Die Schlucht
Iwan Alexandrowitsch Gontscharow




Iwan Gontscharow

Die Schlucht





Erster Teil





Erstes Kapitel


In einer nur oberflächlich aufgeräumten Wohnung einer der großen Straßen von Petersburg saßen zwei Herren, von denen der eine etwa fünfunddreißig, der andere fünfundvierzig Jahre alt sein mochte. Der erstere hieß Boris Pawlowitsch Raiski, der zweite Iwan Iwanowitsch Ajanow.

Boris Pawlowitsch hatte eine lebhafte, ungemein bewegliche Physiognomie. Auf den ersten Blick erschien er jünger, als er in Wirklichkeit war: die hohe weiße Stirn strahlte von Frische, und die Augen wechselten rasch ihren Ausdruck, blickten bald gedankentief, bald gefühlvoll, bald heiter, oder sie schauten träumerisch drein und erschienen dann jung, fast wie die eines Jünglings. Zuweilen jedoch lag etwas Reifes, Müdes, Gelangweiltes in ihnen, und dann verrieten sie das Alter ihres Besitzers. Drei leichte Falten, diese unverwischbaren Runenzeichen des Alters und der Erfahrung, hatten sich sogar bereits um die Augen gelegt. Das schwarze Haar fiel glatt in den Nacken und über die Ohren, an den Schläfen aber schimmerte es bereits ein klein wenig ins Weiße. Die Wangen hatten gleich der Stirn um Augen und Mund noch die jugendliche Tönung bewahrt, an den Schläfen jedoch und um das Kinn ging ihre Farbe ins Gelblichbraune.

Überhaupt ließ sich von dem ganzen Gesichte ohne Mühe jenes Lebensalter ablesen, in dem der Kampf zwischen Jugend und Reife bereits ausgetobt hat, in dem der Mensch in die zweite Lebenshälfte eingetreten ist und jedes Erlebnis, jede Gefühlserregung, jede Krankheit eine Spur zurückläßt. Nur der Mund hatte noch in dem feinen Spiel der edelgeformten Lippen und in seinem Lächeln den jugendlichen, frischen, bisweilen fast kindlichen Ausdruck bewahrt.

Raiski trug einen grauen Hausrock und saß, die Beine auf dem Diwan ausgestreckt, da.

Iwan Iwanowitsch dagegen war im schwarzen Frack. Die weißen Handschuhe und der Hut lagen neben ihm auf dem Tische. Sein Gesicht hatte den Ausdruck der Ruhe, oder vielmehr einer gleichgültigen Erwartung gegenüber allem, was um ihn geschehen konnte.

Ein intelligenter Blick, ein kluger Mund, gelblichbraune Gesichtsfarbe, sorgfältig frisiertes, bereits stark ergrautes Kopfhaar und ebensolcher Backenbart, gemessene Bewegungen, eine zurückhaltende Sprechweise und tadelloser Anzug – das ist das Bild seines äußeren Menschen.

Ruhiges Selbstvertrauen und Verständnis für andere sprach aus seinen Augen. Der Mann hat gelebt, er kennt das Leben und die Menschen, würde ein Beobachter von ihm gesagt haben, und wenn er ihn auch nicht unter die erlesenen, höheren Naturen eingereiht hätte, so würde er ihn doch noch weniger unter die naiven Gemüter gerechnet haben. Iwan Iwanowitsch war der typische Vertreter des geborenen Petersburgers und zugleich das, was man einen Mann von Welt nennt. Er gehörte zu Petersburg und zur Welt von Petersburg. Man konnte sich ihn nur schwer als das Produkt irgendeiner anderen Stadt, irgendeiner anderen Sphäre als dieser Petersburger Welt, unter der eine bestimmte höhere Schicht der Petersburger Gesellschaft zu verstehen ist, vorstellen. Er hatte sein Amt und seine Privatgeschäfte, doch traf man ihn zumeist in den Salons der Gesellschaft, wo er am Morgen seine Visite machte und später dann zum Mittagessen oder zum Abend erschien; in letzterem Falle war er dann zumeist am Kartentisch zu finden. Er war in jeder Hinsicht eine Durchschnittserscheinung: weder ein Charakter noch charakterlos, weder ein Mann von Wissen noch ein Ignorant, weder der Vertreter einer Überzeugung noch ein Skeptiker.

Sein Mangel an Wissen und Überzeugung verbarg sich hinter einer gewissen leichten, oberflächlichen Art von Verneinung: er sprach über alles geringschätzig, hatte für nichts eine aufrichtige Hochachtung, für nichts einen tieferen Glauben oder eine besondere Begeisterung. Er war ein wenig ironisch und ein wenig witzig, gleich höflich und gemessen im Verkehr mit allen, empfand für niemand eine dauernde, tiefere Freundschaft, war aber auch ebensowenig einer ernsteren Feindschaft fähig.

Er war in Petersburg geboren und groß geworden, hatte hier seine Ausbildung erhalten und sein ganzes Leben verbracht, ohne weiter hinauszukommen, als etwa bis Lachta oder Oranienbaum nach der einen und bis Toksowo oder Ssrednjaja-Rogatka nach der anderen Richtung. So spiegelte sich denn auch in ihm, wie die Sonne in einem Wassertropfen, einzig und allein die Petersburger Welt und Wirklichkeit mit ihren Sitten, ihrem gesellschaftlichen Ton, ihrem innersten Wesen, und im besonderen das Petersburger dienstliche Leben, das man als die zweite Natur dieser Stadt bezeichnen kann.

Von allem, was sonst in der Welt vorging, hatte Ajanow keine andere Vorstellung als jene, die ihm die in- und ausländischen Zeitungen vermittelten. Petersburgs Meinungen und Leidenschaften, Petersburgs Laster und Tugenden, die Jahresbilanz seines Denkens und Tuns, seiner Politik und seiner Literatur – das war der Bannkreis, in dem sein Leben sich abspielte, der seine geistigen Bedürfnisse vollauf befriedigte, und den er niemals durchbrach. Vollkommen gleichgültig hatte er vierzig Jahre lang zugeschaut, wie seine Petersburger Landsleute in jedem Frühling scharenweise in den vollgepfropften Dampfern nach dem Auslande reisten oder mit der Postkutsche und später mit der Eisenbahn nach dem Innern des Reiches fuhren, wie diese »naiv« empfindenden Menschenmassen der Newastadt entflohen, um eine andere Luft zu atmen, sich zu erfrischen und neue Eindrücke und Zerstreuung zu suchen. Er selbst hatte niemals ein Bedürfnis nach solcher Abwechslung empfunden, und er konnte es auch bei anderen durchaus nicht als berechtigt anerkennen; doch sah er ihrem Treiben ruhig und gelassen zu, ohne seine wahre Meinung auch nur mit einer Miene zu verraten. »Mögen sie tun, was sie wollen – ich fahre jedenfalls nicht!«

Er sprach einfach und ungezwungen, ging ungezwungen von einem Gegenstand auf den anderen über, war stets über alles unterrichtet, was draußen in der Welt, oder in der Gesellschaft, oder sonst in der Stadt vorging; er verfolgte, wenn irgendwo Krieg geführt wurde, alle Vorgänge auf dem Kriegsschauplatz, informierte sich in aller Gemütsruhe über jeden Wechsel im englischen oder französischen Ministerium, las die letzte Rede im Londoner Parlament und in der französischen Deputiertenkammer, wußte stets, welchen Inhalt das neueste Stück hatte, und wer in der Nacht im Wyborger Viertel ermordet worden war. Er kannte den Stammbaum, die Vermögensverhältnisse und die Chronique scandaleuse jedes einzelnen großen Hauses der Residenz; er wußte in jedem Augenblick, was in den verschiedenen Ressorts der Verwaltung vorging, war über alle Versetzungen, Gehaltserhöhungen und Gratifikationen informiert; er kannte auch alle Klatschgeschichten der Stadt, mit einem Wort: er war in seiner Welt nach jeder Richtung »zu Hause.«

Den Tag brachte er, wie gesagt, mit Besuchen, zum Teil wohl auch mit dienstlichen Verrichtungen und Privatangelegenheiten zu. Den Abend leitete er öfter mit einem Besuch des Theaters ein, den Abschluß aber bildete stets ein Spielchen im englischen Klub oder bei Bekannten, und bekannt war er eben mit aller Welt.

Im Kartenspiel war bei ihm jeder Fehler ausgeschlossen, und er hatte den Ruf eines angenehmen Spielers, weil er bei den Fehlern seiner Mitspieler sehr nachsichtig war, sich nie über sie ärgerte und bei der größten Dummheit nicht eine Miene verzog. Es war ihm gleichgültig, ob er hoch oder niedrig spielte, ob er renommierte Spieler oder kapriziöse Damen zu Partnern hatte.

Den üblichen Dienstgang hatte er glatt absolviert. Fünfzehn Jahre lang hatte er sich in den Kanzleien herumgedrückt und von Amts wegen die Projekte anderer zur Ausführung gebracht. Er wußte mit seinem Verständnis auf den Gedankengang seines Vorgesetzten einzugehen, teilte stets seine Auffassung von der Sache und war in der schriftlichen Ausarbeitung der in Frage kommenden Materie überaus gewandt. Wenn in der Person des Vorgesetzten – und damit oft auch in den zu bearbeitenden Projekten – ein Wechsel eintrat, arbeitete Ajanow mit dem neuen Vorgesetzten und an dem neuen Projekt ebenso verständnisvoll und gewandt wie früher, und seine Berichte fanden den Beifall aller Minister, unter denen er arbeitete.

Augenblicklich war er einem dieser Herren als Beamter für besondere Aufträge zugeteilt. Er erschien am Vormittag im Kabinett des Chefs, begab sich dann in den Salon seiner Gemahlin, nahm dort in der Tat einige »Aufträge« entgegen und arrangierte für den Abend eine Partie mit den Leuten, die man beim Chef gerade zu Gaste haben wollte. Er hatte einen ziemlich hohen Rang, ein ganz ansehnliches Gehalt und, bei Lichte besehen, so gut wie nichts zu tun. Wenn es gestattet ist, das Wesen einer fremden Seele zu enthüllen, so ist von Ajanows Seele nur zu sagen, daß sie keine Schatten, keine Heimlichkeiten und keine Zukunftsrätsel barg; auch Macbeths Hexen hätten es nicht fertig bekommen, ihn durch das Trugbild eines glänzenden Loses zu verlocken und von dem Wege abzulocken, auf dem er mit klarem Bewußtsein würdevoll dahinschritt. Vom Staatsrat wird er zum wirklichen Staatsrat und schließlich, in Anerkennung seiner langjährigen treuen Dienste und unermüdlichen Arbeit am Kanzlei- wie am Kartentisch, auch zum Geheimrat avancieren, um dann zuletzt in irgendeiner permanenten »Kommission«, unter Gewährung des vollen Gehalts, vor Anker zu gehen. Und ob der Ozean der Menschheit noch so bewegt auf und nieder flutet, ob die Zeiten dahinrauschen und Völker und Reiche vergehen – – an ihm geht alles spurlos vorüber, bis ein Schlaganfall oder sonst ein Altersleiden seinem Dasein ein Ziel setzt.

Ajanow war verheiratet gewesen, hatte jedoch früh seine Frau verloren und besaß eine zwölfjährige Tochter, die auf Staatskosten im Institut erzogen wurde; er selbst hatte seine Angelegenheiten wohl geordnet und führte nun das ruhige, sorglose Leben eines Hagestolzes.

Nur ein Umstand störte seine Ruhe: die Hämorrhoiden, die er sich durch seine sitzende Lebensweise zugezogen hatte. Ein unangenehmes Ereignis stand ihm in der Zukunft bevor: eine Badereise, die ihn aus seinem gleichförmigen Petersburger Leben herausreißen und irgendwohin entführen sollte. So wenigstens lautete die Ankündigung des Arztes.

»Ist’s nicht Zeit, daß du dich anziehst? Es ist ein Viertel nach vier!« sagte Ajanow zu Raiski.

»Ja, es ist Zeit,« versetzte Raiski, aus seinem Brüten erwachend.

»Worüber hast du eben nachgedacht?« fragte Ajanow.

»Du meinst: über wen?« verbesserte ihn Raiski. »Über wen sonst als über sie . . . über Sophie . . .«

»Schon wieder? Hm!« bemerkte Ajanow. Raiski begann sich anzukleiden.

»Du bist doch nicht böse, daß ich dich dahin mitschleppe?« fragte Raiski.

»Durchaus nicht. Ist’s nicht gleich, ob ich dort mein Spielchen mache oder bei Iwlews? Es ist mir zwar ein bißchen peinlich, den alten Damen das Geld abzunehmen: Anna Wassiljewna spielt gegen ihren eigenen Partner, und Nadjeschda Wassiljewna kündigt immer laut an, was sie ausspielen wird!«

»Mach’ dir keine Sorgen, euer Fünfkopekenspiel wird sie nicht zugrunde richten. Die beiden Alten haben jede ein Einkommen von sechzigtausend Rubeln.«

»Ich weiß es; und das soll Sophie Nikolajewna einmal alles erben?«

»Ja, sie ist ihre Nichte und einzige Erbin. Aber das kann noch lange dauern! Sie werden die Nichte noch überleben – und dazu sind sie so geizig!«

»Der Vater Sophies scheint nicht mehr viel zu besitzen? . . .«

»Nein, er hat alles durchgebracht.«

»Wie bringt er das eigentlich fertig? Am Kartentisch sieht man ihn doch fast gar nicht!«

»Und die Weiber – kosten die nichts? Dieses ewige Hin und Her, diese kleinen Soupers, dieser ganze Troß, den er immer mitschleppt? Im letzten Winter hat er der kleinen Armance ein Tafelservice für fünftausend Rubel geschenkt, und wie sie es zum erstenmal in Gebrauch nahm, hat sie ihm nicht einmal eine Einladung geschickt! . . .«

»Ja, ich hörte davon. Warum sollte sie ihn auch einladen? Was hat er bei ihr zu suchen? . . .«

Sie lachten beide.

»Auch von ihrem Manne hat Sophie Nikolajewna anscheinend nicht viel geerbt?«

»Nein, nur siebentausend Rubel jährlich werden es sein. Das braucht sie als Taschengeld, im übrigen ist sie ganz auf die Tanten angewiesen. Aber nun ist’s Zeit!« sagte Raiski. »Ich möchte vor Tisch noch ein wenig auf dem Newskij promenieren.«

Ajanow und Raiski gingen auf die Straße hinaus. Auf Schritt und Tritt begegneten sie Bekannten, das Nicken und Verneigen nahm kein Ende, nach rechts und links wurden Händedrücke ausgetauscht.

»Wie lange willst du bei der Bjelowodowa bleiben?«

»Bis ich hinausgeworfen werde – wie gewöhnlich. Du wirst dich langweilen?«

»Nein, ich überlegte nur, ob ich dann wohl noch zu Iwlews gehen kann. Ich kenne keine Langeweile . . .«

»Glücklicher Mensch!« sagte Raiski mit einer Anwandlung von Neid. »O, wenn es doch keine Langeweile auf der Welt gäbe! Kann es eine schrecklichere Geißel geben?«

»Schweig, bitte!« versetzte Ajanow mit abergläubischer Furcht. »Mal’ den Teufel nicht an die Wand! Ich habe genug mit meinen Hämorrhoiden zu tun. Die Ärzte schwatzen immer davon, daß ich fort soll: was sie eigentlich gegen diese sitzende Lebensweise haben, die an allem schuld sein soll? Und dann schimpfen sie immer auf die hiesige Luft – kann es eine bessere Luft geben?« Er schöpfte mit Behagen tief Atem. »Ich habe jetzt einen ganz besonders tüchtigen Äskulap, der will mich im nächsten Sommer mit saurer Milch kurieren. Du weißt, ich leide an Verstopfung . . . Du gehst also aus lauter Langerweile zu deiner Cousine?«

»Welche Frage: natürlich! Spielst du denn nicht auch Karten aus Langerweile? Alles flieht eben vor der Langenweile wie vor der Pest!«

»Ein recht fragwürdiges Mittel, das du da gegen die Langeweile anwendest: leeres Weibergeschwätz, alle Tage dasselbe!«

»Ist’s mit dem Kartenspiel nicht ebenso? Hast du da nicht auch alle Tage dasselbe!«

»Durchaus nicht! Ein Engländer hat berechnet, daß nur alle tausend Jahre einmal dieselbe Kartenverteilung sich wiederholt . . . Und die wechselnden Chancen! Und die Charaktere der verschiedenen Spieler, die Kniffe jedes einzelnen, die Fehler! . . . Das ist durchaus nicht dasselbe! Aber sich so den ganzen Winter, den ganzen Frühling an ein Weib hängen – heute, morgen, alle Tage . . . das kann ich nicht begreifen!«

»Du hast eben kein Verständnis für Schönheit! Das geht dir ganz und gar ab! Einem anderen fehlt wieder das Verständnis für Musik, einem dritten für die Malerei. Das sind eben besondere Mängel in der Entwicklung!«

»Allerdings, sehr besondere. In unserer Abteilung diente einmal ein gewisser Iwan Petrowitsch als Gehilfe – der ließ keine Beamtenfrau und kein Stubenmädchen in Ruhe, natürlich nur, wenn sie hübsch waren. Allen sagte er Liebenswürdigkeiten, brachte ihnen Konfekt und Blumen: was meinst du, war der entwickelt?«

»Lassen wir das Thema,« versetzte Raiski, »sonst klettern wir wieder beide an den Wänden hoch und fassen uns gar an den Köpfen. Ich besitze kein Verständnis für deine Karten und habe nichts dagegen, daß du mich in dieser Beziehung einen Ignoranten nennst. Versuche dann aber auch nicht, über Schönheit zu reden. Ein jeder schwelgt auf seine Weise in Schönheit: der eine hält sich an Gemälde, der andere an Statuen, der dritte an die lebendige Schönheit des Weibes: dein Iwan Petrowitsch liebt dies, ich das, und du überhaupt nichts! Abgemacht – Schluß!«

»Du spielst doch nur mit den Frauen, soweit ich sehe,« sagte Ajanow.

»So laß mich doch, was tut’s? Auch du spielst ja – aber während du fast immer im Gewinn bist, bin ich stets der Verlierer . . . Was hast du daran auszusetzen?«

»Sophie Nikolajewna ist schön, und dazu eine reiche Erbin: heirate sie, und damit basta!«

»So, damit basta – und die Langeweile fängt an!« versetzte Raiski nachdenklich. »Ich will aber von einem solchen Abschluß der Sache nichts wissen! Übrigens, beruhige dich: man würde sie mir gar nicht geben!«

»Dann hat es nach meiner Ansicht keinen Sinn, überhaupt hinzugehen. Du bist einfach ein Don Juan!«

»Ja, ein Don Juan – ein fader Geselle, ein eitler Geck; oder welchen Sinn legst du sonst dem Worte bei? Auf die Art wären auch Byron und Goethe und die ganze Schar der Maler und Bildhauer nichts als eitle Gecken . . .«

»Bist du vielleicht ein Byron oder ein Goethe – wie? . . .«

Raiski wandte sich ärgerlich von ihm ab.

»Der Donjuanismus,« sagte er, »liegt ebensogut im Wesen des Menschen wie die Donquixoterie; dieser Trieb wurzelt vielleicht noch tiefer in seiner Natur . . .«

»Du nennst es einen Trieb – dann heirate doch, sag’ ich dir . . .«

»Ach,« rief Raiski fast verzweifelt aus – »heiraten kann man einmal, zweimal, dreimal. Darf ich denn aber die Schönheit des Weibes nicht so genießen, wie etwa die Schönheit einer Statue? Don Juan suchte vor allem den ästhetischen Genuß, den dieser Trieb gewährt, wenn auch, als Sohn seiner rauher gearteten Zeit, auf eine gröbere Weise. Aber was rede ich mit dir erst darüber!«

»Wenn du nicht heiraten willst, dann hat es doch gar keinen Zweck, überhaupt hinzugehen,« wiederholte Ajanow apathisch.

»Du hast ja in gewissem Sinne recht. Vor allem muß ich dir aber sagen, daß meine Begeisterung durchaus aufrichtig und nicht etwa gemacht ist: es handelt sich nicht um eine bloße Courmacherei, das merk’ dir ein für allemal! Wenn der Gegenstand meiner Verehrung auch nur in einigen Zügen dem Ideal nahekommt, das meine Phantasie sich aus ihm erschafft, dann ergänzt sich das übrige gleichsam von selbst, und es ergibt sich ein Ideal des Glücks . . .«

»Na, siehst du, dann heirate doch! . . .« bemerkte Ajanow. »Immer abwarten, abwarten! Nicht eins meiner Ideale hat bis zur Hochzeit vorgehalten, es ist vor der Zeit verblaßt, und meine Begeisterung erkaltete . . . Was die Phantasie geschaffen hatte, das zerstörte die Analyse wieder – oder das Ideal war bereits entschwunden, ehe ich erkaltete . . .«

»Aber so Tag für Tag mit einer Frau zusammenzusitzen und zu schwatzen?!« wiederholte Ajanow hartnäckig und schüttelte dabei den Kopf. »Wovon wirst du zum Beispiel heut mit ihr reden? Was willst du von ihr, wenn man sie dir doch nicht zur Frau gibt?«

»Und ich frage dich: was willst du von ihren Tanten? Was für Karten wirst du heute bekommen? Wirst du gewinnen oder verlieren? Gehst du vielleicht in der Absicht hin, ihre ganzen sechzigtausend Rubel Rente zu gewinnen? Nein – du willst nur ein Stündchen spielen und vielleicht eine Kleinigkeit herausschlagen . . .«

»Ich habe gar keine bestimmte Absicht: ich gehe hin, um . . . um . . . nun, um mich zu unterhalten.«

»Um . . . dich vor der Langenweile zu retten, siehst du! Und auch ich gehe hin, um mich zu unterhalten und habe gar keine bestimmte Absicht. Und welchen Genuß mir ihre Schönheit gewährt – das kannst du so wenig begreifen wie dein Iwan Petrowitsch, worin übrigens für euch beide durchaus kein Vorwurf liegen soll. Es gibt doch auch Leute, die mit Leidenschaft beten, während andere dieses Bedürfnis durchaus nicht kennen . . .«

»Mit Leidenschaft! Die Leidenschaften sind dem, der das Leben genießen will, nur ein Hindernis. Die Arbeit, die Tätigkeit ist das einzige Heilmittel gegen die Leere des Daseins . . .« meinte Ajanow in belehrendem Tone.

Raiski blieb stehen, hielt auch Ajanow an und fragte mit spöttischem Lächeln: »Was für eine Tätigkeit meinst du? Ich bin wirklich neugierig!«

»Was für eine Tätigkeit? Nun – tritt in den Staatsdienst ein!«

»Das nennst du eine Tätigkeit? Zeig’ mir im Staatsdienst irgendeine Tätigkeit, die nicht entbehrlich wäre! Mit einigen Ausnahmen vielleicht . . .«

Ajanow ließ vor lauter Verwunderung einen Pfiff hören. »Nun seh’ einer!« sagte er und ließ seinen Blick in die Runde schweifen. »Sieh dir zum Beispiel den da an!« Er zeigte nach einem Polizisten, der mit gespannter Aufmerksamkeit nach einer Richtung blickte.

»Frag’ ihn einmal,« sagte Raiski, »weshalb er hier steht, und nach wem er so erwartungsvoll ausblickt? Nach dem General, wird er dir sagen! Uns beide aber sieht er nicht, so daß jeder beliebige Passant uns das Taschentuch stehlen kann. Hältst du deine Schreiberei wirklich für eine richtige, nützliche Tätigkeit? Wir wollen die Sache nicht zu eingehend erörtern: ich will dir nur sagen, daß ich nach meiner Meinung weit tätiger bin, wenn ich meine Bilder kleckse oder auf dem Flügel klimpere oder selbst meinem Schönheitskult huldige . . .«

»Was hast du denn nun eigentlich, von der Schönheit abgesehen, so Besonderes an deiner Cousine gefunden?«

»Von der Schönheit abgesehen! Die ist eben alles an ihr! Übrigens kenne ich sie nur wenig, und vielleicht zieht gerade das, außer ihrer Schönheit, mich zu ihr hin . . .«

»Wie – du bist jeden Tag mit ihr zusammen und kennst sie nur wenig? . . .«

»So ist’s. Ich weiß nicht, was sich hinter ihrer Ruhe verbirgt, ich kenne ihre Vergangenheit nicht und errate auch nicht ihre Zukunft. Ist sie ein Weib ober nur eine Puppe? Lebt sie wirklich, oder stellt sie sich nur so, als ob sie lebte? Alle diese Fragen quälen mich, siehst du . . . Da, guck’ dir einmal jene Frau dort an,« fuhr Raiski fort.

»Die Dicke, die eben mit ihrem Paket in die Droschke steigt?«

»Ja, oder jene dort, die aus dem Wagenfenster sieht! Oder diese hier, die eben um die Ecke biegt und auf uns zukommt!«

»Nun – was ist mit ihnen?«

»Du kannst, wenn du auch nur flüchtig hinsiehst, in ihrem Gesichte irgend etwas lesen: eine Sorge, einen Kummer oder eine Freude, einen Gedanken oder eine Willensäußerung, mit einem Wort – Bewegung, Leben. Es gehört nicht viel dazu, um zu erraten, daß jene dort Familie hat, einen Mann und Kinder, das heißt also eine Vergangenheit; daß die zweite, in deren Gesicht sich eine Leidenschaft, eine Spur lebendiger Empfindung ausdrückt, eine Gegenwart besitzt; daß hier in diesem jugendlichen Gesichte geheime Wünsche und Hoffnungen sich ausprägen, die auf eine unruhige Zukunft schließen lassen . . .«

»Nun – und?«

»Nun, überall ist etwas Lebendiges, Unternehmendes, etwas, das nach Leben verlangt und auf das Leben reagiert . . . Dort aber, bei Sophie, ist nichts von alledem, alles glatt und leer, wie abgefegt! Nicht einmal Apathie oder Langeweile, daß man sagen könnte: hier war einmal Leben, aber es ist totgeschlagen worden – einfach nichts! Sie strahlt und glänzt, sie heischt nichts und bietet nichts, und ich weiß nichts von ihr! Und da wunderst du dich noch, daß mir das so nahe geht!«

»Das hättest du mir längst sagen sollen – dann hätte ich nämlich aufgehört, mich zu wundern. Ich bin nämlich genau ebenso wie sie,« sagte Ajanow, während er plötzlich stehen blieb. »Komm doch zu mir, statt zu ihr zu laufen . . .«

»Zu dir?«

»Ja—a!«

»Aber besitzest du denn . . . auch diese göttliche Schönheit?«

»Ich besitze eine göttliche Ruhe und genieße diese; ganz so wie sie . . . was willst du noch mehr? . . .«

»Nichts will ich von dir; doch sie – ist eine Schönheit, eine Schönheit!«

»So heirate sie doch, und willst du das nicht, oder kannst du es nicht, dann laß sie laufen, such’ dir eine Tätigkeit . . .«

»Zeig’ mir erst eine Tätigkeit, die einem lebhaften, von allem Toten und Verwesenden angewiderten Geiste und einer leidenschaftlichen Seele genügen könnte! Sag’ mir, wo ich eine Aufgabe finde, die des Kampfes lohnt – mit deinen Karten aber, deinen Visiten, deinen Routs, deinem Staatsdienst scher’ dich zum Teufel!«

»Du hast ein unruhiges Naturell,« sagte Ajanow; »man merkt es gleich, daß du nicht in strengen Händen und harter Schule warst – darum sinnst du jetzt auf tolle Streiche . . . Weißt du noch, was du von deiner Natascha erzähltest, als die noch lebte? . . .«

Raiski blieb plötzlich stehen und faßte mit einem Ausdruck der Schwermut im Gesichte die Hand seines Begleiters.

»Natascha!« wiederholte er leise – »das ist der einzige schwere Stein, der meine Seele drückt! Laß die Erinnerung an sie ruhen, jetzt, da dieser bestrickend schöne Zauber mit seinen Reizen auf mich wirkt . . .«

Raiski seufzte. Sie gingen schweigend bis zur Wladimirkirche weiter, bogen dort in eine Seitengasse ein und betraten die Einfahrt eines herrschaftlichen Hauses.




Zweites Kapitel


Erst vor einem Jahre hatte Raiski die Bekanntschaft von Sophie Nikolajewna gemacht, einer jungen Witwe von fünfundzwanzig Jahren, die in erster, nur kurzer Ehe mit dem Diplomaten Bjelowodow verheiratet gewesen war.

Sie stammte aus dem reichen alten Hause der Pachotins. Ihre Mutter hatte sie schon vor der Verheiratung verloren; ihr Vater, der als Ehemann ganz unter dem Pantoffel seiner Frau gestanden hatte, war nach Wiedererlangung seiner Freiheit plötzlich dahintergekommen, daß er viel zu früh ins Ehejoch gespannt worden sei und daher nie Gelegenheit gehabt habe, das Leben so recht aus dem Vollen zu genießen.

Er führte das Leben eines Hagestolzes und mutete sich Dinge zu, die über seine Kräfte und sein Alter weit hinausgingen, und während andere auf seine Kosten schmausten und zechten, saß er mit krankem Magen dabei und sah zu. Das hatte seinem Vermögen den Todesstoß versetzt. Als Ersatz für die Genußfähigkeit, die ihm abging, hatte sich bei ihm der greisenhafte Ehrgeiz eingestellt, als Leichtfuß und Lebemann zu gelten, und für die Treue, die er in der Ehe notgedrungen hatte halten müssen, suchte er sich nun durch allerhand verrückte Liaisons schadlos zu halten, die in kurzer Zeit seine Barmittel, die Brillanten seiner Frau und schließlich auch einen großen Teil der Mitgift seiner Tochter verschlangen. Auf seinen Landbesitz, der schon vor seiner Ehe arg verschuldet gewesen war, mußte er nun neue schwere Lasten aufnehmen.

Als seine Quellen so nach und nach versiegt waren, mußte er sich damit begnügen, nur ab und zu, vielleicht ein- oder zweimal im Jahre, eine kostspielige Dummheit zu begehen, irgendeiner Armance einen Brillantschmuck, eine Equipage oder ein teures Service zu kaufen, ihr drei Wochen lang den Hof zu machen, sie ins Theater zu führen und ihr zu Ehren Soupers zu geben, zu denen er die junge Lebewelt einlud. Dann verhielt er sich eine ganze Weile still, bis ihm wieder neue Geldmittel zuflossen.

Nikolaj Wassiliewitsch Pachotin war ein sehr stattlicher alter Herr von recht würdevollem Aussehen, mit ehrwürdigem weichem Silberhaar. Sein Äußeres erinnerte lebhaft an den englischen Minister Palmerston.

Ganz besonders stattlich nahm er sich aus, wenn er mit seiner Tochter Sophie Nikolajewna am Arme stolz und feierlich in den Ballsaal trat oder sich auf der Promenade mit ihr zeigte. Wer ihn nicht kannte, machte ihm ehrfurchtsvoll Platz, während die Bekannten sogleich, wenn sie seiner ansichtig wurden, ein vielsagendes Lächeln aufsteckten, ihm unter familiären Scherzen die Hand schüttelten, ihn aufforderten, doch wieder einmal ein lustiges Diner zu veranstalten, und ihm irgendeine lustige Geschichte ins Ohr flüsterten. . . .

Der Alte scherzte, erzählte selbst nach links und nach rechts hin Anekdoten, machte seine Witze und liebte es namentlich, mit seinen Altersgenossen Erinnerungen aus der längst entschwundenen Jugendzeit auszutauschen. Voll Begeisterung sprachen sie davon, wie damals Graf Boris oder Denis ganze Haufen Goldes im Kartenspiel verloren habe; mit aufrichtigem Bedauern konstatierten sie, daß sie selbst nur so wenig vergeuden dürften und überhaupt ein so klägliches Leben führten, und mit überlegener Miene unterwiesen sie die aufmerksam lauschende Jugend in der großen Kunst zu leben.

Mit besonderer Vorliebe aber schwelgte Pachotin in seinen Pariser Erinnerungen, als im Jahre Vierzehn die Russen als großmütige Sieger in der Seinestadt eingezogen waren und durch ihr chevalereskes Wesen nicht nur die seit der Revolution in dieser Hinsicht stark entarteten Franzosen übertroffen, sondern durch ihre sinnlose Verschwendung sogar die großzügige Freigebigkeit der Engländer überboten hätten.

Scherzend und lachend schritt der Alte durchs Leben und hielt sich nur an seine heiteren Seiten. Er behielt selbst bei einem Trauerspiel im Theater seine lächelnde Miene, war entzückt von den kleinen Füßchen der tragischen Heldin und lorgnettierte ungeniert ihren Halsausschnitt.

Trat dagegen etwas Ernstes an ihn heran, das nichts mit seinen Diners und zarten Abenteuern zu tun hatte, sondern an die Nerven ging und Aufregungen mit sich brachte, tauchten wichtige Fragen vor ihm auf, die an seinen Verstand oder seinen Willen appellierten, dann verfiel er in Zweifel und Unsicherheit, schwieg ängstlich und nagte hilflos an seinen Lippen.

Er hatte von Haus aus einen lebhaften, leicht auffassenden Sinn und eine gute Beobachtungsgabe, ja sogar einen gewissen geistigen Schwung. Mit sechzehn Jahren war er in die Garde eingetreten und hatte vortrefflich Französisch sprechen, schreiben und singen gelernt, vom russischen Schrifttum aber hatte er kaum eine Ahnung. Er hatte eine prächtige Wohnung nebst Equipage und Pferden und verfügte über ein Einkommen von zwanzigtausend Rubeln. Niemand trug sich eleganter als er, und noch jetzt, auf seine alten Tage, galt sein Geschmack in Modefragen als tonangebend. Alles saß an ihm wie angegossen; sein Gang war elastisch und vornehm, seine Sprechweise sicher, niemals ließ er sich hinreißen. Seine Urteile standen nicht selten mit der Logik auf dem Kriegsfuße, doch war er dafür ein recht gewiegter Sophist. Man durfte wohl anderer Meinung sein als er, eine Niederlage aber gab er nie zu. Die Welt, in der er lebte, sein ganzer Erfahrungs- und Betätigungskreis gab seinem Leben keinen eigentlichen Inhalt, und so fürchtete er denn alles, was nach Ernst aussah, wie das Feuer. Eben dieser Erfahrungskreis aber, dieser stetige Verkehr mit vielen Menschen, diese zahlreichen und mannigfaltigen Bekanntschaften hatten in ihm eine gewisse liebenswürdige kleine Intelligenz ausgebildet, und wer ihn nicht kannte, war leicht geneigt, sich auf seinen Rat und sein Urteil zu verlassen, um dann nachträglich, durch den Schaden klug gemacht, zu erkennen, mit wem er es im Grunde genommen zu tun hatte.

Er war noch nicht ganz in den bei seinem müßigen Leben und seinen Mitteln nicht ungefährlichen Strudel des Residenztreibens hineingeraten, als man ihn, den Fünfundzwanzigjährigen, mit einem hübschen Mädchen aus altem Hause verheiratete. Sie war eine kalte, despotische Natur und hatte es sogleich heraus, daß er der Schwächere war; es blieb ihm nichts weiter übrig, als nach ihrer Pfeife zu tanzen.

Augenblicklich war Nikolaj Wassiljewitsch Pachotin Mitglied irgendeines offiziellen Komitees, wohnte allwöchentlich einer Sitzung bei, hatte einen hohen Rang und zwei Sterne und erwartete mit Ungeduld den dritten Stern. Das war die Stellung, die er in Staat und Gesellschaft innehatte.

Außer dem dritten Stern hatte er noch einen anderen sehnsüchtigen Wunsch: eine Reise ins Ausland – das heißt nach Paris zu machen – diesmal nicht mit den Waffen, sondern mit dem gefüllten Geldbeutel in der Hand, und sich dort einmal gründlich, nach dem Rezept der alten Zeit, auszuleben.

Mit Entzücken, und zugleich mit einem Gefühl des Neides, rief er sich allerhand Anekdoten aus den Tagen vor der Revolution ins Gedächtnis zurück, so die Geschichte von dem berühmten Taugenichts, der in einem Porzellanladen eine Tasse zerschlug und als Antwort auf die Vorwürfe des Ladeninhabers den ganzen Porzellanvorrat des Mannes in einen Scherbenhaufen verwandelte, natürlich nicht, ohne ihm alles auf Heller und Pfennig zu bezahlen; dann die Geschichte von dem Leichtfuß, der dem König eine herrliche Villa abkaufte, um sie einer Tänzerin zu schenken, und ähnliche kecke Historien, die er gern erzählte und jedesmal mit einem Seufzer des Bedauerns darüber schloß, daß die alte Zeit unwiederbringlich vorüber sei.

Kurz nach dem Tode seiner Frau hatte er um seine Versetzung nach Paris gebeten, aber seine lockeren Sitten und törichten Streiche waren bereits so weit ruchbar geworden, daß ihm auf sein Gesuch ganz kurz geantwortet wurde, es liege kein Grund zu einer Versetzung vor. Er kaute an seinen Lippen, ging ein Weilchen melancholisch umher, beging dann irgendeine kostspielige Verrücktheit und beruhigte sich wieder. Die Sehnsucht nach Paris war ihm seither, zumal sein Vermögen inzwischen arg gelitten hatte, so gut wie ganz vergangen.

Neben der Sorge um die Erlangung des dritten Sterns nahm noch ein weiteres Problem ihn sehr lebhaft und andauernd in Anspruch: wie er nämlich seinen beiden älteren Schwestern, den Tanten Sophies, die als alte Jungfern lebten, das zur Bestreitung seiner Torheiten nötige Geld aus der Tasche locken könnte. Seine ganze Findigkeit und Energie wandte er der befriedigenden Lösung dieses Problems zu.

Nadjeschda Wassiljewna und Anna Wassiljewna Pachotin waren zwar geizig und hatten für die Person ihres Bruders nicht das geringste übrig, doch schätzten sie den Namen, den er trug, den guten Ruf des Hauses und die Überlieferungen ihres alten Geschlechts ungemein hoch und zahlten ihm außer einem ein für allemal festgesetzten Taschengeld von fünftausend Rubeln in einzelnen Beträgen noch jährlich Subsidien in etwa gleicher Höhe. Am Jahresschluß hatten sie dann noch jedesmal fast ebensoviel zu bezahlen, um die Rechnungen der Schneider, Möbelhändler und sonstigen Geschäftsleute aus der Welt zu schaffen, was natürlich unter heftigen Vorwürfen und Ermahnungen, ja fast unter Tränen vor sich ging.

Sie wußten, welchen Gebrauch er von dem Gelde machte, doch urteilten sie in dieser Beziehung nicht gar zu streng – erinnerten sie sich doch der lockeren Gewohnheiten der Lebemänner ihrer Zeit, die sie als etwas ganz Selbstverständliches hinnahmen. Als sittsame Damen hielten sie sich jedoch stets die Ohren zu, wenn er vor ihnen mit seinen törichten Streichen prahlen, oder wenn ein Dritter ihnen davon erzählen wollte.

Er war in ihren Augen ein hohler, zu nichts mehr brauchbarer, abgelebter Greis und ein schlechter Vater, aber er war doch eben ein Pachotin, ein Sprößling dieses alten Geschlechts, dessen Anfänge sich weit in der grauen Vorzeit verloren, dessen Ahnenbilder einen ganzen Saal einnahmen, dessen Stammbaum kaum auf einem großen Tische Platz fand, und das eine ganze Reihe von hervorragenden Männern aufzuweisen hatte.

Sie waren stolz auf alles das, und sie verziehen dem Bruder alles, einzig darum, weil er ein Pachotin war.

Sie selbst hatten einst in der großen Welt eine glänzende Rolle gespielt und waren aus Gründen, die außer ihnen kein Mensch mehr im Gedächtnis hatte, unvermählt geblieben. Sie lebten still für sich in dem alten Hause, in dem sie das Licht der Welt erblickt hatten, gemeinsam mit der Familie des verheirateten Bruders, und verwandten all ihre Sorgfalt und Aufmerksamkeit auf die Erziehung Sophies, der einzigen Tochter Pachotins. Die Verheiratung der letzteren hatte in ihrem Leben eine Störung hervorgerufen, aber Sophie war bald Witwe geworden, auch ihre Mutter war bereits tot, und so hatte sie sich von neuem unter die fast klösterliche Obhut und Autorität ihrer Tanten begeben.

Die beiden alten Damen waren von hohem Wuchse, ganz ergraut und machten in ihrem Äußeren den Eindruck peinlichster Sauberkeit; sie trugen im Hause schwere dunkle Seidenkleider, große Hauben und viele Ringe an den Händen.

Nadjeschda Wassiljewna litt an neuralgischem Gesichtsschmerz, sie trug unter der Haube ein Samtkäppchen und um die Schultern einen hermelingefütterten Samtkragen, während Anna Wassiljewna Locken aus Rohseide und einen großen Schal trug. Beide gingen nie ohne Ridikül, und Nadjeschda Wassiljewna bediente sich außerdem einer goldenen Schnupftabakdose; eine Anzahl Taschentücher waren stets um sie herum. Außerdem besaß sie einen Mops, ein altes, ewig verschlafenes, heiseres Tier, das vor lauter Altersschwäche keinen der Hausgenossen außer seiner Herrin erkannte.

Das Haus der Pachotins war ein altes, langgestrecktes, zwei Stockwerke hohes Gebäude, mit dem Wappen der Familie an der Frontseite, mit dicken, massiven Mauern, tiefen, kleinen Fenstern und hohen Pfeilern. Eine endlose Reihe von Zimmern, die alle mit Damast ausgeschlagen waren, zog sich im Hause hin; schwere, reich geschnitzte dunkle Schränke, mit kostbarem Porzellan und Silber angefüllt, standen gleich Sarkophagen an den Wänden, mit schweren Diwans und Stühlen im Rokokostil abwechselnd, alles reich, aber nüchtern, ohne Komfort. Der Schweizer sah aus wie der Meergott Neptun; die Diener waren alt und schweigsam, die Dienerinnen trugen dunkle Kleider und Hauben. Die Kutsche war hoch und mit seidenen Fransen besetzt; die Pferde waren alt, doch von guter Rasse, mir langen Hälsen und Rücken, mit Lippen, die vom Alter weiß geworden waren, und Köpfen, die während der Fahrt bedächtig auf und nieder gingen. Sophies Zimmer hatte ein etwas lichteres Aussehen, namentlich wenn die Bewohnerin selbst anwesend war: es gab darin Blumen und Noten und eine ganze Menge moderner Nippsachen. Noch ein wenig mehr Ungezwungenheit, Unordnung, Licht und Geräusch, und es wäre ein ganz behagliches kleines Nestchen gewesen, wie geschaffen zum Schwärmen und Träumen, zu neckischem Spiel und selbst zum Lieben.

Aber die Blumen steckten in altertümlichen, schweren Vasen, die wie Graburnen aussahen, und ein massiver alter Silberaufsatz erhöhte noch den antiken Anstrich des Raumes. Den Damen war jede Unordnung in den Tod verhaßt: waren die Blumen in der Vase etwas auseinander geraten, dann kam Anna Wassiljewna, klingelte das Stubenmädchen in der Haube herbei und befahl, die Blumen symmetrisch zu ordnen.

Lag einmal eins der reichgebundenen Bücher auf dem Diwan oder auf einem der Stühle herum, dann stellte Nadjeschda Wassiljewna es sogleich ins Fach; fiel ein gar zu heller Sonnenstrahl ins Zimmer, und spielte er da lustig in dem Kristallglas, dem Spiegel oder dem Silberzeug, dann fand Anna Wassiljewna, daß die Augen sie davon schmerzten, und wies nur mit dem Finger nach der Portiere hin, worauf der Diener rasch zusprang und der schwere, steife Seidenvorhang glatt niederrollte, um dem losen Lichtstrahl den Weg zu versperren.

Dafür herrschte im unteren Stockwerk, bei Nikolaj Wassiljewitsch, die größte Unordnung. Die alten Traditionen waren hier mit modernem Komfort ganz durcheinander gemischt. Neben den schweren Barockmöbeln stand eine leichte Causeuse von Gambs, der gotische Kamin war durch einen Ofenschirm mit lustigen französischen Genrebildern verdeckt, auf dem Tische fand der Morgen häufig noch Überreste vom Nachtmahl vor, auf dem Diwan lag zuweilen ein Frauenhandschuh oder eine elegante Stiefelette umher, und im Toilettezimmer war ein ganzes Magazin von kosmetischen Mitteln etabliert. So still und ruhig es oben war, so laut erklang unten häufig das Sprechen und Lachen, immer ging es dort lebhaft und liederlich zu. Der Kammerdiener Pachotins war ein Franzose mit einschmeichelnder Redeweise und frechem Blick.




Drittes Kapitel


Raiski und Ajanow mußten eine ganze Reihe von Zimmern passieren, bevor sie endlich in die eigentliche Wohnung, das heißt in die von den beiden Alten und Sophie Nikolajewna bewohnten Räume gelangten.

Als sie in das Gastzimmer kamen, ließ der Mops ein heiseres Knurren vernehmen, brachte es jedoch nicht zu einem eigentlichen Bellen und legte sich, nachdem er sich einmal im Kreise herumgedreht hatte, wieder hin.

Anna Wassiljewna nickte ihnen zu, und Nadjeschda Wassiljewna erwiderte ihre Verbeugung mit einem freundlichen Blick, schneuzte sich dann mit Genugtuung und nahm sogleich eine Prise – sie wußte, daß sie nun bestimmt ihre Partie haben würde.

»Ma cousine!« sagte Raiski, während er der Nichte die Hand reichte.

Sophie Nikolajewna verneigte sich lächelnd und reichte ihm die Hand.

»Klingle doch, Sophie, man soll servieren,« sagte die ältere Tante, als die Gäste am Tische Platz genommen hatten. Sophie erhob sich von ihrem Platze, aber Raiski kam ihr rasch zuvor und zog die Klingelschnur.

»Sag’ Nikolaij Wassiljewitsch, daß wir uns zu Tisch setzen,« wandte sich die alte Dame mit kühler Würde an den Diener. »Und nun soll endlich aufgetragen werden! Du hast dich heut verspätet, Boris: es ist bereits ein Viertel nach fünf!« sagte sie in vorwurfsvollem Tone zu Raiski.

Er stand zu den beiden Alten im verwandtschaftlichen Verhältnis eines Neffen zweiten Grades und war somit ein weitläufiger Vetter von Sophie. Seine Familie, die gleichfalls von alter Herkunft war und dereinst sich großer Wohlhabenheit erfreut hatte, war zu dem Hause der Pachotins mehrfach durch Heiraten in Beziehung getreten. Seine persönliche Bekanntschaft mit diesen Verwandten war jedoch nicht älter als ein Jahr.

Die Schuld daran trug er ganz allein. Die alten Damen hatten, als sie seinen Namen hörten, sich sogleich danach erkundigt, ob er etwa von jenen Raiskis abstamme, die dann und dann dort und dort gelebt hätten. Er wußte davon, daß sie Erkundigungen eingezogen hatten, zog es jedoch vor, ihr Interesse für ihn unbeachtet zu lassen, da es ihm wenig verlockend schien, die Bekanntschaft dieser langweiligen und steifen, wenn auch reichen Herrschaften zu machen.

Er selbst war weder langweilig und steif noch auch reich. Seinem Stammbaum legte er durchaus keinen Wert bei, und über das Alter seines Geschlechts nachzudenken, lag ihm gänzlich fern.

Er war bereits in seiner Kindheit verwaist und unter der Obhut eines gleichgültigen, unverheirateten Vormunds aufgewachsen, der ihn zunächst einer Verwandten, einer Großtante Raiskis, zur Erziehung übergeben hatte. Sie war eine Frau von vortrefflichem Herzen, die aber über ihren Winkel nicht hinaussah und ganz in den häuslichen und wirtschaftlichen Sorgen aufging. In stiller Abgeschiedenheit, von Gärten und Wäldern umgeben, hatte Raiski die ersten Jugendjahre unter ihrer Aufsicht zugebracht, und als er größer ward, brachte ihn der Vormund auf ein Gymnasium, wo alle Erinnerungen an den ehemaligen Reichtum der Familie und die verwandtschaftliche Beziehung zu den übrigen vornehmen Geschlechtern des Landes rasch aus dem Gedächtnis des Knaben schwanden.

Die weitere Entwicklung Raiskis, seine Beschäftigung wie seine ganze Geistesrichtung waren vollends dazu angetan, ihn der alten Zeit mit ihren Überlieferungen zu entfremden.

Er hatte es also, wie gesagt, keineswegs eilig gehabt, seinen Petersburger Verwandten, die von seiner Existenz unterrichtet waren, näherzutreten.

An einem Winterabend jedoch hatte Raiski Sophie auf einem Balle gesehen und zweimal mit ihr gesprochen, und fortan war er eifrig bemüht, die nähere Bekanntschaft ihrer Familie zu machen. Am leichtesten war dies durch die Vermittlung ihres Vaters zu bewerkstelligen, und diesen Weg schlug er denn auch tatsächlich ein.

Er war mit einer hübschen Schauspielerin bekannt und wußte sich auf einer ihrer Abendgesellschaften geschickt an den Alten heranzumachen. Er schenkte ihm ein Porträt dieser Schauspielerin, das er selbst gemalt hatte, kam bei dieser Gelegenheit auf seine Familie und die verwandtschaftlichen Beziehungen zu sprechen und hatte bald die Genugtuung, den beiden Alten und der Tochter vorgestellt zu werden.

Er wußte die beiden Schwestern ganz zu bezaubern, indem er bald der schüchterne junge Mann war, der bescheiden auf die überlegene Weisheit des Alters lauschte, bald den lebhaften, munteren Gesellschafter spielte. Es dauerte nicht lange, so duzten sie ihn und redeten ihn als »mon neveu« an, wohingegen er Sophie Nikolajewna seine Cousine nennen durfte, im Hause auf vertraulichem Fuße verkehrte und gewisse Rechte genoß, wie sie ein Fremder nicht in hundert Jahren sich erworben hätte.

Er war jedoch damit noch nicht zufrieden, daß er zweimal täglich im Hause vorsprechen, ihnen Bücher und Noten bringen und uneingeladen zum Mittagessen kommen durfte. Er war an die freieren Sitten der neuen Zeit und den ungezwungenen Verkehr mit Frauen gewöhnt – Sophie aber war nur selten mit ihm allein, stets war die eine oder andere der beiden Tanten anwesend, und die Unterhaltung ging kaum jemals über das Gebiet des Alltäglichen und die Erinnerungen der Familie hinaus.

Wandte sich das Gespräch wirklich einmal einer bedeutsamen, tiefer ins Leben eingreifenden Frage zu, so drückten ihm die beiden Alten sogleich mit feierlicher Miene das Siegel ihrer Autorität auf.

Inzwischen empfand Raiski den lebhaftesten Wunsch, dahinter zu kommen, wes Geistes Kind eigentlich diese Sophie Nikolajewna Bjelowodowa war. Für die Gesellschaft war sie die schöne Frau von guter Erziehung, feinem Ton und vornehmem Hause, aber nicht darauf kam es ihm an. Er wollte vielmehr das Weib in ihr kennenlernen, wollte ergründen und feststellen, was sich unter dieser ruhigen, unbeweglichen Hülle der Schönheit verbarg, die immer gleichmäßig strahlte, nie auf etwas einen jähen, flammenden oder auch nur müden, gelangweilten Blick warf und sich nie ein ungeduldiges, unvorsichtiges oder heftiges Wort entschlüpfen ließ.

Schön aber war sie in der Tat. Es machte nichts aus, daß sie eine Witwe, eine Frau war; auf ihrer offenen, milchweißen Stirn und den edlen, ein wenig starken Zügen des Gesichtes lag eine jungfräuliche, fast kindliche Unbekanntschaft mit dem Leben.

Es schien, als habe sie noch nichts davon gehört, daß es Leidenschaften und Kummer in der Welt gibt und ein wildes Spiel der Geschehnisse und Gefühle, das den kindlichen Glanz von den Gesichtern verwischt und den Menschen Flüche auf die Lippen legt.

Eine gleichförmige, matte Glut lag in den großen, graublauen Augen. Zuweilen schien es wie ein Gefühl darin aufzuflackern – man konnte nicht sagen, daß sie eine herzlose Frau sei. Es war aber nur ein Gefühl unbestimmten Wohlwollens gegen alles in der Welt – wie es aus den Augen satter, sorgloser Leute strahlt, denen es an nichts mangelt, die keine Not und keinen Kummer kennen. Sie hatte dunkles, fast schwarzes Haar, und die dichten schweren Flechten im Nacken vermochten die Nadeln kaum festzuhalten. Schultern und Brust waren von üppiger Fülle.

Die Farbe des Gesichts, der Schultern, der Hände war frisch und rein, von blühender, durch Krankheit oder Entbehrungen nicht beeinträchtigter Gesundheit. Die Art, wie sie sich trug, machte bei aller Einfachheit einen vornehmen Eindruck. Der Stoff ihrer Kleider war von besonderer Art, und ihre Schuhe waren ganz anders, als man sie sonst trug.

Wie ein herrliches Gemälde, eine schöne Vision war sie an jenem ersten Ballabend Raiski erschienen. Das zweitemal hatte er sie nur von weitem im Theater gesehen, das drittemal wieder bei einem Balle, dann auf der Straße – und jedesmal war das Gemälde in seinem Glanz und seinen Farben sich selbst gleichgeblieben. Vergeblich hatte er sich bemüht, mit eindringlichem Blick in ihren Gedanken, ihrer Seele zu lesen und zu ergründen, was sich eigentlich unter der schönen Hülle verbarg: er hatte nichts herausgelesen außer dieser unergründlich tiefen Ruhe. Immer noch erschien sie ihm wie ein Gemälde oder eine schöne Museumsstatue.

Man fand allgemein, sie sei das Muster einer vornehm erzogenen Aristokratin, einer Dame comme il faut, und man bedauerte, daß sie noch nicht wieder vermählt war, erwartete jedoch mit Bestimmtheit, daß über kurz oder lang Gott Hymen ihr wieder seine Fesseln anlegen würde.

Im engeren Kreise der Familie, der Tanten, Onkel und sonstigen älteren Verwandten suchte man eifrig in diesem oder jenem Kavalier, der sich ihr näherte, ihren zukünftigen Gatten zu erraten: bald erschien irgendein Gesandter auffallend häufig im Hause, bald ein General, der sich irgendwo besonders ausgezeichnet hatte; und einmal war sogar allen Ernstes von einem älteren Herrn aus königlichem Geblüt – einem Ausländer – die Rede. Sie schwieg zu allem und schaute sorglos drein, als ob es sich gar nicht um ihre Person handelte.

Die anderen fanden dieses Verhalten ganz natürlich, ja sogar sehr »sublim«. Nur Raiski suchte – Gott weiß, aus welchem Grunde – sie aus dieser Reserve herauszulocken und wollte um jeden Preis das Geheimnis ihres Wesens ergründen.

Sie verfolgte seine Anstrengungen mit einem freundlichen Lächeln. Nicht eine Miene ihres Gesichts verriet einen lebhafteren Wunsch, eine Aufwallung, eine tiefere Regung. Vergeblich forschte er, wenn er mit ihr im Theater saß, zu ihrem Gesichte, ob vielleicht ein leidenschaftlicher Schrei oder sonst ein starker Vorgang auf der Bühne sie lebhafter bewegte. Sie verfolgte den Gang der Handlung ohne jede Spur jenes naiven Mitgefühls, jener Spannung, die das übrige Publikum gefesselt hielt. Und auch eine komische Szene, eine lustige Karikatur auf das Leben, die sonst ein allgemeines Lachen beim Publikum hervorrief, entlockte ihr nur ein leichtes Lächeln, das höchstens ein flüchtiger Blick des Einverständnisses zu ihrer Logennachbarin hinüber begleitete.

Und dabei war sie verheiratet! dachte Raiski und konnte sich nicht genug wundern.

Bald nachdem er die Bekanntschaft der Pachotins gemacht hatte, führte er seinen Kollegen Ajanow im Hause ein – er sollte den Tanten zweimal in der Woche eine Kartenpartie arrangieren. Er selbst benutzte die Gelegenheit, sich an diesen Spielabenden nach Möglichkeit der Cousine zu nähern und machte – weshalb und warum, wußte er selbst nicht zu sagen – alle nur erdenklichen Anstrengungen, Schritt für Schritt in das Wesen dieser seltsam stillen Schönen einzudringen.




Viertes Kapitel


Man saß bereits bei Tisch, als Nikolaj Wassiljewitsch das Speisezimmer betrat. Er trug ein kurzes Jackett, eine tadellos gebundene Krawatte und eine blendend weiße Weste; er war frisch rasiert, das schöne weiße Haar duftete nach Parfüm, seine ganze Erscheinung verriet das Bemühen, recht jugendlich auszusehen.

»Bonjour, bonjour!« rief er und nickte, als Antwort auf den Gruß der anderen, nach allen Seiten mit dem Kopfe. »Ich speise heut nicht mit Ihnen, meine Herrschaften, ne vous déranges pas,« sagte er, als man ihn zum Platznehmen einlud. »Ich mache eine Landpartie.«

»Eine Landpartie! Ich bitte dich, Nicolas!« sagte Anna Wassiljewna. »Der Schnee ist ja noch gar nicht weg . . . Du sehnst dich wohl wieder nach deinem Rheumatismus?« Pachotin zuckte die Achseln.

»Was soll ich machen! Ce que femme veut, Dieu le veut! La petite Nini hat sich gestern von Viktor nach seiner Villa einladen lassen: ›Ich möcht’ mal frische Luft schnappen,‹ meinte sie – na, und da will ich eben mit hinaus! . . .«

»Bitte, bitte!« rief Nadjeschda Wassiljewna mit einer abwehrenden Handbewegung. »Sparen Sie sich die Details für diese petite Nini!«

»Sie riskieren, sich zu erkälten,« sagte Ajanow. »Ich habe in meinem dicken Paletot gefroren.«

»Ah, mon cher Iwan Iwanowitsch: hätten Sie Ihren Pelz angezogen, dann hätten Sie nicht gefroren! . . .«

»Eine Landpartie in Pelzen!« bemerkte Raiski ironisch.

»Eine Landpartie – du stellst dir natürlich gleich grüne Fluren, murmelnde Bäche, hellen Sonnenschein und Hirtenknaben, vielleicht gar Hirtenmädchen vor. . . Du bist eben ein Künstler! Denk’ dir die Sache aber mal ohne das Grün, ohne die blumigen Fluren . . .«

»Ohne den Bach und ohne die Sonne . . .« fiel ihm Raiski ins Wort.

»Ganz recht, nichts weiter als Landluft . . . na, und die kann man doch auch im Zimmer einatmen! Den Pelz zieh’ ich auf alle Fälle an . . . und unter den Hut nehme ich meine Samtkappe, es brummt mir nämlich seit gestern so im Kopfe, als ob ich in einem fort Glockengeläute hörte; wie ich gestern im Klub war, wurde neben mir deutsch gesprochen, und mir war’s, als knacke jemand Walnüsse . . . Aber die Partie mache ich dennoch mit! . . . O, diese Frauen!«

»Auch ein Don Juan, was?« bemerkte Ajanow leise zu Raiski.

»Ja, auf seine Art. Ich kann nur wiederholen: der Typus des Don Juan existiert in ebenso zahllosen Abarten wie der des Don Quixote. Dieser hier hat das künstlerische Empfinden für die Schönheit verloren, seine Begeisterung ist von grober, sinnlicher Art . . .«

»Du hast dir da ja anscheinend eine ganze Metaphysik der Schönheit ausgetüftelt!«

»Die Frauen,« versetzte Pachotin, »schwärmen heut nur noch für Leute in unseren Jahren.« (Er hätte um nichts in der Welt sich selbst einen Greis genannt.) »Und wie reizend sie sind: so sagte zum Beispiel neulich Pauline zu mir . . .«

»Schweigen Sie, bitte, schweigen Sie!« rief Nadjeschda Wassiljewna mit sichtbaren Zeichen der Ungeduld. »Fahren Sie doch, wenn Sie nicht mit uns speisen wollen! . . .«

»Ach, ma soeur, was ich sagen wollte . . .« begann er, zu der älteren der beiden Schwestern gewandt, und flüsterte ihr leise, mit bittender Miene, irgend etwas ins Ohr. »Schon wieder!« unterbrach ihn Nadjeschda Wassiljewna mit kühlem Erstaunen. »Ich habe nichts!« fügte sie unwillig hinzu.

»Quinze cent!« bat er im Flüsterton.

»Ich habe nichts, ich habe nichts, mon frére! Zu Ostern erst haben Sie dreitausend bekommen, sind die schon weg? . . .

Das ist unerhört! . . .«

»Eh bien, mille roubles! Ich muß an den Grafen eine Schuld abtragen: ich habe ihn vor acht Tagen angeborgt und kann ihm nun nicht in die Augen sehen.«

»Mir aber können Sie in die Augen sehen? Ein für allemal – ich habe nichts!«

Er wandte sich ab von ihr und begann nachdenklich an den Lippen zu kauen.

»Hat man Ihnen gesagt, Papa, daß der Graf heut bei Ihnen vorgesprochen hat?« fragte Sophie, als sie den Namen des Grafen hörte.

»Ja; leider war ich nicht zu Hause, aber ich werde ihn morgen aufsuchen.«

»Er fährt morgen früh nach Zarskoje Sselo.«

»Sagte er das?«

»Ja, er hat uns hier begrüßt. Er sagte, er müsse Sie sprechen, es liege etwas vor . . .«

Wieder kaute Pachotin an den Lippen.

»Ach ja – ich weiß, um was es sich handelt!« rief er plötzlich, als erriete er eben erst, weshalb der Graf dagewesen. »Ich soll da gewisse Akten durcharbeiten – merci! Und zu Ostern hat er mich wieder übergangen, während Ilja seinen Stern bekommen hat! Qu’il aille se promener! Warst du heut im Sommergarten?« fragte er seine Tochter. »Entschuldige nur, ich kam zu spät . . .«

»Ich war nicht da; wir wollen morgen mit Catherine hinfahren, sie will mir Gesellschaft leisten.«

Er küßte die Tochter auf die Stirn und ging, um seine Landpartie zu machen. Nach dem Mittagessen setzten sich die beiden alten Damen mit Ajanow an den Kartentisch.

»Seien Sie mir heut nicht böse, Iwan Iwanytsch,« begann Anna Wassiljewna, »wenn ich wieder meine Treffdame übersehe. Ich habe diese ganze Nacht von ihr geträumt. Wie konnte ich sie nur damals nicht sehen! Auf den Buben gebe ich die Neun zu, und habe dabei die Dame! . . .«

»Das kann leicht vorkommen,« sagte Ajanow in höflichem Tone.

Raiski und Sophie blieben noch ein Weilchen im Salon und begaben sich dann in Sophies Zimmer.

»Was haben Sie heute morgen getrieben?« fragte Raiski.

»Ich war bei Lydia, im Institut.«

»Ah, bei Ihrer Cousine! Was macht die liebe Kleine? Kommt sie bald heraus?«

»Zum Herbst; und den Sommer soll sie bei uns auf dem Lande zubringen. Ja, sie ist sehr lieb, und hübsch ist sie geworden! Nur ist sie noch so lächerlich naiv, wie überhaupt alle dort . . .«

»Wieso?«

»Sie umringten mich sogleich von allen Seiten, und alles versetzte sie in Entzücken: die Spitzen, und das Kleid, und die Ohrringe; selbst meine Schuhe wollten sie sehen . . .« Sophie lächelte bei diesen Worten.

»Nun – und Sie zeigten ihnen die Schuhe?«

»Nein. Man wird Lydia das alles im Sommer abgewöhnen . . .«

»Warum abgewöhnen? Ich finde diese Naivität der jungen Mädchen, die alles bewundern und sich über alles freuen, ganz entzückend. Warum sollen sie sich nicht für Ihre Schuhe interessieren? Wenn sie sich dann auf dem Lande über die Bäume und Blumen freut – werden Sie auch da etwas dagegen haben?«

»O, durchaus nicht! Wer wird ihnen die Freude an Bäumen und Blumen verwehren? Nur meine Schuhe sollen sie nicht sehen, das halte ich für überflüssig.«

»Es gibt so viel Überflüssiges im Leben; wie wollen Sie das ausschalten?«

»Ich glaube, Sie wollen heute wieder mit mir Krieg führen?« bemerkte sie. »Nur sprechen Sie, bitte, nicht zu laut, denn wenn die Tanten ein Wort aufschnappen, wollen sie wieder alles ganz genau wissen, und das ist dann langweilig.«

»Wenn wir immer nur das Notwendige und Ernste gelten lassen wollten,« fuhr Raiski fort, »wie trostlos arm wäre dann das Leben! Nur das, was der Mensch sich ausgedacht hat, um es als Zutat zum Leben zu genießen – nur das verschönt es. Nur wenn man der hergebrachten Ordnung, der steifen Form, den langweiligen »Grundsätzen« ein Schnippchen schlägt, wird man der Freude teilhaftig . . .«

»Den Grundsätzen ein Schnippchen schlagen – wenn ma tante das Wort hören würde! . . .« fiel Sophie ihm ins Wort.

»Dann würde sie gleich rufen: Schweigen Sie, schweigen Sie!« versetzte Raiski. »Und was sagen Sie dazu?« fragte er. »Suchen Sie wenigstens das eine Mal ohne ma tante auszukommen! Oder wollten Sie vielleicht, durch die Autorität Ihrer Tante gedeckt, nur Ihre eigene Ansicht über das Abweichen von den Grundsätzen zum Ausdruck bringen?«

»Sie wollen natürlich wieder aus dem Wunsche der jungen Mädchen, meine Schuhe zu sehen, eine Haupt- und Staatsaktion machen, wollen mir tüchtig den Text lesen und mich dann zwingen, Ihnen zuzustimmen. Ist es nicht so?«

»Allerdings,« sagte Raiski.

»Wie kommen Sie eigentlich dazu, meine armen Grundsätze immer so scharf aufs Korn zu nehmen?«

»Weil es nicht Ihre Grundsätze sind.«

»Wessen denn?«

»Es sind die Grundsätze Ihrer Tanten, Ihrer Großmütter, Großväter, Urgroßmütter, Urgroßväter, kurz all der verblichenen Herren und Damen da in den Halskragen und Manschetten . . .«

Er zeigte auf die Porträts an der Wand.

»Da sehen Sie, wie viele Stimmen ich für meine Grundsätze zählen kann!« sagte sie scherzend. »Und für Ihre Prinzipien? . . .«

». . . Zähl’ ich tausendmal so viel Stimmen!« fiel Raiski rasch ein und schlug die Fensterportiere zurück. »Blicken Sie hinaus: all die Menschenkinder, die dort gehen und fahren und hin und her rennen, alle diese lebenden, noch nicht verblichenen Wesen bekennen sich zu meinen Prinzipien! Wohlan, Cousine, schließen Sie sich ihnen an, sondern Sie sich nicht ab von ihnen! Dort ist das Leben . . .« Er ließ die Portiere zurückfallen. »Und hier – ist ein Friedhof.«

»Sagen Sie mir endlich einmal kurz und bündig, Cousin: welches sind eigentlich die Prinzipien dieser Menschen da?« Sie wies nach der Straße hinaus. »Worin bestehen sie, und warum soll ich nun mit einemmal mich von Grundsätzen trennen, die schon so vielen eine Stütze im Leben gewesen sind, um neue Grundsätze anzunehmen? . . .«

»In Ihrer Frage ist auch die Antwort schon enthalten: ›gewesen sind‹ sagten Sie – und ich füge hinzu: und vermodert sind, samt jenen, die sie stützten! Die dort aber« – er zeigte nach der Straße – »sind nicht vermorscht und vermodert, sondern leben! Wie sie leben – das kann ich Ihnen hier nicht sagen, Cousine. Ich müßte Ihnen sonst das ganze Leben da draußen schildern mit allen seinen Einzelheiten, seinem lebendigen, modernen Pulsschlag. Doch was rede ich noch – ich habe Ihnen schon so viel davon erzählt, habe Ihnen Beispiele angeführt, und mit Ihnen diskutiert, und Ihnen vorgelesen . . . und alles war umsonst!«

»Bin ich daran schuld?«

»Allerdings, Cousine. Ich versteh’ mich doch, weiß Gott, aufs Erzählen, aber Ihnen ist eben nicht beizukommen, Sie sind unangreifbar, unerschütterlich und lassen sich aus Ihrer Festung nicht herauslocken . . . Ich strecke die Waffen!«

Er verneigte sich tief vor ihr, und sie sah ihn lächelnd an. »Seien wir beide unerschütterlich,« sagte sie, »bleiben wir jedes in seiner Festung! Seinen Grundsätzen treu bleiben – das ist, glaube ich, alles . . .«

»Es heißt nichts anderes, als seiner Blindheit treu bleiben: wahrlich, kein übermäßiger Heroismus! . . . Die Welt strebt nach Glück, nach Erfolg, nach Vollkommenheit . . .«

»Ich denke, ich selbst bin . . . die Vollkommenheit? Sie haben mir das doch erst vorgestern versichert, Cousin! Und Sie wollten es mir sogar streng logisch beweisen, wenn ich Ihnen nur hätte zuhören wollen . . .«

»Ja, Cousine, Sie sind vollkommen; aber die Venus von Milo, und die Köpfe von Greuze, und die Rubensschen Frauen sind doch noch vollkommener als Sie. Dafür sind Ihre Grundsätze und die ganze Art, wie Sie leben, das Gegenteil von Vollkommenheit!«

»Was soll ich denn nun tun, um dieses Leben und seine verzwickten Prinzipien, die ja auch die Ihrigen sind, zu begreifen?« fragte sie in ruhigem Tone, der deutlich bewies, daß ihr durchaus nicht daran lag, irgend etwas zu begreifen, sondern daß sie nur eben redete, um etwas zu sagen.

»Was Sie tun sollen?« erwiderte er. »Sie sollen zunächst einmal diese Portiere, die Ihnen das Leben verbirgt, vom Fenster zurückziehen und die Dinge mit offenen Augen ansehen – dann werden Sie begreifen, daß diese verblichenen Greise in den Goldrahmen da Sie ganz gewissenlos täuschen und belügen . . .«

»Cousin!« rief Sophie lächelnd, und man konnte deutlich hören, daß sie ihre Ahnen dem kecken Angriff gegenüber in Schutz nehmen wollte.

»Ja, ja, sie lügen!« fuhr Raiski leidenschaftlich fort. »Betrachten Sie einmal diesen gepuderten Alten da mit den stahlgrauen, durchdringenden Augen,« sagte er und zeigte auf ein Porträt, das gerade vor ihm zwischen den beiden Fenstern hing. »Er soll sehr streng gewesen sein, selbst den Seinigen gegenüber, und alles fürchtete sich vor seinem Blick. ›Halte dich würdig!‹ – scheint er Ihnen zuzurufen. Wessen würdig? Deines Menschentums, deiner Weiblichkeit? Nein – sondern deiner Abstammung, deiner Familie, und wenn, was Gott verhüte, sich dir ein Mensch naht, dessen Name erst von gestern stammt, der sich mit seinem eigenen Kopfe und seinen eigenen Händen emporgearbeitet hat, dann würdige ihn keines Blickes, und vergiß nie, daß der Name der Pachotins auch der deinige ist! . . . Nicht einen Blick, nicht ein Fünkchen freier, natürlicher Sympathie darfst du für solch einen Menschen haben! . . . Gott behüte dich vor einer Mesalliance! Und er selbst – wen hat er seines näheren Verkehrs für würdig gehalten, und wen nicht? ›Il faut bien placer ses affections!‹ sagt er in seiner starren, kalten Sprache, die nichts Menschliches mehr an sich hat. Wem hat er selbst seine affections zugewandt, wem sein Leben und seine Gesundheit geopfert? Gehörten seine affections jener hageren alten Dame mit dem spitzen Näschen, die sich seine Gemahlin nennen durfte?« Raiski zeigte nach einem zweiten Porträt, das eine ältliche Dame darstellte. »Sicherlich nicht, sie schaut so vergrämt drein, und ihre Augen liegen so tief in den Höhlen; sie ist ganz ebenso ein Opfer des guten Tons, der Wohlanständigkeit und der vornehmen Abstammung – wie Sie selbst, meine arme, unglückliche Cousine . . .«

»Cousin, Cousin!« suchte Sophie lächelnd seinem Redeflusse Einhalt zu tun.

»Ja, Cousine – Sie sind betrogen, getäuscht worden! Auch Ihre Tanten haben ein ganzes Leben in einer schrecklichen Täuschung hingebracht und sich einem Gespenst, einem Phantom, einer verstaubten Erinnerung geopfert . . . Er hat es befohlen!« rief er und schaute dabei fast wütend auf das Porträt. »Er ist selbst vor Täuschung, List und Gewalttat nicht zurückgeschreckt, er hat sein Vermögen verschwendet und die tollsten Streiche gemacht – andern aber hat er aufs strengste verboten, zu lieben und zu genießen!«

»Cousin! Wir wollen in den Salon gehen – ich habe Ihnen auf Ihren wunderbaren Monolog nichts zu erwidern . . . Wie schade, daß er so wirkungslos verpuffen muß!« bemerkte sie mit feiner Ironie.

»Ja, der Ahnherr triumphiert,« antwortete er. »Die Grundsätze, die er Ihnen vererbt hat, sind fest und solid. Er schaut mit Wohlwollen auf Sie herab, vornehme Ruhe und tadelloser Schick umgibt Sie wie ein strahlender Glorienschein . . .«

Er stieß einen Seufzer aus.

»Alles das ist so unzutreffend und so überflüssig, Cousin!« sagte sie. »Nichts von alledem, was Sie da ausführten, trifft zu. Weder blickt der Ahnherr mit Wohlwollen auf mich herab, noch umgibt mich ein Glorienschein. Ihre hitzigen Ausführungen amüsieren mich nur, ich brauche nun eine ganze Weile nicht ins Theater zu gehen, denn ich habe ja die schönste Komödie hier vor Augen, ohne mich vom Platze zu rühren! . . . Wissen Sie, an wen Sie mich erinnern? An Tschazki (Held der Seibojedowschen Komödie »Wissen bringt Schmerz«) . . .«

Er verfiel in Nachsinnen, prüfte gleichsam sich selbst in Gedanken und lächelte unwillkürlich.

»Sie haben recht, ich bin töricht und lächerlich,« sagte er, während er mit einem gutmütigen Lächeln auf sie zutrat. »Und ich bin auch sozusagen direkt vom Schiffe zum Ball gekommen . . . Auch ein paar Famussows sind vorhanden, nur daß sie hier Unterröcke tragen« – er wies mit dem Finger nach den Tanten. »Und in fünf, in zehn Jahren . . .«  Er ließ den Satz unbeendet, machte eine ungeduldige Handbewegung und setzte sich auf den Diwan.

»Sie sprachen von Täuschung, List und Gewalttat – was meinten Sie damit?« fragte sie. »Nichts von alledem kommt in Frage, niemand hat mir auch nur im geringsten Zwang angetan . . Was hat mein Ahne verbrochen? Ist er vielleicht schuld daran, daß Sie nicht imstande sind, mir Ihre Prinzipien darzulegen? Sie haben es schon mehrmals versucht, jedoch immer vergeblich . . .«

»An Ihnen sind meine Versuche allerdings abgeprallt, Cousine! Ihre Ahnen . . .«

»Und auch die Ihrigen: denn auch Sie haben doch Ahnen!«

»Gut, also sagen wir: unsere Ahnen waren kluge, verschlagene Leute,« fuhr er fort. »Wo sich mit Gewalt nichts mehr erraffen ließ, brachten sie ein raffiniertes System in Anwendung, das sie zur Tradition erhoben – und Sie gehen als Opfer dieses Systems, dieser Tradition zugrunde, wie die Indierin, die zugleich mit dem Leichnam ihres Gatten verbrannt wird . . .«

»Hören Sie einmal, Mr. Tschazki,« fiel sie ihm ins Wort, »sagen Sie mir doch wenigstens, woran ich denn zugrunde gehe? Etwa daran, daß ich das neue Leben nicht begreife, daß ich mich nicht . . . wie nennen Sie es doch? . . . der Entwicklung unterordnen mag? Das ist ja wohl Ihr Lieblingswort! Sind Sie denn in dieser Entwicklung so weit vorgeschritten, wie? Jeden Tag höre ich von Ihnen, daß Sie sich langweilen . . . und sehe, daß Sie alles mögliche tun, damit auch die anderen sich langweilen . . .«

»Habe ich auch bei Ihnen nur diesen Erfolg zu verzeichnen?«

»Nein, in allem Ernst – Sie tun mir leid . . .«

»Sie treten sich selbst zu nahe, Cousine, wenn Sie zwischen sich und mir auch nur im geringsten Vergleiche anstellen. Ich bin ein . . . nun, sagen wir: verbummeltes Genie . . . ein . . . ein, ach, ich weiß selbst nicht, was ich bin, und kein Mensch weiß es überhaupt. Ich bin ein kranker, anormaler Mensch und habe mein Leben verzettelt und verpfuscht . . . oder vielmehr: ich hab’ es überhaupt nicht begriffen. Sie aber sind eine ganze, bestimmte, in sich vollendete Persönlichkeit, Ihr Leben ist klar und durchsichtig. Und dennoch ist mir bange um Sie! Es quält mich, daß ich Ihr Leben so nutzlos verrinnen sehe, wie einen Fluß in der Wüste . . . Hat die Natur Sie dazu bestimmt? Schauen Sie sich doch an! . . .«

»Was soll ich also tun, Cousin? Ich begreife es noch nicht! Sie sagten vorhin, um das Leben zu begreifen, müsse man zunächst den Vorhang wegziehen, der es verhüllt. Nehmen wir an, dieser Vorhang sei weggezogen, ich hätte den Ahnen den Gehorsam gekündigt und wüßte, wohin alle diese Leute« – sie zeigte nach der Straße hinaus – »so hastig rennen, was sie treibt und beunruhigt: was hätte ich dann nach Ihrer Meinung weiter zu tun?«

»Weiterhin müßten Sie . . .«

Er erhob sich, warf einen Blick in den Salon, trat leise auf sie zu und sagte mit gedämpfter, doch klar vernehmbarer Stimme:

»Sich verlieben!«

»Voilá le grand mot!« bemerkte sie spöttisch.

Sie schwiegen beide.

»Ich glaube,« sagte sie dann lächelnd und nickte mit dem Kopfe nach den Tanten im Salon – »Sie machen auch ihnen einen Vorwurf daraus, daß sie sich nicht verliebt haben?«

Raiski machte eine ärgerliche Handbewegung nach dem Salon.

»Sind Sie etwa besser als die Tanten, Cousine?« versetzte er gereizt. »Nur daß sie alt und krank sind, während Sie in jugendlicher, blendender Schönheit strahlen . . .«

»Merci, merci,« unterbrach sie ihn ungeduldig mit ihrem gewohnten, gleichsam erstarrten Lächeln.

»Warum fragen Sie mich nicht, Cousine, was ich eigentlich unter Liebe verstehe?«

»Weil ich nicht das Bedürfnis fühle, es zu wissen.«

»Nein, nicht deshalb – sondern weil Sie sich fürchten, mich danach zu fragen!«

»Weshalb?«

»Weil die da es vielleicht hören könnten!« Raiski zeigte nach den Ahnenbildern an der Wand. »Und weil sie« – er nickte nach den Tanten im Salon – »es Ihnen nicht gestatten.«

»Nein – sondern weil er es hören könnte!« sagte sie und zeigte nach dem lebensgroßen Bilde ihres verstorbenen Gatten, das in einem gotischen Goldrahmen über dem Diwan hing.

Sie erhob sich, trat an den Spiegel heran und zupfte nachdenklich an der Halsspitze ihres Kleides. Raiski betrachtete inzwischen das Porträt ihres Gatten: er sah ein graues Augenpaar, eine spitze, kleine Nase, einen ironisch verzogenen Mund, kurzgeschorenes Haar und einen rötlichen Backenbart. Sein Blick glitt dann über ihre üppige, schönheitstrahlende Gestalt, und er suchte sich im Geiste den Glücklichen vorzustellen, der einmal das Herz dieses herrlichen Weibes erobern würde.

»Der hat es nicht erobert, niemals!« dachte er, während er das Porträt betrachtete; »der ist auch nichts weiter als ein Ahnherr, wenn er auch noch nicht ganz so verblichen ist wie die anderen. Und nicht seinetwegen hältst du dich zurück, sondern dem Prinzip zuliebe . . .«

»Sie kommen sooft auf dieses Lieblingsthema der Liebe zurück, Cousin,« sagte sie mit einem koketten Blick in den Spiegel – »und dabei sind wir beide doch schon alte Leute, denen solche Dinge gar nicht mehr anstehen!«

»Das heißt, wir sollen aufhören zu leben . . . Für mich will ich das gelten lassen – aber Sie, Cousine?«

»Wie leben denn die anderen? Fast alle ohne Ausnahme?«

»Kein Mensch lebt so!« unterbrach er sie in überzeugtem Tone.

»Wie? Nach Ihrer Meinung lebt Fürst Pierre, und Anna Borissowna, und Lew Petrowitsch . . . und sie alle . . .

»Sie leben entweder von den Erinnerungen ihrer Liebe, oder sie lieben noch und verstellen sich . . .«

Sie lachte hell auf, begann die Blumen in der Vase symmetrisch zu ordnen und trat dann wieder vor den Spiegel.

»Gewiß, sie mögen geliebt haben oder vielleicht noch immer lieben, aber sie tun das im stillen, ohne viel Wesens davon zu machen,« sagte sie und wandte sich ab, um in den Salon zu gehen.

»Nur ein Wort noch, Cousine!« klang es an ihr Ohr.

»Noch etwas von der Liebe?« fragte sie, während sie stehen blieb.

»Nein, fürchten Sie nichts – für jetzt wenigstens nicht. Ich wollte etwas anderes sagen.«

»Bitte, sprechen Sie,« sagte sie sanft, während sie Platz nahm.

»Ich will ohne Umschweife reden: sagen Sie mir, woher nehmen Sie diese Ruhe? Wie fangen Sie es an, ewig dieses gemessene, würdevolle Wesen zur Schau zu tragen? Woher kommt Ihnen diese stille Heiterkeit, diese Sicherheit und Milde, dieses Ebenmaß und Gleichgewicht in jeder Bewegung, in allem Handeln und Tun? Wie können Sie so ohne Widerstreit und Kampf, ohne Glut und Leidenschaft, ohne Sieg oder Niederlage existieren? Was tun Sie, um Ihr Leben so zu gestalten?«

»Nichts!« sagte sie verwundert. »Warum wollen Sie durchaus, daß ich mein Leben in Konvulsionen verbringe?«

»Aber Sie sehen doch, daß alle anderen Menschen rings um Sie von den mannigfachsten Empfindungen, Kümmernissen und Schmerzen bewegt werden . . .«

»Ja, das sehe ich, und ich bedaure sie auch: ich bedaure ma tante Nadjeschda Wassiljewna, die ewig mit ihrem Tick zu tun hat, und Papa, der an Blutandrang leidet . . .«

»Und die anderen? Und überhaupt alle, die da leben?« unterbrach er sie. »Ist ihr Leben nicht grundverschieden von dem Ihrigen? Haben Sie sich noch nie gefragt, wie es kommt, daß sie alle sich härmen und quälen und Tränen vergießen, Sie aber nicht? Daß sie alle wenigstens dreimal am Tage einen Anfall von Lebensüberdruß haben, und Sie nicht? Daß eine ewige Unruhe sie beherrscht, daß sie lieben und hassen, und Sie nicht?«

»Sie reden wohl von jenen da draußen,« sagte sie und nickte mit dem Kopfe nach der Straße – »von jenen, die dort ruhelos durch die Straßen hasten? Aber Sie sagten doch selbst, daß ich ihr Leben nicht verstehe! Gewiß, ich kenne diese Menschen nicht und versteh’ auch ihr Leben nicht! Sie gehen mich nichts an . . .«

»Sie gehen Sie nichts an? Das heißt mit anderen Worten: das Leben geht Sie nichts an!« rief Raiski so laut, daß eine der beiden Tanten für einen Moment vom Spiel aufsah und ihnen zurief: »Was zankt ihr euch denn da? Faßt euch nur nicht an die Köpfe! . . . Was haben sie nur wieder?«

»Nun reden Sie wieder vom Leben! Immer führen Sie dieses Wort im Munde, als ob ich tot wäre! Ich sehe schon, wie es weiter kommt,« sagte sie mit einem Lächeln, das ihre schönen Zähne sichtbar werden ließ. »Nun sind wir gleich wieder bei den Grundsätzen, und dann ist nur noch ein Schritt . . . bis zur Liebe.«

»Nein,« sagte er verzweifelt, »mit diesen Olympiern ist nichts anzufangen, sie lassen sich kein Leben einflößen. Sie sind einfach eine kalte Marmorgöttin, das ist’s! Kommen Sie, wir wollen in den Salon gehen!«

Er stand auf – sie aber rührte sich nicht vom Platze.

»Sie erachten es als unter Ihrer Würde, zu den armen Sterblichen niederzusteigen und einmal zu sehen, wie sie leben, Sie gefallen sich in Ihrer beschaulichen olympischen Ruhe, genießen Nektar und Ambrosia – und lassen es sich wohl sein!«

»Was soll ich denn noch? Ich habe ja alles, was ich brauche, und hege sonst keine Wünsche . . .«

»Da sprechen Sie sich selbst Ihr Urteil, Cousine!« fiel Raiski ihr heftig ins Wort. »Ich habe alles, was ich brauche, und hege sonst keine Wünsche! Haben Sie sich denn niemals die Frage vorgelegt: wieviel Menschen mag es wohl in der Welt geben, die nicht das haben, was sie brauchen, und denen alles zu wünschen übrigbleibt? Schauen Sie einmal um sich: Sie sind von Seide und Samt, von Bronzen und kostbarem Porzellan umgeben. Sie wissen nicht, woher und wie das fertige Mittagessen auf den Tisch kommt, vor dem Hause erwartet Sie die Equipage und bringt Sie zum Balle oder nach der Oper. Ein Dutzend Lakaien sind bereit, Ihre Wünsche zu erfüllen, ehe Sie sie noch ausgesprochen haben . . . Nein, werden Sie nicht ungeduldig: ich weiß, daß das alles Gemeinplätze sind . . . Aber haben Sie auch nur ein einziges Mal darüber nachgedacht, woher das alles kommt, und wer es Ihnen verschafft? Sicher noch niemals! Der Verwalter schickt vom Gute das Geld ein, man bringt es Ihnen auf einem silbernen Präsentierteller, und Sie legen es, ohne es nachzuzählen, in Ihren Schreibtisch . . .«

»Die Tante zählt es zehnmal nach und verschließt es in ihrer Kassette,« sagte sie, »und ich muß mir wie ein kleines Institutfräulein meinen Teil von ihr erbitten; wieviel gute Lehren mir da als Zugabe erteilt werden, können Sie sich vorstellen!«

»Ja, aber schließlich gibt sie es Ihnen doch. Sie hören sich die Lehren an und verbrauchen das Geld. Wenn Sie nun aber wüßten, daß dort auf dem Dorfe in glühender Sommerhitze eine schwangere Frau das Korn schneidet . . .«

»Cousin!« rief sie ganz entsetzt und sichtlich bemüht, seinen Redefluß zu hemmen, was keineswegs leicht war, sobald er erst den pathetischen Ton angeschlagen hatte.

»Ja – und daß sie in ihrem elenden Heim eine Schar von kleinen Kindern ohne Aufsicht zurückgelassen hat, die nun dort mit den Hühnern und Ferkeln zusammen hausen und, wenn nicht irgendeine hinfällige Großmutter zur Hand ist, jeden Augenblick in Lebensgefahr schweben: ein böser Hund kann sie beißen, ein Wagen sie überfahren, ein Tümpel sie verschlingen . . . Und ihr Mann geht keuchend hinter dem Pfluge her, oder fährt in starrendem Frost das Getreide zur Station, um nur Brot – buchstäblich nichts als Brot – für die Seinigen zu schaffen und die fünf oder sechs Rubel aufzubringen, die er ans Gutskontor zu zahlen hat, und die Ihnen dann auf silbernem Teller präsentiert werden . . . Das alles wissen Sie nicht: es geht Sie nichts an, wie Sie sagen! . . .«

Auf ihr Gesicht legte sich ein Schatten ungewohnter Unruhe und Bestürzung.

»Welche Schuld trifft mich da? Was kann ich dagegen tun?« fragte sie leise, fast schüchtern und ohne jede Spur von Ironie.

»Ich predige keinen Kommunismus, Cousine, fürchten Sie nichts! Ich möchte Ihnen nur auf Ihre Frage antworten, was Sie tun sollen, und will Ihnen beweisen, daß niemand ein Recht hat, das Leben nicht zu kennen. Das Leben selbst rüttelt die Menschen auf und weckt sie aus ihrem sorglosen Schlummer – bisweilen auf sehr rauhe Art! Was Sie tun sollen – darüber vermag ich Sie nicht zu belehren, das werden andere besorgen. Ich möchte Sie nur wecken: denn Sie schlafen, Sie leben nicht! Was weiter daraus wird, weiß ich nicht – aber ich kann nicht gleichgültig bleiben, wenn ich Sie in diesem lethargischen Zustande verharren sehe.«

»Und Sie, Cousin, was tun Sie mit diesen Unglücklichen? Sie haben doch ebenfalls Bauern, und solche . . . Frauen?« fragte sie neugierig.

»Ich tue allerdings nur wenig, oder fast gar nichts – zu meiner Schande und zur Schande derer, die mich erzogen haben. Ich bin längst mündig und überlasse gleichwohl alle diese Angelegenheiten immer noch meinem Vormund, der sie Gott weiß wie betreibt. Irgendwo existiert da auch noch ein Fleckchen Erde, das meine Großtante für mich verwaltet – sie versteht die Sache sicherlich besser als ich. Aber ich entschuldige mich doch wenigstens nicht damit, daß ich das Leben nicht kenne – und ich kenne auch einiges davon und rede darüber, wie zum Beispiel jetzt; ich disputiere und schreibe auch bisweilen darüber – und was sonst alles. Und dann befasse ich mich auch noch ein bißchen mit der Kunst . . . ich male, musiziere, schriftstellere . . .« fügt er leise hinzu und betrachtete dabei aufmerksam die Spitze seines Stiefels.

»Es waren sehr ernste Dinge, die Sie mir da sagten!« versetzte sie nachdenklich. »Und wenn Sie mich auch nicht geweckt haben, so haben Sie mich doch erschreckt. Ich werde heute schlecht schlafen. Weder die Tanten, noch Paul, mein Gatte, noch sonst jemand hat jemals so mit mir gesprochen. Iwan Petrowitsch, der Verwalter, brachte die Aufstellungen und Rechnungen, ich hörte, wie vom Stand des Getreides, von Mißernten und ähnlichen Dingen gesprochen wurde. Aber . . . von diesen Frauen . . . und von ihren Kindern . . . war nie die Rede . . .«

»Ja, das ist mauvais genre! In Ihrer Gegenwart darf jedenfalls von diesen Bauern und Bäuerinnen nicht gesprochen werden, am allerwenigsten von den schwangeren . . . Der sogenannte gute Ton gestattet es dem Menschen nicht, er selbst zu sein . . . Man muß alles Eigene von sich abstreifen und sich bemühen, in allem den anderen zu gleichen!«

»Irgendeinmal . . . wir werden ja den Sommer auf dem Lande zubringen, Cousin . . .« sagte sie lebhafter als sonst – »dann besuchen Sie uns doch, wir wollen dann dafür sorgen, daß die Kinder nicht mit den Ferkeln und Hunden zusammen hausen – das darf nicht sein! Und dann wollen wir Iwan Petrowitsch bitten, daß er diese . . . diese Frauen nicht zur Feldarbeit schicken soll . . . und schließlich will ich auch auf mein Taschengeld verzichten . . .«

»Nun – dann wird es eben Iwan Petrowitsch einstecken! Lassen wir das, Cousine! Wir sind da auf politische und wirtschaftliche Fragen geraten, auf den Sozialismus und Kommunismus – hier fühle ich mich nicht sehr sicher. Genug, daß ich Sie endlich einmal aus Ihrer Ruhe aufgerüttelt habe. Sie sagen, Sie würden schlecht schlafen: das ist ganz in der Ordnung! Morgen wird Ihr Gesicht vielleicht nicht so strahlen wie bisher – doch wird es in einer neuen, weniger engelhaften, doch dafür menschlichen Schönheit erglänzen! Und mit der Zeit wird sich Ihnen dann die Frage aufdrängen, ob es nicht auch für Sie irgendeine ernstere Aufgabe gibt, als diese Visiten und diese Ruhe des Müßiggangs, und dann werden Sie auch mit anderen Gedanken dort auf die Straße hinausschauen. Stellen Sie sich einmal vor, Sie schritten selbst da in dem Menschengewühl daher: in der Winterkälte eilen Sie hastig durch die Menge und steigen in irgendeinem dieser Häuser atemlos bis zum fünften Stockwerk empor, um dort eine schlecht bezahlte Stunde zu geben. Sie wissen nicht, ob’s auch reichen wird, das Zimmer zu heizen und Schuhe zu kaufen und ein warmes Kleid für sich, für Ihre Kinder . . . Und dann kommt Ihnen plötzlich der quälende Gedanke: was wird aus diesen Kindern werden, wenn meine Kräfte versagen? . . . Und dieser Gedanke läßt Sie nicht mehr los, er schwebt über Ihnen wie eine finstere Wolke, zehn, zwanzig Jahre lang . . .«

»C’est assez cousin!« fiel sie ihm ungeduldig ins Wort. »Nehmen Sie mein Geld und verteilen Sie es unter jene dort . . .« Sie zeigte nach der Straße.

»Sie müssen selbst zu geben lernen, Cousine; Sie müssen diese Sorgen und Unruhen des Lebens verstehen und an sie glauben lernen, dann werden Sie auch lernen, Ihr Geld zu verteilen.«

Sie schwiegen beide.

»Das also sind Ihre principes . . . Und was weiter?« fragte sie.

»Und weiter . . . müssen Sie lieben . . . und geliebt werden . . .«

»Und dann?«

»Dann . . . müssen Sie . . . ›sich ausbreiten und vermehren und die Erde bevölkern‹. Dieses heilige Gebot lassen Sie unerfüllt . . .«

Sie errötete und mußte lächeln, so sehr sie auch bemüht war, sich Zwang anzutun. Auch Raiski lächelte, offenbar zufrieden damit, daß ihm diese Definition vom Wesen der Liebe so leicht geworden war.

»Und wenn ich nun doch schon geliebt hätte?« bemerkte sie.

»Sie?« fragte er und ließ seinen Blick über ihr leidenschaftsloses Gesicht gleiten. »Sie hätten geliebt und . . . gelitten?«

»Ich war glücklich. Muß man denn immer leiden?«

»Daher kommt es auch, daß Sie das Leben nicht kennen und fremde Leiden nicht begreifen, weil Sie selbst nicht geliebt haben, verstehen Sie nicht, was die anderen drückt, empfinden Sie nichts für diesen Bauer, der sich im Schweiße seines Angesichts plagt, diese Bäuerinnen, die in glühender Sonnenhitze das Korn schneiden. Es gibt keine Liebe ohne Leiden – nein!« rief er lebhaft. »Und wenn Ihre Zunge auch lügen wollte, Ihre Augen können es nicht, und wenigstens für einen Moment müßte Ihr Gesicht die Farbe wechseln. Ihre Augen aber sagen es deutlich und klar: Sie sind, als wären Sie gestern geboren . . .«

»Sie sind ein Dichter, ein Künstler, Cousin, Sie brauchen Dramen, Wunden, Seufzer und was sonst alles! Sie haben kein Verständnis für ein ruhiges, glückliches Leben, wie ich kein Verständnis für das Ihrige habe . . .«

»Das seh’ ich, Cousine! Ob Sie je dieses Verständnis gewinnen werden – das ist’s, was ich wissen möchte! Sie haben geliebt, sagen Sie – und sind doch nie aus Ihrer olympischen Ruhe herausgetreten?«

Sie schüttelte verneinend den Kopf.

»Wie haben Sie das angefangen? Erzählen Sie! Haben Sie ebenso ruhig dagesessen und in die Welt hineingeschaut, ebenso langsam Toilette gemacht und ebenso gleichmütig den Wagen erwartet, der Sie dahin bringen sollte, wohin Ihr Herz sich sehnte? Sind Sie nicht ein einziges Mal außer sich geraten, haben Sie sich nicht tausendmal im stillen gefragt, ob er wohl da sein, ob er Sie erwarten und an Sie denken wird? Und sind Sie nie verzehrt gewesen von Ungeduld, nie errötet vor Freude, wenn Sie ihn endlich erblickten? Und ist nicht alle Farbe von Ihrem Antlitz gewichen, hat nicht Schreck und Bestürzung sich darauf gemalt, wenn Sie ihn nicht sahen?«

Wiederum schüttelte sie den Kopf.

»Stürzten Sie ihm nicht freudig, der Worte unfähig, entgegen, wenn er endlich ins Zimmer trat . . .?«

»Nein,« sagte sie, immer mit demselben Lächeln.

»Und wenn Sie sich zur Ruhe legten . . .« – eine leichte Unruhe machte sich in ihren Zügen bemerkbar – ». . . trat er Ihnen da nicht vor Augen? . . .« fuhr er fort.

»Was reden Sie da, Cousin!« rief sie fast entsetzt.

»Neigte er sich da nicht – wenigstens in Ihrer Vorstellung – über Sie? . . .«

»Nein, nein . . .« wehrte sie kopfschüttelnd ab.

»Nahm er nicht Ihre Hand, um einen Kuß darauf zu drücken? . . .«

Helle Röte bedeckte ihre Wangen.

»Sie wissen, daß ich verheiratet war, Cousin . . . Assez, assez de grace . . .«

»Wenn Sie wirklich geliebt haben, Cousine,« fuhr er fort, ohne auf ihre Einwände zu achten, »dann müssen Sie sich doch erinnern, wie köstlich das Erwachen nach solch einer Nacht war, wie freudig das Bewußtsein, daß Sie in dieser Welt lebten, daß es Menschen gibt auf dieser Welt, und darunter auch ihn . . .«

Sie senkte die langen Wimpern und hörte, ungeduldig die Schuhspitzen bewegend, seine Worte zu Ende.

»Wenn alles das nicht war – wie haben Sie denn geliebt, Cousine?« schloß er mit einer Frage.

»Anders.«

»Erzählen Sie – oder gibt es bei dieser erhabeneren Art zu lieben irgend etwas zu verheimlichen? . . .«

»Durchaus nicht! Es gab da nichts Geheimnisvolles und nichts Erhabenes, es war eben wie bei allen . . .«

»Wie bei allen? Ach nein, nein, das glaube ich nicht! Sie haben noch nicht geliebt! Und wenn Sie noch einmal lieben sollten – was wird dann mit Ihnen werden, wie wird es dann aussehen hier in diesem jetzt so langweilig vornehmen Zimmer? Die Blumen da in den Vasen werden dann nicht mehr so symmetrisch geordnet sein, alles wird hier von Liebe reden . . .«

»Genug, genug!« rief sie mit einem matten Lächeln, offenbar erschöpft durch die aufregende Unterhaltung. »Ich kann mir vorstellen, was für Augen die Tanten machen würden,« fuhr sie lächelnd fort, »wenn sie hier so alles durcheinander sähen, die Bücher, die Blumen, und wenn die ganze Straße ungehindert durchs Fenster hineinschauen könnte! . . .«

»Schon wieder die Tanten!« rief er in vorwurfsvollem Tone. »Kein Schritt ohne sie! Und das wird so bleiben, solange sie leben?«

»Allerdings!« erwiderte sie nachdenklich. »Wie sollte es anders sein?«

»Und Sie selbst, sind Sie gar keines freien Aufschwunges mehr fähig, keines eigenen Schrittes, keiner Laune, keiner Tollheit, ja nicht einmal einer kleinen Torheit? . . .«

Sie dachte ein Weilchen nach und lächelte dann plötzlich unter leichtem Erröten.

»Ah, Sie erröten, Cousine! Die Tanten sind also doch nicht immer dabeigewesen, haben doch nicht alles gesehen und gehört! Sagen Sie, was ist’s?« bat er sie.

»Mir ist da wirklich eine Torheit eingefallen, ich werde sie Ihnen gelegentlich erzählen. Ich war damals noch ein junges Mädchen. Sie werden sehen, daß es auch bei mir einmal Tränen und Zittern und banges Erröten gab . . . et tout ce que vous aimez tant! Aber ich stelle die Bedingung, daß Sie dann nicht wieder von Liebe und Leidenschaften, von Seufzern und Klagerufen reden. Und nun wollen wir zu den Tanten gehen!«

Er begab sich in den Salon, während sie an ein Schränkchen trat und ein Fläschchen mit Eau de Cologne herausnahm. Sie goß ein paar Tropfen auf die Hand, zerrieb sie und zog nachdenklich den Duft ein; dann glättete sie vor dem Spiegel ihr Haar und ging gleichfalls in den Salon.

Sie nahm neben den Tanten Platz und folgte aufmerksam dem Spiele, während Raiski hinter ihr stand. Sie war ruhig und frisch. In seiner Seele aber herrschte Unruhe und der heiße Wunsch, zu erfahren, was jetzt in ihr vorging. Gern hätte er in ihren Augen gelesen, um zu sehen, ob seine Worte in ihr weiterwirkten, doch blickte sie nicht ein einziges Mal auf. Und als sie dann nach Beendigung des Spiels ihn ansah und mit ihm sprach, war ihr Gesicht ganz dasselbe, wie gestern und vorgestern und vor einem halben Jahre.

»Was geht eigentlich in ihr vor, welchen Inhalt hat ihr Leben? Wenn nichts ihre Seele beunruhigt, wenn sie weder die Hoffnung kennt, noch die Sorgen, wenn sie wirklich erhaben ist über die Welt und ihre Leidenschaften – wie kommt es dann, daß sie keine Langeweile, keinen Überdruß am Leben empfindet . . . wie ich sie doch empfinde? Das möchte ich ergründen!«




Fünftes Kapitel


»Nun, wie hast du abgeschnitten?« fragte Raiski seinen Freund Ajanow, als sie auf der Straße nebeneinander hergingen.

»Fünfundvierzig Rubel habe ich gewonnen. Und was hast du erreicht?«

Raiski zuckte die Achseln und erzählte ihm den Inhalt seines Gesprächs mit Sophie.

»Auch eine Art, die Zeit totzuschlagen. Macht dir das wirklich Spaß?«

»Spaß machen – was für ein albernes Wort! Nur die Kinder und die Franzosen fragen danach, ob ihnen etwas Spaß macht: o’amuser . . .«

»Wie soll man das bezeichnen, was du treibst? Und welchen Zweck hat es?«

»Ich sagte dir schon, welchen Zweck es hat,« versetzte Raiski gereizt. »Ihre Schönheit begeistert mich und zieht mich an – die Langeweile schwindet – es gewährt mir einen Genuß – verstehst du? Eben kommt mir der Gedanke, sie zu porträtieren: das wird einen Monat dauern, ich werde Gelegenheit haben, sie genau zu studieren . . .«

»Verlieb’ dich nur nicht in sie,« bemerkte Ajanow. »Heiraten willst du sie nicht, wie du sagst – und nur so mit den Leidenschaften spielen, das hat auch seine Gefahr. Du kannst dich dabei leicht verbrennen . . .«

»Wem sagst du das?« unterbrach ihn Raiski. »Als ob ich das nicht wüßte! Ich träume doch Tag und Nacht nur davon, mich einmal gehörig zu verbrennen. Sollte ich wirklich einmal so heftig Feuer fangen, daß der Brand nicht zu löschen ist – dann würde ich schließlich auch heiraten . . . Doch nein . . . die Leidenschaften erlöschen bei mir wieder – oder, wenn sie nicht erlöschen, enden sie doch nie mit einer Heirat. Dieser friedliche Hafen existiert für mich nicht: ich muß entweder Feuer und Flamme sein, oder – schlafen und mich langweilen.«

»Was hast du denn deiner Cousine heut wieder alles erzählt? Sie verglich dich mit Tschazki: mir kamst du halb wie ein Don Juan und halb wie ein Don Quixote vor. Seltsam genug benimmst du dich, das muß man sagen! Ich würde mich nicht wundern, wenn du eines schönen Tages die Kutte anziehst und plötzlich zu predigen anfängst . . .«

»Auch ich würde mich darüber nicht wundern,« sagte Raiski. »Aber ich brauche nicht die Kutte anzuziehen, wenn ich predigen will – und das will ich aufrichtig und ehrlich, überall, wo ich der Lüge, der Heuchelei und der Niedertracht begegne, mit einem Wort, wo ich die Schönheit vermisse, wenn ich auch selbst mancherlei Häßliches tue . . . Mein Temperament reagiert auf alles – sowie nur die Nerven angeregt werden, gleich meldet es sich! . . . Weißt du was, Ajanow: ich trage mich seit langem mit einem ernsten Plane: ich will einen Roman schreiben. Ich will diesem Plane meine ganze nächste Zeit widmen.«

Ajanow lachte auf.

»Einen ernsten Plan nennst du das!« sagte er. »Wie kann man einen Roman nur als etwas Ernsthaftes ansehen! Aber tu’s nur – schreib, du hast ja sonst nichts weiter zu tun, also schreib Romane! . . .«

»Lach’ nicht darüber, die Sache verdient keinen Spott! Ein Roman ist nicht wie ein Trauerspiel oder wie eine Komödie. In einem Roman findet alles Platz, er ist wie ein Ozean, er hat keine Ufer, man sieht sie wenigstens nicht; man ist nicht beengt und kann alles darin unterbringen. Weißt du, wer mich auf den Gedanken gebracht hat, ihn zu schreiben? Unsere gemeinsame Bekannte Anna Petrowna – du erinnerst dich ihrer? . . .«

»Die Schauspielerin?«

»Ja, die Sache ist sehr spaßig. Sie ist eine nette, kluge Person und weiß sich im Leben sehr gut zurechtzufinden, wie die meisten Frauen, solange sie in ihrer Sphäre bleiben und nicht aus dem Strome ans Ufer wollen . . .«

»Nun, also was ist mit ihr?«

»Na, die erzählte mir also, wie sie einmal um ein Stück verlegen war, als ihr Benefizabend herankam. Es gibt bei uns so wenig Dramatiker, alle neuen Arbeiten waren fest vergeben, und eine Übersetzung wollte sie nicht nehmen. Da hatte sie den Einfall, selbst ein Stück zu schreiben . . .«

»Selbst ist die Frau, wird sie wohl gedacht haben,« witzelte Ajanow.

»Wohl möglich. In ihrer liebenswürdigen Naivität weihte sie mich in ihren Plan ein und setzte mir ihn auseinander. In ›Wissen bringt Schmerz‹ zum Beispiel, sagte sie, sind die handelnden Personen ganz gewöhnliche Menschen und sprechen über die einfachsten Dinge, und auch das Thema ist durchaus einfach: Tschazki hat sich verliebt, doch verweigert man ihm die Hand der Auserwählten, die einem anderen zugedacht ist, und wie er davon erfährt, wird er wütend und reist ab. Der Vater ist seinerseits über beide wütend und sie wiederum über Moltschalin – das ist alles! . . . Bei Moliére, sagt sie, ist der Geizhals eben geizig, und Tartuffe ein gemeiner Heuchler. Es lohnt wirklich nicht, meinte sie, sich eine knifflichere, interessantere Intrige zurechtzulegen. Eine Komödie zu schreiben schien ihr, mit einem Wort, eine ebenso unernste Sache, wie dir das Romanschreiben. An eine Tragödie wagte sie sich nicht heran; hier schien sie doch ihre Unzulänglichkeit einzusehen. Mit der Komödie machte sie jedoch Ernst und schrieb innerhalb einer Woche zehn Bogen voll. Ich bat sie, mir zu zeigen, was sie geschrieben hätte – nein, um keinen Preis! ›Nun, sind Sie fertig?‹ fragte ich sie nach einiger Zeit. – ›So sehr ich mich auch quäle; ich kann das Ende nicht herausarbeiten,‹ antwortete sie, ›die Personen reden und reden ohne Aufhören, und da hab’ ich’s schließlich sein lassen.‹ Die Ärmste! Schade, daß sie sich an eine Komödie gemacht hat, die einen Anfang und ein Ende haben muß, in der der Knoten zu schürzen und zu lösen ist. Hätte sie einen Roman geschrieben, dann wäre sicher etwas dabei herausgekommen, und die Sache wäre nicht so in endlosen Redereien verlaufen. Ich will einen Roman schreiben, Ajanow! Im Roman läßt sich das Leben so schildern, wie es ist, im Ganzen wie in seinen Teilen.«

»Welches Leben? Dein eigenes – oder fremdes?« fragte Ajanow. »Du willst uns wohl alle darin abkonterfeien? . . .«

»Hab’ keine Angst; was vielleicht der Pinsel des Malers fertig bekommt, das läßt sich in den anderen Künsten schwer ausführen. Es kommt alles auf eine lebendige, farbenreiche Darstellung und klare Vorstellungen an; man muß eine lebhafte Phantasie, eine originelle Auffassungsgabe, etwas Humor, etwas Gemüt, etwas Poesie und vor allem viel Aufrichtigkeit und Ausdauer besitzen . . .«

Er schwieg und ging in Nachdenken versunken neben dem anderen her.

»Immer schreib drauflos,« bemerkte Ajanow, »was dir gerade in den Kopf kommt; irgendwas wird schon dabei heraussehen.«

Raiski stieß einen Seufzer aus.

»Nein,« sagte er, »eins habe ich bei meiner Aufzählung vergessen: das Talent!«

»Allerdings – wer nicht schreiben und lesen kann, der wird auch keinen Roman schreiben können . . .«

»Du kannst schreiben und lesen – warum schreibst du ihn also nicht?« fiel ihm Raiski ins Wort.

»Warum? Weil ich etwas anderes zu tun habe. Ich arbeite an einem großen Werke . . .«

»Du prahlst wieder mit deinem Werke! Laß die Hand von deiner Schreiberei – das ist, mein’ ich, das beste Werk, das du vollbringen kannst.«

»Und du glaubst, ein Roman wird mir Ersatz schaffen für meine fünftausend Rubel Gehalt nebst freier Wohnung und Feuerung und dem entsprechenden Range?«

»Schämst du dich nicht, so zu reden? Wann werden wir endlich Menschen sein?«

»Ich bin bereits ein ›Mensch‹ – und zwar seit dem Tage, da mein Gehalt auf zweitausend Rubel gestiegen war. Seit jenem Tage weiß ich auch, daß die Humanisierung der menschlichen Verhältnisse aufs engste mit den wirtschaftlichen Fragen zusammenhängt . . .«

»Ich weiß, ich weiß – aber warum bringst du deinen zynischen Egoismus so offen zum Ausdruck?«

Ajanow wollte ihm eben mit einer spöttischen Antwort dienen, da fuhr eine Equipage ganz dicht vor ihnen in einen Torweg ein, der Kutscher schrie sie an, und der Faden ihrer Unterhaltung ward jäh zerrissen.

»Mit der Malerei ist es also wieder einmal nichts?« nahm Ajanow nach einer Weile das Gespräch wieder auf.

»Warum denn nicht? Ich will doch Sophies Porträt malen! . . . In den nächsten Tagen schon fange ich an. Ich bin in letzter Zeit nicht nach der Akademie gegangen und habe auch sonst wenig mit Künstlern verkehrt. Morgen geh’ ich jedoch zu Kirilow – du kennst ihn ja?«

»Ich weiß nicht . . . Ich glaube ihn einmal gesehen zu haben, so einer mit ungekämmtem Haar . . .«

»Ja, aber ein tiefer, echter Künstler, wie es heute sonst keine mehr gibt: der letzte Mohikan! . . . Ich male nur noch Sophies Porträt und zeige es ihm – und dann will ich meine Kraft an dem Roman versuchen. Ich habe auch früher schon einige Sachen geschrieben, freilich sind es Fragmente geblieben, aber nun gehe ich ernstlich an die Arbeit. Die Sache ist für mich neu; ob’s gelingen wird?«

»Hör’ mal, Raiski – soweit ich die Sache beurteilen kann, solltest du vor allem Sophie aufgeben und nicht die Malerei – solltest, wenn du Romane schreiben willst, nicht auch darauf aus sein, sie zu erleben . . . Ich würde dir raten, den Morgen zum Schreiben zu verwenden und am Abend ein Spielchen zu machen, mit kleinem Einsatz, das regt nicht weiter auf. . .«

»Und gerade die Aufregung ist notwendig, wenn man einen Roman schreiben will. Wenn ich mich aufs Kartenspiel einlasse, dann verspiele ich alles, selbst dein Paletot müßte daran glauben. Auch da gähnt ein jäher Abgrund, ich habe, Gott sei Dank, nie in ihn hineingeschaut, und wenn ich es täte, würde nicht ein Roman, sondern eine Tragödie dabei herauskommen. Im übrigen hat es Hand und Fuß, was du sagtest: man kann nicht zwei Herren zu gleicher Zeit dienen! Laß mich nur erst diese Geschichte mit Sophie irgendwie zu Ende führen und ihr Bild vollenden, dann will ich, unter dem frischen Eindruck ihrer Schönheit, munter drauflos schreiben . . . Diesen Stern dort . . . wie heißt er, weißt du es nicht? – auch ich weiß seinen Namen nicht, und er tut ja auch nichts zur Sache – jedenfalls rufe ich ihn zum Zeugen dafür an, daß ich eins unbedingt durchführen will, entweder meine Malerei oder den Roman! Ja, den Roman! Sein eigenes Leben so mit dem Leben der anderen zu verschmelzen, und all die Beobachtungen, Gedanken, Erfahrungen, Gefühle und Bilder von Menschen und Dingen in ein Ganzes zu vereinigen – welch eine Aufgabe . . . une mer á boire!«

Sie gingen schweigend weiter. Ajanow pfiff leise vor sich hin, und Raiski schritt mit geneigtem Kopfe daher und dachte bald an Sophie, bald an seinen Roman. An der Straßenkreuzung, wo ihre Wege sich trennten, fragte Raiski plötzlich:

»Wann gehen wir wieder hin?«

»Wohin denn?«

»Nun, zu Sophie.«

»Du denkst schon wieder an sie? Ich dachte, du arbeitest bereits an deinem Roman, und wollte dich nicht stören!«

»Ich sagte dir ja: das Leben – ist ein Roman, und ein Roman – ist ein Leben.«

»Wessen Leben?«

»Aller Menschen Leben, das deinige nicht ausgenommen!«

»Für den Mittwoch haben mich die Tanten wieder zum Spiel eingeladen.«

»Erst am Mittwoch? Nun, was soll man machen – also bis zum Mittwoch!«




Sechstes Kapitel


Raiski lebte bereits seit zehn Jahren in Petersburg, das heißt er hatte dort von einer Deutschen eine Wohnung von drei anständig möblierten Zimmern gemietet, in der er jedoch, seit er den Dienst quittiert hatte, nur selten einmal längere Zeit – etwa ein halbes Jahr hintereinander – verweilte. Seine übrige Zeit pflegte er außerhalb Petersburgs zu verbringen.

Den Staatsdienst hatte er wenige Jahre nach seinem Eintritt wieder aufgegeben. Er hatte sich die Sache eine Zeitlang angesehen und war zu dem merkwürdigen Schlusse gelangt, daß der Dienst an sich kein Ziel, keine Lebensaufgabe sei, sondern lediglich eine Veranstaltung, die es ermöglichte, eine Anzahl von Menschen unterzubringen, deren Existenz sonst völlig zweck- und nutzlos gewesen wäre. Hätten diese Menschen nicht existiert, dann wäre auch der Dienst, den sie taten, völlig überflüssig gewesen.

Auf Veranlassung seines Vormunds war er zuerst in die militärische und dann später in die zivildienstliche Laufbahn eingetreten. Der Vormund, ein entfernter Onkel Raiskis, wollte vor allem nicht, daß man ihm den Vorwurf machte, er kümmere sich nicht genug um seinen Neffen; andererseits wälzte er so am einfachsten alle Verantwortung von sich ab. Raiski ging nach Petersburg aus dem gleichen Grunde, aus dem alle jungen Leute dahin geschickt werden: sie sollen nicht unnütz zu Hause herumsitzen, sich nicht verweichlichen, nicht Faulenzer werden – alles sozusagen negative Zwecke des Petersburger Aufenthalts.

In Petersburg werden die jungen Leute zugestutzt, sie stehen da unter Aufsicht und finden auch etwas, das man Arbeit nennt; in Petersburg können sie es zum Staatsanwalt und mit der Zeit auch zum Gouverneur bringen; und das ist dann der positive Zweck der Sache. Nachdem Raiski eine Zeitlang in Petersburg gelebt hatte, kam er zu dem Schlusse, daß in dieser Stadt die erwachsenen Menschen, im übrigen Rußland jedoch die unreifen Muttersöhnchen wohnen.

Er selbst zählte freilich schon über dreißig Jahre, und er hatte noch nichts gesät und geerntet, noch keine der Karrieren eingeschlagen, die sonst alle aus dem Innern Rußlands ankommenden Jünglinge einzuschlagen pflegen.

Er ist weder Offizier noch Beamter, bahnt sich nirgends durch Arbeit oder durch gute Verbindungen seinen Weg und ist wie absichtlich und den anderen zum Trotz der einzige »Nichterwachsene« in Petersburg geblieben. Auf der Polizei ist er als verabschiedeter Kollegiensekretär gemeldet.

Einem Physiognomiker wäre es nicht leicht gefallen, seine Eigenschaften und Neigungen und seinen Charakter aus den Gesichtszügen herauszulesen, da der Ausdruck seines Gesichts überaus veränderlich war.

Bisweilen erschien er so glücklich, und seine Augen hatten einen solchen Glanz, daß der Beobachter ohne weiteres geneigt gewesen wäre, in ihm einen offenen, mitteilsamen, ja sogar ein wenig geschwätzigen Menschen zu sehen. Doch schon eine oder zwei Stunden später mußte ihn die Blässe seines Gesichts betroffen machen, die auf ein unheilbares inneres Leiden schließen ließ und den Eindruck machte, als habe er seit seiner Geburt nie gelächelt.

Er erschien in solchen Augenblicken geradezu häßlich; seine Züge hatten etwas Disharmonisches, und ein krankhafter Farbenton trat an Stelle des frischen Kolorits seiner Stirn und seiner Wangen.

Wenn dagegen die Wogen seines Lebens ruhig gingen, oder wenn er einfach guter Laune war, spiegelte sich in seinem Gesicht ein Reichtum von Willenskraft, von innerer Harmonie und Selbstbeherrschung, zuweilen auch ein ihm vortrefflich stehender Freimut und eine ungewöhnliche Phantasiefülle, die namentlich von den dunklen Augensternen und den leicht vibrierenden Lippen auszustrahlen schienen. Noch schwieriger war es, seine moralische Physiognomie festzustellen: Er hatte Perioden, in denen er, wie er selbst sich ausdrückte, am liebsten »die ganze Welt hätte umarmen können«, in denen er mit bezaubernder Sanftmut jedem den Zutritt zu seinem Herzen freihielt und alle, die ihm in solchen Momenten nähertraten, ihn unbedingt für den liebenswürdigsten und besten Menschen erklärten.

Dann aber hatte er wieder Zeiten, in denen fahle Flecke auf seinem Gesicht erschienen, in denen seine Lippen sich in nervösem Zucken verzerrten und er für alle Beweise der Freundschaft und Sympathie nur einen stumpfen, kalten Blick und rauhe Worte hatte. Wer ihn in diesem Zustande kennenlernte, schied von ihm, vielleicht für immer, in Erbitterung und Feindschaft.

»Ein böser, kalter, hochmütiger Egoist!« meinten diejenigen, die ihn in seiner schlimmen Stunde gesehen.

»Aber ich bitte Sie – er ist bezaubernd! Er hat uns alle hingerissen, alle sind entzückt von ihm!« sagten die anderen.

»Ein Schauspieler!« behaupteten einige.

»Ein grundfalscher Mensch!« ergänzten wieder andere.

»Wenn er etwas erreichen will, dann findet er die schönsten Worte; beobachten Sie nur, wie seine Mienen spielen!«

»Aber was fällt Ihnen ein, das ist das edelste Herz, das sich denken läßt, eine vornehme Natur, wenn auch nervös und leidenschaftlich, allzu feurig und reizbar!« ließen zwei, drei Freundesstimmen sich zu seiner Verteidigung vernehmen.

So waren selbst seine nächsten Bekannten sich nie recht klar darüber, was sie aus ihm zu machen hatten. Schon in früher Kindheit, als er bei seiner Großtante erzogen wurde, und später auf der Schule waren die gleichen rätselhaften Züge, dieselbe Ungleichmäßigkeit und Unbestimmtheit der Neigungen bei ihm zutage getreten. Als der Vormund ihn auf die Schule brachte und er zum erstenmal im Klassenzimmer saß, hätte er, wie man annehmen sollte, als Neuling zu allererst den Fragen des Lehrers und den Antworten der Schüler seine Aufmerksamkeit zuwenden müssen.

Statt dessen ließ er sich ganz von der äußeren Erscheinung des Lehrers fesseln; er musterte seine Gestalt, beobachtete, wie er sprach, wie er Tabak schnupfte, was er für Augenbrauen, was er für einen Bart hatte; dann studierte er das Petschaft aus Karneol, das an der Uhrkette auf dem Bauch des Lehrers herabbaumelte, und bemerkte schließlich, daß der Zeigefinger seiner rechten Hand in der Mitte gespalten war, so daß er wie eine Doppelnuß aussah.

Hierauf musterte er jeden einzelnen Schüler und merkte sich die Sonderheiten eines jeden: bei dem einen waren Stirn und Schläfe nach innen gebogen, bei dem anderen traten die großen Kiefer weit hervor, dort stand bei zweien – bei dem einen auf der rechten, bei dem anderen auf der linken Kopfseite – das Haar in wirbelartigen Buscheln vom Schädel ab, und so weiter. Alle beobachtete und studierte er, insbesondere auch die Art, wie sie ihre Augen gebrauchten.

Der eine sah vertrauensvoll auf den Lehrer, schien mit den Augen zu bitten, daß er ihn fragen möchte, und kratzte sich vor Ungeduld bald das Knie, bald den Kopf. Ein anderer blickte unsicher und wurde abwechselnd rot und blaß – er schien zu zweifeln und zu schwanken. Ein dritter hielt die Augen zu Boden geschlagen und hatte offenbar Angst davor, daß er gefragt würde. Ein vierter bohrte in seiner Nase und sah und hörte überhaupt nichts. Dieser dort schien ein Riese von ungewöhnlicher Kraft zu sein, und der Schwarze neben ihm war offenbar ein Schelm. Auch die Wandtafel, auf der die Exempel gerechnet wurden, ja selbst der Wischlappen und die Kreide entgingen seiner Beobachtung nicht. Gelegentlich machte er auch sich selbst zum Gegenstand seines Studiums, suchte sich vorzustellen, wie er dasitze, wie sein Gesicht wohl aussehe, was die anderen sich denken, wenn sie ihn ansehen, und welches Bild sie sich überhaupt von ihm machen.

»Wovon sprach ich eben?« fragte ihn plötzlich der Lehrer, der bemerkt hatte, wie er seine Augen zerstreut durch den Klassenraum schweifen ließ.

Zu seiner Verwunderung konnte ihm Raiski alles, was er vorgetragen hatte, Wort für Wort wiederholen.

»Wie ist das zu verstehen?« fragte der Lehrer weiter. Das wußte nun Raiski nicht; seine Art zu hören war so mechanisch wie sein Schauen – er fing die Worte nur eben mit dem Ohr aus.

Der Lehrer wiederholte seine Erklärung. Boris hörte zu, wie die Worte erklangen; die einen stieß der Lehrer kurz und knapp, wie abgerissen, hervor, die anderen trug er langgezogen, gleichsam singend vor, und dann schleuderte er wieder ein ganzes Dutzend wie eine Handvoll Nüsse aus dem Munde.

»Nun?« fragte der Lehrer.

Raiski wurde rot, ein leichter Angstschweiß trat ihm sogar auf die Stirn – er wußte nichts zu sagen und schwieg. Es war der Mathematiklehrer, der gerade Unterricht erteilte. Er ging an die Tafel, schrieb eine Ausgabe an und begann sie zu erklären. Raiski sah nur, wie flink und sicher er die Ziffern hinschrieb, wie er dann kehrt machte und auf ihn zukam, wie zuerst der Bauch des Lehrers mit dem Karneol und dann die Brust mit dem tabakbestreuten Vorhemd vor ihm auftauchte. Nichts entging seiner Aufmerksamkeit – einzig nur der Sinn, die Bedeutung der Aufgabe.

Mit Ach und Krach begriff er die Bruchrechnung, quälte sich auch noch durch die Geheimnisse der Algebra hindurch, als er jedoch an die Gleichungen kam, versagte sein Kopf gänzlich, und warum und wie man Quadratwurzeln zog, blieb ihm vollkommen gleichgültig.

Der Lehrer quälte sich so manchesmal mit ihm ab und schloß fast jedesmal mit einem Seufzer.

»Geh, setz’ dich auf deinen Platz, du bist eben ein Hohlkopf!« Wenn aber der Lehrer selbst seinen guten Augenblick hatte, wenn er die Aufgaben nicht aus dem Buche, sondern mehr in spielender Art aus dem Kopfe gab und ohne Wandtafel und Hefte, ohne Regeln und Rippenstöße arbeiten ließ, dann hatte Raiski, dank einer Fähigkeit, den Sinn der Dinge intuitiv zu erraten, das Resultat immer zuerst heraus.

Er hatte in seinem Kopfe ein eigenes Ziffernsystem in Bildern; sie waren dort wie die Soldaten in Reih und Glied ausgerichtet. Er hatte sich gewisse Zeichen und Merkmale ausgedacht, die es ihm ermöglichten, die Zahlen momentan zu ordnen, zu addieren, zu multiplizieren und zu teilen; es waren zumeist die Gesichter von Bekannten, oder auch Tiergestalten, die er für diese Operationen verwandte.

»Du scheinst mir doch kein Hohlkopf,« bemerkte der Lehrer. »Wenn er die Rechenregeln anwenden soll, die doch angeblich die Sache erleichtern, dann kann er nicht bis drei zählen – und so, ohne Regeln, rechnet er wie der Blitz! Die Regelmacher scheinen wirklich nicht viel schlauer gewesen zu sein, als wir beide!«

Im sprachlichen Unterricht kam Raiski rasch vorwärts. Mit Leidenschaft las er geschichtliche Darstellungen, Epopöen, Romane und Märchen, borgte sich Bücher, wo er nur konnte, doch immer nur solche, in denen eine Handlung vorkam und die Phantasie mitarbeiten konnte, während alles Spekulative, trocken Lehrhafte ihn gleichgültig ließ. In der Geographie wußte er, wenn der Stoff in der Reihenfolge des Buches abgefragt wurde und die Länder, Völker, Flüsse und so weiter aufgezählt werden sollten, so gut wie gar nicht Bescheid. Rief der Lehrer zum Beispiel: »Zähl’ die Gebirge Europas auf!« – oder: »Nenne mir die Hafenstädte am Mittelmeer!« – so gab Raiski ganz gewiß keine Antwort.

Begann er hingegen außerhalb der Klasse von fremden Meeren, Ländern und Städten oder vom Ozean zu erzählen – o, wie ihm da alles zufloß! Nicht vom Lehrer hatte er das gehört, und oft auch nicht in Büchern gelesen – und doch malte er alles so deutlich in großen, packenden Bildern, als wäre er selbst dort gewesen und hätte es mit eigenen Augen gesehen.

»Du schwindelst ja!« sagte bisweilen irgendein Skeptiker unter seinen Zuhörern. »Davon hat uns doch Wassili Nikititsch nichts gesagt!«

Der Direktor hörte ihn einmal von den Wilden erzählen, wie sie die Menschen fangen und fressen, wie sie im Urwald hausen, was für Waffen sie haben, wie sie von den Bäumen herab die wilden Tiere erlegen – selbst ihre Art, in Kehllauten zu sprechen, machte er nach.

»Dummes Zeug schwatzen kannst du,« sagte der Direktor zu ihm, »und beim Examen neulich hast du nicht einmal die russischen Flüsse aufzählen können! Nächstens setzt es Prügel, wart’ nur, mein Söhnchen! Für nichts Ernsthaftes hat er Sinn, ein richtiger Dummkopf!« Und er zog ihn kräftig am Ohre.

Raiski musterte den Direktor, wie er dastand und auf ihn einsprach, wie seine bösen, kalten Augen zu ihm niederschauten, suchte sich klar zu werden, warum es ihn kalt überlief, als der Direktor ihn am Ohr faßte. Dann stellte er sich vor, wie man ihn abführen würde, um ihn zu prügeln, wie sein Mitschüler Sewastjanow vor Schreck plötzlich ganz mager werden und eine weiße Nase bekommen würde, wie Borowikow vor Aufregung zittern, hüpfen und kichern und der gutmütige Masljanikow ihn weinend umarmen und von ihm Abschied nehmen würde, als sollte er aufs Schafott abgeführt werden. Weiter malte er sich aus, wie man ihn entkleidete, wie zuerst sein Herz, dann seine Arme und Beine erstarrten, und wie ihn dann Sidorytsch, der Pedell, ganz sacht auf die Prügelbank legte, da er selbst nicht imstande war, sich zu bewegen . . . Er hörte in Gedanken sein eigenes Wimmern, sah seine Beine zappeln, und es überlief ihn kalt . . .

Seine Nerven erschlafften, er konnte nicht essen noch schlafen. Die bloße Drohung des Direktors empfand er als Beleidigung, und es schien ihm, daß, wenn sie wirklich zur Ausführung gelangen sollte, alles Gute in ihm vernichtet, sein Leben häßlich und arm und er selbst zum verachteten, verlassenen Bettler werden würde.

Zufällig nahm damals gerade der Religionslehrer die Geschichte des armen Hiob durch, der, von allen verlassen, als elender Kranker auf dem Düngerhaufen saß . . .

Raiski brach in Tränen aus bei der Erzählung, und die anderen schalten ihn einen Waschlappen. Drei Tage lang, bis zum Sonntag, ging er einsam und düster umher, daß er kaum wiederzuerkennen war, und als die Kameraden ihn fragten, was ihm fehle, sprach er nicht ein Wort.

Am Sonntag fuhr er dann nach Hause und fand im Bücherschrank das »Befreite Jerusalem« in Moskotilnikows Übersetzung. Er vergaß den Direktor und seine Drohungen über dem Buche, rührte sich den ganzen Tag nicht vom Diwan, aß hastig zu Mittag und las weiter, bis es längst dunkel war. Am Montagmorgen nahm er das Buch in die Schule mit, las es heimlich voll Gier und Hast zu Ende und erzählte dann vierzehn Tage lang bald diesem, bald jenem den Inhalt.

Er träumte Nacht für Nacht von fernen Ländern und fremden Menschen, er sah die steinigen Wüsten Palästinas in ihrer dürren, traurigen Schönheit, sah den schimmernden Sand und fühlte die glühende Hitze und bewunderte die Menschen, die ein so hartes, tapferes Leben führten und so leicht starben!

Er sehnte sich förmlich danach, in diesen steinigen Wüsten umherzuziehen, Sarazenen zu töten, Hunger und Durst zu ertragen und zu sterben, einzig nur damit man sähe, daß er zu sterben wisse. Ganze Nächte brachte er schlaflos zu, als er von Armida las, wie sie die Ritter, selbst einen Rinaldo, bezauberte.

»Wie mag sie nur ausgesehen haben?« dachte er – und er stellte sie sich bald so vor wie seine Tante Warwara Nikolajewna, die immer den Hals verdrehte und mit den Augen blinzelte, bald wie die Frau des Direktors, die schöne weiße Hände und einen so durchdringend scharfen Blick hatte, bald wie die dreizehnjährige hübsche Tochter des Polizeimeisters, die in ihrem kurzen Kleidchen und den weißen Spitzenhöschen darunter so vergnügt umherhüpfte.

Ganz zusammengekauert saß er da und las voll Gier, fast atemlos, aufs heftigste erregt und gespannt, und plötzlich warf er dann das Buch wütend fort und lief wie ein Rasender davon, wenn der tapfere Rinaldo – oder Malek-Adel in dem Roman der Frau Cotton – zu den Füßen der Zauberin sich vor Gram verzehrten.

Dann trug ihn die Phantasie wieder in das Land des Ossian: ein neues Leben, neue Menschen und Bilder, noch großartiger und ungewöhnlicher, wenn auch rauher als jene.

Und alles dies, das so gar nicht dem Leben um ihn herum glich, zog ihn förmlich hinein in seinen Wunderbann, aus dem er immer erst mühsam wie aus einem Rausche erwachte. Bleich und matt ging er dann lange Zeit umher, bis wieder ein neues fremdes Leben, neue seltsame Freuden und Leiden ihn wie ein frischer Wasserstrahl weckten.

Der Onkel gab ihm die »Geschichte der vier Heinriche«, der »Bourbonen bis zu Ludwig XVIII.« und ähnliche Werke zu lesen, aber alles das war für ihn nur das, was das nüchterne Wasser für den ist, der sich bereits ans Rumtrinken gewöhnt hat. Nur ganz vorübergehend vermochten ihn Iwan III. und IV. und Peter der Große anzuregen.

Er vertiefte sich in den Plutarch, um sich nur recht weit vom Leben der Gegenwart zu entfernen, doch auch dieser Schriftsteller erschien ihm trocken, gab ihm nichts Farbiges, keine Bilder wie die Bücher, die er früher gelesen, und wie später der Telemach und bald darauf die Ilias. Im Verkehr mit den Kameraden benahm er sich sehr seltsam, sie wußten nicht, was sie aus ihm machen sollten. Seine Zuneigung und Abneigung wechselte so häufig den Gegenstand, daß er weder dauernde Freundschaften noch Feindschaften hatte.

In dieser Woche nähert er sich dem einen, sucht ihn überall, sitzt mit ihm ewig zusammen, liest, erzählt sich etwas, flüstert mit ihm. Dann wendet er sich plötzlich ohne ersichtlichen Grund von ihm ab, verguckt sich in einen anderen, steckt eine Zeitlang mit ihm zusammen und läßt ihn wieder laufen.

Beleidigt ihn einer seiner Kameraden, so schweigt er zunächst, nimmt nur eine finstere Miene an und läßt seinen Grimm und Zorn sich zu einer trotzigen Feindschaft auswachsen. Und wenn die Beleidigung selbst längst verblaßt und der Grund der Feindschaft vergessen ist, setzt er diese doch fort: die ganze Klasse beobachtet die Entwicklung, und er selbst wohl am aufmerksamsten. Dann überkommt ihn plötzlich eine großmütige Anwandlung, und er lechzt förmlich danach, sein edles Herz in seinem ganzen Glanze zu zeigen; eine feierliche Versöhnung wird in Szene gesetzt, in der sein Edelmut sich offenbaren kann, und wiederum hat die ganze Klasse ihr Pläsier, und er selbst am meisten.

Er spielte bei solchen Gelegenheiten gleichsam den unbeteiligten Zuschauer und fand einen eigenen Genuß darin, sich selbst und seinen Widerpart zu studieren, zu beobachten und die ganze Szene sich vor seinen Augen abrollen zu sehen.

Und wenn dann alles zu Ende ist, wenn die aufprasselnde Flamme in ihm erloschen und der Rausch verflogen ist, dann ist er wie einer, der plötzlich aus lebhaftem Traume erwacht: er schaut verwundert um sich, und eine Stimme aus seinem Innern heraus fragt: Was soll das alles? Und er zuckt die Achseln und weiß keine Antwort auf die Frage.

Ein andermal kann er wieder über irgendeine Kleinigkeit in Entzücken geraten: ein wohlgesättigter Mitschüler schenkt einem armen Schlucker eine Semmel, wie das die tugendsamen Kinder in den Lehrbüchern und Vorschriften zu tun pflegen; ein anderer nimmt bei irgendeinem dummen Streich die Schuld für einen Kameraden auf sich; ein dritter geht mit düsterer Miene umher, als ob er über die Lösung irgendeines tiefen Welträtsels nachsänne – gleich ist Raiski in heller Begeisterung entflammt, spricht nur mit Tränen der Rührung von ihnen, sucht in ihnen etwas Ungewohntes, Geheimnisvolles und behandelt sie mit einer Hochachtung, die sich unwillkürlich auch den anderen mitteilt.

Acht Tage später jedoch, wenn die Kameraden eines schönen Morgens zu Raiski kommen und das Gespräch auf einen der gefeierten Phönixe bringen, lacht er ihnen einfach ins Gesicht: »Da habt ihr euch mal den Rechten ausgesucht! Wie kann euch der nur imponieren? Dieser Hausnarr!«

Alle reißen den Mund auf vor Verblüffung, und er selbst schämt sich seiner früheren Begeisterung. Der Lichtstrahl, der für kurze Weile auf sein Idol gefallen war, ist erloschen, die Farben sind verblaßt, die Formen welk geworden, und schon sucht sein gieriger Blick etwas Neues, ein anderes Schauspiel, eine frische Sensation, und solange die nicht gefunden ist, empfindet er Langeweile, ist gallig und ungeduldig oder starrt dumpf brütend vor sich hin. Auch außerhalb der Schule war Raiskis Verhalten ganz seltsam, weder die heiteren Seiten des Lebens noch seine rauhen Wirklichkeiten vermochten tiefer auf ihn zu wirken. Forderte der Vormund ihn auf, sich doch einmal anzusehen, wie das Korn gedroschen, das Tuch in der Fabrik gewalkt oder die Leinwand gebleicht werde, dann suchte er sich so rasch wie möglich beiseite zu drücken und zog es vor, nach der »Aussicht« zu gehen und von da in den Wald zu schauen, oder er ging an den Fluß, ins Gebüsch, in den nahen Hain, beobachtete dort die Insekten, verfolgte aufmerksam die kleinen Waldvögel, wie sie aufflatterten und ins Gezweig niederschossen, wie ihr Federkleid gefärbt war, wie sie den Schnabel wetzten; er fängt einen Igel und befaßt sich stundenlang mit ihm, angelt mit den Bauernkindern den ganzen Tag im Flusse oder lauscht auf die Erzählung eines halbverrückten Greises, der draußen am Ende des Dorfes in einer Erdhütte haust und von den Zeiten des »Pugatsch« erzählt. Begierig hört Raiski all die Einzelheiten von den grausamen Folterungen und Hinrichtungen und starrt dabei in den zahnlosem Mund des Alten und die tiefen Augenhöhlen, in denen die halberloschenen Augen blinzeln.

Stundenlang kann er dasitzen und mit krankhafter Spannung die trübseligen Schicksale der »Verhexten Thekla« verfolgen. Alle möglichen Schmöker liest er zusammen; kommt ihm der »Sächsische Räuber« in die Finger, dann ruht er nicht, bis er mit ihm durch ist; er holt sich die Schriften Eckardthausens aus dem Bücherschrank und sucht durch den Nebel dieser wüsten Phantasien zu klaren Vorstellungen zu gelangen; zehnmal liest er den »Tristram Shandy«, den ihm ein Zufall in die Hand spielt; er entdeckt einen Band mit dem Titel »Geheimnisse der orientalischen Magie« – und vertieft sich sogleich in seine Lektüre; russische Märchen und Sagen kommen dann an die Reihe, und plötzlich wirft er sich wieder auf Ossian, Tasso und Homer, oder er unternimmt mit Cook gefahrvolle Reisen in unbekannte Welten.

Hat er gerade nichts vor, so liegt er tagelang unbeweglich da, doch hat sein Nichtstun den Anschein, als verrichte er eine schwere Arbeit: seine Phantasie treibt ihn weit hinaus über Ossian und Tasso und selbst über Cook, oder irgendein zufälliger Eindruck, eine vorübergehende Sensation versetzt ihn in fieberhafte Erregung, und er erhebt sich matt und bleich und kann lange nicht in einen normalen Zustand kommen.

»Ein Nichtstuer und Faulpelz!« heißt es allgemein. Er fürchtete dieses Urteil, vergoß im stillen Tränen darüber und sann verzweifelt darüber nach, warum man ihn eigentlich einen Faulpelz und Nichtstuer nenne.

»Was bin ich eigentlich? Was wird aus mir werden?« dachte er und vernahm die rauhe Antwort auf diese Frage:

»Lerne, wie die Sawrassow, Kowrigin, Maljujew, Tschudin und all die anderen Musterschüler lernen!«

Ja, die sind gleich beschlagen in der Mathematik wie in der Geschichte, sie schreiben gute Aufsätze, sind geschickte Zeichner, haben gute Kenntnisse in den fremden Sprachen und in sonstigen Fächern – die Glücklichen! Alle Welt achtet sie, sie schauen so stolz drein, schlafen so ruhig und bleiben stets sich selbst gleich.

Und er ist heute bleich und schweigt, als wäre er vor den Kopf geschlagen – und morgen springt er umher und singt Gott weiß, weshalb.

Am peinlichsten empfand er das kränkende Mitleid des Pedells Sidorytsch, wiewohl ihm andererseits dessen schlichte Gutmütigkeit wohltat. Er hatte einmal in zwei Lektionen hintereinander seine Aufgaben nicht gelernt und sollte, falls er sie bis zum nächsten Morgen nicht lernte, zur Strafe kein Mittagessen bekommen. Er hatte keine Zeit mehr, sie zu lernen, alles schlief bereits, und das Haus lag finster. Da stand Sidorytsch leise auf, machte Licht und brachte für Raiski das Buch aus dem Klassenzimmer.

»Immer lerne, Väterchen,« sagte er, »während sie schlafen. Niemand wird es sehen, und morgen wirst du es besser können als sie: warum beleidigen sie dich nur immer, du arme Waise?«

Die Tränen traten Raiski in die Augen – er weinte über die Beleidigungen, von denen Sidorytsch sprach, und über dessen Gutherzigkeit. Er sah, wie die anderen Schüler im festen Schlaf dalagen – und er lernte, aus lauter Stolz, die Lektion nicht.

Kam dagegen seine Eigenliebe ins Spiel, fanden seine Nerven die entsprechende Anregung, dann bedurfte es nur eines einzigen Blickes ins Buch, und er nahm, was er lernen sollte, gleichsam auf photographischem Wege in sein Gedächtnis auf, merkte sich ganze Zifferreihen, löste die schwersten Aufgaben und setzte ganz unvermutet, wie ein aufflammendes Feuerwerk die ganze Klasse samt dem Lehrer in Erstaunen.

»Er verstellt sich!« dachten die Schüler. – »Was für Fähigkeiten hat doch dieser Faulpelz!« meinte der Lehrer. Er fühlte es deutlich, daß er kein Nichtstuer und Faulpelz war, sondern etwas anderes; er war jedoch der einzige, der das fühlte und begriff – nur das eine begriff er nicht, was er eigentlich war, und kein Mensch fand sich, der es ihm erklärt und ihn darüber belehrt hätte, ob die Mathematik, oder was sonst für ihn das Richtige sei.

Als er dann später in Dienst trat, waren seine Vorgesetzten noch mehr geneigt, ihn für einen Hohlkopf zu halten. Er lieferte nicht einen einzigen zufriedenstellenden Bericht, arbeitete nicht ein Aktenstück vorschriftsmäßig durch und brachte dafür einen Schwall von Heiterkeit, Lachen und Anekdoten in das Amtszimmer mit, in dem er saß. Beständig war eine ganze Schar von Leuten um ihn versammelt.

Dabei war ihm jedoch der Kernpunkt der Sache, um die es sich handelte, stets klar – nur wollte er ihn mehr spielend und tändelnd behandeln, nicht in der strengen, papiernen Form, die der Dienstweg vorschrieb; ganz so wie er früher wohl die russische Sprache geliebt, aber alles, was nach grammatischem Zwang aussah, verabscheut hatte.

Er verblüffte die übrigen Beamten oft durch die Neuheit seiner Auffassung. Der Tischvorsteher hörte ihn lächelnd an, nahm die Akten, die Raiski bearbeiten sollte, übergab sie irgend einem andern Beamten und sagte:

»Machen Sie lieber den Bericht dazu, bevor Boris Pawlowitsch sein Projekt hinmalt!«

Der Tischvorsteher hatte recht: Raiski sah die Dinge wie ein Gemälde und gab sie auch als ein solches wieder.

Seine Einbildungskraft flammte auf, er sah intuitiv das Wesentliche, seine Phantasie ergänzte das Bild, und er empfand nicht mehr das Bedürfnis, durch Arbeit und Erfahrung die Sache, um die es sich handelte, auf festem Boden weiterzuführen.

Er war ihrer schon müde, es drängte ihn weiter, Augen und Geist suchten etwas Neues, und er schwebte bereits auf den Flügeln der Phantasie über die Abgründe, Berge und Ozeane hin, über die sich die Menschheit nur mit harter Mühe und Geduld den Weg bahnt.

Sein Wissen und seine Kenntnisse besaß er nicht so wie andere, er sah sie nur gleichsam im Spiegel der Phantasie, als etwas Fertiges, fühlte ihren Besitz und freute sich seiner; die Aneignung des Wissens langweilte ihn, und ward er eines Gegenstandes einmal überdrüssig, dann schob er ihn zur Seite und suchte etwas anderes, Lebendiges, Überraschendes, was in ihm selbst lebhafte Reflexe hervorrief und ihm die Möglichkeit gewährte, Leben gegen Leben zu geben.

Es fand sich kein Mensch in seiner nächsten Umgebung, der diese heiße Begier nach lebendigem Erfassen in bestimmte Bahnen gelenkt hätte.

Der Vormund und die Großtante hatten die Sorgfalt, die sie ihm zuwandten, immer nur auf das Äußerliche gerichtet. Jener hatte darauf gesehen, daß die Lehrer, die ihn zu Hause unterrichteten, stets pünktlich zur Lektion erschienen, und daß er selbst in der Schule keine Stunden versäumte. Und die Großtante war vor allem darauf bedacht, daß er gesund bliebe, daß Appetit und Schlaf in Ordnung wären, daß er auf seinen äußeren Menschen hielte und, wie es sich für einen wohlerzogenen Knaben schickte, nicht mit Krethi und Plethi verkehrte.

Was er las, welche Bücher er verschlang, darum kümmerten sie sich nicht weiter. Die Großtante übergab ihm die Schlüssel zur Bibliothek seines Vaters in dem alten Hause, und dort verschloß er sich nun und las regellos alles durcheinander, bald Spinoza, bald einen Roman, bald die Bekenntnisse des heiligen Augustin, Voltaire oder gar Boccaccio.

Die Künste lagen ihm besser als die Wissenschaften. Allerdings ging auch hier bei ihm nicht alles nach der Schnur. So hatte der Zeichenlehrer einmal der Klasse die Aufgabe gestellt, ein Augenpaar zu zeichnen. Ganze vierzehn Tage waren hierfür in Aussicht genommen; aber Raiski hielt es so lange nicht aus, er fügte zu den Augen noch die Nase und war eben dabei, auch den Schnurrbart zu zeichnen, als der Lehrer ihn bei diesem vorschriftswidrigen Tun überraschte. Er packte ihn beim Schopfe und schüttelte ihn ganz gehörig, dann aber begann er die Zeichnung eingehend zu betrachten.

»Wo hast du das gelernt?« fragte er ihn.

»Nirgends,« lautete die Antwort.

»Gar nicht so übel, mein Lieber; doch sieh, was dabei herauskommt, wenn du so voraustrabst: Stirn und Nase sind recht gut geworden, aber guck’ mal, wohin du das Ohr gesetzt hast! Und das Haar sieht aus wie Lindenbast!«

Der Tadel focht Raiski nicht an, er triumphierte: »Nicht übel, mein Lieber – Stirn und Nase sind recht gut geworden!« – das war für ihn gleichbedeutend mit dem Lorbeerkranz.

Er spazierte stolz auf dem Hofe umher, in dem Bewußtsein, besser zu sein als die anderen – bis dann am nächsten Tage ein böser Reinfall in den »ernsten« Disziplinen ihn aus allen Himmeln stürzte.

Er behielt jedoch eine Vorliebe für das Zeichnen, und einen Monat nach den »Augen« durfte er einen lockigen Knaben und einen Fingalkopf zeichnen.

Sein sehnlichster Wunsch aber war, einen Mädchenkopf, der in der Wohnung des Lehrers hing, kopieren zu dürfen. Ein wenig auf die Schulter geneigt, schaute dieser Kopf mit träumerischem Ausdruck in die Ferne.

»Gestatten Sie mir doch, bitte, diesen Kopf nachzuzeichnen!« bat er schüchtern, mit mädchenhaft sanfter Stimme den Lehrer, während ein nervöses Zucken um seinen Mund spielte.

»Und wenn du das Glas zerschlägst?« sagte der Lehrer, gab ihm aber doch den Mädchenkopf mit.

Boris war glücklich. Jedesmal, wenn er den Lehrer besuchte, hatte sein Herz beim Anblick des Kopfes heftig zu schlagen begonnen. Und nun durfte er diesen Kopf mit sich nehmen und ihn nachzeichnen!

In jener Woche konnte keiner der wissenschaftlichen Lehrer aus ihm auch nur ein vernünftiges Wort herausbekommen. Er hockt in seinem Winkel, zeichnet, radiert, tuscht aus, radiert wieder oder sitzt in schweigendem Anschauen da; die blauen Augen des Mädchens beginnen wie durch einen leichten Nebel zu schimmern, und die zarten Rosenlippen scheinen kaum merklich zu zucken.

Über Nacht nahm er die Zeichnung mit in den Schlafsaal, und als er einmal so recht in das Anschauen dieser süßen Augen vertieft war und die schöngeschwungene Linie des vorgebeugten Nackens verfolgte, durchzuckte es ihn plötzlich: eine tiefe Beklemmung legte sich ihm auf die Brust, er atmete schwer, und in jähem Selbstvergessen schloß er die Augen und preßte, einen verhaltenen Seufzer ausstoßend, mit beiden Händen das Bild gegen seine linke Seite. Die Glasscheibe platzte, und die Scherben flogen klirrend zur Erde. . . .

Als Boris diesen Kopf zu Ende gezeichnet hatte, kannte sein Stolz keine Grenzen. Seine Zeichnung wurde zugleich mit den Zeichnungen der oberen Klassen beim öffentlichen Examen ausgestellt; der Lehrer hatte nur wenig daran verbessert, da und dort vielleicht die allzu zarte Zeichnung mit kräftigen Strichen verstärkt, die sich nun wie ein eisernes Gitter von der Arbeit des Schülers abhoben; außerdem hatte er das Haar um drei, vier Strähnen verstärkt und in die Augen Punkte gesetzt, daß sie nun plötzlich wie lebendig dreinschauten.

»Wie hat er das nur gemacht? Und wie kommt es, daß bei ihm alles so kühn, so sicher, wie belebt erscheint?« dachte Raiski und vertiefte sich in die Betrachtung der Striche und Punkte, insbesondere jener beiden, die plötzlich den Augen einen so lebendigen Ausdruck gegeben hatten. Er übte sich fortan mit großem Fleiße darin, die Striche und Punkte ebenso fest und sicher hineinzusetzen wie der Lehrer, um dadurch dieselbe Lebendigkeit und Kraft, dieselbe packende Wirkung zu erzielen. Bisweilen glaubte er fast, das Geheimnis erfaßt zu haben, doch war es ihm im nächsten Augenblick wieder entschlüpft.

Aber nur immer so die Köpfe und Nasen, die Stirnlinien, Ohren und Hände hundertmal zu wiederholen, schien ihm zum Sterben langweilig.

Die Augen behandelte er noch mit einiger Sorgfalt, weil er hauptsächlich darauf Gewicht legte, daß die Punkte richtig darin säßen und der Ausdruck recht lebendig wäre. Gelang ihm das nicht, dann schob er die Zeichnungen beiseite, setzte finster den Ellbogen auf den Tisch, legte den Kopf auf die Hand und sattelte sein Phantasieroß, um sich von ihm in die Ferne, in die Welt seiner Träume und Bilder tragen zu lassen.

Der leicht errungene Erfolg steigerte sein Selbstgefühl ins Ungemessene: »Ein Talent, ein Talent!« klang es beständig in ihm. Aber bald gab es an der Schule niemanden mehr, der nicht gewußt hätte, wie schön er zeichnete, kein bewunderndes »Ach!« ließ sich mehr vernehmen der Beifall war ihm etwas Alltägliches, Gewohntes geworden.

Auf dem Lande begann er dann wieder leidenschaftlich zu zeichnen, porträtierte die Stubenmädchen, die Kutscher, die Bauern.

Er malte ein Bild der »verhexten Thekla« – sie saß in einer Höhle, und das Licht fiel sehr wirkungsvoll auf ihr Gesicht und ihr zerzaustes Haar, während der übrige Körper ganz im Dunkeln blieb; es fehlte ihm am nötigen Können wie an Geduld, um letzteren besser herauszuarbeiten. Wie sollte er auch den ganzen Morgen dasitzen und zeichnen, während draußen die Sonne lachend auf Wiese und Fluß niederschien . . .

Da kommt eben der Diener vom Nachbargute – er bringt jedenfalls eine Einladung zum Tanze!

Nach drei Tagen ist das Bild, das ihm vorschwebt, schon ganz verblaßt, und ein anderes nimmt von seiner Phantasie Besitz. Er möchte einen Mädchenreigen zeichnen, mit einem betrunkenen alten Bauern als Zuschauer und einem Dreigespann, das gerade vorüberjagt. Zwei Tage lang ist er einzig mit dem Entwurf dieses Bildes beschäftigt: es steht lebendig vor seinem Geiste. Die tanzenden Mädchen und der Alte würden ihm wohl gelingen, aber mit dem Dreigespann wird es nichts: Pferde haben sie in der Schule »nicht gehabt«.

Acht Tage später ist auch dieses Bild vergessen und ein neues an seine Stelle getreten . . .

Der Musik war er leidenschaftlich ergeben. Auf der Schule hatte er einen Kameraden namens Waßjukow – ein unbedeutendes, von den übrigen Schülern geringschätzig behandeltes Kerlchen, dem Raiski um so zärtlicher zugetan war.

Alle fanden ein Vergnügen darin, Waßjukow am Ohr zu ziehen: »Mach’, daß du fortkommst, Dummkopf! Schaf!« hörte er beständig. Raiski allein war voll Mitgefühl gegen ihn und konnte ihn immer nur mit zärtlicher Rührung ansehen. Der Grund davon war, daß Waßjukow, der sonst für nichts Sinn hatte und selbst in den Stunden des allgemein beliebten russischen Lehrers träg und schlaff dasaß, jeden Tag nach dem Mittagessen seine Geige vornahm, das Kinn auf den Griff stützte, mit dem Bogen über die Saiten strich und über seinem Spiel die Schule, die Lehrer und die Mißhandlungen der Kameraden vergaß.

Seine Augen sahen dabei nichts von alledem, was rings um ihn vorging, sondern schauten irgendwohin in die Ferne, als erblickten sie da etwas ganz Besonderes, Geheimnisvolles. Sie nahmen zuweilen einen wilden, finsteren Ausdruck an, um gleich darauf wieder förmlich zu weinen.

Raiski pflegt sich ihm gegenüber zu setzen und wie vergeistert in sein Gesicht zu schauen; er beobachtet, wie Waßjukow, zunächst noch mit dem gewohnten stumpfen Blick, seine Geige hervorholt, träg den Bogen in die Hand nimmt, mit dem Kolophonium darüber hinfährt, dann mit dem Finger die Saiten anschlägt, sie fester spannt, von neuem probiert und schließlich, immer noch schläfrig dreinschauend, mit dem Bogen über die Saiten streicht. Doch nun ist er im Zuge, nun erwacht er und fliegt auf und davon.

Jetzt ist kein Waßjukow mehr da, ein anderer steht an seiner Stelle. Die Pupillen weiten sich, die Augen blinzeln nicht mehr, sondern werden immer durchsichtiger, heller, tiefer und schauen so stolz und so klug drein, und die Brust atmet langsam und schwer. Ein Ausdruck von Wonne und Glück huscht über das jugendliche Gesicht, die Haut erscheint klarer und weicher, die Augen schimmern blau und senden Strahlen aus – Waßjukow ist schön geworden! Raiski sucht ihm in Gedanken dahin zu folgen, wohin seine Blicke schauen, und zu sehen, was er sieht. Niemand und nichts existiert für ihn – weder die Schüler, noch die Bänke und Spinde. Alles das ist wie in einen Nebel gehüllt.

Bald nach den ersten Tönen hat sich die blaue Weite geöffnet, und eine schwankende Welt von Wogen und Schiffen, von Menschen, Wäldern und Wolken taucht empor – alles schwimmt gleichsam und schwebt an ihm vorüber in den luftigen Räumen. Und er selbst meinte höher und höher zu wachsen, und der Atem versagte ihm, und es war ihm, als würde er gekitzelt, oder als nähme er ein Bad . . .

Und dieser Traum währte so lange, als die Töne erklangen.

Ein Klopfen, ein Schreien, ein Stoß weckt ihn plötzlich und mit ihm zugleich Waßjukow. Die Töne sind verstummt, die Welten entschwunden, er ist erwacht: ringsum sieht er Schüler und Bänke und Tische, Waßjukow legt seine Geige in den Kasten, irgend jemand zieht ihn am Ohr, Raiski stürzt sich wütend auf den Händelsucher, prügelt ihn durch und geht dann eine ganze Weile in Nachdenken versunken umher.

Seine Nerven singen ihm unbekannte Hymnen vor, das Leben wogt und flutet in ihm wie ein Meer, Gedanken und Gefühle fließen in Wellen dahin, stoßen sich untereinander, enteilen irgendwohin und werfen Gischt und Schaum auf.

Er hört in diesen Tönen etwas ihm Bekanntes: wie eine Erinnerung lebt es darin, wie der Schatten einer Frau, die ihn einstmals auf dem Schoße hielt.

Er durchwühlt sein Gedächtnis und errät, daß es seine Mutter war, die ihn so hielt, während er, mit seiner Wange an ihre Brust gelehnt, zusah, wie ihre Finger über die Klaviertasten hinglitten, und aufmerksam lauschte, wie bald traurige, bald frische, kecke Weisen unter ihren Händen erklangen, und wie bald ihr Herz in der Brust klopfte.

Immer deutlicher tauchte die Frauengestalt in seiner Erinnerung auf, als sei sie eben im Augenblick aus dem Grabe erstanden und lebendig vor ihn getreten.

Er erinnerte sich, wie nach beendetem Spiel ihre ganze, zitternde Lust sich in dem heißen Kuß auslöste, den sie ihm aufdrückte. Er erinnerte sich, wie sie ihm die Bilder im Zimmer erklärte: wer jener Alte mit der Leier sei, auf dessen Spiel der stolze König da lauschte, stumm, ohne daß er sich zu regen wagte – wer die Frau sei, die dort zum Richtplatz geführt ward, und so weiter. Er erinnerte sich, wie sie ihn ans Ufer der Wolga führte, wie sie dort stundenlang saß und in die Ferne schaute, oder ihn auf die im Sonnenschein aufragenden Berge, auf die üppig grünenden Wälder und die vorüberfahrenden Schiffe aufmerksam machte.

Und er sah sie an, wie sie so unbeweglich dasaß und schaute, und er blickte in ihre durchsichtigen, tiefen, guten Augen – die ganz so waren wie die Augen Waßjukows, wenn er spielte.

Vielleicht sah auch sie in dem Grün der Wälder, dem raschen Lauf des Flusses, dem Blau des Himmels dasselbe, was Waßjukow sah, wenn er auf der Geige spielte . . . Berge, Meere, Wolken . . . »kurz alles, was auch ich sehe«, dachte er im stillen.

Hörte er irgendwo eine Dame auf dem Klavier spielen, etwa die Gouvernante auf dem Nachbargute, so blieb er wie angewurzelt stehen, vergaß selbst die Angel, die er eben unten am Flusse auswerfen wollte, und blieb, mit offenem Munde hinter der Spielenden stehend, im Zimmer. Es war, als sei er gar nicht da, als sei er in die Erde versunken – weit, weit hinweg trug’s ihn durch die Lüfte, und er wuchs ins Riesengroße, und Kräfte strömten ihm zu, daß er sich stark genug fühlte, gleich Simson an Säulen zu rütteln und Gewölbe zum Einsturz zu bringen.

Die Töne dringen in sein Hirn ein, erschüttern seine Brust, treiben ihm den Schweiß auf die Stirn und die Tränen in die Augen . . .

Verklingen die Töne, so erwacht er jäh, schämt sich und läuft davon.

Er begann zunächst bei Waßjukow das Geigenspiel zu erlernen – eine ganze Woche schon streicht er mit dem Bogen auf der Geige hin und her: »a, c, g«, intoniert Waßjukow geduldig, während die schrillen Mißtöne, die sein Schüler dem Instrument entlockt, ihm in die Ohren schneiden. Bald kriegt der Bogen zwei Töne auf einmal zu fassen, bald zittert die spielende Hand vor Schwäche: nein, das ist nichts! Wenn Waßjukow spielt, geht es wie geölt. Zwei Wochen sind bereits vergangen, und er vergißt immer noch bald diesen bald jenen Finger. Die Schüler murren: »Hol’ euch der Teufel mit eurem Gefiedel!« ruft der Primus. »Hier gibt’s ernste Arbeit genug, und sie sägen auf ihrer Geige herum!«

Raiski gab das Geigenspiel auf und bat den Vormund, ihn doch Klavierunterricht nehmen zu lassen. »Das ist nicht so schwierig,« dachte er, »das werde ich leichter erlernen.«

Der Vormund engagierte einen deutschen Klavierlehrer für ihn, nahm sich jedoch vor, einmal ernsthaft mit ihm zu reden.

»Höre einmal, Boris,« begann er, »ich wollte dich immer schon fragen, was du eigentlich einmal anfangen willst?« Raiski verstand die Frage nicht und schwieg.

»Du bist nun sechzehn Jahre alt,« fuhr der Vormund fort, »es ist wirklich hohe Zeit, daß du einmal ernstlich an deine Zukunft denkst. Du hast, wie ich sehe, noch gar nicht überlegt, was du auf der Universität und später im Staatsdienst anfangen sollst. Mit der Offizierslaufbahn wird es nichts werden: dein Vermögen ist nicht groß, und nach den Traditionen deiner Familie müßtest du schon bei der Garde dienen.«

Raiski schwieg und sah zum Fenster hinaus in den Hof, wo eben zwei Hähne aneinandergeraten waren, ein Schwein in dem Düngerhaufen wühlte und eine Katze sich still an eine Taube heranschlich.

»Ich spreche mit dir von ernsten Dingen,« sagte der Vormund, »und du guckst zum Fenster hinaus! Wofür bereitest du dich eigentlich vor?«

»Ich will ein Künstler werden.«

»Was?«

»Ein Künstler will ich werden,« wiederholte Raiski.

»Was Teufel ist dir in den Kopf gefahren? Wer wird dann noch mit dir verkehren wollen? Weißt du, was ein Künstler ist?« fragte der Vormund.

Raiski schwieg.

»Ein Künstler ist ein Mensch, der dich entweder anpumpt oder dir so viel Blödsinn vorschwatzt, daß dein Gehirn eine ganze Woche lang umnebelt bleibt . . . Ein Künstler will er werden! . . . Das heißt doch nichts anderes,« fuhr der Vormund fort, »als ein wüstes Zigeunerleben führen, an Geld, Garderobe und allen sonstigen Dingen Mangel und einzig an schwärmerischen Ideen Überfluß haben! Wo leben denn diese Künstler? Auf den Hausböden, wie die Vögel des Himmels! Ich habe sie in Petersburg gesehen: das sind diese Allerweltskerle, die, mit phantastischen Kostümen angetan, sich des Abends auf ihren Buden zu versammeln pflegen, auf den Diwans herumliegen, Tabak rauchen, allerhand Unsinn schwatzen, sich gegenseitig Verse vorlesen, sehr viel Branntwein trinken und dann erklären, daß sie Künstler sind. Sie kämmen sich nicht, laufen in unordentlicher Kleidung umher . . .«

»Man sagte mir aber, daß die Künstler jetzt sehr geschätzt werden, Onkel,« versetzte Raiski. »Was Sie da sagten, mag vielleicht von einer früheren Zeit gelten. Aus der Akademie sind schon recht berühmte Leute hervorgegangen! . . .«

»Nun, gar so alt bin ich doch auch noch nicht, und die Welt habe ich mir immerhin ein wenig angesehen,« meinte der Onkel. »Du hast wohl etwas läuten hören, weißt aber nicht, auf welchem Turme es läutet. Berühmte Leute! Gewiß gibt es unter den Künstlern Berühmtheiten, ebenso wie unter den Ärzten – aber frage sie einmal, wann sie es zur Berühmtheit gebracht haben! Doch nur, als sie in den Staatsdienst getreten waren und den Rang eines Geheimrats erlangt hatten! Wenn solch ein Künstler eine Kathedrale baut, oder ein Denkmal für einen öffentlichen Platz geschaffen hat – dann verleiht man ihm wohl diesen Rang! Aber sie fangen in Jammer und Elend an, bei Wasser und Brot. Es sind ja auch zum größten Teil nur Freigelassene, Kleinbürger oder Fremde, ja selbst Juden, die sich diesen Berufen widmen. Die bittere Not treibt sie dem Künstlertum in die Arme. Und du – bist ein Raiski! Du hast Grundbesitz, hast dein gutes Auskommen. Gewiß, für die Gesellschaft ist es ganz nett, ein paar angenehme Talente zu besitzen: etwas auf dem Klavier vortragen, etwas ins Album zeichnen, eine Romanze singen zu können . . . Darum habe ich ja auch den deutschen Musiklehrer für dich engagiert. Aber daß du ein Künstler von Beruf werden willst – das finde ich einfach abgeschmackt! Hast du jemals von einem Fürsten oder Grafen gehört, der ein Bild gemalt, oder von einem Edelmann aus altem Geschlecht, der eine Statue modelliert hätte?«

»Und Rubens?« fiel Raiski plötzlich ein, »der lebte doch am Hofe, war Gesandter . . .«

»Wo holst du auch deine Beispiele her! Das war vor zweihundert Jahren,« sagte der Vormund, »dort irgendwo bei den Deutschen . . . Nein, es ist schon richtiger, du trittst in die Universität ein, in die juristische Fakultät, dienst in Petersburg, arbeitest dich tüchtig ein, wirst Staatsanwalt oder Kammerjunker, was dir bei deinen Familienverbindungen nicht schwer fallen wird. Wenn du die Augen offen hältst, kannst du bei deinem Namen und deiner Herkunft mit dreißig Jahren Gouverneur sein. Das ist die Karriere, die dir winkt! Ich sehe nur leider keinen Ernst bei dir: du fängst mit den kleinen Dorfjungen Fische, zeichnest eine Sumpflandschaft, einen betrunkenen Bauern vor der Dorfschänke . . . Du läufst in Wald und Feld umher, und es fällt dir nicht ein, einmal einen Bauern danach zu fragen, wie die Ernteaussichten sind, was für eine Getreideart da wächst, wann gesät wird, ob die Getreidepreise sich halten . . . nichts, gar nichts! Nicht einmal zum Landwirt hast du das Zeug!

Der Onkel seufzte, und Raiski schaute düster vor sich hin: die Strafpredigt des Onkels hatte nur verstimmend auf seine Nerven gewirkt.

Der deutsche Musiklehrer war gleich Waßjukow vor allem darauf bedacht, Raiski die Finger zurecht zu renken; er begleitete jede Note, die der Schüler auf dem Klavier spielte, mit einem Aufstampfen des Fußes und einem monotonen Singsang: »a—a—u—u—o—o—«.

Nur aus Scheu vor dem Vormund ließ Raiski diese Folterqual über sich ergehen und kam so im Verlauf etlicher Monate über die ersten Schritte hinaus. Dabei hatte er beständig seine Launen: spielte nicht mit dem Finger, mit dem er spielen sollte, sondern mit dem, der ihm gerade am bequemsten war, übte keine Tonleitern, sondern lauschte nur immer auf die Motive, die ihm durch den Kopf gingen, war glücklich, wenn er dieselbe Kraft und denselben Ausdruck in sein Spiel legen konnte wie irgendein tüchtiger Spieler, den er zufällig gehört hatte, und ließ sich von dessen Spiel begeistern, wie er sich früher von den Strichen und Punkten des Zeichenlehrers hatte begeistern lassen.

Mit den Noten konnte er sich nie recht befreunden, es schien ihm eine Tortur, all die verstaubten und vergilbten Notenhefte der Musikschule, die der Lehrer ihm brachte, der Reihe nach durchzuarbeiten. Dagegen lauschte er häufig seinem eigenen Spiel, und es war ihm dabei, als liefen ihm die Ameisen über den Rücken.

Er sah im Geiste bereits den von Menschen angefüllten Saal und sich selbst darin am Flügel, die Wände ringsum und die Herzen der Kenner mit seinem Spiel erschütternd. Mit glühenden Wangen lauschten ihm schöne Frauen, und sein Gesicht flammte in verschämter Freude über den eigenen Triumph . . .

Er wischte eine Träne fort, die still über seine Wange rann, er war ganz hin, ganz enthusiasmiert von dem herrlichen Traumbild.

Als er mit Mühe und Not die ersten technischen Schwierigkeiten überwunden hatte, schienen seine Finger, statt sich an die Notenhefte zu halten, bereits etwas Eigenes zu suchen und ihm jenen Saal, jene schönen Frauen, jene Stürme des Beifalls vorzuzaubern.

Bald hatte er all die rotbäckigen kleinen Damen seiner Bekanntschaft überholt und setzte sie durch die Kraft und Kühnheit seines Spiels und die temperamentvolle Leichtigkeit, mit der seine Finger über die Tasten huschten, in Erstaunen. Sie saßen immer noch an irgendeinem vorsintflutlichen Rondeau oder einer vierhändigen Sonate, während er längst über alle Übungen und Sonaten hinweggesprungen war, zuerst zu Quadrillen und Märschen und dann zu den Opern. Er absolvierte den Kursus nach seinem eigenen Programm, das ihm durch sein Gehör und seine Phantasie diktiert ward.

Hörte er Orchestermusik, so merkte er sich mit Leichtigkeit, was ihm gefiel, und wiederholte, berauscht von der Bewunderung seiner Zuhörerinnen, die erlauschten Motive. Er galt als der beste, talentvollste Spieler der ganzen Gegend, und sein deutscher Lehrer versicherte, sein Talent sei ganz erstaunlich, noch erstaunlicher aber seine Trägheit.

Aber was hatte das schließlich auf sich? Eine gewisse Trägheit und Nachlässigkeit kleidet ja den Künstler! Überdies hatte ihm irgend jemand gesagt, daß, wer Talent besitzt, nicht viel zu arbeiten brauche, daß nur talentlose Leute arbeiten, um sich mit vieler Mühe einen kläglichen Ersatz für die große, alles besiegende Gabe der Natur – das Talent – zu schaffen.




Siebentes Kapitel


Raiski hatte das Gymnasium verlassen und war auf die Universität gegangen. Die ersten Sommerferien wollte er bei seiner Großtante Tatjana Markowna Bereschkowa verbringen.

Diese Großtante lebte auf dem kleinen Erbgute, das Boris von seiner Mutter zugefallen war. Es lag ganz in der Nähe der Stadt, von der es nur durch die Felder und durch die am Wolgaufer liegende Vorstadt getrennt war. Es zählte nur fünfzig Seelen; von den beiden Häusern, die darauf standen, war das eine massiv gebaut, doch jetzt verlassen und vernachlässigt; das andere, ein hölzernes Gebäude, war von Raiskis Vater errichtet, und hier, in diesem Häuschen, wohnte nun Tatjana Markowna mit zwei verwaisten Großnichten im Alter von sieben und sechs Jahren, deren Mutter, Tatjana Markownas Nichte, von der alten Dame wie eine Tochter geliebt worden war. Die Großtante besaß ihr eigenes Kapital und ihr eigenes kleines Gut; sie war unvermählt geblieben und hatte sich nach dem frühen Tode von Raiskis Eltern, zu denen sie gleichfalls im Verhältnis einer Tante gestanden, hier auf dem Raiskischen Gute häuslich eingerichtet.

Sie herrschte auf dem kleinen Besitztum wie in einem Königreiche, hielt gute Ordnung und kümmerte sich um alles, regierte jedoch nach vollkommen despotisch-feudalen Grundsätzen. Dem Vormund des Erben gestattete sie nicht, die Nase in ihre Wirtschaft hineinzustecken, sie wollte von Dokumenten, Berichten oder Akten irgendwelcher Art nichts wissen, hielt die Ordnung aufrecht, die bei Lebzeiten des letzten Besitzers geherrscht hatte, und antwortete auf die Briefe des Vormundes ganz kurz, daß alle Dokumente und Akten in ihrem Gewissen aufgezeichnet seien, und daß sie ihrem Großneffen schon Rechnung legen würde, sobald er großjährig geworden – bis dahin sei sie nach einem mündlichen Vermächtnis der Eltern Raiskis völlig unbeschränkt in der Verwaltung des Gutes.

Der Vormund zuckte die Achseln und ließ sie fortan in Ruhe – war es doch nur ein kleiner Besitz, der in den Händen einer Verwalterin wie Tatjana Markowna wohl aufgehoben schien.

Nun kam Raiski, der soeben in die Universität eingetreten war, zu ihr zum Besuch – er wollte einige Wochen bleiben, um dann vielleicht für lange Zeit Abschied zu nehmen. Wie ein Eden mutete ihn der kleine Winkel an, den er in seiner Kindheit verlassen hatte, und den er nur zuweilen in seinen Schulferien wiedergesehen hatte. Welch herrliche Aussichten ringsum – jedes Fenster im Hause erschien wie ein Rahmen für ein entzückendes Gemälde!

Auf der einen Seite zog sich die Wolga mit ihrem steilen Ufer und den weiten Geländen dahinter durch die Landschaft hin; auf der anderen Seite lagen ausgedehnte Felder, zum Teil bearbeitet, zum Teil brach, und Schluchten, und dahinter als Abschluß in der Ferne die bläulich schimmernden Berge. In einer dritten Richtung sah man Dörfer und Weiler und einen Teil der Stadt. Die Luft war frisch und ein wenig kühl, ein leichter Schauer, wie nach einem Flußbad, überlief den Körper.

Mitten in dieser herrlichen Landschaft, dieser Luft, diesen Feldern und Gärten, lag der Gutshof. Ein ausgedehnter Park umgab die beiden Häuser, er schien gut in Ordnung gehalten und wies schattige Alleen, Lauben und Bänke auf. Je weiter man sich von den Häusern entfernte, desto ungepflegter erschien er. Neben einer mächtigen, weitästigen Rüster, unter der eine vermoderte Gartenbank stand, erhoben sich zahlreiche Kirsch-, Apfel- und Birnbäume; hier standen Ebereschen, dort eine Gruppe von Linden, die wohl eine Allee vorstellen sollten, jedoch unvermittelt in den Wald übergingen und zwischen den Tannen und Birken verschwanden. Und plötzlich fand dann alles seinen jähen Abschluß in einer Schlucht, die mit dichtem, bis fast auf eine halbe Werst ans Ufer der Wolga heranreichendem Buschwerk bestanden war.

Näher nach dem Hause zu lag der Gemüsegarten, in dem Kohl und Rüben, Mohrrüben und Petersilie, Gurken und Kletterbohnen gediehen, während in einem kleinen Treibhause Melonen und Arbusen gezogen wurden. Die Sonnenblumen, Mohnblüten und Feuerbohnen hoben sich als grell in die Augen fallende Flecken von dem grünen Hintergrunde ab.

Vor den Fenstern des kleinen Häuschens lag im hellen Sonnenschein ein großer Blumengarten, aus dem eine kleine Pforte in den Hof und eine Glastür nach der Veranda vor dem Wohnhause führte.

Tatjana Markowna liebte den freien Ausblick aus den Fenstern, man sollte nicht wie in eine Höhle hineinschauen, Sonne und Blumenduft sollten freien Zutritt haben. Von der anderen Seite des Hauses, die dem Hofe zugewandt war, konnte sie alles übersehen, was dort vorging: die Gesindestube, die Küche, den Heuschuppen, die Stallungen und Kellerräume – alles lag offen vor ihren Augen da, wie auf der flachen Hand.

Das massive alte Haus stand abseits im Hintergrunde des Hofes; es nahm sich aus wie ein blinder Fleck im Auge, hatte etwas Düsteres, Graues, Verschossenes und lag fast immer im Schatten; die Fenster waren zum Teil zertrümmert, auf der Freitreppe wucherte das Gras, und vor die schweren Türen waren ebenso schwere Riegel geschoben. Das Ganze machte bei aller Vernachlässigung noch immer einen kompakten, trotzigen Eindruck.

Auf das kleine hölzerne Wohnhaus dagegen schien vom frühen Morgen bis zum späten Abend die Sonne warm herab, die Bäume waren gleichsam zurückgetreten, um den Raum und die Luft nicht zu versperren. Der Blumengarten zog sich nach der Parkseite hin wie eine Girlande um die hölzernen Wände, und Kletterrosen, Dahlien und andere Blumen machten förmlich Miene, in die Fenster hineinzukriechen.

Schwalben hatten ihre Nester dicht unter dem Dache gebaut und huschten in raschem Fluge um das Haus herum; im Park und im Wäldchen dahinter sangen Grasmücken und Goldamseln, Zeisige und Stieglitze, und in der Nacht vernahm man das Trillern und Flöten der Nachtigallen.

Der Hof war voll von Geflügel aller Art, Hunde aller Farben liefen hin und her. Die Kühe wurden am Morgen aufs Feld getrieben und kehrten am Abend heim, und ein Ziegenbock mit zwei Ziegen zog jedesmal mit. Mehrere Pferde standen fast müßig im Stalle.

Über den Blumen vor dem Hause summten Bienen und Hummeln, Libellen schwirrten daher, Schmetterlinge gaukelten in der Sonne, und in den Ecken lagen Katzen mit ihren Jungen.

Freudigkeit und Friede herrschten im Hause, alles, was das Herz nur wünschte, war darin vorhanden. Die Zimmer waren klein, doch gemütlich, die Möbel, die noch aus der Zeit der Großeltern und Urgroßeltern Raiskis herstammten, waren aus dem großen Hause herübergebracht worden. An den Wänden hingen Porträts: Raiskis Eltern und die Eltern der beiden kleinen Mädchen, die in der Pflege der Großtante verblieben waren.

Der Fußboden war überall gestrichen, gebohnt und mit Schutzdecken belegt; die Öfen waren mit bunten, altertümlichen Kacheln geschmückt, die gleichfalls aus dem großen Hause stammten. Die Schränke waren über und über mit altem Geschirr und Silberzeug gefüllt, das jedesmal klang und klirrte, wenn jemand durch die Zimmer schritt. Zunächst fielen die alten Meißener Tassen, Hirtenmädchen, Marquisen, die chinesischen Pagoden, die bauchigen Teekannen und Zuckerschalen und die schweren silbernen Löffel ins Auge. Runde, mit Bronze verzierte Stühle und kleine Tische mit zierlicher Holzmosaik standen in den lauschigen Ecken. In Tatjana Markownas Kabinett stand ein altertümlicher Schreibtisch mit Spiegel, Urnen, Leiern und Genien, der gleichfalls mit Bronze verziert und mit reichem Schnitzwerk geschmückt war. Aber sie hatte den Spiegel verhängen lassen: es störte sie beim Schreiben, sagte sie, wenn sie so immer ihre »Visage« vor sich sah.

Ferner stand da ein runder Tisch, an dem sie zu Mittag zu speisen und den Kaffee und Tee einzunehmen pflegte, sowie ein alter, nicht gerade weicher Ledersessel mit hohem Rokokorücken.

Tatjana Markowna war noch ganz nach der Methode der alten Zeit erzogen, sie liebte es nicht, sich gehen zu lassen, sondern hielt sich gerade, in schlichter Einfachheit, in reservierten, anständigen Formen; alles Auffallende in der Haltung einer Frau hielt sie für unanständig.

Sie erschien Boris, als er sie jetzt wiedersah, geradezu schön, und sie war es in der Tat.

Sie war von hoher, nicht gerade voller, doch auch nicht hagerer Gestalt und von großer Lebhaftigkeit. Trotz des ergrauten Haares machte sie durchaus noch keinen alten Eindruck, und sie zählte in der Tat nicht mehr als fünfzig Jahre. Die schwarzen, lebhaften Augen und das gutherzige, graziöse Lächeln hatten etwas ungemein Einnehmendes – selbst wenn sie zornig wurde, wenn es in diesen Augen blitzte und wetterte, glaubte man hinter dem Gewölk schon wieder den klaren Himmel zu sehen.

Die Oberlippe war von einem leichten Flaum beschattet; auf der linken Wange, näher dem Kinn, befand sich ein Muttermal mit einem dichten Haarbüschel darauf. Das erhöhte noch den gutmütigen Ausdruck ihres Gesichts.

Sie hatte das graue Haar kurz geschnitten und ging im Hause wie im Hofe und Garten mit bloßem Kopfe umher. Nur an Feiertagen, und wenn Gäste anwesend waren, pflegte sie eine Haube zu tragen; aber die Haube hatte keinen Halt auf ihrem Kopfe, sie stand ihr durchaus nicht und glitt jeden Augenblick vom Kopfe herunter. Das war ihr selbst lästig, und wenn sie einem Gaste fünf Minuten lang Gesellschaft geleistet hatte, entschuldigte sie sich gewöhnlich und nahm die Haube ab.

Am Vormittag pflegte sie einen weiten, weißen Morgenrock mit einem Gürtel und großen Taschen zu tragen, am Nachmittag zog sie ein braunes Kleid an, an dessen Stelle an hohen Festtagen ein helles, silbern schimmerndes Kleid trat, das ganz steif war und beständig knisterte; um die Schultern trug sie einen kostbaren alten Schal, den nur die Haushälterin Wassilissa aus der Truhe nehmen und wieder hineinlegen durfte.

»Den hat Onkel Iwan Kusmitsch aus dem Orient mitgebracht – dreihundert Dukaten hat er gekostet,« pflegte sie mit Stolz zu sagen. »Jetzt ist solch ein Schal für den Preis nicht zu haben!«

Am Gürtel und in den Taschen hingen und lagen zahlreiche Schlüssel, so daß man Tatjana Markowna, wenn sie über den Hof oder durch den Garten ging, wie eine Klapperschlange schon von ferne hörte.

Die Kutscher steckten, sobald sie das Klirren der Schlüssel vernahmen, rasch die Pfeife in den Stiefelschaft, weil nämlich Tatjana Markowna nichts in der Welt so sehr fürchtete, wie eine Feuersbrunst, und das Tabakrauchen aus diesem Grunde für eins der schlimmsten Laster hielt.

Die Köche und Küchenmädchen griffen, wenn das Schlüssselklirren sich vernehmen ließ, sogleich nach einem Messer, Kochlöffel oder Besen, und Kirjuscha, der gerade mit Matrona im Tor stand, lief sogleich davon, während diese nach dem Stalle eilte und mit Eifer an einem Trog zu schleppen begann, als ob ihr nie etwas anderes in den Sinn gekommen wäre.

Auch im Hause war das Klirren der Schlüssel jedesmal das Signal zu einer angeregteren Tätigkeit. Maschutka nahm flink die unsaubere Schürze ab und wischte am ersten besten Stück Zeug, ob es das Taschentuch ihrer Herrin oder ein Wischlappen war, die schmutzigen Hände ab. Dann spuckte sie in die Hände, suchte das widerspenstige, trockene Haar an den Schläfen festzukleben und deckte ein sauberes Tischtuch auf den runden Tisch, worauf Wassilissa, eine schweigsame, ernste Person von etwas kränklichem Aussehen, die mit ihrer Herrin etwa in gleichem Alter stand, das silberne Servis mit dem dampfenden frischen Kaffee hereinbrachte.

Maschutka zog sich dann in einen Winkel zurück, um sich vor dem prüfenden Auge der Herrin, die sie immer adrett und sauber sehen wollte, in Sicherheit zu bringen. Es wurde Maschutka auch gar zu schwer, sich sauber zu halten: hatte sie ihre Hände gewaschen, dann hielt sie die Gegenstände lange nicht so sicher fest und ließ jeden Augenblick etwas fallen; ob es der Samowar oder ein wertvolles Servis war, es entglitt eben ihren Händen. Auch in sauberen Kleidern fühlte sie sich immer sehr unbehaglich. Wenn sie sich am Sonntag waschen und kämmen mußte und ihre guten Kleider anzog, war ihr, wie sie sagte, so zumute, als sei sie in einen Sack eingenäht. Sie fühlte sich immer nur dann glücklich, wenn sie vom Aufwischen der Fußböden, vom Reinigen der Fenster, der Türen und des Geschirrs so recht von oben bis unten beschmutzt war, daß man ihr Gesicht nicht wiedererkannte und sie, um sich die Nase oder die Augenbrauen zu reiben, statt der unsauberen Hände die Ellbogen zu Hilfe nehmen mußte.

Im Gegensatz zu ihr war Wassilissa die Akkuratesse selbst, stets ernst und gemessen, immer nur im Flüsterton sprechend und auf dem ganzen Hofe die einzige Person, die sich wirklich sauber hielt. Als ganz junges Mädchen schon war sie als Kammerzofe in den Dienst ihrer Herrin getreten; nie hatte sie sich von ihr getrennt, jedes Ereignis, jede Einzelheit ihres Lebens war ihr bekannt; jetzt hatte sie die Stellung einer Vertrauten ihrer Herrin und Haushälterin inne.

Ihre Unterhaltung war stets sehr einsilbig – die Herrin brauchte Wassilissa fast gar keine Befehle zu erteilen, sie wußte schon von selbst, was zu tun war. Lag etwas Besonderes vor, dann gab ihr die Großtante einfach den »Rat«, das und das zu tun. Eine Untergebene um etwas zu bitten, widersprach ihrer feudalen Auffassung. Ein Lakai, ein Diener, eine Dienerin blieb eben für sie ein Lakai, ein Diener, eine Dienerin, welche Vorzüge auch sonst der oder die Betreffende haben mochte.

Im übrigen nahm nur selten jemand von ihr persönlich Befehle entgegen: in allen häuslichen Angelegenheiten teilte sie ihre Wünsche Wassilissa mit, und in allem, was das Gut betraf, wandte sie sich an den Buchhalter oder den Starosten. Niemand außer Wassilissa wurde von ihr beim vollen Namen genannt, es müßte denn sein, daß jemand einen Namen trug, der sich schon gar nicht abkürzen oder verstümmeln ließ, wie etwa die Namen Ferapont oder Pantelejmon, deren Träger ihren Namen voll zu hören bekamen; den Dorfältesten nannte sie Stepan Wassiljew, alle anderen waren für sie nur Matroschka, Maschutka, Jegorka usw. Nannte sie dagegen jemanden beim Vor- und Vatersnamen, dann durfte er sicher sein, daß sich über ihm ein Gewitter zusammenzog:

»Komm doch mal her – du, Jegor Prochorytsch! Wo hast du denn gestern den ganzen Tag gesteckt?« oder: »Du, Ssemjon Wassilitsch – du warst ja gestern mit der brennenden Pfeife auf dem Heuboden. Nimm dich in acht, Bursche!«

Sie drohte ihm mit dem Finger, und zuweilen stand sie mitten in der Nacht auf und spähte durchs Fenster, ob nicht irgendwo das Glimmen einer Tabakpfeife zu sehen war oder jemand mit der Laterne in die Scheune ging.

Der Gegensatz zwischen den »Leuten« und der Herrschaft war für sie unüberbrückbar. Sie war nur mäßig streng, ja beinahe leutselig und menschenfreundlich, doch alles nur im Sinne des alten Herrentums. Wurde irgendeine Irina oder Matrona Mutter eines illegitimen Kindes, dann hörte sie den Bericht, der ihr über den Fall erstattet wurde, schweigend, mit der Miene beleidigter Würde an; dann befahl sie Wassilissa, alles Nötige zu geben, wandte sich verächtlich zur Seite und sagte nur: »Daß mir die abscheuliche Person nicht wieder vor Augen kommt!« Waren Matrona oder Irina wieder wohlauf, so ließen sie sich vier Wochen lang vor der Herrin nicht sehen, um hierauf wieder an der Bildfläche aufzutauchen, als ob gar nichts vorgefallen wäre; das Kind wurde kurzerhand »ins Dorf« zur Pflege geschickt.

Wurde jemand von den Leuten krank, dann stand Tatjana Markowna selbst mitten in der Nacht auf und schickte ihm Spiritus oder Salbe, oder was sonst nötig war. Am nächsten Morgen jedoch ließ sie ihn ins Krankenhaus bringen, oder sie ließ die »Melancholicha« holen, nie jedoch den Arzt. Dagegen brauchte nur eine ihrer kleinen Großnichten eine belegte Zunge oder einen etwas aufgetriebenen Leib zu haben, und sogleich mußte Kirjuschka oder Wlas auf ungesatteltem Pferde, wie toll mit den Knien und Ellbogen arbeitend, nach der Stadt traben, um den Doktor zu holen.

Die »Melancholicha« war irgendein altes Weib in der Vorstadt, das mit den einfachsten Mitteln die »Leute« kurierte und ihre Krankheiten im Handumdrehen wegbrachte. Wohl kam es vor, daß ihre Kur den einen für sein ganzes Leben zum Krüppel machte, daß der andere dabei seine Stimme verlor und bis zu seinem Tode nur noch heiser krächzen konnte, daß dieser ohne Auge, jener ohne Kinnlade von ihr zurückkam – aber der Schmerz war doch vorüber, und der glücklich Kurierte konnte wieder seine Arbeit verrichten. Das genügte dem Kranken wie der Quacksalberin, und erst recht natürlich der Herrschaft. Da die Melancholicha ihre Praxis nur unter den Leibeigenen und den kleinen Leuten der Vorstadt ausübte, legte ihr die Medizinalbehörde weiter kein Hindernis in den Weg.

Die Kost, die Tatjana Markowna ihren Leuten gab, war reichlich und nahrhaft – an Kohlsuppe und Grütze wurde nicht gespart, an den Feiertagen gab es Fruchtpasteten und Hammelfleisch, und zu Weihnachten wurden Gänse und Schweine gebraten. Im übrigen war sie in bezug auf Beköstigung und Kleidung der Leute gegen jeden »Luxus«, höchstens daß sie einmal als besondere Vergünstigung dieser oder jener Bäuerin die Überreste der herrschaftlichen Tafel zukommen ließ. Den Tee oder Kaffee trank zunächst nach der Herrin die Haushälterin Wassilissa, dann kamen die Stubenmädchen und der alte Haushofmeister Jakow an die Reihe. Die Kutscher, die Hofarbeiter und der Dorfälteste bekamen an Festtagen jeder ein Glas Branntwein, als besondere Anerkennung ihrer treuen Dienste.

Wenn des Morgens der Kaffee vom Tisch geräumt war, erschien eine stattliche alte Frau mit auffallend roten Pausbacken und ewig lachendem Munde im Zimmer: die Wärterin der beiden Großnichten Wjerotschka und Marsinka. Hinter ihnen her kam ein zwölfjähriges Mädchen, das der Alten zur Hand ging. Sie brachten die Kinder zum Frühstück in das Zimmer der Großtante.

»Nun, meine lieben Vögelchen, wie geht’s?« sagte sie und wußte nicht, welches der beiden Kinder sie zuerst küssen sollte. »Nun, Wjerotschka? Ei, ist das ein artiges Kind: wie hübsch gekämmt sie schon ist!«

»Auch ich bin schon gekämmt, Tantchen, auch ich!« rief Marsinka laut.

»Wovon hat denn Marsinka so rote Äugelchen? Hat sie im Schlafe geweint?« fragte sie besorgt die Kinderfrau. »Oder ist’s von der Sonne? Gehen auch die Vorhänge richtig zu? Darum kümmerst du dich natürlich nicht, du Schlafmütze! Ich muß schon selbst mal nachsehen.«

Im Mädchenzimmer saßen noch drei oder vier weitere Mädchen, die den ganzen Tag über irgendeine Näh- oder Stickarbeit gebückt waren – die Großtante litt es nämlich nicht, daß irgend jemand unbeschäftigt dasaß. Im Vorzimmer räkelte sich der nachdenkliche alte Jakow, der sechzehnjährige Spötter Jegorka und zwei oder drei Lakaien, die dem Hausmeister zur Hilfe beigegeben waren, im übrigen nur wenig zu tun hatten und oftmals wechselten.

Jakow selbst bediente nur bei Tisch, jagte träg mit einem Zweige die Fliegen von den Schüsseln, stellte ebenso träg die frischen Teller hin und brachte nur widerwillig einmal ein Wort über die Lippen. Selbst wenn seine Herrin ihn fragte, antwortete er kaum, als fiele ihm das Leben weiß Gott wie schwer, als drückte irgendeine ungeheure Last auf seine Seele, obschon nichts Derartiges vorlag. Tatjana Markowna hatte ihn nur deshalb zum Haushofmeister gemacht, weil er ein ruhiger Mensch war, nicht rauchte und nur mäßig – das heißt nie bis zur Bewußtlosigkeit – trank; außerdem war er ein eifriger Kirchenbesucher.




Achtes Kapitel


Raiski hatte die Großtante gerade beim Frühstück der Kinder angetroffen. Sie schlug vor Überraschung die Hände über dem Kopfe zusammen und sprang von ihrem Stuhle auf, fast wären dabei die Teller vom Tische geflogen.

»Borjuschka! O, du Schelm! Kein Wort zu schreiben, so mit der Tür ins Haus zu fallen: ich bin ja so erschrocken, wie du eben ins Zimmer tratst!«

Sie nahm seinen Kopf zwischen beide Hände, sah ihm ein Weilchen fest ins Gesicht, wollte in Tränen ausbrechen, besann sich jedoch eines Besseren, preßte seinen Kopf an ihre Schulter, warf einen raschen Blick auf das Porträt seiner Mutter an der Wand und unterdrückte einen Seufzer.

»Nun, nun, nun . . .« – sie wollte sprechen und fragen, sprach und fragte aber nichts, sondern lächelte nur und wischte sich heimlich eine Träne aus dem Auge. »Ganz Mamas Sohn: wirklich – auffallend ähnlich! Sieh nur, wie schön sie war! Sieh, Wassilissa . . . Du erinnerst dich ihrer noch? Nicht wahr, er ist ihr sehr ähnlich?«

Kaffee, Tee, Weißbrot, das Frühstück, das Mittagessen – alles stürmte förmlich auf den jungen Studenten ein, der noch eine gute Portion Schüchternheit und Verschämtheit, dafür aber auch den ganzen gesunden Appetit der Jugend besaß und all den guten Bissen, die ihm aufgetischt wurden, tapfer zusprach. Die Großtante aber verwandte nicht ein Auge von ihm:

»Ruft die Leute zusammen,« rief sie, »sagt es dem Starosten, sagt es allen, allen: der junge Herr ist angekommen, unser richtiger Herr, der Besitzer des Gutes! Willkommen, Väterchen – willkommen im heimatlichen Neste!« sprach sie, in scherzhafter Weise die Art der Bauern nachahmend. »Versagen Sie uns nicht Ihre Gnade, Tatjana Markowna hat uns gekränkt, uns ausgesogen, nehmen Sie sich unser an, Väterchen! . . . Hahaha! – Da sind die Schlüssel, da sind die Jahresrechnungen! Bitte, übernimm das Kommando, verlange Rechenschaft von der Alten, frag’ sie, wie sie alles verschwendet hat, warum die Bauernhütten so verfallen aussehen! . . . Geh nach der Stadt, dort betteln die Bauern von Malinowka überall unter den Fenstern . . . Ha ha ha! Und dann fahr mal zum Onkel hinüber, zum Vormund, nach dem anderen Gute – dort gehen die Bauern wochentags in geschmierten Stiefeln und roten Hemden, und ihre Häuser haben zwei Stockwerke, ja! . . . Nun, warum schweigst du denn, gnädiger Herr? Warum verlangst du keine Rechnungslegung? Aber jetzt frühstücke erst mal, dann will ich dir alles zeigen.«

Nach dem Frühstück nahm die Großtante ihren mächtigen Sonnenschirm, zog sich ein Paar Schuhe mit dicken Sohlen an, setzte eine gesteppte Leinenmütze auf und verließ mit Boris das Haus, um ihm die Wirtschaft zu zeigen.

»Nun, gnädiger Herr, jetzt sieh dir alles an, gib genau acht, und wenn du etwas bemerkst, was dir nicht gefällt, dann rüffle die Tante nur ganz gehörig! Das Blumengärtchen hier vor den Fenstern habe ich erst kürzlich anlegen lassen,« sagte sie, während sie zwischen den bunten Beeten nach dem Hofe zuschritt. »Hier haben auch Wjerotschka und Marsinka ihr Plätzchen, hier spielen sie im Sande, ich habe sie da immer vor Augen. Auf die Kinderfrau ist ja doch kein Verlaß – und hier sehe ich immer, was sie treiben. Sind sie einmal größer, dann brauchen wir keine Blumen zu kaufen: dann haben wir unsere eigenen!« fügte sie scherzend hinzu.

Sie schritten über den Hof.

»Kirjuschka, Jerjomka, Matroschka! Wo habt ihr euch denn alle versteckt?« rief die Tante, mitten im Hofe stehend.

»Habt wohl kein gutes Gewissen? Immer kommt her, rasch!« Matroschka kam auf sie zu und meldete, daß Kirjuschka und Jerjomka nach dem Dorfe geschickt seien, um die Bauern zu holen.

»Sieh mal, das ist die Matroschka: erinnerst du dich ihrer noch?« sprach die Großtante. »So komm doch näher, dummes Ding, was stehst du da? Küß’ doch dem gnädigen Herrn die Hand: das ist ja mein Großneffe!«

»Ich trau’ mich nicht, Herrin, ich wag’s nicht!« versetzte Matroschka, kam jedoch näher auf Raiski zu.

Er umarmte sie verschämt.

»Der Flügel da ist ja neu gebaut, Tantchen: den habe ich noch nicht gesehen!« sagte Boris.

»Hast es also doch bemerkt! Ja, ja – erinnerst du dich noch des alten? Der war ganz verfault, handbreite Spalten waren im Fußboden, und so schwarz, so verräuchert war alles. Und nun sieh dir’s mal an!«

Sie betraten das neu errichtete Gebäude. Die Großtante zeigte ihm dann die umfangreichen Reparaturen in den Stallungen, auch die Pferde wurden besichtigt. Hierauf ging er nach dem neuen Geflügelhaus, der Waschküche und den Viehställen.

»Auch die alte Küche ist nicht mehr vorhanden; dort ist die neue, ich habe sie absichtlich etwas abseits anlegen lassen, als besonderes Gebäude, schon wegen der Feuersgefahr, und damit die Leute mehr Raum haben. Jetzt hat jedes seinen Winkel für sich, wenn er auch nur klein ist. Da ist der Getreidespeicher, hier die Vorratskammer, dort der neue Keller; den alten Keller habe ich umbauen lassen.«

»Was stehst du denn da?« wandte sie sich an Matrona.

»Geh, sag’ Jegorka, er soll ins Dorf laufen und dem Starosten sagen, daß wir selbst hinkommen.«

Im Park machte Tatjana Markowna den jungen Besitzer mit jedem Baum, jedem Strauch bekannt, führte ihn die Alleen entlang, ließ ihn einen Blick von der Höhe in die Schlucht tun und führte ihn schließlich nach dem Dorfe. Es war ein warmer, sonniger Tag, der Winterroggen wogte leicht und gleichmäßig unter dem sanften Hauche des Mittagswindes.

»Das ist mein Enkel Boris Pawlytsch!« sagte sie zum Starosten. »Nun, seid ihr mit dem Heu bald fertig? Beeilt euch, solange schönes Wetter ist, nach der Hitze wird es Regen geben. Da seht ihr nun den Herrn, euren wirklichen Herrn – heut ist er gekommen!« sagte sie zu den Bauern. »Hast du ihn schon mal gesehen, Garaska? Sieh dir ihn nur ordentlich an! Und du, Iljuschka – sag’ mal, ist das nicht dein Kalb dort im Roggen?« fragte sie im Vorübergehen und warf dann einen Blick nach dem Teiche.

»Da hängt schon wieder Wäsche auf den Bäumen!« rief sie zornig und wandte sich zum Starosten um. »Ich habe doch befohlen, daß eine Leine gekauft werden soll! Sag’s der blinden Agaschka – sie ist’s, die immer die Hemden auf die Weide hängt – daß sie ihren Kram da wegbringen soll! Die Äste müssen ja abbrechen!«

»Eine so lange Leine ist nicht da,« erwiderte der Starost in schläfrigem Tone. »Man müßte in der Stadt eine neue kaufen . . .«

»Warum sagst du es nicht Wassilissa? Sie würde es mir sagen! Jede Woche fahre ich nach der Stadt, längst hätte ich eine Leine besorgt!«

»Ich hab’s ihr ja gesagt; aber sie vergißt es – oder sie sagt, es lohne sich nicht, die Herrin damit zu belästigen.«

Die Großtante machte sich einen Knoten ins Taschentuch. Sie pflegte zu sagen, daß nichts in der Wirtschaft ohne sie geschehe. Eine Wäscheleine konnte schließlich auch jeder andere kaufen, aber um nichts in der Welt hätte sie das Geld dafür jemandem anvertraut.

Sie war nicht gerade geizig, ging jedoch mit dem Gelde sehr behutsam um; bevor sie etwas ausgab, überlegte sie lange, ward sogar ein wenig ärgerlich; war das Geld jedoch einmal ausgegeben, dann hatte sie die Sache sogleich vergessen und notierte die Ausgabe nicht einmal gern; tat sie es dennoch, so geschah es, wie sie sagte, nur, um zu wissen, wo das Geld geblieben war, und nicht zu erschrecken, wenn es plötzlich fort war. Sehr ungern zahlte sie größere Summen auf einmal, namentlich wenn es plötzliche, unvorhergesehene Ausgaben waren.

Abgesehen von den allgemeinen Dispositionen, die sie zu treffen hatte, ging ihr Leben in lauter kleinlichen Sorgen und Tätigkeiten hin. Bald beschäftigte sie die Mädchen mit Zuschneide- und Näharbeiten, bald gab es zu flicken, zu kochen, zu scheuern. Wenn sie dabeistand und zusah, wie die anderen arbeiteten, so nannte sie das »alles selber machen«. Sie rührte nichts an, sondern stand in graziöser Kommandohaltung da, die eine Hand in die Hüfte gestützt und mit dem Zeigefinger der anderen da- und dorthin zeigend, wo etwas wegzunehmen oder hinzustellen war, oder wie etwas gemacht werden sollte.

Der Schlüsselbund an ihrem Gürtel enthielt nur die Schlüssel zu den Schränken, Truhen und Schatullen im Hause, in denen das seit vielen Jahren aufgehäufte feine Leinenzeug, die schon vergilbten kostbaren Spitzen, die als Brautgabe für die Enkelinnen bestimmten Brillanten und vor allem das Geld aufbewahrt wurde. Die Schlüssel der Speisekammer und der sonstigen Behältnisse, in denen Tee, Zucker, Kaffee und andere Vorräte aufbewahrt wurden, befanden sich in Wassilissas Händen.

Hatte die Großtante am Morgen ihre Anordnungen in der Wirtschaft getroffen und nach dem Kaffee, am Schreibtisch stehend, an der Rechenmaschine die Kasse kontrolliert, dann setzte sie sich auf ihren Platz am Fenster und schaute aufs Feld hinaus, verfolgte die Arbeiten, beobachtete, was im Hofe getrieben wurde, und schickte Jakow oder Wassilissa hinaus, wenn etwas nicht so gemacht wurde, wie sie es wollte.

Hierauf fuhr sie, wenn etwas einzukaufen war, nach der Stadt, besuchte die Läden und machte einige Visiten. Doch blieb sie nirgends lange, sprach nur an zwei, drei Stellen fünf Minuten lang vor und war zum Mittagessen wieder zu Hause.

Nicht so schnell ließ sie ihre eigenen Gäste los – wer kam, mußte, wenn es irgend ging, zum Frühstück oder Mittagessen bleiben. Nie, solange sie lebte, war jemand von ihr gegangen, ohne daß sie ihn, ganz gleich womit und zu welcher Tageszeit, bis oben hinauf vollgestopft hätte. Nach dem Mittagessen saß sie, wenn sie allein war, im Winter gern in nachdenklichem Schweigen am Kamin. In schöner Pose, als die vornehme Dame, die keine Sorgen hat, saß sie da, wie in tiefes Nachsinnen oder in Erinnerungen versunken, die sie weit, weit entführten. Dann mußte es ganz still um sie sein. Im Sommer hielt sie sich am Nachmittag im Garten oder im Park auf: hier zog sie auch wohl gern einmal ein Paar Gemslederhandschuhe an, nahm den Spaten, die Harke oder die Gießkanne zur Hand und begann – »aus Gesundheitsrücksichten« – ein Beet umzugraben, oder begoß die Blumen, raupte einen Strauch ab, entfernte das Spinngewebe von den Johannisbeersträuchern und endete schließlich, nachdem sie müde geworden, den Tag am Teetisch, wo ihr guter alter Freund und Berater Tit Nikonytsch Watutin ihr Gesellschaft leistete.




Neuntes Kapitel


Tit Nikonytsch war der geborene Gentleman. Er besaß in demselben Gouvernement ein Gut von zweihundertfünfzig bis dreihundert Seelen – er wußte selbst nicht, wieviel es waren, denn er war nie auf seinem Gute und ließ die Bauern treiben, was sie wollten, und die Pacht, die sie ihm zahlten, nach eigenem Ermessen bestimmen. Nie übte er eine Kontrolle über sie aus. Mit verschämter Miene nahm er das Geld, das sie ihm brachten, legte es, ohne es nachzuzählen, in seinen Schreibtisch und winkte ihnen ab – sie konnten wieder heimfahren und tun, was sie wollten.

Er hatte früher in der Armee gedient. Die älteren Leute erinnerten sich seiner noch als eines stattlichen jungen Offiziers von trefflicher Erziehung, bescheidenem Wesen und offenem, tapferem Charakter.

In seiner Jugend hatte er häufig seine Mutter auf dem Gute besucht, hatte da seinen Urlaub zugebracht und war wieder abgereist, und schließlich nahm er den Abschied, zog in die Stadt, kaufte sich dort ein kleines graues Häuschen mit drei auf die Straße hinausgehenden Fenstern und richtete sich hier für immer sein Nest ein.

Er hatte eine ziemlich mangelhafte Bildung in irgendeinem Kadettenkorps erhalten, las jedoch gern, namentlich Bücher politischen und naturwissenschaftlichen Inhalts. Seine Sprechweise, seine Manieren, sein ganzes Auftreten hatten etwas Sanftes, Verschämtes; das Bewußtsein der eigenen Würde barg sich wohl dahinter und kam zwar nicht sichtbar zum Vorschein, schien aber stets bereit, wenn es not tat, sich offen zu bekunden.

Er bewahrte, mit wem er auch sprechen mochte, stets eine gewisse respektvolle Zurückhaltung in Worten und Gesten. Ob er dem Gouverneur, oder einem Freunde, oder einem ihm eben erst vorgestellten Fremden gegenüberstand, jedesmal verbeugte er sich auf die gleiche höfliche Weise, scharrte leicht mit dem Fuße und hob ihn ein wenig nach hinten empor, ganz nach Vorschrift des alten Zeremoniells. In Gegenwart einer Dame setzte er sich nie, selbst auf der Straße sprach er mit Damen nur unbedeckten Hauptes; er war der erste, der sich nach einem zur Erde fallenden Taschentuch bückte, oder ein Fußbänkchen herbeiholte. Waren junge Mädchen in einem Hause, so brachte er jedesmal ein Pfund Konfekt oder einen Blumenstrauß mit und suchte den Ton der Unterhaltung ihrem Alter, ihrer Beschäftigung, ihren Neigungen anzupassen, wobei er stets die größte Ehrerbietung und Ritterlichkeit an den Tag legte und sich nicht die geringste Freiheit, nicht die kleinste Anspielung herausnahm. Nie erschien er in Damengesellschaft anders als im Frack.

Er rauchte keinen Tabak, gebrauchte keine Parfüms, tat nichts, um jugendlicher zu erscheinen, und machte in seinem Äußeren, seinen Bewegungen, seinen Umgangsformen stets einen schlicht eleganten, untadeligen, vornehmen Eindruck. Seiner Wäsche schenkte er die größte Sorgfalt, gab nichts auf die Fasson oder auf eine besonders zierliche Ausführung, sondern legte einzig Wert auf blendende Sauberkeit.

Alles an ihm war einfach und sozusagen strahlend. Die Nankingbeinkleider waren immer frisch und glatt gebügelt; der blaue Frack schien eben vom Schneider zu kommen. Er war bereits fünfzig Jahre alt, machte jedoch, dank einer Perücke und dem stets glattrasierten Kinn, den Eindruck eines frischen, rotwangigen Vierzigers.

Sein Blick und sein Lächeln hatten etwas so Liebenswürdiges, daß sie vom ersten Augenblick an für ihn einnahmen. Obschon seine Mittel nur beschränkt waren, machte er doch den Eindruck des freigebigen großen Herrn – so leicht und freudig warf er seinen Hundertrubelschein hin, als wären es Tausende.

Für Tatjana Markowna hegte er ein Gefühl ehrerbietiger, fast andächtiger Freundschaft, in dem so viel Wärme lag, daß schon die Art, wie er bei ihr eintrat, wie er sich setzte und sie ansah, darauf schließen ließ, daß er sie über alles liebte. Dabei gestattete er sich jedoch, obschon er ihr täglicher Gast war, im Verkehr mit ihr nie irgendeine noch so harmlose Vertraulichkeit.

Sie vergalt ihm mit gleicher Freundschaft, doch lag in dem Tone, in dem sie mit ihm verkehrte, mehr Lebhaftigkeit und Familiarität. Sie beherrschte ihn sogar ein klein wenig, was bei ihrem raschen, beweglichen Naturell nicht wundernehmen konnte.

Leute, die sie in ihrer Jugend gekannt hatten, erzählten, sie sei ein lebhaftes, sehr hübsches, schlankes, ein wenig affektiertes Mädchen gewesen, erst die Beschäftigung mit der Wirtschaft habe diese bewegliche, etwas scharfzüngige Frau aus ihr gemacht. Aber bis ins spätere Alter hinein hatte sie sich doch recht viel von ihrer jugendlichen Art bewahrt.

Wenn sie den alten türkischen Schal um hatte und so in Nachdenken versunken dasaß, hatte sie große Ähnlichkeit mit einem alten Frauenporträt, das sich in der Ahnengalerie drüben im alten Hause befand.

Etwas Kraftvolles, Gebieterisches, Stolzes kam zuweilen ganz plötzlich bei ihr zum Durchbruch: sie richtete sich hoch empor, und ihr Gesicht strahlte, als würde es von innen durch einen jäh aufsteigenden, bedeutsamen Gedanken erleuchtet, der sie hinwegtrug über dieses kleinliche Leben in eine andere, erhabene Welt.

Wenn sie so allein dasaß, lächelte sie bisweilen so anmutig-träumerisch, daß sie ganz das Aussehen einer sorglosen, reichen, verwöhnten Dame hatte. Und wenn sie, die Arme auf die Hüften gestützt oder über der Brust gekreuzt, dastand und, allen häuslichen Ärger vergessend, auf die Wolga hinausschaute, dann nahm ihr Gesicht einen verklärten, fast poetisch schönen Ausdruck an.

Kaum ein Tag verging, ohne daß Tit Nikonytsch irgendein Geschenk für die Großtante oder die kleinen Nichten mitbrachte. Im März, wenn noch alle Gärten unter der Schneedecke lagen, brachte er eine grüne Gurke oder ein Körbchen voll Erdbeeren, im April eine Handvoll frischer Pilze als »erste Saisonneuheit«. Kamen die ersten Pfirsichsendungen an, so konnte man sicher sein, daß diese Frucht zuerst auf Tatjana Markownas Tafel erschien.

In der Stadt war einmal vor Jahren das Gerücht verbreitet gewesen, daß Tit Nikonytsch als junger Mann sich bei einem Besuche in Tatjana Markowna verliebt und bei ihr auch Gegenliebe gefunden habe. Die Eltern hätten jedoch ihre Wahl nicht gebilligt und einen anderen zu ihrem Gatten bestimmt. Gegen diese Wahl habe sie sich gesträubt, und so sei sie schließlich unvermählt geblieben. Im Laufe der Zeit war dieses Gerücht dann verstummt, und ob etwas daran gewesen, wußten nur sie beide. Tatsache jedoch war, daß er ihr täglicher Gast war, oft schon zum Mittagessen kam und in ihrer Gesellschaft den Tag verbrachte. Man hatte sich daran gewöhnt, und niemand gab sich weiter Mühe, der Sache auf den Grund zu gehen.

Tit Nikonytsch plauderte gern mit ihr über alle möglichen Dinge, die in der Welt vorgingen, über die Kriege, die gerade geführt wurden, und die Ursachen dieser Kriege; er erklärte ihr, weshalb in Rußland das Getreide so billig sei, und was geschehen würde, wenn es in größerem Umfange exportiert werden könnte. Er kannte die Genealogie aller alten Adelsgeschlechter, alle Heerführer und Minister und deren Biographie; er erzählte ihr, daß das Niveau der Ozeane verschiedene Höhe habe, unterrichtete sie über alle neuen Erfindungen, die in England oder Frankreich gemacht wurden, und entschied darüber, ob sie der Menschheit Nutzen bringen würden oder nicht.

Er machte Tatjana Markowna auch Mitteilung davon, daß der Zucker in Nischni billiger geworden sei, damit die Kaufleute in der Stadt sie nicht übervorteilten, oder daß die Teepreise bald steigen würden, damit sie sich rechtzeitig versehen könnte.

Hatte sie auf dem Gericht etwas zu tun, dann erledigte das Tit Nikonytsch, brachte alles ins gleiche, deckte zuweilen sogar eine Ausgabe aus seiner Tasche, und wenn sie dann zufällig dahinterkam, wusch sie ihm gehörig den Kopf, worauf er ganz verwirrt sie um Verzeihung bat, seinen Kratzfuß machte und ihr die Hand küßte.

Sie lebte in ständiger Opposition gegen die lokalen Behörden: legte man ihr eine Einquartierung auf den Hof, wurde eine Ausbesserung der Wege verlangt oder eine Steuer eingetrieben, so schalt sie über behördliche Willkür, stritt sich herum, verweigerte die Zahlung und wollte vom »Gemeinwohl« und sonstigen Dingen dieser Art nichts wissen. Mag doch jeder für sich selbst sorgen, pflegte sie zu sagen und hielt mit ihrer Abneigung gegen die Polizei nicht hinterm Berge. Ganz besonders hatte es ihr ein Polizeimeister angetan, den sie geradezu einen Räuber nannte. Tit Nikonytsch hatte es mehrmals versucht, ihr den Begriff des »Gemeinwohls« klarzumachen, doch mußte er sich schließlich darauf beschränken, zwischen ihr und der Polizeibehörde den Frieden wiederherzustellen.

In dieses patriarchalisch stille Nest nun war der junge Raiski jetzt hineingeraten. Er, der bisher ein so verwaistes Leben geführt hatte, besaß nun mit einemmal eine Häuslichkeit, eine Mutter und Schwestern, und in Tit Nikonytsch das Ideal eines guten Onkels.




Zehntes Kapitel


Die Großtante war eben dabei, ihm auseinanderzusetzen, welche Getreidearten sie vorwiegend auf dem Gute anbaue, und welche Produkte augenblicklich die marktfähigsten wären, als der Neffe ganz ungeniert zu gähnen begann.

»So hör’ doch zu: das ist in alles dein Besitz, ich bin sozusagen nur dein Verwalter!« . . . sagte sie.

Aber er gähnte nur wieder, sah den Vögeln nach, die durch den Hain flogen, verfolgte den Flug der Libellen, pflückte ein paar Kornblumen, schaute den Bauern bei der Arbeit zu, lauschte auf die ländliche Stille und ließ den Blick durch den blauen Himmelsraum schweifen, der hier so unendlich weit schien.

Die Großtante war mit den Bauern über irgend etwas ins Gespräch gekommen, und er benutzte die Gelegenheit, um in den Park zu laufen und den Abhang der Schlucht hinunterzuklettern. Durch das dichte Gestrüpp drang er bis dicht an die Wolga vor und stand stumm und starr vor der grandiosen Landschaft, die sich hier seinem Blick enthüllte.

»Nein, er ist noch zu jung, noch das reine Kind,« dachte die Tante, die ihm mit den Augen gefolgt war. »Er hat noch keinen Sinn für das Praktische. Da, wie er läuft! Was wird nur aus ihm werden?«

Die Wolga wälzte ihre Fluten zwischen den Ufern daher, an denen sich die mit Buschwerk bewachsenen Inseln und Sandbänke hinzogen. In der Ferne schimmerten die gelben Sandberge, deren Gipfel von dunklem Wald besäumt waren; da und dort glänzte ein Segel, die Möwen schwebten in gleichmäßigem Fluge über dem Wasser, netzten ihre Brust darin und stiegen in kühnen Bogenlinien wieder in die Höhe, während hoch über den Gärten langsam ein Weih dahinzog.

Doch Boris sah nicht mehr das Bild, das sich da vor ihm entrollte. Sein Auge war ganz nach innen gewandt, wo sich Zug um Zug das Gemälde da draußen in seiner Vorstellung widerspiegelte; er kontrollierte, ob auf diesem »inneren« Gemälde die Berge ebenso erschienen wie dort drüben in der Wirklichkeit, ob jenes Bauernhäuschen dort, aus dem soeben der Rauch aufstieg, sich darin wiederfand, und er konstatierte, daß auch die Sandbänke und die schimmernden weißen Segel nicht darin fehlten.

Lange stand er da, mit geschlossenen Augen, und versetzte sich in seine Kindheit zurück; er erinnerte sich, daß hier die Mutter mit ihm zu sitzen pflegte, er rief sich ihr Gesicht ins Gedächtnis zurück und sah ihre träumerischen Augen, die so seltsam glänzten, wenn sie das Landschaftsbild da vor sich schauten . . .

Er trat ganz still wieder den Heimweg an, kletterte langsam den Schluchtrand hinauf und trug das Bild, das er eben geschaut, in seinem Innern mit fort, wie einen erworbenen Besitz.

An die Schlucht knüpfte sich die Erinnerung an ein trauriges Begebnis, das noch immer in Malinowka und der ganzen Umgegend nicht vergessen war. Dort in der Tiefe, mitten im Gebüsch, hatte zur Zeit, als Raiskis Eltern noch lebten, ein eifersüchtiger Gatte – ein Schneider aus der Stadt – seine ungetreue Gattin samt ihrem Liebhaber getötet und darauf sich selbst den Hals durchschnitten. Den Selbstmörder hatte man gleich an der Stelle verscharrt, wo das Verbrechen begangen worden war.

Ganz Malinowka, die ganze Vorstadt, das Haus der Raiskis und auch die Stadt selbst hatten damals unter dem Eindruck des Schreckens gestanden, den die blutige Untat hervorgerufen. Im Volke war, wie stets in solchen Fällen, das Gerücht entstanden, daß der Selbstmörder in einem weißen Gewande im Walde umherirre, zuweilen den Abhang emporklettere, um in die Wohnungen der Menschen hineinzuschauen, und wieder verschwinde. Aus abergläubischer Furcht hatte man jenen Teil des Parks, der sich auf dem Berge nach der Schlucht hinzog und durch einen Zaun von dem Tannenwald und den wilden Rosenhecken abgetrennt war, gänzlich vernachlässigt. Niemand vom Hofgesinde wagte es fortan, diesen Abhang hinunterzuklettern; die Bauern von Malinowka wie die Bewohner der Vorstadt umgingen ihn in weitem Bogen und zogen es vor, an anderen Stellen zur Wolga hinabzusteigen, selbst wenn dort der Abstieg steiler und gefahrvoller war. Der Zaun, der einst den Park vom Walde getrennt hatte, war längst verfallen und verschwunden. Die Parkbäume standen mit den Tannen, den Heckenrosen und den Geißblattsträuchern bunt durcheinander; eine wahre Wildnis war hier, wo alle Pflege aufgehört hatte, nach und nach entstanden, und mitten darin erhob sich ein vergessener und vernachlässigter, halb zerfallener Pavillon. Raiskis Vater hatte sogar im oberen Teil des Parks einen Graben ziehen lassen, der fortan die Grenze des Parks bilden sollte.

Raiski hatte sich, als er in die Schlucht hinabstieg, jenes blutigen Vorfalls erinnert, der sich dort unten in den Büschen zugetragen. Ein leichter Schauer war ihm dabei über den Rücken gerieselt. Er stellte sich lebhaft die ganze Szene vor, wie der eifersüchtige Gatte, zitternd vor Erregung, durch die Büsche schlich, wie er sich auf den Nebenbuhler stürzte und ihn mit dem Messer durchbohrte, wie dann die schuldige Gattin ihm zu Füßen stürzte und ihn um Verzeihung anflehte. Er aber kniete wutschäumend auf ihr und stach auf sie los, und als dann die beiden Leichen blutüberströmt dalagen, schnitt er sich selbst die Kehle durch.

Raiski erbebte vor Entsetzen, ganz erregt und finster kehrte er von der unheimlichen Stätte ins Hans zurück. Doch immer von neuem zog es ihn nach dieser Wildnis, in das geheimnisvolle Dunkel dort unten am Fuße des Abhangs, der einen so herrlichen Ausblick nach der Wolga und ihren beiden Ufern gewährte.

Boris lebte ganz in diesem Landschaftsbilde; sein Gesicht war wie in träumerisches Sinnen getaucht, und es war ihm so wohl ums Herz, wenn er so dastand – sein ganzes Leben lang hätte er dort stehen können.

Er schloß die Augen und suchte klar zu erfassen, worüber er eigentlich sann, doch gelang ihm das nicht; die Gedanken kamen und gingen, wie die Wellen des Flusses: es war ihm, als ob eine Stimme in ihm klänge und sänge, in seinem Kopfe aber stand, wie in einem Spiegel, das Bild, das er vor sich schaute.

Wjerotschka und Marsinka machten ihm viel Spaß. Sie ließen ihm keine Ruhe, ewig mußte er ihnen irgend etwas zeichnen, Hühner, Pferde, Häuser, die Großmutter oder auch sich selbst, nicht einen Augenblick wichen sie von seiner Seite.

Wjerotschka war ein brünettes kleines Ding mit scharfblickenden schwarzen Augen, sie wußte sich bereits einen gewissen Anstrich zu geben und schämte sich ihrer kindlichen Torheiten: ist sie zwei, drei Schritte nach Kinderart gehüpft, dann bleibt sie plötzlich stehen und sieht sich verlegen um, geht ein paar Schritte ernst und gemessen, läuft wieder ein Stückchen, pflückt heimlich in aller Eile eine Johannisbeere, steckt sie rasch in den Mund und verzieht, während sie die Beere hinunterschluckt, nicht einmal die Lippen. Fährt Boris ihr mit der Hand über den Kopf, dann streicht sie sich sogleich das Haar zurecht, und küßt er sie, dann wischt sie sich unbemerkt die Wange ab. Sie nimmt den Ball, wirft ihn ein- oder zweimal in die Höhe, und fällt er daneben, so hebt sie ihn nicht auf, sondern hüpft davon, reißt ein Blatt vom Baume und versteht damit zu knallen.

Sie ist ein kleiner Trotzkopf; sagt man ihr: wir wollen dahin gehen – so geht sie entweder nicht mit, oder sie tut es wenigstens nicht sofort, sondern schüttelt erst verneinend den Kopf, um dann schließlich doch, immer hüpfend und springend, nach dem angegebenen Ziel zu eilen.

Sie bat Raiski nie, etwas zu zeichnen, wenn aber Marsinka ihn darum gebeten hatte, sah sie ihm aufmerksamer zu als diese, sagte jedoch kein Wort. Nie bat sie auch um fertige Zeichnungen oder Bleistifte, wie Marsinka das tat. Sie zählte damals wenig über sechs Jahre.

Im Gegensatz zu der älteren Schwester war die fünfjährige Marsinka ein rundliches, kleines Mädelchen mit sehr weißer Haut und roten Bäckchen. Sie hatte oft ihre Launen und weinte dann, doch dauerte das nicht lange: im nächsten Moment, während ihre Augen noch von Tränen feucht waren, jauchzte und lachte sie schon wieder.

Wjerotschka weinte nur selten und dann ganz still für sich; tat jemand ihr weh, so wurde sie schweigsam und kam nicht so bald wieder in Stimmung. Sie hat es nicht gern, wenn man von ihr verlangt, sie solle um Verzeihung bitten. Sie schweigt, schweigt, hat dann plötzlich wieder ihre gute Laune, beginnt umherzuhüpfen, pflückt heimlich ein paar Johannisbeeren oder eine der schwarzen, widerlich-süßlich schmeckenden Früchte des in den Furchen wuchernden Nachtschattens, vor deren Genuß die Großtante streng gewarnt hat, da sie giftig sind und Übelkeit verursachen.

»Wovon mag er nur immer sinnen und träumen?« zerbrach die Großtante sich den Kopf, wenn sie beobachtete, wie Raiski plötzlich aus der munteren Stimmung in stilles Brüten verfiel – »und was treibt er eigentlich, wenn er so für sich ist?«

Boris ließ sie nicht lange auf Antwort warten: er zeigte ihr sein mit Zeichnungen angefülltes Portefeuille und spielte ihr alle seine Quadrillen, Tänze, Opernmotive und schließlich auch seine eigenen Phantasien vor. Tatjana Markowna war ganz hin vor lauter Staunen und Bewunderung.

»Ganz, ganz die Mutter!« sagte sie. »Auch sie war immer so in ihre Träumereien versunken, hatte keine Wünsche und seufzte doch immer nach irgend etwas, wartete auf etwas, wurde plötzlich ausgelassen lustig und spielte ein Stück nach dem anderen, oder vertiefte sich in ein Buch und war nicht davon wegzubringen. Sieh doch, Wassilissa: dich hat er gezeichnet, und mich – sieh nur, wie gut er uns getroffen hat! Wart’ mal, wenn Tit Nikonytsch kommt, mußt du dich verstecken und ihn zeichnen, und morgen schicken wir das Bild heimlich zu ihm und hängen es in seinem Kabinett an die Wand! Habe ich nicht einen prächtigen Neffen? Wie er spielt! Mindestens so gut wie der französische Emigrant, der bei meiner Tante lebte . . . Und kein Wort sagt er einem davon, nicht einen Ton! Morgen fahre ich mit dir in die Stadt, zur Fürstin, zum Adelsmarschall! Nur von der Wirtschaft will er nichts hören – na, vielleicht ist er dafür noch zu jung!«

Boris erzählte der Tante den ganzen Inhalt des »Befreiten Jerusalem« und des »Ossian«, ja selbst mit dem Inhalt des Homer machte er sie bekannt, und auch aus den Universitätsvorlesungen erfuhr sie einiges. Immer wieder porträtierte er sie selbst, die Kinder und Wassilissa, und zur Abwechslung spielte er dann irgend etwas auf dem Klavier.

Dann lief er zur Wolga hinunter, setzte sich auf dem Abhang hin, oder eilte zum Flusse, legte sich dort in den Sand, beobachtete jeden Vogel, jede Eidechse im Grase, jeden Schmetterling im Gebüsch, wandte darauf seinen Blick nach innen und suchte festzustellen, ob auch das Bild in seiner Vorstellung richtig und deutlich genug war. Acht Tage später merkte er dann, daß es nach und nach verblaßte und schwand, und an seine Stelle trat die öde Langeweile.

Die Großtante aber kannte keine wichtigere Sorge als die, ihn mit den Einnahmen und Ausgaben des Gutes bekannt zu machen, erklärte ihm, wieviel die Abgaben ausmachten, wieviel die Wirtschaft koste, und was sie für die Umbauten ausgegeben habe.

»Für Wjerotschka und Marsinka führe ich natürlich besondere Rechnung – da, sieh!« sagte sie; »denk’ nicht etwa, daß ich auch nur eine Kopeke von dem Deinigen für sie nehme! Hör’ mal . . .«

Aber er hörte nicht, sondern sah nur zu, wie die Großtante die Ziffern hinschrieb, wie sie ihn durch die Brille ansah, betrachtete ihre Runzeln und das Muttermal und die: lächelnden Augen, und als er an diese gekommen, lachte er plötzlich auf und trat auf die Tante zu, um sie abzuküssen.

»Ich rede nun hier von Geschäften – und er hat nur Dummheiten im Kopfe! Zu albern – noch das reine Kind!« sagte sie einmal zu ihm. »Immer nur herumspringen und zeichnen – wenn du mal älter bist und hier dein warmes Nest findest, wirst du an die Tante denken und ihr dankbar sein! Gott weiß, was noch aus dem anderen Gute wird, das der Vormund verwaltet! Hier, in dem alten, eingewohnten Winkel, hast du wenigstens etwas Sicheres . . .«

Er bat sie um die Erlaubnis, das alte Haus besichtigen zu dürfen.

Nur ungern gab ihm die Tante die Schlüssel zu dem alten, verfallenen Bau – aber sie konnte sie ihm doch schließlich nicht verweigern. Er ging hinüber, um sich die Zimmer anzusehen, in denen er geboren war und als Kind gelebt hatte, und an die er nur noch eine ganz unbestimmte Erinnerung hatte.

»Geh doch mit ihm hinüber, Wassilissa,« sagte die Großtante, und Wassilissa erhob sich, um dem Befehle Folge zu leisten.

»Nein, nein – ich will allein gehen!« sagte Boris mit Bestimmtheit und ging, den großen Schlüssel betrachtend, dessen Barteinschnitte ganz von Rost ausgefüllt waren.

Jegorka, der Spötter, der seinen Spitznamen davon hatte daß er immer in der Mädchenstube saß und die Stubenmädchen schonungslos verspottete, ging mit Boris bis an die Tür und schloß sie ihm auf.

»Auch ich, auch ich geh’ mit dem Onkel!« bat die kleine Marsinka.

»Nicht doch, mein Herzchen! Dort ist es ja so unheimlich – da bekommt man Angst!« hatte die Großtante gesagt. Marsinka war erschrocken und ging nicht mit. Wjerotschka hatte nichts gesagt, aber als Boris an die Tür des alten Hauses kam, stand sie schon da, ganz dicht an die Tür geschmiegt, und hielt die Klinke fest, als fürchtete sie, daß man sie mit Gewalt fortziehen könnte.

Mit banger Scheu betrat Raiski das Vorzimmer und warf einen scheuen Blick in den folgenden Raum: es war ein durch beide Stockwerke gehender Saal mit Säulengängen, der von zwei Seiten Licht erhielt; aber die Fenster waren so mit Staub und Schimmel bedeckt, daß man eher von Dämmerung als von Licht reden konnte.

Wjerotschka war sogleich aus dem Vorzimmer weitergeeilt – sie lief, die Fersen hoch emporwerfend und die Porträts an den Wänden kaum eines Blickes würdigend, von Zimmer zu Zimmer, daß Raiski ihr nachrufen mußte:

»Wjera, Wjera, wo steckst du denn?«

Die Hand bereits auf der Klinke der nächsten Tür, blieb sie stehen und sah ihn schweigend an. Ehe er noch die Tür erreicht hatte, war sie schon wieder im folgenden Zimmer verschwunden.

Hinter dem großen Saal folgte eine Anzahl düsterer Gastzimmer; in dem einen befanden sich zwei in Schutzhüllen steckende Statuen, die wie Gespenster aussahen, und ein gleichfalls verhüllter Kronleuchter.

Überall standen schwere, stark nachgedunkelte Möbel, Tische und Sessel aus Eichen- und Ebenholz, mit Bronzebeschlägen und reicher Intarsia; da und dort große chinesische Vasen; eine Uhr, den Bacchus auf einer Tonne darstellend; große ovale Spiegel in Goldrahmen mit Blattornamenten; im Schlafzimmer ein ungeheures Bett, das einem mit Goldstoff bedeckten riesigen Sarkophag glich.

Raiski konnte sich nicht recht vorstellen, wie seine Vorfahren auf diesen katafalkartigen Betten ihre Nachtruhe gehalten hatten: es schien ihm unmöglich, daß ein lebendiger Mensch darauf überhaupt schlafen konnte. Unter dem Betthimmel hing ein vergoldeter Kupido, der seinen Glanz längst verloren hatte und fleckig geworden war; er hatte einen Pfeil auf den Bogen gelegt und zielte gerade auf das Bett. In den Ecken des Schlafzimmers standen geschnitzte Schränke mit Elfenbein- und Perlmuttereinlagen. Wjerotschka hatte einen der Schränke geöffnet und ihr dunkles Gesichtchen hineingesteckt: ein feuchter, modriger Geruch entströmte den reichgestickten Uniformen mit den großen Knöpfen, die in dem Schrank hingen. Derselbe Geruch entstieg all den Kästen und Schubladen, die sie neugierig öffnete.

An den Wänden hingen zahlreiche Porträts, deren Augen den Beschauer überallhin verfolgten.

Das ganze Haus war wie von Staub und Moderduft durchsetzt. Aus den Ecken und Winkeln schienen Geräusche zu kommen: Raiski trat mit dem Fuße auf, und sogleich hallte sein Fußtritt aus der Ecke gegenüber.

Seine Schritte hatten den Fußboden erschüttert, und von den Säulen und Decken fiel leise der alte Staub zu Boden; da und dort lag in kleinen Partikeln der abgefallene Stuck auf dem Parkett; eine Fliege summte an dem verstaubten Fenster und bat um Erlösung aus dem ungemütlichen Raume.

»Ja, die Tante hatte recht: hier ist es unheimlich!« sagte Raiski zu Wjerotschka, und ein Schauer überlief ihn unwillkürlich.

Aber Wjerotschka ließ sich dadurch nicht abhalten, jeden einzelnen Raum zu besichtigen, und kehrte eben aus dem oberen Stockwerk zurück, das im Gegensatz zu der unteren Etage mit ihrem großen Saal und den geräumigen Gastzimmern lauter kleine, zellenartige Räume enthielt, die mit ihren hellen Fenstern fast einen wohnlichen Eindruck machten. Es berührte ganz seltsam, wenn man, aus dem düsteren Hintergrunde dieser Zimmer an die hellen Fenster tretend, plötzlich ein Stück des blauen Himmels, das frische Grün des Gartens und die sich munter tummelnden Menschen erblickte.

Wjerotschka glich in dieser altertümlichen Umgebung einem munteren jungen Vögelchen, sie ließ sich ihre Stimmung durch nichts verderben, weder durch die Blicke der Ahnen an den Wänden, die ihr beständig zu folgen schienen, noch durch den dumpfen Geruch, den Staub und die sonstigen Kennzeichen jahrzehntelanger, trauriger Vernachlässigung. »Hier ist es hübsch, so viel Raum!« sagte sie, während sie sich umsah. »Und oben ist’s noch hübscher! Diese großen Bilder und die vielen Bücher!«

»Bilder? Bücher? Wo denn? Daß ich daran nicht gedacht habe! Ei sieh doch, Wjerotschka!«

Er hielt sie fest und gab ihr einen Kuß. Sie wischte sich die Lippen ab und lief voraus, um ihm die Bücher zu zeigen.

Raiski fand eine Bibliothek von etwa dreitausend Bänden vor und begann sogleich, die Titel zu studieren. Alle Enzyklopädisten waren da vertreten, ferner Racine und Corneille, Montesquieu, Machiavelli, Voltaire, die griechischen und römischen Klassiker in französischer Übersetzung, der »Rasende Roland«, weiter Sumarokow und Derschawin, Walter Scott, das »Befreite Jerusalem«, das er schon kannte, die »Ilias« in französischer Sprache, »Osilan« in Karamsins Übersetzung, und Marmontel, und Chateaubriand, und ungezählte Memoiren. Viele der Bände waren noch nicht aufgeschnitten: offenbar waren ihre Besitzer, das heißt Raiskis Vater und Großvater, nicht dazu gekommen, sie zu lesen.

Fortan ließ sich Boris in dem Häuschen drüben kaum noch sehen; nicht einmal nach dem Wolgaufer ging er, sondern saß beständig in der alten Bibliothek und verschlang einen Band nach dem anderen.

Er las, zeichnete, spielte Klavier; die Großtante lauschte seinem Spiel, und Wjerotschka stand, das Kinn auf das Klavier gestützt, daneben und sah ihn, ohne mit der Wimper zu zucken, mit großen Augen an.

Bald schrieb er Verse, die er laut vor sich hin las, um sich an ihrem Wohllaut zu erfreuen, bald zeichnete er die Uferlandschaft und schwelgte in wonnigen Schauern; ewig erwartete er etwas, ohne selbst zu wissen, was. Er hatte die Empfindung, daß ihn etwas heiß und leidenschaftlich durchbebte, wie ein Vorgefühl nie geahnter, maßloser Lust und Freude; eine Welt voll wunderbarer Töne, Harmonien und Bilder lebte in ihm, in der alles vibrierte und spielte, in der ein zweites, reizvolles, lockendes Leben pulsierte – wie in den Büchern dort oben, nicht so wie jenes, das ihn hier umgab . . .

»Sag’ einmal, Boris,« begann eines Tages die Großtante, »warum bist du nur wieder in die Schule eingetreten?«

»Ich bin doch in keiner Schule, Tante, sondern auf der Universität!«

»Ganz gleich – jedenfalls mußt du dort doch lernen! Wozu das? Wie du beim Vormund warst, hast du gelernt, auf dem Gymnasium hast du gelernt, du zeichnest, spielst Klavier, treibst alles mögliche! Diese Studenten werden dir noch das Pfeiferauchen und, was Gott verhüte, das Branntweintrinken beibringen! Tritt doch lieber in die Armee ein, in die Garde!«

»Dazu reichen meine Mittel nicht aus, sagt der Vormund . . .«

»So—o – und das hier bedeutet gar nichts?«

Sie zeigte auf das Dorf und die Felder draußen.

»Was ist denn das? Das reicht doch nicht aus! . . .«

»Wirklich nicht?!« – Und sie begann nur so mit den Hunderten und Tausenden herumzuwerfen.

Sie hatte nie in der Hauptstadt gelebt, nie einen Einblick in das Leben der jungen Offiziere getan und wußte daher auch nicht, welchen Aufwand der Dienst in der Garbe erforderte.

»Deine Mittel sollen nicht reichen? Ich kann dir so viel Proviant schicken, daß ein ganzes Regiment genug daran hätte! Die Mittel reichen nicht! Und wo läßt denn der Onkel die Einkünfte des anderen Gutes?«

»Ich will doch ein Künstler werden, Tantchen!«

»Was? Ein Künstler?«

»Ja, Tantchen . . . Sobald ich die Universität absolviert habe, trete ich in die Akademie ein! . . .«

»Um Gottes willen, Borjuschka! Was redest du da!« rief die Tante, die gar nicht verstand, was er sagte. »Du willst also Lehrer werden?«

»Nein, Tantchen; nicht alle Künstler werden Lehrer, es gibt berühmte Talente unter ihnen, die sehr geschätzt werden und für ihre Gemälde und ihr Spiel hohe Summen bekommen . . .«

»Du wirst also für deine Bilder Geld nehmen und an den Abenden für Geld spielen? . . . Wie schmachvoll!«

»Aber, Tantchen, ein Künstler . . .«

»Nein, Borjuschka, das darfst du deiner alten Tante nicht antun: laß sie noch die Freude erleben, daß sie dich in der Gardeuniform sieht! Dann kommst du hierher auf Urlaub, als schmucker Offizier . . .«

»Aber der Onkel meinte doch, ich solle in den Zivildienst eintreten . . .«

»Was? Ein Bureauschreiber werden? Den ganzen Tag gebückt dasitzen, sich in Tinte baden, mit den Akten unterm Arm aufs Amt laufen? Wer wird dich denn dann heiraten wollen? Nein, nein – du kommst als Offizier hierher zur Tante, und wir suchen dir eine hübsche, reiche Frau aus!« Raiski konnte sich weder für den Vorschlag des Onkels noch für die Pläne der Tante entscheiden – in weiter Ferne jedoch sah er sein eigenes Bild, bald in der Uniform eines Husarenoffiziers, bald in der eines Kammerjunkers. Er prüfte insgeheim, ob er wohl zu Pferde und im Tanzsaal eine gute Figur machen würde. Und er warf eine flüchtige Skizze aufs Papier, die ihn selbst darstellte, nachlässig im Sattel sitzend, den kurzen Kosakenmantel über der Schulter.




Elftes Kapitel


Eines Tages ließ die Großtante die alte, hohe Paradekutsche anspannen, setzte ihre Haube auf, zog das silberglänzende Kleid an, legte den türkischen Schal um die Schultern, hieß den Lakaien die beste Livree anziehen und fuhr nach der Stadt, um Einkäufe zu machen und ihren Großneffen in den ihr bekannten Familien vorzustellen.

Die Kutsche wurde von zwei satten, in langsamem Trabe dahertrottenden Gäulen gezogen, aus deren Brust es wie ein leises Schlucken klang. Der Kutscher hielt die Peitsche in der Faust, die Zügel lagen auf seinen Knien; von Zeit zu Zeit nur zog er sie mechanisch ein wenig an, während er gähnend, mit träger Neugier, die ihm längst bekannten Gegenstände zu beiden Seiten der Straße musterte.

Es war eine wahre Siegesfahrt, die Tatjana Markowna durch die Stadt unternahm. Niemand, der ihnen begegnete, versäumte, ihr seine Reverenz zu erweisen. Mit dem einen und anderen ließ sie sich in ein kurzes Gespräch ein. Sie nannte dem Großneffen jeden einzelnen beim Namen, erklärte ihm, während sie an den Häusern vorüberfuhren, wer darin wohnte, wie es im Innern aussah – und alles das geschah gleichsam im Fluge, in aller Eile.

Sie kamen an die aus Holz errichtete große Basarhalle mit ihren zahlreichen Läden. Gleich in den ersten Laden trat sie ein. Der Kaufmann empfing sie mit zahlreichen Bücklingen und unterwürfigem Lächeln, wobei er mit seiner Mütze nach unten hin einen Bogen beschrieb und den Kopf ein wenig auf die Seite legte.

»Gehorsamster Diener!« sagte er und zeigte zwei Reihen blendend weißer Zähne in dem lächelnden Munde.

»Guten Tag! Ich bringe Ihnen heut meinen Enkel mit, den eigentlichen Besitzer unseres Gutes. Hier in Ihrem Laden verschwende ich sein Kapital! . . . Ich sage Ihnen: wie er zeichnet und Klavier spielt – großartig!« Raiski zupfte sie leise am Ärmel.

Kusma Fjodotytsch machte auch vor Raiski eine tiefe Verbeugung.

»Nun, wie geht das Geschäft?« fragte die Großtante.

»Danke, ich kann nicht klagen, meine Gnädigste – leider kommen Sie so selten zu mir!« antwortete er, während er in aller Eile den Staub von einem Sessel wischte und ihr diesen ehrerbietig hinschob, für Raiski aber einen einfachen Stuhl hinstellte.

Der Laden enthielt alle möglichen Artikel: in dem einen Raume Tuche und Kleiderstoffe, in einem zweiten Käse, Zuckerwaren, Gewürze und sogar Bronzen.

Die Großtante ließ sich verschiedene Stoffe zeigen, fragte nach dem Preise einiger Käsesorten, erkundigte sich, ob er auch Zeichenstifte habe, kam auf die Getreidepreise zu sprechen und begab sich dann nach einem zweiten und dritten Laden. Als sie den ganzen Basar durchwandert hatte, bestand schließlich ihr ganzer Einkauf in einer Wäscheleine, die sie dem Kutscher Prochor mit der Bemerkung übergab, daß nun die Weiber im Dorfe die Wäsche nicht mehr auf die Bäume zu hängen brauchten.

Prochor betrachtete die Leine eine ganze Weile, untersuchte die beiden Enden und brachte sie schließlich in seiner Mütze unter.

»Jetzt wollen wir unsere Visiten machen,« sagte sie dann.

»Zuerst geht’s zu Nil Andrejewitsch.«

»Wer ist Nil Andrejewitsch?« fragte Boris.

»Habe ich es dir nicht gesagt? Das ist der Gerichtspräsident, ein sehr einflußreicher Herr: solid, verständig, dabei sehr schweigsam; sagt er etwas, dann liegt sicher auch Sinn darin. Man fürchtet ihn hier allgemein, sein Wort ist von großem Gewicht. Sieh zu, daß du dich gut zu ihm stellst: er liebt es, den Leuten den Text zu lesen . . .«

»Wie käme er bei mir dazu, Tantchen? Ich habe gar keine Lust, hinzugehen . . .«

»Schon gut, schon gut!« fiel sie ihm ins Wort. »Du bist noch jung und verstehst das nicht, später wirst du das besser zu schätzen wissen. Wir können nur Gott dafür danken, daß es noch Leute gibt, die einem mal gründlich die Wahrheit sagen! Einem Stutzer, von dem er gehört hatte, daß er am Dreifaltigkeitsfeste nicht in der Kirche war, hat er so gründlich den Kopf gewaschen, daß er nicht ein noch aus wußte. ›Ich will Sie wegen Freigeisterei anzeigen!‹ sagte er zu ihm. Und es ist ihm zuzutrauen, er läßt mit sich nicht spaßen! Zwei Gutsbesitzer aus der Umgegend hat er unter Kuratel gebracht. Man fürchtet ihn wie das Feuer. Und dabei ist er ein herzensguter Mensch – trifft er ein Kind, dann streichelt er es, und einen Käfer, der ihm über den Weg läuft, wird er nie zertreten, sondern vorsichtig mit dem Spazierstock zur Seite schieben: ›Du kannst kein Leben schaffen,‹ sagt er, ›also sollst du auch keins vernichten!‹ Seine ganze Erscheinung ist so imposant: eine mächtige Stirn, wie dein Großvater sie hatte, und ein strenges Gesicht, die Brauen zusammengewachsen. Und seine Sprache ist so klangvoll – zum Entzücken! Sieh nur zu, daß du ihm gefällst! Auch reich ist er – es heißt, daß allerhand Strafgelder in seine Tasche fließen, und die eigene Nichte soll er um ihr Vermögen gebracht und ins Irrenhaus gesperrt haben. Ja, ja, ein bißchen Sünde gibt’s überall . . .«

Der Besuch bei Nil Andrejewitsch war jedoch vergeblich, der Präsident war zufällig gerade auf dem Gericht.

Als sie am Hause des Gouverneurs vorüberfuhren, wandte die Großtante hochmütig den Kopf zur Seite.

»Hier wohnt der Gouverneur Wassiljew. . . oder Popow . . . oder wie er sonst heißt.« Sie wußte ganz genau, daß er Popow hieß, und nicht Wassiljew. »Der gute Mann glaubt, ich werde ihm zuerst meine Aufwartung machen, und zeigt sich nicht bei mir. Da kennt er Tatjana Markowna Bereschkowa schlecht! Die wird sich mit einem ersten besten Herrn Popow oder Wassiljew nicht gemein machen!«

Der Gouverneur aber »glaubte« gar nichts, die gute Großtante war vielmehr nur ärgerlich darüber, daß er ihr so gar keine Aufmerksamkeit erwies.

»Nil Andrejewitsch ist doch sicher ein ganz anderer Mann, und der wird es zu Neujahr oder Ostern nie versäumen, bei mir vorzufahren, und auch zu Tisch kommt er öfter herüber!«

Sie fuhren nun zu der alten Fürstin, die in einem großen, düsteren Hause wohnte.

Nur der kleine Winkel des Hauses, in dem die Fürstin den Rest ihrer Tage verbrachte, wies Spuren von Leben auf, die übrigen zwanzig Zimmer waren so still und tot wie die Räume des alten Hauses auf dem Raiskischen Gute.

Die Fürstin war eine spitznäsige, magere alte Dame, die ein dunkles Kleid mit vielen Spitzen und eine große Haube trug. An den Fingern der von blauem Geäder durchzogenen knochigen, kleinen Hände steckten eine Menge altertümlicher Ringe.

»Mütterchen – Fürstin! . . .« rief die Großtante beim Eintritt in das Zimmer.

»Tatjana Markowna! . . .« lautete der Gegenruf der Fürstin.

Ein kleiner Bologneser begann wütend unter dem Sofa zu bellen.

»Ich habe meinen Enkel mitgebracht, den Besitzer unseres Gutes, wie er Klavier spielt, wie er zeichnet!«

Raiski mußte sich sogleich ans Klavier setzen. Die Fürstin brachte ihm dann einen Teller mit Erdbeeren, während sie selbst mit der Großtante Kaffee trank. Raiski betrachtete die Zimmer, die Möbel, die Porträts an den Wänden, die grünen Bäume des Parks, die frisch und froh zum Fenster hereinschauten. Er sah die sauberen Parkwege und die peinliche Ordnung und Akkuratesse, die überall herrschte; er hörte nacheinander aus den einzelnen Zimmern ein halbes Dutzend Stand- und Wanduhren schlagen, die einen in Bronze, die andern in Malachit oder sonstiger Ausführung; er betrachtete das Porträt des schielenden Fürsten mit dem breiten roten Ordensband um den Hals, und das danebenhängende Porträt der Fürstin selbst, mit der weißen Rose im Haar, den roten Wangen und den lebhaft blickenden Augen, und er verglich es mit dem Original. Alle diese Eindrücke speicherte er gleichsam in seinem Kopfe auf und beobachtete, wie dort irgendwo in seinem Innern das ganze Haus, die Fürstin, der Bologneser, der grauhaarige alte Diener in der Livree und die schlagenden Uhren sich spiegelten . . .

Sie fuhren dann noch bei einem der höheren Gerichtsbeamten vor, dessen junge Gattin, Polina Karpowna Krizkaja, eine der gefeiertsten Schönheiten der Stadt war. Polina Karpowna sah das Leben als eine Reihe von Siegen an und betrachtete jeden Tag als verloren, an dem ihr nicht irgend jemand ein zärtliches Wort ins Ohr flüsterte oder wenigstens einen bewundernden Blick zuwarf.

Die sittenstrengen Damen der Stadt und auch die moralischeren unter den Herren, Nil Andrejewitsch natürlich an der Spitze, hatten längst den Stab über sie gebrochen, und auch Tatjana Markowna, die sie gar nicht liebte und für eine leichtfertige kleine Person hielt, verkehrte mit ihr eben nur wie mit allen anderen, Guten wie Schlechten. Dafür waren die jungen Männer der Stadt um so eifriger hinter Madame Krizkaja her.

Die Großtante verweilte kaum zehn Minuten bei Polina Karpowna, die kaum Zeit gefunden hatte, ihre neue, vorn nicht recht schließende Spitzenbluse anzuziehen. Sie eröffnete auf Raiski ein wahres Raketenfeuer von Blicken; ohne auf sein jugendliches Alter nur im geringsten Rücksicht zu nehmen, erklärte sie ihm, daß seine Augen und sein Mund bezaubernd seien, daß die Frauen ihm nur so zufliegen würden, und daß er sie jedenfalls schon erobert habe . . .

»Was sagen Sie ihm da: er ist doch noch ein Kind!« rief die Großtante halb im Zorn und erhob sich, um sich zu verabschieden.

Polina Karpowna entschuldigte ihren Gatten, der auf dem Gericht zu tun habe, versprach, bald selbst bei ihnen vorzusprechen, nahm zum Abschied Raiskis Kopf zwischen ihre Hände und küßte ihn auf die Stirn.

»Die Schamlose! Die abscheuliche Person!« murmelte Tatjana Markowna unterwegs vor sich hin.

Raiski aber war ganz wirr im Kopfe. Die ungezwungene Sprache, die kecken Blicke, der weiße Nacken der jungen Frau hatten seine Phantasie lebhaft erregt. Sie erschien ihm wie eine Lichtgöttin, eine junge Königin . . .

»Armida!« rief er unwillkürlich, wie selbstvergessen, in plötzlich auftauchender Erinnerung an die Heldin des »Befreiten Jerusalem«.

»Unverschämt ist sie!« knurrte die Großtante, als der Wagen eben am Hause des Adelsmarschalls vorfuhr. »Wenn ich das Nil Andreitsch erzähle, bekommt sie ihr Teil von ihm ab!«

Welch ein prächtiges, geräumiges Haus, dieses Haus des Adelsmarschalls, und welche herrliche Aussicht gewährt es! Im übrigen gibt es bei uns in der Provinz wohl nur wenige bessere Häuser, die nicht eine schöne Aussicht hätten: die anmutige Landschaft, das Wasser, die reine Luft sind dort billige, jedermann zugängliche Gaben. Ein geräumiger Hof, ein großer Park, eine zahlreiche Dienerschaft, wohlgehaltene Pferdeställe gehören von selbst zu solch einem Hause. Das Haus war langgestreckt, es hatte nur eine Etage mit einem Mezzanin. An allem herrschte Überfluß darin – der Gast kam sich vor wie Odysseus, der auf seiner Irrfahrt an einem Königshofe eingekehrt ist.

Die zahlreiche, aus anderthalb Dutzend Köpfen bestehende Familie kommt eigentlich nie von der Tafel weg: überall, im Speisezimmer, im Pavillon, auf dem Balkon wird bald gegessen, bald Tee oder Kaffee getrunken. Die Haushälterin läuft den ganzen Tag mit dem klirrenden Schlüsselbund umher, und das Büfett wird nie abgeschlossen. Jeden Augenblick werden volle Schüsseln aus der Küche nach dem Hause getragen, während der Diener mit leisem Schritt die geleerten Schüsseln nach der Küche zurückbringt und mit dem Finger oder der Zunge die Überreste seinem Magen zuführt. Bald hat die gnädige Frau Bouillon, bald irgendeine Tante eine Mehlspeise verlangt; jetzt wird für das jüngste Kind ein Grießbrei, dann wieder für den gnädigen Herrn irgend etwas »Solides« bereitet.

Ewig schwirren Gäste aus und ein, und ein Heer von Dienern und Dienerinnen, wohl an die vierzig Köpfe, tummelt sich in den Räumen. Die einen haben noch vor der Herrschaft ihr Mittagmahl eingenommen und jagen jetzt mit Zweigen, ohne sich besonders anzustrengen, die Fliegen von den Tellern, wobei es auch wohl geschieht, daß sie mit ihrem Zweige dem gnädigen Herrn über die Glatze fahren oder der gnädigen Frau die Haube vom Kopfe streifen.

Beim Mittagessen gibt es nach Wahl zwei Suppen, zwei Vorgerichte, vier Fleischschüsseln und fünferlei Pasteten. Von den Weinen ist einer immer saurer als der andere – so ist’s einmal überall dort, wo in der Provinz ein offenes Haus geführt wird.

Im Pferdestall standen gegen zwanzig Gäule: ein Paar für die Kutsche der Frau Hofmarschallin, ein zweites für die leichte Kalesche des gnädigen Herrn, dann solche für die zweispännige und die einspännige Droschke, für den Wagen, in dem die Kinder spazierenfuhren, und für den Wasserwagen; ferner Reitpferde für den ältesten und zweitältesten Sohn, sowie endlich ein Pony für den vierjährigen Jüngsten.

Und wieviel Zimmer gab es in dem Hause! Wieviel Lehrer, Gouvernanten, Mamsellen, Stubenmädchen, Gnadenbrotesser . . . und wieviel Schulden auf dem Hause!

Tatjana Markowna und Raiski wurden mit lauter, lärmender Fröhlichkeit begrüßt. Menschliche Stimmen und Hundegebell ertönten, Küsse wurden ausgetauscht und Stühle gerückt, und sogleich begann man die Gäste mit einem Frühstück, mit Kaffee, Erdbeeren und anderen schönen Dingen zu bewirten. Ein Hin- und Herlaufen der Lakaien und Mädchen begann, vom Haus nach der Küche und von der Küche nach dem Hause, was die Großtante auch immer gegen die Bewirtung einwenden mochte.

Raiski wurde von den gleichaltrigen Hausgenossen sogleich in die Mitte genommen, er mußte etwas vorspielen und zeichnen, dann wieder zeichneten und spielten die anderen, und man rief den französischen Lehrer als Kritiker herbei.

»Vous avez du talent, monsieur. vraiment!« sagte der Franzose, nachdem er Raiskis Zeichnungen betrachtet hatte. Raiski schwebte im siebenten Himmel.

Dann ging es in den Pferdestall, die Pferde wurden gesattelt, man ritt in der Reitbahn und auf dem Hofe, und auch Raiski mußte reiten. Die beiden Töchter des Hauses, die eine brünett, die andere hellblond, beide mit ungewöhnlich langen roten Händen, wie sie Backfischen eigen zu sein pflegen, doch schon ins Korsett eingezwängt und mit französischen Phrasen nur so um sich werfend, bezauberten den Gast im höchsten Maße.

In angeregter Stimmung, ganz erfüllt von den frischen Eindrücken, verließ Raiski das Haus des Adelsmarschalls. Er wäre am liebsten sogleich heimgefahren, aber die Großtante ließ noch in eine Seitengasse einbiegen.

Wohin denn noch, Tantchen? Es ist Zeit, nach Hause zu fahren!« sagte Raiski.

»Wir wollen nur noch bei den alten Molotschkows vorsprechen, und dann geht’s nach Hause.«

»Was ist denn an denen so Besonderes?«

»Nun, daß sie eben . . . alt sind!«

»Daß sie alt sind? Ist das etwas Besonderes?« versetzte Raiski unzufrieden; er stand noch ganz im Banne der lebendigen Eindrücke, die er im Hause Polina Karpownas und des Adelsmarschalls empfangen hatte.

»Es sind so ehrwürdige Leute,« sagte die Großtante, »beide schon gegen achtzig! Man merkt in der Stadt gar nichts von ihrer Anwesenheit: so still ist’s bei ihnen, nicht eine Fliege hört man summen. Sie sitzen da und flüstern und suchen sich gegenseitig jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Ein Beispiel kann man sich an ihnen nehmen! Wie im Schlafe sind sie über das Leben fortgekommen. Weder Kinder noch Verwandte haben sie. Wie ein Schlummer ist ihr Leben!«

»Was sollen wir bei den Alten?« versetzte Raiski, immer noch ärgerlich.

»Was hast du gegen sie? Was runzelst du die Stirn? Das Alter muß man doch ehren!«

Die Molotschkows, zu denen sie nun fuhren, waren in der Tat nichts weiter als eben ein altes Pärchen. Aber was für ein frisches, stilles, nachdenkliches, prächtiges altes Pärchen! Beide waren so sauber, so nett in ihrem ganzen Äußeren; er war glattrasiert, und sie trug graue Locken, und sie sprachen so leise, sahen einander so zärtlich an und befanden sich offenbar so wohl in den dunklen, kühlen Zimmern mit den herabgelassenen Vorhängen. Und ganz so wohl schienen sie sich auch im Leben noch zu befinden.

Die Großtante begegnete dem alten Pärchen mit Ehrfurcht und mit einem gewissen Neide, während Raiski sie mit Neugier betrachtete und aufmerksam zuhörte, wie sie von ihrer Jugend erzählten. Er konnte es nicht glauben, daß sie die schönste Frau im ganzen Gouvernement gewesen war und er der bezauberndste Kavalier, der, wie er selbst erzählte, allen Frauenzimmern die Köpfe verdreht habe.

Auch hier mußte er auf Verlangen der Tante etwas vorspielen. Er nahm von dem Heim der beiden Alten eine stille Erinnerung mit, das Bild eines langsam hinfließenden, gleichsam schlummernden Lebens.

Aber Armida und die beiden Töchter des Adelsmarschalls trugen doch über alles andere den Sieg davon. Er stellte bald die eine, bald die andere auf das Piedestal, kniete in Gedanken vor seinen Idealen, sang, zeichnete sie, versank in stilles Brüten und hatte dabei immer ein Gefühl, als liefen ihm Ameisen über den Rücken. Dann wieder ging er mit hocherhobenem Kopfe umher, sang laut, daß es im Hause und im Garten widerhallte, und schwelgte in maßloser Verzückung. Ein paar Tage lang schlief er unruhig und warf sich im Bette hin und her . . .

Ein Bild schwebte ihm vor der Seele; er lächelte halb schelmisch, halb verschämt, suchte jemanden zu haschen, zu umarmen – und lachte dann laut auf wie in wildem Rausche . . .




Zwölftes Kapitel


Auf der Universität teilte Raiski seine Zeit so ein, daß er des Morgens die Vorlesungen hörte oder den Park des Kreml besuchte, an den Sonntagen im Nikita-Kloster dem Mittaggottesdienst beiwohnte, dann das Ausziehen der Wache mit ansah und schließlich in die Konditorei von Pierre oder Pedotti ging, um Kaffee zu trinken. Die Abende brachte er in seinem »Kreise« zu, der aus gleichaltrigen Studiengenossen, lauter jungen Leuten von heißem Kopf und edlem Herzen, bestand. Das brauste und schäumte nur so, in stolzer Erwartung einer großen Zukunft.

Raiski hatte zunächst ganz so, wie auf der Schule, jeden einzelnen der Professoren und Mithörer mit eindringendem Blicke studiert, und als ihre äußere Erscheinung ihm nichts Neues mehr sagte, hatte er – mehr aus Langerweile und zu seiner Unterhaltung – auch dem Gegenstand der Vorlesungen seine Aufmerksamkeit zugewandt.

In der Vorlesung über russische Grammatik interessierten ihn weniger die Regeln des Satzbaues und die sonstigen Sprachgesetze, als die Art, wie der Professor sie vortrug, wie die Worte ihm über die Lippen glitten, und wie die Zuhörer sie aufnahmen.

Wo aber der Vortrag sich dem Leben selbst und den historischen Geschehnissen zuwandte, wo in der Geschichte, in einem Gedicht, einem Roman wirkliche Menschen und deren Schicksale, Griechen, Römer, Germanen, Russen geschildert wurden, da öffnete sich Raiskis Ohr wie von selbst: er ging ganz auf in dem, was er hörte, sah diese Menschen, dieses Leben leibhaftig vor sich.

Aus sich selbst heraus wäre er, selbst mit Hilfe der Professoren, in die Werke der alten Klassiker niemals eingedrungen. In russischer Übersetzung existierten sie nicht, und in der Bibliothek seines Vaters, auf dem Gute bei der Großtante, waren zwar einige von ihnen in französischer Übertragung vorhanden, doch war ihm, als er sie zum erstenmal durchblätterte, das Verständnis für sie noch nicht aufgegangen, und so hatte er sie wieder beiseite gelegt – sie waren ihm zu trocken, zu nüchtern erschienen.

Erst im zweiten Kursus hörte er von zwei oder drei Kathedern Vorlesungen über dieses Thema, und da erschienen auch in den Händen der »Musterschüler« die Werke der betreffenden Autoren in der Originalsprache. Um jene Zeit befreundete sich Raiski mit einem Studenten Namens Koslow, einem schüchternen, unter dem Drucke der Armut verkümmerten jungen Menschen.

Koslow war der Sohn eines Diakons, er hatte zuerst im Seminar, dann auf dem Gymnasium und für sich zu Hause Griechisch und Latein getrieben und sich bei dem Studium dieser Sprachen ganz in die klassische Welt eingelebt, so daß er für das moderne Leben kaum ein Verständnis hatte. Raiski schloß eine enge Freundschaft mit ihm; anfangs hatte die Vereinsamung, die Schlichtheit und Güte des anderen einen Eindruck auf ihn gemacht, und dann hatte er in ihm das »heilige Feuer« der Begeisterung für die alte Welt, ein fast hellseherisches Verständnis für alles, was sein Spezialgebiet betraf, entdeckt.

Koslow hatte Raiski, soweit dessen lebhaftes, ewig gleich einem Meer hin und her wogendes Naturell es gestattete, in das Verständnis der antiken Welt eingeführt, doch war er nicht imstande gewesen, sein Interesse für diese Welt auf längere Zeit zu fesseln oder gar ihn auf immer für ihren Dienst zu gewinnen.

Raiski begnügte sich mit den Anregungen, die ihm Koslow gegeben hatte, entschlüpfte ihm jedoch wieder und ließ ihm nur seine Freundschaft, während er selbst das Bild dieser schlichten, reinen Jünglingsseele als Erinnerung für alle Zeit im Gedächtnis behielt.

Von Plutarch und den »Reisen des jungen Anacharsis« war er zu Titus Livius und Tacitus übergegangen; er vertiefte sich in die eingehenden Schilderungen des ersteren und die großzügigen Berichte des zweiten, er ging mit Homer und Dante schlafen, vergaß oft alles, was rings um ihn geschah, und lebte nur noch in seinen Annalen, Mythen und russischen und sonstigen Sagen.

Ward ihm dagegen die Ausarbeitung einer Abhandlung aus dem betreffenden Gebiete aufgegeben, so geriet er in Verlegenheit, verfiel in dumpfes Brüten und wußte nicht, wie er sein Thema anfangen sollte, ob es nun von den »Quellen der Völkerkunde«, von dem »alten russischen Münzwesen« oder von der »nordsüdlichen Richtung der Völkerwanderung« handelte.

Statt über die Wanderung der Völker Betrachtungen anzustellen, suchte er sich vielmehr diese Wanderungen in lebendigen Gestalten und Szenen zu veranschaulichen. Er sieht, wie die Völkermassen gleich großen Heuschreckenschwärmen sich vorwärts bewegen, wie sie zur Nacht sich lagern, ihre Zelte aufschlagen und die Lagerfeuer anzünden; er sieht die mit Tierfellen bekleideten und mit Keulen bewaffneten Männer, sieht die in Lumpen gehüllten Weiber und die halbverhungerten Kinder; er sieht, wie sie auf ihrem Zuge alles niedermetzeln und vernichten, und wie ihre Nachzügler zugrunde gehen. Er sieht den grauen Himmel, die ausgeplünderten und verheerten Länder, und er sieht sogar die alten russischen Münzen: so klar und deutlich sieht er sie, daß er sie hinzeichnen könnte – aber er weiß nicht, wie er es anfangen soll, darüber eine große Abhandlung zu schreiben. Und schließlich – was ist darüber noch groß zu schreiben, wenn er sie doch auch ohnedies sieht? Im Sommer machte er gern Ausflüge in die Umgegend, besuchte die »alten Klöster« und vertiefte sich in den Anblick der von der Zeit geschwärzten Heiligenbilder, der düsteren Gewölbe und Winkel. Rascher und leichter als die Professoren führte ihn hier seine Phantasie in die Welt des russischen Altertums ein.

Wie lebendig standen da die alten Zaren, Mönche, Krieger und Staatsmänner vor seinem Geiste. Das alte Moskau erschien ihm als ein weit ausgedehntes, im Verfall begriffenes Reich. Kriegszüge, Hinrichtungen, Tatarenhorden, donische Kosaken, der Zarenhof der Iwans – alles drang auf ihn ein, alles lud ihn zu Gaste, lockte und rief ihn, die alte Zeit zu schauen.

Lange Zeit stand er zuweilen da und schaute, bis ein Klopfen, ein Geräusch in der Nähe ihn aus seinem Sinnen weckte: er fuhr auf und sah vor sich eine alte Klosterwand, ein altes Bildnis – – er befand sich in einer Zelle, einem einsamen Turmgemach. Nachdenklich verläßt er den altertümlichen, düsteren, dumpfen Raum und kommt erst draußen, in der frischen Luft, wieder zur Besinnung.

Raiski begann zu schriftstellern – er schrieb Verse und Prosa, zeigte sie zuerst dem einen, dann dem anderen Kameraden, dann seinem ganzen »Kreise«, und der Kreis entschied, daß er ein Talent sei.

Da machte sich Boris an einen historischen Roman, schrieb ein paar Kapitel und las sie gleichfalls in seinem Kreise vor. Die Kameraden begannen in ihm ihre »Hoffnung« zu sehen und wurden alsbald seine Trabanten.

Bei den Repetitionen und Prüfungen hatten Raiski und seine Schar nicht viel Glück, sie traten dann zumeist in die zweite und dritte Reihe und bekamen ihre Plätze auf der vierten Bank.

Auf der ersten und zweiten Bank saßen die »Musterschüler«, die so friedlich und still in den Vorlesungen zu sitzen pflegten, die alles nachgeschrieben hatten, die stolz, mit ruhigem Gewissen ins Examen gingen und noch stolzer daraus zurückkamen – diese geborenen Magister und Kandidaten.

Sie pflegten auf den »Kreis« von oben herabzuschauen, hielten Raiski für abgetan, wenn sie ihn einen Romantiker nannten, und hörten seine Verse und seine Prosa gleichgültig oder überhaupt nicht an.

Sie widmeten sich allen Gegenständen, über die sie Vorlesungen hörten, mit gleichem Eifer und hatten für nichts eine besondere Vorliebe. Auch später, im Dienste, im Leben, wohin man sie auch stellen mag, in welche Lage sie auch kommen mögen, schlagen diese »Musterknaben« stets ihr »recht befriedigend« heraus und schreiten ruhig und gemessen, ohne nach links oder rechts zu sehen, auf ihrem Lebenswege dahin.

Raiskis Freunde zeigten seine Verse und seine prosaischen Versuche dem einen und anderen der »genialen« Professoren, den »Propheten«, wie sie von ihren Verehrern genannt wurden.

»Ach, unser Iwan Iwanytsch! Ach, unser Peter Petrowitsch! Unsere genialen Führer, unsere Leuchten!« pflegten die begeisterten Jünglinge unter verzücktem Augenverdrehen von diesen Heroen der Wissenschaft zu schwärmen.

Einer der »Propheten« besprach Raiskis Verse öffentlich in einer Vorlesung und sagte, daß in ihnen das malerische Element vorherrsche, daß sie zahlreiche schöne Bilder enthielten und musikalischen Wohlklang besäßen, jedoch noch der Tiefe und Kraft ermangelten. Aber – so prophezeite er – das würde mit den Jahren noch kommen, und er beglückwünschte den jungen Autor zu seinem Talent und riet ihm, die Muse »zu hegen und zu pflegen«, das heißt ernsthaft an sich zu arbeiten.

Raiski war ganz berauscht von dem Lob, er schwankte, als er das Auditorium verließ, und sein »Kreis« feierte das Ereignis durch eine Orgie, die drei volle Tage anhielt.

Ein anderer »Prophet« las den Anfang seines Romans und lud den jungen Autor zu sich ein. Raiski verließ den Professor mit einem Gefühl, als hätte er ein erquickendes warmes Bad genommen – auch dieser »Prophet« hatte sein Talent anerkannt und ihm einen ganzen Haufen alter Bücher, Chroniken, Urkunden und Verträge mitgegeben.

»Kommen Sie Ihrem Talent durch ein ernsthaftes Studium zu Hilfe,« hatte er ihm gesagt, »dann haben Sie entschieden eine Zukunft!«

Raiski machte nun noch »ernsthafter« seine Ausflüge in die Umgegend, vertiefte sich noch mehr in das Anschauen der alten Gebäude, besah, befühlte, beroch die Steine, las die Inschriften auf ihnen, vermochte jedoch nicht zwei Seiten in den Chroniken, die der Professor ihm mitgegeben hatte, zu erfassen und schilderte das russische Leben so, wie er es in seinen poetischen Visionen erblickte. Das Ende vom Liede war, daß er sehr »ernsthaft« ein scherzhaftes Gedicht schrieb, in dem er einen Kameraden besang, der eine Abhandlung über die »Schuldverschreibungen« verfaßt hatte, dabei aber seiner Wirtin Kost und Quartier regelmäßig schuldig blieb.

Nur mit Mühe und Not quälte er sich von einem Kursus zum anderen hindurch, die Examina machten ihm jedesmal unendliche Schwierigkeiten. Aber sein Ruf als »zukünftiges Talent«, eine Anzahl gelungener Verse, ein paar prosaische Versuche und Skizzen aus der russischen Geschichte halfen ihm schließlich über alle Klippen hinweg.

»Welche Karriere wollen Sie denn einschlagen?« fragte ihn eines Tages ganz unerwartet der Dekan. »In acht Tagen verlassen Sie die Universität – was wollen Sie denn anfangen?«

Raiski schwieg.

»Welchen Beruf wollen Sie ergreifen?« fragte der Dekan abermals.

»Ich . . . will Künstler werden . . .!« wollte Raiski schon antworten, erinnerte sich jedoch, wie wenig der Vormund und die Großtante von der gleichen Antwort erbaut gewesen waren. So sagte er denn diesmal.

»Ich . . . will Verse schreiben.«

»Aber das ist doch kein Beruf, das treibt man doch nur so nebenher!« bemerkte der Dekan.

»Ich will auch . . . Erzählungen schreiben,« sagte Raiski.

»Gewiß, auch das ist ganz schön, Sie haben ja Talent. Aber das tut man erst später, wenn das Talent gereift ist. Ich meine . . . welche praktische Karriere haben Sie gewählt?«

»Zuerst will ich in die Armee eintreten, in die Garde, und dann in den Zivildienst, will Staatsanwalt werden . . . und Gouverneur . . .« antwortete Raiski.

Der Dekan lächelte.

»Zunächst also wohl Junker? Nun, das ist doch ein Wort!« sagte er. »Sie und Leontij Koslow sind die beiden einzigen, die sich keine bestimmte Laufbahn erwählt haben.«

Als man Koslow gefragt hatte, was er werden wolle, hatte er nur geantwortet: »Lehrer irgendwo in der Provinz« – und dabei war er geblieben.




Dreizehntes Kapitel


In Petersburg trat Raiski als Junker in ein Garderegiment ein: er ritt begeistert in der Front mit, war ganz Feuer und Flamme, fühlte beim Klange der Regimentsmusik, wie es ihm gleich Ameisen über den Rücken lief, reckte sich, klirrte mit Säbel und Sporen, sobald er einem General begegnete. Und des Abends fuhr er dann in Gesellschaft unternehmender Kameraden mit der Troika in die Umgebung der Stadt, zu irgendeinem lustigen Picknick, oder nahm bei den russischen und ausländischen »Armiden« der Hauptstadt, in jenem Zauberreiche, das »den Glauben an alles Bessere« erstickt, Unterricht in der Kunst des Lebens und Liebens.

Hier erlosch denn auch in ihm fast gänzlich aller Glaube an Ehre und Redlichkeit, wie an den Menschen überhaupt. Ohne es zu wollen, ja oft wider Willen, lernte er die Geheimnisse dieser »Wunderwelt« kennen, und seine empfängliche Natur sog, begierig wie ein Schwamm, alle auf ihn einstürmenden Eindrücke auf.

Die Frauen dieser Welt erschienen ihm als ein ganz besonderer Menschenschlag. Wie der Dampf und die Maschine die lebendige Kraft der menschlichen Hand ersetzt haben, so hatte hier der umfangreiche Mechanismus eines scheinbaren Lebens, einer scheinbaren Leidenschaft das natürliche Leben und die natürlichen Leidenschaften ersetzt. Diese Welt kannte keine wahre Neigung, keine Kinder, keine Wiegen, keine Brüder und Schwestern, keine Gatten und Gattinnen, sondern nur Männer und Frauen.

Unter den Männern gab es solche, die mitten aus ihren Arbeiten und Sorgen heraus, nicht selten unter Verzicht auf die behagliche Wärme, die stillen Sympathien der Familie, sich in diese Welt der jederzeit lauernden Romane und Dramen wie in eine Spielhölle stürzten und in dem Dunst erlogener Gefühle und teuer bezahlter Zärtlichkeiten sich zu berauschen suchten. Andere wurden durch ihr jugendliches Feuer und ihre Unerfahrenheit in dieses Reich erheuchelter Liebe mit all ihren raffinierten Künsten hineingetrieben, wie der Gastronom durch die erlesenen Schüsseln eines Pariser Kochs vom schlichten häuslichen Mahle hinweggelockt wird.

Alles in diesem Reiche läuft auf Berechnung hinaus: Luxus, Ehrgeiz, Eitelkeit sind die Motive, die dort wirksam sind, nie darf das Herz sprechen, nie werden die Gefühle gefragt. Die Schönen dieses Zauberreiches bringen alles der Berechnung zum Opfer, selbst ihre Leidenschaft, ihr Temperament, wenn die Situation und die Rolle, die sie zu spielen haben, es erfordern.

Sie sind nicht als Opfer ihrer sozialen Lage anzusehen, wie jene unglücklichen Geschöpfe, die für ein Stück Brot, für das bißchen Kleidung und Obdach sich der tierischen Begierde hingeben. Nein: dort gibt es Priesterinnen der starken, wenn auch künstlich hervorgerufenen Leidenschaften, feine Spielerinnen, die mit dem Leben und der Liebe spielen wie der Kartenspieler mit den Karten.

Dort gibt es keine ernsteren Ziele, keine solideren Absichten und Hoffnungen. Fern liegt der Gedanke an den stillen Hafen in diesem sturmgepeitschten Meere. Die Priesterin dieses Kults, die »Mutter der Wollust«, will nicht, wie der echte, leidenschaftliche Spieler, einen großen Schlag machen und dann für immer den Spieltisch verlassen, um in einem stillen Winkel ein neues Leben zu beginnen.

Würde solch eine solid veranlagte Natur sich in diesen Kreis verirren, dann würde sie entweder ihren Charakter oder ihren Reiz bald verlieren: sie müßte entweder bald ihren besseren Absichten entsagen, oder sie sähe sich rasch von ihren Verehrern verlassen, wenn sie den freien Sitten und Anschauungen dieser Welt nicht huldigen wollte.

Ihr Leben wird ein ewiges Spiel mit der Leidenschaft, und das Ziel dieses Lebens ist der unbegrenzte Sinnengenuß, der zur Gewohnheit wird und Ermüdung und Übersättigung herbeiführt. Das einzige Schreckbild aber, vor dem diese Schönen zittern, ist, daß sie altern und überflüssig werden.

Nichts fürchtet die Priesterin dieses Kults mehr als das. Im Spiel der Leidenschaft nimmt sie alle nur erdenklichen Gestalten, Charaktere und Formen an, wie ihre Rolle sie gerade verlangt – doch immer sind sie nur geliehen, wie die Kostüme für eine Maskerade. Sie ist schüchtern und bescheiden, oder stolz und unzugänglich, oder zärtlich und anschmiegsam, wie der Augenblick es erfordert.

Legt sie die Maske ab, dann ist sie oft bösartig, gefühllos, ja selbst grausam. Vor nichts schreckt sie zurück, und nicht einen Augenblick wägt sie Bedenken, aus Rachsucht oder rein zu ihrer Unterhaltung das Familienglück, die Ruhe eines Menschen zu zerstören, von seinem finanziellen Ruin nicht zu reden; denn die Männer zu ruinieren, ist ja eben ihr – Beruf.

Unbegrenzter Luxus muß sie umgeben. Keiner ihrer Wünsche darf unerfüllt bleiben.

Ihre Wohnung ist wie ein Tempel – ein Tempel freilich, der einer Ausstellung von Möbeln und teuren Nippsachen gleicht. Nicht der Geschmack der Besitzerin, sondern der des Möbelhändlers und Tapezierers kommt darin zur Geltung. Es fehlt der Stempel des verfeinerten, künstlerisch geläuterten Empfindens, das in dieser Welt nicht zur Geltung zu kommen vermöchte. Das kostbare Service, die teure Equipage, Pferde, Lakaien, Kammerzofen, die wie Balletteusen gekleidet gehen, sind hier der Maßstab für Vornehmheit und Geschmack.

Ein teures Gemälde, eine kostbare Statue, die sich zufällig einmal hierher verirren, werden nicht nach dem Kunstwert, sondern nach dem Preise, der für sie bezahlt worden ist, beurteilt. Keinen Gastgeber, keine Hausfrau, keine Kinder, keine alten, treuen Diener gibt es in dem Quartier solch einer Göttin der Lust.

Sie lebt wie auf einer Wegstation, immer auf dem Sprunge, jeden Augenblick zur Abfahrt bereit. Sie hat keine Freunde, weder unter den Männern noch unter den Frauen, sondern nur Bekannte, diese freilich in großer Menge.

Das Leben einer Schönen dieser Welt, dieses »Lumpenkönigreichs«, wie Raiski es nannte, gleicht einem bunten Kaleidoskop: Besuche in ihrem Kreise, Theatervorstellungen, Spazierfahrten, wahnsinnig teure Dejeuners, Diners, die bis zum frühen Morgen, und nächtliche Orgien, die bis zum Mittag des nächsten Tages andauern, reihen sich aneinander, und die einzige Sorge ist, daß kein Stillstand in dem ewigen Wechsel eintrete.

Ein Tag, der nicht voll besetzt ist, ein Abend, an dem es keinen Trubel, keine Ausfahrt, kein Theater, keine lustige Schmauserei gibt, gilt als etwas Entsetzliches. Solch ein Tag kann zum Nachdenken bringen, kann allerhand peinliche Fragen anregen, kann die bessere Empfindung, das Gewissen, das Gespenst der Zukunft wecken . . .

Voll Angst wehrt sie das ungewohnte Gefühl von sich ab, mit Gewalt verscheucht sie die auftauchenden Fragen. Nur selten, und nur bei wenigen, treten solche Momente ein. Ihr Denken schlummert zumeist, ihr Herz ist kalt und gefühllos, ihr Wissen auf ein Mindestmaß beschränkt.

Brillanten – das einzige Echte an ihr – und sonstigen Schmuck möglichst über den Bedarf von ihren Verehrern kaufen zu lassen und dadurch die Juweliere reich zu machen – das ist das einzige Ziel ihres Ehrgeizes.

Und ein anderer wichtiger Punkt ist das Reisen: in Paris die Gräfin zu spielen, irgendwo in Italien einen Palast zu bewohnen, die eigene Schönheit und das Gold im Beutel glänzen zu lassen, unterwegs die eine und andere Eroberung zu machen, Männer von Rang und Reichtum natürlich – – ja, das ist ihnen ein herrliches Ziel!

Das Ideal des Mannes ist ihnen vor allem der homme genereux liberal, der mit Eleganz das Geld zum Fenster hinauswirft; dann kommt der comte, der prince usw. Von Geist, Ehre, Sittlichkeit hat diese Welt ihre ganz besonderen Vorstellungen. Sparsamkeit, Zurückhaltung, Ordnungsliebe gelten hier als sittliche Gebrechen eines Mannes. Wer mit diesen Eigenschaften behaftet ist, wird als Auswurf der Menschheit angesehen.

Während Raiski als junger Offizier und dann später als junger Beamter sich in der Welt der Petersburger »goldenen Jugend« bewegte, kam er oft genug in die Lage, dieser Welt der Schönen seinen reichlichen Tribut zu zollen, und als er aus diesen Kreisen schied, geschah es mit einem Gefühl tiefer Trauer und mit reichen Erfahrungen, ohne die er recht wohl hätte auskommen können.

Er hatte den Wunsch der Großtante erfüllt und war Offizier geworden – aber die Bilder, die er dort unten an der Wolga in sich aufgenommen hatte, der schattige Park mit dem Hain und der Schlucht dahinter, die wildbegeisterten Augen Waßjukows und die Klänge seiner Geige verfolgten ihn nach wie vor.

Er träumte von einer weiten Kunstarena, von der Akademie oder dem Konservatorium, und er sah im Geiste sich selbst als eifrigen Mitstreiter in dieser Arena der Künste.

Er stellte sich ein stilles Atelier mit gedämpftem Licht vor, mit Marmorwerken, angefangenen Gemälden und Modellpuppen – und er selbst, im Samtkittel, mit wallendem Künstlerhaar, saß mitten darin in liebevoller Betrachtung des Kunstwerks, das er eben auf der Staffelei hatte: es ist der Kopf eines Freundes, dessen Bildnis er malt.

Noch fehlt die Seele darin, noch ist kein Leben, kein Feuer in den Augen. Aber nun setzt er die beiden magischen Punkte hinein und führt ein paar kühne Striche, und plötzlich lebt dieser Kopf, er spricht und blickt so offen: Geist ist darin, und Gefühl, und Schönheit . . .

Besucher kommen, blicken schüchtern ins Atelier und flüstern leise . . .

Und dann kommt endlich die Ausstellung. Er steht in einem Winkel und schaut nach seinem Gemälde hin, aber er sieht es nicht, denn die Menschen drängen sich davor und nennen seinen Namen. Irgend jemand bemerkt ihn und zeigt ihn der Menge, und alle Gesichter wenden sich nun von dem Bilde ab und ihm zu. Er wird ganz verwirrt – und erwacht aus dem schönen Traume . . .

Er reichte seinen Abschied beim Regiment ein, bat um Überführung in den Zivildienst und kam an den Tisch, dessen Vorsteher zu jener Zeit Iwan Iwanowitsch Ajanow war. Doch der Leser weiß bereits, daß er auch im Zivildienst keinen größeren Erfolg hatte als beim Militär. Auch hier schied er aus und ging – auf die Kunstakademie.

Schüchtern betrat er ihre Räume und sah sich ringsum: alles saß schweigend da und zeichnete nach Gipsköpfen. Auch er begann zu zeichnen, doch schon nach zwei Stunden ging er und zeichnete zu Hause weiter, gleichfalls nach Gipsköpfen.

Aber hier geht die Sache nur mit Hindernissen vor sich – bald zündet er sich eine Zigarre an, bald streckt er die Beine auf dem Diwan aus, beginnt zu lesen, oder versinkt in Nachdenken und lauscht auf die Motive, die ihm im Kopfe klingen. Er setzt sich ans Klavier und vergißt alles rings um sich, auch das Zeichnen.

Drei Wochen später geht er wieder in die Akademie: wieder sitzen dort alle schweigend in den Sälen und zeichnen nach Gipsköpfen.

Er lernt den einen und anderen der Studiengenossen kennen, ladet ihn zu sich ein und zeigt ihm seine Arbeit.

»Sie besitzen Talent – wo haben Sie Unterricht genommen?« fragte man ihn. »Nur . . . dieser Arm da ist zu lang . . . und der Rücken ist schief. . . die Zeichnung stimmt nicht!«

Sie luden ihn zu ihren kleinen Gesellschaften ein, und er war da ganz im künstlerischen Fahrwasser: sie sprachen von Kolorit, von Büsten, von Armen und Beinen, von der »Wahrheit« in der Kunst, von der Akademie – und in weiter Perspektive erschienen dann Düsseldorf, Paris und Rom. Sie berechneten in seiner Gegenwart, wieviel Zeit sie zu ihrer Ausbildung brauchen würden: von sieben, acht Jahren war die Rede, eine entsetzliche Spanne Zeit! Und dabei waren sie alle schon erwachsene Männer!

Sechs Monate lang blieb er dann gänzlich fort von der Akademie, und als er von neuem hinkam, sah er dieselben Genossen schweigend dasitzen und – nach Gipsköpfen zeichnen.

Er warf einen Blick in einen zweiten Saal: dort stand ein Modell, und schweigend zeichneten die Schüler ihren Akt. Einen Monat darauf kam Raiski wieder – und wiederum waren alle in das Anschauen des Modells und in ihre Zeichnung vertieft. Dasselbe Schweigen, dieselbe gespannte Aufmerksamkeit bei allen.

Er betrat das Atelier eines Professors und sah dort alles so, wie er es sich vorgestellt hatte: den Raum mit dem gedämpften Licht, und die Bilder, die Modellpuppe, die Masken, Arme, Beine . . . alles ganz genau so.

Nur der Künstler selbst trat ihm nicht im eleganten Samtkittel, sondern in einem schmutzigen Paletot, nicht mit wallenden Locken, sondern mit schlichtem, kurzgeschorenem Haar entgegen, und nicht in liebevolle Betrachtung seines Kunstwerks war er versunken, sondern in die Qual der inneren Arbeit und Unruhe, Ermüdung malte sich in seinem Gesichte. Sein gequälter Blick bohrte sich tief in das Gemälde ein, er ging jetzt darauf zu, trat dann wieder zurück, er sann und sann und schaute . . .

Und dann ist’s plötzlich, als ob er in sich versänke – er wird still und stumm, nur die Augen glänzen, und die Hand radiert und wischt fort, was vorher dagewesen, und sucht hastig einen neuen, eben unter qualvoller innerer Arbeit erfaßten Zug zu fixieren, als fürchtete sie, daß er wieder entschlüpfen könnte . . .

Verschüchtert begab sich Raiski nach Hause, spannte die Leinwand auf den Rahmen und begann eine Kreidezeichnung. Drei Tage lang zeichnete er, wischte fort, zeichnete von neuem, ließ dann alle Büsten und Zeichnungen sein und nahm den Pinsel zur Hand.

Dreimal wechselte er die Leinwand, und erst auf der vierten erschien der Kopf, der ihm vorschwebte – der Kopf Hektors und die Gesichter der Andromache und des Kindes. Die Arme ließ er noch fort: »Die kommen zuletzt!« dachte er. Die Gewänder fügte er aufs Geratewohl hinzu, nach den wenigen Angaben, die er bei Homer fand: andere Quellen hatte er nicht zur Hand, und wo hätte er sie in der Eile suchen sollen?

Ein halbes Jahr lang malte er an dem Bilde. Die Gesichter des Hektor und der Andromache nahmen seine ganze schöpferische Kraft in Anspruch, mit dem Zubehör gab er sich nicht weiter ab: »Das kommt gelegentlich einmal, später!«

Auch das Kind führte er nur ganz oberflächlich aus, einzig aus dem Grunde, weil sonst die Abschiedsszene nicht wahrscheinlich gewesen wäre.

Er wollte das Bild den Kameraden zeigen, aber sie malten ja selbst noch nicht in Farben, sondern kopierten, obschon sie längst alle bärtige Männer waren, immer noch ihre Büsten. Er entschloß sich schließlich, seine Arbeit einem Professor zu zeigen. Es war ein leutseliger Herr, dem der Hochmut fremd war, und der, so hoffte er, die Arbeit nach ihrem wahren Wert beurteilen würde. Mit pochendem Herzen brachte er sein Gemälde hin und stellte es zunächst im Korridor hin.

Der Professor ließ es ins Atelier bringen.

»Was ist denn das für ein Schinken?« fragte er mit einem flüchtigen Blick auf das Bild. Dann aber sah er es noch einmal an, nahm es plötzlich und stellte es auf die Staffelei. Er zog die Brauen zusammen und betrachtete mit prüfendem Blick alle Einzelheiten.

»Haben Sie das gemalt?« fragte er und zeigte auf Hektors Kopf.

»Ja.«

»Auch das hier?« Der Professor zeigte auf die Andromache.

»Auch das.«

»Und dies da?« fragte er weiter und wies auf das Kind.

»Auch dies.«

»Das kann nicht sein: das haben zwei verschiedene Leute gemalt!« rief der Professor schroff und kurz. Dann öffnete er die Tür zu einem zweiten Zimmer und rief: »Iwan Iwanowitsch!«

Iwan Iwanowitsch, ein Kollege des Professors, kam herein.

»Sieh dir das mal an!« sagte der Professor.

Er zeigte auf die Köpfe der beiden erwachsenen Gestalten und dann auf das Kind. Der andere prüfte das Bild aufmerksam und schweigend. Raiski zitterte.

»Was siehst du?« fragte der Professor.

»Was ich sehe?« erwiderte der andere. »Daß das keiner von den Unserigen gemalt hat . . . Wer hat denn den Kopf da zu der Schmiererei hinzugefügt? Dieser Kopf, ja . . . hm—m . . . Aber das Ohr sitzt nicht an der richtigen Stelle! Wer hat das gemalt?«

Der Professor fragte Raiski, bei wem er Unterricht gehabt habe, bestätigte ihm, daß er Talent besitze, und wusch ihm gehörig den Kopf. als er hörte, daß Raiski nur etwa zehnmal in der Akademie gewesen sei und keine Gipsköpfe zeichne.

Sehen Sie doch mal her: nicht ein Zug ist richtig! Dieses Bein da ist kürzer als das andere, und die Schulter der Andromache sitzt nicht an der richtigen Stelle; wenn Hektor sich aufrichtete, würde sie ihm nur bis an den Bauch reichen. Und diese Muskeln, sehen Sie doch . . .«

Er zeigte nach dem Schenkel und dem Arme Hektors. »Sie können nicht zeichnen,« sagte er. »Sie müssen sich drei Jahre lang hinsetzen, müssen nach Gips zeichnen und Anatomie hören . . . Aber der Kopf Hektors und die Augen . . . haben Sie das wirklich gemacht?«

»Ja,« sagte Raiski.

Der Professor zuckte die Achseln. Iwan Iwanowitsch aber meinte: »Hm! Sie haben Talent, das sieht man. Lernen Sie nur tüchtig; mit der Zeit . . .«

»Lernen Sie . . . mit der Zeit . . . das sagen sie alle!« dachte Raiski. Er aber wollte alles sogleich können, ohne erst zu lernen. In nachdenklicher Stimmung kam er zu Hause an und fand dort einige Briefe vor. Die Großtante schalt ihn darin aus, daß er seinen Abschied als Offizier genommen habe, und der Vormund riet ihm, beim Senat einzutreten. Er schickte ihm eine Anzahl von Empfehlungsschreiben.

Doch Raiski trat nicht beim Senat ein und zeichnete auch keine Gipsköpfe in der Akademie, sondern las sehr viel, schrieb fleißig Verse und Prosa, tanzte, bewegte sich in der großen Welt, besuchte die Theater und die »Armiden«, komponierte zwischendurch drei Walzer und zeichnete ein paar weibliche Porträts. Und nach einer tollen Karnevalswoche kam er dann plötzlich zur Vernunft, besann sich auf seine künstlerische Karriere und stürzte Hals über Kopf nach der Akademie: dort sah er die Schüler schweigend und ernst in dem einen Saal nach Gipsköpfen, in dem anderen nach dem lebenden Modell ihre Studien zeichnen . . .




Vierzehntes Kapitel


Am festgesetzten Abend trafen Raiski und Sophie wieder im Kabinett der letzteren zusammen. Sie war bereits angezogen, um ins Theater zu fahren; der Vater wollte sie nach dem Diner abholen, ließ jedoch immer noch auf sich warten, obwohl es bereits halb acht war.

»Mir geht immer noch unser letztes Gespräch durch den Kopf, Cousine!« sagte Raiski. »Und Sie? Haben Sie noch darüber nachgedacht?«

»Verzeihen Sie: nein, Cousin! Worüber sprachen wir denn? . . . Ach ja, jetzt weiß ich’s: Sie fragten mich nach irgend etwas.«

»Und Sie versprachen mir etwas.«

»Was denn?«

»Sie wollten mir etwas erzählen . . . irgendeine Dummheit, eine Kinderei – und dann von Ihrer Ehe . . .«

»Das war alles so einfach, Cousin, daß da eigentlich gar nichts zu erzählen ist! Fragen Sie die erste beste verheiratete Frau, zum Beispiel Catherine . . .«

»Ach nein, Cousine – alle, nur nicht Catherine! Die kennt nichts als Putz und Spazierfahrten, Spazierfahrten und Putz . . .«

»Was soll ich Ihnen erzählen? Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll! Paul machte mir durch Vermittlung der Fürstin einen Heiratsantrag, diese sagte es maman, maman sagte es den Tanten, man rief die ganze Verwandtschaft zusammen, machte dann Papa Mitteilung . . . wie es eben überall geschieht! . . .«

»Papa kommt natürlich zuletzt dran!« sagte Raiski lächelnd.

»Und wann erfuhren sie es?«

»Noch an demselben Abend. Welche Frage! Sie glauben doch nicht etwa, daß man mich gezwungen hat? . . .«

»Nein, nein, Cousine! Aber das nenne ich nicht erzählen. Fangen Sie, bitte, mit Ihrer Erziehung an! Wie und wo wurden Sie erzogen? Erzählen Sie vor allem jene Dummheit . . .«

»Sie wissen ja, daß ich zu Hause erzogen wurde . . . Mama war sehr streng und ernst, sie scherzte nie, lachte fast nie, liebkoste mich nur selten; alles im Hause gehorchte ihr: die Kinderfrauen, die Stubenmädchen, die Gouvernanten taten, was sie befahl, und ebenso Papa. Ins Kinderzimmer kam sie nicht, doch ging dort alles wie am Schnürchen, als ob sie selbst anwesend wäre. Als ich sieben Jahre alt war, hatte ich eine Deutsche, Margarete hieß sie, zur Bedienung: sie kämmte mich und zog mich an, dann wurde Miß Dreadson geweckt, und wir gingen zu Mama. Doch bevor wir uns begrüßten, musterte mich Mama sehr eingehend, sah mir prüfend ins Gesicht, drehte mich dreimal um, überzeugte sich, ob alles in Ordnung war, beguckte sogar meine Füße, ließ mich einen Knix machen, den sie mit kritischem Auge prüfte – und dann erst küßte sie mich auf die Stirn und entließ mich. Nach dem Frühstück machte ich einen Spaziergang oder bei schlechtem Wetter eine Spazierfahrt . . .«

»Und nun erzählen Sie, wie Sie gespielt haben und herumgetollt sind!«

»Herumgetollt? Das bin ich nie! Miß Dreadson ging neben mir her und ließ mich nie weiter als drei Schritte von sich fort. Einmal warf ein Knabe einen Ball, der mir zwischen die Füße flog – ich nahm den Ball und lief hin, um ihn dem Knaben zurückzugeben. Miß Dreadson sagte es Mama, und ich durfte nun drei Tage lang nicht meinen Spaziergang machen. Übrigens weiß ich nur wenig aus jener Zeit; so viel ist mir noch in Erinnerung geblieben, daß ich bei einem Tanzmeister Unterricht hatte, der immer rief: chassez en avant, chassez á gauche, tenz-vous droit, pas de grimasses . . . Nach dem Mittagessen durfte ich in dem großen Saale Ball spielen und über das Seil springen, doch nur ganz vorsichtig und leise, daß ich nicht etwa einen Spiegel zerschlage oder zu laut herumspringe. Mama liebte es nicht, wenn ich rote Backen und Ohren hatte, darum durfte ich nie zu viel herumlaufen. Man tadelte auch, daß ich . . .« – sie lächelte bei diesen Worten – »beim Zeichnen und Schreiben, ja sogar beim Tanzen die Zunge heraussteckte – darauf bezog sich das pas de grimasses, das jeden Augenblick ertönte.«

»Chassez en avant, chassez á gauche und pas de grimasses! Ja, das nenne ich eine vortreffliche Erziehung, ganz wie die Dressur beim Regiment! Nun, und was weiter?«

»Weiter bekam ich dann eine Französin, Madame Clary, aber . . . die wurde bald entlassen, ich weiß nicht, aus welchem Grunde. Ich erinnere mich nur, daß Papa sehr lebhaft für sie eintrat, doch Mama wollte nichts von ihr wissen . . .«

»Nun, jetzt sehe ich, daß Sie keine Kindheit gehabt haben: das erklärt mir so manches . . . Was haben Sie sonst noch gelernt?« fragte Raiski.

»O, allerhand: histoire, geographie, calligraphie, orthographie, dann noch Russisch . . .«

Hier machte Sofia Nikolajewna eine kleine Pause.

»Nun kommen wir wohl an die Katastrophe, vermut’ ich, und ihr Held – war der russische Lehrer!« sagte Raiski. »Das sind unsere jeunes premiers . . .«

»Ja . . . Sie haben es erraten!« versetzte die Bjelowodowa lächelnd.

»Meine Leistungen waren in allen Gegenständen dieselben – das heißt überall gleich schlecht. In der Geschichte wußte ich nur über das Jahr 1812 Bescheid, weil mon oncle le prince Serge damals als Offizier den Feldzug gegen Napoleon mitgemacht hatte und oft davon erzählte. Ich wußte, daß es einmal eine Katharina II. gegeben hat, und eine Revolution, die Mr. de Querney zur Flucht gezwungen hatte; alles übrige, all die Kriege der Griechen und Römer, und was man mir von Friedrich dem Großen erzählte, lief in meinem Kopfe wirr durcheinander. In der russischen Stunde jedoch, bei Mr. Jelnin, lernte ich fast alles, was ich aufbekam.«

»Bis hierher geht alles ausgezeichnet. Was haben Sie sonst noch getrieben?«

»Wir lasen viel. Er las sehr schön vor, brachte Bücher mit.«

»Was für Bücher?«

»Ich hab’s schon vergessen. . .«

»Nun, was weiter, Cousine?«

»Als ich dann sechzehn Jahre alt war, bekam ich meine besonderen Zimmer. Ma tante Anna Wassiljewna wohnte mit mir zusammen, und Miß Dreadson reiste nach England ab. Ich trieb viel Musik, hatte noch meinen französischen Professor und den russischen Lehrer – es hieß nämlich damals allgemein, man müsse Russisch fast ebenso geläufig können wie Französisch . . .«

»Und Mr. Jelnin war sehr . . . sehr . . . liebenswürdig und nett . . . und comme il faut? . . .« fragte Raiski.

»Oui, il était tout á fait bien!« sagte leicht errötend die Bjelowodowa. »Ich hatte mich an ihn gewöhnt . . . und wenn er einmal die Stunde ausfallen ließ, war ich verdrießlich, und einmal erkrankte er und kam drei Wochen lang gar nicht . . .«

»Da waren Sie wohl ganz verzweifelt?« unterbrach sie Raiski. »Sie weinten, hatten schlaflose Nächte und beteten für ihn? Nicht wahr? . . .«

»Er tat mir leid – und ich bat sogar Papa, er möchte hinschicken und fragen lassen, wie es ihm geht . . .«

»Sogar das! Nun, und was sagte Papa?«

»Er fuhr selbst hin, fand ihn als Rekonvaleszenten vor und brachte ihn zum Mittagessen mit in unser Haus. Mama war zuerst sehr ungehalten und machte Papa eine Szene, aber Jelnin war ein so wohlerzogener und bescheidener junger Mann, daß sie sich beruhigte und ihn sogar zu unseren soirées musicales und dansantes einlud. Er war recht gewandt im Benehmen, spielte die Violine . . .«

»Was weiter?« fragte Raiski ungeduldig.

»Als Papa ihn damals nach der Krankheit zum erstenmal zu uns brachte, war er blaß und wortkarg . . . seine Augen waren so matt . . . Ich fühlte solches Mitleid mit ihm, und ich fragte ihn bei Tisch, was ihm gefehlt habe? . . . Er sah mich so dankbar, fast zärtlich an . . . Nach Tisch aber führte mich Mama auf die Seite und erklärte mir, es sei höchst unschicklich, daß ein junges Mädchen sich nach der Gesundheit eines ersten besten jungen Menschen, noch dazu eines Lehrers, erkundige – Gott weiß, was an ihm ist! fügte sie hinzu. Ich schämte mich, ging in mein Zimmer und weinte und habe ihn nie wieder nach etwas gefragt . . .«

»Da sehen Sie’s!« bemerkte Raiski spöttisch. »Kaum hatten Sie den Olymp verlassen und einen Fuß unter die Menschen gesetzt, so gab es auch schon Strafpredigten!«

»Unterbrechen Sie mich nicht: ich verliere sonst den Faden!« sagte sie. »Jelnin fuhr fort, mit mir zu lesen, und regte mich auch an, selbst etwas zu schreiben, aber Mama wünschte, daß ich mehr den französischen Aufsatz pflegen sollte.«

»Und Jelnin las dann nur noch mit Ihnen?«

»Ja, wir lasen sehr viel, und dann begleitete er mich auch auf der Violine, wenn ich Klavier spielte. Er war so sonderbar, versank bisweilen ganz in Nachdenken und sprach eine halbe Stunde lang kein Wort. Rief ich ihn dann beim Namen, so fuhr er zusammen und sah mich ganz seltsam an . . . so, wie auch Sie mich bisweilen ansehen. Oder er setzte sich so dicht zu mir hin, daß er mich erschreckte. Doch konnte ich ihm nicht böse sein . . . ich hatte mich an diese Absonderlichkeiten gewöhnt. Einmal legte er seine Hand auf die meinige: es war mir sehr peinlich, aber er bemerkte selbst nicht, was er tat – und ich zog meine Hand nicht fort. Und wie er einmal wegblieb, als wir zusammen üben sollten, empfing ich ihn am nächsten Tage sehr kühl . . .«

»Bravo! Und was sagten die Ahnen dazu?«

»Ja, lachen Sie nur, Cousin: es war wirklich zum Lachen!«

»Ich lache nicht, Cousine, sondern ich freue mich: nicht wahr, damals lebten Sie doch, damals waren Sie glücklich und froh – nicht so wie später, wie jetzt? . . .«

»Ja, das ist wahr: ich war ein kleines, dummes Mädchen, und es machte mir Vergnügen, zu sehen, wie er plötzlich verlegen wurde und Angst hatte, mich anzusehen, und wie er dann wieder mich ganz lange, lange ansah und bisweilen sogar erblaßte. Vielleicht habe ich ein bißchen mit ihm kokettiert, auf kindliche Weise, vor lauter Langerweile . . . Es war bei uns wirklich manchmal sehr . . . langweilig! Aber ich glaube, er war sehr gut und sehr unglücklich: er hatte gar keine Verwandten! Ich nahm sehr viel Anteil an ihm, und ich war sehr vergnügt mit ihm, gewiß! Aber wie teuer mußte ich diese Dummheit bezahlen!«

»Ach – nur rasch, erzählen Sie!« sagte Raiski.

»An meinem Namenstage fand bei uns großer Empfang statt, ich war damals schon in die Gesellschaft eingeführt. Ich hatte eine Beethovensche Sonate einstudiert, die er sehr liebte – dieselbe, die auch Sie so gern hören . . .«

»Daher die Vollendung, mit der Sie diese Sonate spielen . . . Weiter, Cousine, die Sache wird interessant!«

»Man wußte damals in der großen Welt bereits, daß ich der Musik sehr ergeben war, und man prophezeite mir, ich würde eine erstklassige Künstlerin werden. Früher hatte Mama die Absicht gehabt, mich bei Henselt Unterricht nehmen zu lassen, als sie jedoch diese Elogen hörte, wurde sie anderen Sinnes.«

»Die Weisheit der Ahnen erklärte es für unanständig, eine Künstlerin zu sein!« bemerkte Raiski.

»Ich erwartete jenen Abend mit Ungeduld,« fuhr Sophie fort, »weil Jelnin nicht wußte, daß ich jene Sonate einstudiert hatte . . .«

Sie hielt, ein wenig verwirrt, in ihrer Erzählung inne.

»Ich verstehe!« warf Raiski ein.

»Die Gäste waren versammelt, die einen sangen, die anderen trugen etwas auf dem Klavier vor, er aber war noch nicht da. Mama fragte mich zweimal, ob ich nicht die Sonate spielen wolle. Ich suchte sie so lange wie möglich hinzuhalten, und endlich befahl sie mir ohne weiteres, zu spielen: j’avais le coeur gros – und ich setzte mich ans Klavier. Ich glaube wohl, daß ich sehr bleich war, kaum aber hatte ich die Introduktion gespielt, als ich im Spiegel Jelnin erblickte – er stand dicht hinter mir . . . Man sagte mir später, ich sei feuerrot geworden, doch glaube ich nicht, daß es der Fall war,« fügte sie verschämt hinzu. »Ich war einfach erfreut, ihn zu sehen, weil ich wußte, daß er Musik verstand . . .«

»Sprechen Sie nur selbst, Cousine, lassen Sie nicht Ihre Ahnen für sich sprechen!«

»Ich spielte, spielte . . .«

»Mit Begeisterung, feurig, leidenschaftlich . . .« soufflierte er ihr.

»Wohl möglich,« sagte sie, »wenigstens schienen alle gefesselt von meinem Spiel und saßen schweigend da, niemand rief ein banales ›charmant!‹ oder ›bravo!‹ und als ich fertig war, erklang rauschender Beifall von allen Seiten, und man umringte mich . . . Aber ich achtete darauf nicht weiter, hörte die Glückwünsche nicht – ich wandte mich, als die Sonate zu Ende war, nur zu ihm . . . Er streckte mir die Hand entgegen, und ich . . .«

Sophie hielt verwirrt inne.

»Nun? Sie stürzten auf ihn zu . . .«

»Wieso denn? Nein, ich streckte ihm gleichfalls meine Hand entgegen, und er drückte sie. Und da kann es wohl sein, daß wir beide erröteten . . .«

»Weiter nichts?«

»Nein. Ich faßte mich rasch und antwortete auf die anerkennenden Worte und die Glückwünsche, die von allen Seiten ertönten. Und dann wollte ich auf Mama zutreten, doch ich warf nur einen Blick auf sie, und ein Schreck durchfuhr mich. Ich ging zu den Tanten, aber sie machten nur eine ganz flüchtige Bemerkung und ließen mich stehen. Jelnin sah mich aus der Ecke mit solchen Augen an, daß ich in ein anderes Zimmer ging. Mama begab sich, als die Gäste fort waren, in ihr Zimmer, ohne mir gute Nacht zu sagen. Nadjeschda Wassiljewna schüttelte den Kopf, als sie sich von mir verabschiedete, und Anna Wassiljewna hatte Tränen in den Augen . . .«

»Jeder Mensch hat seinen Sparren,« bemerkte Raiski; »diese hier scheinen den Anstandssparren gehabt zu haben . . . Nun, und am nächsten Morgen?«

»Am nächsten Morgen,« fuhr Sophie mit einem Seufzer fort, »erwartete ich, daß man mich sogleich zu Mama rufen würde, doch wurde ich eine ganze Weile nicht gerufen. Endlich holte mich ma tante Nadjeschda Wassiljewna und sagte trocken, ich solle zu Mama kommen. Ich hatte starkes Herzklopfen und konnte anfangs gar nicht unterscheiden, wer in Mamas Zimmer war und was dort vorging. Es war dunkel im Zimmer, die Stores und Portieren waren heruntergelassen, Mama schien ermüdet; neben ihr saßen die Tanten, mon oncle, prince Serge und Papa . . .«

»Also der ganze Areopag – und dazu die Ahnenbilder an der Wand!«

»Papa stand am Kamin und wärmte sich. Ich sah einen Moment zu ihm hin und dachte, er würde mir einen freundlichen Blick schenken – es wäre mir leichter ums Herz geworden. Aber er war offenbar bemüht, mich nicht anzusehen; der arme Papa fürchtete sich vor Mama, ich sah jedoch, daß ich ihm leid tat. Er biß sich beständig auf die Lippen: Sie wissen, daß er das immer tut, wenn er erregt ist.«

»Und was taten nun die anderen?«

» ›Beantworten Sie mir eine Frage: wer sind Sie, und was sind Sie?‹ begann Mama leise. – ›Ich bin Ihre Tochter,‹ antwortete ich kaum hörbar. – ›Es scheint nicht der Fall zu sein. Wie benehmen Sie sich!‹ – Ich schwieg – was hätte ich ihr auch antworten sollen? . . .«

»O Gott! Darauf sollte es keine Antwort geben?« fuhr Raiski heraus.

» ›Was für eine Szene haben Sie denn da gestern zum besten gegeben: war das eine Komödie oder ein Drama? Und wer ist denn der Verfasser – Sie selbst oder dieser Lehrer, dieser . . . Mr. Jelnin?‹ – ›Ich habe keine Szene gespielt, maman,‹ brach es aus mir hervor . . . und es war mir dabei so beklommen zumute. – ›Um so schlimmer,‹ sagte sie—, il y a donc su sentiment lá dedans? Hören Sie doch,‹ wandte sie sich an Papa, ›was Ihre Tochter sagt . . . wie gefällt Ihnen dieses Geständnis? . .‹ Der arme Papa war noch verwirrter und schaute noch kläglicher drein als ich selbst; ich wußte, daß er allein mir nicht zürnte, ich hätte am liebsten vor Scham in jenem Augenblick sterben mögen. . . ›Wissen Sie, wer dieser Ihr Lehrer ist?‹ fuhr Mama fort. ›Fürst Serge hat sich nach ihm erkundigt: er ist der Sohn irgendeines Arztes, läuft als Privatlehrer in der Stadt herum, schreibt Gedichte, besorgt für Geld die französische Korrespondenz russischer Geschäftsleute und lebt davon . . .‹ – ›Welche Schmach!‹ rief ma tante voll Abscheu. – Ich hörte nichts weiter, denn eine Ohnmacht überkam mich. Als ich wieder meine Besinnung erlangt hatte, saßen beide Tanten neben mir, während Papa mit der Riechflasche daneben stand. Mama war nicht im Zimmer, vierzehn Tage lang bekam ich sie überhaupt nicht zu Gesicht. Als sie sich dann wieder sehen ließ, bat ich sie unter Tränen um Verzeihung. Mama sagte mir, wie entsetzt sie über jene Szene gewesen sei, sie wäre fast krank geworden vor Aufregung, und das Schlimmste sei gewesen, daß Cousine Neljubowa alles gesehen und den Michailows weitererzählt habe, und diese hätten ihr Vorwürfe gemacht, sie beaufsichtige mich nicht genug und gewähre Gott weiß wem Zutritt zum Hause. – ›Und das habe ich alles nur dir zu verdanken!‹ schloß Mama ihre Vorhaltungen. Ich bat sie nochmals, mir zu verzeihen und diese Dummheit zu vergessen, und gab ihr mein Wort darauf, daß ich ihr in Zukunft keinen Anlaß zum Tadel geben würde.«

Raiski lachte laut auf.

»Ich dachte Gott weiß was für ein Drama noch kommen würde!« sagte er. »Und Sie erzählen mir die Geschichte eines sechsjährigen Mädchens! Ich hoffe, Cousine, wenn Sie einmal eine Tochter haben sollten, dann werden Sie anders handeln . . .«

»Wie denn – meinen Sie, ich würde meine Tochter einem Lehrer zur Frau geben?« sagte sie. »Das können Sie doch unmöglich im Ernst annehmen!«

»Warum nicht – wenn er ein anständiger Mensch ist und eine gute Erziehung hat? . . .«

»Niemand weiß es, ob Jelnin ein anständiger Mensch war: im Gegenteil, ma tante und Mama sagten, er habe schlechte Absichten gehabt, er habe mir den Kopf verdrehen wollen . . . aus Eitelkeit, weil er es nicht wagte, mir mit ernsten Absichten zu nahen . . .«

»Nein!« rief Raiski leidenschaftlich aus. »Man hat Sie betrogen. Wenn Ihre Stutzer, Ihre Cousins, ein prince Pierre, ein comte Serge einem jungen Mädchen den Kopf verdrehen wollen, dann werden sie nicht blaß und rot – sie sind es, die böse Absichten haben! Jelnin aber hatte gar keine Absichten, er liebte Sie aufrichtig, wie ich aus Ihren Worten ersehe. Und diese Herren da« – er zeigte, ohne sich umzudrehen, mit dem Finger auf die Porträts an der Wand – »die heiraten Sie par convenance, und dann betrügen sie Sie mit der ersten besten Tänzerin . . .«

»Cousin!« rief Sophie ernst, fast erschrocken.

»Sie wissen doch das alles selbst, Cousine . . .«

»Was sollte ich denn sonst tun? Sollte ich Mama sagen, daß ich Mr. Jelnin heiraten wolle? . . .«

»Ja – Sie hätten in Ohnmacht fallen sollen, nicht aus dem Grunde, aus dem es geschah, sondern weil man es wagte, sich in Ihre Herzensangelegenheiten einzumischen! Sie hätten aus dem Hause gehen und seine Frau werden sollen. Er schriftstellert, korrespondiert, gibt Stunden, nimmt Geld dafür und lebt davon – welche Schmach in der Tat! Und jene da« – er zeigte wieder auf die Ahnen »nahmen Geld, schrieben keine Verse und lebten immer nur von fremder Arbeit – das ist ehrenhaft! . . . Was ist denn schließlich aus Jelnin geworden?«

»Ich weiß es nicht,« sagte sie gleichgültig. »Man verbot ihm das Haus, und ich habe ihn nie wieder gesehen.«

»Und Sie hatten auch kein Interesse weiter für ihn?«

»Nein . . .«

»Das wahre, wirkliche Leben, das Glück stand von Angesicht zu Angesicht vor Ihnen – und Sie haben es von sich gestoßen! Warum? Aus welchem Grunde?«

»Sie wissen doch, Cousin, daß ich verheiratet war, daß ich ein glückliches Leben geführt habe . . .«

»Mit ihm?« fragte er und warf einen Blick auf das Porträt ihres Gatten.

»Ja, mit ihm!« sagte sie und sah das Porträt zärtlich an.

»Und wie wurden Sie denn nun seine Frau?«

»Sehr einfach. Er war eben aus dem Ausland gekommen, machte bei uns Besuch, erzählte von dem Leben in Paris, sprach von der Königin, von den Prinzessinnen, war einigemal bei uns zum Diner und bat dann durch die Fürstin um meine Hand.«

»Und als Sie nun einwilligten und zum erstenmal mit ihm allein waren . . . was sagte er da? . . .«

»Nichts!« sprach sie und lächelte ein wenig erstaunt.

»Aber er sagte Ihnen doch sicherlich, weshalb er sich um Ihre Hand beworben hätte, was ihn zu Ihnen hingezogen hatte . . . daß es für ihn nichts Schöneres, Herrlicheres auf der ganzen Welt gäbe . . .«

»Und daß er nicht Worte genug finden könne, um mich zu verherrlichen, daß er jedoch fürchte, sentimental zu werden. . .« fügte sie spöttisch hinzu.

»Na also – was tat er denn dann?«

»Dann setzte er sich an den Kartentisch, während ich mich für das Theater anzog: er war nämlich an diesem Abend mit in unserer Loge. Nun, und am nächsten Tage fand dann die feierliche Verlobung statt.«

»Ein sehr einfacher Verlauf in der Tat,« bemerkte Raiski.

»Und später, nach der Hochzeit?«

»Nach der Hochzeit fuhren wir ins Ausland.«

»Ah, endlich! Sie waren nun nicht mehr in der großen Welt, nicht mehr im Bannkreis der Ahnen! Irgendwohin nach Italien ging’s, in die Schweiz, an den Rhein, in einen stillen Winkel, in dem das Herz zu seinem Rechte kam. . .«

»Nein, nein, Cousin – wir fuhren nach Paris: mein Mann wurde mit einer Mission dorthin betraut, und er stellte mich bei Hofe vor.«

»Ich war sehr glücklich,« sagte die Bjelowodowa, und ihr Lächeln wie ihr Blick bestätigten, daß sie mit Genugtuung auf die Vergangenheit zurückblickte: »Ja, Cousin, als ich das erstemal zum Balle in den Tuilerien erschien und in den Kreis geführt wurde, in dem sich der König, die Königin und die Prinzen befanden . . .«

»Da tönte ein lautes ›Ach!‹ von allen Lippen?« sagte Raiski.

Sie nickte mit dem Kopfe und seufzte dann, als ob sie bedauerte, daß diese schönen Tage entschwunden waren. »Wir hielten in Paris offenes Haus; dann fuhren wir ins Bad; mein Mann gab Bälle und Banketts, von denen in den Zeitungen berichtet wurde.«

»Und Sie waren glücklich?«

»Ja,« sagte sie – »ich war glücklich: ich sah nie eine unzufriedene Miene bei Paul, hörte nie . . .«

»Ein herzliches, zärtliches Wort, erlebte nie einen Augenblick leidenschaftlicher, inniger Hingabe . . .«

Sie schüttelte nachdenklich und verneinend den Kopf.

»Nie wurde mir ein Wunsch, nie auch nur eine Laune versagt . . .« fügte sie hinzu.

»Hatten Sie denn überhaupt jemals Launen?«

»O ja: in Wien hatte Paul schon ein Hotel für uns gemietet, und als wir ankamen, gefiel es mir nicht, und . . .«

»Er mietete mir ein anderes Hotel – wie großmütig!«

»Welche Aufmerksamkeit, welche Rücksicht und Feinfühligkeit in jedem seiner Worte . . .« sagte sie.

»Nun, das wäre auch: Sie waren doch eine Pachotina!«

»Ja, ich war glücklich,« sagte sie in entschiedenem Tone, »und ich werde nie wieder so glücklich sein!«

»Gott helfe mir – Amen!« fügte er hinzu. »Auch der Kanarienvogel ist in seinem Bauer glücklich, und er singt sogar; aber sein Glück ist eben das Glück des Kanarienvogels, und kein Menschenglück . . . Nein, Cousine, man hat in Ihnen systematisch und auf höchst raffinierte Weise alle Freiheit des Denkens und Fühlens unterdrückt! Sie sind nur eine schöne Gefangene in diesem Serail der großen Welt, Sie müssen innerlich erfrieren in dieser dumpfen Unbewußtheit, in der Sie gehalten werden.«

»Und ich will diese Unbewußtheit nicht gegen Ihr gefährliches Wissen vertauschen . . .«

»Ganz wie der Kanarienvogel, der sich an seinen Käfig gewöhnt hat: wenn man ihn öffnet, fliegt er nicht davon, sondern flüchtet sich ängstlich in eine Ecke. Sie gleichen ihm ganz und gar! Erwachen Sie aus Ihrem Schlummer, Cousine, lassen Sie alle Ihre Catherinen laufen, verzichten Sie auf diese Ausfahrten und lernen Sie das andere Leben kennen! Und wenn Ihr Herz nach der Freiheit verlangt, dann fragen Sie nicht, was die Cousine sagt . . .«

»Sondern was der Cousin sagt, nicht wahr?«

»Ja, denken Sie an Ihren Cousin Raiski und tauchen Sie getrost unter in dieses Leben voll Leidenschaft, in dieses Ihnen unbekannte Land . . .«

»Aber warum durchaus die Leidenschaft?« warf sie ein – »liegt denn in ihr das Glück?«

»Warum gibt es Gewitter in der Natur? . . . Und die Leidenschaft – ist das Gewitter des menschlichen Lebens . . . O, wenn Sie doch einmal solch ein gewaltiges Gewitter kennenlernten!« sagte er ganz hingerissen und versank in Nachdenken.

»Sehen Sie, Cousin: alle anderen außer Ihnen warnen mich vor der Leidenschaft, und Sie wollen mich mit Gewalt hineinstoßen, damit ich dann mein ganzes Leben lang Reue empfinde . . .«

»Nein, nicht Reue wird der Leidenschaft folgen: sie wird die Luft rings um Sie reinigen, wird die Miasmen, die Vorurteile in die Flucht jagen und Sie Ihr wahres Leben genießen lehren . . . Sie werden nicht sinken, Sie sind zu klar, zu rein dazu; das Laster kann Ihnen nichts anhaben. Die Leidenschaft wird Sie nicht erniedrigen, sondern im Gegenteil hoch emporheben. Sie werden zwischen Gut und Böse unterscheiden lernen, Sie werden das Glück in vollen Zügen genießen und dann in köstlichem Erinnern leben, das nichts gemein haben wird mit diesem schläfrigen, stillen Hinbrüten, in dem Sie jetzt Ihre Zeit verbringen. Sie werden die Ruhe haben, den Frieden – aber das Bewußtsein des Glücks wird in diesem Frieden pulsieren; Sie werden hundertmal schöner sein als jetzt, werden voll Zärtlichkeit, voll stiller Melancholie sein, die Tiefe Ihres eigenen Herzens wird sich Ihnen erschließen, und die ganze Welt wird Ihnen dann zu Füßen fallen, wie ich es jetzt tue . . .«

Er wollte in der Tat vor ihr hinknien, aber sie machte eine erschreckte Bewegung, und er hielt inne.

»Und wenn Sie mir dann begegnen, vielleicht ermattet vor Schmerz und Gram, aber auch reich an Erfahrung und Glück, dann werden Sie sagen, daß Sie nicht umsonst gelebt haben, und werden Ihre Unkenntnis des Lebens nicht als Entschuldigung anführen können! Und dann werden Sie auch dort hinausschauen wollen, auf die Straße, werden in Erfahrung zu bringen suchen, was Ihre Bauern treiben, werden sie ausreichend ernähren, sie belehren, ihre Leiden lindern wollen . . .«

Sie hörte nachdenklich zu. Zweifel, Bedenken, Erinnerungen huschten über ihr Gesicht.

»Nicht alle Männer sind so wie Bjelowodow,« fuhr er fort. »Vielleicht finden Sie einen Freund, der seinem Herzen und seiner Zunge nicht so Zwang anzutun weiß, und wenn Sie dann etwa in der sommerlichen Einsamkeit eines finnischen Dorfes die Stimme des Herzens vernommen haben, werden Sie erschrecken vor dieser Welt, in der Sie bis jetzt gelebt haben. Paris und Wien werden verblassen vor jenem Dörfchen. Fort mit dem prince Pierre, dem comte Serge, mit den Tanten, mit diesen Ahnenbildern, diesen Draperien – alles das ist dem Glücke nur hinderlich. Ihre Schweizer und Lakaien, Ihre Pascha und Dascha, Ihre Spazierfahrten werden Ihnen zuwider sein. Es wird Ihnen sein, als sollten Sie ersticken hier in diesem Leben, öde und langweilig wird es Ihnen scheinen ohne den, den Sie lieben, der Sie zu leben lehrt. Wenn er erscheint, werden Sie in Verwirrung geraten, Sie werden erbeben, erröten, erblassen beim Klange seiner Stimme; wenn er geht, wird Ihr Herz aufschreien und ihm nachstürzen wollen, und in banger Erwartung wird es sich härmen und dem Morgen, dem Übermorgen entgegenschauen . . . Sie werden nicht essen, nicht schlafen, werden die Nacht ohne Schlummer, ohne Ruhe hier in diesem Sessel verbringen. Und wenn Sie ihn dann morgen sehen, oder auch nur die Hoffnung haben, ihn zu sehen, dann werden Sie frischer sein als diese Blume da, Sie werden glücklich sein, und auch er wird unter Ihren strahlenden Blicken das Glück empfinden. Und nicht er allein, sondern auch jeder dritte, der Sie in diesem Glorienschein des Glückes, der Schönheit sehen wird . . .«

»Was ist das nur?« sagte sie und sah unruhig nach der Zimmertür – »es scheint, daß Papa nicht kommt?« Und ganz leise fügte sie nach kurzer Weile hinzu: »Was Sie da eben sagten, ist ganz unmöglich.«

»Warum?« fragte er und sah sie dabei durchdringend an. Seine Phantasie war aufs lebhafteste erregt: unwillkürlich, ganz unbewußt hatte er sich selbst an die Stelle des Helden, der ihm vorschwebte, gesetzt; er sah sie an, bald herausfordernd kühn, bald wie in tiefem Sinnen, als ob er sich selbst vor ihr auf den Knien sähe, mit glühendem Gesichte. Und sein Gesicht war wirklich wie in Flammen getaucht: sie sah ihn das eine und andere Mal an, wandte dann aber ihr Auge nicht mehr nach ihm hin, als hätte sie Angst, ihn anzuschauen.

»Warum unmöglich?« wiederholte er.

»Ich bin doch – ein Kanarienvogel!« versetzte sie.

»O, dann wird diese Portiere hier sich öffnen, und Sie werden hinausflattern aus dem Käfig; dann werden Sie die Tanten und diese verblichenen Herren hier hassen, und jenes Porträt« – er zeigte auf das Bildnis ihres Mannes – »werden Sie nur noch mit einem feindseligen Gefühl ansehen können.«

»Ach, Cousin! . . .« fiel sie ihm vorwurfsvoll ins Wort.

»Ja, Cousine, Sie werden jede Minute für verloren halten, die Sie so wie bisher verbracht haben . . . Ihr Auge wird nicht mehr diesen vornehm kühlen, stolzen Ausdruck haben, es wird so sanft, so nachdenklich blicken, Sie werden auch nicht mehr dieses steife, elegante Kleid tragen . . . unwillig werden Sie dieses massive Armband ablegen und das Kreuz auf Ihrer Brust wird nicht so ruhig und symmetrisch daliegen. Erst wenn Sie mit den Ahnen und Tanten abgerechnet und den Rubikon überschritten haben – erst dann wird für Sie das wahre Leben beginnen . . . Ihre Stunden, Tage, Nächte werden unmerklich dahinfließen . . .« Er setzte sich ganz dicht neben sie, und sie bemerkte es nicht, so tief war sie in Gedanken versunken.

»Sie werden nicht merken, wie sie Ihnen entschwinden,« flüsterte er, »Sie werden nur schwelgen und genießen, werden den Gedanken an ihn nimmer los werden – träumen werden Sie von ihm im Schlafen und Wachen . . .«  Er nahm ihre Hand, und sie fuhr zusammen.

»Wenn Sie allein zu Hause weilen, werden Sie plötzlich in Tränen ausbrechen vor Glück: unsichtbar wird jemand in Ihrer Nähe weilen und auf Sie schauen . . . Und wenn in diesem Augenblick er selbst erscheint, werden Sie aufschreien vor Freude, werden aufspringen und . . . und . . . sich an seine Brust werfen . . .«

Beide erhoben sich plötzlich.

»Und Sie werden ihm alles . . . alles geben!« flüsterte er, während er ihre Hand hielt.

»Mon Dieu. mon Dieu!« sagte sie voll Erregung und Ungeduld und entzog ihm fast ärgerlich ihre Hand.

»Und Sie werden bedauern,« flüsterte er weiter, »daß Sie ihm nichts weiter geben, nicht noch ein größeres Opfer bringen können! Sie werden auf die Straße hinauseilen, in finsterer Nacht, allein . . .«

»Mon Dieu, mon Dieu!« rief sie und blickte nach der Tür – »was reden Sie da? . . . Sie wissen doch selbst, daß dies unmöglich ist!«

»Alles ist möglich,« flüsterte er. »Sie werden vor ihm niederknien, werden Ihre Lippen leidenschaftlich auf seine Hand pressen, werden weinen vor Glück und Lust . . .«

Sie nahm in dem Sessel Platz, warf den Kopf zurück und seufzte schwer.

»Je vous demande une grâce, cousin,« sagte sie.

»Sprechen Sie! Befehlen Sie!« rief er ganz begeistert.

»Laissez moi!«

Er ging nach der Tür und sah nach ihr zurück. Sie saß unbeweglich da: nichts weiter war in ihrem Gesicht zu lesen, als nur der ungeduldige Wunsch, daß er schon gehen möchte. Kaum hatte er das Zimmer verlassen, als sie sich erhob, aus der Karaffe ein Glas Wasser eingoß, es langsam austrank und dann die bereits angespannten Pferde abzuschirren befahl. Nun setzte sie sich wieder in den Sessel und saß in tiefem Nachdenken da, ohne sich zu rühren.

Wenige Minuten darauf ließen sich Schritte vernehmen, und die Portiere öffnete sich. Sophie fuhr zusammen, blickte flüchtig in den Spiegel und stand auf. Der Vater trat ein und mit ihm ein Gast, ein Herr in mittleren Jahren, hochgewachsen, brünett, mit melancholischem Gesichte. Es war keine russische Physiognomie. Der Vater stellte ihn Sophie vor.

»Graf Milari, ma chére amie,« sagte er— »grand musicien et le plus aimable garcon du monde. Er ist seit vierzehn Tagen in Petersburg – du hast ihn ja damals bei der Fürstin, beim Balle, gesehen? Verzeih, meine Liebe, ich war beim Grafen, und er ließ mich nicht fort – ich konnte dich nicht zum Theater abholen . . .«

»Ich habe schon ausspannen lassen, Papa; ich habe keine Lust, heut hinzufahren,« antwortete sie.

Sophie bat den Gast, Platz zu nehmen. Sie begannen sich über Musik zu unterhalten, und Nikolaj Wassiljewitsch ging, sich auf die Lippen beißend, ins Gastzimmer.




Fünfzehntes Kapitel


Raiski kehrte wie berauscht nach Hause zurück, er achtete kaum auf den Weg, das Treiben der Straße, die Passanten, die vorüberfahrenden Wagen. Er sah nur Sophie – sah sie im Bilde, in einem Rahmen von Samt und Spitzen, ganz in Seide und im Schmuck der Brillanten, doch war es nicht mehr die ruhige, allen Gefühlen unzugängliche Sophie von früher.

Er hatte in ihrem Gesicht die ersten schüchternen Strahlen des Lebens bemerkt, flüchtige Blitze der Ungeduld, dann der Unruhe und Furcht, und zuletzt war es ihm gelungen, eine gewisse Erregtheit, vielleicht ein unbewußtes Bedürfnis nach Liebe in ihr hervorzurufen.

Er hatte den Zweifel in ihre Seele geworfen, vielleicht Fragen in ihr geweckt, vielleicht auch das Bedauern über ein verlorenes Leben, mit einem Wort: er hatte sie in Wallung gebracht. Und in weiter Ferne sah er dann die Leidenschaft von ihrer Seele Besitz nehmen, sah er das Drama sich entwickeln, die Statue sich zum Weibe wandeln.

Vorläufig war er auch schon mit diesem winzigen Erfolge seiner Propaganda zufrieden; er hoffte, daß nun die Ahnen in ihren Augen von dem hohen Piedestal herabsteigen würden.

Noch zwei-, dreimal, dachte er, würde er den Zipfel des Vorhangs vor ihren Augen lüften und sie einen Blick in die strahlende Ferne tun lassen – dann wird ihr plötzlich das Verständnis für das Leben, das Glück aufgehen. Ihr Blick wird verwundert auf jemandem ruhen und sich wieder heben, um starr in die Ferne zu schauen— und wie im Handumdrehen wird sie umgewandelt sein.

»Wer aber wird dieser Jemand sein?« fragte er sich eifersüchtig. »Wird es nicht der sein, der zuerst in ihr den Funken angefacht, das Gefühl geweckt hat? Hatte er nicht ein Anrecht darauf, daß ihr Gefühl sich nun auch ihm zuwandte?«

Er blickte in den Spiegel und versank in Nachsinnen, trat dann ans Fenster, öffnete das Luftpförtchen und atmete die frische Luft ein. Die Klänge eines Violoncells drangen an sein Ohr.

»Ach, da beginnt dieser Kerl wieder auf seinem Instrument herumzusägen!« sagte er ärgerlich, während sein Blick das gegenüberliegende Fenster des Seitenflügels streifte. »Und immer dieselben Passagen!« fügte er hinzu und schloß das Luftpförtchen heftig.

Aber die Töne drangen noch immer, wenn auch nur gedämpft, an sein Ohr. Jeden Morgen und jeden Abend sah er diesen Menschen dort am Fenster, über sein Instrument gebeugt, hörte er die ewigen Wiederholungen dieser fast unmöglichen Passagen, fünfzigmal, hundertmal, ganze Wochen und Monate lang.

»Dieser Esel!« sagte Raiski, legte sich auf den Diwan und versuchte einzuschlafen, aber die Töne verstummten nicht, so tief er auch sein Ohr in das Kissen hineinwühlte. Immer und immer wieder, unaufhörlich klang dieses Sägen und Kratzen durch die Luft.

»Ein richtiger Esel, weiß Gott!« wiederholte er, setzte sich selbst ans Klavier und begann kräftig in die Tasten zu greifen, um das Violoncell zu übertönen. Dann schlug er paar lustige Triller an und spielte einige Motive aus verschiedenen Opern, um das Wimmern dort drüben nicht zu hören, und schließlich vergaß er es über seinen eigenen Improvisationen.

Vor seinem Geiste schwebte Sophie: während des Spiels sah er nur immer sie, schon war ihre Leidenschaft geweckt, schon liebte und litt sie – doch als er dann fragte: »Wer ist’s, den sie liebt?« – da brach sein Spiel plötzlich wie von selbst ab. Er erhob sich vom Klavier und öffnete das Pförtchen.

»Er spielt immer noch!« murmelte er ganz verwundert und wollte das Pförtchen sogleich wieder zuwerfen, als er plötzlich wie gebannt stehenblieb.

Das waren nicht dieselben Töne: nicht jenes Wimmern, jenes ewige Wiederholen der schwierigen Passagen vernahm er. Eine kräftige Hand führte den Bogen; er hatte das Gefühl, als strichen sie unmittelbar über seine Nerven hin. Die Töne weinten und lachten wie auf Geheiß, und es war, als ob sie den Zuhörer in ein wogendes Meer versetzten, ihn jetzt tief in den Abgrund schleuderten, dann plötzlich in die Höhe emporschnellten und durch die Lüfte forttrügen.

Welten öffneten sich vor ihm, Visionen tauchten auf, zauberische Gefilde weiteten sich. Mit Augen und Ohren lauschte Raiski dem Spiel: er sah nur die Gestalt dort in der bloßen Weste und in Hemdärmeln; eine Kerze beleuchtete die feuchte Stirn, die Augen waren nicht sichtbar. Boris schaute starr und unbeweglich nach ihm hin, wie dereinst nach Waßjukow.

»O, was ist das?« dachte er, während er erschauernd, fast erschreckt, diesen harmonisch hinflutenden Tonwellen lauschte.

»Was ist das?« wiederholte er seine Frage – »woher kommen ihm diese Töne? Wer hat sie ihm eingegeben? Verdankt er sie seiner monate- und jahrelangen Eselsarbeit, seiner Geduld und Ausdauer? Jahrelang Gipsköpfe zeichnen, jahrelang auf den Saiten herumsägen – ist’s das, was dem Bilde Feuer und Leben leiht, was die Kraft gibt, den magischen Punkt oder Strich hinzusetzen, was dem Spiel die Leidenschaft, den nervös vibrierenden Fingern die Zauberkraft einflößt? Alles das ist mir doch nicht fremd: der magische Punkt, und das nervöse Vibrieren, und die flammende Leidenschaft – sie sind hier, in meiner Brust!« Er schlug sich bei diesen Worten selbst gegen die Brust. »Nur eins vermag ich nicht: sie in einer anderen Brust aufflammen zu lassen! Ich bringe es nicht fertig, mit meinem Feuer das Blut des Zuschauers zu entzünden! Das heilige Feuer geht bei mir nicht über in die Töne, läßt sich nicht bannen in meine Bilder. Die Gestalten meiner Gedichte, meiner Romane gruppieren sich nicht harmonisch – wie geht das nur zu?«

Und wiederum lauschte er und war ganz Ohr: er hörte weder den Bogen noch die Saiten; das Instrument war nicht vorhanden, frei und begeistert schien die Brust des Künstlers selbst zu tönen.

Tränen der Rührung traten Raiski in die Augen, und er schloß leise das Pförtchen.

Geduld und Ausdauer – besaß er selbst sie denn nicht, diese wundertätigen Eigenschaften? Welche Anstrengungen machte er nicht, um . . . seine Pläne bei der Cousine durchzusetzen, wieviel Geist, Phantasie und Anstrengung verwandte er darauf, um in ihr das Feuer, das Leben, die Leidenschaft zu wecken! . . . Das war das Ziel, das seine Kräfte in Anspruch nahm!

»Du darfst nicht die Kunst ins Leben hinaustragen wollen,« flüsterte ihm jemand zu, »sondern mußt vielmehr Leben bringen in die Kunst! Hüte die Kunst, hüte deine Kräfte!«

Er trat an die Staffelei und zog den grünen Taft zurück: ein Porträt Sophies wurde sichtbar – ihre Augen, ihre Schultern, ihre Ruhe.

»Jetzt aber ist sie eine andere,« flüsterte er. »Anzeichen des Lebens sind in ihr erwacht, und ich sehe sie – da, da sind sie, vor meinen Augen! Wie soll ich sie nur festhalten?« Er nahm den Pinsel und die Palette, änderte ein wenig an den Augen und an der Linie der Lippen, legte dann mit einem Seufzer den Pinsel wieder hin und trat von dem Bilde weg. Das Kleid, die Spitzen, der Samt waren nur oberflächlich hingeworfen. Und die Hände waren nicht richtig.

Er betrachtete noch ein paar verstaubte Bilder: alles begonnene und flüchtig entworfene Skizzen; dann besah er einige Gemälde in Rahmen und verweilte da und dort länger am längsten bei dem Kopfe des Hektor.

Endlich nahm er ein kleines Ölgemälde in die Hand, es war eine rasch hingeworfene Porträtstudie, die ein blondes junges Weib darstellte. Er stellte das Bild auf die Staffelei, setzte sich an den Tisch und saß, den Kopf auf den Ellbogen gestützt, mit den Fingern in seinem Haar wühlend und den gramerfüllten Blick unbeweglich auf den Kopf gerichtet, eine ganze Zeit lang da.

Ganz in sich gekehrt, wie geistesabwesend, saß und saß er da. Dann erwachte er plötzlich aus seinem Brüten, setzte sich an den Schreibtisch und begann unter seinen Manuskripten zu suchen. Einige davon durchblätterte er kopfschüttelnd, zerriß sie und warf sie in den Papierkorb unter dem Schreibtisch; andere legte er auf die Seite. Unter den Stößen literarischer Versuche, die da aufgehäuft waren, fand er ein Heft mit der Aufschrift: »Natascha«.

Er hatte darin ein Episode aus seiner Vergangenheit geschildert, aus der Zeit, als er eben zum Leben erwacht war, als er liebte und geliebt wurde. Vor langer Zeit schon hatte er das geschrieben, unter dem Einfluß eines Gefühls, das ihn ganz erfüllte. Er wußte damals selbst nicht, warum er es niederschrieb – vielleicht war es in der sentimentalen Absicht geschehen, diese Blätter dem Gedächtnis seiner armen kleinen Freundin zu weihen, oder sie als Andenken an seine Jugendliebe für das Alter zu bewahren; vielleicht lebte aber auch schon damals in ihm die Idee des Romans, von dem er Ajanow gesprochen hatte, in dem er diese rührende Episode aus seinem eigenen Leben als Sujet verwenden wollte. Er sprach darin von sich in der dritten Person, und die Gestalt des zärtlich liebenden Weibes war ihm die Hauptsache in dieser leicht hingeworfenen Skizze.

». . . Als er vom Mittagessen in seinem Künstlerkreise nach Hause kam,« las Raiski halblaut in seinem Heft, »fand er auf dem Tische einen Zettel mit den Worten: ›Besuche mich, lieber Boris, ich liege im Sterben! Deine Natascha.‹

»O Gott, Natascha!« schrie er ganz außer sich und eilte die Treppe hinunter. Er stürzte auf die Straße, jagte in einer Droschke nach dem engen Seitengäßchen an der Erscheinungskirche, betrat hastig das Haus und eilte in das dritte Stockwerk hinauf. Zwei Wochen lang war er nicht dagewesen, zwei ganze Wochen lang – eine Ewigkeit! Wie ging es ihr?

Er blieb atemlos vor der Tür stehen. In seiner Aufregung griff er bald nach dem Klingelzug, bald ließ er ihn wieder los. Endlich zog er doch die Klingel und trat ein.

Die Wirtin – eine ältere Frau, die Gattin eines Beamten – trat ihm entgegen. Schweigend, mit einem Blick, in dem er deutlich den Vorwurf lesen konnte, nahm sie seine Verbeugung entgegen, und auf die im Flüsterton vorgebrachte Frage: ›Wie geht es ihr?‹ antwortete sie nichts, sondern ließ ihn an sich vorübergehen, schloß leise die Tür hinter ihm und entfernte sich.

Er trat auf den Zehenspitzen in das Zimmer und sah sich voll Unruhe nach Natascha um.

Im Zimmer stand ein mit Rips überzogener Diwan aus Mahagoniholz und davor ein runder Tisch; auf dem Tische erblickte er ein Arbeitskörbchen und eine angefangene Handarbeit.

In einer Ecke glomm vor einem Heiligenbilde ein Öllämpchen; an den Wänden standen Stühle mit dem gleichen Überzug wie der Diwan, auf dem Fenster zwei Blumentöpfe mit welkgewordenen Blumen und zwei kleine Vogelbauer, in denen die Kanarienvögel schliefen.

Er blickte nach dem Bettschirm und fürchtete sich, weiterzugehen.

›Wer ist da?‹ ließ eine leise Stimme hinter dem Schirm sich vernehmen.

Er trat hinter den Schirm. Dort lag im Bett zwischen den Kissen, vom trüben Licht einer kleinen Nachtlampe beleuchtet, eine blonde junge Frau. Ihr Gesicht war ganz bleich, wie wächsern, ihr Blick heiß und glühend, und die Lippen waren blaß und trocken. Sie wollte sich nach ihm umwenden; als sie ihn erblickte, machte sie eine lebhafte Bewegung und faßte mit der Hand nach ihrer Brust.

›Du bist es, Boris, du!‹ rief sie zärtlich mit matter Freude, reichte ihm ihre beiden abgemagerten, bleichen Hände und sah ihn immer wieder an, als wollte sie ihren Augen nicht trauen.

Er beugte sich über sie und küßte ihre Hände.

›Du bist bettlägerig – und hast mich bis heut nichts davon wissen lassen!‹ sagte er im Tone des Vorwurfs.

Sie versuchte mit ihrer schwachen Hand seine Hand zu drücken, vermochte es jedoch nicht und ließ den Kopf wieder in die Kissen sinken.

›Verzeih, daß ich dich herbemüht habe,‹ brachte sie mit Mühe hervor —›ich sehnte mich so, dich zu sehen! Seit einer Woche liege ich im Bett: ich hatte solche Schmerzen in der Brust . . .‹

Sie seufzte. Er hörte nicht, was sie sagte, sondern blickte nur voll Entsetzen in ihr Gesicht, das ihm noch jüngst so heiter zugelächelt hatte. Was war aus ihr geworden? ›Was ist mit dir? . . .‹ wollte er fragen, doch blieben ihm die Worte in der Kehle stecken, und in plötzlicher Aufwallung barg er sein Gesicht neben dem ihrigen in den Kissen und brach in lautes Schluchzen aus.

›Was denn? Was ist denn?‹ fragte sie und streichelte zärtlich seinen Kopf: sie machten sie so glücklich, diese Tränen. ›Es ist nichts von Bedeutung, sagte der Doktor, es wird vorübergehen . . .‹

Aber er hörte nicht auf zu schluchzen: er begriff, daß es nicht vorübergehen würde.

›Ich dachte, du würdest mich aufheitern. Ich hatte solche Langeweile und solche Angst, als ich hier so allein lag . . .‹ Sie fuhr zusammen und blickte um sich. ›Deine Bücher habe ich alle gelesen, sie liegen dort auf dem Stuhle,‹ fügte sie hinzu. ›Wenn du sie durchblätterst, wirst du am Rande meine Bemerkungen finden; ich habe mit dem Bleistift alle Stellen unterstrichen, die mich . . . an unsere Liebe . . . erinnerten . . . Ach, ich bin so matt, ich kann nicht sprechen . . .‹ Sie hielt in ihrer Rede ein und netzte mit der Zunge ihre heißen Lippen. ›Gib mir zu trinken . . . dort . . . auf dem Tische . . . ist Wasser!‹

Sie trank ein paar Tropfen und zeigte dann auf eine Stelle des Kissens – dahin möchte er seinen Kopf legen, gab sie ihm durch ein Zeichen zu verstehen. Sie legte ihre Hand auf seinen Kopf, und er trocknete heimlich seine Tränen. ›Du wirst dich hier langweilen,‹ flüsterte sie leise. ›Verzeih, daß ich dich hergebeten habe . . . Wie wohl mir jetzt ist – wenn du wüßtest!‹ sprach sie selbstvergessen, halb wie im Traume, und fuhr mit der Hand durch sein Haar. Dann legte sie ihren Arm um seinen Hals, blickte ihm in die Augen und versuchte zu lächeln. Er erwiderte schweigend, mit Zärtlichkeit, ihre Liebkosungen und hielt gewaltsam die Tränen zurück, die sich ihm in die Augen drängten.

›Wirst du heut bei mir bleiben?‹ fragte sie und blickte ihm dabei in die Augen.

›Den ganzen Abend, die ganze Nacht! Ich verlasse dich nicht, bis . . .‹

Mit Gewalt drängten sich ihm die Tränen in die Augen.

›Nein, nein, warum? Ich will nicht, daß du dich grämst . . . Beruhige dich, leg’ dich schlafen – mir fehlt nichts, wirklich nichts . . .‹

Sie versuchte zu lächeln, vermochte es jedoch nicht.

›Ich will dir etwas sagen – aber du darfst nicht böse werden . . .‹

Er drückte ihre feuchte Hand.

›Ich habe nämlich eine List gebraucht . . .‹ flüsterte sie, ihre Wange an die seine legend. ›Seit vorgestern fühle ich mich weit besser, und ich schrieb dir, daß ich im Sterben liege . . . Aber ich wollte dich nur hierher locken . . . verzeih mir!‹

Sie lächelte, er aber ward starr vor Entsetzen: er sah und hörte, wie es mit dieser Besserung stand. Doch er versuchte zu lächeln, drückte krampfhaft ihre Hände und ließ den ängstlichen Blick bald über ihre Gestalt, bald durchs Zimmer schweifen.

Ganz plötzlich war er aus dem hellerleuchteten Saal, aus dem fröhlichen Kreise seiner Freunde, junger Künstler und schöner Frauen, in dieses schlichte Zimmer gekommen. Er setzte sich auf den Stuhl neben ihrem Bett und vertiefte sich in die Bilder seiner Phantasie: in schneidendem Kontrast erschien ihm sein ungebundenes, lustiges Leben zu diesem Schmerz, der sich plötzlich in seine Seele gesenkt hatte. Dort der große, hell und heiter erleuchtete Raum, die fröhlichen Genossen, in schwellender Jugendkraft und Gesundheit, heitere Lieder singend, angeregt plaudernd, beim üppigen Mahle, schäumende Becher auf der Prunktafel und duftende Blumen. Und zwischen ihnen, den Freunden, die fröhlichen Gesichter junger Frauen, in Lebenslust und Schönheit erstrahlend: Schauspielerinnen, Sängerinnen, Tänzerinnen, neben den Künstlern die goldene Jugend – Schönheit, Geist, Talent, Humor, kurz alles, was die Sonnenseite des Lebens bietet, in berauschender Harmonie beisammen! Und nun waren ihm plötzlich hier, in diesem ärmlichen, kleinen Zimmer, angesichts dieses früh vernichteten, vor seinen Augen verlöschenden Lebens die dunkelsten Schatten des Daseins entgegengetreten.

Dort hatte er die in jugendlicher Frische strahlende Stirn, die herrlichen Augen, das in üppigen Flechten über Nacken und Schultern herabwallende Haar und die volle Büste der Königin des Festes bewundert. Und hier sahen ihn die eingefallenen, kaum noch flackernden Augen der Sterbenden an, ihr Haar erschien trocken und farblos, und der Körper war zum Skelett abgemagert . . . Der furchtbare Gegensatz der beiden Bilder schnitt ihm tief ins Herz; ein unüberbrückbarer Abgrund schien zwischen ihnen zu liegen – und doch waren sie beide wahr und wirklich. In einer Galerie hätte man sie nicht nebeneinander hängen dürfen, das Leben aber stellte grausam das eine neben das andere – und er stand da und starrte darauf mit verstörtem, stierem Blicke.

Ein Schauer des Entsetzens, der tiefsten Seelenqual überlief ihn. Unwillkürlich gruppierte er die Gestalten, gab er jeder von ihnen, auch sich selbst, die Haltung, die die Komposition des Ganzen zu verlangen schien, fügte er Fehlendes hinzu, beseitigte er das Überflüssige. Und während die Phantasie so in seinem Innern erbarmungslos arbeitete, erschrak er zugleich über diesen seelischen Prozeß, faßte mit der Hand nach seinem Herzen, um den Schmerz zurückzudämmen, das erstarrte Blut zu erwärmen und die furchtbare Pein seiner Seele zu beschwichtigen, die sich bei jedem schmerzlichen Aufseufzen der Kranken in einem gellenden Aufschrei Luft zu machen suchte.

Diese Liebe auf dem Sterbebett sengte sein Herz wie glühendes Eisen; jede Liebkosung nahm er mit einem Schluchzen entgegen, wie eine Blume, die von einem Grabe gepflückt war.

Als sein Schmerz ein wenig zur Ruhe gekommen war und er nur noch die schweren Atemzüge Nataschas vernahm, rollte sich vor seinem Auge die Geschichte dieses jungen Menschenlebens auf, das da vor seinen Augen erlosch. Er sah sie als ganz junges Mädchen, mit offenem, leicht verschämtem Blick, unter der schwachen Aufsicht einer armen, kranken Mutter heranwachsend.

Er hatte sie in einem gefährlichen Augenblick kennengelernt, als ihrer jugendlichen Unwissenheit und Unschuld schlimme Fallstricke bereitet wurden. Unter der Maske der Teilnahme und alter Freundschaft hatte ein vermeintlicher Freund der Mutter eine Pension erwirkt und ihr auch den Arzt geschickt. Jeden Abend erschien der alte, bereits ergraute Wüstling, um unter dem Vorwande, die Mutter zu besuchen und sich nach ihrem Befinden zu erkundigen, seine Verführungskünste bei der Tochter zu versuchen. Die Mutter erlag damals langsam derselben Krankheit, der jetzt, nur wenige Jahre später, auch die sie überlebende Tochter zum Opfer fallen sollte. Raiski hatte damals sogleich die Sachlage durchschaut und war entschlossen, die Tochter zu retten.

Er meinte es aufrichtig mit seinem Rettungswerk, öffnete der Mutter wie der Tochter die Augen über die wahren Absichten des »Wohltäters« und verliebte sich dabei selbst in Natascha. Er fand Gegenliebe bei ihr, sie wurden glücklich miteinander und empfingen den Segen der sterbenden Mutter für ihren Herzensbund.

Sie meinten es beide so gut, so ehrlich miteinander. Er achtete ihre Unschuld, sie schätzte sein treues, aufrichtiges Herz – beide sahen im ehelichen Bunde den natürlichen Abschluß ihrer Liebe, und beide waren zu schwach, um auszuharren . . .

Ein halbes Jahr brachte die Mutter auf dem Krankenlager zu, dann starb sie. Ihr Grab stand zwischen ihnen und dem Traualtar— die tiefe Trauer, die sich plötzlich auf Nataschas junges Leben gesenkt hatte, griff den zarten, von der ererbten Krankheit bedrohten Organismus schwer an, während zugleich, noch stärker als die Krankheit, die Liebe mit ihrer Ungeduld und ihrem Hunger nach Glück an ihm zehrte.

Die Ärzte setzten den heißen Wünschen der beiden Liebenden ihr Machtwort entgegen: sie müßten, hieß es, drei bis vier Monate warten, ehe sie vor den Altar träten. Aber die Liebe wartet nicht – sie riß sie mit sich fort.

Er hatte sie wohl vor dem alten Wüstling und vor der Not gerettet, nicht aber vor sich selbst. Sie liebte ihn nicht mit verzehrender, flammender Leidenschaft, sondern mit einer furchtlosen, unerschütterlichen Hingebung, ohne Tränen, ohne Qualen, ohne Opfer, weil sie nicht begriff, was ein Opfer ist, wie man lieben und doch wieder nicht lieben könne.

Für sie hieß lieben so viel wie atmen, leben – nicht lieben dagegen erschien ihr gleichbedeutend mit nicht atmen, nicht leben. Wenn er sie fragte: ›Liebst du mich? Wie?‹ – dann umschlang sie seinen Nacken, preßte ihn ganz fest an sich und sagte nach Kinderart: ›So liebe ich dich, siehst du!‹ Und fragte er sie: ›Wirst du je aufhören, mich zu lieben?‹ – dann sagte sie nachdenklich: ›Ja, wenn ich sterbe!‹

Sie liebte, ohne etwas zu verlangen, ohne einen Wunsch zu äußern, sie nahm den Freund so hin, wie er war, und kam nie auch nur auf den Gedanken, daß er vielleicht anders sein könnte oder sollte. Niemals fiel es ihr ein, zu fragen, ob es nicht noch eine andere Art zu lieben gebe, oder ob alle so liebten wie sie.

Er aber träumte von einer Leidenschaft, die sich in endlos wechselnden Formen offenbarte, von funkelnden Blitzen, von einer heißen Glut, einer starken, lodernden, eifersüchtigen Liebe, der die Zeit nichts anhaben konnte, die mit der Dauer nicht an Kraft verlor.

Natascha war voller, schöner geworden, sie war heiter und froh – niemals jedoch erschien auf ihrem Gesichte jener geheimnisvolle Strahl verhaltenen, stillen Entzückens, nie zuckte in ihrem Auge jener süße Wahnsinn, in dem die flammende Leidenschaft aus der heiß durchloderten Seele emporschlägt.

Und doch war alles da, was zu dauerndem Glücke gehörtet ein stiller, behaglicher Winkel, in dem das Herz sich heimisch fühlen konnte, und eine lohnende, schöne Lebensaufgabe für den Geist: an der eigenen Vervollkommnung zu arbeiten und zugleich diese junge, empfängliche Frauenseele zu entwickeln und zu leiten. Auch das war ja schöpferische Arbeit: so auf ergiebigem Boden für sich selbst zu schaffen und das lebendige Ideal des eigenen Glückes zu gestalten.

Aber seine Phantasie hatte ein Verlangen nach dem Mannigfaltigen, dem Wechsel, der Unruhe. Rastete sie, so schlief sie ein, sein Leben kam gleichsam zum Stillstand. Sie aber wußte nichts davon, hatte nicht den geringsten Argwohn, welche böse Schlange neben der Liebe in seinem Herzen lauerte.

Von dem Augenblick an, da sie ihn liebgewonnen hatte, war in ihren Augen und ihrem Lächeln ein stilles Paradies aufgeleuchtet: zwei Jahre lang hatte es darin gelebt, und noch jetzt strahlte es aus den sterbenden Augen. Die erkaltenden Lippen flüsterten unverändert, wie im Anfang: ›Ich liebe‹ – und die Hände wiederholten die zärtlichen Liebkosungen, die sie gewöhnt waren.

Von ihrer Liebe ermüdet, war er zuweilen für ganze Wochen und Monate verschwunden, und als er dann wiederkam, hieß ihn dasselbe Lächeln, derselbe stille Glanz der Augen, dasselbe zärtliche Liebesgeflüster willkommen.

Er war überzeugt, daß das immer so sein würde, und er freute sich anfangs dieses sicheren Besitzes; bald aber fand er in dieser Sicherheit ein Körnchen Langeweile, und damit begann der Zerfall seines Glückes.

Niemals ein Vorwurf, eine Träne, ein erstaunter oder beleidigter Blick, weil er nicht mehr so war wie früher, weil er morgen wieder ein anderer sein würde als heute, weil sie ihre Tage allein und verlassen, in quälender Einsamkeit zubringen mußte.

Ihr Herz, ihr Sinn wußte nichts von Klagen und Tränen, kein unwilliges Wort kam von ihren Lippen. Sie ahnte nicht, daß es Leid und Tränen gab für ein liebendes Herz, daß man eifersüchtig sein, Wünsche haben, ja sogar fordern dürfe auf Grund der Rechte, welche die Liebe verlieh.

Sie kannte nur ein Recht, hatte nur einen Wunsch: zu lieben. Sie war davon überzeugt, daß man nur so lieben, nur so geliebt werden könne, und daß alle Welt so liebe und so geliebt werde.

Seine Abwesenheit empfand sie wohl als eine unangenehme Zufälligkeit, doch nicht anders, als etwa seine zufällige Erkrankung. Und kehrte er dann zurück, so schwelgte sie in stiller, demütiger Glückseligkeit und war vollkommen überzeugt davon, daß, wenn er fortblieb, es eben nicht anders sein konnte.

Wohl war ihr im Leben auch von anderer Seite schon Böses zugefügt worden: sie war erblaßt vor Schmerz, vor Bestürzung, war in die Knie gesunken vor Schreck und hatte unbewußt gelitten – aber voll Demut hatte sie das alles hingenommen, ohne zu wissen, daß man eine Beleidigung erwidern, daß man Böses mit Bösem vergelten könne.

Sie hing sich gleichsam an das, was ihrem Herzen sympathisch war, und starb aus lauter Anhänglichkeit, immer in dem Glauben, daß es nur so und nicht anders sein könne.

Sie war wie ein reines, leuchtendes Bild, wie eine der Greuzeschen Gestalten, voll einfältiger, unbewußter Lieblichkeit und Liebessehnsucht, liebend in die Welt gekommen und liebend, mit einem stillen, demütigen Gebet auf den Lippen aus der Welt scheidend.

Das Leben und die Liebe hatten ihr ihre Hymnen gesungen, und sie hatte ihnen nachdenklich, in süßem Sinnen gelauscht, und mit Tränen der Rührung und des Glaubens, ohne Vorwurf, daß ihr ein Schmerz, ein Leid angetan worden, schied sie aus dem Dasein.

Sie starb als ein Opfer mangelhafter Erziehung und Aussicht, als ein Opfer der dumpfen Enge, in der sie ihre Kindheit verbracht hatte, und des ererbten Krankheitskeimes, der sich in ihrem Organismus weiter entwickelt hatte – starb, weil dieses ewige ›Es muß so sein‹, ob sie gleich keinen Widerstand leistete, sich doch schwerer und schwerer auf ihre schwache, junge Brust legte und sie erdrückte.

Sie hätte, selbst wenn sie alt geworden wäre, niemals das Leben oder den Freund angeklagt, hätte ihm wegen seiner unbeständigen Liebe nie Vorwürfe gemacht noch überhaupt jemandem an ihrem Schicksal Schuld gegeben, wie sie auch jetzt niemandem die Schuld an ihrem Tode zuschrieb. Für ihr ganzes schmerzensreiches, martervolles Leben wie für ihren vorzeitigen Tod hatte sie nur das eine Wort: ›Es muß so sein.‹

Sie fragte niemals, was diese Apathie, diese Langeweile, dieses Schweigen bedeute, das im Wesen des Freundes oft zutage trat, wenn er bei ihr weilte. Sie ahnte nicht, daß seine Liebe sich überlebt hatte, und was der Grund davon war.

Er aber dachte oft, wenn er so mürrisch und schweigend neben ihr saß, ohne auf ihr harmloses Liebesgestammel zu hören oder ihre zärtlichen Liebkosungen zu beachten: ›Nein – das ist nicht das Weib, das wie ein kräftiger Strom in mein Leben einbricht und, alle Hindernisse hinwegreißend, sich breit über die Fluren ergießt. Oder das wie eine Feuersäule meinen Weg erhellt, meine Kräfte hervorlockt, ihre Energie entflammt und jeden Augenblick, jeden Gedanken mit zitternder Glut, mit Schönheit und Leidenschaft erfüllt . . . Nein, das ist nicht jene, die mein Leben zu lenken vermöchte, die mir helfen könnte, seinen Sinn und sein Ziel zu ergründen und die Aufgabe, die es mir stellt, zu erfüllen. Wo finde ich eine solche Löwin? Denn dieses Lämmchen da ist zufrieden, wenn es sein Gras zupfen, sich mit dem Schwanze die Fliegen jagen und sich an mich wie an eine Mutter anschmiegen kann . . . Das ist das Vegetieren einer Pflanze – das ist kein Leben mehr, sondern ein Träumen . . .

Er beantwortete ihr verliebtes Geflüster und ihre Zärtlichkeiten mit einem breiten Gähnen, nahm den Hut und verschwand für Wochen und Monate, um sich entweder in seine Kunststudien zu vertiefen oder an den geräuschvollen Schmausereien im Freundeskreise zu betäuben.

Jetzt saß er an ihrem Sterbebett – die Geschichte Nataschas und seiner Liebe zu ihr zog an seinem Geiste vorüber, und als nun das Bild der Sterbenden mit stummem Vorwurf vor sein geistiges Auge trat, da erbleichte er.

Er erinnerte sich der schweren Vernachlässigung, deren er sich ihr gegenüber schuldig gemacht hatte. Es war ja die einzige Art von Kränkung, die er ihr zugefügt hatte; aber selbst der Teufel wäre in die Knie gesunken vor dem stillen, sanften Blick dieser blauen Augen. Er hätte sich selbst verfluchen mögen, weil er als Entgelt für dieses junge Leben, das sich ihm – nur ihm allein – ganz und gar hingegeben, nicht einen ganzen Ozean von Liebe dargeboten hatte, daß er sie nicht mit aller Zärtlichkeit eines Vaters, eines Bruders, eines Gatten umgeben, nicht alle Widerwärtigkeiten, jeden Windhauch und vollends den Tod von ihr ferngehalten hatte.

›Den Tod! O Gott, gib ihr das Leben und das Glück und nimm dafür alles hin, was ich habe!‹ tönte es in ihm wie ein verzweiflungsvolles Gebet. Er sah sich in Gedanken zum Schafott emporsteigen und den Kopf auf den Richtblock legen, und er schrie:

›Ich bin ein Verbrecher! . . . Wenn ich sie auch nicht getötet habe, so ließ ich es doch zu, daß sie getötet ward. Ich wollte sie nicht verstehen – ich suchte Höllenflammen und Blitze dort, wo nur das stille, holde Leuchten eines Lämpchens war. Wer bin ich denn nur, o mein Gott? Bin ich wirklich ein Bösewicht? Habe ich wirklich? . . .‹

Er barg sein Gesicht wieder in dem Kissen, betete im stillen, sie möchte doch nur nicht sterben, und gelobte, mit allen Mitteln, bis zur Selbstaufopferung, fortan nur ihr Glück erstreben zu wollen.

›Zu spät! Zu spät!‹ rief ihm die Verzweiflung ins Ohr, und ihr schwerer Atem bestätigte das Wort.

Er stellte sich vor, wie er damals, als sie noch das einzige Ziel seines Lebens war und er sein eigenes Glück in Gedanken ganz mit ihrer Erscheinung verwob, gleich der Schlange, die sich der Farbe ihrer Umgebung anpaßt, sich ganz nach ihr gerichtet, gleichsam selbst ihr still leuchtendes Wesen angenommen hatte; die Aufrichtigkeit und Zärtlichkeit, die ihr sittliches Ich ausmachte, schien auch auf ihn übergegangen, ihr Lächeln war auch das seinige, er konnte mit ihr entzückt sein beim Anblick eines Vogels, einer Blume, er freute sich kindlich mit ihr über ihr neues Kleid, weinte am Grabe ihrer Mutter und ihrer Freundin, weil sie weinte, pflanzte mit ihr zusammen Blumen auf die Grabhügel der Toten . . .

In alledem, in seiner Freude über den Vogel, seinem Lächeln, seiner Trauer war er ebenso aufrichtig gewesen wie sie selbst. Wo waren diese Tränen, dieses Lächeln, diese naive Freude geblieben, warum erschienen sie ihm jetzt abgeschmackt, warum bedurfte er ihrer nicht mehr? . . .

›Worüber sinnst du nach?‹ ließ ihre schwache Stimme sich an seinem Ohr vernehmen. ›Gib mir zu trinken . . . Nicht doch, sieh mich nicht an!‹ fuhr sie fort, als sie getrunken hatte – ›ich bin so häßlich geworden! Gib mir den Kamm. . . und das Häubchen, ich will es mir aufsetzen. Sonst hörst du am Ende noch auf, mich zu lieben . . . weil ich so gar nicht mehr hübsch bin!«

Sie glaubte immer noch, daß er sie liebe! Er reichte ihr den Kamm und das kleine Häubchen; sie wollte sich kämmen, aber die Hand mit dem Kamme fiel ihr in den Schoß zurück.

›Es geht nicht, ich bin zu schwach!‹ sagte sie und verfiel in schwermütiges Sinnen.

Ihm aber ward zumute, als schnitte man ihm mit Messern ins Fleisch. Der Kopf brannte ihm heiß, er sprang auf und schritt, von den Bildern seiner Phantasie gejagt, hastig im Zimmer auf und ab. Wie nicht bei Sinnen, stürzte er bald in diese, bald in jene Ecke und wußte nicht, was er tat. Er ging zur Wirtin hinaus und fragte, ob der Arzt, den er Natascha geschickt hatte, sie auch wirklich besucht habe. Die Wirtin berichtete ihm, er sei dagewesen und habe auch noch andere Ärzte mitgebracht, und sie habe ihnen soundsoviel bezahlt: ›Ich habe alles aufgeschrieben,‹ fügte sie hinzu.

›Und was taten sie?‹ fragte er.

›Was sie immer tun: sie beguckten sie, behorchten ihre Brust, gingen ins andere Zimmer, zuckten schweigend die Achseln, nahmen den Geldschein, den ich ihnen in die Hand drückte, knöpften den Überrock zu und gingen eilig davon.‹

Raiski hörte mit innerem Erschauern diesen kurzen Bericht und trat wieder an das Bett. Das lustige Gelage mit den Freunden, der fröhliche Kreis der Künstler und Sängerinnen – alles das schwand mit der Hoffnung, ihr Leben zu verlängern, ganz aus seiner Vorstellung.

Er sah nur noch dieses verlöschende Antlitz, das da litt, ohne anzuklagen, das da lächelte voll Liebe und Demut; dieses hinschwindende Wesen, das um nichts bat, nicht einmal um ein wenig Hilfe, um ein wenig Kraft!

Und er stand da, voll Gesundheit und strotzender Kraft – dieser Kraft, die er noch heute so unnütz verschwendet, die er nicht dazu verwandt hatte, dieses Vögelchen vor Sturm und Unwetter zu behüten!

Warum hatte er sich nicht mit aller Gewalt hier festgekettet, warum war er fortgegangen, nachdem ihre Schönheit ihm etwas Alltägliches geworden, nachdem das Bild dieses ihm einst so lieben, süßen Köpfchens in seiner Phantasie verblaßt war? Warum war er, als andere Bilder sich dazwischendrängten, nicht standhaft und fest geblieben, nicht in stiller Treue bei ihr, der Treuen, verharrt?

Das wäre kein Opfer gewesen, sondern einfach eine Pflicht. Ohne Opfer, ohne Entbehrungen und Verzicht geht es nun einmal nicht ab im Leben: das Leben ist kein Garten, in dem nur lauter Blumen wachsen, dachte er unwillkürlich, während das Rubenssche Gemälde ›Der Liebesgarten‹ ihm vor die Seele trat. Glückliche, schöne Paare, von Amoretten umflattert, hat der Künstler dort unter den Bäumen abgemalt.

›Er ist ein Lügner!‹ schalt Raiski den flämischen Meister in Gedanken. ›Warum hat er in seinem Garten neben den Liebespärchen nicht auch armes Bettelvolk in Lumpen und sterbende Kranke dargestellt? Das würde der Wahrheit entsprechen! . . . Aber wäre ich denn imstande gewesen, dieses Opfer zu bringen?‹ fragte er sich selbst. Wie wäre es gekommen, wenn er wirklich sein Leben an das ihre gekettet hätte? Wäre solch ein Dasein nicht gleichbedeutend gewesen mit Schlaf, mit Apathie? Wäre der schlimmste Feind, die Langeweile, nicht sogleich bei ihm zu Gaste erschienen? In seiner Phantasie tauchte die ganze Perspektive dieses Lebens auf, das Bild dieses Schlafes, dieser Apathie, dieser Langenweile: er sah sich selbst, finster, rauh, unfreundlich – würde er sie durch solch ein Wesen nicht noch eher ins Grab gebracht haben? Verzweifelt wehrte er die Vorstellung dieser Möglichkeit ab.

›Die Wut, die Raserei kann man beherrschen,‹ so begann er sich vor sich selbst zu rechtfertigen, ›nicht aber die Apathie und die Langeweile! Die lassen sich nicht verbergen, beim besten Willen nicht! Mit der Zeit würde sie es erraten haben, wie es um mich steht, und das hätte sie getötet . . . Mit der Zeit? . . . Ja, nach Jahren vielleicht – und dann hätte sie sich damit ausgesöhnt, sich gewöhnt und getröstet— und hätte doch gelebt! Jetzt aber stirbt sie!‹ – Und sogleich wieder schwebte seinem Geiste ein ganzer Roman vor, eine ganze Tragödie, mit tiefen psychologischen Verwicklungen und dramatischen Effekten.

›Komm, setz’ dich hierher, zu mir!‹ ließ Nataschas Stimme sich vernehmen, und er ward aus seinen Gedanken gerissen . . .

. . . Acht Tage später ging er mit gesenktem Haupte hinter Nataschas Sarge einher; er war ganz verzweifelt darüber, daß er sie so vernachlässigt, so wenig sorgsam behütet hatte, tröstete sich jedoch andererseits damit, daß er sein Herz nicht habe zwingen können, daß er sie nie bewußt gekränkt habe, daß er immer, wenn er in ihrer Gesellschaft war, aufmerksam und zärtlich gegen sie gewesen, und daß nicht in seinem, sondern in ihrem Wesen jenes Element gefehlt habe, das ihren Herzensbund zu einem dauernd glücklichen hätte machen können. Und schließlich sei sie doch im Gefühle ihrer Liebe gestorben, sei nie erwacht aus ihrem stillen Traum, habe nie erfahren, daß er die Leidenschaft in ihr vermißte, diese Peitsche, die das Leben vorwärts treibt und die schöpferische Kraft, die produktive Arbeit in ihm auslöst . . .

›Nein, nein – sie ist nicht die, welche ich suchte: ein Täubchen ist sie gewesen, nicht ein Weib!‹ dachte er, während sein tränengefülltes Auge auf dem Sarge ruhte.

In stillem Sinnen stand er in der Kirche und sah, wie die erwärmte Luft um die Flammen der Kerzen vibrierte; nur wenige Leidtragende waren anwesend: allen voran stand ein dicker, hochgewachsener Herr, ein Verwandter der Toten, der gleichgültig eine Prise nahm. Neben ihm sah er das rote, ganz in Tränen aufgelöste Gesicht einer Tante, dann waren noch etliche Kinder und ein paar arme alte Frauen da.

Neben dem Sarge kniete eine Freundin Nataschas; sie war nach den anderen gekommen, schien aber mehr als sonst jemand durch den Todesfall ergriffen: ihr Haar war zerzaust, sie blickte in wildem Schmerz um sich, heftete dann den Blick auf das Gesicht der Toten, neigte die Stirn wieder tief bis zum Boden, daß sie diesen berührte, und brach in krampfhaftes Schluchzen aus . . .

Er schritt langsam nach Hause und ging nun zwei Wochen lang wie vor den Kopf geschlagen umher, ließ sich im Studiensaal nicht sehen, mied den Freundeskreis und durchirrte die einsamen Straßen der Vorstadt. Allmählich legte sich sein Schmerz, die Tränen versiegten, die herbe Qual verging, und in seiner Vorstellung blieb nur das Bild der vibrierenden Luft um die Kerzenflammen, der leise Grabgesang, das tränenfeuchte Gesicht der Tante und das wortlose, krampfhafte Schluchzen der Freundin . . .«

Hier endete das Manuskript.

Als Raiski es durchgelesen hatte, saß er eine Zeitlang in düsterem Nachsinnen da.

»Eine recht blasse Skizze!« sagte er für sich. »Jetzt schreibt man anders. Das ist ganz im Stil der ›Armen Lisa‹ gehalten. Auch ihr Porträt« – er trat an die Staffelei heran— »ist kein Porträt, sondern eine ganz flüchtige Studie.«

»Arme Natascha!« sagte er, gleichsam mit einem Seufzer ihr Andenken ehrend, und betrachtete das Bild. »Auch im Leben warst du nur sozusagen eine Studie, eine Skizze, kaum untermalt mit den Farben des Lebens – ganz wie auf meiner Leinwand hier und in meinem Manuskript! Ich muß beides umarbeiten, das Bild wie die Skizze!« Dann legte er mit einem Seufzer das Heft in den Schreibtisch zurück, nahm eine Anzahl weißer Blätter und begann den Plan seines neuen Romans zu entwerfen.

Die Episode, die er selbst erlebt hatte, erschien ihm jetzt als eine bloße Erinnerung, ja als ein fremdes Erlebnis. Er betrachtete sie ganz objektiv und stellte sie in den Vordergrund seines Programms.

Er schrieb bis zum Tagesanbruch, kehrte im Laufe des Tages mehrmals zu seinen Heften zurück, setzte sich, als er des Abends nach Hause kam, wieder an den Schreibtisch und notierte alles, was in seiner Vorstellung bereits festere Gestalt angenommen hatte.

Szenen und Charaktere, Porträts von Verwandten und Bekannten, die Gestalten der Freunde, der Frauen, die er gekannt, wurden ihm zu typischen Gebilden, und er füllte ein ganzes Heft mit ihrer Schilderung an. Er trug stets ein Notizbuch bei sich, zog oft mitten auf der Straße, in einer Gesellschaft, beim Mittagessen ein Blatt Papier und einen Bleistift heraus, schrieb ein paar Worte hin, steckte das Blatt weg, nahm es wieder vor und schrieb wieder, ging sinnend, wie selbstvergessen, umher, blieb mitten in der Rede stecken und lief plötzlich aus der Gesellschaft fort, um die Einsamkeit zu suchen.

Aber das Leben weckte ihn immer wieder aus seiner Träumerei, rief ihn hinweg von der schöpferischen Arbeit, von der Freude und der Qual, die die Kunst ihm gab, zu seinen wirklichen Freuden und wirklichen Qualen, unter denen ihm die Langeweile als die schlimmste erschien. Er eilte von Eindruck zu Eindruck, suchte die Erscheinungen zu erfassen, hielt ihre Bilder fast mit Gewalt in seinem Innern fest, und während er einerseits Nahrung für seine Phantasie verlangte, suchte und ersehnte er andererseits etwas, das seinem inneren Wesen einen festen Halt geben könnte.

Augenblicklich hatte er gewisse ihm selbst noch unklare Hoffnungen auf seine Cousine Bjelowodowa gesetzt und schwelgte in dem eigenartigen Reiz, den ihm die Annäherung an sie gewährte. Er wollte zunächst nichts weiter, als sie so oft wie möglich sehen und mit ihr sprechen, um in ihr das Leben und, wenn möglich, auch die Leidenschaft zu wecken.

Aber sie war unnahbar. Er begann bereits zu ermüden und Langeweile zu empfinden . . .




Sechzehntes Kapitel


Der Mai war vorüber. Allgemein empfand man in Petersburg das Bedürfnis, sich irgendwohin vor der heißen Sommersonne zu flüchten. Aber wohin? Es war Raiski ganz gleich, wohin er ging. Er entwarf verschiedene Projekte, ohne eins von ihnen zu verwirklichen: er wollte nach Finnland reisen, doch verwarf er diesen Plan wieder und beschloß, an die Seen von Pargolowo zu gehen, um dort an seinem Roman zu arbeiten. Auch dieses Projekt gab er auf und dachte allen Ernstes daran, mit den Pachotins auf deren Gut in der Gegend von Rjäsan zu reisen. Aber sie hatten selbst ihre Absichten geändert und waren in der Stadt geblieben.

So wäre er denn schließlich mit dem großen Auswandererstrom ins Ausland abgereist, wenn nicht plötzlich eine ganz neue Wendung eingetreten wäre.

Als er eines Tages nach Hause zurückkehrte, fand er zwei Briefe vor – der eine war von seiner Großtante Tatjana Markowna, der andere von seinem Universitätsfreunde Leontij Koslow, der als Gymnasiallehrer in der dem Raiskischen Gute benachbarten Stadt tätig war.

Die Großtante hatte ihm in den ersten Jahren häufig geschrieben und ihm über die Gutsverwaltung Rechenschaft abgelegt; die Briefe hatte er kurz, doch jedesmal voll Liebe und Zärtlichkeit gegen die wackere Alte beantwortet, die so lange Mutterstelle an ihm vertreten hatte, und der er aufrichtig zugetan war; die Rechnungen hatte er zerrissen und unter den Tisch geworfen.

Dann waren ihre Briefe seltener geworden, sie klagte über ihr Alter, über ihre schlechten Augen und die Sorgen, die sie mit der Erziehung der beiden Großnichten hätte. Wie erfreut war er nun, als er ihre große, deutliche, feste Handschrift auf dem Kuvert erkannte.

». . . Ist es nicht sündhaft von Dir, Boris Pawlowitsch,« schrieb sie unter anderem, »mich alte Frau so ganz zu vergessen? Ich bin doch die einzige Verwandte, die Du auf der ganzen weiten Welt hast. Aber freilich, wir Alten sind in dieser neuen Zeit überflüssig geworden auf der Welt: so wenigstens denkt die Jugend. Und ich kann doch nicht einmal sterben, ich habe die beiden Kinder auf dem Halse, die längst heiratsfähig sind. Bevor ich die nicht sicher versorgt weiß, will ich den lieben Gott immer noch bitten, mein Leben zu verlängern. Dann mag sein Wille geschehen.

»Ich mache Dir keinen Vorwurf weiter daraus, daß Du mich vergißt: aber wenn, was Gott verhüten möge, ich nicht mehr da bin und meine armen Mädelchen allein auf der Welt zurückbleiben! Sie sind ja nur im dritten Grade mit Dir verschwistert, aber Du bist doch ihr nächster Verwandter und ihr berufener Beschützer. Und denk auch an das Gut: ich bin alt und kann nicht mehr lange Deine Verwalterin bleiben – wer soll denn die Sorge um Dein Besitztum tragen? In alle vier Winde wird es zerstieben, nichts wird davon übrigbleiben. Soll es wirklich so zugrunde gehen, was ich so lange gehütet habe? Das Herz krampft sich mir zusammen, wenn ich denke, daß dieses altererbte Silberzeug, diese Bronzen, Gemälde, Brillanten und Spitzen, dieses Porzellan und Kristall dem Gesinde in die Hände fallen und von Juden und Wucherern aufgekauft werden soll, um dann auf der Wolga zum Jahrmarkt zu schwimmen und für einen Spottpreis losgeschlagen zu werden! Solange Deine Großtante lebt, kannst Du ruhig schlafen, nicht ein Faden wird Dir verloren gehen; dann aber weiß ich nicht, wer sich darum kümmern wird. Von den beiden Kleinen kannst Du es nicht verlangen! Wjera ist ein gutes, kluges Mädchen, nur etwas wild und menschenscheu und nicht recht fürs Praktische veranlagt. Marsinka wird einmal eine musterhafte Hausfrau werden, aber sie ist noch zu jung; heiraten könnte sie ja schon längst, aber ihr Wesen ist noch so ganz kindlich, wofür ich wieder Gott nicht genug danken kann. Kommt erst die Erfahrung, dann wird sie schon heranreifen, vorläufig hüte ich sie wie meinen Augapfel, was sie sehr wohl zu schätzen weiß – ja, sie fühlt sich gut aufgehoben bei der Großtante, Gott segne sie dafür. Im Hause ist sie mir sehr zur Hand, doch von der Gutswirtschaft halte ich sie fern, das ist nichts für ein Mädchen. Ich habe jetzt hier einen sehr verständigen Menschen zur Hilfe, ein Bauer mit Namen Ssawelij ist’s: seit es mit mir nicht mehr so recht geht, sieht er im Dorfe zum Rechten, während Jakow und Wassilissa das Haus versehen.

»Schieb’s also nicht länger hinaus und erfreue Deine alte Tante durch Deinen Besuch: sie ist Dir doch nicht nur dem Blute, sondern auch dem Herzen nach verwandt; als Du jung warst, hast Du das wohl gefühlt – ich weiß nicht, wie Du jetzt, in Deinen reiferen Jahren, geworden bist, jedenfalls warst Du damals ein prächtiger Junge. Komm und sieh Dir wenigstens einmal die beiden Schwestern an; und wer weiß, vielleicht blüht Dir auch das Glück . . . Ich wollte eigentlich über diesen Punkt schweigen, bis Du herkämst, aber ich halt’s eben, nach Weiberart, so lange nicht aus. Die Sache ist nämlich die, daß sich hier bei uns ein Großpächter aus Moskau niedergelassen hat, ein gewisser Mamykin, und der hat eine einzige, heiratsfähige Tochter und sonst keine Kinder. Wenn Gott mir noch die Freude gewährte, Dich verheiratet zu sehen und Dir das Gut zu übergeben, dann würde ich ruhig die Augen schließen. Heirate doch, Borjuschka, Du hast schon längst das Alter dazu; dann haben doch meine lieben kleinen Mädchen einmal ein Heim und stehen nicht als obdachlose Waisen da. Du wirst ihr Bruder, ihr Beschützer sein, und Deine Frau wird ihnen eine gute Schwester sein. Solange Du Junggeselle bist, können sie bei Dir nicht bleiben – heirate also, tu der alten Tante den Gefallen, und Gott wird Dir’s vergelten!

»Ich warte sehnsüchtig auf Deine Antwort! Schreib, wann Du kommst, ich lasse Dir die drei Zimmer im unteren Erdgeschoß einrichten, Marsinka muß so lange ins Giebelzimmer ziehen: Du bist doch der Herr im Hause!«

»Tit Nikonytsch läßt sich Dir empfehlen: er ist stark gealtert, jedoch immer noch wohlauf. Sein Lächeln ist noch ganz das alte, und seine kluge Art zu sprechen wie seine netten Verbeugungen haben sich in nichts geändert: die jungen Stutzer steckt er noch alle in die Tasche. Bring ihm doch, mein Lieber, ein Paar gemslederne Beinkleider und eine gemslederne Jacke mit, man trägt das jetzt vielfach zum Schutz gegen den Rheumatismus. Ich will ihn damit überraschen.

»Anbei folgt die Rechnungslegung für die beiden letzten Jahre. Es sendet Dir ihren Segen usw.

Tatjana Bereschkowa.«

»Die Großtante!« rief Raiski voll Freude aus. »Mein Gott— sie ruft mich: ja, ja, ich komme! Dort finde ich Ruhe, und eine herrliche Luft, und vortreffliche Kost, und die mütterliche Zärtlichkeit einer guten, feinfühligen, klugen Frau; und die beiden Schwestern, die lieben Gesichtchen, die ich so, wie sie jetzt sind, noch nicht kenne, und die meinem Herzen doch so nahe stehen . . . Ein paar Provinzdämchen – eigentlich etwas beängstigend, vielleicht sind sie gar häßlich geworden!« dachte er und runzelte unwillkürlich die Stirn. »Einerlei: ich fahre, das Schicksal ruft mich hin . . . Wenn mich aber auch dort die Langeweile überfällt?«

Er erschrak, beruhigte sich jedoch sogleich wieder.

»Sofort reise ich ab, beim ersten Gähnen, das mich anwandelt!« tröstete er sich. »Ja, ich fahre, ich fahre! Dort ist ja auch Leontij!« rief er aus und mußte unwillkürlich lächeln, als er an diesen Leontij dachte. »Was schreibt er denn eigentlich, der gute Leontij?«

»Gestern bin ich ganz wider Erwarten, ich weiß nicht wie, auf Dein Gut gelangt,« schrieb Leontij. »Ich glaube, es geschah in der Zerstreutheit – du weißt ja, daß ich diesen Fehler habe. Ich hatte mich verlaufen, war plötzlich an einen Abhang gekommen, und als ich den hinaufkletterte, da sah ich erst, daß ich im Park Deiner Großtante war. Ich wollte wieder umkehren, aber Tatjana Markowna hatte mich bereits vom Fenster aus bemerkt; anfangs hielt sie mich in der Dämmerung für einen Dieb und schickte mir Leute mit Hunden entgegen, wie sie mich dann aber erkannt hatte, lud sie mich ins Haus ein, war sehr nett zu mir, setzte mir ein treffliches Abendbrot vor und wollte sogar, daß ich über Nacht bleiben sollte. Vor allem schalt sie mich, daß ich so selten hinkomme, und band mir’s auf die Seele, Dir ja zu schreiben, Du möchtest doch nur hierherkommen. Du sollst das Gut übernehmen, sagt sie, sollst Dich hier niederlassen und – heiraten.

»Ich muß Dir gestehen, lieber alter Freund Boris Pawlowitsch, daß ich selbst die Absicht hatte, Dir zu schreiben, daß ich mich jedoch nicht recht getraute, und zwar wirst Du sogleich erfahren, weshalb. Die Gutsübergabe ist, offen gesagt, nur ein Vorwand – die Tante will Dich einfach sehen und weiß nicht, wie sie Dich herlocken soll. Besser, als sie das Gut verwaltet, kann es nicht verwaltet werden. Doch das nur nebenbei: etwas anderes ist’s, was ich auf dem Herzen habe, ich weiß nur nicht recht, wie ich’s anfangen soll, es Dir vorzutragen! Jedenfalls erfordert diese Angelegenheit Dein sofortiges Erscheinen, damit Du als strenger Richter die Strafe über die Schuldigen verhängst. Es handelt sich um Deine Bibliothek.

»So höre denn – Du liebst mich ja, ich weiß es. In der Schule wie auf der Universität warst Du gegen mich besser als alle anderen: Du hast meinen Mut aufrechterhalten, hast mit mir zusammen gelesen und studiert, hast mir so manches Mal ausgeholfen, wenn ich meine Wirtin . . . oder meine Wäscherin . . . nicht bezahlen konnte . . .«

Raiski las rasch über diese Zeilen hinweg. »Du hast mich nicht gereizt und geneckt, hast keine Witze mit mir gemacht, hast mich auch gar nicht oder nur sehr selten geprügelt: zweimal, glaub’ ich, hast Du mich an den Haaren gezogen, während die anderen . . . Doch Gott mit ihnen, ich trag’s ihnen nicht nach! Sie haben es ja auch nicht aus Bosheit getan, sondern nur so, aus Übermut und Windbeutelei! Im Namen dieser Freundschaft also bitte ich Dich: sei mir nicht böse . . . oder zieh mich noch zum drittenmal an den Haaren, wenn Du willst, aber hör’ mich an! Erinnerst Du Dich noch der alten gotischen Klassikerausgabe in den kostbaren Einbänden? Wie solltest Du nicht! Du hattest früher selbst Deine Freude an diesen schönen Bänden. Erinnerst Du Dich der alten Shakespeare-Ausgabe mit den Kommentaren unter dem Text? Erinnerst Du Dich . . . der französischen Enzyklopädisten in Pergament, erste Originalausgabe? Erinnerst Du Dich . . . (natürlich wirst Du Dich erinnern, wenn’s mir auch lieber wäre, Du hättest es vergessen). Ich lege Dir hier den Katalog bei, den ich zusammengestellt habe: die genannten Werke habe ich mit schwarzen Kreuzen bezeichnet, wie auf dem Kirchhof! Und nun hör’ zu und prügle mich: die Werke der heiligen Kirchenväter sind, wie überhaupt die ganze theologische Abteilung, unversehrt geblieben; Plato, Thucydides und die übrigen Historiker und Dichter sind gleichfalls unangetastet. Spinoza dagegen, Machiavelli und noch ein halbes Hundert anderer Werke aus den übrigen Abteilungen sind lädiert – infolge meiner Feigheit, Schwäche und verdammten Vertrauensseligkeit.

»Wer ist dieser Barbar, dieser Omar? wirst Du fragen. Nun denn – er heißt Mark Wolochow: ein Mensch, dem nichts heilig ist auf dieser Welt. Gib ihm die feinste Elzevirausgabe eines Werkes in die Hand – er wird ohne weiteres das erste beste Blatt herausreißen. Er hat, wie ich zu meinem Schrecken – leider zu spät – erfuhr, eine abscheuliche Gewohnheit: wenn er ein Buch liest, reißt er aus dem bereits gelesenen Teil irgendein Blatt heraus und zündet sich damit seine Zigarre an, oder er macht daraus ein Röllchen, das er zum Reinigen seiner Nägel und seiner Ohren benutzt. Es war mir immer so vorgekommen, als ob die Bücher, die ich ihm aus Deiner Bibliothek geliehen hatte, bei der Rückgabe dünner wären als vorher, doch konnte ich nie dahinter kommen, worauf das beruhte, bis er die Sache ohne jede Scheu auch in meiner Gegenwart machte. Als ob nichts wäre, nahm er den Aristophanes – Du weißt, die Ausgabe, in der neben dem griechischen Text die französische Übersetzung steht – und riß plötzlich, ehe ich mich versah, ein Blatt von hinten heraus. Dieser Wolochow ist eine wahre Geißel unserer Stadt. Kein Mensch liebt ihn hier, alle fürchten ihn. Was mich betrifft, so kann ich das allerdings nicht sagen, ich habe ihn ganz gern, und ich fürchte mich auch nicht vor ihm. Er treibt seinen Spaß mit mir, nimmt mir unterwegs die Mütze vom Kopfe und freut sich königlich, wenn ich es nicht bemerke, oder er klopft des Nachts an mein Fenster. Dafür bringt er mir zuweilen wieder ganz unerwartet eine Flasche trefflichen Weins oder – er wohnt hier bei einem Gärtner – eine ganze Wagenladung prächtiger Früchte. Er ist von der Administration hierher verschickt und steht unter Polizeiaufsicht – man kann nicht sagen, daß die Stadt seit seiner Anwesenheit hierselbst besonders an Sicherheit gewonnen hätte.

»Sag’ ihm um Gottes willen nichts von dieser Schilderung, die ich Dir hier von ihm geben. Er würde ohne Zweifel Dir sowohl wie mir aus Rache einen Streich spielen. Ich verlangte von ihm eine Erklärung wegen der lädierten Bücher, aber er steckte ein solches Gesicht auf, daß ich unwillkürlich meine Vorhaltungen abbrach. Er behauptet, er sei zur selben Zeit wie wir auf der Universität gewesen, wenn auch in einer anderen Fakultät. Ich glaube, es ist Schwindel.

»Hier weiß man nur, daß er bei einem Regiment in Petersburg gestanden hat, sich dort jedoch nicht zu stellen wußte und irgendwohin nach dem Innern des Landes versetzt wurde, daß er dann seinen Abschied nahm, in Moskau lebte und in irgendeine Geschichte verwickelt wurde. Jetzt hat man ihn, wie gesagt, hierher geschickt und unter Polizeiaufsicht gestellt. Mit der Polizei steht er natürlich stets auf gespanntem Fuße, und Nil Andreitsch wie auch Tatjana Markowna wollen nichts von ihm wissen. Doch genug von ihm! Wenn Du herkommst, wirst Du ja selbst sehen, was für ein Mensch das ist. Jetzt habe ich Dir die Sache eingestanden, und es ist mir leichter ums Herz. Die Begegnung mit Dir wird nun nicht mehr so schrecklich sein.

»Komm also, alter Freund Boris, und besuche Deine alte Tante! Wenn Du sehen könntest, wie sie Dich liebt, wie sie Dein Besitztum hütet – nicht so wie ich die Bibliothek! Und was für hübsche Mädchen sind Deine beiden Cousinen Wjera und Marfa Wassiljewna! Wie sehnsüchtig das alles Dich erwartet, was für einen Park Du hast, was für herrliche Aussichten auf die Wolga . . . Wenn Du das alles wüßtest, würdest Du nicht einen Augenblick zögern und sogleich herkommen: würdest kommen, um von Tatjana Markowna das Gut und von mir die Bibliothek zu übernehmen, um mir die verdiente Strafe zu diktieren, doch zugleich auch liebend zu umarmen Deinen zwar schuldigen, aber Dir herzlich zugetanen alten Freund und Kameraden

Leontij Koslow.

Meine Frau läßt sich Dir empfehlen und Dir ausrichten, daß sie Dich wie früher liebt und Dich noch mehr lieben wird, wenn Du erst hierher kommst.«

Fast zu Tränen gerührt, las Raiski dieses lange Schreiben, stellte sich lebhaft den Sonderling Leontij mit seiner Bibliomanie vor und lachte über die Sorgen, die er sich der Bibliothek wegen machte.

»Ich will sie ihm schenken,« dachte er im stillen. »Leontij! Die Großtante!« ging’s ihm durch den Kopf – – »Wjerotschka und Marsinka, die beiden niedlichen Cousinchen! Die Wolga mit ihrer Uferlandschaft, die schlummernde, glückselige Stille, in der die Menschen nicht leben, sondern still wachsen und welken wie die Pflanzen, in der es keine stürmischen Leidenschaften gibt mit raffinierten, vergifteten Genüssen, keine quälenden Fragen, kein fortschreitendes Denken und kraftvolles Wollen – dort will ich mich konzentrieren, mein Material sichten und den Roman schreiben. Jetzt will ich nur noch zusehen, daß ich Sophies Porträt so oder so vollende, will mich von ihr verabschieden, und dann dahin, dahin!«




Siebzehntes Kapitel


Seit dem frühen Morgen sitzt Raiski an Sophies Porträt, und es ist nicht der erste Morgen, den er davor verbringt. Er ist ermüdet von dieser Arbeit. Er wirft einen Blick auf das Porträt, zieht dann plötzlich ärgerlich den Vorhang darüber, beginnt im Zimmer auf und ab zu schreiten, bleibt am Fenster stehen, pfeift, trommelt mit den Fingern auf den Fensterscheiben, verläßt das Haus und irrt düster und unzufrieden durch die Straßen. Am nächsten Morgen wiederholt sich derselbe Vorgang, die gleiche Unzufriedenheit und Erbitterung befällt ihn. Bisweilen sitzt und sitzt er auf einer Stelle, ergreift plötzlich die Palette und beginnt hastig da und dort nachzuziehen und herumzutuschen, hält wieder ein, sieht hin und verfällt in tiefes Sinnen. Dann schüttelt er unzufrieden den Kopf, seufzt auf und wirft die Palette hin.

Das Porträt aber ist ihr so ähnlich, wie nur ein Wassertropfen dem anderen. Ganz genau so ist sie dort auf seiner Leinwand, wie alle sie sehen und kennen: unerschütterlich ruhig und strahlend. Dieselbe Harmonie in den Zügen, die hohe, weiße Stirn, der offene, unschuldige, mädchenhafte Blick, der stolze Nacken und die voll entwickelte, wie in ruhigem Schlafe atmende Brust.

Sie ist’s, wie sie leibt und lebt – und er ist unzufrieden, quält sich ab und windet sich in künstlerischen Zweifeln! Er hat in seinem Modell den Funken des Lebens geweckt, hat das Feuer ins Dunkel getragen, die Anzeichen eines neuen Gefühls, Erregung und Unruhe sind in ihrem Wesen sichtbar geworden – und von alledem weist sein Porträt nicht eine Spur auf.

»Warum kommt nur Kirilow nicht, um sich mein Bild anzusehen?« fragte er sich. »Er hat es mir doch versprochen! Vielleicht würde er mir einen Fingerzeig geben, wie ich es machen soll, um die Göttin in ein Weib zu verwandeln!«

Und wiederum begann er sinnend vor sich hinzuschauen, mit der Palette auf dem Daumen, den Kopf gesenkt und im Gesicht das qualvolle Bemühen, endlich jenem Geheimnis beizukommen, wie er gerade jene Sophie, die seinem Geiste jetzt vorschwebt, auf die Leinwand bannen solle.

Er rief sich ihre Erregung ins Gedächtnis zurück, er hörte das Flehen ihrer Stimme, sie allein zu lassen und fortzugehen; er sah sie, wie sie ihren Stolz zu Hilfe rufen wollte und es doch nicht vermochte, wie sie ihm ihre Hand entziehen wollte und sie ihm doch nicht entzog, wie sie so gar nicht ihrer selbst Herr werden konnte . . . Wie verschieden war diese Sophie von dem Porträt da auf der Staffelei!

Er sah, daß er die Zweifel des Hamlet in ihrer Brust geweckt hatte. Er hatte diese Zweifel in ihrem Blick gelesen: »Lebe ich denn auch wirklich so, wie ich leben sollte? Bringe ich nicht irgend etwas Lebendiges, Menschliches diesem toten Stolze meines Geschlechts und meines Kreises, diesen äußeren Schicklichkeitsregeln zum Opfer? Es ist ja wahr, daß ich zuweilen mich langweile mit den Tanten, mit Papa und mit Catherine . . . nur Cousin Raiski . . .«

Sein Herz begann zu klopfen, wenn er so im Geiste sich selbst als den Gegenstand ihrer Träume sah.

Er sah nicht mehr das Porträt, sondern etwas ganz anderes: seine Augen waren wie bei einem Mondsüchtigen weit geöffnet, starr, ohne zu blinzeln, sahen sie irgendwohin und erblickten dort die wirkliche, lebendige Sophie, wie sie allein in ihrem Zimmer saß und von ihm träumte, in Nachdenken versunken, ohne zu merken, wo sie sitzt; oder wie sie ziellos durchs Zimmer schreitet, dann plötzlich, wie von einem neuen Gedankenblitz erleuchtet, stehen bleibt, aufs Fenster zuschreitet, die Portiere öffnet und den neugierigen Blick auf die Straße richtet, in das wogende Getümmel der Gestalten und Köpfe, wie sie aufmerksam hinausspäht in diesen Menschenstrudel, ohne Scheu vor dem Lärm da draußen, ohne Widerwillen gegen die große Menge, als sei sie ein Teil von ihr geworden, als begriffe sie, wohin jener Mensch dort so hastig eilt, in Angst, daß er zu spät kommen könnte; sie scheint bereits zu wissen, daß es ein armer Beamter ist, der für drei-, vierhundert Rubel jährlich zwei Drittel seines Lebens, sein Blut, sein Hirn, seine Nerven verkauft.

Sie fühlt Mitleid mit dem Bauer dort, der den Sack auf seinem Rücken kaum zu schleppen vermag. Sie errät, daß jene Frau da in dem Bündel, das sie trägt, ihr letztes Stück, ihren Mantel, zum Pfandleiher trägt, um die Miete bezahlen zu können. Jede einzelne Gestalt dort draußen, ob Mann oder Frau, verfolgt diese neue Sophie mit nachdenklichem, mitleidvollem Blicke.

Lange schaut sie hinaus auf dieses Leben, das sie nun ganz zu begreifen scheint, nur ungern verläßt sie das Fenster und vergißt, den Vorhang herabzulassen. Sie nimmt ein Buch, schlägt es an der ersten besten Stelle auf, liest jedoch nicht, sondern vertieft sich wieder in stilles Nachdenken darüber, wie die Menschen dort draußen leben.

Ihre Schönheit bekommt einen sinnigen Ausdruck, die Augen blicken nicht mehr so sorglos und klar, sondern gedankenvoll und tief. Es liegt in ihnen etwas wie bange Sorge um jene »anderen«, die dort in Kummer und Not, von Arbeit und Elend erdrückt, durch die Straßen eilen.

Sie empfindet plötzlich, daß sie nicht gelebt hat, sondern nur gewachsen ist, in einer kühlen, frostigen Temperatur. Sie empfindet eine Begier nach diesem Leben, nach seinen lebendigen Sympathien, seinen Kümmernissen und Mühen – vor allem aber nach den Sympathien.

Das Buch fällt aus ihren Händen auf den Fußboden. Sophie gibt sich nicht die Mühe, es aufzuheben; sie nimmt zerstreut eine Blume aus der Vase, sie achtet nicht darauf, daß die übrigen Blumen in Unordnung geraten und einige sogar aus der Vase fallen.

Sie riecht an der Blume, zupft sinnend, in stiller Zerstreutheit, die Blütenblätter mit den Lippen heraus, geht dann leise, halb unbewußt, zum Flügel, setzt sich achtlos von der Seite auf das Taburett, greift mit der einen Hand ein paar schwermütige Akkorde und sinnt und sinnt . . .

Dann flüstert sie leise, wie vergeistert, einen Namen und erbebt – ängstlich schaut sie sich um, bedeckt das Gesicht mit den Händen und verbleibt in dieser Haltung.

Niemand ist im Zimmer; nur ein Sonnenstrahl stiehlt sich durch das Fenster, an dem der Vorhang zurückgeschlagen ist, spielt in den Spiegeln an der Wand und bricht sich in farbigen Tönen an dem geschliffenen Kristall. Auf dem Fußboden liegt unbeachtet das offene Buch, neben den abgezupften Blütenblättern . . .

Er ergriff den Pinsel, schaute lange mit weitgeöffneten, heißhungrigen Augen auf jene Sophie, die er in diesem Augenblick im Kopfe hatte, mischte sorgfältig, mit einem stillen Lächeln, die Farben auf der Palette, schickte sich mehrmals an, die Leinwand zu berühren, hielt jedoch immer wieder unentschlossen inne, fuhr dann endlich mit dem Pinsel über die Augen und übertuschte sie ein wenig, daß die Lider etwas mehr geöffnet schienen. Ihr Blick wurde dadurch weiter, doch war er immer noch zu ruhig.

Ganz leise, fast mechanisch, zog er noch einmal den Pinsel über die Augen hin: sie wurden lebendiger, sprechender, blieben jedoch kalt. Eine ganze Weile arbeitete er an den Augen herum, mischte wieder nachdenklich die Farben, fügte noch einen neuen Zug hinzu, setzte einen Punkt in jedes Auge, wie es damals der Lehrer in der Schule bei seiner Zeichnung getan, und brachte schließlich noch einen einzigen kleinen Zug, über den er sich selbst nicht Rechenschaft gab, in das eine Auge . . . Und plötzlich stockte ihm selbst der Atem: ein Funke blitzte ihm aus dem Bilde entgegen . . .

Er trat zurück, sah hin und ward starr vor Verblüffung: eine lichte Garbe von Strahlen fiel aus den Augen gerade auf ihn, doch war der Ausdruck des Gesichtes noch zu streng. Halb unbewußt, wie von ungefähr, veränderte er ganz wenig die Linie der Lippen, führte einen leichten Pinselstrich über die Oberlippe, milderte da und dort einen Schatten, trat wieder zurück und sah hin.

»Sie ist es, sie ist es!« rief er, und sein Atem stockte fast.

»Das ist Sophie, wie sie jetzt ist, die wirkliche, wahre Sophie!«

Er hörte Schritte in seinem Rücken und wandte sich um: Ajanow war soeben eingetreten.

»Iwan Iwanytsch!« rief Raiski ganz erregt – »wie froh bin ich, daß du gekommen bist! Sieh doch – da, ist sie’s oder nicht? So sprich doch!«

»Wart’ laß mal sehen!«

Iwan Iwanytsch betrachtete eine ganze Weile das Bild.

Voll Ungeduld wartete Raiski.

»Wer ist das?« fragte Ajanow phlegmatisch.

Raiski sah ihn ganz verdutzt an.

»Hast du Sophie nicht erkannt?« fragte er und konnte sich kaum fassen vor Erstaunen.

»Wie, Sophie Nikolajewna? Ist’s möglich?« sprach Ajanow und sah dabei mit weitgeöffneten Augen auf das Porträt. »Du hattest doch noch ein zweites Bild: ich glaube, das war besser; wo ist es?«

Ärgerlich, fast verächtlich, zuckte Raiski die Achseln.

»Es ist doch dasselbe Bild!« sagte er. »Ich habe es nur geändert; bemerktest du denn nicht,« fuhr er heftig auf Ajanow los, »daß jenes dort ganz ohne Leben, ohne Feuer war, so welk, so schläfrig – und dieses hier! . . .

»Mag sein – aber es hatte vorher mehr Ähnlichkeit!« versetzte Ajanow hartnäckig. »Und das da . . . sie sieht ja aus, als wäre sie betrunken! . . .«

»Du selbst bist betrunken! Pack’ ein mit deinem Urteil!«

»Ich verstehe ja nicht viel davon,« bemerkte Ajanow gleichgültig.

Raiski gab ihm keine Antwort und fuhr ärgerlich mit dem Pinsel über das Haar und das Samtkleid des Porträts. Eine Viertelstunde später kam der Maler Kirilow, den Raiski erwartete. Es war ein kleiner, hagerer Mann, der ganz in seinem riesigen Vollbart zu verschwinden schien. Von seinem Gesicht war fast nichts zu sehen, nur die tiefliegenden Augen strahlten in unnatürlichem Glanze, und die Nase trat wie ein schroffer Buckel aus dem Haarwald hervor, mit der Spitze wiederum an den Bartwuchs stoßend, in dem die Wangen, das Kinn, die Lippen gänzlich verschwanden. Auch der Hals war vom Bart verdeckt, und der Rumpf steckte in einem sackartigen, weiten, faltig herabhängenden Paletot, unter dem die Schöße eines zweiten Paletots oder Rockes, der ganz mit Farbenklecksen bedeckt war, sichtbar wurde. An den Füßen trug er ein Paar weite Schuhe, die beim Gehen ein weich schlurrendes Geräusch verursachten; sein Hut war abgegriffen und hatte einen fettigen Glanz und eine verbogene Krempe.

Wenn man diese nachdenklich in sich gekehrten, glühenden Blicke und dieses strenge, unbewegliche, gleichsam unter dem dichten Haarwuchs schlummernde Antlitz sah, wenn man diesen kleinen Menschen in seiner düsteren Künstlerzelle mit der Palette vor der Staffelei erblickte, wie er den wilden, durchdringenden Blick gleich einem Nagel in das Antlitz des Heiligen hineinbohrte, den er gerade malte, dann glaubte man nicht einen freien, nach den sonnigen Seiten des Lebens ausschauenden Künstler vor sich zu haben, sondern eher einen Märtyrer, einen Mönch der Kunst, der die Freuden des Daseins haßte und nur seine Leiden und Bitternisse begriff. Und von dieser Art schien Kirilow in der Tat zu sein.

Schweigend, ohne sich zu rühren, hatte er sich in Sophies Porträt vertieft. Voll Unruhe beobachtete Raiski den Ausdruck seines Gesichtes. Ganz erstaunt hatte Kirilow im ersten Moment seinen Blick auf dem Gesicht des Porträts ruhen lassen, und namentlich der Ausdruck der Augen schien seinen Beifall zu finden: die Falten auf seiner Stirn glätteten sich, als stände ein schönes Traumbild vor seiner Seele.

Dann aber schien er plötzlich zu erwachen; ein Erstaunen, das nicht mehr freudiger Art war, sondern eher etwas Betrübtes hatte, trat auf sein Gesicht, und die Stirn legte sich wieder in Falten. Er wandte sich ab, legte den Hut auf den Tisch, nahm eine Zigarette aus der Tasche und zündete sie an.

»Nun – wie lautet Ihr Urteil?« fragte Raiski.

»Haben Sie mich deswegen kommen lassen?« fragte Kirilow.

»Wie denn? Warum?«

»Ich muß nach Hause gehen – leben Sie wohl! . . .«

»So sagen Sie doch etwas.«

»Was soll ich sagen? Es verlohnt sich nicht . . .«

»Nun ja, euch könnte jemand die Schönheit selbst vom Himmel herunterholen – ihr würdet immer nur sagen: es lohnt nicht!« erwiderte Raiski gekränkt. »Ihr seid ja Tote, alle miteinander! . . . Sie sagten doch früher selbst, daß ich Talent habe, Semjon Semjonytsch . . .«

»Warum soll ich’s Ihnen also wiederholen, wenn ich’s Ihnen doch schon gesagt habe?« versetzte Kirilow mit einem Seufzer. »Wenn Sie auf diesem Wege weitergehen und sich an solche Modebilder wegwerfen . . .«

»Modebilder! Wissen Sie, wer das ist?«

»Wer mag’s sein?« entgegnete Kirilow, einen flüchtigen Blick auf das Porträt werfend. »Irgendeine Schauspielerin . . .«

»Was reden Sie da! . . . Als ob sie beide den Verstand verloren hätten: der eine hält sie für betrunken, der andere für eine Schauspielerin! Was soll ich da noch mit Ihnen reden!«

Raiski schickte sich an, das Porträt zu verhängen.

»Ich will’s ihr hinbringen: hoffentlich wird das Original selbst gerechter urteilen! . . . Von Ihnen, Semjon Semjonytsch, hätte ich wenigstens ein ermutigendes Wort erwartet – Sie haben früher in meinen Arbeiten stets etwas gefunden, einen lebendigen Funken . . .«

»Auch hier ist ein lebendiger Funke!« sagte Kirllow und zeigte nach den Augen, den Lippen, der hohen Stirn. »Das ist ganz vortrefflich gemacht . . . ich kenne das Original nicht, doch sehe ich, daß hierin viel Wahrheit liegt. Das würde sich herrlich machen bei einem ernsten, würdigen Sujet. Und Sie haben diese Augen, diese Leidenschaft, diese Wärme irgendeiner leichtfertigen Person, einer Puppe, einem koketten Dämchen gegeben!«

»Nein, Semjon Semjonytsch: ein würdigeres Sujet könnte ein Künstler wohl kaum wählen! Das ist keine leichtsinnige Person, keine Kokette: sie wäre würdig, durch Ihren Pinsel verewigt zu werden. Sie ist das Ideal strengen, keuschen Stolzes; sie ist eine Göttin, wenn auch eine vom heidnischen Olymp; ganz Ihr Genre ist sie: nicht von dieser Welt . . .!«

»Dieses Gesicht verlangt einen andachtsvollen, tief in Gebet versunkenen Blick, nicht diesen Ausdruck sinnlicher Leidenschaft! . . . Ich will Ihnen etwas sagen, Boris Pawlowitsch: machen Sie aus diesem Porträt ein Gemälde! Kehren Sie Ihrer Welt den Rücken, machen Sie sich los von diesen Torheiten, dieser Scherwenzelei . . . Verhängen Sie die Fenster, schließen Sie sich auf drei, vier Monate ein . . .«

»Warum?«

»Machen Sie eine Betende daraus!« sagte Kirilow und zog sein Gesicht so zusammen, daß auch die Nase verschwand und es ganz einer Bürste glich. »Fort mit diesem Samt, dieser Seide! Lassen Sie sie knien, auf der bloßen Erde, auf den nackten Steinen, legen Sie ihr einen groben Mantel um die Schultern, falten Sie ihre Hände auf der Brust. . . Hier, hier!« – Er fuhr mit dem Finger, als wollte er zeichnen, über den Wangen des Porträts hin und her. »Weniger Licht! Fort mit diesem Fleisch! Machen Sie den Ausdruck der Augen weicher, lassen Sie die Lider sich etwas mehr schließen – und Sie werden selbst in die Knie sinken und beten . . .«

»Nein, Semjon Semjonytsch, ich will nicht ins Kloster gehen und ein Mönch werden; ich will Leben, Licht und Freude! Ich kann die Menschen nicht entbehren, ich verehre die Schönheit und liebe die Schönheit« – er warf einen zärtlichen Blick auf das Porträt – »mit Leib und Seele liebe ich sie, und ich gestehe es offen . . .« er seufzte lächelnd – »vielleicht mehr mit dem Leibe . . .«

Kirilow machte eine unwillige Handbewegung und begann im Zimmer auf und ab zu gehen.

»In Ihnen geht ein Talent zugrunde,« sagte er. »Sie werden sich nicht durchringen, werden Ihren großen Weg nicht finden. Sie haben nicht Widerstandskraft genug; wohl besitzen Sie Leidenschaften, aber keine Leidenschaft, keine Geduld! Auch hier sind die Hände wieder nur angedeutet, und sie sind obendrein nicht richtig; auch die Schultern haben kein Verhältnis; und Sie sind schon ganz weg vor lauter Stolz, Sie zeigen Ihr Bild, prahlen damit . . .«

»Nicht auf die Details der Ausführung kommt’s doch an, Semjon Semjonytsch!« entgegnete Raiski. »Sie sagten selbst, daß in den Augen, im Gesicht viel Wahrheit ist; und ich fühle, daß ich das Geheimnis erfaßt habe. Was hat das mit dem Haar, den Händen zu tun? . . .«

»Erlauben Sie, erlauben Sie, nur keine Winkelzüge!« unterbrach ihn Kirilow. »Sie verstehen einfach nicht, Hände zu malen, und haben nicht die Geduld, es zu lernen! Wenn dieser Arm hier ausgestreckt wird, ist er kürzer als der andere. Ihre Schönheit ist in Wirklichkeit ein Krüppel, Sie treiben Ihren Scherz mit ihr, man darf aber weder mit dem Leben noch mit der Kunst scherzen. Das eine ist so streng und ernst wie die andere: darum gibt’s auch so wenig echte Menschen im Leben, und so wenig wahre Könner in der Kunst . . .«

Er holte tief Atem, und sein Gesicht schien sich noch tiefer in dem Barte zu verstecken.

»Nach Ihrer Meinung soll man also fliehen vor dem Leben, und vor den Menschen soll man finster die Brauen runzeln und niemals lächeln . . .«

»Ja, wenn Sie nichts dagegen haben; ja, das soll man!« unterbrach ihn Kirilow. »Wenn Sie in der Kunst etwas Höheres anstreben, etwas anderes wollen als nur ein süßliches Lächeln und runde Schultern, etwas Reineres und Edleres als schmutzige Hinterhäuser und betrunkene Bauern, dann sagen Sie sich los von Ihren Schönheiten und Ihren Schmausereien, werden Sie nüchtern, arbeiten Sie, unermüdlich, bis Ihnen die Sinne vergehen! Man muß fallen und wieder aufstehen, muß sterben vor Verzweiflung und allmählich wieder zum Leben erwachen, muß mitten in der Nacht aufstehen . . .«

»Das tu’ ich . . . beinah . . .« sagte Raiski. »Ich springe vom Lager auf, weine zuweilen, bin dem Wahnsinn nahe . . .«

»Verrückt scheint ihr mir alle miteinander zu sein!« bemerkte Ajanow gleichmütig.

»Ja – Sie springen auf, um diese ›Wahrheit‹ hier hinzuschmieren« – er zeigte auf die nackte Schulter Sophies.

»Nein, Sie müssen vom Bett aufstehen, um diese Gestalt da fünfmal, zehnmal umzuzeichnen, bis sie richtig ist! Das wäre Ihre Aufgabe für die nächsten vierzehn Tage: ich komme dann wieder und sehe mir’s an. Und nun leben Sie wohl!«

»Bleiben Sie noch, Meister! Bleiben Sie!« bat Raiski.

»Nein, lassen Sie mich gehen! Sie haben noch nicht die rechte Hochachtung vor der Kunst, noch auch vor sich selbst! Die Künstlerschaft ist wie ein Orden von Brüdern, ähnlich wie der Freimaurerorden: sie sind zerstreut in der ganzen Welt und haben doch nur alle ein Ziel. Sie sind wie die Tempelbauer König Hirams, die ihr Geheimnis hüten. Ja, so ist’s! Es geht nicht an, daß man ein lustiges Leben führt, alle Gesellschaften, alle Torheiten mitmacht, in den Salons verkehrt, Bälle besucht und so nebenher dichtet, zeichnet, malt oder den Meißel führt. Nein!« schrie er fast leidenschaftlich, fast grob auf Raiski los – »lassen Sie all diesen Firlefanz, werden Sie ein Mönch, wie Sie selbst sich ganz richtig ausdrückten, opfern Sie alles der Kunst, beten und fasten Sie, seien Sie klug wie die Schlangen und unschuldig wie die Tauben, und was auch rings um Sie vorgehe, wohin auch das Leben Sie verschlage, in welche Abgründe Sie auch stürzen, tragen Sie immer das eine Bekenntnis auf den Lippen, wahren sie sich immer das eine Gefühl, hegen und hüten Sie immer das heilige Feuer der Leidenschaft für die Kunst! Mag man Sie verfluchen und verachten um ihretwillen – gehen Sie nur immer Ihren Weg! Nur dann werden Sie zu den Berufenen gehören, wird Ihnen reiche Vergeltung, das heißt die Unsterblichkeit, zuteil. Noch haben Sie nicht den Mut und die Kraft, die dazu gehört – noch sind Sie nicht arm genug, um diesen Weg zu gehen. Verteilen Sie alles, was Sie haben, unter die Armen, und folgen Sie dem erlösenden Lichte des Schaffensdranges! Doch wie sollten Sie das! Sie sind ja ein ›Herr‹, in Samt und Seide geboren, und nicht im Stall, in der Krippe. Die Kunst liebt sie nicht, die großen Herren . . . sie hält sich an die Niedriggeborenen . . . Verhängen Sie dieses unanständige Weib da, oder machen Sie aus ihr eine ›Buhlerin zu den Füßen Christi‹! Leben Sie wohl! In vierzehn Tagen komme ich her, um wieder nachzusehen.«

Er warf das Ende der Zigarette in den Spucknapf, nahm seinen Hut und eilte hinaus, ehe noch Raiski Zeit fand, ihn zurückzuhalten.

»Ein merkwürdiger Heiliger!« sagte Ajanow. »Es scheint beinahe, als wenn er wirklich die Absicht hätte, ein Mönch zu werden! Der zerknüllte Hut, und dieser Rock mit den Farbenflecken, der ganze verhungerte, zerlumpte Kerl . . . der richtige Märtyrer! Trinkt er vielleicht?«

»Er trinkt nur Wasser.«

»Nun, dann wird er verrückt, oder hängt sich auf.«

Raiski seufzte tief auf.

»Ja,« sagte er – »das ist einer der letzten Mohikaner: ein wahrer, ganzer Künstler, der seinen Wert kennt! Aber die Kunst ist herabgestiegen von ihrem hohen Piedestal, sie wandelt unter den Menschen, schreitet durchs lebendige Leben – und so muß es sein! Was er predigt, ist Fanatismus!«

Unwillkürlich jedoch führte er den Vergleich, den Kirilow gezogen hatte, in Gedanken fort: er sah in sich den reichen Jüngling, der gern ins Himmelreich gelangen wollte und es nicht vermochte. Nachdenklich ging er im Zimmer auf und ab.

Tiefe Mutlosigkeit bemächtigte sich seiner: er war den Tränen nahe. In diesem Augenblick war er allen Ernstes bereit, alles von sich zu werfen und in die Wüste zu gehen, den schlechtesten Rock zu tragen, nur einen Gang zu essen, wie Kirilow, sich abzusperren gegen die Außenwelt, wie Sophie, und zu malen, zu malen, bis er nicht mehr weiter könnte: bis aus Sophie die büßende Sünderin geworden wäre . . .

Er nahm eine neuaufgespannte Leinwand, stellte sie auf die Staffelei und begann, mit Kreide in großen Zügen die Figur eines betenden Weibes zu entwerfen. Er ließ sie den Arm vorstrecken und begann eifrig, fast wütend, an den Fingern zu arbeiten; er wischte aus, zeichnete wieder, wischte von neuem aus – es wollte nicht gelingen!

Eine nagende Ungeduld quälte ihn, die beim ersten Mißlingen in grimmigen Ärger überging. Er wischte alles fort und begann von neuem zu zeichnen, ganz langsam, mit starken Strichen, als wollte er die Leinwand durchdrücken. Schon begann jene Verzweiflung, von der Kirilow gesprochen, an Stelle seines Ärgers zu treten.

Er legte die Kreide hin, wischte die Finger an seinem Haar ab und trat vor das Porträt Sophies.

»Soll ich das Bild wirklich ganz und gar ändern?« dachte er. »Hat Kirilow wirklich recht? Mein letztes Ziel, meine Aufgabe, meine Idee ist doch die Schönheit! Ich bin ganz erfüllt von ihr und will dieses strahlende Bild, das mich beherrscht, um jeden Preis verkörpern: wenn ich die Schönheit in ihrem Wesen richtig erfaßt habe – was will ich dann noch mehr? Kirilow sucht die Schönheit im Himmel, er ist ein Asket: ich suche sie auf Erden . . . Ich will das Porträt Sophie zeigen: was sie wohl dazu sagen wird? Und dann will ich es ändern – doch keine büßende Sünderin daraus machen!«

Er lachte unwillkürlich bei dem Gedanken, was wohl Sophie sagen würde, wenn er ihr von diesem Einfall Kirilows erzählte. Er beruhigte sich nach und nach, freute sich der ›Wahrheit‹, die in dem Porträt lag, und überließ sich wieder ganz seiner alten, ungebundenen Träumerei, seinen Vorstellungen von freier Kunst und freier Arbeit. Er hüllte sein Bild sorgfältig ein und machte sich auf den Weg, um es Sophie zu zeigen.




Achtzehntes Kapitel


Raiski wußte nicht, ob er Sophie sehen, und was er ihr sagen würde.

»Wie heftig es da drinnen wogt!« dachte er, mit der Hand an seine Brust fassend. »Es wird einen Sturm geben – o, wenn es doch der Fall wäre! Heut muß die Entscheidung fallen, ihr Geheimnis muß heraus, und ich muß wissen, ob sie mich liebt oder nicht. Wenn es der Fall ist, dann wird mein . . . wird unser Leben eine andere Gestalt annehmen: ich reise dann nicht . . . Oder ich reise doch, das heißt: wir reisen, zur Großtante, in den stillen Winkel . . . Zusammen werden wir reisen . . .«

Er nahm das Porträt aus der Hülle, stellte es auf einen Sessel im Gastzimmer und ging leise durch die ganze Flucht der Wohnräume nach Sophies Zimmer. Man hatte ihm unten gesagt, daß sie allein sei: die Tanten seien zum Gottesdienst gefahren.

Er ging auf den Zehenspitzen und hielt seine Hand gegen das Herz, als wollte er sein heftiges Pochen mildern. In seiner Vorstellung sah er Blumen am Boden verstreut, und zurückgeschlagene Vorhänge, und einen kecken Sonnenstrahl, der sich in dem Kristall spiegelte. Ganz leise schlich er sich heran und erblickte Sophie.

Die Ellbogen auf den Tisch gestützt, saß sie da, hatte das Gesicht auf die Hände gelegt und sann nach, träumte oder . . . weinte. Sie war im Negligé, nicht wie sonst im steifen, engen Kleide, ohne Kragen und Manschetten, ohne Armband, nicht einmal frisiert; das Haar lag als dichte, wogende Masse in einem Netz; der Morgenrock bedeckte die Schultern und fiel in weiten Falten auf ihre Füße. Auf dem Teppich lagen zwei Atlaspantoffel: die Füße ruhten, in bloßen Strümpfen, auf einem samtbezogenen Bänkchen.

Er hatte sie noch niemals so gesehen. Sie bemerkte ihn nicht, und er fürchtete sich, Atem zu schöpfen.

»Cousine Sophie!« rief er kaum hörbar.

Sie fuhr zusammen, rückte ein wenig vom Tisch ab und sah ihn voll Erstaunen an. In ihren Augen las er die Fragen. Wie kommen Sie hierher? Was wollen Sie? Wer hat Sie eingelassen?

»Sophie!« wiederholte er.

Sie erhob sich und richtete sich in voller Größe auf.

»Was ist Ihnen, Cousin?« fragte sie kurz.

»Verzeihung, Cousine,« sagte er, schon ohne alle Begeisterung – »ich habe Sie überrascht . . . in dieser poetischen Unordnung . . .«

Sie warf einen Blick um sich, schien sich plötzlich zu besinnen und klingelte.

»Pardon, Cousin, ich ziehe mich sogleich an!« sagte sie trocken und ging mit dem Mädchen in ihr Schlafzimmer.

Er hörte, wie sie Pascha dafür ausschalt, daß sie ihn nicht vorher angemeldet hätte.

»Was ist das nur wieder?« dachte Raiski, während er das mitgebrachte Porträt betrachtete – »sie ist wieder ganz anders als hier auf dem Bilde, wieder ganz so wie früher! . . . Doch nein, ich lasse mich nicht täuschen, diese Ruhe und Kälte, mit der sie sich soeben gegen mich zu wappnen suchte, hat mit der früheren Kälte nichts zu tun – o nein, sie ist nur erzwungen, nur eine Maske! Unter dieser Eisdecke liegt ein Geheimnis verborgen – wir wollen es zu ergründen suchen!«

Endlich kam sie herein— tadellos frisiert, in dem rauschenden Kleide. Ohne ihn anzusehen, trat sie vor den Spiegel und legte ihr Armband an.

»Ich habe Ihr Porträt gebracht, Cousine,« begann Raiski.

»Wo ist es? Zeigen Sie es mir,« sagte sie und folgte ihm in das Gastzimmer.

»Sie haben sehr geschmeichelt, Cousin: so sehe ich nicht aus,« sagte sie, während sie das Porträt genau betrachtete.

»Geschmeichelt? Im Gegenteil – ich bin weit hinter der Wahrheit zurückgeblieben!« sagte er mit ungeheuchelter Betrübnis, als er das Original jetzt vor sich sah, »Die Schönheit – o, welch eine Macht ist sie! Wenn ich die besäße! . . .«

»Was würden Sie dann tun?«

»Was ich dann tun würde?« sagte er, während er sie durchdringend, gleichsam lauernd ansah. »Ich würde jemanden sehr glücklich machen . . .«

»Um dafür tausend andere unglücklich zu machen – nicht wahr? Probieren aber würden Sie Ihre Macht an allen, niemanden würden Sie schonen . . .«

»Ah!« rief Raiski, als wenn er sie plötzlich auf etwas ertappt hätte – »aus lauter Mitleid also sind Sie so unzugänglich? . . . Sie fürchten sich, jemanden anzusehen, weil Sie wissen, daß Sie ihn damit unglücklich machen? Ein interessanter neuer Zug! Dieses Selbstvertrauen steht Ihnen wohl an! Dieser Stolz ist von edlerer Art als der Dünkel der vornehmen Geburt: die Schönheit ist eine Macht, der Stolz auf sie hat einen Sinn!«

Er war erfreut darüber, daß er endlich, wie er glaubte, entdeckt hatte, warum sie sich so hartnäckig vor ihm verbarg, warum sie plötzlich ihre sentimentale Pose aufgegeben und sich wieder hinter ihre Verschanzung zurückgezogen hatte.

»Treiben Sie Ihr Mitleid nicht zu weit: wer würde nicht gern alle Qualen auf sich nehmen, um sich Ihnen nur nähern, mit Ihnen nur reden zu können? Wer würde nicht auf den Knien hinter Ihnen herrutschen bis ans Ende der Welt – nicht etwa, um das Glück, den Sieg zu erringen, sondern um auch nur einen schwachen Strahl der Hoffnung auf einen zukünftigen Sieg zu erhaschen . . .«

»Sie sind wieder bei Ihrem alten Thema, Cousin – lassen Sie es doch endlich genug sein davon!« sagte sie, und es gelang ihr doch nicht recht, die gewollte Gleichgültigkeit in ihre Worte zu legen. Sie schien daran zu zweifeln, daß ihre Macht wirklich so groß war, daß wirklich »alle hinter ihr herrutschen würden«, wie dieser leidenschaftliche Schwärmer, dieser närrische Künstler sich ausdrückte.

Auch dieser leise Zweifel war Raiski nicht entgangen. Er drang gleichsam spähend in ihre Blicke, ihre Worte ein, suchte, zuweilen unbewußt, alle Lichter und Schatten, die durch ihre Seele huschten, zu erfassen und mit den feinsten Nervenfasern alles, was in ihr vorging oder logischerweise im nächsten Augenblick, vorgehen mußte, zu erraten.

»Sie sehen doch selbst,« fuhr er fort, »daß für einen einzigen freundlichen Blick, der nichts weiter bedeutet, für ein Wort, das gar keinen Lohn verheißt, alle in geschäftiger Hast, voll dienstwilligen Eifers hin und her laufen, nm nur Ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken!«

»Scheint es Ihnen wirklich so?«

»Bemerken Sie es denn nicht selbst?«

»Ich bemerke nichts.«

»O doch, Sie haben es bemerkt – und Sie triumphieren im stillen darüber! Ja, Sie machen sich sogar noch lustig über solche arme Sterbliche wie ich, Sie lassen mich reden, weil Sie wissen, daß ich die Wahrheit sage, und Sie sehen in meinen Worten Ihr Bild wie in einem Spiegel und haben Ihr Wohlgefallen daran!«

»Bisher habe ich mein Bild nur auf Ihrer Leinwand da gesehen, wo Sie stark übertreiben. Aus Ihren Worten klang mir immer nur Tadel und Schelte entgegen.«

»Nein, das Porträt da ist nur eine blasse Kopie der Wirklichkeit; nur das strahlende Auge und das Lächeln um den Mund sind getreu wiedergegeben, wenn Sie auch nur selten so schauen und lächeln. Ich erfaßte einen dieser seltenen Momente, deutete nur ganz leise die Wahrheit an – und da, sehen Sie, was dabei herauskam! Ach, wie schön waren Sie damals!«

»Wann war das?«

»Es war, als ich das letzte Mal mit Ihnen sprach . . . damals, als Ihr Papa diesen Milari mitbrachte . . .«

Sie schwieg.

»Den Grafen Milari!« wiederholte er.

»Ja, ich erinnere mich,« sagte sie trocken.

»Ist er häufig Ihr Gast?« fragte Raiski, dem der trockene Ton ihrer Antwort aufgefallen war.

»Ja . . . er kommt zuweilen her. Er singt sehr schön,« fügte sie hinzu und setzte sich auf den Diwan, mit dem Rücken gegen das Licht.

»Lassen Sie es mich doch wissen, wenn er wieder einmal hier ist . . . ich wäre gern dabei . . .«

»Es ist kühl hier im Zimmer,« bemerkte sie und machte eine Bewegung mit der Schulter – »man wird am Ende noch heizen müssen . . .«

»Ich kam, um mich von Ihnen zu verabschieden; ich verreise . . .« sagte er plötzlich und sah sie aufmerksam an.

Sie blieb vollkommen ruhig.

»Wohin?« fragte sie nur.

»Aufs Land, zu meiner Großtante . . . Tut’s Ihnen nicht leid? Werden Sie sich ohne mich nicht langweilen?«

Sie schien nachzudenken und diese Frage im stillen zu entscheiden, sagte jedoch nichts.

»Sie sagen weder ja noch nein,« fuhr er fort, »und sehen Sie, Cousine: schon dieses Schwanken erscheint mir als Glück. Ein rasches Ja wäre entweder eine liebenswürdige Floskel, eine Täuschung – oder ein solches Glück, wie ich es nie verdient habe; ein Nein aber würde mich schmerzen. Sie wissen selbst nicht, ob’s Ihnen leid tut oder nicht: das ist schon sehr viel von Ihnen, das ist der halbe Sieg . . .«

»Und sie hoffen einen ganzen Sieg zu erringen?« fragte sie lächelnd.

»Ein schlechter Soldat, der nicht General zu werden hofft, möchte ich sagen können, doch sage ich es nicht: das wäre zu viel . . . das wäre unmöglich.«

Er sah sie an und hätte Gott weiß was darum gegeben, wenn sie jetzt ein »Warum?« ausgesprochen hätte. Er wünschte es sehnlichst und erwartete es sogar insgeheim – aber sie stellte diese Frage nicht, und er unterdrückte seinen Wunsch mit einem Seufzer.

»Ganz unmöglich,« wiederholte er – »und um Ihnen zu beweisen, daß ich solche hochfliegenden Hoffnungen nicht hege, bin ich gekommen, von Ihnen Abschied zu nehmen – vielleicht für lange Zeit.«

»Es tut mir leid, Cousin,« sagte sie plötzlich leise, in weichem Tone und fast mit Gefühl.

Er wandte sich lebhaft nach ihr um – wie jemand, der Zahnschmerzen gehabt hat und sie plötzlich verliert.

»Ist das wahr?« fragte er.

»Vollkommen wahr. Sie wissen, daß ich nie die Unwahrheit sage.«

Er ergriff ihre Hand und küßte sie voll Entzücken. Sie entzog ihm die Hand nicht.

»Was würden alle jene, die sich um Sie scharen, wohl darum geben, wenn sie Ihre Hand so küssen dürften?«

»Und Sie sind glücklich, es zu dürfen? . . .«

»Ja – als Cousin! Aber was gäbe ich erst darum,« sagte er, sie mit trunkenem Blick betrachtend, »wenn ich diese Hand anders küssen dürfte . . . so! . . .«

Er wollte von neuem ihre Hand küssen, doch sie entzog sie ihm.

»Ich darf also nicht daran zweifeln, daß ich Ihnen . . . ein klein wenig leid tue,« fuhr er fort. »Aber gar zu gern wüßte ich auch, warum ich Ihnen leid tue . . . warum Sie mich ganz gern von Zeit zu Zeit einmal sehen möchten?«

»Um Sie zu hören. Sie übertreiben ja etwas stark, aber zuweilen sprechen Sie doch richtig und klar über viele Dinge, die ich zwar begreife, jedoch nicht so in Worte zu kleiden weiß . . .«

»Ah, endlich ein offenes Wort! Darum also bedürfen Sie meiner: Sie schauen in mich hinein wie in ein arabisches Lexikon . . . eine wenig beneidenswerte Rolle!« fügte er mit einem Seufzer hinzu.

»Aber Sie sagten doch eben selbst, Cousin, daß Sie gar nicht hoffen, einmal General zu werden, und daß alle miteinander bereit sind, für eine noch so kleine Aufmerksamkeit von meiner Seite wer weiß was zu tun . . . Ich verlange das gar nicht – aber schenken Sie mir doch wenigstens ein klein wenig . . .«

»Freundschaft?« fragte Raiski.

»Ja!«

»Das wußte ich! Ach, diese Freundschaft!«

»Ich sehe, Cousin, daß Sie Ihre Hoffnung auf den Generalsrang durchaus noch nicht aufgegeben haben! . . .«

»Nein, nein, Cousine, ich hege durchaus keine Hoffnung – und darum eben, ich wiederhole es: darum eben reise ich fort. Aber Sie sagten mir, daß Sie Langeweile haben würden ohne mich, daß ich Ihnen fehlen würde, und so fasse ich eben, wie der Ertrinkende, nach dem Strohhalm.«

»Und Sie sollen nicht umsonst danach gefaßt haben. Ich biete Ihnen meine Freundschaft an, was doch immerhin etwas ist. Wenn es Leute gibt, die allein für ein freundliches Wort oder einen freundlichen Blick von mir wer weiß was geben würden, wie Sie soeben versicherten, dann sollte doch für meine Freundschaft, die ich nicht so leicht jemandem anbiete . . .«

»Die Freundschaft, Cousine, ist eine schöne Sache, wenn sie der erste Schritt zur Liebe ist – sonst ist sie einfach ein Widersinn, ja zuweilen sogar eine Beleidigung.«

»Wieso?«

»Was ist denn solch eine Freundschaft? Sie werden mir das Recht einräumen, Sie unangemeldet zu besuchen, und auch das nicht immer: heute zum Beispiel sind Sie darüber ungehalten gewesen; Sie werden mich mit allerhand Aufträgen in der Stadt herumschicken – das ist ja das alte Vorrecht der Cousins; Sie werden sich sogar, falls ich Geschmack habe, mit mir beraten, was Sie anziehen sollen; Sie werden mir Ihre aufrichtige Meinung über alle Verwandten und Bekannten sagen, und schließlich werden Sie sogar – und darin sehe ich die Beleidigung – mich zum Mitwisser Ihrer Herzensgeheimnisse machen, wenn Sie sich einmal verlieben sollten . . .«

Er bemerkte, daß Sophie sich mit Gewalt zu beherrschen suchte, und daß sie, um ihre wahre Empfindung zu verbergen und Gleichgültigkeit zu heucheln, sich abwandte und gähnte.

»Sie sind vielleicht schon verliebt?« fragte er plötzlich.

»Wie kommen Sie zu dieser Annahme?«

»Was hätte sonst Ihre Verwirrung zu bedeuten?«

»Verwirrung? Ich soll verwirrt sein?« sprach sie und blickte in den Spiegel. »Nicht im geringsten – ich erinnerte mich nur, daß wir übereingekommen sind, nicht mehr über Liebe zu sprechen. Ich bitte Sie, Cousin,« fügte sie plötzlich in ernstem Tone hinzu, »dieses Übereinkommen nicht zu verletzen. Sprechen wir, bitte, nicht mehr darüber.«

Er war verwundert über ihre Bitte und versank in Nachdenken. Sie hatte diese Bitte auch schon früher geäußert, doch nur im Scherz, mit lächelndem Munde. Seine Eigenliebe flüsterte ihm zu, daß er vielleicht nicht vergeblich an der Tür ihres Herzens angeklopft habe, daß es sich melde, daß ihre Verwirrung und diese plötzliche, ungeschickt vorgebrachte Bitte, nicht von Liebe zu sprechen, nur auf ihre Furcht und Vorsicht zurückzuführen sei.

Doch verwarf er diesen Gedanken sogleich wieder – er mußte sich errötend sagen, daß nur ein eitler Geck so denken könne, und daß er nach anderen Gründen ihres Verhaltens suchen müsse. Schon empfand er im Herzen ein peinliches, nagendes Gefühl, seine Augen blickten ihr unverwandt, fast zudringlich fragend ins Gesicht, und die Zunge wollte reden, reden und wagte es nicht. Die Eifersucht hatte ihn gepackt, mit all ihren Folterqualen.

»Was ist denn das?« sagte er sich – »bin ich im Ernst verliebt? Nein, nein! Was geht’s mich denn schließlich an?«. . . Ich habe mich doch nicht um meinetwillen bemüht, es handelt sich immer nur um sie . . . um ihre Entwicklung, um die Erweckung ihres sozialen Gefühls . . . Noch ein letzter Versuch . . .«

»Eine Frage noch, Cousine,« sagte er laut – »wenn ich . . .« Er überlegte einen Augenblick: die Frage war für ihn entscheidend. »Wenn ich nun die Freundschaft nicht annehme, die Sie mir gleichsam als Belohnung für mein Wohlverhalten anbieten – wenn ich den Gedanken nicht ganz aufgebe, es vielleicht doch noch einmal bis zum General zu bringen: was würden Sie dann sagen? Darf ich wohl . . . kann ich? . . .« – »Sie ist keine Kokette, sie wird mir die Wahrheit sagen!« dachte er im stillen. Und laut fuhr er dann fort: »Würden Sie mich zu solchen Hoffnungen ermutigen, Cousine?«

Er sprach diese letzten Worte mit leisem Zittern und wagte nicht, sie anzusehen.

Sie lachte.

»Sie haben nicht die geringste Hoffnung, Cousin,« versetzte sie gleichgültig.

Er machte eine ungeduldige Bewegung, schwieg jedoch.

»Es ist ganz ausgeschlossen!« wiederholte sie in entschiedenem Tone. »Sie müssen immer übertreiben: eine einfache Liebenswürdigkeit erscheint Ihnen schon als entrainement, in irgendeiner kleinen Aufmerksamkeit sehen Sie die Zeichen einer Neigung, und Sie selbst sind wie in einem Traum befangen. Sie fallen ganz aus der Rolle eines Cousins und Freundes – verübeln Sie es mir nicht, daß ich Ihnen das sage.«

»Sie wollen mich also mit den faden Courmachern Ihrer großen Welt über einen Kamm scheren?«

»Fi, quelles expressions!«

»Mit diesen Schwätzern, die sich in den Salons und Theaterlogen herumdrücken und mit ihren süßlichen Blicken, ihren verfänglichen Schmeicheleien und auswendig gelernten Witzen die Unterhaltung bestreiten? Nein, Cousine – wenn ich von mir selbst rede, dann sage ich, wie es mir wirklich ums Herz ist; die Stimme meines Herzens ist es, der meine Zunge Worte leiht. Ein Jahr lang verkehre ich nun in Ihrem Hau se: so lange trage ich Ihr Bild in Gedanken mit mir herum, und ich spreche nur aus, was ich tief innerlich fühle.«

»Was soll mir dieses Bekenntnis?« fragte sie plötzlich. Der Ton ihrer Frage machte ihn betroffen, und er schwieg. Da hatte er ja nun eine klare Antwort auf seine Frage, wie es um seine Hoffnungen auf die Generalschaft stände! Und er hätte sich damit begnügen können, ohne noch weiter zu fragen, aber er bohrte und fragte weiter.

»Sie . . . lieben mich nicht, Cousine?« fragte er leise, mit einschmeichelnder Stimme.

»O, sehr!« antwortete sie heiter.

»Scherzen Sie nicht, um Gottes willen!« sagte er erregt.

»Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich nicht scherze.«

»Sie jetzt zu fragen, ob sie in mich verliebt ist, wäre albern,« dachte er – »so albern, daß es immer noch klüger wäre, abzureisen, ohne überhaupt etwas zu erfahren. Nein, das darf ich sie auf keinen Fall fragen . . . Da seh’ doch einer: sie, die über alles in der Welt, über alle Leidenschaft erhaben sein will, verlegt sich auf Kniffe und Schliche wie die erste beste Kokette! Aber ich werde schon herausbekommen, was dahinter steckt! Ich habe so meine Vermutung – ganz plötzlich will ich damit herausplatzen . . .«

Während er so im stillen seinen Monolog hielt, sah sie ihn mit schelmischem Lächeln an und schien nicht abgeneigt, ihn ein klein wenig zappeln zu lassen und zu quälen. Da platzte er plötzlich mit einer unerwarteten Frage heraus.

»Sie sind in diesen Italiener, den Grafen Milari, verliebt?« fragte er, seinen Blick tief in ihr Antlitz versenkend. Er fühlte, wie er selbst bei seiner Frage erblaßte, und es war ihm, als hätte er sich plötzlich eine zentnerschwere Last auf die Schultern geladen.

Ihr Lächeln, der freundschaftliche Ton, die ungezwungene Haltung – alles das verschwand momentan, als er seine Frage gestellt hatte. Vor ihm saß eine kalte, strenge, fremde Frau. Sie, die ihm bisher so nahe gestanden, schien jetzt plötzlich irgendwo in weiter Ferne, auf steiler Höhe zu weilen und durch keine Verwandtschaft, keine Freundschaft mit ihm verbunden.

»Es muß also wahr sein – ich habe es erraten!« dachte er und suchte zu ergründen, wie er eigentlich dahingekommen sei, es zu erraten. Er hatte Milari ein einziges Mal bei ihr gesehen, und erst heute, als er von ihm sprach, war es ihm aufgefallen, daß bei der Nennung seines Namens ein leichter Schatten über ihr Gesicht huschte, und daß sie sich mit dem Rücken gegen das Licht setzte.

»Wie kommt es nur, mein Gott, daß ich immer alles sehe und weiß, wo andere blind sind und – glücklich! Wie kommt es, daß ein leises Geräusch, ein Windhauch, ein bloßes Schweigen genügt, mich alles wittern, alles erraten zu lassen? Jetzt sitzt mir das Gift im Herzen – und was habe ich davon außer Qualen?«

Sie schwieg.

»Sie sind beleidigt, Cousine?«

Sie schwieg.

»Sagen Sie doch: ja!«

»Sie wissen selbst, wie die Äußerung einer solchen Vermutung wirken muß.«

»Ich weiß noch mehr, Cousine: ich weiß, warum Sie sich beleidigt fühlen.«

»Lassen Sie hören!«

»Weil es die Wahrheit ist.«

Sie machte eine Bewegung und sah ihn erstaunt an, als wollte sie sagen: »Sie bleiben noch immer dabei?«

»Auch dieser Blick, Cousine, ist nicht aufrichtig, sondern gemacht.«

»Ich verstelle mich also? Sie bilden sich zu viel ein, Monsieur Raiski!«

Er lächelte und seufzte dann auf.

»Wenn es nicht wahr ist – wie kann dann meine Vermutung für Sie beleidigend sein?« sagte er. »Und ist es wahr – wie kann dann die Wahrheit Sie beleidigen? denken Sie über dieses Dilemma nach, Cousine, und tun Sie Buße dafür, daß Sie Ihren armen Cousin mit der ganzen Wucht Ihrer Würde zu Boden drücken wollen!«

Sie zuckte leicht mit den Achseln.

»Ja, so ist es, und alles, was Sie jetzt, in diesem Augenblick auch tun mögen, entspringt nicht dem Gefühl, daß Sie beleidigt worden sind, sondern dem Ärger darüber, daß man Ihnen ein Geheimnis entlockt hat. . . Auch dieses Beleidigttun ist nur eine Maske.«

»Was für ein Geheimnis denn? Was reden Sie?« sagte sie, den Kopf emporwerfend und ihn mit großen Augen ansehend. »Sie mißbrauchen die Rechte eines Cousins – das ist das ganze Geheimnis. Und ich begehe eine Unvorsichtigkeit damit, daß ich Sie zu jeder Zeit, auch in Abwesenheit Papas und der Tanten, empfange . . .«

»Lassen Sie doch diesen Ton, Cousine!« versetzte er freundlich, voll Wärme und Aufrichtigkeit, daß sie fast besänftigt wurde und allmählich wieder ihre frühere ungezwungene, vertrauliche Haltung annahm, als sähe sie, daß ihr Geheimnis, wenn von einem solchen überhaupt die Rede war, nicht in schlechte Hände geraten war.

»Das also bedeutet Ihre olympische Ruhe!« fuhr er fort. »Wären Sie schlechtweg ein Weib, nicht eine Göttin, dann würden Sie meine Lage begreifen, würden in mein Herz blicken und nicht streng, sondern schonungsvoll handeln, selbst wenn ich Ihnen völlig fremd wäre. Und ich stehe Ihnen doch nahe! Sie sagen, daß Sie mir freundlich zugetan sind, daß Sie sich langweilen, wenn Sie mich nicht sehen . . . aber das Weib ist eben nur mitleidig, zärtlich, ehrlich und gerecht, wenn es sich um den handelt, den es liebt – gegen jeden anderen ist es ohne Erbarmen. Der Mörder, der das Messer schon über dir zückt, wird deine Bitte um Schonung eher erhören als das Weib, das seine Liebe, sein Herzensgeheimnis verbergen will.«

»Warum sagen Sie mir das alles? Das hat doch nicht die geringste Beziehung zu mir! Und ich habe Sie doch ausdrücklich gebeten, diese Gespräche über Liebe, über Leidenschaft und so weiter beiseite zu lassen . . .«

»Ich weiß es, Cousine – und weiß auch, weshalb Sie es taten: weil ich damit einen wunden Punkt berührte. Aber war denn diese freundschaftliche Berührung gar so rauh? . . . Verdiene ich wirklich nicht das bißchen Vertrauen? . . .«

»Welches Vertrauen? Welches Geheimnis? Bei Gott, Cousin . . .« sagte sie und sah sich voll Unruhe nach allen Seiten um, als wollte sie forteilen, sich die Ohren zuhalten und nichts mehr hören und wissen.

»Vielleicht erscheine ich lächerlich mit meinen Hoffnungen auf die Generalschaft,« fuhr er, ohne auf sie zu hören, mit gedämpfter Erregung fort. »Aber so ganz und gar als ein Nichts betrachten Sie mich doch nicht – was, Cousine? Ja, ich gehe noch weiter: vielleicht hat Ihnen, solange Sie leben, noch nie ein Mensch so nahe gestanden. Sie haben das vorhin selbst gesagt, wenn auch nicht ganz so deutlich. Noch niemals hat ein wirklicher, lebendiger Mensch, der die Herzen und Seelen zu deuten weiß, so zu Ihnen gesprochen, Ihnen so unverhüllt Ihr eigenes Ich gezeigt. Sie konnten in mir Ihre Gedanken lesen, Ihre Gefühle sich spiegeln sehen. Ich bin nicht die Tante, oder der Papa, nicht irgendeiner Ihrer Ahnen oder Ihr Gemahl: sie alle kannten das Leben nicht, sie gingen wie auf Stelzen dahin, schlossen sich ab in dem engen Kreise ihrer veralteten, armseligen Begriffe, ihrer standesgemäßen Erziehung, ihres sogenannten ›guten Tons‹ und behalfen sich damit auf kümmerliche Weise. Ich hingegen bin ein lebendiger, frischer Mensch, ich mache Sie mit Vorstellungen und Gefühlen bekannt, die Ihnen bisher fremd waren, ich war eine neue Erscheinung für Sie; ich schien Ihnen . . . will ich einmal sagen . . . ganz unterhaltsam – nicht wahr, Cousine?«

Sie schwieg.

»Jetzt liegt die Sache natürlich anders: jetzt sind Sie froh, daß ich abreise,« fuhr er fort. »Alle anderen können dableiben – nur ich allein muß fort . . .«

»Warum?«

»Weil ich allein Ihnen in diesem Augenblick unbequem bin, weil ich allein Ihr Geheimnis, das erst noch im Keim vorhanden war, erraten habe. Aber . . . wenn Sie mir dieses Geheimnis nun selbst anvertrauen, dann werde ich Ihnen – nach ihm natürlich – teurer sein als alle anderen ». . .«

Sie machte eine Bewegung, erhob sich, schritt durchs Zimmer, betrachtete die Wände, die Porträts, warf einen Blick in die offene Zimmerflucht und nahm dann, als sähe sie keinen Ausweg aus der Situation, mit sichtlicher Ungeduld wieder im Sessel Platz.

»Aber . . .« begann er wieder in sanftem, freundschaftlichem Tone – »ich liebe Sie, Cousine« – sie richtete sich empor bei diesen Worten – »ich liebe Sie trotz allem, liebe Sie um Ihrer berückenden Schönheit willen, ob Sie es wollen oder nicht; sie beherrschen mich ganz, können alles aus mir machen – und Sie wissen das . . .«

»Hören Sie, Cousin . . . Sie wollen mich davon überzeugen, daß Sie etwas wie . . . eine Leidenschaft empfinden,« sagte sie, um ihm einen kleinen Schritt entgegenzukommen und womöglich seine zudringliche Analyse von sich abzulenken. »Täuschen Sie sich da nicht vielleicht . . . natürlich unbewußt?« fügte sie rasch hinzu, als sie an seiner Miene zu sehen glaubte, daß er ihr am liebsten sogleich wieder mit einem ganzen Monolog erwidert hätte. »Noch vor zwei Monaten war nichts Derartiges vorhanden, höchstens einmal eine Anwandlung – und nun mit einem Male! . . . Sie sehen, daß das unnatürlich ist . . . Ihre Begeisterung, Ihre Qualen – verzeihen Sie, Cousin, ich glaube Sie Ihnen nicht, und darum habe ich für Sie auch nicht die Schonung, auf die Sie Anspruch machen möchten. So leid es mir tut – ich werde Ihnen Ihre Stellung als Cousin kündigen müssen: Sie sind ein sehr unruhiger Cousin und Freund . . .«

»Eine Leidenschaft bedarf nicht ganzer Jahre zur Entwicklung, Cousine: sie kann im Augenblick aufflammen.. Ich sage nicht, daß ich vor Verzweiflung sterben werde, daß es sich für mich um eine Lebensfrage handelt – nein; Sie haben mir nichts gewährt und können mir darum auch nichts nehmen außer den Hoffnungen, die ich selbst in mir erweckt habe . . . Diese Empfindung wird bald vorübergehen – gewiß, ich weiß es. Das ganze Gefühl wird sich nicht vertiefen, weil ihm die Nahrung fehlt – nun, Gott sei auch dafür gedankt!«

Er seufzte auf.

»Was wollen Sie eigentlich?« fragte sie.

»Mich beleidigt Ihr Erschrecken darüber, daß ich Ihnen ins Herz gesehen . . .«

»Es ist nichts darin,« sagte sie monoton.

»Doch, doch – und es ist mir schmerzlich, daß Sie mir nicht einmal so viel Vertrauen schenken. Sie fürchten, ich könnte mit Ihrem Geheimnis nicht delikat genug umgehen. Es ist mir peinlich, daß mein Blick Sie ängstigt und beschämt. . . ach, Cousine – und dabei ist’s doch mein Werk, mein Verdienst oder meine Schuld, daß Sie aus dieser Verblendung herausgerissen wurden, als sei dieser Milari . . .«

Sie hatte ihm ruhig und gelassen zugehört, bei der Nennung dieses Namens jedoch erhob sie sich rasch.

»Wenn Ihnen an meiner Freundschaft etwas liegt, Cousin,« versetzte sie mit ein wenig veränderter, leicht zitternder Stimme – »und wenn Sie einigen Wert darauf legen, hier ein und aus zu gehen und . . . mich zu sehen . . . dann. . . nennen Sie keinen Namen!«

»Ja, ich habe das Richtige getroffen: sie liebt ihn!« entschied Raiski im stillen, und es war ihm leichter ums Herz, da die Frage nun doch wenigstens, wenn auch gegen ihn, entschieden und das Geheimnis heraus war. Er konnte nun schon auf Sophie, auf Milari und sogar auf sich selbst als objektiver Betrachter, gleichsam von der Seite her, blicken.

»Haben Sie doch keine Furcht, Cousine – nur um Gottes willen keine Furcht!« sagte er. »Eine schöne Freundschaft – den Freund wie einen Spion zu scheuen, sich vor ihm zu verstecken . . .«

»Ich brauche niemand zu scheuen und nichts zu verstecken!«

»Wie denn – und die Welt? und diese da?« Er zeigte nach den Ahnenbildern an der Wand. »Da, wie sie die Augen aufreißen! Aber bin ich denn einer von ihnen? Bin ich denn die Welt?«

»Ich hätte allerdings wohl Ursache, mich vor den Ahnen zu verstecken!« versetzte Sophie ganz ruhig und sicher – »wenn sie Sie hier gesehen und gehört hätten! Was hat es hier heut nicht alles gegeben: Vorwürfe und Liebeserklärungen und Eifersuchtsausbrüche . . . ich dachte, so etwas gäbe es nur auf der Bühne . . . Ach, Cousin! . . .« rief sie im Tone scherzhaften Vorwurfs und war wieder ganz Herrin ihrer selbst.

Sie hatte in der Tat nichts zu scheuen oder zu verstecken: Graf Milari war vielleicht sechsmal mit ihr zusammengewesen, stets in Gesellschaft anderer, er hatte gesungen, hatte ihr Spiel gehört und sich mit ihr unterhalten, doch war ihr Verkehr nie über die Grenze der gewohnten Höflichkeit, der höchstens eine ganz feine Nuance von seiner Schmeichelei beigemischt war, hinausgegangen.

Einer anderen hätte das vielleicht genügt, um den Namen des schönen Grafen beständig auf den Lippen zu tragen, sich durch seine Aufmerksamkeit geschmeichelt zu fühlen und mit ihm ein wenig zu kokettieren. Sophie jedoch wollte nicht einmal seinen Namen genannt haben und wußte nicht, wie sie Raiskis Redefluß hemmen sollte, als er so zur Unzeit mit seinem »erratenen Geheimnis« herausplatzte. Es lag kein Geheimnis vor, und wenn sie dieses »Erraten« nicht ganz gleichgültig hinnahm, so geschah es jedenfalls nur, um auch den letzten Schatten eines Verdachts bei ihm zu beseitigen.

Sie sollte verliebt sein – wie abgeschmackt! Gott möge sie davor bewahren! Und kein Mensch würde es ja auch glauben. Kühn und sicher, wie zuvor, hob sie wieder den Kopf empor und sah ihm ruhig ins Gesicht.

»Leben Sie wohl, Cousine!« sagte er in lässigem Tone.

»Bleiben Sie denn heut nicht bei uns?« fragte sie freundlich. »Wann reisen Sie?«

»Wie sie schmeichelt – wie pfiffig: sie will mir die Pille vergolden!« dachte Raiski.

»Was soll ich Ihnen?« versetzte er auf ihre Frage.

»Ich sehe, daß Sie auf meine Freundschaft keinen großen Wert legen!« sagte sie.

»Ach, reden Sie nicht von Freundschaft, Cousine! Seien Sie doch offen: Sie fürchten mich!«

»Ich habe, Gott sei Dank, noch nichts zu fürchten.«

»Noch nichts? Und wenn Sie doch einmal etwas zu fürchten haben sollten – werden Sie mich dann mit Ihrem Vertrauen beehren?«

»Aber Sie sagten doch, dieses Vertrauen würde für Sie beleidigend sein! Ich müßte doch fürchten . . .«

»Fürchten Sie nichts! Ich sagte bereits, daß meine Hoffnungen nur dann weiter grünen würden, wenn eine Gegenseitigkeit möglich wäre – und das ist doch nicht der Fall?« fragte er schüchtern und sah sie dabei forschend an, während er zugleich fühlte, daß trotz aller Aussichtslosigkeit seines Bemühens die Hoffnung noch nicht ganz in ihm erloschen war, weshalb er sich im stillen einen Dummkopf nannte.

Sie schüttelte als Antwort auf seine Frage langsam den Kopf.

»Und . . . wird auch nie der Fall sein?« forschte er hartnäckig weiter.

Sie lachte.

»Sie sind unverbesserlich, Cousin,« sagte sie. »Jede andere würde unwillkürlich mit Ihnen zu kokettieren anfangen. Ich will das aber nicht und sage Ihnen rundweg: nein!«

»Dann brauchen Sie doch auch keine Angst zu haben, sich mir anzuvertrauen!« versetzte er düster.

»Parole d’honneur. ich habe nichts anzuvertrauen.«

»Doch, doch, Cousine!«

»Was soll ich Ihnen denn nun anvertrauen, dites positivement!«

»Wohlan denn: sagen Sie mir – fühlen Sie nicht, daß etwas sich in Ihnen gewandelt hat, seit dieser Milari. . .«

Der freundliche Ausdruck ihres Gesichtes verschwand, und sie nahm wieder eine gezwungene, kalte Miene an.

»Nein, nein, pardon – ich will ihn nicht nennen. . . seit er, will ich sagen, in Ihrem Hause verkehrt?«

»Hören Sie, Cousin . . .« begann sie, hielt einen Augenblick inne und war offenbar verlegen, wie sie fortfahren sollte – »angenommen, es wäre . . . enfin si c’etait vrai – aber das ist ganz ausgeschlossen,« fügte sie rasch wie in Parenthese hinzu – »was . . . was ginge es Sie an, nachdem Sie doch . . .«

Er brauste auf.

»Was es mich anginge?« fuhr er jäh heraus und sah sie mit großen Augen an. »Was es mich anginge, Cousine? Sie sollten zu einem ersten besten Parvenu, irgendeinem Milari, einem hergelaufenen Italiener hinabsteigen – Sie, eine Pachotina, Sie, der Stern, der Stolz, die Perle unserer Gesellschaft? Sie . . . Sie!« wiederholte er im Tone höchsten Erstaunens, ja fast mit Entsetzen.

Sie sah ihn ganz verwundert an, wie er so unerwartet aufbrauste und wütende Blicke um sich warf.

»Erstens ist er Graf . . . und nicht ein erster bester Parvenu . . .« sagte sie.

»Er hat den Grafentitel gekauft oder gestohlen!« rief er in heftiger Erregung. »Das ist einer jener Abenteurer, die nach Lermontows Worten zu uns kommen, ›um Glück und Ehren einzuheimsen‹, die sich in die vornehmen Häuser einschleichen, sich um die Protektion der Frauen bewerben, ein fettes Amt erwischen und dann später die Grandseigneurs spielen. Seien Sie auf der Hut, Cousine, ich halte es für meine Pflicht, Sie zu warnen! Ich spreche als Ihr Verwandter!« Alles das sagte er fast mit schäumendem Munde.

»Kein Mensch hat an ihm etwas Derartiges beobachtet!« sprach sie mit wachsendem Erstaunen. »Wenn Papa und mes tantes ihn empfangen . . .«

»Papa und mes tantes!« wiederholte er verächtlich. »Die wissen viel! Hören Sie nur auf sie!«

»Auf wen soll ich denn sonst hören – auf Sie?«

Sie lächelte.

»Ja, Cousine, und ich sage Ihnen: seien Sie auf der Hut, das sind gefährliche Eindringlinge! Hinter dieser interessanten Blässe, diesen katzenartig weichen Manieren verbirgt sich vielleicht Schamlosigkeit, Habgier und Gott weiß, was sonst noch! Er wird Sie kompromittieren . . .«

»Aber er ist doch überall eingeführt, er ist sehr bescheiden, zartfühlend, wohlerzogen . . .«

»Alles das sehen Sie nur in Ihrer Phantasie, Cousine – glauben Sie mir!«

»Aber Sie kennen ihn doch nicht, Cousin!« entgegnete sie lächelnd. Sein plötzlich erwachter Zorn begann sie zu belustigen.

»Ein Augenblick genügte mir, um sogleich zu sehen, daß er einer jener Industrieritter ist, die zu Hunderten aus Italien zu uns kommen, vom Hunger getrieben, um sich hier satt zu essen . . .«

»Er ist ein Künstler,« entgegnete sie – »und wenn er nicht öffentlich auftritt, so geschieht es nur, weil er ein Graf und ein reicher Mann ist . . . c’est un homme distingué!«

»Ah, Sie verteidigen ihn – ich gratuliere! Das also ist der Glückliche, auf den das Licht von den Höhen des Olymps gefallen ist! O, Cousine, Cousine – auf wem haben Sie da Ihren Blick ruhen lassen! Kommen Sie zur Besinnung, um Gottes willen! Wollen Sie wirklich, mit Ihren vornehmen Begriffen vom Leben, sich zu einen ersten besten Fremden herablassen, der seinen Grafentitel vielleicht zu Unrecht trägt? . . .«

Sie hatte bereits ihre ganze heitere Stimmung wiedergewonnen und schien alle Furcht und Vorsicht vergessen zu haben.

»Und Jelnin?« fragte sie plötzlich.

»Was soll hier Jelnin?« fragte er, als sie ihm so unerwartet ins Wort fiel. »Jelnin . . . Jelnin . . .« – er stockte in seiner Rede – »das war eine kindliche Torheit, die unschuldige Schwärmerei eines Schulmädchens. Hier aber ist eine Leidenschaft im Spiel, flammende, gefährliche Leidenschaft!«

»Nun denn – auch Sie hegten doch eine Leidenschaft für mich – warum soll nicht auch ich mich leidenschaftlich verlieben?« versetzte sie lachend. »Ist es nicht gleich, ob ich mit Jelnin da hinausgehe« – sie wies durchs Fenster nach der Straße – »oder mit dem Grafen? Dort erwartet mich doch das Glück, das wirkliche, volle Leben?«

Raiski biß die Zähne aufeinander, setzte sich fester in den Sessel und schwieg zornig. Er las es deutlich in ihren Zügen, daß sie sich über ihn lustig machte.

»Ach!« rief er mit einer unwilligen Bewegung. Er war aufs heftigste erregt – nicht, weil er sich auf einem Widerspruch ertappt fühlte, oder weil Sophie ihm für immer zu entschlüpfen schien, sondern weil die Möglichkeit, daß ein anderer sie erringen könnte, ihm die heftigsten Qualen verursachte. Wäre dieser andere nicht gewesen, dann hätte er sich in Ruhe und Demut seinem Schicksal gefügt.

Und nun blickte sie triumphierend auf ihn, so ruhig, so klar. Sie war im Recht – und er war in diese törichte, höchst unbehagliche Situation hineingeraten!

»Was soll ich nun tun, Cousin: soll ich ihnen« – sie wies auf die Ahnen – »Glauben schenken, oder soll ich alles von mir werfen, auf niemand hören, mich in das große Menschenmeer stürzen und ein ›neues Leben‹ beginnen?«

»Auch hier sind Sie sich selbst treu geblieben,« rief er plötzlich freudig aus, als hätte er einen Strohhalm erblickt, an dem er sich festhalten konnte – »der Segen der Ahnen wird Ihnen nicht entgehen: Ihre Wahl ist doch wenigstens auf einen Grafen gefallen! Hahaha!« lachte er krampfhaft auf. »Würden Sie ihn dieser Aufmerksamkeit wohl auch gewürdigt haben, wenn er zufällig nicht Graf wäre? – Tun Sie, was Sie wollen!« fuhr er, ärgerlich die Achseln zuckend, fort – »Sie haben ja schließlich recht: was geht mich das alles an? Ich sehe, daß dieser homme distingué mit seiner geschmackvollen, verständigen, originellen, so angenehm vibrierenden Unterhaltung bereits Besitz genommen hat von . . . von . . . nicht wahr, nicht wahr?« Er lachte gezwungen auf.

»Nun, das ist ja herrlich! Italien, der ewig blaue Himmel, die Sonne des Südens, die Liebe . . .« fuhr er fort und wippte in der Erregung mit dem Fuße hin und her.

»Das stand doch auch in Ihrem Programm!« versetzte sie.

»Auch Sie wollten mich ja in ferne Länder schicken, sogar in ein finnisches Dorf, wo ich ›ganz allein wäre mit der Natur‹ . . . Nach Ihrer Logik müßte ich doch jetzt vollkommen glücklich sein!« sagte sie spöttisch. »Ach, Cousin!« fügte sie hinzu und lachte hell auf, unterdrückte jedoch plötzlich ihr Lachen.

Er warf einen düsteren Blick auf sie. Sie hatte wieder die gewohnte, nachdenklich kalte Miene, die Vorsicht war wieder obenauf bei ihr.

»Beruhigen Sie sich: nichts von alledem trifft bei mir zu,« sagte sie freundlich, »und es bleibt mir nur noch übrig, Ihnen für diese neue Lektion, diese wohlgemeinte Warnung zu danken. Ich weiß nun freilich nicht, woran ich mich zu halten habe: damals wollten sie mich um jeden Preis hinausstoßen auf die Straße – und jetzt . . . sind Sie so ungemein besorgt um mich! Was soll ich Ärmste nun tun?« fragte sie mit komisch ängstlicher Miene.

Sie schwiegen beide.

»Ich werde das Porträt mitnehmen,« sagte er dann plötzlich.

»Weshalb? Sie sagten doch, Sie wollten mir damit ein Geschenk machen!«

»Nein, ich will einiges daran ändern: ich will daraus . . . eine Büßerin machen . . .?

Sie lachte wieder hell auf.

»Machen Sie daraus, was Sie wollen, Cousin – Gott mit Ihnen!«

»Und auch mit Ihnen! Aber . . . Cousine . . .«

Er hielt in seiner Rede ein: es war ihm plötzlich, als fiele ihm eine Last vom Herzen. Er lachte gutmütig, halb über sie und halb über sich selbst.

»Aber . . . aber sollen wir wirklich so voneinander scheiden: so kalt, so gar nicht als Freunde, so verärgert, fast als Feinde?« brach es plötzlich aus ihm hervor, und sein ganzer Zorn schien verraucht. Er erhob sich und streckte ihr die Hand entgegen, und seine Augen ruhten wieder wie verzückt auf ihrer Gestalt. Es verlangte ihn nach der früheren Freundschaft, nach der alten, harmlosen Vertraulichkeit. Noch war der Eindruck nicht verwischt, den sie auf ihn gemacht hatte, noch stand er, wie er sie vor sich sah, im Banne ihrer Schönheit. In seiner Stimme klang noch immer ein leises Zittern, und die angeborene Gutmütigkeit, die bösen Gefühlen in seiner Seele keinen Raum gab, trat deutlich zutage.

»Als Freunde! Wie sind Sie mit meiner Freundschaft umgegangen?« sagte sie im Tone des Vorwurfs.

»Geben Sie sie mir zurück, Cousine,« bat er, »vergeben Sie Ihrem ein klein wenig . . . verliebten Cousin, und leben Sie wohl!«

Er küßte ihr die Hand.

»Werde ich Sie nicht mehr sehen?« fragte sie lebhaft.

»Für diese Frage bitte ich, nochmals Ihre Hand küssen zu dürfen. Ich bin wieder der Raiski von früher und rufe Ihnen zu: lieben Sie, Cousine, genießen Sie, denken Sie an alles das, was ich Ihnen dereinst gesagt habe . . . nur vergessen Sie Ihren Vetter Raiski nicht ganz! Aber warum mußten Sie sich nur in diesen . . . Grafen verlieben?« fügte er leise, mit bedauerndem Lächeln hinzu.

»Sie reden schon wieder von ›verlieben‹! . . .«

»Verstellen Sie sich doch nicht länger, ich bitte Sie! Gott mit Ihnen, Cousine – was geht es mich schließlich an? Ich verschließe meine Augen und Ohren, ich bin blind, taub und stumm,« sagte er. »Aber wenn Sie wirklich einmal,« fügte er plötzlich hinzu und sah ihr gerade in die Augen – »alles das empfinden sollten, was ich Ihnen heute hier sagte oder voraussagte, ja vielleicht erst in Ihnen geweckt habe . . . werden Sie es mir dann eingestehen? Ich verdiene wirklich Ihr Vertrauen!«

»Sie wollen also durchaus, daß ich Sie beleidigen soll?«

»Tut nichts, ich will ein Held sein, ein Ritter der Freundschaft, das Musterbild eines Cousins! Ich habe es mir überlegt und finde, daß solch eine Freundschaft zwischen Cousin und Cousine doch ganz nett ist, und ich nehme die Ihrige an.«

»A la bonne heure!« sagte sie und reichte ihm die Hand. »Und wenn ich das, was Sie da vorausgesagt haben, wirklich einmal fühlen sollte, dann sollen Sie es wissen, Sie ganz allein und sonst niemand in der Welt. Aber das wird nie geschehen, kann nie geschehen!« fügte sie hastig hinzu. »Genug, Cousin – ich höre einen Wagen vorfahren: das werden die Tanten sein.«

Sie stand auf, warf rasch vor dem Spiegel einen Blick auf ihre Toilette und ging den Tanten entgegen.

»Und werden Sie meine Briefe beantworten?« fragte er, während er hinter ihr herschritt.

»Mit Vergnügen – nur darf nichts von Liebe darin stehen.«

»Sie ist unverbesserlich!« dachte er im stillen. »Doch – wir wollen sehen, was nun weiter wird!« Still und nachdenklich, den irrenden Blick tief in sich gekehrt, schritt er dahin. Die quälende Pein der Enttäuschung, der verletzten Eigenliebe schwand nach und nach. Die Leidenschaft war verraucht, und Sophie selbst, die eitle, kalte Frau, hörte auf, für ihn zu existieren; der bunte Flitter, mit dem seine Phantasie ihre Gestalt ausgeschmückt hatte, zerstob in nichts, und die Ahnenbilder, die Tanten, selbst der verhaßte Milari, waren wie in der Versenkung verschwunden.

Vor ihm erhob sich wie aus einem Nebel eine weibliche Gestalt: nicht Sophie war es, sondern das Bild! Nein, das war nicht Sophie, sondern ein Idealbild strenger, reiner Frauenschönheit, von antiker, unvergänglicher Würde. Er war ganz versenkt in dieses Gebilde seines schöpferischen Träumens, das sich zu einem grandiosen Gemälde auswuchs und all sein Sinnen und Denken fesselte.

Er vertiefte sich ganz in diese künstlerische Vision und wagte kaum zu atmen, um dieses seelische Erleben, das sich in ihm vollzog, nicht zu stören.

Die Frauengestalt, die seinem Geiste vorschwebte, hatte das Antlitz Sophiens, erschien ihm jedoch im übrigen als eine weiße, kalte Statue irgendwo in der Wüste, unter einem hellen, vom Mondenschein erleuchteten Himmel, an dem man den Mond jedoch nicht sah; zwischen nackten Bergen, toten Bäumen und stillen Wassern sah er sie, und seltsames Schweigen ruhte über dem Ganzen. Sie hatte das steinerne Antlitz zum Himmel gewandt, ihre Hände ruhten auf den Knien, und ihr Mund war halb geöffnet, als erwarte sie, aus dem starren Schlummer geweckt zu werden.

Und plötzlich erglomm hinter den Felsen ein helles Licht, das Laub der Bäume erbebte, und die Wasserläufe begannen leise zu rauschen. Ein Erschauern, wie von einem lebenden Wesen, ging durch die Zweige, irgend jemand schien durch den Wald zu eilen, irgendwo klang es wie ein Seufzen – die Luft geriet in Bewegung, und ein Strahl vergoldete die weiße Stirn der Statue; die Lider öffneten sich langsam, ein Licht fiel auf die Brust; der kalte Leib erzitterte, die bleichen Wangen röteten sich, und über die Schultern ging es wie ein Zucken.

Das Haar, das in einen Knoten gesteckt war, fiel in reicher Flut über den Rücken; der bleiche Stein färbte sich rosig, wie eine lebendige Welle glitt es über die Hüften, die Knie erbebten, ein Seufzer löste sich aus der Brust – die Statue war zum Leben erwacht und ließ den freudigen Blick in die Runde schweifen . . .

Und tiefer und tiefer drangen die Wellen des Lebens in die erwachende Gestalt . . .

Die Glieder wurden lebendig und waren Fleisch und Blut geworden; die Statue rührte sich, ließ die weitgeöffneten, strahlenden Augen in die Runde schweifen, schien um etwas zu bitten, etwas zu erwarten, sich nach etwas zu sehnen. Die Luft wurde mild und warm; über ihr Haupt streckten sich die Zweige, zu ihren Füßen begannen Blumen zu sprießen . . .

Raiski schritt still dahin, ganz in das Bild vertieft, das ihm vor der Seele schwebte: immer lebendiger, immer heller und deutlicher sah er die Statue und alles rings um sie . . . Und als er dann zu Hause angelangt war, hatte die Schöpfung seiner Phantasie allmählich wieder die Gestalt Sophies angenommen.

Die Wüste war verschwunden; er sah Sophie wieder in ihrem Zimmer, eingezwängt in ihr Kleid, eine Beethovensche Sonate spielend und mit innerem Erbeben auf das leidenschaftliche Flüstern des bleichen Milari lauschend. Doch empfand er weder Eifersucht noch Schmerz, sondern schaute nur voll Entzücken auf die Schönheit dieses für ihn neuen, gleichsam wiedergeborenen Weibes. Er schwelgte bereits in ihrer Liebe, empfand ihre Lust und Wonne mit und verging vor Begierde, in Bildern und Tönen wiederzugeben, was er empfand. Der Liebhaber in ihm war tot, der uneigennützige Künstler war wieder erwacht.

»Nein, der Künstler darf nirgends Wurzel schlagen, darf sich nicht binden für immer,« sagte er sich in selbstvergessenem Sinnen. »Mag er immerhin lieben und leiden und seiner Menschlichkeit jeglichen Tribut zollen: niemals darf er sich beugen unter das Joch, alle Fesseln muß er zerreißen, um kühn, stark und leidenschaftslos dazustehen und zu schaffen. Die tote Wüste, den kalten Stein soll er mit Leben erfüllen, soll die Menschen zeigen, wie sie leben, lieben, leiden, glücklich sind und sterben . . . Das ist die große Aufgabe, um deretwillen er in die Welt gesandt ist! . . .«

Sorgfältig verzeichnete Raiski diese Vision in dem Programm seines Zukunftsromans, wie er bereits vorher seine Gespräche mit Sophie, die Episode mit Natascha und vieles andere aufgezeichnet hatte, was er in dem Laboratorium seiner Phantasie zu verarbeiten gedachte.

»Ja – aber wo steckt denn hier der Roman?« dachte er kleinmütig. »Es ist ja gar kein Roman da! Aus diesem ganzen Wust von Material kann ich doch höchstens die Einleitung zu einem Roman gestalten; der Roman selbst liegt noch im weiten Felde, wenn er überhaupt zustande kommt! Und was für ein Roman ist wohl dort in dem stillen Provinzwinkel, auf dem flachen Lande, zu finden? Ein Idyll vielleicht, das sich zwischen Hühnern und Hähnchen abspielt – aber kein Roman mit lebendigen Menschen, voll Feuer, Bewegung und Leidenschaft!«

Gleichwohl brachte er zuunterst in seinem Reisekoffer sein ganzes literarisches Material unter, während er seine Bleistiftskizzen, Farbenstudien, Porträts usw. in eine besondere Kiste legte und auch Farben, Pinsel und Palette nicht vergaß, um dort auf dem Lande ein kleines Atelier zu eröffnen, falls seine Romanpläne nicht recht vorwärtsschreiten sollten.

Obendrauf packte er dann seine Wäsche, seine Kleider, ein paar Geschenke für die Großtante und die Cousinen und die gemsledernen Beinkleider nebst ebensolcher Jacke, die er im Auftrage Tatjana Markownas für Tit Nikonytsch besorgt hatte.

»Nun auf – dahin, dahin! Wollen sehen, was weiter wird!« sagte er nachdenklich, als er Petersburg verließ.




Zweiter Teil





Erstes Kapitel


In langsamem, schläfrigem Trabe näherte sich Raiski auf einem mit drei mageren Kleppern bespannten elenden Fuhrwerk, einen Seitenweg benutzend, seinem Gute.

Nicht ohne einige Aufregung sah er die leichten Rauchwölkchen aus den Schornsteinen des Hauses aufsteigen, das sein Heim, seine Geburtsstätte war; die in morgenfrischem Grün prangenden Birken und Linden beschatteten den behaglichen stillen Winkel, das Ziegeldach des alten Wohnhauses blickte aus dem Gezweige, und zwischen den Baumstämmen hindurch schimmerte, von Zeit zu Zeit wieder verschwindend, der breite Silbergürtel der Wolga. Ein frischer, gesunder Luftstrom, wie er ihn schon lange nicht geatmet, wehte ihm von dorther entgegen.

Er kam näher und näher: jetzt sah er die bunten Blumenbeete in dem Gärtchen vor dem Hause, und weiterhin die Linden- und Akazienalleen und die alten Rüstern, und dann links die Apfel-, Kirsch- und Birnbäume.

Dort spielen die Hunde in einem Winkel des Hofes, da liegen die jungen Katzen in der Sonne; Starkästen schaukeln sich an dünnen Stangen; Tauben drängen sich auf dem Dache des neuen Hauses, Schwalben schießen darüber hin.

Hinter dem Gutshofe, nach dem Dorfe zu, ist die ganze Wiese mit Leinwand bedeckt, die in der Sonne bleichen soll.

Dort rollt eine Bäuerin ein kleines Faß über den Hof, ein Kutscher zerkleinert Holz, ein anderer ist eben dabei, einen Arbeitswagen zu besteigen und den Hof zu verlassen: lauter Unbekannte sind es, die er da sieht. Doch nein: dort schaut Jakow schläfrig von der Verandatreppe in die Weite. Den kennt er noch von früher: wie alt ist er geworden!

Und hier ist noch ein Bekannter: Jegor der Spötter, der sich vergeblich bemüht, ein Reitpferd zu besteigen, das von ihm durchaus nichts wissen will. Die Mädchen stehen da und spotten über ihn, den Spötter.

Er hat Jegor kaum wiedererkannt: als siebzehnjährigen Burschen hat er ihn zuletzt gesehen, und jetzt ist er ein Mann geworden und trägt einen Schnurrbart, der bis an die Schultern reicht; nur der Schopf auf dem Schädel, der kecke Blick und die ewig sichtbaren Zähne in dem spöttisch verzogenen Munde sind dieselben geblieben.

Da scheint noch ein bekanntes Gesicht zu sein: irgendeine Marina oder Fedoßja, deren er sich dunkel als fünfzehnjährigen jungen Mädchens erinnert, und die nun dort über den Hof schreitet.

Alles suchte Raiski mit sorgsam spähendem Blick zu erfassen, während er an dem Zaune entlang, der das Haus, den Hof und den Garten vom Fahrweg trennte, neben seinem Wagen zu Fuß daherging.

Mit stillem Behagen betrachtete er alle die Einzelheiten des ihm wohlbekannten Bildes, als seine Augen plötzlich auf einer unerwarteten Szene haften blieben.

Auf der mit Zitronen- und Pomeranzenbäumchen, Kakteen, Aloekübeln und Blumentöpfen besetzten, vom Hofe durch ein Gitter getrennten Veranda stand ein junges Mädchen von etwa zwanzig Jahren, das von zwei Tellern, die ein barfüßiges Bauernmädchen im bunten Kattunrock ihr entgegenhielt, ganze Hände voll Hirse nahm und dem Geflügel hinstreute. Hühner, Enten, Truthühner, Tauben sowie Spatzen und Dohlen tummelten sich zu ihren Füßen.

»Zip, zip, ti, ti, ti! Gul, gul, gul!« lud sie die Vögel freundlich zum Frühstück ein.

Die Hühner und Tauben pickten rasch zu und wichen dann zurück, als fürchteten sie jeden Augenblick eine Gefahr, kamen jedoch sogleich wieder. Kam eine Dohle von der Seite her angehüpft, um heimlich ein Hirsekorn zu stehlen, dann stampfte das Mädchen mit dem Fuße auf: »Weg da, weg, was willst du hier?« rief sie und scheuchte die Zudringliche mit einer Handbewegung fort, worauf die gefiederte Schar nach allen Seiten auseinanderstob, um im nächsten Augenblick wieder die Köpfe zusammenzustecken und mit Gier und Hast, als müßten sie die Körner stehlen, das gestreute Futter aufzupicken.

»Ach, du Gierschlung!« rief sie einem großen Hahne zu und trieb ihn fort. »Keins läßt er heran – was ich auch hinwerfe, alles will er selbst fressen!«

Die Morgensonne leuchtete hell herab auf die bunte Geflügelschar und das junge Mädchen. Raiski hatte Zeit gefunden, sie zu betrachten: sie hatte große, dunkelgraue Augen, runde, frische Wangen, dichte, weiße Zähne, zwei hellbraune, um den Kopf gewundene Zöpfe und eine kräftig entwickelte Brust, die in der feinen weißen Bluse prall hervortrat.

Der Hals war frei, von keinem Tuch oder Kragen bedeckt – er war weiß, nur ganz leicht von der Sonne gebräunt. Bei dem Versuche, den gefräßigen Hahn fortzujagen, war der eine ihrer beiden Zöpfe heruntergeglitten und hing nun über Hals und Rücken herab, doch achtete sie nicht weiter darauf, sondern fuhr fort, den Vögeln das Futter zu streuen.

Sie lachte, runzelte die Stirn, lachte wieder und blickte so frisch und heiter drein wie der Frühlingsmorgen selbst. Sie achtete sorgfältig darauf, daß nur ja alle ihr Teil abbekamen, und daß die Spatzen und Dohlen nicht zu viel wegstibitzten.

»Hast du das Gänschen nicht gesehen?« fragte sie das vor ihr stehende Mädchen mit wohlklingender Altstimme.

»Nein, Fräuleinchen,« sagte das Mädchen. »Man sollte es lieber den Katzen geben. Asimia sagt, es werde doch draufgehen.«

»Nein, nein, ich will selber nachsehen,« fiel das Fräulein ihr ins Wort. »Asimia hat auch gar kein Mitleid mit dem Tierchen, sie ist imstande, es ihnen lebendig hinzuwerfen.«

Raiski hatte, selbst unbemerkt, diese ganze Szene – das junge Mädchen, die Geflügelschar, das Bauernmädchen – mit Aufmerksamkeit beobachtet.

»Ich wußte es ja: ein Idyll!« dachte er. »Das muß mein Cousinchen sein – was für ein liebes Kind! Wie einfach, wie anmutig! Aber welche von beiden ist’s nur—Wjerotschka oder Marsinka?«

Er wartete nicht, bis sein Wagen in das Hoftor einbog, sondern lief voraus und stand plötzlich vor dem jungen Mädchen.

»Schwesterchen!« rief er und streckte ihr die Arme entgegen.

Im Augenblick war alles verschwunden, wie weggezaubert: die Spatzen schwirrten an seiner Nase vorüber aufs Dach, die Tauben flatterten wie blind über seinen Kopf hinweg, die Hühner stoben mit verzweifeltem Gegacker nach allen Seiten auseinander, und der Truthahn blickte verdutzt ringsum und begann auf seine Weise ganz wütend zu schimpfen, wie ein ergrimmter Kommandeur, der mit den Leistungen seiner Truppe nicht zufrieden ist.

Die Leute auf dem Hofe sahen von ihrer Arbeit auf und starrten Raiski mit offenem Munde an. Er selbst war fast erschrocken und sah auf den leeren Platz, auf dem nur das ausgestreute Futter am Boden lag.

Aber drinnen, im Hause, ließ sich bereits Lärm und lautes Sprechen, geschäftige Bewegung und Schlüsselklirren vernehmen, und die Stimme der Großtante rief: »Wo ist er? Wo?«

Sie kommt eilig herbei, ihr Gesicht strahlt, ihre Arme öffnen sich ihm weit. Sie drückt ihn an ihre Brust, und ein Lächeln umgibt wie ein Strahlenkranz ihren Mund.

Sie ist gealtert, doch dabei immer noch rüstig und gesund: keine krankhaften Flecke, keine entstellenden, dicken Falten, kein matter, kummervoller Blick.

Man sieht es ihr an, daß sie noch fest im Leben wurzelt, daß sie wohl gekämpft hat, nicht aber vom Leben besiegt worden ist, sondern es selbst zu meistern und mit ihren Kräften wohl hauszuhalten wußte.

Ihre Stimme hat nicht mehr den hellen Klang wie früher, und sie geht auch am Stocke, doch ist ihr Rücken nicht gebeugt, und sie klagt auch über kein Leiden. Wie früher, trägt sie das Haar kurzgeschoren, ohne Haube, und derselbe von Gesundheit und Güte strahlende Blick adelt ihr Gesicht, ja die ganze Gestalt.

»Boruschka! Mein Herzensjunge!«

Dreimal schloß sie ihn in ihre Arme und preßte ihn fest an sich. Die Tränen traten beiden in die Augen. So viel Zärtlichkeit, so viel Liebe und Wärme lag in diesen Umarmungen, in ihrer Stimme, in dieser Freude, die so plötzlich über sie kam und wie heller Sonnenschein sie umleuchtete.

Fast wie ein Verbrecher kam sich Raiski vor, weil er so lange als heimatloser Junggeselle in der Welt umhergeirrt war und, nach verbotenen Früchten langend, sein Herz getäuscht und seine besten Gefühle vergeudet hatte, während doch hier die Natur selbst ihm ein warmes Nest, herzliche Sympathien und ein schlichtes, reines Glück bereit gehalten hatte.

Er hätte sich vom Fleck weg in die Großtante verlieben können. Er konnte sich nicht losmachen, küßte sie auf den Mund, auf die Schultern, küßte ihr weißes Haar, ihre Hände. Sie schien ihm jetzt so ganz anders als damals, vor fünfzehn, sechzehn Jahren. Sie hatte zu jener Zeit nicht diese Würde im Antlitz, die er jetzt an ihr sah, dieses Neue, überlegene.

Er war verwundert darüber und bedachte in diesem Augenblicke nicht, daß er selbst damals noch nicht die geistige Reife besessen hatte, um in einem Menschenantlitz lesen und auf Verstand und Charakter richtig schließen zu können.

»Wo hast du denn gesteckt? Seit einer Woche schon erwarte ich dich: frag’ nur Marsinka, wir haben bis Mitternacht nicht geschlafen, die Augen habe ich mir ausgeguckt. Marsinka ist so erschrocken, wie sie dich sah, und auch mich hat sie so erschreckt, wie nicht bei Sinnen kam sie hereingelaufen. Marsinka! Wo steckst du? So komm doch her!«

»Ich bin schuld daran – ich habe sie erschreckt,« sagte Raiski.

»Und sie lief davon: sehr schlau! Und dabei hat sie mit mir die ganze Woche gewartet, hat sich nicht schlafen gelegt, ist dir entgegengegangen, hat gekocht und gebraten. Wir haben doch alle Tage deine Lieblingsgerichte bereit gehalten! Jeden Morgen kamen wir zusammen, ich, Wassilissa und Jakow, und haben Rat gehalten und uns deiner Gewohnheiten erinnert. Die anderen Leute hier im Hofe sind alle neu, aber diese drei, und Prochor und Marischka, und auch Ulita und Terentij, glaub’ ich, die wissen sich deiner noch zu erinnern. Jedesmal überlegten wir, wie wir dich hier unterbringen sollen, was du essen, wo du schlafen, welchen Wagen du gebrauchen wirst. Am besten wußte noch Jegorka Bescheid, der hat sich noch genau an alles erinnert, darum hab’ ich dir ihn jetzt auch als Kammerdiener beigegeben . . .

Aber was schwatze ich denn hier: vom Reden wird niemand satt! Wassilissa! Wassilissa! Was sitzen wir denn hier herum? Rasch, deck’ den Tisch, es ist noch lange hin bis Mittag, er wird erst einmal frühstücken. Bring’ Tee, Kaffee, alles bring’ auf den Tisch, auch Vogelmilch!« Sie mußte selbst über ihre Worte lachen. »So – und nun laß dich einmal richtig ansehen!«

Die Großtante führte ihn ans Licht und musterte ihn eingehend.

»Wie häßlich du geworden bist!« sagte sie, während sie ihn betrachtete. »Nein, es ist nicht so schlimm: du siehst gut aus! Nur stark gebräunt bist du. Der Schnurrbart steht dir gut. Warum läßt du dir den Vollbart stehen? Du siehst besser aus, wenn du nur den Schnurrbart trägst. Laß dir den Bart abnehmen, Borjuschka, ich hab’ das nicht gern . . .

Ah, ah! Auch graue Härchen finden sich schon hier und da: woher denn, Väterchen? Alterst ja recht früh!«

»Nicht das Alter ist’s, Tantchen!«

»Was denn? Bist du auch gesund?«

»Ja, es macht sich. Ich kann nicht klagen . . . Aber reden wir von etwas anderem: Sie sind ja, Gott sei Dank, immer noch ebenso . . .«

»Was – ebenso?«

»Ebenso schön wie früher! Sie altern gar nicht! Ich habe noch nie eine Dame in Ihren Jahren gesehen, die so schön wäre . . .«

»Ich danke dir für das Kompliment, mein lieber Neffe! Hab’ schon längst keins mehr zu hören bekommen! Wo soll denn bei mir die Schönheit stecken? Deine kleinen Cousinen – die magst du bewundern! Ich will dir etwas ins Ohr sagen,« flüsterte sie ihm zu – »in der ganzen Umgegend, in der ganzen Stadt gibt’s nicht wieder zwei so hübsche Mädchen! Namentlich die andere, Wjera. . . Höchstens Rastenjka Mamykina kann sich mit ihnen messen – die Tochter des Pächters, weißt du, von der ich dir schrieb!«

Sie blinzelte listig mit den Augen.

»Ich erinnere mich nicht mehr, Tantchen . . .«

»Nun, davon später; jetzt wollen wir rasch frühstücken und von der Reise ausruhen . . .«

»Wo ist denn die andere Schwester?« fragte Raiski und sah sich um.

»Sie ist bei einer Popenfrau zu Besuch, am anderen Ufer,« sagte die Großtante. »Man schickte nach ihr: die Popenfrau, die mit uns bekannt ist, war krank geworden und bat sie hinzukommen. Daß das gerade jetzt passieren mußte! Heute noch lasse ich sie holen . . .«

»Nein, nein,« hielt Raiski sie zurück. »Warum sie meinetwegen beunruhigen? Ich sehe sie ja, wenn sie zurückkommt.«

»Wie hast du dich eigentlich hier in den Hof geschlichen? Wir hatten doch Wachen aufgestellt, und nun haben sie dich doch verpaßt!« sagte Tatjana Markowna. »In der Nacht mußten die Bauern achtgeben, und eben hab’ ich wieder Jegorka zu Pferde weggeschickt, ob er dich nicht vielleicht auf der Landstraße sieht. Und Ssawelij ist nach der Stadt gefahren, um sich zu erkundigen. Geradeso wie damals hast du dich herangeschlichen! Aber nun tragt doch endlich das Frühstück auf! Was ist denn das? Der gnädige Herr kommt nach seinem Stammgut, und nichts ist fertig – als käme er auf die Poststation! Bringt her, was zuerst fertig ist!«

»Aber ich bin ja gar nicht hungrig, Tantchen, ich bin satt bis oben hin! Auf der einen Station hab’ ich Tee getrunken, auf der anderen Milch, auf der dritten bin ich gerade zu einer Bauernhochzeit zurechtgekommen, man hat mich mit Branntwein, mit Honig, mit Pfefferkuchen bewirtet . . .«

»Schämst du dich nicht? Du fährst nach Hause zur Tante, und stopfst dir unterwegs den Magen mit solchem Zeug voll? Pfefferkuchen am frühen Morgen – hat man so was gehört! Das wär’ was für Marsinka: die liebt die Hochzeiten und den Pfefferkuchen. So komm doch endlich, brauchst dich nicht zu schämen!« sagte sie nach der Tür gewandt. »Sie schämt sich nämlich, daß du sie im Negligé angetroffen hast. Komm nur, es ist ja kein Fremder, sondern dein Bruder!«

Man brachte Tee und Kaffee, und zuletzt das Frühstück. So sehr sich Raiski auch sträubte, er mußte von allem kosten – es war das einzige Mittel, die Großtante zu beruhigen und ihr den Morgen nicht zu verderben.

»Aber ich kann wirklich nicht!« versuchte Raiski einzuwenden.

»Nein, das ist schon so gang und gäbe: wenn jemand von der Reise kommt, muß er essen. Hier – Bouillon! Und hier – ein junges Huhn . . . Auch Pastete ist da . . .«

»Ich danke wirklich, Tantchen, ich kann nicht,« sagte er, aber sie legte ihm auf, ohne auf ihn zu hören, und er trank die Bouillon und aß von dem Hühnchen.

»Nun etwas von dem Truthahn,« fuhr sie fort. »Bring’ doch von den eingemachten Berberitzen, Wassilissa!«

»Wie soll ich denn jetzt noch von dem Truthahn essen!« sagte er, machte sich aber gleichwohl an die Arbeit.

»Nun, mein Lieber – bist du jetzt satt?« fragte sie schließlich.

»Ich sollt’s meinen! Aber wenn ich schon dabei bin . . . was gibt’s denn sonst noch? Pastete, denk’ ich . . .«

»Ja, gewiß doch – die Pastete ist vergessen! Heda, die Pastete!«

Er aß auch von der Pastete, ganz wie es gang und gäbe ist, wenn jemand von der Reise kommt.

»Nun, jetzt mußt du ihn weiter bewirten, Marsinka – so komm doch schon!«

Wenige Augenblicke später öffnete sich leise die Tür, und langsam, mit verschämtem Gesichte, die Augen auf den Boden geheftet und die Wangen gerötet, trat Marsinka ins Zimmer. Hinter ihr kam Wassilissa daher mit einem großen Präsentierbrett, auf dem sich allerhand Süßigkeiten, Eingemachtes, Backwerk und sonstige Leckerbissen befanden.

Marsinka stand verlegen da, mit unsicherem Lächeln, den Blick mit verhaltener Neugier auf den Ankömmling gerichtet. Um den Hals und die Hände trug sie jetzt Spitzen, und das wiederaufgesteckte Haar lag wie ein Kranz dicht um den Kopf; sie trug ein Barégekleid und ein blaues Band um die Taille.

Raiski sprang auf, warf die Serviette hin, blieb vor ihr stehen und betrachtete sie mit Entzücken.

»Wie reizend!« sagte er voll Bewunderung. »Und das ist meine kleine Schwester Marfa Wassiljewna! Welche Überraschung! Und was macht denn das Gänschen – lebt es noch?«

Marsinka ward verwirrt; sie antwortete auf Raiskis Verbeugung mit einem Knicks und setzte sich verschämt in eine Ecke.

»Ihr seid beide nicht recht klug,« sagte die Großtante – »ist denn das eine Art, sich zu begrüßen?«

Raiski wollte Marsinka die Hand küssen.

»Marfa Wassiljewna . . .« begann er.

»Was heißt hier Wassiljewna?« rief die Tante. »Hast du sie denn gar nicht mehr lieb? Für dich ist sie einfach Marsinka und nicht Marfa Wassiljewna! Schließlich wirst du auch mich noch Tatjana Markowna nennen! Gebt euch einen herzhaften Kuß – ihr seid doch Bruder und Schwester!«

»Ich will nicht, Tantchen, er neckt mich mit dem Gänschen . . . Es schickt sich nicht, die Leute zu belauschen! . . .« sagte sie.

Alle lachten. Raiski küßte sie auf beide Wangen und legte den Arm um ihre Taille, worauf sie plötzlich alle Verwirrung und Schüchternheit abstreifte und seine Küsse tapfer erwiderte. Nur einen Augenblick noch, nur ein Wort, und über das schüchterne Lächeln hinweg brach ihr heiteres Geplauder und Lachen hervor, das sie nur mit Mühe zurückzuhalten schien.

»Erinnerst du dich noch, Marsinka . . . wie wir hier zusammen herumliefen und zeichneten . . . und wie du immer weintest?«

»Nein . . . ach, ja, ich erinnere mich . . . wie im Traume . . . Tantchen, erinnere ich mich noch – oder nicht? . . .«

»Gott bewahre – wie soll sie sich noch erinnern? Sie war doch noch keine fünf Jahre alt . . .«

»Doch, Tantchen, ich erinnere mich – bei Gott, wie im Traume . . .«

»Laß nur Gott hübsch aus dem Spiele, meine Liebe – das hast du von Nikolaj Andreitsch angenommen! . . .«

Kaum hatte Raiski diese alten Erinnerungen berührt, als Marsinka aus dem Zimmer verschwand und gleich darauf wieder mit einem Stoß von Heften und Zeichnungen und allerhand Spielsachen zurückkam. Ganz vertraulich trat sie auf ihn zu und zeigte ihm die Sachen. Dann setzte sie sich so dicht neben ihn, daß ihre Knie sich fast berührten, ohne daß sie in ihrer Harmlosigkeit etwas davon bemerkt hätte.

»Da sehen Sie, Vetter,« begann sie lebhaft, während ihre Augen rasch über sein Gesicht, über seine Hände, seine Kleider und selbst seine Schuh glitten – »da sehen Sie, wie die Tante ist! Sie sagt, ich erinnere mich nicht mehr – und ich erinnere mich doch noch, ganz genau weiß ich, wie Sie hier gezeichnet haben— ich saß noch auf Ihrem Schoße! – Tantchen hat alle Ihre Zeichnungen, Porträts und Hefte, kurz, alle Ihre Sachen aufgehoben und sie dort in dem dunklen Zimmer verwahrt, wo auch das Silberzeug ist und die Brillanten und Spitzen . . . Sie hat neulich alles herausgenommen und mir gegeben – als Sie schrieben, daß Sie kommen wollten. Hier ist mein Bild – wie drollig ich hier aussehe! Und das ist Wjerotschka! Und hier, das Porträt der Tante, und das von Wassilissa. Diese Zeichnung haben Sie für Wjerotschka gemacht. Und wissen Sie noch, wie Sie uns damals über das Wasser trugen? Ich saß auf Ihrem Arme, und Wjerotschka auf Ihrer Schulter!?«

»Auch das weißt du noch?« fragte die Tante, die ihr aufmerksam zuhörte. »Schäm’ dich doch, so zu prahlen! Das hat doch Wjerotschka neulich erzählt, und du gibst es jetzt als deine Erinnerung aus! Wjera weiß ja noch einiges, viel ist es auch nicht . . .«

»Hier – sehen Sie, wie ich jetzt zeichnen kann!« sagte Marsinka und zeigte ihm ein Blatt, auf dem ein Blumenstrauß gezeichnet war.

»Ganz vortrefflich – bravo, Schwesterchen! Nach der Natur?«

»Ja, nach der Natur. Ich kann auch Blumen aus Wachs modellieren!«

»Treibst du auch Musik?«

»Ja, ich spiele Klavier.«

»Und was treibt Wjerotschka – zeichnet sie auch? Spielt sie?«

Marsinka schüttelte verneinend den Kopf.

»Nein, das macht ihr kein Vergnügen«, sagte sie.

»Was treibt sie denn sonst? Beschäftigt sie sich mit Handarbeiten?«

Wiederum schüttelte Marsinka den Kopf.

»Liest sie gern?« forschte Raiski weiter.

»Ja, sie liest, aber sie sagt nie, was sie liest, und zeigt auch die Bücher nicht. Und sie sagt auch nicht, woher sie sie hat.«

»Das ist die reine Wilde – ein ganz sonderbares Mädchen! Gott weiß, nach wem sie geraten ist!« bemerkte Tatjana Markowna ernst und seufzte verlegen. »Aber langweile den Bruder jetzt nicht mit diesen Geschichten,« wandte sie sich an Marsinka. »Er ist müde von der Reise, und du kommst ihm mit all dem Zeug! Laß uns lieber von ernsten Dingen reden, vom Gute und der Wirtschaft!«

Während der ganzen Zeit, die Boris im Geplauder mit Marsinka verbrachte, hatte die Großtante ihn nachdenklich betrachtet. Wiederum fiel ihr, wie einstmals, seine Ähnlichkeit mit der Mutter auf, doch bemerkte sie auch die Veränderungen in seinem Wesen: das Schwinden der Jugend, die Zeichen der Reife, die frühen Runzeln und den seltsamen, ihr unverständlichen Ausdruck seiner Augen. Früher konnte sie in seinem Gesicht wie in einem offenen Buche lesen – jetzt stand so mancherlei darin geschrieben, was sie nicht zu enträtseln vermochte.

In seiner Seele aber war es hell und warm. Eine stille Nachdenklichkeit lag in seinem Wesen, als Reflex dieses Wiedersehens und all der Bilder, die an seinem Geiste vorüberzogen.

»Wenn es doch immer so bliebe – so hell, so schlicht und schön!« ging’s ihm durch den Sinn. »Ich will mir eine Binde um die Augen legen, wenigstens für diese Hundstagszeit, und will nichts weiter sein als – glücklich! Ich will das Leben nur fühlen, nicht den Blick hineinversenken, oder es doch nur so weit tun, als nötig ist, um es flüchtig zu skizzieren. Ich will es verschonen mit dieser zersetzenden Analyse, diesem Scheidewasser des Gedankens. Das verdirbt einem alles! . . . Wollen sehen, was für Sujets uns der Himmel in den Weg führt: Marsinka, die Großtante, Wjerotschka – wofür werden sie taugen? Für einen Roman, ein Drama – oder nur für eine Idylle?«




Zweites Kapitel


Er öffnete den Mund zu einem Gähnen, und als er aus seinem Sinnen erwachte, stand die Großtante vor ihm, mit der Rechenmaschine, dem Heft, in dem sie die Einnahmen und Ausgaben notierte, und einem höchst geschäftsmäßigen Ausdruck im Gesichte.

»Bist du etwa noch zu müde von der Reise? Du gähnst – vielleicht willst du dich schlafen legen?« fragte sie. »Dann lassen wir die Sache bis morgen.«

»Nein, Tantchen, ich habe ausgeschlafen, es war nur ein nervöses Gähnen. Bemühen Sie sich nicht weiter: ich werde die Abrechnung doch nicht durchsehen . . .«

»Weshalb denn nicht? Warum bist du denn hergekommen? Doch nur, um Abrechnung zu halten und das Gut zu übernehmen? . . .«

»Welches Gut?« sagte Raiski geringschätzig.

»Welches Gut!« versetzte die Großtante gekränkt. »Sieh dir’s doch erst an, all das schöne Land! Vor vier Jahren ist ein ganzes Stück zugekauft worden, hundertvierundzwanzig Deßjatinen. Davon werden als Weideland benutzt . . .«

»Zugekauft haben Sie?« fragte Raiski mechanisch.

»Nicht ich habe zugekauft, sondern du hast es getan! Hast du mir nicht damals die Vollmacht zu dem Landkauf geschickt?«

»Nein, Tantchen, ich war’s nicht. Ich erinnere mich, daß Sie mir einmal irgendwelche Schriftstücke übersandten, die gab ich meinem Freunde Iwan Iwanowitsch, und der mag vielleicht . . .«

»Du hast aber doch unterschrieben: da, sieh, hier ist die Abschrift!« sagte sie und zeigte ihm irgendein Aktenstück.

»Kann sein, daß ich’s unterschrieben habe,« sagte er, ohne hinzusehen – »nur erinnere ich mich nicht mehr und weiß nichts davon.«

»Du erinnerst dich nicht mehr? Du hast doch meine Aufstellungen und Abrechnungen gelesen, die ich dir schickte?«

»Nein, Tantchen, die habe ich nicht gelesen.«

»Aber dort war ja alles verzeichnet, du konntest genau sehen, wie deine Einkünfte verwandt wurden! Hast du es denn nicht nachgesehen?«

»Nein, ich habe nichts nachgesehen.«

»Du weißt also gar nicht, was ich mit deinem Gelde angefangen habe?«

»Nichts weiß ich, Tantchen, und ich will auch gar nichts wissen!« antwortete er und ließ seinen Blick durchs Fenster hinausschweifen, über den blauen Himmel, die weite Landschaft und die Kreideberge jenseits der Wolga. »Denk’ dir, Marsinka: ich weiß noch die Verse Dmitrijews auswendig, die ich als Kind gelernt habe:

		›O stolze Wolga, nimm entgegen
		Des unbekannten Sängers Dank —
		Was er zu deinem Ruhme sang,
		Laß den Beglückten niederlegen – —‹

»Nimm es mir nicht übel, Borjuschka – aber ich glaube fast, du bist etwas wirr im Kopfe!« sagte die Großtante.

»Das ist leicht möglich, Tantchen,« stimmte er gleichgültig zu.

»Wo hast du denn den Generalbericht über das Gutsinventar hingetan, den ich dir schickte? Den hast du doch mitgebracht?«

Er schüttelte verneinend den Kopf.

»Wo ist er?«

»Was ist das für ein Generalbericht, Tantchen? Bei Gott, ich weiß nichts davon.«

»Die Aufstellung über den Bestand an Bauern, über die Pacht, die sie zahlen, über den Getreideverkauf, über die verpachteten Gärten . . . Weißt du überhaupt, wieviel in den letzten Jahren eingekommen ist? Durchschnittlich eintausendvierhundertfünfundzwanzig Silberrubel im Jahre – da, sieh her! . . .« Sie wollte ihm die Summe an der Rechenmaschine anschaulich machen. »Du hast doch das Geld immer richtig bekommen? Das letzte Mal schickte ich dir fünfhundertfünfzig Rubel in Assignaten: du schriebst mir damals, ich sollte nichts mehr schicken, und so habe ich denn alles auf die Kasse gegeben, es steht dir zur Verfügung . . .«

»Was geht mich denn das alles an, Tantchen?« sagte er ungeduldig.

»Was dich das angeht?« versetzte die Großtante ganz verdutzt. »Du glaubst doch nicht etwa, ich hätte das Geld zu meinem Vorteil verwandt? Sieh her: jede Kopeke ist hier aufgeschrieben. Da, guck’! . . .« Sie schob ihm ein großes, durch Schnüre zusammengehaltenes Heft hin.

»Ich habe alle Abrechnungen zerrissen, Tantchen, und ich werde, bei Gott, auch diese da zerreißen, wenn Sie mir damit noch länger zusetzen.«

Er griff nach den Heften, doch nahm sie sie ihm rasch aus der Hand.

»Zerreißen? Wie darfst du das?« rief sie zornig. »Die Abrechnungen zerreißen – unerhört!«

Er lachte laut auf, umarmte sie und küßte sie auf den Mund, wie er es als Kind getan hatte. Sie riß sich von ihm los und wischte sich die Lippen ab.

»Ich arbeite und quäle mich hier, sitze manchmal bis über Mitternacht auf, schreibe, rechne mit jeder Kopeke – und er hat meine Rechnungen zerrissen! Und nicht eine Frage hat er je über die Gutseinkünfte gestellt, nie eine Anordnung getroffen, nie gesagt: so oder so will ich’s haben! Was denkst du denn eigentlich von deinem Gute?«

»Nichts, denke ich, Tantchen. Ich wußte nicht einmal, ob es noch existiert. Und wenn ich daran dachte, so waren es jedenfalls nur diese Zimmer hier, an die ich dachte – diese alten, lieben Räume, in denen die einzige Frau auf der ganzen Welt lebt, die mich liebt, und die ich liebe . . . Ja, wirklich die einzige, niemanden sonst lieb’ ich – jetzt aber will ich auch meine kleinen Schwestern liebgewinnen,« wandte er sich fröhlich lächelnd zu Marsinka, ergriff ihre Hand und küßte sie. »Alles will ich hier liebgewinnen, bis zum letzten Kätzchen!«

»Solange ich lebe, habe ich solch einen Menschen nicht gesehen!« sagte die Großtante, während sie ihre Brille abnahm und ihn ansah. »Nur unser Markuschka ist noch solch ein Heimatloser . . .«

»Was für ein Markuschka? Leontij schrieb mir da etwas . . . Wie geht’s ihm übrigens, Tantchen, dem Leontij? Ich will ihn besuchen . . .«

»Wie soll’s ihm gehen? Er sitzt über seinen Büchern, verguckt sich in eine Stelle und ist nicht wegzubringen. Und seine Frau verguckt sich dafür anderswo – er hat keine Ahnung, was hinter seinem Rücken vorgeht! Jetzt hat er mit Markuschka Freundschaft geschlossen: da hat er den Rechten gefunden! Er war schon hier und beklagte sich, daß der Mensch alle deine Bücher zerrissen habe . . .«

»Buona sera! Buona sera!« intonierte Raiski aus dem »Barbier von Sevilla«.

»Ein ganz merkwürdiger Mensch bist du, wirklich!« sagte die Großtante ärgerlich. »Warum bist du eigentlich hergekommen? Sprich!«

»Um Sie zu sehen, um ein Weilchen auszuruhen und behaglich zu faulenzen, um einen Blick auf die Wolga zu werfen, ein bißchen zu malen, ein bißchen zu schriftstellern, ein bißchen zu zeichnen . . .«

»Und dein Gut? Da gibt’s Arbeit: da kannst du losmalen! Wenn du nicht müde bist, wollen wir aufs Feld fahren und uns die Wintersaat ansehen.«

»Später, Tantchen, später. Ti ti ti, ta ta ta, la la la . . .« sang er wiederum eine Melodie aus dem »Barbier von Sevilla«.

»Was soll das nun: ti ti ti, la la la!« ahmte die Großtante ihm unwillig nach. »Willst du dir das Gut ansehen oder nicht? Willst du es denn nicht übernehmen?«

»Nein, Tantchen, das will ich nicht!«

»Wer soll sich denn nun weiterhin darum kümmern? Ich bin alt, ich bin nicht mehr imstande, es zu verwalten. Wenn ich mich jetzt zurückziehe – was willst du dann machen?«

»Gar nichts werde ich machen . . . Ich lasse das Gut Gut sein und reise ab . . .«

»Willst du es niemandem übergeben?«

»Nein, solange Sie der Sache noch nicht überdrüssig sind, bleiben Sie hier, Tantchen . . .«

»Und wenn ich sterbe?«

»Dann . . . bleibt es, wie es ist.«

»Und die Bauern – die dürfen dann tun und lassen, was sie wollen?«

Er nickte mit dem Kopfe.

»Ich dachte, sie dürften auch jetzt tun, was sie wollen. Man sollte sie freilassen . . .« sagte er.

»Freilassen! Gegen fünfzig Seelen freilassen!« wiederholte sie. »Und womöglich umsonst, ohne daß sie etwas zu zahlen brauchen?!«

»Allerdings!«

»Wovon willst du denn leben?«

»Sie werden das Land von mir pachten, werden mir etwas zahlen.«

»Etwas zahlen! Aus Mitleid, nach Belieben, nicht wahr? Ach, Borjuschka!«

Sie sah auf das Porträt der Mutter Raiskis. Lange ließ sie den Blick auf den verschleierten Augen und dem nachdenklichen Lächeln ruhen.

»Ja,« sagte sie dann halblaut, »ich will ihr nichts nachreden, der Verstorbenen, aber sie ist wohl schuld: sie hat dich nie von sich gelassen, dir immer etwas zugeflüstert, ewig am Klavier gesessen und über den Büchern Tränen vergossen. Nun sieht man, was dabei herausgekommen ist: nichts als ein bißchen singen und zeichnen! Was soll denn mit dem Hause geschehen, was mit dem Silberzeug, der Wäsche, den Brillanten, dem Geschirr?« fragte sie nach einer Weile.

»Sollen das auch die Bauern bekommen?«

»Besitze ich denn Brillanten und Silberzeug? . . .« fragte er.

»Seit wieviel Jahren wiederhole ich dir das immer wieder! Nach deiner Mutter ist’s geblieben: was soll daraus werden? Wart’ einen Augenblick, ich will gleich das Verzeichnis holen . . .«

»Nicht doch, um Gottes willen, nicht nötig, Tantchen! Ich glaub’s ja, ich glaub’s auch so, daß es mir gehört. Ich darf also ganz nach eigenem Ermessen darüber verfügen?«

»Gewiß darfst du das, du bist doch hier der Herr im Hause! Du darfst uns jeden Augenblick hinauswerfen, wir sind nur deine Gäste – das heißt, verzeih: dein Brot essen wir nicht! . . . Da, sieh: hier sind meine Einkünfte, und hier die Einkünfte der beiden Mädchen . . .«

Sie hielt ihm ein paar große Hefte hin, doch schob er sie mit der Hand zurück.

»Ich weiß, ich weiß, Tantchen! Nun, so hören Sie denn: lassen Sie irgendeinen Gerichtsbeamten kommen, der soll ein Dokument aufsetzen, laut dem ich mein Haus, mein bewegliches Eigentum und mein Land meinen lieben Schwestern Wjerotschka und Marsinka zur Mitgift bestimme . . .«

Die Großtante runzelte, während er sprach, unzufrieden die Stirn und erwartete mit Ungeduld das Ende seiner Rede. »Solange Sie jedoch noch leben, Tantchen,« fuhr er fort – »soll alles in Ihrem unmittelbaren Besitz und unter Ihrer Aufsicht bleiben. Die Bauern aber sollen freigelassen werden . . .«

»Das geht nicht!« platzte Tatjana Markowna heftig heraus. »Sie sind nicht arm, sie bekommen jede fünfzigtausend Rubel mit. Und wenn die Großtante tot ist, fällt ihnen dreimal soviel oder vielleicht noch mehr zu: alles bekommen sie! Das geht nicht! Ja, auch die Großtante ist, Gott sei Dank, nicht arm! Es wird sich schon ein Winkel und ein Stück Land für sie finden, wo sie unterkommen kann. Seht doch den stolzen, reichen Herrn, beschenken will er uns! Wir danken, wir danken recht sehr! Marsinka! Wo bist du? Komm doch einmal her!«

»Hier, hier, gleich!« ließ Martinas wohlklingende Stimme sich aus dem Nebenzimmer vernehmen, in das sie während der Auseinandersetzung der beiden hineingegangen war. Frisch, lebhaft, munter, mit einem Lächeln auf den Lippen trat sie jetzt ein und blieb plötzlich stehen. Verwundert sah sie bald Raiski, bald die Großtante an, die ganz aufgeregt schien.

»Hör’ einmal: der Herr Bruder macht dir das Haus und das Silberzeug und die Spitzen zum Geschenk! Du bist ja ein armes Bettlerkind, das ganz mittellos dasteht! Bedank’ dich bei dem Wohltäter, mach’ einen Knicks, küß’ ihm die Hand! Nun, so beeil’ dich doch!«

Marsinka lehnte an dem Ofen und sah beide an – sie wußte nicht, was sie sagen sollte.

Die Großtante schob die Hefte und Bücher samt der Rechenmaschine zur Seite, kreuzte stolz die Arme über der Brust und sah zum Fenster hinaus. Raiski aber setzte sich neben Marsinka und faßte ihre Hand.

»Sag’ einmal, Marsinka, möchtest du in ein anderes Haus ziehen?« fragte er – »vielleicht gar in eine andere Stadt?«

»Gott behüte! Wie wäre das möglich? Wer ist denn auf diesen sonderbaren Einfall gekommen?«

»Nun – wer sonst als Tantchen?« sagte Raiski lachend. Marsinka ward ganz verwirrt; die Großtante hatte zum Glück seine Worte nicht gehört, sie blickte eben ganz ergrimmt zum Fenster hinaus.

»Ich habe doch hier alles, wonach mein Herz sich sehnt: den Garten, die Beete, die Blumen. Und wer soll sich denn um das Geflügel kümmern? Wer soll ihm Futter streuen? Wie kann nur ein Mensch darauf kommen? Um keinen Preis . . .«

»Die Großtante will nämlich von hier fortziehen und euch beide mitnehmen.«

»Wohin denn, warum denn, liebes Tantchen? Was planen Sie denn da?« fragte Marsinka, während sie die Großtante liebkoste.

»Laß mich!« versetzte die Großtante grimmig und schob sie von sich weg.

»Du würdest dieses Nestchen nicht verlassen wollen – nicht wahr, Marsinka?«

»Nein, um nichts in der Welt!« entgegnete Marsinka mit energischem Kopfschütteln. »Meinen Blumengarten, mein Zimmerchen soll ich verlassen? Wie ist das möglich?«

»Und auch Wjerotschka würde nicht fort wollen von hier?«

»Noch weniger als ich: sie würde sich um keinen Preis von dem alten Hause trennen . . .«

»Sie liebt es?«

»Sie wohnt drüben und fühlt sich nur dort wohl. Sie stirbt, wenn man sie von hier wegbringt – beide würden wir sterben.«

»Nun denn, ihr sollt nie von hier weggehen,« sagte Raiski, »und ihr werdet euch auch beide hier verheiraten. Du, Marsinka, wirst hier in diesem Hause wohnen, und Wjerotschka drüben, in dem alten.«

»Gott sei Dank: warum haben Sie mich erst erschreckt? Und Sie – wo werden Sie wohnen?«

»Nirgends. Wenn ich einmal komme, um ein Weilchen euer Gast zu sein, dann werdet ihr mir ein Zimmerchen im Zwischengeschoß einräumen, und wir werden zusammen spazierengehen, singen, Blumen zeichnen, die Hühner füttern: ti ti ti, zip zip zip!« ahmte er lachend ihren Hühnerruf nach.

»O, Sie böser Mensch!« sagte sie. »Ich glaubte, Sie hätten mich gar nicht gesehen, und Sie haben alles gehört!«

»Nun, die Sache ist also abgemacht: ihr nehmt beide – du sowohl wie Wjerotschka – alles das hier von mir als Geschenk an, nicht wahr?«

»Ja, Bruder . . .« sagte sie mit fröhlichem Lachen und rückte näher zu ihm hin.

»Daß du es nicht wagst!« fuhr plötzlich die Tante heraus, die bisher in zornigem Schweigen dagesessen hatte. Marsinka rückte fast erschrocken an ihren Platz zurück.

»Unverschämte!« begann die Tante zu schelten. »Wo hast du gelernt, von fremden Leuten Geschenke anzunehmen? Von mir sicherlich nicht! Mein Lebtag habe ich von niemand eine Kopeke angenommen . . . Und du hast noch nicht drei Worte mit ihm gesprochen und nimmst schon Geschenke von ihm an! Schäm’ dich was! Wjerotschka hätte das um nichts in der Welt getan, die ist wenigstens stolz!«

Marsinka machte ein mürrisches Gesicht.

»Sie sagten doch selbst vorhin,« versetzte sie ärgerlich, »daß er für uns kein Fremder, sondern unser Bruder ist, und Sie befahlen mir sogar, ihn zu küssen! Von einem Bruder darf man doch alles annehmen.«

»Das ist vollkommen logisch, kein Wort ist dagegen einzuwenden!« pflichtete Raiski ihr bei. »Und so bleibt es also dabei: alles gehört euch, und ich bin euer Gast . . .«

»Nimm’s nicht an!« rief die Großtante in befehlendem Tone. »Sag’: ich will’s nicht, ich brauch’s nicht, wir sind keine Bettlerinnen, wir haben unser eigenes Vermögen!«

»Ich will’s nicht, Bruder, ich brauch’s nicht . . .« wiederholte Marsinka lächelnd, in ironischem Tone. »Meinetwegen: wenn ich’s nicht brauchen soll, dann brauch’ ich’s eben nicht!« fügte sie mit einem Seufzer, doch zugleich mit einem schelmischen Blick auf Raiski hinzu.

»Das wird euch dort auf dem Gute der Tante alles fehlen,« sagte Raiski. »Sieh doch – dieser Blumenteppich rings um das Haus! Wie könntest du es aushalten ohne das Blumengärtchen?«

»Das Gärtchen behalte ich entschieden,« flüsterte sie, »aber lassen Sie die Großtante nichts davon wissen . . .« fügte sie leise, nur mit den Lippen sprechend, hinzu.

»Und die Spitzen, das Leinenzeug, das Silber?« sagte er halblaut.

»Das brauche ich nicht. Spitzen und Silberzeug habe ich selbst . . . Ich esse übrigens am liebsten mit dem Holzlöffel, bei uns geht’s ganz ländlich zu.«

»Und die Porzellantassen, die bauchigen Teekannen? Die bekommst du jetzt nirgends zu kaufen – willst du die nicht nehmen?«

»Die Tassen nehme ich,« flüsterte sie, »und auch die Teekannen, und ebenso diesen Diwan mit den kleinen Sesseln dazu, und das Tischtuch, auf dem die Diana mit den Hunden abgebildet ist. Und auch mein Zimmerchen möcht’ ich mitnehmen . . .« fügte sie mit einem Seufzer hinzu.

»Gewiß, nimm das ganze Haus – bitte, Marsinka, liebes Schwesterchen!«

Marsinka warf einen Blick zur Tante hinüber und nickte dann bejahend mit dem Kopfe.

»Hast du mich gern? Ja?«

»Ach, sehr gern! Als Sie schrieben, daß Sie herkommen, träumte ich jede Nacht von Ihnen, nur sah ich Sie anders im Traume . . .«

»Wie denn?«

»Nun, so mit roten Wangen – nicht so nachdenklich, sondern heiter. Sie liefen munter umher und waren so spaßig . . .«

»So kann ich auch wirklich zuweilen sein.«

Sie sah ihn ungläubig von der Seite an und schüttelte den Kopf.

»Du nimmst also das Häuschen hier an?« fragte er.

»Ja, doch unter der Bedingung, daß Wjerotschka das alte Haus annimmt. Denn allein schäm’ ich mich, Tantchen wird mich schelten.«

»Nun also – abgemacht!« rief er laut, in munterem Tone.

»Mein liebes Schwesterchen! Du bist nicht stolz, bist nicht wie die Tante!«

Er küßte sie auf die Stirn.

»Was ist abgemacht?« fragte die Großtante plötzlich. »Du hast es doch angenommen? Wer hat dir das erlaubt? Wenn du selbst nicht so viel Schamgefühl hast, dann verbiete ich dir’s. Auf fremder Leute Kosten zu leben – unerhört! Hier, Boris Pawlowitsch, nehmen Sie gefälligst die Bücher, die Rechnungen, Register und Besitzurkunden in Empfang. Ich bin nicht Ihr Gutsverwalter.«

Sie legte die Bücher und Schriftstücke vor ihn hin.

»Hier sind vierhundertdreiundsechzig Rubel – das ist Ihr Geld, im März haben es die Bauern für Getreide gezahlt. Aus den Rechnungen sehen Sie, wieviel bar vorhanden sein muß, wieviel die Umbauten, die Reparaturen und der neue Zaun gekostet haben, wieviel Ssawelij an Gehalt bekommt, und so weiter.«

»Tantchen!«

»Hier gibt es kein Tantchen, sondern nur eine Tatjana Markowna Bereschkowa. Ssawelij soll einmal herkommen!« rief sie in das Mädchenzimmer hinein. Wenige Minuten darauf trat ein untersetzter Bauer von etwa fünfundvierzig Jahren ins Zimmer. Die ganze Gestalt war so breit und gedrungen, daß sie fast dick erschien, wiewohl kein Lot Fett an ihr saß. Ssawelij hatte ein finsteres Gesicht mit überhängenden Brauen und breiten Lidern, die er nur langsam emporhob, als ob er keinen Blick umsonst verschwenden wollte. Auch mit Worten war er recht karg; seine Haltung war unbeweglich, und nur mühsam ging die Unterhaltung mit ihm vorwärts. Die Denkarbeit fiel ihm nicht leicht: ließen die Worte ihn im Stich, so nahm er die Augenbrauen, die Stirnfalten und zuweilen auch den Zeigefinger zu Hilfe, um seine Gedanken auszudrücken. Sein Haar war vom Scheitel nach vorn und nach hinten gekämmt und rundherum beschnitten; den Bart rasierte er nur selten, so daß seine Backen und sein Kinn immer wie eine Bürste aussahen.

»Der Gutsherr ist angekommen!« sagte die Großtante und zeigte auf Raiski. Dieser saß da und beobachtete, wie Ssawelij ins Zimmer trat, wie er sich langsam verneigte, wie er ebenso langsam die Augen auf die Tante richtete und, als diese nach ihm hinwies, sie ihm zukehrte, wie er sich dann wieder herumdrehte und nachdenklich verneigte.

»Jetzt hast du immer nur ihm Bericht zu erstatten,« sagte die Großtante – »er wird sein Gut selbst verwalten.«

Ssawelij wandte sich wieder halb nach Raiski um und sah ihn von der Seite, doch schon ein wenig neugieriger, an.

»Sehr wohl!« kam es wie ein Knurren aus ihm hervor, und die buschigen Brauen gingen langsam in die Höhe.

»Tantchen!« suchte Raiski der Großtante halb im Scherz, halb im Ernst Einhalt zu tun.

»Herr Neffe?« versetzte Tatjana Markowna kühl.

Raiski ließ einen Seufzer hören.

»Was geruhen Sie zu befehlen?« fragte Ssawelij leise, ohne aufzublicken. Raiski schwieg und dachte nach, was er ihm wohl befehlen könnte.

»Vortrefflich!« rief er dann plötzlich lebhaft. »Hör’ mal – kennst du irgendeinen Gerichtsbeamten, der ein Schriftstück über die Gutsübergabe aufsetzen könnte?«

»Gawrila Iwanowitsch Mjeschetschnikow schreibt für uns alles, was nötig ist,« sagte Ssawelij nach einigem Überlegen.

»Nun, dann bitte ihn hierher!«

»Sehr wohl!« antwortete Ssawelij, nahm wieder den düsteren Gesichtsausdruck an, machte nachdenklich kehrt und ging langsam aus dem Zimmer.

»Was für ein melancholisches Gesicht dieser Ssawelij hat!« sagte Raiski, dem Davonschreitenden nachblickend.

»Da kann wohl einer melancholisch werden, wenn er ein Weib hat wie diese Marina Antipowna! Erinnerst du dich noch des alten Antip? Nun, also dessen Tochter ist seine Frau! Ein goldener Mensch, dieser Ssawelij – verkauft Getreide, nimmt Geld in Empfang – so ehrlich, so umsichtig: und da muß ihm das Schicksal so mitspielen! Jeder hat sein Kreuz in dieser Welt . . . Und nun sag’: was hast du eigentlich vor? Bist du denn ganz von Sinnen?« fragte sie nach kurzem Schweigen.

»Das gehört also wirklich alles mir?« sagte er und beschrieb mit dem ausgestreckten Arm einen Bogen. »Sie wollen es nicht behalten und verbieten auch den Schwestern, es anzunehmen . . .«

»So laß es doch schon dein eigen bleiben!« versetzte sie.

»Warum willst du es denn verschenken, warum die Bauern freilassen?«

»Ich muß doch irgend etwas damit anfangen! Ich reise wieder ab, Sie wollen sich nicht weiter darum kümmern, also muß ich doch irgendwie verfügen . . .«

»Warum willst du wieder abreisen? Ich dachte, du würdest für immer hier bleiben. Bist du des Herumtreibens noch nicht müde? Heirate, gründe dir einen Hausstand! Das nenne ich doch nicht verfügen, so an die dreißigtausend Silberrubel oder mehr ohne weiteres wegzugeben!«

Sie versank in Nachsinnen und schien in einem schweren inneren Kampfe begriffen. Nie war sie auf den Gedanken gekommen, die Verwaltung des Gutes aufzugeben, nie war das ihre Absicht gewesen. Sie hätte ja nicht gewußt, was sie mit sich anfangen sollte! Nur einen Schreck wollte sie Raiski einjagen – und nun hatte er die Sache plötzlich ernst genommen!

»Was soll denn aus ihm werden, wenn man ihn sich selbst überläßt? Dieser Sonderling!« dachte sie voll Angst und Unruhe.

»Wohlan denn, so lassen wir es beim alten,« sagte sie – »so will ich’s schon weiter verwalten, solange meine Kräfte zureichen. Denn dein Vormund wird’s mit dem andern Gut doch noch so weit bringen, daß du unter Vormundschaft kommst. Wovon sollst du dann leben, du sonderbarer Mensch?«

»Ich bekomme von dem anderen Gute Geld geschickt – zweitausend Silberrubel, das genügt mir. Und dann werde ich auch arbeiten: werde zeichnen, malen, schriftstellern . . .

Jetzt möchte ich ins Ausland reisen: zu diesem Zwecke verpfände oder verkaufe ich das andere Gut . . .«

»Gott sei dir gnädig, Borjuschka! Das ist der sicherste Weg, um an den Bettelstab zu kommen! Zeichnen, malen, das Gut verkaufen! Du wirst doch nicht etwa Stunden geben, die kleinen Jungen unterrichten? Ach, du! Hast den Offiziersrock ausgezogen, läufst im einfachen Kittel herum! Statt vierspännig in der Kalesche vorzufahren, kommst du in einer elenden Fuhre, ohne Diener, womöglich zu Fuß! Und du willst ein Raiski sein? Guck’ einmal in das alte Haus, wo deine Ahnen an den Wänden hängen, und schäme dich vor ihnen! Wirklich eine Schmach ist’s, Borjuschka! Wie ganz anders wär’s doch, wenn du mit stolzen Epauletts angekommen wärst, wie seinerzeit Onkel Sergiej Iwanowitsch! . . . Dreitausend Seelen hättest du als Mitgift bekommen! . . .«

Raiski lachte hell auf.

»Warum lachst du? Was ich sage, ist doch sehr vernünftig. Wie würde sich deine alte Tante freuen! Dann würdest du die Spitzen und das Silberzeug nicht verschenken: würdest sie selbst brauchen können . . .«

»Und wenn ich nun nicht heirate und die Spitzen nicht brauche, dann darf ich sie doch an Wjerotschka und Marsinka verschenken, nicht wahr? Ja oder nein?«

»Du fängst schon wieder damit an!« versetzte die Großtante.

»Ja, und wenn Sie dagegen sind, verschenk’ ich sie an Fremde: das ist jetzt abgemacht, darauf gebe ich Ihnen mein Wort . . .«

»Hört doch – sogar sein Wort gibt er darauf!« sagte die Großtante unruhig, immer noch in ihren Entschließungen schwankend. »Sein Eigentum wegzugeben! Ein Sonderling, ein ganz merkwürdiger Mensch! An dir scheint wirklich Hopfen und Malz verloren! Was hast du eigentlich getrieben in all den Jahren? Wie hast du gelebt? Wer bist du eigentlich, um Gottes willen? Alle anderen sind Menschen – und du? Jetzt hat er sich gar noch den Vollbart stehen lassen! Mach’, daß er herunterkommt, ich kann dich so nicht sehen!«

»Wer ich bin, Tantchen?« wiederholte er laut. »Ich bin der unglücklichste aller Sterblichen!«

Er versank in Nachdenken und lehnte den Kopf gegen das Diwankissen zurück.

»Sag’ das niemals!« unterbrach ihn die Großtante ängstlich. »Das Schicksal könnte es hören und dich strafen: du könntest wirklich unglücklich werden! Sei stets zufrieden, oder stell’ dich wenigstens so!«

Sie sah sich ängstlich um, als stände das Schicksal hinter ihrem Rücken.

»Unglücklich!« wiederholte sie. »Und worin besteht denn dein Unglück? Du bist gesund, bist begabt, hast dein eigenes Besitztum – da, sieh nur hinaus, Gott sei Dank!« – sie wies mit dem Kopfe durchs Fenster. »Was willst du eigentlich noch: willst du erst eins mit dem Pfahl übern Schädel haben?«

Marsinka lachte, und Raiski lachte mit ihr.

»Was heißt das: mit dem Pfahl?«

»Das heißt, daß der Mensch sein Glück nicht fühlt, bis er den Pfahl zu spüren bekommt,« sagte sie und sah ihn scharf durch ihre Brille an. »Ordentlich muß er eins über den Schädel haben, dann weiß er, daß er im Glück ist, und daß das bescheidenste Glück immer noch besser ist, als solch ein Hieb über den Schädel.«

»Praktische Bauernweisheit,« dachte Raiski im stillen.

»Sie haben recht, Tantchen, so mag’s im Leben sein!« sagte er. »Sie sind eine Philosophin.«

»Nun, siehst du – und du bist klug und gelehrt und hast das nicht gewußt!«

»Wollen wir uns also wieder vertragen?« sagte er und stand vom Diwan auf. »Sie übernehmen wieder dieses Fleckchen hier . . .«

»Kein Fleckchen ist’s, sondern ein Gut, dein Stammgut!« unterbrach sie ihn fast heftig.

»Sie willigen ein, daß all der alte Kram und Plunder diesen lieben kleinen Mädchen gehören soll . . . Ich bin ein Proletarier, ich brauche nichts, und sie werden einmal ihr eigenes Haus haben. Wenn Sie Ihre Zustimmung nicht geben, mache ich eine Stiftung zum besten unserer Schulen . . .«

»Was? Den Schuljungen willst du es geben? Niemals! Diese frechen Bengel sollen es bekommen? Wieviel Äpfel haben die uns schon aus dem Garten gestohlen!«

»Greifen Sie rasch zu, Tantchen! Sie werden doch auf die alten Tage dieses Nest nicht verlassen? . . .«

»Alter Kram! Plunder! Allein für zehntausend Rubel Silberzeug, Wäsche und Kristall – und das nennt er Plunder!« knurrte die Großtante.

»Tantchen,« bat nun Marsinka – »ich möchte den Blumengarten und mein grünes Zimmer, und dann noch diese sächsischen Tassen mit dem Hirtenknaben, und das Tischzeug mit der Diana . . .«

»Wirst du wohl schweigen, unverschämtes Ding! Dann wird man noch sagen, wir sind Bettelweiber, haben eine arme Waise ausgeplündert!«

»Wer wird das sagen?« fragte Raiski.

»Alle werden es sagen! Vor allem Nil Andreitsch – der wird uns schön den Kopf waschen!«

»Was für ein Nil Andreitsch?«

»Na, der Gerichtspräsident! Weißt du noch, wie wir ihn damals, als du das letzte Mal hier warst, besuchten und nicht antrafen? Und nachher war er aufs Land gefahren, du hast ihn überhaupt nicht kennengelernt. Jetzt mußt du ihn aber unbedingt besuchen: alle Welt achtet ihn und fürchtet sich vor ihm, obschon er bereits verabschiedet ist . . .«

»Der Teufel soll ihn holen! Was geht er mich an?« sagte Raiski.

»Ach, Boris, Boris – wie kannst du nur so reden!« sprach die Großtante fast andächtig. »Ein so geachteter Mann . . .«

»Warum ist er denn so geachtet?«

»Er ist ein so ehrwürdiger, ernster Greis, und er hat einen Stern!«

Raiski mußte lachen.

»Warum lachst du?«

»Was verstehen Sie unter ›ernst‹?« fragte er.

»Er spricht so verständig, so lebensklug, er singt nicht: ti ti ti oder ta ta ta. Und so streng ist er: alles Unrecht verurteilt er! Das nenne ich ernst.«

»Alle diese ernsten Leute sind entweder große Esel oder Heuchler,« versetzte Raiski. »Lebensklug soll er sein – war er denn selbst so klug im Leben?«

»Und ob! Ein Vermögen hat er erworben, ist etwas geworden, ein Mensch . . .«

»Manch einer denkt bei uns, er sei ein Mensch geworden, und in Wirklichkeit ist er nur ein Schwein geworden . . .«

Marsinka lachte laut auf.

»Ich liebe das nicht, ich liebe das nicht, wenn du so keck von jemandem redest!« versetzte die Großtante ärgerlich. »Was bist du denn geworden – sag’ mal, mein Lieber! Nicht Fisch noch Fleisch bist du! Und Nil Andreitsch ist doch ein Mensch, den alle Welt respektiert, was man auch sagen mag! Wenn er hört, daß du mit deinem Eigentum so leichtsinnig umgehst, wird er dich schön abkanzeln! Und auch mir wird er gehörig den Kopf waschen, wenn ich zu deinen Einfällen ja sage: du bist doch eine Waise . . .«

»Sagten Sie mir nicht einmal, er hätte seine Nichte betrogen und die Staatskasse bestohlen? Und der wird mich abkanzeln?«

»Schweig davon, schweig!« fiel ihm die Großtante ängstlich ins Wort. »Denk an das Sprichwort: Meine Zunge ist mein Feind, sie wurde vor meinem Verstande geboren!«

»Bin ich ein kleiner Junge, daß ich mein Eigentum nicht geben darf, wem ich will? Und nun gar meinen Verwandten? Ich selbst brauche es nicht,« fuhr er fort, »folglich ist es doch nur recht und verständig, wenn ich es anderen gebe, die es besser brauchen können!«

»Und wenn du heiratest?«

»Ich heirate nicht!«

»Wie kannst du das wissen? Wenn du die Richtige triffst. . . Hier ist zum Beispiel ein reiches Mädchen . . . ich schrieb dir davon . . .«

»Ich brauche keinen Reichtum!«

»Er braucht keinen Reichtum: was für Unsinn! Aber eine Frau brauchst du doch?«

»Auch eine Frau brauche ich nicht.«

»Wieso denn nicht? Wie willst du denn leben – so, ohne Frau?« fragte sie ungläubig.

Er lachte, erwiderte jedoch nichts auf ihre Frage.

»Es ist höchste Zeit, Boris Pawlowitsch,« sagte sie. »Da, an den Schläfen, schimmert es schon ziemlich stark! Willst du, daß ich dir eine Braut verschaffe? Ein hübsches Mädchen, und so wohl erzogen!«

»Ich will sie aber nicht, Tantchen!«

»Ich scherze nicht,« versetzte sie. »Die Sache geht mir schon lange im Kopfe herum.«

»Auch ich scherze nicht – es ist mir nie in den Sinn gekommen, zu heiraten.«

»Du mußt sie wenigstens kennenlernen.«

»Auch das mag ich nicht.«

»Heiraten Sie doch, lieber Bruder!« warf Marsinka ein.

»Ich würde Ihre Kinder warten . . . ich habe Kinder so gern!«

»Und du, Marsinka, willst du nicht heiraten?«

Sie errötete.

»Sag’ mir die Wahrheit – ins Ohr sag’ sie mir!« flüsterte er.

»Ja . . . manchmal denk’ ich daran.«

»Manchmal? Wann ist denn das?«

»Wenn ich Kinder sehe: ich liebe sie so . . .«

Raiski lachte, nahm ihre beiden Hände und sah ihr gerade in die Augen. Sie wurde rot und wandte sich bald nach der einen, bald nach der anderen Seite, um seinem Blicke nicht zu begegnen.

»Ja, hör’ nur auf sie: sie wird dir schon recht etwas vorschwatzen!« bemerkte die Großtante, die auf das Geplauder der beiden lauschte, während sie ihre Hefte samt der Rechenmaschine wegräumte. »Das reine Kind: was sie im Sinne hat, muß auch gleich auf die Zunge!«

»Ich habe Kinder sehr lieb,« begann Marsinka, ein wenig verwirrt, sich zu verteidigen. »Ich beneide Nadeschda Nikitischna: sie hat sieben Stück! Wohin man sich wendet, überall Kinder. Ist das eine Lust! Ich möchte recht viel solche Brüderchen und Schwesterchen haben, oder wenigstens fremde Kinder. Dann würde ich meine Vögel, meine Blumen, meine Musik – alles würde ich lassen und mich nur um die kleinen Kerlchen kümmern. Der eine tobt herum – der muß in die Ecke gestellt werden! Der will sein Süppchen, jener schreit, noch einer prügelt sich mit den anderen; heute muß einer geimpft werden, morgen müssen seinem Schwesterchen die Ohren durchstochen werden, und dort ist ein ganz Kleines, das erst gehen lernen soll . . . Kann’s etwas Lustigeres geben? Kinder sind so lieb, so graziös von Natur, so drollig, so reizend und gut.«

»Es gibt doch auch häßliche Kinder,« sagte Raiski – »hast du auch die lieb?«

»Kranke Kinder gibt’s wohl,« sagte Marsinka ernst – »aber häßliche Kinder gibt es nicht! Ein Kind kann nicht häßlich sein, es ist noch nicht verdorben.«

Alles das sagte sie mit so viel Eifer, fast leidenschaftlich, und ihre wohlgebildete, volle Brust wogte dabei unter dem Musselin.

»Das Ideal einer Gattin und Mutter! Marsinka, liebes Schwesterchen! Wie glücklich wird dein Mann einmal sein!«

Sie setzte sich verschämt in eine Ecke.

»Immer muß sie mit Kindern zusammen sein – nicht wegzubringen ist sie, wenn sie einmal hier sind,« bemerkte die Großtante. »Das ist dann ein Lärm, ein Spektakel, daß man Reißaus nehmen muß!«

»Hast du denn auch schon auf jemanden ein Auge?« fuhr Raiski fort. »Hast du schon einen Bräutigam?«

»Was fällt dir ein, mein Lieber? Was redest du da? Wie kann sie ohne meine Erlaubnis ans Heiraten denken?«

»Was – nicht einmal daran denken darf sie, ohne daß Sie es erlauben?«

»Natürlich nicht!«

»Aber das ist doch ihre Sache!«

»Nein, nein, nicht ihre Sache ist es, sondern Sache der Tante,« versetzte Tatjana Markowna. »Solange ich am Leben bin, bedarf sie meiner Erlaubnis.«

»Aber warum denn das?«

»Was?«

»Nun, diese Abhängigkeit – daß Marsinka nicht einmal jemanden liebgewinnen darf, ohne Sie zu fragen!«

»Wenn sie heiratet, darf sie ihren Mann liebhaben.«

»Wie denn? Heiraten – und dann lieb gewinnen? Umgekehrt, wollten Sie sagen: erst liebgewinnen und dann heiraten!«

»So! So! Das mag bei euch dort so sein,« sagte die Großtante geringschätzig. »Wir sehen uns hier den Mann erst an, prüfen ihn gehörig, essen erst einen Scheffel Salz mit ihm – dann bekommt er das Mädchen!«

»Die Mädchen dürfen also hier bei Ihnen noch immer nicht selbst heiraten, sondern werden verheiratet! Ach, Tantchen, hat denn das Sinn?«

»Bring ihr nur deine Ideen nicht bei, Borjuschka, wenn ich dich bitten darf! . . . Deine verstorbene Mutter hat auch so gedacht . . . und ist vorzeitig ins Grab gestiegen!«

Sie seufzte und versank in Nachsinnen.

»Nein, das muß alles anders werden!« dachte Raiski für sich. »Nicht einmal in der Liebe geben sie Freiheit! Welche Rückständigkeit! Und dabei sind es doch gute, liebe Menschen! Aber wieviel Nebel, wieviel Finsternis ist noch in ihren Köpfen!« – Und dann wandte er sich an Marsinka und sagte: »Ich werde dich schon aufklären, Schwesterchen! . . . Sehen Sie doch, Tantchen,« fuhr er, zu Tatjana Markowna gewandt, fort – »dieses Häuschen hier, mit allem, was drum und dran ist, scheint wie für Marsinka eingerichtet! Nur für die Kinder wären noch Räume zu beschaffen. Hab’ keine Angst vor der Tante, Marsinka, immer liebe du! Und Sie, Tantchen, wollen ihr verbieten, das hier als Geschenk anzunehmen!«

»Nun, schon gut, schon gut – wir werden ja sehen!« sagte die Großtante. »Wenn du selbst nicht heiratest, dann kannst du ja tun, was du willst, gib ihr meinetwegen auch die Spitzen als Hochzeitsgeschenk. Nur, daß niemand etwas davon erfährt, am wenigsten Nil Andreitsch . . . Ganz in aller Stille . . .«

»Wie denn? Eine anständige, vernünftige Handlung darf hier nur in aller Stille vor sich gehen? Wie lange sollen wir denn noch so leben wie die Eulen, uns vor dem Tageslicht fürchten und auf die Eulenweisheit eines Nil Andrejewitsch hören? . . .«

»Pst! Pst! Pst!« machte die Großtante. »Wenn er das hören würde! Er ist doch ein alter, wohlverdienter und vor allem so ernster Mann! Wir beide kommen nicht zusammen, seh’ ich – sprich dich mit Tit Nikonytsch aus! Er wird heut’ bei uns zu Mittag essen,« fügte Tatjana Markowna hinzu. Im stillen aber dachte sie: »Wirklich ein Sonderling, ein ganz merkwürdiger Mensch! Vor nichts hat er Respekt, kein Mensch imponiert ihm! Sein Gut verschenkt er, ernsthafte Leute nennt er Dummköpfe und sich selbst einen Unglücklichen! Ich bin neugierig, wie das weiter wird!«




Drittes Kapitel


Raiski nahm seine Mütze und schickte sich an, in den Garten zu gehen. Marsinka hatte sich erboten, ihm die ganze Wirtschaft zu zeigen: ihr Gärtchen und den großen Garten, die Gemüsebeete, den Park, die Lauben.

»Nur in den Wald fürcht’ ich mich zu gehen,« sagte sie; »den Abhang hinunter geh ich nie, dort unten in der Schlucht ist es so einsam, so unheimlich. Wenn Wjerotschka kommt, wird sie mit Ihnen hingehen.«

Sie band ein leichtes Tuch um den Kopf, nahm ihren Sonnenschirm und schwebte wie eine Sylphe zwischen den Blumenbeeten dahin. Frohsinn leuchtete aus ihren graublauen Augen, Gesundheit und Frische strahlte aus ihren Zügen, und in dem leichten, durchsichtigen Gewand erschien sie inmitten dieser Blumen, dieser Sonnenstrahlen und der ganzen bunten Frühlingspracht selbst wie ein Regenbogen der Freude.

Boris sah das alles und hatte bereits ein Bild von ihr in seiner Vorstellung fertig; und auch sich selbst sah er neben ihr, so nachdenklich, schwerfällig. Es schien ihm, daß er nicht hineingehöre in dieses Bild – er hätte jung sein müssen, und frisch und lebhaft, mit demselben lebensfrohen Glanze in den Augen, denselben geschmeidigen Bewegungen wie sie.

Er hätte sie am liebsten ganz unparteiisch, als Künstler sehen und auffassen mögen, sie ganz allein, ohne seine eigene Gestalt. So sah er beispielsweise die Großtante ganz künstlerisch objektiv, in greisenhafter Schönheit, als lebendige, in sich geschlossene Gestalt, die er in aller Ruhe anschauen und wiedergeben konnte. Mit Marsinka hingegen wollte ihm das nicht gelingen, es wurde ihm schwer, sie so in künstlerischer Konzeption zu erfassen. Er sah sie in lebhafter, harmonischer Bewegung um sich herschweben, und der Garten erschien ihm schön, weil sie darin war. Sie ging von Beet zu Beet, musterte die Sträucher, die Blumen, hob da und dort ein Blütenköpfchen empor und zeigte es ihm.

»Diese Rose hier war vorgestern noch eine Knospe,« sagte sie und sah fast triumphierend auf die Blüte, die sie vorsichtig emporhob. »Sehen Sie nur, wie sie aufgeblüht ist!«

»Ganz wie du selbst!« sagte er.

»Ich danke, eine schöne Rose bin ich!«

»Du bist schöner als sie!«

»Riechen Sie doch, wie sie duftet!«

Er sog den Duft der Blume ein und ging dann weiter hinter Marsinka her.

»Diese Margueriten müssen begossen werden, und die Päonien auch,« rief sie und war schon in einer anderen Gartenecke, wo sie aus einer Tonne Wasser schöpfte. Voll Grazie trug sie die Gießkanne herbei, begoß die Sträucher und achtete sorgfältig darauf, daß jede Blume ihr Teilchen abbekam.

»In Petersburg blüht noch nicht einmal der Flieder!« sagte Raiski.

»Wirklich? Und bei uns ist er schon verblüht, jetzt fangen die Akazien an zu blühen. Wenn doch bald die Linden zur Blüte kämen – dieser Duft! Das ist für mich immer eine Festzeit!«

»Wieviel Singvögel es hier gibt!« sagte er und lauschte auf das Zwitschern und Pfeifen, das von den Zweigen klang.

»Wir haben hier auch Nachtigallen – dort, im Hain! Auch meine Vögel sind hier gefangen,« sagte sie. »Hier im Garten sind meine Beete: die habe ich selbst umgegraben. Dort sind Melonen gepflanzt, und da drüben wachsen Artischocken, Blumenkohl . . .«

»Wollen wir nicht nach dem Absturz gehen, Marsinka? Einen Blick auf die Wolga werfen?«

»Gehen wir, doch wage ich mich nicht zu nahe heran, ich fürchte mich. Es schwindelt mir. Und dann liebe ich diese Stelle auch nicht. Übrigens muß ich eilen, Tantchen sagte ja, ich solle das Mittagessen besorgen! Ich bin hier nämlich die Haushälterin, ich habe die Schlüssel vom Silberzeug und von der Vorratskammer. Ich lasse für Sie eingemachte Kirschen herausstellen – Wassilissa meinte, die äßen Sie so gern . . .«

Er dankte ihr mit einem Lächeln.

»Und was wollen Sie zu Mittag essen?« fragte sie. »Die Tante möchte Sie recht großartig bewirten.«

»Ich habe doch schon zu Mittag gegessen! Höchstens zum Abendbrot . . .«

»Wie denn? Vorher wird doch noch gevespert! Da gibt’s Tee oder saure Milch. Essen Sie gern frischen Käse, mit Sahne vielleicht? . . .«

»Ja, den esse ich ganz gern,« antwortete Raiski zerstreut.

»Oder wollen Sie lieber saure Milch?«

»Ja, saure Milch . . .«

»Was ziehen Sie also vor?« fragte sie, und als er keine Antwort gab, wandte sie sich um, um zu sehen, was seine Aufmerksamkeit von der Unterhaltung abzog.

Er aber beobachtete gerade, wie sie, über einen Graben hinwegschreitend, ihr Kleid samt dem gestickten Unterrock emporhob, und wie unter dem Kleide die runde, pralle Wade in dem weißen Strumpf und der in einem eleganten, mit rotem Saffian verzierten Lackschuh steckende zierliche Fuß zum Vorschein kam.

»Lackschuhe – ei!« sagte er. »Du putzst dich wohl gern, Marsinka?«

Er dachte, sie würde verlegen werden, und freute sich schon darauf, zu sehen, wie sie ganz verwirrt und beschämt das Kleid herunterlassen würde. Statt dessen jedoch hob sie den Rock noch etwas höher empor, damit er den Schuh ganz genau betrachten könnte.

»Die haben wir neulich mit Tantchen auf dem Jahrmarkt gekauft,« sagte sie unschuldig. »Auch Wjerotschka hat ein Paar bekommen, die sind aber lila, sie liebt diese Farbe sehr. Was wollen Sie also zu Mittag essen? Sie haben noch nichts gesagt!«

Er hörte jedoch nicht auf sie.

»Du brauchst keine Verschämtheit zu heucheln, du liebes Kind!« dachte er im stillen. Und laut fügte er dann hinzu:

»Ich mag nichts essen, Marsinka. Reich’ mir den Arm, wir wollen zur Wolga gehen!«

Er preßte ihren Arm an seine Brust und fühlte, wie sein Herz heftig schlug, als es so die Nähe dieses naiven, holden Kindes fühlte, das ihm zugleich als liebende Schwester und als frisch erblühende junge Schönheit erschien. Er hegte Befürchtungen, ob er wohl standhaft genug sein würde, sie mit dem bloßen Künstlerauge zu schauen, oder ob er, wie gewöhnlich, dem »Eindruck« erliegen würde.

Vor seinen Augen schwebte das Ideal einer reinen, einfachen Natur, und in seiner Vorstellung formte sich das Bild eines stillen Familienromans, während er zugleich fühlte, daß dieser Roman auf sein eigenes Ich hinübergriff, daß ihm dabei so wohl, so warm ward ums Herz, daß das Leben ringsum ihn mit hineinzog in sein Getriebe . . .

»Singst du, Marsinka?« fragte er.

»Ja . . . ein wenig,« antwortete sie etwas verlegen.

»Was denn?«

»Russische Romanzen; dann habe ich auch etwas italienische Musik getrieben, aber mein Lehrer ist abgereist. Ich singe zum Beispiel ›Una voce poco fa‹, doch fällt es mir nicht leicht. Und Sie – singen Sie auch?«

»Sehr gern, aber mit ungeschulter Stimme.«

»Was denn?«

»Alles.«

Und er sang zuerst eine Arie aus den »Lombarden« und dann einen Marsch aus der »Semiramis« und schwieg hierauf plötzlich.

Er sah ihr in die Augen, drückte ihren Arm und paßte seinen Schritt dem ihrigen an.

»Hier fehlt nichts weiter zum Glück,« dachte er. »Zugreifen, nicht lange in die Ferne schauen – so würde ein anderer an meiner Stelle handeln. Alles ist vorhanden für ein stilles Lebensglück – aber . . . dieses Glück ist nicht das meinige!« Er seufzte. »Die Augen gewöhnen sich – die Phantasie ermüdet – der Eindruck verblaßt, und die Illusion zerplatzt wie eine Seifenblase, ehe sie noch die Nerven tiefer ergriffen hat.«

Er ließ ihren Arm los und wurde nachdenklich.

»Warum sind Sie so schweigsam?« fragte sie. »Nicht ein Wort redet er!« dachte sie im stillen.

»Liest du gern, Marsinka?« fragte er, aus seinem Sinnen erwachend.

»Ja, wenn ich mich langweile, dann lese ich.«

»Was denn?«

»Was mir in die Hand kommt: Erzählungen, oder Tit Nikonytsch bringt uns Journale, dort lese ich die Novellen. Manchmal nehme ich auch eins von Wjerotschkas französischen Büchern vor. Neulich habe ich die ›Helen‹ der Miß Edgeworth gelesen, und dann auch ›Jane Eyre‹. Ein sehr schönes Buch – zwei Nächte lang habe ich nicht geschlafen, sondern immer nur gelesen, gar nicht losreißen konnte ich mich.«

»Welche Art von Büchern liebst du besonders?«

Sie dachte einen Augenblick nach, um die Bücher, die sie gelesen hatte, rasch im Geiste zu gruppieren.

»Sie wollen sich wieder über mich lustig machen, wie vorhin, wegen des Gänschens . . .« sagte sie zögernd.

»Nein, nein, Marsinka! Ich werde mich doch über ein so liebes, hübsches Schwesterchen nicht lustig machen! Denn du bist doch hübsch, nicht wahr?«

»Was ist schon viel Hübsches an mir!« sagte sie in geringschätzigem Tone. »Dick bin ich nur, und habe einen weißen Teint. Da sollten Sie unsere Wjerotschka sehen – die ist hübsch! Eine Schönheit!«

»Was liest du also gern? Gedichte?«

»Ja, Schukowskij, und von Puschkin habe ich neulich ›Mazeppa‹ gelesen.«

»Nun – hat’s dir gefallen?«

Sie schüttelte verneinend den Kopf.

Warum nicht?«

»Die Marja tat mir so leid. Drüben, in Ihrer Bibliothek, habe ich einmal ›Gullivers Reisen‹ gefunden, ich habe das Buch an mich genommen und wohl siebenmal gelesen. Sowie ich’s ein bißchen vergessen habe, lese ich’s wieder. Auch den ›Kater Murr‹, die ›Serapionsbrüder‹ und den ›Sandmann‹ habe ich gelesen, die haben mir sehr gut gefallen.«

»Was gefällt dir sonst noch? Hast du auch ernste Bücher gelesen?«

»Ernste Bücher?« wiederholte sie, und ihr Gesicht nahm dabei selbst eine ernste Miene an. »Ja, ich habe da noch einige von Ihren Büchern liegen, aber ich kann sie nicht recht verdauen . . .«

»Was denn zum Beispiel?«

»Nun, da ist zum Beispiel ein Buch von Chateaubriand: ›Les martyrs‹ . . . Das ist für mich schon gar zu hoch!«

»Nun, und historische Werke?«

»Leontij Iwanowitsch gab mir einmal ein Buch von Michelet, ›Precis de l’histoire moderne‹. Dann die ›Römische Geschichte‹ von Gibbon, glaube ich . . .«

»Nun, wie gefiel dir Gibbon?«

»Ich habe das Werk nicht zu Ende gelesen, es war zu hoch für mich. Das ist etwas für Lehrer, die in diesem Fache unterrichten . . .«

»Nun, und wie sieht’s mit Romanen – liest du die gern?«

»Ja . . . aber nur solche, die mit einer Heirat enden.«

Er lachte, und sie lachte mit ihm.

»Das ist recht albern, nicht wahr?« fragte sie.

»Nein, ich finde es reizend. An dir kann doch überhaupt nichts albern sein.«

»Ich lese immer zuerst das Ende,« fuhr sie, mutiger geworden, fort – »und wenn es traurig ist, lese ich das Buch überhaupt nicht. Den ›Bassurman‹ zum Beispiel habe ich angefangen, aber Wjerotschka sagte mir, daß der Held hingerichtet wird, und da warf ich das Buch gleich auf die Seite.«

»Dann liebst du wohl auch Gribojedows Komödie ›Wissen bringt Schmerz‹ nicht? Auch dort kommt es ja zu keiner Hochzeit!«

Sie schüttelte den Kopf.

»Sophie Pawlowna ist abscheulich,« bemerkte sie – »und Tschazki tut mir leid: weil er verständiger ist als die anderen, muß er leiden!«

Lächelnd hörte er ihr literarisches Gestammel an und sah ihr dabei mit wachsendem Entzücken in die Augen.

»Wir wollen zusammen fleißig lesen,« sagte er, »du hast noch keine ganz klaren Begriffe, und dein Geschmack ist noch unentwickelt. Willst du? Du wirst nach und nach begreifen lernen, wirst das Gelesene kritisieren . . .«

»Sehr gern, aber Sie müssen immer solche Bücher aussuchen, die glücklich enden, mit einer Hochzeit . . .«

»Und natürlich müssen dann auch Kinder kommen?« fragte er neckend. »Und das eine soll sein Süppchen verlangen, das andere muß geimpft werden – nicht wahr?«

»Oh, pfui, wie böse Sie sind! Nicht ein Wort sage ich mehr. . . Alles merken Sie sich, nichts entgeht Ihnen . . .«

»Du wirst dich also nicht verheiraten, ohne die Tante um Erlaubnis zu fragen?«

»Nein!« sagte sie in bestimmtem Tone, fast ein wenig damit prahlend, daß sie nicht imstande sei, eine solche Schandtat zu begehen.

»Warum denn aber nicht?«

Wenn er ein Spieler oder Trinker ist, wenn er nicht häuslich ist oder ein gottloser Mensch, wie Mark Iwanytsch – wie soll ich das erfahren? Und die Tante kommt doch sicher dahinter . . .«

»Ist Mark Iwanytsch denn wirklich gar so gottlos?«

»Der geht niemals in die Kirche!«

»Nun, und wenn solch ein gottloser Mensch oder Spieler dir gefällt? . . .«

»Ganz gleich – ich würde ihn nie heiraten!«

»Und wenn du dich in ihn verliebst? . . .«

»Wie – in einen Spieler, oder in einen Religionsspötter wie Mark Iwanytsch sollte ich mich verlieben? Ist denn das möglich? Ich rede doch nicht einmal mit ihm!«

»Was also die Tante bestimmt, das geschieht?«

»Ja, sie weiß alles besser als ich.«

»Und wann wirst du selbst genügend Bescheid wissen, um danach leben zu können?«

»Wenn . . . ich in reiferen Jahren bin, wenn ich meine eigene Häuslichkeit haben werde, und meine eigenen . . .«

»Kinder?« fiel Raiski ihr ins Wort.

»Meine eigenen Kühe, Pferde, Hühner, meine Leute im Hause . . . und auch meine Kinder, ja . . .« fügte sie errötend hinzu.

»Und bis dahin hat die Tante alles zu bestimmen?«

»Ja. Sie ist klug und gut, und sie weiß alles. Sie ist besser als alle Menschen hier und überhaupt in der ganzen Welt!« fügte sie begeistert hinzu.

Er schwieg, dachte an die Bjelowodowa, an die Gespräche, die er mit ihr gehabt hatte, an die Ähnlichkeit zwischen Marsinka und jener, und suchte zu ergründen, worauf diese Ähnlichkeit und andererseits wiederum der Unterschied in dem Wesen beider beruhe.

Er sah beide nebeneinander im Bilde – jede von ihnen hatte ihre eigene Schönheit, schien ihr eigenes Licht um sich auszustrahlen.

»Was wird wohl dabei herauskommen?« fragte er sich – und beschloß zunächst einmal, Marsinkas Porträt in Öl zu malen. Sie waren bis an den Absturz gekommen. Marsinka blickte ängstlich hinab und wich erschrocken zurück.

Raiski warf einen Blick auf die Wolga, vergaß alles ringsum und stand unbeweglich da, ganz in den Anblick des breit dahinfließenden Stromes vertieft, der seine Fluten weithin über die Ufergelände ergoß.

Die Hochflut war noch nicht ganz verlaufen, das Wasser des Stromes ging noch weit über das flache Ufer hinweg, während es schäumend gegen das andere, steile Ufer schlug und seine Höhen unterspülte. Da und dort sah man Boote auf der Wasserfläche, die sich kaum zu bewegen schienen. Hoch am Himmel schwebten die Wolken über die Landschaft dahin.

Marsinka trat wieder näher an Raiski heran und sah gleichgültig auf die Flußlandschaft, deren Anblick ihr ein längst gewohnter war.

»Diese Boote dort haben Kochgeschirr verladen,« sagte sie, »und das da sind Segelschiffe, die von Astrachan kommen. Und dort die Häuschen, sehen Sie, die ganz von Wasser umgeben sind – in denen wohnen die Barkenknechte. Und da, hinter jenen beiden Hügeln, führt der Weg nach dem Dorfe, in dem Wjerotschkas Freundin, die Popenfrau, wohnt. Wunderschön ist es dort drüben am Ufer! Im Juli fahren wir im Boot nach den Inseln hinüber, um dort Tee zu trinken. Und Blumen gibt es da – eine Unmenge!«

<Raiski schwieg.

»Auch Hasen sind dort in Menge, aber sie werden jetzt ertrunken sein, die armen Tierchen! Ich habe hier auch Kaninchen – die will ich Ihnen gelegentlich zeigen.«

Er stand noch immer schweigend da.

»Wenn der Sommer zu Ende geht, kommen die Boote mit den Wassermelonen,« fuhr sie fort. »Wie viel ihrer da angefahren werden! Wir kaufen nur welche zum Einsäuern; zum Dessert haben wir unsere eigenen, ganz große, bis zu vierzig Pfund schwer. Im vorigen Jahre hatten wir solch eine Riesenfrucht, die ein Pud wog, die hat Tantchen dem Bischof als Präsent verehrt.«

Raiski stand noch immer da und schaute vor sich hin.

»Warum er nur so schweigsam ist?« flüsterte Marsinka vor sich hin.

»Gehen wir dahin!« sagte er plötzlich, während er nach dem Grunde der Schlucht zeigte und ihren Arm nahm.

»Ach nein, nein, ich fürchte mich!« sagte sie und wich zitternd zurück.

»Du fürchtest dich – auch wenn ich mitgehe?«

»Ja, ich fürchte mich!«

»Ich werde dich halten, daß du nicht fällst. Glaubst du dich nicht sicher genug an meiner Seite?«

»O doch, doch, aber ich fürchte mich. Wjerotschka, sehen Sie, die fürchtet sich nicht! Die geht allein dahin, auch wenn es dunkel ist. Dort liegt ein Mörder begraben – aber das macht ihr nichts aus!«

»Und wenn ich dir sagte: Schließ die Augen, gib mir die Hand und komm mit dahin, wohin ich dich führe – würdest du es tun? Würdest du mir die Hand geben und die Augen schließen?«

»Ja . . . ich würde es tun, aber . . . das eine Auge würde ich doch ein ganz klein wenig aufmachen . . .«

»Nun, so versuch’s einmal – schließ die Augen und reich’ mir die Hand! Du wirst sehen, wie sicher und wie vorsichtig ich dich hinunterführen werde – gar keine Furcht wirst du spüren. Nun – vertrau’ dich mir an, schließ ruhig die Augen!«

Sie schloß die Augen, doch so, daß sie ihn sehen konnte, und kaum hatte er ihre Hand ergriffen und einen Schritt vorwärts getan, kaum sah sie, daß er im Abstieg begriffen war und sie selbst am Rande des Abhangs stand, als sie plötzlich sich losmachte und ihm ihre Hand entriß.

»Um nichts in der Welt geh’ ich mit, um nichts in der Welt!« rief sie laut lachend und quiekend. »Kommen Sie, es ist Zeit, daß wir nach Hause gehen! Tantchen wird schon warten. Was soll’s also zu Mittag geben?« fragte sie – »essen Sie gern Makkaroni mit frischen Pilzen?«

Er antwortete nicht und sah sie nur immer voll Entzücken an.

»Was für ein prächtiges Mädchen bist du doch! Eine ganze, reine Natur! Und diese Treue, diese Anhänglichkeit an die Tante – wirklich ein Fund für einen Künstler! Die Natürlichkeit selbst!«

Er küßte ihre Hand.

»Was Sie nicht alles an mir zu rühmen wissen! Aber wohin wollen Sie denn?«

Sie erhielt keine Antwort. Sie trat zwei Schritte näher an den Rand des Abhangs hin, blickte ängstlich hinunter und sah, wie sich dort unten geräuschvoll das Buschwerk teilte, und wie Raiski auf den Vorsprüngen und Vertiefungen der steil abfallenden Wand wie auf großen Treppenstufen hinabsprang.

»Wie ihm daß nur Vergnügen machen kann!« sagte sie innerlich erbebend und machte kehrt, um heimzugehen.




Viertes Kapitel


Raiski ging um die ganze Stadt herum und kletterte am entgegengesetzten Ende der Schlucht, ganz weit entfernt von seinem Gute, wieder den Abhang hinauf. Von der Höhe aus schritt er dann wieder abwärts, nach der Vorstadt zu. Die ganze Stadt lag wie auf der flachen Hand vor ihm ausgebreitet.

Ein seltsames Gefühl ergriff ihn, als er so, von alten, fast bis in die Kindheit zurückreichenden Erinnerungen bestürmt, auf diesen kunterbunten Haufen von Häusern, Häuschen und Hütten niederschaute, die bald in dichten Gruppen zusammengedrängt waren, bald auf den Höhen oder in den Niederungen zerstreut lagen, hier am Rande des Abhangs hinliefen, dort sich nach der Tiefe der Schlucht hinzogen, die einen mit Balkons, Markisen, Belvederen, die anderen mit Anbauten und Überbauten, mit venetianischen Fensterchen oder kaum bemerkbaren Spalten an Stelle der Fenster, mit Taubenschlägen, Starhäuschen und öden, grasbewachsenen Höfen. Er sah hinab auf die endlos langen, zwischen Zäunen hinlaufenden krummen Gassen, auf die menschenleeren, noch unausgebauten Straßen, die mit hochtönenden Aufschriften, wie »Moskauer Straße«, »Astrachaner Straße«, »Saratower Straße« paradierten und über Basare hinliefen, auf denen Haufen von Bast, von gesalzenen und gedörrten Fischen, Fässer mit Birkenteer und Tische mit großen Kuchen umherstanden; er sah auf die weitgeöffneten Torwege der Einkehrhäuser, aus denen ein penetranter Düngergeruch hervorströmte, und auf die durch die Straßen holpernden Droschken.

Die Mittagstunde war längst vorüber. Über der Stadt lag eine starre Ruhe, ähnlich der Windstille auf dem Ozean – die Stille des trägen, breiten, vegetierenden Lebens dieser russischen Steppennester, die einem Friedhof weit mehr gleichen als einer von lebendigen Menschen bewohnten Stadt.

Sie schien gestorben zu sein, oder zu schlafen, oder in dumpfen Träumen befangen. Die offenen Fenster erinnerten an ein starres Gähnen, an einen Mund, der geöffnet ist, aber nicht spricht; kein Atem, kein Pulsschlag war zu spüren. Wohin ist das Leben geflohen? Wo sind die Augen, wo der Mund dieses regungslos daliegenden Körpers? Alles ringsum ist grün, mit bunten Sprenkeln dazwischen, und alles schweigt.

Raiski schritt durch die Straßen und Gäßchen dahin – nicht ein Windhauch regte sich darin. Der Staub liegt auf den Straßen, schon seit vielen Tagen unberührt; man sieht deutlich die Radspuren der Wagen, die darüber hingefahren sind. Im Schatten des Zaunes ruht da und dort eine Ziege aus, und die Hühner haben sich Höhlen in den Staub gescharrt und sitzen darin ganz still beieinander; nur der Hahn sucht, bald mit dem einen, bald mit dem anderen Fuße kratzend, in der hohen, dicken Staubschicht nach Nahrung. In den Höfen liegen die Hunde in buntscheckigen Gruppen zu drei und vier nebeneinander, und nur aus Gewohnheit bellen sie von Zeit zu Zeit den einen oder andern der wenigen Passanten an, der sie im übrigen gar nichts angeht.

Alles erscheint so weit, so öde – wie in der Wüste. Hier und da zeigt sich ein Kopf mit grauem Barte an einem der Fenster, ein rotes Hemd wird sichtbar, träg schauen die Augen nach links und rechts, ein Gähnen folgt, ein Ausspucken, und der Kopf verschwindet wieder.

Wirft man einen Blick durchs Fenster gegenüber, auf der anderen Seite der Straße, so erblickt man einen schnarchenden Mann im Schlafrock, auf dem Ledersofa ausgestreckt, und neben ihm auf einem Tischchen den »Stadtanzeiger«, die Brille und eine Karaffe mit Kwas.

Dort hockt einer stundenlang im Torweg, die Mütze auf dem Kopfe, und schaut träg und gleichgültig nach dem mit Brennesseln bewachsenen Graben und dem Zaun auf der anderen Straßenseite. Eine ganze Weile schon hält er das Taschentuch in den Händen und kann vor lauter Trägheit sich nicht dazu entschließen, seine Nase zu putzen.

Hier sitzt jemand untätig am Fenster, mit der Pfeife im Munde, und wer auch immer vorübergeht, jeder sieht ihn da sitzen, mit zufriedenem, wunschlosem Gesichte, ohne Spur von Langerweile. An einem anderen Fenster sah Raiski eine ältliche Frau, das Pendant zu dem Manne mit der Pfeife: jahraus, jahrein saß sie da seit langer Zeit in ihrem verlorenen Gäßchen, ohne sich zu rühren, ohne sich aufzuregen, ohne irgendeinen Verkehr mit ihresgleichen zu suchen, ohne etwas zu ahnen von der Unruhe und dem regen Treiben der Großstadt, die die Menschen nur so durcheinanderwirbelt.

Da und dort sah Raiski, wie er so von Gasse zu Gasse ging, die Leute noch bei Tische, doch stand stellenweise auch schon der Samowar bereit.

In der menschenleeren Gasse hört man es auf eine Werst hin ganz deutlich, wenn zwei oder drei zusammen sprechen, und was sie sprechen. Hell tönen die Stimmen durch die Gasse, und die Schritte hallen auf dem hölzernen Bürgersteig wider.

Irgendwo in einem Schuppen wird Holz zerkleinert, ein Ferkel quiekt auf dem Misthaufen; an einem kleinen Fensterchen, fast zu ebener Erde, weht ein Kattunvorhang im Zugwind hin und her und streift die Balsaminen, Maßliebchen und Reseden in den Töpfen auf dem Fensterbrett.

Hier sitzt, das hübsche, frische Gesicht über eine Näharbeit gebeugt, ein junges Mädchen und ist trotz der einschläfernden Schwüle fleißig am Werke. Sie ist die einzige, die im Hause zu wachen scheint – vielleicht wartet sie, bis draußen auf der Straße ein bekannter Schritt sich vernehmen läßt . . .

Aus den offenen Fenstern eines Hauses tönt wohl ein ganzes Hundert jugendlich heller, buchstabierender Stimmen: es bedurfte nicht erst der Aufschrift über der Tür des Hauses, um dem Wanderer anzuzeigen, daß er eine Schule vor sich habe.

Weiter kam Raiski an einen Neubau: Balken, Sparren und Späne lagen in Haufen umher, und um eine riesige hölzerne Schüssel waren die Zimmerleute gelagert. Ein großer Brotlaib, kleingeschnittener Lauch in der mit Kwas gefüllten Schüssel und ein Stück Salzfisch – das war ihr ganzes Mittagessen.

Ruhig und schweigsam saßen die Männer um die Schüssel, tauchten der Reihe nach ihre Löffel in den Kwas und legten sie wieder hin, kauten langsam das Brot, lachten und sprachen nicht, sondern verrichteten ernsthaft, fast mit Andacht, die schwere Arbeit des Essens.

Raiski wollte sie zeichnen, diese Gruppe von müden, ernsten, gelbbraunen Männern, die an Polynesier erinnerten, diese vertrockneten, sonnverbrannten Hände mit den steifen Fingern und den fest eingewachsenen, gleichsam eisernen Nägeln, diese Gesichter mit den sich im Gleichmaß weit öffnenden, langsam kauenden Kiefern, diesen Hunger, der sich an Brot und Lauch und Grütze satt aß.

Ja, das war der Hunger, nicht der Appetit: der Bauer kennt keinen Appetit. Der Appetit ist ein Ergebnis des Faulenzens, des Wohllebens, der »Motion«, der Hunger dagegen ein Produkt der Zeit und der schweren Arbeit.

»Welch ein breites Bild der Stille und des Schlafes!« dachte Raiski, während er seinen Blick in die Runde schweifen ließ. »Wie ein Grab! Ein weiter Rahmen für einen Roman – fragt sich nur, was ich in diesen Rahmen hineinstellen soll!«

Er zeichnete gleichsam in Gedanken all die Häuschen ab, prägte sich die Physiognomien der Passanten ein, gruppierte bereits die Tante und ihre Umgebung in dem ihm vorschwebenden Rahmen.

Als Hauptgestalt des Ganzen erschien ihm vorerst nur Marsinka – sie bildete den Mittelpunkt des Gemäldes. Die Gestalt der Bjelowodowa war in den Hintergrund getreten und stand dort ganz einsam und verlassen.

Mechanisch und langsam ging er durch die Straßen und verarbeitete sein neues Material. Alle Gestalten standen im Kopfe fertig vor ihm, er sah sie dort alle so, wie sie lebten.

»Wie, wenn auf diesem schläfrigen, unbeweglichen Hintergrunde sich ein großes Gemälde der Leidenschaft abspielte?« dachte er. Welches Leben würde sich plötzlich in diesem Rahmen entwickeln! Welche Farbenfülle! . . . Aber woher die Farben nehmen, und woher die Leidenschaft? . . .

»Die Leidenschaft!« wiederholte er still für sich, fast in heftiger Wallung. »Ach, wenn doch ihre sengende Glut mich selbst ergreifen und durchlodern wollte, wenn sie den Künstler in mir ganz aufzehrte, daß ich blind in ihr versänke und dieses innere Doppelleben, dieses quälende zweite Gesicht aus meinem Wesen herausmerzte! Nicht mit den schauenden Sinnen, als Beobachter anderer, will ich ihre Glut durchleben, sondern mit dem eigenen Ich, mit Nerven und Mark, mit Galle und Blut – und dann will ich es malen, dieses Gehenna des menschlichen Lebens! Die Leidenschaft Sophies . . . nein, nein!« dachte er kalt. »Sie steht über dieser Welt, über der Leidenschaft . . . und die Leidenschaft Marsinkas . . .« – er mußte unwillkürlich lächeln.

Beide Bilder verblaßten, und er senkte nachdenklich den Kopf und blickte gleichgültig zur Seite.

»Ja, sie werden beide ihren Roman haben,« dachte er; »einen Roman, gewiß – aber es wird ein welker, kleinlicher Roman sein, bei der einen mit allerhand aristokratischem, bei der anderen mit kleinbürgerlichem Beiwerk. Dort das breite Gemälde eines kühlen Halbschlummers in marmornen Sarkophagen, mit Samtdecken, auf denen goldene Wappen gestickt sind; hier das Bild eines lauen Sommerschlafs auf grünen Matten, inmitten von Blumen, unter freiem Himmel – ganz traut und gemütlich, aber doch immer ein Schlaf, und zwar ein Schlaf, aus dem es kein Erwachen gibt.«

Er ging jetzt rascher – er hatte sich erinnert, daß seine Wanderung ein Ziel hatte, und er sah sich um, ob er nicht jemanden sähe, den er nach der Wohnung des Gymnasiallehrers Leontij Koslow fragen könnte. Kein Mensch war auf der Straße, kein Lebenszeichen rings zu schauen. Endlich entschloß er sich, in eins der kleinen Holzhäuser einzutreten.

Auf dem Hausflur schlug ihm ein abscheulicher Dunst entgegen, daß er sich die Nase zuhalten mußte und sein Blick hastig über die drei vom Flur nach dem Innern des Hauses gehenden Türen glitt: welche sollte er öffnen? Hinter der einen Tür ließ sich ein Geräusch vernehmen, und er betrat das kleine Vorzimmer.

»Wer ist da?« fragte ganz verdutzt eine alte Frau, die ihm, mit beiden Händen einen schweren Samowar tragend, entgegentrat.

»Können Sie mir nicht sagen, wo hier der Lehrer Leontij Koslow wohnt?« fragte Raiski.

Sie sah ihn noch immer wortlos, mit weit aufgerissenen, erschrockenen Augen an.

»Wer ist da?« ließ sich aus dem anstoßenden Zimmer eine männliche Stimme vernehmen, während gleichzeitig ein Schlurren von Pantoffeln näher kam und der Kopf eines etwa fünfzigjährigen Mannes in der Tür erschien. Er trug einen buntscheckigen Schlafrock und hielt ein blaues Tuch in der Hand.

»Nach irgendeinem Lehrer fragt er!« sagte die erschrockene Alte.

Der Mann im Schlafrock sah Raiski gleichfalls ganz bestürzt an.

»Was für ein Lehrer? Hier wohnt kein Lehrer . . .« sagte er und fuhr fort, den unerwarteten Besucher mit erstauntem Blick zu betrachten.

»Entschuldigen Sie, ich bin hier nicht bekannt, bin erst heute früh hier angekommen. Zufällig bin ich hier in diese Straße geraten und wollte nur fragen . . .«

»Wollen Sie nicht näher treten?« lud ihn der Hausherr freundlich ein.

Raiski folgte ihm in ein kleines Empfangszimmer, in dem einfache Lederstühle und ein ebensolches Kanapee an der Wand standen. Auch ein Spiegel war vorhanden, und unter dem Spiegel stand ein Spieltisch.

»Ich bitte, Platz zu nehmen!« bat der Hausherr. »Nach welchem Lehrer beliebten Sie zu fragen?« fuhr er fort, als sie sich beide gesetzt hatten.

»Nach Leontij Koslow.«

»Es gibt hier einen Kaufmann Koslow, der hat einen Laden auf dem Basar . . .«, sagte der Hausherr nachdenklich.

»Nein, der Koslow, den ich meine, ist Lehrer der klassischen Sprachen,« wiederholte Raiski.

»Der klassischen Sprachen . . . nein, den kenne ich nicht . . . Erkundigen Sie sich einmal im Gymnasium – dort oben, auf der Anhöhe . . .«

»So klug bin ich selber,« dachte Raiski. Und laut fügte er hinzu: »Ich glaubte, daß ihn hier jedermann kennt, weil er schon so lange in der Stadt ist.«

»Erlauben Sie mal . . . ist er nicht Hauslehrer beim Adelsmarschall? Dann wohnt er dort auch – er sieht so brav aus . . .«

»Nein, nein, der ist gar nicht brav!« sagte Raiski lächelnd und empfahl sich.

Auf der Straße hielt er den ersten Passanten an und fragte ihn wiederum nach dem Lehrer Leontij Koslow. Der Gefragte dachte ein Weilchen nach, musterte Raiski vom Scheitel bis zur Sohle, wandte sich dann zur Seite, um sich mit den Fingern zu schneuzen, und sagte, nach der Richtung zeigend, aus der Raiski kam:

»Der muß dort am Ende der Stadt wohnen, hinter der Brücke: dort wohnt irgendein Lehrer.«

Zum Glück kam jetzt ein Kantonschreiber vorüber, der Raiskis Frage vernahm.

»Was redest du da!« bemerkte er. »Das ist doch der Gärtner Koslow!«

»Ich weiß, daß er Gärtner ist, aber er ist doch zugleich Lehrer,« versetzte der andere. »Man schickt doch Kinder zu ihm in die Lehre . . .«

»Der ist es aber nicht, den der Herr sucht,« sagte der Schreiber mit einem Blick auf Raiski. »Bitte, folgen Sie mir!« fügte er hinzu und ging rasch voran.




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