Ein Opfer der Mutterliebe
Hendrik Conscience




Hendrik Conscience

Ein Opfer der Mutterliebe





I


In dem weiten Corridor seines Landhauses, nicht fern von Avelgem gelegen, stand der alte Herr Sommer, und horchte mit allen Anzeichen der Ungeduld und Unruhe, ob sich draußen vor der Thür noch immer kein anderes Geräusch vernehmen ließe, als das Stampfen der Pferde und die Fußtritte des harrenden Kutschers.

Sehr aufgeregt mußte der alte Herr sein, und Gedanken drückender Art schienen ihn zu quälen, denn zuweilen trat er heftig auf, oder er rieb in trübem Nachsinnen mit der Hand die Stirn, während ihm, wie eine leise Klage, die Worte entschlüpften:

»Armer Friedrich, wie muß er leiden!«

In diesem Augenblick ward eine Thür geöffnet und ein Diener erschien im Hausflur, eine Reisetasche in der Hand.

Der Herr hielt ihn an und fragte:

»Nun« Baptist, wird mein Sohn endlich abreisen? Der Wagen ist bereits seit einer halben Stunde angespannt.«

»Es wird ihm schwer, sich loszureißen,« erwiederte der Diener, mitleidig den Kopf schüttelnd; »mein junger Herr ist ganz außer sich vor Kummer, doch geht es augenblicklich etwas besser, er hat sich fertig gemacht und kommt herunter, um, wie er sagt, sofort abzureisen.«

»Ach, das ist gut,« murmelte der alte Herr, mit einem Lächeln der Zufriedenheit, während er in den Gang zurücktrat und eine Nebenthür öffnete.

In dem kleinen Salon, dessen Wände mit den Glasschränken einer Bibliothek bedeckt waren, setzte er sich am Schreibtisch in einen Sessel nieder und sagte nach einer Weile leise vor sich hin:

»Ja, ja, die Liebe! Oft ist sie eine Quelle der seligsten Empfindungen, aber häufig auch martert sie uns mit unsäglichen Schmerzen und der dumpfsten Verzweiflung. Mein armer Junge, er hat ein gutes Herz und einen klaren Verstand, aber jetzt kommt nur sein tiefes Gefühl zur Sprache, und es ist nichts mit ihm anzufangen! . . . Vergangene Nacht konnte ich kein Auge schließen, mich quälte wahrhaftig der Gedanke, er möchte sich ein Leid anthun; aber das war doch glücklicher Weise ein Irrthum, eine übertriebene Angst . . . Dieser falsche van Hochfeld, er soll es mir entgelten! Seit Jahren schien er mein bester Freund zu sein, und nun wagt er es, mich so niederträchtig zu verhöhnen und meinem Sohn das Herz zu brechen! Ich will mich rächen, ja, ich will mich rächen! . . . – aber wie? . . . Sieh, da bist Du noch, Friedrich? Ich dachte du wärst schon abgereis’t.«

Ein schöner, junger Mann, von ungefähr 25 Jahren, war inzwischen eingetreten und hatte sich in der Nähe des Fensters auf einen Stuhl niedergelassen. Ein schmerzlicher Seufzer entfuhr ihm, als einzige Antwort auf die an ihn gerichtete Frage.

»Komm, komm, mein Sohn,« sagte der alte Herr, »sei stark und zeige, daß Du ein Mann bist. Geh’ nach Gent, zu Deinem Onkel, bleib einige Zeit dort, und suche Dich etwas zu zerstreuen, denn Dein Schmerz . . . «

»Ach Vater» antwortete der junge Mann, »wüßtest Du, wie tief ich leide! Die ganze Nacht hindurch haben Schnaren von hoffnungslosen Gedanken mich gefoltert, es dreht sich mir Alles vor den Augen, ich bin krank . . . Hast Du denn wirklich dem Herrn van Hochfeld klar gemacht, daß er mir den Todesstoß gibt?«

»Gewiß, ich habe ihm Alles gesagt, was mein Mitleiden und mein gepreßtes Herz mir eingaben.«

»Und er, Vater, er hat sich unwiderruflich geweigert? Aber warum nur? Wir haben uns gern, sind beide von ordentlichen Eltern, das Vermögen, welches wir zu erwarten haben, ist von beiden Seiten ungefähr gleich. Weßhalb also verurtheilt er seine arme Pauline und mich zur tiefsten Verzweiflung!«

»Ich weiß es nicht, mein Sohn; wie ich Dir schon gesagt habe, Herr van Hochfeld antwortete mir nichts anderes als: »es ist unmöglich,« und wie oft ich auch auf’s Neue in ihn drang, er wiederholte stets: »es ist unmöglich.« Und als ich schließlich ärgerlich wurde, und ihn heftig anfuhr, neigte er traurig und fast beschämt den Kopf und seufzte: »Unmöglich, was Sie verlangen ist unmöglich.«

»Also Vater, klagte Friedrich, die Hände krampfhaft gegen die Brust pressend, »also gibt es für mich keine Hoffnung mehr? All’ meine Glücksträume sind vernichtet? Ich muß mich beugen, dem schrecklichen Gedanken, daß meine arme Pauline darüber zu Grunde gehen wird . . . oder daß ihr Vater sie zwingt, dem jungen Baron van Lortebach ihre Hand zu geben! . . . Sie haßt ihn, er ist ein widerwärtiger Mensch, ach sie würde sterben vor Ekel und Schmerz!«

»Aber so schweig doch von solchen Unwahrscheinlichkeiten,« unterbrach hier Herr Sommer seinen aufgeregten Sohn. »Weßhalb willst Du Dir ohne allen Grund den Dolch der Eifersucht in’s Herz stoßen? Ich habe Herrn von Hochfeld in Betreff des jungen Baron befragt und er hat mir geantwortet, daß er tausendmal lieber Dir als jenem, die Hand seiner Tochter geben würde.«

»Er täuscht Dich, oder sich selbst.« erwiederte Friedrich, »Herr van Hochfeld ist von edler Herkunft sagt man.«

»Aber er legt kein Gewicht darauf, mein Sohn, und er hat mir selbst versichert, daß seine Vorfahren nichts anderes als Kaufleute und angesehene Bürger von Brüssel gewesen. Ich kann den Mann nicht begreifen, er spricht von Dir mit großer Liebe, ja er gibt zu, daß Du ein guter, verständiger Mensch bist und sein Kind ohne allen Zweifel glücklich machen würdest.«

»Und doch weis’t er mich ab!«

»Pauline wird, wie er sagt, niemals, oder sehr spät heirathen.«

»Niemals heirathen? aber warum denn nicht?«

»Warum? Weil es unmöglich ist; weiter konnte ich aus ihm nichts herausbringen . . . Nun, mein armer Sohn, folge meinem Rath, bleibe einige Tage in Gent, um dein Gemüth zu beruhigen. Die Liebe läßt Einen oft schrecklich leiden, aber man stirbt nicht davon; die Zeit heilt auch diese Krankheit.«

Der junge Mann stand auf, ging zu seinem Vater und drückte ihn mit thränenden Augen die Hand. Nach diesem stillen Abschied wollte er sich der Thür zuwenden, hielt aber noch einmal seinen Schritt an und sagte seufzend:

»So ist es also beschlossen, Vater? Ich bin unwiderruflich verurtheilt? Pauline soll krank werden und vielleicht gar sterben vor Kummer?«

»Nein, nein, Friedrich, so schwarz mußt Du nicht sehn. Suche Dich in Gent zu erholen und zu zerstreuen. Dein Jugendmuth wird mit der Zeit schon zurückkehren.«

»Und Du, lieber Vater, willst Du nicht in meiner Abwesenheit noch einen Versuch machen, der mir Trost und Hoffnung bringen könnte? und wäre es auch nur ein matter Schein?«

»Was kann ich Dir versprechen, mein Sohn? Ich habe heute Morgen, kurz ehe Du herunterkamst, einen Boten an Herrn van Hochfeld abgeschickt mit einem langen Brief, worin ich Rechenschaft von ihm fordere und ihn der Hartherzigkeit, Falschheit und des Hochmuths beschuldige. Nachdem ich ihm weiter in Erinnerung gebracht, daß wir seit Jahren die intimsten Freunde waren, – von seiner Seite freilich wohl nur scheinbar, – bedrohe ich ihn mit meiner Verachtung und ewigen Feindschaft, wenn er mir nicht wenigstens die Gründe angibt, die ihn zu einem so unerhörten Benehmen veranlassen. Ohne Zweifel wird er meinen Brief beantworten und wer weiß, ob nicht diese Antwort uns ein Mittel in die Hand gibt, auf seine barsche Weigerung zurückzukommen und seinen Widerruf herbeizuführen. Die Hoffnung ist nur eine schwache, mein Sohn« aber nimm sie immerhin als einen Trost mit aus den Weg.«

»O Vater» rief Friedrich mit hellerem Blick« »dieser einzige Lichtstrahl, wie schwach er auch sei, gibt mir neuen Muth. Möchte doch Gott in seiner Barmherzigkeit uns gnädig sein! Jetzt reise ich nach Gent. In Deine Hände, lieber Vater, lege ich das Glück meines Lebens, ich beschwöre Dich bei dem Andenken an meine selige Mutter, nichts unversucht zu lassen, Alles aufzubieten, was zum Ziele führen kann, thue es für mich und für die arme Pauline, die sonst gewiß sterben wird. Leb wohl, leb wohl!

Ermuthigende Worte murmelnd, begleitete der alte Herr seinen Sohn bis zur Hausthür, sah ihn den Wagen besteigen und blickte dem Fahrzeug nach, bis die Biegung des Weges es seinen Augen entzog.

Dann kehrte er in die Bibliothek zurück und nahm seinen Platz am Schreibtisch wieder ein.

Nachdem er eine Weile in tiefe Gedanken versunken da gesessen, sagte er, leise in sich hinein sprechend:

»Nein« es ist geradezu unerklärlich! Er erkennt an, daß mein Sohn eine gute Parthie für seine Tochter sei, daß die beiden, aller Wahrscheinlichkeit nach, zusammen glücklich sein würden. Und doch weigert er sich, sie ihm zu geben! Die Hochzeit ist unmöglich, sagt er. Da muß Etwas dahinter stecken! Lastet vielleicht irgend ein unseliges Geheimniß auf dieser Familie? Wenn ich alles wohl erwäge, ist es kein Wunder, daß ich auf solche Gedanken komme. Frau van Hochfeld lebt in einem Zustand beinah völliger Schwachsinnigkeit; was sie spricht, hat oftmals keinen vernünftigen Inhalt oder ist lächerlich, sie muß sicher ihren Verstand verloren haben. Wie kommt es nun, daß Herr van Hochfeld und Pauline allein dies nicht zu wissen scheinen? Wenigstens benahmen sie sich, als ob sie nichts davon bemerkten. Und dennoch, wenn die Frau mit ihren verglas’ten Augen Pauline anstarrt und in einen Abgrund von Träumereien zu versinken scheint, dann sucht Herr van Hochfeld beinah ängstlich, sie aus ihrem schwermüthigen Zustande zu befreien. Er erzeigt ihr alle Liebe und Aufmerksamkeit, als ob sie ihn verstehn könnte, er späht nach ihren leisesten Wünschen um sie zu erfüllen. Macht er sich so aus freien Stücken zum Sclaven einer Irrsinnigen? Anfangs war ich mehr als einmal in Versuchung, ihn danach zu fragen, aber der flehende Blick meines Freundes hielt mich immer wieder zurück und ich begriff bald, daß Bescheidenheit in dieser Hinsicht eine bindende Pflicht für mich sei. Was bedeutet nun diese ganze Geschichte? Ja, ja, es muß ein schreckliches Geheimniß auf ihm lasten. Ein Verbrechen etwa, ein Strafurtheil? Sollte ein unauslöschbarer Flecken auf ihrer Ehre ruhn? Daraus ließe sich dann auch das Wort: »unmöglich« erklären und dann freilich müßte mein armer Sohn aller Hoffnung entsagen . . . Welch peinliche Ungewißheit! . . Horch wer kommt da? Der Diener des Herrn von Hochfeld? Die Antwort auf mein Schreiben?«

Wirklich trat in diesem Augenblick der erwartete Bote ein und überreichte im Auftrage seines Herrn ein ziemlich umfangreiches Paket, sich gleich darauf wieder entfernend.

Hastig erbrach Herr Sommer Siegel und Umschlag des Pakets, welches eine Anzahl verschiedener Pariere enthielt; ein Brief an der frischen blauen Dinte kennbar, fiel zur Erde, er raffte ihn eilig auf, setzte sich wieder und las mit steigender Aufmerksamkeit und Verwunderung:



Hochverehrter Herr Sommer.


»Sie beschuldigen mich der Falschheit, des Hochmuths und der Grausamkeit und behandeln mich, als sei ich der schlechteste und boshafteste Mensch von der Welt. Sie bedeuten nicht, wie mein Herz unter diesen schweren Anschuldigungen leiden muß, da ich doch in voller Wahrheit das Zeugniß ablege, daß ich Sie und Ihren Herrn Sohn liebe und hochachte, als gute, vortreffliche und edelherzige Menschen, auf deren Freundschaft ich den größten Werth lege. Doch ich verzeihe Ihnen, denn Sie sind Vater, und an dem endlosen Schmerz meiner armen Pauline kann ich ermessen, wie Ihr Friedrich leiden muß.

Ewig wollen Sie mich verachten und hassen, sagen Sie, wenn ich Ihnen nicht über die Gründe meiner Weigerung Aufklärung gebe? Wie schwer wird es mir, diese Gründe zu offenbaren, die ich so gern bis zum Lebensende einer mir über Alles theuren Persönlichkeit, verborgen gehalten hätte! Doch beginne ich jetzt voraus zu sehn, daß mein Geheimniß nicht so lange bewahrt bleiben kann. Und wenn es mir gelänge, der Offenbarung desselben auszuweichen, so müßte ich Pauline tief unglücklich machen, müßte sie zu einem liebeleeren Dasein, zum Verzichten aus das ehrliche Glück während ihres ganzen Lebens verurtheilen. Eine solche Selbstsucht meinerseits, eine solche Aufopferung des lieben unschuldigen Kindes erschrecken mich.

Was nun auch die Folge meiner Eröffnungen sein möge, ich werde Ihnen jetzt erklären, weßhalb die Verbindung Ihres Sohnes mit Paulinen eine Unmöglichkeit ist. Vielleicht werden Sie mir dann Ihre Freundschaft zurückschenken, jedenfalls werden Sie erkennen, daß ich nicht aus eigner Wahl, nicht freiwillig Ihnen entgegengetreten bin.

Dieses also ist der Grund meiner Weigerung: Pauline ist nicht unser Kind, sie ist die Tochter eines armen Steinhauers aus Beersel, bei Brüssel.«

Herr Sommer ließ mit einem lauten Schrei des Erstaunens den Brief aus der Hand fallen.

»O Himmel, was ist das nun,« seufzte er; »Fräulein Pauline das Kind eines Steinhauers? Sie ist also arm? besitzt nichts? Aber weßhalb hat man uns . . . «

Er griff von Neuem nach dem Briefe und las weiter: »Diese unerwartete Mittheilung überrascht Sie, nicht wahr? Sie klagen mich jetzt wohl der Arglist an« und glauben, daß ich die niedrige Herkunft des Mädchens Ihnen verborgen gehalten in der schlau berechneten Hoffnung, daß, nachdem die Liebe Ihres Sohnes zu ihr fest und innig geworden, er nicht mehr von ihr würde lassen können. Der Schein trügt Sie auch dieses Mal; nur mit Kummer sah ich die gegenseitige Zuneigung entstehn und wachsen, denn ich war und bin überzeugt, daß eine Verbindung zwischen ihnen unmöglich ist.

»Aber werden Sie fragen, weßhalb habe ich Sie von diesen Verhältnissen nicht früher in Kenntniß gesetzt? Ein anderer noch wichtigerer Grund hielt mich davon zurück. Meine Frau und ich leben in dem Bann eines verwickelten und sonderbaren Geheimnisses, worüber zu sprechen mir nicht gut möglich wäre.

Auch in diesem Briefe kann ich, Ihnen den Schleier davon nicht lüften, es würde zu weit führen, da die Geschichte meines ganzen Lebens gewissermaßen darin verflochten ist. Doch lesen Sie, wenn ich bitten darf, ruhig und mit gutem Herzen die beigefügte Handschrift; ich habe mich in früheren Zeiten vielfach mit der Literatur befaßt, auch sogar einen Band Gedichte herausgegeben. Diese Geistesrichtung ist es ohne Zweifel, welche mich angetrieben hat, die trüben Geschicke niederzuschreiben, denen meine Frau und ich auf unserem Lebenswege unterworfen worden. Erscheint Ihnen die Schrift zu ausführlich, so mögen sie mit der 35. Seite beginnen. Sie werden die Herkunft und das Loos von Thereschen Bloempap, so heißt Pauline, darin verzeichnet finden. Und weiter werden Sie die Ueberzeugung gewinnen daß ich dringende Ursache hatte, vor der Offenbarung meines Geheimnisses zurückzuschrecken. In der Hoffnung, daß Sie mir Ihre Achtung nicht länger versagen werden, was auch immer Ihre sonstigen Beschlüsse seien, verbleibe ich Ihr ergebener Diener und Freund



    David van Hochfeld.«

Mit niedergeschlagenen Augen blieb Herr Sommer eine Zeitlang in tiefes Nachdenken versunken; die unerwartete Mittheilung hatte ihn mächtig ergriffen.

»Thereschen Bloempap! murmelte er; das schöne, feingebildete und geistvolle Mädchen die Tochter eines Steinhauers! Es ist unglaublich . . . Und er verbarg mir dieses Alles bis zum letzten Augenblick! Ein anderes Geheimniß zwang ihn zu schweigen, sagt er, das schwer auf ihm und seiner Frau lastet. Was das nur sein mag? doch da ist ja die Handschrift, sie wird mir Aufklärung geben.van Hochfeld

Im Begriff nach dem Paket zu greifen, wurde er von seinem Diener unterbrochen, welcher ihm das Frühstück servierte.

»Ich habe eine eilige Arbeit, Baptist,« sagte der alte Herr, »und will nicht gestört sein, wer immer kommen möge nach mir zu fragen, sag’, daß ich nicht zu Haus bin, bis auf weiteren Befehl.«

Hastig trank er eine Tasse Caffee, setzte sich bequem in seinen Sessel, suchte nach dem Anfang des Manuscriptes und las was folgt:




II

Unser Leben


Ich bin geboren zu Brüssel in der Bodenbrockstraße. Mein Vater war Kaufmann, er handelte mit Brabandter Spitzen und hatte sich ein ausreichendes Vermögen erworben, um seinem einzigen Sohne ein unabhängiges Leben zu sichern.

Da meine Mutter starb, als ich noch ein kleines Kind war, vereinigten sich in mir alle Gefühle seines liebereichen Herzens. Er sparte nicht Geld noch Mühe, um meine Erziehung ausreichend und früh zu vollenden, und so kehrte ich bereits mit 24 Jahren nach Hause zurück mit dem Diplom als Doktor der Rechte, nicht in der Absicht, mich praktisch der Rechtspflege zu widmen, denn ich hatte nicht nöthig, Geld zu verdienen, sondern nur um ein behagliches Leben durch geistige und wissenschaftliche Fortentwickelung zu verschönern und auszufüllen.

Unserm Hause gegenüber wohnte ein Herr Steurs, ein wohlhabender Fabrikant von Broncewaaren, der seit langen Jahren der nächste Freund meines Vaters war. Er hatte eine einzige Tochter, etwas jünger als ich, deren Spiele ich in meiner Kinderzeit oftmals getheilt. Und später, als ich auf der Universität war, schwebte das Bild des lieblichen kleinen Mädchens in Stunden des Heimweh’s mir wie eine süße Erinnerung vor der Seele.

Jetzt, nach Brüssel zurückgekehrt, hatte ich oftmals Gelegenheit, Maria zu sehn, ich war inzwischen ein ernster junger Mann, sie eine blühende Jungfrau geworden. Die ersten Blicke, die wir wechselten, waren für uns beide gewissermaßen die Verboten einer Zukunft voll Liebe und Glück, an dem Funken der Kinderfreundschaft entzündete sich in unseren Herzen ein heftiges und doch süßes Feuer.

Dennoch vergingen Monate, ehe ich mit dem Bekenntniß meiner Liebe ihr zu nahen wagte; die Aufrichtigkeit und Reinheit meiner Zuneigung, und die große Verehrung, welche sie mir einflößte, machten mich schüchtern wie ein Kind.

Unsere Eltern gewahrten bald, was in uns vorging, und da sie den richtigen Zeitpunkt gekommen glaubten, waren sie selbst es, die das Eis brachen; sie entlockten uns das erste Geständniß und legten eine lebhafte Freude über unsere Liebe zu einander an den Tag.

Sie wollten gemeinschaftlich Alles besorgen und einrichten, was zu unserer Vereinigung nöthig und angenehm war, in wenig Monaten sollte die Hochzeit sein. Unser beider Glück war grenzenlos, wir hörten nicht auf, Gott für seine Gnade zu danken.

Aber ach, eine schwere Wetterwolke zog sich zusammen an dem schönen, heitern Himmel unseres Glücks.

Es war im Jahre 1830. Holland und Belgien waren noch vereinigt unter König Wilhelm I., doch traten immer mehr die Bestrebungen der Partei hervor, die mit großem Eifer die Trennung Belgiens von Holland forderte und betrieb. Im Volke nannte man die Anhänger der Einheit Orangisten, und die Gegner der Holländischen Herrschaft Patrioten.

Mein Vater war immer ein feuriger Patriot gewesen; da aber sein Freund, Herr Steurs, ein eben so eifriger Orangist war, so entstanden alsbald zwischen ihnen die ersten Wortwechsel, dann bitt’re Vorwürfe und endlich ein unversöhnlicher Haß. Der blinde Parteigeist trieb sie so weit, daß sie unsere Verlobung auflös’ten; und beide schworen hoch und theuer, daß sie nimmer eine Verbindung mit der Familie des Todfeindes zugeben würden. Herr Steurs schien noch der Ergrimmteste von beiden zu sein.

Maria und ich, die wir nicht begriffen, wie ein anderes Gefühl als das der Liebe das menschliche Herz erfüllen kann, suchten noch eine Zeitlang gegen unser Schicksal anzukämpfen, aber Alles blieb nutzlos. Unsere Eltern waren unerbittlich und so verstockt in ihrem politischen Haß, daß sie uns damals, wie ich glaube, ohne nachzugeben und vielleicht sogar ohne Mitleiden, vor Kummer hätten sterben sehen.

Ach, das war ein schrecklicher Zeitraum, voll von Trauer und Verzweiflung für uns! Eingeschlossen in der Wohnung ihres Vaters wie eine Gefangene, beweinte die arme Maria in den bittersten Thränen unser verlorenes Glück. Was mich betrifft, ich kann nicht aussprechen, wie entsetzlich ich durch diesen Schlag getroffen war. Ich trauerte, magerte ab, in meinem Herzen erwuchs, zu meinem eigenen Schrecken, ein Gefühl des Hasses gegen die beiden unmenschlichen Väter, welche um ihrer Leidenschaft zu folgen, ihre Kinder auf dem Altar des Götzen Politik zum Opfer brachten. In meiner Verzweiflung faßte ich heimlich den Entschluß, meine Heimath und meinen Vater zu verlassen. Ich wollte nach Ost-Indien oder nach America gehn, und niemals in das Land zurückkehren, wo mir Alles feindlich und hassenswerth erschien.

Glücklicher Weise entwickelten sich die Staatsereignisse mit großer Schnelligkeit, und zwangen mich, mein Vorhaben einstweilen hinauszuschieben.

Der Ausstand von 1830 brach los, ganz Brüssel stand auf dem Kopf. Der König entsandte eiligst ein Heer, um den Aufruhr durch die Gewalt der Waffen zu dämpfen. Während drei Tagen donnerten die Kanonen und floß das Blut in der oberen Stadt.

Am Abend des letzten dieser drei Tage saß ich einsam in meinem Zimmer, dessen Fenster auf den inneren Hofraum unserer Wohnung gingen, entfernt von der Straße. Ich horchte auf das dumpfe Getöse der Kanonen und den zischenden Laut des Pelotonfeuers. Jede neue Erschütterung machte mich zittern, es war mir als müßten die Kugeln und Granaten einen großen Grabhügel bilden, unter dem mein Lebensglück tiefer und tiefer eingescharrt würde.

Mein Vater hatte inzwischen einige unserer Arbeiter bewaffnet, hatte selbst ein Gewehr ergriffen und war an ihrer Spitze in’s Feuer gegangen. War er ein Held, würde er sich unglücklich machen? Ach, diese Fragen beschäftigten mich nur wenig, ich konnte nur an meine arme Maria denken, die seit einigen Tagen krank darniederlag und vielleicht sterben sollte!

Plötzlich hörte ich die Stimme eines unserer Diener hastig meinen Namen rufen, und noch ehe ich die Thür des Zimmers erreichte, um zu fragen, was es gebe, trat er schon herein und sagte in großer Aufregung:

»Herr David, folgen Sie mir schnell! nehmen Sie Pistolen und Jagdmesser zu sich, Ihr Vater schickt mich, Sie zu holen!«

Als ich noch zweiflend den Kopf schüttelte und nicht gleich einwilligte, theilte er mir mit, daß sich vor dem Hause unseres Nachbarn, des Herrn Steurs, ein großer Haufen halbtrunkener, wüthender Menschen zusammengerottet hatte. Einige waren selbst schon in das Haus eingedrungen. Sie riefen drohend, daß sie den schändlichen Orangisten an die nächste Laterne hängen und seine Wohnung anzünden wollten. Mein Vater, der hinzugeeilt war, um solche Gewaltthaten zu verhindern, ließ mich rufen.

»Großer Gott, Maria!« rief ich aus, indem ich nach der Wand sprang, die Pistolen in meinen Gürtel steckte, und mein langes Jagdmesser zur Hand nahm.

Ich folgte dem Bedienten, und drang durch die tobende Menge bis in das bedrohte Haus des Herrn Steurs vor.

Eine Bunde rasender Kerle wollte ihm wirklich an’s Leben und stieß die schrecklichsten Verwünschungen gegen ihn aus; aber mein Vater mit einigen Leuten, die unter seinem Befehl standen, suchte ihn zu vertheidigen und die Tobenden zur Vernunft zu bringen. Ich hörte wie er ihnen zu wiederholten Malen sagte, daß es verständiger Menschen und wahrer Patrioten unwürdig sei, so die heilige Sache des Vaterlandes durch Gewaltthätigkeit zu entehren und mit dem Blute von Landeskindern zu besudeln.

»Fort mit dem Orangisten! An die Laterne mit dem Verräther!« wurde ihm heulend geantwortet.

Obschon von Natur nichts weniger als blutdürstig, empfand ich einen lebhaften Impuls, dem wüthendsten dieser Kerle durch den Kopf zu schießen, und ich legte schon die Hand an den Hahn meiner Pistole; doch mein Vater hielt mich zurück, und bedeutete mich, ruhig zu bleiben.

Herr Steurs, dessen Leben in großer Gefahr schwebte, stand neben meinem Vater, bebend und bleich wie ein Leintuch; er sah mit Entsetzen dem Augenblick entgegen, wo man ihn ergreifen, nach außen schleppen und der Raserei der Menge preisgeben würde.

Zum Glück flöß’ten mein Vater und seine Genossen durch ihre entschlossene Haltung Furcht und Achtung ein, sonst wäre es ohne Zweifel bald um das Leben des armen Fabrikanten geschehn gewesen.

Herr Steurs bemerkte in diesem Augenblick, daß zwei oder drei seiner Feinde eine Seitenthür öffneten. Der unglückliche Vater warf einen flehenden Blick auf mich und seufzte kaum hörbar:

»Himmel, meine Tochter! David, David, rette meine Tochter!«

Ich verstand ihn und sprang den Leuten nach.

»O David, Du kommst mir zu Hilfe? Gott sei gepriesen!« rief Maria mit erhobenen Händen, als ich in ihr Zimmer trat; auch die beiden Mädchen, die neben ihr standen, streckten wie Schutz suchend, die Arme nach mir aus; ich aber, ohne auf sie zu achten, spannte meine Pistolen, wandte mich an die beiden anwesenden Kerle und rief:

»Hier hinaus! Sofort hier hinaus! Zögert keinen Augenblick, oder Ihr seid todt!«

»Nun, nun,« brummten sie, »wir kennen Sie, Herr van Hochfeld, Sie haben nicht nöthig so zu drohen, wir suchen keine Frauenzimmer!«

Und ohne noch sonst Etwas zu sagen, verließen sie das Gemach.

Außer sich vor Schrecken flog Maria mir um den Hals und begann weinend das schreckliche Schicksal ihres Vaters zu beklagen. Ihre trostlosen Worte zeigten mir, daß sie genaue Kenntniß von der Lebensgefahr hatte, worin ihr Vater schwebte.

Ich suchte sie zu trösten und ihr Muth einzuflößen so gut ich vermochte. Wie es kam und sein konnte weiß ich nicht, aber wir sprachen lange zusammen, selbst von unserm verlorenen Glück; ja der Selbstsucht unserer Liebe erschien das Geschehene wie ein Hoffnungsstrahl, der, wenn Gott in seiner Barmherzigkeit die Gefahr wandte, uns Rettung verhieß.

Inzwischen hörten wir fortdauernd Drohungen und heftigen Streit aus dem Saale heraufschallen und ich wollte selbst beim Vernehmen eines ungewöhnlich lauten Geschrei’s und Gewühl’s meinem Vater zu Hilfe eilen; doch Maria schlang ihre Arme fest um meinen Hals und bat so flehend und erschreckt, sie nicht allein zu lassen, daß mir der Muth fehlte, mich von ihr zu trennen. Auch verscholl das Geräusch unmittelbar darauf, nur auf der Straße noch hörte man das Schreien und Lärmen der erhitzten Menge.

»Mein Vater trat jetzt mit Herrn Steurs in’s Zimmer und sagte lebhaft zu ihm:

»Glauben Sie mir jetzt? Dort ist Ihre Tochter, unbeschädigt und wohlbehalten, Sie sehn nun selbst, daß mein Sohn sie wohl behütet hat.

»Ach Gott wolle ihn dafür segnen, ich bin ihm ewig dankbar,« jubelte Herr Steurs, der durch den ausgestandenen Schrecken noch ganz außer sich war.

»Kommt nun Alle und folgt mir,« sagte mein Vater. »Wir haben die verirrten Leute zum Glück so weit gebracht, daß sie das Haus verließen, die Hausthür wird von einigen treuen Männern bewacht, aber auf der Straße heult und droht noch das zusammengerottete Volk. Herr Steurs und seine Tochter sind hier nicht in Sicherheit, wir wollen sie durch den Hof in unsere Wohnung bringen und die Thür dort gründlich verbarrikadieren, Komm, David, kommen Sie, Fräulein . . . «

Da fiel mein Auge plötzlich auf einen großen Blutflecken am Fußboden und ich bemerkte, daß mein Vater den linken Arm auf dem Rücken verborgen hielt. Ich sprang auf ihn zu und rief:

»Du bist verwundet, Vaters Dein Blut fließt!«

»Es ist nichts,« antwortete er, »ein leichter Bajonetstich, den ich in dem letzten Gewühl erhalten; zu Hause werde ich etwas Leinwand darum wickeln. Gebt nicht Acht darauf, Kinder, und verlaßt eilig mit mir das Haus!«

Wir folgten ihm durch den Garten und erreichten ohne Unfall ein nach hinten gelegenes Zimmer unserer Wohnung.

»Halten Sie sich nur hier in aller Stille,« sagte mein Vater zu Herrn Steurs. »Ich will ausgehn um Hilfe zu holen gegen die Volkshaufen, die noch immer rasend und heulend Ihr Haus umringen. Durch den geringsten Anreiz könnten diese unzurechnungsfähigen Leute zu neuen Gewaltthätigkeiten übergehn, aber sein Sie ganz ruhig, ich werde mit ausreichender Verstärkung baldmöglichst zurückkehren, und Ihr Eigenthum gegen alle etwaigen Angriffe vertheidigen. Oeffnen Sie Niemanden die Thür, wer es auch sei; ich habe einen Hauptschlüssel.«

Mit diesen Worten verließ uns mein Vater.

Sobald Herr Steurs sich einigermaßen von dem ausgestandenen Schrecken erholt hatte, floß er über in Dank und Bewunderung des Edelmuthes meines Vaters, der sein Leben gewagt und sein Blut vergossen um Jemanden zu beschützen, welcher ihm, in politischer Verblendung, Haß und ewige Feindschaft zugeschworen hatte. Er flehte zu Gott, daß er meinen Vater für seine Großmuth belohnen wolle.

Maria und ich hörten ihm klopfenden Herzens zu; erwarteten wie doch aus ihres Vaters Munde einige Worte zu vernehmen, die uns eine bessere Zukunft verhießen; wahrscheinlich würde er auch solche Worte gesprochen haben, eben schien er dazu übergehn zu wollen, doch jetzt ertönten von der Straße her zwischen neuem Wuthgeschrei und rasendem Jauchzen, die dröhnenden Schläge eines Balkens oder andern schweren Gegenstandes gegen das Thor der Broncefabrik. Dieses unheimliche drohende Getöse nahm dem Herrn Steurs die Sprache, er erblaßte und horchte zitternd auf die hohlen Laute, die auch unser Haus in seinen Grundfesten erschütterten.

Selbst als der gewaltige Lärm wieder völlig verschollen war, konnte Herr Steurs seinen Schrecken nicht bemeistern; die eben so plötzlich wie der Lärm entstandene Stille erschien ihm gleich drohend, er murmelte in sich hinein, daß man das Thor zersprengt habe und nun beschäftigt sei, Haus und Fabrik zu plündern. Wir suchten ihm Muth einzureden um ihn zu trösten, doch war es, als ob er uns nicht verstände.

Da hörten wir zu unserer größten Freude den Schlüssel in der Thür sich drehen und gleich darauf trat mein Vater in’s Zimmer, ein Papier in der Hand und ein Lächeln der Zufriedenheit auf dem Gesicht.




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