Abendstunden Hendrik Conscience Heinrich Conscience Abendstunden Mit immer regerer Theilnahme sah Deutschland in den letzten Tagen auf die Strebnisse der Fläminge. Wo aber, von denselben die Rede war und ist, da wird Conscience’s Name vor Allen genannt als der eines der Ersten, der sich für die Sache seines Volkes in die Bresche warf, der mit der größten Kraft an dem schlummernden Nationalgeiste rüttelte und zumeist zu seinem Erwachen beitrug. Darum denn mag er auch diese Sammlung eröffnen. Ueber sein Leben und Wirken behalte ich mir Ausführlicheres vor; hier nur noch einige Worte über den Inhalt dieses ersten Bändchens. Es enthält die gesammelten Novellen und kleinern Stücke Conscience’s (die drei ausgenommen, welche Herr Fürstbischof Diepenbrock übersetzte), die vor etwa vier Wochen unter dem Titel »Avondstonden« erschienen. Eins der Stücke des Originals ließ ich mit Zustimmung des Verfassers, als weniger allgemein ansprechend, ausfallen (Weetlust en Geloof. Zinnebeeld), und schaltete dafür eine seiner ersten Novellen »der lange Nagel« aus der im Jahre 1837 erschienenen »Phantazy« ein. In diesem Buche, sowie in dem »Wonderjaer,« welches Conscience in demselben Jahre herausgab, tobt noch ausschließlich der Geist der kräftig wilden Geusenzeit, der auch in dem drei Jahre jüngeren »Gerhard« noch blüht. Von da ab aber verließ Conscience sie, um nie mehr zu ihr zurückzukehren. Er malte nun Scenen voll Wahrheit aus dem Volksleben unserer Tage, und darin blieb er bis jetzt unerreicht von seinen Landsleuten. Wie sehr auch Deutschland den Werth dieser Bilder anerkannte, das sagt uns die seltene Aufnahme, welche das seit einigen Monaten in mehr denn 14000 Eremplaren verbreitete »flämische Stillleben«[Eben erschien auch eine englische Uebersetzung dieser Erzählungen.] fand. Nicht für Alle aber ist diese einfache, mitunter derbe flämische Kost; sehr Vielen mag sie fast ungenießbar sein. Diese mögen immerhin dieß erste Bändchen ungelesen lassen; sie werden in der »Geschichte des Grafen Hugo van Craenhove und seines Freundes Abulfaragus« und in dem prächtigen »Löwen von Flandern,« welche ich in den folgenden Bändchen in schneller Folge liefere, sich doppelt erfreuen. Als Schluß dieser »Auswahl« folgen dann die drei schon durch Herrn von Diepenbrock übertragenen Novellen. Zur Verhütung etwaiger Mißverständnisse muß ich noch bemerken, daß der Verfasser nach dem Drucke der »Avondstonden« hier und da, und vor Allem in der zweiten Novelle, noch bedeutende Abänderungen machte, die folglich nur dieser Uebertragung zu Gute kommen; dieß rechtfertigt zugleich den durch ihn angenommenen Zusatz auf dem Titel: »unter Mitwirkung des Verfassers.«     Brüssel, 1. Januar 1846.     Joh. Wilh. Wolf. Quintin Metsis. Übers. Maria Wolf Gegen das Jahr 1480 standen in der Nähe der »Gasthuiseemden« in Antwerpen einige kleine Häuschen, welche dem Kloster »Ter Zieken« gehörten, und an arme Leute vermiethet wurden. Sie waren entweder von Handwerkern bewohnt, die nur mit Mühe von ihrem Arbeitslohn den wöchentlichen Zins erübrigen konnten, oder von alten Leuten, welche mit der größten Sparsamkeit von dem Gelde zehrten, das sie sich in jüngeren Jahren verdient hatten. In einem der minder baufälligen dieser Häuschen wohnte zu jener Zeit eine Wittwe mit ihrem einzigen Sohne. Obgleich sie Nichts auf der ganzen Welt ihr eigen nennen konnte, so hatten doch stets Freude und Zufriedenheit unter ihrem Dache gewohnt; sie ertrug ihre Armuth mit der größten Geduld, und würde ihren niederen Stand nicht leicht gegen einen besseren vertauscht haben. Ihr ganzes Glück bestand in dem Fleiß ihres Sohnes und in der innigen Zuneigung, welche ihr derselbe weihte. Da sie eine zärtliche Mutter war, und alle Gefühle ihres liebevollen Herzens ihrem Sohne zuwandte, schien es für sie die größte Seligkeit, sich von demselben so geliebt zu sehen. In ihre Gebete, in jeden Seufzer schloß sie den Namen ihres Kindes ein, und die Liebe, welche sie für dasselbe fühlte, war allmählig eine Art von Selbstverläugnung geworden. Der Sohn, der mit gleicher Zärtlichkeit an seiner Mutter hing, arbeitete Tag und Nacht, daß es ihr an nichts gebrechen möge, und wenn er einen ihrer Wünsche zu errathen glaubte, rastete er nicht eher, bis er im Schweiße seines Angesichts so viel Geld gewann, denselben erfüllen zu können. Durch den Eifer zur Arbeit hatte er es sehr weit in seinem Handwerk gebracht, und Keiner übertraf ihn im schmieden verschiedener Kunstgegenstände, wofür er außerdem einen bedeutenden Lohn empfing. – Darum war die Wohnung der Wittwe sinniger als die Andern eingerichtet, und wurde sie auch zu den vermögendsten der Miethsleute gezählt. Ihr Sohn, der an seiner Arbeit ein ungewöhnliches Vergnügen fand, sang und war stets fröhlich. Das hatte seinen wahren Namen in Vergessenheit gebracht, und man nannte ihn nur »den fröhlichen Schmied.« Seit einigen Monaten aber waren Freude und Zufriedenheit aus dem Hause der alten Wittwe entschwunden; die muntern Lieder waren längst verklungen und Thränen und Seufzer an ihre Stelle getreten. Auch dachten die Nachbarn nur noch an die Gesänge des fröhlichen Schmiedes zurück, wenn sie sich an glücklichere Tage erinnerten. An einem Montag saß die Wittwe mit nassen Augen vor dem Bette, worauf ihr Sohn ruhte. Der starke junge Mann, der manches Jahr hindurch den Vorhammer mit so viel Gewandtheit und Leichtigkeit geführt hatte, der so viel sauren schweiß für seine Mutter vergossen, war in ein hageres Gerippe verwandelt. Auf seinem entblößten Halse konnte man deutlich die Muskeln und Schlüsselbeine erkennen, welche mit der Haut wie mit durchsichtiger Leinwand überzogen waren; sein ganzer Körper schien wie zusammengeschmolzen. Sein Angesicht trug weniger die Spuren körperlicher Leiden, als einer tiefen Trauer, welche schwer auf seinen Zügen lag, und in den matten Augen die auf seine Mutter gerichtet waren, tausend herzzerreißende Worte lesen ließ. Von Zeit zu Zeit jedoch erhellte ein Ausdruck von Seligkeit sein abgemagertes, bleiches Antlitz; es war kein Lächeln, aber etwas Unbegreifliches, ein geheimer Gedanke, welcher seinen Augen wieder Glanz verlieh, und ihn dem drohenden Grabe entreißen zu wollen schien; wenn dann die gebeugte Mutter sah, wie stürmisch die Seele ihres Sohnes von Hoffnung, Liebe und tödtender Qual bewegt war, faßte sie seine knöcherne Hand und seufzte verzweifelnd; ein einziges Wort nur entglitt ihren bebenden Lippen: der Name ihres todtkranken Sohnes. »Quintin, o Quintin!« Nachdem Beide sich eine Zeitlang schweigend betrachtet hatten, flossen aufs Neue die Thränen der unglücklichen Wittwe und sie sprach mit gedämpfter Stimme: »Quintin, mein armer Sohn, verlangst du nach Nichts? hast du keinen Durst? —« »O nein, Mutter, aber du? Ich sehe dich nicht essen! Tage lang weinst du um mich, und schadest deiner Gesundheit. – O wie unglücklich bin ich! – Ich werde sterben, das fühle ich, nicht durch meine körperlichen Leiden, die würden mir wohl schwerlich das Leben kosten, aber es ist etwas Anderes, o Gott! Etwas das seit lange mich zu Grabe drückt, das mir Nachts die Ruhe nimmt und bei Tage mich den Tod wünschen läßt! – Ach Mutter, Mutter! —« Die Wittwe erhob sich von ihrem Sessel, und indem sie ihren Kummer gewaltsam zurückdrängte, schloß sie den Kranken mit rührender Innigkeit in die Arme, und küßte die Thränen ab, welche reichlich von seinem Angesicht strömten. »Quintin!« seufzte sie, »o sag’ mir, was dein Herz beschwert; vertrau es deiner Mutter! Vielleicht bin ich im Stande, deinen geheimen Schmerz zu heilen! – Und dann Quintin! dann würde ich dich vielleicht nicht verlieren! O wenn dies möglich wäre!! —« Quintin antwortete nicht; erstarrte unverwandt seine Mutter an, während die Thränen ihm unaufhaltsam über die Wangen rollten. »Vertraue mir,« fuhr die Mutter fort »sag’ mir, welch geheimen Schmerz du im Herzen birgst. Sprich um Gotteswillen! —« Ein dumpfer Seufzer entstieg Quintin’s Brust; er bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen, und sprach mit einer Stimme, welche so heftige Erschütterung verrieth, daß man fürchten mußte, sein Leben schwände mit ihr dahin. »Du hast Hunger, Mutter! seit drei Tagen hast du nichts gegessen. Denkst du daß ich dieß nicht wisse? O gewiß, ich werde sterben! denn ich sehe dich gleich einem Schatten dahinschwinden . . . und du leidest um mich, einzig Um dein Kind!« »Ist es anders nichts?« antwortete die Mutter mit Zuversicht und freudigem Stolze. »Beruhige dich, und mach dir darum keine Herzpein. Für dich hungern Quintin, für dich? Gott ist mein Zeuge, daß ich in dem Leiden um mein Kind den einzigen Trost finde, der mir noch auf Erden bleibt.« »Und ich habe Arme, die schaffen können!« rief Quintin verzweifelnd aus; ich sehne mich nach Arbeit, wie nach der ewigen Glückseeligkeit; ich muß sehen wie meine Mutter vor Hunger vergeht, und kann ihr keinen Bissen trocknen Brodes reichen! O Himmel! ich wäre deiner Gnade unwürdig, wenn ich nicht stürbe!! —« Diese Ausrufungen hatten ihn sehr angestrengt, und sein Haupt, das er in der Aufregung erhoben, sank kraftlos auf die Kissen zurück; er fügte ruhiger hinzu: »Bleibt uns denn nichts mehr von einigem Werthe Mutter? Nichts um ein Brod zu kaufen?« »Nichts, mein Sohn,« erwiederte die alte Frau niedergeschlagen, »ich habe Alles verkauft.« Da rang der Unglückliche in wilder Verzweiflung die Hände und rief außer sich: »So wirst du verhungern! ich soll, selbst am Rande des Grabes, dich vor meinem Bette erliegen sehen? O nein, bei meiner Seele, das kann ich nicht ertragen . . . Ich werde aufstehen und dir zeigen, was die Liebe eines Sohnes für seine Mutter vermag. Gib mir meine Kleider, und wenn du, ehe zwei Stunden vergehn, nicht gegessen, dann strafe mich Gott mit ewiger Verdammniß! Ach Mutter, Mutter! unser süßer Herr Jesus wird mir ob meiner sündigen Worte nicht zürnen . . . Ich fühle Kraft! ich lebe!« Es schien wirklich, als wenn Quintin von seiner Krankheit erstehen sollte; er erhob seine Arme wie Jemand, der sich zu einer schweren Arbeit vorbereitet, und seine Bewegungen waren so leicht und kräftig, daß seine Mutter nicht begreifen konnte, was mit ihrem Sohn vorgegangen sei; sie wagte nicht, sich der Hoffnung an ein Wunder hinzugeben, und starrte ihn erstaunt und zweifelnd an. Quintin hatte sich indeß mit ungemeiner Schnelligkeit gekleidet, aber so sehr er sich auch bemühte, seine Schwäche zu überwältigen, war es doch leicht zu erkennen, daß sich sein Zustand keineswegs gebessert hatte, denn seine Bewegungen wurden nach und nach matter und langsamer, sein Athem wurde kürzer, er fiel seiner Mutter bebend um den Hals, sank dann kraftlos in einen Sessel, und rief mit verzweifelnder Stimme: »Ach liebe Mutter! Ich wollte ja so gern für dich arbeiten, aber ich kann nicht!« In demselben Augenblicke öffnete sich die Thüre des Häuschens, und eine Nonne aus dem Kloster Ter Zieken trat mit einem Körbchen am Arme herein. »Mutter Metsis« rief sie »ich bringe etwas für unsern kranken Quintin. – Aber was fehlt Euch denn, Ihr guten Leute? Ist ein Unglück vorgefallen, daß Ihr Beide da sitzt und weint?« Weder Mutter noch Sohn beantworteten diese Frage. Sie hatten noch nicht die Hilfe Anderer angefleht, denn sie schämten sich, Jemand mit ihrer Noth bekannt zu machen. – Wo gibt’s einen fleißigen Arbeiter, der ohne peinliches Gefühl um ein Stück Brod bettelt? — Die Nonne ließ sich durch das Schweigen nicht irre machen; sie stellte den Korb auf den Tisch, und nahm eine Flasche daraus hervor; dann goß sie köstlichen rothen Wein in einen Becher und reichte ihn ermunternd Quintin mit den Worten: »Quintin, das wird Euch stärken und kräftigen! da trinkt einmal.« »Wenn meine Mutter trinkt,« erwiederte Quintin, »so gelobe ich zehn Messen für Euch zu hören, Schwester Ursula!« »Trinkt nur,« fuhr die Nonne fort, »ich werde Eurer Mutter auch einen Becher geben.« »Ach! dann höre ich zwanzig!« rief der gute Schmied mit Freudethränen in den Augen. Als beide endlich auf die Bitten der Schwester Ursula von dem Wein gekostet hatten, hielt die Nonne Quintin ihren Korb vor die Augen und sagte: »O! ich habe noch mehr! seht nur!« Kaum hatte Quintin in den Korb geblickt, als er mit zum Himmel erhobenen Armen rief: »Gute Schwester Ursula, Ihr wißt nicht wie viel Ihr uns bringt. – Euch darf ich es wohl sagen, Euch die Ihr uns wie ein Engel des Trostes und der Barmherzigkeit erscheint. Schwester, Schwester! meine alte Mutter hat in drei Tagen nichts gegessen: sie vergeht vor Hunger!« »O Gott! ist es möglich!« rief die Nonne aus. »Nehmt dann doch schnell! hier ist ein fein Waizenbrod und ein gut Stück Fleisch.« Die Ueberraschung der Witwe war so groß, daß sie von dem Brod nicht gleich kosten konnte; sie bedurfte dessen auch nicht mehr so dringend, da der Wein ihr bereits neue Kraft gegeben. Während die Nonne sie zum Essen nöthigte, hatte Quintin eine Hand der Schwester Ursula ergriffen, ohne daß diese es bemerkte. Nach einigen Augenblicken jedoch zog sie dieselbe gewaltsam zurück, denn sie hatte einen glühenden Hauch darauf gefühlt. »Aber Quintin« rief sie, »was thut Ihr denn?« »O vergebt mir, Schwester,« seufzte Quintin »und zürnet mir nicht daß ich Eure Hand mit Thränen der Dankbarkeit benetzte, die in dem Himmel bewahrt werden.« Die Nonne erröthete, denn Quintin’s Züge und seine unbeweglich auf sie gerichteten Blicke übten eine so unwiderstehliche Gewalt auf sie: man hätte denken können, daß er sie einer Heiligen gleich anbete. Schwester Ursula versuchte dem Gespräch schnell eine andere Wendung zu geben, und sich aus der für sie peinlichen Lage zu befreien, und sprach zur Wittwe gewendet: »Ja, Mutter Metsis, es gibt jetzt viele Kranke; in Eurer Nachbarschaft liegen noch drei zu Bette; der Wolleweber Veken, der Zimmermann Balens, und Hans der Tapezier. Den beiden Ersten bringe ich eine kleine Stärkung so oft es mir nur möglich ist, aber der Tapezier Hans arbeitet auf seinem Bette für unser Kloster . . . »Was thut Hans, Schwester?« fiel ihr Quintin hastig in die Rede. »Er bemalt uns gedruckte Bildchen,« erwiederte Ursula, »und obgleich viel zu wünschen übrig bliebe, so nehmen wir es doch aus Rücksicht für seine Krankheit nicht so genau damit. – Seht, hier sind welche, die ich eben bei ihm geholt habe.« Sie reichte mit diesen Worten Quintin einige Bildchen hin, welcher eins nach dem andern betrachtete. »Schwester« sagte er endlich, »dies würde ich, scheint mir’s, besser machen können.« »Ach! Ihr scherzt Quintin! Hans muß täglich Bilder in seine Tapeten wirken, darum versteht er sich in etwa darauf; aber Ihr, der Ihr Schmied seid, – das würde schwerlich gehen!« Quintin erhob sich rasch von seinem Sessel, und sprach zur Nonne gewendet, in stolzem Tone: »Schwester Ursula, es ist kein Schmied, noch Tapezier, noch Maler der eine Pumpe zu Stande bringt, wie die von Quintin Metsis auf dem Handschuhmarkt ist! – Wohl habe ich nicht mit Farben gearbeitet, und werde vielleicht im Anfang einige Bildchen verderben; doch vergeßt nicht, Schwester, daß ein Sohn der für seine Mutter schafft, kein gewöhnlicher Arbeiter ist. – Vielleicht wird mein Vorhaben mir glücken: eine innere Stimme sagt es mir.« »Nun wohl, Quintin, hier sind ungemalte Bilder! Prüfet Eure Kräfte. Eure Mutter mag mich nach Ter Zieken begleiten, damit ich ihr Farben und Pinsel für Euch mitgebe.« »Geh Mutter! eile!« rief Quintin entzückt aus. »Gottlob, daß ich jetzt arbeiten kann! Gewiß, ich werde genesen, wenn die Bilder gelingen, und du sollst meinetwegen keinen Hunger mehr leiden. Geh schnell!« Als seine Mutter sich mit der Nonne entfernt hatte, prüfte er genau ein Bildchen nach dem andern, und überlegte schon im Voraus welche stellen er blau, gelb, roth oder grün bemalen wolle. Seine Gedanken waren so lebhaft damit beschäftigt, daß das Blut ihm zu Kopfe stieg, und seine mageren Wangen noch einmal mit einer hellen Gluth bedeckte; er strich mit dem Finger über die Stiche, als ob er bereits begonnen hätte, zu malen. Die Bildchen, die er vor Augen hatte, waren nur schlecht und grob; Quintin sah dies recht gut ein, denn in seinen Lehrjahren hatte er sich viel mit Zeichnen beschäftigt, was deutlich genug aus allen Kunstwerken hervorgeht, die er in Eisen geschmiedet. Nachdem seine Mutter mit Farben zurückgekommen war, ging er zu Bette, und begann halb sitzend auf einem viereckigen Brett, welches er vor sich hinlegte, zu malen; die alte Wittwe war so begierig auf den Erfolg dieses Unternehmens, daß sie mit ängstlicher Gespanntheit jeder Bewegung des Pinsels folgte. Obgleich Quintin sehr langsam arbeitete, hatte er doch nach Verlauf einer Stunde ein Bildchen mit den schönsten Farben in den gewähltesten Tönen vollendet. Ueber sein eigenes Werk entzückt rief er aus: »O sieh nur Mutter! es ist über meine Erwartung gelungen! Nun werde ich rasch genesen!« Die alte Frau verstand nichts von der Kunst worüber sie jetzt ein Urtheil aussprechen sollte; sie freute sich herzlich an den glänzenden Farben, und stand in Bewunderung versunken vor dem Bildchen. »Quintin« rief sie, »soll ich dieß einstweilen als Probe nach Ter Zieken tragen?« »Sogleich, Mutter, wenn ich noch einige gemalt habe. Gib mir dieß zurück, damit ich’s vor mich lege.« »Willst du denn Alle auf dieselbe Weise bemalen?« »Nein, Mutter, es sind aber noch viel Fehler in dem ersten, welche ich in den andern verbessern will.« Die alte Frau war so froh, so vergnügt, als ob ihr ein großes Glück zu Theil geworden wäre; nicht just darum weil Quintin die Bildchen so schön bemalt hatte, denn darüber hatte sie nicht das geringste Urtheil, und sie glaubte außerdem, nicht mehr als einige Stüber für seine Arbeit erwarten zu dürfen: aber sie freute sich über die heitere Stimmung ihres Sohnes, dessen Zustand sich durch den Eifer welchen er seiner neuen Beschäftigung weihte, merklich verbesserte; auch hatte er nach Vollendung des dritten Bildchens die ersten Worte seiner alten, halbvergessnen Lieder wieder gesungen. Zuweilen unterbrach die glückliche Mutter ihn in seiner Arbeit durch eine herzliche Umarmung. Dann sagte er lachend: »Laß mich doch arbeiten Mutter! damit ich schneller vorwärts schreite!« Nachdem auch das vierte Bildchen gefertigt, drang die Wittwe so lange in Quintin, bis er ihr erlaubte, alle nach Ter Zieken zu tragen, und Mutter Metsis lief so schnell sie konnte dem Kloster zu, das einige Büchsenschüsse weiter in der Nähe der Stadt lag. Sie klopfte hastig an der Pforte, und erwartete mit pochendem Herzen daß man ihr öffne. Eine stockalte Nonne erschien an dem Thorschieberchen; und als sie sah daß es nur eine gewöhnliche Bürgersfrau war, öffnete sie langsam indem sie frug: »Was wollt Ihr Frau?« »Ist Schwester Ursula im Kloster?« »Nein, Schwester Ursula ist ausgegangen. Kommt morgen wieder.« Mit diesen Worten erfaßte sie die Thüre, und machte eine Bewegung als ob sie sagen wollte: »Geht, damit ich das Thor schließe.« Mutter Metsis war sehr niedergeschlagen über die Abwesenheit Ursula’s und blieb wie festgebannt vor dem Kloster stehen. »Habt Ihr noch ein Anliegen?« frug die Nonne. »Ja Schwester« sagte die alte Frau, indem sie die Bilder unter ihrem Mantel hervorzog »seid so gütig diese Bildchen an Schwester Ursula zu übergeben und ihr zu sagen daß Quintin Metsis der Schmied sie bemalt hat.« Die Nonne betrachtete die dargereichten Gegenstände mit mißbilligendem Ausdruck. Sie mußten ihr nicht zusagen, denn ihre Züge gaben dieß deutlich zu erkennen. »Ach Gott! wie häßlich sind diese Bildchen« rief sie: »man ekelt sich vor ihrem Anblick, und um keinen Preis möchte ich sie in meinem Gebetbuch haben.« »Sind sie nicht gut Schwester?« frug die bange Mutter. »Pfui, es ist Schande solche Bilder zu malen« war die bittere Antwort der Nonne womit sie die Wittwe entließ. Mit zerrissenem Herzen kehrte die Mutter nach ihrer Wohnung zurück. – Sollte sie Quintin die niederschlagende Kunde bringen, um ihn in jene tödtende Verzweiflung zurückzuschleudern? Aber konnte sie ihre Thränen zurückhalten, hatte sie Kraft genug um nicht durch ihre Züge den Schmerz zu verrathen, der sie niederdrückte ? Die arme Frau grämte sich inzwischen unnöthiger Weise über die harten Worte der Nonne, welche sie nur unrichtig aufgefaßt hatte. Die Stiche, welche Quintin bemalt, stellten nämlich meist Kranke und aussätzige Menschen vor; der junge Schmied hatte so viel Ausdruck in diese Jammergestalten gelegt, und sie so natürlich in Farben dargestellt, daß der Nonne vor den schrecklichen Gruppen graute, und sie entsetzt von der Wahrheit, welche sich darin aussprach, die Worte rief: »Pfui! pfui! es ist eine Schande!« Die Mutter ahnte das nicht und glaubte darum daß die Nonne die ganze Art und Weise des Bemalens so schlecht beurtheile. Kaum hatte sie die Schwelle ihres Hauses überschritten, als Quintin ihr zurief: »Nun, wie findet man meine Bilder, liebe Mutter?« Die bedrückte Mutter fiel weinend in die Arme ihres Sohnes, und konnte vor überwallender Wehmuth kein Wort hervorbringen; sie strich nur in größter Aufregung Quintin’s Haupt, welches er an ihrem Herzen barg. Je unerträglicher sich das Geschick dieser Unglücklichen gestaltete, um so inniger schien die Liebe sie zu verbinden. Wenn dumpfe Seufzer nicht ihren Schmerz offenbart hätten, so wäre man versucht gewesen zu glauben, daß sie freudig ergriffen seien, denn sie gaben sich gegenseitig die wärmsten Beweise von Zärtlichkeit. Ein gemeinschaftliches, tiefes Schmerzgefühl ließ sie darin den einzigen Trost finden. Endlich seufzte Quintin: »Mutter, liebste Mutter, was nun beginnen? Um jede Hoffnung betrogen, von Allen verlassen, o Gott!« »Mein Kind!« rief die Mutter verzweifelnd und ihrer Sinne nicht mehr mächtig »mein theures Kind, ich habe dich an meiner Brust genährt; ich habe stets nach Kräften für dich gearbeitet, als du noch klein warst. – Du hast mir als ein guter Sohn meine Liebe reichlich vergolten, und im Schweiße deines Angesichts deine alte Mutter erhalten. Wohlan, Quintin, wenn es dann doch sein soll, wenn wir sterben müssen, wenn dich das Siechthum und mich der Hunger ins Grab zieht, . . . dann bleibt uns noch ein seeliger Trost, eine freudige Gewißheit: – wir sterben zusammen!« Eine lange Umarmung folgte diesen Worten; und die schnellen Athemzüge zweier von Schmerz überwältigten Menschen, wurden nur zuweilen durch eine leise, flüsternde Stimme unterbrochen: »Mutter, geliebte Mutter!« Sie hatten sich bereits eine geraume Zeit Stille und unter heißen Thränen einander umschlungen gehalten, und sie würden noch lange so dagesessen haben, hätte nicht plötzlich eine Stimme vor der Thüre sie aufgeschreckt: »Wo wohnt der Schmied Quintin Metsis?« Die alte Frau trocknete schnell die Thränen von ihrem Angesicht, und eilte die Thüre zu öffnen, als sich dieselbe aufthat, und vier Personen zugleich in die Kammer traten. Die beiden Ersten waren die Aebtissin des Klosters Ter Zieken und ein geistlicher Herr der sie begleitete. Hinter ihr kam Schwester Ursula mit einer andern Nonne, welche ein großes Buch unter’m Arme trug. All diese Personen betrachteten erstaunt Quintin, der seinen Pinsel weggelegt hatte und ängstlich und beschämt ein strenges Urtheil zu erwarten schien. Die Aebtissin näherte sich ihm, zeigte ihm seine ersten Bilder und frug mit wohlwollendem Ausdruck in Blick und Stimme: »Seid Ihr es, der diese Bilder bemalt hat?« »Ja, Frau Aebtissin,« erwiederte Quintin mit bangem Herzen »aber ich hoffe, wenn ich Eure Gunst nicht verscherzt habe, mit der Zeit mehr Fertigkeit zu erlangen. Vergebt mir, ehrwürdige Frau, daß ich diese verdorben habe. O, vergebt mir, um meiner unglücklichen Mutter willen!« »Verdorben?« rief die Aebtissin verwundert aus, »Ihr seid zu bescheiden; denn ich bin gekommen Euch zu sagen daß Niemand je schönere Bildchen gesehen hat, als gerade die, welche Ihr bemalt habt.« Diese Worte wirkten wie ein Donnerschlag auf den verstummten Quintin: Todtenblässe überzog sein Angesicht, und seine Glieder bebten, als ob ein plötzlicher Schmerz ihn getroffen hätte. In freudiger Aufregung streckte er dann die Arme seiner Mutter entgegen, und rief: »Ach Mutter! liebste Mutter!« Die glückliche Frau verstand ihn: sie warf sich mit wildem Ungestüm in seine Arme und drückte ihn an ihre Brust. Die vier Anwesenden waren so ergriffen bei dem Anblick dieser rührenden Scene, daß ihre Augen sich mit Thränen füllten. »Quintin Metsis,« sprach die Aebtissin »wollet Ihr wohl Etwas für mich thun?« Während die Aebtissin sprach hatte die Mutter sich der engen Umarmung ihres Sohnes entzogen; sie behielt jedoch eine seiner Hände in den ihren, und blieb neben ihm stehen. Quintin erwiederte freudig: »sprecht, hochwürdige Frau, ich bin Euer willigster Diener.« Die Aebtissin nahm das Buch aus den Händen der Nonne, zeigte es dem Jüngling, und fragte ihn, ob er die Leidensgeschichte unsers Herrn, welche darin dargestellt war, für sie bemalen wolle? Quintin wandte ein, daß er ein solches Unternehmen nicht wagen dürfe, aus Furcht das kostbare Meßbuch zu verderben; doch die Lobsprüche welche ihm die Aebtissin und der Geistliche ertheilten, gaben ihm endlich den Muth das große Werk zu übernehmen. Sobald er der Aebtissin dieß Versprechen gegeben, bereitete sich dieselbe mit ihrer Begleitung zum Weggehen. Schwester Ursula näherte sich zuvor Quintin und flüsterte ihm ins Ohr: »Fahrt nur so fort, Quintin, – die Aebtissin ist höchst zufrieden mit Eurer Arbeit, sie kann nicht davon schweigen.« Und mit leiserer Stimme fügte sie hinzu: »Eurer Mutter soll es nun an nichts mehr fehlen; habt nur guten Muth!« Diese letzten Worte erfüllten Quintin mit unaussprechlicher Seligkeit: er wandte Ursula einen dankbaren Blick zu und sagte: »Für Euch, für Euch werde ich immer beten – und meine Mutter auch.« Als die Aebtissin sich entfernt hatte, wandte die glückliche Frau sich zu ihrem Sohn, warf ihm zwei Goldgulden auf sein Malerbuch indem sie rief: »Sieh! Quintin! Dieß hat mir die Aebtissin für deine Arbeit gegeben; nun sind wir reich mein Kind! unendlich reich! Jetzt geh ich und kaufe Alles ein, was dir bisher in deiner Krankheit gemangelt hat! – Und du wirst genesen, mein lieber Quintin! denn all unser Leid hat nun ein Ende; wir werden aufs Neue glücklich sein!« »Sagte ich dir’s nicht, daß ein Sohn, der für seine Mutter arbeitet, kein gewöhnlicher Arbeiter ist? Glaube mir, der Schmerz, den ich bei dem Anblick deiner Noth ertragen mußte, hat mich zum Maler gemacht. Gott selbst hat meine schwache Hand geleitet!« Quintin malte ziemlich lange an dem Buch der Aebtissin; als er aber das Werk vollendet, gaben sich bereits wunderbare Fortschritte darin zu erkennen, und es ward ihm eine reiche Belohnung dafür. Man gab ihm dann andre Arbeiten dieser Art, welche er zur Zufriedenheit Aller ausführte. – Endlich ward er es müde gedruckte Darstellungen zu bemalen; er begann selbst Zeichnungen anzulegen, und je nachdem ihm dieß leichter und leichter wurde, überwand er in kurzer Zeit alle Hindernisse, welche sich ihm noch auf seiner neuen Bahn entgegenstellten. Noch zehn ganze Monate blieb er schwach und krank, so daß er nicht das Haus verlassen konnte, und diese Zeit benutzte er, sich Alles anzueignen, was die milde Natur ihm versagt hatte. Als er zum Erstenmale ausging, begrüßte man ihn schon überall als einen berühmten Maler. An Geld fehlte es ihm jetzt nicht mehr: er zog mit seiner Mutter in ein schönes Bürgerhaus, und sorgte mit derselben Liebe wie früher für sie. Sie hatte die Freude ihren Sohn die Zierde und den Ruhm des Vaterlandes nennen zu hören, und beschloß ihr Leben mit seligem Frieden in seinen Armen. Ricketicketack I Vor nicht gar langer Zeit noch besuchte ich die Meierei, auf welcher der Anfang dieser Erzählung spielt. Sie steht zwischen Desschel und Milgem, etwa zwölf Meilen östlich von Antwerpen und ist von Bauern bewohnt, von denen kaum einer sich mehr des Namens Jan Daelmans erinnern kann. Wie malerisch dieß Haus auch da liegt, so bietet es doch nichts Besonderes für das Auge. Donnerwurz und grüne Moose wuchern auf dem alten Dache; die bröckelnden Mauern bergen sich hinter reichen Rebenranken; Hühner und Tauben spazieren auf dem Hofe und im Stalle mahlen drei glänzende saubere Kühe den weichen Klee. Schöner ist die eigenthümliche Umgebung des Meierhofes. Vor ihm dehnt sich eine unermeßliche Haide bis zur fernsten Grenze des Horizonts; hinter dem Blumengärtchen eilt ein Bach den Moorweiden zu und saftiggrüne Erlen und Weiden baden ihre Wurzeln in der silbernen Heidenader; prächtig wölbt sich der blaue Himmel drüber, geheimnißvoll zirpen die Grillen umher und lustiger schmettern die Vögel um die hübsche Oase der weiten Sandwüste. Noch hatte sich an einem schönen Morgen des Jahres 1807 die Sonne nicht über die Fläche der Haide erhoben, kaum hörte man hier und da ein Vöglein das Vorspiel zu dem großen Morgensange der Natur beginnen; in dem Innern des Hofes herrschte dieselbe stille; nur in einer Kammer brannte ein kleines Feuer leise prasselnd unter dem weiten Kamine, tickte ruhelos die Wanduhr und summte eintönig in einer halbdunkeln Ecke ein Spinnrad. An ihm saß ein Mädchen; ihrem Gesichte nach zu schließen, hätte man sie auf etwa fünfzehn Jahre schätzen können; ihre Kleidung war eben nicht sehr gesucht, eher nachlässig, doch ihre Züge hatten etwas Fremdes, etwas Edles, welches die Aufmerksamkeit des sie Betrachtenden wohl fesseln und ihn mitleidig zu ihr hinziehen konnte. Schön war sie darum nicht zu nennen, denn sie war weiß wie Marmor, und wenn ihre dunkelschwarzen Augen unter den langen Wimpern hervor einen Blick voll Gluth aussandten, dann schienen sie eher hart und unangenehm. Doch gab es auch Augenblicke, wo der schwarze Apfel langsam und träge umirrte, wo ein frohes Lächeln diese Züge verklärte, wie wenn eine Stimme der Freude in ihrem Herzen aufgetaucht sei; dann mochte man sie schön nennen, ein albastern Bild der hinwelkenden Blume, die ihren Kelch nach der Sonne öffnet, obschon ein Wurm ihre Wurzel seit lange durchnagte. Seit einer Stunde saß sie schon vor dem Spinnrade und ließ achtlos den Flachs durch die Finger gleiten; ein tiefer Traum schien einer dichten Wolke gleich sie umlagert zu haben, die Welt war für sie nicht da; eine überirdische Freude leuchtete aus ihrem Angesicht. Welch lichte Gedanken stiegen dann auf aus ihrer Brust? Das wußte sie selber nicht. Sie öffnet den schönen Mund, sie singt. Wohl muß das Lied hinreißend sein, wenn es ihre Gefühle überträgt; ihre Stimme klingt süß und rein, doch leise, fast wie der Ton eines fernen Silberglöckchens; sonderbar, eigentümlich aber ist das trippelnde Liedchen und es scheint wenig zu passen zu dem Ganzen, welches aus ihren Zügen spricht. Hier sehe das Lied: Ricketicketack, Ricketicketu. Eisen warm, Hoch den Arm, schlaget zu, Ricketicketu. Hat sie es aber gesungen, dann sinkt sie wieder in ihr sinnen zurück. Während sie also sich selbst vergessend vor dem Spinnrade saß, kam eine schon bejahrte Frau die Treppe hinunter und trat in die Kammer. Dem gebieterischen Blicke zufolge, den sie auf das kaum noch glimmende Feuer und das träumerische Mädchen warf, konnte es wohl niemand anders, als die Pachterin sein. Ihre Augen erglühten zornig, sie flog auf die Spinnerin zu und schlug sie so hart ins Gesicht, daß die Arme fast von dem Stuhle zur Erde stürzte. »Was ist das! Du faul Stück! Sitzest da zu schlafen, wie ein Vieh! Willst du das Feuer anmachen oder ich nehme einen Stock und schlag dich wacker, du Thunichtgut, die du bist!« Das Mädchen erhob sich und ging zum Feuer. Sie war die rohe Behandlung der Pachterin wohl schon seit lange gewohnt, denn ihre Marmorzüge verriethen weder Betrübniß noch Schmerz; nur auf der einen Wange brannte ein rother Flecken, der genugsam zeigte, wie hart der Schlag gewesen war. Sobald die Pachterin das Feuer unter dem Kessel flammen sah, ging sie zur Treppe und schrie aus aller Macht: »Auf, auf, ihr faule Strick! soll ich euch heraus holen, ihr Schlafmützen? Wacker, Trine, Bärbel, Jan! ’s ist meiner Seel schon vier und noch liegt das Volk und streckt alle vier von sich.« Wenige Augenblicke später kamen die Gerufenen. Die beiden Mädchen waren die Töchter des Hofes, sie konnten etwas weniger mehr, denn zwanzig Jahre zählen, waren übrigens echte Bäuerinnen, schwerfällig und stark gebaut und ohne allen Reiz. Jan zählte gegen siebzehn Jahre; seine Züge waren rauh, doch regelmäßig und recht männlich; es lag etwas sehr bewegliches darin und man sah ihm an, daß, hatte die Natur ihn auch geistig nicht reich betheilt, er doch ein wackerer Junge sein mußte. Seine blauen Augen und langen blonden Haare gaben seinem Wesen vor Allem etwas Gutmüthiges und sein Herz war in der That so. Er allein trat auf das Mädchen zu, welches noch am Feuer stand und sprach leise zu ihr: »Guten Morgen, Lena.« Noch leiser antwortete sie: »Dank, Jan. Guten Morgen.« Bevor jeder in dem Pachthofe an die Arbeit ging, wurde der Kaffee auf den Tisch gebracht und die Pachterin schnitt jedem sein Butterbrod. Das arme Lenchen bekam für ihr Theil kaum so viel, daß ein Kind damit genug gehabt hätte; doch schien sie dieß nicht zu bemerken und in ihrem Auge, in ihren Zügen war nicht die geringste Klage über die Härte der Pachterin zu lesen. Jan hingegen schaute recht mitleidig auf sie hin und als er sah, daß sie ihr Brod fast verzehrt hatte, schob er ihr ein Stück von dem seinen zu, so oft nur die Augen seiner Mutter nach einer andern Seite gerichtet waren. Nach dem Frühstück verließ Jan mit seinen Schwestern das Haus, um an sein Tagewerk zu gehen. Lena blieb mit der Pachterin allein, um bei der Butterstange zu stehen, während der Hund die Buttermühle drehte. Sobald die Milch in die Stange gegossen und Alles zum Buttermachen bereit war, ging die Pachterin in den Hof, um den Hund zum Mühlenrade zu holen, doch – der Hund lag todt in seinem Häuschen. Da kannte ihr Zorn keine Grenzen mehr, wie rasend stürzte sie in die Kammer, schlug Lena abermals ins Gesicht, stieß sie aus dem Hause und rief dann: »Da siehst du, abscheulicher Strick! hast ihm gestern kein Fressen gegeben und’s Thier ist vor Hunger krepiert. Will dich aber lehren! Hier!« Und sie schlug die schweigende aufs Neue und ärger, während sie rief: »Schweig, daß du berstest, eigensinnig Stück! ’s wohl wieder nicht wahr, he? daß du dem Hund kein Fressen geben hast, he? Willst du sprechen, oder ich brech dir Hals und Bein.« »Pachterin,« sprach Lena fast gleichgültig. »Ich hab dem Hund gestern sein Fressen geben, die Schüssel steht ja noch voll vor dem Häuschen.« »Was, Schüssel voll?« schrie die Andere. »Betrügerin die du bist. Diesen Morgen hast das Essen in die Schüssel gelegt; meinst, ich kennte deine Streich nit? sollt es aber bereuen, du, und dafür selbst in der Buttermühl laufen. Und damit marsch, in die Mühl hinein!« Diese neue und unerhörte Mißhandlung traf Lena hart; sie bebte an allen Gliedern und stand inmitten der Kammer mit gesenktem Haupt und schlaff hängenden Armen, einer Verurtheilten gleich, welche zum Schaffot geführt werden soll. Dennoch sprach sie kein Wort. Dieß stille Dulden gefiel der Pachterin nicht; sie riß einen Ast aus dem Holzbündel, das neben dem Kamine lag und hob ihn, wie wenn sie damit auf Lena hätte zuschlagen wollen. »Willt du schnell in die Mühl hinein? Gehst du oder nit?« Die Arme sank in die Knie, streckte flehend die Hände empor, schlug das feuchte, schwarze Auge recht bittend auf das Weib und sprach nun: »Ach, habt doch Mitleid mit mir. Ich will ja in die Buttermühl, aber schlagt mich um Gotteswillen nicht mehr!« In demselben Augenblicke flog die Thür mit Gewalt auf und Jan sprang in die Kammer, er lief zu Lena, hob sie auf und sprach mit mühsam unterdrücktem Aerger zu seiner Mutter: »Aber Mutter, wie kannst du doch so sein! ’s ist doch allzeit das selbe Lied. Ich kann wahrhaftig nicht mehr aufs Feld, ohne daß ich dich gegen die arme Lena schreien und toben höre, wie gegen ein stummes Vieh. Willst du sie todt haben, dann schlag sie doch lieber auf einmal todt. Siehst du denn nicht, daß sie krank ist und auszehrt?« Bei den letzten Worten stürzten helle Thränen aus Jan’s Augen und er fügte ruhiger und flehend hinzu: »Ach Mutter, laß sie doch in Ruhe. Sonst sieh, ich sag dir’s – ich geh mit den ersten Soldaten, die vorbei ziehen und du siehst mich zeitlebens nicht wieder.« »Ich sag dir, sie soll in der Buttermühl laufen. Will sie lehren, den Hund krepieren zu lassen,« schrie die Pachterin. »Was sagst du da?« frug Jan entrüstet. »Sie? Lena? In der Buttermühl laufen? Hoho, Mutter, das geht zu weit. Jetzt sag mir schnell, ob du darauf bestehst; schnell, schnell!« »Da sieh mir doch den Narren stehn und zittern!« rief die Alte spottend. »Und was wär’s denn, wenn ich darauf beständ?« »Dann sage ich dir, Mutter,« entgegnete Jan ernst und fest; »sobald Lena in der Buttermühl ist, bin ich aus dem Haus und bändest du mich mit Ketten fest; und wenn du es mir nicht glauben willst, ich schwör dir den schrecklichsten Eid darauf.« Da bebte die Pachterin vor Aerger und Wuth; sie mußte wohl sich fügen, denn Jan war das einzige männliche Wesen auf dem Hofe und besaß bereits Kraft und Erfahrung genug, den früh gestorbenen Vater zu ersetzen. Seine Entfernung wäre der Fall des ganzen Hofes gewesen. »Daß sie mir aus den Augen geh, das faule Stück!« rief die Alte. »Weg mit der weißen Kuh auf die Weid, Mensch, und laß dich mit sehen vor vier Uhr oder ich komm dir tüchtig an den Leib! Und du, Jan, fort und sag der Trine, daß sie buttern soll.« Lena ging langsamen Schrittes dem Stalle zu, die Kuh zu holen. An der Thüre wandte sie sich nach dem ihr folgenden Jan um und warf ihm einen matten aber innigen Blick zu, wie wenn sie hätte sagen wollen: »Dank dir, du beschützest eine Leiche. Will für dich beten, wenn ich in den Himmel komme.« II Sie zog mit der Kuh zum Bache, das spärliche Gras aufsuchend, welches seinen Rand umsäumte. Schritt vor Schritt ging sie vor dem Thiere her, welches an einem Leitseil ihr folgte. Da wo die Haide an die tiefer liegenden moorigen Wiesen stößt, und Erlen und Wachholder dichter sich drängen, verließ sie den Fußpfad. Eine Buche steht da einsam; ein Vogel hat sie wohl gesäet, denn so weit man sehen kann, findet man kein Laub, welches dem ihren gliche. An dem Fuße des Baumes sank Lena nieder; sie beugte das Haupt tief, schaute regungslos vor sich hin, das Leitseil entfiel ihrer Hand und die gewohnte Träumerei kam über sie. Nun, in freier Luft, unter dem schönen tiefblauen Himmel entlastete sie ihr Herz von der ganzen schwere der Betrübniß, welche über sie gekommen; ihr Mund klagte nicht, kein Seufzer entstieg ihrer Brust, doch ein stilles Bächlein heller Perlen rollte in ihren Schooß. Lange, sehr lange saß sie also da; doch ließen ihre Thränen langsam nach und endlich hob sie das Haupt und sang ruhiger ihr altes, liebes Liedchen: Ricketicketack, Ricketicketu. Eisen warm, Hoch den Arm, schlaget zu, Ricketicketu. Was bedeuteten nur die sonderbaren Verse? Man würde Lena vergebens darum gefragt haben, denn sie wußte selber nicht, wie es kam, daß ohne ihr Wissen, ohne ihren Willen fast die trippelnden Worte ihr unaufhörlich auf die Lippen kamen. Schwach erinnerte sie sich, daß Jemand einst ihr dieselben vorgesungen hatte, doch das war schon lange, lange her. Obschon es nur undeutlich sprach, hatte sie es doch immer lieber gewonnen und immer mehr wurde es der Gefährte ihrer Freuden und Leiden. Nachdem sie es einigemal wiederholt, und immer fröhlicher es wiederholt, schien sie ganz ihre unglückliche Lage vergessen zu haben; Friede strahlte aus ihrem Angesicht, sie stand auf, brachte munterer die Kuh an eine bessere Stelle der Weide und lief dann einem Sandhügel zu, der sich ein wenig weiter über die Fläche erhob. Man sah, daß sie dieses Plätzchen öfter besuchte, denn die Stelle, wo sie sich niederließ, war von öfterm Sitzen tief eingedrückt. Die Hände am Knie schaute sie von da auf einen bläulichen Punkt am äußersten Ende des Horizonts hin. Es mochte wohl eine Stadt sein, dieser Punkt, oder ein größerer Ort; immerhin lief ein Weg von ihm aus und in hundert spielenden Bogen über die Haide hin, bis er sich an dem Pachthofe in dem Moore verlor. Sie glich der Waise eines Fischers, die von hoher Dünenspitze das ruhigere Meer überschaut, eines Bootes harrend, welches doch nie mehr wiederkehren wird. Doch war ihr Loos nicht ganz ein solches. Wohl erharrte sie auch etwas, doch wußte sie nicht, was es war, wonach ihr Herz sich sehnte. Unbeweglichen Auges schaute sie dem Wege nach, hoffend wohl, daß auf ihm einst ihr Erlöser zu ihr eilen würde; dabei aber kannte sie doch Niemand in der Welt, ihre Umgebung ausgenommen, und Hunderte von Reisenden konnten vorüberziehen, ohne daß sie Acht auf einen derselben gegeben hätte. Närrin nannten die Töchter des Pachthofes sie darum, doch das war sie durchaus nicht. Stetes Leiden und der Druck gänzlicher Verstoßenheit hatten Lena sich ein eignes Leben nach innen schaffen lassen, die Einsamkeit, zu welcher sie meist verwiesen war, ihren Geist verfeinert und ihre Phantasie gestärkt. Was mit ihr vorging, das erwog und überdachte sie gar wohl, das fühlte sie tief, doch die summe alles Erwägens, alle ihre Gefühle verschloß sie tief in ihrer Brust. Schon beschien die Sonne den westlichen Abhang des Sandhügels; es war seit lange Nachmittag und noch immer saß Lena, das Auge fest auf dem blauen Punkte. Sie hatte Hunger und fühlte es wohl und herbe, doch blieb sie sitzen. Da drang ein junger Bauer vorsichtig durch die Erlen am Rande des Baches hin; dann und wann wandte er den Kopf nach dem Pachthofe, als fürchte er entdeckt zu werden, bis endlich er an der Buche stand, an welcher das Mädchen vorher geweint hatte. Dort angekommen kehrte er sich gegen den Sandhügel, hielt die Hände zu beiden Seiten des Mundes, um der stimme eine sichere Richtung zu geben, und rief: »Lena! Lena!« Die Gerufene stand auf von ihrem Sitze und nahte langsam dem Bauern, der mit dem Finger neben sich zeigend, sie zum Sitzen einlud. Als sie dieß gethan, holte er unter seinem Kittel eine dicke schnitte Brods und ein Stück Speck hervor, theilte das letzte auf dem Brode mit seinem Messer in kleine Stückchen und bot es dem Mädchen; dann langte er auch ein Krüglein Bier aus der Tasche, lehnte es an einen Wachholderstrauch und sprach leise: »Da Lena hast du Essen und Trinken.« Das Mädchen schaute ihn mit tiefem Danke an und genoß das Gebrachte. »Jan, Gott wird dir lohnen,« sprach sie dann, »daß du mir also beistehst in meinem Jammerleben. Ich dank dir für deine Liebe und Freundlichkeit.« Ein heftiger Schmerz wühlte unterdeß in der Brust des jungen Bauern; er sprach nicht, doch sank eine flüchtige Thräne von seiner Wange herab. Als Lena gegessen hatte, legte sie die Hand auf seine Schulter und sprach: »Jan, mein liebster Freund, betrübe dich nicht mehr um mich. Deine Thränen thun mir mehr weh, als die Schläge deiner Mutter.« »Vergieb’s ihr, Lena, um meinetwillen, denn wenn du ja stürbest, ohne ihr vergeben zu haben und ohne für sie zu beten, dann gäb es ja keinen Himmel für sie.« »Ich hab ihr nichts zu vergeben, Jan; in mir wohnt kein Haß, ich denke selbst nicht mehr an mein Leiden. Ich habe bereits alles vergessen.« »Betrüge mich nicht, Lena. Wer kann solche Mißhandlungen vergessen?« »Ich hab’s dir mehr denn einmal gesagt und du verstehest mich nicht, weil ich mich selbst kaum verstehe. Während ich geschlagen und gestoßen werde, fühlt mein Körper wohl Schmerz, doch mein Geist bleibt frei und träumt fort von dunkeln, mir unbekannten Dingen, die vor ihm hin und her schießen und mich freuen und erheitern. Die Träume sind eine Stärkung für meine Seele, in ihnen vergesse ich Alles, sie sprechen mir von einem andern bessern Leben und lassen mich hoffen, daß ich nicht stets eine Waise bleiben werde. Soll Gott im Himmel mein Vater werden, oder soll ich meine Mutter sehen, bevor ich sterbe? ich weiß es nicht.« »Deine Aeltern sind todt, Lena. Meine Mutter hat es mir oft gesagt, doch sei darum nicht betrübt. Sieh einmal, was ich schon für ein paar Arme habe. Noch einige Jahre und ich bin ein starker Mann. Ach, bleib doch noch so lange leben, Lena, ich will ja gern vom Morgen bis zum Abend für dich arbeiten, und müßt ich ewig dein Knecht sein.« »Mein Knecht, du. Nein, das nicht, Jan. Sieh mich nur an und sage mir, was du auf meinen Wangen siehst.« Der junge Bauer schlug beide Hände vor die Augen und seufzte still: »Den Tod, ach den Tod.« Lange blieben Beide stumm nebeneinander sitzen. Endlich faßte Jan Lena’s Hand und sprach: »Lena, du hast deine abgestorbenen Aeltern nicht gekannt, bist von Kindsbeinen an bei meiner Mutter aufgezogen und hast da meiner Seel! mehr Betrübniß ausgestanden, als zehn Menschen tragen können. Wenn das fortdauerte, dann müßtest du sterben, das muß ich mit Thränen in den Augen selbst bekennen. Wenn man dich aber von jetzt an ruhig ließe und dich gut behandelte, würdest du dann nicht leben bleiben?« »Leben bleiben«, wiederholte Lena. »Wer kennt sein Todesstündlein? Ich weiß, was du thun willst. Warum aber meinetwillen deine Mutter reizen und ihren Haß auf dich ziehen?« »Warum?« rief Jan mit halbem Aerger. »Warum? Das weiß ich nicht, aber das kannst du glauben, wenn du so einen festen Gedanken oder einen Traum hast, der dir überall nachgeht, dann hab ich auch einen Gedanken, der mich bei der schwersten Arbeit so wenig, als beim tiefsten Schlafe verläßt. Der Gedanke ist, daß ich dir das Böse vergüten muß, was meine Mutter dir thut. Ach Lena, ich kann weder so schön noch so kräftig sprechen, wie du, aber um Gotteswillen, zweifle nicht dran. Von dem Tag ab, wo du stirbst, arbeite ich keinen schlag mehr, und dann legen sie mich auch bald neben dich auf den Kirchhof unter’s Gras. Und wenn du mich fragst, warum, dann weiß ich das auch nicht. Sieh, da, unter meinem Kittel klopft ein Herz das fühlt; du bist ein armes Waisenkind und das ist mir genug. Ach, bleib dann auch leben, Lena, bis ich großjährig bin, meine Arbeit wird . . . »Nach Haus mit der Kuh!« rief in der Ferne eine drohende Stimme. Jan stand auf, blickte noch einmal flehend in Lena’s Auge und verschwand zwischen den Erlen, während er ihr noch zuflüsterte: »Ich komme sogleich auf den Hof. Geh nur, sie wird dich nicht schlagen.« Lena griff nach dem Kuhseil, lenkte langsam auf den Fußsteig ein und schritt dem Hofe zu. III In dem Dorfe Westmal[1 - Ein Dorf, eine Stunde von Antwerpen, an der Landstraße nach Turnhout mitten in der Haide gelegen.] stand eine kleine Schmiede, in welcher vier Männer mit verschiedenen Schmiedearbeiten beschäftigt waren, der Meister nämlich und drei Gesellen. Sie unterhielten sich, soviel das Geräusch der Hämmer und Feilen zuließ, über Napoleon und seine großen Thaten. Einer der Gesellen, dessen linker Hand zwei Finger fehlten, begann just eine Erzählung aus dem Kriege in Italien, als zwei Männer zu Roß vor der Thüre der Schmiede anhielten, und einer derselben ihnen zurief: »Heda, Mannen, mein Pferd muß beschlagen werden!« Die Gesellen beschauten sich neugierig die zwei Fremden, welche nun von ihren Pferden absaßen. Man sah wohl, daß Beide Kriegsleute waren; einer von ihnen hatte eine mächtige Schmarre quer übers Gesicht liegen und trug ein rothes Bändchen im Knopfloch; der andere, obgleich ebenfalls in feiner Bürgerkleidung, schien ihm doch untergeordnet; er hielt das Pferd am Zaume und frug: »An welchem Fuß, Colonel?« »Vorn, links, Lieutenant,« antwortete der andere leicht. Während einer der Gesellen dann das Pferd nahm und es in den Nothstall führte, trat der Colonel in die Schmiede, sah sich nach allen Seiten um und nahm nun dieß, dann jenes Werkzeug zur Hand, wie wenn er es als eine alte Bekanntschaft hätte begrüßen wollen. Bald schien er gefunden zu haben, was er suchte; in der einen Hand hielt er eine schwere Zange, in der andern einen Hammer, und beschaute beides mit so sonderbarem Lächeln, daß die Gesellen gaffend und verwundert umherstanden. Inzwischen war das Eisen in’s Feuer gelegt, der Blasbalg ächzte und ein sprühender Funkenkranz umgab die glühenden Kohlen. Die Gesellen standen, die Vorhämmer in der Hand, am Ambos, bis der Meister das Eisen aus dem Feuer nahm; dann begann das Zuklopfen. Der Colonel hatte offenbar seine Freude daran; seine Züge belebten sich so, als hätte ihm die schönste Musik in’s Ohr gerauscht. Als aber das Hufeisen vom Ambos genommen wurde, um auf den Huf des Pferdes genagelt zu werden, da schaute er gar verächtlich drein, nahm die Zange mit dem Eisen aus der Hand des Meisters und legte es von neuem in’s Feuer, indem er sprach: »So nicht. Was macht ihr da für ein grobes Eisen, Baas?[2 - Meister.] So, lustig Jungens! Zugeblasen!« Während einer der Knechte ehrerbietig folgte, warf er den Rock aus und entblößte seine nervigen Arme. Bald stand das Eisen in weißer Gluth, er nahm es, wie der besteingeübte Feuerwerker,[3 - Der Geselle, der das Eisen im Feuer dreht und wendet.] drehte es noch einigemale, legte es auf den Ambos, und rief dann heiter den Gesellen zu: »Aufgepaßt, Mannen. Ich geb’s Maaß. Wir wollen da mal ein Hüfchen schmieden, wie des Kaisers Pferde keine bessere tragen. So, nun paßt aufs Lied: Ricketicketack, Ricketicketu. Eisen warm, Hoch den Arm, schlaget zu, Ricketicketu. Ricketicketack, Ricketicketu, Stahl in Gluth, Herz voll Muth, schlaget zu, Ricketicketu. »Da nun beschaut euch einmal das Hüfchen.« Die Knechte besahen sich das hübsche und leichte Hufeisen mit gaffendem Munde und wie verstummt. Der Baas allein schien an etwas anderes zu denken und schüttelte von Zeit zu Zeit den Kopf, wie Jemand, der über eine Sache nicht einig mit sich selbst ist. Er trat dem Fremdlinge näher, der seinen Rock schon wieder angezogen, doch wie genau er ihn auch in’s Auge faßte, er schien ihn doch nicht zu erkennen. Schnell war nun das Pferd beschlagen und es stand schon wieder vor der Schmiede, des Reiters wartend. Der zog zwei Napoleonsd’or aus der Tasche, legte sie auf den Amboß und drückte jedem der Gasten[4 - Gesellen.] freundlich die Hand: »Einer für den Baas – einer für die Gasten. Trinkt alle dafür einmal auf meine Gesundheit.« Nachdem er dieß gesprochen, schwang er sich auf’s Pferd und ritt mit seinem Begleiter weiter in’s Dorf hinein. Kaum waren die beiden Fremdlinge um die Ecke, als die Gesellen alle den Meister mit fragenden Blicken beschauten. »Colonel, Colonel!« brummte einer von ihnen vor sich hin. »Ich sag und bleib dabei, der Kerl ist ein Schmied oder er ist es gewesen. Ich mein sicherlich, ihr müßt ihn kennen, Baas.« »Das heißt,« antwortete der Baas, »ich hab in meinem ganzen Leben nur einen Menschen gekannt, der mit so viel Geschick ein so leicht und fein Hufeisen konnt schmieden. Und ich müßt mich sehr betrügen, wenn der Colonel nicht der Karl van Milgem wär, wißt ihr – doch nein ihr wißt’s ja nit, den die Leut immer den Ricketicketack genannt haben.« »Wie, das sollt der lustige Schmied von Westmal sein?« frug einer der Gesellen. »Hab viel von dem Karl Ricketicketack schwätzen hören, doch’s war eben ein Lauflapp, ein Trunkert, der’s ganze Dorf in die Wirre konnt bringen. Nein, nein, der Colonel sieht allzusehr wie ein trefflich![5 - brav.] Mann aus. Das ist rein unmöglich.« Der Baas setzte sich auf den Ambos, wie einer, der erzählen will, und sprach zu den Gasten: »Mannen, unser Taglohn ist doch schon doppelt verdient, und darum wollen wir’s Werk ein wenig ruhen lassen. Der Colonel ist wahrhaftig Karl van Milgem. Will euch doch seine Geschichte in der Kürze erzählen, dann könnt ihr selber urtheilen. Vor ungefähr sechzehn Jahren wohnte hier in derselben Schmied ein junger Kerl, der war mit der schönsten Bauernmaid aus der Gegend von Moll getraut, und die zwei sahen einander so gern, daß das ganze Dorf drüber verwundert stand. Das war denn der Karl van Milgem, von dem ich euch sprechen wollt. Der arbeitete von Morgens früh bis Abends spät, daß ihm der Schweiß von der Stirne lief und sang dabei den ganzen, lieben, langen Tag das artige[6 - sonderbare] Liedchen, welches der Colonel so gut konnt, und darum nannte man ihn so unter sich den Karl Ricketicketack. Er war stets fröhlich, witzig in all seinen Reden und es kam nie ein Wort aus seinem Mund, welches nicht hätte lachen machen. Auch war in ganz Westmal keine Seel so sehr von aller Welt geliebt, als der lustige Schmied. Er war schon ein paar Jahre getraut, hatte aber noch keine Kinder; da meinte er endlich, doch noch Vater zu werden. Nun kannt seine Freude keine Grenzen mehr, das Ricketicketack hörte den ganzen Tag nicht auf, und hier und da kamen die Leut in Angst, der Karl möchte von sinnen kommen, denn vor lauter Freud war weder Halten noch Binden an ihm. Da kam denn auch zuletzt der Tag und er wurd Vater, aber ach Armer! seine gute Frau stand nit mehr auf. Sie liegt auf’m Kirchhof begraben, da wo das eisern Kreuzchen steht. Von dem Augenblick an war Karl nicht mehr derselbe, wie vorher; er ließ den Hammer neben dem Amboß unangerührt liegen, zündete kein zweimal in der Woch sein Feuer an und begann zu trinken, als hätt er sich umbringen wollen. All seine Liedchen waren vergessen und er führte ein so schlecht Leben, daß er ein Scandal für’s ganze Dorf wurde. Wenn er dann betrunken nach Haus kam, dann ging er zu Werk wie ein Rasender, doch die Magd, welche bei ihm wohnte und das Kind pflegte, die wußt ein gut Mittel, ihn zur Ruh zu bringen. Sie gab ihm sein Töchterchen auf den Schooß, und wie trunken Karl auch war, wenn er sein Kind sah, dann war’s, als wenn ein Zauber über ihn gekommen wär. Dann lachte er so fröhlich wie zuvor, setzte das Mädchen auf seine Knie, spielte Pferdchenreiten mit ihm und sang das alte Liedchen Ricketicketack. Daß der Karl je ein ganz schlechter Mann war, glaub ich nicht; ein jeder wußt genugsam, daß der Tod seiner Frau die Ursach von seinem Verdruß und seiner Trunkenschaft war, denn jedesmal, wenn er über den Kirchhof und an dem eisernen Kreuz vorbei mußt, und wär er so trunken gewesen, daß er nicht auf seinen Beinen stehen konnt, dann liefen ihm die hellen Thränen aus den Augen, daß Jedermann es sehen konnt. Darum hatte man auch groß Mitleid mit ihm, und die Nachbarn versorgten das Kind mit Allem, ohne daß er’s wußt. Das Leben dauerte drei Jahr, da wurde Karl plötzlich krank und mußte zu Bette liegen, und das ziemlich lang. Seine Freunde hatten ihm während der Zeit – und der Pastor nicht weniger – so tapfer zugepredigt, daß er von der Trunksucht ganz genesen schien. Dafür hatte er sich ein ander Ding in den Kopf gesetzt. Er wollte das Dorf verlassen, wo das Grab seiner Frau ihm zu oft in die Augen fiel, und ohne einer Menschenseel zu sagen, wohin er wollt, geht er und verkauft seine Schmiede, wie sie weht und dreht, an meinen Vater, Gott hab ihn selig, nahm auf einen frühen Morgen sein Kind mit sich über die Haide und blieb weg, ohne daß man seitdem, weder von ihm noch von seinem Kinde mehr was gehört hätte.« »Ah, der Colonel ist Karl Ricketicketack, da ist kein Zweifel an,« rief einer der Gesellen. »Sicherlich, der und kein anderer,« sprach der Baas. »Er nahm manches von dem Geräth in die Hand und beschaut’s; alles nun, was ich und mein Vater gemacht oder gekauft haben, das legte er gleichgültig wieder hin; das aber was von der Schmiede Ricketicketack’s über blieb, das besah er mit einer Art von Aufregung, ihr müßt’s doch gemerkt haben, wenn ihr die Augen offen hattet; und dann seine Aussprach, ganz kempensch, seine Schnelligkeit im Schmieden und vor Allem sein Liedlein. Ja, ja, das ist ein Bursch aus unserm Dorf, setz meinen Hals dran . . . wer sollt das sagen, und nun ein Colonel, ein wahrhaftiger Colonel!« Während die in der Schmiede also über ihren Karl Ricketicketack plauderten, waren die beiden Fremdlinge in der Herberge zur Krone angekommen, hatten ihre Pferde zu stall gebracht und selber etwas gegessen. Dann verließ der Colonel die Herberge und ging zu Fuß der großen Straße nach bis zu dem Hause des Gemeindeschreibers. Da wurde er in ein Stübchen geführt und mußte ziemlich lange warten, bis der Herr Gemeindeschreiber vom Felde heimkehrte, und unter tiefen und feierlichen Bücklingen in die Kammer trat. Er sprach: »Herr Colonel van Milgem, euer unterthänigster Diener. Ihr wollt allergnädigst entschuldigen, daß ich . . . « Doch der Colonel ließ ihm keine Zeit zu langen Höflichkeiten und Förmlichkeiten, faßte freundlich seine Hand und sprach: »Wohlan denn, Freund, was habt ihr vernommen? Ist mein Kind entdeckt?« »Nein, Herr Colonel, noch nicht,« entgegnete trübselig der Secretarius. »Weh mir dann!« seufzte der Kriegsmann, mit der Hand verzweiflungsvoll an die Stirn schlagend. »Sollte ich denn alle Hoffnung aufgeben müssen?« »Herr Colonel,« sprach der Secretarius, »geliebet meinen Bericht zu hören und ihr werdet finden, daß wir, ferne davon, alle Hoffnung zu verlieren, vielmehr nahe daran sind, der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Ihr habt mir bei eurem letzten Besuch genug Geld hiergelassen, daß ich keine Kosten sparen mußte, und ihr mögt glauben, daß ich nichts versäumt habe, eure Gunst und die gelobten tausend Franken zu gewinnen. Höret nun, was man mir gesagt hat. Als Karl van Milgem (und der Secretarius verbeugte sich bis fast zur Erde) mit seinem vierjährigen Kinde aus Westmal fortzog, sagte er Niemanden, wohin er gehen würde; wußt es auch vielleicht selbst nicht vor großem Leid und Betrübniß. Nun habe ich aber von euch vernommen, und das ist mir auch durch meine Nachforschungen bestätigt worden, daß er zu Weelde, oberhalb Turnhout, sein Kind einem alten Schulmeister anvertraute; Peter Drießens hieß er, und wohnte mit seiner Frau einsam und abgesondert draußen vorm Dorfe. Dem gab er das Kind und ein klein eisern Kistlein, worin er das Verkaufsgeld von seiner Schmiede hatte verschlossen, und das die beiden Alten im Falle der Noth mochten öffnen, damit das Kind und sie selbst nicht Gebrechen leiden an irgend etwas. Dann ist er nach Holland gezogen und hat da, denkt man, bei den Franzosen unter Pichegrü Dienst genommen. Jedenfalls sah er sich seitdem nicht mehr nach seinem Kinde um; so erzählte man mir wenigstens in Weelde und die Leute, welche mir das sagten, hatten Peter Drießens selbst noch gekannt.« »Die Leute wissen nicht, was sie sagen, Freund,« fiel der Colonel ein. »Ich schrieb selber zweimal aus Egypten, um Nachrichten über das Kind zu erhalten, doch die Briefe blieben ohne Antwort, und als ich nach Klebers Tod nach Frankreich zurückkehrte und nun hoffte, selber etwas Näheres darüber erfahren zu können, als ich mit klopfendem Herzen die Haide durchtrabte, um es zu sehen, und dem Orte nahte, wo des Alten Hütte gestanden hatte, fand ich nur einen Haufen Asche. Da brach mir das Herz fast; was ich da fühlte, das kann ich euch unmöglich beschreiben, Secretarius. Glücklicherweise hörte ich von den Bauern, daß Drießens mit der kleinen Monika sich gerettet hätte und weggezogen wäre, um sich hier und da ein Almosen zu erbetteln.« »So ist es, Herr Colonel. Die Frau des Schulmeisters verbrannte zu Pulver und Asche; er allein, das Monikachen auf dem Rücken und ein klein eisern Kistchen unterm Arm, entkam dem Brande, bekam dann einen schönen Bettelbrief und machte sich mit dem Kinde auf den Weg, um in den Dörfern Hilfe und ein Unterkommen zu suchen. Ich weiß aus guter Hand, daß man ihn mit der kleinen Monika bettelnd gesehen hat zu Meerhout, zu Olmen, zu Balen und zu Moll; da wurde er krank und starb. Erst seit gestern, weiß ich, daß da sein letztes Stündlein schlug; der Gemeindeschreiber von Moll, mein werthester Herr Collega, schickte mir seinen Todesschein und fügt dabei, man habe in den Taschen des armen Schulmeisters nichts gefunden, was auf die Spur des Kindes führen könnte, wonach ich, wie er wohl weiß, ohne Kisten und Kasten suche. Von dem eisernen Kistchen spricht er auch nicht. Glaubt ihr, Herr Colonel, daß der Drießens so schlecht gewesen sein könnt, dem Kinde vielleicht ein Leides zu thun, oder es in der Haide, oder im Walde zurückzulassen?« »Oh nein, nein,« rief der Colonel. »Er war mein Lehrer, und ist stets mein Freund geblieben, mein bester Freund. Als der Vater mit dem Kinde zu ihm kam und ihm sagte, daß er nach Holland wollte, um, wie man meint, unter Pichegrü Dienst zu nehmen, bat er selbst, daß der Vater Monika bei ihm sollte in Kost thun, sowohl um seine alten Tage zu erheitern, als auch zum Besten des Kindes, welches anders unter fremde Hände gekommen wäre. Ich bin versichert, Secretarius, daß er das Kind irgendwo bei guten Leuten hat gelassen, und denen auch das eiserne Kästchen gegeben hat.« »Das ist auch meine Meinung, Herr Colonel, und da meine Nachforschungen mich vermuthen lassen, daß Monika sich zwischen Rethy und Meerhout befinden muß, so bin ich Willens, morgen nach Moll zu gehen und alle umliegenden Dörfer und Pachthöfe zu durchsuchen.« »Brav, Freund Secretarius, thuet also, eure Mühe wird nicht sonder Belohnung bleiben. Ich habe noch einige Tage Zeit und will sehen, ob ich euch nicht dabei helfen kann. Heute Abend schlafen wir zu Lichtaert, und morgen gegen Mittag sind wir gleichfalls bei dem Secretarius der Gemeinde Moll, um mit euch zu überlegen, was wir weiter machen sollen. Sparet kein Geld, Freund, nehmet euch einen gemächlichen Wagen und ermüdet euch nicht nutzlos. Bis morgen denn und gebe Gott einen glücklichen Ausschlag!« Mit den Worten stand der Colonel auf, drückte des Gemeindeschreibers Hand und kehrte zur Krone zurück. Eine Stunde später trabten zwei Reiter auf der Straße hin, welche nach Lichtaert führt. IV Am folgenden Tage frühmorgens schon ritt der Colonel mit dem Lieutenant auf dem schlangenförmig sich windenden Haidewege gen Moll zu. Die Sonne stand in vollem Glanze schon an dem blauen Himmel, und entsaugte der weiten Sandfläche einen unstät wankenden Nebel, der sie einem unendlichen Heerde mit farbloser Flamme nicht ungleich machte. Der eigenthümliche Duft der Haide und der Dampf der Schaddenfeuer[7 - Schadden sind Rasen von kleinem Haidekraut, welche mit einem Spaten abgestochen und wie Torf gebrannt werden. Sie verbreiten einen eignen Geruch, der bei günstigem Wetter in sehr großer Entfernung schon die Nähe der Haiden verkündet. Wer einmal in dem Kempnerlande wohnte, wird, und wäre er zwanzig Jahre anderswo gewesen, den Geruch gleich wiedererkennen.] füllte die Luft ringsum; die Heuschrecken sangen ihr eintönig Lied und tausend andere Thierchen spielten zwischen den Haideblumen. All dies ergriff gewaltig das Gemüth des Colonels. In solcher Luft waren ihm seine schönsten Jünglingsjahre entflohen; alles bis zum magern Grase zu, rief theure Erinnerungen in ihm auf. Das Haupt tief auf die Brust gebeugt, ritt er vor dem Andern her; der Zügel hing nachlässig an dem Pferde herab. Mehr als eine Stunde lang ehrerbietigte der junge Lieutenant das schweigen des Colonels; dann aber spornte er sein Pferd, daß es zur Seite des andern sprang und sprach mit tröstender stimme: »Ei Colonel, so lasset doch diese Betrübniß fahren. Ich verstehe wohl, daß ihr verlanget, euer Kind wieder zu sehen, aber ein Mann, wie ihr, der dem Feinde und dem Tode tausendmal sonder Angst ins Auge sah, der mag sich doch nicht durch einen gewöhnlichen Schmerz niederbeugen lassen. »Gewöhnlicher Schmerz?« frug der Colonel. »In der That, Adolph, es ist ein gewöhnlicher Schmerz, aber minder tief ist er darum nicht. Sieh mal, Freund, in meinem ganzen Leben liebte ich nur einmal ein Weib. War es auch nur eine Bäuerin, dann verfolgte mich das Andenken an sie doch stets, bis auf das Schlachtfeld. Sie ist todt, die arme Barbara, doch ließ sie mir ein Kind zurück, welches sie mir um den köstlichen Preis, um den ihres Lebens schenkte. Und ich muß nun fürchten, daß dieser einzige Rest meines Glückes bettelnd umirrt, daß das Arme Hunger und Elend erduldet, während ich Mittel genug besitze, um es für ewig glücklich zu machen; ich muß mir sie denken, Rechenschaft von mir verlangend über ihr Kind . . . « »Ei was, Colonel, ihr nehmt die Sache zu phantastisch,« fiel der Lieutenant ein. »Das ist aber das Mittel nicht, euren Schmerz zu lindern. Seht doch alles bei kühlerem Blute an. Ein Kriegsmann muß Macht genug über sich haben, sich über ein Unglück zu trösten und wäre es auch noch hundertmal größer wie dieß.« »Meinst du denn, Adolph, man umkleide das Herz so leicht mit Eisen, wie den Körper? O da irrtest du sehr. Ich weiß, du glaubest, allem Gefühle Valet gesagt zu haben, du scheinst mir selbst stolz darauf; doch glaube ich, daß du nur dich selber täuschest. Seit sechs Jahren hast du dein Dorf verlassen, nicht wahr? Wenn nun aber, wenn in diesem Augenblick hinten am äußersten Ende des Horizontes die Hütte auftauchte, worin deine stockalte Mutter wohnt, wie dann?« Der Lieutenant schwieg einige Augenblicke, dann entgegnete er mit beschämt niedergeschlagenen Augen: »Ja, das würde mich doch Thränen kosten, Colonel!« »Ah, dann wird es dir auch nicht allzuschwer werden, zu begreifen, daß ich mich ganz der frohen Hoffnung hingebe, mein Kind wieder zu finden, und daß ich Freudenthränen vergießen würde, so Gott es in meine Arme zurückführte. Hab ich doch weder Vater noch Mutter, noch Brüder, noch Verwandte. Nur ein Wesen auf dieser ganzen weiten Welt, was mit mir durch die Bande des Blutes verbunden ist, und das ist mein Kind. Ach, als die gute Barbara starb, legte sie es noch in meine Arme und ihr letztes Wort war ja: »Ach hab es doch immer lieb!« Die Stimme des Colonels hatte sich bei den Worten so gedämpft, daß der Lieutenant ehrerbietig sein Pferd anhielt und schweigend hinterdrein ritt. Der Colonel aber bemerkte das bald, hielt im gleichen sein Pferd an, bis sie wieder nebeneinander waren, und sprach dann tief gerührt: »Adolph, legtest du deine Hand auf mein Herz, du würdest fühlen, wie gewaltig das Blut mir durch die Adern stürmt. Wundere dich nicht, daß meine Augen so feucht schimmern, siehst du dort hinten inmitten der Wachholdersträuche die prächtige Buche am Bache? Die hörte mein erstes Liebeswort. Unter ihrem Laube hörte ein zitternd Mädchen mein Liebesgeständniß. Hier kennt Alles mich: Gras, Haide, Bach und Baum grüßt mich in stummer, rührender Sprache. Laß uns hier absteigen; ich möchte sehen, ob die Buche noch meinen und Barbara’s Namen trägt, den ich vor Zeiten einmal hineingeschnitten.« Beide saßen ab und führten die Pferde am Zaum; am Bache angekommen, banden sie die Thiere an einem Baume an und sprangen über das schmale Wasser. Vor der Buche sanken des Colonels gefaltete Hände, sein Haupt neigte sich, und unter der Wimper hervor nur drang sein Blick auf das alte Liebeszeichen. Plötzlich doch schrak er, wie von einem elektrischen Schlage getroffen, zusammen, und lauschte gleich nachher aufs gespannteste leisen, fernher dringenden Tönen. Der Lieutenant stutzte nicht wenig ob der Bewegung seines Obristen und schlug die Rechte an den Degen, doch ein Blick des Colonels gebot ihm Stille; er stand regungslos. Von den Erlen her klangen jene Töne, rein wie Silber, und bald ließ sich eine Stimme, wie die eines Kindes unterscheiden, welche sang: Ricketicketack, Ricketicketu; Eisen warm, Hoch den Arm, schlaget zu, Ricketicketu. Der Colonel stand so rührlos, wie da, wo das Lied begonnen; er schien auf eine zweite Strophe zu horchen, und diese folgte bald: Ricketicketack, Ricketicketu, Stahl in Gluth, Herz voll Muth, schlaget zu Ricketicketu. Rasch eilte der Colonel auf den Lieutenant zu, griff ihn beim Arme und riß ihn schnell mit sich fort, indem er sprach: »Komm, komm, Freund! Alle Nerven beben mir . . . es ist mir, als müßt ich sterben, so durchschauert hat’s mich; Barbara hat gesungen, ’s war ihre Stimme, ’s war ihr Lied! O Gott, was hast du mit mir vor!« Nun hielt der Colonel seinen Gefährten an und zeigte ihm, ohne ein Wort zu sprechen, ein Mädchen, welches am Fuße einiger Wachholdersträuche im Grase saß. Sie schien nicht zu ahnen, daß man sie bespähte, denn ihr weit geöffnetes Auge haftete starr auf der Buche, und die gebogenen Finger ihrer rechten Hand hingen an dem halbgeöffneten Munde, wie wenn sie auch das leiseste Gesumme der Haide hätte schweigen machen wollen, um einem Tone zu lauschen, der von nahe oder ferne sich zu ihr stahl. Der Colonel that einen Schritt vorwärts; da erst bemerkte sie mit schrecken, daß ihr fremde Personen sie scharfen Blickes beobachteten. Doch verschwand ihre Furcht bald und ein unbeschreiblich inniges Lächeln senkte sich auf ihre Züge. Von seiner Ungeduld übermannt, trat der Colonel schnell ihr nahe, kniete neben ihr nieder, nahm eine ihrer Hände in die seinen und frug bebend: »Kind, sage mir, wie heißest du?« »Lena,« war die Antwort. Ein Schmerzensschrei entflog der Brust des unglücklichen Kriegsmannes und er rief, wie verzweifelnd: »Lena? O Himmel, sie ist es nicht.« Und helle Thränen entstürzten seinen Augen und er bedeckte sein Gesicht beiden Händen. Der Lieutenant wollte ihn von dem Boden aufheben, doch der Colonel stieß ihn sanft von sich und winkte abweisend mit der Hand. Lena beschaute abwechselnd die beiden Männer, da bemerkte sie, daß der Knieende bitter weinte und, seine Hand fassend, sprach sie voll tiefsten Mitleidens: »Warum seid ihr denn betrübt, Herr? Ich habe doch nichts gesagt, was euch wehe thun könnte, oder hat das Liedchen, was ich vorhin sang, euch etwa geschmerzt? Dann will ich es gewiß nicht mehr singen.« Der Colonel war tief ergriffen bei den Worten. Schnell rieb er die Thränen aus den Augen, rückte ihr näher noch, wie zuvor, und frug ängstlich und rasch: »Sage mir doch Kind, wer hat dich das Lied gelehrt?« »Ich weiß es nicht,« war die leise Antwort. »Ich kann es schon lange, sehr lange, doch seit wann, weiß ich nicht.« »Erinnerst du dich nicht, mein Kind, daß du, als du noch sehr jung warst, stets ein Geräusch hörtest, wie von Schmiedehämmern?« Lena antwortete nicht, doch ihr Auge öffnete sich weiter, und ihre Hand rieb sinnend die schöne Stirn, als hätte sie irgend eine Erinnerung herausreiben wollen. »Horch,« sprach der Colonel noch schneller, noch ängstlicher, »horch einmal, ob du das nicht oft gehört.« Und er schlug mit dem Stiel der Reitpeitsche in die Hand, den Dreischlag der Schmiedehämmer nachahmend, und sang dazu: Ricketicketack, Stahl in Gluth, Herz voll Muth, schlaget zu Ricketicketu. Immer mehr bebte das Mädchen, je weiter das Lied fortschritt, dann rief sie, wie in freudigem Entzücken: »Ja, ja, Ricketicketack!« Und sie schlug in gleichem Takte, wie der Colonel, in die Hände. »Erinnerst du dich nicht auch, Kind, daß ein Mann dich auf seinem Knie schaukelte und dich nach dem Takte darauf reiten ließ?« Lena legte den Zeigefinger an die Lippen und schloß die Augen. Nach einem Augenblicke Schweigens sprach sie leise und wie zweifelnd: »Der Mann . . . der Mann war . . . mein Vater.« Der Colonel bebte an allen Gliedern; schon wollte er die Arme weit ausbreiten, um Lena in ihnen zu empfangen, doch hielt er sich zurück und frug noch: »Sag dann mir auch Kind, heißest du wohl Lena? Bedenk dich wohl. Weißt du nicht, wie der Mann dich nannte, der dich auf seinem Knie reiten ließ?« Lena schaute zu Boden und dachte lange nach, dann antwortete sie langsam: »Er nannte mich liebe . . . liebe . . . liebe Monika.« »Mein Kind! Mein Kind!« rief der Colonel, daß es weit über die Ebene scholl, – Monika lag an seiner Brust. Sie hob ihr schwarzes Auge zu ihm auf, sie lächelte so süß; dann sank sie von Gefühlen überwältigt, kraftlos in seinen Arm. So gingen sie, oft anhaltend, des Weges fort, bis sie in der Ferne den Hof zur Rechten sahen und nicht weiter konnten, ohne sich von ihm zu verweitern. Gewiß war es des Colonels Wille, nicht einen Fuß in das Haus zu setzen, in welchem Lena so viel Pein und Schmach gelitten hatte; vor allem scheute er den Anblick der rohen Pachterin, welche den Namen des ihr anvertrauten Kindes geändert hatte, um in Besitz des eisernen Kistchens und des darin verborgenen Schatzes zu kommen. Er zog auch mit einer Art von Ungeduld an Monika’s Hand, und trachtete durch Gespräche und Schmeichelworte ihre Aufmerksamkeit zu fesseln und von dem Pachthofe abzuwenden. Dieß läßt uns mit noch mehr Recht vermuthen, daß Monika ihm schon Alles erzählt hatte, und daß sie nur mit schwerem Herzen von dem jungen Bauern würde scheiden können, der sich ihrer, wie einer Schwester angenommen und sie so getreulich immer beschützt und beschirmt hatte. Wie viel Gutes Monika ihrem Vater auch von Jan gesagt hatte, so fühlte er doch stets noch einen geheimen Widerwillen gegen den Sohn der Quälerin seines Kindes, und am liebsten hätte er kurz und gut jede Verbindung mit der bösen Familie durch schnelle Abreise abgebrochen. Trotz der Sorgfalt ihres Vaters aber riß sich Monika plötzlich aus seinen Armen, wandte das Gesicht dem Hofe zu und blieb sprachlos also stehen. Der Colonel überließ sie einen Augenblick ihrer Rührung, die ihm ein Lebewohl an all ihre frühern Erinnerungen schien; bald aber sah er glänzende Thränen aus ihren Augen brechen und sprach: »Kannst du, liebe Monika, dich über deine Entfernung aus einem Hause betrüben, wo dir so viel Böses gethan wurde?« »Wird er nicht sterben?« seufzte sie. »Denke nicht daran, Kind. Deine Entfernung wird ihn wohl in etwa betrüben, doch er wird sich schon bald trösten und dich vergessen.« Eine eigne Gluth brannte aus Monika’s Auge. »Mich vergessen?« rief sie. »Er, seine Schwester vergessen? Nie, nie. Ach, säh ich ihn doch nur einmal! . . . Ach da ist er! Jan! Jan!« Und, einer verfolgten Hindin gleich, flog sie über die Haide hin bis zu dem jungen Bauern, den sie in der Ferne zwischen den Erlen vorübergehen gesehn hatte. Mit offenen Armen stürzte sie auf ihn zu, doch nicht fröhlich; eher lag ein tiefer Schmerz in ihrer Stimme, als sie sprach: »Jan, ich gehe weg, weit, weit von hier.« Der Jüngling betrachtete sie erstaunt und schien sie nicht zu verstehen. Sie aber wies die Haide hinauf und sagte: »Sieh, da hinten kommt mein Vater. Das war die Stimme, welche stets in mir sprach.« Der junge Bauer bebte erschrocken zusammen und seine Kniee schlotterten, als sein Auge auf den Colonel traf; sein Unglück schien in ganzer Größe vor ihm aufzutauchen. Von dem Vater ab wandte er das trübe Auge dann zu Monika, griff krampfhaft fest den Stamm einer nahen Erle, und lehnte Haupt und Schulter daran. Monika verstand den Schmerz, der ihn durchzuckte; sie schlang ihre Arme um seinen Hals, hob sanft sein Haupt von der Erle ab und drückte, zum erstenmale in ihrem Leben, einen glühenden Kuß auf seine Stirne, während ihre Thränen seine Wangen überflossen. »Jan, Jan,« rief sie; »o sei nicht betrübt, mein guter Bruder, ich will ja noch zurück kommen.« Diese Beweise ihrer Liebe beruhigten den Jüngling mehr; er blickte mit stillerem Schmerz auf sie hin, die noch immer einen Arm um seinen Hals geschlungen hatte, da unterbrach der Colonel durch seine Ankunft die drohenden Ergüsse ihrer beiderseitigen Gefühle. Er sah in all dem nur die Freundschaft zweier Kinder und lächelte freundlich dazu. Dem jungen Bauern näher tretend, faßte er seine Hand und sprach: »Ich danke dir, Jan Daelmans, für alles Gute, was du an meinem Kinde gethan. Hast du je einen Beschützer nöthig, mein Sohn, dann findest du ihn in mir. Wir gehn nach Moll. Nun sei nur nicht betrübt über das Glück deiner Schwester Monika, das wäre nicht gar schön von dir. Komme gleich nach Moll in den Adler, da können wir noch lange zusammen sein. Ich muß dir aber doch ein kleines . . . « Mit den Worten drückte er ihm einige Napoleonsd’or in die Hand; statt zu danken, blickte der junge Bauer ihn eher aufgebracht an, und schien selbst nicht bemerkt zu haben, was vorgegangen war. »Komm nur, Monika,« fuhr der Colonel dann zu seiner Tochter gewendet fort, »wir müssen uns eilen. Für jetzt tröstet euch immerhin noch, denn in Moll könnt ihr noch lange genug zusammen sein.« Mit feuchtem Auge faßte Monika Jan’s Hand und sprach, langsam sich entfernend: »Bis gleich denn, Jan, bis gleich!« Der junge Bauer schlug das Auge nieder und stand eine Weile regungslos da. Als er wieder aufblickte, war der Colonel mit Monika bereits lange hinter den Erlen verschwunden. Jetzt erst fühlte Jan etwas schweres in seiner Hand; er betrachtete die Goldstücke mit verachtendem Lächeln und warf sie weit von sich über die Haide hin. Dann sank er an dem Baume nieder und barg das Gesicht in der Hand. V Noch eine Stunde, und die Sonne übergießt die Haide mit ihren Strahlen; bereits ist sie im Steigen; das Dunkel weicht schon gen Westen zurück; ein geheimnißvolles, leises Gesumme verkündet schon das Erwachen der Natur. In der Kammer des einsamen Hofes setzt die alte Uhr ihr Ticken ruhig fort; die dumpfe Stille der Nacht herrscht noch ganz daselbst; der Heerd ist kalt. In der halbdüstern Ecke der Kammer steht ein Spinnrad, dessen Rocken noch voll des feingehechelten Flachses hängt, dessen Faden ungebrochen ist, wie wenn die Spinnerin es eben just verlassen hätte. Zwei oder drei Schritte davon sehen wir die unbestimmten Umrisse einer Menschengestalt; es ist ein junger Mann, der niedersitzend das Spinnrad mit eigenem Ausdrucke besieht. Die Arme auf der Brust gefaltet, das Haupt gebeugt, irrt sein Auge von dem Rade zu dem nahen Stuhle, und von dem Stuhle wieder zu dem Rade. Seine Züge tragen den Stempel tiefster Betrübniß; wie gedämpftes Feuer strahlt es aus seinen Augen, wie wenn die Verzweiflung in seinem Herzen sich gefestet hätte, und doch irrt zuweilen ein Lächeln über seine Lippen. Wer ihn so dasitzen gesehen, der hätte glauben können, daß an dem Spinnrade etwa eine, dem Auge Anderer unsichtbare Spinnerin säße, mit welcher der Andere ein Augenzwiegespräch führte. Leise Töne, so leise, daß sie die Stille der Nacht nicht brechen, schweben durch die Kammer; der Jüngling legt den Finger an den Mund und er scheint zu horchen, obgleich er selber es ist, der bewußtlos singt: Ricketicketack, Ricketicketu, Eisen warm, Hoch den Arm, schlaget zu, Ricketicketu. Nun steht er auf, nimmt einen Stab aus der Ecke und verläßt mit langsamen schritten die Kammer. Träumerisch geht er längs den Erlen hin und zerpflückt lächelnd Haideblumen. Am Rande der Landstraße schaut er über die Haide hin nach den kleinen Hügeln, die unfern sich erheben; Thränen drängen sich ihm in’s Auge, er setzt sich nieder und weint bitter. Nach einigen Augenblicken erhebt er sich wieder und tritt näher zu der hohen Buche, neben welcher kleine Wachholdersträuche im Morgenwinde wanken. Selbstvergessen steht er da und horcht, wie wenn eine geheime Stimme aus dem Baume zu ihm spräche; ein leiser Sang drängt sich aus seiner Brust und enttropft Wort für Wort seinen Lippen: Ricketicketack, Ricketicketu, Eisen warm, Hoch den Arm, schlaget zu Ricketicketu. Auch der Traum ist zu Ende, auch die Buche verläßt er und schreitet die Haide entlang. Er erklimmt einen hohen Sandhügel; oben steckt er den langen Stab vor sich hin, lehnt die Schulter dran, schlägt den rechten Arm darum und steht, halb gestützt darauf, bewegungslos, wie ein steinern Bild. Sein Auge haftet auf einem erblauenden Punkte, von dem aus der schlangenförmige Haideweg sich krümmt bis er neben dem Sandhügel verschwindet. Was nur mag er erwarten? Was hofft er, das der Haideweg ihm bringen könne? Zu wem hin führt der Morgenwind, die Seufzer, die so schmerzlich aus seiner Brust aufsteigen? Horch, er sagt es selber, denn der Seufzer wird zum Worte, zu einem in Liebe und Pein ausgesprochenen Namen: »Lena! . . . Monika!« Hinter ihm besteigt eine Bauerndirne den Sandberg; ihm nahe gekommen, ruft sie ihm heftig zu: »Jan, du sollst nach Haus kommen!« Der junge Bauer springt auf und blickt sie recht bitter an, doch werden seine Züge gleich schnell wieder ruhig und fast gleichgültig; er steigt den Hügel herab und sagt: »Nun, ich komme, Schwester.« Während er ihr gesenkten Hauptes folgt, fährt sie in gleichem Tone fort, wie sie eben begonnen hatte: »Das ist mir ein schön Leben, was du führst. Mit all den dummen Grillen. Du denkst wohl, daß du dein täglich Brod mit Träumen verdienen kannst. Das ist nun seit drei Monaten eben so geck, als die faule Len, die mit ihrem Vater, wie die Leute sagen, weg ist. Hast ihr die Narrethei schön abgelernt. Das steht ja von Morgens bis Abends in naß und trocken auf dem Sandberg und gafft nach den Krähen. Ich würd mich schämen. Läßt unsre kranke Mutter im Bett keifen und gehst deinen närrischen Gang. Sollst wohl den Hof noch in den Grund bringen, uns aufs Stroh und dich nach Gheel.[8 - Ein Dorf in dem Kempnerland, wohin man die Geisteskranken zur Genesung sendet.] Jan antwortete nicht auf all diese Verweise; erschien selbst sie nicht zu hören. Er ließ seine Schwester fortplaudern, ohne sich im Mindesten darüber zu ärgern, und folgte ihr gleichgültig zu dem Hofe. VI Eines Nachmittags stand Jan wieder vor der Buche. Er schien schwach und hinsiechend; das frische Roth in seinem Gesichte war grauen, transparenten Tönen gewichen; seine Augen schwammen, wie die eines sinnlosen, und mißmuthig lehnte sein Haupt auf der linken Schulter. Schon hatte er länger als eine halbe Stunde so gestanden, ohne sich zu rühren, als hinter ihm zwischen den Erlen die abgefallenen Blätter der Bäume unter eines Menschen Tritt raschelten; er wandte sich um, es war der alte Pfarrer von Desschel. Sichtlich kostete es ihn Mühe, seinen Zügen einen heiteren Ausdruck zu geben; den Geistlichen ehrerbietig grüßend, versuchte er gar zu lächeln, doch dieß Lächeln zeugte um so mehr von dem Weh und dem Schmerz, die sein Inneres bewegten. Der Pfarrer wies mit der Hand auf’s Gras, Jan zum Niedersitzen einladend; dann nahm er ihn bei der Hand, sah ihn tief mitleidig an und sprach in recht väterlichem Tone zu ihm: »Jan, Jan, hältst du also dein feierlich Versprechen? Noch immer unter der Buche? Du willst also, daß deine Mutter ihre Drohung bewahrheite und den Baum umhaue?« Bei den Worten zitterten die Glieder des jungen Bauern krampfhaft, und den stechenden Blick fest auf den Geistlichen geheftet, rief er: »Was, den Baum? die Buche umhauen? Ich schlüge den Arbeitern den Kopf ein . . . « Das wunderte den guten Pfarrer nicht wenig; er dachte, durch wiederholten Rath Jan’s Betrübniß bereits halb getilgt zu haben, er glaubte, der Arme habe den Gegenstand derselben schon fast vergessen. Mit recht väterlicher Stimme fuhr er fort: »Jan, mein Sohn, das sind sündige Worte, die du da sprichst. Deine Mutter hat das so gesagt und du weißt, daß ihre Worte nicht just ein Evangelium sind. Daß du aber, der du doch mit Gefühl und Verstand begabt bist, dich durch solch nichtige Dinge, durch einen sinnlosen Traum zu einer Drohung zu morden verführen lassen kannst, das begreife ich nicht und das thut mir leid. Hab ich denn verdient, daß du mir so antwortest? . . . « »Vergebt mir,« sprach Jan mit wahrhafter Reue; »ich weiß, daß ihr nichts verlanget und wünschet, als was mir vortheilhaft und zu meinem Besten ist, doch in meinem Herzen steckt etwas, worüber ich mir selbst keine Rechenschaft geben kann, was mehr Macht hat, als, eure Worte und mein Wille.« »Höre, Jan, es steht geschrieben, wer die Gefahr liebt, der kommt darin um; so ist’s auch mit dir, mein Junge. Wenn du nicht Alles in deinen Träumereien suchtest, die deinen Körper doch ganz und gar aufreiben, wenn du arbeitetest, wie ehedem, wie es deine Pflicht ist, dann würdest du bald die Ursache deines Schmerzes vergessen; Gesundheit und Muth würden dir wiederkehren, und du könntest wacker für deine kranke Mutter arbeiten. Dagegen aber bringst du deine Zeit müßig unter dem Baume, oder auf dem Sandberge zu, und wirst dadurch nicht nur ein großer Sünder, weil du deine Pflichten gegen Gott und gegen deine Mutter nicht erfüllest, sondern bist dazu noch ein Narr, der sich mit der Hoffnung auf unmögliche Dinge quält, und sein ganzes Leben einem eitlen Traume opfert.« »Ho, ich habe noch lange nach ihrer Abreise gearbeitet und kam hierhin nur nach den Arbeitsstunden. Da hoffte ich noch, daß ich sie vergessen könnte, doch sie war ja überall bei mir. Am Pfluge hörte ich ihren Namen, auf der Tenne sangen die Flegel mir das Ricketicketack, und überall hörte ich nur Monika rufen. Wozu doch nützte mir die Arbeit? Wußt ich, was ich that? Es half mir Alles nicht. Mein Schlaf selbst war nur ein helleres Leben, dann hatte ich Trost, sah sie, sprach mit ihr, aber ich hatte keine Ruhe. Nun kann ich beim besten Willen nicht mehr arbeiten; ich bin schwach und krank.« Der Pastor schüttelte den Kopf und schwieg eine Weile; dann faßte er aufs Neue des Jünglings Hand und frug: »Nun, Jan, du mußt mir jetzt sagen, ob das so fortgehen soll oder nicht. Es ist gewiß, und das weißt du auch, daß Monika nicht wiederkommen wird – und käme sie, dann wäre es noch ärger; sie ist jetzt ein reiches Mädchen und du bist ein gewöhnlicher Bauernjunge. Deine Krankheit ist also eine Narrethei.« »Kann ich sie denn vergessen, Herr Pastor?« »Wünschest du das in der That?« »Ich wünsch es aus Herzensgrund, denn seit lang sind meine Träume bitter, wie Galle, und mein Herz ist voll von Verzweiflung.« »Wohlan, dann beweise einmal, daß du Muth hast und genesen willst. Erfülle den Wunsch deiner Mutter und folge meinem Rath: Geh nach Mecheln.« »Da stürbe ich, Herr Pastor.« »Warum?« »Oh, warum? Vor einigen Monaten war ich zu Brüssel und mußte acht Tage dort bleiben, und was hab ich geweint während der Zeit! Was hab ich da ausgestanden!« »Ich begreife dich nicht.« »Nun ich will’s euch sagen. Als ich zurückkehren durfte, ging ich Nacht und Tag ohne zu ruhen durch. Als der Wind mir zuerst wieder den Geruch der Schaddenfeuer zutrug, da erst athmete ich auf; im ersten Tannenbusche warf ich mich auf die Kniee nieder und dankte Gott, daß ich meine Nadelbäume wiedersah, das erste Haidekraut habe ich vor Entzücken gegessen, und als ich hierhin kam, ging ich zuerst zu der Buche und sprach mit nassen Augen zu den Wachholdersträuchern, als hätten sie mich verstanden. Und ihr wollt, daß ich sechs Jahre von der Haide fern bleiben soll? Unmöglich.« »Mein Sohn, ich weiß, warum du die Haide mehr denn jemand anders liebst, doch die Ursache davon just müssen wir zu heben trachten. Das Studium wird mehr als körperliche Arbeit das Bild, welches dich verfolgt, aus deinem Geiste vertreiben, und die Ueberzeugung, daß du bestimmt bist, ganz dem Dienste Gottes geweiht zu werden, wird dir helfen, die weltlichen Träume zu überwinden. Noch andere Gründe will ich dir anführen, welche auch wohl geeignet sein mögen, dich auf bessere Gedanken zu bringen. Jan, du tödtest dich selbst, so du dich durch unaufhörliches Jammern aufreibst. Meinst du denn, Gott könne dir die sündige Thorheit vergeben, wenn du bis zu deinem Tode darin beharrst? In deinem eitlen Traumleben denkst du nur einer Sache, kein Gedanke an Höheres, an himmlische Dinge steigt aus deinem Herzen mehr auf, oder nennst du das beten, was du etwa mit dem Munde sprichst, während dein Inneres die Gottheit höhnt, da du ein Menschenbild, selbst in dem Tempel des Herrn anbetest? Denkst du wohl daran, daß ein Grab deiner wartet, daß du deine Seele dem Bösen überlieferst, daß das ewige Feuer der Lohn deiner Gottlosigkeit werden muß?« Der Ernst, mit welchem der Pfarrer diese Worte zu dem armen Jan sprach, hatten dessen Gemüth tief getroffen. Er meinte wohl, der Geistliche habe ihm schreckliche Wahrheiten gesagt, und erbebte innerlich bei der gräßlichen Drohung der Hölle. Eine Zeitlang stand er sprachlos da und blickte starr vor sich hin, dann erhob er das Haupt, wie jemand, der gewaltsam einen Entschluß faßt und sprach: »Wohlan denn, Herr Pfarrer, ich will nach Mecheln gehn.« »Morgen?« frug der Pastor hocherfreut. »Morgen bereits?« frug der junge Bauer halb erschrocken. »Morgen für immer?« »Nein Jan, sprich doch nicht so dumm. Du kannst mehr denn einmal im Jahre deine Mutter besuchen, und während der Ferien hast du Zeit genug, deine Haide zu durchwandeln. Und dann, wenn du einmal Priester bist, kannst du leicht in einem Dorfe der Kempen[9 - Kempen heißt die große Haide, welche den Norden von Belgien bildet.] angestellt werden, und dann kannst du dein Leben recht friedlich und ruhig auf der Haide hinbringen. Morgen gehst du, nicht wahr?« »Nun ja denn, morgen; so sei es,« rief Jan mit so schneidender Stimme, daß der Ruf das ganze Gebüschchen durchdrang. »Morgen, morgen!« Eine halbe Stunde später ging er an der Hand des Pfarrers dem Hofe zu. VII Als Monika das Dorf Moll und Kempnerland verließ, um ihrem Vater nach Frankreich zu folgen, war ihr Herz voll Betrübniß, und stets mußte sie an ihn denken, der nun um sie trauern und leiden mußte. Doch die zärtliche Liebe ihres Vaters und seine Bestrebungen, ihr nur Freude zu machen, verbannten nach einiger Zeit die Trauer aus ihren Zügen und aus ihrem Herzen. Die große Welt und die unaufhörlichen Vergnügungen, welche ihr geboten wurden, ließen die Erinnerungen aus ihrem vorigen Leben mehr und mehr in den Hintergrund treten, und wenn sie auch den einsamen Pachthof und ihn, der ihr Beschützer und Bruder gewesen war, nicht ganz vergaß, dann dachte sie doch seltener und mit weniger Innigkeit daran zurück. Mit ihrem Vater in Paris angekommen, bekam sie bald die besten Lehrer, und da sie mit schneller Fassungskraft begabt war und durch die steten Ermuthigungen ihres Vaters sich ermuntert sah, lernte sie in Zeit von etwa vier Jahren Alles, was ein gebildetes Mädchen wissen muß, um in der Gesellschaft neben andern zu glänzen. Bald erschien eine leichte Röthe auf Monika’s Wangen, auch nahm sie sichtlich an Kraft und stärke zu; ihre Gesundheit wurde fester und ihr Hinsiechen schien ganz gewichen. Man gewöhnt sich so bald an Alles und am leichtesten an das Glück. so ging es auch Monika; während eines ganzen Jahres ergötzte sie sich an Allem; Abendfeste und Bälle folgten unaufhörlich einander, sie gewann die Welt immer lieber und verlangte nach ihrem Beifalle. Doch hielt dieser Genuß nicht lange stand; oft traten nun flüchtige Erinnerungen vor ihren Geist, und im Laufe des zweiten Jahres schien eine stille Träumerei wieder über sie zu kommen. Bei dem jauchzenden Rauschen der Musik, bei dem Glanze der Kerzen, inmitten des Jubels der Feste, blieb sie zerstreut, wie wenn ein geheimer Gedanke sie überall verfolgt hätte. Zuerst war dieß Aufwallen ihres Herzens nur schwach; sie bekannte ihrem Vater geradezu, daß sie noch oft an die Haide mit der prächtigen Buche und den wankenden Wachholdersträuchen denke, und dieselben recht lebendig vor sich sehe; doch lachte sie dabei und spottete mit ihrer Träumerqual, wie sie es nannte. Sah sie auch in ihren Traumbildern zwischen dem Gebüsche der Haide den armen Jan, der so unendlich um sie trauerte? Wer weiß es? Immerhin bekannte sie nie etwas darüber weder sich selbst noch Andern. Langsam aber regte sich eine Art von Widerwillen in ihr gegen diese Vergnügungen; sie ging nur zu Abendfesten und Gesellschaften, wenn sie nicht dem ernsten Zudringen ihres Vaters ausweichen konnte, und suchte stets mehr die Einsamkeit. Von Zeit zu Zeit regten sich ihre Lippen fast unwillkürlich, und ohne daß sie an Weiteres dachte, schwebte das seit lange vergessene Lied um ihren Mund. Die Röthe floh wieder von ihren Wangen, sie magerte ab und kränkelte wieder und dieß so, daß der arme Vater zu fürchten begann, er werde sein Kind überleben. Ein gelehrter Arzt, den er zu Rathe zog, rieth baldige Verehlichung als das beste und einzige Mittel und behauptete, Monika müsse unfehlbar genesen, so man sie bereden könne, eine Wahl zu treffen. Der Colonel dachte alsbald an seinen treuen Reisegenossen, den Lieutenant, und gab sich alle Mühe, Monika’s Aufmerksamkeit auf denselben zu lenken; er fand sie auch nicht gefühllos für dessen Liebesbezeugungen und für seine mannichfachen guten Eigenschaften, doch Liebe für ihn wohnte nicht in ihr; ihr Herz blieb eiskalt für ihn. Das schmerzte den Vater sehr; sah er sich doch nun des einzigen Mittels beraubt, auf welches er noch alle Hoffnung zur Rettung seines Kindes gesetzt hatte. Fast täglich bot er nun Alles auf, von ihr zu wissen, was sie wünsche, was sie begehre, was die Quelle ihrer Qual sei, doch sie sagte, sie sei nicht krank, und wußte meist seinen Fragen durch irgend einige Schmeicheleien ein Ende zu machen. Das einzige, was er aus ihr herausbringen konnte, war, daß sie nach Brabant und nach der Haide zurückzukehren verlange, kurz, daß sie eine Art von Heimweh habe. Mehr denn einmal hatte er Monika versprochen, mit ihr nach dem Kempnerlande zu reisen und dort für lange zu bleiben, damit sich in der Haideluft ihre Gesundheit wieder kräftigen könne, doch immer kam durch die schnell einander folgenden Kriegsläufte ein Hinderniß dazwischen. Gegen das Ende des Jahres 1813 endlich hatte er, durch sein unaufhörliches Andringen, vom Kriegsministerium das Versprechen erlangt, im nächsten Frühling einen dreimonatlichen Urlaub zu bekommen. Monika lebte, schien es, wieder auf, bei dem Gedanken an die Rückreise in das liebe Vaterland. Bald aber kamen aus dem Norden beunruhigende Nachrichten; fast das ganze französische Heer war durch die Russen und die Kälte aufgerieben, und niemand konnte voraussehen, welche Folgen diese Niederlage haben werde. Ein allgemeines Entsetzen hatte die in Frankreich zurückgebliebenen Krieger befallen ob der gräulichen Zeitungen. Der Colonel konnte Monika dieß Alles nicht verbergen, und sie erkannte nur zu wohl, daß nun nichts weniger sicher für sie sei, als ihre Reise nach dem Kempnerland. Plötzlich kehrte der Kaiser ohne sein Heer allein aus Rußland zurück, und ließ durch den Senat einen Beschluß verkünden, durch welchen 350.000 junge Männer zu den Waffen gerufen wurden. Der Colonel erhielt ingleichen Befehl, an der Spitze seiner Leute sich zu dem Heere nach Deutschland zu begeben. Er brachte seine Tochter in ein anständiges Haus in Paris, und riß sich von der siechelnden los, um Napoleon über den Rhein zu folgen. Sechs Monate später traf ihn bei Dresden eine Kugel in’s Knie. Wohl genaß er, doch sein Bein blieb steif und er mußte lebenslang an einem Stocke hinkeln. Dieß war auch die Ursache, warum man ihn auf sein Ansuchen nach Paris zurückkehren ließ. Da fand er Monika noch mehr abgemagert, mit dem alten transparenten Gesichtchen, den schwimmenden Augen, nachläßig und träumerisch. Zwei Saiten nur waren nicht tonlos in ihrem Herzen geworden: ihre Liebe zu ihm und der Heimath. Unmittelbar machte er nun alle Anstalten, um mit Monika nach Brabant zurück zu kehren. Ein Bote wurde nach Antwerpen voraus geschickt, dort ein hübsches Haus zu miethen und einzurichten; später wollte der Colonel ein kleines Landgut in der Nähe von Moll gekauft oder auch gemiethet haben, was er jetzt, in den Kriegszeiten, nicht für gar zu rathsam hielt. Einige Tage später reisten sie in einer Postkutsche nach Antwerpen ab. Nicht ein erheblicher Zufall unterbrach die frohe Heimkehr, nur in Antwerpen selbst fiel eine kleine Störung vor. Als der Wagen des Colonels dort der neuen Wohnung nahte, schaute Monika zufällig durch eins der Fenster; in demselben Augenblick entfloh ihr ein lauter Angstschrei, der den Colonel vor Schrecken hoch von seinem Sitze aufspringen machte. Als er sie frug, was ihr fehle, antwortete sie: »Oh, es ist nichts Vater. Ich sah auf der Straße einen armen Menschen in so schlechten Kleidern und doch mit so ausdrucksvollen Augen, ’s ist nun vorüber, ich bin ruhig.« VIII Sechs Wochen waren verstrichen seit der Ankunft des Colonels zu Antwerpen. Auf dem Söller eines kleinen Häuschens auf dem Guldenberg saß sehr früh Abends eine stockalte Frau bei Lichte am Spitzenwirken. Ihre Umgebung sah höchst ärmlich aus, denn sie wohnte unter den bloßen Dachpfannen, und hatte als Hausrath nichts mehr und nichts weniger, als ein Tischchen, zwei schlechte Stühle und ein Bett, dessen Decke aus allerlei zusammengerafften Lappen aneinandergenäht war. Gleichgültig schien sie die Klöppel hin und her zu werfen, doch beugte sie von Zeit zu Zeit das Ohr einer Art von Abschlag zu, in dem das Bett stand, und horchte einem kaum merkbaren Geräusche. Eben hatte sie also ihre Hände still auf dem Spitzenkissen liegen, als die Thüre des Kämmerchens sich öffnete und eine andere Frau eintrat. Die Alte legte den Finger auf den Mund, und bat die andere durch ein leises Pst um schweigen, nahm sie dann bei der Hand und führte sie möglichst leise zu dem Tische hin. Während sie ihr dort den einen Stuhl anwies als Sitz, ließ sie sich vorsichtig auf den andern nieder und sprach: »Trien, sei was still, Mensch; er schläft so gut.« Trien zog einen Strickstrumpf aus der Tasche und sprach nicht weniger leise: »Aha, das ist der Mensch, den ihr in’s Haus genommen habt. Meint ihr nicht, Mäken[10 - Meken, sprich Mäken, Großmutter, ein Name, den man im Volke allen alten Frauen giebt.] Teerlinck, daß ihr ein gut Werk damit habt gethan, wenn’s ist, wie die Leut so sprechen?« »Ah Trien, das kannst du mir glauben, ohne mich wär der Jung todt und begraben, ach Gott.« Nachdem Trien das Söllerchen in allen Ecken durchschnüffelt hatte, fuhr sie leise fort: »Aber Mäken, wenn ich recht hab, dann habt ihr den Menschen schon fünf bis sechs Wochen auf’m Kämmerchen. Wo schlaft ihr denn, Mäken?« »Ja, Trien, wo schlaft ihr denn. Hier in der Eck auf’m Stuhl, mit dem Kopf auf’m Tisch. Da ist ja doch an mir nicht viel mehr zu verderben, ich hab meine Zeit gehabt, Mensch.« »Herr Gott und Vater im hohen Himmel, wie könnt ihr das aushalten! sechs Wochen ohne zwischen die Laken[11 - Betttücher.] zu kommen! Das ist wahrhaftig um zu sterben, Mäken!« »Ja Trien, ein Jedermann der giebt seinem Nächsten so viel er hat. Die reichen Leut, die geben ihr Geld, und ich – nun ja, ich geb auch, was ich hab, mein Bett und meine Nachtruh.« »Das muß ich euch aber sagen, Mäken, das könnte ich nicht thun, aber ’s ist doch schön, und ihr verdient euch einen Stuhl im Himmel damit, Mäken. Ich kenn aber das Feine von der Geschicht noch nicht; da sagt der das und der wieder das und am End wird man nicht klug draus, und weiß soviel, als am Anfang. Wie hat es dann nun eigentlich gegangen? das sagt mir mal, Mäken.« »Nu, das will ich dir mal sagen, Trien; aber komm und setz dich ein bisschen näher, er möcht wach werden, das arm Blut. Das sind nun fünf oder sechs Wochen gelitten, und es war an einem Samstag und sicherlich elf Uhr Abends, da hatte ich ein bisschen gut gekocht für meine Katz, und weil ich sie den ganzen Nachmittag noch nicht zu Haus gesehen hatte, nahm ich mein Peerken[12 - Kleine Blechlampe.] und ging dahinten nach der blinden Mauer zu, wo die Karren und Wagen stehn, um meine Her da zu suchen. Wie ich nun so rund humpel und rufe: Puschen! Puschen! hör ich dir mit einem mal einen Seufzer wie von einem Menschen. Ich erschreck, daß ich aufspring, seh einmal auf die Erd’, und ach Gott! ich kann dir nicht sagen, wie ich erschrak, da liegt dir ein Mensch da auf dem Rücken und hat sein ganz Gesicht voll Blut.« »Ach Gott, voll Blut!« »Ja Trien, voll Blut. Nu denk dir einmal. Ich schnell zu den Nachbarn, die kommen mit Licht gelaufen, und da sahen wir, daß das ein junger Bursch war, der sich vielleicht auf einen Kohlenwagen schlafen gelegt hatt und herabgefallen war. Er muß schon lang so dagelegen haben, denn das Blut, das aus seinem Kopfe lief, war schon ganz gestollt.[13 - Verhärtet.] Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/pages/biblio_book/?art=48633412) на ЛитРес. 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Wer einmal in dem Kempnerlande wohnte, wird, und wäre er zwanzig Jahre anderswo gewesen, den Geruch gleich wiedererkennen. 8 Ein Dorf in dem Kempnerland, wohin man die Geisteskranken zur Genesung sendet. 9 Kempen heißt die große Haide, welche den Norden von Belgien bildet. 10 Meken, sprich Mäken, Großmutter, ein Name, den man im Volke allen alten Frauen giebt. 11 Betttücher. 12 Kleine Blechlampe. 13 Verhärtet.