Ein Legat
Gerard Keller




Gerald Keller

Ein Legat





Erstes Capitel


»Niemand da gewesen, Nohr?«

»Nein, Herr Pfarrer, wie gewöhnlich.«

Pastor Nadering, der mit einiger Eile herangeschritten kam, sah rasch auf seine Uhr, um zu wissen, wie viel Zeit er zu spät kam, trat dann in die Sakristei, schlug vor dem Lehnstuhl, der am oberen Ende des Tisches stand, die Bibel auf und setzte sich etwas weiter auf einem anderen Stuhl in die Sonne. Ganz gemächlich legte er das eine Bein über das andere, nahm die neueste Zeitung heraus und begann zu lesen. Wie er da saß, hätte er eine prächtige Studie für ein Genrebild abgeben können und seine äußere Erscheinung trug dazu nicht wenig bei. Nadering war ein Mann zwischen fünfzig und sechzig Jahren, von blühendem und gesundem Aussehen, hellen, fröhlichen Augen, mit einem kahlen Schädel, der von einem Kranz geringelter Locken umgeben war, was dein Gesichte einen besonders lebenslustigen Ausdruck gab und mit dem kurzen untersetzten Körperbau vollständig im Einklang stand. Er war selbstverständlich in Schwarz, aber sowohl der Schnitt des Rockes und der Hose, als die gefaltete Wäsche deuteten an, daß er sich nicht zu einer festlichen Zusammenkunft vorbereitet hatte. Welcher Art die Zusammenkunft war, ist diesmal allerdings schwer zu wissen, denn als Nohr ein halbes Stündchen an der offenen Kirchenthür gestanden und in die Luft gesehen hatte, legte er die kurze Pfeife bei Seite, ging an die Thür zur Sakristei, und nachdem er angeklopft hatte, steckte er den Kopf hinein und sagte: »Es ist ein Viertel, Herr Pfarrer.«

»So, Nohr, ich danke!«

Nadering legte die Zeitung wieder zusammen, steckte sie in die Brusttasche seines Rockes, schlug die Bibel zu, sah nochmals nach seiner Uhr und verließ dann mit den Worten: »Auf Samstag, Nohr!« die Kirche, um nach seiner Wohnung zu gehen.

Nohr sah in der Sakristei nach, ob der Pastor Alles in Ordnung gelassen hatte, worauf er die schwere Kirchenthür mit einem so heftigen Schlage zuwarf, daß ein paar Sperlinge, die in der Nähe einander nachhüpften, erschreckt aufflogen; dann suchte er seine kurze Pfeife, und damit war der Donnerstagsmittagsdienst vorbei.

»Guten Tag, Herr Walther!«

»Schön Dank, Herr Pastor,« klang es von der anderen Seite der Straße, und ein langer Mensch, mit etwas Donquixoteartigem in seiner Erscheinung, grüßte leichthin mit der Hand, obschon der Pastor, wie es Gebrauch war, den Hut abgenommen hatte. Weit davon entfernt, sich dadurch beleidigt zu fühlen, ging dieser fröhlich auf den Don Quixote zu, reichte ihm die Hand hin und frug:

»Wann kommen Sie denn einmal, Herr Walther, um das Familienportrait bei mir zu sehen?«

»Sofort, wenn es Ihnen paßt, ich habe gerade ein halbes Stündchen Zeit.«

»Schön, das trifft sich gut; auch ich habe noch ein halbes Stündchen bis zum Mittagsessen – und darauf wieder Katechismusunterricht, und soeben erst die Bibelstunde gehalten; ich habe gegenwärtig viel zu thun, da Alles auf mir ruht; glücklicherweise haben wir endlich unseren Mann gefunden.«

So gutmüthig plaudernd, ging der Prediger weiter, rechts und links grüßend, während der Maler, denn Walther war der Maler von Helmstadt, an seiner Seite ging und seine Reputation als Künstler dadurch aufrecht erhielt, daß er so ernsthaft wie möglich vor sich hinsah, als lebe er ausschließlich in der Welt der Ideen, ohne die geringste Gemeinschaft mit der Welt der Wirklichkeit.

»Jeder hat seine Beschäftigung,« sagte er, »ich habe auch die meinige – Donnerstags muß ich immer einen ganzen Tag auf dem Museum verlieren; Sie wissen, daß es dann geöffnet ist.«

»So – nein, das wußte ich eigentlich nicht; ich dachte, es sei immer geöffnet; ei, ei, Donnerstag sagen Sie, das thut mir leid, daß ich da nicht kann, denn sehen Sie, gerade Donnerstag muß ich Bibelstunde halten . . . . Wird das Museum fleißig besucht?« fragte er dann, denn sein letztes Wort hatte ihn unwillkürlich auf diese Frage gebracht.

»Mit Unterschied,« sagte Walther, aber diese Erklärung schien ihm selbst nicht zu gefallen, denn er stand mit einem Male still, und indem er sich mit über einander geschlagenen Armen dem Prediger gegenüberstellte, sagte er mit wehmüthigem Ernste:

»Wollen Sie wohl glauben, Herr Pastor, daß beinahe nie Jemand kommt?«

»Was Sie sagen,« versetzte Nadering und schüttelte bedächtig mitleidig den Kopf, während Walther im bestätigenden Sinne ebenfalls den Kopf schüttelte.

»Es ist kein Kunstgefühl in dem Volke, keine Spur.«

»Traurig, traurig,« sagte Nadering.

»Es fehlt jedes Gefühl für höhere Entwicklung.«

»Das ist leider nur zu wahr, Herr Walther – so zum Beispiel« – Nadering überlegte rechtzeitig, daß der Maler katholisch war und die Mittheilung über die Donnerstags-Bibelstunde daher bei ihm nicht an den rechten Mann kommen würde. Walther war auch nicht sehr neugierig auf das Beispiel, denn das seinige war treffend genug. Er war den ganzen Vormittag auf dem Museum gewesen und kein Mensch hatte sich dort sehen lassen, nur ein paar kleine Jungen waren durch die geöffnete Thür hineingegangen, um zu sehen, was es dort gebe. Als sie nichts Besonderes sahen, hatte der Größte die Mütze des Kleinsten in das Vorzimmer geworfen, und nachdem dieser sein Mützchen zurückgeholt hatte, waren Beide mit einem lauten Jubelgeschrei wieder fortgelaufen. Das war die einzige Huldigung, welche die Bewohner von Helmstadt an diesem Tage der Kunst dargebracht hatten. Wie es mit der Bibelstunde ging, wissen wir bereits, und so geschah es einen Donnerstag nach dem anderen, und mit Recht schüttelten die beiden Herren, Nadering und Walther, den Kopf über den Mangel an höherem Sinn bei ihren Stadtgenossen.

Der Donnerstag war vielleicht auch ein unglücklicher Tag für die beiden Unternehmungen, da es der Markttag und der Hauptversammlungstag für die Clubgesellschaft war. Aber gerade im Hinblick auf das Zusammenströmen von Fremden aus der Umgegend war die Bibelstunde festgesetzt worden und hatte man das Museum für Jedermann unentgeltlich geöffnet. Die Menschen aber kamen wohl auf den Markt und zum Theil besuchten sie die Clubgesellschaft, aber für die Bibelstunde und das Museum blieb ihnen keine Zeit übrig.

»Wenn es gefällig ist, nach Ihnen,« sagte Nadering, nachdem er seine Hausthür geöffnet hatte, und indem er Walther zum Eintreten einlud. Dieser trat ein und sah sich in demselben Augenblicke der Gattin des Predigers gegenüber.

Frau Nadering pflegte ihrem Manne täglich entgegen zu gehen, sobald sie hörte, daß er zu Hause ankam. Es war dies eine von den kleinen Aufmerksamkeiten, welche aus der Zeit stammten, als der Pastor noch schwer an seinen Amtspflichten trug und das Bedürfniß fühlte, sich zu Hause auszusprechen, und welche die liebende Gattin seitdem beibehielt. Obgleich die Zeiten sich verändert hatten und das Predigen und die Krankenbesuche ihn wenig mehr aufregten, würde Nadering doch bei seiner Nachhausekunft die freundlichen Augen nicht gern entbehrt haben, die ihn bewillkommten. Die Frau Pastorin kümmerte sich nicht darum, daß die Welt ihr nachsagte, sie vergöttere ihren Mann! Sie wußte recht gut, daß die Welt oberflächlich urtheilt, und man sich dadurch nicht irre machen lassen darf. Aber wenn Nadering nach Hause kam, sollte er sich auch über sie freuen, und nun brachte er jemand Anderes mit, und nicht allein jemand Anderes, sondern sogar diesen katholischen Maler!

Dieser katholische Maler! Wenn es dabei noch bliebe, aber man wußte von sehr gut unterrichteter Seite, daß er ein feiner Jesuit war, so fein, daß er sich den Anschein gab, als habe er mit kirchlichen Angelegenheiten gar nichts zu thun, während doch der Papst ihm den besonderen Auftrag gegeben hatte, sich so zu halten, damit er auf diese Weise all' die schändlichen Pläne könne ausführen helfen, welche die Jesuiten im Sinne hatten, namentlich in Bezug auf die protestantischen Bewohner von Helmstadt. Und mit diesem Manne trat Nadering in seine Wohnung ein! Kein Wunder, daß seine Gattin plötzlich zurückfuhr und mit dem ernsthaftesten Gesichte, welches sie machen konnte, das Eintreten des Jesuiten in ihr Wohnzimmer abwartete. Sie wartete jedoch vergeblich. Die beiden Herren gingen in ein Seitenzimmer und geriethen dort in ein Gespräch über die Kunst, wozu ihnen ein Familienportrait Veranlassung gab, welches Nadering kürzlich aus einer Erbschaft erhalten hatte. Es war ein unterhaltendes Gespräch. Von der Kunst im Allgemeinen kamen sie auf die christliche Kunst und endlich auf Madonnen und Heiligenbilder, und wer Nadering darüber reden gehört hätte, würde nicht begriffen haben, wie er mit dem feinen Jesuiten auf so vertraulichem Fuße stehen konnte. Es war aber auch nicht unbekannt, daß der Pastor von Helmstadt etwas flau in seinem Glauben war, und darum stand er bereits vierundzwanzig Jahre an derselben Stelle, da keine Gemeinde nach ihm verlangte. Solch' ein Zweifler, der weder Fleisch noch Fisch war, fand nirgends Beförderung.

Frau Nadering hatte dieses Vorurtheil gegen ihren Mann aus seinem eigenen Munde kennen gelernt, und als er nun so lange mit dem Jesuiten in der Nebenstube blieb, dachte sie, es könne am Ende wirklich etwas daran sein, und sie fand, daß er lieber kurzen Proceß mit solchen Leuten machen sollte und daß er jedenfalls seiner Schwäche und Gutmüthigkeit zu viel nachgab. Namentlich fühlte sie dies jetzt, denn es war ein Brief des nach Helmstadt berufenen zweiten Predigers angekommen, auf dessen Inhalt sie entsetzlich neugierig war, weil sowohl ihr Reiseplan für diesen Sommer, als auch die Herrichtung der Fremdenstube damit im Zusammenhang stand. Und dies Alles blieb nun wegen dieses Jesuiten noch ein Geheimniß!

»Ich begreife nicht, über was du mit solchem Menschen so lange plaudern kannst!« sagte sie verdrießlich, als der Prediger endlich in die Wohnstube kam.

»Nun, nun, liebes Kind, wir haben das Gemälde des Onkels einmal betrachtet.«

»Und was will er dafür geben?«

»Danach habe ich nicht gefragt.«

»Wenn du noch mit ihm darüber gesprochen und einen guten Preis dafür verlangt hättest!«

»Einen Preis?« entgegnete Nadering, »ich habe das Bild dem Museum versprochen.«

»Ganz umsonst?«

»Ganz umsonst, natürlich; ich kann nichts mit dem Gemälde machen und Walther meinte auch, daß es nicht viel werth sei, die Hände allein sind gut.«

»Du hast dich wieder durch diesen Jesuiten übertölpeln lassen.«

»Aber, liebes Weib, nenne Walther doch nicht Jesuit, dazu sind wir denn doch zu verständig – was ist das für ein Brief?«

»Er liegt schon eine Stunde hier. Darum habe ich dich ja so ungeduldig erwartet; er ist von Rodermann.«

»Und wann wird er ankommen?«

»Du weißt wohl, daß ich nicht in deine Briefe hineinsehe,« sagte Frau Nadering, noch mit einem Restchen von Aerger, welches jedoch rasch verschwand, als ihr Gemahl den Brief laut vorlas, wodurch sie mit ihm zu gleicher Zeit erfuhr, daß der neue Prediger in sechs Wochen seinen Einzug halten werde.

»Das ist nun der Siebente, der nach mir hierher kommt,« sagte Nadering etwas verdrießlich, »und Alle sind rasch wieder von hier fortgeholt worden, nur den alten Nadering läßt man in Ruhe.«

Seine Frau seufzte, aber sie empfand sofort Reue darüber, sie wollte den Kummer, welchen ihr Mann vielleicht empfand, nicht vermehren und sagte mit einem Blicke aus ihren freundlichen Augen: »Er würde auch nicht gern von hier fortgehen, nicht wahr?«

»Richtig,« erwiederte Nadering, »wir haben hier Alles, was wir wünschen können, und wenn nun ein College kommt, der etwas mehr in der Richtung der Andersdenkenden predigt, hat die Gemeinde auch Alles, was sie verlangt.«

In dieser Hinsicht irrte er sich übrigens, denn obgleich man ihn leiden mochte und ihn gern sah, waren seine Predigten doch bei Niemand beliebt; sie waren, wie man zu sagen pflegte, weder Wasser noch Milch, und keine der verschiedenen Parteien fand bei ihm ihre Rechnung. Wären nicht einige Zuhörer aus persönlicher Anhänglichkeit ihm treu geblieben, so hätte er meist vor leeren Bänken und Stühlen gepredigt. In diesem Punkte war der sonst so hellsehende Mann vollständig blind.

Sechs Wochen später hielt der neue Prediger seine Antrittsrede, und einige Wochen darauf verließ Pastor Nadering mit seiner Frau das Pfarrhaus zu Helmstadt, um seine lange projectirte Reise auszuführen, die ihm einige Erholung nach den schweren Amtspflichten und seiner Frau etwas Abwechselung in ihr eintöniges Leben bringen sollte. Die Reise ging nicht sehr weit, denn sie hatten in der Nähe, bei Bekannten und Amtsgenossen, freies Unterkommen, und da Nadering überhaupt noch nicht viel gereist war, so erklärte er es für seine Pflicht, zuerst das nähere Vaterland kennen zu lernen.

Ganz erholt und erfrischt kehrten sie wieder in das Pfarrhaus zurück, und noch an demselben Abend kam einer der Nettesten, um Nadering über das gottesdienstliche Leben während seiner Abwesenheit zu berichten. Natürlich war die Hauptfrage, wie Pastor Rodermann gefalle.

»Ach, neue Besen kehren immer gut, aber wenn er erst so lange hier ist wie Sie, werden wir uns besser kennen.«

»Gewiß,« sagte Nadering, dem diese Bemerkung gerade nicht besonders zusagte, »aber wie gefällt er in seinem Thun und Lassen? Seine Predigten kenne ich.«

»O, sehr gut. Er scheint voll Eifer, voll Feuer, voll Lust zur Sache und ist schon überall gewesen.«

»Und hat er alle Amtsverrichtungen gut wahrgenommen?«

»Ohne Ausnahme – ja; aber warten Sie – Nohr hat mir gesagt, daß er am vergangenen Donnerstag Mittag nicht gekommen sei.«

»Nicht?« Nadering zog die Augenbrauen bedenklich in die Höhe, »er weiß doch, daß dafür eine Summe ausgesetzt ist?«

Der Aelteste wußte das nicht bestimmt zu sagen, aber abgesehen davon, glaubte er doch auch, daß die Bibelstunde am Donnerstag wohl ausfallen könnte.

»Hm,« sagte Nadering, »vielleicht!« und er zuckte mit den Achseln und schüttelte dann mit dem Kopfe. Es war eine Frage, über welche er sich nicht so bestimmt auslassen konnte. Aber als der Aelteste weggegangen war, sagte er zu seiner Frau: »Ich hoffe nicht, daß unser College an den Einrichtungen rütteln wird, das könnte üble Folgen nach sich ziehen.«

Aber der College hatte dennoch Lust, daran zu rütteln, und als die beiden Herren den folgenden Tag zusammentrafen, sagte Rodermann sehr bald:

»College, ich habe Ihnen einen Vorschlag zu machen wegen der Donnerstagsbibelstunde.«

»So?«

»Ja, ich glaube, es ist besser, wenn wir sie abschaffen, was mir keine Schwierigkeit zu machen scheint.«

»Im Gegentheil; für diese Bibelstunde besteht ein Legat, was Sie vielleicht schon wissen, es ist dafür ein Capital von fünfundzwanzigtausend Gulden festgesetzt, und jeder von uns bezieht jährlich fünfhundert Gulden dafür.«

»Es ist so, aber wie ich höre, kommt nie Jemand; die Herren sitzen im Club, die Damen machen Visiten und die Bürgersleute sind bei der Arbeit.«

»Sie könnten doch aber kommen!«

»Aber sie kommen nicht, und eine Stunde sitzen und auf Menschen warten, die nicht kommen, ist eine Erniedrigung unseres Standes, es ist –«

»College, können Sie die fünfhundert Gulden entbehren?«

»Nein – aber ich werde Ihnen den Vorschlag machen, einen anderen Tag und eine bessere Stunde zu demselben Zwecke zu bestimmen; unsere Absicht ist doch, nützlich zu sein.«

»Ganz richtig,« bestätigte Nadering, »aber, College, es geht nicht.«

»Es geht nicht? Nun, lieber Freund, ich bin jünger, als Sie, aber ich habe schon andere Veränderungen zu Wege gebracht. In meiner letzten Gemeinde habe ich nicht nur den Sonntagsgottesdienst vollständig verändert, sondern auch das Reglement für die Diakonen umgearbeitet und –«

»Standen damit auch Legate in Verbindung?«

»Nicht, daß ich wüßte, aber das macht mir nicht bange. Unser Leben ist ein Kampf und wir dürfen nicht zurückschrecken, wo es sich um das Wohl der Gemeinde handelt. Soll ich die Sache in die Hand nehmen?«

»Ueberlegen Sie zuvor –«

»Wir müssen das Eisen schmieden, so lange es heiß ist. Der geeignete Zeitpunkt ist da: der neue Pastor giebt den besten Vorwand. Sonst sagt man, daß es so lange gegangen ist und auch weiter gehen kann. Wirklich, College, wir dürfen nicht zaudern.«

»Und die fünfhundert Gulden?«

»Das Geld müssen wir aus dem Spiele lassen, wir dürfen den Herrn nicht um einiger hundert Gulden willen verrathen.«

Nadering schwieg und versprach darüber nachzudenken.

Rodermann sah jedoch ein, daß dies lange dauern könne, und er beschloß, die Sache unter der Hand zu betreiben. Es währte nicht lange, so kam Nadering zu Ohren, daß die beiden Prediger die Absicht hätten, dem Kirchenrathe eine Vorstellung wegen der Donnerstagsbibelstunde einzureichen.

»Unsere Ruhe ist hin,« seufzte Nadering, »ich wünschte wohl, daß ich einen Ruf bekäme.«

Es war dies das erste Mal, daß seine Frau diesen Wunsch aus seinem Munde vernahm. Ach, es war sogar der erste Wunsch, den er gegen sie aussprach, ohne daß sie ihn erfüllen konnte.




Zweites Capitel


Es war wieder Donnerstag und das Museum war wieder geöffnet. In einem Zimmerchen, gerade groß genug, daß ein Tisch und zwei Stühle darin Platz hatten, saß der Custos, der Maler Walther. Vor ihm auf dem Tische lag an dem einem Ende der geschriebene Katalog der Gemälde und am anderen Ende das Foliobuch, in welches sich die Besucher einschrieben; dazwischen stand ein zinnernes Tintenfaß mit den drei unvermeidlichen Gänsefedern, an denen jedoch keine Spur von Tinte zu entdecken war, denn der Name des letzten Besuchers war bereits ganz roth geworden.

Während Walther gedankenlos durch das kleine Fenster hinausblickte, versammelte sich auf dem Marktplatz unten eine Anzahl Menschen um einen Leierkasten, bei welchem ein Vagabond die Bilder, die roh auf ein Stück Leinwand gemalt waren, erklärte, während seine Frau die Orgel drehte und mit dem anderen Arme einen Säugling wiegte. Das war zu viel für Walther. Dafür hatte das Volk Zeit und Aufmerksamkeit und nach seinem Museum sah Niemand sich um! Er konnte den Scandal nicht länger mit anhören, stand auf und ging auf eine Thür zu, an welcher ein weißes Papier angeheftet war, mit den Worten:



Heute geöffnet.

Regenschirme und Spazierstöcke am Eingang abzugeben.

NB. Es darf hier nicht geraucht werden.


Das war die Gemäldegalerie von Helmstadt. Es hingen daselbst ungefähr dreißig Bilder von verschiedener Größe und mehr oder minder werthvoll, so weit man sie bei dem mangelhaften Lichte, das rechts und links durch schmale Fenster einfiel, beurtheilen konnte. Walther selbst war der Erste, der dies einsah, und seit mehr denn zehn Jahren hatte er in zahlreichen Eingaben darauf gedrungen, daß das Museum verpflanzt werden möchte. Aber es schien, daß in ganz Helmstadt kein anderes Local zu finden war, als diese alte Thurmstube, und für die Gemäldegalerie hatte der Gemeinderath niemals mehr Geld übrig, als die 75 Gulden, welche durch das Legat Ronceval zur Erhaltung der Sammlung ausgesetzt waren.

Bevor Walther noch die Schwelle des Museums überschritten hatte, blieb er stehen. Die Töne des Leierkastens und die Stimme des Auslegers drangen plötzlich viel heller herein, also mußte die Thür geöffnet sein. Wirklich hörte man Fußtritte auf der Treppe, die nach dem Museum führte. Sollte es ein Besucher sein? Walther hätte gern nachgesehen, aber er bezwang sich im Gefühl seiner Würde als Custos und wartete mit gespannter Aufmerksamkeit auf die nahenden Tritte. Endlich war der Besucher oben, aber nun wollte Walther durchaus nicht merken lassen, daß ihn die Ankunft überraschte und er blickte so eifrig in den Katalog, als habe er ihn zum ersten Male und nicht schon seit vielen Jahren jeden Donnerstag vor Augen.

»Herr Walther,« begann der Eintretende.

»Ei, Herr Rohr, das treffen Sie gut, es ist gerade Niemand da.«

»So – wissen Sie – ich komme eigentlich im Namen meiner Tochter, die –«

»Wenn Sie nur so gut sein wollten, Ihren Namen einzuschreiben,« unterbrach ihn Walther, indem er ihm das Register vorlegte.

»Ach, das ist nicht nöthig, ich komme nur im Namen meiner Tochter –«

»Das hat nichts zu sagen, Herr Nohr, hier, wenn Sie so gut sein wollen, hinter Nummer 114, das Register ist nicht besonders treu fortgeführt.«

»Nein, wirklich nicht, Herr Walther, ich wollte Ihnen nur ein Wort von meiner Tochter Anna ausrichten; sie möchte Sie so gern einmal sprechen, und Sie wissen, mit den Krücken kann sie schlecht vorwärts.«

»Schön, schön Herr Nohr, ich komme heute Abend auf ein Stündchen – hier, wenn es gefällig ist,« und wieder schob Walther dem Küster das Einschreibebuch vor. Nohr konnte sich nicht länger weigern.

»Es wird recht albern aussehen, Herr Walther,« versicherte er, indem er vergeblich versuchte, die Feder wieder abzugeben –, »ich gehöre ja nur zur Kirche.«

»Der gesellschaftliche Stand hat nichts zu sagen,« erwiederte Walther, »es giebt Grafen und Barone, sie sich nicht um die Kunst bekümmern, und dagegen arme, blutarme Menschen, die dafür leben und sterben.«

Nohr schrieb seinen Namen hinter Nummer 114, ohne zu bemerken, daß Nummer 113 vor zwei Jahren ausgefüllt war; dann frug er, ob er noch etwas hinzufügen müsse.

»Das Uebrige werde ich selber ausfüllen,« sagte Walther, »wir können uns nun ein wenig umsehen.«

»Ein andermal,« antwortete Nohr, »ich mußte hier vorüber zur Bibelstunde und da sagte ich zu Anna, daß ich rasch bei Ihnen einmal vorkommen wollte.«

»Es hat nichts zu sagen, Herr Nohr, Sie brauchen nicht länger zu bleiben, als Sie wollen,« und ob Nohr folgen wollte oder nicht, er mußte mit und stand bald neben Walther im Museum.

»Schön, wirklich schön!« sprach Nohr, ehrerbietig seinen Hut in der Hand haltend, während er den Kopf zurückgeworfen hatte, um ein großes Gemälde zu besehen, welches gerade gegenüber vom Eingang hing, »das ist eine Jagd, nicht wahr, Herr Walther?«

»Richtig,« nickte Walther, »das ist eine Jagd von Wouverman; Verboeckhoven könnte sie nicht schöner gemalt haben. Kommen Sie einmal hierher, von hier aus müssen Sie das Stück besehen.«

Nohr schlich einige Schritte auf den Zehen in der angewiesenen Richtung und erklärte dann, daß es von diesem Standpunkte eigentlich noch schöner sei.

»Aber,« fuhr Walther fort, »dabei müssen Sie sich nicht zu lange aufhalten, Sie sollen noch etwas ganz Anderes zu sehen bekommen, die größten Bilder sind nicht immer die besten.«

»Richtig,« sagte Nohr, »das ist gerade wie bei uns; die längsten Predigten sind auch nicht immer die besten, so eine kurze Nachmittagspredigt, wie wir am vergangenen Sonntag hatten –«

Wenn Nohr auf Predigten zu sprechen kam, war er unbezwinglich. Walther unterbrach ihn noch bei Zeiten und indem er den redseligen Küster an einem Zipfel des Aermels fortzog, brachte er ihn vor ein Portrait. »Das ist ein Raphael, Sie wissen doch, wer Raphael ist?«

Nohr bedachte sich einen Augenblick. »Hat er nicht in –«

»In Amsterdam gelebt,« wollte er fragen, aber Walther wartete die ganze Bemerkung nicht ab.

»Er war der größte Maler, der jemals gelebt hat, und von ihm haben wir hier ein Bild, oder wenigstens eine Copie, aber eine Copie von Meisterhand. Und sehen Sie dort die zwei Portraits, ich möchte darauf schwören, daß sie von Miereveld sind.«

Nohr folgte der angedeuteten Richtung und nickte voll Bewunderung.

»Aber sehen Sie, das Juwel unserer Sammlung ist hier,« und damit führte Walther den guten Nohr in eine Ecke, wo ein kleines Bild hing, das Walther ihm als echten Ostade vorstellte.

»Ja, lieber Freund,« sagte er dann, »wir haben hier sehr viel, weit mehr, als die Menschen wissen. Hier ist noch ein Hobbema, zum wenigsten, wenn es nicht von ihm ist, muß es von seinem besten Schüler sein.«

Nohr blieb zuletzt lange vor einem Bilde stehen, auf dem ein Bürgermeister mit Schöffen abgebildet war und das ihm besonders gefiel.

»Herr, mein Gott,« sagte er, »damals sahen solche Herren anders aus, nicht wahr, Herr Walther?«

»Ja, Herr Nohr, ganz anders. Und sie waren auch danach. Gegenwärtig ist es ein Elend, kein Einziger darunter, der etwas taugt, der Bürgermeister so wenig als der Rest.«

Nohr sah sich um und war froh, daß Niemand gegenwärtig war, aber die offene Thür machte ihm bange; mit einem vielbedeutenden Blick sah er nach dieser hin.




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