Der Pastor von Ashbourn
Alexandre Dumas der Ältere




Alexandre Dumas (père)

Der Pastor von Ashbourn





Erster Band





I.

Der große Pope



An den Herrn Doctor Petrus Barlow, Professor der


Philosophie an der Universität von Cambridge



    Ashbourn, bei Nottingham, den 5. April 1754.


Lieber College!

Lassen Sie mich Ihnen den freundschaftlichen Titel College geben; denn nach meiner Meinung gebührt Ihnen dieser Titel, obgleich Sie ein gelehrter Doctor der Philosophie sind, und ich ein einfacher Dorfpastor bin; Sie haben für den Körper zu sorgen, wie ich für die Seelen zu sorgen habe; ich bereite zum Sterben vor, aber Sie bereiten zum Leben vor, und Gott allein vermöchte zu sagen, wer von uns Beiden das heiligste Amt bekleidet.

Freilich begegnet es mir zuweilen, mein lieber College, genöthigt zu sein, das zu verbessern, was Sie gemacht haben; Ihre unglückliche Schulphilosophie neigt sich immer ein wenig nach der heidnischen Seite, und ich bin oft berufen zu erkennen, daß, obschon die Iliade und die Bibel, der Phädon und das Evangelium, sehr schöne und besonders sehr beredtsame Dinge sind, die Iliade und die Bibel sich zuweilen widersprechen, der Phädon und das Evangelium nicht immer einverstanden sind. Und Sie werden wohl begreifen, mein lieber Petrus, daß, wenn solche Widersprüche sich in meiner Gegenwart zeigen, ich nicht anzunehmen vermag, daß der Phädon oder die Iliade Recht haben.

Aber haben wir, wie Sie mir in Ihrem letzten Briefe sagten, trotz dieser Meinungsverschiedenheiten zwischen den Schriftstellern, die wir auslegen, und zwischen den Dingen, die wir lehren, die Hoffnung, daß es einen Punkt der Straße giebt, auf welchem unsere beiden Wege, so auseinander laufend sie auf den ersten Blick auch scheinen mögen, eines Tages zusammentreffen werden! Dieser Punkt ist der Glaube an die ewige Gerechtigkeit, und besser noch, auf die göttliche Barmherzigkeit, welche, ich bürge dafür, mein lieber Petrus, uns allen Beiden die guten Absichten anrechnen wird, ohne uns zu sehr über unsere Fehler oder unsere Irrthümer zu beunruhigen, welche ihren Ursprung in der menschlichen Schwäche gehabt haben.

Einstweilen, bis daß es dem Herrn gefällt, über uns in jener Welt zu verfügen, welche auf die unserige folgen soll, geben wir uns auf dieser, Jeder auf seiner Seite, einem Studium hin, welches auf den ersten Blick und mit oberflächlichem Auge betrachtet, dasselbe scheinen würde, während es dem Philosophen und dem Denker beträchtliche Verschiedenheiten zeigt.

Sie, mein lieber Petrus, Sie studiren den Menschen, und ich studire die Menschen.

Möchte es Ihnen auf Ihrer Seite besser gelingen, als es mir auf der meinigen, besonders bei meinem ersten Auftreten im Leben, gelungen ist!

Jetzt wünschen Sie dieses Studium des Menschen, das heißt des menschlichen Geschlechtes, durch einzelne Personen an mir zu machen, wie Sie es an Anderen gemacht haben. Sie behaupten in Ihrer Nachsicht für den armen Pastor, daß ich einige gute Eigenschaften habe; worauf ich dadurch antworte, daß ich mich beschuldige, große Fehler zu haben. Um sich eine bestimmte Meinung zwischen unseren beiden verschiedenen Meinungen zu schaffen, verlangen Sie, daß ich mich Ihren Augen so darstelle, wie ich aus den Händen meines Schöpfers hervorgegangen bin, – solus, pauper et nudus; – es sei, ich will von meinen Schultern jenen Mantel des Demüthigen gleiten lassen, durch dessen Löcher man oft das Herz des Hochmüthigen sieht. Erforschen Sie meine arme Person so langsam und so sorgfältig, als Sie wollen; ich werde nicht versuchen, Ihnen einen einzigen meiner Fehler oder eine einzige meiner Lächerlichkeiten zu verbergen; denn, wie ich hoffe, wird mich Gott um so mehr erheben, als ich mich erniedrigt haben werde.

Ich bin im Jahre 1728 in dem kleinen Dorfe Beeston geboren, dessen Pastor mein Vater war. Was meine Mutter anbelangt, so war sie die Tochter eines Bootsmannes auf einem Kauffahrteischiffe, der drei Jahre vor meiner Geburt in einem Sturme umkam, bei welchem das Schiff unterging , auf dem er diente, und auf welchem er sein kleines Hab und Gut hatte. Alles war daher mit ihm verloren, mit Ausnahme eines vortrefflichen Seefernrohres, das er einem seiner Freunde geliehen hatte, und das dieser Freund, der den Tag nicht wußte, an welchem mein Großvater unter Segel gehen sollte, ihm erst zwei Tage nach seiner Abreise zurückbrachte.

Ich führe die Thatsache an, weil dieses Fernrohr eine wichtige Rolle in meinem Leben spielt.

Aber das, was mein Vater in der Frau suchte, die er seinem Leben zugesellen wollte, das waren die Eigenschaften, welche das wahre Witthum der Gattin und die fromme Mitgift der Mutter ausmachen. Er bekümmerte sich daher um den Mangel des Vermögens nicht: er nahm meine Mutter arm, als Waise, kurz so wie sie das Unglück gemacht hatte, und das einzige Möbel, das sie in die Gütergemeinschaft mitbrachte, als sie die Schwelle der Thür des Pfarrhauses mit dem Titel als Gattin überschritt, war dieses vortreffliche Fernrohr, das man ehrerbietiger Weise über dem Kamine, als dem ehrenvollsten und dem am meisten in die Augen fallenden Orte des Hauses, aufhängte.

So jung ich auch sein mochte, mein Vater gab mir ein schönes Beispiel: er war fest, muthig, aufrichtig, sanft gegen die Armen, aber wenig schonend gegen die Vornehmen und die Reichen, indem er selbst den Gutsherrn des Dorfes weit strenger behandelte, als den Bettler, der ihn an der Thür der Kirche erwartete, um ihm die Hand hinzustrecken, und den er niemals ohne ein Almosen und einen Rath fortschickte, und weit eher mit dem ersten allein als mit dem zweiten ohne das erste; denn er meinte in diesem Falle, daß ein Almosen nicht durchaus nöthig hat, von einem Rathe begleitet zu sein, während der Rath sehr mager und sehr seicht ohne das Almosen ist. Aus dieser unparteiischen Geradheit und dieser unbeugsamen Würde ging hervor, daß er von dem einen Theile seiner Pfarrkinder geliebt und von dem andern geachtet war.

Es versteht sich von selbst, daß, wohlbegabt nach dem Herzen Gottes, es die Armen waren, die ihn liebten.

Was mich anbetrifft, so war es nicht einfach und allein Liebe, die ich für meinen Vater empfand, es war Ehrfurcht; mehr als Ehrfurcht, Bewunderung! Ich betrachtete ihn als ein erhabenes Geschöpf, als ein über der Menschheit stehendes Wesen, und ich hätte niemals gewagt, meine Lippen auf die Wangen und selbst auf die Hände tiefes würdigen Mannes zu drücken, wenn er mich nicht durch eine Aufforderung dazu berechtigt hätte, welche, damit ich ihr Folge leistete, zuweilen fast nöthig hatte, die Form eines Befehles anzunehmen.

Eines Tages, als ich mich, zu ihren Füßen auf einem Teppich liegend, bei meiner Mutter befand und in einem vor mir aufgeschlagenen Buche las, trat mein Vater mit einem Briefe in der Hand ein. Sein Gesicht strahlte, und es war leicht zu sehen, daß dieser Brief ihm irgend eine wichtige Nachricht überbracht hätte.

In der That, ein Verwandter, den wir in Southwell hatten, meldete meinem Vater, daß der berühmte Pope, welcher auf der Universität Oxford der Freund dieses selben Verwandten gewesen war, am folgenden Donnerstage auf seiner Reise nach York bei ihm einkehren sollte.

Er lud dem zu Folge meinen Vater, der ihn seit länger als zehn Jahren nicht gesehen hatte, ein, diese Gelegenheit zu benutzen, um ihn zu besuchen und zu gleicher Zeit Bekanntschaft mit dem Verfasser des Versuches über den Menschen und der Dunciade zu machen.

Diese Einladung war es, welche meinen Vater so vergnügt machte.

Ich fragte, wer Pope wäre.

– Der Verfasser des Buches, das Du in Händen hältst, antwortete mir mein Vater.

Und in der That, mein Vater hatte mir kurze Zeit vorher ein Geschenk mit der Uebersetzung der Iliade des berühmten Schriftstellers gemacht, die mit herrlichen Kupferstichen geschmückt war, welche eben so viel Antheil als der Text an meiner Bewunderung hatten.

Als ich erfuhr, daß mein Vater eingeladen wäre, mit dem Manne zu Mittag zu essen, der die schönen Verse geschrieben hatte, die ich auswendig wußte, rief ich aus:

– Und auch ich werde mit Ihnen gehen, nicht wahr, mein sehr geehrter Vater?

– Ja, gewiß, antwortete mein Vater, bei welchem ich in diesem Augenblicke die Flamme der Begeisterung leuchten sah; ja, mein Sohn, es soll nicht gesagt sein, daß ich die Gelegenheit gehabt hätte, Dich den größten Dichter des Jahrhunderts sehen zu lassen, und daß ich sie nicht benutzt hätte.

Ich stand auf, indem ich in die Hände klatschte; aber im selben Augenblicke unterbrach ich mich ganz beschämt: es war das erste Mal, daß es mir begegnete, mich einem solchen Ausbruche in Gegenwart meines Vaters hinzugeben.

Aber sei es nun, daß mein Vater selbst außer allen seinen Gewohnheiten gebracht war, oder daß er die Bewegung nicht bemerkt hatte, die ich so eben gemacht, er richtete keine Ermahnung an mich und begnügte sich damit, meiner Mutter zu sagen:

– Hurtig! Frau, es handelt sich darum, sich mit dieser Reise zu beschäftigen.

Wir hatten indessen drei Tage vor uns und nur zwölf Meilen zurückzulegen.

Aber das Ereigniß war so unerwartet, der Zweck so herrlich, daß während dieser drei Tage in dem Hause von nichts Anderem mehr die Rede war.

Die ganze Toilette meines Vaters wurde durchgesehen. Man machte ein Packet aus seinem schönen Fracke und aus seinen schönen kurzen Hosen von schwarzem Sammet; man hütete sich wohl, seine seidenen Strümpfe und seine Atlasweste zu vergessen; man putzte die silbernen Schnallen seiner Schuhe, bis daß sie wie Spiegel glänzten, und meine Mutter, welche sich für die Ehre ihres Gatten opferte, machte ihm einen Busenstreif und Manschetten aus einem herrlichen Kragen von englischen Spitzen, den sie von ihrer Mutter, und den ihre Mutter von ihrer Großmutter geerbt hatte.

Was mich anbetrifft, so wurde ich ganz neu in ein Costüm gekleidet, das aus einem kastanienbraunen Rocke gemacht war, den mein Vater erst drei Jahre getragen hatte; – eine Verschwendung, die noch nicht vorgekommen war, und die keine nachfolgenden in meinem Leben wie in dem seinigen haben sollte.

Zehn Personen des Dorfes, und sogar der benachbarten Stadt hatten meinem Vater ihren Wagen für diese große Reise angeboten; ein Augenblick der Eitelkeit machte, daß mein Vater nahe daran war, die Kutsche von dem Gutsherrn des Ortes anzunehmen, gegen dessen Stolz er zuweilen auf eine freilich versteckte, aber dennoch so klare Weise gepredigt hatte, daß Niemand, nicht einmal er sich darüber hatte täuschen können; aber sei es nun, daß er durch den Gedanken zurückgehalten wurde, daß das Anerbieten keinen anderen Zweck hätte, als ihn selbst in diesen dem Menschen um so verzeihlicheren Fehler verfallen zu lassen, da der schönste der Engel ihn begangen hatte, oder daß er von selbst in sich ging, mein Vater schlug das Anerbieten des Gutsherrn aus, und nahm das seines Pächters an. Am Morgen des wichtigen Tages fanden wir daher die bescheidene Carriole vor der Thür, die uns von Beeston nach Southwell fahren sollte.

Ich werde mich dieser Reise immer erinnern, mein lieber Petrus; wenn ich nach diesem, von dem großen Gesetzgeber den Hebräern gelobten Lande aufgebrochen wäre, so wäre ich nicht vergnügter und stolzer gewesen.

Das kam daher, weil auch die ganze Natur, – und zum ersten Male achtete ich auf sie, da ich sie so glänzend geschmückt sah, – weil auch die ganze Natur gleichfalls vergnügt und stolz schien; wie wir, hatte sie ihr Festtagskleid angelegt: das grüne Gewand des Mai-Monats und seine wohlriechende Blumenkrone. Man sah auf der ganzen Länge des Weges nur vom Winde geschüttelte Zweige mit jungem Laube, nur Schlüsselblumen und Veilchen, die den Boden schmückten, und fliegende und singende kleine Vögel, die sich nur ausruhten um Gott zu preisen, der ihnen erlaubte, mit dem Menschen, seinem erstgebornen Sohne, diese Welt zu theilen, welche mit jedem Jahre so schön, so frisch, so duftig wieder aufersteht, daß der Mensch, da er die Welt nicht alt werden sieht, nicht bemerkt, daß er alt wird.

In der Carriole neben meinem Vater sitzend, den ich nicht anzureden wagte, und der, obgleich weit freundlicher als gewöhnlich, mir kein Wort sagte, wohnte ich glücklich, aber still, diesem Feste der Natur bei, indem ich auf dem Grunde meines Geistes den Keim aller der Ideen sich regen fühlte, die ihn seitdem beschäftigt haben, und den diese Maisonne zu erwecken und zum Leben zu rufen schien, wie sie es mit dem grünen Grase, den weißen Gänseblümchen und den himmelblauen Veilchen machte.

Der Vergleich war um so richtiger, als ich glaubte, in meinen Augen eine Thräne rollen zu fühlen, wie ich in dem Kelche der Blumen einen Thautropfen zittern sah.

In jedem Dorfe hielt die Carriole vor der Thür des Pastors; mein Vater stieg aus, ließ mich aussteigen, und indem er vielleicht geräuschvoller bei seinem Amtsbruder eintrat, als es unserem bescheidenen Stande geziemt, sagte er:

– Mein lieber Freund, wünschen Sie mir Glück. . .

– Und wozu? fragte der Amtsbruder. Sendet Ihnen Gott eine Bischofsmütze, oder ist Ihre Frau zum zweiten Male schwanger?

– Mein Freund, ich werde mit dem großen Pope, dem ersten Dichter Englands, der Welt und selbst des Jahrhunderts zu Mittag essen!

Dann erhob der, an de n er sich wandte, die Arme gen Himmel, indem er sagte:

– Mein Freund. Sie sind ein glücklicher Mann!

Und die Frauen sagten zu ihren Kindern, indem sie ihnen meinen Vater zeigten:

– Meine Tochter, – oder, – mein Sohn, blicke den Pastor Bemrode an, er wird heute mit dem ersten Dichter des Jahrhunderts, der Welt, Englands, mit dem großen Pope zu Mittag essen!

Und nun entstand um meinen Vater herum ein Gemurmel neidischer Bewunderung, in welchem er zu wachsen schien, wie der Priester in Mitte einer Weihrauchwolke zu wachsen scheint.

Und wir stiegen wieder in die Carriole, und die immer schönere, immer lachendere, immer in dem Maße, als die Sonne am Horizonte aufging, an Wohlgerüchen verschwenderische Natur schien dem Reisenden gleichfalls ihren Tribut an Glückwünschen darzubringen.

Eine Meile weiter hin hielt der Wagen von Neuem; mein Vater stieg nochmals aus, und derselbe Auftritt erneuerte sich.

Die Folge davon war, daß wir wegen dieser hochmüthigen Stationen, welche sich vielleicht der Feind des Menschengeschlechts in seinen Feuerregistern anmerkte, erst um zwei Uhr Nachmittags bei dem Vetter meines Vaters ankamen, obgleich wir um fünf Uhr Morgens von Beeston aufgebrochen waren, und obgleich uns der Pächter sein bestes Pferd gegeben hatte.

Glücklicher Weise war der große Pope noch nicht da.

Aber gerade deshalb, weil er ein wenig auf sich warten ließ, war Alles bei dem Vetter durcheinander. Dieser Vetter, von dem ich wie von einem einfachen Manne, der keine Umstände macht, hatte sprechen hören, war ganz von Stolz aufgebläht; weiß gepudert wie ein Februar-Morgen, warf er den Kopf zurück, schob den Fuß vor, hustete, spie aus, und nahm von fünf Minuten zu fünf Minuten mit großem Geräusche und großem Gepränge aus einer Tabaksdose von sächsischem Porzellan eine Prise Tabak, von welcher drei Viertel auf seinen gestärkten, und gleich einem Hahnenkamm oder einer Fischgräte steifen Busenstreifen in Cascaden zurückfiel.

Der Stolz, der sich seiner ganzen Person bemächtigt hatte, verrieth sich in seiner Stimme, wie in seinem Blickt und in seinen Geberden; er sprach langsam und gravitätisch.

– Hierher, sagte er, indem er um den Tisch herumging, werde ich den großen Pope, den berühmten Verfasser der Dunciade, des Versuches über den Menschen und so vieler anderer erhabener Werke hinsetzen. Zu sein« Rechten werde ich mich setzen; zu seiner Linken werde ich meine Frau setzen; ihm gegenüber meinen Vetter Bemrode, und zur Rechten und zur Linken meines Vetters Bemrode die ehrenwerthen Decane von Newark und von Chesterfield. Wie Sie sehen, meine Herren, ist der Tisch rund, fügte er hinzu, indem er sich an seine Gäste wandte, wodurch, obgleich wir zu vierundzwanzig bei Tische sein sollen, der große Pope von Jedermann wird gesehen und gehört werden können.

Hierauf kehrte man in den Salon zurück, wo zwei schöne, weiß gekleidete junge Mädchen von sechszehn bis siebzehn Jahren Kränze von mit Rosen untermischten Lorbeeren flochten, die zu verstehen geben sollten, daß es dem großen Pope gleicher Weise in der lyrischen Poesie, wie mit den leichten Gedichten gelungen wäre.

Bei jedem Geräusche, welches aus dem Vorzimmer erschallte, entstand eine Revolution in dem Salon, Jedermann stand auf, indem er mit einer mit Unruhe gemischten Neugierde seinen Nachbar fragte:

– Ist es der große Pope?

Was mich anbetrifft, so war meine Bangigkeit so groß, daß ich die Hausflur nicht verließ, und daß ich, die Augen auf die Thür geheftet, indem ich Alles, selbst meinen kastanienbraunen Rock über den Mann vergaß, dem zu Ehren er gemacht worden war, aufmerksam auf die geringste Bewegung auf der Straße, auf die leichteste Erschütterung der Thür, mit jedem Augenblicke ausrief:

– Mein Vetter, man schellt! – Oder: – Mein Vetter, man klopft!

Und indem ich das rief, klopfte mein Herz mehr, als es noch für die wichtigsten Dinge meines kindlichen Lebens geklopft hatte; nur schien es mir zum Verwundern, nicht die Trommeln und die Trompeten zu hören, welche nach meiner Meinung diese Feierlichkeit anmelden müßten. Ich glaubte – so viel hatte man mir von dem großen Pope gesprochen – einen Riesen eintreten zu sehen, der die Decke berühren würde, oder zum allerwenigsten irgend etwas einem jener Könige ähnliches, mit denen ich in meinen Feenmährchen Bekanntschaft gemacht hatte; eine stattliche Person in einem Rocke von Goldtuch mit Sternen von Diamanten, Orden und Kreuzen wie ein großer Herr, der eine Menge von Pagen und von Livréebedienten nach sich führte.

Plötzlich klopfte man an die Thür, aber so bescheiden, daß ich dieses Mal nicht einmal glaubte rufen zu müssen, wie ich es bei den anderen gethan hatte: »Man klopft!«

Die Thür ging nichtsdestoweniger auf und ließ einen kleinen, ein wenig hinkenden, sehr bucklichen und in einen grauen Rock gekleideten Mann von fünfzig bis zwei und fünfzig Jahren eintreten. Ich stand im Begriff, ihn hochmüthiger Weise zu fragen, was er wollte, als ich einen großen Lärm hörte; die Gäste stürzten durch die Vorplätze und die Treppen mit dem Wirthe an ihrer Spitze herbei, indem sie ausriefen:

– Er ist es! er ist es! es ist der berühmte Dichter, es ist der große Pope! Heil dem unsterblichen, erhabenen Manne!

Und ich blickte um mich, indem ich suchte, mit wem alle diese Leute zu thun hätten, die mir Wahnsinnige schienen, und die indessen diesen kleinen hinkenden und bucklichten Mann grüßten, ehrten und priesen, der, ganz verlegen einen so lärmenden Empfang und eine so zahlreiche Gesellschaft zu finden, wo er geglaubt hatte, das einfache und fast einsame Haus eines Freundes zu betreten, grüßte, stammelte, die Hand auf sein Herz legte, und, nicht im Stande, durch die Stimme die Rührung auszudrücken, die er empfand, wenigstens durch Geberden seinen männlichen und weiblichen Bewunderern zu danken versuchte.

Als die erste Aufregung der Begeisterung vorüber war, hielt unser Vetter dem großen Pope – denn dieser kleine hinkende und bucklichte Mann war wirklich er – eine lange Rede, die er vorbereitet hatte, und von der Alles, dessen ich mich erinnere, ist, daß er ihn mit Homer, mit Virgil, mit Dante, mit Petrarea und mit Tasso verglich, wobei er ihm, wohlverstanden, den Vorzug vor diesen fünf Dichtern, seinen Vorgängern, gab.

Nach einigen Reden kamen die beiden weiß gekleideten jungen Mädchen, ihre Kränze von Lorbeeren anzubieten.

Pope antwortete auf die Reden nur durch einige Worte, küßte die beiden jungen Mädchen, und schritt nach dem Salon zu, wohin ihm die ganze Gesellschaft folgte, die beinahe eine Viertelstunde darauf verwandte, die Schwelle der Thür zu überschreiten, so sehr glaubte sich Jeder verbunden, seinem Nachbar Artigkeiten zu erzeigen.

Ich glaube, daß einige dieser Bewunderer des großen Pope noch dort sein würden, wenn man nicht, wie man es für die Fürsten thut, welche das Haus eines Privatmannes mit ihrem Besuche beehren, dem berühmten Verfasser des Versuches über den Menschen gemeldet hätte, daß angerichtet wäre; eine Meldung, welche, indem sie den durch ein langes Warten gesteigerten Appetit verdoppelte, die Nachzügler bestimmte, ihre Höflichkeitsbezeugungen einzustellen, und die am meisten Hungrigen zuerst eintreten ließ.

Diese Erinnerung, mein lieber Petrus, ist, wie Sie aus alle den einzelnen Umständen ersehen können, die ich Ihnen angebe, wie eine der ersten Enttäuschungen meines Lebens tief in meinem Gedächtnisse eingeprägt geblieben. Ich erwartete einen Riesen, irgend etwas, das an den Koloß von Rhodus oder die Statue Nero’s erinnerte, – und ich hatte einen hinkenden und bucklichten kleinen Mann eintreten sehen! Ich stellte mir vor, einen in einen prachtvollen Mantel gekleideten und, wie ich Ihnen gesagt habe, mit goldenen, ganz von einer Diamanten-Stickerei glänzenden Stoffen bedeckten König ankommen zu sehen, – und die Thür hatte eine Person im grauen Rocke von einer solchen Haltung eingelassen, daß ein Vornehmer ihn gewiß nicht zu seinem Bedienten hätte annehmen wollen!

Jedes Mal, wo in dem Laufe meines Lebens mir statt eines glücklichen, mit Ungeduld erwarteten Ereignisses irgend ein trauriges und schmerzliches Abenteuer zugestoßen ist, jedes Mal, wo statt des glänzenden Tages voller Sonne, der mir versprochen war, ein trüber und regnerischer Tag über meinem Haupte aufgegangen ist, habe ich daher auch an diesen, bei unserem Vetter in Southwell zugebrachten Tag gedacht; ich habe dem Herrn diese neue getäuschte Hoffnung dargebracht, und ich habe folgende Worte gemurmelt, die ich allein verstehen konnte und über die sich gar viele Leute verwundert haben:

– O großer Pope!

Jetzt hatte dieser Besuch noch einen anderen Einfluß auf mich, aber da dieser Brief bereits sehr lang ist, und. dieser Einfluß, – so wie das Fernrohr meines Großvaters, des Bootsmannes, – nicht ohne Wichtigkeit in meinem Leben gewesen ist, so erlauben Sie mir, mein lieber Petrus, Abschied von Ihnen zu nehmen, indem ich Sie bitte, mich Ihrem würdigen Bruder Samuel Barlow von Liverpool zu empfehlen, und für meinen nächsten Brief das verschiebe, was mir ,über diesen Gegenstand zu sagen übrig bleibt, eine Erzählung, welche, wenn ich sie in diesen Brief einschlösse , sich ganz natürlicher Weise eines Theiles der Entwickelung beraubt finden würde, die ihr nothwendig ist.

Aber ich fürchte sehr, lieber und geehrter College, daß Sie, sobald ich Ihnen mein Leben erzählt und das gesagt habe, was Sie zu wünschen wissen, in Ihrer Erwartung getäuscht, wie ich es selbst so oft gewesen bin, gleichfalls ausrufen werden:

– O großer Pope! . . .




II.

Auf welche Weise ich ein großer Mann werden würde


Was mir als Eindruck von diesem Tage übrig blieb, war das Verlangen, selbst ein großer Mann zu werden, damit man eines Tages für mich alles das thäte, was ich für den großen Pope hatte thun sehen.

Und dieses Verlangen war um so dringender, als, indem ich mich zum ersten Male in einem Spiegel betrachtete, meine Eitelkeit mir sagte, daß ich nicht allein weder hinkend, noch buckelicht wäre, sondern daß ich im Gegentheile ein ziemlich hübscher Knabe sei.

Wenn man mich sehen würde, würde ich daher nicht dieselbe getäuschte Hoffnung einflößen, welche mir der große Pope eingeflößt und Anderen hatte einflößen müssen; was am Ende bereits ein Vortheil war, den der Himmel mir vor ihm bewilligte.

Nur, auf welche Weise würde ich ein großer Mann werden? Das war die Frage, die ich mir stellte.

Wäre es nach der Art Achilles, Alexander’s, Cäsar’s, Karl’s des Großen oder Richard Löwenherz?

Ich habe niemals einen großen Beruf für das Gewerbe des Eroberers gehabt. Wie die Kirche, der ich angehöre, oder vielmehr der ich nicht angehöre, – denn die Lehre ist katholisch, – habe ich einen Abscheu vor Blut. Außerdem waren alle die großen Männer, deren Namen ich angeführt habe, selbst Söhne von Königen, oder sogar Nachkommen von Göttern und von Göttinnen, die zu einer bestimmten Zeit die Männer und das Geld unter ihrer Hand gefunden hatten, welche für die Eroberung von Troja, Indien, Gallien, Sachsen oder dem gelobten Lande nöthig sind, während ich der Sohn eines einfachen Pastors mit fünfzig Pfund Sterling Gehalt war, der einen sehr großen Einfluß auf die Seelen, aber eine sehr geringe Gewalt auf die Körper hatte.

Zuverlässig war es also nicht als Eroberer, daß ich ein großer Mann werden sollte.

Sollte es nach der Art des Apelles, des Zeugniß in dem Alterthume, oder Leonardo da Vinci’s und Raphael’s in dem Mittelalter sein?

Ich muß sagen, daß ich gegen die Malerei nicht denselben Widerwillen, als gegen den Krieg hatte. Ich war im Gegentheile ein großer Bewunderer der Malerei, ich schätzte Apelles, Zeuxis, Leonardo da Vinci und Raphael sehr. Aber man mag wohl wie Correggio sagen: »Und auch ich werde ein Maler sein!« Anch’ io son’ pittore! – Man muß auch noch eine Werkstatt und einen Meister finden. Nicht jeder Motto, der ein Schaf auf eine Schiefertafel zeichnet, begegnet bei dem Hüthen seiner Schafe einem Cimabue, der ihn seine Communion als Künstler machen läßt. Um Maler zu werden, und ein berühmter Maler, bedarf es langer und geduldiger Studien, einer großen Stadt, dem unermeßlichen Centrum, – und wir wohnten in einem armen Dorfe von Rotts!

Es war also wieder nicht als Maler, daß ich ein großer Mann werden konnte, und ich war gezwungen, auf die Malerei zu verzichten, wie ich auf die Eroberung verzichtet hatte.

Wäre es nach der Weise Homer’s, Virgil’s, Dante’s, Petrarea’s, Tasso’s oder Pope’s?

Oh! das war etwas Anderes! Außer daß ich meinte, darin meinen Beruf zu sehen, meinte ich auch die Anlage dazu zu haben.

Denn am Ende ist die Poesie die Tochter der Einsamkeit; sie hat fast immer die Armuth zur Pathin. Um ein Dichter zu werden, hat man keine Meister, hat man keine Modelle nöthig. Ein Jahr, fünf Jahre, zehn Jahre reichen zuweilen nicht aus, um die Erziehung eines Malers vollständig zu machen, während Jedermann weiß, daß man als Dichter geboren wird. Wenn ich nun aber das Glück gehabt hätte, als Dichter geboren zu sein, – und an diesem Glücke zweifelte ich nicht, – so hatte ich also nur mir die Mühe zu geben, zu wachsen und zu blühen; das schwierigste der Sache war geschehen, da ich geboren war! Was die Unkosten anbelangt, so waren sie nicht beträchtlich: eine Feder, Tinte und Papier; – die Begeisterung mußte das Uebrige thun.

Ich beschloß daher in meinem Innern, daß ich nach der Weise Homer’s, Virgil’s, Dante’s, Petrarea’s, Tasso’s und Pope’s ein großer Mann werden würde.

Von dem Augenblicke an, wo dieser Entschluß gefaßt war, beschloß ich keine Zeit zu verlieren, um ihn in Ausführung zu bringen. Ich verlangte von meinem Vater Geld, um das für den neuen Stand, den ich wählen wollte, nothwendige Geräth zu kaufen, und mein Vater, erfreut, endlich in mir diese Neigung zur Arbeit erwachen zu sehen, deren Erscheinen er so ungeduldig erwartete, nahm majestätischer Weise einen Schilling aus seiner Tasche, den er mir schenkte, und für den ich mir ein Buch weißes Papier, ein Bund Federn und eine Flasche Tinte kaufte. – Seit diesem Tage, mein lieber Petrus, hat es mir der Gipfel des Ruhmes geschienen, meine Ideen in ungleichen Zeilen gedruckt in einem in halb Franzband gebundenen oder sogar nur in einfaches Papier broschirten Buche zu sehen, denn welche Anwandlung mich seitdem auch befallen hat, in Prosa zu schreiben, so habe ich doch immer eine große Vorliebe für die Poesie empfunden, und unter allen Arten von Poesien die für das Heldengedicht.

Was ich im Alter von dreizehn Jahren daher beschloß, ist, daß ich ein Heldengedicht machen wollte.

Welches Thema sollte ich jetzt wählen? …

Die Iliade war ein sehr schönes Thema: – aber es war von Homer genommen worden!

Die Aeneïde war gleichfalls ein sehr schönes Thema: – aber es war von Virgil genommen worden!

Die göttliche Komödie war wieder ein sehr schönes Thema: – aber es war von Dante genommen worden!

Ah! wenn das befreite Jerusalem nicht von Tasso, und das verlorene Paradies nicht von Milton genommen gewesen wären, so waren das zwei Themas, die für den Sohn eines Pastors ganz gepaßt hätten!

Aber Tasso und Milton hatten das Glück gehabt, der eine hundert und fünf und dreißig, und der Andere hundert fünf und zwanzig Jahre vor mir geboren zu sein; – dieses Glück verursachte mir einen unwiderbringlichen Nachtheil, da sie diesen Zufall der Geburt benutzt hatten, um die beiden einzigen Themas zu Heldengedichten zu nehmen, welche bei den Modernen zu behandeln übrig geblieben!. . .

Glauben Sie indessen nicht, mein lieber Petrus, daß ich mich sogleich Anfangs schlagen ließ, und bei dem ersten Angriffe nachgab, indem ich wie Horaz floh und meine Ehre und mein Schild auf dem Schlachtfelde ließ. – Nein, mein Freund, nein; ich sträubte mich im Gegentheile aus allen meinen Kräften gegen die Armuth der Geschichte, indem ich mit einer über mein Alter gehenden Beharrlichkeit sowohl in den Büchern, als in meiner Einbildungskraft einen Helden suchte, welcher der poetischen Forschung meiner Vorgänger entgangen wäre. Ich ging alle Jahrhunderte durch; ich verlangte von jedem von ihnen ein Thema, das ein Aequivalent für die bieten könnte, welche ich dadurch verloren hatte, daß ich zwei oder dreihundert Jahre zu spät auf diese Welt kam; aber das Eine war nicht national, das Andere war antireligiös; dieses da bot nicht die unerläßlichen Bedingungen des Heldengedichts, das heißt den möglichen Austausch des Verkehres zwischen den Menschen und Wesen von einer höheren Natur, Göttern, Schutzgeistern oder Dämonen; jenes da sündigte endlich doch gegen die nothwendige Entwickelung, eine Entwicklung, welche verlangt, daß die Hauptperson des Gedichtes Sieger ist, während meine Helden, wie Hector, wie Turnus, wie Hannibal, wie Wittekind oder wie Harold, statt zu siegen, besiegt waren. – Ich schrieb mit wundervoller Handschrift mehr als zwanzig Titel auf mein Buch weißes Papier, aber, wie ich so eben sagte, ging ich niemals über den Titel hinaus, und da ich in dem Maße, als ich eine neue Enttäuschung erlitt, den geschriebenen Titel zerriß, um einen andern auf die folgende Seite zu schreiben, so ging daraus hervor, daß ich nach Verlauf von fünf Jahren, – gerade an meinem Geburtstage, zu derselben Stunde, wo die Zeit den letzten Tag meines achtzehnten Jahres zerriß, – das letzte Blatt meines Buches Papier zerriß.

Von diesem Augenblicke an war ich überzeugt, daß für mich eine Unmöglichkeit obwaltete, als Verfasser eines Heldengedichtes ein großer Mann zu werden; nicht etwa, daß ich nicht alles Das besaß, um dieses Gedicht zu schreiben, sondern einfach und allein, weil das Thema mangelte.

Es blieb mir die dramaturgische Poesie übrig.

Zuverlässig waren die von mir angeführten Namen, obgleich sie die glänzendsten waren, nicht die einzigen, welche an dem Himmel der Vergangenheit leuchteten. Zur Seite der Namen der großen epischen Dichter funkelten die des Aeschylus, Sophokles, Euripides, Aristophanes, Plautus, Shakespeare’s, Corneille’s, Moliere’s und Racine’s! Warum sollte ich daher nicht, statt ein epischer Dichter zu werden, ein dramatischer Dichter werden? Freilich würde ich in Beeston weder ein Theater, noch Schauspieler haben; aber was lag daran! Ich würde das thun, was Sophokles that, der in Kolonos seine Gedichte träumte, überlegte und ausführte, und der, wenn sie beendigt waren, sie in Athen spielen ließ; ich würde das thun, was Corneille that, der in Rouen seine Trauerspiele träumte, überlegte und ausführte, und sie in Paris spielen ließ; ich würde meine Dramen in Beeston träumen, überlegen und ausführen, und sie in London spielen lassen. Es gab sogar noch mehr: um sicher zu sein, daß meine Gedanken richtig wiedergegeben würden, könnte ich wie Shakespeare und wie Molière sie selbst spielen. Um die Wahrheit zu sagen, war mir dieses letzte Mittel ein wenig zuwider: ich hatte eines Tages in Nottingham herumziehende Schauspieler gesehen, und zwischen diesen würdigen Künstlern und den Zigeunern, denen ich wenige Stunden vorher auf der Heerstraße begegnet war, hatte mir der Unterschied nicht groß geschienen; aber man mußte indessen bemerken, daß diese Schauspieler Stücke spielten, deren Verfasser sie nicht waren, während ich, – was etwas ganz Anderes war und mich in meiner eigenen Achtung erhob! – meine eigenen Werke spielen würde. Nur würde ich in diesem Falle meinen würdigen Vater bestimmen müssen, seinen einzigen Sohn die Bretter betreten zu sehen, was, ich zweifelte durchaus nicht daran, eine große Schwierigkeit bieten würde; aber es würde Zeit sein, sie zu überwinden, wenn der Augenblick herbei gekommen wäre. Die Hauptsache war, anzufangen, um das Werk zu schaffen, und sobald es vollendet, so würde ich vielleicht wohl unter den angesehensten Schauspielern Londons einen Künstler finden, der würdig wäre es aufzuführen: wenn ich keinen finden sollte, ei nun! so würde mir das Mittel übrig bleiben, das erhabene Wort Seneca’s und Corneille’s in der Medea auszusprechen, – das so erhaben ist, daß es für zwei hat dienen können! Ich würde also Denen antworten, die mich in ihrer Bewunderung für mein Stück fragen sollten: »Aber wer wird Ihre Hauptperson spielen?«

– Ich! . . .

Nur würde ich nicht hinzufügen: »Ich, sage ich, und das ist genug!« denn so großes Vertrauen ich auch zu mir selbst hatte, so zögerte ich doch nicht anzuerkennen, daß das Anhören eines Stückes mit einer einzigen Person während fünf Acten sehr lang scheinen müßte, so schön die Grundsätze, so herrlich die Verse auch sein möchten, und daß von dem Augenblicke an, wo dieses Stück zehn bis fünfzehn Personen nöthig machte, ich neun, elf oder vierzehn Schauspieler haben müßte, um die anderen Rollen auszuführen und mir zu Trabanten zu dienen.

Aber es war im Voraus wohl verstanden, daß sie nichts Anderes, als Trabanten würden, und ich immer die Sonne.

Als ich alles das gehörig überlegt und entschlossen war, mich aus den Wolken des Heldengedichtes auf die Gipfel des Trauerspieles herabzulassen, nahm ich von Neuem meine Zuflucht zu der Freigebigkeit meines Vaters, welcher, obgleich durch die Unfruchtbarkeit meiner ersten Bemühungen ein wenig in seiner Hoffnung getäuscht, dennoch nicht zögerte, einen Schilling zu wagen, der auf der Stelle dazu diente, ein zweites Buch Papier, ein zweites Bund Federn und eine zweite Flasche Tinte zu kaufen.

Nun begann eine neue Arbeit, welche, ich muß es gestehen , mein lieber Petrus, ebenso fruchtlos war als die erste; – es hatte seit der Schöpfung der Welt noch mehr dramatische Dichter gegeben, als es epische Dichter gegeben hatte; daher rührte ein weit größerer Verbrauch von Themas und ein weit größerer Mangel an Helden; – ohne zurechnen, daß der epische Dichter ein Gedicht in seinem ganzen Leben macht, während ein dramatischer Dichter zehn, zwanzig, dreißig Trauerspiele, und sogar mehr macht, ein Beweis davon ist Aeschylus, welcher deren vierzig machte, Sophokles, der deren hundert drei und zwanzig machte, Euripides, der deren vier und achtzig machte! Indem ich das Verzeichniß der Alten und der Modernen las, bemerkte ich daher auch mit Schrecken, daß sich nicht eine große Katastrophe ereignet hatte, daß es nicht einen großen König oder großen Feldherrn gegeben hatte, ohne daß die Katastrophe zum Thema, und der König oder Feldherr zum Helden irgend eines Trauerspieles oder irgend eines Dramas gedient hätte. Alles war benutzt worden: Aeschylus, der indessen die Wahl unter den Helden hatte, da er als der erste auftrat, war bis zu Prometheus, das heißt bis zu Titan, dem Schöpfer der Welt, hinaufgegangen; Racine, der als der letzte kam, war bis zu Bajazet, das heißt fast bis zu der Geschichte unserer Zeit hinabgegangen. Was die Anderen anbelangt, so hatten ,sie mit vollen Händen, zur Rechten und zur Linken, hier und dort geerntet; – Sophokles hatte Ajax, Philoktetes, Antigene, Elektra, König Oedipus, Oedipus auf Kolonos genommen; er hatte soviel davon genommen, daß er am Ende genöthigt gewesen war, dasselbe Thema zwei Male zu nehmen. Euripides hatte Hecuba, Alceste, Medea, Iphigenia in Aulis, Iphigenia auf Tauris genommen, ein Beweis davon ist, daß auch er am Ende, wie sein Vorgänger Sophokles, keine Themas mehr gefunden hatte; – Shakespeare hatte Hamlet, Macbeth, Richard II., Richard III., Julius Cäsar, Coriolanus, den König Lear, Heinrich VIII., Titus Andronicus, Perieles, Antonius und Kleopatra genommen, so daß es ihm eines Tages gleichfalls an historischen Helden fehlte, und, da die Geschichte von ihm und seinen Vorgängern erschöpft war, er deren von seiner Einbildungskraft verlangte, welche, gehorsam und fruchtbar, Othello, den Kaufmann von Venedig, die beiden Seigneurs von Verona, Romeo, Falstaff, Prospero . . . was weiß ich? gab… – Corneille hatte den Cid, die Horatier, Cinna, Attila, Sertorius, Polyeuctes, Rodogune, Pompejus, Hannibal genommen; so weit gekommen, hatten ihm die Themas dermaßen gefehlt, daß er zum großen Nachtheile seines Ruhmes seine Zuflucht zu Pertharites, zu Otto, zu Surena genommen hatte, so daß er, nachdem er mit jenem Feldherrn der Parther zu thun gehabt hatte, da er nicht mehr wußte, weder was, noch wen er in Verse setzen sollte, die Nachahmung Jesus Christus in Verse gesetzt hatte! Endlich hatte Racine Eteokles und Polynices, Alexander, Andromache, Brittanicus, Berenice, Mithridates, Iphigenia, Phädra genommen, wonach ihm die Themas dermaßen erschöpft geschienen, daß er zwölf Jahre lang müßig blieb, bevor er Esther schrieb, und vierzehn Jahre, bevor er Athalia schrieb! Die Commentatoren sagen wohl, daß es ein religiöser Grund war, der den großen Dichter in seiner langen Laufbahn aufhielt, aber ich sage, ich behaupte, ich versichere, daß die wahre Ursache das von seinen Vorgängern bewirkte dramatische Gemetzel war . . .

Ich sage es mit um so mehr Grund, mein lieber Petrus, als es während dreier Jahre, in welchen ich ein Thema zu einem Trauerspiele oder einem Drama suchte, es mit dem Trauerspiele und dem Drama eben so war, als es mit dem Heldengedichte gewesen war. Ich schrieb den Titel von mehr als fünfzig Trauerspielen oder Dramen auf mein Heft; aber als ich nach Verlauf von drei Jahren sah, daß es mir unmöglich wäre, ein unbenutztes Thema zu finden, und da ich mich nicht zu dem Stande eines Plagiarius oder Abschreibers erniedrigen wollte, so verzichtete ich, – nachdem ich das letzte Blatt meines zweiten Buches Papier zerrissen, – darauf, ein großer Mann durch das Trauerspiel und das Drama zu werden, wie ich darauf verzichtet hatte, ein großer Mann durch das Heldengedicht zu werden.

Man wird mir sagen, daß mir das Lustspiel, diese unerschöpfliche Quelle, übrig blieb, welches die Laster, die Lächerlichkeiten der Menschen, die Irrthümer und die Verkehrtheiten der Gesellschaft zum ewigen Stoffe hat; aber als ich versuchen wollte, von dem Trauerspiele und von dem Drama zu dem Lustspiele überzugehen, bemerkte ich, daß, da ich in Beeston oder in Southwell eben keine anderen Männer als meinen Vater und mich, unseren Vetter und den großen Pope gesehen hatte, da ich keine Gelegenheit gehabt hatte, weder irgend ein Laster, noch irgend eine Lächerlichkeit zu beobachten, ich die Menschen nicht züchtigen konnte, wäre es auch nur im Spaße; eben so als ich, da ich keine andere Gesellschaft, als die des kleinen Dorfes kannte, welches wir bewohnten, nicht im Großen die Irrthümer und die Verkehrtheiten der großen menschlichen Gesellschaften schildern konnte, von der Beeston mir nur eine unmerkliche Miniatur bot.

Ich verzichtete daher auf das Lustspiel aus, wie Sie sehen, mein lieber Petrus, nicht weniger scheinbaren Gründen als die, welche mich bereits das Heldengedicht, das Trauerspiel und das Drama hatten aufgeben lassen.

Außerdem trug sich im Laufe dieses dritten Jahres,—, welches das ein und zwanzigste meines Alters war, – ein doppeltes Ereigniß zu, welches, indem es mein ganzes Herz und alle meine Thränen für wahres und persönliches Unglück in Anspruch nahm, meinen Geist wenigstens für den Augenblick verhinderte, sich länger an fremdem oder eingebildetem Unglücke zu üben.

Meine Mutter zuerst, und nachher mein Vater starben einen Monat nach einander.

Der Tod meiner Mutter war für mich ein unermeßlicher Schmerz, der meines Vaters war zugleich ein unermeßlicher Schmerz und eine außerordentliche Verlegenheit.

Wie das? Das will ich Ihnen in meinem nächsten Briefe erklären, mein lieber Petrus, da dieser nach meiner Meinung bereits die Grenzen eines gewöhnlichen Briefes überschritten hat.

Aber ich bedurfte nicht weniger als der zehn bis zwölf Blätter, aus denen er besteht, um Ihnen zu erklären, wie ich, statt ein großer epischer Dichter wie Homer, Virgil, Dante, Petrarca, Tasso, oder ein großer dramatischer oder komischer Schriftsteller wie Aeschylus, Sophokles, Euripides, Aristophanes, Plautus, Shakespeare, Corneille, Molière oder Racine zu werden, ein einfacher Dorfpastor wie Swift bin, – dabei noch mit Ausnahme seiner tausend Pfund Sterling Einkünfte, die ich nicht beziehe, und seiner Reisen Gulliver’s, seines Mährchens von der Tonne, seiner Prophezeihung Bickerstaff’s und seiner Bücherschlacht, die ich nicht geschrieben habe, wobei ich aber dennoch nicht verzweifle, eines Tages Aehnliches zu schreiben.

Denn obgleich ich gerade heute, meinem Geburtstage, mein sechs und zwanzigstes Jahr vollendet habe, ohne daß ich mich noch habe entschließen können, die erste Zeile des Buches zu schreiben, das mich berühmt machen wird, so habe ich doch immer noch die Hoffnung, mit Hülse des Herrn, der Nachwelt einen berühmten Namen hinterlassen zu können, wo nicht durch die Poesie, auf welche ich so ziemlich verzichtet habe, doch wenigstens durch irgend ein schönes Buch in Prosa, wie deren Rabelais, Montaigne und Daniel de Foë geschrieben haben.




III.

Erster Rath meines Wirthes, des Kupferschmieds


Ich habe Ihnen in meinem letzten Briefe gesagt, mein lieber Petrus, daß der Tod meiner Mutter für mich ein , unermeßlicher Schmerz, aber daß der meines Vaters zugleich ein unermeßlicher Schmerz und eine außerordentliche Verlegenheit gewesen war.

Ich habe Ihnen ferner gesagt, daß mein Vater nicht reich war; bei seinem Tode bemerkte ich, daß er nicht allein nicht reich war, sondern auch noch daß er arm, mehr als arm, – in dem Elende war!

Obgleich von einem strengen und frostigen Aeußern, hatte mein Vater doch ein nachsichtiges und gutes Herz. Die Armen, mit denen er bei der Ausübung seines Amtes zu thun hatte, wußten es wohl und liebten ihn nicht ohne Grund. Wenn er von der Höhe der evangelischen Kanzel gegen die selbstsüchtigen, geizigen, gefühllosen Herzen donnerte, so geschah es, weil sein Geldbeutel leer war; so geschah es, weil, da er überall um sich herum Unglück sah, das er nicht erleichtern konnte, sein Unwille gegen die überströmte, welche Gott reich gemacht hat, damit sie die zweite Vorsehung der Armen wären, und die, indem sie ihr Herz den Klagen der Unglücklichen verschließen, auf eine unwürdige Weise gegen die Sendung fehlen, die sie vom Himmel erhalten haben.

Mein Vater konnte in der That nicht zwei gefaltete Hände sehen, ohne sie durch ein Almosen zu öffnen, indem er nicht bedachte, daß er der erste Bedürftige seiner Gemeinde wäre. Seine Güte in dieser Beziehung war so sehr bekannt, daß ein armer Weber unseres Dorfes, der für sechszig Pfund Sterling Hanf, Flachs und Garn bei einem Handelsmanne in Nottingham gekauft hatte, und der durch das Abbrennen seines Hauses Alles verloren hatte und den Handelsmann nicht bezahlen konnte, der ihm die Waare geliefert, von diesem Handelsmanne verklagt und für diese Schuld verhaftet, sich, von den Gerichtsdienern begleitet, achtzehn Monate vor seinem Tode zu meinem Vater hatte führen lassen, – obgleich er wohl wußte, daß mein Vater diese Summe nicht zu seiner Verfügung hätte; – aber er rechnete auf das, was sich ereignete: nämlich daß mein Vater, von Mitleiden bewegt, mit ihm nach der Stadt aufbrach, damit anfing, zu versuchen, den Handelsmann zu erweichen, und als er sah, daß es ihm nicht gelang und der arme Weber in das Gefängniß geführt werden sollte, für ihn bürgte, indem er sich anheischig machte, jährlich vier Pfund Sterling zu bezahlen, ein Versprechen, das er so lange als er lebte, pünktlich hielt, so daß er bei seinem Tode bereits sechs Pfund von den sechszig bezahlt hatte.

Diese Armuth machte, daß der Geschäftsmann, an den ich mich wandte, nachdem er die Lage untersucht hatte, mir den Rath ertheilte, die Erbschaft nur unter der Begünstigung des Inventariums anzunehmen, was ich durchaus verweigerte, da es mir, wenn ich so handelte, geschienen hatte, dem Andenken meines Vaters einen Schimpf zuzufügen. Ich lud daher die Gläubiger, die mein Vater in dem Dorfe haben konnte, ein, ihre Rechtsansprüche vorzulegen, und da, als das Leichenbegängniß begangen und dem würdigen Manne die letzten Ehren erwiesen worden waren, nur noch elf Schilling in dem Pfarrhause übrigblieben, so ließ ich unser ganzes armseliges Mobiliar verkaufen, mit Ausnahme von dem Fernrohre meines Großvaters, des Bootsmannes, von dem mich niemals zu trennen meine Mutter mich hatte versprechen lassen, in welche Roth ich auch versinken möchte, indem sie dasselbe nicht allein als eine Familienreliquie, sondern auch noch als einen Talisman des Glückes betrachtete.

Als das ganze Mobiliar verkauft war, fand es sich, daß ich sechs Pfund Sterling vor mir hatte, aber daß ich dem Handelsmanne in Nottingham vierundfünfzig schuldig war.

Vielleicht hätte ich diese Schuld, die meinen Vater nicht persönlich anging, streitig machen können; aber, wie ich gesagt habe, ich wollte nicht, daß nur der Schatten eines Fleckens auf seinem Andenken bliebe. Ich übernahm seine Schuld unter denselben Bedingungen, und ich verpflichtete mich an seiner Stelle, – obgleich es von mir, der ich durchaus Nichts besaß, nicht sehr klug war, mich zu verpflichten, jährlich vier Pfund Sterling zu bezahlen, besonders wo die Urkunde über diese Schuld die Bedingung enthielt, daß bei dem Ausbleiben der Zahlung zwei Jahre hinter einander die ganze Summe acht Tage nach dem Ausbleiben der Zahlung dieses zweiten Jahres auf einen einfachen Befehl eingefordert werden könnte.

Aber trotz meiner getauschten Hoffnungen in der epischen und in der dramatischen Poesie, hoffte ich immer noch zur Berühmtheit und zum Vermögen dadurch zu gelangen, daß ich einen der tausend Zweige der Literatur wählte, die ich noch nicht versucht hatte, und die immer zu meiner Verfügung bleiben würden, sobald mein Genie geruhte, sich bis zu ihnen herabzulassen.

Ich glaubte daher diese Verbindlichkeit übernehmen zu können und übernahm sie ohne Furcht; dann, da ich am Ende, – bis daß ich das große Werk schriebe, das meinen Namen berühmt machen und mein Vermögen begründen sollte, – irgend einen Stand annehmen mußte, so wählte ich den, den mein Vater auf eine so würdige Weise ausgefüllt hatte; ich nahm die Weihe, was nur eine einfache Förmlichkeit war, da alle meine klassischen und theologischen Studien unter der Leitung des tugendhaften Mannes gemacht worden waren, den ich beweinte, und der, nachdem er für alle meine Bedürfnisse während seines Lebens gesorgt, noch meine Zukunft nach seinem Tode sicherte.

Aber es war nicht Alles, die Weihe erhalten zu haben, ich mußte auch noch, damit diese Weihe mir zu etwas diente, zu irgend einer Pfarrstelle gelangen, so klein und so schlecht bezahlt sie auch sein möchte. Ich war dermaßen gewöhnt, mit Wenigem zu leben, daß, ich war überzeugt davon, diese Pfarrstelle für meine Bedürfnisse hinreichend sein und mir noch das Mittel gewähren würde, dem Handelsmanne in Nottingham die Schuld abzutragen, die mein Vater gegen ihn eingegangen, um den armen Weber von Beeston aus der Verlegenheit zu ziehen, auf den ich außerdem nicht rechnen durfte, um mir zu helfen, da der würdige Mann gerade einen Monat nach meinem Vater gestorben war.

Uebrigens zweifelte ich nicht, daß, sobald man wissen würde, daß ein Mann, der Hoffnungen wie die meinigen bot, einwilligte, Dorfpastor zu sein, der Rector von Nottingham, von dem alle Pfarrstellen der Umgegend abhingen, sich beeilen würde, mir die Wahl unter denen zu lassen, welche offen ständen.

Man muß gestehen, daß mein Ehrgeiz nicht übertrieben war: ich war durch das Lesen der griechischen und lateinischen Schriftsteller aus dem Jahrhunderte des Perikles und dem Jahrhunderte des Augustus gebildet, und ich las sie mit mehr Leichtigkeit, als die englischen Schriftsteller des dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderts; ich sprach französisch und deutsch wie meine Muttersprache; ich hatte einen gewissen natürlichen Verstand, verbunden mit einer hochmüthigen Treuherzigkeit, die mich offen meine Hoffnungen aussprechen ließ, so lächerlich sie auch sein mochten; endlich hatte ich in Ermangelung praktischer Studien so viel gelesen, so viel behalten, so sehr die Jahrhunderte mit, den Jahrhunderten und die Menschen mit den Menschen verglichen, daß ich glaubte, zu einer gründlichen Kenntniß der Menschheit gelangt zu sein, einer Kenntniß, welche mir erlaubte, auf der Tiefe der Herzen den wirklichen und wahren Grund aller Handlungen dieser Welt zu erforschen, wären sie auch in die dichtesten Schleier der Selbstsucht, in die dunkelsten Falten der Heuchelei gehüllt.

In der Berechnung und in der Theorie, mein lieber Petrus, waren meine Schlüsse in der That vollkommen; aber sobald ich von der Theorie zu der Praxis übergehen mußte, verwirrte mich der Anblick der Leute, mit denen ich zu thun hatte, gänzlich. Die Einsamkeit meiner Jugend, in welcher ich alle die erhabenen Ideen geschöpft hatte, mit deren Hilfe ich in der Stille und der Sammlung der Arbeit meinen Namen zu verherrlichen und mein Glück zu machen gedachte, war unvermögend gewesen, mich zu dem Umgange mit den Menschen zu bilden; meine in der Ruhe der Ueberlegung gefaßten Entschlüsse verschwanden, die Logik meines Unheiles verlor sich unter dem Erbeben meiner Lippen und dem Stammeln meiner Stimme, und, der Gefahr gegenüber, der ich aus der Ferne Trotz geboten, sie bekämpft, durch meine siegreiche Logik überwunden hatte, fand ich nur Redensarten ohne Kraft, Worte ohne Werth, kurz eine gänzliche Machtlosigkeit, unfähig anzugreifen, noch mich zu vertheidigen.

Und was es wirklich Unglückseliges für mich bei dieser bedauernswerthen Beschaffenheit meines Temperamentes gab, ist, daß ich, da ich trotz alledem das Gefühl meines eigenen Werthes, und demzufolge das Bewußtsein meiner geistigen Ueberlegenheit gerade über die hatte, welche mich so niederbeugten, meine Niederlage nicht ihrem wahren Grunde, das heißt einer unüberwindlichen Schüchternheit zuschreiben konnte, oder vielmehr nicht wollte; sondern ich suchte im Gegentheile eine fremde, meiner Eigenliebe schmeichelnde Ursache, die vor dem Lächerlichen dieses Ich schützte, auf dessen Würde ich um so eifersüchtiger war, als ich in Mitte der Leute, die es nach meiner Meinung nicht recht schätzten, ihm, gleichfalls nach meiner Meinung, allein seinen wirklichen Werth bewilligte; – einen Werth, der eines Tages glänzend und unbestritten aus dem großen Werke hervorgehen würde, das ich der Bewunderung meiner Mitbürger zu überliefern gedachte, wie die Sonne majestätisch und strahlend aus den Dünsten der Nacht oder den Wolken des Gewitters hervorgeht!

Aber um zu der Abfassung dieses großen Werkes zu gelangen, bedurfte ich jener Ruhe des Geistes, welche mir allein, so bescheiden es auch sein mochte, ein festes und sicheres Einkommen gewähren konnte, das der Seele die beständige Sorge für die Bedürfnisse des Körpers nahm.

Zu diesem Zwecke, und in der Erwartung der Pfarrstelle, die nicht ermangeln konnte mir irgend eines Tages bewilligt zu werden, verließ ich Beeston, wo ich keine Aussichten hatte, und miethete mir, indem ich als einziges Möbel nur das Fernrohr meines Großvaters, des Bootsmannes, mitnahm, in Nottingham ein kleines Zimmer, das mir ein wackerer Kupferschmied von Devonshire gegen fünf Schilling monatlich im dritten Stockwerke seines, in der Nähe der Sanct-Marienkirche gelegenen Hauses abtrat, dem, so ungebildet er auch in Bezug auf Erziehung war, nicht ein gewisser natürlicher Verstand fehlte.

Sobald ich mich einmal in Nottingham niedergelassen, war es meine Absicht, mich in der Welt vorzustellen, und, indem ich überall auf meinen Wegen jenes Aufsehen zurückließ, welches meine geistige Ueberlegenheit natürlicher Weise hervorbringen mußte, die Bewunderung zu benutzen, welche diese Ueberlegenheit erwecken würde, um mir von dem Rector die Pfarre geben zu lassen, nach der ich strebte.

Unglücklicher Weise kannte ich in Nottingham, um mich in die Welt einzuführen, durchaus Niemand als jenen Handelsmann, dem ich vier und fünfzig Pfund Sterling schuldete, die jährlich zu vier Pfund zahlbar waren. Die Logik sagte mir, daß dieser Mann alles Interesse dabei hätte, mich mein Vorhaben gelingen zu lassen, da er, wenn er mich auf den Weg des Glückes führte, nicht allein seine Forderung sicherte, sondern auch noch die Bezahlung derselben beschleunigte, weil es leicht zu begreifen war, daß ich von dem Tage an, wo ich mein Glück gemacht, nicht eine so armselige Schuld zurücklassen würde. Ich beschloß daher, obgleich ich ihm in der Wirklichkeit die vier Pfund erst am Ende des Jahres schuldig war, ihm dennoch, da das erste Quartal dieses Jahres abgelaufen, ein Pfund zu überbringen, das ich von den drei oder vier Guineen nahm, die mir übrig blieben. Das war ein Opfer, aber ohne allen Zweifel würde diese Vorausbezahlung meinen Gläubiger günstig für mich stimmen, und mir durch eine geschickte Spekulation bei weitem mehr eintragen, als eine Guinee, wäre sie auch auf die höchsten gesetzmäßigen oder wucherischen Zinsen angelegt, gewöhnlich in einem Jahre einträgt.

Geben Sie mir zu, mein lieber Petrus, daß ich, indem ich dabei in den Regeln der strengsten Rechtschaffenheit blieb, oder vielmehr mich zu dem Erhabenen des Zartgefühles erhob, da ich in der Wirklichkeit neun Monate vorausbezahlte, – geben Sie zu, daß ich da eine Berechnung gefunden hatte, die ein Meisterstück der Logik und zugleich der Speculation war.

Noch heute zweifle ich daher auch nicht, daß diese Berechnung vollkommen ohne die Dazwischenkunft meiner bedauernswerthen Schüchternheit gelungen wäre, doch diese verdarb Alles, und vernichtete meine weder zur Blüthe noch zur Frucht gereiften Hoffnungen in der Wurzel.

In der That, sobald ich einmal bei dem Handelsmanne, ihm und seiner Frau, einer mageren, unfreundlichen und zänkischen Person, gegenüber war, kurz, sobald ich einmal die Guinee aus meiner Tasche gezogen hatte und sie in die meines Gläubigers übergegangen war, der, – ich muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, – mir auf der Stelle einen Empfangsschein anbot, konnte ich kein einziges Wort mehr finden, um auf die Hauptfrage einzugehen, das heißt meiner Vorstellung in die Welt, so linkisch und kleinstädtisch fand ich mich, als ich mich in einem ungeheuren Spiegel betrachtete, dem gegenüber mich ein Unglückseliger Zufall gestellt hatte.

Dann wollte das Unglück, daß ich, um dem Empfangsscheine entgegen zu gehen, den mir der Handelsmann brachte, nachdem er sich erhoben, um ihn an seinem Pulte zu schreiben, selbst aufgestanden war, so daß ich mich mitten in dem Zimmer stehend und mit meinem Hute in der Hand wie Jemand befand, der bereit ist, Abschied zu nehmen.

Nun aber verlangte die Bitte, die ich an meinen Handelsmann zu stellen hatte, eine gewisse Entwickelung: ich mußte ihn nicht allein bitten, mich in der Welt vorzustellen, sondern ihm auch noch auseinandersetzen, zu welchem Zwecke ich diese Bitte an ihn stellte; mich wieder zu setzen, wo ich ausgestanden war, schien mir linkisch; meine lange Auseinandersetzung stehend zu machen, schien mir unmöglich. Außerdem war es augenscheinlich, daß der Handelsmann meinte, daß wir uns nichts mehr zu sagen hätten, ich hatte mich verneigt, um ihm den Empfangsschein aus der Hand zu nehmen; er, in der Meinung, daß ich mich so verneigte um ihn zu grüßen, hatte sich gleichfalls verneigt; da er sah, daß ich mich nicht wieder aufrichtete, richtete er sich auch nicht wieder auf, und da weder der Eine noch der Andere von uns sich weder rührte, noch sprach, so hatten wir das Ansehen von zwei Parenthesen, die den Satz erwarteten, .der ihnen zur Verbindung dienen sollte; indem sie sich verlängerte, – und sie verlängerte sich! – wurde die Lage dermaßen wunderlich, daß ich diese so magere, so unfreundliche und so zänkische Frau sich umwenden sah um zu lachen; nun gerieth ich in Verlegenheit; meine Verlegenheit steigerte ihre Lustigkeit; diese Lustigkeit, welche der Handelsmann zu theilen begann, ließ mich gänzlich den Kopf verlieren. Ich dachte an nichts Anderes mehr als eine Redensart zu suchen, nach welcher ich auf eine ehrenvolle Weise meinen Rückzug bewerkstelligen könnte; endlich glaubte ich sie gefunden zu haben, und indem ich mich wieder aufrichtete, sagte ich zu ihm.

– In drei Monaten, mein Herr, werde ich Ihnen eine weitere Guinee bringen.

Ohne Zweifel machte mich dieses Versprechen in den Augen meines Handelsmannes weniger lächerlich, denn indem er von dem Lachen zu dem einfachen Lächeln überging, sagte er

– Bringen Sie, mein Herr, und Sie werden willkommen sein.

Hierauf reichte er mir artiger Weise seine Hand, die ich linkisch mit einer kalten, feuchten und zitternden Hand ergriff. ,

Das kam daher, weil ich vollkommen fühlte, daß ich eine Albernheit dadurch begangen hätte, daß ich das sagte, was ich so eben gesagt hatte, weil ich gegen diesen Mann eine unnöthige Verpflichtung einging, welche einzugehen mich nichts nöthigte. Noch mehr: dieses Versprechen war nicht allein unnöthig, sondern es war auch noch gefährlich: wenn ich, nachdem ich dieses Versprechen gegeben, in drei. Monaten kam, um ihm die Guinee zu überbringen, so wußte er es mir keinen Dank, da er im Voraus davon benachrichtigt war; wenn ich dagegen nicht kam, so brach ich, obgleich ich diese Guinee erst in sechs Monaten schuldig war, mein Wort und machte ihn unwillig gegen mich. Der Fehler war so groß, daß ich, wie immer, außerhalb mir eine Ursache für das Unglück suchte, das mir begegnete endlich glaubte ich diese Ursache entdeckt zu haben: ich sagte mir, daß wenn die Frau des Handelsmannes nicht anwesend gewesen wäre, ich mich mit ihrem Gatten vollkommen Mann gegen Mann erklärt hätte; das, was mir begegnet, war also die Schuld dieser Frau: ich entfernte mich daher, indem ich sie verwünschte, wo in der Wirklichkeit ich allein es war, den ich verwünschen mußte.

Ich kehrte zu meinem Kupferschmied zurück, dem ich meinen Unfall erzählte, wobei ich demselben ein für meine Eigenliebe ganz befriedigendes Ansehen gab, und da ich von diesem Manne durchaus nicht eingeschüchtert war, so sagte er zu mir:

– Meiner Treue, Herr Bemrode, an Ihrer Stelle würde ich keine langen Umstände machen und geraden Weges zu dem Rector gehen. Sie stellen sich so gut vor, und Sie sprechen mit so vieler Beredtsamkeit, daß ich keinen Augenblick daran zweifle, daß Sie von ihm alles das erlangen, um was Sie ihn bitten werden.

Dieser Gedanke überraschte mich wie ein Lichtstrahl, und ich verwunderte mich, daß ich ihn noch nicht gehabt hätte. Der Rector war nicht verheirathet: demzufolge würde ich aller Wahrscheinlichkeit nach bei ihm keine Frau finden, die mich einschüchterte. – Ich drückte die Hand meines Kupferschmieds mit bei weitem mehr Freimüthigkeit, als ich die Hand meines Handelsmannes gedrückt hatte.

– Sie haben Recht, rief ich aus, ich werde zu dem Rector gehen. Er ist es, der die Kandidaten ernennt; ich werde mich ihm mit jener edlen Dreistigkeit vorstellen, die zu Gunsten dessen einnimmt, der sich bewirbt, und welche macht, daß man seine Bitte nicht zurückzuweisen wagt. Ich kenne die Menschen, mein lieber Wirth, und nach den ersten Worten, die er an mich richtet, werde ich seinen Charakter beurtheilen, und da man sich am Ende ein wenig helfen muß, wenn man seinen Zweck erreichen will, so werde ich mir mit dieser gründlichen Kenntniß helfen, die mir die Natur verliehen und welche die Erziehung vervollkommnet hat. Wenn er hochmütig ist, so werde ich ihm auf eine feine Weise und in den Grenzen schmeicheln, wo die Schmeichelei einem Christen erlaubt ist; wenn er gefühlvoll ist, so werde ich ihn bei dem Herzen angreifen und ihn rühren; wenn er gelehrt ist, so werde ich mich mit ihm über Wissenschaften unterhalten und ihm zeigen, daß auch mir die Wissenschaften nicht fremd sind; wenn er endlich unwissend ist, so werde ich ihn durch den Umfang meiner Kenntnisse in Erstaunen setzen, und, wie Sie sehen, mein lieber Wirth, wird er mir wohl in dem einen oder andern Falle das bewilligen müssen, um was ich ihn bitten werde.

Mein Wirth hatte mich aufmerksam angehört, aber es war augenscheinlich, daß er meine Begeisterung nicht theilte.

Nach Verlauf eines Augenblickes brach er das Schweigen.

– Sehen Sie, Herr Bemrode, was Sie da so eben gesagt haben, ist sehr schön gesagt . . .

– Nicht wahr? erwiderte ich ganz vergnügt über seinen Beifall.

– Ja . . . nur würde ich nicht so verfahren.

– Weil Sie nicht die Kenntniß der Menschen haben, mein lieber Wirth.

– Das ist möglich; ich habe nur Instinkt, den Instinkt eines Thieres vielleicht; aber dieser Instinkt hat mich niemals getäuscht.

Ich lächelte, und da ich wissen wollte, wie mein Wirth verfahren würde, so fragte ich ihn in einem Protectortone:

– Wohlan! mein lieber Freund, was würden Sie denn an meiner Stelle thun? Lassen Sie hören, sagen Sie, – ich bin ganz Ohr.

Und um ihn mit mehr Bequemlichkeit anzuhören, streckte ich mich gravitätisch in seinem großen Sessel von geschnitztem Holze aus.

– Nun denn! begann mein Wirth wieder, ich würde ihm ganz einfach sagen: »Herr Rector, Sie haben vielleicht von einem würdigen Manne sprechen hören, der dreißig Jahre Pastor der Gemeinde von Beeston gewesen ist; während dieser dreißig Jahre hatte er, was schwierig ist – sich die Achtung der Reichen und die Liebe der Armen zu erwerben und zu erhalten gewußt. Ich bin sein Sohn, Herr Rector, las heißt nichts, durchaus nichts durch mich selbst, und ich komme im Namen meines verstorbenen Vaters, Sie um eine kleine Dorfpfarre zu bitten, in welcher ich die Tugenden ausüben könnte, von denen er mir seit dem Tage meiner Geburt bis zu seinem Todestage das Beispiel gegeben hatte.« Das würde ich ihm sagen, Herr Bemrode, ich, der ich die Menschen nicht kenne, und ich bin überzeugt, daß diese wenigen Worte, so einfach und kunstlos sie auch sind, den Rector mehr rühren würden, als alle Ihre großen vorbereiteten Reden.

Ich lächelte mitleidig. – Mein Freund! sagte ich zu ihm, Ihre Rede, – denn es ist eine Rede, obgleich, wenn man die von Ciecro in seinem Buche von den Rednern vorgeschriebenen Lehren auf sie anwendet, es leicht zu sehen ist, daß sie in der Form fehlt, – mein Freund, Ihre Rede ist zu einfach; es fehlt ihr jene erhabene Kunst, die wir die Beredtsamkeit nennen. Nun ist aber die Beredtsamkeit die einzige Sache, welche rührt, welche erschüttert, welche fortreißt. Plinius sagt, daß die Alten die Beredtsamkeit mit goldenen Ketten vorstellten, die ihr aus dem Munde hervorhingen, um anzudeuten , daß sie unumschränkte Gebieterin auf dieser Welt sei, und daß alle Menschen ihre Sklaven wären. Ich werde daher beredt sein, und da ich meine Beredtsamkeit dem Verstande, dem Charakter und dem Temperamente Ihres Rectors anpassen werde, so wird es mir gelingen… Auch ich, rief ich in meiner Begeisterung aus, auch ich habe goldene Ketten, die an meinen Lippen hängen, und mit diesen Ketten werde ich die Welt unterwerfen!

– Dem sei so! murmelte mein Wirth mit einer Miene, welche sagen wollte: »Ich wünsche es Ihnen, mein lieber Freund, aber ich glaube es nicht . . .«




IV.

Zweiter Rath meines Wirthes, des Kupferschmieds


Da ich wegen des Besuches bei meinem Handelsmanne in meinen schönsten Anzug gekleidet war, so beschloß ich, meinen Besuch bei dem Rector nicht auf den folgenden Tag zu verschieben und meine Toilette zu benutzen, um, wie man zu sagen pflegt, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Außerdem schien es mir, da es mir so gänzlich auf einer Seite mißlungen war, daß es mir an demselben tage nicht auf der andern mißlingen könnte. Ich kannte meine Rechtswissenschaft zu gut, um nicht den Grundsatz des non bis in idem zu kennen; endlich schöpfte ich, wie es wahrhaft muthigen Herzen begegnet, eine neue Kraft aus meiner Niederlage, und es drängte mich, sie durch einen Sieg wieder gut zu machen.

Ich machte mich daher stolz und voller Hoffnung auf den Weg. – Unglücklicher Weise wohnte der Rector am Ende der Stadt. Wenn er zehn Schritte, zwanzig Schritte, sogar fünfzig Schritte weit von dem Hause meines Wirthes, des Kupferschmieds, gewohnt hätte, so zweifle ich noch heute nicht, daß ich ihn mit der unerschütterlichen Ueberlegenheit angeredet hätte, welche mir natürlicher Weise das gründliche Studium der Menschen verlieh, das ich gemacht hatte; aber, wie gesagt, wohnte er an dem anderen Ende der Stadt! In dem Maße, als ich weiter kam, schienen mir die vorbereiteten Beweisgründe weniger triftig, und wider meine.n Willen fiel mir die so einfache Rede meines Wirthes, des Kupferschmieds, wieder ein; anfangs verwarf ich sie verächtlich, denn unstreitig hielt sie sich, wie ich es dem Verfasser bereits selbst gesagt hatte, in einer bedauernswerthen Schwäche der Form; aber gleichfalls unstreitig lag in ihr eine der Bedingungen der Beredtsamkeit, freilich eine untergeordnete Bedingung, – submissa oratio, – wie Cicero sagt, aber eine Bedingung, die indessen ihren Werth hat: die Einfachheit.

Diese Zusammenstellung unserer beiden Reden,– meiner Rede und der Rede meines Wirthes, des Kupferschmieds, – erfüllte mich mit einem ersten Zweifel. War es besser, den Rector in dem erhabenen Style oder in dem einfachen Style anzureden? Mußte ich imposant oder natürlich sein?

Bei einem Umstande, von welchem meine ganze Zukunft abhing, verdiente die Frage wohl erwogen zu werden.

Ich blieb einen Augenblick lang stehen, um zu überlegen, ohne auf das von den Vorüberkommenden bei dem Anblicke dieses Mannes, welcher gesticulirte und mitten auf der Straße allein sprach, an den Tag gelegte Erstaunen zu achten.

Diese Berathung, – bei welcher ich mich selbst mit einer Unparteilichkeit, welche den ausgezeichnetsten Rechtsgelehrten von Großbritannien Ehre gemacht hätte, zum Advocaten des einfachen Styles machte, – hatte zum Resultate, den Advocaten in einen Richter umzugestalten und dem Richter ein dem Könige Salomo würdiges Urtheil vorzuschreiben.

Dieses Urtheil war, daß in der Rede, die ich an den Rector richten würde, eine glückliche Vereinigung des edlen und pathetischen Styles mit dem einfachen und schmeichelnden Style angebracht werden sollte, und daß ich auf diese Weise mit einem Glücke und einer Kenntniß, die nur mir angehörten, die beiden entgegengesetzten Grenzen der Bendtsamkeit berühren würde, – indem ich meiner Sprache gebot, die ich nach Belieben anfeuern oder zügeln würde, wie der geschickte Führer eines Triumphwagens zwei Pferden von verschiedener Race, das eine feurig und aufbrausend, das andere sanft und folgsam, gebietet, indem er sie durch seine Geschicklichkeit nöthigt, in demselben Schritte zu gehen und den Triumphwagen, in welchem er nach dem Ziele vorangeht, mit gleicher Kraft und mit gleicher Schnelligkeit zu ziehen!

Als das beschlossen, handelte es sich nur noch darum, die beiden Reden in eine einzige zu verschmelzen und aus dem erhabenen mit dem einfachen vereinigten Style den gemäßigten Styl zu bilden.

Ich dachte auf der Stelle darüber nach.

Aber darin lag die Schwierigkeit, – eine Schwierigkeit, an die ich nicht gedacht hatte, und die in Betracht der wenigen Zeit, die mir übrig blieb, um sie zu lösen, sich unüberwindlich vor mir aufrichtete. Vergebens erinnerte ich mich aller der von den alten und modernen Rednern, welche die Vereinigung des Einfachen und des Erhabenen behandelten, gegebenen Vorschriften; die Lage schien mir ausschließlich und die beiden Reden die einzigen, welche dieser glücklichen Verschmelzung nicht unterworfen werden konnten. Weit mehr noch, – und ich weiß nicht warum, – sie hatten in meinen Augen gegen einander einen Widerwillen gleich dem, den gewisse Menschen und gewisse Geschlechter unter sich haben, und ich erinnerte mich in dieser Beziehung eines irländischen Sprichwortes, welches, um die Antipathie zu schildern, die England von Irland trennt, mit mehr Wahrheit als Poesie sagt: » Man lasse drei Tage lang einen Irländer und einen Engländer in demselben Topfe kochen, und nach drei Tagen wird man zwei getrennte Brühen haben.«

Nun denn! mein lieber Petrus, es schien mir, daß eine solche Antipathie zwischen meiner Rede und der meines Wirthes, des Kupferschmieds, herrschte, daß, wenn man sie auch drei Tage und sogar sechs in demselben Topfe kochen ließe, man niemals dazu gelangen würde, daraus eine einzige Brühe zu machen.

Daran war ich mit meiner geistigen Arbeit und meinen philosophischen Betrachtungen, als ich Plötzlich mit Schrecken gewahr wurde, daß ich an der Thür des Rectors angekommen war.

Die Entfernung, welche dieses Haus von dem meines Wirthes, des Kupferschmieds, trennte, war zugleich zu klein und zu groß!

Sie werden zugeben, mein lieber Petrus, daß diese außer allen menschlichen Berechnungen liegenden Arten von Unglücksfällen für mich allein geschaffen sind …

Aus dieser für die Lage unpassenden Entfernung ging hervor, daß meine Rede, die ich noch heute als der anderen unendlich vorzuziehen betrachte, ohne irgend eine Veränderung von mir hätte gehalten werden, und demzufolge eine glänzende Wirkung hätte hervorbringen können, wenn das Haus des Rectors, wie gesagt, von dem meines Wirthes nur zehn, zwanzig oder selbst fünfzig Schritte entfernt gewesen wäre; daß eine gemäßigte, verschmolzene, in Einklang gebrachte Rede aus der Vereinigung beider Reden hätte hervorgehen können, wenn das Haus des Rectors, statt eine halbe Viertelstunde weit, zum Beispiel eine Viertelstunde weit von dem meines Wirthes entfernt gewesen wäre, während dieses Haus, indem es sich in einer mittleren Entfernung befand, entfernt genug war, daß meine erste Rede die Zeit gehabt hatte, umgestürzt zu werden, und zu nahe, als daß ich aus den Trümmern dieser ersten Rede die Zeit gehabt hätte, eine zweite zusammenzusetzen.

Ich trat daher zu dem Rector ein, indem ich durchaus nicht wußte, was ich ihm sagen sollte; mein Geist war von zwei gleichen Kräften hin und her gezogen, und da in der Dynamik, wie Sie wissen, mein lieber Petrus, zwei gleiche Kräfte sich neutralisiren, so werden Sie sich nicht verwundern, wenn ich Ihnen sage, daß in dem Augenblicke, wo der mich einführende Bediente die Thür von dem Vorzimmer des Rectors aufmachte, mein Verstand gänzlich neutralisirt war.

Ich hatte noch eine Hoffnung; denn Gott hat mir, – sei es nun meines Glaubens willen, oder sei es im Vertrauen auf mich selbst, die herrliche Gabe der Hoffnung im höchsten Grade verliehen, durch welche sich die Zukunft mit dem glänzendsten Schimmer und den reichsten Farben vergoldet, Schimmer und Farben, welche freilich in dem Maße verschwinden, als die Zukunft die Gegenwart, und die Gegenwart die Vergangenheit wird, aber die nichtsdestoweniger bewirken, daß mein Leben ein langer Lobgesang für den Herrn ist.

Ich hoffte daher auf Eines, nämlich daß der Rector Gesellschaft hätte und mich nicht sogleich empfangen könnte; während ich sein Belieben erwartete, würde ich meine Gedanken ordnen, und mit jener Klarheit des Urtheils, die zu besitzen ich mich rühme, berechnete ich, daß es nicht mehr als einer halben Stunde bedürfte, um meine Rede durchzugehen und sie klar zu machen, so verworren sie auch sein möchte.

Unglücklicher Weise war der Rector allein, und bei den von dem Bedienten ausgesprochenen Worten:

– Herr Rector, kann ich Herrn Bemrode, den Sohn des ehemaligen Pastors von Beeston, einführen? hörte ich eine barsche Stimme, welche antwortete:

– Lassen Sie ihn eintreten!

Diese Antwort ließ mir das Blut in die Wangen steigen und bedeckte meine Stirn mit Schweiß.

Der Bediente wandte sich nach meiner Seite um:

– Treten Sie ein, sagte er; der Herr Rector willigt ein, Sie zu empfangen.

Eine Wolke trat vor meine Augen; ich schritt wankend voran, und sah durch diese Wolke, an seinem Schreibtische sitzend, mit einem Käppchen von schwarzem Sammet bedeckt und in einen weiten Schlafrock von Molton gekleidet, einen Mann von ungefähr vierzig bis fünfzig Jahren, der mich, halb zurückgeworfen, die linke Hand auf der Armlehne seines Sessels ausgestreckt und die rechte mit einem Instrumente spielend, empfing, das ich anfangs für einen Dolch hielt, aber das ich bald als ein einfaches Falzbein erkannte.

In dieser Stellung voller nachlässiger Würde schien mir der Rector so majestätisch, daß ich zuverlässig nicht mehr Gemüthsbewegung empfunden hätte, wenn man mich in das Cabinet und zu der erlauchten Person König Georg’s II. selbst eingeführt hätte.

Sie werden daher auch begreifen, mein lieber Petrus, was sich zwischen ihm und mir zutrug. Statt daß ich anfing, die Ueberlegenheit zu gewinnen, indem ich ihn fragte, ihn bestritt,, ihn beherrschte, war er es, der mich zuerst anredete, und das, indem er mich um die Ursache meines Besuches und was ich von ihm wollte, mit einer solchen Klarheit der Betonung und einer solchen Schärfe des Blickes fragte, daß, ganz verwirrt, wie ich es bereits durch die wenige Zeit war, welche ich gehabt hatte, um meine beiden Reden in einander zu verschmelzen, dieses scharfe Auge und diese klangvolle Stimme mich vollends den Kopf verlieren ließen, und daß ich kaum die Worte von theologischen Studien, Dorfpfarre und evangelischem Berufe zu stammeln vermochte.

Der Rector wußte indessen bei alle dem mit einem Scharfblicke, der seinem Verstande die größte Ehre machte, das zu unterscheiden, was ich wünschte. Nun, und zu gleicher Zeit, als es mir schien, ein geringschätzendes Lächeln auf seinen Lippen zu sehen, antwortete er mir, oder glaubte ich vielmehr zu hören, – denn der Sinn des Gehöres war bei mir eben so sehr unterbrochen, als die anderen Sinne, – glaubte ich zu hören, sage ich, daß er mir antwortete, daß ich sehr jung wäre; daß weit Aeltere und weit Verdienstvollere als ich seit Jahren warteten, ohne noch angestellt zu sein; daß alle Pfarrstellen seiner Verfügung versprochen wären, und daß er in seinem Gefühle für Gerechtigkeit und Unparteilichkeit es sich als ein Verbrechen vorwerfen würde. Jemand zu meinen Gunsten zu überspringen; daß er mich daher aufforderte, meine Studien zu beendigen, die ihm eine Ergänzung nöthig zu haben schienen, und ihn in ein bis zwei Jahren wieder zu besuchen. Ich bat ihn nun, indem ich mehr als jemals stammelte, meinen Namen gefälligst in sein Gedenkbuch einzuschreiben, damit mein Name ihn an meine Person erinnerte, wenn sich derselbe zuweilen seinen Augen zeigte. Aber er sagte mir (es schien mir wenigstens so), indem er von dem geringschätzenden Lächeln zu einem spaßhaften Tone überging, daß er sich als sehr verlassen von seinem Schutzengel ansehen würde, wenn er jemals das Andenken an einen Mann verlöre, der sich ihm mit der Empfehlung der seltensten und kostbarsten der christlichen Tugenden – der Demuth vorstellte.

Und in der That, gebeugt und stammelnd, wie ich es vor ihm war, mußte ich ihm, je nach der hochmüthigen Natur seines Geistes oder der barmherzigen Stimmung seines Herzens, die höchste Geringschätzung oder das tiefste Mitleiden einflößen. Mochte es nun das eine oder das andere dieser Gefühle sein, die ich ihm eingeflößt, hatte, ich nahm nichtsdestoweniger in einem so beängstigten Zustande Abschied von ihm, daß er dem Blödsinn glich, und der sich, sobald ich ihn verlassen, in ein Gefühl der Wuth gegen dieses Haus verwandelte, das sich in einer so albernen Entfernung von dem meines Wirthes, des Kupferschmieds, befand, und gegen diesen Bedienten, der mich gleich bei meinem Erscheinen eingeführt hatte, statt mir die Zeit zu lassen, mich wieder zu erholen.

Mein Wirth, der Kupferschmied, wartete unter der Thür, das Gesicht nach dem Wege gewendet, den ich einschlagen mußte, um nach Haus zurückzukehren. Sobald er mich in der Ferne erblickte, erkannte er, daß die Sachen zwischen mir und dem Rector übel abgelaufen waren, und als ich in dem Bereiche seiner Stimme war, sagte er kopfschüttelnd:

– Ich wußte es wohl, lieber Herr Bemrode, daß Ihre Rede zu beredtsam war! Sie werden dem Rector so kühne Dinge gesagt haben, daß Sie ihn verletzt haben und er Ihnen die Pfarrstelle verweigert hat, um welche sie ihn baten. O! die Menschen sind so: sie können Denen, die sie als abhängig von sich betrachten, eine Ueberlegenheit nicht verzeihen, welche die Stellung ändert, indem sie in der Wirklichkeit aus dem Protector den Protegirten, und aus dem Protegirten den Protector macht . . . Der Herr Rector hat Ihre Ketten nicht gewollt, obgleich sie von Gold waren, nicht wahr? Daher rührt Ihre Traurigkeit, lieber Herr Bemrode, aber ich muß Ihnen gestehen, daß ich auf die so getäuschte Hoffnung bei der Rückkehr gefaßt war, als ich Ihre Zuversicht beim Fortgehen sah . . . Nun denn, lassen Sie hören! erzählen Sie mir das, und sagen Sie mir, wie sich die Sachen zugetragen haben.

– Mein lieber Wirth, antwortete ich ihm majestätischer Weise, ich glaube, wie Sie sagen, in der That einen ziemlich unangenehmen Eindruck auf den Herrn Rector hervorgebracht zu haben. Ich hatte mich geirrt, mein wackerer Freund, und ich habe so eben bemerkt, daß ich nicht geschaffen bin, um zu bitten . . . Ei nun! es sei, fuhr ich mit einem Schaukeln des Kopfes voller Entschlossenheit fort, da es der Wille der Vorsehung ist, so werde ich meinen Weg allein machen; es wird nur um so ehrenvoller für mich sein, ohne Protection, ohne Gunst, ohne Ränke meinen Zweck zu erreichen, und mein Glück nur meinen Talenten und meinen Tugenden zu verdanken!

– Ach! das ist gut gedacht und gut gesagt, lieber Herr Bemrode! rief mein Wirth aus, und es ist mir leid, daß meine liebe Freundin, die Frau des Pastors von Ashbourn, Sie nicht gehört hat! Das ist eine Frau von Verstand, die sie nach den wenigen Worten beurtheilt hätte, welche Sie so eben gesagt, und die Ihnen vielleicht einen guten Rath gegeben hätte; aber es ist nichts dabei verloren: sie ist in dem Laden, wo sie sich mit meiner Frau unterhält; wir essen mit einander zu Mittag . . . Erzeigen Sie mir das Vergnügen, unser Gast zu sein.

Ich wünschte nichts lieber; mehr als ein Mal, wenn ich, indem ich die drei bis vier Pfund Sterling, die mir übrig blieben, so lange als möglich ausreichen lassen wollte, zu meinem ganzen Mittagessen ein Stück Brod und ein Stück geräuchertes Rindfleisch, mit einem einfachen Glase Wasser benetzt aß, – mehr als ein Mal war der aus den unteren Theilen des Hauses hervorgehende Geruch einer kräftigen Küche bis zu mir hinaufgestiegen und hatte meint Nase auf eine angenehme Weise gekitzelt. Dieser Geruch führte die Sache meines Wirthes so siegreich, daß ich, ohne die geistige und gesellschaftliche Entfernung zu ermessen, die einen Redner von einem Kupferschmiede trennt, seine Einladung annahm. Demzufolge kehrte er zurück, indem er mir vorausging und seiner Frau zurief:

– Liebe Freundin, danke Herrn Bemrode, der uns die Ehre erzeigen will, mit uns zu Mittag zu essen.

Indem er sich hierauf nach einer Fremden umwandte, die sich mit seiner Frau unterhielt, sagte er:

– Meine liebe Madame Snart, da Sie eine heilige Frau sind, und Gott Sie zuweilen in dieser Eigenschaft begeistert, so lassen Sie mich Ihnen einen jungen Mann vorstellen, dessen Name Ihnen zuverlässig nicht unbekannt ist, und der in diesem Augenblicke sehr nöthig hat, daß eine Frau von Verstand, wie Sie, ihm einen guten Rath ertheilt. Es ist der Sohn des ehrenwerthen Herrn Bemrode, ehemaligen Pastors von Beeston, dem der Herr Rector eine Pfarrstelle verweigert hat, und der jetzt, da er keine andere Aussicht des Gelingens mehr hat, durch sein eigenes Verdienst seinen Zweck erreichen möchte.

Indem er sich hierauf von Neuem an mich sandte, sagte er zu mir:

– Setzen Sie Madame Snart das selbst auseinander, Herr Bemrode, was sich zwischen Ihnen und dem Herrn Rector zugetragen hat, so wie auch das Verlangen, das Sie tragen, sich dem kirchlichen Berufe zu widmen, auf der Ihnen Ihr Vater einen so schönen und so heiligen Weg vorgeschrieben hat.

Ich habe Ihnen bereits gesagt, mein lieber Petrus, in welchem Grade ich bei Personen von geringerem, und selbst dem meinigen gleichen Stande die Rednergabe besitze. Ich folgte daher auch auf der Stelle der Aufforderung meines Wirthes, des Kupferschmieds, und nachdem ich Madame Snart meine Unterredung mit dem Rector so ungefähr erzählt hatte, entwarf ich ihr ein Bild so voller christlicher Liebe, Frömmigkeit und Salbung über die Art und Weise, wie ich das Leben eines Dorfpastors in seinen Beziehungen mit seinen Pfarrkindern, die nur eine Ausdehnung seiner eigenen Familie sein dürften, auffaßte, daß die Augen der würdigen Frau sich mit Thränen füllten, während meine Wirthin schluchzte, und ihr fast eben so sehr als sie gerührter Gatte ausrief, wobei er seine Augen mit der Rückseite seiner geschwärzten Hand abtrocknete:

– He! was sagte ich Dir, Frau? . . He! Madame Snart, was sagte ich Ihnen? . . .

Und indem ich den Eindruck sah, den ich auf diese wackeren Leute hervorbrachte, indem ich die natürliche Beredtsamkeit bewunderte, welche diese Wirkung herbeiführte, fragte ich Euch, ohne diese Frage beantworten zu können, warum ich nicht eine Stunde vorher so mit dem Rector gesprochen hätte; was mich um so mehr in der Idee bestärkte, daß bei den Unglücksfällen wie der, welchen ich soeben erlitten hatte, immer ein Verhängniß obwaltete, das gegen mein Genie kämpfte.

Nun that sich bei der würdigen Madame Snart jene Richtigkeit des Verstandes und des Urtheiles kund, von welcher mir mein Wirth, der Kupferschmied, gesprochen hatte.

– Mein lieber Herr Bemrode, sagte sie zu mir mit noch von Thränen feuchten Augen und mit einem Ausdrucke der Stimme, welcher bewies, daß diese Thränen aus dem Herzen kämen, mein lieber Herr Bemrode, der Entschluß, den Sie gefaßt haben, sich allein, ohne Protection und ohne Ränke empor zu schwingen, ist edel, erhaben, großmüthig, und ich für mein Theil zolle ihm von ganzer Seele Beifall. Wie jetzt auf diese Weise Ihren Zweck erreichen? Ich will Ihnen das Mittel dazu angeben . . .

– Ach! meine liebe Dame, rief ich aus, wie viel Dank wäre ich Ihnen schuldig, wenn Sie mir eine Laufbahn eröffneten, welche, indem sie mir Sicherheit für die Gegenwart und Zukunft verleihet, mir erlaubt, meinen Namen berühmt zu machen und meine Zeitgenossen durch das große Werk in Erstaunen zu versetzen, das ich vorhabe, und für welches ich zugleich der Einsamkeit, der Stille und der Ruhe bedarf . . . Meine liebe Madame Snart, ich gebe das feierliche Versprechen, Ihnen dieses Werk zu widmen, und auf diese Weise im Angesichte der Nachwelt alle die Dankbarkeit anzuerkennen, die ich ihnen schuldig sein werdet,

Die gute Frau lächelte mit schwermüthiger Miene.

– Herr Bemrode, sagte sie, was Sie mir da als Belohnung für den kleinen Dienst anbieten, den ich Ihnen erwiesen haben werde, vorausgesetzt, daß ich Ihnen denselben erweise, gehört zu den Eitelkeiten dieser Welt, Eitelkeiten, auf welche ich seit langer Zeit verzichtet habe. Beschäftigen wir uns daher, wenn es Ihnen gefällig ist, damit, Ihnen zuvörderst diese Einsamkeit, diese Stille und diese Ruhe zu verschaffen, die Sie nothwendig haben, um das in Rede stehende große Werk zu schreiben, und sobald dieses Werk einmal geschrieben ist, so werden Sie, sein Sie überzeugt davon, weit Verdienstvollere als mich finden, um es diesen zu widmen.

– Niemals, Madame Snart! niemals! rief ich aus; durch Ihre Hilfe wird das Werk geschrieben worden sein, Ihnen wird es daher angehören; aber, wie Sie mit jener Richtigkeit des Verstandes sagen, welche meine Bewunderung erregt, denken wir zuvörderst an das Dringendste, das heißt an die Mittel, mich bekannt zu machen, und demzufolge mich allein emporzuschwingen.

Es ist sehr einfach, Herr Bemrode, und es wird kein großes Verdienst für mich sein, es gefunden zu haben. Bitten Sie die Pastoren der Umgegend, die alle Ihren Herrn Vater gekannt haben, und Ihnen zuverlässig diese Bitte nicht ausschlagen werden, um die Erlaubniß, eines Tages an ihrer Stelle vor ihren Gemeinden zu predigen. Nehmen Sie zum Thema Ihrer Predigten die Texte entweder aus dem alten Testamente, oder aus dem neuen, die sich am besten für Ihre Beredtsamkeit eignen; machen Sie sich einen Ruf in den Dörfern und in den Flecken, die zu der Grafschaft Nottingham gehören, und ich zweifle nicht, daß bei der ersten erledigten Pfarrstelle die Bewohner eines dieser Flecken oder eines dieser Dörfer Sie von selbst zum Pastor verlangen werden. Bei einem solchen Verlangen wird der Herr Rector, welches Vorurtheil er auch gegen Sie haben möge, wohl gezwungen sein, sich zu fügen. Sie werden Ihre Pfarrstelle haben, und zugleich die edle Genugthuung, sie nur Ihrem eigenen Verdienste zu verdanken.

– Oh! liebe Madame Snart! rief ich nochmals aus, mein Wirth hat es mir wohl gesagt, daß Sie eine Frau von gutem Rathe waren!… Ja, ich werde die Kanzel besteigen; ja, ich werde predigen; ja, ich werde Gott preisen und die Boshaften von der Höhe meiner Beredtsamkeit vernichten. . . Ich fühle mich bereits bei dem bloßen Gedanken begeistert, vor diesen Menschen zu sprechen, die ich so lange studirt habe und die ich so genau kenne! Nur eine Gelegenheit!. . . Sie, die Sie bereits so viel für mich gethan haben, liebe Madame Snart, bieten Sie mir diese Gelegenheit, und es ist nicht allein mein erstes Werk, das ich Ihnen widmen werde, sondern auch noch mein zweites Werk, mein drittes Werk! alle Werke, die ich schreiben werde!

– Ach! Herr Bemrode, antwortete mir Madame Snart, unglücklicher Weise für mich bietet sich diese Gelegenheit von selbst, und ich werde nicht die Mühe haben, sie weit zu suchen: mein Gatte, der seit länger als einem Jahre krank ist, hütet seit drei Wochen das Bett. Seine Gemeinde, welche er an das Wort Gottes gewöhnt, hat nöthig, daß irgend Jemand seine Stelle vertritt. Ich kehre noch heute Abend zu ihm zurück; ich werde ihn von Ihrem Wunsche benachrichtigen, und sobald von dem Pastor Snart einmal das Beispiel gegeben ist, Ihnen seine Kanzel zu leihen, so werden Ihnen alle Kanzeln der Umgegend offen stehen.

– Oh! meine gute Madame Snart! äußerte ich immer dankbarer gegen die würdige Frau, bei meiner Seele, Sie retten mir das Leben!

– Nun denn! wann wünschen Sie zu predigen?

– Sobald als möglich auf der Stelle morgen, wenn der Herr Pastor darein willigt.

– Morgen, das ist ein wenig zu früh, antwortete die gute Frau mit ihrem sanften und schwermüthigen Lächeln; die Feierlichkeit Ihres ersten Auftretens würde nicht die Zeit gehabt haben, bekannt gemacht zu werden.

– Dann nächsten Sonntag, meine liebe Frau; nicht später, ich bitte Sie inständigst darum ich brenne vor Verlangen, meinen Anfang in der Laufbahn zu machen! Nächsten Sonntag, nicht wahr?

– Bedenken Sie, daß es heute Dienstag ist. . .

– Nun denn! ich habe vier Tage vor mir, ohne die Morgenstunden des fünften zu rechnen; das ist Alles, was ich nöthig habe, liebe Madame Snart, es ist sogar mehr, als ich nöthig habe.

– Sie kennen die Hilfsquellen Ihres Verstandes und und den Reichthum Ihrer Gelehrsamkeit besser als ich, Herr Bemrode; der Tag, den Sie wählen, wird also unser Tag sein.

– Aber. . . Herr Snart? fragte ich mit Besorgniß.

– Herr Snart wird Ihnen morgen durch einen Brief für den Dienst danken, den Sie ihm erzeigen.

– Also auf nächsten Sonntag! rief ich auf dem Gipfel der Freude aus.

Nehmen Sie am Sonnabend Abend das Bett an, Herr Bemrode, das ich Ihnen in meinem Hause anbiete, und am Sonntag Morgen stehen die Kirche, die Kanzel und das Dorf Ashbourn zu Ihren Diensten.

Ich stand im Begriffe, mich zu den Füßen der guten Madame Snart zu werfen und Ihre Kniee zu küssen, als man meldete, daß das Mittagessen angerichtet wäre.

– Nun denn! nun denn! mein lieber Herr Bemrode, geben Sie Madame Snart die Hand, und zu Tische! . . . Denn es giebt nur eine Sache auf der Welt, welche schlimmer ist als eine schlechte Predigt, – das sei ohne Anspielung auf die gesagt, die Sie am Sonntag halten werden, und die, ich bin überzeugt davon, ein Meisterwerk sein wird, – das ist ein kalt gewordenes Mittagessen.

– Zu Tische! Wiederholte ich, zu Tische!. . . Ich weiß nicht, was Ihr Mittagessen ist, aber Sie werden sehen, was meine Predigt sein wird.

Das Mittagessen meines Wirthes, des Kupferschmieds, war vortrefflich; was meine Predigt war, werden Sie in meinem nächsten Briefe erfahren, mein lieber Petrus.




V.

Dritter Rath meines Wirthes, des Kupferschmieds


Am folgenden Tage erhielt ich in der That einen Brief von Madame Snart, welche mir meldete, daß das von ihr gegebene Versprechen von ihrem Gatten genehmigt wäre, und daß, da meine Predigt bereits in dem Dorfe gemeldet sei, die Gemeinde von Ashbourn für den folgenden Sonntag auf mich rechnete.

Ich hatte diesen Brief nicht abgewartet, um mich an’s Werk zu machen, und am selben Abende meines Besuches bei dem Rector und meines Mittagessens bei meinem Wirthe, dem Kupferschmiede, hatte ich in Folge des gefälligen, von Madame Snart gemachten Anerbietens meine Predigt angefangen.

Sei es nun, daß ich mich in einer reizbaren Gemüthsstimmung befand, oder sei es, daß ich den Gedanken gehabt hatte, daß ich, wenn ich eine große Wirkung hervorbringen und meine Zuhörer in Erstaunen versetzen wollte, fest auftreten und durch meine Strenge imponiren müßte, ich beschloß zum Gegenstande meiner Predigt die Laster der Zeit und die Verdorbenheit des Jahrhunderts zu nehmen. Das Thema war herrlich, glänzend, ohne Grenzen. Wenn ich vor dem Hofe von Frankreich, vor dem Hofe von Spanien, oder selbst vor dem Hofe von England zu sprechen gehabt hätte, so zweifle ich nicht an dem Eindrucke, den eine solche Predigt in dem Munde eines Bossuet, dessen sie wahrhaft würdig war, hervorgebracht hätte; aber für ein kleines Dorf von fünf Hundert Seelen, wie Ashbourn, für alltägliche und mit den meisten dieser Laster, gegen welche ich eiferte, unbekannte Gemüther, für eine Bevölkerung, bei welcher alle Stunden während der Woche der Arbeit, alle Stunden des Sonntags der Frömmigkeit und der Ruhe gewidmet waren, und unter welcher die Trunkenbolde, die Faulenzer und die Wüstlinge eine Ausnahme waren, war vielleicht eine solche Predigt nicht ganz an ihrem Platze. Unglücklicher Weise sah ich das nicht; ich that das, was ein dramatischer Dichter thun würde, der ein Stück wie Hamlet oder wie Don Juan mit fünfzig Personen und mit fünfundzwanzig Veränderungen der Decorationen für ein kleines Marionettentheater schreiben würde, auf welchem ein lebendiger und wirklicher Schauspieler, wenn er sich aufrecht hielte, die Gesimse einstoßen würde, wie der olympische Jupiter von Phidias das Gewölbe des Tempels eingestoßen hätte, wenn ihn die Lust angewandelt, von dem Sessel von Gold und von Elfenbein aufzustehen, auf dem er saß. Statt kaltblütiger Weise den Schauplatz und die Zuschauer zu beurtheilen, verblendete ich mich selbst an dem Glanze meines Themas; ich berauschte mich an den Strömen meiner eigenen Beredtsamkeit, und als ich am Sonnabend Morgen aus meinem kleinen Zimmer zu meinem Wirthe, dem Kupferschmiede, hinunterging, um ihm meine Predigt vorzulesen, bedauerte ich ganz aufrichtig, daß die Calvins, die Wiclefs, die Zwinglis, die Boffuets, die Fenelons, die Flèchiers, die Bourdaloues, die Massillons, kurz alle Prediger, die gelebt hatten oder noch lebten, nicht am folgenden Tage in der kleinen Kirche von Ashbourn versammelt wären, damit sie dort ein für alle Male eine tüchtige Lection in der geistlichen Beredtsamkeit erhielten.

An meiner wichtigen und mit mir selbst zufriedenen Miene sah mein Wirth, der Kupferschmied, wohl, daß sich irgend was Neues zutrüge.

– Nun denn! mein lieber Herr Bemrode, was haben Sie uns Gutes mitzutheilen?

– Ich will Ihnen sagen, mein würdiger Wirth, daß meine Predigt fertig ist.

– Und Sie sind mit ihr zufrieden? erwiederte er.

– Das heißt, antwortete ich mit meiner gewöhnlichen «Offenherzigkeit, das heißt, daß ich sie als ein Meisterstück ansehe.

–Hm! hm! äußerte mein Wirth.

– Sie zweifeln? sagte ich geringschätzender Weise.

– Mein lieber Herr Bemrode, antwortete mir der würdige Mann, ich weiß nicht, ob es mit den Predigten wie mit den Kasserolen, und mit den Kupferschmieden wie mit den Predigern ist, aber ich habe die schlechten Arbeiter immer mit ihrer Arbeit zufrieden gesehen, während die Meister, die wahren Meister, immer abwarten, bis das Lob der Kenner sie über den Werth ihrer eigenen Werke unterrichtet hat.

– Nun denn! antwortete ich, mein würdiger Wirth, gerade deshalb komme ich zu Ihnen, um Sie um Ihre Meinung zu fragen; ich will Ihnen meine Predigt vorlesen, und wenn Sie dieselbe gehört, so werden sie mir offenherzig sagen, was Sie von ihr halten.

– Sie erzeigen mir zu viel Ehre, mich so zum Richter zu nehmen, sagte mein Wirth, indem er seinen Hut lüftete, fragen Sie mich, ob ein Kessel von gutem oder schlechtem Kupfer, ob eine Kasserole gut oder schlecht verzinnt ist, so werde ich in meinem Elemente sein, und Ihnen dreist und ruhig antworten; was aber eine Predigt anbetrifft, so könnte ich Ihnen nur den empfundenen Eindruck angeben, ohne nur zu versuchen, Gründe für meine gute oder schlechte Meinung anzugeben.

– Und was Sie da thun werden, wird in der That von einem vernünftigen Manne zeugen, mein würdiger Wirth, und ich sehe wohl, daß Sie die Anekdote des Apelles und des Schuhmachers kennen.

– Sie irren sich, Herr Bemrode, antwortete mein Wirth einfacher Weise, ich kenne sie nicht.

– Wohlan! ich will sie Ihnen erzählen; sie wird meiner Predigt vortrefflich zur Vorrede dienen; nur werden Sie annehmen, daß ich Apelles bin, und daß Sie der Schuhmacher sind.

– Ich werde Alles annehmen, was Ihnen beliebt, Herr Bemrode. . . Lassen Sie die Anekdote hören.

Hierauf fügte er mit einem Gefühle der Bewunderung hinzu, für das ich ihm Dank wußte:

– Wahrlich, jedes Mal, wo ich Sie verlasse, nachdem ich mich mit Ihnen unterhalten habe, mein lieber Herr Bemrode, frage ich mich, wo Sie alles das gelernt haben, was Sie wissen!

Ich lächelte mit zufriedener Miene und verneigte mich leicht, wie um das Compliment im Fluge aufzuraffen, das von den Lippen meines Wirthes gefallen war.

– Apelles, sagte ich zu ihm, war ein berühmter Maler von Kos, Ephesus oder Colophon; seine Biographen sind wie die des großen Homer über den Ort seiner Geburt nicht einig. Alles was man von ihm weiß, ist, daß er 332 Jahre vor Jesus Christus in Ansehen stand.

– Den Teufel! unterbrach mich mein Wirth lächelnd, 332 Jahre vor Jesus Christus! wissen Sie, daß das nicht gestern war, Herr Bemrode, und daß es mich nicht wundert, wenn man den Ort seiner Geburt vergessen hat. . . Wer wird in zwei Tausend Jahren wissen, Herr Bemrode, wo Sie und ich geboren sind?

– Oh! mein Freund, was in dieser Beziehung mich anbetrifft, so wird man es wissen; denn damit die Nachwelt nicht im Zweifel bleibt, oder in dieser Beziehung nicht irgend einen Irrthum begeht, so werde ich in der Vorrede des großen Werkes, das ich gleich nach meiner Ernennung zu schreiben gedenke, Sorge tragen zu beurkunden, daß ich am 24. Juli 1728 in dem Dorfe Beeston geboren bin.– Aber kommen wir auf Apelles zurück, welcher, da er diese Vorsicht vernachlässigt, die Nachwelt im Zweifel gelassen hat.

– Erzählen Sie, mein lieber Herr Bemrode; wahrlich, Sie sprechen wie ein Buch!

– Ich sagte also, daß Apelles gegen das Jahr 332 vor Jesus Christus in Ansehen stand. Er lebte an dem Hofe Alexanders, hierauf an dem des Ptolomäus. Er war ein großer Arbeiter, ein Maler, der nicht einen Tag zubrachte, ohne seine Pinsel zur Hand zu nehmen, wie ich nicht einen Tag zubringe, ohne meine Feder zu berühren, und da er bescheiden war, wie es einem großen Talente geziemt, so stellte er seine Gemälde öffentlich aus, und sammelte über sie die geringsten Meinungen.

– Wie Sie es machen, lieber Herr Bemrode, da Sie in diesem Augenblicke so gefällig sein wollen, mich um die meinige zu fragen.

– Hören Sie Folgendes, mein Freund, begann ich wieder. Eines Tages machte ein unter die Menge gemischter Schuhflicker eine so richtige Bemerkung über die Sandale einer der Personen, daß Apelles ihm dankte und den von diesem Manne angedeuteten Fehler verbesserte, was »den Chieupus in alten Schuhen,« wie unser herrlicher Shakespeare sagt, so hochmüthig machte, daß er, als er am folgenden Tage zurückgekehrt war, sich nicht mehr damit begnügte, die Sandalen zu tadeln, sondern das Uebrige des Gemäldes zu tadeln begann; aber dieses Mal unterbrach ihn Apelles kurz in seinen Bemerkungen, und indem er ihm die Hand auf die Schulter legte, sagte er zu ihm: «Schuster! bleib bei deinem Leisten!« was im Lateinischen ausgedrückt wird: Ne sutor ultra crepidam! und im Griechischen: Mé uper to upodema, skutotmos!

– Und das war gut gesagt, lieber Herr Bemrode; nur, wenn in Ihrer Predigt nicht von kupfernem Küchengeschirr die Rede ist, so weiß ich nicht, was ich Ihnen darüber werde sagen können, denn Sie werden mir wahrscheinlich wie Apelles seinem Schuhflicker antworten: »Kupferschmied! bleib bei deiner Kasserole!«

– Es ist weder ein Tadel, noch ein Lob meiner Predigt, was ich von Ihnen verlange, mein lieber Wirth; ich bitte Sie einfach, sich zu. meinem Auditorium zu machen, und mir zu sagen, welchen Eindruck sie auf Sie hervorgebracht haben wird.

– Oh! wenn Sie nicht mehr von mir verlangen, mein lieber Herr Bemrode, das ist etwas Leichtes, und Sie sollen nach Wunsch bedient werden . . . Fangen Sie daher an: ich bin ganz Ohr.

– Setzen Sie sich, um ganz wie in der Kirche zu sein. . . Ich spreche für sitzende Leute, und Cicero stellt einen Unterschied zwischen den Reden auf, welche vor einem sitzenden Auditorium, oder einem stehenden Auditorium gehalten werden sollen.

– Da Sie es wünschen, Herr Bemrode, so werde ich mich setzen.

Und er setzte sich.

Was mich anbetrifft, so blieb ich stehen, denn der Prediger steht auf der Kanzel, was ihm eine große Leichtigkeit für den Vortrag seiner Rede und die Mannigfaltigkeit der Geberde verleiht.

Hierauf hustete ich, spie aus, wie ich es die verschiedenen Prediger hatte thun sehen, deren Predigten ich beigewohnt hatte, und fing meine Vorlesung an.

Ich muß Ihnen, unter uns gesagt, gestehen, mein lieber Petrus, daß ich diese Vorlesung meinem Wirthe nicht allein darum hielt, um seine Meinung zu haben, sondern auch noch um mich auf die Feierlichkeit des folgenden Tages vorzubereiten, kurz, um ihr zur Generalprobe zu dienen, wie die Dichter von Schau- und Trauerspielen sagen.

Ich vernachlässigte daher auch keines jener künstlichen Mittel der Sprache, welche die Kunst des Redners sind; ich hatte das, was Cicero für den Mann verlangt, der öffentlich spricht, eine gefällige Aussprache, ein angenehmes Gesicht und eine edle Geberde.

Stimme, Geberde und Gesicht harmonirten ganz mit einer hohen Gewandtheit; ich war geringschätzend, wenn ich von den Mächtigen der Erde sprach, vor denen der geringste Bettler im Himmel den Vortritt haben würde; ich war finster und streng, als ich von den Lastern der Zeit und der Verdorbenheit der Sitten sprach; ich war schrecklich, ohne Erbarmen, donnernd, als ich die den Sündern vorbehaltenen Qualen in den sieben von Dante, dem großen florentinischen Dichter, offenbarten Kreisen der Hölle herzählte; endlich gelangte ich zu meinem Schlusse dermaßen durch das Feuer und die Heftigkeit erschöpft, die ich darauf verwandt hatte, meine Predigt zu wiederholen, daß ich bei dem letzten Satze, oder vielmehr bei dem letzten Worte dieses Satzes, – denn die Begeisterung hatte mich bis an das Ende aufrecht erhalten, – auf einen Stuhl sank, der sich glücklicher Weise hinter mir befand; was sagen will, daß ich auf den Boden gefallen wäre, wenn sich dieser Stuhl nicht dort befunden hätte.

Ich hatte keine Kraft mehr zu sprechen, aber ich befragte meinen Wirth mit dem Blicke.

Er blieb indessen sitzen, indem er kein Wort sagte und sich hinter dem Ohre kratzte.

– Nun denn? fragte ich ihn endlich, indem ich anfing, einige Besorgnisse über dieses anhaltende Schweigen zu fassen.

– Ei nun! sagte er zu mir, was Sie mir da soeben vorgelesen haben, Herr Bemrode, ist in der That sehr schön.

– Ah! äußerte ich, indem ich wieder Athem schöpfte und meinen Kopf wieder erhob, mit dem ich stolzer Weise nickte.

– Aber. . . wagte mein Kupferschmied zu äußern, der ohne Zweifel zögerte, indem er sich der Anekdote des Apelles und des Schuhflickers erinnerte.

– Aber, begann ich wieder, indem ich ihn unterbrach, aber was?. . .

– Aber ich hielt Sie nicht für so bös, lieber Herr Bemrode . . . Ach! wie streng Sie sind! Wissen Sie, daß Sie uns arme Sünder verteufelt mitnehmen?

– Ich bin nicht bös, mein lieber Wirth, antwortete ich mit Stolz: die Menschen sind es. Da ich nun aber die Menschen kenne, so behandle ich sie nach ihrem Verdienste.

– Ei! mein lieber Herr Bemrode, antwortete mein Wirth, ich bin in meinem Leben nur ein Mal im Schauspiele gewesen; das war im vorigen Jahre, als eine Schauspielertruppe von London nach Nottingham kam. Man spielte ein Stück, dessen Verfasser ich nicht kenne und dessen Titel ich vergessen habe; Alles, was ich mich erinnere, ist, daß darin folgender Grundsatz vorhanden war: »Wenn man allen Denen die Peitsche gäbe, die sie verdienen, welcher Mensch würde da sicher sein, nicht gepeitscht zu werden?«

– Sie behaupten also, mein lieber Wirth, rief ich, ich gestehe es, ein wenig gereizt über diese Anführung aus Hamlet aus, die wie der rauhe Nachtwind, von dem der dänische Prinz spricht, mir das Gesicht zerschnitt; Sie behaupten also, daß die Menschen gut sind, und daß sie weder Laster noch Fehler haben?

– Ich sage nicht, daß die Menschen gut sind, lieber Herr Bemrode, ich sage Ihnen, daß ich sie nicht für so bös hielt . . . ich sage Ihnen, daß Sie Mühe haben werden, Ihre Zuhörer zu überreden, daß Sie das einzige gerechte, rechtschaffene, züchtige, billige und sanfte Wesen sind, das es auf der Welt giebt. Uebrigens sage ich Ihnen nochmals, daß Ihre Predigt sehr schön ist, Herr zukünftiger Pastor… aber ich erwarte Sie morgen bei der Rückkehr von Ashbourn. Auf Wiedersehen und glückliche Reise, lieber Herr Bemrode!

Und indem er hierauf seinen Hut nahm, ging er hinaus und ließ mich unter seinen Kesseln und Kasserolen, mit meiner Predigt in der Hand, allein.

Ich blieb einen Augenblick lang ganz verblüfft über das Urtheil meines Wirthes, des Kupferschmieds; indem ich hierauf endlich den Kopf wieder erhob und ihn schüttelte, schlug ich den Weg nach dem Dorfe ein, wo ich am folgenden Tage meine erste Predigt halten sollte, und wo mir eine so rührende und so väterliche Gastfreundschaft angeboten worden war.

Ich hatte beschlossen, zu Fuß zu gehen, um meinen armen Guineen – welche, trotz meiner Sparsamkeit und meiner Entbehrungen, sichtlich abnahmen – den Preis eines Wagens zu ersparen. Da ich sieben Meilen auf einer wenig besuchten Straße zurückzulegen hatte, so ging daraus hervor, daß mir das Urtheil meines Wirthes wieder einfiel. In dem Maße, als ich mich von ihm entfernte, um mich dem Dorfe zu nähern, wo ich predigen sollte, nahm meine Aufregung gegen den wackern Mann ab, und es schien mir allmählich, daß es seiner Meinung darum, daß sie zu streng war, dennoch nicht an Verstand fehlte. – In der That, mit welchem Rechte wollte ich, ein junger Mann von drei und zwanzig Jahren, und demzufolge jünger als die meisten der Zuhörer, die ich haben würde, sie unter der Last meiner Strenge vernichten, ihnen Laster vorwerfen, die sie vielleicht nicht kannten, Verbrechen, die sie ohne Zweifel nicht begangen hatten? Ich war nicht ihr Pastor; ich hatte nicht unter ihnen gelebt; ich sollte alle diese nach mir gewandten Gesichter zum ersten Male sehen. Setzte ich mich nicht ihrem Urtheile aus, wenn ich mich so zu ihrem Richter aufwarf? Konnte mir meine gründliche Kenntniß der Menschen, eine Kenntniß, die sie nicht im Stande waren zu würdigen, zur Entschuldigung dienen? Es gab dabei in der That gar Vieles zu sagen, was mir mein Wirth, der Kupferschmied, nicht gesagt hatte, zuvörderst, weil ich ihm nicht die Zeit dazu gelassen, und vielleicht auch, weil sein unausgebildeter gesunder Verstand wohl ein Ganzes auffassen , aber nicht eine so große Anzahl einzelner Umstände übersehen konnte. Zuverlässig war meine Predigt darum nicht weniger schön; sie mußte darum nichtsdestoweniger ein herrliches Stück der Beredtsamkeit bleiben; nur fragte ich mich, ob das wohl solche Beredtsamkeit wäre, die man vor alltäglichen und rohen Wesen ausschütten dürfte. Hieß das nicht einen falschen Weg einschlagen, und, wie man im gemeinen Leben sagt, Perlen vor die Säue werfen? – Das waren die Betrachtungen, welche mich auf der ganzen Lange des Weges überfielen, und die, ich wiederhole es, mit jedem Schritte weit dringender wurden.

Unglücklicher Weise hatte ich nicht mehr die Zeit, eine andere Predigt zu verfassen; meine Predigt war für den folgenden Tag angekündigt und erwartet. Ich beschloß daher, die Nacht damit zuzubringen, sie wieder durchzusehen, die Haupthärten derselben zu mildern und die heftigsten Stellen derselben zu streichen. Diese Aenderungen waren mir durch meine eigenen Betrachtungen eingegeben, die in Folge der Bemerkungen meines Wirthes, des Kupferschmieds, gekommen waren, und auch durch den Anblick der Gegend und ihrer Bewohner. – Das Ansehen der Gegend war das einer reizenden, bereits unter den warmen Sonnenstrahlen gelb werdenden Ebene, in welcher sich stellenweise köstliche Baumgruppen befanden, das Ganze von guten Landleuten belebt, die sich den verschiedenen Arbeiten des Ackerbaues hingaben, welche die Jahreszeit erheischte.

Alle diese Leute, welche diese Ebene mit ihren Arbeiten und ihren Gesängen belebten, hatten das Ansehen rechtschaffener Sterblicher, die unfähig waren, an das Böse zu denken und boshaft zu handeln. So daß, als ich aus der Ferne den Kirchthurm des Dorfes sah, wohin ich mich begab, ich mehr als jemals überzeugt war, daß dieses Mal, wie immer, mein Wirth, der Kupferschmied, es war, der Recht hatte, und ich, der Unrecht hatte.

Mit diesem Eindrucke kam ich nach dem Pfarrhause. Die gute Madame Snart erwartete mich unter der Thür, sie führte mich zu ihrem Gatten, der, seit einem Monate auf einem Kanapee liegend, nicht mehr ausging, nicht mehr aufstand, und an einer Lungenschwindsucht dahin starb.

Der Kranke reichte mir die Hand, hieß mich mit erloschener Stimme willkommen und lud mich ein, mich neben sein Kanapee an den für seine Frau und mich gedeckten Tisch zu setzen.

Ich hatte sieben Meilen zu Fuß zurückgelegt; ich war jung, gesund; ich hatte großen Appetit; ich nahm mir nur die Zeit in das kleine, wie eine Brautkammer weiße Zimmer zu gehen, das für mich zurecht gemacht worden war, und nachdem ich meiner Toilette einige Aufmerksamkeit gewidmet, kehrte ich zu meinen beiden Wirthen zurück.

Man sah, daß, ohne reich zu sein, das Haus wohlhabend war. In der That, der Pastor sagte mir, daß seine Pfarre ihm jahrlich neunzig Pfund Sterling eintrüge, was mehr als hinreichend war, um in einem kleinen Dorfe von fünfhundert Seelen zu leben. Alles, Wäsche, Porzellan und Silberzeug war daher auch in dem Innern schön, frisch und glänzend. Eine einzige Magd besorgte die kleine Haushaltung; aber sie war sauber, gut gekleidet, freundlich, gefällig, indem sie in den Augen ihrer Herrschaft ihre Wünsche las und ihnen zuvorkam, bevor sie dieselben ausgedrückt hatte. Mit Ausnahme des Sterbenden, der übrigens, wie alle Brustkranke, seinen Zustand nicht ahnete, und die schönsten Pläne für die Zukunft machte, schien Alles um dieses Kanapee herum gesegnet, auf welchem er mit dem Tode rang. Nur, wenn das Auge auf dem schwermüthigen Gesichte der Frau, auf dem besorgten Blicke der Magd verweilte, sah man ein, daß da auf der einen Seite ein unermeßlicher Schmerz, und auf der andern eine große Furcht herrschte, welche die beiden Frauen vor den Augen des Kranken, und selbst vor ihren eigenen Augen zu verbergen suchten.

Ich war um fünf Uhr angekommen; die Mahlzeit, die wir gehalten hatten, und die weit eher ein Vesperbrod, als ein Mittagessen war, hatte bis um halb sieben Uhr gedauert. Als wir vom Tische aufstanden, und ich mich anschickte, auszugehen, hatten wir also noch beinahe zwei Stunden Tag. Ich sage, als ich mich anschickte, auszugehen, weil ich, beständig von dieser unglückseligen Predigt gequält, von der ich meine Gedanken keine einzige Minute lang entfernen konnte, beschlossen hatte, einen Spaziergang in das Dorf, und eine weit genauere Bekanntschaft mit den Bewohnern von Ashbourn zu machen. Herr und Madame Snart, welche mir bereits Einiges über die Einfachheit des Herzens und die Reinheit der Sitten dieser wackeren Leute gesagt hatten, forderten mich ihrerseits dazu auf, wie als ob sie meine Besorgnisse auf dem Grunde meiner Seele hätten lesen können und errathen hätten, daß ich des Anblickes eines jener friedlichen Dorfabende bedurft hätte, um meine Ideen zu berichtigen. – Ich ging also aus, indem ich einen besorgten und bestürzten Blick um mich warf, und nichts so sehr fürchtete, als sich vor meinen Augen das Schauspiel eines unschuldigen und ruhigen Lebens entfalten zu sehen! . . .

Ach! mein lieber Petrus, ein Abend des goldenen Zeitalters wäre nicht friedlicher und lachender gewesen als der, welcher sich meinen Blicken bot, und der von den letzten Strahlen der Sonne vergoldet verfloß! – Die alten Mütter spannen vor ihren Thüren, die Greise plauderten auf Bänken von Stein, von Holz oder Rasen; die Männer im mittleren Alter schoben Kegel oder spielten Siam; endlich tanzten die jungen Leute und die jungen Mädchen bei der Musik einer Violine und einer Flöte unter vier großen Linden, welche den Marktplatz des Dorfes beschatteten. Man errieth, daß es der Abend des Sonnabends , das heißt das Ende des letzten Tages der Woche war; man begriff diese fröhliche Einleitung zu der Ruhe des folgenden Tages, und man fühlte, daß alle diese wackeren Leute, die indessen niemals Horaz gelesen hatten, indem sie bereits die vergangenen Beschwerden vergaßen und sich noch nicht um die kommenden Beschwerden kümmerten, wie jener Fürst der Dichter und jener König der Epikuräer sagten: Valeat res ludicra!

Ich gestehe zu meiner Schande, mein lieber Petrus, daß dieses des Pinsels van Ostade’s und Tenier’s würdige Bild, statt mich zu erfreuen, wie es dasselbe hätte thun sollen, mich unendlich betrübte. Ich hätte Gesang und Geschrei in den Schenken, Wortwechsel und Balgereien an den Straßenecken gewollt; ich hätte diesen unter der Aufsicht ihrer Großeltern tanzenden jungen Leuten und jungen Mädchen verstohlene Gruppen vorgezogen, die sich wie Schatten davon schlichen und heimlicher Weise das Feld erreichten; ich hätte den Reichen sehen mögen, wie er dem Armen das Almosen verweigerte, und den Armen weinend und lästernd; kurz, ich hätte irgend Etwas sehen mögen, was meine Predigt des folgenden Tages rechtfertigte, während ich im Gegentheile, nach welcher Seite ich die Augen auch wenden mochte, nur das friedliche Schauspiel einer rechtschaffenen Bevölkerung fand, die sich ohne Aergerniß belustigte und ihre Spiele nur unterbrach, um mich wohlwollend zu grüßen und mir freundschaftlich zuzulächeln: denn als man mich allein, fremd, durch die Straßen des Dorfes umherirren sah, dachte man sich, daß ich, der junge Pastor, ohne Heerde wäre, der in seinem evangelischen Eifer käme, umsonst das Wort des Herrn auf dem Boden auszusäen, den die Krankheit eines seiner Amtsbrüder brach liegen ließ.

Ich blieb, indem ich hoffte, daß die Dunkelheit, welche sich auf die Erde herab ließ, und welche die Mutter der schlechten Gedanken und das Asyl der schlechten Handlungen, ist, eine Aenderung unter dieser unschuldigen Bevölkerung herbeiführen würde, die nur eine einzige Familie auszumachen schien. Ich irrte mich. Die Dämmerung kam herbei, dann die Nacht, eine finstere Nacht, wie das Laster und das Verbrechen selbst sie hätten verlangen können, wenn sie dieselbe nöthig gehabt hätten; aber bei dem Einbruche der Nacht kehrten Alle nach Haus zurück, indem sie unschuldige Küsse oder freundschaftliche Händedrücke auswechselten. Die Lichter verloschen eines nach dem anderen, das Geräusch hörte allmälig auf, und ich befand mich mit untergeschlagenen Armen, – an eine der Linden gelehnt, welche den fröhlichen Tanz beschirmt hatten, – weit trauriger, weit finsterer, als diese Nacht, die mich umgab, allein auf diesem Marktplatze!

Ich kehrte bestürzt nach Haus zurück!




VI.

Mein erstes Auftreten als Redner


Meine gute Wrthin hatte mich erwartet, obgleich sie nichts von meiner verlängerten Abwesenheit begriff. Sie wollte mich zurückbehalten, um den Thee mit ihr zu trinken; aber ich bat sie um die Erlaubniß, mich in mein Zimmer zurückzuziehen, indem ich die Ermüdung der Reise und das Bedürfniß der Ruhe vorschützte.

Oh! ich war nicht ermüdet, ich hatte keine Lust, zu schlafen, ich versichere es Ihnen, mein lieber Petrus!

Nein, ich wollte allein sein, um meine Predigt zu verbessern.

Ich verwandte die ganze Nacht darauf; während der ganzen Nacht war ich damit beschäftigt, die zu heftigen Stellen zu mildern, die zu lebhaften Farben zu verwischen; dann, als diese Farben verwischt, diese Stellen gemildert waren, sie mit lauter Stimme zu wiederholen und sie meinem Gedächtnisse einzuprägen.

Ach! nach dieser Arbeit schien meine Predigt noch nicht für dieses freundliche und reizende Dorf Ashbourn, sondern für irgend eine verfluchte Stadt gemacht zu sein, wie Babylon oder Gomorrha, wie Karthago oder Sodom, wie London oder Paris.

Ah! welche Wirkung hätte diese unglückselige Predigt in der Sanct Paulskirche oder in Notre Dame hervorgebracht!

Am Ende dieser Nacht, einer der mühseligsten, die ich jemals zugebracht habe, schlief ich vor Müdigkeit erschöpft, vor Schlaf umfallend, in dem Augenblicke ein, wo die ersten Strahlen der Sonne auf dem Rande meines Fensters durch das Laub der Reben und der blühenden Levkojen und Nelken spielten.

Dieser zweistündige Schlaf war ein sehr garstiger Schlaf und brachte mir mehr Ermüdung, als Ruhe. – Endlich schlug die Stunde und fand mich noch über meine Predigt gebückt, die ich mit Noten, Strichen und Parenthesen bedeckte; ich steckte sie in meine Tasche und schlug den Weg nach der Kirche ein. Ich hatte noch ungefähr eine halbe Stunde vor mir; ich trat in die Sakristei, verlangte eine Feder und Tinte, und verwandte diese halbe Stunde dazu, von Neuem alle Härten dieser unglückseligen Predigt durchzufeilen.

Ich hatte nur noch einen Wunsch, nämlich aus ihr etwas Unbedeutendes und Farbloses zu machen; unglücklicher Weise war sie, welche Mühe ich mir auch geben mochte, zu reich an Ideen und zu mächtig in der Form, um zu einer so gänzlichen Nullität zu gelangen.

Endlich kam der schreckliche Augenblick herbei: ich bestieg wankenden Schrittes die Kanzel. Es versteht sich von selbst, daß die Versammlung zahlreich war; das Gerücht, daß ein fremder Pastor, daß ein junger Mann von dem größten Verdienste, kurz daß der Sohn des Pastors Bemrode, an dem ersten Sonntage des Monates Juni in der Kirche von Ashbourn predigen sollte, hatte sich schnell verbreitet, und die Kirche war voll, so voll, daß man durch die offenen Thüren auf dem Vorplatze, wie an den Thüren eines Theaters, eine lange Reihe von Leuten sah, die nicht hatten eintreten können.

Alle Landleute der Umgegend waren, mit ihren Festtagskleidern angethan, mit offenem Munde vor Erwartung und die Augen mit einer verzehrenden Neugierde auf mich geheftet, auf den Beinen.

Besonders nun, mein lieber Petrus, als ich alle diese einfachen Gesichter, alle diese rechtschaffenen Mienen erblickte, sah ich ein, daß sich in dieser ganzen Versammlung vielleicht nicht ein Mann oder eine Frau befände, welche eines einzigen der Vergehen schuldig wären, gegen die ich donnern wollte, und deren entsetzliches Verzeichniß sich wie ein Heer von Gespenstern, die Einen drohend, die Anderen spöttisch, vor mir aufrichteten. Im Voraus glaubte ich das Erstaunen, die Bestürzung, den Schmerz aller dieser wackeren Leute zu sehen, sobald sie bemerkten, daß ich sie so schlecht beurtheilt hatte; im Voraus glaubte ich ihre erzürnten Stimmen mich der Ungerechtigkeit, der Verdrehung, der Bosheit beschuldigen zu hören: im Voraus glaubte ich den, der sich so ungerechter Weise zum Richter aufgeworfen hatte, gerechter Weise gerichtet, und ohne Erbarmen und ohne Mitleid gerichtet zu sehen, weil er selbst ohne Mitleid und Erbarmen gewesen war.

Unter anderen zwei Männer, zwei Greise mit weißen Haaren, patriarchalischen Gesichtern, mit sanften und heiteren Zügen, standen vor mir, indem sie mich mit einem Lächeln anblickten, wie sie ihren Sohn angeblickt hätten.

Nun denn! ich stellte mir diese beiden Gesichter bereits vor, wie sie sich zusammenzogen und verfinsterten, und wie dieses wohlwollende Lächeln dem Ausdrucke des Zornes und des Unwillens wich.

Wenn ich es gewagt hätte, so würde ich meine Zuhörer im Voraus um Verzeihung wegen der Predigt gebeten haben , die ich vor ihnen zu halten im Begriffe stand.

Ah! wenn mein Wirth, der Kupferschmied, da gewesen wäre, so schwöre ich Ihnen, mein lieber Petrus, daß ich mich in seine Arme geworfen hätte, indem ich zu ihm sagte:

– Mein einziger, mein alleiniger Freund, haben Sie Mitleid mit mir, und sagen Sie allen diesen wackeren Leuten, welche gekommen sind, um mich zu hören, daß ich ein böser und hochmüthiger Mensch sei, unwürdig, zu ihnen im Namen des Herrn zu sprechen, der ganz Milde und Barmherzigkeit ist.

Aber der würdige Mann war nicht da, und ich blickte vergebens um mich, ich fand kein einziges bekanntes Gesicht, ausgenommen das der guten Madame Snart, die mich zugleich mit den Lippen und mit den Augen, dem Lächeln und dem Blicke ermuthigte.

Glücklicher Weise sang man während dieser Zeit das Lied; ich benutzte diese Frist, um mein Heft nochmals flüchtig durchzusehen und mit Bleistift die letzten Aenderungen daran zu machen, und – wenn die Verwirrung meines Geistes mir nicht erlaubte, diese Aenderungen zu machen – kleine Kreuze zu zeichnen, welche sagen wollten: »Wegzulassen!«

Das Lied endigte, die Stimmen verhallten. Meine Reihe war gekommen. – Die Zuhörer flüsterten, spieen aus, schneuzten sich, dann entstand eine tiefe Stille.

Ich fing an.

Den wahren Vorschriften der Rednerkunst gemäß hatte ich das Gemälde der Verbrechen für den zweiten Theil meiner Rede vorbehalten, und das der Strafen für die Nutzanwendung. Der Anfang meiner Predigt ging ziemlich gut; es war eine Schilderung der göttlichen Barmherzigkeit, welche, um müde zu werden, einer solchen Masse von Verbrechen bedarf, daß die Verzweiflung allein sie zur Gerechtigkeit führen kann. Man hörte daher diese Auseinandersetzung nicht allein mit einem vollkommenen Wohlwollen, sondern auch noch mit sichtbaren Zeichen der Zufriedenheit an. Nichtsdestoweniger, weit davon entfernt, mich zu beruhigen, erschreckten mich diese Zeichen des Wohlwollens, diese Beweise der Zufriedenheit für die Zukunft: – das waren jene Dünste, welche sich am Morgen von der Oberfläche des Bodens erheben, welche die Sonne aufsaugt, indem sie dieselben mit ihren Strahlen vergoldet und ihnen mit ihrem Lichte Regenbogen-Farben verleiht, und die sie uns eine Stunde nachher in Gewitter, in Regen, in Hagel, in Donner und Blitzen wiedergiebt.

Sie werden daher auch begreifen, mein lieber Petrus, mit welchem Schrecken ich fühlte, daß ich mich mit jedem Worte dem zweiten Theile näherte; – dieser zweite Theil, von dem ich nicht die erste Zeile auswendig konnte, so viele allmälige Veränderungen hatte er erlitten, dieser zweite Theil erschien mir, selbst indem ich annahm, daß ich meine Zuflucht zu dem Hefte nähme, dermaßen mit Strichen überladen, dermaßen mit Noten bedeckt, daß ich die Unmöglichkeit voraussah, mich darin zurecht zu finden. In der That, von dem Anfange an bemerkte ich, daß die nach einander an dem ersten Texte vorgenommenen Verbesserungen meinem Gedächtnisse trotz der vergeblichen Bemühungen entgingen, welche ich mir gab, um sie zu behalten; man hätte sagen können, es seien scheu gewordene Vögel, welche in dem Maße, als ich mich ihnen näherte, ihre Flügel öffneten und in unabsehbare Fernen davonflogen. Der erste Text allein, der ganz voller jener Schilderungen abscheulicher Laster war, welche ich den Menschen vorwarf, weil ich sie zu kennen glaubte, stellte sich meinen Gedanken vor und klopfte, so zu sagen, an die Thüren meines Gedächtnisses. Ich wollte die Verbesserungen behalten und den Text verwerfen; mein Geist erinnerte sich der einen und versuchte die anderen zu verjagen; ich fühlte, daß ich mich verwickelte, und, welchen Nachtheil mein Ruf auch dadurch erdulden sollte, ich nahm meine Zuflucht zu dem Texte . . . Ich ergriff das Heft mit einer Art von Wuth, und da ich fühlte, daß es mir unmöglich wäre, länger aus dem Gedächtnisse zu sprechen, und daß, wenn ich darauf beharrte, ich stecken bleiben würde, so versuchte ich zu endigen, indem ich las; aber die ursprüngliche Predigt war in der Wirklichkeit unter dem Ausstreichen, unter dem Dazwischenschreiben und unter den Noten verschwunden . . . Diese rettenden Blätter erschienen mir wie ein unermeßlicher, ganz mit Dornen, Gräbern und Leichenkreuzen bedeckter Friedhof. Ich überschritt alles das mit großen Schritten, indem ich strauchelte und sprach, ohne zu wissen, was ich sagte. Ich wagte nicht mehr meine Zuhörer anzublicken, aber, ohne sie anzublicken, sah ich mit den Augen meines Geistes ihr Erstaunen, ihren Unwillen, ich möchte fast sagen ihren Schrecken. Endlich gelangte ich zu dem heftigsten Stücke, zu der Nutzanwendung, das heißt zu der Schilderung der schrecklichen Qualen, welche die Sünder erwarteten, zu den die Meineidigen verzehrenden Feuerseen, zu den die Selbstsüchtigen verschlingenden Eismeeren, zu den die Heuchler verbrennenden Mänteln von siedendem Pech, zu den Schlangen, die das Fleisch der Unzüchtigen zernagten, kurz zu allen jenen entsetzlichen Bildern, welche Dante mit seiner riesenhaften Einbildungskraft in dem Verlangen einer riesenhaften Rache schöpfte; nur, da ich in dem Maße, als sich diese Bilder stärker und unbarmherziger aufhäuften, einsah, daß ich, um die Wirkung dieser unglaublichen Strafpredigt zu neutralisiren, durch die Sanftheit meines Tones die Härte meiner Drohungen mäßigen müßte, wurde meine Stimme zärtlicher, schmeichelnder, väterlicher, so daß ich am Ende meine Zuhörer in die schrecklichsten Martern der Hölle mit derselben Stimme einweihte, als ob ich ihnen die unaussprechlichen Wonnen des Paradieses verheißen hätte.

Bei dieser Stelle meiner Predigt unterdrückte sich das Murren nicht mehr einige Frauen verließen die Kirche, indem sie die Hände und die Augen gen Himmel erhoben und ganz laut sagten:

– Herr, mein Gott, habe Erbarmen mit ihm; denn er ist verrückt!

Die Anderen sagten:

– Er hat die fallende Sucht! er hat seine ruhigen Augenblicke, aber man darf dem nicht trauen!

Endlich brachen einige Andere in Gelächter aus, und diese da waren die am wenigsten Böswilligen. Dieses Gelächter verwirrte mich vollends; ich fühlte, daß das Blut in meinen Schläfen kochte, daß eine Wolke sich vor meine Augen legte, und daß ich ohnmächtig werden würde, wenn ich darauf beharrte, bis an’s Ende zu gehen . . .

Ich kürzte meine Marter ab, die, ich bin überzeugt davon, schlimmer war als eine von denen, die ich so eben beschrieben hatte, indem ich Plötzlich sagte:

– Amen!

Ich las die Gebete noch weit schlechter, wenn es möglich war, als ich die Predigt hergesagt hatte, und indem ich ganz athemlos, ganz verwirrt, ganz wankend von der Kanzel hinunterging, schritt ich demüthig, mit gesenktem Kopfe und den Schweiß der Scham auf der Stirn, durch den Rest der Zuhörer, welche darauf beharrt hatten, meine Predigt bis an’s Ende zu hören. An der Thür der Kirche angekommen, nahm ich meinen Lauf durch das Dorf, indem ich in gerader Linie nach der Straße von Nottingham zusteuerte, ohne nur den Muth zu haben, im Vorbeigehen bei der würdigen Madame Snart einzukehren, um ihr, wie ihrem Gatten, für die Gastfreundschaft zu danken, die sie mir an ihrem Tische und unter ihrem Dache gewährt hatten.

Ich kehrte außer Athem, mit Staub bedeckt, von Schweiß triefend, – und wüthend und verzweifelt unter der Scham, und ich möchte fast sagen unter den Gewissensbissen vernichtet, in meine Wohnung nach Nottingham zurück.




VII.

Die Großmuth des Herrn Rectors


Mein Wirth, der Kupferschmied, war ein sehr würdiger Mann! Ein Anderer hätte ausgerufen: » Nun denn! . . . ah! ah!. . . hatte ich es Ihnen nicht vorausgesagt. . .«, aber er vermied es im Gegentheil, sich auf meinem Wege zu zeigen, so daß ich während zwei bis drei Tagen allein bleiben und dem zufolge meine Demüthigung verdauen konnte.

Nach Verlauf dieser Zeit kam er zu mir herauf, und ohne nur auf meine unglückliche Reise nach Ashbourn und das anzuspielen, was sich zugetragen hatte, sagte er zu mir:

– Mein lieber Herr Bemrode, Sie hatten mir früher den Wunsch ausgesprochen, sich einige Schüler für das zu verschaffen, was Sie die gelehrten Sprachen nennen, und was ich die unnöthigen Sprachen nenne; ich habe das für Sie gefunden. Hier sind die Adressen.

Und er reichte mir in der That vier bis fünf Karten, auf denen die Namen der angesehensten Bewohner der Stadt geschrieben standen. Der wackere Mann hatte in meiner Abwesenheit seine Kunden besucht und mir nicht allein vier oder fünf Schüler zusammen gelesen, sondern auch noch, da er meine bedauernswerthe Schüchternheit kannte, meine Interessen verfochten, die Lehrstunden und den Preis derselben bestimmt, so daß ich nur noch an die bezeichneten Thüren zu klopfen und mein Amt anzutreten hatte.

Das war es wirklich, was ich nöthig hatte; sobald es sich nur um griechisch und lateinisch, um Homer oder um Virgil, um Aristoteles oder um Cicero handelte, war ich ganz zu Haus und befand mich in meinem wahren Elemente.

Es ging daraus hervor, daß ich einiges Geld verdiente und daß ich nach Verlauf von drei Monaten zu meinem Handelsmanne gehen und ihm die versprochene Guinee bezahlen konnte; aber als ich diese Guinee bezahlt, blieben mir ungefähr nur noch zwölf Schilling, und wie es leicht vorauszusehen war, war es, als wir Abschied von einander genommen hatten, nicht mehr ich, sondern mein Gläubiger selbst, der gesagt hatte: »In drei Monaten!«

Mein Sturz in Ashbourn war so tief gewesen, daß ich nicht einmal versucht hatte, mich wieder dadurch von ihm zu erheben, daß ich eine Genugthuung in irgend einem benachbarten Dorfe nahm und meine Niederlage durch irgend einen glänzenden Sieg wieder gut machte; nein, ich war wieder auf die Idee des großen Werkes zurückgekommen, das zugleich meinen Ruf und mein Glück machen sollte, und da ich nach einander, aber, wie Sie gesehen haben, lieber Petrus, ohne ein passendes Thema finden zu können, – das Heldengedicht, das Trauerspiel und das Drama versucht hatte, so ’beschloß ich, bei einer unermeßlichen Abhandlung der vergleichenden Philosophie stehen zu bleiben, welche alle moralischen Begriffe der alten Philosophen mit allen den spiritualistischen Begriffen der modernen Philosophen verbinden und ans diese Weise Sokrates an den heiligen Augustin, Plato an Spinoza, Aristoteles an Leibnitz anschließen sollte.

Ich stand im Begriff, mich ernstlich an diese Arbeit zu machen, der ich mich mit um so mehr Eifer hinzugeben gedachte, als ich alle Hoffnung verloren hatte, eine Pfarrstelle zu erlangen; ich hatte sogar bereits mit großen Buchstaben auf das erste Blatt eines Buches weißes Papier den Titel des Werkes geschrieben, als ich zu meinem großen Erstaunen einen Brief des Rectors erhielt, der mich einlud, zu ihm zu kommen.

Ich gestehe, daß bei dem Lesen dieses Briefes mir ein Schauder durch die Adern rollte. Was konnte dieser Mann von mir wollen, der mich bei dem ersten Besuche, den ich ihm gemacht, so barsch empfangen hatte? Hatte er denn irgend etwas Tadelnswerthes an meinem Leben, meinen Gewohnheiten oder meinen Beschäftigungen gefunden, und ließ er mich holen, um mich zu tadeln?

Es lag wohl die unglückselige Predigt von Ashbourn vor; aber das war ein Unglück und kein Vergehen.

Der Eindruck dieses verhängnißvollen Briefes war so tief, daß, um mich dieser Zusammenkunft zu entziehen, die mir nichts Gutes versprach, wenig daran fehlte, daß ich auf der Stelle Nottingham verließ und mich auf die Gefahr hin, dort vor Hunger zu sterben, in irgend eine unzugängliche Zurückgezogenheit flüchtete; aber glücklicher Weise trat mein Wirth, der Kupferschmied, welcher die Livree des Rectors erkannt hatte, in mein Zimmer und tröstete mich wieder. Besorgt wie ich über das Schreiben, hatte er den Bedienten gefragt, welche Miene sein Herr machte, als er ihm das Billet übergab, das er so eben gebracht, und dieser hatte geantwortet: »Seine gewöhnliche Miene, und sogar weit eher freundlich als aufgebracht.«

Ich hatte mich unter den anderen Umständen so wohl dabei befunden, den Rath meines Wirthes zu befolgen, daß ich dieses Mal nicht zögerte. Da er der Meinung war, daß ich der Einladung des Rectors Folge leiste und diesen Besuch auf der Stelle mache, so zog ich meinen Feiertagsrock an, bürstete meinen Hut mit meinem Aermel und schlug den Weg nach dem Hause dieser vornehmen Person ein, von der mein Schicksal abhing, ein Haus, das, wie ich gesagt habe, an dem andern Ende der Stadt gelegen war.

Eben so wie das erste Mal wurde ich ohne zu warten eingeführt; aber meine Stellung war weit besser als damals, angenommen, daß die Voraussichten meines Wirthes ihn nicht getäuscht hatten. Ich kam nicht aus eigenem Antriebe, Seine Excellenz zu stören; es war im Gegentheil Seine Excellenz, die mich störte, da ich ohne seinen Brief an demselben Tage mein großes Werk über die vergleichende Philosophie angefangen hätte; es war nicht mehr an mir, ihn anzureden; ich hatte im Gegentheil nur zu warten, daß man mich anredete. Wenn man mir irgend einen Verweis gab, so würde ich, da mein Herz rein und mein Lebenswandel ohne Tadel war, stark durch mein Bewußtsein, auf eine kühne und sogar stolze Weise antworten. Aus allen diesen Betrachtungen ging hervor, daß bei meinem Eintritte bei dem Rector mein Geist eben so fest und ruhig war, als er das erste Mal schwankend und verlegen gewesen war.

Der Rector saß an seinem Schreibtische, in denselben Schlafrock von Molton gekleidet, Mit demselben Käppchen von schwarzem Sammet bedeckt; er hatte eine nicht weniger majestätische Haltung, als bei unserer vorhergehenden Zusammenkunft; aber ich glaubte zu bemerken, daß sein Blick weniger streng und sein Lächeln wohlwollender wäre.

Er gab mir einen Wink mit der Hand, zu gleicher Zeit, als er mich mit der Stimme aufforderte, näher zu kommen.

Ich verneigte mich und gehorchte.

– Guten Tag, Herr Williams Bemrode, sagte er zu mir. Ich verneigte mich von Neuem.

– Ich freue mich sehr über Ihren bereitwilligen Eifer, mich zu besuchen . . . Verbinden Sie mit allen den Eigenschaften, die Sie bereits haben, die Gabe der Voraussicht, und haben Sie, errathen, daß ich Ihnen eine angenehme Nachricht mitzutheilen hätte?

– Nein, Herr Rector, antwortete ich; aber eine Einladung von Ihnen war ein Befehl, und ich freue mich unendlich, daß Sie so gütig gewesen sind, meinen Eifer, diesem Befehle Folge zu leisten, bemerken zu wollen.

– Vortrefflich! sagte der Rector mit einer leichten Bewegung des Kopfes, so habe ich es gern, daß man antwortet.

Indem er hierauf die Stimme erhob, um seinen Worten mehr Wichtigkeit zu geben, sagte er:

– Herr Williams Bemrode, seit dem Besuche, den Sie mir vor ungefähr drei Monaten oder drei und einem halben Monat gemacht haben, habe ich beständig ein wachsames Auge auf Sie gehabt. Ihre Geduld, Ihr gutes Betragen, die Pünktlichkeit, mit welcher Sie trotz Ihrer Dürftigkeit, ich möchte fast sagen Ihrem Elend, eine Schuld bezahlen, welche, wie ich weiß, Sie nicht persönlich angeht, alles das verdient belohnt zu werden. Demzufolge habe ich Sie für die Pfarrstelle von Ashbourn vorgeschlagen, die seit gestern durch den Tod ihres Pastors erledigt ist.

– O mein Gott! Herr Rector, rief ich, von einem ersten Gefühle hingerissen, aus. Der arme Herr Snart ist gestorben? . . . Welches Unglück!

– Wie! Sie gewinnen eine Stellung bei diesem Tode, Sie erben eine Pfarre, die neunzig Pfund Sterling werth ist, und als Sie zugleich diese Katastrophe und ihre Vorstellung erfahren, stoßen Sie einen Ausruf des Schmerzes und nicht einen Freudenschrei aus? . . . Aber, mein lieber Herr Williams, das ist ganz evangelisch!

– Ich bitte Sie um Verzeihung, Herr Rector, antwortete ich, daß mein erstes Wort nicht ein Wort der Dankbarkeit gewesen ist, aber ich kannte den armen Herrn Snart; ich kannte seine Gattin, eine gute und würdige Frau, Herr Rector, und obgleich ich wußte, daß er sehr krank war, so hoffte ich doch, daß er längere Tage zu leben hatte. . . Gott hat ihn zu sich gerufen: der Wille Gottes geschehe!

Und ich flüsterte leise einige Worte des Gebets für die Ruhe der Seele des würdigen Pastors.

Der Rector blickte mich mit einem gewissen Erstaunen an.

– Jetzt, Herr Bemrode, sagte er zu mir, wissen Sie, daß ich für die erledigten Pfarrstellen ernenne, aber auf die Vorstellung der Gemeinden. Sie haben einen Mitbewerber; kämpfen Sie mit ihm; halten Sie Ihre Probepredigt. Er wird gleichfalls die seinige halten, und obgleich dieser Mitbewerber mein Neffe ist, so gebe ich Ihnen dennoch mein Wort, mein lieber Herr Bemrode, daß, wenn die Gemeinde Sie verlangt, Sie ernannt werden sollen.

– Herr Rector, sagte ich zu ihm, das, ich gestehe es Ihnen, erfüllt mich mit Bewunderung; ich bin daher auch trotz dem wohlwollenden Anerbieten, das Sie mir machen, bereit, mich vor Ihrem Herrn Neffen zurückzuziehen, und werde Ihnen darum nicht weniger dankbar sein, als wenn Sie mich ernannt hätten.

– Nicht doch, Herr Bemrode, nicht doch, rief der Rector aus; man sagt, daß Sie sehr gelehrt in den alten Sprachen, ganz bewandert in der Philosophie und in der Theologie, beredtsam wie Demosthenes und Cicero mit einander sind . . . Concurriren Sie, mein lieber Herr Williams Bemrode, concurriren Sie mit meinem Neffen; ich sage Ihnen nicht allein: » Das ist mein Wunsch«; ich füge hinzu: » Das ist mein Wille.«

Ich verneigte mich.

– Herr Rector, antwortete ich, vor einer solchen Erklärung Ihres Willens würde ich glauben, Ihr unparteiisches Wohlwollen zu beleidigen, wenn ich den Kampf ausschlüge, den Sie mir vorschlagen. – Es ist wahr, fuhr ich mit Zuversicht fort, daß ich ziemlich gute Studien gemacht habe; es ist wahr, daß ich einige Kenntnisse in der Theologie und in der Philosophie habe, und ich stand sogar im Begriff, eine Abhandlung über diese letzte Wissenschaft anzufangen, als ich die Ehre gehabt habe, von Ihnen beschieden zu werden, mein Herr; es ist ferner wahr, daß ich mich nicht für gänzlich der Gabe der Sprache entblößt glaube, obgleich es mir bis jetzt bei meinen Versuchen öffentlich zu sprechen, mißlungen ist; aber von Ihnen, Herr Rector, ermuthigt, unterstützt und protegirt, wird es mir hoffentlich gelingen . . . und, wenn ich nicht über einen Mitbewerber triumphire, der kein gewöhnlicher Mensch sein kann, da er Ihr Neffe ist, so habe ich wenigstens die Gewißheit, daß ich mit Ehren unterliegen werde.

Wie Sie haben sehen können, mein lieber Petrus, hatte ich seit dem Anfange dieser Unterhaltung ziemlich geläufig auf die verschiedenen Aufforderungen des Rectors geantwortet; ich hatte sogar zu sehen geglaubt, daß, indem er mich ohne Zweifel nach meinem ersten Besuche beurtheilte, ihn diese Leichtigkeit des Vortrages ein wenig verlegen gemacht hatte; ein spöttisches Lächeln, das sich auf seinen Lippen gezeigt, als er mich mit Demosthenes und Cicero verglichen, war mir nicht entgangen; aber die Absicht, mir nützlich zu sein, war bei diesem würdigen Manne so offenbar, es wäre ihm so leicht gewesen, mich in dem Falle nicht holen zu lassen, wo seine Absicht nicht die gewesen, welche er sagte; – ich suchte so vergebens das Interesse, das er haben könnte, mich zu täuschen, daß ich weder bei dieser Verlegenheit, noch bei diesem spöttischen Lächeln stehen blieb, und mit den Ausdrücken der lebhaftesten und besonders der aufrichtigsten Dankbarkeit Abschied von ihm nahm.

Ich kehrte mit großen Schritten, zu meinem Wirthe, dem Kupferschmied, zurück, der mich voller Ungeduld erwartete. – Nun? fragte er mich, sobald er mich erblickte.

– Ei nun, sagte ich zu ihm, mein lieber Wirth, die Zukunft hängt nur noch von mir ab! Der arme Herr Snart ist gestorben, und der Rector hat mich rufen lassen, um mich zu benachrichtigen, daß ich berufen wäre, um für die erledigte Pfarrstelle zu concurriren, was um so schöner von seiner Seite ist, da es in diesem Augenblicke nur einen einzigen Mitbewerber um diese Pfarrstelle giebt, und dieser Mitbewerber sein Neffe ist.

– Sein Neffe? den Teufel! äußerte der Kupferschmied, indem er sich hinter dem Ohre kratzte. Und auf welche Weise concurriren Sie?

– Durch eine Predigt. Er und ich, wir werden jeder die unsrige halten. . . Das ist das, was man die Probepredigt nennt. Die Gemeinde wird unter uns richten, und der, den sie vorzieht, wird ernannt werden.

– Den Teufel! den Teufel! wiederholte der Kupferschmied, indem er sich immer stärker hinter dem Ohre kratzte; eine Predigt! . . . Und das erschreckt Sie nicht, ein zweites Mal vor den Bewohnern von Ashbourn zu predigen?

– Ich weiß nicht, woher das kömmt, mein lieber Wirth: wie. ich glaube, wäre ich gestern in der That lieber gestorben, als die Kanzel wieder zu besteigen, auf welcher ich eine so schwere Niederlage erlitten habe. . . Aber seit meiner Unterredung mit dem Rector sagt mir irgend Etwas, daß es mir gelingen wird, und ich bin voller Vertrauen zu dieser geheimen Stimme, indem ich hoffe, daß sie mir von dem Herrn, und nicht von meinem Stolze und meiner Eitelkeit kommt.

– Es sei, sagte mein Wirth; aber ich rathe Ihnen Eines, mein lieber Herr Bemrode, nämlich Ihre Schüler nicht zu sehr zu vernachlässigen; vielleicht werden Sie sehr glücklich sein, sie eines Tages wiederzufinden. . .

– Im Gegentheile, antwortete ich lächelnd mit einer Zuversicht, die meinen Wirth zu erschrecken schien, im Gegentheile, ich habe meine ganze Zeit nöthig, um meine Probepredigt vorzubereiten; noch heute Abend richte ich an diese wackeren jungen Leute ein Rundschreiben, in welchem ich ihnen melde, daß ich zu meinem großen Bedauern, da ich mich auf dem Punkte befände, für die Pfarrstelle von Ashbourn ernannt zu werden, mich gezwungen sähe, ihre Erziehung zu unterbrechen; morgen mache ich mich an die Arbeit, und nächsten Sonntag halte ich meine Probepredigt.

– Ist dieser Entschluß gefaßt, lieber Herr Bemrode?

– Unwiderruflich, mein lieber Wirth.

– Dann wünsche ich, antwortete der wackere Mann, daß Sie ihn nicht bereuen mögen. . .

Und er entfernte sich, indem er den Kopf schüttelte, sich weit stärker als jemals hinter dem Ohre kratzte und murmelte:

– Den Teufel! den Teufel! den Teufel! diese Großmuth des Herrn Rectors scheint mir nicht natürlich . . .

Was mich anbetrifft, so ging ich wieder in mein Zimmer hinauf; ich schrieb meine fünf Abschiedsbriefe an meine fünf Schüler, und machte mich noch an demselben Abend an meine Probepredigt.




VIII.

Hoc


Indem Sie mich so ungeduldig sehen, mich an meine Probepredigt zu machen, lieber Petrus, müssen Sie sich wohl denken, daß mir für diese Predigt eine jener vortrefflichen Ideen gekommen war, die sich des Menschen von Erfindungsgabe bemächtigen, und die ihm keine Ruhe mehr lassen, bis er mit ihnen fertig geworden ist.

Diese Idee war ganz in dem Geschmacke, und ich möchte fast sagen, in der Mode der Zeit.

Es war eine Art von evangelischer Charade, die bestimmt war, die drei großen Tugenden Christi hervortreten zu lassen.

Das Losungswort der Charade war die lateinische Sylbe Hoc, die aus drei Buchstaben besteht, welche die Anfangsbuchstaben dreier Worte bilden, die meiner Predigt zum Texte dienten: Humilitas, 0bedientia, Castias.

Zuverlässig ist uns das erhabenste Beispiel der Demuth, des Gehorsams und der Keuschheit von Christus gegeben worden:

Der Demuth, – indem er als der Sohn eines armen Zimmermannes auf die Welt kam, und zum Orte seiner Geburt eine Krippe, und zu Bewohnern dieser Krippe einen Esel und einen Ochsen wählte;

Des Gehorsams, – indem er die Befehle seines Vaters Punkt für Punkt befolgte und ergeben, ruhig, barmherzig zu diesem schrecklichen, schimpflichen, ehrlosen Tode ging, der die Welt erlösen sollte;

Der Keuschheit, – indem er die dreißig Jahre seines Lebens zurücklegte, ohne daß irgend einer jener Flecken, die aus den menschlichen Leidenschaften entspringen, das weiße Gewand des Knaben oder den Mantel des Mannes besudelt hat.

Außerdem habe ich nicht nöthig Ihnen zu sagen, mein lieber Petrus, daß, wenn man seine Bedeutung ein wenig anders auslegt, das Wort Hoc sagen will: Hier, da.

Was machte, daß meine Predigt sich durch folgende Worte auslegen ließ:

»Demuth, Gehorsam, Züchtigkeit, – darin liegt das Heil.«

Ich zweifle, daß jemals ein Prediger einen schöneren Text gefunden hat, und ich forderte im Stillen, und sogar laut den Neffen des Rectors heraus, einen ähnlichen zu finden!

Aber, als der Stoff gefunden, blieb noch die Form übrig.

Obgleich ich, wie ich gesagt habe, die Feder am selben Abende ergriffen hatte, blieb ich doch lange die Feder über das Papier haltend, bevor ich das erste Wort schrieb.

In der That, in welche Form einen so herrlichen Stoff kleiden?

Ich kannte die Menschen hinlänglich, um zu wissen, daß man alle Herrschaft über sie ausübt, sei es nun, wenn man sie rührt, oder sei es, wenn man sie in Erstaunen versetzt.

Die Herrschaft würde weit größer und die Wirkung eine doppelte sein, wenn ich sie zugleich rührte und in Erstaunen versetzte.

Es gab bei der Ausführung dieses Planes eine große Klippe zu vermeiden, besonders Leuten gegenüber, die gegen mich eingenommen sein mußten.

Wenn ich eine einfache und gänzlich ihrer Fassungskraft angemessene Predigt machte, so würden sie sich selbst sagen: »Ah! meiner Treue, ein schönes Wunder! der erste beste unter uns würde es eben so gut machen!«

Wenn ich eine gelehrte und gekünstelte Predigt machte, so waren sie im Stande, nichts davon zu verstehen.

Nachdem ich die Sache reiflich überlegt, ist hier das, was ich beschloß:

Ich beschloß die einfachen Theile meiner Predigt in hochtrabenden Ausdrücken zu schreiben, und die hochtrabenden Theile in einfachen Ausdrücken. Das war eine große Arbeit, die nicht leicht war, ich bürge Ihnen dafür. Endlich kam ich damit zu Stande.

Am Sonnabend Morgen war meine Predigt beendigt, und, wie ich mich dazu verpflichtet hatte, befand ich mich für den folgenden Tag vollkommen bereit.

Ich bat nun meinen Wirth, den Kupferschmied, zu mir in mein Zimmer zu kommen. Ich wollte ihm meine Predigt vorlesen, und ich fürchtete, daß in dem Laden seine Aufmerksamkeit durch die Ankunft irgend eines Kunden gestört werden möchte.

Auf mein erstes Ansuchen kam der wackere Mann herauf, und da er mich mit feurigem Auge und vergnügtem Gesichte sah, sagte er:

– Ah! ah! lieber Herr Bemrode, es scheint, daß unsere Predigt fertig ist?

– Ja, mein Wirth, ja, antwortete ich, indem ich mir die Hände rieb.

– Und daß Sie damit zufrieden sind?

– Entzückt!

– Um so besser! um so besser! lieber Herr Bemrode.

– Aber es ist nicht genug, daß ich entzückt darüber bin, sie muß Sie auch entzücken.

Mein Wirth begann zu lachen.

– Daß sie mich auch entzückt? wiederholte er. Und was liegt einem Manne von Ihrem Verdienste an der Billigung oder Mißbilligung eines armen Unwissenden wie ich? …

– Es liegt mir viel daran, mein lieber Wirth, denn mehr als ein Mal habe ich Gelegenheit gehabt, die Richtigkeit Ihres Urtheiles zu erkennen.

– Herr Bemrode, erlauben Sie mir, Sie selbst an die Anekdote zu erinnern, die Sie mir in Bezug auf einen berühmten griechischen Maler und einen armen atheniensischen Schuster erzählt haben: »Schuster, bleib bei Deinem Leisten!«

– Wohlan! es sei, mein lieber Wirth, sagte ich zu ihm, bleiben Sie in den Schranken, welche sie selbst Ihrer Fassungskraft stellen zu müssen glauben; aber in diesen Schranken da rathen Sie mir.

Mein Wirth machte ein Zeichen, welches zu sagen schien: »Da Sie es durchaus wollen, so sprechen Sie.«

Und er setzte sich.

– Mein lieber Wirth, sagte ich zu ihm, es giebt zwei Sachen in der Predigt, die Sie hören werden: es giebt den Stoff, und es giebt die Form.

– Erklären Sie mir zuvörderst, lieber Herr Bemrode, was diese beiden Sachen sind, denn ich möchte Ihnen keine Meinung über sie aussprechen, ohne sie gehörig zu verstehen.

– Das ist leicht, mein lieber Wirth, und um Ihnen die Darstellung fühlbar zu machen, will ich einen aus Ihrem eigenen Handwerke gezogenen Vergleich anwenden: der Stoff ist das Kupfer, aus welchem Sie Ihre Kasserole machen; die Form ist die Rundung, welche Sie ihm geben.

– Ich verstehe, sagte mein Wirth. Sie können jetzt anfangen, Herr Bemrode, ich höre.

Ich fing in der That an, indem ich ihm meinen Text erklärte und ihm Alles das zeigte, was dieser Stoff Sinnreiches hätte. Hierauf fuhr ich fort, indem ich nach meinen besten Kräften das zeigte, was die Form Gelehrtes und Angenehmes hätte.

Mein Wirth hörte mich bis an das Ende an, ohne ein Wort auszusprechen; nur kratzte er sich von Zeit zu Zeit sanft hinter dem Ohre, was mir zeigte, daß er meine Predigt nicht durchaus bewunderte.

Als ich geendigt hatte, fuhr er fort zu schweigen, aber er kratzte sich ein wenig stärker hinter dem Ohre.

– Nun denn? fragte ich ihn mit einer gewissen Ungeduld, deren ich nicht Herr war.

– Nun denn! Herr Bemrode, antwortete er mir, ich soll Ihnen also meine Meinung zuvörderst über den Stoff Ihrer Predigt, über das Kupfer sagen, aus dem sie gemacht ist, nicht wahr?

– Ja, mein lieber Freund, sagte ich mit selbstgefälliger Miene zu ihm, Sie müssen mit dem Stoffe anfangen, dann werden Sie zu den Nebenumständen übergehen.

– Was den Stoff anbelangt, begann er wieder, so rührt das ohne Zweifel von meiner Unwissenheit des Lateinischen her, aber ich muß Ihnen sagen, daß ich ihn ein wenig gesucht, sogar kindisch, und demzufolge der Erhabenheit und der Heiligkeit des Gegenstandes unwürdig finde.

– Mein lieber Wirth, antwortete ich ihm, nichts ist Klein, nichts ist Groß; aus den kleinsten Dingen kann ein großer Verstand erhabene Lehren ziehen, eben so als ein mittelmäßiger Verstand aus den erhabensten Dingen nur Schwäche und Alltäglichkeit ziehen wird . . . Sehen wir daher, was Sie aus meinem Texte gezogen haben; das ist, glauben Sie mir, die Hauptsache.

– Zuverlässig, lieber Herr Bemrode, haben Sie herrliche Dinge daraus gezogen; aber erlauben Sie mir indessen, Ihnen über die Form einen aus meinem Handwerke, wie Sie sagen, gezogenen Vergleich zu machen . . .

– Machen Sie, mein lieber Wirth, machen Sie, erwiederte ich, indem ich nun auch lächelte; ich bin in Wahrheit neugierig, Ihren Vergleich zu hören.

– Hier ist er. Sie wissen, Herr Bemrode, daß es Kasserole von Kupfer und Kasserole von Silber giebt?

– Ja, mein lieber Wirth, ich weiß das, antwortete ich, obgleich ich weit öfter aus dem einen, als aus dem andern gegessen habe.

– Sie wissen auch, daß man die silbernen Kasserole vergoldet, während man sich damit begnügt, die von Kupfer zu verzinnen.

– Vollkommen.

– Wohlan! lieber Herr Bemrode, es scheint mir, daß Sie ganz das Gegentheil gethan haben; es scheint mir, daß Sie in Ihrer Predigt das Silber verzinnt und das Kupfer vergoldet haben.

– Das ist es, mein lieber Wirth, das ist es gerade, rief ich ganz vergnügt aus, und Sie haben meinen Gedanken errathen . . . Ah! Sie sind in der That ein Mann von Verstand und ein vorzüglicher Roth! Umarmen Sie mich, mein lieber Wirth, umarmen Sie mich. . . Der Neffe des Rectors ist überwunden, und ich bin Pastor des Dorfes Ashbourn!

Aber er erheiterte sich nicht, und indem er den Kopf schüttelte, sagte er:

– Nehmen Sie sich in Acht, Herr Bemrode, nehmen Sie sich in Acht; ich habe bemerkt, daß Alles das, was Sie mit Ihrem Herzen machten, vortrefflich war, während Alles das, was Sie mit Ihrem Kopfe machen, schlecht ausschlägt . . . Nun denn! ich fürchte etwas, nämlich, daß Sie diese Predigt da wieder bei Weitem mehr mit Ihrem Kopfe, als mit Ihrem Herzen gemacht haben . . .

Ich war genöthigt, in meinem Innern einzugestehen, daß etwas Wahres in dem lag, was mein Wirth da sagte; aber meine Predigt war gemacht, ich fand sie nach meinem Geschmacke, und ich beschloß, sie so zu halten wie sie war.

Ich konnte, wie das erste Mal, zu Fuß nach Ashbourn gehen; – eine Strecke von sieben Meilen ist nicht sehr entsetzlich für dreiundzwanzigjährige Beine; – aber ich war jetzt so sicher, zu meiner Pfarre ernannt zu werden, daß ich nicht zögerte, mir den Luxus einer Carriole zu gewähren. Wäre außerdem dieser wie ein Bettler oder ein Landstreicher zu Fuß ankommende Pastor nicht sehr armselig in den Augen meiner zukünftigen Gemeinde, während diese aus der Stadt kommende Carriole ein gutes Ansehen hatte, und bei dem Candidaten einen gewissen Wohlstand andeutete. Nun aber liegt es leider, wie man weiß, in den Gewohnheiten der Menschen, besonders dem etwas anzubieten, der Nichts nöthig hat: da man also glauben würde, daß ich meine Pfarrstelle nicht nöthig hätte, so würde man sie mir ohne allen Zweifel anbieten.

Demzufolge ließ ich einen Miethkutscher kommen, der mir ein Pferd, einen Korbwagen und einen Kutscher für die Summe von fünf Schillingen gab.

Für diese Summe sollte er mich noch zurückfahren, wenn ich am folgenden Tage zurückkehrte; aber die Summe sollte sich auf sieben Schillinge belaufen, wenn meine Rückkehr erst am Montage stattfände.

Um elf Uhr Morgens machten wir uns auf den Weg. Mein Wirth, der Kupferschmied, stand unter seiner Thür; er wünschte mir glückliche Reise, aber er enthielt sich, mir einen glücklichen Erfolg zu wünschen, dann sah ich ihn ein letztes Mal den Kopf schütteln und in seinen Laden zurückkehren.

Diese Beharrlichkeit der Meinung bei einem Manne, dessen gesunden Verstand ich kannte, fing an, mich zu erschüttern. Ich nahm meine Predigt aus der Tasche, befahl meinem Kutscher, den Sommerweg der Straße einzuschlagen, um seiner Carriole und mir so viel Stöße als möglich zu ersparen, und begann mein Meisterstück wieder durchzulesen.

Ich muß sagen, daß, je weiter ich auf meiner Reise kam, und je mehr ich mich in meine Predigt vertiefte, desto mehr war ich genöthigt, mir selbst zugestehen, daß ich mich ein wenig sehr von einer Laune des Witzes hatte fortreißen lassen, die mich wohl zu dem Paradoxen hätte führen können; aber da der paradoxe, obgleich unbestreitbar falsche Witz, wenn er gut behandelt ist, einer der glänzendsten Witze ist, und es außer Zweifel war, daß meine Predigt in dem Stoffe und in der Form wundervoll ausgearbeitet war, so fuhr ich fort, mir zu sagen, daß sie durch den Glanz, mit dem sie bekleidet war, verblenden würde, wenn sie nicht rührte.

Nach Verlauf von drei Stunden des Fahrens fing ich an, jene Zeichen zu erkennen, welche die Annäherung eines Dorfes andeuten. Von Zeit zu Zeit erhoben sich an dem Rande des Weges, wie über ein Armeecorps wachende Vorposten aufgestellt, kleine weiße Häuser zwischen zwei Gärten; – vorn, ein Garten für die Blumen, ein ganz blendender und ganz von Nelken, Rosen und Jasmin duftender Garten; hinten ein Garten für die Früchte, an deren Bäumen die neuen Früchte anfingen, sich zu bilden, welche der folgende Monat vergolden und reifen sollte; vor den Thüren dieser Häuser, – zwischen Hühnern, die ihre Küchlein führten, Hunden, die im Schatten umherlagen, und Katzen, die in der Sonne blinzelten – wälzten sich rosige, blonde und halb nackte schöne Kinder. Das ganze reizende Schauspiel der lachenden und fruchtbaren Natur öffnete mein Herz sanften und zärtlichen Gefühlen. Ich ertheilte im Vorüberfahren und im Geiste aus dem Innern der Carriole meinen Segen diesen Häusern, diesen Blumen, diesen Früchten, diesen Hühnern, diesen Hunden, diesen Katzen, diesen Kindern, dieser ganzen beseelten und lebendigen Natur, die nach sechstausend Jahren des Bestehens frisch und jung war, wie als ob der Schöpfer sie am Tage vorher aus seinen Händen hätte fallen lassen. Ich sagte mir: »O mein Gott! Du allein weißt in diesem Augenblicke, und ich werde es bald mit Dir wissen, wie viele glückliche oder unglückliche Wesen diese bescheidenen Hütten enthalten, die in Mitte von Blumen blühen, die in Mitte von Früchten wachsen; ich werde es wie Du wissen, denn wenn Du ihr Gott bist, so werde ich ihr Pastor sein, das heißt der von der Vorsehung zwischen sie und Dich, o mein Gott, gestellte Vermittler! Dann verspreche ich Dir, Herr, alle meine Sorgfalt, alle meinen Eifer, alle meinen Verstand darauf zu verwenden, den Einen zu zeigen, wie man das Glück verdient, den Andern, wie man den Schmerz erträgt. Hier, mein Gott? – wenn Deine Weisheit zuläßt, daß ich zu diesem heiligen Amte berufen werde, – hier werde ich die Hände mit den Händen und die Herzen mit den Herzen verbinden; hier werde ich die kleinen Kinder in dem Augenblicke empfangen, wo sie nackend und indem sie ihren ersten Schmerzesschrei ausstoßen, in das Leben eintreten; hier werde ich sie aus dem Schooße ihrer irdischen Mutter in den Schooß der Kirche, ihrer himmlischen Mutter, übergehen lassen; hier werde ich die Jugend unterrichten und sie lehren, Dich zu preisen, mein Gott! Hier werde ich dem Alter die Augen schließen und es lehren, Dich für das Gute wie für das Böse, für das Vergnügen wie für den Schmerz zu segnen!«

Und indem ich das sagte, wurde mein Herz von einer so außerordentlichen Rührung beklommen, daß Thränen aus meinen Augen flossen, und daß ich, indem ich die Arme gen Himmel erhob, meine Predigt aus meinen Händen fallen ließ.

– Nehmen Sie sich in Acht, mein Herr, sagte der Kutscher zu mir, Sie verlieren Ihr Heft Papier.

Diese Worte riefen mich wieder zu dem Irdischen zurück, ohne mich indessen gänzlich aus meinem Entzücken zu erwecken; ich raffte meine Predigt wieder auf, und warf die Augen auf die ersten Zeilen . . .

O, mein lieber Petrus! wie ich, bevor ich auf die Hälfte der ersten Seite gekommen, der Meinung meines Wirthes, des Kupferschmieds war! Diese süßen Thränen, welche ich vergoß, fühlte ich in dem Maße in meinen Augen versiegen, als ich meine Prosa las; diese Begeisterung, welche mir das Herz klopfen ließ, fühlte ich in dem Maße in meiner Brust erlöschen, als ich in meiner Predigt weiter kam. Ich sah endlich diesen Text als das, was er war, das heißt, ein wahres Wortspiel; diese Form erschien mir in ihrer wahren Ansicht, das heißt falsch, schwülstig, erbärmlich! Ich versuchte weiterzugehen, es war mir unmöglich. Ich fragte mich, wie man dieser reichen Natur und dieser blühenden Menschheit gegenüber, Wirkung in Zusammensetzungen von Worten oder Spielen der Gedanken und des Witzes suchen könnte. Ich erröthete selbst über diese Treibhausberedtsamkeit, verglichen mit den einfachen, aber reinen Gedanken, welche mir die Gegenstände so eben eingeflößt, die ich vor Augen hatte. Ich rief aus: »O Ihr, die Ihr von mir das Wort des Herzens erwartet, beruhigt Euch, meine Brüder! ich werde Euch nicht das Gift des Verstandes bringen! Und wenn ich, morgen Euch gegenüber angekommen, Euch nur die Worte sagen sollte: »O meine Brüder! lobet den Herrn und liebt Euch unter einander!« nein, ich werde Euch nicht diese lügnerische und alberne Predigt halten, die mein Wirth, der Kupferschmied, dieser Arme an Geist, der so reich an Herz ist, so richtiger Weise verachtet hat.

Und da wir gerade in diesem Augenblicke die ersten Häuser des Dorfes erreichten, so zerriß ich meine Predigt, und indem ich die Stücke aus der Carriole warf, so fand ich ein Vergnügen daran zu sehen, wie der Wind sie verwehte und in die Vergessenheit fortführte.




IX.

Wie Witwe


Die Carriole hielt vor der Thür der Madame Snart. Bei dem Rollen der Räder erschien meine ehemalige Protectorin auf der Schwelle; sie war schwarz gekleidet, und ihre gerötheten Augen und ihre durchfurchten Wangen bezeugten das Vorüberkommen von Thränen, wie auf der Oberfläche der Erde nach einem Gewitter die ausgehöhlte Schlucht das Vorüberkommen eines Waldstromes anzeigt.

Und dennoch fühlte man unter diesem entstellten Gesichte ein ruhiges Herz und ein reines Gewissen. Sie lächelte mir traurig zu, und indem sie mich willkommen hieß, sagte sie zu mir:

– Herr Bemrode, ich erwartete Sie. Ich weiß, was Sie herführt, und wünsche, daß dieses Haus, in welchem ich Sie vor drei Monaten empfangen habe, und in welchem ich Sie heute empfange, das Ihrige wird.

Dieser Wunsch war mit so vieler Einfachheit und einer so sympathetischen Stimme ausgesprochen, daß kein Zweifel über seine Aufrichtigkeit zu erheben war.

Ich stieg aus und dankte ihr; dann, während der Kutscher das Pferd in den Stall führte und die Carriole unter den Schoppen schob, sagte sie zu mir:

– Kommen Sie, lieber Herr Bemrode; das erste Mal, wo Sie mir die Artigkeit erzeigt haben, zu uns zu kommen, war ich in meinem Hause, und Sie waren unser Gast; heute, wo Sie Aussichten zu haben scheinen, der Nachfolger meines armen Gatten zu werden, sind Sie in Ihrem Hause, und ich bin Ihre Dienerin … Kommen Sie, ich will Sie das Pfarrhaus in allen seinen Theilen sehen lassen.

Und auf der Stelle ließ sie mich, indem sie mir vorausging, den Hof überschreiten, den Garten besuchen, in die Keller hinunter, auf den Speicher hinauf gehen, und indem Sie mich in dieses Zimmer zurückführte, in welchem bei dem ersten Male, wo ich gekommen war, der würdige Herr Snart auf einem Kanapee lag, in der Erwartung des kalten und letzten Bettes im Grabe, sagte sie zu mir:

– Das ist Ihre zukünftige Wohnung, denn ich habe die Hoffnung, daß die Pfarre Ihnen gegeben werden wird, lieber Herr Bemrode. Ich habe in ihr fünfundzwanzig Jahre glücklich mit dem Manne gelebt, den der Herr zu sich gerufen hat, und mit dem er mich, wie ich hoffe, in seiner Barmherzigkeit bald wieder vereinigen wird . . .

– Fünfundzwanzig Jahre! rief ich aus; aber das ist ein ganzes Leben . . . Sagen Sie mir, wie schwer es Ihnen werden muß, ein so lange von Ihnen bewohntes Haus zu verlassen! . . .

– Indem er es zuerst verließ, lieber Herr Bemrode, hat der Mann, der hier fünfundzwanzig Jahre mit mir zugebracht hatte, das Signal zum Aufbruche gegeben. Sicher, wie ich bin, irgend eines Tages mich wieder mit ihm im Himmel zu vereinigen, liegt mir wenig an dem Orte, wo ich den Augenblick der Wiedervereinigung erwarten werde. . . Aber folgen Sie mir hierher, sagte sie zu mir, es bleibt Ihnen ein letztes Zimmer zu besuchen übrig.

Sie ging voraus, wie sie es bis dahin gethan hatte, und führte mich in ein Schlafzimmer.

– Sie sind jung, begann sie wieder, und im Alter, eine Gefährtin zu haben. Nehmen Sie diese Gefährtin, sittsam, liebend, von einem dem Ihrigen gleichen Stande; nehmen Sie dieselbe aus Liebe, wie Herr Snart mich genommen hat, und nicht aus Berechnung . . . und Ihre fünfundzwanzig Jahre der Wonne und der Glückseligkeit werden verfließen, wie die unsrigen verflossen sind.

Ich blickte diese würdige Frau mit einem mit Achtung gemischten Erstaunen an. – Fünfundzwanzig Jahre der Wonne und der Glückseligkeit! Niemals hat weder bei den Alten, noch bei den Neueren ein menschliches Wesen seinem Gott für fünfundzwanzig Jahre des Glückes danken können.

– Liebe Frau, fragte ich sie, sind Sie denn während fünfundzwanzig Jahren wahrhaft glücklich gewesen?. . . Hat während fünfundzwanzig Jahren – das heißt während einer längeren Dauer der Zeit, als die, welche ich bereits auf der Erde zugebracht habe – keine Betrübniß, kein Schmerz, keine Thräne diese Wonne und diese Glückseligkeit verfinstert, für welche Sie so eben Gott danken?

Indem ich mich nun nach diesen mit einer einfachen Papiertapete bedeckten Wänden kehrte, rief ich aus:

– O gesegnete Mauern! die ihr ein solches Wunder habt geschehen sehen, möchtet ihr eines Tages mein Haupt beschirmen können, wie ihr das dieser beiden Gatten beschirmt habt, und möchte ich späterhin sagen können, wie mir heute diese in Trauer gekleidete Wittwe sagt: »Habe Dank, mein Gott! für diese fünfundzwanzig Jahre des Glücks, ohne Störung und ohne Wolke, welche Du Deinem Diener bewilligt hast!«

Madame Snart lächelte, und indem sie schwermüthig den Kopf schüttelte, sagte sie zu mir:

– Lieber Herr Bemrode, es wäre nicht die Wahrheit, wenn Sie darunter verständen, daß diese lange Periode meines Lebens, wie Sie so eben sagten, ungestört und ungetrübt verflossen sei . . . Nur, da nach meiner Meinung das wahre Unglück in der Schuld und in der Sünde liegt, so sage ich, daß Gott uns gestattet hat, fünfundzwanzig Jahre in der Reinheit der Seele und der Heiterkeit des Gewissens zu leben . . . Ein Glück ohne Störung und ohne Wolke! O nein! im Gegentheil, und ich hoffe, daß meine Schmerzen mir angerechnet werden! . . . Nein! . . . Hier habe ich sehr gelitten; hier habe ich gar viele Thränen vergossen . . . und wenn das Herz bräche, lieber Herr Bemrode, hier würde mein Herz gebrochen sein; denn hier hat die Wittwe nicht allein ihren Gatten verloren, sondern die Mutter hat auch noch ihre Kinder sterben sehen! . . . Ich hatte drei Töchter, lieber Herr, drei Engel auf Erden, drei Engel im Himmel, jung, schön, rein! Der Thautropfen, welcher am Morgen an der Spitze des Weidenblattes zittert, war nicht klarer als ihr Blick; der blaue Maihimmel war nicht reiner als ihr Herz. Eines Tages kam eine Mutter mit ihrem kranken Kinde in ihren Armen, auf der Schwelle des Pfarrhauses, um Almosen zu bitten; die jüngste unserer drei Töchter drückte ein Geldstück in die fieberhafte Hand des Kindes; das Kind hatte die Blattern: meine Tochter brachte den Tod für sich und für ihre Schwestern zurück . . . Sehen Sie, dort . . . dort, Herr Bemrode, unter diesen Ringen, welche an der Decke die Vorhänge von drei Betten zurückhielten, dort war in fünf Tagen Alles vorbei . . . Ich war Mutter von drei Kindern; nach Verlauf von fünf Tagen war ich keine Mutter mehr. Drei kalte und gefühllose Leichen hatten nach einander meine geliebten Kinder ersetzt! Die letzte, welche starb, war die älteste; weit stärker, kämpfte sie länger . . . Sie war vor Kurzem fünfzehn Jahre alt geworden. Sie starb, indem sie zu mir sagte, »Sei ruhig, Mutter, ich sehe bereits im Himmel und sehe noch auf der Erde . . . Auf der Erde bist Du, welche weint, aber im Himmel sitzen meine beiden Schwestern zur Rechten Gottes und sie machen mir ein Zeichen, daß es neben ihnen einen Platz für mich giebt . . . Sei ruhig, meine Mutter, wir werden den Herrn für Dich und für unseren Vater bitten, und wir werden uns dort oben wiedersehen. Dort oben ist die wahre Heimath. Der Mensch ist nur ein Fremdling auf der Erde!« Und nach diesen Worten verschied das arme Kind oder schlief vielmehr ein, denn einen ganzen Tag lang wollte ich nicht glauben, daß sie gestorben wäre, indem ich bei ihr wachte und zu den Besuchenden sagte: » Geht leise! macht keinen Lärm« . . . so ruhig und lächelnd war ihr Gesicht geblieben! Endlich verließ sie als die Letzte dieses Zimmer, wie ihre beiden Schwestern es bereits verlassen hatten . . . Dieses Zimmer, das so viele Todte gesehen und so vieles Schluchzen gehört hat! Dieses Zimmer ist daher auch das einzige des ganzen Hauses, das ich bedauern werde.

– O, liebe Madame Snart, flüsterte ich leise; o, möge Gott mich beschützen, und ich verspreche Ihnen, daß Sie es nicht bedauern werden.

– Ja, fuhr sie fort, ohne mich zu verstehen, ja, ich werde es bedauern, denn dort in diesem Zimmer, an der Wand, sind nicht allein die drei Plätze, an welche ihre drei Betten, weiß wie jungfräuliche Schleier, gelehnt waren, sondern ich sehe auch noch durch das Fenster dieses Zimmers die Bäume, welche ihr Vater an dem Tage der Geburt einer jeden von ihnen gepflanzt hatte. . . Ach, armer Vater! als er sie pflanzte, hatte er nicht bedacht, daß die Trauerweiden Kirchhofsbäume, Schmuck der Gräber sind! Welcher Vater oder welche Mutter vermag in der That auch zu glauben, wenn er sein neugeborenes Kind umarmt, daß dieses Kind eines Tages sterben würde? . . . O doch, doch, Herr Bemrode! ich habe sehr gelitten, fuhr die arme Wittwe fort, indem sie in Schluchzen ausbrach; denn ich habe zugleich alles das gelitten, was eine Gattin, und alles das, was eine Mutter leiden können! . . . Jetzt stehe ich allein auf der Welt; Gott wird mich nach seinem Gefallen zu sich nehmen, ich erwarte seinen Willen . . .

Und sie erhob ihren Blick voller Glauben und Ergebung gen Himmel, indem sie wieder stumm wurde, während Thränen langsam über ihre Wangen rollten.

Ohne mir Rechenschaft von dem abzulegen, was ich empfand, fühlte ich meine Knie sich beugen, und ich befand mich in Anbetung neben dieser neuen Schmerzensmutter.

Ich ergriff eine ihrer Hände und küßte sie.

– Nein, sagte ich zu ihr, nein, Sie stehen nicht allein auf der Welt; nein, Sie haben nicht alle Ihre Kinder verloren! denn es bleibt Ihnen ein Sohn, ein Sohn, der Sie ehren und achten wird, meine Mutter, als ob er die Frucht Ihres Leibes und der Säugling ihrer Milch gewesen wäre. . . Nein, nein, Sie werden dieses Zimmer nicht verlassen; Gott wird mich begeistern, Gott wird mich beredtsam machen, Gott wird mir den Sieg verleihen, wäre es auch nur zu Gunsten Ihrer Verdienste, meine Mutter, wäre es auch nur, um Ihnen zu erlauben, nach Ihrer Reihe die Augen in diesem Zimmer zu schließen, in welchem alle die gestorben sind, die Sie liebten . . . Nein, Sie werden dieses Zimmer nicht verlassen, Sie werden jeden Abend Ihr dreifaches Gebet an der Stelle verrichten, welche die drei Betten einnahmen, und am Morgen werden Sie beim Erwachen durch das Fenster noch jene drei Weiden sehen, zu Bäumen der Trauer gewordene Bäume der Freude . . . Meine Mutter, möge das Haus mein sein, und das Haus wird Ihnen gehören, und ich werde immer nur Ihr Gast sein, wie an jenem Abend, wo ich, ohne zu wissen, was dieses Haus an Tugenden, Verdiensten und Schmerzen enthielte, gekommen bin, Sie um Gastfreundschaft zu bitten. Nur wenn das Unglück auch mich erreicht, wenn ich mein Herz brechen fühle, wenn Gott die Hand von mir zurückzieht, dann lassen Sie mich in dieses Zimmer kommen, meine Mutter, um mich dort leiden zu lehren, wo Sie so viel gelitten haben.

Sie blickte mich einen Augenblick lang erstaunt an, als ob sie nicht an das zu glauben vermochte, was ich ihr sagte; hierauf hob sie mich auf, ohne ein einziges Wort aussprechen zu können, und schlang schluchzend ihre Arme um meinen Hals. – Das Schluchzen gab ihr die Sprache wieder.

– Oh! mein Sohn! mein Sohn! sagte sie, sei tausend Mal gesegnet. Du suchtest eine Mutter, wie ich ein Kind suchte; Gott hat uns einander in die Arme geführt; was Gott thut, das ist wohlgethan . . . Mein Sohn, ich verlasse Dich nicht mehr. Hier bleibe ich bei Dir; anderswohin folge ich Dir, denn, mein geliebtes Kind, Du darfst Dir keine zu großen Hoffnungen machen: der Kampf wird schwer sein.

– Oh! sein Sie unbesorgt, meine Mutter, ich habe es Ihnen gesagt, Gott wird mich begeistern.

– Ja, rechnen Sie auf Gott, aber rechnen Sie nicht zu sehr auf sich . . . Erinnern Sie sich Ihres ersten Besuches in diesem Dorfe . . .

– Ich war ein Narr, ein Hochmüthiger: Gott hat mich bestraft; dann komme ich, wie Sie wissen, mit der Protection des Rectors.

– Enttäuschen Sie sich, im Gegentheile, rief die würdige Frau lebhaft aus . . . Sie werden sehen! Sie werden sehen! . . . Weil sein Neffe, ein Mensch von wenig Verdienst, sich um diese Pfarrstelle bewarb, hat er sie ihm nicht ohne Weiteres geben wollen, aus Furcht, der Parteilichkeit gegen die Seinigen beschuldigt zu werden … Er hat Sie hierher gesandt, Ihre Probepredigt zu halten, damit kein Anderer käme, der den Sieg über diesen Neffen davon trüge, und das wegen seiner Unwissenheit auf eine leichte Weise… während Sie…

Sie unterbrach sich erröthend.

– Endigen Sie, gute Mutter, sagte ich mit einem Lächeln zu ihr.

Dann, da sie fortfuhr zu schweigen, so sagte ich zu ihr:

– So sprechen Sie doch, gute Mutter… Sie wollen nicht?. . . Ich glaubte, daß eine Mutter kein Geheimniß für ihr Kind hätte; ich irrte mich: die meinige zögert, denn ihr Sohn ist ein Hochmüthiger. . . Wohlan! geliebte Mutter, um mich für diesen Hochmuth zu bestrafen, will ich Ihnen helfen. – Während ich, nicht wahr, noch weniger Verdienst habe, als dieser Neffe? . . .

– Er hat es geglaubt; er hat sich geirrt.

– Und Jedermann hat es glauben können, Sie zuerst, meine geliebte Mutter.

– O! er irrte sich . . . ich irrte mich gleichfalls . . . Wir irrten uns Alle, und das war erlaubt, mein armes Kind, fügte Madame Snart leise und in ihrem sanftesten Tone hinzu, denn die Predigt, die Sie gehalten haben…

– War sehr abscheulich, nicht wahr!… aber fürchten Sie nichts, es wird mit dieser da nicht eben so sein.

– Und über was predigen Sie am Sonntage, mein lieber Sohn?

– Ich weiß es noch nicht, meine Mutter.

– Wie! Ihre Predigt ist nicht gemacht?

– Sie war es . . . ich habe sie am Eingange des Dorfes zerrissen.

– Und warum das?

– Weil sie vielleicht noch weit schlechter war als die erste.

– Das ist viel, daß Sie das bemerkt haben, bevor Sie sie gehalten.

– Und dem wird von nun an mit allen meinen Predigten so sein, meine Mutter; denn, wenn ich sie mit meinem Verstande mache, den ich für falsch zu halten anfange, so werde ich sie mit meinem Herzen beurtheilen, welches, wie ich hoffe, rechtschaffen und gut ist.

– Wohlan! sagte sie, gehen Sie in Ihr Zimmer hinauf; es ist das, in welchem während fünf und zwanzig Jahren ein würdiger Pastor seine Predigten verfaßt hat. Es waren vielleicht keine Muster der Beredtsamkeit, aber es waren Ermahnungen zu einer Frömmigkeit, zu einer Mildthätigkeit, zu einer Bruderliebe, zu denen er das Beispiel gab. Die einfachen und guten Leute dieses Dorfes liebten ihn, weil sie ihn einfach und gut wie sie fanden. Streben Sie nicht danach, Besseres als er zu machen: es eben so gut zu machen wird für Ihr Glück und ihr Heil hinreichen.

– Ach! beruhigen Sie sich, meine gute Mutter, sagte ich zu ihr: da ich nur Ihr Glück im Auge habe, so stehe ich von heute an unter dem Schutze derer, die Sie geliebt haben; diese da werden mir eingeben, was ich thun muß, und Alles wird gut gehen.

Ich drückte ihr von Neuem die Hand, und ging in mein Zimmer hinauf; aber vergebens wollte ich an meine Predigt denken, es war etwas Unmögliches. Ich vermochte nur alles das wieder in meinem Gedächtnisse durchzugehen, was mir diese vortreffliche Frau gesagt hatte, und zu bewundern, welche Beispiele der Frömmigkeit, des Muthes und der Ergebung Gott zuweilen in einem unbekannten Winkel der Erde verbarg.

Die Stunde des Abendessens kam herbei; Madame Snart hatte es selbst zubereitet, seit dem Tode ihres Gatten hatte sie ihre Magd fortgeschickt.

Als das Abendessen angerichtet war, rief sie mich.

Ich hatte großen Hunger, den Appetit eines jungen Mannes von dreiundzwanzig Jahren, mein lieber Petrus; außerdem ein zufriedenes Herz ohne Sorgen für den folgenden Tag; denn dieses Mal fühlte ich, ohne daran zweifeln zu können, daß der Herr mit mir wäre.

Sie, die arme Mutter, aß im Gegentheile kaum und trank nur ein Glas Wasser. Als sie sah, daß ich mich an diesen Tisch, an die Stelle setzte, die gewöhnlich ihr Gatte einnahm, waren ihr dicke Thränen in die Augen gekommen, die sie unterdrückt hatte, aber die auf ihr Herz zurückgefallen waren.

– Und Ihre Predigt? sagte sie an dem Ende des Abendessens zu mir.

– Ich habe noch nicht daran denken können, meine gute Mutter, aber Sie sehen, wie ruhig und unbesorgt ich bin . . . Gott hat seine Absichten mit mir, nicht wegen meiner Verdienste, sondern wegen der Ihrigen.

– Dem sei so! sagte sie lächelnd.

Und indem sie mir eine Lampe reichte, sagte sie:

– Gehen Sie, für mich zu arbeiten, ich werde für Sie beten.

Und sie trat allein und ohne Licht in dieses Zimmer, in welchem ihre drei Kinder und ihr Gatte verschieden waren; denn ohne Zweifel glaubte sie in der Dunkelheit jene unbestimmten und undeutlichen Gestalten, die stummen Bewohner des Reiches der Todten, wiederzusehen.




X.

Der Mensch ist ein Fremdling ans Erden


Ich ging in mein Zimmer hinauf; es war das, welches ich bei meiner ersten Reise bewohnt hatte; aber welche Veränderungen, mein lieber Petrus, hatten sich seit dieser ersten Reise in mir und um mich herum zugetragen! Ich hatte angefangen, das Γυϲόϑι σεαυτόν des Sokrates auf mich anzuwenden, und in kurzer Zeit hatte dieses Studium mich zu dem Zweifel an mir selbst und zu dem Glauben an Gott geführt.

Ich stellte meine Lampe auf den Tisch, sank auf einen Stuhl und träumte.

Ich träumte von meinen auf einander folgenden getäuschten Hoffnungen, von meinem Versuche im Heldengeeicht, von meinem Versuche im Trauerspiele, von meinem Versuche einer philosophischen Abhandlung, von meinem drei Male, wie Jakob durch den Engel, gedemüthigten Stolze, und ich sah als Ersatz dieses Kampfes, der während der langen Nacht meines Geistes gedauert hatte, die vor der Morgenröthe des Glaubens zu verschwinden begann, das ruhige und friedliche Leben dieses Pastors, dessen Platz ich einnahm, der in der Einfachheit seiner Arbeit und seines Lebens niemals gescheitert war, der während fünfundzwanzig Jahren seiner Gemeinde Beispiele der Frömmigkeit, der Mildthätigkeit und der Bruderliebe gegeben hatte, und der die Hände, nicht mit schönen Büchern, sondern mit guten Thaten gefüllt, wieder zu Gott zurückgegangen war. Ich sagte mir, daß mein Stolz, der Dämon, den ich besonders zu bekämpfen habe, – mich bis diesen Augenblick betrogen hätte, indem er mich überredete, daß mein Genie berufen wäre, Aufsehen in der Welt zu machen, während es mir im Gegentheile, erst seit diesem glückseligen Abende, schien, daß ein ruhiges, stilles und friedliches Leben, das unter dem Flügel des Engels der Familie verflösse, das wahre Dasein sei, das mir vorbehalten wäre.

Und bei dem Gedanken, ungekannt auf diesem kleinen Winkel der Erde zu leben und zu sterben, ein Gedanke, der drei Tage vorher mich zur Verzweiflung gebracht hätte, fühlte ich etwas Tröstendes, Belebendes sich in meine Adern ergießen und sanft bis zu meinem Herzen strömen.

Es befand sich zufällig ein Spiegel vor mir. Mein Blick verweilte darauf, und es schien mir, daß mein Auge begeistert, meine Stirn leuchtend und mein Mund lächelnd wären.

Das kam daher, weil ich, wie ich glaube, zum ersten Male in meinem Leben glücklich, ohne Bedauern, ohne Wünsche und dennoch voller Hoffnung war.

Ich weiß nicht, wie lange seit ich in diesem Zustande der Glückseligkeit und des Entzückens blieb; ich wurde aus ihm durch die Glocke der Kirche gerissen, an welche das Pfarrhaus angebaut war; es schlug neun Uhr.

Ich machte das Fenster auf.

Es war eine wundervolle Nacht, eine schöne, durch milde Lüfte gemäßigte Juni-Nacht. Mein Fenster ging zuvorderst auf den Garten des Pfarrhauses, dann auf andere, an diesen da anstoßende Gärten; dann kam das Feld, dessen Horizont durch eine kleine Hügelkette geschlossen war.

Alles, was mein Blick in Mitte der durchsichtigen Finsterniß der Nacht zu übersehen vermochte, bot das vollständigste Bild der Unschuld und der Ruhe.

Nur drei Lichter glänzten in diesem Kreise, bescheidene Parodieen aller dieser funkelnden Lichter, mit denen die blaue Unermeßlichkeit des Himmels besäet war. Lange heftete sich mein Blick tiefsinnig und forschend auf diese Heerschaar von Sternen, durch welche die Milchstraße wie ein Strom, wie eine Lawine, wie ein Wasserfall von Welten geht! Dann, unter der Erhabenheit des Schauspieles niedergebeugt, indem ich mich unfähig fühlte, diesen Sonnen, diesen Planeten, diesen Sternen, diesen Trabanten, denen Copernicus, Galilei und Newton, —, diese drei großen Erforscher des Firmamentes, – ihren Weg vorgeschrieben haben, in den Bewegungen zu folgen, die ihnen eigen sind, oder die ihnen gegeben sind, ließ ich meine Augen wieder ohne Scham über meine Schwäche auf die Erde zurückfallen; denn ich erinnerte mich jener Worte Pascal’s: »Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume erschreckt mich!« und ich fürchtete nicht demüthig mit dem Erfinder der Rechenmaschine und mit dem Verfasser der lettres provinciales und der Pensées zu sein.

Während der wenigen Augenblicke, in denen mein Blick sich auf die Lichter des Himmels geheftet hatte, waren die Lichter der Erde erloschen, und Alles war in die Dunkelheit zurückgekehrt.

In diesem Augenblicke erschien ein schwacher weißlicher Schein auf dem Gipfel eines dieser kleinen krausen Hügel, welche den Horizont begrenzten.

Meine Augen verweilten auf dieser Art von nächtlicher Morgendämmerung.

Es war der Mond, welcher langsam, majestätisch, glänzend aufging; aus seinem nicht recht gut gerundeten Kreise, der allmälig hinter dem Kamme des Hügels erschien, strömte gleich einer Strahlenkrone, und sich mildernd, indem es sich von dem Mittelpunkte entfernte, ein sanftes, friedliches Silberlicht. Dieses Licht verbreitete sich in dem Maße, als der ruhige König der Nächte nach den erhabenen Höhen des Firmamentes aufstieg über die Ebene, auf welcher es die Bäche wie gewässerte Bänder funkeln und die Teiche wie Silberspiegel glänzen ließ; allmälig floh die Dunkelheit vor ihm, indem sie vor seinem Lichte zurückwich, das allmälig den ganzen von meinen Augen übersehenen Kreis erfüllte, wie eine Fluth, welche von dem Horizonte kommt, allmälig das ganze Bett des Meeres erfüllt, das die Ebbe bei ihrem Zurückziehen leer gelassen hat, und auf diese Weise siegreich, unwiderstehlich, wachsend bis zu dem Gipfel der höchsten Gestade steigt. – Plötzlich, in dem Augenblicke, wo dieses Licht sich in dem Garten des Pfarrhauses verbreitete und bis zu dem Fenster hinaufstieg, auf dessen Brüstung ich mich gelehnt befand, erhob sich ein melodischer Gesang von den Ufern des kleinen Teiches, und inmitten dieser so durchsichtig gewordenen Nacht, daß man sie für eine Morgenröthe hätte halten können, erblickte ich den gefiederten Sänger, dessen Stimme allein die Rückkehr des bleichen Lichtes und die erhabene und schweigende Heiterkeit der Nacht begrüßte.

Es war eine auf dem höchsten Zweige der größten der drei Weiden sitzende Nachtigall, oder sagen Sie mir, mein lieber Petrus, meinen Sie nicht wie ich, daß es vielmehr die Seele des jungen Mädchens war, die von dem Gipfel dieser Weide, die an demselben Tage, an welchem ihr vergänglicher Körper auf der Erde erschienen, gepflanzt war in Mitte der Finsterniß und mit diesem lieblichen Gesange ihre trostlose Mutter im Namen ihrer Schwestern, ihres Vaters und Gottes zu begrüßen kam?

O, welche angenehme, schöne, heitere Nacht! Wie sehr war sie verschieden von der, die ich drei Monate vorher in demselben Zimmer zugebracht hatte, als ich über meine erste Predigt gebückt, mit fieberhaftem Pulse, mit vor Schweiß triefender Stirn, mit diesem Dämon des Hochmuths kämpfte, der jetzt von mir besiegt und zu meinen Füßen gefesselt war!

Es giebt Stunden, welche verfließen, ohne daß man die Zeit ermißt; während dieser Stunden weiß man nicht einmal, ob man gelebt, wenigstens das irdische Leben . . . Der Mond glänzte während der ganzen Nacht; die Nachtigall sang während der ganzen Nacht; ich betrachtete und horchte während der ganzen Nacht.

Endlich sah ich nach seiner Reihe den glänzendsten der Sterne erscheinen, den, welchen die Dichter zur Tochter Jupiters und der Aurora gemacht und dem sie den Namen Venus gegeben haben, den unsere modernen Astronomen in Lucifer geändert, weil er, da er der Sonne nur um einige Stunden vorausgeht, rasch am Himmel aufsteigt und auf seinem Wege die glänzende Fackel des Morgens schüttelt.

Die Nachtigall hörte auf zu singen, der Mond erbleichte; ich machte mein Fenster zu und legte mich zu Bett.

Ich erwachte zu derselben Stunde als das erste Mal; aber statt des schrecklichen schweren Traumes, der mich während des anderen Schlummers gepeinigt, war ich nur von angenehmen Träumen besucht gewesen, die aus jener Pforte von Elfenbein hervorgehen, welche sich am Abend den durchsichtigen und lügenhaften Erscheinungen öffnet.

Fast zu gleicher Zeit klopfte meine gute Mutter an meine Thür, indem sie mir meldete, daß die Glocke in einer Viertelstunde läuten würde.

Ich stand auf, kleidete mich an und suchte ein letztes Mal meine Ideen für die Predigt zu sammeln, die ich halten – Unmöglich! Mein Geist war voller Bilder und Töne, die ich seit dem gestrigen Tage gesehen und gehört hatte. Ich sah nur diese schwarz gekleidete Wittwe, diese drei, eines nach dem andern auf der Erde erlöschenden Lichter, diese Myriaden von Welten, welche sich an dem Himmel anzündeten und funkelten, diesen die Dunkelheit verjagenden Mond, und diesen Morgenstern, der, emporsteigend, den Mond verjagte und den Tag meldete. Ich hörte nur diese trostlose Mutter, welche, wie Rachel in Rama, den Verlust ihrer Töchter bejammerte, und diese melodische Nachtigall, welche, auf dem höchsten Zweige dieser Weide sitzend, die das Ende ihrer Zweige in das dunkle Wasser des Teiches tauchte, die ganze Nacht über gesungen hatte, um sie zu trösten.

Die Stunde schlug; es befand sich in der Kirche eine vielleicht noch größere Menschenmenge als das erste Mal, wo ich gepredigt hatte. Ich schritt ohne Affectation durch diese Menge, indem ich die Augen weder erhob, noch niederschlug und vollkommen ruhig von Herzen wie im Geiste war.

Wie das erste Mal trat ich in die Sakristei, dieses Mal nicht mehr, um eine schlechte Predigt zu verbessern, sondern um ein inbrünstiges Gebet zu verrichten. Ich kniete nieder, und nachdem ich demüthig mein Herz Gott zu Füßen gelegt, kehrte ich in die Kirche zurück und bestieg die Kanzel, indem ich noch nicht wußte, über welchen Gegenstand ich sprechen würde, aber überzeugt, daß Gott, auf den ich mich mit so viel Glauben verließ, mich in diesem entscheidenden Augenblicke nicht verlassen würde.

Während des Gesanges blickte ich um mich und sah zu meiner Rechten in einer Seitenkapelle die ehrwürdige Wittwe des Pastors Snart knieend und die Augen auf die Wand geheftet; an dieser Wand waren drei kleine Immortellenkränze aufgehängt, und in der Mitte jedes dieser Kränze befand sich ein Anfangsbuchstabe. Ich errieth, daß diese drei Kränze den drei jungen Mädchen gewidmet wäre n und daß diese Anfangsbuchstaben die ihrer Namen seien. Ich beschwor nun im Geiste diese drei Engel der Reinheit, damit sie mich begeistern und unterstützen möchten. – In diesem Augenblicke erinnerte ich mich in der That, als ob mein Gebet erhört worden wäre, der letzten Worte der ältesten der drei jungen Mädchen: » Der Mensch ist nur ein Fremdling auf Erden,« und ich beschloß, sie zum Texte für meine Predigt zu nehmen.

In der That, welchen schöneren Text gab es? welchen besser gewählten Text, um zu den Herzen Aller zu reden? Je zahlreicher die Versammlung war, desto größer würde die Absonderung eines Jeden erscheinen. Es war daher eine wahre Eingebung, die mir aus dem Grabe kam. Ich wandte mich nach den drei Kränzen, um sie zu begrüßen, und ich sah unsere würdige Mutter, die mich mit einem Gefühle voller Bangigkeit und Augen voller Thränen anblickte.

Ich lächelte ihr zu, indem ich ihr einen Wink gab, um sie zu beruhigen; dann, da in diesem Augenblicke der Gesang aufhörte, wandte ich mich wieder nach meiner zukünftigen Gemeinde und zeigte mit einer zugleich sanften und ruhigen, liebevollen und festen Stimme den Text an, über den ich sprechen würde.

Bei dieser einfachen Anzeige verbreitete sich ein wohlwollendes Gemurmel in der Versammlung.

Ich fing an.

Sie machen sich keinen Begriff, mein lieber Petrus, mit welcher Klarheit sich die Ideen meinem Geiste und die Worte meinem Munde boten. Ich hatte keine Furcht, keine Verlegenheit, keine Unschlüssigkeit. Bei den ersten Worten, die ich aussprach, blickten sich meine Zuhörer voller Erstaunen an, wie um sich einander zu fragen, ob ich wirklich dieselbe Person wäre, welche ihnen drei Monate vorher jene geschraubte, weitschweifige, unverständliche Predigt gehalten hatte . . . Ich nahm den Menschen von seiner Geburt an; ich verglich ihn mit einem in seiner Jugend mit grünen Blättern bedeckten Baum, der jedes Jahr seine Blätter verliert, die mit jedem Jahre wieder wachsen – die aber gegen eine gewisse Zeit anfangen, weniger frisch, weniger lebenskräftig, weniger zahlreich zu wachsen – bis daß er endlich, alt und entlaubt, einsam und vertrocknet, nichts mehr über diese Erde ausbreitet, die er einen Augenblick lang mit Schatten bedeckt hat, als einen knorrigen Stamm und abgezehrte Arme. Ich zeigte nicht allein den Menschen wie eine vorüberkommende Erscheinung, sondern auch noch die Generationen, die sich wie Schatten einander folgten, eine unermeßliche Prozession, schnell vergänglich durch die Einheit, ewig durch ihre Masse; den Menschen, wie er nackend und wankend aus der Erde hervorgeht, die er einen Augenblick lang bewohnt, indem er sich nach dem Himmel sehnt, und der nach vierzig, fünfzig, sechszig Jahren, das heißt nach einer Stunde, einer Minute, einer Sekunde nach der Rechnung der Ewigkeit, seinen wankenden und nackten Leib dieser Erde zurückgiebt, aus der er hervorgegangen ist, während die unsterbliche Seele wieder zum Himmel aufsteigt, das heißt zu der göttlichen Wohnung, aus der sie herabgekommen ist, und wo – eine Fremde auf Erden – sie die hohe Belohnung aus den Händen der höchsten Güte erwartet. Ich zeigte in dem Maße, als der Mensch in das Leben eintritt, diesen Menschen, wie er Alles verliert, was er geliebt hat; zuerst den Vater, der ihm das Dasein gegeben hat, dann die Mutter, die ihn ernährt hat; dann nach ihrer Reihe die Kinder, die er erzeugt, erzogen, genährt hat, wie sie ihn nicht für den Tod, sondern für das Leben verlassen: der Gatte, um in einer anderen Stadt, einer anderen Gegend, in einer anderen Welt die für seinen Lebensunterhalt, für den Lebensunterhalt seiner Frau, für den Lebensunterhalt seiner Kinder nöthigen Mittel zu suchen; die Gattin, um ihrem Gatten überall hin zu folgen, wohin er geht; ich zeigte ihn, wie er in dem Maße, als er dem Grabe zuschreitet, an jeder Ecke des Weges einen Bruder, einen Verwandten, einen Freund verliert, so daß er, wenn er jemals auf diesem Wege des Jammers und der Thränen zurückkäme, er ihn Schritt vor Schritt wegen der Gräber wieder einschlagen könnte, die er wie Meilensteine auf der ganzen Länge und auf beiden Seiten seines Weges wiederfinden würde.

Indem ich mich dann endlich nach meiner guten Mutter umwandte, welche mich anhörend und mich anblickend, Thränen der Rührung und der Wonne vergoß, die drei Kränze zeigte, vor denen diese Frau kniete, die dreimal das gelitten hatte, was die Mutter Gottes gelitten, rief ich aus:

– Ja, ja, der Mensch ist ein Fremdling auf dieser Erde, er erscheint, er wächst, er leidet, er geht vorüber . . . und einige vertrocknete Blumen, der erste Buchstabe eines Namens, die Furche, die er gegraben, die er mit seinen Thränen benetzt hat und die sich hinter ihm über dem Abgrunde der Vergangenheit wieder schließen wird, wie die Furche eines Schiffes auf dem Abgrunde des Oceans, das ist es, was er von sich, nach sich zurückläßt! . . . Aber beruhigt Euch, Ihr, die Ihr entweder eine Mutter oder einen Vater, oder einen Gatten, oder ein Kind beweint, beruhigt Euch! Fremdlinge auf dieser Erde, haben Euch die, welche Euch verlassen haben, nur für eine Zeit lang verlassen, und sie sind hingegangen, Euch in dem Himmel, jener Heimath, zu erwarten, wo Ihr Euch eines Tages in der glückseligen Ewigkeit und in dem unendlichen Glanze wieder mit ihnen vereinigen werdet!

Ich vermag Ihnen nicht auszudrücken, mein lieber Petrus, zu welchem Grade der Rührung ich, als ich dazu kam, meine Zuhörer geführt hatte; es gab nicht eine einzige Person unter dieser Menge, die nicht in Thränen ausbrach, und ich selbst, als der erste, vergoß reichliche Thränen, indem ich an meinen würdigen Vater und an meine ehrwürdige Mutter dachte. Nun aber wissen Sie, daß die besten Freunde, die zuverlässigsten Freunde die sind, welche mit einander geweint haben. Als ich die Kanzel verließ, fand ich alle Arme offen, um mich zu empfangen; ich wurde im Triumph in die Sakristei getragen; die Greise, die, da sie bereits das Meiste auf dieser Welt verloren haben, mich am besten verstehen mußten, die Greise umarmten mich, drückten mich an ihr Herz und riefen mit einem Gefühle aus, das an Begeisterung grenzte:

– O, Sie werden unser Pastor werden, wir wollen keinen anderen als Sie; wir werden Sie von dem Herrn Rector verlangen, und müßten wir auch Alle nach der Stadt gehen, um diese Forderung an ihn zu stellen, wir werden Sie erlangen!

Einen Augenblick lang hätte man glauben können, daß diese Forderung unnöthig wäre, denn es versicherte Jemand, den Herrn Rector erblickt zu haben, wie er in einem der dunkelsten und entlegensten Winkel der Kirche meine Predigt angehört hätte, wohin er ohne Zweifel in der Güte seiner Seele gekommen war, um meinem Triumphe beizuwohnen.

Aber man suchte ihn vergebens; er war verschwunden.




XI.

Gott lenkt


Meine gute Mutter erwartete mich an der Thür der Sakristei. Wir kehrten mit einander, fast von dem ganzen Dorfe begleitet, nach dem Pfarrhause zurück. Dort nahmen die Kirchenvorsteher Abschied von mir, aber um ihre Bitte an den Herrn Rector aufzusetzen.

Meine Mutter und ich kehrten allein in das Innere des Pfarrhauses zurück, und ich war erstaunt, alle Schränke offen, alle Schubladen aufgezogen zu sehen.

Ich fragte Madame Snart, was das bedeutete.

– Mein Sohn, sagte sie zu mir, Sie haben mich als Ihre Mutter angenommen, es ist daher sehr natürlich, daß ich Sie als meinen Sohn anerkenne.

Bevor Sie wußten, ob ich reich oder arm wäre, haben Sie zu mir gesagt: »Sie werden dieses Zimmer behalten, in welchem Sie glücklich und unglücklich gewesen sind, in welchem Sie gelächelt und geweint haben, in welchem Sie Mutter geworden, und in welchem Ihre Kinder gestorben sind.« Ich habe es angenommen; nehmen Sie daher jetzt auch das an, was ich Ihnen anbiete, das heißt das Haus so wie es ist, mit seinen Möbeln, seiner Wäsche und seinem Silberzeug. So lange ich lebe, wird Alles für uns beide sein; sobald ich gestorben bin, wird Alles Ihnen allein gehören.

Ich wollte eine Geberde der Weigerung machen.

– O! sagte sie, schützen Sie nicht das Unrecht vor, welches ich denen anthue, die auf das Wenige rechnen, was ich besitze. Zuvörderst habe ich nur entfernte Erben, die kein wirkliches Recht auf mein kleines Vermögen haben; dieses kleine Vermögen, so wie es ist, eine Gabe der Wittwe, der Heller der Mutter, gehört Ihnen, und wenn Sie mich nicht unendlich betrüben wollen, so gehen wir noch heute zu dem Notar von Wirksworth, wo ich Ihnen eine Schenkung darüber ausstellen werde.

Ich dankte dem guten Wesen mit Thränen in den Augen; ich sagte zu ihr, daß ich Alles mit demselben Herzen annähme, als dieses Alles mir angeboten wäre; aber ich bat sie inständigst, diese Schenkung auf späterhin zu verlegen, um mir nicht in den Augen meiner zukünftigen Gemeinde das Ansehen eines habsüchtigen und mißtrauischen Menschen zu geben. Nach dem Beifalle, den ich so eben erlangt hatte, nach der dringenden Forderung, welche die Leute des Dorfes mir an den Herrn Rector zu richten versprachen, war es unmöglich, daß seine Entscheidung lange auf sich warten ließe.

Höchstens in vierzehn Tagen würde ich zurückgekehrt sein, und es würde dann Zeit genug sein, diese Schenkung zu machen, die ich im Voraus annahm.

Aber ich konnte ihr nicht verweigern, mit ihr alle diese bescheidenen, während fünfundzwanzig Jahren der Arbeit und der Sparsamkeit aufgehäuften Schätze der Haushaltung zu besuchen, und, ich beeile mich es zu sagen, bei der guten und würdigen Frau glich der Ueberfluß der Einfachheit fast dem Luxus.

Gott weiß, daß ich, hätte ich sie auch mit Lumpen bedeckt an der Ecke von dem Sarge des armen Pastors, der mein Vorgänger gewesen war, sitzend gefunden, sie aufgenommen, geliebt und verehrt haben würde, wie ich es that; aber ich muß auch gestehen, daß es nicht ohne eine gewisse, von aller Liebe zum Eigenthume freie Zufriedenheit war, daß ich diese Musterung meines zukünftigen Reichthumes hielt.

Nun fielen mir diese wenigen Worte wieder ein, welche sie mir über die Wahrscheinlichkeit gesagt hatte, daß vielleicht bald eine junge Gefährtin dieses Pfarrhaus mit mir bewohnen würde; ich dachte mit Stolz, daß wenn die Prophezeiung in Erfüllung ginge, wir bei unserm Eintritte in die Ehe auf der Stelle reich sein würden, wie die Andern es erst nach Verlauf von zehn, zwanzig und dreißig Jahren sind. Meine Zärtlichkeit für diese liebe Schenkerin nahm dadurch nicht zu; aber die Dankbarkeit vereinigte sich mit ihr und machte aus ihr ein zärtlicheres, liebevolleres, und ich möchte fast sagen, – so sehr hält sich die Liebe zum Eigenthume in einem Winkel des menschlichen Herzens verborgen, – ein weit ergebeneres Gefühl.

Wir setzten uns zu Tische. Sie wissen bereits, mein lieber Petrus, daß die Natur mich mit einem vortrefflichen Appetit begabt hat; aber dieses Mal fügte der Gedanke, daß ich von einem Porzellan und mit Silbergeschirr äße, das mir eines Tages angehören würde, dem Mahle noch ein Vergnügen hinzu, und ließ es mich von dem Guten, wie es war, vortrefflich finden; dann, nach der Mahlzeit, während welcher wir, sie als eine gute Mutter, und ich als ein guter Sohn unsere Verabredungen für die Zukunft trafen, umarmte ich sie, und stieg trotz ihren Bitten, daß ich noch einen Tag langer bleiben möchte, wieder in die Carriole und schlug den Weg nach Nottingham ein.

Der wahre Grund dieser Abreise war, daß ich Eile hatte, meinem Wirthe, dem Kupferschmiede, meinen Triumph zu melden.

Als sie die Carriole vor der Thür des Pfarrhauses sahen, hatten sich ein Dutzend Landleute in der Absicht versammelt, mich beim Vorüberkommen zu grüßen. Ich nahm Abschied von ihnen, indem ich sie bat, für meine baldige Rückkehr zu beten. Sie versprachen es mir mit entblößtem Kopfe und die Hand schüchtern nach mir ausgestreckt. Ich ergriff alle diese Hände eine nach der andern, und drückte sie in die meinigen; dann umarmte ich den Aeltesten, bat ihn um seinen Segen, und stieg, wie ich gesagt habe, wieder in die Carriole, welche den Weg nach Nottingham einschlug.

In der ganzen Länge der Straße fand ich Gruppen von drei oder vier Landleuten, die sich mit einander unterhielten. Bei dem Rollen des Wagens wandten sie sich um, und als sie mich sahen, lächelten sie.

Und ich sagte mir stolzer Weise, – denn ach! mein lieber Petrus, Sie wissen nicht, welches Unkraut, welche ausdauernde Pflanze der Stolz ist! – und ich, ich sagte mir:

– Sie sprechen von meiner Predigt, und sie sind stolz einen Pastor zu haben, der beredtsamer als alle Pastoren der Nachbarschaft ist.

Dann fügte ich wieder im Stillen, in der geheimen Tiefe meiner Seele hinzu:

– Was wird es denn erst sein, wenn ich mein großes Werk geschrieben haben werde?

Denn an dieses große Werk, das ich für immer zum Nichts verdammt zu haben glaubte, dachte ich doch noch von Zeit zu Zeit wieder.

Wahr ist es, daß ich bald durch den Anblick der Gegend, dieser Häuser, dieser Kinder, dieser Thiere wieder zerstreut wurde, welche mir bei meiner Ankunft so heilsame Gedanken eingeflößt hatten. Ich lächelte Alle diesem zu und segnete es im Vorüberkommen bei Weitem vergnügter, als ich es am Tage vorher gethan hatte; denn ich hatte jetzt Ursache, das als eine Gewißheit anzusehen, was vorher nur eine ungewisse Hoffnung war.

Gegen zwei Uhr Nachmittags war ich nach Nottingham zurückgekehrt. Mein Wirth, der Kupferschmied, war ausgegangen, um Arbeit in die Stadt zu tragen; aber da man mir sagte, daß er bald nach Haus kommen würde, so erwartete ich ihn in seinem Laden.

In der That, einige Minuten nach meiner Ankunft erschien er auf der Schwelle.

– Ah! sagte er, als er mich erblickte und auf meinem Gesichte eine mit Stolz gemischte Freude las, es ist nicht nöthig, Sie zu fragen, ob Sie mit Ihrer Reise zufrieden sind . . . Die Sachen sind gut gegangen, wie es scheint?

– Vortrefflich, mein lieber Wirth, und der Erfolg hat meine Erwartung übertreffen.

– Um so besser, sagte er, um so besser! und ich freue mich, in meinen Voraussichten geirrt zu haben . . . Ich erwartete Sie mit einer gewissen Besorgniß, und ich hoffte nichts so Gutes von Ihrer Predigt . . . Aber das ist nicht meine Schuld; ich bin ein armer Mann, der nichts von allen den Dingen der Literatur, der Theologie und der Wissenschaft versteht. Ich hatte Unrecht, und Sie hatten Recht.

Ich muß Ihnen gestehen, mein lieber Petrus, daß ein Rest des alten noch nicht recht aus meiner Person ausgetriebenen Stolzes sich dazu neigte, diesen wackeren Mann glauben zu lassen, daß in der That er es wäre, der sich geirrt hätte, und ich, der unfehlbar gewesen sei; aber ich schämte mich dieser Regung des Stolzes, und indem ich sie fast sogleich verwarf, sagte ich zu ihm:

– Nein, mein lieber Wirth, nein; Sie hatten im Gegentheil Recht, und ich hatte Unrecht.

Von der alten Predigt, die ich Ihnen vorgelesen habe, und die Sie mit so vielem Rechte abscheulich gefunden, ist nichts übrig geblieben, als die Scham, sie gemacht zu haben.

Und nun erzählte ich ihm alles das, was sich zugetragen hatte; wie der Anblick aller dieser natürlichen und reizenden Gegenstände, die ich auf meinem Wege angetroffen hatte, den Gang meiner Ideen geändert; wie ich muthiger Weise meine Predigt zerrissen, und wie ich mit Hilfe Gottes eine andere aus dem Steigreife gehalten hätte.

– Nun denn, sagte er, indem er auf mich zukam und mir die Hand reichte, ich habe es wohl gedacht, Sie haben ein goldenes Herz; nur ist der Verstand zuweilen falsch; aber das rührt daher, Herr Bemrode, daß Sie zu gelehrt sind. Es giebt viele Leute, ich unter Anderen, die nöthig hätten zu lernen; Sie, lieber Herr, Sie hätten im Gegentheile nöthig zu vergessen.

Ich lächelte hochmüthiger Weise. Ich hatte eine hinlänglich gute Idee von dem Grade der Kenntnisse, die ich besaß, um fast der Meinung meines Wirthes, des Kupferschmieds, zu sein und mir im Stillen zu sagen, daß ich in der That viel vergessen und noch außerordentlich viel wissen könnte.

Ich nahm wieder Besitz von meinem kleinen Zimmer und wartete geduldig die Entscheidung des Herrn Rectors ab, zu dem ich zwei Mal ging, ohne die Ehre zu haben, von ihm empfangen zu werden.

Es war augenscheinlich, daß die würdige Madame Snart sich nicht geirrt hatte. Der Rector hatte darauf gerechnet, daß meine zweite Predigt wie die erste durchfallen würde, dann würde sein Neffe nach seiner Reihe predigen und da einen Beifall erlangen, wo ich einen Sturz erlitten hatte; die Gemeinde würde selbst diesen jungen Mann verlangen , den der Rector ihr bewilligte, indem er dabei den Schein der strengsten Unparteilichkeit erhielt, da er einen öffentlichen Wettstreit unter uns angeordnet hatte, und der Sieg, nicht er, zu Gunsten des Verdienstvolleren entschieden hätte.

Unglücklicher Weise für diesen schönen Plan und gegen alle Erwartung hatte ich statt des gehofften Durchfallens einen unerwarteten Beifall erlangt; statt daß die Landleute den Neffen des Rectors zu ihrem Pastor verlangten, hatten sie geschrieben, daß ich es wäre, den sie zu ihrem Pastor wünschten, wobei sie hinzufügten, daß ihre Wahl so fest beschlossen sei, daß es unnöthig wäre, daß ein anderer Candidat sich vorstellte. Da er nicht wagte, gegen eine solche Einstimmigkeit zu wirken, hatte der Neffe des Rectors sich entfernt gehalten, und der Onkel hatte mir in einer ersten Regung übler Laune seine Thür verschlossen.

Aber er war ein zu gewandter Mann, um mir auf diese Weise öffentlich zu schmollen; demzufolge erhielt ich drei Wochen nach dem Tage, an welchem ich mit so viel Beifall gepredigt hatte, meine Ernennung zum Pfarrer von Ashbourn.

Diese Ernennung, welche alle meine Wünsche erfüllte, machte mich um so vergnügter, als das Schweigen des Rectors anfing, mich ernstlich zu beunruhigen. Kaum hatte ich daher auch den Brief aufgebrochen, welcher sie enthielt, als ich mich zum Rector begab, um ihm zu danken. Dieses Mal empfing er mich, antwortete auf meine Danksagungen, daß er nur nach seiner Ueberzeugung handelte; daß er, um nicht durch falsche Berichte getäuscht zu werden, selbst gekommen wäre, um mich zu hören, und daß er, mit meiner Art und Weise, zu predigen, zufrieden, sich von Herzen unter die gemischt, die mir Glück gewünscht hätten. Nur glaubte er, daß die Pfarre des Dorfes Ashbourn einer Verringerung des Gehaltes unterworfen werden würde, daß die Ersparnisse immer nothwendiger würden, und daß ich mich nicht verwundern sollte, wenn die Pfarrstelle von neunzig Pfund Sterling auf achtzig und sogar auf siebzig herabgesetzt wäre.

Ich antwortete ihm, daß ich mich in dieser Beziehung auf sein Wohlwollen verließe, ein Wohlwollen, von dem er mir einen so großen Beweis gegeben hätte.

Der Rector brummte einige Worte, die weder eine Versicherung, noch eine Drohung waren; dann, als ich bemerkte, daß nach seinem Wunsche mein Besuch lange genug gedauert hätte, nahm ich Abschied von ihm und entfernte mich.

Sobald ich einmal ernannt war, hatte ich Eile, wieder zu meiner guten Adoptivmutter zu gehen und Besitz von diesem schönen Pfarrhause zu nehmen, das so gut mit allen Dingen versehen war, daß mir, da ich nichts auf der Welt zu kaufen hatte, diese Herabsetzung von zehn Pfund Sterling jährlich, angenommen, daß sie stattfände, kaum fühlbar sein würde. Demzufolge benachrichtigte ich, bevor ich zu meinem Wirthe, dem Kupferschmied, zurückkehrte, den Miethkutscher, daß er mir die Carriole mit ihrem Kutscher zu senden und es so einzurichten hätte, daß ich noch an demselben Tage um Mittag oder spätestens um ein Uhr abreisen könnte.

Um halb ein Uhr war die Carriole vor meiner Thür.

Mein Wirth, der Kupferschmied, schien zugleich traurig und vergnügt über meine Abreise: traurig, daß ich ihn verließe, vergnügt darüber, daß ich ihn für diese gute Pfarre verließe, von der ich ihm, wie von dem nec plus ultra meiner Wünsche gesprochen hatte. In dem Augenblicke, wo wir uns zu verlassen im Begriffe standen, bat er mich daher auch mit ganz gerührtem Herzen, zum Andenken von ihm drei oder vier Kasserole und einen oder zwei Kessel anzunehmen, die bestimmt wären, den Anfang meines Küchengeschirres zu bilden; aber da ich bei meine! Wittwe eine Menge von weit schöneren und weit größeren Kasserolen und Kesseln als die gesehen hatte, die mir mein Wirth anbot, so schlug ich es aus, indem ich ihm vielleicht ein wenig zu offenherzig die Ursache meiner Weigerung sagte; so daß er empfindlich wurde, seine Kasserole und seine Kessel wieder nahm, sie an ihren Nagel hing, und mit einer Kälte von mir Abschied nahm, die mich bekümmerte, aber die zu bekämpfen ich unter meiner Würde hielt.

Mein Auszug bedurfte keiner langen Vorbereitungen, alle meine Kleidungsstücke bestanden aus einem Ueberrocke, einem Fracke, zwei Paar kurzen Beinkleidern, zwei Westen, vier Paar Strümpfen, fünf oder sechs Hemden, zwei Paar Schuhen und einem Hute.

Als einziges Möbel hatte ich nur das Fernrohr meines Großvaters, des Bootsmannes.

Ich legte mein Bündel in den Wagen, stellte mein Fernrohr zwischen meine Beine, und indem ich selbst durch ein Schnalzen der Zunge das Signal zum Aufbruche gab, entfernte ich mich, ohne meinen Wirth, den Kupferschmied, zu umarmen, welche Lust ich im Grunde des Herzens auch dazu hatte.

Als ich, indem ich mich entfernte, hinter mich durch ein kleines in der Carrio^e angebrachtes Fenster blickte, schien es mir, den würdigen Mann in seinen Laden zurückkehren zu sehen, indem er den Kopf schüttelte und eine Thräne abtrocknete.

Ich hatte den Gedanken, wieder umzukehren, um mich mit ihm zu versöhnen; aber ich fürchtete mich zu irren, und demzufolge einer lächerlichen Regung nachzugeben.

Meine bereits, um die Schulter des neben mir sitzenden Kutschers zu berühren, ausgestreckte Hand sank daher wieder auf mein Knie zurück, während ich leise murmelte:

– Ah! meinetwegen! warum ist er so empfindlich!

Mein lieber Petrus, ich habe mir seitdem mehr als ein Mal gesagt, daß diese Empfindlichkeit sehr natürlich war. Was dieser wackere Mann mir anbot, bot er mir von Herzen an, und so gering ein Geschenk auch sein möge, so giebt es doch eine gewisse Art es anzubieten, welche macht, daß es immer angenommen werden muß.

Vielleicht würde ich mich mit diesem Umstande ohne das Ereigniß noch mehr beschäftigt haben, das mich auf andere Gedanken brachte, und das wichtig genug war, um plötzlich selbst die Erkaltung meines Wirthes, des Kupferschmieds, zu vergessen.

Ich hatte keine Veränderung auf der Straße gefunden; sie war immer noch heiter und lebendig; aber bei meiner Ankunft an den ersten Häusern des Dorfes schien es mir, als ob ein Trauerschleier über die Gesichter verbreitet wäre, die sich mir zeigten. Statt meiner Carriole entgegenzueilen und mich willkommen zu heißen, senkten die Landleute den Kopf und wandten die Augen ab. Bei diesem Anblicke fühlte ich etwas so Schmerzliches mir das Herz beklemmen, daß ich nicht den Muth hatte zu fragen; ich setzte, oder ließ vielmehr das Pferd den Weg fortsetzen, ohne seinen Schritt weder zu beschleunigen, noch zu mäßigen, und ich kam auf diese Weise vor der Thür des Pfarrhauses an.

Meine Augen senkten sich sogleich in den Hof, und ich sah diesen Hof voll schwarz gekleideter, alle dem Dorfe fremder, alle mir unbekannter Leute: es gab deren vor der Thür, es gab deren an den offenen Fenstern, und alle sprachen unter einander voller Eifer und schienen sehr geschäftig.

Ich fing an, ein gräßliches Unglück zu vermuthen.

Ich sprang aus der Carriole; ich drang in das Haus; ich schritt durch den Speisesaal, ich trat in das Schlafzimmer, das einzige, welches leer war, und dort sah ich auf dem Boden, auf den Steinplatten, mitten in diesem gänzlich ausgeräumten Zimmer, einen Sarg von Tannenholz, dessen nicht recht schließender Deckel andeutete, daß er noch nicht zugenagelt wäre.

Ein Schauder rollte mir durch die Adern; ich hatte Alles errathen.

Ich verschloß die Thür hinter mir; ich blieb an dieser Thür stehen, indem ich meine Hand auf mein klopfendes Herz legte, um wieder ein wenig Kräfte zu sammeln; dann, meiner weit sicherer, ging ich gerade auf den Sarg zu, dessen Deckel ich aufhob.

Meine gute Adoptivmutter lag darin in einem ganz zerrissenen Leintuche; ihr zurückgeworfener Kopf ruhte hart auf einer Querleiste von Holz.

Diese Männer und diese Frauen, welche das Haus erfüllten, waren jene Erben im zehnten Grade, von welchen sie mir als von Leuten gesprochen hatte, denen sie keine Rechenschaft von ihrem Vermögen schuldig sei.

Ich fing damit an, ein frommes Gebet neben diesem entseelten Körper zu verrichten; dann entrüstet und betrübt, daß diese würdige Frau, deren Schränke von so schöner Wäsche strotzten, in ein so armseliges Grabtuch gebettet war und ihren Kopf auf einer so harten Querleiste ausruhte, verließ ich das Zimmer, und kaufte von dem Einen dieser Erben ein Leintuch, von dem Andern ein Kopfkissen; ich kehrte zu ihr zurück und hüllte diese arme Leiche in dieses neue Betttuch, indem ich die Querleiste wegnahm, und an ihrer Stelle unter ihren Kopf, der so ruhig war, daß sie eingeschlafen schien, dieses Kopfkissen schob, auf welchem sie während der Ewigkeit ausruhen sollte.

Ich warf mich auf die Knie und betete, bis daß die Tischler, die zum Trinken gegangen waren, zurückkehrten, um den Sarg zu vernageln.

Als ich sie mit ihren Hämmern in der Hand und ihren Nägeln in ihrer Schürze eintreten sah, begriff ich, daß die Stunde gekommen wäre, dieser armen Leiche ein letztes Lebewohl zu sagen; ich kreuzte ihre Hände auf ihre Brust; ich ging in den Garten, um einen Zweig von jeder der drei Weiden zu pflücken, welche an den Geburtstag ihrer Töchter erinnerten; ich legte die drei Zweige unter ihre Hände und auf ihre Brust, und küßte sie ehrerbietig auf ihre Stirn, indem ich zu ihr sagte:

– Geh, würdige Mutter! geh, fromme Gattin! Dich in dem Himmel wieder mit allen denen zu vereinigen, die Du geliebt hast! . . . Der Mensch ist nur ein Fremdling auf Erden!

Einige Augenblicke nachher hatten sechs Nägel und vier Bretter von Tannenholz zwischen sie und mich den Abgrund der Ewigkeit gelegt.




XII.

Huf welche Weise sich das leere Hans möblirte


Wie war jetzt diese würdige Frau gestorben? Das ist es, wonach mich zu erkundigen ich vorher nicht gedacht hatte: ich hatte ihre Leiche vor Augen, ich konnte nicht an diesem Unglücke zweifeln, ich hatte nicht nöthig, mehr darüber zu wissen.

Aber als man mich von ihr zu trennen kam, – als ich sie verließ, um sie nicht mehr wiederzusehen, erkundigte ich mich.

Am Tage vorher, bei der Rückkehr von dem Kirchhofe, wo sie ihr tägliches Gebet auf dem Grabe ihrer Töchter verrichtet, hatte sie auf der Schwelle ihrer Thür einen Anfall von Schlagfluß gehabt, der sie auf der Stelle getöhtet. Das Gerücht von diesem Tode hatte sich verbreitet, und sogleich waren die Verwandten herbeigeeilt, und, während die Leiche noch da war, vor ihrem aufgedeckten Gesichte, hatten sie sich in diese schöne Wäsche, dieses schöne kupferne Küchengeschirr und dieses schöne Silberzeug getheilt, das mein Eigenthum werden sollte.

Die Karren waren schon vor der Thür, bereit, das Erbe zu den verschiedenen Erben zu bringen.

Uebrigens, mein lieber Petrus, glauben Sie das, was ich Ihnen sagen werde; ich habe mich bis jetzt offenherzig genug vor Ihren Augen geschildert, so daß Sie hoffentlich nicht an meinem Worte zweifeln. Wenn ich in den verächtlichen Theilen des Herzens einiges Bedauern über alle diese schönen Sachen empfand, die mir entgingen, so wurde es schnell unter dem edlen und wirklichen Schmerze erstickt, den mir dieser Tod einflößte.

Das Begräbnis, sollte um fünf Uhr Abends stattfinden. Da man meine Ankunft nicht wußte, so hatte man den Pastor von Wirksworth für das Leichenbegängniß entbieten lassen: alle Erben hatten Eile, Ashbourn zu verlassen; jeder wollte noch am selben Abende mit der Todesbeute nach Haus zurückgekehrt sein.

Dieser Pastor war ein Mann von sechszig bis fünfundsechzig Jahren, mit sanftem und freundlichem Gesicht; er begrüßte mich als seinen Amtsbruder, indem er mir sagte, daß er von den Leuten des Dorfes so viel Gutes über mein Talent und über meine Person hätte sagen hören, daß er deshalb ein großes Verlangen getragen mich zu sehen.

Er lud mich demzufolge ein, ihn in seinem kleinen Hause in Wirksworth zu besuchen, das er seit seiner Geburt bewohnte.

Er war verheirathet und hatte eine ’Frau und eine Tochter.

Ich war durch diese Complimente und diese Einladung weniger geschmeichelt, als ich es unter einem andern Umstande gewesen wäre; alle meine Geisteskräfte waren durch den unermeßlichen Schmerz in Anspruch genommen, den ich über den Verlust dieser würdigen Madame Snart empfand.

Ich drückte daher einfach und allein Herrn Smith die Hand, indem ich einige Worte des Dankes stammelte; hierauf wandte ich mich wieder um, um zu weinen: die Thränen erstickten mich.

Ich hörte ihn murmeln:

– Guter junger Mann! . . . man hatte mich nicht getäuscht.

Es schlug fünf Uhr; die Träger nahmen die Leiche; Herr Smith und ich gingen ihr voraus, die Erben und die Leute des Dorfes folgten ihr.

Das Auffallende dabei war, daß die wahrhaft Betrübten die aller Verwandtschaft und jedem Interesse fremden wackeren Leute des Dorfes waren.

Die Erben gingen, indem sie sich mit einer fast Aergerniß erregenden Gleichgültigkeit mit einander unterhielten.

Man weiß, wie einfach unsere Leichenbegängnisse sind: kein Priestergepränge, keine, frommen Gesänge; – nur Gebete.

Nach einer Station in der Kirche, trug man die Leiche daher auf den Friedhof.

Wenn es mir nicht durch das gegrabene Grab angedeutet gewesen wäre, so hätte ich dennoch den Ort erkannt, wo die würdige Frau während der Ewigkeit ruhen sollte.

Es war der Mittelpunkt dreier Gräber, welche alle drei weit eher das Ansehen eines freundlichen Gartens, als das eines Leichenbettes hatten. Das eine, – das der Aeltesten, – war ganz duftend von Rosen; das zweite, – das der Jüngeren, – verschwand unter Immergrün; – das dritte,– und es war das der Jüngsten, eines armen Kindes von sieben Jahren, welches das Almosen in die Hand der Bettlerin gedrückt hatte, und die, zuerst befallen, zuerst ihre Engelsflügel geöffnet hatte, um gen Himmel zu fliegen, – das dritte war mit Veilchen bedeckt.

Seit dem Tode ihrer drei Töchter brachte Madame Snart täglich dort eine Stunde zu, indem sie die Blumen, die sie auf ihre Gräber gepflanzt hatte, pflegte und begoß, und ihre letzte Wohnung in diesem geheiligten Triangel vorbereitete.

Der mit so vieler Ungeduld von ihr erwartete Tag war endlich gekommen: ein Grab war gegraben worden und erwartete sie.

Herr Smith und ich verrichteten ein Gebet über diesem bescheidenen Sarge, welcher, als das Gebet beendigt, auf den Stricken gleitend und die engen Wände der Gruft schlagend, hinunter sank. Bald meldeten die knarrend wieder heraufkommenden Stricke, daß der Sarg den Grund berührt hätte; ein letztes Gebet wurde durch diese Todtengruft der Leiche zugesendet, die bereits in dem Schatten der Ewigkeit schwebte; dann rollte unter dem Spaten des Todtengräbers die erste Schaufel voll Erde, die auf den Sarg mit jenem so dumpfen Klange fiel, daß der, der ihn ein Mal gehört hat, ihn niemals vergißt; dann kamen die anderen weniger geräuschvollen Schaufeln; dann endlich erhob das gefüllte Grab über dem Grase jenen grauen Hügel, der außerhalb der Erde an die Form des Sarges erinnert, den man in seinen Eingeweiden begraben hat.

Ich hatte Lust, auf diesem Grabe einige Worte des Abschiedes auszusprechen, aber in dem Augenblicke, wo ich den Mund öffnete, erstickte Schluchzen meine Stimme.

Dieses Schluchzen sagte mehr, als die beredteste Leichenrede gesagt hätte.

Wenn ich hätte sprechen können, so ist hier das, was ich ohngefähr gesagt hätte:

– Fromme Frau! edles Herz! glückselige Seele! der Tod, den Du ohne Ungeduld, wie ohne Schrecken erwartetest, hat Dich endlich heimgesucht, um Deine Schmerzen zu beruhigen, Deine Leiden und Deine Besorgnisse zu beendigen . . . In diesem Augenblicke, gute Mutter, hast Du Deine drei Kinder wiedergefunden; der Anblick ihrer Leichenkränze läßt Deine Thränen nicht mehr fließen, denn diese Kränze leuchten frisch, duftend, unsterblich auf ihrer Engelsstirn. Der, welcher weint, bin ich, der Dich überlebt hat. Der noch nicht weiß, was das Leben ihm für Wonnen und für Schmerzen vorbehält, und der ich mich, glückselige Frau, auf Deine Gebete verlasse, um von mir die Bangigkeiten abzuwenden, die Du erlitten hast, oder, wenn Du sie nicht abwenden kannst, mir wenigstens die Kraft zu verleihen, sie zu ertragen, wie Du sie selbst ertragen hast! . . .

Das ist es, was ich laut gesagt hätte; das ist es, was ich leise stammelte.

Schweigend, ohne ein einziges Wort auszusprechen, kehrte ich auf den Arm des würdigen Herrn Smith gestützt zurück.

An dem Thore des Friedhofes zerstreute sich das Gefolge; die Erben allein blieben in einer Gruppe, und erreichten das Haus wieder, indem sie den Schritt beschleunigten.

Wie ich gesagt, hatten sie Eile, das Dorf zu verlassen, indem Jeder das mitnahm, was ihm zukam.

Als ich gleichfalls ankam, konnte ich daher auch die letzten, mit Möbeln beladenen Karren um die Ecke der Straße fahren sehen.

– Werde ich mit Ihnen eintreten, oder Sie hier verlassen, mein Amtsbruder? fragte Herr Smith.

– Ich danke für Ihr Anerbieten, antwortete ich ihm, aber ich habe das Bedürfniß, allein zu sein . . .

–Dann umarmen Sie mich, sagte er, und erinnern Sie sich, daß Sie eine Meile weit von hier, in dem Dorfe Wirksworth, einen Freund haben.

Wir umarmten uns; hierauf entfernte er sich, nachdem er mir die Hand gedrückt.

Ich wartete auf der Schwelle, bis daß ich auch ihn hatte verschwinden sehen, und nun betrat ich das einsame, leere und auf seine vier Wände beschränkt? Haus.

– Nein, mein lieber Petrus, in meinem Leben hatte ich nicht, noch werde ich wahrscheinlicher Weise jemals ein solches Gefühl der Traurigkeit, der Verlassenheit, der Einsamkeit empfinden. Alle Thüren und alle Fenster standen offen; man fühlte, daß der Tod hier durchgekommen war, und daß sich vor diesem unumschränkten Gebieter, wie vor einer geheiligten Majestät, Thüren und Fenster geöffnet hatten.

Stumm, und selbst gleich einem Schatten, irrte ich überall herum.

Ein einziger Schemel, von zu geringem Werthe gehalten, um mitgenommen zu werden, war in einer Ecke geblieben, und lehnte sich wackelnd an die Wand. – Dieser Schemel und das Fernrohr meines Großvaters, des Bootsmannes, war der Anfang meines zukünftigen Mobiliars, und mit einer Guinee und einigen in meiner Tasche verlorenen Schillingen war das Alles, was ich auf der Welt besaß.

Ich verschloß die Thüren und die Fenster; ich trug meinen Schemel in das Zimmer der Wittwe, lehnte ihn an die Wand, an dieselbe Stelle, wo ihr Bett stand und setzte mich darauf, indem ich flüsterte:

– O! wie Du Recht hattest, junges Mädchen, als Du von Deinen sterbenden Lippen jene letzten Worte fallen ließest: » Der Mensch ist nur ein Fremdling auf Erden!«

Die Dunkelheit senkte sich vom Himmel herab; sie erfüllte das Innere des Hauses, und bald befand ich mich nicht allein in der Einsamkeit, sondern auch noch in der Finsterniß.

Es lag mir wenig daran! denn so dunkel und so einsam dieses Haus auch war, mein Herz war sicher, immer noch weit leerer und weit dunkler als dasselbe zu bleiben!. . .

Am folgenden Morgen klopfte man mit Tagesanbruche an die Hausthür.

Ich erhob mich von meinem Schemel, auf welchem ich am Ende gegen ein Uhr Morgens eingeschlafen war, und machte die Thür auf.

Der, welcher anklopfte, war der Schulmeister.

Ich gab ihm einen Wink einzutreten und blieb in dem Eßzimmer stehen, indem ich erwartete, daß er mir den Grund seines frühen Besuches erklärte.

Der wackere Mann schien sehr verlegen; er drehte seinen Hut in seinen Händen und stammelte unverständliche Worte.

Ich ermuthigte ihn, indem ich lächelte und mich entschuldigte, ihm keinen Stuhl anzubieten, weil die Erben als einziges Möbel nur den Schemel zurückgelassen hätten, auf dem ich die Nacht zugebracht.

– Und das ist gerade die Ursache meines Besuches, Herr Pastor, sagte er. Die Leute des Dorfes wissen, daß Madame Snart, die Sie als Mutter angenommen hatten, Sie als ihren Sohn betrachtete und Sie zu ihrem Erben machen wollte. . . Der Tod hat sie unvorbereitet überrascht, ohne daß die würdige Frau die Zeit gehabt hätte, weder eine Schenkung, noch ein Testament zu schreiben, so daß Sie jetzt hier ohne einen Vorhang, ohne einen Stuhl, ohne eine Matratze sind.

– In der That, mein Freund, sagte ich, wenn ich Ihnen meine Armuth auch verbergen wollte, so vermöchte ich es nicht.

– Nun denn! Herr Pastor, begann der Schulmeister wieder, indem er immer dreister wurde, hier ist mit Ihrer Erlaubniß das, was sie beschlossen haben . . .

– Wer das?

– Ihre Pfarrkinder . . . Gestern Abend haben sie sich also versammelt und beschlossen, daß jeder je nach seinen Mitteln Ihnen einen Theil seiner kleinen Haushaltung anbieten sollte: dieser die Bettstatt, jener den Pfühl, der Eine die Matratze, ein Anderer die Betttücher, ein Anderer die Vorhänge; der Tischler wird Ihnen einen Tisch liefern; der Drechsler wird Ihnen Stühle geben, und so fort, Herr Pastor.

– Wie! rief ich aus, diese wackeren Leute haben das beschlossen?

– Ja, Herr Pastor, immer vorbehältlich Ihrer Erlaubniß, und heute Morgen haben sie mich an Sie abgesandt, indem sie zu mir sagten: »Benachrichtige den Herrn Pastor von unserer Absicht, und mache ihm wohl bemerklich, daß das, was wir ihm anbieten, von keinem großen Werthe ist, wir wissen es, aber daß es mit gutem Herzen angeboten ist.«

– Vortreffliche Leute! rief ich aus; wo sind sie denn, damit ich ihnen danke?

– Ah! sie sind zu Haus, indem sie ein Wort der Erlaubnis, erwarten, um Alle herbeizueilen, Ihnen ihre kleine Gabe anzubieten . . . Nur zwei oder drei befinden sich auf dem Marktplatze, wo sie das Ansehen haben, sich zu unterhalten . . . Ich will ihnen einen Wink geben, daß Sie es annehmen, nicht wahr, Herr Pastor?

– Nicht doch!

– Wie! Sie schlagen es aus?

– Im Gegentheile, ich will ihnen selbst sagen, wie sehr ich dankbar bin.

Indem ich hierauf nach der Thür eilte und die Arme öffnete, rief ich ihnen mit Thränen in den Augen zu:

– Kommt, kommt! Ich nehme es an! ich nehme es von ganzem Herzen und mit großer Freude an, und ich lege ein öffentliches Zeugniß der Armuth ab, damit Ihr wißt, daß Euer demüthiger Pastor nichts Eigenes hat, und daß Alles, was er besitzt, Euch gehört.

Ich hatte noch nicht ausgesprochen, als die drei Männer des Marktplatzes unter Freudengeschrei in drei verschiedenen Richtungen davon eilten.

Fünf Minuten nachher kam aus jeder Thür ein Mann, eine Frau oder ein Kind heraus. Keiner hatte leere Hände, Alle gingen nach dem Pfarrhause.

Mein Herz war mit Freude und mit Stolz erfüllt, und ich sagte mir im Stillen, – ich bitte Gott und Sie darüber um Verzeihung, mein lieber Petrus:

– Ich habe also einigen Werth, daß man mich so liebt? . . .

Ich schloß die ersten, welche erschienen, in meine Arme; ich umarmte sie, Männer, Frauen, Kinder, wie ich meine Brüder, meine Frau und meine eigenen Kinder umarmt hätte.

– Jetzt, Herr Pastor, sagte der Schulmeister zu mir, müssen Sie sie handeln lassen, ihnen das Pfarrhaus überlassen, und mit mir zum Frühstück kommen. Leider bin ich einer der ärmsten, und ich habe Ihnen nur das Frühstück geben können: aber meine Frau und meine Tochter haben sich alle beide daran gemacht, und sie zu zwei werden Ihnen vielleicht am Ende irgend etwas zubereiten, das nicht zu unwürdig ist, Ihnen angeboten zu werden.

Ich gehörte mir nicht mehr an, ich gehörte diesen wackeren Leuten; ich ließ daher mit mir schalten. Da ich nicht mehr sprechen konnte, so sehr erstickten mich die Thränen, so dankte ich ihnen durch Zeichen und folgte dem Schulmeister.

Wie der wackere Mann gesagt, sein Haus war eines der ärmsten des Dorfes; wir frühstückten aus irdenem Geschirr und mit zinnernen Löffeln, aber ich zweifle, daß ich selbst an der Tafel des Königs von England ein eben so gutes Mahl gehalten hätte.

Während des Frühstücks stand mein Wirth zwei oder drei Mal auf, um Berathungen mit dem einen oder anderen meiner wackeren Pfarrkinder zu halten. Er hatte mich gebeten, nicht eher nach Haus zurückzukehren, als bis er mir sagen würde, daß es Zeit dazu sei. Ich erwartete daher seine Meldung, indem ich mich mit seiner Tochter und seiner Frau unterhielt.

Gegen elf Uhr öffnete sich die Thür der armen Hütte. Die beiden ältesten Greise der Gemeinde erschienen in ihren Sonntagskleidern auf der Schwelle.

– Wenn der Herr Pastor jetzt kommen will, sagten sie, wir erwarten ihn.

Ich ging hinaus. Das ganze Dorf war längs der Straße in zwei Reihen aufgestellt; der Boden war mit grünen Blättern und mit Blumen bestreut, wie man es an den Tagen großer Kirchenfeierlichkeiten macht; meine Thür selbst war ganz mit Zweigen und geflochtenen Blumenkränzen beschattet.

Das war der Triumph des Bescheidenen.

Ich blieb auf der Schwelle stehen, indem ich sie Alle einlud einzutreten; aber mit einem außerordentlichen Zartgefühl schlugen sie es aus.

– Wir danken, Herr Pastor, sagten sie; wir haben mit großem Vergnügen den dritten Theil des Tages für Sie verloren; aber Jeder muß an seine Arbeit zurückkehren, die Einen auf die Felder, die Anderen in die Werkstatt. Kehren Sie nach Haus zurück, und verzeihen Sie uns, wenn wir es nicht besser gemacht haben.

Ich umarmte die beiden Greise, und indem ich mich an alle diese wackeren Leute wandte, sagte ich zu ihnen:

– Freunde, Ihr habt für mich Etwas gethan, das ich niemals vergessen, und wofür ich Euch eine ewige Dankbarkeit erhalten werde . . . Geht in dem Frieden Eures Bewußtseins und unter der Obhut des Herrn!

Alle dankten mir einstimmig und entfernten sich weit zufriedener und weit glücklicher, als ich es vielleicht selbst war; denn ich hatte empfangen, wahrend sie gegeben hatten.

Ich trat in das Haus; zwei Stunden hatten hingereicht, um es gänzlich zu verändern. Ich hatte es traurig und leer verlassen, ich fand es heiter und möblirt wieder.

Ich fing mit dem Speisezimmer an. In der Mitte stand ein runder, mit einer feinen Matte bedeckter Tisch; um den Tisch herum standen sechs Strohstühle, an der Wand ein Schrank von Nußbaumholz; in diesem Schranke befanden sich Gläser, Krüge von Steingut, Fayencen mit Blumen und Vögeln; – alles das ohne Zweifel nicht kostbar, aber sauber, freundlich und glänzend.

In den Schubladen befanden sich zwölf Couverte von Zinn, welche wie Silber glänzten.

Vor den Fenstern hingen schneeweiße Vorhänge, die von baumwollenen Schnüren zurückgehalten waren.

Ich ging, indem ich die Hände faltete und zugleich Gott und diesen wackeren Leuten dankte, in das Schlafzimmer.

Ein gutes Bett erwartete mich dort; zwei große Sessel öffneten mir ihre Arme; eine Kommode mit einem kleinen Spiegel darüber stand dem Bette gegenüber, und sechs große Vorhänge von Baumwollenzeug machten das Amöblement vollständig, indem zwei von dem Himmel des Bettes und vier von den Fensterstangen herabfielen.

Ich ging in die Küche hinab; nichts fehlte darin, und dennoch, indem ich einen Gedanken zurückwarf, bedauerte ich die drei oder vier Kasserole und die beiden Kessel, die mir mein Wirth angeboten und die ich ausgeschlagen hatte.

Aus der Küche ging ich in das kleine Zimmer hinauf, das ich während der beiden Reisen bewohnt hatte, die ich nach Ashbourn gemacht; es war von den wackeren Leuten in ein Arbeitszimmer verwandelt worden, an dessen Wand sich ein mit Federn, Tinte, Federmesser, Linealen, Bleistiften und Papier bedeckter Schreibtisch lehnte.

Das Papier war prachtvoll.

– O, rief ich aus, nicht später als morgen werde ich mein großes Werk ansangen! . . . Morgen, fügte ich hinzu, warum morgen, und nicht auf der Stelle? . . .

Demzufolge nahm ich einen Stuhl, stellte ihn vor den Schreibtisch, setzte mich, schnitt eine Feder, und schrieb auf die erste Seite:


»Abhandlung über die vergleichende Philosophie.«

Aber ich hatte zu sehr auf die Kraft meiner Seele und die Klarheit meines Kopfes gerechnet. Die Ereignisse, die sich zugetragen, hatten mich zu sehr aufgeregt; ich hatte in diesem Augenblicke offenbar nicht die Kraft, meine Ideen zu ordnen und ihnen eine Richtung zu geben; zerstreut und unschlüssig bei dem Anblicke des Todes, wie bei dem Erblicken des Wolfes erschreckte Schafe, mußte ich ihnen die Zeit lassen, sich zu sammeln und zu beruhigen. Einstweilen klammerte sich jeder meiner Gedanken an Etwas an: an die drei mit Rosen, Immergrün und Veilchen bedeckten Gräber, in deren Mitte sich ein viertes Grab geöffnet hatte; – an die abscheuliche Gleichgültigkeit dieser Erben, die einem Leichenzuge mit demselben Gesicht gefolgt waren, das sie bei einer Hochzeit gemacht hätten; – die meisten gruppirten sich, wie Bienen sich um blühende Zweige gruppiren, an die Güte dieser wackeren Leute, die mir in ihrer Mitte ein so gutes und freundliches Nest bereitet hatten. Ich ging in meinem Gedächtnisse alle meine Reichthümer durch; sie stellten sich meinen Augen wieder vor, dann erinnerte ich mich dessen, was mir meine gute Mutter bei meiner zweiten Reise von meiner Jugend, von dem Alleinsein meines Herzens, von dem Bedürfnisse gesagt hatte, das ich nach einer Gefährtin empfinden würde. Ich sagte mir, daß ich mich in der That, so heiter das Haus auch geworden war, so freundlich sein Mobiliar auch war, welche Liebe ich auch für meine Pfarrkinder hegen, welche Zuneigung sie mir auch erwiedern möchten, immer zu gewissen Stunden des Tages mit mir selbst allein befinden würde; ich fragte mich, was ich mit dieser Haushaltung anfangen sollte, die vielleicht ein wenig beschränkt für zwei Personen, aber zuverlässig zu beträchtlich für eine einzige war. Wer würde über die Ordnung des Hauses wachen? Wer würde sich um die Mahlzeiten bekümmern? Wer würde mich bei meiner Rückkehr von meinen Gängen, entweder in dem Dorfe oder in der Umgegend, mit jenem vergnügten Gesicht erwarten, welches mit weit rascherem Schritte den nach Hause zurückführt, der von ihm entfernt war? Sollte ich mit alle dem eine Fremde beauftragen? Ach, mit einer Fremden in dem Hause würde das Haus nur um so leerer und mein Herz um so einsamer sein!

Ich ließ die Feder meiner Hand entfallen; ich stieß einen Seufzer aus, und indem ich fühlte, daß das Blut mir in die Brust und in das Gesicht stieg, ging ich das Fenster aufzumachen, um freier zu athmen.

Am folgenden Tage würde mein Geist ruhig sein und Nichts sich dem widersetzen, daß ich mich an meine Abhandlung der vergleichenden Philosophie machte.




XIII.

Was ich. Dank dem Fernrohre meines Großvaters, des Bootsmannes, durch das Fenster sah


Es war zuverlässig um Luft zu schöpfen, daß ich mich an das Fenster stellte. Der Himmel war so bedeckt, die Luft so nebelig, daß man kaum auf fünfhundert Schritte weit vor sich sah. Aber, als ob die Atmosphäre nur meine Anwesenheit erwartet hätte, um sich aufzuklären, in dem Augenblicke , wo ich die Augen auf das Feld warf, drang ein schwacher Sonnenstrahl durch zwei Wolken, und indem er sich in den Nebel mischte, anfing ihn mit einem gelblichen Scheine zu färben, welcher bald verschwindend, bald weit feuriger wieder erscheinend am Ende den ganzen Horizont erfüllte, und indem er sich zerriß, ließ der Himmel eine Ecke seines Blaues sehen.

Von nun an war die Aussicht vorhanden, daß der Tag wieder schön würde.

Bei Weitem mehr zur Träumerei als zur Arbeit gestimmt, heftete ich meine Augen auf diese blaue Ecke des Firmaments, indem ich mir mit jenem Aberglauben sagte, der in dem Herzen jedes Menschen liegt und der in diesem wichtigen, fast entscheidenden Augenblicke meines Lebens vielleicht noch mehr in meinem Herzen lag, als in dem der andern:

»Wenn dieses Blau, das die Hoffnung ist, sich über den ganzen Himmel verbreitet; wenn diese Sonne, welche das Glück ist, die Wolken und den Nebel verjagt, so wird es ein Zeichen sein, daß Gott mich beschützt und mir glückliche Tage vorbehält. Wenn es aber im Gegentheile diese Ecke des Firmaments ist, welche verschwindet; wenn die Sonne unter dem feuchten Schleier der irdischen Dünste »erlöscht, so ist das ein Zeichen, daß mein Leben traurig, einsam und unfruchtbar sein wird.«

Sie werden begreifen, mein lieber Petrus, welche Abgeschmacktheit von meiner Seite darin lag, die Bestimmung meines Lebens an die Launen eines gewitterhaften Junitages zu knüpfen; aber habe ich nöthig, Ihnen, dem ausgezeichneten Philosophen, zu sagen, daß der Mensch, ohne die Ursache dieser Erschlaffung seines Mutlos zu wissen, seine Tage der Niedergeschlagenheit hat, während welcher er sich von dem Gipfel seiner Kraft und seines Verstandes bis zu der Leichtgläubigkeit des Kindes oder bis zur Schwäche des Greises herabläßt?

Ich befand mich an einem dieser Tage da; mein Herz hatte viele verschiedene Eindrücke empfunden, meine Seele hatte zu viele außerordentliche Gemüthserschütterungen erlitten, – um sich wieder in ihren natürlichen Zustand zu versetzen, bedurften alle beide jener Schlafsucht, welche für den Geist das ist, was die Dämmerung für den Tag ist, ein Uebergang zwischen der Nacht und dem Lichte, zwischen der Ermüdung und der Ruhe.

Meine Augen hefteten sich daher eben so begierig auf den Himmel, als wenn ich an ihm entweder den Stern des Heils hätte erscheinen sehen sollen, der die auserwählten Hirten nach der Krippe führte, oder jene drei schrecklichen Worte, welche einen Augenblick lang vor den Augen Balthasars den Abgrund erleuchteten, in den er zu fallen im Begriff stand.

Während länger als einer halben Stunde war es mir unmöglich zu errathen, wem, dem guten oder dem bösen Genius, die mit einander kämpften, der Sieg bleiben würde, aber endlich trug ihn Oromaze davon. Ein leichter Wind, der ihm zu Hilfe kam, fing an, die Wolken durch den Raum wallen zu lassen, indem er sie in flockige Wogen theilte, dann zerriß sich der Mantel des Himmels Stück für Stück; die Strahlen, welche sich in dem Maße erweiterten als sie auf die Erde herabfielen, spalteten die Reste des Nebels mit ihren goldenen Klingen; ganze Theile des Himmels entblößten sich lachelnd durch den Azur; breite Spalten erlaubten dem Gesichte, sich über gewisse Theile der Ebene zu erstrecken; die Teiche funkelten; die am Horizonte sich schlängelnde Hügelkette zeigte den Schattenriß ihres Gipfels über breiten Streifen von Dünsten, welche sie von ihrem Fuße zu trennen schienen; ein Strom von Licht überschwemmte gleich einem Wasserfalle ein kleines, an dem Fuße des entferntesten dieser Hügel gelegenes Dorf in dem Grade, daß, obgleich eine Meile weit entfernt, man geglaubt hätte, es berühren zu können, wenn man die Hand ausstreckte. Endlich verschwanden allmälig alle diese Spiele der Sonne, alle diese Launen der Atmosphäre. Die Erde nahm ihr wahres Ansehen wieder an, der Himmel verjagte in die Tiefen des Westens Alles bis auf seine letzte Wolke, und triumphirend und strahlend blieb die Sonne allein Herrin des Raumes, alleinige Herrscherin des klaren und unendlichen Reiches.

Indem ich immerhin den Triumph des königlichen Gestirns theilte, ein Triumph, dem ich einen so glücklichen Einfluß auf meine Bestimmung bewilligte, suchte ich mit den Augen dieses kleine, so eben durch den Strahl der Sonne, der es erleuchtet hatte, so glänzende und so nahe Dorf das sich jetzt, in die gewöhnlichen Verhältnisse zurückgekehrt, an dem Horizonte verlor. Ich hatte einige Mühe, es wiederzufinden; aber am Ende erblickte ich in der bläulichen Ferne Etwas wie ein Rest von Häusern, daß eine in seinen einzelnen Umständen durchaus nicht zu bestimmende und in seinem Ganzen beinahe unsichtbare Masse bildete.

Nun befiel mich die Lust, noch einmal dieses aus der Nacht hervorgegangene, um sogleich wieder in sie zurückzukehren, kleine Dorf wiederzusehen.

Ich ergriff das Fernrohr meines Großvaters, des Bootsmannes, und stellte es nach meinem Auge. Ich lehnte es an die Ecke des Fensters. Ich suchte die Richtung des Dorfes, und ich betrachtete.

Anfangs sah ich, wie es sich immer ereignet, wenn man mit einem Fernrohr nicht vertraut ist, so gut es auch sein möge, etwas weniger gut als mit meinen Augen. Allmälig schienen sich indessen die Gläser aufzuklären, die Entfernung näherte sich, und ich unterschied vollkommen den Punkt, auf welchen der Zufall das Fernrohr gerichtet hatte.

Es war ein einsam liegendes kleines Haus, von Backsteinen erbaut, ehedem mit einem weißen Anstriche bedeckt, der, da er an verschiedenen Stellen abgesprungen war, durch diese Sprünge sein ursprüngliches Gerippe sehen ließ; diese durch die Zweige eines riesenhaften Epheus, der dieses Haus fast gänzlich überzog, unter sich verbundenen Farbentöne bildeten daraus für das Auge des Dichters oder den Pinsel des Malers ein reizendes und pittoreskes Gebäude, welches die Landschaft schmückte, während diese es gleichfalls hervorhob. An der einen seiner Ecken erhoben sich gleich einem dicken Glockenthurme drei so genau unter sich verbundene Pappeln, daß ihre Stämme allein die Trilogie andeuteten, während die vereinigten und dichten Zweige von derselben Farbe nur eine einzige Laubpyramide bildeten; an der anderen Ecke gruppirte sich ein dichtes Hollundergebüsch, das der Mai hatte blühen sehen und das sich an eine Gruppe rosiger und weißer Acacien anschloß, deren wohlriechende Blüthen man herabhängen und im Winde schaukeln sah.

Endlich öffnete sich über diesen Acacien in einem grünen Rahmen von Laub das Fenster eines kleinen Zimmers, in welches das Auge drang, aber ohne anfangs etwas Anderes in seinem Halbschatten unterscheiden zu können, als Vorhänge von weißem Mousselin, die ein Bett einhüllten.

Ich weiß nicht, warum das auf dieses Fenster gerichtete Fernrohr meines Großvaters, des Bootsmannes, sich nicht abwandte, um auf einem anderen Theile der Landschaft zu verweilen, und sich im Gegentheil mit jener sonderbaren Beharrlichkeit lebloser Dinge, die zuweilen glauben lassen könnte, daß sie eine Absicht und einen Willen haben, sich damit belustigte, mir dieses kleine Zimmer in allen seinen Umständen zeigen zu wollen. Es ging daraus hervor, daß mein Blick sich durch diesen Eigensinn meines Fernrohrs, statt ein anderes Haus oder sogar einen anderen Punkt des Hauses zu suchen, auf diese Oeffnung fesselte, durch dessen Rahmen es mir gelang, nicht allein die zuerst erblickten Gegenstände zu unterscheiden, sondern auch noch den übrigen Theil des Amöblements, der sich in dem Kreise meines Gesichtsstrahles befand.

Der übrige Theil dieses Amöblements, das heißt alles das, was ich davon sehen konnte, bestand aus einer mit Mousselin gleich den Vorhängen überzogenen Toilette, zwei Sesseln von weißem Stoff mit Rosen und einem Tische, der einen Topf von blauer Fayence voller Feldblumen trug.

Ich war ganz mit dieser Musterung beschäftigt, der ich eine Aufmerksamkeit schenkte, von der ich mir selbst keine Rechenschaft ablegte, als ich in dem Hintergrunde des Zimmers sich Etwas wie einen Schatten bewegen sah. Dieser Schatten nahm, indem er sich langsam dem Fenster näherte, einen Körper an, und dieser Körper schien mir in dem Maße, als er deutlicher wurde, der eines jungen Mädchens von achtzehn bis neunzehn Jahren.

Nun entstand in meinem Innern eine sonderbare Wirkung; es schien mir, als ob zu gleicher Zeit, als dieses junge Mädchen in meinen Horizont eintrat, es auch in mein Leben einträte.

Sie lehnte sich auf das Fenster, und der bis dahin leere Rahmen hatte sein Bild.

Und welches Bild! mein lieber Petrus, ein Bild, das sogar einen Professor der Philosophie an der Universität Cambridge hätte träumen lassen.

Stellen Sie sich ein junges Mädchen von achtzehn bis neunzehn Jahren vor, in einem weißen Kleide, das um die Taille, die man mit zwei Händen hätte umspannen können, mit einem blauen Gürtel zusammengezogen war, dessen beide Enden wallend herabfielen; mit einem Strohhute mit breiten Rändern bedeckt, welcher Schatten auf reizende Züge warf. Stellen Sie unter diesen Hut ein rundes, weißes, rosiges Gesicht, das von zwei reichen Büscheln blonder, feiner, seidiger Haare umgeben war, die sich bei der geringsten Bewegung der Luft erhoben, und Sie werden einen Begriff von der anmuthigen Bewohnerin des kleinen Winkels haben, auf den, wie ich gesagt, der Zufall das Fernrohr meines Großvaters gerichtet hatte.

Das junge Mädchen hielt einen Strauß von Kornblumen und gelb werdenden Aehren in der Hand, woraus sie einen Kranz flocht.

Dieser Kranz war für diesen Strohhut bestimmt. Sobald der Kranz beendigt war, zog daher auch das blonde Kind die Schleife ihres Hutes auf und nahm ihn von ihrem Kopfe.

Ein Zufall, der der feinsten Koketterie angemessen gewesen wäre, machte, daß bei dem Abnehmen desselben ihr Zopf sich auflöste und ihre Haare herabfielen.

O! mein lieber Petrus, welche prachtvolle Haare, und wie das junge Mädchen, die sich allein und unsichtbar glaubte, mir Zeit ließ, sie zu bewundern! Sie fing damit an, sie zwischen ihre beiden Hände zu nehmen; dann zog sie sie über ihre Schultern vor sich; sie fielen weit tiefer als die Lehne des Fensters, und man errieth, daß sie bis auf ihre Füße herab reichen müßten. Die Sonne, welche sie wiederspiegelten, machte aus ihnen Etwas wie einen goldenen Strahl eines Heiligenscheines, der in Cascaden auf dieses weiße Kleid herabfiel, das ihren Glanz und ihre seidige Natur hervorhob. Sie vereinigte sie, drehte sie und knüpfte sie wieder fest, ohne sich nur im Spiegel zu betrachten. Man fühlte, daß sie jene vollkommene Sicherheit hatte, welche die Jugend und die Schönheit verleihen.

Nun, statt den Kornblumenkranz auf ihrem Hute zu befestigen, setzte sie ihn auf ihren Kopf, indem sie sich nur der Fensterscheibe als Spiegel bediente.

Ich vermöchte, ich wagte Ihnen, dem ernsten Manne, fast nicht zu sagen, mit welcher Anmuth der Stellung, mit welcher Einfachheit der Geberde alle diese Bewegungen ausgeführt wurden. Man fühlte, daß in diesen wiederverknüpften Haaren, in diesem aufgesetzten Kranze in der Wirklichkeit nur die ungekünstelte Koketterie eines jungen Mädchens lag, die, vollkommen unwissend in der Kunst, sich mit der Natur hilft, um sich noch schöner zu machen, – nicht in den Augen Anderer, sondern nur in ihren eigenen Augen, und ich bin fest überzeugt, daß, wenn ich mich in dem Bereiche der Stimme befunden und sie gefragt hätte: Sie finden sich schön? – sie mir geantwortet hätte: Ja, – wie mir eine Rose,antworten würde, wenn ich sie fragte: Sind Sie wohlriechend? – wie mir eine Nachtigall antworten würde, wenn ich sie fragte: Haben Sie einen lieblichen Gesang?

In diesem Augenblicke trat die Sonne aus ihrer letzten Wolke hervor und erschien so glühend , daß das junge Mädchen die Schnur einer grünen Persienne aufknüpfte, die zwischen sie und mich herabfiel, sie meinem Blicke entzog und mir den Zugang zu diesem kleinen Zimmer verschloß, wohin meine Einbildungskraft allein fortfahren konnte, ihr zu folgen.

Ja, gewiß, sie fand sich schön; aber dennoch beschäftigte sie sich nur eine Secunde lang mit ihrer Schönheit, die Zeit sich zu betrachten und sich zuzulächeln. Hieran kehrte sie in das Zimmer zurück und nahm einen leeren Käfig, den sie vor das Fenster hing; dann stützte sie sich auf den Rand desselben, neigte sich hinaus, indem sie um sich blickte und irgend Etwas zu suchen schien. Fast sogleich flog ein kleiner Vogel auf ihre Schulter, pickte zwei oder drei Mal ihre Lippen, wie es jener von Catullus unsterblich gemachte Sperling mit denen Lespia’s machte, worauf er von selbst in seinen Käfig zurückkehrte, dessen Thür offen blieb, ohne daß er daran dachte, aus dieser Zufluchtsstätte zu entfliehen, die er augenscheinlich als einen Schutzort, und nicht als ein Gefängniß betrachtete.

Ich blieb noch länger als eine halbe Stunde, das Fernrohr auf das Fenster, das Auge auf das Fernrohr geheftet, in der Hoffnung, daß die Persienne sich wieder öffnen würde; aber sei es nun, daß meine unbekannte Schöne das Zimmer verlassen hatte, oder daß sie in der Frische und der Dunkelheit bleiben wollte, die sie sich geschaffen, die Persienne blieb hartnäckig verschlossen.

Ich mußte wohl, wenigstens für den Augenblick, darauf verzichten, sie zu sehen. Ich schob die Röhren von dem Fernrohre meines Großvaters , dessen wahren Werth ich zum ersten Male schätzte, wieder in einander.

In der That, ein Instrument, mit welchem man auf drei Viertelstunden weit erkennen konnte, zu welcher Familie eine Blume gehörte, von welcher Farbe Augen waren, von welcher Gattung ein Vogel war, war ein Schatz.

Ich wünschte mir daher auch sehr aufrichtig Glück, den Rath meiner Mutter befolgt zu haben, die mir so sehr anempfohlen hatte, mich unter keinem Vorwande dieses kostbaren Fernrohrs zu entäußern.

O! mein lieber Petrus, ich habe nicht allein bei dieser Veranlassung zu bemerken geglaubt, daß die Mütter die Gabe des doppelten Gesichts hätten.

Sie haben bemerkt, mein lieber Petrus, daß ich die Röhren meines Fernrohres wieder in einander geschoben hatte, wie als ob, wo diese Persienne geschlossen, nichts mehr in der Schöpfung würdig wäre, gesehen zu sein.

Und dennoch, würde ich, ich weiß nicht wie lange, noch an meinem Fenster geblieben sein, wenn ich nicht sich etwas in dem anstoßenden Zimmer hätte bewegen hören.

Ich wandte mich um, und sah die Tochter des Magisters. Ihr Vater sandte sie mir, damit sie meine Aufträge für das Mittagessen einholte. Ich hatte weder eine Magd, noch einen Bedienten, und der Magister, in der Meinung, daß ich ziemlich in Verlegenheit sein würde, mir mein Mittagessen selbst zuzubereiten, hatte ihr gesagt, sich zu meiner Verfügung zu stellen.

Ich nahm es für dieses Mal an, indem ich dabei erkannte, daß ich in dieser Beziehung einen Entschluß fassen müßte. Ich konnte nicht so allein mit einem jungen Mädchen bleiben und ihr die Besorgung meiner Haushaltung überlassen. Ich sah ein, daß ihr Ruf und der meinige bald darunter gelitten haben würden.

Ach! wie meine gute Mutter mir gesagt, war es eine Gefährtin, die ich nöthig hatte.

Ich stieß einen schweren Seufzer aus und ging mit dem jungen Mädchen hinab. Indem sie das Haus möblirten, hatten meine Pfarrkinder die Speisekammer und den Keller möblirt, so daß ich für einige Tage durchaus nichts zu kaufen hatte. Ich machte die Tochter des Magisters mit Allem bekannt, und ging in den Garten, um spazieren zu gehen.

Warum war ich denn so vergnügt und zugleich so traurig? Warum hatte denn die Stimme, welche in meinem Herzen sang, zugleich einen so lieblichen und so schwermüthigen Ausdruck? Waren nicht alle meine Wünsche erfüllt? Hatte ich nicht diese so sehr begehrte Pfarre? Waren die Schränke nicht mit Wäsche, die Truhe mit Geschirr, der Keller mit Bier, die Speisekammer mit Brod, der Garten mit Früchten versehen? Gewährten mir diese vier Linden, unter denen man meinen Tisch deckte, nicht selbst am vollen Mittage Schatten und Frische? Was fehlte mir noch und was hatte ich denn weiter nöthig?

Ach! mein lieber Petrus, ich hatte das nöthig, woran ich am Tage vorher nicht gedacht hatte, und das, wovon ich fühlte, daß ich von nun an beständig träumen würde, ich hatte ein Wesen nöthig, um mit ihm alle diese Güter zu theilen, die mir der Herr sandte, ich hatte Jemand nöthig, der sich neben mich an diesen Tisch setzte, an den ich mich allein setzen würde.

Es schien mir unerläßlich, damit mein Glück für den Fall, wo der Herr mir diesen Schutzengel meines Lebens bewilligen würde, vollständig wäre, daß dieser Engel lange blonde Haare, blaue Augen, ein rosiges Gesicht und ein weißes, mit einem Bande von der Farbe des Himmels zusammengehaltenes Kleid hätte.




XIV.

Welchen Einfluß ein offenes oder verschlossenes Fenster auf das Leben eines armen Dorfpastors haben Kann


In dem Augenblicke, wo ich mein einsames Mittagessen beendigte, führte die Tochter des Schulmeisters einen Landmann zu mir ein.

Dieser Landmann war ein Bote meines Amtsbruders, des Pastors von Wirksworth, – dieses wackern und vortrefflichen Herrn Smith, über den ich Ihnen einige Worte in meinem vorletzten Briefe gesagt zu haben glaube, mein lieber Petrus, – desselben, welcher meiner guten Madame Snart die letzten Ehren erwiesen hatte. – Sie erinnern sich, nicht wahr?

Dieser Bote überbrachte mir einen Brief von ihm.

Hier ist das, auf welche Veranlassung er mir schrieb:

Der Pastor eines kleinen benachbarten Dorfes von Wirksworth war krank geworden, und seit länger als sechs Wochen war seine Gemeinde des Wortes Gottes beraubt. Sie hatten sich demzufolge an Herrn Smith gewandt, damit er, wäre es auch nur ein einziges Mal, die Stelle seines kranken Amtsbruders verträte. Nun hatte Herr Smith an mich gedacht und mich diesen wackeren Leuten vorgeschlagen, indem er mit Recht meinte, mir zugleich ein Vergnügen zu erzeigen und mir nützlich zu sein, indem er mir die Gelegenheit zu einem neuen Triumphe bot. Da nun aber mein Beifall großes Aufsehen in der Umgegend gemacht hatte, so hatten die Landleute es mit vieler Freude angenommen, so daß Herr Smith, da die Sache jetzt nur noch von mir abhing, mich fragen ließ, ob es mir genehm sei, in Wetton – das war der Name des kleinen Dorfes – am folgenden Donnerstage zu predigen. Er wählte den Donnerstag, weil, da mein Sonntag von Rechtswegen meiner Gemeinde angehörte, er den Sonntag nicht andeuten konnte.

Uebrigens war dieser Donnerstag ein Festtag, und das kam für mich auf dasselbe heraus, da dieser Festtag mir ein zahlreiches Auditorium versprach.

Wenn ich es annähme, so würde der Pastor mich erwarten, um mich nach dem kaum eine Viertelstunde weit von Wirksworth gelegenen Dorfe zu führen, dann würden wir zurückkehren, und in seinem Pfarrhause im Familienkreise frühstücken.

Er verlangte eine bestimmte Antwort von mir, damit seine Frau und seine Tochter, welche in zwei Stunden abreisten, um, – die Frau ihrer Schwester, die Tochter ihrer Tante, die in Chesterfield wohnte, einen Besuch abzustatten, am folgenden Donnerstag zurückgekehrt wären, wenn ich die Einladung annähme; wenn ich sie im Gegentheile ausschlüge, so würden sie zwei oder drei Tage länger in Chesterfield bleiben.

Die Einladung war so herzlich, daß es mir nicht einfiel , sie auszuschlagen oder sie auf einen anderen Tag zu verlegen. – Ich ließ mir von der Tochter des Schulmeisters eine Feder, Tinte und Papier bringen, und antwortete meinem Amtsbruder auf der Stelle, daß er für den angedeuteten Tag auf mich rechnen könnte.

Um ihn nicht warten zu lassen, würde ich um acht Uhr Morgens in Wirksworth sein.

Ich wollte dem Boten einen Schilling für seinen Gang geben, aber er war bezahlt.

Ich ließ ihn ein Glas Bier mit mir auf die Gesundheit des guten Herrn Smith trinken, und er brach entzückt auf.

Jetzt, mein lieber Petrus, warum hatte ich die Einladung mit so vielem Eifer, ich möchte fast sagen, mit so vieler Freude angenommen?

War es, um den Kreis meines Rufes auszudehnen, war es, um die Einladung des Herrn Smith anzunehmen, war es, um einem Amtsbruder einen Dienst zu erzeigen? Es waltete ein Wenig von alle Dem ob.

Aber es war vor Allem der Wunsch, mich dem jungen Mädchen mit blonden Haaren und blauen Augen, mit rosigem Gesicht, mit dem weißen Kleide, mit dem himmelblauen Bande zu nähern, – und zu wissen, wer sie wäre.

Mit ein wenig Gewandtheit würde ich zuverlässig zu meinem Zwecke gelangen, ohne im Geringsten vor der Welt das Gefühl merken zu lassen, dem ich nachgab.

Als das Mittagessen beendigt, schickte ich mit Dank die Tochter des Magisters fort, und ging wieder in mein Zimmer hinauf.

Warum ging ich mit so viel Eifer wieder in mein Zimmer hinauf? Sie errathen es, mein lieber Petrus, nicht wahr? Es geschah, um das Fernrohr meines Großvaters zu nehmen, es wieder nach meinem Auge zu stellen und es auf Wirksworth zu richten; es geschah, um zu sehen, ob sich nicht etwa zufällig die Persienne des kleinen rothen und weißen Hauses unter ihrem Efeukleide erhoben hätte.

Sie war nicht allein immer noch herabgelassen, sondern es war auch noch vergeblich, daß ich von drei bis fünf Uhr Nachmittags dablieb, um zu erwarten, daß sie aufgezogen würde.

In alle dem lag nichts als etwas sehr Einfaches. An einem heißen Junitage verschließt Jedermann seine Fenster, um sich ein wenig Dunkelheit und Kühlung zu verschaffen: meine unbekannte Schöne hatte es wie Jedermann gemacht.

Mit der Dämmerung würde die Persienne sich erheben, um das kleine Zimmer durch diesen auf das Feld geöffneten Mund die ersten so frischen und nach einem gewitterhaften Sommertage so angenehmen Lüfte der Nacht einathmen zu lassen.

Das Ganze war also, noch zwei Stunden zu warten. Nur war das sehr lange . . . zwei Stunden.

Sehr lange, zwei Stunden! um eine Frau wiederzusehen! Begreifen Sie, mein lieber Petrus, ich, der ich drei und zwanzig Jahre gewartet hatte, ohne das Drückende der Zeit zu bemerken und ohne zu wünschen, irgend eine der Frauen wiederzusehen, die ich gesehen hatte, ich fand, daß zwei Stunden sehr lang wären!

Uebrigens gab es für mich ein Mittel, die Zeit abzukürzen, das bestand darin, nach der Seite des Dorfes Wirksworth spazieren zu gehen.

Es war sehr natürlich, daß ich, der Pastor von Ashbourn, ein Wenig Bekanntschaft mit der Umgegend dieses Dorfes machte.

Da nun aber Wirksworth zu der Umgegend gehörte, so fing ich mit Wirksworth an.

Warum nicht? es war eben so gut mit Wirksworth, als mit den anderen Dörfern anzufangen.

Ich ging aus; es war um jene Stunde des Tages, zu welcher die Landleute nach beendigter Arbeit in das Dorf zurückkehren; die Frauen erwarteten sie auf der Schwelle der Thür, die Kinder liefen ihnen entgegen, Alles lächelte sich zu, Alle umarmten sich in der großen menschlichen Familie.

Nun dachte ich an unseren sanften und zärtlichen Virgil, mein lieber Petrus, den fast christlichen Dichter, der so schön die großen weißen Ochsen mit langen Hörnern, wie sie die bleichen Kräuter im Schatten der Eichen wiederkauen, die sich drängenden Hammel, mit gesenktem Kopfe, unter der Huth des Hirten und der Hunde, wenn das Gewitter sich am Himmel zusammenzieht, und die an dem Felsen hängende und den bitteren Geisklee abrupfende Ziege schildert, und ich rief aus:

O fortunatos nimium, sua si bona norint Agricolas!

Aber ich dachte fast sogleich, daß die Anführung ungerecht wäre, und daß meine Landleute, – die des Dorfes Ashbourn, – ihr Glück kennten, und da sie vor Denen, von welchen Virgil spricht, das Glück voraus hatten, Christen zu sein, sie dem Himmel dafür dankten.

Aber was machte auch alle diese Männer so glücklich? Das waren die Frauen, welche sie auf der Schwelle der Thür erwarteten, das waren die Kinder, die ihnen entgegen liefen, das war das aus der Ferne ausgewechselte Lächeln, das war der in der Nähe gegebene Kuß.

Jeder dieser Männer hatte seinen Schutzengel, welcher das Haus lebendig in seiner Abwesenheit, liebend bei seiner Rückkehr machte.

Welchen Unterschied giebt es zwischen einem leeren Hause und einem vollen Grabe?

Das Grab ist unter der Erde gegraben, das Haus ist auf ihr erbaut. Das Haus ist das Gefängniß der Zeit, das Grab das der Ewigkeit.

O! wie würde mein Haus, das mir ein Grab schien, schön für mich sein, – wenn ich bei der Rückkehr von meinen kirchlichen Gängen aus der Ferne auf seiner Schwelle, mit ausgestreckten Armen und auf mich geheftetem Auge – eine weiße Gestalt sähe, von der ich allmälich und in dem Maße, als ich mich näherte, unter ihrem großen Strohhute das frische Gesicht, die blauen Augen und die blonden Haare unterscheiden würde!

Und während ich mir das sagte, hatte ich das Dorf Ashbourn verlassen, und näherte mich mit großen Schritten dem Dorfe Wirksworth, freilich wurde in dem Maße, als ich mich dem kleinen grünen, weißen und rothen, wie einen Vorposten an der Straße aufgestellten Hause näherte, mein Schritt langsamer; ich fing an, es durch die einbrechende Dämmerung mit unbewaffnetem Auge fast eben so gut zu unterscheiden, als ich es von dem Fenster meines Zimmers aus mit dem Fernrohre meines Großvaters unterschied. Aber trotz der Rückkehr der Dunkelheit, trotz der Abwesenheit der Sonne, trotz der eingetretenen Kühle, war das Fenster immer noch geschlossen.

Unglücklicher Weise aßen hundert Schritte weit von mir zwei oder drei Familien von Dorfbewohnern in der Kühle unter einem Baume zu Nacht, während fünf bis sechs Kinder auf dem Wege in der Runde tanzten.

Bereits mehrere Male hatten sie nach meiner Seite geblickt. – Wieder umzukehren hieß das Ansehen zu haben sie zu fliehen, ich ging bis zu ihnen mit der Absicht, sie gleichgültiger Weise über verschiedene Oertlichkeiten des Dorfes, und unter andern über das kleine Haus zu befragen, das nur noch drei bis vier Hundert Schritte weit von mir entfernt war.

Bei meinem Herannahen standen sie auf. Ich grüßte sie. Zwei unter ihnen hatten mich predigen hören und erkannten mich wieder, sie luden mich sogleich ein, mich zu ihnen zu setzen und ihr Mahl zu theilen, aber ich dankte ihnen. Die Kinder hatten ihren Tanz eingestellt und umringten mich, die Eltern baten mich, sie zu segnen.

– Ich bin zu jung, um zu segnen, antwortete ich, aber gleichviel, ich segne sie, Euch, Eure Früchte, Eure Ernten und Eure Häuser von Herzen.

Sie fragten mich nun, ob es wahr wäre, daß ich übermorgen in Wetten an der Stelle des kranken Pastors predigen sollte. Ich antwortete ihnen mit ja, da Herr Smith mich eingeladen, diese kleine Reise zu machen und mir die Gastfreundschaft in seinem Hause angeboten hätte.

Nun rühmten mir die Landleute die Biederkeit, die Rechtschaffenheit, die Weisheit des würdigen Herrn Smith. Seine Frau galt für die beste Haushälterin der Umgegend, und obgleich die Pfarre eben nicht mehr als sechzig Pfund Sterling eintrüge, so war die würdige Frau doch dazu gelangt, das am besten eingerichtete Haus des Dorfes zu haben. Es war bei ihr wie auf dem Schlosse des Grafen von Alton, das man auf dem Hügel erblickte, und zuverlässig hatte Herr Stiff, der Verwalter des Grafen, der im Begriffe stand, sich mit einer reichen Erbin von Chesterfield zu verheirathen, keine weißere und feinere Wäsche, kein schwereres und glänzenderes Silberzeug, kein dickeres und besser verzinntes kupfernes Küchengeschirr, als es die Wäsche, das Silberzeug und das kupferne Küchengeschirr der Madame Smith war.

Was die Tochter des Pastors anbetrifft, so gab es nichts Anderes über sie zu sagen, als daß sie ein Engel an Sittsamkeit, Religion und Wohlthätigkeit wäre.

Alles das hatte mich sehr weit von dem kleinen grünen, rothen und weißen Hause geführt. Wie darauf zurückkommen, nachdem man über das Schloß des Grafen von Alton, über die Wohnung, welche der Verwalter, Herr Stiff, für seine Frau einrichtete, über die Wäsche, das Silberzeug, das kupferne Küchengeschirr der guten Madame Smith, und über die Sittsamkeit, die Religion und die Wohlthätigkeit der Mademoiselle Smith gesprochen hatte?

Das war besonders für mich schwer, mein lieber Petrus, der ich, ich gestehe es Ihnen, kein Mann der Uebergange bin.

Außerdem war ich fast übler Laune, daß man mir so einstimmig das Haus des Herrn Smith, der Madame Smith und der Mademoiselle Smith rühmte, und daß man mir kein Wort über das kleine grüne, rothe und weiße Haus sagte, das drei Hundert Schritte weit von uns entfernt war, und von diesem reizenden Wesen mit blonden Haaren, blauen Augen und rosigen Wangen, neben welchem Mademoiselle Smith zuverlässig nur ein gewöhnliches Frauenzimmer sein mußte.

Diese üble Laune machte, daß ich Abschied von den Landleuten nahm und ganz verdrießlich nach Ashbourn zurückkehrte.

Ach! von Weitem sah ich das dunkle Pfarrhaus in der Nacht: Niemand erwartete mich auf der einsamen Schwelle. Ich hatte den Schlüssel in meiner Tasche, ich machte die Thür auf und ging tappend in der Dunkelheit, indem ich das Feuerzeug und die Schwefelhölzer suchte.

– Ach! armer Williams Bemrode! murmelte ich mit einem Seufzer, als der nach Schwefel riechende Schein längs der Wände des leeren Eßzimmers zitterte.

Die Reste des Mittagsessens befanden sich in dem Speiseschranke, aber ich hatte nicht den Muth, mich an den Tisch zu setzen; meine Lampe in der einen, und ein Stück Brod in der andern Hand, ging ich in das kleine Zimmer hinauf.

Ich machte mein Fenster auf, stellte einen Stuhl daran, und setzte mich.

Dieses Mal eilten meine Blicke über das Dorf weg und gingen geraden Weges nach den Lichtern, welche an dem Horizonte leuchteten. Unter allen diesen Lichtern suchte ich eines, welches in der Richtung des grünen, rothen und weißen Hauses war.

Ein ganz großer dunkler Raum erstreckte sich in. der Richtung, wo es gelegen war.

In diesem ganzen Raume fühlte man, daß die Nacht friedlich herrschte.

Ich konnte mich indessen nicht entschließen, dieses Fenster zu verlassen. Ich zerbrach mein Brod in kleine Stücken, und aß es betrübter Weise, ohne die Augen einen Augenblick lang von dem Punkte abzuwenden, auf den sie geheftet waren. Endlich schlug es Mitternacht, und, da ich keine Hoffnung mehr hatte, das kleine Fenster sich erleuchten zu sehen, so ging ich, nachdem ich einen nach dm andern die wie ein Nachtvogel mit Flügeln von Erz von dem Thurme davon fliegenden Schläge gezählt hatte, hinab und legte mich zu Bett.

Meine Nacht war noch viel aufgeregter, als der Tag gewesen war; das Fieber verzehrte mich: mit jenem Mangel an Zusammenhang der Träume sah ich weiß und verschleiert die drei Töchter der Wittwe mit ihren verwelkten Kränzen auf ihren Köpfen vor mir vorüberkommen; sie gingen durch die Gartenthür hinaus und entfernten sich auf der Straße von Wirksworth. Nun öffnete sich das Fenster; meine Unbekannte, mit einem goldenen Heiligenscheine, mit langen weißen Flügeln, neigte sich zu den drei Gestorbenen; sie entblätterte über ihren Häuptern den Kranz von Kornblumen, den ich sie auf ihren Kopf hatte setzen sehen. Dann entfernten sich die drei Phantome über das Feld, indem sie allmählig verschwanden, sich verdunsteten, auf der Oberfläche der Erde schwebten, dann stiegen sie still, langsam, wie drei durchsichtige Wolken gen Himmel auf. Nun kehrte mein Blick, der ihnen gefolgt war, bis daß sie unerkennbar in dem Aether verschmolzen, zurück, indem er das Fenster suchte, aber das Fenster, das Haus, Alles war verschwunden; ich sah an ihrer Stelle ein gestaltloses Monument, halb Kirche, halb Grab, halb in den Wolken verloren, über denen der schöne Engel mit blonden Haaren, blauen Augen, rosigen Wangen, mit weißem mit einem himmelblauen Bande befestigten Kleide schwebte, und während aller dieser Verwandlungen sang die Nachtigall auf dem höchsten Zweige der größten Weide, und ich sah sie durch die Mauern, wie als ob für mein geschlossenes Auge die materiellen Hindernisse nicht mehr beständen.

Ich erwachte zehn Male; zehn Male, durch diesen Traum ermüdet, sammelte ich alle meine Sinne, um ihn zu brechen, ihn zu vernichten, aber kaum hatten sich meine Augen von Neuem geschlossen, kaum war die Dämmerung in meiner Denkkraft entstanden, als alle Bruchstücke des verstümmelten Traumes sich wie die abgebrochenen Stücke einer Schlange wieder mit einander vereinigten, und ich mich wiederfand, wie ich meine Rolle in dieser phantastischen Welt spielte, die für mich die lebendige und wirkliche Welt würde.

Ich erwachte mit dem Tage: es blieb von alledem nur noch der Gesang der Nachtigall übrig, welche die Morgenröthe begrüßte. Mit den ersten Strahlen der Sonne hörte der Gesang auf.

Man hätte sagen können, es sei der vor dem Lichte fliehende Geist der Nacht. Ich war vor Ermüdung erschöpft.

Ich stand auf, und ging in mein Arbeitszimmer hinauf; ich hatte das Fernrohr nicht nöthig, um zu sehen, daß Alles, wie am Tage vorher, geschlossen wäre. Dieses kleine Haus war mein ganzer Horizont, ich blickte nirgend anderswohin; ich machte mein Fenster wieder zu, und setzte mich vor meinen Schreibtisch.

Ich fand dort das Heft weißes Papier ganz für mein großes Werk vorbereitet, dessen Titel bereits geschrieben war, und nur noch die Hand und die Feder erwartete; aber wie anmaßend mir in diesem Augenblick der Titel, wie leer mir der Gegenstand schien!

Ich schob die Achseln zuckend das Heft zurück; die Philosophie und die Philosophen dauerten mich. Um acht Uhr begab ich mich in die Kirche, um das Morgengebet zu halten; es befanden sich fast nur Frauen darin. Die Männer begaben sich mit Tagesanbruche an ihre Arbeiten. Ich meldete, daß ich am folgenden Tage keinen Gottesdienst halten würde, da ich in Wetton predigte.

Ich hatte mit Aufmerksamkeit alle Frauen, oder vielmehr alle jungen Mädchen betrachtet, indem ich mich fragte, ob es nicht eine einzige unter diesen letzteren gäbe, aus der ich meine Lebensgefährtin machen möchte. Keine von ihnen entsprach meinem Ideal; einige waren hübsch, aber selbst die Hübschesten waren gemein und schienen mir von niedriger Erziehung. Viele, ich bin überzeugt davon, hätten vortreffliche Hausfrauen abgegeben; aber indem sie immer die materiellen Bedingungen der Frau erfüllten, bot doch keine die geistigen Bedingungen der Gefährtin, der Gattin, der Hälfte.

Unter allen diesen jungen Mädchen war die Tochter des Magisters noch die, welche am ausgezeichnetsten und hübschesten war.

Aber von der Tochter des Magisters zu der Unbekannten mit blonden Haaren, von der Haltung der einen zu der Anmuth der Anderen, von dem Gesichte dieser zu den Zügen jener fand der Unterschied statt, der zwischen einer Klatschrose und einer Rose, einer Glockenblume und einer Lilie besteht.

Indessen, als das junge Mädchen wie am vorigen Tage zu mir zurückkehrte, um mir mein Mittagsessen zuzubereiten, so, sei es nun aus langer Weile, dieses Fenster beständig geschlossen zu sehen, oder sei es, weil meine kleine Haushälterin in der That wirklich hübsch war und dabei gewann, in der Nähe gesehen und aufmerksam betrachtet zu werden, folgte ich ihr mehr als ein Mal mit den Augen bei den Gängen, die sie aus Einfalt oder aus Coketterie, Gott weiß es, um mich herum machte; ein Mal rief ich sie sogar und versuchte mit ihr zu plaudern; aber der Versuch war unglücklich und wandte sich zum Nachtheile des armen Mädchens.

Gott weiß, mein lieber Petrus, daß ich mit einer solchen Frau noch mehr allein, als allein sein würde!

Es ist das Unglück der erhabenen Geister, nur nach oben blicken zu können und immer nur das zu bemerken, was sich von dem Himmel ablöst.




XV.

Welches nur die Fortsetzung des Vorhergehenden ist


Vergebens hielt ich mich beinahe beständig in meinem Zimmer auf; vergebens hielt ich von zehn zu zehn Minuten das Fernrohr vor meine Augen, das Fenster öffnete sich nicht.

Was wollte das sagen?

Wenn meine Unbekannte mich hätte sehen – oder ahnen können, daß ich sie sähe, – so hätte ich ganz natürlich gedacht, daß meine Beharrlichkeit sie zu betrachten, sie verletze. – Aber wahrscheinlich wußte sie nicht einmal um mein Dasein, oder wohl, wenn sie wußte, daß es einen Pastor in Ashbourn gäbe, was nach dem Beifalle, den meine Predigt erlangt hatte, wahrscheinlich war, so wußte sie zuverlässig nicht, daß dieser Pastor sich in diesem Grade mit ihr beschäftige und besonders ein Fernrohr besäße, mit welchem man in der Entfernung von mehr als zwei Meilen ebenso deutlich sieht, als man mit seinen Augen in der von hundert Schritten sieht.

Wäre ihr irgend ein Unglück zugestoßen?

O! wenn dem so wäre, warum ließ sie nicht den Pastor von Ashbourn holen? Welche Freude er empfinden würde, sie zu trösten; welche freundliche, zärtliche und religiöse Worte er für sie finden würde; wie er ihr den Himmel nach der Erde, Gott bei dem Anfange und bei dem Ende von Allem zeigen würde!

Welches Glück er empfinden würde, diese schönen, mit Thränen benetzten blauen Augen, diese erbleichten Wangen unter seinen Ermahnungen, die Einen ihre Ruhe und ihre Heiterkeit, die Anderen ihre Frische und rosige Farbe wieder annehmen zu sehen.

Aber war diese Erscheinung, welche mit der Schnelligkeit eines Gesichts vor meinen Augen vorübergezogen war, nicht viel mehr ein Traum, den ich gehabt hatte? Konnte ein so reizendes Wesen, ein so vollkommenes Geschöpf als die, welche ich flüchtig gesehen hatte, auf Erden bestehen? War das Fernrohr meines Großvaters nicht ein bezaubertes Instrument, das an gewissen Tagen und unter gewissen Bedingungen das Recht hatte, seinem Eigentümer phantastische Bilder zu schaffen, die bestimmt waren, ihn die wirkliche Welt verachten zu lassen?

Ach! das war noch das, was es am wahrscheinlichsten gab: daher rührte die so dringende Anempfehlung meiner Mutter, welche ohne Zweifel die Eigenschaft dieses Talismans kannte, und die mit mir nicht darüber hatte sprechen wollen, indem sie meinte, daß sie irgend eines Tages sich mir von selbst offenbaren würde.

Nur befand ich mich weder an dem Tage, noch unter der vorgeschriebenen Bedingung: daher kam es, daß das Fernrohr unfruchtbar und das Fenster geschlossen blieb.

Der Abend kam herbei. Es waren die letzten Stunden, die mir am längsten dauerten. Endlich verließ ich Schlag acht Uhr das Dorf Ashbourn, und schlug den Weg nach dem Dorfe Wirksworth ein.

Da es später war, als am Tage vorher, so hoffte ich die Straße einsam zu finden. In diesem Falle würde ich bis nach dem kleinen Hause gehen, dann, wenn sich dieses Mal die Gelegenheit böte, zu fragen, so würde ich sie ergreifen.

Bei jedem Schritte, den ich that, hoffte ich ein Licht hinter den Leisten der Perfienne leuchten zu sehen; aber bei jedem Schritte war diese Hoffnung getäuscht.

In dem Augenblicke, wo ich das Dorf betrat, ging ich querfeldein; als ich mich aber dem Hause näherte, wurde ich Plötzlich durch eine sechs Fuß hohe Mauer aufgehalten, die ich nicht bemerkt hatte, da sie sich in den Baumgruppen verlor.

Diese Mauer deutete die Grenzen des Gartens an. Ich ging um sie herum.

Mein lieber Petrus, Sie, der Sie ein so großer Philosoph, oder vielmehr ein so großer Kenner in der Philosophie sind, – sagen Sie mir, warum mein Herz so gewaltig klopfte und warum meine Beine so heftig zitterten, – da unsere heilige protestantische Religion, statt uns von der Gesellschaft zu trennen, uns von der Familie abzusondern – uns erlaubt, Mensch, Gatte, Vater zu sein – welche Schande lag dann für mich darin, zu der zu kommen, die ich gesehen hatte und deren liebliches Gesicht mich anzog? – Das kommt daher, weil bei den ersten Schritten, welche der Mensch in dem Leben des Mannes thut, dasselbe Zögern, dieselbe Schüchternheit herrscht, wie bei den ersten Schritten, welche das Kind in dem Leben des Kindes thut – der eine wie das andere treten in eine unbekannte Welt ein, und alle beide straucheln auf der Schwelle.

Ich machte die Runde um die Mauer: alle Fenster des Hauses waren nicht allein verschlossen, sondern auch noch mit ihren hermetisch verschlossenen Läden bedeckt.

Endlich kehrte ich zu der vorderen Seite zurück; die Mauer machte einem Gitter Platz. Ich senkte meinen Blick durch das Gitter: ein einziges Licht drang durch die Fenster des Ladens eines Zimmers im Erdgeschosse.

Das ganze Leben dieses Hauses hatte sich also in dieses Zimmer im Erdgeschosse geflüchtet, das Uebrige schien ausgestorben.

Es war unmöglich, daß meine Unbekannte in dem Hause wäre; ihre alleinige Anwesenheit hätte es beseelt, belebt, erleuchtet.

Sie war nicht mehr darin; sie hatte es verlassen; sie war abgereist. Oh! das war es wirklich! Wie hatte ich es nicht errathen?

Würde jetzt ihre Abwesenheit lange dauern? – Würde sie eines Tages zurückkehren? – Würde sie niemals zurückkehren?

War dieses in dem Zimmer des Erdgeschosses wachende Licht die Hoffnung, die selbst über den Gräbern wacht?

Daran war ich mit den Fragen, die ich an mich selbst stellte, als ich Schritte sich nähern hörte. Zuverlässig hatte ich keine schlimme Absicht, indem ich um das Haus herum streifte, und es war ein bei weitem religiöseres und zärtlicheres Gefühl, als die Neugierde, das mich antrieb, meinen Kopf durch dieses Gitter zu strecken; aber dennoch wurde mein Herz bei diesem Geräusche von Schrecken befallen.

Was würde man sagen, wenn man den Pastor von Ashbourn erkannte, wie er sein Gesicht an da« Gitterthor eines Hauses im Dorfe Wirksworth zwischen acht und neun Uhr Abends heftete.

Ich entfernte mich daher rasch, um so rascher, als ich, indem ich den Kopf umwandte, drei Männer sah, die nach meiner Seite zukamen.

Ich glaubte außerdem, in der Ferne das Rollen eines Wagens zu hören.

Ich verdoppelte den Schritt, ohne weiter hinter mich zu blicken; ich hatte eine Gemüthsbewegung gleich der, welche man empfinden muß, wenn man eine schlechte That begangen hat; Gott weiß indessen, ob das Herz, das so heftig klopfte, rein war.

Was trug sich den, in meinem Innern zu? – War ich verliebt? Verliebt! – Welche Thorheit! – Verliebt in eine Frau, die ich gesehen, oder vielmehr flüchtig mit einem Fernrohre und in der Entfernung von zwei Meilen gesehen hatte!

Uebrigens konnte ich nicht darüber urtheilen, da ich nicht wußte, was die Liebe war.

Ich kehrte rasch nach dem Pfarrhause zurück, – und tappend, ohne weder eine Lampe, noch ein Talglicht anzuzünden, – ging ich, um mich von meiner Gemüthsbewegung wieder zu erholen, in mein Arbeitszimmer hinauf, und ließ mich auf meinen Sessel sinken.

Das Fenster war offen geblieben, mein Blick senkte sich auf den Horizont. Ich stieß einen Schrei aus.

Ein Licht leuchtete an dem Orte, wo das Fenster meiner Unbekannten sein mußte, gerade an dem Orte, der am vorigen Abend in die dichteste Dunkelheit gehüllt war.

Die Nacht war so dunkel, daß es unmöglich war, selbst mit dem Fernrohre irgend etwas Anderes zu unterscheiden, als dieses Licht.

Das war eine Wahrscheinlichkeit, aber ich mußte den folgenden Morgen abwarten, um eine Gewißheit zu haben.

Ich ging ohne Licht hinab und legte mich zu Bett. Ich hatte Eile einzuschlafen, und mit Hilfe des Schlafes rasch diese Nacht zurückzulegen, diese Nacht, welche mich noch von der Wirklichkeit trennte.

Aber man schläft nicht wie man will. Dieser so sehr von mir beschworene Schlaf schien weit flüchtiger als sein Gefolge von Träumen, und erst, spät in der Nacht kam er, nicht meine Augen zu berühren, sondern sich auf meine Brust zu setzen.

Ich will nicht versuchen, Ihnen die Träume dieser zweiten Nacht zu erzählen, mein lieber Petrus, es war etwas den Abenteuern Lucius’ in der Erzählung des Apulejus Aehnliches. Ein ganzer, mit Hexen, Harpyen, Gespenstern besäeter Weg, den ich zurücklegen mußte, blutende Wunden, die ich schließen mußte und die beständig wieder aufbrachen, und an der Stelle des lieblichen Gesanges der Nachtigall alles nächtliche Geschrei von Thieren von schlimmer Vorbedeutung.

Wie führte mich dieser schwere und mühselige Schlummer bis um sechs Uhr Morgens? Ich weiß es nicht, aber so viel weiß ich, daß es heller Tag war, als ich erwachte.

O! welche Nacht! mein lieber Petrus; als ich die Augen aufschlug, schien ich aus der Hölle in den Himmel überzugehen.

Der erste Gedanke, den ich hatte, war der an dieses Licht, das ich am Abende vorher gesehen hatte, aber meine Nacht war so fieberhaft und so aufgeregt gewesen, daß ich in Wahrheit die Wirklichkeit nicht mehr von dem Traume zu unterscheiden wußte.

Ich sagte mir, daß ich mich geirrt hätte, daß ich mir keine voreilige Freude machen müßte, welche verschwinden würde, wenn ich sie berühren wollte, und um meine Gewalt über mich selbst zu versuchen, beschloß ich, mich langsam anzukleiden, indem ich keinen Umstand meiner Morgentoilette unterließ.

Hierauf verließ ich mein Schlafgemach, schritt durch das Eßzimmer, ging langsam die Treppe nach dem Arbeitszimmer hinauf, und statt an das Fenster zu treten, setzte ich mich auf den Sessel meines Schreibtisches.

Nun erst erlaubte ich meinem Blicke, sich nach der Seite des Fensters zu wenden.

Kaum unterschied ich mit unbewaffnetem Auge die Gegenstände in einer solchen Entfernung. Indessen durch eine Oeffnung des Vorhanges, die mir ausdrücklich angebracht schien, um den Gesichtsstrahl, durchdringen zu lassen, glaubte ich, ein dunkles Loch an der Stelle dieser grünen Persienne zu sehen.

Ich ergriff das Fernrohr, das ich am Tage vorher gestellt gelassen hatte, ohne es wieder zusammenzuschieben, machte das Fenster auf und hielt das Fernrohr an mein Auge.

O welches Glück! Die Persienne war aufgezogen, der Käfig an seinem Platze, der kleine Vogel in dem Käfig.

Nur schien es mir, daß das Zimmer leer wäre.

Aber was lag mir daran, daß das Zimmer leer wäre? Konnte die, welche es bewohnte, nicht aufgestanden und hinunter gegangen sein?

Nicht Jedermann erwachte wie ich um sechs Uhr Morgens, – nicht Jedermann verwandte eine Stunde darauf, um seine Toilette zu machen.

O! wie ich alle diese verlorene Zeit bedauerte. . .

Ich stieß einen Freudenschrei aus; – ich bedauerte nichts mehr.

Das junge Mädchen war in ihr Zimmer zurückgekehrt; ich hatte sie in dem Hintergrunde dieses Zimmers vorüberkommen sehen, indem sie wahrscheinlich von der Thür nach dem Kamine ging, und ich hatte sie erkannt.

Bald hatte ich keinen Zweifel mehr. Sie näherte sich dem Fenster, und ihre Züge wurden in dem Maße immer sichtbarer, als sie in den Kreis des äußeren Lichtes trat.

Sie war wie gewöhnlich weiß gekleidet; ihr Kleid war wie gewöhnlich mit einem blauen Bande zugeschürzt. Ihr Gesicht allein war vielleicht noch weit frischer und weit rosiger als gewöhnlich, und ihre blonden Haare weit schneeiger und weit wallender in der Morgenluft.

Sie machte den Käfig auf und gab dem Vogel die Freiheit.

Aber er flog dankbar zuerst auf ihre Schulter, spielte einen Augenblick lang mit den Locken ihrer Haare, und indem er hierauf ein zweites Mal fortflog, setzte er sich auf die äußerste Spitze eines Weißdorns, wo er schaukelnd blieb.

Das junge Mädchen warf ihm eine Rose zu, welche sie in der Hand hielt, kehrte in das Zimmer zurück und verschwand.

Die Glocke rief mich zur Kirche. Ich brachte dem Herrn ein freudiges und dankbares Herz mit, und bat ihn, mich für den folgenden Tag zu begeistern.

Ich suchte einen Text, ich fand ihn.

War es Gott, der mir ihn sandte, oder traf ich ihn ganz natürlich in dem Ideenkreise, in welchem ich mich seit zwei bis drei Tagen bewegte?

»Und der Herr sagte zu Rachel: Du sollst Deinen Vater und Deine Mutter verlassen, um Deinem Gatten zu folgen.«

Ich kehrte nach Hause zurück. Mein erster Besuch war für mein Arbeitszimmer, mein erster Blick für das Fenster.

Es stand immer noch offen, aber das Zimmer war leer.

Zwei oder drei Male sah ich indessen meine Unbekannte – aber flüchtig und wie geschäftig; – man hätte sagen können, daß sich ein wichtiges Ereigniß zutrüge, oder sich am Abend oder am folgenden Tage zutragen würde.

Das wichtige Ereignis, für mich – war die Rückkehr meiner Unbekannten. – Ich warf einen Blick auf meine arme kleine Haushälterin, die Tochter des Schulmeisters, und fragte mich, wie ich nur einen einzigen Augenblick lang das arme Mädchen hätte betrachten können.

Am Abend schien meine Unbekannte weit ruhiger zu sein; sie blieb während der ganzen Zeit, in welcher der Tag sich zur Dämmerung neigte, und die Nacht sich niedersenkte, auf ihr Fenster gelehnt; die Sonne ging in einem Bette von Wolken glänzend, in Purpur und Gold unter; – sie verlor sie keinen Augenblick lang aus dem Gesichte, bis sie in, diesem strahlenden Oceane begraben war.

Nun zog sie sich zurück, gleichsam als ob nach einem solchen Schauspiele nichts mehr in der Schöpfung verdient hätte, gesehen zu werden, und ließ die Persienne wieder herabfallen.

Und da, sobald sie verschwunden, nichts mehr einen Blick meiner Augen verdiente, so machte auch ich mein Fenster wieder zu.

O! diese Nacht war gut und angenehm,. statt des abscheulichen Alpdrückens der vorhergehenden Nacht hatte ich reizende Erscheinungen, und es war die Nachtigall und nicht die Nachteule und der Rabe, welche bis zur Morgendämmerung meinem Ohre sang.

Mit der Morgendämmerung erwachte ich daher auch. – Ich hatte versprochen, um acht Uhr bei Herrn Smith zu sein. – Ich kleidete mich so gut, als ich vermochte, und frisirte mich so gefällig, als es mir möglich war; unglücklicher Weise war meine Garderobe gering, und statt der eleganten Perrücken, welche die jungen Leute jener Zeit trugen, war ich genöthigt, mich mit meinen eigenen Haaren zu frisiren.

Ich fand nicht, daß das häßlicher wäre; aber vielleicht würde meine Unbekannte nicht derselben Meinung sein.

Was mich für den Fall, wo ich ihr begegnen sollte, – am Ende etwas sehr Mögliches, – beruhigte, ist, daß sie sich selbst, statt mit zurückgeschlagenen und gepuderten Haaren, wie man sich zu jener Zeit frisirte, einfach mit Flechten und wallenden Locken ohne Puder frisirte.

Zum ersten Male war ich aufmerksam auf mein Gesicht, mein lieber Petrus; bis dahin hatte ich mich niemals darum bekümmert, und es wäre mir in Wahrheit schwer gewesen, zusagen, ob ich schön oder häßlich wäre. Ich bemerkte nun mit einer mit einem gewissen Stolze gemischten Freude, daß ich weit eher schön, als häßlich wäre. In der That, diese Haare, die ich ganz beschämt war zu zeigen, waren von dem schönsten Schwarz, ausgezeichnet fein und von Natur aus gekräuselt; mein Auge war dunkelblau, groß, und es fehlte ihm nicht an Ausdruck unter einer schwarzen, ziemlich gut gewölbten Augenbraue; meine Nase war gerade, mein Mund groß und mit ein wenig starken Zähnen besetzt, die ab« wundervoll weiß waren; meine Gestalt war gut gebaut; ich war weit eher groß, als klein . . . Indem ich endlich den Trauring meiner Mutter, den ich immer trug, von meinem Finger zog, bemerkte ich, daß ich eine ziemlich schöne Hand hätte, und beim Anziehen meiner Schuhe, daß mein Fuß lang, aber schmal sei.

Dieses Ganze und eine Pfarre, welche jährlich neunzig Pfund Sterling eintrug, machten aus mir einen Mann, der durchaus nicht von Eltern zu verschmähen und sehr annehmbar für ein junges Mädchen war.

Ich ging in mein Arbeitszimmer hinauf, Um einen Blick auf das Fenster meiner Unbekannten zu werfen.

Das Fenster stand offen, aber das Zimmer schien verlassen.

Es schlug sieben Uhr.

Ich hatte keine Stunde nöthig, um die zwei Meilen zurückzulegen, die Ashbourn von Wirksworth trennten; aber bei der Wahl, eine Viertelstunde zu früh oder eine Viertelstunde zu spät anzukommen, war es besser, eine Viertelstunde zu früh anzukommen.

In dem Maße, als ich auf dem Wege weiter kam, wurde das kleine Haus weit sichtbarer, und mit jedem Augenblicke glaubte ich, daß meine Unbekannte erscheinen würde. Aber ohne Zweifel war sie in irgend einem andern Theile des Hauses beschäftigt; denn ich erblickte sie nicht.

Dieses Mal hatte ich das Fernrohr nicht nöthig, um Alles zu sehen. Der leere Käfig, die weißen Vorhänge, die von dem Bette herabfielen, die Blumen-Tapete, welche die Wand bedeckte, boten sich nach der Reihe meinen Augen.

In dem Augenblicke, wo ich auf der Straße in der Höhe der Mauer vorüberkam, welche den Garten verschloß, und die mich vor zwei Tagen auf meiner nächtlichen Auskunftschaft aufgehalten hatte, setzte sich der kleine Vogel, der ein Distelfink war, indem er über einen Baum des Gartens flog, auf den Baum des Weges, der mir am nächsten stand, und dort fing er seinen Gesang an, gleichsam als ob er mich im Namen seiner Gebieterin hätte willkommen heißen wollen.

Endlich ging ich vor dem Hause vorüber; ich wagte kaum durch das Gitter zu blicken, ich that es indessen . . . aber die Vorhänge waren zugezogen.

Vielleicht konnte man durch die inneren Oeffnungen nach Außen sehen, aber von Außen konnte man zuverlässig nicht in das Innere blicken.

Ich wußte nicht, wo die Wohnung des Herrn Smith lag, aber da das Pfarrhaus gewöhnlich an die Kirche angebaut ist, so erreichte ich die Kirche und erkundigte mich nach dem, was ich suchte, bei einem Manne, der mir der Küster zu sein schien.

Er war es in der That; er fragte mich, ob ich nicht der Pastor von Ashbourn wäre, und auf meine bejahende Antwort sagte et zu mir:

– Herr Smith hatte mich hierher gestellt, um Sie zu erwarten; er hat vergessen, Ihnen zu sagen, daß er nicht neben der Kirche, sondern im Gegentheile ziemlich weit entfernt davon wohnt.

– In diesem Falle, mein Freund, sagte ich zu ihm, werden Sie die Güte haben, mir sein Haus anzudeuten.

– Ich werde mehr thun, Herr Pastor, antwortete er mir: mit Ihrer Erlaubniß werde ich Sie dorthin führen. Herr Smith hatte mir aufgetragen, mich auf der Straße aufzuhalten, um Ihnen einen unnöthigen Weg zu ersparen, und ich wollte mich so eben dorthin begeben; denn man erwartete Sie erst um acht Uhr.

Es schlug in diesem Augenblicke drei Viertel auf acht.

– Sie haben Recht, mein Freund, sagte ich zu ihm, es ist nicht Ihre Schuld, Sie haben sich nicht verspätet, sondern ich bin zu früh gekommen. Gehen Sie daher voraus, ich folge Ihnen.

Mein Führer schlug den Weg wieder ein, den ich so eben zurückgelegt hatte, und ich folgte ihm.




XVI.

Die Frau und die Tochter des Pastors Smith


Wie ich gesagt, war ich durch einen Theil des Dorfes gegangen, um nach der Kirche zu gelangen; ich bekümmerte mich daher anfangs nicht sehr um den Weg, den mich mein Führer einschlagen ließ. Als indessen die Häuser allmälig seltener wurden und am Ende nur noch eines davon übrig blieb, als das, welches übrig blieb, kein anderes als das grüne, rothe und weiße Haus, das heißt das Haus meiner Unbekannten war, so legte ich die Hand auf den Arm meines Führers und hielt ihn, zurück.

– Wohin führen Sie mich, mein Freund?

– Ei, wohin Sie gehen müssen, mein Herr, antwortete er mir, zu dem Pastor Smith.

– Wohnt der Pastor Smith in diesem Hause? fragte ich erbleichend.

– Ja, mein Herr, antwortete er, es gehört ihm von seiner Frau her, und er bewohnt es seit seiner Verheiratung.

– Und hat der Pastor Smith nicht eine Tochter? fuhr ich, aber zögernd, fort.

– Ja, mein Herr.

– Blond, achtzehn bis neunzehn Jahre alt?

– Ganz recht, ja . . . ein frommes junges Mädchen, mein Herr.

– O mein Gott! murmelte ich ganz wankend.

– Was haben Sie denn, Herr Pastor? Man möchte sagen, daß Sie sich unwohl befänden?

– Nichts! ein Schwindel, das ist Alles, erwiederte ich rasch. Gehen wir!

Und ich selbst schritt auf das Haus zu, die Hand nach dem Klopfer der Thür ausgestreckt.

Aber in diesem Augenblicke ging die Thür auf, und ich sah auf der Schwelle das lächelnde Gesicht des würdigen Herrn Smith. ^

– Gut! sagte er, da sind Sie! das ist schön, pünktlich zu sein . . . Aber was haben Sie denn? Sie scheinen mir bleich und zitternd.

Ich beruhigte ihn durch ein Lächeln und durch einen Händedruck. Ich fürchtete, daß, wenn ich zu sprechen wagte, man an der Veränderung meiner Stimme die Gemüthsbewegung bemerken möchte, die ich empfand.

Aber mein Führer antwortete für mich.

– Ah! sagte er, ich weiß in Wahrheit nicht, was den Herrn Pastor zwanzig Schritte weit von hier befallen hat, das heißt, daß er bleich geworden ist, um glauben zu lassen, daß er sich unwohl befinden würde.

– Wie! sich unwohl befinden? rief Madame Smith aus, welche hinter ihrem Gatten erschien. Smith, geh’ geschwind in die Apotheke, hole Melissenwasser, Orangeblüthwasser, Zucker, während ich Herrn Bemrode in den Salon führen werde. Aber so geh’ doch! aber so geh’ doch!

Ich wollte Madame Smith zurückhalten, aber es war keine Möglichkeit. Sie schob ihren Gatten nach der einen Seite und zog mich nach der anderen fort.

Sobald wir in dem Salon waren, zwang sie mich, in einen Sessel mich zu setzen, und machte das Gartenfenster auf, um mir Luft zu verschaffen.

Alles das geschah, indem sie sprach, mich befragte, selbst auf ihre Fragen antwortete und neue stellte, auf die sie wieder antwortete.

Der Pastor kehrte nach Verlauf von fünf Minuten zurück, indem er ein ganz zubereitetes Glas Wasser in der Hand hielt.

Diese fünf Minuten hatten für Madame Smith hingereicht, um mir mitzutheilen, daß, obgleich ihr Gatte zweiundfünfzig Jahre alt wäre, sie nur neununddreißig alt sei; daß sie eine Tochter hätte, die noch nicht neunzehn Jahre alt wäre; und daß diese Tochter hübsch sei, sänge, Klavier spielte, zeichnete, und mehr noch durch ihren glücklichen Charakter, als durch ihre Schönheit und ihre Talente, nicht ermangeln könnte, das Glück eines Gatten zu machen.

Bei diesen letzten Worten seiner Frau trat Herr Smith ein, und ich sah ihn die Achseln wie Jemand zucken, welcher einsieht, daß ein solches Lob in dem Munde einer Mutter immer verdächtig ist.

In der That, so voreingenommen ich zu Gunsten meiner unbekannten Schönen auch sein mochte, so hätte ich es doch lieber gesehen, wenn Madame Smith nichts gesagt und mich diese Vollkommenheit, die sie so laut proclamirte, selbst hätte schätzen lassen.

Vergebens erklärte ich Madame Smith, daß mein Schwindel, wenn ein solcher stattgefunden hätte, nun vorüber wäre, und daß ich mich jetzt vollkommen wohl befände; vergebens: sie ließ mich das von Herrn Smith zubereitete Glas Wasser trinken.

– So! sagte sie, jetzt ist unser lieber Herr Nachbar Bemrode gänzlich wieder hergestellt, – denn Sie fühlen Ihr Unwohlsein nicht mehr, nicht wahr, lieber Herr Bemrode? . . .

Ich machte ein Zeichen, daß ich mich vollkommen wohl befände.

– Nun denn! wir wollen ihm unsere liebe Jenny vorstellen, nicht wahr, mein Freund? fuhr Madame Smith fort.

– Aber, meine Gute, sagte Herr Smith, unsere liebe Jenny wird sich wohl ganz allein vorstellen; es scheint mir, daß Du diesem kleinen Mädchen weit mehr Wichtigkeit verleihst, als sie verdient.

– Wie, mehr Wichtigkeit als sie verdient! wie, kleines Mädchen! rief Madame Smith aus: aber Jenny ist eine große Person von neunzehn Jahren, mein lieber Herr Bemrode, und die schon sehr schöne Parthien ausgeschlagen hat, ich bitte Sie, es zu glauben.

– Ei! ich glaube Ihnen, meine liebe Mistreß Smith, antwortete ich lächelnd.

– Sie ist so gut erzogen, daß das bloße in ihrer Gegenwart ausgesprochene Wort Heirath sie bis über die Ohren erröthen lassen würde. – He! komm doch, mein Kind, komm doch!

Und bei diesen Worten zog sie Miß Jenny Smith weit eher in den Saal, als sie dieselbe einführte.

Ich erwartete meine Unbekannte des Fensters mit ihrem großen, mit Kornblumen bekränzten Strohhute, ihren blonden Haaren, ihren rosigen Wangen, ihrem weißen Kleide und ihrem blauen, um einen, wie ein Rohr schmiegsamen Leib geknüpften Gürtel zu sehen.

Keineswegs: die Person, welche eintrat, war steif frisirt, hatte weiße und rothe Schminke aufgelegt, war in ein Kleid von durchwirktem Pekin gekleidet und wie in einen Schraubstock eingeschnürt; der übrige Theil ihrer Person verlor sich in unermeßlichen Reifröcken.

Sie war immer noch ein sehr reizendes, nach der Mode des Tages gekleidetes Wesen, das war unbestreitbar; aber ach! es war nicht mehr meine Unbekannte des Fensters.

Von alle dem, was ich an ihr bewundert hatte, blieben ihre schönen blauen Augen allein unversehrt; ihre schönen Augen waren das Einzige, was zu verderben der Kunst nicht gelungen war.

– Ach! mein Gott, rief Herr Smith aus, indem er seine Tochter anblickte, wer hat Dich denn so zugerichtet, meine arme liebe Jenny?

– Wie! rief Mistreß Smith aus, wer sie so zugerichtet hat? ei ich!

– Jesus mein Gott! äußerte der Pastor, und wozu, liebe Frau?

– Ei, weil es die Mode ist.

– Und was hat denn die Mode mit armen Landleuten wie wir zu thun, meine gute Augusta, die Mode ist gut für die Stadtleute und für die großen Herrn der Schlösser.

– Mein lieber Herr Smith, bekümmern Sie sich um Ihre Predigten. Sie machen sie sehr schön, obgleich man behauptet, daß unser Herr Nachbar Bemrode sie noch schöner macht, als Sie, und lassen Sie um unsere Toilette uns allein bekümmern.

– Macht Eure Toiletten, es sei; aber um des Himmels Willen entstellt Euren Wuchs und Euer Gesicht nicht! – Ach! meine arme Jenny, fuhr der Pastor fort, wie unbehaglich Du Dich in einem solchen Mieder fühlen mußt, Du, die Du daran gewöhnt bist frei wie die Wespe und wie der Vogel zu sein! und wie häßlich Du Dich unter einer solchen Maske finden mußt, Du, die Du niemals eine andere Schminke, als den Thau des Frühlings gebraucht hast!

– Wissen Sie, mein lieber Herr Smith, rief die Frau des Pastors unwillig über alle diese spöttischen Bemerkungen Ihres Gatten aus, daß Jenny Dank der Reise, die wir nach Chesterfield gemacht haben, heute genau dasselbe Costüm trägt, welches Miß Elisabeth Rogers an dem Tage haben wird, wo sie die Frau des Herrn Stiff geworden, dem Herrn Grafen und der Frau Gräfin von Alton vorgestellt werden wird.

– Alles das sagt mir nicht, meine Liebe, fuhr der gute Pastor fort, der sichtlich unwillig zu werden anfing, warum Jenny, die nicht das Glück haben soll, die Frau des Herrn Verwalters Stiff zu werden, noch die Ehre, dem Herrn Grafen und der Frau Gräfin von Alton vorgestellt zu sein, heute dieses Kostüm trägt.

Während dieses ganzen Gespräches war Miß Jenny Smith sehr verlegen und unter ihrer Schminke enöthend stehen geblieben; als sie aber sah, daß eine Wolke den blauen Himmel der Ehe zu trüben drohte, sagte sie, indem sie die Hände faltete:

– Guter Vater, ich bitte, bestehen Sie nicht darauf; sehen Sie nicht, daß Sie der Mutter großen Kummer machen, welche seit zwei Stunden die Güte gehabt hat, sich mit mir zu beschäftigen?

– Ja, mein liebes Kind, ja, ich verstehe, sagte der Pastor Smith mit einer leichten Bewegung der Achseln; komm mich zu umarmen.

Indem er sich hierauf nach mir umwandte, sagte er:

– Mein lieber Nachbar, ich versichere Ihnen, daß es Tage gibt, an welchen das arme Kind wirklich hübsch ist.

– Mein Vater! flüsterte Jenny.

Gut! gut! sagte der Pastor, sprechen wir nicht mehr davon, und setze Dich, wenn Du kannst.

Jenny wandte sich um, um mit der Spitze des Fingers eine dicke Thräne abzutrocknen, die an dem Rande ihres Auges perlte, und nachdem sie den weitesten Sessel des Salons gewählt hatte, setzte sie sich mit Mühe darauf.

Was den Pastor anbelangt, der ohne Zweifel verstanden hatte, wie unbehaglich ich mich während dieses kleinen Familien-Auftrittes hatte befinden müssen, so gab er der Unterhaltung eine andere Wendung, und richtete einige theologische Fragen an mich.

Er traf es gut, mein lieber Petrus; Sie wissen, daß die Theologie meine starke Seite ist. Der Pastor Smith ist darin gleichfalls sehr bewandert, so daß es nach Verlauf eines Augenblickes unserer Unterhaltung nicht an einem gewissen Interesse fehlte.

Ich schenkte ihr indessen keine dermaßen unumschränkte Aufmerksamkeit, daß ich nicht, da ich mir Rechenschaft über die Absichten der Mistreß Smith in Bezug auf ihre Tochter ablegen wollte, ihr in allen ihren Bewegungen folgte.

Nun aber strebten alle ihre Bewegungen nach einem einzigen und alleinigen Ziele.

Nachdem,sie so viel als es in ihren Kräften stand, – sie glaubte es wenigstens, – die körperlichen Vorzüge der Mademoiselle Jenny geltend gemacht hatte, hielt sie darauf mir zu beweisen, daß diese körperlichen Vorzüge nicht auf sich allein beschränkt wären, und daß der Gatte, der diese liebe Tochter heirathen würde, außer einer Mitgift, über welche man sich nicht erklärt hatte, wahrscheinlich eine höchst vollständige Ausstattung finden würde.

Das ging aus der Sorge hervor, welche Mistreß Smith darauf verwandte, im Voraus einen Theetisch, von dem wir erst bei der Rückkehr Gebrauch machen sollten, mit ihren Tassen, ihrer Wäsche, ihrer Theekanne von chinesischem Porzellan, und mit zwölf silbernen Theelöffeln zu bedecken, obgleich wir nur zu vier waren.

Außerdem hatte sie zwei oder drei Male einen nach dem andern zwei große Schränke von Nußbaumholz aufgemacht, die von oben bis unten voller Wäsche waren, die trotz ihrem ein wenig bräunlichen Scheine von großer Feinheit schien.

Alle diese Bewegungen waren Herrn Smith eben so wenig als mir entgangen.

Er beschäftigte sich am Ende dermaßen damit, daß er, indem er sich plötzlich mitten in unserer Unterhaltung unterbrach, zu mir sagte:

– Wahrlich, mein lieber Nachbar, ich bin versucht zu glauben, daß Sie, statt ein einfacher Dorfpastor wie ich zu sein, ein Fürst der Kirche sind, der incognito reist. Meine Frau hat sie unter Ihrer Verkleidung erkannt. Deshalb hat sie ihre Tochter als Prinzessin kleiden lassen; deshalb holt sie aus ihrem Kästchen unsere zwölf silbernen Löffel hervor, die einzigen, die wir besitzen; deshalb zeigt sie Ihnen endlich alle diese schöne Wäsche, die sie selbst gesponnen hat, denn trotz ihren Dünsten des Ehrgeizes, die sich ihrer bei wichtigen Veranlassungen bemächtigen, wie die, in der wir uns befinden, ist Mistreß Smith eine vortreffliche Hausfrau.

– Ich zweifle durchaus nicht daran, mein Herr, antwortete ich; aber, sagen Sie mir, ist es nicht Zeit, daß wir uns nach dem kleinen Dorfe Wetton auf den Weg machen, wo ich predigen soll?

– O! sagte Mistreß Smith, Sie haben noch eine gute halbe Stunde Zeit. Aber gleichviel, Jenny, hole Dein Gesangbuch: ich hoffe wohl, daß Du diese Gelegenheit nicht verlieren wirst, die schöne Predigt zu hören, welche Herr Williams Bemrode halten wird, um ihm bei seiner Rückkehr ein Compliment darüber machen zu können.

Augenscheinlich erfreut, diese Gelegenheit zu finden, das Zimmer zu verlassen, gelang es Miß Jenny, sich nach einigen Bemühungen aus ihrem Sessel zu ziehen, und entfernte sich, um ihr Gebetbuch zu holen.

Nun ereignete sich das, was ich vorausgesehen hatte: kaum war die Thür hinter dem jungen Mädchen wieder verschlossen, als die Mutter, die nur diesen Augenblick erwartete, um ihr Lob wieder vorzunehmen, anfing ihre Tochter wegen ihrer Sparsamkeit, ihrer Talente in der Malerei, in der Musik, im Sticken, im Nähen und in der Küche zu rühmen.

Was mich anbetrifft, so fing ich an, Eines zu bemerken: nämlich, daß ohne Zweifel die gute Mistreß Smith, welche wußte, daß ich zu verheirathen wäre, das Einkommen der Pfarre von Ashbourn kannte und besonders wünschte, ihre Tochter in ihrer Nachbarschaft zu verheirathen, die Augen auf Ihren Diener geworfen hätte, mein lieber Petrus, um ihren Schwiegersohn aus ihm zu machen.

– So ist es, sagte ich mir im Stillen: daher die wunderliche Toilette, welche selbst den guten alten Smith verwundert hat, daher die Zurschaustellung der silbernen Löffel und der Wäsche, daher endlich das Hinausgehen der Mademoiselle Jenny, ein ohne Zweifel zwischen ihr und ihrer Mutter verabredetes Hinausgehen, damit die Mutter hinter dem Rücken der Tochter und von der Tochter alles das Gute sagen könnte, was sie nicht in ihrer Gegenwart zu sagen wagte. Nicht übel berechnet, Mistreß Smith, nicht übel!

Und Sie, der Sie mich kennen, mein lieber Petrus, Sie, der Sie wissen, mit welcher Widerspenstigkeit ich auferlegte Bedingungen annehme, Sie müssen begreifen, daß, je mehr Mistreß Smith Miß Jenny rühmte, desto mehr ich mit meinem unglückseligen Geiste des Widerspruches geneigt war, Fehler an ihr zu finden.

Ohne Zweifel sah der würdige Herr Smith mit seinem herrlichen Instinkte als rechtschaffener Mann, der mehr werth ist als alle Berechnungen des Verstandes, das ein, denn indem er lächelte, um seine Ungeduld zu verbergen, sagte er zu seiner Frau:

– Aber, meine liebe Augusta, wahrlich, ich erkenne Dich eben so wenig im Moralischen, als ich so eben Jenny im Physischen nicht erkannte. Auf welchen Balsam, auf welches Universalmittel, auf welches Kraut bist Du denn heute gestoßen, daß die arme Jenny, an der Du gewöhnlich so viel zu tadeln findest, heute Morgen vollkommen ist?

– Ich, an Jenny etwas zu tadeln! rief Mistreß Smith erröthend aus. Aber ich weiß nicht, wo Sie das hernehmen. Höchstens Kleinigkeiten, denn am Ende finde ich zuweilen in einem Monate, in sechs Monaten, sogar in einem Jahre keine Gelegenheit, sie ernstlich zu schelten.

– Aber bemerke wohl, liebe Frau, erwiederte Herr Smith mit einem freundlichen Lächeln, das trotz seiner Freundlichkeit nicht frei von Spott war, bemerke wohl, daß ich Dich durchaus nicht tadle, Jenny heute so vollkommen zu finden, – da ich Dir mehr als ein Mal, wenn das arme Kind fern und wir beide allein waren, im Gegentheile vorgeworfen habe, ein wenig zu streng gegen sie zu sein.

– Gut! sagte ich mir in meinem Innern, jetzt ist die Reihe an dem Vater! Die Komödie scheint mir gut gelernt und die Rollen vollkommen vertheilt.

Aber die gute Mistreß Smith war nicht die Frau, einen Vorwurf anzunehmen ohne darauf zu antworten; sie war sogar so empfindlich bei dem, der so eben aus dem Munde ihres Gatten hervorgegangen war, daß sie einen Augenblick lang ihre Rolle vergaß, um darauf zu antworten.

– Streng, rief sie aus, streng gegen unser Kind! und das, weil ich ihr immer Sparsamkeit, Mildthätigkeit, Frömmigkeit, Einfachheit anempfehle, und . . .

– Ich sage Dir streng, liebe Freundin, weil Du willst, daß Deine Tochter, die nur ein Kind ist, alle Vorzüge in demselben Grade als Du besitzt, die Du eine Frau und eine Mutter bist; gib unserer Jenny zwanzig Jahre der Ehe, einen Gatten, der sie liebt, und statt eines Kindes, das sie ist, wird Jenny wie Du das Muster der Gattinnen und der Mütter sein.

Indem er sich hierauf nochmals nach mir umwandte, sagte er:

– Und jetzt kommen Sie, mein lieber Amtsbruder, denn wir haben gerade die Zeit, die Viertelstunde Weges zurückzulegen, die wir zu machen haben.

– Aber! rief Madame Smith aus, erwarten wir die liebe Jenny nicht?

– Die liebe Jenny hat uns nicht nöthig, wenn sie ihre Mutter hat; – kommen Sie, mein lieber Bemrode, kommen Sie!

Und indem er vorausging, zeigte er mir den Weg. Ich verneigte mich vor Mißtreß Smith, und folgte dem vortrefflichen Manne.

In dem Augenblicke, wo ich das Haus aus dem Gesicht verlor, wandte ich mich um, und sah nun auch Mademoiselle Jenny, die uns, ihr Gesangbuch unter dem Arme, mit ihrer Mutter folgte.

Ich weiß nicht, warum ich den Schritt beschleunigte, damit die beiden Frauen uns nicht einholten.




XVII.

In welchem ich meine Unbekannte mit ihren blonden Haaren, ihrem Strohhute, ihren rosigen Wangen und ihrem weißen, mit einem blauen Bande geschürzten Meide wiederfinde


Doch, ich weiß, warum ich den Schritt beschleunigte, mein lieber Petrus, und ich will es Ihnen sagen.

Das kam daher, weil meine Träume in Bezug auf meine schöne Unbekannte verschwunden waren.

Weil ich eine mütterliche und sogar väterliche Berechnung da sah, wo ich anfangs Einfachheit des Herzens zu finden gehofft hatte.

Weil ich endlich meine Frau wählen wollte, und nicht, daß man mir sie aufdrängte.

Wir legten die Strecke, welche Wirksworth von Wetton trennte, zurück, ohne mehr als drei bis vier Worte zu wechseln. Herr Smith respectirte mein Schweigen, indem er ohne Zweifel glaubte, daß ich meine Predigt vorbereite.

Dem war nicht so. Ich dachte an meine Unbekannte.

O! meine Unbekannte, wenn ich sie so wiedergefunden hätte, wie ich sie in ihren Erscheinungen, mit ihren wallenden Haaren, ihren Blumen, ihrem Vogel, ihrem klaren Blicke, ihrer Natürlichkeit, kurz aller der Anmuth gesehen hatte, die ich ihr in der Gluth meines Herzens, in der Thorheit meiner Einbildungskraft zuschrieb! Wenn ihre Eltern, statt sie mir in gewisser Art an den Hals zu werfen, abgewartet hätten, daß ich sie verlangte, ihr die Zeit gelassen hätten, mich zu lieben, und mir mit jener patriarchalischen Einfachheit, die man immer sucht und die man niemals findet, gesagt hätten:

– Sie sind arm, lieber Herr Bemrode, und unsere Tochter ist arm wie Sie; aber Ihr seid jung, aber Ihr liebt Euch, – vereinigt Eure beiden Armuthen, und die Liebe wird daraus einen Reichthum machen!




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