Herz und Wissen
William Wilkie Collins




Wilkie Collins

Herz und Wissen





Capitel I


Das altersmüde neunzehnte Jahrhundert war in die letzten Zwanzig eingetreten.

Gegen zwei Uhr Nachmittags stand Ovid Vere, Mitglied des königlichen Collegiums der Wundärzte, in seinem Londoner Sprechzimmer am Fenster und sah hinaus in den sommerlichen Sonnenschein und auf die stille staubige Straße.

Trotz seiner Jugend hatte er bereits jene Mahnung empfangen, wie sie den Vielbeschäftigten unserer Zeit leider ein guter Bekannter ist – jene Mahnung von der überanstrengten Natur zur Ruhe nach übermäßiger Arbeit. Mit einer vielversprechenden Carriere vor sich, erst einunddreißig Jahr alt, hatte er einen Collegen bitten müssen, seine Praxis zu übernehmen, damit er selbst seinem abgearbeiteten Kopf einige Monate Ruhe verschaffen könnte, und nun beabsichtigte er, sich am folgenden Tage auf der Yacht eines Freundes nach dem mittelländischen Meer einzuschiffen.

Für einen thätigen, mit Herz und Seele an seinem Berufe hängenden Mann ist es aber schwierig, die glückliche Kunst des Müßigseins im Handumdrehen zu erlernen.

Das bloße Aus-dem-Fenster-Sehen und Grübeln über das, was er zunächst thun solle, bewies sich für Ovid’s Geduld als eine zu starke Zumuthung und er setzte sich an seinen Arbeitstisch. Hätte er eine sorgende Gefährtin gehabt, so würde ihn dieselbe daran erinnert haben, daß er und sein Arbeitstisch unter den obwaltenden Verhältnissen nichts mit einander gemein hätten; ihm fehlte aber die Aufsicht einer Gattin und so durchbrach er die sich selbst gesetzten Regeln. Seine ruhelose Hand schloß eine Schublade auf und nahm aus derselben das Manuskript einer medicinischen Arbeit, an der er noch vor seiner Abreise ein Kapitel zu vollenden gedachte.

Bald aber begann ihm sein Kopf zu schwindeln der vorher bei dem bloßen Auf-die-Straße-Sehen ziemlich frei gewesen war. Die letzten Sätze des unvollendeten Kapitels bezogen sich auf etwas, von dem er sich noch nicht selbst durch den Augenschein überzeugt hatte. Er war aber ein geduldiger Mann, der sich zu helfen wußte, und durch eine Erkundigung beim Curator des Collegiums sowie durch Untersuchung eines in den Sammlungen des Collegs befindlichen Präparats konnte er sich die nöthige Bestätigung verschaffen. Da hatte er also ein Motiv zum Ausgehen, schloß das Manuskript wieder ein und machte sich auf den Weg nach Lincoln’s Inn-Fields.




Capitel II


Wohl nicht einer unter zehntausend, wenn er zufällig einem Freunde auf der Straße begegnet, denkt daran, welche Reihenfolge geringfügiger Umstände sie beide zur nämlichen Zeit gerade nach der nämlichen Stelle geführt hat, und deshalb merkt auch nicht der Zehntausendste, daß er bei aller Realität unseres Lebens mitten in der Romantik steht.

Seit dem Augenblicke, da der junge Arzt die Thür hinter sich geschlossen hatte, befand er sich auf dem Wege zu einer künftigen Patientin, die ihm persönlich noch eine Fremde war. Er kam nicht nach dem Collegium und schiffte sich nie auf der Yacht seines Freundes ein und zwar infolge einer Reihe trivialer Umstände, wie sie jedem, der einen Ausgang unternimmt, täglich zustoßen können.

Er hatte eben die nächste Straße erreicht, als ein Wagen an ihn heranfuhr, aus dem das heitere, wohlwollende, von einem buschigen Backenbarte eingerahmte Gesicht eines befreundeten Collegen sah, der ihn in herzlichem Tone fragte, ob er alle Vorbereitungen für seine lange Ferientour vollendet habe. Nachdem Ovid die Frage bejaht hatte, fragte er seinerseits:

»Wie geht es unserm Patienten, Sir Richard?«

»Ganz außer Gefahr»

»Und was sagen die anderen Doctoren jetzt?«

Sir Richard lachte. »Sie sagen, ich hätte Glück gehabt«

»Also sind sie noch nicht überzeugt?«

»Nicht im mindesten. Wer hätte auch je Thoren überzeugt! Doch um auf etwas Anderes zu kommen: ist Ihre Mutter mit Ihren neuen Plänen ausgesöhnt?«

»Das ist schwer zu sagen; sie befindet sich in einem Zustande unbeschreiblicher Aufregung, da das Testament ihres Bruders in Italien gefunden ist und dessen Tochter jeden Augenblick in England ankommen kann.«

»Unverheirathet?« fragte Sir Richard lächelnd.

»Ich weiß nicht.«

»Reich?«

»Glauben Sie, meine Mutter würde so aufgeregt sein, wenn das nicht der Fall wäre?«

»Ah, ja, Ihrer Mutter geht es wie Kent in »König Lear« – sie ist zu alt zum Lernen. Ist sie noch immer so hinter Spitzen her? Ich komme eben von einer früheren Patientin von mir, für die ich ein freundschaftliches Interesse empfinde«, fuhr er fort, eine Karte aus dem Wagenfenster reichend. »Dieselbe zieht sich auf meinen Rath vom Geschäfte zurück und hat mich unter allen Sterblichen gebeten, ihr behilflich zu sein, einige wundervolle »Reste« loszuwerden. Empfehlen Sie mich Ihrer Frau Mutter – das wäre etwas für sie. Noch eins, Ovid; haben Sie es mit der Rückkehr zur Arbeit nicht gar zu eilig; Sie haben Zeit genug. Sehen Sie sich hier meinen weisen Köter an; von dem können Sie lernen müßig und glücklich zu sein.«

Damit verabschiedete er sich. »Wer ist der stattliche junge Mann?« fragte der mit im Wagen sitzende Bekannte des großen Arztes, den dieser, da ihr Weg eine Strecke derselbe war, zum Mitfahren eingeladen hatte.

»Der einzige Sohn eines vor vielen Jahren verstorbenen Verwandten von mir«, entgegnete Sir Richard. »Vergessen Sie diese Begegnung nicht.«

»Warum, wenn ich fragen darf?«

»Er steht noch nicht in der Blüthezeit des Lebens und ist bereits eine ansehnliche Strecke auf dem Wege, einer der vorzüglichsten Männer seiner Zeit zu werden. Von Haus aus vermögend, hat er gearbeitet wie wenige Aerzte, die sich durch ihren Beruf ihr Brod verdienen müssen. Das Geld kommt von seinem verstorbenen Vater; seine Mutter hat sich zum zweiten Male mit einem trägen, harmlosen und einfältigen alten Burschen, Namens Gallilee verheirathet, dessen einzig anziehendes die funfzigtausend Pfund sind, die er zusammen gehandelt hat. Aus dieser Ehe sind zwei kleine.Töchter. Mit einem solchen Stiefvater und einer Mutter, die, unter uns gesagt, ihren mehr als reichlichen Antheil an dem Tand und den Nichtigkeiten dieser Welt nimmt, hält kein Familieneinfluß meinen Freund Ovid ab, sich ganz seinem Berufe zu weihen. Sie werden einwenden, daß er heirathen könne. Nun, wenn er eine gute Frau bekommt, so wird das nur günstig für ihn sein; aber er ist, soweit ich ihn kenne, nicht der Mann danach – sogar ein groß Theil kälter gegen das weibliche Geschlecht als ich, der ich dem Alter nach sein Vater sein könnte. Doch, um wieder auf seine Aussichten zu kommen – Sie hörten, daß er mich nach einem Patienten fragte?«

»Ja.«

»Nun, sehen Sie, bei dem klopfte der Tod ganz energisch an, als ich Ovid zu einer Consultation mit mir und noch zwei Aerzten berief, die von mir abwichen. Es handelte sich um einen jener seltenen Fälle, in welchem meines Erachtens nach die alte Praxis des Aderlassens das einzig Richtige war. Auf meinen besonderen Wunsch erfuhr er nicht, daß dies gerade der streitige Punkt zwischen uns war. Er nahm sich Zeit zu untersuchen und nachzudenken und erkannte die Chance, den Patienten durch den Gebrauch der Lanzette möglichenfalls retten zu können, so klar wie ich mit meiner vierzigjährigen Erfahrung hinter mir! Ein junger Mann mit einer solchen Fähigkeit, die entfernte Ursache der Krankheit zu entdecken, und mit einer derartigen Ueberlegenheit über die Fesseln des Hergebrachten in der Behandlung hat keine nur gewöhnliche Carriere vor sich. Ich sehe gegenwärtig nichts, was ihm hindernd im Wege stände – nicht einmal ein Weib! Doch, fügte Sir Richard mit erläuterndem Blinzeln des einen Auges hinzu, »sollte ein Unterrock am Horizonte erscheinen, so werde ich mich hüten, den Wetterpropheten zu machen. Eine Prophezeihung aber riskiere ich: Wenn seine Mutter von der erwähnten Spitze kaufen sollte, so weiß ich, wer dabei den besten Handel machen wird.«

Die Bedingungen, unter welchen der alte Herr gewillt war, den Propheten zu spielen, traten nun allerdings nie ein, denn Ovid meinte, daß er als guter Sohn seiner Mutter vor dem Aufbruche zu seiner langen Reise ein Präsent machen müßte, und er ging deshalb sofort selbst hin und kaufte einige von den Spitzen für sie, bei welchem Geschäfte er jedenfalls nicht der Profitierende war.

Nach diesem Abstecher brachte ihn der kürzeste nach seinem Ziele führende Weg in eine Nebenstraße nahe dem Frucht- und Blumenmarkte von Covent-Garden; in derselben herrschte aber ein so unerträglich übler Geruch, daß er sich vor demselben eiligst in den Duft der Blumen und Früchte des Marktplatzes rettete, der ja auch nicht außerhalb des directen Weges nach Lincoln’s Inn-Fields lag. Und dort, um den Desinfectionsproceß vollständig zu machen. kaufte er sich ein Körbchen Erdbeeren.

Warum mußte nun gerade ein armes, zerlumptes kleines Mädchen, das einen großen Säugling trug, die köstlichen Früchte, die er aß, mit so sehnsüchtigen Augen betrachten, daß er als gutherziger Mann keine andere Alternative hatte, als ihr die Erdbeeren zu schenken? Warum mußten unmittelbar darauf zwei Spielgefährten der Kleinen erscheinen, um sie nach der benachbarten Straße zu holen, wo ein Hanswurstkasten aufgestellt wurde? Und warum empfand er plötzlich die Besorgniß, daß die beiden Jungen der armen Kleinen, mit dem ihr an Größe wenig nachstehenden dicken Baby auf den Armen die Erdbeeren wegnehmen könnten? Wenn die Nerven überangestrengt sind, wird man eben leicht durch Geringfügigkeiten beunruhigt, und ganz des Collegiums vergessend, folgte er müßig den Kleinen, um zu sehen, was kommen würde, und so eine neue Quelle des Vergnügens in sich entdeckend.

In der benachbarten Straße angekommen sah er, daß die Hanstwurst-Vorstellung wegen Mangels an zahlendem Publikum ein Ende gefunden hatte – was ja auch manch anderer weit anspruchsvollerer Vorstellung widerfahren kann. Er wartete in einiger Entfernung, um die Kinder zu beobachten, aber er hatte den Jungen mit seinen Zweifeln Unrecht gethan, denn dieselben baten die Kleine nur: »Laß uns mal schmecken«, und die Freigebige belohnte ihre Artigkeit dadurch, daß sie in einer ruhigen Ecke ihren Schatz, ehrlich mit ihnen theilte.

Wer hätte unter diesen Umständen – Geizhälse oder Millionäre natürlich ausgenommen – zu seinen Geschäften zurückkehren können, ohne durch ein Geschenk von einigen Pfennigen die Ausübung der socialen Tugenden zu ermuthigen? Ovid war nicht der Mann danach.

Als er die Börse, in welcher er immer etwas kleine Münze für kleine Almosen bei sich zu führen pflegte, wieder in die Brusttasche steckte, berührte er mit der Hand etwas, das sich wie ein Couvert anfühlte; er nahm es aus der Tasche, sah es mit einem Ausdruck von Verdruß und Ueberraschung an und wandte sich noch einmal von dem directen Wege nach Lincoln’s Inn-Fields ab.

Das Couvert enthielt nämlich sein letztes Recept, das er, um vorher die Pharmacopoea zu consultiren, zu Hause geschrieben und dann dem betreffenden Patienten hatte senden wollen, was er dann aber über dem absorbierenden Interesse der Vorbereitungen zu seiner Reise zu thun vergessen hatte. Um dies unglückliche Vorkommnis ohne weiteren Verzug wieder gut zu machen, blieb ihm nichts übrig, als nochmals die sich selbst gegebenen Vorschriften zu übertreten und noch einmal – nur der Sühne wegen – einen Krankenbesuch zu machen.

Der Patient wohnte in der Nähe des British-Museum, Ovid suchte ihn also auf, entschuldigte sich, gab ihm Verhaltungsmaßregeln und schlug dann wieder die Richtung nach dem College zu ein. Wie er so an dem von einer Mauer eingefaßten Garten des Museums vorüberging, wandte er den Blick dorthin – und hielt inne. Was ihn diesmal aufhielt, war nichts als ein Baum, dessen helle Blätter in dem schwachen Sommerwinde zitterten; aber auf seinem Gesichte ging eine auffallende Veränderung vor sich.

Wer ihn einen Augenblick vorher gesehen, wie er mit einem Lächeln um die Lippen an die Umstände gedacht, die ihn vom Verfolge seines Weges abgehalten, und sich humoristisch angehaucht gefragt hatte, was ihm nun zunächst noch widerfahren möchte, hätte ihn jedenfalls für einen glücklichen Mann halten müssen. Wer ihn aber jetzt gesehen, hätte gerade das Gegentheil angenommen. Den Kopf gesenkt, sich nur mechanisch bewegend, ging er über die Straße, hob dann die Augen zu dem Baume auf, blieb in der Nähe desselben stehen und sah ihn an.

Hunderte von Meilen von London entfernt, hatte dieser Mann, der später so kalt gegen die Frauen war, unter einem solchen Baume in seiner Jugendzeit einen kindlichen Liebestraum mit einer holden kleinen Cousine geträumt, die nun längst zu den Todten zählte. Er vergaß der Gegenwart mit ihren Interessen und Sorgen; aber allmählich fühlte sein wundes Herz einen beruhigenden Einfluß, der auf geheimnißvolle Weise von den zitternden Blättern auszugehen schien.

Langsam ging er die Straße hinauf, noch unbewußt der Außenwelt, in den alten Szenen lebend und die alten Gedanken denkend. Und wo hätte er in London einen ruhigeren und zum Träumen bei Tageslichte geeigneteren Ort finden können, als den mit stillen grünen Anlagen versehenen District nord- und ostwärts vom British-Museum? In einer der Anlagen blieb er stehen. Lebte seine Consine noch, so hätte er vielleicht seine eigenen Kinder auf einem solchen Platze spielen sehen können.

Lustig sangen die Vögel in den Bäumen; ein Bursche, der einem Koch Fische ablieferte, und zwei Mädchen, die an einem Fenster Blumen begossen, waren die einzigen lebenden Wesen in seiner Nähe, als er sich aufraffte und sich umsah.

Noch nicht im College? Die Frage erregte ihn nicht, es war nur, als ob ein Schatten an seinem Geiste vorüberzöge. In einem Zustande des Halbwachens wandte er sich ohne einen Wunsch oder Zweck um und sah gleichgültig zurück.

Zwei in Trauer gekleidete Frauen, die näher kommend sich als eine alte Frau und ein junges Mädchen herausstellten, kamen ziemlich eilig auf ihn zu. Als er, um sie vorbeizulassen zur Seite trat, sahen sie ihn mit der gleichgültigen Neugier Fremder an; die Augen des Mädchens begegneten den seinen; es war nur ein Augenblick, aber der Blick bannte ihn für’s Leben.

Sie ging schnell weiter, von der zufälligen Begegnung eben sowenig berührt als die Alte an ihrer Seite; aber wie von magnetischer Kraft angezogen, folgte ihnen Ovid, ohne zu denken, ja, ohne überhaupt eines Gedankens fähig zu sein. Nie vorher hatte er das gethan, was er jetzt that, er war buchstäblich außer sich selbst – er sah sie vor sich und außer ihnen nichts.

Als sie in eine Nebenstraße einbogen und in eine Concerthalle, die hier zu einem Nachmittagsconcerte geöffnet war, eintraten, folgte er ihnen auch hierhin und trat gleichfalls ein.




Capitel III


Ungefähr um die Zeit, als Ovid sein Haus verlassen hatte, saßen in dem allgemeinen Salon eines der prunkendsten Eisenbahnhotels Londons zwei in tiefe Trauer gekleidete Frauen, die sich, in eine Ecke zurückgezogen, in einer fremden Sprache unterhielten und durch die Einfachheit ihres Anzuges in Schnitt und Stoff allgemeine Aufmerksamkeit unter den übrigen Reisenden, mindestens unter den Damen, erregten. Die eine der beiden trug einen schwarzen Schleier über ihrem grauen Haar; ihre Hände waren braun, mit knolligen Gelenken; ihre Augen blickten für ihr Alter unnatürlich hell; unzählige Falten und Runzeln durchzogen ihr häutiges Gesicht nach allen Richtungen und ihre Adlernase war, wie eine der anwesenden Damen gegen ihren Begleiter bemerkte, der des Herzogs von Wellington so abscheulich ähnlich, daß sie jedes Frauengesicht entstellen müsse.

Der Begleiter der Dame sah die Sache milder an und flüsterte zurück: »Sie kann nichts für ihre Häßlichkeit. Sieh’ aber nur, wie sie das Mädchen neben ihr ansieht; es ist jedenfalls eine gute alte Person.«

Die Dame sah den Sprechenden an, wie eben nur eine eifersüchtige Frau ihren Mann ansehen kann, und bemerkte: »Hu, Du bist natürlich in das winzige Ding verliebt!«

Das Mädchen war allerdings nicht groß, und es war bei ihren siebzehn Jahren zweifelhaft, ob sie je größer werden würde. Aber es kann ja ein Mädchen das zu schlank und nicht ganz so groß ist wie die Venus von Medici, doch ihre persönlichen Reize haben, wenn dieselben in diesem Falle auch vielleicht nicht auffallend genug waren, um allgemeine Bewunderung zu erregen. Sie zeichnete sich nicht durch die zarte Farbe aus, noch durch die vollen gesunden Wangen, das heitere Lächeln die regelmäßigen Zähne oder den niedlich geformten Mund und vielversprechenden Busen, die den Durchschnittstypus der Schönheit der Engländerinnen ausmachen. Sie konnte sich überhaupt nur sehr weniger Farbe rühmen; ihr Haar zeigte ein so helles Braun, daß es nur eben dem Flachsigen entging, hatte aber das negative Verdienst, nicht bis auf die Augenbrauen herabgezogen und nicht in solch eine abscheuliche Negerperücke gedreht zu sein, wie sie heutzutage die Köpfe der Frauen entstellen. Die Züge, besonders Nase und Lippen, besaßen etwas so fein Vollendetes, es lag ein so sensitives Leben in dem Ausdrucke der Augen, die an und für sich zu dunkel waren, um mit dem hellen Haar ganz in Harmonie zu stehen, und ein so subtiler, doch einfacher Zauber in dem seltenen Lächeln, daß der Mangel an Gesichtsfarbe und Körperfülle wenigstens einigermaßen dadurch aufgewogen wurde. Man mochte sich um ihren Anspruch auf Schönheit streiten, aber niemand konnte leugnen, daß sie ein interessantes Wesen war. Anmuth und Feinheit; eine Schnelligkeit im Erfassen und eine Lebhaftigkeit in der Bewegung, die einen fremden Ursprung verriethen; eine kindliche Neigung zum Wundern neuen Gegenständen gegenüber, und unter glücklicheren Verhältnissen vielleicht eine kindliche Scherzhaftigkeit mit Personen, die sie liebte, das waren alles charakteristische Reize der bescheidenen kleinen Fremden in der Obhut der häßlichen Alten, für die sie offenbar der Gegenstand ergebenster Liebe war.

Auf dem Tische vor ihnen stand ein geöffnetes Reiseschreibzeug welches das Mädchen in einer eingetretenen Pause widerstrebend betrachtete. Sie hatten von Familienangelegenheiten gesprochen und zwar in italienischer Sprache, um ihre häuslichen Geheimnisse den Ohren der Fremden fern zu halten. Die Alte war die erste, welche die Unterhaltung wieder aufnahm.

»Du solltest wirklich den Brief schreiben, liebe Carmina«, sagte sie. »Tante Gallilee wartet darauf, von Deiner Ankunft zu hören.«

Carmina nahm die Feder, legte sie aber mit einem Seufzer wieder fort. »Liebe Teresa, wir sind erst gestern Abend angekommen«, wandte sie ein; »laß uns doch einen Tag für uns haben.«

Teresa zeigte über diesen Vorschlag unverstelltes Staunen und Unruhe.

»Jesus-Maria! einen Tag in London – und Deine Tante soll die ganze Zeit auf Dich warten! Was sagt Dein seliger Vater im Testamente? Es ist Deine zweite Mutter, mein Herz; ihr Haus ist jetzt Deine Heimath. Und Du willst einen ganzen Tag in einem Hotel bleiben, anstatt nach Haus zu gehen! Das geht nicht! Schreibe, meine Carmina – schreibe. Sieh’, hier auf der Karte steht die Adresse: »Fairfield-Gardens«. Da muß es schön sein, und Deine Tante ist jedenfalls eine liebe Dame – mach’, mach’!«

Aber Carmina widerstrebte noch. »Ich habe meine Tante sogar noch nicht einmal gesehen«, sagte sie. »Es ist schrecklich, bei einer Fremden leben zu sollen. Denke doch, ich war nur ein Kind, als Du nach dem Tode meiner Mutter zu uns kamst; es sind kaum sechs Monate her, daß ich meinen Vater verloren habe; ich habe niemanden als Dich – und wenn ich nach meiner künftigen Heimath gehe, wirst Du mich verlassen. Ich will ja nur einen Tag länger mit Dir zusammen sein, ehe wir scheiden.«

Die arme alte Duenna zog sich in den Schatten einer Gardine zurück und begann zu weinen. Carmina wußte aber, wie sie sie trösten konnte; sie nahm im Schutze des Tischtuches ihre Hand und flüsterte: »Wir wollen uns die Sehenswürdigkeiten ansehen, und zum Diner sollst Du dann ein Glas Porto-Porto haben.«

Leicht wie ein Kind getröstet, sah Teresa aus dem Schatten hervor. »Sehenswürdigkeiten, rief sie, ihre Thränen trocknend »Porto-Porto-Wein!« und dabei schmatzte sie mit den Lippen. »Ach, Kind, Du hast nicht vergessen, was ich Dir von meinem Aufenthalte in London in meinen jungen Jahren erzählt habe. Man sollte es kaum glauben, daß Dein Vater ein Engländer war und Du noch nie in London gewesen bist. Ich ging, um mich zu trösten, manchmal, wenn meine englische Gnädige mit mir zufrieden war, zu Museen und Concerten und die liebe Dame gab mir oft ein Glas von dem feinen starken Purpurwein. Die heilige Jungfrau gebe, daß Tante Gallilee ebenso gut sei! Solch einen Kopf voll Haare wie meine Gnädige wird sie schwerlich haben; es war eine Freude, es zu machen. Glaubst Du, ich würde nicht mit Dir hier in England bleiben, wenn ich könnte? Was aber sollte dann in Italien aus meinem Alten mit seinem verwünschten Asthma werden? O, es waren aber langweilige Jahre für mich hier in London – die schwarzen endlosen Straßen, diese schrecklichen Sonntage, diese Hunderttausende von immer eiligen, immer geschäftigen Leuten mit mürrischen Gesichtern! Ich freute mich, wieder zurückzukommen und mich in Italien zu verheirathen. Und da bin ich nun nach Gott weiß wie vielen Jahren wieder in London. Doch was! wir wollen uns heute amüsieren; und wenn wir morgen zu Madame Gallilee kommen, machen wir eine kleine Lüge und sagen, wir wären erst heute Abend angekommen.«

Der Gedanke an diese kleine Lüge kitzelte die humoristische Ader der Duenna so, daß sie sich im Stuhle zurücklehnte und lachte. Auf Carmina’s Gesichte zeigte sich schwach das seltene Lächeln; die schreckliche erste Begegnung mit der Tante drückte sie noch und sie nahm in Verzweiflung eine Zeitung zur Hand. »O beste Teresa!« sagte sie, »laß uns aus diesem entsetzlichen Zimmer fort und irgendwo hin, wo wir an Italien erinnert werden.«

Teresa erhob in Bestürzung die häßlichen Hände: »An Italien erinnert werden – in London?«

»Kann man hier keine italienische Musik hören?« fragte Carmina.

Die hellen Augen der Duenna antworteten in ihrer Sprache und sie nahm die nächste Zeitung.

Die Londoner Concertsaison war gerade auf ihrer Höhe und ganze Reihen, von Morgenconcerten waren angekündigt alles aber war deutsche, und größtentheils moderne deutsche Musik, und Carmina, die mit Mozart und Rossini und anderen Leuten der Ansicht war, daß Musik ohne Melodie überhaupt keine Musik sei, legte die Zeitung wieder fort.

Da es also mit dem Concertbesuch nichts war, so dachten sie daran, sich Gemälde anzusehen, und Teresa suchte unter den auf einem großen Tisch in der Mitte des Zimmers liegenden Büchern und kehrte mit einem Katalog der Ausstellung der königlichen Akademie, den jemand dort hatte liegen lassen, und einem Almanach zurück.

Auf der ersten Seite entdeckte Carmina eine Liste von königlichen Akademikern, ungefähr vierzig an der Zahl. Waren das alles berühmte Maler? Nur drei davon hatten sich außerhalb Englands allgemein bekannt gemacht. Sie schlug die letzte Seite auf und sah, daß die Kunstwerke sich auf mehr als fünfzehnhundert bezifferten. »Wenn wir da wieder fortkommen, werden uns Kopf und Füße weh thun«, bemerkte Teresa, und Carmina legte den Katalog fort.

Teresa blätterte in dem Almanach und stieß auf die Ueberschrift »Museen«. Mit einem billigenden Druck des Daumennagels dieselbe markierend, las sie dann das Verzeichnis; in gebrochenem Englisch vor.

»British Museum?« Teresa erinnerte sich des Gebäudes in einer Hinsicht lebhaft. »Da würden wir uns noch viel mehr Kopf- und Fußweh holen«, sagte sie kopfschüttelnd und las eine Reihe ihr unbekannter Namen. »Die Heiligen schützen uns vor all dem Kopf- und Fußweh, wenn die alle so groß sind!« Plötzlich erregte sie durch lautes in-die-Hände-Klatschen das Staunen aller Anwesenden. »Sir John Soane’s Museum, Lincoln’s Inn-Fields – ah, dessen erinnere ich mich. Ein kleines gemüthliches Museum in einem Privathause, worin alle möglichen hübschen Sachen zu sehen sind. Liebes Kind, Verlaß Dich auf die alte Teresa – komm’ zu Soane!«

Zehn Minuten darauf waren sie angekleidet und verließen das Hotel. Der helle Sonnenschein und die angenehme Luft luden sie zum Gehen ein. Sie gingen über den Strand und in eine nordwärts führende Straße; nach dem Weg zu fragen ließ Teresa’s Stolz nicht zu.

Ihr Gespräch, welches anfangs bei Italien und der Erinnerung an Carmina’s italienische Mutter verweilte, wandte sich bald dem schrecklichen Gegenstande der neuen Heimath zu. Teresa’s Hoffnung für die Zukunft richtete sich auf die Cousinen und sie entwarf ein Gemälde von zwei reizenden kleinen Mädchen, die es gar nicht erwarten könnten, ihrer jungen Verwandten aus Italien ihre unschuldigen Herzen zu schenken. »Sind es nur ihrer zwei?« fragte sie. »Richtig, Du sagtest mir, daß auch noch ein Knabe da wäre.«

»Mein Cousin Ovid ist ein großer Doctor«, verbesserte Carmina mit einer Miene von Wichtigkeit. Papa sagte, daß unsere Familie Ursache haben würde, stolz auf ihn zu sein.«

»Wohnt er zu Hause?« fragte die einfache Teresa.

»O, bewahre! Er hat selbst ein großes Haus, wo Hunderte von Kranken zu ihm kommen, um Heilung zu suchen, und Hunderte von goldenen Guineen zahlen.«

Hunderte von goldenen Guineen nur durch Heilung von Kranken zu verdienen, war für Teresa etwas an’s Wunderbare Grenzendes und sie sah feierlich zum Himmel auf. »Solch einen Cousin zu haben! Ist er jung, schön, verheirathet?«

Statt diese Fragen zu beantworten, sah sich Carmina um und fragte: »Folgt uns dies arme Thier?«

Das »arme Thier, das ihnen unzweifelhaft folgte, war einer von den halbverhungerten, vagabundierenden Londoner Hunden, die sich manchmal infolge der Sympathie ihres Geschlechts dem Fußgänger für eine Zeitlang anschließen.

»O, das räudige Vieh«, rief Teresa mit jener Hartherzigkeit gegen Thiere, die einer der ernstesten Mängel des italienischen Charakters ist, und erhob dabei ihren Sonnenschirm. Der Hund fuhr zurück, wartete einen Augenblick und folgte ihnen wieder, als sie in der direct auf Coventgarden mündenden, belebten Straße weitergingen.

Carmina’s weiches Herz fühlte Mitleid mit dem verlorenen, hungrigen Geschöpfe. »Ich muß dem armen Hunde etwas zu fressen kaufen«, sagte sie und blieb, als ihr dieser Gedanke kam, plötzlich stehen.

Der Hund, der ihr dicht gefolgt war und wahrscheinlich einen Fußtritt fürchtete, sprang scheu auf den Fahrdamm und unglücklicherweise direct unter die Räder eines schnell vorbeifahrenden Wagens.

»Der Köter hat ausgelitten«, bemerkte ein Mann, der an das überfahrene Thier herangetreten war.

Dieses gewöhnliche Ereigniß wirkte so heftig auf die sensitiven Nerven des jungen Mädchens, daß es voll Entsetzen hilf- und sprachlos dastand, und am ganzen Körper zitterte. Teresa führte sie in die nächste offene Thür – eine Musikalienhandlung – und bat um einen Stuhl und ein Glas Wasser. Der Eigenthümer des Ladens, der jenes Interesse für Carmina empfand, das sie selten zu erwecken verfehlte, ging sogar so weit, ihr ein Glas Wein anzubieten. Sie zog aber Wasser vor und erholte sich dann bald soweit, um wieder aufstehen zu können.

»Wollen wir vom Besuche des Museums abstehen?« fragte sie ihre Begleiterin. »Ich bin nach dem Vorgefallenen nicht in der Stimmung, Curiositäten zu besehen.«

Teresa suchte mit bereitwilliger Sympathie etwas Anderes ausfindig zu machen »Musik würde Dir mehr zusagen, nicht wahr?«

In dem Laden hingen die Zettel für die italienische Oper; als aber Carmina wieder eine deutsche Oper auf demselben angekündigt sah, wandte sie sich voll Verzweiflung an den Händler »Kann man denn in London keine andere als nur deutsche Musik hören?«

Der zuvorkommende Händler holte das Programm eines an diesem Nachmittage stattfindenden bescheidenen Concertes eines obskuren Clavierlehrers, der wohl nur auf Schüler, Gönner und Freunde rechnen konnte. Auf dem Zettel war unter anderen Musik aus Lucia, Norma und Ernani angekündigt und Carmina kaufte nach einer zustimmenden Daumbewegung Teresa’s zwei Billets.

Der Händler wollte sich beeilen, eine Droschke zu rufen, Carmina aber schrak davor zurück, einen Wagen zu besteigen. »Wir könnten wieder ein armes Geschöpf überfahren«, meinte sie, »und es könnte anstatt eines Hundes dann vielleicht ein Kind sein.« Teresa und der Händler bemühten sich ernstlich, ihr eine andere Ansicht beizubringen, aber wenn Carmina das Vernünftige ihrer Meinung auch zugab, so sagte sie doch: »Verderben Sie mir nicht das Vergnügen; ich kann es einmal nicht!«

Und so war die seltsame Parallele jetzt vollständig geworden. Beide, Carmina und Ovid, hatten dasselbe Ziel gehabt, Lincoln’s Inn-Fields, und beide waren sie davon abgekommen. Und dann wollte Carmina noch den Garten des British Museum sehen, und so begegnete sie dem jungen Arzt in den ruhigen Anlagen.




Capitel IV


Ovid achtete nicht auf die Plakate am Eingange zu der Concerthalle und sah deshalb nicht, daß das Concert von dem Musiklehrer seiner beiden Halbschwestern gegeben wurde und dasselbe war, zu welchem er auf das Drängen seiner Mutter vor einigen Tagen bereits ein Billet genommen hatte. Ohne etwas zu sehen, nur von der Furcht besessen, die beiden Fremden aus den Augen zu verlieren, wenn das Concert stark besucht sein sollte, löste er sich voll Ungeduld ein zweites Billet an der Kasse.

Der Saal war nur klein und kaum hallvoll aber mit so ungenügenden Ventilationsvorrichtungen versehen, daß trotzdem eine drückende Atmosphäre in demselben herrschte. Leicht entdeckte er die Gesuchte mit ihrer Begleiterin auf zwei Sitzen in der Mittelreihe Ihnen nahe, am Ende der ihnen gegenüber befindlichen Reihe, waren noch mehrere Stühle leer, und auf einen derselben setzte er sich. Sie zu sehen, ohne entdeckt zu werden, weiter wünschte er nichts.

Das Concert hatte bereits begonnen, und da sie ihre Aufmerksamkeit den Sängern und Spielern auf der Plattform zuwandte, konnte er sich ungestraft ihres Anblicks freuen; in einer Pause aber blickte sie in den Zuschauerraum – und entdeckte ihn.

Hatte er sie verletzt?

Dem Anscheine nach hatte er überhaupt keinen Eindruck auf sie gemacht, denn sie sah ruhig von ihm weg nach der anderen Seite des Saales. In diesem bloßen Abwenden des Kopfes aber glaubte Ovid einen Verweis lesen zu können, deshalb begab er sich in die Sitzreihe hinter ihr; so war sie ihm ja auch näher, und er war wieder zufrieden – mehr als zufrieden.

Das nächste Stück war ein Claviersolo und der Spieler wurde durch allgemeinen Applaus bewillkommt. Als Ovid infolge dessen zum ersten Mal nach der Plattform sah, erkannte er in dem sich Verbeugenden mit der für sein Alter frühzeitigen Glatze und dem servilen Lächeln den Musiklehrer seiner Mutter, und sofort schoß ihm der Gedanke durch den Kopf, daß seine Mutter unter den Zuhörern sein könne. Wenn er sie nun auch bei einer sorgfältigen Musterung der Anwesenden nicht entdeckte, so wußte er doch, daß sie kommen würde, denn es war einer ihrer Hauptgrundsätze, für ihr Geld auch etwas zu haben.

Seufzend blickte er nach dem Eingange; sein neues Glück hatte nicht lange gedauert. Hatte er sich doch neulich, als seine Mutter ihn veranlaßte, ein Billet zu diesem Concerte zu nehmen, offen gegen Concerte ausgesprochen. Was mochte dieselbe nun, wenn sie ihn unter den Zuhörern sah, mit ihrer schnellen Fassungsgabe nicht Alles vermuthen?

Mochte indeß kommen, was wollte, er blieb auf seinem Platze und weidete seine Augen an der schlanken Gestalt des jungen Mädchens mit der milden und doch so entschiedenen Haltung des Kopfes. Das Vergnügen aber hatte jetzt einen Beigeschmack; der Gedanke an seine Mutter war dazwischen gekommen.

Als er in der auf das Solo folgenden Pause wieder nach dem Eingange gesehen hatte und sich eben wieder abwenden wollte, hörte er Mrs. Gallilee’s, seiner Mutter, laute Stimme, wie sie ihrem einen Töchterchen eine mütterliche Ermahnung ertheilte: »Sei hier artiger als im Wagen, sonst schicke ich Dich fort.«

Wenn sie ihn an diesem Platze sah und dann ihre geschickten Schlußfolgerungen zog, würde sie ihre Meinung ganz gewiß auf irgend eine Weise zum Ausdruck bringen; und sie war eine von den Frauen, die eine andere durch einen fragenden Blick, den sie versteckt anzubringen wissen, auf das empfindlichste beleidigen können. Des Mädchens halber entfernte sich Ovid deshalb sofort von demselben und setzte sich auf einen Platz an der Rückwand des Saales.

In tadelloser Toilette, auf das Vollkommenste gepudert und gemalt, mit Grazie ihre Töchter führend, und in gehörigem Abstande von der Gouvernante derselben gefolgt, trat Mrs. Gallilee imponierend ein. Den Billeteur, der ihr höflich Plätze in der Nähe der Plattform anwies, setzte sie durch eine mit der holdesten Herablassung gehaltene kleine Vorlesung über Akustik in Erstaunen. »Alle Töne, Sir«, – und sie begleitete das Wort »Sir« mit einem Lächeln, – »hört man stets am besten in der Mitte des Auditoriums.« Sie übernahm also die Führung nach der Mitte des Saales, wo in der Reihe, in welcher Carmina und Teresa saßen, leere Sitze zum Platznehmen einluden; und die nicht gekannte Tante setzte sich dicht neben die nicht gekannte Nichte.

Beide sahen einander an. War es nun infolge der im Saale herrschenden Hitze, oder hatte sich Carmina vielleicht noch nicht vollständig von der vorhergegangenen Nervenerschütterung erholt? – ihr Kopf sank auf die Schulter der alten Teresa; sie war ohnmächtig geworden.




Capitel V


Darf ich um eine Tasse Thee bitten, Miß Minerva?«

»Mit Vergnügen, Mr. Le Frank.«

»War denn Mrs. Gallilee von dem Concerte befriedigt?«

»Ganz entzückt. Es war vollkommen.«

»Nein, Miß Minerva – vollkommen war es nicht. Sie vergessen den Zwischenfall mit der Dame, die ohnmächtig wurde, was ebenso aufregend für das Publikum als unangenehm für die Künstler war.«

»Vorsichtig, Mr. Le Frank! Diese neuen Häuser haben so dünne Wände und Decken, und man könnte Sie vielleicht oben hören. Die ohnmächtig Gewordene ist dort und mit ihr alle Elemente zu einem Roman. Ist Ihnen der Thee so recht?«

In dieser scherzhaft reizenden Weise spielte Miß Minerva, die Gouvernante Mrs. Gallilee’s, mit der Neugier des Musiklehrers, der ein höfliches Interesse an der bevorstehenden Enthüllung bekundete, die tiefliegenden Augen aufriß und die zart gezeichneten Brauen in die Höhe zog. Derselbe war nach dem Concerte im Gallilee’schen Hause vorgesprochen, um eine Tasse Thee (mit möglichst viel Lob versüßet) im Schulzimmer einzunehmen, und befand sich nun einem auffallenden persönlichen Contrast im Gesicht der Gouvernante gegenüber, die, an der andern Seite des Tisches sitzend, zuvorkommend die Wirthin machte.

Mr. Le Franks volle Wangen strotzten von Farbe, die Ueberreste gelben Haares, die noch die Seiten seines Hauptes zierten, erschienen so seidenartig gebrechlich wie gesponnenes Glas, und die edle Fülle des von zartem Parfüm duftenden wohlgepflegten Bartes, in dem auch das schärfste Auge nicht ein Härchen hätte entdecken können, das nicht an seinem Platze gewesen wäre, wogen die vorzeitige Glatze gewissermaßen auf. Miß Minerva’s bleiches Gesicht, so mager, herb und lang, nahm sich dem gegenüber aus, als ob es danach verlangte, stellenweise von einer discreten Hülle Verdeckt zu werden. Ihr grobes schwarzes Haar überragte wie ein Schutzdach die buschigen schwarzen Brauen und harten schwarzen Augen. »Die bekommt nie einen Mann«, so hieß es in den Domestikenräumen – »sie ist viel zu gelb und gelehrt, viel zu häßlich und arm.« Und doch, wenn das Geheimnißvolle wirklich interessant ist, so war sie ein interessantes Wesen. Die Leute, die mit ihr zu thun hatten, hatten die Empfindung von etwas Geheimnisvollem – etwas unheilverkündendem Geheimnißvollen in ihrer Natur, das jeder Entdeckung trotzte. Wäre die Wissenschaft im Stande, moralische Verderbtheit durch Analyse des Blutes zu entdecken oder die Willensfestigkeit zu seciren, so hätte Miß Minerva’s innere Natur vielleicht offenbart werden mögen; so aber enthüllte sich dem prüfenden Blicke nichts Auffälligeres als ein eigenthümlich reizbares Temperament, das möglichenfalls einer explosiven Kraft als Sicherheitsventil diente, die unter Umständen – wenn die Versuchung stark genug und die Gelegenheit günstig sein sollte – dennoch hervorbrechen mochte.

»Sachte, Mr. Le Frank! Der Thee ist heiß und Sie möchten sich den Mund verbrennen. Wie soll ich Ihnen berichten, was geschehen ist?« Mit unendlichem Takte ließ Miß Minerva gerade im richtigen Momente den scherzhaft herausfordernden Ton fallen. »Denken Sie sich eben«, begann sie wieder, »eine Szene von der Bühne im Privatleben vorgehen. Die in Ihrem Concerte ohnmächtig Gewordene entpuppt sich als keine Geringere denn Mrs. Gallilee’s Nichte!«

Der allgemeinen Thorheit, die nur einen günstigen Prospekt zu lesen braucht, um blindlings in Actien zu spekulieren, paart sich gleichförmig vertheilt die Beschränktheit, die nicht im Stande ist zu entdecken, daß zwischen Fiction und Wahrheit, sei es auf der Bühne oder draußen, irgend eine mögliche Beziehung existieren könne. Wie man ein Narr sein müßte, wenn man das, was in einer Zeitung steht, bezweifeln würde, so müßte man gleichfalls ein Narr sein, wenn man das, was in einer Novelle steht, glauben wollte. Mr. Le Frank folgte bei dieser Gelegenheit dem allgemeinen Beispiele etwas zu rückhaltlos, indem er wegen des eben Berichteten Zweifel aussprach, obgleich es sich dabei um etwas handelte, das nach dem Zeugnisse einer Dame ein Vorfall des wirklichen Lebens war. Weit entfernt indeß, dadurch verletzt zu sein, sympathisierte Miß Minerva herzlich mit ihm.

»Ja, es ist wirklich zu theatralisch, um es zu glauben«, gab sie zu; »aber die junge iu Ohnmacht Gefallene ist thatsächlich mit der interessanten, aus Italien erwarteten Fremden eine und dieselbe Person. Sie kennen Mrs. Gallilee und wissen, wie sie ist – immer sympathetisch, für alle Nothfälle bereit. Sie hatte das erste Riechfläschchen zur Hand; sie war es, die die Geistesgegenwart besaß, die Ohnmächtige in eine horizontale Lage bringen zu lassen. »Man muß dem Herzen Luft machen«. sagte sie, damit die ganze Theorie der Ohnmachtsanfälle in sechs Worte zusammenfassend. Im nächsten Augenblicke, fuhr die Gouvernante fort, einen theatralischen Coup machend, ohne es zu wissen, »im nächsten Augenblicke bedurfte Mrs. Gallilee selbst des Riechfläschchens.«

»Sie wollen doch nicht sagen, daß sie ohnmächtig geworden sei!« bemerkte Mr. Le Frank, der noch. immer nicht recht gläubig war.

Miß Minerva hob den Zeigefinger, mit dem sie, wenn ihre Schülerinnen einer Aufmunterung bedurften, ihren Lectionen Nachdruck zu geben pflegte. »Mrs. Gallilee’s Seelenstärke widerstand dem Anfall wie ich Ihnen sagen wollte, als Sie mich unterbrachen, und Sie werden sofort verstehen, was sie das gekostet haben muß. Unsere interessante junge Dame war von einer abscheulichen alten Ausländerin begleitet, die vollständig den Kopf verlor, wie wahnsinnig die Hände rang und alle Heiligen anrief, was freilich nicht die geringste Wirkung hatte – dieselbe brachte aber einen Namen dazwischen, der selbst in Italien bemerkenswerth ist; und das war das Ernste bei der Sache. Versetzen Sie sich in Mrs. Gallilee’s Stelle —«

»Wie vermöchte ich das!« unterbrach sie Mr. Le Frank bescheiden.

Miß Minerva sah ihn mit einem momentanen Durchleuchten von Argwohn in den schwarzen Augen an. Es bestand das stillschweigende, keinerseits je offen anerkannte Uebereinkommen unter diesen beiden Unterweisern der Jugend, jedes mal, wenn sich das Gespräch um Mrs. Gallilee drehte, dieselbe ergebene Bewunderung zu bekunden, einerlei was sie in ihrer Privatmeinung wirklich von ihr halten mochten. Mit der Heiterkeit der Unschuld hielt Mr. Le Frank den forschen Blick Miß Minerva’s aus, die dann fortfuhr:

»Der Taufname der jungen Dame – ich sagte Ihnen ja wohl, daß sie eine Italienerin sei – ist Carmina. Mrs. Gallilee schien ein Schlag zu treffen, als sie ihn hörte. Mit wundervollem Takte klärte sie die Alte auf und trat sofort in ihre Rechte als Mrs. Carmina’s Tante ein. »Ich bin Mrs. Gallilee«, war Alles, was sie sagte; und das Resultat« – Miß Minerva machte eine Pause und deutete nach der Decke – »das Resultat finden Sie dort oben. Als ich die Ehre hatte, unseren reizenden Gast zu sehen, lag sie auf dem Sopha und wurde von der abscheulichen Alten angefächelt. Nein, Mr. Le Frank, ich bin noch nicht zu Ende – ein Act dieses Dramas aus dem Privatleben bleibt noch zu berichten. Unter den Concertbesuchern befand sich ein Arzt, der sich beeilte, seine Dienste anzubieten, um die Ohnmächtige wieder in’s Leben zurückzurufen, er hat die interessante Patientin jetzt in Behandlung. Können Sie errathen, wer ist?«

Mr. Le Frank, der bei dem Hausarzt der Familie ein Billet zu seinem Concerte untergebracht hatte, schien ein vorsichtiges Rathen nach dieser Richtung die meiste Aussicht auf Erfolg zu Versprechen.

»Derselbe ist ein Verehrer der Musik«, begann er.

»Im Gegentheil, ein Feind derselben«, warf die Gouvernante ein.

»Ich meine den Hausarzt«, beharrte der Pianist.

»Und ich meine« – Miß Minerva pausierte wieder – »ich meine Mr. Ovid Vere.«

Es mag dahin gestellt sein, in welcher Form sich das Staunen des Musiklehrers bekundet haben würde, wenn nicht in demselben Augenblicke, als Miß Minerva ihn mit der Klimax ihres Berichtes überwältigte, ein kleiner rosiger älterer Herr mit rundem Gesichte, grauem Krauskopfe und süßem Lächeln in Begleitung zweier Mädchen in’s Zimmer gekommen wäre. Es waren unbedeutendere Personen – blos Mr. Gallilee und seine Töchter.

»Wie geht’s Ihnen, Mr. Le Frank Hoffentlich hat Ihnen das Concert ein anständiges Sümmchen eingebracht. Sie werden entschuldigen, daß ich meine beiden Billets fortgegeben habe. Ich schlafe bei Musik immer ein, warum, weiß ich wirklich nicht. Da haben Sie Ihre Schülerinnen wohlbehalten wieder, Miß Minerva. Als das holde junge Wesen gebracht wurde, kam es mir vor, als ob wir nur im Wege ständen; das arme Ding bedurfte der Ruhe und nicht unser, und meine Frau und Ovid waren ja mit ihrer Gewandtheit und Aufmerksamkeit gerade am Platze. So setzte ich denn den Hut auf – ich bin immer nützlich, Mr. Le Frank; erfreue mich des großen Vortheils nie etwas zu thun zu haben – und sagte, »Kinder, wir wollen ausgehen«. Da wir kein bestimmtes Ziel hatten – das ist wieder ein Vortheil bei mir – so schlenderten wir umher und befanden uns, ganz ohne es beabsichtigt zu haben, in einer Conditorei. I, bei wem war es doch nur gleich?«

So redete Mr. Gallilee in einer Stimme, die das seltsamste Gemisch von hohen und weichen Tönen war – ein weiches Falsetto hatte Mr. Le Frank sie einmal genannt – und als er jetzt innehielt, um sein Gedächtniß ein wenig anzustrengen benutzte seine älteste Tochter – sie war zwölf Jahr alt und suchte sich stets auszuzeichnen – die günstige Gelegenheit, den weiteren Bericht in die Hand zu nehmen. Miß Maria, so nach ihrer Mutter genannt, war eins der gelungenen Producte der Gegenwart – ein artiges Kind, das nie Schläge bekommen; sie hatte die großen runden Augen, wie wir sie auf Gemälden sehen, das holde Benehmen und die vollkommenen Grundsätze, von denen wir in Büchern lesen; nannte jeden »lieber« oder »liebe«; wußte ganz genau, wie viel Procent Sauerstoff die Luft, die sie athmete, enthalten mußte, und hatte sich – o, der Armen! – niemals die Schuhe naß gemacht oder das Gesicht beschmutzt.

»Wir waren in Timbal’s Conditorei, liebe Miß Minerva«, sagte sie, »und haben dort Eis gegessen.«

Da Mr. Gallilee so jedes weiteren Kopfzerbrechens wegen des Namens der Conditorei überhoben war, wandte er sich an seine jüngste Tochter – sie war zehn Jahre alt und eins der ungelungenen Producte der Gegenwart – ein seltsam langsames, schüchternes Kind; das Ebenbild des Vaters, jedoch ohne dessen Lächeln; unheilbar einfältig oder eigensinnig – die Freunde der Familie wußten nicht recht, welches von beiden. Ob sie vielleicht allzu sehr mit nutzlosen Kenntnissen vollgepfropft wäre, die Frage in’s Auge zu fassen, fiel Niemandem ein.

»

Aufgewacht, Zo«, sagte ihr Vater. »Was aßen wir noch außer Eis?«

Zoe – ihr Vater gebrauchte immer die vulgäre Abkürzung Zo – nahm Mr. Gallilee’s dicke rothe Hand Und hielt dieselbe krampfhaft fest, als ob ihr das zum Aufwachen durchaus nöthig wäre.

»Wir aßen noch —« Sie pausierte, nachdem sie soweit gekommen war, sah ihren Vater an und versuchte dann, ihren Zweck in anderer Weise zu erreichen. »Wie nanntest Du es doch gleich?« fragte sie und gab es dann wieder auf.

Da kam ihr Maria mit holdester Bereitwilligkeit zu Hilfe. »Liebe Zoe, Du bist so langsam. Käsekuchen.«

»Das ist recht – Eis und Käsekuchen«, sagte Mr. Gallilee, Zoe ermuthigend die Hand auf den Kopf legend, als ob sie die richtige Antwort gefunden hätte. »Erst Créme-Eis und dann Wasser-Eis. Die Kinder zogen Créme-Eis vor, Miß Minerva; und wissen Sie, mir geht es ebenso. Das Créme-Eis hat so etwas – was halten Sie von Créme-Eis, Mr. Le Frank?«

Zu den vielen Schwächen Mr. Gallilee’s gehörte auch die, daß er nicht den Mund öffnen konnte, ohne früher oder später Jemanden in sein Vertrauen zu ziehen. Bei den unbedeutendsten Gegenständen wandte er sich instinktiv an jeden, der in seinem Bereiche war, um Sympathie und Zustimmung, einerlei, ob es ein intimer Bekannter oder ein ihm gänzlich Fremder war. Als Mr. Le Frank eben sein verlangtes Urtheil in der Eisfrage abgeben wollte, wurde er ohne Ceremonie von Miß Minerva unterbrochen, die ebenfalls die günstige Gelegenheit zum Sprechen abgewartet hatte und dieselbe nun, wenn auch nicht gerade in liebenswürdiger Weise ergriff.

»Mr. Gallilee, ich darf wohl wagen, Sie mit allem möglichen Respect dringend zu bitten, in Beziehung auf die Kinder etwas vorsichtiger zu sein. Verzeihen Sie, Mr. Le Frank, daß ich Sie unterbreche – aber die Sache berührt mich etwas zu nahe. Ich werde für die Gesundheit der Kinder verantwortlich gemacht, man tadelt mich wieder und wieder wegen Unregelmäßigkeiten in ihrer Diät, an denen ich keine Schuld habe – und da haben sie sich jetzt wieder an dem Eis erkältet und mit Kuchen übersättigt! Was wird Mrs. Gallilee dazu sagen?«

»Erzählen Sie ihr nichts davon«, warf Mr. Gallilee ein.

»Die Mädchen werden den ganzen Abend durstig sein und beim Abendessen keinen Appetit haben«, fuhr Miß Minerva fort. »Und mich wird Mrs. Gallilee fragen, was das zu bedeuten habe. Ich dächte, ich verdiente wohl etwas mehr Rücksicht in in einer abhängigen Stellung. Ich habe keine Hilfsquellen, stehe mit meinen Angehörigen nicht auf gutem Fuße; kann meine Stelle verlieren, mein Brod von Thür zu Thür erbetteln, im Arbeitshause sterben – dem allem bin ich ausgesetzt. Aber den Vorwurf auf mich zu nehmen, Sir, die Verdauung Ihrer Töchter verdorben zu haben —«

»Aber beste Miß Minerva«, rief Mr. Gallilee, »machen Sie sich keine Sorgen über die Verdauung der Mädchen! Nehmen Sie ihnen die Hüte ab und geben Sie ihnen etwas Schönes zum Abendessen. Die Kinder haben meinen Magen geerbt und werden es schon »verknacken«, wie wir in der Schule sagten. Sagte man das zu Ihrer Zeit auch, Mr. Le Frank?«

Die Gouvernante und vulgäre Ausdrücke waren nie und unter keinen Umständen zu versöhnende Anomalien. In ernstem Schweigen nahm Miß Minerva den Mädchen die Hüte ab, und wenn sie diese Gelegenheit nicht benutzt hätte, um dabei die auf ihrem Gesicht erschienene Geringschätzung zu verbergen, vielleicht hätte dann auch »Papa« dieselbe bemerkt.

Das so entstandene Schweigen benutzte Mr. Le Frank, sich als glücklich veranlagter Gentleman – als geschäftsgewandter Künstler zu zeigen. Die Dankbarkeit gegen Mr. Gallilee, wenn wir so sagen wollen, als erstes Adagio in einer Symphonie unreiner Erwartungen benutzend, ging er allmählich zu einem Allegretto von Ueberzeugung im Interesse eines Freundes über, der nächste Woche ein Concert geben wollte. »Wir armen Artisten haben unsere Fehler, verehrter Herr; aber wir sind stets bestrebt einander beizustehen. Mein Freund sang in meinem Concerte umsonst und ich werde gleichfalls in dem seinigen umsonst spielen. Aber glauben Sie nicht, daß er das von mir erwartet! Darf ich, und hierbei ging er in ein schnelles Allegro über, »an Ihr Wohlwollen appellieren und Ihnen zwei Billets anbieten?« Die letzten Noten der Symphonie erstarben in einem goldenen Klingen in der Tasche des Musiklehrers.

Nachdem Mr. Gallilee der Kunst und den Künstlern seinen Tribut gezahlt hatte, sah er verstohlen nach Miß Minerva hinüber. Mit dem weisen Grundsatze, stets im Frieden zu scheiden, erkannte er, daß die glückliche Zeit zum Gehen gekommen war. Wie sollte er sich zurückziehen? Er, der sich etwas auf seine Gewandtheit in derartigen Schwierigkeiten einbildete, war auch diesmal der Situation gewachsen und erklärte, in den Club gehen zu wollen.

»Wir haben wirklich ein ausgezeichnetes Rauchzimmer in dem Club«, sagte er. »Ich bin ein Freund von einer guten Cigarre, und – was meinen Sie, Mr. Le Frank? Ist eine Flasche Champagner bei dieser Hitze nicht etwas Schönes? So in Eis gekühlt – ich weiß nicht, ob Sie die Hitze ebenso empfinden wie ich, Miß Minerva? – und dann in einen silbernen Becher gegossen. Delicat! sage ich Ihnen. Adieu, Kinder; gebt mir einen Kuß.«

Maria kam, wie es der Aelteren zustand, zuerst und gab ihm nicht nur einen Kuß, sondern auch noch eine passende Zugabe. »Ich habe Dich lieb, lieber Papa!« sagte diese wohlerzogene Tochter mit einem Blick nach Miß Minerva zu, der vielleicht in jedes Anderen Augen hätte maliziös scheinen können.

»Nun, Zo – was sagst Du denn?« wandte sich Mr. Gallilee an seine jüngste Tochter.

Zo ergriff wieder die Hand ihres Vaters und rieb sie mit dem Kopfe, eine neue Methode, ihre kindliche Liebe auszudrücken, die Mr. Gallilee zu interessieren schien. »Hast Du Kopfweh, mein Kind?« fragte er. Diese Idee war Zo neu, sie fuhr noch einmal mit ihrem Kopfe über die Hand ihres Vaters und überlegte. »Weshalb thust Du das?« fragte Miß Minerva scharf. »Ich weiß nicht«, gab Zo nach nochmaligem Ueberlegen zur Antwort; Mr. Gallilee belohnte sie mit einem Kuß und ging, um im Club seinen Champagner zu trinken.

Bevor auch Mr. Le Frank ging, erzeigte er der Gouvernante das Compliment, noch einmal auf ihren Bericht über die Vorfälle im Concerte zurückzukommen.

»Was Sie mir über Mr. Ovid Vere sagten, überraschte mich höchlich«, sagte er. »Wir haben ihn vielleicht falsch beurtheilt, als wir dachten, daß er sich nichts aus Musik mache. Glauben Sie, daß etwas Unpassendes dabei wäre, wenn ich ihm meinen Dank ausspräche? Vielleicht wäre es am besten, ich schriebe und legte zwei Billets zu dem Concerte meines Freundes bei. Um Ihnen die Wahrheit zu sagen, habe ich es auf mich genommen eine gewisse Anzahl Billets unterzubringen. «Mein Freund ist so begehrt – es wäre Zuviel verlangt, wenn er umsonst singen sollte. Ich denke doch, ich schreibe – gute Nacht.«

Als Miß Minerva mit ihren Schülerinnen allein war, sah sie nach der Uhr. »Bereitet Euch auf Eure Stunden für morgen vor«, sagte sie, und die Mädchen holten ihre Bücher.

Maria’s Bücher waren in tadellosem Zustande, aber die Seiten, über denen Zo in unendlicher Verlegenheit brüten, waren von müden Fingern zerknittert und von zahllosen Thränen befleckt. O Wissen, vor dem unsere Stammeltern gnädig bewahrt waren, wer will die Sünden und Thorheiten zählen, die in Deinem Namen begangen sind!

Miß Minerva aber lehnte sich in ihren Lehnstuhl zurück und beschäftigte sich mit der mysteriösen Frage in Betreff der Anwesenheit Ovid’s bei dem Concerte. Die harten schwarzen Augen auf die Decke richtend, horchte sie auf etwaige Töne von oben, und dachte immer wieder bei sich: »Was sie jetzt wohl oben machen?«




Capitel VI


Mrs. Gallilee war ebenso gewandt in der Praxis »der Häuslichkeit als in der Theorie« der Akustik und Ohnmachtsanfälle. Wenn es sich darum handelte, sich geschmackvoll zu kleiden, Diners erfindungsreich anzuordnen, der Tafel mit Grazie zu präsidieren und die Gäste sich behaglich fühlen zu lassen, widerspenstige Domestiken zur Raison zu bringen und unehrliche Lieferanten zu entlarven, so suchte sie unter den am wenigsten intellectuellen Frauen ihres Gleichen. Die von ihr angeordneten Vorbereitungen für die Aufnahme ihrer Nichte waren schon vorher bis in’s kleinste Detail vollendet. Ein einladendes Schlafzimmer in Blau öffnete sich auf Carmina’s unwiderstehliches Wohnzimmer in Braun. Die Ventilation war in Ordnung, Licht und Schatten waren vertheilt und die Blumen unter Mrs. Gallilee’s unfehlbarer Aussicht reizvoll placirt. Ehe sich noch Carmina von ihrer Ohnmacht erholt, hatte sie schon eine zweite Mutter gefunden, die diese Rolle zur Vollkommenheit spielte.

Aber dennoch befanden sich die gegenwärtig in diesem reizenden Wohnzimmer anwesenden vier Personen einander gegenüber in unerträglicher Verlegenheit.

Nachdem Ovid kurz vorher erst seiner Mutter erklärt hatte, daß er Musik hasse, hatte dieselbe ihn in einem Concerte getroffen, wo er sich beeilt, einer ohnmächtig gewordenen jungen Dame Beistand zu leisten und zwar mit einer Aengstlichkeit und Besorgniß, als ob es sich um eine nahe, theure Freundin handele. Und dennoch hatte er, als es sich herausstellte, daß die Fremde eine Verwandte seiner Mutter sei, darüber ein nicht minder großes Erstaunen bekundet als Mrs. Gallilee selbst. Wie waren diese Widersprüche zu erklären?

Dabei trug Carmina’s Betragen dazu bei, die Sache noch mysteriöser zu machen. Weshalb ging dieselbe zu einem Concerte, anstatt ihre Tante aufzusuchen? Und wenn sie ohnmächtig wurde, während doch die Hitze im Saale sonst niemanden überwältigt hatte, warum hatte sie sich nicht in der gewöhnlichen Weise zu erholen vermocht? Da lag sie auf dem Sopha und wurde, wenn sie angeredet wurde, abwechselnd roth und blaß, fühlte sich unbehaglich in dem comfortablesten Hause Londons, scheu und verwirrt in der Obhut ihrer besten Freunde. Selbst wenn man einem sensitiven Temperamente alle Zugeständnisse machen wollte, konnten eine lange Reise von Italien nach England und das kindische Entsetzen beim Anblick des Ueberfahrens eines Hundes einen solchen Zustand allein erklären?

Aber trotz ihrer Verstimmung hierüber war Mrs. Gallilee eine viel zu kluge Frau, um Fragen zu stellen, die vielleicht in Zukunft Unannehmlichkeiten nach sich ziehen könnten; sie versuchte nur durch arglose Plaudereien sich ein wenig Licht zu verschaffen.

Die runzelige Duenna, die in größtem Unbehagen auf dem Atlasstuhle mit den gebrechlich zarten vergoldeten Beinen saß, schien von ihrer jungen Herrin auch den Gefühlston anzunehmen, genau so wie ihre Befehle. Vergeblich sprach Mrs. Gallilee erst Englisch und dann Französisch mit ihr; das eine Experiment mißlang ebenso wie das andere – die Alte schien sich zu fürchten, sie nur anzusehen.

Ovid selbst war ebenso schwierig zu ergründen. Er antwortete natürlich, wenn seine Mutter ihn anredete, aber immer kurz und in demselben abwesenden Tone; stellte selbst keine Fragen und ließ sich zu keinen Erklärungen herbei. Das Gefühl der Verlegenheit hatte bei ihm unerklärliche Veränderungen bewirkt. Die ruhige Milde, mit der er Carmina die nöthige Aufmerksamkeit erwies, zeigte ihn in einem ganz neuen Lichte; denn während sein Benehmen gegen Patienten, einerlei ob Frauen oder Männer, sonst gewöhnlich ein ziemlich abruptes war, da er bei seiner schnellen Fassungskraft den Leuten, wenn sie ihre Symptome beschrieben, die Worte aus dem Munde zu nehmen pflegte, saß er jetzt da und betrachtete seine blasse kleine Cousine mit einer wunderbar anzusehenden Aufmerksamkeit und Geduld und lauschte den ganz gewöhnlichen conventionellen Worten, die in Zwischenräumen über ihre Lippen kamen, als ob es bei seinem Gesundheitszustand und der damit verbundenen zweifelhaften Aussicht in die Zukunft kein ernsteres Interesse gäbe, das seinen Geist beschäftigen könnte.

Mrs. Gallilee konnte es nicht länger ertragen. Hätte sie nicht absichtlich ihre Phantasie verkommen lassen und jedes zärtlichere Gefühl, das ihr Herz einst empfunden haben mochte, aus diesem verwiesen, so würde das sonderbare Benehmen ihres Sohnes sie interessiert haben, anstatt sie zu verwirren. So aber ließ ihre wissenschaftliche Bildung sie bei Fragen, bei denen es sich um Empfinden handelte, so vollständig im Dunkeln, als ob sie ihre Erfahrungen von der Menschheit in ihrem Verhältniß zur Liebe auf den Cannibaleninseln gesammelt hätte. Sie entschied sich dafür, ihre Nichte zu verlassen, damit dieselbe sich ausruhen könne, und ihren Sohn mit aus dem Zimmer zu nehmen.

»Bei Deinem gegenwärtigen Gesundheitszustande Ovid«, begann sie, »darf Carmina Deinen ärztlichen Rath nicht annehmen.«

Etwas in diesen Worten fiel Ovid auf und er antwortete etwas heftig. »Du sprichst, als ob sie ernstlich krank wäre!«

Carmina’s anmuthiges Lächeln ließ ihn hier innehalten. »Wer weiß, was geschehen kann«, bemerkte sie scherzhaft.

»Das verhüte Gott!« erwiderte er mit solcher Wärme daß ihn alle Drei überrascht ansahen.

»Ovid ist so furchtbar überarbeitet, liebe Nichte«, sagte Mrs. Gallilee ruhig, »daß ich mich wirklich freue, daß er seine Praxis aufgegeben hat und morgen abreist. Wir wollen Dich jetzt mit Deiner alten Freundin allein lassen. Wenn Du etwas bedarfst, so klingele, bitte.« Dann warf sie Carmina eine Kußhand zu, winkte ihren Sohn und ging nach der Thür.

Teresa sah sie an und dann plötzlich wieder weg. Gallilee blieb bei einer Chiffoniere stehen und änderte etwas in dem Arrangement des Porzellans auf derselben. Die Duenna folgte ihr auf den Zehenspitzen und tupfte sie mit dem Zeigefinger und dem kleinen Finger auf den Rücken, aber so leise, daß sie es nicht merkte. Dann stahl die Alte sich wieder auf ihren Platz zurück und flüsterte auf Italienisch vor sich hin: »Der böse Blick.«

Weder Ovid noch seine Cousine hatten das Thun der Alten bemerkt. Ersterer erhob sich widerstrebend von seinem Platze an Carmina’s Seite, die ihn in dankbarer Empfänglichkeit für seine kleinen Aufmerksamkeiten mit unschuldiger Vertraulichkeit zurückhielt. »Ich muß Ihnen danken«, sagte sie einfach; »es kommt einem wirklich hart vor, daß Sie, der Sie andere heilen, selbst unter Krankheit leiden.«

Teresa hatte beide mit Interesse beobachtet und kam jetzt ein wenig näher, wobei ihre glänzenden Augen forschend und eifersüchtig auf Ovid’s Gesichte ruhten. Mr. Gallilee erinnerte ihren Sohn, daß sie auf ihn warte; er hatte aber noch einige letzte Worte zu sagen. »Heilige Teresa, meine Schutzpatronin, zeige mir die Seele dieses Mannes in seinem Gesichte«, murmelte die Duenna vor sich hin, als sie sich vom Sopha zurückzog, ohne die Augen von Ovid abzuwenden. Endlich nahm derselbe Abschied. »Ich werde morgen kommen und nachsehen, wie es Ihnen geht, ehe ich fortgehe«, sagte er und nickte dann Teresa freundlich zu. Diese war aber damit nicht zufrieden, sondern wollte mehr haben und fragte ihn, ob sie ihm die Hand schütteln dürfe. Mrs. Gallilee gehörte in der Politik zu den Liberalen, aber nie waren ihre Grundsätze so auf die Probe gestellt worden, als jetzt bei dieser Frage der Alten. Als Teresa dann Ovid’s Hand mit fühlbarer Energie zusammenpresste, dabei sich bemühend, ihm seinen Charakter aus dem Gesicht zu lesen, fragte er lächelnd, was sie sähe, das sie interessiere. »Einen braven Mann, hoffe ich«, antwortete sie so ernst, daß Carmina und Ovid sich des Lachens nicht enthalten konnten. »Lacht, wenn es besser am Platze ist«, verwies Teresa sie wie ein paar Kinder, »jetzt paßt es sich nicht.« Als Ovid seiner Mutter die Thür öffnete, stand die Duenna aufgerichtet in der Mitte des Zimmers und sah ihr nach, dabei wieder vor sich hin flüsternd: »Der böse Blick!«

Beim Hinabsteigen der Treppe meldete der Bediente Mrs. Gallilee, daß »Mr. Mool« in der Bibliothek sei.

»Hast Du für die nächste halbe Stunde etwas vor, Ovid?« fragte Mrs. Gallilee.

»Du wünschst, daß ich Mr. Mool sehe? Wenn es sich um eine Rechtssache handelt, werde ich, fürchte ich, nicht eben nützlich sein können.«

»Der Anwalt ist mit einer Copie des Testamentes des seligen Onkels hier«, antwortete Mrs. Gallilee. »Es ist vielleicht von einigem Interesse für Dich, und ich dächte, Du solltest es Dir anhören.«

Ohne besondere Neigung dazu zu bekunden, stellte Ovid die müßige Frage: »Ich habe von dem Auffinden des Testaments gehört – sind romantische Umstände damit verbunden?«

»Was für ein Kind bist Du doch noch in manchen Dingen!« entgegnete seine Mutter, ihn mit einem Ausdruck launiger Verachtung betrachtend. »Hast Du etwa kürzlich einen Roman gelesen? Sie fanden das Testament in Italien, als sie sich endlich entschlossen hatten, die Möbel in Onkels Zimmer zu zerschlagen. Es war in einem alten, wurmstichigen Secretair, der ganz mit unnützen Papieren vollgestopft war, hinter einen Auszug gequetscht. Gott sei Dank! es ist nichts Romantisches und, wie Mr. Mool’s Brief besagt, nichts dabei, das zu Mißverständnissen oder Streitigkeiten Anlaß geben könnte.«

Ovid zeigte sich noch vollständig gleichgültig und stellte es seiner Mutter anheim, ihn durch ein Wort zu benachrichtigen, falls er mit einem Legate bedacht sein sollte. »Ah bin nicht so sehr dabei interessiert, als Du«, erklärte er.

»Das sollte man denken!« meinte Mrs. Gallilee, die seine Einfalt amüsierte.

»Natürlich ist Dir ein ganzer Berg Geld zugeschrieben?« bemerkte er, augenscheinlich die ganze Zeit über an etwas Anderes denkend.

»Dein Kopf ist in einer schrecklichen Verfassung«, sagte seine Mutter. »Hast Du wirklich vergessen, was ich Dir erst gestern gesagt habe? Ich bin in dem Testamente zu Carmina’s Vormund ernannt.«

Er stutzte, als seine Mutter ihn an diesen Umstand erinnerte. »Sonderbar«, sagte er zu sich selbst, »daß ich nicht daran dachte, als ich die Zimmer für Carmina in Stand setzen sah.« Seine Mutter, die ihn sorgfältig betrachtete, bemerkte das Aufhellen seines Gesichtes. Ein neues Interesse war erweckt, das ihn plötzlich seine Ansicht ändern ließ.

»Du mußt einem Ueberarbeiteten schon etwas zugute halten«, sagte er. »Du hast Recht, ich sollte das Verlesen des Testamentes anhören – ich stehe Dir also zu Diensten.«

Jetzt endlich zog Mrs. Gallilee die richtige Folgerung, machte aber weiter keine Bemerkung; nur unter dem Puder und der Farbe schien sich etwas schwach zu regen. Sollte sich eine weichere Bewegung an die Oberfläche arbeiten wollen? Unmöglich!

Hätten sie, ehe sie die Bibliothek betraten, ein zufälliges Geräusch auf der Treppe beachtet, so hätten sie vielleicht Miß Minerva bemerkt, die forschend über die Balustrade des oberen Treppenabsatzes lugte, und wären dann möglicherweise auf den Argwohn gekommen, daß die Gouvernante durch die offenstehende Thür des Schulzimmers ihre Unterhaltung belauscht hätte.




Capitel VII


Die Bibliothek in Fairfield Gardens besaß außer den Büchern noch zwei besondere Reize: sie öffnete sich auf ein Gewächshaus und war mit einem wundervollen, von ihrem Bruder gemalten Portrait Mrs. Gallilee’s geschmückt.

Während Mr. Mool das Erscheinen des schönen Originals erwartete, sah er das Portrait an und ließ dann die Geschichte der Familie Mrs. Gallilee’s an seinem Geiste vorüberziehen, und – wird man es von einem Rechtsanwalt glauben? – Mr. Mool erröthete. Mr. Mool hatte einen Fehlgriff in der Wahl seines Berufes gemacht und das Resultat war nun – ein schüchterner Anwalt.

Um die Vorgänge beim Vorlesen des Testamentes verständlicher zu machen, wollen wir in die Geschichte der Familie zurückgreifen, die ja unter diesen Umständen – da sie nämlich mit dem Erröthen eines Rechtsanwaltes zusammenhängt – für den Augenblick eine gewisse Wichtigkeit hat und im Voraus einer günstigen Aufnahme sicher ist – denn es dreht sich dabei Alles um Geld.

Der alte Robert Graywell begann sein Leben als Sohn eines kleinen Farmers; man hielt ihn allgemein für ziemlich exzentrisch, trotzdem machte er als Kaufmann in der City von London sein Glück und besaß, als er sich vom Geschäfte zurückzog, ein Haus und ein Landgut und dazu ein hübsches Vermögen, das in sicheren Fonds angelegt war.

Seine Frau hatte ihm drei Kinder geschenkt: einen Sohn, Robert, und zwei Töchter, Maria und Susanne. Der Tod der Mutter, die er innig liebte, war der erste ernste Schlag seines Lebens und er zog sich nach demselben als ein mürrischer, gebrochener Mann auf sein Landgut zurück. Liebende Gatten sind nicht nothwendig auch zärtliche Väter, und dem alten Robert boten seine Töchter beim Tode ihrer Mutter keinen Trost, ja, ihre ängstliche Besorgniß wegen der Trauerkleider ekelte ihn so an, daß er ihnen aus dem Wege ging. Mit ihren Aussichten im Leben war kein außergewöhnliches Interesse verknüpft: sie würden sich verheirathen – und dann würde es mit ihnen aus sein. Was den Sohn anbetraf, so war derselbe längst außerhalb des beschränkten Bereichs der väterlichen Sympathie getreten. Einmal hatte es seine Unbrauchbarkeit für den kaufmännischen Beruf nöthig gemacht, das Geschäft in fremde Hände zu geben, und zweitens stellte es sich heraus, daß der junge Robert, ohne daß ein Erbeinfluß vorlag und trotzdem Alles dagegen gethan wurde, ein geborener Maler war. Einer der größten Künstler jener Zeit sah die ersten Versuche des Knaben und drückte sein Urtheil in den Worten aus: »Schade, daß er mit dem Pinsel nicht sein Brod zu verdienen braucht!«

Beim Tode des alten Roberts sahen sich seine Töchter, um ihren eigenen Ausdruck zu gebrauchen, aus ein elendes Legat von zehntausend Pfund für jede angewiesen. Die Besitzung und das Hauptvermögen erbte ihr Bruder – indeß nicht etwa, weil dem Alten daran lag, eine Familie zu gründen, sondern weil der Junge immer der Liebling der Mutter gewesen war.

Von den drei Kindern verheirathete sich die älteste Schwester, Maria, zuerst, indem sie sich glücklich schätzte, Mr. Vere zu erobern, einen Mann aus alter Familie, der eine hohe Meinung von dem, was er seinem Namen schulde, besaß. Derselbe hatte ein genügendes Einkommen und brauchte nicht mehr, darum wurde die Mitgift seiner Frau dieser selbst zugeschrieben. Als er starb, hinterließ er ihr eine Leibrente von sechshundert Pfund jährlich, was mit den Zinsen ihres eigenen kleinen Vermögens ein jährliches Einkommen von eintausend Pfund machte. Der Rest von Mr. Vere’s Vermögen war seinem einzigen, ihn überlebenden Kinde Ovid zugeschrieben.

Mit einem Einkommen von jährlich eintausend Pfund für sich und zweitausend für ihren Sohn bei dessen Mündigwerden hätte die verwittwete Maria ganz zufrieden sein können – wenn nicht Susanne so anmaßend gewesen wäre, sich, trotzdem sie an Alter sowohl als an Schönheit hinter ihr rangierte, in dem Wettrennen um einen Gatten den ersten Preis zu holen.

Bald nach der Hochzeit der Aelteren hatte die Jüngere die Eroberung eines schottischen Edelmannes gemacht, der in London und in Schottland ein Palais besaß und dazu eine Rente von vierzigtausend Pfund hatte. Das konnte Maria, wie sie sich ausdrückte, nie überwinden, und seit dem Tage, an welchem Susanne Lady Northlake geworden war, wurde erstere eine ernste Frau, deren ganzes irdisches Interesse sich jetzt auf die Bildung ihres Geistes concentrirte. Sie betrat die erhabene Laufbahn, die sie mit dem Vormarsch der Wissenschaft verband, und war – ein Beispiel dessen, was eine entschlossene Frau zu leisten vermag – ein Jahr später mit den fossilen Zoophyten vertraut und hatte das Nervensystem der Biene secirt.

Hatte sie denn in ihrem ehelichen Leben keinen Gegenreiz?

Nur sehr wenig, denn Mr. Vere sympathisierte mit dem wissenschaftlichen Streben seiner Frau nicht. Und fand sie nach dem Tode des Gatten keinen Trost in ihrem Sohne? Wir wollen sie selbst sprechen lassen: »Mein Sohn füllt mein Herz, aber die Schule, die Universität und das Hospital haben mir nacheinander seine Erziehung aus der Hand genommen, und mein Geist muß ebenso gut einen Gegenstand haben, um ihn zu füllen, wie. mein Herz.« Damit nahm sie ihre ausgezeichneten Instrumente auf und wandte sich wieder der Untersuchung des Nervensystems der Biene zu.

Im Laufe der Zeit kreuzte Mr. John Gallilee den Pfad der Wissenschaft. Die verwitwete Mrs. Vere war noch eine schöne Frau, deren »Stil« es ihm angethan hatte; und Mr. Gallilee besaß fünfzigtausend Pfund. Wenn das nun auch nur um ein Geringes mehr war, als ein Jahreseinkommen des Schwagers und Mylady’s, ihrer Schwester, so vermehrte es doch, zu vier Procent angelegt, Mrs. Vere’s Einkommen um weitere zweitausend Pfund jährlich, so daß ihre Einnahme dann jährlich dreitausend Pfund betragen würde – mit der Zugabe Mr. Gallilee’s selbst. Sie überlegte und akzeptierte, und Susanne hatte nun nicht mehr länger dadurch eine Auszeichnung vor der Schwester, daß sie ihre Kleider in Paris machen ließ, und Mrs. Gallilee war nicht länger mehr der Entwürdigung ausgesetzt, einen Platz in Lady Northlake’s Equipage annehmen zu brauchen.

Was war nun während dieser Zeit aus Robert geworden? Nun – um es kurz zu sagen, Robert hatte den Seinigen Schande gemacht.

Als der neue Squire von seinem Eigenthum Besitz ergriffen hatte, wurde er eingeladen, zu den Ausgaben für die Hundemeute der Fuchsjagd beizusteuern, die durch Subscription der Grafschaft erhalten wurde, und ihm der Rath gegeben, sich mit den Sportsmen durch Veranstaltung eines Jagdfrühstückes bekannt zu machen. Obgleich er sehr höflich antwortete, ließ sich die Thatsache nicht verbergen, daß er sich weigerte, die Jagd zu unterstützen. Er fand dies noble Vergnügen einfältig und roh und lehnte es aus demselben Grunde ab, Füchse zu hegen. Eins blieb noch über, wodurch er anstoßen konnte, und auch das kam, indem er nämlich wohl den Besuch des Pfarrers erwiderte, es aber unterließ, in der Kirche zu erscheinen. Nun war vorauszusehen, daß seines Bleibens auf dem Gute nicht lange sein würde; und als er seine Skizzen der malerischen Partien der Besitzung vollendet hatte, verschwand er denn auch wieder. Die Besitzung war kein Majorat; der alte Robert, so genau er auch in den geringsten Details und Formalitäten in der Fürsorge für seine Gattin gewesen, so gleichgültig war er in Bezug auf die Zukunft seiner Kinder. »Das Vermögen hat jetzt in meinen Augen keinen Werth mehr«, sagte er zu weiter sehenden Freunden; »meinetwegen können sie Alles durchbringen. Es würde ganz gewiß gut für sie sein, wenn sie sich, wie so viele Bessere, ihr Brod verdienen müßten.« Da Robert mit dem Gute also machen konnte, was er wollte, so verkaufte er es, nur um es los zu werden, und da er keine kostspieligen Neigungen hatte, außer der Gemälde zu kaufen, so war er reicher denn je.

Das Nächste, was seine Schwestern, Lady Northlake und Mrs. Gallilee von ihm hörten, war, daß er freiwillig in’s Exil nach Italien gegangen sei, sich ein prächtiges Atelier baue, eine Serie von Gemälden zu schaffen beabsichtige und zum ersten Male in seinem Leben sich wahrhaft glücklich fühle.

Dann verging wieder einige Zeit, ehe seine Schwestern etwas weiteres von ihm hörten. Nicht zufrieden damit, daß er damals das Schicklichkeitsgefühl seiner Nachbarn in England beleidigt hatte, mußte er sich jetzt auch noch in der Dichtung seiner Familie herabwürdigen, indem er ein »Modell« heirathete. In dem Briefe, in welchem er ihnen dies mittheilte, erklärte er der Wahrheit gemäß, daß der Ruf des Mädchens über jeden Vorwurf erhaben sei. Sie saß den Künstlern nur für den Kopf, wie jede Dame dem Künstler sitzt, von dem sie sich malen läßt. Ihre Eltern erwarben sich durch Beackerung ihres Stückchen Landes einen dürftigen Unterhalt; aber es waren ehrliche Leute. Und was machte sich Bruder Robert aus Rang und Stand! Sein Großvater war ja selbst Farmer gewesen.

Lady Northlake und Mrs. Gallilee waren es sich selbst schuldig, wegen der Schwägerin eine Consultation zu halten, unt die Frage zu entscheiden, ob es in ihrem gesellschaftlichen Interesse wünschenswerth sei, Robert von nun an fallen zu lassen.

Susanne neigte, wie ihr gutherziger Gatte es ihr vorher gerathen hatte, auf die Seite der Milde. Robert’s Brief unterrichtete sie, daß er in Italien zu bleiben und zu sterben gedenke; und wenn er bei diesem Entschlusse blieb, so war ja seine Heirath immerhin ein erträgliches Mißgeschick für die Verwandten in London. »Ich dächte, wir schrieben an ihn«, schloß Susanne, »und sagen ihm, daß wir allerdings überrascht seien, aber nicht daran zweifelten, daß er am besten urtheilen und handeln würde; daß wir Mrs. Robert unsere Glückwünsche darbrächten und ihm die aufrichtigsten Wünsche für sein Glück sendeten.«

Lady Northlake fand zu ihrem Erstaunen Mrs. Gallilee bereit, die Sache von diesem milden Gesichtspunkte aus zu betrachten, ohne ein Wort des Einwandes dagegen zu erheben. Mrs. Gallilee hatte allerdings ihre Gründe dazu, die aber einer Dame, deren Gatte über ein Einkommen von jährlich vierzigtausend Pfund verfügte, besser verschwiegen blieben – Robert hatte ihre Schulden für sie bezahlt.

Eine Einnahme von dreitausend Pfund repräsentiert selbst heutzutage ein ganz hübsches Auskommen – vorausgesetzt, daß man der Gesellschaft nichts »schuldig« ist. Für Mrs. Gallilee repräsentierte es aber nur ein glänzendes Elend. Sie gerieth wieder in Schulden und rechnete in Zukunft auf den Geldbeutel ihres Bruders. Ein reizender Brief an Robert schloß daher: »Schicke mir auf jeden Fall eine Photographie Deiner liebenswürdigen Frau!« Als das arme »Modell« einige Jahre darauf mit Hinterlassung eines Töchterchens starb, lag Mrs. Gallilee ihren Bruder an, nach England zurückzukehren. »Komm, theuerster Robert«, schrieb sie, »um Trost und ein Heim unter dem Dache Deiner Maria zu finden.«

Aber Robert blieb in Italien und wurde dort begraben. Bis zu seinem Tode hatte er dreimal die Schulden seiner älteren Schwester bezahlt, und diese hoffte als Dank für seine freigebige Hilfe sich bei jedem Male mit einem größeren Legate in seinem Testamente bedacht zu sehen, für den Fall, daß sie ihn überleben sollte.

Mr. Mool wußte nun als Sachwalter der Familie, welche Summe Mrs. Gallilee von ihrem Bruder gezogen hatte, und wußte auch, daß diese so geleisteten Vorschüsse als Äquivalent eines etwaigen Legates angesehen worden waren, auf welches sie sonst als Schwester einen gewissen Anspruch gehabt haben möchte. Es wäre also seine Pflicht gewesen, sie darauf vorzubereiten, als sie ihn im Allgemeinen über das Testament befragt hatte; aber er hatte nichts davon gesagt. Und weshalb? Weil er sich – kurz und bündig ausgedrückt – vor ihr fürchtete. Jetzt schämte er sich vor sich selbst und machte sich Vorwürfe darüber, und daher kam das auf dem Gesichte eines Rechtsanwalts so befremdende Erröthen.




Capitel VIII


Als Mrs. Gallilee in die Bibliothek trat, klopften Mr. Mool’s Pulse schneller; derselbe faßte sich aber, sobald er ihren Sohn ihr folgen sah. nach besonderer Vereinbarung mit dem Sachwalter war Ovid in Betreff der Angelegenheiten seiner Mutter stets in Unkenntniß gehalten worden. Wie erbittert sie auch während der nächsten fünf Minuten sein mochte, so konnte sie doch unmöglich ihrer Entrüstung in Gegenwart ihres Sohnes Ausdruck geben.

Freudige Erwartung übt auf weibliche Schönheit den glücklichsten Einfluß, und so sah denn mrs. Gallilee an diesem Tage auffallend gut aus. Sie trug bei ihrem ziemlich runden und vollen Gesicht ihr (nicht mehr von Natur jugendlich gefärbtes) Haar in einem Fransensaum über der Stirn, den auf jeder Seite zwei reizende kleine Löckchentrauben im Gleichgewicht hielten. Der um Robert angelegte Traueranzug war seines Pariser Ursprungs würdig und hob die blühende Gesichtsfarbe und die Weiße des Nackens – die ebenfalls beide ihres Pariser Ursprungs würdig waren – in vortheilhaftester Weise. Sie sah aus wie ein mit Leben begabtes Portrait aus der Zeit Karls des Zweiten.

»Nun, wie geht es Ihnen, Mr. Mool? Haben Sie sich meine Farne angesehen?«

Die Farne waren an dem Eingange zum Gewächshause gruppiert und sicherlich dem Rechtsanwalte, der selbst ein Treibhaus besaß und ein enthusiastischer Botaniker war, nicht entgangen. Es fiel ihm jetzt ein, daß ihm diese Farne als Blitzableiter einen harmlosen, nützlichen Dienst leisten könnten, während er unschuldig unangenehme Resultate zu Tage förderte. »Ehe sie noch ein Wort spricht, fühlt man ihre Augen Einem wie ein Messer durch und durch gehen« dachte er, sich sammelnd.

»Ersparen Sie uns, bitte, das Technische«, fuhr Mrs. Gallilee fort, dabei auf die auf dem Tische liegenden Documente zeigend. »Ich möchte meine Pflichten gegen Carmina genau kennen lernen: und nebenbei interessiert es mich natürlich auch einigermaßen, ob Lady Northlake’s in dem Testamente gedacht ist.«

Mrs. Gallilee sagte nie »meine Schwester« und gebrauchte auch im Familienkreise nie den Taufnamen »Susanne«. Das grenzenlose, durch die glänzende Heirath derselben in ihr erweckte Gefühl der Beleidigung bekundete sich darin, daß sie ihre Schwester immer in der vollen Entfernung hielt, indem sie nie den Titel derselben vergaß.

Als Mr. Mool begann: »Das an erster Stelle im Testamente erwähnte Legat ist ein solches für Lady Northlake«, wurde das Gesicht Gallilee’s hart wie Eisen. Sobald er aber fortfuhr: »Es sind einhundert Pfund und zum Ankauf eines Trauerringes bestimmt«, wurden ihre Augen beredt und sprachen so klar wie in Worten: »Dem Himmel sei Dank!«

»Das sieht dem anspruchslosen Sinne Deines Onkels ganz ähnlich«, bemerkte sie gegen ihren Sohn. »Jedes andere Legat für Lady Northlake wäre einfach absurd gewesen. Nicht wahr, Mr. Mool? Vielleicht folgt nun mein Name?«

Der Angeredete warf einen Seitenblick nach den Farnen. Wie er seine Gefühle später einmal beschrieb, erinnerten sie ihn an einen schrecklichen Augenblick, als einst der Zahnarzt vor seinem Stuhle gestanden und das höllische Instrument in der Hand verborgen haltend, gesagt hatte: »Lassen Sie sehen.« Die Situation war auch wirklich kritisch genug und Ovid machte sie durch einen schwachen Scherz noch entsetzlicher »Was willst Du haben, Mutter, wenn ich mit Dir tausche?«

Um noch Schlimmeres zu verhüten, nahm Mr. Mool die Energie der Verzweiflung zusammen, las aber diesmal klugerweise den genauen Wortlaut des Testamentes: »Und ich vermache meiner Schwester, Mrs. Maria Gallilee, einhundert Pfund.«

Ovid? Erstaunen konnte sich nur durch eine Handlung Ausdruck verschaffen – er sprang auf die Füße.

»Frei von Legatspflichten, zum Ankauf eines Trauerringes – —« fuhr Mr. Mool im Lesen fort.

»Unmöglich!« rief Ovid.

»Und meine Schwester wird das Motiv verstehen, das mich veranlaßt, dies Vermächtnis zu machen«, vollendete der Anwalt, legte dann das Testament auf den Tisch und wagte aufzustehen. Gleichzeitig wandte sich Ovid, von den letzten Worten, deren Bedeutung er zu erfahren wünschte, betroffen, nach seiner Mutter zur Seite.

Zum Glück für sie erfuhren die beiden Männer nie, was ihre Ruhe jenem einen Momente des Zögerns zu verdanken hatte; Hätten sie Mrs. Gallilee einen Augenblick früher angesehen, sie hätten den leibhaftigen Satanas aus ihrem Gesichte blicken sehen und in ihren Augen und auf den Lippen eine Warnung lesen können, jenen übernatürlichen Schriftzügen gleich, die dem Monarchen des Ostens seinen bevorstehenden Tod verkündigten. »Sieh’ dies Weib an und erkenne, was ich mit ihr zu thun vermag, wenn sie ihren guten Engel von sich gewiesen und mir ihre Seele ausgeliefert hat.«

Als aber ihr Sohn und der Sachwalter sie ansahen, war ihr Gesicht wieder gefaßt, hatte sie ihre Stimme wieder in der Gewalt und ihre Fähigkeit zum Täuschen in Bereitschaft. All jene verderblichen Eigenschaften ihrer Natur, die eine sorgfältigere und klügere Erziehung durch Entfaltung unthätig schlummernder, erhaltender Einflüsse in Schach gehalten haben möchte, wurden jetzt wieder in ihre Schlupfwinkel zurückgetrieben und ließen nur die schwächste Spur ihres momentanen Auftauchens zurück. Das Athemholen schien sie Anstrengung zu kosten und ihre Augenlider senkten sich schwer: das war aber auch Alles.

»Ist es Dir hier im Zimmer zu heiß?« fragte Ovid.

»Unsinn!« rief sie gereizt, denn wenn die Frage auch ganz harmlos war, so ärgerte sie doch in diesem Momente das Fragen überhaupt.

»Die Atmosphäre des Gewächshauses ist voll belebender Düfte«, bemerkte Mr. Mool. »Entdecke ich unter den köstlichen Wohlgerüchen den des wohlriechenden amerikanischen Farnkrautes? Darf ich, wenn ich mich irre, Ihnen einige Exemplare des duftigen Frauenhaares aus meinem kleinen Treibhause senden?« fragte er mit überredendem Lächeln; und die Farne rechtfertigten bereits sein Vertrauen zu ihnen als Friedensstifter und Blitzableiter, denn die schrecklichen Augen ruhten gnädig auf ihm. Nicht die versteckteste Anspielung auf sein Schweigen in Betreff des Legates entschlüpfte ihr. Warnte sie der kunstlos plötzliche Versuch, das Thema zu ändern, auf ihrer Hut zu sein? Jedenfalls dankte sie ihm mit bereitester Höflichkeit für sein freundliches Anerbieten und fragte ihn, ob sie ihn bemühen dürfe, sie das Testament sehen zu lassen.

Aufmerksam las sie die Schlußworte der Clausel, welche ihren Namen enthielt – »Meine Schwester wird das Motiv verstehen, das mich veranlaßt, dies Vermächtnis zu machen« – und gab Mr. Mool das Testament zurück. Ehe dann Ovid noch fragen konnte, war sie mit einer plausiblen Erklärung bei der Hand.

»Als Dein Onkel heirathete und Vater wurde«, bemerkte sie, »galten ihm die an ihn herantretenden Ansprüche am höchsten. Er wußte, daß ein Zeichen der Erinnerung (je kleiner, desto besser) das Höchste sein würde, was ich annähme, wenn er mich überlebte. Bitte, fahren Sie fort, Mr. Mool.«

Ovid hatte mit seinem verstorbenen Onkel das Eine gemein, daß beide zu jenen hochherzigen Menschen gehörten, die nur schwer einen Argwohn schöpfen und deshalb leicht zu täuschen sind. Zärtlich die Hand seiner Mutter ergreifend, sagte er:

»Ich hätte es wissen sollen, ohne daß Du es mir zu sagen brauchtest.«

Mrs. Gallilee erröthete nicht, wohl aber Mr. Mool.

»Fahren Sie fort!« wiederholte erstere, und der Rechtsanwalt sah Ovid an. »Der nächste Name ist der Ihrige Mr. Vere.«

»Bedenkt mein Onkel mich ebenso wie meine Mutter?« fragte Ovid.

»Ja, und ich muß Ihnen sagen, dem Vermächtnis ist ein sehr hübsches Compliment zugefügt. »Ich brauche meinem Neffen« (so sagt Ihr seliger Herr Onkel) »keinen größeren Beweis davon zu geben, daß ich seiner gedenke, da sein Vater schon für ihn gesorgt hat und er sich mit seinen seltenen Talenten durch die Ausübung seines Berufes noch ein Vermögen dazu erwerben wird.« Sehr schmeichelhaft Mrs. Gallilee, nicht wahr? Die nächste Clausel bedenkt die gute alte Wirthschafterin Teresa und deren Mann, falls derselbe sie überlebt, folgendermaßen —«

»Wir können das, denke ich, übergehen«, meinte Mrs. Gallilee, die die Ungeduld erfaßte, mehr von sich selbst zu hören. »Nehmen Sie das, was sich auf Carmina und mich bezieht. Glauben Sie nicht, daß ich ungeduldig sei; ich wünsche nur —«

Das Knurren eines Hundes im Gewächshause unterbrach sie. »Dies lästige Geschöpf!« sagte sie scharf; »ich, werde mich genöthigt sehen, es los zu werden!«

Als dann Mr. Mool nach der Thür ging, um den Hund aus dem Gewächshause zu jagen, hielt sie, reizbar wie immer, ihn an der Schwelle zurück.

»Nicht doch, Mr. Mool! Man kann dem Charakter dieses Hundes nicht trauen, das beweist er gegen Miß Minerva, meine Gouvernante – gerade so knurrt er stets, sobald er sie zu sehen bekommt. Wahrscheinlich wittert er Sie. Sehen Sie! da kläfft er schon! Sie machen ihn nur noch schlimmer. Kommen Sie zurück!«

Da er einmal an der Thür war, so benutzte der sanfte Rechtsanwalt wiederum die Farne als Friedensstifter, indem er einen Wedel nahm und sich in einen: Zustande milder Bewunderung zu seinem Platze zurückbegab. »Dies reizende Farnkraut!« sagte er weich. »Ein wirklich schönes Exemplar von Osmunda regalis, Mrs. Gallilee. Welche Welt von Schönheit in diesem doppeltgefiederten Wedel! Man weiß kaum, wo der Stiel aufhört und das Blatt beginnt!«

Der Hund, ein flinkes kleines Dachshündchen, trollte jetzt in die Bibliothek und begrüßte die Gesellschaft mit munterem Schwanzwedeln, Mr. Mool nicht ausgenommen. Auch nicht die Spur von Knurren entschlüpfte ihm; die Art und Weise, wie er zu Füßen der Hausherrin Platz nahm, widerlegte deren Verleumdung seines Charakters vollständig, und Ovid meinte, daß er möglichenfalls durch eine im Gewächshaus anwesende Katze gereizt worden wäre.

Mittlerweile schlug Mr. Mool eine Seite im Testamente um und kam zu den Clauseln, die sich auf Carmina und ihre Vormünderin bezogen.

»Ich darf mir erlauben«, begann er, »an erster Stelle zu erwähnen, daß das Miß Carmina hinterlassene Vermögen in runder Summe einhundertunddreißigtausend Pfund beträgt. Die Vollstrecker –«

»Ueberschlagen Sie die«, sagte Mrs. Gallilee.

Mr. Mool überschlug dieselben.

»Sie sind zu Miß Carmina’s Vormünderin bestellt, bis sie majorenn wird«, nahm er dann seinen Vortrag wieder auf. »Heirathet sie in der Zwischenzeit —«

Hier pausierte er, um eine Seite umzuwenden, während nicht nur Mrs. Gallilee, sondern auch Ovid mit dem tiefsten Interesse zuhörten. »Heirathet sie in der Zwischenzeit mit Einwilligung ihrer Vormünderin, so soll ihr und ihren Kindern ihr Vermögen wie folgt gesichert werden.«

»Und wenn ich ihre Wahl nicht billige?« warf Mrs. Gallilee fragend ein. Ovid sah sie an, um schnell wieder wegzusehen. Als sich sein Auge dabei auf den Hund richtete, sprang derselbe auf, um sich streicheln zu lassen; Ovid aber war zu sehr befangen, um es zu bemerken, und der Hund drückte über diese von seinem Freunde Ovid ihm zum ersten Male widerfahrene Rücksichtslosigkeit mit Augen und Ohren seine vorwurfsvolle Ueberraschung aus.

»Wenn die junge Dame eine Ehe eingehen will, die Sie mißbilligen«, antwortete Mr. Mool, »so bestimmt der Testator, daß Sie – nun, wenn ich so sagen soll, einem von Mr. Gallilee und Lord und Lady Northlake gebildeten Familienrathe ihre Einwände vorzutragen haben.«

»Wie albern von Robert«, äußerte Mrs. Gallilee. »Und was hat dieser gemischte Rath der Drei zu thun, Mr. Mool?«

»Die Majorität in diesem Rathe soll die endgültige Entscheidung treffen, Mrs. Gallilee. Schließt dieselbe sich Ihrer Ansicht an, und besteht Miß Carmina trotzdem auf ihrem Entschlusse —«

»Dann soll ich nachgeben?«

»Nicht eher, als bis Ihre Nichte mündig ist, gnädige Frau. Von da ab entscheidet sie selbst für sich.«

»Und tritt in den Besitz des Vermögens?«

»Nur in den Genuß von einem Theile desselben – falls ihre Verwandten ihre Heirath mißbilligen.«

»Und was wird aus dem Reste?«

»Das Ganze soll von den Testamentsvollstreckern angelegt und bei ihrem Tode gleichmäßig unter ihre Kinder vertheilt werden.«

»Und wenn sie keine Kinder hinterläßt?«

»Der Fall ist in der letzten Clausel vorgesehen, Madam. Ich will hier nur sagen, daß Sie bei der Sache interessiert sind.«

Mrs. Gallilee machte eine schnelle Wendung gegen ihren Sohn. »Wenn ich einst nicht mehr bin«, sagte sie ernst, »hoffe ich, daß Du mein Andenken verteidigen wirst.«

»Dein Andenken verteidigen?« wiederholte Ovid, verwundert, was sie wohl meinen könnte.

»Wenn nun der Fall eintritt, daß ich bei der Verfügung über Robert’s Vermögen interessiert sein sollte – was Gott ja verhüten möge! – siehst Du dann nicht, was geschehen wird?« fragte seine Mutter bitter. »Lady Northlake wird sagen, ich hätte das durch Intrigen zuwege gebracht.«

Mr. Mool sah zweifelhaft nach den Farnen hinüber. Nein! seine Verbündeten waren nicht stark genug, den weiteren Erguß eines solchen Familiengefühls aufzuhalten; er konnte sich in dieser Bedrängniß nur auf die höhere Autorität des Testamentes verlassen.

»Verzeihen Sie, Mrs. Gallilee«, sagte er; »es sind noch einige weitere Instructionen vorhanden, die meiner Ansicht nach Ihres seligen Herrn Bruders liberales Fühlen in einem sehr interessanten Lichte zeigen. Dieselben beziehen sich auf die Fürsorge für seine Tochter, solange sie unter Ihrem Dache lebt. Miß Carmina soll zur Vollendung ihrer Ausbildung die besten Lehrer haben.«

»Gewiß!« rief Mrs. Gallilee eifrig.

»Und es soll ihr jederzeit ein Wagen zur Verfügung stehen.«

»Nein, Mr. Mool! Zwei Wagen – in einem Klima wie dem unsrigen – ein offener und ein geschlossener.«

»Und um diese und andere Unkosten zu bestreiten, sollen Ihnen jährlich eintausend Pfund zur Verfügung gestellt werden.«

»Das ist zu viel! zu viel!«

Mr. Mool hätte ihr vielleicht beigestimmt, wenn er nicht gewußt, daß Robert Graywell bei dieser außerordentlichen Fürsorge für seine Tochter gleichzeitig das Interesse seiner Schwester im Auge gehabt habe.

»Vielleicht ist Garderobe und Taschengeld darin eingeschlossen?« fragte Mrs. Gallilee.

»Mr. Mool schüttelte lächelnd den Kopf. »Mr. Graywell’s Großmuth hat keine Grenzen, wo es sich um seine Tochter handelt. Für Taschengeld und Kleidung soll Carmina jährlich fünfhundert Pfund erhalten.«

»Ist das nicht rührend?« appellierte Mrs. Gallilee an die Sympathie ihres Sohnes. »Die liebe Carmina! Mein Pariser Schneider soll ihr alle ihre Kleider machen. Nun, Mr. Mool?«

»Gestatten Sie mir, den folgenden Passus dem Wortlaute nach vorzulesen«, antwortete der Rechtsanwalt. »Wenn die Bethätigung ihres Wohlthätigkeitssinnes sie diese Summe überschreiten läßt, so autorisiere ich meine Vollstrecker hierdurch, dieselbe nach eigenem Ermessen bis auf eintausend Pfund jährlich zu erhöhen! Es klingt meinerseits vielleicht vermessen«, wagte Mr. Mool in schüchterner Bekundung seines Enthusiasmus zu bemerken, »aber man muß dabei denken, welch’ guter Vater! welch’ gutes Kind!«

Mrs. Gallilee hatte schon eine weitere passende Bemerkung aus den Lippen, als der unglückliche Hund sie wieder unterbrach, indem er plötzlich in das Gewächshaus schoß und ein lautes Kläffen anstimmte, worauf sich ein klirrendes Geräusch, wie von dem Fallen eines Blumentopfes herrührend vernehmen ließ.

Ovid eilte in das Gewächshaus und folgte dem Hunde, der die in den Hintergarten führenden Stufen hinunterraste.

Ein Topf lag zerbrochen auf dem Ziegelboden, und von der Schönheit der darin enthaltenen Blume angezogen, bückte sich Ovid, um dieselbe wieder aufzurichten. Wäre er statt dessen gleich nach der Gartenthür geeilt, so würde er eine Dame gesehen haben, die sich eiligst in das Haus begab, und in derselben, wenn ihm das Gesicht auch abgewandt gewesen, jedenfalls Miß Minerva erkannt haben. Als er nun die Thür erreichte, war der Garten leer. Er sah nach dem Hause auf und bemerkte die Gestalt Carmina’s an dem geöffneten Fenster ihres Schlafzimmers.

Auf dem holden jungen Gesicht lag ein trüber Ausdruck, der ihn bekümmerte. Dachte sie an die glückliche Vergangenheit? oder an die ungewisse Zukunft hier unter Fremden in dem fremden Lande? Als sie Ovid bemerkte, hellten sich ihre Augen auf, und dieser, dessen gewohnte Kälte gegen Frauen sofort dahinschmolz, warf ihr eine Kußhand zu. Sie gab den ihr von Italien her so vertrauten Gruß mit ihrem sanften Lächeln zurück und sah sich nach dem Zimmer hinein um. Gleich darauf erschien Teresa am Fenster und rief hinaus, wie immer ohne vorherige Ueberlegung ihrem Impulse folgend: »Wir langweilen uns hier; kommen Sie wieder zu uns, Mr. Ovid.« Die Worte waren kaum gesprochen, als beide sich vom Fenster abwandten; Teresa zeigte bedeutungsvoll in das Zimmer und dann verschwanden sie.

Ovid begab sich in die Bibliothek zurück, wo ihn Mr. Mool mit der Frage empfing, ob Jemand gehorcht habe.

»Ich habe Niemanden entdeckt«, antwortete Ovid, »bezweifele aber, daß eine umherstreifende Katze den schweren Blumentopf umgeworfen haben kann. Aber wo ist meine Mutter?« fragte er, sich umsehend.

Der Rechtsanwalt antwortete ihm, daß dieselbe vor Eifer gebrannt habe, seine Cousine von dem ihr von ihrem Vater ausgesetzten hübschen Jahresgehalte zu benachrichtigen, und nach oben gegangen sei. Dabei begann er das Testament zusammenzulegen, hielt aber plötzlich inne und sagte:

»Wie unbedachtsam von mir! Ich vergaß, Mr. Ovid, daß Sie das Ende nicht gehört haben. Lassen Sie mich Ihnen einen kurzen Auszug geben. Sie wissen vielleicht, daß Miß Carmina katholisch ist? Sehr natürlich, da es die Religion ihrer seligen Mutter war. Nun, sehen Sie, ihr guter Vater hat nichts vergessen und verbietet entschieden jedwede auf Bekehrung hinzielenden Versuche.«

Ovid lächelte; die religiösen Ansichten seiner Mutter begannen und endeten ja mit der Unorganischen Materie dieser Erde.

»Die letzte Clausel«, fuhr Mr. Mool fort, »schien ihre Frau Mutter recht schmerzlich aufzuregen. Ich erinnerte sie daran, daß ihr Herr Bruder außer Lady Northlake und ihr selbst keine nahen lebenden Verwandten habe. Und ihrer gnädigen Frau Schwester bei den fürstlichen Verhältnissen des Herrn Lords Geld zu vermachen, war doch außer Frage —«

»Verzeihen Sie«, fiel ihm Ovid in’s Wort, »was kann meine Mutter dabei aufregen?«

Der Rechtsanwalt entschuldigte sich, daß er mit dem besten Willen nicht früher zu dem Punkte gekommen sei. »Geschäftsgewohnheit, Mr. Ovid«, erklärte er. »Wir werden leicht weitschweifig – werden ja auch nach Wort- und Foliozahl bezahlt! – und klären gern zuerst den Grund. Am Ende des Testamentes sieht Ihr Herr Onkel den beiden möglichen Fällen vor, daß Miß Carmitia unverheirathet, oder wenn verheirathet, ohne Erben stürbe, und verfügt für diese Fälle folgendermaßen über sein Vermögen«:

»Ich weiß nicht, ob ich mich der Höhe des Vermögens richtig erinnere«, unterbrach ihn Ovid wieder, der die Wichtigkeit dieser letzten Clausel jetzt einsah. »Sagten Sie einhundertunddreißigtausend Pfund?«

»Ja.«

»Und was wird aus dieser großen Summe, wenn Carmina nie heirathet oder wenn sie keine Kinder hinterläßt?«

»Ja jedem von beiden Fällen fällt das ganze Vermögen an Mrs. Gallilee und deren Töchter.«




Capitel IX


Um Mitternacht saß Ovid wieder in seinem Studierzimmer. Die Stille der Straße, in welcher er wohnte, wurde nur durch das gelegentliche Rollen eines Wagens und durch die von dem Hause eines der Nachbarn, welcher einen Ball gab, herüber tönende Tanzmusik unterbrochen. Ovid saß vor feinem Arbeitstische und dachte. Eine ehrliche Selbstprüfung hatte ihm seinen Seelenzustand klar gemacht und ihm das neue Interesse, das sein Leben erfüllte, in seiner wahren Ausdehnung zum Bewußtsein gebracht.

Er war jetzt der willige Sklave dieses Interesses. Hätte er heute Nachmittag nicht gewußt, daß seine Mutter bei ihr war, so würde er nach dem Fortgange des Rechtsanwaltes wieder zu ihr gegangen sein. Da das nun nicht anging, hatte er nach oben sagen lassen, daß er sich zum Diner einfinden würde, um nur Carmina wiedersehen zu können, war aber enttäuscht worden, als er hörte, daß Mr. Gallilee und seine Mutter eine Einladung angenommen hätten und seine Cousine den Thee auf ihrem Zimmer einnehmen würde.

Er hatte dann ohne besonderen Appetit etwas in seinem Clnb gegessen und war darauf in die Oper gegangen, blos weil ihn das Bild einer beliebten Sängerin der Saison unbestimmt an Carmina erinnerte. Und jetzt um Mitternacht, nachdem er aus der Oper zurückgekommen, saß er hier und brannte vor Verlangen, seine Cousine wiederzusehen. In einigen Stunden hatte er Gelegenheit dazu, denn es war abgemacht, daß er sich beim Frühstück von der Familie verabschieden solle.

Bei einem Manne, der unfähig war, sich selbst zu täuschen, konnte das Bewußtsein des in ihm vorgehenden Wechsels nur zu einem Ende führen; und trotzdem Ovid so fest wie je von der Wichtigkeit von Ruhe und Veränderung bei seinem zerrütteten Gesundheitszustande überzeugt war, gehörte die beabsichtigte Seereise bereits zu den überwundenen Illusionen seines Lebens.

Sein Freund hatte mit ihm abgemacht, daß sie an diesem Morgen von London nach dem Hafen abreisen wollten, wo dessen Yacht sie erwartete. Da sie nicht so intim waren, um einander rückhaltlos ihre Geheimnisse anzuvertrauen, so konnte er sich der bei Nichteinhaltung einer Verabredung gewöhnlichen Entschuldigung bedienen; doch trotzdem das Papier vor ihm lag und er die Absage im Geiste schon entworfen hatte, befand er sich in einem so sonderbaren Zustande der Unentschiedenheit, daß er zögerte, den Brief zu schreiben.

So erschüttert waren seine krankhaft sensitiven Nerven, daß er sogar bei dem gewohnten Tone der Fluruhr, die Halb schlug, zusammenfuhr. Als er gleich darauf draußen vor der Thür ein sanftes, trauriges Miauen hörte, stand er ohne ein Zeichen von Ueberraschung auf und öffnete die Thür, durch welche nun eine kleine schwarze Katze mit einem dreieckigen weißen Flecke auf der unteren Gesichtshälfte und vier glänzenden weißen Pfötchen mit Grazie und Würde in das Zimmer schritt. Dann ging er wieder an seinen Tisch zurück. Sobald er im Stuhle saß, sprang ihm die Katze auf die Schulter, setzte sich auf derselben zurecht und schnurrte ihm in die Ohren; diesen Platz nahm sie stets ein, wenn ihr Herr allein schrieb. Der junge Arzt hatte seinen jetzigen Gefährten eines Tages auf seiner Runde in einer der Vorstädte vom Verhungern gerettet. Die Katze war nämlich von ihren Besitzerin, die auf Reisen gegangen waren, vergessen und in dem Hause eingeschlossen worden und hatte durch ihr klägliches Miauen einen Haufen von Nachbarn vor das Haus gelockt, als Ovid gerade vorbeikam. Obgleich die Nachbarn ihm über dieselbe in ziemlich herabwürdigenden Ausdrücken Auskunft gaben: daß sie z. B. den häßlichen Namen »Snooks« führe und immer Junge habe, so nahm er sie trotz dieser Warnung in seinem Wagen mit, und seitdem hatte sich dies glückliche kleine Mitglied einer brutal verunglimpften Rasse an ihren neuen Freund – und an ihn allein innig angeschlossen. Die Diener duldete sie höflich, aber nicht mehr. Die Wirthschafterin versuchte ihren absurden Namen mit einem besseren zu vertauschen – sie hörte aber auf keinen anderen. Die Köchin hatte strengen Befehl, wenn die unvermeidlichen Jungen erschienen, immer eins derselben am Leben zu lassen, und that ihr Möglichstes, um Snooks zu verhindern, ihren Neugeborenen jedes mal ihrem Herrn zu zeigen, hatte aber nie Erfolg damit, so geschickt sie es auch anfangen mochte. Der Mann und die Katze verstanden einander in allen niederen Lebensverhältnissen vollkommen; und wenn Ovid die Wahrheit hätte sagen sollen, so hiitte er bekennen müssen, daß ihm sogar in seinem gegenwärtigen Gemüthszustande die Gegenwart Snooks ein Trost war.

Wenn die erschlaffte Willenskraft eines Spornes bedarf, übt oft die geringfügigste Veränderung in den momentanen Verhältnissen den anregenden Einfluß aus. Diesen Dienst nun leistete Ovid die Erscheinung der Katze; sie rüttelte ihn auf, und er schrieb den Brief, während Snooks sich die Zeit damit vertrieb, sich das Gesicht zu waschen.

Nachdem er sein Gemüth in dieser Hinsicht beruhigt hatte, ging er zu Bett, gefolgt von der Katze, die oben ihr eigenes Bett in einer Ecke seines Schlafzimmers hatte. Wenn er sein Temperament auch zur Genüge kannte, um zu wissen, daß seinerseits diese Nacht an Schlaf nicht zu denken war, so war es doch ein Ruhen, frei von der überflüssigem ungesunden, im System der Natur nicht beabsichtigten Kleidung auf dem Bette zu liegen.

Mit Sonnenaufgang stand er wieder auf und ging aus, um den Brief zu besorgen. Je eher er seinem neugefaßten Entschlusse gemäß handelte, desto sicherer mußte er sein, nicht wieder in die erbärmliche und nutzlose Unentschiedenheit der letzten Nacht zu verfallen. »Gott sei Dank, daß es geschehen ist!« sagte er zu sich, als er den Brief in den an der Thür seines Freundes befindlichen Kasten fallen hörte.

Er machte dann einen Spaziergang im Parke und setzte sich, als er müde war, auf eine Bank am Teiche und sah den Vögeln zu, wie sie sich ihres glücklichen Lebens freuten.

Wohin er auch ging und was er auch that, Carmina war immer bei ihm. Er hatte Tausende von Mädchen gesehen, die viel auffallendere persönliche Reize besessen, von denen einige vielleicht ein gleich gewinnendes Wesen gehabt hatten: was hatte diese kleine halb fremdländische Cousine nun an sich, das ihn im ersten Augenblicke ergriffen und das nun mit jeder Minute seinen zarten Halt immer unwiderstehlicher zu machen schien? Er war zufrieden, den Reiz zu empfinden, ohne sich darum zu kümmern, demselben auf den Grund zu gehen. Der liebliche Morgensonnenschein führte seine Phantasie an ihr Lager, und er sah sie voll Frieden in ihrem neuen Zimmer schlafen. Würde die Zeit kommen, da sie von ihm träumen würde? Er sah nach der Uhr. Es war sieben Uhr; die Frühstücksstunde in Fairfield-Gardens war auf acht Uhr festgesetzt, damit er den Morgenzug benutzen könnte. Eine halbe Stunde mochte mit dem Rückwege nach seinem Hause hingehen; zehn Minuten mit einigen Veränderungen in seinem Anzuge – und dann konnte er aufbrechen, um Carmina wiederzusehen. Kein unangenehmer Gedanke an das, was man im Familienkreise von der plötzlichen Aenderung seines Planes halten möchte, beunruhigte sein Gemüth. Eine ganz andere Frage beschäftigte ihn: er dachte zum ersten Male im Leben daran, was für eine Kleidung wohl eine gewisse Dame beim Frühstück tragen möchte.

Als er um acht Uhr seine Hausthür mit seinem Schlüssel aufschloß. erhob sich von der Bank in der Halle eine ältliche Person in einem gewöhnlichen schwarzen Anzug, in der er, als sie auf ihn zukam, zu seinem sprachlosen Erstaunen, Carmina’s treue Begleiterin Teresa erkannte.

»Ich möchte mit Ihnen sprechen, wenn’s Ihnen gefällig ist«, sagte sie in ihrem besten Englisch.

Ovid führte sie in sein Sprechzimmer, wo sie, ohne die Zeit mit Entschuldigungen oder Erklärungen zu vergeuden, sofort begann: »Carmina hat eine schlechte Nacht gehabt.«

»Ich werde in einer halben Stunde dort sein!« versicherte Ovid mit Eifer.

Die Duenna machte eine ungeduldige Geste mit dem Zeigefinger »Sie braucht keinen Doctor, aber sie braucht einen Freund, wenn ich fort bin, Was für ein Leben wartet ihrer hier – unter Fremden? Sagen Sie nichts! Es ist ihr angst und bange geworden bei ihrer Jugend, Schüchternheit und leichten Erregbarkeit. Und ich muß sie verlassen – muß! muß! Mein alter Mann ist schwach und kann jeden Tag sterben, ohne ein Wesen um sich zu haben, das ihn trösten könnte, wenn ich nicht heimgehe. Wenn ich daran denke, könnte ich mir das Haar raufen. Still! Das Sprechen ist jetzt an mir. Ha! ich weiß, was ich weiß. Junger Herr, Sie sind in Carmina verliebt! Ich habe Sie wie ein Buch gelesen. Sie sehen und fühlen schnell wie die Leute bei uns zu Hause. Seien Sie wie ein Landsmann – helfen Sie mir!«

Dabei zog sie einen Stuhl dicht an Ovid’s Seite und legte plötzlich die Hand schwer auf seinen Arm.

»Meine Schuld ist es nicht, wohlverstanden; ich für meine Person habe nichts gesagt, was sie beunruhigen könnte. Nein, ich habe die Sache so gut wie möglich zu wenden gesucht und ihr etwas vorgelogen. Was mache ich mir daraus! Ich würde wie Judas lügen, wenn ich Carmina dadurch nur einen Augenblick des Schmerzes ersparen könnte. Das Leben ist so ganz neu für sie – denken Sie sich nur einmal hinein – so ganz neu. Wir haben uns gestern die Hand geschüttelt – lassen Sie es uns wieder thun. Sind Sie überrascht, mich hier zu sehen? Ich fragte die Diener Ihrer Frau Mutter um Ihre Wohnung; und da bin – und es nagt an mir bei lebendigem Leibe, wenn ich an die Zukunft denke. O, mein Lamm, mein Engel, allein! O mein Gott! erst siebzehn und allein in der Welt! Ohne Vater und Mutter; und bald, bald – o, zu bald nur, hat sie die Teresa auch nicht mehr. Was sehen Sie? Was haben die Thränen einer einfältigen, nutzlosen alten Närrin so Sonderbares? Ha, hu, die paar Tropfen heißen Wassers! Sie werden Ihrem feinen Teppich hier schon nichts schaden, wenn sie darauf fallen. Sie sind ein guter Mensch, ein lieber Mensch. Still! ich erkenne den bösen Blick auf der Stelle. Nichts mehr davon! Lassen Sie sich etwas in’s Ohr sagen – ich habe bei Carmina schon ein Wort für Sie eingelegt. Lassen Sie ihr Zeit; sie ist nicht kalt – jung und unschuldig, das ist Alles. Die Liebe wird schon kommen – ich weiß, was ich weiß – sie wird schon kommen.«

Sie lachte, aber noch beim Lachen ging wieder eine Veränderung mit ihr vor. Wilde Angst blickte aus den Augen, mit denen sie Ovid anstarrte; es war ihr plötzlich etwas Entsetzliches eingefallen und sie sprang auf die Füße.

»Aber was sagte man mir denn?« schrie sie. »Was sagten Sie selbst, als Sie gestern von uns gingen? Es kann nicht sein! o, es darf nicht sein! Sie werden Carmina doch nicht auch verlassen?«

Ovid’s erster Impuls war, ihr die ganze Wahrheit zu sagen, aber er widerstand demselben. Zu gestehen, daß Carmina die einzige Ursache sei, weshalb er die Seereise aufgegeben, während sie sich des Eindrucks, den sie auf ihn gemacht, nicht einmal bewußt war, hieße sich in eine Stellung bringen, der seine Selbstachtung widerstrebte. »Ich habe meine Pläne geändert«, war Alles, was er zu Teresa sagte. »Beruhigen Sie sich, ich gehe nicht fort.«

Die seltsame Alte schnippte vergnügt mit den Fingern.

»Adieu; mehr brauche ich von Ihnen nicht.« Mit diesem kühlen, biederen Lebewohl ging sie auf die Thür zu, hielt aber plötzlich inne, um nachzudenken – und kam wieder zurück. Es war erst ein Augenblick vergangen, aber sie war wieder so feierlich ernst wie nur je.

»Darf ich Sie bei Ihrem Vornamen nennen?« fragte sie.

»Gewiß!«

»Hören Sie. Ich möchte Sie vor meiner Abreise nicht wiedersehen – mein letztes Wort; vergessen Sie es nicht. Selbst Carmina kann Feinde haben.«

»Feinde – im Hause meiner Mutter!« rief Ovid. »Was können Sie damit meinen?«

Teresa ging wieder zu der Thür und antwortete, als sie dieselbe bereits geöffnet hatte: »Warten Sie es ab; Sie werden schon sehen.«




Capitel X


Mrs. Gallilee war gerade auf dem Wege zum Frühstückszimmer, als ihr Sohn ihr bei seiner Ankunft im Hause in der Halle begegnete.

»Bist Du mit dem Einpacken fertig?« fragte sie.

»Noch nicht«, antwortete er kurz, da er nicht in der Laune war zu warten und sein Geständniß in diesem Augenblicke zu machen.

Mrs. Gallilee ging ihm in das Zimmer voran und kündigte hier an. »Ovid’s Sachen sind noch nicht gepackt; ich glaube, er wird den Zug verpassen.«

Als Ovid in das Zimmer trat, wo die ganze Familie, die Gouvernante und die Kinder mit eingeschlossen, anwesend war, heiterte sich das abgespannte Gesicht Carmina’s, das von einer durchwachten Nacht zeugte, wieder auf, geradeso wie gestern, als sie ihn von ihrem Fenster aus erblickt hatte. Freimüthig nahm sie seine Hand und ging leicht über ihr abgespanntes Aussehen hinweg. »Nein, Cousin«, sagte sie scherzend; »ich denke, mich heute Abend meines reizenden Bettes würdiger zu machen; ich will noch nicht Ihr Patient werden.«

Obgleich der Hausherr, Mr. Gallilee, in diesem Augenblicke gerade den Mund voll hatte, konnte derselbe sich nicht enthalten, mit gutem Rathe zur Hand zu gehen. »Iß und trink’ wie ich, mein Kind«, sagte er zu Carmina, »dann wirst Du ebenso gut schlafen. Sowie die Lichter ausgelöscht sind, bin ich weg – frage meine Frau nur – und wenn ich erst einmal flach auf dem Rücken liege, dann versucht, mich vor Aufstehenszeit zu wecken. Nimm Dir einige Eier, Ovid. Sie sind gut, nicht wahr, Zo?«

Zo blickte von ihrem Teller auf und stimmte ihrem Vater durch das eine emphatische Wort bei: »Famos!« Sofort aber waltete Miß Minerva ihres Amtes. »Zoe! wie oft soll ich Dir sagen, daß Du Dich nicht so gewöhnlich ausdrücken sollst? Hast Du das Wort »famos!« je von Deiner Schwester gehört?« Dieses hochgebildete, in bewußter Tugend starke Kind, Maria, unterstützte den Protest mit ihrer Autorität: »Keine junge Dame, die sich selbst achtet, Zoe, wird sich je gewöhnlich ausdrücken.«

Mr. Gallilee war wirklich einer solchen Tochter ganz unwürdig, wie hätte er sonst, »dummes Zeug!« vor sich hin brummen können. Als Zo ihm indeß ihren Teller nach mehr hinhielt, rief er vergnügt:

»Das ist ganz mein Kind! Wir beide sind gute Esser; Zo wird ein hübsches Mädchen werden. Das ist Deine Meinung als Arzt auch, nicht wahr, Ovid?« wandte er sich an seinen Stiefsohn.

Ueber Carmina’s Gesicht zog wie ein zitternder Sonnenstrahl ein reizendes Lächeln: bei ihrer kurzen Erfahrung in England war ihr Mr. Gallilee das eine erheiternde Element im Familienleben. Mrs. Gallilee aber dachte noch an das Gepäck ihres Sohnes und an die rigorose Pünktlichkeit der Eisenbahn.

»Was macht denn Dein Diener?« fragte sie Ovid. »Er hat doch dafür zu sorgen, daß Alles rechtzeitig fertig ist.«

Da es nutzlos war, sie noch länger unter dem obwaltenden falschen Eindrücke zu lassen, so antwortete Ovid: »Meinen Diener trifft kein Vorwurf. Ich habe mich bei meinem Freunde entschuldigt – da ich nicht fortgehe.«

Für den Augenblick empfing ein zagendes Schweigen diese erstaunliche Mittheilung; nur das jüngste Mitglied der Gesellschaft, Zo, in deren sonderbarem Herzchen nach ihrem Vater nur noch Ovid einen Platz inne hatte, gab ihren Gefühlen ohne Zögern und Rückhalt Ausdruck, indem sie den Löffel hinlegte und ein »Hurrah!« ertönen ließ. Diesmal war aber selbst Miß Minerva zu sehr von der eben gehörten Offenbarung überwältigt, um für den vulgären Ausruf die nöthige Rüge zu ertheilen. Wie festgenagelt hafteten die harten schwarzen Augen auf dem Doctor. Was Mr. Gallilee anbetraf so hielt derselbe das Butterbrod, das er gerade hatte zum Munde führen wollen, vor sich in der Luft und starrte seinen Stiefsohn mit offenem Munde völlig konsterniert an.

Die erste, welche eine Erklärung forderte, war Mrs. Gallilee, die ja immer das richtige Beispiel gab. »Was hat diese außerordentliche Handlungsweise zu bedeuten?« fragte sie.

Ovid aber war für den Ton, in welchem diese Frage gestellt war, unzugänglich; er hatte bei der vorhin abgegebenen Erklärung seine Cousine angesehen, und wandte auch jetzt den Blick nicht von ihr ab. Was Carmina auch immer momentan fühlen mochte, ihr sensitives Gesicht drückte es lebhaft aus. War das schwache Durchbrechen von Farbe auf ihren Wangen, war das schnelle Aufleuchten in ihren Augen, als sie Ovid’s Blicke begegneten mißzuverstehen? Ohne noch eine Ahnung von dem Gefühle zu haben, das sie in ihm erweckt hatte, nahm sie das ihr von Ovid entgegengebrachte Interesse mit dem Stolze auf, der ein junges Mädchen unschuldig kühn macht. Mochten die Anderen über seine gebrochene Verabredung denken, was sie wollten, ihre Augen sagten offen, daß sie nur glücklich überrascht sei.

Auch Mrs. Gallilee hatte Carmina angesehen und sich das Resultat ihrer Beobachtung privatim gemerkt. Nicht gerade mit freundlicher Stimme forderte sie jetzt die Aufmerksamkeit ihres Sohnes, indem sie fragte: »Sollen wir nicht Deine Gründe hören?«

Ovid aber hatte die eine Entdeckung gemacht, an der jetzt sein ganzes Herz hing, und war so glücklich, daß er mit einer Selbstbeherrschung die seiner Mutter würdig gewesen unsre, das Geheimniß vor ihr verborgen hielt.

»Ich glaube nicht, daß gerade eine Seereise mir zuträglich sein würde«, antwortete er.

»Da hast Du Deine Ansicht ziemlich plötzlich geändert«, bemerkte Mrs. Gallilee, und Ovid gab kühl zu, daß das allerdings ziemlich plötzlich geschehen sei.

Wenn Miß Minerva die bescheiden zuhörte, einen Ausbruch erwartet hatte, so wurde sie enttäuscht, denn Mrs. Gallilee zeigte nach einer kleinen Pause der kurzen Antwort ihres Sohnes gegenüber eine Nachgiebigkeit, die ihre besondere Bedeutung haben mußte. Sie bot ihm noch eine Tasse Thee an und – was noch auffallender war – änderte das Thema, indem sie sich an ihre älteste Tochter wandte und mit mildem mütterlichen Interesse nach deren heutigen Stunden fragte.

Die Gouvernante, welche nach einem fragenden Blicke auf Ovid auf ihren Teller sah, dachte bei sich: »Ob er wohl klug genug ist zu erkennen, daß seine Mutter Unheil brütet?«

Ein Glücklicher ist indessen selten im Stande, subtile Schlüsse zu ziehen, und außerdem war Ovid ein viel zu guter Sohn, um seine Mutter zu beargwöhnen.

Mr. Gallilee, der sich mittlerweile erholt und sein Butterbrod aufgegessen hatte, bemerkte gegen seine Frau heiter: »Treib Ovid nur nicht an, meine Liebe«, worauf ihm diese aber einen Blick zuwarf, der ihn hätte vom Erdboden verschwinden lassen müssen, wenn Blicken überhaupt eine Zerstörungskraft innewohnte. So aber fuhr er, Zo noch einen Löffel voll Marmelade gebend, fort: »Als Ovid zuerst von dieser Reise sprach, warnte ich gleich vor der Seekrankheit. Ein schreckliches Gefühl das, Miß Minerva, nicht wahr? Erst scheint man in den Boden zu versinken und dann kommt auf einmal alles herauf. Sie werden nicht seekrank? Nun, dann gratuliere ich – gratuliere wirklich aufrichtig! Höre, Ovid, komm’ und diniere heute Abend mit mir im Club.« Bei diesem Vorschlage sah er seine Frau ungewiß an. »Hast Du wieder Dein Kopfweh? Ich werde Dich mit Vergnügen auf einem Spaziergange begleiten. Was ist mit ihr, Miß Minerva? Ah, ich sehe. Still! Maria will das Tischgebet sprechen. Amen! Amen!«

Alle erhoben sich und Mr. Gallilee war der Erste an der Thür. Da seine Frau das Rauchen im Hause nicht litt, so genoß er seine Morgencigarre gewöhnlich in den Anlagen draußen. Er sah sich nach Carmina und Ovid um, als ob er gern einen von ihnen zur Gesellschaft mitgenommen hätte; da er dieselben aber vor dem Vogelhause ganz in ihre Unterhaltung vertieft sah, so ergab er sich resigniert in sein Schicksal. »Nun«, seufzte er leicht, »die Cigarre leistet einem ja auch Gesellschaft.« Und da er immer jemanden haben mußte, der ihm zustimmte, so wandte er sich an Miß Minerva, die sich mit den beiden Mädchen zum Schulzimmer begeben wollte. »Sie würden das auch finden, Miß Minerva – das heißt, wenn Sie rauchten, was Sie natürlich nicht thun. Sei hübsch artig, Zo, und gieb hübsch Acht.«

»Ach, Papa, gieb uns heute frei«, flüsterte die Kleine – und sie sollte ihren Feiertag erhalten.

Mrs. Gallilee, liebenswürdig wie immer, hatte sich ihrem Sohne und ihrer Nichte vor dem Vogelhause angeschlossen und Ovid sagte zu ihr: »Carmina hat Vögel sehr gern. Ich habe ihr gesagt, daß sie im zoologischen Garten alle Vogelarten beieinander sehen kann. Es ist ein prachtvoller Tag und wir könnten hingehen.«

Die einfältigste Frau würde verstanden haben, was dieser Vorschlag wirklich bedeutete, und doch sanktionierte Mrs. Gallilee denselben so gelassen, als ob Ovid und Carmina Bruder und Schwester gewesen wären. »Ich wünschte, daß ich Euch begleiten könnte«, sagte sie, »aber ich habe den ganzen Morgen mit dem Haushalte zu thun, und heute Nachmittag findet eine Vorlesung statt, die ich unmöglich versäumen kann. Ich weiß nicht, Carmina, ob Du Dich für diese Sache interessierst. Es soll uns der Apparat vorgeführt werden, welcher die Verwandlung der leuchtenden Kraft in tönende Vibrationen zur Anschauung bringt.«

Carmina sah sie an, wie Zo sie vielleicht angesehen haben würde; die Gelehrtheit ihrer Tante schien ihr Angst einzuflößen »Ich möchte Teresa vor ihrer Abreise noch ein kleines Vergnügen machen«, sagte sie schüchtern; »darf sie uns begleiten?«

»Natürlich!« rief Mrs. Gallilee »Und da fällt mir ein – weshalb sollten die Kinder nicht auch ein kleines Vergnügen haben? Ich will denselben einen Feiertag geben. Beruhige Dich, Ovid; Miß Minerva wird auf sie achten. Sage also Deiner guten alten Freundin, daß sie sich bereit machen soll, Carmina.«

Carmina eilte hinweg und verhalf ihrer Tante so zu der von derselben beabsichtigten Privatunterredung mit ihrem Sohne.

Ovid erwartete, daß seine Mutter die Beweggründe herauszubringen suchen würde, die ihn zum Aufgeben der Seereise bewogen hätten, Mrs. Gallilee aber war eine viel zu kluge Frau, um auf solche Weise die Zeit zu verschwenden, und ihre ersten Worte bewiesen ihm, daß sie sein Motiv ebenso klar sah wie die durch das Fenster fallenden Sonnenstrahlen.

»Ein reizendes Mädchen«, sagte sie, als Carmina die Thür hinter sich geschlossen hatte. »Bescheiden und natürlich – ganz das Mädchen danach, Ovid, einen klugen Mann wie Dich anzuziehen.«

Ovid war vollständig überrascht und bekundete das durch sein Schweigen, während Mrs. Gallilee im Tone unschuldiger mütterlicher Neckerei fortfuhr:

»Du hast jung angefangen, weißt Du; Deine erste Liebe war das arme welke »kleine Ding Lady Northlake’s, das dann gestorben ist. Kindische Spielerei wirst Du sagen, weiter nichts. Aber, lieber Ovid, ich fürchte, es wird einiger Ueberlegung bedürfen, ehe ich mit dieser neuen – wie soll ich es nennen? – Thorheit ist ein zu hartes Wort – ganz sympathisiere. Ueber Heirathen zwischen Cousins und Cousinen läßt sich streiten, um das Mindeste zu sagen; und Mischehen zwischen protestantischen Vätern und katholischen Müttern bringen in der Regel Schwierigkeiten wegen der Kinder mit sich. Damit ist nicht gesagt, daß ich nein sage – durchaus nicht. Wenn das aber so weiter geht, nehme ich wirklich Anstand.«

Etwas im Tone seiner Mutter verletzte Ovid’s Empfindlichkeit und er erwiderte deshalb ziemlich scharf: »Ich folge Dir durchaus nicht; Du siehst etwas allzu weit in die Zukunft.«

»Dann laß uns zur Gegenwart zurückkehren« antwortete Mrs. Gallilee mit größter Nachgiebigkeit gegen die Laune ihres Sohnes.

Bei früheren Gelegenheiten hatte sie ihre Meinung dahin ausgesprochen, daß Ovid bei seiner Jugend und seinen Aussichten klug thun würde, noch einige Jahre zu warten, ehe er an’s Heirathen dächte, und nachdem sie nun, ohne irgendwie vermuthen zu lassen, daß sie sich bei Modifizierung ihrer Ansicht durch die Geldfrage beeinflussen lasse, soviel gesagt hatte, um ihn wegen ihrer Nichte zu beruhigen, war ihr nächster Zweck, ihn zu bewegen, seiner Gesundheit halber England sofort zu verlassen. War Ovid fort und Carmina allein unter ihrer Aufsicht, so konnte sie ungestört ihre Pläne verfolgen.

»Du solltest wirklich«, fuhr sie fort, »ernstlich an eine Veränderung der Luft und der Szene denken. Einem Patienten in Deinem gegenwärtigen Gesundheitszustand würdest Du nicht gestatten, die Sache mit sich so leicht zu nehmen, wie Du es jetzt mit Dir thust. Wenn Du von der See nichts hältst, so versuche es mit dem Continente; aber geh’ fort Deines eigenen Besten wegen.«

Es war hierauf nur eine Antwort möglich; Ovid gab zu, daß seine Mutter Recht hatte, bat aber um Zeit zum Nachdenken. Zu seinem Troste wurde er durch ein Klopfen an der Thür unterbrochen, durch welche gleich darauf Miß Minerva – nach ihrem Aussehen zu urtheilen, gerade nicht in liebenswürdiger Stimmung – in’s Zimmer trat.

»Ich fürchte, daß ich Sie störe«, begann sie, Mrs. Gallilee ansehend.

Ovid benutzte die Gelegenheit, sich zurückzuziehen, indem er vorgab, daß er noch einige Briefe zu schreiben habe, und darauf nach der Bibliothek ging.

»Waltet ein Irrthum ob? « fragte die Gouvernante, als sie mit Mrs. Gallilee allein war.

»In welcher Hinsicht, Miß Minerva?«

»Ihr Fräulein Nichte begegnete mir auf der Treppe und sagte mir, daß Sie, Madame, wünschten, daß die Kinder heute Feiertag haben sollten.«

»Jawohl, um mit meinem Sohne und Miß Carmina nach dem zoologischen Garten zu gehen.«

»Miß Carmina sagte, ich sollte auch mitgehen.«

da hatte Miß Carmina vollständig Recht.«

Die Gouvernante heftete ihre forschenden Augen aus Mrs. Gallilee. »Sie wünschen, daß ich mitgehe?«

»Ja.«

»Ich weiß warum.«

Mrs. Gallilee und Miß Minerva hatten sich einmal heftig gezankt, wobei erstere den Kürzeren gezogen hatte. Sie hatte sich die Lehre gemerkt und wußte für die Zukunft, wie sie ihre Gouvernante zu behandeln hatte. Sie fragte jetzt einfach: »So?«

»Reden wir offen, Madame«, fuhr Miß Minerva fort. »Ich soll Mr. Ovid«, – sie legte einen bitteren Nachdruck auf den Namen und erröthete unzufrieden – »und Miß Carmina nicht allein lassen.«

»Sie sind ein guter Rather«, äußerte Mrs. Gallilee ruhig.

»Nein«, entgegnete Miß Minerva noch ruhiger; »ich habe nur gesehen, was Sie auch gesehen haben.«

»Habe ich Ihnen gesagt, was ich gesehen habe?«

»Das ist ganz unnöthig, Madame. Ihr Herr Sohn hat sich in seine Cousine verliebt. Wann soll ich bereit sein?«

Die sanfte Hausherrin bezeichnete mild die Stunde und die heftige Gouvernante verließ das Zimmer.

Erstere sah mit eigenthümlichem Lächeln nach der geschlossenen Thür; sie hatte schon früher vermuthet, daß Minerva unglücklich liebte, jetzt hatte sie Gewißheit darüber.

»Sie ist durch eine hoffnungslose Leidenschaft verbittert«, sagte sie zu sich. »Und der Gegenstand derselben ist – mein Sohn.«




Capitel XI


Bei der Ankunft im zoologischen Garten führte Ovid seine Cousine sofort zu den Vogelhäusern. Miß Minerva, pflichtschuldigst von Maria begleitet, folgte ihnen; Teresa hielt sich etwas zurück und Zo schloß sich bald diesem, bald jenem der Gesellschaft an.

Vor den Vogelhäusern löste sich diese Ordnung auf, da die verschiedenen Vögel dem Geschmacke der Einzelnen verschieden zusagten. Die unersättlich nach nützlichen Kenntnissen strebende Musterschülerin Maria hielt ihre Gouvernante vor dem einen Käfige fest, während Zo auf einen anderen, außerhalb des Bereiches der Disciplin, zuschoß und die gute Teresa es freiwillig unternahm, sie zurückzuholen. So war Ovid auf eine Minute mit Carmina allein. Er hätte diese, wenn auch noch so kleine Gelegenheit benutzen können, aber Carmina hatte ihm etwas zu sagen und sprach zuerst.

»Ist Miß Minerva schon lange Gouvernante bei Ihrer Mutter?« fragte sie.

»Schon einige Jahre«, entgegnete Ovid. »Gestatten Sie mir auch eine Frage? Warum fragen Sie danach?«

Carmina zögerte einen Augenblick und antwortete dann im Flüstertone: »Sie sieht übellaunig aus.«

»Das ist sie auch«, gab Ovid zu. »Ich vermuthe«, setzte er mit einem Lächeln hinzu, »Sie mögen dieselbe nicht leiden.«

Carmina versuchte nicht, es zu leugnen; ihre Entschuldigung sah ganz und gar dem schönen Geschlechte ähnlich: »Sie mag mich nicht leiden.«

»Woher wissen Sie das?«

»Ich habe es ihr angesehen. Schlägt sie die Kinder?«

»Beste Carmina! glauben Sie, daß sie bei meiner Mutter Gouvernante sein würde, wenn sie die Kinder in solcher Weise behandeln? Nebenbei gesagt, ist Miß Minerva eine viel zu gut erzogene Dame, um sich durch Gewaltacte zu erniedrigen. Unglück in der Familie hat sie zu einer bedeutend niedrigeren Stellung in der Welt gezwungen.«

Er erinnerte sich dabei der Zeit, als Miß Minerva ihre jetzige Stellung angetreten hatte und der Gegenstand einer gewissen Neugier von seiner Seite gewesen war. Die Antwort, welche ihm Mrs. Gallilee gegeben hatte, als er sie einmal gefragt, weshalb sie eine so reizbare Person im Hause behalte, war gewesen: »Miß Minerva ist außerordentlich unterrichtet und ich habe sie billig bekommen.« Das sah seiner Mutter ganz ähnlich, ließ aber Miß Minerva’s Motive ganz im Dunkeln. Warum hatte sich diese hochgebildete Frau Jahre lang mit einem ihren Diensten durchaus nicht entsprechenden Lohne begnügt? Warum – um den Vorgang an diesem Morgen als anderes Beispiel zu nehmen – hatte sie, nachdem sie der Hausherrin offen ihr Mißvergnügen gezeigt, sich doch so bereitwillig und nachgiebig in die plötzliche Anordnung des Feiertages gefügt, der doch den ganzen Unterrichtsgang der Woche störte? Ovid ahnte nicht, daß der eine versöhnende Einfluß, der diese Widersprüche ausglich und jeden daraus entstehenden Zweifel beseitigte, in ihm selbst zu finden war. Für das eine unschätzbare Privilegium, in Ovid’s Gesellschaft zu sein, konnte Miß Minerva selbst das Opfer bringen, ihn im Interesse seiner Mutter zu beobachten und Zeuge der Huldigung zu sein, die er einer Anderen darbrachte.

Ehe Carmina noch weitere Fragen stellen konnte, rief sie die schrille, in den höchsten Tönen der Aufregung erklingende Stimme der kleinen Zo, die eben den interessantesten Vogel im ganzen Garten, den herabgekommenen Comödianten der Vogelwelt, die sogenannte Pfeifkrähe, entdeckt hatte, zu dem Käfige desselben; und als ob sie selbst noch ein Kind gewesen wäre, eilte sie dahin. Als die Gouvernante Ovid allein sah, ergriff sie die günstige Gelegenheit, um mit ihm zu sprechen, und die ersten Worte, welche jetzt über ihre Lippen kamen, erzählten ihre eigene Geschichte. Während Carmina die Gouvernante studiert hatte, hatte diese wiederum das junge Mädchen studiert, und das gleiche instinktive Bewußtsein der Nebenbuhlerschaft hatte bereits diese sich so ganz und vollständig unähnlichen beiden Frauen auf dem Boden eines gemeinsamen Gefühls zusammengebracht.

»Weiß Ihr Fräulein Cousine viel über Vögel?« begann Miß Minerva.

Wäre Ovid nicht im Punkte der Eitelkeit eine der Ausnahmen von der allgemeinen Regel gewesen, oder selbst, wäre seine Erfahrung von der Natur der Frauen etwas weniger dürftig gewesen, so hätte auch er Miß Minervas Geheimniß entdecken können. Denn in dem Augenblicke, als sie Carmina’s Platz einnahm, verließ sie alle Selbstbeherrschung; die steinernen schwarzen Augen, so hart und kalt, wenn sie jemand anders ansahen, flammten einen Moment in dem Alles verschlingenden Bewußtsein des Besitzes auf, als sie jetzt auf Ovid ruhten. »Er ist mein, mein für einen köstlichen Augenblick!« sprachen sie – und dann fiel der gewöhnliche Vorhang plötzlich wieder herab, und es blieb nur die Frau von Erziehung, die mit zart bekundeter Achtung mit einem distinguierten Manne sprach.

»Bis soweit haben wir noch nicht von den Vögeln gesprochen«, war Ovid’s unschuldige Antwort.

»Und doch schienen Sie sich beide dieselben anzusehen!« Dieser unbedachte Ausbruch von Eifersucht wurde aber sofort unter die undurchdringliche Oberfläche eines Complimentes zurückgedrängt: »Miß Carmina ist vielleicht, streng genommen, nicht hübsch, aber ein eigen interessantes Mädchen.«

Ovid stimmte der Gouvernante die ihm ihr besseres Ich in einem sehr angenehmen Lichte gezeigt hatte, herzlich – zu herzlich – bei, so daß ihr trotz des verzweifelten Ringens mit sich selbst, den Anschein zu bewahren, der Dämon wieder die Herrschaft über ihre Zunge entriß. »Finden Sie die junge Dame geistreich?« fragte sie.

»Gewiß!«

Es war nur ein Wort – vielleicht ein wenig zu scharf gesprochen, denn die Gouvernante zuckte unter ihm zusammen. »Es war nur eine müßige Frage meinerseits«, sagte sie mit jener pathetischen Unterwürfigkeit, die heiter und unbefangen erscheinen will; »und das ist wieder eine Warnung, Mr.Vere, nie nach dem Aeußeren zu urtheilen.« Damit sah sie ihn an und wandte sich wieder den Kindern zu.

»Arme Unglückliche!« dachte Ovid, ihr mitleidig mit den Augen folgend. »Welche Mühe sie sich giebt, ihr häßliches Temperament zu beherrschen!« Dann ging er wieder zu Carmina, von neuem Entzücken erfüllt, wieder in ihrer Nähe zu sein.

Zo war über die Pfeifkrähe noch ganz in Extase. »O, wie lustig sie ist! Sieh’ nur, wie sie den Kopf wirft! Sie macht es mir nach, wenn ich ihr etwas vorpfeife! Kaufe sie!« rief sie, Ovid in der Aufregung an den Rockschößen ziehend; »kaufe sie, und laß mich sie mit nach Hause nehmen!«

Einige Besucher, die sie hörten, fingen an zu lachen und Miß Minerva und Maria öffneten schon die Lippen, um ihr einen Verweis zu geben, als mit Zo plötzlich eine bei ihr ganz unbekannte Veränderung vorging: sie wurde auf einmal still und artig, so daß jeder Verweis überflüssig wurde – und dies Wunder hatte Ovid bewirkt, ohne es selbst zu wissen. Zum ersten Male im Leben hatte er sich an den Rockschößen ziehen lassen, ohne sofort auf sie zu achten. Nach wem sah er? Es war nur zu leicht zu sehen, daß Carmina ihn ganz für sich in Anspruch genommen hatte. Der Kleinen schwoll das eifersüchtige kleine Herz im Busen an; in perplexem Schweigen starrte sie den Freund an, der sie bis jetzt noch nie enttäuscht hatte, und allmählich begann sie sich mit ihrer langsamen Fassungskraft die Entdeckung eines Etwas in seinem Gesichte zu verwirklichen, das ihn schöner als je erscheinen ließ und das sie noch nie darin gesehen hatte. Als sie sich von den Vogelhäusern ab den Gehegen zuwandten, welche die größeren Vögel enthielten, folgte Zo ihnen so ruhig, daß ihre ältere Schwester (die Gefahr lief, eine Rivalin in der guten Aufführung zu bekommen) sie voll unverhüllter Unruhe ansah.

Von Maria (welche die Nothwendigkeit einer Behauptung ihres Charakters fühlte) angeregt, begann Miß Minerva eine Vorlesung über Kraniche, welchen Stoff ihr die in Erwartung eines Leckerbissens an sie heran hüpfenden Vögel mit den zerbrechlich aussehenden Beinen eingaben. Ovid war ganz von der Aufmerksamkeit gegen seine Cousine in Anspruch genommen, der er beim Füttern der Vögel beistand, da er sich mit etwas Brod versehen hatte; Eine Person aber beobachtete Zo noch jetzt, nachdem deren sonderbares Verfallen in gutes Benehmen den Reiz der Neuheit verloren hatte – das war die alte Teresa. Das Kind wurde ganz offenbar im Geheimen durch etwas beunruhigt, und sie glaubte zu wissen, was das war.

Die Kleine näherte sich Ovid wieder, entschlossen, der Veränderung in ihm auf den Grund zu kommen, wenn dies durch Beharrlichkeit erreicht werden konnte. Er sprach so vertraulich mit Carmina, daß er ihr beinahe in’s Ohr flüsterte, und Zo beobachtete ihn, ohne es zu wagen, seine Schöße wieder anzufassen. Miß Minerva bot Alles auf, um in ihrem Vortrage über Kraniche gelassen fortzufahren. »In Flügen ziehen diese Vögel periodisch über die südlichen und mittleren Länder Europa’s« – Sie sah Ovid an, und der Athem verjagte ihr: sie konnte nicht weiter sprechen. Da unterbrach Zo diese wahnsinnig machenden Vertraulichkeiten, indem sie in verzweifeltem Verlangen nach Aufschluß diesmal Carmina kühn an den Taillenschößen zupfte.

»Was hast Du, liebe Zo?« fragte. diese, sich sofort umwendend.

»Höre!« flüsterte die Kleine, mit großen Thränen der Entrüstung in den Augen auf Ovid zeigend, »will er Dir die Pfeifkrähe kaufen?«

Zu Zo’s Verwirrung fingen beide an zu lachen. Sie trocknete sich die Augen mit den geballten Händen und wartete mürrisch auf Antwort. Dann beruhigte Carmina der Kleinen Gemüth in liebevollster und liebenswürdigster Weise und Ovid unterstützte sie dabei, indem er das Schwesterchen auf die Wange klopfte. Nachdem sie so endlich beachtet wurde und zu ihrer Befriedigung vernahm, daß der Vogel für Niemanden gekauft werden sollte, war Zo’s Empfindlichkeit besänftigt und damit schwand dann auch gleich darauf ihre Eifersucht, und nach einem geistige Anstrengung andeutenden, viel verkündenden Zusammenziehen der Augenbrauen zog sie plötzlich Carmina in ihr Vertrauen.

»Sage Ovid nichts davon«, begann sie. »Ich habe Jemanden gesehen, der gerade so aussah wie er.«

»Wann, liebe Zo?«

»Alls sein Gesicht dicht an dem Deinigen war«, antwortete die Kleine, die Frage auf die gegenwärtigen Umstände beziehend.

Ovid, der diese Antwort hörte und sein Halbschwesterchen zur Genüge kannte, um Verlegenheiten vorauszusehen, wenn er die Conversation nicht unterbräche, nahm Carmina’s Arm und führte sie weiter.

Die Gouvernante folgte ihnen hartnäckig und mit ihr Maria, die über die Wanderung der Kraniche erst unvollständig aufgeklärt war. Teresa hatte zugehört und trat jetzt zu der Kleinen, die sich nach einem anderen Zuhörer umsah. Die Alte war selbst, was die thörichte Menge eine »komische« Person nennt, und wurde von diesem drolligen Kinde angezogen. «Ihrer Ansicht nach war es ein viel höheres Vergnügen, Zo’s Gemüth zu erforschen, als sich die Thiere anzusehen. Sie nahm jetzt aus der Reisetasche, die sie immer bei sich hatte, eine Tafel Chokolade und bot dieselbe der Kleinen an. Diese sah sie groß an und that dann einen Probebiß in das verführerische, von Vanille duftende Gebäck, das ihr durch keinen Rath, nicht gierig zu sein und sich nicht krank zu machen, verbittert wurde. Und diesen günstigen Moment benutzte die schlaue Duenua.

»Wer war der Jemand, den Du gesehen hast und der geradeso wie Mr. Ovid aussah?« fragte sie in dem Tone der Gleichberechtigung, der Kindern im Verkehr mit älteren Leuten immer schmeichelt. Und Zo war so stolz darauf, ihr Gespräch durch eine erwachsene Fremde weiter bringen zu lassen, daß sie sogar die Chokolade vergaß. »Ich wollte noch mehr sagen«, erklärte sie. »Möchtest Du es gern hören?«

»Sehr gern.«

Zo zögerte, denn es war für den unreifen Geist, den Miß Minerva so unbarmherzig überladen hatte, keine leichte Aufgabe, ihrem Gedankengange durch Worte Ausdruck zu geben. Doch geleitet von der gütigen Mutter Natur (der besten aller Gouvernanten!) fand Zo mittels Fragen den Weg aus diesem Labyrinthe.

»Kennst Du Joseph?« begann sie.

Teresa hatte den Bedienten so nennen hören und bejahte.

»Kennst Du auch Mathilde?«

Die Alte hatte das Hausmädchen so nennen hören und bejahte wieder, ja sie half jetzt ihrer kleinen Freundin durch eine Vermuthung.

»Du hast Mr. Ovid ’s Gesicht dicht an dem Carmina’s gesehen.«

Zo nickte aufgeregt.

»Und früher hast Du Joseph’s Gesicht dicht an dem Mathilden’s gesehen.«

»Ich habe gesehen, daß Joseph sie geküßt hat!« platzte Zo mit einem Ausruf des Triumphes heraus. »Warum küßt denn Ovid Carmina nicht auch?«

»Weil die Gouvernante im Wege ist«, ertönte plötzlich eine tiefe Baßstimme zwischen ihnen und ein dickes Bambusrohr deutete über ihre Köpfe auf Miß Minerva. Zo erkannte den Stock sofort und ergriff ihn, und Teresa, die sich umwandte, sah sich einem merkwürdigen Manne gegenüber.




Capitel XII


Der Fremde hätte sich als Riese sehen lassen können, denn er maß gut sechs Fuß sechs Zoll und würde das seltene Beispiel des Zusammengehens von außergewöhnlicher Größe und schöner Proportion gewesen sein, wenn die ungeheuren Knochen die gehörige Fleischhülle gehabt hätten. Er war aber so jämmerlich – ja, man möchte fast sagen, so scheußlich – mager, daß ihn seine Feinde das wandernde Skelett nannten. Unter der massiven Stirn saßen ein Paar große düstere graue Augen und die fleisch- und bartlose untere Partie seines Gesichtes wurde von hervorstehenden Backenknochen beschattet. Seine Gesichtsfarbe, ein wahres Zigeuner braun trug das Ihrige zu dem stutzig machenden Eindruck seiner Erscheinung auf Fremde bei und erhöhte, da sie dunkler im Ton war als seine Augen, die Wirkung des seltsamen, traurig gedankenvollem forschenden Blickes, den er auf Personen; mit denen er sprach, zu richten pflegte, einerlei ob sie der Aufmerksamkeit werth waren oder nicht. Sein gerade herabfallendes schwarzes Haar hing ihm unschön an beiden Seiten des hohlen Gesichtes wie das Haar eines amerikanischen Indianers. Seine großen dunklen Hände, die zur Sommerzeit nie durch Handschuhe bedeckt waren, zeigten bernsteinfarbene Nägel an den nach oben gebogenen stumpf verlaufenen Fingerspitzen, die sich, wenn sie Einen berührten, wie Atlas anfühlten und mit denen er die zerbrechlichsten Gegenstände exquisit zart handhaben konnte. Sein Anzug war von nachlässiger, bequemer Art. Der lange Rock ging ihm bis über die Kniee, die Beinkleider waren wahre Säcke; um den mageren runzligen Hals hing ein weit offenstehender Hemdkragen, der durch kein Halstuch beengt wurde. In Bezug auf die Kopfbedeckung hatte er den Grundsatz, daß dieselbe Solid genug sein müsse, um einem zufälligen Schlag, einem Fall vom Pferde oder der Wucht eines Ziegels Widerstand leisten zu können. Sein harter schwarzer Hut mit breitem gebogenen Rande hätte die Zierde eines Bischofs sein können, wenn er nicht durch eine sonderbare Aehnlichkeit mit der glockenförmigen Kopfbedeckung der Stutzer im Anfange unseres Jahrhunderts säcularisirt worden wäre. Kurz, er war seiner Person und Kleidung nach ein Mann, an dem kein Fremder vorüberzugehen pflegte, ohne sich noch einmal nach ihm umzusehen. Teresa die ihn mit widerstrebender Neugier musterte, zog sich einen Schritt zurück und belegte ihn im Geheimen in ihrer Mundart mit dem wenig schmeichelhaften Titel: »ein häßlicher Kerl!« In medicinischen und wissenschaftlichen Kreisen war er als Doctor Benjulia bekannt – ein Name, der schon durch den ausländischen Klang die Leute eigenthümlich berührte, und den diejenigen, die ihn das wandernde Skelett nannten, mit als Beweis seiner Zigeunerabstammung anführten.

Zo war mit seinem Bambusrohr davongerannt und er rief sie nun nach einem kurzen Blick düsterer Gleichgültigkeit auf die Duenna zu sich zurück.

Die Kleine gehorchte ihm, aber scheinbar nur widerwillig, und sah dabei ohne jede Schüchternheit zu seinem Gesichte auf, ein Beweis, daß sie mit ihm vertraulich bekannt und es gewöhnt war, sich Freiheiten, wie das Fortnehmen des Stockes, herauszunehmen. Und doch lag ein Ausdruck unruhiger Erwartung in ihren runden aufmerksamen Augen. »Willst Du ihn wieder haben?« fragte sie, ihm den Stock hinreichend.

»Gewiß will ich das. Was würde Deine Mutter zu mir sagen, wenn Du über meinen dicken Bambus stürztest und Dir auf diesem harten Kieswege den Schädel entzwei schlügest?«

»Hast Du Mama besucht?«

»Nein, ich habe Mama nicht besucht – aber ich weiß trotzdem, was sie zu mir sagen würde, wenn Du Dir die Hirnschale zerbrächest.«

»Sie würde sagen: Doetor Benjulia, Sie müßten eigentlich Herodes heißen.«

»Wer war das?«

»Herodes war ein jüdischer König, der die kleinen Mädchen umbrachte, wenn sie ihm seinen Spazierstock wegnahmen. Komm’ her, Kind; soll ich Dich kitzeln?«

»Daß Du das sagen würdest, wußte ich«, antwortete Zo.

Während sonst die Menschen, wenn sie sich ganz dem Vergnügen hingeben, mit Kindern zu tändeln, lächeln müssen, ob sie wollen oder nicht, gerade so wie sie Athem holen müssen, erheiterte sich des Doctors Gesicht nie, nicht einmal jetzt, als Zo darauf anspielte, daß es ihm ein Hauptvergnügen sei, Kinder zu kitzeln. Sie gehorchte ihm wieder mit dem seltsamen Ausdruck widerstrebender Unterwürfigkeit und er legte ihr zwei seiner weichen großen Fingerspitzen dicht unter dem Halse auf das Rückgrat und drückte die Stelle» Zo zuckte zusammen und wand sich unter seiner Berührung, und er beobachtete sie mit einem ernsten Interesse, als ob er ein ärztliches Experiment ausführte.

»Gerade so machst Du es, wenn Du unsern Hund mit den Beinen hinten ausschlagen läßt«, sagte so. »Wie fängst Du das an?«

»Ich berühre den plexus cervicalis«, antwortete Doctor Benjulia feierlich wie immer.

Dieser Versuch, das Kind zu Mystifizieren, mißlang aber vollständig, denn Zo betrachtete die unbekannte Zunge, in welcher er geantwortet hatte, als gleichwerthig mit einer Lection und fragte, zu dem kleinen Dachshunde daheim zurückkehrend: »Glaubst Du, daß dem Hunde das gefällt?«

»Ach, was kümmert uns der Hund. Gefällt es Dir?«

»Ich weiß nicht.«

Doctor Benjulia wandte sich Teresa zu und ließ seine düsteren grauen Augen auf ihr ruhen, wie etwa auf dem ersten besten leblosen Dinge, z. B. auf dem Gitter der Vogelhöfe oder auf den Rohren, die das Affenhaus warm hielten. »Ich fürchte, ich habe Sie durch das Albern mit der Kleinen aufgehalten, Madame« sagte er. »Bitte um Verzeihung.« Damit zog er seinen Hut und ging mürrisch weiter, ohne von Zo weiter Notiz zu nehmen.

Teresa, welche die großartige Höflichkeit des häßlichen Riesen erschreckte, während sie ihr gleichzeitig schmeichelte, machte ihren besten Knix. »Manieren wie ein Prinz und einen Teint wie ein Zigeuner«, sagte sie. »Ist er ein Edelmann?«

»Er ist ein Doctor«, antwortete Zo, als ob das etwas viel Besseres wäre.

»Magst Du ihn leiden?« fragte Teresa dann.

»Ich weiß nicht«, gab Zo wiederum zur Antwort.

Ovid und seine Cousine hatten das, was in einiger Entfernung von ihnen vorging, beobachtet und Benjulia’s Größe sowie seine augenscheinliche Vertraulichkeit mit dem Kinde hatten die Neugier der Letzteren erregt.

Da Ovid einem Gespräche über denselben abgeneigt schien, so machte sich Miß Minerva mit größter Zuvorkommenheit nützlich, nannte Carmina den Namen des Mannes und beschrieb ihn als einen von Mrs. Gallilee’s alten Freunden. »In den letzten Jahren«, so fuhr sie fort, »soll er seine ärztliche Praxis aufgegeben haben und sich mit chemischen Experimenten beschäftigen. Es scheint aber Niemand viel über ihn zu wissen. Er hat sich auf einem einsamen Felde in irgend einer verlorenen Vorstadt – Niemand weiß wo «– ein Haus gebaut; kurz, Doctor Benjulia ist eine geheimnißvolle Persönlichkeit.«

Als Carmina dies hörte, wandte sie sich wieder an Ovid.

»Wenn mir Räthsel aufgegeben werden«, sagte sie, »kann ich nicht eher ruhen, bis man sie für mich gerathen hat; und ebenso, wenn ich von Geheimnissen höre, habe ich gleichfalls nicht eher Ruhe, bis sie offenbart sind. Sie sind selbst Arzt; erzählen Sie mir mehr davon!«

Ovid wäre vielleicht der Bitte durch eine Entschuldigung aus dem Wege gegangen, wenn ihre Augen nicht so unwiderstehlich gewesen wären: ihr Blick machte ihn auf der Stelle nachgiebig.

»Doctor Benjulia ist was wir einen Spezialisten nennen«, sagte er. »Er behandelt nur gewisse Krankheiten, die des Gehirns und der Nerven. Ohne seine ärztliche Praxis ganz aufzugeben, beschränkt er sich auf ernste Fälle – wenn die anderen Aerzte in Verlegenheit sind, wissen Sie, und seine Hilfe begehren. Mit dieser Ausnahme hat er allerdings seine Berufsinteressen seiner Manie für chemische Experimente geopfert. Was das für Experimente sind, weiß Niemand außer ihm selbst. Den Schlüssel zu seinem Laboratorium trägt er Tag und Nacht bei sich und besorgt die Reinigung dort selbst.«

Mit athemlosem Interesse hörte Carmina zu: »Hat noch Niemand in die Fenster gesehen?« fragte sie.

»Es sind keine Fenster in den Wänden – nur ein großes Oberlichtfenster.«

»Kann man nicht auf das Dach kommen und durch das Fenster sehen?«

Ovid lachte. »Einer seiner Diener soll es einmal versucht haben.«

»Und was hat er gesehen?«

»Eure große weiße Gardine, die keinen Blick in das Innere des Zimmers gestattete. Der Doctor entdeckte aber den Mann und entließ ihn auf der Stelle. Natürlich laufen Gerüchte um, die das Geheimniß des Doctors und seines Laboratoriums erklären. Das eine besagt, daß er Versuche entstelle, um gewöhnliche Metalle in Gold zu verwandeln; ein anderes, daß er irgend eine explosive Verbindung erfände, die so furchtbar zerstörend wirken soll, daß sie jedem Kriege ein Ende machen würde. Ich kann Ihnen nur sagen, daß wenn ich ihn zufällig treffe, sein Geist noch ebenso vollständig mit Gehirn und Nerven beschäftigt zu sein scheint wie je. Was die aber mit in der Einsamkeit angestellten chemischen Experimenten zu thun haben können, das ist mir ein Räthsel, auf das ich bis soweit noch keine« Antwort gefunden habe.«

»Ist er verheirathet?« forschte Carmina.

»Sie meinen, wenn Doctor Benjulia eine Frau hätte«, erwiderte Ovid, den die Frage zu amüsieren schien, »so könnten wir hinter seine Geheimnisse kommen? Leider haben wir diese Aussicht nicht, denn er besorgt seinen Haushalt selbst.«

»Hat er denn auch keine Haushälterin?«

»Auch das nicht!«

Indem sah er den Doctor langsam auf sie zukommen. »Entschuldigen Sie mich für eine Minute«, sagte er; »ich will nur eben mit ihm sprechen und komme sogleich zurück.«

Ueberrascht wandte sich Carmina an Miß Minerva.

»Ovid scheint irgend welchen Grund zu haben, den großen Menschen von uns fern zu halten. Mag er ihn nicht leiden?«

Die Gouvernante hätte durch eine scharfe Antwort ihren Haß gegen Carmina befriedigen können, aber sie hatte – nach dem, was sie im Gewächshause gehört und was sie hier gesehen – ihre Gründe, Carmina’s Vertrauen und den Einfluß einer Freundin über sie zu gewinnen zu suchen, und benutzte sofort die Gelegenheit.

»Ich kann Ihnen mittheilen, was ich selbst beobachtet habe«, sagte sie vertraulich. »Man gestattet mir, zugegen zu sein, wenn Mrs. Gallilee Gesellschaften giebt – um die Größen der Wissenschaft zu sehen. Bei einer solchen Gelegenheit sprach man über Instinct und Vernunft und Ihr Cousin, Mr. Ovid Vere, meinte, es sei nicht leicht zu entscheiden, wo der Instinct aufhöre und die Vernunft begönne. Er habe in seiner Praxis Leute von schwachem Verstande gefunden, die durch den Instinct geleitet, zu gesünderen Schlüssen gekommen seien, als ihnen an Intelligenz weit Ueberlegene durch Vernunft. Das Gespräch nahm dann eine andere Wendung – und bald darauf gesellte sich Doctor Benjulia zu den Gästen. Ich weiß nicht, ob Sie bemerkt haben, daß Mr. Gallilee viel von seinem Stiefsohne hält?«

Carmina bejahte. »Ich mag Mr. Gallilee sehr gern leiden«, setzte sie warm hinzu; »er ist ein so netter, gutherzigen natürlicher alter Herr.«

Miß Minerva verbarg ihren Spott unter einem Lächeln und stimmte Carmina bei. »Der Doctor begrüßte den Hausherrn und die Hausherrin«, fuhr sie dann fort, »und schüttelte Mr. Ovid die Hand, dann versammelten sich die Männer der Wissenschaft alle um ihn und führten ein gelehrtes Gespräch. Mr. Gallilee kam, etwas unruhig aussehend zu seinem Stiefsohn und sagte flüsternd – Sie kennen seine Weise, nicht wahr? – Magst Du Doctor Benjulia leiden, Ovid? Ich hasse ihn; aber sprich nicht davon! Das war eine harte Sprache im Munde Mr. Gallilee’s, nicht wahr? Als Mr. Ovid zurückfragte, weshalb er ihn hasse, antwortete er wie ein Kind: »Weil ich es eben thue.« Dann kamen einige Damen herein und der alte Herr verließ uns, um mit denselben zu sprechen. Ich wagte, Mr. Ovid zu fragen, ob das Instinct oder Vernunft wäre, und er antwortete, die Frage ganz ernst nehmend: »Instinct, und es benuruhigt mich.« Ich überlasse es Ihnen, Miß Carmina, sich daraus Ihre Schlüsse zu ziehen.«

Beide sahen auf. Ovid und der Doctor entfernten sich langsam von ihnen und gingen gerade an Teresa und dem Kinde vorbei. In demselben Augenblick trat einer der Wärter an Doctor Benjulia heran, sprach einige Worte mit ihm und entfernte sich dann wieder, und gleich darauf kam Zo, die Alles gehört und theilweise verstanden hatte, auf Carniina zugeeilt, um ihr die Neuigkeiten, die sie erfahren, mitzutheilen.

»Hier im Garten ist ein kranker Affe, der einen Raum ganz für sich hat«, rief die Kleine. »Und sieh’ da!« Dabei zeigte sie aufgeregt auf Benjulia und Ovid, die wieder langsam auf die Vogelhäuser zukamen. »Da ist der große Doctor, der mich immer kitzelt! Er hat gesagt, er wollte den armen Affen sehen, sobald er noch einige Worte mit Ovid gesprochen habe. Und was meinst Du, hat er noch gesagt? Er werde vielleicht den Affen mit nach Hause nehmen.«

»Was dem armen Geschöpfe wohl fehlen mag?« fragte Carmina.

»Nach dem, was Mr. Ovid uns» erzählt hat, glaube ich, es zu wissen«, antwortete Miß Minerva. »Doctor Benjulia würde sich nicht für den Affen interessieren, wenn derselbe nicht eine Gehirnkrankheit hätte.«




Capitel XIII


Obgleich Ovid versprochen hatte, unverzüglich wieder zu Carmina zurückzukehren, so vergingen doch Minuten und Doctor Benjulia hielt ihn noch immer durch seine Unterhaltung fest.

Jetzt, wo der Doctor sich nicht mehr in seiner Weise damit amüsierte, die kleine Zo zu Mystifizieren, schienen sich die Linien seines mürrischen braunen Gesichtes zu verhärten. Gewissenhaft höflich wie er war, blieb er doch immer kalt dabei und wartete stets, bis man ihm die Hand schüttelte und bis er angeredet wurde. Doch heute hatte er etwas zu sagen, und änderte sofort das Thema, nachdem Ovid die Conversation begonnen hatte.

»Was führt Sie hierher nachdem zoologischen Garten, Benjulia?«

»Einer der Affen hat ein Gehirnleiden bekommen, und man glaubte, daß ich das Thier vielleicht gern sähe, ehe es getödtet würde. Haben Sie letzthin wieder an die Patientin gedacht, die uns verloren ging?«

Da Ovid sich in dem Augenblicke der Patientin nicht erinnerte und deshalb nicht sofort antwortete, fuhr der Doctor fort:

»Das soll doch nicht heißen, daß Sie den Fall vergessen haben? Wir gaben ihm den Namen Hysterie da wir nicht wußten, was es sonst wäre. Ich kann es dem Mädchen nicht vergeben, daß es uns durch die Finger geschlüpft ist; ich lasse mich nicht gern in dieser Weise von Freund Tod schlagen. Haben Sie sich schlüssig gemacht, wie Sie den nächsten derartigen Fall behandeln werden? Vielleicht glauben Sie, eine solche Patientin retten zu können, wenn Sie jetzt geholt würden?«

»Nein, ich bin wirklich noch ebenso im Dunkel —«

»Warten Sie ab«, fiel Benjulia ein; »aus dem Dunkel wird Helle werden – wenn man es ernst meint. Morgen schon kann Ihnen vielleicht die richtige Behandlung einfallen.«

»Sie könnte gerade so gut dem größten Esel einfallen, als mir«, antwortete Ovid ziemlich ungeduldig. »Ich bin ganz übernommen und zu keiner ordentlichen Berufsarbeit zu gebrauchen. Ich bin genöthigt, die Praxis aufzugeben und eine Zeit lang zu ruhen.«

Nicht einmal ein formeller Ausdruck der Theilnahme kam über Doetor Benjulia’s Lippen.

»Sie gehen natürlich fort«, sagte er. »Wohin? Nach dem Continente? Nur nicht nach Italien – wenn Sie wirklich Erholung finden und genesen wollen!«

»Was ist gegen Italien einzuwenden?«

»Der Doctor legte seinem jungen Collegen feierlich seine große Hand auf die Schulter. »Die medicinischen Schulen dort sind dabei, ihren vergangenen Ruhm wiederzugewinnen und die activen Mittelpunkte der physiologischen Forschung zu werden. Sie würden hineingezogen werden, denn man würde nichts unterlassen, aus der Berührung mit einem Manne wie Sie möglichst viel Capital zu schlagen. Was würde aus Ihrem überarbeiteten Kopfe werden, wenn ein ganzer Haufen Professoren denselben unbarmherzig durchwühlte? Waren Sie schon in Canada?«

»Nein. Waren Sie schon dort?«

»Ich bin überall gewesen. Canada ist in dieser Sommerzeit gerade das richtige Land für Sie. Belebende Luft; conservative Aerzte die es den Narren in Europa überlassen, die Geheimnisse der Natur zu ergründen. Da haben Sie Tausende von Meilen Landes, wenn Sie ein Freund vom Reiten sind, und ebenso viel Wasser, wenn Ihnen das Segeln Vergnügen macht. Packen Sie Ihre sieben Sachen und gehen Sie nach Canada.«

Was bedeutete dies Alles? Vesorgte er, daß sein College auf eine Entdeckung kommen könnte, nach der er selbst suchte? Und hing dieselbe mit seiner Specialität, Gehirn und Nerven, zusammen? Ovid machte den Versuch, ihn zu verstehen.

»Erzählen Sie mir etwas von sich«, sagte er. »Wollen Sie sich wieder Ihrer regelmäßigen Berufsarbeit zuwenden?«

Benjulia stieß sein Bambusrohr nachdrücklich in den Kiesweg. »Nie! Außer ich wüßte mehr als jetzt.«

Sollte das nicht heißen, daß er seinen chemischen Experimenten so eifrig wie nur je oblag? Wie konnte aber in diesem Falle Ovid (der nichts von chemischen Experimenten verstand) ihm ein Hindernis; sein? Entäuscht machte Ovid nochmals einen Versuch, ihn zu einer Erklärung zu bewegen.

»Wann soll die Welt von Ihren Entdeckungen in der Chemie hören?« fragte er.

Des Doctors massive Stirn zog sich ominös zusammen. »Zum Teufel mit der Welt!« war seine ganze Antwort.

Ovid aber wollte sich so nicht im Dunkeln halten lassen und fragte nochmals: »Sie setzen doch Ihre Experimente fort?«

Das Düstere in Benjulia’s ernsten Augen nahm zu, während dieselben starr in’s Leere blickten. Der große Kopf sank langsam auf die breite Brust und der ganze Mann schien sich in sich selbst verschlossen zu haben. »Ich gehe meinen eigenen Weg«, grollte er. »Möge niemand denselben kreuzen.«

Ovid würde den reizbaren Mann nur nutzlos herausgefordert haben, wenn er nach dieser Antwort noch weiter in ihn gedrungen wäre. Er sah sich deshalb nach Carmina um und bemerkte: »Ich muß zu meinen Begleitern zurück.«

Der Doctor erhob den Kopf, als ob er erwachte. »Bin ich grob gewesen?« fragte er. »Sprechen Sie mit mir nicht von meinen Experimenten, das ist eine wunde Stelle bei mir. Was sagten Sie eben? – Begleiter? Wer sind Ihre Begleiter?« Dabei rieb er sich heftig die Stirn mit der Hand, um sich den Kopf klar zu machen. »Ah, ich weiß. Ich sah dieselben eben. Wer ist die junge Dame?« Dies sagend, erweiterten sich seine dünnen Lippen zu einem trübseligen Lächeln – ein Lachen hatten auch seine intimsten Bekannten nie von ihm gehört. »Wer sie auch immer sein mag, Zo wundert sich, weshalb Sie dieselbe nicht küssen.«

Diese Art Versuch, scherzhaft zu sein, war nicht gerade nach Ovid’s Geschmack und er lenkte deshalb das Gespräch auf sein Schwesterchen. »Sie hatten immer eine besondere Zuneigung zu Zo«, äußerte er.

Benjulia sah ganz verwirrt drein. Zuneigung für irgend Jemanden war allem Anscheine nach eins der wenigen Dinge, über die er sich keine Meinung zutraute. Sich nochmals heftig die Stirn reibend, kam er wieder auf Carmina zurück.

»Wer ist die junge Dame?«

»Meine Cousine«, entgegnete Ovid so kurz wie möglich.

»Ihre Cousine? Eine Tochter Lady Northlake’s?«

»Nein, die Tochter meines verstorbenen Onkels.«"

»Was!« rief Benjulia, plötzlich stehen bleibend, »ist dies mißgeborene Kind wirklich groß geworden?«

Ovid fuhr auf und war im Begriff, heftig zu antworten, als er Teresa und Zo neben sich und einen Wärter an Benjulia herantreten bemerkte. Als letzterer den Mann mit der Zusage, die Zo bereits berichtet, entlassen hatte und sie wieder weiter gingen, begann Ovid:

»Wissen Sie, was Sie soeben von meiner Cousine sagten?«

»Was sagte ich denn?« fragte der Doctor, den der Ton der Frage zu überraschen schien, zurück.

»Sie bedienten sich eines sehr beleidigenden Ausdrucks, indem Sie Carmina ein »mißgeborenes Kind« nannten. Wie meinten Sie das? Geben Sie sich dazu her, niederträchtige Verleumdungen gegen das Andenken ihrer Mutter zu wiederholen?«

»Verleumdungen?« wiederholte Benjulia, wiederum stehen bleibend.

Jetzt aber brach Ovid’s Zorn los. »Ja, Verleumdungen oder Lügen, wenn Sie wollen, gegen eine Frau, die eben so hoch über jeden Vorwurf erhaben ist, wie Ihre oder meine Mutter!«

»Sie sind hitzig«, bemerkte der Doctor weitergehend. »Bei meinem Aufenthalte in Italien – —« Er hielt inne, um nachzudenken. »Als ich vor fünfzehn Jahren in Rom lebte, war Ihre Cousine ein jämmerliches verkümmertes Kind. Ich sagte zu Robert Graywell: »Schenken Sie dem Kinde keine zu große Neigung; es wird nicht alt werden.« Er meinte darauf, er wolle sie in die Gebirgsluft bringen, wovon ich mir indeß keinen Nutzen versprach. Es scheint, daß ich Unrecht hatte. Nun, es ist mir eine Ueberraschung, dieselbe hier zu finden – —« Er wartete wieder und sann – »sie wirklich ausgewachsen, als Siebzehnjährige hier zu finden.«

Seinem jungen Collegen klang eine keineswegs humane Gleichgültigkeit aus dem Tone, mit dem er dies sagte, und es war demselben unmöglich, sein Empfinden nicht durch Blicke zu erkennen zu geben, wenn er auch seiner Zunge Gewalt anthat.

»Ihr Nervensystem ist in üblem Zustande«, bemerkte Doctor Benjulia; »Sie sollten sich doch in Acht nehmen. Ich will jetzt nach dem Affen sehen.«

Dabei war sein Gesicht undurchdringlich wie das einer Sphinx und seine tiefe Baßstimme klang ganz sanft, Ovid’s Aerger war an ihm vorübergegangen wie ein Hauch des Sommerwindes. »Adieu«, sagte er, »und nehmen Sie sich mit Ihren Nerven in Acht. Ich sage Ihnen noch einmal, sie verheißen Unheil.«

»Wenn ich Sie falsch verstanden habe, bitte ich um Verzeihung«, entschuldigte sich Ovid, wenn auch nicht ganz ohne Widerstreben. »Uebrigens bin ich wohl kaum zu tadeln. Warum verleiteten Sie mich durch Anwendung des abscheulichen Wortes.«

»War es nicht das rechte Wort?«

»Das rechte Wort – wenn Sie nur von einem armen kranken Kinde sprechen wollten! In Anbetracht dessen, daß sie Ihr Diplom in Oxford erlangt haben —«

»Konnten Sie nichts mehr von meiner mangelhaften Erziehung erwarten«, vollendete der Doctor den Satz, mit der ernsten Gelassenheit, die ihn auszeichnete. »Danke Ihnen für die Erinnerung. Vielleicht hätte ich »mangelhaft geboren« sagen sollen? Ich werde zu Hause im Wörterbuch nachsehen.«

»Es ist mir noch etwas unerklärlich«, fing Ovid, der noch nicht beruhigt war, wieder an, fuhr dann aber plötzlich zurück und ergriff Benjulia mit dem Ausrufe: »Halt! Halt!« am Arme.

»Nun, was haben Sie?« fragte der Doctor, sofort stehen bleibend.

»Nichts«, sagte Ovid, vor einem durch die Ueberbleibsel eines von dem schweren Fuße seines Begleiters zermalmten Käfers gebildeten Flecke auf dem Kieswege zurückfahrend. »Sie traten den Käfer, ehe ich es hindern konnte.«

Benjulia war buchstäblich sprachlos vor Erstaunen, daß er hier – nicht im Irrenhause – einen erwachsenen Menschen fand, dem etwas an der Erhaltung des Lebens eines Käfers lag; aber sein Berufsinstinct kam ihm zu Hilfe. »Sie sollten London lieber auf der Stelle verlassen«, sagte er. »Suchen Sie reine Luft auf und bleiben Sie den ganzen Tag im Freien.« Dann den zertretenen Käfer mit der Spitze seines Stockes umwendend, meinte er: »Nur ein ganz gewöhnlicher Käfer.«

Ovid kam wieder auf das durch den kleinen, leider mißlungenen Act der Barmherzigkeit abgebrochene Thema zurück: »Sie kannten meinen Onkel in Italien; da kommt es mir sonderbar vor, daß ich früher nie etwas davon gehört habe.«

»Ja, ich kannte ihn, und seine Frau gleichfalls.« Auf die letzten Worte legte der Doctor einen besonderen Nachdruck.

»Nun?«

»Nun, ich kann nicht sagen, daß ich für ihn oder für sie ein besonderes Interesse empfand, und es ereignete sich später nichts, was mir die Bekanntschaft in’s Gedächtnis; zurückgerufen hätte, bis Sie mir vorhin erzählten, wer die junge Dame sei.«

»Meine Mutter muß Sie doch daran erinnert haben?«

»Nicht, daß ich wüßte. Damen in ihrer Stellung haben in der Regel wenig Neigung, von einein Verwandten zu sprechen, der —« Er hielt inne. »Ich möchte nicht grob sein; sagen wir also: der unter seinem Range geheirathet hat.«

Ovid mußte sich gestehen, daß dem so war. Hatte doch seine Mutter (vor der Ankunft des Testamentes) selbst ihm gegenüber selten ihres Bruders und noch seltener seiner Familie Erwähnung gethan. Mrs. Gallilee’s Schweigen hatte allerdings noch einen andern Grund, der aber nur ihr bekannt war. Robert hatte das Geheimniß ihrer Schulden besessen und ihr schwere pecuniäre Verpflichtungen auferlegt; der bloße Klang seines Namens war daher für seine liebenswürdige Schwester verletzend gewesen, da derselbe sie an jenes demüthigende Gefühl erinnern mußte, das man in der Gesellschaft als das Gefühl der Dankbarkeit kennt.

Da Carmina noch immer wartete und Ovid einsah, daß aus Benjulia nichts weiter herauszubringen war, so reichte er ihm die Hand, um sich zu verabschieden, allerdings mit dem Gefühle, daß es ihm nicht gelungen war, sein Gemüth vollständig zu beruhigen.

Der Doctor nahm die dargebotene Hand ganz bereitwillig und wiederholte dann seine sonderbare Frage – »Ich bin doch nicht grob gewesen, wie?« wobei man es ihm ansah, daß er dieselbe nur der Form wegen stellte.

Ovid ging mit seiner natürlichen Hochherzigkeit freundlich darauf ein. »Ich fürchte, ich bin derjenige, der grob gewesen ist«, sagte er. »Wollen Sie mit mir zurückkommen, und sich Carmina vorstellen lassen?«

Benjulia lehnte aber dies freundliche Anerbieten in der ihm eigenthümlichen Weise ab.

»Nein, ich danke Ihnen«, erwiderte er ruhig. »Ich möchte lieber den Affen sehen.«




Capitel XIV


Währendem war Zo die unschuldige Ursache einer Meinungsverschiedenheit zwischen Maria und der Duenna, diesen beiden sich so unähnlichen Persönlichkeiten geworden.

Da des Kindes Gemüth ganz von dem kranken Affen erfüllt war, so fühlte es eine natürliche Neugier, die anderen, gesunden Affen zu sehen. Ehe die Gouvernante Zo’s Wünschen willfuhr, fragte dieselbe ihre junge Freundin aus Italien, ob diese Neigung hätte, das Affenhaus zu besuchen. Carmina, eingedenk des Versprechens ihres Cousins, ließ ihre Augen den Weg hinunter schweifen; da aber Ovid nicht zurückkam, ja nicht einmal zu sehen war, blieb ihr nichts übrig, als sich in die Umstände zu fügen, und sie that dies nicht ohne einen leichten Anflug von Gereiztheit, den Miß Minerva nicht unterließ, ihrem Gedächtnisse einzuregistriren.

Als sie bei dem Affenhause anlangten, zeigte sich Teresa in einem ganz neuen Charakter, indem sie zur Ueberraschung ihrer Begleiter ein Interesse an der Naturgeschichte bekundete.

»Sind in diesem großen Hause lauter Affen?« fragte sie. »Ich möchte nur wissen, wie das die Thiere aushalten.«

Sie hatte sich dabei an die Gouvernante als an die Gelehrteste von den Anwesenden gewandt, aber diese erwiderte, ihrer älteren Schülerin ermuthigend zulächelnd: »Maria wird Ihnen Auskunft geben. Ihre Studien in der Naturgeschichte haben sie mit den Gewohnheiten der Affen hinreichend bekannt gemacht.«

Die sonst so dicerete Maria erröthete wirklich bei dieser Aufforderung. Es war ja aber auch ihr höchster Lohn, wenn sie ihre Kenntnisse zum Wohle der Unglücklichen aus den unteren Klassen, denen nur eine unvollständige Erziehung zu Theil geworden, entfalten konnte, wobei sie natürlich die Lehrmethode ihrer Lehrerin nachahmte. Man hätte sich bei dem Tone liebenswürdig herablassenden Wohlwollens, in welchem sie jetzt eine Frau, die dem Alter nach ihre Großmutter hätte sein können, belehrte, veranlaßt fühlen können, ihr gleichfalls eine Lection – aber eine fühlbare – zu geben.

»Man hält die Affen in großen und luftigen Käfigen«, begann sie, »deren Temperatur sehr sorgfältig reguliert wird. Ich werde glücklich sein, Sie auf die Unterschiede unter denselben aufmerksam zu machen. Es ist Ihnen vielleicht nicht bekannt, daß man die einen als Simiadae unterscheidet, diejenigen nämlich, die keinen Schwanz und keine Backentaschen haben?«

Teresa, die bis soweit in stummer Verwunderung zugehört hatte, unterbrach plötzlich diesen Redefluß mit den Worten:

»Was für einen Unsinn schwatzt das Kind da? Ich möchte wissen, wie sich die Affen in diesem großen Gebäude amüsieren.«

Die wohlerzogene Maria ließ sich herab, ihr auch dies zu erklären.

»Sie haben Seile, an denen sie sich schwingen können, und die Besucher füttern sie durch die Gitter der Käfige. Ferner sind zu ihrem Zeitvertreib Baumäste angebracht, die ohne Zweifel viele von ihnen an die ungeheuren tropischen Wälder erinnern, in denen sie, wie uns die Reifenden berichten, herdenweise von Baum zu Baum wandern.«

Teresa erhob die Hand als Zeichen, daß sie innehalten möge. »Sie marschieren mit Siebenmeilenstiefeln, junges Fräulein. Erwägen Sie, was ich fassen kann, ehe Sie mich in solchem Tempo vollpfropfen.«

Maria war verwirrt, verlor aber noch nicht den Muth. »Verzeihen Sie«, wandte sie ein; »ich fürchte, ich verstehe Sie nicht recht.«

»Dann geht es Ihnen gerade so wie mir, entgegnete die Duenna rauh. »Ich verstehe Sie auch nicht. Ich für meine Person betrete dies Haus gewiß nicht. Man kann von keinem Christen erwarten, daß er sich um Bestien kümmert – aber was recht ist, ist recht, so lange die Welt steht. Wenn die Affen, wie ich gehört habe, widerliche Thiere sind, nicht einmal zum Essen gut genug, so ist das noch kein Grund, sie aus ihrer Heimath fortzuschleppen und in einen Käfig zu sperren. Sollen wir durchaus Geschöpfe in der Gefangenschaft sehen, dann mögen es solche sein, die es verdient haben – Spitzbuben und Dirnen. Die Affen haben es nicht verdient. Gehen Sie nur – ich werde solange an der Thür warten.«

Nach diesem mit bitterster Emphase vorgebrachten Proteste, dem Ausdruck einer tief wurzelnden, feindlichen Abneigung, die das Mitgefühl mit den eingesperrten Thieren nur als nächstliegendes Mittel ergriffen hatte, setzte sich die Alte triumphierend auf die nächste Bank.

Eine mit nur gewöhnlichen Kenntnissen ausgerüstete junge Dame hätte der alten Frau das Privilegium des letzten Wortes gelassen. Miß Minerva’s Schülerin aber, die gleichsam die Belehrung aus allen Poren schwitzte, war ja in einem Augenblicke wie durch ein eisiges Sturzbad erkältet worden. Hat doch selbst die größte irdische Vollkommenheit ihre schwachen Stellen, und Maria verlor die Geduld.

»Sie werden mir erlauben«, sagte sie, »Sie daran zu erinnern, daß der Wissenstrieb uns veranlaßt, die Gewohnheiten uns neuer Thiere zu studieren. Wir bringen sie in Käfige —«

Jetzt aber verlor auch Teresa die Geduld.

»Wahrhaftig, Sie sind mir auch ein neues Thier«, rief sie gereizt. »Solch ein Kind habe ich ja in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Madame Gouvernante setzen Sie doch, bitte, dies Mädchen in einen Käfig. Mein Wissenstrieb wünscht, einen mir neuen Affen zu studieren.«

Es war ein Glück für Teresa, daß sie Carmina’s Günstling und Freundin war und als solche rücksichtsvoll behandelt werden mußte. Miß Minerva erstickte den Streit mit größtem Takte. Teresa auf die Schulter klopfend und Carmina lächelnd ansehend, sagte sie: »Die würdige alte Dame! welchen Humor sie hat! Es steckt Energie im Volke, Miß Carmina. Man sehe nur mit welch’ Wunderbarem Nachdruck es seinen Ideen Ausdruck giebt! Nein – kein Wort der Vertheidigung wenn ich bitten darf. Maria, meine Liebe, nimm Deine Schwester bei der Hand; wir werden folgen.« Dabei legte sie ihren Arm mit dem glücklichsten Gemisch von Vertraulichkeit und Achtung in den Carmina’s und nickte der Alten mit der Herzlichkeit einer gutgelaunten Freundin zu.

Teresa kam nicht in die Lage, durch langes Warten noch weiter gereizt zu werden, denn schon nach einigen Minuten kam Carmina zurück und setzte sich zu ihr auf die Bank.

»Bist Du der Thiere schon überdrüssig, mein Liebling?«

»Mehr als das – der Geruch hat mich fort getrieben! Liebe Teresa, warum sprachst Du aber auch so rauh mit Miß Minerva und Maria?«

»Weil ich sie hasse! weil ich die ganze Sippe hasse! War denn Dein armer Vater in seinen letzten Augenblicken von Sinnen, daß er Dich zu diesen abscheulichen Menschen schickte?«

»Gestern sagtest Du ja aber das gerade Gegentheil von der Familie!« rief Carmina die sie mit Erstaunen angehört hatte.

Teresa ließ in Verwirrung den Kopf hängen, denn ihr wohlgemeinter Versuch, Carmina mit dem neuen Leben, in das dieselbe eingetreten, zu versöhnen, war jetzt dadurch, daß sie ihr Temperament nicht hatte bändigen können, als eine Täuschung enthüllt, und es blieb ihr nun weiter nichts übrig, als die Wahrheit zu gestehen und Carmina wenn möglich zu Warnen, ohne sie zu sehr zu beunruhigen.

»In meinem ganzen Leben werde ich nie wieder eine Lüge in den Mund nehmen«, erklärte sie. »Siehst Du, ich mochte Dir nicht den Muth nehmen, und meine Meinung ist ja schließlich auch vielleicht gar nicht richtig. Aber es ist einmal meine Ansicht und bleibt es. Ich hasse diese beiden, Herrin sowohl als Gouvernante, gleich sehr. So! nun ist’s heraus. Bist Du mir deshalb böse?«

»Ich bin Dir nie böse, meine gute Teresa, nur fühle ich mich ein wenig bedrückt. Du mußt nicht sagen, daß Du Leute hassest, die Du erst seit ein oder zwei Tagen kennst! Miß Minerva ist jedenfalls sehr freundlich gegen uns beide gewesen und ich schäme mich schon, daß ich anfangs gegen sie eingenommen war.«

Teresa ergriff die Hand ihrer jungen Herrin und streichelte dieselbe theilnahmsvoll. »Arme Unschuld, wenn Dir doch meine Erfahrung zur Seite stände! Es giebt unter allen Geschöpfen gute und schlechte, und ich sage Dir, die Gallilee’s gehören zu den letzteren! Auch der Musiklehrer, den ich heute Morgen sah, sieht wie ein Schurke eins. Du wirst mir sagen, der arme alte Herr sei jedenfalls harmlos, und ich will Dir darin nicht widersprechen; aber ich frage Dich, was hilft mir ein Mann, der so widerstandslos ist wie Wasser? O ja, ich mag ihn wohl leiden, aber ich mache einen Unterschied. Auch Zo gefällt mir; aber was ist ein Kind, besonders wenn ihm solch ein Scheusal von Gouvernante das unglückliche Köpfchen mit lauter Gelehrsamkeit ganz wirr gemacht hat? Nein, mein Herzblatt nur eine Person unter der ganzen Sippe tröstet mich, wenn ich an den Tag des Scheidens denke. Ah! es kommt etwas Farbe in die Wangen hier? Du kleiner Schlaukopf! Du weißt, wen ich meine. Das nenne ich mir einen Mann! Wenn ich so jung und so schön wäre wie Du —«

Ein warnendes Zeichen von Carmina ließ sie verstummen, denn Ovid kam eilig auf sie zu. Derselbe sah etwas beunruhigt aus und entschuldigte sich, ohne den Namen des Doctors dabei zu erwähnen, was seiner Cousine, die sich bereits für denselben interessierte, auffiel. Mochte er Benjulia wirklich nicht leiden, und hatte eine Mißhelligkeit zwischen beiden stattgefunden?

»War der lange Doctor so interessant?« wagte sie zu fragen.

»Nicht im mindesten!« antwortete er, als ob ihm das Thema unangenehm wäre – und doch kam er selbst wieder auf dasselbe zurück: »Nebenbei gesagt, haben Sie Benjulia’s Namen je zu Hause in Italien gehört?«

»Nein, nie! Kannte er meine Eltern?«

»Wie er sagt, ja.«

»O, stellen Sie mich ihm vor.«

»Wir müssen uns etwas gedulden, da er heute dem Affen den Vorzug giebt. Wo sind Miß Minerva und die Kinder?«

Teresa zeigte nach dem Affenhause, zog dann Ovid beiseite und raunte ihm zu: »Sehen Sie sich mit ihr die Vögel weiter an; ich werde aufpassen, daß die Gouvernante Sie nicht stört. Erklären Sie sich ihr – gestehen Sie ihr Ihre Liebe, Herr Doctor!«

Wie aber konnte Ovid einem jungen Mädchen das er erst ein oder zwei Tage kannte, schon eine Liebeserklärung machen?

»Ich freue mich unendlich, wieder bei Ihnen zu sein«, sagte er ihr offenherzig, als sie nach einer Minute der Alten aus dem Gesichte waren. »Waren Sie wohl halb so erfreut, als Sie mich zurückkommen sahen?«

Er verstand sich nicht auf die verschlungenen Pfade, durch die die Liebe den Weg zu ihrem Ziele findet, und es fiel ihm nicht bei, sich ihr mit den geheimnißvollen Tönen und verstohlenen Blicken zu nähern, die für sich selbst sprechen. Und mit gleicher offenherziger Geradheit antwortete sie ihm:

»Sie halten mich doch hoffentlich nicht für unempfindlich gegen Ihre Freundlichkeit. Ich bin erfreuter und stolzer, als ich zu sagen vermag.«

»Stolzer?« wiederholte Ovid, der sie nicht sofort verstand.

»Warum nicht?« fragte sie. »Sollte ich nicht stolz darauf sein, wenn mir ein Mann soviel Beachtung schenkt, von dem mein Vater zu sagen pflegte, daß er eine Ehre für die Familie sein würde?«

Als sie ihn dabei schüchtern ansah, hätte er alle seine Aussichten auf Berühmtheit dafür hingeben mögen, wenn er sie hätte küssen dürfen.

»Carmina, erinnern Sie sich, wo Sie mich zum ersten Male gesehen haben?« fragte er, um sie sich, wenn auch nur im Geiste, etwas näher zu bringen.

»Gewiß! In dem Concertsaale. Als ich Sie dort sah, fiel es mir ein, daß ich Ihnen bereits in den Anlagen begegnet war. Ein seltsamer Zufall, daß Sie zu demselben Concerte gingen, das Teresa und ich zufällig besuchten.«

»Es war kein Zufall«, entgegnete Ovid. »Ich folgte Ihnen nach der Begegnung in den Anlagen zu dem Concerte.«

Dieses kühne Geständniß, das ein weniger unschuldiges Mädchen verlegen gemacht haben würde, setzte Carmina blos in Erstaunen.

»Was bewog Sie, uns zu folgen?« fragte sie.

»Uns?« Glaubte sie denn, daß er der Alten gefolgt sei? Das mußte er berichtigen. »Ich sah Teresa überhaupt gar nicht, sondern folgte einzig und allein Ihnen.«

Weshalb schwieg sie? War sie verwirrt, oder verstand sie ihn noch nicht? Seine krankhafte Empfindsamkeit, das deutlichste Zeichen seiner untergrabenen Gesundheit, war jetzt schon so gereizt, ihn zum Extremen zu treiben, und er fragte sie: »Haben Sie je davon gehört, daß man sich beim ersten Anblick verliebt hat?«

Sie stutzte; Ueberraschung, Verwirrung und Zweifel wechselten rasch auf ihrem beweglichen, zarten Gesichte, aber sie nahm den Muth zusammen und sah ihn schweigend an.

Und in diesem Momente, wo Kühnheit am Platze gewesen wäre, wo er, wenn er den Blick zurückgegeben, die ganze Geschichte seiner ersten Liebe ohne ein Wort zu sprechen erzählt haben würde, machten ihn seine zerrütteten Nerven schüchtern, und die Furcht – die ihn in gesunden Tagen nie angewandelt haben würde – daß er vielleicht zu frei gesprochen habe, ließ seine Augen unverwandt auf dem Boden haften. Sofort sah sie mit einem schnellen Erröthen der Scham wieder weg. Denn war es nicht vermessene Eitelkeit von ihr, zu denken, daß ein Mann, wie Ovid sie meinen könne, als er von einer beim ersten Anblick erwachten Liebe sprach? Er hatte sich nur freundlich zudem Niveau des Verständnisses eines thörichten, jungen Mädchens herabgelassen. Unzufrieden mit sich selbst, machte sie eine Bewegung, als ob sie umkehren wollte.

Und er seinerseits fühlte sich zu bitter enttäuscht, um den Versuch zu machen, das Gespräch noch weiter fortzusetzen. Ein Gefühl tödtlicher Schwäche, die unvermeidliche Folge der äußersten Vernachlässigung seiner selbst, begann ihn zu überwältigen. Nach einer schlaflosen Nacht hatte er vor dem Frühstück einen langen Spaziergang gemacht und dann noch seinen geschwächten Kräften diesen Ausflug und das Herumwandern im zoologischen Garten zugemuthet und jetzt hatte er seine physische und moralische Spannkraft verloren.

»Ich fürchte, ich habe Sie beleidigt«. sagte er traurig zu seiner Begleiterin; »ich meinte es nicht so.«

»O wie wenig kennen Sie mich«, rief sie, »wenn Sie das denken!«

Diesmal begegneten sich ihre Augen und die Wahrheit begann in ihr heraufzudämmern. Er nahm ihre Hand in die seine, deren feuchtkalter Griff ihr auffiel, und fragte so leise, daß sie es kaum hören konnte: »Wundern Sie sich noch, weshalb ich Ihnen folgte?« Dabei standen ihm schwere Schweißtropfen auf der Stirn, eine graue geisterhafte Blässe überzog sein Gesicht – er wankte und versuchte verzweifelt, sich an dem Zweige eines neben ihnen stehenden Baumes zu halten. Ihn mit den Armen umfassend, versuchte sie mit ihrer ganzen geringen Kraft, ihn aufrecht zu halten, vermochte aber mit äußerster Anstrengung nur soviel, daß sie ihn zu dem Rasen zog und seinen Fall milderte. Hilfe rufend sah sie sich um und erblickte einen großen Mann auf sie zukommen, der indeß nicht lief, auch nicht, als er sah, was geschehen war, sondern nur weit ausschritt. »Es war Doctor Benjulia, der seinen kranken Affen unter dem langen Rocke geschützt hielt und von einem der Wärter gefolgt war.

»Bitte, lassen Sie das«, war Alles, was er mit seiner gewohnten Gelassenheit sagte, als sich Carmina bemühte, Ovid’s Kopf vom Grase aufzuheben. Dann legte er seine Hand so kühl auf das Herz des Ohnmächtigen, als ob derselbe ihm ein vollständig Fremder gewesen wäre. »Wer von Ihnen beiden kann am schnellsten laufen?« fragte er dann, Carmina und den Wärter ansehend. »Ich brauche etwas Branntwein.«

Ehe der Wärter noch verstand, was von ihm begehrt wurde, eilte Carmina schon über den Rasen auf das Restaurant zu.

»Wie das Mädchen rennen kann’s sagte er zu sich als er ihr mit seiner gewohnten feierlichen Aufmerksamkeit nachgesehen hatte, und wandte sich dann wieder dem Ohnmächtigen zu.

»Hat sich thörichterweise bei seinem Zustande allzusehr angestrengt.« Dann erinnerte er sich des Affen’s, den er für den Augenblick in’s Gras gesetzt hatte, und bemerkte mit mehr Interesse, als er bis dahin gezeigt hatte: »Da ist es zu kalt für ihn. Heda, Wärter! Nehmen Sie den Affen auf, bis ich ihn selbst wieder hinnehmen kann.«

»Er möchte mich beißen, Herr Doctor«, sagte der Mann zögernd.

»Nehmen Sie ihn auf!« wiederholte der Doctor, »er kann nach dem, was ich mit ihm gemacht, überhaupt Niemanden beißen.«

Der Affe befand sich wirklich in einem Zustande der Erstarrung, und der Wärter, der ihn, dem Befehle gehorchend, aufnahm, schien sich nun mehr vor dem Doctor als vor dem Affen zu fürchten.

»Haltet Ihr mich für den Teufel?« fragte Benjulia, da der Wärter ihn verblüfft anstarrte, und das Aussehen des Mannes bejahte die Frage jedenfalls, wenn es der Mund auch nicht wagte.

Als Carmina mit dem Branntwein eiligst zurückkam, roch der Doctor erst an diesem, ehe er ihr Beachtung schenkte.

»Außer Athem?« fragte er dann.

»Warum geben Sie ihm nicht den Branntwein?« gab sie ungeduldig zur Antwort.

»Starke Lungen«, fuhr Benjulia fort, sich neben Ovid setzend und das Reizmittel anwendend, ohne sich dabei besonders zu beeilen. »Manche Mädchen würden nach einer solchen Strapaze nicht im Stande gewesen sein zu sprechen. Als Sie noch klein waren, hielt ich nicht viel von Ihren Lungen.«

»Komm er wieder zu sich?« fragte Carmina.

»Wissen Sie, was eine Pumpe ist?« gab Benjulia wieder zurück. »Nun, eine Pumpe kommt manchmal in Unordnung, aber der Zimmermann wird sie schon wieder in Stand setzen, wenn man ihm Zeit läßt. Diese Pumpe ist in Unordnung«, und damit ließ er seine mächtige Hand auf des Daliegenden Brust fallen; »und ich bin der Zimmermann, der sie wieder in Stand setzen wird. Sie gleichen Ihrer Mutter durchaus nicht«

Carmina, die Ovid’s Gesicht eifrig beobachtete, war durch eine schwache Wiederkehr von Farbe auf demselben so erfreut, daß sie fähig war, dem seltsamen Gespräch des Doctors zuzuhören und sogar darauf einzugehen. »Verschiedene von unseren Bekannten meinten, daß ich meinem Vater ähnlich wäre«, antwortete sie.

»So?« äußerte Benjulia und schloß die dünnen Lippen, als ob er den Gegenstand fallen lassen wollte. Als dann Ovid sich schwach rührte und die Augen halb öffnete, erhob er sich und sagte: »Jetzt brauchen Sie mich nicht mehr.« Darauf ließ er sich von dem Wärter den Affen wieder geben, nahm denselben wie ein Bündel unter den Arm, deutete dann nach dem Ende des Weges und sagte: »Da sind Ihre Begleiter. Adieu.«

Carmina aber hielt ihn an, legte, in ihrer Besorgniß das Ceremoniell vergessend, die Hand auf seinen Arm und fragte schüchtern:

»Was bedeutet dieser Anfall; ist er der Vorgänger einer Krankheit?«

»Sogar einer ernstlichen – wenn Sie nicht das Richtige thun, und zwar auf der Stelle«, antwortete er, ihre Hand nicht ärgerlich, sondern so abschüttelnd, wie er sich vielleicht einen Fleck von Cigarrenasche oder Straßenstaub abgeschüttelt haben würde, und dann ging er. Bescheiden aber doch entschlossen folgte sie ihm mit den Worten: »Sagen Sie mir, bitte, was wir zu thun haben.«

Er sah über die Schulter zurück: »Schicken Sie ihn fort.« Dann ging sie zurück, kniete neben Ovid, der sich langsam erholte, nieder und wischte ihm zärtlich und sanft die feuchte. Stirn, dabei mit einem traurigen Seufzer zu sich sagend: »Gerade als wir anfingen uns zu verstehen!«




Capitel XV


Zwei Tage vergingen und Ovid blieb trotz der empfangenen Warnung in London. Die unbestreitbare Autorität Benjula’s wirkte bei ihm eben sowenig als die unwiderleglichen Gründe seiner Mutter. Neuerliche Umstände hatten, wie diese es erklärte, seinen verblendeten Widerstand gegen die Vernunft verstärkt. Der gefürchtete Augenblick der Abreise Teresa’s war durch ein Telegramm aus Italien beschleunigt worden, und das Mitgefühl, welches Ovid mit dem Kummer Carmina’s empfand, machte sie ihm theurer als je. Ihre Seelenstärke war an dem zweiten Morgen nach dem Vesuche im zoologischen Garten auf eine harte Probe gestellt worden, als sie unter ihrem Kissen das Telegramm, in einen Abschiedsbrief eingeschlossen, gefunden hatte – Teresa war fort.

»Meine Carmina«, schrieb dieselbe, »ich habe Dich geküßt und nehme nun schriftlich Abschied von Dir, so gut es meine vermeinten alten Augen zulassen. O Du Liebling meines Herzens, ich kann es nicht über mich gewinnen, Dich zu wecken und Deinen Schmerz zu sehen. Vergieb mir, daß ich nur mit diesem stummen Lebewohl fortgehe; meine Liebe zu Dir ist meine einzige Entschuldigung. Solange mein hilfloser alter Mann noch lebt, hat derselbe ein Anrecht auf mich. Schreibe mit jeder Post und sei überzeugt, daß ich antworte – und denke an das, was ich von Ovid gesagt habe. Liebe den guten Mann, der Dich liebt, und suche so gut wie möglich mit den Anderen auszukommen. Sie können ja nicht schlecht gegen den armen Engel sein, der von ihrer Güte abhängt. O, wie hart ist das Leben —« Das Uebrige war von Thränen ausgelöscht und unleserlich.

Carmina verbrachte diesen unglücklichen Tags in der Einsamkeit ihres Zimmers und weigerte sich sanft, aber fest, irgend Jemand zu sehen, was Mrs. Gallilee’s Besorgnisse vermehrte. So schon ganz von Ovid’s Hartnäckigkeit und den Mitteln, dieselbe zu überwinden, in Anspruch genommen, sah sie sich nun noch einer Entschlossenheit im Charakter ihrer Nichte gegenüber, die sie des Höchsten überraschte, denn es konnten sich bei der Behandlung Carmina’s vielleicht unvorhergesehene Schwierigkeiten erheben. Mittlerweile war sie, was die ernste Angelegenheit in Betreff des drohenden Gesundheitszustandes ihres Sohnes anbetraf, ganz auf ihre eigene Klugheit angewiesen, da Benjulia zu sehr von seinen Experimenten im Laboratorium in Anspruch genommen war und es abgelehnt hatte, sie zu unterstützen. »Ich habe meinen Rath bereits abgegeben«, schrieb er. »Schicken Sie ihn fort. Lassen Sie mich dann nach einem Monate seine Briefe sehen, so werde ich Ihnen meine Meinung über ihn sagen, wenn ich dann noch etwas zu sagen habe«

So also auf sich selbst angewiesen, blieb der Selbstverleugnung Mrs. Gallilees nur ein gesunder Schluß übrig. Der einzige Einfluß, den sie jetzt noch mit irgendwelcher Aussicht auf Erfolg bei ihrem Sohn gebrauchen konnte, war der ihrer Nichte. Sie ließ daher Carmina genügend Zeit, sich von dem Verluste ihrer alten Freundin zu erholen, und lud sie dann drei Tage nach deren Abreise ein, den Thee in ihrem Boudoir einzunehmen. Carmina traf ihre Tante beim Lesen eines reizenden Buches über einen sehr interessanten Gegenstands wie dieselbe sagte, als sie es weglegte »Pflanzengeographie. Der Verfasser theilt die Erde in fünfundzwanzig Pflanzenzonen – doch ich vergesse, Du bist nicht wie Maria und machst Dir nichts aus diesen Dingen.«

»Ich bin so unwissend«, meinte Carmina »Vielleicht wird es besser, wenn ich älter werde.« Dann nahm sie ein Buch vom Tische, das durch seinen schönen Einband ihre Aufmerksamkeit erregte.

»Wieder Wissenschaft, liebes Kind«, sagte Mrs. Gallilee, die sie mit theilnahmvoller Wohlgelauntheit angesehen hatte, in scherzendem Tone. »Sie ladet Dich hier in hübscher Hülle ein. Es behandelt Merkwürdigkeiten der Coprolithen – eins meiner kostbarsten Bücher, ein mir vom Verfasser zur Ansicht, überreichtes Exemplar.«

Was sind Coprolithen?« fragte Carmina.

Noch gut gelaunt, aber doch schon mit zu Tage tretender Anstrengung ließ sich Mrs. Gallilee herab, ihrer Nichte eine deren Verständniß angepaßte Erklärung zu geben. »Coprolithen sind versteinerte unverdaute Speisenüberreste ausgestorbener Reptilien. Der große Gelehrte, der dies Buch geschrieben hat, hat Schuppen, Knochen, Zähne und Muschelschalen darin entdeckt. Welch ein Mann! welch ein Feld für die Forschung! Erzähle mir von Deiner Lectüre. Was hast Du in der Bibliothek gefunden?«

»Sehr interessante Bücher – wenigstens für mich interessant«, antwortete Carmina »Viele Bände Poesie. Liest Du je Poesie?«

»Poesie?« wiederholte Miß Gallilee, sich in ihren Stuhl zurücklehnend, in resigniertem Tone. »Lieber Himmel!«

Carmina versuchte ein mehr versprechendes Thema. »Was für schöne Blumen Du im Salon hast!« sagte sie.

»Was ist dabei Besonderes, Beste? Die hat jeder in seinen Salons – das gehört zum Meublement.«

»Hast Du sie selbst arrangiert, Tante?«

Mrs. Gallilee ertrug es noch. »Das besorgt Alles der Gärtner«, erwiderte sie. »Ich secire manchmal Blumen, befasse mich aber nie mit dem Arrangieren derselben. Wozu brauchten wir dann auch den Menschen?« Diese Auffassung der Frage ließ Carmina verstummen und Mrs. Gallilee fuhr fort: »Dies Blumenthema erinnert mich an andere Ueberflüssigkeiten. Hast Du das Piano in Deinem Zimmer versucht? Geht es?«

»Der Ton ist ganz vollkon1men!« antwortete Carmina enthusiastisch. »Hast Du es selbst ausgesucht?« Mrs. Gallilee sah aus, als ob sie wieder »lieber Himmel« sagen und es vielleicht nun nicht länger aushalten würde, aber Carmina, die zu unschuldig war, um dies richtig zu deuten, und jedenfalls nicht einzusehen vermochte, weshalb ihre Tante nicht selbst ein Piano auswählen sollte, fragte dieselbe: »Interessiert Dich Musik nicht?«

Mit einer letzten Anstrengung nahm sich Mrs. Gallilee noch einmal zusammen. »Wenn Du erst etwas mehr von der Gesellschaft kennen lernst, liebes Kind, wirst Du sehen, daß man sich für Musik interessieren muß. Gerade so geht es mit Gemälden – man muß die Ausstellung der königlichen Akademie besuchen. So geht es gleichfalls —«

Ehe sie noch ein weiteres gesellschaftliches Opfer erwähnen konnte, wurde sie durch den Eintritt eines Dieners der einen Brief brachte, unterbrochen.

Kaum hatte sie einen Blick auf die Adresse geworfen, so verwandelte sich die müde Gleichgültigkeit in ihrem Wesen in lebhaftes Interesse. »Von dem Herrn Professor!« rief sie. »Entschuldige mich auf eine Minute.« Dann las sie den Brief und steckte denselben mit einem Seufzer der Erleichterung wieder in das Couvert, dabei zu sich selbst sagend: »Ich wußte es! habe es ja immer behauptet, daß die Eiweißsubstanz der Froscheier, als Nahrung betrachtet, unzureichend ist, eine Kaulquappe in einen Frosch zu verwandeln; und endlich giebt der Professor zu, daß ich Recht habe. Entschuldige, Carmina, daß ich mich von einem Gegenstande hinreißen lasse, den ich Wochen lang in mühsam erübrigten Mußestunden bearbeitet habe. Laß mich Dir etwas Thee einschenken. Ich habe Miß Minerva gebeten, uns Gesellschaft zu leisten. Was sie nur abhalten mag? Sie ist sonst so pünktlich. Wahrscheinlich ist Zoe wieder unartig gewesen.«

Und diese mütterliche Vermuthung wurde nach einigen Minuten von der Gouvernante bestätigt. Zo hatte keine Neigung gehabt, sich »die politischen Folgen des Erlasses der Magna Charta« einzuprägen, und die Gouvernante empfahl sie zur Bestrafung, wenn ihre Mutter »Zeit dazu haben sollte.« Mrs. Gallilee entledigte sich gleich dieser Verantwortlichkeit, indem sie ihr Brod und Wasser statt des Thees zudictirte.

»Ich möchte mit Ihnen beiden über meinen Sohn sprechen«, begann sie dann, aus den Zweck des Abends kommend.

Die Angeredeten erwarteten schweigend das Weitere, aber während Carmina den Kopf senkte und zu Boden blickte, betrachtete Miß Minerva aufmerksam Mrs. Gallilee. »Warum soll ich mitanhören, was sie über ihren Sohn zu sagen hat?« fragte sich die Letztere. »Besorgt sie, daß Carmina mit mir darüber sprechen könnte, wenn ich nicht zu den Familiengeheimnissen zugelassen würde?«

Und sie hatte damit in der That das Rechte getroffen.

Mrs. Gallilee hatte in letzter Zeit bemerkt, daß sich die Gouvernante in das Vertrauen ihrer Nichte einschmeichelte – d. h. in das Vertrauen einer jungen Dame, deren Vater, wie man sich allgemein erzählte, als Besitzer eines schönen Vermögens gestorben war. Es war aber eine gebieterische Pflicht, der Zunahme einer Freundschaft dieser Art Einhalt zu thun, ohne Miß Minerva offen zu verletzen; und Mrs. Gallilee sah ein Mittel, dies in taktvoller Weise zu erreichen darin, daß sie das Interesse, welches beide an Ovid nahmen, benutzte. Wenn sie sie beide einlud, mit ihr über den zarten Gegenstand, ihren Sohn, zu Rathe zu gehen, so mußte es nicht schwierig sein, eine Meinungsdifferenz anzuregen, die den Entfremdungsproceß dadurch einleiten würde, daß sie sich nach dem Thee mieden.

»Es ist von höchster Wichtigkeit, daß zwischen uns kein Mißverständniß stattfinde«, fuhr Mrs. Gallilee fort. »Ich will das Beispiel geben, ohne Rückhalt zu sprechen. Wir wissen alle drei, daß Ovid dabei beharrt, in London zu bleiben —«

Sie brach ab und wandte sich plötzlich an Miß Minerva: »Sie werden mich doch unschuldigen, daß ich Sie mit Familiensorgen belästige.« Dabei spähte sie nach einer Veränderung der Farbe oder einem Zucken der Lippen im Gesichte der Gouvernante. Denn wenn sie auch wirklich einen Professor bekehrt hatte, so war sie doch nur ein Weib, und hatte plötzlich bei ihren anderen Calculationen an die Möglichkeit gedacht, die Gouvernante zu irgend welcher interessanten Bekundung ihrer Neigung für Ovid zu veranlassen.

Miß Minerva hatte keine Ahnung davon, was diese überflüssige Entschuldigung bezwecken sollte, da sie durchaus nicht argwöhnte, daß Mrs. Gallilee ihr Geheimniß entdeckt haben könnte. Aber eben weil sie deren Motive nicht zu durchdringen vermochte, war sie von nun ab doppelt auf ihrer Hut.

»Sie thun mir eine Ehre damit an, daß Sie mich in Ihr Vertrauen ziehen, gnädige Frau«, sagte sie, bei sich selbst aber dachte sie: »Versuche es nur, wenn Du kannst, mir ein Bein zu stellen, Du Katze!«

»Wir wissen«, nahm Mrs. Gallilee ihre Rede wieder auf, »daß Ovid beharrlich in London bleibt, während doch Luft- und Szenenwechsel für seine Genesung absolut nothwendig sind. Und wir wissen auch, warum er bleibt. Glaube nicht, liebe Carmina, daß ich Dich im geringsten tadele! nein, glaube auch nicht, daß ich meinem Sohne einen Vorwurf mache. Du bist ein zu reizendes Mädchen, als daß nicht die Bewunderung der Männer entschuldigt, ja sogar gerechtfertigt wäre. Aber laß uns, wie wir harten Alten sagen, den Thatsachen in’s Gesicht sehen. Hätte Ovid Dich nicht gesehen, so würde er sich jetzt auf der Gesundheit spendenden See, auf der Reise nach Spanien und Italien befinden. Du bist die unschuldige Ursache seiner halsstarrigen Gleichgültigkeit, seiner so beklagenswerthen und gefährlichen Mißachtung der Pflicht, die er sich selbst schuldig ist. Auf seine Mutter hört er nicht, über die Meinung seines erfahrenen Collegen setzt er sich hinweg, einer aber hat noch Einfluß über ihn.« Wiederum pausierte sie und versuchte nochmals, der Gouvernante ein Bein zu stellen. »An Sie, Miß Minerva, darf ich appellieren. Ich betrachte Sie ja als Familienglied und empfinde die aufrichtigste Bewunderung für Ihr Taktgefühl. Ueberschreite ich die Grenzen der Delicatesse, wenn ich meine Nichte offen und ehrlich auffordere, Ovid zum Gehen zu überreden?«




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