Der Pechvogel
Alexandre Dumas der Ältere




Alexandre Dumas (père)

Der Pechvogel





I.

Genealogie, Geschichte und Physiologie des Franz Guichard, genannt Pechvogel



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Ehe die Marne sich bei Charenton in die Seine ergießt, macht sie allerlei Wendungen, Drehungen und Biegungen, wie eine Schlange die sichs in der Sonne wohl sein läßt; sie streift am Ufer des Flusses hin der sie verschlingen soll, springt aber dann plötzlich ab und entflieht fünf Meilen weit. Endlich nähert sie sich ihm zum zweiten Mal, entfernt sich aber von Neuem, gleich als ob die keusche Najade nur schwer zu dem Entschluß käme ihre schattenreichen grünenden Ufer zu verlassen und ihre Smaragdenen Wasser mit der großen Pariser Gosse zu vermengen.

In einer der bezeichneten Krümmungen bildet sie eine vollkommene Halbinsel deren Landenge den Flecken Saint-Maux einnimmt, und an welcher entlang die Dörfer Champigny, Chennevière, Bonoeil und Creteil mit ihren Gebieten sich hinziehen.

Im Jahr 1831 gehörte diese Halbinsel beinahe ganz dem erlauchten Hause Condé. Sie war, wie schon der Name la Varenne (das Gehäge) anzeigte, einer der zahlreichen Vergnügungsorte dieser kriegerischen Familie, in welcher sich eine beinahe wahnsinnig; Liebhaberei für die Jagd vorn Vater auf den Sohn vererbte.

Diese ganz specielle Familienneigung hatte zur Folge das; die Halbinsel Saint-Maux, trotz der starken Zunahme der Bevölkerung und der zahlreichen Neubauten in der übrigen Bannmeile, bis zum Jahr 1772 gänzlich verödet blieb. Die Hasen, Fasanen und Rebhühner lebten da, durch diesen breiten und tiefen Wassergürtel gegen Fallen, Schlingen und andere Wilddiebsapparate geschützt, lange Zeit in einer Ruhe die einige Aehnlichkeit mit dem friedsamen Dasein ihrer Stammesgenossen in den Urwäldern gehabt haben würde, wenn nicht von Zeit zu Zeit die prinzliche Flinte sie daran erinnert hatte daß sie, wenn, auch königlicher Wildpret, doch immerhin Wildpret waren.

1793 wurde Varenne als Nationalgut verkauft; aber sein sandiger Boden, seine Wälder von verkrüppelten Birken und Eichen hatten für die Speculanten so wenig Reiz, das; der letzte Condé, als er 1814 aus der Emigration zurückkehrte, es noch verödeter als früher fand, denn wenn die Menschen es nicht in ihren colonisatorischen Wanderungen gestürmt hatten, so war dagegen die kleine befiederte und befellte Welt, die einst in seinen Ebenen und Forsten herumgekrabbelt unbarmherzig dein Niveau der Gleichheit unterworfen worden.

Also im Jahr 1831 – mit diesen: bereits angeführten Datum beginnt unsere Geschichte – bildeten zwei oder drei vereinzelte Häuser, etliche Meierhöfe, verpachtet an einfältige Bauern die Getreide säten, Kaninchen wachsen sahen und Entschädigungen ernteten – sowie die Hütten der Forstwarte und des Fährmanns von Chennevière die einzigen Wohnungen auf der Halbinsel.

Ueberdieß fristete eines dieser Häuser sein Dasein nur durch eine ganz besondere Gnade des Herrn Prinzen von Condé.

Wir meinen das Haus des Franz Guichard, genannt Pechvogel

Bevor wir erzählen auf welche Art Franz Guichard sich Grundbesitz an der Marne erworben, müssen wir ein paar Worte von seiner Person sprechen und einige Zweige seines Stammbaumes hinanklettern, denn Franz Guichard besaß einen solchen.

Allerdings war derselbe nicht auf Pergament verzeichnet, nicht mit Arabesken geschmückt, er lief nicht in Blumen von Wappenschilden aus, er war weder von Cherin noch von Hozier beglaubigt. Nein, der Stammbaum des Franz Guichard beruhte recht und schlecht auf der Ueberlieferung, wie das Geschlechtsregister Abrahams; aber er war darum nichtsdestoweniger authentisch, denn er war gewissenhaft vom Vater auf den Sohn fortgepflanzt worden, mit der Aufgabe für den Letzteren jeder Generation ein neues Capitel beizufügen, und Alle hatten sieh dieser frommen Pflicht so getreulich entledigt, daß (Franz Guichard sagte es mit einem gewissen Stolz) gar viele Edelleute in große Verlegenheit kämen, wenn sie, was er mit der größten Zuversicht thun konnte, angeben müßten wie ihre Ahnherren seit nicht weniger als elf Menschenaltern gestorben sind.

Ferner ist wahr daß die Guichards eine besondere Vorliebe für eine exceptionelle Todesart gehegt und ihr ganzes Leben hindurch so geschickt hantiert hatten, daß es ihnen sammt und sonders gelungen war auf die eine und selbe Manier aus dieser Welt zu scheiden; wenn man daher Franz Guichard über das eben erwähnte Problem fragte, so antwortete er unveränderlich: Gehängt! Gehängt!! gehängt! Denn in der That waren alle gehängt worden, von Cosimus Guichard an, der 1473, unter der Regierung des guten Königs Ludwig XI, am Kreuz von Trahoir verschied, bis auf Joseph Peter Guichards, der ohne den Marquis von Favras, welchem das Unglück diesen eigenthümlichen Ruhm vorbehielt, der letzte Franzose gewesen wäre den man an einem Galgen aufhißte.

Inzwischen darf man wegen des tragischen Endes dieser elf Menschenleben nicht allzu streng über die Grundsätze und Gewohnheiten der Guichards urtheilen: wenn man einen Guichard hing, so hatte das Gesetz sich dessen weit mehr zu schämen als der arme Sünder; dieser konnte mit vollem Recht an die Nachwelt appellieren.

Die Guichards waren gebotene Wilddiebe, wie wir bereits von den Condés bemerkt haben sie seien geborene Jäger gewesen. Zwischen seinem vierten und fünften Jahre schielte ein kleiner Guichard bereits mit lüstern funkelnden Augen nach den Kaninchen des Königs die seinem Vater den Kohl wegfraßen; zwischen dem siebenten und achten begann er sich zu fragen ob er nicht, in Anbetracht der Menge von Gemüsen die in den Bauch des Thieres gekommen, einiges Recht auf das Thier selbst habe; zwischen dem achten und neunten gelangte er zur festen Ueberzeugung von diesem Recht, sowie zu dem Entschluß seinen Kohl überall wieder zu nehmen wo er ihn fände, und er legte eine kleine Schlinge von Roßhaar oder Messingdraht, zwischen dem neunten und zehnten wurde er, Gott weiß wie, Besitzer irgend einer Feuerwaffe; mit zwölf Jahren stellte er Garne auf; mit zwanzig tödtete er, den Fortschritten in der Waffenindustrie gemäß, Alles was in den Bereich seines Bogen's, seiner Armbrust oder seiner Flinte kam; endlich zwischen dem dreißigsten und vierzigsten Jahr kletterte der Henker ihm auf die Schultern.

Man darf indeß nicht wähnen daß die harte Lection welche die Guichards, einer um den andern, empfingen, für die Nachkommenschaft der unverbesserlichen Wilderer verloren gewesen sei. Die Hinrichtung hinterließ einen heilsamen Eindruck der während der folgenden Generation ausdauert. Der Sohn des Gehängten verabscheute die Kaninchen ordentlich, und beim Anblick dieser harmlosen Thiere fiel er in Ohnmacht, gerade wie Heinrich von Valois beim Anblick einer Katze oder Cäsar beim Anblick einer Spinne; er war nicht im Stand irgend ein Geschoß von Bogen, Armbrust oder Flinte auf dasselbe zu richten oder ihm mit einem Messingdraht irgendwie nachzustellen. Das dramatische Hinscheiden seines Vaters hatte für den jungen Menschen alles behaarte oder befiederte Wild mit dem Bann des Tabou belegt, wie die Bewohner von Neucaledonien sagen; aber da es ihm dabei unmöglich war sich der Marodeursinstincte zu entschlagen die dem Guichardschen Blut innewohnten, so rächte er sich an den Fischen.

War sein Vater Wilddieb gewesen, so wurde er selbst Flußdieb, und wenn sich in Flüssen oder Bächen nicht Beute genug vorfand, so suchte er die Teiche, sodann die Fischweiher und endlich die Schloßgräben heim, deren ungeheure, zwei bis dreihundertjährige Karpfen auf seine Einbildungskraft so mächtig wirkten wie der Diamant auf das Eisen; und er mochte es nun mit Haaren, Federn oder Schuppen zu thun haben, zuletzt fügte es sich immer so daß eines Tags irgend ein Richter, Vogt oder Amtmann dem Sohne das zukommen ließ was er von der Erbschaft seines Vaters noch einzuziehen hatte, nämlich den Strick an welchem man den Letzteren aufgehäuft.

So hatten es die Guichards, von Waldräubern zu Süßwasserräubern geworden, bis auf Franz geruht, der 1831 lebte, und mit dem wir uns sofort beschäftigen wollen.

Sein Vater war, wie wir bereits beiläufig bemerkt, der letzte Vertreter gewesen welchen das steuer- und frohnpflichtige Volk an den Galgen geschickt, wofür die Feudalität seiner Familie großherzig das Privilegium geschenkt hatte. Dieser hatte dem Haar und der Feder, den Vierfüßlern und dem Gevögel den Krieg erklärt. Allerdings hatte er sich, obschon die Verordnungen über die Jagdpolizei seit der Thronbesteigung Ludwigs XIV um ein Gutes milder geworden waren, genöthigt gesehen seinen befellten und befiederten Opfern einen armen Teufel von Zweihändler beizufügen, unter dem Vorwand daß derselbe, ein Kerl der ein Blechlein und einen Dreispitz trug, ihn ins Gefängniß zu führen drohte; aber die erste Ursache dieses Unglücks war jedenfalls dieselbe gewesen, und deßhalb schwur Franz, der Ueberlieferung getreu, sich vor einer so unheilbringenden Sünde wie das Wildern und einer so gefährlichen Waffe wie die Flinte wohl zu hüten. Wir finden ihn also an den Ufern der Marne unfähig, statt daß wir ihn in des Waldes düsteren Gründen suchen müßten, wenn sein Vater sich zum Fischfang und nicht zur Jagd berufen gefühlt hätte.

1794, d.h. ungefähr vierthalb Jahre nach dein tragischen Ende seines Vaters, pflanzte Franz Guichard sein Zelt in Varenne auf.

Durch die Conscription von 1796 fortgenommen, kam er von Mainz, nachdem er diese Stadt gegen die Truppen Friedrich Wilhelms verteidigt hatte; er war in die Capitulation einbegriffen welche den französischen Soldaten freien Abzug mit allen Kriegsehren gestatten, ohne daran eine andere Bedingung zu knüpfen als daß sie ein Jahr lang nicht mehr dienen sollten. Der Convent, der damals gegen die Meute der verbündeten Aristocratien und Könige Front machte; glaubte seine Verpflichtungen gegen Preußen nicht zu verletzen wenn er die Mainzer gegen die furchtbare, wuthknirschende Vendée schickte.

Um von Mainz nach Saumur zu gelangen, mußte man durch Frankreich ziehen.

Wenn die Trommel wirbelte, wenn die Trompete ertönte, wenn die Marseillais erscholl, befand sich Franz Guichard, diese Gerechtigkeit müssen wir ihm widerfahren lassen, auf der Höhe seiner Waffenbrüder; aber Leider kann man, so hartnäckig auch ein Krieg sein mag, nicht immer dreinschlagen, und und die Ueberlegung der Rasttage that seinem Feuereifer Eintrag.

Dazu kamen Geistererscheinungen die sich in diesem schwachen Hirn leicht. Er sah im Traum die Gespenster aller seiner Ahnen in ihrer letzten Erscheinungsweise; die waren Skelette deren Gebeine im Wind klapperten, wie hölzerne Lichter die vor einer Krämerstube ausgehängt; die Anderen waren besser bei Fleisch sahen aber nur um so schauerlicher aus; ihre Köpfe mit den zerbrochenen Wirbelbeinen wackelten auf den Schultern herum; die Augen traten blutig aus den Höhlen hervor, die Zungen hingen veilchenblau aus dem Munde.

Unter der Herrschaft solcher Gesichte schwand bei Franz Guichard seine Begeisterung für Scharmüzel, Hinterhalte und Gefechte mit jedem Tage mehr.

Als daher die Mainzer Bataillone nach Lagny kamen, da warf Franz Guichard auf der Brücke einen Blick voll von Verzweiflung und Lüsternheit zugleich über dir Brustwehr hinab

Es war sieben Uhr Abends, und, um uns eines Fischerausdrucks zu bedienen, die Fische thaten groß, d. h. sie zeichneten spielend und schmausend auf der Oberfläche des Flusses allerlei kleine Kreise, deren Menge eine hohe Idee von der Anzahl derjenigen erregte welche sie hervorbrachten.

Franz Guichard stieß einen Seufzer aus.

Ja Folge dieses Seufzers kam ihm ein Bedenken dessen Ursache seinen Character gewiß noch in

der fernsten Nachwelt ehren muß.

Er fand daß der Convent die Capitulationsangelegenheit etwas leichtfertig behandelte, er schloß daß die Lage weit dringender gewesen sei als die berühmte Versammlung dafür hielt; er beschloß seinen Chef, den General Kleber, von einem Zehntausendstel der Verantwortlichkeit zu befreien die auf ihm lastete; er that als ob er einige farb- und formlose Lumpen die ihm als Fußbekleidung dienten zurechtmachen wollte; er ließ die Colonne vorbeimarschieren, versteckte sich unter dem Brückenbogen, blieb bis der letzte Nachzügler seinen Blicken entschwunden war, warf seine Finte und sein mit rothen Flammen geschmücktes Hütchen in den Fluß, schnitt mit seinem Messer seine Rockschöße ab, zog ein linnenes Hemd über diese Art von Camisol an und ging so ziemlich vermummt am Wasser hinab, einzig und allein damit beschäftigt beim Mondschein die Stellen auszukundschaften die fischreich sein mochten.

In jenen critischen Zeiten war die militärische Polizei nicht streng und nahm es besonders mit Deserteuren und Widerspenstigen nicht zu genau; andere Sorgen verschlungen ihre Aufmerksamkeit; überdieß füllten die freiwilligen Anmeldungen und der patriotische Enthusiasmus so rasch die in den Reihen entstandenen Lücken aus, daß man mit der Einschreibung der Neueingetretenen genug zu thun hatte und keine Zeit mehr bekam auf die Ausreißer zu achten.

Franz Guichard beunruhigte sich über die Folgen seiner Fahnenflüchtigkeit so wenig, daß er schon am Tage nach seinem Abschied von seinen heldenmüthigen Genossen unter der Weide saß die man noch heute bei der Fähre von Varenne erblickt, und mit beiden Händen einen Rohrstock von mittlerer Länge umfaßt. hielt, während seine Augen auf einem Pfropf hafteten, auf der Oberfläche des Wirbels zu tanzen schien welcher hier den Hafen ausmacht. Dieser Pfropf diente als Wegzeiger für eine Angelleine die er mittelst eines Bindfadens gefertigt hatte. Franz schien so ruhig, so arglos, als wäre er ein Spießbürger aus dem Faubourg Saint-Antoine gewesen der sich seinen Sonntagsergötzlichkeiten hingab.

Es scheint daß der Pulvergeruch, womit die Hände des Exhelden nothwendig geschwängert sein mußten, den Fischen nicht allzu sehr zuwider war, denn in einigen Stunden hatte Franz Guichard eine colossale Schüssel voll Weißfische, Gründlinge, Brachsen und Rothaugen beisammen, die er noch am selben Abend an einen Wirth in Vincennes verkaufte.

Dieser Fang war für ihn dasselbe was der Milchtopf für Perrette hätte sein sollen.

Wir sagen sein sollen,weil Franz Guichard, weniger unvorsichtig als das Bauernmädchen des guten Lafontaine – wir unterstreichen das Prädikat gut und aus Gründen – seinen schuppigen Schatz nicht über die Straße ausschüttete. Er verkaufte ihn im Gegentheil per Bausch und Bogen, und zwar um so besser als in jener theuern Zeit die Lebensmittel hoch im Preise standen. Vom Erlös kaufte er sich einige hundert Angeln und etliche Knäuel Bindfaden. Er legte bei Nacht seine Leinen woran sich Barben, Karpfen und Aale zu Dutzenden verfingen. Bei Tag beschäftigte er sich mit der Herrichtung seiner Geräthschaften. Er holte Weiden aus den nahen Gebüschen, Magre Reusen daraus und vervielfältigte mit deren Hilfe die Erzeugnisse seines Gewerbsfleißes so rasch, daß er schon zwei Monate nach seinem Austritt aus dem Dienst eine kleine Fähre zu kaufen vermochte.

Eine Fähre war das Ziel des ganzen damaligen Ehrgeizes unseres Franz; erstens weil er mittelst einer solchen bald Geld genug verdienen konnte um Alles anzuschaffen was er Fischer sein Handwerkszeug nennt, d. h. Garnsack, Wurfgarn und Netze aller Art; sodann weil der Herbst herannahte und es ihn nach einer andern Lagerstatt verlangte als nachdem hohlen Weidenstamm welcher ihm bisher Schutz gewährt hatte; ein prächtigeres Obdach konnte er sich natürlich nicht denken als ein tüchtiges Schiff aus Eichenholz, auf dessen Bank er, in einen warmen Wollteppich eingehüllt, sich strecken und schlafen konnte.

Drei Jahre hindurch besaß Franz Guichard kein anderes Dach, kein anderes Schlafzimmer, kein anderes Bett.

Aber er war glücklich! Warum hätte er es nicht sein sollen?

Es lag klar am Tage daß das alte celtische Blut Jahrhunderte hindurch rein und unvermischt in den Adern aller Männer dieses Stammes fortgeflossen war. Es bewahrte jene Instincte stolzer Unabhängigkeit und scheuer Freiheitsliebe die aus ihrem tiefsten Herzen gegen die Civilisation protestierten und nur durch Rückkehr zum ursprünglichen Leben Befriedigung finden konnten. Die Vorsehung hatte allen Wahrscheinlichkeiten zum Trotz, im vollen achtzehnten Jahrhundert dem letzten der Guichards das gewährt wonach seine Ahnen so vergeblich gestrebt hatten; vier Stunden von Paris hatte sie ihm eine Einsiedelei beschieden wo er sich mit ebenso vollem Recht als König betrachten durfte wie Robinson auf seiner Insel.

Und in der That stieß Franz Guichard während dieser drei Jahre kaum von Zeit zu Zeit auf einen Bürgersmann aus St. Maux oder Charenton der ihm für einen Tag eine unmächtige Concurrenz auf dem Fluß machte. Er war dessen einziger und alleiniger Herr und Gebieter, von Champigny bis Creteil. Und so lange die Republik das Directorium und das Consulat währten, dachten die Gemeinden, die aus Mangel an Liebhabern auf die Verpachtung ihrer Fischereien verzichtet hatten, so wenig daran den Eindringling in seinem Genuß zu stören, daß dieser an der Ewigkeit des letzteren nicht zweifeln konnte.

Eines Tags als er zwischen den Inseln nach Gründlingen fischte, richtete er seinen Kopf empor und bemerkte unter den Weiden ein hübsches Mädchen das am Ufer niedergekauert emsig wusch und ein fröhliches Lied dazu sang.

Die schönen Arme, das lachende Gesicht und die K- herausfordernde Stimme der jungen Wäscherin verursachten Franz Guichard Zerstreuungen die er bisher nicht gekannt hatte. Er wußte nicht mehr was er that: er nahm seine Störstange verkehrt, stieß mit dem Stiel in sein Netz hinein und zerriß es so gründlich, daß, als er es aus dem Wasser zog, die Fische einer um den andern durch die breite Bresche die seine Ungeschicklichkeit ihnen bereitet hatte hinausfielen und zappelnd ihre feuchten Wohnungen wieder erreichen.

Die Größe und Wirklichkeit dieses Verlustes erinnerten Franz Guichard an seine materiellen Instincte. Er setzte sich in sein Schiff, zog Faden und Spule aus seiner Tasche und begann zu flicken.

Das junge Mädchen sang beharrlich weiter und schlug mit ihrem Waschbläuel den Takt dazu; dadurch aber wurde die Aufmerksamkeit des Fischers gegen seinen Willen allmählig so gänzlich in Beschlag genommen, daß seine Spule, in Ermanglung einer methodischen Behandlung, gar phantastische Arabesken in dem Netz hervorbrachte.

Franz Guichard ließ jetzt seine Geräthschaften liegen.

Er trieb die Fischerei weit mehr aus erblicher Leidenschaft, wenn wir diesen Ausdruck wagen dürfen, als aus Gewinnsucht; aber die Aufregung die er in diesem Augenblick empfand, und die ihm bisher ganz fremd gewesen, trug über beide den Sieg davon. Franz Guichard, der ungeleckte Fischer für welchen bisher der Fang eines Karpfen oder Hechtes den Inbegriff der größten Genüsse gebildet, versank bei den Tönen des jungen Mädchens in tiefe Träumereien. Mit einer Art von Schüchternheit bog er die Zweige auseinander um Etwas vom Gesicht der Sängerin zu erhaschen, wenn diese während des Draufklopfens mit dem Waschbläuel ihren Kopf in die Höhe richtete, der vom Feuer der Arbeit geröthet war, während ihre Lippen und Augen vollständig den Ausdruck ihres Liebchens wiedergeben.

Die Extase währte bei Franz Guichard so lange bis das Mädchen ihr letztes Tüchlein ausgewunden hatte.

Jetzt legte sie die Arbeit des Tages wieder in ihre Butte und machte sich bereit dieselbe auf ihre Schultern zu laden.

Dieses Weggehen paßte Franz Guichard nicht in fernen Kram; er wäre gerne die ganze Nacht da geblieben um derjenigen zu lauschen deren Klänge ihn bezaubert hatten, und er begriff nicht daß eine Person die so schön sang eine andere Beschäftigung haben konnte als zu singen.

Er fuhr sachte mit seinem Haken ins Wasser hinunter, gab seinem Schiffchen einen tüchtigen Stoß und machte es mit solcher Kraft und Geschwindigkeit dahingleiten, daß er mit einem einzigen Ruderschlag über den Flußarm hinüber kam.

Die Wäscherin ihrerseits, als sie sich umdrehte um ihren Bläuel aufzuheben, bemerkte den jungen Mann der sie mit offenem Mund und erstaunten Blicken anstarrte und so geräuschlos herangekommen war, daß sie eine Erscheinung zu sehen glaubte.

Sie stieß einen kurzen Schrei aus; sie wollte ihre Butte ergreifen und entfliehen; aber ihre Aufregung war von der Art daß sie schwankte, und daß die rothen, blauen, grauen, weißen und bunten Lappen aus der Butte über den Uferrand hinrollten.

– Da seht her was Ihr angerichtet habt, sagte die Wäscherin zu Franz Guichard, der so eben ans Ufer gesprungen war. Recht angenehm das!… Meine Wäsche ganz verdorben.

Franz Guichard zeigte jetzt eine so bestürzte Miene, er schien über den Unfall den er unwillkürlich veranlaßt dermaßen betreten, daß der Ausdruck im Gesicht des jungen Mädchens, nachdem sie ihn einen Augenblick angeschaut, sich allmählig ganz veränderte.

Die Thränen die ihr im ersten Augenblick des Aergers in die Augen getreten waren, blieben darin stehen; aber ihre Lippen, die bei dieser Gelegenheit zweiunddreißig Perlen enthülltem öffneten sich zu einem lustigen Lachen, so daß man glauben konnte sie weine aus übertriebener Heiterkeit.

Diese Heiterkeit des Mädchens brachte Frau Guichard vollends ganz aus dem Concept. Er sah so unglücklich aus daß sie Mitleid mit ihm faßte, und indem sie ihm die Strafe auferlegte das angestellte Unheil gutmachen zu helfen, gab sie ihm einigen Muth zurück.

Er kniete in den Sand nieder und begann die Wäsche so geschickt abzuschwämmen wie nur die hübsche Wäscherin selbst hätte thun können.

Aber diese sang nicht mehr; sie plauderte, und Franz Guichard hätte gerne die vierfache Arbeit auf sich genommen um das Almosen eines armseligen Liebchens zu erlangen.

Als er dasselbe nicht kommen sah, beschloß er es hervorzurufen.

– Sag einmal, Bürgerin, wie kommt es daß Du, da Du doch die schönsten Lieder kennst die je aus einer Mädchenkehle hervorgedrungen sind, nicht auch das kennst:

		O Richard, o mein König,
		Dich verläßt die ganze Welt.

Und er begann einen Refrain zu trällern.

– Wer hat Dir gesagt daß ich es nicht kenne? antwortete die Wäscherin.

– Ei, ich habe Dir zwei Stunden lang zugehört, ja vielleicht noch länger, denn die Zeit ist so schnell vergangen, daß ich unmöglich sagen kann wie lang ich dasaß, und doch habe ich es nicht gehört.

– Wenn Du es nicht gehört hast, Bürger, so kommt dieß daher daß ich es nicht singen wollte.

– Nun wohl, Bürgerin, da ich seit dem Tod meiner armen Mutter dieses Lied nicht mehr gehört habe das mir als kleinem Jungen so wohl gefiel, so würde ich, wenn Du mirs singen wolltest, gerne einen Handel mit Dir abschließen daß ich Dir Deine Butte bis auf die Höhe von Chennevière trüge.

– Ich schließe keine solche Handel ab, Bürger Franz Guichard.

– Du kennst mich also?

– Ei warum denn nicht? Fischer und Wäscherinnen sind Geschwisterkinder, wie ich denke.

– Also das Lied.

– Nein, ich danke schön! Ein aristocratisches Lied wegen dessen man mich einsperren würde, wenn man nur die Melodie hörte. Hilf mir jetzt meine Butte wieder aufladen. Ein Lied wie dieses da singt man nur bei verschlossener Thüre, im Bette, ganz leise seinem Manne ins Ohr. Auf Wiedersehen Bürger Guichard!

Der Fischer sah das Mädchen zwischen den Stämmen der Pappeln verschwinden. Als sie an die Rebberge kam, drehte sie sich um und warf ihrem Zuhörer einen schalkhaften Blick zu. Dieser stand noch immer auf demselben Fleck.

Er blieb hier lange, und obschon er etliche hundert Angeln vollständig in Bereitschaft gesetzt, so begab er sich doch nicht, wie er beabsichtigt hatte, nach dem Loch von Faviot, um sie auszuwerfen. Er ruderte Vielmehr nach dem Platze zurück wo er so lange Halt gemacht hatte um dem jungen Mädchen zuzuhören. Sobald es dunkelte, legte er sich zur Ruhe; aber er schlief nicht, sondern hielt die ganze Nacht, den Nachtigallen lauschend die ihre verliebten Triller in die Finsterniß und Stille hineinwarfen, seinen Kopf über den Rand seiner Fähre empor, gleich als wollte er die Wäscherin am Ufer suchen.




II.

Wo wir, nachdem wir uns mit der Genealogie des Franz Guichard beschäftigt, zu seinen Liebesgeschäften und ihren Folgen übergehen



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An den folgenden Tagen war Franz Guichard äußerst zerstreut. Er vergaß seine Angeln zu spicken, und ein Fisch hätte kein Atem von Hirn haben müssen, um an dem nackten spizigen Eisen sich anzuhängen womit er sie in Versuchung zu führen sich einbildete.

Ganze Stunden lang brütete er über all die Melodien die er von der schönen Wäscherin gehört hatte, und während dieser Zeit glitt sein Schiffchen ganz sachte den Bach hinab, das Wurfnetz müßig über den Rand hingelegt; erst an der Mühle von Bonoeil bemerkte er daß er sein Garn auch nicht ein einziges Mal ausgeworfen hatte.

Er nahm Pfeilkraut für die Anzeiger seiner Köder, und während er das Flußbett so genau kannte wie ein Bauer sein Ackerfeld, warf er sein Netz manchmal auf Schollen oder Baumstämme, von denen er es ganz zerfetzt zurückzog.

Je weiter er fuhr, um so häufiger wurde seine Geistesabwesenheit.

Eines Abends, als er ausgefahren war um seine Garnsäcke zurückzuziehen, hatte er sich wieder unvorsichtiger Weise diesen gefährlichen Gedanken hingegeben, und vermochte diejenige Fähigkeit seines Gehirnes die ihm in diesem Augenblick am nothwendigsten war, nämlich das Gedächtniß, nicht wieder zu finden. Von sechzehn Garnsäcken die er ausgeworfen hatte, verlor er vierzehn, und von diesen zog er noch einen ganz verkehrt aus dem Wasser heraus so daß ein prächtiger Karpfen der sich darin verfangen hatte entwischte und ins Wasser zurückfiel.

Franz Guichard warf einen entsetzten Blick um sich, ob doch Niemand seine schülerhafte Ungeschicklichkeit gesehen habe; er brüllte laut auf vor Zorn, zerbrach seine Netzstange in tausend Stücke und warf die Trümmer weit von sich. Dann sank er auf seine Bank nieder und blieb einige Augenblicke ganz vernichtet sitzen; aber er war nicht von dem Teig aus welchem der liebe Gott die verzagten Liebhaber geschaffen hat. Er begriff daß er einen entscheidenden Entschluß fassen mußte, und zwar auf der Stelle.

Mit einem wüthenden Ruderschlag drehte er sein Fahrzeug, landete am Ufer des Departement Seine und Marne, warf seinen Haken aus, band sein Schiffchen daran fest und schritt, mit jener verhängnißvoll entschlossenen Physiognomie die Wilhelm der Eroberer gehabt haben muß als er den Boden Englands betrat, nach Chennevière hinauf. Nur ersparten die Feinde des normannischen Herzogs ihrem künftigen Ueberwinder die Mühe und den Verdruß sie suchen zu müssen, indem sie seiner Armee entgegenzogen, während Franz Guichard das junge Mädchen das diese unglaubliche Verwirrung in seiner Seele angerichtet erst aufzufinden hatte.

Er durchstreifte der ganzen Länge nach die Straße des Dorfes, wo seine Gegenwart einen gewissen Eindruck hervorrief; denn nicht sehr vertraut mit den, Regeln sogar bloß ländlicher Höflichkeit, öffnete der Flußwolf ohne Scheu alle Hausthüren an denen er vorüberkam, steckte seinen wilden Kopf hinein, besichtigte den ganzen Inhalt jeder Wohnung und entfernte sich dann wieder, ohne auf die Fluche der Männer, die Schimpfreden der Weiber und die Angstschreie der Kinder die mindeste Antwort zu geben.

Er kam bis an die letzte Hütte auf der Straße von Champigny, ohne daß seine Hausuntersuchungen ein anderes Resultat gehabt hätten, als daß sie ihm ein Gefolge Von kleinen Jungen und Mädchen verschafften die ihm aus der Ferne nachzogen und ihr Interesse an seiner Narrheit durch ein verworrenes Geschrei kundgaben.

Franz Guichard kam auf den Einfall einen von den neugierigen Burschen auszufragen; er war jedoch über die Art und Weise in Verlegenheit; er wußte nicht wie er den Gegenstand seiner Nachforschungen bezeichnen sollte: ein hübsches Gesicht ist kein Signalement.

Nichts desto weniger ging er auf die kleine Truppe zu; diese aber hatte nicht so bald seine Absichten geahnt, als sie sich in wilder Unordnung auflöste: die Vorderen warfen sich auf die Hinteren, die Großen stießen die Kleinen um, die Einen fielen, die Andern brachten zu Fall, Alle entflohen als hätten sie Flügel, wie ein Schwarm Spatzen die beim Marodiren ertappt werden.

Diese Wirkung. welche Franz Guichard gar nicht erwartet hatte, vollendete seine üble Laune: er ergriff Einen von denen die auf dem Pflaster liegen geblieben waren und schüttelte ihn so heftig, daß der arme Teufel in lautes Schluchzen ausbrach und flehend seine Händchen zu ihm emporstreckte.

Franz Guichard versuchte vergebens ihn zu beruhigen; je freundlicher er zu dem Jungen sprach, um so, mörderischer schrie derselbe. Er mußte ihn zuletzt auf den Boden stellen; aber nun brach der kleine Schlingel in ein boshaftes Gelächter aus und lief aus Leibeskräften seinen Kameraden nach.

Franz Guichard hatte seinen Gefangenen kaum losgelassen, als er es auch schon bereute; die Physiognomie des Jungen hatte, sobald er, nicht vor Angst Grimassen schnitt, eine Aehnlichkeit die ihm sehr aufgefallen war. Diese großen schwarzen Augen« die feucht unter den zerzausten Haaren strahlten welche ihm über die Stirne hereinhingen, hatte er schon irgendwo gesehen; das Lächeln das auf seinen Wangen spielte, welche fest wie ein Apfel und roth wie eine Kirsche waren, dieß war das Lächelnder hübschen Wäscherin.

Der Fischer verfolgte seinen Gefangenen; aber, wenn Franz nicht übel lief, so war der keine Schlingel noch flinker. Er wandte sich in ein Gäßchen das sich längs der Kirche hinzog, warf am Ende desselben ein Karrenthor auf, sprang hinein und schloß es hinter sich zu; sodann verbarg er sich aus lauter Angst im Gemüsekeller.

Dem guten Franz pochte sein Herz vor Hoffnung, denn dieses Gäßchen und dieses Hans hatte er nicht untersucht.

Er trat entschlossen da ein wo er den Jungen verschwinden gesehen, und nun befand er sich in einem Hof mit einer großen Miste, auf welcher Hühner gackerten und Enten schnatterten.

Aber es waren nicht blos Hühner und Enten in diesem Hof. Es befand sich auch ein Wagen da, und neben diesem ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren der aus einem Schober Heu nahm um Bündel daraus zu machen; überdieß stand auf dem Wagen selbst ein junges Mädchen welches diese Bündel, symmetrisch zwischen die Leitern des Wagens legte, je nachdem der Mann sie ihr hinbot.

Als das junge Mädchen Franz Guichard bemerkte, wurde sie roth; aber der Fischer wurde noch röther, denn er hatte die hübsche Wäscherin erkannt.

– Guten Tags sagte der Mann mit dem Heu, ohne seine Arbeit zu unterbrechen.

– Guten Tags antwortete Franz Guichard, indem er sich an den Schober feststellte, denn sein Rennlauf hatte ihn ganz außer Athem gebracht.

Es entstand ein Stillschweigen, denn der Herr des Hauses als ein echter pfiffiger Bauer wollte seinem Gast den Gefallen nicht erweisen ihn zu fragen, und wartete bis er selbst den Zweck seines Besuches erklären würde.

– Ich komme um mit Euch über ein Geschäft zu sprechen, sagte endlich Franz Guichard mit einem bedeutungsvollen Blick auf das junge Mädchen, das mit verdoppeltem Eifer am Heu arbeitete um seine Verlegenheit zu verbergen.

– Ah! Ihr kommt um Wein zu kaufen? das wird heuer eine theure Waare werden, mein Junge; nicht als ob die Reben erfroren oder die Trauben abgefallen wären; nein, es war weder zu trocken noch zu naß, aber der Teufel hat es gesehen, die Trauben geben nicht aus: es wird schwer halten bis man nur eine Tonne bekommt.

– Nein, ich komme nicht um Wein bei Euch zu holen, antwortete Franz Guichard, der wohl einsah daß seine Erklärung, wenn er sie nicht vom Zaun herunterreiße, immer schwerer werde. Ich wollte Euch um die Hand Eurer Tochter bitten.

Der Weingärtner schaute nicht auf, sondern musterte bloß den Liebhaber mit ganz besonderer Lebhaftigkeit vom Wirbel bis zur Zehe.

– Ah! Das ist etwas Anderes, sagte er, obschon es sich auch hören läßt. Sie ist eine tüchtige Arbeiterin, meine Luisa Da schaut her. Sie hält Euch einen Zentner Heu in die Höhe und mäht, daß es eine wahre Lust ist. Ihr müßt es einmal sehen. Aber hört einmal, fuhr der Winzer fort, welcher nicht der Mann zu sein schien der eines gute Gelegenheit hinaus ließ, wenn Ihr zur Familie gehören wollt, so müßt Ihr Euch zeigen, mein Junge, und statt daß Ihr wie ein Taugenichts an diesem Schober stehen bleibt, müßt Ihr uns den Wagen ausladen helfen. He, he, he! Die Thaler die ich morgen in der Stadt dafür erhalte, werden eines Tags vielleicht in den Schrank meiner Tochter kommen. Vorwärts, vorwärts an die Arbeit!

Diese Worte waren ein Peitschenhieb welcher die Exaltation unseres Franz bis zum Poroxismus trieb. Er stürzte sich über das Heu her wie über einen Feind den er zu Boden schlagen müßte, er drückte es zusammen und rollte es mit rasendem Eifer in Bünde; er arbeitete so rasch, daß der gewaltige Schober zusehends abnahm und in Bälde vollständig auf den Wagen geladen war.

Luise betrachtete ihren Liebhaber lächelnd; ihr Vater lächelte ebenfalls; aber diese beide Lächeln hatten einen sehr verschiedenen Ausdruck.

Als das Geschäft vollendet war, dankte der Winzer dem Fischer mit einer Erkenntlichkeit die eine gewisse spöttische Schattierung hatte; dann lud er ihn zu sich auf den alten Stamm eines Vogelkirschenbaums ein, der eine der Hauptzierden des Hofes bildete, und fragte ihn allerlei über seine Stellung, nachdem er Luise aufgefordert hatte ihrem Gast ein Glas Wein anzubieten.

Franz Guichards der in diesem Augenblick nicht mit dem ersten Consul getauscht hätte, und keine noblere Stellung in der Welt kannte als die seinige, antwortete ohne Bedenken daß er ein Fischer sei.

Bei diesem Bekenntniß runzelte der Winzer seine Brauen, und als seine Tochter ihm den Weinkrug brachte; damit er ihrem Gast einschenken sollte, zeigte er sich so karg, daß er ihm das Glas kaum zum dritten Theil füllte.

Auf diese Art wollte Luisens Vater seine Mißachtung gegen die gesellschaftliche Stellung des Liebhabers an den Tag legen.

Als jedoch dieser Letzte darauf bestand eine für sein Schicksal entscheidende Antwort zu erhalten, entschloß sich der Winzer noch nicht zu einer Weigerung, die er sich gleichwohl bereits fest vorgenommen hatte, sondern wie erholte fünf bis sechs Mal: Wir wollen sehen, Junge! wir Fallen sehen.

Es lag klar am Tag daß die Muskelkraft des Fischers einen tiefen Eindruck aus ihn gemacht, und daß der schlaue Bauer bereits etliche Pläne auf ihn gebaut hatte.

Franz Guichard entfernte sich voll von verwegenen Hoffnungen. Als er die Anhöhe hinab ging, sang er aus voller Kehle, mit einer ebenso Falschen als unharmonischen Stimme, den Refrain den er Luisen abgelernt hatte, als er sie im Weidenbusch verborgen belauscht.

Am folgenden Tage ging er wieder nach Chennevière und brachte seinem zukünftigen Schwiegervater die Elemente eines Matrosen-Ragout, einer sogenannten matelote, mit. Der zukünftige Schwiegervater dankte ihm, ließ ihm a er nicht Zeit Luisen guten Tag zu wünschen, sondern nahm ihn sogleich in seinen Rebberg mit um da zu arbeiten.

Franz Guichard verrichtete bei der Umwühlung der Erde dieselben Wunder wie bei der Verarbeitung des Heues.

Tags darauf erschien er mit einem Korb voll schönen perlmutterartiger Gründlinge.

Dießmal handelte es sich um die Ausladung eines Wagens voll Mist.

Der Verkehr war eingeleitet: der Winzer fand täglich ein neues Geschäft für den jungen Mann. Er benützte seinen Schwiegersohn in spe zur Verbesserung seines Gütchens. Dieser ersparte ihm täglich zwei Taglöhner; denn Franz Guichard fuhr fort für zwei Mann zu arbeiten, und dieß Verfahren hatte; den Vertheil, daß es den Vater Luisens nicht einmal die Unterhaltung kostete; denn wenn der Fischer sich als Familienglied betrachten konnte so lang von Mühe und Arbeit die Rede war, so verhielt es sich, ganz anders sobald man sich zu Tische begab. Der Winzer zeigte sich bei der Vertheilung des Getränken noch immer eben so karg wie das erste Mal.

Franz Guichard empörte sich nicht über die Anforderungen die man an ihn stellte; Luisens Lächeln, das Anfange einladend gewesen, war zärtlich, sogar mitleidig geworden, und diesen Lächeln hatte dem Liebhaber gesagt: »Mein Herz wird der Lohn Deiner Mühen sein.«

Ihr Vater dagegen blieb bei seinem Grundsatz: wenn Franz Guichard, der sich allmählig an den Frohndienst gewöhnt hatte und dadurch schüchtern geworden war, ein bescheidenes Drängen wagte antwortete er nur mit seinem ewigen »Wir wollen sehen.«

So ging's einen Monat lang fort.

Franz Guichard, bei Nacht ein Fischer, war den Tag hindurch ein wahrer Weingärtner geworden.

Aber nach der Weinlese kam der Winter; die purpurnen Blätter der Reben bedeckten das Thal; die Stöcke nahmen ihre trostlose todte Physiognomie an, die Pfähle wurden bin zum kommenden Frühjahr auf einen Hausen gelegt.

Der Winzer gebrauchte zwar einige Zeit Franz Guichard zum Dreschen, aber es kam ein Augenblick wo dem Stroh sein letztes Kernchen ausgeklopft war, und an diesem Tag ging der Fischer müßig. Da näherte er sich Luisen und die Brauen ihres Vaters nahmen einen drohenden Ausdruck an.

Tags darauf, als Franz Guichard wieder nach Chenenvière kam, bemerkte er daß die Augen des jungen Mädchens roth waren. Sie hatte geweint. Der Winzer beantwortete den Morgengruß nicht den sein Ehrenarbeiter ihm bot; es war klar daß, obschon der Hof des Häuschens mit Schnee bedeckt war und das Dach von einem Rauhreif funkelte, so daß die Eisspitzen herabhingen, ein furchtbares Gewitter den armen Fischer bedrohte. Dasselbe kam bald zum Ausbruch.

Mit gebieterischen Geberden befahl der Alte seiner Tochter hinauszugehen, deutete dem Fischer auf einen niedrigen Stuhl neben dem seinigen, in der Ecke des großen Kamins, worin zwei Pappelwurzeln rauchten bis sie in Feuer geriethen, und erklärte ihm, seine Anwesenheit gebe der Nachbarschaft viel zu reden, weßhalb er ihn auffordern müsse Besuche einzustellen welche der Zukunft Luisens schaden könnten.

Hätte Franz Guichard einen Elefanten in seinem Wurfnetz gefunden, er hätte nicht verblüffter sein können.

Mit seinen Arbeiten für den Vater seiner Geliebten hatte er das Draufgeld für das Geschäft zu erwerben geglaubt das er mit ihm abzuschließen wünschte.

Er wurde bald roth, bald blaß, er stammelte; aber auf einmal erwachte die angeborne Heftigkeit der Guichards wieder, und nun stieß er einen so furchtbaren Fluch aus, daß der Winzer auf seinem niedrigen Stuhl erzitterte.

Er wollte antworten, aber der Fischer ließ ihm keine Zeit dazu, sein Zorn schaffte sich in wüthenden Schimpfreden Luft. Der Winzer hütete sich wohl diesem Strome einen Damm entegenstellen zu wollen. Während der junge Mann sprach, blieb er gegen den Herd vorgebeugt sitzen und beschäftigte sich scheinbar damit die zwei Holzscheite zusammenzulegen, was er mit der ängstlichen Sorgfalt eines Mosaikarbeiters that, indem er die hervorspringenden und zurücktretenden Ecken der zwei gewundenen Klötze in einander zu fügen versuchte, in der That aber bloß einen gewissen Unmuth zu verbergen wünschte der unwillkürlich auf seinem Gesicht zum Vorschein kam.

Als Franz Guichard geendet hatte, antwortete Luisens Vater:

– Mein Junge, wenn Du für mich gearbeitet hast, so thatest Du das weil es Dir so gefiel, und da die Sache Dir so gefiel, so wollte ich Dir nicht in den Weg treten. Im Leben leistet man einander solche kleine Dienste, ohne daß es weitere Folgen hat; aber Dir meine Tochter zu geben, das müßte ich schon bedenklicher finden. Du hast nichts als ein Handwerk das eigentlich eine bloße Faullenzerei ist.

– Faulenzerei! rief der Fischer, dem die Erinnerung an lange schlaflos in Regen und Wind verbrachte Nächte einen Ton der Entrüstung gab.

– Ich will nicht gerade von Faulenzerei sprechen; ich gebe zu daß Du einen ordentlichen Weingärtner hättest abgeben können, aber Du hast Deine Sache ungeschickt angegriffen. Was ist denn das für eine Profession, die ihrem Manne nicht einmal das bietet was die geringsten Thiere bei uns haben, ein Dach und vier Wände! Du willst eine Frau, wo willst Du sie hinlegen? In Dein Schiff? Eine hübsche Wohnung die Du meiner Tochter bietest!

– Vater Pommereuil, sagt mir was ich Eurer Tochter zubringen soll, und müßte ich wie ein Galeerensclave arbeiten, so schwäre ich daß ich es in kurzer Zeit verdient haben werde.

Die Stimme des Fischers hatte einen flehenden Ton angenommen, um diese Worte auszusprechen; aber statt den Winzer zu rühren, befreiten sie ihn von der Unruhe worein der Anfang der Unterhaltung ihn versetzt hatte, und das Gesicht des Bauern wurde wieder spöttischer als je.

– He, he! mein guter Junge, sagte er, ich habe zweiundzwanzig Morgen Reben und zwei Kinder; das macht also elf Morgen für den Jungen und elf Morgen für das Mädchen; 500 Franken den Morgen, das ist wohl nicht zu theuer, nicht wahr?

– Nein, antwortete Franz Guichard mechanisch.

– Also bekommt jedes von ihnen nach meinem Tod 5500 Franken. Außerdem noch was ihnen bei der Theilung meines Sparpfennigs zufällt, denn es ist auch ein Sparpfennig vorhanden, mein lieber Mann.«

– Mein Gott! mein Gott! rief Franz Guichard voll Betrübniß dazwischen.

– Ha, ha! das erschreckt Dich; zum Henker, man hat gearbeitet, siehst Du und der Weinberg ist einträglicher als der Fluß; man hat zu leben, fügte der Bauer mit einem Stolz hinzu der über seine gewöhnliche Vorsicht den Sieg davon trug. Nun wohl, sag' jetzt, willst Du daß ich Dir Gelegenheit geben soll das Ziel Deiner Wünsche zu erreichen?

– Ob ich es will? Ich glaube wohl daß ich es will!

Der Winzer nahm vom Kaminsims ein Buch, dessen Schnitt eben so schwarz war als seine Decke. Es war die Bibel.

– Ich habe, sagte er, da drinnen gelesen daß Jakob dem Laban zwanzig Jahre um seine Tochter Rahel diente. Füge Dich in die Bedingungen die Jakob eingegangen, und wenn Luise in zwanzig Jahren keine andere Wahl getroffen hat, nun wohl, so können wir sehen.

Vater Pommereuil begleitete seinen ewigen Refrain mit einem so boshaften Gelächter, daß Franz Guichard an der spöttischen Absicht desselben nicht zweifeln konnte. Er erhob sich barsch, ging hinaus und schlug die Thüre heftig zu.

Mitten im Hof spürte er eine Hand die ihn von hinten sacht am Kamisol zupfte. Es war Luise, die wahrscheinlich die Unterhaltung zwischen ihrem Vater und ihrem Liebhaber gehört hatte, denn ihr Gesicht schwamm in Thränen.

Guichard wollte ihr von seiner Verzweiflung vorsprechen; aber der Vater Pommereuil ließ sich an den Riegeln seiner Thüre vernehmen.

– Geh, geh! rief Luise indem sie ihre Worte mit einem Händedruck begleitete.

– Du kommst doch an den Fluß? fragte Franz Guichard.

– Ja, antwortete Luise mit einer Festigkeit welche den Fischer so vollkommen beruhigte, daß, als er die Anhöhe hinabging, trotz der schlimmen Absichten aus denen Vater Pommereuil keinen Hehl gemacht hatte, seine Stimme heller und klangvoller als je unter den Bäumen erscholl.

Von diesem Tag an kam Franz Guichard nicht mehr nach Chennevière, was nicht besagen will daß die Liebenden sich nicht mehr gesehen hätten; sie sahen sich im Gegentheil oft, und der Fischer sehnte sich nicht nach seinen Besuchen im Dorfe zurück, wo die Anwesenheit des Winzers, der früher stets die dritte Person bei ihren Unterhaltungen gewesen, eine Kälte um sich verbreitete die so schlecht zum Zustand ihrer Seelen paßte.

Eines Tages bemerkte Vater Pommereuil, der in seinem Weinberg arbeitete, auf der andern Seite des Flusses, just gegenüber der Spize der großen Insel von Varenne, vier armselige Mäuerchen die bereits zwei Fuß über die Erde emporragten, und an deren Erhöhung ein Mann mit unerhörtem Eifer arbeitete, indem er unverdrossen Stein auf Mörtel und Mörtel auf Stein legte.

Trotz der Entfernung erkannte der Edle den Fischer dessen Liebe zu seiner Tochter er so vortheilhaft ausgebeutet hatte.

– He! he! sagte er zu dieser, die ihm seine Pfähle einstecken half, der Dummkopf da drunten hat doch endlich eingesehen daß man sich ein Nest bauen muß bevor man eine Familie haben will. Wie er drauf los arbeitet! Sieh nur, Luise, und sieh auch was das für ein hübscher Käfig für den Vogel wird den er hineinsetzen will. Noch beinahe dem Erdboden gleich, hält das Mäuerchen schon nicht mehr recht das Gleichgewicht! Wenn ich daran denke daß Du, wenn Du einen so gescheiten Vater gehabt hättest, im Stande gewesen wärest Dich von diesem lumpigen Weißfischhändler beschwatzen zu lassen! Aber ich hielt die Bütte fest im Auge, und als ich sah daß es zu stark kochte, da machte ich der Gährung schnell ein Ende. Du wirst mirs gewiß danken, wenn Du siehst wie es dem armen Weibe geht das einmal da unten wohnen muß.

Zum Glück für das Mädchen war der Pfahl den ihr Vater in die Erde bohrte auf einen Stein gestoßen; er mußte sich bücken um ihn herauszureißen, und so konnte er Luisens Verwirrung und Verlegenheit nicht bemerken.

Von diesem Augenblicke an ließ Vater Pommereuil nicht einen einzigen Tag vergehen ohne daß er die Arbeiten des Fischers besichtigte. Die Mauern wuchsen empor; die Thüre wurde dem Fluß gegenüber angebracht; die Fenster öffneten sich auf beiden Seiten des Giebels, so daß Franz, ohne sein Haus zu verlassen, Alles sehen konnte was auf dem Flusse vorging, indem er vom einen Fenster aus den ganzen Lauf der Marne bis hinauf zur Insel Tire-Vinaigre, vom andern bis hinab zum Loch von Faviot beherrschte.

Als die Mauern aufgeführt waren, zimmerte Franz Guichard seine Sparren und Balken, bedeckte das Ganze mit einem Dach von Schilfrohr, und eines Tages sah Vater Pommereuil, der jeden neuen Fortschritt in diesem Bauwesen mit immer beißenderen Spöttereien empfing, wie der Fischer auf den Gipfel des Häuschens stieg und an das Kamin einen prächtigen Strauß von allen Frühlingsblumen heftete welche die Ufer seines vielgeliebten Flusses ihm zu liefern vermocht hatten.

Der Winzer lachte sich halb krank über ein Gebahren worin er eine unverzeihliche Anmaßung von Seiten eines so geringen Maurers erblickte. Er beschleunigte seine Arbeit um recht bald nach Chennevière zurückzukommen und Luisen von dieser neuen Lächerlichkeit ihres alten Liebhabers zu erzählen.

Das Mädchen schien die Fröhlichkeit des Vaters nicht zu theilen; sie erblaßte und blieb stumm; sie saß den Rest des Tages ganz nachdenklich da, und als der Abend kam, verschloß sie sich unter dem Vorwand einer Unpäßlichkeit in ihr Stübchen.

Um Mitternacht hatte sie sich indeß noch nicht schlafen gelegt; sie ging barfuß in dem schmalen Zimmerchen auf und ab; sie weinte, sie wand ihre Arme, sie befand sich augenscheinlich in einer gewaltsamen Aufregung; zuweilen sank sie auf ihre Kniee und betete inbrünstig.

Ein kleiner Kieselstein der an ihr Fenster flog unterbrach ihre Gebete; sie erhob sich hastig, öffnete das Fenster und sah Franz Guichard rittlings auf der Mauer sitzen die nach der Straße zu sah.

– Ach mein Gott! murmelte sie, wenn mein Vater erwachte! Wenn er ihn sähe! Er würde ihn vielleicht tödten!

Dieser Gedanke schien über alle unschlüssige Bedenken obzusiegen.

Sie gab ihrem Liebhaber ein Zeichen er solle sich gedulden und ja nicht in den Hof herabkommen; dann hob sie ein Päckchen auf nahm ihre Schuhe in die Hände, schlich behutsam durch die Kammer wo ihr Vater schlief, öffnete das Hofthor und reichte Franz Guichard ihre Hand dar; dieser hob sie in seine Arme, trug sie wie eine Mutter ihr Kind trägt, eilte, ohne sie die Erde berühren zu lassen, mit ihr den Hügel hinab und machte erst dann Halt als er seine kostbare Last in sein Schiff niedergelegt und die Ruder ergriffen hatte um das andere Ufer zu erreichen.

Es war Frühling; die Nacht war lau und duftig; ein sanfter Wind kräuselte leicht die Oberfläche des Wassers und spielte in den spitzen Blättern des Pfeilkrauts; der Mond warf seinen hellen Silberschein über den Fluß; in jedem Busche sang eine Nachtigall eine Liebeshymne.

Luise gab sich dem allmächtigen Einfluß dieses Schauspiels hin, ihre Thränen trockneten.

Es- war geschehen: Franz Guichard hatte nach Art und Weise der englischen Lords und der Helden gar vieler Romane seine Frau erobert.




III.

Wie es Gott gefiel über Franz Guichard ähnliche Prüfungen zu verhängen wie einst über Hiob



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Dieses Ereigniß machte Lärm in der Ebene und auf der Höhe.

Acht Tage lang brauchten sich die Gevatterinnen, von Joinville bis Ormesson, von Gravelle bis Sucy, nach keinem andern Text für ihre Klatschereien umsehen. Lange Zeit schwatzten die am Ufer knieenden Wäscherinnen von diesem Abenteuer, während sie mit dem Bläuel auf ihre Wäsche losklopften.

Im Allgemeinen und mit Ausnahme einiger bösartigen Murrköpfe gab Jedermann dem alten Pommereuil Unrecht. Der Winzer hatte zu früh frohlockt. Ohne alle Ahnung davon daß das Schicksal ihm solche Repressalien gedachte, hatte er die Unvorsichtigkeit begangen sich öffentlich über die Geduld und Einfalt des Fischers lustig zu machen, und dagegen die Feinheit und Pfiffigkeit zu rühmen womit er gegen Leidenschaft für Luise auszudeuten gewußt habe.

Man verspottete ihn und dadurch wurde sein Grimm über den Räuber immer giftiger.

Chennevière besaß einen Maire, einen rechtschaffenen Mann der übrigens die reinsten Grundsätze jener Epoche eingesogen hatte, einen wahren Römer in Holzschuhen. Man nannte ihn den Bürger Cornelius.

Als Bürger Cornelius durch die Fama den Vorfall erfuhr, begab er sich zu seinem Untergebenen und predigte ihm nach seiner Art und Weise; er erkannte zwar die Rechte des Vaters an, aber blos um dagegen an die älteren und unverjährbaren Rechte der Natur zu appellieren. Er beschwor ihn sich dieser erhabenen Kundgebung des freien Willens nicht zu widersetzen; er sprach von Plato, er sprach von Rousseau, er wurde fast bis zu Thränen gerührt, als er ihm das Glück des Vaters schilderte dem es vergönnt sei im Verein mit Amor zwei liebenden jungen Leuten den Kranz Hymens auf die, Stirne zu drücken.

Diese Predigt rührte den Vater Pommereuil sehr wenig; aber glücklicher Weise machte ein Nachbar, ein etwas schreibereiverständiger Krämer, ihn darauf aufmerksam daß Luise majorenn sei, folglich ihr Muttergut ansprechen und mittelst gewisser sehr theurer Formalitäten über den bösen Willen ihres Vaters obsiegen könnte, und so gab der alte Bauer nach.

Er verabscheute seinen künftigen Schwiegersohn, zwanzigmal des Tags wünschte er aus vollem Herzen derselbe möchte an seinem Wurfnetz hängen bleiben und in die tiefste Marne hinabfahren; aber wenn er bedachte daß ein schönes Stück Geld, das er als sein bleibendes Eigenthum zu betrachten sich angewöhnt hatte, diesem Lumpenpack von Gerichtsschreibern in die Hände fallen sollte, so erschien ihm dieß als ein Aberwiz womit er sein Gewissen unmöglich belasten konnte.

Er willigte also darein daß Luise Pommereuil die Ehefrau des Franz Guichard wurde, jedoch unter der Bedingung daß sie einen förmlichen Verzicht auf die Hinterlassenschaft ihrer seligen Mutter unterzeichnete.

Franz Guichard war also besser daran als seine Ahnen je geträumt hatten.

Nicht blos herrschte er als unumschränkter Gebieter über die Marne, nicht blos konnte er nach freiem Belieben seine Geräthschaften darauf spazieren führen, ohne händelsüchtige Aufseher oder eifersüchtige Eigenthümer fürchten zu müssen, nein, er besaß auch die einzige Frau die er je geliebt hatte, und was noch weit erstaunlicher ist, diese Frau hielt mehr als das junge Mädchen versprochen hatte.

Wenn je ein enthusiastischer Eheherr auf seine Hälfte die Bezeichnung Schatz anwenden konnte, so war es Franz Guichard. Luise war rüstig, dabei aber sanft und unterwürfig; folglich hatte Frankreichs Himmel nie eine so vollendete Hausfrau gesehen.

Sie flickte die Netze ihres Mannes; sie begleitete ihn auf dem Fluß, sie lenkte das Schiff wie ein echter Fischerknabe, und zwar mit solcher Geschicklichkeit, daß ihre Ruder so wenig Lärm auf dem Wasser machten, als eine Breitjungfer die über die Seeblumen hin hüpft, und daß Franz Guichard, wenn seine Leinen sich irgendwo verfingen, niemals genöthigt war nach dem letzten Mittel, zum Messer zu greifen. Ueberdieß wußte sie es trotz all ihrer Geschäfte immer so einzurichten, daß er, wenn er nach Hause kam, eine Suppe oder einen Ragout fertig vorfand, was dem Fischersmann in seiner Hütte auf der Inselspitze eine Idee von den gastronomischen Genüssen der Bürger Direktoren im Luxembourg beibrachte.

Mit all diesen Vorzügen verband Luise noch einen anderen, der sich bei armen Weibern die neben schwerer Handarbeit die Schmerzen der Mutterschaft durchzumachen haben sehr selten vorfindet: sie blieb schön. Allerdings hatte die Sonne ihren einst so weißen Armen, ihrem ehemals so frischen Gesichte die Farbe des florentinischen Erzes verliehen, aber ihre Züge blieben rein, und diese warme, männliche Färbung stand ihr vortrefflich zu Gesichte.

Zwanzig Jahre hindurch war Franz Guichard gewiß der glücklichste Mann seines Departements, obschon dieß das Departement der Seine war, das diverse Millionäre unter seinen Bewohnern zählte.

Aber das Glück gleicht jenen Wucherern die den reichen Söhnen ihre Casse öffnen, deren habgierige Gefälligkeit und eigennützige Beeiferung aber bei der Berechnung der Zinsen grell zu Tage kommen.

Der Verfalltag nahte für die arme Familie in Varenne.

Im Jahr 1813 besaßen Franz Guichard und Luise Pommereuil drei schöne Kinder: zwei Söhne und eine Tochter.

Die Conseciption nahm ihnen die beiden Jungen weg.

Der Fischer ertrug diese erste Prüfung ziemlich gut, denn seine Erinnerungen an die Belagerung von Mainz verliehen ihm Kraft: er gedachte des Orcans von Eisen und Blei in dessen Mitte er drei Monate lang gelebt hatte; er sprach mit einer gewissen Verachtung davon und behauptete die Canone mache mehr Lärm als nöthig sei.

Luisens Herz blutete und ihre Augen weinten, Sie hätte gerne ihre zwei Kinder loskaufen mögen, aber in jenen Zeiten war das Menschenblut theuer, und mit den Mitteln der armen Familie war es schlecht bestellt. Aus Rache für den Ungehorsam seiner Tochter hatte der alte Pommereuil wieder geheirathet, und trotz seiner sechzig Jahre hatte ein neuer Nachwuchs die Zahl seiner Erben vermehrt, so daß bei seinem Tod der Antheil seiner ältesten Tochter auf die Hälfte herabgeschmolzen war. Inzwischen konnte man durch Verkauf der Weinberge vielleicht für einen der beiden Söhne einen Ersatzmann erschwingen; aber nun entstand ein Wettstreit an Edelmuth unter den Brüdern, und da der eine nicht ohne den andern bleiben wollte, so war die Folge daß beide abzogen. Franz Guichard und seine Frau blieben allein im Hause, denn ihre Tochter war schon seit einem Jahr verheirathet.

Sie hatte einen alten Soldaten dem man nach der Schlacht bei Wagram ein Bein abgenommen, und welcher der Busenfreund von Franz Guichard geworden war.

Dieser Veteran hatte als Invalidenlohn die Aufseherei über die Staatswaldungen von Varenne erhalten.

Kraft des traditionellen Rückstoßes jagte Franz Guichard nicht, sah aber gerne zu. Mehrere Male hatte der Fischer, wenn Peter Maillard – so hieß der alte Kriegsmann – dem Federvieh seiner Herren zu Leibe ging, ihn als Liebhaber begleitet. Der Forstmann hatte ein Kaninchen angeboten, der Wassermann hatte sich mit einer Platte Fische revanchirt, und Plaudereien hatten vollendet was kleine Geschenke begonnen. Peter Maillard war hoch erfreut gewesen in den Einöden von Varenne einen Mann zu treffen der zum Handwerk gehört hatte und mit dem er über die edle Kriegskunst plaudern konnte; Franz Guichard seinerseits, der sich noch immer auf seine Anwesenheit bei der Belagerung von Mainz viel zu gut that, blieb ihm keine Antwort schuldig.

Mitten in der Erzählung des egyptischen Feldzugs, nach einer malerischen Schilderung der geheimnißvollen Harems der Paschas, war Peter Maillard auf diese Idee einer Verbindung gekommen welche die Bande zwischen den beiden Freunden noch fester knüpfen würde.

Der Fischer hatte ihn mit Enthusiasmus, Luise mit einer gewissen Kälte, das junge Mädchen mit Ergebung angenommen, denn er stand nicht mehr in der ersten Jugend, und trotz fünf oder sechs Narben die ihm, wie er behauptete, ein gewisses Etwas verliehen, war er niemals schön gewesen.

Trotz einigem Widerwillen von Seiten der beiden Frauenzimmer kam die Heirath zu Stande, und keine von ihnen hatte sie zu bereuen, denn die Herzensgüte des Aufsehers bot reichlichen Ersatz für seine physischen Unvollkommenheiten.

Gegen Anfang des Jahres 1814, an demselben Tag wo die Tochter des Franz Guichard ihn zum Großvater gemacht hatte, im Augenblick wo seine Frau ihm das arme kleine Wesen darbot damit er es küssen sollte, erschien ein verwundeter Soldat der in sein Dorf zurückkehrte und in demselben Regiment gedient hatte wie die zwei Söhne des Fischers, vor dem Hause Peters und meldete der unglücklichen Familie daß bei Montmirail eine und dieselbe Kugel beide Brüder weggerafft habe.

Franz Guichard ließ beinahe das kleine Mädchen fallen das Luise aus seine Arme gelegt hatte. Er gab es dieser zurück und brach in Schluchzen, in Verwünschungen in Schmerzensschreie aus. Dieser gegen sich selbst so harte, an schwere und rauhe Arbeit gewohnte Mann hatte herzzerreißende Töne, als er nach seinen beiden Söhnen rief; er wälzte sich auf dem Boden, er zertrümmerte was ihm unter die Hand kam, er flehte zum lieben Gott um Gnade und Erbarmen; man glaubte er würde ein Narr werden.

· Dieser Zustand ihres Mannes riß Luise aus dem Schmerz welchem sie sich selbst hingegeben hatte; sie suchte ihn zu beruhigen und verschwendete die zärtlichsten Worte an ihn. Zum ersten Mal seit zwanzig Jahren stieß der Fischer diejenige zurück die er so heiß geliebt hatte.

Jetzt hatte die arme Mutter eine Eingebung: sie bot ihrem Manne das neugeborne Kind zum zweiten Mal hin und schaute Franz mit so flehenden Augen an, daß diese verzweifelte Wuth aufhörte, wie der Regen aufhört wenn der Wind die Wolken in die Ferne jagt. Der Fischer drückte das kleine Mädchen, an sein Herz und verhielt sich bis zum Abend stumm und unbeweglich; nur rollten über seine Wangen dicke Thränen hinab die auf die Windeln und auf das Gesicht des Kindes fielen.

Diese Thränen waren die erste Taufe des kleinen Mädchens das in unserer Erzählung eine bedeutende Rolle spielen soll.

Franz Guichard war untröstlich; er blieb düster und schweigsam: er floh seine Frau, er konnte ganze Tage zubringen ohne ein Wort zu ihr zu sprechen; er hatte die Gewohnheiten seiner Jugend wieder angenommen· Um das arme Zimmer nicht wiedersehen zu müssen wo seine todten Kinder geboren worden« verbrachte er manche Nacht in seinem Schiffe. Wenn er zufällig mit Luise seine Mahlzeiten einnahm, wenn dann die Blicke von Mann und Frau sich kreuzten, dann begannen alle beide in Thränen auszubrechen, ohne einander ihre Gedanken mitgetheilt zu haben.

Eines Morgens wurde der Fischer in seiner Barke durch ein außerordentliches Getöse geweckt.

Es war Kanonendonner.

Er kam nicht regelmäßig und in kleinen Zwischenzeiten wie bei den Uebungen von Vincennes, sondern dumpf und anhaltend wie fernes Donnergerolle.

Franz Guichard saß auf der Bank seines Nachens und horchte. Eine Minute genauer Achtsamkeit bewies ihm daß dieses Kampfgetöse nicht aus dem Fort kam; der Wind führte es von der Seite von Saint-Denis her.

Tags zuvor hatten Flüchtlinge, als sie auf der Fähre von Varenne über die Marne setzten, gemeldet daß die preußischen Plänkler in der Gegend von Maux herumstreiften.

Frankreich sollte jetzt, wie Franz Guichard, seine zwanzig Jahre des Glückes und Ruhmes büßen.

Der Fischer richtete sich in seinem Boote empor. Seine Augen waren mit Blitzen geladen, seine Brauen gerunzelt, seine Nasenflügel weit geöffnet um den Schlachtengeruch einzuathmen der bis zu ihm zu gelangen schien; der Schmerz der seine Seele schwelte verwandelte sich in Zorn: der alte Soldat der Republik fühlte seinen furchtbaren Haß gegen die Ausländer neu erwachen, der Vater fühlte daß die Mörder seiner Söhne herannahten.

Zum ersten Mal vielleicht in seinem Leben hing er sein Schiff nachlässig ein und schritt auf das Haus zu. Er traf hier Peter Maillard, der mit einer Flinte auf der Schulter und einer andern in der Hand ihn erwartete.

Als der Waldaufseher seinen Schwiegervater erblickte, bot er ihm eine der beiden Waffen hin. Ohne eine Frage zu stellen, ergriff dieser sie; die beiden Männer hatten sich verstanden. Sie schlossen, der eine sein Weib und seine Tochter, der andere seine Schwiegermutter und sein Weib, in ihre Arme; dann zogen sie, Hand in Hand, dem Kanonendonner entgegen, der offenbar immer näher an die Stadt kam.

Die beiden Frauen blieben, knieten nieder und beteten für die beiden Männer ihrer Liebe.

Aber die Frau Peters besaß weder die Seelenstärke noch die Willenskraft womit das Beispiel und die Liebe des wackeren Fischers Luise Pommereuil begabt hatten.

Allmählig wuchs und steigerte sich ihre Verzweiflung; sie verlor den Kopf; halb toll benützte sie einen Augenblick wo ihre Mutter sie nicht sehen konnte, entwischte auf das Feld und lief, ohne ihr Kind niederzulegen das sie auf den Armen hatte, in der Richtung fort welche sie die geliebten Männer einschlagen gesehen hatte.

Der Kanonenschall leitete sie übrigens wie er diese geleitet hatte; er kam eben jetzt klar und deutlich von den Höhen von Montmartre und Romainville herab.

Die Tochter des Fischers stieß bei ihrem Lauf querfeldein auf kein Hinderniß; aber die Schnelligkeit womit sie dahineilte, sowie das Bewußtsein der Gefahr welcher ihr Vater und ihr Gatte entgegengingen, steigerten ihre Verzweiflung noch mehr.

Sie flog durch den Wald von Vincennes, kam bei Montreuil hinter diejenigen von unsern Soldaten die dem Schwarzenbergischen Corps Stand hielten, und gelangte nach Belleville in dem Augenblick wo die Preußen von allen Seiten hereinbrachen.

Zum ersten Mal hörte die Frau des Waldaufsehers das Geknister des Flintenfeuers in die feierliche Stimme der Kanonen sich mischen; jeder Schuß fand ein Echo in ihrem Herzen, es war ihr als müßte die Flinten- oder Kanonenkngel deren Bote er war einen ihrer Theuern getroffen haben.

Aus allen ihren Stellungen vertrieben, von einem zwanzigfach überlegenen Feind erdrückt, wichen die Soldaten und Bürger welche für die Ehre der Fahne Frankreichs hatten sterben wollen zwar zurück, kämpften aber fortwährend mit einer Entschlossenheit die sich während dieses ganzen Unglückstages nicht einen einzigen Augenblick verleugnete.

Zu der letzten Reihe ging der Marschall Marmont mit zerrissenen, pulvergeschwärzten Kleidern, barhäuptig, eine Soldatenflinte in seiner verstümmelten Hand, Schritt für Schritt die Rue de Paris hinab. Als er sich umwandte, als er einen jener Rufe: Vorwärts! ausstieß die man aus der Brust eines der Helden der Ilias hervorgekommen glaubte, als er zuerst sich auf die Preußen losstürzte die ihm auf hundert Schritt folgten, wichen diese entsetzt zurück. Wie ein von der Meute bedrängter Eber warf er sich dann mit der Handvoll Tapferer die ihn umgab über die Feinde her; Leichenhaufen bezeichneten jeden dieser Kämpfe; einen Augenblick hörte die Verfolgung auf und die Besiegten waren die Sieger. Aber die Massen die hinter den ersten kamen, waren so zahlreich und dicht daß die Arme der Helden vom Dreinschlagen ermüdeten, und daß sie, diesen unaufhörlich neuerstehenden Feinden gegenüber, an den Rückzug denken mußten.

Die Tochter des Fischers kam, im Augenblick eines dieser Handgemenge, durch eine Seitengasse in die Hauptstraße von Belleville.

Sie hatte das Bewußtsein der Gefahr so gänzlich verloren, daß sie, trotz der Kugeln die sie von allen Seiten her umpfiffen und an die Wände fuhren, bis an die Ecke des Gäßchens vorschritt.

Ganz nahe bei dem Mann in gestickter Uniform welcher die Kämpfer gegen einander trieb und durch Beispiel und Zuruf aufmunterte, bemerkte sie durch diesen dicken, von Blitzen durchzuckten Rauch hindurch Franz Guichard und seinen Schwiegersohn.

Der Invalide schoß mit seiner Jagdflinte aus nächster Nähe auf die Preußen; der Fischer, der seine Munition erschöpft hatte, gebrauchte seine Flinte umgekehrt und hatte so eben mit einem Kolbenschlag einen feindlichen Offizier zu Falle gebracht.

Die junge Frau stürzte mit einem furchtbaren Schrei auf sie los; bei diesem Schrei drehte Peter Maillard sich um und erkannte sein Weib; er bemerkte sein Kind das sie ihm hinbot, gleich als wollte sie ihn im Namen dieses unschuldigen Geschöpfes anflehen sich nicht weiter auszusetzen; und siehe da, dieser Mann der seit fünf Stunden mit der heldensinnigsten Tapferkeit gekämpft hatte, verlor jetzt auf einmal seine Kraft und seinen Muth. Die Waffe entfiel seinen erschlaffenden Händen; wahnsinnig vor Angst um Alles was er in dieser Welt liebte, stürzte er, so schnell seine Schwäche es ihm gestattete, gegen seine Frau und sein Kind zu.

In diesem Augenblick marschirten die Preußen, hinter denen fortwährend Andere nachdrängten, vorwärts; sie befanden sich in bedeutender Anzahl zwei Schritte von Peter Maillard hinweg; zehn Bajonette kreuzten sich zumal über dem flüchtigen Invaliden; er fiel von Stichen durchbohrt, indem er seinem Schwiegervater zurief:

– Rette Deine Tochter! rette mein Kind! Diese Scene war Franz Guichard, der seinerseits vollan mit dem Feind zu thun hatte, gänzlich entgangen.

Bei dem Zuruf seines sterbenden Schwiegersohnes schaute er voll Entsetzen nach der Richtung welche der letzte Blick des armen Invaliden ihm anzeigte, und durch den Rauch und Staub hindurch die sich spiralförmig drehten und in dichten Wirbeln kreuzten, glaubte er, mitten unter den dunkeln Uniformen der Feinde verloren, eine weiße Gestalt zu bemerken.

Er stürzte in dieser Richtung fort, indem er mit seiner Flinte ein so wüthendes Rad schlug, daß das ganze dichte Gemenge sich vor ihm öffnete.

– An der Ecke dieses Gäßchens fand er seine Tochter.

Sie saß mit dem Rücken gegen den Weichstein.

Obschon sie ohnmächtig schien, drückte sie doch ihr schreiendes kleines Kind kräftig an ihre Brust.

Franz Guichard that was Peter Maillard gethan hatte: er warf seine Flinte weg, nahm seine Tochter in seine Arme, lud sie auf seine Schulter und entfloh, ohne rückwärts zu schauen, in der Richtung von Varenne.

Erst im Walde von Vincennes machte er Halt.

Jetzt erst bemerkte er daß sein Hals und seine Schultern ganz feucht waren.

Er griff darnach und überzeugte sich daß diese Feuchtigkeit Blut war.

Er legte seine Tochter auf den Rasen, und nun sah er daß alle Kleider der armen jungen Frau damit beschmutzt waren.

Er blieb stumm, unbeweglich stehen; er wagte es nicht mehr sie zu berühren, er fürchtete sich eine Bewegung zu machen, es schien ihm als ob der Himmel, die Bäume, Alles sich um ihn drehte, als ob die Erde unter seinen Füßen wankte.

Endlich entschloß er sich zu einer letzten Anstrengung die seinem Muth weit schwerer wurde als alle Kämpfe des Morgens; er öffnete das Mieder des jungen Weibes und legte seine Hand an ihr Herz.

Das Herz hatte aufgehört zu schlagen.

Das Kind lag noch immer in den Armen seiner Mutter, nur war es zuletzt eingeschlafen.

Franz Guichard nahm seine Last wieder und kehrte nach Hause zurück.

Dort legte er seine Tochter auf sein Bett, befreite sachte die arme Kleine aus der Umschlingung der Todten, und ohne ein Wort zu sagen, ohne in seinen vertrockneten Augen eine Thräne zu finden, raffte er seine Geräthschaften zusammen und kehrte nach seinem Boote zurück.




IV.

Wo, in Folge der Einmischung der Großen der Erde, sehr wenig dazu fehlt daß im Jahr der Gnade 1817 Franz Guichard seinen kleinen Roman ebenso endigt wie wie kleinen Romane seiner Ahnen geendigt hatten



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Wenn ein Wilderer Hasenpfeffer essen will, so sucht er, er mag nun den berühmten Lehrsatz der bürgerlichen Köchin kennen oder nicht, vor allen Dingen einen Hafen zu erbeuten.

Als Franz Guichard auf den Einfall gerathen war Hausbesitzer zu werden, hatte er sich, bevor er Bruchsteine in der Ebene gesammelt, ferner auf den Inselchen der Marne sein bisschen Bauholz geholt und die Binsen an den Ufern des Flusses abgeschnitten hatte, einen Grund und Boden erwildert.

Er hielt es für lächerlich Dinge zu kaufen die er sich umsonst verschaffen konnte.

Die Republik confiscirte die Güter der Feinde des Vaterlands; unserem Franz Guichard bewies eine Logik daß er sich als vortrefflicher Bürger erweisen würde wenn er sich bei dem Verfahren der Republik betheiligte.

Der Prinz von Condé befehligte das Emigrantencorps das am Rhein operierte; er hatte Franz Guichard, bevor dieser sich in den Mauern von Mainz verschloß, gar manchmal warm gemacht. Die Nation hatte die Güter des Geächteteten mit Beschlag belegt; der Fischer sagte sich daß die Nation es ihm wohl nicht verübeln würde wenn er auf dieselbe Weise wie sie gegen einen Mann verführe den er, so gut wie sie, als einen persönlichen Gegner zu betrachten das Recht hatte.

Auf den alten Domänen der Familie Condé hatte Franz Guichard den Grund zu dem Hause gelegt das wir unter seinen Händen erstehen sahen.

Er zeigte sich übrigens bescheiden und sehr gemäßigt bei seiner Besitznahme. Die Pärke Bannforste und Kaninchengehäge hatten seiner Familie Unheil genug gebracht um in ihm den Wunsch nach einem ähnlichen eigenen Besitz hervorzurufen; er konnte sich etwa ein Dutzend Morgen aneignen, und die Republik würde sich gewiß nicht beleidigt gefühlt haben. Er begnügte sich vier bis fünfhundert Meter einzuzäunen, die er in einen Garten umschuf, und wo die für die arme Haushaltung nothwendigen Gemüse sowie die Blumen wuchsen aus denen er am St. Ludwigstag seiner Frau einen Strauß wand.

Das Consulat, sogar das Kaiserreich respectirte die demokratische Eroberung unseres Franz Guichard: unter Eroberern muß man sich schon etwas zu gut halten.

Aber eine der ersten Folgen der Rückkehr der Bourbonen bestand darin daß man den Ursurpatoren, die nicht verkauften Güter wieder abnahm und sie ihren rechtmäßigen Besitzern zurückgab. Mit Chantilly, seinen Wäldern und ungeheuren Jagdrevieren nahm der Erbe der Condés auch von Demjenigen Besitz was seinen Vätern in der Ebene von Varenne gehört hatte, und bald setzte sich ein Verwalter auf dem Hauptgute fest, an die beiden Enden des Gebiets aber wurden zwei Aufseher gestellt welche die Verrichtungen des verstorbenen Peter Maillard zu übernehmen hatten.

Einer dieser Aufseher, derselbe für welchen das Häuschen bestimmt war das der Schwiegersohn des Fischers bewohnt hatte, war, wie Franz Guichard, aus der Umgegend von Ramboulliet: er war der Großneffe desjenigen welchen der Vater Guichard's getödtet hatte. Der Mord hatte, obschon er durch hie Hinrichtung des Verbrechers gesühnt worden, obschon Simonneau – so hieß der Aufseher des Prinzen von Condé – ihn nur durch die Ueberlieferung kannte, bei letzterem einen Gährungsstoff von Haß zurück gelassen welchen die Nachbarschaft mit dem Sohne des Mörders unvermeidlich wieder aufregen mußte.

Dieß geschah in der That.

Simonneau hatte nicht so bald erfahren daß der Marnefischer, der Schwiegervater seines Vorgängers, ein Guichard war, so schilderte er ihn seinem Verwalter mit den düstersten Farben, gab ihm eine kurze Geschichte dieser unverbesserlichen Wilddiebsfamilie und erklärte daß er, so lange ein so gefährlicher Mensch auf den Domänen des Prinzen wohne,nicht für die Erhaltung eines einzigen Fasans, eines einzigen Kaninchens gutzustehen vermöge.

Die erste Folge dieser Erklärung war daß die beiden Aufseher, die Gendarmen und der Verwalter selbst dem armen Fischer aufzulauern anfingen.

Man folgte ihm bei Tag, man bespionierte ihn bei Nacht.

Seit seine Tochter und ihr Mann den beiden Jungen ins Grab gefolgt waren, hatte Franz Guichard sich äußerlich und innerlich gleich stark verändert: seine Haare waren schneeweiß geworden, seine Wangen und seine Stirne waren von tiefen Runzeln durchfurcht.

Er hatte Luise und das Häuschen gänzlich verlassen; er schien entschlossen Nichts mehr wiederzusehen was ihm seine von so schmerzlichen Erinnerungen erfüllte Vergangenheit zurückrufen konnte. Er erschien mehr als traurig, mehr als düster; er schien bösartig geworden zu sein, und die Zusammenziehung seiner Lippen sowie das Runzeln seiner Brauen gaben seiner Physiognomie einen solch unheimlichen Character, daß man sich bei Begegnungen mit ihm kaum eines Schauders zu erwehren vermochte.

Bei diesen Gewohnheiten und diesem Aussehen mußte Alles was über Franz Guichard geschwatzt wurde nicht blos glaublich, sondern gewiß erscheinen.

Inzwischen war es trotz der strengsten Ueberwachung unmöglich ihn auf der wirklichen That der Wilderer zu ertappen. Abends sah man ihn, nachdem er Stunden lang, den Kopf in seine Hände gestützt, im Nachen gesessen, sich in seine Decke einwickeln und auf den Fußboden schlafen legen; im Röhricht versteckt, glaubte der Aufseher ihn nicht aus dem Auge zu verlieren; aber wenn es wieder tagte, bemerkte er weit und breit kein Schiff mehr, er schlug sogleich Lärm, das ganze Personal machte sich auf die Beine, man durchsuchte jedes Gebüsch, durchstreifte die Ebene und den Wald, und wenn man, ein paar Meilen von dem Ort wo man ihn gestern gelassen, ans Ufer zurückkam, so fand man den Fischer ganz ruhig und friedlich mit Herrichtung seiner Geräthe beschäftigt.

Man schlich Luisen nach wenn sie in Creteil oder Saint-Maux Fische verkaufte; aber trotz aller Pfiffe und Kniffe die man gebrauchte, war es unmöglich, unter den Körben voll Brachsen, Karpfen und Rothaugen die sie an ihre Kunden verkaufte, einen Fuß von einem Rebhuhn, ein Ohr von einem Kaninchen oder einen Schwanz von einem Fasan zu entdecken.

Und gleichwohl fand man an allen Enden und Ecken des Waldes Schlingen; die Rebhühner entflohen mit einer Sachkenntniß und Schnelligkeit welche anzeigten daß sie mit knapper Noth dem Garn entgangen waren. Es gab wenig Nächte wo die Aufseher nicht, während sie alle Bewegungen von Franz Guichard beobachteten, Flintenschüsse hörten welche den aufgesessenen Fasanen galten.

Der natürliche Schluß den sie daraus hätten ziehen müssen, ging dahin daß irgend ein wohlunterrichteter Wilddieb dieses Mißtrauen gegen den Fischer ausbeute um in aller Ruhe das Wild des Prinzen zu bearbeiten; aber dieser Schluß war viel zu einfach als daß man dabei hätte bleiben mögen. Der Haß ergibt sich nicht so leicht. Simonneau wollte lieber Wunderbares und Unmögliches annehmen. Er erklärte, der Abkömmling der Guichards besitze einen erblichen Zauber mit dessen Hilfe seine Seele sich von seinem Körper trenne: der Körper bleibe im Schiff um die Neugierigen zu täuschen, während die Seele über Berg und Thal streife um die Fasanen zu bekriegen.

Der Verwalter schauderte als er dieses Märchen vernahm, und sann auf Mittel die ihm anvertrauten Güter von einem Kerl zu befreien der mit dem leibhaftigen Satan in so vertrautem Umgang stehe.

Diese Idee führte ihn auf Nachforschungen über die Art und Weise wie Franz Guichard Eigenthümer seiner Hütte und seines kleinen Gehäges geworden sei.

Er ging aufs Finanzministerium um die Arten über den Verkauf der Nationalgüter einzusehen, und so kam er bald zu der Gewißheit daß der Fischer ein Usurpator sei dem man, kraft eines berühmten Manifestes, augenblicklich zu Leib gehen müsse um ihn wo möglich in die Marne zu werfen.

Am Tag wo der Verwalter diese Entdeckung preisgab, herrschte großer Jubel, im Lager der Aufseher und Gendarmen; man aß eine Riesengibelotte, man benetzte sie mit Fluthen von Sucywein, man trank auf die Vertilgung des Zauberers und seines ganzen Gelichters.

Trotz seiner Vertrautheit mit dem bösen Geist hatte Franz Guichard keine Ahnung von all diesen Vorgängen.

Die Fischerei war verpachtet worden; in andern Zeiten würde er sich vielleicht geweigert haben die Gebühr zu bezahlen die man ihm für das Recht den Fluß zu durchstreifen abforderte; aber unter dem Einfluß seiner damaligen Traurigkeit hatte er nicht mehr die Kraft für Etwas zu streiten, nicht einmal für sein Lieblingsprincip daß der Fisch demjenigen gehöre der ihn zu fangen verstehe; er bezahlte, er stellte sich auf regelrechten Fuß mit dem Gesetze.

Er hatte allerdings bemerkt daß die Nachfolger des seligen Peter Maillard ihn einer gewissen Ueberwachung unterstellten, aber er besaß, in Bezug auf Alles was außer seinem wässerigen Gebiete vorging, ein zu ruhiges Gewissen, als daß er dem Thun und gilt und Lassen von Leuten die ihm nicht behagten die mindeste Beachtung geschenkt hätte.

Ohnehin nahmen andere Bekümmernisse ihn in diesem Augenblick in Anspruch.

Seit einem Monat war Luise krank geworden.

Diese geringe Bäuerin besaß ein starkes, wackeres Herz.Die rasch auf einander erfolgten Schläge welche sie getroffen, hatten sie ebenso schwer niedergedrückt wie ihren Mann; aber um die Verzweiflung nicht zu vergrößern welche dieser auf seiner Physiogonomie lesen ließ, hatte sie, selbst auf die Gefahr hin daß er sie der Gleichgültigkeit zeihen könnte, verborgen was in ihrem Innern vorging. sie hatte all ihre Seelenqualen in ihrer Brust verschlossen, und außer dem wehmüthigen Ausdruck in ihrem blassem«, mit einem schwarzen Wolltüchlein eingefaßten Gesichte verrieth sich die Verwüstung welche der Kummer in ihr anrichtete durch Nichts.

So trieb sie es so lang ihre Kräfte es gestatteten, so lange sie das Uebel bezwingen konnte das sie untergrub.

Eines Morgens rief die kleine Huberte, die Tochter des Peter Maillard, nach ihr. Luise wollte aufstehen, ihre Glieder versagten, jede Bewegung; sie that sich Gewalt an, sprang aus dem Bett und fiel ohnmächtig am Fuß der Wiege nieder.

Als das Kind seine Großmutter auf dem Boden liegen sah, begann es zu schreien; die Frau des Fährmanns hörte es, eilte herzu, hob die arme Luise auf und lief zu Franz Guichard, der auf dem Flusse war.

Als der Fischer das blasse, farblose Gesicht derjenigen erblickte die er so heiß geliebt hatte, erstarrte er vor Entsetzen; er ergriff die kalte Hand der armen Frau und rief mit einem krampfhaften Lachen:

– Und Du bist die Fünfte!

Sodann lief er, von einer plötzlichen Eingebung erfaßt, nach Champigny und fragte nach dem Arzte, was seinen Ideen und Gewohnheiten ganz zuwider war; aber als er das letzte der Geschöpfe die ihm die Krone eines glücklichen Mannes aufgesetzt hatten bedroht sah, da hatte er sich vorgenommen es aufs Hartnäckigste zu vertheidigen.

Es war ein wunderlicher aber erhobener Anblick wie dieser Mann von rauhen Manieren und beinahe wilden Neigungen sich in eine barmherzige Schwester verwandelte und sorglich, aufmerksam wurde wie eines dieser heiligen Mädchen. Er horchte mit angstvoller Gier auf die Orakel des Doktors; er prägte sich die Vorschriften desselben aufs Pünktlichste ein, er hätte sich lieber einen Arm abgehauen als daß er eine einzige von ihnen vergessen hätte. Er legte die arme Luise,, deren thränenfeuchte Augen ihm dankten, in ihrem Bette zurecht; er ging barfuß und mit unendlichen Vorsichtsmaßregeln auf dem steinernen Boden; er gönnte sich, Tag und Nacht, keinen Augenblick Schlaf..

Eines Abends gegen fünf Uhr wachte er an Luisens Bett sitzend; er hielt die kleine Huberte in seinen Armen und spielte schweigend mit ihr, weil er fürchtete, das Kind möchte, sich selbst überlassen, die Großmutter aufwecken. Man pochte heftig an die Thüre. Franz Guichard erhob sich um zu öffnen, während er den Störer zu allen Teufeln der Hölle wünschte. Der Störer war ein Mann der einen schlechten Ueberrock und schwarze, vom Staub graumelirte Hosen trug. Dieser Mann übergab ihm ein Papier, nachdem er gefragt hatte ob er wirklich Franz Guichard sei.

Der Fischer konnte weder lesen noch schreiben; er fühlte sich versucht den Mann zurückzurufen und zu fragen was da geschrieben stehe; aber dieser hatte sich mit einer eigenthümlichen Hast entfernt.

Franz Guichard warf das Papier auf ein Tischchen; er gedachte es Luise lesen zu lassen so bald sie etwas besser wäre.

Am zweiten und an den folgenden Tagen aber wurde Luise nicht besser, sondern vielmehr schlimmer, und Franz Guichard hatte ganz andere Sachen zu thun als sich mit diesem Wisch abzugeben. Er dachte nicht mehr daran.

Acht Tage nachher lag Luise in den letzten Zügen. Franz Guichard saß auf einer hölzernen Bank vor seiner Thüre und schaute in der Richtung von Champigny, ab der Arzt nicht komme. Vom Skepticismus in Bezug auf die medicinischen Wissenschaften zum Aberglauben übergehend, wollte er sich dem Doctor zu Füßen werfen, ihn anflehen sein armes Weib zu retten, ihm sein eigenes Leben für das der Kranken anbieten, als er bei einem Blick rückwärts nach der Fähre eine kleine Gruppe von Leuten bemerkte die auf ihn zu kamen.

Voran schritten der Schwarze der acht Tage vorher gekommen war und der Verwalter des Prinzen hinter ihnen kamen die zwei Aufseher und drei Gendarmen.

Sie näherten sich dem Fischer-.

– Seid Ihr Franz Guichard? Fragte der Anführer.

– Habt Ihr denn nicht mehr Gedächtniß als ein Weißfisch, wenn Ihr mich nicht kennt? Erst vor acht Tagen habt Ihr mich dasselbe gefragt, und da habe ich Euch geantwortet daß ich allerdings Franz Guichard heiße.

– Gut. Seid Ihr bereit der Aufforderung die ich Euch überbrachte Folge zu leisten?

Der Fischer zuckte die Achseln.

– Mein armes Weib liegt am Sterben, sagte er; ich habe keine Zeit mich mit solchen Narrenpossen abzugeben; kommt in acht Tagen wieder; bis dahin wird sie besser sein, und man wird Euch antworten.

Jetzt war es der Mann des Gesetzes der die Achseln zuckte.

– Das geht nicht so wie Ihr es wünschet, mein Kamerad; Ihr habt acht Tage Zeit gehabt um Eure Vertheidigung und Eure Einwendungen vorzubringen; Ihr habt es nicht gethan und deßhalb müßt Ihr noch heute den Platz räumen.

– Den Platz räumen! rief der Fischer, dessen Stimme drohend und zitternd wurde.

– Ja! und wenn Ihr es nicht freiwillig thut, so werden wir Euch dazu zwingen.

– Tausend Donnerwetter! rief Franz Guichard, tretet nicht hinein, sonst spalte ich Euch den Kopf mit meiner Axt . . Ha! die Lumpenhund! die Lumpenhunde! sie werden noch mein armes Weib· aufwecken.

– Versuchet keinen Widerstand, denn er wäre nutzlos, sagte der Huissier; Ihr sehts, wir sind die Mehrzahl.

– Machet doch keine Umstände mit diesem Elenden, sagte einer der Aufseher; wenn er sich regt, so werden wir ihn schon zur Ordnung bringen.

Die Aufseher luden ihre Flinten.

Franz Guichard wollte auf sie losstürzen, aber er dachte an Luise; wenn er getödtet wurde, so mußte sie unfehlbar sterben. Er bewältigte seinen Zorn und raufte sich seine grauen Haare büschelweise aus.

– Mein Gott! mein Gott! sagte er; habt Ihr denn nicht gehört daß drinnen eine Frau in den letzten Zügen liegt?

– Bah! Bah! sagte einer der Aufseher, der Teufel ist ein guter Arzt, er verläßt seine Diener nicht.

Der Fischer blieb unempfindlich gegen diese Spötterei.

– Laßt mich noch acht Tage in diesem armseligen Häuschen bleiben; in acht Tagen muß das Schicksal Luisens entschieden sein; wenn Gott sie zu sich ruft, so werde ich diese alten Mauern sehr gern verlassen: wenn er mir erlaubt sie zu behalten, so werde ich wenigstens Zeit gehabt haben ein anderes Obdach für sie zu suchen.

»In der Stimme des Fischers lagen so viele zusammengehaltene und zurückgedrängte Thränen, daß der Huissier, so sehr er auch an solche Scenen gewöhnt sein mochte, gerührt wurde; er wandte sich gegen die Aufseher, als wollte er fragen ob man dem Unglücklichen nicht die geringfügige Gnade gewähren solle die er flehte.

– Nein, antwortete der Vornehmste unter der Gruppe in rauhem Tone. Der Herr Prinz will morgen in Varenne jagen: der Platz muß von diesem Ungeziefer gesäubert werden. Vollziehen Sie Ihren Befehl.

– Ich sage Euch daß Ihr nicht hineinkommen sollt, rief Franz Guichard.

In diesem Augenblick hörte man Luise, die erwacht war.

– Franz! Franz! sagte sie, was gibt es denn? Warum streitest du mit diesen Herrn? Komm doch herein, laß mich nicht allein, ich fürchte mich.

Diese kläglichen Töne machten den Fischer schwindelig; ein verworrenes Gesumme brauste in seinen Ohren, tausend Feuerfünkchen hüpften vor seinen Augen umher, er verlor den Kopf.

– Ha! ihr elenden Gesellen! rief er, ihr wollt sie tödten, und ihr geht zu sieben auf einen einzigen Mann los! Aber gleichviel, ihr kommt nicht hinein, sage ich euch. Der Erste der einen Schritt thut fällt von meiner Hand.

So sprechend hatte der Fischer sich vor seiner Thüre aufgestellt, indem er eine kleine Axt schwang womit er Holz zu spalten pflegte.

Auch die Entschlossensten wichen zurück.

Simonneau, den sein anererbter Haß gegen die Guichards trieb, warf sich ganz allein vorwärts. Die Axt war aufgehoben; sie fiel, nicht auf den Aufseher, sondern auf die Flinte welche dieser gegen seinen Feind zu gebrauchen versuchte; die Waffe entfuhr, etwas unter dem Griff entzweigespalten, den Händen Simonneaus, und die Erschütterung war so heftig, daß beide Hähne zuschnappten, beide Schüsse zugleich losgingen, und daß das Blei, sich zu einer Kugel ballend, zwei Löcher in die Thüre schlug vor welcher der Fischer stand, jedoch ohne ihn zu verletzen.

Bei dieser doppelten Explosion erscholl lautes Geschrei aus der Hütte; es kam von der Sterbenden und der zum Tod geängsteten kleinen Huberte.

Franz Guichard wartete einen zweiten Angriff nicht ab, sondern stürzte auf seine Gegner los.

Der arme Gerichtsdiener mußte den ersten Anprall aushalten.

Der Fischer versetzte ihm mit seiner Schulter einen so derben Stoß, daß er rücklings auf das Ufer fiel, den ganzen Abhang hinabrollte und zuletzt förmlich in den Fluß plumpste. Der Verwalter und ein Gendarm, denen es nicht unlieb war den Püffen eines so furchtbaren Angreifers ausweichen zu können, eilten dem Mann des Gesetzes zu Hilfe. Der Kampf blieb auf die beiden Kameraden des letzteren und die Aufseher beschränkt; aber was sie auch thun mochten, sie konnten den Fischer nicht festnehmen; seine herculische Stärke spottete aller ihrer Anstrengungen. Sie mußten zurückweichen.

In diesem Augenblick trat der Fährmann auf Franz Guichard zu.

– Fliehe, Franz, fliehe! sagte er zu ihm; Du hast Dich da in einen bösen Handel eingelassen; Du kannst zwei Gendarmen in die Pfanne bauen, aber Du wirst zehn und zwanzig nicht bezwingen, und im Nothfall würde man die ganze Garnison von Vincennes gegen Dich ausschicken. Flieh also, wir wollen Deine Luise zu uns hinüberschaffen; wir werden sie so gut verpflegen als Du selbst thun könntest; darum flieh, wenn Du sie je wieder zu sehen wünschest.

Der Fischer riß sich eine Hand voll Haare aus, aber er sah ein daß der Rat des Fährmanns vernünftig war. Die Gegner von Franz Guichard bildeten ihre Reihen wieder und zeigten sich fest entschlossen den Angriff zu erneuern.

Es war also keine Zeit zu verlieren. Der Fischer warf einen letzten Blick in seine arme Wohnung und sah, aber nur undeutlich, die Silhouette seiner Frau gleich einem weißen Gespenst auf dem schwärzlichen Grund und der Serschevorhänge sich abheben; sie saß mit verstörten Augen und zerzausten Haaren auf ihrem Bett und hörte voll Angst auf das Getöse des Kampfes das bis zu ihr gedrungen war. Er rief ihr zu:

– Bald, Luise, bald!

Dann umging er das Gehege und lief aus Leibeskräften querfeldein.

Aufseher und Gendarmen verfolgten ihn aufs Hartnäckigste, während der Gerichtsdiener und der Verwalter, gleich erbittert über den Widerstand und über das Bad welches der Erstere genommen hatte, ihr trauriges Geschäft vollzogen. Sie durchstreiften den Wald bis in die Nacht, aber der Fischer entging allen Nachforschungen; er war blos durch das Gehau gelaufen und sodann in den Fluß gestiegen an einem Platz wo eine dichte Gruppe von Pappeln seine Ufer verdeckte: er war bis an den Hals ins Wasser getreten, hatte seinen Kopf unter einer überhängenden Weidenwurzel versteckt und sich dadurch für alle Welt, ausgenommen für seine alten Bekannten, die Fische, unsichtbar gemacht.

Franz Guichard blieb da wie eine Otter zusammengekauert bis zum Abend, befand sich aber in der heftigsten Aufregung; vergebens sagte er sich daß der Fährmann Mathias seine Luise so zärtlich verpflegen würde wie nur je ein Sohn seine Mutter verpflegt habe, und daß seine Rückkehr zur Fähre sowohl den Zustand seiner Frau als seine eigene Lage blos verschlimmern könnte; seine Unruhige und Bangigkeit wurde so qualvoll, daß sein sonst so solider und dem Wirklichen zugekehrter Verstand auf Augenblicke aus den Fugen wich. Die Fluthen in ihrem Geroll schienen Ihm Klagen zu murmeln; er sah menschliche Gestalten zwischen den cristallenen Wellen umherschleichen die vor ihm dahinflossen; er hörte von den Glockenthürmen aller Dörfer der Umgebung Todtengeläute.

Als die Nacht gekommen war, setzte er so viel als möglich schwimmend über den Fluß, erreichte das Ufer von Chennevière und ging hinab bis er seiner Wohnung gegenüber kam.

Als er die Pappelbäume und die schattigen Massen der großen Insel hinter sich hatte, fiel ihm eine Centnerlast vom Herzen.

Er bemerkte aus dem andern Ufer sein Häuschen, das sich schwarz auf dem röthlichen Grund abhob welchen der Himmel in der Gegend von Paris selbst in den dunkelsten Nächten behält.

Dort stand es, aufrecht, unversehrt zwischen den zwei Bäumen die seine Facade zeigten, und aus seinem Kamin stiegen Rauchsäulen auf, welche das Leben im Innern der Hütte verriethen.

Man hatte es also nicht zerstört, wie man ihm zu verstehen gegeben.

Man sah nicht blos Rauch, sondern man sah auch die Fensterchen über der Thüre gleich Diamanten funkeln.

Man hatte also die arme Kranke nicht aus ihrer Wohnung vertrieben; man hatte Mitleid mit ihr gehabt.

Franz Guichard, der Abkömmling der Wilddiebe bei welchen die Ungläubigkeit erblich war, warf sich auf seine Kniee und betete aus vollem Herzen.

Da er nun überzeugt war daß Gott, der kaum erst so viel für ihn gethan, ihn nicht mehr verlassen könne, so sprang er mit großem Getöse und ohne die geringsten Vorsichtsmaßregeln in den Fluß.

Mit zehn Stößen befand er sich am andern Ufer und und wollte eben auf sein Häuschen zulaufen, als ein Gedanke ihm durch den Kopf fuhr.

Wenn hinter dieser Ruhe, dieser Beleuchtung ein Fallstrick läge!

Das Haus des Fährmanns stand fünfzig Schritte entfernt, aber Franz Guichard konnte es nicht über sich gewinnen so weit auf Erkundigungen auszuziehen, während sein eigenes Haus ganz in der Nähe und in demselben ohne Zweifel Luise war.

Er legte sich auf seinen Bauch und kroch wie eine Schlange; so kam er an die Hütte, richtete dann langsam seinen Kopf bis zur Höhe des Fensters empor das den Fluß abwärts schaute, und warf einen Blick in das Innere des Hauses.

So wenig Franz Guichard für heftige Eindrücke geeignet war, so brachte ihn doch das was er jetzt sah in eine solche Bestürzung als wäre er plötzlich ins Thal Josaphat versetzt worden, oder als hätte er in den Wolken die furchtbare Trompete des jüngsten Gerichts erschallen gehört.

Das Fenster an welches er sich zur Beobachtung gestellt hatte stand dem Bett gegenüber; in diesem Bett hatte er Luise gesucht und er hatte eine vollständig in ein weißes Tuch eingehüllte menschliche Gestalt gesehen.

Bei diesem Anblick blieb er eine Minute lang stumm und starr vor Entsetzen stehen.

Die Helle der beiden Kerzen die um das Crucifix her brannten, und die neben diesem Todtenbett auf einem Stuhle stehende Weihwasserschale hoben die Formen des Leichnams ungemein hervor; die Gesichtszüge zeichneten sich deutlich auf dem Leintuch ab: man hätts glauben können eine Marmorstatue vor sich zu haben.

Das Feuer flammte lebhaft und lustig im Kamin; Mathias der Fährmann saß auf einem Schemel; er hielt die kleine Huberte auf seinem Schoß und gab ihr in kleinen Löffeln voll von der Suppe zu essen die er aus einem Napf in der Ecke des Kamins schöpfte.

Diese ungewohnte Beleuchtung belustigte das Kind; es suchte durch sein Geplauder die Stirne des Fährmanns zu entrunzeln, der in Gram versunken schien.

Franz Guichard sah Nichts von den Nebenpartien dieses Gemäldes; seine Augen blieben auf den Leichnam wie auf ein Gespenst geheftet; durch die Umhüllung hindurch sah er Luise so wie sie wirklich unter dem Schweißtuche war, mit ihren langen gesenkten Wimpern, ihrem halboffenen Mund, ihren geschlossenen Zähnen, ihren etwas zusammengezogenen Nasenflügeln und ihrer elfenbeinweißen Haut; aber sein Herz wollte sie nicht erkennen; er sagte: »Nein, nein, sie ist es nicht.«

Der arme Fischer stürzte auf die Thüre zu, stieß sie heftig auf, trat ein, und ohne sich um die kleine Huberte zu bekümmern, die ihm ihre Aermchen entgegenstreckte, riß er das Leintuch vom Gesicht der Todten weg.

Seine Augen hatten ihn in ihrem übernatürlichen Scharfblick nicht getäuscht: es war wirklich Luise Pommereuil die da lag.

Franz Guichard ergriff die Hand seiner Frau und behielt sie bis zum Tag in der seinigen, indem er sie mit seinen Küssen und Thränen bedeckte.




V.

Wo Franz Guichard auf einen Prinzen schießt und eine Schnepfe bekommt



—–

Als der unbestimmte, schwankende Schein der Morgenröthe den Gipfel der Höhe von Chennevière schattirte, erhob sich Mathias, der Fährmann, der sich bisher, mit jener Pietät welche selbst der skeptischste Bauer dem Tode gegenüber bewahrt, gescheut hatte seinen Freund auch nur durch Unterhaltung des Feuers zu stören, und berührte Franz Guichard sachte bei der Schulter.

Dieser aber drehte sich nicht um.

– Franz, sagte der brave Mann zu ihm, man lebt nicht mit den Todten; man muß an die Lebendigen denken; diese Leute werden bald wiederkommen.

– Gut! sie sollen nur kommen! antwortete Franz Guichard.

Aus dem Ton womit er diese Worte gesprochen, auf dem Beben seiner Nasenflügel, aus dem drohenden Glanz seines Blickes ersah Mathias, der Fährmann, daß Aufseher und Gendarmen für das Schicksal büßen sollten, welches Franz Guichard die Nacht hindurch wegen seines Unglücks angeklagt hatte.

– Hör einmal, versetzte er in bestimmtem Tone, Alles das sind Dummheiten! Du kannst einen, vielleicht auch zwei oder drei umbringen dann werden zehn dafür kommen; und wenn Du auch den letzten zu Brei zermalmtest, so würde das die arme Verstorbene nicht ins Leben zurückrufen.

– Dann habe ich sie wenigstens gerächt, erwiderte der Fischer mit knirschender Stimme – Dummheiten, Nichts als Dummheiten! wiederholte der Fährmann, der sich in seinem gefunden Verstand nicht irre machen ließ; Du habest sie gerächt, sagst Du? Vor allen Dingen, kannst Du wohl glauben daß es ihr Vergnügen machen würde, diesem armen Lamm Gottes das selbst dem schlechtesten Halunken nichts Böses wünschte? Und dann laß uns jetzt vernünftig reden: an wem willst Du Dich rächen, Franz? An Unschuldigen.

– Unschuldig! diese Elenden? – Allerdings unschuldig. Sogar Simonneau, der Schlechteste von der ganzen Bande, der höchst wahrscheinlich die ganze Geschichte gegen Dich angezettelt hat, sogar dieser Simonneau ist unschuldig. Sein Herr liebt die Kaninchen. Franz Guichard ist angeklagt daß er die Kaninchen beunruhige. Da sagt der Herr zu Simonneau und seinen Aufsehern: »Jaget mir diesen Kerl da aus meinem Revier fort.« Diesem Herrn mußt Du also die Schuld zuschreiben, aber nicht armen Schluckern welche die erhaltenen Befehle blos vollzogen haben um ihr Brod nicht zu verlieren.

– Aber, Mathias, beim Haupte meiner armen Frau, die da liegt, schwöre ich Dir daß ich seit meinem Aufenthalt hier nicht ein einziges Mal im Wald oder in der Ebene gearbeitet habe.

Der Wilderersruf der Familie Guichard war in der öffentlichen Meinung dermaßen festgestellt, daß die Ableugnungen ihres letzten Vertreters die Ueberzeugung seines Freundes Mathias nicht zu erschüttern schienen. Er schüttelte den Kopf.

– Wieder Dummheiten! antwortete er; Du hättest Recht wenn Du zu einem Andern als zu mir so sprächest; aber merke Dirs, Franz, daß ich unfähig bin einen Menschen zu verkaufen.

Der Fischer zuckte ungeduldig die Achseln; der er es aber für unnöthig hielt auf dem letzteren Punkt zu bestehen, versetzte er:

– Du glaubst also daß der Prinz selbst den Befehl gegeben habe mein Häuschen einzureißen?

– Zum Henker, Ja! Man ist der Herr oder man ist es nicht. Glaubst Du etwa daß mein Knecht sich erlauben würde ohne meine Einwilligung einem Passagier zu creditiren? Würden wohl die gelben Wehrgehänge von Saint-Maux sich blos um diesen Simonneau so viel Mühe gegeben haben? «

– Ha! wenn ich es wüßte! murmelte der Fischer in dumpfem, drohendem Tone.

– Immer wieder deine Idee! Dieser Mann leistet Dir ja einen Dienst.

– Er leistet mir einen Dienst!

– Allerdings; indem er Dich zwingt in einem Augenblick auszuziehen wo Deine schlechte Höhle Dir doch entleidet wäre.

– Entleidet! O wenn ich sie nicht mehr hätte, ich will Dirs nur gestehen, Mathias, siehe so würde ich mich bald mit meiner theuern Todten wiedervereinigen.

Ei warum nicht gar? So lang die arme Todte noch lebte, und in diesen letzten Zeiten gingest Du oft ganze Wochen lang nicht heim.

– Dieß geschah blos weil ich das arme Geschöpf nicht betrüben wollte.

– Weil Du Deine Frau nicht betrüben wolltest?

– Nun ja, freilich. Diese alten Mauern da die Du für stumm hältst, verstehen mich und sprechen mit mir. Wenn ich heimkam, plauderte ich mit ihnen, ich befragte sie, sie antworteten mir, sie erzählten mir mein Glück, mein entschwundenes Glück; wir unterhielten uns von. . . ihnen. Der Sand im Garten erinnerte mich daran wie er unter den Holzschuhen der Kleinen trachte; die Zweige dieser Bäume mahnten mich an ihre Spiele, wenn sie ein Nest erreichen wollten das ein Distelfink in diese Gabel gebaut hatte; sieh, diese schwarzen, rauchigen Balken da wiederholten mir ihr Gewimmer in der Wiege; das Feuer im Kamin ahmte so gut ihr Geschwätze nach, daß ich manchmal ihre rothen, schrundigen Hündchen zu sehen meinte, wie sie mit der Zunge der Flammen spielten. Mein Herz war zerrissen, aber Du glaubst nicht welches Glück ich im Leiden fand; es war mir als müßte ich sterben, aber dieser Tod öffnete mir das Paradies wo ich sie wiederzusehen hoffte. Inzwischen weinte ich, und obschon diese Thränen mehr süß als bitter waren, so beugten sie doch Luise in Verzweiflung, und da ich mich, sobald ich hier war, nicht enthalten konnte an die Dahingeschiedenen zu denken, so war ich, um die Frau nicht zu betrüben, zuletzt gar nicht mehr heimgekommen. Jetzt da ich auch sie nicht mehr sehen soll, jetzt da diese armen Mauern, welche Zeugen ihrer Hochzeits- und ihrer Todesnacht gewesen, Alles sind was mir von ihr und von ihnen übrig geblieben, so begreifst Du daß ich meinem einzigen Trost nicht entsagen kann. Ich will sie behalten, ich will sie behalten oder mich in der Vertheidigung tödten lassen, und dann nun wohl! wo sie auch sein mögen, so werde ich bei ihnen sein.

Mathias betrachtete den Fischer mit inniger Betrübniß: er meinte der Kummer habe seinem Freund den Kopf verrückt. Da jedoch in diesem vermeintlichen Wahnsinn etwas tief Trauriges lag, so wurde er davon gerührt.

– Höre« Franz« sagte er, es gibt ein Mittel die Sache ins Geleise zu bringen.

Du mußt Dich stellen. . .

– Mich stellen! – Laß mich doch aussprechen.

Du mußt Dich stellen, und während dieser Zeit verpflichte ich mich die Mauern und Möbel deines Hauses Stück für Stück nach Deinem kleinen Gütchen oben auf der Anhöhe zu tragen, so daß Du, wenn Du aus dem Gefängniß kommst, Dein Haus, mit Ausnahme seines früheren Platzes, so wieder finden sollst wie Du es gelassen hast.

– Was sprichst Du denn von Gefängniß? fragte Franz Guichard, der immer blässer und gelber wurde; warum sollte ich ins Gefängniß wandern?

– Zum Henker! antwortete der Fährmann etwas verlegen, weil Du mit dem Gerichtsdiener ein wenig grob verfahren bist. Du hast ihn gestoßen, er ist in den Fluß hinab gerollt, und es scheint daß es diesen Leuten wie den Katzen geht; sie lieben das Wasser nicht, und wer sie hineinwirft, kommt ins Loch. Als Du fort warst, sagte der Brigadier, der ein guter Kerl ist und keinem Menschen Etwas zu Leide thut, es könne sich um drei Monate handeln.

– Drei Monate!

– Nun ja! ich sagte also höre wohl was ich sagte: der Prinz kommt heute und Deine Sache kann auf den Abend ausgemacht werden.

– Drei Monate! wiederholte Franz Guichard außer sich.

Und er ergriff den Arm des Fährmanns und zog ihn nach der Wiege der kleinen Huberte.

– Mathias, sagte er, bist Du mein Freund?

– Ei so sei doch vernünftig, Franz; drei Monate, das geht vorüber, wenn es auch etwas lang ist; ich werde während dieser Zeit auf Dein Schiff und Dein Geräthe Acht haben.

Aber Franz Guichard hörte ihn nicht an.

– Schwöre mir auf Dein Wort als ehrlicher Mann daß Du dieses Kind da nicht verlassen, daß Du Vaterstelle an ihm vertreten und es, wenn auch nicht zu einem glücklichen, doch wenigstens zu einem rechtschaffenen Weib machen willst.

– Das schwöre ich von Herzen gern; aber sage mir wenigstens was Du thun willst.

– Nichts, Nichts, versetzte der Fischer mit Nachdruck; leiste mir nur den Eid den ich verlange, sonst spreche ich im Augenblick einen Andern darum an.

– Ich schwöre Dirs; Franz; vor allen Dingen liebt meine Frau die Kleine sehr, aber ich will mich vorher erkundigen. . .

– Mehr verlange ich nicht, rief der Fischer, indem er sich aus den Händen des von der Feierlichkeit seines Eides noch ganz betäubten Fährmannes losmachte: sodann ergriff er eine über dein Kaminmantel hängende Flinte und lief fort.

Der Prinz von Condé« von welchem die beiden Freunde soeben gesprochen hatten, vereinigte zwei Neigungen die man nicht so häufig beisammen findet als man zu glauben versucht sein könnte: er liebte sowohl die Bürsch als den Anstand.

Die Erinnerung an seine ebenso vollkommenen und geschickt dressirten als zahlreichen Meuten ist noch jetzt die Verzweiflung der Jäger, welche den Leuten gerne weißmachen möchten daß die Wissenschaft deren Lehren König Modus zuerst vorgezeichnet mit dem letzten der Herren von Chantilly nicht gestorben sei. Die Schilderung dieser wundervollen Jagden, bei welchen der siebzigjährige Nimrod einen verlaufenen Hirsch der sich aus den Grasplätzen der fürstlichen Wälder lustig machte bis in die Ardennen verfolgte, ist noch jetzt einer der ausgiebigsten Stoffe für die Jagdchroniken.

Alle zwei Tage, was für Wetter es immer sein mochte, und zwar bis zu seinem Tode, ritt der Prinz von Condé auf die Bürsch.

Meistens trieben seine Meuten mehrere Thiere an einem einzigen Tage auf.

Tags darauf ging er, um auszuruhen, in den Verhauen von Ciantilly oder Morfontaine auf den Anstand. Das waren dann schreckliche Hecatomben von Wildpret.

Aber diese Mördereien unter Zäunen und Schlingen, unter Förstern und Treibern belustigten den hohen Herrn nicht sehr. So oft es ihm möglich war, so oft die Etikette ihm gestattete keine Besuche zu haben denen er die Honneurs seines Anstandes machen mußte, entledigte er sich seines Gefolges und durchstreifte den Wald wie ein gewöhnlicher Sterblicher, mit einem Hund der vor ihm her lief und einem Jäger der hintendrein kam.

Der Hund trieb das Wild auf, der Prinz tödtete es, der Jäger hob es auf und steckte es in seine Waidtasche.

Der Prinz von Condé befand sich seit acht Tagen in Paris: er hatte sich fortgestohlen um sich seiner Lieblingszerstreuung hinzugeben; aber beim Einsteigen in den vierspännigen Wagen der ihn nach Varenne gebracht, hatte er sich fest vorgenommen das Vergnügen der Jagd unter all den Bedingungen zu genießen wodurch sie für ihn am angenehmsten wurde; er ließ also den Inspector hart an, als dieser würdige Beamte, unter dem Vormund es habe sich seit gestern ein gefährlicher Wilddieb im Walde verborgen, ihn begleiten wollte.

Mit Verlust zurückgeschlagen, verlangte der arme Mann daß Simonneau, welchen er für den stärksten und muthigsten von seinen Untergebenen hielt, mit dem gnädigsten Herrn gehen solle.

Der Inspector muß sich, wenigstens zur Hälfte, in seinen Voraussetzungen getäuscht haben, denn der Todfeind des Franz Guichard wurde sehr blaß, als man ihm diese Entscheidung ankündete.

Indeß gehorchte er ohne eine Bemerkung zu machen; der Prinz und Simonneau begaben sich also auf den Weg.

In zwei Jahren hatten sich Ebene und Wald, trotz der Mördereien deren man den Fischer bezichtigte, recht hübsch wiederbevölkert; man konnte an keinem Busch anstreifen ohne daß ein Kaninchen heraussprang; die Hasen tauchten zu Dutzenden auf und entfernten sich in einem ganz gemäßigten Tempo, welches die Vortrefflichkeit ihrer Beziehungen zu den Bewohnern der Halbinsel bewies. Die Fasanen und Rebhühner, die, ein Lieblingsausdruck des Prinzen, in ganzen Rudeln aufflogen und kaum hundert Schritte von dem Ort wo man sie aufgestört sich zur Ruhe niederließen, gaben gleichfalls zu erkennen daß sie Varenne als ein wahres Paradies aus Erden betrachteten.

Der Prinz fand weder Rast noch Ruhe; sein Hund stellte jeden Augenblick ein neues Thier. Mit pulvergeschwärzten Händen und beschmutztem Gesicht lud er seine Flinte in einer fieberischen Aufregung.

Simonneau bog sich unter dem Gewichte des Wildprets.

– Simonneau, sagte Herr von Condé zu seinem Aufseher, wirst Du mirs glauben? ich amüsire mich in Deiner Gesellschaft besser als bei Herrn von Talleyrand, der doch der geistreichste Mann von Frankreich und Navarra sein soll.

– Sie erweisen mir große Ehre, gnädigster Herr, antwortete Simonneau, dem der Kamm wieder schwoll, denn er begann sich zu beruhigen als er sah daß der größte Theil des Tages ohne Widerwärtigkeiten verstrichen war.

– Wie Schade daß dieß Alles jetzt sogleich aufhören mußt sagte der Prinz von Condé.

– Warum denn, gnädigster Herr? versetzte Simonneau, dem es unendlich schmeichelte daß er angenehmer gefunden wurde als ein Mann auf welchen er Prinz so große Stücke hielt. Wir können den Wald noch einmal absuchen; wir werden zwar den Wind nicht haben, aber das Wild wird so wenig beunruhigt, daß es ganz und gar nicht scheu ist.

– Und die Munition, Simonneau? Wenn ich diese zwei letzten Schüsse da losgebrannt habe, so finde ich keine zwei weiteren mehr in unsern Taschen.

– Nein, nein, man muß des Guten nicht zu viel thun, Simonneau, sagte der Prinz mit einem Seufzer.

Aber hör einmal, zum guten Ende laß mich doch auch etwas Anderes schießen als diese ewigen Fasanen, die mir gerade wie zahme Hennen vom Hühnerhof vorkommen welche man vor mir loslässt.

Habt Ihr denn keine Schnepfen?

– Ei! gnädigster Herr. . .

– Ha! wenn wir den Wilddieb getroffen hätten!

– Gott bewahre uns davor, gnädigster Herr!

– Bah! bah! ich würde ihm einen Louisdor geben und dann würde ich sogleich die Verhaue erfahren wo sie sich am meisten aushalten. Dieß ist ein Wild das man in der Schlinge fängt; man bezahlt es euch Leuten, und deßhalb wollt ihr es nicht gerne Einem zeigen der es euch unbezahlt wegnähme; ich begreife das. Gleichwohl habe ich verdammt Lust eine Schnepfe zu schießen.

– Ach! gnädigster Herr! versetzte Simonneau, als hätte die Unterstellung des Prinzen ihn zur Verzweiflung gebracht.

Es stand in den Sternen geschrieben daß der Zufall sich an diesem Tag verpflichten sollte die Unschuld Simonneaus darzuthun, wie auch den Eifer zu beweisen womit er und seine Collegen für die Vergnügungen ihres Gebieters sorgten. Kaum hatte er ausgeredet, als ein röthlicher Vogel mit großem Geräusch aus einem Eichenbusche fuhr, sich senkrecht über den Verhau emporschwang und dann weiter flog, indem er die Gipfel der Bäume mit seinen launischen Flügelschlägen berührte.

Dieß war das Wild welches der Prinz gewünscht hatte.

Er feuerte seinen ersten Schuß darauf ab, fehlte, erlegte es aber mit dem zweiten. Die Schnepfe fiel flatternd, was anzeigte daß sie blos verwundet war.

Simonneau sprang durch das Gebüsch um sie aufzuheben; der Hund folgte ihm nicht; er hatte einige Schritte von dem Gebüsch aus welchem der Vogel gekommen war ein anderes Wild gestellt.

Der Prinz von Condé schüttete eben Pulver in seine Pfanne als er einen lauten Schrei hörte und seinen Aufseher schrecklich blaß und aufgeregt gegen sich her laufen sah.

– Fliehen Sie, gnädigster Herr, fliehen Siel rief Simonneau mit einer von Furcht erstickten Stimme.

Fast zur gleichen Zeit, und als ob er sich jetzt erst erinnerte daß er eine Waffe besaß, legte Simonneau an und feuerte schnell hinter einander seine beiden Schüsse ins dichteste Gehölz ab; dann warf er seine Flinte auf die Haide, lief aus Leibeskräften davon und ließ seinen Herrn im Stich. Der Prinz von Condé sah ihn im Verhau verschwinden, ohne daß er von dem ganzen Vorgang Etwas begriff; aber als er sich umwandte, war eine dritte Person, welche die Zweige aus einander gebogen hatte, in der Lichtung erschienen.

Es war dieß ein Mann in kurzer Blouse und breiten Beinkleidern wie die Flußleute sie tragen; in der Hand eine von Rauch bronzirte Commisflinte. Seine Physiognomie war so drohend, daß der Prinz sogleich begriff daß mit diesem Manne der Tod kam. Er schien darüber nicht zu erschrecken, steckte seinen Arm in den Tragriemen seiner Flinte und nahm diese auf seine Schulter.

Der Mann seinerseits blieb stehen und schaute den Prinzen an.

– Nicht zufrieden daß Du mein Weib ermordet hast, sagte er mit durchdringender Stimme, hast Du auch meinen Tod gewollt, Du hast durch Deinen Knecht auf mich schießen lassen. Seit zwei Stunden die ich Dir folge, habe ich Bedenken getragen einen Mord zu begehen; aber, so wahr uns der Tag bescheint, jetzt mußt Du sterben. Verrichte Dein Gebet.

– Herr, antwortete der Prinz, mein Diener hat ohne meinen Befehl aus Euch geschossen; ich bedaure es und würde Eure Drohungen nicht abgewartet haben um es ihm zu verweisen.

– Du hast Angst, aber Deine Feigheiten werden Dich nicht retten.

Beim Worte Angst zuckte der Prinz von Condé die Achseln und begann ein Liedchen zu pfeifen, indem er die Arme kreuzte und seinen Gegner anschaute.

Als er dann sah daß der Mann verblüfft über diese Kaltblütigkeit stehen blieb, sagte er:

– Nun wohl, auf was wartet Ihr noch? Ermordet mich, da das Eure Absicht ist.

– Nein, ich will Dich nicht ermorden; Du hast eine Flinte, vertheidige Dich; ich bin ein alter Soldat und kein Mörder.

– Das kann Euer Ernst nicht sein, mein lieber Herr, antwortete der Prinz von Condé im Tone der höchsten Verachtung; ein Duell zwischen Euch und mir! Was fällt Euch denn ein?

– Ha! sagte Franz Guichard, welchen unsere Leser nothwendig erkannt haben, so ein vornehmer Herr Sie sind, so wäre es doch nicht das erste Mal daß wir Feuer auf einander gegeben hätten; wir haben in Deutschland gekämpft, als Sie die Republik bekriegten. Sie waren der Feind, ich war Frankreich.

Bei dieser Erinnerung fuhr der Prinz zusammen, seine Lippen wurden weiß, seine Augen luden sich mit Blitzen; er fuhr unwillkürlich mit seiner rechten Hand nach dem Kolben der über seiner Schulter hängenden Flinte, dann aber warf er sie zurück, kehrte dem Fischer den Rücken und machte eine Bewegung um sich zu entfernen.

– Und ich soll Dich gehen lassen? ich soll Dein Verbrechen unbestraft lassen? Nein, nein, Du mußt sterben! Auch Du mußt sterben; mein Weib und meine Kinder müssen gerächt werden. Prinz von Condé, Franz Guichard ist es der Dich tödtet.

So sprechend legte der Fischer seine Flinte an, zielte dem sich umdrehenden Prinzen aus die Brust und drückte los.

Der Hahn schnappte mit einem trockenen Getöne zu, das Pulver der Zündpfanne brannte mit einem leichten Rauche auf, aber der Schuß ging nicht los.

Im Gesichte des Prinzen von Condé hatte keine Muskel gebebt.

Franz Guichard zertrümmerte seine Flinte an einem Eichenstumpf.

Bei diesem Getöse entflogen zwei Fasanen mit ungeheurer Schnelligkeit; der Prinz von Condé hatte seine Flinte ergriffen und auf dieselben angelegt; er schoß nach rechts und schoß nach links.

Eine Wolle von purpurrothen und goldgelben Federn wogte einen Augenblick im Wind und die zwei prächtigen Vögel fielen unter Beschreibung einer krummen Linie.

– Glaubst Du daß ich Dich gefehlt hätte? sagte der Prinz in ruhigem Tone zu dem Fischer.

Hier, fügte er hinzu, indem er eine Börse aus seiner Tasche zog, hier hast Du Gold: entferne Dich ehe meine Leute zurückkommen, und bitte Gott um Verzeihung für das Verbrechen das Du begehen wolltest.

Franz Guichard hatte zu zittern angefangen, seine Kniee wankten als wollten sie unter ihm brechen.

– Mein Gott! rief er, mein Gott! Wie ist es möglich daß Sie zu gleicher Zeit so edelmüthig und so hartherzig sind?

– Hartherzig! sagte der Prinz; zum Teufel, was schwatzest Du mir da vor?

– Daß Sie einem Menschen der Sie ermorden wollte verzeihen, und daß Sie einen Mann aus dem Hause jagen wo seine Kinder geboren wurden, wo seine Frau um die Gnade flehte sterben zu dürfen.

– Weiß ich denn auch nur ob Du eine Frau hast, ob Du Kinder und ein Haus hast? Vor fünf Minuten, mein guter Freund, wußte ich nicht einmal daß Du überhaupt auf der Welt warst.

– O! versetzte der Fischer mit ungläubig fragender Miene, o gnädigster Herr, erinnern Sie sich ein wenig an Franz Guichard.

– Franz Guichard!. . . Wart einmal. . .

Nachdem er sodann einige Secunden seinen Erinnerungen gewidmet, fuhr er fort:

– Ah! Du bist's der meine Fasanen umbringt, Spizbube!

– Ich, gnädigster Herr! Wird denn gar Niemand an meine Unschuld glauben? Ich, gnädigster Herr! Sehen Sie, mein armes Weib ist heute Nacht gestorben; sie steht jetzt vor dem Richterstuhl Gottes; möge er ihr das Paradies verschließen wenn ich Ihnen nicht die Wahrheit sage; ich wollte lieber einen Strick um meinen Hals legen als einen Messingdraht um den Hals eines elenden Kaninchens.

– Ach warum nicht gar? versetzte Herr von Condé; wie ist Dein Vater gestorben?

– Gnädigster Herr, er ist in Folge eines Wilddiebstahls gehenkt worden.

– Wirklich?

– Gnädigster Herr, man rühmt sich nicht damit daß sein Vater am Galgen gehangen, wenn es nicht wahr ist.

– Dieß ist für Dich ein Patent auf Unfehlbarkeit, ich kenne Deine Geschichte und ich werde Dich bei meinen Herrn Waldaufsehern wieder zu Ehren bringen; erzähle mir jetzt was Dir mit ihnen widerfahren ist.

Franz Guichard gehorchte den Prinzen. Als er ihn anflehte ihm die Hütte zu lassen wo, wie er noch diesen Morgen dem Fährmann Mathias geklagt, Alles ihm von den Kindern erzählte die er verloren hatte, da wurden die Augen des letzten der Condés feucht und glänzend.

– Du bist sehr glücklich in Deinem Unglück, sagte er; die Armuth hat Dir die Kraft gelassen Dich mit diesen letzten, erdrückenden Tröstungen zu nähren; ich bin ein Prinz, ich besitze Millionen und ich beneide Dich. Siehst Du dort? fügte er hinzu, indem er mit dem Finger auf ein hohes, düsteres Gemäuer zeigte das zwischen den Bäumen des Horizonts emporragte.Das ist Vincennes. Nun wohl! seit drei Jahren suche ich in meiner Seele vergebens den Muth auf einen Stein seiner Gräben niederzuknieen. Gleichwohl will ich es thun; es scheint mir als ob meine Seele Erleichterung finden würde, wenn ich diese Mauern berührte auf denen seine letzten Blicke geweilt; aber so oft ich mich zu nähern versuche, entfliehe ich mit Entsetzen.

Der alte Condé blieb einige Augenblicke stumm und nachdenklich stehen; endlich! hustete er geräuschvoll um seine Aufregung zu ersticken.

– Hebe dieses Geld auf, fuhr er fort; Du kannst dafür Deiner armen Todten ein Grab geben, was seit einem Vierteljahrhundert vielen Großen der Erde gefehlt hat; in Bezug auf Dein Haus kannst Du ruhig sein, man wird es in Zukunft respectiren.

Franz Guichard ergriff die Hand welche der Prinz ihm hinbot, und bedeckte sie mit seinen Küssen und seinen Thränen.

– Gnädig Herr, sagte er, was kann ich thun um Ihnen meine Dankbarkeit zu beweisen?

– Wenn Du für die Deinigen betest, antwortete der alte Prinz, so mische den Namen des Herzogs von Enghien unter die Namen Deiner Kinder; das ist Alles was ich von Dir verlange.

Der Fischer wollte sich entfernen, der Prinz von Condé rief ihn zurück.

– Einen Augenblick, sagte er; ich habe Dir den Boden geschenkt auf welchem Du kraft Deines revolutionären Rechtes ein Häuschen zu bauen Dir erlaubt hattest.

Da dieser Boden mir gehörte, so habe ich blos von meiner Gewalt als Eigenthümer Gebrauch gemacht; aber Du hast meine Aufseher durchgeprügelt, Du hast einen Gerichtsdiener halb ersäuft, und dafür bist Du Genugthuung schuldig.

– Was verlangen Ew. Hoheit von mir?

– Daß Du mir die Schnepfe wiederfindest welche dieser Einfaltspinsel von Simonneau verloren gehen ließ. Du siehst, ich bin kein sehr strenger Richter.

Franz Guichard begann den Vogel zu suchen und fand ihn auch wieder.

So wurde der Fischer rechtmäßiger Eigenthümer des Häuschens und des Gehäges bei der Fähre von Varenne.

Das so eben erzählte Ereigniß nahm fortan in den Erinnerungen des Franz Guichard einen ähnlichen und gleichbedeutenden Platz ein wie die Belagerung von Mainz bereits darin behauptete; es schloß die Reihenfolge von Erlebnissen welche den ersten Theil seiner Existenz bezeichnet hatten.




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