Heimkehr Blake Pierce „Ein Meisterwerk der Spannung! Blake Pierce ist es auf hervorragende Weise gelungen, Charaktere mit einer psychologischen Seite zu entwickeln, die so gut beschrieben sind, dass wir uns in ihren Köpfen fühlen, ihren Ängsten folgen und ihren Erfolg bejubeln. Voller Wendungen wird Sie dieses Buch bis zur letzten Seite wachhalten.“ – Books and Movie Reviews, Roberto Mattos (zu Verschwunden) HEIMKEHR (Ein Chloe Fine Psycho-Thriller) ist Buch #5 einer neuen spannenden Buchreihe des Bestsellerautors Blake Pierce, dessen #1 Bestseller VERSCHWUNDEN (ein kostenloser Download) über 1.000 Fünf-Sterne-Bewertungen erhalten hat. Als zwei Ehemänner, die beste Freunde waren, tot in einem wohlhabenden Vorstadtviertel aufgefunden werden, wird FBI ViCAP Spezialagentin Chloe Fine, 27, darauf angesetzt, die Lügen dieser Kleinstadt zu entlarven und den Mörder zu finden. Chloe wird hinter die perfekte Fassade dieser Stadt schauen müssen, um an ihrem äußeren Erscheinungsbild vorbeizusehen und die Wahrheit darüber herauszufinden, wer diese Männer waren und wer sie möglicherweise tot sehen wollte. Und an einem Ort, der von seiner Exklusivität lebt, wird dies nicht einfach sein. Welche Geheimnisse versuchten die Ehemänner zu verbergen?Als emotionaler psychologischer Thriller mit vielschichtigen Charakteren, kleinstädtischem Flair und atemberaubender Spannung, ist HEIMKEHR Buch #5 in einer fesselnden neuen Serie, die Sie bis tief in die Nacht hinein an die Seiten fesseln wird. Buch #6 der Chloe Fine Thriller Serie wird in Kürze erhältlich sein. Blake pierce Heimkehr Copyright © 2019 by Blake Pierce. Alle Rechte vorbehalten. Außer wie im US Copyright Act von 1976 erlaubt, darf kein Teil dieser Publikation ohne vorherige Genehmigung des Autors in irgendeiner Form oder mit irgendwelchen Mitteln reproduziert, verteilt oder übertragen oder in einer Datenbank oder einem Abfragesystem gespeichert werden. Dieses E-Book ist nur für Ihren persönlichen Gebrauch lizenziert. Dieses E-Book darf nicht weiterverkauft oder an andere Personen weitergegeben werden. Wenn Sie dieses Buch mit einer anderen Person teilen möchten, erwerben Sie bitte eine zusätzliche Kopie für jeden Empfänger. Wenn Sie dieses Buch lesen und es nicht gekauft haben oder es nicht für Sie gekauft wurde, senden Sie es bitte zurück und kaufen Sie Ihre eigene Kopie. Danke, dass Sie die harte Arbeit dieses Autors respektieren. Dies ist eine Fiktion. Namen, Charaktere, Unternehmen, Organisationen, Orte, Ereignisse und Zwischenfälle sind entweder das Produkt der Fantasie des Autors oder werden fiktional verwendet. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen ist völlig zufällig. Copyright Umschlagfoto: Eldar Nurkovic, unter Lizenz von Shutterstock.com. Blake Pierce Blake Pierce ist der USA Today Bestsellerautor der RILEY PAIGE Mystery-Reihe, die bisher sechzehn Bücher umfasst. Er ist ebenfalls der Autor der MACKENZIE WHITE Mystery-Reihe, die bisher aus dreizehn Büchern besteht, der AVERY BLACK Mystery-Reihe, die aus sechs Büchern besteht, der KERI LOCKE Mystery-Reihe, die in fünf Büchern erhältlich ist, der DAS MAKING OF RILEY PAIGE Mystery-Reihe, die bisher fünf Bücher umfasst, der KATE WISE Mystery-Reihe, von der bisher sechs Bücher erhältlich sind, der spannenden CHLOE FINE psychologischen Suspense-Mystery-Reihe, die bisher aus fünf Büchern besteht, der JESSIE HUNT psychologischen Suspense-Thriller-Reihe, von der es bisher fünf Bücher gibt, der AU-PAIR psychologischen Suspense-Thriller-Reihe, die bisher aus zwei Büchern besteht, und der ZOE PRIME Mystery-Reihe, von der bisher zwei Bücher erwerblich sind. Blake ist selbst ein passionierter Leser und lebenslanger Fan der Mystery- und Thriller-Genres, weshalb er sich freuen würde, von Ihnen zu hören. Besuchen Sie doch seine Webseite www.blakepierceauthor.com (http://www.blakepierceauthor.com/), um mehr über ihn herauszufinden und in Kontakt zu bleiben! BÜCHER VON BLAKE PIERCE DAS AU-PAIR SO GUT WIE VORÜBER (Band #1) SO GUT WIE VERLOREN (Band #2) SO GUT WIE TOT (Band #3) ZOE PRIME KRIMIREIHE GESICHT DES TODES (Band #1) GESICHT DES MORDES (Band #2) GESICHT DER ANGST (Band #3) JESSIE HUNT PSYCHOTHRILLER-SERIE DIE PERFEKTE FRAU (Band #1) DER PERFEKTE BLOCK (Band #2) DAS PERFEKTE HAUS (Band #3) DAS PERFEKTE LÄCHELN (Band #4) DIE PERFEKTE LÜGE (Band #5) CHLOE FINE PSYCHOTHRILLER-SERIE NEBENAN (Band #1) DIE LÜGE EINES NACHBARN (Band #2) SACKGASSE (Band #3) STUMMER NACHBAR (Band #4) HEIMKEHR (Band #5) KATE WISE MYSTERY-SERIE WENN SIE WÜSSTE (Band #1) WENN SIE SÄHE (Band #2) WENN SIE RENNEN WÜRDE (Band #3) WENN SIE SICH VERSTECKEN WÜRDE (Band #4) WENN SIE FLIEHEN WÜRDE (Band #5) WENN SIE FÜRCHTETE (Band #6) DAS MAKING OF RILEY PAIGE MYSTERY-SERIE BEOBACHTET (Band #1) WARTET (Band #2) LOCKT (Band #3) NIMMT (Band #4) LAUERT (Band #5) TÖTET (Band #6) RILEY PAIGE MYSTERY-SERIE VERSCHWUNDEN (Band #1) GEFESSELT (Band #2) ERSEHNT (Band #3) GEKÖDERT (Band #4) GEJAGT (Band #5) VERZEHRT (Band #6) VERLASSEN (Band #7) ERKALTET (Band #8) VERFOLGT (Band #9) VERLOREN (Band #10) BEGRABEN (Band #11) ÜBERFAHREN (Band #12) GEFANGEN (Band #13) RUHEND (Band #14) GEMIEDEN (Band #15) VERMISST (Band #16) EINE RILEY PAIGE KURZGESCHICHTE EINST GELÖST MACKENZIE WHITE MYSTERY-SERIE BEVOR ER TÖTET (Band #1) BEVOR ER SIEHT (Band #2) BEVOR ER BEGEHRT (Band #3) BEVOR ER NIMMT (Band #4) BEVOR ER BRAUCHT (Band #5) EHE ER FÜHLT (Band #6) EHE ER SÜNDIGT (Band #7) BEVOR ER JAGT (Band #8) VORHER PLÜNDERT ER (Band #9) VORHER SEHNT ER SICH (Band #10) VORHER VERFÄLLT ER (Band #11) VORHER NEIDET ER (Band #12) VORHER STELLT ER IHNEN NACH (Band #13) AVERY BLACK MYSTERY-SERIE DAS MOTIV (Band #1) LAUF (Band #2) VERBORGEN (Band #3) GRÜNDE DER ANGST (Band #4) RETTE MICH (Band #5) ANGST (Band #6) KERI LOCKE MYSTERY-SERIE EINE SPUR VON TOD (Band #1) EINE SPUR VON MORD (Band #2) EINE SPUR VON SCHWÄCHE (Band #3) EINE SPUR VON VERBRECHEN (Band #4) EINE SPUR VON HOFFNUNG (Band #5) Prolog Sherry Luntz hatte mit Sentimentalitäten nicht viel am Hut, aber sie liebte Feiern. Dies war der Grund für ihr zu schnelles Fahren auf dem Weg nach Hause. Sie hatte zwei Steaks in einer Tasche auf dem Beifahrersitz und eine Flasche Rotwein in einer anderen. Heute war ihr Hochzeitstag, heute war sie einundzwanzig Jahre mit Bo Luntz verheiratet und dieses war der erste Hochzeitstag, den sie ohne ihren Sohn im Haus feiern konnten. Sie hatte gehofft, dass Lukes Auszug ihrer Ehe etwas Würze geben würde, aber das war nicht passiert. Vielmehr schien er einen Keil zwischen sie und Bo getrieben zu haben. Es war zwei Wochen her, dass sie miteinander geschlafen hatten und es war eine sehr schnelle Aktion vor der Arbeit gewesen. Aber verdammt noch einmal – es war ihr Hochzeitstag und heute würde sie es besorgt bekommen. Sollte er nicht von allein zu ihr kommen, hatte sie vorgesorgt und eine besonders aufreizende Kleinigkeit online bestellt, mit der Sie ihn gewissermaßen angreifen würde. Sie kam um 17:25, ca. fünf Minuten früher als normal, zu Hause an. Bos Laster stand in der Einfahrt, also war er auch schon zu Hause. Das war nicht überraschend, war er doch meist vor ihr da. Während sie parkte und ausstieg kam ihr die Idee, dass Bo vielleicht gar nicht realisiert hatte, dass heute ihr Hochzeitstag war. Er erinnerte besondere Tage normalerweise, doch in der letzten Zeit hatte er abwesend gewirkt. Seit Luke sie fürs College verlassen hatte war Bo distanziert und einfach nicht er selbst. Und trotzdem… sollte er den Hochzeitstag vergessen haben, wäre sie verärgert. Aber sie wollte wirklich heute noch Sex mit ihm haben und hatte sich entschlossen, das Böse-Sein bis morgen aufzuschieben. Sie ging hinein und fand das Haus ganz still. In der Wohnküche war Bo nicht. Das war merkwürdig, denn er war nachmittags fast immer entweder am Küchentisch, um Last-Minute E-Mails von der Arbeit zu beantworten, oder auf dem Sofa, um die Tagesnachrichten zu verfolgen. Sie war erst verwirrt, doch dann spielte ein Lächeln auf ihren Lippen. Vielleicht wusste er nicht nur, dass es ihr Hochzeitstag war, sondern freute sich genauso darüber wie sie. Sie legte die Steaks und den Wein auf den Küchentresen und stieg langsam die Treppe zwischen dem Wohnzimmer und der Küche hinauf. Sie wusste, dass Bo nicht der Typ Mann war, der Rosenblätter und leise Musik einsetzen würde, um sie zu verführen. Sie waren beide nicht sehr romantisch veranlagt. Sherry hatte damit kein Problem. In Wahrheit wäre es ihr genauso lieb, wenn er von hinter der Schlafzimmertür herausspringen und sie sofort gegen die Wand nehmen würde. Schon der Gedanke regte sie an, sie beschleunigte ihren Schritt auf der Treppe. „Bo?“ fragte sie mit etwas verspielter Stimme. Sie ging am Badezimmer vorbei und kam zu ihrer Schlafzimmertür. Sie war geschlossen und Sherry versuchte, sich zu erinnern, ob sie beim Verlassen des Hauses auch zu gewesen war. Sie war viel zu aufgeregt, um darüber klar nachzudenken und öffnete die Tür in Erwartung, von ihm ergriffen zu werden oder, sollte sie großes Glück haben, ihn nackt und bereit auf dem Bett zu finden. Keine dieser Vorstellungen wurde wahr. Sie runzelte die Stirn und ging zurück in den Flur. Wo zum Teufel ist er? Da dämmerte es ihr, dass sie ihm getextet hatte, dass sie Steaks mit nach Hause bringen würde. Beinahe hatte sie den Text mit „zu unserem Hochzeitstag“ beendet aber hatte sich dagegen entschieden in der Hoffnung, er möge sich von selbst erinnern. Da er wusste, dass sie Steaks mitbringen würde, war er wahrscheinlich auf der Terrasse und dabei, den Grill anzuschmeißen. Etwas enttäuscht von der fehlenden Überraschung im Schlafzimmer, machte sich Sherry auf den Weg zurück nach unten. Beinahe hätte sie angefangen, die Gewürze für die Steaks zusammen zu suchen, aber entschied sich doch, erstmal Bo zu finden. Vielleicht würde sie ihn einen saftigen Kuss geben, um die Saat für ihre Erwartungen für den späteren Abend zu säen. Sie öffnete die Terrassentür und trat hinaus. Sie schloss die Tür hinter sich und erblickte Bo. Zuerst machte es keinen Sinn. Er lag auf der Terrasse, das Gesicht zur Tür gerichtet. Seine Augen waren weit aufgerissen und starr und etwas Dunkles ragte aus seinem Mund – etwas Weiches und Rundes. Sie versuchte, zu begreifen, was das in seinem Mund war aber dann bemerkte sie die Blutlache um seinen Kopf. Es war sehr dunkelrot und noch nass. „Bo….?“ Natürlich bekam sie keine Antwort. Sherry fühlte, wie ein Schrei sich ihre Kehle heraufarbeitete. Als er endlich herauskam bemerkte sie den Geruch von Grillanzündern und wärmender Kohle. Bo war herausgekommen, um den Grill anzuzünden. Plötzlich war der Kohlegeruch das einzige, was sie wahrnahm. Sie fiel, gequältes Wehgeschrei von sich gebend, neben ihrem toten Mann auf die Knie. Kapitel eins „Hier ist Danielle…sprechen Sie nach dem Beep.“ Chloe beendete den Anruf, legte ihr Handy auf den Tresen und starrte aus dem Fenster der Bar, die sie zufällig gewählt hatte. Sie trank allein an einem Donnerstagnachmittag, nur zwei Tage nach Abschluss ihres letzten Falles. Das Ergebnis schmerzte noch, aber das interessierte sie derzeit nicht. Während sie aus dem Fenster die letzten Sonnenstrahlen des späten Nachmittages in den Straßen von DC betrachtete, begann Chloe, sich um Danielle Sorgen zu machen. Sie hatte seit zwei Tagen nicht mit ihrer Schwester gesprochen. Sie wusste, dass zwei Tage nicht wirklich Grund zur Sorge gaben aber so wie die Dinge in der letzten Zeit gestanden hatten, konnte sie sich nicht helfen, und sorgte sich trotzdem. Außerdem war es nicht nur, dass Danielle wahrscheinlich ihr Telefon abgestellt hatte; Chloe war bei ihrer Wohnung gewesen und dort hatte sich auch keiner gemeldet. Chloe leerte ihr zweites Bier und sah auf die Uhr auf dem Handy. Es war 17:17 – eine ganze halbe Stunde später als beim letzten Check. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann sie sich früher jemals so besorgt gefühlt hatte. Sie war besessen davon, die Zeit zu verfolgen. Sie war sich des sich nährenden Barkeepers gewahr, der dem leeren Glas zunickte: „Noch eins?“ Fast hätte sie ja gesagt. Chloe betrank sich selten und sie fragte sich, ob die Sorgen verschwinden würden, wenn sie einfach weiter und weiter tränke. Vielleicht würde sie so viel trinken, dass sie ein Taxi nach Hause nähme, bewusstlos würde und morgen aufwachte, um festzustellen, dass sie sich Sorgen um Nichts gemacht hatte. Es passt einfach nicht zu ihr. Das ist nicht die neue Danielle, die ich kennengelernt habe. „Nein, danke,“ sagte sie „nur die Rechnung“. Er ging zur Kasse, um sie zu holen, als Chloe ihr Telefon wieder aufhob. Ihre Anrufliste bewies, wie besorgt sie war – besonders diesen Nachmittag. Sie hatte sogar den Stripclub, bei dem Danielle als Bardame arbeitete, angerufen. Und es war nach diesem Telefonat, dass sie wirklich anfing, sich Sorgen zu machen. Danielles Vorgesetzter hatte sie informiert, dass Danielle sich vor zwei Tagen krank gemeldet hatte mit Drüsenfieber oder einer Art von Halsentzündung. Wenn das wahr war, dann verschanzte sie sich nicht zu Hause. Und ihr Telefon nahm sie auch nicht ab. Es machte nicht viel Sinn, das Telefon abzuschalten, wenn man krank war, oder? Der Barkeeper reichte ihr die Rechnung und sie schob ihre Kreditkarte über den Tresen. Während sie den Beleg unterschrieb fragte sie sich, ob sie eine Vermisstenanzeige erstatten sollte. Das war eine dumme Idee. Hätte jemand in einer ähnlichen Situation eine erstattet und sie wäre auf Cloes Schreibtisch gelandet, würde sie die Augen gerollt und sie ignoriert haben. Außerdem…. Wegen Danielles Vorgeschichte war eine Suchanzeige das Letzte, was sie brauchte. Mit ihrer Geschichte war es nicht unwahrscheinlich, dass sie einfach weitergezogen war. Nein, nicht diese neue Danielle… Chloe verließ die Bar noch frustrierter, als vorher. Sie versuchte, sich für ein Gefühl zu entscheiden – Sorge oder Frustration – aber musste zugeben, dass sie eigentlich gut miteinander harmonierten. Während sie nach Hause lief, versuchte sie sich zu überzeugen, dass sie sich idiotisch verhielt. Sie hasste es, dass sie überzeugt davon war, dass etwas im Argen war. Sie war nicht der sich sorgende Typ, sie suchte immer nach logischen Gründen, warum Sorgen in jeder gegebenen Situation überflüssig seien. Sie war sicher, dass Danielle anrufen würde, um ihr von einem spontanen Besuch bei alten Freunden in Maryland oder so zu erzählen, sobald Chloe aufhörte, sich zu sorgen. Gerade als diese fadenscheinige Geschichte durch ihren Kopf ging, klingelte ihr Telefon. Ihr Herz machte einen Sprung und sie war so absolut sicher, dass Danielle in der Leitung war, dass sie nicht einmal die Anzeige prüfte. Sie musste sich sogar selbst daran hindern, den Namen ihrer Schwester auszusprechen, als sie abnahm. „Hallo?“ „Agent Fine…hey“ sagte eine männliche Stimme. Sie brauchte einen Moment, um die Stimme zu erkennen und dann schämte sie sich, dass sie so enttäuscht war. Es war KyleMoultonZu ener anderen Zeit hätte sie sich möglicherweise gefreut, von ihm zu hören, aber im Vergleich zu einem so heiß erwarteten Anruf ihrer Schwester war dieser Anruf von ihm fast ohne Bedeutung. „Hi, Moulton.“ „Entschuldigung, dass ich so aus dem Nichts anrufe, aber ich hatte ein bisschen Zeit. Normalerweise lassen sie mich um diese Zeit Anrufe tätigen, ungefähr zwei Mal die Woche, und ich dachte, ich guck mal, wie es Ihnen geht.“ „Mir geht es gut“. Sie hielt inne, ihre eigene Lüge ließ sie erschaudern und sie erkannte, wie unglaublich unglaubwürdig ihre Worte klangen. „Wissen Sie was?“ sagte sie. „Ehrlich gesagt, kämpfe ich gerade.“ „Arbeit?“ „Nein, privat.“ „Ah, ich verstehe. Wow, fein. Als wir das letzte Mal sprachen, hat das private Zeug auch an Ihnen gezehrt. Keine Besserung der Situation?“ „Für jemanden, der eingesperrt ist und mich emotional nicht unterstützen kann, sind das ziemlich drängende Fragen, die Sie mir da stellen.“ Er lachte humorlos. „Ich weiß. Tut mir leid. Aber hier sind hinter den Kulissen Machenschaften am Werk… alle legal. Sieht so aus, als wenn meine Haft möglicherweise gravierend verkürzt wird. Aber leider scheinen die Chancen, dass ich wieder fürs FBI arbeiten kann, sehr gering.“ „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Er war für einen Moment sehr still aber als er wieder sprach, schien er sehr ernst. „Ich wollte mich einfach nur mal melden. Ich wusste nicht, dass der Privatkram Sie noch immer belastet. Ich kann ein anderes Mal anrufen.“ „Nein, ist schon gut. Es ist nur… ich habe einen schlechten Tag.“ Sie erzählte ihm beinahe von ihren Vermutungen über Danielle, dachte, er hätte vielleicht einen guten Rat. Aber sie entschied sich, dass es zu privat war – und dass es eine etwas paranoide Seite von ihr zeigte, die sie Moulton noch nicht zeigen wollte. „Also…verstehe ich es richtig, dass es noch keine Lösung mit Ihrem Vater, Ihrer Schwester und dem Tagebuch gibt?“ „Nein…es ist so…“ Sie hielt inne – nicht nur im Sprechen, sondern auch im Gehen. Ihre Wohnung war nur noch einen Block entfernt, aber plötzlich war das egal. „Alles in Ordnung?“ „Jaaa…“ Ich habe nicht einmal an Dad gedacht. Ich habe ihn seit längerem nicht gesprochen… auf jeden Fall nicht in den letzten Tagen… „Moulton…Sie haben mir vielleicht schon geholfen. Ich muss auflegen.“ „Hey, ich freue mich, wenn ich helfen kann,“ sagt er etwas fröhlicher „Tschüss“. Chloe legte auf und suchte sofort die Nummer ihres Vaters. Sie presste das Telefon an ihr Ohr und hörte nur kurze Stille, gefolgt von einer Voicemail Begrüßung. Sie stand für einen Moment still um eine Entscheidung zu treffen – versuchte, nicht alles zu überdenken und das Schlimmste anzunehmen. All dies machte keinen Sinn. Ihr Vater wollte so gerne Brücken bauen, da machte es keinen Sinn, dass er ihren Anrufen aus dem Weg ging. Es war unwahrscheinlich, dass er auch einfach weggefahren oder verschwunden war. Aber die Tatsache, dass Chloe von ihm die gleiche Antwort wie von Danielle bekam… das war zu viel, um es zu ignorieren. Chloe steckte ihr Telefon in die Tasche und lief den restlichen Weg zu ihrer Wohnung. Ihre Sorge steigerte sich zu Angst und sie hatte plötzlich das Gefühl, dass jede verstrichene Minute das Geheimnis verschlimmern könnte. Kapitel zwei Genau sechzehn Minuten nach dem Empfang von Moultons Anruf, parkte Chloe vor der Wohnung ihres Vaters. Sein Auto war da, was sie als gutes Zeichen deutete. Aber es half wenig, die aufsteigende Panik zu beherrschen, die ständig intensiver wurde. Sie rannte die Treppe hinauf und klopfte laut an die Tür. Sie wartete einige Sekunden, doch es kam keine Antwort. Sie versuchte es noch einmal, klopfte dieses Mal noch lauter. Sie lehnte sich an den Türrahmen, ihre Nase berührte fast die Tür, und sagte: „Dad, mach die Tür auf.“ Wieder keine Antwort. Sie versuchte aus Reflex, die Tür zu öffnen und war überrascht, sie unverschlossen zu finden. Als die Tür aufschwang wurde ihr klar, wie ungewöhnlich das war und sie spürte die Panik in ihr weiter ansteigen. Chloe trat in die Wohnung und schloss die Tür hinter sich. Die Wohnung war ruhig und aufgeräumt. Misstrauisch um sich blickend trat sie in das Wohnzimmer. Sie suchte nach irgendeinem Anzeichen, dass etwas Außergewöhnliches geschehen war, konnte aber nichts finden – außer eben der Tatsache, dass die Eingangstür unverschlossen gewesen war. Sie verließ das Wohnzimmer und ging durch den kleinen Flur zum Schlafzimmer. Auch hier war nichts Ungewöhnliches zu finden. Das Bett war gemacht und ein kleiner Haufen Wäsche lag neben der Kommode. Sie begriff, dass sie hier einen kleinen privaten Einblick in das neue Leben ihres Vaters bekam, was ihr unangenehm war. Sie wollte ihn nicht als neu empfinden; sie war im Reinen mit der Art Mann, die er wirklich gewesen war und so wollte sie ihn für immer in Erinnerung behalten. Chloe bereute, her gekommen zu sein als sie das Schlafzimmer verließ. Aber da sie nun schon da war beschloss sie, die Wohnung zu durchsuchen. Sie ging zur Küche – doch noch bevor sie eintreten konnte, entdeckte sie den ersten Hinweis auf ungewöhnliche Ereignisse. Der Wasserkocher lag auf dem Boden. Es war kein Wasser zu sehen und er war mindestens acht Fuß von dem Herd, auf den er gehörte, entfernt. Langsam beugte sie sich vor, um ihn aufzuheben doch ihre Finger zögerten in der Luft, wenige Inches vom Henkel entfernt. Da war ein Fleck auf der Seite – etwas, das auf dem Edelstahl dunkelrot erschien. Es war kein Spritzer, eher wie ein einzelner Tropfen, ungefähr die Größe einer 25 Cent Münze. Es war die Art von Dunkelrot, die sie während ihrer Zeit mit dem FBI oft gesehen hatte und so wusste sie sofort, was es war. Es war Blut. Es war getrocknetes Blut, also war es schon seit mindestens acht bis zehn Stunden auf dem Kessel. Möglicherweise länger. Sie kniete neben dem Kocher und versuchte, eine Vermutung aufzustellen. Ihre erste Vermutung war, dass Danielle aus irgendeinem Grund hergekommen war, und dass ihr Vater sie angegriffen hatte – möglicherweise mit ihr weggefahren war. Aber das war unwahrscheinlich, da sein Auto noch hier war. Wäre es ein geplanter Angriff und Entführung gewesen, wäre er vorsichtiger gewesen, keine Spuren zu hinterlassen. Und der Kessel war ein offensichtliches Beweisstück. Wenn es also nicht so passiert war, was war dann hier passiert? Sie war nicht sicher. Es gab zu viele Möglichkeiten zu durchdenken. Doch eines war ihr klar. Mit der unverschlossenen Tür, dem Blut auf dem Wasserkocher und jetzt zwei vermissten Personen hatte sie genug spekulative Hinweise, um eine offizielle Anzeige zu erstatten. Chloe holte ihr Telefon aus der Tasche und hätte fast Direktor Johnson angerufen. Aber sie wusste, dass das ein Fehler wäre. Jeder Fall wie dieser, wurde immer erst von der ansässigen Polizei betreut. Selbst wenn sie glaubte, dass das FBI die Situation besser handhaben könnte, weil sie die Geschichten hinter den beiden vermissten Personen kannte, war es erstmal eine Angelegenheit für die Polizei. Sie rief die Polizei an und während sie am anderen Ende eine Frau antworten hörte, fragte sie sich, ob das Blut das ihres Vaters oder das ihrer Schwester war. * * * Es war merkwürdig, die Befragte zu sein. Der Kommissar, der ihre Stellungnahme aufnahm, schien sich der Situation sehr bewusst zu sein. Die Stellungnahme eines FBI Agenten betreffend einer Familienangelegenheit, könnte immerhin eine große Chance für seine Karriere sein. Auf der anderen Seite musste er wissen, dass dieser FBI Agent ihn genau beobachtete und seine beruflichen Fähigkeiten abschätzte. Der Mann tat ihr ehrlich leid… sie schätzte ihn ein. Er war sehr groß und um die fünfzig Jahre alt. Er wirkte gelangweilt aber dennoch sehr wachsam – genau wie viele andere Detektive, die sie in der Vergangenheit getroffen hatte. Er erfüllte seinen Job zufriedenstellend, obwohl er der ganzen Sache nicht zu trauen schien. Er hatte zwei Polizisten dabei, die noch immer das Haus durchsuchten. Chloe war freundlich und erzählte ihnen nicht, dass sie schon alles geprüft hatte. „Und Sie sagen, dass die Tür unverschlossen war?“ fragte der Kommissar sie. Sie saßen auf den Barhockern in der Küche, beide sahen sich um, als wenn sie etwas übersehen haben könnten. „Ja“ antwortete Chloe. „Wissen Sie, ob er sie normalerweise unverschlossen lässt?“ „Nein, ich habe keine Ahnung. Es scheint aber unwahrscheinlich. Er ist erst seit ungefähr einem Monat in DC. Ich bezweifele, dass er sich hier schon sicher und geborgen fühlt.“ „Können Sie sich einen Grund vorstellen, warum Ihr Vater Ihre Schwester zu sich eingeladen haben könnte?“ Sie würde nicht erwähnen, dass Danielle in Chloes eigene Wohnung eingebrochen war, um das Tagebuch ihrer Mutter zu stehlen. Das zu erwähnen, würde Danielle viel zu sehr auf den Prüfstand stellen. Es war ihr Vater, der der Untäter war. Ihr war klar, dass dies die Untersuchungen erschweren würde, aber sie hatte keine Wahl, als zu lügen. „Ich kann mir keinen vorstellen“ sagte Chloe. „Dad hat versucht, mit uns eine Verbindung aufzubauen, Sachen wieder hinzubiegen. Wir haben eine belastete Beziehung, wir drei. Danielle war immer bereiter, darauf einzugehen.“ Da war die Lüge. „Vielleicht war sie nur hier, um Brücken zu bauen. Ich weiß es nicht.“ „Aber in Hinsicht auf den Wasserkocher und das Blut darauf kann es sein, dass es nicht so gut gelaufen ist“ sagte der Kommissar. „Das ist meine Sorge.“ „Was mich verwundert ist die Tatsache, dass der Kocher das Einzige ist, das wir haben„sagte der Kommissar. „Ja, es ist Blut drauf. Aber wo sind die Anzeichen von einem Kampf?“ „Meines Erachtens ist das Blut das Anzeichen.“ „Und Sie sind sicher, dass ihr Vater derjenige war, der mit dem Kessel angegriffen hat? Ist es möglich, dass es sein Blut ist?“ „Höchst unwahrscheinlich“ entgegnete Chloe. Aber schon während er die Frage stellte fing Chloe an, die Alternative zu durchdenken – eine Alternative, der gegenüber sie blind gewesen war, da sie so besorgt um Danielle war. Wenn die Tür unverschlossen war und es keine Anzeichen von einem Kampf gab… wies es mehr darauf hin, dass Danielle der Angreifer, nicht die Angegriffene war. Sie wäre in Eile gegangen. Sie hätte vergessen, die Tür zu verschließen. Und es wäre viel einfacher für sie gewesen, ihren Vater mit dem Kocher anzugreifen, weil er unter keinen Umständen einen Angriff erwartet hätte. Sie behielt all diese Gedanken für sich. Sie würde Danielle nicht als Angreifer hinstellen. Sie bemerkte, wie der Kommissar sie verdächtig ansah. Als wenn er wusste, wo ihre Gedanken sie hingeführt hatten. Nach kurzer Zeit schrieb er etwas in sein kleines Notizbuch, welches er die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte, und stand auf. „Nun, Sie wissen, wie es weiter geht, Agent Fine“ sagte er. „Wir haben nur das Blut als Anhaltspunkt. Wir werden es, wie Sie wissen, analysieren lassen. Und Sie können die Resultate wahrscheinlich schneller als ich einsehen. Aber wir werden sie abholen und die Vorgänge anleiern.“ „Danke“. „Bitte lassen Sie uns wissen, sollte Ihnen noch etwas einfallen. Sollte, Sie wissen, was ich meine, noch etwas zu Tage kommen.“. Sein Ton klang als wenn er annahm, dass sie etwas vor ihm verheimlichte. Aber sein Gesichtsausdruck ließ sie wissen, dass er damit kein Problem hatte. Sie war sich sicher, dass er als Kommissar in DC, zumindest schon einen anderen Agenten-bezogenen Fall behandelt hatte oder zumindest mit Leuten gearbeitet hatte, die es getan hatten. Vielleicht waren diese Fälle sogar normal für ihn. Sie musste sich daran erinnern, dass er sie nicht als panische Schwester, sondern als einen rationalen Agenten sah, der wusste, dass es Abläufe gab. Und, verdammt nochmal, sie wusste, dass es einen Ablauf gab. Sie konnte nicht erwarten, dass alle für etwas, dass für sie sehr persönlich war, alle Regeln und Vorschriften vergaßen. „Werde ich tun“ sagte sie. „Danke“. „In der Zwischenzeit werden wir eine Vermisstenanzeige für Ihre Schwester und ihr Auto rausgeben.“ Der Kommissar bewegte sich in Richtung Schlafzimmer, zu den anderen Polizeiangestellten. Chloe stand auch auf, unsicher, was sie jetzt tun sollte, wohin sie gehen sollte. Sie war sich noch immer sicher, dass ihr Vater der Übeltäter hier war; Danielle hatte in der Vergangenheit bedauerliche Dinge getan, aber Chloe traute ihr keinen Mord zu. Ihr Vater aber war eines Mordes fähig. Die Vergangenheit hatte dies bewiesen. Und sollten er und Danielle unter angespannten Umständen zusammen sein, war sich Chloe sicher, dass ihr Vater alles tun würde, um ein freier Mann zu bleiben. Chloe ging zur Tür. Sie fand, dass der nächste logische Schritt ein Besuch bei Danielles Wohnung wäre. Vielleicht würde sie dort Hinweise finden, vielleicht einen Beweis, dass…. Ihre Gedanken wurden wieder durch das Klingeln ihres Handys unterbrochen. Sie ergriff es schnell, diesmal las sie den Namen auf dem Bildschirm, bevor sie antwortete. Sie war nicht überrascht, dass es nicht Danielles Name war, aber war gleichzeitig enttäuscht bei dem Namen, den sie dort sah. Dir. Johnson. Sie meldete sich vorsichtig, wollte Johnson keinen Hinweis darauf geben, dass sie die Polizei gerufen hatte. Je weniger Johnson über ihre familiären Probleme wusste, desto besser. „Hier ist Fine“. „Fine, Johnson hier. Sind sie derzeit in der Gegend?“ „Jawohl“. „Fühlen Sie sich ausgeruht? Haben Ihnen die letzten zwei Tage gutgetan?“ „Ich fühle mich großartig, danke“. „Gut. Sehen Sie, ich weiß, es ist kurzfristig und sehr kurz nach Ihrem letzten Fall, aber ich brauche Sie hier. Ich möchte einen weiteren möglichen Fall mit Ihnen besprechen. Es ist recht dringend, ich wäre Ihnen also für Geschwindigkeit dankbar.“ Für einen Moment fühlte sie sich überwältigt von dem Gedanken, während des ganzen neuen Dramas mit Danielle und ihrem Vater an einem neuen Fall zu arbeiten. Aber sie wusste, dass Johnson Fragen stellen würde, würde sie ablehnen. Und je mehr Fragen er stellte, desto näher käme er an die Wahrheit. „Ich kann in zehn Minuten da sein“ sagte sie. „Perfekt“. Johnson legte auf und hinterließ Chloe in der Wohnung ihres Vaters. Sie hielt noch einen Moment inne, bevor sie sich endlich auf den Weg zur Tür machte. Sie fühlte sich, als verließe sie nicht nur das in der Wohnung verborgende Geheimnis, sondern auch ihre Schwester. Kapitel drei Danielle wusste, dass sie ein schlechtes Leben geführt hatte – ein Leben, welches durch ihren schlechten Geschmack in Männern, ihren Drang zu übermäßigem Genuss von Drogen und Alkohol und ihre Abneigung zu jeglicher Art von Autorität geprägt war. Sie wusste es und stand dazu. Dazu zustehen war, das wusste sie, ein wichtiger Teil des Bewältigungsprozesses. Aber ein positiver Faktor dieser schrecklichen Vergangenheit war, dass sie sie beweglich gehalten hatte – von Wohnort zu Wohnort, Bundesstaat zu Bundesstaat. Von siebzehn bis fünfundzwanzig hatte sie in neun verschiedenen Städten in fünf verschiedenen Staaten gelebt. So kam es, dass sie Millseed in Texas kannte. Millseed war ein Scheißort. Als sie vor vier Jahren hier gewohnt hatte, war die winzige Stadt schon am Ende gewesen. Die weniger als vierhundert Einwohner waren kaum genug, den Supermarkt und den Gemischtwarenladen zu unterhalten. Sie lagen in der Stadtmitte wie zwei zerquetschte Fliegen auf einer staubigen Windschutzscheibe. Es gab nicht einmal ein echtes Wohngebiet in dieser Stadt. Häuser waren hier und dort entlang der unmarkierten zweispurigen Straßen platziert und kurz vor der Stadtgrenze, die eine bessere Welt versprach, lagen zwei Trailer-Parks. Danielle hatte in einem dieser Parks sieben sehr schwierige Monate lang gewohnt. Meth hatte den Park erobert und sie wusste nicht, wie sie es geschafft hatte, gerade dieser Droge zu widerstehen. Der Mann, mit dem sie zu der Zeit gelebt hatte, war abhängig und saß derzeit eine Haftstrafe wegen mehrfachen Drogenhandels ab. Aber als sie vor etwas weniger als zwei Tagen in Millseed angekommen war, war sie direkt an dem Trailer-Park vorbeigefahren. Sie war tatsächlich überrascht, dass der Park noch nicht zusammengefallen war. Sie war ungefähr eine halbe Meile weiter gefahren zu einem Gebäude, welches, so hatte sie gehört, mal ein Schlachthaus gewesen war. Es war ein unauffälliges Gebäude, das sich hinter einem leeren, von Unkraut, Ranken und stacheligen Büschen bedeckten Gelände versteckte. Das Gebäude sah noch schlimmer aus, als sie es in Erinnerung hatte. Das schmucklose und schmutzige Aussehen sprach von ruchlosen Geschehen in der Vergangenheit. Nach der Schlachtung von zahllosen Schweinen, war es zur Herstellung von Meth und zweitklassigem Ecstasy genutzt worden. Sie wusste dies, wegen der Gesellschaft, die sie früher gepflegt hatte. Die gleiche lahmarschige Gruppe, die sie nach Millseed geführt hatte. Aber jetzt fragte sich Danielle, ob sie aus einem anderen Grund nach Millseed geleitet worden war – vielleicht war es göttliche Fügung. Sie hasste die Tatsache, dass dieser Ort der erste gewesen war, der ihr eingefallen war als sie die Idee gehabt hatte. Aber er war perfekt. Während sie vor dem Schlachthaus stand und das überwachsene Feld betrachtete, dachte sie darüber nach, dass das Leben manchmal wie ein Kreis erschien, der sie zu einem Ort zurückgebracht hatte, dem sie nur knapp entkommen war. Sie rauchte eine Zigarette, etwas, dass sie nicht mehr getan hatte, seit sie dieser traurigen Stadt entkommen war, und dachte über den nächsten Schritt nach. Sie hatte ihren Vater hierhergebracht, um ihn umzubringen und jetzt hatte sie den Punkt, von dem es kein Zurück mehr gab, erreicht. Ein sehr großer Teil von ihr wollte Chloe anrufen und ihr alles erzählen. Zumindest wollte sie ihre Schwester wissen lassen, dass sie in Sicherheit war. Sie fand, dass sie Chloe zumindest das schuldig war. Außerdem…was sie getan hatte, hatte Auswirkungen auf sie beide. Danielle nahm an, dass sie den Folgen ihrer Tat nie entkommen würde…. dass sie die Konsequenzen für den Rest ihres Lebens tragen würde. Für Chloe würde es etwas Anderes sein. Sie würde das Trauma, zu versuchen, die Tat ihrer Schwester verstehen zu können, ihr Leben lang mit sich herumtragen. Danielle gefiel es nicht, dass sie Chloe vermisste. Sie hatte fast zehn Jahre sehr gut ohne ihre Schwester gelebt. Nur… sehr gut war eine echte Übertreibung. Sie hatte während dieser Jahre überlebt – mehr nicht. Sie nahm einen letzten Zug von ihrer Zigarette, ließ sie fallen und trat sie aus. Sie hasste den Geschmack, aber die gewohnte Handlung schien irgendwie passend. Sie hatte eine halbe Packung verpafft während des letzten Tages und es hatte geholfen, sie zu beruhigen. Sie war jedoch immer mehr davon überzeugt, dass sie nach Abschluss dieser Affäre nie mehr ganz zu der Angewohnheit zurückkehren würde. Es war, als beträte sie eine andere Welt, als sie zurück ins Schlachthaus trat. Vielleicht eine dieser postapokalyptischen Welten, die im Fernsehen so populär waren. Irgendwann war das Büro-Ende des Gebäudes abgerissen und in Stücken abtransportiert worden. Man konnte noch kleinere Beton- und Metallstücke am Ende des Feldes entdecken, welche fast schon von der dichten und unnachgiebigen Vegetation eingenommen worden waren. Nur das große Rechteck aus Beton, welches die Schlachtungen beherbergt hatte, war zurückgeblieben. Der Boden war voller Flecke, die alle in Richtung der eingelassenen rostigen Metallgitter verliefen. Selbst mit ihrer derzeitigen Laune konnte Danielle sich nicht vorstellen, was alles durch diese Gitter gelaufen war. Sie überquerte, was sie den „Boden des Todes“ nannte in Richtung eines der zwei großen Räume am hinteren Ende des Gebäudes. Sie waren nur durch eine halbe Wand vom Boden des Todes getrennt, zwei separate Räume mit direktem Zugang. In einem Raum hing Aiden Fine an seinen Armen an einem Seil, das mit einer Metallschiene in der Decke verbunden war. Danielle vermutete, dass die Schiene und Seile früher dazu gedient hatten, angebundene Schweine langsam ihrem Tod zuzuführen. Aber derzeit hielten sie ihren Vater fest. Die Arme wurden durch das Seil, welches um seine Gelenke gebunden war, fast perfekt senkrecht gehalten. „Danielle“ sagte er. „Bitte…denk nach. Du musst dies nicht tun.“ Seine Stimme klang verstört und trocken. Wenigstens weinte er nicht mehr. Gott, sie hatte es gehasst, als er bei der Überquerung der Grenze zu Texas geweint hatte. Selbst die laute Musik hatte sein Weinen im Kofferraum nicht ausblenden können. „Das wieder?“ fragte sie. Sie saß auf einem niedrigen Haufen hölzerner Paletten, die in die Ecke geworfen worden waren. Sie sah ihren Vater an, sie verstand, dass sie ihm dies angetan hatte und fragte sich, was für eine Art Monster aus ihr geworden war. „Danielle, ich…“ „Was?“ „Es tut mir leid“ Sie trat auf ihn zu und sah ihm in die Augen. Die Art, mit der seine Arme nach oben gezogen waren fügte ihm Schmerzen zu und er war offensichtlich müde. Seine Füße standen fest auf dem Boden aber der Winkel, in den seine Arme gezwungen waren, tat ihm sicher mehr als nur ein wenig weh. „Was tut Dir leid?“ fragte Danielle. Er schien einen Moment darüber nachzudenken. Sie fragte sich, ob er tatsächlich darüber nachdachte, alle seine Verbrechen zuzugeben. Aber am Ende schwieg er. Danielle nickte, die Stirn in Falten gezogen, und ging zu einer kleinen Plastiktüte, die sie an der Seite des Raumes aufbewahrte. Die Tüte beinhaltete Plastikflaschen mit Wasser und Kräcker. Sie öffnete eine der Wasserflaschen und ging zu ihm zurück. „Aufmachen“, befahl sie. Er kniff die Augen zusammen und für einen kurzen Augenblick glaubte sie, Wut in ihnen zu erkennen. Aber schnell veränderte sich der Ausdruck in eine Art unterschwelligen Mitleids, als er den Mund für das erste Wasser in über vierundzwanzig Stunden öffnete. Sie goss die Flüssigkeit langsam in seinen Mund und er trank gierig. Sie hörte nicht auf zu gießen bis er anfing, zu husten. Als sie fertig war schraubte sie den Verschluss auf die Flasche und ging zurück zu den Paletten. „Was willst Du?“ fragte Aiden. „Ich weiß nicht, was Du glaubst, dass ich getan habe, aber…„. „Lass uns nicht herumspielen, Dad. Es war nur eine Frage der Zeit. Ich weiß, es bricht Dir das Herz, dass ich nicht mehr das acht Jahre alte Mädchen bin, das Du schikanieren und herumschubsen kannst. Es muss Dich treffen, dass Du nicht mehr auf mich herunterblicken kannst. Gott… was hätte ich dafür gegeben, wenn ich Dir dies damals hätte antun können…“. „Es geht um Deine Mutter?“ Er hörte sich fast überrascht an und das verärgerte Danielle noch mehr. „Teilweise. Zum größten Teil. Wir wissen es, Dad. Wir haben das Tagebuch gesehen.“ „Welches Tagebuch?“ Danielle stand langsam von ihrem Sitz auf den Paletten auf, ging auf ihn zu und schlug ihn hart ins Gesicht. Sein Körper schwang ein wenig, das Seil und die Schiene knarrten. „Versuch es nochmal,“ sagte sie. Aiden Fine sah sich erschrocken in dem leeren Raum um und versuchte offensichtlich, sich irgendeinen Quatsch auszudenken, der sie glücklich machen würde. „Lass es“ sagte sie. „Ich will die Wahrheit. Wir haben das Tagebuch und wir haben es gelesen. Wir wissen es, Dad. Wir wissen alles.“ Sie sah zu, wie seine Augen versuchten, sich auf sie einzustellen. Sie sah zu, wie er sich durch einen Strudel von Emotionen arbeitete – von Verärgerung über Angst zu Ablehnung. Am Ende wählte er Hilflosigkeit. „Bitte, Danielle, denk darüber nach.“ „Habe ich,“ sagte sie und drehte ihm den Rücken zu. „Vielleicht etwas zu viel.“ Sie ging zu der Plastiktüte zurück und fischte zwei weitere Gegenstände heraus: Ein unbenutztes Tuch und das Tagebuch ihrer Mutter. Sie legte das Tagebuch auf die Paletten und brachte das Tuch zu ihrem Vater. Langsam presste sie es gegen seinen Mund und drückte hart. Als genug Spannung erreicht war, knotete sie die beiden Enden hinter seinem Kopf zusammen, jetzt hatte sie einen einfachen, aber effektiven Knebel. Sie ging zurück zu den Paletten, setzte sich und öffnete das Tagebuch. „Welche Teile möchtest Du zuerst hören?“ fragte sie. „Die Teile, in denen Mum ziemlich sicher war, dass Du es in ihrem Bett mit einer anderen Frau triebst – Rughanne Carwile, solltest Du es vergessen haben – oder die, wo sie ehrlich davor Angst hatte, dass Du sie umbringen würdest?“ Sie genoss die klagenden Töne, die ihr Vater durch den Knebel machte. Sie brachten sie dazu zu denken, dass ihr Plan funktionieren könnte. Sie hatte ihr Telefon irgendwo im ländlichen Virginia aus dem Fenster geworfen. Ihr Auto war hinter dem alten Schlachthaus im Gestrüpp auf dem Platz, der wohl früher der Wendeplatz für Lieferwagen gewesen war, geparkt. Sie war im Grunde derzeit unsichtbar. Sie hatte einen Kassettenrekorder, um sein Geständnis aufzunehmen und eine Pistole, um ihm eine Kugel zwischen die Augen zu jagen. Sie glaubte nicht, dass er ihr einfach ein Geständnis ablegen würde, und das war okay. Sie hatte nichts dagegen, ihn schwitzen zu lassen. Die einzige Frage war, wie lange sie Geduld beweisen würde. Sie fing an, zu lesen. Sie las schelmisch, als ob sie einem Kleinkind eine Gute-Nacht-Geschichte vorlas. Sie beobachtete ihn, wollte sehen, ob die Worte ihn trafen. Ja, sie wollte ihm weh tun, sie war bereit, das zuzugeben. Sie fragte sich, ob sie sich zu weit aus dem Fenster gelehnt hatte – ob sie sich letztendlich so weit von der Logik entfernt hatte, dass es kein Zurück geben würde. Kapitel vier Rhodes war schon da als Chloe in Johnsons Büro ankam. Sie schien sich gerade gesetzt zu haben und war noch dabei, sich in einem der ungemütlichen Sesseln auf der Besucherseite von Johnsons Schreibtisch einzurichten. Sie schoss Chloe einen eher aufgeregten Blick zu, der Chloe half, sich in die Situation einzufinden. Sie musste sich selbst daran erinnern, dass sie hocherfreut gewesen wäre, zu so einem augenscheinlich wichtigen Fall gerufen zu werden, hätte sie nicht mit ihrem eigenen persönlichen Drama zu kämpfen. Chloe setzte sich in den Sessel neben Rhodes. Johnson, auf der anderen Seite des Schreibtisches, nickte ihr zu, während er die letzten Wörter in sein MacBook tippte. Er ließ seine Schultern übertrieben fallen und seufzte als er sich in seinem Stuhl zurücklehnte und sie ansah. „Danke an Sie beide, dass Sie so schnell und kurzfristig gekommen sind. Wir haben einen Fall vorliegen, von dem ich glaube, dass er Ihnen beiden gut liegen könnte. Wir haben zwei ermordete Männer innerhalb von vier Tagen, beide in den Vororten von Baltimore. Es waren beide Männer mittleren Alters, beide verheiratet. Bis jetzt hat die Polizei keine Ideen. Es landete auf meinem Tisch und da habe ich sofort an Sie beide gedacht.“ Chloe sah Rhodes an. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht erinnerte Chloe an einen Rodeo Bullen, der ans Gitter gedrückt auf den Moment wartete, in dem es sich öffnete damit er lostoben konnte. Dies machte die Formulierung dessen, das sie im Begriff war, in Worte zu fassen, noch schwieriger. „Es tut mir leid, aber ich kann im Moment keinen Fall annehmen.“ Es tat weh, es zu sagen. Die Worte fühlten sich an wie Stacheldraht, der aus ihrer Kehle kam. Johnson grinste, aber es war kein amüsiertes Grinsen. „Wie bitte?“ „Ich habe versucht, es nicht zum Problem werden zu lassen aber meine Schwester wird vermisst. Es sind nun fast achtundvierzig Stunden. Mein Vater wird auch vermisst.“ Johnson zwinkerte mehrmals als würde er versuchen, seinen Kopf klar zu bekommen. Man konnte ihm ansehen, dass er versuchte zu begreifen, was ihre persönlichen Probleme mit dem Fall zu tun hatten. Direktor Johnson war ein ehrenhafter Mann, der sie immer gut behandelt hatte, aber er war auch die Art von Mann, die davon überzeugt war, dass die Arbeit immer und vor Allem Vorrang hatte. Nach einem Augenblick nickte er. „Ich weiß. Ein Freund hat mich angerufen. Ein gewisser Kommissar, mit dem Sie, glaube ich, gerade gesprochen haben. Er rief mich an, um mich auf dem Laufenden zu halten – nicht, weil Sie betroffen sind, sondern weil es allgemeine Zuvorkommenheit ist, die er mir manchmal zuteilwerden lässt, wenn er mit Fällen zu tun hat, die Verbindungen zum FBI haben könnten. Also ja… ich weiß von Ihrer Schwester, Ihrem Vater und dem kleinen bisschen Beweismaterial vor Ort. “ Chloe war am Boden zerstört als sie das hörte. So viel zur Käfighaltung meiner persönlichen Dämonen, dachte sie. „Dann verstehen Sie also“ sagte Chloe. Johnson rutschte scheinbar unbequem in seinem Sessel hin und her. „Was ich verstehe ist, dass Sie ein persönliches Interesse an dem Fall haben und deshalb überschnell urteilen. Dem Kommissar zufolge gab es offensichtlich eine Art Auseinandersetzung in dem Haus, aber die Sachlage für Entführung – und er glaubt, dass Sie dies anpeilen – ist höchstens spärlich.“ „Sir, Sie würden sicherlich anders denken, wenn Sie die Geschichte kennen würden und…“ „Aber ich kenne sie nicht. Und deshalb vertraue ich Graves und der Polizei. Sollte sich herausstellen, dass sie etwas anderes im Spiel vermuten, lassen sie es mich wissen. Wir können den Fall nicht anders behandeln als andere Polizeifälle, Fine.“ Chloe fühlte Wut in sich aufsteigen, aber gleichzeitig meldete sich ein klügerer Teil in ihr und ergriff das Wort. Sie verstand, was Johnson vorhatte und irgendwie war sie ihm sogar fast dankbar. Er versuchte, sie zu beschäftigen. Er versuchte, sie mit Arbeit abzulenken, während die Polizei versuchte, das Verschwinden ihrer Schwester und ihres Vaters aufzuklären. Die Tatsache, dass es tatsächlich ein Fall zu sein schien, der ihr und Rhodes bestens liegen würde, machte die Sache nur noch besser. „Fine…Sie müssen den Polizisten erlauben, ihren Job zu machen“, sagte Johnson. „Und während die Polizisten ihr Bestes tun, müssen Sie sich auf das Ihre konzentrieren. Dazu kommt, dass ich Ihnen unter keinen Umständen erlauben kann, sich in einen Fall zu mischen, der nicht in den Zuständigkeitsbereich des FBI fällt. Selbst wenn ich die Gelassenheit aufbringen könnte, Ihnen zu erlauben, nach ihrer Schwester zu suchen. “ „Aber ich könnte helfen.“ „Ich bin sicher, dass Sie das könnten. Und sollte die Sache in den Händen des FBI landen, werde ich Sie vielleicht sogar als Leiter einsetzen.“ „Aber, Sir…“ „Ich hasse es, in diesem Fall ein Arsch sein zu müssen, Fine, aber bitte erinnern Sie sich, wer sie sind. Sie haben einen Job und ich erwarte, dass Sie ihn erfüllen. Sollten Sie Urlaub nehmen wollen, alles klar. Ich werde ihn bewilligen. Aber sollte ich herausfinden, dass Sie im Fall um ihre Schwester mitmischen… “ Er hielt inne, um ihr die Chance zu geben, den Satz in ihrem Kopf selber zu beenden. Sie wusste, dass er Recht hatte, aber es ärgerte sie, dass er so leichtfertig mit der Tatsache, dass die Schwester eines Agenten vermisst wurde, umging. „Sie haben zwei Möglichkeiten, Fine. Entweder, Sie nehmen frei, sitzen herum und warten darauf, dass die Polizei Antworten findet, oder Sie fahren mit Rhodes nach Baltimore und finden für uns einen Mörder.“ Chloe fühlte sich in die Enge getrieben. Sie wusste, dass sie sich mit dem Verschwinden ihrer Schwester beschäftigen würde, hätte sie die Zeit. Und bis es eine FBI Angelegenheit war – sollte es jemals eine werden – könnte sie viel Ärger kriegen, wenn sie sich in einen Nicht-FBI Fall einmischte. Oder Sie konnte sich mit Arbeit ablenken. Die Entscheidung war klar, obwohl ihr Herz vor Trotz zu erstarren schien. „Ich will den Fall“, sagte sie. „Gut“ sagte Johnson. „Sie tun mir ehrlich leid. Aber ich bekäme genauso viel Ärger wie Sie, sollten Sie sich in den Fall einmischen.“ „Ich weiß, Sir.“ Er nickte und zögerte einen Moment als ob er sicherstellen wollte, dass sie keine weiteren Kommentare zu der Sache machen wollte. Chloe sah zu Rhodes hinüber und bemerkte, dass ihrer Partnerin während des Austauschs recht unwohl geworden war. Sie sah aus wie ein Kind, das vom Sofa aus abwartete, ob ein kleiner Streit zwischen Mutter und Vater in einen riesen Kampf ausarten würde. „Wie ich sagte“, sagte Johnson “zwei tote Männer innerhalb von vier Tagen. Beide verheiratet. Keine Hinweise, keine Anhaltspunkte… außer, dass sie beide in der gleichen Gegend wohnten – anderthalb Meilen voneinander entfernt, glaube ich.“ Er besprach die Details des Falles – wie meistens waren es nicht viele – und Chloe versuchte ihr Bestes, sich zu konzentrieren. Aber ihre Gedanken liefen immer wieder zurück zu Danielle und was sie wohl gerade durchmachen musste. Sie nahm an, dass sie sich niemals ganz davon lösen würde können, egal, an was für einem Fall sie arbeitete. Es war nicht das erste Mal in ihrer jungen Karriere, dass sie sich ernsthafte Sorgen darum machte, dass ihr vergiftetes Familienleben ihre Zukunft negativ beeinflusste und sie nichts dagegen tun konnte. Kapitel fünf Nach einer schlaflosen Nacht traf Chloe Rhodes am nächsten Morgen auf dem FBI Parkplatz, um von dort mit einem Dienstwagen die Reise anzutreten. Sie fuhren um sechs Uhr morgens, um den zähen Verkehr auf der Ringautobahn, dem Beltway, zu umgehen. Chloe bemerkte, dass Rhodes versuchte, nicht zu glücklich auszusehen – ein nicht sehr erfolgreicher Versuch, den sie durch lange Schlucke Kaffee zu verdecken versuchte. Sie tat so, als müsse sie sich dabei extrem aufs Fahren konzentrieren. „Es ist in Ordnung“, sagte Chloe. „Sie stecken jetzt mit mir in der Sache, also können Sie alle Fragen stellen, die Ihnen einfallen“. Achselzuckend fuhr Rhodes auf den Beltway in Richtung Maryland. “Ich denke, Sie haben den Kern gestern Abend in Johnsons Büro erfahren. Danielle ist verschwunden. Eigentlich nichts Außergewöhnliches…so hat sie früher gelebt, immer einfach gekommen und gegangen wie es ihr gefiel. Aber dieses Mal ist anders, weil ich auch keine Idee habe, wo mein Dad ist.“ „Es macht Sinn für Sie, das Schlimmste anzunehmen“, sagte Rhodes. „Nach allem, was Sie letztes Jahr durchgemacht haben. Das bringt mich zu der Hauptfrage: Warum haben Sie sich nicht frei genommen?“ „Weil ich mich dann in den Fall gemischt hätte. Und ich arbeite lieber offiziell an einem FBI Fall und überlasse es der Polizei in Washington herauszufinden, wo meine Schwester ist, als gefeuert zu werden, weil ich mich während meiner freien Tage nicht aus einer Untersuchung raushalten konnte.“ „Vom Feuer in die Bratpfanne“, seufzte Rhodes. „So ungefähr“. „Auch wenn ich Sie verärgern könnte: Ich denke, Johnson hat Recht. Wenn es nicht in den Zuständigkeitsbereich des FBI fällt, müssen Sie einfach den Polizisten vertrauen.“ „Ich weiß. Aber das ist schwieriger, als man denkt, wenn ein Geschwisterteil vermisst wird.“ „Ich werde nicht einmal versuchen, so zu tun, als wenn ich das nachfühlen könnte“, sagte Rhodes. Ihre Stimme spiegelte die Emotionen wider. Es war klar, dass sie es wirklich meinte. „Nett von Ihnen“, entgegnete Chloe. Ehrlich hatte der ganze Austausch Chloe nur noch mehr aufgeregt. Sie fragte sich, ob sie vielleicht überreagierte. Johnson hatte den Eindruck gemacht, dass es eigentlich keine riesen Sache war und Rhodes stimmte ihm im Prinzip zu. Sie schwiegen für eine Weile, während Rhodes immer weiter nach Norden fuhr. Kurz bevor sie in Baltimore einfuhren, setzte ein leichter Regen ein. Sie schafften es kurz vor Beginn der Rush-Hour in die Innenstadt. Chloe studierte die spärlichen Informationen, die sie hatten. Lediglich ein paar frisch ausgedruckte Seiten in einer Mappe, die Johnson ihnen gegeben hatte. Die Adresse des letzten Opfers war ins Navi eingegeben, eine kleine Siedlung, ungefähr zwei Meilen außerhalb der Innenbezirke. „Fine, versprechen Sie mir etwas?“ fragte Rhodes, während sie auf die Adresse zufuhren. „Ich gebe keine Versprechen“ antwortete Chloe. Sie hatte es als Witz gemeint, aber es klang eher harsch. „Aber ich kann versuchen, mein Wort nicht zu brechen.“ „Okay, das muss reichen. Bitte seien Sie ehrlich mit mir und sagen Sie mir, wenn der persönliche Scheiß Sie beeinträchtigt während wir an diesem Fall arbeiten. Nur einmal möchte ich, dass wir einfach nur an einem Tatort ankommen und einen Fall binnen vierundzwanzig Stunden lösen. Keine Komplikationen, keine Rückschläge.“ „Ja, dazu kann ich Ihnen mein Wort geben.“ Das Gespräch schien die Spannung im Auto gebrochen zu haben. Als sie in der Siedlung ankamen, fühlte Chloe sich fast normal. Klar, sie dachte alle paar Sekunden an Danielle, aber sie erinnerte sich auch daran, wie leichtfertig Danielle in der Vergangenheit gewesen war. Wenn man ihre Vergangenheit bedachte, dann war ihr Verschwinden eigentlich gar nicht so merkwürdig. Stimmt, aber Dad auch? Sie verbannte den Gedanken, als Rhodes das Auto vor einem zweistöckigen Haus, eine exakte Kopie aller anderen Häuser in der Straße, parkte. Man konnte nicht behaupten, dass es nicht traumhaft war. Es war einfach, aber prachtvoll. Die Art Haus, die man als “danach’ in den Renovierungsprogrammen im Fernsehen sah. „Bereit?“, fragte Rhodes. Chloe schluckte die sarkastische Antwort, die ihr auf der Zunge lag, herunter. Sollte Rhodes sie wegen der Danielle-Situation mit Samthandschuhen anfassen, war sie sich nicht sicher, ob sie den Fall durchziehen konnte. „Bereit“, war alles, was sie hervorbrachte, als sie aus dem Auto in den leichten Regen stieg. * * * Der bis jetzt zuständige Kommissar war ein schlaksiger Mann namens Anderson. Er saß am Küchentisch, als Chloe und Rhodes das Haus betraten. Er sah von dem iPad, auf dem er etwas mit dem Daumen wegwischte, auf und legte es entschuldigend zur Seite als er aufstand. Chloe schielte kurz auf den Bildschirm und sah, dass er durch Beweisfotos geblättert hatte. „Ben Anderson“, stellte er sich vor und streckte ihnen seine Hand entgegen. „Agenten Fine und Rhodes,“ erwiderte Chloe, seine Hand schüttelnd. „Haben Sie lange gewartet?“ „Nur um die zehn Minuten. Aber ich war natürlich in den letzten sechzehn Stunden drei oder vier Mal hier, um ein Gefühl für die Sache zu kriegen.“ „Waren Sie hier nach der Entdeckung der Leiche?“ fragte Chloe. „War ich. Ich war der Zweite am Tatort.“ „Wo wurde die Leiche gefunden?“ fragte Rhodes. Anderson winkte sie zum hinteren Teil des Hauses, während er das iPad aufhob. Er lief durch die Küche und öffnete eine Tür, die nach draußen führte. „Hier draußen auf der hinteren Veranda…. Obwohl, da gibt es nicht viel zu sehen.“ Sie traten auf die Veranda. Chloe konnte zuerst nichts auch nur irgendwie Interessantes entdecken. Es war eine nette Veranda mit Aussicht auf einen großen, sehr grünen Garten. Ein Grill stand in der hinteren Ecke, durch eine Hülle, mit dem Logo der Baltimore Ravens, geschützt. Die wenigen Möbel in der Mitte der Veranda waren schön, aber nichts Besonderes – wahrscheinlich von Wayfair oder Costco. Es nieselte draußen noch immer, was leichte Wasserflecken auf den Holzboden verursachte. Chloe bemerkte einen komma-förmigen Blutfleck auf den Latten – ungefähr die richtige Größe, um einen Kopf teilweise zu umzirkeln. „Das Opfer war Bo Luntz“, sagte Anderson. „Seine Frau, Sherry, fand ihn, als sie von der Arbeit nach Hause kam. Es war ihr Hochzeitstag. Sie fand ihn hier, auf dem Boden der Veranda. Sie hat für eine Weile alles irgendwie ausgeblendet. Sie hat nicht einmal die schwarze Socke, die ihm fast bis in die Kehle gestopft worden war, in seinem Mund bemerkt. Sie sagt, sie kann sich vage erinnern, sie beim ersten Anblick gesehen zu haben, aber… sie stand komplett neben sich – verständlicher Weise.“ „Das Blut“, bemerkte Chloe während sie in die Knie ging. „Es lässt vermuten, dass er nicht nur stranguliert wurde. Gab es Hinweise auf einen Kampf?“ „Nein. Nichts war umgefallen, nichts war ungewöhnlich. Das einzige Indiz ist der offensichtliche Schlag auf den Kopf, entlang der Stirn.“ Mit diesen Worten reichte er Chloe das iPad, welches er getragen hatte. Er hatte ein Bild der Leiche aufgerufen. Chloe vergrößerte das Bild von Bo Luntz“ Stirn. Da waren eine eindeutige Delle und der Anfang eines Blutergusses zu sehen. Aufgrund der Form der Delle vermutete sie, dass sie von einem Gegenstand von vielleicht fünf oder sechs Inches Breite, mit flachem Ende, stammte. „Der Bluterguss sieht frisch aus“ bemerkte Rhodes, die über Chloes Schulter geschielt hatte. „Wie lange nach der Entdeckung wurde die Leiche weggebracht?“ „Ungefähr eine Stunde später, würde ich sagen. Und nach Frau Luntz Aussage war das Blut noch nass, als sie die Leiche fand. Also nehmen wir an, dass er ein bis zwei Stunden vor ihrer Heimkehr ermordet wurde.“ „Keine Fingerabdrücke auf der Socke in seinem Mund?“ fragte Chloe. „Keine. Auch drinnen keine Abdrücke. Keine Hinweise auf Einbruch…. nichts.“ Rhodes begann, die Ausdrucke von Johnson zu durchsuchen. Sie versuchte, die Papiere durch ihren Körper vor dem Regen zu schützen. „Bo Luntz, zweiundfünfzig Jahre alt, ein Kind, angestellt bei Mutual Telecom. Keine Vorstrafen. Können Sie noch etwas hinzufügen, Kommissar Anderson?“ „Nach vorläufigen Befragungen von Nachbarn und Freunden wissen wir, dass der Mann sehr beliebt war. Er war freiwilliger Feuerwehrmann, half bei Wohltätigkeitsveranstaltungen wann immer er konnte. War Assistenztrainer bei einem Amateur-Footballverein. Ich selbst habe mit fünf Leuten gesprochen und wir haben noch mindestens ein Dutzend mehr in der Akte. Der Mann war blütenweiß.“ Chloe nickte, aber sie hatte diese Geschichten schon oft gehört. Die meisten Männer konnten nach außen hin blütenweiß erscheinen, aber sie wusste, dass man nach ein wenig graben, Risse in der sauberen Fassade fand. Risse, die oft zu sehr dreckigen Geheimnissen führten. „Haben Sie eine Idee, warum ihm eine Socke in den Hals gestopft wurde? “ erkundigte sich Chloe. „Keine Ahnung. Wir haben die Schubladen oben durchsucht in der Annahme, wir könnten das Gegenstück finden, aber kein Glück.“ „Herr Kommissar, können wir den Namen und die Nummer des zuständigen Leichenbeschauers haben?“ „Klar“, erwiderte er, während er schon die Kontakte in seinem Telefon durchblätterte. „Und was ist mit dem ersten Opfer?“ fragte Chloe. „Sein Name war Richard Wells. Er lebte ungefähr zwölf Meilen von hier in der kleinen Stadt Eastbrook. Eine sehr ähnliche Nachbarschaft zu dieser hier. Die Polizei in Eastbrook bearbeitet den Fall, aber ich habe einige der Details, wenn Sie sie möchten.“ „Ja, bitte.“ „Im Großen und Ganzen eine genaue Kopie der Geschehnisse hier. Wells wurde tot in seinem Schlafzimmer aufgefunden, sein Kopf mehr oder weniger zerschmettert und eine schwarze Socke im Mund. Als Personen waren die beiden aber sehr unterschiedlich. Wells wurde letztes Jahr geschieden. Es gibt Gerüchte über ein Alkoholproblem. Er arbeitete als privater Unternehmer und seine wenigen Angestellten waren die einzigen, von denen wir Informationen bekommen konnten. Seine Ex-Frau ist schon wieder verlobt und lebt in Rhode Island. Beide seiner Eltern sind tot, keine Geschwister… Keiner da, dem man tiefergehende Fragen stellen konnte.“ „Also mehr oder weniger eine Sackgasse?“ fasste Rhodes zusammen. „Mehr oder weniger,“ bestätigte Anderson. Chloe studierte noch einmal die Latten, die die Veranda bedeckten. Sie studierte den Blutfleck, unfähig, den Anblick des Blutes auf dem Wasserkessel ihres Vaters aus ihrer Erinnerung zu verbannen. Er festigte sich in ihr und sie fühlte sich, als träte sie aus einem warmen Haus in einen Wintersturm. Und plötzlich war ihr klar, dass sie die Sache nicht ruhen lassen konnte: Danielles Verschwinden würde sie verfolgen – Fall oder nicht. Das Schlimmste war, dass Chloe anfing, Danielle dafür zu verurteilen. Sie machte sich Sorgen, dass die verstörte Frau, die ihre Schwester mal gewesen war, wieder zum Vorschein kam. Sollte ich sie finden, kann ich das vielleicht verhindern dachte Chloe. Es war verstörend aber während sie weiter Bo Luntz’ Blut betrachtete, gestand sie sich ein, dass es zur Rettung ihrer Schwester, wie zur Rettung von Luntz’ Leben, viel zu spät war. * * * Chloe hatte die Erfahrung gemacht, dass es zwei Arten von Leichenbeschauern gab: leise und fast mürrisch bei der Arbeit, oder sehr lebendig und fast ein bisschen zu sehr an ihrer Arbeit interessiert. Die Dame, die sie im Leichenschauhaus trafen und die den Auftrag hatte, sich um Bo Luntz’ zu kümmern, gehörte zu der zweiten Sorte. Sie hieß Gerda Holloway und sie sah eher nach Single-sucht-Single Fernseh-Show als nach Arbeit mit Toten aus. Selbst Chloe musste das gute Aussehen der Frau zugeben als sie sie, Haare im Pferdeschwanz und mit Brille im Bibliothekarinnen-Stil, in der Eingangshalle begrüßte. „Agenten Rhodes und Fine“, entgegnete Rhodes nachdem Holloway sich ihnen vorgestellt hatte. „Kommen Sie mit nach hinten“ lud Holloway ein. „Die Leiche ist präpariert, aber sie können ihn gerne sehen, bevor ich anfange richtig zu arbeiten“. Sie folgten ihr durch die Eingangshalle und einen langen Flur. Als sie zu dem Untersuchungsraum kamen, der Luntz“ Leiche enthielt, öffnete sie die Tür und hielt sie mit einem Lächeln auf, als wäre es für eine Essensrunde mit Freunden und nicht zur Vorbereitung auf die Besichtigung eines Mordopfers. Sie traten in den Raum und Chloe brauchte einen Moment, um sich an die hellen Lichter und die sterile Umgebung zu gewöhnen. Jedes Mal, wenn sie in einen Leichenschauraum trat, war ihr, als ob sie in eine andere Welt überging. Aber beim Anblick der Leiche kam sie immer sofort wieder in die Realität zurück. So war es auch jetzt, mit Bo Luntz. Er lag auf dem Tisch, die leblosen Augen geschlossen. Ohne die Wunde auf der Stirn, hätte er normal ausgesehen. Holloway erlaubte den Agenten einen Moment, um sich an den Anblick zu gewöhnen, bevor sie, mit einem Tablet in der Hand, an den Tisch trat. „Wie Sie sehen können, erlitt er einen offensichtlichen Schlag auf den Kopf.“ begann Holloway. „Leider können wir nicht sicher sagen, womit geschlagen wurde, aber in Anbetracht des Winkels, der Wundtiefe und der Art und Weise, wie der Schädel zusammengefallen ist, tippe ich auf etwas Einfaches, wie einen Stein, oder komplizierteres, wie eine Betonfigur aus dem Garten.“ „Können wir etwas über den Mörder aussagen?“ fragte Chloe. „Nun, wie Sie sehen können, scheint die Wunde einen leichten Aufwärtswinkel zu haben. Auch das Momentum scheint in diese Richtung zu gehen. Es gibt viele mögliche Faktoren dafür, aber es ist recht sicher, dass der Mörder kleiner als sein Opfer war.“ „Den Akten zufolge war Bo Luntz sechs Fuß eins. Also sind viele Leute kleiner“, bemerkte Rhodes. „Stimmt“, bestätigte Holloway. “Wenn Sie sich aber die Einbuchtung des Schädels ganz genau ansehen, gibt es Hinweise darauf, dass es nicht nur ein, sondern zwei Einschläge waren. Der zweite Schlag scheint etwas kräftiger gewesen zu sein, aber es war ein Schleifschlag.“ Chloe trat näher an den Tisch heran und sah genau, was Holloway meinte. Auf der linken Seite war die Delle auf Luntz’ Stirn ungefähr zwei Inches tiefer. Das Umfeld wirkte etwas dunkler, als wenn sie mit mehr Kraft als der Rest der Wunde geschlagen worden war. Chloe legte den Kopf zur Seite und versuchte, sich zu entscheiden, ob dies lediglich von einer komisch geformten Waffe hervorgerufen sein konnte. „Meine Theorie“, fuhr Holloway fort, „ist, dass er zweimal kurz hintereinander geschlagen worden ist. Zwei schnell aufeinander folgende Schläge. Das erklärt die unglaubliche Zielsicherheit. Ein Schlag genau auf dem anderen. Aber da der zweite Schlag ihn fast verfehlt hätte, nehme ich an, dass Luntz schon im Fallen war, als der Schlag traf.“ „Und beide Schläge sind genau in der Kopfmitte“, bemerkte Chloe. „Hätte ihn jemand überrascht – vielleicht durch Anschleichen – wäre so ein perfekt platzierter Schlag unwahrscheinlich, oder?“ „Ja. Nicht unmöglich, aber sehr unwahrscheinlich.“ „Also war es jemand, von dem er wusste, dass er im Haus war?“ fragte Rhodes. „Das ist meine Wette“, entgegnete Holloway. Chloe dachte an die Informationen von Johnson und Anderson. Keine Anzeichen von Einbruch oder Kampf und am Hochzeitstag. Einfaches Ausschlussverfahren und Erfahrung deuteten auf die Ehefrau. „Haben Sie in der Kehle außer der Socke noch etwas gefunden?“, fragte Chloe. „Nein. Aber es ist wahrscheinlich, dass sie nach der Tat hineingelegt wurde. Sie scheint mit großer Sorgfalt platziert worden zu sein. Die Zunge war zurückgeschoben. Wäre sie in seinen Mund geschoben worden als er noch lebte, hätten die Zungenmuskeln sofort dagegen gedrückt.“ Die Anwesenheit der Socke machte die ganze Sache seltsamer. Es war eine Art Merkwürdigkeit, an der Chloe die Untersuchung normalerweise aufhängen würde, weil sie sicher eine Symbolik hatte. Und wo Symbolik war, war normalerweise auch ein Motiv zu finden. Chloe studierte die Leiche noch eine Weile und versuchte, irgendetwas zu finden, das sie in eine andere Richtung als zu der Frau lenken würde. Als klar wurde, dass es nichts zu finden gab, dankten Rhodes und Chloe Holloway und verließen den Raum. „Glauben Sie auch, dass es die Frau war?“ fragte Rhodes als sie zum Eingang zurück gingen. „Tue ich. Und wenn nicht als potenzieller Täter – was sie derzeit für mich ist – , dann zum Fragen, ob sie eine Idee hat, warum jemand ihm eine Socke in den Rachen schieben würde.“ Rhodes nickte zustimmend als sie den Parkplatz überquerten und ins Auto stiegen. Noch bevor sie den Parkplatz verlassen hatten, war Chloe am Telefon, um bei Kommissar Anderson den Aufenthaltsort von Sherry Luntz zu erfragen. Als sie das Telefon anhob, konnte sie den kleinen Funken Hoffnung, einen verpassten Anruf von Danielle zu finden, nicht unterdrücken. Aber natürlich war die Hoffnung umsonst und so blieb Chloe keine andere Wahl, als das Schlimmste zu befürchten und sich in dem Fall Luntz zu vergraben. Kapitel sechs Zuerst schien Anderson zögerlich, sie mit Sherry Luntz sprechen zu lassen. Den Polizeiberichten zu Folge, war sie emotional so geschädigt, dass sie nach der Entdeckung der Leiche zwei Mal fast ohnmächtig geworden war. Chloe blieb aber eisern. Sie hatte schon mit trauernden Witwen gearbeitet, viele von ihnen hatten Geheimnisse beschützt und so unwissentlich die Aufklärungsarbeiten behindert – manchmal bis zur Lächerlichkeit. „Sie ist die einzige realistische Verdächtige, die wir zur Zeit haben“, argumentierte Chloe, während sie sich des Hauses Luntz näherten. „Nichts für Ungut, aber Sie können mir ihren Aufenthaltsort jetzt sagen oder ich rufe in Washington an und bekomme ihn so heraus.“ Anderson gab schließlich nach und erzählte ihnen, dass Sherry mit ihrer Familie in der Stadt wohnte. „Aber bitte“, schloss er “ich kann nicht oft genug erwähnen, wie verstört die Frau ist. Könnte nur eine von Ihnen mit ihr sprechen?“ Es war eine Strategie, die Chloe normalerweise nicht anwendete, aber die Sache war nicht wichtig genug, um sich darüber zu streiten. Außerdem könnte dann eine von ihnen Sherry Luntz besuchen und die andere könnte schon die Straße, in der die Luntzes’ wohnten, abgrasen, um Informationen von den Nachbarn zu sammeln. Und so endete Chloe alleine etwa zwanzig Minuten später im Haus von Tamara Nelson, Sherry’s Schwester. Rhodes hatte ganz zufrieden mit der Aufgabe der Nachbarn Befragung gewirkt, also entschied Chloe sich, Sherry zu befragen. Chloe sprach nicht gerne mit frisch trauernden Menschen aber sie wussten beide, dass sie viel mitfühlender sein konnte als Rhodes. Rhodes war nicht besonders stolz auf diese Tatsache, aber akzeptierte sie. Anderson hatte angerufen und Tamara wissen lassen, dass ein FBI Agent zu ihr unterwegs war. Als Chloe an die Tür klopfte, wurde diese fast sofort geöffnet. Beide Frauen standen in der Tür, um sie zu begrüßen und es war leicht festzustellen, welche der beiden Sherry Luntz war. Sie stand etwas hinter ihrer Schwester. Ihre roten Haare waren zerwühlt, ihre Haut, bis auf die dunklen Ringe unter den Augen, war blass vom Weinen. Die Augen selbst waren blutunterlaufen und obwohl es schien, dass sie sich jeden Moment schließen könnten, sah Chloe eine Entschlossenheit in ihnen, die Chloe davon überzeugte, dass es dauern würde, bis diese Frau Schlaf finden würde. „Sherry Luntz?“, fragte Chloe. Die verstrubbelte Frau nickte, aber trat nicht vor. Ihre Schwester blieb schützend vor ihr stehen. „Ich bin Agentin Fine. Ich glaube, Kommissar Anderson hat Sie über mein Kommen informiert?“ „Hat er,“ erwiderte Tamara. „Bitte verstehen Sie es nicht falsch, aber ich werde im Raum bleiben, während Sie mit Sherry sprechen.“ „Natürlich“, entgegnete Chloe. Sie fing an, sich zu fragen, ob Sherry überhaupt etwas sagen würde. Sie sah absolut fertig aus – fast wie betäubt. Tamara drehte sich um, und ging hinein, ohne Chloe formal aufzufordern, ihr zu folgen. Chloe tat es trotzdem, und schloss die Tür hinter sich. Tamara führte sie in ein wunderschön hergerichtetes Wohnzimmer. Ein süßlicher Geruch strömte von irgendwo her durchs Haus – irgendein Tee, vermutete Chloe. „Ich verstehe, wie schwierig dies für Sie sein muss, Frau Luntz“, begann Chloe. „Ich werde dieses Gespräch so kurz und schmerzlos wie möglich halten.“ „Nein, ist schon in Ordnung„, sagte Sherry. Sie hatte die Stimme einer Frau, die nach einer durchzechten Nacht, nach zwölf Stunden Schlaf erwacht war. „Ich will es geklärt haben. Bitte, nehmen Sie auf mich keine Rücksicht.“ Chloe schielte rüber zu Tamara, als ob sie ihre Zustimmung suchte. Die Schwester zuckte die Achseln, als wenn die Welt auf ihren Schultern läge. „Frau Luntz, ich kenne die Details des Nachmittages, also kann ich einige davon überspringen. Was ich brauche, sind die versteckten Dinge im Leben Ihres Mannes. Hatte er Feinde? Gab es Menschen, von denen Sie glauben, dass sie ihn nicht mochten?“ „Ich habe darüber nachgedacht. Versucht, es zu begreifen.“ sagte sie. „Die einzige Person, die mir einfiel, war ein alter Geschäftsrivale, aber der lebt irgendwo in Kalifornien. Ich weiß, es hört sich an, als lobte ich meinen toten Mann, aber alle mochten Bo.“ „Hat er Probleme bei der Arbeit erwähnt?“ „Nein. Tamara hat sogar für mich seinen Chef angerufen, um herauszufinden, ob es da etwas gab, das er vor mir versteckte. Aber da war nichts.“ „Sie haben ein gemeinsames Kind, stimmts?“ fragte Chloe. „Ja, einen Sohn, Luke. Er hat dieses Jahr auf der Universität angefangen. Er ist auch hier. Schläft, im Gästezimmer. Er ist …. einfach leer im Moment.“ „Haben Sie ihm auch diese Fragen gestellt?“, erkundigte sich Chloe. „Nicht so direkt, aber ja. Wir haben versucht herauszufinden, wer es getan haben könnte. Ich glaube, es könnte einer dieser zufälligen Einbrüche sein, aber… es fehlt nichts. Alles ist da.“ „Ich habe gestern die Kreditkartenfirmen für Sherry angerufen“, mischte sich Tamara ein. „Alle Karten waren noch in Bos Brieftasche aber ich dachte, vielleicht war es eine Art digitaler Betrug oder so. Aber alles scheint in Ordnung. Sollte es irgendein Psychopath gewesen sein, dann ging es ihm nur ums Töten.“ „Wir haben gestern Abend alles geprüft und nochmals geprüft, Luke und ich. Wir konnten nichts finden, das wir vermissten“, warf Sherry ein. Chloe wusste, was sie als nächstes fragen wollte, aber es war schwierig in Worte zu fassen. Sie hatte schon jetzt eine recht gute Ahnung, dass Sherry absolut nichts mit dem Mord an ihrem Mann zu tun hatte. Man konnte Tränen und Zusammenbrüche vortäuschen, aber Ohnmacht durch Trauer im Beisein der Polizei und so schlafberaubt zu sein, dass man wie ein Statist in einem Zombie Film aussah? Das war echt. „Und ist vielleicht irgendetwas im Haus, im Garten oder auf der Veranda verrückt? Vielleicht etwas, das so aussah, als sei es nur ein kleines Stück bewegt worden?“ fragte sie. Es war ihre Art zu erfahren, ob sie vielleicht unabsichtlicher Weise die Angriffswaffe gefunden hatten. „Uns ist nichts aufgefallen.“ „Gibt es jemanden, der einen Schlüssel zu ihrem Haus haben könnte? “ „Keinen. Ich hatte nie einen Anlass, einen Schlüssel zu vergeben. Wir hatten nie eine Haushälterin oder eine Putzfrau, keine Familie, die über Nacht blieb. Nichts dergleichen.“ „Und wie steht es mit einer Alarmanlage? Ich habe keine gesehen, als meine Partnerin und ich das Haus besuchten. “ „Keine. Wir haben immer gesagt, dass wir in eine investieren sollten, aber die Nachbarschaft ist so sicher… es ist etwas, das wir immer aufgeschoben und nie in Angriff genommen haben. “ „Eine letzte Sache, Frau Luntz…. Es tut mir leid, es könnte schwierig sein.“ „Ist schon in Ordnung.“ „Die Leiche ihres Mannes wies ein sehr merkwürdiges Kennzeichen auf —“ „Die Socke im Mund,“ sagte sie. Sie sagte es, als gäbe sie die Schlüsselzeile eines komischen Witzes zum Besten… als wenn sie gewusst hatte, was kommen würde. „Ja. Haben Sie eine Idee, was es damit auf sich haben könnte?“ „Absolut keine,“ erwiderte Sherry mit weinerlicher Stimme. „Als ich ihn so fand, wusste ich, dass er etwas im Mund hatte. Aber ich wusste nicht, was es war. Ich erfuhr erst was es war, als ich mich Stunden später daran erinnerte und nachfragte. Kommissar Anderson erzählte mir, dass es eine Socke war. Ich dachte, ich sei vielleicht noch ohnmächtig und hätte einen komischen Traum aber …. Nein. So war es. Er hat mir sogar gestern Abend ein Foto davon gezeigt … nachdem der Gerichtsmediziner…“. „Ist in Ordnung, wir können aufhören, Frau Luntz“ erklärte Chloe. „Ich weiß nicht, ob es irgendwie hilft oder nicht“, fuhr Sherry fort „aber es war nicht seine Socke. Er hasste diese dicken schwarzen Socken – selbst im Winter. Er hatte oft Schweißfüße und diese dicken Socken waren ihm unangenehm.“ Ein Anzeichen von einem Lächeln kam auf ihre Lippen, als sie sich an seine kleine persönliche Abneigung erinnerte. Chloe fasste in ihre Jackentasche und holte eine Visitenkarte heraus. Sie überreichte sie Tamara, um Sherry keine weitere Last oder Verantwortung aufzubürden. „Bitte…, wenn eine von Ihnen sich an irgendetwas weiteres erinnert, egal wie unbedeutend, rufen Sie mich an.“ „Natürlich“ entgegnete Tamara. Sie schaute Chloe fast nicht an. Sie beobachtete ihre Schwester, schätzte ihre Kraft ein. Nach kurzer unangenehmer Stille stand Tamara auf, um Chloe zur Tür zu bringen. Tamara trat mit ihr auf die Veranda und schloss die Tür hinter ihnen. Sie verschränkte ihre Arme vor der Brust und sah Chloe fast entschuldigend an. „Sie malt nicht nur ein hübsches Bild,“ begann sie. „Bo war einer der guten Typen, wissen Sie? Bescheiden, freundlich, liebte seine Frau und seinen Sohn. Ich glaube nicht, dass ich jemals ein schlechtes Wort über ihn gehört habe – nicht mal von unserer Mutter… und das heißt was.“ „Ich beginne, das zu verstehen. Ich muss Sie allerdings noch eines fragen… rein aus Formalität.“ „Ob ich glaube, dass Sherry es getan haben könnte?“ Chloe zog die Stirn zusammen und nickte. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie es nicht war, aber ich muss es für die Akte von jemandem hören, der sie gut kennt.“ „Sherry kann es unmöglich gewesen sein. Und selbst wenn ich dächte, dass sie auch nur über so etwas nachgedacht haben könnte, können sie mit ihrer Arbeit sprechen. Hat die Polizei allerdings schon getan. Sie haben Kameraaufnahmen von Sherry, als sie das Gebäude an dem Nachmittag um zwei nach fünf verlassen hat. Wenn man die Zeit, die sie für den Mord annehmen, berücksichtigt, kann sie es unmöglich gewesen sein.“ Chloe wollte fast noch etwas graben, fragen, ob es irgendwelche Leichen in Bos Keller gab. Aber sie fühlte, dass sie aus Tamara nichts herauskriegen würde und dass es sie verärgern würde. Und derzeit schien sie die trauernde Frau und ihre unterstützende Schwester auf ihrer Seite zu haben, was bei späteren Fragen nützlich sein konnte. „Vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben. Und bitte… auch die unwichtigsten Dinge, erzählen Sie sie mir“, verabschiedete sich Chloe. „Machen wir.“ Chloe eilte die Veranda hinunter und ihrem Auto entgegen in der Hoffnung, dass Rhodes etwas aufgedeckt hatte. Rhodes hatte ein Talent zu bohren, ohne unhöflich zu erscheinen und sie befragte nur Nachbarn ohne emotionale Bindung. Vielleicht hatte sie mehr Glück gehabt. Chloe fuhr in die Nachbarschaft der Luntz zurück. Der Nieselregen nieselte noch immer vor sich hin und tauchte den Tag in ein graues Kleid. Chloe war nicht abergläubisch und glaubte nicht an Omen, aber trotzdem fragte sie sich, ob der Regen, der dichter zu werden schien, ein Vorzeichen war. Kapitel sieben Rhodes schien gute Laune zu haben, als Chloe sie abholte. Wenn sie überhaupt etwas nervte, dann war es die Tatsache, nass geworden zu sein. Chloe setzte den Wagen sofort in Bewegung, noch bevor sie anfingen, ihre Erkenntnisse zu besprechen. Sie wollte dem Regen entfliehen, vielleicht in einem Café oder einem Bistro. Dort könnten sie dann reden und die nächsten Schritte planen. „Glück gehabt?“, fragte sie, als sie zu der großen Durchgangstrasse kamen. „Nun, ich habe entdeckt, dass es hier eine Art Bo Luntz Fan Club gibt.“, seufzte Rhodes. „Nicht nur, dass jeder ihn mag, einige Leute haben sogar ihr Bedauern ausgesprochen, ihn nicht besser kennengelernt zu haben.“ „Mit wie vielen haben Sie sprechen können?“ „Ich habe die Straße abgeklappert. Die meisten waren natürlich bei der Arbeit, aber ich habe es geschafft, mit vier Personen in drei Häusern zu sprechen. Eine ältere Dame in einem der letzten drei Häuser hinter dem Haus Luntz erzählte mir, dass Bo ihr drei Wochen lang sein Auto geliehen hat, als sie ihres kaputt gefahren hatte und ihre Versicherung sich dumm gestellt hat. Keine Fragen hat er gestellt, obwohl er sie kaum kannte.“ „Und niemand hat etwas gehört oder gesehen?“, fragte Chloe. „Nichts.“ „Scheint derzeit ein wiederkehrendes Thema zu sein“, sagte Chloe und dachte daran, wie einfach Danielle und ihr Vater einfach verschwunden waren. Sie sinnierten beide darüber nach, bis sie nach einigen Meilen zu einem einfachen kleinen Bistro kamen. Ein Möchte-gern-Hipster-Café, das auf glutenfreien Muffins spezialisiert war. Sie arbeiteten schon lange genug zusammen, um selbstsicher in den Laden zu treten, zu bestellen, die Toiletten aufzusuchen und sich dann am Tisch zu treffen, um den Fall zu besprechen. Chloe wunderte sich manchmal, wie weit sie gekommen waren. Es schien erst gestern gewesen zu sein, dass Rohdes fast verschnupft gewirkt hatte, Chloe als Partner bekommen zu haben. Das war natürlich, bevor Chloe ihr das Leben gerettet hatte, als bei ihrem ersten gemeinsamen Fall auf sie geschossen worden war. Chloe schlürfte ihren schwarzen Kaffee, während Rhodes von ihrem Chai Latte trank. Sie gingen gemeinsam durch die Notizen, verglichen, stellten entgegen und kamen zu dem Schluss, dass Nachbarn und Familie den ganzen Morgen nichts Neues angeboten hatten. Chloe konnte nur eine neue Erkenntnis beisteuern. „Ich denke, die Ehefrau kann ausgeschlossen werden. Ihre Schwester sagte, die Polizei hätte mit Sherrys Arbeit gesprochen, und sie hat das Gebäude um zwei nach fünf verlassen. Die Zeitabfolge funktioniert einfach nicht.“ Rhodes nickte, während sie durch die wenigen Aufzeichnungen blätterte, die sie zu dem Fall hatten. “Sie schätzen, dass er zwischen halb vier und viertel vor fünf ermordet wurde. Leute in Bos Büro wollen ihn bis halb vier gesehen haben. Einem Kollegen zufolge, hatte Bo erwähnt, dass er früher gehen wollte, um etwas Besonderes für seinen Hochzeitstag vorzubereiten.“ „Das ist merkwürdig. Das lässt es erscheinen, als wenn der Mörder wusste, dass er gehen würde – dass er früh zu Hause sein würde.“ „Das, oder der Mörder war schon aus irgendeinem Grunde dort und brachte Bo aus Schock und Überraschung um.“ Sie ließen das für einen Moment sacken. Chloe starrte in den Regen, der jetzt stetiger vom Himmel kam. „Sherry Luntz sagte, dass keiner außer Bo und ihr einen Schlüssel zu dem Haus hatte. Keine Familienmitglieder, keine Putzfrau, keine guten Freunde, niemand.“ „Und keine Anzeichen von Einbruch…“ Chloe wusste, wo sie die Vermutungen hinsteuern wollte. Es war offensichtlich, aber aus irgendeinem Grunde, schien es nicht richtig zu sein. Sie sagte es trotzdem. „Also ließ Bo die Person rein. Oder sie kamen sogar gemeinsam an.“ „Vielleicht eine Affäre?“ „Das haben Sie jetzt gesagt. Aber…, wenn er etwas für seinen Hochzeitstag für den Nachmittag plante, dann wirkt das sehr kaltschnäuzig, oder?“ „Oder dumm“, erwiderte Rhodes. „Und da ist noch etwas, das mir gerade aufgefallen ist. Alles, was wir über den ersten Mord an Richard Wells wissen ist, dass es eine genaue Kopie von Bo Luntz Mord war. Socke im Mund, Schädel zerschmettert. Und die Taten liegen nur zwei Tage auseinander. Wenn wir also nachrechnen…“ „Wenn wir nachrechnen“, fuhr Rhodes fort „und wir haben es hier mit einem Serienmörder zu tun und nicht mit verbundenen Einzelfällen, dann könnten wir innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden ein weiteres Opfer haben.“ „Vielleicht sollten wir jetzt weniger über Luntz nachdenken und sehen, was wir über das erste Opfer finden können.“ „Ja, aber Anderson sagte, dass es dort niemanden gab, der dem Opfer nahestand. Keine Familie, keine Freunde, niemand.“, warf Rhodes ein. „Genau“, sagte Chloe, während sie aufstand. „Wenn Sie mich fragen, hört sich das genau nach der Art Mann an, der Geheimnisse gut für sich behalten kann.“ * * * Sie avisierten ihren Besuch auf dem Weg nach Eastbrook. Weil es eine kleine Stadt mit nur einer kleinen Polizeidienststelle war, sandte eine hilfreiche Dame vom Erkennungsdienst einfach digitale Kopien der Akte, anstatt ein Treffen mit einem Beamten für Chloe und Rhodes zu arrangieren. Chloe war sehr zufrieden mit der Lösung. Sie arbeitete viel lieber ohne die Hilfe der örtlichen Polizei an einem Fall. Ja, sie waren oft sehr hilfreich, aber sie tendierten auch dazu, mit jedem Opfer ihrer Gegend Mitleid zu haben. Sie waren ungefähr vier Meilen vor Eastbrook, als die Dokumente ankamen. Rhodes sah sie durch, während Chloe fuhr. Der Regen ließ nach, die Sonne kämpfte sich langsam durch die Wolken. Sie fuhren durch kleine Nebelschwaden, die sich auf der Straße gebildet hatten. „Richard Wells, zweiundfünfzig Jahre alt, seit Kindheit fast ausschließlich in Eastbrook ansässig. Sein Strafregister ist sehr kurz – zwei Mal betrunken am Steuer und einmal Abwesenheit vor Gericht. Sein Führerschein wurde deswegen vor drei Jahren gesperrt. Die örtliche Polizei hat die Ex-Frau informiert, und obwohl sie bei der Befragung hilfreich war, schien sie nicht besonders verstört über den Mord zu sein. Sie ist die einzige Nummer, die als Verwandte oder Notruf registriert ist.“ „Sie wohnt in Rhode Island, stimmts?“ „Stimmt.“ „Wells war ein privater Bauunternehmer, oder? Haben wir einen Firmennamen?“ „Ja, aber keinen einfallsreichen. Wells Konstruktion und Design, Sitz in Eastbrook.“ Chloe wollte Rhodes gerade bitten, die Adresse ins Navi einzugeben, aber sie war schon dabei. Dies erinnerte Chloe an Johnsons Kommentar, dass er ihnen den Fall geben wollte, weil er so gut zu ihnen passen würde. Sie nahm an, dass Rhodes und sie eine bessere Einheit bildeten als alle anderen Paare ihres Polizeischul-Jahrgangs. Wenn sie manchmal diese fast hellsichtigen Episoden hatten, konnte man das gut glauben. Sie kamen kurz vor 11 Uhr bei dem kleinen Büro von Wells Konstruktion und Design an. Das Büro lag in der sogenannten Hauptstraße von Eastbrook, einer Stadt, die, so vermutete Chloe, wohl nur von ihrer Nähe zu Baltimore lebte. Sie war einer dieser Orte, an denen man anhielt, um den Tank aufzufüllen oder um schnell etwas zu essen, bevor man in die große Stadt weiterfuhr. Chloe parkte den Wagen vor dem Gebäude und sorgte sich, dass die Firma vielleicht wegen des Todes des Eigentümers geschlossen sein könnte. Sie fanden die Tür aber unverschlossen. Das Büro bestand aus einem großen Raum, der durch Trennwände in Arbeitsplätze unterteilt war. Ein großer Schreibtisch in L-Form erlaubte der daran sitzenden Dame, jeden, der durch die Tür kam, sofort zu begrüßen. Sie schaute gelangweilt auf, als Chloe und Rhodes eintraten und Chloe stellte sich vor, wie merkwürdig es sein musste, ein kleines Unternehmen am Leben zu erhalten, wenn der Namesgeber so brutal ermordet worden war. „Kann ich Ihnen helfen, meine Damen?“, fragte die Frau. „Ja, bitte“, entgegnete Chloe. Sie stellte sie beide vor, beide zeigten ihre Ausweise. „Wir beschäftigen uns mit dem Mord an Richard Wells. Er hat keine Familie in der Gegend und es scheint, dass seine Arbeitskollegen ihnen am Nächsten standen.“ „Das stimmt“, bestätigte sie. “Schade eigentlich, man realisiert solche Umstände erst, wenn es zu spät ist, wissen Sie?“ „Können Sie mir sagen, ob die Firma plant, ohne ihn weiter zu machen?“ Die Dame zuckte die Achseln in einer Art, die zeigte, dass ihr die Antwort nicht nur unbekannt, sondern auch egal war. „Wir warten darauf, dass sein Anwalt das klärt. Richard hatte wohl kein Testament, also erbt keiner die Firma. Wir haben drei Arbeiter, die derzeit auf zwei Baustellen arbeiten und versuchen, die Projekte abzuschließen, bevor der juristische Kampf beginnt.“ „Darf ich Sie nach Ihrem Namen fragen?“, fragte Chloe. „Klar. Ich bin Patty Marsh.“ „Frau Marsh, arbeiten Sie schon lange hier?“ „Seit sechs Jahren.“ „Was war ihr allgemeiner Eindruck von Richard Wells? Nicht als Chef, aber als Mensch?“ „Er arbeitete hart, das steht außer Frage. Aber ich glaube, er war einer dieser Typen, die ihren Höhepunkt in der Schule erreichen und das irgendwie weiter ausleben. Er trank viel, flirtete um sich rum, obwohl er bis vor sechs Monaten verheiratet war. Er war die Art Mann, die es immer schafften, eine Anekdote über seine glorreichen Tage im Schul-Footballteam einzubringen. Eigentlich traurig, aber es machte ihn glücklich.“ „Schimpfte er manchmal mit Ihnen oder den anderen Angestellten?“ „Oh, ich bin sicher, dass das mit den Arbeitern manchmal passierte. Aber sie waren alle gut befreundet. Die anderen sind etwas jünger als Richard aber die gleiche Art Männer… nicht sehr erfolgreich im Leben, deshalb greifen sie immer wieder zu Schul-Geschichten, um sich besser zu fühlen. Meine Güte, ich höre mich wirklich schlimm an.“ „Überhaupt nicht“, beschwichtigte Rhodes. “Ich frage mich… in diesem Beruf, hat Richard sich jemals Feinde gemacht? Unzufriedene Kunden vielleicht?“ „Die Polizei hat uns das auch schon gefragt und uns fiel niemand ein. Klar, Richard hatte seine Probleme, aber er arbeitete hart. Er trank viel und war ganz offen darüber. Aber irgendwie hielt er das Trinken und die Arbeit in der Waage. Er war sehr stolz auf seine Arbeit. Ich erinnere mich an keinen unzufriedenen Kunden, seitdem ich hier arbeite.“ „Wann erwarten Sie die Arbeiter zurück?“, erkundigte sich Chloe. „Nicht bis zum Ende des Tages. Aber, ohne unhöflich erscheinen zu wollen, die werden Ihnen das Gleiche erzählen, wie ich.“ „Trotzdem sollten wir mit ihnen sprechen. Um sicherzugehen.“ „Alles klar“, entgegnete Patty. Sie öffnete ihre Schublade, blätterte durch ein paar Visitenkarten und reichte Chloe drei Stück – eine für jeden Angestellten. Damit war der Besuch beendet. Chloe studierte die Karten, als sie zurück ins Auto stieg. Sie steckte sie in ihre Tasche, während Rhodes auf den Beifahrersitz kletterte. Sie hatte schon ihr Telefon in der Hand und rief ihre Anruferliste auf. Chloe grinste und nahm an, dass Rhodes das Gleiche dachte, wie sie selbst: sie brauchten Zugang zu Richard Wells Haus und sie brauchten Kommissar Andersons Hilfe, um ihn zu bekommen. Während Chloe auf die Straße hinaus fuhr, wurde ihr Verdacht bestätigt, als sie Rhodes sagen hörte: „Kommissar Anderson, Agent Rhodes hier. Können Sie uns Zugang zu Richard Wells Haus verschaffen?“ Ermutigt durch die gedankliche Übereinstimmung mit Rhodes fuhr Chloe weiter und fühlte sogar das erste Flattern von Begeisterung für den Fall. Danielle war noch immer ein konstanter Faktor in ihren Gedanken, aber sie verblasste etwas mit der Zeit. Kapitel acht Eastbrook war eine merkwürdige kleine Stadt. Obwohl das Zentrum nur aus zwei, drei Geschäftsstraßen bestand, war der Rest der Stadt in mehrere Bezirke unterteilt. Viele waren voller schön bewaldeter, großer Grundstücke, während andere nichts waren als überteuerte engstehende Häuser. Richard Wells lebte in einem Haus der letzten Kategorie. Es war ein hübsches Haus mit zwei Stockwerken und Chloe konnte keinen eindeutigen Stil erkennen. Es schien aus mehreren zu bestehen. Bis auf die enger stehenden Häuser war die Nachbarschaft der, in der Sherry und Bo Luntz gelebt hatten, sehr ähnlich. Während sie sich der Haustür näherten schätzte Chloe das Grundstück auf die halbe Größe von dem der Luntz“. Anderson hatte ihnen den Sicherheitscode für Wells Haustür geben. Rhodes tippte die fünf Zahlen ein und sie betraten das Haus ohne Probleme. Wells“ Haus war etwas kleiner als das der Luntz’, das Erdgeschoss bestand aus einem großen Wohn-Ess-Küchenraum und einem kleinen Bad. Es sah so aus, als wenn es eine gute Aufräumaktion gebraucht hatte, als Wells getötet wurde. Auf dem Couchtisch standen einige leere Bierflaschen, ein Paar dreckiger Arbeitsstiefel lag neben dem Sofa und die Spüle war voller dreckigem Geschirr. „Der forensische Bericht besagt“, fing Rhodes an von ihrem iPad zu lesen, “dass seine Leiche von seinem Trinkkumpanen, Al Sawyer, gefunden wurde. Sawyer wurde vom Mordverdacht freigesprochen, weil mindestens ein Dutzend Leute seine Alibis für die Tage vor dem Mord unterstützen. Er sitzt derzeit in Baltimore in Untersuchungshaft, weil er in der Nacht von Richards Mord einen Unfall verursacht hat. Angeklagt wegen Trunkenheit am Steuer… sein drittes Mal, also wird er wohl für eine Weile sitzen.“ „Hat er eine Aussage gemacht?“ „Ja. Er habe Richard oben gefunden. Halb in und halb außerhalb seines Schlafzimmers. Blut auf dem Boden, große Wunde auf der Kopfseite. Der Bericht des Beschauers sagte, die Wunde kam durch Gewalteinwirkung.“ Sie zeigte Chloe ein Bild der Wunde. Es war recht schauerlich, aber es war einfach zu sehen, dass der Gegenstand, der benutzt worden war, um Richard Wells Kopf einzuschlagen, nicht der gleiche war, der Bo Luntz getötet hatte. Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/bleyk-pirs/heimkehr/) на ЛитРес. Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.