Die Cabane und die Sennhütte
Alexandre Dumas der Ältere




Alexandre Dumas

Die Cabane und die Sennhütte





Erster Band





Erstes Kapitel

Worin wir denjenigen von unseren Lesern, die es nicht wissen, sagen, was eine Cabane ist


Zu jener Zeit hatte Marseille ein malerisches und romantisches, und nicht wie heute ein grünendes und blühendes Stadtgebiet. Von der Höhe des Berges Notre Dame de la Garde war es ebenso leicht, die vereinzelten Häuser auf der Ebene und auf den Hügeln zu zählen, wie die Fahrzeuge und Tartanen, die mit ihren weißen und rothen Segeln die unermeßliche blaue Fläche übersäeten, die sich bis zum Horizonte erstreckt; keins von diesen Häusern, mit Ausnahme vielleicht desjenigen, welches man an den Ufern des Huveaume, auf den Ruinen des Schlosses Belle Ombre erbaut hatte, und welches die Enkelin der Madame de Sevigné bewohnte, keins von diesen durfte sich dieser prächtigen Platanen, dieser reizenden Gebüsche von Lorbeer, Tamarisken, Pfaffenhütchen, von in- und ausländischen Bäumen rühmen, die gegenwärtig unter der Masse ihres schattigen Laubwerks die Dächer der unzähligen marseiller Villen verbergen; die Durance floß noch nicht hier durch, rollte nicht durch diese Thäler, hatte diese Hügel noch nicht erklommen und diese Felsen befruchtet.

Damals mußte jeder Marseiller, der seine Blumen beleben wollte, wenn ihre Blätter, von der Hitze der Augustsonne verwelkt, sich zur Erde neigten, wie an Bord eines Schiffes in voller Fahrt, wie Monsieur de Jussieu es mit einer Ceder that, einen Theil des für seinen Magen bestimmten Wassers ersparen, um der armen Pflanze das Almosen einiger Tropfen zu geben.

Zu jener Zeit, schon so weit von uns, vermöge der allmächtigen Vereinigung des Wassers und der Sonne, die so schnell die Vegetation dieses Landes verwandelt hat, daß man sich selbst in Marseille nicht mehr erinnert, daß es eine Zeit gab, wo einige Fichten oder einige Olivenbäume, in der Sonne krachend, allein die Einförmigkeit des entblößten Landes unterbrachen – in jener fernen Zeit, sagen wir, bot das Dorf Montredon die vollständigste Probe der Dürre, die ehemals die Umgebung der alten Stadt der Phokäer charakterisierte.

Montredon kommt nach jener Dreiheit von Dörfern, die man Saint-Genies, Bonne-Veine und Marsargues nennt; es liegt an der Grundfläche des Dreiecks, welches sich dem Meer nähert, die Rhede vor dem Ostwinde schützt, und das Cap Croisette heißt. Es ist am Fuße dieser ungeheuren Massen von grauem und himmelblauem Kalkstein erbaut, auf deren Abhängen kaum nur ein verkrüppeltes Gestrüpp hervorsproßt, dessen grauliche Blätter die Sonne und der Staub noch weißer machen.

Nichts ist öder und trauriger, als die Ansicht dieser grandiosen Massen; es dürfte scheinen, als hätten die Menschen nie vernünftigerweise daran denken können, ihre Zelte auf diesen abgesonderten und verlassenen Stufen dieser Steinwälle aufzupflanzen, welche Gott nur dorthin gestellt, um die Küste vor dem Eindringen des Meeres zu schützen; und doch lange vor 1787 hatte Montredon außer seinen Strohhütten zahlreiche Landhäuser, wovon das eine berühmt ist, wenn nicht durch sich selbst, doch wenigstens durch den Ruf derjenigen, die es bewohnt haben.

Der prächtige Park, den die Herren Patré mit Mauern umgeben haben, schließt in seinen Raum eine bescheidene Villa, die der Familie Bonaparte als Zufluchtsort gedient hat bei dem langen Aufenthalte in Marseille während der Revolution; die Könige und Königinnen der Hälfte von Europa haben den Sand dieser Alleen betreten; und die Gastfreundschaft, die er ihnen gewährte, hat Monsieur Clary besonderes Glück gebracht; seine Kinder wurden von dem Wirbel fortgerissen, der seine Gäste zu den Thronen hintrieb, und sie haben auf den ersten Stufen Platz genommen. Es fehlte sogar wenig, daß die jüngste der Fräulein Clary berufen wurde, um das Geschick des künftigen Herrn der Welt zu theilen. Es war die Rede von einer ehelichen Verbindung zwischen ihr und dem jungen Commandeur der Artillerie; aber wie es später der Notar der Madame Beauharnais bei einer ähnlichen Gelegenheit sagte, konnte man keinen Mann heirathen, der Nichts weiter hatte, als seinen Mantel und seinen Degen.

Wir wollen hier sogleich sagen, daß wir Euch nicht mit diesen Halbgöttern von gestern zu unterhalten haben, liebe Leser. Wir haben einer Regung, des patriotischen Stolzes nicht widerstehen können; wir haben das Bedürfniß empfunden, Euch zu sagen, daß Montredon am Ende nicht so bescheiden ist, wie es das Ansehen hat; daß es, wie jede andere Stadt, ein Recht an eine Berühmtheit hat, deren sich jedes seiner Kinder rühmen darf; und dies zugegeben, wollen wir uns beeilen, Euch gewissenhaft zu benachrichtigen, daß wir hier nur eine Abschweifung gemacht haben, daß unsere künftigen Personen ganz klein, ganz bescheiden sind, daß unser Drama auf einem Sandkorn entsteht, lebt und sich entwickelt, und daß, wenn unsere handelnden Personen in dieser Welt Aufsehen gemacht haben, es gewiß auf der einen Seite nicht weiter als bis zu der alten Kapelle und auf der anderen bis Madrague, der Säule des Hercules von Montredon, gedrungen ist.

Verlassen wir also rasch die Villa Clary, folgen dem Ufer des Meeres und erreichen dieses kleine Vorgebirge, welches man die rothe Spitze nennt, wo wir im Jahre 1831, in welchem wir stehen, nur drei oder vier Häuser finden, und unter diesen Häusern die Cabane, in welcher die Geschichte vorgeht, die wir Euch erzählen wollen.

Indessen würde es selbst auf die Gefahr einer neuen Abschweifung durchaus angemessen sein, zu halten, was die Ueberschrift dieses Kapitels verspricht, Euch zu erklären, was eine Cabane ist, Euch Allen, die Ihr vielleicht nicht das Glück gehabt, in der Provençe geboren zu werden, welche jeder Marseiller als ein irdisches Paradies betrachtet.

Unter dem Worte Cabane hat Eure Phantasie sich vielleicht schon eine Hütte von Planken oder Baumzweigen vorgestellt, ein Dach von Stroh oder Rohr, mit einem Loch in der Decke, um den Rauch herauszulassen. Eure Einbildungskraft ist zu schnell gegangen.

Schloß, Landhäuschen oder Cabane ist alles Eins in Marseille, das heißt, der Charakter und die Einbildungskraft des Eigenthümers entscheiden über den Titel, den jede Wohnung außer den Mauern führt, mehr als der Zuschnitt oder vielmehr die Bauart der genannten Wohnung. Wenn der Marseiller stolz ist, wird das Haus ein Schloß sein; wenn er einfach ist, wird es ein Landhäuschen; wenn er bescheiden ist, nennt er es eine Cabane. Aber er allein kann diese Classification machen, denn Nichts gleicht so sehr einem marseiller Schlosse wie ein Landhäuschen, wenn es nicht vielleicht eine Cabane ist.

Wir wollen mit einander von der Cabane und ihrem Besitzer reden.

Der Besitzer des Hauses auf der rothen Spitze war ein ehemaliger Packträgermeister. Seitdem die Stadt Marseille einen oder zwei Packträger zur Nationalversammlung geschickt hat, um sie zu repräsentieren, macht man sich im Allgemeinen eine sehr falsche Idee von den Mitgliedern dieser Corporation. Einige vermuthen, daß alle Bewohner unserer großen mittelländischen Hafenstadt Packträger sind; Andere, daß alle Packträger Millionairs sind. Die Wahrheit ist, daß diese Profession, die in Marseille nicht weniger als drei- oder viertausend Mitglieder zählt, zugleich einträglich für die Arbeiter und die Herren ist, unter deren Verantwortlichkeit diese arbeiten.

Die Packträgermeister übernehmen die Ausladung der Schiffe in Accord; der Tarif wechselt mit den Umständen, sowohl für sie, als für die Lastträger, die sie beschäftigen und verhältnißmäßig bezahlen. Der Handelsverkehr ist beträchtlich; die Patrone können einen Profit von fünfzehntausend Franken jährlich haben. Nachdem sie ihr Geschäft einige zwanzig Jahre getrieben, ziehen sie sich nicht reich, wohl aber mit den Mitteln eines anständigen Auskommens zurück.

Monsieur Coumbes war nicht mehr oder weniger begünstigt gewesen, wie die Mehrzahl seiner Collegen. Als der Sohn eines Bauern war er in Holzschuhen nach Marseille gekommen. Ein Verwandter, gemeiner Soldat in dieser großen Miliz des Hafens, schlug ihm einen Platz vor, welchen gehörig auszufüllen eine frühzeitige Schwäche ihn verhinderte.

Diese Packträger stellen vererben sich oder werden verkauft, gerade wie die Stellen der Notare oder Wechselagenten.

Monsieur Coumbes hätte gern eine Stelle gekauft, aber er besaß keinen Heller.

Der Verwandte beseitigte die Schwierigkeit; das Geld war von keiner Wichtigkeit für ihn; er sah in dieser Sache nur das künftige Glück seines Vetters, welches er sichern wollte; er begnügte sich mit dem dritten Theil des Verdienstes des jungen Mannes auf fünf Jahre!

Monsieur Coumbes würde gehandelt haben, aber der Andere übertäubte seine Protestationen mit einer Fluth von Worten, von einer Zärtlichkeit, die dem jungen Manne keine Möglichkeit ließ, die geringste Entgegnung vorzubringen; er sagte ja.

Monsieur Coumbes hielt pünktlich seine Verpflichtungen. Diese beträchtliche Bresche in seinem täglichen Erwerb verhinderte ihn nicht, ganz hübsche Ersparnisse zu machen. Er hatte dabei ein sehr einfaches Verfahren: Er zog sich das Drittel, welches er seinem Vetter zu geben hatte, an seiner Nahrung ab. Wenn er bei diesem Verfahren nicht fett wurde, so vermehrte sich ein Schatz nur um so besser, und bald setzte er Coumbes in den Stand, eine Meisterstelle in seiner Corporation zu kaufen. Freilich hatten sie noch nicht den hohen Preis, auf welchen sie heutigen Tages gestiegen sind.

Aber wenn die Meisterstelle Monsieur Coumbes wenig kostete, so lieferte sie doch einen reichlichen Ertrag. Seit den Expeditionen von Morea, seit dem Frieden von Navarin und seit der Einahme von Algier, machte der gute Verdienst, den die Packträgermeister von der Militairadministration erhielten, eine gewisse Summe vollständig, welche Monsieur Coumbes seit seiner frühen Jugend als das Ziel eines Ehrgeizes bestimmt hatte.

Als die Summe voll war, zog er sich von dem Geschäfte zurück.

Die Gewinnsucht, die gerade ihren Höhenpunkt erreicht hatte, konnte ihn nicht bestimmen, einen Augenblick länger Packträgermeister zu bleiben. Er hatte eine Leidenschaft, welche zwanzig Jahre des Genusses nicht hatten mildern können; es war diese Leidenschaft, welche ihn so stark gegen die Habsucht machte, welche nothwendigerweise aus seinen sparsamen Gewohnheiten hervorgehen mußte.

Eines Tages, als er in seinen Feierabendstunden nach Montredon spazieren ging, hatte er einen Anschlagszettel gesehen, welcher ankündigte, daß ein Grundstück zu einem fabelhaft niedrigen Preise zu überlassen sei. Er liebte den Grund und Boden eben so sehr um seiner selbst willen, als wegen seines Ertrages, wie alle Bauerkinder. Er nahm also zweihundert Franken von seinen Ersparnissen, um zwei Morgen von diesem Boden zu kaufen.

Wenn wir Boden sagen, so fügen wir uns der Gewohnheit; die zwei Morgen des Monsieur Coumbes bestanden ausschließlich aus Sand und Felsen.

Er liebte sie nur um so mehr, gleich einer Mutter, welche oft ein mit der englischen Krankheit behaftetes und verwachsenes Kind allen anderen vorzieht.

Er machte sich ans Werk. Aus einer alten Seifenkiste erbaute er am Ufer des Meeres eine Hütte, umgab sein Eigenthum mit Rohr, und seitdem hatte er nur einen Gedanken, nur einen Zweck, nur eine Sorge: es zu verschönern und zu verbessern.

Die Aufgabe war schwierig, aber Monsieur Coumbes war der Mann, sie zu unternehmen und sie zu einem guten Ende zu führen.

Jeden Abend, wenn sein Tagewerk vollendet war, steckte er das Stück Brod, die rohen Goldäpfel oder andere Früchte, die ihm als Abendessen dienen sollten, in die Tasche und machte sich auf den Weg nach Montredon, um eine Kiste voll Gewächserde, die er hie und da sich einsammelte, während seine Kameraden ihren Mittagsschlummer hielten, dorthin zu tragen. Es versteht sich von selbst, daß er den ganzen Sonntag damit zubrachte, zu graben, zu schaufeln, zu ebnen und gewiß nie wurden Tage so angewendet, wie diese.

Als er vom Packträger zum Meister avancierte, war seine größte Freude zu denken, daß eine Cabane von der Verbesserung seiner Lage Vortheil haben solle. Die erste Anwendung, die er von seinem ersten Profit machte, war das Häuschen von Planken abbrechen und die Cabane erbauen zu lassen, wovon wir so eben gesprochen.

Um der Gegenstand so vieler Sorgfalt und Liebe zu sein war diese Cabane deshalb nicht eleganter oder prächtiger.

Im Innern bestand sie aus drei Gemächern im unteren Stock und aus vieren in der ersten Etage. Die unteren Gemächer waren ziemlich geräumig; für die erste Etage schien der Baumeister das oberste Stockwerk am Hintertheil eines Schiffes zum Muster genommen zu haben. In diesen kleinen Kajüten konnte man nur athmen, wenn man das Fenster offen ließ. Dies Alles war mit alten Hausgeräthen ausmöbliert, die Monsieur Coumbes bei allen Trödlern der alten Quartiere der Stadt zusammengekauft hatte.

Von außen hatte die Cabane des Monsieur Coumbes ein durchaus phantastisches Aussehen. Bei einer hohen Verehrung dieses Monuments hatte er sich jedes Jahr bemüht, es zu verschönern. Und diese Verschönerungen machten dem Herzen des Besitzers mehr Ehre, als einem Geschmack. Die Mauern der Cabane zeigten nach und nach alle Farben des Prisma. Von dem einfachen Anstrich ging Monsieur Coumbes zu den Arabesken über; dann erhob er sich weniger Perspective zu den Arabesken über; dann erhob er sich mit mehr oder weniger Perspective zu den baukünstlerisch in Fictionen. Die Cabane wurde nach einander ein griechischer Tempel, ein Mausoleum, eine Alhambra, eine norwegisch Höhle, eine mit Schnee bedeckte Hütte.

Zu der Zeit wo diese Geschichte beginnt, und wie alle Künstler den Einfluß des romantischen Fiebers empfindend, welches die Welt bewegte, hatte Monsieur Coumbes seine Wohnung in eine mittelalterliche Burg verwandelt. Es fehlte. Nichts an der äußersten Treue der Nachahmung, an den Spitzfenstern, noch an den Zinnen, noch an dem Zwinger, noch an den Schießscharten, oder dem Fallgatter, welches auf die Hausthüre gemalt war.

Als er im Kamin zwei eichene Holzblöcke gewahr wurde, die dort warteten, daß man einen Tisch oder einen Schrank aus ihnen mache, kam Monsieur Coumbes zu dem Schlusse, daß es viel angemessener sein würde, sie zu der Farbe und dem Baustyl einer Wohnung hinzuzufügen, und er opferte sie ohne Bedauern. Von seiner Hand geformt, wurden sie als Thürmchen an die beiden Ecken seines Häuschen angefügt und erhoben Windfahnen zum Himmel, mit Wappen verziert, wie sie gewiß nie, weder Hozier noch Chorin erfunden.

Als Monsieur Coumbes diese meisterhafte Verschönerung hinzugefügt hatte, begann er sein Werk mit der Miene zu betrachten, wie Perrault wahrscheinlich das Louvre betrachtete, nachdem er die Colonnade hinzugefügt hatte.

Dieser Anblick hatte dem Herzen des Monsieur Coumbes jenen Stolz eingeflößt, der zwar unter dem falschen Schein der Bescheidenheit verborgen lag, der aber, wie wir sehen werden, eine große Rolle in dem Leben dieses Mannes spielen wird.

Die Leidenschaften sind gewöhnlich zusammengesetzt. Und doch fehlte viel daran, daß Monsieur Coumbes in allen seinen Unternehmungen gleich glücklich war, wie man anzunehmen in Versuchung geräth, wenn man an den hohen Stolz denkt, den ihm ein Werk einflößte.

Wenn das Haus sich getreulich allen Phantasien des Besitzers gefügt hatte, so war es nicht ebenso mit dem Garten. Die Mauern des einen bewahrten getreulich, den Anstrich, den man ihm gegeben hatte; die Rabatten des anderen behielten niemals die Form, die ihnen Monsieur Coumbes gab, und der Saame, den er ausstreute, ging niemals auf.

Um das Voraufgehende zu erklären, müssen wir sagen, daß Monsieur Coumbes einen Feind hatte. Dieser Feind war der Nordwestwind; es war derjenige, welchen Gott beauftragt hatte, dem Wagen dieses Triumphators zu folgen, die Rolle des antiken Sclaven zu spielen, Monsieur Coumbes zu erinnern, wenn er liebevoll seine Besitzung betrachtete, daß er, wenn auch der Herr und Schöpfer dieser schönen Dinge, doch immer ein Mensch sei. Es war dieser unerbittliche Hauch, der heftige und schreckliche Wind, der, wie Strabo sagt, »die Felsen versetzt und wegführt, die Menschen von ihren Wagen stürzt, die ihrer Kleider und Waffen beraubt;« es war derselbe Wind, der nach Monsieur de Sauffures Aussage so oft die Fensterscheiben des Schlosses Grignan zerbrach, daß man darauf verzichtete, sie wieder herstellen zu lassen; es war dieser Wind, welcher den Abbé Portalis über die Terrasse des Berges Sainte-Victoire erhob und ihn auf der Stelle tödtete; kurz, es war der Wind, der, nachdem er ehemals dies Alles gethan hatte, heutiges Tages verhinderte, daß die Welt sich des mächtigen und interessanten Schauspiels eines Menschen, der ohne Ehrgeiz und ohne Wunsch mit seinem Schicksal zufrieden ist, erfreuen kann.

Und doch hatte der Nordwestwind für Monsieur Coumbes keine von den unheilvollen Folgen, welche der griechische Schriftsteller bezeichnete; er hatte die Granitfelsen des Marchia-Veyre nicht auf seine Wohnung heruntergestürzt; er hatte ihn nicht von dem kleinen Karren mit einem korsikanischen Pferde bespannt, worin er von Zeit zu Zeit zur Stadt fuhr, heruntergeworfen; wenn er ihm zuweilen seine Mütze wegführte, so respectirte er wenigstens sein Wamms und ein Pantalon. Kaum daß er mit der Spitze seines Flügels einige Ziegel von dem Dache seiner Cabane ausgewühlt oder einige von den Scheiben gespalten hatte.

Monsieur Coumbes hätte ihm dies Alles vielleicht verziehen; aber was er ihm nicht verzieh und was ihn in Verzweiflung brachte, das war die Erbitterung, womit dieser verwünschte Wind sich entschlossen zu haben schien, die zwei Morgen Gartenland in den Zustand einer verlassenen Sandfläche oder einer dürren Wüste zu verwandeln.

Bei diesem Kampfe zeigte sich Monsieur Coumbes halsstarriger, als sein Gegner es war. Er grub sein Terrain um, düngte und besäete es mühsam und mit Anstrengung acht, neun- und selbst zehnmal im Jahre. Sobald der Salatsaamen die Rabatte mit leichten grünen Festons überzog, sobald die Erbsen ihre gelblichen Saamenlappen zeigten, zwischen welchen sich ein Blatt wie ein Smaragd in der goldenen Einfassung eines Ringes entwickelte, begann seinerseits der Nordwestwind sein Werk. Er ließ seine Wuth an den unglücklichen Pflanzen aus; er trocknete den Saft bis auf die Wurzel aus, welcher in ihren zarten Gebilden zu circuliren begann; er bedeckte sie mit einer dicken Lage von heißem Sande, und wenn das nicht ausreichte, kehrte er sie mit dem Staube, den er gewöhnlich in seiner Wuth herbeiführte, zu seinen Nachbaren hinüber.

Monsieur Coumbes gab sich eines Tages seiner Verzweiflung und seinen Wehklagen hin.

Er ging mit düsterem Auge auf dem Schlachtfelde umher, hob die Todten und Verwundeten mit einer rührenden Ehrerbietung auf, verschwendete seine Sorgfalt an sie, die leider größtentheils unnütz war, hielt für sich selber einem Kohlkopfe voll Hoffnung oder einem vielversprechenden Goldapfel die Leichenrede; dann, als er seinem Bedauern eine paffende Zeit bewilligt hatte, machte er sich wieder an die Arbeit, suchte seine Gänge und Rabatten auf, die der Nordwestwind unerbittlich gleich gemacht hatte, befreite die überschütteten Einfassungen von der Erde, richtete seine Beete her, zog seine Fußsteige wieder, und streute auf Alles Saamen, und sein Werk mit Stolz betrachtend, erklärte er von Neuem jedem, der es hören wollte, daß er, ehe zwei Monate um wären, das beste Gemüse in der Provençe essen werde.

Aber wir haben es gesagt, ein Verfolger hatte noch nicht das letzte Wort gesprochen; er hatte neue Kräfte gewonnen in dem Waffenstillstande, den er auf verrätherische Weise einem Gegner bewilligt hatte, und das Herz des Monsieur Coumbes war nicht so bald wie ein Garten voll Hoffnung, als er sich beeilte, sie zu vernichten.

Dieser erbitterte Kampf währte zwanzig Jahre und ungeachtet so vieler Täuschungen und der Vergeblichkeit seiner Anstrengungen vergaß Monsieur Coumbes dennoch seine Schmerzen und hielt sich nicht weniger überzeugt, daß er einen außerordentlichen Garten besitze, und daß die sandige Beschaffenheit des Bodens, vereint mit den Salzdünsten, die aus dem Meere aufstiegen, unfehlbar allen seinen künftigen Producten einen Wohlgeschmack mittheilen müsse, den man nirgends finden würde.

Der scharfsichtige Leser wird uns hier unterbrechen und fragen, warum Monsieur Coumbes nicht in Marseille, wo es daran nicht fehlt, einen Winkel Erde gesucht, geschützt vor dem Winde, den er so mit Recht fürchtete. Wir antworten dem Leser, daß man eine Geliebten nicht wählt, sondern daß der Himmel sie uns giebt, und daß man sie, häßlich oder untreu, liebt, wie der Himmel sie uns zusendet.

Uebrigens hatte diese Unbequemlichkeit ihre Entschädigung. Es war nicht ohne reifliche und tiefe Ueberlegung, daß Monsieur Coumbes sich entschlossen hatte, die zwei Morgen Landes anzukaufen, in deren Besitz wir sich ihn zu Anfang dieser Erzählung haben setzen sehen.

Mit seiner Zärtlichkeit für seine Cabane, mit dem Stolze, den ihm diese Gegenstände der Fürsorge eines ganzen Lebens einflößten, vereinte sich eine andere Leidenschaft, deren Gegenstand wir im letzten Jahrhundert als »die blonde Amphitrite« bezeichnet haben würden, was ein ungünstiges Licht auf die Reinheit der Sitten des Monsieur Coumbes hätte werfen können, und welchem wir jetzt den einfacheren Namen beilegen wollen, indem wir ihn »die See« nennen. Dieser Name paßt um so besser für unseren Zweck, da durchaus nichts Poetisches in dem Cultus lag, den Monsieur Coumbes der See weihte. Es schmerzt uns, diesen Prosaismus unseres Helden zu gestehen; aber was er an ihr liebte, war weder ihre Tunica von durchsichtigem Blau, noch ihr endloser Horizont, noch das melodische Geräusch ihrer Wogen, noch ihr Gebrüll, noch ihr Zorn; er hatte nie daran gedacht, den Spiegel Gottes darin zu sehen; er stellte sie sich leider nicht so groß vor; er liebte sie ganz einfach und gut, weil er in ihr eine unversiegbare Quelle der marseiller Suppe fand.

Monsieur Coumbes war Fischer, und zwar marseiller Fischer; das heißt, er wußte aus ihren mit grünen Seegewächsen übersäeten Grotten die Rascaffen, die Roucas, die Bogues, die Patacliffs, die Garris, die Fielas und die anderen Ungeheuer, welche das mittelländische Meer bevölkern, hervorzulocken, und dann kam das noch größere Vergnügen, die auf ein Bett von Zwiebeln, Goldäpfeln, Petersilie und Knoblauch zu legen, dann Oel, Saffran und andere Gewürze in gehörigem Verhältniß hinzuzufügen, bis er einen weißen Schaum auf die Oberfläche steigen sah, den Dampf das Vorspiel zu jenem monotonen Gesange des vollständigen Kochens anstimmen hörte und dann mit weit geöffneter Nase den aromatischen Duft eines Nationalgerichts einsog.

Dies war Monsieur Coumbes; dies war eine Cabane. Das Grundstück war gleichsam mit dem Besitzer Eins geworden. Sie ließen sich nicht ohne einander malen.

Um unser Portrait zu vollenden, müssen wir hinzufügen, daß das Haus, ganz von Ziegeln und Sandsteinen, wie es war, einen nachtheiligen Einfluß auf das Herz und den Charakter des Monsieur Coumbes ausgeübt hatte.

Es hatte ihm das geistloseste aller Laster mitgetheilt, nämlich den Stolz.

Weil er immer den Gegenstand seiner Liebe betrachtete und in dem Besitze desselben frohlockte, war er dahin gekommen, diejenigen von seines Gleichen zu verachten, welche eines ähnlichen unschätzbaren Glücks beraubt waren, und einen verächtlichen Blick auf das Werk Gottes zu werfen. Fügen wir hinzu, so friedlich und gleichgültig das Leben des Monsieur Coumbes gewesen war, hätte es ihm doch andere, als diese künstlichen Neigungen und anderes Bedauern lassen sollen, als das, welches ihm die Verwüstungen des Nordwestwindes verursachten.

Es war ein Drama in seiner Vergangenheit gespielt worden.




Zweites Kapitel

Milette


Lassen wir die Dichter sagen: »Das Rohr ist gebrochen, wie die Eiche; es kommt der Tag, wo es, gleich den Riesen des Waldes, am Boden liegt.

»Wenn der Blitz es verschont, so übernimmt es die kalte Hand des Winters, es von ihrem Stamme abzureißen; es fällt weniger hoch; aber was thut's? wenn es doch fällt. Muß man denn nur Thränen für den Schmerz der Könige haben? Wer wird um den der Bettler weinen?

»Der Mensch mag sich im Grase verbergen, er kann doch dem Unglück nicht entgehen; mag die Bühne zwei Zoll oder hundert Ellen breit sein, es ist immer dasselbe Stück, welches gespielt wird – groß oder klein, die handelnden Personen beklagen sich immer und reißen sich das Haar aus: es ist nicht anzunehmen, daß die Gemüthsbewegungen in den kleinsten Rahmen am wenigsten heftig sind.«

Warum sollte Monsieur Coumbes dem allgemeinen Gesetze entgangen sein?

Eine Frau – es ist ihre Rolle hier auf Erden – war an einem schönen Tage in die Mitte des stillen und schlummernden Wassers gefallen, worin er so köstlich vegetierte, und die großen Kreise, die ein Fall auf der Oberfläche zurückließ, hätten beinahe diesen friedlichen Ort in ein stürmisches Meer verwandelt.

Sie hieß Milette; sie war aus Arles, dem Vaterlande der wahrhaft schönen Südländerinnen, mit schwarzem Haar, blauen Augen, weißer und atlaßartiger Haut, als ob die Sonne, welche die Granatäpfel zur Reife bringt, nicht über die dahingegangen wäre. Nie hatte das weiße Häubchen, welches mit einem breiten Sammetbande zugebunden wird, einen schöneren Haarwuchs eingeschlossen, als der Milette's war; nie hatte ein gefälteltes Halstuch einen zierlicheren Wuchs des Oberkörpers abgezeichnet; nie war ein Kleid geschickter abgekürzt, um ein hübsches Bein und einen kleinen zierlich gewölbten Fuß zu zeigen.

Milette konnte in ihrer Jugend für das vollständigste Muster der arlesischen Schönheit gelten, und mit so viel Anspruch, eine Frau nach der Mode zu werden, hatte Milette alle Verheißungen ihres sanften und redlichen Blickes gehalten und einen Mann ihres Standes, einen Maurergesellen geheirathet.

Es ist traurig, daß die Vorsehung es nicht übernimmt, Diejenigen zu belohnen, welche, wie Milette, ungeachtet der Klippen, gerade auf den Hafen zugehen und der Welt das Beispiel der wahren Tugend geben.

Aber Milettes Uneigennützigkeit brachte ihr Unglück; ihre Verbindung zählte kaum einige Frühlingstage, und bald wurde der, den sie als einen Schmetterling betrachtet hatte, zu einer Raupe. Sie hatte ihn ungeachtet seiner Armuth zum Gatten gewählt, weil er ihr gut, ehrlich, liebevoll und arbeitsam erschien. Er bewies ihr, daß die Komödie der Ehe in dem Dachstübchen wie unter den vergoldeten Decken gespielt wird. Er gab zu erkennen, was er war, nämlich zänkisch, brutal, träg und ausschweifend; und die schönen Augen der armen Milette vergossen oft reichliche Thränen.

Pierre Manas, dies war der Name von Milette's Gemahl, sagte eines Tages, daß die Arbeit in Marseille besser bezahlt werden müsse, als in Arles, und machte seiner Gemahlin den Vorschlag, sich dort niederzulassen.

Diese Ortsveränderung wurde Milette sehr schwer; sie liebte das Land, wo sie geboren worden, wo sie alle die Ihrigen zurückließ. Aus der Ferne verursachte ihr die große Stadt Furcht, wie ein Vampyr, der sie verschlingen wolle; aber ihre Thränen betrübten ihre alte Mutter; sie dachte, daß es ihr in der Ferne leichter sein würde, die ihr zu verbergen, sie zu überreden, daß sie glücklich sei, und Milette willigte in den Vorschlag ihres Mannes. Wie man sich vorstellen kann, war es nicht die Hoffnung, eine gewinnreichere Arbeit zu finden, die diesen nach Marseille zog, sondern er wollte dort einen weiteren Schauplatz für ein ausschweifendes Leben suchen: er wollte den Vorwürfen entgehen, welche eine Verwandten hinsichtlich seiner Aufführung an ihn richteten.

Milette und ihr Mann befanden sich seit vierzehn Tagen in Marseille, als Pierre Manas den leinenen Sack, der seine Werkzeuge enthielt, noch nicht geöffnet hatte; dagegen hatte er mit allen Schenken in den Straßen der alten Hafenstadt Bekanntschaft gemacht, und er war mit vielen Quetschungen, welche die Stärke der Fäuste derjenigen bestätigten, welche sie ihm zugetheilt hatten, nach Hause zurückgekehrt.

Wir wollen hier nicht die traurige Geschichte, die jeder weiß, von dem armen Mädchen aus dem Volke erzählen, durch das Geschick an ein schlechtes Subject gebunden, und welches weder die Zerstreuungen der Welt, noch die Entschädigungen des Wohlstandes, noch die Tröstungen der Familie hat; dergleichen Gemälde sind so herzzerreißend, daß unsere Feder sich weigert, die nachzuzeichnen; wir wollen nur sagen, daß Milette diesen bitteren Kelch bis auf die Hefen leerte; daß sie an der Seite dieses mit Wein überfüllten rohen Menschen Hunger litt; daß sie alles Elend der Einsamkeit und Verlassenheit erduldete; daß sie diese Verzweiflung kannte, die uns eine Idee von dem giebt, was man uns von der Hölle sagt.

Das Gefühl der Pflicht war so tief eingewurzelt bei diesem schönen und edlen Wesen, daß ihr ungeachtet so vieler Qualen nie der Einfall kam, daß es möglich sei, sich denselben zu entziehen. Gott hatte die Tugend in ihr Herz gepflanzt, wie er die süßen Gesänge in die Kehlen der Vögel gelegt und den Wasserjungfern Flügel von himmelblauer Gaze gegeben hat. Nur kam ein Tag, wo selbst ihr einziger Trost, das Gebet, ohnmächtig wurde, um dieses ausgetrocknete Herz zu erfrischen; nun warf sie sich vor, daß die Mutter zu sein gewünscht hatte; und die Küsse, die sie dem Kinde gab, welches der Himmel ihr geschenkt hatte, wurden ihm zugleich aus Zärtlichkeit, Verzweiflung und Mitleid aufgedrückt, wegen des Schicksals, welches der Vater dem armen kleinen Geschöpfe bereitete.

In der Etage unter der traurigen Haushaltung wohnte ein Arbeiter, der das gerade Gegentheil von Pierre Manas war.

Wie dieser Letztere hatte er weder die hohe Statur, noch die stolze und entschiedene Miene; er war schlank und schmächtig, mehr häßlich, als schön, und hatte eine demüthige und traurige Physiognomie, aber Alles in seinem Wesen zeigte den arbeitsamen und geordneten Mann. Er stand vor Tagesanbruch auf, und Milette, die nicht schlief, hörte ihn seine kleine Wohnung aufräumen, wie es das sorgfältigste Kammermädchen hätte thun können. Eines Tages gestattete ihr die halb offene Thüre, einen Blick in das Zimmer des Nachbars zu thun, und sie wunderte sich sehr über die Ordnung und Reinlichkeit, die dort herrschte.

Alle Bewohner des Hauses ließen einstimmig dem Packträger. Paul Coumbes Gerechtigkeit widerfahren.

Pierre Manas allein beschuldigte ihn der Einfalt und Filzigkeit. Er spottete über eine friedlichen Gewohnheiten und den ländlichen Geschmack, den er zeigte.

An einem Sonntag Morgen, als der Nachbar, ein Packet mit Sämereien unter dem Arme, aufs Land ging beleidigte ihn Pierre, weil er sich weigerte, ihm in das Wirthshaus zu folgen. Milette lief auf das Geräusch herbei, und es machte ihr viel Mühe, den jungen Mann von den Mißhandlungen ihres Mannes zu befreien; und als sie sie dann Beide die schmale Wendeltreppe hinuntersteigen sah, Pierre streitsüchtig und unverschämt, den Nachbar resigniert und entschlossen, flüsterte sie seufzend:

»Warum habe ich diesen und nicht jenen?«

Während der drei langen Jahre des Märtyrerthums Milettes war dies das einzige Vergehen, welches sie beging, und doch warf sie es sich mehr als einmal als ein Verbrechen vor.

Nach Verlauf von drei Jahren hätte dieses Dasein beinahe ein tragisches Ende genommen. In einer Nacht kehrte Pierre Manas in einer schrecklichen Verwirrung zurück. Gegen seine Gewohnheit war er nur halb betrunken; er befand sich in jener Stadie der Trunkenheit, die der erstarrenden Rückwirkung vorangeht und in welcher der Wein nur noch als Reizmittel wirkt. Ueberdies hatten ihn die Matrosen geschlagen, und da er auf seine physischen Kräfte sehr stolz war, so machte ihn die Demüthigung, die er erlitten, wüthend; er war glücklich, ein schwaches Wesen zu finden, an dem er sich wegen seines Mißgeschicks rächen konnte; er gab seiner Frau die Schläge zurück, die er von den Matrosen erhalten hatte. Die arme Milette war so daran gewöhnt, daß ihre Augen, die über die Erniedrigung ihres Mannes weinten, keine Thränen für ihre eigenen Leiden fanden.

Gelangweilt von der Einförmigkeit dieser Kraftanstrengung, suchte Pierre Manas eine andere Zerstreuung. Unglücklicherweise entdeckte er, als er in allen Winkeln umherstöberte, ein Glas Branntwein am Boden einer Flasche; er trank es und ließ im Glase die wenige Vernunft, die ihm noch übrig war.

Da ging ihm eine seltsame Idee durch den Sinn, eine von jenen Ideen, welche die Trunkenheit dem Wahnsinn nahe bringen.

Einer von seinen Gegnern, den Matrosen, hatte einige Augenblicke vor dem Kampfe ein Beispiel erzählt, wie er in London eine Frau habe hängen sehen. Er hatte die einzelnen Umstände darüber mitgetheilt, welche die Zuhörer leidenschaftlich aufgeregt.

Pierre Manas wurde von einem wilden Verlangen ergriffen, in der Wirklichkeit zu sehen, wovon er nur das lockende Bild kannte.

Von dem Gedanken bis zur Ausführung war nur eine Minute.

Er suchte einen Hammer, einen Nagel, einen Strick.

Als er dies. Alles gefunden hatte, suchte er nicht weiter: zum Galgen und was dazu gehörte, hatte er Alles, was er bedurfte, zur Hand. Seine arme Frau begriff nicht, was es bedeuten sollte, und sah den künftigen Henker mit erstaunten Augen an, indem sie sich fragte, welcher neue Einfall ihm in den Kopf gekommen sei.

Pierre Manas, der ungeachtet seiner Trunkenheit alle Umstände der Erzählung im Gedächtniß behalten hatte, wollte die Sache nach der Regel in Ausführung bringen.

Er begann damit, seine eigene Mütze auf den Kopf seiner Frau zu setzen und zog sie ihr bis zum Kinn herunter. Er fand, daß der Matrose Nichts übertrieben habe, daß es in der That sehr komisch sei, und stieß ein lautes und freudiges Lachen aus.

Völlig beruhigt von der Heiterkeit ihres Mannes, machte Milette keine Schwierigkeit, sich die Hände auf den Rücken binden zu lassen.

Sie konnte sich Pierres Absichten nicht eher erklären, als bis sie den kalten Strick an ihrem Halse fühlte.

Sie stieß einen entsetzlichen Schrei aus, indem sie um Hilfe rief; aber Alles schlief im Hause. Uebrigens hatte Pierre Mamas seine Nachbarn an das Schreien der Unglücklichen gewöhnt.

In diesem Augenblicke trat der junge Packträger, der seit einiger Zeit nicht nur die Sonntage, sondern auch alle seine Abende auf dem Lande zubrachte, in seine Wohnung.

Milettes Geschrei hatte etwas so Trauriges, etwas so Zerreißendes, daß ihn ein Schauder überlief und seine Haare sich auf seinem Kopfe emporrichteten.

Er stieg rasch die fünfundzwanzig Stufen hinauf, die ihn von der Dachstube des Maurers trennten, und sprengte mit einem Fußstoße die Thüre.

Pierre Manas hatte eben seine Frau an einen Nagel gebunden; das arme Geschöpf wehrte sich noch bei den ersten Convulsionen des Todeskampfes.

Monsieur Coumbes, denn er war, wie wir übrigens schon gesagt haben, der redliche und arbeitsame Nachbar – stürzte herbei, um dem armen Opfer zu Hilfe zu kommen, und ehe der Trunkenbold sich von seinem Erstaunen erholte, welches ihm diese Erscheinung verursachte, schnitt er den Strick ab und Milette fiel auf das Bett nieder.

Wüthend, sich dessen beraubt zu sehen, was er für den interessantesten Theil der Unterhaltung hielt, die er sich versprochen. hatte, stürzte sich Pierre Manas auf Monsieur Coumbes, indem er schwur, er wolle die Beide hängen. Dieser war weder tapfer, noch stark; aber die Ausübung seiner Profession hatte ihm eine große Gewandtheit verschafft. Er stellte sich vor das Bett der armen jungen Frau und bot dem wilden Thiere bis zur Ankunft der Nachbarn Trotz.

Nach ihnen kam die Wache: Pierre Manas wurde ins Gefängniß geführt, und die arme junge Frau nahm die erste Fürsorge in Anspruch.

Es versteht sich von selber, daß es Monsieur Coumbes war, der ihr dieselbe leistete. Seit langer Zeit hatte die Milde und Resignation, womit Milette ihre entsetzliche Lage ertrug, sein Herz gerührt, welches übrigens zu persönlich war, um zärtlich zu sein. Es erfolgte daraus zwischen der Bewohnerin des Dachstübchens und ihrem Nachbar in der unteren Etage ein gewisses durchaus freundschaftliches Verhältniß, denn als Pierre Manas in die Besserungsanstalt gebracht wurde und ein verbindlicher Advocat Milette fragte, ob sie nicht auf Ehescheidung antragen wolle, kam es dem Packträger nicht in den Sinn, daß er in seinem Secretair die Summe habe, in Ermangelung deren das arme Geschöpf hienieden auf keine Ruhe rechnen konnte.

Pierre Manas war zu einer Gefangenschaft von einigen Monaten verurtheilt; aber Milette blieb sein Eigenthum, eine Sache, die er nach seinem Gefallen wieder nehmen und an ihr das unterbrochene Experiment fortsetzen konnte, wenn es ihm gut dünkte, worauf ihm ein etwas längerer Aufenthalt in den Gefängnissen von Aix bevorstand; und Alles, weil die Unglückliche nicht einige hundert Franken besaß.

Als Milette wieder zu sich kam und erfuhr, was vorgegangen, war ihre erste Bewegung zu klagen und aufstehen zu wollen, um für ihren Mann um Gnade zu bitten. Zum Glück für die öffentliche Rache war sie zu schwach, um ihre Absicht auszuführen.

Während der ersten Tage erschienen ihr die ungewohnte Ruhe, die um sie her eingetreten war, und die Aufmerksamkeiten, womit ihr Nachbar sie überhäufte, sehr, seltsam; das elende Leben, welches sie geführt hatte, erschien ihr als das normale Leben; sie glaubte zu träumen; nach und nach gewöhnte sie sich daran, und die Vergangenheit erschien ihr dagegen als ein Traum.

Endlich dachte sie mit Zittern daran, daß dieser Traum wohl eine Wirklichkeit werden könne.

Um sie zu trösten, sagte sie sich, daß die rauhe Lection, die er erhalten, nicht habe verfehlen können, ihren Mann zu bessern. Er war so sehr gebessert, daß er, als eine Strafe zu Ende war und Milette ging, um ihn demüthig an der Thüre des Gefängnisses zu erwarten, sich nicht herabließ, einen Blick auf sie zu werfen, und entfloh, indem er einem Frauenzimmer von schlechtem Leben, mit welchem er nach der Gewohnheit der Diebe, die seine Kameraden geworden waren, eine galante Correspondenz unterhalten hatte, um sich die Langeweile der Gefangenschaft zu vertreiben, den Arm reichte.

Milette fühlte sich zu Boden geschmettert von diesem letzten Schlage. Nach Hause gekommen, dachte sie daran, zu ihrer Mutter zurückzukehren; ein schwarz gesiegelter Brief theilte ihr in diesem Augenblicke mit, daß ihre Mutter eben gestorben sei.

Die arme junge Frau war von jetzt an allein auf der Erde. Ihr Freund Monsieur Coumbes tröstete sie so gut er konnte. Aber so sehr er auch ihr Freund war, dachte er doch nicht daran, allen Schmerzen der jungen Frau zu begegnen, ihr das Geständniß desjenigen Schmerzes zu ersparen, der jeden Tag stechender wurde, nämlich der Armuth. Diese Armuth war groß; aber Milette war muthig; sie ertrug sie lange mit jener geduldigen Energie, die sie angewendet, um die Uebertriebenheiten ihres Mannes zu ertragen. Endlich, als es ihr gänzlich an Arbeit fehlte, gestand Milette ihrem guten Nachbar, daß sie sich genöthigt sehe, einen Dienst zu suchen.

Dieser dachte lange nach, sah mehrmals seinen Secretair von Nußholz an, in welchem er nie den Schlüssel stecken ließ, dann erklärte er Milette mit einer gewissen Verlegenheit, da er im Begriff sei, sich um eine Meisterschaft in einer Corporation zu bemühen, so bedürfe er aller seiner Hilfsmittel und könne ihr zu einem großen Bedauern nicht zu Hilfe kommen.

Milette zeigte sich trostlos, daß er sie so unrecht verstanden habe, und gab ihm mit Lebhaftigkeit die Versicherung, daß sie nie daran gedacht, das Wohlwollen auszubeuten, welches er ihr bezeigte.

Monsieur Coumbes machte ihr den Vorwurf, ihn unterbrochen zu haben, und setzte seine Rede fort, indem er sagte, es gebe vielleicht ein Mittel, Alles zu ordnen. In seiner neuen Lage würde er einer Dienerin bedürfen, und er gebe ihr den Vorzug.

Milette zeigte sich bezaubert, zuerst, daß die Prophezeiungen der Nachbarn sich bestätigten und daß der junge Packträger sein Glück machen werde; dann über den Vorschlag selber, den ihr Monsieur Coumbes eben gemacht. Sie war so unschuldig und naiv, daß es ihr ganz natürlich schien, die Dienerin dieses jungen Mannes zu werden, und in seiner Nähe, glaubte sie, würde ihr der Dienst weniger schmerzlich sein.

Monsieur Coumbes war nicht weniger zufriedengestellt. Nicht als ob die Augen der schönen Arlesierin einen Wunsch in seinem Herzen erweckt hätten, nicht als wenn er einen unredlichen Gedanken gegen die junge Frau gehegt hätte; sein der Liebe widerstrebendes Herz erglühte nicht so leicht; sondern weil ihr Unglück ihn gerührt hatte, so sehr er im Stande war von dem gerührt zu werden, was ihn nicht persönlich anging; weil es ihm angenehm war, diejenigen zu verpflichten, die er liebte, ohne daß es ihm. Etwas kostete, und endlich, muß ich es sagen? weil er in Marseille keine einzige Dienerin gefunden haben würde, die sich mit dem Lohn begnügt hätte, welchen er Miletten zu geben dachte.

Man mißtraue immerhin den negativen Eigenschaften.




Drittes Kapitel

Worin man sehen wird, daß es zuweilen gefährlich ist, einen Raben und eine Turteltaube in denselben Käfig einzusperren


Das Gesicht des Monsieur Coumbes, noch fast bartlos, ungeachtet seiner siebenundzwanzig Jahre, deutete ein kaltes und melancholisches Temperament an. Alle Welt wünschte ihm Glück zu der Schönheit seiner Dienerin und dies war es, um was er sich am wenigsten kümmerte. Als er sich in Gesellschaft mit Miletten nach Montredon begab, bemerkte er nicht, daß die Augen aller Vorübergehenden neugierig das liebliche Gesicht der jungen Frau ansahen; aber er lächelte freudig, als er ihre kleinen Füße, ungeachtet der Last, womit er ihre Schulter beladen, rasch durch den Staub dahinlaufen sah. Er bemerkte nicht die Anzahl der Neider, die am Abend seine Wohnung umschwärmten; aber er hielt sich überzeugt, daß Milette eine solche Sorge für seine Interessen habe, daß er die strenge Wachsamkeit hinsichtlich der Einzelheiten seines Haushalts von jetzt an einstellen könne. Der Director der religiösen Gemeinschaft, zu welcher Monsieur Coumbes gleich allen anderen Packträgern gehörte, machte ihm Vorstellungen wegen des Scandals, den die Gegenwart dieser jungen Frau bei einem Manne seines Alters den Frommen verursache. Milettens Herr, der übrigens kein starker Geist war, entgegnete, das müsse der liebe Gott verantworten der sie geschaffen habe, und nicht er, von dem man nicht erwarten dürfe, daß er anders als redlich gegen dieses Meisterwerk der Vorsehung handeln werde.

Die Gleichgültigkeit des Monsieur Coumbes währte zwei ganze Jahre und brachte ihn bis zu einem gewissen Abend im zweiten Herbst.

An diesem Abend sang Milette: die bösen Tage waren schon so fern! Ihre Stimme war frisch und rein, wenn gleich nicht von großem Umfange; aber es war eine liebliche und besonders sympathetische Stimme. Sie hatte Monsieur Coumbes in dem Augenblick überrascht, wo er über eine Verbesserung der marseiller Suppe nachdachte, und unterbrach seine tiefe Betrachtungen über diesen Gegenstand. Seine erste Bewegung war gewesen, ihr Schweigen zu gebieten, aber der Zauber wirkte schon, sein Gedanke gehorchte nicht mehr einem Willen, und um bildlich zu reden, schlüpfte er ihm durch die Finger, wie der Fisch, den der Fischer in seiner Höhle erhaschen will. Er empfand gleich Anfangs ein gewisses Erbeben, welches er nie zuvor gekannt; er empfand das Verlangen, seine Stimme mit den Silbertönen zu mischen, die er hörte. Seine Trunkenheit war glücklicherweise nicht so stark, daß er vergaß, daß alle seine Bemühungen in dieser Hinsicht besonders unglücklich gewesen. Er lehnte sich in seinen Binsenstuhl zurück und wiegte sich darin, indem er seine Augen schloß. Woran dachte er? An Nichts oder an Alles, Das Ideal öffnete für ihn die Thüre seiner Welt, die mit liebenswürdigen Phantomen bevölkert war; über den schwarzen Sammet seiner Augenbrauen zogen Tausende von goldenen und flammenden Sternen hin und her; sie veränderten die Form, nahmen zuweilen die Milettens an, erloschen dann, nachdem sie einige Augenblicke gefunkelt. Seine Gedanken gingen mit schwindelnder Schnelligkeit von den Blumen zu den Engeln, von den Engeln zu den Gestirnen des Himmels über, dann kehrten sie zu phantastischen Gottheiten seines Gehirns zurück, welches bis dahin nicht weiter gegangen, als bis zu den baukünstlerischen Umwandlungen der Cabane, die es aber mit einer Leichtigkeit erschuf, die an das Wunderbare grenzte.

Monsieur Coumbes glaubte, er würde wahnsinnig, aber seine Thorheit erschien ihm so bezaubernd, daß er nicht dagegen protestierte.

Als das Lied zu Ende war, schwieg Milette und Monsieur Coumbes öffnete seine Augen und entschloß sich, die ätherische Region zu verlassen um wieder auf die Erde herunterzusteigen. Ohne sich, Rechenschaft abzulegen, warum, richtete sich sein erster Blick auf die junge Frau.

Milette hing am Ufer des Meeres Wäsche auf Leinen, bei welcher sehr prosaischen Beschäftigung Monsieur Coumbes sie so schön fand, wie die schönste der Feen, deren bezauberte Reiche er eben durchwandert. Sie trug das vollständige Kostüm einer Wäscherin, welches nur in einem Hemd und einem Unterrock bestand. Ihr Haar hing halb aufgelöst über ihren Rücken und der Seewind, der mit demselben spielte, machte einen Nimbus daraus. Ihre weißen und vollen Schultern traten aus der groben Leinwand hervor, wie ein Stück von den Fluthen polierten Marmors aus dem Felsen hervortritt; nicht weniger weiß war ihre Brust, die enthüllt wurde, wenn sie die Arme erhob, während sie, wenn sie sich auf ihre Füße stellte, die schöne Schweifung ihrer Taille und die herrliche Entwickelung ihrer Hüften hervortreten ließ.

Als er sie so sah, vergoldet von dem rothen Widerschein der untergehenden Sonne gegen das dunkle Azurblau des Meeres abstechend, welches den Grund des Gemäldes bildete, glaubte Monsieur Coumbes einen jener feurigen Engel wiederzufinden, die ihm eben noch so schön erschienen waren. Er wollte Milette rufen, aber seine Stimme erlosch in seiner ausgetrockneten Kehle, und dann bemerkte er, daß seine Stirn in Schweißgebadet war, daß er schwer athmete, und daß sein Herz schlug, als wollte es eine Brust sprengen. In diesem Augenblick näherte sich Milette und rief, indem sie Monfieur Coumbes ansah:

»Ei, mein Gott, Herr, wie roth Sie sind.«

Monsieur Coumbes antwortete nicht; aber sei es, daß sein Blick, der gewöhnlich grau und matt war, an diesem Abend etwas Flammendes hatte, sei es, daß die magnetischen Ausströmungen, die von einer Person ausgingen, Milette in der Ferne erreicht hatten, diese erröthete ebenfalls und schlug die Augen nieder; ihre nervös zusammengezogenen Finger spielten mit dem Bande ihres Rockes; bald verließ sie ihren Herrn und trat wieder in die Cabane.

Nach einigen Augenblicken des Zauderns folgte ihr Monsieur Coumbes dorthin.

Der Herbst ist der Frühling der Melancholischen.




Viertes Kapitel

Cabane und Sennhütte


Monsieur Coumbes besaß in ausgezeichnetem Grade das Gefühl einer socialen Stellung. Er war keiner von denjenigen Leuten, welche den Liebesgott mit einer Setzwage anstatt des Scepters darstellen und welche von der Hand ihrer Köchin geschmiedete Fesseln annehmen; ei! er würde es nicht gewollt haben, und wenn diese Hand die Hand der Grazien gewesen wäre. Er gehörte selbst nicht einmal zu denen, welche denken, wenn die Thüre geschlossen, wenn der Tisch gedeckt und der Wein aufgestellt ist, wer kümmert sich darum, wo Babette untergebracht ist?

Er hegte eine allgemeine Abneigung gegen das ganze weibliche Geschlecht. Milette hatte die einzige Ausnahme von dieser Ansicht gebildet. Er erstaunte zu sehr darüber, um nicht seine Kaltblütigkeit zu behaupten, um nicht bei gesunder und vollständiger Vernunft zu bleiben, selbst in den Augenblicken, wo der König der Götter die einige verlor. Wenn der Gesang dieser Frau jene Einwirkung auf ihn äußerte, den die Frühlingssonne auf die Natur äußert, so ging sie nicht so weit, um ihn das Decorum, die Feierlichkeit der Geberden und der Sprache vergessen zu lassen, welche einem Herrn seiner Dienerin gegenüber zukommen. Und oft gerade in dem Augenblick, wenn die Glut der Sinne ihn vergessen lassen wollte, daß je zwischen ihnen ein Abstand geherrscht, protestierte die Würde des Monsieur Coumbes durch einige ernste Worte, durch einige stark motivierte Anweisungen hinsichtlich der Sorgen des Haushalts, welche die junge Frau erinnern mußten, daß ihr Herr, wie es auch scheinen möchte, sich niemals entschließen würde, in ihr etwas Anderes, als eine Dienerin zu sehen.

Die Leidenschaft spielt nicht immer in der Annäherung der beiden Geschlechter eine so wesentliche Rolle, wie es scheinen mag. Tausend verschiedene Gefühle können zu einem Verhältniß führen. Milette hatte Monsieur Coumbes nachgegeben, weil sie eine übergroße Dankbarkeit für die Dienste hegte, die er ihr geleistet; weil der Packträgermeister, rechtschaffen, geordnet und glücklich, mit einer seltenen Festigkeit der Ideen zum Vermögen gelangte fand er eine überzeugte Bewunderin. Der gewöhnliche Kopf des Besitzers der Cabane von Montredon war für ihre Augen mit einer Glorie umgeben; sie betrachtete ihn wie einen Halbgott, hörte ihn respektvoll an, theilte seine leidenschaftliche Vorliebe und war in seinem Gefolge dahin gekommen, eine armselige Hütte in wahrhaft olympischen Proportionen zu finden. Was Monsieur Coumbes auch von der Dienstfertigkeit der armen Frau verlangte, so hatte dieselbe doch keine Gelegenheit vorübergehen lassen, sich kund zu geben: die Ueberzeugung von ihrer Untergebenheit ließ sie jede Weigerung als unmöglich ansehen.

Da sie sich nie übertriebenen Hoffnungen hingegeben hatte, so kannte sie auch die Täuschung nicht da sie keine Demüthigung fühlte; sie nahm ihre Stellung, wie ihr Herr sie ihr bereitete, mit einer zärtlichen und erkenntlichen Resignation an.

So vergingen die Jahre, indem sich in dem starken Koffer des Packträgermeisters Thaler auf Thaler häuften, indem er Butten Erde auf Butten Dung in dem Gärtchen zu Montredon schüttete. Aber ihre Bestimmung war verschieden; während der Nordwestwind Erde und Dung wegschleuderte, blieben die Thaler zurück, rundeten sich ab und vermehrten sich.

Sie vermehrten sich so gut, daß Monsieur Coumbes nach fünfzehn Jahren am Montag jeder Woche eine Schwäche empfand, wenn er Montredon, einen Feigenbaum, sein Gemüse und eine Beete verlassen mußte, um ein schmales Zimmer in der Rue de la Darfe wieder zu erreichen, und daß diese wöchentlichen Krisen von Woche zu Woche heftiger wurden. Die Liebe zu der Cabane und die Liebe zum Reichthum kämpften eine Weile mit einander in seinem Herzen. Gott selbst verweigerte es nicht, in der streitigen Sache auf Monsieur Coumbes zu wirken. Im Jahre des Heils 1845 fesselte er den besonderen Feind dieses Mannes in den Schluchten des Berges Ventoux, und schickte uns einen milden und feuchten Sommer. Der Sand von Montredon that zum erstenmal Wunder, seitdem der Packträgermeister seine Villa besaß. Der Salat vertrocknete nicht im Keim, die Bohnen schossen schnell auf, die schwachen Stengel der Goldäpfel bogen sich unter ihren gerippten Aepfeln; und an einem Sonnabend, als Monsieur Coumbes in seinem Garten ankam, zählte er, indem eine Ueberraschung seinem Glück gleich kam, zweihundertsiebenundsiebzig Blüthen auf einem Erbsenbeete. Er erwartete so wenig diesen ungehofften Erfolg, daß er sie aus der Ferne für Schmetterlinge gehalten hatte. Dieses Ereigniß besiegte allen seinen Widerstand. Sobald sich eine Blume in dem Garten des Monsieur Coumbes öffnete, würde es nicht zu viel gesagt sein, daß er bei ihrem Erblühen zugegen war. Er verkaufte seine Stelle, zog seine Gelder ein und brachte sie unter, vermiethete sein Zimmer anderweitig und ließ sich gänzlich in Montredon nieder.

Milette sah diese Veränderung der Wohnung nicht gern.

Während wir uns übermäßig über die Thaten und Handlungen des Besitzers der Cabane ausgelassen, haben wir eine Person ein wenig vernachlässigt, welche eine gewisse Rolle in dieser Erzählung spielen soll. Freilich hätte das Dasein dieser Person während der siebzehn Jahre, die wir eben überschritten haben, unseren Lesern nur ein mittelmäßiges Interesse eingeflößt. Wir wollen von dem Kinde Miletten's und Pierre Manas‘, reden.

Er hieß Marius, wie viele Marseiller. So pflanzt die Erkenntlichkeit der Bewohner des alten Marseille die Erinnerung des Helden fort, der ihr Land vor den Einfällen der Cimbern schützte; ein rührendes Beispiel, welches sie noch der Bewunderung derjenigen empfiehlt, welche die die Franzosen nennt. Er hieß also Marius.

Zu der Zeit, wohin wir gekommen sind, war er im vollen Sinne des Worts ein hübscher Knabe, einer von jenen jungen Leuten, welchen die Frauen nicht begegnen können, ohne den Kopf umzuwenden wie ein Pferd beim Blasen der Trompete.

Wir wollen es unseren Leserinnen überlassen, sich nach ihrem Gefallen das Bild unseres jungen Marius auszumalen, indem sie ihren besonderen Geschmack befolgen, wobei wir sie voraus um Verzeihung bitten, wenn in der Folge dieser Erzählung die Wahrheit uns nöthigt, der Vorliebe zu widersprechen, welcher wir in diesem Augenblick zu Gefallen zu reden suchen.

Die arme Milette liebte ihren Sohn zärtlich; sie hatte eine Menge Gründe dazu, wovon der beste war, daß sie, so natürlich dieses Gefühl sein mochte, sich Zwang anzuthun genöthigt war.

Ohne Abneigung gegen Marius zu empfinden, liebte ihn Monsieur Coumbes nicht. Er war völlig unfähig, die Mutterfreuden zu schätzen; aber er rechnete zu gut, um nicht die Kosten abzumessen.

Milette opferte für die Erziehung ihres Kindes den bescheidenen Lohn, den Monsieur Coumbes ihr so pünktlich zahlte, als wenn ihr Gesang ihn nicht zuweilen begeistert hätte, und Monsieur Coumbes beklagte die arme Frau und bedauerte die Opfer, die sie sich aufzuerlegen genöthigt war, um diesem kleinen Burschen das Abc lernen zu lassen, und erleichterte dieselben gewöhnlich durch das sparsame Mitleid, welches er ihr bezeugte und welches er nicht nur durch Beileidsbezeugungen, sondern auch durch heftige Verweise, die er dem Knaben zu Theil werden ließ, kund gab.

Als dieser Letztere herangewachsen war, gestaltete sich die Sache anders! Monsieur Coumbes hatte zu einem persönlichen Trost einen Grundsatz erfunden, den wir allen denjenigen empfehlen, welchen die Aufrichtigkeit ihres Spiegels unangenehme Wahrheiten sagt: er behauptete, daß ein hübscher Bursche nothwendigerweise ein schlechtes Subject sei; und Marius wurde entschieden ein hübscher Bursche. Die Stirn des Monsieur Coumbes wurde finsterer, wenn er ihn ansah. Er schalt Milette, daß sie eine thörichte Zärtlichkeit für ihr Kind zeige, indem er behauptete, daß ihre Liebe zu ihm sie von ihren häuslichen Pflichten ablenke. Er beklagte sich wiederholt über die Nachlässigkeit, die sie, wie er sagte, bei der Zubereitung irgend eines Gerichts gezeigt, und schrieb dieselbe der Zerstreuung zu, die dieser herbeiführe, den er zum voraus den Taugenichts nannte, und zu gleicher Zeit übte er vermöge seiner Folgerichtigkeit eine beständige Wachsamkeit über eine Börse aus; denn er hielt es bei den Augen, die der junge Mann besaß, für unmöglich, daß er sie ihm nicht einst rauben sollte.

Die Folge dieser Stimmung des Monsieur Coumbes war, daß Milette sich genöthigt sah, sich zu verbergen, um ihr Kind zu umarmen. Dieser schien es nicht zu bemerken. Er besaß einen angebornen Adel der Seele, die erhabenen Gesinnungen, die seine Mutter auszeichneten.

Milette hatte ihn mit der Vergangenheit unbekannt gelassen; sie hatte ihm Nichts von ihrer traurigen Geschichte erzählt, aber sie wiederholte ihm ohne Aufhören, daß er denjenigen lieben und verehren müsse, welchen sie niemals anders als seinen Wohlthäter nannte; und das Kind hatte sich gezwungen, die Erkenntlichkeit kund zu geben, wovon ein Herz überströmte, und die er empfunden haben würde, selbst wenn Monsieur Coumbes keinen weiteren Anspruch gehabt hätte, als die Zuneigung, die er einer Mutter einzuflößen gewußt hatte, welche Marius so zärtlich liebte.

Wenn Marius, als er größer wurde, fortfuhr, Monsieur Coumbes viel Sorgfalt und Aufmerksamkeit zu erweisen, so fügte er noch eine Geduld ohne Grenzen und voll Respekt hinzu. Es war einleuchtend, daß der junge Mann bei einem Scharfblick errathen zu haben glaubte, daß festere Bande, als die der Wohlthat zwischen dem Packträgermeister und ihm herrschten.

Was ihn in diesem Glauben bestärken konnte, war, daß Monsieur Coumbes, als er sich nach und nach gewöhnt hatte, ihn Vater zu nennen, Nichts dagegen hatte. Als Monsieur Coumbes Marseille verließ, um nach Montredon zu ziehen, war Milettens Sohn seit einem Jahre als subalterner Commis in ein Handlungshaus eingetreten, und jeden Abend machte er sich aus dem Staube, um seine Mutter zu umarmen. Es war dieser Abendkuß, den sie verlieren sollte, welcher Milette das Bedauern einflößte, welches ihr die Stadt zu verursachen schien. Sie wurde so traurig, daß Monsieur Coumbes es bemerkte. Er war so freudig über die ganze Linie zu siegen, alle Spötter zum Schweigen gebracht zu haben, welche behauptet hatten, um Bäume in einem Garten zu haben, würde er genöthigt sein, sich die Decorationen von dem großen Theater zu borgen, so daß er sein Glück nicht durch Miletten's Gesicht wollte stören lassen.

Er erlaubte ihr folglich, ihren Sohn jeden Sonntag kommen zu lassen.




Fünftes Kapitel

Worin man sieht, daß es zuweilen unangenehm ist, schöne Erbsen in seinem Garten zu haben


Um die Mitte des Sommers des Jahres 1845 geschah ein Ereigniß, welches auf seltsame Weise auf das Leben des Monsieur Coumbes einwirkte. Eines Abends, als er sich des Schattens seines Feigenbaums, vereint mit dem seines Hauses erfreute und halb zurückgelehnt auf seinem Stuhle saß, den Kopf auf die letzte Querstange gelehnt, folgte er mit dem Auge nicht den vergoldeten Wolken, die nach Westen hinzogen, sondern dem Fortschritte der Feigen, die sich abkundeten, am Stiel jedes der Blätter eines Baumes, und die er bereits zum voraus kostete, als er das Geräusch der Stimmen von zwei Personen vernahm, die an dem Gitterzaun von Rohr, welcher seinen Garten nach der Straße hin einschloß, vorübergingen. Die eine Stimme sagte zu der anderen:

»Wahrhaftig, Sie sollen sogleich über die Beschaffenheit des Sandes urtheilen; weder in Bonneveine, noch in Aygalades, noch in Blancarde, weder für Gold noch für Silber könnten. Sie finden, was Sie hier sehen werden. Der König von Frankreich, mein Herr, der König von Frankreich hat nichts Aehnliches in seinem Garten!«

In demselben Augenblick, und während Monsieur Coumbes mit klopfendem Herzen darüber nachdachte, an wen diese Lobeserhebungen möchten gerichtet sein, blieben die Personen vor dem kleinen hölzernen Gitterthore stehen, welches seine Wohnung einschloß. Der Eine von ihnen war ein Grundbesitzer aus der Nachbarschaft, der Andere ein junger Mann, den Monsieur Coumbes zum ersten Mal in Montredon sah.

Der Erstere blieb stehen, deutete auf den Garten, der in seiner ganzen Fülle von Grün prangte, und vorzüglich auf das Erbsenbeet, welches sich bei dem Hauche des Seewindes wellenförmig bewegte, und rief mit einer Geberde, die seinem Ausdruck. Feierlichkeit verlieh:

»Sehen Sie!«

Monsieur Coumbes wurde roth wie ein junges Mädchen, dem man zum ersten Mal ein Compliment wegen ihrer Schönheit macht, und er war fast im Begriff, die Augen niederzuschlagen.

Der junge Mann betrachtete den Garten mit geringerer Begeisterung, als der Andere, aber dennoch mit anhaltender Aufmerksamkeit; dann entfernten sich beide, und Monsieur Coumbes konnte nicht schlafen. – Die ganze Nacht träumte er von den Complimenten, die er an die höfliche Person richten wollte, sobald er ihr begegnen würde.

Am folgenden Tage begoß er seine Lieblingspflanzen und Milette war ihm dabei behilflich, als er wieder ein Geräusch hörte, welches diesmal nicht von der Straße herkam, sondern von der Seite, wo ein langer Raum von Dünen seine Wohnung von einem halben Dutzend Häusern trennte, die man das Dorf Madrague nannte, welcher Raum bis dahin wüst gelegen und nur Schilfgras, Imortellen und wilde Nelken getragen, die sie je nach der Jahreszeit mit ihren weißen, gelben oder rosenfarbigen Blumen tapezierten.

»Wer zum Henker kommt da?« sagte Monsieur Coumbes, von dem Honig angelockt, den er am Abend gekostet hatte. Dann, ohne Milette Zeit zu lassen, ihm zu antworten, trug er einen Stuhl an einer Einfassung von Rohr dahin, und es leise aus einander schiebend begann er, sich in den Stand zu setzen, eine Neugierde zu befriedigen.

Diese Stimmen waren nichts mehr oder weniger, als die von drei oder vier Arbeitern; aber diese Arbeiter trugen Taue, Pfähle und Meßstangen; sie zogen Winkel auf dem wüsten Terrain, welches die Cabane des Monsieur Coumbes begrenzte, und dieser war kein Mann, der nicht gefragt hätte, was dies bedeuten solle?

Man sagte ihm, daß ein Bewohner von Marseille, angelockt vielleicht von der glänzenden Aussicht, welche die Wohnung des Monsieur Coumbes den Vorübergehenden darbot, diese Strecke Land gekauft habe und dort eine Villa nach dem Muster der einigen erbauen lassen wolle.

Monsieur Coumbes war ziemlich gleichgültig bei dieser Nachricht. Er war nicht Menschenhafter aus Grundsatz. – Er hatte die Einsamkeit mehr angenommen, als sie aufgesucht; die Gesellschaft seiner Mitmenschen hatte. Nichts, was ihn anzog, obgleich er nicht dahin gekommen war, sie zu fliehen.

Dennoch empfand er bald die Unbequemlichkeiten davon. Am folgenden Tage gruben die Maurer einen Graben längs dem leichten Zaun, der die beiden Wohnungen trennte. Monsieur Coumbes erneuerte seine Fragen und es wurde ihm geantwortet, daß sein künftiger Nachbar das Rohr nicht für eine genügende Einfassung halte und beabsichtige, so weit es ihn selber angehe, es durch ein mächtiges Viereck von Steinen zu ersetzen.

Die Gleichgültigkeit des Monsieur Coumbes ging bei diesen Worten in das Gegentheil über. Er bedachte, daß diese unnützen Befestigungen machen würden, daß er die Aussicht auf das Meer und das Cap Croisette verlieren würde, und in demselben Augenblick begeisterte er sich wie wahnsinnig für ihre Schönheiten. Dann demüthigte dieser Bau den einigen. Dieses Rohr mußte eine sehr klägliche Figur gegen die schöne Mauer seines Nachbarn spielen. Im Vergleich mit einer Villa würde seine Cabane beträchtlich in der öffentlichen Meinung sinken. Diese letzte Rücksicht war so stark, daß er sogleich einen Maurer aus der Nachbarschaft kommen ließ und ihn anwies, es seinem Nachbar gleich zu thun.

Diese Ausgabe war dem Geiste der Ordnung und Sparsamkeit, der in allen Handlungen des Monsieur Coumbes herrschte, sehr zuwider; aber seine Eigenliebe als Besitzer wußte alle diese Vorwürfe zum Schweigen zu bringen. Er sagte sich, daß eine Mauer seinen Garten viel besser schützen werde, als das Rohr es bisher gethan; daß sie überdies noch den Vorzug habe, das Obst und das Gemüse, welches ihm jetzt nicht fehlen könne, vor den Dieben zu schützen. Und als die vierfache Mauer vollendet war, hatte sie ein so gutes Aussehen, sie war so weiß, so zierlich verstrichen; die Flaschenstücke, womit man den oberen Rand verziert hatte, schimmerten so hübsch in der Sonne, daß Monsieur Coumbes eine lebhafte Erkenntlichkeit gegen den empfand, der mit diesem Bau den Anfang gemacht und ihn zu dieser Ausgabe bestimmt hatte.

Monsieur Coumbes fuhr also fort zu fischen, zu graben und so gut er konnte glücklich zu sein, und er kümmerte sich nicht weiter um seinen Nachbar, als daß er an die hübschen Partien dachte, die sie in Gesellschaft machen könnten, wenn er vielleicht das Fischen lieben sollte.

Indessen, als er einige Zeit später einen Blick auf die Arbeiten warf, die einen raschen Fortschritt nahmen, bemerkte er, daß sie von einer Wichtigkeit waren, die er bis dahin nicht hatte vermuthen können, und zum ersten Mal fühlte er einen neidischen Gedanken im Herzen. Aber er beeilte sich, ihn zurückzudrängen. Wenn die Cabane des Nachbarn die grandioseste wurde, so blieb die seinige doch die hübscheste in Montredon. Hatte er je die schöne Fregatte des Königs, welche er mit dem Schatten ihrer Segel das Meer bedecken sah, beneidet, wenn er mit seiner hübschen Jolle manöverirte?

Er machte sein Herz nicht so leicht von diesen bösen Ideen frei, daß er doch nicht ein geheimes Gefühl der Freude empfinden sollte, als er bemerkte, daß das Gebälk des Hauses eines Nachbarn schwer und massiv sei; daß es mehrere Fuß über das Mauerwerk hinausragte und endlich, daß es durch einen Mangel an richtigem Verhältniß das Gebäude entstellte, welches es bedecken sollte. Aber die Dachdecker, die Tischler und die Maler kamen – diese brachten Dachziegel von neuer Form, jene fügten an alle Etagen Balkons, so zierlich gearbeitet, daß sie Spitzen glichen, die letzteren bemalten die Wände, so daß sie wie reich geäderte tannene Planken aussahen und sie machten ihre Sache so gut, daß nach und nach Harmonie in das Gebäude kam, und daß es ein ländliches aber sehr elegantes Aussehen erhielt.

Es war eine Sennhütte, und die Sennhütten, die damals noch nicht so gewöhnlich waren, wurden sehr bewundert. Wir wollen indessen nicht behaupten, daß Bewunderung das Gefühl war, welches diese bei Monsieur Coumbes erregte. Er betrachtete sie mit einer Miene der üblen Laune, eine starken Augenbrauen zusammengezogen und seine Lippen zusammengekniffen; und noch einmal hatten seine Vernunft und sein gesunder Sinn einen Kampf gegen die leidenschaftlichen Eingebungen seines Stolzes zu bestehen. Er siegte noch diesmal darüber, aber immer nur beinahe; denn obgleich eine Neugierde lebhaft erregt war, so daß er eifrig wünschte, den Namen des glücklichen Eigenthümers dieser neuen Besitzung zu wissen, konnte er sich nicht entschließen zu gehen und die Arbeiter zu fragen. Es schien ihm, als ob eine Röthe die Furcht hätte verrathen müssen, welche ihm diese künftige Rivalität verursachte. Er war verlegen, unruhig, und sah nur verstohlen die röthlichen Mauern der Cabane an, die ihn nichtsdestoweniger so stolz und glücklich machten.

Dieser Name beschäftigte ihn ohne Aufhören, ungeachtet der Sorge, die er anwendete, jeden Gedanken zu entfernen, der ihn an die neue Sennhütte erinnerte. Der Zufall übernahm es, ihn davon in Kenntniß zu setzen.

Das benachbarte Bauwerk war so rasch vorgeschritten, daß noch einige Gemüse den Glanz beurkundeten, der den Garten des Monsieur Coumbes charakterisierte. Der Staub von dem Mörtel und Kalk, den die Maurer durch die Atmosphäre verbreiteten, hatte diese Gemüse auf ärgerliche Weise überzogen, und der Packträger, eine Bürste in der Hand und einen Wassereimer zu seinen Füßen, war beschäftigt, die davon zu befreien.

Er hörte einen Wagen rollen und diesen Wagen vor den Gitterthor anhalten, welches den Garten des Nachbars schloß.

Am Morgen hatte er einige Zurüstungen bemerkt, welche andeuteten daß die Arbeiter den neuen Besitzer erwarteten, und da Monsieur Coumbes nicht zweifelte, daß er es sei, so kletterte er auf seinen Stuhl und erhob leise den Kopf über die Mauer, welche die beiden Gebiete trennte. Er sah die Arbeiter im Hofe gruppiert; Einer derselben hatte einen ungeheuren Blumenstrauß in der Hand. Er sah ihn dem Wagen sich nähern und ihn Einem von Denen überreichen, welche ausstiegen.

Derjenige, welchem man den Blumenstrauß überreichte, war ein Mann von fünfundzwanzig Jahren, sein gekleidet und mit einer offenen und entschiedenen Gesichtsbildung. Drei Freunde begleiteten ihn. Er nahm den Blumenstrauß und legte dagegen ein Trinkgeld in die Hand des Arbeiters. Dieses Trinkgeld mußte befriedigend sein, denn das Gesicht des Mannes ging von der Unbeweglichkeit zur Begeisterung über. Er rief mit entsetzlichem Geschrei: »Es lebe Monsieur Riouffe!« Und seine Kameraden, welche gewiß waren, daß sie es nicht umsonst thun würden, mischten mit wahnsinniger Freude ihren Hurrahruf mit dem seinigen.

Dieser Name Riouffe war Monsieur Coumbes völlig unbekannt.

Während die jungen Leute das Haus im Innern in Augenschein nahmen, hatten sich die Arbeiter dem Observationsposten des Monsieur Coumbes gegenüber versammelt, und er sah, wie sie ihr Geld zählten und theilten. Das Trinkgeld betrug fünf Louisdor.

»Pest!« sagte Monsieur Coumbes, »hundert Franken! Er muß sehr reich sein, dieser Herr, und es wundert mich nicht mehr, daß er so viel für sein Haus ausgegeben hat. Als das meinige fertig war, gab ich, glaube ich, den Arbeitern zehn Franken, und es giebt Viele, die sich rühmen und die nicht so viel geben. Hundert Franken! er besitzt wohl alle Schiffe im Hafen von Marseille, dieser Mann !

Um so besser, das wird einige Abwechselung in die Nachbarschaft bringen. Und dann ein so reicher Mann, wie dieser, muß seinen Fisch kaufen; und ich bin gewiß, daß dieser nicht kommen wird, um in meinem Wasser zu fischen und die Küste zu verwüsten. Er hat das Ansehen eines wackeren Burschen, heiter, frei und ohne Umstände; er wird Mittagsgesellschaften geben und mich vielleicht einladen. Zum Henker! er muß mich einladen, bin ich nicht sein Nachbar? Ei! ich bin bezaubert, daß es ihm eingefallen ist, sich in Montredon niederzulassen!«




Sechstes Kapitel

Sennhütte und Cabane


Monsieur Coumbes, der sich gänzlich der Aussicht hingab, die seine Einbildungskraft ihm über die Zukunft eröffnete, rieb sich heiter die Hände, als er ein Fenster in dem neuen Hause sich öffnen hörte. Er ließ schnell den Kopf sinken, um bei einem Spionieren nicht ertappt zu werden, und die jungen Leute erschienen auf dem Balkon der Sennhütte. Sie sprachen alle zugleich und mit großem Geräusch.

»Welche Aussicht!« sagte der Eine; »die schönste Aussicht im ganzen Lande!«

»Es kann kein Schiff in den Hafen von Marseille fahren, ohne das Feuer unserer Ferngläser zu passiren,« sagte ein Anderer.

»Ohne die Fische zu rechnen; man darf nur die Hand ausstrecken, um sie zu fangen,« bemerkte ein Dritter.

»Aber die Plattform, die Plattform, ich sehe die Plattform nicht,« begann der Erste wieder.

»Habe nur ein wenig Geduld,« sagte der Herr des Hauses; »wenn Ihr eine Plattform haben wollt, so sollt Ihr eine Plattform haben, Ihr sollt eine Molkenanstalt haben, Ihr sollt Alles haben, was Ihr wollt. Habe ich nicht noch mehr für Euch, als für mich selber dieses Häuschen erbauen lassen?«

»Nur Eins, mein Guter, wirst Du Dir nicht verschaffen können; das sind Bäume.«

»Bah! Bäume! wozu Bäume?« sagte der, welcher zuerst gesprochen hatte. »Findet man nicht Obst genug in Marseille, und kann man es nicht hierher bringen?«

»Und wirst Du Dir auch Schatten bringen lassen?«

»Seid ruhig,« sagte der Besitzer wieder, »Ihr sollt Bäume haben; wir sind nur von der einen Seite abgesondert, und von dieser,« fügte er hinzu, indem er auf das Haus des Monsieur Coumbes deutete, »müssen wir uns vor der Beobachtung zu schützen suchen.«

»Ja, denn es würde unangenehm sein, noch einmal von der Polizei beunruhigt zu werden.«

»Ei! zum Henker! das ist wahr; Du hast einen Nachbar auf dieser Seite; ich hatte dieses Häuschen nicht gesehen!«

»Welche armselige Hütte, mein Himmel!«

»Es ist ein Hühnerkäfig.«

»Ei, nein – Ihr seht wohl, sie ist roth bemalt; es ist ein holländischer Käse.«

»Und wer wohnt dort? Weißt Du es?«

»Ein alter Kerl, der zu sehr beschäftigt ist, um zu sehen, ob sein Kohl nicht wächst, um einen zudringlichen Blick auf die Thaten und Handlungen der Mitglieder der Gesellschaft der Vampyre zu werfen. Seid ruhig, ich habe schon meine Erkundigungen eingezogen. Uebrigens, wenn er lästig werden sollte, würde es immer ein Mittel geben, sich von ihm frei zu machen.«

Monfieur Coumbes verlor kein Wort von dieser Unterhaltung. Als er sein Eigenthum beleidigen hörte, hatte er auf einen Augenblick den Einfall zu erscheinen und auf die Beleidigung durch eine verständige Kritik der benachbarten Wohnung, deren Fehler ihm in diesem Augenblicke besonders einleuchtend waren, zu antworten; aber als der junge Besitzer von Vampyren sprach, als er mit vollkommener Unbefangenheit und Dreistigkeit eine Absicht erklärte, sich von einem unbequemen Nachbar zu befreien, dachte Monsieur Coumbes, er habe es mit einer furchtbaren Verbindung von Verbrechern zu thun. All‘ sein Blut floß durch seine Adern zurück; er beugte sich mehr und mehr nieder, um den Blicken dieser Blutsauger auszuweichen, bis er sich ganz auf seinen Stuhl niedergelegt hatte.

Als er indessen kein Geräusch mehr hörte, erlangte er nach und nach seinen Muth wieder und wollte einen Blick auf das Lager derjenigen werfen, die er von diesem Augenblicke an als eine Feinde betrachtete. Er erhob zuerst leise seinen Oberkörper und seinen Kopf, und stellte sich auf seine Füße, so daß seine Stirn mit dem oberen Rande der Mauer gleich war. Aber in diesem Augenblicke hatte einer von den jungen Freunden des Monsieur Riouffe denselben Einfall wie Monsieur Coumbes gehabt und gerade dieselbe Stelle gewählt, wie er, um die Besitzung des Nachbars in Augenschein zu nehmen, so daß er, als dieser letztere die Augen erhob, einen Fuß vor sich ein Gesicht erblickte, dem der leichte schwarze Backenbart ein wahrhaft satanisches Ansehen gab.

Die Ueberraschung des Monsieur Coumbes war so heftig, die Bewegung des Schreckens, welche diese Empfindung seinem Körper verursachte, so plötzlich, daß der im Sande unsicher stehende Stuhl schwankte und er in den Staub rollte.

Auf den Ruf ihres Kameraden liefen die drei anderen jungen Leute herbei, und unter Zurufen und einem Hagel von schlechten Witzen und Stichelreden machte der unglückliche Monsieur Coumbes einen Rückzug bis zu seiner Cabane.

Der Krieg zwischen dem alten Besitzer und denjenigen, welche er sich mit dem Titel Mitglieder der Gesellschaft der Vampyre hatte bezeichnen hören, war erklärt. Obgleich Monsieur Coumbes mit der romantischen Bewegung der Epoche völlig unbekannt war und niemals gesucht hatte, die Physiologie der Ungeheuer der mittleren Welt zu ergründen, so erinnerte ihn doch das Wort Vampyr undeutlich an Erzählungen, die ihn in seiner Kindheit eingewiegt hatten, und die Erinnerung, so unentschieden sie war, verursachte ihm Schauder.

Monsieur Coumbes dachte, die Behörde zu benachrichtigen; aber er hatte nichts Bestimmtes zu erklären; dann erröthete er über seine Schwäche, so daß er beschloß, die gewaltthätigen Handlungen, die er voraussah, zu erwarten, ehe er zu dem Schutze des Gesetzes überging, entschlossen, bis dahin seine Nachbarn jeden Augenblick zu überwachen.

Unglücklicherweise schien es, daß der Besitzer der Sennhütte zum voraus Mißtrauen gegen Monfieur Coumbes hegte; denn zwei Tage später, wie er es versprochen, hatte er längs der gemeinschaftlichen Mauer eine Reihe schöner pyramidalischer Cypressen pflanzen lassen, welche dieselbe schon um zwei Fuß überragten.

Diese Vorsichtsmaßregeln verdoppelten nur die Befürchtungen des Monsieur Coumbes, und entschlossen, die Complotte derjenigen zu vereiteln, welche er zum voraus als Bösewichter bezeichnete, die Verbrechen an den Tag zu bringen, deren sie sich, wie er nicht zweifelte, schuldig machten, errichtete er mit geringem Geräusch und mit Hilfe einiger Bänke eine Art von Platform auf seinem Dache, welches fast platt war, und von wo er die Besitzung beherrschte, welcher er schon so viele Unruhe verdankte.

Während einer Woche verfehlte er nicht, sich bei dem geringsten Geräusch auf seinen Posten zu begeben; aber er bemerkte weder Monsieur Riouffe, noch seine Begleiter. Man brachte Möbeln und Küchengeräthe, und deshalb war Monsieur Coumbes nicht neugierig.

Als er am Freitag eine umfangreiche Maschine, die mit grauer Leinwand bedeckt war, aus welcher zwei lange eiserne Arme hervorragten, die mit Hebeln endeten, von einem Karren abladen sah, glaubte er an den Vorsichtsmaßregeln, die man anwendete, um diesen Gegenstand in den Hof der Sennhütte zu bringt, die Lösung des Räthsels entdeckt zu haben.

Die Gesellschaft der Vampyre war eine Verbindung von Falschmünzern, und mit qualvollem Herzen und schwerem Athemzuge stieg er am Sonnabend Abend auf sein Observatorium.

Die Nacht war dunkel und ohne Sterne; die Sennhütte hatte ihre Fensterladen fest verschlossen, durch welche nur einige bleiche Strahlen von dem Lichte drangen, welches ein Zimmer des Erdgeschosses erleuchtete.

Plötzlich, und ohne daß Monsieur Coumbes auf dem Wege hatte gehen hören, öffnete sich das Gitterthor des Gartens seines Nachbarn, und er erblickte große schwarz gekleidete Phantome, die über den Sand der Alleen mehr dahinschwebten, als schritten.

Er hörte das Rascheln einer Art Leichentuch, welches ihre Formen seinem Blicke entzog.

Diese Phantome traten ohne Geräusch in die Sennhütte, welche schweigend und dunkel blieb. Das Herz des Monsieur Coumbes schlug, als wollte es ihm die Brust sprengen. Ein kalter Schweiß perlte auf einer Stirn. Er zweifelte nicht, daß er Zeuge von irgend einem seltsamen Schauspiel sein würde. In der That öffnete sich die Thüre der Sennhütte wieder, aber diesmal um diejenigen herauszulassen, welche sie enthielt. Die beiden Ersten, die sich darstellten, waren mit dem Gewande der grauen Büßenden bekleidet, deren vorzüglichstes Geschäft darin besteht, die Todten zu begraben.

Einer von ihnen hielt einen Strick in der Hand. Das andere Ende war um den Hals des jungen Mädchens befestigt, welches dicht hinter ihnen ging. Dann kamen andere Büßende, die mit grauer Leinwand, wie die Ersteren, bekleidet waren.

Das junge Mädchen war schrecklich blaß; ihr langes aufgelöstes Haar hing über ihre Schultern nieder und bedeckte ihre Brust, welche das Kleid von Leinwand, welches ihr als einzige Kleidung diente, frei ließ.

Als alle Büßenden im Garten versammelt waren, stimmten sie mit dumpfer und unterdrückter Stimme den Todtenpsalm an. Beim dritten Umgang hielten sie vor dem Brunnen an. Ueber diesem Brunnen befand sich eine eiserne Stange, die einen Galgen vorstellte.

Einer von den Büßenden erkletterte diese eiserne Stange und kauerte darauf wie eine ungeheure Spinne.

Ein Anderer befestigte den Strick an einen Ring.

Man ließ das junge Mädchen auf den Rand des Brunnens steigen, und es schien Monsieur Coumbes, als ob der Henker auf das Flehen, welches das Opfer an ihn richtete, nur damit antwortete, daß er seinem Kameraden zurief, sich bereit zu halten, der Unglücklichen auf die Schultern zu springen.

Die anderen Büßenden stimmten den Todtengesang an. Monsieur Coumbes zitterte wie Espenlaub; er hörte, wie seine eigenen Zähne klapperten; er athmete nicht mehr, sondern röchelte. Indessen konnte er diese Unglückliche nicht so sterben lassen. Er mußte daran denken, sie diesem entsetzlichen Tode zu entreißen, anstatt sich zu schonen, um ihren abgeschiedenen Geist zu rächen. Er sammelte daher alle seine Kräfte und stieß einen Schrei aus, den er schrecklich zu machen suchte, den aber der Schrecken, den er empfand, in einer Kehle erstickte. I

n diesem Augenblick schien es ihm, als ob die Fenster des Himmels sich über seinem Kopfe öffneten; er fühlte sich überschwemmt, und die heftige Erschütterung einer mit Gewalt auf seine Brust geschleuderten Wassermasse warf ihn rücklings um. Man hatte den Strahl einer Feuerspritze, die von sechs kräftigen Armen in Bewegung gesetzt wurde, auf ihn gerichtet.

Sein Dach war glücklicherweise in geringer Entfernung vom Boden und der Sand, welcher diesen bildete, so weich, daß er sich kein Leid zufügte. Aber halb wahnsinnig und den Kopf verlierend, legte er sich keine Rechenschaft ab von dem, was eben geschehen war und lief zu dem Maire von Bonneveine.

Er fand die Magistratsperson in dem einzigen Kaffeehause des Ortes bei einer Partie Piquet, womit er sich die Zeit vertrieb, die seine Untergebenen ihm ließen.

Als Monsieur Coumbes mit seinen durchnäßten und mit einer dicken Lage Sand bedeckten Kleidern in den durchräucherten Saal trat und ein blasses Gesicht und seine verstörten Augen zeigte, wurde er mit einem homerischen Lachen empfangen. Dieses Lachen verdoppelte sich, als er erzählte, was er gesehen und was ihm eben begegnet war.

Der Maire konnte dem ehemaligen Packträgermeister nur mit Mühe begreiflich machen, daß er das Opfer eines schlechten Spaßes gewesen; daß diese jungen Leute seine Neugierde entdeckt und ihn dafür hätten bestrafen wollen, und daß er kein Recht habe, sich darüber zu beklagen. Er rieth ihm darüber zu lachen, doch er konnte sich durchaus nicht dazu entschließen.

Monsieur Coumbes verließ wüthend das Kaffeehaus. Nach Hause zurückgekehrt, ließen ihn der Aerger und Zorn keinen Augenblick Ruhe finden. Wäre er auch nicht von diesen Gefühlen gequält worden, hätte er doch nicht mehr geschlafen.

Monsieur Riouffe und seine Freunde hielten während dieser ganzen Nacht einen Hexensabbath. Er hörte ein beständiges Klirren mit Gläsern und Tellern, ein Krachen von zerbrochenen Flaschen und ein Lachen, welches nichts Menschliches hatte. Zwanzig Stimmen sangen zwanzig Lieder, die nur das unter sich gemein hatten, daß sie alle von dem entlehnt waren, was die Marine in dieser Art von Unanständigkeiten bietet, und daß sie alle von einem Geklimper mit Schaufeln, Kasserolen und Kesseln begleitet waren.

Es war Zeit, daß der Tag kam, sonst wäre die Wuth des Monsieur Coumbes in ein hitziges Fieber übergegangen. Aber der Tag verbesserte seine Lage nicht vollständig. Seine verwünschten Nachbarn schienen nicht entschlossen, Ruhe zu suchen, und wenn der Teufelslärm auch nachließ, so hörte er doch nicht ganz auf; wenn die Gesänge verstummten und das Geklimper schwächer wurde, so dauerte doch das Schreien und Lachen dennoch fort.

Als Monsieur Coumbes sein Gesicht der Fensterscheibe näherte, schien es ihm, als ob eine Schildwache auf dem Balkon den Augenblick ausspähe, wo er aus dem Hause gehen werde. Die Folge davon war, daß er, um sich nicht der Belästigung der Bande auszusetzen, ungeachtet er eine herrliche Fischerpartie in Carri vor hatte, den ganzen Tag in seiner Wohnung blieb, ohne zu wagen vor der Thüre Luft zu schöpfen oder das Fenster zu öffnen.

Am Abend begann das wilde Leben wieder, und es war wieder eine schlaflose Nacht für Monsieur Coumbes. Jetzt begriff er, was ihm der Maire von Bonneveine zu verstehen gegeben, nämlich, daß er mit einer Anzahl lustiger Burschen zu thun hatte, die sich über ihn lustig machen wollten.

Er begriff es um so besser, da er, hinter seinem Vorhange stehend, unter einem Trupp von hübschen Grisetten, welche die Cabane mit spöttischer Miene ansahen, die Unglückliche wieder erkannte, deren Todesstrafe ihm am Abend vorher eine so tiefe Gemüthsbewegung verursacht hatte.

Aber wären diese Männer die Nachfolger Gaspards de Besse oder Mandrin's gewesen, so würde Monsieur Coumbes nicht den vierten Theil des Hasses empfunden haben, den er in diesem Augenblick hegte.

Wir haben gesagt, wie vollständig und unbegrenzt sein Glück war, und das überhebt uns der Mühe, eine Schilderung seiner Verzweiflung zu entwerfen, als er es von dieser Höhe herunterfallen sah. Man begreift es leicht. Die Promenaden, die er während dieses ganzen Tages in seiner Cabane auf und ab machte, verdoppelten seine Aufregung. Er brachte die ganze Nacht damit zu, über wilde Rachepläne nachzudenken und ging dem Besitzer der Sennhütte nach Marseille voraus, da derselbe nach der unabänderlichen Gewohnheit derjenigen Marseiller, welche sich nicht völlig auf dem Lande niedergelassen, am Montag in die Stadt zurückkehren mußte.

Er kam am Abend mit einer guten Doppelflinte, die er bei Zaoué gekauft hatte, in seine Wohnung zurück und am folgenden Tage erhielt Monsieur Riouffe von einem Gerichtsdiener die Weisung, die Cypressen, die nicht in der vorgeschriebenen Entfernung gestellt wären, von den Mauern seines Nachbarn zu entfernen.

Dies war der erste Act der Feindseligkeit, wozu der Zorn Monsieur Coumbes getrieben. Das Recht war für ihn; er gewann seinen Proceß. Aber der Sachwalt eines Gegners setzte ihn verbindlich in Kenntniß, daß sein Client appelliere und entschlossen sei, die Procedur so weit zu führen, daß, wenn Monsieur Coumbes endlich Recht bekommen sollte, die Cypressen so alt sein würden, daß das Comité zur Erhaltung der Monumente sie unfehlbar unter seinen Schutz nehmen würde.

Während die Sache verhandelt wurde, führten die Bewohner und die Gäste der Sennhütte einen kleinen Krieg gegen ihren Nachbar.

Keine Chikane, die in solchen Fällen gewöhnlich ist, wurde ihm erspart. Jeden Tag fügte Monsieur Riouffe durch irgend einen Schülerstreich eine Wunde zu denen hinzu, woran das Herz des Monsieur Coumbes bereits blutete, welcher seit der Zeit in beständiger Erbitterung lebte und ganz laut Denen, die es hören wollten, ankündigte, daß er in diesem Kampfe nicht weichen und sich für die Vertheidigung seines Heerdes tödten lassen wolle. Um seine Absichten deutlich kund zu geben, gab er sich öffentlich der Uebung in den Feuerwaffen hin, und von seinem Zimmer aus, wie von einem Posten, erspähte er mit der Geduld eines Wilden die Vögel, die sich auf die Stangen niederließen, die er in der Mitte seines Gartens aufgestellt hatte.

Da aber nur selten Vögel kamen, so durchlöcherte er die Baumblätter mit seinem Blei. Seine Verfolger erschracken nicht über das Geräusch, wie Monsieur Coumbes es vermuthet hatte, und sehr oft, wenn ein kühner Sperling seinem Geschosse entging und mit aller Anstrengung einer Flügel davonflog, kam ein kräftiges Pfeifen aus dem benachbarten Hause und beleidigte den Jäger wegen seiner Ungeschicklichkeit.

Eines Morgens hätte Monsieur Coumbes beinahe einen glänzenden Sieg errungen. Bei Anbruch des Tages hatte er sein Bett verlassen und ohne sich Zeit zu nehmen, seine Kleider anzulegen, hatte er seine Stangen befragt.

Da erblickte er eine ungeheure Gestalt, die gegen den Himmel abstach, den die Morgenröthe nur matt färbte, und von Hoffnung erbebend, ergriff er seine Flinte.

Was war es für ein ungeheurer Vogel? Ein Sperber, eine Nachteule oder vielleicht ein Fasan? Aber was es auch war, Monsieur Coumbes kostete zum voraus seinen Triumph und die Bestürzung seiner Feinde.

Er öffnete leise das Fenster ein wenig, kniete nieder, legte seine Waffe auf den Fensterrand, zielte lange und drückte endlich ab.

Welches Glück! nach dem Knall hörte er das dumpfe und matte Geräusch eines schweren Körpers, der auf den Boden fiel. In seiner Aufregung, und ohne an sein ungenügendes Kostüm zu denken, stürzte er sich die Treppe hinunter und lief zu einem Baume. Eine herrliche Elster lag am Boden. Monsieur Coumbes stürzte sich darauf zu, ohne die Erstarrung des Thieres zu bemerken, welches er für die Steifheit des Todes hielt.

Sie war ausgestopft und trug an der Klaue den Namen des Ausstopfers. Das Datum ging zwei Jahre zurück und der Ausstopfer war Monsieur Riouffe. Uebrigens um besser zu beweisen, daß es eine Nachbaren waren, welche seiner Jagdliebhaberei diese seltsame Entwickelung gaben, erschienen sie an allen Thüren der Sennhütte und brachen in ein stürmisches Bravo aus.

Monsieur Coumbes gerieth in Versuchung, seinen letzten Schuß auf die Bande abzufeuern, aber seine gewöhnliche Klugheit siegte über die Heftigkeit eines Charakters, und er trat ganz bestürzt seinen Rückzug an.

Es war an einem Sonntag Morgen, als dies geschah, und um einen neuen Unglimpf zu vermeiden, schloß sich Monsieur Coumbes den ganzen Tag in seine Cabane ein.

Die Zeit war sehr fern, wo die Genugthuung des Stolzes, der seine Wünsche erfüllt sieht, sein Herz schwellte; ein auf ganz andere Weise schreckliches Ungewitter, als das, welches der Nordwestwind erhob, war über sein Leben dahingegangen; eine gewohnten Vergnügungen, eine so lieblichen Beschäftigungen hatten allen ihren Reiz verloren, zu gleicher Zeit, als das hohe Vertrauen, welches er ehemals zu sich selber empfunden hatte, verschwunden war; er hatte einen Thunfisch an seiner Angel zappeln gefühlt, und doch hatte sein Herz nicht so geschlagen; er sah sich so verkleinert in seinen eigenen Augen, daß er nicht den Muth gehabt hatte, sich eines Ruhmes wegen der wunderbaren Erfolge seiner Gartenkultur im vergangenen Jahre wieder zu erfreuen.

Niemand kann den Rauminhalt des menschlichen Herzens bestimmen; ein Hirsekorn reicht hin, es auszufüllen, und ein Berg befindet sich ungehindert darin; diese unbedeutenden Genüsse, diese unschuldigen Zerstreuungen, diese mikroskopische Eitelkeit hatten bis dahin das Herz des Monsieur Coumbes genügend ausgefüllt; aber gegenwärtig war es leer, ein glühender Haß gegen die Anstifter dieser Revolution drang nach und nach in dasselbe ein.

Dieser Haß war um so heftiger, da er sich zur Ohnmacht geführt sah. Bis zu diesem Augenblick war er heftig geblieben. Wie eine gewisse kriegführende Macht wendete Monsieur Coumbes alle seine Sorge an, seine Unglücksfälle seinen Leuten zu verbergen: er hatte sich wohl gehütet, Milette in die Ursachen seiner üblen Laune einzuweihen; als aber sein Aerger den Charakter der Verzweiflung annahm, begann diese üble Laune überzuschäumen, ans Licht zu treten, kurz, sich durch wüthende Ausrufungen Luft zu machen.

Milette, welcher der Zustand ihres Herrn und Meisters eine unbestimmte Unruhe einflößte, vermuthete die Ursache davon nicht. Sie fürchtete, das Gehirn ihres Herrn möchte zerrüttet werden, sie bot ihm ihre Fürsorge an: Monsieur Coumbes wies sie zurück; sie flüchtete sich in ihre Küche.

Allein geblieben, gab sich Monsieur Coumbes allen schmerzlichen Genüssen der eingebildeten Rache hin. Er träumte, daß er König sei, daß er seine Nachbarn ohne Weiteres hängen, und die Pflugschaar über diese unmoralische Sennhütte dahingehen lasse; dann in eine andere Gedankenreihe eingehend, dachte er, er wäre Robinson geworden und befinde sich mit seinem Feigenbaume, seinem Garten, seiner Cabane und Milette, in den Wilden Freitag verwandelt, auf einer wüsten Insel. Endlich kam er dahin, den üppigen Blüthenflor des Erbsenbeetes zu verwünschen, der ihm ohne allen Zweifel diese ärgerliche Nachbarschaft zugezogen hatte. Dies war das auffallendste Zeugniß von der Zerrüttung, welche so viele Ereignisse in seinen Ideen hervorgebracht.

Während dieser Zeit hörte er in der Küche flüstern. Er öffnete leise die Thüre, völlig entschlossen, Milette tüchtig zu schelten, wenn sie sich erlaubt haben sollte, Jemand ohne seine Einwilligung einzulassen. Er erblickte auf einem Stuhle neben dem kleinen Lehnsessel, auf welchem Milette saß, Marius, welcher seine beiden Hände in denen seiner Mutter, zärtlich mit dieser sprach.

Es war der Ausgangstag des Sohnes seiner Haushälterin. Monsieur Coumbes hatte selber diesen wöchentlichen Besuch des Marius herbeigeführt. Er hatte keine Veranlassung, ein wenig von der Galle, die ihn erfüllte, über sie auszuschütten.

Monsieur Coumbes begriff es, und zugleich hatte er einen glänzenden Gedanken.

Er streckte dem jungen Manne, der sich respektvoll näherte, die Arme entgegen, um ihn zu umarmen, und drückte ihn an sein Herz, indem ein Gesicht lächelnd wurde.




Siebentes Kapitel

Worin wir zu unserem großen Mißbehagen genöthigt sind, den alten Corneille zu plündern


Das Lächeln zog nur augenblicklich über die Lippen des Monsieur Coumbes dahin. Nach diesem Blitz falteten sie sich so gut wie möglich zusammen; sein Gesicht wurde wieder ernst und sorgenvoll.

Milette war tief gerührt von der Bewegung der Zärtlichkeit, womit der Herr der Cabane Marius empfangen hatte. Dieser war nicht weniger gerührt, als seine Mutter.

»Was ist Ihnen denn?« fragte er.

Das Schweigen des Monsieur Coumbes war voll Beredtsamkeit; seine Augenlider blinzelten, zitterten mit einer doppelten, sowohl horizontalen als perpendiculären Bewegung, um zu versuchen, durch den Druck einen Augen eine Thäne auszupressen.

Wenn die Diplomatie eine Wissenschaft ist, so ist es die einzige, die man ohne voraufgehende Studien versteht. Der ehemalige Packträger hatte von selber begriffen, wenn er ein Opfer von seinen Untergebenen verlange, daß es sich vor allen Dingen darum handle, ihre Seelen lebhaft aufzuregen in der Hoffnung, einen Rächer zu finden; seine Eigenliebe beschloß sich zu demüthigen. Er ließ sich mit allen Zeichen einer wahrhaften Niedergeschlagenheit auf einen Stuhl sinken.

»Meine Kinder,« sagte er zu ihnen, »wozu sollte es nützen, Euch zu erzählen, was mir ist, da Ihr mir nicht würdet helfen können? Alles, was ich Euch sagen kann, ist, daß, wenn dies so fortdauert, Ihr bald die Büßenden in diesem Hause leben werdet!«

»Ah! mein Gott!« rief Milette, ihr Gesicht in Thränen gebadet, als hätte sie schon die Leiche des Monsieur Coumbes auf dem Schragen gesehen.

»O! es ist nicht möglich,« sagte Marius dagegen, zugleich von dem Schmerze seiner Mutter und von dieser schrecklichen Prophezeiung dessen, den er als seinen Vater ansah und liebte, ergriffen.

»Meine Kinder,« fuhr Monsieur Coumbes fort, »ich habe so viel Kummer, daß ich fühle, der Tag wird nicht mehr fern sein, wo ich meinen Lohn erhalten werde und wo ich mich bei dem großen Patron dort oben verdingen muß.«

»Diesen Kummer, wer verursacht ihn?« sagte Marius mit funkelnden Augen und bebenden Lippen.

»Nun,« fügte Monsieur Coumbes hinzu, indem er es vermied, auf diese Unterbrechung zu antworten, »ehe ich wie eine Seeigelschale hinausgeworfen werde, will ich Euch meine letzten Wünsche mittheilen.«

Milettens Schluchzen verdoppelte sich und machte die Worte des Besitzers der Cabane unhörbar. Die Stimme des jungen Marius übertäubte das Schluchzen und die ausgesprochenen Wünsche; er stürzte sich auf Monsieur Coumbes zu und sagte mit einem Eifer, der bei den Südländern immer etwas von Zorn an sich hat:

»Sie dürfen mir Ihre Wünsche nicht erst aussprechen, mein Vater; wenn es der Rath ist, rechtschaffen und arbeitsam zu sein, so hat Ihr Beispiel seit langer Zeit schon hingereicht, mir zu zeigen, daß es die Pflicht eines ehrlichen Mannes ist. Wenn Sie mir sagen wollen, daß ich meine Mutter lieben soll, so könnte ich sie nicht mehr lieben. Wenn Sie mir anempfehlen wollen, Ihr Andenken zu bewahren, so rechnen Sie zu wenig auf meine Erkenntlichkeit. Wen sollte ich denn nach meiner Mutter lieben und verehren, als den, der für meine Kindheit gesorgt hat? Was Sie uns sagen müssen, das sind die Ursachen dieses Aergers, den wir nicht kennen, die Gründe dieser unheimlichen Ahnungen, die Nichts rechtfertigt. Warum rechnen Sie nicht mehr auf uns, Gevatter? Wenn Sie irgend ein Leiden betrübt, so sagen Sie es uns gefälligst! Müßte man auf den Knieen nach Sainte-Beaume gehen, um Gott zu bitten, daß er Ihnen die Gesundheit wiedergebe, so sind meine Mutter und ich dazu bereit.«

Als Monsieur Coumbes Marius anhörte, fühlte er sich von einer Rührung ergriffen, die bei ihm selten war. Milettens Sohn begann über die Vorurtheile des guten Mannes hinsichtlich der plastischen Schönheit zu siegen.

Nicht als ob der Adel der Gesinnungen, die er aussprach, ihn tief rührte, Monsieur Coumbes glaubte nur zur Hälfte daran; aber die Energie der Ausdrucksweise des jungen Mannes und die Ueberzeugung von seinem Zorn machten, daß der ehemalige Packträger fühlte, daß er in ihm den Paladin finden werde, den er suchte, ohne je von ihm gehört zu haben. Eine Minute schämte er sich ein wenig, eine so begeisterte Aufopferung für einen so elenden Gegenstand in Anspruch zu nehmen; aber ein Widerwille und sein Haß gegen seinen Nachbar waren stärker, als diese unmerkliche Bewegung der Vernunft, und zum zweitenmal an dem Tage umfaßte er Marius und drückte ihn an seine Brust.

»Siehst Du, Sohn,« rief er, indem er Milette eine seiner Hände überließ, welche dieselbe mit ihren Küssen und Thränen bedeckte, »seit einiger Zeit ist diese Cabane eine Hölle für mich geworden; ich möchte sie verlassen, und ich fühle, daß ich sterben werde, wenn ich sie nicht wiedersehe.«

»Aber warum denn das?« fiel Milette ein; »haben Sie denn dieses Jahr nicht. Alles nach Wunsche gehabt? Hat nicht die Hand des guten Gottes. Alles gesegnet, was Sie der Erde anvertraut? Warum denn das, da es kaum acht Monate sind, als ich Sie so glücklich sah, nicht mehr genöthigt zu sein, Ihren Zufluchtsort zu verlassen und in die Stadt zurückzukehren.«

Mit einer schweigenden aber feierlichen Geberde deutete Monsieur Coumbes auf die benachbarte Sennhütte, deren rothe Dachziegel man bemerkte.

Milette seufzte; als sie sich der Umstände erinnerte, begriff und errieth sie die Ursachen der üblen Laune ihres Herrn, dessen Jagdliebhaberei ihn um so viele Zeit gebracht hatte. Marius, der nicht mit allen diesen Umständen bekannt war, sah Monsieur Coumbes mit einer fragenden Ueberraschung an.

»Ja,« versetzte Monsieur Coumbes, »das ist das Geheimniß meiner Traurigkeit; das ist die Ursache meines Lebensüberdrusses. Höre, Milette, ich habe Dir Nichts davon mitgetheilt, aber als ich zuerst die Arbeiter ihren Graben im Sande ziehen sah, schnürte mir ein geheimes Vorgefühl das Herz zusammen und sagte mir, daß es um mein Glück geschehen sei; und doch konnte ich damals nicht vorher sagen, daß die Wuth meiner Verfolger einst bis zur Beleidigung gehen werde.«

»Man hat Sie beleidigt!« rief Marius vor Zorn erglühend, »man hat den Respect vergessen, den man Ihrem Alter schuldig war!«

Der ehemalige Packträger war nicht geschickt genug, um die angenehme Empfindung zu verbergen, die ihm dieser Eifer des Sohnes Milettens, seine Vertheidigung zu übernehmen, verursachte. Dieser bemerkte die Bewegung der Freude, die das Gesicht des Monsieur Coumbes erhellte; sie errieth sein Vorhaben und ihre mit Recht beunruhigte mütterliche Bekümmerniß bemühte sich, ihren aufgebrachten Herrn zu beruhigen.

Sie schüttete nur Oel ins Feuer; um die Thatsachen auf ihre wahren Verhältnisse zurückzuführen, mußte man nothwendig dem Steckenpferde des Monsieur Coumbes Sattel und Zaum nehmen, die ihm gestatteten, es zu reiten, eine herrschsüchtigen Ideen zu mäßigen, durch den Zweifel an seiner Vernunft eine Empfindlichkeit als Besitzer zu verletzen. Miletten gelang es nur, die schmerzliche Stellung, welche dieser seit dem Anfang dieser Scene eingenommen hatte, in eine wirkliche Wuth zu verwandeln.

Wie es den Leuten von phlegmatischem Temperament begegnet, war Monsieur Coumbes, wenn er sich seinem Zorne hingab, nicht im Stande, ihn zu beherrschen. In seinem Zorne, einen Schein des Widerspruchs zu finden, wo er ihn so wenig erwartete, zeigte er sich hart und grausam gegen die arme Milette; er überhäufte sie mit Vorwürfen; er ging sogar so weit, von Undankbarkeit hinsichtlich der Wohlthaten zu reden, womit er sie überschüttet zu haben behauptete.

Marius hörte ihn mit gesenktem Kopfe an; es schmerzte ihn tief, diejenige so mißhandeln zu sehen, welche er mehr, als sein Leben liebte; sein Körper wurde von krampfhaftem Zittern erschüttert und große Thränen rollten an seinen braunen Wangen nieder; aber er hatte einen so tiefen Respekt vor Monsieur Coumbes, daß er den Mund nicht zu öffnen wagte, um sie zu vertheidigen und sich damit begnügte, seine Augen flehend zu diesem zu erheben.

Als Monsieur Coumbes die Küche verließ, wo Milette niedergebeugt und schluchzend zurückblieb, richtete Marius einige tröstende Worte an seine Mutter und folgte dann dem Herrn der Cabane, wo er sich im Schatten des Abends zu besänftigen begann, worauf dieser Letztere das Bedauern aussprach, welches ihm dieser Unfall verursacht habe.

»Vater,« sagte er zu ihm, »man muß meiner Mutter verzeihen; Sie ist eine Frau und hat Furcht; aber ich bin ein Mann, und hier bin ich.«

»Was sagst Du?« rief Monsieur Coumbes, der weit entfernt war, diesen Umschwung des Glücks zu erwarten.

»Sobald ich ihre Worte verstehen konnte, sagte meine Mutter zu mir, indem sie auf. Sie deutete: »Da ist der, dem ich das Leben verdanke, mein Kind, und ich werde alle Tage zu Gott beten, er wolle gestatten, daß Du für ihn thun mögest, was er für mich gethan. Nicht zufrieden, mich errettet zu haben, hat er mich in meiner Noth nicht verlassen. Der Himmel wird so gerecht sein, um zu gestatten, daß wir ihm eines Tages unsere Erkenntlichkeit beweisen können!« Ich war noch sehr klein, als sie so sprach, Vater, indessen sind diese Worte nie aus meinem Gedächtnisse entschwunden, und heute will ich Ihnen beweisen, daß ich bereit bin, das Versprechen zu halten, welches sie mir abgenommen.«

Die Stimme war fest, energisch und sicher; indessen glaubte Monsieur Coumbes, oder stellte sich, als ob er an eine jugendliche Prahlerei glaube.

»Nein,« sagte er mit einer neuen Bitterkeit, »Deine Mutter hatte eben ganz Recht, ich habe Unrecht, zu wollen, daß man mein Gut und meine Person respectire, Unrecht, der Chikane und Beleidigungen, womit man mich überhäuft, überdrüssig zu werden. Wozu nützt es, einen Respect zu fordern, welchen zu erzwingen man zu alt ist? Ist es nicht ganz einfach, ganz natürlich, daß die jungen Leute einen armen Greis zu ihrem Spielzeug machen, und ist es nicht widersinnig von diesem, seine Klagen laut werden zu lassen?«

Monsieur Coumbes hatte völlig vergessen, daß er die Ereignisse, die er erwähnte, selber herbeigeführt hatte.

»Sie haben meine Kindheit beschützt,« versetzte Marius mit zunehmender Energie, »es ist an mir, Ihr Alter zu beschützen. Wer Sie anrührt, rührt mich an; wer Sie beleidigt, beleidigt mich. Morgen werde ich Monsieur Riouffe aufsuchen.«




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