft zu erhalten;[4 - Helvetius.] oder endlich: Wenn die Gewalt der Könige von Gott kommt, so ist es wie bei den Krankheiten und Geisseln des Menschengeschlechts.[5 - Jean Jacques Rousseau.] Wie das Alles ergötzlich ist! ein tugendhaftes Volk! wozu sollte das nützen? frage ich Sie. Ah! Alles geht schlimm, und zwar seitdem Seine Majestät mit Herrn von Voltaire gesprochen und die Bücher von Herrn Diderot gelesen hat.«

In diesem Augenblick glaubte Balsamo abermals das bleiche Gesicht hinter den Scheiben erscheinen zu sehen. Doch dieses Gesicht verschwand, sobald er seine Augen auf dasselbe heftete.

»Sollte das Fräulein Philosophin sein?« fragte Balsamo lächelnd.

»Ich weiß nicht, was Philosophie ist,« antwortete Andrée. »Ich weiß nur, daß ich das liebe, was ernst ist.«

»Ei! mein Fräulein, nichts ist meiner Ansicht nach ernster, als gut zu leben,« rief der Baron; »lieben Sie also dieses.«

»Aber mir scheint, das Fräulein haßt das Leben nicht?« fragte Balsamo.

»Je nachdem, mein Herr,« erwiederte Andrée.

»Das ist auch ein albernes Wort,« sprach der Baron. »Sollten Sie wohl glauben, mein Herr, daß diese Antwort mir schon Buchstabe für Buchstabe von meinem Sohn zu Theil geworden ist?«

»Sie haben einen Sohn, mein lieber Wirth?« fragte Balsamo.

»Oh! mein Gott, ja, ich habe dieses Unglück, einen Vicomte von Taverney, Lieutenant bei den Dauphin-Gendarmen, ein vortreffliches Subject!  . . .«

Während der Baron diese drei letzten Worte sprach, preßte er die Zähne zusammen, als wollte er jeden Buchstaben kauen.

»Ich wünsche Ihnen Glück, mein Herr,« sagte Balsamo sich verbeugend.

»Ja,« erwiederte der Greis, »auch ein Philosoph. Man kann bei meinem Ehrenwort nur die Achsel zucken. Sprach er mir nicht eines Tages von Befreiung der Neger? ,Und der Zucker?’ fragte ich, ,ich liebe meinen Kaffee stark gezuckert und der König Ludwig XV. Ebenfalls.’ ,Mein Herr,’ antwortete er mir, ,eher den Zucker entbehren, als eine Race leiden sehen  . . .’ ,Eine Race von Affen,’ rief ich; und damit that ich ihm noch viel Ehre an. Wissen Sie, was er behauptete? So wahr ich ein Edelmann bin, es muß Etwas in der Luft sein, das ihnen den Kopf verdreht; er antwortete mir, alle Menschen seien Brüder! Ich der Bruder eines Mozambique!’ «

»Oh! Oh!« rief Balsamo, »das heiße ich weit gehen.«

»Wie! was meinen Sie dazu? Nicht wahr, ich habe Glück mit meinen zwei Kindern, und man wird nicht sagen, ich lebe in meiner Nachkommenschaft wieder auf. Die Schwester ist ein Engel und der Bruder ein Apostel! Trinken Sie, mein Herr  . . . mein Wein ist abscheulich.«

»Ich finde ihn ausgezeichnet,« versetzte Balsamo, Andrée anschauend.

»Dann sind Sie auch ein Philosoph! Oh! nehmen Sie sich in Acht, ich lasse Ihnen eine Rede von meiner Tochter halten. Doch nein, die Philosophen haben keine Religion. Mein Gott! es war indessen sehr bequem, Religion zu haben. Man glaubte an Gott und an den König, und damit war Alles abgemacht. Heut zu Tage muß man, um weder an den Einen, noch an den Andern zu glauben, zu viele Dinge lernen und zu viele Bücher lesen: ich will lieber niemals zweifeln. Zu meiner Zeit lernte man wenigstens nur angenehme Dinge; man studirte gut Pharo, Biribi oder Passe-dir spielen; man zog ganz angenehm den Degen, trotz der Edicte; man richtete Herzoginnen zu Grunde, oder ruinirte sich für Tänzerinnen: das ist meine Geschichte. Ganz Taverney ist für die Oper aufgegangen, und das ist das Einzige, was ich beklage, insofern ein ruinirter Mensch kein Mensch ist. So wie Sie mich sehen, scheine ich alt zu sein, nicht wahr? Nun! das kommt davon her, daß ich ruinirt bin und in einer Höhle lebe; daß meine Perrücke abgetragen und mein Kleid gothisch ist; doch sehen Sie meinen Freund, den Marschall, an, der neue Kleider und frisch tapirte Perrücken besitzt, der in Paris wohnt und zweimal hunderttausend Livres Rente hat. Er ist noch jung, er ist noch grün, munter, zu Abenteuern geneigt! Zehn Jahre älter als ich, zehn Jahre!«

»Sprechen Sie von Herrn von Richelieu?«

»Allerdings.«

»Vom Herzog?«

»Bei Gott! ich denke, nicht vom Cardinal, ich datire nicht bis zu ihm zurück. Uebrigens hat er nicht gethan, was sein Neffe thut; er hat nicht so lange ausgehalten.«

»Ich wundere mich, mein Herr, daß Sie bei so mächtigen Freunden, wie Sie zu besitzen scheinen, den Hof verließen.«

»Oh! das ist nur ein augenblicklicher Rückzug, und ich werde eines Tages wieder an demselben erscheinen,« sprach der alte Baron, einen seltsamen Blick auf seine Tochter werfend.

Dieser Blick wurde auf dem Wege von Balsamo aufgefangen.

»Doch der Marschall läßt wenigstens Ihren Sohn avanciren?«

»Er, meinen Sohn! er haßt ihn.«

»Den Sohn seines Freundes?«

»Und er hat Recht.«

»Wie! Sie sagen das?«

»Bei Gott! einen Philosophen! er verabscheut ihn!«

»Philipp gibt es ihm übrigens zurück,« sagte Andrée mit vollkommener Ruhe. »Trage ab, Legay!«

Der aufmerksamen Beobachtung entrissen, welche sie an das Fenster fesselte, lief Nicole eiligst herbei.

»Ah!« sagte der Baron seufzend, »früher blieb man bis zwei Uhr Morgens bei Tische sitzen. Das geschah, weil man zu essen hatte und weil man noch trank, wenn man nicht mehr aß! Doch wie soll man Treberwein trinken, wenn man nicht mehr ißt?  . . . Legay, gib eine Flasche Marasquin, wenn noch da ist.«

»Hole,« sprach Andrée zu Legay, welche auf die Befehle ihrer Gebieterin zu warten schien, um denen des Barons zu gehorchen.

Der Baron hatte sich in seinem Lehnstuhle zurückgelegt und stieß mit einer grotesken Schwermuth Seufzer aus.

»Sie sprachen vom Marschall von Richelieu,« sagte Balsamo, wie es schien, entschlossen, das Gespräch nicht fallen zu lassen.

»Ja,« erwiederte Taverney, »ich sprach von ihm, das ist wahr.«

»Wenn er Ihren Sohn verabscheut, und Recht hat, ihn zu verabscheuen, weil er ein Philosoph ist,« fuhr Balsamo fort, »so mußte er seine Freundschaft für Sie bewahren, denn Sie sind keiner.«

»Ein Philosoph? Gott sei Dank, nein!«

»Ich denke, es fehlt Ihnen nicht an Titeln? Sie haben dem König gedient?«

»Fünfzehn Jahre. Ich war Adjutant des Marschalls, wir machten mit einander die Campagne von Mahon und unsere Freundschaft datirt sich, meiner Treue! warten Sie, von der berühmten Belagerung von Philippsburg, nämlich von 1742 oder 1743.«

»Ah! sehr gut,« sprach Balsamo, »Sie waren bei der Belagerung von Philippsburg  . . . und ich auch  . . .«

Der Greis richtete sich in seinem Lehnstuhle auf, schaute Balsamo mit weit aufgesperrten Augen in das Gesicht, und rief:

»Verzeihen Sie, wie alt sind Sie denn, mein lieber Gast?«

»Oh! ich habe kein Alter.« sprach Balsamo und bot sein Glas, damit ihm der Marasquin von der schönen Hand von Andrée eingeschenkt würde.

Der Graf legte die Antwort seines Gastes auf seine Weise aus und glaubte, Balsamo hätte eine Ursache, sein Alter nicht zu gestehen.

»Mein Herr,« sagte er, »erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß Sie nicht das Alter eines Soldaten von Philippsburg zu haben scheinen. Es sind acht und zwanzig Jahre seit dieser Belagerung und Sie zählen höchstens dreißig, wenn ich mich nicht täusche.«

»Ei, mein Gott! wer zählt nicht dreißig Jahre?« sagte der Reisende mit gleichgültigem Tone.

»Ich, bei Gott!« rief der Baron, »denn ich bin gerade um dreißig Jahre älter.«

Andrée schaute den Fremden mit einer Starrheit an, welche die unwiderstehliche Anziehungskraft der Neugierde kundgab. Dieser seltsame Mensch offenbarte sich ihr in der That jeden Augenblick unter einem neuen Lichte.

»Mein Herr, Sie bringen mich in Verwirrung,« sagte der Baron, »vorausgesetzt wenigstens, daß Sie sich nicht täuschen, was wohl möglich ist, und Philippsburg mit einer andern Stadt verwechseln. Wie ich Sie sehe, sind Sie höchstens dreißig Jahre alt, nicht wahr, Andrée?«

»In der That,« antwortete diese, welche abermals den mächtigen Blick ihres Gastes auszuhalten suchte, was ihr auch diesmal nicht gelang.

»Nein, nein,« sprach der Letztere, »ich weiß, was ich sage, und sage, wie es sich verhält. Ich rede von der berühmten Belagerung von Philippsburg, wo der Herr Herzog von Richelieu im Duell seinen Vetter, den Prinzen von Liren, getödtet hat. Es geschah bei der Rückkehr vom Laufgraben, auf der Landstraße; meiner Treue, am Rande dieser Straße, linker Hand, stieß er ihm seinen Degen durch den Leib. Ich ging gerade vorüber, als ihn der Prinz von Zweibrücken im Todeskampfe in seinen Armen hielt. Er saß am Rande des Grabens, während Herr von Richelieu ruhig seinen Degen abwischte.«

»Mein Herr, Sie setzen mich bei meiner Ehre im höchsten Maaße in Erstaunen,« rief der Baron. »Es geschah genau, wie Sie sagen.«

»Sie hörten wohl die Sache erzählen?« fragte Balsamo ruhig.

»Ich war dabei, ich hatte die Ehre als Zeuge des Herrn Marschalls, der damals noch nicht Marschall war, dem Duell beizuwohnen.«

»Warten Sie doch einen Augenblick,« sprach Balsamo, den Baron fest anschauend.

»Was?«

»Trugen Sie damals nicht die Uniform eines Kapitäns?«

»Ganz richtig.«

»Sie waren bei dem Regiment der Königin-Chevaulegers, welche bei Fontenoy beinahe ganz aufgerieben wurden.«

»Waren Sie auch bei Fontenoy?« versetzte der Baron, der einen Spaß zu machen suchte.

»Nein,« antwortete ruhig Balsamo; »bei Fontenoy war ich todt.«

Der Baron riß die Augen weit auf, Andrée schauerte, Nicole machte das Zeichen des Kreuzes.

»Um auf das zurückzukommen, was ich vorhin sagte,« fuhr Balsamo fort, »Sie trugen die Uniform der Chevauxlegers, ich erinnere mich dessen jetzt vollkommen. Ich sah Sie im Vorübergehen, Sie hielten Ihr Pferd und das des Marschalls, während dieser sich schlug. Ich näherte mich Ihnen und fragte Sie nach den einzelnen Umständen, Sie nannten mir dieselben.«

»Ich?«

»Ja, bei Gott! Sie. Ich erkenne Sie nun wieder, Sie führten damals den Titel Chevalier, und man nannte Sie nur den kleinen Chevalier.«

»Mord und Tod!« rief Taverncy ganz erstaunt.

»Entschuldigen Sie mich, daß ich Sie nicht sogleich erkannte. Doch dreißig Jahre ändern einen Menschen gewaltig. Auf die Gesundheit des Marschalls von Richelieu, mein lieber Baron!«

Und Balsamo hob sein Glas in die Höhe und leerte es sodann bis auf den letzten Tropfen.

»Sie haben mich zu jener Zeit gesehen?« wiederholte der Baron. »Unmöglich!«

»Ich habe Sie gesehen,« sprach Balsamo.

»Auf der Landstraße?«

»Auf der Landstraße.«

»Die Pferde haltend?«

»Die Pferde haltend.«

»Im Augenblick des Duells?«

»Als der Prinz den letzten Seufzer von sich gab, wie ich Ihnen sagte.«

»Sie sind also fünfzig Jahre alt?«

»Ich bin so alt, als man sein muß, um Sie gesehen zu haben.«

Diesmal warf sich der Baron mit einer so unwilligen Miene in seinem Stuhle zurück, daß Nicole sich des Lachens nicht erwehren konnte.

Aber statt zu lachen, wie Nicole, begann Andrée, ihre Augen starr auf die von Balsamo gerichtet, zu träumen.

Es war, als hätte er diesen Augenblick erwartet und vorhergesehen.

Er stand plötzlich auf und warf ein paar Blitze aus seinem entflammten Augensterne auf das Mädchen, das nun bebte, als würde es von einer elektrischen Erschütterung berührt.

Die Arme von Andrée wurden steif, ihr Hals beugte sich, sie lächelte unwillkürlich dem Fremden zu und schloß dann die Augen.

Immer noch stehend berührte er ihre Arme; sie bebte abermals.

»Und Sie auch, mein Fräulein,« sprach er, »Sie denken auch, ich sei ein Lügner, weil ich behaupte, ich habe der Belagerung von Philippsburg beigewohnt?«

»Nein, mein Herr, ich glaube Ihnen,« stammelte Andrée mit einer übermenschlichen Anstrengung.

»Dann fasle ich,« sprach der alte Baron. »Ah! verzeihen Sie, wenn nicht etwa der Herr ein Geist, ein Schatten ist!«

Nicole riß die Augen ganz erschrocken auf.

»Wer weiß?« sagte Balsamo mit so gewichtigem Tone, daß er das junge Mädchen vollends fesselte.

»Sprechen Sie im Ernste, Herr Baron?« versetzte der Greis, der in der Sache auf das Klare zu kommen entschlossen zu sein schien: »Sind Sie mehr als dreißig Jahre alt? In der That, es hat nicht den Anschein.«

»Mein Herr,« sprach Balsamo, »werden Sie überzeugt sein, wenn ich Ihnen etwas wenig Glaubwürdiges sage?«

»Ich stehe Ihnen nicht dafür,« sprach der Baron mit einer verdrießlichen Miene den Kopf schüttelnd, während Andrée im Gegentheil mit aller Gewalt horchte. »Ich bin sehr ungläubig, das muß ich Ihnen zum Voraus bemerken.«

»Wozu nützt es Sie dann, eine Frage an mich zu stellen, deren Antwort Sie nicht hören werden?«

»Gut, ich will Ihnen glauben, sind Sie damit zufrieden?«

»So wiederhole ich Ihnen, was ich bereits gesagt: ich habe Sie nicht nur gesehen, sondern sogar bei der Belagerung von Philippsburg gekannt.«

»Sie waren damals ein Kind?«

»Ohne Zweifel.«

»Sie mochten höchstens vier bis fünf Jahre alt sein?«

»Nein; ich war ein und vierzig.«

»Ah! ah! ah!« rief der Baron mit einem schallenden Gelächter, während Nicole sein Echo bildete.

»Ich sagte es Ihnen, mein Herr,« sprach mit ernstem Tone Balsamo; »Sie glauben mir nicht?«

»Wie soll man das glauben!  . . . geben Sie mir einen Beweis.«

»Es ist indessen ganz klar,« versetzte Balsamo, ohne die geringste Verlegenheit zu offenbaren; »ich zählte damals ein und vierzig Jahre, das ist richtig; aber ich sage nicht, daß ich der Mensch war, der ich bin.«

»Ah! ah! doch das rührt vom Heidenthum her,« rief der Baron. »Gab es nicht einen griechischen Philosophen, – diese verfluchten Philosophen hat es zu allen Zeiten gegeben! – gab es nicht einen griechischen Philosophen, der keine Bohnen aß, weil er behauptete, sie hätten Seelen, wie mein Sohn dies von den Negern behauptet?  . . . Wer erfand dies doch? Es war  . . . wie Teufels nennen sie ihn?«

»Pythagoras,« sprach Andrée.

»Ja, Pythagoras, die Jesuiten lehrten mich das früher. Der Pater Porée ließ mich Verse hierüber im Wettstreit mit dem kleinen Arouet machen. Ich erinnere mich sogar, daß er die meinigen unendlich viel besser fand, als die seinigen. Pythagoras, so ist es.«

»Nun! wer sagt Ihnen, daß ich nicht Pythagoras gewesen bin?« entgegnete Balsamo ganz einfach.

»Ich leugne nicht, daß Sie Pythagoras gewesen sind,« versetzte der Baron, »doch Pythagoras war nicht bei der Belagerung von Philippsburg. Wenigstens habe ich ihn nicht dabei gesehen.«

»Sicherlich, doch Sie haben den Vicomte Jean des Barreaux gesehen, der bei den schwarzen Musketieren stand?«

»Ja, ja, den sah ich wohl; doch das war kein Philosoph, obgleich er einen Abscheu vor den Bohnen hatte und nur davon aß, wenn er es nicht anders machen konnte.«

»So ist es. Erinnern Sie sich, daß am andern Tage nach dem Duell von Herrn von Richelieu des Barreaux mit Ihnen im Laufgraben war?«

»Vollkommen.«

»Denn Sie entsinnen sich wohl des Umstandes, daß die schwarzen Musketiere und die Chevauxlegers alle sieben Tage mit einander den Posten bezogen?«

»Ganz richtig, und dann?«

»Die Kartätschen fielen wie Hagel an diesem Abend. Des Barreaux war traurig, er näherte sich Ihnen und bat Sie um eine Prise, die Sie ihm aus einer goldenen Dose boten.«

»Worauf das Portrait einer Frau war.«

»So ist es. Ich sehe sie noch vor mir; blond, nicht wahr?«

»Bei Gott! Sie haben Recht,« sprach der Baren ganz bestürzt. »Hernach?«

»Hernach,« fuhr Balsamo fort, »als er diese Prise schlürfte, packte ihn eine Kugel am Halse, wie einst Herrn von Berwick, und riß ihm den Kopf weg,«

»Ach! ja, der arme des Barreaux!«

»Nun, mein Herr, Sie sehen, daß ich Sie bei Philippsburg gekannt habe, denn ich war des Barreaux in Person,« sprach Balsamo.

Der Baron warf sich von einem Anfall des Schreckens, oder vielmehr des Erstaunens ergriffen, der sogleich dem Fremden den Vortheil verlieh, in seinem Lehnstuhle zurück.

»Das ist Hexerei,« rief er; »vor hundert Jahren hätte man Sie verbrannt, mein lieber Gast. Ei, mein Gott! es kommt mir vor, als spürte man hier den Geruch eines Geistes, eines Gehenkten, eines Verbrannten.«

»Herr Baron,« entgegnete lächelnd Balsamo, »ein wahrer Zauberer wird weder gehenkt, noch verbrannt, prägen Sie sich das wohl ein; nur die Dummköpfe haben es mit dem Scheiterhaufen oder dem Stricke zu thun. Doch beliebt Ihnen, daß wir diesen Abend hier bleiben? Fräulein von Taverney schläft ein. Es scheint, die metaphysischen Discussienen und die verborgenen Wissenschaften interessiren sie nur in geringem Grade.«

Durch eine unbekannte, unwiderstehliche Kraft unterjocht, wiegte Andrée in der That sanft ihre Stirne, wie eine Blume, deren Kelch einen zu starken Thautropfen empfangen hat.

Doch bei den letzten Worten des Barons machte sie eine Anstrengung, um den beherrschenden Einfall eines Fluidums, das sie niederdrückte, zurückzutreiben; sie schüttelte kräftig den Kopf, stand auf und verließ, Anfangs wankend, dann von Nicole unterstützt, den Speisesaal

Zu gleicher Zeit, wo sie verschwand, verschwand auch das an die Scheiben gedrückte Gesicht, in welchem Balsamo längst das von Gilbert erkannt hatte.

Einen Augenblick nachher hörte man Andrée lebhaft die Tasten ihres Klaviers bearbeiten.

Balsamo war ihr mit dem Auge gefolgt, so lange sie wankend den Speisesaal durchschritt.

»Aus,« sprach er triumphirend, sobald sie verschwunden war, »ich kann wie Archimedes sagen:

»Eureka.«

»Wer ist Archimedes?«

»Ein braver Gelehrter, den ich vor zweitausend ein hundert und fünfzig Jahren gekannt habe.«




VII.

Eureka


Schien dem Baron die Gasconnade diesmal zu stark, hatte er sie nicht gehört, oder hatte er sie gehört, und war es ihm nicht unangenehm, das Haus von seinem seltsamen Gaste zu befreie  . . . er folgte Andrée mit den Augen, bis sie verschwunden war, und machte sodann, als ihm das Geräusch ihres Klavieres bewies, daß sie sich im anstoßenden Zimmer beschäftigte, Balsamo das Anerbieten, ihn in die nächste Stadt führen zu lassen.

»Ich habe ein schlechtes Pferd, das vielleicht dabei krepiren wird,« sagte er, »doch es wird an Ort und Stelle kommen, und Sie sind wenigstens sicher, daß Sie eine entsprechende Lagerstätte erhalten. Nicht als ob es in Taverney an einem Zimmer und an einem Bette gebräche, nein, aber ich habe meine eigenen Begriffe von der Gastfreundschaft. Gut oder nichts, das ist mein Wahlspruch.«

»Sie schicken mich also fort?« erwiederte Balsamo, seinen Aerger unter einem Lächeln verbergend, »das heißt mich als Ueberlästigen behandeln.«

»Nein, bei Gott! das heißt Sie als Freund behandeln, mein lieber Gast. Sie hier einzuquartieren hieße im Gegentheil feindselig gegen Sie verfahren. Zu meinem großen Bedauern und zur Entlastung meines Gewissens sage ich Ihnen dies; denn in der That, Sie gefallen mir ungemein.«

»Gefalle ich Ihnen, so nöthigen Sie mich nicht, aufzustehen, während ich müde bin, zu reiten, indeß ich meine Arme ausstrecken und meine Beine in einem Bette von der Erstarrung befreien könnte. Uebertreiben Sie Ihre unbemittelte Lage nicht, soll ich nicht etwa an einen bösen Willen glauben, der mich persönlich betreffen würde.«

»Oh! wenn es sich so verhält, so werden Sie im Schlosse schlafen,« sprach der Baron.

Dann schaute er umher, um La Brie zu suchen, und als er ihn erblickte, rief er ihm zu:

»Vorwärts, alter Schuft!«

La Brie machte schüchtern einige Schritte.

»Vorwärts, beim Teufel! Glaubst Du, daß das rothe Zimmer sich anbieten läßt?«

»Ganz gewiß, gnädiger Herr, denn es ist das, welches Herr Philipp bewohnt, wenn er nach Taverney kommt.«

»Es kann sehr gut für einen armen Teufel von einem Lieutenant sein, der drei Monate bei einem zu Grunde gerichteten Vater zubringen will, und sehr schlecht für einen reichen, vornehmen Herrn, der vierspännig mit Extrapost fährt.«

»Ich versichere Sie, Herr Baron, es wird ganz vortrefflich sein,« versetzte Balsamo.

Der Baron machte eine Grimasse, als wollte er sagen: »Schon gut, ich weiß was daran ist.«

Dann sprach er laut:

»Gib also dem Herrn das rothe Zimmer, da der Herr für immer von der Lust, nach Taverney zurückzukehren, geheilt sein will. Sie wollen also durchaus hier über Nacht bleiben?«

»Ja.«

»Doch warten Sie  . . . es gäbe ein Mittel.«

»Wozu?«

»Daß Sie den Weg nicht zu Pferde machen müßten.«

»Welchen Weg?«

»Den Weg, der von hier nach Bar-le-Duc führt.«

Balsamo erwartete die Entwicklung des Vorschlags.

»Nicht wahr, Postpferde haben Sie hierher gebracht?«

»Allerdings, wenn es nicht etwa Satan gewesen ist.«

»Ich dachte Anfangs, es wäre dies möglich, denn ich glaube, Sie stehen nicht ganz schlecht mit ihm.«

»Sie erweisen mir unendlich mehr Ehre, als ich verdiene.«

»Nun, die Pferde, die Ihren Wagen gebracht haben, können ihn auch wieder fortführen«

»Nein, denn es bleiben nur noch zwei von den vieren übrig. Der Wagen ist schwer, und die Postpferde müssen schlafen.«

»Abermals ein Grund. Sie legen offenbar einen Werth darauf, hier über Nacht zu bleiben.«

»Es liegt mir daran, Sie morgen wiederzusehen. Ich will Ihnen meine Dankbarkeit bezeigen.«

»Sie haben ein ganz einfaches Mittel zu diesem Behufe.«

»Welches?«

»Da Sie so gut mit dem Teufel sind, so bitten Sie ihn, mich den Stein der Weisen finden zu lassen.«

»Mein Herr Baron, wenn Ihnen so viel daran gelegen wäre  . . .«

»An dem Stein der Weisen! Bei Gott! hätte ich ihn!«

»Dann müßten Sie sich an eine Person wenden, die nicht der Teufel ist.«

»Wer ist diese Person?«

»Ich, wie Corneille, ich weiß nicht in welcher Komödie sagt, die er mir gerade vor hundert Jahren recitirte, während wir in Paris über den Pont-Neuf gingen.«

»La, Brie! alter Schuft! suche eine Kerze und leuchte dem Herrn,« rief der Baron, der das Gespräch zu einer solchen Stunde und mit einem solchen Menschen gefährlich zu finden anfing.

La Brie beeilte sich, zu gehorchen, und während er die Nachsuchung vornahm, deren Erfolg eben so zweifelhaft war, als hätte es dem Steine der Weisen gegolten, rief er Nicole, welche zuerst hinaufgehen und das rothe Zimmer auslüften sollte.

Nicole ließ Andrée allein, oder Andrée war vielmehr entzückt, diese Gelegenheit zu finden, ihre Kammerfrau zu entlassen, denn sie fühlte das Bedürfniß, nur mit ihren Gedanken zusammen zu sein.

Der Baron wünschte Balsamo gute Nacht und legte sich schlafen.

Balsamo zog seine Uhr: er erinnerte sich des Versprechens, das er Althotas geleistet hatte. Der Gelehrte schlief bereits zwei und eine halbe Stunde statt zwei Stunden. Es waren dreißig Minuten verloren. Er fragte daher La Brie, ob der Wagen immer noch an demselben Orte stehe.

La Brie antwortete, wenn er nicht allein weggegangen sei, so müsse er noch dort stehen.

Balsamo erkundigte sich, was aus Gilbert geworden.

La Brie versicherte, Gilbert sei ein Taugenichts, der wenigstens seit einer Stunde schlafen gegangen.

Balsamo entfernte sich, um Althotas zu wecken, nachdem er zuvor die Topographie des Weges, der nach dem rothen Zimmer führte, studiert hatte.

Herr von Taverney hatte hinsichtlich der Mittelmäßigkeit dieses Zimmers nicht gelogen: die Ausstattung entsprach der der übrigen Räume des Schlosses.

Eine eichene Bettstätte und darauf eine Decke von altem, grünem, gelbgewordenem Damast, der Tapete mit Blumengehängen ähnlich; ein eichener Tisch mit gedrehten Füßen; ein großer, steinerner Kamin aus der Zeit von Ludwig XIII. herstammend, dem der Winter eine gewisse Ueppigkeit verleihen konnte, während ihm die Abwesenheit des Feuers, der Mangel an Feuerböcken und anderen Geräthschaften, der Mangel an Holz und die sonderbare Ausfüllung mit alten Zeitungen das Aussehen eines höchst traurigen Sommers verliehen; dies war das Mobiliar, dessen glücklicher Eigenthümer Balsamo für eine Nacht sein sollte.

Wir fügen zwei Stühle und einen Schrank von grau angemaltem Holz mit ausgehöhlten Füllungen bei.

Während La Brie etwas Ordnung in dieses Zimmer zu bringen suchte, das von Nicole gelüftet worden war, welche sich nach dieser Operation wieder entfernt hatte, weckte Balsamo Althotas und kehrte sodann in das Haus zurück.

Vor dem Zimmer von Andrée blieb er stehen, um zu horchen. In dem Augenblick wo Andrée den Speisesaal verließ, bemerkte sie, daß sie dem geheimnißvollen Einfluß entging, den der Reisende über sie ausübte. Und um dies bis auf den Gedanken zu bekämpfen, setzte sie sich an das Klavier.

Die Töne gelangten durch die geschlossene Thüre zu Balsamo.

Balsamo war, wie gesagt, vor dieser Thüre stehen geblieben.

Nach einem Augenblick machte er mehrere abgerundete Geberden, welche man für eine Beschwörung hätte halten können, und die ohne Zweifel auch eine solche waren, denn von einem Gefühle, ähnlich dem berührt, welches sie bereits erfahren hatte, hörte Andrée sachte auf, ihre Melodie zu spielen, ließ ihre Hände an der Seite herabfallen und wandte sich mit einer langsamen, starren Bewegung nach der Thüre, wie eine Person, die einem fremden Einfluß folgt und Dinge erfüllt, welche ihr nicht durch ihren eigenen Willen geboten werden.

Balsamo lächelte im Schatten, als ob er durch die geschlossene Thüre hätte sehen können.

Es war dies ohne Zweifel Alles, was Balsamo wünschte, und er errieth, daß dieser Wunsch erfüllt wurde, denn er streckte die linke Hand aus und stieg, als er unter dieser Hand das Geländer gefunden hatte, die steile, plumpe Treppe hinauf, welche zu dem rothen Zimmer führte.

In demselben Maaße, in dem er sich entfernte, wandte sich Andrée mit einer langsamen, steifen Bewegung von der Thüre ab und kehrte zu dem Klaviere zurück. Als Balsamo die letzte Stufe der Treppe erreichte, konnte er die ersten Noten der unterbrochenen Melodie hören, welche Andrée wieder aufgenommen hatte

Balsamo trat in das rothe Zimmer und entließ La Brie.

La Brie war offenbar ein guter Diener und gewohnt, auf ein Zeichen zu gehorchen. Als er jedoch ein paar Schritte nach der Thüre gemacht hatte, blieb er stehen.

»Nun?« fragte Balsamo.

La Brie steckte seine Hand in seine Westentasche und schien etwas in der Tiefe dieser Tasche zu befühlen, antwortete aber nicht.

»Habt Ihr mir etwas zu sagen, mein Freund?« fragte Balsamo sich ihm nähernd.

La Brie schien eine heftige Anstrengung gegen sich selbst zu machen, zog seine Hand aus seiner Tasche und erwiederte:

»Ich will Ihnen sagen, mein Herr, daß Sie sich ohne Zweifel diesen Abend geirrt haben.«

»Ich!« versetzte Balsamo, »und worin, mein Freund?«

»Darin, daß Sie mir ein Vierundzwanzig-Sous-Stück zu geben glaubten, und ein Vierundzwanzig-Livres-Stück gaben.«

Und er öffnete seine Hand und zeigte einen neuen, funkelnden Louis d’or.

Balsamo schaute den alten Diener mit einer Bewunderung an, aus der hervorzugehen schien, daß er im Durchschnitt vor den Menschen keine große Achtung in Beziehung auf Redlichkeit hatte.

»And honest!« sagte er, wie Hamlet.

Und er griff ebenfalls in seine Tasche und legte einen zweiten Louis d’or neben den ersten. Die Freude von La Brie bei dem Anblicke dieser glänzenden Großmuth, läßt sich kaum begreifen. Seit wenigstens zwanzig Jahren hatte er kein Gold mehr gesehen.

Damit er sich für den glücklichen Eigenthümer eines solchen Schatzes hielt, mußte ihm Balsamo denselben aus der Hand nehmen und selbst in seine Tasche stecken.

Er verbeugte sich bis auf den Boden und wollte sich rückwärts entfernen, als Balsamo ihn zurückhielt.

»Was ist Morgens Gewohnheit im Schlosse?« fragte dieser.

»Herr von Taverney bleibt lange im Bette liegen, mein Herr, doch Fräulein Andrée steht frühzeitig auf.«

»Um wie viel Uhr?«

»Gegen sechs Uhr.«

»Wer schläft über diesem Zimmer?«

»Ich, mein Herr.«

»Und unter demselben?«

»Niemand. Unter diesem Zimmer ist die Hausflur.«

»Gut, ich danke, mein Freund,«

»Gute Nacht, mein Herr,«

»Gute Nacht; wacht darüber, daß mein Wagen in Sicherheit ist.«

»Oh! seien Sie unbesorgt.«

»Solltet Ihr Lärm hören oder Licht erblicken, so erschreckt nicht darüber. Der Wagen wird von einem alten, kraftlosen Diener bewohnt, den ich mitführe. Empfehlt Herrn Gilbert, ihn nicht zu stören; ich bitte, sagt ihm auch, er möge sich morgen früh nicht entfernen, ehe ich ihn gesprochen habe. Werdet Ihr dieses Alles wohl behalten, mein Freund?«

»Oh! ja, gewiß. Doch sollte uns der Herr so bald verlassen?«

»Je nachdem,« sprach Balsamo mit einem Lächeln. »Ich würde wohl daran thun, mich morgen Abend in Bar-le-Duc einzufinden.«

La Brie stieß einen Seufzer der Resignation aus, warf einen letzten Blick auf das Bett und näherte die Kerze dem Herde, um dem großen, feuchten Zimmer, in Ermanglung von Holz, durch das Verbrennen alter Papiere etwas Wärme zu geben.

Doch Balsamo hielt ihn zurück

»Nein,« sagte er, »laßt alle diese alten Zeitungen, wo sie sind; wenn ich nicht schlafe, werde ich mich damit ergötzen, daß ich sie lese.«

La Brie verbeugte sich und ging hinaus.

Balsamo näherte sich der Thüre und horchte auf die Tritte des alten Dieners, welche die Treppe krachen machten. Bald erschollen diese Tritte über seinem Kopfe; La Brie war in seine Stube zurückgekehrt.

Dann ging der Baron an das Fenster.

Seinem Fenster gegenüber, im andern Flügel des Pavillon, war eine Mansarde mit schlecht geschlossenen Vorhängen beleuchtet. Es war die von Legay. Die Zofe legte langsam ihr Kleid und ihr Halstuch ab. Wiederholt öffnete sie das Fenster und neigte sich in den Hof, um hinauszusehen.

Balsamo betrachtete sie mit einer Aufmerksamkeit, die er ihr ohne Zweifel bei dem Abendbrod nicht hatte zugestehen wollen.

»Seltsame Aehnlichkeit,« murmelte er.

In diesem Augenblick erlosch das Licht der Mansarde, obgleich die Bewohnerin derselben noch nicht zu Bette gegangen war. Balsamo blieb auf die Mauer gelehnt.

Das Klavier erklang immer noch.

Der Baron schien zu horchen, ob sich kein anderes Geräusch mit dem des Instrumentes vermische  . . . Als er sich überzeugt hatte, daß die Harmonie allein unter dem allgemeinen Stillschweigen wachte, öffnete er wieder seine Thüre, welche La Brie geschlossen hatte, stieg behutsam die Treppe hinab und machte sachte die Thüre des Salon auf, welche sich geräuschlos auf ihren Angeln drehte.

Andrée hörte nichts.

Sie ließ ihre schönen, mattweißen Hände auf dem vergelbten Elfenbein hingehen; ihr gegenüber befand sich ein Spiegel in einem geschnitzten Parquet, dessen geschuppte Vergoldung unter einer Lage grauer Farbe verschwanden war.

Die Melodie, welche Andrée spielte, hatte einen schwermüthigen Ausdruck. Uebrigens waren es mehr einfache Accorde, als eine Melodie. Sie improvisirte ohne Zweifel und wiederholte auf dem Klavier die Erinnerungen ihres Geistes oder die Träume ihrer Einbildungskraft. Ihr durch den Aufenthalt in Taverney so traurig gestimmter Geist verließ vielleicht für den Augenblick das Schloß, um sich in den ganz mit lustigen Kostschülerinnen bevölkerten ungeheuren, schattigen Gärten des Annonciaden-Klosters von Nancy zu verirren. Wo er auch für den Augenblick sein mochte, ihr umherschweifender, halb verschleierter Blick verlor sich in dem vor ihr angebrachten düsteren Spiegel, der die Finsterniß wiedergab, die in diesem großen Zimmer das Licht der auf dem Klaviere stehenden, einzigen Kerze, welche die Tonkünstlerin beleuchtete, nicht zu zerstreuen vermochte.

Zuweilen hielt sie plötzlich an, dann erinnerte sie sich der seltsamen Vision des Abends und der unbekannten Eindrücke in Folge davon. Denn ehe ihr Geist etwas in dieser Hinsicht genau ermittelt und festgestellt, hatte ihr Herz geschlagen, hatte ein Schauer ihre Glieder durchlaufen. Sie bebte, als ob sie, obgleich in diesem Augenblick vereinzelt, die Berührung eines belebten Wesens gestreift und durch dieses Streifen in Unruhe versetzt hätte.

Plötzlich, während sie sich von diesen seltsamen Eindrücken Rechenschaft zu geben suchte, fühlte sie dieselben abermals. Ihre ganze Person schauerte, als würde sie von einem elektrischen Schlage berührt. Ihre Blicke bekamen Bestimmtheit, ihr Geist stellte sich gleichsam fest, und sie sah etwas wie eine Bewegung im Spiegel.

Es war die Thüre des Salon, die sich geräuschlos öffnete.

Hinter dieser Thüre erschien ein Schatten.

Andrée bebte, ihre Finger verirrten sich auf den Tasten.

Nichts war indessen natürlicher, als diese Erscheinung.

Konnte der Schatten, der sich, noch in die Finsterniß getaucht, unmöglich erkennen ließ, nicht der von Herrn von Taverney, oder der von Nicole sein? Hatte nicht La Brie, ehe er sich schlafen legte, wegen irgend eines Geschäftes in den Zimmern umherzugehen und in den Salon einzutreten? Das kam häufig bei ihm vor, und bei solchen Runden machte der bescheidene, treue Diener nie Lärmen.

Doch das Mädchen sah mit den Augen der Seele, daß es weder die eine, noch die andere der drei Personen war.

Der Schatten näherte sich mit lautlosem Tritte und machte sich in der Finsternis immer mehr unterscheidbar. Als er in dem Kreise anlangte, den das Licht umfaßte, erkannte Andrée den mit seinem bleichen Gesichte und seinem schwarzen Sammetrocke so beängstigenden Fremden.

Er hatte ohne Zweifel aus einem geheimnißvollen Beweggrunde das seidene Kleid, das er trug, abgelegt.[6 - Bekanntlich ist die Seide eine schlechte Leiterin und stößt die Electricät zurück. Es ist beinahe unmöglich, eine Person, welche Seide an sich trägt, zu magnetisiren.]

Sie wollte sich umwenden, schreien.

Doch Balsamo streckte seine Arme aus, und sie rührte sich nicht.

Sie sprach mit einer Anstrengung:

»Mein Herr, mein Herr! im Namen des Himmels, was wollen Sie?«

Balsamo lächelte, der Spiegel wiederholte diesen Ausdruck seiner Physiognomie, und Andrée zog ihn gierig ein.

Doch er antwortete nicht.

Andrée versuchte es noch einmal, sich zu erheben, aber es gelang ihr nicht; eine unüberwindliche Kraft, eine Erstarrung, welche nicht ohne Reiz war, fesselten sie an ihren Stuhl, während ihr Blick gleichsam auf den magischen Spiegel genietet blieb.

Die neue Empfindung erschreckte sie, denn sie fühlte sich gänzlich in die Gewalt dieses Menschen gegeben, und dieser Mensch war ein Unbekannter.

Sie machte eine übermenschliche Anstrengung und wollte um Hülfe rufen; ihr Mund öffnete sich; aber Balsamo streckte seine beiden Hände über dem Haupte des jungen Mädchens aus, und kein Ton kam aus diesem Munde hervor.

Andrée blieb stumm; ihre Brust füllte sich mit einer gewissen wunderbaren Wärme, welche langsam bis zu ihrem Gehirne aufstieg und sich wie ein Dunst mit bewältigenden Wirbeln entrollte.

Das Mädchen hatte weder mehr Kraft, noch Willen; es ließ seinen Kopf auf seine Schulter zurückfallen.

In diesem Augenblick kam es Balsamo vor, als hörte er ein leichtes Geräusch in der Gegend des Fensters; er wandte sich rasch um und glaubte außerhalb das Gesicht eines Menschen sich von der Scheibe entfernen zu sehen.

Balsamo runzelte die Stirne, und sonderbarer Weise schien derselbe Eindruck sich auf dem Antlitz des Mädchens wiederzugeben.

Dann wandte er sich abermals gegen Andrée, senkte seine beiden Hände, die er beständig über ihrem Haupte gehalten hatte, erhob sie wieder mit einer salbungsreichen Geberde, senkte sie auf’s Neue, häufte einige Secunden lang fortwährend niederdrückende electrische Säulen auf das Mädchen und sprach:

»Schlafen Sie.«

Als sie sich noch unter diesem Zauber sträubte, wiederholte er mit dem Tone der Herrschaft:

»Schlafen Sie! schlafen Sie, ich will es haben.«

Von da an wich Alles diesem mächtigen Willen. Andrée stützte den Ellbogen auf das Klavier, legte den Kopf auf ihre Hand und entschlummerte.

Dann ging Balsamo rückwärts hinaus, zog die Thüre an sich, und man konnte ihn die Treppe hinaufsteigen und in sein Zimmer zurückkehren hören.

Sobald die Thüre des Salon sich hinter ihm geschlossen hatte, erschien das Gesicht, das Balsamo zu sehen geglaubt, wieder an den Scheiben.

Es war das Gesicht von Gilbert.




VIII.

Anziehungskraft


Durch seine untergeordnete Stellung im Schlosse Taverney aus dem Salon ausgeschlossen, hatte Gilbert den ganzen Abend die Personen, denen ihr Rang sich darin zu bewegen gestattete, beobachtet.

Während des Abendbrods sah er Balsamo lächeln und sich geberden. Er gewahrte die Aufmerksamkeit, mit der ihn Andrée beehrte, die unerhörte Freundlichkeit des Barons gegen ihn, den ehrfurchtsvollen Eifer von La Brie.

Später, als man vom Tische aufstand, verbarg er sich in einem von den Gesträuchen, welche in der Nähe des Schlosses spanischer Flieder und Schneeballen bildeten, aus Furcht, Nicole könnte ihn, wenn sie die Läden schlöße oder in ihr Zimmer zurückkehrte, bemerken und in seiner Nachforschung, oder vielmehr in seiner Späherei stören.

Nicole machte wirklich ihre Runde, doch sie mußte einen von den Läden des Salon offen lassen, weil die halb losen Scharniere demselben sich nicht auf seinen Angeln zu drehen gestatteten.

Gilbert kannte diesen Umstand ganz wohl, und verließ auch, wie wir gesehen, seinen Posten nicht, sicher, daß er seine Beobachtungen, wenn Legay weggegangen war, fortsetzen konnte.

Beobachtungen haben wir gesagt; dieses Wort wird dem Leser vielleicht unbestimmt vorkommen. Welche Beobachtungen konnte Gilbert anstellen? Kannte er nicht das Schloß Taverney in allen seinen Einzelnheiten, da er hier erzogen worden war; die Personen, die es bewohnten, unter allen ihren Seiten, da er sie seit siebenzehn bis achtzehn Jahren jeden Tag sah?

An diesem Abend hatte Gilbert andere Absichten, als zu beobachten; er lauerte nicht nur, er wartete. Als Nicole den Salon, in welchem Andrée zurückblieb, verlassen, als sie, nachdem sie langsam und nachlässig die Thüren und Fenster geschlossen, auf dem Rasenstücke, wie es schien in Erwartung von irgend Jemand, umhergegangen war, als sie nach allen Seiten verstohlene Blicke geworfen, als sie endlich das gethan, was Gilbert gethan hatte und noch ferner thun wollte, entschloß sie sich zum Rückzuge und ging in ihr Zimmer.

Unbeweglich an den Stamm eines halbgebogenen Baumes angelehnt, kaum athmend, hatte Gilbert, wie man leicht begreift, keine von den Geberden von Nicole verloren; als sie verschwunden war, als er sah, wie sich das Fenster der Mansarden beleuchtete, durchschritt er den leeren Raum auf den Fußspitzen, gelangte zum Fenster, kauerte sich hier im Schatten, wartete, vielleicht ohne zu wissen, auf was er wartete, und verschlang dabei Andrée, welche nachläßig an ihrem Klavier saß, mit den Augen.

In dieser Minute geschah es, daß Joseph Balsamo in den Salon eintrat.

Gilbert bebte, als er ihn gewahrte, und sein glühender Blick drängte sich auf den zwei Personen der von uns erzählten Scene zusammen.

Er glaubte zu sehen, daß Balsamo Andrée Complimente über ihr Talent machte, daß diese ihm mit ihrer gewöhnlichen Kälte antwortete, daß er mit einem Lächeln auf seinen Artigkeiten beharrte, und daß sie ihr Studium unterbrach, um ihrem Gast zu antworten und ihn zu verabschieden. Er bewunderte die Anmuth, mit der sich dieser zurückzog. Von der ganzen Scene, die er zu begreifen geglaubt, hatte er durchaus nichts begriffen, denn die Wirklichkeit dieser Scene war das Stillschweigen.

Gilbert hatte nichts hören können, er hatte nur Lippen sich rühren und Arme sich bewegen sehen. Wie hatte er, ein so guter Beobachter er auch war, ein Geheimniß da erkennen sollen, wo Alles scheinbar so natürlich zuging?

Als Balsamo sich entfernt hatte, verharrte Gilbert nicht mehr in Beobachtung, sondern in Betrachtung vor Andrée, die so schön war in ihrer nachläßigen Haltung; bald aber bemerkte er zu seinem Erstaunen, daß sie schlief. Er blieb noch einige Minuten in derselben Stellung, um sich bestimmt zu versichern, daß ihre Unbeweglichkeit Schlaf war. Sobald er sich überzeugt hatte, erhob er sich, seinen Kopf in seinen beiden Händen haltend, wie ein Mensch, der befürchtet, seine Hirnschale könnte unter der Woge der zufließenden Gedanken zerspringen; dann in einem Augenblicke des Willens, der einem Ausbruche der Wuth glich, sprach er:

»Oh! ihre Hand, nur meine Lippen ihrer Hand nähern; vorwärts, Gilbert, ich will es!«

Und als er so gesprochen, stürzte er, sich selbst gehorchend, in das Vorzimmer und erreichte die Thüre des Salon, die sich geräuschlos für ihn öffnete, wie sie sich für Balsamo geöffnet hatte.

Doch kaum war diese Thüre offen, kaum befand er sich dem Mädchen gegenüber, ohne daß ihn irgend Etwas mehr von derselben trennte, als er das ganze Gewicht der Handlung begriff, die er begehen wollte; er, Gilbert, der Sohn eines Meiers und einer Bäuerin, er, der schüchterne, wenn nicht ehrfurchtsvolle junge Mensch, der es kaum gewagt, aus seiner Dunkelheit die Augen zu dem stolzen, hochmüthigen Fräulein aufzuschlagen, er wollte mit seinen Lippen den Saum des Kleides, oder die Spitze der Finger dieser entschlummerten Majestät berühren, die ihn erwachend mit ihrem Blicke niederschmettern konnte! Bei diesem Gedanken zerstreuten sich alle die Wolken des Rausches, die seinen Geist verwirrt und sein Hirn verkehrt hatten. Er blieb stehen und hielt sich am Thürgesimse, denn seine Beine zitterten dergestalt, daß es ihm vorkam, als müßte er fallen.

Doch das Nachsinnen oder der Schlaf von Andrée war so tief, (Gilbert wußte noch nicht genau, ob sie schlief oder nachsann), daß sie nicht die geringste Bewegung machte, obgleich sie die Schläge des Herzens von Gilbert, die dieser vergebens in seiner Brust zurückzudrängen suchte, hätte hören können. Sanft auf ihre Hand gestützt, war sie mit ihren langen, ungepuderten Haaren, welche zerstreut auf ihren Hals und ihre Schultern herabfielen, so schön, daß die durch den Schrecken gedämpfte, aber nicht erloschene Flamme wieder erwachte. Ein neuer Schwindel erfaßte ihn; es war wie ein berauschender Wahnsinn; es war wie ein verzehrendes Bedürfniß, irgend Etwas zu berühren, was wiederum sie berührte; er machte abermals einen Schritt gegen sie.

Der Boden krachte unter seinem unsichern Fuße; bei diesem Geräusch perlte ein kalter Schweiß auf der Stirne des jungen Mannes, doch Andrée schien ihn nicht gehört zu haben.

»Sie schläft,« murmelte Gilbert. »Welch ein Glück! sie schläft.«

Doch nach drei Schritten blieb Gilbert abermals stehen; es schien ihn etwas zu erschrecken; dies war der ungewöhnliche Glanz der Lampe, welche, dem Erlöschen nahe, ihren letzten blitzartigen, der Finsterniß vorhergehenden Schimmer von sich gab.

Außerdem kein Geräusch, kein Hauch im ganzen Hause; der alte La Brie hatte sich niedergelegt und schlief ohne Zweifel. Das Licht von Nicole war erloschen.

»Vorwärts,« sagte er.

Und er schritt abermals weiter.

Seltsamer Weise krachte der Boden wieder und Andrée rührte sich ebenso wenig, als zuvor.

Gilbert staunte über diesen sonderbaren Schlaf.

»Sie schläft,« wiederholte er mit der Beweglichkeit des Gedankens, welche zwanzigmal in einer Minute den Entschluß eines Liebenden oder eines Feigen wanken macht. (Jeder wird feig, der nicht mehr Herr seines Herzens ist). »Sie schläft, o mein Gott! mein Gott!«

Doch mitten unter diesen fieberhaften Schwankungen zwischen Furcht und Hoffnung ging Gilbert immer weiter und fand sich am Ende nur noch zwei Schritte von Andrée entfernt. Von da an war es wie ein Zauber, die Flucht wäre ihm unmöglich gewesen, hätte er fliehen wollen; einmal in den Anziehungskreis getreten, dessen Mittelpunkt das Mädchen war, fühlte er sich gebunden, geknebelt, besiegt und sank auf seine Kniee.

Andrée blieb unbeweglich, stumm; man hätte glauben sollen, es wäre eine Bildsäule. Gilbert faßte den Saum ihres Kleides mit beiden Händen und küßte ihn.

Dann erhob er das Haupt langsam, ohne Athem, mit einer gleichmäßigen Bewegung; seine Augen suchten die Augen von Andrée.

Sie waren weit geöffnet, und dennoch sah Andrée nicht.

Gilbert wußte nicht, was er denken sollte, er war wie vernichtet unter dem Gewichte des Erstaunens. Einen Augenblick hatte er den furchtbaren Gedanken, sie sei todt. Um sich hierüber Gewißheit zu verschaffen, wagte er es, ihre Hand zu ergreifen; sie war lau und die Pulsader schlug sachte. Doch die Hand von Andrée blieb unbeweglich in der Hand von Gilbert. Ohne Zweifel berauscht durch diesen wollüstigen Druck, bildete sich Gilbert ein, Andrée sehe, sie fühle, sie habe seine wahnsinnige Liebe errathen; mit seinem armen, geblendeten Herzen glaubte er, sie habe seinen Besuch erwartet, ihr Stillschweigen sei Einwilligung, ihre Unbeweglichkeit eine Gunst.

Da erhob er die Hand von Andrée bis zu seinen Lippen und drückte einen langen, fieberhaften Kuß darauf.

Plötzlich schauerte Andrée und Gilbert fühlte, daß sie ihn zurückstieß.

»Oh! ich bin verloren,« murmelte er, während er die Hand des Mädchens losließ und mit seiner Stirne auf den Boden stieß.

Andrée erhob sich, als ob sie eine Feder auf die Füße gestellt hätte, ihre Augen senkten sich nicht einmal auf den Boden, wo Gilbert halb niedergeschmettert vor Scham und Schrecken lag, Gilbert, der nicht mehr die Kraft hatte, eine Verzeihung zu erflehen, auf die er nicht rechnete.

Aber den Kopf hoch, den Hals gestreckt, als würde sie durch eine geheime Gewalt zu einem unsichtbaren Ziele fortgezogen, streifte Andrée die Schulter von Gilbert, ging vorbei und fing an mit einem gezwungenen, mühsamen Gange nach der Thüre zuzuschreiten.

Als Gilbert fühlte, daß sie sich entfernte, erhob er sich auf eine Hand, wandte sich langsam um und folgte ihr mit einem erstaunten Blicke.

Andrée setzte ihren Weg nach der Thüre fort, öffnete sie, durchschritt das Vorzimmer und gelangte an den Fuß der Treppe,

Bleich und voll Angst schleppte sich ihr Gilbert auf den Knieen nach.

»Oh!« dachte er, »sie ist sehr entrüstet, daß sie sich nicht einmal herabgelassen hat, mir einen Vorwurf zu machen; sie wird den Baron aufsuchen, sie wird ihm meine schmähliche Thorheit erzählen, und man wird mich wie einen Lackei fortjagen,«

Der Kopf des jungen Mannes verwirrte sich bei dem Gedanken, er würde Taverney verlassen, er würde aufhören, diejenige zu sehen, welche sein Licht, sein Leben, seine Seele war. Die Verzweiflung verlieh ihm Muth, er erhob sich wieder auf seine Füße und lief Andrée nach.

»Oh! Verzeihung, mein Fräulein, im Namen des Himmels, Verzeihung!« murmelte er.

Andrée schien nicht gehört zu haben; aber sie ging weiter und trat nicht bei ihrem Vater ein.

Gilbert athmete.

Andrée setzte den Fuß auf die erste Stufe der Treppe und dann auf die zweite.

»Oh! mein Gott! mein Gott!« murmelte Gilbert, »wohin kann sie denn gehen? diese Treppe führt nur zu dem rothen Zimmer, das der Fremde bewohnt, und zu der Mansarde von La Brie. Gälte es La Brie, so würde sie rufen, läuten. Sie ginge also  . . . Oh! das ist unmöglich!«

Gilbert ballte die Fäuste vor Wuth schon bei dem Gedanken, Andrée könnte zu Balsamo gehen.

Vor der Thüre des Fremden blieb sie stehen.

Kalter Schweiß floß von der Stirne von Gilbert; er klammerte sich an dem Geländer der Treppe an, um nicht zu fallen, denn er war fortwährend Andrée gefolgt. Alles, was er sah, was er zu errathen glaubte, erschien ihm als ungeheuerlich

Die Thüre von Balsamo war nur angelehnt. Andrée stieß sie auf, ohne zu klopfen. Das hervordringende Licht beleuchtete ihre so edlen, so reinen Züge und wirbelte in goldenen Reflexen in ihre weit geöffneten Augen. Mitten im Zimmer konnte Gilbert den Fremden erschauen, der, das Auge starr, die Stirne gefaltet und die Hand mit der Geberde des Befehls ausgestreckt, dastand.

Dann schloß sich die Thüre wieder.

Gilbert fühlte, wie seine Kräfte schwanden. Eine von seinen Händen ließ das Geländer los, die andere fuhr nach seiner brennenden Stirne; er drehte sich auf sich selbst, wie ein aus der Axe gegangenes Rad, und fiel betäubt auf den kalten Stein der ersten Stufe, während sein Auge noch auf die verfluchte Thüre geheftet war, welche den ganzen vergangenen Traum, das ganze gegenwärtige Glück, die ganze Hoffnung auf die Zukunft verschlungen hatte.




IX.

Die Seherin


Balsamo kam dem Mädchen entgegen, das, ohne von der geraden Linie abzuweichen, fest in seinem Gange, wie die Statue des Gouverneur bei ihm eingetreten war.

So seltsam diese Erscheinung für jeden Andern, als Balsamo gewesen wäre, so erregte sie doch offenbar bei ihm kein Erstaunen.

»Ich habe Ihnen befohlen, zu schlafen,« sprach er; »schlafen Sie?«

Andrée stieß einen Seufzer aus, aber sie antwortete nicht.

Balsamo näherte sich ihr und belud sie mit einer großen Quantität Fluidum.

»Sie sollen sprechen,« sagte er.

Das Mädchen bebte.

»Haben Sie gehört, was ich sagte?« fragte der Fremde.

Andrée machte ein bejahendes Zeichen.

»Warum sprechen Sie denn nicht?«

Andrée legte die Hand an ihre Kehle, als wollte sie andeuten, die Worte können nicht durchkommen.

»Gut! setzen Sie sich,« sprach Balsamo.

Er nahm sie bei der Hand, welche Gilbert, ohne daß sie es bemerkt, geküßt hatte, und diese einzige Berührung verlieh ihr dasselbe Leben, das wir an ihr wahrgenommen, als ihr das beherrschende Fluidum kurz zuvor zukam.

Von Balsamo geführt, machte das Mädchen drei Schritte rückwärts und setzte sich in einen Lehnstuhl.

»Sehen Sie nun?« fragte er.

Die Augen von Andrée erweiterten sich, als hätte sie alle Lichtstrahlen umfassen wollen, welche in dem Zimmer von den divergirenden Scheinen zweier Kerzen verbreitet wurden.

»Ich sage nicht, daß Sie mit den Augen sehen sollen; sehen Sie mit der Brust,« fuhr Balsamo fort.

Und er zog unter seiner gestickten Jacke ein stählernes Stäbchen hervor und legte das Ende davon auf die zitternde Brust des Mädchens.

Andrée zuckte, als ob ein flammender Pfeil ihr Fleisch durchbohrt hätte und bis in ihr Herz gedrungen wäre; ihre Augen schlossen sich sogleich.

»Ah! gut, nicht wahr, Sie fangen an zu sehen?«

Sie machte ein bejahendes Zeichen mit dem Kopfe.

»Und Sie werden sprechen, nicht wahr?«

»Ja,« antwortete Andrée.

Doch zu gleicher Zeit fuhr sie unter einer Geberde unsäglichen Schmerzes mit der Hand an die Stirne. »Was haben Sie?« fragte Balsamo.

»Oh! ich leide!«

»Warum leiden Sie?«

»Weil Sie mich zu sehen und zu sprechen zwingen.«

Balsamo erhob zwei oder dreimal die Hände über die Stirne von Andrée und schien einen Theil des Fluidum, das dieselbe zu zersprengen im Begriffe war, zu entfernen.

»Leiden Sie noch?« fragte er.

»Weniger,« antwortete das Mädchen.

»Gut; nun sehen Sie, wo Sie sind.«

Die Augen von Andrée blieben geschlossen; aber ihr Gesicht verdüsterte sich und schien das lebhafteste Erstaunen auszudrücken.

»In dem rothen Zimmer,« murmelte sie.

»Mit wem?«

»Mit Ihnen,« fuhr sie bebend fort.

»Was haben Sie?«

»Ich habe Furcht! ich schäme mich!«

»Worüber? Sind wir nicht sympathetisch vereinigt?«

»Allerdings.«

»Wissen Sie nicht, daß ich Sie nur mit reinen Absichten kommen lasse?«

»Ah! ja, das ist wahr.«

»Und daß ich Sie achte, wie eine Schwester?«

»Ja, ich weiß es.«

Und ihr Gesicht erheiterte sich, wurde aber bald abermals düster.

»Sie sagen mir nicht Alles?« fuhr Balsamo fort. »Sie vergeben mir nicht ganz?«

»Dies ist der Fall, weil ich sehe, daß Sie, wenn Sie auch mir nicht feindlich, doch vielleicht Anderen böse wollen?«

»Es ist möglich,« murmelte Balsamo; »aber bekümmern Sie sich nicht darum,« fügte er mit befehlendem Tone bei.

Andrée nahm wieder ihr gewöhnliches Gesicht an.

»Schläft Jedermann im Hause?«

»Ich weiß es nicht,« antwortete sie.

»So schauen Sie«

»Nach welcher Seite soll ich zuerst sehen?«

»Nach der Seite Ihres Vaters. Wo ist er?«

»In seinem Zimmer.«

»Was macht er?«

»Er liegt im Bette.«

»Schläft er?«

»Nein, er liest.«

»Was liest er?«

»Eines von den schlechten Büchern, von denen er immer will, ich soll sie lesen.«

»Und die Sie nicht lesen?«

Das Gesicht von Andrée drückte Stolz und Verachtung aus.

»Nein,« sprach sie.

»Gut. Von dieser Seite sind wir also ruhig. Schauen Sie auf die Seite von Nicole, in ihr Zimmer.«

»Es ist kein Licht in ihrem Zimmer.«

»Brauchen Sie Licht, um dort zu sehen?«

»Nein, wenn Sie es befehlen.«

»Ich will es.«

»Ah! ich sehe sie!«

»Nun?«

»Sie ist halb angekleidet; sie macht sachte die Thüre ihres Zimmers auf und steigt die Treppe hinab.«

»Gut. Wohin geht sie?«

»Sie bleibt an der Hofthüre stehen; sie verbirgt sich hinter dieser Thüre; sie lauert, sie wartet.«

Balsamo lächelte.

»Gilt dieses Lauern oder dieses Warten Ihnen?« sagte er.

»Nein.«

»Nun, das ist die Hauptsache. Ist ein Mädchen von seinem Vater und von seiner Kammerfrau befreit, so hat es nichts mehr zu befürchten, wenn nicht  . . .«

»Nein,« sprach sie.

,.Ah! ah! Sie beantworten meinen Gedanken?«

»Ich sehe ihn.«

»Sie lieben also Niemand?«

»Ich?« versetzte das Mädchen mit verächtlichem Tone.

»Ei! allerdings; Sie könnten Jemand lieben, wie mir scheint. Man tritt nicht aus dem Kloster, um in der Abgeschlossenheit zu leben, und man gibt dem Herzen zu gleicher Zeit mit dem Körper die Freiheit.«

Andrée schüttelte den Kopf und erwiederte traurig:

»Mein Herz ist frei.«

Und ein solcher Ausdruck von Reinheit und jungfräulicher Bescheidenheit verschönerte ihre Züge, daß Balsamo strahlend murmelte:

»Eine Lilie! eine Mündel! eine Seherin!«

Und er faltete die Hände zum Zeichen der Freude und des Dankes; dann kehrte er zu Andrée zurück und fuhr fort:

»Doch wenn Sie nicht lieben, so werden Sie ohne Zweifel geliebt?«

»Ich weiß es nicht,« sprach das Mädchen mit sanftem Tone.

»Wie! Sie wissen es nicht?« entgegnete Balsamo ziemlich hart; »suchen Sie! Wenn ich frage, will ich eine Antwort haben.«

Und er berührte zum zweiten Male die Brust des Mädchens mit seinem stählernen Stäbchen.

Das Mädchen bebte abermals, aber unter dem Eindrucke eines Schmerzes, der sichtbar minder heftig war, als der erste.

»Ja, ja, ich sehe,« sprach sie; »schonen Sie mich, denn Sie werden mich tödten.«

»Was sehen Sie?« fragte Balsamo.

»Oh! doch das ist unmöglich,« erwiederte Andrée.

»Was sehen Sie denn?«

»Einen jungen Menschen, der mir seit meinem Austritte aus dem Kloster folgt, mich bespäht, bewacht, doch Alles im Verborgenen.«

»Wer ist dieser junge Mensch?«

»Ich sehe sein Gesicht nicht,  . . . nur sein Kleid; es ist beinahe das Kleid eines Arbeiters.«

»Wo ist er?«

»Unten an der Treppe: er leidet, er weint.«

»Warum sehen Sie sein Gesicht nicht?«

»Weil er es in seinen Händen verborgen hält.«

»Sehen Sie durch seine Hände.«

Andrée strengte sich an und rief:

»Gilbert! oh! ich sagte, es wäre unmöglich.«

»Warum unmöglich?«

»Weil er es nicht wagen würde, mich zu lieben,« antwortete das Mädchen mit einem Ausdruck erhabener Verachtung.

Balsamo lächelte als ein Mann, der den Menschen kennt und weiß, daß es keine Entfernung gibt, die das Herz nicht überspringt, und wäre diese Entfernung ein Abgrund.

»Und was macht er unten an der Treppe?«

»Warten Sie, er trennt die Hände von seiner Stirne, er klammert sich an dem Geländer an, er erhebt sich, er steigt aufwärts.«

»Wohin geht er?«

»Hierher. Es ist gleichgültig, er wird es nicht wagen, einzutreten.«

»Warum wird er es nicht wagen, einzutreten?«

»Weil er Furcht hat,« sprach Andrée mit einem Lächeln der Verachtung.

»Aber er wird horchen.«

»Gewiß; er nähert sein Ohr der Thüre, er horcht.«

»Er ist Ihnen wohl lästig?«

»Ja, weil er hören kann, was ich sage.«

»Und ist er im Stande, Mißbrauch davon zu machen, selbst gegen Sie, die er liebt?«

»Ja, in einem Augenblick des Zornes oder der Eifersucht; oh! ja, in einem solchen Augenblick ist er zu Allem fähig,«

»Dann entledigen wir uns seiner,« sprach Balsamo.

Und er ging geräuschvoll auf die Thüre zu.

Ohne Zweifel war die Stunde des Muthes für Gilbert noch nicht gekommen, denn bei dem Geräusch der Tritte von Balsamo schwang er sich aus Furcht, ertappt zu werden, rittlings auf das Geländer und ließ sich bis zur Erde hinabgleiten.

Andrée stieß einen schwachen Schrei des Schreckens aus.

»Hören Sie auf, nach jener Seite zu sehen,« sprach Balsamo, zu Andrée zurückkehrend. »Gewöhnliche Verliebtheiten sind Dinge von geringer Wichtigkeit. Sprechen Sie mir vom Baron von Taverney, wollen Sie?«

»Ich will Alles, was Sie wollen,« sagte Andrée mit einem Seufzer.

»Er ist also sehr arm, der Baron?«

»Sehr arm.«

»Zu arm, um Ihnen eine Zerstreuung zu gewähren?«

»So ist es.«

»Sie langweilen sich also in diesem Schlosse?«

»Zum Sterben.«

»Sie haben vielleicht Ehrgeiz?«

»Nein.«

»Sie lieben Ihren Vater?«

»Ja,« sprach das Mädchen mit einem gewissen Zögern.

»Gestern Abend kam es mir jedoch vor, als läge eine Wolke über dieser kindlichen Liebe?« versetzte Balsamo lächelnd.

»Ich grolle ihm, daß er auf eine tolle Weise das ganze Vermögen meiner Mutter verschwendet hat, so daß der arme Maison-Rouge in der Garnison verschmachtet und den Namen unserer Familie nicht mehr würdig führen kann.«

»Wer ist Maison-Rouge?«

»Mein Bruder Philipp.«

»Warum nennen Sie ihn Maison-Rouge?«

»Weil dies der Name eines uns gehörigen Schlosses ist, oder vielmehr war, und die Aeltesten der Familie diesen Namen bis zum Tode ihres Vaters führten; dann heißen sie Taverney.«

»Und Sie lieben Ihren Bruder?«

»Oh ja! sehr! sehr!«

»Mehr als Alles?«

»Mehr als Alles.«

»Und warum lieben Sie ihn so leidenschaftlich, während Sie Ihren Vater nur mäßig lieben?«

»Weil er ein edles Herz ist, weil er sein Leben für mich geben würde.«

»Während Ihr Vater?«  . . .

Andrée schwieg.

»Sie antworten nicht?«

»Ich will nicht antworten.«

Ohne Zweifel hielt es Balsamo nicht für geeignet, den Willen des Mädchens zu zwingen. Vielleicht wußte er auch schon über den Baron Alles, was er wissen wollte.

»Und wo ist in diesem Augenblick der Chevalier von Maison-Rouge?«

»Sie fragen mich, wo Philipp sei?«

»Ja.«

»Er ist in Garnison in Straßburg.«

»Sehen Sie ihn in diesem Augenblick?«

»Wo dies?«

»In Straßburg.«

»Ich sehe ihn nicht.

»Kennen Sie die Stadt?«

»Nein.«

»Ich kenne sie; suchen wir mit einander, wollen Sie?«

»Gewiß will ich.«

»Ist er im Schauspiel?«

»Nein.«

»Ist er im Café de la Place, mit den andern Officieren?«

»Nein.«

»Ist er in sein Zimmer zurückgekehrt? Sie sollen das Zimmer Ihres Bruders sehen.«

»Ich sehe nichts. Ich glaube, er ist nicht mehr in Straßburg.«

»Kennen Sie den Weg?«

»Nein.«

»Gleichviel! ich kenne ihn; verfolgen wir denselben. Ist er in Saverne?«

»Nein.«

»Ist er in Saarbrück?«

»Nein.«

»Ist er in Nancy?«

»Warten Sie, warten Sie!«

Andrée sammelte sich; ihr Herz schlug, daß die Brust hätte zerspringen sollen.

»Ich sehe! ich sehe!« sprach sie mit einem freudigen Ausbruche; »oh! lieber Philipp, welch’ ein Glück!«

»Was gibt es denn?«

»Lieber Philipp!« fuhr Andrée fort, deren Augen vor Freude funkelten.

»Wo ist er?«

»Er reitet durch eine Stadt, die ich vollkommen kenne.«

»Durch welche Stadt?«

»Nancy! Nancy! wo ich im Kloster war.«

»Sind Sie sicher, daß er es ist?«

»Oh! ja, die Fackeln, die ihn umgeben, beleuchten sein Antlitz.«

»Fackeln?« sprach Balsamo erstaunt. »Warum Fackeln?«

»Er reitet am Schlage einer schönen vergoldeten Carrosse.«

»Ah! ah!« machte Balsamo, der zu begreifen schien; »und was ist in dieser Carrosse?«

»Eine junge Frau. Oh! wie majestätisch, wie anmuthreich, wie schön sie ist! Oh! das ist seltsam, es kommt mir vor, als hätte ich sie bereits gesehen; nein, nein, ich täuschte mich, Nicole gleicht ihr.«

»Nicole gleicht dieser so schönen, so majestätischen, so stolzen jungen Frau?«

»Ja! ja! wie der Jasmin der Lilie gleicht.«

»Sprechen Sie, was geht in diesem Augenblick in Nancy vor?«

»Die junge Frau neigt sich aus dem Kutschenschlage und bedeutet Philipp durch ein Zeichen, er möge sich ihr nähern; er gehorcht, er reitet heran, er entblößt sich ehrfurchtsvoll.«

»Können Sie hören, was sie sprechen?«

»Ich werde horchen,« erwiederte Andrée, Balsamo mit einer Geberde zurückhaltend, als sollte kein Geräusch ihre Aufmerksamkeit ablenken. »Ich höre! ich höre!« murmelte sie.

»Was sagt die junge Frau?«

»Sie befiehlt ihm mit einem sanften Lächeln, den Gang der Pferde zu beschleunigen. Sie sagt ihm, die Escorte müsse am andern Morgen um sechs Uhr bereit sein, weil sie im Verlaufe des Tages anhalten wolle.«

»Wo dies?«

»Das fragt sie mein Bruder. Oh! mein Gott! in Taverney will sie anhalten. Oh! eine so vornehme Prinzessin will in einem so armseligen Hause anhalten  . . . Wie werden wir es machen, ohne Silbergeschirr, beinahe ohne alles Leinengeräthe?«

»Beruhigen Sie sich. Wir werden hiefür sorgen.«

»Ah! ich danke! ich danke!«

Und das Mädchen, das sich halb erhoben hatte, fiel erschöpft auf seinen Lehnstuhl zurück und stieß einen tiefen Seufzer aus.

Sogleich näherte sich Balsamo Andrée, veränderte durch magnetische Gänge die Richtung der electrischen Strömungen und verlieh die Ruhe des Schlafes diesem schönen Körper, der sich gebrochen neigte, diesem beschwerten Kopfe, der auf die keuchende Brust herabfiel.

Andrée schien sodann in eine völlige wiederherstellende Ruhe zurückzukehren.

»Sammle Deine Kräfte wieder,« sprach Balsamo, indem er sie mit einer düstern Extase anschaute; »sogleich würde ich Deiner Hellsichtigkeit abermals bedürfen. O Wissenschaft!« fuhr er mit dem Charakter der überzeugtesten Begeisterung fort, »du allein täuschest nicht! dir allein muß der Mensch Alles opfern. Diese Frau ist sehr schön, mein Gott, dieser Engel ist sehr rein! Doch welchen Werth hat in diesem Augenblick die Schönheit für mich? welchen Werth hat die Unschuld? den Werth einer einfachen Auskunft, die nur die Schönheit und die Unschuld allein mir geben können. Es sterbe das Geschöpf, so schön, so rein, so vollkommen es auch sein mag. Es sterben die Genüsse der ganzen Welt, Liebe, Leidenschaft, Extase, wenn ich nur immer mit sicherem, erleuchtetem Schritte gehen kann! Und nun, Mädchen, da Dir durch die Macht meines Willens einige Sekunden Schlummer so viel Kräfte gegeben haben, als wenn Du zwanzig Jahre geschlafen hättest, nun erwache, oder versenke Dich vielmehr wieder in Deinen hellsichtigen Schlummer. Ich bedarf noch Deiner Sprache: nur wirst Du diesmal für mich sprechen.«

Und abermals die Hände gegen Andrée ausstreckend, nöthigte Balsamo diese, sich unter einem allmächtigen Hauche zu erheben.

Als er sie bereit und unterwürfig sah, zog er ein viereckig zusammengelegtes Papier, in welchem eine schwarze Haarlocke enthalten war, aus seinem Portefeuille hervor. Die Wohlgerüche, mit denen die Locke geschwängert, hatten das Papier durchsichtig gemacht.

Balsamo legte die Haarlocke in die Hand von Andrée.

»Sehen Siel« befahl er.

»Oh! abermals?« sprach das junge Mädchen voll Bangigkeit. »Oh! nein, oh! nein, lassen Sie mich in Ruhe; ich leide so sehr. Oh! mein Gott! mein Gott! ich fühlte mich vorhin so wohl.«

»Sprechen Sie!« entgegnete Balsamo, und legte unbarmherzig das Ende seines stählernen Stäbchens auf die Brust von Andrée.

Andrée rang die Hände, sie suchte sich der Tyrannei des Experimentenmachers zu entziehen. Der Schaum trat auf ihre Lippen, wie einst auf den Mund der auf dem heiligen Dreifuß sitzenden Pythia.

»Oh! ich sehe, ich sehe,« rief sie mit der Verzweiflung des besiegten Willens.

»Was sehen Sie?«

»Eine Frau.«

»Ah!« murmelte Balsamo mit einer wilden Freude, »die Wissenschaft ist also kein leeres Wort, wie die Tugend? Mesmer hat Brutus besiegt. Schildern Sie mir diese Frau, damit ich weiß, ob Sie richtig gesehen haben.«

»Braun, groß, blaue Augen, schwarze Haare, nervige Arme.«

»Was macht sie?«

»Sie eilt, sie fliegt, sie scheint von einem herrlichen, schweißbedeckten Pferde fortgetragen zu werden.«

»In welcher Richtung reitet sie?«

»Dorthin, dorthin,« sprach das Mädchen, nach Westen deutend.

»Auf der Landstraße?«

»Ja.«

«Nach Châlons?«

»Es ist gut,« sagte Balsamo; »sie verfolgt den Weg, den ich machen werde. Sie geht nach Paris, wohin ich ebenfalls gehe. Es ist gut, ich werde sie in Paris wiederfinden. Ruhen Sie nun aus,« sagte er zu Andrée, während er ihr die Locke wieder abnahm, die sie nicht losgelassen hatte.

Die Arme von Andrée fielen unbeweglich an ihrem Körper herab.

»Nun kehren Sie zum Klavier zurück,« sprach Balsamo.

Andrée machte einen Schritt gegen die Thüre; doch durch eine unaussprechliche Anstrengung gelähmt, weigerten sich ihre Beine, sie zu tragen: sie wankte.

»Sammeln Sie wieder Kraft und gehen Sie weiter,« sagte Balsamo und umhüllte sie mit einer neuen Aussendung von Fluidum.

Andrée ahmte den edeln Renner nach, der sich anstemmt, um den Willen seines Herrn zu erfüllen, und wäre dieser Willen auch ungerecht.

Sie ging.

Balsamo öffnete seine Thüre, und Andrée stieg, immer noch eingeschlafen, langsam die Treppe hinab.




X.

Nicole Legay


Gilbert hatte die ganze Zeit, welche das Verhör von Balsamo dauerte, in unaussprechlicher Angst zugebracht.

Unter das Treppengehäuse gekauert, weil er es nicht mehr wagte, zur Thüre hinaufzusteigen, um zu behorchen, was in dem rothen Zimmer gesprochen wurde, gerieth er am Ende in eine Verzweiflung, welche bei dem Charakter von Gilbert jeden Augenblick eine gewaltsame Entwicklung herbeizuführen drohte.

Diese Verzweiflung vermehrte sich durch das Gefühl seiner Schwäche und seiner untergeordneten Stellung. Balsamo war nur ein Mensch; denn Gilbert, ein starker Geist, ein Philosoph im Entstehen, glaubte nur wenig an Zauberer. Aber dieser Mensch war stark, Gilbert war schwach; dieser Mensch war muthig, Gilbert war es noch nicht. Zwanzigmal erhob sich Gilbert, um wieder die Treppe hinaufzusteigen, entschlossen, im Falle der Noth dem Baron Stand zu halten. Zwanzigmal bogen sich seine zitternden Beine unter ihm, und er fiel wieder auf seine Kniee.

Es kam ihm ein Gedanke; er wollte eine Leiter holen, der sich La Brie, welcher zugleich Koch, Kammerdiener und Gärtner war, bediente, um Jasmin und Geisblatt an der Mauer aufzubinden. Wenn er sie an der Gallerie der Treppe anlehnen und zu dieser hinaufsteigen würde, dürfte er nichts von dem verrathenden Geräusch verlieren, das er so glühend zu behorchen wünschte. Er erreichte das Vorzimmer, dann den Hof und lief an den Ort, wo er die Leiter zu finden wußte, welche am Fuße einer Mauer lag. Doch während er sich bückte, kam es ihm vor, als hörte er ein Streifen auf der Seite des Hauses; er wandte sich um.

Da glaubte sein weit aufgerissenes Auge in der Dunkelheit durch den schwarzen Rahmen der offenen Thüre eine menschliche Form schlüpfen zu sehen, doch so rasch, so stumm, daß sie viel mehr einem Gespenste, als einem lebendigen Wesen anzugehören schien.

Er ließ die Leiter fallen und schritt mit zitterndem Herzen auf das Schloß zu.

Gewisse Imaginationen sind nothwendig abergläubisch; es sind gewöhnlich die reichsten und überspanntesten, sie lassen weniger gern die Vernunft, als die Fabel zu; durch ihre Instinkte zum Unmöglichen, oder wenigstens zur Idealität hingezogen, finden sie das Natürliche zu gemein. Sie gerathen außer sich vor Entzücken über einen schönen, düsteren Wald, weil die dunkeln Gewölbe mit Geistern und Gespenstern bevölkert sein müssen. Die Alten, welche so große Dichter waren, träumten von diesen Dingen am hellen Tage. Nur da ihre Sonne, ein Herd glühenden Lichtes, von dem wir so zu sagen höchstens noch den Rester haben, da ihre Sonne, sagen wir, die Idee der Larven und Gespenster verbannte, hatten sie die lachenden Dryaden und die leichten Oreaden erfunden.

Gilbert, das Kind einer wolkigen Gegend, wo die Gedanken trauriger sind, wähnte eine Erscheinung zu erblicken. Trotz seiner Ungläubigkeit kam ihm diesmal wieder in den Kopf, was ihm fliehend die Frau von Balsamo gesagt habe; konnte der Zauberer nicht ein Gespenst heraufbeschworen haben, er, der selbst den Engel der Reinheit zum Bösen fortzureißen vermochte?

Gilbert hatte aber immer eine zweite Bewegung, welche schlimmer war, als die erste. Er rief alle Beweissätze starker Köpfe gegen die Geister zu Hülfe, und der Artikel Gespenst des philosophischen Wörterbuchs verlieh ihm einen gewissen Muth, indem er ihm eine größere, aber mehr gegründete Angst einjagte.

Hatte er wirklich Jemand gesehen, so mußte es eine lebendige Person sein, und diese Person mußte ein großes Interesse haben, so zu lauern.

Seine Angst nannte ihm Herrn von Taverney, sein Gewissen blies ihm einen andern Namen ein.

Er schaute nach dem zweiten Stocke des Pavillon. Das Licht von Nicole war, wie gesagt, erloschen und ihre Scheiben verriethen kein Leben.

Kein Hauch, kein Geräusch, kein Schimmer im ganzen Hause, ausgenommen im Zimmer des Fremden. Er schaute, er horchte, und als er nichts mehr sah und nichts mehr hörte, nahm er wieder seine Leiter, nunmehr überzeugt, es sei eine Täuschung seiner Augen gewesen, wie dies bei einem Menschen vorkommt, dessen Herz zu schnell schlägt, und er müsse diese Vision eher als einen Nachlaß seiner Sehkraft bezeichnen, wie man technisch sagen kann, denn als einen Erfolg der Uebung seiner Fähigkeiten.

Als er seine Leiter angelegt hatte und den Fuß auf die erste Sprosse setzte, öffnete und schloß sich die Thüre von Balsamo, der Andrée hinausgehen ließ, welche ohne Licht und ohne Geräusch hinabstieg, als ob sie von einer übernatürlichen Macht geleitet und unterstützt würde.

So gelangte Andrée auf den Ruheplatz der Treppe, ging an Gilbert vorüber, an welchem sie im Schatten mit ihrem Kleide anstreifte, und setzte ihren Weg fort.

Herr von Taverney war eingeschlafen, La Brie lag im Bette, Nicole befand sich im andern Pavillon, die Thüre von Balsamo hatte sich wieder geschlossen, und so sah sich der junge Mann gegen jede Ueberraschung geschützt.

Er machte eine heftige Anstrengung gegen sich selbst und folgte Andrée, seinen Gang nach dem ihrigen richtend.

Andrée durchschritt das Vorzimmer und trat in den Salon.

Gilbert folgte ihr mit zerrissenem Herzen. Er stand jedoch stille, obgleich die Thüre offen geblieben war. Andrée setzte sich auf das Tabouret vor dem Klavier, auf welchem die Kerze immer noch brannte.

Gilbert zerfleischte sich die Brust mit seinen krampfhaften Nägeln. An derselben Stelle hatte er eine halbe Stunde zuvor das Kleid und die Hand dieser Frau geküßt, ohne daß sie sich ärgerte; hier hatte er gehofft, war er glücklich gewesen! Ohne Zweifel rührte die Nachsicht des Mädchens von einer jener tiefen Verdorbenheiten her, wie sie Gilbert in den Romanen gefunden hatte, welche, den Grund der Bibliothek des Barons bildeten, oder von einer jener Verräthereien der Sinne, wie er sie in gewissen physiologischen Abhandlungen hatte auseinandersetzen sehen.

»Nun!« murmelte er, von einer dieser Ideen zur andern schwankend, »wenn dem so ist, so werde ich wie die Andern diese Verdorbenheit benützen, oder aus dieser Ueberraschung der Sinne Vortheil ziehen. Und da der Engel sein Unschuldskleid dem Winde überantwortet, so mögen mir einige Fetzen ihrer Keuschheit zufallen.«

Der Entschluß von Gilbert war diesmal gefaßt, er stürzte nach dem Salon.

Doch als er die Schwelle überschreiten wollte, griff eine kräftige Hand aus dem Schatten hervor und packte ihn beim Arme.

Gilbert wandte sich erschrocken um, und es kam ihm vor, als verrückte sich sein Herz in seiner Brust.

»Ah! diesmal habe ich Dich, Unvorsichtiger,« flüsterte ihm eine zornige Stimme in das Ohr, »versuche es noch einmal zu leugnen, Du habest Rendezvous mit ihr, versuche es zu leugnen, Du liebest sie  . . .«

Gilbert hatte nicht einmal die Kraft, den Arm zu schütteln, um sich der pressenden Hand, die ihn zurückhielt, zu entziehen.

Der Druck war indessen nicht so groß, daß er ihn nicht hätte brechen können. Der Schraubstock war ganz einfach die Faust eines jungen Mädchens. Kurz, es war Nicole Legay, welche Gilbert gefangen hielt.

»Sprechen Sie, was wollen Sie denn?« fragte er ganz leise und voll Ungeduld.

»Ah! Du willst, daß ich laut rede, wie es scheint,« sagte Nicole mit der ganzen Fülle ihrer Stimme.

»Nein, nein, ich will, daß Du schweigst,« antwortete Gilbert mit den Zähnen knirschend, und zog Nicole in das Vorzimmer.

»Nun, so folge mir!«

Gilbert verlangte nichts Anderes, denn indem er Nicole folgte, entfernte er sich von Andrée.

»Es ist gut, ich folge,« sprach er.

Er ging wirklich hinter Nicole, welche ihn in den Garten führte und die Thüre hinter sich zumachte.

»Aber Fräulein Andrée wird in ihr Zimmer zurückkehren,« sagte Gilbert, »sie wird Sie rufen, damit sie ihr beim Auskleiden helfen, und Sie werden nicht da sein.«

»Wenn Sie glauben, das beschäftige mich in diesem Augenblick, so täuschen Sie sich in der That gewaltig. Was liegt mir daran, ob sie mich ruft oder nicht ruft! Ich muß Sie sprechen.«

»Sie könnten auf morgen verschieben, was Sie mir zu sagen haben, Nicole; das Fräulein ist streng, wie Sie wissen.«

»Ah! ja, Ich rathe ihr, streng zu sein, besonders gegen mich!«

»Nicole morgen, ich verspreche Ihnen  . . .«

»Du versprichst! sie sind schön, Deine Versprechungen, und man kann darauf zählen! Hattest Du mir nicht versprochen, mich in der Gegend von Maison-Rouge diesen Abend um sechs Uhr zu erwarten? Wo warst Du um diese Stunde? Auf der entgegengesetzten Seite, da Du den Reisenden hieher gebracht hast. Ich lege nun ein ebenso großes Gewicht auf Deine Versprechungen, als auf die des Gewissensrathes vom Kloster der Annonciaden, welcher einen Eid geleistet hatte, das Geheimniß der Beichte zu bewahren, und alle unsere Sünden der Superiorin meldete.«

»Nicole, bedenken Sie, daß man Sie wegschickt, wenn man bemerkt  . . .«

»Und Sie, man wird Sie nicht wegschicken, Sie, der Sie in das Fräulein verliebt sind! nein, der Herr Baron wird sich wohl Zwang anthun!«

»Bei mir,« sprach Gilbert, der sich nun zu vertheidigen suchte, »bei mir ist kein Grund vorhanden, mich wegzuschicken.«

»Wirklich! sollte er Sie bevollmächtigt haben, seiner Tochter den Hof zu machen?«

Gilbert konnte mit einem Worte Nicole beweisen, daß, wenn er auch schuldig war, wenigstens keine Mitschuld auf der Seite von Andrée obwaltete. Er durfte ihr nur erzählen, was er gesehen, und so unglaublich die Sache auch sein mochte, so hätte doch Nicole in Folge der guten Meinung, welche die Frauen von einander haben, ohne allen Zweifel geglaubt. Doch ein tieferer Gedanke hielt den jungen Mann im Augenblick der Offenbarung zurück. Das Geheimniß von Andrée gehörte zu denjenigen, welche einen Menschen bereichern, mag dieser Mensch nun ein Verlangen nach Schätzen der Liebe, oder nach materielleren und. positiveren Schätzen tragen.

Die Schätze, nach welchen Gilbert verlangte, waren Schätze der Liebe. Er berechnete, daß der Zorn von Nicole minder gefährlich, als der Besitz von Andrée wünschenswerth war, traf sogleich seine Wahl und schwieg über das seltsame Abenteuer der Nacht.

»Gut, erklären wir uns, da Sie es durchaus wollen,« sagte er.

»Oh! das wird schnell geschehen sein,« rief Nicole, deren Charakter, dem von Gilbert geradezu entgegengesetzt, sie keine von ihren Empfindungen beherrschen ließ; »doch Du hast Recht, wir sind schlecht in diesem Blumengarten; gehen wir in mein Zimmer.«

»In Ihr Zimmer!« rief Gilbert erschrocken; »unmöglich.«

»Warum?«

»Wir setzen uns der Gefahr aus, überrascht zu werden.«

»Stille doch!« versetzte Nicole mit einem verächtlichen Lächeln, »wer sollte uns überraschen? Fräulein Andrée? In der That, sie muß eifersüchtig auf diesen schönen Herrn sein! Zu ihrem Unglück sind die Leute, deren Geheimniß man weiß, nicht zu fürchten. Ah! Fräulein Andrée eifersüchtig auf Nicole; ich hätte nie an eine solche Ehre geglaubt.«

Und ein gezwungenes Gelächter, furchtbar wie das Brüllen des Sturmes, erschreckte Gilbert viel mehr, als es eine Beleidigung oder eine Drohung gethan hätte.

»Ich fürchte mich nicht vor dem Fräulein, Nicole, sondern ich habe bange für Sie.«

»Ah! ja, das ist wahr, Sie haben mir immer gesagt, wo es keinen Scandal gebe, gebe es auch kein Uebel. Die Philosophen sind zuweilen Jesuiten; übrigens sagte mir das der Gewissensrath der Annonciaden ebenfalls, und zwar vor Ihnen: deshalb geben Sie Ihre Rendezvous dem Fräulein in der Nacht. Vorwärts, vorwärts, keine so schlechten Gründe  . . . kommen Sie in mein Zimmer, ich will es haben.«

»Nicole!« sprach Gilbert, mit den Zähnen knirschend.

»Nun!« rief das Mädchen, »was weiter?«

»Nehmen Sie sich in Acht!«

Und er machte eine drohende Geberde.

»O! ich fürchte mich nicht, Sie haben mich schon einmal geschlagen, doch weil Sie eifersüchtig waren. Sie liebten mich zu jener Zeit. Es war eine Woche nach unserem schönen Honigtage, und ich ließ mich schlagen. Aber heute soll es nicht wieder geschehen. Nein! nein! nein! denn Sie lieben mich nicht mehr und ich bin nun eifersüchtig.«

»Und was wirst Du thun?« sagte Gilbert, das Mädchen am Faustgelenke fassend.

»Oh! ich schreie so sehr, daß Fräulein Andrée Sie fragen wird, mit welchem Rechte Sie Nicole das geben, was Sie in diesem Augenblick nur ihr schuldig sind. Lassen Sie mich los, ich rathe es Ihnen.«

Gilbert ließ die Hand von Nicole los.

Dann nahm er seine Leiter, schleppte sie vorsichtig weiter und legte sie außen am Pavillon so an, daß sie beinahe das Fenster von Nicole Legay erreichte.

»Sieh da, das ist Verhängniß,« sprach diese, »die Leiter, welche wahrscheinlich dazu dienen sollte, das Fenster des Fräuleins zu erklettern, wird ganz einfach dazu dienen, von der Mansarde von Nicole Legay herabzusteigen. Sehr schmeichelhaft für mich!«

Nicole betrachtete sich als die Stärkere und beeilte sich dem zu Folge mit der Hast der Frauen zu triumphiren, die, wenn sie nicht wirklich im Guten oder Bösen überlegen sind, stets diesen ersten zu schnell verkündigten Sieg theuer bezahlen.

Gilbert fühlte das Falsche seiner Stellung, er folgte deshalb dem Mädchen, indem er alle seine Fähigkeiten zu dem Kampf, den er ahnte, zusammenzuraffen bemüht war.

Als ein vorsichtiger Mensch, versicherte er sich vor Allem zweier Dinge.

Einmal an dem Fenster vorübergehend, daß Fräulein von Taverney immer noch im Salon war.

Zweitens, daß man, ohne sich der Gefahr, den Hals zu brechen, bloszustellen, die erste Sprosse erreichen und sich von da auf den Boden hinabgleiten lassen konnte.

In Betreff der Einfachheit wich das Zimmer von Nicole nicht von den übrigen des Wohngebäudes ab.

Es war eine Art von Speicher, dessen Wand unter einer grauen Tapete mit grünen Zeichnungen verschwand. Ein Gurtbett und ein großes Geranium, das in der Nahe des Dachfensters stand, schmückten die Stube. Andrée hatte überdies Nicole eine ungeheure Schachtel von Pappendeckel geliehen, die zugleich als Commode und als Tisch diente.

Nicole setzte sich auf den Rand des Bettes, Gilbert auf die Ecke der Schachtel.

Nicole hatte, während sie die Treppe heraufstieg, Ruhe gewonnen. Herrin ihrer selbst, fühlte sie sich stark. Noch ganz zitternd von den vorhergehenden Erschütterungen, vermochte Gilbert seine Kaltblütigkeit nicht wieder zu erlangen, und der Zorn stieg bei ihm immer mehr, je mehr er durch die Kraft des Willens bei dem Mädchen zu erlöschen schien.

Es trat ein kurzes Stillschweigen ein, während dessen Nicole Gilbert mit einem glühenden Auge betrachtete.

»Sie lieben also das Fräulein und Sie hintergehen mich?« sprach sie.

»Wer sagt Ihnen, daß ich das Fräulein liebe?« entgegnete Gilbert.

»Sie haben Rendezvous mit ihr.«

»Wer sagt Ihnen, daß ich mit ihr ein Rendezvous gehabt habe?«

»Mit wem hatten Sie denn in dem Pavillon zu thun? Mit dem Zauberer?«

»Vielleicht, Sie wissen, daß ich Ehrgeiz besitze.«

»Sagen Sie Neid.«

»Das ist dasselbe Wort nach der guten und schlimmen Bedeutung erklärt.«

»Machen wir nicht aus einem Streite über Dinge einen Streit über Worte. Nicht wahr, Sie lieben mich nicht mehr?«

»Ich liebe Sie immer noch.«

»Warum entfernen Sie sich denn von mir?«

»Weil Sie, so oft Sie mir begegnen, Streit mit mir suchen.«

»Ich suche gerade Streit mit Ihnen, weil wir uns nur noch begegnen.«

»Ich war immer scheu, ich wählte immer die Einsamkeit, wie Sie wissen.«

»Ja, und man steigt mit einer Leiter zu der Einsamkeit hinauf  . . . Verzeihen Sie, ich wußte das nicht.«

Gilbert war über den ersten Punkt geschlagen.

»Vorwärts, seien Sie offenherzig, wenn es Ihnen möglich ist, Gilbert, und gestehen Sie, daß Sie mich nicht mehr lieben, oder daß Sie uns zu zwei lieben.«

»Nun! wenn dem so wäre, was würden Sie sagen?«

»Ich würde sagen, es sei eine Ungeheuerlichkeit.«

»Nein, sondern ein Irrthum.«

»Ihres Herzens?«

»Unserer Gesellschaft. Es gibt Völker, wo jeder Mann, wie Sie wissen, bis sieben oder acht Frauen hat.«

»Das sind keine Christen,« erwiederte Nicole ungeduldig.

»Es sind Philosophen,« sprach Gilbert mit stolzem Tone.

»Oh! mein Herr Philosoph, Sie würden es also gut finden, wenn ich es machte wie Sie, wenn ich einen zweiten Liebhaber nähme?«

»Ich möchte nicht gern ungerecht und tyrannisch gegen Sie sein, ich möchte nicht gern Bewegungen Ihres Herzens unterdrücken  . . . die heilige Freiheit besteht hauptsächlich darin, daß man den freien Willen achtet  . . . Wechseln Sie mit der Liebe, Nicole, ich vermöchte Sie nicht zu einer Treue zu zwingen, welche meiner Ansicht nach nicht in der Natur liegt.«

»Ah! Sie sehen wohl, daß Sie mich nicht mehr lieben,« rief Nicole.

Die Discussion war die Stärke von Gilbert, nicht als ob sein Geist scharf logisch gewesen wäre, doch er war paradox. Und dann, so wenig er auch wußte, so wußte er doch mehr als Nicole. Nicole hatte nur gelesen, was ihr unterhaltend vorkam; Gilbert las nicht nur, was ihm ergötzlich zu sein schien, sondern auch, was ihm nützlich dünkte. Gilbert gewann daher während des Streites allmälig wieder die Kaltblütigkeit, welche Nicole verlor.

»Haben Sie Gedächtniß, Herr Philosoph?« fragte Nicole mit einem ironischen Lächeln.

»Zuweilen,« antwortete Gilbert.

»Entsinnen Sie sich dessen, was Sie mir sagten, als ich vor fünf Monaten mit dem Fräulein von den Annonciaden ankam?«

»Nein, doch erinnern Sie mich daran.«

»Sie sagten mir: ,Ich bin arm!’ Es war an dem Tage, wo wir mit einander Tanzai unter einem der Gewölbe des eingefallenen Schlosses lasen.«

»Gut, fahren Sie fort.«

»Sie zitterten gewaltig an diesem Tage.«

»Das ist möglich, ich bin von einer sehr schüchternen Natur, aber ich thue, was ich kann, um diesen Fehler, wie die anderen, abzulegen.«

»Somit werden Sie, wenn Sie alle Ihre Fehler abgelegt haben, vollkommen sein.«

»Ich werde wenigstens stark sein, denn die Weisheit verleiht Kraft.«

»Wo haben Sie das gelesen, wenn es beliebt?«

»Was liegt Ihnen daran? Kommen Sie auf das zurück, was ich Ihnen unter dem Gewölbe sagte.«

Nicole fühlte, daß sie immer mehr Boden verlor.

»Nun! Sie sagten mir: ,Ich bin arm, Nicole, Niemand liebt mich, man weiß nicht, daß ich etwas hier habe.’ Und Sie schlugen an Ihr Herz.«

»Sie täuschen sich, Nicole, wenn ich an Etwas schlug, während ich dies sagte, so war es mein Kopf und nicht mein Herz; das Herz ist nur eine Druckpumpe, bestimmt das Blut nach den Extremitäten zu treiben. Lesen Sie das philosophische Wörterbuch, Artikel Herz.«

Hiebei richtete sich Gilbert voll Anmaßung auf.

Vor Balsamo gedemüthigt, spielte er den Stolzen vor Nicole.

»Sie haben Recht, Gilbert, Sie müssen in der That an Ihren Kopf geschlagen haben. Sie sagten also, während Sie an Ihren Kopf schlugen: ,Man behandelt mich hier wie einen Hofhund, und Mahon ist noch glücklicher als ich.’ Ich antwortete Ihnen sodann, man habe Unrecht, Sie nicht zu lieben, und wenn Sie mein Bruder gewesen waren, so hätte ich Sie geliebt. Es scheint mir, ich antwortete Ihnen dies mit dem Herzen und nicht mit dem Kopfe. Doch vielleicht täusche ich mich, ich habe das philosophische Wörterbuch nicht gelesen.«

»Sie haben Unrecht gehabt, Nicole.«

»Sie nahmen mich sodann in ihre Arme. ,Sie sind eine Waise, Nicole,’ sagten Sie zu mir; ,ich bin auch Waise, unsere Armuth und die schlechte Behandlung, die wir zu erfahren haben, macht uns zu mehr als Geschwistern; lieben wir einander, als ob wir es wirklich wären. Uebrigens würde uns die Gesellschaft, wenn wir es wirklich wären, verbieten, uns zu lieben, wie ich will, daß Du mich liebest.’ Hierauf umarmten Sie mich.«

»Das ist möglich.«

»Sie dachten also, was Sie sagten?«

»Ohne Zweifel denkt man beinahe immer das, was man sagt, in dem Augenblick, wo man es sagt.«

»Somit sind Sie heute  . . .«

»Heute bin ich fünf Monate älter: ich habe Dinge gelernt, die ich nicht wußte, ich ahne Dinge, welche ich noch nicht weiß. Heute denke ich anders.«

»Sie sind also falsch, lügenhaft, heuchlerisch?« rief Nicole sich erhitzend.

»Nicht mehr, als es ein Reisender ist, den man in der Tiefe eines Thales fragt, was er von der Landschaft denke, und an welchen man dieselbe Frage richtet, wenn er auf die Höhe des Berges gelangt ist, der ihm seinen Horizont abschloß. Ich umfasse eine größere Landschaft, das ist das Ganze.«

»Somit werden Sie mich nicht heirathen?«

»Ich habe Ihnen nie gesagt, ich würde Sie heirathen,« antwortete Gilbert verächtlich.

»Nun! nun! es scheint mir, daß Nicole Legay wohl einen Sebastian Gilbert werth ist!«

»Jeder Mensch ist den andern werth, nur haben die Natur oder die Erziehung in die Menschen verschiedene Vermögen und Fähigkeiten gelegt, und je nachdem diese Vermögen oder Fähigkeiten sich mehr oder weniger entwickeln, entfernen sie sich von einander.«

»Somit entfernen Sie sich von mir, weil Ihre Fähigkeiten mehr entwickelt sind, als die meinigen?«

»Natürlich; Sie schließen noch nicht, Nicole, aber Sie begreifen schon.«

»Ja, ja!« rief Nicole außer sich, »ja, ich begreife.«

»Was begreifen Sie?«

»Daß Sie ein unredlicher Mensch sind.«

»Das ist möglich. Viele werden mit schlechten Instinkten geboren, doch der Wille ist da, um sie zu verbessern. Herr Rousseau selbst wurde mit schlechten Instinkten geboren; er hat sich jedoch gebessert. Ich werde es machen wie Rousseau.«

»Oh! mein Gott! mein Gott!« sprach Nicole, »wie konnte ich einen solchen Menschen lieben?«

»Sie haben mich auch nicht geliebt, Nicole,« erwiederte Gilbert mit kaltem Tone, »ich habe Ihnen nur gefallen. Sie kamen von Nancy, wo Sie nur Seminaristen gesehen hatten, die Sie lachen machten, oder Militaire, die Ihnen Furcht einjagten. Wir waren Beide jung, Beide unschuldig, Beide begierig, diesen Stand der Dinge zu verlassen. Die Natur sprach in uns mit ihrer unwiderstehlichen Stimme. Es ist Etwas in unsern Adern, das sich entzündet, es entsteht eine Unruhe, deren Heilung man in den Büchern sucht, welche uns noch viel unruhiger machen. Während wir zusammen eines von jenen Büchern lasen, Sie erinnern sich, Nicole, gaben Sie nicht nach, denn ich verlangte nichts und Sie verweigerten mir nichts, sondern wir fanden das Wort eines unbekannten Geheimnisses. Ein bis zwei Monate lang war dieses Wort: Glück! Ein bis zwei Monate lang lebten wir, statt zu vegetiren. Ist damit, daß wir zwei Monate lang durch einander glücklich gewesen sind, gesagt, wir müssen ewig unglücklich sein? Gehen Sie, Nicole! Wenn man dadurch, daß man das Glück gäbe oder empfinge, eine solche Verbindlichkeit übernähme, so würde man auf seinen freien Willen Verzicht leisten, und das wäre albern.«

»Ist das Philosophie, was Sie da sagen?« sprach Nicole.

»Ich glaube,« antwortete Gilbert.

»Es gibt also nichts Heiliges für die Philosophen?«

»Doch wohl, die Vernunft.«

»Somit wäre ich, die ich ein ehrliches Mädchen bleiben wollte  . . .«

»Verzeihen Sie, es ist hiezu schon zu spät.«

Nicole erbleichte und erröthete, als ob ein Rad jeden Tropfen ihres Blutes den Kreislauf durch ihren Körper machen ließe.

»Ehrlich in Beziehung auf Sie,« sprach sie. »Man ist immer ehrlich verheirathet, sagten Sie, um mich zu trösten, wenn man demjenigen, welchen das Herz gewählt hat, treu bleibt. Sie erinnern sich dieser Theorie über die Heirathen.«

»Ich sagte Verbindungen, Nicole, insofern ich nie heirathen werde.«

»Sie werden nie heirathen?«

»Nein. Ich will ein Gelehrter und ein Philosoph sein. Die Wissenschaft aber befiehlt die Absonderung des Geistes und die Philosophie die des Körpers.«

»Herr Gilbert,« sprach Nicole, »Sie sind ein Elender, und ich glaube, daß ich noch mehr werth bin, als Sie.«

»Fassen wir die Sache kurz zusammen,« erwiederte Gilbert aufstehend, »denn wir verlieren unsere Zeit, Sie, indem Sie mir Beleidigungen sagen, ich, indem ich Sie anhöre. Sie haben mich geliebt, weil es Ihnen so gefiel, nicht wahr?«

»Allerdings.«

»Nun, es ist kein Grund vorhanden, mich unglücklich zu machen, weil Sie etwas gethan, was Ihnen gefiel.«

»Der Dummkopf,« rief Nicole, »er hält mich für verdorben und stellt sich, als fürchtete er mich nicht!«

»Sie fürchten, Nicole! gehen Sie doch! was vermögen Sie gegen mich? Die Eifersucht macht Sie ganz verwirrt.«

»Die Eifersucht! ich eifersüchtig!« rief das Mädchen mit einem fieberhaften Gelächter; »ah! Sie täuschen sich gewaltig, wenn Sie mich für eifersüchtig halten. Und ich bitte, worauf sollte ich eifersüchtig sein? Gibt es im ganzen Canton ein hübscheres Mädchen, als ich bin? Hätte ich weiße Hände, wie das Fräulein, und ich werde sie haben an dem Tage, wo ich nicht mehr arbeite, wäre ich dann nicht so viel werth, als das Fräulein? Mein Herr, schauen Sie meine Haare an (und sie löste das Band, das dieselben hielt), meine Haare können mich vom Scheitel bis zu den Zehen umhüllen, wie ein Mantel. Ich bin groß, ich bin gut gewachsen (Nicole umspannte ihren Leib mit ihren beiden Händen), ich habe Zähne, wie Perlen (und sie betrachtete ihre Zähne in einem kleinen, über ihrem Bette hängenden Spiegel). Wenn ich Jemand zulächeln und ihn auf eine gewisse Art anschauen will, so sehe ich diesen Jemand erröthen, beben, sich unter meinem Blicke winden. Sie sind allerdings mein erster Geliebter, aber Sie sind nicht der erste Mann, mit dem ich coquette gewesen bin . . . Höre, Gilbert,« sprach das Mädchen, drohender mit ihrem abgestoßenen Gelächter, als sie es mit ihren heftigsten Drohungen gewesen war, »Du spottest. Glaube mir, zwinge mich nicht, mit Dir Krieg anzufangen; mache nicht, daß ich ganz und gar den schmalen Fußpfad verlasse, auf welchem mich noch irgend eine schwankende Erinnerung an die Rathschläge meiner Mutter, irgend eine monotone Vorschrift meiner Kindergebete zurückhält. Wenn ich mich einmal über die Grenze der Schamhaftigkeit werfe, dann nimm Dich in Acht, Gilbert, Du wirst Dir nicht allein das Unglück vorzuwerfen haben, das für Dich daraus entspringt, sondern auch das, welches für Andere daraus hervorgeht.«

»Gut,« sagte Gilbert, »Sie sind nun auf eine gewisse Höhe gelangt, und ich bin von Einem überzeugt.«

»Wovon?«

»Daß, wenn ich jetzt einwilligte, Sie zu heirathen  . . .«

»Nun?«

»Daß Sie sich weigern würden.«

Nicole dachte nach und antwortete dann, die Fäuste ballend und mit den Zähnen knirschend:

»Ich glaube, Du hast Recht, Gilbert; ich glaube, daß ich ebenfalls anfange, den Berg zu ersteigen, von dem Du vorhin sprachst; ich glaube, daß ich ebenfalls meinen Horizont sich erweitern sehe; ich glaube, daß ich auch bestimmt bin, Etwas zu werden; und es ist in der That zu wenig, die Frau eines Philosophen oder eines Gelehrten zu werden. Nun kehre zu Deiner Leiter zurück und suche den Hals nicht zu brechen, obgleich es mir allmälig vorkommt, als ob dies ein großes Glück für die Andern und besonders für Dich wäre.«

Und das Mädchen wandte Gilbert den Rücken zu und fing an sich auszukleiden, als ob er gar nicht da wäre.

Gilbert blieb einen Augenblick unbeweglich, unentschlossen, denn so von der Poesie des Zornes und der Flamme der Eifersucht aufgeregt, war Nicole ein entzückendes Geschöpf. Aber es herrschte ein fester Entschluß in dem Herzen von Gilbert vor, der Entschluß, mit Nicole zu brechen; Nicole konnte zugleich seiner Liebe und seinem Ehrgeiz Eintrag thun.

Als nach einigen Sekunden Nicole kein Geräusch mehr hinter sich hörte, wandte sie sich um; das Zimmer war leer.

»Weggegangen!« murmelte sie, »weggegangen!«

Sie schritt auf das Fenster zu, Alles war dunkel, das Licht ausgelöscht.

»Und das Fräulein!« sagte Nicole.

Hienach stieg sie auf den Fußspitzen die Treppe hinab, näherte sich der Thüre des Zimmers ihrer Gebieterin und horchte.

»Gut,« sprach sie, «sie ist allein zu Bette gegangen und schläft. Morgen! Ah! ich werde wohl erfahren, ob sie ihn liebt!«




XI.

Zofe und Gebieterin


Der Zustand, in welchem Nicole in ihr Zimmer zurückkehrte, war nicht die Ruhe, die sie heuchelte. Von all der Grundsatzlosigkeit, von der sie eine Probe abgelegt zu haben glaubte, von all der Festigkeit, mit der sie Parade gemacht zu haben wähnte, besaß Nicole in der That nur eine Dose Prahlerei, welche hinreichend war, um sie gefährlich zu machen und verdorben erscheinen zu lassen. Nicole war eine von Natur ungeordnete Phantasie, ein durch schlechte Lecture verdorbener Geist. Das Zusammenwirken dieses Geistes und dieser Phantasie verlieh glühenden Sinnen Aufschwung; doch es war durchaus keine trockene Seele, und wenn es ihrer allmächtigen Eitelkeit auch zuweilen gelang, die Thränen in ihren Augen festzuhalten, so fielen diese Thränen, heftig zurückgestoßen, zerfressend wie Tropfen geschmolzenen Bleis auf ihr Herz.

Eine einzige Kundgebung war bei ihr bezeichnend und wahr gewesen. Dies war das Lächeln voll Verachtung, mit welchem sie die ersten Beleidigungen von Gilbert aufnahm. Dieses Lächeln verrieth alle Wunden ihres Herzens! Wohl war Nicole ein Mädchen ohne Tugend, ohne Grundsätze, aber sie hatte einen gewissen Preis auf ihre Niederlage gesetzt, und als sie sich hingab, glaubte sie, da sie sich ganz und gar hingab, ein Geschenk zu machen. Die Gleichgültigkeit und Abgeschmacktheit von Gilbert erniedrigten sie in ihren eigenen Augen. Sie war hart für ihren Fehler bestraft worden und empfand grausam den Schmerz dieser Strafe; aber sie erhob sich wieder unter der Peitsche und schwor sich selbst, Gilbert, wenn nicht alles Böse, doch wenigstens einen Theil des Bösen, das er ihr angethan, zurückzugeben.

Jung, kräftig, voll ländlichen Saftes, begabt mit der Fähigkeit zu gehorchen, welche, so kostbar ist für Jeden, der nicht darnach trachtet, denjenigen zu befehlen, welche ihn lieben, konnte Nicole schlafen, nachdem sie ihren kleinen Racheplan mit allen Dämonen, welche ihr die Ehre erwiesen, ihr siebzehnjähriges Herz zu bewohnen, verhandelt hatte.

Uebrigens kam ihr Fräulein von Taverney eben so oder noch viel mehr schuldig vor, als Gilbert. Eine junge Edeldame, ganz steif von Vorurtheilen, ganz aufgeblasen von Stolz, die im Kloster in Nancy die dritte Person den Prinzessinnen, das Sie den Herzoginnen, das Du den Marquisen gab; eine scheinbar kalte, aber unter einer marmornen Rinde fühlende, empfindende Statue; diese Statue kam ihr lächerlich, gemein vor, wenn sie sich zur Frau eines Dorf-Pygmalions, wie Gilbert, machte.

Denn es ist nicht zu leugnen, mit dem ausgesuchten Sinne, mit dem die Natur die Frauen begabt hat, fühlte sich Nicole im Geiste nur unter Gilbert, aber erhaben über alles Uebrige. Ohne diese Ueberlegenheit des Geistes, die ihr Geliebter durch fünf oder sechs Jahre der Lecture über sie errungen hatte, erniedrigte sie sich, sie, die Kammerjungfer eines ruinirten Barons, indem sie sich einem Bauern hingab.

Was machte folglich ihre Gebieterin, wenn sie sich Gilbert hingegeben hatte?

Nicole bedachte, daß das, was sie zu sehen geglaubt, aber wirklich gesehen zu haben sich einbildete, Herrn von Taverney zu erzählen, ein ungeheurer Fehler wäre: einmal wegen des Charakters von Herrn von Taverney, der darüber lachen würde, nachdem er zuvor Gilbert beohrfeigt und weggejagt hätte; sodann wegen des Charakters von Gilbert, der die Rache gemein und verächtlich finden dürfte.

Aber Gilbert in Andrée leiden lassen, ein Recht über Beide erlangen, sie unter ihrem, der Zofe, Blick erröthen und erbleichen machen, unumschränkte Gebieterin werden und Gilbert vielleicht die Zeit bedauern lassen, wo die Hand, die er küßte, nur an der Oberfläche rauh war; das schmeichelte ihrer Einbildungskraft und liebkoste ihren Stolz; das schien ihr wirklich vortheilhaft; hiezu entschloß sie sich, hiebei blieb sie stehen.

Es war Tag, als sie frisch, leicht, mit munterem Geiste erwachte. Sie verwendete die gewöhnliche Zeit, das heißt eine Stunde, auf ihre Toilette; denn um nur ihre langen Haare zu entwirren, hätte eine minder geschickte oder eine bedächtigere Hand, als die ihrige, das Doppelte dieser Zeit gebraucht; Nicole betrachtete ihre Augen in dem von uns erwähnten, verzinnten, dreieckigen Glase, das ihr als Spiegel diente; ihre Augen kamen ihr schöner vor, als je. Sie setzte die Prüfung fort und ging von ihren Augen auf ihren Mund über: ihre Lippen waren nicht erbleicht und rundeten sich wie eine Kirsche unter dem Schatten einer feinen, leicht aufgestülpten Nase; ihr Hals, den sie den Küssen der Sonne zu entziehen äußerst besorgt war, hatte eine Lilienweiße; und nichts vermochte sich Reicheres als ihre Brust und kecker Gebogeneres als ihre Taille zu bieten.

Als sie sich so schön sah, dachte Nicole, sie könnte leicht Andrée Eifersucht einflößen. Sie war nicht ganz und gar verdorben, wie man sieht, da sie nicht an eine Laune oder eine Phantasie dachte und ihr die Idee kam, Fräulein von Taverney könnte Gilbert lieben.

So physisch und moralisch bewaffnet, öffnete Nicole die Thüre des Zimmers von Andrée, gemäß der ihr von ihrer Gebieterin ertheilten Vollmacht, wenn diese um sieben Uhr noch nicht aufgestanden war.

Kaum in das Zimmer eingetreten, blieb Nicole stille stehen.

Bleich und die Stirne mit einem Schweiße bedeckt, in welchem ihre schönen Haare schwammen, war Andrée auf ihrem Bette ausgestreckt, athmete mühsam und krümmte sich zuweilen mit einem düsteren Ausdrucke des Schmerzes.

Unter ihr zusammengerollt und zerknittert, bedeckten ihre Tücher ihren Leib nicht, und in einer Unordnung, welche ihre Aufregung enthüllte, stützte sie eine ihrer Wangen auf ihren Arm und drückte ihre andere Hand auf ihre gesprenkelte Brust.

Ihr in Zwischenräumen unterbrochener Athem strömte sich von Zeit zu Zeit wie ein schmerzhaftes Röcheln aus, und sie ließ unartikulirte Seufzer vernehmen.

Nicole schaute sie einen Augenblick stillschweigend an und schüttelte dann den Kopf, denn sie ließ sich Gerechtigkeit widerfahren und sah ein, daß es keine Schönheit gab, welche mit der Schönheit von Andrée in den Kampf treten konnte.

Hierauf ging sie auf das Fenster zu und öffnete einen Laden.

Eine Lichtwoge überfluthete das Zimmer und machte die bläulichen Augenlider von Fräulein von Taverney zittern.

Sie erwachte und wollte sich erheben, aber sie fühlte eine so große Müdigkeit und zugleich einen so scharfen Schmerz, daß sie auf ihr Kopfkissen zurückfiel und einen Schrei ausstieß.

»Ei! mein Gott! was haben Sie denn, mein Fräulein?« sagte Nicole.

»Ist es spät?« fragte Andrée, sich die Augen reibend.

»Sehr spät; das Fräulein ist diesen Morgen eine Stunde mehr als gewöhnlich im Bette geblieben.«

»Ich weiß nicht, was ich habe,« sprach Andrée und schaute umher, um sich zu versichern, wo sie wäre. »Ich fühle mich ganz steif, meine Brust ist wie gelähmt.«

Nicole heftete ihre Augen auf Andrée, ehe sie antwortete.

»Das ist der Anfang von einem Schnupfen, den das Fräulein ohne Zweifel diese Nacht bekommen hat,« sprach sie.

»Diese Nacht?« entgegnete Andrée voll Erstaunen. »Oh! ich habe mich also nicht ausgekleidet?« sagte sie, als sie die Unordnung ihrer Toilette bemerkte. »Wie kommt das?«

»Das Fräulein mag sich erinnern.«

»Ich erinnere mich nicht,« sprach Andrée, indem sie ihre Stirne in ihre beiden Hände nahm; »was ist mir begegnet? bin ich verrückt?«

Und sie setzte sich in ihrem Bette auf und schaute zum zweiten Male mit einem beinahe irren Gesichte umher.

Dann fuhr sie mit einer gewissen Anstrengung fort:

»Ah! ja, ich erinnere mich: gestern war ich so müde, so erschöpft … ohne Zweifel dieser Sturm; hernach  . . .«

Nicole deutete mit dem Finger auf ihr zerknittertes, aber trotz seiner Unordnung bedecktes Bett.

Sie hielt inne; sie dachte an den seltsamen Fremden, der sie auf eine so sonderbare Weise angeschaut hatte.

»Hernach?  . . .« versetzte Nicole mit dem Anscheine der Theilnahme; »es war, als erinnerte sich das Fräulein  . . .«

»Hernach entschlummerte ich auf dem Tabouret vor meinem Klavier. Von diesem Augenblick an erinnere ich mich nicht mehr. Ich werde halb eingeschlafen in mein Zimmer heraufgegangen sein und mich auf mein Bett geworfen haben, ohne daß ich die Kraft besaß, mich auszukleiden.«

»Sie hätten mich rufen sollen, mein Fräulein,« sagte Nicole mit süßlichem Tone; »bin ich denn nicht des Fräuleins Kammerjungfer?«

»Ich habe wohl nicht daran gedacht, oder nicht die Kraft dazu gehabt,« sprach Andrée mit wahrer Unschuld.

»Heuchlerin!« murmelte Nicole.

Dann fügte sie bei:

»Aber das Fräulein ist also sehr lange beim Klavier geblieben, denn ehe das Fräulein in sein Zimmer zurückgekehrt war, ging ich hinab, da ich Lärm unten hörte.«

Hier hielt Nicole inne, in der Hoffnung, irgend eine Bewegung, ein Zeichen, eine Röthe bei Andrée wahrzunehmen; aber diese blieb ruhig und man konnte gewissermaßen durch den klaren Spiegel ihres Gesichtes bis in ihre Seele sehen.

»Ich ging hinab,« wiederholte Nicole.

»Nun?« fragte Andrée.

»Nun! das Fräulein war nicht an seinem Klavier.«

Andrée schaute empor; aber es ließ sich unmöglich in ihren schönen Augen etwas Anderes lesen, als das Erstaunen.

»Das ist seltsam!« sprach sie.

»Es ist so.«

»Du sagst, ich sei nicht im Salon gewesen? und ich habe mich doch nicht von der Stelle gerührt.«

»Das Fräulein wird mich entschuldigen,« versetzte Nicole.

»Wo war ich denn also?«

»Das Fräulein muß es besser wissen, als ich,« versetzte Nicole, die Achseln zuckend.

»Ich glaube, Du täuschest Dich, Nicole,« sagte Andrée mit der größten Sanftmuth. »Ich habe mein Tambouret nicht verlassen und erinnere mich nur, daß ich fror, daß meine Glieder ganz schwerfällig wurden, und daß ich nur mit großer Mühe gehen konnte.«

»Oh! als ich das Fräulein sah, ging es noch sehr gut,« entgegnete Nicole hohnlächelnd.

»Du hast mich gesehen?«

»Ja, gewiß.«

»Du sagtest doch so eben, ich sei nicht im Salon gewesen.«

»Es war auch nicht im Salon, wo ich das Fräulein gesehen habe.«

»Wo denn?«

»In der Hausflur, bei der Treppe.«

»Mich!« versetzte Andrée.

»Das Fräulein selbst, ich kenne doch wohl das Fräulein,« erwiederte Nicole mit einem Gelächter, das gutmüthig sein sollte.

»Ich weiß aber ganz gewiß, daß ich mich nicht aus dem Salon entfernt habe,« sagte Andrée, während sie voll Unschuld in ihren Erinnerungen suchte.

»Und ich,« entgegnete Nicole, »ich weiß, daß ich das Fräulein in der Hausflur gesehen habe, ich dachte sogar,« fügte sie, ihre Aufmerksamkeit verdoppelnd, bei, »ich dachte, das Fräulein käme von einem Spaziergange im Garten zurück. Es war schön Wetter gestern Nacht nach dem Sturme. Es ist so angenehm, bei Nacht spazieren zu gehen: die Luft ist frischer, die Blumen riechen besser, nicht wahr, mein Fräulein?«

»Du weißt wohl, daß ich es nicht wagen würde, bei Nacht spazieren zu gehen,« erwiederte Andrée lächelnd, »ich bin zu furchtsam.«

»Man kann mit irgend Jemand gehen und dann hat man keine Furcht.«

»Mit wem soll ich gehen?« entgegnete Andrée, weit entfernt, in allen diesen Fragen ihrer Kammerjungfer ein Verhör zu sehen.

Nicole hielt es nicht für geeignet, ihre Forschung weiter zu treiben. Diese Kaltblütigkeit, die ihr der höchste Grad der Verstellung zu sein schien, machte ihr bange.

Sie erachtete es für klug, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben.

»Das Fräulein sagte vorhin, es leide?« fragte sie.

»Ja, in der That, ich leide ungemein; ich bin angegriffen, müde, und zwar ohne alle Veranlassung. Ich habe gestern Abend gethan, was ich jeden Tag thue. Wenn ich krank würde!«

»Oh! mein Fräulein, man hat zuweilen Kummer . . .« bemerkte Nicole.

»Nun?« versetzte Andrée.

»Nun! der Kummer bringt dieselbe Wirkung hervor, wie die Anstrengung. Ich weiß das.«

»Du! hast Du Kummer, Nicole?«

Diese Worte wurden mit einer gewissen verächtlichen Gleichgültigkeit gesprochen, welche Nicole den Muth verlieh, ihre Zurückhaltung ein wenig zu überschreiten.

»Gewiß, mein Fräulein,« erwiederte sie, die Augen niederschlagend; »ja, ich habe Kummer.«

Andrée stieg nachlässig von ihrem Bette herab und sagte, während sie sich auskleidete, um sich wieder anzukleiden:

»Erzähle mir das.«

»In der That, ich kam gerade zu dem Fräulein, um ihm zu sagen  . . .« Sie schwieg wieder.

»Um ihm zu sagen, was? Guter Gott! wie bestürzt Du aussiehst, Nicole.«

»Ich sehe bestürzt aus, wie das Fräulein abgemattet aussieht; ohne Zweifel leiden wir Beide.«

Das Wir mißfiel Andrée, sie runzelte die Stirne und ließ den Ausruf: Ah! vernehmen.

Doch Nicole wunderte sich nicht über diesen Ausruf, obgleich der Ton desselben sie zur Ueberlegung hätte bringen sollen.

»Da das Fräulein durchaus will, so fange ich an,« sagte sie.

»Sprich.«

»Ich habe Lust, mich zu verheirathen,« fuhr Nicole fort.

»Bah!  . . .« machte Andrée, »Du denkst hieran und bist noch nicht siebenzehn Jahre alt?«

»Das Fräulein ist erst sechzehn.«

»Nun?«

»Nun! obgleich das Fräulein erst sechzehn ist, denkt es nicht auch zuweilen daran, sich zu verheirathen?«

»Woran siehst Du das?« fragte Andrée mit strengem Tone.

Nicole öffnete den Mund, um eine Ungezogenheit zu sagen, aber sie kannte Andrée, sie wußte, daß dadurch die Erklärung, welche noch nicht weit vorgerückt war, kurz abgebrochen gewesen wäre, und besann sich eines Besseren.

»In der That,« sprach sie, »ich kann nicht wissen, was das Fräulein denkt, ich bin eine Bäuerin und richte mich nach der Natur.«

»Das ist ein sonderbares Wort.«

»Wie! ist es nicht natürlich, Einen zu lieben und sich von ihm lieben zu lassen?«

»Es ist möglich; weiter?«

»Nun, ich liebe Einen.«

»Und dieser Eine liebt Dich?«

»Ich glaube es, mein Fräulein.«

Nicole begriff, daß die Vermuthung zu kraftlos war, und daß es in diesem Falle einer bestimmten Versicherung bedurfte.

»Nämlich ich bin dessen sicher,« fügte sie bei.

»Sehr gut; Mademoiselle benützt ihre Zeit in Taverney, wie ich sehe.«

»Man muß wohl an seine Zukunft denken. Sie, die Sie ein Fräulein sind, werden wohl ein Vermögen von irgend einem reichen Vetter bekommen; ich, die ich keine Verwandte habe, bekomme nichts, als was ich finde.«

Da Alles dies Andrée ziemlich einfach vorkam, so vergaß sie allmälig den Ton, mit dem die Worte, die sie unanständig gefunden, ausgesprochen worden waren; ihre natürliche Güte gewann die Oberhand und sie fragte:

»Sprich, wen willst Du heirathen?«

»Oh! Einen, den das Fräulein kennt,« antwortete Nicole, ihre schönen Augen auf die von Andrée heftend.

»Den ich kenne?«

»Vollkommen.«

»Wer ist es? Du läßt mich lange schmachten.«

»Ich fürchte, meine Wahl könnte dem Fräulein mißfallen.«

»Mir?«

»Ja.«

»Du hältst sie also selbst für nicht sehr passend?«

»Ich sage das nicht.«

»Nun, so sprich ohne Furcht, es ist die Pflicht der Herrschaft, sich für diejenigen von ihren Leuten, von welchen sie gut bedient wird, zu interessiren, und ich bin mit Dir zufrieden.«

»Das Fräulein ist sehr gut.«

»Sprich schnell, und schnüre mich vollends ein.«

Nicole raffte alle ihre Kräfte und ihre ganze Scharfsichtigkeit zusammen und antwortete:

»Nun, nun, es ist  . . . es ist Gilbert.«

Zum großen Erstaunen von Nicole ging nicht die geringste Veränderung in dem Gesichte von Andrée vor.

»Gilbert, der kleine Gilbert, der Sohn meiner Amme?«

»Er selbst, mein Fräulein.«

»Und er liebt Dich?«

Nicole glaubte, sie sei auf dem entscheidenden Punkte angelangt, und antwortete:

»Er hat es mir zwanzigmal gesagt.«

»Nun, so heirathe ihn,« sprach Andrée ruhig; »ich sehe kein Hinderniß. Du hast keine Verwandte; er ist Waise; Jedes von Euch ist Herr seines Schicksals.«

»Allerdings,« stammelte Nicole erstaunt, als sie die Sache einen Gang nehmen sah, der so wenig mit ihren Vorhersehungen im Einklang stand. »Wie! das Fräulein erlaubt . . .«

»Ganz gewiß; Ihr seid nur Beide noch etwas jung.«

»Wir werden desto länger mit einander zu leben haben.«

»Ihr seid weder das Eine, noch das Andere reich.«

»Wir werden arbeiten.«

»Was wird er arbeiten, er, der zu Nichts taugt?«

Nicole hielt es nicht länger aus, so viel Verstellung erschöpfte sie.

»Mein Fräulein, Sie werden mir erlauben, Ihnen zu bemerken, daß Sie den armen Gilbert sehr schlecht behandeln,« antwortete sie.

»Bei Gott! ich behandle ihn, wie er es verdient, es ist ein träger Mensch.«

»Oh! mein Fräulein, er liest beständig und wünscht nur sich zu belehren.«

»Voll bösen Willens,« fuhr Andrée fort.

»Nicht immer gegen das Fräulein,« versetzte Nicole.

»Wie so?«

»Das Fräulein weiß es besser, als irgend Jemand, es befiehlt ihm für die Tafel zu jagen.«

»Ich!«

»Und es läßt ihn oft zehn Stunden machen, ehe er Wildpret findet.«

»Meiner Treue, ich gestehe, daß ich dieser Sache nie die geringste Aufmerksamkeit geschenkt habe.«

»Dem Wildpret?« sagte Nicole hohnlächelnd.

Andrée hätte vielleicht über dieses Wort gelacht und nicht errathen, wie viel Galle in den Sarkasmen ihrer Zofe lag, wäre sie in der gewöhnlichen Stimmung ihres Geistes gewesen. Aber ihre Nerven bebten, wie die Saiten eines Instrumentes, das man übermäßig anstrengt. Nervenschauer gingen jedem Akte ihres Willens, jeder Bewegung ihres Körpers voran. Die geringste Bewegung des Geistes war für sie eine Schwierigkeit, die sie besiegen mußte; im Style unserer Tage würden wir sagen, sie war agacée. Ein glückliches Wort, eine Eroberung der Philologie, welche an den Zustand eines schüttelnden Schauers erinnert, in den uns das Aussaugen einer herben Frucht, oder das Berühren gewisser knorriger Körper versetzt.

»Was soll dieser Witz bedeuten?« fragte Andrée, die sich plötzlich wiederbelebte und mit der Ungeduld wieder allen Scharfsinn gewann, den sie die Ermattung am Anfang dieser Scene anzuwenden gehindert hatte.

»Ich habe keinen Witz, mein Fräulein,« antwortete Nicole. »Der Witz ist gut für die vornehmen Damen. Ich bin ein armes Mädchen und sage nur ganz einfach was ist.«

»So sprich, was ist denn?’’

»Das Fräulein verleumdet Gilbert, der doch voll Aufmerksamkeit gegen dasselbe ist.«

»Er thut nur seine Pflicht als Dienstbote; hernach?«

»Gilbert ist kein Dienstbote, mein Fräulein; man bezahlt ihn nicht.«

»Er ist der Sohn unserer ehemaligen Meier; man gibt ihm Kost, Wohnung; er thut nichts für die Kost und die Wohnung, die man ihm gibt; desto schlimmer für ihn, denn er betrügt darum. Doch wo willst Du hinaus mit Deinen Bemerkungen und warum vertheidigst Du so warm diesen Burschen, den man nicht angreift?«

»Oh! ich weiß, daß ihn das Fräulein nicht angreift,« sprach Nicole mit einem Lächeln, das ganz mit Stacheln besetzt war, »im Gegentheil.«

»Abermals Worte, welche ich nicht verstehe.«

»Ohne Zweifel, weil sie das Fräulein nicht verstehen will.«

»Genug, Mademoiselle,« sprach Andrée mit strengem Tone, »erklären Sie mir sogleich, was Sie damit sagen wollen.«

»Das Fräulein weiß sicherlich besser als ich, was ich damit sagen will.«

»Nein, ich weiß es nicht, und errathe es besonders nicht, denn ich habe nicht Zeit, die Räthsel auszulösen, die Du mir vorlegst. Nicht wahr, Du ersuchst mich um meine Einwilligung zu Deiner Heirath?«

»Ja, mein Fräulein, und ich bitte das Fräulein, mir nicht zu grollen, weil mich Gilbert liebt.«

»Was geht es mich an, daß Gilbert Dich liebt oder nicht liebt? In der That, Du ermüdest mich.«

Nicole erhob sich auf ihren kleinen Füßen wie ein junger Hahn auf seinen Sporen. Der so lange zurückgehaltene Zorn brach endlich aus.

»Uebrigens hat das Fräulein vielleicht Gilbert bereits dasselbe gesagt,« versetzte sie.

»Spreche ich mit Deinem Gilbert? Laß mich in Ruhe, Du bist eine Thörin.«

»Wenn das Fräulein nicht mit ihm spricht, oder nicht mehr mit ihm spricht, so denke ich, es ist noch nicht lange her.«

Andrée ging auf Nicole zu, die sie mit einem bewunderungswürdigen Blicke der Verachtung gänzlich bedeckte.

»Du drehst Dich seit einer Stunde um irgend eine Frechheit. Mache ein Ende: ich will es haben.«

»Aber  . . .« versetzte Nicole ein wenig erschüttert.

»Du sagst, ich habe mit Gilbert gesprochen?«

»Ja, mein Fräulein, ich sage es.«

Ein Gedanke, den sie lange Zeit für unmöglich gehalten hatte, kam Andrée in den Kopf.

»Gott vergebe mir! diese Unglückliche ist eifersüchtig,« rief sie, in ein Gelächter ausbrechend. »Beruhige Dich, meine kleine Legay, ich schaue ihn nicht an, Deinen Gilbert, und ich wüßte nicht einmal zu sagen, von welcher Farbe seine Augen sind.«

Und Andrée fühlte sich ganz geneigt, das zu vergeben, was ihrer Ansicht nach nicht mehr eine Frechheit, sondern eine Tollheit war.

Das paßte nicht in die Rechnung von Nicole; sie betrachtete sich als die Beleidigte und wollte keine Verzeihung haben.

»Ich glaube es wohl,« versetzte sie, »ihn bei Nacht anzuschauen, ist nicht das Mittel, es zu erfahren.«

»Wie beliebt?« fragte Andrée, welche zu begreifen anfing, aber noch nicht glauben konnte.

»Ich sage, wenn das Fräulein Gilbert nur bei Nacht spreche, wie sie es gestern gethan, so sei dies nicht das Mittel, die Einzelnheiten seines Gesichtes genau kennen zu lernen.«

»Wenn Du Dich nicht auf der Stelle erklärst, so nimm Dich in Acht,« rief Andrée erbleichend.

»Oh! das wird ganz leicht sein  . . .« antwortete Nicole, von ihrem Klugheitsplane abweichend, »ich habe diese Nacht gesehen  . . .«

»Schweige, man spricht von unten mit mir,« sagte Andrée.

Es rief wirklich eine Stimme von dem Blumengärtchen herauf:

»Andrée! Andrée!«

»Es ist Ihr Herr Vater, mein Fräulein, mit dem Fremden, der die Nacht hier zugebracht hat,« sagte Nicole.

»Gehe hinab, sage, ich könne nicht antworten; sage, ich leide, ich habe eine Steife in den Gliedern, und komm’ dann zurück, damit ich diesen seltsamen Streit endige, wie es sich gebührt.«

»Andrée,« rief abermals der Baron, »es ist Herr von Balsamo, der Dir ganz einfach sein Morgenkompliment machen will.«

»Gehe, sage ich Dir,« wiederholte Andrée und wies Nicole die Thüre mit der Geberde einer Königin.

Nicole gehorchte, wie man Andrée gehorchte, wenn sie befahl, ohne eine Sylbe zu erwiedern, ohne eine Miene zu verziehen.

Als aber Nicole sich entfernt hatte, ging etwas Seltsames bei Andrée vor; so entschlossen sie auch war, so fühlte sie sich doch wie durch eine höhere, unwiderstehliche Macht nach dem Fenster gezogen, das Legay halb offen gelassen hatte.

Sie sah nun Balsamo, der seine Augen auf sie heftete und sich tief vor ihr verbeugte.

Sie wankte und hielt sich an den Läden, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren.

»Guten Morgen, mein Herr,« antwortete sie auf seinen Gruß.

Sie sprach diese Worte gerade in dem Augenblick, wo Nicole dem Baron gemeldet hatte, seine Tochter würde nicht antworten; Nicole riß vor Erstaunen den Mund auf und begriff diesen seltsamen Widerspruch nicht.

Von allen ihren Kräften verlassen, sank Andrée beinahe unmittelbar hierauf in einen Lehnstuhl.

Balsamo schaute sie beständig an.




XII.

Bei Tage


Der Reisende war früh am Morgen aufgestanden, um seinen Wagen ein wenig zu betrachten und sich nach der Gesundheit von Althotas zu erkundigen.

Es schlief noch Jedermann im Schlosse, Gilbert ausgenommen, der, hinter dem Gitter eines Zimmers verborgen, das er neben der Hausthüre bewohnte, neugierig die Manoeuvres von Balsamo verfolgte und alle seine Schritte beobachtete.

Balsamo aber zog sich zurück, schloß die Thüre der Abtheilung von Althotas und war bereits fern, ehe Gilbert einen Fuß in die Allee gesetzt hatte.

Als Balsamo gegen das Gebüsch hinaufging, war er betroffen von der Veränderung, das der Tag in dem Gemälde hervorbrachte, welches ihm am Abend zuvor so düster gedünkt hatte.

Das kleine, weiß und rothe, von Steinen und Backsteinen gebaute Schloß war überragt von einem Walde von Adamsfeigenbäumen und ungeheuren Bohnenbäumen, deren wohlriechende Blüthenbüscheln auf sein Dach fielen und die Pavillons wie goldene Kronen umfingen.

Vor dem Blumenbeete bildete ein Teich von ungefähr dreißig Schritten im Gevierte, mit einer breiten Einfassung von Rasen und einer Hecke von blühendem Holunder, einen köstlichen Ruhepunkt für den Blick, der auf dieser Seite durch die Höhe der Kastanienbäume und der Zitterespen gehemmt war.

Auf jeder Seite der Pavillon lief bis zu einem buschigen Gehölze, der Zufluchtsstätte einer Menge von Vögeln, deren Morgenconcert man im Schlosse hörte, lief, sagen wir, eine breite Allee von Ahornbäumen, Platanen und Linden hinauf. Balsamo wählte die links und befand sich nach etwa zwanzig Schritten in einem grünen Gebüsche, dessen Rosen und wilde Jasmine, am Abend zuvor durch den Regen durchnäßt, köstliche Wohlgerüche ausströmten. Unter den Einfassungen von Hartriegel drangen Geisblatt und Jasmin hervor und eine lange Allee von Iris, vermischt mit Erdbeerpflanzen, verlor sich unter einem Gehölze, das ganz von blühenden Brombeerstauden und wilden Rosensträuchen durchschlungen war

So gelangte Balsamo bis auf den Höhenpunkt. Er sah hier die majestätischen Trümmer eines aus Kieselstein erbauten Schlosses. Die Hälfte eines Thurmes bestand allein noch inmitten einer ungeheuren Anhäufung von Steinen, über welche sich lange Guirlanden von Epheu und Jungfernrebe hinschlängelten  . . . von diesen wilden Kindern der Zerstörung, welche die Natur auf die Ruinen gepflanzt hat, um dem Menschen anzudeuten, selbst die Trümmer seien fruchtbar.

So betrachtet, fehlte es dem Gute Taverney, das sich ungefähr auf sieben bis acht Morgen beschränkte, weder an Würde noch an Anmuth. Das Haus glich einer von jenen Höhlen, deren Zugänge die Natur durch ihre Blumen, durch ihre Lianen verschönert, während sie die launenhafte Phantasie mit ihren Felsgruppen schmückt, deren äußere Nacktheit aber den verirrten Reisenden, welcher von diesen hohlen Felsen eine Zufluchtsstätte für die Nacht verlangt, erschreckt und zurückstößt.

Als Balsamo nach einem Spaziergange von einer Stunde nach dem Wohngebäude zurückkam, sah er den Baron, seine gebrechliche Person in einen großen Schlafrock von blauem Kattun gehüllt, durch eine Seitenthüre, welche auf die Treppe ging, aus dem Hause herauskommen und im Garten umherlaufen, wobei er seine Rosen ausklaubte und Wegschnecken niedertrat.

Balsamo ging ihm schleunigst entgegen.

»Mein Herr,« sagte er mit einer Höflichkeit, welche um so feiner erscheinen mußte, als er die Armuth seines Wirthes noch tiefer ergründet hatte, »erlauben Sie mir, Ihnen zugleich meine Entschuldigung auszusprechen und meine Achtung zu bezeigen. Ich hätte Ihr Erwachen abwarten müssen, um herabzugehen, aber von meinem Fenster aus verführte mich der Anblick von Taverney, ich wollte von Nahem den schönen Garten und die eindrucksvollen Ruinen sehen.«

»Es ist nicht zu leugnen, mein Herr, die Ruinen sind sehr schön,« antwortete der Baron, nachdem er die Artigkeiten von Balsamo erwiedert hatte. »Es ist sogar Alles, was sich Schönes hier findet.«

»Es war ein Schloß?« fragte der Reisende.

»Ja, das meinige, oder vielmehr das meiner Ahnen, man nannte es Maison-Rouge und wir führten lange diesen Namen mit dem Namen Taverney. Die Baronie ist sogar die von Maison-Rouge. Doch, mein lieber Gast, sprechen wir nicht von dem, was nicht mehr ist.«

Balsamo verbeugte sich zum Zeichen der Beipflichtung.

»Ich wollte Ihnen meinerseits eine Entschuldigung aussprechen, mein Herr,« fuhr der Baron fort. »Mein Haus ist arm, wie ich Ihnen zum Voraus sagte.«

»Ich finde mich vortrefflich darin, mein Herr.«

»Ein Hundestall, mein lieber Gast, ein Hundestall,« entgegnete der Baron; »ein Nest, für das die Ratten eine Vorliebe gefaßt haben, seitdem sie durch die Füchse, die Eidechsen und die Nattern aus dem andern Schlosse vertrieben worden sind. Ah! bei Gott, mein Herr,« fuhr der Baron fort, »Sie, der Sie ein Zauberer, oder beinahe ein Zauberer sind, sollten mit einem Schlage Ihres Stabes das alte Schloß Maison-Rouge wieder aufrichten und besonders die zweitausend Morgen Wiesen und Waldungen, die seinen Gürtel bildeten, nicht vergessen. Aber ich wette, statt hieran zu denken, waren Sie so höflich, in einem abscheulichen Bett zu schlafen.«

»Oh! mein Herr . . .«

»Vertheidigen Sie sich nicht, mein lieber Gast. Das Bett ist abscheulich, ich kenne es; es ist das meines Sohnes.«

»Ich schwöre Ihnen, Herr Baron, daß mir das Bett, so wie es ist, vortrefflich vorkam. In jedem Fall bin ich beschämt durch die Güte, die Sie für mich gehabt haben, und ich wünschte von ganzem Herzen, es Ihnen dadurch zu beweisen, daß ich Ihnen irgend einen Dienst leisten könnte.«

Dem Greise, welcher stets spottete, fehlte es nicht an einer Erwiederung.

»Nun!« sagte er, auf La Brie deutend, der ihm ein Glas reines Wasser auf einem herrlichen Teller von sächsischem Porzellan brachte, »es zeigt sich die Gelegenheit, Herr Baron, thun Sie für mich, was unser Herr bei der Hochzeit von Kanaan gethan hat, verwandeln Sie dieses Wasser in Wein, aber wenigstens in Burgunder-Wein, in Chambertin z. B. und Sie leisten mir in diesem Augenblick den größten Dienst.«

Balsamo lächelte; der Greis hielt das Lächeln für eine Verneinung; er nahm das Glas und leerte seinen Inhalt auf einen Zug.

»Ein vortreffliches Specificum,« sprach Balsamo, »das Wasser ist das edelste der Elemente, Herr Baron, insofern der Geist Gottes vor der Schöpfung der Welt über dem Wasser schwebte. Nichts widersteht seiner Thätigkeit; es durchdringt den Stein und man erkennt vielleicht eines Tags, daß es den Diamant auflöst.

»Nun! das Wasser wird mich auflösen,« sprach der Baron, »wollen Sie mit mir trinken, mein Gast? Es hat vor meinem Wein den Vortheil, daß es von einem vortrefflichen Gewächse ist. Oh! es ist noch davon übrig. Das ist nicht wie bei meinem Marasquin.«

»Hätten Sie Ihrem Glase ein Glas für mich beigefügt, so dürfte ich durch diese Höflichkeit ein Mittel erlangt haben, Ihnen nützlich zu sein.«

»Gut, erklären Sie mir das. Ist es noch Zeit?«

»Oh! mein Gott, ja! befehlen Sie diesem Mann, mir ein Glas sehr reines Wasser zu bringen.«

»La Brie, hörst Du?« sagte der Baron.

La Brie entfernte sich mit seiner gewöhnlichen Thätigkeit.

»Wie!« versetzte der Baron sich gegen seinen Gast umwendend, »wie, das Glas Wasser, das ich jeden Morgen trinke, sollte Eigenschaften oder Geheimnisse enthalten, von denen ich keine Ahnung hatte? Wie? ich hätte seit zehn Jahren Alchemie getrieben, wie Herr Jourdain Prosa trieb, ohne es zu vermuthen?«

»Ich weiß nicht, was Sie gethan haben, aber ich weiß, was ich thue,« antwortete Balsamo mit ernstem Tone.

Dann sich gegen La Brie umwendend, der den Auftrag mit wunderbarer Schnelligkeit besorgt hatte:

»Ich danke, mein braver Diener.«

Und er nahm das Glas aus seinen Händen, erhob es bis zur Höhe seiner Augen und betrachtete den Inhalt des Kristalls, über dem das Tageslicht Perlen schwimmen und violette oder diamantene Streifen hinlaufen ließ.

»Es muß sehr schön sein, was man in einem Glase Wasser sieht.« sagte der Baron. »Teufel! Teufel!«

»Ja wohl, Herr Baron,« antwortete der Fremde, »wenigstens ist es heute sehr schön.«

Balsamo schien seine Aufmerksamkeit zu verdoppeln, während ihm der Baron unwillkührlich mit den Augen folgte und La Brie ihm ganz erstaunt fortwährend den Teller vorhielt.

»Was sehen Sie, lieber Gast?« fragte der Baron, seine Spötterei fortsetzend. »In der That, ich vergehe vor Ungeduld; eine Erbschaft für mich, ein neues Maison-Rouge, um meine kleinen Angelegenheiten wieder in Ordnung zu bringen?«

»Ich sehe darin die Aufforderung, die ich an Sie übermache, auf Ihrer Hut zu sein.«

»Wirklich! soll ich etwa angegriffen werden?«

»Nein, Sie sollen diesen Morgen einen Besuch bekommen.«

»Dann haben Sie irgend Jemand bei mir Rendezvous gegeben. Das ist schlimm, mein Herr, sehr schlimm. Nehmen Sie sich in Acht, es finden sich vielleicht diesen Morgen keine junge Feldhühner.«

»Was ich Ihnen zu sagen die Ehre habe, ist ernster Natur, mein lieber Wirth, und von der höchsten Wichtigkeit; in diesem Augenblick reist Jemand gegen Taverney.«

»Mein Gott! durch welchen Zufall und was für eine Art von Besuch ist es? Belehren Sie mich, mein lieber Gast, ich bitte Sie, denn ich muß Ihnen gestehen, für mich, Sie konnten dies an dem etwas sauren Empfang wahrnehmen, der Ihnen bei mir zu Theil geworden, für mich ist jeder Besuch überlästig. Sprechen Sie deutlich, mein lieber Zauberer, wenn es Ihnen möglich ist.«

»Es ist mir nicht nur möglich, sondern ich sage mehr, damit Sie keine zu große Verbindlichkeit gegen mich haben: es ist mir sogar leicht.«

Und Balsamo richtete sein forschendes Auge auf die Opallage, welche im Glase wogte.

»Nun! sehen Sie?« fragte der Baron.

»Vollkommen.«

»So sprechen Sie, meine Schwester Anna.«[7 - Schwester Anna, die Prophetin.]

»Ich sehe eine Person von hoher Stellung kommen.«

»Bah! wirklich? Und diese Person kommt nur so, ohne von irgend Jemand eingeladen zu sein?«

»Sie hat sich selbst eingeladen und Ihr Herr Sohn geleitet sie.«

»Philipp?«

»Allerdings.«

Hier wurde der Baron von einem Anfall von Heiterkeit ergriffen, der eben nicht sehr artig gegen den Zauberer war.

»Ah! ah!« sprach er, »mein Sohn geleitet sie  . . . Sie sagen, diese Person werde von meinem Sohne geleitet?«

»Ja, Baron.«

»Sie kennen also meinen Sohn?«

»Durchaus nicht.«

»Und mein Sohn ist in diesem Augenblick?  . . .«

»Drei Viertelstunden, vielleicht eine halbe Stunde von hier!«

»Von hier?«

»Ja.«

»Mein lieber Herr, mein Sohn ist in Straßburg in Garnison, und wenn er sich nicht der Gefahr aussetzen will, für einen Deserteur erklärt zu werden, so schwöre ich Ihnen, daß er Niemand bringen kann.«

»Er bringt Ihnen doch Jemand,« sagte Balsamo, beständig sein Glas untersuchend.

»Und dieser Jemand,« fragte der Baron, »ist ein Mann? eine Frau?«

»Es ist eine Dame, Baron, und sogar eine sehr vornehme Dame. Ah! sehen Sie, etwas Besonderes, Seltsames!«

»Und Wichtiges?« versetzte der Baron.

»Meiner Treue, ja,«

»So vollenden Sie.«

»Sie würden wohl daran thun, Ihre kleine Dienerin zu entfernen, das kleine, drollige Mädchen, wie Sie sagen, das Horn an der Spitze der Finger hat.«

»Und warum sollte ich sie entfernen?«

»Nicole Legay hat in Ihrem Gesichte einige Züge von der Person, die hieher kommt.«

»Und Sie sagen, es sei eine vornehme Dame, eine vornehme Dame, welche Nicole gleiche? Sie sehen, Sie verfallen in Widersprüche.«

»Warum nicht? Ich kaufte einst eine Sklavin, welche so sehr der Königin Kleopatra glich, daß davon die Rede war, sie nach Rom zu führen, um sie in dem Triumphzuge von Octavius figuriren zu lassen.«

»Gut, das faßt Sie wieder,« sagte der Baron.

»Machen Sie, was Sie wollen, aus dem, was ich Ihnen sage, mein lieber Wirth; Sie begreifen, die Sache geht mich keines Wegs an und liegt lediglich in Ihrem Interesse.«

»In welcher Hinsicht kann denn die Aehnlichkeit von Nicole diese Person verletzen?«

»Denken Sie sich, Sie seien König von Frankreich, was ich Ihnen nicht wünsche, oder Dauphin, was ich Ihnen noch weniger wünsche, wären Sie entzückt, wenn Sie bei Ihrem Eintritt in ein Haus unter der Zahl der Dienstboten dieses Hauses einen Nachdruck Ihres erhabenen Gesichtes finden würden?«

»Ah! Teufel,« sprach der Baron, »das ist ein sehr starkes Dilemma; aus dem, was Sie sagen, ginge also hervor . . .«

»Daß die erhabene, mächtige Dame, welche kommen wird, vielleicht unzufrieden wäre, ihr lebendiges Bild in einem kurzen Rocke und einem leinenen Halstuch zu sehen.«

»Nun!« versetzte der Baron beständig lachend, »wir werden Rath schaffen, wenn es sein muß. Doch hören Sie, lieber Baron, bei dieser ganzen Geschichte ergötzt mich mein Sohn am meisten. Der liebe Philipp, den uns ein glücklicher Zufall zuführt, ohne: Aufgepaßt! zu schreien.«

Und der Baron brach in ein schallendes Gelächter aus.

»Meine Weissagung macht Ihnen also Vergnügen?« sprach Balsamo mit ernstem Tone. »Meiner Treue, desto besser; doch an Ihrer Stelle, Baron  . . .«

»An meiner Stelle?«

»Würde ich Befehle geben, Anordnungen treffen..«

»Wirklich?«

»Ja.«

»Ich werde daran denken, lieber Gast.«

»Es wäre Zeit.«

»Sie sagen mir das also im Ernste?«

»Im höchsten Ernste, Baron; denn wenn Sie die Person, die Ihnen die Ehre eines Besuches erweist, würdig empfangen wollen, so haben Sie keine Minute mehr zu verlieren,«

Der Baron schüttelte den Kopf.

»Ich glaube, Sie zweifeln,« sprach Balsamo.

»Meiner Treue, lieber Gast, ich gestehe, Sie haben es mit dem verhärtetesten Ungläubigen zu thun.«

In diesem Augenblick geschah es, daß der Baron sich gegen den Pavillon seiner Tochter wandte, um ihr die Weissagung seines Gastes mitzutheilen, und daß er:

»Andrée! Andrée!« rief.

Wir wissen, wie Andrée die Aufforderung ihres Vaters erwiederte, und wie sie der bezaubernde Blick von Balsamo unwillkührlich nach dem Fenster zog.

Nicole war da und schaute voll Erstaunen La Brie an, der ihr Zeichen machte und zu begreifen suchte.

»Das ist teufelmäßig schwer zu glauben,« wiederholte der Baron, »und wenn ich nicht selbst sehe . . .«

»Da Sie durchaus sehen müssen, so wenden Sie sich um,« sprach Balsamo und streikte seine Hand nach der Allee aus, an deren Ende mit verhängten Zügeln ein Reiter galoppirte, dessen Pferd den Boden unter seinem Hufschlag erdröhnen machte.

»Oh! Oh!« rief der Baron, »hier kommt er in der That.«

»Herr Philipp!« rief Nicole, sich auf den Fußspitzen erhebend.

»Unser junger Gebieter!« sagte La Brie mit einem freudigen Grinsen.

»Mein Bruder! mein Bruder!« rief Andrée, ihm beide Arme durch das Fenster entgegenstreckend.

»Sollte es zufällig Ihr Herr Sohn sein, lieber Baron?« fragte nachläßig Balsamo.

»Ja, bei Gott! er ist es,« antwortete der Baron erstaunt.

»Das ist ein Anfang,« sprach Balsamo.

»Sie sind offenbar ein Zauberer?« fragte der Baron.

Ein Lächeln des Triumphes trat auf den Lippen des Fremden hervor.

Das Pferd wurde augenscheinlich größer, man sah es bald von Schweiß triefend, umgeben von einem feuchten Dunste, aus den letzten Reihen der Bäume hervorkommen, und es lief noch, als ein Officier von mittlerem Wuchse, bedeckt mit Koth und das Gesicht belebt von der Schnelligkeit seines Rittes, zu Boden sprang und seinen Vater umarmte.

»Ah Teufel!« sprach der Baron erschüttert in seinen Grundsätzen der Ungläubigkeit. »Ah Teufel!«

»Ja, mein Vater,« sagte Philipp, der einen Rest von Zweifel über dem Gesichte des Greises schweben sah, »ich bin es! ich bin es!«

»Allerdings bist Du es, das sehe ich bei Gott wohl!« antwortete der Baron. »Doch durch welchen Zufall bist Du es?«

»Mein Vater,« sprach Philipp, »eine große Ehre widerfährt unserem Hause.«

Der Greis erhob sein Haupt.

»Ein erhabener Besuch wendet sich gegen Taverney; in einer Stunde wird Marie Antoinette Josephe, Erzherzogin von Oesterreich und Dauphine von Frankreich, hier sein.«

Der Baron ließ seine Arme mit eben so viel Demuth fallen, als er zuvor Spott und Hohn gezeigt hatte; er wandte sich gegen Balsamo und sagte zu diesem:

»Verzeihen Sie, mein Herr, verzeihen Sie.«

»Mein Herr,« erwiederte Balsamo, sich vor Taverney verbeugend, »ich lasse Sie mit Ihrem Sohne; Sie haben sich seit geraumer Zeit nicht gesehen und müssen sich tausend Dinge zu sagen haben.«

Hienach grüßte Balsamo Andrée, welche, ganz freudig über die Ankunft ihres Bruders, diesem entgegenstürzte, und entfernte sich, indem er zuvor noch Nicole und La Brie ein Zeichen machte, das sie ohne Zweifel verstanden, denn sie folgten ihm und verschwanden mit ihm unter den Bäumen der Allee.




XIII.

Philipp von Taverney


Philipp von Taverney, Chevalier von Maison-Rouge, glich durchaus nicht seiner Schwester, obgleich er als Mann ebenso schön war, wie sie als Frau. In der That, Augen von einem sanften und stolzen Ausdruck, ein tadelloser Schnitt des Gesichtes, bewunderungswürdige Hände, ein Frauenfuß und ein vortrefflicher Wuchs machten aus ihm einen reizenden Cavalier.

Wie alle ausgezeichnete Geister, die sich im Leben, so wie es ihnen die Welt gibt, beengt fühlen, war Philipp traurig, ohne düster zu sein. Dieser Traurigkeit hatte er vielleicht seine Sanftmuth zu verdanken, denn ohne die zufällige Traurigkeit wäre er von Natur herrisch, stolz und wenig mittheilsam gewesen. Das Bedürfniß, mit allen Armen, seines Gleichen der Sache nach, wie mit allen Reichen, seines Gleichen dem Rechte nach, zu leben, machte eine Natur geschmeidig, die der Himmel hart, herrschsüchtig und empfindlich geschaffen hatte; es liegt immer etwas Verachtung in der Zahmheit des Löwen.

Philipp hatte kaum seinen Vater umarmt, als Andrée ihrer magnetischen Erlahmung durch den Anstoß dieses glücklichen Ereignisses entrissen, sich, wie gesagt, dem jungen Manne um den Hals warf.

Diese Handlung war von einem Schluchzen begleitet, das den ganzen Werth offenbarte, den das Herz des unschuldigen Kindes auf die Wiedervereinigung legte.

Philipp nahm Andrée und seinen Vater bei der Hand und zog Beide in den Salon, wo sie sich allein fanden.

»Sie sind ungläubig, mein Vater, Du bist überrascht, meine Schwester,« sagte er, nachdem er sie hatte an seine Seite sitzen lassen. »Nichts kann indessen wahrer sein; noch einige Augenblicke, und die Frau Dauphine wird sich in unserer Wohnung einfinden.«

»Ventrebleu! man muß sie um jeden Preis daran verhindern,« rief der Baron; »die Dauphine hier! wenn dergleichen geschehen würde, so wären wir für immer entehrt. Sucht die Frau Dauphine hier ein Muster des französischen Adels, so beklage ich sie, bei Gott! ich beklage sie! Doch sprich, durch welchen Zufall hat sie gerade mein Haus gewählt?«

»Oh! das ist eine ganze Geschichte, mein Vater.«

»Eine Geschichte?« wiederholte Andrée, »erzähle sie uns.«

»Ja, eine Geschichte, wegen der diejenigen Gott segnen müßten, welche vergessen, daß er unser Herr und Retter ist.«

Der Baron verlängerte die Lippen, wie ein Mensch, der daran zweifelt, daß der höchste Gebieter der Menschen und Dinge sich herabgelassen habe, seine Augen auf ihn zu lenken und sich in seine Angelegenheiten zu mischen.

Als Andrée Philipp freudig sah, zweifelte sie nicht mehr; sie drückte ihm die Hand, um ihm für die gute Kunde, die er brachte, zu danken, und flüsterte theilnehmend an dem Glücke, das er zu empfinden schien:

»Mein Bruder! mein guter Bruder!«

»Mein Bruder, mein guter Bruder,« wiederholte der Baron; »sie sieht meiner Treue aus, als wäre sie mit dem, was uns begegnet, zufrieden.«

»Sie bemerken wohl, mein Vater, daß Philipp freudig zu sein scheint.«

»Weil Philipp ein Enthusiast ist; aber glücklicher oder unglücklicher Weise wäge ich die Dinge ab,« sprach Taverney, einen traurigen Blick auf das Geräthe seines Salon werfend, »ich sehe in Allem dem nichts Ergötzliches.«

»Sie werden sogleich anders urtheilen, mein Vater,« entgegnete der junge Mann, »wenn ich Ihnen erzählt habe, was mir begegnet ist.«

»Erzähle also,« brummte der Greis.

»Ja, ja, erzähle, Philipp,« sagte Andrée.

»Nun, ich war, wie Sie wissen, in Straßburg in Garnison. Sie wissen auch, daß durch Straßburg die Dauphine ihren Einzug gehalten hat.«

»Weiß man etwas in dieser Höhle?« versetzte Taverney.

»Du sagst, lieber Bruder, durch Straßburg habe die Dauphine . . .«

»Ja, wir warteten vom Morgen an auf dem Glacis, es regnete in Strömen, unsere Kleider troffen von Wasser. Man hatte keine bestimmte Nachricht, zu welcher Stunde die Frau Dauphine ankommen würde. Mein Major schickte mich auf Recognoscirung dem Gefolge entgegen. Ich machte ungefähr eine Lieue. Plötzlich bei der Krümmung des Weges befand ich mich den ersten Reitern der Escorte gegenüber. Ich wechselte ein paar Worte mit ihnen; sie ritten unmittelbar vor ihrer Königlichen Hoheit, welche aus dem Kutschenschlage sah und fragte, wer ich sei.

»Es scheint, man rief mich zurück, aber ich hatte Eile, demjenigen, welcher mich abgeschickt, eine bestimmte Antwort zu überbringen, und war bereits wieder im Galopp weggeritten. Die Anstrengung einer Wache von sechs Stunden war wie durch einen Zauber verschwunden.«

»Und die Frau Dauphine?« fragte Andrée.

»Sie ist jung wie Du, und schön wie alle Engel,« antwortete der Chevalier.

»Sage mir doch, Philipp . . .« sprach der Baron zögernd.

»Nun, mein Vater?«

»Gleicht die Frau Dauphine nicht irgend einer Person, die Du kennst?«

»Die ich kenne?«

»Ja.«

»Niemand kann der Frau Dauphine gleichen,« rief der junge Mann voll Begeisterung.

»Suche.«

Philipp suchte.

»Nein,« sagte er.

»Laß sehen . . . Nicole, zum Beispiel?«

»Oh! das ist seltsam,« rief Philipp erstaunt. »Ja, Nicole hat in der That etwas von der erhabenen Reisenden. Aber das ist so weit von ihr entfernt, so unter ihr! Doch wie konnten Sie dies erfahren, mein Vater?«

»Meiner Treue, ich weiß es von einem Zauberer.«

»Von einem Zauberer?« rief Philipp erstaunt.

»Ja, der mir zugleich Deine Ankunft vorhersagte.«

»Der Fremde?« fragte Andrée schüchtern.

»Ist der Fremde der Mann, der bei meiner Ankunft in Ihrer Nähe stand und sich sodann bescheiden zurückzog?«

»Ganz richtig, doch vollende Deine Erzählung, Philipp.«

»Es wäre vielleicht besser, einige Vorbereitungen zu treffen,« sagte Andrée.

Doch der Baron hielt sie bei der Hand zurück und erwiederte:

»Je mehr Ihr vorbereitet, desto lächerlicher werden wir sein. Fahre fort, Philipp, fahre fort.«

»Sogleich, mein Vater. Ich kam also nach Straßburg zurück, entledigte mich meiner Botschaft, und man benachrichtigte den Gouverneur, Herrn von Stainville, der alsbald herbeilief.

»Als der Gouverneur, durch einen Boten benachrichtigt, auf das Glacis kam, schlug man den Marsch, das Geleite fing an zu erscheinen und wir eilten an das Thor von Kehl.

»Ich war in der Nähe des Gouverneur.«

»Herr von Stainville,« sagte der Baron, »warte doch, ich habe einen Stainville gekannt . . .«

»Ein Schwager vom Minister, von Herrn v. Choiseul.«

»Ganz richtig; fahre fort, fahre fort,« sprach der Baron.

»Die Frau Dauphine, welche noch jung ist und ohne Zweifel die jungen Gesichter liebt, denn sie hörte ziemlich zerstreut die Complimente des Herrn Gouverneur an, heftete die Augen auf mich, der ich aus Respect zurückgetreten war, und fragte auf mich deutend:

‚Ist das nicht der Herr, der mir entgegengeschickt wurde?’

‚Ja, Madame,’ antwortete Herr von Stainville.

‚Nähern Sie sich, mein Herr,’ sagte sie.

Ich näherte mich.

‚Wie heißen Sie?’ fragte die Frau Dauphine mit einer bezaubernden Stimme.

‚Chevalier von Taverney-Maison-Rouge,’ antwortete ich stammelnd.

‚Schreiben Sie diesen Namen auf, meine Liebe,’ sagte die Frau Dauphine zu einer alten Dame, welche, wie ich seitdem erfahren habe, ihre Hofmeisterin, die Gräfin von Langershausen, war, und die auch wirklich meinen Namen in ihrer Schreibtafel aufzeichnete.

Dann sich wieder an mich wendend, sagte sie:

‚Ah! mein Herr, in welchen Zustand hat Sie dieses abscheuliche Wetter versetzt! In der That, ich mache mir große Vorwürfe, wenn ich bedenke, daß Sie für mich so viel gelitten haben.’ «

»Wie gut das von der Frau Dauphine ist, und was für reizende Worte« rief Andrée, die Hände faltend.

»Ich habe es auch Sylbe für Sylbe behalten, mit dem Tone, mit der Miene des Gesichtes, die sie begleitete, Alles, Alles, Alles,« sprach Philipp.

»Sehr gut! sehr gut!« murmelte der Baron mit einem seltsamen Lächeln, in dem man zugleich die väterliche Eitelkeit und die schlimme Meinung lesen konnte, die er von den Frauen und sogar von den Königinnen hatte. »Gut, fahre fort, Philipp.«

»Was antwortetest Du?« fragte Andrée.

»Ich antwortete nichts; ich verbeugte mich bis auf den Boden, und die Frau Dauphine zog vorüber.«

»Wie! Du hast nichts geantwortet?« rief der Baron.

»Ich hatte keine Stimme mehr, mein Vater. All mein Leben hatte sich in mein Herz zurückgezogen, das ich mit der größten Heftigkeit schlagen fühlte.«

»Den Teufel  . . . wenn ich in Deinem Alter, als ich der Prinzessin Leczinska vorgestellt wurde, nichts zu sagen gefunden hätte!«

»Sie haben viel Geist, mein Vater,« erwiederte Philipp sich verbeugend.

Andrée drückte ihm die Hand.

»Ich benützte die Abfahrt Ihrer Hoheit,« sprach Philipp, »um in meine Wohnung zurückzukehren und eine neue Toilette zu machen, denn ich war in der That ganz durchnäßt und zum Erbarmen mit Koth überzogen.«

»Armer Bruder!« murmelte Andrée.

»Die Frau Dauphine war indessen im Rathhause angelangt und empfing die Glückwünsche der Einwohner. Als diese Glückwünsche erschöpft waren, meldete man ihr, die Tafel sei bestellt, und sie setzte sich zu Tische.

»Einer meiner Freunde, der Major des Regiments, derselbe, der mich Ihrer Hoheit entgegengeschickt hatte, versicherte mich, die Prinzessin habe wiederholt umhergeschaut und in den Reihen der Officiere, die dem Mittagsmahle beiwohnten, etwas gesucht.

»Nach einer zwei- bis dreimal vergebens erneuerten Forschung dieser Art sprach Ihre Hoheit:

‚Ich sehe den jungen Officier nicht, der mir diesen Morgen entgegengeschickt worden ist. Hat man ihm nicht gesagt, ich wünsche ihm zu danken?’

Der Major schritt vor.

‚Madame’ erwiederte er, ‚der Herr Lieutenant von Taverney mußte nach Hause zurückkehren, um die Kleider zu wechseln und sich sodann auf eine anständigere Weise vor Eurer Königlichen Hoheit zeigen zu können. «

Einen Augenblick nachher trat ich ein. Ich war nicht fünf Minuten im Saale, als mich die Frau Dauphine erblickte.

Sie hieß mich durch ein Zeichen zu ihr kommen. Ich näherte mich ihr.

‚Mein Herr,’ sagte sie zu mir, ‚sollte es Ihnen widerstreben, mir nach Paris zu folgen?’

‚Oh Madame!’ rief ich, ‚ganz im Gegentheil, das wäre das höchste Glück für mich; aber ich bin im Dienste, in Garnison in Straßburg, und . . .’

‚Und . . .?’

‚Das heißt, Madame, nur mein Wunsch allein gehört mir.’

‚Von wem hängen Sie ab?’

‚Vom Militaire-Gouverneur.«

‚Gut . . . ich werde das mit ihm anordnen.’

Sie machte mir ein Zeichen mit der Hand und ich zog mich zurück.

Am Abend näherte sie sich dem Gouverneur und sagte zu ihm:

‚Mein Herr, ich habe eine Laune zu befriedigen.’

‚Nennen Sie diese Laune, und sie wird ein Befehl für mich sein, Madame.’

‚Ich hatte Unrecht zu sagen, eine Laune zu befriedigen, ich habe ein Gelübde zu erfüllen.’

‚Die Sache wird mir nur um so heiliger sein . . . Sprechen Sie, Madame!’

‚Wohl! ich habe das Gelübde gethan, den ersten Franzosen, wer er auch sein möchte, dem ich, den Fuß auf den Boden von Frankreich sehend, begegnen würde, in meine Dienste zu nehmen und sein Glück und das seiner Familie zu machen, wenn es überhaupt in der Macht des Fürsten liegt, das Glück von irgend Jemand zu machen.’

‚Die Fürsten sind die Stellvertreter Gottes auf Erden, Und wer ist die Person, die das Glück gehabt, zuerst von Eurer Hoheit begegnet zu werden?’

‚Herr von Taverney-Maison-Rouge, der junge Lieutenant, der Sie zuerst von meiner Ankunft benachrichtigte.’

‚Wir werden Alle auf Herrn von Taverney eifersüchtig sein, Madame,’ sprach der Gouverneur; ‚doch wir dürfen das Glück, das ihm beschieden ist, nicht stören; er wird durch den Befehl, in hiesiger Garnison zu bleiben, zurückgehalten, aber wir heben den Befehl auf; er ist durch sein Engagement gebunden, aber wir brechen sein Engagement, und er wird zu gleicher Zeit mit Eurer Königlichen Hoheit abreisen.’

‚In der That, an demselben Tag, an dem der Wagen Ihrer Hoheit Straßburg verließ, erhielt ich Befehl, zu Pferde zu steigen und sie zu begleiten. Seit diesem Augenblick habe ich den Schlag ihrer Carrosse nicht verlassen.’ «

»Ei! ei!« machte der Baron mit seinem gewöhnlichen Lächeln; »ei! ei! es wäre sonderbar, doch es ist nicht unmöglich.«

»Wie, mein Vater?« versetzte naiv der junge Mann.

»Oh! ich verstehe,« sprach der Baron, »ich verstehe, ei! ei!«

»Aber, mein lieber Bruder,« entgegnete Andrée, »ich sehe noch nicht ein, wie bei Alle dem die Frau Dauphine nach Taverney kommen konnte.«

»Warte; es war gestern Abend gegen eilf Uhr; wir kamen nach Nancy und durchzogen die Stadt mit Fackeln. Die Dauphine rief mich.

‚Herr von Taverney,’ sagte sie, ‚treiben Sie die Escorte zur Eile an.’

Ich machte ein Zeichen, daß die Dauphine rascher zu fahren wünsche.

‚Ich will morgen frühzeitig abreisen,’ fügte die Dauphine bei.

‚Eure Hoheit gedenkt vielleicht eine lange Etape zu machen?’ fragte ich.

‚Nein, ich wünsche auf dem Wege anzuhalten.’

Etwas wie eine Ahnung ergriff mein Herz bei diesen Worten.

‚Auf dem Wege?’ wiederholte ich.

‚Ja,’ sagte Ihre Königliche Hoheit.

Ich schwieg.

‚Sie errathen nicht, wo ich anhalten will?’ fragte sie lächelnd.

‚Nein, Madame.’

‚Ich will in Taverney anhalten.’

‚Mein Gott!’ rief ich, »warum dies?’

‚Um Ihren Vater und Ihre Schwester zu sehen.’

‚Meinen Vater! meine Schwester . . . wie! Eure Königliche Hoheit weiß! . . .’

‚Ich habe mich erkundigt und erfahren, daß Sie zweihundert Schritte von der Straße, der wir folgen, wohnen. Sie werden Befehl geben, daß man in Taverney anhält.’

Der Schweiß trat mir auf die Stirne und ich erwiederte Ihrer Königlichen Hoheit schleunigst und mit einem Zittern, das Sie begreifen können:

‚Madame, das Haus meines Vaters ist nicht würdig, eine so hohe Fürstin, wie Sie sind, zu empfangen.’

‚Warum?’ fragte Ihre Königliche Hoheit.

‚Wir sind arm, Madame.’

‚Desto besser, ich bin überzeugt, der Empfang wird darum nur um so herzlicher und einfacher sein. So arm Taverney auch sein mag, so gibt es doch wohl eine Schale Milch für eine Freundin, die einen Augenblick vergessen will, daß sie Erzherzogin von Oesterreich und Dauphine von Frankreich ist.’

‚Oh! Madame,’ antwortete ich mich verbeugend.

Das war Alles. Die Ehrfurcht hielt mich ab, mehr zu sagen.

Ich hoffte, Ihre Hoheit würde dieses Vorhaben vergessen, oder Ihre Laune würde sich diesen Morgen in der frischen Luft auf der Landstraße zerstreuen, doch dem war nicht so. Aus der Station in Pont-à-Mousson fragte mich Ihre Hoheit, ob wir uns Taverney näherten, und ich war genöthigt, zu antworten, wir wären nur noch drei Lieues davon entfernt.«

»Ungeschickter!« rief der Baron.

»Ach! es war, als erriethe die Dauphine meine Verlegenheit. ‚Haben Sie nicht bange,’ sagte sie zu mir, ‚mein Aufenthalt wird nicht lange dauern; doch da Sie mir mit einem Empfang drohen, der mich leiden machen soll, so werden wir quitt sein, denn ich habe Ihnen bei meinem Einzug in Straßburg ebenfalls Beschwerden zugezogen.’ Sagen Sie mir, mein Vater, wie konnte ich, so bezaubernden Worten widerstehen?«

»Oh!« rief Andrée »und Ihre Königliche Hoheit, die so gut ist, wie es scheint, wird sich mit meinen Blumen und mit einer Tasse von meiner Milch, wie sie gesagt hat, begnügen.«

»Ja, aber sie wird sich nicht mit meinen Lehnstühlen, die ihr die Knochen zerbrechen werden, und mit meinem Täfelwerk begnügen, das ihren Blick verdüstern muß. Zum Teufel mit diesen Launen! Frankreich wird wieder gut von einer Frau beherrscht werden, die solche Phantasien hat! Pest! das ist die Morgenröthe einer seltsamen Regierung!«

»Oh! mein Vater, können Sie solche Dinge von einer Prinzessin sagen, die uns mit Ehren überhäuft?«

»Die mich im Gegentheil bald entehren wird,« rief der Greis. »Wer denkt in diesem Augenblick an die Taverney? Niemand. Der Name der Familie schläft unter den Trümmern von Maison-Rouge, und ich hoffte, er würde nur auf eine gewisse Weise und wenn der Augenblick gekommen wäre, wieder an das Tageslicht treten; doch nein, ich hoffte mit Unrecht, die Laune eines Kindes erweckt ihn, getrübt, bestaubt, schäbig, elend. Die Zeitungen, welche auf Alles lauern, was lächerlich ist, um den Scandal daraus zu ziehen, von dem sie leben, werden in ihren schmutzigen Artikeln den Besuch einer hohen Fürstin in der Barake von Taverney schildern. Cordieu! ich habe einen Gedanken.«

Der Baron sprach diese Worte mit einem Nachdruck, der die jungen Leute zittern machte.

»Was wollen Sie damit sagen, mein Vater?« fragte Philipp.

»Ich sage, daß man seine Geschichte kennt,« murmelte der Baron, »und wenn der Herzog von Medina einen Palast angezündet hat, um eine Königin zu umarmen, so kann ich wohl ein elendes Nest in Brand stecken, um von dem Empfange einer Dauphine befreit zu sein. Laßt die Prinzessin nur kommen.«

Die jungen Leute hatten nur die letzten Worte gehört und schauten sich unruhig an.

»Laßt sie kommen,« wiederholte Taverney.

»Sie kann nicht mehr lange ausbleiben,« antwortete Philipp, »ich habe einen kürzeren Weg durch den Wald von Pierrefitte eingeschlagen, um ein paar Minuten Vorsprung vor dem Gefolge zu gewinnen, doch sie können nicht mehr fern sein.«

»Dann ist keine Zeit zu verlieren,« sagte der Baron.

Und rasch, als ob er erst zwanzig Jahre alt wäre, verließ er den Salon, lief in die Küche, riß ein brennendes Scheit aus dem Herde, eilte nach dem Speicher, der mit trockenem Stroh, Luzerne und Bohnen gefüllt war, und näherte bereits das Scheit den Futterbünden, als sich Balsamo hinter ihm erhob und ihn beim Arm faßte.

»Was machen Sie denn, mein Herr?« sagte er, indem er den Brand aus den Händen des Greises riß;« die Erzherzogin von Oesterreich ist kein Connetable von Bourbon, und ihre Gegenwart beschmutzt ein Haus nicht dergestalt, daß man es eher verbrennt, als sie einen Fuß darein setzen läßt.«

Der Greis hielt bleich und zitternd inne und lächelte nicht mehr, wie gewöhnlich. Er hatte alle seine Kräfte zusammenraffen müssen, um für seine Ehre, wenigstens so wie er sie verstand, einen Entschluß zu fassen, der aus einer noch erträglichen Mittelmäßigkeit ein vollständiges Elend machen sollte.

»Gehen Sie, mein Herr, gehen Sie,« sprach Balsamo; »Sie haben nur noch Zeit diesen Schlafrock abzulegen und sich anständiger zu kleiden. Als ich bei der Belagerung von Philippsburg den Baron von Taverney kennen lernte, war er Großkreuz vom Heiligen-Ludwigs-Orden. Ich weiß kein Gewand, das nicht unter einer solchen Decoration reich und zierlich würde.«

»Aber, mein Herr,« versetzte Taverney, »bei Alle dem wird die Dauphine sehen, was ich nicht einmal Ihnen zeigen wollte: daß ich unglücklich bin.«

»Seien Sie unbesorgt, Baron, man wird sie so beschäftigen, daß sie gar nicht bemerkt, ob Ihr Haus neu oder alt, arm oder reich ist. Seien Sie gastfreundlich mein Herr, es ist Ihre Pflicht als Edelmann. Was werden die Feinde Ihrer königlichen Hoheit machen, und sie hat deren eine gute Zahl, wenn ihre Freunde ihre Schlösser verbrennen, um sie nicht unter ihrem Dache aufzunehmen? Greifen wir nicht zukünftigem Aergerniß vor, mein Herr; jedes Ding hat seine Zeit.«

Herr von Taverney gehorchte mit jener Resignation, von der er schon einmal eine Probe abgelegt hatte, und ging wieder zu seinen Kindern, die ihn, unruhig über seine Abwesenheit, überall suchten.

Balsamo zog sich stillschweigend zurück, als wollte er ein begonnenes Werk vollenden.




XIV.

Marie Antoinette Josephe


Es war in der That keine Zeit zu verlieren, wie Balsamo gesagt hatte; ein gewaltiges Geräusch von Wagen, von Stimmen und Pferden erscholl auf dem sonst so friedlichen Wege, der von der Straße nach dem Hause des Baron von Taverney führte.

Man sah nun drei Carrossen, wovon die eine, mit Vergoldungen und mythologischen Basreliefs beladen, trotz ihrer Pracht nicht minder staubig, nicht minder mit Koth bespritzt war, als die andern, vor das große Thor fahren, das Gilbert offen hielt, dessen weit aufgesperrte Augen und fieberhaftes Zittern lebhafte Aufregung bei dem Anblick von so viel Herrlichkeit andeuteten.

Zwanzig Cavaliere, alle jung und glänzend, reihten sich bei dem Hauptwagen auf, als, unterstützt von einem schwarz gekleideten Mann, der auf seinem Rocke das große Band des Ordens trug, ein junges Mädchen von fünfzehn bis sechzehn Jahren ausstieg, das ohne Puder, aber mit einer Einfachheit frisirt war, welche ihr Haar nicht abhielt, sich einen Fuß über ihre Stirne zu erheben.

Marie Antoinette, denn sie war es, kam nach Frankreich mit einem Rufe der Schönheit, den nicht immer die Prinzessinnen brachten, die den Thron unserer Könige zu theilen bestimmt waren. Es ließ sich schwer eine feste Ansicht über ihre Augen fassen, die, ohne gerade schön zu sein, nach ihrem Willen alle Ausdrücke und besonders die so sehr entgegengesetzten der Sanftmuth und der Verachtung annahmen; ihre Nase war gut geformt; ihre Oberlippe war schön, aber zu dick, zu sehr hervorstehend und zuweilen herabfallend schien ihre Unterlippe, ein aristokratisches Erbtheil von siebenzehn Cäsaren, nur auf eine entsprechende Weise zu diesem hübschen Gesichte zu stehen, wenn dieses hübsche Gesicht Zorn oder Entrüstung ausdrücken wollte. Ihr Teint war bewunderungswürdig; man sah das Blut unter dem zarten Gewebe ihrer Haut hinlaufen; ihre Brust, ihr Hals, ihre Schultern waren von außerordentlicher. Schönheit, ihre Hände königlich. Sie hatte zwei verschiedene Gänge: der eine, den sie annahm, war fest, edel und etwas eilig; der andere, dem sie sich hingab, war weich, wiegend und so zu sagen schmeichelnd. Nie hat eine Frau eine Verbeugung mit mehr Anmuth gemacht. Nie hat eine Königin mit mehr Wissen gegrüßt. Sie bückte den Kopf ein einziges Mal für zehn Personen und gab in dieser einzigen Verbeugung Jedem das, was ihm gebührte.

Marie Antoinette hatte an diesem Tag ihren Frauenblick, ihr Frauenlächeln und sogar das Lächeln der glücklichen Frau; sie war entschlossen, an diesem Tage wo möglich nicht mehr Dauphine zu werden. Die süßeste Ruhe herrschte auf ihrem Gesicht, das reizendste Wohlwollen belebte ihre Augen. Sie trug ein Kleid von weißer Seide, und ihre schönen, entblößten Arme hielten ein Mäntelchen von dichten Spitzen.

Kaum hatte sie den Fuß auf die Erde gesetzt, als sie sich umwandte, um einer ihrer Ehrendamen, die das Alter etwas beschwerte, aus dem Wagen zu helfen; dann schlug sie den Arm aus, den ihr der Mann mit dem schwarzen Kleide und dem blauen Bande bot, und schritt vorwärts, frei, die Luft einathmend und die Augen umherwerfend, als wollte sie bis in die geringsten Einzelnheiten die seltene Freiheit genießen, die sie sich gab.

»Oh! die schöne Lage! die schönen Bäume! das hübsche Häuschen!« sagte sie. »Wie glücklich muß man in dieser guten Luft und unter diesen Bäumen sein, unter denen man so trefflich verborgen ist.«

In diesem Augenblick erschien Philipp von Taverney, gefolgt von Andrée, die mit ihren langen, in Flechten gewundenen Haaren und in einer Robe von leinblüthfarbiger Seide ihren Arm dem Baron gab, der ein schönes Kleid von königsblauem Sammet, einen Ueberrest seiner ehemaligen Herrlichkeit trug. Es versteht sich von selbst, daß der Baron gemäß der Ermahnung von Balsamo sein großes Band vom Heiligen-Ludwigs-Orden nicht vergessen hatte.

Die Dauphine blieb stehen, sobald sie die zwei Personen erblickte, die auf sie zukamen.

Um die junge Prinzessin gruppirte sich ihr Hof: Officiere, die ihre Pferde am Zügel hielten, und Höflinge, den Hut in der Hand, die Arme auf einander stützend und leise flüsternd.

Philipp von Taverney näherte sich der Dauphine, bleich vor innerer Bewegung und mit einem schwermüthigen Adel.

»Madame,« sprach er, »wenn es Euere Königliche Hoheit erlaubt, werde ich die Ehre haben, ihr den Herrn Baron von Taverney-Maison-Rouge und Fräulein Claire-Andrée von Taverney, meine Schwester, vorzustellen?«

Der Baron verbeugte sich tief und wie ein Mann, der Königinnen zu grüßen weiß. Andrée entwickelte alle Anmuth zierlicher Schüchternheit, die ganze, so schmeichelhafte Höflichkeit einer aufrichtigen Ehrfurcht.

Marie Antoinette schaute die zwei jungen Leute an, und da sie sich dessen erinnerte, was ihr Philipp von der Armuth ihres Vaters gesagt hatte, so errieth sie ihr Leiden.

»Madame,« sprach der Baron mit einem Tone voll Würde, »Eure Königliche Hoheit erweist dem Schlosse Taverney zu viel Ehre; eine so niedrige Wohnung ist nicht würdig, so viel Adel und Schönheit aufzunehmen.«

»Ich weiß, daß ich bei einem alten Soldaten Frankreichs bin,« antwortete die Dauphine, »und meine Mutter, die Kaiserin Maria Theresia, welche viel Krieg geführt, hat mir gesagt, in Ihrem Lande seien die Reichsten an Ruhm beinahe immer die Aermsten an Geld.«

Und sie reichte mit einer unbeschreiblichen Anmuth ihre Hand Andrée, welche sie niederknieend küßte.

Ganz und gar von seinem vorherrschenden Gedanken erfüllt, erschrak indessen der Baron über die große Anzahl von Leuten, welche sein kleines Haus füllen und der Stühle entbehren sollten.

Die Dauphine entzog ihn sogleich der Verlegenheit.

»Meine Herren,« sagte sie, sich an die Personen wendend, die ihr Gefolge bildeten, »Sie sollen weder die Anstrengung meiner Launen ertragen, noch das Vorrecht einer Dauphine genießen. Ich bitte Sie, erwarten Sie mich hier; in einer halben Stunde komme ich zurück. Begleiten Sie mich, meine gute Langershausen,« sagte sie deutsch zu derjenigen von ihren Frauen, welche sie beim Aussteigen aus dem Wagen unterstützt hatte. »Folgen Sie uns, mein Herr,« sprach sie zu dem schwarz gekleideten Mann.

Unter einem einfachen Kleide bot dieser eine merkwürdige Eleganz; er war ein Mann von höchstens dreißig Jahren, von schönem Gesicht und anmuthigen Manieren. Er trat zurück, um die Prinzessin vorübergehen zu lassen.

Marie Antoinette nahm an ihre Seite Andrée und machte Philipp ein Zeichen, neben seine Schwester zu kommen.

Was den Baron betrifft, so befand er sich bei dem ohne Zweifel hochgestellten Mann, dem die Dauphine die Ehre, sie zu begleiten, bewilligte.

»Sie sind also ein Taverney-Maison-Rouge?« sagte dieser, während er mit einer ganz aristokratischen Impertinenz seinen herrlichen Jabot von englischen Spitzen schüttelte,

»Soll ich mein Herr oder Monseigneur antworten?« fragte der Baron mit einer Impertinenz, welche in keiner Beziehung hinter der des schwarz gekleideten Edelmannes zurückblieb.

»Sagen Sie ganz einfach mein Prinz,« erwiederte dieser, »oder Eure Eminenz, wenn Sie lieber wollen.«

»Nun ja, Eure Eminenz, ich bin ein Taverney-Maison-Rouge, und dies ein wahrer,« sprach der Baron, ohne gänzlich den spöttischen Ton aufzugeben, den er so selten verlor.

Die Eminenz, welche den Takt der vornehmen Herren besaß, gewahrte leicht, daß sie es mit etwas Anderem, als einem Krautjunker zu thun hatte.

»Dieses Haus ist Ihr Sommeraufenthalt?« fuhr sie fort.

»Sommer- und Winteraufenthalt,« versetzte der Baron, der mißfälligen Fragen ein Ende machen wollte, aber jede von seinen Antworten mit einer tiefen Verbeugung begleitete,

Philipp wandte sich von Zeit zu Zeit voll Unruhe nach seinem Vater um. Das Haus schien in der That drohend und ironisch zu nahen, um unbarmherzig seine Armuth zu zeigen. Schon streckte der Baron mit Resignation seine Hand nach der von Gästen verlassenen Schwelle aus, als die Dauphine sich gegen ihn umwandte und sprach:

»Entschuldigen Sie, mein Herr, wenn ich nicht in das Haus eintrete; diese Schatten gefallen mir so sehr, daß ich gern mein Leben darunter hinbringen würde. Ich bin der Zimmer etwas müde, in Zimmern empfängt man mich seit fünfzehn Jahren, mich, die ich nur die Luft, den Schatten und den Wohlgeruch der Blumen liebe.«

Dann sich an Andrée wendend:

»Mein Fräulein, Sie werden mir wohl unter diese schönen Bäume eine Tasse Milch bringen lassen?«

»Eure Hoheit,« sprach der Baron erbleichend, »wie sollte man es wagen, Ihnen einen so traurigen Imbiß anzubieten?«

»Es ist mit frischen Eiern eine Liebhaberei von mir. Frische Eier und Milchwerk waren meine Festmahle in Schönbrunn.«

Plötzlich erschien La Brie, strahlend und von Stolz aufgeblasen, unter einer prächtigen Livree, eine Serviette in der Faust, vor einer Jasminlaube, nach deren Schatten es die Dauphine seit einigen Augenblicken zu gelüsten schien.

»Ihre Hoheit ist bedient,« sprach er mit einer unbeschreiblichen Mischung von würdevollem Ausdruck und Ehrfurcht.

»Oh! es scheint, ich bin bei einem Zauberer,« rief lachend die Prinzessin.

Und sie eilte mit hastigen Schritten nach der duftenden Laube.

Aeußerst unruhig vergaß der Baron die Etiquette, trennte sich von der Seite des schwarz gekleideten Herrn und lief der Dauphine nach.

Philipp und Andrée schauten sich mit einer Mischung von Erstaunen und Bangigkeit an, wobei übrigens die Bangigkeit vorherrschend war.

Als die Dauphine unter die grünen Bögen gelangte, stieß sie einen Schrei des Erstaunens aus.

Der Baron, der hinter ihr kam, gab einen Seufzer der Befriedigung von sich.

Andrée ließ ihre Hände mit einer Miene fallen, welche bezeichnete:

»Mein Gott! was soll das bedeuten?«

Die junge Dauphine sah aus einem Winkel ihres Auges diese ganze Pantomime: sie besaß einen Geist, der fähig war, solche Geheimnisse zu begreifen, wenn ihr Herz sie dieselben nicht schon hatte errathen lassen.

Unter dem Geschlinge von Jasmin, blühendem Geisblatt und Waldreben, deren knotige Stämme tausend dichte Zweige trieben, stand eine ovale Tafel bereit glänzend sowohl durch den Schimmer der Damastleinwand, die sie bedeckte, als auch durch das Geschirr von ciselirtem Vermeil, das wiederum die Leinwand bedeckte.

Zehn Gedecke erwarteten zehn Gäste.

Ein ausgesuchter, aber seltsam zusammengesetzter Imbiß fesselte von Anfang an die Blicke der Dauphine.

Es waren erotische Früchte in Zucker eingemacht, Confituren aus allen Ländern, Zwiebacke aus Alep, Orangen von Malta, Limonen und Cedrats von einer unerhörten Größe, und Alles dies ruhte auf weiten Schalen. Die reichsten Weine der Farbe nach, die edelsten dem Ursprunge nach, funkelten in allen Nuancen von Rubin und Topas in vier bewunderungswürdigen, in Persien geschnittenen und gravirten Caraffen.

Die Milch, welche die Dauphine verlangt hatte, füllte eine Kanne von Vermeil.

Die Dauphine schaute umher und erblickte unter ihren Wirthen nur bleiche, bestürzte Gesichter.

Die Leute vom Gefolge bewunderten und ergötzten sich, ohne zu begreifen, aber auch ohne daß sie zu begreifen suchten.

»Sie erwarteten mich also, mein Herr?« fragte die Dauphine den Baron von Taverney.

»Ich, Madame?« stammelte dieser.

»Allerdings; in zehn Minuten trifft man keine solche Vorbereitungen, und ich bin erst seit zehn Minuten bei Ihnen.«

Sie vollendete ihren Satz dadurch, daß sie La Brie anschaute, was sagen wollte:

»Besonders wenn man einen einzigen Bedienten hat.«

»Madame,« antwortete der Baron, »ich erwartete wirklich Eure Königliche Hoheit, oder vielmehr, ich war von Ihrer Ankunft benachrichtigt.«

Die Dauphine wandte sich gegen Philipp und fragte:

»Hatte Ihnen der Herr denn geschrieben?«

»Nein, Madame.«

»Niemand wußte, daß ich bei Ihnen anhalten sollte, mein Herr, nicht einmal ich selbst, möchte ich beinahe sagen, denn ich verbarg mir meinen Wunsch, um nicht hier die Beschwerde zu veranlassen, die ich veranlasse, und ich sprach erst in der vergangenen Nacht davon mit Ihrem Herrn Sohn, der noch vor einer Stunde bei mir war und nur einige Minuten vor mir ankommen konnte.«

»In der That, Madame, kaum eine Viertelstunde.«

»Dann hat Ihnen dies irgend eine Fee enthüllt, etwa die Pathin des Fräuleins,« fügte die Dauphine bei und schaute lächelnd Andrée an.

»Madame,« sprach der Baron, der Prinzessin einen Stuhl anbietend, »nicht eine Fee hat mich von diesem Glücke benachrichtigt, sondern  . . .«

»Sondern?« wiederholte die Prinzessin, als sie den Baron zögern sah.

»Meiner Treue! ein Zauberer!«

»Ein Zauberer! wie dies?«

»Ich weiß es nicht, denn ich mische mich nicht in die Zauberei, aber ihm, Madame, habe ich es zu verdanken, daß ich Eure Königliche Hoheit ziemlich anständig empfangen kann,« sagte der Baron.

»Dann können wir nichts berühren,« sprach die Dauphine, »da der Imbiß, den wir vor uns haben, das Werk der Hererei ist, und Seine Eminenz beeilte sich zu sehr, diese Straßburger Pastete zu öffnen, von der wir sicherlich nichts essen werden,« fügte sie bei, indem sie sich an den schwarz gekleideten Herrn wandte. »Und Sie, meine liebe Freundin,« sprach sie zu ihrer Hofmeisterin, »mißtrauen Sie diesem Cyperwein und machen Sie es wie ich.«

Bei diesen Worten goß die Prinzessin aus einer kugelrunden Caraffe mit kurzem Halse Wasser in einen goldenen Becher.

»In der That,« sprach Andrée mit einem gewissen Schrecken, »in der That, Ihre Hoheit hat vielleicht Recht.«

Philipp zitterte vor Erstaunen; er wußte nicht, was am Tage vorher vorgefallen war, schaute abwechselnd seinen Vater und seine Schwester an, und suchte aus ihren Blicken zu errathen, was sie selbst nicht erriethen.

»Das ist gegen die Dogmen, und der Herr Cardinal ist im Begriff zu sündigen,« sagte die Dauphine.

»Madame,« entgegnete der Prälat, »wir sind zu weltlich, wir Kirchenfürsten, um an den himmlischen Zorn in Beziehung auf Victualien zu glauben, und zu menschlich besonders, um brave Hexenmeister zu verbrennen, die uns mit so guten Dingen füttern.«

»Scherzen Sie nicht, Monseigneur,« sagte der Baron. »Ich schwöre Eurer Eminenz, daß der Urheber von Allem dem ein wahrer Hexenmeister ist, der mir erst vor einer Stunde die Ankunft Ihrer Königlichen Hoheit und die meines Sohnes prophezeit hat.«

»Erst vor einer Stunde!« fragte die Dauphine.

»Ja, höchstens.«

»Und seit einer Stunde haben Sie Zeit gehabt, diesen Tisch bestellen zu lassen, die vier Welttheile in Contribution zu setzen, um diese Früchte zu vereinigen, diese Weine von Tockai, von Constantia, Cypern und Malaga herbeizuschaffen? In diesem Fall mein Herr sind Sie mehr Hexenmeister, als Ihr Hexenmeister.«

»Nein Madame, er ist es, und immer er.«

»Wie! immer er?«

»Ja, er hat diese Tafel, so wie sie ist, aus der Erde hervorspringen lassen!«

»Ihr Wort, mein Herr?« fragte die Prinzessin.

»So wahr ich ein Edelmann bin!« antwortete der Baron.

»Ah bah!« rief der Cardinal mit dem ernsthaftesten Tone und verließ seinen Teller; »ich glaubte, Sie scherzten.«

»Nein, Eure Eminenz.«

»Sie haben einen Zauberer bei sich, einen wahren Zauberer?«

»Einen wahren Zauberer!  . . . und ich würde nicht staunen, wenn das Gold aus dem dieses Geschirr besteht, von seiner Schöpfung wäre.«

»Sollte er den Stein der Weisen kennen!« rief der Cardinal, die Augen glänzend vor Begierde.

»Oh! wie das den Herrn Cardinal entzückt, der ihn sein ganzes Leben gesucht hat, ohne ihn finden zu können,« sprach die Prinzessin.

»Ich gestehe Eurer Hoheit,« erwiederte die weltliche Eminenz, »daß ich nichts ansprechender finde, als die übernatürlichen Dinge, nichts interessanter, als die unmöglichen Dinge.«

»Ah! es scheint, ich habe die verwundbare Stelle berührt,« sagte die Dauphine; »jeder große Mann hat seine Geheimnisse, besonders wenn er Diplomat ist. Ich mache Sie darauf aufmerksam, Herr Cardinal, ich bin ebenfalls sehr stark in der Zauberei und errathe zuweilen, wenn nicht unmögliche, wenn nicht übernatürliche, doch wenigstens . . . unglaubliche Dinge.«

Das war ohne Zweifel ein nur für den Cardinal allein begreifliches Räthsel, denn er zeigte sich sichtbar verlegen. Allerdings hatte sich das so sanfte Auge der Dauphine, während sie mit ihm sprach, von einem jener Blitze entzündet, welche bei ihr einen inneren Sturm ankündigten.

Es erschien jedoch nur der Blitz allein, nichts donnerte. Die Dauphine bewältigte sich und fuhr fort:

»Hören Sie, Herr von Taverney, um das Fest vollständig zu machen, zeigen Sie uns Ihren Zauberer. Wo ist er? in welche Schachtel haben Sie ihn gesteckt?«

»Madame,« antwortete der Baron, »er würde eher mich und mein Haus in eine Schachtel stecken.«

»In der That, Sie reizen meine Neugierde,« sagte Marie Antoinette, »ich will ihn durchaus sehen.«

Der Ton, in welchem diese Worte ausgesprochen wurden, ließ, obgleich er den Zauber behielt, den Marie Antoinette ihren Worten zu geben wußte, keine Erwiederung zu. Der Baron, der mit seinem Sohne und seiner Tochter stehen geblieben war, um die Dauphine zu bedienen, begriff dies vollkommen. Er machte La Brie ein Zeichen, der statt zu bedienen, die erhabenen Gäste anschaute und sich durch dieses Anschauen für zwanzig Jahre rückständigen Lohnes bezahlt zu machen schien.

»Benachrichte den Herrn Baron Joseph Balsamo,« sagte der Baron Taverney zu seinem Diener, »daß Ihre Königliche Hoheit die Frau Dauphine ihn zu sehen wünsche.«

La Brie entfernte sich.

»Joseph Balsamo!« sprach die Dauphine; »was für ein sonderbarer Name ist das?«

»Joseph Balsamo!« wiederholte träumerisch der Cardinal; »mir scheint, ich kenne diesen Namen.«

Es verliefen fünf Minuten, ohne daß Jemand daran dachte, das Stillschweigen zu brechen.

Plötzlich bebte Andrée: sie hörte lange, ehe es für die anderen Ohren merkbar war, einen Tritt, der unter der Laube herbeikam.

Die Zweige schoben sich auseinander, und Joseph Balsamo erschien gerade vor Marie Antoinette.




XV.

Magie


Balsamo verbeugte sich ehrfurchtsvoll, doch beinahe in demselben Augenblick erhob er wieder seinen geistreichen, ausdrucksvollen Kopf, heftete, obgleich mit Achtung, seinen klaren Blick auf die Dauphine und erwartete stillschweigend, was sie ihn fragen würde.

»Wenn Sie es sind, von dem Herr von Taverney gesprochen hat,« sagte Marie Antoinette, »so nähern Sie sich, mein Herr, damit wir sehen können, wie ein Zauberer beschaffen ist.«








Balsamo machte noch einen Schritt und verbeugte sich zum zweiten Male.

»Sie treiben das Gewerbe des Wahrsagens, mein Herr,« sprach die Dauphine, und schaute Balsamo mit einer vielleicht größeren Neugierde an, als sie ihm hatte zugestehen wollen, während sie in kleinen Schlucken ihre Milch trank.

»Ich treibe kein Gewerbe damit, Madame, aber ich weissage,« entgegnete Balsamo.

»Wir sind in einem erleuchteten Glauben erzogen worden,« sprach die Dauphine, »und die einzigen Geheimnisse, denen wir Vertrauen schenken, sind die Geheimnisse der katholischen Religion.«

»Diese sind allerdings ehrwürdig,« versetzte Balsamo mit tiefem Ernste. »Aber hier ist der Herr Cardinal von Rohan, der Eurer Hoheit, obgleich ein Kirchenfürst, sagen wird, daß dies nicht die einzigen Geheimnisse sind, welche Achtung verdienen.«

Der Cardinal bebte, er hatte seinen Namen Niemand genannt, Niemand hatte ihn ausgesprochen, und dennoch kannte ihn der Fremde.

Marie Antoinette schien diesen Umstand nicht zu bemerken und fuhr fort:

»Sie werden wenigstens gestehen, mein Herr, daß es die einzigen sind, die man nicht bestreitet.«

»Madame,« entgegnete Balsamo mit derselben Achtung, aber auch mit derselben Festigkeit, »neben dem Glauben ist die Gewißheit.«

»Sie sprechen ein wenig dunkel, mein Herr Zauberer; ich bin eine gute Französin dem Herzen, aber noch nicht dem Geiste nach, und ich begreife die Feinheiten der Sprache nicht sehr gut: es ist nicht zu leugnen, man hat mir gesagt, Herr von Bièvre werde mich Alles dies lehren. Doch mittlerweile bin ich genöthigt, Sie zu bitten, minder räthselhaft zu sein, wenn ich Sie verstehen soll.«

»Und ich,« sprach Balsamo mit einem schwermüthigen Lächeln den Kopf schüttelnd, »ich bitte Eure Hoheit um Erlaubniß, dunkel bleiben zu dürfen. Es wäre mir zu peinlich, einer so großen Fürstin eine Zukunft enthüllen zu müssen, die vielleicht nicht ihren Hoffnungen entsprechen dürfte.«

»Oh! oh! das ist ernst,« versetzte Marie Antoinette; »der Herr will wohl meine Neugierde reizen, in der Hoffnung, ich werde von ihm verlangen, daß er mir wahrsage.«

»Gott behüte mich im Gegentheil, daß ich dazu gezwungen werde,« sagte Balsamo mit kaltem Tone. »Ja, nicht wahr?« sprach die Dauphine lachend; »denn das würde Sie sehr in Verlegenheit setzen.«

Doch das Lachen der Dauphine erlosch, ohne daß das Lachen irgend eines Höflings ein Echo dazu gab. Jedermann unterlag dem Einflusse des seltsamen Mannes, der in diesem Augenblick den Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit bildete.

»Gestehen Sie es offenherzig,« sagte die Dauphine.

Balsamo verbeugte sich ohne zu antworten.

»Sie haben doch meine Ankunft Herrn von Taverney vorhergesagt?« fuhr Marie Antoinette mit einer leichten Bewegung der Ungeduld fort.

»Ja, Madame, ich.«

»Wie dies, Baron?« fragte die Dauphine, welche allmälig das Bedürfniß fühlte, eine andere Stimme sich in das Gespräch mischen zu hören, das sie unternommen zu haben vielleicht bedauerte, aber dennoch nicht aufgeben wollte.

»Oh! mein Gott, Madame, auf die einfachste Weise, indem er in ein Glas Wasser schaute,« antwortete der Baron.

»Ist das wahr?« fragte die Dauphine, zu Balsamo zurückkehrend.

»Ja, Madame,« sagte dieser.

»Das ist Ihr Zauberbuch, es ist wenigstens unschuldig  . . . möchten Ihre Worte ebenso klar sein!«

Der Cardinal lächelte.

Der Baron näherte sich und sprach:

»Die Frau Dauphine wird von Herrn von Bièvre nichts zu lernen haben.«

»Oh! mein lieber Wirth,« rief die Dauphine heiter, »schmeicheln Sie mir nicht, oder schmeicheln Sie mir besser, ich habe etwas ziemlich Mittelmäßiges gesagt, wie mir scheint. Kehren wir zu dem Herrn zurück.«

Und Marie Antoinette wandte sich gegen Balsamo um, zudem sie eine unwiderstehliche Macht hinzuziehen schien, wie es uns zuweilen nach einem Orte hinzieht, wo uns irgend ein Unglück erwartet.

»Könnten Sie, da Sie die Zukunft für diesen Herrn in einem Glase Wasser gelesen haben, für mich nicht in einer Caraffe lesen?«

»Vollkommen, Madame.«

»Warum weigerten Sie sich so eben?«

»Weil die Zukunft unsicher ist, Madame, und wenn ich darin eine Wolke sehen würde  . . .«

Balsamo schwieg.

»Nun?« fragte die Dauphine.

»Nun, es wäre mir, wie ich bereits zu sagen die Ehre gehabt habe, schmerzlich, Eure Königliche Hoheit zu betrüben.«

»Sie kennen mich schon, oder sehen Sie mich zum ersten Male?«

»Ich habe die Ehre gehabt, Eure Königliche Hoheit noch als Kind in ihrem Geburtslande bei Ihrer erhabenen Mutter zu sehen.«

»Sie haben meine Mutter gesehen?«

»Ich habe diese Ehre gehabt; es ist eine erhabene, mächtige Königin.«

»Kaiserin, mein Herr.«

»Ich wollte sagen Königin dem Herzen und dem Geiste nach, und dennoch  . . .«

»Ausstellungen, mein Herr, und zwar in Beziehung auf meine Mutter!« sagte die Dauphine mit Verachtung.

»Die größten Herzen haben Schwächen, Madame, besonders wenn sie glauben, es handle sich um das Glück ihrer Kinder.«

»Die Geschichte wird hoffentlich keine einzige Schwäche bei Maria Theresia nachweisen.«

»Weil die Geschichte nicht erfahren wird, was nur der Kaiserin Maria Theresia, Eurer Königlichen Hoheit und mir bekannt ist.«

»Wir Drei haben mit einander ein Geheimniß, mein Herr,« versetzte die Dauphine verächtlich lächelnd.

»Ja, wir Drei, Madame,« antwortete Balsamo ruhig, »ja, wir Drei.«

»Lassen Sie dieses Geheimniß hören, mein Herr.«

»Wenn ich es sage, ist es keines mehr.«

»Gleichviel, sprechen Sie immerhin.«

»Eure Hoheit wünscht es?«

»Ich will es.«

Balsamo verbeugte sich und sprach:

»In dem Palaste von Schönbrunn ist ein Cabinet, das man das sächsische nennt, wegen der herrlichen Porzellanvasen, die es enthält.«

»Ja,« sagte die Dauphine, »weiter?«

»Dieses Cabinet bildet einen Theil der Privatwohnung Ihrer Majestät der Kaiserin Maria Theresia.«

»Ja.«

»In diesem Cabinet führt sie gewöhnlich ihre vertrauliche Correspondenz.«

»Ja.«

»Auf einem herrlichen Schreibtisch von Boule[8 - Boule, 1732 in sehr dürftigen Umständen in Paris gestorben, berühmt wegen seiner Fertigkeit, in Holz zu schneiden. Der Uebers.], der dem Kaiscr Franz I. von König Ludwig XV. geschenkt wurde.«

»Bis dahin ist Alles wahr, was Sie sagen, mein Herr, doch Jedermann kann dies wissen.«

»Eure Hoheit wolle Geduld fassen. Eines Tags, es war Morgens gegen sieben Uhr und die Kaiserin noch nicht aufgestanden, trat Eure Hoheit in dieses Cabinet durch eine Thüre, die ihr ausschließlich gehörte, denn unter den erhabenen Töchtern Ihrer Majestät der Kaiserin war Euere Hoheit der Liebling.«

»Hernach, mein Herr?«

»Eure Hoheit näherte sich dem Schreibtisch. Eure Hoheit muß sich dessen erinnern, es ist gerade fünf Jahre her.«

»Fahren Sie fort.«

»Eure Hoheit näherte sich dem Schreibtisch, auf welchem ein offener Brief lag, den die Kaiserin am Tage vorher geschrieben hatte.«

»Nun?«

»Nun! Eure Hoheit las diesen Brief.«

Die Dauphine erröthete leicht.

»Und nachdem Sie ihn gelesen hatte, war Eure Hoheit ohne Zweifel unzufrieden über einige Ausdrücke; denn sie nahm die Feder und . . .«

Die Dauphine schien ängstlich zu warten, Balsamo fuhr fort:

»Und strich mit eigener Hand drei Worte aus.«

»Und diese drei Worte hießen?« rief die Dauphine lebhaft.

»Es waren die ersten des Briefes.«

»Ich frage Sie nicht nach dem Platze, wo sie standen, sondern was ihre Bedeutung gewesen?«

»Ohne Zweifel ein zu großer Beweis von Zuneigung für die Person, an die der Brief gerichtet war; deshalb die Schwäche, von der ich sagte, man habe Ihre erhabene Mutter wenigstens in einem Punkte derselben beschuldigen können.«

»Sie erinnern sich also dieser drei Worte?«

»Ich erinnere mich derselben.«

»Können Sie mir sie wiederholen?«

»Gewiß.«

»Wiederholen Sie die Worte,«

»Laut?«

»Ja.«

»Meine liebe Freundin.«

Marie Antoinette erbleichte und biß sich auf die Lippen.

»Soll ich Eurer Königlichen Hoheit nun sagen, an wen dieser Brief gerichtet war?« fragte Balsamo.

»Nein, aber Sie sollen es mir aufschreiben.«

Balsamo zog aus seiner Tasche eine Art von Denkbuch mit goldenem Schlosse, schrieb auf eines von seinen Blättern ein paar Worte mit einem Stifte von demselben Metalle, riß das Blatt heraus und reichte es, sich verbeugend, der Prinzessin.

Marie Antoinette nahm das Blatt, entfaltete und las es:

Der Brief war adressirt an die Geliebte von König Ludwig XV., an die Frau Marquise von Pompadour.

Die Dauphine erhob ihren erstaunten Blick auf diesen Mann mit den so bestimmten Worten, mit der so reinen und so wenig bewegten Stimme, welcher, obgleich sich tief verbeugend, sie zu beherrschen schien.

»Alles dies ist wahr, mein Herr,« sagte sie, »und obgleich ich nicht weiß, durch welches Mittel Sie diese Einzelnheit erkundet haben, so wiederhole ich doch, da ich nicht zu lügen verstehe: es ist wahr.«

»Dann erlaube mir Eure Hoheit, mich zurückzuziehen, und begnüge sich mit dieser unschuldigen Probe von meinem Wissen.«

»Nein, mein Herr,« versetzte die Dauphine gereizt, »je gelehrter Sie sind, desto mehr Werth lege ich auf meine Weissagung. Sie haben mir nur von der Vergangenheit gesprochen, und was ich von Ihnen fordere, ist die Zukunft.«

Die Prinzessin sprach diese paar Worte mit einer fieberhaften Aufregung, die sie vergebens vor ihren Zuhörern zu verbergen suchte.

»Ich bin bereit,« sagte Balsamo, »und dennoch bitte ich Eure Königliche Hoheit noch einmal, mich nicht zu bedrängen.«

»Ich habe nie zweimal wiederholt: Ich will es, und Sie werden sich erinnern, mein Herr, daß ich dies bereits einmal gesagt habe.«

»Lassen Sie mich wenigstens das Orakel befragen, Madame,« entgegnete Balsamo mit flehendem Tone. »Ich werde dann erfahren, ob ich die Wahrsagung Eurer Königlichen Hoheit enthüllen kann.«

»Mag sie schlecht oder gut sein, ich will sie wissen, hören Sie, mein Herr?« sprach Marie Antoinette mit wachsender Gereiztheit. »Ist sie gut, so glaube ich nicht daran und halte sie für eine Schmeichelei; ist sie schlecht, so werde ich sie als eine Warnung betrachten, und wie sie auch sein mag  . . . ich verspreche, daß ich Ihnen Dank dafür weiß. Fangen Sie also an.«

Die Prinzessin sprach diese Worte mit einem Tone, der weder Einwendung noch Zögerung zuließ.

Balsamo nahm die runde Caraffe mit dem kurzen, engen Hals, von der wir bereits gesprochen, und stellte sie auf eine goldene Schale.

So beleuchtet, strahlte das Wasser von falben Reflexen, welche, vermischt mit dem Perlmutter der Wände und dem Diamant des Mittelpunkts, den aufmerksamen Blicken des Wahrsagers eine Bedeutung zu bieten schienen.

Jeder schwieg.

Balsamo erhob in seinen Händen die krystallene Caraffe, betrachtete sie einen Augenblick aufmerksam und stellte sie wieder, den Kopf schüttelnd, auf den Tisch.

»Nun?« fragte die Dauphine.

»Ich kann nicht sprechen,« sagte Balsamo.

Das Gesicht der Prinzessin nahm einen Ausdruck an, der sichtbar bedeutete: »Sei unbesorgt; ich weiß, wie man diejenigen, welche schweigen wollen, sprechen macht.«

»Weil Sie mir nichts zu sagen haben?« entgegnete sie laut.

»Es gibt Dinge, die man den Fürsten nie sagen muß, Madame,« erwiederte Balsamo mit einem Tone, aus dem hervorging, daß er selbst den Befehlen der Dauphine zu widerstehen entschlossen war.

»Besonders,« sprach diese, »wenn die Dinge, ich wiederhole es, sich in das Wort nichts übersetzen.«

»Das ist es nicht, was mich zurückhält, Madame, im Gegentheil.«

Die Dauphine lächelte verächtlich.

Balsamo schien verlegen; der Cardinal fing an, ihm in das Gesicht zu lachen, und der Baron näherte sich brummend.

»Ah! Ah!« sagte er, »mein Zauberer ist bereits abgenutzt: das hat nicht lange gedauert. Wir brauchen nun nur noch alle diese goldenen Tassen sich in Rebenblätter verwandeln zusehen, wie in dem orientalischen Mährchen.«

»Einfache Rebenblätter wären mir lieber gewesen, als diese ganze Auskramung des Herrn, in der Absicht, mir vorgestellt zu werden,’« sagte Marie Antoinette.

»Madame,« entgegnete Balsamo äußerst bleich, »wollen Sie sich gnädigst erinnern, daß ich diese Ehre nicht nachgesucht habe.«

»Ei! mein Herr, es war nicht schwer zu errathen, daß ich Sie zu sehen verlangen würde.«

»Verzeihen Sie, Madame, er glaubte gut zu handeln,« sprach Andrée mit leiser Stimme.

»Und ich sage Ihnen, daß er Unrecht gehabt hat,« entgegnete die Prinzessin so, daß sie nur von Balsamo und Andrée gehört werden konnte. »Man erhebt sich nicht dadurch, daß man einen Greis demüthigt; und wenn sie aus dem zinnernen Becher eines Edelmanns trinken kann, so nöthigt man eine Dauphine von Frankreich nicht, aus dem goldenen Pokale eines Charlatan zu trinken.«

Balsamo fuhr schauernd auf, als ob ihn eine Schlange gebissen hätte, und sprach mit bebender Stimme:

»Madame, ich bin bereit, Sie mit Ihrem Schicksal bekannt zu machen, da Sie Ihre Verblendung dasselbe wissen zu wollen antreibt.«

Balsamo sprach diese Worte mit einem so festen und zugleich so drohenden Tone, daß die Anwesenden eine eisige Kälte ihre Adern durchlaufen fühlten.

Die junge Erzherzogin erbleichte sichtbar.

»Geben Sie ihm kein Gehör, meine Tochter,« sprach deutsch die alte Dame zu Marie Antoinette.

»Lassen Sie Ihre Hoheit hören, sie hat wissen wollen, und so soll sie wissen,« versetzte Balsamo in derselben Sprache.

Diese Worte, in einem fremden Idiom gesprochen, das nur einige Personen verstanden, machte die Lage der Dinge noch geheimnisvoller.

»Vorwärts,« sagte die Dauphine, den Versuchen ihrer alten Hofmeisterin widerstehend, »vorwärts, er spreche. Wenn ich ihn nun schweigen hieße, so würde er glauben, ich habe Furcht.«

Balsamo hörte diese Worte und ein düsteres, aber flüchtiges Lächeln schwebte über seine Lippen.

»Es ist, wie ich sagte,« murmelte er, »ein prahlerischer Muth.«

»Sprechen Sie,« rief die Dauphine, »sprechen Sie, mein Herr.«

»Eure Hoheit verlangt also immer noch, daß ich spreche.«

»Ich gehe nie von einer Entscheidung ab.«

»Doch zu Ihnen allein, Madame.«

»Es sei,« sagte die Dauphine, »ich will ihn in seine letzte Verschanzung zurückdrängen. Entfernen Sie sich.«

Und auf ein Zeichen, welches begreiflich machte, daß der Befehl allgemein war, zog sich Jedermann zurück.

»Das ist ein Mittel wie irgend ein anderes, um eine Privataudienz zu erhalten, nicht wahr, mein Herr?« sagte die Dauphine, sich gegen Balsamo umwendend.

»Suchen Sie mich nicht zu reizen, Madame,« versetzte der Fremde; »ich bin nichts als ein Werkzeug, dessen sich Gott bedient, um Sie zu erleuchten. Beleidigen Sie das Glück, es wird Ihnen zurückgeben, denn es weiß sich wohl zu rächen. Ich übersetze nur seine Launen. Lassen Sie also nicht mehr auf mir den Zorn lasten, der bei Ihnen von meinem Zögern herrührt, als Sie mich die Mißgeschicke bezahlen lassen werden, deren unseliger Herold ich nur bin.«

»Es scheint also, es sind Mißgeschicke?« versetzte die Dauphine, besänftigt durch den ehrfurchtsvollen Ausdruck von Balsamo und entwaffnet durch seine scheinbare Resignation.

»Ja, Madame, und zwar sehr große Mißgeschicke.«

»Nennen Sie mir alle.«

»Ich werde es versuchen.«

»Nun?«

»Fragen Sie mich.«

»Vor Allem: wird meine Familie glücklich leben?«

»Welche? diejenige, welche Sie verlassen, oder diejenige, welche Sie erwartet?«

»Oh! meine wahre Familie, meine Mutter Maria Theresia, mein Bruder Joseph, meine Schwester Caroline.«

»Ihr Unglück wird sie nicht berühren.«

»Dieses Unglück betrifft also mich persönlich?«

»Sie und Ihre neue Familie.«

Können Sie mich über dieses Unglück erleuchten?«

»Ich kann es.«

»Die königliche Familie besteht aus drei Prinzen?«

»Ja«

»Dem Herzog von Berry, dem Grafen von Provence und dem Grafen von Artois.«

»Ganz richtig.«

»Was wird das Schicksal dieser drei Prinzen sein?«

»Sie werden alle drei regieren.«

»Ich werde also keine Kinder haben?«

»Sie werden haben.«

»Dann sind es also keine Söhne?«

»Es sind Söhne unter den Kindern, die Sie haben werden«

»Es wird mich folglich der Schmerz treffen, sie sterben zu sehen?«

»Sie werden beklagen, daß der Eine todt ist, Sie werden beklagen, daß der Andere lebt.«

»Wird mich mein Gemahl lieben?«

»Er wird Sie lieben.«

»Sehr?«

»Zu sehr!«

»Doch ich frage Sie, welches Unglück kann mich bei der Liebe meines Gemahls und der Unterstützung meiner Familie treffen?«

»Der eine und die andere werden Ihnen fehlen.«

»Dann bleibt mir die Liebe und die Unterstützung des Volkes.«

»Die Liebe und Unterstützung des Volkes!  . . . das ist der Ocean während der Windstille  . . . Haben Sie den Ocean während eines Sturmes gesehen, Madame?«

»Indem ich das Gute thue, hindere ich den Sturm, sich zu erheben, oder wenn er sich erhebt, erhebe ich mich mit ihm.«

»Je höher die Welle ist, desto tiefer ist der Abgrund, den sie aushöhlt.«

»Gott wird mir bleiben.«

»Gott beschützt die Häupter nicht, die er selbst verurtheilt hat.«

»Was sagen Sie da, mein Herr? Werde ich nicht Königin sein?«

»Im Gegentheil, Madame, möchte es dem Himmel gefallen, daß Sie es nicht würden!«

Die junge Frau lächelte verächtlich.

»Hören Sie, Madame, und erinnern Sie sich,« sprach Balsamo.

»Ich höre,« versetzte die Dauphine.

»Haben Sie die Tapete des ersten Zimmers, in welchem Sie bei Ihrer Ankunft in Frankreich schliefen, wahrgenommen?« fuhr der Prophet fort.

»Ja, mein Herr,« antwortete die Dauphine schauernd.

»Was stellte diese Tapete vor?«

»Eine Niedermetzelung, die der unschuldigen Kinder.«

»Gestehen Sie, daß die schreckensvollen Gesichter der Metzeler Eurer Königlichen Hoheit im Gedächtniß geblieben sind?«

»Ich gestehe es, mein Herr.«

»Haben Sie während des Sturmes nichts bemerkt?«

»Der Blitz schlug zu meiner Linken in einen Baum, der beim Fallen beinahe meinen Wagen zerschmetterte.«

»Das sind Vorzeichen,« sprach Balsamo mit düsterem Tone.

»Traurige Vorzeichen?«

»Mir scheint, es wäre schwer, sie anders zu deuten.«

Die Dauphine ließ ihr Haupt auf ihre Brust sinken, erhob es jedoch nach einem Augenblicke des Nachdenkens und Stillschweigens wieder und fragte:

»Wie wird mein Gemahl sterben?«

»Ohne Kopf.«

»Wie wird der Graf von Provence sterben?«

»Ohne Beine.«

»Wie wird der Graf von Artois sterben?«

»Ohne Hof.«

»Und ich?«

Balsamo schüttelte den Kopf.

»Sprechen Sie,« rief die Dauphine, »sprechen Sie.«

»Ich habe nichts mehr zu sagen.«

»Aber ich will, daß Sie sprechen!« rief Marie Antoinette bebend.

»Haben Sie Mitleid, Madame!«

»Oh! sprechen Sie!«

»Nie, Madame, nie! . . .«

»Sprechen Sie, mein Herr,« sagte Marie Antoinette mit drohendem Tone; »sprechen Sie, oder ich sage, daß Alles dies nur eine lächerliche Komödie ist. Und nehmen Sie sich wohl in Acht, man spielt nicht so mit einer Tochter von Maria Theresia, mit einer Frau, die das Leben von dreißig Millionen Menschen in ihren Händen hält.«

Balsamo blieb stumm.

»Ah! Sie wissen nicht mehr,« sagte die Prinzessin verächtlich die Achseln zuckend, »oder vielmehr, Ihre Einbildungskraft ist erschöpft.«

»Ich weiß Alles, sage ich Ihnen, Madame,« versetzte Balsamo, »und da Sie es durchaus wollen . . .«

»Ja, ich will es.«

Balsamo nahm die Caraffe, welche immer noch auf der goldenen Schale stand, und stellte sie in eine düstere Vertiefung der Laube, wo einige scheinbare Felsen eine Grotte bildeten. Dann ergriff er die Erzherzogin bei der Hand und zog sie unter den schwarzen Schatten des Gewölbes.

»Sind Sie bereit?« sagte er zu der Prinzessin, welche diese heftige Handlung beinahe erschreckt hatte.

»Ja.«

»So knieen Sie nieder, knieen Sie nieder, und Sie werden in der geeigneten Stellung sein, um Gott zu bitten, er möge Ihnen die furchtbare Entwickelung ersparen, die Sie sehen werden.«

Die Dauphine gehorchte maschinenmäßig und ließ sich auf ihre Kniee nieder.

Balsamo berührte mit seinem Stäbchen die krystallene Kugel, in der sich ohne Zweifel irgend eine düstere, furchtbare Gestalt hervorhob.

Die Dauphine versuchte es, aufzustehen, wankte einen Augenblick, fiel zurück, stieß einen furchtbaren Schrei aus und wurde ohnmächtig.

Der Baron lief herbei, die Prinzessin war ohne Bewußtsein.

Nach einigen Minuten kam sie wieder zu sich.

Sie fuhr mit ihren Händen über die Stirne, wie es eine Person thut, die ihre Erinnerungen zu sammeln sucht.

Dann rief sie plötzlich mit einem Ausdruck unbeschreiblichen Schreckens:

»Die Caraffe! die Caraffe!«

Der Baron bot sie ihr, das Wasser war durchsichtig und ohne einen einzigen Flecken.

Balsamo war verschwunden.




XVI.

Der Baron von Taverney erlaubt endlich eine kleine Ecke der Zukunft im Helldunkel zu erblicken


Der Erste, der die Ohnmacht der Frau Dauphine bemerkte, war, wie gesagt, der Baron von Taverney; er stand auf der Lauer, unruhiger, als irgend Jemand, übe r das, was zwischen ihr und dem Zauberer Vorgehen würde. Er hatte den Schrei gehört, den Ihre Königliche Hoheit ausgestoßen, er hatte gesehen, wie Balsamo aus dem Gebüsche stürzte, und war herbeigelaufen.

Mit dem ersten Worte hieß die Prinzessin ihr die Caraffe zeigen, mit dem zweiten hieß sie dem Zauberer nichts Böses zufügen. Es war Zeit, dieses Gebot ergehen zu lassen: Philipp von Taverney stürzte schon wie ein gereizter Löwe auf seiner Spur fort, als die Stimme der Dauphine ihn zurückhielt.

Da näherte sich ihre Ehrendame ebenfalls und befragte sie deutsch; auf alle ihre Fragen antwortete sie jedoch nichts, wenn nicht, daß sich Balsamo durchaus nicht gegen die Achtung verfehlt habe; aber, ohne Zweifel angestrengt durch den langen Weg und den Sturm am vorhergehenden Tage, sei sie von einem nervösen Fieber befallen worden.

Diese Antworten wurden Herrn von Rohan übersetzt, der Erläuterungen erwartete, aber keine Frage zu machen wagte.

Bei Hofe begnügt man sich mit einer halben Antwort; die der Dauphine befriedigte nicht, schien aber Jedermann zu befriedigen. Hienach näherte sich Philipp und sprach:

»Madame, um den Befehlen Eurer Königlichen Hoheit zu gehorchen, komme ich zu meinem großen Bedauern und erinnere sie daran, daß die halbe Stunde, die sie sich hier aufzuhalten gedachte, abgelaufen ist und daß die Pferde bereit stehen.«

»Gut, mein Herr,« sagte sie mit einer reizenden Geberde kränklicher Nachlässigkeit, »doch ich gehe von meinem ersten Plane ab. Ich bin unfähig, in diesem Augenblick abzureisen  . . . Es scheint mir, ein paar Stunden Schlaf und Ruhe würden mich wiederherstellen.«

Der Baron erbleichte. Andrée schaute ihren Vater ängstlich an.

»Eure Hoheit weiß, wie sehr ein Lager in diesem Hause ihrer unwürdig ist,« stammelte der Baron von Taverney.

»Oh! ich bitte Sie, mein Herr,« antwortete die Dauphine mit dem Tone einer Frau, welche einer Ohnmacht nahe ist, »Alles wird gut sein, wenn ich nur ruhe.«

Andrée verschwand sogleich, um ihr Zimmer bereit halten zu lassen. Es war nicht das größte, es war vielleicht auch nicht das geschmückteste, aber in dem Zimmer eines aristokratischen Mädchens, wie Andrée, und sollte es auch arm sein, wie es Andrée war, findet sich immer etwas Zierliches, das den Blick einer andern Frau erfreut.

Jeder beeiferte sich nun um die Dauphine, doch sie machte ein Zeichen mit der Hand, als hätte sie nicht die Kraft zu sprechen, als wünschte sie allein zu sein.

Da entfernte sich Jedermann zum zweiten Male.

Marie Antoinette folgte Allen mit den Augen, bis der letzte Flügel eines Frackes und die letzte Schleppe eines Frauenkleides verschwunden waren; dann ließ sie träumerisch ihr bleiches Haupt auf ihre Hand fallen.

Waren es nicht in der That gräßliche Weissagungen, die sie in Frankreich begleiteten? Das Zimmer, wo sie in Straßburg angehalten, das erste, in welches sie den Fuß auf den Boden setzte, wo sie Königin sein sollte, dieses Zimmer, dessen Tapete die Niedermetzelung der unschuldigen Kinder darstellte; der Sturm, der am Abend zuvor einen Baum in der Nahe ihres Wagens zerschmettert hatte, und endlich die Weissagungen eines so außerordentlichen Mannes, worauf die mystische Erscheinung folgte, deren Geheimniß Niemand zu enthüllen die Dauphine entschlossen schien!

Nach Verlauf von zehn Minuten kehrte Andrée zurück. Sie beabsichtigte, zu melden, das Zimmer sei bereit. Man dachte nicht, das Verbot der Prinzessin erstrecke sich auch auf sie, und sie konnte unter die Laube dringen.

Sie blieb einige Augenblicke vor der Prinzessin stehen und wagte es nicht, zu sprechen, so sehr schien Ihre Königliche Hoheit in eine tiefe Träumerei versunken.

Endlich erhob Marie Antoinette das Haupt und machte mit der Hand Andrée ein Zeichen.

»Das Zimmer Ihrer Hoheit ist bereit,« sagte diese; »nur bitten wir sie  . . .«

Die Dauphine ließ das Mädchen nicht vollenden.

»Großen Dank, mein Fräulein,« sprach sie. »Ich bitte, rufen Sie die Gräfin Langershausen und dienen Sie uns als Führerin.«

Andrée gehorchte; die alte Ehrendame kam eilig herbei.

»Geben Sie mir den Arm, meine gute Brigitte, denn in der That, ich fühle mich nicht kräftig genug, um allein zu gehen,« sagte die Dauphine deutsch.

Die Gräfin gehorchte. Andrée machte eine Bewegung, sie zu unterstützen.

»Verstehen Sie denn Deutsch, mein Fräulein?« fragte Marie Antoinette.

»Ja, Madame, und ich spreche sogar ein wenig,« antwortete Andrée deutsch.

»Vortrefflich« rief die Dauphine voll Freude. »Oh! wie das gut mit meinen Plänen übereinstimmt.«

Andrée wagte es nicht, ihren Gast nach diesen Plänen zu fragen, trotz ihres Verlangens, dieselben kennen zu lernen.

Die Dauphine stützte sich auf den Arm von Frau von Langershausen und ging mit kleinen Schritten vorwärts. Ihre Kniee schienen unter ihr zu weichen.

Als sie aus dem Gebüsche hervorkam, hörte sie die Stimme von Herrn von Rohan, welcher sagte:

»Wie, Herr von Stainville, trotz des Verbotes dringen Sie darauf, mit Ihrer Königlichen Hoheit zu sprechen?«

»Es muß sein,« antwortete mit festem Tone der Gouverneur, »und ich bin überzeugt, sie wird mir vergeben.«

»In der That, mein Herr, ich weiß nicht, ob ich soll  . . .«

»Laßen Sie unsern Gouverneur vor, Herr von Rohan,« sagte die Dauphine, mitten in der Oeffnung des Gebüsches wie unter einem grünen Bogen erscheinend; »kommen Sie, Herr von Stainville.«

Jedermann verbeugte sich vor dem Befehle von Marie Antoinette, und man trat bei Seite, um den Schwager des allmächtigen Ministers, der damals ganz Frankreich regierte, vorbeizulassen.

Herr von Stainville schaute umher, als forderte er eine geheime Unterredung. Marie Antoinette begriff, daß der Gouverneur ihr etwas allein zu sagen hatte; doch ehe sie nur den Wunsch geäußert, mit ihm unter vier Augen zu sein, hatte sich Jeder entfernt.

»Depeche von Versailles, Madame,« sagte mit halber Stimme Herr von Stainville und überreichte der Dauphine einen Brief, den er bis jetzt unter seinem gestickten Hute verborgen gehalten hatte.

Die Dauphine nahm ihn und las auf dem Umschlag:

»An den Herrn Baron von Stainville, Gouverneur von Straßburg.«

»Der Brief ist nicht für mich, sondern für Sie, mein Herr,« sagte sie, »entsiegeln Sie ihn und lesen Sie ihn mir vor, wenn er überhaupt etwas enthält, was mich interessirt.«

»Der Brief ist allerdings an meine Adresse, Madame, doch sehen Sie, hier auf dieser Ecke steht das zwischen mir und meinem Schwager, Herrn von Choiseul, verabredete Zeichen, welches andeutet, daß der Brief für Eure Hoheit allein bestimmt ist.«

»Oh!. das ist wahr, ein Kreuz; ich sah es nicht; geben Sie.«

Die Prinzessin öffnete den Brief und las folgende Zeilen:

Die Vorstellung von Madame Dubarry ist entschieden, wenn Sie eine Pathin[9 - Eine Dame von hinreichend vornehmem Stande, um vorstellen zu können.] findet. Wir hoffen noch, daß sie keine finden wird. Das sicherste Mittel, diese Vorstellung kurz abzuschneiden, wäre, wenn Ihre Königliche Hoheit die Frau Dauphine sich beeilen würde. Ist Ihre Königliche Hoheit die Frau Dauphine einmal in Versailles, so wird es Niemand wagen, eine solche Ungeheuerlichkeit vorzuschlagen.«

»Sehr gut!« sagte die Dauphine, nicht nur ohne die geringste Aufregung zu zeigen, sondern auch ohne daß es schien, als hätte ihr dieser Brief das mindeste Interesse eingeflößt.

»Wird sich Eure Königliche Hoheit zu Ruhe begeben?« fragte schüchtern Andrée.

»Nein, ich danke, mein Fräulein,« erwiederte die Erzherzogin; »die frische Luft hat mich wieder belebt; sehen Sie, wie stark und heiter gestimmt ich nun bin.«

Sie schob den Arm der Gräfin zurück und machte ein paar Schritte mit derselben Geschwindigkeit und derselben Kraft, als ob nichts vorgefallen wäre.

»Meine Pferde,« sagte sie, »ich reise ab.«

Herr von Rohan schaute ganz erstaunt Herrn von Stainville an und schien ihn mit dem Blicke um eine Erläuterung dieser plötzlichen Veränderung zu fragen.

»Der Herr Dauphin wird ungeduldig,« sagte der Gouverneur dem Cardinal in das Ohr.

Die Lüge wurde mit so viel Geschicklichkeit an den Mann gebracht, daß sie Herr von Rohan für eine Indiscretion hielt und sich damit begnügte.

Was Andrée betrifft, so hatte sie ihr Vater daran gewöhnt, jede Laune eines gekrönten Hauptes zu ehren; sie war also nicht erstaunt über diesen Widerspruch von Marie Antoinette; als diese sich gegen sie umwandte und auf ihrem Antlitz nur den Ausdruck einer unaussprechlichen Sanftmuth wahrnahm, sagte sie auch zu ihr:

»Ich danke, mein Fräulein, Ihre Gastfreundschaft hat mich innig gerührt.«

Dann sich an den Baron wendend sprach die Dauphine:

»Mein Herr, Sie mögen erfahren, daß ich, als ich Wien verließ, das Gelübde that, das Glück des ersten Franzosen zu machen, den, ich, die Grenze von Frankreich berührend, begegnen würde. Dieser Franzose ist Ihr Sohn  . . . Doch damit ist nicht gesagt, daß ich hiebei stehen bleibe und daß das Fräulein  . . . wie heißt doch Ihre Tochter, mein Herr?«

»Andrée, Euere Hoheit.«

»Und daß Fräulein Andrée vergessen sein soll.«

»Oh! Eure Hoheit,« sagte das Mädchen.

»Ja, ich will ein Ehrenfräulein aus ihr machen; nicht wahr, mein Herr, wir sind im Stande, unsere Proben abzulegen?« fuhr die Dauphine, sich an Herrn von Taverney wendend, fort.

»Oh! Eure Hoheit,« rief der Baron, denn dieses Wort verwirklichte alle seine Träume; »von dieser Seite sind wir nicht unruhig: wir haben mehr Adel, als Reichthum. Doch ein so hohes Glück  . . .«

»Gebührt Ihnen  . . . der Bruder wird den König im Heere vertheidigen, die Schwester wird der Dauphine zu Hause dienen; der Vater gibt dem Sohne Rathschläge der Loyalität, der Tochter Rathschläge der Tugend  . . . und so werde ich würdige Diener haben, nicht wahr, mein Herr?« fuhr Marie Antoinette fort, indem sie sich an den jungen Mann wandte, der nur niederknieen konnte, indeß die Aufregung seine Stimme auf den Lippen erstickte.

»Aber  . . .« murmelte der Baron, dem zuerst die Fähigkeit der Ueberlegung kam.

»Ja, ich begreife,« erwiederte die Dauphine, »nicht wahr, Sie haben Vorbereitungen zu treffen?«

»Allerdings, Madame,« sprach Taverney.

»Ich gebe dies zu, doch diese Vorbereitungen können nicht lange dauern.«

Ein trauriges Lächeln, das über die Lippen von Andrée und Philipp schwebte und bitter auf denen des Barons sich abzeichnete, hielt sie auf diesem Wege zurück, der für die Eitelkeit der Taverney grausam wurde.

»Nein, gewiß nicht, wenn ich nach Ihrem Verlangen, mir zu gefallen, urtheile,« fügte die Dauphine bei. »Uebrigens warten Sie, ich lasse Ihnen eine von meinen Carrossen hier, sie wird Sie in meinem Gefolge führen  . . . Herr Gouverneur kommen Sie mir zu Hülfe.«

Der Gouverneur näherte sich.

»Ich lasse Herrn von Taverney, den ich mit Fräulein Andrée nach Paris nehme, eine Carrosse zurück,« sagte die Dauphine. »Ernennen Sie Jemand, der diese Carrosse begleiten und als zu den meinigen gehörend anerkennen lassen soll.«

»Auf der Stelle, Madame,« antwortete der Baron von Staiville; »treten Sie vor, Herr von Beausire.«

»Ein junger Mann von vierundzwanzig bis fünfundzwanzig Jahren mit sicherem Gang, lebhaften und gescheiten Augen trat aus den Reihen der Escorte hervor und näherte sich den Hut in der Hand.

»Sie werden eine Carrosse für Herrn von Taverney zurückbehalten und dieselbe sodann begleiten,« sagte der Gouverneur.

»Seien Sie dafür besorgt, daß sie uns bald einholt,« sprach die Dauphine; »ich bevollmächtige Sie, wenn es sein muß, die Relais zu verdoppeln.«

Der Baron und seine Kinder verwirrten sich in Ausdrücken des Dankes.

»Diese plötzliche Abreise ist Ihnen nicht zu unangenehm, nicht wahr, mein Herr?« fragte die Dauphine.

»Wir sind zu den Befehlen Eurer Hoheit,« antwortete der Baron.

»Gott befohlen!« sprach die Dauphine mit einem Lächeln. »In den Wagen, meine Herren!  . . . Herr Philipp, zu Pferde!«

Philipp küßte seinem Vater die Hand, umarmte seine Schwester und schwang sich in den Sattel.

Eine Viertelstunde nachher blieb von dieser ganzen, wie die Wolke am vorhergehenden Tage wirbelnden, Cavalcade in der Allee von Taverney nichts mehr übrig, wenn nicht ein junger Mann, der auf dem Weichsteine am Thor saß und bleich und traurig mit gierigem Auge die letzten Staubmassen verfolgte, welche in der Ferne auf der Landstraße die raschen Füße der Pferde aufjagten.

Dieser junge Mann war Gilbert.

Der Baron, der mit Andrée allein geblieben, hatte mittlerweile das Wort noch nicht finden können.

Es war ein sonderbares Schauspiel, das der Salon von Taverney bot.

Die Hände gefaltet, dachte Andrée an die Menge seltsamer, unerwarteter, unerhörter Ereignisse, welche plötzlich ihr so ruhiges Leben durchzogen hatten, und glaubte zu träumen.

Der Baron riß an seinen grauen Augbrauen, aus deren Mitte lange, gekrümmte Haare hervorsprangen, und zerknitterte seinen Jabot.

Nicole schaute, an die Thüre gelehnt, ihre Gebieter an.

La Brie ließ die Arme hängen, sperrte den Mund auf und schaute Nicole an.

Der Baron erwachte zuerst.

»Verruchter!« rief er La Brie zu, »Du bleibst hier wie eine Bildsäule, und dieser Edelmann, dieser Gefreite vom Hause des Königs wartet außen.«

La Brie machte einen Seitensprung, verwickelte sein linkes Bein mit dem rechten, und verschwand stolpernd.

Einen Augenblick nachher kam er zurück.

»Gnädiger Herr,« sagte er, »der Edelmann ist unten.«

»Was macht er?«

»Er läßt sein Pferd Pimpinellen fressen.«

»Laß ihn machen. Und die Carrosse?«

»Die Carrosse ist in der Allee.«

»Angespannt?«

»Mit vier Pferden. Oh! die schönen Thiere, gnädiger Herr! Sie fressen die Granatbäume im Blumengarten ab.«

»Die Pferde des Königs haben das Recht, zu fressen, was sie wollen. Doch wie steht es mit dem Zauberer?« »Der Zauberer ist verschwunden, gnädiger Herr.«

»Und hat die Tafel gedeckt zurückgelassen? Das ist nicht glaublich, er wird wiederkommen, oder irgend Jemand für ihn.«

»Ich glaube es nicht,« sagte La Brie, »Gilbert hat ihn mit seinem Fourgon wegfahren sehen.«

»Gilbert hat ihn mit seinem Fourgon wegfahren sehen?« wiederholte der Baron nachdenkend.

»Ja, gnädiger Herr.«

»Dieser Taugenichts von einem Gilbert sieht Alles. Geh’ und packe.«

»Es ist bereits geschehen.«

»Wie, es ist bereits geschehen?«

»Ja; sobald ich den Befehl der Frau Dauphine hörte, ging ich in das Schlafzimmer des Herrn Baron und packte seine Kleider und seine Wäsche ein.«

»In was mischst Du Dich, Bursche?«

»Bei Gott! gnädiger Herr, ich glaubte wohl zu thun, wenn ich Ihren Wünschen zuvorkommen würde.«

»Dummkopf! geh’, hilf meiner Tochter.«

»Ich danke, mein Vater, ich habe Nicole.«

Der Baron dachte abermals nach.

»Dreifacher Schuft,« sagte er zu La Brie, »Eines ist unmöglich!«

»Was, gnädiger Herr?«

»Und woran Du nicht gedacht hast, denn Du denkst an nichts.«

»Sagen Sie es, gnädiger Herr.«

»Daß Ihre Hoheit abgereist ist, ohne Herrn von Beausire etwas zurückzulassen, oder daß der Zauberer verschwunden, ohne Gilbert mit einem Worte zu beauftragen.«

In diesem Augenblick hörte man etwas wie ein kurzes Pfeifen im Hofe.

»Gnädiger Herr,« sagte La Brie.

»Nun?«

»Man ruft.«

»Wer dies?«

»Der Herr.«

»Der Gefreite des Königs?[10 - In Frankreich hatte ein solcher Rittmeisterrang.]«

»Ja, und dort ist auch Gilbert; er geht umher, als ob er etwas zu sagen hätte.«

»Also vorwärts, Thier.«

La Brie gehorchte mit seiner gewöhnlichen Eile.

»Mein Vater,« sagte Andrée, sich dem Baron nähernd, »ich begreife, was Sie zu dieser Stunde peinigt. Sie wissen, ich habe etwa dreißig Louis d’or und die schöne mit Diamanten besetzte Uhr, welche Maria Leczinska meiner Mutter geschenkt hat.«

»Ja, mein Kind, ja, es ist gut,« erwiederte der Baron, »doch behalte es, Du brauchst ein schönes Kleid für Deine Vorstellung; einstweilen ist es meine Sache, Mittel aufzusuchen. Stille, hier kommt La Brie.«

»Gnädiger Herr,« rief er eintretend und in einer Hand einen Brief, in der andern zehn Goldstücke haltend, »gnädiger Herr, hier ist das, was die Dauphine für mich zurückgelassen hat, zehn Louis d’or!«

»Und dieser Brief, Halunke?«

»Ah! dieser Brief ist für Sie; er kommt vom Zauberer.

»Vom Zauberer, und wer hat ihn Dir übergeben?«

»Gilbert.«

»Ich sagte es Dir, doppeltes Vieh; gib, gib geschwinde.«

Der Baron entriß den Brief La Brie, öffnete ihn hastig und las leise:

»Herr Baron, seit eine so erhabene Hand dieses Geschirr in Ihrem Hause berührt hat, gehört es Ihnen; behalten Sie es als eine Reliquie und denken Sie zuweilen an Ihren dankbaren Gast.«

»Joseph Balsamo.«

»La Brie!« rief der Baron, nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte.

»Gnädiger Herr?«

»Gibt es keinen guten Goldschmied in Bar-le-Duc?«

»Oh ja, denjenigen, welcher den silbernen Becher von Fräulein Andrée wieder gelöthet hat.«

»Es ist gut. Andrée stelle den Becher, aus dem Ihre Hoheit getrunken, bei Seite, und laß den übrigen Service in den Wagen bringen. Und Du, Schafskopf, lauf’ in den Keller und setze dem Edelmann vor, was noch von gutem Wein übrig ist.«

»Eine Flasche, gnädiger Herr,« sagte La Brie mit tiefer Schwermuth.

»Mehr braucht man nicht.«

La Brie entfernte sich.

»Auf, Andrée,« fuhr der Baron, seine Tochter bei beiden Händen fassend, fort; »auf, Muth, mein Kind. Wir gehen an den Hof; es gibt dort viele erledigte Titel, viele Abteien zu vergeben, nicht wenig Regimenter ohne einen Obersten und eine gute Anzahl brachliegende Pensionen. Der Hof ist ein schönes, trefflich durch die Sonne erleuchtetes Land. Stelle Dich immer auf die Seite, wo sie scheinen wird, meine Tochter, denn Du bist hübsch anzuschauen. Gehe, mein Kind, gehe.«

Andrée entfernte sich ebenfalls, nachdem sie ihrem Vater die Stirne geboten hatte.

Nicole folgte ihr.

»Hollah! Ungeheuer von einem La Brie,« rief Taverney, der zuletzt hinausging, »sorge gut für den Herrn Gefreiten, hörst Du?«

»Ja, gnädiger Herr,« antwortete La Brie aus der Tiefe des Kellers.

»Ich,« fuhr der Baron fort, während er in sein Zimmer eilte, »ich will meine Papiere ordnen  . . . In einer Stunde müssen wir aus diesem Loche sein, Andrée, hörst Du wohl! Endlich werde ich Taverney also verlassen und zwar durch die gute Thüre. Was für ein braver Mann ist doch dieser Zauberer! Wahrhaftig ich werde abergläubisch wie ein Teufel! Beeile Dich doch, elender La Brie.«

»Gnädiger Herr, ich mußte im Finstern herumtappen. Es fand sich kein Licht mehr im Schlosse.«

»Es war, wie es scheint, Zeit,« sagte der Baron.




XVII.

Die fünf und zwanzig Louis d’or von Nicole


In ihr Zimmer zurückgekehrt betrieb Andrée auf das Thätigste die Vorbereitungen zu ihrer Abreise. Nicole unterstützte diese Vorbereitungen mit einem Eifer, der bald die Wolke zerstreute, die sich zwischen ihr und ihrer Gebieterin auf die Scene am Morgen erhoben hatte.

Andrée schaute ihr aus einem Winkel des Auges zu und lächelte, als sie sah, daß sie ihr nicht einmal zu verzeihen haben würde.

»Sie ist ein gutes, ergebenes, dankbares Mädchen,« sagte sie leise zu sich selbst; »sie hat ihre Schwächen wie jedes Geschöpf hienieden. Wir wollen vergessen.«

Nicole ihrerseits war nicht das Mädchen, das die Physiognomie ihrer Gebieterin aus dem Gesichte verloren hätte, und sie bemerkte das wachsende Wohlwollen, das sich auf ihrem schönen, ruhigen Antlitz ausprägte.

»Ich Einfältige!« dachte sie, »ich hätte mich beinahe wegen dieses kleinen Schuftes von einem Gilbert mit dem Fräulein entzweit, das mich nach Paris mitnimmt, wo man beinahe immer sein Glück macht.«

Es war schwierig, daß auf diesem jähen Abhange zwei gegen einander rollende Sympathien sich nicht begegnen und beim Begegnen sich nicht in Berührung setzen sollten.

Andrée gab die erste Rede.

»Lege meine Spitzen in einen Carton,« sagte sie.

»In welchen Carton, mein Fräulein?« fragte die Zofe.

»Was weiß ich;  . . . haben wir keinen?«

»Doch, ich habe denjenigen, welchen mir das Fräulein geschenkt hat; er ist in meinem Zimmer.«

Und Nicole holte den Carton mit einer Zuvorkommenheit, welche Andrée vollends bestimmte, gänzlich zu vergessen.

»Aber dieser Carton gehört Dir, und Du bedarfst desselben vielleicht, mein armes Kind,« sagte sie, als sie Nicole wieder erscheinen sah.

»Da das Fräulein desselben mehr bedarf, als ich, und da der Carton im Ganzen ihm gehört  . . .«

»Wenn man eine Haushaltung anfangen will, so hat man nie genug Geräthschaften,« erwiederte Andrée, »Du bedarfst daher desselben in diesem Augenblick mehr als ich.«

Nicole erröthete.

»Du brauchst Cartons, um Deinen Hochzeitstaat hineinzulegen,« fuhr Andrée fort.

»Oh! mein Fräulein,« entgegnete Nicole, heiter den Kopf schüttelnd, »mein Hochzeitstaat wird leicht unterzubringen sein und keinen großen Raum einnehmen.«

»Warum? wenn Du heirathest, Nicole, sollst Du glücklich, reich werden.«

»Reich!«

»Ja, reich, natürlich verhältnißmäßig.«

»Das Fräulein hat mir also einen Generalpächter ausgesucht?«

»Nein; aber ich habe Dir eine Mitgift gefunden.«

»In der That, mein Fräulein?«

»Du weißt, was in meiner Börse ist?«

»Ja, mein Fräulein, fünf und zwanzig schöne Louis d’or.«

»Nun! Diese fünf und zwanzig Louis d’or gehören Dir, Nicole.«

»Fünf und zwanzig Louis d’or! Das ist ein wahres Vermögen,« rief Nicole entzückt.

»Desto besser, wenn Du das im Ernste sagst, mein armes Mädchen.«

»Und das Fräulein schenkt mir diese fünf und zwanzig Louis d’or?«

»Ich schenke sie Dir.«

Nicole war zuerst erstaunt, dann erschüttert, dann traten ihr die Thränen in die Augen, und sie stürzte auf die Hand von Andrée und küßte sie.

»Dein Mann wird nun zufrieden sein, nicht wahr?« sagte Fräulein von Taverney.

»Gewiß, sehr zufrieden,« sprach Nicole, »wenigstens hoffe ich es.«

Und sie bedachte, daß das, was die Weigerung von Gilbert veranlaßt, ohne Zweifel die Furcht vor Armuth gewesen sei, und daß sie nun, da sie reich geworden, dem ehrgeizigen jungen Manne vielleicht wünschenswerther erscheinen würde, Sie gelobte sich sogleich, Gilbert seinen Antheil an dem kleinen Vermögen zu geben, das sie der Großmuth von Andrée zu verdanken hatte, und wollte ihn durch die Dankbarkeit fesseln und abhalten in sein Verderben zu rennen. So viel lag wirklich Edles in dem Plane von Nicole. Ein böswilliger Ausleger ihrer Träumerei hätte vielleicht in dieser ganzen Großmuth einen kleinen Keim von Stolz, ein unwillkührliches Bedürfniß, denjenigen zu demüthigen, welcher sie gedemüthigt, entdeckt.

Doch um solchen Pessimisten zu antworten, fügen wir rasch bei, daß wir in diesem Augenblick beinahe mit Gewißheit behaupten können, es habe die Stimme der guten Absichten bei Nicole ein großes Uebergewicht über die der schlimmen gehabt.

Andrée sah sie nachdenken. »Armes Kind!« seufzte sie, »sie, die Sorglose, könnte so glücklich sein.«

Nicole hörte ihre Worte und bebte. Diese Worte ließen in der That das leichtfertige Mädchen ein Eldorado von Seide, Diamanten, Spitzen, Liebe erschauen, an das Andrée, für welche das ruhige Leben das Glück war noch nicht einmal gedacht hatte.

Und dennoch wandte Nicole die Augen von der Wolke von Gold und Purpur ab, die an ihrem Horizont vorüberzog.

Sie widerstand.

»Ah! mein Fräulein,« sagte sie, »ich werde vielleicht hier glücklich sein  . . . durch ein kleines Glück.«

»Bedenke wohl, mein Kind.«

»Ja, mein Fräulein, ich werde bedenken.«

»Du wirst klug daran thun,. mache Dich glücklich auf Deine Weise, aber sei nicht mehr thöricht.«

»Es ist wahr, mein Fräulein, und da sich die Gelegenheit bietet, so freut es mich, dem Fräulein zu sagen, daß ich toll, und besonders, daß ich schuldig war; doch das Fräulein wolle wir verzeihen, wenn man liebt.«

»Du liebst also Gilbert ernstlich?«

»Ja, mein Fräulein; ich  . . . ich liebte ihn,« sagte Nicole.

»Das ist unglaublich!« entgegnete Andrée lächelnd; »was konnte Dir denn an diesem Jungen gefallen? Sobald ich ihn sehe, muß ich ihn anschauen, diesen Herrn Gilbert, der die Herzen verwüstet.«

Nicole betrachtete Andrée mit einem letzten Zweifel. Bediente sich Andrée, indem sie so sprach, einer tiefen Heuchelei, oder überließ sie sich ihrer vollkommenen Unschuld?

Andrée hatte vielleicht Gilbert nicht angeschaut, das sagte sich Nicole; aber sicherlich, sagte sie sich ebenfalls, hatte Gilbert Andrée angeschaut.

Sie wollte in jeder Hinsicht besser unterrichtet sein, ehe sie die Frage, die sie im Sinne hatte, versuchen würde.

»Kommt Gilbert nicht mit uns nach Paris, mein Fräulein?« fragte Nicole.

»Warum?« versetzte Andrée.

»Weil  . . .«

»Gilbert ist kein Diener; Gilbert kann nicht der Intendant eines Pariser Hauses sein. Die, Müßiggänger von Taverney, mein lieber Nicole, sind wie die Vögel, die in den Zweigen meines Gärtchens und in den Hecken der Alleen zwitschern. Die Sonne, so ärmlich sie auch sein, mag, ernährt sie. Doch ein Müßiggänger in Paris kostet zu viel, und wir vermöchten den Nichtsthuer dort nicht zu dulden!«

»Wenn ich ihn jedoch heirathe?« stammelte Nicole.

»Nun, Nicole, wenn Du ihn heirathest, so bleibst Du mit ihm in Taverney,« sagte Andrée mit festem Tone, »und Ihr werdet das Haus hüten, das meine Mutter so sehr liebte.«

Nicole war ganz betäubt von dem Schlage; es ließ sich unmöglich das geringste Geheimniß in den Worten von Andrée finden. Andrée verzichtete auf Gilbert ohne einen Hintergedanken, ohne einen Schatten von einem Bedauern; sie überließ einer Andern denjenigen, welchen sie am Tage zuvor noch mit ihrer Bevorzugung beehrt hatte; das war unbegreiflich.

»Ohne Zweifel sind die Fräulein von Stand so gemacht,« sagte Nicole zu sich selbst; »deshalb habe ich so wenig tiefen Kummer in dem Kloster der Annonciaden gesehen, und was für Intriguen gab es doch!«

Andrée errieth wahrscheinlich das Zögern von Nicole; wahrscheinlich sah sie auch ihren Geist zwischen dem Trachten nach den Pariser Vergnügungen und der ruhigen, sanften Mittelmäßigkeit von Taverney schweben, denn sie sprach mit mildem, aber festem Tone:

»Nicole, der Entschluß, den Du zu fassen im Begriff bist, entscheidet vielleicht über Dein ganzes Leben; überlege, mein Kind; es bleibt Dir nur noch eine Stunde zu Deinem Entschluß. Ich weiß, eine Stunde ist sehr wenig, doch ich halte Dich für rasch in Deinen Entschließungen: wähle zwischen Deinem Dienst und Deinem Gatten, zwischen mir und Gilbert, Ich will nicht von einer verheiratheten Frau bedient werden, denn ich hasse die Geheimnisse des Ehestands.«

»Eine Stunde mein Fräulein!« wiederholte Nicole; »eine Stunde!«

»Eine Stunde.«

»Nun, das Fräulein hat Recht, so viel brauche ich wohl.«

»Vorwärts, lege alle meine Kleider zusammen, füge die meiner Mutter bei, die ich, wie Du weißt, als Reliquien verehre, und komm’ dann zurück und sage mir Deinen Entschluß. Wie er auch lauten mag,’ hier sind Deine fünfundzwanzig Louis d’or. Wenn Du ihn heirathest, so ist es Deine Mitgift; wenn Du mir folgst, so ist es der Lohn von Deinen zwei ersten Jahren.«

Nicole nahm die Börse aus den Händen von Andrée und küßte sie.

Ohne Zweifel wollte sie keine Secunde von der Stunde verlieren, die ihr von ihrer Gebieterin bewilligt worden war, denn sie eilte aus dem Zimmer, stieg rasch die Treppe hinab, durchschritt den Hof und verlor sich in der Allee.

Andrée schaute ihr nach und murmelte:

»Arme Närrin, die so glücklich sein könnte! Ist denn die Liebe so süß?«

Ohne Zweifel immer um keine Zeit zu verlieren, klopfte Nicole fünf Minuten nachher an die Scheiben des Erdgeschosses, das Gilbert bewohnte, der so großmüthig von Andrée mit dem Namen eines Müßiggängers und von dem Baron mit dem eines Taugenichts geschmückt worden war.

Gilbert wandte diesem Fenster, das nach der Allee ging, den Rücken zu und beschäftigte sich im Hintergrunde des Zimmers mit Gott weiß was.

Bei dem Geräusch der auf die Scheiben trommelnden Finger von Nicole, verließ er, wie ein auf der Thal ertappter Dieb, das Werk, das ihn in Anspruch nahm, und wandte sich rasch um, als wenn ihn eine Stahlfeder in Bewegung gesetzt hätte.

»Ah!« machte er, »Sie sind es, Nicole?«

»Ja, ich bin es abermals,« antwortete das junge Mädchen durch die Scheiben mit einer entschlossenen Miene, doch dabei lächelnd.

»So seien Sie mir willkommen, Nicole,« sagte Gilbert, während er das Fenster öffnete.

Empfänglich für diese erste Kundgebung von Gilbert reichte ihm Nicole die Hand; Gilbert drückte sie.

»Das geht gut,« dachte Nicole, »Adieu Reise nach Paris!«

Und wir müssen hier Nicole aufrichtig loben, denn sie begleitete diese Betrachtung nur mit einem einzigen Seufzer.

»Sie wissen,« sprach das junge Mädchen, sich mit dem Ellenbogen auf das Fenster stützend, »Sie wissen, Gilbert, daß man Taverney verläßt.«

»Ich weiß es,« antwortete Gilbert.

»Sie wissen, wohin man geht?«

»Man geht nach Paris.«

»Sie wissen auch, daß ich mitreise?«

»Nein, das wußte ich nicht.«

»Nun?«

»Nun, ich wünsche Ihnen Glück, wenn Ihnen die Sache gefällt.«

»Wie haben Sie gesagt?« fragte Nicole.

»Ich habe gesagt: »«wenn Ihnen die Sache gefällt,’ « das ist klar, wie mir scheint.«

»Sie gefällt mir  . . . je nachdem,« versetzte Nicole.

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Ich will damit sagen, es hinge von Ihnen ab, daß mir die Sache nicht gefiele.«

»Ich verstehe nicht,« sprach Gilbert und setzte sich so auf das Fenster, daß seine Kniee die Arme von Nicole streiften, und daß Beide ihr Gespräch halb verborgen durch Verschlingungen von Winden und Kapucinern, die sich um ihre Köpfe rollten, fortsetzen konnten.

Nicole schaute Gilbert zärtlich an.

Aber Gilbert machte ein Zeichen mit dem Halse und dem Kopfe, welches bedeuten wollte, er verstehe den Blick ebenso wenig als die Worte.

»Es ist gut  . . . da ich Ihnen Alles sagen muß, so hören Sie,« sprach Nicole.

»Ich höre,« versetzte Gilbert mit kaltem Tone.

»Fräulein Andrée machte mir das Anerbieten, ihr nach Paris zu folgen.«

»Gut,« sagte Gilbert.

»Wenn ich nicht  . . .«

»Wenn nicht?  . . .« wiederholte der junge Mann.

»Wenn ich nicht Gelegenheit zum Heirathen finde.«

»Es liegt Ihnen also immer noch daran, zu heirathen?« erwiederte Gilbert unempfindlich.

»Ja, besonders seitdem ich reich bin,« antwortete Nicole.

»Ah! Sie sind reich?« fragte Gilbert mit einem Phlegma, das den Verdacht von Nicole aus dem Geleise brachte.

»Sehr reich, Gilbert.«

»Wirklich?«

»Ja.«

»Und wie ist dieses Wunder geschehen?«

»Das Fräulein hat mich ausgestattet.«

»Das ist ein großes Glück und ich gratulire Ihnen dazu, Nicole.«

»Sehen Sie,« sagte Nicole und ließ die fünfundzwanzig Louis d’or durch ihre Hand laufen.

Und dabei schaute sie Gilbert an, um in seinen Augen einen Strahl der Freude oder wenigstens der Gierde zu erhaschen. Gilbert aber veränderte keine Miene:

»Bei meiner Treue,« sagte er, »das ist eine hübsche Summe!«

»Es ist noch nicht Alles,« fuhr Nicole fort, »Man gedenkt Maison-Rouge wieder aufzubauen und Taverney zu verschönern.«

»Ich glaube es wohl.«

»Und dann bedarf das Schloß der Beaufsichtigung.«

»Ohne Zweifel.«

»Nun, das Fräulein gibt den Platz eines  . . .«

»Hausmeisters dem glücklichen Gatten von Nicole,« fuhr Gilbert mit einer Ironie fort, welche diesmal nicht genug verhehlt war, daß sich nicht das feine Ohr von Nicole darüber geärgert hätte.

Sie hielt jedoch an sich und erwiederte:

»Ist der glückliche Gatte von Nicole nicht Einer, den Sie kennen, Gilbert?«

»Wen meinen Sie denn, Nicole?«

»Hören Sie, werden Sie etwa einfältig, oder spreche ich nicht mehr Französisch?« rief das Mädchen, das nun bei diesem Spiele ungeduldig zu werden anfing.

»Ich verstehe Sie vortrefflich,« sagte Gilbert; »Sie bieten mir an, Ihr Gatte zu werden, nicht wahr, Mademoiselle Legay?«

»Ja, Herr Gilbert.«

»Und nachdem Sie reich geworden, hegen Sie solche Absichten für mich,« fügte Gilbert eiligst bei; »in der That, ich bin Ihnen sehr dankbar.«

»Wirklich?«

»Ganz gewiß.«

»Nun, so nehmen Sie dies,« sagte Nicole treuherzig.

»Ich?«

»Nicht wahr, Sie willigen ein?«

»Ich schlage es aus.«

Nicole machte einen Sprung und rief:

»Hören Sie, Sie sind ein schlimmes Herz, oder wenigstens ein schlimmer Kopf, Gilbert, und glauben Sie mir, was Sie in diesem Augenblick thun, wird Ihnen kein Glück bringen. Wenn ich Sie noch liebte und wenn ich in dem, was ich in diesem Augenblick gethan, etwas Anderes als einen Punkt der Ehre und der Rechtschaffenheit erblickte, so würden Sie mir die Seele zerreißen. Doch, Gott sei Dank, nach meinem Willen sollte man nur nicht sagen, reich geworden verachte Nicole Gilbert und gebe ihm für eine Beleidigung ein Leiden zurück. Jetzt ist Alles zwischen uns vorbei.«

Gilbert machte eine Geberde der Gleichgültigkeit.

»Was ich von Ihnen denke, können Sie wohl vermuthen,« sagte Nicole. »Ich soll mich entschließen, ich, deren Charakter Sie als eben so frei, als eben so unabhängig als den Ihrigen kennen, ich soll mich entschließen, mich hier zu begraben, während mich Paris erwartet, Paris, das meine Schaubühne sein wird, verstehen Sie? Ich soll mich entschließen, den ganzen Tag, das ganze Jahr, das ganze Leben dieses kalte, undurchdringliche Gesicht zu sehen, hinter dem sich so viele gemeine Gedanken verbergen? Das wäre ein Opfer gewesen; Sie haben es nicht begriffen, desto schlimmer für Sie. Ich sage nicht, daß Sie meinen Verlust beklagen werden, Gilbert; ich sage, daß Sie mich fürchten, daß Sie erröthen werden, mich da zu sehen, wohin mich Ihre heutige Geringschätzung geführt hat. Ich konnte wieder ehrlich werden; eine Hand fehlte mir, eine befreundete Hand, um mich am Rande eines Abgrundes zurückzuhalten, wo ich mich abwärts neige, wo ich ausgleite, wo ich zu fallen im Begriffe bin. Ich habe ausgerufen: »Helfen Sie mir! unterstützen Sie mich!« Sie haben mich zurückgestoßen, Gilbert. Ich sinke, ich falle, ich gehe unter. Gott wird Ihnen Rechenschaft für dieses Verbrechen tragen. Leben Sie wohl, Gilbert, leben Sie wohl!«

Und das stolze Mädchen wandte sich ohne Zorn, ohne Heftigkeit um, nachdem es, wie alle auserkohrene Naturen, den edlen Grund seiner Seele auf die Oberfläche hatte treten lassen.

Gilbert schloß ruhig sein Fenster und kehrte in seinen Käfig zurück, wo er die von Nicole unterbrochene Beschäftigung wieder aufnahm.




XVIII.

Abschied von Taverney


Ehe Nicole zu ihrer Gebieterin zurückkehrte, blieb sie auf der Treppe stehen, um das letzte Geschrei des Zornes, der in ihrem Innern toste, zu bewältigen.

Der Baron traf sie unbeweglich, nachdenkend, das Kinn in ihrer Hand und die Augbrauen zusammengezogen, und als er sie so schön sah, küßte er sie, so beschäftigt er auch war, wie es Herr von Richelieu in seinem dreißigsten Jahre gethan hätte.

Durch diesen Muthwillen des Barons ihrer Träumerei entzogen, ging Nicole hastig zu Andrée hinauf, die eben einen Koffer vollends schloß.

»Nun!« sagte Fräulein von Taverney, »hast Du Dir die Sache überlegt?«

»Gewiß, mein Fräulein,« antwortete Nicole mit einer sehr entschiedenen Miene.

»Du heirathest?«

»Nein, im Gegentheil.«

,Ah bah! und die große Liebe?«

»Wird nie für mich den Werth haben, den die Güte hat, mit der mich das Fräulein zu jeder Stunde überhäuft. Ich gehöre dem Fräulein und will ihm immer gehören. Ich kenne die Herrin, die ich mir gegeben, würde ich auch ebenso gut den Herrn kennen, den ich mir gäbe?«

Andrée war gerührt von dieser Offenbarung von Gefühlen, welche sie entfernt nicht bei der unbesonnenen Nicole zu finden glaubte.

Sie wußte, wie es sich von selbst versteht, nicht, daß Nicole einen »schlimmsten Fall« aus ihr machte.

Sie lächelte und war glücklich, daß sie ein menschliches Geschöpf besser fand, als sie es gehofft hatte.

»Du thust wohl daran, daß Du mir anhänglich bleibst, Nicole,« sagte sie, »ich werde es nicht vergessen. Vertraue mir Dein Schicksal, mein Kind und wenn mir irgend ein Glück zufließt, so sollst Du Deinen Theil daran haben, das verspreche ich Dir.«

»Oh! mein Fräulein, es ist entschieden, ich folge Ihnen.«

»Ohne Bedauern?«

»Blindlings.«

»Das heißt nicht antworten. Du sollst mir nicht eines Tages vorwerfen können, Du seist mir blindlings gefolgt.«

»Ich werde nur mir Vorwürfe zu machen haben, mein Fräulein.«

»Du hast Dich also mit Deinem Bräutigam verständigt?«

Nicole erröthete.

»Ich?« sagte sie.

»Ja, Du, ich habe Dich mit ihm sprechen sehen.«

Nicole biß sich auf die Lippen. Es gab ein Fenster parallel mit dem von Andrée und sie wußte wohl, daß man von diesem Fenster das von Gilbert sah.

»Es ist wahr, mein Fräulein,« antwortete Nicole.

»Und Du hast ihm gesagt? . . .«

»Ich habe ihm gesagt,« erwiederte Nicole, welche zu bemerken glaubte, daß Andrée sie ausforsche, und, durch dieses falsche Manoeuvre des Feindes zu ihrem ersten Verdacht zurückgeführt, feindlich zu antworten versuchte, »ich habe ihm gesagt, ich wolle nichts mehr von ihm.«

Es war entschieden, daß diese zwei Frauen, die eine mit der Reinheit des Diamants, die andere mit ihrer natürlichen Hinneigung zum Laster sich nie verstehen sollten.

Andrée nahm fortwährend die Bitterkeiten von Nicole für Schmeichelei.

Während dieser Zeit vervollständigte der Baron die verschiedenen Theile seines Gepäckes. Ein alter Degen, den er in Fontenoy trug, Pergamente, die sein Recht, in dem Wagen Seiner Majestät zu fahren, begründeten, eine Sammlung der Gazette und gewisse Correspondenzen bildeten den umfangreichsten Theil seiner Habe. Wie Bias trug er Alles dies unter einem Arm.

La Brie gab sich das Ansehen, als schwitzte er auf dem Wege, gebeugt unter einem beinahe leeren Koffer.

Man fand in der Allee den Herrn Gefreiten, der während aller dieser Vorbereitungen seine Flasche bis auf den letzten Tropfen geleert hatte.

Der artige Mann hatte die so feine Taille, das so runde Bein von Nicole wahrgenommen und schweifte beständig zwischen dem kleinen See und den Kastanienbäumen hin und her, um die reizende Dirne abermals zu sehen, die eben so schnell, als er sie unter dem Gebüsch erblickt, wieder verschwunden war.

Herr von Beausire, so hieß er erwähntermaßen, wurde seiner Beschauung durch den Baron entzogen, der ihn aufforderte, den Wagen zu rufen. Er sprang auf, verbeugte sich vor Herrn von Taverney, und befahl dem Kutscher mit schallender Stimme, in die Allee zu fahren.

Die Carrosse erschien. La Brie legte den Koffer mit einer unbeschreiblichen Mischung von Freude und Stolz auf die Federn.

»Ich werde also in den Carrossen des Königs fahren,« murmelte er, fortgerissen von seiner Begeisterung und im Glauben allein zu sein.

»Dahinter, mein schöner Freund,« versetzte Beausire mit einem Protectorslächeln.

»Wie! Sie nehmen La Brie mit?« sagte Andrée zu dem Baron; »und wer wird Taverney bewachen?«

»Bei Gott! dieser Taugenichts von einem Philosophen«

»Gilbert?«

»Allerdings, hat er nicht ein Gewehr?«

»Aber womit wird er sich nähren?«

»Mit seiner Flinte, und dabei wird er gut gefüttert sein, sei unbesorgt; an Drosseln und Amseln fehlt es in Taverney nicht.«

Andrée schaute Nicole an, diese lachte.

»So beklagst Du ihn, böses Herz?« sagte Andrée.

«Oh! er ist sehr geschickt, mein Fräulein,« entgegnete Nicole, »seien Sie ruhig, er wird nicht Hungers sterben.«

»Man muß ihm ein paar Louis d’or zurücklassen,« sagte Andrée zu dem Baron

»Um ihn zu verderben? Gott behüte mich, er ist schon zu lasterhaft.«

»Nein, damit er leben kann!«

»Man schickt ihm etwas, wenn er schreibt.«

»Bah!« sagte Nicole, »glauben Sie mir, er wird nicht schreiben, mein Fräulein.«

»Gleichviel,« versetzte Andrée, »laß ihm drei oder vier Pistolen zurück.«

»Er wird sie nicht annehmen.«

»Er wird sie nicht annehmen? er ist also sehr stolz, Dein Herr Gilbert?«

»Oh! mein Fräulein, es ist nicht mehr der meine, Gott sei Dank.«

»Vorwärts, vorwärts,« sagte Taverney um allen diesen Einzelheiten, deren seine Selbstsucht überdrüßig war, ein Ende zu machen, »vorwärts, vorwärts, zum Teufel mit Herrn Gilbert! der Wagen erwartet uns, steigen wir ein, meine Tochter«

Andrée erwiederte nichts, sie nahm mit dem Blicke von dem kleinen Schlosse Abschied und stieg in die schwere, plumpe Carrosse.

Herr von Taverney nahm seinen Platz neben ihr; La Brie, immer noch in seine prächtige Livree gekleidet, und Nicole, welche Gilbert nie gekannt zu haben schien, setzten sich auf den Bock. Der Kutscher nahm eines von den Pferden als Postillon zwischen die Beine.

»Doch wo sitzt der Herr Gefreite?« rief Taverney.

»Zu Pferde, Herr Baron, zu Pferde,« antwortete Beausire und blinzelte dabei Nicole an, welche vor Vergnügen erröthete, daß sie so schnell einen plumpen Bauern durch einen zierlichen Cavalier ersetzt hatte.

Bald wurde der Wagen unter der Anstrengung von vier kräftigen Pferden erschüttert, und die Bäume der Allee, dieser Andrée so wohlbekannten Allee, fingen an auf beiden Seiten der Carrosse hinzugleiten und einer nach dem andern zu verschwinden, traurig unter dem Ostwinde gebeugt, als wollten sie den Gebietern, die sie verließen, ein letztes Lebewohl sagen. Man gelangte zum Thore.

Gilbert hatte sich gerade, unbeweglich an dieses Thor gestellt. Den Hut in der Hand, schaute er nicht mehr und sah dennoch Andrée.

Andrée suchte, auf die andere Seite des Schlages geneigt, so lange als möglich ihr liebes Haus zu sehen.

»Haltet ein wenig,« rief Herr von Taverney dem Postillon zu. Dieser hielt seine Pferde an.

»He da, Herr Taugenichts,« sagte der Baron zu Gilbert, »Sie werden sich sehr glücklich fühlen; Sie sind nun allein, wie es ein wahrer Philosoph sein muß  . . . nichts zu thun, keinen Zank auszuhalten. Seien Sie wenigstens bemüht, daß kein Feuer entsteht, während Sie schlafen, und sorgen Sie für Mahon.«

Gilbert verbeugte sich ohne zu antworten. Es war ihm, als lastete der Blick von Nicole mit einem unerträglichen Gewichte auf ihm; er befürchtete, den triumphirenden, höhnischen Blick des Mädchens zu sehen, und er befürchtete dies, wie man nur die Verletzung eines glühenden Eisens fürchten kann.

»Vorwärts !« rief Herr von Taverney.

Nicole hatte nicht gelacht, wie es Gilbert befürchtet; es bedurfte sogar bei ihr mehr als ihrer gewöhnlichen Kraft, mehr als ihres persönlichen Muthes, um nicht laut den armen Jungen zu beklagen, den man ohne Brod, ohne Zukunft, ohne Trost zurückließ; sie mußte Herrn von Beausire anschauen, der auf seinem tänzelnden Pferde so vortrefflich aussah. Da aber Nicole Herrn von Beausire anschaute, so konnte sie nicht sehen, wie Gilbert Andrée mit den Augen verschlang.

Andrée sah nichts durch ihre von Thränen befeuchteten Augen, als das Haus, wo sie geboren und ihre Mutter gestorben war.

Der Wagen verschwand. Gilbert, einen Augenblick vorher bereits so wenig für die Reisenden, fing an gar nichts mehr für sie zu sein.

Taverney, Andrée. Nicole und La Brie traten in dem Augenblick, wo sie das Thor des Schlosses hinter sich ließen, in eine neue Welt.

Jedes hatte seinen Gedanken.

Der Baron berechnete, daß man ihm in Bar-le-Duc leicht fünf- bis sechstausend Livres auf den vergoldeten Service von Balsamo leihen würde.

Andrée sprach ganz leise ein kleines Gebet, welches sie ihre Mutter gelehrt hatte, um den Dämon des Stolzes und der Eitelkeit von ihr zu entfernen.

Nicole schloß ihr Halstuch, das der Wind zu wenig nach dem Gefallen von Herrn von Beausire in Unordnung brachte.

La Brie zählte in der Tiefe seiner Tasche die zehn Louis d’or der Königin und die zwei Louis d’or von Balsamo.

Herr von Beausire galoppirte.

Gilbert schloß das große Thor von Taverney, dessen Flügel wie gewöhnlich, in Ermanglung von Oel, ächzten.

Hierauf lief er in seine kleine Stube und zog seine eichene Commode vor, hinter der er ein Päckchen bereit fand. Er band dieses Päckchen, das in einer Serviette eingeschlossen war, an das Ende seines Stockes von Cornelkirschenholz. Dann deckte er sein Gurtbett auf, dessen Hauptbestandthell eine Heumatratze war, die er ausleerte. Seine Hände trafen bald ein zusammengefaltetes Papier, dessen er sich bemächtigte. Dieses Papier enthielt einen glatten, glänzenden Sechs-Livres-Thaler. Dies waren die Ersparnisse von Gilbert seit vielleicht drei bis vier Jahren.

Er öffnete das Papier, schaute den Thaler an, um sich zu überzeugen, daß er sich nicht verwandelt hatte, und steckte ihn, immer noch beschützt durch sein Papier, in die Hosentasche.

Mahon heulte und sprang in der ganzen Länge seiner Kette; das arme Thier stöhnte, daß es sich so nach und nach von allen seinen Freunden verlassen sehen mußte, denn mit seinem bewunderungswürdigen Instinkte errieth es, daß sich auch Gilbert von ihm trennen würde.

Es heulte also immer stärker.

»Schweig,« rief ihm Gilbert zu, »schweig, Mahon!«

Dann fügte er, wie über die Parallele lächelnd, die sich seinem Geiste bot, bei:

»Hat man mich nicht wie einen Hund verlassen? Warum sollte ich Dich nicht wie einen Menschen verlassen?«

Nach kurzem Nachdenken fuhr er fort:

»Aber man ließ mich wenigstens frei, frei, meinen Unterhalt zu suchen, wie ich es verstünde. Gut, es sei, Mahon, ich werde für dich thun, was man für mich gethan hat, nicht mehr, nicht minder.«

Und er lief nach der Nische und machte die Kette von Mahon los.

»Nun bist du frei,« sagte er, »suche deinen Unterhalt, wie du es verstehst.«

Mahon sprang gegen das Haus, dessen Thüren er verschlossen fand; dann lief er nach den Ruinen und Gilbert sah ihn, in dem Gemäuer verschwinden.

»Gut« sagte er, »nun wollen wir sehen, wer mehr Instinkt hat, der Hund oder der Mensch«

Hienach entfernte sich Gilbert durch das kleine Thor, schloß dieses doppelt und warf den Schlüssel über die Mauer bis in den kleinen See, mit der Geschicklichkeit, welche die Bauern im Schleudern der Steine besitzen.

Da indessen die Natur, eintönig in der Erzeugung der Gefühle, wechselreich in ihrer Offenbarung ist, so empfand Gilbert, als er Taverney verließ, etwas dem ähnlich, was Andrée empfunden hatte. Nur war es bei Andrée das Beweinen einer vergangenen Zeit, bei Gilbert die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

»Lebe wohl,« sagte er sich umwendend, um zum letzten Male das kleine Schloß zu sehen, das man verloren in dem Blätterwerk der Sycomoren und in den Blüthen der Bohnenbäume erblickte; »lebe wohl, Haus, wo ich so viel gelitten, wo mich Jeder verabscheute, wo mir Jeder das Brod mit der Behauptung, ich stehle es, zuschleuderte, lebe wohl und sei verflucht. Mein Herz hüpft vor Freude und fühlt sich frei, seitdem mich deine Mauern nicht mehr umschließen, lebe wohl, Kerker, Hölle, Tyrannennest, ich scheide für immer von dir!«

Und nach dieser Verwünschung, welche vielleicht minder poetisch sein mag, aber nicht weniger bezeichnend ist, als so viele andere, setzte Gilbert an, um dem Wagen nachzulaufen, dessen entferntes Geräusch noch in der Luft erscholl.




XIX.

Der Thaler von Gilbert


Nach einer Stunde unbändigen Laufes stieß Gilbert einen Freudenschrei aus; er hatte auf eine Viertelslieue vor sich den Wagen des Barons erblickt, der im Schritt einen Berg hinan fuhr.

Gilbert fühlte jetzt in seinem Innern eine wahre Regung des Stolzes, denn er sagte sich, einzig und allein mit dm Mitteln seiner Jugend, seiner Kraft und seines Verstandes werde er in das Gleichgewicht mit den Mitteln des Reichthums, der Macht und der Aristokratie treten.

Nun hätte Herr von Taverney Gilbert einen Philosoph nennen können, wenn er ihn auf der Straße gesehen, seinen Stock in der Hand, sein dünnleibiges Päckchen an einem Knopfloch befestigt, wie er rasch einherlief, über Gräben und Böschungen sprang, um Boden zu gewinnen, und auf jeder Steige anhielt, als wollte er verächtlich zu den Pferden sagen:

»Ihr geht mir nicht schnell genug, und ich bin genöthigt, auf euch zu warten.«

Philosoph! O ja, gewiß, er war es damals, wenn man Philosophie Verachtung jedes Genusses, jeder Behaglichkeit nennt. Sicherlich war er nicht an ein weichliches Leben gewöhnt, aber wie viele Menschen verweichlicht nicht die Liebe!

Man muß gestehen, er bot ein schönes Schauspiel, ein Schauspiel würdig Gottes, des Vaters der thatkräftigen und verständigen Geschöpfe, dieser Mensch, wie er ganz bestaubt und rothglühend ein paar Stunden einherlief , bis er den Wagen beinahe eingeholt hatte, und dann voll Lust anhielt, als die Pferde nicht mehr konnten. Gilbert hätte an diesem Tage Jedem Bewunderung einflößen müssen, der ihm, wie wir ihm folgen, mit dem Geiste zu folgen im Stande gewesen wäre; und wer weiß sogar, ob nicht die stolze Andrée, wenn sie ihn gesehen, gerührt worden wäre, und ob nicht die Geringschätzung, die sie in Beziehung auf sein träges Wesen kundgegeben, sich in Achtung vor seiner Energie verwandelt hätte?

So ging der erste Tag vorüber. Der Baron blieb eine Stunde in Bar-le-Duc, wodurch Gilbert die erforderliche Zeit gewann, um ihn nicht nur einzuholen, sondern auch, um ihm zuvorzukommen. Gilbert ging um die Stadt, denn er hatte gehört, daß man Befehl gegeben, bei einem Goldschmiede anzuhalten; als er sodann den Wagen kommen sah, warf er sich in ein Gebüsch, und sobald die Carrosse vorüber war, folgte er ihr wieder wie vorher.

Gegen Abend holte der Baron die Wagen der Dauphine in dem Dörfchen Brillou ein, dessen Bewohner, auf einem Hügel zusammengedrängt, Freudengeschrei und Glückwünsche hören ließen.

Gilbert hatte den ganzen Tag nichts, als ein wenig Brod, das er von Taverney mitgenommen, gegessen, dagegen hatte er aber nach Belieben Wasser aus einem herrlichen Bache getrunken, dessen Lauf so rein, so frisch, so mit Kresse und gelben Nympheen besetzt war, daß der Wagen auf das Verlangen von Andrée anhielt, diese selbst ausstieg und ein Glas voll von dem Wasser in der goldenen Schale, dem einzigen Stücke schöpfte, das der Baron auf die Bitte seiner Tochter behalten hatte.

Hinter einer von den Ulmen. an der Straße verborgen, hatte Gilbert Alles dies gesehen.

Sobald sich die Reisenden entfernt, kam Gilbert auf dieselbe Stelle, setzte den Fuß auf die kleine Erderhöhung, auf welche er Andrée hatte steigen sehen, und trank Wasser mit der Hand, wie Diogenes, aus denselben Wellen, aus denen Fräulein von Taverney ihren Durst gestillt hatte.

Gut gestärkt setzte er sodann seinen Marsch wieder fort.

Nur Eines beunruhigte Gilbert, er hatte um sein Leben gern gewußt, ob die Dauphine unter Wegs Nachtlager halten würde. Blieb die Dauphine über Nacht, wie sich voraussetzen ließ, denn bei der Müdigkeit, über die sie sich in Taverney beklagt hatte, bedurfte sie sicherlich der Ruhe, blieb die Dauphine über Nacht, sagen wir, so war Gilbert gerettet. Man würde ohne Zweifel in diesem Fall in Saint-Dizier anhalten. Zwei Stunden Schlaf in einer Scheune würden seinen Beinen, welche steif zu werden anfingen, genügen, um wieder Elasticität zu erlangen; nach Ablauf dieser zwei Stunden könnte er sich abermals auf den Weg begeben, und während der Nacht müßte er, mit kurzen Schritten marschirend, leicht einen Vorsprung von fünf bis sechs Lieues vor ihnen gewinnen. Man marschirt so gut mit achtzehn Jahren in einer schönen Nacht im Monat Mai!

Es kam der Abend und umhüllte den Horizont mit seinem Schatten, der sich immer mehr näherte, bis dieser Schatten den Weg erreicht hatte, auf welchem Gilbert wanderte. Bald sah er nichts mehr von dem Wagen, als die große Laterne, welche auf der linken Seite der Carrosse angebracht war, und deren Reflex auf der Straße aussah, wie ein weißes, beständig am Rande des Weges erschrocken hinlaufendes Gespenst.

Nach dem Abend kam die Nacht. Man hatte zwölf Lieues zurückgelegt und gelangte nach Combles; die Equipagen schienen einen Augenblick anzuhalten. Gilbert glaubte, der Himmel sei entschieden für ihn. Er näherte sich, um die Stimme von Andrée zu hören. Die Carrosse stand still; er schlüpfte in die Vertiefung eines großen Thores. Er sah Andrée bei dem Schimmer der Fackeln und hörte sie fragen, wie viel Uhr es sei. Eine Stimme antwortete: »Eilf Uhr.« In diesem Augenblick war Gilbert nicht feig, und er hätte mit Verachtung das Anerbieten, in einen Wagen zu steigen, zurückgewiesen.

Dies war so, weil vor den glühenden Augen seiner Einbildungskraft Versailles golden, glänzend erschien; Versailles, die Stadt der Adeligen und der Könige. Sodann jenseits Versailles Paris, schwarz, düster, ungeheuer; Paris, die Stadt des Volkes.

Und für diese Visionen, welche seinen Geist ergötzten und erquickten, hätte Gilbert nicht alles Gold von Peru genommen.

Zwei Dinge entzogen ihn seiner Strafe, das Geräusch, das die Wagen machten, als sie wieder aufbrachen, und ein heftiger Stoß, den er sich an einem auf der Straße stehen gebliebenen Pfluge gab.

Auch fing sein Magen an über Hunger zu schreien.

»Zum Glück,« sagte Gilbert zu sich selbst, »zum Glück habe ich Geld, bin ich reich.«

Man weiß, daß Gilbert einen Thaler besaß.

Die Wagen rollten bis Mitternacht fort.

Um Mitternacht kam man nach Saint-Dizier; hier, hoffte Gilbert, würde man Nachtlager halten.

Gilbert hatte sechzehn Lieues in zwölf Stunden zurückgelegt.

Er setzte sich auf den Rand des Grabens.

Doch in Saint-Dizier spannte man nur um; Gilbert hörte das Geräusch der Schellen, die sich abermals entfernten. Die erhabenen Reisenden hatten nur mitten unter Fackeln und Blumen eine kleine Erfrischung zu sich genommen.

Gilbert bedurfte seines ganzen Muthes.

Er machte sich wieder auf seine Beine mit einer Willensenergie, welche ihn vergessen ließ, daß eben diese Beine zehn Minuten vorher unter ihm zu brechen drohten.

»Gut!« sagte er, »immer vorwärts! doch ich wette sogleich auch in Saint-Dizier anhalten, ich kaufe mir Brod und ein Stück Speck, ich trinke ein Glas Wein, gebe dafür fünf Sous aus und habe mich dadurch besser gestärkt, als die Gebieter.«

Gilbert sprach das Wort Gebieter, das wir zu diesem Behufe unterstreichen, mit seiner gewöhnlichen Emphase.

Gilbert ging, wie er es sich gelobt, nach Saint Dizier hinein, wo man, da die Escorte durchgezogen war, die Läden und Thüren der Häuser wieder zu schließen anfing.

Unser Philosoph erblickte ein Wirthshaus von gutem Aeußerem, geputzte Mägde, Knechte in Sonntagskleidern und mit Sträußen in den Knopflöchern, obgleich es noch sehr früh am Morgen war; er gewahrte auf großen Fayenceplatten mit Blumen Geflügel, von denen die Hungerigen des Gefolges einen starken Zehnten erhoben hatten.

Er trat entschlossen in das vornehmste Wirthshaus, man legte eben die letzten Stangen an die Läden, er bückte sich, um in die Küche zu schlüpfen.

Die Wirthin war da, überwachte Alles und zählte ihre Einnahme.

»Verzeihen Sie, Madame,« sagte Gilbert, »geben Sie mir, wenn es Ihnen beliebt, ein Stück Brod und Schinken.«,

»Es gibt keinen Schinken, mein Freund,« erwiederte die Wirthin, »wollen Sie Huhn?«

»Nein; ich habe Schinken verlangt, weil ich Schinken zu speisen wünsche; ich liebe das Huhn nicht.«

»Das ist ärgerlich, mein kleiner Mann,« versetzte die Wirthin, »denn es gibt nichts Anderes, Doch glauben Sie mir,« fügte sie lächelnd bei, »das Huhn wird nicht theurer für Sie sein, als Schinken; nehmen Sie eines zur Hälfte, nehmen Sie ein ganzes für zehn Sous, dann haben Sie Ihren Mundvorrath für morgen. Wir dachten, Ihre Königliche Hoheit würde bei dem Herrn Amtmann anhalten und wir konnten unsere Mundvorräthe an ihre Equipagen verkaufen, doch sie ist nur durchgefahren, und somit sind die Speisen verloren.«

Man könnte glauben, Gilbert habe, da sich eine so schöne Gelegenheit und eine so gute Wirthin zeigte, diese einzige Gelegenheit, die sich ihm bot, ein gutes Mahl zu machen, nicht versäumen wollen, doch das hieße seinen Charakter völlig verkennen.

»Ich danke,« sagte er, »ich begnüge mich mit weniger, ich bin weder ein Prinz, noch ein Lackei.«

»Dann schenke ich es Ihnen, mein kleiner Artaban, und Gott geleite Sie!« sagte die gute Frau.

»Ich bin auch kein Bettler, gute Frau,« sprach Gilbert gedemüthigt. »Ich kaufe und bezahle.«

Und um die Wirkung mit den Worten zu verbinden, versenkte Gilbert majestätisch seine Hand in seine Hosentasche, wo auch der Arm bis zum Ellenbogen verschwand. Doch er mochte immerhin erbleichend in dieser weiten Tasche suchen und wühlen, er zog nur das Papier heraus, in welchem der Sechs-Livres-Thaler enthalten gewesen war. Hin und hergeworfen hatte der Thaler zuerst seine alte, abgenutzte Umhüllung, sodann die mürbe Leinwand der Tasche durchbrochen, war in die Hose geschlüpft und von da durch das aufgeschnallte Knieband hinausgefallen.

Gilbert hatte nämlich seine Kniebänder aufgeschnallt, um seinen Beinen Elastizität zu geben.

Der Thaler war auf der Straße, ohne Zweifel am Rande des Baches, dessen Wellen Gilbert so sehr entzückten.

Das arme Kind hatte mit sechs Franken ein Glas Wasser bezahlt, das es mit seiner hohlen Hand geschöpft. Als Diogenes über das Unnöthige der hölzernen Näpfe philosophirte, hatte er wenigstens weder Taschen zu durchlöchern, noch Sechs-Livres-Thaler zu verlieren.

Die Blässe, das Zittern der Scham von Gilbert bewegten die gute Frau. Viele hätten triumphirt, einen Stolzen bestraft sehen zu können, sie aber litt unter dem auf den verstörten Zügen des jungen Mannes so gut ausgeprägten Leiden.

»Auf, mein armes Kind,« sagte sie, »speisen Sie zu Nacht und schlafen Sie hier, morgen mögen Sie sodann, wenn Sie durchaus weiter reisen müssen, Ihren Marsch fortsetzen.«

»Oh! ja, ja, ich muß,« sagte Gilbert, »ich muß, nicht morgen, sondern auf der Stelle.«

Uno er nahm wieder sein Päckchen, ohne mehr hören zu wollen, und stürzte aus dem Hause, um in der Finsterniß seine Scham und seinen Schmerz zu verbergen.

Der Laden schloß sich wieder. Das letzte Licht erlosch in dem Städtchen, selbst die Hunde hörten, durch den Tag ermüdet, auf zu bellen.

Gilbert blieb allein, sehr allein auf der Welt; denn Niemand ist mehr vereinzelt auf der Erde, als der Mensch, der so eben sich von seinem letzten Thaler getrennt hat, besonders wenn dieser letzte Thaler der einzige war, den er je besessen! Die Nacht war dunkel um ihn her; was thun? Er zögerte. Zurückkehren, um seinen Thaler zu suchen, hieß sich vor Allem einer sehr zweifelhaften Nachforschung hingeben, und dann trennte ihn diese Nachforschung für immer, oder wenigstens für lange Zeit von den Wagen, die er nicht mehr einholen konnte. Er beschloß, seinen Lauf fortzusetzen und begab sich wieder aus den Weg; doch kaum hatte er eine Stunde zurückgelegt, als ihn der einen Augenblick durch das moralische Leiden beschwichtigte, oder vielmehr eingeschläferte Hunger auf’s Neue packte. Er erwachte schmerzlicher als je, sobald sein rascher Lauf das Blut des Unglücklichen zu peitschen wiederangefangen hatte.

Zu gleicher Zeit mit dem Hunger begann die Müdigkeit, seine Gefährtin, sich der Glieder von Gilbert zu bemächtigen. Mit einer unerhörten Anstrengung holte er noch einmal die Carrossen ein, doch es war, als fände eine Verschwörung gegen ihn statt. Die Wagen hielten nur an, um umzuspannen, und spannten so rasch um, daß der arme Reisende auf der ersten Station nur fünf Minuten Ruhe gewann.

Er setzte indessen seinen Marsch wieder fort. Der Tag fing an am Horizont hervorzubrechen. Die Sonne erschien über einem großen Streifen düsterer Dünste im ganzen Glanze und in der ganzen Majestät eines Herrschers; sie versprach einen von den glühenden Maitagen, welche dem Sommer um zwei Monate vorangehen. Wie sollte Gilbert die Hitze des Mittags ertragen können?

Gilbert hatte einen Augenblick den für seine Eitelkeit tröstlichen Gedanken, die Pferde, die Menschen und selbst Gott seien gegen ihn verbunden. Aber wie Ajax zeigte er dem Himmel die Faust, und wenn er nicht, wie er sagte: »Ich werde entkommen, trotz der Götter,« so war dies der Fall, weil er besser seinen Contrat social, als seine Odyssee kannte.

Es kam, wie Gilbert vorhergesehen, ein Augenblick, wo er die Unzulänglichkeit seiner Kräfte und die Mißlichkeit seiner Lage erkannte. Es war ein furchtbarer Augenblick, der Augenblick dieses Kampfes des Stolzes gegen die Ohnmacht; einen Moment verdoppelte sich die Energie von Gilbert durch die ganze Kraft seiner Verzweiflung. Durch einen letzten Aufschwung näherte er sich wieder den Wagen, die er aus dem Gesichte verloren hatte, und sah sie durch eine Staubwolke, der das Blut, mit dem seine Augen unterlaufen waren, eine phantastische Farbe verlieh; ihr Rollen erscholl in seinen Ohren, vermischt mit dem Klingen seiner Arterien. Den Mund offen, den Blick starr, die Haare durch den Schweiß an die Stirne geklebt, sah er aus wie ein geschickter Automat, der ungefähr die Bewegungen des Menschen macht, aber mit mehr Starrheit und Beharrlichkeit. Seit dem vorhergehenden Tage hatte er zwanzig bis zwei und zwanzig Lieues zurückgelegt; endlich kam der Augenblick, wo ihn seine gelahmten Beine länger zu tragen sich weigerten; seine Augen sahen nicht mehr, seine Ohren hörten nicht mehr; es war ihm, als würde die Erde beweglich und drehte sich um sich selbst; er wollte schreien und fand keine Stimme mehr, er wollte sich aufrecht halten, denn er fühlte, daß er zu fallen im Begriffe war, und schlug die Luft wie ein Wahnsinniger mit seinen Armen.

Endlich durchbrach die Stimme seine Kehle durch ein Wuthgeschrei, und er brüllte, sich gegen Paris wendend, oder vielmehr in der Richtung, wo er glaubte, daß Paris sein müßte, gegen die Besieger seines Muthes und seiner Kräfte eine Reihe furchtbarer Verwünschungen. Dann faßte er sich mit vollen Händen an seinen Haaren, drehte sich einige Male um sich selbst und fiel auf die Landstraße, mit dem Bewußtsein und folglich mit dem Tröste, wie ein Held des Alterthums bis zum letzten Augenblick gekämpft zu haben.

Er stürzte, die Augen noch drohend, die Fäuste noch geballt, nieder.

Hierauf schloßen sich seine Augen und seine Muskeln spannten sich ab. Er war ohnmächtig.

»Aufgepaßt, Wahnsinniger!« rief ihm in der Secunde, wo er gefallen war, eine heisere Stimme, begleitet von dem Knallen einer Peitsche, zu.

Gilbert hörte nicht.

»Aufgepaßt, alle Teufel! oder ich zermalmt Dich.«

Und ein kräftiger Peitschenschlag in Form eines Aufreizungsmittels ertheilt begleitete diesen Ruf.

Gilbert wurde von dem Peitschenriemen am Gürtel getroffen.

Aber er fühlte nichts mehr und blieb unter den Füßen der Pferde, welche, ohne daß er sie in seinem Wahnsinn sah oder hörte, von einem Seitenwege kamen, der zwischen Thieblemont und Vamiere mit der Hauptstraße zusammentraf.

Ein furchtbarer Schrei drang aus dem Wagen hervor, den die Pferde fortrissen, wie es der Sturm mit einer Feder thut.

Der Postillon machte eine übermenschliche Anstrengung; doch trotz dieser Anstrengung vermochte er das erste vorgespannte Pferd nicht zurückhalten, und dieses setzte über Gilbert weg. Aber es gelang ihm, die zwei andern zu bemeistern, die er mehr unter der Hand hatte, als das erste. Eine Frau legte sich mit dem halben Leibe aus der Chaise heraus.

»Oh mein Gott!« rief sie voll Angst, »ist denn der Unglückliche zermalmt?«

»Meiner Treue, Madame,« sagte der Postillon, der durch den Staub, den die Beine seiner Pferde auftrieben, etwas zu unterscheiden suchte, »meiner Treue, das sieht gerade so aus.«

»Armes Kind! Keinen Schritt mehr. Haltet an! haltet an!«

Und die Reisende öffnete den Schlag und sprang aus dem Wagen.

Der Postillon war bereits von seinem Pferde gestiegen und beschäftigt, unter den Rädern den Körper von Gilbert, den er blutig und todt glaubte, hervorzuziehen.

Die Reisende half dem Postillon mit allen ihren Kräften.

»Das ist ein Glück,« rief er, »nicht einmal die Haut geschunden, kein Fußtritt hat ihn getroffen.« »Aber er ist ohnmächtig.«

»Aus Angst ohne Zweifel. Wir wollen ihn an den Rand des Grabens legen und fortfahren, da Madame Eile hat.«

»Unmöglich; ich kann das arme Kind nicht in diesem Zustand verlassen.«

»Bah! es ist ihm nichts geschehen und es wird ganz allein zu sich kommen.«

»Nein, nein! So jung, armer Kleiner! es ist ein Flüchtling aus einem Colleg, der eine Reise, welche seine Kräfte überstiege unternehmen wollte. Seht, wie bleich er ist; er würde sterben. Nein, nein, ich werde ihn nicht verlassen. Lege ihn in die Berline, auf den Vordersitz.«

Der Postillon gehorchte. Die Dame war bereits wieder eingestiegen. Gilbert wurde quer auf ein gutes Kissen gelegt und man lehnte seinen Kopf an die ausgestopften Wände der Carrosse an.

»Nun vorwärts,« rief die junge Dame, »wir haben zehn Minuten verloren, eine Pistole für diese zehn Minuten.«

Der Postillon ließ seine Peitsche über seinem Kopfe knallen, und die Pferde, die dieses drohende Signal kannten, brachen im Galopp auf.




XX.

Worin Gilbert anfängt, nicht mehr so sehr zu bedauern, daß er seinen Thaler verloren


Als Gilbert wieder zu sich kam, und dies geschah nach einigen Minuten, war er nicht wenig erstaunt, da er sich gleichsam quer zu den Füßen einer jungen Frau gelegt sah, die ihn aufmerksam betrachtete.

Es war eine Frau von vierundzwanzig bis fünfundzwanzig Jahren, mit grauen Augen, aufgestülpter Nase, und Wangen, welche die Sonne des Süden gebräunt hatte; ein kleiner Mund von launenhafter, zarter Zeichnung gab ihrer offenen, heiteren Gesichtsbildung einen feinen, umsichtigen Charakter. Sie hatte die schönsten Arme der Welt, die sich für den Augenblick in Aermeln von veilchenblauem Sammet mit goldenen Knöpfen modellirten. Die wellenförmigen Falten eines Kleides von grauer, großgeblümter Seide füllten beinahe den ganzen Wagen, Denn Gilbert bemerkte mit nicht weniger Erstaunen hierüber, als über alles Andere, daß er sich in einem Wagen befand, der im Galopp von drei Postpferden fortgezogen wurde.

Da das Antlitz der Dame lächelnd war und Theilnahme ausdrückte, so schaute sie Gilbert an, bis er sich überzeugt hatte, daß er nicht mehr träume.

»Nun, mein Kind,« sagte die Dame nach kurzem Stillschweigen, »es geht Ihnen besser?«

»Wo bin ich?« fragte Gilbert, der sich zu rechter Zeit dieser Phrase der Romane erinnerte, die er gelesen, welche aber nie an einem andern Orte, als in Romanen ausgesprochen wird.

»In Sicherheit, mein lieber, kleiner Herr,« antwortete die Dame mit einem sehr scharfen südlichen Accent. »Doch so eben liefen Sie in der That große Gefahr, unter den Rädern meiner Chaise zermalmt zu werden. Sprechen Sie, was ist Ihnen denn begegnet, daß Sie auf diese Art mitten auf die Landstraße gefallen sind?«

»Ich fühlte eine Schwäche, Madame.«

»Wie! eine Schwäche! und woher kam diese Schwäche?«

»Ich war zu viel marschirt.«

»Sind Sie schon lange unter Weges?«

»Seit gestern Nachmittag um vier Uhr.«

»Und seit gestern Nachmittag haben Sie gemacht? . . .«

»Ich glaube sechzehn bis achtzehn Lieues.«

»In zwölf bis vierzehn Stunden?«

»Bei Gott! ich bin immer gelaufen.«

»Wohin gehen Sie denn?«

»Nach Versailles, Madame.«

»Und woher kommen Sie?«

»Von Taverney.«

»Was ist das, Taverney?«

»Es ist ein Schloß, das zwischen Pierresitte und Bar-le-Duc liegt.«

»Aber Sie hatten kaum Zeit, zu essen?«

»Ich hatte nicht nur nicht Zeit, Madame, sondern ich hatte auch keine Mittel.«

»Wie dies?«

»Ich verlor mein Geld auf dem Wege.«

»Sie haben seit gestern nichts gegessen?«

»Nichts als etwas Brod, das ich mitgenommen,«

»Armes Kind! doch warum haben Sie nicht irgendwo zu essen gefordert?«

Gilbert lächelte verächtlich.

»Weil ich stolz bin, Madame.«

»Stolz! es ist schön, stolz zu sein, doch wenn man vor Hunger stirbt  . . .«

»Besser sterben, als sich entehren.«

Die Dame schaute den spruchreichen jungen Menschen mit einer gewissen Bewunderung an.

»Doch wer sind Sie denn, daß Sie so sprechen, mein Freund?« fragte sie.

»Ich bin eine Waise.«

»Und Sie heißen?«

»Gilbert.«

»Gilbert, von was?«

»Von nichts.«

»Ah! ah!« machte die junge Frau, immer mehr erstaunt.

Gilbert sah, daß er einen gewissen Eindruck hervorbrachte und beglückwünschte sich, daß er sich in eine Stellung von Jean Jacques Rousseau versetzt hatte.

»Sie sind noch sehr jung, um so auf der Landstraße umherzulaufen?« fuhr die Dame fort.

»Ich blieb allein und verlassen in einem alten Schlosse, von dem sich seine Gebieter entfernt hatten. Ich machte es wie sie und verließ dasselbe ebenfalls.«

»Ohne Zweck?«

»Die Erde ist groß, und es gibt, wie man sagt, Platz für Alle unter der Sonne.«

»Gut,« murmelte ganz leise die Dame, »das ist irgend ein Bastard vom Lande, der von seinem Edelhofe entflohen.«

»Und Sie sagen, Sie haben Ihre Börse verloren?« fragte sie laut.

»Ich hatte nur einen Sechs-Livres-Thaler,« antwortete Gilbert, getheilt zwischen der Scham, sein Unglück zu gestehen, und der Gefahr, ein zu großes Vermögen anzugeben, von dem man hätte vermuthen können, er habe es auf schlechtem Wege erlangt.

»Einen Sechs-Livres-Thaler für eine so lange Reise? Sie hatten kaum genug, um Brod für zwei Tage zu kaufen! Und der Weg, guter Gott! welch ein Weg! Von Bar-le-Duc nach Paris, sagen Sie?«

»Ja.«

»Ich denke, etwa sechzig bis fünfundsechzig Lieues?«

»Ich zählte die Lieues nicht, ich sagte nur: ich muß ankommen, und damit genug.«

»Und hienach reisten Sie ab, armer Narr?«

»Oh! ich habe gute Beine.«

»So gut sie sein mögen, so werden sie doch am Ende müde; Sie haben den Beweis davon,«

»Oh! nicht die Beine haben mich verlassen, sondern die Hoffnung.«

»In der That, es scheint mir, Sie sahen verzweiflungsvoll aus.«

Gilbert lächelte bitter.

»Was ging denn in Ihrem Geiste vor? Sie schlugen sich vor den Kopf, Sie rauften sich die Haare aus.«

»Glauben Sie, Madame?« fragte Gilbert sehr verlegen.

»Oh!« ich bin dessen sicher, denn es mußte Ihre Verzweiflung sein, was Sie hinderte, den Wagen zu hören.«

Gilbert dachte, es dürfte nicht übel sein, wenn er sich durch die Erzählung der Wahrheit erhöhen würde. Sein Instinkt sagte ihm, seine Lage sei interessant, besonders für eine Frau.

»Ich war in der That in Verzweiflung,« sprach er.

»Und worüber?« fragte die Dame.

»Daß ich nicht mehr einem Wagen folgen konnte, dem ich nachlief.«

»Wahrhaftig!« sagte die junge Frau lächelnd; »es ist also ein Abenteuer? Sollte Liebe darunter sein?«

Gilbert war noch nicht genug seiner Herr, um nicht zu erröthen.

»Und was für ein Wagen war es, mein kleiner Cato?«

»Ein Wagen vom Gefolge der Dauphine.«

»Wie! was sagen Sie?« rief die junge Frau; »die Dauphine ist also vor uns?«

»Ganz gewiß.«

»Ich glaubte sie hinter uns, etwa in Nancy. Erweist man ihr denn keine Ehre auf dem Weg?«

»Doch wohl, aber es scheint, Ihre Hoheit hat Eile.«

»Eile, die Dauphine, wer hat Ihnen das gesagt?«

»Ich setze es voraus.«

»Sie setzen es voraus?«

»Ja.«

»Und wie kommen Sie zu dieser Voraussetzung?«

»Sie sagte Anfangs, sie würde zwei bis drei Stunden im Schlosse Taverney verweilen.«

»Nun, und hernach?«

»Blieb sie kaum drei Viertelstunden,«

»Wissen Sie, ob ihr von Paris ein Brief zugekommen ist?«

»Ich sah mit einem Briefe in der Hand einen Herrn eintreten, dessen Kleid ganz mit Stickereien bedeckt war.«

»Hat man diesen Herrn in Ihrer Gegenwart genannt?«

»Nein, ich weiß nur, daß es der Gouverneur von Straßburg ist.«

»Herr von Stainville, der Schwager von Herrn von Choiseul. Vorwarts, Postillon, rascher.«

Ein kräftiger Peitschenschlag entsprach dieser Ermahnung, und Gilbert fühlte, daß der Wagen, obgleich bereits im Galopp fortgezogen, noch an Geschwindigkeit zunahm.

»Die Dauphine ist also vor uns?« sagte die junge Dame.

»Ja, Madame.«

»Aber sie wird anhalten, um zu frühstücken,« bemerkte die Dame, als spräche sie mit sich selbst, »und dann werden wir ihr vorankommen, wenn nicht diese Nacht  . . . Hat sie diese Nacht angehalten?«

»Ja, in Saint-Dizier.«

»Wie viel Uhr war es?«

»Ungefähr eilf Uhr.«

»Es geschah, um Abendbrod zu nehmen. Gut, sie muß frühstücken.« Postillon, was ist die erste etwas wichtige Stadt, die wir auf unserem Wege finden?«

»Vitry, Madame.«

»Und wie weit sind wir von Vitry entfernt?«

»Drei Lieues.«

»Wo wird umgespannt?«

»In Vauclère.«

»Gut. Vorwärts, und wenn Ihr eine Reihe von Wagen auf der Straße seht, so benachrichtigt mich.«

Während dieser paar Worte, welche die Dame des Wagens mit dem Postillon austauschte, war Gilbert beinahe abermals in seine Schwäche verfallen. Als die Reisende sich wieder setzte, sah sie, daß er sehr bleich war und die Augen geschlossen hatte.

»Ah! armes Kind, es ist ihm immer noch übel,« rief sie. »Es ist auch mein Fehler, ich lasse es sprechen, während es vor Hunger und Durst stirbt, statt ihm zu essen und zu trinken zu geben.«

Und um die verlorene Zeit wieder einzubringen, zog die Dame vor Allem aus der Tasche des Wagens ein ciselirtes Fläschchen, an dessen Hals an einer goldenen Kette ein kleiner Becher von Vermeil hing.

»Trinken Sie zuerst ein Tröpfchen von diesem La -Cote-Wein,« sagte sie, das Glas füllend, das sie nun Gilbert reichte,

Gilbert ließ sich diesmal nicht bitten. War es der Einfluß der hübschen Hand, die ihm den Becher bot? War das Bedürfniß dringender, als in Saint-Dizier?

»Gut,« sprach die Dame, »essen Sie nun einen Zwieback; in ein paar Stunden werde ich Ihnen ein solideres Frühstück vorsetzen.«

»Ich danke, Madame,« sprach Gilbert.

Und er aß den Zwieback, wie er den Wein getrunken hatte.

»Und nun, da sie ein wenig gestärkt sind,« fuhr die Dame fort, »nun sagen Sie nur, wenn Sie mich überhaupt zur Vertrauten nehmen wollen, sagen Sie mir, welches Interesse Sie dabei hatten, dem Wagen nachzulaufen, der, wie Sie erwähnten, der Frau Dauphine gehört.«

»Hören Sie die Wahrheit mit zwei Worten, Madame,« sprach Gilbert. »Ich war bei dem Herrn Baron von Taverney, als Ihre Hoheit ankam und Herrn von Taverney befahl, ihr nach Paris zu folgen. Er gehorchte. Da ich eine Waise bin, so dachte Niemand an mich, und man ließ mich ohne Geld und ohne Lebensmittel zurück. Nun schwur ich, da alle Welt mit Unterstützung von guten Pferden und guten Wagen nach Versailles gehe, so würde ich auch nach Versailles gehen, aber zu Fuße, mit meinen achtzehnjährigen Beinen, und ich würde mit diesen achtzehnjährigen Beinen ebenso bald ankommen, als sie mit ihren Pferden und ihren Wagen. Leider wurden meine Kräfte zu Verräthern an mir, oder das Mißgeschick nahm vielmehr Partei gegen mich. Hätte ich mein Geld nicht verloren, so hätte ich essen können; hätte ich diese Nacht gegessen, so wäre ich diesen Morgen im Stande gewesen, die Pferde wieder einzuholen.«

»Das gefällt mir, das nenne ich Muth!« rief die Dame, »und ich wünsche Ihnen Glück, mein Freund. Doch es scheint mir, es gibt ein Ding, das Sie nicht wissen.«

»Was?«

»Daß man in Versailles nicht vom Muth lebt.«

»Ich werde nach Paris gehen.«

»Paris hat aus diesem Gesichtspunkte betrachtet ungemein viel Aehnlichkeit mit Versailles.«

»Wenn man nicht vom Muth lebt, so lebt man wenigstens von der Arbeit, Madame.«

»Gut geantwortet, mein Kind. Doch von welcher Arbeit? Ihre Hände sind nicht die eines Taglöhners oder eines Lastträgers.«

»Ich werde studiren, Madame.«

»Sie scheinen mir bereits sehr gelehrt.«

»Ja, denn ich weiß, daß ich nichts weiß,« antwortete pathetisch Gilbert, der sich dieses Wortes von Sokrates erinnerte.

»Und darf ich Sie, ohne unbescheiden zu sein, fragen, welche Wissenschaft Sie vorzugsweise studiren werden, mein kleiner Freund?«

»Madame,« sprach Gilbert, »ich glaube die beste der Wissenschaften ist diejenige, welche dem Menschen seines Gleichen nützlich zu sein erlaubt. Andererseits ist dann der Mensch so wenig, daß er das Geheimniß seiner Schwäche studiren muß, um das seiner Stärke kennen zu lernen. Ich will eines Tags wissen, warum mein Magen meine Beine gehindert hat, mich diesen Morgen zu tragen; ich will endlich wissen, ob es nicht dieselbe Magenschwäche war, die in mein Gehirn den Zorn, das Fieber, den schwarzen Dunst brachte, wodurch ich niedergeschmettert worden bin.«

»Ah! es scheint mir, Sie werden dereinst ein vortrefflicher Arzt, denn Sie reden bereits bewunderungswürdig von der Medizin. In zehn Jahren verspreche ich Ihnen meine Kundschaft.«

»Ich werde mir Mühe geben, diese Ehre zu verdienen, Madame,« sagte Gilbert.

Der Postillon hielt an. Man hatte die Station erreicht, ohne einen Wagen zu sehen.

Die junge Dame erkundigte sich. Die Dauphine war vor einer Viertelstunde vorübergekommen; sie mußte in Vitry anhalten, um frische Pferde zu nehmen und zu frühstücken.

Der neue Postillon setzte sich in den Sattel.

Die junge Dame ließ ihn im gewöhnlichen Gange aus dem Dorfe fahren; als man aber in einiger Entfernung von dem letzten Hause angelangt war, sagte sie:

»Postillon, macht Ihr Euch anheischig, die Wagen der Frau Dauphine einzuholen?«

»Gewiß.«

»Ehe sie in Vitry sind?«

»Teufel! sie fuhren in starkem Trab.«

»Mir scheint, wenn wir im Galopp fahren würden?«

Der Postillon schaute sie an.

»Dreifache Trinkgelder« rief sie.

»Sie hätten mir das sogleich sagen müssen,« erwiederte der Postillon, »wir wären bereits eine Viertelslieue von hier.«

»Hier ist ein Sechs-Livres-Thaler auf Abschlag; bringen wir die verlorene Zeit wieder ein.«

Der Postillon neigte sich rückwärts, die junge Dame vorwärts, ihre Hände kamen endlich zusammen und der Thaler ging von der Hand der Reisenden in die des Postillon über.

Die Pferde erhielten ihren Gegenschlag. Die Chaise flog schnell wie der Wind fort.

Während des Umspannens war Gilbert ausgestiegen und hatte sein Gesicht und seine Hände an einem Brunnen gewaschen: sein Gesicht und seine Hände gewannen viel dabei; dann hatte er auch seine prächtigen Haare gekämmt.

»In der That,« sagte die junge Frau in ihrem Innern, »in der That, er ist nicht zu häßlich für einen zukünftigen Arzt.«

Und sie lächelte, während sie ihn anschaute.

Gilbert erröthete, als wüßte er, was seine Reisegefährtin lächeln machte.

Sobald das Zwiegespräch mit dem Postillon beendigt war, kehrte die Reisende zu Gilbert zurück, dessen Paradoxen, Ungereimtheiten und Sentenzen sie Ungemein belustigten.

Nur von Zeit zu Zeit unterbrach sie sich mitten in einem Gelächter, das durch irgend eine auf eine Meile nach Scheinphilosophie riechende Antwort hervorgerufen wurde, um nach der Straße hinaus zu schauen. Wenn dann ihr Arm das Gesicht von Gilbert streifte, wenn ihr rundes Knie an die Seite ihres Gefährten drückte, ergötzte sich die Reisende, die Röthe der Wangen des zukünftigen Arztes mit seinen gesenkten Augen contrastiren zu sehen.

So legte man ungefähr eine Lieue zurück. Plötzlich stieß die junge Frau einen Freudenschrei aus und warf sich mit so wenig Zurückhaltung auf den Vordersitz, daß sie diesmal Gilbert ganz und gar mit ihrem Leibe bedeckte.

Sie hatte die letzten Fourgons des Gefolges erblickt, welche mühsam einen langen Abhang hinanfuhren, auf dem sich zwanzig Carrossen aufreihten, aus denen die Reisenden beinahe insgesammt ausgestiegen waren.

Gilbert machte sich von den Falten des großgeblümten Kleides los, schlüpfte mit seinem Kopfe unter einer Schulter durch, kniete ebenfalls auf den Vordersitz und suchte mit glühenden Augen Fräulein von Taverney mitten unter diesen ansteigenden Pygmäen.

Er glaubte Nicole an ihrer Haube zu erkennen.

»Dort sind sie, Madame, sagte der Postillon, »was soll ich nun thun?«

»Ihr müßt an Allem dem vorüberfahren.«

»An Allem dem vorüberfahren, Madame? unmöglich. Man fährt nicht an der Dauphine vorüber.«

»Warum?«

»Weil es verboten ist. Pest! an den Pferden des Königs vorüberfahren! ich käme auf die Galeeren.«

»Höret, Freund, ordnet das, wie Ihr wollt, aber ich muß sie überholen.«

»Sie gehören also nicht zur Escorte?« fragte Gilbert, der bis jetzt die Carrosse der jungen Frau für einen verspäteten Wagen gehalten und in der ganzen Eile nichts Anderes gesehen hatte, als ein Verlangen, die Reihe wieder einzuholen.

»Der Wunsch, sich zu unterrichten, ist gut,« antwortete die junge Dame, »Indiscretion taugt nichts«

»Entschuldigen Sie, Madame,« versetzte Gilbert erröthend.

»Nun? was machen wir?« fragte die Reisende den Postillon.

»Verdammt! wir bleiben hinter ihnen bis Vitry. Dort, wenn Ihre Hoheit anhält, bitten wir um Erlaubniß, vorüberfahren zu dürfen.«

»Ja, doch man wird sich erkundigen, wer ich bin, und vernehmen  . . . Nein, nein, das taugt nichts; suchen wir etwas anderes.«

»Madame,« sprach Gilbert, »wenn ich Ihnen einen Rath zu geben wagte  . . .«

»Thun Sie dies immerhin, mein Freund, wenn er gut ist, wird man ihn befolgen.«

»Man sollte einen Seitenweg einschlagen, der um Vitry führte, und so käme man vor die Frau Dauphine, ohne sich gegen die Achtung verfehlt zu haben.«

»Das Kind spricht wahr!« rief die junge Frau. »Postillon, gibt es keinen Seitenweg?«

»Um wohin zu gehen?«

»Wohin Ihr wollt, wenn wir nur die Frau Dauphine hinter uns lassen.«

»Ah! ja wohl,« sagte der Postillon, »dort ist die Straße von Marolle, welche sich um Vitry windet und mit der Hauptstraße in Lachaussée wieder zusammentrifft.«

»Bravo!« rief die junge Frau, »das ist gut.«

»Ader Madame weiß, daß ich die Post verdoppele, wenn ich diesen Umweg mache,« entgegnete der Postillon.

»Zwei Louis d’or für Euch, wenn Ihr vor der Dauphine in Lachaussée seid.«

»Befürchtet Madame nicht, der Wagen könnte brechen?«

»Ich befürchte nichts. Bricht die Chaise, so setze ich meinen Weg zu Pferde fort.«

Und der Wagen wandte sich rechts, verließ die Hauptstraße, gelangte auf einen Seitenweg mit tiefen Fahrgeleisen, und folgte einem Flüßchen mit bleichem Wasser, das sich zwischen Lachaussée und Mutigny in die Marne wirft.

Der Postillon hielt Wort, er that Alles, was Menschen möglich, um die Chaise zu zerbrechen, aber auch um anzukommen.

Zwanzigmal wurde Gilbert auf seine Gefährtin geworfen, welche auch zwanzigmal in die Arme von Gilbert fiel.

Dieser wußte artig zu sein, ohne lästig zu werden. Er wußte seinem Mund zu befehlen, nicht zu lächeln, während seine Augen der jungen Frau sagten, sie sei sehr hübsch.

Die Vertraulichkeit entsteht rasch aus Stößen und aus der Einsamkeit. Nachdem man zwei Stunden auf dem Seitenwege gefahren war, kam es Gilbert vor, als kenne er seine Gefährtin seit zehn Jahren, und die junge Frau hätte geschworen, sie kenne Gilbert seit seiner Geburt.

Gegen eilf Uhr erreichte man wieder die Hauptstraße von Vitry nach Chalons. Ein Courrier, den man befragte, gab zur Antwort, die Dauphine frühstücke nicht nur in Vitry, sondern sie habe sich so müde gefühlt, daß sie ein paar Stunden ruhen werde. Er fügte bei, man habe ihn auf die nächste Station vorausgeschickt, um die Vorspannbeamten aufzufordern, sich gegen drei oder vier Uhr Nachmittags bereit zu halten.

Diese Nachricht erfüllte die Reisende mit Freude, sie gab dem Postillon die zwei versprochenen Louis d’or und sagte, sich gegen Gilbert wendend:

»Ah! bei meiner Treue, wir werden auf der nächsten Station auch zu Mittag speisen.

Doch es war entschieden, daß Gilbert auf dieser Station noch nicht speisen sollte.




XXI.

Worin man mit einer neuen Person Bekanntschaft macht


Oben auf der Steige, welche die Postchaise eben hinanfuhr, erblickte man das Dorf Lachaussée, wo umgespannt werden sollte.

Es war ein reizender Haufen strohbedeckter Häuser, welche nach der Laune der Bewohner mitten auf dem Wege, an der Ecke eines kleinen Gehölzes, in der Nähe einer Quelle und häufiger noch längs dem von uns erwähnten großen Bache standen, über welchen vor jedem Hause Brücken oder Bretter geworfen waren.








Doch für den Augenblick war das Merkwürdigste dieses hübschen Dörfchens ein Mann, der, den Bach abwärts, mitten auf der Straße aufgepflanzt, als hätte er den Befehl von einer höheren Macht erhalten, seine Zeit damit hinbrachte, daß er bald die Landstraße mit den Augen verfolgte, bald mit dem Blicke einen herrlichen Schimmel mit langer Mähne untersuchte, der, an den Laden einer Hütte gebunden, die Bretter durch ein Zerren mit dem Kopfe erschütterte und eine Ungeduld ausdrückte, welche den Sattel, den er auf dem Rücken trug, entschuldigen zu sollen schien; denn dieser Sattel offenbarte, daß er in Erwartung seines Herrn hier stand.

Wie gesagt, müde, vergeblich die Straße entlang zu schauen, näherte sich der Fremde von Zeit zu Zeit dem Pferde, untersuchte es als Kenner, strich ihm mit geübter Hand über das fleischige Kreuz oder drückte mit dem Ende seiner Finger die schlanken Beine. Wenn er sodann den Fußtritt vermieden hatte, den bei jedem Versuche dieser Art das ungeduldige Thier ausschleuderte, kehrte er auf sein Observatorium zurück und überschaute die immer noch verlassene Landstraße.

Als er noch nichts kommen sah, klopfte er endlich an den Laden.

»Hollah! Ihr Leute!« rief er.

»Wer klopft?« fragte eine männliche Stimme.

Und der Laden öffnete sich.

»Mein Freund,« sagte der Fremde, »wenn Ihr Euer Pferd verkaufen wollt, so ist der Käufer gefunden.«

»Sie sehen wohl, daß kein Strohwisch am Schweife hängt,« antwortete den Laden wieder schließend eine Art von Bauern.

Diese Antwort schien den Fremden nicht zu befriedigen, denn er klopfte zum zweiten Male.

Es war ein Mann von etwa vierzig Jahren, groß und kräftig, mit rother Gesichtshaut, blauem Barte und knorriger Hand unter einer großen Spitzenmanchette. Er trug einen galonnirten Hut schief aufgesetzt, nach der Mode der Provinzofficiere, welche die Pariser erschrecken wollen.

Er klopfte zum dritten Male und sagte sodann ungeduldig werdend:

»Wißt Ihr, daß Ihr gar nicht höflich seid, mein Lieber, und daß ich Euern Laden sogleich einstoßen werde, wenn Ihr ihn nicht öffnet?«

Der Laden öffnete sich wieder bei dieser Drohung und dasselbe Gesicht erschien.

»Wenn man Ihnen aber sagt, daß das Pferd nicht verkäuflich ist,« erwiederte zum zweiten Male der Bauer. »Was Teufels! das muß Ihnen genügen!«

»Und wenn ich Euch sage, daß ich eines Läufers bedarf!«

»Wenn Sie eines Läufers bedürfen, so gehen Sie auf die Post. Es sind dort sechzig. ans den Ställen Seiner Majestät und Sie haben die Wahl. Doch lassen Sie das Pferd der Person, die nur eines besitzt.«

»Und ich wiederhole Euch, daß ich dieses haben will.«

»Kein schlechter Geschmack, ein arabisches Pferd.«

»Ein Grund mehr, daß es mich gelüstet, es zu kaufen.«

»Es ist möglich, daß es Sie gelüstet, dieses Pferd zu kaufen, doch leider ist es nicht verkäuflich.«

»Wem gehört es denn?«

»Sie sind sehr neugierig!«

»Und Du bist sehr schweigsam.«

»Nun! es gehört einer Person, die bei mir wohnt und dieses Thier liebt, wie sie nur ein Kind lieben könnte.«

»Ich will mit dieser Person sprechen.«

»Sie schläft.«

»Ist es ein Mann oder eine Frau?«

»Es ist eine Frau.«

»Nun, so sage der Frau, wenn sie fünfhundert Pistolen nöthig habe, so werde man sie ihr für dieses Pferd geben,«

»Ah! oh!« rief der Bauer, die Augen weit aufsperrend, »fünfhundert Pistolen, das ist ein hübscher Pfennig.«

»Füge bei, wenn Du willst, der König hat Lust zu diesem Thiere.«

»Der König?«

»In Person.«

»Gehen Sie doch, Sie sind wohl nicht der König.«

»Nein, aber ich vertrete ihn.«

»Sie vertreten den König?« sprach der Bauer, seinen Hut abnehmend.

»Mach’ geschwinde, Freund, der König habe große Eile.«

Und der Hercules warf einen beobachtenden Blick auf die Landstraße.

»Seien Sie unbesorgt,« sagte der Bauer, »wenn die Dame aufgewacht ist, werde ich ihr zwei Worte zuflüstern.«

»Ja, aber ich habe nicht Zeit, zu warten, bis sie aufgewacht ist.«

»Was ist dann zu thun?«

»Parbleu! wecke sie auf.«

»Oh mein Herr, niemals.«

»Nun, so werde ich sie selbst aufwecken. Warte, warte.«

Und der Mann, der Seine Majestät zu vertreten vorgab, ging näher hinzu, um mit einer langen Reitpeitsche mit silbernem Knopfe an einen oberen Laden zu klopfen.

Doch die bereits erhobene Hand senkte sich wieder, ohne nur an dem Laden anzustreifen, denn in demselben Augenblick gewahrte er eine Chaise, welche im letzten Trabe von drei erschöpften Pferden herbeifuhr.

Das geübte Auge des Fremden erkannte sogleich die Felder des Wagens und er eilte ihm mit einem Laufe entgegen, der dem arabischen Pferde, nach dessen Besitz er trachtete, Ehre gemacht hätte.

Dieser Wagen war die Postchaise, welche die Reisende, den Schutzengel von Gilbert, führte.

Als der Postillon den Mann sah, der ihm Zeichen machte, war er, da er nicht wußte, ob feine Pferde noch bis zur Station gehen könnten, entzückt, anhalten zu dürfen.

»Chon, meine gute Chon! bist Du es endlich? Guten Morgen! guten Morgen!«

»Ich selbst, Jean,« antwortete die Reisende, welche mit diesem seltsamen Namen angerufen wurde, »was machst Du da?«

»Bei Gott! eine schöne Frage, ich warte.«

Und der Hercules sprang auf den Fußtritt, umfaßte durch die Oeffnung des Kutschenschlages die junge Frau mit seinen langen Armen und bedeckte sie mit Küssen.

Plötzlich erblickte er Gilbert, der keine von den Beziehungen kannte, welche zwischen diesen zwei neuen Personen bestanden, die wir in Scene gesetzt haben, und ein so verdrießliches Gesicht machten, wie ein Hund, dem man einen Knochen wegnimmt,

»Halt,« sagte er, »was hast Du da aufgelesen?«

»Einen äußerst belustigenden kleinen Philosophen,« antwortete Mademoiselle Chon ohne sich im Geringsten darum zu bekümmern, ob sie ihren Schützling dadurch verletzte, oder ihm schmeichelte.

»Und wo hast Du ihn gefunden?«

»Auf der Landstraße. Doch es handelt sich nicht um dieses.«

»Es ist wahr,« antwortete derjenige, welchen man Jean nannte. »Nun, unsere alte Gräfin von Bearn?«

»Das ist abgemacht.«

»Wie, es ist abgemacht?«

»Ja, sie wird kommen.«

»Sie wird kommen?«

»Ja, ja, ja,« machte Mademoiselle Chon mit dem Kopfe.

Diese Scene ging immer vom Fußtritt zum Kissen der Chaise vor.

»Was hast Du ihr denn erzählt?« fragte Jean.

»Ich wäre die Tochter ihres Advokaten; des Meister Flageot, ich käme durch Verdun und hätte den Auftrag, ihr von meinem Vater zu melden, daß ihr Prozeß in das Register eingetragen werde.«

»Das ist Alles?«

»Ja, doch ich fügte bei, die Einregistrirung mache ihre Gegenwart in Paris unerläßlich.«

»Was that sie sodann?«

»Sie riß ihre grauen Augen weit auf, schlürfte ihren Tabak, behauptete, Meister Flageot sei der erste Mann der Welt, und gab Befehle zu ihrer Abreise.«

»Das ist herrlich, Chon! Ich mache Dich zu meinem außerordentlichen Botschafter. Wollen wir nun frühstücken?«

»Allerdings, denn dieses unglückliche Kind stirbt vor Hunger; doch geschwinde, nicht wahr?«

»Warum denn?«

»Weil man dort kommt!«

»Die alte Prozeßkrämerin! bah! wenn wir ihr nur zwei Stunden voran sind und Zeit haben, mit Herrn von Maupeou zu sprechen.«

»Nein, die Dauphine!«

»Bah! die Dauphine muß noch in Nancy sein.«

»Sie ist in Vitry.«

»Drei Stunden von hier?«

»Nicht mehr, nicht weniger.«

»Teufel, das verändert die Sache! vorwärts, Postillion! vorwärts!«

»Wohin, mein Herr?«

»Nach der Post.«

»Steigt der Herr ein, oder steigt er ab?«

»Ich bleibe wo ich bin. Vorwärts!«

Der Wagen entfernte sich, den Reisenden auf dem Fußtritte fortführend; fünf Minuten nachher hielt er vor dem Posthause an.

»Rasch, rasch, rasch,« sagte Chon, »Cotelettes, ein Huhn, Eier, eine Flasche Burgunder, was es gerade gibt; wir müssen auf der Stelle wieder abreisen.«

»Verzeihen Sie, Madame,« sprach der Postmeister auf seine Schwelle tretend, »wenn Sie sogleich wieder abreisen wollen, so müssen Sie es mit Ihren Pferden thun.«

»Wie! mit unsern Pferden?« versetzte Jean, schwerfällig von dem Fußtritte herabspringend.

»Ja, gewiß, oder mit denjenigen, die Sie gebracht haben.«

»Nein,« sagte der Postillon, »sie haben bereits eine doppelte Station gemacht, sehen Sie nur den Zustand dieser armen Thiere an.«

»Oh! wahrlich,« rief Chon, »sie können unmöglich weiter gehen.«

»Aber wer hindert Sie, mir frische Pferde zu geben?«

»Ich habe keine mehr.«

»Ei, Sie müssen haben  . . . den Teufel, das ist Vorschrift.«

»Mein Herr, die Vorschrift verpflichtet mich, fünfzehn Pferde im Stall zu haben.«

»Nun?«

»Ich habe achtzehn.«

»Das ist mehr, als ich verlange, denn ich brauche nur drei«

»Ganz gut, aber sie sind auswärts.«

»Alle achtzehn?«

»Alle achtzehn.«

»Fünfundzwanzig Donner!« fluchte der Reisende.

»Vicomte! Vicomte!« rief die junge Frau.

»Ja, ja,« sagte der Prahler, »sei unbesorgt, man wird sich mäßigen. Und wann kommen Ihre Rosse zurück?« fuhr er, sich an den Postmeister wendend, fort.

»Verdammt! gnädiger Herr, ich weiß es nicht; das hängt von den Postillons ab; vielleicht in einer Stunde, vielleicht in zwei.«

»Sie wissen, Meister,« sprach der Vicomte Jean, indem er seinen Hut auf das linke Ohr drückte und sein rechtes Bein bog, »Sie wissen, oder Sie wissen nicht, daß ich nie scherze.«

»Ich bin darüber in Verzweiflung, denn es wäre mir lieber, die Laune des Herrn neigte sich zum Scherzen.«

»Man spanne rasch ein, vorwärts, oder ich ärgere mich,« sagte Jean.

»Kommen Sie mit mir in den Stall, mein Herr, und wenn Sie ein einziges Pferd an der Raufe finden, gebe ich es Ihnen umsonst.«

»Duckmäuser, und wenn ich sechzig finde?«

»Das ist gerade, als ob Sie nur eines finden würden, mein Herr, insofern diese sechzig Pferde Seiner Majestät gehören.«

»Nun?«

»Man vermiethet diese nicht.«

»Warum sind sie denn hier?«

»Für den Dienst der Frau Dauphine.«

»Wie! sechzig Pferde an der Krippe und nicht eines für mich?«

»Bei Gott! Sie begreifen wohl  . . .«

»Ich begreife nur, daß ich Eile habe.«

»Das ist ärgerlich.«

»Und,« fuhr der Reisende fort, ohne sich um die Unterbrechung des Postmeisters zu bekümmern, »und da die Frau Dauphine erst diesen Abend hier sein wird . . .«

»Sie sagen?« – versetzte der Postmeister ganz bestürzt.

»Ich sage, daß die Pferde vor der Ankunft der Frau Dauphine zurückgekehrt sein werden.«

»Mein Herr,« rief der arme Mann, »sollten Sie zufällig die Prätention haben?« —

»Bei Gott!« sagte der Vicomte, während er unter den Schoppen trat, »ich werde mich wohl geniren; warte!«

»Aber mein Herr  . . .«

»Nur drei. Ich verlange nicht acht Pferde, wie die Königlichen Hoheiten, obgleich ich das Recht dazu habe  . . . wenigstens durch Verbindung; nein, drei genügen mir.«

»Doch Sie werden nicht eines bekommen,« rief der Postmeister und stürzte zwischen die Pferde und den Fremden.

»Lümmel!« sagte der Vicomte vor Zorn erbleichend, »weißt Du, wer ich bin?«

»Vicomte,« rief die Stimme von Chon, »Vicomte, im Namen des Himmels, keinen Scandal!«

»Du hast Recht, meine gute Chon, Du hast Recht.«

Dann nach kurzem Nachdenken:

»Vorwärts, keine Worte, zur Sache.«

Und er wandte sich mit der höflichsten Miene zum Wirthe um und sagte:

»Mein lieber Freund, ich will Ihre Verantwortlichkeit sicher stellen.«

»Wie dies?« fragte der Wirth, trotz des freundlichen Gesichtes, das er bei dem Vicomte wahrnahm, nur wenig beruhigt.

»Ich werde mich selbst bedienen. Hier sind drei Pferde von vollkommen gleichem Wuchse. Ich nehme Sie.«

»Wie! Sie nehmen Sie?«

»Ja.«

»Und Sie nennen. das, meine Verantwortlichkeit sicher feilen?«

»Allerdings. Sie haben mir die Pferde nicht gegeben, man hat sie Ihnen genommen.«

»Aber ich sage Ihnen, daß dies unmöglich ist.«

»Stille, wo sind die Geschirre?’

»Niemand rühre sich!« schrie der Postmeister den Stallknechten zu, welche im Hof und unter dem Schoppen umhergingen.

»Ah! Bursche!«

»Jean! mein lieber Jean!« rief Chon, die durch die Oeffnung des großen Thores Alles, was vorging, sah und hörte. »Keine schlimme Geschichte, mein Freund! bei einer Sendung muß man zu ertragen wissen.«

»Alles mit Ausnahme der Zögerung,« sagte Jean mit seinem schönsten Phlegma; »da es mich aufhalten würde, wenn ich warten wollte, bis diese Schufte mich unterstützten, so werde ich das Geschäft selbst versehen.«

Und die That mit der Drohung verbindend, machte Jean drei Geschirre hinter einander von der Mauer los und legte sie auf den Rücken von drei Pferden.

»Ich bitte, Jean,« rief Chon, die Hände faltend, »ich bitte.«

»Willst Du ankommen, oder nicht ankommen?« versetzte der Vicomte und knirschte mit den Zähnen.

»Ich will allerdings ankommen! Alles ist verloren, wenn wir nicht eintreffen.«

»Nun, so laß mich machen.«

Und der Vicomte trennte von den andern Pferden die drei Thiere, die er gewählt, und die nicht die schlechtesten waren, und ging, sie nach sich ziehend, auf die Chaise zu.

»Bedenken Sie, mein Herr, bedenken Sie,« rief der Postmeister, Jean folgend; »es ist ein Majestätsverbrechen, diese Pferde zu stehlen.«

»Ich stehle sie nicht, Dummkopf, ich entlehne sie nur.«

Der Postmeister stürzte nach den Zügeln; doch ehe er sie berührt, hatte ihn der Fremde heftig zurückgestoßen.

»Mein Bruder! mein Bruder!« rief Mademoiselle Chon.

»Ah! es ist ihr Bruder,« murmelte Gilbert im Hintergrunde des Wagens und athmete nun wieder freier.

In diesem Augenblick öffnete sich ein Fenster, gerade der Thüre des Posthauses gegenüber, auf der andern Seite der Straße, und der bewunderungswürdige Kopf einer Frau zeigte sich an demselben; diese schien ganz erschrocken über das Geräusch, das sie hörte.

»Ah! Sie sind es, Madame,« sagte Jean, das Gespräch verändernd.

»Wie! ich?« entgegnete die junge Frau in schlechtem Französisch.

»Sie sind endlich erwacht, desto besser. Wollen Sie Ihr Pferd an mich verkaufen?«

»Mein Pferd?«

»Ja, den Schimmel, den Araber, der dort an den Laden gebunden ist. Sie wissen, daß ich fünfhundert Pistolen dafür biete.*

»Mein Pferd ist nicht zu verkaufen,« antwortete die junge Frau und schloß ihr Fenster wieder.

»Ich habe heute kein Glück,« sagte Jean, »man will weder Pferde an mich verkaufen, noch vermiethen. Corbleu! ich nehme den Araber, wenn man ihn nicht an mich verkauft, und bringe die Mecklenburger um, wenn man sie nicht an mich vermiethet. Hierher, Patrice.«

Der Lackei des Reisenden sprang vom Bocke zur Erde.

»Spanne an,« sagte Jean zu dem Lackei.

»Herbei, Knechte! herbei!« schrie der Wirth.

Zwei Stallknechte liefen herbei.

»Jean! Vicomte!« rief Mademoiselle Chon, die sich im Wagen heftig geberdete und vergebens den Schlag zu öffnen suchte. »Du bist ein Narr! Du wirst machen, daß wir in Stücke gehauen werden.«

»Uns in Stücke hauen! wir werden hoffentlich in Stücke hauen. Wir sind drei gegen drei. Auf, junger Philosoph,« rief Jean mit voller Lunge Gilbert zu, der sich nicht rührte, so groß war seine Bestürzung. »Auf, zu Boden! zu Boden! und mit irgend etwas gespielt, sei es mit dem Stocke, sei es mit Steinen, sei es mit der Faust. Ausgestiegen, Mord und Teufel, Sie sehen aus wie ein Heiliger von Gyps.«

Gilbert befragte mit einem zugleich unruhigen und stehenden Auge seine Beschützerin, die ihn am Arme zurückhielt.

Der Postmeister schrie sich beinahe den Hals ab und zerrte auf einer Seite an den Pferden, während Jean auf der andern zog.

Dieses Trio machte das traurigste, geräuschvollste Concert.

Endlich sollte der Kampf sein Ziel finden.

Des Streitens müde, grimmig, außer sich, brachte der Vicomte Jean dem Vertheidiger der Pferde einen so heftigen Faustschlag bei, daß dieser mitten unter erschrockene Enten und Gänse in eine Lache fiel.

»Zu Hülfe!« rief der Wirth, »Mörder! Räuber!«

Mittlerweile spannte der Vicomte, der den Werth der Zeit zu kennen schien, hastig ein.

»Zu Hülfe! Mörder! Räuber! zu Hülfe! im Namen des Königs!« fuhr der Wirth fort, bemüht, seine zwei bestürzten Knechte um sich zu sammeln.

»Wer verlangt Hülfe im Namen des Königs!« rief plötzlich ein Reiter, der im Galopp in den Posthof sprengte und gerade vor den Schauspielern dieser Scene sein von Schweiß triefendes Pferd anhielt.

»Herr Philipp von Taverney!« murmelte Gilbert und kauerte sich tiefer als je in den Hintergrund des Wagens.

Chon, der nichts entging, hörte diesen Namen.




5 bis 8. Bändchen





XXII.

Der Vicomte Jean


Der junge Lieutenant der Dauphin-Gendarmen, denn er war es, sprang vom Pferde bei dem Anblick der bizarren Scene, welche um das Posthaus alle Frauen und alle Kinder des Dorfes Lachaussée zu versammeln anfing

Als der Postmeister Philipp erblickte, warf er sich gleichsam vor diesem unerwarteten Beschützer auf die Kniee.

»Herr Officier,« rief er, »wissen Sie, was vorgeht?«

»Nein,« antwortete Philipp kalt, »doch Sie werden es mir sagen, mein Freund«

»Man will mit Gewalt die Pferde Ihrer Königlichen Hoheit der Frau Dauphine nehmen.«

Philipp spitzte die Ohren wie ein Mensch, dem man etwas Unglaubliches mittheilt.

»Und wer will die Pferde nehmen?« fragte er.

»Dieser Herr,« sagte der Postmeister.

Und er bezeichnete mit dem Finger den Vicomte Jean.

»Dieser Herr?« wiederholte Philipp. »Ei, Mord und Tod! ja, ich selbst,« sprach der Vicomte.

»Sie täuschen sich,« versetzte Taverney den Kopf schüttelnd, »der Herr müßte entweder ein Narr oder kein Edelmann sein.«

»Sie täuschen sich über diese beiden Punkte, mein lieber Lieutenant,« sprach der Vicomte, »man hat einen Kopf, der völlig in Ordnung ist, und man steigt aus den Carrossen Seiner Majestät aus, bis man wieder in dieselbe einsteigt.«

»Wie können Sie, der Sie einen geordneten Kopf haben und aus den Carrossen Seiner Majestät aussteigen, es wagen, Hand an die. Pferde der Dauphine zu legen?«

»Einmal sind hier sechzig Pferde, und Ihre Königliche Hoheit kann nur acht brauchen; ich hätte also großes Unglück, wenn ich, drei auf den Zufall nehmend, gerade die der Frau Dauphine nähme.«.

»Es sind allerdings sechzig Pferde vorhanden,« entgegnete der junge Mann; »es ist wahr, Ihre Königliche Hoheit braucht nur acht; doch dessen ungeachtet gehören alle diese Pferde, vom ersten bis zum sechzigsten, Ihrer Königlichen Hoheit, und Sie können keine Unterscheidung in dem, was den Dienst der Prinzessin bildet, zulassen.«

»Sie sehen jedoch, daß man eine zuläßt, da ich dieses Gespann nehme,« antwortete er ironisch. »Soll ich zu Fuß gehen, während Schufte von Lackeien mit vier Pferden fahren? Mord und Tod! sie mögen es machen wie ich. sie können sich mit dreien begnügen, und es werden noch genug vorräthig sein.«

»Wenn diese Lackeien mit vier Pferden fahren, mein Herr, so geschieht es, weil es der Befehl des Königs vorschreibt,« sprach Philipp und streckte den Arm gegen den Vicomte aus, um ihm zu bezeichnen, er möge nicht auf dem Wege beharren, den er eingeschlagen. »Wollen Sie also Ihrem Kammerdiener befehlen, mein Herr, daß er die Pferde dahin zurückführt, wo Sie dieselben genommen haben.«

Diese Worte wurden mit eben so viel Festigkeit, als Höflichkeit gesprochen, und wenn man nicht ein Elender war, mußte man artig darauf antworten.

»Sie hätten vielleicht Recht, mein lieber Lieutenant, so zu sprechen,« erwiederte der Vicomte, »wenn es in Ihrem Auftrage läge, über diesen Thieren zu wachen; doch es ist mir noch nicht bekannt, daß die Dauphin-Gendarmen zu dem Grade von Stallknechten erhoben worden sind; schließen Sie also die Augen, mein Herr, heißen Sie Ihre Leute dasselbe thun, und glückliche Reise!«

»Sie sind im Irrthum, mein Herr; ohne zu dem Grade eines Stallknechts erhoben worden oder hinabgestiegen zu sein, gehört das, was ich im Augenblick thun, zu meinen Attributen; denn die Frau Dauphine schickt mich selbst voraus, um über ihren Relais zu wachen.«

»Das ist etwas Anderes,« versetzte Jean; »doch erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken: Sie versehen da einen traurigen Dienst, mein Officier, und wenn die junge Dame die Armee so zu behandeln anfängt  . . .«

»Von wem sprechen Sie in diesen Ausdrucken, mein Herr?« unterbrach ihn Philipp.

»Ei, bei Gott! von der Oesterreicherin.«

Der junge Mann wurde bleich wie seine Halsbinde.

»Sie wagen zu sagen, mein Herr  . . . ?« rief er.

»Ich wage nicht nur zu sagen, sondern auch zu thun,« sprach Jean. »Vorwärts, Patrice, angespannt, mein Freund, hurtig, denn ich habe Eile.«

Philipp nahm das erste Pferd beim Zügel.

»Mein Herr,« sprach Philipp von Taverney mit seinem ruhigen Tone, »Sie werden mir das Vergnügen machen, mir zu sagen wer Sie sind, nicht wahr?«

»Liegt Ihnen daran?«

»Es liegt mir daran.«

»Nun! ich bin der Vicomte Jean Dubarry.«

»Wie? Sie sind der Bruder von der  . . .«.

»Welche Sie in der Bastille verfaulen lassen wird, mein Officier, wenn Sie ein einziges Wort beifügen.«

Und der Vicomte sprang in den Wagen.

Philipp näherte sich dem Schlage und sagte:

»Mein Herr Vicomte Jean Dubarry, Sie werden mir die Ehre erweisen, auszusteigen, nicht wahr?«

»Ah, bei Gott! ich habe wohl Zeit,« versetzte der Vicomte und suchte den offenen Schlag an sich zu ziehen.

»Wenn Sie eine Sekunde zögern, mein Herr,« versetzte Philipp, während er mit seiner linken Hand den Schlag sich zu schließen verhinderte, »so gebe ich Ihnen mein Ehrenwort, daß ich Ihnen meinen Degen durch den Leib renne.«

Und er zog seinen Degen mit seiner rechten freigebliebenen Hand.

»Ah, mein Gott!« rief Chon, »das ist ein Mord! . verzichte auf die Pferde, Jean, verzichte darauf.«

»Ah! Sie bedrohen mich,« grinste der Vicomte außer sich, und ergriff ebenfalls seinen Degen, den er auf den Vordersitz gelegt hatte.

»Und auf die Drohung wird die That folgen, wenn Sie nur eine einzige Minute zögern, hören Sie?« sprach der junge Mann, und ließ seinen Degen zischen.

»Wir werden nie von der Stelle kommen, wenn Du diesen Officier nicht auf eine sanfte Weise zu fassen weißt,« flüsterte Chon in das Ohr von Jean.

»Weder Sanftmuth, noch Gewalt können mich in meiner Pflicht aufhalten,« sprach Philipp mit einer höflichen Verbeugung, denn er hatte die Ermahnung der jungen Frau gehört; »rathen Sie also diesem Herrn Gehorsam, oder ich werde mich im Namen des Königs, den ich vertrete, genöthigt sehen, ihn zu tödten, wenn er sich mit mir schlagen will, und ihn zu verhaften, wenn er sich dessen weigert.«

»Und ich sage, daß ich Ihnen zum Trotz abreisen werde,« brüllte der Vicomte und sprang aus dem Wagen, während er mit derselben Bewegung seinen Degen zog.

»Das werden wir sehen, mein Herr,« sagte Philipp, während er sich auslegte und das Eisen band; »sind Sie bereit?«

»Mein Lieutenant,« sprach der Wachtmeister, der unter Philipp commandirte, »sechs Mann von der Escorte, mein Lieutenant, soll ich?«

»Rühren Sie sich nicht, mein Herr,« sagte der Lieutenant, »es ist eine persönliche Angelegenheit. Auf, mein Herr Vicomte, ich bin zu Ihren Befehlen!«

Mademoisselle Chon stieß schrille Schreie aus, Gilbert hätte, um sich besser verbergen zu können, gewünscht, der Wagen wäre so tief wie ein Brunnen gewesen.

Jean begann den Angriff. Er besaß eine seltene Gewandtheit, in dieser Waffenübung, welche weit mehr Berechnung als körperliche Geschicklichkeit erfordert. Doch der Zorn beraubte den Vicomte sichtbar eines Theils seiner Kraft, Philipp schien im Gegentheil seinen Degen wie ein Stoßrappier zu handhaben und sich in einem Fechtsaale zu üben.

Der Vicomte wich zurück, rückte vor, sprang rechts, sprang links, und schrie, während er weit ausfiel, nach der Manier der Regimentsfechtmeister.

Fest und unbeweglich wie eine Statue, die Zähne an einander geschlossen, das Auge erweitert, hörte und errieth Philipp im Gegentheil Alles.

Jedes schwieg und schaute, Chon wie die Anderen. Zwei oder drei Minuten lang dauerte der Kampf, ohne daß alle die Finten, alle die Schreie, alle die Ausweichungen von Jean einen Erfolg hatten, aber auch ohne daß Philipp, der ohne Zweifel das Spiel seines Gegners studirte, ein einziges Mal weit ausfiel.

Plötzlich machte der Vicomte Jean einen Sprung rückwärts und stieß einen Schrei aus.

Zu gleicher Zeit färbte sich seine Manchette mit Blut, und rasche Tropfen stoßen an seinen Fingern hinab. Philipp hatte mit einem Gegenstoß den Vorderarm seines Feindes durchbohrt,

»Sie sind verwundet, mein Herr,« sagte er.

»Alle Donner und Teufel, ich fühle es wohl!« rief Jean erbleichend und ließ seinen Degen fallen.

Philipp hob ihn auf, gab ihm denselben zurück, und sprach:

»Gehen Sie, mein Herr, und machen Sie keine solche Tollheiten mehr.«

»Pest! wenn ich mache, so bezahle ich sie!« murrte der Vicomte. »Komm’ geschwinde, meine arme Chonchon, komm’,« sagte er, sich an seine Schwester wendend, welche aus dem Wagen gesprungen war und herbeilief, um ihm Hülfe zu leisten.

»Madame,« sprach Philipp, »Sie werden mir die Gerechtigkeit widerfahren lassen, zu gestehen, daß es nicht mein Fehler gewesen ist, und ich bedaure es von ganzem Herzen, daß ich zu der äußersten Nothwendigkeit, meinen Degen vor einer Frau zu ziehen, getrieben worden bin.«

Und er verbeugte sich und zog sich zurück.

»Spannen Sie diese Pferde aus, mein Freund, und führen Sie dieselben wieder an ihren Platz,« sagte Philipp zu dem Postmeister.

Jean zeigte Philipp die Faust, dieser zuckte die Achseln.

»Ah! hier kommen gerade drei Pferde zurück« rief der Postmeister. »Courtin! Courtin! spanne sie sogleich an die Chaise dieses Herrn.«

»Aber, Herr  . . .« sagte der Postillon.

»Keine Erwiederung,« rief der Wirth, »der Herr hat Eile. Mein lieber Herr,« sprach er zu dem Vicomte, »verzweifeln Sie nicht; hier kommen Pferde.«

»Gut,« murrte Dubarry; »Deine Pferde hätten vor einer halben Stunde eintreffen sollen.«

Und er schaute, mit dem Fuße stampfend, seinen durchbohrten Arm an, den Chon mit ihrem Sacktuche verband.

Mittlerweile stieg Philipp wieder zu Pferde und gab seine Befehle als ob nichts vorgefallen wäre.

»Vorwärts, Bruder, vorwärts!« sagte Chon, und zog ihren Bruder nach dem Wagen.

»Und mein Araber?« versetzte der Vicomte. »Ah! meiner Treue, er mag zum Teufel gehen, ich habe heute einen Unglückstag.«

Und er kehrte in die Chaise zurück.

»Das ist gut!« sagte er, als er Gilbert erblickte, »nun werde ich meine Beine nicht ausstrecken können.«

»Mein Herr,« stammelte der junge Mann, »ich wäre in Verzweiflung, wenn ich zur Last fiele.«

»Ruhig, Jean,« sprach Mademoiselle Chon, »laß, mir meinen kleinen Philosophen.«

»Bei Gott! er mag aus den Bock steigen!«

Gilbert entgegnete erröthend:

»Ich bin kein Lackei, um aus den Bock zu steigen.«

»Sieh da!« machte Jean.

»Lassen Sie mich aussteigen, und ich werde aussteigen.«

»Ei, tausend Teufel! steigen Sie aus,« rief Dubarry.

»Nein, nein; setzen Sie sich mir gegenüber,« sagte Chon, indem sie den jungen Mann am Arm zurückhielt, »auf diese Art werden Sie meinen Bruder nicht belästigen.« Dann flüsterte Sie dem Vicomte zu:

»Er kennt den Mann, der Dich verwundet hat.«

Ein Blitz der Freude zuckte in den Augen des Vicomte.

»Sehr gut dann mag er bleiben. Wie heißt der Herr?«

»Philipp von Taverney.«

In diesem Augenblick kam der junge Officier an dem Wagen vorüber.

»Ah! Sie hier, mein kleiner Gendarme, rief Jean; »Sie sind zu dieser Stunde sehr stolz, doch die Reihe kommt an Jeden.«

»Das werden wir sehen, wenn Ihnen die Sache Vergnügen macht, mein Herr,« entgegnete Philipp unempfindlich.

»Ja, ja, das werden wir sehen, mein Herr Philipp von Taverney,« rief Jean, und er suchte die Wirkung, die sein Name, so unvermuthet ausgeschleudert, auf den jungen Mann hervorbringen würde, zu erhaschen.

Philipp erhob wirklich den Kopf mit einem lebhaften Erstaunen, in das sich ein leichtes Gefühl der Unruhe mischte; doch er faßte sich sogleich wieder, nahm seinen Hut auf das Ammuthigste ab und rief:

»Glückliche Reise, Herr Jean Dubarry!«

Der Wagen entfernte sich eiligst.

»Tausend Donner!« sprach der Vicomte unter Grimassen, »weißt Du, daß ich furchtbar leide, kleine Chon.«

»Auf der ersten Station lassen wir einen Arzt kommen, während dieses Kind frühstückt,« antwortete Chon?

»Ah! es ist wahr,« sprach Jean, »wir haben noch nicht gefrühstückt. Mir, was mich betrifft, benimmt der Schmerz den Hunger; ich habe nur Durst.«

»Willst Du ein Glas La-Cote-Wasser trinken?«

»Meiner Treue, ja, gib.«

»Mein Herr,« sagte Gilbert, »dürfte ich es wagen, Ihnen eine Bemerkung zu machen.«

»Immerhin.«

»Die Liqueurs sind ein sehr schlechtes Getränke in der Lage, in der Sie sich befinden.«

»Ah! wirklich?«

Dann sich gegen Chon wendend, fragte der Vicomte:

»Dein Philosoph ist also ein Arzt?«

»Nein, mein Herr, ich bin kein Arzt; ich werde es eines Tags sein, wenn es Gott gefällt,« antwortete Gilbert; »doch ich habe in einer Abhandlung, zum Gebrauch der Kriegsleute, gelesen, das Erste, was man einem Verwundeten verbieten müsse, seien Liqueurs, Weine und Kaffee.«

»Ah! Sie haben das gelesen. Nun! sprechen wir nicht mehr davon.«

»Wenn mir der Herr Vicomte sein Sacktuch geben wollte, so würde ich es in diese Quelle tauchen; er würde seinen Arm sodann mit der benetzten Leinwand umwickeln und eine große Erleichterung fühlen.«

»Thun Sie das, mein Freund, thun Sie das,« sagte Chon; »Postillon, halt!« rief sie.

Der Postillon hielt; Gilbert tauchte das Sacktuch des Vicomte in den Bach.

»Dieser Junge wird uns furchtbar zur Last fallen, wenn wir sprechen wollen,« sagte Dubarry.

»Wir sprechen Patois,« antwortete Chon. »Ich habe große Lust, dem Postillon zuzurufen, er soll fortfahren, und mein Sacktuch hier zurückzulassen.«

»Du hast Unrecht, er kann uns nützlich sein.«

»Worin?«

»Er hat mir bereits Auskunft von großer Wichtigkeit gegeben.«

»Worüber?«

»Ueber die Dauphine, und noch so eben hat er uns, wie Du gesehen, den Namen Deines Gegners genannt.«

»Nun, so mag er bleiben!«

In diesem Augenblick kam Gilbert mit dem mit eiskaltem Wasser getränkten Sacktuch zurück.

Die Umlegung der Leinwand um den Arm des Vicomte that diesem sehr wohl, wie es Gilbert vorhergesehen.

»Er hatte meiner Treue Recht, ich fühle mich besser,« sagte er, »wir wollen plaudern.«

Gilbert schloß die Augen und öffnete die Ohren; aber er wurde in seiner Erwartung getäuscht. Chon erwiederte die Aufforderung ihres Bruders in dem glänzenden, lebhaften Dialekt, der Verzweiflung der Pariser Ohren, die in dem provençalischen Patois nur ein Schnarren fetter Consonnanten, welche über musikalische Vokale hinrollen, unterscheiden.

Gilbert machte, so sehr er seiner Herr war, eine Bewegung des Aergers, welche Mademoiselle Chon nicht entging, die ihm, um ihn zu trösten, ein artiges Lächeln zuwandte.

Durch dieses Lächeln wurde Gilbert Eines begreiflich: daß man ihn, den Erdwurm, scheute. Er hatte einen Vicomte bezwungen, der mit dem Wohlwollen des Königs beehrt wurde.

Wenn ihn Andrée in diesem schönen Wagen sehen würde!

Er war ganz aufgeblasen vor Stolz.

Was Nicole betrifft, so dachte er nicht einmal an sie.

Der Bruder und die Schwester setzten ihr Gespräch in ihrem Patois fort.

»Gut,« sagte plötzlich der Vicomte, während er sich aus dem Wagen neigte und rückwärts schaute.

»Was?« fragte Chon.

»Das arabische Pferd folgt uns.«

»Was für ein arabisches Pferd?«

»Das, welches ich kaufen wollte.«

»Ah!« sagte Chon, »es wird von einer Frau geritten. Oh! das herrliche Geschöpf!«

»Von wem sprichst Du?  . . . Von der Frau oder von dem Pferd?«

»Von der Frau.«

»Rufe ihr doch, Chon; sie hat vielleicht weniger Angst vor Dir, als vor mir  . . . Ich gäbe tausend Pistolen für das Pferd.«

»Und für die Frau?« fragte Chon lachend.

»Ich würde mich für sie zu Grunde richten  . . .«

Aber in einen weißen Mantel gehüllt, die Stirne von einem grauen Filzhute mit langen Federn beschattet, flog die junge Frau mit den schwarzen Augen wie ein Pfeil auf dem Rande des Weges hin und rief:

»Avanti! Dscherid! Avanti!«

»Es ist eine Italienerin,« sagte der Vicomte. »Mord und Tod, was für eine schöne Frau! wenn ich nicht so sehr litte, würde ich aus dem Wagen springen und ihr nachlaufen.«

»Ich kenne sie,« sprach Gilbert.

»Ah l dieser kleine Bauer ist also der Almanach der Provinz? Er kennt Jedermann.«

»Wie heißt sie?« fragte Chon.

»Sie heißt Lorenza.«

»Und wer ist sie?«

»Es ist die Frau des Zauberers.«

»Welches Zauberers?«

»Des Baron Joseph Balsamo.«

Der Bruder und die Schwester schauten sich an.

Die Schwester schien zu sagen:

»Habe ich wohl daran gethan, ihn zu behalten?«

»Meiner Treue, ja,« schien der Bruder zu antworten.




XXIII.

Das kleine Lever der Frau Gräfin Dubarry


Nun mögen uns unsere Leser erlauben, Mademoiselle Chon und den Vicomte Jean, welche mit Post auf der Straße nach Chalons fahren, zu verlassen und sie bei einer andern Person von derselben Familie einzuführen.

In den Gemächern von Versailles, welche Madame Adelaide, die Tochter von Ludwig XV. bewohnte, hatte dieser Fürst die Frau Gräfin Dubarry, seine Geliebte seit ungefähr einem Jahr, einquartiert, nicht ohne lange zuvor die Wirkung zu beobachten, welche dieser Staatsstreich auf den Hof hervorbringen würde.

Die Favoritin mit ihrem Sichgehenlassen, mit ihren freien Manieren, ihrem lustigen Charakter, ihrer unversiegbaren Laune, ihren geräuschvollen Phantasien hatte das schweigsame Schloß in eine stürmische Welt verwandelt, wo jeder Bewohner nur unter der Bedingung geduldet wurde, daß er sich viel und so lustig als möglich bewegte.

Von dieser allerdings beschränkten Wohnung, wenn man die Macht derjenigen, welche sie inne hatte, in Betracht zieht, ging jeden Augenblick der Befehl zu einem Feste oder das Signal zu einer Vergnügenspartie aus.

Was aber den prachtvollen Treppen von diesem Theil des Palastes am Sonderbarsten vorkam, war sicherlich der unglaubliche Zustrom von Besuchern, welche vom Morgen, das heißt von neun Uhr an, geschmückt und glänzend hinaufstiegen, um sich demüthig in einem Vorzimmer angefüllt mit Seltsamkeiten einzufinden, die noch minder seltsam erschienen, als das Idol, welches die Auserwählten im Allerheiligsten anzubeten berufen waren.

Am Morgen nach dem Tage, wo die von uns erzählte Scene auf der Post des kleinen Dorfes Lachaussée vorfiel, kam gegen neun Uhr (zur geheiligten Stunde) Jeanne von Vaubernier, in ein Nachtgewand von gestickter Mousseline gehüllt, das unter der stockigen Spitze ihre runden Beine und ihre alabasternen Arme errathen ließ, kam Jeanne von Vaubernier, sodann Demoiselle Lange, endlich Gräfin Dubarry, durch die Gnade von Herrn Jean Dubarry, ihrem ehemaligen Beschützer, aus dem Bette, wir sagen nicht ähnlich einer Venus, sondern sicherlich schöner als Venus für jeden Mann, der die Wahrheit der Dichtung vorzieht.

Bewunderungswürdig krause, hellkastanienbraune Haare, eine azurgeaderte Haut von weißem Atlaß, abwechselnd schmachtende und Geist sprühende Augen, ein kleiner, frisch-rother Mund mit dem reinsten Carmiu gezeichnet, der sich nur öffnete, um eine doppelte Reihe von Perlen sehen zu lassen; Grübchen überall, an den Wangen, am Kinn, an den Fingern; ein Hals geformt nach dem der Venus von Milo, eine schlangenartige Geschmeidigkeit mit einer Beleibtheit nach dem genauesten Maaße, dies war es was Madame Dubarry die Auserwählten ihres kleinen Lever sehen ließ, was Seine Majestät Ludwig XV., der Auserwählte der Nacht, am Morgen wie die Andern zu betrachten nicht verfehlte, denn er benützte das Sprüchwort, das den Greisen räth, die Krümchen nicht verloren gehen zu lassen, welche von der Tafel des Lebens fallen,

Die Favoritin schlief schon seit einiger Zeit nicht mehr. Um acht Uhr hatte sie geläutet, damit man dem Tage, ihrem ersten Höfling, in ihr Zimmer einzutreten erlaubte; allmälig war, Anfangs durch dickere und dann durch leichtere Vorhänge, die an diesem Tage strahlende Sonne eingeführt worden und hatte, sich ihres mythologischen Glückes erinnernd, die schöne Nymphe geliebkost, welche, statt wie Daphne, die Liebe der Götter zu fliehen, sich dergestalt vermenschlichte, daß sie zuweilen der Liebe der Sterblichen entgegenkam. Es war also weder eine Aufgedunsenheit, noch ein Zögern in den wie Karfunkel glänzenden Augen, welche lächelnd einen kleinen, von Gold umkreisten und mit Perlen besetzten Handspiegel befragten; und dieser geschmeidige Körper, von dem wir einen Begriff zu geben versucht haben, ließ sich von dem Bette, wo er, durch die süßesten Träume gewiegt, geruht hatte, bis auf den Hermelinteppich herabgleiten, auf welchem Füße, welche Aschenbrödel Ehre gemacht hätten, zwei Hände mit Pantoffeln trafen, von denen ein einziger einen Holzhauer des Geburtswaldes von Jeanne bereichert haben würde, wenn dieser Holzhauer ihn gefunden hätte.

Während diese verführerische Statue sich erhob und sich immer mehr belebte, warf man ihr einen prachtvollen Oberrock von Mechler Spitzen auf die Schultern; dann zog man über ihre fleischigen Füße, welche einen Augenblick die Pantoffeln verließen, rosenfarbige seidene Strümpfe von so feinem Gewebe, daß man nicht im Stande gewesen wäre, sie von der Haut, die sie bedeckten, zu unterscheiden.

»Keine Nachricht von Chon?« fragte sie vor Allem ihre Kammerfrau.

»Nein, Madame,« antwortete diese.

»Auch nicht vom Vicomte Jean?«

»Eben so wenig.«

»Weiß man nicht, ob Bischi Nachricht erhalten hat?«

»Man ist diesen Morgen zu der Schwester der Frau Gräfin gegangen.«

»Und keine Briefe?«

»Nein, Madame, keine Briefe.«

»Ah! wie ermüdend ist es doch, so zu warten,« sprach die Gräfin mit einer reizenden Mundverziehung, »wird man nie ein Mittel erfinden, auf hundert Stunden in einem Augenblick zu correspondiren? Ah! meiner Treue, ich beklage diejenigen, welche diesen Morgen unter meine Hand fallen werden! Ist mein Vorzimmer ziemlich gut besetzt?«

»Die Frau Gräfin fragt dies?«

»Bei Gott! hören Sie doch, Dorée, die Dauphine naht, und es wäre nicht zu staunen, wenn man mich wegen dieser Sonne verließe. Ich bin nur ein armes, kleines Gestirn  . . . Sprechen Sie, wer ist da?«

»Herr von Aiguillon, der Herr Prinz von Soubise,. Herr von Sartines, der Herr Präsident Maupeou.«

»Und der Herr Herzog von Richelieu?«

»Er ist noch nicht erschienen.

»Weder heute noch gestern! ich sagte es wohl, Dorée. Er befürchtet, sich zu gefährden. Sie schicken meinen Läufer in das Hotel du Hanovre und lassen sich erkundigen, ob der Herzog krank ist.«

»Ja, Frau Gräfin. Wird die Frau Gräfin Alle zugleich empfangen, oder Privataudienz geben?«

»Privataudienz. Ich muß mit Herrn von Sartines sprechen, lassen Sie ihn allein eintreten.«

Der Befehl war kaum von der Kammerfrau der Gräfin an einen großen Lackei übertragen, der sich in dem Corridor befand, welcher von den Vorzimmern in das Gemach der Gräfin führte, als der Polizeilieutenant, die Strenge seiner grauen Augen und die Steifheit seiner dünnen Lippen durch ein Lächeln von den erfreulichsten Auspicien mäßigend, im Vorzimmer erschien.

»Guten Morgen, mein Feind,« sagte ohne ihn anzuschauen die Gräfin, die ihn in ihrem Spiegel erblickte.

»Ich, Ihr Feind, Madame?«

»Allerdings, Sie, Die Welt theilt sich für mich in zwei Klassen von Personen, in Freunde und Feinde. Ich lasse die Gleichgültigen nicht zu, oder ich setze sie in die Klasse meiner Feinde.«

»Und Sie haben Recht, Madame; doch sagen Sie mir, wie ich es trotz meiner bekannten Ergebenheit für Sie verdient habe, in die eine oder die andere von diesen zwei Klassen eingereiht zu werden?«

»Dadurch, daß Sie eine ganze Welt von kleinen Versen, Pamphleten, Libellen, welche gegen mich gerichtet waren, drucken, vertheilen, verkaufen, dem König zustellen ließen. Das ist abscheulich, das ist boshaft, das ist albern!«

»Aber, Madame, ich bin nicht verantwortlich.«

»Doch, mein Herr, Sie sind es, denn Sie wissen, wer der Elende ist, der Alles dies thut.«

»Madame, wenn es nur ein einziger Urheber wäre, so hätten wir nicht nöthig, ihn in der Bastille verschmachten zu lassen; er würde bald allein vor Ermattung unter dem Gewichte seiner Werke umkommen.«

»Wissen Sie, daß das, was Sie da sagen, außerordentlich höflich ist?«

»Wenn ich Ihr Feind wäre, Madame, so würde ich es Ihnen nicht sagen.«

»Das ist wahr; sprechen wir nicht mehr davon. Wir stehen nun auf das Beste, das ist abgemacht, das gewährt mir Vergnügen; doch Eines beunruhigt mich dennoch.«

»Was, Madame?«

»Daß Sie auch auf das Beste mit den Choiseul stehen.«

»Madame, Herr von Choiseul ist erster Minister; er gibt Befehle und ich muß sie vollziehen.«

»Wenn Ihnen also Herr von Choiseul Befehl gibt, mich verfolgen, plagen, vor Kummer sterben zu lassen, so mögen es diejenigen, welche mich verfolgen, plagen, umbringen, thun, ohne daß Sie ihnen in den Weg treten? Ich danke.«

»Sprechen wir vernünftig,« sagte Herr von Sartines, der sich die Freiheit nahm, niederzusitzen, ohne daß die Favoritin sich ärgerte; denn man ließ dem am Genauesten unterrichteten Mann Frankreichs Alles hingehen; »was habe ich vor drei Tagen für Sie gethan?«

»Sie haben mich benachrichtigen lassen, daß ein Eilbote von Chanteloup abgehe, um die Ankunft der Dauphine zu beschleunigen.«

»Ist dies das Werk eines Feindes?«

»Aber in der ganzen Angelegenheit der Vorstellung, in welche ich, wie sie wissen, meine Eitelkeit setze, wie haben Sie sich für mich benommen?«

»So gut als immer möglich.«

»Herr von Sartines, Sie sind nicht offenherzig.«

»Ah! Madame, Sie thun mir Unrecht! wer fand für Sie im Hintergrunde einer Taverne, und zwar in weniger als zwei Stunden, den Vicomte Jean, dessen Sie bedurften, um ihn, ich weiß nicht wohin, oder ich weiß vielmehr wohin zu schicken?«

»Es wäre besser gewesen, Sie hätten mich meinen Schwager, einen Mann der, mit der königlichen Familie von Frankreich verbunden ist, verlieren lassen!« sagte Madame Dubarry lachend.

»Madame, das sind doch lauter Dienste.«

»Ja, vor drei Tagen, für vorgestern; doch was thaten Sie gestern für mich?«

»Gestern, Madame?«

»Oh! Sie mögen immerhin suchen. Gestern war der Tag, um gegen Andere gefällig zu sein.«

»Ich verstehe Sie nicht, Madame.«

»Oh! ich verstehe mich sehr wohl. Sprechen sie, was haben Sie gestern gethan?«

»Morgens oder Abends?«

»Zuerst morgens.«

»Morgens habe ich wie gewöhnlich gearbeitet.«

»Bis um welche Stunde haben Sie gearbeitet?’

»Bis um zehn Uhr.«

»Hernach?«

»Hernach ließ ich einen von meinen Freunden von Lyon zum Essen bitten, der gewettet hatte, er komme nach Paris, ohne daß ich es erfahre, den jedoch mein Diener an der Barrière erwartete.«

»Und nach dem Mittagessen?«

»Schickte ich dem Polizeilieutenant Seiner Majestät des Kaisers von Oesterreich die Adresse eines berüchtigten Diebes, den er nicht finden konnte.«

»Und dieser war?«

»In Wien.«

»Somit besorgen Sie nicht nur die Polizei von Paris, sondern auch die der fremden Höfe?«

»In meinen verlorenen Augenblicken, ja, Madame.«

»Gut, ich merke mir das. Und was haben Sie gethan nachdem Sie den Courrier abgefertigt?«

»Ich war in der Oper.«

»Um die kleine Guimard zusehen? Armer Soubise!«

»Nein, um einen berüchtigten Beutelschneider verhaften zu lassen, den ich ruhig ließ, so lange er sich nur an Generalpächter hielt, der aber die Frechheit gehabt hatte, sich an mehrere vornehme Herren zu adressiren.«

»Mir scheint, Sie hätten sagen sollen, der die Ungeschicklichkeit hatte, Herr Lieutenant. Und nach der Oper?«

»Nach der Oper?«

»Ja. Nicht wahr, was ich Sie frage, ist sehr indiscret?«

»Nein. Nach der Oper  . . . Warten Sie, daß ich mich erinnere.«

»Ah! es scheint, hier verläßt Sie das Gedächtniß.«

»Nein. Nach der Oper  . . . Ah! ich habe es.«

»Gut.«

»Ich begab mich zu einer gewissen Dame, die ein Spielhaus unterhält, und führte sie selbst nach dem Fort l’Évêque.«

»In Ihrem Wagen?«

»Nein, in einem Fiacre.«

»Hernach?«

»Wie, hernach? das ist Alles.«

»Nein, das ist nicht Alles.«

»Ich stieg wieder in meinen Fiacre.«

»Und wen trafen Sie in Ihrem Fiacre?«

Herr von Sartines erröthete.

»Ah!« rief die Gräfin, ihre kleinen Hände an einander schlagend, »ich habe also das Glück gehabt, einen Polizeilieutenant erröthen zu machen.«

»Madame  . . .« stammelte Herr von Sartines.

»Nun, ich will es Ihnen sagen, wer in diesem Fiacre war« versetzte die Favoritin; »es war die Herzogin von Grammont.«

»Die Herzogin von Grammont!« rief der Polizeilieutenant.

»Ja, die Herzogin von Grammont, welche Sie bat, ihr Eintritt in das Gemach des Königs zu verschaffen.«

»Meiner Treue, Madame, ich lege mein Portefeuille in Ihre Hände,« rief Herr von Sartines mit einer Bewegung der Unruhe. »Ich bin es nicht mehr, der die Polizei ausübt, Sie sind es.«

»In der That, Herr von Sartines, ich habe die meinige, wie Sie sehen; also nehmen Sie sich in Acht! Ja, ja! die Herzogin von Grammont in einem Fiacre um Mitternacht mit dem Herrn Polizeilieutenant, und zwar in einem Fiacre, der im Schritt fährt! Wissen Sie, was ich sogleich thun ließ?«

»Nein, aber ich habe eine furchtbare Angst. Zum Glück war es sehr spät.«

»Gleichviel, die Nacht ist die Zeit der Rache.«

»Und was haben Sie gethan, lassen Sie hören?«

»So wie ich meine geheime Polizei habe, so habe ich auch meine gewöhnliche Literatur, abscheuliche Bursche, schmutzig wie die Lumpen und ausgehungert wie die Wiesel.«

»Sie füttern sie also sehr schlecht?«

»Ich füttere sie gar nicht; wenn sie fett würden, so würden sie auch dumm wie Herr von Soubise; das Fett verzehrt bekanntlich die Galle.«

»Fahren Sie fort, Sie machen mich beben.«

»Ich dachte an alle die Bosheiten, die Sie die Choiseul gegen mich begehen lassen. Das reizte mich, und ich gab meinen Apollo’s folgende Programme: 1) Herr von Sartines besucht als Procurator verkleidet in der Rue de l’Arbre-Sec, im vierten Stocke, eine junge Unschuldige, welcher er eine elende Summe von dreihundert Livres je am 30. des Monats auszubezahlen sich nicht schämt.«

»Madame, das ist eine schöne Handlung, die Sie beflecken wollen.«

»Man befleckt nur solche. 2) Herr von Sartines schleicht sich als ehrwürdiger Vater der Mission verkleidet in das Carmeliterkloster der Rue Saint-Antoine ein.«

»Madame, ich brachte diesen guten Schwestern Nachrichten vom Orient.«

»Vom kleinen oder vom großen? 3) Herr von Sartines fährt als Polizeilieutenant verkleidet um Mitternacht ganz allein mit der Herzogin von Grammont in den Straßen umher.«

»Ah! Madame,« sagte Herr von Sartines erschrocken, »wollen Sie in diesem Punkte meine Verwaltung herabsetzen?«

»Ei! Sie lassen wohl die meinige entwerthen,« sprach die Gräfin lachend. »Aber warten Sie doch.«

»Ich warte.«

»Meine Bursche machten sich also an die Arbeit und componirten, wie man in der Schule componirt, als Erzählung, als Uebersetzung, als Umschreibung, und ich erhielt so eben ein Epigramm, ein Lied und ein Vaudeville.«

»Ah, mein Gott!«

»Alle drei furchtbar. Ich werde diesen Morgen den König damit bewirthen, so wie mit dem neuen Pater Noster, das Sie gegen mich umherlaufen lassen; Sie wissen? » ‚Unser Vater, der Du bist in Versailles, Dein Name sei verflucht, wie er es zu sein verdient, Dein Reich ist erschüttert, Dein Wille geschieht weder auf Erden, noch im Himmel; gib uns unser tägliches Brod zurück, das uns Deine Favoritinnen genommen haben; vergib Deinen Parlamenten, welche unsere Interessen unterstützen, wie wir Deinen Ministern vergeben, die sie verkauft haben. Unterliege nicht den Versuchungen der Dubarry, sondern befreie uns von Deinem Teufel von einem Kanzler. Amen.’ «

»Wo haben Sie auch dies noch entdeckt?« sagte Herr von Sartines und faltete seufzend die Hände.

»Ei, mein Gott! ich habe nicht nöthig, es zu entdecken; man erweist mir die Artigkeit, mir jeden Tag zuzuschicken, was Gutes in dieser Hinsicht erscheint. Ich schrieb sogar Ihnen die Ehre dieser täglichen Sendungen zu.«

»Oh! Madame.«

»Als Erwiederung sollen Sie auch morgen das Epigramm, das Lied und das Vaudeville erhalten.«

»Warum nicht sogleich?«

»Weil ich Zeit brauche, um sie zu verbreiten. Ist es nicht übrigens der Gewohnheit gemäß, daß die Polizei zuletzt von dem, was vorfällt, unterrichtet wird? Oh! diese Dinge werden Sie sehr belustigen. Ich lachte diesen Morgen drei Viertelstunden. Der König hat sich krank darüber gelacht, deßhalb erscheint er so spät.«

»Ich bin verloren,« rief Herr von Sartines und schlug mit seinen beiden Händen an seine Perrücke.

»Nein, Sie sind nicht verloren, Sie sind nur besungen. Bin ich wegen der schönen Bourbonnaise verloren? Nein. Ich wüthe nur darüber, und will meinerseits die Andern wüthend machen. Ah! die reizenden Verse. Ich war so zufrieden damit, daß ich meinen literarischen Scorpionen weißen Wein geben ließ, wodurch sie in diesem Augenblick ganz und gar betrunken seyn müssen.«

»Ah! Gräfin! Gräfin!«

»Ich will Ihnen zuerst das Epigramm vorsagen.«

»Ich bitte darum.«

		France, quel est donc ton destin
		D’être soumise à la femelle!  . . .[11 - Frankreich, es ist dein Geschick, dem Weibe unterworfen zu sein  . . .]

»Ei nein, ich täusche mich, es ist das, welches Sie gegen mich in Umlauf brachten. Es gibt so viele, daß ich dadurch verwirrt werde. Warten Sie, warten Sie, ich habe es:«

		Amis, connaissesz-vous l’enseigne ridicule,
		Qu’un peintre de Saint-Luc fait pur les parfumeurs?
		Il met dans un flacon, en forme de pilule,
		Boynes, Maupeou, Terray sous leurs propes couleurs,
		Il y joint de Sartines, et puis il l’intitule:
		Vinaigre de quatre voleurs![12 - Freunde. kennt Ihr das lächerliche Schild, das ein Maler von St. Lucas für die Parfümeurs macht? Er bringt in eine Flasche in Form von Pillen Boynes, Mauveou, Terray unter ihren eigenen Farben, er fügt Herrn von Sartines bei und betitelt das Ganze: Vier-Räuber-Essig!]

»Ah! Grausame, Sie werden mich in einen Tiger verwandeln.«

»Nun gehen wir zu dem Liede über, Frau von Grammont spricht.«

		Monsieur de la police
		N’ai-je pa la peau lisse?
		Rendez-moi le service
		D’en instruire le roi.[13 - Mein Herr von der Polizei, habe ich nicht eine glatte Haut? Thun Sie mir den Gefallen und unterrichten Sie den König davon.]

»Madame!, Madame!« rief Herr von Sartines wüthend.

»Oh! Beruhigen Sie sich,« sagte die Gräfin; »man hat erst 10,000 Exemplare davon abgezogen. Doch das Vaudeville müssen Sie erst hören.«

»Sie besitzen also eine Presse?«

»Eine schöne Frage! besitzt etwa Herr von Choiseul keine?«

»Ihr Drucker mag sich hüten!«

»Ah! ja; versuchen Sie es, das Patent ist auf meinen Namen ausgestellt.«

»Das ist abscheulich! Und der König lacht über alle diese Schändlichkeiten?«

»Wie! er ist es, der die Reime liefert, wenn es meinen Spinnen daran fehlte«

»Ob! Sie wissen, daß ich Ihnen diene, und behandeln mich auf diese Art?«

»Ich weiß, daß Sie mich verrathen. Die Herzogin ist Choiseul, sie trachtet nach meinem Untergang.«

»Madame, ich schwöre Ihnen, sie hat mich unversehens überfallen.«

»Sie gestehen also?«

»Ich muß wohl.«

»Warum haben Sie mich nicht davon in Kenntniß gesetzt?«

»Ich kam deshalb.«

»Basta! ich glaube es nicht.«

»Bei meinem Ehrenwort.«

»Ich wette das Doppelte.«

»Hören Sie mich an, ich stehe um Gnade,« sagte der Polizeilieutenant und fiel auf seine Kniee.

»Sie thun wohl daran.«

»Friede, im Namen des Himmels, Gräfin!«

»Wie! Sie haben Furcht vor ein paar schlechten Versen, Sie, ein Mann, ein Minister!«

»Ah! wenn ich nur hievor Furcht hätte!«

»Und Sie bedenken nicht, wie viel schlimme Stunden ein Lied mir, die ich eine Frau bin, bereiten kann!«

»Sie sind eine Königin.«

»Ja, eine nicht vorgestellte Königin.«

»Madame, ich schwöre, daß ich Ihnen nie ein Leid gethan habe.«

»Nein, aber Sie ließen mir Böses zufügen.«

»So wenig als möglich.«

»Ich will es wohl glauben.«

»Glauben Sie es mir.«

»Es handelt sich nun darum, ganz das Gegentheil vom Bösen zu thun: es handelt sich darum, Gutes zu bewerkstelligen.«

»Helfen Sie mir, und es muß mir nothwendig gelingen.«

»Sind Sie für mich, ja oder nein?«

»Ja.«

»Wird Ihre Ergebenheit so weit gehen, daß Sie meine Vorstellung unterstützen?«

»Sie werden selbst die Schranken setzen.«

»Bedenken Sie wohl, meine Druckerei ist bereit; sie arbeitet Tag und Nacht; in vier und zwanzig Stunden werden meine Bursche Hunger haben, und wenn sie Hunger haben, beißen sie.«

»Ich werde vernünftig sein. Was wünschen Sie?«

»Daß nichts von dem was ich unternehme, ein Hindernis! in den Weg gelegt werde.«

»Für meine Person mache ich mich hierzu anheischig.«

»Das ist ein schlimmes Wort,« sagte die Gräfin mit dem Fuße stampfend, »es riecht nach dem Griechischen, nach dem Carthagischen, kurz nach der punischen Treue.«

»Gräfin  . . .«

»Ich nehme es auch nicht an, das ist eine Ausflucht. Man wird von Ihnen glauben, Sie thun nichts, und Herr von Choiseul wird handeln. So will ich es nicht, hören Sie! Alles oder nichts. Ueberliefern Sie mir die Choiseul geknebelt, ohnmächtig, zu Grunde gerichtet, oder ich vernichte, kneble Sie, richte Sie zu Grunde. Und nehmen Sie sich wohl in Acht, das Lied ist nicht meine einzige Waffe, das sage ich Ihnen zum Voraus.«

»Drohen Sie nicht, Madame,« sprach Herr von Sartines träumerisch, »denn diese Vorstellung ist eine Schwierigkeit geworden, die Sie nicht begreifen dürften.«

»Geworden, das ist der richtige Ausdruck, weil man Schwierigkeiten entgegengestellt hat.«

»Leider!«

»Können Sie dieselben heben?«

»Ich bin nicht allein, wir brauchen hundert Personen.«

»Man wird sie bekommen.«

»Eine Million.«

»Das geht Terray an.«

»Die Einwilligung des Königs?«

»Ich werde sie erhalten.«

»Er wird sie nicht geben.«

»Ich nehme sie.«

»Wenn Sie Alles dies haben, brauchen Sie noch eine Pathin.«

»Man sucht sie.«

»Vergebens: es findet ein Bündniß gegen Sie statt.«

»In Versailles?«

»Ja, alle Damen haben sich geweigert, um Frau von Choiseul, Frau von Grammont, der Dauphine, kurz der ehrbaren Partei den Hof zu machen.«

»Vor Allem wird die ehrbare Partei genöthigt sein, ihren Namen zu verändern, wenn Frau von Grammont dabei ist. Das ist schon eine Niederlage.«

»Glauben Sie mir, Sie bestehen vergebens auf Ihrem Willen!«

»Ich bin dem Ziele nahe.«

»Ah! deshalb haben Sie Ihre Schwester nach Verdun abgeschickt!«

»Allerdings. Ah! Sie wissen das,« versetzte die Gräfin mit unzufriedener Miene.

»Bei Gott! ich habe auch meine Polizei,« entgegnete Herr von Sartines lachend.

»Und Ihre Spione?«

»Und meine Spione!«

»Bei mir?«

»Bei Ihnen.«

»In meinen Ställen oder in meinen Küchen?«

»In Ihren Vorzimmern, in Ihrem Salon, in Ihrem Boudoir, in Ihrem Schlafzimmer, unter Ihrem Kopfkissen.«

»Als erstes Pfand des Bündnisses nennen Sie mir diese Spione,« sagte die Gräfin.

»Ah! ich will Sie nicht mit Ihren Freunden entzweien, Gräfin.«

»Also Krieg.«

»Krieg, wie Sie das sagen!«

»Ich sage es, wie ich es denke; gehen Sie, ich will Sie nicht mehr sehen.«

»Ah! diesmal berufe ich mich auf Sie selbst. Kann ich ein Geheimniß  . . . des Staats verrathen?«

»Ein Geheimniß des Alkoven.«

»Das wollte ich sagen, dort ist heut zu Tage der Staat.«

»Ich will meinen Spion.«

»Was werden Sie mit ihm machen?«

»Ich werde ihn fortjagen.«

»Dann säubern Sie Ihr ganzes Haus.«

»Wissen Sie, daß es schrecklich ist, was sie da aussprechen?«

»Das ist wahr. Ei mein Gott! ohne dieses gäbe es kein Mittel, zu regieren, Sie wissen das. wohl, Sie, die Sie so vortrefflich in der Politik sind.«

Madame Dubarry stützte ihren Ellenbogen auf einen Lacktisch und erwiederte:

»Sie haben Recht, lassen wir das. Die Bedingungen des Vertrags?«

»Stellen Sie dieselben, Sie sind die Siegerin.«

»Ich bin großmüthig wie Semiramis. Was wollen Sie?«

»Sie werden nie mit dem König von den Reclamationen über die Mehle sprechen, denen Sie, Verrätherin! Ihre Unterstützung zugesagt haben.«

»Abgemacht; nehmen Sie alle Bittschriften, die ich über diesen Gegenstand erhalten habe: sie sind in diesem Kistchen.«

»Empfangen Sie dagegen diese Arbeit der Pairs des Reiches über die Vorstellung und die Tabourets.[14 - Avoir le tabouret heißt in der Hofsprache die Erlaubnis haben, sich in der Gegenwart des Monarchen oder seiner Gemahlin zu setzen.]«

»Eine Arbeit, die Sie Seiner Majestät zuzustellen beauftragt waren?«

»Allerdings.«

»Als ob die Sache geschehen wäre?«

»Ja.«

»Gut, aber was werden Sie sagen?«

»Ich werde sagen, ich habe sie übergeben. Dadurch gewinnen wir Zeit, und Sie sind eine zu geschickte Taktikerin, um nicht Nutzen daraus zu ziehen.«

In diesem Augenblick öffneten sich die zwei Thürflügel, ein Huissier trat ein und rief:

»Der König!«

Die zwei Verbündeten beeilten sich, jedes sein Unterpfand des Bündnisses zu verbergen, und sie wandten sich sodann, um Seine Majestät Ludwig XV. dieses Namens zu begrüßen.




XXIV.

Der König Ludwig XV


Ludwig XV. erschien den Kopf hoch, die Kniebeugen gespannt, das Auge heiter, ein Lächeln auf den Lippen.

Man sah bei seinem Eintritt durch die geöffnete Thüre eine doppelte Reihe von gebeugten Köpfen, Höflingen angehörend, welche noch einmal so begierig waren, eingeführt zu werden, seitdem sie in der Ankunft Seiner Majestät eine Gelegenheit sahen, zwei Mächten zugleich ihren Hof zu machen.

Die Thüren schloßen sich wieder. Der König hatte Niemand ein Zeichen gemacht, ihm zu folgen, und befand sich daher mit der Gräfin und Herrn von Sartines allein.

Wir sprechen weder von der vertrauten Kammerfrau, noch von einem kleinen Neger; weder die Eine, noch der Andere zählten.

»Guten Morgen, Gräfin,« sagte der König, Madame Dubarry die Hand küssend. »Gott sei Dank, wir sind sehr frisch. diesen Morgen! Guten Morgen, Sartines. Arbeitet man hier? Guter Gott! die vielen Papiere! Verbergt mir das! Oh! was für ein schöner Brunnen, Gräfin.«

Und mit seiner wankelmüthigen, gelangweilten Neugierde heftete Ludwig XV. seine Augen auf eine riesige chinesische Arbeit, welche erst seit dem vorhergehenden Tage eine von den Ecken des Schlafzimmers der Gräfin schmückte.

»Sire,« antwortete Madame Dubarry, »es ist, wie Eure Majestät sehen kann, ein chinesischer Brunnen. Das Wasser macht, wenn man den Hahnen öffnet, der sich hinten befindet, Vögel von Porzellan pfeifen und Fische von Glas schwimmen; sodann öffnen sich die Thüren der Pagode, um einer Reihe von Mandarinen Eingang zu gewähren.«

»Das ist sehr hübsch. Gräfin.«

In diesem Augenblick trat der kleine Neger vor, der auf die phantastische, launenhafte Weise angethan war, in welcher man zu jener Zeit die Orosmanen und Othello’s zu kleiden pflegte. Er hatte einen kleinen, auf das Ohr gedrückten Turban mit geraden Federn, eine Jacke von Goldbrocat, welche seine ebenholzschwarzen Arme sehen ließ, eine bauschige, bis auf die Kniee fallende Hose von brochirtem weißem Atlaß und einen Gürtel von lebhaften Farben, der diese Hose mit einer gestickten Weste verband.

»Pest!« rief der König, »wie prächtig Zamore heute ist.«

Der Neger blieb wohlgefällig vor einem Spiegel stehen.

»Sire, er hat eine Gnade von Eurer Majestät zu erbitten.«

»Madame, Zamore scheint mir sehr ehrgeizig zu sein,« erwiederte Ludwig XV. auf das Anmuthigste lächelnd.

»Warum dies, Sire?«

»Weil Sie ihm bereits die grüßte Gunst bewilligt haben, die er sich wünschen kann.«

»Welche?«

»Dieselbe wie mir.«

»Ich begreife nicht, Sire.«

»Sie haben ihn zu Ihrem Sklaven gemacht.«

Herr von Sartines verbeugte sich lächelnd, biß sich aber zugleich auf die Lippen.

»Oh! Sie sind entzückend, Sire,« rief die Gräfin.

Dann neigte sie sich an das Ohr des Königs und sagte ganz leise zu ihm:

»Frankreich, ich bete Dich an.«

Ludwig lächelte ebenfalls.

»Nun!« fragte er, »was wünschen Sie für Zamore?«

»Die Belohnung für seine langen und zahlreichen Dienste.«

»Er ist zwölf Jahre alt.«

»Für seine langen und zahlreichen zukünftigen Dienste.«

»Ah! ah!«

»Meiner Treue, ja, Sire, schon lange belohnt man die vergangenen Dienste und es wäre endlich auch einmal Zeit, die zukünftigen zu belohnen; man hätte dabei die Sicherheit, nicht mit Undank bezahlt zu werden.«

»Halt! das ist ein Gedanke,« sprach der König; »was meinen Sie, Herr von Sartines?«

»Alle Ergebenheiten würden dabei ihre Rechnung finden; ich unterstütze folglich den Gedanken, Sire.«

»Nun, so sprechen Sie, Gräfin, was verlangen Sie für Zamore?«

»Sire, Sie kennen meinen Pavillon in Luciennes?«

»Das heißt, ich hörte davon sprechen.«

»Das ist Ihr Fehler; ich habe Sie hundertmal eingeladen, dahin zu kommen.«

»Sie kennen die Etiquette, liebe Gräfin; wenn der König nicht auf der Reise ist, kann er nur in königlichen Schlössern schlafen.«

»Ganz richtig, dies ist gerade die Gnade, die ich von Eurer Majestät zu erbitten habe. Wir erheben Luciennes zu einem königlichen Schloß und ernennen Zamore zum Gouverneur.«

»Das ist eine Parodie, Gräfin.«

»Sie wissen, daß ich sie anbete, Sire.«

»Die andern Gouverneurs werden darüber ein Geschrei erheben.«

»Sie mögen schreien!«

»Doch diesmal mit Recht.«

»Desto besser! sie haben so oft mit Unrecht geschrieen. Zamore kniee nieder und danke Seiner Majestät.«

»Und wofür?« fragte Ludwig XV.

Der Neger kniete nieder.

»Für die Belohnung, die der König Dir dafür gibt, daß Du die Schleppe meines Kleides getragen und die Gecken und Pruden des Hofes, indem Du sie trugst, wüthend gemacht hast.«

»In der That,« sprach Ludwig XV., »er ist häßlich.«

Und er brach in ein Gelächter aus.

»Steh’ auf, Zamore,« sagte die Gräfin. »Du bist ernannt.«

»Doch in Wahrheit, Madame  . . .«

»Ich übernehme es, die Briefe, die Patente, die Bestallungen ausfertigen zu lassen, das ist meine Angelegenheit; die Ihrige ist es, Sire, ohne von der Vorschrift abzugehen, nach Luciennes kommen zu können. Von heute an, mein König, besitzen Sie ein königliches Schloß mehr.«

»Kennen Sie ein Mittel, ihr etwas zu verweigern, Sartines?«

»Es gibt vielleicht ein solches, aber man hat es noch nicht gefunden.«

»Und wenn man es findet, Sire, so kann ich für Eines stehen: dafür, daß Herr von Sartines, diese schöne Entdeckung gemacht haben wird.«

»Wie so, Madame?« fragte bebend der Polizeilieutenant.

»Denken Sie sich, Sire, daß ich seit drei Monaten von Herrn von Sartines Etwas verlange und vergebens verlange.«

»Und was verlangen Sie,« sagte der König.

»Oh! er weiß es wohl.«

»Ich, Madame, ich schwöre Ihnen.«

»Liegt es in seinen Attributen?« fragte der König.

»In den seinigen, oder in denen seines Nachfolgers.«

»Madame,« rief Herr von Sartines, »Sie machen mir in der That bange.«

»Was verlangen Sie von ihm?«

»Er soll mir einen Zauberer finden.«

Herr von Sartines athmete.

»Um ihn verbrennen zu lassen?« versetzte der König. »Oh! es ist sehr warm, warten Sie den Winter ab.«

»Nein, Sire, um ihm einen goldenen Stab zu schenken.«

»Dieser Zauberer hat Ihnen also ein Unglück geweissagt, das Ihnen nicht begegnet ist, Gräfin;«

»Im Gegentheil,. Sire, er hat mir ein Glück geweissagt, das mir zu Theil geworden ist.«

»Von Punkt zu Punkt?«

»So ungefähr.«

»Erzählen Sie mir das, Gräfin,« sprach, sich in einem Lehnstuhle ausstreckend, Ludwig XV. mit dem Tone eines Menschen, der nicht gewiß weiß, ob er sich belustigen oder langweilen wird, der es aber immerhin wagt.

»Ich will es wohl thun, doch Sie werden die Hälfte der Belohnung zu tragen haben  . . .«

»Die ganze, wenn es sein muß.«

»Gut, das ist ein königliches Wort.«

»Ich höre.«

»Ich beginne. Es war einmal  . . .«

»Das fängt an wie ein Feenmährchen.«

»Es ist eines, Sire.«

»Ah! desto besser, ich liebe die Zauberer.«

»Es war einmal ein armes junges Mädchen; es hatte zu jener Zeit weder Pagen, noch Wagen, noch Neger, noch Papageien, noch Affen.«

»Noch einen König,« sagte Ludwig XV.

»Oh! Sire!«

»Und was machte die Kleine?«

»Sie trabte.«

»Wie, sie trabte?«

»Ja, Sire, durch die Straßen von Paris, zu Fuß wie eine einfache Sterbliche, Nur trabte sie schneller, weil man behauptete, sie wäre artig, und weil sie bange hatte, diese Artigkeit könnte für sie ein albernes Zusammentreffen herbeiführen.«

»Dieses junge Mädchen war also eine Lucretia?« fragte der König.

»Eurer Majestät ist es wohl bekannt, daß es seit dem Jahre  . . . ich weiß, nicht wie viel der Erbauung von Rom keine mehr gibt.«

»O mein Gott! Gräfin, sollten Sie zufällig gelehrt werden?«

»Nein, wenn ich gelehrt würde, hätte ich ein falsches Datum gesagt, aber ich hätte jedenfalls eines genannt.«

»Das ist richtig,« sprach der König, »fahren Sie fort.«

»Und sie trabte, und trabte, und trabte also, und eilte durch die Tuilerien, als sie plötzlich wahrnahm, daß man ihr folgte.«

»Oh! Teufel, dann blieb sie stehen?«

»Guter Gott! was für eine schlechte Meinung haben Sie von den Frauen, Sire! Man sieht, Sie kannten nur Marquisen, Herzoginnen und  . . .«

»Und Prinzessinnen, nicht wahr?«

»Ich bin zu höflich, um Eurer Majestät zu widersprechen. Aber was sie hauptsächlich erschreckte, war der Umstand, daß vom Himmel ein Nebel fiel, der von Sekunde zu Sekunde dichter wurde.«

»Sartines, wissen Sie, was den Nebel macht?«

Unversehens überfallen, erwiederte der Polizeilieutenant bebend:

»Meiner Treue, nein, Sire.«

»Nun, ich weiß es auch nicht,« sagte Ludwig XV. »Fahren Sie fort, liebe Gräfin.«>

»Sie lief also über Hals und Kopf, eilte durch das Gitter und befand sich auf dem Platz, der die Ehre hat, den Namen Eurer Majestät zu führen, als plötzlich der Unbekannte, der ihr gefolgt war, und von dem sie sich befreit glaubte, vor ihr stand. Sie stieß einen Schrei aus.«

»Er war also sehr häßlich?«

»Im Gegentheil, Sire, es war ein hübscher junger Mann von sechsundzwanzig bis achtundzwanzig Jahren, mit braunem Gesichte, großen Augen und wohlklingender Stimme.«

»Und Ihre Heldin hatte Angst, Gräfin? Pest! sie muß sehr erschrocken gewesen sein.«

»Sie war es etwas weniger, als sie ihn sah. Die Lage der Dinge hatte indessen nichts Beruhigendes; hegte dieser Unbekannte schlimme Absichten, so war bei dem Nebel auf keine Hülfe zu hoffen; das Mädchen faltete auch die Hände und sprach:

‚Oh! mein Herr, ich flehe Sie an, mir kein Leid zu thun.’

Der Unbekannte schüttelte den Kopf und erwiederte mit einem reizenden Lächeln:

‚Gott ist mein Zeuge, daß ich dies nicht beabsichtige’

‚Was wollen Sie denn?’

‚Ein Versprechen von Ihnen erlangen.’

‚Was kann ich Ihnen versprechen?’

‚Mir die erste Gunst zu bewilligen, um die ich Sie bitten werde, wenn  . . .’

‚Wenn?’ wiederholte das Mädchen neugierig.

‚Wenn Sie Königin sein werden.’ «

»Und was that das Mädchen?«

»Sire, es glaubte sich zu nichts anheischig zu machen und versprach.«

»Und der Zauberer?«

»Er verschwand.«

»Und Herr von Sartines weigert sich, den Zaubern aufzufinden? Er hat Unrecht.«

»Sire, ich weigere mich nicht, ich kann nicht.«

»Ah! Herr Lieutenant, das ist ein Ausdruck, der in dem Wörterbuch der Polizei nicht vorkommen sollte,« sagte die Gräfin.

»Madame, man ist ihm auf der Spur.«

»Ah! ja, die herkömmliche Phrase.«

»Nein, es ist die Wahrheit. Doch Sie begreifen, die Merkmale, die Sie da angeben, sind sehr schwach.«

»Wie! jung, schön, braune Gesichtshaut, herrliche Augen, wohlklingende Stimme.«

»Pest! wie Sie von ihm sprechen, Gräfin! Sartines, ich verbiete Ihnen, diesen Burschen aufzufinden.«

»Sie haben Unrecht, Sire, denn ich will nur eine einfache Auskunft von ihm fordern.«

»Es handelt sich also um Sie?«

»Gewiß.«

»Nun, was haben Sie von ihm zu fordern? seine Weissagung ist erfüllt.«

»Finden Sie das?«

»Allerdings. Sie sind Königin.«

»Ungefähr.«

»Er hat Ihnen also nichts mehr zu sagen?«

»Doch wohl. Er hat mir zu sagen, wann diese Königin vorgestellt werden wird. Es ist nicht Alles damit gethan, daß man bei Nacht herrscht, Sire, man muß auch ein wenig bei Tag herrschen.«

»Das geht nicht den Zauberer an,« erwiederte Ludwig XV., indem er seine Lippen wie ein Mensch ausdehnte, der das Gespräch auf ein unangenehmes Gebiet übergehen sieht.

»Und von wem hängt es denn ab?«

»Von Ihnen.«

»Von mir?«

»Ja, ganz gewiß. Finden Sie eine Pathin.«

»Unter Ihren Maulaffen vom Hofe! Eure Majestät weiß wohl, daß dies unmöglich ist; sie sind alle an die Choiseul, an die Praslin verkauft.«

»Stille doch, ich glaubte, es wäre unter uns abgemacht, nicht von ihnen zu reden.«

»Ich habe es nicht versprochen, Sire.«

»Nun, ich bitte Sie um Eines.«

»Um was?«

»Sie an ihrem Platze zu lassen und zu bleiben, wo Sie sind. Glauben Sie mir, der beste Platz gehört Ihnen.«

»Armselige auswärtige Angelegenheiten! armselige Marine!«

»Gräfin, im Namen des Himmels, treiben wir nicht Politik mit einander.«

»Es sei, doch Sie können mich nicht verhindern, allein Politik zu treiben.«

»Oh! ganz allein, so lange Sie wollen.«

Die Gräfin streckte den Arm nach einem Körbchen voll von Früchten aus, nahm zwei Orangen, ließ sie abwechselnd in ihrer Hand springen und rief:

»Springe Praslin; springe Choiseul; springe Praslin; springe Choiseul.«

»Was machen Sie denn?« sagte der König.

»Ich mache Gebrauch von der Erlaubniß, die mir Eure Majestät gegeben hat. Sire, ich lasse das Ministerium springen.«

In diesem Augenblick trat Dorée, ein und sagte ihrer Gebieterin ein Wort in’s Ohr.

»Oh! gewiß,« rief diese.

»Was gibt es denn?« fragte der König.

»Chon kommt von der Reise zurück, Sire, und wünscht Eurer Majestät ihre Ehrfurcht zu bezeigen,«

»Laßt sie sogleich eintreten! In der That, seit vier oder fünf Tagen fühlte ich, daß mir etwas fehlte, ohne zu wissen was.«

»Ich danke, Sire,« sagte Chon eintretend.

Dann näherte sie sich dem Ohre der Gräfin und flüsterte ihr zu:

»Es ist geschehen.«

Die Gräfin konnte sich eines kleinen Freudenschreis nicht erwehren.

»Nun, was gibt es denn?« fragte Ludwig XV.

»Nichts, Sire; ich bin nur glücklich, sie wieder zu sehen.«

»Und ich auch. Guten Morgen, kleine Chon, guten Morgen.«

»Erlaubt Eure Majestät, daß ich ein paar Worte mit meiner Schwester spreche?« sagte Chon.

»Sprich immerhin, mein Kind. Mittlerweile werde ich Sartines fragen, woher Du kommst.«

»Sire,« versetzte Herr von Sartines, der dieser Frage ausweichen wollte, »Eure Majestät geruhe mir einen Augenblick zu bewilligen.«

»Warum?«

»Um über Dinge von der höchsten Wichtigkeit zu sprechen.«

»Oh! ich habe sehr wenig Zeit, Herr von Sartines,« sagte Ludwig XV., zum Voraus gähnend.

»Sire, nur zwei Worte.«

»Worüber?«

»Ueber diese Seher, über diese Erleuchteten, über diese Wunderkrämer.«

»Bah! es sind Charlatans. Gebt ihnen Gauklerpatente, und sie werden nicht mehr zu fürchten sein.«

»Sire, ich wage es, gegen Eure Majestät zu behaupten, daß die Lage der Dinge ernster ist, als Sie glauben. Jeden Augenblick werden neue Maurerlogen eröffnet. Sire, es ist bereits nicht mehr eine Gesellschaft, sondern eine Secte, eine Secte, mit der sich alle Feinde der Monarchie verbinden: die Ideologen, die Encyklopädisten, die Philosophen, Man hat Herrn von Voltaire unter großen Feierlichkeiten aufgenommen.«

»Er stirbt.«

»Er, o nein, Sire, er ist nicht so einfältig.«

»Er hat gebeichtet.«

Das ist eine List.«

»In einem Capuzinergewande.«

»Das ist eine Gottlosigkeit. Sire, Alles dies bewegt sich, schreit, spricht, verbindet sich, correspondirt, intriguirt, droht. Einige Worte, welche unbehutsamen Brüdern entschlüpft sind, deuten sogar an, daß sie einen Führer erwarten.«

»Wohl, Sartines, wenn dieser Führer gekommen ist, nehmen Sie ihn fest, werfen ihn in die Bastille, und Alles ist abgemacht.«

»Sire, diese Leute haben viele Mittel.«

»Sollten Sie weniger haben, Sie, der Polizeilieutenant eines großen Königreichs?«

»Sire, man bat von Eurer Majestät die Austreibung der Jesuiten erwirkt; man hätte die der Philosophen fordern sollen.«

»Gehen Sie, das sind abermals Ihre Federnschneider.«

»Sire, es sind gefährliche Federn, die Federn, die man mit dem Messer von Damiens schneidet.«

Ludwig XV. erbleichte.

»Diese Philosophen, welche Sie verachten  . . .« fuhr Herr von Sartines fort. »Nun?«

»Nun, ich sage Ihnen, sie werden die Monarchie zu Grunde richten.«

»Wie viel Zeit brauchen sie hiezu. mein Herr?«

Der Polizeilieutenant schaute Ludwig XV. mit erstaunten Augen an und erwiederte:

»Kann ich das wissen, Sire? Fünfzehn Jahre, zwanzig Jahre, dreißig Jahre vielleicht.«

»Nun, mein lieber Freund, in fünfzehn Jahren werde ich nicht mehr sein; sprechen Sie hierüber mit meinem Nachfolger,« sagte Ludwig XV. und wandte sich gegen Madame Dubarry um.

Diese schien hierauf zu warten.

»Oh! mein Gott,« rief sie mit einem schweren Seufzer, »was sagst Du mir da, Chon?«

»Ja, was sagt sie?« fragte der König, »Ihr seht Beide sehr traurig aus.«

»Ah! Sire,« versetzte die Gräfin, »es ist wohl Grund dazu vorhanden.«

»Sprecht, was ist geschehen?«

»Armer Bruder!«

»Armer Jean!«

»Glaubst Du wirklich, daß man ihn wird abschneiden müssen?«

»Man hofft, es werde nicht nöthig sein.«

»Was abschneiden?« fragte Ludwig XV.

»Den Arm, Sire.«

»Dem Vicomte den Arm abschneiden! und warum dies?«

»Weil er schwer verwundet ist.«

»Schwer am Arm verwundet?«

»Oh mein Gott! ja, Sire.«

»In einem Streite, bei einem Bader, in einem Spielhause!  . . .«

»Nein, Sire, auf der Landstraße.«

»Aber wie ist das gekommen?«

»Es ist ganz einfach dadurch gekommen, daß man ihn ermorden wollte.«

»Ah! armer Vicomte,« rief Ludwig XV., der die Leute sehr wenig beklagte, aber vortrefflich die Miene anzunehmen wußte, als beklagte er sie; »ermordet! Ah! das ist sehr ernst, sprechen Sie, Sartines.«

Viel weniger unruhig, als dies der König dem Anscheine nach war, aber in Wirklichkeit viel mehr bewegt als dieser, näherte sich Herr von Sartines den zwei Schwestern und fragte ängstlich:

»Ist es möglich, daß sich ein solches Unglück zugetragen hat, meine Damen?«

»Leider ja, mein Herr, es ist möglich,« sprach Chon ganz thränenreich.

»Ermordet!  . . . Und. wie dies?«

»In einem Hinterhalt.«

»In einem Hinterhalt!  . . . Ah! Sartines,« rief der König, »mir scheint, das gehört zu Ihrem Ressort.«

»Erzählen Sie uns das, Madame,« sagte Herr von Sartines, »doch ich bitte Sie, lassen Sie die Dinge nicht durch Ihre gerechte Entrüstung übertreiben. Wir werden strenger sein, wenn wir gerechter sind, und von Nahem und kalt gesehen, verlieren die Thatsachen oft von ihrem Ernste.«

»Oh! man hat es mir nicht gesagt,« rief Chon, »ich habe die Sache mit meinen eigenen Augen gesehen.«

»Nun, was hast Du gesehen; große Chon-?« fragte der König.

»Ich habe gesehen. wie sich ein Mann auf meinen Bruder warf, ihn den Degen in die Hand zu nehmen zwang und schwer verwundete.«

»War dieser Mann allein?« fragte Herr von Sartines.

»Durchaus nicht, er hatte sechs Andere bei sich.«

»Der arme Vicomte!« sagte der König und schaute dabei beständig die Gräfin an, um genau den Grad ihres Kummers zu ermitteln und den seinigen darnach zu regeln. »Armer Vicomte! genöthigt, sich zu schlagen.«

Er sah in den Augen der Gräfin, daß sie keines Wegs scherzte.

»Und verwundet,« fügte er mit kläglichem Tone bei.

»Wodurch ist dieser Streit entstanden?« fragte der Polizeilieutenant, der die Wahrheit in den Ausweichungen zu erhaschen suchte, welche Chon machte, um ihm zu entgehen.

»Auf die frivolste Weise, mein Herr, wegen einiger Postpferde, die man dem Vicomte streitig machte, während dieser Eile hatte, mich zu meiner Schwester zurückzuführen, der ich diesen Morgen einzutreffen versprochen.«

»Ah! das schreit nach Rache,« sagte der König, »nicht wahr, Sartines?«

»Ich glaube wohl, Sire, und werde Erkundigungen einziehen,« antwortete der Polizeilieutenant. »Der Name des Angreifers, wenn es beliebt? seine Eigenschaft, sein Stand?«

»Sein Stand? Es war ein Militär, ein Officier von den Dauphin-Gendarmen, wie ich glaube. Was seinen Namen betrifft  . . . er heißt Baverney, Faverney, Taverney; ja, so ist es, Taverney.«

»Madame, er wird morgen in der Bastille schlafen,« sprach Herr von Sartines.

»O nein!« sagte die Gräfin, welche bis jetzt das diplomatischste Stillschweigen beobachtet hatte, »o nein!«

»Wie so, o nein?« versetzte der König. »Ich bitte, warum sollte man den Burschen nicht einkerkern? Sie wissen, daß mir die Militäre unerträglich sind.«

»Und ich, Sire,« wiederholte die Gräfin mit derselben Sicherheit, »ich sage Ihnen, daß man dem Menschen, der Herrn Dubarry ermordet hat, nichts thun wird.«

»Ah, bei Gott! Gräfin, das ist sonderbar,« rief Ludwig XV; »ich bitte, erklären Sie mir das.«

»Das ist sehr leicht. Es wird ihn Jemand vertheidigen.«

»Wer ist dieser Jemand?«

»Derjenige, auf dessen Eingebung er gehandelt hat.«

»Dieser Jemand wird ihn gegen uns vertheidigen? Oh! oh! was Sie da sagen, ist stark, Gräfin.«

»Madame,« stammelte Herr von Sartines, der den Streich kommen sah und vergebens eine Parade dagegen suchte.

»Gegen Sie, ja gegen Sie, und es gibt keine oh! oh! Sind Sie der Gebieter?«

Der König fühlte den Streich, den Herr von Sartines hatte kommen sehen, und umpanzerte sich.

»Ah! gut,« sagte er, »wir werfen uns auf das Gebiet der Staatsraison und suchen für ein armseliges Duell Gründe aus der andern Welt.«

»Ei! Sie sehen wohl,« sagte die Gräfin, »sie verlassen mich bereits und die Ermordung von vorhin ist nur noch ein Duell, nun, da Sie vermuthen, woher die Sache kommt.«

»Gut! sind wir hiebei,« sagte Ludwig XV., während er den Hahnen an dem Brunnen drehte, der zu spielen anfing und die Vogel singen, die Fische schwimmen, die Mandarine heraustreten ließ.

»Sie wissen nicht, woher der Schlag kommt?« fragte die Gräfin, und zerrte dabei Zamore, der zu ihren Füßen lag, an den Ohren.

»Meiner Treue, nein,« antwortete Ludwig XV.

»Sie vermuthen es auch nicht?«

»Ich schwöre Ihnen. Und Sie, Gräfin?«

»Nun, ich weiß es, und will es Ihnen sagen, und werde Ihnen nichts Neues mittheilen, das bin ich überzeugt.«

»Gräfin! Gräfin!« rief Ludwig XV., der seine Würde wieder zu gewinnen suchte, »wissen Sie, daß Sie einen König Lügen strafen?’

»Sire, es ist wahr, ich bin vielleicht etwas lebhaft; doch wenn Sie glauben, ich werde Herrn von Choiseul meinen Bruder umbringen lassen  . . .«

»Gut, es ist also Herr von Choiseul,« versetzte der König mit einem Stimmausbruch, als hätte er diesen Namen nicht erwartet, den er seit zehn Minuten in dem Gespräche erscheinen zu sehen befürchtete.

»Ah, bei Gott! Sire, wenn Sie hartnäckig nicht sehen wollen, daß er mein grausamster Feind ist, Sire, so sehe ich es doch, und zwar ganz klar, denn er gibt sich nicht einmal die Mühe, den Haß, den er gegen mich hegt, zu verbergen.«

»Vom Hassen der Leute bis zum Ermorden ist es weit, liebe Gräfin.«

»Bei den Choiseul berühren sich alle Dinge.«

»Ah! liebe Freundin, abermals Staatsräson.«

»Mein Gott! mein Gott! ist das nicht zum Rasendwerden, Herr von Sartines?«

»Nein, denn das, was Sie glauben  . . .«

»Ich glaube nur, daß Sie mich nicht vertheidigen, und ich sage sogar, daß Sie mich verlassen,« rief die Gräfin voll Heftigkeit.

»Oh! ärgern Sie sich nicht, Gräfin,« sprach Ludwig XV. »Sie sollen nicht nur nicht verlassen, sondern sogar vertheidigt sein, und zwar so gut  . . .«

»So gut!«

»So gut, daß es dem Angreifer des armen Jean theuer zu stehen kommen wird.«

»Ja, so ist es, man zerbricht das Instrument und drückt die Hand.«

»Ist es nicht gerecht, sich an denjenigen zu halten, welcher den Schlag ausgeführt hat, an Herrn von Taverney?«

»Es ist allerdings gerecht, aber nur gerecht; was Sie für mich thun, würden Sie für den ersten Kaufmann der Rue Saint-Honoré thun, den ein Soldat im Schauspiel schlüge. Ich sage Ihnen, ich will nicht behandelt sein wie alle Welt. Wenn Sie für diejenigen, welche Sie lieben, nicht mehr thun, als für die Gleichgültigen, so ziehe ich die Einsamkeit und Dunkelheit der letzteren vor: sie haben wenigstens keine Feinde, von denen sie ermordet werden.«

»Ah! Gräfin, Gräfin,« sprach Ludwig XV. mit traurigem Ton, »ich bin zufällig so heiter, so glücklich, so zufrieden aufgestanden, und nun verderben Sie mir meinen schönen Morgen!«

»Das ist bei Gott anbetungswürdig. Ich habe also einen schönen Morgen, ich, deren Familie man niedermetzelt.«

Trotz der innern Furcht, welche dem König der um ihn her tosende Sturm einflößte, konnte er sich eines Lächelns bei dem Worte niedermetzeln nicht erwehren.

Die Gräfin stand wüthend auf und rief:

»Ah! so beklagen Sie mich?«

»La, la, la, ärgern Sie sich nicht.«

»Aber ich will mich ärgern.«

»Sie haben Unrecht; Sie sind entzückend, wenn Sie lächeln, während Sie der Zorn häßlich macht.«

»Was liegt mir daran, brauche ich schön zu sein, da ich trotz meiner Schönheit Intriguen geopfert werde?«

»Stille, Gräfin.«

»Nein, wählen Sie zwischen mir und Ihrem Choiseul.«

»Liebe Schöne, es ist mir unmöglich, zu wählen, Ihr seid mir Beide nothwendig.«

»Dann ziehe ich mich zurück.«

»Sie?«

»Ja, ich überlasse das Feld meinen Feinden. Oh! ich werde vor Kummer sterben, aber Herr von Choiseul ist dann befriedigt, und das wird Sie trösten.«

»Nun! ich schwöre Ihnen, Gräfin, daß er Ihnen nicht im Geringsten grollt, und daß er Sie in seinem Herzen trägt. Es ist im Ganzen ein galanter Mann,« fügte der König mit einer Betonung bei, daß Herr von Sartines die letzten Worte wohl hören mußte.

»Ein galanter Mann? Sie bringen mich in Verzweiflung, Sire. Ein galanter Mann, der die Leute ermorden läßt!«

»Oh! wir wissen noch nicht,« versetzte der König.

»Und dann,« wagte der Polizeilieutenant zu bemerken, »ein Streit zwischen Leuten vom Degen ist so piquant, so natürlich!«

»Ah! ah!« versetzte die Gräfin, »und Sie auch, Herr von Sartines?«

Der Lieutenant begriff den Werth dieses tu quoque und wich vor dem Zorne der Gräfin zurück.

Es trat ein Augenblick dumpfen, drohenden Stillschweigens ein.

»Sie sehen, Chon,« sagte der König unter dieser allgemeinen Bestürzung, »Sie sehen, das ist Ihr Werk.«

Chon schlug mit einer heuchlerischen Traurigkeit die Augen nieder.

»Der König wird vergeben,« sprach sie, »wenn der Schmerz der Schwester den Sieg über die Seelenstärke der Unterthanin davongetragen hat.«

»Gutes Stück!  . . .« murmelte der König. »Keinen Groll, Gräfin.«

»Oh! nein, Sire, ich habe keinen Groll.  . . . Ich gehe nur nach Luciennes und von Luciennes nach Boulogne.«

»Am Meer?« fragte der König.

»Ja, Sire, ich verlasse ein Land, wo der Minister dem König bange macht.«

»Madame!« rief Ludwig XV. verletzt.

»Wohl, Sire, erlauben Sie mir, daß ich mich entferne, um mich nicht länger gegen die Eurer Majestät schuldige Achtung zu verfehlen.«

Die Gräfin stand auf und beobachtete aus einem Augenwinkel die Wirkung, welche ihre Bewegung hervorbrachte.

Ludwig XV. stieß einen Müdigkeitsseufzer aus, einen Seufzer, welcher bedeutete:

»Ich langweile mich bedeutend hier.«

Chon errieth den Sinn des Seufzers und begriff, daß es für ihre Schwester gefährlich wäre, den Streit weiter zu treiben.

Sie hielt ihre Schwester am Rocke zurück, ging auf den König zu und sprach:

»Sire, die Liebe, meiner Schwester für den armen Vicomte hat sie zu weit fortgerissen. Ich habe den Fehler begangen und meine Sache ist es, ihn wieder gut zu machen. Ich stelle mich in den Rang der demüthigsten Unterthanen Seiner Majestät, ich fordere Gerechtigkeit für meinen Bruder; ich klage Niemand an: die Weisheit des Königs wird zu unterscheiden wissen.«

»Ei mein Gott! Gerechtigkeit ist Alles, was ich verlange, ja, doch die Gerechtigkeit muß gerecht sein. Wenn ein Mensch ein Verbrechen nicht begangen hat, so werfe man ihm dieses Verbrechen nicht vor; hat er es begangen, so bestrafe man ihn.«

Während er diese Worte sprach, schaute Ludwig XV. die Gräfin an und suchte wo möglich die Brocken des freudigen Morgens, den er sich versprochen und der nun auf eine so traurige Weise endigte, wieder zu erhaschen.

Die Gräfin war so gut, daß sie Mitleid mit der Unthätigkeit des Königs hatte, die ihn überall, ausgenommen bei ihr, traurig und gelangweilt machte.

Sie wandte sich halb um, denn sie hatte bereits auf die Thüre zuzuschreiten angefangen, und sprach mit einer anbetungswürdigen Resignation:

»Verlange ich etwas Anderes? aber man weise meinen Verdacht nicht zurück, wenn ich ihn äußere.«

»Ihr Verdacht ist mir heilig, Gräfin,« rief der König; »er verwandle sich ein wenig in Gewißheit, und Sie werden sehen. Doch ich bedenke, es gibt ein einfaches Mittel.«

»Welches, Sire?«

»Man rufe Herrn von Choiseul hierher.«

»Oh! Eure Majestät weiß wohl, daß er nie kommt. Er verachtet es, in das Gemach der Freundin des Königs einzutreten. Seine Schwester ist nicht wie er; ihr wäre nichts lieber.«

Der König lachte.

»Herr von Choiseul äfft den Herrn Dauphin nach,« fuhr die Gräfin ermuthigt fort. »Man will sich nicht gefährden«

»Der Herr Dauphin ist ein Frommer, Gräfin.«

»Und Herr von Choiseul ein Heuchler, Sire.«

»Ich sage Ihnen, liebe Freundin, Sie werden das Vergnügen haben, ihn hier zu sehen, denn ich rufe ihn hierher. Es geschieht im Staatsdienst, er muß kommen, und wir veranlassen ihn, sich in Gegenwart von Chon, welche Alles gesehen hat, zu erklären. Wir confrontiren, wie man im Justizpalaste sagt, nicht wahr, Sartines? Man hole mir Herrn von Choiseul.«

»Und mir bringe man meinen Sapajou, Dorée; meinen Sapajou! meinen Sapajou!« rief die Gräfin.[15 - Ein amerikanischer Affe.]

Bei diesen Worten, welche an die im Ankleidezimmer beschäftigte Kammerfrau gerichtet waren und sehr gut im Vorzimmer gehört werden konnten, da sie gerade in dem Augenblick ausgesprochen wurden, wo sich die Thüre vor dem nach Herrn von Choiseul abgeschickten Huissier öffnete, antwortete eine heisere, schnarrende Stimme:

»Der Sapajou der Frau Gräfin muß ich sein; ich erscheine, ich eile, hier bin ich.«

Und man sah einen kleinen Buckeligen eintreten, der mit der größten Pracht gekleidet war,

»Der Herzog von Tresmes!« sprach die Gräfin ärgerlich; »ich habe Sie nicht rufen lassen.«

»Sie haben nach Ihrem Sapajou verlangt, Madame,« sagte der Herzog, indem er sich vor dem König, der Gräfin und Herrn von Sartines verbeugte, »und da ich keinen häßlicheren Affen unter den Höflingen erblickte, so lief ich herbei.«

Und hiebei lachte der Herzog und zeigte so lange Zähne, daß sich die Gräfin ebenfalls des Lachens nicht erwehren konnte.

»Werde ich bleiben?« fragte der Herzog, als wäre dies die Gunst gewesen, nach der er sein ganzes Leben gestrebt hätte.

»Fragen Sie den König, er ist hier Gebieter, mein Herr Herzog.«

Der Herzog wandte sich mit stehender Miene an den König.

»Bleiben Sie, Herzog, bleiben Sie,« sagte der König, entzückt, die Zerstreuungen um sich her häufen zu können.

In diesem Augenblick öffnete der Huissier vom Dienst die Thüre.

»Ah!« sprach der König mit einer leichten Wolke des Aergers, »ist es schon Herr von Choiseul?«

»Nein, Sire,« antwortete der Huissier, »es ist Monseigneur der Dauphin, der Eure Majestät zu sprechen wünscht.«

Die Gräfin machte einen Freudensprung, denn sie glaubte, der Dauphin wolle sich ihr nähern. Aber Chon, die an Alles dachte, runzelte die Stirne.

»Nun, wo ist der Herr Dauphin?« fragte der König ungeduldig.

»Bei Seiner Majestät. Der Herr Dauphin wartet, bis Seine Majestät in ihre Gemächer zurückkehrt.«

»Ich soll nun einmal nie einen Augenblick Ruhe haben,« murrte der König.

Doch plötzlich begriff er, daß die von dem Dauphin verlangte Audienz ihm wenigstens für den Augenblick die Scene mit Herrn von Choiseul ersparte, besann sich eines Andern und sprach:

»Ich komme, ich komme. Adieu, Gräfin. Sie sehen, wie unglücklich ich bin, Sie sehen, wie man mich martert.«

»Eure Majestät geht in dem Augenblick, wo Herr von Choiseul kommt?« rief die Gräfin.

»Was wollen Sie? der erste Sklave ist der König. Ah! wenn die Herren Philosophen wüßten, was es heißt, König, und besonders König von Frankreich zu sein.«

»Bleiben Sie doch, Sire.«

»Oh! ich kann den Dauphin nicht warten lassen. Man behauptet schon, ich liebe nur meine Töchter.«

»Aber was soll ich Herrn von Choiseul sagen?«

»Sagen Sie ihm, er möge mich in meinen Gemächern aufsuchen, Gräfin.«

Und um jede Bemerkung kurz abzuschneiden, küßte er der vor Zorn zitternden Gräfin die Hand und verschwand in aller Hast, wie es seine Gewohnheit war, so oft er die Frucht einer durch sein Verschieben und seine bürgerliche Schlauheit gewonnenen Schlacht zu verlieren glaubte.

»Oh! er entgeht uns abermals,« rief die Gräfin und schlug vor Aerger ihre Hände zusammen.

Doch der König hörte diesen Ausruf nicht mehr. Die Thüre war bereits hinter ihm geschlossen, und er durchschritt das Vorzimmer mit den Worten:

»Treten Sie ein, meine Herren, treten Sie ein. Die Gräfin will Sie empfangen. Nur werden Sie dieselbe sehr traurig über den Unfall finden, der dem armen Jean begegnet ist.«

Die Höflinge schauten sich erstaunt an. Sie wußten nicht, welcher Unfall dem Vicomte widerfahren sein konnte. Viele hofften, er wäre todt.

Sie richteten ihre Gesichter nach den Umständen. Die Freudigsten machten sich zu den Traurigsten und sie traten ein.




XXV.

Die Salle des Pendules


In einem weiten Saale des Palastes von Versailles, den man die Salle des Pendules nennt, schritt ein junger Mann mit rosiger Gesichtsfarbe, sanften Augen und etwas gemeinem Gange, die Arme hängend, den Kopf gebeugt, auf und ab.

Auf seiner Brust funkelte, hervorgehoben durch den violetten Sammet seines Kleides, ein Stern von Diamanten, während das blaue Band auf seine Hüfte herabfiel und mit dem Kreuze, das es trug, eine mit Silber gestickte, weiße Atlaßweste zerknitterte.

Niemand hätte dieses zugleich ernste und gute, majestätische und lachende Profil zu mißkennen vermocht, das den charakteristischen Typus der Bourbonen der ersten Linie bildete und dessen zugleich lebhaftester und übertriebenster Ausdruck der junge Mann war, den wir unsern Lesern vor Augen fuhren; nur hätte man, wenn man die seit Ludwig XIV. und Anna von Oesterreich vielleicht entartende Fortpflanzung dieser edlen Gesichter sah, glauben sollen, derjenige, von welchem wir sprechen, könne seine Züge nicht an einen Erben übertragen, ohne eine gewisse Veränderung des ursprünglichen Typus, ohne daß sich die angeborene Schönheit dieses Typus, dessen letzte gute Probe er war, in ein Gesicht mit überladenen Zügen verwandelte, ohne endlich, daß die Zeichnung eine Caricatur würde.

Ludwig August, Herzog von Berry, Dauphin von Frankreich, nachmals Ludwig XVI., hatte eine längere und adlerartigere Nase, als die Männer seines Stammes, seine leicht gedrückte Stirne fiel noch mehr zurück als die von Ludwig XV. und das Doppelkinn seines Großvaters hatte sich bei ihm so stark ausgeprägt, daß das Kinn, ob gleich er damals noch mager war, bereits ungefähr ein Drittheil seines Gesichtes einnahm.

Dabei war sein Gang langsam und unbeholfen; wenn auch gutgewachsen, schien er doch in der Bewegung der Beine und Schultern gehemmt. Nur seine Arme und besonders seine Finger hatten die Thätigkeit, die Behendigkeit, die Kraft und so zu sagen jene Physiognomie, welche bei Andern auf die Stirne, auf den Mund und in die Augen geschrieben ist.

Der Dauphin ging also stillschweigend in dem Saale auf und ab, in welchem acht Jahre früher Ludwig XV. Frau von Pompadour den Spruch des Parlaments, der die Jesuiten aus dem Königreich verbannte, übergeben hatte, und während er auf- und abging, träumte er.

Endlich war er aber müde, zu warten, oder vielmehr an das zu denken, was ihn beschäftigte, und er betrachtete abwechselnd die Pendeluhren und belustigte sich wie Karl V. damit, daß er die stets unbesiegbaren Verschiedenheiten beobachtete, welche die regelmäßigsten Uhren unter sich beibehalten  . . . eine bizarre, aber scharf ausgedrückte Kundgebung der Ungleichheit der materiellen, von der Hand des Menschen geregelten oder nicht geregelten Dinge.

Er blieb bald vor der großen Uhr stehen, welche damals , wie heut zu Tage, ihren Standpunkt im Hintergrunde des Saales hatte und durch eine geschickte mechanische Zusammensetzung die Tage, die Monate, die Jahre, die Wandlungen des Mondes, den Lauf der Planeten, kurz Alles das bezeichnet, was diese andere noch viel überraschendere Maschine, die man den Menschen nennt, in der stufenweisen Bewegung ihres Lebens gegen den Tod interessirt.

Der Dauphin schaute als Liebhaber diese Pendeluhr an, die er stets bewundert, und neigte sich bald rechts, bald links, um dieses oder jenes Räderwerk zu untersuchen, dessen Zähne, so scharf wie feine Nadeln, in eine andere, noch feinere Feder eingriffen. Hatte er die Uhr von der Seite betrachtet, so fing er wieder an, sie von vorne zu beschauen und mit dem Auge dem Gange der raschen Nadel zu folgen, welche über die Sekunden glitt, wie jene Wasserfliegen, die über die Teiche und Brunnen mit ihren langen Füßen hinlaufen, ohne den flüchtigen Krystall, auf ’dem sie sich unablässig bewegen, nur im Geringsten zu runzeln.

Von dieser Betrachtung zur Erinnerung an die abgelaufene Zeit war es nicht weit. Es fiel dem Dauphin ein, daß er seit vielen Sekunden wartete. Allerdings war eine große Anzahl verlaufen, ohne daß er es gewagt hatte dem König sagen zu lassen, er warte. Plötzlich blieb der Zeiger, auf den der junge Prinz seine Augen geheftet hatte, stille stehen.

In demselben Augenblick unterbrachen die messingenen Räder wie durch einen Zauber ihren gemessenen Kreislauf, die stählernen Achsen ruhten, in ihren Rubinlöchern und ein tiefes Stillschweigen trat in dieser Maschine ein, in der kurz zuvor noch Lärmen und Bewegung stattgefunden. Keine Stöße, kein Schaukeln, kein Leben der Glöckchen, kein Lauf der Zeiger und der Räder mehr.

Die Maschine stand stille, die Pendeluhr war todt.

War irgend ein Sandkorn, so zart wie ein Atom, in den Zahn eines Rades gefallen, oder war es ganz einfach der Geist dieser wunderbaren Maschine, der, der ewigen Bewegung müde, nun ausruhte?

Bei dem Anblicke dieses plötzlichen Todes vergaß der Dauphin, warum er gekommen war und seit einiger Zeit wartete; er vergaß besonders, daß die Stunde nicht durch die Stöße eines sonoren Schwängels in die Ewigkeit geschleudert, oder auf dem Abhange der Zeit durch die Hemmung eines metallenen Gehwerks zurückgehalten wird, sondern vielmehr auf der ewigen Uhr, die den Welten vorhergegangen, und diese überleben muß, durch den ewigen und unveränderlichen Finger des Allmächtigen bezeichnet worden ist.

Er fing nun damit an, daß er die krystallene Thüre der Pagode öffnete, worin der Geist schlief, und streckte seinen Kopf in das Innere der Pendeluhr, um hier schärfer zu sehen.

Aber er wurde bei seiner Beobachtung von Ansang durch den großen Schwängel gehemmt.

Dann schlüpfte er zart mit seinen so gewandten Fingern durch die messingene Oeffnung und machte den Schwängel los.

Das war nicht genug; der Dauphin mochte immerhin nach allen Seiten schauen, die Ursache dieser Lethargie blieb seinen Augen unsichtbar.

Der Prinz dachte nun, der Uhrmacher des Schlosses habe die Pendeluhr aufzuziehen vergessen und diese sei auf eine natürliche Weise stehen geblieben. Er nahm den an dem Sockel hängenden Schlüssel und fing an, die Uhr mit der Geschicklichkeit eines geübten Mannes aufzuziehen. Aber nach Verlauf von drei Drehungen mußte er anhalten, was zum Beweis diente, daß der Mechanismus einem. unbekannten Anhalte unterworfen war, und das Werk functionirte, obgleich gespannt, nicht weiter.

Der Dauphin zog aus seiner Tasche ein kleines Radirmesser von Schildpatt mit stählerner Klinge und gab mit dem Ende dieser Klinge einem Rade den Impuls. Das Räderwerk knarrte nun eine Sekunde lang und blieb dann abermals stehen.

Die Krankheit der Pendeluhr wurde ernst.

Ludwig fing nun an mit der Spitze seines Radirmessers mehrere Stücke herauszuheben, deren Schrauben er sorgfältig auf einem Tischchen ausbreitete.

Sein Eifer riß ihn immer weiter fort und er zerlegte die complicirte Maschine und untersuchte ihre geheimsten, verborgensten Winkel.

Plötzlich stieß er einen Freudenschrei aus, er entdeckte, daß eine Druckschraube, in ihrer Spirale spielend, eine Feder losgelassen und das bewegende Rad angehalten hatte,

Er fing nun an, die Schraube festzumachen.

Dann steckte er, ein Rad in der linken Hand, sein Radirmesser in der rechten, den Kopf wieder in das Gehäuse,

So weit war er in seiner Arbeit, ganz in die Betrachtung des Mechanismus versunken, als die Thüre sich öffnete und eine Stimme ausrief:

»Der König!«

Doch Ludwig hörte nichts, als das melodische Ticktack, das unter seiner Hand geboren wurde, wie das Schlagen eines Herzens, welches ein geschickter Arzt dem Leben zurückgibt.

Der König schaute nach allen Seiten, ohne Anfangs den Dauphin zu gewahren, von dem man nur die Beine sehen konnte, denn sein Rumpf war in der Pendeluhr verborgen und der Kopf in der Oeffnung verloren.

Er näherte sich lächelnd und schlug seinen Enkel auf die Schulter,

»Was Teufels machst Du da?« fragte er ihn.

Ludwig zog sich hastig zurück, jedoch mit aller erforderlichen Vorsicht, um nichts an dem schönen Geräthe zu beschädigen, dessen Wiederherstellung er unternommen hatte.

»Sire, Eure Majestät sieht es,« sprach der junge Mann vor Scham erröthend, daß man ihn bei einer solchen Beschäftigung ertappt hatte, »ich belustigte mich in Erwartung Ihrer Ankunft.«

»Ja, mit der Mißhandlung meiner Pendeluhr. Eine schöne Belustigung!«

»Im Gegentheil, Sire, ich stellte sie wieder her. Das Hauptrad arbeitete nicht mehr, es war gehemmt durch die Schraube, welche Eure Majestät hier sieht. Ich befestige die Schraube und die Uhr geht nun wieder.«

»Aber Du wirst Dich dadurch, daß Du hineinschaust, blind machen. Nicht um alles Geld der Welt würde ich meinen Kopf in ein solches Wespennest stecken.«

»O nein, Sire. Ich verstehe die Sache. Die bewunderungswürdige Uhr, welche mir Eure Majestät an dem Tage, wo ich vierzehn Jahre alt wurde, geschenkt hat, lege ich aus einander, setze ich wieder zusammen und reinige ich gewöhnlich.«

»Es mag sein, doch laß Deine Mechanik für den Augenblick ruhen. Du willst mit mir sprechen?«

»Ich, Sire?« versetzte der junge Mann erröthend.

»Allerdings, da Du mir hast sagen lassen, Du erwartest mich.«

»Das ist wahr, Sire,« sprach der Dauphin und schlug die Augen nieder.

»Nun! was wolltest Du von mir, antworte? Wenn Du mir nichts zu sagen hast, so gehe ich nach Marly ab.«

Und schon suchte Ludwig XV., seiner Gewohnheit gemäß, zu entschlüpfen.

Der Dauphin legte sein Radirmesser und sein Räderwerk auf einen Lehnstuhl, was andeutete, daß er dem König wirklich etwas von Bedeutung zu sagen hatte, da er das wichtige Geschäft, in welchem er begriffen war, unterbrach.

»Brauchst Du Geld?« fragte rasch der König, »wenn dies der Fall ist, warte, ich werde Dir schicken.«

Und Ludwig XV. machte abermals einen Schritt gegen die Thüre.

»O nein, ich habe noch tausend Thaler von der Pension des laufenden Monats.«

»Was für ein Haushälter!« rief, der König, »wie gut hat ihn mir Herr de la Vauguyon erzogen. In der That, ich glaube er hat ihm alle Tugenden beigebracht, die ich nicht besitze.«

Der junge Mann machte eine heftige Anstrengung gegen sich selbst und sprach:

»Sire, ist die Frau Dauphine noch sehr fern?«

»Weißt Du das nicht so gut wie ich?«

»Ich?« fragte der Dauphin verlegen.

»Allerdings; man hat uns gestern das Reisebulletin vorgelesen; sie sollte letzten Montag durch Nancy kommen und muß nun ungefähr fünf und vierzig Lieues von Paris entfernt sein.«

»Sire,« fuhr der Dauphin fort, »findet Eure Majestät nicht, daß die Frau Dauphine sehr langsam reist?«

»Nein, nein,« sprach Ludwig XV., »ich finde im Gegentheil, daß sie für eine Frau, und in Betracht aller der Feste, der Empfangsfeierlichkeiten, sehr schnell reist; sie macht wenigstens zehn Lieues alle zwei Tage, einen in den andern gerechnet.«

»Sire, das ist sehr wenig,« versetzte schüchtern der Dauphin.

König Ludwig XV. ging von einem Erstaunen zum andern bei der Offenbarung dieser Ungeduld über, von der er keine Ahnung gehabt hatte.

»Ah bah!« machte er mit einem spöttischen Lächeln, »Du hast also große Eile?«

Der Dauphin erröthete noch mehr als zuvor und stammelte:

»Ich versichere Sie, Sire, es ist nicht der Grund, den Eure Majestät voraussetzt.«

»Desto schlimmer; ich wollte, es wäre dieser Grund. Was Teufels! Du bist sechzehn Jahre alt; man sagt, die Prinzessin sei hübsch, und es ist wohl erlaubt, ungeduldig zu werden. Sei ruhig, Deine Dauphine wird kommen«

»Sire, könnte man die Ceremonien auf dem Wege nicht etwas abkürzen?« fuhr der Dauphin fort.

»Unmöglich, Sie ist bereits ohne anzuhalten durch mehrere Städte gefahren, wo sie hätte verweilen sollen.«

»Das wird also ewig währen. Und dann glaube ich Eines, Sire,« äußerte der Dauphin schüchtern.

»Was glaubst Du? sprich, laß hören,«

»Ich glaube, daß der Dienst schlecht versehen wird, Sire.«

»Wie? welcher Dienst?«

»Der Reisedienst.«

»Gehe doch! ich habe dreißigtausend Pferde, dreißig Carrossen, sechzig Fourgons und ich weiß nicht wie viele Caissons auf den Weg geschickt; würde man Caissons, Fourgons, Carrossen und Pferde in einer Linie an einander stellen, so ginge es von Paris bis Straßburg. Wie kannst Du glauben, bei allen diesen Mitteln werde der Dienst schlecht versehen?«

»Wohl, Sire, trotz aller Güte Eurer Majestät habe ich beinahe die Gewißheit von dem, was ich sage; nur bediente ich mich vielleicht eines ungeeigneten Ausdrucks’ und hätte, statt zu sagen, der Dienst werde schlecht versehen, sagen sollen, der Dienst sei schlecht organisirt.«

Der König erhob bei diesen Worten das Haupt und heftete seine Augen auf die des Dauphin, er fing an zu begreifen, daß sich viele Dinge unter den wenigen Worten verbargen, welche Seine Königliche Hoheit ausgesprochen.

»Dreißigtausend Pferde,« wiederholte der König, »dreißig Carrossen, sechzig Fourgons, zwei Regimenter zu diesem Dienst verwendet.  . . . Ich frage Dich, mein Herr Gelehrter, hast Du je eine Dauphine in Frankreich mit einem solchen Geleite einziehen sehen?«

»Ich gestehe, Sire, die Sachen sind königlich gemacht, und so wie sie Eure Majestät zu machen weiß; doch hat Eure Majestät auch eingeschärft, daß diese Pferde, diese Carrossen, kurz dieses ganze Material einzig und allein im Dienste der Dauphine und ihres Gefolges verwendet werde?«

Der König schaute Ludwig zum dritten Male an; ein unbestimmter Verdacht regte sich in seinem Innern, eine kaum faßbare Erinnerung fing an seinen Geist zu erleuchten; zugleich durchzog eine verworrene Aehnlichkeit zwischen dem, was der Dauphin sagte, und etwas Unangenehmem, das er so eben erfahren, seinen Kopf.

»Was für eine Frage!« sprach der König; »sicherlich ist Alles dies für die Frau Dauphine, und deßhalb sage ich Dir, daß sie unfehlbar sehr schnell ankommen muß; doch warum schaust Du mich so an? Laß hören,« fügte er mit einem festen Tone bei, der dem Dauphin drohend erschien; »solltest Du Dich zufällig damit belustigen, meine Züge wie die Federn Deines Uhrwerks zu studiren?«

Der Dauphin, der eben den Mund öffnete, um zu sprechen, schwieg plötzlich bei dieser Anrede.

»Nun!« fuhr der König rasch fort, »es scheint mir Du hast mir nichts mehr zu sagen  . . . wie?  . . . Du bist zufrieden, nicht wahr? Deine Dauphine kommt, ihr Dienst wird vortrefflich versehen, Du bist reich wie Krösus durch Deine Privatkasse, das steht auf das Beste. Da Dich nun nichts mehr beunruhigt, so mache mir das Vergnügen und setze nur meine Pendeluhr wieder zusammen.«

Der Dauphin rührte sich nicht.

»Weißt Du wohl, daß ich Lust habe Dir das Amt des ersten Uhrmachers vom Schlosse zu geben, wohl verstanden mit einem Gehalt?« sagte lachend Ludwig XV.

Der Dauphin neigte das Haupt und nahm, eingeschüchtert durch den Blick des Königs, wieder von dem Lehnstuhle das Radirmesser und das Rad.

Ludwig XV. erreichte mittlerweile ganz sachte die Thüre.

»Was Teufels wollte er mit seinem schlecht versehenen Dienste sagen?« sprach der König, den Dauphin anschauend, zu sich selbst. »Gut, gut, abermals eine Scene vermieden; er ist unzufrieden.«

Gewöhnlich so geduldig, stampfte der Dauphin in der That mit dem Fuß auf den Boden.

»Das verschlimmert sich,« murmelte Ludwig XV. lachend, »ich habe offenbar nur Zeit, zu fliehen.«

Doch plötzlich fand er, als er die Thüre öffnete, auf der Schwelle Herrn von Choiseul, der sich tief verbeugte.




XXVI.

Der Hof des Königs Pétaud.[16 - La cour du roi Pétaud, dieser Ausdruck bezeichnet im Allgemeinen einen Ort, ein Haus, wo Niemand weiß, wer Koch oder Kellner ist. Der Uebers.]


Ludwig XV. wich bei dem unerwarteten Anblick des neuen Schauspielers, der sich in die Scene mischte, um seinen Abgang zu verhindern, einen Schritt zurück.

»Ah! bei meiner Treue!« dachte er, »diesen hatte ich vergessen. Er sei willkommen, denn er wird für die Andern bezahlen  . . .«

»Ah! Sie hier!« rief er, »ich schickte nach Ihnen, Sie wissen das?«

»Ja, Sire,« antwortete kalt der Minister, »ich kleidete mich eben an, um mich zu Eurer Majestät zu begeben, als mir der Befehl zukam.«

»Gut. Ich habe über ernste Angelegenheiten mit Ihnen zu sprechen,« fing Ludwig XV. an, indem er die Stirne runzelte, um, wenn es möglich wäre, seinen Minister einzuschüchtern.

Zum Unglück für den König war Herr von Choiseul einer von den Männern, welche sich am allerwenigsten im Königreich einschüchtern ließen.

»Und ich auch, wenn es Eurer Majestät beliebt,« antwortete er sich verbeugend, »ich habe auch über sehr ernste Angelegenheiten zu sprechen.«

Zu gleicher Zeit wechselte er einen Blick mit dem Dauphin, der halb hinter seiner Pendeluhr verborgen war.

Der König blieb stehen.

»Ah! gut,« dachte er, »auch von dieser Seite bin ich in dem Dreieck gefangen, und nun ist es mir nicht mehr möglich, zu entkommen.«

»Sie müssen wissen,« sprach der König eiligst, um seinem Gegner den ersten Stoß beizubringen, »Sie müssen wissen, daß der arme Vicomte Jean beinahe ermordet worden wäre.«

»Das heißt, er hat einen Degenstich in den Vorderarm bekommen. Ich bin hier, um mit Eurer Majestät über dieses Ereigniß zu sprechen.«

»Ja, ich begreife, Sie eilten dem Gerücht voran.«

»Ich komme den Commentaren zuvor, Sire.«

»Sie kennen also diese Angelegenheit, mein Herr?« fragte der König mit bezeichnender Miene.

»Vollkommen.«

»Ah!« machte der König, »das habe ich bereits von guter Hand erfahren.«

Herr von Choiseul blieb unempfindlich.

Der Dauphin fuhr fort, eine Schraubenmutter zu befestigen, dabei horchte er aber mit gesenktem Kopfe und verlor kein Wort von der Unterredung.

»Ich will Ihnen nun sagen, wie sich die Sache zu« getragen hat,« sprach der König.

»Hält sich Eure Majestät für gut unterrichtet?« fragte Herr von Choiseul.

»Oh! was das betrifft  . . .«

»Wir hören, Sire.«

»Wir hören?« wiederholte der König.

»Allerdings, Monseigneur der Dauphin und ich.«

»Monseigneur der Dauphin?« wiederholte der König, dessen Augen von dem ehrfurchtsvollen Choiseul zu dem aufmerksamen Ludwig August übergingen, »und was hat der Herr Dauphin mit dieser Zänkerei gemein?«

»Sie berührt Monseigneur, weil die Frau Dauphine bei der Sache betheiligt ist,« fuhr Herr von Choiseul mit einer Verbeugung gegen den jungen Prinzen fort.

»Die Frau Dauphine ist betheiligt? rief der König schauernd.

»Allerdings; sollten Sie das nicht wissen, Sire? Dann wäre Eure Majestät schlecht unterrichtet.«

»Die Frau Dauphine und Jean Dubarry,« sprach der König, »das wird interressant. Lassen Sie hören, erklären Sie sich, Herr von Choiseul, verbergen Sie mir besonders nicht das Geringste, und hätte die Dauphine Dubarry den Degenstich gegeben!«

»Sire, nicht die Frau Dauphine,« erwiederte Choiseul mit gleicher Ruhe, »sondern einer von den Officieren ihrer Escorte.«

»Ah!« machte der König, der nun, wieder ernst wurde, »ein Officier, den sie kennen, nicht wahr, Herr von Choiseul?«

»Nein, Sire, ein Officier, den Eure Majestät kennen muß, wenn Eure Majestät sich aller ihrer guten Diener erinnert; ein Officier dessen Namen in der Person seine Vaters bei Philippsburg, Fontenoy, Mahon geklungen hat ein Taverney-Maison-Rouge.«

Der Dauphin schien diesen Namen mit der Luft des Saales einzuathmen, um ihn besser im Gedächtnis, zu behalten.

»Ein Maison-Rouge!« sagte Ludwig XV., »sicherlich kenne ich das. Ei! warum hat er sich gegen Jean geschlagen, den ich liebe? Vielleicht weil ich ihn liebe  . . . einfältige Eifersüchteleien, Anfänge von Unzufriedenheit, partielle Meuterei?«

»Sire, wird Eure Majestät die Gnade haben, zu hören?« versetzte Herr von Choiseul.

Ludwig XV. begriff, daß er kein anderes Mittel hatte, sich ans der Sache zu ziehen, als aufgebracht zu werden.

»Ich sage Ihnen, mein Herr, daß ich hierin den Keim einer Verschwörung gegen meine Ruhe, eine gegen meine Familie organisirte Verfolgung erblicke.«

»Ah! Sire,« entgegnete Herr von Choiseul, »verdient ein junger Mann deßhalb, weil er die Frau Dauphine, die Söhnerin Eurer Majestät vertheidigt, solche Vorwürfe?«

Der Dauphin richtete sich auf, kreuzte die Anne und sprach:

»Ich gestehe, ich bin dem jungen Manne dankbar, der sein Leben für eine Prinzessin ausgesetzt hat, welche in vierzehn Tagen meine Frau sein wird.«

»Sein Leben ausgesetzt! sein Leben ausgesetzt!« stammelte der König, »aus welcher Veranlassung? darf man wohl wissen, aus welcher Veranlassung?«

»Weil es dem Herrn Vicomte Jean Dubarry, der sehr schnell reiste, in den Kopf kam, die Pferde auf der Station zu nehmen, welche die Dauphine eben erreichen sollte, und zwar ohne Zweifel, um noch schneller zu fahren.«

Der König biß sich in die Lippen und wechselte die Farbe, er erblickte im Helldunkel wie ein drohendes Gespenst die Aehnlichkeit, die ihn kurz zuvor beunruhigt hatte.

»Es ist nicht möglich!, ich kenne die Sache, Sie sind schlecht unterrichtet, Herzog,« murmelte Ludwig XV., um Zeit zu gewinnen.

»Nein, Sire, ich bin nicht schlecht unterrichtet, und was ich Eurer Majestät zu sagen die Ehre gehabt habe, ist reine Wahrheit. Ja, der Herr Vicomte Jean Dubarry hat der Frau Dauphine die Beleidigung angethan, für sich die für ihren Dienst bestimmten Pferde zu nehmen, und er führte sie, nachdem er den Postmeister mißhandelt, bereits mit Gewalt fort, als der Herr Chevalier Philipp von Taverney, von Ihrer Königlichen Hoheit abgeschickt, ankam und nach mehreren höflichen und versöhnenden Aufforderungen  . . .«

»Oh! oh!« brummte der König.

»Und nach mehreren höflichen und versöhnenden Aufforderungen, ich wiederhole dies, Sire.«

»Ja, und ich verbürge mich dafür,« sprach der Dauphin.

»Sie wissen das auch?« versetzte der König von Erstaunen ergriffen.

»Vollkommen, Sire.«

Herr von Choiseul verbeugte sich strahlend und sprach: »Will Seine Hoheit fortfahren? Seine Majestät wird ohne Zweifel mehr Zutrauen zu dem Worte ihres erhabenen Sohnes haben, als zu dem meinigen.«

»Ja, Sire,« fuhr der Dauphin fort, ohne jedoch für die Wärme, mit der Herr von Choiseul die Erzherzogin vertheidigt hatte, alle Dankbarkeit an den Tag zu legen, welche der Minister zu erwarten berechtigt war. »Ja, Sire, ich wußte dies und war gekommen, um Euere Majestät davon in Kenntniß zu setzen, daß nicht allein Herr Dubarry die Frau Dauphine dadurch beleidigte, daß er ihrem Dienst in den Weg trat, sondern auch, daß er sich gewaltsam einem Officier meines Regiments wider setzte, der seine Pflicht that, indem er ihn wegen dieses Mangels an Schicklichkeit zurechtwies.«

Der König schüttelte den Kopf und erwiederte:

»Das müßte man wissen, das müßte man wissen.«

»Ich weiß es, Sire,« sprach mit sanftem Tone der Dauphin. »für mich gibt es keinen Zweifel mehr, Herr Dubarry hat den Degen in die Hand genommen.«

»Zuerst?« fragte Ludwig XV., glücklich, daß man ihm diese Chance geöffnet hatte, um den Streit auszugleichen.

Der Dauphin erröthete und schaute Herrn von Choiseul au, der dem Prinzen, als er ihn in Verlegenheit sah, schleunigst zu Hülfe kam.

»Kurz, Sire,« sagte er, »der Degen wurde von zwei Männern gekreuzt, von denen der eine die Dauphine verletzte , während der andere sie vertheidigte.«

»Ja, aber wer war der Angreifer?« fragte der König. »Ich kenne Jean, er ist sanft wie ein Lamm.«

»Der Angreifer ist, wenigstens wie ich glaube, derjenige, welcher Unrecht gehabt hat, Sire, sprach der Dauphin mit seiner gewöhnlichen Mäßigung.

»Das ist eine delikate Sache,« sagte Ludwig XV., »der Angreifer derjenige, welcher Unrecht gehabt hat  . . . derjenige, welcher Unrecht gehabt hat  . . . und wenn der Officier unverschämt war?«

»Unverschämt!« rief Herr von Choiseul, »unverschämt gegen einen Menschen, der mit Gewalt die für die Dauphine bestimmten Pferde wegführen wollte! Ist das möglich, Sire?«

Der Dauphin sagte nichts, aber er erbleichte.

Ludwig XV. sah diese zwei feindseligen Stellungen.

»Lebhaft, wollte ich sagen,« fügte er sich verbessernd bei.

»Und überdies,« versetzte Herr von Choiseul, der diesen Schritt rückwärts benützen wollte, um einen Schritt vorwärts zu machen, »und überdies weiß Seine Majestät wohl, daß ein eifriger Diener nicht Unrecht haben kann.«

»Ah ja! doch wie haben Sie dieses Ereigniß erfahren, mein Herr?« fragte der König den Dauphin, ohne Herrn von Choiseul aus dem Gesicht zu verlieren, dem diese ungestüme Aufforderung dergestalt in die Quere kam, daß man seine Verlegenheit leicht bemerken konnte, trotz der Mühe, die er sich gab, um sie zu verbergen.

»Durch einen Brief, Sire,« antwortete der Dauphin.

»Ein Brief, von wem?«

»Von irgend Jemand, der sich für die Frau Dauphine interessirt und es wahrscheinlich seltsam findet, daß man sie beleidigt.«

»Sieh da, abermals Mysterien, geheime Korrespondenzen, Commplotte,« rief der König, »Man fängt wieder an, sich zu verständigen, um mich zu plagen, wie zur Zeit von Frau von Pompadour.«

»Nein, nein, Sire,« versetzte Herr von Choiseul, »es ist eine ganz einfache Sache, ein Verbrechen beleidigter Majestät. Eine gute Bestrafung wird über den Schuldigen verhängt werden, und Alles ist vorbei.«

Bei dem Worte Bestrafung sah Ludwig XV. die Gräfin wüthend und schon schäumend sich erheben, er sah den Frieden des Haushalts, den er immer gesucht, ohne ihn je zu finden, entfliehen, und den inneren Krieg mit gekrümmten Nägeln und rothen, von Thränen geschwollenen Augen eintreten.

»Eine Bestrafung,« rief er, »ohne daß ich die Parteien angehört, ohne daß ich beurtheilen kann, auf welcher Seite das gute Recht ist! Ein Staatsstreich, ein geheimer Verhaftsbefehl! Oh! was für einen schönen Vorschlag machen Sie mir da, Herr Herzog, in welch eine herrliche Geschichte verwickeln Sie mich!«

»Aber, Sire, wer wird fortan die Frau Dauphine respectiren, wenn nicht ein strenges Beispiel an der Person des Ersten gegeben wird, der sie beleidigt hat?«

»Ganz gewiß!« fügte der Dauphin bei, »und das wäre ein Scandal, Sire.«

»Ein Beispiel, ein Scandal,« sprach der König.

»O! bei Gott, gebt ein Beispiel für jeden Scandal, der um uns her vorgebt, und ich werde mein Leben damit hinbringen, daß ich geheime Verhaftsbefehle unterzeichne; ich unterzeichne, Gott sei Dank, so schon genug.«

»Es muß sein, Sire,« sagte Herr von Choiseul.

»Sire, ich bitte Eure Majestät  . . .« rief der Dauphin.

»Wie, Sie finden ihn noch nicht hinreichend dadurch bestraft, daß er den Degenstich bekommen hat?«

»Nein, Sire, denn er konnte Herrn von Taverney verwunden.«

»Und was hätten Sie denn in diesem Fall verlangt?«

»Ich hätte seinen Kopf von Ihnen verlangt.«

»Aber man hat Herrn von Montgommery nichts Schlimmeres dafür gethan, daß er König Heinrich II. getödtet,« sprach Ludwig XV.

»Er tödtete den König aus Zufall, Sire, und Herr Jean Dubarry hat die Dauphine beleidigt mir der Absicht, sie zu beleidigen.«

»Und Sie, mein Herr,« sagte Ludwig XV., sich an den Dauphin wendend, »verlangen Sie auch den Kopf von Jean?«

»Nein, Sire, ich bin nicht für die Todesstrafe, Euere Majestät weiß es wohl« antwortete sanft der Dauphin, »Ich begnüge mich auch, die Verbannung von Ihnen zu fordern.«

Der König lachte.

»Die Verbannung wegen eines Wirthshausstreites? Sie sind streng, trotz ihrer philanthropischen Ideen. Es ist nicht zu leugnen, ehe Sie Philanthrop waren, waren Sie Mathematiker, und ein Mathematiker  . . .«

»Eure Majestät geruhe zu vollenden  . . .«

»Und ein Mathematiker würde das Weltall seiner Ziffer opfern.«

»Sire,« sprach der Dauphin, »ich bin Herrn Dubarry nicht persönlich böse.«

»Und wem sind Sie denn böse?«

»Dem Angreifer der Frau Dauphine.«

»Was für ein Muster von einem Ehegatten!« rief der König ironisch. »Zum Glück macht man mich nicht so leicht an dergleichen glauben. Ich sehe, wen man hier angreift, und sehe besonders, wie weit man mich mit allen diesen Uebertreibungen führen will.«

»Sire,« sagte Herr von Choiseul, »glauben Sie nicht, man übertreibe; das Publikum ist in der That entrüstet über so viel Frechheit.«

»Das Publikum! Ah! abermals ein Ungeheuer, das Sie sich machen, oder vielmehr, das Sie nur machen. Das Publikum, höre, ich es, wenn es mir durch die tausend Zungen seiner Libellisten und seiner Phamphletschreiber, seiner Liedermacher und seiner Kabalenschmiede sagt, man bestehle, man prelle, man verrathe mich? Ei! mein Gott, nein. Ich lasse sie sprechen und lache. Machen Sie es wie ich, schließen Sie das Ohr, und wenn es des Schreiens müde ist, Ihr Publikum, so wird es nicht mehr schreien. Gut! Sie bringen mir Ihren Unzufriedenheitsgruß. Ludwig macht mir die Grimasse eines Schmollenden. Wahrlich, es ist seltsam, daß man nicht für mich thun kann, was man für den letzten Privatmann thut; daß man mich nicht will nach meinem Gefallen leben, lassen; daß man unablässig haßt, was ich liebe; daß man ewig liebt, was ich hasse! Bin ich weise oder bin ich ein Narr? Bin ich der Herr, oder bin ich es nicht?«

Der Dauphin nahm sein Radirmesser und kehrte zu seiner Pendeluhr zurück.

Herr von Choiseul verbeugte sich auf dieselbe Weise wie das erste Mal.

»Gut! man antwortet mir nichts. Aber antworten Sie mir doch etwas, bei Gottes Tod! Sie wollen mich also vor Aerger sterben machen mit Ihren Redensarten und mit Ihrem Stillschweigen, mit Ihren kleinen Gehässigkeiten und mit Ihren kleinen Befürchtungen?«

»Ich hasse Herrn Dubarry nicht, Sire,« sprach der Dauphin lächelnd.

»Und ich fürchte ihn nicht,« sagte stolz Herr von Choiseul.

»Hört, Ihr seid alle schlimme Geister,« rief der König, der den Wüthenden zu spielen suchte, während er nur ärgerlich war. »Ihr wollt, daß ich mich zur Fabel von Europa mache, daß ich mich von meinem Vetter dem König von Preußen verspotten lasse, daß ich den Hof des Königs Pétaud von diesem Schufte Voltaire verwirkliche. Ei! nein, das werde ich nicht thun. Nein! Ihr werdet diese Freude nicht haben. Ich verstehe meine Ehre auf meine Weise und werde sie auf meine Weise wahren.«

»Sire,« erwiederte der Dauphin mit seiner unerschöpflichen Sanftmuth, aber auch mit seiner ewigen Beharrlichkeit, »ich bitte Eure Majestät um Verzeihung, es handelt sich nicht um ihre Ehre, sondern um die Würde der Frau Dauphine, welche verletzt worden ist.«

»Monseigneur hat Recht, Sire; ein Wort aus dem Munde Eurer Majestät, und Niemand wird wieder beginnen.«

»Und wer sollte denn wieder beginnen? man hat noch nicht begonnen: Jean ist ein Tölpel, aber er ist nicht bösartig.«

»Das mag sein,« sprach Herr von Choiseul, »setzen wir das auf die Rechnung des Tölpels, und er entschuldige sich mit seiner Tölpelei bei Herrn von Taverney.«

»Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß mich Alles dies nichts angeht,« rief Ludwig XV.; »Jean mag sich entschuldigen, das steht ihm frei; er mag sich nicht entschuldigen, das steht ihm abermals frei.«

»Wird die Sache so sich selbst überlassen, so muß sie nothwendig Lärmen machen, Sire; ich habe die Ehre, Euere Majestät hievon in Kenntniß zu setzen,« sagte Herr von Choiseul.

»Desto besser!« rief der König, »möchte sie so viel Lärmen machen, daß ich darüber taub würde, um alle Eure Albernheiten nicht mehr zu hören.«

»Euere Majestät bevollmächtigt mich also, zu veröffentlichen, Sie gebe Herrn Dubarry Recht?« versetzte Herr von Choiseul mit seiner unstörbaren Kaltblütigkeit.

»Ich!« rief Ludwig XV., »ich Jemand Recht geben in einer Angelegenheit, welche so schwarz ist wie Tinte! Man will mich offenbar auf das Aeußerste treiben. Oh! nehmen Sie sich in Acht, Herzog  . . . Louis, schonen Sie mich um Ihrer selbst willen  . . . Ich lasse Sie das, was ich Ihnen sage, überlegen, denn ich bin müde, ich bin erschöpft, ich halte es nicht mehr aus. Adieu, meine Herren, ich gehe zu meinen Töchtern und flüchte mich nach Marly, wo ich vielleicht ein wenig Ruhe haben werde, wenn Sie mir nicht überallhin folgen.«

In diesem Augenblick, und als sich der König gegen die Thüre wandte, öffnete sich diese, ein Huissier erschien auf der Schwelle und sprach:

»Sire, Ihre königliche Hoheit Madame Louise erwartet in der Gallerie den Augenblick, um vom König Abschied zu nehmen.«

»Abschied!« rief der König erstaunt, »und wohin geht sie?«

»Ihre Hoheit sagt, sie habe von Eurer Majestät die Erlaubniß erhalten, das Schloß zu verlassen.«

»Ah! abermals ein Ereigniß! Meine Bigotte macht ihre gewöhnlichen närrischen Streiche. In der That, ich bin der unglücklichste der Menschen.«

Und er lief in größter Eile ans dem Saale.

»Seine Majestät läßt uns ohne Antwort,« sagte der Herzog zum Dauphin, »was entscheidet Eure Königliche Hoheit.?«

»Ah! nun schlägt sie,« rief der junge Prinz, mit einer geheuchelten oder einer wirklichen Freude auf das Klingeln der wieder in Bewegung gesetzten Uhr horchend.

Der Minister runzelte die Stirne und entfernte sich rückwärts ans der Salle des Pendules, wo der Dauphin allein blieb.




XXVII.

Frau Louise von Frankreich


Die älteste Tochter des Königs erwartete ihren Vater in der großen Gallerie von Lebrun, derselben, wo Ludwig XIV. den Dogen Imperiali und die vier genuesischen Senatoren, welche um Verzeihung für die Republik flehten, empfangen hatte.

Am Ende dieser Gallerie, der Thüre gegenüber, durch die der König eintreten sollte, befanden sich einige Ehrendamen, die ganz bestürzt aussahen; Ludwig XV. kam in dem Augenblick, wo die Gruppen sich in dem Vestibule zu bilden anfingen; denn der Entschluß, den die Prinzessin am Morgen gefaßt zu haben schien, verbreitete sich allmälig im ganzen Palast,

Frau Louise von Frankreich, eine Prinzessin von majestätischem Wuchse und einer ganz königlichen Schönheit, dabei aber von einer unbekannten Traurigkeit, welche zuweilen ihre Stirne runzelte, Frau Louise von Frankreich, sagen wir, flößte dem ganzen Hofe durch die Uebung der strengsten Tugenden die Achtung für die großen Mächte des Staates ein, welche man seit fünfzig Jahren in Frankreich nur noch aus Interesse oder aus Furcht zu verehren wußte.

Mehr noch: in diesem Augenblick allgemeiner Abneigung des Volkes gegen seine Gebieter (man sagte noch nicht öffentlich gegen seinen Tyrannen), liebte man sie. Dies kam davon her, daß ihre Tugend nicht harter, zurückschreckender Natur war; obgleich man nie laut von Ihr gesprochen hatte, erinnerte man sich doch, daß sie ein Herz besaß. Und jeden Tag bewies sie dies durch Wohltaten, während es die Andern nur durch den Scandal offenbarten,

Ludwig XV. fürchtete seine Tochter aus dem einzigen Grunde, weil er sie schätzte. Zuweilen war er sogar stolz auf sie. Es war auch das einzige von seinen Kindern, das er mit seinen beißenden Spöttereien, oder mit seinen trivialen Vertraulichkeiten verschonte, und während er seine drei anderen Töchter, Adelaide, Victoire und Sophie, Loque, Chiffe und Graille nannte, nannte er Louise von Frankreich Madame.[17 - Loque Fetzen, Chiffe ein dünner, schlechter Zeug, Graille Krähe]

Seitdem der Marschall von Sachsen die Seele der Turenne und der Condé, und Maria Leczinska den Geist des Benehmens von Maria Theresia mit in das Grab genommen hatten, machte sich Alles klein um den verkleinerten Thron; da bildete Madame Louise, eine Frau von wahrhaft königlichem Charakter, welche vergleichungsweise heldenmüthig erschien, den Stolz des Hofes, der mitten unter seinem Rauschgold und seinen falschen Steinen nur noch diese kostbare Perle besaß.

Wir sagen deshalb nicht, Ludwig XV. habe seine Tochter geliebt, Ludwig XV. liebte bekanntlich nur sich selbst. Wir behaupten nur, daß er größere Stücke auf sie hielt, als auf die Andern.

Als er eintrat, sah er die Prinzessin allein mitten in der Gallerie, auf einen mit Blutjaspis und Lapis-lazuli incustirten Tisch gestützt.

Sie war schwarz gekleidet; ihre schönen ungepuderten Haare verbargen sich unter einem dopelten Geschoße von Spitzen; minder streng als gewöhnlich, war ihre Stirne vielleicht trauriger als in andern Stunden. Sie betrachtete nichts um sich her, nur zuweilen ließ sie ihre schwermütigen Augen über die Portraite der Könige Europa’s laufen, an deren Spitze ihre Ahnen, die Könige von Frankreich, glänzten.

Das schwarze Costume war die gewöhnliche Reisetracht der Prinzessinnen; es verbarg die langen Taschen, welche man zu jener Zeit trug, wie in den Zeiten der wirthschaftlichen Königinnen, und Madame Louise hatte an ihrem Gürtel, gehalten von einem goldenen Ringe, die zahlreichen Schlüssel ihrer Kisten und Schränke.

Der König wurde sehr nachdenkend, als er sah, mit welchem Stillschweigen und besonders mit welcher Aufmerksamkeit man den Erfolg dieser Scene erwartete.

Doch die Gallerie war so lang, daß sich die Zuschauer, an die beiden Enden gestellt, feinen Verstoß gegen die Discretion für die handelnden Personen zu Schulden kommen lassen konnten. Sie sahen, das war ihr Recht; sie hörten nichts, das war ihre Pflicht.

Die Prinzessin ging dem König einige Schritte entgegen, nahm seine Hand und küßte sie ehrfurchtsvoll.

»Man sagt, Sie wollen reisen, Madame?« fragte Ludwig XV. »Gehen Sie in die Picardie?«

»Nein, Sire,« antwortete die Prinzessin.

»Ah! ich errathe,« sprach der König, die Stimme erhebend; »Sie geben als Pilgerin nach Noirmoutiers.«

»Nein, Sire,« erwiederte Madame Louise, »ich ziehe mich in das Kloster der Carmeliterinnen von Saint-Denis zurück, dessen Aebtissin ich sein kann, wie Sie wissen.«

Der König bebte, aber sein Gesicht blieb ruhig, obgleich sein Herz wirklich erschüttert war.

»O! nein,« sagte er, »nein, meine Tochter, nicht wahr, Sie werden mich nicht verlassen? Es ist unmöglich, daß Sie mich verlassen.«

»Mein Vater, ich habe seit langer Zeit diesen Rückzug beschlossen, und Eure Majestät hat die Gnade gehabt, mich dazu zu bevollmächtigen; widerstehen Sie mir also nicht, mein Vater, ich bitte Sie darum.«

»Ja, es ist wahr, ich habe diese Vollmacht ertheilt, doch nachdem ich lange gekämpft, wie Sie wissen. Ich habe sie ertheilt, weil ich immer hoffte, im Augenblick der Abreise würde Ihnen das Herz dazu fehlen. Sie können sich nicht in einem Kloster begraben; das sind vergessene Gebräuche; man tritt nur in das Kloster in Folge von Kummer oder Täuschungen des Glückes. Die Tochter des Königs von Frankreich ist nicht arm, so viel ich weiß, und wenn sie sich unglücklich fühlt, soll es Niemand erfahren.«

Das Wort und der Geist des Königs erhoben sich immer mehr, je mehr er in der Rolle des Königs und Vaters vordrang, die ein Schauspieler nie schlecht spielt, wenn der Stolz zu dem einen Theile räth und das Bedauern den andern einflößt.

»Sire,« antwortete Louise, welche die Erschütterung ihres Vaters wahrnahm und von dieser bei dem selbstsüchtigen Ludwig XV. so seltenen Gemüthsbewegung ebenfalls tiefer gerührt wurde, als sie es durchblicken lassen wollte, »Sire,– schwächen Sie meine Seele nicht dadurch, daß Sie mir Ihre Zärtlichkeit offenbaren. Mein Kummer ist kein gewöhnlicher Kummer, deshalb steht mein Entschluß über den Gewohnheiten unseres Jahrhunderts.«

»Sie haben also Kummer?« rief der König mit einem Blitze des Gefühls, »Kummer, mein armes Kind!«

»Grausamen, ungeheuren, Sire!« antwortete Madame Louise.

»Ei! meine Tochter, warum sagten Sie mir das nicht?«

»Weil es ein Kummer ist, den eine menschliche Hand nicht zu heilen vermag.«

»Selbst nicht die eines Königs?«

»Selbst nicht die eines Königs, Sire.«

»Selbst nicht die eines Vaters?«

»Eben so wenig, Sire, nein, eben so wenig.«

»Sie sind fromm, Louise, und können Kraft in der Religion schöpfen.«

»Noch nicht genug, Sire, und ich ziehe mich in ein Kloster zurück, um mehr zu finden. In der Stille spricht Gott zum Herzen des Menschen; in der Einsamkeit spricht der Mensch zum Herzen Gottes.«

»Aber Sie bringen dem Herrn ein ungeheures Opfer, das nichts ausgleichen wird Der Thron Frankreichs wirft einen erhabenen Schatten auf die um ihn her erzogenen Kinder; genügt Ihnen dieser Schatten nicht?«

»Der der Zelle ist noch tiefer, mein Vater, er erquickt das Herz, er ist sanft für die Starken, wie für die Schwachen, für die Demüthigen, wie für die Stolzen, für die Großen, wie für die Kleinen.

»Glauben Sie denn irgend eine Gefahr zu laufen? Dann, Louise, ist der König da, um Sie zu beschützen.«

»Sire, Gott beschütze zuerst den König!«

»Ich wiederhole Ihnen, Louise, Sie lassen sich durch einen schlecht verstandenen Eifer irre leiten. Beten ist schön, aber nicht immer beten. Sie, die Sie so gut, so fromm sind, was brauchen Sie so viel zu beten?«

»Nie werde ich genug beten, o mein Vater! nie werde ich genug beten, o mein König! um alles Unglück abzuwenden, das über uns einbrechen wird! Die Güte, welche mir Gott verliehen hat, die Reinheit, welche ich seit zwanzig Jahren unablässig zu läutern trachte, bilden, wie ich befürchte, noch nicht das Maß von Reinheit und Unschuld, dessen das Sühnopfer bedürfen würde.«

Der König wich einen Schritt zurück, ’schaute Madame Louise erstaunt an und sagte:

»Nie haben Sie so mit mir gesprochen. Sie verwirren sich, liebes Kind, der Ascetismus richtet Sie zu Grund.«

»O, Sire! nennen Sie nicht mit diesem weltlichen Namen das wahrste und besonders das nothwendigste Opfer, das je eine Unterthanin ihrem König und eine Tochter ihrem Vater in dringender Noth dargebracht hat. Sire, Ihr Thron, dessen beschützenden Schatten Sie mir so eben stolz anboten, Ihr Thron wankt unter Stößen, die Sie noch nicht fühlen, die ich aber bereits ahne. Etwas Tiefes gräbt sich dumpf wie ein Abgrund, worein sich plötzlich die Monarchie versenken kann. Hat man Ihnen je die Wahrheit gesagt, Sire?«

Madame Louise schaute umher, um zu sehen, ob Niemand sie zu hören vermöchte, und als sie bemerkte, daß Jedermann weit genug entfernt war, fuhr sie fort:

»Nun wohl! ich kenne sie, ich, die ich unter dem Gewande einer barmherzigen Schwester zwanzigmal die düsteren Gassen, die ausgehungerten Mansarden, die Kreuzwege voll Seufzer besucht habe. In diesen Gassen, auf diesen Kreuzwegen, in diesen Mansarden, Sire, stirbt man vor Hunger und Kälte im Winter, vor Durst und Hitze im Sommer. Die Felder, die Sie nicht sehen, Sire, denn Sie fahren nur von Versailles nach Marly und von Marly nach Versailles, die Felder haben kein Korn mehr, ich sage nicht, um das Volk zu ernähren, sondern um die Furchen einzusäen, welche, verflucht durch irgend eine feindliche Macht, verschlingen und nicht zurückgeben. Alle diese Leute, denen es an Brod gebricht, murren dumpf, denn unbestimmte, unbekannte Gerüchte ziehen durch die Lust in der Abenddämmerung, in der Nacht, und sprechen ihnen von Eisen, von Ketten, von Tyranneien, und bei diesen Worten erwachen sie, hören sie auf, sich zu beklagen, und fangen an zu murren. Die Parlamente verlangen ihrerseits das Recht der Vorstellung, das heißt, das Recht, Ihnen ganz laut zu sagen, was sie leise sprechen: ‚König, Du richtest uns zu Grund! rette uns, oder wir retten uns allein.’ Die Kriegsleute graben mit ihrem unnützen Degen eine Erde aus, worin die Freiheit keimt, welche die Encyklopädisten mit vollen Händen hineingeworfen haben. Die Schriftsteller wissen, was wir Böses thun, zu gleicher Zeit, wo wir es thun, und theilen es dem Volk mit, das jetzt die Stirne. runzelt, so oft es seine Gebieter vorübergehen sieht. Eure Majestät verheirathet – ihren Sohn! Als einst die Königin Anna von Oesterreich den ihrigen verheirathete, machte Paris der Prinzessin Maria Theresia Geschenke. Heute schweigt nicht nur im Gegentheil die Stadt, bietet die Stadt nicht nur nichts an, sondern Eure Majestät hat die Steuern erzwingen müssen, um die Carrossen zu bezahlen, mit denen man eine Tochter von Cäsar zu einem Sohn des heiligen Ludwig führt. Die Geistlichkeit ist seit langer Zeit gewohnt, nicht mehr zu Gott zu beten, aber sie fühlt, daß die Ländereien verschenkt, die Privilegien erschöpft, die Kassen geleert sind, und fängt wieder an, Gott um das zu bitten, was sie das Glück des Volkes nennt!

Soll ich Ihnen endlich sagen, Sire, was Sie wohl wissen, was Sie mit so viel Bitterkeit wahrgenommen, daß Sie mit Niemand davon sprachen? Die Könige, unsere Brüder, die uns einst beneideten, die Könige, unsere Brüder, wenden sich von uns ab. Ihre vier Töchter, Sire, die Töchter des Königs von Frankreich, Ihre vier Töchter sind unverheirathet geblieben, und es gibt zwanzig Prinzen in Deutschland, drei in England, sechzehn in den Staaten des Norden, ohne unsere Verwandten, die Bourbonen von Spanien und Neapel zu zählen, die uns vergessen oder sich von uns abwenden, wie die Anderen. Vielleicht hätte uns der Türke gewollt, wären wir nicht die Töchter des allerchristlichsten Königs gewesen. Oh! ich spreche nicht für mich, mein Vater, mein Stand ist ein glücklicher Stand, denn ich bin frei, denn ich bin Niemand von meiner Familie nöthig, denn ich kann in der Zurückgezogenheit, in der Beschauung, in der Armuth zu Gott beten, daß er von Ihrem Haupte und von dem meines Neffen den furchtbaren Sturm ablenke, den ich in der Ferne am Himmel der Zukunft aufziehen sehe.«

»Meine Tochter, mein Kind,« entgegnete der König, »Deine Befürchtungen machen Dir diese Zukunft schlimmer als sie ist.«

»Sire, Sire,« sprach Madame Louise, »erinnern Sie sich der Fürstin des Alterthums, der königlichen Prophetin; sie weissagte wie ich ihrem Vater und ihren Brüdern den Krieg, die Zerstörung durch Feuer und Schwert; und ihr Vater und ihre Brüder lachten über ihre Weissagungen und nannten sie wahnsinnig. Seien Sie auf Ihrer Hut, o mein Vater! bedenken Sie, o mein König!«

Ludwig XV. kreuzte seine Arme, ließ sein Haupt auf seine Brust sinken und erwiederte:

»Meine Tochter, Sie sprechen streng mit mir, das Unglück, das Sie mir vorwerfen, ist es denn mein Werk?«

»Gott verhüte, daß ich dies denke, doch es ist das der Zeit, in der wir leben; Sie werden fortgerissen, wie wir Alle. Hören Sie, Sire, wie man auf den Parterren Beifall klatscht bei der geringsten Anspielung gegen das Königthum; sehen Sie, wie die freudigen Gruppen am Abend mit großem Geräusch die kleinen Treppen der Entresols herabsteigen, während die große Marmortreppe düster und öde ist. Sire, das Volk und die Höflinge haben sich besondere, von den unserigen getrennte Vergnügungen gemacht; sie belustigen sich ohne uns, oder vielmehr. wenn wir erscheinen, wo sie sich belustigen, machen wir sie traurig. »Ach!« fuhr die Prinzessin mit einer anbetungswürdigen Schwermuth fort, »ach! arme, schöne junge Leute! arme reizende Frauen! liebt! singt! vergeßt! seid glücklich! Ich war Euch hier lästig, während ich Euch dort dienen werde. Hier unterdrücktet Ihr Euer freudiges Gelächter, aus Furcht, mir zu mißfallen; dort, dort werde ich beten, oh! ich werde beten von ganzem Herzen für den König, für meine Schwestern, für meine Neffen, für das Volk von Frankreich, für Euch Alle endlich, die ich liebe, mit der Kraft eines Herzens, das noch keine Leidenschaft geschwächt hat.«

»Meine Tochter,« sprach der König, nach einem düstern Stillschweigen, »ich flehe Sie an, verlassen Sie mich nicht, wenigstens nicht in diesem Augenblick; Sie haben mein Herz gebrochen.«

Louise von Frankreich ergriff die Hand ihres Vaters, heftete voll Liebe ihre Augen auf das edle Antlitz von Ludwig XV. und sprach:

»Nein, nein, mein Vater, nicht eine Stunde mehr in diesem Palast. Nein, es ist Zeit, daß ich bete. Ich fühle die Kraft in mir, durch meine Thränen alle Vergnügungen zu sühnen, nach denen Sie trachten, Sie, der Sie noch so jung sind, Sie, der Sie ein guter Vater sind, der Sie zu vergeben wissen.«

»Bleibe bei uns, Louise, bleibe bei uns,« sprach der König, und schloß seine Tochter in seine Arme.

»Die Prinzessin schüttelte den Kopf, machte sich aus der königlichen Umarmung los, und erwiederte traurig:

»Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Leben Sie wohl, mein Vater, Ich habe beute Dinge gesagt, die mein Herz seit zehn Jahren belasteten. Die Bürde erdrückte mich, Leben Sie wohl; ich bin zufrieden. Sehen Sie: ich lächle, ich bin seit heute erst glücklich.– Ich beklage nichts.«

»Nicht einmal die Trennung von mir, meine Tochter?«

»Oh! sie würde mir Kummer machen, wenn ich Sie nicht mehr sehen sollte; doch Sie werden zuweilen nach Saint-Denis kommen; Sie werden mich nicht gänzlich vergessen.«

»Oh! nie! nie!«

»Lassen Sie sich nicht erschüttern, Sire, Man soll nicht denken, diese Trennung sei von Dauer. Meine Schwestern wissen, wenigstens wie ich glaube, noch nichts; meine Frauen allein sind in das Vertrauen gezogen. Seil acht Tagen treffe ich alle Anstalten und es ist mein innigster Wunsch, daß der Lärm meiner Abreise erst nach dem der schweren Pforten von Saint-Denis ertöne. Dieser letztere Lärm wird mich verhindern, den andern zu hören.«

Der König las in den Augen seiner Tochter, daß ihr Vorhaben unerschütterlich war. Es war ihm ohnedies lieber, daß sie ohne Geräusch abreiste. Wenn Madame Louise den Ausbruch des Schluchzens für ihren Entschluß befürchtete, so befürchtete ihn der König noch viel mehr für seine Nerven.

Dann wollte er nach Marly gehen, und zu viel Schmerz in Versailles hätte nothwendig die Reise verzögert.

Endlich bedachte er, daß er, eine zugleich des Königs und des Vaters unwürdige Orgie verlassend, nicht mehr dem ernsten, traurigen Gesichte begegnen würde, welches ihm wie ein Vorwurf über das sorglose, träge Leben, das er führte, erschien.

»Es geschehe nach Deinem Willen, mein Kind,« sagte er; »empfange den Segen Deines Vaters, den Du stets vollkommen glücklich gemacht hast.«

»Nur Ihre Hand, daß ich sie küsse, Sire, und geben Sie mir im Geiste diesen kostbaren Segen.«

Für diejenigen, welche von ihrem Entschluß unterrichtet waren, bot sie ein großartiges, feierliches Schauspiel, diese Prinzessin, welche mit jedem Schritte, den sie that, ihren Ahnen näher rückte, die aus der Tiefe ihrer goldenen Särge ihr zu danken schienen, daß sie lebendig kam, um sie in ihren Gräbern aufzusuchen.

An der Thüre grüßte der König seine Tochter, und wandte sich dann um, ohne ein Wort zu sagen.

Der Hof folgte ihm, der Etiquette gemäß.




XXVIII.

Loque, Chiffe und Graille


Der König wandte sich nach dem Cabinet der Equipagen, wo er vor der Jagd oder der Spazierfahrt einige Augenblicke zuzubringen pflegte, um besondere Befehle den Leuten vom Dienst zu geben, deren er für den Rest des Tages bedurfte.

Am Ende der Gallerie grüßte er die Höflinge und bedeutete ihnen durch ein Zeichen, daß er allein sein wolle.

Als Ludwig XV. allein war, setzte er seinen Weg durch einen Corridor fort, auf welchen die Gemächer der Prinzessinnen gingen. Vor der durch eine Tapete verschlossenen Thüre, angelangt, blieb er einen Augenblick stehen, schüttelte den Kopf und brummte durch die Zähne:

»Es war nur Eine von ihnen gut, und diese ist abgereist.«

Ein Ausbruch von Stimmen antwortete auf dieses für die Uebrigen ziemlich unhöfliche Axiom. Die Tapete wurde aufgehoben und Ludwig XV. mit den Worten:

»Ich danke, mein Vater!« begrüßt, die im Chor ein wüthendes Trio an ihn richtete.

Der König befand sich mitten unter seinen drei andern Töchtern.

»Ah! Du bist es, Loque,« sagte er, sich an die älteste von den dreien, nämlich an Madame Adelaide wendend. »Ah, meiner Treue! desto schlimmer, ärgere Dich, oder ärgere Dich nicht, ich habe die Wahrheit gesprochen.«

»Oh!« versetzte Madame Victoire, »Sie haben uns nichts Neues gelehrt, Sire, wir wissen, daß Sie Louise stets vorgezogen«

»Meiner Treue! Du hast eine große Wahrheit gesagt, Chiffe.«

»Und warum uns Louise vorziehen?« fragte mit einem spitzigen Tone Madame Sophie.

»Weil mich Louise nicht quält,« antwortete er mit jener Zutraulichkeit, von der Ludwig XV. in seinen selbstsüchtigen Augenblicken einen so vollkommenen Typus bot.

»Oh! sie wird Sie quälen, seien Sie unbesorgt, mein Vater,« sprach Madame Sophie mit einem scharfen Tone, der die Aufmerksamkeit des Königs besonders auf sie lenkte.

»Was weißt Du davon, Graille?« entgegnete er. »Hat Dich Louise bei ihrer Abreise in’s Vertrauen gezogen? Das sollte mich wundern-, denn sie liebte Dich nicht besonders.«

»Ah! meiner Treue! jedenfalls gebe ich es ihr zurück.« antwortete Madame Sophie.

»Sehr gut!’ sagte Ludwig XV., »haßt Euch, verabscheut Euch, zerreißt Euch, das ist Eure Sache; wenn Ihr nur mich nicht in Anspruch nehmt, daß ich die Ordnung im Reiche der Amazonen wiederherstelle, ist es mir gleichgültig. Doch ich wünsche zu wissen, in welcher Hinsicht die arme Louise mich quälen soll?«

»Die arme Louise!« erwiederten gleichzeitig Madame Victoire und Madame Adelaide, indem sie ihre Lippen auf zwei verschiedenen Arten verlängerten.

»In welcher Hinsicht Louise Sie quälen soll? Nun, Ich will es Ihnen sagen, mein Vater.«

Ludwig streckte sich in einem großen Lehmstuhle aus, der neben der Thüre stand, so daß der Rückzug immer etwas Leichtes für ihn blieb.

»Weil Madame Louise ein wenig von dem Dämon geplagt wird, der die Aebtissin von Chelles in Bewegung setzte,« antwortete Sophie, »und weil sie sich in das Kloster zurückzieht, um Experimente zu machen.«

»Stille, stille,« sagte Ludwig XV., »ich bitte, keine Zweideutigkeiten über die Tugend Ihrer Schwester; man bat außen, wo man doch sehr viel sagt, nie etwas über sie gesagt. Fangen Sie nicht an.«

»Ich?«

»Ja Sie.«

»Oh! ich sage nichts von ihrer Tugend,« entgegnete Madame Sophie, verletzt durch die besondere Betonung, mit der ihr Vater das Wort Sie aussprach, und durch seine absichtliche Wiederholung; »ich sage nur, sie werde Experimente machen, und weiter nichts.«

»Nun! wenn sie Chemie treiben, wenn sie sich im Fechten üben und Röllchen für Lehnstühle machen, wenn sie Flöte blasen, wenn sie Tambourin schlagen. wenn sie Claviere zertrümmern, oder auf der Violine kratzen würde, welches Unglück könnten Sie darin sehen?«

»Ich sage, sie wird Politik treiben.«

Ludwig XV. bebte.

»Die Philosophie, die Theologie studiren, und die Commentare über die Bulle Unigenitus fortsetzen, so daß wir, zwischen ihre Regierungstheorien, ihre metaphyschen Systeme und ihre Theologie genommen, als die Unnützen der Familie erscheinen werden  . . . wir  . . .«

»Welches Uebel seht Ihr hierin, wenn das Eure Schwester in das Paradies führt?« versetzte Ludwig XV., ziemlich betroffen über den Zusammenhang zwischen der Anklage von Graille und der politischen Diatribe, durch die ihn Madame Louise bei ihrem Abgang erwärmt hatte. »Beneidet Ihr ihre Gottseligkeit? Das wäre die Sache von sehr schlechten Christinnen.«

»Ah! Meiner Treue, nein,« sagte Madame Victoire, »ich lasse sie gehen, wohin sie geben will, nur folge ich ihr nicht.«

»Ich auch nicht,« fügte Madame Sophie bei.

»Uebrigens haßte sie uns,« rief Madame Victoire.

»Euch?« versetzte Ludwig XV.

»Ja, uns, uns,« antworteten die zwei andern Schwestern,

»Ihr werdet sehen, daß diese arme Louise nur das Paradies gewählt hat, um nicht mit ihrer Familie zusammenzukommen,« erwiederte Ludwig XV.

Dieser Einfall machte die drei Schwestern nur in geringem Maße lachen, Madame Adelaide, die älteste von den Dreien raffte ihre ganze Logik zusammen, um dem König einen schärferen Streich beizubringen, als die, welche an, seinem Panzer abgeglitscht waren.

»Meine Damen,« sagte sie mit dem gekniffenen Tone, der ihr eigenthümlich war, wenn sie aus der Indolenz heraustrat, wegen der sie von ihrem Vater den Namen Loque erhalten hatte, »meine Damen, Sie wollten oder wagten es nicht, dem König die wahre Ursache der Abreise von Madame Louise zu sagen.«

»Gut! abermals eine Anschwärzung,« sprach der König. »Vorwärts, Loque, vorwärts!

»Oh! Sire,« erwiederte diese, »ich weiß wohl, daß ich Sie ein wenig ärgern werde.«

»Sagen Sie, Sie hoffen es, das ist richtiger.«

Madame Adelaide biß sich auf die Lippen.

»Doch ich werde die Wahrheit sagen,« fügte sie bei.

»Gut! das verspricht etwas. Die Wahrheit! hüten Sie sich doch, solche Dinge zu sagen. Spreche ich je die Wahrheit? Ei seht, ich befinde mich darum, Gott sei Dank, nicht schlimmer,« versetzte Ludwig XV. und zuckte die Achseln.

»Sprich doch, meine Schwester, sprich,« sagten gleichzeitig die zwei andern Prinzessinnen, ungeduldig, den Grund zu erfahren, der den König so sehr verletzen sollte.

»Gute Herzchen,« brummte Ludwig XV., »seht doch, wie sie ihren Vater lieben!«

Und er tröstete sich durch den Gedanken, daß er es ihnen zurückgab.

»Was unsere Schwester Louise am meisten auf der Welt befürchtete, sie, die so viel auf die Etiquette hielt,« fuhr Madame Adelaide fort, »das war  . . .«

»Das war . . .?« wiederholte Ludwig XV., »vollenden Sie doch wenigstens, da Sie einmal angefangen haben.«

»Nun, Sire, es war das Eindringen neuer Gesichter.«

»Das Eindringen, sagen Sie?« entgegnete der König, unzufrieden über diesen Ansang, weil er zum Voraus fühlte, wohin gezielt war, »das Eindringen! gibt es Eindringlinge bei mir? Zwingt man mich, zu empfangen, wen ich nicht sehen will?«

Dies hieß auf eine ziemlich geschickte Art den Sinn des Gespräches völlig verändern.

Doch Madame Adelaide war ein zu feiner Spürhund, um sich so abbringen zu lassen, wenn sie einmal auf der Fährte irgend einer guten Bosheit war.

»Ich habe mich schlecht ausgedrückt, Sire,« versetzte sie, »ich habe mich schlecht ausgedrückt, und das ist nicht das geeignete Wort. Statt Eindringen hätte ich Einführen sagen sollen.«

»Ah! ah!« rief der König, »das ist schon eine Verbesserung, das andere Wort war mir lästig, ich muß es gestehen; Einführen liebe ich mehr.«

»Und dennoch glaube ich, Sire, daß es immer noch nicht das wahre Wort ist,« fuhr Madame Adelaide fort.

»Welches ist es denn?«

»Vorstellung.«

»Ah! ja,« sagten die andern Schwestern, sich mit der ältesten vereinigend, »ich glaube diesmal ist es getroffen.«

Der König biß sich auf die Lippen.

»Ah! Ihr glaubt!« versetzte er.

»Ja,« antwortete Madame Adelaide. »Ich sage also, meine Schwester habe ungemein die neuen Vorstellungen befürchtet.«

»Nun!« machte der König, der rasch zu Ende zu kommen wünschte, »hernach?«

»Nun! mein Vater, sie wird folglich bange gehabt haben, die Frau Gräfin Dubarry an den Hof kommen zu sehen.«

»Vorwärts,« rief der König mit einem unwiderstehlichen Ergusse des Aergers, »vorwärts, sagen Sie das Wort und drehen Sie sich nicht so lange um dasselbe, Cordieu! wie halten Sie mich hin, Frau Wahrheit.«

»Sire,« erwiederte Madame Adelaide, »wenn ich so lange zögerte, Eurer Majestät zu sagen, was ich nun gesagt habe, so geschah es ans Achtung, und Ihr Befehl allein konnte mir den Mund über einen solchen Gegenstand öffnen.«

» ‚Ach! ja! Sie halten ihn geschlossen, Ihren Mund, Sie gähnen nicht, Sie sprechen nicht, Sie beißen nicht!«

»Es ist darum nicht minder richtig, Sire, daß ich den wahren Beweggrund des Rückzuges meiner Schwester gefunden zu haben glaube,« fuhr Madame Adelaide fort.

»Ihr täuscht Euch.«

»Oh! Sire,« wiederholten gleichzeitig und den Kopf von oben nach unten schüttelnd Madame Victoire und Madame Sophie; »oh! Sire, wir sind unserer Sache gewiß.«

»Potz tausend!« unterbrach sie Ludwig XV.. »nicht mehr und nicht minder als ein Vater von Molière. Ah! ah! man verbindet sich zu derselben Meinung, wie ich sehe. Ich habe eine Verschwörung in meiner Familie, wie mir scheint. Deshalb also konnte diese Vorstellung nicht stattfinden, deshalb sind die Damen nicht zu Hause, wenn man ihnen Besuch machen will, deshalb geben sie keine Antwort auf Gesuche, auf Audienzbitten.«

»Auf welche Gesuche, auf welche Audienzbitten?« fragte Madame Adelaide.

»Ei, Sie wissen es wohl: auf die Bittschriften von Mademoiselle Jeanne Vaubernier.« sagte Madame Sophie.

»Nein, auf die Audienzbitten von Mademoiselle Lange,« versetzte Madame Victoire.

Der König stand wüthend auf; sein sonst so sanftes Auge schleuderte einen für die drei Schwestern nicht sehr beruhigenden Blitz, und da sich in dem königlichen Trio keine Heldin fand, welche im Stande war, den väterlichen Zorn auszuhalten, so beugten alle drei die Stirne unter dem Sturm.

»Auf diese Art benehmt Ihr Euch, um mir zu beweisen, daß ich mich täuschte, wenn ich sagte, die beste von den vier Schwestern sei abgereist,« rief der König.

»Sire,« sprach Madame Adelaide, »Eure Majestät behandelt uns schlecht, schlechter als ihre Hunde.«

»Ich glaube es wohl, meine Hunde liebkosen mich, wenn ich komme, meine Hunde sind wahre Freunde. Lebt wohl, meine Damen. Ich will Charlotte, Belle-Fille und Gredinet besuchen. Arme Thiere, ja, ich liebe sie, und ich liebe sie besonders, weil sie das Gute haben, daß sie nicht die Wahrheit bellen.«

Der König entfernte sich wüthend, aber er hatte nicht vier Schritte im Vorzimmer gemacht, als er seine drei Töchter im Chor singen hörte:

		Dans Paris, la grand’ville,
		Garçons, femmes et filles
		Ont tous le coeur débile
		Et poussent des Hélas! Ah! ah! ah! ah!
		La maîtresse de Blaise
		Est trés-mal à son aise,
		Aise,
		Aise,
		Aise,
		Elle est sur le grabat. Ah! ah! Ah![18 - In Paris, der großen Stadt, haben Knaben, Frauen, Mädchen insgesamt ein schwaches Herz, und sie stoßen Seufzer aus! Ah! ah! ah! ah! Der Geliebten von Blaise ist es gar unwohl, sie liegt krank im Bette. Ah! ah! ah!]

Dies war die erste Strophe eines Vaudeville gegen Madame Dubarry, das in den Straßen von Paris unter dem Titel: die schöne Bourbonnaise, gesungen wurde.

Der König war nahe daran, umzukehren, und die Damen hätten sich vielleicht bei dieser Rückkehr schlecht befunden, aber er bewältigte sich, ging seines Wegs und rief, um nicht zu hören:

»Der Herr Kapitän der Windspiele, holla! der Herr Kapitän der Windspiele!«

Der Officier, den man mit diesem seltsamen Namen schmückte, lief herbei:

»Man öffne das Cabinet der Hunde,« sprach der König.

»O Sire!« rief der Officier, indem er sich Ludwig XV. entgegen warf, »Eure Majestät mache keinen Schritt mehr.«

»Nun! was gibt es?« sprach der König und blieb aus der Schwelle der Thüre stehen, unter welcher pfeifend der Athem von Hunden hervorkam, die ihren Herrn rochen.

»Sire,« sprach der Officier, »verzeihen Sie meinem Eifer, aber ich kann nicht zugeben, daß der König bei den Hunden eintritt!«

»Oh ja! ich begreife, das Cabinet ist nicht in Ordnung  . . . nun! lassen sie Gredinet herauskommen.«

»Sire,« stammelte der Officier, dessen Gesicht Bestürzung ausdrückte, »Gredinet hat seit zwei Tagen nichts gesoffen und nichts gefressen und man befürchtet, er sei wüthend.«

»Oh! ich bin offenbar der unglücklichste aller Menschen, Gredinet wüthend!« rief der König, »das würde das Maß meines Kummers voll machen.«

Der Officier der Windspiele glaubte, um die Scene zu beleben, eine Thräne vergießen zu müssen.

Der König wandte sich auf den Fersen um, und kehrte in sein Cabinet zurück, wo ihn sein Kammerdiener erwartete.

Als dieser das verstörte Gesicht des Königs wahrnahm, verbarg er sich in einer Fenstervertiefung.

»Ah! ich sehe es wohl,« murmelte der König, ohne auf diesen treuen Diener Achtung zu geben, der kein Mann für den König war, und während er mit großen Schritten in seinem Cabinet auf und ab ging: »ah! ich sehe es wohl, Herr von Choiseul spottet meiner, der Dauphin betrachtet sich bereits, als wäre er halb Herr, und glaubt, er werde es ganz sein, wenn er seine Osterreicherin auf den Thron habe sitzen lassen. Louise liebt mich, aber sie ist sehr hart, da sie mir Moral predigt und fortgeht. Der Herr Graf von Provence übersetzt Lucrez. Der Herr Graf von Artois ist ein Straßenläufer. Meine Hunde werden wüthend und wollen mich beißen. Offenbar liebt mich nur diese arme Gräfin. Zum Teufel also diejenigen, welche ihr Mißvergnügen machen wollen!«

Mit einer verzweifelten Entschlossenheit setzte er sich nun an den Tisch, auf welchem Ludwig XIV. seine Unterschrift gab, und der das Gewicht der letzten Verträge und der herrlichen Briefe des großen Königs getragen hatte.

»Ich begreife,« sprach er sodann, »ich begreife, warum alle Welt um mich her die Ankunft der Frau Dauphine beschleunigt; man glaubt, sie dürfe sich nur hier zeigen, damit ich ihr Sklave werde, oder mich unter die Herrschaft ihrer Familie begebe. Meiner Treue! ich kann mir wohl Zeit lassen, meine liebe Söhnerin zu sehen, besonders wenn mir ihre Ankunft hier neue Plackereien verursachen sollte. Leben wir also ruhig, so lange als möglich ruhig, und um dies zu erreichen, halten wir sie auf dem Wege zurück. Sie sollte durch Rheims und Noyon reisen, ohne sich aufzuhalten, und dann sogleich nach Compiègne kommen  . . . wir wollen das erste Ceremoniell behaupten. Drei Empfangstage in Rheims und einen, nein, meiner Treue! zwei, bah! drei Festtage in Noyon. Dadurch sind immer sechs Tage, sechs gute Tage gewonnen.«

Der König nahm die Feder und schrieb selbst an Herrn von Stainville den Befehl, drei Tage in Rheims und drei in Noyon anzuhalten.

Dann ließ er den Courrier vom Dienst kommen und sprach zu ihm:

»So rasch die Pferde laufen können, bis Sie diesen Befehl an seine Adresse abgegeben haben.«

Hierauf schrieb er mit derselben Feder:



»Liebe Gräfin,

wir setzen heute Zamore in sein Gouvernement ein. Ich reise nach Marly ab. Diesen Abend werde ich Ihnen in Luciennes Alles sagen, was ich im gegenwärtigen Augenblick denke.

    Frankreich.«

»Lebel,« sagte der König, »tragen Sie diesen Brief zu der Gräfin, und stellen Sie sich gut mit ihr, das rathe ich Ihnen.«

Der Kammerdiener verbeugte sich und ging ab.




XXIX.

Frau von Béarn


Der erste Gegenstand aller dieser wüthenden Gemüthsbewegungen, der Stein des Anstoßes aller dieser bei Hof gewünschten oder gefürchteten Scandale, Frau von Béarn reiste, wie Chon ihrem Bruder gesagt hatte, rasch gegen Paris.

Diese Reise war das Resultat von einer jener wunderbaren Eingebungen, welche in seinen Augenblicken der Verlegenheit dem Vicomte Jean zu Hülfe kamen.

Als er unter den Frauen des Hofes die so sehr ersehnte und so notwendige Pathin nicht fand, warf er, da die Vorstellung von Madame Dubarry nicht ohne eine solche statthaben konnte, die Augen auf die Provinz, untersuchte die Stellungen, durchforschte die Städte und fand, was er brauchte, an den Ufern der Maas, in einem ganz gothischen, aber wohl unterhaltenen Hanse.. Was er suchte, war eine alte Prozeßkrämerin und ein alter Prozeß.

Die alte Prozeßkrämerin war die Gräfin von Béarn.

Der alte Prozeß war eine Angelegenheit, von der ihr ganzes Vermögen abhing, und dessen Entscheidung Herrn von Maupeou anheimgegeben war; dieser aber war kurz zuvor mit Madame Dubarry in Verbindung getreten, mit der er einen bis dahin unbekannten Verwandtschaftsgrad entdeckt hatte, weshalb er sie seine Cousine nannte. Herr von Maupeou hatte in der Voraussicht der Kanzlerei für die Favoritin die ganze Inbrunst einer Freundschaft vom vorhergehenden Tage und eines Interesses vom nächstfolgenden, und wegen dieser Freundschaft und dieses Interesses war er vom König zum Vicekanzler ernannt worden, in einer Abkürzung aber nannte ihn die ganze Welt den Vice.[19 - Leider ist der Doppelsinn des Wortes »le vice« daß Laster und »vice« gleichbedeutend mit dem auch in unserer Sprache ein: heimisch gewordenen »vice« nicht wiederzugeben]

Frau von Béarn war wirklich eine alte Prozeßkrämerin, sehr ähnlich der Gräfin d’Escarbagnas oder Frau von Pimbeche, den zwei guten Typen jener Zeit, führte übrigens, wie man sieht, einen herrlichen Namen.

Flink, mager, eckig, stets aufmerksam, stets Augen, denen einer erschrockenen Katze ähnlich, unter den grauen Brauen in ihren Höhlen wälzend, hatte Frau von Béarn die Tracht der Damen ihrer Jugend beibehalten, und da die Mode, so launisch sie auch sein mag, sich herbeiläßt, zuweilen wieder vernünftig zu werden, so war das Costume der Mädchen von 1740 zufällig das Kleid einer Alten im Jahre 1770.

Weite Guipures, Spitzenmäntelchen, ungeheurer Kopfputz, unermeßliche Taschen, colossaler Sack und eine Halsbinde von geblümter Seide, dies war die Tracht, unter der Chon, die vielgeliebte Schwester und Vertraute von Madame Dubarry, Frau von Béarn fand, als sie sich dieser unter dem Namen von Mademoiselle Flageot, das heißt, als die Tochter ihres Advokaten vorstellte.

Die alte Gräfin trug sie (es ist natürlich von der Kleidung die Rede) ebensowohl aus Geschmack, als aus Sparsamkeit. Sie gehörte nicht zu den Leuten, welche über ihre Armuth erröthen, denn diese Armuth rührte nicht von einen Fehler von ihr her. Sie bedauerte nur, nicht reich genug zu sein, um ihrem Sohn ein seines Namens würdiges Vermögen zu hinterlassen; dieser Sohn war ein ganz provinzmäßiger junger Mensch, schüchtern wie ein Mädchen und viel mehr den Süßigkeiten des materiellen Lebens, als den Gunstbezeugungen des Ruhmes zugethan.

Es blieb ihr übrigens das Hülfsmittel, meine Güter die Güter zu nennen, die ihr Advokat den Saluces streitig machte; da es indessen eine Frau von großem Verstande war, so fühlte sie wohl, daß ihr, wenn sie auf diese Ländereien entlehnen müßte, kein Wucherer, und es gab deren sehr kühne in Frankreich zu jener Zeit, kein Anwalt, und es fanden sich sehr verschlagene zu allen Zeiten, auf diese Garantien etwas leihen, oder die geringste Summe in der Hoffnung ans Wiederersatz aus dem streitigen Object vorschießen würde.

Beschränkt auf eine Rente aus der nicht in den Prozeß verwickelten Grundbesitzungen und auf ihre Gülten, floh deshalb Frau von Béarn, welche ein Einkommen von ungefähr tausend Thalern hatten den Hof, wo man zwölf Livres im Tag nur für die Miethe der Carrosse ausgab, welche die Frau Sollicitantin zu den Herren Richtern und zu den Herren Advokaten führte.

Sie floh ihn besonders, weil sie daran verzweifelte, ihren Actenfascikel von vier bis fünf Jahr aus dem Fache ziehen zu sehen, wo er wartete, bis die Reihe an ihn käme. Heut zu Tage dauern die Prozesse lang; doch ohne das Alter eines Patriarchen zu erreichen, kann derjenige, welcher einen Prozeß anfängt, hoffen, ihn auch zu Ende gehen zu sehen, während in frühern Zeiten ein Prozeß zwei bis drei Generationen durchmachte und wie jene fabelhaften Pflanzen in Tausend und eine Nacht nur am Ende von zwei bis dreihundert Jahren blühte.

Frau von Béarn wollte aber nicht den Rest ihres Vermögens dadurch verschlingen lassen, daß sie die im Prozeß begriffenen zehn Zwölftel wieder zu erlangen suchte; sie war das, was man in jeder Zeit eine Frau der alten Zeit nennt, nämlich vorsichtig, klug, stark und geizig.

Sie hätte sicherlich ihre Angelegenheit selbst geführt, selbst vor Gericht geladen, plaidirt und exekutirt. und zwar besser als irgend ein Advokat, Anwalt oder Huissier, aber sie trug den Namen Béarn, und dieser Name setzte vielen Dingen ein Hinderniß entgegen. Daraus ging hervor, daß. verzehrt von Kummer und Angst, sehr ähnlich dem göttlichen Achill, der unter sein Zelt zurückgezogen tausend Tode litt, wenn die Trompete erscholl, gegen die er taub zu sein sich stellte, Frau von Béarn, die Tage damit hinbrachte, daß sie, die Brille auf der Nase, alte Pergamente entzifferte, und ihre Nächte, daß sie sich in ihren persischen Schlafrock drapirte und mit flatternden grauen Haaren vor ihrem Kopfkissen den Prozeß der von den Saluces zurückgeforderten Erbschaft plaidirte, einen Prozeß, den sie stets mit einer Beredtsamkeit gewann, mit welcher sie so sehr zufrieden. war, daß sie dieselbe unter ähnlichen Umständen ihrem Advokaten gewünscht hätte.

Man begreift bei dieser Lage der Dinge, daß die Ankunft von Chon, die sich unter dem Namen von Mademoiselle Flageot vorstellte, eine sanfte Erschütterung bei Frau von Béarn hervorbrachte.

Der junge Graf war beim Heer.

Man glaubt so gern, was man wünscht. Frau von Béarn ließ sich auch ganz natürlich von der Erzählung der jungen Frau einnehmen.

Es war indessen wohl ein Schatten von Verdacht zu fassen; die Gräfin kannte seit zwanzig Jahren Meister Flageot, sie hatte ihn zweihundertmal in der Rue du Petit-Lion-Saint-Sauveur besucht, und nie hatte sie auf dem viereckigen Teppich, der ihr so winzig für das ungeheure Cabinet vorkam, nie hatte sie, sagen wir, auf diesem Teppich die Spiele eines Kindes wahrgenommen, das auf eine geschickte Weise die Pastillen in den Büchsen der Clienten und Clientinnen suchte.

Aber es handelte sich wohl darum, an den Teppich des Anwalts zu denken, es handelte sich darum, das Kind wieder zu finden, das darauf spielen konnte. es handelte sich darum, seine Erinnerungen zu durchwühlen: Mademoiselle Flageot war Mademoiselle Flageot, und alles Andere Nebensache.

Ueberdies war sie verheirathet und, was den letzten Wall gegen jeden schlimmen Gedanken bildete, sie kam nicht ausdrücklich nach Verdun, sondern sie begab sich zu ihrem Gatten nach Straßburg.

Vielleicht hätte Frau von Béarn Mademoiselle Flageot nach dem Briefe fragen müssen, der sie bei ihr beglaubigte; doch wenn ein Vater seine Tochter, seine eigene Tochter nicht ohne einen Brief schicken kann, wem soll man dann eine Vertrauenssendung geben? Und dann noch einmal, wozu solche Befürchtungen? Wozu ein solcher Verdacht? In welcher Absicht sollte man sechzig Lieues machen, um eine solche Erzählung preiszugeben?

Wäre sie reich gewesen, hätte sie wie die Frau eines Banquier, eines Generalpächters oder eines Parteigängers Equipagen, Silbergeschirr und Diamanten mitnehmen müssen, so hätte sie denken können, es sei ein von Dieben angezetteltes Komplott. Aber Frau von Béarn lachte. wenn sie zuweilen an die Täuschung dachte, welche Diebe erfahren würden, die so schlecht unterrichtet wären, das, sie bei ihr zu stehlen versuchten.

Als Chon mit ihrer bürgerlichen Toilette und mit ihrem schlechten, einspännigen Cabriolet, das sie auf der vorletzten Post, wo sie ihre Chaise zurückließ, genommen hatte, verschwunden war, stieg Frau von Béarn, überzeugt, der Augenblick, ein Opfer zu bringen, wäre gekommen, selbst in eine alte Carrosse und trieb die Postillons dergestalt zur Eile an, daß sie eine Stunde vor der Dauphine durch Lachaussée kam, und kaum fünf bis sechs Stunden nach Mademoiselle Dubarry die Barrière Saint-Denis erreichte.

Da die Reisende sehr wenig Gepäcke hatte und da es das Dringendste für sie war, die gerichtliche Verhandlung zu betreiben, so ließ Frau von Béarn ihren Wagen in der Rue du Petit-Lion vor der Thüre von Herrn Flageot anhalten.

Dies geschah, wie man sich leicht denken kann, nicht ohne daß eine große Anzahl Neugieriger, und die Pariser sind es insgesammt, vor dieser ehrwürdigen Kutsche stehen blieb, welche aus den Remisen von Heinrich IV. zu kommen schien, an dessen Lieblingsgefährt sie durch ihre Solidität, durch ihren monumentalen Bau und ihre schneckenförmig gewundenen ledernen Vorhänge erinnerte, die mit einem abscheulichen Aechzen auf einer Stange von grünlichem Messing liefen.

Die Rue du Petit-Lion ist nicht breit. Frau von Béarn verstopfte sie majestätisch, bezahlte die Postillons und befahl ihnen, den Wagen nach dem Wirthshause zu bringen, wo sie gewöhnlich abstieg, nämlich nach dem tränenden Hahne in der Rue Saint-Germain-des-Prés. Sie stieg, sich an dem fettigen Seile haltend, die schwarze Treppe von Herrn Flageot hinauf; es herrschte hier eine Kühle, welche der durch die Schnelligkeit und den Eifer der Reise angegriffenen. Alten nicht mißfiel.

Als ihn seine Dienerin Marguerite die Frau Gräfin von Béarn meldete, zog Meister Flageot seine Hose, die er der Hitze wegen tief hatte hinabfallen lassen, in die Höhe, drückte eine Perrücke, welche immer im Bereiche seiner Hand lag, auf den Kopf, und schlüpfte in einen Schlafrock von Basin. So geschmückt schritt er lächelnd auf die Thüre zu. Aber in diesem Lächeln drang eine so scharf ausgeprägte Nuance des Erstaunens durch, daß die Gräfin ihm sagen zu müssen glaubte:

»Nun, mein lieber Herr Flageot, ich bin es.«

»Ah! ja wohl’’ erwiederte Herr Flageot, »das sehe ich, Frau Gräfin.«

Dann schloß der Advokat schamhaft seinen Schlafrock und führte die Gräfin zu einem Lehnstuhle in dem hellsten Winkel des Cabinets, wobei er indessen kluger Weise Papiere von seinem Schreibtisch entfernte, denn er kannte ihre Neugierde.

»Erlauben sie nur nun gütigst, Madame, daß ich meine Freude über eine so angenehme Ueberraschung ausdrücke,« sagte artiger Weise Meister Flageot.

Im Hintergrunde ihres Lehnstuhles sitzend, hob Frau von Béarn in diesem Augenblick die Füße auf, um zwischen der Erde und ihren Schuhen von brochirtem Atlaß den nöthigen Zwischenraum für ein ledernes Kissen zu lassen, das Marguerite vor sie legte. Bei den Worten des Advokaten richtete sie sich aber rasch auf, drücke ihre Nase mit der Brille zusammen, die sie aus ihrem Etui gezogen hatte, um Herrn Flageot besser zu sehen, und rief:

»Wie, Ueberraschung?«

»Allerdings, ich glaubte, Sie wären auf Ihren Gütern, Madame,« antwortete der Advokat, der sich hier einer liebenswürdigen Schmeichelei bediente, um die drei Morgen Gemüsegarten von Frau von Béarn zu bezeichnen.

»Ich war dort, wie Sie sehen; aber auf Ihr erstes Signal verließ ich meine Güter.«

»Auf mein erstes Signal?« erwiederte der Advokat erstaunt.

»Auf Ihr erstes Signal, auf ihre erste Nachricht, auf Ihren ersten Rath, wie Sie wollen.«

Die Augen von Herrn Flageot wurden groß wie die Brillengläser der Gräfin.

»Ich hoffe, daß ich Eile angewendet habe, und daß Sie mit mir zufrieden sein werden,« fuhr die Gräfin fort.

»Entzückt, Madame, wie immer; doch erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß ich auf keine Weise sehe, was ich hierin zu thun habe.«

»Wie!« rief die Gräfin, »was Sie zu thun haben? Alles, oder vielmehr Sie haben Alles gethan.«

»Ich?«

»Gewiß, Sie  . . . Nun! es gibt also Neuigkeiten hier?«

O! ja, Madame, man sagt, der König sinne auf einen Staatsstreich gegen das Parlament. Doch darf ich Ihnen vielleicht etwas anbieten?«

»Es handelt sich wohl um den König, es handelt sich wohl um einen Staatsstreich?«

»Um was handelt es sich denn, Madame?«

»Es handelt sich um meinen Prozeß. In Beziehung auf meinen Prozeß fragte ich Sie, ob es nichts Neues hier gebe.«

»Oh! was das betrifft,« versetzte Herr Flageot, traurig den Kopf schüttelnd, »nichts, Madame, durchaus nichts.«

»Das heißt nichts  . . .«

»Nein, nichts.«

»Nichts, seitdem ich Ihre Tochter gesprochen habe.« Da dies aber vorgestern der Fall gewesen ist, so begreife ich, daß sich nichts Großes seit diesem Augenblick ereignet haben kann.«

»Meine Tochter, Madame?«

»Ja.«

»Sie haben gesagt, meine Tochter?«

»Allerdings Ihre Tochter, diejenige, welche Sie zu mir schickten.«

»Verzeihen Sie, Madame, ich kann Ihnen unmöglich meine Tochter geschickt haben.«

»Unmöglich!«

»Aus einem äußerst einfachen Grunde, ich habe nämlich keine.«

»Sind Sie dessen gewiß?« rief die Gräfin.

»Madame, ich habe die Ehre, Junggeselle zu sein,« antwortete Herr Flageot.

»Gehen Sie doch!« versetzte die Gräfin.

Herr Flageot wurde unruhig; er rief Marguerite, daß sie die der Gräfin angebotenen Erfrischungen bringe, und besonders, daß sie diese bewache.

»Arme Frau,« dachte er, »ihr Kopf ist in Verwirrung gerathen.«

»Wie,« sagte die Gräfin, »Sie haben keine Tochter?«

»Nein, Madame.«

»Eine in Straßburg verheirathete Tochter?«

»Nein, Madame, nein, tausendmal nein.«

»Und Sie haben diese Tochter nicht beauftragt,« fuhr die Gräfin ihren Gedanken verfolgend fort, »Sie haben diese Tochter nicht beauftragt, mir auf der Durchreise mitzutheilen, mein Prozeß sei in die Liste eingetragen.«

»Nein.«

Die Gräfin geberdete sich auf das Heftigste in ihrem Lehnstuhl, und schlug mit beiden Händen auf ihre Kniee.

»Trinken Sie ein wenig, Frau Gräfin,« sagte Herr Flageot, »es wird Ihnen wohl thun.«

Zu gleicher Zeit machte er Marguerite ein Zeichen, und diese näherte« sich Frau von Béarn mit zwei Gläsern Bier auf einer Platte; doch die alte Dame hatte keinen Durst und stieß Platte und Gläser so ungestüm zurück, daß sich Mademoiselle Marguerite, welche einiger Vorrechte im Hause theilhaftig zu sein schien, dadurch verletzt fühlte.

»Sprechen Sie, sprechen Sie,« sagte die Gräfin, indem sie Herrn Flageot unter ihrer Brille hervor anschaute, »erklären wir uns ein wenig, wenn’s beliebt.«

»Mit Vergnügen,« antwortete der Advokat; »bleiben Sie, Marguerite, Madame hat vielleicht sogleich die Güte zu trinken; erklären wir uns.«

»Ja, erklären wir uns, wenn es Ihnen gefällig ist, denn Sie sind heute unbegreiflich, mein lieber Herr Flageot; bei meinem Ehrenwort, man sollte glauben, es wäre seit der Hitze in Ihrem Kopfe nicht richtig.«

»Aergern Sie sich nicht, Madame,« sprach der Advokat, und ließ seinen Lehnstuhl auf den zwei Hinterfüßen manoeuvriren, »ärgern Sie sich nicht, und lassen Sie uns plaudern.«

»Ja, plaudern wir. Sie sagen, Sie haben keine Tochter, Herr Flageot?«

»Nein, Madame, und ich bedaure es aufrichtig, weil Ihnen dies, wie es scheint, angenehm wäre, obgleich . . .«

»Obgleich . . .« wiederholte die Gräfin.

»Obgleich ich meines Theils einen Knaben vorziehen würde, die Knaben gedeihen besser, oder nehmen vielmehr weniger eine schlimme Richtung in diesen Zeitläufen.«

Frau von Béarn faltete ihre beiden Hände mit einer tiefen Unruhe.

»Wie,« sagte sie, »Sie haben mich nicht durch irgend eine Schwester, eine Nichte, eine Base nach Paris beschieden?«

»Ich habe nicht daran gedacht, Madame, da ich wohl weiß, wie kostspielig der Aufenthalt in Paris ist.«

»Aber mein Prozeß?«

»Ich behalte mir vor, Sie zu benachrichtigen, wenn er zur Verhandlung kommt, Madame.«

»Wie, wenn er zur Verhandlung kommt?«

»Ja.«

»Es ist dies also nicht bereits der Fall?«

»Nicht, daß ich wüßte, Madame.«

»Mein Prozeß ist nicht dem Gericht vorgelegt?«

»Nein.«

»Es ist nicht die Rede von einer baldigen Apellation?«

»Nein, Madame, mein Gott, nein.«

»Dann hat man mich hintergangen, man hat unwürdig seinen Spott mit mir getrieben,« rief die alte Dame aufstehend.

Herr Flageot hißte seine Perücke oben auf seine Stirne und murmelte:

»Ich befürchte beinahe, Madame.«

»Meister Flageot!« rief die Gräfin.

Der Advokat sprang von seinem Stuhle auf und machte Marguerite, welche sich bereit hielt, ihrem Herrn beizustehen, ein Zeichen.

»Meister Flageot,« fuhr die Gräfin fort, »ich werde diese Demüthigung nicht dulden, und mich an den Herrn Polizeilieutenant wenden, daß man das Weibsbild aufsucht, welches mir diese Beleidigung zugefügt hat.«

»Bah!« machte Herr Flageot, »das ist sehr unsicher.«

»Ist das Weib einmal gefunden,« rief die Gräfin, vom Zorn fortgerissen, »so werde ich eine Klage erheben.«

»Abermals ein Prozeß,« sagte traurig der Advokat.

Diese Worte machten, daß die Prozeßkrämerin von der Höhe ihrer Wuth herabfiel: der Sturz war hart.

»Ach! ich kam so glücklich hierher,« rief sie.

»Aber was hat Ihnen denn diese Frau gesagt, Madame?«

»Erstens, sie komme in Ihrem Auftrag.

»Abscheuliche Intrigantin!«

»Und in Ihrem Auftrag kündige sie mir die Verhandlung meines Prozesses an; das war dringend, ich konnte nicht genug eilen, denn ich lief Gefahr, zu spät zu kommen.«

»Ach,« sprach Herr Flageot, »wir sind weit davon entfernt, zur Verhandlung vorgefordert zu werden, Madame.«

»Nicht wahr, wir sind vergessen?«

»Vergessen, begraben, beerdigt, Madame, und wenn nicht ein Wunder geschieht, und Sie wissen, die Wunder sind selten  . . .«

»Oh! ja,« murmelte die Gräfin mit einem Seufzer.

Herr Flageot antwortete mit einem andern Seufzer, der nach dem der Gräfin modulirt war.

»Hören Sie, Herr Flageot,« fuhr Frau von Béarn fort, »soll ich Ihnen Eines sagen?«

»Sprechen Sie, Madame.«

»Ich werde dies nicht überleben.«

»Oh! was das betrifft . . . Sie hätten Unrecht.«

»Mein Gott! mein Gott!« sprach die arme Gräfin, »meine Kräfte sind völlig erschöpft.«

»Muth, Madame, Muth!« rief Herr Flageot.

»Haben Sie mir keinen Rath zu geben?«

»Oh! doch wohl: ich rathe Ihnen, auf Ihre Güter zurückzukehren und denjenigen, welche sich in meinem Auf trag bei Ihnen einfinden, nicht mehr zu glauben, wenn sie nicht eine Zeile von mir mitbringen.

»Ich werde wohl auf meine Güter zurückkehren müssen.«

»Das wird vernünftig sein.«

»Aber glauben Sie mir, Herr Flageot,« seufzte die Gräfin, »wir werden uns nicht wiedersehen, wenigstens nicht auf dieser Welt.«

»Welche Verworfenheit!«

»Ich habe also grausame Feinde?«

»Ich wollte schwören, es ist ein Streich der Saluces.«

»Dieser Streich ist in jedem Fall sehr gemein.«

»Ja, das ist schwach.«

»Oh! die Justiz! die Justiz! mein lieber Herr Flageot, es ist die Höhle des Cacus.«

»Warum?« versetzte der Advokat, »weil die Justiz nicht mehr sie selbst ist, weil man das Parlament bearbeitet! weil Herr von Maupeou Kanzler werden wollte, statt Präsident zu bleiben.«

»Herr Flageot, ich würde jetzt trinken.«

»Marguerite!« rief der Advokat.

Marguerite kehrte zurück. Sie hatte sich entfernt, als sie sah, welche friedliche Wendung das Gespräch nahm.

Sie kehrte zurück, sagen wir, die Platte mit den zwei Gläsern, die sie weggetragen, in den Händen haltend. Frau von Béarn trank langsam ihr Glas Bier, nachdem sie ihren Advokaten mit einem Anstoßen beehrt hatte, machte ihm eine traurige Verbeugung und ging in das Vorzimmer.

Herr Flageot folgte ihr, seine Perrücke in der Hand.

Frau von Béarn war auf dem Ruheplatz und suchte bereits den Strick, der als Geländer diente, als sich eine Hand auf die ihrige legte und ein Kopf auf ihre Brust stieß.

Diese Hand und dieser Kopf gehörten einem Schreiber, der zu vier und vier die steilen Stufen der Treppe hinaufsprang.

Die alte Gräfin richtete unter Brummen und Verwünschungen ihre Röcke wieder zurecht, und setzte ihren Weg die Treppe hinab fort, während der Schreiber, ebenfalls auf dem Ruheplatz angelangt, die Thüre aufstieß und mit einem lustigen, treuherzigen Tone der Leute seines Standes ausrief:

»Hier, Meister Flageot, hier, das ist für den Béarn Prozeß.«

Und er reichte ihm ein Papier.

Bei diesem Namen die Treppe hinaufsteigen, den Schreiber zurückstoßen, sich auf Meister Flageot werfen, ihm das Papier entreißen, den Advokaten in seinem Cabinet blockiren, das war von der alten Gräfin geschehen, ehe der Schreiber zwei Ohrfeigen erhalten, die ihm Marguerite als Erwiederung auf zwei Küsse versetzte, oder zu versetzen sich den Anschein gab.

»Nun!« rief die alte Dame, »was sagt man denn hierin, Meister Flageot?«

»Meiner Treue, ich weiß es noch nicht, Frau Gräfin; doch wenn Sie mir das Papier geben wollen, so werde ich es Ihnen sagen.«

»Es ist wahr, mein lieber Herr Flageot, lesen Sie, lesen Sie geschwinde.«

Dieser betrachtete die Unterschrift des Billets.

»Es ist von Meister Guildon, unserem Procurator,« sagte er.

»Oh! mein Gott.«

»Er ladet mich ein,« fuhr Meister Flageot mit wachsendem Erstaunen fort, »er ladet mich ein, mich bereit zu halten, nächsten Dienstag zu plaidiren, weil unsere Angelegenheit zur Verhandlung bezeichnet ist.«

»Zur Verhandlung bezeichnet!« rief die Gräfin aufspringend. »Oh! nehmen Sie sich in Acht, Meister Flageot, scherzen wir diesmal nicht, denn ich würde mich nicht mehr erheben.«

»Madame,« erwiederte Meister Flageot, ganz verblüfft über diese Nachricht, »wenn Jemand scherzt, so ist es wohl nicht Herr Guildon, denn es wäre das erste Mal in seinem Leben.«

»Ist der Brief aber auch gewiß von ihm?«

»Er hat ihn unterzeichnet, sehen Sie.«

»Es ist wahr!  . . . Diesen Morgen vorgeladen, Dienstag plaidirt. Oh! Meister Flageot, die Dame, welche bei mir gewesen, war also keine Intrigantin?«

»Es scheint nicht.«

»Aber da sie nicht von Ihnen geschickt worden ist  . . . sind Sie sicher, daß sie nicht von Ihnen geschickt wurde?«

»Bei Gott! ob ich sicher bin!«

»Von wem kann sie dann geschickt worden sein?

»Ja, von wem?

»Denn Jemand muß sie doch geschickt haben.«

»Ich verliere mich in Vermuthungen.«

»Und ich gehe darin unter. Ah! lassen Sie mich noch einmal lesen, mein lieber Herr Flageot: vorgeladen, plaidirt, so steht es geschrieben; plaidirt vor dem Herrn Präsidenten Maupeou.«

»Teufel! heißt es so?«

»Allerdings.«

»Das ist ärgerlich.«

»Warum?«

»Weil der Herr Präsident Maupeou ein vertrauter Freund der Saluces ist.«

»Wissen Sie das?«

»Er ist unablässig in ihrem Hause.«

»Das ist schön, nun sind wir mehr in Verlegenheit, als je. Ich habe Unglück.«

»Und dennoch ist nichts dagegen einzuwenden,« sprach Meister Flageot, »Sie müssen ihn besuchen.«

»Aber er wird mich furchtbar empfangen.«

»Sehr wahrscheinlich!«

»Oh! Meister Flageot, was sagen Sie mir da?«

»Die Wahrheit, Madame.«

»Wie! Sie verlieren nicht allein Ihren Muth, sondern Sie benehmen mir sogar den, welchen ich hatte.«

»Von Herrn von Maupeou kann Ihnen nichts Gutes widerfahren.«

»Schwach in diesem Grade, Sie, ein Cicero!«

»Cicero würde den Proceß von Ligarius verloren haben, hätte er vor Verres plaidirt, statt vor Cäsar zu sprechen,« antwortete Meister Flageot, der in seiner Bescheidenheit nur dieses zu erwiedern wußte, um die ausgezeichnete Ehre zurückzuweisen, die ihm seine Clientin hatte widerfahren lassen.

»Sie rathen mir also, ihn nicht zu besuchen?«

»Oh! Gott soll mich behüten, Madame, daß ich Ihnen eine Ungereimtheit dieser Art rathe; ich beklage Sie nur, weil Sie zu einer solchen Zusammenkunft genöthigt sind.«

»Sie sprechen da, Herr Flageot, wie ein Soldat, der seinen Posten zu verlassen gedenkt. Man sollte glauben, Sie fürchten sich, diesen Prozeß zu betreiben.«

»Madame, ich habe einige in meinem Leben verloren, bei denen mehr Hoffnung auf einen Gewinn war, als bei diesem.«

Die Gräfin seufzte, raffte aber ihre ganze Energie zusammen und sprach mit einer Würde, welche einen seltsamen Contrast mit der komischen Physiognomie dieser Unterredung bildete:

»Ich werde bis zum Ende gehen; man soll nicht sagen, ich sei, während das Recht auf meiner Seite steht, vor der Kabale zurückgewichen. Ich werde meinen Prozeß verlieren, aber ich habe dann den Pflichtvergessenen die Stirne einer Frau von Stand gewiesen, wie nicht viele mehr an dem heutigen Hofe übrig sind. Wollen Sie mir den Arm geben, Herr Flageot, um mich zu dem Herrn Vicekanzler zu begleiten?«

»Madame,« sprach Meister Flageot, der ebenfalls eine ganze Würde zu Hülfe rief, »wir Oppositionsmitglieder des Parlaments von Paris haben uns geschworen, außerhalb der Audienzen jeden Zusammenhang mit denjenigen zu vermeiden, welche die Parlamente in der Angelegenheit von Herrn d’Aiguillon verlassen haben. Einigkeit bildet die Kraft, und da Herr von Maupeou in dieser ganzen Angelegenheit lavirt hat, da wir uns über ihn zu beklagen haben, so werden wir in unserem Lager bleiben, bis er eine Fahne aufgezogen.«

»Mein Prozeß nimmt eine schlimme Wendung, wie ich sehe,« seufzte die Gräfin; ..Advokaten mit ihren Richtern entzweit, Richter mit ihren Clienten entzweit  . . . Gleichviel, ich werde ausharren.«

»Gott stehe Ihnen bei, Madame!« sprach der Advokat, und warf seinen Schlafrock auf seinen linken Arm, wie es ein römischer Senator mit seiner Toga gemacht hätte.

»Das ist ein trauriger Advokat.« murmelte Frau von Béarn für sich. »Ich befürchte weniger Glück mit ihm vor dem Parlament zu haben, als ich dort vor meinem Kopfkissen hatte.«

Dann sagte sie laut, und mit einem Lächeln, unter dem sie ihre Unruhe zu verbergen suchte:

»Leben Sie wohl, Meister Flageot, ich bitte Sie, studiren Sie den Prozeß gut, man kann nicht wissen, was geschieht.«

»Oh! Madame,« erwiederte Meister Flageot, »es ist nicht die Vertheidigungsrede, was mich in Verlegenheit setzt. Ich glaube, sie wird schön sein, um so schöner, als ich furchtbare Anspielungen einzumischen im Sinne habe.«

»Auf was, mein Herr, auf was?«

»Auf die Verdorbenheit von Jerusalem, Madame, das ich mit den verfluchten Städten vergleiche, und auf welches ich das Feuer des Himmels herabrufen werde. Sie begreifen, Madame, Niemand wird sich täuschen, Jerusalem wird Versailles sein.«

»Herr Flageot,« rief die alte Dame, »gefährden Sie sich nicht, oder gefährden Sie vielmehr meinen Prozeß nicht.«

»Ei! Madame, Ihr Prozeß ist mit Herrn von Maupeou verloren; es handelt sich also nur darum, ihn vor unsern Zeitgenossen zu gewinnen, und da man uns keine Gerechtigkeit widerfahren läßt, so wollen wir Scandal machen.

»Herr Flageot . . .«

»Madame, lassen Sie uns Philosophen sein, lassen Sie uns donnern.«

»Der Teufel donnere dir,« brummte die Gräfin, ,.abscheulicher Rabulist, der du in Allem dem nur ein Mittel siehst, dich in deine philosophischen Fetzen zu hüllen. Ich gehe zu Herrn von Maupeou, er ist kein Philosoph, und ich habe bei ihm vielleicht wohlfeileren Kauf, als bei dir.«

Hienach verließ die alte Gräfin Meister Flageot und entfernte sich aus der Rue du Petit-Lion-Saint-Sauveur, nachdem sie in zwei Tagen alle Stufen der Leiter der Hoffnungen und der Täuschungen durchlaufen hatte.




XXX.

Der Vice


Die alte Gräfin zitterte an allen Gliedern, als sie sich zu Herrn von Maupeou begab.

Es kam ihr indessen auf dem Wege ein Gedanke, der ganz geeignet war, sie zu beruhigen. Aller Wahrscheinlichkeit nach dürfte die vorgerückte Stunde Herrn von Maupeou nicht erlauben, sie zu empfangen, und sie würde sich dann begnügen, ihren nahe bevorstehenden Besuch dem Schweizer anzukündigen.

Es mochte in der That sieben Uhr Abends sein, und obgleich es noch Tag war, so hatte sich doch die Gewohnheit, um vier Uhr zu speisen, bereits unter dem Adel verbreitet und unterbrach im Allgemeinen jedes Geschäft vom Mittagsbrod bis zum andern Morgen.

Frau von Béarn, welche den Vicekanzler sehnlichst zu treffen wünschte, fühlte sich jedoch getröstet bei dem Gedanken, sie würde ihn nicht finden. Es ist dies einer von den häufigen Widersprüchen des menschlichen Geistes, die man stets begreifen wird, ohne sie zu erklären.

Die Gräfin erschien also, fest darauf rechnend, der Schweizer würde sie zurückweisen. Sie hielt einen Drei-Livres-Thaler bereit, um den Cerberus zu besänftigen und ihn zu veranlassen, ihren Namen in der Liste der erbetenen Audienzen aufzunehmen.

Als sie vor das Hotel kam, sah sie den Schweizer mit einem Huissier sprechen, der ihm einen Befehl zu geben schien. Sie wartete bescheidener Weise, aus Furcht, die zwei Sprechenden zu stören; sobald sie aber der Huissier in ihrem Miethwagen erblickte, zog er sich zurück.

Der Schweizer näherte sich dem Wagen und fragte nach dem Namen der Sollicitantin.

»Oh!« sagte sie, »ich weiß, daß ich wahrscheinlich nicht die Ehre haben werde, Seine Excellenz zu sehen.«

»Gleichviel, Madame,« sprach der Schweizer, »erweisen Sie mir die Ehre, mir zu sagen, wie Sie heißen.«

»Gräfin von Béarn.«

»Monseigneur ist zu Hause.«

»Wie beliebt?« versetzte Frau von Béarn im höchsten Maße erstaunt.

»Ich sage, Monseigneur sei zu Hause,« wiederholte der Schweizer.

»Doch ohne Zweifel empfängt Monseigneur nicht?«

»Er wird die Frau Gräfin empfangen,« erwiederte der Schweizer.

Frau von Béarn stieg aus, ohne zu wissen, ob sie träumte oder wachte. Der Schweizer zog an einer Schnur, welche eine Glocke zweimal ertönen machte. Der Huissier erschien auf der Freitreppe, und der Schweizer machte der Gräfin ein Zeichen, daß sie eintreten könne.«

»Sie wollen mit Monseigneur sprechen? fragte der Huissier.

»Das heißt, mein Herr, ich wünsche diese Gunst, ohne daß ich sie zu hoffen wage.«

»Wollen Sie mir folgen, Frau Gräfin.«

»Man sagt so viel Schlimmes von diesem Beamten!« dachte die Gräfin, während sie dem Huissier folgte, »er hat jedoch eine große Eigenschaft, die, zu jeder Stunde zugänglich zu sein. Ein Kanzler!  . . . das ist seltsam.«

Und indeß sie vorwärts ging, zitterte sie bei dem Gedanken, einen um so herberen, um so unfreundlicheren Mann zu finden, als er sich dieses Vorrecht durch die beständige Ausübung seiner Pflichten gab.

Herr von Maupeou arbeitete, unter einer großen Perrücke begraben und in ein Kleid von schwarzem Sammet gehüllt, bei offenen Thüren in seinem Cabinet.

Als die Gräfin eintrat, warf sie einen raschen Blick umher, aber sie sah zu ihrem Erstaunen, daß sie allein war, und daß sich kein anderes Gesicht, als das ihrige und das des magern, gelben, geschäftigen Kanzlers in den Spiegeln wiederstrahlte.

Der Huissier meldete die Frau Gräfin von Béarn.

Herr von Maupeou stand rasch auf und fand sich mit derselben Bewegung an seinen Kamin angelehnt.

Frau von Béarn machte die drei durch die Etiquette vorgeschriebenen Verbeugungen.

Das kleine Kompliment, das auf die Verbeugungen folgte, war etwas verlegen. Sie erwartete diese Ehre nicht  . . . sie glaubte nicht, ein so sehr beschäftigter Minister würde den Muth haben, sich von seinen Ruhestunden abzubrechen  . . .

Herr von Maupeou erwiederte, die Zeit sei nicht minder kostbar für die Unterthanen Seiner Majestät, als für seine Minister. Es sei indessen ein Unterschied zwischen den Leuten zu machen, welche Eile haben, und er gebe stets seinen besten Rest denjenigen, welche diesen Unterschied verdienen.

Neue Verbeugungen von Frau von Béarn, dann verlegenes Stillschweigen, denn hier mußten die Komplimente aufhören und die Gesuche anfangen.

Herr von Maupeou wartete, indem er sich das Kinn streichelte.

»Monseigneur,« sagte die Gräfin, »ich nahm mir die Freiheit, vor Eurer Excellenz zu erscheinen, um derselben unterthänigst eine sehr wichtige Angelegenheit auseinanderzusetzen, von der mein ganzes Vermögen abhängt.«

Herr von Maupeou machte mit dem Kopfe ein leichtes Zeichen, welches sagen wollte: Sprechen Sie.

»In der That, Monseigneur,« fuhr sie fort, »Sie mögen erfahren, daß mein ganzes Vermögen, oder vielmehr das meines Sohnes bei dem Prozesse betheiligt ist, den wir in diesem Augenblick gegen die Familie Saluces führen.«

Der Vicekanzler streichelte fortwährend sein Kinn.

»Aber Ihre Rechtlichkeit ist mir so wohl bekannt, Monseigneur, daß ich, obgleich vertraut mit dem Interesse, ich sage sogar mit der Freundschaft Eurer Excellenz für meine Gegenpartie, nicht einen Augenblick zögerte, Eure Excellenz zu bitten, mir Gehör zu schenken.«

Herr von Maupeou konnte sich eines Lächelns nicht erwehren, als er seine Rechtlichkeit loben hörte, das glich zu sehr den apostolischen Vorzügen von Dubois, dem man fünfzig Jahre früher auch über seine Tugenden Komplimente machte.

»Frau Gräfin,« sprach er, »Sie haben Recht, wenn Sie sagen, ich sei ein Freund der Saluces, Sie haben aber auch Recht, wenn Sie glauben, daß ich bei Uebernahme der Siegel jede Freundschaft abgelegt habe. Ich werde Ihnen also abgesehen von jeder Privattheilnahme antworten, wie es sich für den obersten Chef der Justiz geziemt.«

»Oh! Monseigneur, seien Sie gesegnet,« rief die alte Gräfin.

»Ich prüfe daher Ihre Angelegenheit als ein einfacher Rechtsgelehrter,« fuhr der Kanzler fort.

»Und ich danke Eurer Excellenz, welche in solchen Materien so gewandt ist.«

»Ihr Prozeß kommt, glaube ich, bald zur Verhandlung.«

»Er ist für die nächste Woche anberaumt, Monseigneur.«

»Was wünschen Sie nun?«

»Daß Eure Excellenz von den Acten Kenntniß nehme.«

»Es ist geschehen.«

»Nun?« fragte zitternd die alte Gräfin, »was denken Sie davon, Monseigneur?«

»Von Ihrem Prozeß?«

»Ja.«

»Ich sage, daß kein Zweifel möglich ist.«

»Wie? über das Gewinnen?«

»Nein, über das Verlieren.«

»Monseigneur sagt, ich werde meinen Prozeß verlieren?«

»Unzweifelhaft. Ich will Ihnen also einen Rath geben.«

»Welchen?« fragte die Gräfin mit einer letzten Hoffnung.

»Haben Sie eine Zahlung zu leisten, wenn der Prozeß entschieden, der Ausspruch gethan ist  . . .«

»Nun!«

»Nun! so halten Sie Ihre Gelder bereit.«

»Aber, Monseigneur, wir sind dann zu Grunde gerichtet.«

»Frau Gräfin, Sie begreifen, daß die Gerechtigkeit nicht auf solche Betrachtungen eingehen kann.«

»Monseigneur, neben der Gerechtigkeit steht das Mitleid.«

»Gerade aus diesem Grunde, Frau Gräfin, hat man die Gerechtigkeit blind gemacht.«

»Aber Eure Excellenz wird mir doch einen Rath nicht verweigern?«

»Fragen Sie immerhin. Was für einen wollen Sie haben?«

»Ist es nicht möglich, einen Vergleich zu treffen, einen milderen Spruch zu erlangen?«

»Sie kennen keinen von Ihren Richtern?« sagte der Herr Vicekanzler.

»Keinen, Monseigneur.«

»Das ist ärgerlich! die Herren von Saluces stehen mit drei Vierteln des Parlaments in Verbindung.«

Die Gräfin bebte.

»Merken Sie wohl,« fuhr der Vicekanzler fort, «daß dies nichts thut, was den Grund der Sache betrifft, denn ein Richter läßt sich nicht durch Privateinflüsse bestimmen.«

Dies war eben so wahr, als die Rechtlichkeit des Kanzlers und die berühmten apostolischen Tugenden von Dubois. Die Gräfin sank beinahe in Ohnmacht.

»Aber,« fuhr der Kanzler fort, »neben Aufrechthaltung der Redlichkeit, denkt der Richter mehr an seinen Freund, als an den Gleichgültigen; das ist nur zu gerecht, wenn es gerecht ist, und da es gerecht sein wird, daß Sie Ihren Prozeß verlieren, Madame, so kann man Ihnen wohl die Folgen so unangenehm als nur möglich machen.«

»Aber, was Eure Excellenz zu sagen mir die Ehre erweist, ist furchtbar.«

»Ich, was mich betrifft, Madame, werde mich gern halten, wie Sie wohl denken können,« fuhr Herr von Maupeou fort; »ich habe den Richtern nichts zu empfehlen, und da ich selbst nicht urtheile, so kann ich sprechen.«

»Ach! Monseigneur, ich vermuthete wohl Eines.«

Der Vicepräsident heftete seine kleinen grauen Augen auf die Gräfin.

»Daß die Herren von Saluces, da sie in Paris wohnen, mit allen meinen Richtern in Verbindung stehen, daß die Herren von Saluces allmächtig sein würden.«

»Vor Allem, weil sie das Recht haben.«

»Wie grausam ist es, Monseigneur, solche Worte aus dem Munde eines Mannes kommen zu hören, der unfehlbar ist, wie Eure Excellenz.«

»Es ist wahr, ich sage Ihnen Alles dies, und dennoch,« versetzte Herr von Maupeou mit einer geheuchelten Gutmütigkeit, »und dennoch möchte ich Ihnen gern nützlich sein  . . . bei meiner Ehre.«

Die Gräfin bebte; es kam ihr vor, als sähe sie etwas Dunkles, wenn nicht in den Worten, doch wenigstens in dem Gedanken des Vizepräsidenten, und wenn sich diese Dunkelheit zerstreute, würde sie dahinter etwas Günstiges entdecken.

»Uebrigens,« fuhr Herr von Maupeou fort, »übrigens ist der Name, den Sie führen, einer der schönsten von Frankreich und dient bei mir als eine sehr wirksame Empfehlung.«

»Wird es aber nicht verhindern, daß ich meinen Prozeß verliere, Monseigneur.«

»Bei Gott! ich vermag nichts.«

»Oh! Monseigneur, Monseigneur, wie gehen die Dinge!« sagte die Gräfin, den Kopf schüttelnd.

»Sie scheinen anzudeuten, Madame, in unserer guten alten Zeit seien sie besser gegangen,« versetzte lächelnd Herr von Maupeou.

»Ach! ja, Monseigneur, so kommt es mir wenigstens vor, und ich erinnere mich mit Entzücken jener Zeit, wo Sie, ein einfacher Advokat des Königs beim Parlament, jene schöne Reden hielten, denen ich, damals eine junge Frau, voll Begeisterung Beifall klatschte. Welches Feuer! welche Beredtsamkeit! welche Tugend! Oh! Herr Kanzler, in jener Zeit gab es weder Kabalen, noch Begünstigungen, in jener Zeit hätte ich meinen Prozeß gewonnen.«

»Wir hatten wohl Frau von Phalaris, welche in den Augenblicken, wo der Regent schlief, zu regieren, suchte, und die Souris, die sich überall eindrängte, um wo möglich einen kleinen Gewinn für sich herauszuschlagen.«

»Oh! Monseigneur, Frau von Phalaris war eine so große Dame, und die Souris ein so gutes Mädchen.«

»Daß man ihnen nichts verweigern konnte.«

»Oder daß sie nichts zu verweigern wußten.«

»Ah! Frau Gräfin,« sagte der Kanzler, auf eine Weise lachend, welche die alte Dame immer mehr in Erstaunen setzte, so treuherzig, so natürlich war seine Miene, »machen Sie nicht, daß ich aus Liebe für meine Jugend schlimm von meiner Verwaltung spreche.«

»Aber Eure Excellenz kann mich doch nicht abhalten, mein verlorenes Vermögen, mein auf immer zu Grund gerichtetes Haus zu beweinen.«

»Das heißt nicht von seiner Zeit sein, Gräfin, opfern Sie den Götzen des Tags, opfern Sie ihnen.«

»Ach! Monseigneur, die Götzen des Tags wollen nichts von denjenigen wissen, welche mit leeren Händen kommen.«

»Was wissen Sie davon?«

»Ich?«

»Ja, Sie haben es, wie mir. scheint, nicht versucht?«

»Oh! Monseigneur, Sie sind so gut, daß Sie wie ein Freund mit mir sprechen.«

»Ei! wir sind von demselben Alter Gräfin.«

»Warum bin ich nicht zwanzig Jahre, Monseigneur, und warum sind Sie nicht noch einfacher Advokat! Sie würden für mich plaidiren, und es gäbe keine Saluces, welche gegen Sie Stand halten könnten.«

»Leider sind Sie nicht mehr zwanzig Jahre alt, Frau Gräfin,« sagte der Vicekanzler mit einem galanten Seufzer, »wir müssen also diejenigen anflehen, welche dies sind, da Sie selbst zugestehen, daß es das Alter des Einflusses ist  . . . Wie! Sie kennen Niemand bei Hofe?«

»Betagte Herren. welche sich ihrer ehemaligen Freundin schämen würden, weil sie arm geworden ist. Ich habe den Zutritt in Versailles und könnte dahin gehen, wenn ich wollte; doch, wozu soll es nützen? Ach! wenn ich wieder in den Besitz meiner zweimal hundert tausend Livres gelangte, würde man mich wohl abermals aufsuchen. Thun Sie dieses Wunder, Monseigneur.«

Der Kanzler gab sich den Anschein, als hörte er diese Worte nicht.

»An Ihrer Stelle,« sagte er, »würde ich die Alten vergessen, wie die Alten Sie vergessen, und ich würde mich an die Jungen wenden, welche Parteigänger zu rekrutiren suchen. Kennen Sie ein wenig Mesdames?«

»Sie haben mich vergessen.«

»Und dann vermögen sie nichts. Kennen Sie den Dauphin?«

»Nein.«

»Er ist auch zu sehr mit der Ankunft seiner Erzherzogin beschäftigt, um an etwas Anderes zu denken.« fuhr Herr von Maupeou fort; »doch sehen wir uns unter den Günstlingen um.«

»Ich weiß nicht einmal, wie sie heißen.«

»Herr d’Aiguillon.«

»Ein Geck, dem man unwürdige Dinge nachsagt, der sich in einer Mühle verborgen hat, während sich die Andern schlugen  . . . pfui!«

»Bah!« versetzte der Kanzler, »man muß immer nur die Hälfte von dem, was die Leute sagen, glauben. Suchen wir weiter.«

»Suchen Sie, Monseigneur, suchen Sie.«

»Warum nicht? Ja  . . . Nein  . . . Doch  . . .«

»Sprechen Sie, Monseigneur, sprechen Sie.«

»Warum wollen Sie sich nicht an die Gräfin selbst wenden?«

»An Madame Dubarry?« versetzte Frau von Béarn, indem sie ihren Fächer öffnete.

»Ja, sie ist im Grunde gut.«

»Wahrhaftig?«

»Und besonders dienstfertig.«

»Ich bin von zu altem Hause, um ihr zu gefallen, Monseigneur.«

»Ich glaube, Sie täuschen sich, Gräfin; sie sucht mit guten Familien in Verbindung zu treten.«

»Sie glauben?« sagte die alte Gräfin, welche bereits in ihrem Widerstande wankte.

»Kennen Sie Madame Dubarry?«

»Mein Gott, nein!«

»Oh! das ist schlimm! ich denke sie hat Kredit?«

Oh! ja, sie hat Kredit, aber ich habe sie nie gesehen.«

»Ihre Schwester Chon auch nicht?«

»Nein.«

»Ihre Schwester Bischi auch nicht?«

»Nein.«

»Ihren Bruder Jean auch nicht?«

»Nein.«

»Ihren Neger Zamore auch nicht?«

»Wie, ihren Neger?«

»Ja, ihr Neger ist eine Macht.«

»Das kleine Scheusal, dessen Portrait man auf dein Pont-Neuf verkauft, und das einem angekleideten Mops gleicht?«

»Ganz richtig.«

»Ich soll diesen schwarzen Kerl kennen, Monseigneur!« rief die Gräfin in ihrer Würde verletzt, »wie soll ich seine Bekanntschaft gemacht haben?«

»Ah! ich sehe, Sie wollen Ihre Güter nicht behalten, Gräfin.«

»Wie so?«

»Da Sie Zamore verachten.«

»Aber, was kann denn Zamore in Allem dem machen?«

»Er kann machen, daß Sie Ihren Prozeß gewinnen.«

»Dieser Mozambique kann machen, daß ich meinen Prozeß gewinne! Und wie dies, wenn ich bitten darf?«

»Indem er seiner Gebieterin sagt, es gewähre ihm Vergnügen, wenn Sie ihn gewinnen, Sie kennen die Einflüsse. Er macht Alles, was er will, mit seiner Gebieterin, und seine Gebieterin macht Alles, was sie will, mit dem König.«

»Zamore regiert also Frankreich?«

»Hm!« versetzte Herr von Maupeou, »Zamore ist sehr einflußreich, und ich wollte lieber mit  . . . mit der Dauphine, zum Beispiel, entzweit sein, als mit ihm.«

»Jesus!« rief Frau von Béarn, »wenn es nicht eine so ernste Person wie Eure Excellenz wäre, die mir solche Dinge sagte!«

»Ei! mein Gott, nicht ich allein werde Ihnen das sagen, sondern die ganze Welt. Fragen Sie die Herzoge und Pairs, ob sie, wenn sie nach Marly oder Luciennes gehen, die Dragées für den Mund oder die Perlen für die Ohren von Zamore vergessen. Ich, der ich mit Ihnen spreche, bin ich nicht Kanzler von Frankreich, oder beinahe dies? Nun, mit was glauben Sie, daß ich mich beschäftigte, als Sie eintraten? Ich schrieb für ihn seine Bestallung als Gouverneur.«

»Als Gouverneur?«

»Ja. Herr von Zamore ist zum Gouverneur des Schlosses Luciennes ernannt worden.«

»Derselbe Titel, mit dem man den Herrn Grafen von Béarn nach zwanzigjährigen Diensten belohnt hat?«

»Indem man ihn zum. Gouverneur des Schlosses Blois ernannte?«

»Ja, so ist es.«

»Mein Gott, welche Entartung!« rief die Gräfin; »die Monarchie ist also verloren?«

»Sie ist wenigstens sehr krank, Gräfin; doch Sie wissen, von einem Kranken, der dem Sterben nahe ist, erwirkt man, was man kann.«

»Allerdings, allerdings; aber man muß sich dem Kranken nähern können.«

»Wissen Sie, was geschehen müßte, damit Sie von Madame Dubarry gut aufgenommen würden?«

»Was?«

»Es müßte Ihnen gestattet sein, dieses Patent ihrem Neger zu überbringen.«

»Mir!«

»Welch eine schöne Gelegenheit, in die Sache selbst einzugehen.«

»Sie glauben, Monseigneur?« sagte die Gräfin ganz verblüfft.

»Ich bin dessen gewiß, doch  . . .«

»Doch  . . .?« wiederholte Frau von Béarn.

»Doch Sie kennen Niemand in ihrer Nähe.«

»Aber Sie, Monseigneur?«

»Ei! ich  . . .«

»Ja.«

»Ich  . . . ich wäre sehr verlegen.«

»Ah!« rief die arme alte Dame, ganz gelähmt durch alle diese Alternativen, »das Glück will offenbar nichts für mich thun. Eure Excellenz nimmt mich auf, wie ich nie aufgenommen worden bin, während ich nicht einmal auf die Ehre, Sie zu sehen, hoffte. Nun! es fehlt mir noch etwas: ich bin nicht nur geneigt, Madame Dubarry den Hof zu machen, ich, eine Béarn, bin sogar bereit, die Commissionairin dieses abscheulichen Negers zu werden, den ich nicht mit einem Fußtritt auf das Hintertheil beehrt haben würde, wenn ich ihn auf der Straße getroffen hätte, und nun kann ich nicht einmal bis zu diesem kleinen Ungeheuer gelangen.«

Herr von Maupeou fing wieder an sein Kinn zu streicheln, und schien zu suchen, als plötzlich der Huissier eintretend meldete:

»Der Herr Vicomte Jean Dubarry.«’

Bei diesen Worten schlug der Kanzler als Zeichen des Erstaunens in seine Hände, und die Gräfin sank ohne Puls und ohne Athem in einen Lehnstuhl.

»Sagen Sie nun, Sie seien vom Glück verlassen, Madame,« rief der Kanzler. »Ah! Gräfin, Gräfin, der Himmel kämpft im Gegentheil für Sie.«

Dann wandte er sich gegen den Huissier und sprach, ohne der armen Alten Zeit zu lassen, sich von ihrem Erstaunen zu erholen.

»Lassen Sie ihn eintreten.«

Der Huissier entfernte sich und kehrte nach einem Augenblick unserem alten Bekannten, Jean Dubarry, der mit gespanntem Knie und den Arm in der Schlinge eintrat, voranschreitend zurück.

Nach den gewöhnlichen Begrüßungen, und als die Gräfin unentschlossen und zitternd aufzustehen suchte, um Abschied zu nehmen, als sie bereits der Kanzler mit einer leichten Kopfbewegung begrüßte und durch dieses Zeichen andeutete, die Audienz sei vorüber, sagte der Vicomte:

»Verzeihen Sie, Monseigneur, verzeihen Sie, Madame, entschuldigen Sie, daß ich Sie störe, ich bitte, bleiben Sie, Madame  . . . Ich habe mit gütiger Erlaubniß Seiner Excellenz nur zwei Worte zu sprechen.«

Die Gräfin setzte sich, ohne sich bitten zu lassen, denn ihr Herz schwamm in Freude und schlug vor Ungeduld.

»Aber vielleicht bin ich Ihnen lästig, mein Herr?« stammelte die Gräfin.

»Oh! mein Gott, nein. Ich habe nur zwei Worte Seiner Excellenz zu sagen, nur zehn Minuten ihrer kostbaren. Arbeit zu entziehen; ich brauche nur die erforderliche Zeit, um eine Klage anzubringen.«

»Klage, sagen Sie?« rief der Kanzler.

»Mörderisch angefallen, Monseigneur, ja mörderisch angefallen! Sie begreifen, ich kann solche Dinge nicht hingehen lassen. Man begegne uns verächtlich, man mache Spottlieder auf uns; man schwärze uns an; Alles dies überlebt man, aber man erwürge uns nicht, bei Gott! daran stirbt man.«

»Erklären Sie sich, mein Herr,« sagte der Kanzler, der den Erschrockenen spielte.

»Das wird bald geschehen sein. Doch, mein Gott, ich unterbreche die Audienz dieser Dame.«

»Die Frau Gräfin von Béarn,« sprach der Kanzler, indem er die alte Dame dem Herrn Vicomte Jean Dubarry vorstellte.

Dubarry wich anmuthig zurück, um seine Verbeugung zu machen, die Gräfin that dasselbe, und Beide begrüßten sich mit so viel Ceremonie, als ob sie es bei Hof gethan hätten.

»Nach Ihnen, Herr Vicomte,« sagte sie.

»Frau Gräfin, ich wage es nicht, ein Verbrechen verletzter Galanterie zu begehen.«

»Thun Sie es, mein Herr, thun Sie es; bei mir handelt es sich nur um Geld, bei Ihnen handelt es sich uni die Ehre. Sie haben natürlich mehr Eile.«

»Madame,« sprach der Vicomte, »ich werde von Ihrer Artigkeit Gebrauch machen.«

Und er erzählte seine Angelegenheit dem Kanzler, der sehr ernsthaft zuhörte.

»Sie müssen Zeugen haben,« sprach Herr von Maupeou nach kurzem Stillschweigen.

»Ah!« rief Dubarry, »daran erkenne ich den redlichen Richter, der nur der unverwerflichen Wahrheit Einfluß auf sich gestatten lassen will. Nun wohl, man wird die Zeugen finden.«

»Monseigneur,« sagte die Gräfin, »einer ist gefunden.«

»Wer ist dieser Zeuge?« fragten gleichzeitig der Vicomte und Herr von Maupeou.

»Ich,« antwortete die Gräfin.

»Sie, Madame?« rief der Kanzler.

»Hören Sie, mein Herr: ist die Sache nicht in dem Dorfe Lachaussée vorgefallen?«

»Ja, Madame.«

»Auf der Poststation?«

,.Ja.«

»Nun, ich werde Ihr Zeuge sein. Ich kam nach dem Orte, wo das Attentat begangen wurde, zwei Stunden nach dem Attentat.«

»Wirklich, Madame?« versetzte der Kanzler.

»Ah! Sie machen mich sehr glücklich,« sagte der Vicomte.

»Bei meiner Ankunft sprach noch der ganze Flecken von dem Ereigniß,« fuhr die Gräfin fort.

»Nehmen Sie sich in Acht,« sagte der Vicomte, »nehmen Sie sich in Acht! Wenn Sie einwilligen, mir in dieser Sache zu dienen, so werden die Choiseul sehr wahrscheinlich ein Mittel finden, Sie dies bereuen zu lassen.«

»Oh!« sprach der Kanzler, »das wird ihnen um so leichter sein, als die Frau Gräfin in diesem Augenblick einen Prozeß hat, dessen Gewinn mir sehr zweifelhaft zu sein scheint.«

»Monseigneur, Monseigneur,« sprach die alte Dame, indem sie die Hände an ihre Stirne drückte, »ich stürze von Abgrund zu Abgrund.«

»Stützen Sie sich ein wenig auf diesen Herrn,« sagte der Kanzler halblaut, »er wird Ihnen einen starken Arm bieten.«

»Nur einen,« entgegnete Dubarry sich zierend, »doch ich kenne Jemand, der zwei gute und lange Arme hat und sie Ihnen anbietet.«

»Ah! Herr Vicomte,« rief die alte Dame, »ist dieses Anerbieten im Ernste gemeint?«

»Bei Gott! ein Dienst ist den andern werth, Madame; ich nehme die Ihrigen an, nehmen Sie die meinigen. Wollen Sie?«

»Ob ich sie annehme, mein Herr!  . . . Ah! das ist zu viel Glück.«

»Nun! Madame, ich begebe mich auf der Stelle zu meiner Schwester: haben Sie die Gnade, einen Platz in meinem Wagen zu nehmen.«

»Ohne Grund, ohne Vorbereitung. Oh! mein Herr, ich würde es nicht wagen.«

»Sie haben einen Grund, Madame,« sprach der Kanzler, und steckte der Gräfin das Patent von Zamore in die Hand.

»Herr Kanzler,« rief die Gräfin, »Sie sind mein Schutzgott. Herr Vicomte. Sie sind die Blume des französischen Adels.«

»Zu Ihren Diensten,« wiederholte abermals der Vicomte, indem er der Gräfin, welche wie ein Vogel enteilte, den Weg zeigt.

»Ich danke für meine Schwester,« sagte Jean leise zu Herrn von Maupeou; »ich danke, mein Vetter. Doch habe ich meine Rolle gut gespielt?«

»Vortrefflich,« antwortete Maupeou; »erzählen Sie dort auch ein wenig, wie ich die meinige gespielt habe. Nehmen Sie sich übrigens in Acht, die Alte ist schlau.«

In diesem Augenblick wandte sich die Gräfin um.

Die zwei Männer verbeugten sich zu einem ceremomösen Gruß.

Eine prachtvolle Carrosse mit königlichen Livreen wartete vor der Freitreppe. Die Gräfin setzte sich ganz aufgeblasen von Stolz hinein. Jean machte ein Zeichen und man fuhr ab.

Nachdem der König von Madame Dubarry weggegangen, nach einem kurzen und verdrießlichen Empfang, wie ihn Ludwig XV. den Höflingen angekündigt hatte, war die Gräfin allein mit Chon und ihrem Bruder geblieben, der sich Anfangs nicht gezeigt hatte, damit man den Zustand seiner, in Wirklichkeit sehr leichten, Wunde nicht ergründen könnte.

In Folge des Familienraths, welcher nun stattgefunden, war die Gräfin statt nach Luciennes, wie sie es dem König gesagt, nach Paris abgereist. Die Gräfin besaß hier in der Rue de Valois ein kleines Hotel, das der ganzen Familie, welche unabläßig unter Weges war, wenn es die Geschäfte oder die Vergnügungen heischten, als Absteigquartier diente.

Die Gräfin nahm in einem Zimmer des Hotel Play, ließ sich ein Buch geben, und wartete.

Während dieser Zeit errichtete der Vicomte seine Batterien.

Die Favoritin hatte indessen nicht den Muth gehabt, durch Paris zu fahren, ohne den Kopf von Zeit zu Zeit an den Kutschenschlag zu halten. Es gehört zu den Instinkten hübscher Frauen, sich zu zeigen, weil sie fühlen, daß sie gut anzuschauen sind. Die Gräfin zeigte sich also, so daß das Gerücht von ihrer Ankunft in Paris sich verbreitete, weshalb sie von zwei bis sechs Uhr mehr als zwanzig Besuche empfing.

Das war eine Wohlthat der Vorsehung für die arme Gräfin, welche vor Langweile gestorben wäre, wenn sie hätte allein bleiben müssen; doch in Folge dieser Zerstreuung ging die Zeit durch Nachsinnen, durch Thronen und Coquettiren hin.

Man konnte halb acht auf der großen Uhr lesen, als der Vicomte, die Gräfin von Béarn zu seiner Schwester führend, an der Saint-Eustache-Kirche vorüberkam.

Das Gespräch in der Carrosse drückte das ganze Zögern der Gräfin, von einem solchen Glücke Gebrauch zu machen, aus.

Von Seiten des Vicomte war es das Heucheln einer gewissen Protectorswürde und das unbegränzte Bewundern des seltsamen Zufalls, der Frau von Béarn die Bekanntschaft von Madame Dubarry verschaffte.

Frau von Béarn konnte ihrerseits nicht genug die Höflichkeit und Zuvorkommenheit des Vicekanzlers rühmen.

Trotz dieser gegenseitigen Lügen gingen die Pferde nicht minder schnell, und man gelangte zu der Gräfin, zehn Minuten vor acht Uhr.

»Erlauben Sie, Madame,« sprach der Vicomte, indem er die alte Dame in einem Wartesaal ließ, »erlauben Sie, daß ich Madame Dubarry von der Ehre unterrichte, die ihrer harrt.«

»Oh! mein Herr,« sprach die Gräfin, »ich dulde in der That nicht, daß man sie stört.«

»Oh! der reizende kleine Neger,« rief die Gräfin; »gehört er Ihrer Frau Schwester?«’

»Ja, Madame, es ist einer von ihren Lieblingen,« sagte der Vicomte.

»Ich mache ihr mein Kompliment dazu.« Beinahe in demselben Augenblick öffneten sich die zwei Flügel des Wartesaals und der Bediente führte die Gräfin von Béarn in den großen Salon ein, wo Madame Dubarry ihre Audienzen gab.

Während die Gräfin den Luxus dieser köstlichen Gemächer betrachtete, begab sich Jean Dubarry zu seiner Schwester.

»Ist sie es?« fragte die Gräfin.

»In Fleisch und Knochen.«

»Sie vermuthet nichts?«

»Durchaus nichts.«

»Und der Vice?«

»Vortrefflich. Alles conspirirt für uns, liebe Freundin.«

»Bleiben wir nicht länger beisammen, damit sie nichts vermuthet.«

»Sie haben Recht, denn sie sieht aus, wie eine feine Fliege. Wo ist Chon?«

»Sie wissen es wohl, in Versailles.«

»Sie soll sich nicht zeigen.«

»Ich habe es ihr eingeschärft.«

»So treten Sie ein, Prinzessin.«

Madame Dubarry öffnete die Thüre ihres Boudoir und trat ein.

Alle Zeremonien der Etiquette, welche man in einem solchen Falle in der Zeit entwickelte, in der die Ereignisse sich zutragen, die wir erzählen, wurden gewissenhaft von den zwei Schauspielerinnen vollzogen, welche ganz von dem Verlangen, sich einander zu gefallen, erfüllt waren.

Madame Dubarry nahm zuerst das Wort und sprach:

»Ich habe bereits meinem Bruder gedankt, daß er mir die Ehre Ihres Besuches verschaffte, ich danke nun Ihnen, daß Sie die Güte hatten und mir denselben zudachten.«

»Und ich, Madame,« antwortete Frau von Béarn entzückt, »ich finde keine Worte, um Ihnen meine ganze Dankbarkeit für den liebreichen Empfang auszudrücken, den Sie mir bereiten.«

»Madame,« erwiederte die Gräfin mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung, »es ist meine Pflicht gegen eine Dame von Ihrem Rang, mich zu ihrer Verfügung zu stellen, wenn ich ihr zu irgend etwas dienlich sein dürfte.«

Und nachdem die drei Verbeugungen von beiden Seiten gemacht waren, bezeichnete die Gräfin Dubarry Frau von Béarn ein Fauteuil und nahm eines für sich selbst.




XXXI.

Das Patent von Zamore


»Madame,« sagte die Favoritin zur Gräfin, »sprechen Sie, ich höre.«

»Erlauben Sie, meine Schwester,« versetzte Jean, der stehen geblieben war, »erlauben Sie mir den Anschein zu beseitigen, als wollte Madame um etwas bitten; Madame dachte nicht entfernt daran. Der Herr Kanzler übergab ihr nur einen Auftrag für Sie.«

Frau von Béarn warf einen Blick voll Dankbarkeit auf Jean, und reichte der Gräfin das von dem Vicekanzler unterzeichnete Patent, welches Patent Luciennes zu einem königlichen Schloß erhob, und an Zamore den Titel seines Gouverneur übertrug.

»Also bin ich Ihnen zu Dank verpflichtet, Madame,« sprach die Gräfin, nachdem sie das Patent flüchtig angeschaut hatte, »und wenn ich so glücklich wäre, eine Gelegenheit zu finden, Ihnen auch eine Gefälligkeit zu erweisen  . . .«

»Oh! das wird leicht sein, Madame,« rief die Gräfin mit einer Lebhaftigkeit, welche die zwei Verbündeten bezauberte.

»Wie so, Madame? Sprechen Sie, ich bitte.«

»Da Sie die Güte hatten, mir zu bemerken, Madame, mein Name sei Ihnen nicht ganz unbekannt  . . .«

»Wie, ein Béarn!«

»Nun! Sie haben vielleicht von einem Prozeß sprechen hören, der die Güter meines Hauses betrifft.«

»Streitig gemacht durch die Herren von Saluces, wie ich glaube?«

»Ach! ja, Madame.«

»Ja, ja, ich kenne diese Angelegenheit,« sagte die Gräfin, »Seine Majestät sprach eines Abends bei mir darüber mit meinem Vetter, Herrn von Maupeou.«

»Seine Majestät!« rief Frau von Béarn, »Seine Majestät hat von meinem Prozeß gesprochen?«

»Ja, Madame.«

,.Und in welchen Ausdrücken?«

»Ach! arme Gräfin,« rief ebenfalls Madame Dubarry den Kopf schüttelnd.

»Ah! nicht wahr ein verlorener Prozeß?« versetzte die alte Dame voll Angst.

»Ich befürchte es, wenn ich die Wahrheit sprechen soll, Madame.«

»Seine Majestät hat es gesagt?«

»Seine Majestät, ohne sich auszusprechen, denn sie ist voll Klugheit und Zartgefühl, schien diese Güter bereits als von der Familie Saluces erworben zu betrachten.«

»Oh! mein Gott, mein Gott, Madame, wenn Seine Majestät auf dem Laufenden in der Sache wäre, wenn sie wüßte, daß eine Abtretung in Folge einer zurückbezahlten Obligation stattgefunden hat! Ja Madame, zurückbezahlt; die zweimal hundert tausend Franken sind zurückgegeben worden. Ich besitze allerdings die Empfangsscheine nicht, aber ich habe die moralischen Beweise, und wenn ich vor dem Parlament selbst plaidiren konnte, so würde ich durch Deduction darthun  . . .«

»Durch Deduction?« unterbrach sie die Gräfin, welche durchaus nichts von dem verstand, was ihr Frau von Béarn sagte, ihrer Auseinandersetzung aber nichtsdestoweniger die ernsthafteste Aufmerksamkeit zu schenken schien.

»Ja, Madame, durch Deduction.«

»Der Beweis durch Deduction ist gestattet,« sagte Jean.

»Ah! Sie glauben das, Herr Vicomte,« rief die Alte.

»Ich glaube es,« antwortete der Vicomte mit dem höchsten Ernst.

»Nun wohl, durch Deduction würde ich beweisen, daß diese Obligation von zweimal hundert tausend Livres, welche mit den angehäuften Interessen heute ein Kapital von mehr als einer Million bildet, ich würde beweisen, daß diese Obligation vom Jahr 1406 durch Guy Gaston IV., Grafen von Béarn, auf seinem Sterbebett im Jahr 1417 zurückbezahlt gewesen sein muß, denn es finden sich in seinem Testament von seiner eigenen Hand die Worte: ‚Auf meinem Sterbebett, indem ich den Menschen nichts mehr schuldig bin, und bereit, vor Gott zu erscheinen  . . .’ «

»Nun?« sagte die Gräfin.

»Sie begreifen, wenn er den Menschen nichts mehr schuldig war, so hatte er sich seiner Verbindlichkeiten gegen die Saluces entledigt. Sonst hätte er gesagt: ‚indem ich zweimal hundert tausend Livres schuldig bin’ statt zu sagen: ,indem ich nichts mehr schuldig bin.’ «

»Unstreitig hätte er dies gesagt,« unterbrach Jean die Gräfin.

»Sie haben keinen andern Beweis?«

»Außer dem Worte von Gaston IV. keinen, Madame, doch er war es, den man den Tadellosen nannte.«

»Während Ihre Gegner die Obligation in Händen haben.«

»Ja, ich weiß es wohl, und das ist es gerade, was den Prozeß verwirrt macht,« sprach die Alte.

Sie hätte sagen sollen, was ihn klar macht: aber Frau von Béarn sah die Dinge aus ihrem Gesichtspunkte an.

»Sie haben also die Ueberzeugung, Madame, daß die Saluces wieder bezahlt worden sind,« sagte Jean.

»Ja, Herr Vicomte,« rief Frau von Béarn begeistert, »das ist meine Ueberzeugung.«

»Ei!« sprach die Gräfin, indem sie sich mit einer durchdrungenen Miene an ihren Bruder wandte, »wissen Sie, Jean, daß diese Deduction, wie es die Frau Gräfin von Béarn nennt, das Angesicht der Dinge furchtbar verändert?«

»Furchtbar, ja, Madame,« versetzte Jean.

»Furchtbar für meine Gegner,« fuhr die Gräfin fort; »die Worte des Testaments von Gaston IV. sind positiv: ‚indem ich den Menschen nichts schuldig bin«

»Das ist nicht nur klar, sondern logisch,« sprach Jean. »Er war den Menschen nichts mehr schuldig, folglich hatte er ihnen bezahlt, was er ihnen schuldig war.«

»Folglich hatte er bezahlt,« wiederholte Madame Dubarry.

»Oh! Madame, warum sind Sie nicht mein Richter,« rief die alte Gräfin.

»Früher,« sagte der Vicomte Jean, »früher hätte man bei einem ähnlichen Fall seine Zuflucht nicht zu den Tribunalen genommen, und das Urtheil Gottes würde die Angelegenheit entschieden haben. Ich, was mich betrifft, bin so sehr von der Güte der Sache überzeugt, daß ich mich, wenn ein solches Mittel noch gebräuchlich wäre, zum Ritter von Madame anbieten würde.«

»O mein Herr!«

»So ist es; übrigens würde ich nur thun, was mein Ahnherr Dubarry Moore that, der die. Ehre hatte, sich mit der königlichen Familie der Stuart zu verbinden, als er für die schöne und junge Edith von Scarborough in den Schranken focht. und seinen Gegner zu dem Geständnisse zwang, er habe schändlich gelogen. Aber leider,« fuhr der Vicomte mit einem Seufzer der Verachtung fort, »leider leben wir nicht mehr in dieser glorreichen Zeit, und die Edelleute müssen, wenn sie ihre Rechte verfechten, heut zu Tage ihre Sache dem Urtheile eines Hausens von Rechtsverdrehern unterwerfen, welche einen so klaren Satz wie den: ,indem ich den Menschen nichts mehr schuldig bin’ gar nicht verstehen.«

»Hören Sie, lieber Bruder, es sind dreihundert Jahre vorüber, seitdem dieser Satz geschrieben worden ist,« bemerkte Madame Dubarry, »und man muß das berücksichtigen, was man im Justizpalast, wie ich glaube, die Verjährung nennt.«

»Gleichviel, gleichviel,« sagte Jean, »ich behaupte, wenn Seine Majestät Madame ihre Angelegenheit würde auseinandersetzen hören, wie sie es vor uns gethan  . . .«

»Oh! ich würde sie überzeugen, nicht wahr, mein Herr? dessen bin ich sicher.«

»Ich auch.«

»Ja, aber wie soll ich mich hörbar machen?«

»Sie müssen mir die Ehre erweisen, eines Tags nach Luciennes zu kommen, und da Seine Majestät die Gnade hat, mich ziemlich oft dort zu. besuchen.«

»Ja, gewiß, meine Liebe, doch Alles dies hängt vom Zufall ab.«

»Vicomte,« sprach die Gräfin mit einem reizenden Lächeln, »Sie wissen, daß ich mich gern dem Zufall anvertraue, und ich habe mich nicht darüber zu beklagen.«

»Und dennoch kann es der Zufall fügen, daß Madame acht Tage, vierzehn Tage, drei Wochen nicht mit Seiner Majestät zusammentrifft.«

»Das ist wahr.«

»Mittlerweile wird in ihrem Prozeß Montag oder Dienstag das Urtheil gefällt.«

»Dienstag, mein Herr.«

»Und es ist bereits Freitag Abend.«

»Oh! dann darf man nicht mehr hierauf rechnen.«

»Was ist zu thun?« fragte der Vicomte, der in diese Träume versunken zu sein schien, »Teufel! Teufel!«

»Eine Audienz in Versailles?« sagte schüchtern Frau von Béarn.

»Oh! Sie werden sie nicht erhalten.«

»Mit Ihrer Protection, Madame?

»Meine Protection würde nichts helfen, Seine Majestät hat einen Abscheu vor allen officiellen Dingen, und in diesem Augenblick ist sie nur mit einer Angelegenheit beschäftigt.«

»Mit der der Parlamente?«

»Nein, mit der meiner Vorstellung.«

»Ah!« machte die alte Dame.

»Denn Sie wissen, Madame, daß trotz des Widerstandes von Herrn von Choiseul, trotz der Intriguen von Herrn von Praslin, und trotz der Zuvorkommenheiten der Frau von Grammont, der König meine Vorstellung beschlossen hat.«

»Nein, nein, ich wußte es nicht, Madame.«

»O mein Gott! ja, beschlossen,« sprach Jean.

»Und wann wird die Vorstellung stattfinden, Madame?«

»Sehr bald.«

»Sehen Sie  . . . nach des Königs Willen soll sie vor Ankunft der Frau Dauphine statthaben, damit er meine Schwester zu den Festen von Compiègne mitnehmen kann.«

»Ah! ich begreife, Madame ist also im Stande, vorgestellt zu werden?« fragte schüchtern die Gräfin.

»Mein Gott, ja. Die Frau Baronin d’Alogny, kennen Sie die Baronin d’Alogny?«

»Nein, mein Herr. Ach! ich kenne Niemand mehr, es sind zwanzig Jahre, daß ich den Hof verlaufen habe.«

»Nun, die Frau Baronin d’Alogny dient ihr als Pathin. Der König überhäuft sie mit Gnadenbezeigungen, diese gute Baronin. Ihr Gatte ist Kammerherr; ihr Sohn kommt zu den Garden mit dem Versprechen der ersten Lieutenantsstelle; ihre Baronie wird zur Grafschaft erhoben; die Anweisungen auf die Cassette des Königs werden gegen Actien der Stadt vertauscht, und am Abend der Vorstellung erhält sie zwanzig tausend Thaler baar Geld.«

»Ich begreife das,« sagte die Gräfin von Béarn mit einem anmuthigen Lächeln.

»Ah! wenn ich bedenke!« rief Jean.

»Was?« fragte Madame Dubarry.

»Welch ein Unglück!« fügte er von seinem Stuhle aufspringend bei, »welch ein Unglück, daß ich Madame nicht vierzehn Tage früher bei unserem Vetter, dem Vicekanzler, getroffen habe!«

»Nun?«

»Nun, damals standen wir noch in keiner Verbindung mit der Baronin d’Alogny.«

»Mein Lieber,« versetzte Madame Dubarry, »Sie sprechen wie ein Sphinx und ich verstehe Sie nicht.«

»Sie verstehen mich nicht?«

»Nein.«

»Ich wette, daß Madame mich versteht.«

»Verzeihen Sie, mein Herr, aber ich suche vergebens.«

»Vor acht Tagen hatten Sie noch keine Pathin?«

»Allerdings.«

»Nun,« Madame, ich gehe vielleicht zu weit.«

»Nein, mein Herr, sprechen Sie.«

»Madame hätte Ihnen als solche gedient, und was der König für die Baronin d’Alogny thut, würde er auch für Madame gethan haben.«

Frau von Béarn riß die Augen weit auf und seufzte ein: »Ach!«

»Ah! wenn Sie wüßten, mit welcher Huld Seine Majestät alle diese Gunstbezeigungen bewilligt hat?« fuhr Jean fort. »Es war nicht nöthig. ihn darum zu bitten, er ist entgegengekommen. Sobald man ihm mittheilte, die Baronin d’Alogny biete sich an, Pathin von Jeanne zu werden, sagte er ‚Das ist mir lieb, ich bin müde aller dieser Närrinnen, welche, wie es scheint, stolzer sind als ich. Gräfin, nicht wahr, Sie werden mir diese Frau vorstellen? Hat sie einen guten Prozeß, einen Rückstand, ein Bankerott?  . . .’

Die Augen der Gräfin erweiterten sich immer mehr.

‚Nur,’ fügte der König bei, ‚nur ist mir Eines ärgerlich.’ «

Ah! Eines war Seiner Majestät ärgerlich?

‚Ja, Eines. Eines ist mir ärgerlich, ich hätte zur Vorstellung von Madame Dubarry gern einen historischen Namen gehabt.’

Und während Seine Majestät diese Worte sprach, schaute sie das Portrait von Karl I. von Van Dyck an.«

»Ja, ich begreife,« sprach die alte Prozeßkrämerin, »Seine Majestät sagte dies wegen der Verwandtschaft der Dubarry Moore mit den Stuarts, wovon Sie vorhin sprachen.«

»Ganz richtig.«

»Es ist wahr,« versetzte Frau von Béarn mit einem Tone, der sich nicht beschreiben läßt, »es ist wahr, ich habe nie von den d’Alogny sprechen hören.«

»Und dennoch ist es eine gute Familie,« bemerkte die Gräfin, »sie hat ihre Proben geliefert, oder so ungefähr geliefert.«

»Ah! mein Gott,« rief plötzlich Jean, indem er sich mit dem Faustgelenke auf seinem Stuhle erhob.

»Nun, was haben Sie denn?« fragte Madame Dubarry, welche die größte Mühe hatte, bei den gewaltsamen Verdrehungen ihres Schwagers das Lachen zu halten.[20 - Dumas nennt Jean Dubarry bald den Bruder, bald den Schwager von Madame Dubarry. Nach der Geschichte wurde Marie Jeanne Gomart de Baubernier als Mademoiselle Lange von dem Grafen Jean Dubarry dem König vorgestellt und dann sogleich an den Bruder von Jean, den Grafen Guillaume Dubarry verbeirathet. Hienach war Jean Dubarry der Schwager von Madame Dubarry, der Favoritin von Ludwig XV., und die Bezeichnung Bruder und Schwester ist mehr als eine Folge des vertraulichen Verhältnisses von Jean und Jeanne und als eine Eigenthümlichkeit der Sprachweise von Dumas zu betrachten.]

»Der Herr hat sich vielleicht gestochen?« fragte die alte Prozeßkrämerin mit ängstlicher Theilnahme.

»Nein,« erwiederte Jean, indem er sich sachte zurückfallen ließ, »nein, es ist mir ein Gedanke gekommen.«

»Was für ein Gedanke?« fragte die Gräfin lachend, »er hat Sie beinahe umgeworfen.«

»Er muß sehr gut sein,« bemerkte Frau von Béarn.

»Vortrefflich!«

»Nennen Sie ihn uns also.«

»Er hat nur ein Unglück.«

»Welches?«

»Es ist unmöglich ihn auszuführen.«

»Nennen Sie ihn immerhin.«

»In der That, ich habe Furcht, irgend Jemand Kummer zu bereiten.«

»Gleichviel, sprechen Sie Vicomte, sprechen Sie.«

»Ich dachte, Madame, wenn Sie der Baronin d’Alogny die Bemerkung mittheilen würden, welche der König machte, während er das Portrait von Karl I. betrachtete.«

»Oh! das wäre nicht sehr höflich, Vicomte.«

»Das ist wahr.«

»So denken wir nicht mehr daran.«

»Die Alte stieß einen Seufzer aus.

»Es ist ärgerlich,« fuhr der Vicomte fort, als spräche er mit sich, »die Dinge würden von sich selbst gehen. Madame, welche einen großen Namen hat und eine Frau von Geist ist, böte sich an der Stelle der Baronin d’Alogny an, Sie gewänne ihren Prozeß, Herr von Béarn der Sohn bekäme eine Lieutenantsstelle bei den Garden, und da Madame während der verschiedenen Reisen, die sie ihr Prozeß nach Paris zu machen gezwungen, große Kosten gehabt hat, so gäbe man ihr eine Entschädigung. Ah! ein solches Gluck findet sich nicht zweimal im Leben.

»Ach! nein, ach! nein,« sagte unwillkührlich und von diesem unvorhergesehenen Schlage betäubt Frau von Béarn.

Es ist nicht zu leugnen, in der Lage der armen Dame würde Jedermann wie sie gesprochen und niedergeschmettert im Grunde des Lehnstuhls geblieben sein.

»Ah! Sie sehen, mein Bruder,« sprach die Gräfin, mit dem Tone tiefen Mitleids, »Sie sehen, daß Sie Madame betrübt haben. War es nicht genug, daß ich ihr offenbaren mußte, ich könne vor meiner Vorstellung nichts von dem König verlangen?«

»O! wenn ich meinen Proceß verschieben könnte.«

»Nur um acht Tage,« sagte Madame Dubarry.

»Ja um acht Tage,« sprach Frau von Béarn, »in acht Tagen wird Madame vorgestellt sein.«

»Ja, aber in acht Tagen wird sich der König in Compiègne, mitten unter den Festen befinden; die Dauphine wird angekommen sein.«

»Das ist richtig, das ist richtig,« versetzte Jean, »aber  . . .«

»Was?«

»Warten Sie doch; noch ein Gedanke.«

»Sprechen Sie, mein Herr, sprechen Sie,« rief die Alte.

»Es scheint mir, ja, nein, ja, ja, ja!«

Frau von Béarn wiederholte voll Angst die einsylbigen Wörter von Jean.

»Sie haben gesagt ja, Herr Vicomte,« bemerkte sie.

»Ich glaube, ich habe das Auskunftsmittel gefunden.«

»Nennen Sie es.«

»Hören Sie.«

»Wir hören.«

»Ihre Vorstellung ist noch ein Geheimniß, nicht wahr?«

»Allerdings, Madame allein  . . .«

»Oh! seien Sie unbesorgt« rief die alte Dame.

»Ihre Vorstellung ist also ein Geheimniß. Man weiß nicht, daß Sie eine Pathin gefunden haben.«

»So ist es, der König will, daß die Neuigkeit wie eine Bombe losbreche.«

»Diesmal haben wir es.«

»Sicherlich, Herr Vicomte?« fragte Frau von Béarn.

»Wir haben es,« wiederholte Jean.

Die Ohren öffneten sich, die Augen erweiterten sich, Jean näherte sein Fauteuil den zwei andern Fauteuils.

»Madame weiß folglich wie die Andern nicht, daß Sie vorgestellt werden sollen und eine Pathin gefunden haben.«

»Allerdings. Ich wüßte es nicht, wenn Sie es mir nicht gesagt hätten.«

»Man wird glauben, Sie haben uns nicht gesehen; Sie wissen also von Allem gar nichts. Sie verlangen Audienz vom König.«

»Aber die Frau Gräfin behauptet, der König werde sie mir verweigern.«

»Sie verlangen Audienz vom König, indem Sie ihm anbieten, die Pathin der Gräfin zu werden. Sie begreifen. Sie wissen nichts davon, daß sie bereits eine hat. Sie verlangen also Audienz vom König, indem Sie sich anbieten, die Pathin meiner Schwester zu werden. Von Seiten einer Frau von Ihrem Range rührt die Sache Seine Majestät; Seine Majestät empfängt Sie, dankt Ihnen, fragt, was er thun könne, um Ihnen angenehm zu sein. Sie sprechen von der Angelegenheit des Prozesses, Sie machen Ihre Deductionen geltend. Seine Majestät begreift, empfiehlt die Sache, und Ihr Prozeß, den Sie für verloren halten, ist gewonnen.«

Madame Dubarry heftete glühende Blicke auf die Gräfin, Diese fühlte ohne Zweifel die Falle.

»Oh! ich schwaches Geschöpf,« sagte sie rasch, »wie soll Seine Majestät . . .«

»Es ist genug. Ich glaube bei diesem Verhältniß guten Willen gezeigt zu haben,« sprach Jean.

»Wenn es sich nur um den guten Willen handelt  . . .« versetzte die Gräfin zögernd.

»Der Gedanke ist nicht schlecht,« sagte Madame Dubarry lächelnd. »Doch selbst um ihren Prozeß zu gewinnen, widerstrebt es vielleicht der Frau Gräfin, zu solchen Ränken ihre Zuflucht zu nehmen.«

»Solche Ränke!« rief Jean; »oh! ich frage, wer wird sie denn erfahren, diese Ränke?«

»Madame hat Recht,« sprach die Gräfin, in der Hoffnung, sich durch einen Querzug aus der Sache zu ziehen, »es wäre mir lieber, ihr einen wirklichen Dienst zu leisten, um mir ihre Freundschaft zu erwerben.«

»Das ist in der That im höchsten Maße liebenswürdig,« sagte Madame Dubarry mit einer leichten Färbung von Ironie, welche Frau von Béarn nicht entging.

»Nun! ich habe noch ein Mittel,« versetzte Jean.

»Ein Mittel?

»Ja.«

»Diesen Dienst wirklich zu machen?«

»Ah! Vicomte,« sprach Madame Dubarry, »Sie werden Dichter, nehmen Sie sich in Acht! Herr von Beaumarchais hat in seiner Einbildungskraft nicht mehr Quellen als Sie.«

Die alte Gräfin erwartete voll Angst die Auseinandersetzung dieses Mittels.

»Scherz bei Seite,« rief Jean. »Hören Sie, kleine Schwester, nicht wahr, Sie sind sehr vertraut mit der Baronin d’Alogny?«

»Ob ich es bin!  . . . Sie wissen es wohl.«

»Würde sie sich beleidigt fühlen, wenn die Vorstellung nicht durch sie stattfände?«

»Das ist wohl möglich!«

»Es versteht sich, Sie würden ihr nicht geradezu ins Gesicht sagen, was der König gesprochen hat, nämlich, daß sie für eine solche Aufgabe von einem zu kleinen Adel sei. Doch Sie sind eine Frau von Geist, Sie werden ihr etwas Anderes sagen.«

»Nun?« fragte Jeanne.

»Sie würde Madame diese Gelegenheit, Ihnen einen Dienst zu leisten und zugleich ihr Glück zu machen, abtreten.«

Die Alte bebte. Diesmal war der Angriff unmittelbar und kaum eine ausweichende Antwort möglich.

Sie fand jedoch eine und erwiederte:

»Ich möchte diese Dame nicht gern vor den Kopf stoßen, und man ist sich unter Leuten von Stand gewisse Rücksichten schuldig.«

Madame Dubarry machte eine Bewegung des Aergers, die ihr Bruder mit einem Zeichen beschwichtigte.

»Merken Sie wohl, Madame,« sagte er, »ich schlage Ihnen nichts vor. Sie haben einen Prozeß, das widerfährt Jedermann; Sie wünschen ihn zu gewinnen, das ist ganz natürlich. Er scheint verloren, das bringt Sie in Verzweiflung; ich falle gerade in die Mitte dieser Verzweiflung; ich fühle mich von einer Sympathie für Sie ergriffen; ich nehme Theil an dieser Angelegenheit, die mich nichts angeht; ich suche Mittel, ihr eine gute Wendung zu geben, während sie zu zwei Dritteln bereits eine schlechte genommen hat. Ich habe Unrecht, sprechen wir nicht mehr davon.«

Und Jean stand auf.

»Oh! mein Herr,« rief die Alte mit einer Beklemmung des Herzens, die sie die Dubarry, welche bis jetzt gleichgültig gewesen, als fortan gegen ihren Prozeß verbunden, erblicken ließ; »oh! mein Herr, ganz im Gegentheil, ich erkenne, ich bewundere Ihr Wohlwollen!«

»Sie begreifen,« sagte Jean mit einer vortrefflich gespielten Gleichgültigkeit »Sie begreifen, mir ist nichts daran gelegen, ob meine Schwester durch die Baronin d’Alogny, durch Frau von Polastron, oder durch Frau von Béarn vorgestellt wird.«

»Ganz gewiß, mein Herr.«

»Nur, ich gestehe es, wäre ich wüthend; wenn die Wohlthaten des Königs auf ein schlechtes Herz fielen, das, gewonnen durch ein schmutziges Interesse, vor unserer Macht, weil es die Unmöglichkeit, dieselbe zu erschüttern, begriffen, capitulirt hätte.«

»Oh! das wäre wahrscheinlich geschehen,« sprach Madame Dubarry.

»Während,« fuhr Jean fort, »während Madame, die man nicht ersucht hat, die wir kaum kennen, und die sich aus freien Stücken anbietet, mir in jeder Beziehung würdig scheint, aus den Vortheilen der Lage Nutzen zu ziehen.«

Die alte Dame hätte vielleicht- gegen diesen guten Willen, mit dem sie der Vicomte beehrte, Einsprache gethan, doch Madame Dubarry ließ ihr nicht Zeit dazu.

»Es ist nicht in Abrede zu ziehen,« sprach sie, »ein solches Benehmen würde den König entzücken, und der König hätte einer Person, welche auf diese Art verfahren wäre, nichts zu verweigern.«

»Wie! Sie sagen, er hätte ihr nichts zu verweigern?«

»Das heißt, er wurde ihren Wünschen entgegenkommen, das heißt, Sie würden ihn mit Ihren eigenen Ohren zu dem Vicekanzler sagen hören! ‚Es ist mein Wille, daß man sich gegen Frau von Béarn gefällig benehme, verstehen Sie, Herr von Maupeou?’ Doch es scheint die Frau Gräfin erblickt Schwierigkeiten hiegegen, – Es ist gut, nur,« fügte der Vicomte sich verbeugend bei, »nur hoffe ich, Madame wird mir für meinen guten Willen Dank wissen.«’

»Ich bin von Dankbarkeit durchdrungen, mein Herr,« rief die Alte.

»Oh! ich bitte, gar keine Ursache,« versetzte der galante Vicomte.

»Aber,« sagte die Gräfin.

»Madame.«

»Aber die Baronin d’Alogny wird ihr Recht nicht abtreten,« sprach Frau von Béarn.

»Dann kommen wir auf das zurück, was wir von Anfang an sagten, Madame wird sich nicht minder angeboten haben und Seine Majestät wird nicht minder dankbar sein.«

»Doch vorausgesetzt, die Baronin d’Alogny würde einwilligen,« entgegnete die Gräfin, welche das Aeußerste wagte, um klar im Grunde der Dinge zu sehen, »man kann diese Dame doch die Vorheile nicht verlieren lassen.«

»Die Güte des Königs ist unerschöpflich, Madame,« sprach die Favoritin.

»Oh!« rief Dubarry, »welch ein Stein auf den Kopf dieser Saluces, die ich nicht riechen kann!«

»Wenn ich meine Dienste Madame anböte,« versetzte die alte Prozeßkrämerin, welche zugleich fortgerissen durch ihr Interesse und durch die Komödie, die man mit ihr spielte, einem Entschlusse immer näher kam, »wenn ich mich anböte, würde ich den Gewinn meines Prozesses nicht in Betracht ziehen, denn dieser Prozeß, den heute die ganze Welt für verloren hält, wird am Ende morgen schwer zu gewinnen sein.«

»Ah! doch wenn der König wollte,« antwortete der Vicomte, der dieses neue Zögern schleunigst zu bekämpfen suchte.

»Madame hat Recht, Vicomte, und ich bin auch, ihrer Ansicht,« sprach die Favoritin.

»Wie sagen Sie?« versetzte der Vicomte, indem er die Augen weit aufriß.

»Ich sage, es wäre ehrenvoll für eine Dame von dem Namen von Madame, den Prozeß gehen zu lassen, wie er gehen soll. Nur kann Niemand dem Willen des Königs Fesseln anlegen oder ihn in seiner Freigebigkeit aufhalten. Und wenn der König, besonders in der Lage, in der er sich mit seinen Parlamenten befindet, den Gang der Gerichte nicht verändern wollte und Madame eine Entschädigung anböte?«

»Eine ehrenvolle,« fügte der Vicomte rasch bei. »Oh! ja, kleine Schwester, ich bin auch Ihrer Ansicht.«

»Ach!« entgegnete seufzend die alte Dame, »wie kann man für den Verlust eines Prozesses entschädigen, der zweimal hundert tausend Livres wegnimmt.«

»Vor Allem durch ein königliches Geschenk von zweimal hundert tausend Livres,« erwiederte Madame Dubarry.

Die zwei Verbündeten schauten ihr Opfer gierig an.

»Ich habe einen Sohn,« sagte Frau von Béarn.

»Desto besser, das ist ein Diener mehr für den Staat, es ist eine neue Ergebenheit für den König erworben.«

»Sie glauben, Madame, er würde etwas für meinen Sohn thun?«

»Ich stehe dafür,« antwortete Jean, »und das Wenigste, was er hoffen darf, ist eine Lieutenantsstelle bei den Gendarmen.

»Haben Sie noch andere Verwandte?« fragte die Favoritin.

»Einen Neffen.

»Nun! man würde etwas für den Neffen erfinden.«

»Und hiemit würden wir Sie beauftragen, Vicomte. Sie, der Sie uns so eben bewiesen haben, daß Sie voll Erfindung sind,« sprach lachend die Favoritin.

»Sagen Sie, wenn Seine Majestät Alles dies für Sie thäte, würden Sie den König billig und anständig finden?« fragte der Vicomte, der nach der Vorschrift von Horaz immer schärfer auf die Entwicklung drang.

»Ich würde ihn über allen Ausdruck großmüthig finden, und meine ganze Erkenntlichkeit Madame darbringen, in der Ueberzeugung, daß ich ihr so viel Großmuth zu verdanken hätte.«

»Sie wollen also die Güte haben, unser Gespräch im Ernste zu nehmen?« fragte die Favoritin.

»Ja, Madame, im höchsten Ernste,« antwortete die alte Dame, ganz bleich ob der Verbindlichkeit, die sie übernahm.

»Und Sie erlauben, daß ich mit Seiner Majestät von Ihnen spreche?«

»Erweisen Sie mir diese Ehre,« erwiederte Frau von Béarn mit einem Seufzer..

»Madame, es wird geschehen, und zwar nicht später als diesen Abend,« sagte die Favoritin, indem sie die Sitzung aufhob; »und nun, Madame, habe ich mir, wie ich hoffe, Ihre Freundschaft erworben?«

»Die Ihrige ist mir so kostbar, daß ich in der That unter der Herrschaft eines Traumes zu stehen glaube,« antwortete die alte Dame, während sie ihre Verbeugung begann.

»Wir wollen die Sache noch einmal durchgehen,« sprach Jean, der dem Innern der Gräfin die ganze Bestimmtheit geben wollte, welche der Geist braucht, um die materiellen Dinge zum Ziele zu führen. »Hören Sie, zuerst hunderttausend Livres als Entschädigung für Prozeßkosten, Reisen, Advokatengebühren u.s.w. u.s.w. u.s.w.«

»Ja, mein Herr«

»Eine Lieutenantsstelle für den jungen Grafen.«

»Oh! das wird für ihn die Eröffnung einer herrlichen Laufbahn sein.«

»Und etwas für meinen Neffen, nicht wahr?«

»Etwas?«

»Man wird dieses Etwas finden; ich habe es bereits gesagt; das ist meine Sache.«

»Und wann werde ich die Ehre haben, Sie wiederzusehen, Frau Gräfin?« fragte die alte Dame.

»Morgen früh, meine Carrosse erwartet Sie vor Ihrer Thüre, Madame, um Sie nach Luciennes zu führen, wo der König sein wird. Morgen um zehn Uhr habe ich mein Versprechen erfüllt. Seine Majestät ist benachrichtigt, und Sie haben nicht zu warten.

»Erlauben Sie, daß ich Sie begleite,« sagte Jean, indem er der Gräfin seinen Arm bot.

»Ich werde es nicht dulden, mein Herr,« entgegnete die alte Dame; »ich bitte, bleiben Sie.«

Jean beharrte auf seinem Anerbieten.

»Wenigstens bis oben an die Treppe.«

»Da Sie es durchaus wollen  . . .«

Und sie nahm den Arm des Vicomte.

»Zamore!« rief die Gräfin.

Zamore lief herbei.

»Man leuchte Madame bis auf die Freitreppe und lasse den Wagen meines Bruders vorfahren.«

Zamore schoß fort wie ein Pfeil.

»In der That, Sie überhäufen mich mit Güte,« sagte Frau von Béarn.

Und die zwei Frauen tauschten eine neue Verbeugung aus.

Oben an der Treppe verließ der Vicomte Jean den Arm von Frau von Béarn, und kehrte zu seiner Schwester zurück, während die alte Dame majestätisch die große Treppe hinabstieg.

Zamore marschirte voraus; ihm folgten zwei Bedienten mit Fackeln, dann kam Frau von Béarn, deren etwas kurze Schleppe ein dritter Lackei trug.

Der Bruder und die Schwester schauten durch ein Fenster, um dieser kostbaren, mit so viel Mühe gesuchten, und mit so großen Schwierigkeit gefundenen Pathin bis zu ihrem Wagen zu folgen.

In dem Augenblick, wo Frau von Béarn unten an die Freitreppe kam, fuhr ein Wagen in den Hof und eine junge Frau sprang leicht heraus.

»Ah! Frau Chon,« rief Zamore, indem er seine dicken Lippen übermäßig öffnete; »guten Abend, Frau Chon.«

Frau von Béarn blieb einen Fuß in der Luft stehen; sie hatte in der Ankommenden ihren Besuch, die falsche Tochter von Meister Flageot, erkannt.

Dubarry öffnete hastig sein Fenster und machte von hier aus seiner Schwester, welche ihn nicht sah, furchtbare Zeichen.

»Ist dieser kleine Dummkopf von einem Gilbert hier?« fragte Chon die Bedienten, ohne die Gräfin zu sehen.

»Nein, Madame,« antwortete einer von ihnen.

Nun erst schlug sie die Augen auf und erblickte die Signale von Jean.

Sie folgte der Richtung seiner gegen Frau von Béarn ausgestreckten Hand.

Chon erkannte diese, stieß einen Schrei aus, drückte ihre Kopfbedeckung nieder, und verschwand im Vorhause.

Die Alte stieg, ohne daß es schien, als hätte sie etwas bemerkt, in den Wagen und gab dem Kutscher ihre Adresse.




XXXII.

Der König langweilt sich


Der König, welcher gemäß seiner Ankündigung nach Marly abgegangen war, gab gegen drei Uhr Nachmittags Befehl, ihn nach Luciennes zu führen.








Er mußte voraussetzen, Madame Dubarry würde nach Empfang seines kleinen Billets schleunigst Versailles ebenfalls verlassen, um ihn in dem reizenden Hause zu erwarten, das sie sich hatte bauen lassen, und das der König bereits mehrere Male besucht, ohne jedoch eine Nacht daselbst zuzubringen, unter dem Vorwande, Luciennes sei kein königliches Schloß.

Er war in hohem Maße erstaunt, als er bei seiner Ankunft Zamore sehr wenig stolz und sehr wenig Gouverneur fand, sondern im Gegentheil sah, wie er dem Papagei, der ihn zu beißen suchte, die Federn ausrupfte.

Die zwei Günstlinge rivalisirten wie, Herr von Choiseul und Madame Dubarry.

Der König begab sich in den kleinen Salon und schickte sein Gefolge weg.

Er hatte nicht die Gewohnheit, die Diener zu befragen, obgleich er der neugierigste Edelmann seines Königreiches war; aber Zamore war etwas, das einen Rang zwischen dem kleinen Affen und dem kleinen Papagei einnahm.

Der König befragte also Zamore:

»Ist die Frau Gräfin im Garten?«

»Nein, Meister,« sagte Zamore.

Dieses Wort ersetzte den Titel Majestät, dessen Madame Dubarry in einer ihrer Launen den König in Luciennes beraubt hatte.

»Dann ist sie bei den Karpfen?«

Man hatte mit großen Kosten einen See auf dem Berge gegraben, man hatte ihn mit dem Wasser des Aquäducts gespeist und die schönsten Karpfen von Versailles dahin verpflanzt.

»Nein, Meister,« antwortete Zamore abermals.

»Wo ist sie denn?«

»In Paris, Meister.«

»Wie, in Paris!  . . . Die Gräfin ist nicht nach Luciennes gefahren?  . . .«

»Nein, Meister, aber sie hat Zamore geschickt.«

»Warum dies?«

»Um hier den König zu erwarten.«

»Ah! ah!« rief Ludwig XV., »man überträgt Dir die Sorge, mich zu empfangen? Es ist etwas Reizendes um die Gesellschaft von Zamore! ich danke, Gräfin, ich danke!«

Und der König erhob sich etwas ärgerlich.

»O nein,« sprach der Neger, »der König wird nicht die Gesellschaft von Zamore haben.«

»Und warum?«

»Weil Zamore geht.«

»Wohin gehst Du?«

»Nach Paris.«

»Ah! ich werde also allein bleiben? Immer besser. Aber was machst Du in Paris?«

»Ich kehre zur Meisterin Barry zurück und melde ihr, der König sey in Luciennes.«

»Ah! ah! die Gräfin hat Dich beauftragt, mir das zu sagen?«

»Ja, Meister.«

»Und sie hat nicht gesagt, was ich mittlerweile thun würde?«

»Sie hat gesagt, Du würdest schlafen.«

»Sie wird wohl nicht lange ausbleiben,« dachte der König; »ohne Zweifel bereitet sie mir eine neue Ueberraschung.«

Dann sprach er laut:

»Geh also geschwinde und bringe die Gräfin zurück. Doch wie machst Du den Weg?«

»Auf dem großen Schimmel, mit der rothen Schabracke.«

»Und wie viel Zeit braucht der große Schimmel, um Paris zu erreichen?«

»Ich weiß nicht,« sagte der Neger, »doch er geht geschwinde, geschwinde. Zamore liebt es, schnell zu reiten.«

»Das ist abermals ein Glück, daß es Zamore liebt, schnell zu reiten,« sprach der König und stellte sich an das Fenster, um Zamore abgehen zu sehen.

Ein großer Lackei hob ihn auf das Pferd, und in der glücklichen Unbekanntschaft mit der Gefahr, welche besonders der Kindheit angehört, ritt der Negerknabe, auf seinem riesigen Thiere hockend, im Galopp weg.

Der König, welcher allein geblieben war, fragte einen Bedienten, ob es etwas Neues in Luciennes gebe.

»Herr Boucher ist hier und malt das große Cabinet der Frau Gräfin,« antwortete der Diener.

»Ah! Boucher, der gute, arme Boucher, er ist hier?« sagte der König mit einer gewissen Befriedigung, »und wo dies?’

»Im Cabinet im Pavillon; befiehlt Seine Majestät, daß ich sie zu Herrn Boucher führe?«

»Nein, entgegnete der König, »nein, ich will lieber die Karpfen besuchen. Geben Sie mir ein Messer.«

»Ein Messer, Sire?«

»Ja, und ein großes Brod.«

Der Diener kehrte bald zurück und brachte auf einer Platte von japanesischem Porzellan ein großes, rundes Brod, in welchem ein langes, schneidendes Messer stak.

Der König machte dem Diener ein Zeichen, ihn zu begleiten, und wandte sich zufrieden nach dem Teiche.

Es war eine Familienüberlieferung, den Karpfen zu fressen zu geben. Der große König verfehlte keinen Tag dies zu thun.

Ludwig XV. setzte sich auf eine Moosbank, von der man eine reizende Aussicht genoß.

Sie umfaßte zuerst den kleinen See mit seinen von Rasen bedeckten Ufern; jenseits das Dorf zwischen zwei Hügel gestellt, von denen sich der eine senkrecht erhebt, wie der moosige Felsen des Virgil, so daß die strohbedeckten Häuser, die er trägt, Kinderspielzeuge in eine Schachtel voll Farnkraut gepackt zu sein scheinen; ferner die Giebel von Saint-Germain, seine riesigen Treppen und die zahllosen Büschel seiner Terrassen; noch ferner die blauen Bergabhänge von Saunois und Cormeilles; endlich einen Himmel von rosiger und grauer Färbung, der Alles dies einschloß, wie es eine herrliche Kuppel von Kupfer gethan hätte.

Das Wetter war stürmisch, das Blätterwerk hob sich schwarz von den zartgrünen Wiesen ab; unbeweglich und glatt, wie eine weite Oberfläche von Oel, öffnete sich zuweilen das Wasser plötzlich, wenn ans fernen grünen Tiefen ein Fisch einem silbernen Blitze ähnlich sich emporschwang, um eine Teichfliege zu haschen, welche ihre langen Füße über das Wasser schleppte.

Dann erweiterten sich große, zitternde Kreise auf der Oberfläche des Sees, und ließen überall hin kleinere schwarze Kreise, vermischt mit weißen Kreisen, spielen.

Man sah auch an den Ufern die ungeheuren Schnauzen der schweigsamen Fische sich erheben, welche, sicher nie Netz oder Angel zu finden, an dem herabhängenden Klee saugten, und mit ihren großen, starren Augen, welche nicht zu sehen scheinen, die kleinen, grauen Eidechsen und die grünen Frösche, die sich unter den Binsen umhertrieben, betrachteten.

Nachdem der König als ein Mann, welcher weiß, wie man seine Zeit verliert, die Landschaft in allen Winkeln beschaut, die Häuser des Dorfes und die Dörfer der Perspektiven gezählt hatte, nahm er das Brod von dem nebenstehenden Teller und schnitt große Stücke ab.

Die Karpfen hörten das Eisen ans der Kruste knarren und kamen, vertraut mit diesem Geräusch, das ihnen ihr Mittagsmahl ankündigte, so nahe als möglich herbei, um sich Seiner Majestät zu zeigen, damit sie ihnen die tägliche Speise zu reichen geruhe. Die Fische thaten dies ebensowohl für den ersten Bedienten, aber der König glaubte natürlich, es geschehe ihm zu Ehren.

Der König warf eines nach dem andern die Brodstücke in das Wasser; sie tauchten zuerst unter, kamen dann wieder an die Oberfläche, wurden einige Zeit streitig gemacht, zerbröckelten plötzlich, durch das Wasser aufgelöst, und verschwanden in einem Augenblick.

Sie boten in der That ein ziemlich belustigendes Schauspiel, alle diese Brodkrusten, wie sie, von unsichtbaren Schnauzen fortgestoßen, sich bis zu dem Augenblick, wo sie für immer untersanken, auf dem Wasser umhertrieben.

Seine Majestät, welche die Geduld gehabt hatte, hundert Stücke Brod abzuschneiden, genoß nach einer halben Stunde die Befriedigung, kein einziges mehr obenauf schwimmen zu sehen.

Der König langweilte sich nun auch und erinnerte sich, daß ihm Herr Boucher eine secundäre Zerstreuung bieten konnte: diese Zerstreuung war allerdings minder anziehend, als die der Karpfen, doch ans dem Lande nimmt man, was man findet.

Ludwig XV. wandte sich also, nach dem Pavillon. Boucher war schon benachrichtigt. Während er malte, oder sich stellte, als malte er, folgte er dem König mit den Augen: er sah ihn nach dem Pavillon gehen, richtete ganz freudig seinen Jabot zurecht, zog seine Manchetten vor, und stieg auf seine Leiter, denn man hatte ihm empfohlen, sich das Ansehen zu geben, als wüßte er nicht, daß der König in Luciennes sei. Er hörte den Boden unter den Tritten des Herrn krachen, und begann an einem baußbäcken Amor zu arbeiten, der einer jungen Schäferin, welch’ in ein Leibchen von blauem Atlaß gekleidet war und einen Strohhut auf dem Kopfe trug, eine Rose raubte. Die Hand zitterte ihm, das Herz schlug ihm.

Ludwig XV. blieb auf der Schwelle stehen.

»Ah! Herr Boucher,« sagte er, »wie riechen Sie nach Terpentin.«

Und er ging weiter.

Der arme Boucher hatte, so wenig der König auch Künstler war, ein anderes Compliment erwartet, und wäre beinahe von seiner Leiter gefallen.

Er stieg herab und entfernte sich mit Thränen in den Augen, ohne seine Palette abzukratzen und ohne seine Pinsel auszuwaschen, was er sonst jeden Abend zu thun pflegte.

Seine Majestät zog ihre Uhr. Es war sieben Uhr.

Ludwig XV. kehrte in das Schloß zurück, neckte den Affen, ließ den Papagei sprechen und nahm aus den Schränken, eine nach der andern, alle die chinesischen Spielereien, die sie enthielten. Es wurde Nacht.

Seine Majestät liebte die dunkeln Gemächer nicht; man zündete Kerzen an.

Aber sie liebte die Einsamkeit ebenso wenig.

»Meine Pferde in einer Viertelstunde,« sprach der König. »Meiner Treue,« fügte er bei, »ich gebe ihr noch eine Viertelstunde, keine Minute mehr.«

Hienach legte sich Ludwig XV. auf den Sopha dem Kamin gegenüber und machte es sich zur Aufgabe, zu warten, bis die fünfzehn Minuten, das heißt neunhundert Secunden, abgelaufen wären.

Bei der vierhundertsten Schwingung der Unruhe der Pendeluhr, die einen blauen Elephanten vorstellte, auf dem eine rosenfarbige Sultanin ritt, schlief der König.

Der Lackei, welcher nun kam, um zu melden, der Wagen sei bereit, hütete sich, wie man denken kann, wohl, den König zu wecken, als er sah, daß er schlief.

Die Folge dieser Aufmerksamkeit für den erhabenen Schlummer war, daß der König, als er allein aufwachte, sich gegenüber Madame Dubarry erblickte, welche, wie es schien, sehr wenig geschlafen hatte, und ihn mit großen Augen anschaute. Zamore wartete an der Thüre auf den ersten Befehl.

»Ah! Sie sind hier, Gräfin,« sagte der König, der zwar sitzen blieb, aber eine verticale Stellung nahm.

»Ja, Sire, ich bin hier, und zwar seit sehr langer Zeit,« antwortete die Gräfin.

»Oh! das heißt seit langer Zeit . . .«

»Bei Gott, wenigstens seit einer Stunde. Oh! wie Eure Majestät schläft!«

»Meiner Treue, hören Sie doch, Gräfin, Sie waren nicht hier, und ich langweilte mich ungemein  . . . dann schlafe ich so schlecht in der Nacht. Wissen Sie, daß ich wegfahren wollte?«

»Ja, ich habe die Pferde Euerer Majestät angespannt Der König schaute auf die Uhr und rief:

Oh! es ist schon halb eilf Uhr, ich habe beinahe drei Stunden geschlafen.«

»Wenigstens so viel, Sire; sagen Sie, man schlafe nicht gut in Luciennes.«

»Meiner Treue, sehr gut! Doch was Teufels sehe ich hier?« rief der König, als er Zamore erblickte.

»Sie sehen den Gouverneur von Luciennes, Sire.«

»Noch nicht, noch nicht,« versetzte der König lachend; »wie! dieser Bursche trägt die Uniform, ehe er ernannt ist? er rechnet also sehr auf mein Wort?«

»Sire, Ihr Wort ist heilig, und wir sind Alle befugt, darauf zu rechnen. Doch Zamore bat mehr als Ihr Wort, oder vielmehr weniger als Ihr Wort, Sire, er hat sein Patent.«

»Wie?«

»Der Herr Kanzler hat es mir geschickt: hier ist es. Der Eid. ist noch die einzige Förmlichkeit, welche seiner Bestallung fehlt. Lassen Sie ihn rasch schwören, und er mag uns bewachen.«

»Nähern Sie sich, Herr Gouverneur,« sprach der König.

Zamore näherte sich; er hatte einen Uniformsfrack mit gesticktem Kragen trug die Epauletten eines Kapitäns, eine kurze Hose seidene Strümpfe und einen bratspießförmigen Degen. Der Neger schritt steif und abgemessen, einen ungeheuren dreieckigen Hut unter dem Arm, einher.

»Wird er allein schwören können?« sagte der König.

»O ja; versuchen Sie es, Sire.«

»Treten Sie vor,« sprach der König, indem er neugierig die schwarze Puppe anschaute.

»Auf die Kniee,« sagte die Gräfin.

»Leisten Sie den Eid,« fügte Ludwig XV. bei.

Das Kind legte eine Hand auf sein Herz, die andere in die Hände des Königs und sprach:

»Ich schwöre Treue und Gehorsam meinem Gebieter und meiner Gebieterin; ich schwöre bis zum Tod das Schloß zu vertheidigen, dessen Bewachung man mir anvertraut, und das Zuckerwerk bis auf den letzten Topf zu essen, ehe ich mich im Falle eines Angriffs übergebe.«

Der König brach in ein Gelächter aus, sowohl über die Formel des Schwurs, als über den Ernst, mit welchem ihn Zamore sprach.

»Gegen diesen Schwur,« erwiederte der König, indem er sich in den geziemenden Ernst zu versetzen suchte, »übertrage ich Ihnen, Herr Gouverneur, das oberste Recht, die hohe und niedere Gerichtsbarkeit über alle diejenigen, welche die Luft, die Erde, das Feuer und das Wasser dieses Palastes bewohnen.«

»Ich danke,« sprach Zamore aufstehend.

»Und nun,« sagte der König, »spaziere mit Deinem schönen Kleid in den Küchen umher, und laß uns in Ruhe. Gehe.«

Zamore entfernte sich.

Als Zamore zu einer Thüre hinausging, trat Chon durch die andere ein.

»Ah! Sie hier, kleine Chon. Guten Morgen, Chon.«

Der König zog sie auf seinen Schooß und küßte sie.

»Höre, meine kleine Chon,« fuhr er fort, »Du wirst mir die Wahrheit sagen.«

»Ah! nehmen Sie sich in Acht, Sire,« erwiederte Chon, »Sie kommen schlecht an; die Wahrheit! ich glaube, es wäre das erste Mal in meinem Leben. Wenn Sie die Wahrheit wissen wollen, wenden Sie sich an Jeanne; sie ist nicht im Stand zu lügen.«

»Ist es so Gräfin?«

»Sire, Chon hat eine zu gute Meinung von mir. Das Beispiel hat mich verdorben, und seit diesem Abend besonders bin ich entschlossen, zu lügen wie eine ächte Gräfin, wenn es nicht gut ist, die Wahrheit zu sagen.«

»Ah!« rief der König, »es scheint, Chon hat mir etwas zu verbergen.«

»Meiner Treue! nein.«

»Irgend einen kleinen Herzog, einen kleinen Marquis, einen kleinen Vicomte, den man besucht haben wird.«

»Ich glaube nicht,« versetzte die Gräfin.

»Was sagt Chon dazu?«

»Wir glauben nicht, Sire.«

»Ich muß mir wohl darüber einen Bericht von der Polizei machen lassen.«

»Von der von Herrn von Sartines oder von der meinigen?«’

»Von der von Herrn von Sartines.«

»Wie viel bezahlen Sie ihm dafür?«

»Wenn er mir interessante Dinge sagt, feilsche ich nicht.«

»Dann geben Sie meiner Polizei den Vorzug, und nehmen Sie meinen Bericht. Ich werde Sie  . . . königlich bedienen.«

»Sie verkaufen sich selbst?«

»Warum nicht, wenn die Summe das Geheimniß werth ist.«

»Wohl es sei! Lassen Sie den Bericht hören. Doch vor Allem keine Lügen.

»Sire, Sie beleidigen mich.«

Ich will sagen keine Umwege.«

»Nun, Sire, halten Sie die Gelder bereit, hier ist der Bericht.«

»Ich thue es,« sprach der König, und ließ einige Goldstücke im Grunde seiner Tasche klingen.

»Erstens wurde die Gräfin, Madame Dubarry, gegen zwei Uhr Nachmittags in Paris gesehen.

»Weiter, weiter, ich weiß das.«

»In der Rue de Valois.«

»Ich leugne es nicht.«

»Gegen sechs Uhr kam Zamore zu ihr.«

»Das ist abermals möglich; doch was machte Madame Dubarry in der Rue de Valois?«

»Sie ging in ihr Hotel.«

»Ich begreife wohl; aber warum ging sie in ihr Hotel?«

»Um ihre Pathin zu erwarten.«

»Ihre Pathin!« versetzte der König mit einer Grimasse, die er nicht ganz zu verbergen vermochte, »sie will sich also taufen lassen?«

»Ja, Sire, auf dem großen Taufstein von Versailles.«

»Meiner Treue, sie hat Unrecht; das Heidenthum stand ihr so gut.«

»Ah! Sire, Sie kennen das Sprüchwort: man will das haben, was man nicht hat.«

»Somit wollen wir eine Pathin haben?«

»Und wir haben sie, Sire.«

Der König schauerte und zuckte die Achseln.

»Ich liebe diese Bewegung ungemein, Sire; sie beweist. mir, daß Eure Majestät in Verzweiflung wäre, wenn Sie die Grammont, die Guémenée und alle die Maulaffen des Hofes unterliegen sehen würde.«

»Wie beliebt?«

»Allerdings, Sie verbünden sich mit diesen Leuten.«

»Ich verbünde mich?  . . . Gräfin, erfahren Sie, daß ein König sich nur mit Königen verbündet.«

»Das ist wahr; doch alle Ihre Könige sind die Freunde des Herrn von Choiseul.«

»Kehren wir zu Ihrer Pathin zurück, Gräfin.«

»Mit Vergnügen, Sire.«

»Es ist Ihnen also gelungen, eine zu fabriziren?«

»Ich habe sie ganz und gar gefunden, und zwar von guter Art; eine Gräfin von Béarn von einer Familie von Fürsten, welche regiert haben. Diese wird hoffentlich die Verbündete der Verbündeten der Stuarts nicht entehren.«

»Die Gräfin von Béarn?« entgegnete der König erstaunt; »ich kenne nur eine, welche in der Gegend von Verdun wohnen muß.«

»Es ist dieselbe; sie hat die Reise ganz vorsätzlich gemacht.«

»Und sie wird Ihnen die Hand geben?«

»Beide Hände.«

»Wann dies?«

»Morgen Vormittag um eilf Uhr wird sie die Ehre haben, in geheimer Audienz von mir empfangen zu werden, und zu gleicher Zeit, wenn die Frage nicht indiscret ist, wird sie den König bitten, ihren Tag zu bestimmen, und Sie werden ihn sobald als möglich bestimmen, nicht wahr, Sire?«

Der König lachte, aber nicht sehr offenherzig.

»Allerdings, allerdings,« sagte er, und küßte der Gräfin die Hand.

Doch plötzlich rief er:

»Morgen um eilf Uhr!«

»Ja, zur Stunde des Frühstücks.«

»Unmöglich, liebe Freundin.«

»Wie, unmöglich!«

»Ich frühstücke nicht hier, ich kehre diesen Abend zurück.«

»Was ist das wieder?« sagte Madame Dubarry, welche die Kälte bis in ihr Herz’ dringen fühlte. »Sie fahren weg, Sire?«

»Es muß sein, liebe Gräfin, ich habe Sartines wegen einer wichtigen Arbeit beschieden.«

»Wie Sie wollen, Sire; doch ich hoffe, Sie werden wenigstens zu Nacht speisen?«

»Oh! ja, ich werde vielleicht zu Nacht speisen  . . . ja, ich habe ziemlich Hunger, ich werde zu Nacht speisen.«

»Laß auftragen, Chon,« sagte die Gräfin zu ihrer Schwester, indem sie ihr ein besonderes Zeichen machte, das ohne Zweifel auf eine zum Voraus getroffene Uebereinkunft Bezug hatte.

Chon entfernte sich.

Der König hatte das Zeichen in einem Spiegel gesehen, und obgleich er es nicht begreifen konnte, vermuthete er doch eine Falle.

»Doch nein, nein,« rief er; »es ist mir unmöglich, zu Nacht zu speisen  . . . ich muß auf der Stelle aufbrechen. Ich habe die Unterschriften; es ist heute Sonnabend.«

»Gut, es sei, ich will vorfahren lassen.«

»Ja, liebe Schöne.«

»Chon!«

Chon trat wieder ein.

»Die Pferde des Königs!« sagte die Gräfin.

»Gut,« versetzte Chon mit einem Lächeln. Und sie entfernte sich abermals. Einen Augenblick nachher hörte man ihre Stimme im Vorzimmer rufen:

»Die Pferde des Königs!«




XXXIII.

Der König belustigt sich


Entzückt über seinen Autoritätsstreich, der die Gräfin dafür bestrafte, daß sie ihn hatte warten lassen, und ihn zugleich von der Unannehmlichkeit der Vorstellung befreite, ging der König auf die Thüre des Salon zu.

Chon kehrte zurück.

»Nun! sehen Sie meine Bedienung?«

»Nein, Sire, es ist Niemand von Eurer Majestät in den Vorzimmern.«

Der König ging ebenfalls an die Thüre und rief:

»Meine Bedienung!«

Niemand antwortete: es war, als hätte das stumme Schloß nicht einmal ein Echo.

»Wer Teufels sollte glauben,« sprach der König in das Zimmer zurückkehrend, »wer sollte glauben, ich sei der Enkel von demjenigen, welcher einst sagte: ‚Ich habe warten müsset!’ «

Und er ging auf das Fenster zu und öffnete es.

Doch die Esplanade war ebenso leer als die Vorzimmer: man sah weder Pferde, noch Piqueurs, noch Wachen. Die Nacht allein bot sich den Augen und der Seele in ihrer ganzen Ruhe und in ihrer ganzen Majestät, erleuchtet von einem bewundernswürdigen Monde, der zitternd wie bewegte Wellen die Gipfel der Bäume des Waldes von Chateou zeigte und Millionen von leuchtenden Flittern der Seine entriß, dieser riesigen, trägen Schlange, deren Windungen man von Bougival bis Maisons, das heißt auf fünf bis sechs Stunden, verfolgen konnte.

Inmitten von Allem dem improvisirte eine Nachtigall einen von den wunderbaren Gesängen, wie man sie nur im Monat Mai hört, als könnten ihre freudigen Noten eine ihrer würdige Natur einzig und allein während dieser ersten Frühlingstage finden, welche man, wenn sie kaum gekommen sind, entfliehen fühlt.

Diese ganze Harmonie ging verloren für Ludwig XV., der sehr wenig Träumer, wenig Dichter, wenig Künstler, aber sehr materiell war.

»Hören Sie, Gräfin,« sagte er ärgerlich, »ich bitte, befehlen Sie. Was Teufels! dieser Scherz muß einmal ein Ende haben.«

»Sire,« erwiederte die Gräfin mit dem reizenden Schmollen, das ihr beinahe immer gelang, »ich habe hier nicht zu befehlen.«

»In jedem Fall ich auch nicht,« versetzt Ludwig XV., »denn sehen Sie, wie man mir gehorcht!«

»Ebenso wenig Sie, als ich, Sire.«

»Wer denn? Sie etwa, Chon?«

»Ich,« erwiederte die junge Frau, welche auf der andern Seite des Zimmers auf einem Fauteuil saß und das Gegenstück zu der Gräfin bildete, »ich habe Mühe genug, »zu gehorchen, und will nicht die des Befehlens übernehmen.«

»Aber wer ist denn Gebieter hier?«

»Bei Gott! Sire, der Herr Gouverneur.«

»Herr Zamore?«

»Ja.«

»Es ist richtig, man läute irgend Jemand.«

Die Gräfin streckte mit einer bewundernswürdigen Nachläßigkeit den Arm nach einer seidenen Schnur aus, welche in einer Eichel von Perlen endigte, und läutete.

Ein Lackei, den man aller Wahrscheinlichkeit nach zum Voraus unterrichtet hatte, fand sich im Vorzimmer und erschien.

»Der Gouverneur!« sagte der König.

»Der Gouverneur wacht über dem kostbaren Leben Eurer Majestät,« antwortete ehrfurchtsvoll der Diener.

»Wo ist er?«

»Auf der Runde.«

»Aus der Runde?« wiederholte der König.

»Mit vier Officieren,« erwiederte der Lackei.

»Gerade wie Herr Malbrouck!« rief die Gräfin.

Der König konnte sich eines Lächelns nicht erwehren.

»Ja, das ist drollig,« sagte er, »doch man kann dessen ungeachtet einspannen.«

»Sire, der Herr Gouverneur hat die Ställe schließen lassen, aus Furcht, sie konnten irgend einem Bösewicht als Versteck dienen.«

»Wo sind meine Piqueurs?«

»In den Gesindestuben, Sire.«

»Was machen sie?«

»Sie schlafen.«

»Wie! sie schlafen?«

»Auf Befehl.«

»Ans wessen Befehl?«’

»Auf Befehl des Gouverneur.«

»Doch die Thore?« versetzte der König.

»Was für Thore, Sire?«

»Die Thore des Schlosses.«

»Sie sind geschlossen.«

»Sehr gut. Aber man kann sich die Schlüssel verschaffen?«

»Sire, die Schlüssel sind an dem Gürtel des Gouverneur.«

»Das ist ein gutgehaltenes Schloß,« sprach der König. »Teufel, welche Ordnung!«

Der Lackei entfernte sich, als er sah, daß der König keine Fragen mehr an ihn richtete.

Auf einem Lehnstuhle ausgestreckt, zerbiß die Gräfin eine schöne Rose, bei der ihre Lippen von Korallen zu sein schienen.

»Sire,« sagte sie mit dem schmachtenden Lächeln, das nur ihr gehörte, »ich habe Mitleid mit Eurer Majestät, nehmen Sie meinen Arm, und wir wollen nachsuchen. Chon, leuchte.«

Chon ging voran und bildete die Vorhut, bereit, die Gefahren zu bezeichnen, wenn sich solche bieten sollten.

Bei der Wendung des ersten Corridor fing ein Wohlgeruch, der den Appetit des ersten Feinschmeckers erregt hätte, an, die Nase des Königs zu kitzeln.

»Ah! ab!« sagte er stillstehend, »was bedeutet dieser Geruch, Gräfin?«

»Sire, es ist der des Abendbrods. Ich glaubte, der König würde mir die Ehre erweisen, mit mir in Luciennes zu Nacht zu speisen, und ich richtete mich darnach ein.«

Ludwig XV. athmete wiederholt den gastronomischen Wohlgeruch ein, während er sich überlegte, daß sein Magen bereits seit einiger Zeit Zeichen seines Daseins von sich gab; daß er, wenn man auch großen Lärmen machte, eine halbe Stunde brauchen wurde, um seine Piqueurs zu wecken, eine Viertelstunde, um die Pferde anspannen zu lassen, und zehn Minuten, um nach Marly zu fahren, und daß er in Marly, wo er nicht erwartet wurde, nur ein en cas finden könnte; er athmete abermals den verführerischen Geruch ein, und blieb mit der Gräfin vor der Thüre des Speisesaals stehen.[21 - Das en cas des Königs war ein kalter Imbiß, der im Schlafzimmer bereit stand, falls Seine Majestät in der Nacht Hunger bekäme.]

Zwei Gedecke lagen auf einer glänzend erleuchteten und kostbar bestellten Tafel.

»Pest!« sprach Ludwig XV., »Sie haben einen guten Koch, Gräfin.«

»Sire, er legte heute seine Probe ab, und der arme Teufel that Wunder, um den Beifall Eurer Majestät zu verdienen. Er ist fähig, sich die Gurgel abzuschneiden, wie der arme Vatel.«

»Wirklich! Sie glauben?« versetzte Ludwig XV.

»Er hatte besonders eine Omelette von Fasaneneiern, Sire, auf welche er rechnete.«

»Eine Omelette von Fasaneneiern! gerade diese Omelettes von Fasaneneiern bete ich an.«

»Sehen Sie, welch ein Unglück.«

»Nun, Gräfin, wir wollen Ihren! Koch keinen Kummer bereiten,« sprach der König lachend, »und während wir zu Nacht speisen, kehrt vielleicht Herr Zamore von seiner Runde zurück.«

»Ah! Sire, das ist ein siegreicher Gedanke,« sprach die Gräfin, welche ihre Freude darüber, daß sie die erste Partie gewonnen, nicht verbergen konnte. »Kommen Sie, Sire, kommen Sie.«

»Doch wer wird uns bedienen?« fragte der König, der vergebens irgend einen Lackei suchte.

»Ah! Sire,« versetzte Madame Dubarry, »kommt Ihnen Ihr Kaffee schlechter vor, wenn ich ihn reiche?«

»Nein, Gräfin, ich sage sogar, wenn Sie ihn mir machen.«

»Nun, so kommen Sie, Sire.«

»Nur zwei Gedecke!« sagte der König, »Chon hat also bereits zu Nacht gespeist?«

»Sire, man hätte es ohne ausdrücklichen Befehl Eurer Majestät nicht gewagt  . . .«

»Vorwärts,« rief der König, und nahm selbst einen Teller und ein Gedeck von einer Etagère. »Komm, kleine Chon, hier, uns gegenüber.«

»Oh! Sire  . . .« flüsterte Chon.

»Oh! ja, spiele die unterthänigste, demuthsvollste Dienerin, Du Heuchlerin! Setzen Sie sich hierher, Gräfin, neben mich. Was für ein reizendes Profil haben Sie!«

»Sie bemerken das heute erst, Sire!«

»Was wollen Sie! ich bin gewohnt, Sie von vorne anzuschauen, Gräfin. Ihr Koch ist offenbar ein großer Meister; was für eine vortreffliche Kraftsuppe!«

»Ich habe also Recht gehabt, den andern wegzuschicken?«

»Vollkommen Recht.«

»So befolgen Sie mein Beispiel, Sire, Sie sehen, daß man nur dabei gewinnen kann.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Ich habe meinen Choiseul weggeschickt, schicken Sie den Ihrigen weg.«

»Keine Politik, Gräfin; geben Sie mir von diesem Madeira.«

Der König reichte ihr sein Glas; die Gräfin nahm eine Flasche mit engem Hals und bediente den König.

Der Druck machte die Finger weiß und röthete die Nägel des anmuthigen Mundschenks.

»Gießen Sie lange und sachte ein, Gräfin,« sagte der König.

»Um den Trank nicht zu trüben, Sire?«

»Nein, um mir Zeit zu gönnen, Ihre Hand zu sehen.«

»Ah! Sire,« erwiederte die Gräfin lachend, »Eure Majestät ist offenbar im Zuge, Entdeckungen zu machen.«

»Meiner Treue, ja,« versetzte der König, der allmählig seine schöne Laune wieder erlangte; »und ich glaube, ich bin ganz bereit, zu entdecken  . . .«

»Eine Welt?« fragte die Gräfin.

»Nein, nein, eine Welt, das ist zu ehrgeizig. ich habe schon genug an einem Königreich. Aber eine Insel, einen kleinen Winkel der Erde, einen bezauberten Berg, einen Palast, dessen Armida eine mir befreundete, schöne Dame sein wird, während alle Arten von Ungeheuern den Eingang bewachen, wenn es mir zu vergessen beliebt.«

»Sire,« sagte die Gräfin, indem sie dem König eine Caraffe gefrorenen Champagnerwein, eine in jener Zeit ganz neue Erfindung, reichte, »hier ist gerade aus dem Lethestrom geschöpftes Wasser.«

»Aus dem Lethestrom, Gräfin, sind Sie dessen gewiß?«

»Ja, Sire; der arme Jean hat es aus der Hölle mitgebracht, in die er zu drei Vierteln hinabgestiegen ist.«

»Gräfin,« sagte der König, indem er sein Glas in die Höhe hob, »auf seine glückliche Auferstehung; doch ich bitte, keine Politik.«

»Dann weiß ich nicht mehr, von was ich sprechen soll, Sire, und wenn Eure Majestät, die so gut erzählt, uns eine Geschichte erzählen wollte  . . .«

»Nein. aber ich will Ihnen Verse sagen.«

»Verse!« rief Madame Dubarry.

»Ja, Verse  . . . Was ist hierüber zu staunen?«

»Eure Majestät haßt sie.«

»Parbleu! von hunderttausend, welche fabrizirt werden, sind neunzigtausend gegen mich.«

»Und diejenigen, welche mir Eure Majestät sagen wird, gehören zu den zehntausend, die sie keine Gnade für die neunzigtausend andern finden lassen können?«

»Nein, Gräfin, diejenigen, welche ich Ihnen sagen will, sind an Sie gerichtet.«

»An mich?«

»An Sie.«

»Und von wem?«

»Von Herrn von Voltaire.«

»Und er beauftragte Eure Majestät?«

»Keines Wegs, er richtete dieselben unmittelbar an Eure Hoheit.«

»Wie so, ohne Brief?«

»Im Gegentheil, in einem reizenden Brief.«

»Ah! ich begreife: Eure Majestät hat diesen Morgen mit ihrem Director der Posten gearbeitet.«

»Ganz richtig.«

»Lesen Sie, Sire, lesen Sie die Verse von Herrn von Voltaire.«

Ludwig XV. entfaltete ein kleines Papier und las:

		Göttin der Freuden, zarte Mutter der Grazien,
		warum willst du mir den Festen von Paphos
		den schwarzen Verdacht, die schmähliche Ungnade verwischen?

		Warum sinnst du auf den Untergang eines Helden?
		Ulysses ist dem Vaterland theuer.
		Er ist die Stütze von Agamemnon.

		Seine thätige Staatskunst und sein umfassender Geist
		schließen die Tapferkeit der stolzen Ilion in Fesseln.
		Unterwirf die Götter deiner Herrschaft.

		Venus, herrsche durch deine Schönheit über alle Herzen,
		pflücke in einem lachenden Wahnsinn
		die Rosen der Wollust,
		aber lächle freundlich unsern Wünschen zu
		und gib dem erschütterten Neptun die Ruhe wieder.

		Ulysses, dieser den Trojanern schreckliche Sterbliche,
		den du in reinem Zorne verfolgst,
		ist für die Schönheit nur furchtbar,
		wenn er auf seinen Knieen seufzt.[22 - Déesse des plaisirs, tendre mère des Grâces,Pourquoi veux-tu mêler aux fêtes de PaphosLes noirs soupçons, les honteuses disgrâces ?Pourquoi médites-tu la perte d’un héros ?Ulysse est cher à la patrie,Il est l’appui d’Agamemnon ;Sa politique active et son vaste génie,Enchaînent la valeur de la fière Ilion.Soumets les dieux à ton empire,Vénus, sur tous les cœurs, règne par la beauté ;Cueille, dans un riant délire,Les roses de la volupté,Mais à nos yeux daigne sourire,Et rends le calme à Neptune agité.Ulysse, ce mortel aux Troyens formidable,Que-tu poursuis de ton courroux,Pour la beauté n’est redoutableQu’en soupirant à ses genoux.]

»Offenbar, Sire,« sprach die Gräfin, mehr gereizt, als dankbar für die poetische Sendung, »offenbar will sich Herr von Voltaire mit Ihnen aussöhnen.«

»Oh! was das betrifft, das ist verlorne Mühe,« erwiederte Ludwig XV.; »es ist ein Zänker, der Alles in den Sack stecken würde, wenn er nach Paris käme. Er mag zu seinem Freunde, meinem Vetter Friedrich II., gehen. Es ist schon genug, daß wir Herrn Rousseau haben. Aber nehmen Sie doch diese Verse, Gräfin, und überlegen Sie dieselben.«

Die Gräfin nahm das Papier, rollte es in Form eines Anzünders zusammen und legte es neben ihren Teller.

Der König schaute ihr zu.

»Sire,« sagte Chon, »ein wenig von diesem Tokayer.«

»Er kommt unmittelbar aus den Kellern Seiner Majestät des Kaisers von Oesterreich,« sprach die Gräfin, »fassen Sie Vertrauen, Sire.«

»Oh! aus den Kellern des Kaisers?« versetzte der König; »nur ich besitze davon.«

»Ich habe ihn auch von Ihrem Kellermeister erhalten.«

»Wie! Sie haben verführt?«

»Nein, ich habe befohlen.«

»Gut geantwortet, Gräfin. Der König ist ein Thor.«

»O ja, doch Herr Frankreich  . . .«

»Herr Frankreich ist wenigstens so gescheit, Sie von ganzem Herzen zu lieben.«

»Ah! Sire, warum sind Sie nicht wirklich Herr Frankreich kurzweg?«

»Gräfin, keine Politik.«

»Wird der König Kaffee trinken?« sagte Chon.

»Gewiß.«

»Und der König wird ihn wie gewöhnlich brennen?« fragte die Gräfin.

»Wenn die Dame des Schlosses sich nicht widersetzt.«

Die Gräfin stand auf.

»Was machen Sie?«

»Ich will Sie bedienen, Sire.«

»Immer zu,« sprach der König, indem er sich auf seinem Stuhle ausstreckte, wie ein Mensch, der vollkommen zu Nacht gespeist, und bei dem ein gutes Mahl die Launen in’s Gleichgewicht gesetzt hat; »immer zu, es ist das Beste, was ich thun kann, daß ich Sie gewähren lasse.«

Die Gräfin brachte auf einem silbernen Rechaud eine feine Kaffeekanne, welche heißen Mokka enthielt; dann stellte sie vor den König einen Teller, der eine Tasse von Vermeil und einen kleinen Caraffon von böhmischem Krystall trug; endlich legte sie neben den Teller einen papierenen Anzünder.

Mit der tiefen Aufmerksamkeit, die er gewöhnlich dieser Operation schenkte, berechnete der König seinen Zucker, maß er seinen Kaffee, goß sachte seinen Branntwein ein, daß der Alkohol obenauf schwamm, nahm die kleine Papierrolle, zündete sie an der Kerze an, und theilte mit derselben die Flamme dem heißen Tranke mit.

Dann warf er die Rolle in den Rechaud, wo sie sich vollends verzehrte. Fünf Minuten nachher schlürfte er seinen Kaffee mit der ganzen Wollust eines vollendeten Gastronomen.

Die Gräfin ließ ihn machen, aber bei dem letzten Tropfen rief sie:

»Ah! Sire, Sie haben Ihren Kaffee mit den Versen von Herrn von Voltaire angezündet, das wird den Choiseul Unglück bringen.«

»Ich täuschte mich,« sagte der König lachend.

Die Gräfin stand auf und sprach:

»Sire, will Eure Majestät sehen, ob der Gouverneur zurückgekehrt ist?«

»Ah! Zamore? Bah! warum dies?«

»Um nach Marly, zu fahren, Sire.«

»Es ist wahr,« sprach der König, und machte einen Versuch, sich dem Wohlbehagen zu entreißen, das er empfand. »Wir wollen sehen, Gräfin, wir wollen sehen.«

Madame Dubarry gab Chon ein Zeichen und diese verschwand.

Der König begann wieder seine Nachforschungen, doch es ist nicht zu leugnen, mit einem Geiste, der weit von dem verschieden war, welcher sein erstes Suchen geleitet hatte. Die Philosophen behaupten, die düstere Art oder die Rosenfarbe, mit der der Mensch die Dinge betrachte, hänge beinahe immer von dem Zustande seines Magens ab. Da nun die Könige menschliche Magen haben, welche allerdings in der Regel minder gut sind, als die ihrer Unterthanen, aber ihr Wohlbehagen oder ihr Uebelbefinden, gerade wie die anderen, dem übrigen Körper mittheilen, so schien Ludwig XV. von einer so reizenden Laune zu sein, als dies einem König nur immer möglich ist.

Nachdem er zehn Schritte in dem Corridor gemacht, kam ein neuer Wohlgeruch in Stößen dem König entgegen

Eine Thüre, welche auf ein reizendes Zimmer ging, das mit blauem, von natürlichen Blumen brochirtem Atlaß ausgeschlagen war, öffnete sich und enthüllte, erhellt durch ein geheinmißvolles Licht, den Alkoven, nach welchem seit zwei Stunden die Schritte der Zauberin gestrebt hatten.

»Nun, Sire,« sagte sie, »es scheint, Zamore ist nicht wieder erschienen; wir sind immer noch eingeschlossen, und wenn wir nicht durch das Fenster aus dem Schlosse fliehen  . . .«

»Mit den Betttüchern?« fragte der König.

»Sire,« erwiederte die Gräfin mit einem bewunderungswürdigen Lächeln, »wir wollen gebrauchen und nicht mißbrauchen.«

Der König öffnete lachend die Arme, und die Gräfin ließ die schöne Rose fallen, welche sich, auf dem Boden fortrollend, entblätterte.




XXXIV.

Voltaire und Rousseau


Das Schlafzimmer in Luciennes war, wie gesagt, ein Wunder hinsichtlich des Baus und der Einrichtung.

Gegen Osten liegend, war es so hermetisch durch die vergoldeten Läden und die atlaßenen Vorhänge geschlossen, daß der Tag nie eindrang, ohne zuvor wie ein Höfling den kleinen und den großen Zutritt erlangt zu haben.

Im Sommer bewegten unsichtbare Ventilatoren eine gereinigte Luft, der ähnlich, welche tausend Windfächer hätten hervorbringen können.

Es war zehn Uhr, als der König das blaue Zimmer verließ.

Diesmal warteten die Equipagen des Königs seit neun Uhr im großen Hofe.

Zamore gab mit gekreuzten Armen Befehle, oder that wenigstens, als ob er Befehle ertheilte.

Der König trat an das Fenster, und sah alle diese Vorkehrungen zu seiner Abreise.

»Was soll das heißen, Gräfin?« fragte er, »frühstücken wir nicht? Es ist, als ob Sie mich nüchtern wegschicken wollten?«

»Gott verhüte es, Sire,« antwortete die Gräfin, »aber ich glaubte, Eure Majestät habe in Marly Rendezvous mit Herrn von Sartines.«

»Bei Gott! man könnte Sartines sagen lassen, er soll mich hier aufsuchen; es ist sehr nahe,« sprach der König.

»Eure Majestät wird mir die Ehre erweisen, zu glauben, es sei nicht ihr zuerst dieser Gedanke gekommen,« versetzte die Gräfin lächelnd.

»Und dann ist der Morgen überdies zu schön, als daß man arbeiten sollte: wir wollen frühstücken.«

»Sire, Sie müssen mir wenigstens einige Unterschriften geben.«

»Für Frau von Béarn?«

»Allerdings, und auch mir den Tag bezeichnen.«

»Welchen Tag?«

»Und die Stunde.«

»Welche Stunde?«

»Den Tag und die Stunde meiner Vorstellung.«

»Meiner Treue,« sagte der König, »Sie haben Ihre Vorstellung wohl verdient, Gräfin; bestimmen Sie den Tag selbst.«

»Sire, es geschehe so bald als möglich.«

»Ist Alles. bereit?«

»Ja.«

»Haben Sie Ihre drei Verbeugungen machen gelernt?«

»Ich glaube wohl; denn seit einem Jahre übe ich mich darin.«

»Sie haben Ihr Staatskleid?«

»Vierundzwanzig Stunden genügen, um es zu machen.«

»Sie haben Ihre Pathin?«

»In einer Stunde wird sie hier sein.«

»Nun, Gräfin, hören Sie einen Vertrag.«

»Welchen?«

»Sie sprechen mir nicht mehr von der Angelegenheit des Vicomte Jean mit dem Baron von Taverney?

»Wir opfern also den armen Vicomte?«

»Meiner Treue, ja!«

»Wohl, Sire, wir werden nicht mehr davon sprechen  . . . Der Tag?«

»Uebermorgen.«

»Die Stunde?«

»Zehn Uhr Abends wie gewöhnlich.«

»Abgemacht.«

»Königswort?«

»So wahr ich ein Edelmann bin!«

»Hier. Frankreich.«

Und Madame Dubarry reichte dem König ihre kleine Hand, in welche Ludwig XV. die seinige fallen ließ.

An diesem Morgen empfand ganz Luciennes die Heiterkeit des Herrn.

Er hatte bei einem Punkte nachgegeben, bei welchem er seit langer Zeit nachzugeben beschlossen, aber er hatte bei einem andern gewonnen. Es war Alles Vortheil: er würde hunderttausend Franken Jean unter der Bedingung geben, daß er sie in den Bädern der Pyrenäen oder von Auvergne verlöre, und das müßte als eine Verbannung in den Augen der Choiseul gelten. Er hatte Louisd’or für die Armen, Kuchen für die Karpfen und Complimente für die Malereien von Boucher.




Конец ознакомительного фрагмента.


Текст предоставлен ООО «ЛитРес».

Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/pages/biblio_book/?art=48632692) на ЛитРес.

Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.



notes



1


Zerstöre die Lilien mit den Füßen. – Die drei Buchstaben L. P. D. waren wirklich die Devise der Illuminaten.




2


Ich sage dir, du sollst ruhig bleiben, Dämon.




3


Montesquieu.




4


Helvetius.




5


Jean Jacques Rousseau.




6


Bekanntlich ist die Seide eine schlechte Leiterin und stößt die Electricät zurück. Es ist beinahe unmöglich, eine Person, welche Seide an sich trägt, zu magnetisiren.




7


Schwester Anna, die Prophetin.




8


Boule, 1732 in sehr dürftigen Umständen in Paris gestorben, berühmt wegen seiner Fertigkeit, in Holz zu schneiden. Der Uebers.




9


Eine Dame von hinreichend vornehmem Stande, um vorstellen zu können.




10


In Frankreich hatte ein solcher Rittmeisterrang.




11


Frankreich, es ist dein Geschick, dem Weibe unterworfen zu sein  . . .




12


Freunde. kennt Ihr das lächerliche Schild, das ein Maler von St. Lucas für die Parfümeurs macht? Er bringt in eine Flasche in Form von Pillen Boynes, Mauveou, Terray unter ihren eigenen Farben, er fügt Herrn von Sartines bei und betitelt das Ganze: Vier-Räuber-Essig!




13


Mein Herr von der Polizei, habe ich nicht eine glatte Haut? Thun Sie mir den Gefallen und unterrichten Sie den König davon.




14


Avoir le tabouret heißt in der Hofsprache die Erlaubnis haben, sich in der Gegenwart des Monarchen oder seiner Gemahlin zu setzen.




15


Ein amerikanischer Affe.




16


La cour du roi Pétaud, dieser Ausdruck bezeichnet im Allgemeinen einen Ort, ein Haus, wo Niemand weiß, wer Koch oder Kellner ist. Der Uebers.




17


Loque Fetzen, Chiffe ein dünner, schlechter Zeug, Graille Krähe




18


In Paris, der großen Stadt, haben Knaben, Frauen, Mädchen insgesamt ein schwaches Herz, und sie stoßen Seufzer aus! Ah! ah! ah! ah! Der Geliebten von Blaise ist es gar unwohl, sie liegt krank im Bette. Ah! ah! ah!




19


Leider ist der Doppelsinn des Wortes »le vice« daß Laster und »vice« gleichbedeutend mit dem auch in unserer Sprache ein: heimisch gewordenen »vice« nicht wiederzugeben




20


Dumas nennt Jean Dubarry bald den Bruder, bald den Schwager von Madame Dubarry. Nach der Geschichte wurde Marie Jeanne Gomart de Baubernier als Mademoiselle Lange von dem Grafen Jean Dubarry dem König vorgestellt und dann sogleich an den Bruder von Jean, den Grafen Guillaume Dubarry verbeirathet. Hienach war Jean Dubarry der Schwager von Madame Dubarry, der Favoritin von Ludwig XV., und die Bezeichnung Bruder und Schwester ist mehr als eine Folge des vertraulichen Verhältnisses von Jean und Jeanne und als eine Eigenthümlichkeit der Sprachweise von Dumas zu betrachten.




21


Das en cas des Königs war ein kalter Imbiß, der im Schlafzimmer bereit stand, falls Seine Majestät in der Nacht Hunger bekäme.




22


Déesse des plaisirs, tendre mère des Grâces,

Pourquoi veux-tu mêler aux fêtes de Paphos

Les noirs soupçons, les honteuses disgrâces ?

Pourquoi médites-tu la perte d’un héros ?

Ulysse est cher à la patrie,

Il est l’appui d’Agamemnon ;

Sa politique active et son vaste génie,

Enchaînent la valeur de la fière Ilion.

Soumets les dieux à ton empire,

Vénus, sur tous les cœurs, règne par la beauté ;

Cueille, dans un riant délire,

Les roses de la volupté,

Mais à nos yeux daigne sourire,

Et rends le calme à Neptune agité.

Ulysse, ce mortel aux Troyens formidable,

Que-tu poursuis de ton courroux,

Pour la beauté n’est redoutable

Qu’en soupirant à ses genoux.


