Der Graf von Moret
Alexandre Dumas der Ältere




Alexandre Dumas (père)

Der Graf von Moret





Erster Teil





I.

Das Wirtshaus »zum gefärbten Barte«


Der Reisende, welcher gegen Ende des Jahres der Gnade 1628 in Geschäften oder zu seinem Vergnügen einige Tage in der Hauptstadt des Königreiches der Lilien, wie man damals poetisch sagte, zubringen wollte, durfte mit Zuversicht in dem Gasthaus »zum gefärbten Bart«, Rue de l'Homme armé, einkehren. Er war gewiss, dort bei Meister Soleil ein freundliches Gesicht, gute Kost und ein gutes Bett zu finden, mochte er empfohlen sein oder nicht.

Man konnte auch nicht leicht fehlgehen. Außer einer ordinären Schenke, welche die Ecke der Rue St. Croix de la Bretonnerie bildete und, seit den ältesten Zeiten bestehend, durch ihr Schild, das einen gewappneten Mann vorstellte, dem übrigens nur neun Nummern zählenden Gässchen den Namen gegeben hatte, machte sich das Wirtshaus, in das wir unsere Leser führen wollen, in jenem Stadttheile ziemlich breit und zog außerdem die Kunden durch ein Aushängeschild an, welches zu majestätisch war, als dass ein Reisender, dem es einmal zu Gesicht gekommen war, hätte gleichgültig vorbeigehen können.

In der Tat lässt sich nicht leicht etwas in die Augen Fallenderes denken, als die an den Rändern reich vergoldete Blechtafel, welche bei dem geringsten Luftzuge an ihrer gleichfalls vergoldeten und mit Schnörkeln verzierten eisernen Tragstange knarrte, und auf welcher der Großtürke in eigener Person mit einem herrlichen, hochroten Barte abgebildet war. Außerdem befand sich jedoch noch über der Tür eine Inschrift, welche kund und zu wissen tat – und das nicht etwa in gemeinen, schlichten Lettern, sondern auf dem sinnreichen Wege der Bilderschrift – dass Meister Soleil stets Reisende zu Fuß und zu Pferde mit Bereitwilligkeit beherberge, indem der Name des Wirtes durch das strahlende Antlitz der Himmelskönigin ersetzt war, und die Reisenden zu Fuß und zu Pferde in Gestalt eines Pilgrims und eines Lanzenreiters über der Tür prangten.

Wenn nun das Schild, mit dem Großtürken darauf, an Alter auch mit dem benachbarten gewappneten Manne rivalisieren konnte, so müssen wir dagegen in unserer Eigenschaft als Romanschreiber, welche uns zum Festhalten an der Wahrheit verpflichtet (eine Verpflichtung, welcher übrigens nicht einmal die Historiker nachkommen), gestehen, dass die Bilderinschrift über der Türe erst aus der jüngsten Zeit stammte.

Es waren kaum zwei Jahre her, dass der frühere Besitzer, unter dem Namen Claude Cyprien Melanjoie vorteilhaft bekannt, für die Summe von tausend Pistolen den »gefärbten Bart« an Meister Blaise Guillaume Soleil, den jetzigen Besitzer, überließ. Dieser hatte ohne die mindeste Rücksicht auf die historischen Rechte der Schwalben, welche ihre Nester an die Außenwände des Hauses klebten, und der Spinnen, welche die inneren Wände mit ihren Geweben überzogen, sogleich nach abgeschlossenem Kaufcontracte Maurer, Tapezierer und Maler berufen, das Unterste zu oberst kehren und endlich zum Erstaunen der Nachbarn, welche sich vergebens fragten, woher Meister Soleil das Geld zu allen diesen Neuerungen hernehme, jenen pompösen Rebus über die Türe setzen lassen, von welchem wir vorher sprachen. Die alten Weiber der benachbarten Straßen schüttelten sofort in Ausübung ihrer sibyllinischen Eigenschaften, die sie ihren Jahren und ihrer Erfahrung verdankten, die Köpfe, zuckten die Achseln und prophezeiten, diese Verschönerungen würden dem »gefärbten Barte« Unglück bringen, da eben sein ehrwürdiges Aussehen, welches er nun schon seit vielen, vielen Jahren bewahrte, ihm reiche Kundschaft zugezogen habe. Aber zum Verdrusse dieser Prophetinnen und zum großen Erstaunen Derer, für welche sie unfehlbare Orakel waren, hatte sich nach Verlauf von zwei Jahren die traurige Vorhersagung noch nicht erfüllt, im Gegenteile das Wirtsgeschäft einen bedeutenden Aufschwung, genommen und zwar durch neue Gäste, die man in unserer Gasse früher nie sah und die, ohne die alte Kundschaft zu verdrängen, welche noch seit den Zeiten, als die Schwalben an dem Hause nisteten und die Spinnen darin webten, dem »gefärbten Barte« treu geblieben waren, die Einnahmen des Meister Soleil bedeutend vermehrten, ja so zu sagen verdoppelten.

Nach und nach verbreitete sich wohl ein gewisses Licht über dieses große Geheimnis; das Gerücht ging nämlich, Frau Martha Pelagie Soleil, eine sehr frische, sehr bewegliche, noch ziemlich junge Frau, sei die Milchschwester einer der mächtigsten Damen des Hofes, welche Dame aus ihren Ersparnissen oder aus denen einer noch viel mächtigeren Dame, als sie selbst war, dem Meister Soleil das zur Übernahme des Etablissements Wirte Geld vorgestreckt habe und diese Milchschwester sei es auch, welche das Wirtshaus »zum gefärbten Barte« den vornehmen Fremden empfahl, die man seit einiger Zeit hier ein- und ausgehen sah, und die sich sonst niemals in diesen einsamen Stadtteil verirrten.

Was an jenen Gerüchten wahr, was falsch daran war, das werden wir im Verlaufe dieser Geschichte erfahren.

Jedenfalls wollen wir beobachten, was sich am 5. Dezember 1628 – d. h. vier Tage nach der Rückkehr des Kardinals Richelieu von jener denkwürdigen Belagerung von La Rochelle, welche eine Episode in unserem Roman: »Die drei Musketiere,« bildet – gegen vier Uhr Nachmittag in einem niedrigen Saale des erwähnten Wirtshauses begab. Die Enge des Gässchens, so wie die Höhe der Häuser bewirkten, dass schon um diese Stunde die Dämmerung ihr ungewisses Licht in das Gelass warf.

In dem Saale befand sich jetzt nur eine einzige Person, da dieselbe aber zu den Stammgästen des Hauses gehörte, machte sie für sich allein so viel Lärm und nahm für sich allein so viel Platz ein, als es vier gewöhnliche Trinkgäste getan hätten.

Der einsame Trinker, der bereits einen Krug geleert, war bei der Hälfte des zweiten angelangt; er lag auf drei Stühlen ausgestreckt und unterhielt sich damit, das Stroh eines vierten mit seinen mächtigen Sporen zu zerzausen, während er sich bemühte, mit der Spitze seines Dolches ein Damenbrett in die Tischplatte zu schnitzen.

Ein mächtig langer Stoßdegen lag an seiner Seite, mit dem Griff im Bereiche seiner Hand.

Es war ein Mann zwischen 36 und 38 Jahren, dessen Gesicht man bei den letzten Strahlen des Tages, welche durch die schmalen in Blei gefassten Scheiben in das Zimmer fielen,, um so besser betrachten konnte, da er seinen Hut an dem Fensterriegel aufgehängt hatte. Seine Haare, seine Augenbrauen, sein Schnurrbart waren schwarz, sein gebräunter Teint verriet den Mann aus dem Süden; eine gewisse Härte in seinem Blick und ein spöttischer Zug um seine Lippen, die öfter hastig durch eine zuckende Bewegung, wie sie beim Tiger beobachtet wird, eingezogen wurden und dann eine Reihe blendend weißer Zähne sehen ließen; eine gerade Nase und ein entschieden vorspringendes Kinn ließen auf einen Willen schließen, der bis zum Eigensinne ging, während die Kinnbackenpartie des Gesichts, welche in einer Art ausgebildet war, wie sie den wilden Tieren zugeschrieben wird, jenen unüberlegten Mut verriet, den man seinem Besitzer niemals Dank zu wissen braucht, da er bei ihm nicht der Ausfluss des freien Willens, sondern das einfache Produkt des Instinktes ist. Das ganze ziemlich hübsche Gesicht des Mannes machte den Eindruck einer brutalen Freimütigkeit, welche wohl Ausbrüche des Zornes und der Gewalttätigkeit befürchten aber den Gedanken an List und Verrat nicht aufkommen ließ.

Seine Kleidung war die der niederen Edelleute jener Epoche; halb bürgerlich, halb militärisch. Sie bestand aus einem tuchenen, eng anschließenden Wams mit offenen Ärmeln, unter welchem sich das Hemd am Gürtel hervor bauschte, weiten Beinkleidern und Stiefeln von Büffelleder, die unterhalb der Knie zusammengeschoben waren. Alles das war im guten Stande, aber nicht luxuriös und verlieh dennoch dem Träger eine gewisse einfache Eleganz.

Es geschah wahrscheinlich, um in seinem Gast nicht einen jener Zornesausbrüche hervorzurufen, zu denen derselbe so geneigt schien, dass Meister Soleil zwei- oder dreimal in den Saal trat, in welchem sich der Trinker befand, ohne ihn im Geringsten auf die doppelte Verwüstung aufmerksam zu machen, die er an den Möbeln verübte, und sich im Gegenteile bemühte, ihm so freundlich als möglich zuzulächeln, was dem guten Manne mit dem strahlenden Gesicht übrigens nicht schwer wurde.

Bei seinem dritten oder vierten Erscheinen im Saale konnte sich jedoch Meister Soleil nicht enthalten, das Wort an seinen Stammgast zu richten.

»Nun, mein teurer Herr,« sagte er zu ihm im Tone besonderen Wohlwollens, »es will mir scheinen, dass seit einigen Tagen Stillstand im Geschäfte ist; wenn das so fortgeht, wird jene gute Alte, wie Ihr sie nennt – und er bezeichnete mit dem Finger den langen Stoßdegen des Mannes, mit dem er sprach – Gefahr laufen, in ihrer Scheide zu verrosten.«

»Hm, ja!« antwortete der Trinker in trockenem Tone, »und das beunruhigt Dich wahrscheinlich sehr wegen der zehn oder zwölf Krüge, die ich Dir schulde?«

»Wo denkt Ihr gleich hin, Bei Gott, Ihr könntet mir fünfzig, ja sogar hundert schuldig sein und ich würde darum nicht unruhiger schlafen; auf beiden Ohren würde ich schlafen, ich schwöre es Euch zu! – So müsst Ihr mir nicht kommen! – Ich kenne Euch seit den achtzehn Monaten, während welcher Ihr mein Haus mit eurem Besuche beehrt, zu genau, als dass mir jemals die tolle Idee gekommen sein sollte, ich würde bei Euch auch nur einen Heller verlieren; aber Ihr wisst es, in jedem Geschäfte gibt es ein Oben und ein Unten und die Rückkehr Sr. Eminenz des Kardinal-Herzog musste notwendig die Klingen für einige Wochen in ihre Scheiden zurückführen. Ich sage für einige Wochen, denn es geht das Gerücht, dass der Kardinal bald wieder, aufbrechen wird, um in Begleitung des Königs den Krieg über die Berge zu tragen. Dann wird es Dinge geben, die mindestens eben soviel wert sind, als die Belagerung von La Rochelle. Zum Teufel mit den Edikten und die Taler regnen dann in Eure Tasche.«

»Und eben darin, Freund Soleil, bist Du auf falscher Jährte, denn vorgestern Abend und gestern Morgen habe ich wie gewöhnlich gearbeitet und da es heute erst vier Uhr ist, so hoffe ich noch Beschäftigung zu finden, ehe der Tag scheidet, und bräche auch die Nacht herein, so ist Dame Phöbe in ihrem vollen Glanz, wie die Poeten sagen, und ich würde auf die Nacht rechnen, wenn mich der Tag im Stiche gelassen haben sollte. Was aber die Taler anbelangt, welche Dir nicht so sehr in meinem, als vielmehr in deinem Interesse so viele Sorge verursachen, so kannst Du sehen oder vielmehr hören,« und der Trinker ließ dabei das Geld in seiner Tasche klimpern, »dass es damit bei mir noch nicht zu Ende geht, und wenn ich trotzdem meine Rechnung nicht bezahle, je nun, so geschieht dies einfach darum, weil ich es für besser halte, dieselbe durch den ersten Edelmann bezahlen zu lassen, der kommen wird, meine Dienste in Anspruch zu nehmen. Möglich sogar,« fuhr der sorglose Gast des Meister Soleil fort, indem er seine Stirn gegen die Fensterscheibe lehnte, »möglich sogar kommt der, welcher Dich bezahlen soll, schon dort um die Ecke, mit der Nase im Winde, wie ein Jagdhund, der dem Wilde auf der Fährte ist; was er aber sucht, ist da?. Schild »zum gefärbten Barte«; jetzt hat er es gesehen und scheint darüber sehr zufrieden; verschwinde daher, mein lieber Soleil, und du es sicher ist, dass dieser Edelmann mit mir zu reden hat, so kehre Du zu deinem Kochherde zurück und lasse die Leute vom Degen ihre Angelegenheiten unter einander abmachen. Bringe auch Lichter; in zehn Minuten wird es hier finster sein wie in einem Keller und ich liebe es, die Leute zu sehen, mit denen ich von Geschäften rede.«

Der Trinker hatte sich nicht geirrt, denn während der Wirt durch die eine Tür verschwand, um die ihm erteilten Befehle auszuführen, erschien auf der Schwelle der andern die Gestalt eines Mannes.

Bevor sich der Ankömmling in das Dämmerlicht des Saales wagte, durchmusterte er mit raschem Blicke alle Winkel desselben; als er sah, dass ein einziges Individuum sich darin aufhielt, welches allem Anscheine nach dasselbe war, das er suchte, zog er den Kragen seines Mantels bis an die Augen empor, um sein Gesicht so viel als möglich zu verbergen, und trat entschlossen in den Saal.

Wenn der Mann im Mantel gefürchtet hatte, erkannt zu werden, so war die von ihm getroffene Vorsicht durchaus nicht unnütz, denn in demselben Augenblicke trat auch Meister Soleil wieder ein, in jeder Hand eine angezündete Kerze tragend, die er auf zwei zinnerne Wandleuchter steckte.

Der neu Angekommene betrachtete sein Thun mit einer Ungeduld, die zu verbergen er sich nicht Mühe gab. Es war augenscheinlich, dass er es vorgezogen hätte, in dem Halbdunkel zu verweilen, welches in dem Saale geherrscht hatte, als er eintrat; doch begnügte er sich, den Bewegungen des Wirtes mit dem Blicke zu folgen, und erst als dieser sich entfernt hatte, und die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, wandte er sich an den Trinker, welcher ihm bis jetzt anscheinend nicht die geringste Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Ohne einleitende Vorrede fragte er ihn:

»Seid Ihr Der, den man Stephan Latil nennt, ehemals zu dm Leuten d'Epernon's gehörig, später Kapitän in Flandern?«

Der Trinker, welcher eben im Begriff war, seinen Krug zum Munde zu führen, richtete, ohne den Kopf zu bewegen, einen Blick auf den Fragenden, und da die Frage in einem Tone gestellt war, der ihm nicht besonders behagen mochte, so gab er die Frage zurück:

»Gut, wenn ich nun Der wäre, der sich also nennt, was ginge das Euch an?«

Und er näherte seine Lippen vollends dem Rande des Kruges, dem sie sich bereits entgegen gespitzt hatten.

Der Mann im Mantel ließ dem Trinker Zeit, einen tüchtigen Zug zu tun, als dieser aber fast den leeren Krug wieder auf den Tisch gestellt hatte, fragte er ihn in einem viel geschmeidigeren Tone nochmals, ob er die Ehre habe, den Edelmann Stephan Latil vor sich zu sehen.

»Ah, das lässt sich schon besser anhören,« sagte mit billigendem Kopfnicken derjenige, an den die Frage gerichtet war.

»So tut mir die Liebe, mir zu antworten.«

»Nun denn, ja, ich bin Stephan Latil in eigener Person, und was wollt Ihr von diesem armen Stephan?«

»Ich will ihm ein gutes Geschäft vorschlagen.«

»Ein gutes Geschäft? ah! ah!«

»Es ist sogar besser als gut; es ist vortrefflich!«

»Um Verzeihung,« sagte nun der, welcher die Namen Stephan Latil als die seinigen anerkannt hatte, »bevor wir weiter gehen, erlaubt meiner Wissbegierde dieselbe Vergünstigung wie der Eurigen; mit wem habe ich denn die Ehre zu sprechen?«

»Mein Name dürfte wenig bei der Sache zu tun haben, vorausgesetzt, dass Ihr meinen Vorschlag angenehm findet.«

»Ihr irrt, mein Edelmann, wenn Ihr glaubt, dass mir dies allein genügt. Ich bin wohl ein Zweitgeborener, das ist wahr, aber immerhin bin ich vom Adel, und diejenigen, die Euch an mich gewiesen haben, hätten Euch sagen müssen, dass ich weder für den Pöbel noch für Spießbürger arbeite; wenn Ihr irgend einen Strauß mit einem Gevatter Handwerker oder Ladenbesitzer auszufechten habt, so mögt Ihr nur Eure Fäuste tüchtig gebrauchen, ich meinerseits menge mich in derlei Sachen nicht.«

»Ich kann und will Euch meinen Namen nicht sagen, Meister Latil, aber ich mache mir nichts daraus, wenn Ihr meinen Rang erfahrt. Hier ist ein Siegelring, welcher Euch aufklären mag, vorausgesetzt, dass Ihr in der Wappenkunde nicht gar zu unerfahren seid.«

Und einen Ring vom Finger ziehend, übergab er ihn dem Bravo, welcher sich damit dem Fenster näherte und ihn bei den letzten Strahlen des scheidenden Tages prüfte.

»O! O!« sagte er, »ein Onyx, mit einer Kunst graviert, die man nur in Florenz versteht. Ihr seid Italiener und Marquis, mein Edelmann; wir wissen wohl, was das Weinblatt und die drei Perlen zu bedeuten haben; dabei seid Ihr reich, was nie etwas verdirbt; dieser Stein ist allein ohne seine Fassung 40 Pistolen wert.«

»Genügt Euch das, und können wir jetzt von unseren Angelegenheiten reden?« fragte der Mann im Mantel, den Ring zurücknehmend und an seine feine weiße Hand steckend.

»Ja, das genügt mir, Herr Marquis; aber vor Allem und als Unterpfand des Handels, den wir abschließen wollen, wäre es liebenswürdig von Euch, ohne dass ich gerade eine Bedingung daraus mache, die zehn oder zwölf Krüge Wein zu bezahlen, welche ich in diesem Wirtshaus schuldig bin. Ich bin ein Mann der Ordnung, und wenn mir bei einem meiner Abenteuer etwas Menschliches zustoßen sollte, so wäre ich untröstlich darüber, eine wenn auch noch so kleine Schuld hinterlassen zu müssen.«

»Darauf soll es mir nicht ankommen.«

»Und es hieße,« fuhr der Trinker fort, »Eure Liebenswürdigkeit auf die Spitze treiben, wenn Ihr die beiden leeren Krüge, die ich vor mir habe, durch zwei volle ersetzen ließt; denn ein befeuchtetes Wort geht besser vom Munde und ist auch viel mehr wert, als ein trockenes.«

»Meister Soleil!« rief der Fremde, seinen Mantel noch um einen Grad höher emporziehend.

Der Wirt erschien fast im selben Augenblick.

»Die Rechnung dieses Herrn und zwei Krüge Wein vom besten.«

Blitzschnell, und wie durch eine Versenkung, verschwand Meister Soleil und zeigte sich gleich darauf mit zwei Weinkrügen wieder, deren einen er vor den Fremden hinsetzte, während er mit dem andern seinen Stammgast bediente.

»Was die Rechnung anbelangt,« sagte er, sich verbeugend, »so macht sie eine Pistole fünf Sous und zwei Deniers.«

»Her ist ein Louisdor,« sagte der Unbekannte, das Goldstück auf den Tisch werfend, und da, der Wirt, in die Tasche griff um den Überschuss zurückzugeben, beeilte er sich hinzuzufügen:

»Es ist nicht nöthig, dass Du mir den Rest wieder gibst, Du kannst ihn zu dem Haben dieses Herrn schreiben.«

»Zu dem Haben?« brummte der Bravo in den Bart, »das ist ein Wort, welches auf eine Meile nach dem Kaufmann riecht; es ist wohl wahr, dass diese Florentiner alle insgesamt Kaufleute sind, und dass selbst ihre Herzog wuchern, wie die Frankfurter Juden, aber – wie mein vortrefflicher Wirt sagt – sind die Zeiten schwer und man kann nicht immer unter seinen Kundschaften wählen.«

Wahrend dieses Selbstgespräches verließ Meister Soleil das Zimmer, indem er einen Bückling nach dem andern machte, und seinen Stammgast, der so großmütige Bezahler für seine Rechnungen aufzutreiben wusste, mit Blicken der Achtung und Anerkennung betrachtete.




II.

Was aus dem Vorschlage wurde, den der Unbekannte dem Meister Stephan Latil machte


Als sich die Tür hinter dem Wirte abermals geschlossen hatte, begann der Unbekannte sein Gespräch mit dem Bravo auf's Neue.

»Nun,« sagte er, »da Ihr wisst, dass Ihr es mit keinem Krämer zu tun habt, seid Ihr jetzt bereit, einem freigebigen Edelmanne beizustehen, damit er sich eines Nebenbuhlers entledigen könne, der ihn belästigt?«

»Mm! macht mir oft derlei Anerbietungen, Herr Marquis, und ich weise sie selten zurück; doch bevor wir weitergehen, ist es wohl gut, wenn Ihr die Preise kennt, die man mir zu bezahlen pflegt.«

»Ich kenne sie: zehn Pistolen für das Sekundieren in einem gewöhnlichen Duell, fünfundzwanzig Pistolen für die Herbeiführung eines Vorwandes, wenn die betreffende Person nicht die Absicht hat, sich zu schlagen, und hundert Pistolen für die Herbeiführung eines Streites, welcher ein unmittelbares Scharmützel mit der Person zur Folge hat, die getödtet auf dem Platze bleiben soll.«

»So ist es,« sagte der Klopffechter, »wenn die Person nicht todt bleibt, so gebe ich das Geld zurück, und rechne die Wunden gar nicht an, die ich etwa beigebracht habe.«

»Ich weiß es, dass Ihr eben sowohl eine gute Klinge führt, als auch ein Mann von Ehre seid.«

Stephan Latil verbeugte sich leicht in einer Weise, als hätte man ihm bloß Gerechtigkeit widerfahren lassen; in der Tat war er nach seinen Begriffen ein Mann von Ehre.

»Ich kann also auf Euch zahlen?« fuhr der Unbekannte fort.

»Wartet! Gehen wir nicht so schnell vor, Ihr seid Italiener und müsst das Sprichwort kennen: Chi va piano va sano; wer langsam geht, geht sicher. Wir müssen zuerst wissen, welcher Natur das Geschäft ist, um das es sich hier handelt, und zu welcher der drei Kategorien der Vertrag gehört, den wir schließen wollen, ein Vertrag, dessen Summe übrigens im Vorhinein bezahlt werden muss.«

»In dieser Börse sind wohl gezählte hundert Pistolen; Ihr könnt Euch von der Richtigkeit der Summe überzeugen.«

Der Unbekannte warf eine seidene Börse auf den Tisch.

Trotz des verführerischen Klanges, den sie von sich gab, berührte sie der Klopffechter nicht, ja er sah sie kaum an.

»Es scheint also,« sagte er, »dass wir die beste Qualität wollen das augenblickliche Scharmützel,« und seine Lippen gerieten in jenes höhnische Zucken, das seiner Miene etwas so Schreckliches verlieh.

»Und der Tod des Gegners ist auch die Bedingung,« erwiderte der Unbekannte, ohne – so groß seine Selbstbeherrschung auch sein mochte – ein leichtes Zittern seiner Stimme verbergen zu können.

»Ich brauche nur noch den Namen, den Stand und die Gewohnheiten Eures Nebenbuhlers zu erfahren. Ich glaube nach meiner gewohnten Weise arbeiten zu können, und dazu ist es nöthig, dass ich über die Person, um die es sich handelt, genau unterrichtet werde. Wie Ihr wisst, oder vielleicht auch nicht wisst, hängt Alles davon ab, wie man sich mit dem Degen auslegt; anders tut mau dies gegenüber einem eben nach Paris gekommenen Landtölpel, anders gegenüber einem bekannten Fechter, anders, wenn man einen milchbärtigen Pagen, anders wieder, wenn man die Garden des Königs oder des Herrn Kardinals vor sich hat. Wenn ich nun von Euch schlecht unterrichtet würde, so könnte es mir begegnen, dass ich, statt Euren Nebenbuhler zu tödten, von diesem getödtet werde, was weder für Eure noch für meine Zwecke besonders vorteilhaft wäre. Auch ist mit dem Duell die Gefahr nicht vorüber. Wenn die Geschichte ein wenig Lärm macht, so ist das Wenigste, was mir geschehen kann, ein mehr monatlicher Aufenthalt in einem Gefängnisse; diese Orte sind feucht, und der Wein, der den schädlichen Dünsten daselbst das Gleichgewicht halten soll, ist teuer. Das Alles muss in Rechnung gebracht werden.«

»Wenn es sich um zwanzig oder dreißig Pistolen mehr handelt, so weiß ich, was recht ist, und es soll mir auch darauf nicht ankommen.«

»Kommen wir also zur Sache,« sagte Meister Stephan; »wer ist Euer Feind, wann und wie soll er angegriffen werden? Vorerst aber seinen Namen!«

»Sein Name tut nichts zur Sache,« antwortete der Mann im Mantel, »wir gehen heute Abend zusammen in die Rue de la Cerisaie; ich werde Euch die Haustür zeigen, aus welcher er um zwei Uhr nach Mitternacht heraustritt; Ihr werdet ihn erwarten, und da er allein es sein kann, der dieses Haus in so später Stunde verlässt, so ist ein Missverständnis; unmöglich; übrigens gebe ich Euch ein Zeichen an dem Ihr ihn mit leichter Mühe erkennen müsst.«

Der Bravo schüttelte mit dem Kopfe, stieß die Börse zurück, die er bereits mit seinen Fingern berührt hatte, und ließ sich wieder in seine bequeme Lage zurückfallen.

»Das ist nicht genug,« sagte er, »ich habe es Euch gesagt und ich wiederhole es Euch nun, dass ich vor Allem wissen muss, mit wem ich zu tun bekomme.«

Der Unbekannte ließ sich ein Zeichen der Ungeduld entschlüpfen.

»In der Tat,« sagte er, »Ihr treibt Euer Bedenken zu weit, Meister Latil, Euer Gegner wird Euch in keinem Falle weder einen Schaden zufügen, noch Euch widerstehen können; er ist ein Kind von kaum 23 Jahren, erst seit acht Tagen wieder in Paris, von dem alle Welt glaubt, dass er sich noch in Italien befinde. Übrigens werdet Ihr den jungen Mann zu Boden strecken, bevor er noch Gelegenheit hatte, Eure Gesichtszüge zu unterscheiden; zur größten Vorsicht könnt Ihr Euch ja auch einer Maske bedienen.«

»Aber wisst Ihr auch, mein Edelmann,« sagte Latil, seine Ellbogen auf den Tisch und seinen Kopf auf seine Fäuste stützend, »wisst Ihr auch, dass Euer Vorschlag auf einen Mord hinausgeht?«

Der Unbekannte blieb stumm, Latil schob seinerseits die Börse vollends zurück. »In diesem Falle,« sagte er, »bin ich nicht Euer Mann, und das Geschäft, das Ihr mir vorschlagt, gefällt mir ganz und gar nicht.«

»Sollten Euch diese Skrupel im Dienste des Herzogs von Epernon gekommen sein, mein guter Freund?« fragte der Unbekannte.

»Nein,« antwortete Latil, »denn ich habe gerade Lamm den Dienst des Herzogs von Epernon verlassen.«

»Ihr könntet Euch also mit den Simons nicht einverstehen?«

Die Simons waren die Henkersknechte des alten Herzogs.

»Die Simons,« sagte Latil mit einer Miene höchster Verachtung, »betreiben ihr Geschäft mit Dolchstichen, während ich nur Degenstöße austeile.«

»Nun,« sagte der Unbekannte, »ich sehe, dass man die Summe verdoppeln muss. Sei es denn, ich will zweihundert Pistolen an diese Laune wenden.«

»Und ich sage Euch, dass mich das nicht bestimmen soll; ich arbeite nun einmal nicht als Henker. Ihr werdet Leute genug dazu,finden, bei St. Pierre herum, da halten sie sich auf. Was liegt Euch übrigens daran, wie ich Euch seiner entledige, wenn er nur aus Eurem Wege geräumt wird.«

»Er wird Eure Herausforderung nicht annehmen.«

»Sacrebleu! ich glaube selbst, dass es ihm unangenehm sein wird; die Latil von Pompignac zählen unter ihren Ahnen keine Kreuzfahrer, wie die Rohan und die Montmorency, das ist wahr, aber sie sind von gutem Adel, und obwohl ich ein Jüngst geborener bin, so halte ich mich doch für einen Cavalier.«

»Und doch sage ich Euch, dass er Eure Herausforderung nicht annehmen wird.«

»Dann werde ich ihm so viel Stockschläge beibringen, dass er sich in der guten Gesellschaft nicht mehr wird blicken lassen können.«

»Er ist keiner von Denen, die man mit dem Stocke schlägt.«

»O! O! Es ist also der Herr Kardinal selbst, dem Ihr an den Kragen wollt?«

Der Unbekannte antwortete nicht, er zog aus seiner Tasche zwei Geldrollen, deren jede hundert Pistolen enthielt, und welche er neben die Börse auf den Tisch legte. Bei der Bewegung aber, die er machte, verschob sich sein Mantel, und Latil konnte bemerken, dass Derjenige, der mit ihm unterhandelte, sowohl vorne als hinten einen Höcker hatte.

»Dreihundert Pistolen,« sagte der bucklige Edelmann, »werden wohl Eure Skrupel beseitigen und Euren Einwürfen ein Ziel setzen.«

Latil schüttelte den Kopf und stieß einen Seufzer aus.

»Ihr habt sehr verlockende Manieren, mein Edelmann,« sagte er, »und ist schwer, Euch zu widerstehen; man müsste in der Tat ein Herz von Stein haben, um einen Edelmann wie Euch in der Verlegenheit zu sehen, ohne mit ihm das Mittel zu suchen, wie er aus derselben gezogen werden könnte. Suchen wir also!«

»Ich kenne kein anderes Mittel, als dieses hier,« sagte der Unbekannte, und zwei neue nicht minder gewichtige Geldrollen wurden neben die ersten auf den Tisch gelegt. »Aber,« fuhr er fort, »dies ist auch die Grenze; es ist nun an Euch, zu verweigern oder anzunehmen.«

»Ah! Versucher!« brummte Latil, indem er die Börse und die Geldrollen an sich zog, »Ihr macht, dass meine Grundsätze wanken.«

»Seht Ihr,« sagte der Andere, »ich wusste es wohl, dass wir uns endlich verständigen würden.«

»Kommen wir also zur Sache. Ihr sprecht von der Rue de la Cerisaie, nicht wahr?«

»Ja.«

»Für heute Abend?«

»Wenn es möglich ist.«

»Ihr müsst mir die Zeichen genau angeben, damit ich nicht fehlgehe.«

»Das ist selbstverständlich; da Ihr übrigens jetzt zur Vernunft gekommen seid, und da ich Euch bezahlt habe —«

»Einen Augenblick! Das Geld ist noch nicht in meiner Tasche.«

»Wollt Ihr neue Schwierigkeiten machen?«

»Das nicht, aber wir haben von den Ausnahmen noch nicht gesprochen, exceptis excipiendis, wie wir im Collegium von Libourne zu sagen pflegten.«

»Sprechen wir also von den Ausnahmen.«

»Vor Allem – es ist weder der König noch der Kardinal?«

»Weder der Eine noch der Andere.«

»Noch auch ein Freund des Kardinals?«

»Im Gegenteile, ein Feind desselben.«

»Und wie steht er zum Könige?«

»Er ist ihm gleichgültig; aber die Königin sieht ihn gern, das kann ich Euch nicht verschweigen.«

»Es ist nicht der Kardinal von Bérulle?«

»Habe ich nicht gesagt, dass er erst dreiundzwanzig Jahre zählt?«

»Ich begreife nun: es ist irgend ein Liebhaber der Königin.«

»Vielleicht! – Bist Du nun mit der Liste deiner Ausnahmen zu Ende?«

»Ja. . . . «

»Arme Königin!« murmelte Latil, seine Hand auf das Geld legend und sich vorbereitend, es in die Tasche zu schieben. »Sie hat gar kein Glück, eben hat man ihr erst den Herzog von Buckingham getödtet —«

»Und,« unterbrach ihn der bucklige Edelmann, welcher seinem Zögern endlich einmal eine Grenze setzen wollte, »jetzt wird man ihr den Grafen von Moret tödten!«

Latil sprang von seinem Sitze in die Höhe.

»Wie,« rief er, »den Grafen von Moret?«

»Den Grafen von Moret,« wiederholte der Unbekannte; »wie es scheint, habt Ihr ihn in der Liste sturer Ausnahmen nicht genannt.«

»Anton von Bourbon?« fuhr Latil fort, indem er seine beiden Fäuste auf die Tischplatten stemmte.

»Anton von Bourbon, so ist es.«

»Den Sohn unseres guten Königs Heinrich?«

»Den Bastard, wollt Ihr sagen!«

»Die Bastarde sind die wahren Söhne der Könige, vorausgesetzt, dass diese sie aus Liebe und nicht aus Pflicht zeugen; nehmt Euer Gold zurück, mein Herr, niemals werde ich die Hand gegen einen Sohn des königlichen Hauses erheben.«

»Der Sohn der Jacqueline von Beuil gehört nicht zum königlichen Hause.«

»Aber der Sohn König Heinrichs IV. gehört wohl zu demselben.«

Darauf sich erbebend, die Anne kreuzend und einen fürchterlichen Blick auf den Unbekannten werfend, sagte Latil:

»Wisst Ihr wohl, mein Herr Cavalier, dass ich dabei war, als man den Vater tödtete?«

»Ihr?«

»Ich stand auf dem Fußtritte der Carosse als Page des Herrn Herzogs von Epernon. Der Mörder musste mich mit seinen Händen beiseite schieben, um zu ihm zu gelangen; ohne mich hätte er sich vielleicht geflüchtet. Ich war es, der sich an seine Kleider klammerte, als er davon springen wollte. Da seht her« – Latil zeigte seine mit Narben bedeckten Hände – »hier sind die Spuren der Messerhiebe, mit denen er mich tractirte, um meiner los zu werden. Das Blut des großen Königs vermischte sich mit dem meinigen, und zu mir kommt Ihr, um mir vorzuschlagen, das seines Sohnes zu vergießen? Ich bin kein Ravaillac, aber Ihr, Ihr seid ein Elender! Nehmt also Euer Gold und entfernt Euch schnell, oder ich spieße Euch an die Mauer wie ein giftiges Tier!«

»Schweige, Bandit,« rief der Unbekannte, einen Schritt zurückweichend, »oder ich lasse deine Zunge durchbohren und deine Lippen zusammennähen.«

»Nicht ich bin ein Bandit, aber Du bist ein Mörder, und da ich nicht von der Polizei bin und Dich daher auch nicht festnehmen kann, um Dich daran zu verhindern, dass Du Deine schändlichen Vorschläge anderswo machst, wo sie vielleicht angenommen würden, so will ich deine Pläne mit Dir zugleich vernichten und aus deiner missgestalteten Person das machen, wozu sie einzig und allein gut genug ist, eine Vogelscheuche nämlich.«

Während er die letzten Worte sprach, zog Latil seinen langen Degen aus der Scheide und führte damit nach dem Manne im Mantel einen kräftigen Stoß.

Jener aber, den dieser Stoß in der Tat durchbohren und einer Fledermaus gleich an die Wand hätte nageln müssen, wenn er ihn abgewartet hätte, machte mit einer Gewandtheit, die man von einem Manne seiner Statur gewiss nicht erwartet hatte, einen Sprung nach rückwärts, zog blitzschnell seinen Degen und lag in demselben Augenblicke vor Latil in der Parade, dem er nun mit so gebundenen Stößen und meisterhaften Finten zusetzte, dass der Klopffechter es für nöthig erachtete, seinen ganzen Vorrat von Kunst. Klugheit und Kaltblütigkeit zu Hilfe zu rufen; dann, als ob es ihn gefreut hätte, in dem Augenblicke, wo er es am wenigsten erwartete, einen Gegner gefunden zu haben, der ihm ebenbürtig war, nahm er sich vor, den Kampf so lange als möglich dauern zu lassen und begnügte sich von nun an, mit einer solchen Geschicklichkeit zu parieren, als ob er sich auf dem Fechtboden befunden hätte, in der Erwartung, die Ermüdung oder ein Fehler seines Gegners würden ihm die Gelegenheit zu einem jener Meisterstöße geben, wegen deren er so berühmt oder vielmehr so berüchtigt war.

Minder geduldig als er war der Bucklige. Als er die fruchtlose Bemühung sah, eine ungedeckte Stelle an seinem Gegner zu finden, auch ohne Zweifel Eile hatte, und überdies zu bemerken glaubte, dass Latil sich zwischen ihn und die Tür dränge, um ihm den Rückzug abzuschneiden, fing er plötzlich an zu schreien:

»Zu mir, meine Freunde! Zu Hilfe! Man ermordet mich!«

Kaum hatte der bucklige Edelmann diesen Ruf ausgestoßen, als drei Männer, welche sich in der benachbarten Gasse aufgehalten hatten, plötzlich in den niederen Saal stürzten und zu gleicher Zeit den unglücklichen Latil angriffen, welcher, als er sich nach ihnen umwandte, nicht den Stoß zu parieren vermochte, den der Bucklige in diesem Augenblicke nach seiner Schulter führte, und da einer der Eingedrungenen zur selben Zeit von einer andern Seite auf ihn einhieb, so erhielt er auf einmal zwei tödtliche Wunden.

Latil fiel röchelnd der Länge nach auf den Boden nieder.




III.

Der bucklige Edelmann überzeugt sich, dass es nicht recht von ihm war, den Grafen van Moret tödten lassen zu wollen


Ein Stillschweigen von einigen Augenblicken folgte dieser Katastrophe; die Degen wurden schweigend und vorsichtig abgewischt und in ihren Scheiden verwahrt.

Aber bei dem Lärm, der vorhergegangen war, bei dem Schmerzensschrei Latil's, bei dem Klirren der Waffen, war Meister Soleil mit seinen Gehilfen durch die Küchentür herbeigekommen, während einige Neugierige ihre Köpfe durch die Tür gesteckt hatten, welche auf die Straße führte.

Alle blickten mit Schrecken auf den am Boden hingestreckten Mann und zeigten einander schaudernd die vier Blutbäche, welche aus seinen vier Wunden strömten und in dem Saale eine hässliche Lache bildeten.

Inmitten dieses Schweigens sagte ein Stimme:

»Man muss die Wache holen.«

Aber derjenige der drei Freunde des buckligen Edelmannes, der ihm zuerst zu Hilfe gekommen war, und Latil die Rückenwunde beigebracht hatte, rief:

»Dass Niemand sich vom Flecke rührt! Die Sache geht uns allein an, und wir verantworten Alles. Ihr seid Zeugen, dass wir nichts Anders taten, als dass wir unserem Freunde hier, dem Marquis Pisani, zu Hilfe eilten, welchen dieser infame Bandit in einen Hinterhalt gelockt hatte; fürchtet daher nichts; Ihr habt es mit vornehmen Leuten, mit den Freunden des Herrn Kardinals tun.«

Sämtliche Anwesende entblößten ihre Häupter, doch waren sie durch die Auskunft, die ihnen erteilt worden war, augenscheinlich noch nicht ganz beruhigt über die Folgen eines Ereignisses, welches in jener Zeit wohl nicht zu den seltenen gehörte, aber dessen Umstände ihm eine besondere Wichtigkeit verliehen.

Der Redner begriff, dass um das allgemeine Vertrauen herzustellen, es nöthig sei, etwas umfassendere Aufklärungen zu geben. Er ließ sich daher nicht lange bitten, und mit dem Finger einen seiner Gefährten bezeichnend, sagte er: »Seht hier zuerst den Herrn Vincent Voiture, einen bekannten Dichter und Schöngeist, welcher einer der ersten Akademiker Consard's sein wird, wenn Consard seine Akademie einmal gegründet hat, und welcher einstweilen Einführer der Gesandten bei Monsieur, Sr. königlichen Hoheit, ist.«

Ein kleiner, frischer, sehr elegant in Schwarz gekleideter Mann verbeugte sich, als er zur Bewunderung der Umstehenden seine Titel aufzählen hörte.

»Ferner,« fuhr der Redner fort, »ist hier der Herr Graf von Brancas, Sohn des Herrn Herzog von Villars, Ehrencavalier Ihrer Majestät der Königin; endlich,« setzte er, die Stimme erhebend und mit dem Kopfe schüttelnd, wie ein Pferd seine Mähne schüttelt, hinzu, »endlich bin ich da: Peter von Bellegarde, Marquis von Montbrun, Herr von Souscarières, Sohn des Herrn Herzogs von Bellegarde, Großstallmeisters von Frankreich, Großoffiziers der Krone, Freund des seligen Königs Heinrich IV., und guter Untertan des glorreich regierenden Königs Ludwigs XIII. Wenn alle diese Bürgschaften Euch nicht genügen, so wüsste ich Euch keine andere anzubieten; doch, da Ihr nun die Mühe habt, den Fußboden hier zu waschen und den Leichnam zu bestatten und eine jede Mühe ihren Lohn verdient, so ist hier etwas, womit Ihr Euch bezahlt machen könnt.«

Und die Börse vom Tische nehmend, warf Peter von Bellegarde, der Marquis von Montbrun, dieselbe zu den Füßen des Wirtes nieder, ließ die vier Rollen zu Hundert Pistolen in seine Tasche gleiten, ohne vom Marquis Pisani in dieser fingerfertigen Handlung gestört zu werden, welcher sich bereits aus dem Saale geschlichen hatte.

Der Wirt und seine Gehilfen waren durch die Aufzählung so glänzender Namen und Titel, sowie durch den Klang des Goldes, welches auf den Dielen nach allen Seiten hin rollte, ganz verblüfft worden; sie nahmen achtungsvoll ihre Kappen ab, grüßten linkisch, indem sie mit den Füßen hinten aus scharrten, und nahmen die Lichter von den Wänden, um die Ehre haben zu können, Edelleuten voran zu leuchten, welche so freundlich gewesen waren, einen Menschen in ihrem Hause zu tödten, und eine Börse voll Gold daselbst zu hinterlassen, deren Inhalt soeben von Madame Soleil, welche eine gute Wirtin war, zusammengerafft und in die Tasche gesteckt wurde, worauf Peter von Bellegarde, der mit der Schönheit des Wortes auch die Würdigkeit der Gebärde verband, seinen Mantel in den rechten Faltenwurf brachte, seinen, Schnurrbart strich, seinen Hut auf das linke Ohr drückte und elastischen Schrittes den Saal verließ.

Die Anderen folgten ihm mit ebenso heiteren als herausfordernden Mienen.

Während alle Drei sich anschickten, dem Marquis Pisani zu folgen, der bereits einen bedeutenden Vorsprung gewonnen hatte, müssen wir den Leser mit einigen unerlässlichen Details über die Personen bekannt machen, die wir ihm vorgeführt haben.

Der, welchem wir bei dem eben erzählten Drama die Hauptrolle zugeteilt haben, war der Marquis von Pisani, Sohn der Frau Marquise von Rambouillet, Tochter des Johann von Bivonne und der Julie Savelli, einer römischen Dame.

Wenn man von der Marquise von Rambouillet sprach, so hieß das von jener Frau sprechen, welche seit 50 Jahren den Ton in der Gesellschaft des siebzehnten Jahrhunderts angab.

Der Marquis von Pisani war als ein schöner Knabe mit geraden Gliedern zur Welt gekommen, wie die andern Kinder der Marquise. Er wäre auch wahrscheinlich so schlank in die Höhe gewachsen, wie diese, welche man die Tannen von Rambouillet nannte, wenn er nicht in seiner Kindheit das Rückgrat durch einen Sturz gebogen hätte, welcher Unfall aus ihm einen so scheußlich entstellten Menschen machte, dass man für seinen Körper niemals hatte einen Kürass machen können, obgleich er sich deshalb an die ersten Waffenschmiede Frankreichs und Italiens gewandt hatte. Diese Missbildung war auch die physische Ursache, dass aus dem Edelmann von Geist zuweilen eines der hassenswertesten Wesen, eine Art Dämon, wurde, dem kein Mittel verwerflich war, wenn es galt, etwas Jugendliches und Schönes zu zerstören; die Ursache ferner, dass dieser unterrichtete Cavalier im Stande war, in einem jener Anfälle von Wut, wie wir einen solchen soeben belauschten und die bei ihm jedes mal dann einzutreten pflegten, wenn er bei einem seiner verliebten Abenteuer, eine Niederlage erlitten hatte, das schwärzeste und eines Herrn von seinem Namen und seinem Stande unwürdigste Verbrechen zu begehen.

Der Zweite war Vincent Voiture. Sohn eines Weinhändlers. Vincent Voiture, welcher sich in der Literatur des siebzehnten Jahrhunderts einen populären Namen' erworben hat, war nicht allein, wie er gesagt hatte, der Anführer der Gesandten bei Seiner königlichen Hoheit, dem Prinzen Gaston von Orleans, dem Bruder der Königs; er war auch einer der ersten, wenn nicht gar der erste Schöngeist, seiner Zeit, Er war klein, aber wohlgestaltet, kleidete sich mit sorgfältiger Eleganz, hatte ein naives, um nicht zu sagen ausdrucksloses Gesicht, und war dem Spiele mit einer solchen Leidenschaft ergeben, dass er jedes mal, wenn er spielte, nach fünf Minuten das Hemd wechseln musste; er war der Liebling der Prinzessinnen und der schönen Damen jener Zeit, mit denen er fast durchgehend auf vertrautem Fuße stand; er war der Schützling der Königin Anna von Österreich, der unzertrennliche Gesellschafter der Frau Prinzeß Condé, der Gattin jenes Condé,, der durch seine Sittenlosigkeit, seine Feigheit und seinen Geiz einen Flecken in diese Heldenfamilie gebracht hat; er war endlich der Freund der Marquise von Rambouillet und anderer bedeutender Frauen des Hofes. Tapfer wie er war, zögerte er niemals, die Klinge an seiner Seite das Tageslicht sehen zu lassen; man sprach von dreien seiner Duelle, welche viel Aufsehen gemacht hatten; das eine hatte am Tage, das andere beim Mondschein, das dritte beim Lichte einer Kerzenflamme stattgefunden. Der Marquis von Pisani konnte nicht ohne ihn sein, und er war sein beständiger Gefährte bei guten, wie bei schlimmen Abenteuern.

Der Dritte war der junge Graf von Brancas, Ehrencavalier der Königin-Mutter, Maria von Medicis. Mit Ausnahme Lafontaines gab es vielleicht im siebzehnten Jahrhundert in Frankreich keinen zerstreuteren Menschen als ihn. Als er einst in der Nacht irgendwo fortritt, fielen Räuber ihm in den Zügel.

»He, Lakaien,« rief er, »lasst doch mein Pferd gehen.«

Er bemerkte die wahre Lage erst, als man ihm die Pistole aus die Brust setzte.

An seinem Hochzeitstage sagte er dem Bader, bei welchem er zuweilen schlief, er sollte für ihn ein Bett bereit halten, weil er die Nacht bei ihm zubringen wollte.

»Aber was fällt Euch denn ein, Herr Graf,« entgegnete der Bader, »Ihr habt Euch ja heute Morgen vermählt?«

»Meiner Treu, das ist wahr,« sagte er; »daran dachte ich nicht mehr.«

Der Vierte endlich war Souscarières und wir wollen vor der Hand weiter nichts von ihm sagen, da sich im Laufe der Erzählung Gelegenheit genug bieten wird, ihn dem Leser so gut als möglich bekannt zu machen. Die Art übrigens, wie er sich bei dem erzählten Vorfalle benahm, wird hoffentlich vorläufig genügen, um sich ein flüchtiges Bild von dieser eigentümlichen Persönlichkeit entwerfen zu können.

Alle Drei hatten, wie wir erwähnt, triumphierend die Schenke »zum gefärbten Barte« verlassen, hatten, die Einen springend, die Andern kriechend, die Barriere gewonnen, welche Tag und Nacht die beiden Enden der Rue de l'Homme armé absperrte, und waren dem Marquis Pisani gefolgt, welchen sie auf dem Wege nach dem Hotel Rambouillet anzutreffen hofften, das in der Rue St. Thomas du Louvre gelegen, war, an dem Platze, wo sich jetzt das Theater Du Vaudeville erhebt.

Sie holten ihn auch ein, aber erst an der Ecke der Rue Fromenteau und der Rue des Orties, d. h. nur noch hundert Schritte von dem Hotel entfernt.

Ihre Schritte hinter sich vernehmend, hatte der Marquis sich nach ihnen umgewandt und sie erkannt; sofort ließ er sich, ganz außer Atem durch den heftigen Lauf, auf dem steinernen Vorsprung eines Portales nieder, lehnte sein Haupt gegen die Mauer und erwartete seine Freunde.

Diese kamen nicht in einer Gruppe herbei, sondern waren in ziemlicher Entfernung auseinander, welche nicht sowohl durch den Grad der Wunden, die sie erhalten hatten, sondern durch die Länge ihrer Beine bedingt war. Zuerst kam Souscarières, eine Art Athlet in der Höhe von 5 Fuß 9 Zoll; hinter ihm lief der Graf Brancas, der eigentlich schon vergessen hatte, was vorgefallen war und sich vergebens fragte, wodurch er zu solcher Eile gedrängt werde. Zuletzt keuchte der kleine Voiture einher, der trotz seiner dreißig Jahre schon Anlage zur Fettleibigkeit zeigte.

Souscarières blieb vor Pisani stehen, welcher mit seiner hässlichen Gestalt, mit seiner verzerrten Miene und seinem glühenden Blicke einer jener phantastischen Figuren glich, die von der tollen Einbildungskraft der Architecten des 15. Jahrhunderts au die Portale der damaligen Gebäude hingezaubert wurden.

»Du bist doch völlig toll, Pisani,« sagte Souscarières, indem er die Arme kreuzte und sich dicht vor seinen Freund hinstellte, »dass Du unaufhörlich Dich und uns mit Dir in solche hässliche Geschichten stürzest. Da wurde nun ein Mann getödtet – es ist das freilich fein großes Unglück; er war ein bekannter Halsabschneider, wir werden bezeugen, dass Du Dich in dem Falle der gesetzlichen Notwehr befandest, und sein Tod wird ohne weitere schlimme Folgen für Dich sein; aber setze den Fall, dass ich nicht zu rechter Zeit gekommen wäre und ihn von hinten gespießt hätte, während Du ihm diesen Liebesdienst von vorne erwiesest – was wäre geschehen? Nichts, als dass Du jetzt selbst an seinem Spieße stockst wie eine Lerche.«

»Nun,« antwortete Pisani finster, »wo wäre dabei das große Unglück?

»Wie, wo dabei das Unglück wäre?«

»Ja! Wer sagt Dir, dass ich nicht den Tod suche? Führe ich etwa ein angenehmes Leben, verspottet von den Männern, verachtet von den Frauen, wie ich es bin? Wäre da der Tod nicht eben so viel wert, oder wäre es nicht besser, wenn ich das Licht dieser Welt gar nicht erblickt hätte?«

Und mit den Zähnen knirschend, hob er seine Faust gegen den Himmel.

»Aber wenn Du Dich mit Gewalt tödten lassen willst, mein lieber Marquis, wenn der Tod Dir gar so viel wert ist, warum riefst Du uns dann zu Hilfe, als der Degen des ehrenwerten Latil im Begriffe stand, deinen Wunsch zu erfüllen?«

»Weil ich mich rächen will, bevor ich sterbe.«

»Was der Teufel! Wenn man sich rächen will und dabei einen Freund hat, der Souscarières heißt, so theilt man ihm hübsch seine kleinen Angelegenheiten mit und rennt nicht blindlings in eine finstere Schenke, um daselbst einen Strolch aufzusuchen, der seine Degenstöße verkauft.«

»Ich musste diesen Strolch aussuchen, weil nur ein solcher mir den Dienst erweisen kann, den ich begehre. Wenn dieser Dienst deiner würdig gewesen wäre, so hätte ich mich gewiss an keinen Andern gewendet, ja nicht einmal zu Dir wäre ich gekommen; ich selbst hätte meinen Mann herausgefordert und getödtet. Einen verhassten Nebenbuhler zu seinen Füßen im Todeskampfe zu sehen, ist ein zu wollüstiges Gefühl, als dass man es sich entgehen lassen sollte.«

»Und warum lässt Du es Dir entgehen?«

»Du willst mich etwas sagen lassen, was ich weder sagen kann noch will.«

»Heraus mit der Sprache, Mordieu;das Ohr eines ergebenen Freundes ist ein Brunnen, in dem Alles spurlos unter sinkt, was hineingeworfen wird. Du dürstest nach dein Mute eines Mannes – nun wohl, so schlage Dich mit ihm, tödte ihn.«

»Aber, Unglücklicher,« rief Pisani, den seine Leidenschaft ganz fortriss, »schlägt man sich wohl mit den Prinzen von Geblüt, oder schlagen sich die Prinzen von Geblüt etwa mit uns einfachen Edelleuten? Nein – wenn man sich ihrer entledigen will, so muss man sie ermorden lassen.«

»Und das Schafott?« fragte Souscarières.

»Wenn er einmal todt gewesen wäre, so hätte ich auch mir den Tod gegeben; habe ich nicht einen Ekel vor dem Leben?«

»Oho!« rief plötzlich Souscarières, sich an dir Stirne schlagend. »Sollte ich vielleicht zufällig erraten?«

»Es ist möglich,« sagte Pisani, sorglos die Achsel zuckend.

»Sollte der Mann, auf den Du eifersüchtig bist, mein lieber Pisani, etwa gar —«

»Vollende immerhin.«

»Aber nein, es kann nicht sein; Der, den ich meine, ist erst vor acht Tagen aus Italien zurückgekehrt.«

»Es bedarf keiner acht Tage, um sich vom Hotel Montmorency in die Rue Cerisaie zu begeben.«

»Es ist also —« Souscarières zögerte einen Augenblick und es war, als ob ihm das Wort unabsichtlich entschlüpfte – »es ist also der Graf von Moret?«

Ein schrecklicher Fluch aus dem Munde des buckligen Marquis war seine einzige Antwort.

»So; und wie heißt deine Flamme, mein lieber Pisani?«

»Ich liebe Frau von Maugiron.«

»Das ist ja eine köstliche Geschichte,« rief Souscarières mit einem schallenden Gelächter herausplatzend.

»Ist das so lächerlich, was ich Dir erzählt habe?« fragte Pisani stirnrunzelnd.

»Frau von Maugiron, die Schwester der Marion Delorme?«

»Ja, die Schwester der Marion Delorme.«

»Welche in demselben Hause wohnt, wie ihre andere Schwester, Frau von Montagne?«

»Ja, und hundertmal ja!«

»Nun, mein teurer Marquis, wenn Du keinen andern Grund hattest, dem armen Grafen nach dem Leben zu trachten, als den, dass er der Geliebte der Frau von Maugiron ist, so danke Gott, das, dein Wunsch nicht in Erfüllung gegangen ist, denn ein braver Edelmann wie Du hätte sein leben lang die schrecklichsten Gewissensbisse über dieses unnöthige Verbrechen gehabt.«

»Wie das?« fragte Pisani, sich von seinem Steine erhebend.,

»Weil der Graf von Moret nicht der Geliebte der Frau von Maugiron ist.«

»Und wessen Geliebter ist er wohl?«

»Der ihrer Schwester, der Frau von laMontagne.«

»Unmöglich!«

»Marquis, ich schwöre Dir, das, dem so ist.«

»Der Graf von Moret wäre der Geliebte der Frau von la Montagne? Du schwörst mir das?«

»Auf das Wort eines Edelmannes.«

»Aber ich habe mich jüngst des Abends zu Frau von Maugiron begeben.«

»War das vielleicht vorgestern?«

»Ja vorgestern.«

»Um 11 Uhr des Abends?«

»Wieso weißt Du das?«

»Ich weiß es, ich weiß es. Ebenso wie ich weiß, dass Frau von Maugiron nicht die Geliebte des Grafen von Moret ist.«

»Du irrst, sage ich Dir.«

»Erzähle immerhin weiter.«

»Ich bestand darauf, bei ihr einzutreten; sie hatte mir gesagt, dass ich kommen könnte und sie allein finden würde. Ich stoße also den Lakai zur Seite und dringe bis an die Tür ihres Schlafzimmers vor. Aus diesem Schlafzimmer aber drang eine Männerstimme au mein Ohr.«

»Ich sage auch nicht, dass Du nicht die Stimme eines Mannes gehört hast, ich behaupte bloß, dass diese Stimme nicht dem Grafen von Moret gehörte.«

»O, Du folterst mich in der Tat mit deinem Zweifel.«

»Du hast ihn doch nicht gesehen?«

»Ja! ich habe ihn allerdings gesehen.«

»Wie das?«

»Ich postierte mich in den Schatten des gegenüberliegenden Hauses und von dort sah ich ihn das Haus der Maugiron verlassen, sah ihn so deutlich, wie ich Dich jetzt sehe.«

»Nur vergisst Du, dass er um jene späte Stunde nicht die Maugiron, sondern die Montagne verließ.«

»Wenn dem so ist,« rief Pisani, »wer war.dann jener Mann, dessen Stimme ich aus dem Schlafzimmer der Maugiron hörte?«

»Nah! Marquis, sei ein Philosoph.«

»Wie meinst Du das?«,

»Ja, wozu ist es gut, sich über derlei Dinge zu beunruhigen.«

»Wie, wozu das gut wäre? Und ich sage Dir, dass ich mich so weit darüber beunruhige, dass ich den Mann tödten werde, da er nicht zu der königlichen Familie gehört.«

»Dass Du ihn umbringen wirst? Ah! Ah!« sagte Souscarières in einem Tone, welcher dem Marquis auffiel.

»Ganz gewiss, Du kannst meine Worte buchstäblich nehmen.«

»So? So? Und ohne weiteres willst Du ihn tödten, ohne ihn sogar zu warnen,« fragte Souscarières, und der Ausdruck seiner Worte wurde immer ironischer.

»Ja, ja! und hundertmal ja!«

»So? Nun dann tödte mich, denn jener Mann war meine eigene Wenigkeit.«

»Ah, Schelm!« rief Pisani mit den Zahnen knirschend und seinen Degen blitzschnell aus der Scheide reißend, »vertheidige Dich!«

»O, Du hast nicht nöthig, mich darum zu bitten, lieber Marquis,« rief Souscarières, einen Sprung nach rückwärts machend und sich auslegend. »Achtung!«

Und nun begann ungeachtet der Rufe Voiture's und ungeachtet des Erstaunens des würdigen Brancas, welcher von dem was vorging nicht das Geringste begriff, zwischen dem Marquis Pisani und Souscarières ein Kampf, der um so fürchterlicher war, als er ohne jede andere Beleuchtung vor sich ging, als die der von Wolken verschleierte Mond gewährte; ein Kampf, in dem beide Gegner sowohl durch die Eigenliebe als durch den Selbsterhaltungstrieb veranlasst wurden, alle Mittel der Fechtkunst anzuwenden.

Souscarières, welcher in allen Leibesübungen Meister war, bildete auch hier den stärkeren und geschickteren Teil, aber die langen Beine Pisani's und sein verschrobener Körper gaben ihm in Bezug auf die Plötzlichkeit des Angriffes einen großen Vorteil. Endlich, nachdem etwa eine halbe Minute verlaufen sein mochte, wahrend die Klingen funkensprühend aneinander schlugen, stieß der Marquis einen Schrei aus, den er nur mit Mühe zwischen seinen geschlossenen Zähnen hervorbrachte, ließ den Arm sinken, den Degen zu Boden fallen und stürzte dann zusammen.

»Meiner Treu,« sagte Souscarières, nun auch seinen Degen senkend, »Ihr seid Zeugen, dass er es so gewollt hat.«

»Ah ja,« antworteten Brancas und Voiture.

»Und Ihr werdet auch bezeugen, dass Alles nach den Regeln der Ehre vor sich gegangen ist.«

»Wir werden es bezeugen.«

»Und nun, da ich nicht den Tod, sondern im Gegenteile die Heilung des Sünders will, so traget ihn in das Hotel seiner Mutter und holt eiligst Bouvard, den Chirurgen des Königs.

»Das ist in der Tat das Beste, was wir tun können. Helft mir, Brancas; glücklicher Weise sind wir von dem Hotel nicht weit entfernt.«

»Ah!« sagte Brancas, »welches Unglück, eine Partie, welche so schön angefangen hatte.«

Während Brancas und Voiture den Körper Pisani's so sanft als möglich in das Hotel trugen, verschwand Souscarières um die Ecke der Rue Froidmanteau, und sagte im Fortgehen zu sich:

»Diese verdammten Buckligen? Ich weiß nicht, was sie alle so gegen mich hetzt. Das ist nun schon der dritte, dem ich meinen Degen durch den Leib rennen muss, um mich seiner zu entledigen.«




IV.

Das Hotel Rambouillet


Wie wir schon erwähnt haben, war das Hotel Rambouillet zwischen der Kirche St. Thomas du Louvre, welche man zu Ende des zwölften Jahrhunderts zum Andenken an den heiligen Märtyrer Thomas gebaut hatte, und dem Hospital der Quinze-vingt gelegen, welches Ludwig IX. bei seiner Rückkehr aus Egypten als Asyl für die dreihundert, oder, wie man damals sagte, fünfzehnmal zwanzig Ritter errichtet hatte, denen von den Saracenen die Augen ausgestochen worden waren.

Die Erbauerin des Hotels, die Marquise Rambouillet, war im Jahre 1588 geboren, das heißt in dem Jahre, in welchem der Herzog von Guise und sein Bruder auf Befehl Heinrichs III.bei den Ständen von Blois ermordet wurden. Sie war die Tochter des Johann von Bivonne, Marquis von Pisani und der Julia Savelli, einer römischen Dame aus der glorreichen Familie der Savelli, welche der Christenheit zwei Päpste schenkte, Honorius III. und Honorius IV. und eine Heilige der Kirche, die heilige Lucine. In ihrem zwölften Jahre ward sie mit dem Marquis von Rambouillet, aus dem Hause Angennes, verheiratet, einem berühmten Hause, welchem der Kardinal von Rambouillet entstammte, sowie jener Marquis von Rambouillet, welcher in Erwartung der Ankunft Heinrichs III. Vizekönig von Polen war.

I« Jahre 1606, d. h. sechs Jahre nach der Hochzeit, war der Marquis von Rambouillet in einem Augenblicke der Verlegenheit gezwungen gewesen, das Hotel Pisani an Pierre Forget Dufresne zu verkaufen. Der Kaufcontract bestimmte die Summe von 34.500 Livres Tournois; der Käufer seinerseits verkaufte es wieder im Jahre 1624 an den Kardinalminister um den Preis von 30.000 Talern, der es niederreißen und in der Zeit, zu welcher wir gelangt sind, auf demselben Platze den Kardinalspalast erbauen ließ. Bis dieser Palast, von dem man sich Wunderdinge erzählte, bezogen werden konnte, wohnte der Kardinal entweder in einem seiner beiden Landhäuser zu Chaillot und Reuil, oder in seinem Stadthaus auf der Place Royal, welches an das von Marion Delorme bewohnte Haus anstieß.

Seit dreißig Jahren vergrößerte und verschönerte sich Paris mit jedem Tage Heinrich IV. hat so zu sagen zu dem modernen Paris den Grund gelegt; unter ihm bedeckte sich eine Menge von Garten-, Sumpf- und brachliegendem Lande mit Gebäuden; man baute die Rue Dauphine und den Place Royale; die Vorstädte St. Antoine, Montmartre, St. Martin, St. Denis, St. Honoré fingen an sich zu erheben, und der Faubourg St. Germain bildete ein siebzehntes Stadtviertel. —

Im Jahre 1604 wurde der Pont-Neuf, dessen Grundstein Heinrich III. im Jahre 1518 gelegt hatte, vollendet im Jahre 1605 fügte man den letzten Stein in das Stadthaus, welches man 1533 unter Franz I. zu bauen angefangen hatte. Von l 614 – 1616 beschäftigte man sich damit, die Brücken und Häuser der Insel St. Louis zu errichten, auf den Pont-neuf wurde die Reiterstatue Heinrich IV. gesetzt, und man legte den Grund zum Palais Luxemburg. Maria von Medicis ließ die Höfe mit Anlagen versehen, welche den Namen die Höfe der Königin erhielten.

Noch sichtbarer wurde die Vergrößerung von Paris in den Jahren 1624 – 1628. Die neuen Umfassungsmauern beginnen in dieser Epoche am Ufer der Seine bei der um westlichen Ende des Tuileriengartens gelegenen Porte de la Confereme, verlängern sich bis an die Rue St. Honoré, wo das Thor gleichen Namens steht, ziehen sich zur Porte Gaillo, dann zur Rue Richelieu, wo eben das Thor Richelieu gebaut wird, passieren die Rue Montmartre und enden längs der alten Einschließungsmauern an der neuen Rue St. Denis.

Auch die Marquise Rambouillet stellte ihr Contigent zu der Verschönerung von Paris. Nach dem Verkaufe des Hotels Pisani sah sie sich auf das in der Rue Thomas du Louvre gelegene Haus ihres Vaters angewiesen, welches sich für sie, ihre sechs Kinder und ihre zahlreiche Dienerschaft als viel zu beschränkt herausstellte. Da entschloss sie sich, jenes Hotel Rambouillet erbauen zu lassen, das in der Folge einen solchen Ruf erringen sollte. Aber unzufrieden mit den Plänen, welche ihr die Architekten vorlegten, die ihrerseits wieder durch das winklige und schwer zu verwendende Terrain gehindert waren, beschloss sie, selbst einen Plan zu entwerfen.

Lange Zeit dachte sie vergebens über diesen Plan nach, aber eines Tages rief sie mit Archimedes: »Gefunden!« Sie ließ sich Feder und Papier bringen und zeichnete sofort die inneren und äußeren Conturen des Palastes und das mit einem solchen Geschmack, dass Maria von Medicis, damals Regentin und mit der Erbauung des Luxemburg beschäftigt, (obwohl sie in ihrer Jugend in Florenz die schönsten Paläste gesehen, und aus diesem neuen Athen die berühmtesten Architekten jener Zeit hatte kommen lassen), dennoch zur Marquise von Rambouillet schickte, um sich bei derselben Rats zu erholen, und an dem Baue ihres Hotels ein Beispiel zu nehmen.

Das älteste der Kinder der Marquise war die schöne Julie Lucine d'Angennes, welche noch bei weitem mehr von sich reden machte, als ihre Mutter. Seit jener viel genannten Gattin des Menelaus, die einen blutigen und langwierigen Krieg entzündete, hat es wohl kein weibliches Wesen gegeben, dessen Schönheit in so vielen Liedern besungen worden wäre, als diese Dame. Keiner der Männer, deren Herz sie erobert hatte, kam jemals wieder in den Besitz des verloren Gutes zurück. Die Wunden, die sie schlug, waren, wenn nicht tödtlich, so doch unheilbar. Wenn Ninon de l'Enclos ihre Märtyrer hatte, so hatte Julie d'Angennes ihre Sterbenden, welche – wie die alten Gladiatoren – sie auf dem Wege zum Tode grüßten.

Im Jahre 1600 geboren, war sie zur Zeit, in welcher unsere Geschichte beginnt, 28 Jahre alt; wenn auch nicht mehr in der Blüte ihrer Jugend, so stand sie doch im vollen Glanze ihrer Schönheit.

Die Marquise von Rambouillet hatte noch vier andere Töchter, welche jedoch von ihrer ältesten Schwester verdunkelt wurden, und ziemlich unbekannt blieben. Drei Derselben traten übrigens in den geistlichen Stand ein; Frau v. Hyéres, Frau v. Saint-Etienne und Frau von Pisani; die vierte endlich, Clara Angelica von Angennes, wurde die erste Frau des Herrn von Grignan.

Im ersten Capitel unserer Erzählung machten wir die Bekanntschaft des ältesten Sohnes der Marquise, des Marquis Pisani; sie hatte noch einen Sohn gehabt, welcher aber schon in seinem achten Lebensjahre starb; seine Gouvernante besuchte nämlich einen Pestkranken und beging die Unbesonnenheit, bei ihrer Rückkehr aus dem Hospital das arme Kind zu küssen. Dieses und sie selbst starben zwei Tage darauf an der Pest.

Eine eigentliche Specialität erhielt das Hotel Rambouillet einerseits durch die Leidenschaft, welche die schöne Julie jedem Manne einflößte, der sich ihr näherte, und andererseits durch die sprichwörtliche Ergebenheit, welche die Diener des Hauses an ihre Herrschaft fesselte. Da war zuerst Chavaroche. der Hofmeister des Marquis Pisani; er war einst der Gegner Voiture's in einem der vier Duelle, welche wir von ihm erwähnten, der sich mit ihm bei Fackellicht schlug und ihm einen Stich in den Schenkel versetzte; – Chavaroche war einer von den Sterbenden der schönen Julie, war es stets gewesen und sollte es stets bleiben. Als dieselbe sich später in einem Alter von 39 Jahren entschloss, die Liebesseufzer des Herrn von Montausier zu erhören, und dessen Gattin wurde, hatte sie eine äußerst schwere Entbindung zu bestehen. Man beauftragte Chavaroche – denn seine Ergebenheit für Julie war bekannt – den Gürtel der heiligen Margarethe zu holen, welchen man für eine die Entbindungen erleichternde Reliquie hielt, und der in der Abtei St. Germain aufbewahrt wurde.

Chavaroche lief in die Abtei, aber da es erst drei Uhr Morgens war, befanden sich die Mönche noch alle in ihren Betten. und er war trotz der Ungeduld, die ihn vermehrte, gezwungen, eine halbe Stunde zu warten.

»O,« rief er, »bei meiner Treu, das sind mir saubere Mönche, welche schlafen, während Frau von Montansier nicht entbinden kann!«

Und seit jener Zeit war er auf die Mönche der Abtei St. Germain äußerst schlecht zu sprechen.

Nach Chavaroche, und wenn man auf der Leiter der Bedienten fernerhin um eine Stufe tiefer stieg, begegnete man Ludwig von Neuf-Germain, einem Manne mit einem äußerst langen Stoßdegen und einem äußerst großen Vollbarte, einem Manne, der nebenbei eine Schwäche für den Reim hatte, und sogar schon als Nebenbuhler Voiture's aufgetreten war. Dieser Mann hatte eine Geliebte in der Rue Gravillier, der letzten Gasse in Paris, wo ein Mensch von Geschmack ein Liebesverhältnis suchen konnte. Irgend einem Spitzbuben, der auf sein älteres Recht der Dame pochte, war es durchaus nicht angenehm, dass Neuf-Germain sich dort blicken ließ: sie zankten sich in dem Gässchen, der Spitzbube packte Neuf-Germain bei seinem Vollbart und hielt ihn so fest, dass der ganze schöne Bart ihm in der Hand blieb. Neuf-Germain, welcher stets seinen langen Degen an der Seite trug und dem Marquis von Pisani die Anfangsgründe im Fechten beigebracht hatte, hieb seinen Gegner so über die Hand, dass dieser endlich seine Beute fahren lassen musste, so dass der ganze Bartbüschel in der Straße liegen blieb. Der verwundete Spitzbube suchte das Weite und wurde von der Hälfte der Zuschauer mit Hohn und Spott verfolgt, während die andere Hälfte zurückblieb und sich in Lobeserhebungen gegen Neuf-Germain erging, welcher noch immer in der Luft umher hieb. Nachdem auch Neuf-Germain den Schauplatz verlassen hatte, gewahrte ein Schuhflicker, welcher wusste, dass der Sieger in das Hotel Rambouillet gehörte, dessen Ruf bis in die untersten Schichten des Volkes gedrungen war, jenes ehrwürdige Bartbüschel, das, dem Kinne seines Eigentümers entrissen, aus dem Schlachtfelde zurückblieb. Er hob es sorgfältig bis auf das letzte Haar auf, wickelte es sauber in ein weißes Papier und machte sich damit auf den Weg nach dem Hotel Rambouillet.

Mau war daselbst eben beim Speisen, als an das Thor gepocht wurde, und man dem Marquis zu sagen kam, dass ihn ein Schuhflicker aus der Rue Gravillier zu sprechen wünsche.

Die Nachricht war so unerwartet, dass in dem Marquis die Neugierde erwachte, sofort zu wissen, was dieser Schuhflicker von ihm wolle.

»Man lasse ihn eintreten!« befahl er.

Der Befehl ward vollzogen; der Schuhflicker tritt ein, macht seinen Kratzfuß und nähert sich dem Marquis.

»Herr Marquis,« sagte er, »ich habe die Ehre, Euch den Bart des Herrn Neuf-Germain zurückzubringen, den derselbe vor meiner Tür zu verlieren das Unglück hatte.«

Ohne sonderlich zu wissen, was das Alles heißen sollte, zog Herr von Rambouillet einen neuen Taler mit dem Bildnisse Ludwigs XIII. aus der Tasche und gab ihn dem Schuhflicker, welcher sich zurückzog, äußerst glückselig, nicht weniger über den erhaltenen Taler, als darüber, dass er den Marquis mit seiner Familie bei Tische gesehen hatte, wie sie aßen und tranken, gerade so wie andere Menschenkinder.

Noch war Herr von Rambouillet in Betrachtung dieses rätselhaften Bartfragmentes versunken, als Neuf-Germain mit,seinem gerupften Kinne eintrat, sein Abenteuer erzählte und ganz erstaunt darüber war, dass, so sehr er sich auch beeilt hatte, ins Hotel zurückzukommen, sein Bart dennoch früher daselbst angelangt war.

Ein Stockwerk tiefer traf man auf den Stallmeister Silesie, einen Narren anderer Art, denn, wie es scheint, hatte Jedermann im Hotel Rambouillet seine eigene Narrheit. Frau von Rambouillet pflegte Neuf-Germain ihren internen und Silesie ihren externen Narren zu nennen, weil Letzterer mit seiner Frau und seinen Kindern außerhalb des Hotels wohnte, wenn auch nur wenige Schritte von demselben entfernt.

Eines Morgens kamen alle Leute, welche mit Silesie dasselbe Haus bewohnten, um sich bei dem Marquis über seinen Stallmeister zu beklagen. Man könne, sagten sie, seit dem Beginn der warmen Jahreszeit keine Nacht mit Silesie unter einem Dache schlafen.

Herr von Rambouillet ließ ihn sogleich rufen.

»Was für einen Hexensabbat führst Du denn eigentlich auf,« fragte er ihn, »dass alle Deine Nachbarn sich beklagen, sie könnten Deinetwegen kein Auge schließen.«

»Halten zu Gnaden, Herr Marquis,« sagte Silesie, »ich schlage meine Flöhe todt.«

»Und wie kommt es, dass Du dabei einen so großen, Lärm machst?«

»Weil ich sie mit dem Hammer todtschlage.«

»Mit dem Hammer? Erkläre Dich deutlicher, wenn's beliebt.«

»Der Herr Marquis müssen schon die Beobachtung gemacht haben, dass kein Tier ein so zähes Leben hat, als der Floh.«

»Das ist freilich wahr.«

»Nun wohl, ich nehme die meinigen, und aus Furcht, dass sie sich in mein Zimmer flüchten, trage ich sie auf die Stiege und zerschmettere sie daselbst unter den Schlägen meines Hammers.«

Und was ihm auch der Marquis sagen mochte, Silesie fuhr fort, seine Flöhe auf die von ihm erfundene Manier zu tödten, bis er eines Nachts, wo er vermutlich etwas verschlafen war, die oberste Stufe verfehlte und über die ganze Treppe hinabstürzte.

Als die herbeigeeilten Nachbarn ihn aufhoben, sahen sie, dass er das Genick gebrochen hatte.

Nach Silesie ist Meister Claude, der Silberbeschließer, zu erwähnen, ein Fanatiker für Exekutionen und Hinrichtungen aller Art, welcher, so viele Vorstellungen man ihm auch über die Grausamkeit solch blutiger Schauspiele machte, doch bei keinem derselben fehlte.

Da vergingen einmal drei oder vier solche Gelegenheiten, ohne dass Meister Claude sie benützt hätte; er rührte sich nicht aus dem Hause.

Dieser Umstand fiel der geistreichen Marquise auf; sie ließ ihn kommen und befragte ihn um die Ursache seiner Gleichgültigkeit.

»Ach, Frau Marquise,« sagte Claude, melancholisch den Kopf hängen lassend, »das Rädern macht mir nicht das geringste Vergnügen mehr.«

»Und warum denn?« fragte ihn die Gebieterin.

»Denkt Euch, Frau Marquise, seit dem Anfang dieses Jahres erwürgen diese Spitzbuben von Henkersknechten die Verurteilten, bevor sie sie auf das Rad flechten. – Ich hoffe, dass man sie eines Tages selbst rädern wird, diese Hunde, und ich erwarte diesen Tag, um wieder auf den Gréveplatz zu gehen!«

Eines Tages, oder vielmehr eines Abends, ging er aus, um sich das Feuerwerk anzusehen, welches man bei Gelegenheit der St. Johannisfeier abbrannte, aber da er in dem Augenblicke, als man die erste Rakete in die Luft warf, hinter einem andern Zuschauer stand, der ihn um Kopflänge überragte und ihm die gute Aussicht benahm, hatte er die Idee, auf den Montmartre-Hügel zu gehen, um durch Niemanden geniert zu werden. Als er ganz atemlos auf der Höhe desselben ankam und sich das glänzende Schauspiel nun gemächlich besehen wollte, war das Feuerwerk bereits bis auf den letzten Funken abgebrannt, so dass Meister Claude au diesem Abende statt schlecht zu sehen, gar nichts gesehen hatte.

In Ermanglung des Feuerwerks besah er sich mit großem Interesse und in allen Details, die Schatzkammer von St. Denis.

Als er nach Hause kam, sagt er zur Marquise:

»Ach, gnädige Frau, was haben doch diese feisten Domherren für köstliche Sachen.«

Und er fing an, die edelsteinbesetzten Kreuze, die gestickten Gewänder, die goldenen Reliquienkästchen zu beschreiben, die er gesehen hatte.

»Das Wichtigste, Madame, hätte ich bald vergessen.«

»Was nennst Du das Wichtigste, Meister Claudes«

»Nun, Frau Marquise, was Anderes, als den Arm unseres Nachbars?«

»Von welchem Nachbar sprichst Du?« sagte die Marquise von Rambouillet, die sich vergebens fragte, welcher ihrer Nachbarn wohl so unklug gewesen sein mochte, seinen Arm in die Schatzkammer von St. Denis zu deponiren.

»Nun, bei Gott, ich meine den Arm des heiligen Thomas, der doch gewiss unser Nachbar ist, da unser Hotel an seine Kirche stößt.

Es gab da im Hotel Rambouillet noch ein paar andere Diener, die der ganzen Sammlung keine Schande machten, einen Sekretär Namens Adriani und einen gewissen Dubois. Der Erste hatte einen Band Gedichte geschrieben und sie Herrn von Schomberg gewidmet. Der Andere bildete sich plötzlich ein, sein Beruf treibe ihn zum geistlichen Stande und wurde Kapuziner. Aber dieser innere Beruf scheint nicht lange angehalten zu haben, denn noch vor Beendigung des Noviziates verließ er das Kloster, und da er sich schämte, bei der Frau Marquise wieder um seinen im Stiche gelassenen Posten zu bitten, so verdingte er sich als Portier bei den Schauspielern im Hotel Burgund, um, wie er sagte, doch dann und wann die Ehre haben zu können, die Frau Marquise von Rombouillet zu sehen, wenn die Laune sie anwandelte, ins Theater zu gehen.

In der Tat wurden der Marquis und die Marquise von ihrer Dienerschaft angebetet. Eines Abends speiste der Advocat Patru (derselbe, welcher den Gebrauch der Dankreden in der Akademie eingeführt hatte), im Hotel Nemours mit dem Abbé von St. Spire. Zufällig sprach der Eine von ihnen den Namen der Marquise von Rambouillet aus. Der Oberkellner, welcher durch das Zimmer ging, nachdem er einigen ihm untergeordneten Gehilfen Befehle in Bezug aus den Wein gegeben hatte, der den Gästen vorgesetzt werden sollte, blieb, als er diesen Namen hörte, stehen. Als die Gäste weiter von der Marquise sprachen, verabschiedete er die Diener.

»Was zum Teufel macht Ihr da, Audry?« fragte Patru.

»O, meine Herren,« sagte Audry, »ich war zwölf Jahre im Dienste der Frau von Montausier, der Tochter der Marquise, und da ich soeben erfahre, dass Ihr zu den Freunden der Frau Marquise zählet, soll Euch Niemand außer mir bedienen.«

Und seine Würde hintansetzend, nahm er die Serviette aus den Händen der Diener und wartete beim Souper selbst auf.

Und nun, da wir mit der Herrschaft und der Dienerschaft des Hotels Rambouillet Bekanntschaft gemacht haben, wollen wir unseren Lesern noch einige Persönlichkeiten vorführen, welche wir unter den berühmten Männern und Frauen auswählen, die diese Werkstätte des Geistes des sechzehnten Jahrhunderts häufig besuchten.




V.

Die Besucher des Hotel Rambouillet


Wenn wir, dem Gebrauche des siebzehnten Jahrhunderts gemäß, uns den Regeln der Etiquette fügen, und bei unseren Skizzen den aristokratischen Persönlichkeiten vor den literarischen den Vorrang zugestehen, so muss unsere erste Zeichnung der Frau Prinzeß gelten, welche eine der häufigsten Besucherinnen des Hotels Rambouillet war.

Die Frau Prinzeß war Niemand anderes als jene schöne Charlotte von Montmorency, Enkelin des Connetable Anne von Montmorency, welcher durch Robert Stuart in der Schlacht von St. Denis getödtet wurde, und Tochter Heinrichs von Montmorency. dessen einziges Verdienst, obwohl er ebenfalls Connetable von Frankreich war, darin bestand, der beste Reiter des Königreiches zu sein. Er pflegte zwischen die Steigbügel und seine Stiefelsohlen eine Silbermünze zu stecken und ritt ein wildes Pferd in allen Gangarten durch eine volle Viertelstunde, ohne dass die Münze herabgefallen oder auch nur von ihrem Platze verschoben worden wäre.

Es war bei einem Ballette, welches die Königin-Mutter im Monate Februar 1609 aufführen ließ, dass Fräulein von Montmorency ihre Schönheit zum ersten Male ms Treffen führte; sie war damals vierzehn Jahre alt. stellte eine Nymphe Dianas vor, und zielte mit ihrem Wurfspieße so absichtlich nach König Heinrich IV.. dass dieser, der für derlei Wunden sehr empfänglich war, sich auf der Stelle in sie verliebte, und um ihretwillen seine letzten Torheiten beging, inmitten derer ihn das meuchlerische Messer Ravaillac's traf.

Wir werden später erzählen, wie es kam, dass sie den Prinzen, diesen zweifelhaften Erben der Condé's, heiratete, welcher der Familie Bourbon wenig Ehre machte; wie sie von ihm entführt wurde und wie trotz ihrer Schönheit Jahre dazu gehörten, ehe diese Heirat zu Stande kam, so dass sie acht Jahre mit dem Prinzen vermählt war, ehe sie vor der Welt seine Gattin wurde. Zur Zeit, von der wir erzählen, war sie eine schöne Frau von 39 Jahren, seit zwanzig Jahren mit der Marquise von Rambouillet eng verbunden, deren Salon sie sehr häufig besuchte, und in demselben ihren Rang als Prinzeß vergaß, um sich einzig und allein daran zu erinnern, dass sie eine Frau von Geist sei.

Neben ihr glänzte als ihre Rivalin an Schönheit, wenn nicht an Rang und Vermögen. Fräulein Angelica Paulet, welche von der Männerwelt angebetet wurde, und trotz ihrer roten Haare, welche ihr den Beinamen der »Löwin« verschafften, und damals noch nicht so sehr in der Mode waren, wie heutzutage, viele Herzen verwundet hatte; die Gesellschaft gab ihr dm Beinamen »Parthenia«. Bei ihrer Schönheit besaß sie auch alle jene Talente, welche damals hoch geschätzt wurden; sie tanzte bezaubernd, spielte reizend die Laute, und sang so schön, dass man erzählte, man habe in der Nähe eines Gebüsches, wo sie häufig ihre Stimme ertönen ließ, eines Tages die Leichen zweier Nachtigallen gefunden, die aus Eifersucht gestorben waren.

Ihre Freundschaft für die Marquise datierte von dem Tage jenes Ballets, in welchem die Frau Prinzeß eine so große Rolle spielte. Sie hatte damals den Part des Arion übernommen und erschien auf einem Delphin reitend. Der König, sofort bemerkend, dass sie nach Charlotte von Montmorency die Schönste im Kreise sei, tröstete sich bei ihr über die Niederlage, die er bei der Prinzessin erlitten hatte, und er befand sich auf dem Wege zu ihr, als er in der Rue de la Ferronnerie ermordet wurde.

Die Marquise von Rambouillet fühlte eine so große Zuneigung zu dieser Dame, dass, als dieselbe zum ersten Male nach Rambouillet kam, sie den Gast durch eine Schaar der hübschesten Mädchen des Ortes empfangen ließ, die weiß gekleidet und mit Blumen bekränzt waren, und deren hübschestes ihr die Schlüssel des Schlosses auf einer silbernen Platte überreichte. Als sie über die Brücke fuhr, wurden Böller gelöst wie bei dem Empfange einer Königin.

Neben diesen Damen machte sich durch eine Strenge in der Haltung, welche zu dem Glauben versuchte, sie gehöre einem geistlichen Orden an, die Nichte des Kardinals, die schöne Frau von Combales, bemerkbar, welche später Herzogin von Aiguillon wurde. Sie trug eine solche Abneigung gegen ihren Gatten zur Schau, dass man annahm, diese Heirat hätte gar nicht stattgefunden. Kaum war Herr von Combales in den Hugenottenkriegen getödtet, als die Witwe, aus Furcht, einer Staatsraison zum Opfer gebracht zu werden, etwas rasch das Gelübde tat, nicht allein sich nicht mehr zu vermählen, sondern auch in den Karmeliterorden zu treten.

Sie kleidete sich von nun an in die düstersten Farben und mit asketischer Einfachheit, und konnte sich nicht entschließen, diese Nonnentracht abzulegen, obwohl sie zu den Damen gehörte, welche die nächste Umgebung der Königin bildeten und ihr Kleid gewaltig gegen die Eleganz des Hofes abstach. Zu der Zeit, in der unsere Erzählung beginnt, fing die schöne Witwe wieder an, die Augen aufzuschlagen und zu lächeln; trotz ihres bekannten Gelübdes, trotz der Strenge in ihrem Benehmen fehlten ihr, seit der Kardinal Minister geworden war, die Bewerber keineswegs; der Graf von Betune hatte sich zuerst vorgestellt, ihm hatte sich der Graf von Saule, einer der reichsten Edelleute, angeschlossen, auch von dem Grafen von Soissons wurde gesprochen. – Alle aber wurden entschieden zurückgewiesen.

Dieses Festhalten am Witwenthum ließ in der Gesellschaft sehr boshafte Gerüchte über Onkel und Nichte entstehen! die Einen sagten, der Herr Kardinal wolle seine Nichte nicht verheiraten, weil er selbst in einem zärtlichen Verhältnisse zu ihr stehe, und Andere gingen so weit zu behaupten, dass, wenn auch Frau von Combales in der Gesellschaft nicht anders als in einem hochgeschlossenen Kleide erscheine, sie dagegen ihren Herrn Onkel in reizendsten Negligee, mit einem Bonquet am Busen, zu empfangen pflegte, welches Bouquet gewöhnlich eine Beute des Kardinals würde, der bekanntlich ein großer Blumenliebhaber sei. Andererseits sagte man, der Marschall von Brezé, ein anderer Onkel der Frau von Combal es, wütend darüber, dass diese, die das Glück oder das Unglück hatte, ihrem Oheim zu gefallen, seine Liebe nicht erwidere, verbreite alle diese Gerüchte, die sogar so weit gingen, die Frau von Combales zu beschuldigen, sie habe drei Söhne, an denen eine Schwester des Kardinals so freundlich sei, Mutterstelle zu vertreten, während ein vierter Sohn, dessen Pater ebenfalls den priesterlichen Purpur trage, anderwärts erzogen werde. Diese Gerüchte fanden namentlich bei Hofe Eingang, wo man dem Kardinal feindlich gesinnt war, und wo auch Frau von Combales durch ihre klösterliche Tracht Ärgernis erregte.

In den Soireen der Marquise von Rambouillet pflegte auch eine hagere Person von brünettem Teint zu erscheinen, welche ihrer Abstammung nach Sizilianerin war und ihren Namen Scuduri in Scudéry verwandelt hatte. Sie war in Begleitung ihres Bruders nach Paris gekommen, welcher Theaterstücke schrieb, die nicht aufgeführt wurden, während sie selbst Bücher schrieb, die man nicht druckte. – Der Bruder war damals 27, die Schwester 21 Jahre alt. Es braucht wohl nicht erwähnt zu werden, dass erst in einer viel späteren Zeit Fräulein von Scudéry die Romane »Ibrahim«, »der große Cyrus«, »Clelie« und andere schrieb, welche in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts Furore machten, während Georg von Scudéry ein Dutzend Stücke verfasste, die jetzt bis auf ihre Titel vollkommen verschollen sind.

Wenn wir nun zu den Männern übergehen, so müssen wir vor Allem zweier eherner Säulen des Hotel Rambouillet erwähnen, der beiden Herren Montausier.

Diese beiden Brüder waren zu gleicher Zeit in die schöne Julie verliebt. Dem älteren von ihnen, dem Marquis, hatte Frau von Rambouillet aus der Hand zu prophezeien versucht; sie glaubte in den Linien derselben das Verhängnis zu lesen, dass diese Hand einst ein Weib tödten würde, und aus Besorgnis, dass die zu Tödtende ihre Tochter sein könne, hatte sie dem Manne, der eines Tages von seinen Wünschen in Bezug auf Julie mit ihr sprechen wollte, das Wort kurz abgeschnitten und ihm jede Aussicht benommen. Er hatte daraus um die Gunst gebeten, wenn er die Dame seines Herzens nicht besitzen könne, sie wenigstens so häufig als möglich sehen zu dürfen. Diese Gunst wurde ihm bewilligt.

Er hatte, in das Hotel eingeführt, daselbst seinen jüngeren Bruder, den Grafen von Salles, vorgestellt, denselben, der später, als er durch den Tod des älteren Montausier selbst Marquis geworden war, dem Dichter Moliere zum Vorbild für seinen berühmten »Misanthropen« gedient hat. Wir brauchen wohl nicht erst zu sagen, dass er, als er seinen Bruder zurückgewiesen sah, selbst anfing, auf das Herz Julies Sturm zu laufen, welche ihn gleichwohl vierzehn Jahre schmachten ließ, da sie erst in einem Alter von neununddreißig Jahren sich entschloss, ihn zu heiraten.

Der Gras von Salles schrieb sehr correct Prosa, machte sogar Verse, konnte sich jedoch auf diesem Felde nicht mit jenen Männern messen, welche im Salon der Marquise glänzten, und von denen in erster Reihe Chapelain, Racan und der Bischof von Grasses sich bemerkbar machten, und unter denen wir Voiture zuerst genannt hätten, wenn er nicht schon in den ersten Capiteln unserer Erzählung handelnd ausgetreten wäre.

Johann Chapelain war in das Hotel Rambouillet vor einem Jahre, zur Zeit der Belagerung von La Rochelle, eingeführt worden. Frau von Rambouillet sagte, dass sie nie an ihm etwas Neues gesehen habe. In der Tat trug er unveränderlich einen taubengrauen Rock mit grüner Einfassung, lächerlich plumpe Schuhe und noch lächerlichere Strümpfe; seine Perücke, so wie sein Hut datierten aus fabelhaften Zeiten, und dennoch besaß er eine noch viel ältere Kopfbedeckung, welche er aufsetzte, wenn er nach Hause kam, um die andere zu schonen. Er hatte zu jener Zeit bereits die Übersetzung Gusman's von Olforache, die Erzählung von der Löwin und die Ode an den Kardinal Richelieu geschrieben, auch die ersten Gesänge seiner »Pucelle« vollendet. Trotz seines Geizes war Chapelain ein rechtschaffener Mann, und Bois-Robert erzählt von ihm, dass er, als er eines Tages eine Zahlung von Seite des Kardinals erhielt, einen Sou zurückschickte, den er zu viel erhalten hatte.

Zu den Sternen dieses glänzenden Kreises gehörte Johann Agier von Gombault. Obwohl er zu jener Zeit bereits achtundfünfzig Jahre zählte, war er ebenso kokett und sorgfältig in seinem Anzuge, als Chapelain sich nachlässig darin zeigte. Tatsache ist, dass er sich einbildete, von einer Königin geliebt worden zu sein.

Diese Königin war Maria von Medicis.

Jung, und ohne Vermögen nach Paris gekommen, da er der Sohn aus einer vierten Ehe war, machte er die Bekanntschaft des Marquis von Uxelles, welcher ihn Heinrich IV. empfahl, für den er Verse machte und der ihn dafür mit einer Pension bedachte. Während einer Cour beim Könige hatte Maria von Medicis ihn bemerkt; er war mit Herrn von Uxelles erschienen, den die Königin – seiner roten Haare wegen – stets ihren Rotkopf nannte. »Geht,« sagte sie zu ihrer Kammerfrau Katharine, »und erkundigt Euch bei meinem Rotkopf, wer der Cavalier ist, den er mit sich herumführt.« Katharine wandte sich jedoch an einen andern Rothaarigen und kam mit der Antwort zurück, dass er es nicht wisse. – »Ihr seid närrisch,« sagte die Königin ungeduldig, »Ihr werdet einen Anderen für meinen Rotkopf genommen haben.« Jedoch hielt sie so sehr darauf, zu wissen, wer »dieser Cavalier« sei, dass sie darüber mit Herrn von Uxelles selbst sprach, und als sie wusste, woran sie sich zu halten hatte, einen Gehalt von zwölfhundert Talern für Gombault auf die Civilliste des Königs setzte.

Dem königlichen Hause angehörend, hatte Gombault Eintritt bei der Königin. An diesen Umstand knüpften sich allerhand Gerüchte von galanten Abenteuern zwischen dem Dichter und der Königin.

Übrigens hatte Gombault die Anmaßung, nur für Damen vom Hofe zu schwärmen, und als die Marquise von Rambouillet, welche diese seine Schwäche kannte, ihm eines Tages vorwarf, er habe Verse auf eine Bäuerin gemacht, und dieselbe sogar Phyllis genannt, erwiderte er:

»O, Frau Marquise, das war die Tochter eines Pächters mit zehntausend Taler Mitgift.«

Er hatte eine Tragödie geschrieben, welcher die Sage von den Danaiden zum Vorwurf diente, und die schrecklich ausgepfiffen wurde. Als Madame Corruel die Vorstellung verließ, sagte sie zu ihm:

»Gebet mir die Hälfte meines Eintrittsgeldes zurück.«

»Und warum, Madame?«

»Weil ich nur die Hälfte des Stückes hören konnte.«

Er war, wie wir bereits erwähnt, in seiner Kleidung äußerst nett und sorgfältig. Wenn es geregnet hatte und die Straßen schmutzig waren, suchte er, da seine beschränkten Verhältnisse ihn zwangen, zu Fuße zu gehen, stets die trockensten Pflastersteine aus, um die Spitze seines Stiefels daranzusetzen.

Da er ziemlich stark in der Fechtkunst war, geschah es, dass er eines Tages zu einem Edelmanne, mit dem er sich wegen einer Wohnung, auf welche beide Anspruch machten, gezankt hatte, sagte:

»Hier ist meine Adresse; kommt morgen um zwei Uhr Nachmittags vor meine Tür, ich werde mit dem Degen in der Hand aus dem Hause treten. Das wird kein Duell, sondern ein Rencontre sein; was die Zeugen anbelangt, so werden wir keinen Mangel daran haben, die Nachbarn werden uns als solche dienen.«

Der Edelmann nahm die Forderung an und kam zur bestimmten Stunde. Gombault trat mit seinem Degen vor die Tür und gebrauchte ihn so energisch, dass sein Gegner bald zurückweichen musste und die Nachbarn, welche in der Tat Zeugen des Kampfes waren und Gombault stets beobachtet hatten, wie er tausend Vorsichten gebrauchte, um seine Kleider nicht zu beschmutzen, fragten sich, wie es komme, dass derselbe Edelmann, der für sich so sorgfältig die trockenen Pflastersteine aussuche, gegen seinen Gegner so rücksichtslos sei, ihn in den Kot und in die Rinnsteine zu stoßen.

Racan stand damals in der Blüte seines Rufes, Malherbes war sein Vorbild in der Poesie, wurde aber eifersüchtig auf ihn wegen einer Stanze in der Ode, welche an Herrn von Bellegarde zum Troste über den Tod seines Bruders, des Herrn von Termes, gerichtet war, und welche einen ebenso großen Erfolg errang, wie jene des Malherbes an Leperrier über den Tod seiner Tochter.

»Niemals,« so sagt Lallemant des Reaux, »zeigte sich die Kraft des Genies an einem Schriftsteller so deutlich, wie an diesem; denn außer seinen Poesien hat das, was er spricht, kaum gesunden Menschenverstand; er hat das Ansehen eines Bauers, er stottert und ist nicht im Stande seinen Namen auszusprechen, da das R und das C ihm Schwierigkeiten verursachen, so dass das erstere wie ein L, das letztere wie ein T lautet und er deshalb oft gezwungen ist, seinen Namen niederzuschreiben, wenn er ihn verständlich machen will.

Nebenbei war er der zerstreuteste Mensch von der Welt (selbstverständlich nach Herrn von Brancas, von dem wir schon gesprochen haben). Eines Tages ritt er allein auf einem großen Pferde auf's Land, um einen seiner Freunde zu besuchen. Auf dem Drittheile des Weges war er genöthigt, abzusteigen, und da keine Erhöhung in der Nähe war, von der aus er den Fuß wieder hätte in den Steigbügel setzen können, so setzte er den Weg zu Fuße fort. Bei dem Hause seines Freundes angelangt, findet er endlich eine Erhöhung in Gestalt eines Treppenvorsprungs, steigt erfreut zu Pferde, lenkt um und sprengt mit verhängten Zügeln nach Hause zurück, ohne seinen Freund auch nur gesehen zu haben.

Er war sehr vertraulich im Hause des Herzogs von Bellegarde. Eines Tages, ganz durchnässt und kothig von der Jagd heimgekehrt, tritt er in das Zimmer der Hausfrau, im Glauben, er träte in sein eigenes, und gewahrt nicht, dass Frau von Bellegarde auf einer Seite des Kamins sitzt, während Frau von Borges auf der andern Seite Platz genommen hat. Diese verhalten sich mäuschenstill, um zu sehen, was Racan beginnen wird. Er setzt sich nieder und befiehlt dem Lakai, ihn seiner Stiefel zu entledigen; dieser gehorcht und geht hinaus. Hierauf zieht Racan seine feuchten Strümpfe aus und hängt sie, um sie zu trocknen, in der Nähe des Feuers und zwar den einen auf den Kopf der Frau vom Hause, den andern auf die Schulter ihres Gastes. Jetzt konnten die Damen nicht länger an sich halten und platzten endlich mit einem hellen Lachen heraus.

»Ich bitte tausendmal um Vergebung, meine Damen,« sagte Racan, ohne besonders in Verlegenheit zu kommen, »ich hielt Euch für zwei Feuerböcke!«

Am Tage, als er in die Akademie aufgenommen wurde, eilte das ganze literarische Paris herbei, um seine Antrittsrede zu hören. Aber die Enttäuschung des Publikums war groß, als man ihn ein zerknittertes und zerrissenes Papier aus der Tasche ziehen sah.

»Meine Herren,« sagte er, »ich wollte meine Rede vorlesen, wie es üblich ist, aber mein großes weißes Windspiel hat sie dergestalt zugerichtet. Hier ist sie, nehmt davon heraus, was Ihr könnt, denn ich weiß sie nicht auswendig und besitze keine Copie davon.« Das Publikum sowohl als auch die Akademiker selbst mussten sich mit dieser Entschuldigung begnügen.

Nichtsdestoweniger hatte Racan großen Respect vor der Akademie. Als er eines Tages gezwungen war, sich in einem Prozesse nach einem Advocaten umzusehen, wählte er den Schwager Chapelain's, ohne dessen Fähigkeiten zu kennen,

»Warum?« fragte ihn die Marquise von Rambouillet, »ist Eure Wahl auf diesen und nicht auf einen Anderen gefallen?«

»Weil es mir schien,« antwortete Racan, »dass,indem ich den Schwager Chapelain's wähle, meine Wahl auf einen Schwager der Akademie fällt.«,

Racan war Marquis, aus der Familie Beuil, und Vetter des Herzogs von Bellegarde.

Noch ist Monseigneur Anton Godeau, Bischof von Vence, zu nennen, ein Mann von so kleiner Statur, dass man ihn allgemein den Zwerg der schönen Julie nannte, und den das Töchterchen der Frau von Montausier einst fragte, warum man ihn nicht mit ihren Puppen zugleich zu Bette bringe. Er kämpfte, trotzdem er 30,000 Taler von seiner Familie hatte und vom Kardinal mit zwei Bistümern belehnt war, doch stets mit Geldverlegenheit, so dass er an Biographien, Übersetzungen, einer ecclesiastischen Geschichte, arbeitete, und in seinen freien Stunden Gebete für Leute aller Klassen verfertigte.

Eines derselben führte den Titel: Gebet für einen Procurator und nöthigenfalls für einen Advocaten.

Er war der Marquise durch Fräulein Paulet vorgestellt worden und daher im Hause sehr wohl gelitten.




VI.

Was im Hotel Rambouillet vorging, während Souscarières sich seines dritten Buckligen entledigte


An jenem Abend des 5. Dezember 1628, an welchem wir unsere Erzählung beginnen ließen, waren alle die Personen, die wir soeben nannten und noch viele andere, deren Namen aufzuzählen uns zu weit führen würde, im Hotel Rambouillet versammelt, und zwar nicht in ihrer Eigenschaft als häufige Besucher der Marquise, sondern als Eingeladene, denn jeder von ihnen hatte eine Karte erhalten, des Inhaltes, dass die Marquise heute eine außerordentliche Assemblée gebe.

Auf diese Einladung hin war man von allen Seiten herbei geströmt.

In jener glücklichen Zeit, wo die Frauen anfingen Einfluss auf die Gesellschaft zu erhalten, wurde eben Alles zum Ereignisse. Dieser Einfluss wurde im 17. Jahrhundert durch die Marquise von Rambouillet, die Frau Prinzeß Frau von Montausier, Fräulein Paulet, Fräulein von Scudéry geschaffen, sollte sich im 18. Jahrhunderte durch Ninon von L'Enclos, Frau von Sévigne, Frau von. Montespan, die Maintenon, Fräulein Lafayette, die Frauen Du Defund, Epinay und Genlis erhalten, und über die Revolution hinaus in Frau von Staël, Madame Roland sich fortpflanzen, um in der jüngsten Zeit seine Trägerinnen in der Königin Hortense, Frau von Girardin und der George Sand zu finden.

Das große Genie des sechzehnten Jahrhunderts, oder besser gesagt aller Jahrhunderte, William Shakespeare, war seit zwölf Jahren todt, und damals noch von den Engländern allein gekannt, denn, man darf sich darüber nicht täuschen, die europäische Popularität des großen Dichters gehört ganz der neueren Zeit an. Keiner der Schöngeister, welche bei der Marquise von Rambouillet zusammenkamen, hatte je auch nur den Namen des englischen Poeten aussprechen gehört, den Voltaire hundert Jahre später einen Barbaren nannte. Außerdem wären in jener Zeit, wo auf dem Theater Stücke wie »die Befreiung der Andromeda.« »der Tod des Bradamantes« gang und gäbe waren, Dramen wie »Hamlet,« »Macbeth.« »Othello,« »Romeo und Julie« eine ziemlich unverdauliche Kost für die französischen Magen gewesen.

Nein, aus Spanien kamen uns damals die Ligue durch die Guisen, die Moden durch die Königin und die Literatur durch Lopez de Vega, Alarcon, Tyrso von Molina Calderon war noch nicht erschienen.

Enden wir diese lange Parenthese, die sich durch das Interesse, das wir an der Sache finden, von selbst ergeben hat, und nehmen wir unsere Schilderung mit der Behauptung, wieder auf, dass in jener glücklichen Zeit Alles zum Ereignisse wurde, indem wir noch hinzufügen, dass eine von der Marquise von Rambouillet ausgegangene Einladung sogar als ein großes Ereignis betrachtet wurde.

Man wusste, dass es zu den Lieblingsideen der Marquise gehörte, ihren Gästen Überraschungen zu bereiten. Sie hatte eines Tages dem Bischof von Lisieux, Philipp von Cospean, eine Überraschung bereitet, auf die sich ein Bischof am wenigsten gefasst machen konnte. In dem Parke von Rambouillet befand sich nämlich ein großer, kreisrunder Felsen, aus dessen Mitte, von einer hübschen Baumgruppe umgeben, ein Springbrunnen seinen glänzenden Strahl in die Lüfte sandte. Dieser Platz war durch die Erinnerung an Rabelais geheiligt, der aus demselben sein Arbeits- und manchmal auch sein Speisezimmer gemacht hatte. Als der Herr Bischof sich eines Morgens diesem Felsen näherte, strengte er schon von weitem seinen Blick an, um zu erkennen, was ihm zwischen den Zweigen der Bäume so hell entgegen schimmere. Erst als er in unmittelbarer Nähe war, konnte er sieben bis acht Frauen erkennen, die als Nymphen, das heißt, sehr wenig, gekleidet, in malerischer Gruppe um den Springbrunnen lagerten. Unter ihnen befand sich die Marquise im Kostüme der Diana, den Köcher auf der Schulter, den Bogen in der Hand und die glänzende Mondsichel über der Stirne. Ein Bischof unserer Tage hätte an einem solchen Schauspiele wahrscheinlich großes Ärgernis genommen, nicht so der Bischof von Lisieux, welcher späterhin nie mit der Marquise zusammentraf, ohne sie zu fragen, ob sie nichts Neues von dem Felsen im Parke von Rambouillet wüsste. – Als man gegen die Marquise die Bemerkung machte, dass in einem gleichen Falle der arme Actaon in einen Hirsch verwandelt und von den Hunden der Diana zerfleischt wurde, entgegnete sie, jener Fall stehe außerhalb alles Vergleiches mit dem gegebenen, da der arme Bischof so hässlich sei, dass die Nymphen wohl auf ihn Eindruck machen könnten, er aber ihre Herzen zu verwunden nicht im Stande wäre. Übrigens war der Bischof von Lisieux sich seiner Hässlichkeit genau bewusst, so dass er eines Tages, als er einen andern Prälaten, der ebenfalls vom Adonis sehr weit entfernt war, zum Bischof geweiht hatte und dieser ihm zu danken kam. sagte: »Im Gegenteile, Monseigneur, ich bin Euch Dank schuldig, denn ehe Ihr mein College wurdet, war ich der hässlichste Bischof in Frankreich.«

Vielleicht hoffte der männliche Teil der Gäste der Marquise, welcher noch bei weitem zahlreicher war, als der weibliche, dass die Wirtin ihm eine ähnliche Überraschung vorbehalten habe und war darum mit so großem Eifer herbeigekommen. Auch herrschte in der Gesellschaft jene unruhige Neugier, welche stets großen Ereignissen vorangeht, die man nicht kennt, von denen man aber eine unbestimmte Ahnung hat.

Das Gespräch drehte sich um Verschiedenes, um die Liebe und die Poesie, namentlich aber um das letzte Stück, das die Schauspieler im Hotel Burgund aufgeführt hatten, welche Vorstellungen die Aristokratie zu besuchen anfing, seitdem die Leitung des Theaters in den Händen von Bellerose, der Bauprés – seiner Frau, Mlle. Vaillot, la Villiers und Mondorn war.

Die Marquise von Rambouillet hatte die Gesellschaft dadurch in Mode gebracht, dass sie dieselbe in ihren Salons das Stück: »Fredcgonde, oder die keusche Liebe,« von Hardy, aufführen ließ. Seit damals war es entschieden, dass auch anständige Frauen, die bis dahin das Theater im Hotel Burgund niemals besuchten, daselbst erscheinen könnten.

Das Stück, mit dem man sich an jenem Abende beschäftigte, war das Erstlingswerk eines sehr jungen Mannes Namens Johann von Rotrou, den die Marquise protegierte; es hatte die Titel: »Der Hypochondrische, oder der verliebte Tod.« Obwohl von mittelmäßigem Wert, hatte es, Dank der Unterstützung, die ihm von Seite des Hotels Rambouillet wurde, dennoch so viel Erfolg gehabt, dass der Kardinal Richelieu den Verfasser in sein Haus berief und ihn daselbst der Zahl seiner gewöhnlichen Mitarbeiter Mayret, L'Etoile und Colletet hinzufügte, außer denen er übrigens noch zwei außerordentliche Mitarbeiter, Bois Robert und Desmarets, besoldete.

In dem Augenblicke, als man eben über die ziemlich zweifelhaften Verdienste des Stückes debattierte, und Scudéry und Chapelain dasselbe wie Pastetenfleisch zerhackten, trat ein junger Mann von neunzehn Jahren, elegant gekleidet und mit dem Aussehen eines Edelmannes, in den Saal, durchschritt denselben und grüßte nach den Regeln der Etiquette zuerst die Frau Prinzeß, welche in ihrer Eigenschaft als königliche Hoheit überall, wo sie sich befand, den Anspruch auf den ersten Gruß hatte, dann die Marquise, endlich die schöne Julie.

In seiner Begleitung war ein Mann, der um zwei oder drei Jahre älter sein mochte, und, ganz schwarz gekleidet, durch die imposante und gelehrte Gesellschaft mit einer Miene schritt, die eben soviel Schüchternheit zeigte, als das Auftreten seines Freundes Selbstvertrauen verriet.

»Ah, sich da,« sagte die Marquise, die beiden jungen Leute bemerkend und den Ersteren mit dem Finger bezeichnend, »da ist ja gerade der Triumphator, und es ist so schön, in seinem Alter schon zum Capitol hinanzusteigen, dass wohl Niemand den Mut haben wird, hinter ihm her zu rufen: »Cäsar, erinnere Dich daran, dass Du sterblich bist!«

»Ach, Frau Marquise,« erwiderte Rotrou, denn er selbst war es, »lasset der Rede immerhin freien Lauf. Der übelwollendste Kritiker kann meinem Stücke nichts so Schlechtes nachsagen, als ich selbst davon denke, und ohne den besonderen Befehl, der mir in dieser Beziehung vom Grafen von Soissons zukam, hätte ich meinen »verliebten Tod« wirklich todt sein lassen, und mit dem Lustspiel debutirt, an welchem ich soeben arbeite.«

»Gut, und was ist das Thema dieser Komödie, mein schöner Cavalier?« fragte Fräulein Paulet.

»Ein Ring, den Niemand an seinen Finger zu stecken Lust hätte, der Euch einmal gesehen hat, anbetungswürdige Löwin – der Ring der Vergessenheit nämlich.«

Ein beifälliges Gemurmel, so wie ein graziöses dankendes Kopfnicken von Seite Der, welcher sie gegolten hatte, folgten dieser Schmeichelei. Während dem hatte der andere junge Mann sich so viel als möglich hinter Rotrou versteckt gehalten. Da er jedoch von Niemand gekannt war und man der Marquise nur Personen vorstellte, die entweder bereits einen Namen von gutem Klang hatten, oder im Begriff waren, sich einen solchen zu machen, so konnte seine Haltung, so bescheiden sie auch sein mochte, nicht verhindern, dass sich Aller Blicke alsbald nach ihm richteten.,

»Und auf welche Weise,« fragte die schöne Julie, »findet Ihr Zeit, Herr von Rotrou, neue Komödien zu schreiben, da Ihr doch jetzt der Ehre teilhaftig seid, an denen des Herrn Kardinals mitzuarbeiten?«

»Dem Herrn Kardinal,« antwortete Rotrou, »machte in neuester Zeit die Belagerung von La Rochelle so viel zu schaffen, dass er uns etwas freie Zeit ließ, und ich benutzte dieselbe, um nach Kräften zu arbeiten.«

Während dieses Gespräches zog noch immer der in Schwarz gekleidete junge Mann jenen Teil der Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf sich, der nicht Rotrou zugewendet war.

»Das ist kein Mann des Degens!« sagte Fräulein von Scudéry zu ihrem Bruder.

»Er hat das Aussehen eines Schreibers bei irgend einem Procurator,« antwortete dieser.

Der junge Mann hatte dieses kurze Zwiegespräch gehört und grüßte lächelnd.

Auch Rotrou hatte gehört, was Herr von Scudéry gesagt.

»Ja, ja,« sagte er. »allerdings ist dies ein Procuratorsschreiber, und ein Schreiber, der eines Tages unser Aller Meister sein wird, das prophezeie ich Euch!«

Es war nun die Reihe an den umstehenden Männern, zu lächeln; die Einen taten es aus Ungläubigkeit, die Anderen aus Verachtung; die Frauen betrachteten mit verdoppelter Neugier den Mann, der ihnen mit einem so kühnen Versprechen vorgestellt wurde.

Trotz seiner großen Jugend musste er durch sein ernstes Gesicht, durch die Furche auf seiner Stirne, welche durch die Wucht des Gedankens gegraben zu sein schien, und durch seinen Flammenblick, auffallen. Der andere Teil seines Gesichts war gewöhnlich, die Nase dick, die Lippen wulstig und von einem keimenden Schnurrbart beschattet.

Rotrou dachte, dass es an der Zeit sei, die allgemeine Neugier zu befriedigen und fuhr fort:

»Frau Marquise, erlaubt mir. Euch meinen lieben Landsmann, Peter Corneille, vorzustellen, welcher der Sohn eines Generaladvokaten in Rouen ist, in Kurzem aber auch Sohn seines eigenen Genies sein wird.«

Der Name war völlig unbekannt.

»Corneille,« wiederholte Scudéry, »das ist der Name eines Vogels von schlechter Vorbedeutung.

»Ja, für seine Nebenbuhler Herr von Scudéry,« erwiderte Rotrou.

»Corneille?« wiederholte auch die Marquise, aber in einem Tone des Wohlwollens.

»Ab illice cornix!« flüsterte Chapelain dem Bischof von Veme zu.

»Frau Marquise!« sagte Rotrou. »Ihr sucht vergebens diesen Namen an der Spitze eines Gedichtes, hinter dem Titel einer Tragödie; weder da noch dort ist er zu finden; er figuriert bis jetzt bloß als Unterschrift einer Komödie, mit der dieser gute Mensch, der gestern von Rouen ankam, heute Nacht meine Gastfreundschaft bezahlte. Morgen führe ich ihn in das Hotel Burgund, wo ich ihn der Gesellschaft vorstellen will, und in einem Monate schon werden wir ihm Beifall klatschen.«

Der junge Mann erhob die Augen zum Himmel wie Giner, der sagt: »Wollte Gott!«

Man näherte sich nun den beiden jungen Leuten mit gesteigerter Neugier. Namentlich schien die Frau Prinzeß, die auf Lobspenden außerordentlich erpicht war, und in jedem neuen Poeten einen neuen Herold ihrer Schönheit sah, die eben die Blüten abzustreifen anfing, außergewöhnlich neugierig zu sein. Sie ließ ihr Fauteuil in die Nähe der Gruppe rollen, die sich um Rotrou und seinen Gefährten gebildet hatte, und während sich die Männer, besonders aber die Dichter, zumeist geringschätzig abseits hielten, fragte sie:

»Und darf man den Titel Eures Stückes wissen, Herr Corneille?«

»Es heißt »Melita«.« antwortete er, »wenn anders Ew. Hoheit es nicht mit einem besseren Namen zu taufen belieben sollten.«

»Melita, Melita,« wiederholte die Prinzeß, »ich finde den Titel reizend und wenn die Fabel des Stückes ihm entspricht —«

»Was aber am reizendsten daran ist,« sagte Rotrou, »das ist der Umstand, dass es eben keine Fabel, sondern eine wahre Geschichte ist.«

»Wie? Eine Geschichte?« fragte Fräulein Paulet, »und sie sollte wahr sein?«

»Nun, erzähle doch den Damen die Sache – Du schlechtes Subject,« sagte Rotrou.

Corneille errötete bis an die Ohrenspitzen; Niemand hatte in der Tat weniger das Aussehen eines schlechten Subjectes, als er.

»Natürlich nur, wenn die Geschichte sich in Prosa erzählen lässt,« sagte Frau von Combales, sich im Voraus für den Fall, als Corneille erzählen sollte, das Gesicht mit dem Fächer bedeckend. Frau von Combales, die viel geliebte Nichte des Kardinals, war eine von den gewöhnlichen Besucherinnen des Salons der Marquise von Rambouillet.

»Ich würde es vorziehen,« sagte Corneille schüchtern, »einige Verse des Stückes zu rezitieren, als die Handlung zu erzählen.«

»Nun,« sagte Rotrou, »das ist doch zu viel Verlegenheit wegen einer kleinen Galanterie. Ich will Euch nur selbst die Handlung in zwei Worten erzählen. In ihr liegt auch nicht der Werth des Stückes, da mein Freund selbst der Held der ihr zu Grunde liegenden Geschichte war, ihr also das Verdienst der Erfindung vollständig abgeht. Stellt Euch vor, meine Damen, dass ein Freund dieses Lebemannes hier . . . .«

»Rotrou, Rotrou,« drohte Corneille.

»Ich fahre trotz dieser Unterbrechung fort,« sagte Rotrou. »Stellt Euch vor, meine Damen, dass ein Freund dieses Lebemannes ihn in einem achtbaren Hause von Ronen, einführt, wo bereits Alles angeordnet ist. um dessen Hochzeit mit einem schönen Mädchen, der Tochter des Hauses, zu feiern. Was glaubt Ihr wohl, dass Herr Corneille tut? Wartet er vielleicht diese Hochzeit ab, und begnügt sich indessen mit der Rolle eines Brautführers, um später die Rolle eines – Ihr versteht mich, nicht wahr?«

»Herr Rotrou!« schmollte Frau von Combales und zog die Spitzen ihrer Carmeliterhaube tiefer in ihre Stirne.

»Um später die Rolle wessen zu übernehmen?« fragte Fräulein von Scudéry mit einer erstaunten Miene; »wenn die Anderen verstanden, haben, ich meinerseits habe nichts verstanden.«

»Ich hoffe es, schöne Sappho (das war der Name, welchen man dem Fräulein von Scudéry in dem Wörterbuch der Zieraffen beilegte), ich sprach für den Herrn Bischof von Vence und Fräulein Paulet, die mich hoffentlich verstanden haben.«

Fräulein Paulet führte mit herausfordernder Grazie' einen leichten Schlag mit dem Fächer nach den Fingern Rotrou's und sagte: »Fahrt fort, Ihr Taugenichts; je eher Ihr zu Ende seid, desto besser.«

»Ja, ad eventum festina! wie es Horaz vorschreibt; nun, auch Herr Corneille befolgte in seiner Eigenschaft als werdender Poet diesen Rat. Er wartete nicht, sondern besuchte die Dame allein, schoß Bresche in die Festung, von deren Mauern, wie es scheint, nicht das Banner der Treue wehte, und baute auf den Trümmern der Glückseligkeit seines Freundes sein eigenes Glück auf, und dieses Glück ist so groß, dass es in seinem Herzen einen Quell entspringen ließ, der kein anderer ist, als jener, an welchem Pegasus und die neun Jungfrauen, die man die Musen nennt, ihren Durst löschten.«

»Da seht einmal,« sagte die Prinzeß, »wo Hippocrene sich überall ansiedelt, in dem Herzen eines Procuratorschreibers – es ist wirklich nicht zu glauben.«

»Bis auf den Beweis des Gegenteils; nicht wahr, Frau Prinzeß? Diesen Beweis wird mein Freund Corneille Euch geben.«

»Das ist eine sehr glückliche Dame,« sagte Fräulein Paulet; »wenn das Stück des Herrn Corneille den Erfolg hat, den Herr Rotrou ihm prophezeit, so ist sie unsterblich gemacht.«

»Ja,« erwiderte Fräulein von Scudéry mit ihrer gewöhnlichen Trockenheit, »aber ich zweifle fast, dass sie während dieser Unsterblichkeit und sollte sie auch so lange dauern, als die der Sybille von Cumä, einen Mann bekommen wird.«

»Und haltet Ihr es wirklich für ein solches Unglück,« sagte Fräulein Paulet, »unvermählt zu bleiben, namentlich wenn man hübsch ist? Fragt doch Frau von Combales, ob es ein gar so großes Vergnügen ist, verheiratet zu sein.« Frau von Combales begnügte sich, einen Seufzer auszustoßen, indem sie die Augen zum Himmel erhob und traurig den Kopf schüttelte.

»Abgesehen von Allem,« sagte die Prinzeß, »hat uns Herr Corneille versprochen, uns Verse aus seinem Stücke zu rezitieren.«

»O, er ist sehr bereit dazu,« sagte Rotrou; »Verse von einem Dichter verlangen, das ist eben so viel, als ob man Wasser von einer Quelle verlangte. Vorwärts also, Corneille!«

Corneille erröthete, stotterte eine verlegene Entschuldigung, legte die Hand an seine Stirn, und rezitierte in einem Tone, der eher für das Trauerspiel als für die Komödie passte, einige schöne, tiefempfundene Verse aus seinem Stücke.

Ein beifälliges Gemurmel begleitete stellenweise seinen Vortrag, und brach bei einem besonders gefühlvollen und poetisch gedachten Verse in einen lauten Beifallsruf aus, zu welchem die Marquise das Zeichen gegeben hatte. Nur einige Männer, darunter der jüngere Montausier, welche dieser Gattung Poesie abhold waren, protestierten durch ihr Stillschweigen.

Als nun gar Corneille seinem Vortrage noch ein Sonett hinzugefügt hatte, welche Dichtungsart sich damals der höchsten Beliebtheit erfreute, obwohl der Spruch Boileau's, dass ein gutes Sonett eine ganze Dichtung auswiege, noch nicht existiere, hatte das Applaudiren kein Ende; selbst Fräulein von Scudéry näherte ihre Fingerspitzen einander.

Rotrou mit seinem loyalen Herzen erfreute sich besonders an dem Triumphe seines Freundes.

»In der Tat,« sagte die Prinzeß, »Herr Rotrou, Ihr habt Recht; Euer Freund ist ein junger Mann, der würdig ist, dass man ihn tatkräftig unterstütze.«

»Wenn das Eure Ansicht ist. Frau Prinzeß,« sagte Rotrou, die Stimme senkend, »dass ihn nur Frau von Condé hören konnte, wäre es da nicht möglich, ihm durch Seine Hoheit, den Herrn Prinzen, Euren Gemahl, irgend eine kleine Stelle zu verschaffen, denn er ist ohne Vermögen, und Ihr begreift gewiss, dass es schade wäre, wegen einiger Francs ein solches Genie untergehen zu lassen.«

»Da habt Ihr den Nagel auf den Kopf getroffen; der Herr Prinz! Das ist gerade der Mann, mit dem man von Dichtern und Gedichten reden kann! Eines Tages besuchte er mich, als ich gerade Herrn Chapelain zum Essen bei mir hatte; er rief mich abseits, um mir etwas zu sagen, dann fragte er mich: »Wer ist denn der kleine, schäbige Mann, der bei Euch speist, Madame?« – »Das ist Chapelain!« erwiderte ich und glaubte, damit genug gesagt zu haben. – »Chapelain, wer ist das?« – »Nun, der, welcher die »Jungfrau« gemacht hat.« – »So? Dann ist er also ein Bildhauer?« – »Nein!« – Ihr sehet aus diesem kleinen Beispiele genug, mein lieber Rotrou, aber ich will von Eurem Freunde mit Frau von Combales reden, welche ihrerseits den Herrn Kardinal aufmerksam machen wird. – Glaubt Ihr, dass Herr Corneille sich dazu versteht, an den Tragödien Seiner Eminenz mitzuarbeiten?«

»Er wird mit Allem einverstanden sein, vorausgesetzt, dass er in Paris bleiben kann. Bedenket nur, wenn er in einer Advocatenstube solche Verse gemacht hat, was er leisten wird, wenn es ihm einmal gegönnt ist, sich in einer Welt zu bewegen, deren Königin Ihr seid, Madame, während die Frau Marquise den ersten Minister vorstellt.«

»Gut! Lasset »Melita« zur Aufführung kommen und gefallen; für das Übrige wird gesorgt werden.«

Und sie reichte Rotrou ihre feine Hand, welcher sie in die seinige nahm und anblickte, als ob er ihre Schönheit betrachtete.

»Nun, woran denkt Ihr jetzt wieder?« fragte ihn die Prinzeß.

»Ich denke darüber nach, ob auf dieser Hand für Hie Lippen zweier Dichter Platz ist. Ich meine, sie ist zu klein dazu!«

»Zum Glücke,« lachte Frau von Condé, »hat mir Gott zwei Hände gegeben; die eine für Euch, und die andere für einen Andern, den Ihr zum Handkusse zulassen wollt.«

»Corneille, Corneille!« rief Rotrou, »komm schnell hierher, die Prinzeß erlaubt Dir für dein Sonett, dass Du ihre Hand küssest!«

Corneille blieb ganz verdutzt stehen; es wirbelte ihm vor den Augen. An einem und demselben Abende, am ersten Abende seines Eintrittes in die Welt, die Hand der Prinzeß küssen zu dürfen, und von der Marquise von Rambouillet applaudirt worden zu sein, das waren zwei Gunstbezeigungen des Schicksals, die sein höchster Ehrgeiz nicht einmal einzeln zu träumen gewagt hatte.

Auf wessen Seite war der Ruhm und die Ehre? Waren sie auf Seite der zwei jungen Männer, welche zu gleicher Zeit die Hände der Gemahlin des ersten Prinzen von Geblüt küssen durften, oder auf Seite der Prinzeß, deren Hände zu gleicher Zeit von zwei Jünglingen geküßt wurden, die sich in der Zukunft die Unsterblichkeit erringen sollten?

Die Nachwelt hat entschieden; die Ehre war auf Seite der Prinzeß.

Unterdessen war Meister Claude, den Stab in der Hand, wie der Polonius des »Hamlet« in den Saal gekommen, hatte der Marquise leise etwas zugeflüstert, und nachdem sie ihm ebenso leise geantwortet, und dem Anscheine nach verschiedene Befehle ertheilt hatte, erhob sie das Haupt und sagte lächelnd:

»Sehr edle und sehr, werte Herren; geschätzte und liebe Freundinnen! Wenn ich Euch zu nichts Anderem berufen hätte, als um die Verse des Herrn Corneille anzuhören, so würdet Ihr Euch wahrlich nicht zu beklagen haben; ich habe Euch aber in einer materiellen Absicht und zu einem minder ätherischen Zwecke geladen. Ich habe oft mit Euch über den Vorzug des italienischen Sorbet vor dem französischen gesprochen. Ich habe so lange gesucht, bis ich einen Eisbereiter entdeckte der eben von Neapel angekommen ist. Ich sage nicht: »Wer mich liebt, der folge mir!« sondern: »Wer das Gefrorene liebt, dem zeige ich den Weg!« – Herr Corneille, gebt mir Euren Arm!«

»Hier ist mein Arm, Herr Rotrou,« sagte die Prinzeß, welche beschlossen hatte, in Allem dem Beispiele der Marquise zu folgen.

Zitternd und linkisch, wie die Männer von Genie zu, sein pflegen, die eben aus der Provinz kommen, reichte Corneille seinen Arm der Marquise, während Rotrou in galanter Weise und mit der Manier eines vollendeten Cavaliers den seinigen der Prinzeß von Condé reichte; der Graf von Salles, der jüngere der Brüder Montausier, bot sich der schönen Julie zum Cavalier an, der Marquis von Montausier reichte seinen Arm dem Fräulein Paulet und Gambault bequemte sich zu Fräulein von Scudéry.

Frau von Combales, welche mit ihrem klösterlichen Anzuge, dessen Strenge bloß durch ein Bouquet von frischen Veilchen und Rosenknospen in etwas gemildert wurde, ihren Arm keinem Manne geben konnte, ging gleich nach der Prinzeß an der Seite der Frau von St. Etienne, der zweiten Tochter vom Hause, welche wie sie der Kirche angehörte, mit dem Unterschiede, dass Frau von St. Etienne jeden Tag einen Schritt vorwärts in ihrem geistlichen Berufe machte, Frau von Combales hingegen sich täglich um einen Schritt weiter daraus entfernte.

Bis jetzt war die Gesellschaft in den Salons der Marquise noch durch nichts überrascht worden, aber das allgemeine Erstaunen war groß, als die Marquise, welche in ihrer Eigenschaft als Führerin den Vortritt vor der Prinzeß genommen hatte, vor einer Wand stehen blieb, in welcher es, wie man wusste, weder eine Türe noch einen sonstigen Ausgang gab.

Die Marquise aber klopfte mit ihrem Fächer einige Male an die Mauer.

Sofort öffnete sich dieselbe wie durch Zauberei und man befand sich auf der Schwelle eines herrlichen Zimmers, das mit blauen, goldgestickten Samtmöbeln versehen war. Die Tapeten waren in ihrer Grundfarbe den Möbeln ähnlich, und hatten auch die gleichen Verzierungen. In der Mitte befand sich eine vierseitige Etagere, welche mit Blumen, Früchten, Kuchen und Eis beladen war, und an welcher zwei als Genien gekleidete Mädchen, die jüngsten Schwestern der schönen Julie, die Honneurs machten.

Der Schrei der Bewunderung, welchen die Gesellschaft ausstieß, war ein einstimmiger. Man wusste, dass sich hinter der Mauer der Garten des Hospitals der Dreihundert befinde, und sah nun plötzlich ein so wohl eingerichtetes, so herrlich tapeziertes und so schön gemaltes Zimmer, dass man glauben musste, es sei von Feenhänden erbaut und von einem Zauberer ausgeschmückt worden.

Während die Gesellschaft noch mit extatischen Ausrufungen über den Geschmack und Reichtum dieses Gemaches beschäftigt war, welches in der Folge unter dem Namen »blaues Zimmer« eine Berühmtheit erlangte, drängte sich Voiture bleich, atemlos und mit Blut bedeckt durch die Versammlung.

»Ist ein Arzt zugegen?« schrie er, »der Graf Pisani hat sich soeben mit Souscarières geschlagen und ist gefährlich verwundet.«

Zur selben Zeit konnte man im Hintergrunde des Saales den bewusstlosen und leichenähnlichen Körper Pisani's sehen, der auf den Armen von Brancas und Chavaroche ruhte.

»Mein Sohn! mein Bruder! der Marquis!« waren die drei Schreie, welche zu gleicher Zeit ausgestoßen wurden, und ohne sich weiter um das »blaue Zimmer« zu bekümmern, welches aus eine so traurige Art eingeweiht worden war, drängte sich Jedermann in die Nähe des Verwundeten.

In demselben Augenblicke, in welchem der Graf Pisani bewusstlos in das Hotel Rambouillet getragen wurde, setzte ein unerwartetes Ereignis, welches die Situation in eigentümlicher Weise verwickeln sollte, die Bewohner des Gasthauses »zum gefärbten Barte« in nicht geringes Erstaunen'.

Stephan Latil, welchen man todt glaubte und auf einen Tisch gelegt hatte, um ihn daselbst zu lassen, bis Bretter zu einer Tragbahre zusammengefügt waren, stieß plötzlich einen schweren Seufzer aus, schlug die Augen auf und sagte mit schwacher, doch vollkommen vernehmbarer Stimme:

»Ich habe Durst!«




VII.

Marina und Jaquelino


Wenige Minuten, bevor Latil durch jene zwei Worte ein Lebenszeichen gegeben hatte, welche in der Regel jeder Verwundete hervorstößt, wenn er aus einer Ohnmacht erwacht, welche aber besonders unserem Raufbolde geläufig waren, kam in das Wirtshaus »zum gefärbten Barte« ein junger Mann, der sich angelegentlich erkundigte, ob das im ersten Stockwerke gelegene Zimmer Nr. 13 von einer Bäuerin aus der Umgegend von Pau, Namens Marina, in Beschlag genommen sei. »Dieselbe ist,« fügte er hinzu, »an ihren schönen Haaren und glänzenden schwarzen Augen kenntlich, die so gut zu ihrem roten Mieder passen, sowie zu ihrem ganzen Anzug, welcher an die Kleidung der öden Berge von Lorasse erinnert, die Heinrich IV. als kleines Kind so oft mit bloßem Kopf und barfuß erklettert hat.«

Frau Soleil ließ mit ihrem reizendsten Lächeln dem jungen Manne Zeit zu allen diesen Auseinandersetzungen, denn ohne Zweifel fand sie Gefallen an ihm und wollte sich Gelegenheit verschaffen, ihn länger betrachten zu können; als er zu Ende war, antwortete sie mit einem Blicke, der vollkommenes Verständnis ausdrückte, dass die junge Bäuerin, welche sich Marina nenne, indem bezeichneten Zimmer sei und daselbst schon länger als eine halbe Stunde warte.

Und mit einer graziösen Bewegung, wie sie Frauen von 30 bis 35 Jahren stets gegenüber von jungen Männern zwischen zwanzig und zweiundzwanzig anzuwenden pflegen, zeigte sie dem jungen Manne die Treppe, welche nach dem Zimmer Nr. 13 führte.

Der Ankömmling war ein hübscher Junge, der das Alter von zwanzig Jahren nicht weit hinter sich haben mochte; er war von mittlerer Statur, aber gut gewachsen, und jede seiner Bewegungen war voll Eleganz und verriet dabei männliche Kraft. Er hatte die blauen Augen des Nordens, die schwarzen Haare und Augenbrauen des Südens, einen gebräunten Teint, einen feinen Schnur-und einen im Entstehen begriffenen Vollbart. Ein paar feingeschwungene Lippen, welche, sich öffnend, zwei Reihen blendend weißer, kleiner Zähne sehen ließen, um die ihn manche Dame beneidet hätte, vervollständigten die bestechende Physiognomie des Jünglings.

Sein baskischer Bauernanzug war eben so bequem als hübsch. Er bestand aus einem blutroten Barett, aus dessen Mitte eine schwarze Quaste auf die Schulter herabfiel, und das mit roten und schwarzen Federn geziert war, einem Wams von derselben Farbe wie das Barett, mit hängenden Ärmeln, unter welchen man die Ärmel eines eng anschließenden Panzercollets gewahrte, bauschiger Pluderhose und hohen Stiefeln von grauem Büffelleder. Ein lederner Gürtel, in welchem neben einem langen Rappiere ein breiter Dolch stak, vervollständigte den Anzug des jungen Mannes, den wir nicht als Bauer betrachten dürfen, da ihm seine Waffen den Charakter eines Landedelmannes gaben.

Vor der Tür des bezeichneten Zimmers angekommen, überzeugte er sich, ob wirklich die Nummer 13 über derselben angeschrieben sei, und erst als er darüber außer Zweifel war, klopfte er in einer eigenthümlichen Weise, indem er zwei Schläge rasch hintereinander folgen ließ, denen er nach einer Pause zwei andere Schläge beifügte, während ein fünfter Schlag erst nach Verlauf einiger Sekunden den Schluß dieser Art von Signal bildet.«

Sofort nach dem fünften Schlage öffnete sich die Tür, zum Beweis, dass der Besucher erwartet wurde.

Die Person, welche öffnete, war eine Frau in dem Alter von etwa 30 Jahren und in dem vollen Glanz einer blendenden Schönheit; ihre Augen, welche in dem Signalement, das der junge Mann der Wirtin gegeben hatte, eine so große Rolle spielten, funkelten wie zwei Diamanten aus dem Schatten ihrer langen dunklen Wimpern hervor; ihre Haare waren von so tiefem Schwarz, dass alle üblichen Vergleiche mit der Kohle, mit den Rabenflügeln u.s.w. ihnen gegenüber als unzureichend erscheinen mussten; ihre Wangen waren von jener warmen Blässe – mit einem tieferen, das wallende Blut verratenden Farbtone, welche Leidenschaften andeutet, die häufiger stürmisch und vorübergehend, als tief und dauernd sind; ihr von einer vierfachen Corallenschnur umschlossener Hals war in kräftige Schultern eingefügt und verlief in einen Busen, dessen Conturen sowohl, als das stürmische Wogen, das ihn bewegte, wahrlich nicht den geringsten Reiz der ganzen junonischen Gestalt ausmachten; die Taille war fein, und erschien noch feiner, als sie wirklich war, durch die echt spanische Wölbung der Hüfte. Der kurze Rock, von demselben Roth wie das Mieder, ließ ein tadellos, fast aristokratisch geformtes Unterbein und einen Fuß sehen, dessen Kleinheit im Verhältnisse zu der ganzen kräftigen Gestalt wahrhaft staunenswert war.

Die Tür wurde zuerst ein klein wenig geöffnet, und erst nachdem der junge Mann den Namen Marina ausgesprochen, worauf die Öffnende wie bei dem Austausch einer Parole mit dem Namen Jaquelino geantwortet hatte, tat sich die Tür ganz auf und Marina trat von derselben weg, um den Erwarteten ins Zimmer eintreten zu lassen, worauf sie die Tür rasch ins Schloss drückte und den Riegel vorschob, dann aber sich schnell umwandte, gleich als drängte es sie, den Mann genauer zu besehen, der sie aufzusuchen gekommen war.

Beide blickten sich nun eine Zeit lang mit gleicher Neugier an; Jaquelino mit gekreuzten Armen, zurückgeworfenem Kopfe und lächelnden Lippen, Marina den Kopf vorgebeugt, die Hände rückwärts noch auf das Türschloss gestützt und in einer Stellung, die an die katzenartigen Raubtiere erinnern musste, die ihre Beute beschleichen, bereit, jede Sekunde auf dieselbe zuzuspringen.

»Ventre-Saint-Gris,« rief der junge Mann, »da habe ich, wie es scheint, eine reizende Cousine!«

»Und ich,« erwiderte die junge Frau, »einen sehr hübschen Vetter!«

»Meiner Treu,« fuhr Jaquelino fort, »wenn man so nahe mit einander verwandt ist, wie wir, und einander noch niemals gesehen hat, so sollte es mir scheinen, dass man die Bekanntschaft am besten damit anfängt, dass man einander umarmt.«

»Ich habe nichts gegen diese Art des Bewillkommmens,« erwiderte Marina und hielt dem jungen Manne ihre Wangen hin, welche sich mit einer flüchtigen Rothe bedeckten, die ein Kenner nicht der Schamhaftigkeit, sondern im Gegenteile einer leichten Erregbarkeit zuschreiben musste.

Die beiden jungen Leute umarmten sich.

»Es wäre doch, bei der Seele meines Vaters,« rief der junge Mann mit dem Ausdruck guter Laune, welche bei ihm gewöhnlich zu sein schien, »die angenehmste Sache von der Welt, eine schöne Frau zu umarmen, wenn es nicht noch angenehmer wäre, diese Umarmung zu wiederholen!«

Und er breitete nochmals seine Arme aus, um die Tat dem Worte folgen zu lassen.

»Mein schöner Vetter,« sagte aber Marina, ihn abwehrend, »wir werden davon später reden, wenn es Euch beliebt; nicht als ob es mir nicht ebenso angenehm schiene, als Euch, aber weil uns die Zeit dazu mangelt. Es ist dies Euer eigener Fehler; warum habt Ihr mich länger als eine halbe Stunde auf Euch warten lassen?«

»Das ist bei Gott eine schöne Frage! Weil ich glaubte,, von irgend einer dicken, deutschen Amme oder von einer vertrockneten spanischen Duenna erwartet zu werden. Aber sollte noch einmal die Gelegenheit kommen, dass wir Zwei zusammentreffen, so schwöre ich Euch, schöne Cousine, dass ich es sein werde, der Euch erwartet.«

»Ich nehme Notiz von diesem Versprechen,doch habe ich darum nicht mindere Eile, Der, die mich geschickt hat, die Nachricht zu hinterbringen, dass Ihr bereit seid, in allen Stücken ihren Befehlen so pünktlich zu gehorchen, wie es sich für einen höflichen Cavalier gegenüber einer großen Fürstin, geziemt.«

»Ich erwarte diese Befehle in Demut,« sagte der junge Mann, sich auf ein Knie niederlassend.

»O, o! Ihr vor mir auf den Knien! Monseigneur, Monseigneur, denkt Ihr wirklich an so etwas?« rief Marina, ihn aufhebend.

Dann fügte sie mit ihrem herausforderndsten Lächeln hinzu:

»Es ist eigentlich schade; Ihr nehmt Euch so gut in dieser Stellung aus.«

»Vor Allem,« sagte der junge Mann, die Hand seiner angeblichen Cousine drückend und sie veranlassend, sich neben ihn zu setzen, »hat man die Nachricht von meiner Rückkehr mit Befriedigung aufgenommen?«

»Mit Freude sogar.«

»Und bewilligt man mir gern diese Audienz?«

»Mit Entzücken.«

»Und wird die Botschaft, mit der ich betraut bin, gut aufgenommen werden?«

»Enthusiastisch!«

»Und dennoch sind bereits acht Tage verflossen, dass ich zurückgekehrt bin, und zwei Tage, dass ich warte.«

»Ihr seid in der Tat köstlich. Monseigneur! Und wie lange ist es denn, dass wir selbst von La Rochelle zurückgekehrt sind? Zwei Tage und ein halber.«

»Das ist wahr!«

»Und womit ist diese Zeit zugebracht worden?«

»Mit Festlichkeiten; ich weiß es, denn ich habe sie gesehen.

»Von wo aus?«

»Mein Gott, von der Straße aus, wie ein anderer einfacher Sterblicher.«

»Wie habt Ihr dieselben gefunden?«

»Entzückend!«

»Nicht wahr? Er besitzt Einbildungskraft, unser treuerer Kardinal. Seine Majestät Ludwig XIII. als Jupiter.«

»Ja, als Jupiter Stator.«

»Stator oder ein anderer, darauf kommt es wohl nicht an.«

»O, es kommt wohl darauf an, meine schöne Cousine: der Schwerpunkt der Frage liegt vielmehr in diesem Worte.«

»In welchem Worte?«

»In dem Worte Stator; wisst Ihr, was es bedeutet?«

»Nein!«

»Es will sagen, Jupiter, welcher aufhält oder auch welcher sich aufhält, mit andern Worten, welcher stehen bleibt.«

»Nehmen wir an, es hieße: Jupiter, welcher stehen bleibt.«

»Am Fuße der Alpen, nicht wahr?«

»Wir wenigstens werden unser Bestes tun, trotz des Blitzes, den Jupiter in der Hand hielt, und mit welchem er Österreich und Spanien zugleich bedrohte.«

»Ein Blitz von Holz —«

»Und ungeflügelt; die Flügel des Blitzes sind in Bezug auf den Krieg stets die Geldkassen, und ich halte weder den König noch den Kardinal für besonders reich. Jupiter Stator wird also, nachdem er dem Osten und dem Westen genug drohte, wahrscheinlich den Blitz aus der Hand legen, ohne ihn geschleudert zu haben.«

»O, sagt Ihr das heute Abend unseren armen Königinnen und Ihr werdet sie glücklich machen.«

»Ich habe ihnen Besseres als das zu sagen; ich habe ihnen, wie ich es bereits Ihre Majestäten wissen ließ, einen Brief des Fürsten von Piemont zu übergeben, welcher schwört, dass die französische Armee die Alpen nicht überschreiten wird.«

»Wenn er nur diesmal Wort hält; es ist, Ihr wisst es, sonst nicht seine Gewohnheit.«

»Aber diesmal hat er alles Interesse dabei, Wort zu halten.«

»Wir plaudern, Vetter, wir plaudern und lassen die Zeit unnütz verstreichen.«

»Das ist Eure Schuld, Cousine,« sagte der junge Mann mit einem Lächeln, das seine schönen Zähne sehen ließ, »Ihr wollt die Zeit nicht mit nützlichen Dingen ausfüllen.«

»Da sei einmal Jemand seiner Herrschaft ergeben und nehme sich ihretwegen das Brot aus dem Munde; nichts als Vorwürfe werden diese Ergebenheit belohnen. Mein Gott, wie undankbar ist doch die Welt!«

»Nun, ich höre Euch an, Cousine!«

Und der junge Mann gab seiner Miene den ernstesten Ausdruck, den er hervorzubringen vermochte.

»Gut! Am heutigen Abende gegen elf Uhr werdet Ihr im Louvre erwartet.«

»Wie? Heute Abend schon soll ich die Ehre haben, von Ihren Majestäten empfangen zu werden?«,

»Heute Abend!«

»Ich dachte, dass heute Schauspiel und Gelegenheitsballett bei Hofe ist?«

»Ja, aber als die Königin dies hörte, hat sie sich sofort über große Müdigkeit und unerträglichen Kopfschmerz beklagt; sie sagte, dass nur der Schlaf sie wieder herstellen könne. Man holte Bouvard; dieser erkannte alle Symptome einer heftigen Migräne; Bouvard gehört nämlich uns, obwohl er Arzt des Königs ist, mit Leib und Seele. Er verordnete die absoluteste Ruhe und die Königin ruht aus, indem sie Euch erwartet.«

»Aber auf welche Weise gelange ich in den Louvre? Ich setze voraus, dass dies nicht dadurch geschehen soll, dass ich meinen Namen nenne.«

»Seid ruhig, es ist für Alles gesorgt. Ihr werdet Euch heute Abend in der Kleidung eines Edelmannes in die Rue des Fosses St. Germain begeben. Ein Page, in die Farben der Prinzeß – chamois und blau – gekleidet, wird Euch an der Ecke der Rue des Poulies erwarten; er wird das Losungswort haben und Euch bis an den Eingang des Corridors geleiten, wo die Ehrendame vom Dienst Euch in Empfang nehmen wird, um Euch sogleich zu Ihrer Majestät zu führen, wenn dieselbe Euch sofort empfangen kann, oder Euch in einem benachbarten Kabinett warten zu lassen, bis der Augenblick der Audienz gekommen sein wird.«

»Und warum gebt Ihr, teure Cousine, Euch nicht selbst die Mühe, mich während des Wartens geduldig zu erhalten; ich gestehe Euch, dass das mir außerordentlich angenehm wäre.«

»Weil die Woche meines Dienstes zu Ende ist, und ich, wie Ihr seht, meinen Dienst außerhalb des Schlosses verrichte.«

»Und Ihr habt mir ganz das Aussehen, als wüsstet Ihr Euch diesen äußeren Dienst möglichst angenehm einzurichten.«

»Was wollt Ihr, lieber Vetter, man lebt nur einmal!«

In diesem Augenblicke hörte man die Uhr vom Turme der Carmeliter schlagen. ^

»Neun Uhr!« . rief Marina, »umarmt mich schnell, lieber Vetter, und lasst mich hinaus; ich habe kaum noch Zeit, in den Louvre zurückzukehren und daselbst zu erzählen, dass ich einen sehr liebenswürdigen Mann zum Vetter habe, welcher – was würdet Ihr wohl für die Königin geben?«

»Mein Leben! Ist das genug?«

»Es ist Zuviel! gebt nur immer das, was Ihr zurücknehmen könnt, und nie das, was, einmal gegeben, auf ewig, verloren ist. Auf Wiedersehen, Cousin!«

»Apropos!« rief der junge Mann, sie zurückhaltend, »gibt es kein Erkennungszeichen, keine Parole, die mit dem Pagen ausgetauscht werden müsste?« .,

»Es ist wahr! ich vergaß; Ihr werdet ihm Casale sagen und er wird Mantua antworten.«

Und die junge Frau bot dem jungen Manne jetzt nicht ihre Wangen, sondern ihre frischen, vollen Lippen zu einem Kusse, den er auch recht herzlich darauf drückte.

Dann lief sie die Treppe mit einer Schnelligkeit hinab, als ob sie gefürchtet hätte, nicht widerstehen zu können, wenn man den Versuch machen sollte, sie zurückzuhalten.

Jaquelino sah ihr eine Weile nach, setzte dann seine rote Kappe wieder auf seinen Kopf und stieg, ein Liedchen trällernd, langsam genug die Stiege hinab, um der Botin aus dem Louvre Zeit zu lassen, sich indessen aus dem Hause zu entfernen.

Er war bei der dritten Strophe seines Liedes und auf der letzten Stufe der Stiege angelangt, als ihm ein Blick in den Saal des Erdgeschosses, dessen Tür offen stand, einen bleichen und blutigen Mann zeigte, der ausgestreckt auf einem Tische lag und an dessen Seite ein Kapuziner kniete, der die Beichte des Sterbenden zu hören schien. An den Fenstern und der Tür drängten sich Neugierige, welche jedoch durch die Gegenwart des Mönches und die Feierlichkeit der Szene abgehalten wurden, den Saal zu betreten.

Dieser Anblick ließ das Lied auf den Lippen des jungen Mannes ersterben und da der Wirt sich im Bereiche seiner Stimme befand, rief er:

»He. Meister Soteil!«

Meister Soleil kam, die Mütze in der Hand, herbei.

»Was steht denn zu Diensten, mein schöner junger Herr?« fragte er.

»Was zum Teufel tut dort jener Mann auf dem Tische, mit dem Mönche an seiner Seite?«

»Er beichtet.«

»Ich sehe wohl, dass er beichtet, aber wer ist er und warum beichtet er?«

»Wer er ist?« sagte der Wirt mit einem Seufzer; »er ist ein braver und rechtschaffener Bursche Namens Stephan Latil und gehört zu den besten Kunden meines Hauses. Warum er beichtet? Weil er aller Wahrscheinlichkeit nach nur noch wenige Stunden zu leben hat. Da er ein religiöses Gemüt hat und mit großem Geschrei nach einem Priester verlangte, hat meine Frau diesen würdigen Kapuziner herbeigeholt, der eben von den Carmelitern kam.«

»Und woran stirbt Euer rechtschaffener Bursche?«

»O, mein Herr! Ein Anderer wäre schon zehnmal daran gestorben, Er stirbt an zwei fürchterlichen Degenstößen, wovon der eine in den Rücken hinein und bei der Brust hinausging, während der andere gerade den entgegengesetzten Weg nahm.«

»Ihr kämpfte also mit mehreren Leuten?«

»Mit vieren, mein Herr, mit vieren!«

»Ein Duell?«

»Nein, ein Racheakt.«

»Ein Racheakt?«

»Ja, man fürchtete,dass er reden würde.«

»Und wenn er geredet hätte, was hätte er sagen können?«

»Dass man ihm tausend Pistolen angeboten hätte, damit er den Grafen von Moret tödte, und dass er dieses Anerbieten ausgeschlagen habe.«

Der junge Mann erbebte bei der Nennung dieses Namens und sah den Gastwirt scharf an.

»Damit er den Grafen von Moret tödte,« wiederholte der junge Mann, »seid Ihr dessen auch vollkommen sicher, was Ihr da behauptet, guter Mann?«

»Ich habe es aus seinem eigenen Munde; es ist das Erste, was er gesagt hat, nachdem er zu trinken verlangte.«

»Den Grafen von Moret,« sagte der junge Mann vor sich hin sinnend, »Anton von Bourbon?«

»Anton von Bourbon, so ist es!«

»Den Sohn des Königs Heinrich IV.«

»Und der Frau Jaqueline von Beuil, Gräfin von Moret.«

»Das ist sonderbar!« flüsterte der junge Mann.

»So sonderbar es auch sein mag, verhält es sich doch nicht anders.«

Nach einem Stillschweigen, welches einige Augenblicke gewährt hatte, schritt der junge Mann zum großen Erstaunen Soleil's und trotz seiner Rufe: »Wohin geht Ihr?« durch die Neugierigen, welche die Tür belagerten, sich Bahn machend, in den Saal und gerade auf den Tisch zu, auf welchem Latil sich vor Schmerzen krümmte, und eine reichlich gefüllte Börse auf den Tisch werfend, sagte er:

»Stephan Latil! Wenn Ihr von Euren Wunden genesen solltet, so begebt Euch nach dem Hotel des Herzogs von Montmorency in der Rue des Blancs Manteaux; solltet Ihr aber sterben, so sterbt ruhig im Vertrauen auf den Herrn; die Messen sollen der Ruhe Eurer Seele nicht fehlen!«

Bei der Annäherung des jungen Mannes hatte sich Latil auf seinem Ellbogen aufgerichtet und verharrte in dieser Stellung mit starrem Blicke, gerunzelten Augenbraunen und geöffnetem Munde, als ob er ein Gespenst sähe.

Als der junge Mann aber wiederum den Rücken gekehrt hatte, flüsterte er:

»Der Graf von Moret!« und ließ sich wieder auf die Tischplatte zurückfallen.

Der Kapuziner aber zog, als er des falschen Jaquelino ansichtig geworden, schnell die Capuze tief ins Gesicht, gleich als ob er gefürchtet hätte, von dem jungen Manne erkannt zu werden.




VIII.

Treppen und Corridors


Aus dem Wirtshaus »zum gefärbten Barte« kommend, durchschritt der Graf von Moret, dessen Inkognito wir nun nicht mehr aufrecht zu halten brauchen, die Rue d l'Homme Armé und wandte sich dann nach rechts in die Rue des Blancs Manteaux, wo er an das Thor des dem Herzog von Montmorency, Heinrich II., gehörigen Hotels klopfte. Dieses Hotel hatte noch einen andern Ausgang, der in die Rue St. Avoye führte.

Ohne Zweifel genoss der Sohn Heinrichs IV. ein großes Ansehen in diesem Hause, denn kaum war er erkannt worden, als ein Page von etwa fünfzehn Jahren einen Armleuchter ergriff, die vier Wachskerzen auf demselben anzündete, und ihm voran leuchtete.

Der Prinz folgte dem Pagen.

Die Wohnung des Grafen von Moret befand sich im ersten Stockwerke, der Page beleuchtete eines der Zimmer, indem er die wohlriechenden Kerzen zweier Candelaber anzündete, und fragte dann:

»Haben Eure Hoheit irgend einen Auftrag für mich?«

»Bist Du heute Abend bei deinem Herrn beschäftigte Galaor?« fragte der Graf von Moret.

»Nein, Monseigneur, ich habe Urlaub.«

»Willst Du mich begleiten?«

»Mit großem Vergnügen, Monseigneur!«

»In diesem Falle kleide Dich warm an und versieh Dich mit einem guten Mantel; die Nacht wird kalt werden.«

»O, o,« sagte der kleine Page, der durch seinen Herrn an dergleichen Abenteuer gewöhnt worden war, »ich werde, wie es scheint, irgendwo Wache zu stehen haben.«

»Ja, und zwar wird es eine Ehrenwache im Louvre sein, aber, Galaor, das; Du ja keine Silbe davon erwähnst, nicht einmal deinem Herrn gegenüber.«

»Das versteht sich!« sagte der Knabe lächelnd und einen Finger an seine Lippen legend.

Dann machte er eine Bewegung, um das Zimmer zu verlassen.

»Warte!« sagte der Graf von Moret, »ich habe Dir noch einige Verhaltungsbefehle zu geben.«

Der Page verbeugte sich.

»Du wirst selbst ein Pferd satteln und zwei geladene Pistolen in die Halfter stecken.«

»Ein Pferd bloß?«

»Ja, bloß ein Pferd, Du wirst hinter mir auf die Croupe steigen; würden wir ein zweites Pferd nehmen, so würden wir die Aufmerksamkeit auf uns ziehen.«

»Die Befehle Monseigneurs werden pünktlich vollzogen werden.«

Es schlug zehn Uhr; der Graf horchte, indem er die Schläge zählte.

»Zehn Uhr!« sagte er, »beeile Dich, Galaor, damit in einer Viertelstunde Alles bereit ist.«

Der Page verbeugte sich und verließ das Zimmer, ganz stolz darüber, dass ihn der Graf von Moret zum Vertrauten gemacht hatte.

Dieser wählte unter seiner Garderobe einen einfachen, aber höchst eleganten Anzug aus und bekleidete sich damit. Das Wams war von granatbraunem, die weiten Beinkleider von blauem Samt. Die kostbarsten Brüsseler Spitzen bildeten den Kragen und die Manschetten eines feinen Hemdes, welches zwischen Wams und Beinkleidern sich ein wenig hervorbauschte; hohe Reiterstiefel von Büffelleder um, schlossen die Beine, und ein Schlaghut, an welchem zwei Straußenfedern ebenfalls in Granatbbraun und Blau durch eine Diamantenagraffe festgehalten wurden, bildete die Kopfbedeckung. In einem reichen Wehrgehänge stak ein Degen, dessen Griff fein ziseliert war, während die Klinge aus dem besten Stahl bestand, der also als Luxus-, wie als Verteidigungswaffe gleich trefflich diente.

Dann wendete er mit der der Jugend eigentümlichen und natürlichen Koketterie auf sein Gesicht einige Sorgfalt; er kämmte seine natürlich gelockten Haare zu beiden Seiten der Stirne herab, gab seinem Schnurrbart einen graziösen Schwung, strich seinen Vollbart gerade, der zu seinem Leidwesen gar zu langsam in die Länge wuchs, und nahm dann aus einer Schublade eine Börse, welche die an Latil verschenkte zu ersetzen bestimmt war. Durch diese Börse wurde er an das Abenteuer mit Latil erinnert, und er stellte sich wiederholt die Frage:

»Wer zum Teufel mag ein Interesse daran haben, mich aus der Welt zu schaffen?«

Da er sich jedoch aus diese Frage keine befriedigende Antwort zu erteilen vermochte, verwischte er die Erinnerung an Latil und seine Beichte mit der Sorglosigkeit der Jugend aus seinem Gedächtnisse, betastete sich, ob er nichts vergessen, warf noch einen Seitenblick in den Spiegel und stieg die Treppe hinab, indem er die letzte Strophe jenes Liedes summte, dessen erste Strophen er in dem Wirtshause »zum gefärbten Barte« gesungen hatte, als ihn der Anblick des Schwerverwundeten so unerwartet aus dem Concepte brachte.

Vor dem Thore des Hotels fand der Graf das Pferd und den Pagen, welche ihn erwarteten. Er schwang sich mit der Leichtigkeit und Eleganz eines vollendeten Reiters in den Sattel; auf seine Aufforderung sprang Galaor hinter ihm auf die Croupe des Pferdes. Nachdem der Graf sich überzeugt hatte, dass der Knabe sicher und bequem sitze, ließ er sein Pferd aus traben und befand sich eine kleine Viertelstunde nachher in der Rue des Poulies.

An der Ecke, welche die Rue des Poulies mit der Rue des Fosses St. Germain bildet, saß unter einem von einer Lampe beleuchteten Madonnenbilde ein junger Knabe, der, sobald er den Reiter erblickte, der hinter sich auf dem Pferde einen Pagen sitzen hatte, sofort erkannte, dass das der Edelmann sei, auf den zu warten ihm befohlen worden war, und seinen Mantel auseinander schlug.

Dieser Mantel bedeckte einen Anzug in Chamois und Blau, welche Farben die Livree der Frau Prinzeß bildeten.

Auch der Graf erkannte den Pagen, den man ihm bezeichnet hatte; er hieß Galaor absteigen, und nachdem auch er sich aus dem Sattel geschwungen, trat er auf den Knaben zu.

Dieser erhob sich von dem Ecksteine, auf dem er gesessen hatte, und nahm eine respektvolle Haltung an.

»Casale,« sagte der Graf.

»Mantua,« gab der Page zurück.

Der Graf machte Galaor ein Zeichen, sich zu entfernen, und sich wieder zu Dem wendend, der ihm als Führer dienen sollte, sagte er:

»Du bist es also, dem ich jetzt folgen soll, mein schöner Junge?«

»Ja, Herr Graf, wenn es Euch beliebt,« antwortete der Page mit einer so feinen und wohlklingenden Stimme, dass dem Grafen im Augenblicke die Idee kam, er habe eine Frau vor sich.

»Gut denn!« sagte der Graf, indem er aufhörte, seinen Führer zu duzen, »zeigt mir also den Weg, den ich zu gehen habe.«

Diese Veränderung in den Worten des Grasen entging keineswegs demjenigen oder derjenigen, an den oder an die sie gerichtet waren. Der Page warf einen schalkhaften Blick auf den Grafen, bemühte sich nicht einmal ein Lächeln zu verbergen, das auf seine Lippen trat, nickte mit dem Kopfe und setzte sich in Bewegung.

Sie überschritten, ohne angehalten zu werden, die Zugbrücke, Dank einem Worte, das der Page der Schildwache zugeflüstert hatte, kamen ebenso unangefochten durch das Thor des Louvre, und schlugen die Richtung nach dem nördlichen Flügel ein.

Als man zu dem Garten kam, nahm der Page den Mantel ab, damit man seine Livree sehen solle, und sagte mit einer Stimme, die er sich bemühte, so männlich als mir immer möglich ertönen zu lassen:

»Hofstaat der Frau Prinzeß!«

Aber in der Bewegung, welche er hierbei zu machen gezwungen war, musste der Page sein Gesicht bloß geben, ein Strahl der Laterne auf der Treppenflur beleuchtete dasselbe und ließ den Grafen von Moret an der üppigen Fülle goldblonder Haare, an den blauen Augen, in denen die Schalkhaftigkeit ihren Sitz hatte, an dem fein gezeichneten Munde, der ebenso freigebig Bosheiten wie Küsse austeilte, Marie de Rohan-Montbazon, Herzogin von Chevreuse, erkennen.

Er näherte sich ihr lebhaft und fragte sie, als man die Treppe hinan stieg:

»Theure Marie, erzeigt mir der Herr Herzog noch immer die Ehre, auf mich eifersüchtig zu sein?«

»Nein, mein lieber Graf, namentlich nicht, seitdem er weiß, dass Ihr in Frau von Montagne in dem Grade verliebt seid, dass Ihr ihretwegen Tollheiten begeht.«

»Gut geantwortet,« lachte der Graf, »und ich sehe hieraus, dass Ihr noch immer die geistreichste und hübscheste Frau von der Welt seid.«

»Wenn ich aus keiner andern Ursache aus Holland zurückgekehrt wäre, als um aus Eurem Munde Komplimente zu hören, mein Prinz,« sagte der Page, sich verneigend, »wahrhaftig, es würde mir um die Reisekosten nicht leid sein.«

»Aber ich glaubte, dass Ihr seit dem Abenteuer in den Gärten von Amiens verbannt wäret?«

»Man hat meine Unschuld, wie die Ihrer Majestät, anerkannt, und auf die Bitten der Königin hat der Herr Kardinal die Güte gehabt, mich zu pardonniren.«

»Ohne jede Bedingung?«

»Man verlangte von mir das heilige Versprechen, dass ich mich nicht mehr in die Intrigen des Hofes mischen würde.«

»Und Ihr haltet Euer gegebenes Wort?«

»Auf's Gewissenhafteste, wie Ihr seht.«

»Und euer Gewissen sagt Euch nichts darüber?«

»Ich habe einen päpstlichen Ablass.«

Der Graf lachte laut auf.

»Im Übrigen,« sagte der falsche Page, »heißt es wohl nicht intrigieren, wenn man Schwager und Schwägerin zusammenführt.«

»Teure Marie,« sagte der Graf von Moret, dem Pagen die Hand drückend und sie an seine Lippen pressend, mit jener leicht erregten Leidenschaftlichkeit, die er von seinem Vater geerbt hatte, »solltet Ihr mir die Überraschung aufgespart haben, dass sich auf meinem Wege zur Königin Euer Zimmer befindet?«

»O, man sieht wohl, dass Ihr der rechtmäßige Sohn Heinrichs IV. seid und dass die Anderen nur Bastarde sind.«

»Auch mein Bruder Ludwig XIII.?« fragte lächelnd der Graf von Moret.

»O, vor Allem dieser Ludwig XIII., den Gott in seinen Schutz nehmen möge. Warum hat er nicht ein wenig von Eurem Blute in seinen Adern?«

»Wir sind ja nicht von derselben Mutter, Herzogin!«

»Und vielleicht auch nicht einmal von demselben Vater —« .

»Marie, Ihr seid anbetungswürdig und ich, muss Euch umarmen.«

»Seid Ihr toll? Einen Pagen auf der Stiege zu umarmen; wollt Ihr Euch um Euren Ruf bringen, besonders da Ihr erst aus Italien zurückgekommen seid?«

»Ich bin entschieden heute Abend im Unglücke,« sagte der Graf, den Arm der Herzogin fahren lassend.

»Da sehe man! Die Königin schickt ihm eine unserer schönsten Frauen in das Wirtshaus »zum gefärbten Barte« und er wagt es noch, sich zu beklagen.«

»Meine Cousine Marina?«

»Ja, meine Cousine Marina,« spottete die Herzogin.

»Ah, Ventre-Saint-Gris, Ihr müsst mir wirklich sagen, wer diese reizende Hexe ist.«

»Wie? Ihr kennt sie nicht?«

»Nein!«

»Ihr kennt die Fargis nicht?«

»Fargis, die Frau unseres Gesandten in Spanien?«

»Dieselbe; man platzierte sie nach jener verhängnisvollen Szene in den Gärten von Amiens, von denen wir eben gesprochen haben, in die Nähe der Königin.«

»A la bonne heure!« lachte der Graf von Moret, »das ist einmal eine gut gehütete Königin, an deren Bette zu Häuptern die Herzogin von Chevreuse und zu Füßen Frau von Fargis Wache halten. Ach, mein armer Bruder Ludwig! Gesteht Ihr es, Frau Herzogin, dass er besser bedient sein könnte?«

»Aber wisst Ihr, Monseigneur, dass Ihr zum Entzücken unverschämt seid, und dass es ganz gut ist, dass wir bereits an Ort und Stelle uns befinden?«

»Wir sind also bereits angelangt?«

Die Herzogin zog einen Schlüssel aus ihrer Tasche und öffnete damit die Tür zu einem dunklen Korridor.

»Hier ist Euer Weg, Monseigneur!« sagte sie.

»Ich hoffe, dass Ihr nicht die Absicht habt, mich da hineingehen zu lassen.«

»Und warum nicht? Ihr werdet wirklich da hineingehen, und das ganz allein.«

»Gut! Man hat meinen Tod beschlossen; ich werde da, plötzlich eine offene Falltür unter meinen Füßen haben, und dann, gute Nacht Anton von Bourbon. Ich werde eigentlich nicht viel dabei verlieren, da mich die Frauen so schlecht behandeln.«

»Undankbarer! Wenn Ihr Diejenige kennen würdet, die Euch am anderen Ende dieses Korridors erwartet!«

»Wie!« rief der Graf, »ich werde jenseits dieses Korridors von einer Frau erwartet?«

»Das wird die Dritte an diesem Abende sein, trotzdem hört Ihr nicht auf, Euch zu beklagen, schöner Amadis.«

»Ich beklage mich nicht mehr; auf Wiedersehen, Herzogin!«

»Gebt auf die Falltüren Acht!«

»Die sind mir jetzt gleichgültig; ich wage Alles!«

Die Herzogin verschloss die Tür hinter dem Grafen, welcher sich nun in der vollkommensten Dunkelheit befand.

Einen Augenblick zögerte er; er wusste durchaus nicht, wo er sich befand; einen Moment ging er wirklich mit dem Gedanken um, zurückzugehen, doch das Geräusch des Schlüssels, der die Tür hinter ihm abschloss, hielt ihn auf seinem Platze.

Nach wenigen Sekunden hatte er sich entschlossen, das Abenteuer bis an sein Ende zu verfolgen.

»Ventre-Saint-Gris!« rief er, »die schöne Herzogin behauptet, ich sei der echte Sohn Heinrichs IV.; strafen wir sie nicht Lügen!«

Und er schlich, den Atem anhaltend und mit den Händen vor sich hin tastend, durch den Korridor.

Kaum hatte er zwanzig Schritte mit jenem Zaudern gemacht, das selbst der Mutigste nicht überwinden kann, wenn er sich im Finstern befindet, als er das Rauschen eines Frauenkleides zu hören glaubte, das ihm immer näher kam.

Er blieb stehen, das Rauschen hörte auf.

Er überlegte noch, wie er die Person anreden sollte, von der das Geräusch ausging, als eine sanfte und zitternde Stimme fragte:

»Seid Ihr es, Monseigneur?«

Die Inhaberin der Stimme konnte kaum zwei Schritte vom Grafen entfernt sein.

»Ich bin es!« antwortete der Graf.

Und er trat einen Schritt vorwärts. Seine Hand berührte dabei eine andere, weiche Hand, welche ausgestreckt worden zu sein schien, um ihn zu suchen, die sich aber nach der erfolgten Berührung schüchtern zurückzog.

Zugleich ließ sich ein leichter Schrei hören, der von Überraschung und Angst hervorgerufen sein mochte, aber so einschmeichelnd und melodisch klang, wie der Seufzer einer Sylphe oder das Vieriren einer Aeolsharfe.

Der Graf erbebte; er empfand bei dem Anhören dieses Tones ein Gefühl, das er bisher noch nicht gekannt hatte.

Tiefes Gefühl war köstlich.

»Wo seid Ihr?« flüsterte er.

»Hier!« wurde zögernd geantwortet.

»Man hat mir gesagt, dass ich eine Hand finden würde, die mich führt, da ich den Weg nicht kenne; werdet Ihr mir diese Hand verweigern?«

Eine Pause folgte, während welcher die Person, an welche die Frage gerichtet war, zu überlegen schien; dann erfolgte die Antwort:

»Hier ist meine Hand.«

Mit beiden Händen erfasste der Graf das Händchen, das ihm gereicht wurde, und machte eine Bewegung, um es an seine Lippen zu drücken, aber diese Bewegung wurde durch ein einziges Wort vereitelt, dessen bittende Betonung nur als ein Schmerzensruf verletzter Schamhaftigkeit gedeutet werden konnte.

»Monseigneur!«

»Verzeihung, mein Fräulein!« sagte der Graf, und der Ausdruck, mit dem er diese Worte sprach, war so achtungsvoll, als ob er sie an die Königin selbst gerichtet hätte.

Ein Stillschweigen folgte; der Graf behielt die Hand der Dame in der seinigen, und diese versuchte es nicht mehr, sie zurückzuziehen, aber sie ruhte unbeweglich in der sie umschließenden Hand, und es war, als ob ein fester Wille alles Leben aus ihr entfernt hätte.

Es war, wenn man sich dieses Ausdruckes bedienen darf, eine stumme Hand.

Aber die Ausdruckslosigkeit dieser Hand hinderte den Grafen nicht, zu bemerken, dass sie klein, zart, aristokratisch gebaut und vor Allem von jungfräulicher Frische sei.

Nicht an seine Lippen hatte er jetzt das Verlangen sie zu pressen, sondern gegen sein Herz.

Seit er diese Hand berührt hatte, war er unbeweglich geblieben, als ob er den Zweck seines Hierseins völlig vergessen hätte.

»Kommt Ihr, Monseigneur?« fragte die sanfte Stimme.

»Wohin wollet Ihr, dass ich gehe?« sagte der Graf, ohne sonderlich zu wissen, was er sprach.

»Dorthin, wo die Königin Euch erwartet; zu Ihrer Majestät!«

»Es ist wahr,« erwiderte er seufzend, »ich hatte es vergessen; gehen wir!«

Und ein moderner Theseus tappte er durch ein weniger kompliziertes. aber viel finstereres Labyrinth als das von Creta, und nicht durch den Faden Ariadne's, sondern von Ariadne selbst geführt.

Nachdem einige Schritte gemacht worden waren, wandte sich Ariadne nach rechts.

»Wir sind gleich zur Stelle!« sagte sie.

»Leider!« flüsterte der Graf.

Man langte in der Tat vor einer Glastür an, welche in das Vorzimmer der Königin führte; aber da die Majestät in Folge ihrer Unpässlichkeit sich bereits zur Ruhe begeben hatte, waren in diesen! Vorzimmer alle Lichter bis auf eine Ampel ausgelöscht, welche von der Decke herabhing und durch ihre matt geschliffene Schale nur ein sehr schwaches Dämmerlicht verbreitete.

Bei diesem geringen Scheine versuchte es der Graf, seine Führerin zu betrachten, aber er konnte nichts als die Umrisse ihrer Gestalt gewahren.

Das junge Mädchen blieb stehen.

»Monseigneur,« sagte sie, »da Ihr hier genug seht, um allein geben zu können, so folgt mir.«

Und trotz einer leichten Anstrengung, die der Graf machte, um ihre Hand festzuhalten, befreite sie dieselbe, schritt voran, öffnete die Tür und trat in das Vorzimmer der Königin.

Der Graf von Moret folgte ihr.

Schweigend und auf den Fußspitzen durchschritten Beide das Vorzimmer, um die dem Korridor gegenüberliegende Tür zu erreichen, welche in die Gemächer Anna's von Österreich führte.

Plötzlich blieben sie stehen, denn sie vernahmen ein Geräusch, welches mit jeder Sekunde näher kam.

Dieses Geräusch rührte von mehreren Personen her, welche die große Treppe hinan stiegen.

»Mein Gott,« flüsterte das Mädchen bestürzt, »sollte es der König sein, der, vom Ballet kommend, sich nach dem Befinden Ihrer Majestät erkundigen, oder vielmehr sich überzeugen will, ob sie wirklich krank ist?«

»Man kommt in der Tat von dieser Seite!« sagte der Graf.

»Wartet,« sagte die junge Dame, »ich will nachsehen.«

Sie ging aus die Tür zu, welche auf die Haupttreppe führte, öffnete sie ein wenig und kehrte schnell zum Grafen zurück.

»Er ist es wirklich,« sagte sie; »schnell, schnell in dieses Kabinett!«

Und eine Tapetentür öffnend, stieß sie den Grafen durch dieselbe, und trat nach ihm in das Kabinett.

Es war hohe Zeit gewesen. Kaum hatte sich die Tür des Kabinetts geschlossen, als sich die andere schon öffnete, und unter Vorantritt zweier Pagen, welche Fackeln trugen, und in Begleitung seiner Lieblinge, Baradas und St. Simon, denen der erste Kammerdiener, Beringhen, folgte, trat der König Ludwig XIII. in das Vorzimmer, und verfügte sich, nachdem er seinem Gefolge ein Zeichen gegeben hatte, zu warten, in die Gemächer der Königin.




IX.

Ludwig XIII


Wir glauben, dass die Zeit gekommen ist, unsern Lesern den König Ludwig XIII. vorzustellen, und sie werden uns verzeihen, wenn wir dieser eigentümlichen Persönlichkeit ein ganzes Capitel widmen.

Ludwig XIII., geboren am 27. September 1601, also zu der Zeit, von der wir erzählen, in einem Alter von 27 Jahren und drei Monaten, war eine lange, trübselige Figur von braunem Teint, mit einem großen schwarzen Schnurrbart. Kein Zug, weder seiner Physiognomie noch seines Charakters, erinnerte an Heinrich IV., ja nicht einmal an den Franzosen. Da war keine Spur von Fröhlichkeit, von Jugend. Die Spanier erzählen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit, dass er der Sohn VirginioOrsini's, Herzogs von Bracciano, eines Cousins Marias von Medicis. sei. In der Tat hatte Maria von Medicis, als sie, bereits 27 Jahre zählend, nach Frankreich abreiste, von ihrem Oheim, dem Kardinal Ferdinand, welcher, um den Thron von Toscana zu besteigen, seinen Bruder Franz und seine Schwägerin Bianca Capello vergiftet hatte, ein Schreiben folgenden Inhaltes erhalten:

»Meine teure Nichte! Ihr seid im Begriffe, einen König zu heiraten, der seine erste Frau verstieß, weil sie ihm keine Kinder gebar. Ihr habt eine Reise vor Euch, die einen Monat währen wird; in Eurer Begleitung befinden sich drei hübsche Jungen; der Eine ist Virginio Orsini, der bereits Euer Cicisbeo ist. ferner Paolo Orsini, endlich Concino Concini. Sucht es so einzurichten, dass Ihr gesichert seid, von Eurem Gatten nicht verstoßen zu werden.«

Maria von Medicis hatte, wie die Spanier versicherten, den Rat ihres Oheims Punkt für Punkt befolgt. Sie hatte zehn Tage gebraucht, um von Genua nach Marseille zu gelangen, und obwohl Heinrich IV. nicht gerade sehr ungeduldig war, seine »dicke Banquiersfrau«, wie er sie nannte, zu sehen, fand er doch die Überfahrt etwas lang; der Dichter Malherbe aber hatte bald den Grund dieser Langsamkeit entdeckt; er schrieb sie der Liebe zu, welche Neptun für die königliche Braut fühlte, die er nicht sobald aus seinen Armen lassen wollte. Möglicher Weise war diese Entschuldigung nicht sehr logisch, aber Königin Margot hatte ihrem Gatten das Grübeln über ähnliche Entschuldigungen abgewöhnt.

Nach neun Monaten konnte der Großherzog Ferdinand sich beruhigen; er vernahm die Nachricht von der Geburt des Dauphins, dem man sofort den Beinamen »der Gerechte« beilegte, weil er unter dem Himmelszeichen der Wage zur Welt gekommen war.

Seit seiner Kindheit trug er den bei den Orsinis erblichen Trübsinn zur Schau, aber auch alle seine Anlagen verrieten seine italienische Abstammung; er war ein leidenschaftlicher Musiker, ein passabler Komponist und ein leidlicher Maler. Von schwächlichem Körperbau, wurde er in seiner Jugend den Experimenten von allerhand Ärzten und Quacksalbern ausgesetzt, woher es kam, dass er als junger Mann sehr kränklich war, und sogar zwei- oder dreimal dem Tode nahe kam. In einem Tagebuch, welches durch achtundzwanzig Jahre von seinem Arzte Hérouard geführt wurde, ist verzeichnet, was er Tag für Tag aß, womit er sich Stunde für Stunde beschäftigte. Seit seiner Kindheit verriet er wenig Herz, war hart, manchmal sogar grausam. Heinrich IV. züchtigte ihn zweimal mit seiner eigenen königlichen Hand, das erste Mal, als er gegen einen Edelmann so viel Abneigung gezeigt hatte, dass man, um ihm seinen Willen zu tun, eine blind geladene Pistole auf den Edelmann abschießen und den Dauphin glauben machen musste, derselbe sei todt auf dem Platze geblieben, das andere Mal, als er mit einem hölzernen Schlägel das Köpfchen eines Sperlings zerschmettert hatte.

Ein einziges Mal zeigte er seinen Willen, König zu sein, und betätigte denselben. Das war am Tage seiner Krönung. Man hatte ihm das Reichsscepter übergeben, welches sehr schwer war, da es aus massivem Gold und Silber bestand und mit Edelsteinen reich besetzt war. Seine Hand zitterte, als er es eine Weile hielt. Dies bemerkte der Prinz von Condé, der als der erste Prinz von Geblüt in seiner unmittelbaren Nahe stand, und wollte ihm die Hand unterstützen.

Aber Ludwig XIII. wandte sich lebhaft nach ihm um und sagte mit zornfunkelndem Blick:

»Ich habe die Absicht, das Scepter allein zu tragen, und brauche keinen Gehilfen!«

Seine Lieblingszerstreuung bestand darin, Elfenbeinkugeln zu drehen, Kupferstiche zu kolorieren, Kartenhäuser zu bauen oder in seinen Gemächern kleine Vögel durch einen gelben, abgerichteten Papagei jagen zu lassen. L'Etoile sagt von ihm mit Recht, dass er sich in allen seinen Handlungen allein sehr kindisches Kind erwies.

Seine beiden Hauptleidenschaften jedoch waren Musik und Gesang. In dem Tagebuch Hérouard's, einer sehr wenig gekannten Geschichtsquelle, heißt es: »Zu Mittag begibt er sich in die Galerie, um daselbst mit seinen Hunden Patelot und Grisette zu spielen.

»Um ein Uhr kehrt er nach seinen Zimmern zurück, lässt Ingret, seinen Lautenspieler, rufen, und macht gemeinschaftlich mit ihm Musik, indem er selbst zu seinem Spiele singt, denn er ist der Tonkunst leidenschaftlich ergeben.«

Manchmal reimte er, um sich zu zerstreuen, Sprichwörter und Sentenzen; hin und wieder forderte er auch seine Umgebung auf, Verse zu machen.

Wie alle melancholischen Charaktere, wusste er sich trefflich zu verstellen und gerade Denen, die er verderben wollte, zeigte er in dem Augenblicke, wo er seine Hand von ihnen abzog, sein gewinnendstes Lächeln.

Am 2. März, einem Montag des Jahres 1613, im Alter von zwölf Jahren, bediente er sich zum ersten Male der Lieblingsredensart Franz I., und schwor »auf Edelmanns Wort«. In eben diesem Jahre verlangte die Etiquette, dass man dem jungen Könige das Hemd reiche. Es war Courtauvaux, der es ihm übergab; einer seiner Genossen, wir können nicht sagen des Vergnügens, denn wir werden sogleich sehen, dass Ludwig XIII. sich nur zweimal in seinem Leben amüsirte.

Man erinnert sich, dass die Anklage gegen Chalais sagte: er hatte ihn vergiften wollen, indem er ihm das Hemd überwarf. In eben diesem Jahre wurde bei ihm durch den Marschall d'Ancre der junge Luynes eingeführt. Er hatte bisher zur Abwartung und Fütterung seiner Vögel nur einen einfachen Bauern gehabt; »einen Plattfuß von St. Germain Namens Pierrot,« sagt l'Etoile. Luynes wurde zum Oberfalconier ernannt, und Pierrot, der bis dahin allmächtig gewesen war, erhielt den Befehl, ihm zu gehorchen. Die Falken, Sperber, Weihen, Buntspechte und Papageien wurden zu Kabinettsvögeln ernannt, damit Luynes immer bei dem Könige bleiben könne, und aus jener Zeit datiert bei Ludwig XIII. eine solche Freundschaft für ihn, dass sein Oberfalconier ihn nicht nur vom Morgen bis zum Abend nicht verlassen durfte, sondern dass er sogar, wie Hérouard sagt, im Schlafe laut von ihm träumte, und seinen Namen rief, indem er ihn abwesend glaubte.

Wenn es Luynes nicht gelang, ihn zu unterhalten, so zerstreute er ihn doch wenigstens, indem er bei ihm die Neigung zur Jagd so sehr entwickelte, als dies die geringe Freiheit erlaubte, welche man den königlichen Kindern gewährt. Wir sahen, dass Ludwig in seinen Gemächern kleine Vögel mit einem gelben Papagei und Buntspechten jagte. Luynes ließ ihn in den Gräben des Louvre mit kleinen Windhunden Kaninchen jagen und auf der Ebene von Grenelle Weihe fliegen. Hier fing er – alle Daten sind von Wichtigkeit in dem Leben eines Königs von dem Charakter Ludwigs XIII. —. seinen ersten Reiher am 1. Januar, und am I. April desselben Jahres schoss er in Vaugirard sein erstes Rebhuhn.

Am Eingange des Pont dormant endlich, nahe dem Louvre, jagte er den ersten Menschen und tödtete Concini.

Wir wollen hier ein Blatt aus dem Tagebuch Hérouard's einflechten; es ist dadurch merkwürdig für den Philosophen, sowie für den Geschichtsschreiber, dass es angibt, was Ludwig XIN. Während des Montags, den 24. April 1617, tat, dem Tage, an welchem er statt der Kaninchen, der Reiher und der Rebhühner Menschen jagte.

Wir schreiben buchstäblich ab. Unsere Leser, besonders aber unsere Leserinnen, mögen sich dies gesagt sein lassen.

»Montag, den 24. April 1617. Aufgewacht um siebeneinhalb Uhr Morgens. Voller, gleichmäßiger Puls, leichte Wärme; aufgestanden, gutes Gesicht, gelber Urin, seine Geschäfte verrichtet, gekämmt, angekleidet, zu Gott gebetet; um acht ein halb Uhr gefrühstückt, vier Löffel Gelee, nichts getrunken, außer leichtem Wein und sehr gemischt.

»Den Marschall d'Ancre aus der Brücke des Louvre, zwischen zehn und elf Uhr des Morgens ermorden lassen.

»Um die Mittagsstunde gegessen; Spargel-köpfe als Salat, zwölf; vier Hahnenkämme in weißer Brühe; Löffel Suppe, zehn; Spargel-köpfe an einem gekochten Kapaun – gekochtes Kalbfleisch; das Mark eines Knochens; Sprossen, zwölf; die Flügel von zwei gebratenen Tauben; zwei Schnitt junges, gebratenes Huhn mit Prot; Gelee; Feigen, fünf; süße, getrocknete Kirschen, vierzehn; Quittenbrot; Brot wenig; getrunken sehr gewässerten Clairetwein; Fencheldragee – einen kleinen Löffel voll; unterhalten bis sieben ein halb Uhr.

»Seine Geschäfte verrichtet, gelb, weich, viel.

»Unterhalten bis neun ein halb Uhr.

»Tisane getrunken, entkleidet, zu Bett gegangen; voller, gleichmäßiger Puls; leichte, milde Wärme; zu Gott gebetet; um zehn Uhr eingeschlafen bis sieben Uhr.«

Nicht wahr, jetzt sind unsere Leser beruhigt über das arme Königskind; sie konnten befürchten und wir auch, dass die Ermordung des Geliebten seiner Mutter, des mehr als wahrscheinlichen Vaters seines Bruders Gaston, eines Connetable von Frankreich endlich, d. h. nach ihm, und vielleicht sogar vor ihm, eines der angesehensten Männer des Königreiches, ihm den Appetit oder die Heiterkeit geraubt hätte und dass er – die Hände von Blut gerötet – zögerte, zu Gott zu beten.

Doch keineswegs; sein Mittagessen wurde freilich um eine Stunde verzögert; aber er konnte nicht um elf Uhr zu gleicher Zeit am Tische sitzen und aus einem Fenster des Louvre zusehen, wie Vitry den Marschall d'Ancre ermordete. Sein Magen wurde zwar ziemlich erleichtert, doch das war eben die Wirkung, welche der Anblick des Feindes bei Heinrich IV. hervorbrachte. Dagegen aber hat er sich unterhalten von sieben bis sieben ein halb Uhr und dann: wieder von neun bis neun ein halb Uhr, was keineswegs in seinen Gewohnheiten lag.

Während der achtundzwanzig Jahre, während welcher der Doktor Hérouard ihn beobachtete, hat er sich nur diese beiden Male unterhalten.

Außerdem legte er sich mit einem vollen, gleichmäßigen Puls und einer leichten, milden Wärme zu Bett. Er betete zu Gott um zehn Uhr und schlief bis sieben Uhr Morgens, d. h. zehn Stunden. Das arme Kind!

Am nächsten Tage erwachte er daher auch als König. Dieser gesunde Schlaf verlieh ihm Kräfte und nachdem er am Tage zuvor eine männliche Tat vollbracht, übte er am Tage darauf eine königliche Tat aus.

Die Königin-Mutter fiel nicht nur in Ungnade, sondern wurde nach Blois verwiesen und durfte weder ihre Töchter, noch ihren viel geliebten Sohn, Gaston von Orleans, sehen; ihre Minister wurden entlassen und nur allein der Bischof von Lyon, welcher später der große Kardinal sein wird, erhielt die Erlaubnis;, ihr in das Exil zu folgen, wo er sich in das Herz, das nie leer bleiben konnte, einschlich und der Nachfolger Concini's wurde.

Ist aber Ludwig XIII. König, so ist er deshalb noch nicht Mann. Seit zwei Jahren mit der Infantin von Spanien, Anna von Österreich, vermählt, ist er nur dem Namen nach ihr Gatte.

Duraut, Provinzial-Kriegscommissär, mochte für ihn immerhin Ballette Komponieren, in welchen der König den Dämon des Feuers darstellte und der Königin die zärtlichsten Verse sang, so beschränkte sich doch auf diese seine ganze Galanterie.

In der Tat trug Ludwig XIII. ein mit Flammen bedecktes Gewand, aber wenn er dieses ablegte, um schlafen zu gehen, legte er die Flammen zugleich mit ab.

Da das Ballett: »Die Befreiung Renaud's« nichts bewirkt hatte, versuchte man es mit einem anderen Ballett unter dem Titel: »Die Abenteuer Tancred's in dem Zauberwalde.«

Diesmal erweckte die Choreographie des Herrn von Porchére den König ein wenig und seine Neugier ging so weit, dass er wünschte zu erfahren, wie die Dinge in einer Hochzeitsnacht zwischen wirklichen Ehegatten vorgehen. Herr d'Elbeuf und Fräulein von Vendôme führten für den König eine Probe von dem Stücke auf, welches er selbst noch nicht gespielt hatte. Aber nichts half. Der König blieb zwei Stunden lang in dem Zimmer der Eheleute auf deren Bett sitzen und kehrte dann ruhig in sein Junggesellengemach zurück.

Endlich war es Luynes, der, gedrängt durch den Gesandten Spaniens und den Nuntius des Papstes, die wichtige Sache übernahm, wobei er aber Denen, die ihn dazu bewogen, nicht verhehlte, dass er Gefahr liefe, dabei seinen Einfluss zu verlieren.

. Der Tag wurde auf den 25. Januar 1619 festgesetzt.

Das Tagebuch Hérouard's wird uns wieder die Verwendung dieses Tages sagen.

»Am 25. Januar 1619 stand der König, der nicht wusste, was seiner am Ende des Tages wartete, in vortrefflicher Gesundheit auf, mit gutem Gesicht und relativ heiter; er frühstückte um neun ein viertel Uhr; hörte die Messe in der Capelle von Latour; präsidierte dem Ministerrate; aß um zwölf Uhr zu Mittag; machte einen Besuch bei der Königin; ging durch die Galerie nach den Tuilerien; kehrte um vier ein halb Uhr auf demselben Wege in den Ministerrat!) zurück; ging zu Herrn von Luynes, um sein Ballett zu probieren; aß um acht Uhr zu Abend; machte wieder einen Besuch bei der Königin, verließ sie um zehn Uhr; kehrte in seine Gemächer zurück und legte sich zu Bett; kaum aber lag er, als Luynes in sein Zimmer trat und ihn ersuchte, wieder aufzustehen. Der König sah ihn so verwundert an, als hätte er ihm den Vorschlag gemacht, eine Reise nach China zu unternehmen. Aber Luynes bestand auf seinem Willen, sagte ihm, Europa fange an sich darüber zu beunruhigen, den Thron Frankreichs ohne Erben zu sehen, und es würde für ihn eine Schande sein, wenn seine Schwester, Madame Christine, welche soeben den Sohn des Herzogs von Piemont, den Prinzen Amadeus von Savoyen, geheiratet hatte, ein Kind bekäme, bevor die Königin einen Dauphin geboren. Aber da, alle diese Gründe, obgleich der König sie durch ein Kopfnicken billigte, noch nicht hinreichend waren, ihn zu bestimmen, nahm Luynes ihn ganz einfach auf die Arme und trug ihn dahin, wohin er nicht gehen wollte.«

Zweifelt man im Geringsten von der Welt an diesen Einzelheiten, die noch kein Geschichtsschreiber erzählt Hat und die jetzt ein Romanschreiber mitteilt, so lese man die Depeschedes Nuntius vom 30.Januar 1619 und man wird darin die folgende Phrase finden, die uns überzeugend zu sein scheint: »Luynes nahm ihn um den Leib und trug ihn sozusagen mit Gewalt zu dem Bette der Königin.«

Aber wenn Luynes bei dieser Angelegenheit nicht nur seinen Einfuß nicht verlor, sondern sogar den Titel eines Connetable gewann, so verlor er doch wenigstens seine Mühe, oder wurde nur sehr spät dafür belohnt. Der Dauphin, der um den Preis der Schnelligkeit mit dem Erstgeborene der Herzogin wetteifern sollte, und der so glühend gewünscht wurde, erblickte das Licht des Tages erst neunzehn Jahre darauf, d. h. 1638, und Luynes, der nicht des Glückes genießen sollte, den Baum, welchen er gepflanzt hatte, Früchte tragen zu sehen, starb zwei Jahre darauf an dem roten Friesel. Dieser Tod ließ Maria von Medicis freies Spiel. Sie kam nach Paris zurück und brachte Richelieu mit sich, der mittlerweile Kardinal geworden war, den sie in den Staatsrat einführte und der in einem Jahre Premierminister werden sollte.

Von diesem Zeitpunkte an ist es Richelieu, der regiert, und der, indem er sich sowohl gegen die spanische, als auch gegen die österreichische Politik erklärt, sich zu gleicher Zeit mit der Königin-Mutter, Maria von Medicis, und mit der Königin, Anna von Österreich, verfeindet. Der Hass verfolgt ihn von nun an, die Intrigen umgeben ihn, die Königin-Mutter hat ihr Ministerium, so gut wie der König und auch dieses ist von einem Kardinal prasidirt, dem Kardinal Bérulle, mit dem Unterschiede, dass Richelieu ein Genie und Bérulle ein unfähiger Mensch ist. Monsieur, den der Kardinal Richelieu verheiratete und dem er, um sich eine Stütze aus ihm zu machen, das ungeheure Vermögen des Fräulein von Montpensier verschaffte, konspiriert nun gegen ihn, ein Geheimrat wird gebildet, der Arzt Bouvard, der Nachfolger Hérouard's, eine der Königin ergebene Creatur, wird diesem bei gezogen, und Monsieur, welcher der Nachfolger Ludwigs XIII. werden soll, hält durch diesen Arzt gewissermaßen die eigene Hand am Puls des kranken Königs, denn Bouvard, ein Mann von echt spanischer Frömmigkeit, lebte in den Kirchen und war der böse Geist der Königinnen. Man begreift es bei Hofe, dass dieser düstere König, den die Langweile verzehrt, den die Sorgen aufreiben, welcher sich von Niemandem geliebt, von Vielen jedoch gehasst weiß, dem die Ärzte mit den energischen Heilmitteln damaliger Zeit zusetzten, der kein Mut hat, und dennoch in jedem Monate einen Aderlass erdulden muss, dass dieser König von einem Augenblick zum anderen von der Bühne des Lebens verschwinden kann. Wenn der König stirbt, hängt Richelieu von der Gnade seiner Feinde ab, das heißt, er ist in den nächsten vierundzwanzig Stunden verloren, und dennoch wollen diese Feinde nicht warten; man macht den Vorschlug, den Kardinal ermorden zu lassen; die Königin-Mutter unterstützt diesen Vorschlug; Frau von Conti kauft Dolche und die sanfte Anna von Österreich macht keine andere Einwendung, als die drei Worte: »Er ist Priester!«

Der König, welcher seit der Ermordung Heinrichs IV. seine Mutter hasst, seit Chalais Verschwörung seinem Bruder misstraut, seit ihren Liebeleien mit Buckingham, und besonders seit den Ärgernissen in den Gärten von Amiens, die Königin verachtet; der König, welcher seine Frau, und die Frauen überhaupt, nicht liebt, und wenn er auch keine von den Tugenden der Bourbons hat, doch auch nur halb die Laster der Valois besitzt, ist kälter und misstrauischer gegen seine Familie, wie je. Er weiß es, dass der italienische Krieg, den er, oder vielmehr den der Kardinal beginnen will, sowohl Maria von Medicis als auch seinem Bruder Gaston von Orleans missfällt, und dass er namentlich der Königin ein Gräuel ist, weil es eigentlich ein Krieg mit Ferdinand II. und Philipp IV. werden soll, und Anna zur Hälfte Österreicherin, zur Hälfte Spanierin ist.

Als daher die Königin unter dem Vorgeben heftiger Kopfschmerzen sich geweigert hatte, dem Ballett beizuwohnen, welches zu Ehren der Einnahme von La Rochelle, aus Anlass des Sieges ihres Gatten über ihren Liebhaber, getanzt wurde, war in dem Könige sofort der Verdacht aufgestiegen, sie sei nur zu Hause geblieben, um irgend eine neue Cabale anzuknüpfen. Während des Balletts hat er keinen Blick für die Tänzer und Tänzerinnen, wohl aber verwandte er kein Auge von der Königin-Mutter, die sich in ihrer Loge gewiss nicht von Dingen unterhielt, die ein choreographisches Interesse hatten. Als das Ballett zu Ende war, kam dem Könige die Idee, unangemeldet bei der Königin einzutreten, um sie wo möglich auf der frischen Tat der Konspiration zu ertappen.

So kam es, dass er, wie wir gesehen haben, höchst unerwartet in das Vorzimmer der Königin eintrat, und dem Grafen von Moret mit seiner Führerin kaum Zeit ließ, sich in das Kabinett zurückzuziehen.

Der König hielt sich nur fünf Minuten in dem Zimmer der Königin aus.

In diesen fünf Minuten ging Folgendes vor:

Eine Hofetiquette verbot, wenn der König und die Königin unter demselben Dach schliefen, die Zimmer der Königin während der Nacht zu verschließen. Der König hatte daher trotz der herrschenden Dunkelheit ohne Schwierigkeit die drei Türen geöffnet, welche zwischen dem Vorzimmer und dem Schlafgemache der Königin lagen.

In das Schlafgemach eintretend, hatte er den ganzen Raum mit scharfem, durchdringendem Blicke gemustert.

Überall war Alles in der gewöhnlichen Ordnung.

Die Königin schlief ruhig und ein leichter, regelmäßiger Atem hob ihre Brust, als Ludwig XIII., eifersüchtiger auf seine Königs- als auf seine Gattenrechte, sich dem Bette näherte.

Aber die Königinnen haben einen leisen Schlummer, und obwohl ein dichter flandrischer Teppich die Schritte, des Königs dämpfte, stockte der leise, regelmäßige Atem plötzlich, eine wundervoll geformte Hand schob die Bettvorhänge auseinander, die Königin öffnete die Augen, und als sie den nächtlichen Besucher erkannt hatte, rief sie mit vor Überraschung bebender Stimme:

»Wie? Ihr seid es. Sire?«

»Ich selbst, Madame,« sagte der König kalt.

»Und welchem glücklichen Zufalle,« fuhr die Königin fort, »verdanke ich die Gunst Eures Besuches?«

»Ihr ließt mir sagen, Madame, dass Ihr Euch unwohl befändet; beunruhigt durch diese Nachricht, wollte ich mich persönlich von Eurem Befinden überzeugen, und Euch außerdem sagen, dass ich weder morgen noch übermorgen, die Ehre haben kann, Euch zu besuchen.«

»Gehen Ew. Majestät auf die Jagd?« fragte die Königin.

»Nein, Madame; aber Bouvard hat angeordnet, dass ich nach allen diesen Festlichkeiten, die für mich nur Beschwerden sind, um meine Kräfte herzustellen, purgiren und zur Ader lassen muss; dies wird nun morgen und übermorgen stattfinden. Gute Nacht, Madame, und entschuldigt mich, Euch geweckt zu haben. Apropos! Wer hat heute den Nachtdienst bei Euch! Frau von Fargis oder Frau von Chevreuse?«

»Weder die Eine noch die Andere, Sire, sondern Fräulein Isabelle von Lautrec.«

»Ah, sehr gut,« sagte der König, als ob dieser Name ihm eine weitere Beruhigung gewährt hätte, »aber wo ist sie denn?«

»In einem Seitenzimmer, wo sie angekleidet schläft; befehlen Ew. Majestät, dass ich sie rufe?«

»Nein, ich danke; auf Wiedersehen, Madame!«

»Auf Wiedersehen, Sire!«

Und mit einem wahren oder geheuchelten Seufzer des Bedauerns ließ Anna von Österreich die Vorhänge ihres Bettes wieder zusammenfallen.

Ludwig XIII. bedeckte sein Haupt, welches er bei dem Antritte in das Gemach entblößt hatte, warf einen raschen Blick, der noch einen Rest von Misstrauen verriet, durchs Zimmer und ging dann hinaus, indem er sagte:, »Dieses Mal hat der Kardinal sich entschieden geirrt.«

In das Vorzimmer gelangend, wo ihn sein Gefolge erwartete, sagte er:

»Die Königin ist in der Tat sehr leidend; folgt mir, meine Herren!«

Und der kleine Zug setzte sich in derselben Ordnung, in der er gekommen war, wieder in Bewegung, um in die Gemächer des Königs zurückzukehren.




X.

Was sich in dm Schlafgemache der Königin begab, nachdem der König sich ans demselben entfernt hatte


Kaum verhallte das Geräusch der Schritte in der Galerie und der letzte zitternde Schein der Fackeln verschwand, als die Tür des Kabinetts, in welches der Graf von Moret mit seiner Führerin geflüchtet war, leise geöffnet wurde, und der Kopf der jungen Dame in der Spalte erschien.

Erst als sie sich überzeugt hatte, dass Niemand im Vorzimmer war, wagte sie es, ganz hervorzutreten und warf noch einen Blick in die Gallerte, an deren äußerstem Ende die unerwarteten Störer verschwanden.

Nachdem sie überzeugt zu sein glaubte, dass alle Gefahr vorüber war, näherte sie sich dem Kabinett und forderte den Grafen auf, ihr zu folgen. Sich stets in einer solchen Entfernung von ihm haltend, dass er von dem Scheine der Ampeln, welche die Gemächer erhellten, nichts benützen konnte, um ihr Gesicht zu sehen, ging sie ihm durch die drei Türen voran, die der König nach einander geöffnet und beim Weggehen wieder zu gelehnt hatte.

Der Graf folgte ihr stumm, keuchend und sinnverwirrt. In dem engen, dunklen Kabinett war sie wider ihren Willen gezwungen gewesen, sich an ihn zu schmiegen, und obwohl sie mit ihrer Hand, der die Kraft der Keuschheit innewohnte, den jungen Mann zu bemeistern gewusst, so Hatte sie doch nicht verhindern können, dass er sich an ihrem würzigen Atem berauschte, und durch alle Poren jenen wollusterweckenden Duft einatmete, der von jungen Mädchen ausströmt.

Bevor sie die letzte Tür öffnete, streckte sie die Hand gegen den Grafen aus, dessen Schritte sie nahe hinter sich hörte, und mit einer Stimme, deren Klarheit durch eine gewisse Verwirrung beeinträchtigt war, sagte sie:

»Monseigneur, habt die Güte, in diesem Salon zu warten; wenn Ihre Majestät bereit sein wird, Euch zu empfangen, wird sie Euch rufen.«

Sie trat bei der Königin ein.

Diesmal schlief Anna von Österreich nicht, noch stellte sie sich schlafend.

»Seid Ihr es, liebe Isabelle?« fragte sie mit einem ganz andern, viel bewegteren Ausdrucke als jenem, mit dem sie an den König dieselbe Frage gestellt hatte.

»Ja, Madame, ich bin es!« sagte das junge Mädchen, es so einrichtend, dass ihr Gesicht im Schatten und die unfreiwillige Röte, die dasselbe bedeckte, der Königin verborgen blieb.

»Ihr wisst, dass der König soeben weggegangen ist?«

»Ich habe ihn gesehen, Madame.«

»Er hatte ohne Zweifel einen Verdacht.«

»Das ist möglich; jetzt aber hat er gewiss keinen mehr.«

»Ist der Graf hier?«

»In dem Zimmer, welches an dieses Schlafgemach stößt.«

»Zündet eine Wachskerze an, und reicht mir einen Handspiegel.«

Isabelle gehorchte, und reichte der Königin den Spiegel.

Anna von Österreich war eher hübsch als schön zu nennen; sie hatte kleine Zähne, eine Nase ohne ausgesprochenen Charakter, aber ihr blendender Teint und ihr herrliches blondes Haar wurden von Vielen bewundert; gefallsüchtig gegenüber jedem Manne ohne Unterschied machte sie auch in Bezug auf ihren Schwager keine Ausnahme. Sie ordnete einige Locken, welche durch das Kopfkissen zerdrückt waren, strich die Falten ihres seidenen Schlafmantels glatt, hob sich auf ihre Ellbogen, um eine graziöse Haltung anzunehmen, und bedeutete dann mit einem dankenden Kopfnicken ihrer Ehrendame, dass sie sich nun zurückziehen könne.

Isabelle stellte den Leuchter und den Spiegel auf den Toilettentisch, grüßte ehrfurchtsvoll die Königin, und verschwand dann durch eine Seitentür des Schlafgemaches.

Das Gemach blieb nun durch die Lampe und die Kerze beleuchtet, welche beide so gestellt waren, dass die Lichtstrahlen auf das Bett fielen, von dem aus Anna von Österreich dem Grafen von Moret Audienz erteilen sollte.

Bevor jedoch die Königin den jungen Mann herbeirief, dem sie eine Audienz bewilligt hatte, richtete sie unruhige und erwartende Blicke auf zwei andere Türen, die in ihr Gemach führten.

Nach einigen Minuten wurde ihrer Ungeduld ein Ziel gesetzt; die beiden Türen öffneten sich fast zu gleicher Zeit.

Durch die eine trat ein junger Mann ein, der ganz in weiße Seide gekleidet war und in der Hand einen Hut von weißem Filz hielt, der mit zwei roten Federn geschmückt war. Er mochte ungefähr zwanzig Jahre zählen, war mager und brünett, und hatte einen harten Blick, der, wenn er sanfter werden sollte, falsch wurde.

Dieser junge Mann war Gaston von Orleans, den man im Allgemeinen Monsieur nannte, und welcher, wie die Chronique scandaleuse des Hofes sagte, von seiner Mutter nur deshalb so geliebt wurde, weil er der Sohn des schönen Günstlings, Concino, Concini, Marschall d'Ancre, war. Wer übrigens, wie wir unlängst in dem Museum von Blois nebeneinander das Bild des Marschalls d'Ancre und das des zweiten Sohnes Marias von Medicis sah, wird begreifen,., dass die außerordentliche Ähnlichkeit zwischen beiden wohl den Glauben an die Wahrheit dieser schweren Anklage erwecken konnte.

Wir haben gesagt, dass der König ihn seit der Angelegenheit von Chalais verachtete. In der Tat besaß Louis XIII. eine Art von Gewissen, Er war nicht fühllos gegen das, was man damals die Ehre der Krone nannte und was man jetzt die Ehre Frankreichs nennt. Sein Egoismus und seine Eitelkeit hatten unter den Händen Richelieus beinahe eine andere Form angenommen, und es war dem Kardinal gelungen, aus diesen beiden Lastern für ihn eine Art von Tugend zu bilden; aber Gaston – ein tückischer und feiger Mensch – hatte sich in der ganzen Angelegenheit von Nantes schmutzig benommen.

Er hatte in den Ministerconseil eintreten wollen. Richelieu würde des Friedens wegen eingewilligt haben, aber Gaston wollte, dass mit ihm auch sein Gouverneur Ornano eintreten solle. Richelieu verweigerte dies. Da schrie, fluchte, wüthete der junge Prinz, und sagte, dass Ornano im Guten oder mit Gewalt eintreten müsse. Richelieu, der Gaston nicht verhaften durfte, ließ Ornano festnehmen. Gaston drang mit Gewalt in den Conseil ein und fragte mit stolzer Stimme, wer die Keckheit gehabt hätte, seinen Gouverneur arretieren zu lassen. »Ich!« antwortete Richelieu mit der größten Ruhe.

Alles würde dabei geblieben sein und Gaston hätte eine Schmach verschluckt, wenn nicht Frau von Chevreuse, durch Spanien angetrieben, ihrerseits Chalais angetrieben hätte. – Chalais erbot sich gegen Monsieur, ihn von dem Kardinal zu befreien und Gaston ersann Folgendes, oder man flüsterte es ihm vielmehr zu: Er sollte mit seinem ganzen Hofstaate bei Richelieu in dessen Schloss Fleury speisen, und dort, an der Tafel, die Gastfreundschaft verratend, sollten Bewaffnete bequem einen Verteidigungslosen ermorden – einen Priester.

Übrigens hat seit sechzig Jahren Spanien dessen neidische und abscheuliche Hand man bei alle dem erkennt, nichts Anderes gegen die großen Persönlichkeiten getan, die ihm im Wege waren. Es hat sie unterdrückt. In der Politik heißt unterdrücken nicht, tödten, So hat es Coligny unterdrückt, Wilhelm von Nassau, Heinrich III., Heinrich IV. und so dachte es auch Richelieu zu unterdrücken. Das Verfahren ist monoton, aber darauf kommt wenig an; sobald es gelingt, ist es gut.

Diesmal jedoch scheiterte es.

Bei dieser Gelegenheit begann Richelieu, wie Herkules bei Augias, die Reinigung des Hofes durch die Wegfegung der Prinzen. Die beiden Bastarde Heinrichs IV., die Vendôme, wurden verhaftet, der Graf von Soissons ergriff die Flucht; Frau von Chevreuse wurde verbannt; der Herzog von Longueville fiel in Ungnade. Monsieur unterzeichnete ein Bekenntniß, durch welches er seine Freunde denunzierte und preisgab. Er wurde verheiratet, bereichert und entehrt.

Chalais allein ging ohne Schande aus dieser Verschwörung hervor, denn er verlor durch dieselbe seinen Kopf.

Obgleich so tief in Schmach versunken, war Monsieur erst zwanzig Jahre alt.

In der anderen Tür erschien zur selben Zeit eine Frau von fünfundfünfzig bis sechsundfünfzig Jahren, welche die Zeichen ihrer Königswürde, eine kleine goldene Krone und einen langen, mit Hermelin besetzten Purpurmantel, mit denen sie bei der Ballettvorstellung erschienen war, noch nicht abgelegt hatte; unter dem Mantel trug sie ein goldgesticktes Kleid von brochirter Seide. Sie konnte niemals schön gewesen sein, und eine allzu große Beleibtheit gab ihrer Figur sogar den Charakter des Gemeinen. Diese Frau war Maria von Medicis, eine würdige Nachfolgerin Katharinas, deren Genie sie jedoch nicht hatte, wahrend sie sie an Ausschweifung übertraf. Wenn man dem glaubt, was gesagt wird, so war das einzige Kind, welches wirklich Heinrich IV. angehörte, Madame Henriette. Von allen ihren Kindern liebte sie bloß Gaston; ihre fixe Idee war es, ihn auf den Thron Frankreichs erhoben zu sehen. Die schwerste Anklage, die auf ihr ruht und bewirkt, dass der König, ihr Sohn, sie nicht nur hasst, sondern auch verabscheut, ist, dass sie Ravaillac, dem Mörder ihres Gatten, Heinrich IV., in Folge spanischer Einflüsterungen, so zu sagen die Mordwaffe in die Hand gedrückt haben solle. Ein Protokoll, welches aufgenommen wurde, sagt, dass Ravaillac sie und d'Epernon auf dem Rade nannte. Es wurde Feuer in dem Justizpalast angelegt, um selbst die Spur dieser beiden Namen verschwinden zu lassen.

Seit dem vorhergehenden Tage waren Mutter und Sohn durch Anna von Österreich berufen worden, die man benachrichtigt hatte, dass der Graf von Moret, seit acht Tagen in Paris angelangt, der Überbringer von Briefen des Herzogs von Savoyen an sie sei. Sie waren, wie wir sahen, aus ihren naheliegenden Gemächern kommend, durch zwei verschiedene Türen bei der Königin eingetreten. Wurden sie bei dieser überrascht, so hatten sie zu ihrer Entschuldigung das Unwohlsein Ihrer Majestät, welches sie in dem Ballett erfuhren, und welches sie so beunruhigte, dass sie sich nicht einmal Zeit ließen, ihre Kleider zu wechseln. Was den Grafen von Moret betrifft, so musste man diesen im Falle einer Überraschung irgendwo verstecken, eine leichte Sache bei einem jungen Manne von zweiundzwanzig Jahren. Übrigens war die Königin in dergleichen Escamotagen nicht unerfahren.

Während diese Personen bei der Königin eintraten, wartete der Graf von Moret im Salon, und zwar ganz, glücklich darüber, dass er warten konnte. Was hätte er auch tun sollen, wenn ihn die Königin in dem Augenblicke gerufen hätte, als ihn seine unbekannte Führerin verließ? Er war in diesem Augenblicke fast von Sinnen und gar nicht geeignet, seine Mission umsichtig zu erfüllen. Auf den ersten Sinnenrausch folgte jedoch eine tiefe, schwermütige Träumerei, aus welcher ihn erst die Stimme der Königin erweckte, welche rief:

»Graf, seid Ihr zugegen?«

»Ja,« antwortete der Graf, »ich erwarte die Befehle Eurer Majestät.«

»So tretet ein, denn Wir sind begierig Euch zu empfangen.«

Der Graf von Moret schüttelte seinen hübschen feingeschnittenen Kopf, wie um aus demselben die Gedanken zu verscheuchen, denen er sich in den letzten Minuten hingegeben hatte, und die Tür öffnend, befand er sich auf der Schwelle des Schlafgemaches der Königin.

Wir müssen es gestehen, dass trotz der in dem Gemache versammelten hohen Persönlichkeiten der erste Mick des jungen Mannes keineswegs diesen galt, sondern in die dunkelsten Winkel des weitläufigen Gemaches tauchte, um daselbst die reizende Führerin zu entdecken, die ihn verlassen hatte, ohne ihm auch nur den Anblick des Gesichts zu gestatten. Doch hatte dieser suchende Blick nicht das gewünschte Resultat, und war genöthigt, sich wieder der Gruppe zuzuwenden, die von dem doppelten Lichte der Kerze und der Lampe genügend beleuchtet war.

Diese Gruppe bestand aus der Königin-Mutter, der regierenden Königin und dem Herzog von Orleans. Die Königin-Mutter stand aufrecht zu Häuptern des Bettes, am Fußende desselben saß Gaston von Orleans, im Bette selbst lag Anna von Österreich.

Der Graf von Moret machte auf der Schwelle eine tiefe Verbeugung, dann näherte er sich dem Bette, und ließ sich vor Anna von Österreich, welche ihm ihre Hand zum Kusse reichte, auf ein Knie nieder, senkte dann seinen Kopf fast bis zur Erde, um die Schleppe der Königin-Mutter zu küssen, und wendete sich darauf, noch immer auf den Knien, nach Gaston um, der ihn jedoch rasch aufhob und in seine Arme schloss, indem er sagte:

»In meinen Armen ist Euer Platz, mein Bruder!«

Der Gras von Moret, ein tapferes, loyales Gemüt, hatte nie an das glauben können, was man über den Charakter Gastons erzählte. Er hatte sich zur Zeit des Komplotts, dessen Anführer Chalais war, in England befunden, und die Herzogin von Chevreuse, die er daselbst kennen lernte, hatte sich wohl gehütet, ihn mit den wahren Tatsachen bekannt zu machen, Er war in Italien gewesen, als Gaston sich vor Rochelle so feig zeigte, dass er sich krank stellte, um nicht in das Feuer gehen zu müssen. Er hatte sich immer nur mit seinen Vergnügungen beschäftigt und war den Intrigen des Hofes stets fremd geblieben, von welchem ihn die Eifersucht Marias von Medicis gegen die Kinder ihres Gemahls fern hielt.

Er gab daher freudig, und aus ganzem Herzen, seinem Bruder Gaston die Umarmung zurück, mit der ihn dieser beehrt hatte.

Dann sich zur Königin wendend sagte er:

»Werden Eure Majestät wohl in seiner ganzen Größe das Glück, mich in Eurer Gegenwart zu befinden, und die Dankbarkeit ermessen, die ich für den Herzog von Savoyen fühle, der mir Gelegenheit gegeben hat, von Eurer Majestät zum ersten Male empfangen zu werden?«

Die Königin lächelte.

»Ist es nicht vielmehr an Uns,« sagte sie, »Euch erkenntlich zu sein, dass Ihr den zwei armen in Ungnade gefallenen Fürstinnen, von denen die Eine der Liebe ihres Gatten, die Andere der Zärtlichkeit eines Sohnes beraubt ist, und einem Bruder zu Hilfe eilt, der aus den Armen seines Bruders verstoßen ist? Denn Ihr kommt, wie Ihr sagt, mit Briefen, welche uns einigen Trost zu geben bestimmt sind.«

Der Graf von Moret zog drei zusammengefaltete und versiegelte Papiere aus der Brusttasche seines Wamses.

»Dieses hier,« sagte er, eines der Schriftstücke der Königin üben eichend, »ist eine Botschaft von Don Gonzales Von Cordova, Gouverneur von Mailand, welcher Euren erhabenen Bruder, Philipp IV., in Italien vertritt. Er bittet Eure Majestät, Euren Einfluss zur Erhaltung des Herrn von Fargis, französischen Gesandten in Spanien, auf seinem Posten, anzuwenden.«

»Meinen Einfluss?« wiederholte die Königin, »man könnte Einfluss haben auf einen König, der ein Mann wäre, auf ein Gespenst aber, das ein König ist, kann höchstens ein Necromant Einfluss haben, wie der Kardinal-Herzog.«

Der Graf verneigte sich, dann sich gegen die Königin-Mutter wendend und ihr den zweiten Brief überreichend sagte er:

»Was dieses Schreiben anbelangt, so weiß ich davon nichts, als dass es eine wichtige Note von der eigenen Hand des Herzogs von Savoyen enthält, und nur in die Hände Eurer Majestät übergeben werden soll; von dem Inhalte desselben weiß ich nicht das Geringste.«

Die Königin-Mutter ergriff lebhaft das Schreiben, entsiegelte es, und da sie zu entfernt vom Lichte stand, um dasselbe lesen zu können, näherte sie sich dem Toilettentische, auf welchem die Kerze und die Lampe stunden.

»Und das endlich,« sagte der Graf, den dritten Brief Gaston reichend, »ist ein an Eure Hoheit von Eurer erhabenen und liebenswürdigen Schwester, Madame Christine, gerichtetes Billett.«

Jede der drei Personen beschäftigte sich nun mit dem Lesen der an sie gerichteten Schreiben, und der Graf von Moret benützte diese Zeit, um mit seinen Blicken nochmals das Gemach zu durchsuchen.

Umsonst! Es enthielt nur die zwei Fürstinnen, Gaston und ihn.

Maria von Medicis kam an das Bett ihrer Schwiegertochter zurück und sagte, sich an den Grafen wendend:

»Herr Graf, wenn man es mit einem Manne von Eurem Rang zu tun hat, der sich zweien unterdrückten Frauen und einem in Ungnade gefallenen Prinzen zur Verfügung stellt, so ist es am besten, keine Geheimnisse vor ihm zu, haben, vorausgesetzt, dass er sich mit seinem Ehrenworte verpflichtet, möge er nun Verbündeter werden oder neutral bleiben, keines der Geheimnisse zu verraten, die man ihm anvertraut.«

»Eure Majestät,« sagte der Graf von Moret, sich verneigend und die Hand aufs Herz legend, »«ein Ehrenwort darauf, dass ich, ob alliiert oder neutral, schweigen werde; wenn ich dieses Stillschweigen keiner Bedingung unterwerfe, so muss ich mir dagegen in,Bezug auf meine Ergebenheit eine solche gestatten.«

Die Königinnen tauschten einen Blick aus.

»Von was für einer Bedingung sprecht Ihr?«

Während Maria von Medicis die Frage mit Worten an den Grafen richtete, stellte Anna von Österreich an Gaston von Orleans dieselbe Frage mit ihrem Blick.

»Ich stelle zwei,« sagte der Graf von Moret mit sanfter, aber fester Stimme, »und um sie stellen zu können, muss ich Euch sehr zu meinem Bedauern in Erinnerung bringen, dass ich der Sohn Heinrichs IV. bin. Ich kann eben sowenig den Degen gegen die Protestanten oder den König, meinen Bruder, ziehen, als ich mich weigern darf, ihn gegen unsere Feinde zu ziehen, denen der König von Frankreich den Krieg erklärt, vorausgesetzt, dass er mich zu der Ehre beruft, in seinen Schlachten mitzukämpfen.«

»Weder die Protestanten, noch der König sind unsere Feinde, Prinz,« sagte die Königin-Mutter, dieses letzte Wort absichtlich betonend; »unser einziger tödtlicher Feind, der unseren Untergang geschworen hat, ist der Kardinal!«

»Ich liebe den Kardinal nicht im Geringsten; nur habe ich die Ehre, Eure Majestät darauf aufmerksam zu machen, dass es einigermaßen schwierig für einen Edelmann ist, de« Kampf mit einem Priester aufzunehmen. Im Übrigen glaube ich, dass, so schwer auch die Missgeschicke sein mögen, die Gott ihm sendet, sie noch immer eine zu leichte Strafe für die Aufführung bilden, die er Euer Majestät gegenüber an den Tag gelegt hat. Genügt der Ausspruch dieser meiner Überzeugung, um Euer Majestät Vertrauen zu mir einzuflößen?«'

»Ihr wisst bereits, mein Herr, was Don Gonzales von Cordova meiner Schwiegertochter schreibt; Gaston wird Euch sogleich sagen, was ihm seine Schwester Christine mitteilt. Sprich, Gaston!«

Der Herzog von Orleans reichte dem Grafen den offenen Brief, ihn auffordernd, denselben zu lesen.

Der Graf von Moret las ihn.

Die Prinzessin Christine bat Gaston, dem Könige doch auseinanderzusetzen, dass es besser für ihn sei, zu gestatten, dass Carl Emanuel, sein Schwager, sich Mantuas bemächtige, als den Herzog von Nevers diese Erbschaft antreten zu lassen, da dieser Letztere für den König von Frankreich ein Fremder, der Prinz von Savoyen aber der Schwager Ludwigs XIII. sei.

Mit einer achtungsvollen Verneigung gab der Graf von Moret den Brief dem Herzog von Orleans zurück.

»Was haltet Ihr davon, mein Bruder?« fragte Gaston.

»Ich bin ein schlechter Politiker,« sagte der Graf von Moret lächelnd, »aber ich glaube, dass der Grund dem Könige einleuchten müsste, wenn er ihn vom Standpunkte der Familie betrachten würde.«

»Und nun ist die Reihe an mir,« sagte Maria von Medicis, den Brief des Herzogs von Savoyen dem Grafen darreichend; »es ist nichts als billig, dass Ihr die Note kennt, deren Träger Ihr gewesen seid.«

Der Graf nahm das Papier und las folgende Zeilen:

»Man tue alles Mögliche, um einen Krieg mit Italien zu verhindern. Sollte aber trotz der Anstrengungen unserer Freunde der Krieg dennoch erklärt werden, so mögen diese versichert sein, dass unsere Pässe vortrefflich verteidigt werden,«

Das war Alles, was, wenigstens sichtbar, in dem Briefe stand.

Der junge Mann überreichte ihn, nachdem er ihn gelesen hatte, der Königin-Mutter mit einer stummen Verbeugung.

»Nun bleibt uns,« sagte diese, »noch die Pflicht, unserem ebenso jungen als geschickten Boten für seine Schlauheit und seine Ergebenheit zu danken und ihm zu versprechen, dass, falls unsere Pläne gelingen, sein Glück dem unsrigen aus dem Fuße folgen soll.«

»Tausend Dank für die guten Absichten, Euer Majestät, aber die Ergebenheit, welche sich mit der Hoffnung auf Belohnung trägt, ist keine Ergebenheit mehr, sie ist Berechnung oder Ehrgeiz. Mein Los genügt meinen bescheidenen Ansprüchen, und Alles, was ich ersehne, ist ein wenig persönlichen Ruhmes, um den meiner Geburt einigermaßen zu rechtfertigen.«

»Sei es!« sagte Maria von Medicis, während ihre Schwiegertochter dem Grafen von Moret die Hand zum Kusse reichte; »an uns, die wir Euch verpflichtet sind, und nicht an Euch wird es sein, sich mit diesen Details zu beschäftigen. Gaston, begleitet Euren Bruder; nur über Eure Treppe kann er Mitternachts unangehalten aus dem Louvre gelangen.«

Der Graf von Moret stieß unwillkürlich einen Seufzer aus und warf einen letzten Blick um sich; er hatte gehofft, dieselbe Fahrerin, die ihm auf dem Wege zur Königin vorangeschritten war, würde ihn wieder auf dem Rückwege begleiten, und er musste zu seinem großen Bedauern nun dieser Hoffnung entsagen.

Er verneigte sich vor den beiden Königinnen und folgte dem Herzog von Orleans.

Gaston führte ihn in sein Appartement und öffnete hier die Tür zu einer geheimen Treppe.

»Und nun, mein Bruder,« sagte er, sich von dem Grafen verabschiedend, »danke ich Euch nochmals und versichere Euch meiner aufrichtigen Erkenntlichkeit.«

»Habe ich irgend eine Parole zu sagen,« fragte der Graf, »irgend ein Erkennungszeichen mit Jemand zu tauschen?«

»Nein; Ihr klopft an die Loge des Schweizers und sagt die Worte: »Hofstaat des Herzogs von Orleans, Nachtdienst!« und man wird Euch passieren lassen.«

Der Graf befand sich nach wenigen Sekunden im Hofe, einen letzten Blick nach dem Flügel des Louvre zurückwerfend, den er soeben verlassen, und einen zärtlichen Seufzer an die geheimnisvolle Führerin richtend, die sich so schnell seines Herzens bemächtigt hatte, schritt er durch das Thor und befand sich bald danach an der Ecke der Rur des Poulies, wo der Page und das Pferd des Herzogs von Montmorency aus ihn warteten.

»Ich wette,« murmelte er, den Fuß in den Steigbüffel setzend, »dass sie noch nicht achtzehn Jahre alt und schön zum Bezaubern ist. Ventre-Saint-Gris, ich fange an, zu glauben, dass ich mich gegen den Kardinal verschwören werde, da mir das als einziges Mittel erscheint, sie wiederzusehen.«

Nachdem Gaston von Orleans,sich überzeugt hatte, dass dem Grafen Moret bei dem Verlassen des Louvre kein Unfall zugestoßen sei, kehrte er in seine Wohnung zurück, begab sich in sein Schlafgemach, und nachdem er die Vorhänge an den Fenstern untersucht und gefunden hatte, dass kein neugieriger Blick zu ihm dringen könne, zog er den Brief seiner Schwester Christine aus der Tasche und setzte ihn mit zitternder Hand der aus einer Kerzenflamme ausstrahlenden Wärme aus.

Sofort sah man zwischen den mit schwarzer Tinte geschriebenen Zeilen andere erscheinen, welche, mit sympathetischer Tinte geschrieben, unter dem Einfluss der Wärme immer deutlicher hervortraten und endlich die Schriftzüge in dunkelroter Farbe sehen ließen.

Die neu entstandenen Zeilen lauteten:

»Fahrt fort, Maria von Gonzaga augenfällig den Hof zu machen; versichert Euch aber zugleich der Königin. Sie muss der Krone für den Fall des Todes unseres Bruders Ludwig sicher zu sein glauben, denn sonst würde sie, Dank der Ratschläge der Frau von Fargis und der Vermittlung der Herzogin von Chevreuse. Mittel finden, Regentin zu sein, wenn es ihr versagt sein sollte, Königin zu werden.«

»O!« sagte Gaston, »sei ruhig, gute Schwester, ich werde wachen.«

Und den Schreibtisch öffnend, verwahrte er den Brief in einem Geheimfache desselben.

Ihrerseits hatte auch die Königin-Mutter sich, sobald Gaston das Schlafzimmer ihrer Schwiegertochter verlassen hatte, von dieser verabschiedet, war nach ihren Gemächern zurückgekehrt, hatte Nachttoilette gemacht und ihre Frauen entlassen.

Als sie allein war, zog sie an einem in den Falten der Draperie verborgenen Glockenzuge.

Einige Sekunden darauf war ein Mann von 45 bis 50 Jahren mit einem gelblichen mit groben Zügen versehenen Gesicht, schwarzem Kopf- und Barthaare in das Zimmer Marias getreten.

Dieser Mann war zugleich der Musiker, der Arzt und der Astrolog der Königin-Mutter. Leider muss man es sagen, dass er der Nachfolger Heinrichs IV. und Vittoria Orsini's, Concino Concini's und Bellegarde's, Bassompierre's und des Kardinals Richelieu war.Er hieß Vauthier, war ein Provenyale und hatte sich für das Wohl seines Körpers zum Arzt und für die Ausbildung seines Geistes zum Astrologen gemacht. War Richelieu gefallen, so stritten sich um seine Erbschaft Bérulle – ein Dummkopf, und Vauthier – ein Charlatan, und wer dessen Einfluss aus die Königin-Mutter kannte, der begriff das Gerücht, dass Vauthier ebenso viele Aussicht hatte, Minister zu werden, wie Bérulle.

»Schnell, schnell,« rief ihm Maria zu, »kommt herein und gebt mir, wenn Ihr sie bereits verfertigt habt, die Tinktur. mittelst deren man sympathetische Schriften lesbar machen kann.«

»Madame,« sagte Vauthier, eine Phiole aus der Tasche ziehend, »ein Wunsch Eurer Majestät ist für mich zu wichtig, als dass ich ihn jemals vergessen könnte; hier ist die Tinktur. Haben Eure Majestät endlich den Brief erhalten, den Ihr so lange schon erwartet?«

»Da ist er,« sagte die Königin-Mutter, den Brief aus ihrem Busen ziehend, »vier unbedeutende Zeilen vom Herzog von Savoyen, aber es ist einleuchtend, dass er mir nicht so vertraulich schreibt und den Bastard meines Gemahls zum Überbringer des Schreibens macht, um mir solche Lappalien zu sagen.«

Und sie reichte Vauthier den Brief, der ihn entfaltete und las.

»In der Tat,« sagte er, »es muss in dem Briefe noch etwas Anderes stehen.«

Er tauchte einen Pinsel in die von ihm bereitete Tinctur und bestrich damit die Oberfläche des Papiers.

Kaum war das Papier benetzt, als sich hin und wieder auf demselben einzelne Buchstaben zeigten, dann bildeten sich Linien und nach kaum fünf Minuten konnte man deutlich folgenden Ratschlag lesen:

»Heuchelt ein Zerwürfnis; mit Gaston; seine unsinnige Liebe für Marie von Gonzaga mag dazu die Veranlassung scheinen, und wenn der italienische Krieg trotz Eurer Opposition beschlossen ist, so fordert für ihn unter dem Vorwand, ihn von dem Gegenstande seiner törichten Leidenschaft zu entfernen, das Oberkommando der Armee. Der Kardinal, dessen höchster Ehrgeiz es ist der größte General seines Jahrhunderts zu sein, wird diese Schmach nicht ertragen und seine Entlassung geben. Es bleibt freilich zu besorgen, dass der König sie nicht annimmt.«

Maria von Medicis und ihr Vertrauter blickten einander an.

»Habt Ihr mir etwas Besseres vorzuschlagen?« fragte die Königin-Mutter.

»Nein, Madame,« erwiderte Vauthier; »im Übrigen habe ich stets gesehen, dass die Winke des Herzogs von Savoyen gut zu befolgen sind.«

»Befolgen wir sie also.« sagte Maria von Medicis mit einem Seufzer, »wir können überdies in keine schlechtere Lage geraten, als in der wir uns befinden. – Habt Ihr die Sterne befragt, Vauthier?«

»Diesen Abend noch verbrachte ich eine Stunde damit, die Konstellation vom Observatorium aus zu stellen.«

»Nun und was sagen die Sterne?«

»Sie versprechen Eurer Majestät einen vollkommenen Triumph über Eure Feinde.«

»So sei es!« sagte die Königin-Mutter, ihrem Astrologen eine etwas fleischige, aber immerhin schöne Hand zum Kusse reichend.

Eine ganz ähnliche Szene ging zu derselben Zeit im Schlafgemache Annas von Österreich vor sich; auch diese rief auf dem angeblich von Don Gonzales von Cordova herrührenden Brief eine Geheimschrift hervor; sie bediente sich jedoch eines anderen Mittels, des Kohlenstaubes nämlich der an den mit einer wasserhellen, klebrigen Flüssigkeit geschriebenen Worten haften blieb.

Dieser geheime Brief rührte von Philipp IV. selbst her.

Er lautete:

»Meine Schwester! Durch unseren guten Freund, dm Herrn von Fargis, kenne ich das Projekt, für den Fall des Todes Eures Gatten, Euch seinen Bruder und Nachfolger zum Gatten zu geben. Besser schiene es mir jedoch, wenn Ihr zur Zeit des Todes Ludwigs XIII. Euch in gesegneten Umständen, befändet. Die Königinnen von Frankreich haben vor ihren, Gatten einen großen Vorteil voraus; sie können dem Lande einen Dauphin geben, ohne dass ihr Gatte dabei ins Spiel kommt, was diesem nicht möglich ist. Überlegt diese unumstößliche Wahrheit und verbrennt meinen Brief.

»Philipp.«

Nachdem Anna von Österreich den Brief ihres Bruders nochmals gelesen hatte, wahrscheinlich um jedes in. demselben enthaltene Wort ihrem Gedächtnisse einzuprägen, näherte sie ihn der Kerzenflamme, welche ihn sogleich erfasste, und erst als das Feuer jedes einzelne der verhängnisvollen Worte verehrt halte, ließ sie ihn zu Boden fallen.

Sodann begab sie sich wieder zu Bett, ließ den Kopf auf die seidenen Kissen zurücksinken und flüsterte:

»O Buckingham, Buckingham!«

Und einige schwere Seufzer der Sehnsucht und des Bedauerns unterbrachen die Stille des Schlafgemachs der Königin von Frankreich.




XI.

Im Arbeitszimmer des Kardinals


Es gibt in der Gallerte des Louvre ein Bild von dem Jansenistischen Maler, Philipp von Champagne, welches getreu, wie man damals sagte, das feine, kraftvolle und trockene Gesicht des Kardinal von Richelieu darstellt.

Im Gegensatze zu den Flamändern, seinen Landsleuten, und zu den Spaniern, seinen Meistern, ist Philipp von Champagne geizig mit den grellen Farben, welche die Rubens und die Murillo über ihre Gemälde ergossen. In der Tat wäre es vielleicht eine Schmeichelei für die Wahrheit, ganz gewiss aber eine Beeinträchtigung der Wahrheit gewesen, in einem Strome von Licht den finsteren Minister zu zeigen, der fortwährend von dem Halbdunkel seiner Politik umgeben war und dessen Wahlspruch lautete: »Aquila in nubibus – Der Adler in den Wolken.«

Dieses Bild mögen Alle studieren, welche gewissenhaft sind und nach zwei und einem halben Jahrhundert zu neuen: Leben den berühmten Todten erwecken wollen, um sich einen richtigen physischen und moralischen Begriff von dem Manne zu machen, den seine Zeitgenossen verleumdeten, den das folgende Jahrhundert verkannte, beinahe vergaß und der erst zweihundert Jahre nach seinem Tode den Platz gefunden hat, welchen er von der Nachwelt zu erwarten berechtigt war.

Tiefes Bild gehört zu denen, welche des Vorrechtes genießen, dass man unwillkürlich vor ihnen stehen bleibt und sich durch ihren Anblick zu Träumereien veranlasst fühlt. Ist es ein Mensch oder ein Phantom, dieses Geschöpf in dem roten Gewand, mit dem weißen Bischofsmäntelchen, dem Chorhemd von venezianischen Spitzen, dem roten Käppchen, der hohen Stirn, den grauen Haaren, dem grauen Bart, den, graben Augen von mattem Blick, den feinen, mageren und weißen Händen? Sein Gesicht lebt in Folge des ewigen Fiebers, das ihn verzehrt, nur in den Backenknochen. Je länger man dieses Bild betrachtet, desto weniger weiß man, ob es das eines lebenden Wesens ist, oder, gleich dem heiligen Bonaventura, ein Verstorbener, der zurückkehrte, um nach seinem Tode seine Denkwürdigkeiten niederzuschreiben. Nicht wahr, wenn dieses Wesen sich plötzlich von der Leinwand ablöste, aus seinem Rahmen heraus träte und auf uns zukäme, so würde man zurückweichen, sich bekreuzigend, wie vor einem Gespenst?

Sichtbar und unbestreitbar ist an diesem Bilde, dass es einen Geist, einen scharfen Verstand, zeichnet; das ist aber auch Alles. Kein Herz, keine Eingeweide, zum Glück für Frankreich. In der Leere, welche zwischen Heinrich IV. und Ludwig XIV. entstand, bedurfte es nur eines Gehirnes und nichts Anderen, um diesen ungelegenen, schwachen, ohnmächtigen, König zu beherrschen, diesen unruhigen, sittenlosen Hof. diese habgierigen Prinzen ohne Treu und Glauben.

Gott erschuf mit seinen Händen den fürchterlichen Automaten, den die Vorsehung in gleiche Entfernung von Ludwig XI. und Robespierre stellte, damit er die großen Herren köpfe, wie Ludwig XI. die großen Vasallen geköpft hatte und wie Robespierre die Aristokraten köpfen wird. Von Zeit zu Zeit sahen die Völker, gleich roten Kometen, an, dem Horizonte einen jener blutigen Schnitter erscheinen, die eine künstliche Schöpfung zu sein scheinen, die herankommen, ohne sich zu bewegen, die sich geräuschlos nähern und dann, wenn sie endlich in die Mitte des Feldes gelangt sind, das ihnen zur Ernte angewiesen ist, sich an die Arbeit machen und nicht eher anhalten, als bis ihre Aufgabe vollbracht, d. h. bis Alles abgemäht ist.

So würde er uns an dem Abend jenes 5. Dezember 1628 in dem Augenblick erschienen sein, sorgenvoll durch all den Hass, der ihn umgab, in Gedanken versunken mit den großen Plänen, die ihn beschäftigten, als der unerforschliche Minister in sein Kabinett trat, sinnend auf die Ausrottung der Ketzerei in Frankreich, auf die Vertreibung der Spanier aus dem Mailändischen, aus die Vernichtung des österreichischen Einflusses in Toscana und danach strebend, zu erraten, indem er den Mund schloss und das Feuer seiner Augen dämpfte, aus Furcht, sie möchten seine Gedanken verraten.

Er kam von jenem Ballett, während dessen seine Andeutungen ihm sagten, dass die Abwesenheit der Königin eine politische, folglich also eine für ihn drohende Veranlassung hätte und dass irgend etwas Giftiges in jenem königlichen Alkoven gesponnen würde, dessen Raum, von zwölf Fuß im Quadrat, ihm mehr Verlegenheiten bereitete, mehr Arbeit verursachte, als die ganze übrige Welt. Er trat missmutig. erschöpft, beinahe von Ekel ergriffen, ein, und murmelte wie Luther: »Es gibt Augenblicke, in denen der Herr sich durch das Spiel zu langweilen und die Karten unter den Tisch zu werfen scheint.«

Er wusste auch, an welchem Faden, welchem Haare, welchem Hauch nicht nur seine Macht hing, sondern sogar sein Leben. Sein Bußkleid war aus Dolchspitzen gewebt. Er wusste, dass er 1628 eben da stand, wo Heinrich IV. 1606 gestanden hatte. Alle Welt bedurfte seines Todes; das Schlimmste aber war, dass Ludwig XIII. sein spitzes Gesicht nicht liebte; der König allein hielt ihn, aber Richelieu fühlte sich jeden Augenblick durch die Anfälle königlicher Schwäche wanken. Das würde Alles noch nichts gewesen sein, wäre dieser geniale Mann so gesund und kräftig gewesen, wie sein einfältiger Nebenbuhler Bérulle; aber das unzureichende Geld, die unablässige geistige Anstrengungen neue Hilfsquellen zu entdecken, zehn Intrigen des Hofes, denen er zugleich die Stirne bieten musste, erhielten ihn fortwährend in einer fürchterlichen Aufregung. Es war dies Fieber, welches seine Backen rötete, indem es seine Stirn von Marmor und seine Hände von Elfenbein machte. Mau füge noch theologische Streitigkeiten, die Wut der Versemacherei und die Notwendigkeit hinzu, seine Galle und seine Wut zu unterdrücken und man wird es begreifen, dass sein Inneres wie von einem glühenden Eisen verbrannt wurde und dass er von einem Tage zum andern nur zwei Finger breit von dem Tode entfernt stand.

Merkwürdig war die Verbindung dieser beiden Kranken. Zum Glück ahnte der König, ohne dessen gleichwohl gewiss zu sein, dass das Königreich verloren wäre, wenn Richelieu ihm fehlte! zum Unglück aber wusste eben so Richelieu, dass er selbst nach dem Tode des Königs nicht mehr vierundzwanzig Stunden zu leben hatte. Gehasst von Gaston, von Anna von Österreich, von der Königin-Mutter, von Herrn von Sosisons, den er im Exil ließ, von den beiden Vendôme, die eingekerkert waren, von dem ganzen Adel, den er hinderte, Paris durch Duelle auf öffentlichen Plätzen ein Ärgernis zu geben, musste er seine Anordnungen danach treffen, an demselben Tage, wo möglich in derselben Stunde, mit Ludwig XIII. zu sterben.

Nur eine einzige Person war ihm bei dem ewigen Schaukelspiel, bei dem fortwährenden Glückswechsel, treu geblieben, welche oft die Sonne schon an dem Tage des Sturmes wieder scheinen ließ.

Diese eine Person war seine Adoptivtochter, seine Nichte, Frau von Combalet, welche wir bei Frau von Rambouillet in dem Gewand einer Carmeliterin sahen, das sie seit dem Tode ihres Gemahls trug.

Das Erste, was er tat, sobald er feine Wohnung auf der Place Royale betreten hatte, war, dass er auf eine Glocke schlug.

Auf den Ton derselben öffneten sich fast zu gleicher Zeit drei Türen.

Durch die eine trat Guillemot, der vertraute Kammerdiener des Kardinals, durch die andere Charpentier, der Sekretär, ein; in der dritten erschien Rossignol, der Dechiffreur.

»Ist meine Nichte schon nach Hause gekommen?« fragte Richelieu seinen Kammerdiener.

»Vor einer halben Stunde, gnädigster Herr!«

»Frage sie, ob sie mich mit ihrem Besuche erfreuen will, da ich bis spät in die Nacht arbeiten werde.«

Guillemot verließ unter Bücklingen das Gemach.

»Habt Ihr Pater Joseph gesehen?« wandte der Kardinal sich an seinen Sekretär.

»Er ist schon zweimal dagewesen, Eminenz.«

»Sollte er heute noch ein drittes Mal kommen, so werdet Ihr ihn eintreten lassen. – Ist Cavois im Wachzimmer?«

»Ja.«

»Sagt ihm, er solle sich heute nicht entfernen, bis ich ihn rufe.«

»Sehr wohl. Eminenz.«

Auch der Sekretär entfernte sich durch die Tür, durch welche er in das Zimmer getreten war.

»Nun, Rossignol,« fragte der Kardinal, als er mit seinem Dechiffreur allein war. »habt Ihr die Chiffre des Briefes gefunden, den ich Euch gab? Ihr wisst, dass derselbe unter den Papieren des königlichen Arztes Senelle gestohlen wurde, als derselbe von Lothringen zurückkehrte.«

»Ja, gnädigster Herr,« erwiderte mit entschieden südlichem Akzent ein kleiner Mann von fünfundvierzig bis fünfzig Jahren, beinahe bucklig durch die Gewohnheit einer gebückten Haltung. Sein hervorstechendster Zug war eine so lange Nase, dass darauf drei bis vier Brillen Platz gefunden hätten; er besaß indes die Bescheidenheit, nur eine einzige darauf reiten zu lassen.

»Die Auflösung war leicht,« antwortete er; »Céphalus bedeutet den König, Procris die Königin, das Orakel heißen Eure Eminenz, mit der Venus ist Frau von Combalet gemeint.«

»Gut; gebt mir den Schlüssel,« sagte der Kardinal; »ich werde die Depesche selbst lesen.«

Rossignol trat einen Schritt zurück, um sich zu entfernen.

»Apropos,« fügte der Kardinal hinzu; »Ihr werdet mir morgen eine Gratifikation von zwanzig Pistolen zur Unterzeichnung vorlegen.«

»Monseigneur haben mir keine anderen Befehle zu erteilen?«

»Nein, kehrt nach Eurem Kabinett zurück, macht den Schlüssel der Chiffreschrift, und haltet Euch bereit, wenn ich Euch rufen lasse.«

Rossignol entfernte sich, rückwärts schreitend, und verneigte sich bis zum Fußboden.

In dem Augenblicke, als die Tür sich kaum hinter ihm schloss, erzitterte der von einer Glocke in einem Fache des Schreibtisches des Kardinals.

Er öffnete das Fach und erblickte das Glöckchen noch zitternd. Sogleich drückte er, wie zur Antwort, die Fingerspitze auf einen kleinen Knopf, der ohne Zweifel mit der Wohnung der Frau von Combalet in Verbindung stand, denn eine Minute später trat sie bei ihrem Onkel durch eine Tür ein, welche denen gegenüber lag, die sich bisher geöffnet hatten.

Ihre Kleidung war sehr verändert; sie hatte ihren Schleier und ihre Binde, ihr Scapulir und ihren Brustschleier abgelegt, so dass sie nur noch ihr wollenes Gewand bewahrte, welches um die Taille durch einen Ledergürtel gehalten wurde. Ihre schönen, kastanienbraunen Haare, aus ihrer Haft erlöst, fielen in reichen Ringeln auf ihre Schultern herab und ihr Gewand, das etwas mehr ausgeschnitten war, als der Orden es ihr gestattet haben würde, wäre sie eine wirkliche Carmeliterin gewesen, statt das Gewand einer solchen in Folge eines Gelübdes zu tragen, zeigte die Umrisse eines Busens, welchen das Bouquet von Veilchen und Rosenknospen schmückte, das wir schon bei Frau von Rambouillet erwähnten, das damals aber ihren Busenschleier zierte.

Dieses braune Gewand, welches unmittelbar auf ihrer Haut ruhte, hob wunderbar die Atlasweiße ihres eleganten Halses und ihrer schönen Hände, und da sie nicht in einen jener eisernen Schnürleiber eingezwängt war, welche man damals trug, wogte ihr Busen frei unter den schönen Falten, welche ihr Kleid aus Wolle warf, der kleidsamste aller Stoffe.

Bei dem Anblicke dieses anbetungswürdigen Geschöpfes, das ganz in einen mystischen Wohlgeruch gehüllt war, kaum sein fünfundzwanzigstes Jahr erreicht hatte, in der höchsten Blüte seiner Schönheit stand und durch die Einfachheit seiner Kleidung womöglich noch schöner und anmutiger gemach wurde, erheiterte sich die gerunzelte Stirne des Kardinals. Ein hellerer Strahl beleuchtete seine finstere Physiognomie, ein erleichternder Seufzer hob seine Brust und er streckte der Eintretenden seine beiden Arme entgegen, indem er rief:

»Komm, komm, Marie!«

Die junge Frau bedurfte dieser Ermutigung nicht, denn sie trat mit einem reizenden Lächeln auf ihn zu, nahm das Bouquet von ihrem Busen, presste es an ihre Lippen und überreichte es ihrem Oheim.

»Ich danke Dir, mein schönes, teures Kind,« und indem er tat, als wollte er den Duft des Bouquets einatmen, drückte er es ebenfalls an seine Lippen.

»Ich danke Dir, meine liebe Tochter.«

Dann zog er sie an sich und küsste sie wie ein Vater sein Kind.

»Ja, ich liebe diese Blumen,« fuhr er fort. »Sie sind frisch, wie Du, Wohlgeruch atmend, wie Du.«

»Ihr seid viel zu gut, mein teurer Onkel! Ihr habt mir sagen lassen, dass Ihr mich zu sehen wünscht; sollte ich so glücklich sein, dass Ihr meiner bedürftet?«

»Ich bedarf deiner stets, meine schöne Marie,« sagte 2er Kardinal, indem er seine Nichte mit Entzücken betrachtete; »diesen Abend jedoch ist deine Gegenwart mir notwendiger denn je.«

»Ach, mein guter Onkel,« sagte Frau von Combalet, und versuchte es, die Hände des Kardinals zu küssen; er duldete es indes nicht, sondern zog vielmehr die Hände seiner Nichte an seine Lippen und küsste sie, ungeachtet ihres Widerstandes. Dieser Widerstand rührte jedoch weit Mehr von der tiefen Ehrfurcht her, welche die junge Witwe für ihren Onkel hegte, als aus irgend einem anderen Grunde; dann sagte sie: »Ich sehe, dass Ihr diesen Abend wieder sehr bedrückt seid,« und mit trübem Lächeln fügte sie hinzu: »Ihr solltet doch daran schon gewöhnt sein. Was bekümmert Euch übrigens? Gelingt Euch nicht Alles?«

»Ja,« sagte der Kardinal, »ich weiß wohl, es ist unmöglich, zugleich höher und niedriger zu stehen, glücklicher und unglücklicher, mächtiger und ohnmächtiger zu sein, wie ich es bin. Du weißt es aber besser, als irgend Jemand, Marie, wovon mein politisches Gedeihen und das Glück meines Privatlebens abhängt. Du liebst mich von ganzem Herzen, nicht wahr?«

»Von ganzem Herzen, von ganzer Seele!«

»Nun wohl! Du wirst Dich erinnern, dass ich nach Dem Tode von Chalais einen großen Sieg errungen hatte; ich sah zu meinen Füßen niedergeworfen Monsieur, die Königin, die beiden Vendômés, den Grafen von Soissons. Was taten nun Die, denen ich verzieh? Sie haben mir nicht verziehen; Sie verwundeten mich da, wo ich am empfindlichsten bin, an dem Herzen meines Herzens. Sie wussten. dass ich aus der Welt nichts so sehr liebe, wie Dich; dass deine Anwesenheit mir daher so notwendig ist, wie die Luft, die ich atme, wie die Sonne, die mich bescheint. Nun wohl! Sie machten Dir ein Gewissen daraus, mit diesem verdammten Priester, mit diesem Blutmenschen, zu leben! Mit mir zu leben! Ja, Du lebst mit mir, oder, noch mehr zu sagen, ich lebe durch Dich. Nun wohl! dies Leben, so treu ergeben von deiner Seite, so rein von der meinigen, dass ich nie einen schlechten Gedanken hegte, selbst nicht, wenn ich Dich so schön sah, selbst nicht, wenn ich Dich – wie jetzt – in meinen Armen hielt; dies Leben, auf das Du stolz, sein musst, wie auf ein Opfer, haben sie Dir zur Schande angerechnet; Du bekamst Furcht, Du erneuertest dein Gelübde, Du wolltest in das Kloster eintreten. Dir dies zu verwehren, musste ich ein Breve von dem Papst erbitten, gegen den ich Krieg führte. Wie kannst Du also wollen, dass ich nicht zittern soll? Wenn sie mich tödten, so ist das nichts; bei der Belagerung von la Rochelle habe ich mein Leben zwanzigmal auf das Spiel gesetzt; aber wenn sie mich stürzen, wenn sie mich verbannen, wenn sie mich einkerkern, wie soll ich dann leben, fern von Dir?«

»Mein teurer Onkel,« entgegnete die schöne Fromme, indem sie auf den Kardinal einen Blick richtete, in welchem man mehr lesen konnte, als die Zärtlichkeit einer Nichte für ihren Oheim, und vielleicht selbst mehr, als die Liebe einer Tochter für ihren Vater; »Ihr seid gleichwohl in jener Zeit so gut gewesen, wie es nur möglich war. Aber ich kannte, ich liebte Euch noch nicht, wie ich Euch jetzt kenne und liebe. Ich tat ein Gelübde; der Papst hat mich dessen entbunden, und es besteht daher nicht mehr, Nun wohl, in dieser Stunde leiste ich einen Eid, und Ihr selbst werdet nicht die Macht, haben, mich davon zu entbinden: Ich leiste den Eid. überall zu sein, wo Ihr sein werdet, Euch überall zu folgen, wohin Ihr geht: Palast, Exil, Gefängnis sind für mich gleich, das Herz lebt nicht da, wo es klopft, sondern da, wo es liebt'. nun wohl, mein guter Onkel, mein Herz gehört Euch. Ich liebe Euch und werde nie einen Andern lieben, als Euch!«

»Ja, aber wenn sie siegen, werden sie es dann zugeben, dass Du Dich mir weihst, da sie dies beinahe verhinderten, als sie besiegt waren? Sieh, Marie, was ich mehr fürchte, als meinen Sturz, mehr als die Zertrümmerung meiner Macht, mehr als die Enttäuschung meines Ehrgeizes, das ist die Trennung von Dir. Ach, wenn ich nur gegen Spanien zu kämpfen hatte, gegen Österreich, gegen Savoyen, so wäre das nichts; aber gegen Die kämpfen zu müssen, die mich umgeben, die ich reich, glücklich, mächtig mache; aber wenn ich den Fuß erhebe, es nicht zu wagen, ihn niederzusetzen, aus Furcht, auf eine Natter, auf einen Scorpion zu treten, das ist es, was mich erschöpft. Was kümmert mich der Kampf gegen Spinoza, Waldstein, Olivarez? Ich werde sie niederwerfen. Sie sind nicht meine wahren Feinde, meine wahren Nebenbuhler! Mein wahrer Nebenbuhler ist ein Vauthier, mein wahrer Feind ist ein Bérulle, ein unbekannter Mensch, der in einem Alkoven intrigiert, in den Vorzimmern umher kriecht, ein Mensch, dessen Namen, dessen Existenz ich sogar nicht kenne. – Ich schreibe Tragödien; ach, ich kenne keine finsterere, als die, welche ich spiele! Während ich gegen die englische Flotte kämpfe, während ich die Mauern von la Rochelle niederwerfe, gelingt es mir, durch die Macht des Genies – ich darf dies sagen, obgleich ich von mir selbst spreche – außer meiner Armee in Frankreich zwölftausend Mann auszuheben. Ich gebe Sie dem Herzog von Nevers, dem rechtmäßigen Erben von Mantua und Montferrat, um damit seine Erbschaft zu erobern. – Das wäre mehr, als nöthig gewesen, hätte ich nur Philipp IV., Carl Emanuel und Ferdinand II. zu bekämpfen gehabt, d. h. Österreich, Spanien und Piemont! Aber der Astrolog Vauthier hat in den Sternen gelesen, dass die Armee die Berge nicht überschreiten wird, und der fromme Bérulle fürchtet, dass die Siege des Herzogs von Nevers das gute Einverständnis zwischen Seiner katholischen Majestät und Seiner aller christlichsten Majestät stören möchte. Sie lassen daher durch die Königin-Mutter an Créqui schreiben, an Créqui. den ich zum Pair, zum Marschall von Frankreich, zum Gouverneur der Dauphine machte, und Créqui, der meinen Sturz erwartet, um mit Zurücksetzung von Montmorency Connetable zu werden, verweigert die Lebensmittel, mit denen er im Überfluss versehen ist. Der Hunger reißt in der Armee ein; in Folge des Hungers die Desertion, in Folge der Desertion siegt der Savoyarde! Aber wer hat die Felsblöcke geschleudert, welche die Trümmer der französischen Armee vernichteten, indem sie von den Bergen Savoyens herabrollten? Eine Königin von Frankreich, Maria von Medicis.

»Freilich ist es wahr, dass Maria von Medicis, ehe sie Königin von Frankreich wurde, die Tochter des Herzogs Franz war, d. h. die Tochter eines Mörders und die Nichte Ferdinands, eines ehemaligen Kardinals, der seinen Bruder und seine Schwägerin vergiftete! So wird man es auch, mit mir machen, oder vielmehr mit meiner Armee, wenn ich nicht nach Italien gehe; gehe ich aber hin, so unterwühlt man mich hier, bis ich zusammenstürze. Und dennoch ist es das Wohl Frankreichs, das ich will. Mantua und Montferrat sind kleine Länder, aber wichtig als militärische Stellungen; Casale ist der Schlüssel der Alpen und ist dieser Schlüssel in den Händen des Savoyarden, so leiht er ihn – wie sein Interesse es fordert – bald am Österreich, bald an Spanien. Mantua, die Hauptstadt der Gonzaga s, schützt die fliehenden Künste; Mantua, ein Museum, ist zugleich mit Venedig das letzte Nest in Italien geblieben. Mantua deckt Toscana, den Papst und Venedig. – »Ihr werdet vielleicht Casale entsetzen, aber Ihr werdet Mantua nicht retten!« schreibt mir Gustav Adolph. Ha. wenn ich nicht Kardinal, nicht von Rom abhängig wäre, so möchte ich keinen anderen Verbündeten haben, als Gustav Adolph. Aber wie kann ich mit den Protestanten des Nordens eine Allianz schließen, während ich die Protestanten des Südens vernichte? Wenn ich wenigstens die Gewissheit hätte, Legat zu wenden! Wenn es mir gelänge, in meiner Hand die weltliche und die geistliche Macht zu vereinigen! Legat auf Lebenszeit! Und wenn man bedenkt, dass es ein Charlatan ist – Vauthier; ein Dummkopf – Bérulle, welche die Verwirklichung solcher Pläne hindern.

»Und dabei erinnere ich mich doch zuweilen daran, dass sie Alle in meiner Hand sind. Ich habe Beweise, dass durch Ehebruch die Ehre Heinrichs IV. und der französischen Krone geschändet wurde, ich habe auch Zeugen! Frau von Bellier und Patrocle gegen die Königin Anna von Österreich, die Escoman gegen Maria von Medicis; ich werde die Esoman suchen, deren Worte die Anklage des Mordes auf das ergrauende Haupt der Königin-Mutter schleudern sollen ich werde sie in dem Kloster aufsuchen, wo sie jetzt ihr sündiges Leben bereut, und sollte sie gestorben sein, werde ich ihre Leiche ausscharren lassen, und diese Leiche wird zeugen gegen meine Feindin!«

»Lieber Onkel,« sagte Frau von Combalet, welche sah, dass Richelieu sich allzu sehr aufregte, »denken wir jetzt nicht an diese verdrießlichen Geschichten, und plaudern wir!«

»Du hast Recht, liebes Kind; wo warst Du heute Abend?«

»Bei der Marquise von Rambouillet.«

»Was trieb man dort?«

»Nun, was man immer dort zu treiben pflegt, etwas Malerei, etwas Liebe und sehr viel Poesie! – Es wurde auch ein junger Dichter aus Rouen vorgestellt.«

»Dieses Rouen scheint ziemlich reich an poetischen Naturen; da arbeitet auch in meinem Kabinett ein solcher junger Taugenichts aus Rouen, Namens Rotrou, dem ich den Weg zu Parnasse ebnen soll; wie heißt denn der neu gebackene Dichter?«

»Peter Corneille!«

Der Kardinal machte mit Kopf und Schultern eine Bewegung, welche sagen wollte: »Mir unbekannt.«

»Und er kommt ohne Zweifel mit einem Trauerspiel in der Tasche?«

»Mit einem fünfaktigen Lustspiel.«

»Der Titel?«

»Melita.«

»Das ist kein historischer Name.«

»Nein, es ist ein Stoff eigener Erfindung. Rotrou behauptet, Corneille sei dazu bestimmt, alle gegenwärtigen, vergangenen und zukünftigen Dichter zu verdunkeln.«

»Der Unverschämte!« Darauf fuhr er fort: »Man war ja, wenn ich nicht irre, auch auf eine Überraschung gefasst; ist die Erwartung in Erfüllung gegangen?«

»Im vollsten Maße; denkt Euch, Onkel, dass sich vor unseren erstaunten Blicken plötzlich eine Mauer, von der wir wussten, dass sie in den Garten führe, auftat wie die Sesamhöhle, und wir an der Schwelle eines feenhaft ausgeschmückten Gemaches standen, wie ich Reizenderes noch nicht gesehen!«

»Wenn Du Dir das Gemach genau in die Erinnerung zurückzurufen vermagst, so sollst Du ein ähnliches in unserem neuen Landhaus haben. Du weißt, dass ich für meine liebe Nichte kein Opfer scheue. – Waren mit diesem Feengemache die Überraschungen erschöpft?«

»O nein, wir hatten noch eine, aber die war nicht im Programm der Marquise, es war im Gegenteil eine sehr traurige Überraschung.«

»Was war es?«

»Ich weiß nicht, ob ich es erzählen soll, weil ein Degenstoß dabei vorkommt.«

»Was? Wieder ein Duell?« sagte Richelieu. die Stirn runzelnd, »soll denn dieser barbarische Gebrauch in Frankreich nie ausgerottet werden können?«

»Es war nicht eigentlich ein Duell, sondern ein Rencontre. Der Marquis wurde in das Hotel gebracht, ohnmächtig in Folge einer Wunde.«

»Gefährlich?«

»Nein; aber es war ein Glück für ihn, dass er bucklig ist, denn die Klinge traf auf den Höcker, konnte nicht eindringen und glitt an dm verwachsenen Rippen ab.«

»Weiß man, woraus der Kampf entstand?«

»Ich glaube, ich hörte den Grafen von Moret nennen.«

»Den Grafen von Moret?« wiederholte Richelieu, wieder die Stirn runzelnd; »seit drei Tagen hörte ich diesen Namen schon mehrmals. Und wer versetzte dem Marquis Pisani diesen schönen Degenstoß?«

»Einer seiner besten Freunde, hundert Schritte von dem Hotel Rambouillet entfernt.«

Der Kardinal zog ein Notizbuch zu Rate.

»Und wer war der Angreifer?« fragte er, während er die Blätter des Notizbuches überflog.

Frau von Combalet zögerte mit der Antwort.

»Nenne ihn ungescheut!« sagte Richelieu.

»Er heißt Souscarières, ist aber, wie gesagt, an der Sache vollkommen unschuldig, da Pisani es war, der den Degen zuerst aus der Scheide zog.«

Bei Nennung dieses Namens zuckte es in dem Gesicht des Kardinals, und wer ihn kannte, erriet, dass in diesem Augenblicke eine jener Ideen in seinem Gehirne auftauchte, die bestimmend für das Schicksal einzelner Individuen oder ganzer Staaten waren.

Nachdem er einige Sekunden ruhig in seinem Notizbuch geblättert hatte, während ihn seine Nichte mit ängstlicher Spannung betrachtete, läutete er.

Charpentier erschien fast augenblicklich.

»Rufe Cavois!« befahl der Kardinal.

»Wie,« rief Frau von Combalet, »Ihr lasst den Kapitän der Garde kommen? Ihr wollt Souscarières doch nicht arretieren lassen?«,

»Im Gegenteil, von diesem Augenblicke an hat der junge Mann, den Du soeben nanntest, sein Glück in der Hand, und es ist nur seine eigene Schuld, wenn er es wieder fallen lässt.«

Cavois trat in strammer Haltung ein.

»Kapitän,« sagte Richelieu, »Ihr werdet Euch sofort nach der Rue des Frondeurs begeben. In dem Hause, welches die Ecke der Rue St. Anne bildet, fragt nach einem Cavalier, der sich Peter von Garde, Marquis von Montbrun, Herr von Souscarières nennt.«

»Ja, gnädigster Herr.«

»Wenn er dort wohnt und Ihr findet ihn zu Haus, so sagt ihm, dass es mir, ungeachtet der späten Nachtstunde, ein großes Vergnügen wäre, mit ihm zu plaudern.«

»Und wenn er sich weigert, Eminenz?«

»Dann richtet Ihr es so ein, dass ihm sein Weigern nichts hilft, er muss im Verlaufe einer Stunde hier sein, versteht Ihr? Er muss!«

»Zu Befehl. Eminenz!«

Der Kapitän entfernte sich. An der Tür begegnete er einem Manne, bei dessen Anblick er so schnell und ehrerbietig zur Seite trat, dass man erkennen konnte, er mache einer sehr wichtigen Person Platz.

In der Tat erschien in diesem Augenblick auf der Türschwelle der berüchtigte Kapuziner du Tremblay, bekannt unter dem Namen Bruder Joseph oder die graue Eminenz.




XI.

Die graue Eminenz


Pater Joseph war so bekannt als zweites Ich des Kardinals, dass sich bei seinem Erscheinen selbst die vertrautesten Diener des Ministers zurückzogen, und dass die Gegenwart der »grauen Eminenz« im Kabinett Richelieus das Privilegium zu haben schien, alle Übrigen das Feld räumen. zu machen.

Frau von Combalet unterlag, wie die Anderen, diesem Einfluss und entging dem Missbehagen nicht, welches diese Grabesstille Erscheinung überall hervorrief. Als sie den Pater Joseph gewahrte, ging sie daher und bot dem Kardinal ihre Stirne zum Kusse, indem sie sprach:

»Bitte, lieber Oheim, bleibt nicht zu lange wach.«

Dann entfernte sie sich durch jene Tür, welche dem Eingang entgegengesetzt war, um nur nicht dem Mönche nahezukommen, der stumm und regungslos in der Mitte zwischen der Tür und dem Schreibpulte des Kardinals stand.

Zu jener Zeit waren alle geistlichen Orden, ausgenommen den 1611 durch den Kardinal Bérulle gestifteten und 1613 von Paul V. bestätigten »Orden vom Bethause Jesu.« nach langer Opposition sozusagen ganz auf der Seite des Kardinal-Ministers. Er war der offenkundige Beschützer der Benedictiner von Cluny, von Cisaux und St. Maur, der Prämonstratenser, Dominikaner, Carmeliter und endlich jener ganzen capuzentragenden Familie des heiligen Franciscus: der Minoriten. Minimen, Franciscaner, Kapuziner u.s.w. u.s.w. Als Lohn für diesen Schutz aber bildeten alle diese Orden, die unter dem Vorwande, Armut zu predigen, oder Missionen zu erfüllen, in der Welt umherzogen, eine dienstfertige Polizei.

Von dieser ganzen Polizei, welche mit dem begeisterten Eifer der Dankbarkeit ihr Amt tat, war der in diplomatischen Kunststücken ergraute Kapuziner Joseph das Haupt. Wie später ein Sartines, ein Lenoir, ein Fouche, so hatte auch er das Genie des Spionirens. Sein Bruder, der Gerichtsschreiber du Tremblay, war durch seinen Einfluss zum Gouverneur der Bastille ernannt worden, so dass der durch den Kapuziner du Tremblay ausspionierte, denunzierte und arretierte Gefangene auch durch den Gouverneur du Tremblay eingekerkert und bewacht wurde, wozu noch kam, dass, wenn er, wie es oft geschah, hinter den Riegeln starb, er abermals durch den Kapuziner du Tremblay absolviert, mit dem Abendmahl versehen und begraben ward, so dass in dieser Weise, wer einmal gefasst war, auch nicht mehr aus der Familie herauskam.

Pater Joseph hatte ein Unterministerium mit vier Sektionen, deren Chefs vier Kapuziner waren. Er hielt sich einen Sekretär Namens Pater Ange Sabini, welcher wieder sein Pater Joseph war. Wenn er zu funktionieren begann und weite Wege hatte, so pflegte er dies zu Pferde zu tun, gefolgt von dem gleichfalls berittenen Pater Ange. Eines Tages jedoch, da er eine Stute ritt, Pater Sabini hingegen einen Hengst, geschah es, dass die beiden Vierfüßler so aneinander gerieten, dass die Capuzen der beiden Mönche eine viel zu groteske Rolle spielten, als dass Pater Joseph diese Art der Locomotion auch fernerhin hätte beibehalten wollen. Seitdem benützte er Sanfte oder Kutsche.

In der gewöhnlichen Ausübung seines Berufes aber Hing Pater Joseph, weil er das Inkognito wahren musste, zu Fuße und zog die Capuze über die Augen, um nicht erkannt zu werden, was ihm bei der großen Anzahl von Mönchen aller Farben, die damals in den Straßen von Paris wimmelten, ein Leichtes war.

Diesen Abend hatte Pater Joseph zu Fuße operiert.

Der Kardinal blickte mit wachsamem Auge umher, bis die erste Tür sich hinter seinem Gardecapitän, die zweite hinter seiner Nichte geschlossen hatte, nahm dann vor seinem Schreibtische Platz und wandte sich zum Pater Joseph:

»Nun, Ihr habt mir also etwas mitzuteilen, lieber duTremblay?«

Der Kardinal hatte die Gewohnheit bewahrt, den Kapuziner bei seinem Familiennamen zu nennen.

»Ja, Monseigneur,« erwiderte dieser, »und ich war zweimal da, um das Vergnügen zu haben, Euch zu sehen.«

»Ich weiß es. Das hat mir sogar die Hoffnung gegeben, Ihr würdet vielleicht irgend etwas über den Grafen von Moret, seine Rückkehr nach Paris und die Gründe dieser Rückkehr in Erfahrung gebracht haben.«

»Ich weiß noch nicht Alles, was Euer Eminenz wissen wollen, aber ich glaube auf der Fährte zu sein.«

»Ah, ah! Eure Weißmantel haben das Ihrige getan?«

»Ziemlich schlecht. Sie entdeckten bloß, der Graf von Moret habe im Hotel Montmorency bei dem Herzog Heinrich II. gewohnt und es Nachts verlassen, um eine Geliebte zu besuchen, welche in der Rue de la Cerisaie, gegenüber dem Hotel Lesdiguières, wohnt.«

»In der Rue de la Cerisaie, gegenüber dem Hotel Lesdiguières? Aber da wohnen ja die beiden Schwestern von Marion Delorme.«

»Jawohl, Monseigneur; Frau von Montagne und Frau von Maugiron; nur weiß man nicht, in welche von Beiden er verliebt ist.«

»Es ist gut, ich werde es erfahren,« sagte der Kardinal und begann, nachdem er den Kapuziner durch einen Wink unterbrochen, auf einem Blatt Papier zu schreiben: »In welche Eurer beiden Schwestern ist der Graf von Moret verliebt? Wer ist der Liebhaber der anderen? Gibt es dabei einen unglücklich Liebenden?«

Dann ging er zu einer Türfüllung, die sich bei dem Druck auf einen Knopf in der ganzen Höhe des Kabinetts öffnete.

Diese Öffnung hätte eine Communication mit dem Nachbarhaus gestattet, wäre nicht auf der anderen Seite des Mauerdurchmessers eine Tür im Wege gestanden.

Zwischen den beiden Türen befanden sich zwei Knöpfe von Klingeln, der eine rechts, der andere links, welche Einrichtung damals so neu und ungewöhnlich war, dass man sie nur bei dem Kardinal und im Louvre finden konnte.

Der Kardinal schob das Papier unter die Tür des Nachbarhauses, zog rechts die Klingel, die Türfüllung schloss sich und er nahm wieder seinen Sitz ein,

»Fahret fort,« sagte er zum Pater Joseph, der ihm zugesehen hatte, ohne sich über irgend etwas erstaunt zu zeigen.

»Ich sagte also, Monseigneur, die Weißmäntel hätten nichts Besonderes ausgerichtet, desto mehr aber die Vorsehung, die sich mit Euer Eminenz ganz vorzugsweise beschäftigt.«

»Wisst Ihr gewiss, du Tremblay, dass die Vorsehung das tut?«

»Was könnte sie Besseres zu tun haben, Monseigneur?«

»Nun,« sagte der Kardinal lächelnd, »hören wir denn den Bericht der Vorsehung über den Grafen von Moret.«

»Ja, Monseigneur. Ich kam also von den Weißmänteln zurück, wo ich nur erfahren hatte, was ich schon dir Ehre gehabt Euer Eminenz zu sagen, dass nämlich der Herr Graf von Moret seit acht tagen in Paris sei, bei dem Herzog von Montmorency wohne und eine Geliebte in der Rue de la Cerisaie habe, – was Alles zusammen herzlich wenig ist.«

»Ich finde, Ihr seid ungerecht gegen die guten Patres. Wer tut, was er kann, tut, was er soll. Die Vorsehung allein kann Alles; sehen wir also, was die Vorsehung tut.«

»Sie hat mich mit dem Grafen selbst zusammengeführt.«

»Ihr habt ihn gesehen?«

»So wie ich.dir Ehre habe, Monseigneur zu sehen.«

»Und hat er Euch auch gesehen?« fragte Richelieu lebhaft.

»Er hat mich gesehen, jedoch nicht erkannt.«

»Setzt Euch, du Tremblay, und erzählt mir das.«

Richelieu pflegte aus scheinbarer Höflichkeit den Kapuziner zum Sitzen einzuladen, und dieser Pflegte hingegen aus scheinbarer Demut stehen zu bleiben.

Er dankte also dem Kardinal und fuhr fort:

»Die Sache trug sich folgendermaßen zu, Monseigneur. Ich ging von den Weißmänteln weg, nachdem ich dort die Nachrichten erfahren, die ich bereits mitgeteilt habe, und sah plötzlich die Leute gegen die Rue de l'Homme Armé zulaufen.«

»Apropos, Rue de l'Homme Armé,« sagte der Kardinal, »darin gibt es einen Gasthof, auf den Ihr Euer Augenmerk richten sollt, du Tremblay; man nennt ihn den Gasthof »zum gefärbten Bart«.«

»Gerade dahin lief auch die Menschenmenge, Monseigneur.«

»Und Ihr lieft mit der Menge?«

»Euer Eminenz begreifen, dass ich dabei nicht fehlen mochte. Eine Art von Mord war begangen worden und zwar an einem armen Teufel, Namens Stephan Latil, welcher früher dem Herzog von Epernon zugehörte.«

»Epernon? Stephan Latil? Merkt Euch diese Namen wohl, du Tremblay. Dieser Mann wird uns eines Tages nützlich sein können.«

»Ich zweifle daran, Monseigneur.«

»Warum denn?«

»Ich glaube, er schickt sich zu einer Reise an, von der er wahrscheinlich nicht zurückkehren dürfte.«

»Ah, ich verstehe. Er ist es also, den man ermordet, hatte?«

»Ganz richtig, Monseigneur. Im ersten Augenblick wurde er für todt gehalten, kam aber dann wieder zu sich und verlangte sofort nach einem Priester. Da ich nun zufällig in der Nähe war . . .«.'

»Immer die Vorsehung, du Tremblay. Ihr hörtet also seine Beichte? Natürlich!«

»Vollständig.«

»Und sagte er dabei etwas von Wichtigkeit?«

»Monseigneur sollen selbst darüber urteilen,« sagte der Kapuziner lachend, »doch bitte ich, zuvor mich von der Pflicht der Geheimhaltung zu entbinden.«

»Gut, gut,« erwiderte Richelieu, »ich entbinde Euch.«

»Nun denn, Monseigneur, Stephan Latil wurde ermordet, weil er selbst den Grafen Moret nicht ermorden wollte.«

»Und in wessen Interesse kann es liegen, einen jungen Mann zu ermorden, der wenigstens bis heute an keinerlei Cabale Teil genommen hat?«

»Nebenbuhler in der Liebe.«

»Ihr wisst es?«

»Ich vermute so.«

»Und Ihr kennt den Mörder nicht?«

»Nein, Monseigneur, aber auch der Ermordete nicht. Dieser wusste bloß, dass es ein Buckliger war.«

»Wir haben nur zwei bucklige Raufer in Paris: den Marquis von Pisani und den Marquis von Fontrailles. Pisani kann es nicht sein, denn dieser hat gestern um neun Uhr Abends an der Tür des Hotels Rambouillet selbst von seinem Freunde Souscarières einen Degenstich erhalten. Es ist demnach nöthig, dass Ihr Fontrailles überwacht.«

»Ich werde ihn überwachen, Monseigneur, doch möge Ew. Eminenz mich noch weiter hören, denn das Außerordentlichste bleibt mir noch zu erzählen.«

»Erzählt, erzählt, du Tremblay. Eure Erzählung erfüllt mich mit dem größten Interesse.«

»Wohl an, Monseigneur, hier ist das Außerordentlichste. In dem Augenblicke, als ich im Anhören der Beichte begriffen war, trat der Graf von Moret selbst in das Zimmer, wo ich mein Amt übte.«

»Wie? Im Gasthofe »zum gefärbten Bart?«

»Jawohl, Monseigneur, im Gasthofe »zum gefärbten Bart«. Der Graf von Moret selbst trat, als baskischer Landedelmann verkleidet, ein, näherte sich dem Verwundeten und warf auf den Tisch, worauf derselbe lag, eine volle Geldbörse, indem er sagte: »Wirst Du geheilt, so lasse Dich ins Hotel des Herzogs von Montmorency führen, stirbst Du aber, so habe keine Sorge um deine Seele; an Musen soll es ihr nicht fehlen.«

»Die Absicht ist gut,« sagte Richelieu, »indessen aber sagt meinem Arzte Chicot, er möge jenen armen Teufel besuchen. Es ist wichtig, dass er davonkommt. Und Ihr seid ganz sicher, dass der Graf von Moret Euch nicht erkannt hat?«

»Ja, Monseigneur, vollkommen sicher.«

»Was konnte er verkleidet in dem Gasthofe zu tun haben?«

»Es wird uns vielleicht gelingen, es zu erfahren. Euer Eminenz würden nicht erraten, wem ich an der Ecke der Rue Du-Plâtre und der Rue de l'Homme Armé begegnet bin.«

»Wem?«

»Verkleidet als Bäuerin der Pyrenäen.«

»Sagt es gleich, du Tremblay; es wird spät und ich habe keine Zeit zum Raten.«

»Frau von Fargis.«

»Frau von Fargis?« rief der Kardinal. »Und sie kam aus dem Gasthofe?«

»Das ist wahrscheinlich.«

»Sie war als Catalonierin verkleidet, er als Baske. Das war ein Rendezvous.«

»Auch ich habe mir das gesagt. Es gibt jedoch mehrere Arten von Rendezvous, Monseigneur. Die Dame ist galant und der junge Mann ist ein Sohn Heinrichs IV.«

»Das ist kein Rendezvous aus Liebe, du Tremblay. Der junge Mann kommt aus Italien, er hat Piemont passiert. Ich möchte meinen Kopf verwetten, dass er Briefe für die Königin hatte, oder gar für die Königinnen. . . Ah! e mag; sich in Acht nehmen,« fügte Richelieu hinzu, indem sein Gesicht den Ausdruck der Drohung annahm, »ich habe bereits zwei Söhne Heinrichs IV. hinter Schloss und Riegel.«

»Dies, Monseigneur, ist in Summa das Resultat dieses Abends und ich hielt es für wichtig genug, Euer Eminenz noch heute unterbreitet zu werden.«

»Ihr habt Recht, du Tremblay; und Ihr sagt also, der junge Mann wohne bei dem Herzog von Montmorency?«

»Ja, Monseigneur.«

»Der wäre auch Einer davon? Hm! Hat er schon vergessen, dass ich bereits einen Kopf, der diesen Namen trug, fallen machte? Er will Connetable werden wie sein Vater und Großvater. Er wäre es auch schon, ohne Créqui, der sich einbildet, der Titel komme ihm zu, weil er ein Fräulein von Lesdiguières geheiratet hat, als wenn ihn das befähigen könnte, den Degen Duguesclin's zu führen. Nun, er ist wenigstens ein Cavalier, ein treues Herz. Ich werde ihn kommen lassen; sein Connetable-Degen liegt unter den Mauern von basale; er mag ihn dort holen. Ganz wie Ihr gesagt habt, du Tremblay, der Abend ist gut und ich will ihn vervollständigen.«

»Haben Monseigneur mir noch irgend etwas zu empfehlen?«

»Überwacht, wie ich gesagt habe, das Hotel »zum gefärbten Bart«, aber nicht auffällig. Verliert Euren Verwundeten nicht aus den Augen, bis er begraben oder geheilt ist. Ich glaubte den Grafen von Moret mit einer Anderen beschäftigt, als der Fargis, welche ja ohnehin schon Cramail und Marillac zu Anbetern hat – aber, endlich, die Vorsehung existiert und, wie Ihr sagtet, du Tremblay, führt sie selbst diese Angelegenheit. Aber Ihr wisst auch, dass die Vorsehung nicht Alles allein tun kann.«

»Und für solche Gelegenheit wurde das Sprichwort «der vielmehr der Grundsatz gemacht: Hilf Dir selbst und Gott wird Dir helfen.«

»Ihr seid voll Scharfsinn, lieber du Tremblay, und ich wäre sehr unglücklich, wenn ich Euch nicht hätte. Auch lasset mich nur gewähren, bis ich den Papst von den Spaniern befreit habe, die er fürchtet, sowie von den Österreichern, die er verwünscht, und wir werden die Sache so einrichten, dass der erste rote Hut, der von Rom ankommt, das Maß Eures Kopfes hat.«

»Wäre er nicht nach der Größe meines Kopfes gemacht, so würde ich Monseigneur bitten, mir einen seiner alten Hüte zu geben, als Zeichen, dass ich, wie groß auch die Gunst sein möge, mit der mich Gott beglückt, mich doch nie für gleichgestellt mit Euer Eminenz, sondern als deren Diener und Knecht betrachten werde.«

Und die beiden Hände auf der Brust gekreuzt, empfahl sich Pater Joseph auf das Demütigste.

An der Tür stieß er auf Cavois, welcher verschwand, um ihn hinauszulassen, wie er verschwunden war, um ihm Einlass zu gönnen.

Kaum war die graue Eminenz hinaus, als er eintrat.

»Monseigneur,« sagte er, »er ist da.«

»Souscarières?«

»Ja, Monseigneur.«

»Er war also zu Hause?«

»Nein, aber sein Diener sagte mir, er müsse in einer Kneipe der Straße Villidot sein, wo er zu verweilen pflegt und auch wirklich zur Zeit sich befand.«

»Lasset ihn eintreten.«

Cavois blieb unbeweglich und mit gesenktem Augen stehen.

»Nun?« fragte der Kardinal.

»Monseigneur, ich hätte eine Bitte.«

»Sprecht sie aus, Cavois. Ihr wisst, wie sehr ich Euch schätze und wie gern ich Euch angenehm sein möchte.«

»Ich möchte nur wissen, ob es mir nach der Entfernung, des Herrn Souscarières erlaubt sein wird, für den Rest der Nacht nach Hause zu gehen. Seit unserer Rückkehr nach Paris, Monseigneur, habe ich mich bereits acht Tage, oder vielmehr Nächte, nicht zu Bette gelegt.«

»Und Ihr seid des Wachens müde?«

»Nein, Monseigneur; aber Madame Cavois ist des Schlafens müde.«

»Sie ist also noch immer verliebt?«

»Ja, Monseigneur; aber in ihren Mann.«

»Ein schönes Beispiel, das unsere vornehmen Damen befolgen sollten. Cavois, Ihr werdet diese Nacht bei Eurer Frau zubringen.«

»Ich danke, Monseigneur.«

»Ich ermächtige Euch, sie zu holen.«

»Madame Cavois zu holen?«

»Ja, und sie hierher zubringen.«

»Hierher, Monseigneur?

»Ich muss sie sprechen.«

»Euer Eminenz wollten meine Frau sprechen?« rief Cavois auf's Höchste erstaunt.

»Ich will ihr ein Geschenk machen, um sie für die vergangenen Nächte zu entschädigen.

»Ein Geschenk?« sagte Cavois immer mehr erstaunt.

»Lasset Herrn Souscarières eintreten, Cavois, und während ich mit ihm plaudere, holt Eure Frau.«

»Aber, Monseigneur« sagte Cavois, »sie wird zu Bette sein.«

»Lasst sie aufstehen.«

»Sie wird nicht kommen wollen.«

»Nehmt zwei Garden mit,«

Cavois lachte.

»Wohl an, es sei, Monseigneur, ich will sie herbringen aber ich benachrichtige Euch im Voraus, dass ihre Zunge ganz merkwürdig frei ist.«

»Um so besser. Ich liebe diese Art von Zungen; sie sind sehr rar am Hofe, Cavois. Sie sagen Alles, was sie denken.«

»Ist aber auch der Befehl, den mir Monseigneur gegeben, im Ernst gemeint?«

»Im tiefsten Ernst.«

»Monseigneur, ich gehorche.«

Cavois war noch immer nicht überzeugt, aber er grüßte und ging hinaus.

De« Kardinal benützte den Augenblick seiner Einsamkeit, um rasch die Tapete vor der Türfüllung bei Seite zu schieben.

Auf demselben Platze, wohin er den Zettel mit der Frage gelegt, fand er die Antwort.

Sie war mit gleichem Lakonismus verfasst, wie die Frage, und lautete:

»Der Graf von Moret ist der Geliebte der Frau von Montagne und Souscarières der von Frau von Mougiron. – Der unglücklich Liebende – der Marquis von Pisani.«

»Das ist erstaunlich,« murmelte der Kardinal, indem er die Tür schloss. »Wie sich die Kettenringe schließen. Wahrhaftig,, diesen Abend fange ich beinahe an, zu glauben wie dieser einfältige du Tremblay, es gebe eine Vorsehung.«

In diesem Augenblicke öffnete der Kammerdiener Charpentier die Tür und meldete:

»Messire Peter von Bellegarde, Graf von Montbrun, Herr von Souscarières.«




XII.

Worin Madame Cavois die Verbündete des Herrn Michel wird


Der, welcher sich mit einem so pomphaften Aufwand von Titeln anmelden ließ, war – wie unsere Leser wissen, kein Anderer als unser Freund Souscarières, dessen Porträt wir am Anfange dieses Bandes bereits gezeichnet haben.

Souscarières trat auf sehr zuversichtliche Weise ein und grüßte Se. Eminenz mit einer Zwanglosigkeit, die man recht wohl Unverschämtheit nennen durfte.

Der Kardinal schien mit den Augen nach einem Gefolge zu suchen, das Souscarières mit sich gebracht haben sollte.

»Entschuldigt mich, Monseigneur,« sagte Souscarières und streckte das eine Bein in eine galante Positur vor, indem er gleichzeitig den Arm, der seinen Hut trug, graziös bog, »aber Euer Eminenz Meinen etwas zu suchen?«

»Ich suche die Person, die man zu gleicher Zeit mit Euch gemeldet hat, Herr Michel.«

»Michel,« wiederholte Souscarières, den Erstaunten spielend. »Wer heißt denn Michel, Monseigneur?«

»Ei, Ihr selbst, mein lieber Herr, so glaub' ich!«

»O, Monseigneur begehen einen schweren Irrtum, in dem ich Euch nicht gerne lassen möchte. Ich bin der anerkannte Sohn des Herrn Roger de St. Lary, Herzogs von Bellegarde, Oberststallmeisters von Frankreich. Mein erlauchter Vater lebt noch und man kann sich bei ihm erkundigen. Herr von Souscarières bin ich in Folge eines Gutes, das ich erworben habe, und zum Marquis wurde ich durch die Frau Herzogin Nicole von Lothringen gemacht, bei Gelegenheit meiner Heirat mit dem edlen Fräulein Anna von Rogers.«

»Mein lieber Herr Michel,« begann abermals der Kardinal Richelieu, »erlaubt mir, Euch Eure Geschichte zu erzählen. Ich weiß sie besser als Ihr; lernt daraus.«

»Ich weiß,« sagte Souscarières, »dass große Männer, wie Ew. Eminenz, nach den Tagen der mühseligen Arbeit eine Stunde der Unterhaltung bedürfen. Glücklich Derjenige, welcher, wenngleich auf seine eigenen Kosten, einem so großen Genie diese Stunde der Zerstreuung verschaffen kann.«

Und entzückt über das Kompliment, das er gefunden, verbeugte sich Souscarières vor dem Kardinal.

»Ihr irrt Euch bedeutend, Herr Michel,« fuhr der Kardinal fort, ihn beharrlich mit diesem Namen anredend. »Ich bin nicht müde, ich bedarf keiner Erholungsstunde und will auch diese Stunde nicht auf Eure Unkosten benützen. Da ich Euch jedoch einen Vorschlag zu machen habe, will ich Euch zuvor beweisen, dass ich nicht wie alle Welt durch Euere Titel und Namen gefoppt werde, sondern dass ich Euch denselben wegen Eurer persönlichen Vorzüge allein mache.

Und der Kardinal begleitete die letzten Worte mit jenem frischen Lächeln, das in Momenten guter Laune ihm eigen war.

»Ich höre, was Eure Eminenz mir zu sagen haben,« sagte Souscarières, ein wenig unbehaglich wegen der Wendung, die das Gespräch nahm.

»Ich fange also an, nicht wahr, lieber Herr Michel?«

Souscarières verbeugte sich, wie Einer, der nicht den mindesten Widerstand leisten kann.

»Ihr kennt die Rue des Bourdonnais, nicht wahr, Herr Michel?« fragte der Kardinal.

»Man müsste aus dem Cathay sein, Monseigneur, um sie nicht zu kennen.«

»Nun denn! Ihr kanntet aber auch in Eurer Jugend einen braven Pastetenbäcker, der ein Gasthaus hielt und Leute in Kost nahm. Dieser würdige Mann, welcher seine ausgezeichnete Küche hatte und bei dem ich sehr häufig speiste, als ich noch Bischof von Lucon war, hieß Michel und hatte die Ehre, Euer Herr Vater zu sein,«

»Ich glaube Eurer Eminenz bereits bemerkt zu haben, dass ich der anerkannte Sohn des Herrn Herzogs von Bellegarde bin,« wiederholte mit etwas weniger Selbstbewusstsein Souscarières.

»Nichts ist wahrer,« erwiderte der Kardinal, »ich will Euch sogar sagen, auf welche Art diese Anerkennung zu Stande gekommen ist. Dieser würdige Kuchenbäcker hatte eine sehr hübsche Frau, welcher alle Herren, die ins Gasthaus kamen, den Hof machten, Eines schönen Tages fand sie sich in gesegneten Umständen und kam später mit einem Sohne nieder. Dieser Sohn wäret Ihr, lieber Herr Michel; denn da Ihr in der Ehe und zu Lebzeiten Eures Herrn Vaters geboren wurdet, oder, wenn Ihr wollt, zu Lebzeiten des Gatten Eurer Frau Mutter, könnt Ihr auch keinen andern Namen führen, als den Eures Vaters und Eurer Frau Mutter. Nur die Könige, merkt Euch das wohl, Herr Michel, haben das Recht, uneheliche Kinder zu legitimieren.«

»Teufel! Teufel!« murmelte Souscarières.

»Doch kommen wir auf Eure Anerkennung. Nachdem Ihr ein hübsches Kind gewesen, wurdet Ihr auch ein hübscher junger Mann, geschickt in allen Leibesübungen, im Ballspiel ein zweiter d'Alichon, mit dem Degen vertraut wie Fontenay, und eine Karte verschwinden zu machen gewandt wie kein Anderer. Auf diesem Grade der Vollkommenheit angelangt, beschlosst Ihr, Eure Talente zum Begründen Eures Glückes zu verwenden, und um besagtes Glück zu beginnen, ginget Ihr nach England, wo Ihr in allen Arten von Spiel so glücklich ward, dass Ihr mit fünfmal hunderttausend Fraces von dort zurückkamt. Ist es nicht so?«

»Bis auf einige hundert Pistolen, ja, Monseigneur.«

»Damals erhieltet Ihr eines schönen Morgens den Besuch eines gewissen Lalande, welcher Ballspielmeister Sr. Majestät, unseres Herrn und Königs, gewesen war. Dieser sagte Euch Folgendes oder ungefähr Folgendes. Ich will natürlich nur den Sinn seiner Rede sagen, nicht aber die Worte selbst:

»Bei Gott, Herr von Souscarières, ah Pardon! ich vergaß schon wieder. Ich weiß nicht warum, aber Ihr habt stets einen solchen Widerwillen gegen den Namen Michel gehabt, welcher doch zu den wohlklingendsten gehört, dass Ihr mit dem ersten Gelde, welches Ihr hattet, für eintausend Pistolen eine Art altes Mauerwerk ankauftet, das halb in Ruinen lag, und in der Gegend Souscarières hieß, was dann zur Folge hatte, dass Ihr Euch nicht Michel nanntet, sondern Souscarières, dann Herr von Souscarières. . . . Verzeiht, dass ich all dies in Parenthese anführte, aber ich halte es für notwendig zum besseren Verständnis meiner Erzählung.«

Souscarières verneigte sich.

»Der kleine Lalande sprach also folgendermaßen:

»Bei Gott, Herr Souscarières, Ihr habt eine hübsche Gestalt, Ihr besitzt Geist, Ihr seid geschickt und glücklich im Spiele und in der Liebe. Es fehlt Euch bloß an – Geburt. Zwar weiß ich ganz gut, dass man sich nicht nach Belieben seinen Vater und seine Mutter wählen kann, denn sonst hätte Jedermann einen Pair von Frankreich zum Urheber seiner Tage und eine Herzogin zur Mutter; ist man jedoch reich, so gibt es immerhin Mittel, diese kleinen Unregelmäßigkeiten des Zufalls zu verbessern. – »Ich war nicht dabei, Herr Michel, aber ich denke mir, welche Augen Ihr bei dieser Kunde machtet. Lalande fuhr fort: »Versteht, Ihr braucht nur unter allen den großen Herren zu wählen, die Eurer Mutter den Hof gemacht haben, natürlich Einen, der wenig skrupulös ist, z. B. Herrn von Bellegarde. Die Zeit des großen Jubiläums rückt heran; Eure Mutter wird entzückt sein, aus Euch einen Edelmann zu machen, sie wird zum Herrn Herzog gehen, ihm sagen, Ihr gehörtet eigentlich ihm, und nicht dem Pastetenbäcker; ihr Gewissen könne es nicht über sich bringen, in Euren Händen das Gut eines Mannes zu sehen, der nicht Euer Vater ist. Da er kein starkes Gedächtnis; hat, wird er sich nicht einmal mehr erinnern, ob er ihr Liebhaber gewesen war oder nicht, und da die Anerkennung mit dreißigtausend Francs in Verbindung stehen muss, wird er Euch anerkennen. – Hat sich die Sache nicht so begeben?«

»Ungefähr so, Monseigneur, ich muss es gestehen. Nur eine Sache haben Euer Eminenz vergessen.«

»Welche? Sollte mein Gedächtnis; mich getäuscht haben, obgleich es besser ist, als das des Herrn von Bellegarde, so bin ich bereit, meinen Fehler zu verbessern.«

»Die Sache ist, dass ich außer den von Euer Eminenz erwähnten fünfmal hunderttausend Francs auch noch etwas Anderes aus England mitgebracht habe, nämlich die Erfindung von Tragsesseln, für die ich schon seit Jahren um das Privilegium in Frankreich sollicitire.«

»Ihr irrt, lieber Herr Michel. Ich habe weder die Erfindung, noch die Bitte um ein Privilegium vergessen und ich habe Euch im Gegenteil holen lassen, um mit Euch hierüber zu sprechen. Aber jedes Ding, wenn seine Reihe kommt. Die Ordnung, sagt ein Philosoph, ist die Hälfte des Genies. Und wir halten ja erst bei Eurer Heirat.«

»Könnten wir uns nicht das Besprechen dieses Stoffes erlassen, Monseigneur?«

»Unmöglich, denn was würde in diesem Falle ans Eurem Marquistitel, da er Euch doch von der Herzogin Nicole von Lothringen bei Gelegenheit Eurer Heirat erteilt wurde. Über Euch und jene ehrenwerte Herzogin waren zu der Zeit eine Menge Gerüchte in Umlauf, die zu dementieren Ihr Euch wohl hütet, und als sie vor sechs Monaten starb, ließt Ihr ein gewisses Kind, das Ihr habt, Trauer anlegen. Da indessen Jedermann das Recht hat, seine Kinder nach seinem eigenen Geschmack zu kleiden, will ich Euch in Bezug hierauf durchaus keine Vorwürfe machen.«

»Monseigneur sind überaus gnädig,« sagte Souscarières.

»Wie dem auch sei, Ihr kehrtet aus Lothringen mit einem jungen Mädchen, Fräulein, Anna von Rogers, zurück, welche Ihr entführt hattet. Ihr gabt sie für die Tochter eines großen Herrn aus, sie war jedoch ganz einfach die Tochter der Herzogin. Bei Gelegenheit Eurer Heirat mit derselben, sagt Ihr, gab man Euch den Titel eines Marquis von Montbrun. Damit aber diese Promotion gültig sei, müsste es Herr Michel sein, der zum Marquis gemacht wurde, und nicht Herr von Bellegarde, denn als uneheliches Kind konntet Ihr nicht anerkannt werden und in Ermanglung des Rechtes, Euch Bellegarde zu nennen, konnte man Euch auch nicht unter diesem Namen zum Marquis machen, welcher weder der Eure ist, noch es jemals sein kann.«

»Monseigneur sind sehr hart gegen mich.«

»Ganz im Gegenteil, lieber Herr Michel; ich bin mild, wie Honig, und Ihr werdet es allsogleich sehen.

»Madame Michel, die nicht wusste, welches Glück ihr zu Teil geworden war, als Ihr sie heiraten durftet, Madame Michel ließ sich von Villaudry schön tun; Ihr wisst ja, Villaudry, der jüngere Bruder desjenigen, welchen Miossens getödtet hat. Ihr bekamt Wind von etwas und wolltet sie in den Canal von Souscarières stürzen, aber Ihr hattet nicht genug Sicherheit und da Ihr im Grunde kein böser Mensch seid, wartetet Ihr, bis Ihr Eurer Sache ganz sicher sein würdet. Dies geschah durch ein Armband von Haaren, das sie Herrn von Villandry gab. Da Ihr nun dieses mal den vollen Beweis hattet, indem auch noch ein ganz von Eurer Frau geschriebener Brief in Euren Händen war, der Euch an Eurem Unglück nicht mehr zweifeln ließ, führtet Ihr sie in den Park und fordertet sie auf, zu Gott zu beten, indem Ihr zugleich Euren Dolch zoget. Diesmal war es nicht wie damals, als Ihr ihr gedroht hattet, sie in den Canal zu werfen, und sie sah, dass es jetzt durchaus nicht zum Lachen war, denn Ihr führtet einen Stoß gegen sie, der aber glücklicherweise mit der Hand pariert wurde, was ihr nur zwei Finger kostete. Als Ihr jedoch ihr Blut saht, hattet. Ihr Mitleid und schenktet ihr das Leben, schicktet sie jedoch nach Lothringen zurück. Was Villaudry betrifft, beschlosst Ihr, eben weil Ihr gegen Eure Frau gnädig gewesen wart, gegen ihn unerbittlich zu sein und tratet, als er in der Messe war, von der Place Royale aus in die Kirche ein, gabt ihm eine Ohrfeige und zogt den Degen. Er aber wollte keine Kirchenschändung begehen und behielt den seinigen in der Scheide. In Wahrheit muss man freilich sagen, dass es ihm nicht sonderlich darum zu tun war, sich mit Euch zu schlagen und dass er sogar sagte: Ich würde ihn erdolchen, wenn ich einen begründeten Ruf des Mutes hätte, aber unglücklicherweise habe ich den nicht und das macht, dass ich mich schlagen muss. Und in der Tat forderte er Euch und als wäret Ihr wirklich der Sohn des Herrn von Bellegarde und hättet nicht mehr Gedächtnis, als er, schlugt Ihr Euch auf der Place Royale, eben dort, wo Bouteville und der Marquis von Beveron sich geschlagen hatten. Ich weiß, Ihr benahmt Euch wundervoll, Ihr acceptirtet alle Forderungen Eures Gegners und er kam mit sechs Degenstößen davon, die Ihr ihm mit der Spitze, und ebenso vielen Schlägen, die Ihr ihm mit der flachen Klinge gabt. Auch Bouteville hatte sich wundervoll benommen, was mich indessen keineswegs hinderte, ihm den Kopf abschlagen;u lassen, und das hätte ich sicherlich auch bei Auch getan, wäret Ihr, anstatt ganz einfach Herr Michel zu sein, tatsächlich Peter von Bellegarde, Marquis von Montbrun, Herr von Souscarières gewesen, denn Ihr hattet noch Ärgeres getan, als Bouteville, – Ihr hattet in einer Kirche den Degen gezogen, wovon die Folge gewesen wäre, dass man Euch erst die Hand und hernach den Kopf abgehauen hätte. Ihr versteht, lieber Herr Michel?«

»Ja, bei Gott, Monseigneur, ich verstehe,« erwiderte Souscarières, »und ich muss sagen, dass ich in meinem Leben schon Gespräche hörte, die mir angenehmer waren, als das gegenwärtige.«

»Und das um so mehr, weil Ihr noch nicht zu Ende seid. Ihr wurdet heute Abend wieder recitiv mit diesem armen Marquis von Pisani! Wahrhaftig, man muss ein eingefleischter Teufel sein, um sich mit einem solchen Polichinell zu schlagen.«

»O, Monseigneur, ich habe mich nicht mit ihm geschlagen, sondern er mit mir.«

»Der arme Marquis! War er denn nicht schon unglücklich genug, kein Entrée in der Rue de la Cerisaie zu haben, während Ihr und der Graf von Moret dasselbe hattet?«

»Wie, Monseigneur, Ihr wisst? . . .«

»Ich weiß, dass, wenn Euer Degen nicht die Spitze seines Höckers getroffen hätte und seine Rippen nicht so übereinander geschoben wären, dass die Klinge an ihnen wie an einem Harnisch abgleiten musste, er wie ein Käfer an die Mauer gespießt worden wäre. Ihr seid also ein gar schlimmer Kopf, lieber Herr Michel.«

»Ich schwöre, Monseigneur, dass ich keinerlei Händel mit ihm gesucht habe; Voiture und Brancas werden es bezeugen; aber ich war sehr erhitzt, weil ich von der Rue de l'Homme Armé bis zur Rue du Louvre gelaufen war.«

Bei der Erwähnung der Rue de l'Homme Armé öffnete Richelieu Augen und Ohren.

»Auch er war erhitzt,« fuhr Souscarières fort, »durch einen Streit, den er in einem Wirtshaus gehabt hatte.«

»Ja wohl,« sagte Richelieu, welcher jetzt Nur den Weg übersah, den ihm Souscarières, ohne es zu ahnen, eröffnet hatte, in dem Wirtshaus »zum gefärbten Barte«.

»Monseigneur!« rief Souscarières erstaunt.

»Wohin er gegangen war,« fuhr Richelieu fort – auf die Gefahr hin, irre zu gehen, aber in der Absicht, Alles zu erfahren – »wohin er gegangen war, um zu sehen, ob er sich nicht durch die Hand eines gewissen Stephan Latil seines Rivals, des Grafen von Moret, entledigen könnte. Zum Glück fand er statt eines Sbirren einen ehrlichen Bravo, welcher es verweigerte, seine Hand in königliches Blut zu tauchen. Aber wisst Ihr wohl, mein lieber Herr Michel, dass in Eurem in der Kirche gezogenen Degen, in Eurem Duell mit Villandry, in Eurer Begünstigung der Ermordung des Stephan Latil und in Eurem Rencontre mit dem Marquis von Pisani genug Grund vorhanden ist, um Euch viermal den Kopf abschlagen zu lassen, aber natürlich nur, wenn Ihr als Edelmann zweiunddreißig Ahnen hättet und nicht ein Bürgerlicher wäret.«

»Ach, Monseigneur,« sagte Souscarières sehr erschüttert, »ich weiß es und ich gestehe es laut, dass ich mein Leben einzig und allein der Großmut Eurer Eminenz verdanke.«

»Und Eurer Intelligenz, lieber Herr Michel.«

»Ach, Monseigneur, wenn es mir ermöglicht würde, diese Intelligenz zur Verfügung Eurer Eminenz zu stellen,« rief Souscarières, zu den Füßen des Kardinals stürzend, »ich wäre der glücklichste der Menschen.«

»Ich sage nicht nein, Gott behüte; denn ich brauche Männer, wie Ihr seid.«

»Ja, Monseigneur, ergebene Männer; ich wage es auszusprechen.«

»Welche ich hängen lassen kann an dem Tage, an welchem sie aufhören es zu sein.«

Souscarières fuhr zusammen.

»O, es wird unmöglich sein, dass ich so unglücklich bin, zu vergessen, was ich Eurer Eminenz schulde.«

»Das ist Eure Sache, Herr Michel. Ihr habt Euer Glück in Eurer eigenen Hand, aber vergeht nur auch nicht, dass ich das Ende des Strickes in der meinigen halte.«

»Wenn nur Eure Eminenz geruhen wollten, mir zu sagen, bei welcher Gelegenheit ich jene Intelligenz in Anwendung bringen soll, die Ihr mir zuzuschreiben so gütig seid.«

»O, was das betrifft, recht gern.«

»Ich bin ganz Ohr.«

»Wohl an denn; nehmen wir an, ich gewährte Euch das Privilegium zu Eurer Erfindung.«

»Das Privilegium auf Tragsessel?« rief Souscarières, der das Glück in greifbarer Form vor sich sah, von dem der Kardinal gesagt hatte, er halte es in Händen, das er jedoch bisher nur im Traum zu sehen vermocht hatte.

»Nur die Hälfte,« sagte der Kardinal; »nur die Hälfte; die andere Hälfte behalte ich mir für ein Geschenk vor, das ich machen will.«

»Noch eine zweite Intelligenz, welche Monseigneur belohnen wollen?« wagte Souscarières zu fragen.

»Nein, eine Ergebenheit; das ist seltener.«

»Monseigneur sind Herr darüber. Mit der Hälfte des Privilegiums werde ich überreich beglückt sein.«

»Es sei! Ihr habt also die Hälfte der Tragsessel für Paris; nehmen wir z. P. zweihundert.«

»Ja, Monseigneur, nehmen wir zweihundert.«

»Das macht in Summa vierhundert Sesselträger. Nun: denn, Herr Michel, nehmen wir an, diese Träger wären intelligente Leute und passten wohl auf, wohin ihre Kunden sich tragen ließen und was sie sagten, und sie notierten sich pünktlich deren ganzes Gehen und Kommen, Thun und Lassen. Nehmen wir ferner an, an der Spitze dieses Corps stände gleichfalls ein intelligenter Mann, welcher mir, aber auch nur mir allein, Berichte erstattet über Alles, was er sieht und hört, und was ihm rapportirt wird. Und endlich nehmen wir noch an, dass dieser Mann nur zwölftausend Livres Renten hätte, sich jedoch mit Leichtigkeit vierundzwanzig tausend machen könnte, dabei aber natürlich nicht den Namen Michel führen dürfte, sondern Herr Peter von Bellegarde, Marquis von Montbrun und Herr von Souscarières heißen müsste. . . Ich würde ihm sagen: Mein lieber Freund, legt Euch so viele Namen bei, als Ihr nur wollt, je mehr, desto besser, und was die Namen anbelangt, die Ihr Euch bereits angeeignet habt, so verteidigt Ihr sie gegen Jeden, der sie vielleicht reklamieren sollte, aber seid ganz ruhig, ich werde es nicht sein, der Euch deshalb das Mindeste in den Weg legt.«

»Und das wäre Ernst, was mir da Monseigneur sagen?«

»Voller Ernst, mein lieber Herr Michel. Das Privilegium für die Hälfte der in Paris einzuführenden Tragsessel ist Euch verliehen und morgen soll Euch Euer Kompagnon, der den Vertrag für seinen Teil schon unterschrieben haben wird, denselben zu gleichem Zwecke überbringen. Ist Euch das recht?«

»Und wird die Schrift auch die Verbindlichkeiten enthalten, die mir auferlegt sind?« fragte zögernd Souscarières.

»Auf keinen Fall, lieber Herr Michel. Ihr begreift, dass die Sache ganz unter uns bleibt; es ist sogar von höchster Wichtigkeit, dass sie nicht ausposaunt werde. Teufel! wüsste man Euch auf meiner Seite, so wäre Alles gefehlt. Es schadet sogar nicht das Geringste, wenn man glaubt, Ihr wäret für Monsieur oder für die Königin; hierzu wird es Euch genügen, zu sagen, ich wäre ein Tyrann, ich verfolge die Königin, und Ihr begreift nicht, wie König Ludwig XIII. unter einem so harten Joch, wie das meinige, leben könne.«

»Aber ich werde niemals derartige Suchen sagen können!« rief Souscarières.

»Schon gut; wenn Ihr Euch etwas Gewalt antut, werdet Ihr sehen, dass das von selbst geht. Wir sind also nun im Reinen. Eure Sessel werden in Mode kommen, Ihr werdet Opposition machen, Ihr werdet den ganzen Hof haben, man wird nirgends mehr hingehen ohne Tragsessel, besonders wenn diese für zwei Personen berechnet sind und recht dichte Vorhänge haben.«

»Monseigneur haben mir Niemand besonders zu empfehlen?«

»O doch. Ich empfehle Euch namentlich folgende Damen: die Frau Prinzeß zuvörderst, dann Madame Marie von Gonzaga, die Herzogin von Chevreuse, Frau von Fargis; ferner von den Herren: den Grafen von Moret, Herrn von Montmorency, den Herzog von Chevreuse, den Grafen Cramail. Ich spreche nicht vom Marquis von Pisani; er kann mich, Dank Eurer Geschicklichkeit, einige Tage lang nicht beunruhigen.«

»Monseigneur können beruhigt sein. Und wann soll ich meine Kundschafterdienste beginnen?«

»So bald als möglich. In acht Tagen kann die ganze Sache im Zuge sein, natürlich, wenn Euch das Anlagecapital nicht fehlt.«

»Nein, Monseigneur. Übrigens wenn es mir auch fehlte, bei einer solchen Gelegenheit fände ich es gewiss.«

»In diesem Falle braucht Ihr nicht zu suchen, sondern Euch nur direkt an mich selbst zu wenden.«

»An Euch, Monseigneur?«

»Ja. Habe ich nicht ein Interesse an der Sache? Doch da ist Cavois, der, wie es scheint, mir etwas zu sagen hat. Er ist es, der Euch morgen das kleine Papier zum Unterzeichnen bringt, und da er alle die Bedingungen desselben kennen wird, selbst die, welche unter uns bleiben, so würde auch er es sein, der sie Euch im Falle einer Vergesslichkeit ins Gedächtnis zurückzurufen käme, aber ich glaube gewiss zu sein, dass Ihr nichts vergessen werdet. Tritt ein, Cavois, tritt ein. Du siehst diesen Herrn, nicht wahr?«

»Ja, Monseigneur,« sagte Cavois, der dem Befehle des Kardinals gehorcht hatte.

»Gut. Er ist einer meiner Freunde. Aber er gehört zu Jenen, die mich nur zwischen zehn Uhr Abends und zwei Uhr Morgens besuchen. Für mich, aber nur für mich allein, heißt er Michel, für alle Übrigen ist es Herr Peter von Bellegarde, Marquis von Montbrun, Herr von Souscarières. – Auf Wiedersehen, lieber Herr Michel.«

Souscarières verneigte sich bis auf die Erde und entfernte sich, kaum an sein Glück glaubend und fast unklar darüber, ob der Kardinal mit ihm ernstlich gesprochen oder sich bloß über ihn lustig gemacht hatte.

Da er aber wusste, dass der Kardinal stets sehr beschäftigt war, begriff er endlich doch, derselbe habe nicht die Zeit, über ihn zu spotten und habe daher aller Wahrscheinlichkeit nach in vollem Ernste gesprochen.

Was den Kardinal anbelangt, so hatte er das Bewusstsein, seine Macht durch die Rekrutierung eines mächtigen Alliierten verstärkt zu haben; seine gute Laune war also zurückgekehrt und er rief mit seiner freundlichsten Stimme:

»Madame Cavois! Madame Cavois. kommt doch herein!«




XIII.

Worin der Kardinal sein Schachbrett klar zu übersehen beginnt


Kaum war dieser Ruf erschallt, als eine kleine Frau von fünfundzwanzig bis sechsundzwanzig Jahren eintrat. Sie war munter, beweglich, das Näschen in der Luft und es schien durchaus nicht, als sei sie durch den Kardinal eingeschüchtert.

»Ihr habt mich gerufen, Monseigneur,« sagte sie, das Wort zuerst ergreifend und mit sehr ausgesprochenem Languedoc'schen Accent,, »Hier bin ich.«

»Gut; und Cavois sagte, Ihr würdet vielleicht nicht kommen wollen.«

»Ich nicht kommen, wenn Ihr mir die Ehre antut, .mich rufen zu lassen? Eher wäre ich gekommen, wenn mich Auch Euer Eminenz gar nicht hätte holen lassen,«

»Madame Cavois! Madame Cavois!« sagte der Gardecapitän mit einem Versuche, die Stimme zu erheben.

»Madame Cavois, so viel Du willst! Monseigneur lässt mich für Dies oder Jenes kommen. Will er mit mir sprechen, so möge er sprechen; will er, dass ich zu ihm spreche, so werde ich zu ihm sprechen.«

»Ich will Beides, Madame Cavois,« sagte der Kardinal, indem er seinem Gardecapitän winkte, sich nicht in das Gespräch zu mischen,

»Ah, Monseigneur brauchen ihm kein Stillschweigen aufzuerlegen. Es wird genügen, dass ich ihn schweigen heiße, und er wird schweigen, oder sollte er sich zufällig einmal den Anschein geben wollen, als sei er der Herr?«

»Monseigneur werden sie entschuldigen,« sagte Cavois; »sie ist nicht vom Hofe und . . .«

»Wie? Monseigneur soll mich entschuldigen? Das machst Du wahrhaft nicht übel, Cavois! Monseigneur hat sich bei mir zu entschuldigen.«

»Wie?« sagte der Kardinal lachend, »ich habe mich zu entschuldigen?«

»Gewiss. Oder ist es etwa christlich gehandelt, wenn man Leute, die sich lieben, ewig getrennt hält?«

»Ah, ah! Ihr betet also Euren Gatten an?«

»Wie sollte ich nicht? Wisst Ihr, wie ich ihn kennen gelernt habe, Monseigneur?«

»Nein, aber saget mir das, Madame Cavois, das interessiert mich ungeheuer.«

»Mireille, Mireille!« sagte Cavois, indem er Versuchte, seine Frau zur Ordnung zu rufen.

»Cavois, Cavois!« sagte der Kardinal, den Akzent seines Gardecapitäns nachahmend.

»Nun denn, wisst Ihr, ich bin die Tochter eines Edelmannes aus Languedoc, während Cavois der Sohn eines Krautjunkers aus der Picardie ist.«

Cavois machte eine Bewegung.

»Das will nicht sagen, dass ich Dich verachte, Louise Mein Vater hieß De Serignan, Er war General-Major in Catalonien, nicht mehr nicht minder. Ganz jung wurde ich schon die Witwe eines gewissen Lacroix; ich war kinderlos und hübsch, dessen darf ich mich rühmen.«

»Ihr seid es noch immer, Madame Cavois,« sagte der Kardinal.

»Ach, mein Gott ja! Ich war damals 16 Jahre und heute bin ich 26 und habe acht Kinder, Monseigneur.«

»Wie? Acht Kinder? Unglücklicher; und Du beklagst Dich noch, dass ich Dich hindere, viel zu Hause zu sein?«

»Wie, Du hast Dich darüber beklagt, mein kleiner Cavois?« rief Mireille, »O Du liebes Männchen, lass Dich umarmen.«

Und ohne sich an die Anwesenheit des Kardinals zu kehren, sprang sie ihrem Manne an den Hals und küsste ihn.

»Madame Cavois, Madame Cavois!« rief der Kapitän der Garde zitternd, wahrend der Kardinal, nunmehr im vollen Besitz seiner guten Laune, herzlich lachte.

»Ich fahre fort, Monseigneur,« sagte Madame Cavois, nachdem sie ihren Mann nach Herzenslust abgeküßt hatte. »Er war zu jener Zeit bei Herrn von Montmorency, und da war es denn nicht zu verwundern, dass er, obschon Picarde, dennoch nach Languedoc kam. Da sieht er mich und ist flugs in mich verliebt. Weil er jedoch nicht sehr reich war und ich etwas Vermögen hatte, so wagte der Einfaltspinsel nicht, sich zu erklären. Durch diesen Liebeshandel aber geräth er in einen Raufhandel und im Begriffe, sich Tags darauf zu schlagen, geht er zu einem Notar, macht sein Testament zu meinen Gunsten und gibt mir – was? Alles, was er bei Leib und Seele besitzt, nicht mehr, nicht minder, – mir, die nicht einmal wusste, dass er mich liebte. Da sehe ich denn plötzlich die Frau des Notars, meine Freundin, zu mir eintreten, die mir sagt: »Ihr wisst es doch schon, wenn Herr Cavois stirbt, beerbt Ihr ihn?« – »Herr Cavois? Ich kenne ihn nicht.« – »O,« erwiderte die Frau des Notars, »ein hübscher Junge,« denn er war ein hübscher Junge zu jener Zeit, Monseigneur; seitdem hat er etwas abgenommen; aber das macht nichts, ich liebe ihn deshalb nicht weniger. Nicht wahr, Cavois?«

»Monseigneur,« sagte Cavois in flehentlichem Tone, »nicht wahr. Ihr entschuldigt sie?«

»Was meint Ihr, Madame Cavois,« sagte Richelieu, »wenn wir diesen Plärrer vor die Tür setzten?«

»O nein, Monseigneur. Ich sehe ihn nicht oft genug, um das tun zu können. Das hat mir also die Frau erzählt. Er liebt mich daher wie ein Narr, er schlägt sich Tags darauf für mich, und wenn er stirbt, gehört sein Hab und Gut mir. Das rührt mich, wie Ihr begreifen werdet; ich erzähle das meinem Vater, meinen Brüdern, allen meinen Freunden. Ich lasse am frühen Morgen Alle zu Pferde steigen und die Gegend durchsuchen, um Cavois und seinen Gegner an dem Rencontre zu hindern. Sie kommen an, als er seinem Gegner bereits zwei Degenstiche gegeben hatte, und bringen mir ihn frisch und gesund nach Hause. Ich springe ihm an den Hals und sage: »Wenn Ihr mich liebt, müsst Ihr mich heiraten; es ist schlecht, wenn man hungrig bleibt« . . . und er hat mich geheiratet.«

»Und er ist nicht hungrig geblieben, wie es scheint,« sagte der Kardinal.

»Nein, denn, seht Ihr, Monseigneur, es gibt keinen glücklicheren Mann, als dieser Spitzbube da ist. Ich versehe alle häuslichen Geschäfte, er hat nichts zu tun, als seinen Dienst bei Euer Eminenz, was ein Amt für einen Faulpelz ist. Wenn er nach Hause kommt – unglücklicherweise ist es sehr selten – liebkose ich ihn – mein kleiner Cavois hier – mein kleines Männchen dort. Ich mache mich so hübsch als möglich, um ihm zu gefallen; in seiner Gegenwart wird von nichts Ärgerlichem gesprochen, da gibt es rein Geschrei, keine Klagen, kurz es ist, als hätte gar kein böser Geist die Hand im Spiele.

»Was ich aus alle dem ersehe, ist. dass Ihr Meister Cavois mehr liebt, als die ganze übrige Welt.«

»O ja, Monseigneur.«

»Mehr als den König?«

»Ich wünsche dem König alles mögliche Glück; aber wenn der König stürbe, stürbe ich nicht mit; wenn aber mein armer Cavois umkäme, könnte ich mir nichts Besseres wünschen, als mit ihm zu gehen.«

»Mehr als die Königin?«

»Ich verehre Ihre Majestät, aber ich finde, dass sie für eine Königin von Frankreich nicht genug Kinder hat; wenn ihr zum Unglück etwas zustieße, waren wir in der größten Verlegenheit. Deshalb bin ich ihr böse.«, »Mehr als mich?«

»Ich glaube wohl, Monseigneur. Ihr macht mir nichts als Plage, indem Ihr bald krank seid, bald mich von ihm entfernt, bald ihn in den Krieg fortführt, wie Ihr es fast ein Jahr lang bei La Rochelle tatet, während er mir nichts als Vergnügen macht.«

»Aber endlich,« sagte Richelieu, »wenn der König stürbe, wenn die Königin stürbe, wenn ich stürbe, wenn alle Welt stürbe, was tätet Ihr Zwei dann ganz allein?«

Madame Cavois brach in ein Gelächter aus und schaute ihren Gatten an.

»Nun,« sagte sie, »wir würden —«

»Was würdet Ihr denn tun?«

»Wir würden tun, was Adam und Eva taten, als sie auch allein waren.«

Der Kardinal stimmte in ihr Lachen ein.

»Also,« sagte er, »acht Kinder sind im Hause?«

»Entschuldigt Monseigneur, nur noch sechs. Es hat dem Herrn gefallen, uns zwei wieder zu nehmen.«

»O, er wird sie Euch zurückgeben, ich weiß es gewiss.«

»Ich will es hoffen; Du auch, nicht wahr, Cavois?«

»Da muss man dann wohl für die Existenz dieser armen Kleinen sorgen!«

»Gott sei Dank, Monseigneur, sie leiden keine Noch.«

»Ja, aber wenn ich sterbe, täten sie es.«

»Gott bewahre uns vor einem solchen Unglück,« riefen die beiden Gatten.

»Ich hoffe, er wird Euch davor bewahren und mich, auch. Indessen muss man sich für Alles vorsehen. Madame Cavois, ich gebe Euch in Compagnie mit Herrn Michel, genannt Peter von Bellegarde, Marquis von Montbrun, Herr von Souscarières, das Privilegium auf Tragsessel für ganz Paris.«

»Ah, Monseigneur!«

»Und nun, Cavois,« fuhr Richelieu fort, »führt Eure Frau weg, und dass Sie mit Euch zufrieden sei, sonst gebe ich Euch acht Tage Arrest in ihrem Schlafzimmer.«'

»O, Monseigneur,« riefen beiden Gatten, indem sie sich ihm zu Füßen warfen und ihm die Hände küssten.

Der Kardinal streckte beide Hände über sie aus.

»Was zum Teufel' murmelt Ihr denn da, Monseigneur?« fragte Madame Cavois, welche nicht Latein verstand.

»Die schönsten Worte des Evangeliums«, deren praktische Ausübung aber leider den Kardinälen verboten ist.«

Beide verließen hierauf das Kabinett, in welchem binnen zwei Stunden so viele Dinge vorgegangen waren.

Allein geblieben nahm das Gesicht des Kardinals seinen gewöhnlichen Ernst wieder an., .

»Sehen wir einmal,« sagte er, »wiederholen wir uns die Ereignisse des Abends.« Und er nahm einen Bleistift und schrieb in seine Schreibtafel:

»5. Dezember 1628.

»Der Graf von Moret vor acht Tagen ans Savoyen angekommen, verliebt in Frau von la Montagne. Rendezvous mit der Fargis im Hotel »zum gefärbten Barte«, er als Baske verkleidet, sie als Catalonierin, aller Wahrscheinlichkeit nach mit Briefen für die beiden Königinnen von Karl Emanuel betraut.

»Ermordung des Stephan Latil wegen Verweigerung der Ermordung des Grafen von Moret; Pisani, von Frau von Maugiron zurückgewiesen, durch Souscarières verwundet, durch seinen Höcker gerettet.

»Souscarières, privilegiert zur Einführung von Tragfesseln und Chef meiner weltlichen Polizei als Seitenstück zu du Tremblay, dem Haupt der geistlichen Polizei.

»Die. Königin unter Vorwand von Migräne abwesend vom Ballett.

»Was gibt es denn noch?«

Und er suchte in seinem Gedächtnisse.

»Ah,« sagte er plötzlich; »und dieser Brief, der aus dem, Portefeuille des königlichen Arztes gestohlen und durch den Kammerdiener an du Tremblay verkauft worden ist; sehen wir einmal, was darin steht, da ja doch Rossignol den Schlüssel zu den Chiffren gefunden hat,« – und er rief:

»Rossignol! Rossignol!«

Das Männchen mit der Brille erschien.

»Den Brief und die Chiffren,« sagte der Kardinal.

»Hier, Monseigneur!«

Der Kardinal nahm Beides.

»Es ist gut,« sagte er, »auf morgen also; und wenn ich mit der Übertragung zufrieden bin, werdet Ihr einen Bon auf vierzig statt aus zwanzig Pistolen zu schreiben haben.«

»Ich hoffe, Euer Eminenz werden zufrieden sein.«

Rossignol entfernte sich; der Kardinal öffnete den Brief und las ihn.

Hier ist der wörtliche Inhalt desselben:

»WennJupitervomOlympvertrieben ist, kann er sich nach Creta flüchten.Minoswird ihm mit größtem Vergnügen Gastfreundschaft gewähren. Aber die GesundheitKephaloskann nicht andauern; warum sollte man im Falle des Todes nichtProkrismitJupiterverheiraten? Das Gerücht geht um, dass dasOrakelsich derProkrisentledigen will, umVenusmitKephaloszu verheiraten. In der Erwartung, dassJupiterfortfahren werde,Hebeden Hof zu machen, und wegen dieser Leidenschaft die größte Misshelligkeit mitJunovorzuspiegeln, ist es wichtig, dass. so fein es auch ist, oder vielmehr sich glaubt, dasOrakelsich irre, indem esJupiterfür verliebt in Hebe hält,

»Minos.«

»Jetzt,« sagte der Kardinal, »sehen wir die Chiffren.« Die Chiffren waren, wie wir gesagt haben, nicht aus Buchstaben gebildet, sondern so, wie wir sie unseren Lesern vorlegen:

Kephalos Der König.

Prokris Die Königin.

Jupiter Monsieur.

Juno Maria von Medicis.

Der Olymp Der Louvre.

Das Orakel Der Kardinal.

Venus Frau Combalet.

Hebe Maria von Gonzuga.

Minos Karl IV., Herzog von Lothringen.

Creta Lothringen.

Wurden die wirklichen Namen den falschen substituiert. so gaben sie die folgende Depesche, deren Wichtigkeit Rossignol, wie man sehen wird, nicht überschätzt hatte.

»Wenn Monsieur aus dem Louvre vertrieben wird, kann er sich nach Lothringen flüchten; der Herzog Carl IV. wird ihm mit größtem Vergnügen Gastfreundschaft anbieten, über die Gesundheit des Königs kann nicht dauernd sein. Warum sollte man im Falle des Todes nicht die Königin mit Monsieur verheiraten? Das Gerücht geht um, der Kardinal wolle Frau von Combalet an den König verheiraten. In der Erwartung, dass Monsieur fortfahren wird, Maria von Gonzaga den Hof zu machen und Wegen dieser Leidenschaft die größte Misshelligheit mit Maria von Medicis vorzuspiegeln, ist es wichtig, dass, so fein er auch sei oder zu sein glaubt, der Kardinal sich tausche, indem er Monsieur in Maria von Gonzaga verliebt wähnt.

»Carl IV.«

Richelieu las die Depesche ein zweites Mal durch; dann sagte er mit dem Lächeln eines triumphierenden Spielers

»Es geht; ich beginne mein Schachbrett deutlich zu überblicken!«




XIV.

Europa im Jahre 1628


Zu dem Punkte gelangt, auf welchem wir uns jetzt befinden, glauben wir, dass es nicht übel wäre, wenn der Leser, gleich dem Kardinal, eine Übersicht seines Schachbrettes gewänne.

Das fiat lux wird uns nach zweihundert siebenunddreißig Jahren leichter werden, als dem Kardinal, der von tausend verschiedenen Komplotten umgeben war, aus einer Verschwörung in die andere fiel, sich aus einer Schlinge nur frei machte, um in eine andere zu geraten, stets einen Schleier zwischen sich und den Horizonten ausgebreitet fand, die er überblicken musste, und der aus den Irrlichtern, welche über den Interessen jedes Einzelnen tanzten, ein Alles erhellendes Licht zu bilden gezwungen war.

Wenn dieses Buch einfach nur eines von jenen Werten wäre, die man auf der Tafel eines Salons zwischen die Keapsakes und die Album legt, damit die Besucher die Kupferstiche bewundern, oder die dazu bestimmt sind, nachdem sie die Boudoirs unterhalten haben, in den Vorzimmern Lachen oder Weinen zu erregen, dann würden wir über gewisse Einzelheiten hinweggehen, welche frivole oder flüchtige Geister langweilig nennen können; aber da wir Anspruch darauf machen, dass unsere Bücher, wenn auch nicht während unseres Lebens, doch wenigstens nach unserem Tode, einen Platz in den Bibliotheken erhalten, erbitten wir von unseren Lesern die Erlaubnis, ihnen zu Anfang dieses Capitels eine Übersicht von der Lage Europas vorzulegen, eine Übersicht, welche als Vorbereitung zu unserem zweiten Teile notwendig ist und welche durch die Rückblicke auch zum Verständnis des ersten nicht überflüssig sein wird.

Seit den letzten Jahren der Negierung Heinrichs IV. und seit den ersten der Regierung des Ministers Richelieu hatte Frankreich nicht nur einen Rang unter den Grußmächten eingenommen, sondern es war auch der Punkt geworden, auf den sich alle Blicke richteten und, durch seine Intelligenz schon an der Spitze der anderen Königreiche Europas, stand es am Vorabend, diesen Platz auch als materielle Macht einzunehmen.

Sagen wir nun m einigen Zeilen, wie die Lage des übrigen Europa war.

Beginnen wir mit dem großen religiösen Mittelpunkt, der seine Strahlen zugleich auf Österreich, Spanien und Frankreich warf; beginnen wir mit Rom.

Der, welcher weltlich über Rom, geistig über die ganze katholische Welt herrschte, war ein kleiner mürrischer Greis, sechzig Jahre alt, Florentiner und geizig wie alle Florentiner, vor Allem Italiener, vor Allem Fürst, ganz besonders aber vor Allem Onkel. Er dachte daran, Stücke Land für den heiligen Stuhl und Reichtümer für seine Neffen zu erringen. von denen drei Kardinäle waren: Franz und die beiden Anton, und für den vierten, Thaddäus, General der päpstlichen Truppen. Um die Anforderungen dieses Nepotismus zu befriedigen, wurde Rom der Plünderung preisgegeben.

»Was die Barbaren nicht taten,« sagt Morforio, dieser Cato der Censor für die Päpste, »das taten die Barberini.« – In der Tat hat Mattero Barberini, zum Papst unter dem Namen Urban VIII. erhoben, mit dem Patrimonium des heiligen Petrus das Herzogtum vereinigt, dessen Namen er trug. Unter ihm blühte die Gesellschaft Jesu und die Propaganda, begründet durch den Neffen Gregors XV., Monsignor Ludoviso, und unter dem Namen und der Fahne Ignaz Loyola die Polizei des Weltalls durch die Gesellschaft Jesu organisierend, sowie dessen Eroberung durch die Propaganda. Daraus entsprangen jene Heere von Predigern, welche zärtlich für die Chinesen und grausam für Europa waren. Für den Augenblick suchte Urban VIII., ohne sich persönlich voranstellen zu wollen, die Spanier in ihrem Herzogtum Mailand zurückzuhalten und die Österreicher zu verhindern, die Alpen zu überschreiten. Er trieb Frankreich an, Mantua zu unterstützen und Casale, welches belagert wurde, zu entsetzen; aber er weigerte sich, ihm dabei mit einem einzigen Mann oder mit einem einzigen Bajocco Hilfe zu leisten. In seinen freien Augenblicken verbesserte er die geistlichen Lobgesänge, oder er dichtete anacreontische Lieder.

Seit 1624 hat Richelieu ihn gemessen und über seinen Kopf hinweg die Nichtigkeit Roms erkannt und jene zitternde Politik gewürdigt, welche ihren religiösen Zauber bereits verloren hatte und die geringe ihr noch bleibende materielle Macht bald von Österreich entlehnte, bald von Spanien.

Seit dem Tode Philipps II. verbirgt Spanien seinen Verfall durch große Worte und ein vornehmes Wesen. Es hat zum König Philipp IV., den Bruder Annas von Österreich, eine Art Müßiggänger-Monarch, der unter seinem Minister, dem Grafen von Olivarez, ebenso regiert, wie Ludwig XIII. unter dem Kardinal Herzog von Richelieu. Nur ist der französische Minister ein Mann von Genie, der spanische aber ein politischer Wagehals. Von seinem Westindien, welches unter den Regierungen Carls V. und Philipps II. Ströme von Gold ergoß, bezieht Philipp IV. kaum fünfmal-hunderttausend Taler. Hein, der Admiral der vereinigten Niederlande, hat soeben in dem Golf von Mexiko Schiffe in Grund gebohrt, welche an Bord Goldbarren führten, deren Werth mau auf mehr als zwölf Millionen schätzte.

Spanien ist so außer Atem, dass der kleine Savoyardenherzog, der bucklige Carl Emanuel, den man spottend den Fürsten der Murmeltiere nennt, schon zweimal in seiner Hand das Geschick dieses hochtrabenden Reiches hielt, von dem Carl V. rühmte, dass die Sonne in demselben nie unterginge. Gegenwärtig ist es nicht einmal mehr Cassirer Ferdinands II., dem es erklärt, dass es ihm kein Geld mehr geben kann. Die Scheiterhaufen Philipps II., des Königs der Flammen, haben das Menschenmark ausgetrocknet, welches während der vorhergehenden Jahrhunderte überreich vorhanden war, und Philipp III. bat durch die Vertreibung der Mauren die fremden Keime ausgerottet, durch die es wieder aufleben konnte. Einmal war Spanien gezwungen, sich mit Räubern zu verständigen, um Venedig niederzubrennen. Sein großer Feldherr ist Spinola, ein italienischer Condottieri, sein Gesandter ein flamändischer Maler, Rubens.

Deutschland ist seit dem Beginn des dreißigjährigen Krieges, das heißt seit 1618, ein Menschenmarkt, Im Osten, im Norden, im Westen und in dem Mittelpunkt sind drei oder vier Werbestellen errichtet, an denen man Menschenfleisch verkauft. Jeder Verzweifelnde, der sich nicht selbst umbringen oder Mönch werden will, was im Mittelalter Selbstmord war, braucht nur über den Rhein, die Weichsel oder die Donau zu gehen und er findet Gelegenheit, sich zu verkaufen, aus welchem Lande er auch sei.

Der Markt im Osten wird durch den alten Bethlen Gabor gehalten, der sterben wird, nachdem er in zweiundvierzig Schlachten gefochten hat, sich König nennen ließ und die militärischen Verkleidungen erfand: die Bärenmützen und die hängenden Ärmel der Husaren, durch die man sich gegenseitig Furcht einzuflößen sucht; seine Armee ist die Schule, aus welcher die leichte Kavallerie hervorging. Was verspricht er seinen Angeworbenen? Keinen Sold und keine Lebensmittel, denn es ist ihre Sache, zu essen und sich zu bereichern, wie sie können. Er gibt ihnen den Krieg ohne Gesetze: die Unendlichkeit des Zufalles!

Im Norden wird der Markt von Gustav Adolf gehalten, dem guten, dem lustigen Gustav Adolf, der, ganz im Gegensatz zu Bethlen Gabor, die Plünderer hängen lässt; den berühmten Feldherrn, den Schüler des Franzosen Lagarde, und der soeben durch seine Siege über Polen die Festungen Lithauens und Polnisch-Preußens eingenommen hat. Er ist im Augenblick beschäftigt, sich mit den Protestanten Deutschlands gegen den Kaiser Ferdinand II. zu verbünden, den Todfeind der Protestanten, gegen die er das Restitutions-Edict erlassen hat, welches als Muster für das Edict von Nantes dienen könnte, welches Ludwig XIV. fünfzig Jahre später erlassen wird.

Gustav Adolf ist der Herr seiner Zeit; wir sprechen von ihm in militärischer Beziehung; er ist der Schöpfer des modernen Krieges; er hat weder das grämliche Genie Coligni's, noch den Ernst Wilhelms des Schweigsamen, noch die wilde Schärfe eines Moriz von Nassau; seine Heiterkeit ist unwandelbar und das Lächeln umspielt seine Lippen selbst mitten in der Schlacht. Sechs Fuß hoch und im Verhältnis wohlbeleibt, bedurfte er ungeheuer großer Pferde. Seine Dickleibigkeit war ihm zuweilen im Wege, aber sie leistete ihm auch zuweilen Dienste: eine Kugel, welche Spinola, den magern Genuesen, getödtet haben würde, drang in sein Fett ein, welches sich über ihr schloss und man hörte nicht wieder von ihr sprechen.

Den Markt des Westens hielt Holland, welches unter sich uneinig war. Es hatte zwei Köpfe: Barnevelt und Moriz, und es schlug sie ab. Barnevelt, Freund der Freiheit, besonders aber des Friedens, Oberhaupt der Partei der Provinzen, Anhänger der Decentralisation und folglich der Schwäche, Gesandter bei Elisabeth, bei Heinrich IV. und bei Jacob I., hatte durch den Letztern den vereinigten Staaten Briel, Flessingen und Ramekens zurückgeben lassen und starb als Ketzer und Verräther auf dem Schafott.

Moriz, der Holland zehnmal gerettet, aber Barnevelt getödtet hatte, und der durch diesen Mord seine Popularität verlor, hielt sich für geliebt, wurde aber gehasst. Eines Morgens ging er in Gorkum über den Markt und grüßte lächelnd das Volk, Er glaubte, dass nach diesem Gruß das Volk freudig den Hut in die Luft werfen und rufen würde: »Es lebe Nassau!« – aber das Volk blieb stumm und behielt den Hut aus dem Kopfe. Von diesem Augenblicke an tödtete ihn seine Unpopularität; der unermüdliche Wacher, der gegen die Gefahr fühllose Feldherr, der Mann mit dem festen Schlafe, mit der Wohlbeleibtheit, magerte ab, schlief nicht mehr und starb. Sein jüngerer Bruder, Friedrich Heinrich, folgte ihm und nahm als Teil der Erbschaft den Menschenmarkt wieder auf: Kleines Werbebureau, wenig Angeworbene, aber gewählt, gut bekleidet und verpflegt, regelmäßig bezahlt, führten sie einen ganz strategischen Krieg auf den Dämmen der Sümpfe und waren im Stande, um ein elendes Nest wissenschaftlich zu belagern, zwei Jahre lang bis an die Knie im Wasser zu stehen. Die braven Leute schonten sich, aber die sparsame Regierung Hollands scheute sie noch mehr, wie sie sich selbst. Denen, welche sich dem Feuer der Kanonen und der Musketen aussetzten, riefen die Führer zu: »He da! dort unten! Lasst Euch nicht tödten! Jeder von Euch vertritt für uns ein Capital von dreitausend Francs.«

Aber der Hauptmarkt ist weder im Osten, noch im Norden, noch im Westen: er ist im Mittelpunkt Deutschlands selbst; er wird von einem Manne zweifelhaften Stammes gehalten, von einem Führer der Plünderer und Banditen, aus dem Schiller einen Helden gemacht hat. Ist er Slave oder Deutscher? Sein runder Kopf und seine blauen Augen sagen: Ich bin ein Sklave. Sein rötlich-blondes Haar sagt: Ich bin ein Deutscher. Sein olivenfarbiges Gesicht sagt: Ich bin ein Böhme.

In der Tat ist dieser magere Soldat, dieser Feldherr mit dem finsteren Gesicht, der Wallenstein unterzeichnet, in Prag geboren; er ist unter Trümmern, unter Brandstiftung und Gemetzel geboren und besitzt daher auch weder Treue noch Glauben. Und dennoch hat er einen Glauben oder vielmehr drei: er glaubt an die Sterne, an den Zufall, an das Geld. Er hat die Soldatenherrschaft in Europa eingeführt, wie die Sünde die Herrschaft des Todes über die Welt einführte. Bereichert durch den Krieg, begünstigt durch Ferdinand II., der ihn ermorden lassen wird, gehüllt in einen Fürstenmantel, besitzt er weder die Heiterkeit Gustav Adolfs, noch die bewegliche Physiognomie Spinola's; durch das Geschrei, die Klagen, die Tränen der Weiber, durch die Anklagen, die Drohungen, die Verwünschungen der Männer wird er weder gerührt noch erzürnt. Er ist ein blindes und taubes Gespenst, ja noch Schlimmeres: er ist ein Spieler, der erriet, die Königin der Welt sei die Lotterie. Er lässt die Soldaten um Alles spielen: um das Leben der Männer, die Ehre der Frauen, das Blut der Völker, Wer eine Peitsche in der Hand hat, ist Fürst; wer ein Schwert an der Seite trägt, ist König. Richelieu hat längere Zeit diesen Dämon studiert; er zählt in einer Lobrede auf ihn die Reihe der Verbrechen auf, die er nicht beging, aber begehen ließ, und um seine teuflische Gleichgültigkeit zu charakterisieren, sagte er sehr bezeichnend von ihm: »Und bei alle dem nicht boshaft!«

Um mit Deutschland.zu Ende zu kommen, so geht der dreißigjährige Krieg seinen Gang; seine erste Periode, die der Pfalz, endet 1623, Der Kurfürst von der Pfalz, Friedrich V., von dem Kaiser geschlagen, hat durch eine Niederlage die Krone Böhmens verloren. Die dänische Periode ist dem Ende nahe; Christian IV., König von Dänemark, ist im Kampfe gegen Wallenstein und Tilly und in einem Jahre wird die schwedische Periode beginnen.

Gehen wir daher zu England über.

Obgleich reicher wie Spanien, ist England doch nicht weniger krank wie dieses. Der König liegt zugleich im Streite mit seinem Lande und mit seiner Gemahlin; er ist halb entzweit mit seinem Parlamente, das er auflösen will, und ganz entzweit mit seiner Frau, die er uns zurückzuschicken beabsichtigt.

Carl I. hatte Henriette von Frankreich geheiratet, das einzige der legitimen Kinder Heinrichs IV., welches zuverlässig von ihm war. Madame Henriette war eine kleine Brünette, lebhaft, geistreich, mehr angenehm als verführerisch, mehr hübsch als schön! zänkisch und starrköpfig, sinnlich und galant; sie hatte eine sehr bewegte Jugend gehabt.

Als Bérulle sie mit siebzehn Jahren nach England führte, riet er ihr, sich die büßende Magdalena zum Muster zu nehmen. Aus Frankreich kommend, fand sie England traurig und wild; an unser lärmendes und lustiges Volk gewöhnt, erschienen die Engländer ihr finster und kalt; ihr Mann gefiel ihr sehr wenig; sie betrachtete als eine Buße ihre Heirat mit einem mürrischen und heftigen Könige, der ein starres, hochmütiges und kaltes Gesicht hatte; Carl I., der durch seine Mutter Däne war, hatte in den Adern etwas von dem Eis des Poles; bei diesem ehrenhaften Manne versuchte sie ihre Herrschaft durch kleine Zwistigkeiten, und da sie sah, dass der König ihr immer zuerst wieder kam. versuchte sie größere.

Ihre Verheiratung war eine katholische Invasion. Bérulle, der sie ihrem Gemahl zuführte und ihr dm guten Rat erteilte, bei ihrer Reue die der büßenden Magdalena zum Muster zu nehmen, wusste durchaus nichts von dem Hasse der englischen Nation gegen den Papismus, und war erfüllt von den Hoffnungen, welche bei ihm ein französischer Bischof erweckt hatte, den der schwache Jacob in London das Hochamt halten ließ, wo er an einem Tage achtzehn hundert Katholiken firmierte. Er glaubte daher, dass man Alles fordern könnte, und verlangte, dass die Kinder, selbst wenn sie katholisch wären, auf dem Throne folgten, dass sie bis zum Alter von dreizehn Jahren in den Händen ihrer Mutter blieben, dass die junge Königin einen Bischof erhielte, dass dieser Bischof und sein Clerus sich in ihren Gewändern in den Straßen Londons zeigen durften, und aus der Bewilligung aller dieser Forderungen entsprang das Resultat, dass die Königin den Boden verkannte, auf welchem sie sich bewegte und dass Carl I. in ihr statt einer liebenden, anmutigen und unterwürfigen Gemahlin eine trockene und traurige Katholikin fand, die das eheliche Lager in einen theologischen Lehrstuhl verwandelte und die Begierden des Königs den Fasten unterwarf, nicht nur denen der Kirche, sondern auch denen, der Controverse.

Das war noch nicht Alles. An einem schönen Morgen durchzog sie London seiner ganze Länge nach,, um mit ihrem Bischof, ihren Almosenieren, ihren Frauen, an dem Fuße des Galgens von Tyburn niederzuknien, wo zwanzig Jahre zuvor, nach der Pulververschwörung, der Pater Garnet und dessen Jesuiten gehängt worden waren; und vor den Augen des empörten London verrichtete sie hier ihre Gebete für die Seelenruhe dieser erhabenen Mörder, welche mit Hilfe von sechsunddreißig Fässern Pulver mit einem einzigen Schlage den König, die Minister und das Parlament in die Luft sprengen wollten.

Der König konnte nicht an diese Beleidigung glauben, die der öffentlichen Moral und der Staatsreligion zugefügt morden war; er geriet in einen jener heftigen Zornanfälle, die Alles vergessen lassen oder die vielmehr an Alles erinnern, Er schrieb:

»Man jage wie wilde Tiere diese Priester fort und diese Weiber, die am Galgen für die Mörder beten.«

Die Königin schrie und weinte, ihre Bischöfe und ihre Almoseniere excommunicirten und verfluchten, die Frauen klagten wie die Töchter Sions, die man in die Sclaverei schleppte, wahrend sie im Grunde ihres Herzens vor Verlangen starben, nach Frankreich zurückzukehren.

Die Königin eilte an das Fenster, um ihnen ein Lebewohl zuzuwinken. Carl I., der in diesem Augenblicke in ihr Zimmer trat, bat sie, nicht dies Ärgernis zu geben, und die Königin schrie nur noch lauter. Der König fasste sie um den Leib, um sie von dem Fenster zu entfernen; sie klammerte sich an die Gitterstab; Carl riß sie mit Gewalt davon los; die Königin wurde ohnmächtig, indem sie ihre blutenden Hände zum Himmel erhob, um die Rache Gottes auf ihren Gemahl herabzuflehen. Gott antwortete darauf an dem Tage, an welchem Carl durch ein anderes Fenster, das von White-Hall, auf das Schafott schritt.

Aus diesem Zwiste zwischen Mann und Frau entstand unsere Veruneinigung mit England; Carl I. wurde von allen Königinnen der Christenheit wie ein britischer Blaubart in den Bann getan, und Urban VIII. sagte auf die zweifelhafte Angabe einer schmerzlichen Hautverletzung hin zu dem spanischen Gesandten:

»Ihr Gebieter ist verpflichtet, für eine trauernde Fürstin das Schwert zu ziehen, oder er ist weder Katholik noch Ritter.«

Die junge Königin von Spanien, die Schwester Henriettens, schrieb ihrerseits an den Kardinal Richelieu, um dessen Galanterie zur Hilfe einer unterdrückten Königin anzurufen; die Infantin von Brüssel und die Königin-Mutter schrieben an den König und Bérulle wirkte auf das Alles ein; man hatte keine Mühe, Ludwig XIII,, der schwach war, wie alle kleinen Geister, zu überreden, dass die Vertreibung dieser Franzosen eine Beschimpfung seiner Krone sei: Richelieu allein blieb fest. Daher der Beistand, welchen England La Rochelle leistete, die Ermordung Buckingham's, die Herzenstrauer Annas von Österreich und jenes allgemeine Bündnis der Königinnen und der Prinzessinnen gegen Richelieu.

Kehren wir jetzt nach Italien zurück, wo wir die Erklärung aller der Briefe, welche wir den Grafen von Moret der Königin-Mutter und Gaston von Orleans überbringen sahen, finden werden, und eben so auch die Erklärung der politischen Lage von Montferrat und von Piemont und zwar durch die Auseinandersetzung der einander widersprechenden Interessen des Herzogs von Mantua und des Herzogs von Savoyen.

Der Herzog von Savoyen, Carl Emanuel, um so ehrgeiziger, je kleiner sein Gebiet war, hatte dieses gewalttätig durch das Marquisat Saluzzo vergrößert. Er ging nach Frankreich, um die Rechtmäßigkeit seiner Eroberung zu verteidigen; da er aber in dieser Beziehung nichts von Heinrich IV. erlangen konnte, nahm er Teil an der Verschwörung Biron's, welche nicht nur ein Hochverrat an dem Könige war, sondern auch ein Hochverrat an dem Vaterlande, da es sich darum handelte, Frankreich zu zerstückeln.

Alle Provinzen des Südens sollten Philipp III. gehören.

Biron erhielt Burgund, die Franche-Comté und eine spanische Infantin zur Gemahlin.

Der Herzog von Savoyen empfing das Gebiet von Lyon, die Provence und die Dauphinée.

Die Verschwörung wurde entdeckt; Biron's Kopf fiel.

Heinrich IV. würde den Herzog von Savoyen in dessen Staaten in Ruhe gelassen haben, wäre dieser nicht durch Österreich zum Kriege getrieben worden. Es galt, Heinrich zu zwingen, wegen Geldmangel Maria von Medicis zu heiraten.

Heinrich entschloss sich dazu, empfing die Mitgift, schlug den Herzog von Savoyen auf's Haupt, zwang ihn zu Friedensunterhandlungen und ließ ihm zwar das Marquisat Saluzzo, nahm ihm aber ganz Bresse, Busay, Valromay, das Land Gex, die beiden Ufer der Rhone, von Genf bis Saint-Genix und endlich das Schloss Dauphin, welches auf dem Gipfel des Tales von Vraita liegt.

Außer Chateau-Dauphin hatte Carl Emanuel in Piemont nichts verloren; statt auf beiden Seiten der Alpen Besitzungen zu haben, bewahrte er nur noch die östliche Seite, aber er blieb Herr der Pässe, welche von Frankreich nach Italien führten.

Bei dieser Gelegenheit taufte der geistreiche Bearner den Herzog Carl Emanuel mit dem Titel: »Fürst der Murmeltiere,« weil diese ihm blieben.

Von da ab musste der »Fürst der Murmeltiere« sich als einen italienischen Fürsten betrachten.

Es handelte sich für ihn nur noch darum, sich in Italien zu vergrößern.

Er unternahm hier mehrere fruchtlose Versuche, als sich ihm eine Gelegenheit bot, die er nicht nur für günstig, sondern sogar für unfehlbar hielt.

Franz von Gonzaga, Herzog von Mantua und von Montferrat, starb und hinterließ aus seiner Ehe mit Margarethe von Savoyen, der Tochter Carl Emanuels, nur eine einzige Tochter,

Der Großvater verlangte die Vormundschaft über das Kind für die Witwe Montferrat's. Er rechnete darauf, die Erbin später mit seinem ältesten Sohne, Victor Amadeus, zu verheiraten und so Mantua und Montferrat mit Piemont zu vereinigen. Aber der Herzog Ferdinand von Gonzaga, der Bruder des verstorbenen Herzogs, eilte von Rom herbei, bemächtigte sich der Regentschaft und ließ seine Nichte in dem Schlosse Goito einsperren, um zu verhindern, dass sie in die Gewalt ihres mütterlichen Oheims fiele.

Der Kardinal Ferdinand starb auch und es entstand ein Augenblick der Hoffnung für Carl Emanuel; aber der dritte Bruder, Vincenz von Gonzaga, nahm die Erbschaft in Anspruch und bemächtigte sich derselben.

Carl Emanuel fasste Geduld; der neue Herzog war kränklich und konnte nicht lange leben. Er wurde in der Tat krank und Carl Emanuel hielt sich diesmal für gewiss, Montferrat und Mantua zu erlangen.

Aber er sah das Gewitter nicht, welches sich über seinem Haupt auf dieser Seite der Berge zusammenzog.

Es gab in Frankreich einen gewissen Ludwig von Gonzaga, Herzog von Nevers, das Haupt einer jüngeren Linie; er hatte einen Sohn gehabt, Carl von Nevers, der Oheim der drei letzten Herrscher von Montferrat war; dessen Sohn,, der Herzog von Rethellois, war folglich der Vetter Marias von Gonzaga, der Erbin von Mantua und Montferrat.

Das Interesse des Kardinal Richelieu— und dessen Interesse war immer gleichbedeutend mit dem Frankreichs – das Interesse des Kardinal Richelieu verlangte, dass sich unter den Mächten der Lombardei, die stets bereit waren, sich für Spanien oder Österreich zu erklären, jederzeit auch ein eifriger Anhänger der Lilien befände. Der Marquis von Saint-Chamont, der französische Gesandte bei Vincenz von Gonzaga, empfing seine Instruktionen und Vincenz von Gonzaga ernannte sterbend den Herzog von Nevers zu seinem Universalerben.

Der Herzog von Rethellois nahm im Namen seines Vaters die Erbschaft unter dem Titel eines Generalvicars in Besitz und die Prinzeß Maria wurde nach Frankreich geschickt, wo man sie unter die Aufsicht Katharinens von Gonzaga stellte, verwitwete Herzogin von Longueville, Gemahlin Heinrichs I. von Orleans und daher Tante Maria's, da sie die Tochter eben jenes Carl von Gonzaga war, der zum Herzog von Mantua berufen wurde.

Zu den Mitbewerbern Carls von Nevers gehörte Cäsar von Gonzaga, Herzog von Guastalla, dessen Großvater angeklagt worden war, den Dauphin, älteren Bruder Heinrichs II., vergiftet und den nichtswürdigen Peter Ludwig Farnese ermordet zu haben, Herzog von Parma und Sohn des Papstes Paul III.

Den andern Mitbewerber kennen wir; es war der Herzog von Savoyen,

Diesen näherte die Politik Frankreichs augenblicklich an Österreich und Spanien. Die Österreicher hielten das Mantuanischc besetzt und Don Gonzales von Cordova verpflichtete sich, den Franzosen die von ihnen besetzten Plätze Casale, Nizza, Monte Calvo und die Brücke über den Stura wieder abzunehmen.

Die Spanier eroberten Alles, ausgenommen Casale, und der Herzog von Savoyen war binnen zwei Monaten Herr des ganzen Gebietes zwischen dem Po, dem Tanaro und dem Belbo.

Das Alles geschah während der Belagerung von Rochelle.

Da schickte Frankreich für den Grafen von Rethellois jene 16,000 Mann ab, welche der Marquis von Uxelles commandirte, und die zum großen Verdruss des Kardinals durch Carl Emanuel zurückgetrieben wurden, da es ihnen durch die Nachlässigkeit oder vielmehr durch die Verrätherei Créqui's an Lebensmitteln und Sold mangelte.

Aber es blieb dem Kardinal im Mittelpunkt Piemonts noch eine Stadt, welche sich tapfer gehalten hatte und in der noch immer die Fahne Frankreichs wehte; das war Casale, verteidigt durch einen braven und treuen Führer, welcher sich Chevalier von Gurron nannte.

Ungeachtet der ganz entschiedenen Erklärung Richelieus, dass Frankreich die Rechte Carls von Nevers vertreten wollte, hegte der Herzog von Savoyen große Hoffnungen, dass dieser Prätendent eines oder des andern Tages von dem Könige Ludwig XIII. verlassen werden würde, denn er kannte den Hass, den Maria von Medicis gegen ihn hegte, weil er sich einst geweigert hatte, sie zu heiraten und zwar unter dem Vorwand, die Medicis wären durch ihre Geburt nicht geeignet, sich mit den Gonzaga's zu vermählen, welche bereits Fürsten waren, bevor die Medicis Edelleute wurden.

Jetzt kennt man die Ursachen der Feindseligkeiten, durch die der Herzog von Richelieu verfolgt wurde und über welche er sich seiner Nichte gegenüber so bitter beschwerte.

Die Königin-Mutter hasste den Kardinal aus vielen Gründen; der erste und wichtigste war, dass er einst ihr Geliebter gewesen, aber aufgehört hatte, es zu sein; dass er ihr anfangs in allen Dingen gehorchte, jetzt aber ihr überall entgegenstand; dass Richelieu die Erhöhung Frankreichs und die Erniedrigung Österreichs wollte, sie aber die Erhöhung Österreichs und die Erniedrigung Frankreichs; und endlich dass Richelieu einen Herzog von Mantua aus dem Herzog von Nevers zu machen beabsichtigte, aus dem ihrem Willen nach wegen des alten Grolles, den sie gegen denselben hegte, nichts gemacht werden sollte.

Die Königin Anna von Österreich hasste den Kardinal, weil er ihre Liebschaft mit Buckingham gestört, die ärgerlichen Auftritte in den Gärten von Amiens veröffentlicht, Frau von Chevreuse, ihre gefällige Freundin, von ihr vertrieben und die Engländer geschlagen hatte, mit denen ihr Herz war, welches Frankreich niemals liebte; weil sie ihn, wenn sie es nicht laut zu sagen wagte, in dem Verdacht hatte, dass er das Messer Fultons, gegen die Brust des schönen Herzogs lenkte, und endlich, weil er beständig ihre neuen Liebschaften überwachte und weil sie wusste, dass ihre verborgensten Handlungen für ihn kein Geheimnis blieben.

Der Herzog von Orleans hasst den Kardinal von Richelieu, weil er weiß, dass dieser ihn als ehrgeizig, feig und boshaft kennt, dass er mit Ungeduld auf den Tode seines Bruders wartet, und dass er fähig ist, denselben bei Gelegenheit zu beschleunigen; weil er ihm dm Zutritt zu dem Conseil genommen hat; weil er seinen Lehrer Ornano einkerkern und seinen Mitschuldigen Chalais enthaupten ließ und weil er ihn, zur einzigen Strafe dafür, ihm nach dem Leben zu streben, bereichert und entehrt hat, Übrigens liebte der Herzog von Orleans Niemand, als sich selbst und er rechnete darauf, wenn sein Bruder sterben sollte, die Königin, welche sieben Jahre alter war, in dem Falle zu heiraten, wenn sie guter Hoffnung wäre.

Der König endlich hasste den Kardinal, weil er fühlte, dass an demselben Alles Genie, Patriotismus, wahre Liebe zu Frankreich sei, während bei ihm Alles nur Egoismus, Gleichgültigkeit, Untergeordnetheit war und weil er, so lange der Kardinal lebte, gar nicht regieren würde, schlecht aber nach dem Tode des Kardinals; Eines jedoch führte ihn beständig wieder zu dem Kardinal zurück, von welchem man ihn unablässig zu entfernen strebte.

Man fragt sich, welches der Liebestrank war, den er ihm reichte, der Talisman den er ihm um den Hals hing, der Zauberring, den er ihm an den Finger steckte! – Dieses Zaubermittel ist seine stets mit Gold gefüllte, stets für den König geöffnete Kasse, Concini hatte ihn im Elend gelassen, Maria von Medicis in Verlegenheit und Ludwig XIII. besaß niemals Geld; der Zauberer berührte mit seinem Stab die Erde und der Pactolus sprang empor vor den Augen des Königs, der von da ab stets Geld hatte, sogar wenn Richelieu selbst keines besaß.

In der Hoffnung, dass es jetzt für unsere Leser auf ihrem Schachbrett eben so deutlich ist, wie auf dem Richelieus, wollen wir unsere Erzählung da wieder ausnehmen, wo wir sie zu Ende des vorigen Capitels fallen ließen.




XV.

Maria von Gonzaga


Um zu dem Resultate zu gelangen, welches wir versprochen haben, das heißt, um unsere Erzählung da wieder Aufzunehmen, wo wir sie zu Ende des vierzehnten Capitels gelassen haben, müssen wir unsere Leier um die Gefälligkeit bitten, mit uns in das Hotel Longueville einzutreten, welches an das der Marquise von Rambouillet stieß. Nur hatte es seinen Eingang in der Rue Saint-Nicaise, während das der Marquise, wie wir erwähnten, an der Rue Saint-Thomas du Louvre lag.

Acht Tage sind seit den Ereignissen verflossen, welche bisher den Gegenstand unserer Erzählung bildeten.

Das Hotel, welches dem Prinzen Heinrich von Condé gehörte, eben dem, welcher Chapelain für einen Bildhauer hielt und welches von ihm und seiner Gemahlin, der Frau Prinzeß, bewohnt wurde, mit der wir in der Abendgesellschaft der Frau von Rambouillet Bekanntschaft machten, war 1612, zwei Jahre nach seiner Vermählung mit der Prinzeß von Montmorency, verlassen worden. Er kaufte damals in der Rue Neuve-Saint-Lambert ein prachtvolles Hotel, welches dieser Straße ihren alten Namen raubte, um ihr den neuen der Rue de Condé zu geben, den sie noch jetzt führt. Das Hotel Longueville wurde zu der Zeit, zu welcher wir gelangt sind, das heißt am 13, Dezember I628 – die Ereignisse jenes Zeitabschnittes sind von solcher Wichtigkeit, dass man sich die Daten genau merken muss – nur von der verwitweten Herzogin von Longueville bewohnt, sowie von deren Mündel, Ihrer Hoheit, der Prinzeß Maria, Tochter des Herzogs Franz von Gonzaga, deren Erbfolge so viele Unruhen bewirkte, nicht nur in Italien, sondern auch in Österreich und Spanien. Auch Margarethe von Savoyen, die Tochter Carl Emanuels, wohnte hier.

Maria von Gonzaga, geboren im Jahre 1612, hatte eben ihr sechzehntes Jahr erreicht; alle Geschichtsschreiber jener Zeit stimmen darin überein, dass sie von einer bezaubernden Schönheit war. Die Chronikenschreiber, welche in ihren Angaben genauer und ausführlicher sind, sagen uns, dass diese Schönheit in folgenden Eigenschaften bestand: In einem schönen Wuchs von Mittelgröße: in der matten Gesichtsfarbe der Frauen Mantua's, welche, wie bei den Frauen von Arles, die Folge der Ausdünstungen der sie umgebenden Sümpfe ist; in schwarzen Haaren, blauen Augen, seidenweichen Augenbrauen und Augenwimpern; Perlenzähnen und Corallenlippen; einer Nase von tadelloser Form über diesen Lippen, die des Beistandes ihrer lieblichen Stimme nicht bedurften, um die süßesten Eindrücke hervorzubringen. Wenn schon ihre äußeren Vorzüge genügt hätten, alle jungen Herren des Hofes ihr zu Füßen zu legen, so versammelte die Bedeutung der politischen Rolle, die sie als Verlobte des Herzogs von Rethellois zu spielen berufen war, auch die älteren Autoritäten um sie, so dass sie gewissermaßen einen der Fixsterne des Hoflebens bildete, um den die glänzendsten Planeten kreisten.

Man wusste vor Allem, dass sie vom Kardinal Richelieu eifrigst protegiert wurde, und es war also für alle Jene, denen an der Gunst des Kardinals etwas lag, eine unerläßliche Pflicht, ihr angelegentlich den Hof zu machen.

Dieser Protektion, von welcher die Anwesenheit der Frau von Combalet ein Beweis war, ist es wohl zu verdanken, dass gegen sieben Uhr Abends an dem vorerwähnten Tage die bedeutendsten Persönlichkeiten jener Zeit, und zwar die Einen aus ihren Wagen, die Anderen aus den seit dem vorigen Tage im Gebrauche befindlichen Sänften, vor dem Hotel Longueville ausstiegen, und sofort in einen prachtvollen Salon eingeführt wurden, dessen Decke Schilderungen der Taten des Bastards Dunois, Gründers des Hauses Longueville, zieren, während die Wände mit schweren Seidentapeten behängt sind.

Einer der ersten Ankömmlinge ist der Prinz Heinrich II. von Condé.

Da der Herr Prinz eine gewisse Rolle in unserer Erzählung spielen wird, in der Zeit, welche dieser Rolle voranging und folgte, aber wirklich eine solche Rolle spielte, wenn auch eine traurige und düstere, bitten wir unsere Leser um die Erlaubnis, sie mit diesem sanften Sprössling des ersten Stammes der Condé näher bekannt machen zu dürfen.

Die ersten Condé's waren tapfer und fröhlich, dieser war feige und düster; er tröstete sich stets damit, dass der Herzog von Bendôme noch feiger sei, als er, und man kann keinen Charakter schon daraus beurteilen, dass ihm das ein Trost war.

Erklären wir diese Veränderung.

Bei Jarnac ermordet, hinterließ der liebenswürdige kleine Prinz von Condé, welcher zwar ein wenig verwachsen, dennoch der Günstling aller Frauen der damaligen Zeit war, einen Sohn, welcher neben dem jungen Heinrich von Navarra das Oberhaupt der protestantischen Partei wurde.

Dieser war der würdige Sohn seines Vaters, welcher bei Jarnac an der Spitze von fünfhundert Edelleuten die Feinde angriff, obgleich er einen Arm in der Binde trug und sein eines Bein gebrochen war, so dass die Knochensplitter durch den Stiefel stachen. Er war es, welcher in der Bartholomäusnacht, als Carl IX. ihm zurief: »Den Tod oder die Messe?« antwortete: »Den Tod!« während der klügere Heinrich entgegnete: »Die Messe!«

Der jetzige Condé war der Letzte von dem ersten Stamme der großen Condé's.

Er sollte nicht auf einem Schlachtfelde sterben, bedeckt mit glorreichen Wunden und ermordet durch einen andern Montmorency. Er starb ganz einfach, vergiftet durch seine Frau.

Nach einer Abwesenheit von fünf Monaten kehrte er in sein Schloss Andelys zurück. Seine Gemahlin, eine La Trémoville, war guter Hoffnung von einem gascognischen Pagen. Bei dem Nachtisch des Mahles, das sie zu Ehren seiner Rückkehr veranstaltete, reichte sie ihm eine Pfirsich.

Zwei Stunden daraus war er todt.

In der Nacht darauf entfloh der Page nach Spanien.

Durch die öffentliche Meinung, angeklagt, wurde die Giftmischerin verhaftet.

Das Kind des Ehebruches wurde in dem Gefängnisse geboren, in welchem seine Mutter acht Jahre blieb, weit man nicht wagte, ihr den Prozess zu machen, da man fürchtete, sie schuldig zu finden, Heinrich IV. wollte die Condé diesen herrlichen Ast vom Baume der Bourbons, nicht erlöschen lassen; er entließ daher ohne Untersuchung aus dem Kerker die Witwe, welche durch die königliche Gnade zwar freigesprochen, durch die öffentliche Meinung aber verurteilt wurde.

Sagen wir nun mit zwei Worten, wie dieser Heinrich, Prinz von Condé, seines Namens der Zweite, eben der, welcher Chapelain für einen Bildhauer hielt, dazu kam, die Prinzeß von Montmorency zu heiraten. Die Geschichte ist merkwürdig. und obgleich wir sie in einer Parenthese erzählen müssen, wird diese Parenthese ein wenig lang werden. Es liegt übrigens kein Uebel darin, durch die Romanschreiber gewisse Einzelheiten zu erfahren, welche die Geschichtschreiber zu erzählen vergessen, sei es, dass sie dieselben der Geschichte für unwürdig halten, sei es, dass sie ihnen selbst unbekannt sind. Das Letztere halten wir für wahrscheinlicher.

Im Jahre 1609 ordnete Maria von Medicis ein Ballet an, und Heinrich IV. schmollte, weil die Königin sich geweigert hatte, unter die Tänzerinnen dieses Ballett zu denen die schönsten Damen des Hofes gewählt wurden waren, Jacqueline von Beuil aufzunehmen, die Mutter des Helden unserer Geschichte, des Grafen von Moret.

Da die hohen Tänzerinnen, welche in dem Ballett mitwirken sollten, um die Proben in dem Theatersaale des Louvre abzuhalten, vor der Tür Heinrichs IV. Vorübergehen mussten, hielt der König dieselbe geschlossen, um dadurch seine üble Laune zu zeigen.

Eines Tages ließ er sie halbgeöffnet.

Durch den Spalt der Tür sah er die Prinzeß Charlotte von Montmorency vorübergehen.

»Nun konnte es aber,« sagt Bassompierre in seinen Memoiren, »unter dem Himmel nichts Schöneres geben, als die Prinzeß von Montmorency, nichts Anmutigeres, nichts Vollendeteres.«

Diese Erscheinung kam Heinrich IV. so strahlend vor, dass seine üble Laune augenblicklich Schmetterlingsflügel bekam und davonflatterte. Er erhob sich aus dem Armsessel, in welchem er schmollte, und folgte der Erscheinung, in eine Wolke gehüllt, wie Aeneas der Venus folgte.

Diesen Tag wohnte er zum ersten Male dem Ballett bei.

Es erschien in dem Ballett ein Augenblick, in welchem die Damen als Nymphen auftraten; und so leicht auch in unseren Tagen das Costüm der Nymphen ist, war es doch im siebzehnten Jahrhundert noch leichter. In diesem Kostüme erhoben alle die Nymphen zugleich ihre Jagdspeere, als hätten sie dieselben auf irgend Jemand schleudern wollen. Indem die Prinzeß von Montmorency ihren Speer erhob, wendete sie sich gegen den König, als wollte sie denselben durchbohren; er hatte keine Gefahr geahnt und war daher ohne Harnisch gekommen; er fühlte daher die Waffe der schönen Charlotte tief in sein Herz dringen, mit solcher Anmut machte sie die Bewegung.

Frau von Rambouillet und Fräulein Paulet gehörten ebenfalls zu dem Ballett und von diesem Tage an schlossen sie Freundschaft mit der Prinzeß von Montmorency, obgleich sie fünf oder sechs Jahre älter waren, wie dieselbe.

Seit diesem Tage vergaß der gute König Heinrich, Jacqueline von Beuil; er war, wie man weiß, sehr vergesslich und dachte nur noch daran, sich den Besitz der schönen Montmorency zu sichern. Dazu war nur erforderlich, für die reizende Charlotte einen gefälligen Ehemann zu finden, der gegen eine Mitgift von vier- oder fünfmal hunderttausend Francs die Augen um so mehr schlösse, je mehr der König sie öffnen würde.

Eben so war es auch bei der Gräfin von Moret gewesen, die Heinrich IV. mit Herrn von Cesy verheiratete, welcher an seinem Hochzeitsabend zu einer Gesandtschaft abreiste.

Der König glaubte seinen Mann zur Hand zu haben.

Ar richtete seine Augen auf das Kind des Ehebruches und des Meuchelmordes. Von der Hand des Königs mit der Tochter eines Connetable vermählt, verschwand der Flecken seiner Geburt.

Es wurden alle Bedingungen mit ihm verabredet, Er versprach Alles, was man von ihm verlangte. Der Connetable gab seiner Tochter hunderttausend Taler der König eine halbe Million, und Heinrich II. von Condé, welcher den Tag zuvor zehntausend Livres Einkünfte hatte, besaß am Tage nach seiner Hochzeit fünfzigtausend.

Freilich sollte er am Abend abreisen! er tat es indes; nicht.

Er hielt jedoch den Punkt des Abkommens, welcher verlangte, dass er in seiner ersten Hochzeitsnacht in einem Zimmer bleiben sollte, das von dem seiner Frau getrennt war; und der arme fünfzigjährige Verliebte erlangte es von der jungen Frau, dass sie sich zum Beweise, sie sei allein, auf ihrem Balkon zeigte, mit aufgelösten Haaren zwischen zwei brennenden Fackeln stehend.

Als der König sie erblickte, wäre er beinahe vor Freude gestorben.

W würde zu weit führen, Heinrich IV. in all den Torheiten zu folgen, welche ihn diese letzte Liebe begehen ließ, in deren Mitte das Messer Ravaillac's ihn in eben dem Augenblick traf, in welchem er bei der holden Paulet den Trost suchen wollte, den die Schöne ihm gewährte und der ihn gleichwohl nicht tröstete.

Nach dem Tode des Königs kehrte Condé nach Frankreich mit seiner Frau zurück, welche noch immer Prinzeß von Montmorency war, und Prinzeß Condé erst wahrend der drei Jahre wurde, welche ihr Gemahl in der Bastille zubrachte. Es ist wahrscheinlich, dass bei den bekannten Neigungen des Prinzen von Condé für die Schüler von Bourges ohne diese drei Jahre der Gefangenschaft sowohl der große Condé, wie die Prinzeß von Longueville, niemals das Licht der Welt erblickt haben würden.

Der Prinz war hauptsächlich seines Geizes wegen viel geschmäht. Er ritt durch die Straßen der Stadt auf einer elenden Mähre und begleitet von einem einzigen Diener. Le Martellier, einer der berühmtesten Advokaten jener Zeit, hatte Tage, an welchen er umsonst konsultierte; der Prinz, welcher häufig Prozesse zu führen hatte, besuchte ihn stets an diesen Tagen. Immer schlicht gekleidet, hatte er diesen Abend eine sorgfältigere Toilette als gewöhnlich gemacht: vielleicht wusste er, er werde bei der Prinzessin Marie den Herzog von Montmorency finden, welcher ihm versprochen hatte, ihn als einen vollkommen Unbekannten zu behandeln, wofern er ihn jemals in einem Anzuge treffen würde, der eines Prinzen von Geblüt unwürdig sei.

Heinrich II., Herzog von Montmorency, war das gerade Gegenteil von Heinrich II., Prinzen von Condé, er war eben so elegant, wie Condé nachlässig, eben so freigebig, wie dieser geizig und habsüchtig. Eines Tages hörte er von einem Edelmanne sagen, dass dessen Glück gemacht sein würde, wenn er 20.000 Taler auf die Dauer von zwei Jahren entlehnen könnte.

»Sucht nicht lange,« sagte er ihm, »die zwanzigtausend Taler sind gefunden.«

Und er gab ihm einen Bon auf diese Summe und schickte ihn damit zu seinem Intendanten.

Zwei Jahn später brachte der Edelmann dem Herzog von Montmorency das geliehene Geld zurück; dieser nahm es jedoch nicht an und machte es dem ehrlichen Zahler zum Geschenke.

Er war in die Königin sehr verliebt gewesen, zugleich mit dem Herzog von Bellegarde, mit dem er sich darüber beinahe duelliert hätte. Die Königin, welche mit Beiden kokettierte, wusste nicht, welchen von ihnen sie erhören sollte, als Buckingham an den Hof kam und sie mit einander versöhnte, obgleich der Herzog von Montmorency damals erst dreißig Jahre alt war, der Herzog von Bellegarde aber sechzig. Es scheint, als ob der alte Herr damals eben so viel Lärm gemacht hätte, wie der junge Prinz; wenigstens ließ dies ein Spottlied schließen, welches damals allgemein gesungen wurde.

Wenn, die Könige vermählt sind, zeigen sie sich nicht hellsehender, als die übrigen Ehemänner; Ludwig XIII. verbannte daher auch den Herzog von Montmorency nach Chantilly. Durch den Einfluss Maria's von Medicis wieder zu Gnaden angenommen, kehrte er zurück, um einen Monat am Hofe zuzubringen und begab sich dann nach seinem Gouvernement des Languedoc. Hier erfuhr er die Nachricht, dass sein Vetter, Franz von Montmorency, Graf von Bouteville, sich duelliert hätte und dafür auf dem Gréveplatze hingerichtet worden sei.

Durch seine Gemahlin, Maria Felicia Orsini, Tochter jenes Virginio Orsini, welcher Maria von Medicis nach Frankreich begleitet hatte, war er der Neffe der Königin-Mutter; daher rührte die Protektion, durch die sie ihn ehrte.

Eifersüchtig wie eine Italienerin, hatte Maria Orsini anfangs ihren Gemahl sehr gequält, der bei den Damen so beliebt war, dass jede Frau, die nur irgend etwas Galanterie im Kopfe hatte, durchaus seine Huldigungen empfangen wollte.

Endlich schlossen der Herzog und seine Frau einen Vertrag; diese gestattete ihm dadurch so viele Galanterien, als ihm gefallen würden, jedoch unter der Bedingung, dass er sie ihr erzählte. Eine ihrer Freundinnen sagte ihr eines Tages, sie begriffe nicht, wie sie ihrem Manne eine solche Freiheit gewähren könnte, noch weniger aber, dass sie die Erzählung: von ihm verlangte.

»Nun,« sagte sie, »ich behalte mir diese Mitteilungen immer vor, bis wir einen Streit haben, und das Recht ist dann stets auf meiner Seite.«

Der Herzog war der Liebling der Frauen; es ist dies, namentlich bei den Frauen jener Zeit, nicht zu wundern. Er war dreiunddreißig Jahre alt, schön, von reicher und angesehener Familie, Statthalter einer Provinz, Admiral von Frankreich, Herzog und Pair, Ritter vom heiligen Geiste, und zählte unter seinen Vorfahren vier Connetables und sechs Marschälle. Sein gewöhnliches Gefolge bestand aus etwa hundert Edelleuten und dreißig Pagen.

Als er an jenem Abende, schöner und strahlender als jemals, in den Saal trat, richteten sich Aller Blicke aus ihn. und das Erstaunen war groß und allgemein, als man ihn, nachdem er die Prinzeß Marie gegrüßt hatte, auf Frau von Combalet zugehen und ihr die Hand küssen sah.

Seit dem Tode seines Vetters Bouteville, dessen Hinrichtung einesteils seinen Stolz verletzte, denn es war ja das Haupt eines Montmorency, das unter dem Beile des Henkers fiel, anderseits aber sein Herz, das Vetter Bouteville sehr geliebt, tief getroffen hatte, war dies der erste Schritt des Entgegenkommens, den er dem Kardinal gegenüber machte.

Es ließ sich dadurch aber Niemand täuschen, denn der Krieg mit Savoyen, Spanien und Österreich stand nahe bevor und Montmorency wollte in demselben Créqui den Stab des Connetable streitig machen, welchen sein Vater und Großvater dem Könige bei allen großen Zeremonien vorgetragen hatten.

Der, welcher die Absichten des Herzogs am meisten durchschaute und der dadurch in seinen Hoffnungen am stärksten beeinträchtigt wurde, war Carl von Lothringen, Herzog von Guise, der Sohn des Narbigen, des Urhebers der Bartholomäusnacht. Er war 1571 geboren, das heißt ein Jahr vor jener Blutnacht.

Er war durch seine Liebesabenteuer bekannter wie durch seine Kriegstaten, wenn er auch in dieser letzteren Beziehung seine Tapferkeit bei der Belagerung von La Rochelle bewiesen hatte, wo er auf einem in Flammen stehenden Schiffe den Kampf fortsetzte. Dieses geringen Kriegsruhmes ungeachtet machte er Ansprüche auf die Würde des Connetable, oder wenigstens auf einen hohen Rang in der Armee. Kommandierten in dieser Männer wie Bassompierre, Bellegarde, Cramail und selbst wie Schomberg, so konnte er wohl über sie gestellt werden; aber neben einem Herzog von Montmorency konnte er nur die zweite Stelle einnehmen. Dessen Siege über die Calvinisten, deren Flotte, welche der Herzog von Soubise führte, er vernichtet hatte, und denen er die Inseln Oleron und Ré abnahm, verliehen ihm noch mehr als seine Geburt den Rang über allen anderen Feldherren jener Zeit,

Es bestand zwischen dem Herzog von Guise und dem Herzog von Montmorency auch noch eine andere Nebenbuhlerschaft: die der Liebestriumphe. Obgleich der Herzog von Guise eine aufgeworfene Nase hatte und nur klein war, erbte er von seinem Vater ein gewisses königliches Wesen, welches stets gewiss ist, Glück bei den Frauen zu machen Diese machten ihm nur einen großen Fehler zum Vorwurf, aber Viele setzten sich über diesen Fehler hinweg, der zu einer vorzüglichen Eigenschaft wurde, indem er ihn in die Mode brachte.

Der Herzog von Guise war nämlich sehr zerstreut und verdankte dieser Zerstreutheit viele seiner Liebesabenteuer. Eines Abends, als er sich bei Herrn von Créqui durch das Spiel verspätet und seine Kutsche fortgeschickt hatte, wollte Créqui ihn nicht allein nach dem Hotel Guise zurückkehren lassen, welches ziemlich weit entfernt war. Er befahl daher, für den Prinzen sein eigenes Pferd zu satteln. Guise bestieg es; statt aber das Pferd zu leiten, versank er in Träumereien und ließ sich von dem Pferde führen. Dieses war gewöhnt, Herrn von Créqui um diese Stunde zu seiner Geliebten zu tragen, brachte Guise dorthin und hielt erst vor der Tür an. Ohne die Tür zu kennen, erwartete der Herzog, hinter derselben irgend ein Liebesabenteuer zu finden; er stieg daher vom Pferde, hüllte sich in seinen Mantel und trat ein.

Eine hübsche Zofe öffnete ihm und gab dem Pferde einen Schlag, nach welchem es geradewegs zum Stall lief, wo es seinen gewohnten Hafer fand. Auf einer Treppe, die eben hell genug beleuchtet war, um sich nicht den Hals aus derselben zu brechen, wurde darauf der Herzog von Guise nach einem Zimmer geführt, das nicht heller beleuchtet war, wie die Treppe. Der Reiter schien für gewöhnlich in diesem Hause eben so gut empfangen zu werden, wie sein Pferd. Der Reiter wurde in die Arme geschlossen; man sprach leise zu ihm; man handelte im Dunkeln. Der Herzog von Guise, welcher ein Freund Créqui's war, hatte ohne Zweifel in dem vertrauten Umgang mit diesem dessen Gewohnheiten angenommen; die Dame bemerkte daher den Irrtum nicht, in welchem sie sich befand. Am Morgen jedoch wurde sie durch den Herzog von Guise erweckt, der sich unruhig hin und her warf.

»Was ist Dir denn, mein Freund?« fragte sie ihn.

Guise war aber so unbescheiden wie zerstreut; er antwortete daher:

»Ich möchte ausstehen, um allen meinen Freunden mitzuteilen. dass Ihr die Nacht in den Armen des Herzogs von Guise zugebracht habt, während Ihr in denen Créqui's zu ruhen glaubtet.«

Bei allen seinen Fehlern hatte der Herzog von Guise doch die gute Eigenschaft, sehr freigebig zu sein.

Eines Morgens schickte ihm der Präsident von Chivry durch Raphael Corbinelli, den Vater JohannCorbinelli's, welcher durch die Teilnahme der Frau von Sévigne bekannt war, fünfzigtausend Livres, die er am Abend zuvor im Spiel verloren hatte. Das Geld war in vier größeren Beuteln und in einem kleineren enthalten. In jedem der größeren befanden sich zehntausend Livres in Silber, in dem kleineren zehntausend in Gold.

Corbinelli wollte zählen, aber der Herzog gab es nicht zu.

Er deutete auf den kleineren Beutel und ohne zu wissen, was er enthielt, sagte er:

»Nehmt das für Eure Mühe, mein Freund.«

Corbinelli kehrte nach Haus zurück, öffnete den Beutel und fand darin die zehntausend Livres in Gold,

Sogleich kehrte er zu dem Herzog von Guise zurück. »Monseigneur,« sagte er, »Ihr müsst Euch geirrt haben, denn Ihr gäbet mir einen Beutel mit Gold.«

Doch der Herzog richtete sich in der ganzen Höhe seiner kleinen Gestalt empor.

»Behaltet, behaltet, mein Herr; die Prinzen meines Hauses haben nicht die Gewohnheit, das zurückzunehmen, was sie verschenkten.«

Und Corbinelli behielt die zehntausend Livres.

In dem Augenblick, als man den Herzog von Montmorency meldete, suchte er mit dem Grafen von Grammont Händel auf jene Weise, wie nur er sie zu suchen verstand.

»Mein Lieber,« redete er ihn an, »lasset mich Euch sagen, dass ich mich sehr über Euch zu beklagen habe.«

»Doch nicht wegen des Spieles, Herzog?« entgegnete Grammont. »Ihr gewinnt mir, ein Jahr in das andere gerechnet, jährlich hunderttausend Livres ab, so dass meine Gemahlin sich gegen Euch erboten hat, Euch eine jährliche Rente von zehntausend Livres zu verschreiben, wenn Ihr das Wort geben wollt, nicht mehr gegen mich zu spielen.«

»Ich weise diese Rente zurück; ich würde dabei zu viel verlieren. Nein, darum handelt es sich keineswegs.«

»Und um was denn?«

»Da ich weiß, dass Ihr der schwatzhafteste Mensch,von der Welt seid, vertraute ich Euch vor acht Tagen an, dass ich die letzten Gunstbezeigungen der Frau von Sablé gewonnen hätte. Ihr solltet das aller Welt mitteilen, und Ihr habt bis jetzt noch kein Wort davon gesagt.«

»Ich fürchtete,« entgegnete lachend der Graf von Grammont, »ich würde Euch dadurch mit dem Herzog von Montmorency entzweien.«

»So!« sagte Guise. »Ich dachte, es wäre zwischen ihnen zu Ende.«

»Ihr seht wohl, dass dies nicht der Fall ist, da sie sich miteinander streiten.«

In der Tat stritten sich die Marquise und der Herzog.

»Trachtet zu erfahren, mein lieber Graf, worüber sie sich streiten.«

Der Graf näherte sich ihnen.

»Mein Herr,« sagte die Marquise, »das ist unerträglich. Ich habe erfahren, dass Ihr auf dem letzten Balle des Louvre, meine Krankheit benutzend, nur mit den schönsten Damen getanzt habt.«

»Ei, teure Marquise,« fragte der Herzog, »was wolltet Ihr denn, dass ich tun sollte?«

»Dass Ihr nur mit den hässlichen tanztet.«

Der Graf Grammont, der eben zu rechter Zeit gekommen war, um dieses Gespräch zu hören, teilte es dem Herzog von Guise mit.

»Mein lieber Graf,« sagte der Herzog, jetzt ist, wie ich glaube, der Augenblick gekommen, dem Herzog von Montmorency zu sagen, was ich Euch anvertraute. Das heißt, ihm einen Dienst leisten!«

»Meiner Treu,« entgegnete der Gras; »das würde ich einem Ehemanne nicht sagen, viel weniger also einem Liebhaber.«

»Nun,« sagte der Herzog seufzend, »so muss ich es ihm denn wohl selbst anvertrauen.«

Er tat wirklich die ersten Schritte auf den Herzog zu, als beide Flügel der Eingangstür aufgerissen wurden und der Kammerdiener mit lauter Stimme meldete:

»Seine königliche Hoheit, Monseigneur, Gaston von Orleans.«

In allen Teilen des weiten Saales stockte das Gespräch, die Sitzenden erhoben sich, auch die Prinzeß Marie.

»Gut,« sagte Frau von Combalet, die Vertraute des Kardinals, für sich, indem sie sich ebenfalls erhob, und sich noch tiefer als die Anderen verneigte, »gut, die Komödie beginnt. Verlieren wir ja kein Wort von dem, was auf dem Theater gesprochen wird, beobachten wir, wenn es möglich ist, auch das, was hinter den Kulissen vorgeht!«




Zweiter Teil





I.

Die Komödie beginnt


Es war in der Tat das erste Mal, dass der Prinz von Orleans sich öffentlich und vor einer großen Gesellschaft, bei Marie von Gonzaga zeigte.

Man konnte leicht sehen, dass er diesmal auf seinen Anzug eine besondere Sorgfalt verwendet hatte. Er trug ein Wams von weißem Samt, mit Gold eingefasst und einen gleichen Mantel mit kirschroten Seidenfutter. Seine Beinkleider waren von kirschrotem Samt; in der Hand trug er, denn er hatte, gegen seine Gewohnheit, beim Antritte in den Saal sein Haupt entblößt, einen weißen Filzhut mit kirschroter Feder und diamantener Agraffe. Schleifen in den beiden von ihm angenommenen Farben waren an seinem Wamse, sowie an seinen Beinkleidern, befestigt.

Monseigneur Gaston wurde wenig geliebt, noch weniger geachtet. Wir erwähnten bereits, wie nachteilig ihm in jener mutigen, eleganten und ritterlichen Welt sein Benehmen bei dem Prozesse Chalais gewesen war. Ein allgemeines Schweigen empfing ihn.

Als er angemeldet worden war, hatte Marie von Gonzaga mit der Herzogin-Witwe von Longueville einen Blick des Einverständnisses gewechselt. Im Laufe des Tages war an die Herzogin von Longueville ein Brief des Prinzen gelangt, worin er für den Abend seinen Besuch ankündigte und sich die Gunst einer kurzen ungestörten Unterredung mit Marie erbat, da er ihr Dinge von der höchsten Wichtigkeit mitzuteilen habe.

Er ging auf die Prinzeß Marie zu, indem er die Melodie eines Jagdliedes vor sich hin pfiff, aber da man allgemein wusste, dass er selbst in Gegenwart der Königin sich des Pfeifens nicht erwehren konnte, fiel diese Unart Niemanden auf, und die Prinzeß reichte ihm lächelnd ihre Hand.

Der Prinz küsste dieselbe, indem er sie heftig und lange an seine Lippen gepresst hielt, dann begrüßte er höflich die Herzogin von Longueville. machte eine leichte Verneinung gegen Frau von Combalet, und sich dann an die Herren und Damen wendend, welche die Prinzeß im Kreise umstanden, sagte er:

»Meiner Treu meine Herren und Damen, ich habe in diesem Augenblicke nichts Angelegentlicheres zu tun, als Euch die neue Erfindung des Herrn von Souscarières zu empfehlen. Es gibt auf meine Ehre nichts Bequemeres. Kennt Ihr die neue Einrichtung, Prinzeß?«

»Nein, Monseigneur, ich hörte erst vor wenigen Minuten von einigen meiner Gäste davon reden, die sich dieses neuen Mittels bedienten, um hierher zu kommen.«

»Es ist in der Tat sehr bequem, und obwohl wir keine sehr guten Freunde sind, ich und der Herr Kardinal, so so kann ich ihm doch für diese Erfindung, auf die er Herrn von Bellegarde ein Privilegium erteilte, nur meinen Beifall zollen. Dessen Vater, der Oberstallmeister, hat in seinem ganzen Leben nicht Ähnliches erfunden, und ich möchte den Vorschlag machen, die Einkünfte aller seiner Ämter auf seinen Sohn zu übertragen, um denselben für den uns geleisteten Dienst zu belohnen. Ich empfehle Euch die Sänfte, Herzog —« sagte der Prinz, sich an Montmorency wendend, und ihn mit einer Beugung des Kopfes grüßend.

»Ich habe mich einer solchen heute bedient,« sagte der Herzog sich verneigend, »und bin mit Eurer Hoheit einverstanden.«,

Gaston wandte sich nun an den Herzog von Guise.

»Guten Abend, Vetter, was gibt es Neues über den Krieg?«

»Darüber muss man Euch fragen, Monseigneur.« lautete die Antwort; »je näher uns die Sonnenstrahlen sind, desto besser werden wir von ihnen beleuchtet.«

»Ja, wenn sie uns nicht blenden. Was mich betrifft, so bin ich in politischen Dingen sehr blödsichtig, und wenn es so fortgeht, werde ich die Prinzeß Marie ersuchen müssen, für mich ein Zimmer bei ihren Nachbarn, den Dreihundert, welche das schöne Spital bewohnen, zu erbitten.«

»Wenn Eure Hoheit nach Neuigkeiten begierig sind, so werden wir mit solchen dienen können. Fräulein Isabella von Lautrec hat uns wissen lassen, dass sie, da ihr Dienst bei der Königin heute zu Ende geht, Abends hierher kommen wird, um uns einen Brief ihres Vaters, des Baron von Lautrec vorzulesen, der sich in Mantua bei dem Herzog von Rethellois befindet.«

»Aber,« fragte Gaston. »können diese Neuigkeiten auch öffentlich erzählt werden?«

»Der Baron scheint dies zu denken, denn er sagte es in seinem Briefe.«

»Im Austausche werde ich Euch einige Alkovengeheimnisse mitteilen; es sind die einzigen, die mich jetzt, seitdem ich auf die Politik verzichtete, noch interessieren.«

»Erzählt. Monseigneur, erzählt,« riefen die Damen lachend. Frau von Combalet bedeckte sich nach ihrer Gewohnheit das Gesicht mit dem Fächer.

»Ich wette.« sagte der Herzog von Guise, »dass Ihr von dem Taugenichts, meinem Sohne, sprechen wollt.«

»Ganz richtig; Ihr wisst, dass er sich bei seinem Lever das Hemd reichen lässt, wie ein Prinz von Geblüt; acht oder zehn Personen haben wirklich die Narrheit begangen, ihm diesen Dienst zu leisten; vor einigen Tagen jedoch nahm der Abbé von Netz das Hemd, trat damit zum Kamin. als wenn er es wärmen wollte, und ließ es ins Feuer fallen, woraus er ganz ruhig seinen Hut nahm und sich entfernte.«

»Er hat wirklich recht daran getan,« sagte der Herzog von Guise, »ich werde ihm mein Kompliment darüber machen, und zwar das erste Mal, wenn ich ihn begegne.«

»Wenn ich das Wort zu nehmen wagte,« sagte Frau von Combalet, »so würde ich sagen, dass der Sohn des Herrn Herzogs schon Schlimmeres getan hat,«

»O erzählt, Madame,« bat der Herzog von Guise.

»Nun denn; als er das letzte Mal seine Schwester, Frau von St. Pierre, zu Rheims besuchte, und mit ihr im Sprachzimmer diniert hatte, trat er in seiner Eigenschaft als Prinz ins Kloster ein und da lief der junge Herr von sechzehn Jahren allen Nonnen nach, erwischte richtig eine derselben und umarmte sie trotz alles Sträubens.

»Mein Bruder, mein Bruder,« rief Frau von St. Pierre, »Du treibst Scherz mit geistlichen Frauen,«

»Nun wohl,« gab der Taugenichts lachend zur Antwort, »Gott ist zu mächtig, um es zuzugeben, dass man seine Dienerinnen umarmt, wenn er nicht damit einverstanden wäre.«

»Ich werde mich bei der Königin beklagen,« rief die Nonne, welche umarmt worden war, und die ein sehr hübsches Gesicht hatte.

Die Äbtissin bekam Furcht.

»Umarme auch diese Nonne,« flüsterte sie ihrem Bruder zu.

»Aber sie ist sehr hässlich.«

»Eben darum; das wird der Sache den Anstrich geben, als ob Du diese Entheiligung aus Kinderei, und ohne recht zu wissen, was Du thust, begangen hättest.«

»Ist das wirklich notwendig, meine Schwester?«

»Es ist notwendig, denn sonst wird sich die Hübsche beklagen.«

Und die Hässliche wurde umarmt, was ihr so angenehm war. dass sie die Hübsche verhinderte, sich zu beklagen.

»Und woher wisst Ihr das Alles, schöne Witwe?« fragte der Herzog.

»Frau von St. Pierre stattete meinem Oheim ihren Rapport ab, aber dieser hat für das Haus Guise eine solche Vorliebe, eine solche Schwachheit, könnte man sagen, dass er nur dazu lachte.«

»Ich habe ihn vor etwa einem Monate begegnet,« sagte der Prinz; »er trug damals statt der Feder einen gelben seidenen Strumpf an seinem Hut; was sollte diese neue Torheit bedeuten?«

»Das bedeutete,« erzählte Gaston, »dass er zu jener Zeit in die Villiers vom Hotel Burgund verliebt war; sie spielte damals eine Rolle, in welcher sie gelbe seidene Strümpfe trug. Er ließ ihr durch Tristan l'Hermite Komplimente über ihr Bein machen, Sie zog einen ihrer Strümpfe aus, gab ihn Tristan und sagte: »Wenn der Herr von Joinville diesen Strumpf an sein Hutband befestigt trägt, so kann er von mir erbitten, was er will.«

»Und?« fragte Frau von Sablé.

»Er trug diesen Strumpf drei Tage lang, und hier ist sein Vater, mein Vetter von Guise, der bestätigen wird, dass er am vierten Tage erst Morgens um 11 Uhr nach Hause kam.«

»Das nenne ich mir ein schönes Leben für einen künftigen Erzbischof,« sagte Frau von Sablé.

»In diesem Augenblicke,« fuhr Sr. Königl. Hoheit fort, »ist er in Fräulein von Pons, eine dicke Blondine, im Dienste der Königin, verliebt. Neulich hatte sie ein Abführmittel eingenommen; er erkundigte sich nach der Adresse ihres Apothekers und schrieb ihr dann: »Man soll nicht sagen, dass Ihr abgeführt habt, und ich nicht zu gleicher Zeit mit Euch.«

»Ach, jetzt begreife ich,« sagte Guise, »warum der Narr neulich alle Schausteller von Hunden in ganz Paris in das Hotel berief. Ich komme in den Hof hinab und finde daselbst etwa dreihundert verschiedenartige, durch einander kläffende und heulende Hunde, und etwa dreißig Strolche, die sie durch Zurufe anfeuern. »Was tust Du hier, Joinville?« frage ich meinen Sohn. – »Ich lasse die Hunde vor mir tanzen.«

»Ihr Erratet, warum er all diese Gaukler kommen ließ? Zu keinem anderen Zwecke, als um jedem von ihnen einen Louisd'or für das Versprechen zu geben, dass die dreihundert gelehrten Hunde von Paris ferner nur für Fräulein von Pons ihre Künste zeigen würden.«

»Apropos,« sagte Gaston, der zufolge seines unruhigen Charakters nicht gern lange bei einem und demselben Gegenstand blieb; »in Eurer Eigenschaft als Nachbarin müsst Ihr, teure Herzogin, doch wohl Nachrichten über das Befinden des Marquis Pisani haben. Die, welche mir Voiture gestern brachte, lauteten nicht allzu schlecht.«

»Ich ließ heute Morgen Erkundigungen einholen und erfuhr, dass die Ärzte nun glauben, für sein Leben einstehen zu können.«

»Wir werden bald neuere Mitteilungen erhalten,« sagte der Herzog von Montmorency; »ich habe den Grafen von Moret am Thore des Hotels Rambouillet abgesetzt; er ging dahin, um persönlich nach dem Marquis von Pisani zu fragen.«

»Wie, der Graf von Moret?« rief Frau von Combalet; »man sagt doch, wenn ich nicht irre, dass ihn der Marquis habe tödten lassen wollen.«

»So ist es,« entgegnete der Herzog, »aber der Graf wettete, dass dies ein Missverständnis sei.«

In diesem Augenblicke öffnete sich die Tür und der Diener meldete:

»Monseigneur, Anton von Bourbon, Graf von Moret.

»Ah.« rief der Herzog, »da ist er selbst; er wird Euch die Geschichte besser als ich erzählen, denn ich stottere, wenn ich zwanzig Worte hintereinander sprechen soll.«

Der Graf trat ein, und sofort wendeten sich Aller Blicke nach ihm; wir können nicht verschweigen, dass die der Damen mit besonderem Wohlgefallen auf seiner schönen Gestalt ruhten.

Da er der Prinzeß Marie noch nicht vorgestellt war, so wartete er an der Tür, bis der Herzog von Montmorency zu ihm trat, ihn bei der Hand nahm und ihn zu der Prinzeß führte.

Anmutig verneigte er sich vor derselben, küsste ihre Hand, gab ihr in zwei Worten Nachricht von dem Befinden des Herzogs von Rethellois, den er auf seiner Durchreise in Mantua gesehen hatte, machte der Frau Herzogin von Longueville seine Aufwartung, hob das Sträußchen auf, das der Frau Combalet während der Bewegung entfallen war, die sie gemacht hatte, um ihn zu begrüßen, gab es ihr mit einigen Artigkeiten zurück und nahm, nachdem er sich noch ehrfurchtsvoll vor dem Prinzen Gaston verbeugt hatte, bescheiden einen Platz an der Seite Montmorency's ein.

Nachdem die Begrüßungsförmlichkeiten vorüber waren, sagte Montmorency zu dem Grafen:

»Man sprach gerade von Euch, Prinz, als Ihr eintratet.«

»Ah bah,« lachte der Graf, »bin ich denn wirtlich eine so interessante Persönlichkeit, dass man sich in so guter Gesellschaft mit mir beschäftigt?«

»Ihr habt Recht, Monseigneur,« sagte eine Frauenstimme; »ein Mann, den man ermorden will, weil er der Liebhaber Marion de Lorme's ist, verdient es nicht, dass man sich mit ihm beschäftige.«

»O,« sagte der Graf, »da höre ich eine Stimme, die mir sehr bekannt vorkommt; ist es nicht die meiner lieben Cousine?«

»Ja, Meister Jacquelino,« lachte Frau von Fargis, indem sie auf ihn zuging und ihm die Hand reichte.

Herr Graf von Moret drückte sie ihr und sagte leise:

»Ihr wisst wohl, dass ich Euch wiedersehen und sprechen muss; ich bin verliebt.«

»In mich?«

»Ein wenig; aber sehr stark in eine Andere.«

»Unverschämter! Wie nennt sie sich?«

»Ich weiß ihren Namen nicht.«

»Ist sie wenigstens hübsch?«

»Ich habe sie niemals gesehen.«

»Ist sie jung?«

»Sie muss es sein.«

»Woraus schließt Ihr das?«

»Aus ihrer Stimme, die ich gehört, aus ihrer Hand, die ich gedrückt, aus ihrem Atem, an dem ich mich berauscht habe.«

»Ah, mein Cousin, wie schön Ihr das Alles sagt!«

»Ich bin einundzwanzig Jahre alt, und ich spreche, wie ich fühle.«

»O Jugend, Jugend,« rief Frau von Fargis, »unschätzbarer Diamant, der leider so bald, so bald erblindet!«

»Mein teurer Graf,« sagte der Herzog, »Ihr begreift wohl, dass alle diese Damen eifersüchtig auf Eure Cousine sind, denn so nanntet Ihr. wie ich glaube, Frau von Fargis! Alle brennen vor Verlangen, zu erfahren, wie es kam, dass Ihr dem Manne einen Besuch machtet, der Euch ermorden lassen wollte.«

»Vor Allem daher,« antwortete der Graf mit seiner liebenswürdigen Leichtfertigkeit, »weil, wenn ich es nicht schon bin, ich doch sicher eines Tages der Vetter der Frau von Rambouillet werde.«

»Durch wen?« fragte der Herzog von Orleans, welcher darauf versessen war, alle Genealogien zu kennen, »erklärt uns das gefälligst, Graf Moret.«

»Nun, durch wen anders, als durch meine Cousine von Fargis, welche Herrn von Fargis d'Angennes, einen Vetter der Frau von Rambouillet, zum Manne hat.«

»Wieso aber seid Ihr der Vetter dieser liebenswürdigen Fargis?«

»Das,« antwortete der Graf von Moret, »ist unser Geheimnis, nicht wahr, Cousine Marina?«

»Ja, Vetter Jacquelino!« antwortete lachend und ihre schönen Zähne zeigend Frau von Fargis.

»Fahrt in Euren Gründen fort. Graf!« sagte Jemand aus der Gesellschaft.

»Bevor ich noch zu den Verwandten der Marquise gehörte, war ich einer ihrer guten Freunde.«

»Aber,« warf Frau von Combalet ein, »ich habe Tuch kaum ein- oder zweimal bei ihr gesehen.«

»Das kommt daher, dass sie mich bat, meine Besuche einzustellen.«

»Warum das?« fragte Frau von Sablé,

»Weil der Herzog von Chevreuse eifersüchtig auf mich war.«

»Aus welchem Grunde?«

»Wie Viele sind wir hier im Salon?«

»Ungefähr dreißig; ich überlasse es Jedem, tausendmal zu raten, das machte also dreißigtausend.«

»Unsere Mühe würde vergeblich sein,« sagte Monsieur.

»Nun, wegen seiner Frau.«

Ein ungeheures Gelächter folgte dieser Erklärung des Grafen.

»Aber,« rief Frau von Montbazon, welche fürchtete, man würde von ihrer Schwägerin zu ihr übergehen; »der Graf vollendet ja die Geschichte seiner beabsichtigten Ermordung nicht.«

»Ah, Ventre-Saint-Gris! sie ist sehr einfach. Würde ich Frau von Montagne kompromittieren, wenn ich sagte, ich sei ihr Geliebter?«

»Gewiß nicht in höherem Grade als Frau von Chevreuse,« sagte Frau von Sablé.

»Nun wohl! Der arme Pisani glaubte, dass Frau von Maugiron mich glücklich mache. Eine gewisse Unregelmäßigkeit in seiner Figur, deren er sich nur zu wohl bewusst ist, macht ihn misstrauisch; gewisse Wahrheiten, die ihm sein Spiegel sagt, machen ihn reizbar. Statt mich auf den Kampfplatz zu rufen, wo ich sehr gern erschienen wäre, hat er einen Sbirren mit seiner Rache betraut. Er traf jedoch auf einen honetten Kerl, der ihm sein Begehren rundweg abschlug. Ihr seht, dass der Arme kein Glück hat. Er wollte dann den skrupulösen Sbirren tödten und fehlte ihn; er wollte dann Souscarières tödten, der seinerseits ihn nicht fehlte, ihn im Gegenteile nur zu gut traf, und das ist die ganze Geschichte.«

»Nein, das ist nicht die ganze Geschichte,« sagte Monsieur, »warum machtet Ihr dem Manne einen Besuch, der Euch umbringen lassen wollte?«

»Nun, weil er nicht zu mir kommen konnte. Ich bin eine gute Haut, Monseigneur; ich dachte, dass der arme Pisani vielleicht glauben könnte, ich trüge ihm einen Groll nach und dass ihn dies ängstigen möchte. Ich war also bei ihm, um ihm offenherzig die Hand zu drücken und ihm zu sagen, dass, wenn er, oder wer immer, sich in Zukunft über mich zu beklagen haben sollte, man mir einfach eine Herausforderung senden möge. Ich bin ein einfacher Edelmann und halte mich nicht für zu gut, Jedem Genugtuung zu geben, der sich von mir beleidigt glaubt; obwohl ich trachten werde. Niemand zu beleidigen.«

Ein beifälliges Gemurmel der Gesellschaft folgte auf diese zugleich sanft und fest gesprochenen Worte.

Kaum hatte der Graf von Moret zu sprechen aufgehört, als die Tür des Salons sich abermals öffnete und der Huissier meldete:

»Fräulein Isabella von Lautrec.«,

In demselben Augenblicke, wo sie eintrat, konnte man hinter ihr einen Lakaien bemerken, der die Livree des königlichen Hauses trug und sie begleitet zu haben schien.

Als der Graf von Moret das junge Mädchen bemerkte, empfand er ein fremdartiges Gefühl der Anziehung und machte unwillkürlich einen Schritt, um sich ihr zu nähern.

Sie trat zu der Prinzeß Marie, und sich ehrfurchtsvoll vor ihr verneigend sagte sie:

»Madame, ich habe Urlaub von Ihrer Majestät, um Eurer Hoheit einen Brief meines Vaters zu überbringen, welcher gute Nachrichten für Euch enthält, und ich benützt die Gelegenheit, um Euch den Ausdruck meiner Ergebenheit zugleich mit diesem Briefe zu Füßen zu legen.«

Bei den ersten Worten, welche das Fräulein von, Lautrec sprach, war der Graf von Moret bis ins innerste Herz erbebt, und die Hand der Fargis ergreifend und sie drückend, sagte er:

»Die ist es, welche ich liebe!«




II.

Isabella und Marina


Wie der Graf von Moret, ohne sie gesehen zu haben, ohne sie zu kennen, geahnt hatte, war Isabella von Lautrec vollkommen schön, aber diese Schönheit war von der der Prinzeß Marie ganz verschieden.

Die Prinzeß Marie war brünett und hatte blaue Augen. Isabella von Lautrec war im Gegenteil blond, hatte aber Augen, Wimpern und Brauen schwarz wie die Fittiche des Raben. Ihre blendend weiße, fast durchsichtige Haut hatte die Zartheit des Rosenblattes; ihr etwas langer Hals bewegte sich anmutig, feine weiße Händchen und eine wundervolle Taille harmonierten mit der Schönheit ihres Gesichts.

Als sie sich vor der Prinzeß wieder verbeugen wollte, schloss diese sie in ihre Arme und küsste sie auf die Stirn.

»Gott behüte,« sagte sie, »dass ich die Tochter eines der besten Diener meines Hauses, die mir eine gute Nachricht bringt, sich vor mir bücken ließe. Und nun, sehr teure Tochter meines Freundes, bitte ich Euch, mir zu sagen, ob Euer Vater die Nachrichten, die er Euch sendete, als für mich allein bestimmt bezeichnet, oder ob ich sie auch Denen, welche Uns lieben, mitteilen darf.«

»Ihr werdet aus der Nachschrift ersehen, Madame, dass er durch den Gesandten Sr. Majestät, La Saludie, ermächtigt ist, die Neuigkeiten, die er berichtet, in Italien zu Jedermanns Kenntnis zu bringen, woraus folgt, dass Madame sie auch in Frankreich verbreiten können.«

Die Prinzeß Marie warf einen fragenden Blick auf Frau von Combalet, welche durch ein bejahendes Kopfnicken die Wahrheit dessen, was die anmutige Botin soeben gesagt, bestätigte.

Marie las den Brief zuerst leise.

Während sie las, wandte das junge Mädchen, welches bis jetzt nur Augen für die Prinzeß gehabt und die übrigen dreißig Personen, die im Salon versammelt waren, nur so zu sagen durch eine Wolke gesehen hatte, den Kopf nach der Gesellschaft um und wagte es, dieselbe mit ihren Blicken zu überfliegen.

Bei dem Grafen von Moret angelangt, kreuzte sich ihr Blick mit dem seinigen, und aus beiden sprang jener elektrische Funke, welcher die Herzen unterwirft, so dass Beide zugleich den Schlag austheilten und empfingen.

Isabella erbleichte und stützte sich auf den Fauteuil der Prinzeß.

Der Graf von Moret sah ihre Erregung und hatte dabei die Empfindung, als höre er die Engel im Himmel Gloria singen.

Als der Huissier sie angemeldet hatte, war ihr Name genannt worden. Sie gehörte also jener alten und berühmten Familie der Lautrec an, deren Geschichte eben so umfang- und tatenreich war, wie die manches fürstlichen Hauses.

Sie liebte noch nie! Bis jetzt hatte er dies nur gehofft, nun war er dessen gewiss.

Die Prinzeß Marie war mit dem Lesen ihres Briefes zu Ende gekommen,

»Meine Herren!« sagte sie, »hier sind die Nachrichten, welche uns der Vater meiner teuren Isabella zukommen lässt. Er sah auf seiner Durchreise in Mantua Herrn von La Saludie, den außerordentlichen Gesandten Sr. Majestät bei den italienischen Mächten; Herr von La Saludie war beauftragt, dem Herzog von Mantua und dem Senate von Venedig im Namen des Kardinals die Einnahme von La Rochelle zu notifizieren. Außerdem hatte er zu erklären, dass Frankreich sich vorbereite, Casale zu erhalten und dem Herzog Carl von Nevers den Besitz seiner Staaten zu sichern; in Turin hatte er den Herzog von Savoyen, Carl Emanuel, im Namen seines königlichen Schwagers und des Kardinals aufgefordert, von seinen Unternehmungen bezüglich Montferrats abzustehen; er war beauftragt, dem Herzog von Savoyen im Austausche die Stadt Trino und zwölftausend Taler Renten in souveränen Ländereien anzubieten. Herr von Beautru ist mit denselben Aufträgen nach Spanien abgegangen, während Herr von Charnassé diese Mission in Österreich, Deutschland und Schweden zu erfüllen hat.«

»So?« sagte Monsieur. »Ich hoffe doch, dass der Kardinal uns nicht mit den Protestanten alliieren wird.«

»Nun,« sagte der Prinz, »wenn dies das einzige Mittel wäre, Wallenstein und seine Banditen in Deutschland zurückzuhalten, ich würde mich für meinen Teil nicht dagegen sträuben.«

»Das ist das hugenottische Blut, welches aus Euch redet, Prinz!« sagte Gaston.

»Ich hätte geglaubt,« bemerkte lachend der Prinz, »dass in den Adern Eurer Hoheit fast eben so viel hugenottisches Mut fließt, als in den meinen. Zwischen Heinrich von Navarra und Heinrich von Condé ist der einzige Unterschied, dass die Messe dem Einen ein Königreich und dem Anderen nichts eingetragen hat.«

»Das ist einerlei, meine Herren!« sagte der Herzog von Montmorency; »wir haben hier eine große Neuigkeit gehört; hat man schon einen Entschluss gefasst, welchem Generale die Armee anvertraut werden soll, die man nach Italien schickt?«

»Noch nicht,« sagte Monsieur, »aber es ist wahrscheinlich, dass der Kardinal, der Euch, Herzog, euren Admiralsrang um eine Million abkaufte, um die Belagerung von La Rochelle nach seinem Sinne führen zu können, eine weitere Million, vielleicht auch zwei Millionen, opfern wird, um das Recht zu haben, den Feldzug in Italien in eigener Person zu befehligen.«

»Gesteht nur, Monseigneur,« sagte Frau von Combalet, »dass, wenn er ihn so befehligt, wie die Belagerung von La Rochelle, weder der König noch Frankreich sich zu beklagen haben werden, und dass Viele, die eine Million begehren, statt sie zu geben, sich nicht so glücklich aus der Affaire zu ziehen im Stande wären.«

Gaston biss sich auf die Lippen; er war nicht einen Augenblick bei der Belagerung von La Rochelle erschienen, hatte sich aber fünfhunderttausend Francs für angebliche Ausrüstungskosten zahlen lassen.

»Ich hoffe, Monseigneur,« sagte der Herzog von Guise, »dass Ihr Euch diese Gelegenheit, Eure Rechte geltend zu machen, nicht entschlüpfen lassen werdet.«

»Wenn ich dabei sein werde,« sagte Gaston, »sollt Ihr es auch sein; ich habe aus den Händen der Guise durch Fräulein von Montpensier so viel erhalten, dass ich glücklich sein werde. Euch beweisen zu können, dass ich kein Undankbarer bin. Und auch Ihr, Herzog!« fuhr Gaston fort, indem er auf Montmorency zuging und ihm die Hand schüttelte. »Ich werde mich glücklich schätzen, die Gelegenheit zu ergreifen, um die vielen Ungerechtigkeiten, die an Euch begangen worden sind, einigermaßen gut zu machen. Unter den Waffentrophäen Eures Paters befindet sich ein Connetableschwert, welches mir für die Hand des Sohnes nicht zu schwer zu sein scheint. Sollte es aber dazu kommen, Herzog, dann müsst Ihr auch mir den Gefallen tun, meinen lieben Vetter, den Grafen von Moret, unter Eurer Leitung seine ersten Waffentaten ausführen zu lassen.«

Der Graf von Moret verneigte sich, der Herzog aber, dessen Ehrgeiz durch die Worte Gastons aufgestachelt war. sagte:

»Diese Worte, Hoheit, sind nicht in den Wind gesprochen, und wenn sich die Gelegenheit dazu bietet, werden Eure Hoheit sich überzeugen, dass die Montmorency ein gutes Gedächtnis, haben.«

Durch eine Seitentür des Salons trat in diesem Augenblicke ein Lakai ein und sagte der Herzogin von Langueville leise einige Worte, worauf diese sich erhob und durch dieselbe Tür den Salon verließ.

Die Männer bildeten um Monsieur eine Gruppe; die Gewissheit eines bevorstehenden Krieges – und diese Gewissheit hatte man soeben erhalten, denn man setzte voraus, dass der Savoyarde ebenso wenig von der Blokade Casale's ablassen, als der Spanier Montferrat aus der Hand geben werde – verlieh dem Herzog von Orleans für den Augenblick eine große Wichtigkeit. Es war unmöglich, dass eine derartige Expedition ohne ihn unternommen werden konnte, und in diesem Falle musste seine hohe Stellung ihm das Verfügungsrecht über irgend ein Kommando verleihen.

Der Lakai trat wieder durch die Seitentür ein, flüsterte der Prinzeß Marie einige Worte zu und diese verließ, ihm folgend, dm Salon durch dieselbe Tür, durch welche kurz vorher die Herzogin-Witwe hinausgegangen war.

Frau von Combalet, welche in der Nähe der Prinzeß saß, hatte aus dem Munde des Lakaien den Namen Vauthier gehört und dieser machte sie erbeben. Man erinnert sich wohl, dass Vauthier der Geheimsekretär und Ratgeber der Königin-Mutter war.

Fünf Minuten später forderte derselbe Lakai den Herzog Gaston von Orleans auf, sich zu der Herzogin von Longueville und der Prinzeß Marie zu begeben.

»Meine Herren,« sagte dieser mit einer leichten Verneigung gegen Die, mit denen er soeben gesprochen hatte, »vergesst nicht, dass ich gar nichts bin, dass mein einziger Ehrgeiz darin besteht, der Ritter der liebenswürdigen Prinzeß Marie zu sein, und dass, da ich nichts bin, ich auch Niemandem etwas versprochen habe.«

Mit diesen Worten ging er, den Hut auf dem Kopfe, tänzelnd und beide Hände in die Taschen seines Beinkleides steckend, wie dies seine Gewohnheit war.

Kaum war er hinausgegangen, als der Graf von Moret das allgemeine Erstaunen, welches das Verschwinden der drei bedeutendsten Persönlichkeiten aus dem Salon in der Gesellschaft hervorgerufen hatte, benützend, gerade auf Isabella von Lautrec zuschritt und zu dem errötenden und befangenen Mädchen sagte:

»Mein Fräulein, haltet Euch fortan überzeugt, dass es in der Welt einen Menschen gibt, der in jener Nacht, wo er Euch begegnete, ohne Euch sehen zu können den Schwur tat, Euch im Leben und im Tode anzugehören und der heute Abend, nachdem er Euch gesehen hat, diesen Schwur erneuert und dass dieser Mensch der Graf von Moret ist.«

Ohne die Antwort des jungen, nun noch tiefer errötenden, noch mehr befangenen Mädchens abzuwarten, grüßte er und verließ den Salon.

Als er durch einen dunklen Corridor schritt, der nach dem Vorzimmer führte, das nach der Unsitte der damaligen Zeit ebenfalls schlecht erleuchtet war, fühlte er einen vollen, weichen Arm sich in den seinigen legen, dann streifte ein flammenheißer Atem seine Wangen und eine Stimme sagte im Tone des Vorwurfs:

»Also ist die arme Marina nun geopfert?«

Er erkannte die Stimme, aber noch besser diesen glühenden Atem, der ihn schon einmal in dem Gasthaus »zum gefärbten Barte« beinahe versengt hatte.

»Der Graf von Moret entschlüpft ihr,« sagte er, sich zu der Sprecherin neigend, »aber—«

»Aber was?« fragte die Dame, sich ihrerseits auf die Fußspitzen stellend, so dass trotz der Dunkelheit der junge Mann aus der Capuze zwei Augen hervorleuchten sehen konnte, die wie Diamanten glänzten, und eine weiße Zahnreihe ihm wie eine Perlenschnur entgegen blitzte.

»Aber,« fuhr der Graf fort, »es bleibt ihr Jacquelino, und wenn sie sich mit ihm.begnügt —«

»Sie wird sich mit ihm begnügen,« lautete die Antwort.

Und der junge Mann fühlte auf seinen Lippen den hastigen und glühenden Kuß jener Liebe, welche die Alten, die für jedes Ding ein Wort, für jedes Gefühl einen Namen hatten, Eros nannten.

Während Anton von Bourbon, noch bebend unter dem Feuer dieses Kusses, das verführerische Weib umschlingen wollte, machte Marina, oder Frau von Fargis, behende ihren Arm aus dem seinigen los, eilte die wenigen Stufen des Vestibules hinab, schwang sich in eine Sanfte und rief den Trägern zu:

»Nach dem Louvre!«

»Meiner Treu!« rief der Gras von Moret, nachdem er sich einigermaßen gesammelt hatte, »es gibt doch nur ein Frankreich für die Liebe. Man hat sie nach Auswahl. Vierzehn Tage ist es kaum, dass ich. wieder hier bin, und schon fühle ich mich an drei Personen gebunden, obwohl ich nur Eine davon liebe; aber Ventre-Saint-Gris! Man ist nicht umsonst der Sohn Heinrichs IV., und hätte ich zehn Geliebte statt drei, ich würde nicht erschrecken.«

Er rief die Träger seiner Sänfte und ließ sich nach dem Hotel Montmorency bringen.




III.

In welchem Monseigneur Gaston, wie Carl IX., seine Kleine Rolle spielt


Als man die Herzogin-Witwe, die Prinzeß Marie und Monseigneur Gaston durch dieselbe Tür sich entfernen gesellen hatte, nachdem sie von demselben Diener gerufen worden waren, fiel der Rest der Gesellschaft natürlich auf den Gedanken, es möchte sich etwas Außerordentliches zugetragen haben, und sei es aus Diskretion, sei es, dass die elfte Stunde bereits vorüber war, man zog sich zurück, nachdem man noch einige Momente gewartet hatte.

Auch Frau von Combalet hatte den Saal verlassen, als der Lakai, welcher die Frau vom Hause aus dem Salon rief, sich in dem dunklen Korridor ihr näherte und mit leiser Stimme zu ihr sagte:

»Die Frau Herzogin-Witwe wird Euch sehr verbunden sein, Madame, wenn Ihr das Hotel nicht verlässt, bevor sie noch einmal die Ehre gehabt hat, Euch zu sehen.«

Und zugleich öffnete er die Tür eines kleinen Boudoirs, wo sie allein und ungestört warten konnte.

Frau von Combal et hatte sich nicht getäuscht, als sie den Namen Vauthier aussprechen zu hören glaubte,

Vauthier war in der Tat an die Frau von Longueville abgesendet worden, um ihr zu sagen, dass die Königin-Mutter es nicht gern sehen würde. Wenn die zwei oder drei besuche, die Gaston bereits der Prinzeß Marie gemacht, sich regelmäßig und häufig wiederholten.

Die Herzogin von Longueville hatte ihre Nichte zu sich kommen lassen, um ihr Mitteilungen über diese Botschaft der Königin-Mutter zu machen.

Die Prinzeß Marie, ein freimütiger und loyaler Charakter, machte sofort den Vorschlag, den Prinzen holen zu lassen und von ihm eine Erklärung zu verlangen. Vauthier wollte sich zurückziehen, aber die Herzogin und die Prinzeß Verlangten, dass er bleibe und in Gegenwart des Prinzen die Worte seiner Botschaft wiederhole.

Man hat gesehen, dass auch der Prinz dieser Aufforderung Folge leistete und den Salon verließ.

Geführt durch den Lakaien, trat er in das Kabinett, wo er erwartet wurde.

Als er Vauthier gewahrte, überflog ein scheinbarer oder wirklicher Ausdruck des Erstaunens seine Züge und auf ihn zu schreitend fragte er ihn in hartem Tone:

»Was tut Ihr hier, Vauthier, und wer hat Euch hierher gesendet?«

Ohne Zweifel wusste Vauthier, dass von Seite der Königin-Mutter der Unwille über das sich anknüpfende Verhältnis zwischen Gaston und Marie bloß ein erheucheltes war, denn er hatte ja geholfen, den darauf bezüglichen Rat des Herzogs von Savoyen lesbar zu machen, aber er wusste nicht, in wie weit Gaston auf diesen herbeigezogenen Streit eingehen werde, der in den Augen Aller einen Zwiespalt zwischen Mutter und Sohn zu bewirten geeignet war.

»Monseigneur,« antwortete er daher, »ich bin nichts als der ergebene Diener der Königin, Eurer erhabenen Mutter, und in Folge dessen gezwungen, ihre Befehle auszuführen. Nun, ich kam aus ihren Befehl hierher, um die Frau Herzogin-Witwe von Longueville und die Prinzeß von Gonzaga zu bitten, sie mögen eine Liebe nicht ermutigen, die sowohl den Absichten meiner Herrin, als denen des Königs, zuwiderlaufen würde.«

»Ihr hört, Monseigneur; in einem auf diese Weise ausgesprochenen Wunsche liegt fast eine Anklage. Wir erwarten daher von Eurer Loyalität, Hoheit, dass Ihro Majestät, die Königin, sowohl über die Ursache Eurer Besuche, als über den Zweck derselben genügend aufgeklärt werde.«

»Vauthier,« sagte der Herzog in jenem hochmütigen, barschen Tone, den er bei Gelegenheit anzunehmen wusste und den er eigentlich weit öfter annahm, als es die Gelegenheit rechtfertigte, »Ihr seid mit den wichtigen Ereignissen, die sich seit Beginn des Jahrhunderts an unserem Hofe zugetragen haben, zu sehr bekannt, um den Tag und das Jahr meiner Geburt nicht zu wissen.«

»Gott behüte mich vor einer solchen Unkenntnis, Monseigneur! Eure Hoheit wurden am 25. April des Jahres 1608 geboren.«

»Nun wohl, mein Herr, wir zählen heute den 13. Dezember des Jahres 1628, das will sagen, dass ich am heutigen Tage zwanzig Jahre, sieben Monate und neunzehn Tage alt bin. Ich bin also schon seit sieben Jahren, sieben Monaten und neunzehn Tagen der Vormundschaft der Weiber ledig; außerdem bin ich bereits ein erstes Mal wider meinen Willen verheiratet worden. Ich bin reich genug, um eine Frau zu bereichern, wenn sie arm wäre, vornehm genug, um sie zu adeln, wenn sie es nicht sein sollte, und da Staatsgründe mit einem jüngeren Sohne nicht leicht in Zusammenhang zu bringen sind, habe ich die Absicht, mich ein zweites Mal nach meinem Willen und nach meinem Geschmack zu vermählen.«

»Monseigneur,« sagten zugleich Frau von Longueville und ihre Nichte, »Ihr werdet schon aus Rücksicht für uns nicht verlangen, dass Herr Vauthier Ihrer Majestät, der Königin-Mutter, eine solche Antwort überbringe.«

»Herr Vauthier mag, wenn es ihm beliebt, sagen, ich habe gar nicht geantwortet und in diesem Falle werde ich, sobald ich in den Louvre zurückkehre, selbst meiner Mutter antworten.«

Und er machte gegen Vauthier eine verabschiedende Handbewegung; Vauthier neigte das Haupt und gehorchte.

»Monseigneur. . . .« begann Frau von Longueville —

Aber Gaston unterbrach sie.

»Madame, seit mehreren Monaten, oder besser gesagt, seitdem ich sie gesehen habe, liebe ich die Prinzeß Marie. Die Achtung, die ich sowohl vor ihr, als auch vor Euch, teure Herzogin, habe, hätten mich wahrscheinlich verhindert, mich vor der vollständigen Erreichung meines einundzwanzigsten Lebensjahres zu erklären, denn was die Prinzeß betrifft, so kann sie, da sie glücklicherweise kaum sechzehn Jahre zählt, noch warten; aber da von einer Seite das Übelwollen meiner Mutter mich von ihr zu entfernen trachtet, da anderseits die leidige Politik verlangt, dass Die, welche ich liebe, irgend einen kleinen italienischen Fürsten heiratet, so will ich sofort zu Ihrer Hoheit sprechen. Prinzeß Marie, meine roten Backen machen mich nicht zu jener Galanterie fähig, welche heutzutage Mode ist, das heißt, den Kranken zu spielen, blass auszusehen und stets zu einer Ohnmacht bereit zu sein: ober ich liebe Euch darum nicht minder; es ist daher an Euch, über mein Anerbieten nachzudenken, denn Ihr begreift es wohl, in diesem Falle ist das Anerbieten meines Herzens auch das meiner Hand. Wählt also zwischen dem Herzog von Rethellois und mir, zwischen Mantua und Paris, zwischen einem kleinen italienischen Fürsten und dem Bruder des Königs von Frankreich.«

»O, Monseigneur,« sagte Frau von Longueville, »wenn Ihr Herr Eurer Handlungen wäret, wie ein einfacher Edelmann, wenn Ihr nicht vom Könige – vom Kardinal, von der Königin, abhingt!«

»Vom Könige? Madame, es ist wahr, ich hänge vom Könige ab, aber es wird meine Sorge sein, von ihm die Erlaubnis für diese Heirat zu erhalten, und ich werde Allein daransetzen; was aber den Kardinal und die Königin betrifft, so sind sie es im Gegenteile, die bald von mir abhängen dürften.«

»Wie das, Monseigneur?« fragten zugleich die beiden Damen.

»Mein Gott, das will ich mit zwei Worten erklären,« sagte Gaston, eine arglose Freimütigkeit affectirend; »da mein Bruder, Ludwig XIII., nach einer dreizehnjährigen Ehe keine Kinder hat, so wird er deren wahrscheinlich auch niemals bekommen. Ihr wisst übrigens, wie es um seine Gesundheit steht, und es kann wohl nicht fehlen, dass er mir eines Tages den Thron Frankreichs als Erbteil hinterlässt.«

»Ihr glaubt also, Monseigneur,« fragte Frau von Longueville, »dass der Tod Sr. Majestät nahe bevorstehend sei?«

Die Prinzeß Marie antwortete nicht, aber da ihr Herz, welches für Niemand schlug, dem Ehrgeiz gestattete, Einfluss auf ihre Gedanken zu üben, verlor sie kein Wort von dem. was Monsieur sagte.

»Bouvard betrachtet ihn als einen verlorenen Mann,« gab dieser auf die Frage der Herzogin zur Antwort, »und, wundert sich, dass er noch lebt; aber über diesen Punkt sind die Auguren mit ihm in Übereinstimmung,«

»Die Auguren?« fragte Frau von Longueville.

Marie verdoppelte ihre Aufmerksamkeit.

»Meine Mutter hat den ersten Astrologen Italiens, Fabroni, befragt und er sagte voraus, dass mein Bruder der Welt Valet sagen würde, bevor die Sonne im Jahre 1630 das Zeichen des Krebses durchlaufen habe; Fabroni gibt ihm also noch achtzehn Monate Zeit zum Leben. Dasselbe wurde mir und mehreren meiner Diener von einem Arzt, Namens Duval, gesagt. Dem Letzteren ist die Voraussagung schlecht bekommen, denn als der Kardinal vernahm, dass er dem Könige das Horoskop gestellt habe, ließ er ihn verhaften und zu den Galeeren verurteilen, in Anwendung eines altrömischen Gesetzes, welches verbietet, sich mit der Erforschung der ferneren Lebenszeit der Könige abzugeben. Meine Mutter, Madame, weiß dies Alles, meine Mutter erwartet, sowie die Königin und ich, den Tod ihres ältesten Sohnes; und um mich einst zu beeinflussen, wie sie jetzt meinen Bruder beeinflusst, will sie mich mit einer toscanischen Prinzessin verheiraten, die ihr für die Krone erkenntlich sein müsste. Aber es soll nicht so weit kommen, das schwöre ich zu Gott; ich liebe Euch, und im Falle Ihr nicht eine unüberwindliche Abneigung gegen mich habet, werdet Ihr meine Gattin.«

»Aber,« fragte die Herzogin, »haben Eure Hoheit keine Idee, wie der Kardinal über diese Heirat denken wird?«

»Beunruhigt Euch nicht des Kardinals wegen; wir werden ihn auf unserer Seite haben.«

»Und wie das?«

»In diesem Punkte,« sagte Gaston, »müsst Ihr mir ein wenig behilflich sein.«

»Auf welche Art?«

»Der Graf von Soissons hat seine Verbannung bereits herzlich satt; ist es nicht so?«

»Er verzweifelt darüber; aber es ist in diesem Punkte von Herrn von Richelieu nichts zu erlangen.«

»Gut; und wenn er seine Nichte heiraten würde?«,

»Frau von Combalet?«

Die beiden Damen blickten einander an.

»Der Kardinal wird, um sich mit dem königlichen Hause zu verbinden, Alles bewilligen, was man von ihm verlangt.«

Die beiden Damen sahen einander wieder an.

»Ist das, was Monseigneur da sagen, ernst gemeint?« fragte Frau von Longueville.

»Man kann nicht mit größerem Ernste sprechen.«

»Ich würde in diesem Falle mit meiner Tochter reden, welche auf ihren Bruder großen Einfluss hat.«

»Sprecht mit ihr davon, Madame,«

Dann sich zur Prinzeß Marie wendend, sagte Gaston:

»Alles das aber, Prinzeß, ist nur ein vergeblicher und eitler Plan, wenn in diesem Complot Euer Herz nicht zum Mitschuldigen des meinen wird.«

»Eure Hoheit wissen, dass ich die Braut des Herzogs von Rethellois bin,« sagte die Prinzeß Marie; »ich kann für meine Person nichts gegen die Kette tun, die mich fesselt und am Reden verhindert; aber an dem Tage, wo diese Kette gebrochen und mein Wort frei sein wird, sollen Eure Hoheit sich über meine Antwort nicht zu beklagen haben.«

Die Prinzeß machte eine Verbeugung und schickte sich an, das Gemach zu verlassen, aber Gaston ergriff lebhaft ihre Hand und drückte einen feurigen Kuß daraus.

»Ihr habt mich zum glücklichsten der Menschen gemacht.« sagte er, »und ich wage es nun. nicht mehr an dem guten Ausgang eines Planes zu zweifeln, in den mein Lebensglück verwebt ist.«

Und wahrend die Prinzeß sich durch die eine Tür entfernte, stürmte der Prinz durch die andere hinaus, wie ein Mensch, der die frische Luft braucht, um in derselben seine Leidenschaft abzukühlen.

Frau von Longueville, welche sich erinnerte, dass sie Frau von Combalet hatte bitten lassen, auf sie zu warten, stieß eine dritte Tür auf, welche, da sie nur angelehnt war, dem ersten Drucke wich, und hätte beinahe einen Schreckensruf ausgestoßen, als sie sich Auge in Auge mit der Nichte des Kardinals befand, die der Diener unvorsichtiger Weise in ein Boudoir geführt hatte, welches an das Gemach stieß, in dem die Unterredung mit dem Herzog von Orleans stattfand.

»Madame,« sagte schnell gefasst die Herzogin, »da wir den Kardinal als unseren Freund und Beschützer kennen und nichts tun wollen, was ihm ein Geheimnis bleiben oder unangenehm sein könnte, habe ich Euch bitten lassen, das Ende einer Erklärung zwischen uns und der Königin-Mutter abzuwarten, einer Erklärung, welche durch die zwei Besuche hervorgerufen wurde, mit denen Se. Königliche Hoheit, Monsieur, uns beehrte.«

»Ich danke, liebe Herzogin,« sagte Frau von Combalet, »und bitte Euch, zu glauben, dass ich die zarte Aufmerksamkeit anerkenne, mit der Ihr mir die Tür dieses Kabinetts öffnen ließet, damit ich kein Wort von der statt gehabten Unterredung verliere.«

»Ihr habt auch,« fragte die Herzogin mit einigem Zögern, »jene Stelle des Gespräches gehört, welche Euch berührt? Was mich anbelangt, so würde ich, abgesehen von der Ehre, meine Nichte als Herzogin von Orleans, Schwägerin des Königs, vielleicht auch Königin, zu wissen, sehr glücklich sein, Euch in unsere Familie eintreten zu sehen, und ich werde in dieser Beziehung meinen ganzen Einfluss auf den Grafen von Soissons aufbieten, obgleich ich sehr zweifle, dass es dieses Einflusses bedürfen wird.«

»Ich danke, Frau Herzogin,« erwiderte Frau von Combalet; »ich weiß die Ehre, die es für mich sein würde, die Gattin eines Prinzen von Geblüt zu werden, in ihrem ganzen Umfange zu schätzen, allein ich tat, als ich mein Witwenkleid anlegte, zwei Gelübde: das eine, mich nie mehr zu verheiraten; das zweite, mich ganz meinem Oheim zu weihen; ich werde meine Gelübde halten, ohne etwas Anderes zu bedauern, als dass durch denselben der Plan Monsieurs scheitern muss.«

Und sie nahm mit ihrem gewinnendsten Lächeln von der ehrgeizigen Herzogin Abschied, welche es nicht begreifen konnte, dass irgend ein Gelübde schwer genug sein könne, um der Aussicht: Gräfin von Soissons zu werden, das Gleichgewicht zu halten.




IV.

Eva und die Schlange


»Nach dem Louvre!« hatte, wie man sich erinnern wird, Frau von Fargis gerufen, als sie in die Sänfte gestiegen war, und die Träger setzten sie, diesem Befehle gehorchend, am Fuße der Diensttreppe des Palastes ab, welche zugleich zu den Zimmern des Königs und der Königin führte, und dann geöffnet wurde, wenn man die große Freitreppe schloss, das heißt, um zehn Uhr Abends.

Frau von Fargis trat an diesem Abend ihre Dienstwoche bei der Königin an.

Diese liebte sie sehr, so wie sie Frau von Chevreuse geliebt hatte und noch liebte, aber auf diese Letztere, welche sich durch eine Menge Unklugheiten bekannt gemacht hatte, richteten der König und der Kardinal.ein wachsames Auge. Diese ewige Lacherin war dem Könige Ludwig XIII., der, selbst mit Einschluss seiner Kindheit, nicht zehn Mal in seinem Leben gelacht haben mochte, antipathisch. Als man Frau von Chevreuse in die Verbannung geschickt hatte, brachte man an ihre Stelle Frau von Fargis, die noch viel gefälliger gegen ihre Gebieterin war, als Frau von Chevreuse. Sie war hübsch, glühend, schamlos, und dazu ganz geeignet, durch ihr Beispiel die Königin zu allerhand Galanterien anzuspornen. Was ihr den einflussreichen Posten bei der Königin verschafft hatte, war die Stellung ihres Gatten, des Herrn Fargis d'Angennes, welcher ein Vetter der Marquise Rambouillet und französischer Gesandter in Madrid war; vor Allem hatte der Umstand ihrem Ehrgeiz gedient, dass sie drei Jahre bei den Carmeliterinnen in der Rue St. Jacques zugebracht und daselbst die Bekanntschaft der Frau von Combalet gemacht hatte, welche sie dem Kardinal warm empfahl.

Die Königin wartete mit Ungeduld. Diese nach Abenteuern lüsterne Frau, welche noch immer Buckingham beweinte, sehnte sich gleichwohl, wenn nicht nach neuen Liebschaften, so doch nach neuen Aufregungen. Dieses Herz von 26 Jahren, in welchem der König nie den ersten Platz einzunehmen gestrebt hatte, schmachtete in Ermanglung einer wirklichen Leidenschaft nach einer Scheinliebe, und glich jenen, an hohen Türmen aufgehängten Aeolsharfen, denen jeder Lufthauch einen Freudenton, eine Klage, oder auch nur eine unbestimmte Vibration entlockt.

Ihre Zukunft war nicht lachender, als ihre Vergangenheit. Dieser gallfüchtige König, dieser trübsinnige Gebieter, dieser Gatte ohne Begierden, musste ihr noch willkommen sein, denn das glücklichste Los, welches sie in der Stunde seines so nahe bevorstehenden und von Allen erwarteten Todes treffen konnte, war, dass sie die Gattin Gastons von Orleans wurde, dieses Prinzen, welcher sieben Jahre jünger war, als sie, und sie nur in dem Glauben erhielt, er werde, im Falle Ludwig XIII. sterbe, sie heiraten, damit sie nicht in einem Anfalle von Verzweiflung oder Liebe ein Mittel ergreife, welches ihn auf immer vom Throne Frankreichs entfernen, und sie zur Regentin machen musste.

Es gab in der Stunde nach dem Tode des Königs in der Tat nur drei Alternativen für sie: Gaston zu heiraten, Regentin zu werden, oder sich nach Spanien zurückschicken zulassen.

Traurig und einsam saß sie in einem an ihr Empfangszimmer stoßenden Kabinett, in welches nur ihre Vertrautesten und die Damen vom Dienst Zutritt hatten, und las mehr mit den Augen als mit den Gedanken in einem Buche von Guilham de Castro, welches sie von dem spanischen Gesandten Mirabel erhalten hatte, und welches »die.Jugend des Cid« betitelt war.

An der Art, an die Tür zu klopfen, erkannte sie Frau. von Fargis, und das Buch, welches einige Jahre später einen großen Einfluss auf ihr Leben üben sollte, weit von sich wegwerfend, rief sie in fröhlichem Tone:

»Du kannst eintreten!«

So ermutigt trat die Fargis nicht einfach ein,sondern sie stürmte in das Kabinett und sank zu den Füßen Annas von Österreich nieder, deren schöne Hände sie mit einer Leidenschaftlichkeit küsste, über welche die Königin lächelte.

»Weißt Du, meine liebe Fargis,« sagte sie, »dass ich zu glauben anfange, Du bist ein verkleideter Liebhaber, und wirst eines Tages, wenn Du Dich von meiner Freundschaft genügend überzeugt hast, deine Verkleidung plötzlich abwerfen?«

»Und wenn dies wäre, meine schöne Majestät, würdet Ihr darüber sehr ungehalten sein?«

»O ja; sehr ungehalten, denn ich wäre in diesem Falle gezwungen, zu schellen und Dich fort weisen zu lassen, so dass ich Dich nicht mehr sehen könnte, was mir einen großen Schmerz verursachen würde, denn außer der Chevreuse bist Du die Einzige, die mich zerstreut.«

»Mein Gott, was ist doch die Tugend für eine barbarische und unnatürliche Sache, da sie stets das Resultat hat, Herzen, die einander lieben, zu trennen, und wie viel naher stehe ich mit meinen nachsichtigen Anschauungen dem Geiste und dem Willen Gottes, als die Heuchler, welche in jeder Galanterie, in jedem Komplimente eine Versündigung sehen.«

»Weißt Du. Fargis, dass es schon acht Tage ist, seit ich Dich zum letzten Male gesehen habe?«

»Mir, Majestät, schienen diese acht Tage acht Jahrhunderte zu sein.«

»Und was hast Du während dieser achthundert Jahre gemacht?«

»Nicht viel Gutes, Majestät! Ich war, wie ich glaube, verliebt.«

»Wie. Du glaubst?« «

»Ja!«

»Mein Gott, wie närrisch Du solche Dinge sagst. Man tut besser, Dir bei dem ersten Worte den Mund mit der Hand zu verschließen.«

»Mögen Eure Majestät es versuchen, und Ihr werdet sehen, wie Eure Hand aufgenommen wird.«

Anna legte ihr lachend die Hand auf ihre schwellenden Lippen, welche diese Hand mit Küssen bedeckten.

Die Königin zog rasch ihre Hand zurück.

»Das Feuer deiner Küsse macht mich zittern,« sagte sie, »Du teilst mir dein Fieber mit. Und in wen bist Du verliebt?«

»In einen Traum.«

»Wie, in einen Traum?«

»Nun, ist es etwa nicht ein Traum, in unserem Jahrhunderte der Vendômés, der Condés, der Grammont's einen jungen Mann von zweiundzwanzig Jahren zu finden, der schön, reich, vornehm und verliebt ist?«

»In Dich?«

»In mich? Möglicherweise ja! Er liebt jedoch eine Andere!«

»In der Tat, Du bist toll, Fargis, und ich verstehe nichts von dem, was Du mir da sagst.«

»Ich glaube es wohl; Eure Majestät sind eine wahre Nonne.«

»Und Du? Was bist denn Du? Bist Du nicht vor Kurzem von den Carmeliterinnen ausgetreten?«

»Zugleich mit Frau von Combalet.«

»Du sagtest also, Du seist in einen Traum verliebt?«

»Ja, und Euer Majestät kennen sogar meinen Traum.«

»Ich?«

»Wenn ich daran denke, dass ich für diese Sünde verdammt werden sollte, so hätte ich mein Seelenheil eigentlich für Euer Majestät eingebüßt.«

»O, meine arme Fargis, Du wirst dieses Seelenheil etwas leichtsinnig aufs Spiel gesetzt haben.«

»Sollten Euer Majestät ihn etwa nicht hübsch finden?«

»Wen?«

»Unseren Boten, den Grafen von Moret.«

»Der Graf von Moret ist in der Tat ein Mensch, der auf mich den Eindruck eines vollendeten Kavaliers gemacht hat.

»Ach, meine teure Königin, wenn alle Söhne Heinrich's IV. ihm glichen! Dann würde ich dafür bürgen, dass es dem Throne Frankreichs nicht an einem unmittelbaren Erben fehlte, wie jetzt.«

»Was den Erben betrifft,« sagte die Königin gedankenvoll, »so muss ich Dir doch den Brief zeigen, den er mir gegeben hat. Er ist von meinem Bruder. Philipp IV., und dieser gibt mir darin einen Rat; aber ich verstehe ihn nicht recht.«

»So werde ich Euch das erklären. Es gibt wirklich nur wenige Dinge, die mir unklar sind.«

»Sibylle!« sagte die Königin und sah ihre Vertraute mit einem lächelnden Blicke an, welcher zu sagen schien, dass sie an ihrem Scharfsinn nicht zweifelte.

Dann machte sie mit ihrer gewöhnlichen Ungezwungenheit eine Bewegung, als wollte sie sich erheben.

»Kann ich Eurer Majestät irgend eine Mühe ersparen?« fragte Frau von Fargis.

»Nein, nur ich allein kenne das Geheimnis des Faches, in welchem ich den Brief aufbewahre.«

Dann ging sie zu einem kleinen Schranke, den sie öffnete wie jedes andere Möbel. Sie zog ein Fach heraus, ließ eine geheime Feder spielen und nahm aus dem doppelten Boden die Abschrift der Depesche, welche der Graf von Moret ihr überbracht hatte und welche – wie man sich erinnern wird – außer dem sichtbaren Briefe des Don Gonzales von Cordova auch noch einen andern enthielt, der nur von der Königin allein gelesen werden sollte.

Mit diesem Briefe in der Hand kehrte sie dann zu ihrem Platze auf dem Diwan zurück.

»Setze Dich hier zu mir her,« sagte sie, indem sie auf den Platz an ihrer Seite deutete.

»Wie! Auf demselben Sitze mit Eurer Majestät« «,

»Ja! Wir müssen leise miteinander sprechen.«

Frau von Fargis richtete die Augen auf das Papier, welches die Königin in der Hand hielt.

»Ich höre,« sagte sie, »und ich bin aufmerksam. – Was enthalten zunächst diese drei oder vier Zeilen hier?«

»Nichts; sie raten mir nur, deinen Mann so lange als möglich in Spanien zu erhalten.«

»Nichts! Das nennen Eure Majestät nichts? Das ist im Gegenteil höchst wichtig. Ja, ohne Zweifel muss Herr von Fargis so lange als möglich in Spanien bleiben! Zehn Jahre, zwanzig Jahre; – immer! O, das ist ein Mann, der einen guten Rat erteilt. Lasset jetzt hören, ob der andere Rat eben so gut ist. Ich erkläre, dass Eure Majestät den König Salomon selbst zum Ratgeber haben. Schnell! Schnell! Schnell!«

»Kannst Du denn selbst bei den wichtigsten Dingen nie ernsthaft sein?«

Dabei zuckte die Königin leise die Achseln.

»Höre jetzt, was mir mein Bruder, Philipp IV., sagt.«

»Das, was Eure Majestät nicht recht verstehen?«

»Was ich gar nicht verstehe, Fargis,« entgegnete die Königin mit einem meisterhaft gespielten Scheine der Unschuld.

»Lasset das hören.!«

»Meine Schwester,« las die Königin, »ich kenne durch unsern guten Freund, den Herrn von Fargis, den Plan, welcher Dir für den Fall von dem Tode König Ludwigs XIII., zum Gemahl dessen Bruder und Thronfolger, Gaston von Orleans, verspricht.«

»Ein hässlicher Plan!« unterbrach Frau von Fargis die Königin; »vielleicht eben so schlimm, oder sogar noch schlimmer, anzunehmen als zurückzuweisen.«

»Warte doch,« sagte die Königin und fuhr fort: »Noch besser aber wäre es, wenn Du Dich zur Zeit dieses Todes in guter Hoffnung befändest.«

»Jawohl,« flüsterte Frau von Fargis; »das wäre viel besser, als alles Andere.«

»Die Königinnen von Frankreich,« las Anna von Österreich weiter, indem sie sich stellte, als suchte sie den Sinn der Worte zu ergründen, »haben vor ihren Gatten einen großen Vorzug voraus: Sie können ohne ihren Gemahl einem Dauphin das Leben geben; die Könige können das aber nicht ohne ihre Gemahlinnen.«

»Ist es das, was Eure Majestät durchaus nicht verstehen?«

»Oder es erscheint mir wenigstens unausführbar, meine gute Fargis.«

»Welch' ein Unglück,« entgegnete Frau von Fargis, indem sie die Augen zum Himmel richtete, »es mit solchen Umständen zu tun zu haben, wenn es sich nicht nur um das Glück einer großen Königin handelt, sondern auch um das Wohl eines großen Volkes! Welch' ein Unglück, einer allzu tugendhaften Frau dienen zu sollen.«

»Was willst Du damit sagen?«

»Ich will sagen, wenn Ihr in den Gärten von Amiens das getan hättet, was ich an Eurer Stelle getan haben würde, da es sich um einen Mann handelte, der Eure Majestät mehr liebte, als sein Leben, welches er für Euch opferte, – das heißt, wenn Ihr, statt Laporte oder Pulanges herbeizurufen, gar nicht gerufen hättet —«

»Nun —?«

»Nun, dann würde Euer Bruder jetzt den Rat nicht nöthig haben, den er Euch erteilt und der so schwer herbeizuschaffende Dauphin würde dann vielleicht schon vorhanden sein.«

»Aber das wäre ein doppeltes Verbrechen gewesen!«

»Wie können Eure Majestät zwei Verbrechen in einer Handlung erblicken, zu der Euch ein großer König rät, der noch überdies wegen seiner Frömmigkeit bekannt ist.«

»Ich hätte zunächst meinen Gemahl betrogen und außerdem den Sohn eines Engländers auf den französischen Thron gesetzt.«

»Seinen Ehemann zu betrügen ist in allen Ländern eine sehr verzeihliche Sünde und Eure Majestät haben nur nöthig, umherzublicken, um sich zu überzeugen, dass dies die Ansicht der Mehrzahl aller Eurer Untertanen, oder wenigstens Euer Unterthaninnen ist. Aber einen Mann zu betrügen, wie der König Ludwig XIII., der gar kein Ehemann ist, oder doch nur so wenig, dass es nicht der Mühe lohnt, davon zu sprechen, das ist nicht nur eine verzeihliche Sünde, sondern sogar eine löbliche Handlung.«

»Fargis!«

»O, Ihr wisst das wohl, und im Grunde Eures Herzens werdet Ihr Euch den unglückseligen Schrei zum Vorwurf gemacht haben, der ein so großes Ärgernis verursachte, während Euer Schweigen alle Welt zufriedengestellt haben würde.«

»Leider!«

»Das ist also mein Urteil über die erste Frage und das »leider!« Eurer Majestät spricht meiner Ansicht gewonnenes Spiel. Es bleibt nun noch die zweite Frage zu erörtern und dabei bin ich gezwungen, Eurer Majestät vollkommen Recht zu geben,«

»Siehst Du wohl?«

»Aber nehmen wir an, dass Ihr, statt es mit einem Engländer zu tun zu haben, der zwar ein sehr liebenswürdiger Mann, aber von einem fremden Stamme war, – nehmen wir an, dass ein anderer Mann, nicht weniger liebenswürdig, wie er,« die Königin stieß einen Seufzer aus, »aber von französischem Mut – ja, noch besser, ein Mann von königlichem Stamme – ein echter Sohn Heinrich's IV., Euch gegenübergestanden hätte, während der König Ludwig XIII. durch seine Neigungen, seine Gewohnheiten, seinen Charakter auf mich immer die Wirkung macht, als stammte er von einem gewissen Virginio Orsini ab —«

»Auch Du, Fargis, glaubst an diese Verleumdungen?«

»Wenn es Verleumdungen sind, so rühren sie jedenfalls von dem Vaterland Eurer Majestät her. – Nehmen wir nun endlich an, der Graf von Moret hätte sich an der Stelle des Herzogs von Buckingham befunden, glaubt Ihr, dass das Verbrechen dann auch so groß gewesen wäre, oder würde nicht im Gegenteil die Vorsehung sich seiner bedient haben, um das echte Blut Heinrichs IV. wieder auf den Thron von Frankreich zu bringen?«

»Aber, Fargis, ich liebe den Grafen von Moret nicht!«

»Nun wohl, Eure Majestät, so läge darin die Büßung der Sünde, weil dabei ein Opfer Statt fände, und weil Ihr Euch in diesem Falle mehr dem Ruhme und dem Wohle Frankreichs opfertet, als dass Ihr m Eurem eigenen Interesse handeltet,«

»Fargis, ich begreife nicht, wie eine Frau einen andern Mann, als ihren Gatten, erhören kann, ohne vor Scham zu sterben, wenn sie sich das erste Mal diesem Manne bei hellem Tageslicht gegenüber erblickt.«

»Ach, Madame,« rief die Fargis, »wenn alle Frauen so dächten, wie Eure Majestät, wie viele Männer würde man dann um ihre Frauen trauern sehen, ohne dass sie wüssten, an welcher Krankheit ihre Frauen gestorben sind! Nun ja, ehedem hat man wohl dergleichen erlebt, aber seit der Erfindung der Fächer sind solche Ereignisse viel seltener geworden.«

»Fargis! Fargis! Du bist die unmoralischeste Person von der Welt und ich weiß wahrlich nicht, ob selbst die Chevreuse so verdorben ist, wie Du es bist. Aber in wen ist denn dein Traum verliebt?«

»In Euren Schützling. Isabella.« .

»In Isabella von Lautrec? die ihn neulich Abend zu mir geführt hat? Aber wo sah er sie denn?«

»Er hatte sie damals noch nicht gesehen. Die Liebe entstand, indem er auf den finsteren Korridors und in den schwarzen Kabinetts mit ihr Blindekuh spielte.«

»Der arme Mensch! Seine Liebe wird nicht vorwärtskommen. Ich glaube, es ist ein Vertrag zwischen dem Vater Isabellens und einem gewissen Vicomte von Pontis geschlossen. Indes werden wir von dem Allen wieder sprechen, Fargis. Ich wünsche den Dienst zu vergelten, den er mir geleistet hat.«

»Und auch den, welchen er Euch noch leisten wird.«

»Fargis!«

»Madame?«

»Wahrlich, sie antwortet mit einer Ruhe, als ob sie nicht die abscheulichsten Dinge sagte! Fargis, hilf mir, mich zu Bett legen, meine Tochter, O mein Gott, welche unvernünftige Träume wirst Du mir mit allen deinen Erzählungen verursachen!« ..

Die Königin erhob sich, ging noch nachlässiger und noch schmachtender, wie gewöhnlich, nach ihrem Schlafzimmer und stützte sich dabei auf die Schulter ihrer Ratgeberin Harris, die man vieler Dinge beschuldigen konnte, zuverlässig ober nicht des Egoismus in der Liebe.




V.

Zu welchem der Kardinal das Privilegium, welches er Souscarières gegeben, zu seinem Vorteile benützt


Vorbereitet durch das von Rossignol aufgefundene und dechiffrierte Schriftstück, hatte der Kardinal in der Szene, welche bei der Herzogin von Longueville zwischen Marie, Monsieur und Vauthier stattfand und deren Verlauf ihm von Frau von Combalet mitgeteilt wurde, nur die Ausführung des zwischen seinen Feinden vereinbarten Planes und den Beginn des Kampfes durch die Königin-Mutter erblickt.

Marie von Medicis war in der Tat seine unerbittlichste Feindin, und auch die, welche er sowohl wegen des großen Einflusses, den sie auf ihren Sohn, den König, besaß, als auch wegen der finsteren Mittel am meisten zu, .fürchten hatte, über welche sie und ihr Minister Bérulle geboten.

Die Königin-Mutter also war es, die man zu Grunde richten, ihr verhängnisvoller Einfluss, den sie seit der Rückkehr aus der Verbannung mehr als je aus ihren Sohn übte, von dem man Ludwig XIII. befreien musste, und nicht jene üble Laune, welche Bouvard mit allen Mitteln zu bekämpfen suchte, und welche nicht zu bekämpfen war, weil sie das Leben des Königs ausmachte,

Es gab ein fürchterliches Mittel, dahin zu gelangen, und Richelieu hatte daher stets gezögert, es anzuwenden; jetzt aber schien ihm die Stunde zu rückhaltlosem Handeln gekommen zu sein. Es galt, Ludwig XIII. den Beweis für die unbestreitbare Mitschuld seiner Mutter bei der Ermordung Heinrichs IV. zu liefern.

Ludwig XIII. besaß die große Eigenschaft, für den König Heinrich IV. eine unbegrenzte Verehrung zu hegen.

Er hatte in Concini, den er eines Tages auf der Louvrebrücke ermorden ließ, mehr den Mitschuldigen des Königsmörders, als den Liebhaber seiner Mutter und Verschwender der französischen Staatsgelder strafen wollen.

Der Kardinal war demnach auch überzeugt, dass in dem Augenblicke, wo dem Könige Gewissheit würde, dass seine Mutter dem Tode seines Vaters nicht ferngestanden habe, diese sofort den Weg in die Verbannung abermals werde antreten müssen.

Als die Uhr auf seinem Schreibtische eine halbe Stunde vor Mitternacht zeigte, nahm Richelieu zwei im Voraus unterschriebene, und mit dem Siegel versehene Papiere, rief seinen Kammerdiener Guillemot, legte mit dessen Hilfe seinen roten Talar, seine Spitzenalba, sein Hermelinmäntelchen ab, und zog dafür eine einfache Kapuzinerkutte an, ähnlich der des Pater Josef, ließ eine Sänfte holen, streifte die Capuze über das Gesicht, verließ den Palast, stieg in die Sänfte und gab den Trägern den Befehl, ihn in die Aue de l'Homme Armé, in das Gasthaus »zum gefärbten Barte« zu bringen.

Bald war man an Ort und Stelle. Der Kardinal machte die Bemerkung und diese Bemerkung erfüllte ihn mit Achtung vor der Tätigkeit des Meister Soleil, dass, obwohl es so eben Mitternacht auf den Türmen der Carmeliter schlug, im Gasthause noch Licht wäre, und Jemand auf etwaige nächtliche Gäste wartete, um sie zu empfangen.

Der Kardinal befahl den Trägern, ihn an der Ecke der Rue du Plâtre zu erwarten; dann stieg er aus der Sänfte und trat in das Gasthaus »zum gefärbten Barte«, wo ihn der wachhaltende Kellnerbursche wegen seiner Capuze für den Bruder Josef hielt und ihn fragte, ob er vielleicht mit Latil, seinem Beichtkind, reden wolle.

Gerade einer solchen Unterredung wegen war der Kardinal gekommen.

Da Latil nicht auf der Stelle getödtet worden war, musste er davon kommen; übrigens hatte er in seinem Leben so viele Degenstöße empfangen, dass man mit ziemlicher Gewissheit sagen konnte, jede neue Wunde träfe eine alte, vernarbte.

Latil war noch sehr krank, aber er sah doch schon hoffnungsvoll dem Tage entgegen, wo er mit der Börse des Grafen von Moret in der Tasche sich würde nach dem Hotel Montmorency bringen lassen können.

Er hatte den Pater Josef nicht wiedergesehen, dem er beichtete, ohne ihn zu kennen, aber er war sehr erstaunt darüber, Besuche von dem Arzte des Kardinals zu erhalten, dem es vom Sekretär Sr. Eminenz eingeschärft worden war, sich die Pflege des Patienten angelegen sein zu lassen, so dass der arme Latil ganz erstaunt war, der Gegenstand so vieler Sorgfalt zu fein.

Man hatte ihn selbstverständlich nicht auf dem Tische in in dem Wirtshaussaale liegen lassen können, er war daher in ein Zimmer des ersten Stockwerkes getragen worden: man hatte ihm Nummer 11 gegeben, welches an das Zimmer Nummer 13 stieß, das von der schönen Marina, oder Frau von Fargis, in monatliche Miete genommen war.

Er erwachte beim Scheine der Kerze, mit welcher der Bursche dem Kardinal-Minister voran leuchtete, und die erste Gestalt. welche sich bei dem Scheine dieser Kerze seinen Blicken darbot, war die lange und hagere Figur eines Kapuziners.

Für Latil gab es tatsächlich keinen anderen Kapuziner in der Welt, als den, welchem er gebeichtet hatte, und wir müssen es gestehen, und sollte es selbst die Begriffe von Frömmigkeit schwachen, welche der Leser an unserem armen Verwundeten geknüpft haben mag, an jenem einzigen Abend der Beichte fingen die Beziehungen, welche Latil mit dieser Kaste' hatte, an und endigten auch zugleich.

Es kam ihm daher in den Sinn, dass der würdige Kapuziner ihn entweder für kränker halle und komme, seine Beichte nochmals zu hören, oder dass er glaube, er sei schon gestorben, und nun die Anstalten zu seinem Begräbnisse treffen wolle.

»Hollah!« rief er daher, »guter Vater, bemüht Euch nicht! Durch die Gnade Gottes und mit Hilfe Eurer Gebete ist meinethalben ein Wunder geschehen, und es scheint, dass der arme Stephan Latil wird fortfahren dürfen, ein ehrlicher Kerl auf seine Art zu sein, trotz der Marquis und Vicomtes, die ihn als Banditen behandelten und Vier gegen Einen mit ihm kämpften.«

»Ich kenne Eure gute Aufführung, mein Bruder, und komme, Euch ihretwegen zu beglückwünschen, indem ich mich mit Euch über Eure Wiedergenesung herzlich freue.«

»Teufel!« rief Latil, »war das so notwendig, dass Ihr mich zu einer solchen Stunde wecken musstet und konntet Ihr mit Euren Komplimenten nicht warten, bis es Tag war?«

»Nein,« antwortete der Kapuziner, »da ich Wichtiges insgeheim mit Euch zu reden habe, mein Bruder.«

»Sind es Staatsgeschäfte?« fragte Latil lachend.

»Es sind wirtlich Staatsgeschäfte.«

»Oho!« fuhr Latil noch immer lachend fort, »sollte ich etwa die »graue Eminenz« vor mir haben?«

»Ich bin mehr als das,« sagte der Kardinal, indem auch er die Lippen zu einem Lächeln verzog; »ich bin die rote Eminenz.«

Und er schlug die Capuze zurück, damit der Klopffechter sehe, mit wem er es zu tun habe.

»O!« sagte Latil und fuhr mit einer unwillkürlichen Bewegung des Schreckens von seinem Lager empor, »bei der Seele meines an dem Thore von Jerusalem gesteinigten Schutzpatron, Ihr seid es selbst, Monseigneur!«

»Ja, und Ihr könnt Euch von der Wichtigkeit der Angelegenheit, über welche ich mit Euch sprechen will, nun einen Begriff machen, da Ihr seht, dass ich die Zufälle, denen ich bei einem nächtlichen Ausgang ohne Garden mich aussetze, nicht scheuend, hierher gekommen bin, um Euch auszusuchen.«

»Monseigneur werden, sobald meine Kräfte es zulassen, in mir einen gehorsamen Diener finden.«

»Nehmt Euch nur Zeit und sammelt Eure Erinnerungen.«

Es entstand nun ein augenblickliches Stillschweigen, wahrend der Kardinal seine Blicke so fest auf Latil richtete, dass es schien, er wolle bis auf den Grund seiner Seele sehen.

»Ihr müsst,« begann Richelieu, »obwohl noch jung, ein sehr guter Freund des verstorbenen Königs gewesen sein, da Ihr Euch weigertet, seinen Sohn zu tödten, trotz der großen Summe, die man Euch für diesen Mord anbot.«

»Ja, Monseigneur, und ich kann auch sagen, dass die Treue, die ich seinem Andenken bewahre, einer der Hauptgründe war, warum ich den Dienst des Herzogs von Epernon verließ.«

»Ihr standet, wie man mich versicherte, während der König ermordet wurde, auf dem Trittbrett seines Wagens. Könnt Ihr mir vielleicht sagen, was von dem Momente des Mordes an in Bezug auf den Mörder vorging und in wie weit der Herzog bei der Katastrophe beteiligt war?«

»Ich war mit dem Herrn Herzog von Epernon im Louvre, d. h. er war in den Appartements und ich wartete im Hofe. Schlag vier Uhr kam der König die Treppe herab.«

»Bemerktet Ihr damals,« fragte der Kardinal, »ob Se. Majestät traurig oder fröhlich war?«

»Sehr traurig, Monseigneur; aber muss ich auch über diesen Punkt Alles erzählen, was ich davon weiß?«

»Alles,« sagte der Kardinal, »wenn Ihr die Kraft dazu in Euch fühlt.«

Was den König betrübte, waren nicht nur Ahnungen, sondern auch Vorhersagungen; ohne Zweifel kennt Ihr deren Inhalt. Monseigneur?«

»Ich war zu jener Zeit nicht in Paris; ich kam erst fünf Jahre später her, weiß also nichts, und erwarte von Euch die Erzählung eines jeden Umstandes.«

»Nun gut, Monseigneur, ich will Alles ausführlich erzählen, denn es scheint mir in der Tat, dass die Anwesenheit Eurer Eminenz mir meine Kräfte wieder gibt und dass die Angelegenheit, über die Ihr mich befragt, dem Herrn gefällt, der es wohl zuließ, dass der große König ermordet wurde, der es aber nicht zulassen wird, dass seine Mörder straflos ausgehen.«

»Mut, mein Freund,« sagte der Kardinal, »Ihr habt den rechten Weg betreten.«

»Man verkaufte also im Jahre 1607 auf der großen Messe zu Frankfurt mehrere astrologische Bücher, in welchen geschrieben stand, dass der König von Frankreich im neunundfünfzigsten Jahre seines Lebens, d. i. im Jahre 1610, sterben würde. In demselben Jahre fand ein Prior zu Montargis auf dem Altar zu wiederholten Malen die Anzeige, dass der König ermordet werden würde. Eines Tages kam die Königin-Mutter in unser Hotel, um dem Herzog einen Besuch abzustatten. Sie schlossen sich in ein Zimmer ein, aber neugierig wie ein Page, schlüpfte ich in das anstoßende Kabinett und hörte die Königin sagen, ein Doktor der Theologie, Namens Olive, habe in einem Philipp III. gewidmeten Buche den Tod des Königs für das Jahr 1610, verkündet. Der König kenne diese Vorhersagung, welche auch versicherte, er werde in einem Wagen sterben; denn als bei dem Einzuge des spanischen Gesandten der königliche Wagen etwas schiefgegangen wäre, hätte der König sich so heftig auf die andere Seite, wo sie saß, geworfen, dass er ihr die Spitzen der Diamanten, die sie in ihren Haaren trug, tief in die Stirn drückte.«

»War in diesem Gespräche nicht auch von einem gewissen Lagarde die Rede?« fragte der Kardinal.

»Ja, Monseigneur,« sagte Latil, »und Ihr ruft mir da eine Einzelheit ins Gedächtnis zurück, die ich ganz vergessen halte, eine Einzelheit übrigens, die den Herzog von Epernon einigermaßen in Verwirrung brachte. Dieser Lagarde hatte sich, nachdem er aus den Türkenkriegen zurückgekehrt war, in Neapel aufgehalten und lebte daselbst in Gesellschaft eines gewissen Hebert, welcher der Sekretär Biron's gewesen war. Da dieser Letztere erst zwei Jahre zuvor starb, waren noch alle in seine Verschwörung verwickelten Personen verbannt. Hebert und Lagarde saßen eines Tages bei Tische, als ein großer, in violettes Tuch gekleideter Mensch eintrat und ihnen sagte, dass die französischen Verbannten bald nach ihrer Heimat zurückkehren könnten, da er im Jahre 1610 den König ermorden würde. Lagarde hatte um seinen Namen gefragt, und der Mann in Violett antwortete, er heiße Ravaillac und sei von den Leuten des Herzogs von Epernon.«

»Ja,« sagte der Kardinal, »ich habe die Sache beinahe ebenso gehört.«

»Wünschen Monseigneur, dass ich meine Erzählung abkürze?« fragte Latil.

»Nein, lasset mir beileibe kein Wort weg,« sagte Richelieu eifrig; »besser zu viel, als nicht genug.«

»Während er in Neapel war, führte man Lagarde zu einem Jesuiten, Namens Alagon; dieser hatte ihn sofort gedungen, den König zu tödten; er sollte das Wagstück zugleich mit Ravaillac ausführen und einen Jagdtag dazu wählen. Auf dem Wege nach Paris erhielt er einen Brief, in welchem ihm derselbe Vorschlag gemacht wurde. Kaum in Paris angelangt, übergab er diesen Brief dem Könige; die Namen Ravaillac's und Epernon's waren in demselben genannt.«

»Hörtet Ihr nichts davon, dass der König durch diese Mitteilung schmerzlich berührt war?«

»O, sehr schmerzlich! Niemand im Louvre wusste, woher seine Traurigkeit kam. Während acht Tage bewahrte er sein peinliches Geheimnis, dann verließ er den Hof und wohnte allein in Livry, in einem kleinen Hause, welches seinem Gardecapitän gehörte. Dann kam er in das Arsenal und bat Sully, ihm eine kleine Wohnung einzurichten, vier Zimmer, damit er mit denselben wechseln könne.«

»So war also,« murmelte Richelieu, »dieser gute König, der beste vielleicht, den Frankreich jemals hatte, dahin gekommen, wie Tiberius, die Geißel der Welt, aus Furcht vor Meuchelmördern jede Nacht in einem andern Zimmer zubringen zu müssen, und da wage ich es, mich zu beklagen – ich!«

»Eines Tages endlich,« fuhr Latil fort, »rief ein Mann in einem grünen Gewand und von finsterer Miene, dem Könige auf der Straße zu: »Im Namen des Herrn und der heiligen Jungfrau, Sire, ich muss mit Euch reden; ist es wahr, dass Ihr dem, Papst den Krieg erklärt?« Der König wollte stehen bleiben, um mit dem Manne zu sprechen, aber man hinderte ihn daran. Das Alles war ihm in den Sinn gekommen, und hatte ihn an jenem verhängnisvollen 14. Mai, der auf einen Freitag fiel, so traurig gemacht, wie einen Menschen, der zum Tode verurteilt ist und auf Gnade nicht zu rechnen hat. Mit solchen Gefühlen stieg er die große Treppe hinab und in seinen Wagen. Da war es, dass mich der Herzog von Epernon rief und mir befahl, mich auf das Trittbrett zu stellen.«

»Erinnert Ihr Euch,« fragte der Kardinal, »wie viele Personen sich damals im Wagen befanden und wie dieselben verteilt waren?«

»Drei Personen, Monseigneur: der König, Herr von Montbazon und der Herzog von Epernon. Montbazon saß zur Rechten, mein Herr zur Linken und der König in der Mitte. Ich konnte schon bei der Abfahrt recht gut einen Mann bemerken, welcher an die Mauer des Louvre gelehnt stand und wartete, als ob er gewusst hätte, der König werde ausfahren. Als er den offenen Wagen, welcher ihm gestattete, den König. zu erkennen, abfahren sah, verließ er seinen Platz an der Mauer und folgte uns.«

»Das war der Mörder?«

»Ja, aber ich kannte ihn nicht. Der König war nicht von seinen Garden begleitet. Er hatte zuerst gesagt, er wolle zu Sully fahren, welcher krank war, aber in der Rue de l'Arbre Sec besann er sich anders und befahl, ihn zu Fräulein Paulet zu fahren, indem er bemerkte, er wolle sie ersuchen, sie möge die Erziehung seines Sohnes Vendôme leiten, der schlechte italienische Neigungen angenommen habe,«

»Fahrt fort, fahrt fort!« drängte der Kardinal, »und vergeht mir auch das geringste Detail nicht.«

»O, Monseigneur, es kommt mir vor, als ob ich noch dabei wäre; es war ein schöner Tag, gegen ein Viertel auf fünf Uhr Nachmittags. Obwohl man überall Heinrich IV. in seinem Wagen erkannte, schrie man doch nirgends: »Es lebe der König!« Das Volk war niedergeschlagen und misstrauisch«

»Als man in die Rue de Bourdonnais kam, suchte da nicht der Herzog von Epernon den König mit irgend etwas zu beschäftigen?«

»Monseigneur,« sagte Latil erstaunt, »ich fange an. zu glauben, dass Ihr von der Sache ebenso viel wisst, als ich!«

»Ich habe Euch im Gegenteile gesagt, dass ich leider gar nichts weiß; fahrt nur fort!«

»Ja, Monseigneur! d'Epernon gab Sr. Majestät einen Brief; der König las eifrig und beschäftigte sich nun nicht mehr mit dem, was um ihn her vorging.«

»Also doch!« flüsterte der Kardinal.

»Als man ungefähr in der Mitte der Rue de la Ferronnerie angelangt war, kreuzten ein Wein- und ein Heuwagen den Weg. Es gab einen Aufenthalt. Der Kutscher des königlichen Wagens bog nach links ein, um auszuweichen, und das Rad streifte fast die Mauer des in dieser Straße befindlichen Klosters; ich presste mich gegen den Wagenschlag, um nicht zerquetscht zu werden. Der Wagen musste halten. In diesem Augenblicke stieg ein Mann auf einen Eckstein, schob mich mit der Hand zur Seite, und vorbei an der Brust des Herzogs von Epernon, der sich zurückbog, wie um ihm Platz zu machen, führte er nach dem Könige den ersten Stich. »Zu Hilfe!« rief der König, »ich bin verwundet!« und, erhob den linken Arm, in welchem er den Brief hielt; dies verschaffte dem Mörder Gelegenheit, einen zweiten Stich zu führen, und er tat es. Diesmal stieß der König nur einen Seufzer aus; dann war er todt. »Der König ist nur verwundet,« rief da der Herzog von Epernon, und warf seinen Mantel über den Körper des Ermordeten. Ich sah davon nichts mehr, ich kämpfte in diesem Augenblicke mit dem Mörder, den ich bei seinem Wams gefasst hatte, und der mir die Hände mit Messerstichen zerfleischte, aber ich ließ ihn erst los, als ich ihn erfasst und in sichere Verwahrung genommen sah. »Tödtet ihn nicht,« schrie der Herzog von Epernon, »bringt ihn nach dem Louvre!«

Richelieu legte seine Hand auf die Schulter des Verwundeten, wie um ihn zu unterbrechen.

»Der Herzog rief das wirklich?« fragte er.

»Ja, Monseigneur, aber der Mörder war bereits festgenommen, die Gefahr, dass er getödtet werde, war vorüber. Man schleppte ihn nach dem Louvre; ich folgte ihm; es schien mir, dass er meine Beute sei; ich deutete auf ihn mit meinen blutenden Händen und schrie fortwährend: »Der ist's, der den König getödtet hat!« – »Welcher?« rief man zurück. – »Der im grünen Wams!« gab ich vielleicht hundertmal zur Antwort. Man weinte, man schrie, man drohte dem Mörder. Der Wagen des Königs konnte kaum vorwärts kommen, so groß war die Menschenmenge, die von allen Seiten herbeiströmte. Ich erkannte in der Menge den Marschall d'Ancre; man erzählte ihm die traurige Neuigkeit und er lief sofort ins Schloss, wo er sich in das Gemach der Königin begab, und ohne einen Namen zu nennen, als wenn die Königin ohnehin hätte wissen müssen, um was es sich handle, ihr ankündigte: »E,amazzato!«

»Er ist getödtet!« wiederholte der Kardinal, »das stimmt so ziemlich mit dem überein, was ich gehört habe; das Ende?«

»Man brachte den Mörder ins Hotel Retz, man stellte Wachen vor seine Tür, aber man verschloss dieselbe nicht, damit Jedermann eintreten könne; auch ich fand mich ein; es schien mir, als ob der Elende mir gehörte. Unter den Besuchern befand sich auch Pater Cotton, der Beichtvater des Königs.«

»Seid Ihr sicher, ihn dort gesehen zu haben?«

»Er kam dahin, ja, Monseigneur!«

»Sprach er mit Ravaillac?«

»Er sprach mit ihm.«

»Habt Ihr gehört, was er sagte?«

»Gewiss, und ich kann es Wort für Wort wiederholen.«

»Tut dies!«

»Er sagte mit väterlichem Tone zu ihm: Mein Freund —«

»Er nannte Ravaillac seinen Freund?«

»Ja, er sagte also zu ihm: »Wein Freund, hütet Euch wohl, gute Menschen beunruhigen zu lassen!«

»Und wie benahm sich der Mörder?«

»Sehr ruhig, und wie ein Mensch, der sich geborgen weiß.«

»Blieb er im Hotel Retz?«

»Nein, der Herzog von Epernon ließ ihn zu sich bringen, wo er vom 14. bis zum 17. blieb, und wo er allerhand Unterredungen mit ihm gehabt haben soll. Am 17. brachte man Ravaillac in die Conciergerie.«

»Um wie viel Uhr wurde der König ermordet?«

»Genau um vier Uhr und zwanzig Minuten!«

»Und um welche Stunde wurde das Ereignis in der Stadt bekannt?«

»Um neun Uhr erst; doch war um sechs Uhr bereits die Königin zur Regentin proklamiert.«

»Das heißt, eine Ausländerin, die damals nur noch italienisch sprach,« rief Richelieu voll Bitterkeit; »eine Österreicherin, die Großnichte Carl's V., die Cousine Philipps II. – das heißt also.die Ligue! – Doch kommen wir mit Ravaillac zu Ende!«

»Niemand kann Euch besser sagen, als ich, wie Alles zuging, denn ich verließ ihn erst, als er auf dem Rade lag. Ich besaß ein Privilegium, denn man sagte: »Das ist der Page des Herzogs von Epernon; er ist es, der den Mörder festgehalten hat!« – Die Frauen umarmten mich und die Männer schrien wie rasend: »Es lebe der König!« – der war aber todt. Das Volk, welches zu Anfang bei der Neuigkeit ruhig und wie betäubt gewesen war, wurde dann wie toll vor Wut. Es rottete sich vor der Conciergerie zusammen und da es den Verbrecher nicht steinigen konnte, warf es mit Steinen gegen die Mauer.«

»Ravaillac beschuldigte Niemand?«

»Nein, während der Verhöre nicht. Ich zweifle meinesteils nicht daran, dass er fest darauf rechnete, im letzten Augenblick gerettet zu werden. Er behauptete aber, die Priester in Angoulème, denen er das Geständnis ablegte, er wollte einen ketzerischen König umbringen, und die ihm die Absolution erteilten, statt ihm von seinem Plane abzureden, hätten der Absolution ein kleines Reliquienkästchen hinzugefügt, in welchem sich, ihrer Versicherung nach, ein Stückchen von dem wahren Kreuze Christi befände. Das Reliquienkästchen, welches in seiner Gegenwart durch den Gerichtshof geöffnet wurde, enthielt indes gar nichts. – Gott sei Dank hatten die Menschen es nicht gewagt, den Herrn Jesus zum Mitschuldigen eines so abscheulichen Verbrechens zu machen.«

»Was sagte er, als er sah, dass er betrogen worden war?«

»Er begnügte sich damit, zu sagen: »Der Betrug wird auf die Betrüger zurückfallen.

Der Kardinal sagte darauf:

»Ich sah einen Auszug des Protokolls, welches veröffentlicht wurde. Es heißt darin: »Was bei der Tortur vorging, ist das Geheimnis des Hofes.«

»Ich war bei der Tortur nicht zugegen,« antwortete Latil, »aber ich stand bei dem Rade an der Seite des Scharfrichters. Das Urteil lautete, der Verbrecher sollte mit glühenden Zangen gezwickt und gevierteilt werden. Aber man blieb dabei nicht stehen. Der königliche Procurator, Herr Lagarde, trug darauf an, der Vierteilung auch noch geschmolzenes Blei hinzuzufügen, sowie siedendes Oel und Pech, gemischt mit Wachs und Schwefel. Das Alles wurde mit Enthusiasmus genehmigt. Hätte man es dem Volke überlassen, die Sache in die Hand zu nehmen, so wäre sie binnen fünf Minuten zu Ende gewesen: es hätte Ravaillac in Stücke gerissen. – Als er das Gefängnis verließ, um nach dem Gréveplatze zu gehen, erhob sich ein solcher Sturm des Wutgeschreies, der Verwünschungen, der Drohungen, dass der Mörder da erst die Größe des von ihm begangenen Verbrechens erkannte. Auf dem Schafott wendete er sich zu dein Volke und bat mit kläglicher Stimme um die Gnade, dass man ihm, der so viel erdulden sollte, den Trost eines Salve Regina gewähren möchte.«

»Wurde die Bitte erfüllt?«

»Ei ja doch! Wie mit einer Stimme heulte es auf dem ganzen Gréveplatze: »Zur ewigen Verdammniß mit dem Judas!«

»Fahrt fort!« sagte Richelieu. »Ihr waret also, wie Ihr sagtet, neben dem Scharfrichter auf.dem Blutgerüst?«

»Ja. Man erwies mir diese Gunst,« erwiderte Latil, »weil ich den Mörder festgenommen, oder doch wenigstens zu seiner Festnehmung wesentlich beigetragen hatte.«

»Nun wohl,« bemerkte der Kardinal, »man hat mir die Versicherung gegeben, dass er gerade auf dem Schafott Geständnisse ablegte.«

»Höret, Monseigneur, was geschah: Eure Eminenz begreifen wohl, wenn man einem solchen Schauspiele beigewohnt hat, so können viele Tage, Monate und Jahre vergehen und man erinnert sich desselben doch noch immer mit der größten Deutlichkeit. – Nach dem ersten Anziehen der Pferde, welches fruchtlos blieb, da die Tiere kein Glied loszureißen vermochten, goss mau fortwährend in die Wunden, welche die glühenden Zangen in die Arme, die Brust, die Schenkel des Verurteilten gerissen hatten, geschmolzenes Blei, siedendes Öl, brennenden Schwefel. Da konnte der Körper, der nur noch eine einzige blutende Wunde war, dem Schmerze nicht länger widerstehen, Er rief dem Henker zu: »Halt ein! Halt ein! Ich will sprechen!«

»Der Henker hielt an. Der Gerichtsschreiber, welcher am Fuße des Schafotts stand, erstieg dasselbe und schrieb auf ein abgesondertes Blatt Papier das, was der Verurteilte ihm diktierte.«

»Und was gestand er in diesem äußersten Augenblicke?« fragte der Kardinal lebhaft.

»Ich wollte nähertreten,« entgegnete Latil, »doch man hinderte mich daran und es kam mir nur vor, als hörte ich den Namen des Herzogs von Epernon und den der Königin.«

»Habt Ihr von dem Protokoll und diesem fliegenden Blatt niemals bei dem Herzog sprechen hören?«

»Im Gegenteil, Monseigneur; es war davon sehr oft die Rede.«

»Was sagte man darüber?«

»Was das Protokoll über die Hinrichtung betrifft, so sagte man, dass der Berichterstatter es in ein Kästchen getan hätte, welches er am Kopfende seines Bettes in einer Mauervertiefung aufbewahrte; das fliegende Blatt, hieß es, sollte von der Familie Joly von Fleury in Verwahrung genommen sein, die den Besitz zwar ableugnete, die es jedoch zur großen Verzweiflung des Herzogs von Epernon einigen befreundeten Personen zeigte, welche wegen der schlechten Handschrift des Gerichtsschreibers große Mühe hatten, es zu entchiffren. die zuletzt aber doch die Namen des Herzogs und der Königin herauslasen.«

»Und nachdem das fliegende Blatt geschrieben war?«

»Das Verfahren hatte darauf seinen Fortgang. Die Pferde, welche die Prevotei geliefert hatte, waren elende, magere Mähren und hatten nicht die Kraft, ein Glied von dem Körper zu trennen. Ein Edelmann bot das Pferd an, auf dem er saß, und es riß dem Verurteilten gleich auf den ersten Ruck einen Schenkel aus. Da der Mörder noch immer lebte, wollte der Scharfrichter ihm den Gnadenstoß geben; aber die Lakaien all der vornehmen Herren, welche der Hinrichtung beiwohnten, und die ringe um die Schranke herstanden, übersprangen dieselbe, stürzten sich auf den verstümmelten Körper und durchbohrten ihn mit Degenstößen. Nun warf auch das Volk sich auf den Königsmörder, zerriss ihn in kleine Stücke und verbrannte das Fleisch auf allen Kreuzstraßen. – Als ich nach dem Louvre zurückkehrte, sah ich die Schweizer, welche unter den Fenstern der Königin einen Schenkel rösteten. Und nun bin ich zu Ende.«

»Das ist Alles, was Ihr wisst?«

»Ja, Monseigneur; außer dass ich oft erzählen hörte, wie der Schatz geteilt wurde, den Sully mit so großer Mühe angesammelt hatte.«

»Ich weiß! Der Prinz von Condé erhielt für sich davon allein vier Millionen; doch das interessiert mich nur sehr wenig. Kommen wir also zu unserer eigentlichen Angelegenheit zurück und saget mir, ob Ihr bei all' diesen Dingen nicht von einer Marquise von Escoman man habt sprechen hören?«

»O, das will ich meinen!« sagte Latil. »Sie war eine kleine Frau, ein wenig verwaschen, nannte sich mit ihrem Mädchennamen Jacqueline la Boyer, und hieß nicht Escoman, sondern Coëtman. Sie war nicht Marquise, obgleich man ihr diesen Titel zu geben pflegte; ihr Mann hieß kurzweg Isaac von Varenne. Sie war die Mätresse des Herzogs; Ravaillac wohnte sechs Monate bei ihr. Man beschuldigte sie, mit ihm bei der Ermordung des Königs im Einverständnis gewesen zu sein. Sie sagte Jedem, der es hören wollte, die Königin-Mutter wäre mit in dem Komplott gewesen, aber Ravaillac hätte das nicht gewusst.«

»Was ist aus dieser Frau geworden?« fragte der Kardinal.

»Sie wurde einige Tage vor dem Tode des Königs verhaftet«

»Das weiß ich; sie blieb sogar bis 1619 im Gefängnis; aber in diesem Jahre wurde sie nach einem andern Kerker gebracht. Nach welchem, das habe ich nicht erfahren können. – Wisst Ihr es vielleicht« «

»Monseigneur, Ihr werdet Euch erinnern, dass 1613 von dem Parlamente ein Befehl erlassen wurde, welcher alle weiteren Nachforschungen verbot, und zwar wegen des Standes der Angeklagten. Dieses »wegen des Standes der Angeklagten« war eine fortwährende Drohung. Als Concini ermordet und Luynes allmächtig war, konnte man den Prozess wieder aufnehmen und zu Ende führen; aber Luynes zog es vor, die Königin-Mutter zu gewinnen, um an ihr im Fall der Not eine Stütze zu haben, statt sie zu vernichten und darüber vielleicht eines Tages dem Zorn Ludwig's XIII. ausgesetzt zu sein. Luynes verlangte deshalb damals von dem Parlamente, den Spruch zu Gunsten der Königin umzuändern, die Anklage gegen dieselbe für verleumderisch, Maria von Medicis und den Herzog von Epernon für unschuldig zu erklären und statt ihrer die Cëstman zu verurteilen.«

»Es war in der Tat zu jener Zeit, dass sie verschwand. Aber in welches Gefängnis wurde sie gebracht? Danach fragte ich Euch schon und es ist Euch wahrscheinlich unbekannt, da Ihr mir darauf keine Antwort gabt.«

»Ich kann Euch dennoch sagen, Monseigneur, wo sie ist, oder vielmehr, wo sie war; denn Gott allein kann wissen, ob sie seit den neun Jahren gestorben ist, oder ob sie noch lebt.«

»Gott wird gestatten, dass sie noch am Leben ist!« rief der Kardinal mit einem so entschiedenen Vertrauen, dass man leicht sehen konnte, das Verlangen, sie unter den Lebenden zu wissen, habe an diesem Ausrufe wenigstens eben so viel Anteil, wie sein Gottvertrauen.

Nach einer Pause fügte er hinzu:

»Ich habe immer bemerkt, dass die Seele um so fester an dem Körper hängt, je mehr dieser leidet.«

»Nun wohl, Monseigneur,« sagte Latil, »sie wurde in einem »In peace« eingesperrt, und darin sind ihre Gebeine zuverlässig noch, wenn auch ihr Fleisch vielleicht nicht mehr.«

»Und Ihr wisst, wo dieses »In peace« ist?« fragte lebhaft der Kardinal.

»Es wurde eigens für sie erbaut, Monseigneur. Es liegt in einem Winkel von dem Hose der Büßerinnen. Es ist ein Grab, dessen Tür hinter ihr zugemauert wurde; man sah sie darin hinter einer vergitterten Öffnung, durch deren Stäbe ihr Speise und Trank zugesteckt wurden.«

»Und Ihr habt sie dort gesehen?« fragte der Kardinal.

»Ich sah sie dort, Monseigneur. Man duldete, dass die Kinder mit Steinen nach ihr warfen, wie nach einem wilden Tiere, und sie brüllte wie ein solches: »Sie lügen! Ich bin es nicht gewesen, die ihn ermordet hat. – Sie waren es, die mich hierher brachten!«

Der Kardinal stand auf.

»Es ist kein Augenblick zu verlieren!« rief er aus. »Ich muss diese Frau haben!«

Dann fügte er zu Latil hinzu:

»Werdet gesund, mein Freund, und wenn Ihr geheilt seid, macht Euch keine Sorgen mehr wegen Eurer Zukunft.«

»Pest!« sagte der Verwundete. »Bei einem solchen Versprechen werde ich bald gesund sein, Monseigneur; aber es war auch Zeit!«

»Zeit! Wozu?« fragte Richelieu.

»Dass wir zu Ende kamen, Monseigneur, denn ich fühle mich sehr schwach, und – Na, soll ich etwa jetzt sterben?«

Mit einem tiefen Seufzer sank er zurück auf sein Lager.

Der Kardinal blickte umher und gewahrte ein kleines Fläschchen, von welchem er vermutete, dass es ein Stärkungsmittel enthielte. Er goss einige Tropfen der Flüssigkeit in einen Löffel und flößte sie dem Verwundeten ein. Dieser öffnete die Augen und stieß einen tiefen Seufzer aus; »der es war ein Seufzer der Erleichterung.

Der Kardinal legte nun den Finger auf den Mund, um Latil das Schweigen anzuempfehlen, zog die Capuze wieder über das Gesicht und verließ das Gemach.




VI.

Das »In pace«


Es mochte ungefähr halb zwei Uhr Morgens sein, aber die vorgerückte Stunde war für den Kardinal ein weiterer Grund, seine Nachforschungen fortzusetzen. Er fürchtete, für den Fall, dass er bei Tage an den Pforten dieses Klosters erschiene, wo man alle Dirnen aus den unsauberen Orten von Paris verhaftet hielt, man würde das Motiv seines Kommens erfahren, und Die, um derentwillen er kam, verschwinden lassen. Er wusste, welchen Schleier Concini, die Königin-Mutter und D'Epernon über die schreckliche Angelegenheit der Ermordung Heinrichs IV. zu breiten versucht und auch seither wirklich ausgebreitet hatten. Er wusste und wir haben Einiges davon im vorigen Kapitel gesehen, dass hie schriftlichen Beweisstücke verschwunden waren: er fürchtete nun, man werde auch die lebendigen Beweise verschwinden lassen. Latil war nur ein solcher Wegweiser, welchen der Tod jeden Augenblick brechen konnte; er brauchte diese Frau, bei welcher Ravaillac längere Zeit gelebt hatte, und welche wegen ihres Mitwissens an diesem Staatsgeheimnisse gestorben war oder in einem »In pace« verschmachtete, das heißt, in einem jener Gräber, welche von jenen bewunderungswürdigen Marterknechten erfunden worden sind, welche man Mönche nennt, und die es versuchen, ihren Mitmenschen durch physische Leiden das zurückzuzahlen, was sie sich selbst an physischen und moralischen Martern in einem Alter auferlegten, in welchem sie oft nicht wissen können, ob sie die Kraft haben werden, dieselben zu ertragen.

Es war eine weite Strecke von der Rue de l'Homme Armé, oder vielmehr von der Rue du Plâtre, wo die Sänfte des falschen Kapuziners ihn erwartete, bis zur Rue des Postes, in der das Kloster der Büßerinnen lag, auf demselben Platze, wo seitdem die Madelonettes gestanden haben. Aber der Kardinal verhinderte die Einwendungen, welche die Träger vielleicht machen wollten, indem er jedem derselben zwei silberne Louis in die Hand drückte. Sie schlugen also den kürzesten Weg ein, den sie wählen konnten, und welcher durch die Rue des Billettes, die Rue de la Coutellerie, über die Notre-Dame-Brücke, die kleine Brücke der Rue St. Jacques und die Rue de l'Estrapade führte, durch die man wieder an die Ecke der Rue des Postes gelangte, wo selbst dann an der Ecke der Rue du Chevalier das Kloster der Büßerinnen sich befand.

Als die Sänfte vor der Tür des Klosters hielt, schlug, es auf dem Kirchthurm von St. Jacques zwei Uhr.

Der Kardinal steckte den Kopf durch den Schlag und befahl einem der Träger, heftig zu klingeln.

Der Größere von den Beiden gehorchte.

Nach dem Verlaufe von zehn Minuten, während deren der ungeduldige Kardinal noch zweimal kräftig an der Klingel gezogen hatte, tat sich eine Art von Guckfenster auf, und es erschien der Kopf der Schwester Pförtnerin, welche fragte, was man wolle.

»Sagt, es sei ein Bruder Kapuziner, der vom Pater Josef käme und mit der Oberin über wichtige Dinge zu sprechen hätte.«

Der eine der Träger wiederholte Wort für Wort die Rede des Kardinals.

»Von welchem Pater Josef?« fragte die Pförtnerin.

»Mir scheint, es gäbe bloß einen Pater Josef,« erwiderte eine gebieterische Stimme aus dem Innern der Sänfte, »und das ist der Sekretär des Kardinals!«

Die Stimme hatte einen solchen Ton von Autorität, dass die Pförtnerin keine andere Frage stellte, sondern ihr Guckfenster schloss und verschwand.

Einige Augenblicke später sprangen die beiden Thorflügel auf, die Sänfte wurde unter die Gewölbe des Klosters getragen, und die Tür, die ihr Einlass gewährt hatte, schloss sich hinter ihr.

Die Sänfte wurde niedergestellt und der Mönch stieg aus.

»Die Oberin kommt herab?« fragte er die Pförtnerin.

»Im Augenblicke, wenn jedoch Euer Ehrwürden bloß eine unserer Gefangenen zu sprechen wünschen,« sagte sie, »so wäre es nicht nöthig, die Frau Oberin deshalb zu wecken. Ich habe die Weisung, jedem würdigen Diener Gottes, der Kutte oder Priesterkleid trägt, den Eingang in die Gefängniszellen zu gewähren.«

Das Auge des Kardinals warf einen Blitz.

Was man ihm gesagt hatte, war also wahr: den Unglücklichen, welche man in diesem Kloster einsperrte, damit sie innerhalb seiner Mauern die Reue über ihre begangenen Fehltritte finden sollten, wurde im Gegenteil das Mittel geboten, neue zu begehen.

Die erste Regung des strengen Priesters war gewesen, das Anerbieten der Pförtnerin auszuschlagen, da er jedoch auf diese Weise vielleicht sicherer und rascher an sein Ziel zu gelangen hoffte, sprach er:

»Gut; führt mich also in die Zelle der Frau von Coëtman.«

Die Pförtnerin wich einen Schritt zurück.

»Herr Jesus!« sagte sie, sich bekreuzend, »welch einen Namen hat Euer Ehrwürden da ausgesprochen?«

»Das ist ja wohl der Name einer Eurer Gefangenen, wie mir scheint?«

Die Pförtnerin blieb stumm.

»Ist Die, nach der ich frage, todt?« fragte der Kardinal mit etwas unsicherer Stimme, denn er befürchtete eine bejahende Antwort.

Die Pförtnerin beharrte bei ihrem Stillschweigen.

»Ich frage Euch, ob sie todt oder lebendig ist,« wiederholte der Kardinal mit einem Ausdruck, an dem man das Zittern der Ungeduld zu hören begann.

»Sie ist todt,« sagte eine Stimme aus der Finsternis jenseits des Gitters heraus, durch welches man in das Innere des Klosters gehen musste.

Der Kardinal warf sein scharfes Auge nach der Seite, woher die Stimme kam, und unterschied in der Dunkelheit eine menschliche Gestalt, welche er als die einer zweiten Nonne erkannte.

»Wer seid Ihr,« fragte Richelieu, »das, Ihr so entschieden auf eine Frage antwortet, die nicht an Euch gerichtet ist?«

»Ich bin Die, der es zukommt, auf Fragen dieser Art zu antworten, obwohl ich Niemanden das Recht zuerkenne, sie zu stellen.«

»Und ich, ich bin Der, der sie stellt,« sagte der Kardinal, »und dem man, ob willig oder nicht, antworten muss.«

Er wandte sich nach der Seite der Pförtnerin, die noch immer stumm und regungslos dastand, und sagte:

»Bringt Licht!«

Es war unmöglich, sich im Tone des Sprechenden zu irren; das war die feste und gebieterische Stimme des Mannes, der das Recht hat, zu befehlen.

Auch ging die Pförtnerin, ohne die Bestätigung des Befehls, den sie erhalten, abzuwarten, hinein, und trat alsbald wieder mit einer brennenden Wachskerze hervor.

»Ordre des Kardinals,« sagte der falsche Kapuziner, und zog ans dem Busen ein Papier, welches er entfaltete, und auf dem unter einigen geschriebenen Zeilen ein großes Siegel aus rotem Wachs glänzte.

Und er reichte das Papier der Oberin, die es durch die Stäbe des Eisengitters in Empfang nahm, durch welches auch die Pförtnerin ihr Wachslicht steckte, so dass die Oberin die folgenden Zeilen lesen konnte:

»Auf Befehl des Kardinal-Ministers ist es geboten, im Namen der zeitlichen und der ewigen Gewalt, im Namen des Staates und der Kirche, auf alle Fragen, wie sie auch beschaffen sein und was sie auch betreffen mögen, zu antworten, sobald der Träger dieses sie gestellt, sowie auch Letzteren in Verbindung zu setzen mit jeder Gefangenen, welche er bezeichnen wird.

»Den 13. Dezember im Jahre des Heiles unseres Herrn Jesus Christus 1628.

»Armand, Kardinal Richelieu.«

»Solchem Befehle,« sagte die Oberin, »kann ich mich nur beugen.«

»Wollt daher die Schwester Pförtnerin anweisen, dass sie auf ihr Zimmer gehe und sich daselbst einschließe.«

»Ihr habt gehört, Schwester Perpetua,« sagte die Oberin, »gehorcht!«

Schwester Perpetua setzte ihren Leuchter auf die oberste der Stufen, welche zu dem Gitter führten, trat dann in ihr Zimmer zurück und schloss sich ein.

Der Kardinal seinerseits befahl seinen Trägern, mit ihrer Sänfte sich bis an das Gassenthor zurückzuziehen und sich dort für sein erstes Signal bereit zu halten.

Unterdessen hatte die Oberin das Gitter geöffnet und der Kardinal trat in das Sprachzimmer ein.

»Warum, meine Schwester, sagtet Ihr mir,« sprach er mit strengem Tone, »die Frau von Coëtman sei gestorben, da sie es doch nicht ist?«

»Weil,« entgegnete die Oberin, »weil ich jede Person für todt halte, welche durch einen Urteilsspruch aus der Gesellschaft der Menschen ausgeschieden wurde.«

»Nur Jene,« sagte der Kardinal, »sind ausgeschieden aus der menschlichen Gesellschaft, »über denen sich der Stein des Grabes geschlossen hat.«

»Der Stein des Grabes hat sich über Der geschlossen, nach der Ihr verlangt.«

»Der Stein, der sich über einer lebenden Person schließt, ist nicht der Stein des Grabes; er ist die Tür eines Kerkers und jedes Kerkerthor kann sich öffnen.«

»Selbst dann,« fragte die Oberin, indem sie das Gesicht des Mönches fixierte, »selbst dann, wenn ein Spruch des Parlaments bestimmt hat, dass diese Tür geschlossen bleibe für Zeit und Ewigkeit?«

»Es gibt kein Urteil, welches die Gerechtigkeit nicht revidieren könnte, und ich bin Der, welchen der Herr auf die Erde gesandt hat, um die Richter zu richten.«

»Nur einen Mann gibt es in Frankreich, der also sprechen darf.«

»Den König?« fragte Richelieu.

»Nein, aber Den, der an Rang unter ihm, an Genie über ihm steht. Es ist Monseigneur, der Kardinal Richelieu. Seid Ihr der Kardinal in Person, so muss ich gehorchen, aber meine Befehle sind so bestimmt, dass ich jedem Anderen widerstehen werde.«

»Nehmt dieses Licht und führet mich zum Grabe der Frau von Coëtman, welches im Hintergrunde des Hofes, in der Ecke links, sich befindet,« gebot ihr der Kardinal.

Und gleichzeitig die Capuze zurückschlagend, enthüllte er jenes Haupt, das unter gewissen Umständen auf Die, welche es sahen, denselben Eindruck machte wie das der Medusa im Altertum.

Die Oberin blieb einen Augenblick unbeweglich: sie war gelähmt, zwar nicht mehr durch ihren Widerstand, aber durchs das Erstaunen; dann bückte sie sich mit jenem passiven Gehorsam, welchen einen Befehl von Richelieu im Allgemeinen Dem auferlegte, an den er gerichtet war, nahm den Leuchter und mit gehobenem Arme voranschreitend sagte sie:

»Folgt mir, Monseigneur.«

Richelieu folgte ihr; sie durchschritten Beide den Hof.

Es war eine ruhige, aber kalte und finstere Nacht. Die Sterne glänzten an einem schwarzen Himmel mit einem Geflimmer, welches das Herannahen von baldigem Winterfrost anzeigt.

Die Kerzenflamme stieg senkrecht gegen den Himmel auf; kein Windhauch bewegte sie.

Im Umkreise des Mönches und der Nonne war ein runder Raum von Licht, der mit ihnen fortschritt, und der Reihe nach die Gegenstände erhellte, denen sie sich näherten, während er die zurückbleibenden im Schatten ließ.

Endlich begann ein rundes Bauwerk in Form eines arabischen Marabuts sichtbar zu werden. Ein viereckiges schwarzes Loch zeigte sich in der Mitte desselben, ungefähr in der Brusthöhe eines Mannes; das war das Fenster. Näher gekommen, gewahrte man, dass das Fenster vergittert war, und die einzelnen Stäbe des Gitters sich einander so sehr näherten, dass man kaum eine Faust durchzwängen konnte,

»Ist es hier?« fragte der Kardinal.

»ES ist hier,« erwiderte die Oberin.

Als man noch näher kam, schien es dem Kardinal, als ob ein fahles Gesicht und zwei bleiche Hände, die ans Gitter gelegt waren, sich davon loslösten und in die innere Finsternis dieser Grabeshöhle zurückwichen.

Der Kardinal trat voranschreitend hinzu, und trotz des ekelerregenden Geruchs, den das Grab aushauchte, legte er das Gesicht an die Stäbe und versuchte, im Innern etwas zu unterscheiden.

Aber die Nacht war darin so tief, dass er nichts sah, als zwei grünliche Lichtpunkte, welche im Finstern wie zwei Augen eines wilden Tieres glänzten.

Er trat einen Schritt zurück, nahm das Licht aus den Händen der Oberin und steckte es durch die Zwischenräume des Gitters in das Innere des Raumes hinein.

Die Luft darin war jedoch so memphitisch, so dicht und so geschwängert mit Miasmen, dass die Flamme des Wachslichtes, als es hineingesteckt ward, erblich, abnahm und dem Auslöschen nahe war.

Der Kardinal zog es zurück und draußen erst brannte es wieder hell.

Da zündete der Kardinal, sowohl um die Luft innen etwas zu verbessern, als auch um dieses Grab zu erleuchten, das Papier an, welches die von ihm gefertigte und besiegelte Ordre enthielt, und das ihm nun, nachdem er sich zu erkennen gegeben, nicht mehr nöthig war. und warf es flammend in das Gemach.

Trotz der Dichtheit der Luft verbreitete sich dadurch eine Helle, groß genug, um dem Kardinal an der Wand, gegenüber der Tür, eine zusammengekauerte Gestalt zu zeigen, mit den Ellbogen auf den Knien, das Kinn auf ihren zwei Fäusten, vollkommen nackt, bis auf einen Lappen von Kleidung, der sie vom Gürtel bis zu den Knien bedeckte; ihr Haar fiel auf die Schultern herab und fegte mit seinen Enden die feuchten Bretter des Fußbodens.

Die Gestalt war fahl, ekelhaft, schlotternd; sie betrachtete mit hohlen, stieren, fast wahnwitzigen Augen diesen Mönch, der sie in ihrer Nacht aufsuchte.

Regelmäßiges Stöhnen wand sich bei jedem Atemzuge aus ihrer Brust hervor, schaurig wie das Geröchel der Sterbenden. Das Leiden war so lang und so ausdauernd gewesen, dass die Klage darob regelmäßig geworden war, ein eintöniges, schmerzliches Röcheln.

Der Kardinal, obgleich wenig gefühlvoll für den Schmerz eines Anderen, ja sogar für seinen eigenen, schauderte bei diesem Anblicke vom Kopfe bis zu den Füßen und warf einen drohenden, vorwurfsvollen Blick auf die Oberin, welche murmelte:

»Das war der Befehl.«

»Wessen Befehl?« fragte der Cardin«!.

»Der des Urteilsspruches.«

»Wie lautet dieser Spruch?«

»Er lautet: Jacqueline Levoyer, genannt Marquise Coëtman, Frau des Isaac von Barenne, soll in ein Gemach von Stein eingesperrt werden, welches über ihr verschlossen sei, damit Niemand eindringen könne, und ihre Nahrung soll nur Wasser und Brot sein.«

Der Kardinal fuhr mit der Hand über die Stirn.

Dann näherte er sich der vergitterten Öffnung, folglich auch der Höhle, in der es neuerdings Nacht geworden war, und sprach, die Stimme dahin richtend, wo er die bleiche Gestalt gesehen hatte:

»Seid Ihr es, Jacqueline Levoyer, Frau von Coëtman?«

»Brot! Feuer! Kleider!« erwiderte die Gefangene.

»Ich frage Euch,« wiederholte der Kardinal, »ob Ihr Jacqueline Levoyer seid, die Frau von Coëtman?«

»Mich friert! Mich hungert!« erwiderte die Stimme mit schmerzlichem Schluchzen.

»Antwortet erst aus meine Frage,« drängte der Kardinal.

»O, wenn ich Euch sage, dass ich Die bin, die Ihr genannt habt, werdet Ihr mich Hungers sterben lassen. Schon seit zwei Tagen vergisst man mich hier trotz meines Wehgeschreis,«

Der Kardinal warf einen zweiten Blick auf die Oberin.

»Der Befehl, der Befehl!« murmelte diese.

»Der Befehl war, sie mit Wasser und Brot zu ernähren, nicht aber, sie verhungern zu lassen.«

»Warum beharrt sie dabei, am Leben zu bleiben?« fragte die Oberin.

Der Kardinal fühlte etwas wie einen Fluch auf seine Lippen steigen.

Er bekreuzte sich.

»Gut,« sagte er zu ihr, »Ihr werdet mir sagen, von wem der Befehl gegeben wurde, sie Hungers sterben zu lassen, oder ich schwöre es bei Gott, Ihr nehmt augenblicklich ihren Platz in jenem Loche ein.«

Dann kehrte er zu der Elenden zurück, welche der Gegenstand des Streites war, und sagte:

»Wenn Ihr mir sagt, dass Ihr wirklich Frau von Coëtman seid, wenn Ihr aufrichtig die Fragen beantwortet, die ich Euch zu stellen habe, so sollt Ihr in einer Stunde Kleider. Feuer und Brot haben.«

»Kleider! Feuer! Brot!« rief die Gefangene, »worauf schwört Ihr das?«

»Auf die fünf Wunden unseres.Herrn.«

»Wer seid Ihr?«

»Ich bin Priester.«

»Dann glaube ich Euch nicht. Es sind die Priester und die Nonnen, die mich seit neun Jahren martern. Lasst mich sterben; ich werde nicht sprechen.«

»Ich war Edelmann, bevor ich Priester wurde,« rief der Kardinal, »und ich schwöre es Euch bei dem Worte eines Edelmannes.«

»Und was geschieht, Eurer Meinung nach, Dem,« fragte die Gefangene, »der diese beiden Eide verletzt?«

»Er verliert seine Ehre in dieser, seine Seligkeit in jener Welt.«

»Wohl an denn, ja!« rief sie, »möge denn kommen, was da wolle, ich werde Alles sagen.«

»Und wenn ich damit, was Ihr mir sagt, zufrieden bin, so sollt Ihr zum Brot, Feuer und den Kleidern auch noch die Freiheit haben.«

»Die Freiheit!« kreischte die Gefangene und stürzte auf die Öffnung los, wo ihre dürre Gestalt sichtbar wurde. »Ja! ich bin Jacqueline Levoyer, Frau von Coëtman; ja, ich werde Alles sagen, Alles, Alles!«

Dann, gleichsam in einem Anfalle närrischer Freude, fuhr sie fort:

»Die Freiheit! Die Freiheit!« Und sie heulte unter krampfhaftem Lachen, einem Lachen, welches schaudern macht, und sie rüttelte an den eisernen Stäben des Gitters mit einer Kraft, welche ihrem gebrechlichen, mageren Körper Niemand zugetraut hätte. – »Die Freiheit! O, Ihr seid also unser Herr Jesus Christus selber, da Ihr zu den Todten sprecht: Erhebet Euch und geht hervor aus Euren Gräbern!«

»Meine Schwester,« sagte der Kardinal und wandte sich zur Oberin, »ich will Alles vergessen, wenn ich innerhalb fünf Minuten die Werkzeuge habe, mit denen man in dieses Grab eine Öffnung machen kann, groß genug, um jener Frau den Durchgang zu gewähren.«

»Folgt mir,« sagte die Oberin,

Der Kardinal machte eine Bewegung.

»Entfernt Euch nicht, entfernt Euch nicht!« rief die Gefangene; »wenn sie Euch mit wegnimmt, könnt Ihr nie mehr zurückkommen, ich werde Euch niemals wiedersehen, der Himmelsstrahl, der in meine Hölle gefallen ist, wird verlöschen und ich muss dann zurücksinken in meine Nacht.«

Der Kardinal streckte seinen Arm aus und sprach:

»Sei ruhig, ärmstes Geschöpf; mit Gottes Hilfe ist dein Märtyrertum seinem Ende nahe.«

Sie aber ergriff mit ihren fleischlosen Händen den Arm des Kardinals, hielt ihn fest zusammengepresst wie in einem doppelten Schraubstock und rief:

»O, ich halte ihn, ich halte Euren Arm. Die erste Menschenhand, die sich mir seit neun Jahren entgegenstreckt. Die anderen alle waren Tigerklauen. Sei gesegnet, o, sei gesegnet, Du Menschenhand!«

Und die Gefangene bedeckte die Hand des Kardinals mit Küssen.

Er hatte nicht den Mut, sie,ihr zu entziehen; er rief daher seine Träger herbei und sagte den Herzueilenden, auf die Oberin deutend:

»Folgt dieser Frau; sie wird Auch die Werkzeuge geben, welche nöthig sind, um dieses Grab zu öffnen. Es trägt Jedem von Euch fünf Pistolen ein.«

Die beiden Männer folgten der Oberin, welche, das Licht in der Hand, sie in eine Art Keller führte, in dem man die Gartengerätschaften aufbewahrte, und von wo sie in fünf Minuten wieder hervorkamen, der Größere eine Axt auf der Schulter, der Kleinere eine Brechstange in der Hand.

Sie pochten an die Wand und begannen an dem Orte, wo sie ihnen weniger dick schien, zu arbeiten.

»Und was soll ich jetzt tun, Monseigneur?« fragte die Oberin.

»Geht, und laßt in Eurem eigenen Zimmer Feuer machen,« gebot der Kardinal, »und bereitet ein Abendessen.«

Die Oberin ging. Der Kardinal konnte ihr mit den Augen folgen, denn sie nahm die brennende Wachskerze mit sich. Er sah sie ins Innere des Klosters eintreten; wahrscheinlich hatte sie nicht einmal dm Gedanken, gegen das Ereignis anzukämpfen, das sich da draußen vollzog. Sie wusste zu gut, dass sie bei der Lage, in der sie sich befand, trotzdem die Macht des Kardinals noch bei weitem nicht ihre höchste Stufe erreicht hatte, von Niemandem, als von ihm Gnade erwarten durfte, denn seine kirchliche Gewalt war zu jener Zeit noch bedeutend größer als seine weltliche. Kraft dieser beiden Gewalten hing das Kloster gänzlich von ihm ab: als Correctionshaus von seiner weltlichen, als Nonnenkloster von seiner geistlichen Macht.

Als die Gefangene den Widerhall der Axtschläge auf dem Steine und das Knirschen der Brechstange hörte, da erst glaubte sie, was ihr der Kardinal gesagt hatte,

»Es ist also wahr! Es ist wahr!« rief sie. »O, wer seid Ihr, damit ich Euch segne, aus dieser und auf jener Welt?«

Aber als sie hörte, dass schon die innersten Steine berührt wurden, als ihre Augen, gewöhnt an die Finsternis, wie die Augen der Nachtraubtiere, bemerkten, wie sich nicht etwa das Licht, sondern die durchscheinendere Finsternis, die draußen herrschte, in ihr Grab hineinstahl, und zwar durch eine andere Öffnung, als durch das vergitterte Loch, welches ihr seit neun Jahren das einzige Licht für ihre Augen, die einzige Luft für ihre Lungen gegeben hatte – da ließ sie die Hand des Kardinals los, stürzte sich auf die Öffnung, und ergriff auf die Gefahr hin, dass ihre Hände von den Axtschlägen zerschmettert werden könnten, die wankenden, Gesteine, schüttelte sie mit aller Macht und strebte sie loszureißen, um auch ihrerseits das Werk der Befreiung zu beschleunigen.

Und bevor noch das Loch groß genug war, um sie hindurchzulassen, steckte sie den Kopf durch und dann die Schultern, unbekümmert darum, dass sie sie zerfleischte, und rief ungeduldig:

»Helft mir, so helft mir doch! Zieht mich doch heraus aus meinem Grabe, meine gesegneten Befreier, meine geliebten Brüder!«

Und als sie sich mit größter Anstrengung schon zur Hälfte herausgewunden hatte, ergriffen die Männer diesen Körper, der an Kälte und Farbe dem Steine glich, aus dem er hervorzuwachsen schien, und zogen ihn an sich.

Die erste Bewegung des armen Geschöpfes, als es draußen war, als es zum ersten Male wieder mit vollen. Zügen die reine Lust geatmet, als es mit einem schmerzlichen Freudenschrei die Arme zu dem Sternenhimmel emporgestreckt hatte, war, dass sie auf die Knie sank und Gott dankte, und dann, als sie zwei Schritte vor sich ihren Retter sah, streckte sie ihm die Arme entgegen und stürzte mit einem Schrei der Dankbarkeit zu ihm hin.

Aber er, ob aus Mitleid für diese halbnackte Frau oder aus Schamgefühl, hatte bereits seine Mönchskutte abgenommen, welche, um schneller an- und ausgezogen zu werden, sich vorne von oben bis unten öffnete, und breitete sie nun über ihre Schultern; wahrend er in den Kleidern blieb, die er darunter getragen hatte, d. h. im vollständigen Cavaliercostüme von schwarzem Samt mit veilchenblauen Bändern.

»Bedeckt Euch mit diesem Gewand, meine Schwester,« sagte er, »so lange, bis die Euch versprochenen Kleider zur Stelle sind.«

Dann als sie vor Gemütsbewegung oder Erschöpfung schwankte, gab er den Trägern eine Börse, die ungefähr doppelt so viel enthalten konnte, als er ihnen versprochen, und sagte:

»Ihr guten Leute, nehmt diese arme Frau, die vor Schwäche nicht gehen kann, in Eure Arme und bringt sie in das Zimmer der Oberin.«

Dann ging er in dieses Zimmer hinauf, in welchem nach dem Befehle, den er der Oberin gegeben, ein großes Feuer im Kamin flackerte und zwei Kerzen auf einem Tische brannten, und sprach zur Oberin:

»Jetzt rasch Papier, Feder, Tinte und dann verlasst uns.«

Die Oberin gehorchte.

Der Kardinal blieb allein und stützte sich auf den Tisch, indem er murmelte:

»Diesmal glaube ich, dass der Geist des Herrn mit mir ist.«

In diesem Momente brachte der größere der beiden Männer auf seinen Armen, wie ein Kind, die Gefangene, die Völlig bewusstlos geworden war, und legte sie, in das Mönchsgewand gehüllt, in einiger Entfernung vom Feuer auf der Stelle nieder, die ihm der Kardinal mit dem Finger bezeichnete.

Dann grüßte er ehrfurchtsvoll, als wenn er, die Größe des Ranges wohl kennend, die Größe der vollbrachten Tat noch hinzurechnete, und ging hinaus.




VII.

Die Erzählung


Der Kardinal blieb also mit diesem armen, leblosen Geschöpfe allein, waches man ohne das nervöse Zucken, das von Zeit zu Zeit den Mantel von grobem Tuche, in den es eingeschlagen war, bewegte, hätte für todt halten können.

Aber nach und nach machte sich der wohltätige Einfluss des Feuers geltend; die krampfhaften Zuckungen hörten auf; zwei fleischlose Hände wie die eines Skelettes, wenn die übermäßig langen Nägel nicht angezeigt hätten, dass sie einem Körper gehörten, der das Maß irdischer Leiden noch nicht erschöpft hat, kamen aus den Ärmellöchern hervor, indem sie sich instinktmäßig gegen das Feuer ausstreckten; dann richtete sich ein geisterbleicher Kopf mit tiefliegenden Augen, zurückgefallenen Lippen und fest geschlossenen Zähnen empor, wie der einer Schildkröte, die sich unter dem schützenden Schilde hervorwagt; dann kam der ganze Körper durch eine automatenartige Bewegung in eine sitzende Stellung und dumpf, wie aus der Brusthöhle eines Gespenstes, tönten die Worte aus dem Munde der Unglücklichen:

»Feuer! Ach, wie gut doch das Feuer ist!«

Und wie ein Kind, das die Gefahr der Flamme nicht kennt, näherte sie sich derselben instinktmäßig und ließ ihre erstarrten Glieder fast durch die Hitze versengen.

»Gebt Acht, meine Schwester,« sagte der Kardinal, »Ihr werdet Euch verbrennen.«

Die Coëtman erbebte und drehte sich plötzlich nach der Seite um, woher die Stimme kam; sie hatte nicht gesehen, dass sich noch Jemand außer ihr im Zimmer befand, oder vielmehr, sie hatte gar nichts gesehen, als dieses Feuer, welches sie anzog und ihr einen Schwindel verursachte.

Sie blickte den Kardinal an, den sie in seinem Cavaliercostüm nicht erkannte, da sie ihn in der Mönchskutte gesehen hatte.

»Wer seid Ihr?« fragte sie ihn; »ich kenne wohl Eure Stimme, aber Euch selbst kenne ich nicht.«

»Ich bin Derjenige, der Euch bereits ein Kleid und Feuer gegeben hat, und der Euch nun auch Brot und die Freiheit geben will.«

Sie machte eine Anstrengung, um ihre zerrütteten Gedanken zu sammeln und schien sich endlich zu erinnern.

»O ja,« sagte sie, sich gegen den Kardinal wendend, »Ihr habt mir dies Alles versprochen, aber« – sie blickte um sich und senkte die Stimme – »aber werdet Ihr auch Alles halten können, was Ihr verspracht? Ich habe fürchterliche und mächtige Feinde.«

»Beruhigt Euch; Ihr habt einen Beschützer, der weit fürchterlicher und mächtiger ist, als sie.«

»Welchen?«

»Gott!«

Die Coëtman senkte das fahle Haupt.

»Er hat mich schon seit lange vergessen!« flüsterte sie.

»Ja! Aber wenn er sich einmal erinnert, dann vergisst er nicht mehr.«

»Ich habe großen Hunger!« sagte sie nach einer Pause.

In diesem Augenblicke und als ob sie einen Befehl ausgesprochen hätte, der nun befolgt wurde, öffnete sich die Tür und zwei Nonnen traten ein, welche Brot, Wein, eine Schale Suppe und ein kaltes Huhn brachten.

Bei ihrem Anblicke stieß das arme Geschöpf einen Schreckensruf aus.

»O, meine Peiniger, meine Henker!« rief sie aus, »verteidigt mich!« Und sie kauerte sich hinter dem Stuhle des Kardinals zusammen, wie um ihren unbekannten Beschützer zwischen sich und ihre Widersacher zu bringen.

»Wird das, was ich bringe, hinreichen?« fragte die Oberin, welche auf der Schwelle stand.

»Ja, aber seht, welchen Schrecken die Schwestern der Gefangenen einflößen; sie mögen daher das, was sie gebracht, auf den Tisch stellen und sich zurückziehen.«

Die Nonnen stellten sofort auf das von der Gefangenen entferntere Ende des Tisches das Huhn, die Suppe, den Wein und das Brot.

In der Suppentasse befand sich ein Löffel, bei dem Huhne lagen Messer und Gabel.

»Kommt!« sagte die Oberin zu ihren Nonnen.

Alle Drei gingen der Tür zu.

Der Kardinal machte ein Zeichen mit der Hand; die Oberin, welche bemerkte, dass dasselbe ihr galt, blieb stehen.

»Bedenkt,« sagte Richelieu, »dass ich vor Allem, was diese Frau isst und trinkt, einen Teil versuchen werde.«

»Ihr könnt es ohne Furcht, Monseigneur,« erwiderte die Oberin und entfernte sich mit einer tiefen Verbeugung.

Die Gefangene wartete, bis sich die Tür geschlossen hatte; dann streckte sie ihren fleischlosen Arm nach dem Tische aus, den sie zugleich mit lüsternen und gierigen Blicken betrachtete.

Aber Kardinal kam ihr zuvor; er bemächtigte sich der Tasse und trank ein oder zwei Löffel Suppe.

»Es sind bereits zwei Tage, seit Ihr nichts gegessen, habt, wie Ihr mir sagtet?«

»Drei Tage, Monseigneur!«

»Warum nennt Ihr mich Monseigneur?«

»Ich hörte, dass die Oberin Euch so nannte, und dann müsst Ihr ein Großer der Erde sein, da Ihr es wagen konntet, meine Verteidigung zu übernehmen.«

»Wenn es schon drei Tage sind, dass Ihr nichts gegessen habt,« sagte der Kardinal, ohne auf diese Bemerkung zu antworten, »so ist das ein Grund mehr, im Essen äußerst vorsichtig zu sein; nehmt diese Tasse, aber verzehrt die Suppe bloß löffelweise.«

»Ich werde tun, was Ihr befehlt, Monseigneur!«

Sie nahm gierig die Tasse aus der Hand des Kardinals und brachte den ersten Löffel Suppe zum Munde.

Aber ihr Hals war wie zugeschnürt; die Suppe konnte nur mit Anstrengung und nach vorausgegangenem heftigen Schmerze geschluckt werden.

Dabei war die Schwäche der Armen so groß, dass ein kalter Schweiß aus ihre Stirne trat und sie einer Ohnmacht nahe kam.

Der Kardinal schenkte ihr ein wenig Wein in ein Glas und nachdem er selbst davon gekostet hatte, empfahl er ihr, ihn in kleinen Zügen zu trinken.

Sie trank ihre Wangen färbten sich mit fieberhafter Röte, und die Hand auf die Brust pressend, sagte sie:

»O, das ist ja Feuer, was ich trinke!«

»Und nun,« sagte der Kardinal, »setzt Tuch ein wenig! und erholt Euch; wir wollen sprechen.«

Und ihr ein Fauteuil in die Kaminecke rückend, half er ihr, sich darauf niederzulassen.

Niemand, der diesen Edelmann gesehen hätte, wie er ein einem hilflosen Weibe mit großer Sorgfalt Krankenwärterdienste verrichtete, würde in ihm den fürchterlichen Prälaten, den Schrecken von Frankreichs Adel, Den erkannt haben, der die Köpfe wie reife Ähren abmähen ließ, wenn sie sich nicht seinem Willen beugten.

Vielleicht wird man einwerfen, dass sein Interesse sich hinter seiner Barmherzigkeit verbarg.

Aber dann würden wir antworten, dass die Grausamkeit in der Politik zur Gerechtigkeit wird, wenn sie sich als notwendig erweist.

»Ich habe noch immer sehr großen Hunger,« sagte das arme Weib, einen heiß verlangenden Blick auf die noch auf dem Tische stehenden Speisen werfend. .

»Sogleich werdet Ihr etwas essen dürfen; Ihr seht, ich habe mein Wort gehalten; Ihr seid erwärmt, habet ein Kleid, habt gegessen, seid frei; nun haltet auch Ihr Euer Versprechen.«

»Was wollt Ihr wissen, Monseigneur?«

»Wie habt Ihr Ravaillac kennen gelernt und wo war es, dass Ihr ihn das erste Mal saht?«

»In Paris, bei mir! Ich war in allen Dingen die Vertraute der Frau Henriette d'Entragues. Ravaillac war aus Angoulème und wohnte daselbst; er hatte eine Stelle im Dienste des Herzogs von Epernon. Er bestand dort zwei schlimme Abenteuer. Eines Mordes wegen war er ein Jahr im Gefängnis und kaum hatte er es verlassen, als er Schulden halber wieder hinein wandern musste.«

»Habt Ihr jemals von seinen Visionen gehört?«

»Er erzählte sie mir selbst. Die erste und bedeutendste war folgende: Einst, als er mit gesenktem Kopfe Feuer anzündete, sah er eine Weinrebe, die er in der Hand hielt, sich verlängern und die Gestalt verändern. Die Rebe wurde zu der geheiligten Posaune des Erzengels, setzte sich von selbst an Ravaillac's Lippen, und ohne dass derselbe nöthig hatte, hineinzublasen, blies sie die Fanfare zu dem heiligen Kriege, wahrend links und rechts aus seinem Munde Ströme von Hostien quollen.« .

»Studirte er nicht Theologie'?« fragte der Kardinal.

»Er begnügte sich damit, die einzige Frage zu studieren: »Von dem Rechte, welches jeder Christ hat, einen König umzubringen, der ein Feind des Papstes ist.« – Der Herzog von Epernon wusste, dass Ravaillac ein religiös gesinnter Mensch sei und dass er von dem Geiste des Herrn heimgesucht würde; er wusste ebenso auch, dass er Schreiber bei seinem Vater, einem Sollicitator, gewesen war; als er aus dem Gefängnisse entlassen wurde, schickte ihn der Herzog daher nach Paris, um dort für ihn einen Prozess zu verfolgen, den er zu führen hatte. Da Ravaillac auf der Reise nach Paris durch Orleans kommen musste, gab der Herzog von Epernon ihm ein Empfehlungsschreiben an Herrn von Entragues und dessen Tochter Henriette mit, und von diesen erhielt er au mich einen Brief, durch den sie mich baten, ihn bei mir wohnen zu lassen.«

»Welchen Eindruck machte er auf Euch, als Ihr ihn das erste Mal sahet?« fragte der Kardinal.

»Ich erschrak vor ihm; er war ein großer, stark gebauter Mann mit einem verschlagenen Gesicht; ich glaubte Judas vor mir zu sehen; aber als ich den Brief Henriettens gelesen hatte, welche ihn als einen frommen Mann schilderte, als ich mich selbst von seiner Sanftmut überzeugt hatte, da verlor ich alle Furcht vor ihm.«

»Ging er nicht von Euch aus nach Neapel?«

»Ja, für den Herzog von Epernon; er wohnte dort bei einem gewissen Hebert, dem Sekretär des Herzogs von Guise, und diesem kündigte er zuerst an, dass er den König ermorden würde.«

»Ja, ich weiß das schon; ein gewisser Latil hat es mir umständlich erzählt; kennt Ihr vielleicht diesen Latil?«

»O ja, er war Page des Herzogs; er muss auch sehr viel von diesen Undingen zu erzählen wissen.«

»Was er wusste, das hat er mir gesagt. Fahrt fort.«

»Ich habe großen Hunger.«

Der Kardinal schenkte ihr ein zweites Glas Wein ein und erlaubte ihr, ein wenig Brot in dasselbe zu tauchen. Nachdem sie von dem Weine getrunken und von dem Brote gegessen hatte, fühlte sie sich bedeutend gekräftigt.

»Ihr saht ihn bei seiner Rückkehr von Neapel?« fuhr der Kardinal in seinem Verhöre fort.

»Wen? Ravaillac? Ja! Er sagte mir zweimal, am Tage der Himmelfahrt Christi und am Frohnleichnamstage, dass er fest entschlossen sei, den König zu tödten.«

»Was für eine Miene hatte er, als er Euch dieses Geständnis machte?«

»Er weinte,« indem er sagte, »dass sich Zweifel in ihm erhöben, dass er aber gezwungen würde.«

»Durch wen?«

»Durch die Erkenntlichkeit, die er dem Herzog von Epernon schulde, der den König tödten lassen wollte, um die Königin-Mutter aus der Gefahr zu ziehen, in der sie sich befände.«

»Und in welcher Gefahr befand sich die Königin-Mutter?«

»Der König wollte Concini und seiner Gattin den Prozess wegen Ehebruch machen, und Erstern hängen lassen. Letztere aber nach Florenz zurückschicken.«

»Und was beschlosst Ihr, nachdem er Euch dieses Geständnis gemacht hatte?«

»Da Ravaillac damals noch nicht wusste, dass auch die Königin im Komplott sei, so dachte ich daran, ihr Alles zu sagen. Der König, an den ich mich zu wiederholten Malen wegen einer Audienz gewendet, hatte nicht geantwortet; er dachte damals an andere Dinge, da er zu jener Zeit auf das Heftigste in die Prinzeß von Condé verliebt war. Ich schrieb also an die Königin, und zwar dreimal, dass ich ihr eine für das Wohl des Königs wichtige Nachricht mitzuteilen hätte. und mich erböte, dafür alle Beweise zu liefern. Die Königin ließ mir antworten, dass sie mich hören wolle, dass ich jedoch drei Tage warten solle. Die drei Tage gingen vorüber; am vierten reiste sie nach St. Cloud.«

»Durch wen ließ sie Euch dies sagen?«

»Durch Vauthier, der zu jener Zeit ihr Apotheker war.«

»Was für eine Idee kam Euch sodann?«

»Dass Ravaillac sich täusche, und die Königin selber im Komplott sei.«




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