Der Rekrut
Hendrik Conscience




Hendrik Conscience

Der Rekrut





Der Verfasser an seine Freunde




    Antwerpen, den 15. November 1849.



Achtbare Leser und Leserinnen.


Ihr, meine guten Freunde, die Ihr dem Autor treu geblieben seid, so sehr auch aufgeregte Leidenschaften seinen Namen herabzusetzen suchten, ich bring Euch heute eine gute Nachricht.

Ich bin recht krank gewesen.

Mein Geist war ermüdet, meine Seele gedrückt, mein Körper ohne Kraft. Ich, von Gott zum Mindesten mit Muth und einem umfassenden Lebensgefühl ausgerüstet, versank in die tiefste Mutlosigkeit und fühlte mit Entsetzen, wie ein schleichendes Gift – vielleicht der Haß gegen das Menschengeschlecht – in meine beklommene Brust eindrang.

Habe ich nicht – zum ersten Mal in meinem Leben – in dieser unbegreiflichen Zeit – alle Leidenschaften nackt und frech in ihrem Wirken gesehen? Suchte sich nicht das größte Uebel – das Laster – durch den Kampf zu rechtfertigen, so wie der Mord durch den Krieg gerechtfertigt ist? Und dann, die heiligste Sache – die Sache von Flandern's Erhebung? Das Streben meiner Jugend, die Arbeit meiner Manneskraft?. . . Aber schweigen wir davon! Ich trage eine Wunde im Herzen und will sie nicht von Neuem aufreißen. – Sprechen wir lieber von süßen Erinnerungen.

Drei Monate habe ich auf der Haide zugebracht: dort kehrt die Seele in sich selbst zurück und genießt der Ruhe; dort fingt Alles von stillem Frieden; dort wirft der Geist – Gottes ursprünglicher Schöpfung gegenüber – die Fesseln des Alltagslebens von sich, vergißt die Gesellschaft und ersteht zu neuer Jugend; dort nimmt jeder Gedanke die Form des Gebetes an; dort entfällt dem Herzen Alles, was mit der frischen Ungezwungenheit der Natur nicht im Einklang steht.

Ja, dort findet das erschlaffte Gemüth Befriedigung, dort gelangt der abgelebte Mensch zum Gefühl einer neuen Jugendkraft.

So sind die Tage meiner Krankheit verlaufen, Tage von unnennbarem Genuß für meinen Geist. Die Tonne begrüßen, sobald sie In voller Majestät ihre ersten Strahlen über den Horizont sendet; die Natur belauschen, wenn sie die ersten Noten ihres großen Lobgesanges gen Himmel sendet; Wiesen und Wälder durchwandet; meine eigene Seele befragen und denken; das Leben der Kräuter und Thiere ergründen und bewundern, die reine Luft mit vollen Zügen einathmen, gehen und wiederkehren, und laut in der Einsamkeit sprechen; dazu von unbegreiflich schönen Dingen träumen! von Gott und der Zukunft, von Flandern – von Friede und der Liebe! Und des Abends! Sich an den alten Kamin niedersetzen, die Füße in die Asche gestreckt, das Auge gegen die Sterne gerichtet, die dort oben durch den Schornstein mir entgegenleuchten, als wollten sie mich jetzt schon zu sich rufen; – oder auch in Gedanken versunken ins Feuer sehen und die Flammen bewundern, wie sie entstehen, wild umherflimmern, knistern, sich mit Neid verdrängen und dann mit feurigen Zungen die Kessel belecken, – und dazu denken, das ist des Menschen Leben: geboren werden, arbeiten, lieben, hassen, groß werden und vergehen. Damit fliegt der Rauch zum Schornstein hinaus und macht dem wilden Treiben ein Ende!

Und dann aus diesem Traume aufwachen und den Dorfbewohnern ihre Gespräche ablauschen. Eine kleine, enge Welt, mit ihren naiven Schwächen und Leidenschaften verfolgen; im Herzen des Menschen lesen und seine innersten Beweggründe erforschen; – und sich an diesem einfachen Landleben erfreuen, welchem die Natur so frische Farben leiht.

Inzwischen im Gedächtniß bezeichnen, was ich meinen Freunden wiedererzählen will, um ihnen bei meiner Rückkehr einige Geschenke aus der Campine anbieten zu können . . .

Jetzt bin ich mit meinen Geschenken hier; es sind bescheidene Kränze, die ich, halb im Traume, aus Haidekraut und Kornblumen für Euch geflochten habe.

Vielen von Euch, geliebte Leser, werden diese stillen Dorfbilder nicht gefallen. Einfach wie der Grund, dem sie entwuchsen, stehen sie in schroffem Widerspruche zur herrschenden Mode: sie sind kein Gemenge von Mord und Diebstahl, von Ehebruch und Unzucht, von Unglauben und Verzweiflung; sie machen nicht, daß dem Leser aus Schreck vor seiner eigenen Tugend und der Zukunft der Menschheit die Haare zu Berge stehen. Nein, nein, sie sind nicht von dem Satan des Hasses und des Frevels eingegeben. Die Natur in ihrer makellosen Frische hat sie aus einem einfachen Stoff gewebt, worin nur hier und da eine helle Perle der Menschenseele glänzt. Um meine Gabe gehörig zu schätzen, muß man nicht alle Illusion verloren haben, denn sie berührt die edelsten Saiten des menschlichen Herzens, die Lebenslust und die Liebe zu Gott und den Mitmenschen, welche erst durch den Fluch der Gewinnsucht und des Egoismus verstummen.

Indem ich so, meine Leser und Leserinnen, die Verpflichtung übernehme, Euch die Ergebnisse zu erzählen, welche ich auf der Haide selbst hinter dem traulichen Kamine vernommen habe, dürft Ihr nur eine getreue Schilderung des Stilllebens dieser Haidebauern erwarten und mir verzeihen, daß ich mit so geringen Mitteln ein ganzes Buch füllen will.

Euch, meine flämischen Freunde, sende ich so in diesem Rekruten die erste Blume aus meinem Kranze, möge Euer günstiges Urtheil mich belohnen und mir den Muth verleihen, mit der Zeit mein Versprechen gänzlich zu lösen.




I


Die junge Frühlingssonne stand in vollem Glänze auf ihrer blauen Himmelsbahn. – Als wäre sie das majestätische Gesicht der Gottheit, die mit lächelndem Blicke der Schöpfung zuriefe. »Auf! Auf! der Winter ist vorüber, erwache zu neuem Leben, und erfreue dich meines Anblicks« – so milde leuchtete sie über Feld und Haide, und erfaßte den nackten Boden mit der Gluth ihrer Strahlen.

Noch hatten nur wenige Blumen den Ruf der Weltfreundin vernommen , das Schneeglöckchen allein bewegte seine silbernen Sternchen, der Haselbusch entfaltete seine zitternden Zweige, die Wald-Anemone öffnete furchtsam ihre zarten Blätter; aber die Vögel flatterten in dem heitern Lichtstrome, und sangen mit heller Stimme von der nahenden Liebeszeit . . .

Nicht weit von Zoerselbosch standen einsam und vergessen zwei Lehmhütten neben einander, in der Einen wohnte eine arme Wittwe mit ihrer Tochter; eine Kuh war Alles was sie in der Welt besaßen,; in der andern Hütte lebte gleichfalls eine Wittwe, mit ihrem uralten Vater und zwei Söhnen, von welchen nur der Eine die Jünglingsjahre erreicht hatte. Sie waren vom Geschicke gesegneter als die Nachbarn, den sie besaßen einen Ochs und eine Kuh, und hatten viel mehr Feld in Pacht, doch bildeten die Bewohner dieser beiden Hütten seit langen Jahren eine einzige Familie, deren sämmtliche Glieder sich liebevoll unterstützten, wo es immer nöthig war. Jan und sein Ochs arbeiteten auch auf dem Felde der armen Wittwe, Trien holte auch das Futter für den Ochsen, und half den Nachbarn in der Feldarbeit, ohne daß es ihnen jemals in den Sinn gekommen wäre, wer für den Andern am Meisten gethan.

Schlicht ja unbekannt mit dem Treiben des wogenden Menschenschwarmes lebten sie zufrieden von dem Stücke Roggenbrod, das ihnen Gott beschied. Ihre Welt hatte enge Grenzen, auf der einen Seite das Dorf und seine niedere Kirche; auf der Andern die unermeßliche Haide und der weite Horizont.

Und doch lachte und jubelte Alles in der einsamen Behausung und der nächsten Umgebung; die Freude herrschte darin in vollem Maße, und keiner dieser armen Leute hätte sein Loos gegen ein scheinbar Besseres vertauscht.

Denn der Liebe goldener Zauberstab hatte auch die Wüste berührt. Jan und Trien – sie wußten es nicht – liebten sich, mit dem unausgesprochenen und schüchternen Gefühle, das bei dem geringsten Vorfall die Herzen zu höherem Schlage bringt; das bei dem geringsten Worte die Stirne verklärt, das das Leben umändert in einen langen Traum, der den Himmel mit allen seinen Sternen eröffnet, und die Herzen in das erste Paradies der Menschheit zurückführt.

Arme Leute! sie dachten nicht an die große Gesellschaft, die draußen in den Städten sich herumtreibt, sie glaubten sich auch von ihr vergessen, und lebten voll Vertrauen in ihrem schönen und süßen Elende fort. Da kam man plötzlich um von der Lehmhütte den Blutzoll zu fordern, der einzige junge Mann, der darinnen wohnte, der einzige der stark genug war, die undankbare Erde durch seinen Schweiß zu befruchten, sollte loosen und Soldat werden; wenn seine bebende Hand eine unglückliche Nummer zog – dann mußte er seiner Haide, seiner Mutter, seiner Freundin auf lange, vielleicht auf immer Lebewohl sagen, und seine stille unschuldige Seele allen Gefahren eines wüsten Kriegslebens aussetzen.

Der verhängnißvolle Dienstag, welchen Trien in ihrem Kalender für 1833 mit einem schwarzen Kreuz bezeichnete, war gekommen. Der junge Mann zog mit einem Dutzend Kameraden aus dem Dorf nach Brecht um dort zu loosen.

Drinnen lagen die beiden Mütter und das Brüderchen vor dem Muttergottesbilde, mit aufgehobenen Armen, und beteten inbrünstig. Der alte Großvater ging auf und ab ohne eine Wort zu sprechen, und blieb endlich vor der Thüre stehen, die Hand auf den Weinstock gestützt und das Haupt zur Erde gebeugt, als ob er in ein Grab schaute.

Das Mädchen stand in dem Stalle vor ihrer Kuh, blickte ihr trübe und unverwandt in die Augen, und streichelte ihren Hals, als wollte sie das arme Thier über das neue Unglück trösten.

Ueber beide Hütten hing wie ein Trauerflor eine melancholische Stille, die nur dann und wann das dumpfe Gebrüll des Ochsen unterbrach.

Da nahte Trien und blickte den Großvater mit stummer Bitte an.

Der Greis erwachte aus seiner peinlichen Betrachtung, ergriff einen knotigen Stab, und sprach zu dem Mädchen: »Verliere den Muth nicht Trien, Gott wird uns in dieser schrecklichen Noth beistehen. Kommt, die Stunde ist nah, wir wollen dem armen Jan entgegengehen!«

Trien folgte dem Großvater auf einem Stege, der an dem Hause vorbei zum Dorfe führte. Obgleich eine brennende Ungeduld sie fortzog, ging sie doch mit trägen Schritten hinter ihm, der Greis kehrte sich nach dem Mädchen um, und bemerkte ihren unsicheren Schritt und ihre bleichen Wangen. Gerührt erfaßte er sie bei der Hand, und sprach: »Armes Kind, du hast unseren Jan doch recht gerne, er ist nicht dein Bruder, und doch bist du noch trauriger als wir. Fasse dich Trien, du weißt noch immer nicht, was Gott beschlossen.«

»Ich habe Angst,« schluchzte das Mädchen zitternd und mit stieren Blicken in das Gebüsch sehend.

»Angst?« wiederholte der Alte, der gerne die Ursache von des Mädchens Schrecken entdeckt hätte.

»Ja, ja,« schluchzte Trien, und bedeckte ihr Gesicht mit der Schürze, »es ist um uns geschehen, er hat eine böse Nummer gezogen.«

»Wie kannst du das wissen; du machst mich vollends beben,« sprach der Großvater mit unsicherer Stimme.

Das Mädchen wieß mit dem Finger weit über den Baumweg hin, und antwortete: »Dort hinter dem Walde, horcht!«

»Ich höre nichts; sputen wir uns lieber, es werden die Rekruten sein. – Um so besser.«

»Gott, Gott,« schrie das Mädchen, »ich höre eine Stimme, so ängstlich und so trüb, es ist als ob ein tiefer Seufzer in meine Ohren gellte.«

Eine Weile starrte der Alte besorgt das Mädchen an, die fernen Tönen zu lauschen schien. Auch er suchte den fernen Laut zu vernehmen , doch bald sagte er mit lächelnder Miene:

»Dummes Mädchen, es ist der Wind, der durch die Zweige rauscht.«

»Nein, nein,« antwortete das Mädchen, »es kommt weit hinter dem Walde her, hört ihr die klagende Stimme nicht?«

Nach einem Augenblick antwortete der Alte: »Jetzt weiß ich was du sagen willst. Es ist der Hund vom Pachter Claes, der über einen Todten heult, die Pächterin, die die Auszehrung hat, wird diese Nacht gestorben sein. Gott sei ihrer armen Seele gnädig!«

Das Mädchen, welchem bei der Aufregung ihres Gemüths das nahe Geheul als die Anzeige eines sicheren Unglücks erschienen war, erkannte ihren Irrthum, sie wischte die Thränen aus ihren Augen, und folgte dem Alten mit schnelleren Schritten, und stillschweigend bis dieser zu ihr sagte: »Aber Trien, wenn du so untröstbar bist, was muß seine Mutter, was muß ich sein Großvater dazu sagen, wir haben ihn mit sorgender Mühe aufgezogen und lieben ihn wie unseren Augapfel. Jetzt sind wir alt und schwächlich, er sollte für uns in unseren schlimmen Tagen arbeiten, und wenn Gott seinen guten Engel nicht gesandt hat, um ihm die Hand zu lenken, so muß er jetzt ins Militär und uns der Noth überlassen.«

Bei diesen Worten brach das Mädchen in einen neuen Thränenstrom aus. Sie antwortete fast ärgerlich: »Ja, Vater, ihr habt recht, allein ich habe auch rüstige Arme und wenn ihr nicht mehr könnt, so will ich wohl den Ochsen auf das Feld führen, und alle grobe Arbeit allein thun; aber mein armer, armer Jan, nichts hören als fluchen und schwören, und Prügel kriegen, und im Loch sitzen und Hunger leiden, und auszehren vor Verdruß, wie der arme Paul, den sie vor 4 Monaten zu Tode gemartert haben, und Niemanden mehr sehen, von Allen die ihn auf der Erde liebten, weder dich, noch seine Mutter, noch sein Brüderchen, noch. . . niemand, als die wüsten, bösen Soldaten.«

»Sprich so nicht, Trien,« sagte der Alte kümmerlich, »deine Worte schmerzen mich, warum so bitter geklagt, du weinst als ob du an seinem Unglücke nicht zweifeltest! Ich denke noch immer, daß ihm das Loos günstig war, ich habe Vertrauen in Gottes Güte.«

Die Thränen des Mädchens flossen wieder reichlich, doch antwortete sie nicht, und beide gingen still fort, bis sie das Dorf erreichten.

Auf dem Wege, den die Rekruten von Brecht zurückkommen mußten, standen viele Menschen, in Gruppen vertheilt, die Alle mit Ungeduld auf den Ausgang der Ziehung warteten; es war sehr leicht diejenigen zu erkennen, die in Brecht einen Bruder oder Liebhaber hatten; hier sah man eine Mutter, die Schürze vor den Augen, dort einen Vater, der mit Gewalt die Angst verbergen wollte, die doch auf seinem Gesichte zu lesen war; dort ein Mädchen mit bleichen Wangen und schüchternem Blicke, von einer Gruppe zur anderen laufend, als wäre sie von einer unnennbaren Angst verfolgt.

Viele Andere, welche die bloße Neugierde hergezogen hatte, schwatzten und scherzten mit lauter Stimme. Der alte Schmidt, der vor Zeiten unter den kaiserlichen Dragonern gedient hatte, lobte das Soldatenleben, und fand ein williges Echo in des Müller's versoffenem Sohn, der elf Monate lang Soldat gewesen, und seitdem sein elterliches Vermögen zur Hälfte vertrunken und vergeudet hatte. Der Schmidt that dies nicht in schlechter Absicht; er dachte vielmehr seine traurigen Freunde um ihn durch derlei prächtige Schilderungen aufzuheitern, und rief einmal um das andere:

»Alle Tage Suppe und Fleisch, viel Geld, gutes Bier, nette Mädchen, dazu tanzen und springen und fechten, daß einem die Fetzen vom Leibe fliegen: das nenn' ich das wahre Leben! Ihr kennt das Zeug nicht!«

Doch seine Worte hatten gerade die umgekehrte Wirkung; die Thränen der Mütter floßen um so reichlicher, und manches Gemüth wurde erst recht verstört.

Trien konnte sich nicht länger halten; der lose Scherz hatte sie tief gekränkt; mit drohender Faust sprang sie auf den Spötter und rief:

»Pfui, du häßlicher Schmidt! Du willst wohl alle zu Trunkenbolden machen, wie du einer bist! oder zu Fluchhelden, wie der Landstreicher, der von den Soldaten nichts gelernt hat als in Saus und Braus leben und seine Alten unter die Erde bringen!«

Des Müller's Sohn richtete sich zornig auf, und wollte schon mit dem Mädchen handgemein werden – da rief man von der andern Seite des Wegs: »Da sind sie! Da sind sie!«

Wirklich waren die Rekruten hinter dem Wald erschienen, und kamen jetzt heran, singend und jauchzend, daß die Luft davon erschallte. Einige schwenkten ihre Hüte und Mützen hoch, und sie hatten sammt und sonders das Ansehen, als kämen sie von einer Kirmeß etwas angeriffen zurück. Aber wer da sang und guter Dinge war, wer schwieg und Kummer hatte, war noch nicht zu sehen.

Sobald die Rekruten sich dem Wege näherten, liefen ihnen Blutverwandte und Freunde von allen Seiten entgegen. Der alte Großvater konnte so schnell nicht gehen, obschon Trien ihn bei der Hand fortzog. Endlich konnte sie ihre Ungeduld nicht mehr bemeistern, und während hinter ihr Mutter und Schwestern einige Rekruten umhalsten, ließ sie die Hand des Alten fahren, und rannte so schnell sie konnte, voraus. In der Hälfte ihres Laufs hielt sie plötzlich inne, als ob sie eine unbekannte Kraft gelähmt hätte. Sie wankte zur Seite, legte ihren Kopf gegen einen Baumstamm und weinte.

Der Alte holte sie ein und frug:

»Ist denn Jan nicht da, daß du stehen bleibst, Trien?«

»Gott, Gott, ich werde schier sterben,« rief das Mädchen. »Seht! da kommt er weit hinter den Anderen, mit trübem Blick und hängendem Kopf: – er ist halb todt, der Arme!«

»Vielleicht ist er von der Freude überwältigt, Trien.«

»Was seid ihr glücklich, Vater,« schluchzte das Mädchen, »daß ihr nicht mehr scharf seht!«

Inzwischen näherte sich Jan dem Platz, wo er seinen Großvater erblickte, und ging mit lässigen Schritten auf ihn zu.

Trien ging ihm nicht entgegen; statt dessen verbarg sie ihren Kopf hinter dem Baum und schluchzte.

Der Jüngling faßte den Greis bei der Hand, wies ihm eine Nummer , und sagte mit dumpfer Stimme:

»Vater, das Loos hat mich getroffen!«

Dann ging er auf das Mädchen, eine Thränenfluth stürzte aus seinen Augen:

»Trien! Trien!«

Weiter konnte er nicht, die Stimme erstickte in der Kehle.

Der alte Mann war zu sehr angegriffen um ein Wort zu sprechen oder einen Gedanken zu bilden; während einige Thränen über seine Wangen rollten, richtete er stumm seine Blicke auf die Erde.

Diese Stille wurde erst durch den schmerzlichen Ruf Jans unterbrochen:

»O, meine Mutter! meine arme Mutter!«

Dieser Ruf weckte in dem Geist des Mädchens einen neuen Entschluß, denn sie war ein edles und starkes Geschöpf. So lange sie im Zweifel war, hatte sie geweint; doch jetzt mit der Sicherheit des Unglücks und dem Gefühl einer hohen Verpflichtung gewann sie die ihr eigene Gemüthskraft wieder. Sie richtete ihren Kopf auf, wischte sich die Thränen aus den Augen und sagte gelassen:

»Jan, lieber Jan, Gott hat es so beschlossen; wer kann etwas gegen seinen Willen? Du bleibst doch noch Ein Jahr, vielleicht gibt es noch Mittel und Wege. Laßt mich gehen; ich will es auch der Mutter melden. Brächte ihr ein Anderer die Nachricht, sie stürbe vielleicht vor . . .«

Mit diesen Worten sprang sie über den Weg quer durch den Wald und verschwand.

Der Alte und der unglückliche Rekrut gingen den längeren Weg durch das Dorf. Sie hörten singen, schreien und jauchzen, waren aber in ihre Trauer zu tief versenkt, um auf den Lärm Acht geben zu können.

In der Nähe ihrer Wohnung fanden sie Trien, die ihnen mit den beiden Frauen und dem Brüderchen weinend entgegenkam.

Der junge Mann sah seine Geliebte mit einem Blick voll Dankbarkeit an; denn das Gesicht seiner Mutter zeigte ihm, daß das Mädchen der leidenden Frau einen Hoffnungsstrahl gezeigt haben müsse.

Durch diesen Anblick gestärkt, bezwang auch er seinen Schmerz und lief mit offenen Armen auf seine Mutter.

Diese Begegnung war zuerst bitter, und Thränen floßen noch einige Zeit; allmählich verschwand die Trauer, und, es wurde wieder Friede in den Hütten der beiden Wittwen.




II


Die Stunde der Abreise ist erschienen! Da, vor den Hütten steht ein schöner junger Mann, den Stock über die Schulter geworfen und den Bündel auf dem Rücken. Seine sonst so lebendigen Augen irren langsam umher, sein Angesicht ist ernst und Alles scheint Gemütsruhe in ihm zu verrathen; obgleich das Herz ihm heftig klopft und seine Brust schwere Athemzüge schwellen und krampfhaft bewegen.

Seine Mutter hält eine seiner Hände fest und überhäuft ihn mit den wärmsten Liebesbezeugungen; die arme Frau weint nicht: ihre Wangen beben unter der Gewalt, die sie sich anthut um ihren Schmerz zu verbergen. Sie lacht ihrem Kind zu um es zu trösten; aber dies Lächeln, erzwungen und peinlich, ist entsetzlicher noch als die bitterste Klage.

Die andere Wittwe ist beschäftigt den kleinen Knaben zu beschwichtigen und ihm weiß zu machen, daß Jan bald zurückkommen wird; aber das Kind hat, bei der jahrelangen Trauer seiner Eltern schon begriffen, daß der Abschied ein schreckliches Unglück ist, – und es schreit nun aus vollem Halse.

Der Großvater und Trien sind drinnen, um die letzten Zubereitungen zur Reise fertig zu machen: sie höhlen ein Festbrod aus und füllen es mit Butter. Dann kommen sie mit dem Reiseproviant vor die Thüre und bleiben bei dem Jüngling stehen.

Der Stall ist offen; der Ochs schaut traurig nach seinem Herrn hin und brüllt einmal um das andere ganz schwermüthig; man sollte sagen, daß das Thier begreift was da vorgeht.

Alles ist bereit: er ist auf dem Punkte fortzugehen. Schon hat er die Hand seiner Mutter fester gedrückt und einen Fuß vorausgesetzt; da schlägt er noch einmal sein Auge rund umher, umfaßt in einem langen Liebesblick die niedere Hütte wo seine Wiege stand, die Haide und die Wälder, welche die Zeugen seiner Kinderspiele waren und die magern Felder, die sein jugendlicher Schweiß so oft schon befeuchtet! Hierauf fällt sein Auge der Reihe nach auf Alle die er liebt, bis auf den Ochsen, seinen treuen Gefährten in der sauren Arbeit er verbirgt das Gesicht in seine Hände und zerdrückt die Thräne, welche über seine Wange rollt und schluchzt mit kaum hörbarer Stimme: »Lebet wohl!«

Dann hebt er sein Haupt wieder empor, schüttelt seine langen Haare und schreitet mit Entschlossenheit fort.

Doch Alle folgen ihm; noch wollen sie ihn nicht verlassen. Nicht weit vom Dorfe, am Kreuzwege, hängt ein Muttergottesbild unter dem Lindenbaume. Trien hat es an einem schönen Maiabend dorthin gehängt und Jan an dem Fuß des Baumes einen Betstuhl gezimmert. An dieser heiligen Stätte, wo jeden Tag Einer von den guten Leuten ein Dank- oder ein Bitt-Gebet zu Gott empor steigen läßt, soll ihren bebenden Lippen das letzte Lebewohl entschlüpfen . . .

Schon sehen sie in der Ferne den Lindenbaum und bereiten sich zum letzten Abschied vor. Der Jüngling mäßigt seinen Schritt, während seine Mutter mit herzlichen Liebkosungen zu ihm spricht:

»Jan, liebes Kind, vergiß nicht was ich dir empfohlen habe. Halte Gott stets vor Augen und unterlasse nie vor dem Schlafengehen zu beten. So lang du dies thust, wird dein Herz rein bleiben; und solltest du einmal dein Gebet vergessen haben, so denk den andern Tag an mich, deine Mutter, und du wirst wieder brav werden; wer an Gott und seine Mutter denkt hat einen Schirm gegen jedes Uebel, lieber Sohn.«

»Ich will immer, immer an euch denken Mutter,« schluchzte der Jüngling, »und wenn ich traurig bin und der Muth mich verläßt, wird die Erinnerung an euch mich stärken und trösten; – denn ich werde, das fühle ich wohl, unglücklich sein: ich seh euch gar zu gerne.«

»Und dann mußt du nicht fluchen, hörst du wohl, und nicht liederlich leben, du wirst in die Kirche gehn, nicht wahr? und uns so oft als möglich über deine Gesundheit benachrichtigen und stets denken, daß ein Wort von dir, deine Mutter glücklich macht, nicht wahr? o ich werde jeden Tag ein Gebet an deinen Schutzengel richten, auf daß er dich nicht verlasse.«

Die sanften Laute seiner Mutter rührten den Jüngling tief; er traute sich nicht sie anzublicken, denn in diesem feierlichen Moment hätte ihn das feuchte Auge seiner Mutter zu sehr ergriffen; so hörte er sie mit gesenktem Haupte an. Seine einzige Antwort bestand in einem festeren Händedruck und einem langen Seufzer, der die Worte »Mutter, liebe Mutter« fast erstickt.

Sie nahten schweigend dem Kreuzwege, der Großvater begab sich an die andere Seite des Jünglings und sagte mit ernster Stimme: »Jan, mein Sohn, du wirst deine Pflichten erfüllen ohne Widerwillen und mit Liebe, nicht wahr? deinen Vorgesetzten gehorsam sein und mit Geduld selbst eine Ungerechtigkeit erleiden, die sie dir zufällig angethan hätten? jedem gefällig und dienstfertig sein? guten Willen zeigen und Alles thun was dir auferlegt wird? dann wird Gott dir, beistehen und Vorgesetzte und Kameraden werden dich lieben« . . .

Trien mit ihrer Mutter und dem Kleinen waren schon unter dem Lindenbaum auf dem Gras an der Bank knieend und beteten.

Jan hatte die Zeit nicht dem Großvater auf seine Empfehlungen zu antworten; seine Mutter zog ihn an die Bank.

Jetzt knieen sie Alle nieder und beten mit aufgehobenen Händen . . .

Der Wind rauscht durch die Zweige des Lindenbaums, die Frühlingssonne scheint milde auf den sandigen Weg, die Vögel in den Lüften fingen ihr fröhliches Lied; und doch ist Alles ruhig und feierlich, während sie ihr frommes Gebet flüstern . . .

Es ist vorbei; sie stehen Alle auf; doch ihre Augen sind in Thränen gebadet. Die Mutter umhalst ihr Kind unter bitteren Klagen und obgleich die andern mit offenen Armen bereit stehen um Abschied zu nehmen, läßt sie ihren theuren Sohn doch nicht von sich; sie küßt ihm die Thränen von den Wangen und murmelt unverständliche Worte vor Kummer und vor Liebe.








Endlich setzt sich die ermattete Wittwe, die trotz ihrer Erschöpfung noch immer weint, auf die Bank nieder.

Jan umhalst hastig seinen Großvater und Trien's Mutter; schiebt das weinende Brüderchen, das sich um seine Beine geklammert hatte, freundlich von sich, lauft dann noch zu seiner Mutter, küßt sie auf die Stirne und ruft mit schneidender Stimme: »Lebewohl!« und geht ohne sich weiter umzusehen, auf das Dorf. Bald hat ihn ein naher Busch dem Blicke seiner Eltern entzogen.

Trien, die das Festbrod unter dem Arme trägt, kann ihm kaum folgen.

Einige Zeit gehen die beiden jungen Leute neben einander ohne zu sprechen; ihre Herzen klopfen heftig, eine tiefe Schamröthe bedeckt Beider Stirnen und Wangen, sie wagen es nicht aufzusehen. Feierliche Stunde, in der zwei Seelen vor einem Bekenntniß beben, welches ihnen ein heilig bewahrtes Geheimniß enthüllen soll!

Jan sucht schüchtern Trien's Hand, und faßt sie; doch als ob diese Berührung ein Verbrechen wäre und diese Hand ihn brennte, läßt er sie los und zittert.

Doch nach einer Pause ergreift er sie wieder und spricht mit einem tiefen Seufzer:

»Trien, werdet ihr mich nicht vergessen?«

Thränen waren des Mädchens einzige Antwort.

»Werdet ihr warten, bis Jan vom Militär zurückkommt,« fragte der Jüngling wieder, »darf er wenigstens diesen Trost mitnehmen um nicht vor Kummer zu sterben?«

Das Mädchen heftet seine großen, blauen Augen auf ihn; der lange, sehnsüchtige Blick, den es auf ihm ruhen läßt, dringt wie ein Sonnenstrahl in sein Herz und läßt es in früher nie gekannter Seligkeit schwelgen.

Bewußtlos steht er einen Augenblick da, er weiß nicht wie es kam, doch haben seine brennenden Lippen die Stirne des Mädchens berührt. Dann wich er scheu zur Seite und schlang seinen Arm um einen Eichenstamm.

Dort vor ihm strahlt das Gesicht der Geliebten im keuschen Feuer des Liebesglücks; er legt sich die Hand aufs Herz, das ihm jetzt in wildem Pochen die Brust fast zersprengt; und doch ist eine unaussprechliche Wonne auf seinem Gesicht zu lesen; seine Augen leuchten, er hebt den Kopf stolz in die Höhe, es schien, daß der einzige Blick der Geliebten ihn mit Riesenkraft und Riesenmuth begabt hatte.

Da tönte hinter dem Gehölze eine bekannte Stimme, es naht Jemand, der ein fröhliches Lied sang . . .

Es war des Kartoffelbauers Karl, der auch mitziehen mußte und sich ins Dorf begab.

Trien that sich Gewalt an um ihre Rührung zu verbergen. Aus ihren süßen Träumen geweckt, warf sie einen flüchtigen Blick auf ihren Freund, um ihn zum Fortgehen zu bewegen, auf daß nicht Karl ihn erreiche und ein fremdes Auge lese, was in ihrer Seele vorging.

Doch Karl schritt schnell voran um seinen Kameraden einzuholen, Trien bemerkte es wohl und sagte schnell.

»Jan, wenn ihr fort seid, werde ich allein für eure Mutter, euren Großvater und euer Brüderchen sorgen; ich werde das Feld pflügen und auch den Ochsen pflegen, daß ihm nichts abgeht. Ich bin dazu stark und gesund genug und ihr sollt bei eurer Zurückkunft Alles wiederfinden, so wie ihr es bei eurem bitteren Abschiede gelassen habt.«

»Alles,« wiederholte der Jüngling, ihr tief in die Augen blickend, »Alles?«

»Ja, Alles, so lang ihr wegbleibt, will ich nicht auf die Kirmeß; ohne euch ist mir doch Alles gleichgültig. Aber . . .ihr müßt auch nicht thun wie der häßliche Schmidt euch rieth, vom Trinken und den netten Mädchen, denn wenn ich das wüßte, so läge ich lieber im Kirchhof . . .«

In diesem Augenblick legte Karl seine schwere Hand auf Jan's Schulter und sang zum Scherz mit trauriger Stimme:

		»Gott, schöner Schatz, was ist das Herz mir schwer,
		Ich soll jetzt fort von dir zum Militär,
		Adieu, vergiß mein nicht!«

Das Mädchen wurde schamroth. Jan, der ihre Verlegenheit bemerkte, antwortete lachend auf den Scherz des Kameraden und faßte ihn beim Arm um mit ihm gegen das Dorf zu ziehen. Trien folgte schweigend.

Wie sie in das Dorf kommen, finden sie vor der Krone noch drei junge Leute mit dem Ranzen auf dem Rücken, die auf die Ankunft von Jan und Karl warteten.

Ein Jeder küßt seine Eltern und Freunde. Trien allein küßt Niemanden; aber in den verstohlenen Blick, den sie mit Jan austauscht, indem sie ihm das Festbrod giebt, liegt ein rührendes Einverständniß ihrer Seelen.

Die Rekruten ziehen nach der Stadt.

Trien verläßt das Dorf ohne zu weinen, doch am kleinen Gehölz geht ihr das Herz über, sie kehrt mit der Schürze vor den Augen zur Hütte zurück, wo jetzt Alles so leer ist und vom Sohn und Geliebten die Erinnerung des traurigen Abschiedes übrig bleibt.




III


An einem schönen Augustmorgen verließ Trien hüpfend und tanzend das Dorf um heimzukehren; ihr Gesicht verrieth durch seine süße Miene Fröhlichkeit und Eile; leichten Schrittes ging sie über den staubigen Weg, und von Zeit zu Zeit entschlüpften unvernehmliche Laute ihrer tiefathmenden Brust, als spräche sie mit sich selbst.

In der einen Hand hielt sie zwei große Blatt Schreibpapier, in der anderen eine geschnittene Feder und ein Fläschchen voll Tinte, die ihr der Küster geschenkt hatte.

Unterwegs begegnete ihr die schöne Kaet (Katherine) des Holz- schuhmachers, die, singend und einen Bündel Klee auf dem Kopfe tragend, aus einem Seitenwege trat und ihre Freundin mit der Frage anhielt: »He, Trien, wo lauft ihr denn mit dem Papier hin? Was seid ihr eilig, es brennt doch nirgends? – Sagt, wie steht es mit eurem Jan?«

»Ja, mit unserm Jan,« antwortete Trien, »das weiß der Herrgott, liebe Kaetje. Seit er von hier weg ist, haben wir dreimal von ihm Nachricht erhalten, daß er wohl auf war. Jetzt aber ist es sechs Monate her, daß ein Kamerad von Turnhout in der Krone eine Botschaft von ihm für uns zurückließ; es mag auch schwierig sein, denn er steht irgendwo über Maestricht hin, und von dem fernen Ort gibt es hierher nicht alle Tage Gelegenheit.«

»Kann er denn nicht schreiben, Trien?«

»Er hat es wohl gekonnt, und als wir als kleine Kinder zusammen zum Küster in die Schule gingen, hat er fürs Schönschreiben sogar einen Preis bekommen. Doch wird er es jetzt vergessen haben, so gut wie ich.«

»Und was wollt ihr mit dem Papier thun?«

»Ja seht, Kaet, seit zwei Monaten habe ich mein altes Schreibbuch wieder aus der Kiste geholt und mich von neuem im Schreiben geübt. Jetzt will ich's versuchen, ob ich einen Brief fertig kriege. Ob es geht, weiß ich zwar nicht. Habt ihr in eurem Leben schon einen Brief geschrieben?«

»Nein, aber ich habe schon viele lesen hören, denn mein Bruder Dries, der in der Stadt wohnt, schreibt uns fast alle Monat Einen.«

»Und wie sieht das aus, so ein Brief? was steht darin? ist es als ob man mit Jemand spricht?«

»Bei weitem nicht, Trien, das wäre was schönes! immer mit Komplimenten und großen Worten, die man fast gar nicht versteht.«

»Ach, Kaet, wie finde ich mich da heraus! Wenn ich zum Beispiele so schreiben wollte; Jan, wir sind traurig, weil wir nicht wissen, wie's mit Euch steht; Ihr müßt uns bald Nachricht schicken, sonst wird Eure Mutter krank u.s.w. – das wird er doch auch verstehn?«

»O du einfältig Ding, das ist ja kein Brief, so sprechen alle Leute, so gelehrt sie auch sind; wartet einmal, seht so fängt es immer an: Sehr geehrte Eltern, ich ergreife mit zitternder Hand die Feder, um, um . . . da kann ich nicht mehr weiter.«

»Nun, um zu schreiben.«

»O, da wißt ihr es besser als ich; ihr wollt mich zum Besten haben, das ist nicht schön von euch, Trien.«

»Wo denkt ihr hin, Kaet, wenn ihr die Feder in die Hand nehmt, so wird es doch nicht sein, um ein Butterbrod zuschneiden; ich muß über eure Einfalt lachen, aber ich begreife nicht, warum euer Bruder immer zittert, wenn er sich ans Schreiben setzt. Nr kann gewiß nicht gutschreiben, und dann ists noch ärger, denn wenn Einer zittert, so schreibt er noch schlechter.«

»Nein, das ist die Ursache nicht, aber Dries lebt luftig in der Stadt und verlangt immer Geld, darum zittert er, denn der Vater ist so böse. Doch noch eins Trien, wie steht's mit der Kuh?«

»Ziemlich gut, das arme Thier hat etwas ausgestanden, doch jetzt erholt sie sich. Das Kalb haben wir an einen Bauer van Wechel-der-Zande verkauft, es war ein so hübsch schäckiches Thier.«

Bei diesen Worten entfernten sich die beiden Mädchen.

»Meinen Gruß zu Haus, Trien,« rief Kaet ihr nach, »seht, daß ihr mit eurem Brief fertig werdet und grüßt den Jan von uns.«

»Sonntag nach dem Hochamte will ich euch erzählen, wie's gegangen ist. Einen guten Tag an eure Schwester.«

Kaet's Stimme tönte durch die hohen Baume, sie sang in hellen Lauten den Refrain vom bekannten Mailiede.

		Den Maibaum that man pflanzen,
		Mit grünem Laub geschmückt;
		Man sah die Jugend tanzen
		Um ihn, froh und beglückt.

		Ihr Mädchen allzusammen
		Benutzt die Jugendzeit;
		Das Alter löscht die Flammen
		Der tollen Heiterkeit.

Trien blieb träumend stehen, bis die Stimme ihrer Freundin hinter dem Walde verscholl. Dann eilte sie halb gehend und halb hüpfend auf dem Wege weiter und erreichte endlich ihre Wohnung. Dort saßen die beiden Wittwen an einem Tische, mit Ungeduld auf Trien wartend. Der alte Großvater, vom Rheuma befallen, lag im Bett in den Alkoven und steckte den Kopf zwischen die Vorhänge heraus, um wenigstens mit Aug und Ohr bei dem großen Werke, das man unternehmen wollte, gegenwärtig zu sein.

Sobald sich das Mädchen in der Flur hören ließ, rafften die bei- den Wittwen in aller Hast die Sachen zusammen, die auf dem Tische lagen, und wischten ihn mit der Schürze rein. »Komm her, Trien,« sagte Jan's Mutter, »setze dich auf Großvaters Stuhl, er ist viel bequemer.«

Das Mädchen nahm am Tische Platz, legte das Blatt Papier vor sich hin, und steckte sich die Feder zwischen die Lippen.

Die Frauen und der Großvater sahen das sinnende Mädchen höchst neugierig an; das Brüderchen stemmte sich mit beiden Armen auf den Tisch, und gaffte ihr in Mund und Augen, um herauszubekommen , was sie mit der Feder thun wollte.

Doch Trien stand auf ohne ein Wort zu sprechen, nahm eine Kaffeetasse vom Kasten herab, schüttete die Tinte aus dem Fläschchen hinein, und setzte sich dann wieder an den Tisch, wo sie das Papier nach allen Seiten herumwandte.

Endlich tauchte sie die Feder in die Tinte und schickte sich zum Schreiben an. Nach einem Augenblicke hub sie ihren Kopf in die Höhe und frug dann:

»Nun sagt mir, was soll ich schreiben?«

Die beiden Wittwen sahen einander fragend an, und blickten auch auf den kranken Großvater hin, der den Hals aus dem Vorhange steckte und unverwandt nach Triens Hand hinsah.

»Nun schreibt, daß wir alle wohlauf sind,« sagte der Alte hustend, »so fängt ein Brief doch immer an.«

Das Mädchen bemerkte mit lächelnder Miene:

»Nun das wäre auch arg; daß wir alle wohlauf sind – und ihr liegt seit vierzehn Tagen krank im Bett.«

»Das könnt ihr ihm zuletzt im Brief immer noch sagen, Trien.«

»Nein, Mädchen, weißt du was du thun sollst?« sprach Jan's Mutter, »frage ihn zuerst, wie es mit seiner Gesundheit steht, sobald wir das auf dem Papier haben, werden wir wohl etwas dazu finden.«

»Nein, Kind,« sagte die andere, »schreib zuerst, daß du die Feder in die Hand nimmst, um zu hören, wie es mit seiner Gesundheit steht. So fing der Brief von Peter's Tieft auch an, den man uns gestern beim Bäcker vorlas.«

»Ja, das sagte des Holzschuhmachers Kaet auch, aber ich thu' es doch nicht, denn es ist so kindisch,« sagte das Mädchen ungeduldig. »Jan wird doch von selbst wissen, daß ich mit meinen Füßen nicht schreiben kann.«

»Setzt zuerst seinen Namen oben aufs Papier,« sagte der Großvater.

»Welchen Namen? Braams?«

»Durchaus nicht; Jan!«

»Ihr habt Recht, Vater,« antwortete das Mädchen, »geh' fort, Paul, thu' deine Arme vom Tisch herunter, und ihr, Mutter, setzt euch etwas mehr zurück, sonst werdet ihr mich sicher stoßen.«

Sie setzte die Feder an's Papier und während sie nach dem Platz suchte, wohin sie schreiben sollte, buchstabierte sie für sich den Namen des abwesenden Freundes.

Da stand Jan's Mutter mit einem Mal auf und ergriff des Mädchens Hand.

»Warte noch ein Bisschen, Trien, das Jan allein gefällt mir nicht, es ist zu kurz, es sollte etwas dabei sein. Wäre es nicht besser, geliebter Sohn, oder liebes Kind, dazu zu setzen?«

Diese Worte hörte Trien fast nicht, sie leckte am Papier und rief halb unmuthig:

»Seht, das kommt davon, da ist ein großer Klex auf dem Papier, und da hilft das Lecken nichts, er geht doch nicht heraus. Ich will das andere Blatt nehmen.«

»Nun, Trien, was sagt ihr dazu, geliebter Sohn, ist doch viel hübscher?«

»Nein, das will ich auch nicht hinsetzen,« murmelte Trien verdrießlich, »kann ich denn an Jan schreiben, als ob ich seine Mutter war?«

»Aber was willst du denn schreiben?«

Eine tiefe Schamröthe bedeckte des Mädchens Stirn.

»Wenn wir lieber Freund schrieben, findet ihr das nicht am Besten?«

»Das will ich denn doch auch nicht,« sagte die Mutter, »setze lieber kurzweg Jan.«

»Lieber Jan?« frug das Mädchen.

»Ja, so ist's gut,« antworteten Alle mit Einem Mal, als waren sie über die Lösung des schwierigen Räthsels hoch erfreut.

»Doch bleibt mir auch vom Leib,« rief das Mädchen, »und haltet den kleinen Paul, daß er mich nicht stößt.«

Das Mädchen begann die Arbeit, nach einem Augenblick standen ihr die hellen Schweißtropfen auf der Stirn, sie hielt ihren Athem an und war von der Anstrengung ganz roth, dabei seufzte sie tief auf, als hätte sie sich einer schweren Last entledigt und sagte heiter: »Uf! das L ist doch ungeheuer schwer! Doch jetzt steht es da mit seinem langen Hals.«




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