König Oriand
Hendrik Conscience




Heinrich Conscience

König Oriand











I


In alten ritterlichen Zeiten herrschte über die Länder zwischen der Schelde und der See ein mächtiger und tapferer König. Er hielt seinen Hof in einem prächtigen Palast, Sonnenburg genannt und an der östlichen Seite von Harlebeka liegend, das damals eine große und starke Stadt war.

Als er einst im Walde-ohne-Gnade[1 - Der Wald-ohne-Gnade (Thoraldi Silva) war ein dunkler Wald, der sich von den Ufern der Leye bis in die Nähe des Meeres über einen großen Teil von Flandern erstreckte und so genannt wurde, wahrscheinlich wegen der Gefahren, welche die Reisenden und Jäger bedrohten. Siehe Alte Geschichte der Belgier, von P. Blommart, S. 14.] auf der Jagd war, wurde er von einem Eber angefallen und starb an der Wunde.

Bei seinem Tode empfahl er seinen zwölfjährigen Sohn Oriand der liebreichen Pflege seiner Gemahlin Mattabruna, die als Vormünderin das Land bis zu seiner Volljährigkeit regieren sollte.

Der junge Oriand wuchs schnell heran und ward in wenigen Jahren sehr groß und von ungemein starkem Gliederbau. Kanne konnte sein Arm Spieß und Schwerdt tragen, so lief er vom Morgen bis zur Nacht in den Gebüschen umher, um wilde Thiere aufzusuchen, zu bekämpfen und zu tödten. Weder Regen, noch Sturm, noch Schnee konnte ihn zurückhalten. Alles was nicht auf die Uebung der Leibeskräfte hinzielte, flößte ihm Abscheu ein; er wollte von nichts hören, als von Jagd, von Waffenhändeln und vorn Krieg.

Suchte zuweilen ein alter, treuer Diener seines Vaters ihm begreiflich zu machen, daß er noch andere Dinge zu lernen brauchte, um als ein guter und weiser König sein Land regieren zu können, so wies Oriand diesen Rath mit Unwillen und Geringschätzung von sich.

Mattabruna, die ein herrschsüchtiges Weib war, hatte schon früh berechnet, daß ihr Sohn, wenn er so allen Staatsangelegenheiten fern bliebe, ungeeignet sein würde, wirklich zu herrschen und sie folglich in seinem Namen das Scepter tragen würde. Sie schmeichelte daher dem jungen Fürsten in seinen Neigungen, bewunderte zum Schein seine Leibesstärke und lobte himmelhoch seine energische Natur, als etwas, das von seiner königlichen Abkunft zeugte.

Um ihn noch mehr darin zu bestärken, stellte sie einen gewissen Ritter Markus an seine Seite, der ihr von ganzem Herzen ergeben war. Diesem vertraute sie ihre geheime Hoffnung und Versprach ihm die höchsten Aemter wenn er ihr zum Erreichen ihres Ziele beistände. Dazu brauchte er nicht anderes zu thun als den König zu begleiten, ihm immer zu schmeicheln und ihm Abneigung gegen alle friedliche Beschäftigung einzuflößen.

Solch wüsten und materielles Leben machte Oriand roh und leidenschaftlich; ja, seine Gemüthsart wurde allmählich so wild, daß er bei dem geringsten Widerstreben in ungestümen Zorn ausbrach, und jeder dann vor dem flammenden Blick seiner Augen erschrocken zurückweichen mußte.

Mattabruna allein behielt einen großen Einfluß auf ihn und vermochte es, ihn zu besänftigen, wenn etwas seine Wirth entzündet hatte.

Es ging so, wie die ehrgeizige Frau es gehofft hatte. Als Oriand mündig geworden war, ließ er sich krönen; doch ersuchte er seine Mutter, die Regierung des Landes in der Hand zu behalten, um ihm Sorgen zu ersparen, welche er nicht auf sich nehmen konnte und wollte, um so mehr, da der Kaiser, dessen Lehnsmann er war, ihn zur Hilfe gerufen hatte, und er mit den meisten seiner Ritter und Gewaffneten nach Deutschland in den Krieg ziehen sollte.

Mattabruna blieb so ganz Herrin. Nur eine Furcht beunruhigte sie; Oriand hatte setzt die Mannesjahre erreicht; Wenn einmal ein Weib ihn bezauberte und er eine Gemahlin auf den Thron setzte? Würde diese ihr nicht den Einfluß auf das Gemüth ihres Sohnes entziehen, und damit die Herrschaft über das Land?

Wohl hatte Mattabruna seit langem in Bezug darauf Vorsorge getroffen, indem sie ihrem Sohne Abneigung gegen alle Frauenspersonen einflößte; und sie meinte, es sei ihr damit hinlänglich geglückt, um hoffen zu dürfen, daß das rauhe Gemüth Oriand’s für das zarte Gefühl der Liebe verschlossen bleiben dürfte; . . . aber wer konnte es dennoch wissen?

Obschon sie seit Wochen keine Nachricht von dem König erhalten hatte, zweifelte sie nicht, daß Alles im Heer gut gehen müßte; denn sie wußte, daß Markus, der sich bei dem Könige befand, ihr einen seiner treuesten Diener – einen gewissen Savary – als geheimen Boten zusenden würde, sobald sich etwas ereignete, das ihre Entwürfe durchkreuzen konnte.

Sie war darüber noch in ihrem Zimmer am Nachdenken, als sie, beim Hören einer bekannten Stimme, mit großer Ueberraschung sich umdrehte und den Ritter Markus selbst vor ihren Augen stehen sah.

»O, Gott Lob, der Euch wieder zu mir führt, mein lieber Markus! rief sie. Welche Botschaft?«

»Gute Botschaft, Fürstin, antwortete er, der König kommt. Ich habe ihn nicht weit von hier verlassen, um Euch von seiner Rückkehr Meldung zu thun.«

»Was bedeutet aber solche Handlungsweise, Herr Ritter? Warum sandtet ihr mir Euren Boten nicht früher, um mir zu gestatten, dem Könige einen feierlichen Empfang zu bereiten?«

»Er hat es streng verboten, Fürstin. Er wünscht, daß man seine Rückkehr erst in einigen Tagen feiere.«

»Sonderbarer Wunsch, Markus!«

»Ja, Fürstin, der König träumt von nichts, als von Jagd. Einige Tage vor seiner Abreise nach Deutschland hat er in dem Walde ohne Gnade einen riesigen Bären verfolgt, der ihm entlaufen ist. Nun will er sofort, von morgen früh an, die Verfolgung wieder aufnehmen.«

»Sei es so; aber was uns betrifft, Markus, steht Alles gut?

»Alles vortrefflich, Fürstin. Ich habe sogar die Ueberzeugung erlangt, daß wir den verlockenden Blick der Frauen nicht mehr zu fürchten haben; der König hat kein Herz mehr für die Liebe.

»Gab er Euch Beweise davon? fragte Mattabruna mit einem Lächeln fröhlicher Hoffnung.

»Seid als Mutter glücklich und stolz, Fürstin,« sagte Markus. »Unser König Oriand hat so viele Heldenthaten vollbracht und den Feind so reichlich niedergemäht, daß der Kaiser ihn als ein Wunder der Kraft und der Unverzagtheit rühmte. Dank seiner unwiderstehlichen Verwegenheit war der Krieg schnell abgemacht. Wir zogen triumphierend nach Augsburg, wo prächtige Ritterspiele und Kämpfe angestellt wurden. Oriand, dessen Ruhm sich bereits rings umher verbreitet hatte, erlangte den Preis in allen Kämpfen, und wurde sechsmal durch die edelsten Jungfrauen Deutschlands gekrönt. Ihr hättet sehen sollen, Fürstin, wie Alle einen Blick von ihm zu erflehen schienen – denn der König ist ach! ein schöner Mann! – ja, selbst des Kaisers jüngste Tochter, die bezaubernde Aleidis, suchte mehr als andere seine Aufmerksamkeit zu fesseln. Ich erschrak, denn die Liebe sprach aus ihren funkelnden Augen . . . «

»Ihr macht mich beben, Markus!« flüsterte Mattabruna.

»Tiefer noch würde Eure Angst gewesen sein, Fürstin, wenn Ihr wie ich hättet hören müssen, wie der Kaiser selbst in ziemlich unverhüllter Weise unserm König die Hand seiner Tochter anbot.«

»– Und Er?«

Er versicherte mit Worten den Abscheu vor allen Frauen, daß er nie die Bande der Ehe annehmen würde. Die Edelfrauen, erbittert über seine Gefühllosigkeit, nannten ihn den wilden König.

»Gott Dank! Dieser schwere Stein fällt mir vom Herzen!« jauchzte Mattabruna.

»Ihr begreift, Fürstin, daß ich das Meine dazu beigetragen habe, den König vor aller Verführung zu beschützen, indem ich ihm von Freiheit sprach, von männlichen Trotz, und von wilden Jagden; indem ich ihm begreiflich machte, daß er, einmal Sclave einer Ehegattin geworden, würde Lebewohl sagen müssen dem unabhängigen und zufriedenen Leben.«

»Guter, treuer Freund, sagte Mattabruna, seid sicher, ich werde nicht undankbar sein. Die Burg nun Wolweghem ist ein schönes Besitzthum, nicht wahr? Ich werde meinen Sahn antreiben, sie Euch zu schenken.«

Markus verbeugte sich und küßte die Hand seiner Gönnerin mit tiefer Empfindung. Er gedachte durch Worte seine Dankbarkeit zu bezeugen, doch Trompetenstöße, die aus der Ferne erschalltem überraschten ihn.

»Der König nahet!« sagte er.

»Eilen wir ihm entgegen!« rief Mattabruna.

Als Beide das Thor des Palastes erreichten, erschien Oriand gerade auf dem Vorhof an der Spitze seiner Ritter und Waffenknechte, die in der Stille herangeschritten kamen und nicht zu jubeln wagten, aus Furcht, es möchte dem König mißfallen.

Mattabruna eilte zu ihrem Sohne, und als er von, seinem Pferde gestiegen war, flog sie ihm an den Hals. Er drückte sie zärtlich in seine Arme, denn seine Mutter ehrte und liebte er.

Dann naheten seine Hofbeamten und vornehmen Diener, um ihren Fürsten und Herrn zu bewillkommnen.

Oriand horchte eine kurze Weile auf ihre Glückwünsche, er wurde aber schnell ungeduldig und wies sie mit, kühlen Worten zurück.

Er hatte Durst nach einem Vergnügen, das er so lange hatte entbehren müssen. Nichts ging ihm im Kopf herum, als seine große Jagd morgen.

Weil seine Ritter und Waffenknechte ermüdet sein mußten, gebot er, daß sie diese Nacht im Palaste und um denselben ausruhen sollten. Man sollte sie mit leckeren Speisen und gutem Weine bewirthen, und nichts sparen, um sie recht herrlich zu pflegen.

Was ihn selbst betraf, so beschäftigte er sich unverweilt mit Dingen, die ihm so nahe am Herzen lagen. Er ließ alle seine Jagdbedienten; die Förster, die Hornbläser, die Hundeführer, die Buschklopfer, die Wildträger zu sich rufen und theilte ihnen seine Befehle aus, um morgen mit Tagesanbruch zur Abreise nach dem Walde ohne Gnade bereit zu stehen.

Als einer der Förster ihm sagte, daß der furchtbare Bär noch in voriger Woche, die Ziege eines armen Holzhauers geraubt hätte, wurde die Leidenschaft des Königs dermaßen erhitzt, daß er einen Augenblick Willens war, sofort das Unthier aufzusuchen; aber dem Rath seiner Mutter Gehör gebend, beschloß er seine Ungeduld bis auf morgen zu bezwingen.

Er ertheilte hierauf einem jeden Urlaub, um den Willkommen-Wein mit seinen Freunden zu trinken; und gedachte selbst mit seiner Mutter in den Palast zu treten, als fünf oder sechs Ritter auf den Vorhof gesprengt kamen und bereits aus der Ferne den Hilferuf: »Harop! Harop!« hören ließen.

Der König blieb verwundert stehen. Diese Ritter schienen in großer Noth; denn ihre theilweise zerbrochene Waffenrüstung war mit Koth oder Blut beschmutzt, und die Pferde, worauf sie saßen, dampften von Schweiß und waren weiß von Schaum.

Einige Schritte vor dem König sprangen Alle herab, kamen mit gebeugten Häuptern näher, ließen sich auf ihre Kniee nieder und riefen mit erhobenen Händen:

»Hilfe, Hilfe, erbarmet Euch unser, mächtiger Fürst! Wir sind Eure treuen Vasallen, rächet das gräuliche Unrecht, das uns angethan wird durch einen Feind, der es wagt Euch zu verachten . . . «

Durch diese letzten Worte erbittert, gebot der König sehr barsch:

»Steht auf! Wer seid Ihr, Vermessene, die Ihr nicht fürchtet meine Wuth zu entflammen?«

Ein sehr alter Ritter mit weißen Haaren antwortete ihm:

»Euch sei alle Ehre und Ruhm, Herr König. Ihr kennt Euren demüthigen Diener, ich bin der Haushofmeister Eurer Pathin, der Frau Wittwe van Halkiyn.«

»Wirklich! Und für sie ruft ihr meine Hilfe an?«

»Für sie, mächtiger Herr!«

»Nun, sprecht, was ist ihr widerfahren?«

»Ihr wißt, Herr König, begann der Greis unter Thränenströmen, daß mein Gebieter, der Herr van Halkiyn, im Dienste- Eures Vaters sein Leben ließ. Seine Wittwe hat seit diesem Unglück sehr einsam und wie eingeschlossen gelebt, alle ihre Sorgen der christlichen und standesgemäßen Erziehung ihres einzigen Kindes widmend. Dieses Kind ist eine tugendsame Jungfrau geworden und weil sie eine reiche Erbin sein wird und Gott ihr in reichem Maaße Anmuth schenkte, so haben bereits viele Ritter nach ihrer Hand getrachtet; aber sie will ihre Mutter nicht verlassen . . . «

»Was seid Ihr langweilig!« murrte der Fürst.

»Entschuldigt mich, Herr König,« stammelte der Greis erschrocken, »ich bin schon hochbetagt . . . «

Wohlan, macht’s kurz!«

»Ja, Herr, so kurz wie möglich! Ein Ritter ist da, der meine Gebieterin, Eure unglückliche Pathin, mit Gewalt zwingen wollte, ihm die Hand ihrer Tochter abzutreten; aber die Anhänglichkeit aller ihrer Unterthanen, die Tag und Nacht gewaffnet blieben, um sie zu vertheidigen, hinderte ihn daran. Da hat er nun seine Zuflucht zu der Verläumdung genommen und ausgestreut, daß die Frau van Halkiyn eine Zauberin sei.«

»Ha, ha, meine Pathin, die gute Frau van Halkiyn, eine Zauberin! lachte der Fürst. Welche Dummheit!

»Aber, Herr König, das abgesonderte Leben meiner Gebieterin hat den häßlichen Beschuldigungen einigen Schein von Wahrheit verliehen und das Volk hat diese Dummheit geglaubt.

»Und weiter, weiter; beeilt Euch!

»Und weiter, Herr König? Als der böse Ritter meinte, daß meine Gebieterin hinlänglich von ihren verführten Unterthanen gehaßt würde und wenig auf ihre Hälse zählen könnte, ist er zu Felde gezogen, um die Burg van Halkiyn zu bestürmen, die vermeintliche Zauberin, wie er sagte, lebendig verbrennen zu lassen und ihre Tochter über die Schelde nach Celles zu führen.

»Was? Dieser Räuber ist Walram van Celles?

»Ja, Herr, er belagert jetzt die Burg van Halkiyn, worin nur noch sechzig treue Ritter und Waffenknechte; ihr Blut hingeben wollen zur Vertheidigung von zwei unschuldigen Edelfrauen. Sicher wohl werden sie es nicht lange gegen die Uebermacht des Feindes aushalten können. Ihr allein, Herr König, könnt sie noch retten, die Frau, welche die Ehre hatte, Euch als Kind über den Taufbrunnen zu halten und die nun aus der Ferne die Hände um Hilfe nach Euch ausstreckt.

»So, so, murrte der König mit hohler Stimme. Walram wagt auf meinem Grundgebiet, eine meiner Vasallen, meine Pathin sogar, in ihrer Burg zu bestürmen! Er fürchtet also weder meine Macht noch meine Wuth?

»Wir haben in unserer Noth Euren Namen angerufen, Herr Fürst; aber er, der auf den Beistand des Grafen van Hennegau hofft, hat Eurer gespottet.

»Der Unverschämte, er soll sterben!

»Ja, aber Herr, erbarmet Euch ihrer; sie schweben in Lebensgefahr; morgen ist es vielleicht zu spät! flehte der Greis.

»Wer spricht Euch von morgen? murmelte der König. Geht alle schnell in die Küche; eßt und trinkt und macht Euch bereit, mir zu folgen! Und sich nach dem Palaste wendend, rief er mit einer Riesenstimme, die über den großen Vorhof schallte: Erhebt Euch, stimmt an die Trompeten! . . . Man blase alle zu den Waffen und auf’s Pferd!

Weil, ungeachtet der größten Eile, die Sache nicht schnell genug nach seinem Wunsche ging, polterte er zornige Worte heraus und stampfte mit den Füßen.

Die Ritter und Waffenknechte, dieses von Ferne sehend, kamen in aller Eile herzugelaufen und ordneten sich unter ihre Obersten, jeder in seiner Schaar.

Nachdem der König seine Mutter umarmt hatte, sprang er zu Pferde, schwenkte seinen Degen in der Luft und rief seinen Mannen zu:

»Männer von Scheldegau, Leyegau und Isergau! Vermessene Feinde verletzten unser Grundgebiet; sie verspotten Euren König; wir gehen, sie bis auf den letzten Mann zu zermalmen. Hoch die Herzen! Vorwärts! Vorwärts!

Und unter dem Schall der Trompeten, dem Wiehern der Rosse, und dem Jauchzen der kriegslustigen Schaaren zog das Heer aus dem Vorhof und verschwand bald nach Osten zu hinter den Bäumen des nächsten Waldes.




II


Schon seit acht Tagen war König Oriand mit seinem Heer nach den Grenzen von Hennegau gezogen, und noch hatte Mattabruna keine Nachricht von ihm erhalten.

Dieß wunderte sie wohl ein wenig, betrübte sie jedoch nicht; denn so lange ihr Sohn wegblieb, herrschte sie ganz allein und verfügte nach Willkür über die Regierungs-Angelegenheiten des Landes. Ihr wurden die schwersten Rechtssachen vorgelegt, an sie wurden die Bitten der Unterthanen gerichtet; ihr wurde in Allem königliche Ehre erwiesen. Das genügte für ihr kaltes und herrschsüchtiges Herz; das Uebrige war ihr im Grunde gleichgültig.

Diesen Morgen jedoch – wahrscheinlich durch ein Gefühl von Neugier getrieben – sandte sie einen Boten zu Pferd nach dem Heer mit einem Briefe für ihren Sohn.

Dann begab sie sich nach dem großen Audienzsaal, wo zu dieser Stunde viele Ritter, Bürger und Dorfbewohner ihre Ankunft erwarteten, um ihre Bitten oder Klagen an sie zu richten.

Mattabruna bestieg den Königlichen Thron und ließ abwechselnd die Kläger oder Bittsteller vor sich niederknieen, einen jeden mit einer Gnadenbezeugung, oder mit einer Weigerung, mit einem Worte der Hoffnung oder mit einer Verurtheilung entlassend.

Sie hatte bereits eine ganze Stunde lang so ihre unwiderruflichen Urtheile ausgesprochen, als ein Gewaffneter in den Audienzsaal trat und dem Throne nahend, das Kniee vor ihr bog.

»Ha, du bist Savary, der Jäger des Markus, nicht wahr?« fragte sie.

»Und Euer unterthänigster Knecht, Fürstin. Ich komme vom Heer und bin durch meinen Herrn Markus zu Euch gesandt,« antwortete der Jäger.

»Wohlan, was für Botschaft bringst du mir?«

»Unser König hat alle seine Feinde zerschmettert; keiner blieb übrig, aber . . . aber . . . «

»Sprich denn! gebot Mattabruna mit Ungeduld. Dieser Sieg scheint dich zu betrüben?«

»Weil, Fürstin, stammelte Savary, mein Herr mir Dinge anvertraute, die . . . «

Und er hob bedenklich die Schultern in die Höhe die Augen nach den Umstehenden gerichtet.

»Wachen!« rief Mattabruna, »laßt den Saal räumen! Das Verhör soll morgen fortgesetzt werden.«

Von dem Thron steigend, flüsterte sie dem Jäger in’s Ohr:

»Ich verstehe, du hast eine geheime Botschaft; folge mir.«

Sie führte Savary in ein Zimmer, schloß die Thüre zu und sagte:

»Nun darfst du frei und ohne Furcht sprechen . . . Du zögerst? Es ist also wohl schrecklich? Ist dem König ein Unglück widerfahren?«

Der Jäger nickte bestätigend.

»Welches Unglück denn?« schrie Mattabruna, über das Zaudern des Boten erbittert.

Dieser holte einen verschlossenen Brief aus seiner Tasche und überreichte ihn Mattabruna, die das Pergament auf den Tisch legte.

»Eine Botschaft von meinem Sohne?« sagte sie. »Ich werde sie mir sogleich vorlesen lassen. Du weißt, was sie enthält? Sag es mir.«

»Fürstin, der König ist verheirathet . . . «

»Verheirathet? Der König verheirathet?« wiederholte Mattabruna, bleich vor ängstlicher Ueberraschung und einen Schritt zurückweichend. »Treibst du Spott mit mir, Unseliger? Mein Sohn vermählt?«

»Vor Gott und mit des Priesters Segen, Fürstin.«

Mattabruna sank nieder auf einen Stuhl und bebte sichtbar vor Schreck und Wuth zugleich; aber der mitleidige Blick Savarh's brachte sie zum Bewußtsein ihres Zustandes. Er war nur ein Diener ihres Dieners, und wahrscheinlich selbst nicht freigeboren. Sie durfte ihn nicht in ihrem Herzen lesen lassen; denn sie kannte ihn nicht genug, um seiner Treue und seiner Verschwiegenheit sicher zu sein.

Durch eine äußerste Gewalt über sich selbst bezwang sie ihre Bestürzung und sagte scheinbar gelassen:

»Der König ist zu den Jahren gelangt, wo man eine Frau nehmen muß. Was mich betrübt hat, ist das Unerwartete der Nachricht; denn wenn mein Sohn eine edelgeborene Gemahlin erkoren hat, werden wir sie mit Ehren empfangen und wie eine Tochter lieben . . . Du lachst? Bist du deines Lebens müde, unverschämter Knecht?«

»Ich sollte lachen, Fürstin? Wäre ich solcher Unehrbietigkeit schuldig, ich durchbohrte mich selbst zur Strafe!«

»Es sei so; gleichwohl glaubte ich ein Lächeln auf deinen Lippen überrascht zu haben . . . Und wer ist denn ist die glückliche Braut meines Sohnes?

»Sie heißt Beatrix van Halkiyn.«

»Beatrix van Halkiyn! murrte Mattabruna. Die Tochter einer Zauberin, die mit Lucifer . . . «

»O, das war ein abscheuliche Lüge, Fürstin!« rief Savary mit Entrüstung.

Mattabruna griff ihn krampfhaft bei der Hand und fragte ihn zähneknirschend:

»Eine Lüge, Dummkopf? Eine Lüge? Wie kannst du es wissen?«

»Ich weiß es nicht, edle Fürstin, stammelte der Jäger zitternd. Wenn Ihr es für wahr haltet, dann wird es wahr sein und ich glaube nun auch, daß es wahr ist; aber ich bitte euch, meine Botschaft ist vollbracht, gewährt mir die Erlaubniß, nach Hause zu gehen.«

»Und dein Gebieter Markus gab dir keine fernere Botschaft? Du hast mir nichts mehr zu sagen?«

»Nichts mehr, Fürstin.«

»Das ist nun eine Lüge; du bist es, der lügt!« schnaubte Mattabruna ihn an. »Sprich, entledige dich vollständig deines Auftrags, oder du verwirkst dein Lebens!«

Aber der Mann war dermaßen durch Schreck bestürzt, daß er sich vergeblich anstrengte, deutliche Worte zu äußern.

Mattabruna trat zu einem Kästchen, das auf einem Tische stand. Zu Savary zurückkehrend, legte sie ihm zu seinem großen Erstaunen, einige Goldstücke in die Hand und sagte lächelnd:

»Du hältst mich für böse? Sieh, da ist ein Beweis meines Wohlwollens. Sei nicht länger bange.«

»Bange! ich bange?« rief der Jäger, der das Geld in seine Tasche steckte und die freie Sprache wieder erhielt. »Was mir Schreck einflößte, Fürstin, war der verzweifelte Gedanke, ich würde bei Euch in ewige Ungnade fallen. Verlangt mein Blut, mit Freuden werde ich mein Leben für Euch aufopfern . . . «

»Genug, genug, so viel begehr ich nicht von dir! Setze dich da wieder vor mir, und theile mir mit, was Markus dir geboten hat mir zu sagen.«

»Er hat mich beauftragt,« Fürstin, »Euch zu erzählen, wie die Sache mit dieser unerwarteten Heirath zugegangen ist.«

»Wohlan, das ist’s gerade, was ich zu wissen wünsche. Erzähle mir deine Botschaft ganz.«

»Fürstin, als wir mit dem Heer nach Halkiyn kamen, hatte Walram van Celles die Burg bereits gestürmt und eingenommen. Seine Waffenknechte und das aufrührerische Volk hatten die Frau van Halkiyn zu Tode gebracht durch das Feuer . . . «

»Natürlich, als Zauberin,« murmelte Mattabruna mit dem Kopf nickend.

»Als Zauberin? Ja, falls Ihr es so meint, Fürstin . . . Wir kamen vor die Burg van Halkiyn, liefen Sturm, gelangten über die Mauern, und fällten Alles nieder, was uns Widerstand zu bieten wagte. Wir glaubten den Feind innerhalb der Burg ganz vertilgt zu haben, und unser König hatte sich in’s Freie begeben, um den Flüchtigen nachzusetzen, als er plötzlich einen Ritter sah, der mit einem jammernden Weibe auf seinem Pferde aus einer Nebenpforte auf einen Landweg eilte und durch blitzesschnellen Ritt mit seinem Schlachtopfer zu entkommen dachte. Aber unser König drückte seinem Pferde die Sporen in die Weichen, erreichte Walram, spaltete ihm den Kopf und erlöste so das Fräulein van Halkiyn aus des Räubers Händen. Unser König wollte nicht, daß Jemand ihr helfe; sie lag in Ohnmacht; er selbst trug sie auf seinen Armen in die Burg hinein, und wusch ihr bleiches Angesicht mit kaltem Wasser, bis sie die Augen öffnete. Was für eine Zauberkraft in diesen himmelblauen Augen lag, das kann ich Euch nicht sagen . . . «

»Ja, ja, Zauberkraft, natürlich!« flüsterte Mattabruna.

»Wenigstens Fürstin, wich von dieser Stunde an unser Herr König nicht mehr von der Seite der schönen Beatrix, und er zeigte sich so sanft, so freundlich und so heiter gegen sie, als wäre er ein Kind neben einem andern Kinde geworden. Das geringste Lächeln von ihr entzückte ihn aufs Höchste; und hatte er manchmal noch einen Anfall von Unzufriedenheit, so genügte ein Blick von Beatrix, um ihn sanft wie ein Lamm zu machen; ja um ihn auf den Knieen um Vergebung für sein aufbrausendes Wesen flehen zu lassen. Unser König war nicht mehr kenntlich.«

»Bezaubert!« murmelte Mattabruna.

»In der That, bezaubert durch die unaussprechliche Anmuth des Fräuleins und durch die Sanftheit ihrer großen blauen Augen, Niemand von uns konnte diesem Blick widerstehen; Alle, die ihm begegneten, fühlten sich bewegt durch einen geheimen Einfluß, durch Ehrfurcht, Zuneigung, Bewunderung.«

»Sicher, durch eine geheimnißvolle Kraft, bestätigte Mattabruna. Hast du je Weiber mit solchem Blick gesehen?«

»Niemals, Fürstin.«

»Weißt du, von woher diese verborgene Kraft kommt?«

»Nein. Es ist Zauberei, Teufelskunst.«

»Zauberei? In der That, es ist dem ähnlich!« murmelte Savary mit einem tiefen Seufzer.

»Und der König, mein Sohn, wurde so verliebt in Beatrix van Halkiyn?«

»Ja, Fürstin.«

»Und sie?«

»Sie zeigte gleichfalls eine große Neigung für ihren Retter.«

»Das Uebrige kann ich rathen,« flüsterte die Königin, mit beklommener Wuth und neidischem Spott. Mein Sohn, bezaubert, und durch eine geheime Kraft nach einem bestimmten Ziele hingetrieben, hat ihr seine Hand und Krone angeboten. Ihre Zustimmung war zum Voraus gewiß, und man hat an Ort und Stelle oder in einem nächstgelegenen Dorfe einen Priester gefunden, um die Ehe einzusegnen.

»So, wie Ihr sagt, Fürstin.«

»Und dieses Alles ist geschehen in Gegenwart Eures Gebieters Markus? Er hat also nichts versucht, um den König vor der Vorführung zu bewahren?«

»Ich glaube es, Fürstin, aber ich weiß es nicht.«

»Konnte er denn meinem Sohne nicht begreiflich machen, daß er der Spielball einer verborgenen Macht wäre, einer höllischen Berückung, eines Teufelswerkes?«

»O, Fürstin, beschuldigt deswegen meinen Herrn nicht,« antwortete Savary traurig. »Ein Ritter, der alte Warnfried van Driesthem flüsterte das Wort Zauberei in des Königs Ohr. – Jetzt begreif ich den schrecklichen Sinn dieses Wortes. – Der König sprang auf, als hätte ihn eine giftige Schlange gebissen; er hob tobend sein Schwert in die Höhe und gedachte Warnfried das Haupt zu spalten. Glücklicher Weise hielt Beatrix seinen Arm zurück und besänftigte ihn ganz. Warnfried überzeugte den König, daß er sich über die Bedeutung seiner Worte getäuscht hätte; und der unwiderstehliche Liebreiz der Beatrix brachte es so weit, daß unser Fürst seinen Diener Warnfried um Verzeihung bat und ihn als versöhnten Freund umarmte . . . Ist meine Erzählung Euch peinlich, Fürstin?«

»Solche Macht über meinen Sohn?« seufzte Mattabruna. »Ach, mein Herz zuckt krampfhaft zusammen. Möge er kommen mit seiner höllischen Verführerin; sie soll wissen, wer ich bin!«

»Mit Eurer Erlaubniß, Fürstin, seht hier, was mein Gebieter mir vor Allem Euch zu sagen auftrug. Der König hat, während er Warnfried Gnade schenkte, in Gegenwart vieler Ritter bei einem theuren Eide geschworen, daß er unerbittlich alle diejenigen tödten und martern lassen wird, die noch ein ein einziges Wort zu sprechen wagen, das Beatrix van Halkiyn unangenehm sein kann, oder nicht von einer grenzenlosen Ehrerbietung zeugt. Er schwor, er würde sie vor dem geringsten Verdruß bewahren und sie mit Gefahr seiner Krone und seines Lebens gegen die ganze Welt vertheidigen.«

»Aber gegen mich? Ich bin seine Mutter!«

»Selbst gegen seine Mutter, Fürstin. Er hat es ausdrücklich gesagt, so daß jeder es hörte.«

Mattabruna konnte ihre Wuth nicht mehr bezwingen. Sie brummte Verwünschungen und knirschte mit den Zähnen; aber das Gefühl ihrer Ohnmacht schlug ihren Trotz danieder und sie beugte verzweiflungsvoll den Kopf. Beschämt über ihre Bestürzung im Beisein eines Dieners, rief sie endlich:

»Warum ist dein Gebieten Markus nicht selbst gekommen, um mir diese gräulichen Nachrichten zu bringen?

»Er durfte nicht, Fürstin, war die Antwort. Der König hat ihm geboten, immer in der Nähe der Königin zu bleiben, um über sie zu wachen, um dem geringsten Wink ihrer Augen Gehorsam zu verschaffen. Mein Herr zeigt sich dienstfertig und ehrerbietig gegen die Königin; so gewinnt er ihre Gunst und behält des Königs Vertrauen. Er räth Euch ebenso zu handeln, bis . . . «

»Bis wann? murrte Mattabruna, über sein Zögern verwundert.

»Bis mein Gebieter Euch selbst gesprochen habe. Meine Botschaft ist ganz ausgeführt, Fürstin.«

Mattabruna überreichte ihm noch ein paar Goldstücke und wies ihm die Thür.

»Euer unterthänigster und ergebenster Diener,« sagte Savary zurückschreitend. Kann mein Leben jemals Euch zu etwas nützlich sein, fordert es; ich werde Euch mit Freuden mein Blut geben.«

»Es ist gut, geh in Frieden, flüsterte Mattabruna. Wer weiß? Vielleicht werde ich es einmal von dir verlangen. Wenn es dir dann nicht an Muth gebricht . . .

»Für solch eine freigebige Fürstin gehe ich selbst durch das Feuer der Hölle! bekräftigte der Jäger, indem er zur Thüre hinausging.

Lange blieb Mattabruna den Kopf in die Hände gestützt sitzen, und erwog die Gefahr, die sie bedrohte, und die Mittel, um sie abzuwehren. Zuerst träumte sie die gewaltthätigsten und blutigsten Träume; aber allmählich kam sie zu dem Resultate, daß Markus Recht hätte und daß man mit List zu Werke gehen und Verführung gegen Vorführung stellen müßte, um Oriand der Macht seiner Gattin zu entreißen. Das erforderte vielleicht Zeit; man müßte Geduld haben und heimlich handeln; denn bei der geringsten Unvorsichtigkeit konnte des Königs Wuth, wie ein zerschmetterndes Unwetter, Tod und Vernichtung um sich her streuen, ja bis in den Palast, bis auf den Thron! Hatte er nicht geschworen, er würde selbst seine Mutter nicht schonen? Mattabruna rief den Hofschreiber und ließ sich des Königs Brief vorlesen. Dieser enthielt die Nachricht von seiner Vermählung und meldete ihr, daß er erst in acht Tagen mit seiner Braut ankommen würde. Diese Bestimmung wäre getroffen worden, weil die junge Fürstin noch unpäßlich wäre in Folge der ausgestandenen Angst; aber vorzüglich, weil der König seine Gemahlin mit aller Feierlichkeit empfangen sehen und weil er jedermann die nöthige Zeit zu den Vorbereitungen dieses Empfangs gönnen wollte. Er hätte besondere Boten nach allen Grafschaften und nach allen Gauen entsendet, um die Ritter zum Feste einzuladen, und er bäte seine Mutter, ihrerseits weder Mühe noch Geld zu sparen, um seiner Braut einen prächtigen, ehrerbietigen und fröhlichen Willkommen zu bereiten.

Einen Augenblick wurde Mattabruna beim Anhören dieses Briefes gerührt und es erschien ein Lächeln der Zufriedenheit auf ihren Lippen. Die Worte des Briefes waren auch so zärtlich und so lieblich! Wohl sechsmal nannte Oriand sie »liebe Mutter, allerliebste Mutter« und anstatt in rauhem Tone zu gebieten, entschuldigte er sich wegen der Dringlichkeit seines Verlangens und bat und flehte wie jemand, der um eine Gunst ersucht.

Aber dann fuhr ihr der ärgerliche Gedanke durch den Kopf, die ungewöhnliche Sanftmuth ihres Sohnes wäre nichts anderes als der Beweis von der unbegreiflichen Macht der Beatrix über sein Gemüth. Ihr Herz schwoll an von Neid und Rachsucht und jedes fernere Wort des Briefes war wie ein Dolchstich, der ihr das Herz durchbohrte.

Sie schickte den Schreiber mit schlecht verhaltener Erbitterung fort, und verließ das Zimmer, um alle Hofbediente zusammen rufen zu lassen und ihnen Befehle auszutheilen zum feierlichen Empfang ihrer neuen Königin.




III


Der feierliche Tag war erschienen.

Goldene Tücher und rothe Gewänder zierten die Giebel des Palastes; an allen Fenstern und sogar bis zu den Spitzen der Wachtthürme hinauf prangten vielfarbige Banner, wehende Flaggen und flatternde Wimpel.

An der rechten Seite des Vorhofs hatte man auf einem breiten Holzgerüst einen Thron errichtet. Von dort bis draußen vor der Zugbrücke lag ein kostbarer Teppich, den Weg anzeigend, den die Königin verfolgen würde. Dieser Weg war mit Rosen und Blumen von allerlei Farben bestreut; und als ob dieß nicht hinreichend gewesen wäre, um die Luft mit Balsamdüften zu erfüllen, so standen da zwei Reihen Fußgestelle mit goldenen Schaalen, worin die wohlriechenden Harze des Morgenlandes im Ueberfluß brannten.

Rundum den Platz hatten die Ritter und Lehnsherrn auf ihren Schlachtrossen, jeder mit seinem erhabenen Banner, in dichten Gliedern sich geschaart. Das heitere Licht der Morgensonne spiegelte sich in all dem Golde, Silber und Stahl der kostbaren Waffenrüstungen; der Wind bewegte in sanften Wellen die Federbüsche der Helme und die Spitzen der Tausende von Fähnlein, womit die Speere der Ritter verziert waren.

Auf der Tribüne neben dem Throne stand Mattabruna, umringt von einem Schwarm prächtig gekleideter Edelfrauen und wartend, um von dort herab zu steigen und der königlichen Braut entgehen zu gehen.

An beiden Seiten des Thrones standen zwei Reihen Trompetenbläser, mit den schimmernden Instrumenten am Munde, um beim Erscheinen des Königs, das lebhafte Willkommen durch die Luft erschallen zu lassen.

Unterdessen war eine Ehrenwache von vornehmen Rittern aus der großen östlichen Straße vorausgeritten mit dem Auftrag, die fürstlichen Herrschaften dort abzuwarten.

Eine wimmelnde Menge, Städter und Landleute, besetzten die beiden Ränder dieser Straße, klopfenden Herzens nach der Ankunft der Königin sich sehnend, von der man sagte, sie sei schöner als der schönste Traum.

Plötzlich lief ein fröhliches Gemurmel durch das Volk; in der Ferne schimmerten Harnische und Helme; und man hörte die wiederhallenden Klänge der Trompeten. Der König war da mit seiner Braut!

Alsbald stieg ein schallendes Gejauchze aus dem Schooß der Menge; wo die fürstlichen Herrschaften herbeiritten, lief die Bezeugung der allgemeinen Freude, das eifrige »Heil« rufen und das Schwenken der Hände, wie ein Feuer die Straße entlang fort, bis der Zug den innern Hof erreichte und Trompeter, Ritter, Edelfrauen und Volk, durch ihre vereinten Grüße und Willkommensrufe, Luft und Wälder wie mit rollenden Donnerstimmen erschütterten.

Wie schön und reizend war die Braut ihres Königs! Mit himmelblauen Augen, blonden Haaren und schlanken Gliedern, noch etwas bleich von den erlittenen Schmerzen, ganz in Weiß gekleidet, mit einem Lächeln um den Mund, so lieblich und so süß, daß sie die Herzen entzückte und in ein Gefühl von Zuneigung und Bewunderung zerschmelzen ließ! Und wie zierlich saß sie auf ihrem Zeller, von dessen beiden Seiten der schneeweiße Brautmantel bis auf den Boden herniederwalte! Wahrlich, ein schöneres Jungfrauenbild hatte sich Niemand auf Erden je geträumt! Was jedoch noch mehr die Aufmerksamkeit fesselte, und die Ritter in Erstaunen setzte, war die unerklärliche Veränderung, die man an dem Könige bemerkte. Er, immer so kalt und barsch, hatte jetzt einen freundlichen Gruß und ein freundliches Wort für einen jeden. In seinen Augen glänzten Freundschaft und heitere Lebensfreude. O, wie glücklich mußte er sein! Wie mächtig hatte das erste Liebesgefühl auf ihn gewirkt, da es den wüsten, düstern Jäger zu einem offenherzigen und freundlichen Jüngling umgeschaffen!

Als Alle in der Mitte des Platzes abgestiegen waren, nahm der König seine Braut bei der Hand und führte sie nach dem Throne.

Mattabruna stieg von dem Gerüst herab, lief ihrer Schwiegertochter entgegen, drückte sie in die Arme und küßte sie wiederholte Male auf beide Wangen.

Dieses freute Oriand dermaßen, daß er mit Thränen in den Augen, seine Mutter und seine Braut zugleich mit seinen Armen umschlang.

»Ich werde Euch ehren und lieben, flüsterte Beatrix. Gott nahm mir meine gute Mutter; laßt mich Euer Kind sein!«

»Du bist mein Kind. sich habe dich lieb.« antwortete Mattabruna. O du edle, reizende Braut meines Sohnes; laß mich dein Herz noch einmal an meinem klopfen fühlen!

Und wieder zog sie Beatrix an ihr Herz und küßte sie scheinbar mit feuriger Zärtlichkeit.

»Komm, meine teure Tochter,« sagte sie endlich, ihre Hand ergreifend. »Besteige den Thron, der deiner als Königin wartet und herrsche neben meinem Sohne. Wir werden uns mit Stolz die Diener eines so edlen Wesens nennen« das Gott mit allen Schätzen des Körpers und des Geistes ausgestattet hat!

Beatrix war glücklich; aus dem süßen Blick, den sie Mattabruna’s Augen senkte, strahlten Dankbarkeit und Liebe.

Sie ließ sich auf den Thron führen und setzte sich neben dem König nieder, der, ungeachtet des feierlichen Ernstes des Tages, sich nicht enthalten konnte, ihr in der Stille die Hand zu drücken, und ihr zu verstehen zu geben, wie sehr er sie liebe und wie froh er war über den guten Empfang, der ihr von Seiten seiner Mutter zu Theil geworden.

Nun kamen nach der Reihe Ritter und Edelfrauen, um der neuen Königin ihre Ehrerbietung zu bezeugen. Keiner stieg von der Tribüne, ohne sich selbst zu fragen, was doch das Geheimniß der Macht sein mochte, welche die junge Fürstin auf einen jeden ausübte. Ihre süßen Worte, wie furchtsam auch scheinbar gesprochen, drangen bis in die Tiefe der Herzen; ihr schmachtender Blick, obschon er um Geneigtheit und Freundschaft zu bitten schien, bewegte die Seele unbegreiflich tief . . .

Fern von dem Throne wurde sogar im Verborgenen, unter den Rittern und unter dem Volk von Zauberei gesprochen. Die Meisten jedoch gedachten dadurch auf eine natürliche Weise die unwiderstehliche Anmuth der jungen Königin zu bezeichnen; aber Andere erzählten gleichfalls, mit Zweifel und Bangigkeit, daß ihre Mutter als der Hexerei und Teufelskunst verdächtig verbrannt worden wäre . . . Und bevor die Feierlichkeit zu Ende war, lief diese Lästerrede geheimnißvoll von Mund zu Mund, ohne daß es möglich gewesen wäre, jemals zu erfahren, sag wer dieses Gift zu allererst unter die Menge gespieen hätte.

Nachdem die feierliche Huldigung beendigt war, führte Ei Oriand seine junge Gemahlin in den Palast, wo zu ihrer Ehre ein Gastmahl für vierhundert Ritter und Edelfrauen war bereitet worden.

Draußen schenkte man den Wein im Ueberfluß und die rauschendste Freude herrschte überall.

Diesen ganzen Tag überhäufte Mattabruna ihre Schwiegertochter unaufhörlich mit Beweisen von Zuneigung und Liebe; ja, wo sie Gelegenheit dazu fand, schmeichelte sie der Königin und lobte sie in übertriebenen Ausdrücken wegen ihrer Anmuth und ihres Verstandes bei Allem was sie that und sagte.

So gewann sie das unbegrenzte Vertrauen der arglosen Beatrix, die in dem Augenblick, wo sie zu ihrem Schlafzimmer hinaufsteigen sollte, um die Ermüdung des Tages in einer langen Nachtruhe zu vergessen, der Mattabruna noch einmal um den Hals flog und ausrief:

»Mutter, allerliebste Mutter! Ich preise Gott, der mich dein Kind werden ließ, um mich zu trösten über ein gräßliches Unglück; deinen Namen werde ich in allen meinen Gebeten nennen.«

Sobald der König in sein Schlafgemach getreten war, und sie die Thüre hatte verschließen hören, ging Mattabruna nach einer andern Seite des Palastes und öffnete die Thür eines Saales, wo ein Ritter bei einer Lampe saß.

»Wohlan Markus, enthält der Kelch meiner Demütigung Galle genug?« fragte sie.

»Sprecht leiser, Fürstin,« flüsterte der Ritter.

»Ihr seid kleinmüthig geworden,« spottete Mattabruna. »Hat das Kind der Hölle euch gleichfalls bezaubert?

»Vorsichtig müssen wir sein, Fürstin; denn das Gemüth des Königs ist wie ein schlafender Vulkan, der bei der geringsten Erhitzung sich vertilgend entladen wird.

»Seid Ihr denn ganz rathlos? Sprecht, was meint Ihr, das wir thun können, um uns zu rächen?

»Nichts, für den Augenblick nichts. Warten, bis des Königs Liebe sich vermindere und die Binde ihm von den Augen falle.«

»Ohnmächtig? Wir sollten ohnmächtig sein? murrte Mattabruna, die Arme krampfhaft windend. Wie? Ich sollte nicht allein ein fremdes Weib meinen Platz auf dem Throne einnehmen sehen; ich sollte mich vor ihr beugen, ihr gehorchen, nichts mehr sein als eine Verstoßene ohne Einfluß; sie sollte noch überdieß das Herz meines Sohnes ganz in Besitz nehmen und mir die Liebe und das Vertrauen meines Kindes entziehen? Nein, nein, Mattabruna ist nicht dazu geboren, vor jemand sich zu beugen! Beatrix van Halkiyn soll weg aus meiner Bahn, und müßte Gift . . . «

Markus sprang auf und legte der wüthenden Fürstin die Hand auf den Mund.

»Um Gotteswillen, besänftigt Euch doch! sagte er erschrocken. Wenn man Euch hörte, könnte dieser Palast mit einem Muttermord befleckt werden, und sicher würde, wer Euch ergeben ist, die Sonne des künftigen Tages nicht mehr sehen.«

»Und dennoch, sie soll vom Throne gestoßen werden! murrte Mattabruna. So lange sie meine Stelle einnimmt, müßt Ihr den Gunstbezeugungen entsagen, welche ich Euch versprochen habe.«

»Ich weiß es, Fürstin. In meinem Herzen glüht der Haß ebenso als in dem eurigen. Wir werden uns rächen; das Hinderniß soll aus unserer Bahn entfernt werden; aber vorsichtig will ich unserm Ziele zustreben, langsam, geduldig, wenn es sein muß, doch mit Sicherheit und ohne Euch noch mich des Königs Zorn bloß zu stellen!«

»Aber das Mittel?«

»Das Mittel hat sich heute bereits von selbst dargeboten.«

»Ha, Ihr erfreut mich! Ja, Ihr habt Recht. In der That, es wäre besser, falls wir, unbekannt, uns rächen könnten . . . Und dieses Mittel ist?«

»Mein Diener Savary ist während des Tages auf dem Vorhof unter den Rittern und Landleuten umhergewandelt, um auszuspähen, was man da Alles sagte. Man sprach da heimlich von dem schrecklichen Tode der Wittwe van Halkiyn, und man fragte einander bestürzt, ob die wunderbare Macht, welche die Königin auf unsern Fürsten und auf jedermann ausübt, wohl natürlich ist . . . «

»O, seid sicher, Markus, diese Beatrix scheint ein Engel, aber sie ist eine grünliche Zauberin!« rief Mattabruna.

»Nein, nein, ihre Mutter war eine tugendsame Frau und sie ist rein wie eine Taube, entgegnete ihr der Ritter. Aber wenn dieses Gerücht dem Könige zu Ohren kommt, wird er beginnen zu zweifeln; diese Verläumdung, unüberwindlich und immer aufs Neue entstehend, wird endlich seinen Geist beunruhigen und in Schrecken setzen und die Liebe in seinem Herzen tödten. Dann erst, Fürstin, wird unsere Zeit kommen, um dieses Feuer zu nähren und es dergestalt zu entflammen, daß es die Königin verschlinge.«

»Aber wie soll es Oriand vernehmen, was die Ritter und das Volk sagen?«

»Ja, dies weiß ich für den Augenblick nicht. Es ist das Beste, daß es erst später zu ihm gelange; denn jetzt ist er in seine junge Ehegattin so blind vernarrt, daß er ein Blutbad rings um sich anrichten würde, um alle diejenigen zu treffen, in deren Geist nur der beschuldigende Gedanke entstanden ist. Niemand würde er schonen: weder Ritter, noch Edelfrauen, noch mich . . . noch Euch, seine Mutter, wenn er vermuthen könnte, daß wir die Verleumdung angehört oder geglaubt haben.«

»Ihr seid also der Ansicht, daß wir für jetzt unsere Rache zu verschieben haben?«

»Ja, wir müssen unsern Haß verbergen, fortwährend Anhänglichkeit und Ehrerbietung für die Königin heucheln, und warten, bis ein Zufall, dem wir ganz fremd sind oder scheinen, das arge Gerücht bis in des Königs Ohren führt.«

»Aber Markus, wenn dieses Gerücht erstirbt?«

»Die Verleumdung stirbt nicht, Fürstin. Bleibt sie jedoch dem Könige zu lange unbekannt, so werden wir Mittel ersinnen, um das Gift in sein Herz tröpfeln zu lassen; bis dahin müssen wir uns verstellen, listig und schlau sein, und einen jeden denken lassen, daß Niemand die Königin mehr liebt oder ihr inniger ergeben ist, als wir . . . Nun, Fürstin, küsse ich Euch die Hand und wünsche Euch gute Nacht«.

»Geht, mein treuer Freund, sagte Mattabruna, halb getröstet. Seid sicher, daß, wenn ich einst wieder meinen Platz auf dem Throne erlange, ich Euch mit Wohlthaten und Gütern überhäufen werde.«

»Ich danke Euch; bleibt mit Gott, Fürstin, flüsterte Markus, indem er zum Saale hinausschritt.«




IV


War man am Tage des feierlicher Einzugs überrascht gewesen über die gründliche Umwandlung im Charakter des Königs, so stieg dieses Erstaunen immer höher, je mehr Oriand unter dem Einfluß seiner lieblichen Gemahlin ein ganz neuer Mensch zu werden schien.

Jetzt regierte er sein Land selbst, ließ sich Rechenschaft ablegen über die Art und Weise, wie seine Beamten ihre Pflicht erfüllten, rief jeden zum Gefühl der Gerechtigkeit, beschützte die Schwachen, brachte die Starken durch väterlichen Rath zur Nachgiebigkeit, strafte nur mit Wiederwillen, wo es unvermeidlich war, und benahm sich als echt christlicher König.

Beatrix genoß ohne Störung seine Liebe; der geringste Blick ihrer Augen war wie ein Befehl für ihn; aber sie machte von ihrer Macht nur Gebrauch, um Armen zu helfen, Bedrängte zu vertheidigen, Leidende zu trösten, und durch vielfältige Werke der Barmherzigkeit, Glück und Frieden um sich her zu verbreiten.

Sechs Monate lang dauerte des Königs gute Stimmung fort ohne daß noch je ein Anfall von Jähzorn ihn traf. Sein Blick und seine Worte waren ebenso heiter und ebenso lieblich, als am ersten Tage, und seine-Liebe zu Beatrix schien noch zuzunehmen, denn er war ihr dankbar für den wohlthätigen Einfluß, den sie auf sein einst so schroffes und reizbares Gemüth ausübte.

Jetzt war er nicht mehr versunken in die Sucht nach wilden Vergnügungen; und ging er noch einmal auf die Jagd in den Wäldern seines Gebietes, so geschah es in Gesellschaft seiner geliebten Gattin und mit seinem ganzen Hofe, wie zu einem fröhlichen Feste, zur Erholung und zu fröhlichem Geplauder.

Dieses allgemeine Glück, diese unzerstörbare Zufriedenheit der Gemüther folterte die herrschsüchtige Mattabruna. Oft, wenn sie mit Markus allein war, fragte sie zähneknirschend, ob sie denn zu ewigem Leiden und zu immer tieferer Erniedrigung verurtheilt bleiben solle? So dürfte es nicht fortdauern; es müßte ein Mittel gesucht werden, meinte sie, um den König von seiner schrecklichen Verblendung zu erlösen und Beatrix in das Verderben zu stürzen.

Aber Markus, der vorsichtig war und sein Leben nicht leichtsinnig wagen wollte, überredete sie jedesmal zur Geduld und zum Aufschub. Mattabruna irrte sich, sagte er, in dem entmuthigenden Gedanken, daß die Verläumdung gegen die Königin unter dem Volke ausgestorben wäre. Er wüßte es besser durch Savary, der ihm täglich meldete, wie Landleute und Bürger, ja, wie selbst Ritter noch stets heimlich das Wort »Zauberei« flüsterten.

Und in der That, welche Fürstin, wie gut und großmüthig auch, könnte jedermann befriedigen? Müßte sie nicht, um die Meisten ihrer Unterthanen glücklich zu machen, vielen andern mißfallen? Ein unerwarteter Zufall, ein Nichts könnte jeden Tag die Verläumdung wie ein Unwetter über dem Haupte der Königin zum Ausbruch bringen. Man müßte sich verstellen, den günstigen Augenblick abwarten, und sich bereit halten, um unbekannt und verborgen, Gift in des Königs Wunde zu gießen, sobald sein Herz einmal diese Wunde erhalten hätte.

So besänftigte Markus die erzürnte Fürstin mit einer Hoffnung, deren Verwirklichung zu ihrem großen Verdruß jedoch immer zweifelhafter zu werden schien.

Welche Raserei, welcher Neid, stürmten in ihrem Gemüth, als Beatrix eines Abends mit Thränen der Wonne in den Augen ihr anvertraute, daß der gütige Gott dem Könige ein Kind schenken würde . . . Und möchte es ein Sohn sein, ein Erbe der Krone, wie würde Oriand und das ganze Land dem Himmel danken!

Mattabruna verbarg die Angst und den Haß, der sie quälte, und jubelte mit ihrer Schwiegertochter über die schöne Aussicht; aber alsbald stellte sie sich so, als wäre sie unpäßlich, und lief nach ihrem Zimmer, wo sie in aller Eile Markus rufen ließ.

Bei seiner Ankunft brach sie in Verwünschungen aus und beschuldigte ihn der Feigheit, sogar der Untreue. Jetzt wäre es wahrscheinlich zu spät, um noch an Rache zu denken und sie wären zu ewiger Erniedrigung verurteilt; denn wenn Beatrix dem Könige einen Erben schenkte, würde Oriand dann nicht durch dieses neue Band unüberwindlich an sie gefesselt bleiben? Würde sie nicht als Mutter seines Kindes in seinen Augen geheiligt sein? Nun könnte nichts mehr die Macht der Königin brechen, als ein Meuchelmord! Daran wäre er schuld; seine Blödigkeit würde wahrscheinlich sie beide in’s Verderben stürzen . . . «

Mit solchem Rasen ließ sie dem Ritter keine Zeit, ein Wort zu sprechen, bevor sich ihr Herz der Galle, die es erfüllte, entledigt hatte. Er schien jedoch für ihre Vorwürfe wenig empfindlich und lächelte sogar.

»Ihr lacht?« rief sie, »Spottet ihr denn über mein Leid? Ha, Ihr habt meine Wohlthaten vergessen. und nun verlasst ihr ein ohnmächtiges Weib, das Euch weder Gutes noch Uebles mehr zufügen kann?«

»Ihr täuscht Euch, Mattabruna ist noch nicht todt; sie wird leben für die Rache!«

»Ich bin froh, ich bin glücklich, Fürstin,« antwortete der Ritter, sobald er ein Wort äußern konnte. »Unsere Rache ist nahe.«

»Wie, was sagt Ihr?« murmelte Mattabruna mit Augen voll Hoffnung; »unsere Rache ist nahe?«

»Ja, morgen schon bricht der Sturm los. Der Seneschall hat in einem abgelegenen Stadtviertel eine Frau gefangen, die beschuldigt wird, öffentlich gesagt zu haben, daß die Königin eine Zauberin sei und durch einen höllischen Geist beschützt werde. Im Verhör hat sie eine andere Frau bezeichnet, als erste Verbreiterin des verläumderischen Gerüchtes und diese zweite hat noch andere angegeben. – Der Seneschall, in der Meinung, seine Pflicht zu thun und dem König gefällig zu sein, hat diese Weiber, fünf an der Zahl, nach dem Gefängniß gebracht. Morgen werden sie vor den Richtern erscheinen und unfehlbar zum Scheiterhaufen verurtheilt werden. Diese Gefangennehmung erweckt eine große Aufregung unter dem Volke und nichts kann hindern, daß die Sache dem König zu Ohren komme. Ihr sehet den gewaltigen Eindruck aus sein Gemüth vorher, Fürstin! Er wird erfahren, daß man im Lande so über die Königin spricht. Der Zweifel wird in ihm entstehen; wir werden diese Gluth heimlich anschüren, und in kurzer Zeit unser Ziel erreichen, ohne uns der mindesten Gefahr bloßzustellen. Ich sehe sie bereits verstoßen und verbrannt . . . «

		»Getödtet durch seine Hand!
		Verflucht von jedermann!
		Verbrannt als eine gottvergessene Zauberin.«

»Und Euch, Fürstin, sehe ich wieder auf dem Throne, in unbeschränkter Macht und Hoheit über das Land gebietend!«

»Ja, ja, und Euch für Eure Treue belohnend mit Gütern und Ehrenstellen.«

So frohlockten Beide lange Zeit über den wahrscheinlichen Fall der unschuldigen Königin, und berathschlagten über die Rolle, die jeder in diesem Trauerspiel auszufüllen haben würde, bis endlich die Stunde der Nachtruhe sie trennte.

Des andern Tages am Morgen ging der Seneschall zu Hofe und ließ den König um eine geheime Audienz ersuchen, indem er vorgab, daß er ihm gewisse wichtige Dinge mitzutheilen hätte.

Oriand gestand seine Bitte bereitwillig zu und drückte ihm sogar die Hand, als der Beamte, dessen bewährte Treue er kannte, in seiner Gegenwart erschien.

Aber kaum hatte dieser gemeldet, daß Weiber gefangen säßen, aus deren Lippen man die gräuliche Beschuldigung der Zauberei gegen die Königin ertappt hätte, so brüllte der König wie ein Löwe, schlug die Hand an sein Schwert und sah den Seneschall so wüthend an, daß dieser vor seinem flammenden Blick mit einem Angstschrei zurückwich und bebend die Hände aufhob, indem er jammernd ausrief:

»Gnade, Gnade für mich, Herr Fürst! Ich meinte meine Pflicht zu erfüllen. Was ich that, geschah aus Liebe zu Euch, aus Ehrerbietung gegen die Königin!«

Der Zorn Oriands mußte diesmal unbegreiflich stark und gewaltig sein; denn, wie es ihm in solchen Umständen gewöhnlich begegnete, dieses Uebermaß des Zorns gab ihm die Kraft, seine Aufregung zu bezwingen. Seine Lippen bebten noch wohl, ein drohender Funke glühte noch in seinem düstern Blick: aber er schien plötzlich gelassen und verhielt sich ganz still, während er zu Boden starrend, die Abscheulichkeit des blutigen Hohnes erwog, der ihm und der Königin angethan war.




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notes



1


Der Wald-ohne-Gnade (Thoraldi Silva) war ein dunkler Wald, der sich von den Ufern der Leye bis in die Nähe des Meeres über einen großen Teil von Flandern erstreckte und so genannt wurde, wahrscheinlich wegen der Gefahren, welche die Reisenden und Jäger bedrohten. Siehe Alte Geschichte der Belgier, von P. Blommart, S. 14.


