Nimmt Blake Pierce »Ein Meisterwerk von Thriller und Mystery! Der Autor hat einen großartigen Job gemacht, Charaktere mit einer psychologischen Seite zu entwickeln, die so gut beschrieben ist, dass wir uns in ihren Köpfen fühlen, ihren Ängsten folgen und ihren Erfolg anfeuern. Die Handlung ist sehr intelligent und wird Sie das ganze Buch hindurch unterhalten. Dieses Buch wird Sie bis zum Ende der letzten Seite wachhalten.« − Bücher und Filmkritiken, Roberto Mattos (re Once Gone) NIMMT (Das Making of Riley Paige − Buch 4) ist das vierte Buch in einer neuen Psychothriller-Serie der Bestsellerautorin Blake Pierce, deren kostenloser Bestseller VERSCHWUNDEN (Buch 1) über 1.000 Fünf-Sterne-Rezensionen erhalten hat. Als ein Serienmörder im Verdacht steht, ein Wohnmobil zu benutzen, um Frauen im ganzen Land anzulocken und zu töten, muss das FBI mit seiner üblichen Vorgehensweise brechen und sich an seine brillante, 22 Jahre alte Akademie-Rekrutin Riley Paige wenden.Riley Paige wird in die mörderisch anstrengende FBI-Akademie aufgenommen und ist entschlossen, sich endlich zurückzuhalten und intensiv mit ihren Kollegen zusammenzuarbeiten. Aber dem soll nicht so sein, denn sie ist auserwählt worden, ihren Mentoren zu helfen, einen Serienmörder, der die Nation in Angst und Schrecken versetzt hat, zu identifizieren und zu jagen. Riley fragt sich, wie diabolisch der Mörder sein muss, um seine Opfer mit einem Wohnmobil anzulocken. Und wo wird er als Nächstes zuschlagen?In diesem tödlichen Katz-und-Maus-Spiel, indem sie ihre eigene Zukunft aufs Spiel setzt und mit einem Mörder zu tun hat, der vielleicht schlauer ist als sie, darf Riley keinen Fehler machen.NIMMT, ein actiongeladener Thriller mit herzzerreißender Spannung, ist das vierte Buch in einer fesselnden Serie, die Sie bis spät in die Nacht weiterblättern lässt. Diese spannende Serie führt die Leser mehr als 20 Jahre zurück − zu den Anfängen von Rileys Karriere − und ist die perfekte Ergänzung zur Riley Page-Krimireihe, die bisher 15 Bücher umfasst und fortgesetzt wird.Buch 5 in der Serie DAS MAKING OF RILEY PAIGE wird in Kürze erhältlich sein. Blake pierce Nimmt Copyright © 2019 by Blake Pierce. Alle Rechte vorbehalten. Deutsche Übersetzung:. Außer im Rahmen des U.S. Copyright Act von 1976 darf kein Teil dieser Publikation in irgendeiner Form oder mit irgendwelchen Mitteln vervielfältigt, verbreitet, übertragen oder in einer Datenbank oder einem Abrufsystem gespeichert werden, ohne die vorherige Genehmigung des Autors zu bekommen. Dieses E-Book ist nur für Ihren persönlichen Gebrauch lizenziert. Dieses E-Book darf nicht weiterverkauft oder an andere Personen weitergegeben werden. Wenn Sie dieses Buch mit einer anderen Person teilen möchten, kaufen Sie bitte ein zusätzliches Exemplar für jeden Leser. Wenn Sie dieses Buch lesen und es nicht gekauft haben oder es nicht nur für Ihren Gebrauch gekauft wurde, dann schicken Sie es bitte zurück und kaufen Sie Ihr eigenes Exemplar. Danke, dass Sie die harte Arbeit dieses Autors respektieren. Bei diesem Werk handelt es sich um eine Fiktion. Namen, Charaktere, Unternehmen, Organisationen, Orte, Ereignisse und Vorfälle sind entweder das Produkt der Fantasie des Autors oder werden fiktiv verwendet. Jede Ähnlichkeit mit realen Personen, ob lebendig oder tot, ist völlig zufällig. Buchumschlag Copyright Korionov, verwendet unter Lizenz von Shutterstock.com. Blake Pierce Blake Pierce ist Autor der erfolgreichen Mystery-Reihe RILEY PAGE, die aus fünfzehn Bücher (Fortsetzung folgt) besteht. Blake Pierce ist ebenfalls Verfasser der MACKENZIE WHITE Mystery-Reihe, die dreizehn Bände (Fortsetzung folgt) umfasst; der AVERY BLACK Mystery-Reihe mit sechs Büchern; der fünfbändigen KERI LOCKE Mystery-Reihe; den drei Büchern der MAKING OF RILEY PAIGE Mystery-Reihe (Fortsetzung folgt); der KATE WISE Mystery-Reihe, die aus vier Büchern besteht (Fortsetzung folgt); der CLOE FINE Psycho-Thriller-Reihe, die bisher drei Bände umfasst (Fortsetzung folgt) sowie der dreiteiligen JESSE HUNT Psycho-Thriller-Reihe (Fortsetzung folgt). Als begeisterter Leser und lebenslanger Fan der Mystery- und Thriller-Genres liebt Blake es, von seinen Lesern zu hören. Bitte besuchen Sie www.blakepierceauthor.com, um mehr zu erfahren und in Kontakt zu bleiben. BÜCHER VON BLAKE PIERCE JESSIE HUNT PSYCHOTHRILLER-SERIE DIE PERFEKTE EHEFRAU (Buch Nr. 1) DER PERFEKTE BLOCK (Buch Nr. 2) DAS PERFEKTE HAUS (Buch Nr. 3) CHLOE FINE PSYCHOTHRILLER-SERIE NEBENAN (Buch Nr. 1) DES NACHBARS LÜGE (Buch Nr. 2) SACKGASSE (Buch Nr. 3) KATE WISE MYSTERY-SERIE WENN SIE WÜSSTE (Buch Nr. 1) WENN SIE SÄHE (Buch Nr. 2) WENN SIE RENNEN WÜRDE (Buch Nr. 3) WENN SIE SICH VERSTECKEN WÜRDE (Buch Nr. 4) WENN SIE FLIEHEN WÜRDE (Buch Nr. 5) WENN SIE SICH FÜRCHTEN WÜRDE (Buch Nr. 6) DAS MAKING OF RILEY PAIGE MYSTERY-SERIE BEOBACHTET (Buch 1) WARTET (Buch 2) LOCKT (Buch 3) NIMMT (Buch 4) LAUERT (Buch 5) RILEY PAIGE MYSTERY-SERIE VERSCHWUNDEN (Buch 1) GEFESSELT (Buch 2) ERSEHNT (Buch 3) GEKÖDERT (Buch 4) GEJAGT (Buch 5) VERZEHRT (Buch 6) VERLASSEN (Buch 7) ERKALTET (Buch 8) VERFOLGT (Buch 9) VERLOREN (Buch 10) BEGRABEN (Buch 11) ÜBERFAHREN (Buch 12) GEFANGEN (Buch 13) RUHEND (Buch 14) MACKENZIE WHITE MYSTERY-SERIE BEVOR ER TÖTET (Buch 1) BEVOR ER SIEHT (Buch 2) BEVOR ER BEGEHRT (Buch 3) BEVOR ER NIMMT (Buch 4) BEVOR ER BRAUCHT (Buch 5) EHE ER FÜHLT (Buch 6) EHE ER SÜNDIGT (Buch 7) BEVOR ER JAGT (Buch 8) VORHER PLÜNDERT ER (Buch 9) VORHER SEHNT ER SICH (Buch 10) AVERY BLACK MYSTERY-SERIE DAS MOTIV (Buch 1) LAUF (Buch 2) VERBORGEN (Buch 3) GRÜNDE DER ANGST (Buch 4) RETTE MICH (Buch 5) ANGST (Buch 6) KERI LOCKE MYSTERY-SERIE EINE SPUR VON TOD (Buch 1) EINE SPUR VON MORD (Buch 2) EINE SPUR VON SCHWÄCHE (Buch 3) EINE SPUR VON VERBRECHEN (Buch 4) EINE SPUR VON HOFFNUNG (Buch 5) Prolog Brett Parma zog sich nicht gleich in ihren kleinen Campingwagen zurück, als sie von ihrer Wanderung durch die karge und unwegsame Hügellandschaft Arizonas zurückkehrte. Sie lehnte sich an das Fahrzeug, warf einen Blick auf den Pfad, den sie entlang gewandert war, und atmete an der trockenen und reinen Luft tief ein. Mit jeder Minute gefiel ihr dieser Ort besser und besser. Und sogar im Dezember! dachte sie. Es konnte kaum gegensätzlicher zur grausigen, windigen Winterkälte von North Platte, Nebraska sein. Natürlich wusste sie, dass diese ganze Gegend höllisch heiß im Sommer sein würde, sogar zu dieser späten Uhrzeit. Das Wandern stünde dann außer Frage. Sie hatte die perfekte Wahl für einen dreitägigen Urlaub getroffen – sowohl der Ort, als auch die Jahreszeit stimmten. Die Campingplätze waren überhaupt nicht überfüllt, wie es während der Touristensaison oft der Fall ist. Und auch stellte es sich als gute Entscheidung heraus, ihren Transportwagen in einen einfachen Campingwagen umzurüsten. Auch brauchte sie diesen Urlaub unbedingt. Ihre Stelle als Rezeptionistin bei der Hanson Family Medical Group wurde von Tag zu Tag immer undankbarer. Fast jeder, mit dem sie es in letzter Zeit zu tun hatte, ob übers Telefon oder in Person, schien über irgend etwas verärgert zu sein – ob über die Versicherungsdeckung, die Terminvereinbarung, die Nichtverfügbarkeit bestimmter Ärzte… Alles Probleme zu derer Lösung ich nichts beitragen kann. All diese Sorgen schienen im Augenblick selig weit entfernt. Brett kam der Gedanke… Was, wenn ich einfach nicht zurückkehre? Wäre es nicht wunderbar in ihren frühen Dreißigern in den Ruhestand zu treten? Oder vielleicht könnte sie noch etwas viel Ausgefalleneres anstellen. Was, wenn sie einfach weiterfahren würde, von Campingplatz zu Campingplatz ziehend? Sie könnte vielleicht ihren eigenen abgesonderten Übernachtungsort finden oder einfach den Weg weiter in den Süden nach Mexiko einschlagen und nie mehr zurückkehren? Sie musste zu diesen Gedanken laut lachen. Nein, solch eine Art von Freigeist war sie nicht – sie war nicht jemand der unbekümmert Gefahren und Verantwortungen ignorieren konnte, um… Wie war nochmal die Redensart? Ach ja. Um meiner Glückseligkeit zu folgen. Sie wusste, solch ein Abenteuer war ihr nun mal nicht vorherbestimmt. Einerseits würde ihr bald das Ersparte ausgehen und wo stünde sie dann? Womit würde sie ihren Unterhalt verdienen? Stattdessen musste sie so gut es ging die Glückseligkeit der bevorstehenden Tage nutzen. Und in Wirklichkeit erschien ihr dies als völlig in Ordnung. Während sie den Sonnenuntergang über der felsigen, rostfarbenen Hügellandschaft betrachtete, hörte sie das Geräusch eines sich annähernden Wagens. Es überraschte sie ein wenig. Sie hatte sich für diesen malerischen Nebenweg entschieden, da sie von der Annahme ausging, dass sie hier so gut wie niemanden antreffen würde. Besonders nicht zu dieser Jahreszeit. Noch mehr überraschte es sie, als der Fahrer von der Straße abfuhr und seinen Wagen neben dem ihren parkte. Das viel größere Wohnmobil stellte ihren eigenen kleinen, notdürftig ausgestatteten Wagen in den Schatten. Aber, dies war auch der Fall mit den meisten anderen Fahrzeugen, die sie an den Campingplätzen antraf. Es muss sicherlich angenehm sei – all dieser Luxus auf Rädern. Der Fahrer kletterte aus dem Fahrzeug. Es handelte sich um einen unscheinbaren aber freundlich aussehenden Mann. Er schaute Brett an und sagte… »Ach! Haben wir uns nicht schon drüben beim Wren’s Nest Campingplatz getroffen?« Jetzt, da Brett darüber nachdachte, kamen ihr sowohl der Mann als auch sein Fahrzeug bekannt vor. Wahrscheinlich vom Campingplatz, an dem sie die Nacht zuvor Halt machte. Er sah aus, wie viele der Kerle, denen sie auf dem Campingplatz begegnet war. Er war älter als sie und offensichtlich auch wohlhabender. Normalerweise war eine ganze Familie mit solchen Typen unterwegs. »Vielleicht«, antwortete sie. »Ich heiße Pete«, sagte der Mann. »Ich heiße Brett.« »Schön dich kennenzulernen Brett.« »Ebenfalls«, antwortete Brett. »Wohin bist du unterwegs?« »Zum Beavertail Campingplatz«, antwortete Pete. »Ich auch«, sagte Brett. »Es scheint mir um die zehn Minuten mit dem Auto von hier entfernt zu liegen.« Pete nickte und lächelte. »Ja, das denke ich auch.« Er trat dem Schild mit der Überschrift WANDERPFAD näher und betrachtete einen Augenblick lang die Hügellandschaft vor ihm. Dann schaute er zu Brett und sagte: »Du siehst aus, als ob du gerade vom Wandern zurückgekommen bist.« Brett wusste, dass dies leicht zu erraten war, da sie immer noch ihren Rucksack auf dem Rücken trug. »Stimmt«, sagte sie. Pete zwinkerte ihr zu. »Ich werde mich vielleicht selber an diesem Pfad versuchen. Würdest du ihn mir empfehlen?« Brett war von dieser Frage ein wenig überrascht. Sie antwortete: »Also, der Pfad ist toll, nur… es ist schon ziemlich spät, meinst du nicht auch? Bald wird es schon dunkel sein.« Pete seufzte enttäuscht. »Du hast wahrscheinlich recht«, sagte er. »Vielleicht komme ich morgen wieder zurück.« Er starrte wieder einige Augenblicke die Hügellandschaft an. Dann machte er sich auf zu seinem Wohnmobil. Er drehte sich noch um und sagte zu Brett: »Möchtest du vielleicht hereinkommen und ein Bier mit mir trinken?« Brett war von diesem Angebot sowohl überrascht als auch angetan. Sie hatte zu diesem Ausflug nichts außer Wasser und ein paar Softdrinks zu trinken mitgebracht. Ein kühles Bier hörte sich erfrischend an. Außerdem wäre es wunderbar, einen Blick ins Innere des Wohnmobils werfen zu können. »Das wäre nett«, antwortete sie. Als er sie nach Innen begleitete, sah das Wohnmobil noch viel geräumiger aus, als es von draußen betrachtet den Anschein erweckte. Es besaß einen ziemlich großen Küchenbereich, komplett mit Ofen ausgestattet, und genug Bettausstattung für mehr als nur eine Person – vielleicht für ein Paar mit zwei Kindern. Trotzdem erweckte es den Anschein, als sei dieser Kerl alleine unterwegs. Brett würde sich ungeheuer verwöhnt vorkommen, wäre sie alleine in einem solchen Wohnmobil unterwegs. Ihr eigenes Fahrzeug war so ziemlich mit nichts außer einer Matratze ausgestattet. Pete zeigte auf eine Tür und meinte: »Du bist schon seit einer Weile unterwegs. Vielleicht möchtest du von meinem Badezimmer Gebrauch machen.« Brett verschlug es den Atem. Ein richtiges Badezimmer! Natürlich konnte es nicht viel größer als ein Wandschrank sein. Aber im Vergleich zu Toiletten in Gaststätte und Tankstellen und Gemeinschaftsanlagen auf Campingplätzen war es ein wahrer Luxus. »Danke!«, sagte sie. Sie öffnete die Tür und trat in die Kabine ein. Die Tür schloss sich hinter ihr und sie befand sich im völligen Dunkeln. Merkwürdig, dachte sie. Sollte das Badezimmer nicht zumindest ein Fenster haben? Sie tastete an der Wand neben der Tür umher, im Versuch einen Lichtschalter zu finden, fand aber keinen. Wie dem auch sei, konnte sie wirklich auf Strom hoffen, ohne dass das Wohnmobil anständig ans Stromnetz angebunden war? Sie drehte sich und wollte die Kabine verlassen, aber der Türriegel bewegte sich nicht im Geringsten. Er muss wohl kaputt sein. Schüchtern rief sie… »Hey, es sieht so aus, als ob ich hier feststecken würde.« Sie erhielt keine Antwort. Jetzt fing sie an sich Sorgen zu machen. Sie griff in die Tasche und zog ihr Handy heraus, um es als Taschenlampe einzusetzen. Als sie anfing den Raum zu beleuchten, wurde ihr ein wenig bange. Dies war kein Badezimmer. Vielleicht war er das einmal, aber jetzt war alle für ein Badezimmer üblichen Einrichtungen entfernt worden. Sie befand sich in einem schlichten rechteckigen Raum. Sowohl Wände als auch Decke waren mit kleinen quadratischen, mit kleinen Löchern versehenen Fliesen bedeckt. Akustikfliesen, wurde ihr bewusst. War dies ein schalldichter Raum? Ihre Furcht nahm zu. Als sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte sie erkennen, dass die Fliesen eingedellt und zerkratzt waren. Die Wände waren mit etwas rotem bespritzt und beschmiert. Blut! Als sie hörte wie sich der Türriegel bewegte, fing sie an zu schreien. Aber sie wusste, es war vergebens. Als die Tür sich zu öffnen anfing, wusste Brett Parma, dass sie sterben würde. Kapitel eins Der riesige, bullige Mann trat zum Mikrofon vor und begann seine Rede. »Es ist mir eine große Ehre…« Aber seine dröhnende Stimme zerbrach unter der schrillen Resonanz, die durch das große Auditorium ratterte. Riley Sweeney erschrak durch den Lärm fast zu Tode. Der Lärm ließ aber schnell nach und ein paar Sekunden später lächelte sie nervös, zusammen mit den anderen FBI-Akademie-Absolventen. Der FBI-Direktor Bill Cormack war für seine tiefe, dröhnende, hallende und soundsystemzerstörende Stimme bekannt. Es würde ihm besser ergehen, wenn er das Mikrofon abstellen würde, dachte Riley. Mithilfe seiner lauten Stimme wäre er sicherlich in der Lage, das ganze Publikum ohne große Mühe zu erreichen. Mit einem bescheidenen Grinsen begann Direktor Cormack erneut ins Mikrofon zu reden, diesmal jedoch viel sanfter als zuvor. »Es ist mir eine große Ehre die diesjährigen Absolventen der FBI-Akademie hier in Quantico ansprechen zu dürfen. Ich gratuliere euch dazu, dass ihr alle euch in den vergangenen acht Wochen gestellten Herausforderungen zu bewältigen wusstet.« Riley trafen diese Worte sehr. Acht Wochen! Wenn ich doch nur volle acht Wochen gehabt hätte! Sie hatte fast zwei Wochen während der Jagd nach einem brutalen Mörder verpasst, statt im Unterricht und bei den Übungen hier in der Basis mitzumachen. Ihr Mentor, Sonderagent Jake Crivaro, zog sie kurzerhand aus der Akademie heraus, um an einem Fall in West Virginia zu arbeiten – einem wahrhaft grausigen Fall, bei dem der Mörder seine Opfer ermordete, indem er sie in Stacheldraht wickelte. Die versäumten Studienverpflichtungen nachzuholen war schwere Arbeit. Sie beneidete die anderen Studenten dafür, dass sie mehr Zeit erhielten, solch rigorose Arbeit zu verrichten. Aber Riley wusste, nicht alle der anfänglichen 200 Teilnehmer würden heute ihren Abschluss machen. Manche hatten nicht bestanden und andere waren von alleine ausgeschieden. Sie war stolz auf ihren Erfolg, der ihr trotz aller Hindernisse gelungen war. Riley richtete ihre Aufmerksamkeit wieder zur Rede von Direktor Cormack. »Voller Ehrfurcht schaue ich zurück auf die Reise, die ich und so viele andere Agenten vor mir hinter uns haben und die euch heute bevorsteht. Ich kann euch aus eigener Erfahrung berichten, dass es sich um eine zutiefst lohnende Reise handelt – aber manchmal auch eine etwas undankbare Reise. Eure selbstlosen Taten werden nicht immer auf eine dankbare Öffentlichkeit stoßen.« Er hielt einen Moment lang inne, als würde er auf persönliche Erfahrung reflektieren. Dann fuhr er fort: »Vergesst nicht, dass nur wenige Leute außerhalb des FBI in der Lage sein werden, sich ein Bild zu euren bedeutsamen Verantwortlichkeiten zu machen. Ihr werdet für eure Arbeit Kritik erhalten, jeder kleinste Fehler wird äußerster Überprüfung standhalten müssen, oft im Rampenlicht der öffentlichen Medien. Wenn es euch nicht gelingt einen Fall zu lösen, werdet ihr euch vernachlässigt und nicht gewürdigt fühlen.« Er lehnte sich ein wenig nach vorne und sagte fast im Flüsterton… »Aber vergesst nicht – ihr werdet nie alleine stehen. Ihr seid jetzt Teil einer Familie – der stolzesten, loyalsten und fürsorglichsten Familie die man sich vorstellen kann. Es wird hier immer jemand für euch da sein, sowohl um euch in der Niederlage zu trösten, als auch um eure Triumphe mit euch zu feiern.« Riley fühlte, wie sich ihr bei Erwähnung dieser Worte ein Kloß im Hals bildete… Familie. Eine Familie besaß sie schon seit langem nicht. Seit ihre Mutter vor ihren Augen grausam ermordet worden war, als sie noch ein kleines Mädchen war. Ihr Vater lebte zwar noch – ein verbitterter und zurückgezogener ehemaliger Marinesoldat, der in den Appalachen lebte. Aber sie hatte ihn nicht gesehen seit… Seit wann? Noch bevor sie ihr Studium an der Hochschule letzten Herbst beendet hatte, fiel ihr jetzt auf. Und das Treffen verlief alles andere als angenehm. Soweit Riley wusste, hatte ihr Vater nur wenig Ahnung, falls überhaupt, womit sie sich in den Monaten seit ihrem letzten Treffen beschäftigt hatte. Sie wunderte sich, ob sie es ihm jemals mitteilen würde. Eigentlich wunderte sie sich, ob sie ihn jemals wiedersehen würde. Und hier stellte Direktor Cormack ihr etwas in Aussicht, wovon Riley nur träumen konnte und was sie entbehrt hatte. Familie! War es denn möglich? Würde sie sich wirklich in den kommenden Tagen als Teil einer solch großen Familie fühlen können? Sie sah sich um und betrachtete die Gesichter ihrer Kameraden und Kameradinnen. Viele lächelten sich gegenseitig an und manche flüsterten einander etwas zu, während Direktor Cormack seine Rede fortsetzte. Riley wusste, dass zwischen manchen von ihnen dauerhafte Freundschaften hier auf der Akademie entstanden waren. Sie unterdrückte das Seufzen beim Gedanken, dass sie bisher keine wahre »Familie« hier gefunden hatte. Da sie sich wegen des Mordfalls sehr spät zu den anderen angeschlossen hatte, blieb nur sehr wenig Zeit zum Kontakte knüpfen und mit Freunden ausgehen. Es gelang ihr genau zwei enge Freundschaften während ihres Aufenthaltes hier zu knüpfen – eine mit ihrer Zimmergenossin Frankie Dow und die andere mit John Welch, einem idealistisch gestimmten und gutaussehenden jungen Mann, den sie während des Sommers kennenlernte, als sie noch beide im zehnwöchigen Ehren-Praktikum-Programm des FBI teilnahmen. John und Frankie waren ebenfalls heute anwesend. Da die Abschlussklasse nach Namen alphabetisch geordnet saß, hatte Riley nicht die Gelegenheit neben ihren zwei Freunden zu sitzen, und die neben ihr sitzenden Kameraden kannte sie nicht. Riley erinnerte sich daran, dass sie und ihr Verlobter, Ryan Paige, schon – oder fast schon – eine Familie waren. Sie würde wieder in ihre gemeinsame Wohnung in Washington DC mit ihm einziehen und ihre Hochzeit stand auch kurz bevor. Rileys erste Schwangerschaft endete zwar in einer Fehlgeburt, aber sie würden sicherlich in den bevorstehenden Jahren gemeinsam Kinder auf die Welt bringen. Sie wunderte sich, ob sich Ryan im Publikum befand. Es war ein Samstag, was durchaus ein Arbeitstag für einen Anwalt zu Karrierebeginn bedeuten konnte. Außerdem wusste Riley, dass er ihre Karrierewahl mit gemischten Gefühlen betrachtete. Direktor Cormacks Rede neigte sich ihrem Ende zu und es wurde Zeit alle neuen Agenten ins Amt einzuschwören. Einen nach dem anderen würde er sie aufrufen. Jeder würde aufs Podium steigen, den Amtseid des FBI ablegen, seine Dienstmarke erhalten und wieder zurück auf seinen Platz gehen. Sie wurden in alphabetischer Reihenfolge aufgerufen. Und wie Cormack die Namen aus der Liste durchging, wünschte sich Riley, dass ihr Name nicht mit dem neunzehnten Buchstaben des Alphabets anfing. Die Wartezeit war lang. Natürlich kam Frankie vor ihr an die Reihe. Beim Weg zurück zu ihrem Platz winkte sie Riley zu und grinste sie an. Als der Direktor endlich Rileys Namen aussprach, wurden ihr die Knie weich. Sie erhob sich und machte sich mit wackligen Beinen an ihren sitzenden Kollegen vorbei auf den Weg zum Podium. Als sie endlich beim Podium angelangt war, fühlte sie sich, als sei sie nicht mehr Herr über ihren eigenen Körper. Endlich stand sie auf dem Podium, hob ihre Hand und sprach Direktor Cormack nach… »Ich, Riley Sweeney, schwöre feierlich, die Verfassung der Vereinigten Staaten vor allen Feinden zu schützen, sowohl fremdstämmigen als auch einheimischen…« Sie musste blinzeln, um sich die aufkommenden Tränen zurückzuhalten. Es passiert wirklich, teilte sie sich in Gedanken mit. Es findet wahrlich statt. Der Schwur war kurz, aber Riley kam es vor als würde sie von ihrer Stimme im Stich gelassen noch bevor sie den Schwur zu Ende aufsagen konnte. Endlich kamen die Schlussworte… »… und dass ich die Pflichten des mir bevorstehenden Amtes ehrlich und treu erfüllen werde. So wahr mir Gott helfe.« Riley stand mit erhobener Hand da und wartete darauf ihre Dienstmarke von Direktor Cormack gereicht zu bekommen. Stattdessen grinste sie der große Mann etwas schelmisch an und legte die Dienstmarke aufs Podium ab. »Jetzt warte einen Moment, junge Dame. Es gibt da noch eine kleine Angelegenheit, um die wir uns kümmern müssen.« Riley verschlug es den Atem. War sie am Ende doch durchgefallen? Der Direktor brachte eine kleine schwarze Schachtel aus seiner Jackentasche hervor und fuhr fort… »Riley Sweeney, es ist mir eine große Ehre dir dieses Führungsabzeichen des Direktors für vorzügliche Leistungen verleihen zu dürfen.« Riley stand wie betäubt da. Der Direktor öffnete die kleine Schachtel und brachte ein Band, an dessen Ende eine Medaille hing, hervor. Ein Beifallssturm ging durch die Halle, als Cormack ihr die Medaille um den Hals legte. Cormack lobte Riley zu ihrer Initiative und Führungsqualitäten, die sie während der Wochen auf der Akademie wiederholt zur Schau gestellt hatte. Riley versuchte sich auf seine Worte zu konzentrieren, aber ihr wurde ein wenig schwindlig. Falle nicht in Ohnmacht, befahl sie sich selber. Bleib auf den Füßen stehen. Sie hoffte nur, es würde jemand die Rede des Direktors aufnehmen, weil ihr alles verschwommen vorkam, da sie nicht klar denken konnte. Cormack reichte ihr etwas. Meine FBI-Dienstmarke, wurde ihr bewusst, als sie sie entgegennahm. Dann streckte er ihr die Hand. Sie schüttelten sich die Hände und sie drehte sich, um zu ihrem Platz zurückzukehren. Als Riley Sweeney, brandneue Agentin des FBI, vom Podium herunterstieg, konnte sie erkennen, dass sich nicht alle Absolventen für sie freuten. Tatsächlich konnte man offensichtliche Feindseligkeit in einigen der Gesichter erkennen. Sie konnte es ihnen kaum übelnehmen. Seit sie von ihrem Einsatz am Mordfall zurückgekehrt war, wurde sie wieder und wieder als designierte Gruppenleiterin für Aktivitäten in der Akademie gewählt. Es war kein Geheimnis, dass manche Kadetten der Meinung waren, ihre vor kurzem stattgefundene Feldarbeit hätte ihr einen ungerechten Vorteil ihnen gegenüber verliehen. Sie war sich sicher, dass es einigen, die aus dem Polizeivollzugsdienst kamen, besonders schwerfallen musste. Riley ging zurück zu ihrem Platz, wegen der Auszeichnung überflutet von Emotionen. Etwas Ähnliches war ihr bisher im Leben noch nicht widerfahren. Währenddessen besetzten die restlichen Rekruten einer nach dem anderen das Podium. Sie wurden vereidigt und erhielten ihre Dienstmarken. Riley lächelte und winkte John zu, als er an die Reihe kam und nach Oben stieg. Er winkte ihr scheu zurück. Nachdem auch der letzte Kadett den Eid geleistet hatte, gratulierte Direktor Cormack wiederholt allen Absolventen zu ihren Errungenschaften und beendete dadurch die Zeremonie. Die Kadetten erhoben sich von ihren Plätzen und suchten ungeduldig nach ihren Freunden. Riley brauchte nicht lange um John und Frankie zu finden. Beide glühten sie vor Stolz, wie sie ihre neuen Dienstmarken fest in den Händen hielten. »Wir haben es geschafft!«, rief John Riley zu und umarmte sie. »Jetzt sind wir wahrhaftige FBI-Agenten!«, rief Frankie und umarmte Riley ihrerseits. »Das sind wir wirklich«, antwortete Riley. Frankie fügte noch hinzu: »Und das Beste an allem ist, dass wir gemeinsam in der DC-Zentrale arbeiten werden. Wir bleiben beisammen!« »Ist das nicht toll!«, stimmte Riley zu. Sie holte tief Luft. Nach dem harten Sommer, den sie hinter sich hatte, entwickelten sich die Dinge bestens. Noch besser als sie es sich vorstellen konnte. Sie sah sich nach Ryan um und erblickte ihn wie er sich durch das Gedränge zu ihr bewegte. Er hat es doch geschafft zu kommen. Ein sympathisches Lächeln zierte sein Gesicht. »Herzlichen Glückwunsch Schatz«, sagte er und gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Danke«, antwortete Riley und erwiderte den Kuss. Ryan nahm Riley an die Hand und sagte: »Jetzt können wir nach Hause gehen.« Riley lächelte und nickte zustimmend. Ja, dies war eine der besten Nachrichten des heutigen Tages. Alle Wochen, an denen die Akademie stattfand, musste sie im Studentenwohnheim verbringen, während Ryan in ihrer gemeinsamen DC-Wohnung übernachtete. Sie haben nicht annähernd so viel Zeit miteinander verbringen können als es ihr beiderseitiger Wunsch war. Ihre Zuweisung zur FBI-Zentrale in DC bedeutete, dass sie nur eine kurze Bahnstation weit entfernt von ihrer Wohnung arbeiten würde. Endlich konnten sie sich niederlassen und ein gemeinsames Leben führen. Und vielleicht auch bald eine Entscheidung bezüglich des geplanten Hochzeitstermins treffen. Aber bevor Ryan und Riley sich auf den Weg machen konnten, rief ihr John zu. »Warte einen Augenblick, Riley. Wir haben noch eine Sache zu erledigen.« Rileys Augen wurden breit, als sie sich besann… Ja, da gibt es noch eine Sache. Sie und ihre Freunde gingen nach draußen an die frische Winterluft, wo die neuen Agenten sich aufstellten und sich auf den Weg zum Waffentresor des FBI machten. Riley und ihre zwei Freunde beeilten sich und schlossen sich den Anderen an, während Ryan sie begleitete. Riley bemerkte, dass Ryan einen etwas ratlosen Eindruck machte. Ihm ist nicht klar, was hier geschieht, dachte sie. Aber die Zeit zum Diskutieren war gerade nicht vorhanden. Riley und ihre Freunde näherten sich dem Quartiermeister. Als sie ihn erreichten, reichte er ihnen allen ihre Dienstwaffe – eine Kaliber .22 Glock-Pistole. Ryans Mund öffnete sich weit vor Überraschung – und teilweise auch aus Sorge, da war sich Riley ziemlich sicher. Er wird sich daran gewöhnen müssen, dass ich ab jetzt eine Dienstwaffe trage, dachte sie. Riley lächelte ihm zu und sagte: »In Ordnung, jetzt können wir nach Hause gehen.« Dass er keine Kommentare zur Waffe machte, die sie trug, beruhigte sie. Sie verabschiedeten sich von ihren Freunden und machten sich wieder auf den Weg zurück zur Halle. Alles wird gut gehen, dachte sie. In diesem Augenblick kam ihr ein junger Mann, mit einem Umschlag in der Hand, entgegen. »Sind Sie Riley Sweeney?«, fragte der junge Mann. »Ja«, antwortete Riley. Der junge Mann reichte ihr den Umschlag mit den Worten: »Ich bin damit beauftragt worden Ihnen dies zu überreichen. Bitte unterzeichnen Sie hier.« Riley unterzeichnete per Anweisung und öffnete hastig den Umschlag. Überrascht über den Inhalt, taumelte sie ein paar Schritte zurück. »Worum handelt es sich?«, fragte Ryan. Sie schluckte mühsam und antwortete: »Es ist eine Einsatzänderung.« »Was meinst du damit?«, forderte er. »Ich werde doch nicht in der DC-Zentrale arbeiten. Ich wurde der Verhaltensanalyseeinheit hier in Quantico zugeteilt.« Ryan stotterte: »Aber – aber du hast gesagt… wir wollten doch zusammen einziehen.« »Das werden wir«, antwortete Riley hastig, um ihn zu beruhigen. »Immerhin ist es keine weite Pendelstrecke.« Dennoch wusste sie, diese Änderung würde ihnen sicherlich das Leben schwieriger gestalten. Es machte ihnen das Zusammenleben zwar nicht unmöglich, aber leicht gemacht würde es ihnen bestimmt nicht. Ryan verlor die Geduld: »Nein, so geht das nicht. Sie werden es umändern müssen.« »Ich kann sie zu nichts zwingen«, antwortete Riley. »Ich bin hier nur eine Untergeordnete. So wie es bei dir in der Anwaltskanzlei der Fall ist.« Ryan hielt einen Augenblick lang inne. Dann murrte er: »Wessen Idee war das überhaupt?« Riley dachte nach. Sie hatte Quantico nicht einmal unter ihren drei Wahlorten angegeben. Wer konnte sie nach hier versetzt haben? Dann wurde es ihr auf einmal klar… Ich habe eine ziemlich gute Vorstellung. Kapitel zwei Sonderagent Jake Crivaro starrte unzufrieden auf seine Rühreier. Ich hätte zur Abschlusszeremonie gehen sollen, dachte er. Er saß in der Kantine des Verhaltensanalyseeinheit-Gebäudes in Quantico und dachte an Riley Sweeney, seinen jungen Schützling. Ihre Abschlusszeremonie von der FBI-Akademie war vor zwei Tagen und er fühlte sich schlecht, weil er nicht anwesend gewesen war. Natürlich hatte er eine Ausrede genannt – zu viel Papierarbeit, die dringend erledigt werden musste. Aber in Wahrheit hasste er solche Zeremonien und er konnte sich nicht dazu bringen in der Menge zu sitzen und sich dieselben Reden, derer Variationen er schon so viele zuvor gehört hatte, anzuhören. Wäre er gegangen, dann hätte er die Gelegenheit gehabt ihr Auge in Auge mitzuteilen, dass er persönlich für ihre Überweisung von DC zur Verhaltensanalyseeinheit hier in Quantico verantwortlich war. Stattdessen ließ es einen Boten die Nachricht überbringen. Aber sicherlich würde sie die Versetzung zur Verhaltensanalyseeinheit als gute Nachricht auffassen. Immerhin würden ihre einzigartigen Fähigkeiten hier einen viel besseren Einsatz finden, als das es der Fall in DC sein würde. Dann kam es Jake in den Sinn, dass Riley vielleicht noch gar nicht wusste, dass er sie als seine eigene Partnerin zuteilen ließ. Er hoffte, es war ihr eine angenehme Überraschung zu erfahren, dass sie in Zukunft zusammenarbeiten würden. Sie bildeten schon in drei ziemlich schwierigen Fällen ein ziemlich gutes Team. Die Anfängerin zeigte sich gelegentlich als etwas unberechenbar, aber es gelang ihr immer ihn mit ihren ungewöhnlichen Einblicken zu überraschen. Ich hätte sie zumindest anrufen sollen, tadelte er sich selber. Jake schaute auf die Uhr und ihm wurde bewusst, dass sich Riley schon auf dem Weg hierher befinden musste, um an ihrem ersten Arbeitstag Rapport zu erstatten. Als er einen kleinen Schluck Kaffee nahm, klingelte sein Handy. Er nahm den Anruf an und eine Stimme rief: »Hey, Jake. Es ist Harry Carnes. Rufe ich dich zu einem guten Zeitpunkt an?« Jake grinste beim Klang der Stimme seines alten Freundes. Harry war ein pensionierter Kriminalpolizist aus Los Angeles. Einige Jahre zuvor arbeiteten sie an einem Entführungsfall einer berühmten Person zusammen. Sie hatten sich auf Anhieb gut verstanden und blieben in Kontakt. »Na klar, Harry«, antwortete Jake. »Super, dass du anrufst. Was gibt’s Neues?« Er hörte, wie Harry aufatmete. Dann sagte er: »Es gibt da etwas, das mich bedrückt. Ich dachte, du könntest mir vielleicht dabei helfen.« Jake fühlte, wie ihn die Besorgtheit überkam. »Gerne, Kumpel«, sagte er. »Was ist das Problem?« »Erinnerst du dich an den Mordfall in Colorado von vor einem Jahr? Die Frau die im Dyson Park ermordet wurde?« Jake überraschte es, dass Harry den Fall zur Sprache brachte. Als Harry aus dem Los Angeles Police Department in den Ruhestand trat, zog er mit seiner Frau Jillian nach Gladwin, einem kleinen Ort in den Rocky Mountains, der an Dyson Park angrenzte. Die Leiche einer jungen Frau wurde in der Nähe auf einem Wanderpfad entdeckt. Obwohl er zurzeit den Status einer Zivilperson hatte, versuchte Harry der Polizei beim Lösen des Falles zu helfen, aber vergebens, wie es sich herausstellte. »Klar erinnere ich mich«, antwortete Jake. »Warum fragst du?« Es trat eine kurze Stille ein. Dann sagte Harry: »Also… ich denke, es ist erneut passiert.« »Was meinst du damit?«, fragte Jake. »Ich denke, der Mörder hat wieder zugeschlagen. Eine weitere Frau wurde ermordet.« Jake fühlte, wie ein durch Überraschung verursachter Ruck durch seinen Körper ging. Er fragte: »Du meinst dort, im Dyson Park?« »Nein, dieses Mal in Arizona. Lass mich erklären. Dir ist bekannt, dass Jillian und ich im Winter nach Süden ziehen? Also, wir befinden uns gerade in Arizona auf einem Campingplatz unweit von Phoenix. Heute Morgen lief in den örtlichen Nachrichten ein Beitrag, in dem gesagt wurde, dass die Leiche einer jungen Frau, nördlich von hier, unweit eines Wanderpfades, gefunden wurde. Ich rief bei der örtlichen Polizeiwache an und sie erklärten sich bereit ein paar Details mit mir zu teilen.« Harry räusperte sich: »Jake, die Handgelenke der Frau waren völlig zerschnitten. Sie muss irgendwo ausgeblutet sein, aber nicht wo ihre Leiche aufgefunden wurde. Genau wie beim Opfer im Dyson Park. Ich wette, dass es sich um denselben Mörder handelt.« Jake war jedoch etwas skeptisch. »Ich weiß nicht Harry«, sagte er. »Der Mordfall in Colorado ist schon ziemlich lange her. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass jegliche Ähnlichkeit zwischen den beiden Mordfällen reiner Zufall ist.« Harrys Stimme nahm einen ernsteren Ton an. »Ja, aber was, wenn es kein Zufall ist? Was, wenn es sich in beiden Fällen um ein und denselben Täter handelt? Was, wenn sich die Sache zu einer Mordserie entwickelt?« Jake unterdrückte sich den Seufzer. Er konnte die Reaktion seines Freundes gut verstehen. Harry hatte ihm mitgeteilt, wie bitterlich enttäuscht er gewesen war, weil er nicht in der Lage war, seinen Kollegen aus Gladwin und der Staatspolizei von Colorado beim Fang des lokalen Mörders zu helfen. Es konnte kaum wundern, dass ein neuer Mordfall mit ähnlichen Details Harry in Aufruhr versetzte. Aber Leute, die alleine durch die Wildnis wandern, kommen manchmal um. Und manche Leute beharren darauf sich alleine auf den Weg zu machen, trotz aller Warnungen. Jake wollte Harry nicht geradeheraus sagen, dass er sich seiner Meinung nach irrte. Aber was kann ich ihm sagen? Jake wusste es nicht. Harry fuhr fort: »Jake, ich habe mir überlegt… ob du vielleicht diesen Fall unter die Zuständigkeit der Verhaltensanalyseeinheit bringen könntest? Jetzt, da es schon zwei Mordfälle in zwei verschiedenen Staaten sind?« Jake wurde zunehmend unruhiger. Er antwortete: »Harry, so laufen die Dinge normalerweise nicht. Es liegt an der Polizei in Arizona, ob sie Hilfe vom FBI anfordern wollen. Und soweit ich weiß, taten sie dies bislang nicht. Bis dies der Fall sein sollte, haben wir mit der Sache nichts zu tun. Wenn du sie aber dazu bringen könntest, das FBI anzurufen…« Harry unterbrach ihn: »Das habe ich schon versucht. Ich konnte sie aber nicht davon überzeugen, dass ein Zusammenhang zwischen den Morden besteht. Und du kennst ja die Ansichten der örtlichen Polizisten, wenn es darum geht das FBI in ihren Zuständigkeitsbereich mit einzubringen. Sie sind nicht darauf versessen.« Jake dachte sich, Nein, das sind sie nicht. Es fiel ihm leicht sich vorzustellen, wie die Polizei in Arizona auf den Versuch eines pensionierten Polizisten reagieren würde, der sie davon zu überzeugen versuchte, dass ihnen etwas Wichtiges entgangen sei. Aber Harry hatte in einer Sache recht. Falls ein Mörder mehrere Taten in mehr als nur einem Staat begangen haben sollte, dann brauchte das FBI keine Einladung, um sich des Falles anzunehmen. Falls Harry recht haben sollte, dass es sich um denselben Mörder handelte, dann könnte das FBI eine Untersuchung beauftragen. Falls Harry recht haben sollte. Jake nahm einen langen, langsamen Atemzug. »Harry, ich weiß wirklich nicht, ob ich an meinem Ende etwas zu der Sache unternehmen kann. Es ließe sich nur schwer verkaufen, die zuständigen Leute hier dazu zu bewegen, daraus einen offiziellen Fall des FBI zu machen. Einerseits bist du dir sicher bewusst, dass das FBI keinen Fall annehmen wird, bei dem die örtliche Polizei davon ausgeht, dass es sich um eine Einzeltat handelt. Aber…« »Aber was?« Jake zögerte, sagte dann aber: »Lass mich darüber nachdenken. Ich melde mich dann bei dir.« »Danke Kumpel«, sagte Harry. Sie beendeten das Gespräch. Jake zuckte ein wenig zusammen. Er wunderte sich weshalb, um Himmels willen, er Harry versprochen hatte ihn zurückzurufen. Er wusste genau, dass er nicht in der Lage sein würde den leitenden Sonderagenten Erik Lehl davon zu überzeugen, den Fall in den Zuständigkeitsbereich des FBI zu stellen. Nicht aufgrund eines so mageren Zusammenhangs. Verdammt nochmal! Ich bin ja selber nicht wirklich davon überzeugt. Aber gesagt ist gesagt. Harry saß in Arizona und erwartete eine Rückmeldung von Jake. Und das Einzige wozu er in der Lage sein würde, war ihm das mitzuteilen, was er ihm hätte sagen sollen, schon bevor sie das Gespräch beendeten – das sich ihm keine Möglichkeit bot das FBI mit einzuschalten. Jake starrte einen Augenblick lang auf sein Handy, im Versuch den Mut zum Rückruf aufzubringen. Aber er konnte sich nicht dazu bringen – zumindest noch nicht. Stattdessen hockte er sich hin und begann sein Frühstück im Ernst. Es erschien ihm, dass vielleicht zusätzlicher Kaffee ihm dabei helfen könnte, besser über die Handhabung der Situation nachdenken zu können. Vielleicht doch nicht. Jake wusste, dass er in letzter Zeit keine besondere Scharfsinnigkeit zutage brachte. Tatsächlich fühlte er sich bereits etwas niedergeschlagen, noch bevor er Harrys Anruf erhielt. Und auch lag es nicht nur daran, dass er Riley Sweeneys Abschlusszeremonie abgesagt hatte. Der Fall, den er zusammen mit Riley vor ein paar Wochen löste – der scheußliche Fall des Stacheldraht-Mörders – hinterließ ihn erschöpft und ausgebrannt. Mit zunehmendem Alter schien es ihm immer öfter so zu gehen. Seine Tatkraft erholte sich nicht mehr so schnell wie es früher der Fall war. Und er vermutete, dass es seinen Kollegen in der Verhaltensanalyseeinheit schon aufgefallen war. Tatsächlich vermutete er, dass dies der Grund war, weshalb ihm Erik Lehl seit dem letzten Auftrag keinen Außeneinsatz mehr zugeteilt hatte. Und vielleicht war es auch gut so. Vielleicht war er dazu noch nicht in der Lage. Oder vielleicht war er überhaupt nicht mehr dazu in der Lage – und würde es auch nie mehr sein. Er seufzte in seine Kaffeetasse, als ihm dieser Gedanke durch den Kopf ging… Vielleicht ist die Zeit zum Ausscheiden aus dem Dienst wirklich gekommen. Dieser Gedanke ging ihm in letzter Zeit des Öfteren durch den Kopf. Dies war einer der Gründe, weshalb er sich die Mühe gemacht hatte Riley Sweeney zur Verhaltensanalyseeinheit zu versetzen. Der Grund weshalb er einen solch unerfahrenen Agenten sich als Partner ausgesucht hatte. In all den Jahren als Fallanalytiker war er noch nie auf jemanden gestoßen, der ein dem seinigen ebenbürtiges Talent besaß – der Fähigkeit sich in die Gedanken eines Mörders zu versetzen. Wann auch immer er sich aus dem Dienst zurückziehen mochte, er wollte jemanden seines Kalibers hinterlassen, um seine Arbeit weiterzuführen – einen vielversprechend jungen Agenten der in seine Fußstapfen treten konnte. Aber Riley für all dies vorzubereiten könnte sich als keine einfache Aufgabe herausstellen. Er beschrieb sie oft als »ungeschliffenen Diamanten«. Und in der Tat war sie ein ungeschliffener Diamant. Selbst jetzt, nachdem sie ihren Abschluss an der Akademie gemacht hatte, war sich Jake sicher, dass es viel Arbeit kosten wird, bis die verbliebenen Ecken und Kanten weggeschliffen sind. Ihre Impulsivität, ihre Neigung dazu, die Regeln zu biegen und sogar zu brechen und Befehle nicht zu befolgen, und ihr Mangel an Disziplin, wenn es darum ging ihre Begabungen voll einzusetzen – all dies wird noch viel Arbeit kosten. Sie hat noch viel zu lernen, dachte Jake. Und er musste sich die Frage stellen, ob er denn überhaupt noch die Fähigkeit dazu hatte, ihr all die Sachen, die sie noch lernen musste, beizubringen, besonders jetzt da es schien, dass er seine besten Zeiten schon hinter sich hatte. Eine Sache schien jedoch sicher – er würde sie hart rannehmen müssen. Nicht, dass er sie bisher geschont hätte. Tatsächlich fiel es ihm oft schwer, sein Temperament in Schach zu halten, wenn sie durchgedrehte Anfängerfehler begann. Aber er mochte sie sehr, obwohl er versuchte es so gut wie möglich zu verbergen. Sie erinnerte ihn an sich selber, als er noch viel jünger war. Deshalb kam er oft in Versuchung sie zu verhätscheln. Aber er musste es sich verkneifen. Er musste sie hart rannehmen. Er musste sie schnell in Form bringen. Als Jake mit seinem Frühstück zu Ende war, ertappte er sich dabei, wie er wieder an Harry Carnes dachte. Wahrscheinlich wartete dieser jeden Augenblick auf eine Rückmeldung von ihm. Jake wunderte sich… Kann ich den wirklich nichts für den Kerl tun? Er musste zugeben, seine Gemütslage verbesserte sich ein wenig beim Gedanken diesen Ort zu verlassen. Und wieso auch nicht? Erik Lehl schien im Augenblick nicht verbissen darauf, ihm einen neuen Fall zuzuordnen. Die Alternative war im Büro zu sitzen und langweiligen Papierkram zu erledigen, außer vielleicht… Eine Idee nahm in Jakes Kopf Züge an. Er hatte noch viel angehäufte Urlaubszeit, die er nehmen konnte. Er könnte Lehl darum bitten, zwei oder drei Tage freizunehmen, sich nach Arizona begeben und schauen, ob er etwas für Harry tun könnte. Natürlich befand sich Riley Sweeney auf dem Weg hierher, um sich zum Dienst zu melden. Aber es wäre nicht sinnvoll, dass sie anfinge, in der Verhaltensanalyseeinheit zu arbeiten, während sich ihr Partner auf Urlaub befand, also… Warum kann sie nicht mitkommen? Es würden sich dabei wahrscheinlich einige einfache, gefahrlose Ausbildungsmöglichkeiten für einen unerfahrenen Agenten bieten. Die Idee brachte ihn zum Lächeln. Als Jake die Kantine verließ und sich auf den Weg zum Büro von Erik Lehl machte, kam ihm der Gedanke… Wer weiß? Es könnte sogar Spaß machen. Kapitel drei Rileys Stimmung war schlimm, als sie sich dem Hauptsitz der Verhaltensanalyseeinheit in Quantico näherte. Die Fahrt von ihrer Wohnung in DC bis hierher war ärger als erwartet. Der Morgenverkehr war so stockend und schleppend, dass sie beinahe ihre Ausfahrt verpasste. Es wäre noch schlimmer gewesen, wenn ich in der entgegengesetzten Richtung unterwegs gewesen wäre, dachte sie sich. Dennoch, sich jeden Morgen durch diesen Verkehr zu bewegen würde keinen Spaß machen. Und dann noch die Rückfahrt nach einem harten Arbeitstag – ob das wohl einfacher sein würde? Jetzt, da sie endlich den Parkplatz der Verhaltensanalyseeinheit erreichte, bemerkte sie zwei Einfahrten – eine für Besucher und eine für die Angestellten. Welche Einfahrt sollte sie nehmen? Niemand hatte es ihr mitgeteilt. Tatsächlich hatte sie mit niemandem Kontakt, seit sie vorgestern die Nachricht nach ihrer Abschlussfeier erhielt – die Nachricht, in der ihr gemeldet wurde sich in Quantico und nicht in DC zum Dienst zu melden. Als sie die Nachricht erhielt, war sie sich sicher, dass die Versetzung die Idee von Agent Crivaro gewesen sein musste. Aber jetzt war sie sich nicht mehr so sicher. Immerhin hatten sie schon an ein paar anspruchsvollen Untersuchungen zusammengearbeitet. Hätte sie Agent Crivaro nicht angerufen, um die Änderung mit ihr zu besprechen? Mittlerweile hatte sie wirklich keine Ahnung mehr, was der Tag ihr alles noch bringen könnte – oder, besser gesagt, was die absehbare Zukunft für sie parat hielt. Dann wurde es Riley auf einmal klar, dass was auch immer die Zukunft für sie bereithielt, alles, was sie über das vergangene Jahr hindurch erlebt hatte, führte zu diesem Ort. Als sie sich an der Mordermittlung im Wohnheim beteiligte, als sie zusammen mit Jake an einem Fall arbeitete, während sie sich immer noch in Ausbildung befand, all dies führte sie hierher. Sie war kein Besucher. Sie war eine Agentin des FBI. Sie nahm die Einfahrt für Angestellte, an der ein Sicherheitswachmann in seiner Kabine Wache hielt. Riley holte ihre Dienstmarke heraus und zeigte sie dem Wachmann. Der Wachmann nickte und sagte: »Sie werden schon erwartet.« Dann reichte er ihr einen Parkausweis und gab ihr ein Handzeichen zum Weiterfahren. Riley fühlte, wie die Erregung sie überkam. Dies war das erste Mal, dass sie sich durch ihre FBI-Dienstmarke ausgewiesen hatte, und es machte einen großen Unterschied. Ich habe wirklich einen Parkplatz erhalten! Die Erregung ließ aber schnell nach, als Riley umherfuhr, auf der Suche nach einer freien Stelle. Erinnerungen an den gestrigen Tag kamen ihr zu. Nach all den Wochen im Wohnheim bekam sie endlich die Gelegenheit zwei Nächte und den ganzen Sonntag mit Ryan zu verbringen. Ihre erste Nacht zusammen war sehr aufregend, weil sie so lange voneinander getrennt waren, aber am nächsten Tag waren die Dinge nicht besonders angenehm. Ryan war überhaupt nicht glücklich über Rileys neue Zuweisung und die dadurch ihnen bevorstehenden Unannehmlichkeiten. Unannehmlichkeiten! Riley spottete laut. Die Hauptunannehmlichkeit die Ryan erdulden musste war, dass Riley den Wagen für ihre tägliche Fahrt zur Arbeit brauchte, was bedeutete, dass er auf die U-Bahn für seinen Arbeitsweg angewiesen sein würde. Sein Stolz war dadurch jedoch verletzt. Sein Ford Mustang war einer der wenigen Luxusgüter, die er sich im Leben gönnte, und er liebte es ihn jeden Tag zur Arbeit zu fahren. Sie wusste es half ihm dabei sich mehr wie der großer Anwalt, der er eines Tages auch sein würde, zu fühlen. Ryan hatte sich nicht offen über die Umstände beschwert, aber verbarg seine Gefühle darüber auch nicht. Er hatte seine Großzügigkeit und seine Selbstaufopferung zu sehr an die große Glocke gehängt, im Versuch es so aussehen zu lassen als würde er große Anstrengungen unternehmen und sich große Mühe geben, sie in ihrer neuen Karriere zu unterstützen. Und all das aufgrund dieses blöden Autos, dachte sie, während sie auf der leeren Parkstelle halt machte und den Motor ausstellte. Sie stieg aus dem Wagen aus und blieb einen Augenblick lang stehen, um einen Blick auf ihn zu werfen. Sie erinnerte sich an den Augenblick als sie zum ersten Mal den Mustang erblickte. Damals befanden sie sich beide noch im Studium, als sie zum ersten Mal ausgingen. Sie war sehr beeindruckt, als er zu ihrem Wohnheim in diesem Wagen angefahren kam. Auch beeindruckte sie seine Galanterie, als er aus dem Wagen stieg, um ihr die Tür zum Beifahrersitz zu öffnen. Auf den Wagen starrend stieß sie einen Seufzer aus. Diese sorglosen Tage, als sie und Ryan sich gerade kennenlernten, erschienen ihr in diesem Augenblick schrecklich lange her. Der Mustang konnte sie nicht mehr beeindrucken und sie wünschte sich, er wäre auch in Ryans Augen keine so große Sache. Und wo liegt eigentlich das Problem daran mit der U-Bahn zur Arbeit zu fahren? Sie fuhr im Sommer täglich mit der U-Bahn, als sie im Ehren-Praktikum-Programm des FBI teilnahm. Es ist ein sehr effizientes Fortbewegungsmittel und mit der Zeit fand sie Gefallen daran in Begleitung anderer Passagiere mitzufahren. Aber andererseits wurde sie nicht von Ryans männlichen Stolz geplagt. Sie machte sich auf den Weg ins Gebäude und wies sich mit ihrer Legitimation an der Eingangsschleuse aus. Der Wachmann überprüfte ihren Namen und teilte ihr mit, dass sie sich unverzüglich im Büro von Agent Crivaro melden solle. Als Riley in den Fahrstuhl stieg, war sie sich sicher, dass dies ihre ursprüngliche Vermutung bestätigte – dass es Agent Crivaros Einfall gewesen war sie nach Quantico zu versetzen. Sie konnte nicht anders als stolz darauf zu sein, dass er sie hier haben wollte. Crivaro war nicht nur ein guter und erfahrener Agent, er war fast eine Legende im FBI. Aber was konnte er von einem Anfänger wie ihr an ihrem ersten Arbeitstag erwarten? Wahrscheinlich Papierarbeit, vermutete sie. Es erschien, dass Langeweile ihr in Aussicht stünde, aber sie wusste, dass ihre Arbeit im FBI nicht nur aus Abenteuern bestehen konnte. Sie hatte bereits mehr als die übliche Menge an Erfahrung im Feld gesammelt, als das für einen Anfänger gängig war. Trotzdem war sie genau das – ein Anfänger. Die Sache langsam anzugehen schien hier geraten. Es würde zwar nicht allzu abenteuerlich zugehen, aber dadurch würde es auch nicht gefährlich werden. Und es wäre auch nett der Abwechslung halber eine normale Arbeitszeit zu haben, zumindest eine Zeit lang. Ein verlässlicher Tagesablauf würde dabei helfen die Spannung zwischen ihr und Ryan zu lockern. Es würde ihnen die Gelegenheit schaffen sich wieder aneinander zu gewöhnen. Sie trat aus dem Fahrstuhl und machte sich auf den Weg zu Crivaros Büro. Dann klopfte sie an seiner Tür. Eine vertraute ruppige Stimme rief sie ein. Als sie die Tür öffnete, stand Crivaro bereits neben seinem Schreibtisch. Er hatte eine Jacke und einen Hut an. Eine bereits gepackter Rucksack lag ihm zu Füßen. Er schaute auf seine Uhr und sagte: »Wurde auch Zeit, dass du hier bist.« Riley schaute auf ihre Uhr und sah, dass sie überhaupt nicht zu spät war. Ganz im Gegenteil, sie war früh dran. Aber sie war zu verdutzt um dies zu erwähnen. »Wo sind deine Sachen?«, fragte Crivaro. »Draußen, im Auto«, antwortete Riley. Obwohl sie nicht viel über die Arbeit eines Agenten der Verhaltensanalyseeinheit wusste, war sie sich dennoch sicher, dass es nicht von einem erwartet wurde jederzeit gepackt zu sein und bereit zu sein sich unverzüglich auf den Weg zu machen. Nicht, dass sie nicht erwartet hatte sich in baldiger Zeit auf Reisen zu begeben. Crivaro fragte: »Hast du dein Auto auf dem Parkplatz für die Angestellten stehen?« Riley nickte. »Also dann«, sagte Crivaro und warf sich den Rucksack auf die Schulter. »Wir holen es auf dem Weg zu meinem Auto ab.« Crivaro schritt geradewegs an Riley vorbei durch die Bürotür hinaus. Riley beeilte sich, um mit ihm Schritt halten zu können. Sie stottere: »A-aber wo gehen wir denn hin?« »Auf uns wartet ein Fall in Arizona«, sagte Crivaro. »Wir nehmen einen Flug nach Phoenix, also fahre ich uns zum Flughafen.« Riley wurde wegen der plötzlichen Entwicklung des Sachverhalts, schwindelig. »Wie lange bleiben wir denn in Arizona?«, fragte sie. »So lange wie es nötig erscheint«, antwortete Crivaro. »Ich spekuliere nie über solche Sachen.« Riley verschlug es den Atem. Das war so ziemlich das Letzte, was sie vom heutigen Tag erwartet hatte. Und ganz gewiss warf es ihre Pläne, sich mit Ryan ein wenig einzuleben, über den Haufen. »Kann ich nur ein paar Augenblicke bekommen bevor wir losfahren?«, fragte Riley. »Ich muss meinen Verlobten anrufen und ihm Bescheid geben.« Ohne Halt zu machen, fragte Crivaro: »Hast du dein Handy dabei?« »Ja«, sagte Riley, immer noch ihm hinterher trabend. »Also, du kannst wohl gleichzeitig laufen und reden, oder nicht?« Weiterhin den Flur entlang laufend, zog Riley ihr Handy heraus und rief Ryan an. Als er sich meldete, sagte sie: »Ryan, etwas ist dazwischen gekommen. Ich fliege heute nach Phoenix. Genau genommen, jetzt gleich.« Sie konnte hören, wie Ryan nach Luft schnappte. »Du tust was?« »Ja, ich bin auch überrascht«, sagte Riley als sie und Crivaro in den Fahrstuhl stiegen. Ryan fing jetzt an zu plappern. »Riley, das ist doch Wahnsinn. Es ist doch gerade mal dein erster Arbeitstag.« »Ich weiß«, sagte Riley. »Es tut mir leid.« »Wie lang bist du weg?« Riley schluckte und sagte: »Ich, also – Ich habe keine Ahnung.« »Was meinst du damit, du hast keine Ahnung? Wozu gehst du denn überhaupt nach Arizona? Kommst du denn vor Weihnachten zurück nach Hause? Es sind ja nur noch ein paar Tage bis dahin, oder?« Gute Frage, dachte sich Riley. Anstatt zu versuchen eine Antwort zu geben, sagte Riley: »Schau, ich lasse es dich wissen, sobald ich weiß, wann ich zurückkomme.« »Fährst du mit dem Auto oder wie?«, fragte Ryan. »Natürlich nicht. Wir nehmen einen Flug.« »Wer sind ‘wir’?« »Ich und Agent Crivaro.« Riley und Crivaro stiegen aus dem Fahrstuhl heraus und machten sich auf den Weg zum Gebäudeeingang. Ryan sagte: »Wenn du dahin fliegst, wo bleibt dann mein Auto?« Riley war überrascht. Sie hatte keine Zeit über das Auto nachzudenken. Sie sagte: »Es befindet sich auf dem Parkplatz der Verhaltensanalyseeinheit hier in Quantico. Keine Sorge, ihm geschieht nichts.« »Wie lange werde ich ohne es auskommen müssen?« Riley fühlte wie ihr die Wut hochkam. »Du kommst schon irgendwie ohne klar, Ryan«, sagte sie. »Ja, aber für wie lange?« »Wie ich schon sagte – ich melde mich, sobald ich es selber weiß.« Während Riley und Crivaro das Gebäude verließen, fuhr Ryan mit seinem Gejammere fort. Riley konnte nicht anders, als zu bemerken, dass es hauptsächlich um sein Auto ging. Je länger er redete, desto mehr irritierte es sie. Sie und Crivaro liefen durch den Parkplatz, als sie endlich sagte… »Schau, Ryan – ich kann jetzt wirklich nicht reden. Ich verspreche, dass ich mich so bald wie möglich melden werde. Ich liebe dich.« Sie konnte immer noch Ryans Stimme beim Meckern hören, als sie den Anruf abbrach. Ihr die Autotür offen haltend, fragte Crivaro: »Alles in Ordnung zu Hause?« »Könnte nicht besser laufen«, murrte sie, während sie sich in den Beifahrersitz begab. Ihre Wut verblasste und sie konnte nicht anders, als sich vor Crivaro zu schämen, obwohl dieser Ryans Worte nicht überhören konnte. Crivaro stieg ins Auto und zündete den Motor. Dann sagte er ein klein wenig lächelnd zu Riley: »Ach, falls ich es noch nicht erwähnt hatte – wir sind jetzt Partner.« Ja, das habe ich mir schon alleine zusammenreimen können, dachte sich Riley, während Crivaro den Parkplatz verließ. Also, ein paar Sachen waren klar. Sie war eine FBI Agentin. Sie und Jake Crivaro waren Partner. Und sie befanden sich auf dem Weg nach Arizona. Sie wünschte, sie hätte eine Idee davon, was sie noch vom heutigen Tag alles erwarten konnte. Kapitel vier Riley konnte nicht anders, als sich zu wundern… Ist er vielleicht sauer auf mich? Auf dem Weg von Quantico zum Regan Flughafen hatte Agent Crivaro kaum mit ihr gesprochen. Aber weshalb…? Sie wusste, dass er eine schroffe, ungeduldige, und bisweilen zornige Art haben konnte, immer wenn sie Fehler machte oder Befehle nicht befolgte – was bedauerlicherweise nicht allzu selten der Fall war. Aber was konnte sie in der kurzen Zeit, in der sie heute Morgen zusammen gewesen waren wohl falsch gemacht haben? Er hatte sie nur aus dem Gebäude der Verhaltensanalyseeinheit gehetzt, ohne wirklich etwas zu erklären. Er gab ihr nicht einmal Zeit Halt zu machen, um ein Privatgespräch mit Ryan zu tätigen. Natürlich war jetzt Ryan sauer auf sie und sie war es sich auch bewusst, dass er einigen Grund dazu hatte verärgert zu sein. Aber wo konnte das Problem bei Agent Crivaro liegen? Vielleicht hat es nichts mit mir zu tun, hoffte sie im Stillen. Vielleicht plagt ihn eine persönliche Angelegenheit. Wie dem auch sei, es erschien Riley keine gute Idee zu sein, ihn danach zu fragen. Sie blieb einfach still im Auto sitzen und versuchte sich auf die unglaublichen Geschehnisse des heutigen Tages zu konzentrieren – sie war eine Agentin des FBI, ihr wurde ein Fall zugeteilt und ihr Partner war einer der angesehensten Agenten der Verhaltensanalyseeinheit. Crivaro hetzte sie durch die Abfertigung, als sie am Flughafen ankamen. Sie musste sich beeilen, um mit ihm Schritt zu halten, da er den ganzen Weg zum Flugsteig praktisch rannte. Außer Atem vor der Raserei durch die Flughafenhalle kamen sie gerade rechtzeitig zum letzten Aufruf für die Passagiere ihres Fluges an. Riley fiel jetzt ein, wie Crivaro auf die Uhr schaute, als sie in seinem Büro angekommen war und meckerte… »Wurde auch Zeit, dass du hier bist.« Jetzt wurde es Riley klar, weshalb Crivaro so beunruhigt wegen der Zeit war. Wären sie nur ein paar Minuten später am Flugsteig angekommen, sie hätten ihren Flug komplett verpasst. Sie wünschte, er hätte ihr die Sache erklärt, anstatt zu erwarten, dass sie ihm ohne Fragen zu stellen folgte. Er hatte ihr schon früher mitgeteilt, dass er Schwierigkeit bei der Zusammenarbeit mit einem Partner hatte. Und jetzt, da sie sein Partner und nicht nur eine Auszubildende war, was würde dies für sie wohl bedeuten? Es kam Riley in den Sinn, dass Crivaro diese Reise sehr wahrscheinlich in großer Eile geplant haben musste. Wahrscheinlich wusste er selber bis zum letzten Augenblick nichts davon. Es muss sich um etwas sehr Dringendes handeln, dachte sie sich, während sie ein leichter Nervenkitzel überkam. Nachdem sie das Flugzeug bestiegen hatten, setzte sich Crivaro an einen Fensterplatz und starrte nach draußen, während das Flugzeug abhob. Neben ihm sitzend wunderte sich Riley, was ihm wohl durch den Kopf ging und weshalb sie sich in einer solchen Eile befanden. Als das Flugzeug seine normale Flughöhe erreichte, neigte Crivaro seinen Sitz nach hinten und starrte weiterhin durch das Fenster. Das Licht fiel auf sein Gesicht und ließ die durch jahrelange Arbeit an schwierigen Fällen entstandenen Falten zum Vorschein kommen. Riley war sich sicher, worum auch immer es dieses Mal ging, sie würde viel über die Verfolgung kriminellen Verhaltens lernen. Bereits während ihrer früheren Zusammenarbeit hatte sie sich daran gewöhnt, aus, woraus auch immer eine normale Routine zu bestehen pflegte, herausgezogen zu werden – Studium, Praktikum, Ausbildung an der Akademie. Jetzt, da sie dem Fall zugeordnet war, würde sie mehr Zeit dazu haben zu verstehen was sich abspielte. Aber wann würde sie es herausfinden? Sicherlich hatte sie auch jetzt schon ein Anrecht darauf mehr zu erfahren. Endlich fasste sie dem Mut zusammen, um ihn zu fragen… »Also, hast du vor mir etwas über den Fall, an dem wir Arbeiten sollen, zu erzählen?« Crivaros Lippen verzogen sich ein wenig. Es sah so aus, als wäre er sich nicht sicher wie er die Frage beantworten solle. Dann sagte er: »Vielleicht – nur vielleicht – sind wir einem Serienmörder auf der Spur.« Riley erschien es, als würde sie mehr als nur ein wenig Skepsis aus dem Ton seiner Stimme heraushören, als ob er nicht glauben würde, dass es dem so wäre. Nach einer kurzen Pause fuhr Crivaro fort: »Ungefähr vor einem Jahr wurde die Leiche einer Frau an einem Wanderpfad im Dyson Park in Colorado entdeckt. Gestern tauchte eine weitere Leiche an einem weiteren Wanderpfad in Arizona auf. Sie kam unter ähnlichen… nun ja, Umständen ums Leben. Wir gehen nach Arizona, um nachzuprüfen, ob wirklich ein Zusammenhang zwischen den Fällen besteht.« Crivaro schaute wieder zum Fenster hinaus, als ob es nichts mehr zu sagen gab. »War das alles?«, fragte Riley. »So ziemlich, ja«, antwortete Crivaro, immer noch zum Fenster blickend. Riley war jetzt völlig verwirrt. Es mag zwar ihr erster Arbeitstag sein, aber sie war sich sicher, dass Crivaro mehr wissen musste, als er es ihr gerade mitgeteilt hatte. Tatsächlich sollte er eine Akte voller Dokumente vorbringen können, um sie auf den letzten Stand der Dinge zu bringen. Sie sollten in diesem Augenblick sich diese Sachen durchschauen. Sie fragte: »Wie hießen die Opfer?« Crivaro zuckte leicht die Schultern: »An den Namen des Opfers in Colorado erinnere ich mich nicht. Und den Namen des Opfers in Arizona hat mir noch niemand mitgeteilt.« Riley konnte ihren Ohren nicht glauben. Was meint er damit, niemand hätte es ihm mitgeteilt? Was meint er damit, er erinnere sich nicht? Verheimlichte er es ihr, oder…? Ihre Augen weiteten sich, als ihr eine starke Vorahnung in den Sinn kam, womit sie es hier zu tun hatte. Sie sagte zu Crivaro… »Es handelt sich hierbei um keinen offiziellen Fall der Verhaltensanalyseeinheit, oder?« Crivaro antwortete leicht knurrend: »Das spielt keine Rolle.« Riley würde augenblicklich zornig. Sie sagte: »Ich meine, es spielt doch eine Rolle, Agent Crivaro. Dies ist mein erster Tag als Agentin der Verhaltensanalyseeinheit. Was mache ich hier überhaupt? Ich denke, ich habe ein Anrecht darauf mehr zu erfahren, als es mir bisher mitgeteilt wurde.« Crivaro nickte und rollte mit den Augen. »Riley Sweeney, eines Tages werden dir deine Instinkte noch großen Ärger bereiten.« Dan drehte er sich zu ihr. Mit leiser Stimme fing er an zu erklären. »Schau, heute früh erhielt ich einen Anruf von einem alten Freund. Sein Name ist Harry Carnes. Er ist ein ehemaliger Polizist aus Los Angeles und wir arbeiteten dort an einem Fall zusammen. Er ist in den Ruhestand getreten und nach Colorado gezogen. Vor einem Jahr wurde eine Frau unweit seines Wohnorts ermordet – die erste von den bereits erwähnten zwei Frauen. Er versuchte der örtlichen Polizei bei der Aufklärung zu helfen, aber der Fall blieb ungelöst.« »Und?«, fragte Riley. »Und – Harry ist mit seiner Frau diesen Winter im Südwesten unterwegs. Nachricht zu einem neuen Mordfall ist ihm zu Ohren gekommen, bei dem er dachte, dass er vielleicht in Zusammenhang mit dem Fall in Colorado stünde. Also bat er mich hinzugehen und der Sache auf den Grund zu gehen.« Riley wurde von Sekunde zu Sekunde ratloser. »Identische Mordfälle«, sagte sie. »Und weshalb ist es kein Fall für das FBI?« Crivaro schüttelte seinen Kopf und sagte: »Ich mied die offiziellen Kanäle. Es scheint mir nicht etwas zu sein, worin sich das FBI einmischen wollen würde. Ich weiß auch noch nicht wie sehr sich die Fälle ähneln. Auch sind einige der Details gar nichts Ungewöhnliches. Tatsächlich vermute ich, dass kein Zusammenhang zwischen den beiden Mordfällen besteht.« Riley warf Crivaro einen strengen Blick zu und sagte… »Also, was du mir damit sagen willst ist, dass du nach Arizona fliegst, um einem alten Freund damit einen Gefallen zu tun.« »Du hast es erraten«, sagte er. Riley fiel es schwer der ganzen Sache einen Sinn zu entnehmen. Sie fragte: »Und warum zerrst du mich in die Sache mit hinein?« »Du bist mein Partner«, antwortete Crivaro. »Aber es handelt sich nicht einmal um einen richtigen Fall!« Crivaro zuckte mit den Schultern: »Das wissen wir noch nicht. Vielleicht stellt es sich heraus, dass Harry recht hat. Vielleicht stehen die zwei Mordfälle wirklich in Zusammenhang und wir bekommen es mit der Jagd nach einem echten Serienmörder zu tun. Sollte dies der Fall sein, dann wird es ein Fall für die Verhaltensanalyseeinheit werden. Du würdest es dir doch nicht entgehen lassen wollen, oder nicht? Wie dem auch sei, Ich dachte… also, ich dachte mir, dass es sich hierbei um eine gute Gelegenheit handeln würde uns beide an die Zusammenarbeit miteinander zu gewöhnen.« Riley rief beinahe laut aus… Wir haben doch bereits an drei Mordfällen miteinander zusammengearbeitet! Aber es fiel ihr ein, dass in diesen früheren Fällen sehr viel Spannungen zwischen ihnen herrschte. Und auch war sie damals keine Agentin. Vielleicht hatte Agent Crivaro recht. Vielleicht brauchten sie ein wenig Zeit sich an die Zusammenarbeit in ihren neuen Rollen zu gewöhnen. Aber war dieser inoffizielle und womöglich sogar nicht bestehende Fall wirklich der beste Zeitpunkt dazu? Sie fragte: »Wer zahlt denn für diesen Einsatz eigentlich?« »Ich zahle, in Ordnung?«, murrte Crivaro. »Natürlich werde ich die Kosten rückerstattet bekommen, sollte es sich als ein echter Fall herausstellen.« Riley sagte: »Also, du teilst mir was mit? Dass wir uns auf einer Art Urlaub miteinander befinden?« Crivaro schmunzelte unbeholfen: »Hey, das Wetter in Arizona ist zu dieser Jahreszeit sicherlich viel angenehmer als in Virginia. Du brauchst dich für den Ortswechsel bei mir nicht zu bedanken.« »Ich finde es nicht lustig«, sagte Riley, während sie sich bemühte ihrer gefühlten Irritation keinen Ausdruck zu verleihen. »Du hättest mir zumindest von Anfang an sagen können worum es sich hier eigentlich handelt.« Sich verteidigend, sagte Crivaro: »Also, offensichtlich war ich in Eile. Und auch würdest du sowieso keine Arbeit in Quantico während meiner Abwesenheit zu verrichten haben. Deshalb ist es besser, dass du mich begleitest und zumindest versuchst nützlich zu sein. Wir werden eine Untersuchung durchführen während wir dort sind. Es könnte sich auch als gute Lernerfahrung für dich herausstellen. Also worin besteht das Problem?« »Ich sage dir, worin das Problem liegt«, antwortete Riley. »Ich habe einen Verlobten zu Hause der sauer auf mich ist, weil ich mich so plötzlich aus dem Staub gemacht habe. Glaubst du, er wird sich weniger ärgern, wenn er hört, dass ich nicht einmal an einem echten Fall arbeite?« Crivaro seufzte schuldbewusst: »Und du wirst es im so mitteilen?« Riley machte ein bestürztes Gesicht. Sie hatte es nicht einmal in Erwägung gezogen, Ryan etwas von ihren Tätigkeiten während sie weg war zu verschweigen. »Natürlich!«, schimpfte sie. »Dann tut es mir leid«, sagte Crivaro. »Ich vermute, du hast recht. Ich hätte dich zuerst fragen sollen.« »Ja, das denke ich auch.« Crivaro sah sie jetzt teilnahmsvoll an und sagte: »Schau, wenn du mit dieser Sache nichts zu tun haben möchtest, ich kann’s verstehen. Sobald wir in Phoenix gelandet sind, kannst du den ersten Flug zurück nehmen, wenn du möchtest. Ich zahle auch für das Ticket. Möchtest du das?« Riley fühlte sich erneut überrascht über dieses Angebot und sie wusste nicht, wie sie antworten sollte. Soll ich das Angebot annehmen? wunderte sie sich. Einen Augenblick lang erschien die Antwort offensichtlich. Crivaro hatte kein Recht dazu sie quer durch die Vereinigten Staaten zu schleppen, um einen zwecklosen Auftrag zu erledigen. Und der unverzügliche Rückflug nach Hause wäre ein guter Weg das Verhältnis mit Ryan wieder auszubügeln – besonders, wenn es sich herausstellen sollte, dass sie noch einen oder zwei freie Tage bekommen würde, bevor sie wieder zur Arbeit in Quantico antreten müsste. Es könnte sich als genau das herausstellen, was ihre Beziehung brauchte. Dann klang ihr aber plötzlich wieder seine verärgerte Stimme im Ohr, als er sie über das Handy fragte… »Was ist mit meinem Auto? Wie lange werde ich ohne es auskommen müssen?« Riley erstarrte vor Verärgerung. Dieses blöde Auto, dachte sie. Ohne das Auto auskommen zu müssen erschien Ryan schwieriger zu fallen, als ohne sie auskommen zu müssen. Es machte sie wirklich stinksauer. Auf einmal war sie nicht mehr in Stimmung dazu, die Sache mit Ryan wieder auszubügeln. Und soweit es um Crivaro ging… Also, zumindest zeigt er Interesse an mir. Zudem hatte Crivaro bei einer Sache recht. Sie würden sicherlich eine Untersuchung durchführen, selbst wenn es nur darum ginge herauszufinden, dass es nichts zu untersuchen gab. Es könnte sich dennoch als gute Erfahrung herausstellen. Vielleicht lernt sie dabei auch was. Endlich sagte Riley: »Es geht Ordnung. Ich gehe mit dir mit.« Crivaros Augen wurden hell. »Bist du dir sicher?«, fragte er. Riley schmunzelte ein wenig und antwortete: »Ich lass es dich wissen, sollte sich meine Meinung ändern.« Crivaro grinste: »Also dann, das Angebot steht immer noch, solltest du dich aus dem Staub machen wollen. Zumindest, soweit es sich um diesen Ausflug handelt. Aber wenn wir dann anfangen an echten Fällen zu arbeiten, dann kommst du nicht mehr von mir davon.« »Ich werde es im Hinterkopf behalten«, sagte sie. Crivaro lehnte sich zurück in seinen Stuhl und schloss die Augen. Offensichtlich wollte er ein Nickerchen machen. Riley nahm sich ein Magazin aus dem Sitzfach vor ihr und fing an es durchzublättern. Sie war dabei sich zu überdenken, was gerade hier abgelaufen war. Ich habe meine Arbeit über Ryan gestellt. Und sie war überrascht festzustellen, dass sie kein schlechtes Gewissen dabei hatte. Was sagt das über mich aus? wunderte sie sich. Und über unsere Zukunft? Dann fingen ihre Gedanken an, sich um die Gegenwart zu drehen. Arizona. Sie wusste nicht wirklich viel über diesen Staat. Sie hat den Großteil ihres Lebens in den grünen Hügellandschaften Virginias verbracht. Welche Überraschungen würde wohl ein solch andersartiger Staat für sie bereithalten? Kapitel fünf Als der Flieger in Phoenix landete, zogen Riley und Crivaro ihr Sachen aus den Gepäckfächern über ihren Köpfen und machten sich auf den Weg über die Landungsbrücke zum Flughafengebäude. Ungefähr zwanzig Leute warteten auf die Passagiere des Fluges, aber es bestand kein Zweifel daran, wer auf sie warten würde. Ein herzlich dreinschauender Kerl mit rötlichem Gesichtsausdruck winkte Crivaro energisch zu. Riley wusste, dass es sich um Harry Carnes handeln müsse. Die gleichermaßen stämmige Frau, die mit verschränkten Armen und einem finster dreinblickendem Gesichtsausdruck neben ihm Stand, musste Harrys Ehefrau sein. Sie sah im Moment überhaupt nicht glücklich aus. Der Mann begrüßte Crivaro mit einer festen Umarmung und Crivaro stellte Riley dem Paar vor. Der Name der Frau war Jillian. Riley schätzte, dass sie beide ungefähr in Crivaros Alter sein mussten, oder vielleicht auch ein wenig älter. Einen Augenblick lang war sie erstaunt, dass beide in T-Shirt, kurzen Hosen und Sandalen gekleidet vor ihnen standen. Sie und Crivaro hatten immer noch ihre Jacken und für kälteres Wetter vorgesehene Sachen an. »Gepäck?«, fragte Harry, während er ihre Outfits betrachtete. »Nur das hier«, erwiderte Jake und hielt seinen Rucksack hoch. Harry lachte und sagte: »Na dann, das werdet ihr schon noch früh genug regeln können.« Ihr gingen Crivaros während des Flugs geäußerten Worte durch den Kopf. »Das Wetter in Arizona ist zu dieser Jahreszeit sicherlich viel angenehmer als in Virginia.« Sie war definitiv nicht auf das Wetter hier vorbereitet. Sie waren in solch großer Eile loszufahren, dass sie keine Zeit hatte daran zu denken andere Kleidung einzupacken. Sie wunderte sich, ob sie sich neue Sachen kaufen müsse. Ihr Finanzlage würde sicherlich keine großen Anschaffungen verkraften können. Vielleicht wird es auch nicht notwendig sein, dachte sie. Wenn sie sich bald auf den Rückweg nach Quantico begeben würden, dann würde sie wahrscheinlich mit dem, was sie dabei hatte, auskommen können. Harry ging voraus zur nächstgelegenen Imbissbude, wo sie sich an einen Tisch setzten und Sandwiches zum Mittagessen bestellten. Crivaro sagte zu Harry: »Also, hier bin ich. Jetzt erzähl mir alles, was du weißt.« Harry zuckte mit den Schultern: »Ich weiß nicht viel, außer was ich dir schon über das Telefon mitgeteilt habe. Die Leiche einer Frau wurde gestern an einem Wanderpfad in der Nähe von Tunsboro aufgefunden. Der Ort liegt nördlich von hier. Ihr Name war Brett Parma. Als ich über die Nachrichten davon erfuhr, wurde ich neugierig und ich rief den Polizeichef in Tunsboro an. Anfangs hatte ich Schwierigkeiten ihn zum Reden zu bringen, aber es gelang mir einige wenige Informationen aus ihm herauszulocken. Er erwähnte die Schnitte an den Armen der Frau – und auch, dass sie woanders zu Tode ausgeblutet war, bevor ihre Leiche am Pfad hinterlassen worden war. Dann forderte er mich im Grunde auf, mich aus seiner Untersuchung herauszuhalten.« »Was wir auch tun wollten«, gab Jillian hinzu. Harry lehnte sich über den Tisch zu Crivaro: »Jake, ich hatte ein seltsames Gefühl dabei. Es war alles genau wie beim Mordfall von Erin Gibney ein Jahr zuvor. Mir kamen die Rückblicke zu Situationen von damals, als ich versuchte den Polizisten in Gladwin beim Lösen des Falls zu helfen, aber dabei scheiterte.« Harry murmelte mit gesenktem Blick: »Wir kamen damals nicht einmal annähernd an den Täter ran.« Jillian seufzte unzufrieden und sagte zu Crivaro: »Harry plagen die Schuldgefühle zu dieser ganzen Sache. Er meint, hätte er den Fall damals in Colorado gelöst, dann wäre dieser neue Mord gar nicht erst passiert. Natürlich ist es Unfug. Jake, kannst du ihn zur Vernunft bringen? Sag ihm, dass er keinen Grund hat sich was vorzuwerfen.« Crivaro starrte Harry teilnahmsvoll an. Er sagte: »Jillian hat recht. Du darfst dich deswegen nicht fertig machen. Selbst wenn ein Zusammenhang zwischen den beiden Morden bestehen sollte–« Harry unterbrach ihn: »Jake, es besteht ein Zusammenhang. Ich kann es in meinen Knochen spüren.« Riley konnte große Skepsis in Crivaros Gesichtsausdruck erkennen. »Harry, ich habe an viel mehr Mordfällen als du gearbeitet«, sagte Crivaro. »Ich weiß wie es sich anfühlt, sich verantwortlich für die Morde zu fühlen, weil man nicht in der Lage ist den Mörder zu fassen. Aber du darfst dich nicht von diesem Gefühl überwältigen lassen.« Er streckte seine Hand aus und legte sie auf den Arm seines Freundes. »Du hast niemanden ermordet, Harry. Du bist nicht dafür verantwortlich. Du trägst keine Schuld. Hörst du, was ich dir sage?« Harry stoß einen langen, bitteren Seufzer aus. Dann sagte er zu Jake und Riley: »Nun ja, ich war lange genug Polizeibeamter, um dies zu wissen. Wir haben sie nie alle lösen können. Aber, ich war auch lange genug im Amt um zu erkennen, wann meine polizeilichen Instinkte mich wahrscheinlich auf die richtige Fährte führen würden. Dieser letzte Mordfall löste wirklich einen Alarm bei mir aus.« Er legte sein zur Hälfte gegessenes Sandwich auf den Teller zurück und schob es von sich. »Ich bin froh, dass ihr zwei kommen konntet, um die Sache zu überprüfen«, fuhr er fort. »Es lässt mich viel besser schlafen. Esst fertig und ich fahre euch nach Tunsboro.« Jillian stieß ihn in den Arm und sagte fast flüsternd: »Warte einen Augenblick, Harry. Du fährst niemanden nirgends hin. Wir müssen erst zurück zum Campingplatz.« Harry warf seiner Frau einen bittenden Blick zu. »Ach, komm schon, Liebes«, flüsterte er ihr zu. »So sehr eilt es nicht. Und Tunsboro ist nur eine kurze Fahrt von hier entfernt.« »Sie können auch einen Wagen mieten«, sagte Jillian. »Wir hatten eine Abmachung, erinnerst du dich.« Harry schaute verlegen. Riley wunderte sich, was denn zwischen ihnen los war. Sie sah, dass sich Crivaro unsicher war, was er als Nächstes sagen sollte. Endlich sah Jillian Jake mit ernsthaftem Blick an und sagte… »Harry wird sich nicht in diese – diese – was auch immer es ist, einlassen. Er befindet sich im Ruhestand. Wir sind hier auf Urlaub. Ich will nicht, dass er sich wieder wegen diesem Erin Gibney Mordfall aufregt. Letztes Mal war er deswegen einen Monat lang ein unglückliches Wrack. Ich dachte, wir hatten die Sache endlich hinter uns gelassen.« Harry nickte zögernd und sagte zu Riley und Crivaro leicht lächelnd: »Also, ihr habt gehört, was die Dame zu sagen hatte. Sie hält mich an einer straffen Leine. Ich wünschte, ich könnte mit euch mitkommen, aber so sieht es nun mal aus. Wir haben einen Reiseplan. Wir machen uns noch heute auf den Weg zum Coronado National Forest. Wir haben eine Reservierung beim Riggs Flat Campingplatz.« »Und wir werden nicht absagen«, fügte Jillian scharfzüngig hinzu. »Komme, was da wolle.« Harry drückte ihre Hand und sagte: »Natürlich nicht, Liebste. Aber wir haben genug Zeit dazu die beiden zur Polizeiwache in Tunsboro zu fahren. Dann können wir zurück zum Campingplatz fahren und uns dort abmelden. Dies ist das Mindeste, was wir für sie tun können, nachdem sie sich die Zeit genommen und die Mühe gemacht haben.« Jillian starrte Harry streng an: »Gut – solange du mir versprechen kannst, dass du deine Meinung nicht unterwegs ändern wirst.« Harry hob unbeholfen seine rechte Hand. »Ich verspreche es«, sagte er und drückte ihr schnell einen Kuss an die Wange. Jillian lächelte und machte einen beruhigten Eindruck. Sie drohte Crivaro mit dem Finger und sagte… »Und wage es du ja nicht zu versuchen ihn umzustimmen!« »Es fällt mir nicht ein«, sagte Crivaro kichernd. Das Paar erschien jetzt viel entspannter. Harry griff sogar sein Sandwich wieder auf und unterhielt Riley und Crivaro durch leichtes Geplauder während sie weiter aßen. Hin und wieder gab Jillian ein paar Details hinzu oder korrigierte ihn. Harry und Jillian waren vor kurzem zum ersten Mal Großeltern geworden und ihre jüngste Tochter hatte neulich ihre Hochzeit. Wie es für diese Jahreszeit üblich war, war das Wetter in Colorado zu kalt für ihren Geschmack. Und so machten sie sich, wie fast jeden Winter, mit ihrem Wohnmobil auf in den warmen Südwesten, wo sie von Campingplatz zu Campingplatz zogen. Harry zeigte Riley und Crivaro stolz ein Bild ihrer Camping-Anlage – ein ziemlich großer Wohnwagen der von einem weißen Laster gezogen wurde. Harry nannte die Anlage »unser zweites Zuhause«. Wie das Geplauder seinen Gang nahm, bemerkte Riley einen wehmütigen Ausdruck in Crivaros Gesicht. Sie wunderte sich… Beneidet sie Crivaro vielleicht? Wieder fiel ihr auf, dass Crivaro und Harry ungefähr im selben Alter waren. Sie hatte sich keine Gedanken zu Crivaros Ruhestand gemacht. Ob er sich wohl darüber Gedanken machte? Obwohl Riley vieles über ihren Mentor nicht wusste, war ihr dennoch bekannt, dass er geschieden war und einen entfremdeten Sohn hatte. Crivaros Leben glich in Nichts dem Leben von Harry und Jillian, mit ihren engen Freunden und glücklicher Familie. Sollte er Enkel haben, würde er es zu Riley nie erwähnen. Er hatte ihr bereits gesagt, dass seine ehemalige Frau glücklich wiederverheiratet war, und das sein Sohn im Immobiliengewerbe tätig war und… »Sie sind vollkommen normal, wie ganz gewöhnliche Leute.« Mit einem selbstironischen Lachen fügte er hinzu… »Vielleicht bin ich für normal einfach nicht geschaffen.« Nicht zum ersten Mal fiel es Riley auf, dass Crivaro ein sehr einsamer Mensch sein musste. Wenn sein Beruf das Einzige war, dass seinem Leben Sinn gab, wenn er das Gefühl hatte, dass ihm etwas im Leben entgangen sei, dann war es vollkommen normal, dass dieses glücklich verheiratete Paar melancholische Gefühle in ihm weckte. War die Einsamkeit ein Grund dafür, dass er sie zu dieser Reise mitgebracht hatte? Es gab Augenblick an denen Riley Crivaro mehr als ihren eigentlichen Vater empfand, als es der Fall mit dem verbitterten ehemaligen Marinesoldat, der alleine in den Bergen lebte, war. Zumindest lobte er sie manchmal für Dinge, die sie richtig machte, was mehr war, als ihr echter Vater je tat. Sie wunderte sich… Ob er mich wohl je als seine Tochter ansah? Die Gruppe war fertig mit Essen und machte sich auf den Weg zum Parkplatz. Zu Rileys Erleichterung war das Wetter sehr angenehm. Warm, aber nicht zu warm oder zu feucht. Vielleicht würde die Kleidung, die sie mit hatte, doch ihren Zweck erfüllen können. Sie hatte erwartet die komplette Camping-Anlage aus dem Foto anzutreffen, aber sie waren nur mit dem Laster unterwegs. »Wo ist der Wohnanhänger?«, fragte Crivaro. »Das ist ja gerade das Wunderbare an der Camping-Anlage«, erwiderte Jillian. »Wir können den Wohnanhänger einfach auf dem Campingplatz lassen während wir in unserem Laster umherfahren. Es mag zwar nicht allzu schick aussehen, aber praktisch ist es allemal.« Crivaro und Harry kletterten in die Vordersitze und Riley und Jillian setzten sich auf den großen Rücksitz. Als Harry den Flughafen verließ, fing er an sich wieder mit Crivaro zu unterhalten – welche Strecken sie fahren würden um in den Süden Colorados zu gelangen, wohin sie als Nächstes fahren wollten, welche Orte sie jeden Winter besuchten, sogar wo es gute Gaststätten entlang des Wegs zu finden gab. Riley erschien es, als stünde ihm ein unbegrenzter Vorrat an unbedeutenden Themen zum Plaudern zur Verfügung, aber Crivaro schien stillvergnügt zuzuhören, anscheinend überhaupt nicht gelangweilt. Riley schaltete sich aus dem Gespräch aus. Sie war dankbar, dass Jillian, die neben ihr saß, keine Neigung dazu zeigte sich in ähnliches inhaltsloses Gerede zu vertiefen. Aber dann wurde es Riley bewusst, dass sie zumindest etwas zu Jillian sagen sollte, wenn auch nur höflichkeitshalber. Als Harry sich auf die Fernstraße begab und den Weg nach Norden einschlug, sagte Jillian: »Ich sehe, dass du verlobt bist.« Riley überraschte diese Bemerkung, aber sie merkte schnell, dass Jillian auf ihren Verlobungsring schaute. Sie lächelte und sagte: »Ja, das bin ich.« Jillian fragte halb-lächelnd: »Habt ihr schon einen Hochzeitstermin festgelegt?« Riley schluckte bei dieser Frage. »Eigentlich, nein. Noch nicht«, antwortete sie. In Wahrheit hatten sie und Ryan noch keine Idee, wann die Hochzeit stattfinden würde. Manchmal erschien es, als sei das Ganze wenig mehr als eine Fantasievorstellung. »Also«, sagte Jillian: »Ich wünsche euch alles Glück dieser Welt.« Jillian drehte dann ihren Kopf und schaute zum Fenster hinaus. Riley erschienen diese Worte sehr bedeutsam. »Ich wünsche euch alles Glück dieser Welt.« Jillian und ihr Ehemann schienen ihr Glück gefunden zu haben. Aber Riley hatte das Gefühl als wäre ihr Glück hart errungen worden und auch, dass Harrys Arbeit als Polizeibeamter ihnen die Sache nicht leicht gemacht hatte. Riley vertiefte sich in Überlegungen zu ihrer eigenen Zukunft. Was wartet auf sie wohl alles noch? Sie und Ryan funktionierten manchmal fabelhaft zusammen. Aber sie war besorgt darüber, dass auch für sie anhaltendes Glück vielleicht hart errungen werden musste. Ob sie wohl einmal mit einer geliebten Person glücklich in den Ruhestand treten würde? Oder würde sie alleine enden, so wie Agent Crivaro? Riley blickte durch das Fenster auf ihrer Seite des Lasters. Eine ähnliche Landschaft wie die da draußen kannte sie bisher nur aus Bildern. Außer in den Gebieten wo Leute Gebäude errichtet hatten oder Pflanzen kultivierten, erschien ihr diese Landschaft völlig leblos. Irgendwo, in einer ähnlichen Wüstenlandschaft, wurde eine junge Frau auf brutale Weise ihres Lebens beraubt. Ob dasselbe Monster schon früher gemordet hatte? Wenn ja, dann würden Riley und Crivaro dem ein für alle Mal ein Ende setzen müssen. Kapitel sechs Als sich der Laster dem Ort Tunsboro näherte, bemerkte Riley, dass Jillian wieder unruhig wurde. Und vielleicht aus gutem Grund, dachte Riley. Die beiden Männer in den Vordersitzen sprachen nicht mehr über Autoreisen und ähnliche Belanglosigkeiten. Harry hatte seinen beständigen Fluss an gehaltlosem Gerede abgeschaltet und kehrte wieder zum Thema, welches ihn am meisten in Gedanken quälte, zurück. »Wisst ihr was, so langsam fange ich an mir eine Theorie zu diesen zwei Morden zusammenzureimen«, sagte er. »Wollt ihr sie hören?« Riley und Jillian atmeten laut aus. Sie wusste, dass die Frau sich sorgte, ob ihr Mann sein Wort nicht halten würde und doch im letzten Augenblick sich in den Fall einmischen würde. Mit gereiztem Gesichtsausdruck murrte Crivaro unhörbar. Riley kam es deutlich vor, als wäre seine Antwort ein »Nein«. Aber Harry war offensichtlich dazu entschlossen, trotzdem über seine Theorie zu sprechen. »Ich denke – nein, ich bin mir fast sicher – dass der Mörder ein Camper ist, jemand der von Campingplatz zu Campingplatz zieht.« »Jemand wie du?«, fragte Crivaro ironisch. Harry schmunzelte und sagte: »Genau, jemand wie ich, jedoch ohne die in der Jagd nach solchem Abschaum verbrachten Jahre. Aber, wie dem auch sei, teilweise hast du recht. Der Mörder muss jemand sein, der sich gut in die ganze Camper-Szene einfügt. Auf Campingplätzen belauerte er sicherlich seine Opfer.« Crivaro schüttelte den Kopf: »Ich weiß nicht, Harry…« Harry ignorierte ihn und schwatzte weiter über seine Theorie. Riley fühlte sich, als ob sie Crivaros Skeptizismus verstehen konnte. Selbst wenn Harry recht hatte und die zwei Fälle in Verbindung standen, bedeutete dies immer noch nicht, dass der Mörder irgendjemanden »belauert« hatte. Sie wusste, dass manche Morde aus impulsiver Handlung bei Zufallsbegegnungen geschahen. Außerdem- reisen die meisten Camper nicht in Gruppen, oder zumindest zu zweit? Die Vorstellung eines psychotischen Campers, der sich auf den Campingplätzen der Vereinigten Staaten herumtreibt, erschien ein wenig weit hergeholt. Endlich sagte Harry: »Also, Jake, ich will dir nicht erzählen, wie du deine Arbeit zu machen hast, aber…« Riley konnte erkennen, wie Crivaro bei diesen Worten zusammenzuckte. Wieder murrte er: »Eigentlich ist es nicht meine Arbeit.« Jedoch bremste diese Bemerkung Harry keinesfalls. Er fuhr fort: »Ich denke du und deine Partnerin solltet die Campingplätze besichtigen und die Leute dort ausfragen. Früher oder später werdet ihr sicherlich auf einen Hinweis stoßen.« Crivaro rollte mit den Augen und Riley konnte nicht anders, als Mitleid mit ihm zu haben. Ohne Crivaros Bestürzung wahrzunehmen, fuhr Harry mit seiner Rede fort. »Allerdings, du und deine Partnerin könnt nicht einfach in einen Campingplatz einmarschieren, so wie ihr gerade gekleidet seid. Verdammt, es steht euch ‘FBI’ gänzlich ins Gesicht geschrieben. Ich kenne Camper. Die meisten sind ausgesprochen freundliche Menschen und sie werden mit euch reden, egal wer ihr seid. Aber es gibt auch eine andere Sorte von Leuten. Manch von ihnen sind mehr – wie heißt das Wort?« »Zurückhaltender«, murrte Jillian. »Manche sind einfach schüchtern.« »Ja genau, schüchtern«, sagte Harry. »Manch mögen es lieber unter sich zu bleiben. Und sollte einer dieser schüchternen Sorte etwas wissen, er würde sich aus dem Staub machen, sobald er euch erblickt. Ich schätze, was ich sagen will ist, ihr zwei müsst verdeckt ermitteln. Gebt euch einfach als Camper aus. Du kannst einfach sagen, dass du der Onkel des Mädchens bist, oder etwas Ähnliches. Sicherlich weißt du, wie du es anzustellen hast, aber hier wird es wahrscheinlich schwieriger sein als üblich. Zuallererst braucht ihr neue Sachen zum Anziehen. Kleidet euch ähnlich wie ich und Jillian. Und ihr braucht auch euren eigenen Anhänger oder ein Wohnmobil…« In diesem Augenblick unterbrach ihn Crivaro laut: »Harry, ich werde mir nicht ein Wohnmobil kaufen gehen.« »Ja, ich weiß, aber du könntest eins mieten«, gab ihm Harry Bescheid. »Es muss hier irgendwo einen Verleih geben. Passe nur auf, dass es halbwegs vernünftig aussieht und kein Schrotthaufen ist. Einige der besseren Campingplätze lassen dich nicht einmal mit einem älteren oder ausgeleierten Wohnmobil rein. Ich bin mir sicher, dass der Polizeichef in Tunsboro dir einen Platz empfehlen kann, wo du findest, was du brauchst.« Riley konnte sich das Lächeln nicht verkneifen. Die Idee mit Crivaro kampieren zu gehen und sich als seine Nichte auszugeben erschien ihr lächerlich. Wir würden niemanden damit hereinlegen, dachte sie. Ihr wurde bewusst, dass Harrys pausenlose Beratung nur zeigte, wie sehr es ihm an diesem Fall lag. Jillians grimmiges Schweigen sagte ihr auch, dass sich Harrys Frau seines Geisteszustandes bewusst war. Während Harry unablässig weiter plapperte, wie Riley und Crivaro die Untersuchung des Falles angehen sollte, fuhr sie an Golfplätzen und Ferienanlagen im Außenbezirk von Tunsboro vorbei. Als sie in Tunsboro angelangt waren, erschien es Riley, als befänden sie sich in einem alten Westernstädtchen, das jemand erfolglos versucht hatte für die Neuzeit umzukleiden. Gebäude mit quadratischen Fassaden zierten die Hauptstraße. Eine Reihe klappriger mit Blech überzogener und von dicken Holzstützen in der Luft gehaltener Vordächer streckte sich die Straße entlang. Trotz frisch aufgetragener Farbe hier und da, erschien keines der Gebäude bereit für das bevorstehende einundzwanzigste Jahrhundert. Tatsächlich waren es die Fußwege aus Beton, die gepflasterten Straßen, die Ampelanlagen und besonders die Autos, die merkwürdigerweise fehl am Platz erschienen. Harry parkte vor der Polizeiwache, die ebenfalls eine altmodische Fassade besaß. Er drehte sich zu Riley und Crivaro. »Ich vermute nicht, dass euch Polizeichef Webster erwartet. Ich habe nichts über meine Kontaktaufnahme zur Verhaltensanalyseeinheit des FBI erwähnt. Zumindest kennt er mich vom gestrigen Telefongespräche. Vielleicht sollte ich mit euch kommen und euch —« Jillian unterbrach ihn schroff: »Denk nicht mal daran, Harry!« Harry sah seine Frau mit einem flehenden Gesichtsausdruck an. »Es dauert nur eine Minute, Liebstes«, sagte er. »Es dauert nicht nur eine Minute. Und du weißt es auch. Wir verabschieden uns jetzt von deinen Freunden und machen uns schnurstracks auf den Weg zurück zu unserem Wohnanhänger. Dann brechen wir nach Coronado Forest auf. Damit ist die Sache gegessen.« »Aber, Liebste —« »Nichts ‘aber’, Harry. Wenn du mit in die Polizeiwache gehst, dann setze ich mich in den Fahrersitz und mache mich ohne dich auf den Weg.« Harry seufzte und zwang sich ein Lächeln auf. Er sagte zu Crivaro und Riley: »Also, die Dame hat gesprochen. Wie schon gesagt, eine straffe Leine. Wir machen uns jetzt auf den Weg. Geht auf die Jagd, ihr zwei. Und noch einmal, vielen Dank, dass ihr euch der Sache angenommen habt.« Als Riley und Crivaro aus dem Laster stiegen, hörten sie Harry murmeln: »Mir würde es nichts ausmachen, wenn ihr mich am Laufenden halten würdet.« »Tut’s nicht!«, erwiderte Jillian schroff. Riley und Crivaro standen da und schauten Harry und seiner Ehefrau nach, wie sie davonfuhren. Es erschien Riley sehr fremdartig sich hier zu befinden, plötzlich gestrandet inmitten dieser kleinen Stadt. Crivaro erging es offensichtlich ebenso. Er schaute auf den Boden, trat von einem Bein auf das andere und schüttelte den Kopf. »Das ist doch irrsinnig«, sagte er. »Wir hätten uns in diese Sache nicht einmischen sollen.« Riley lachte und sagte: »Also, meine Idee war es nicht.« Dann bemerkte sie, wie eine Möglichkeit in ihren Gedanken Gestalt annahm. »Abgesehen davon«, fügte sie hinzu: »dass, soweit wir wissen, Harry zu allem recht haben könnte.« Crivaro blickte sie an und knurrte: »Also, dass wir beide zusammen campen gehen, damit hat er nicht recht. Das wäre dann doch zu lächerlich. Irgendwo muss die Grenze gezogen werden.« »Da stimme ich mit dir überein«, sagte Riley. Crivaro drehte sich und ging auf das Gebäude zu. »Komm schon! Wir wollen uns beim Polizeichef vorstellen«, sagte er. Sie betraten die kleine Polizeiwache, wo sie ein Rezeptionist zum Büro des Polizeichefs Everett Webster weiterleitete. Er saß an der Ecke seines Schreibtisches und redete mit einem Polizisten als sie hereinkamen. Das Gespräch schien ernst. Riley war sich sicher, dass sie über den jüngsten Mordfall sprachen. Als Riley und Crivaro ihre Rucksäcke zum Vorschein brachten und sich vorstellten, klappte Webster der Unterkiefer herunter. »Ach du meine Güte«, gab er von sich. »Was in Gottes Namen habt ihr FBI-Leute hier zu suchen?« Crivaro sagte: »Uns wurde mitgeteilt, dass der Leichnam einer ermordeten Frau auf einem Wanderpfad unweit von hier gefunden wurde.« Webster sagte: »Ja, aber niemand hat zu diesem Fall das FBI hierher bestellt. Es handelt sich um einen örtlichen Vorfall und wir haben die Sache im Griff.« Dann blinzelte er Riley und Crivaro an und sagte: »Augenblick! Ihr seid doch nicht etwa aufgrund des durchgeknallten Kerls aus Colorado hier, oder? Des Kerls der anrief, um mich zu überzeugen, dass ein Zusammenhang zwischen diesem Mordfall und einen anderen Mordfall von vor einem Jahr besteht.« Crivaro zuckte mit den Schultern: »Wir sind nur hier um uns einen Einblick zu verschaffen.« Webster schüttelte seinen Kopf und sagte zum anderen Polizisten: »Wally, kannst du uns bitte ein paar Minuten alleine lassen?« Wally nickte und verließ das Büro. Webster ging ein paar Schritte vor seinem Schreibtisch hin und her. Mit seinem gewaltigen vorspringenden Kinn und einer fliehenden Stirn, die ihn wie eine Art Höhlenmensch erscheinen ließen, fiel er Riley als ziemlich unansehnlicher Mann auf. Aber seine Augen ließen auf einen wachen und recht intelligenten Geist schließen. Er sagte zu Riley und Crivaro: »Schaut, ich weiß nicht wie es dem Kerl gelungen ist das FBI dazu zu überreden euch zwei hierher zu schicken, aber ihr vergeudet hier wirklich nur eure Zeit. Es tut mir leid, dass ihr euch die Mühe machen musstet. Ich und meine Jungs haben die Sache voll im Griff.« »Das bezweifeln wir auch nicht«, sagte Crivaro in einem angenehmen Ton. »Dennoch, da wir ja schon hier sind, würden wir uns gerne alles anhören, was Sie uns zu diesem Mordfall sagen können. Wir sind Teil der Verhaltensanalyseeinheit und es hört sich an, als handele es sich hier um einen recht ungewöhnlichen Mörder. Wir dachten uns nur, dass wir Ihnen hier womöglich behilflich sein könnten.« Webster zuckte mit den Schultern und sagte: »Verhaltensanalyseeinheit? Nun ja, es ist wirklich ein sonderbarer Fall, das muss ich schon zugeben. Brett Parma war der Name des Opfers. Gerade eben führte ich ein Telefongespräch, wo ich versuchte mehr über sie zu erfahren.« Webster hob ein paar Notizen, die auf seinem Schreibtisch lagen, auf und warf durch seine Lesebrille einen Blick auf sie. Er sagte: »Es sieht so aus, als hätte sie als Empfangsdame in einer Arztpraxis oben in North Platte, Nebraska gearbeitet. Sie kam hierher im Rahmen eines dreiwöchigen Urlaubs. Sie blieb für ein paar Tage auf dem Wren’s Nest Campingplatz unweit von hier und meldete sich am Samstag dort ab. Danach hat sie niemand mehr gesehen – zumindest bis der Wanderer auf dem Wanderpfad gestern Abend auf ihre Leiche stieß. Angeblich hatte sie eine Reservation beim Beavertail Campingplatz, also nicht weit weg von hier. Aber sie kam nie dort an.« Webster legte seine Notizen wieder ab und sagte: »Das Seltsame an der Sache ist, dass sie nicht dort am Wanderpfad ermordet wurde. Es scheint als sei sie woanders aufgeschlitzt worden, wo sie auch ausblutete. Danach wurde ihr Leichnam auf dem Pfad ausgekippt.« Webster verschränkte seine Arme und fügte hinzu: »Schaut. Ich muss euch wahrscheinlich nicht erzählen, dass ich es sehr ernst nehme, wenn jemand innerhalb meines Zuständigkeitsbereichs ermordet wird. Es ist schlecht für den Tourismus und der Tourismus ist so ziemlich der einzige Wirtschaftszweig in Tunsboro – zumindest seit die Bergwerke vor Ewigkeiten dicht machten. Meine Jungs und ich werden diesen Fall schon bald gelöst haben, da bin ich mir todsicher. Nichts für ungut, aber mir wäre es lieber, wenn sich Quantico hier nicht einmischen würde.« Crivaro nickte: »Ich verstehe und ich respektiere Ihren Wunsch. Aber, da wir schon hier sind, wird es wohl nicht Schaden, wenn ich und meine Partnerin einen Blick auf den Tatort werfen? Wir werden wahrscheinlich auf den ersten Blick erkennen können, ob es hier für uns was zu tun gibt – und wahrscheinlich wird dies nicht der Fall sein. Dann können wir uns gleich wieder aus dem Staub machen.« Webster wurde sichtbar entspannter: »Hört sich nach einem Plan an«, sagte er. »Wie es der Zufall so will, war ich gerade dabei mich selber auf den Weg dorthin zu machen. Ihr zwei könnt mich gerne begleiten.« Riley und Jake folgten Webster nach draußen und stiegen mit ihm in seinen Wagen. Während sie mit Webster die Stadt verließen, dachte Riley über die Art nach, wie Brett Parma ums Leben kam. »Sie wurde woanders aufgeschlitzt, wo sie auch ausblutete.« Riley erschauderte als ihr der letzte grausige Fall, an dem sie und Crivaro zusammenarbeiteten, wieder in Erinnerung kam – der Fall des Stacheldraht-Mörders. Auch seine Opfer bluteten langsam zu Tode aus. Und damals beunruhigte es sie auf ähnliche Weise. Sie dachte auch über Crivaros Aussage von vorhin nach. »Dann können wir uns gleich wieder aus dem Staub machen.« Sie wunderte sich – meinte er es wirklich ernst? Riley hatte keine Ahnung ob Harry recht hatte und die beiden Mordfälle wirklich in Verbindung stünden. Aber eine Sache war absolut sicher – eine Frau kam vor kurzem hier in der Nähe auf brutalste Weise ums Leben. Konnten sie sich denn da einfach davonmachen? Würden sie wirklich nach Quantico zurückfliegen, ohne zumindest zu versuchen den Fall zu lösen? Es fiel ihr schwer sich dies vorzustellen. Aber was, wenn Crivaro darauf bestehen würde? Sie würde ihm zustimmen müssen, was auch immer er entscheiden würde. Und bisher hatte er kein wirkliches Interesse an diesem Fall gezeigt. Vielleicht war dies eine Folge der vielen Todesfälle die sich Sonderagent Jake Crivaro während seiner langen Laufbahn in der Verhaltensanalyseeinheit angesehen haben musste. Nun ja, dachte sie, Sonderagentin Riley Sweeney hatte auch mehr Mordfälle als die meisten Leute ihres Alters zu Gesicht bekommen. Und sie war nicht dazu bereit diesen Fall aufzugeben. Kapitel sieben Während Polizeichef Webster sie in seinem Polizeiwagen zum Außengebiet von Tunsboro fuhr, fühlte Riley, wie sich ihre Antizipation steigerte. Aber sie wunderte sich… Geht es nur mir so? Sie konnte keine Spur von Interesse in Agent Crivaros Gesicht erkennen. In diesem Augenblick, vorne neben dem Polizeichef sitzend, machte er eigentlich einen gelangweilten Eindruck. Kümmert dieser Fall Crivaro überhaupt nicht? Selbst nicht, nachdem er uns quer durch die Staaten hergeschleppt hat? Mit einem Seufzer ließ sich Riley auf dem Rücksitz nieder. Sie hoffte, ihr Partner würde aufleben, sobald sie den Tatort erreicht hatten. Webster fragte Crivaro: »Dieser Harry Carnes Typ – der Kerl, der mich anrief – kennen Sie ihn vielleicht?« »Ein wenig«, antwortete Crivaro. Riley wurde es bewusst, dass Crivaro nicht zugeben wollte, dass er und Riley aus einem persönlichen Gefallen einem alten Freund gegenüber hierhergekommen waren. Wahrscheinlich war es eine ebenso gute Idee Webster glauben zu lassen, dass sie eigentlich im offiziellen Dienst der Verhaltensanalyseeinheit hierher beauftragt wurden. »Also, ein richtiges Plappermaul ist der Kerl«, sagte Webster. »Ich kam kaum zu Wort während unseres ganzen Gesprächs.« Riley bemerkte, wie ein leichtes Schmunzeln Crivaros Gesichtsausdruck überkam. Es war einfach zu erraten, was er dachte… »Plappermaul« stimmt. In der ganzen Zeit, die sie mit ihm verbrachten, war Harry fast ununterbrochen an Reden. Webster fügte hinzu: »Er hörte sich nach einer Art Verschwörungstheoretiker an. So wie er unablässig über die in Colorado ermordete Frau quasselte. Er hat sich da eine richtige Theorie zusammengereimt – dass derselbe Täter wieder zugeschlagen hätte, achthundert Meilen weit entfernt und ein ganzes Jahr später. Sie werden ihm wohl nicht glauben wollen, oder?« Crivaro knurrte nur unverbindlich. Webster lachte: »Würde ich es nicht besser wissen, ich hätte Harry Carnes für einen der Ortsansässigen von Tunsboro gehalten. Wir haben hier so manch einen alten Hasen, der solche Märchengeschichten verbreitet. Falls Sie es nicht wussten, es gibt da eine Legende über unsere kleine Stadt, die seit den Bergbautagen die Runden macht. Es wird erzählt, dass jeder der nur einen Schluck Wasser vom Saguaro Creek trinkt, nie wieder in seinem Leben auch nur ein wahres Wort spricht. Er erzählt nur verrückte Geschichten bis ans Ende seiner Tage.« Mit erhobenem Zeigefinger sprach Webster zu Crivaro: »Verstehen Sie mich nicht falsch. Die Legende hat nichts mit mir zu tun. Ich bin eine Umpflanzung, in Texas geboren und aufgewachsen. Und ich trinke nur Flaschenwasser. Also erzähle ich meistens nur die Wahrheit. Sogar übermäßig, behaupten einige.« Webster fuhr in einem dunkleren Ton fort… »Und die Wahrheit ist, dass ich es nicht ausstehen kann, wenn Leute hier ermordet werden. Und zwar kein bisschen.« Riley gingen seine Worte aus der Polizeiwache durch den Kopf. »Ich nehme es sehr ernst, wenn jemand innerhalb meines Zuständigkeitsbereichs ermordet wird.« Auch teilte er ihnen mit… »Nichts für ungut, aber mir wäre es lieber, wenn sich Quantico hier nicht einmischen würde.« Webster machte den Eindruck eines sturköpfigen, zielstrebigen Mannes, und dies machte Riley ein wenig Sorgen. Sie konnte seine Entschlossenheit, den Fall ohne Hilfe von außen zu lösen, nachvollziehen. Aber aus eigener Erfahrung wusste sie, wie leicht ein Mordfall sich zu einem persönlichen Rachefeldzug entwickeln konnte. Crivaro hatte es versucht ihr beizubringen, sich nicht von solchen Gefühlen überwältigen zu lassen. Schritt für Schritt lernte sie die Wichtigkeit von Teamarbeit zu würdigen. Sie wunderte sich – wie sehr ist sich Webster desselben bewusst? Ob es ihm wohl klar war, als wie hilfreich sich sie und Crivaro bei dieser Ermittlung ihm erweisen könnten? Am meisten wunderte sie sich aber… Ist sich dieser Mann wohl bewusst, in welchem Ausmaß er dieser Situation wahrscheinlich nicht gewachsen ist? Sollte dieser Mörder auch nur teils den anderen ähneln, mit denen sie und Crivaro es in der Vergangenheit zu tun hatten, dann würde die Polizeiwache einer Kleinstadt nicht über die nötigen Fachkenntnisse, Ressourcen, oder die Erfahrung verfügen, um ihn zu fassen. Riley musste ihre Gedanken zügeln. Bislang gab es keinen Anlass zu vermuten, dass sie einem gefährlichen Serienmörder auf der Spur waren. Crivaro schien es jedenfalls nicht zu vermuten. Sie brachte sich dazu, ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu richten und schaute durch die Autoscheibe nach draußen. Die Landschaft hatte sich geändert. Während der Fahrt von Phoenix zu Tunsboro, fuhren sich hauptsächlich durch entwickeltes Gebiet – Ferienorte und Golfplätze und dergleichen. Jetzt nahm Webster eine Straße, die nicht viel befahren war und sie erhielt zum ersten Mal die Gelegenheit, einen Blick auf die wahre Wüstenlandschaft des Südwestens zu werfen. Gerade angetan war sie von ihr nicht. Die unüberschaubaren Ausdehnungen von felsigem, sonnengebräuntem Boden und kargem Gebüsch wurde nur hier und dort von hohen, strukturlosen Kakteen unterbrochen. Selbst der intensiv blaue Himmel erschien harsch und unerbittlich. Da Riley im ländlichen Virginia ihre Kindheit verbracht hatte, war sie an grüne Vegetation, Hügellandschaften und besonders an Bäume gewöhnt. Es war hier kein einziger Baum in Sicht. Weshalb Touristen wie Harry und Jillian hierherkamen und an der Landschaft Gefallen fanden, war ihr ein Rätsel. Sie musste jedoch zugeben, dass zumindest das Wetter sehr angenehm war. Webster hielt die Fensterscheibe heruntergerollt und die Luft war frisch, trocken und überraschend kühl für die Mittagszeit – nicht im geringsten feucht, wie es in Virginia der Fall war. 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