Vermisst
Blake Pierce


„Ein Meisterwerk der Spannung! Die Autorin schafft es auf hervorragende Weise den Charakteren eine psychologische Seite zu geben, die so gut beschrieben ist, dass wir uns in ihre Köpfe versetzt fühlen und ihren Ängsten folgen und über ihren Erfolg jubeln können. Die Handlung ist sehr intelligent und wird Sie das ganze Buch hindurch unterhalten. Voller Wendungen wird Sie dieses Buch bis zur letzten Seite wach halten.“ —Books and Movie Reviews, Roberto Mattos (zu Verschwunden)

VERMISST ist Band #16 in der Bestseller Reihe der Riley Paige Krimis, die mit dem #1 Bestseller VERSCHWUNDEN (Band #1) beginnt – welcher kostenlos zum Herunterladen zur Vefügung steht mit über 1000 fünf Sterne Bewertungen!Ein Serienmörder schlägt scheinbar zufällig zu, als er zuerst einen Mann Mitte Fünfzig tötet, dann eine Frau Mitte Fünfzig. Das einzige, was sie verbindet, ist das Souvenir, welches er mitnimmt: ein Esszimmerstuhl.

Was hat das zu bedeuten? Sind die Morde doch nicht so zufällig?FBI Spezialagentin Riley Paige muss mit ihren eigenen inneren Dämonen und ihrem dysfunktionalen Familienleben kämpfen, während sie in einem Wettrennen gegen die Zeit versucht, in die Gedanken des diabolischen Mörders vorzudringen, der zweifelsohne erneut zuschlagen wird.

Wird sie ihn rechtzeitig aufhalten können?

Ein Actionreicher psychologischer Krimi voller Spannung, ist VERMISST Band #16 einer aufregenden Reihe mit einer beliebten Hauptfigur, die sie zwingen wird, bis in die Nacht umzublättern.





Blake Pierce

Vermisst



Copyright © 2018 Blake Pierce Alle Rechte vorbehalten. Außer durch eine Genehmigung nach dem U.S. Copyright Act von 1976, darf kein Teil dieses Buches ohne ausdrückliche Genehmigung der Autorin vervielfältigt, vertrieben oder in irgendeiner Form übermittelt, in Datenbanken oder Abfragesystemen gespeichert werden. Dieses E-Book ist nur für ihren persönlichen Gebrauch lizenziert. Es darf nicht weiterverkauft oder an Dritte weitergegeben werden. Wenn Sie dieses Buch mit anderen teilen möchten, erwerben Sie bitte für jeden Empfänger eine zusätzliche Kopie. Wenn Sie dieses Buch lesen, aber nicht gekauft haben, oder es nicht für Sie gekauft wurde, geben Sie es bitte zurück und erwerben Sie eine eigene Kopie. Vielen Dank, dass Sie die harte Arbeit der Autorin respektieren. Dieses Buch ist eine fiktive Geschichte. Namen, Charaktere, Unternehmen, Organisationen, Orte, Ereignisse und Vorfälle sind von der Autorin frei erfunden oder werden fiktiv verwendet. Ähnlichkeiten mit echten Personen, lebendig oder verstorben, sind zufällig. Copyright Umschlagsbild Fer gregory, genutzt unter der Lizenz von Shutterstock.com



Blake Pierce

Blake Pierce ist der Autor der meistverkauften RILEY PAGE Krimi-Serie, die 13 Bücher umfasst (und weitere in Arbeit). Blake Pierce ist ebenfalls der Autor der MACKENZIE WHITE Krimi-Serie, die neun Bücher umfasst (und weitere in Arbeit); der AVERY BLACK Mystery-Serie, bestehend aus sechs Büchern; der KERI LOCKE Mystery-Serie, bestehend aus fünf Büchern; der Serie DAS MAKING OF RILEY PAIGE, bestehend aus drei Büchern (und weitere in Arbeit); der KATE WISE Mystery-Serie, bestehend aus zwei Büchern (und weitere in Arbeit); der spannenden CHLOE FINE Psycho-Thriller-Serie, bestehend aus drei Büchern (und weitere in Arbeit); und der spannenden JESSE HUNT Psycho-Thriller-Serie, bestehend aus drei Büchern (und weitere in Arbeit).

Als begeisterter Leser und lebenslanger Fan der Mystery- und Thriller-Genres liebt Blake es, von seinen Lesern zu hören. Bitte besuchen Sie www.blakepierceauthor.com, um mehr zu erfahren und in Kontakt zu bleiben.


BÜCHER VON BLAKE PIERCE

JESSIE HUNT PSYCHOTHRILLER-SERIE

DIE PERFEKTE FRAU (BAND #1)

DER PERFEKTE BLOCK (BAND #2)

DAS PERFEKTE HAUS (BAND #3)

DAS PERFEKTE LÄCHELN (BAND #4)

DIE PERFEKTE LÜGE (BAND #5)



CHLOE FINE PSYCHOTHRILLER-SERIE

NEBENAN (BAND #1)

DIE LÜGE EINES NACHBARN (BAND #2)

SACKGASSE (BAND #3)

STUMMER NACHBAR (BAND #4)



KATE WISE MYSTERY-SERIE

WENN SIE WÜSSTE (BAND #1)

WENN SIE SÄHE (BAND #2)

WENN SIE RENNEN WÜRDE (BAND #3)

WENN SIE SICH VERSTECKEN WÜRDE (BAND #4)

WENN SIE FLIEHEN WÜRDE (BAND #5)

WENN SIE SICH FÜRCHTEN WÜRDE (BAND #6)



DAS MAKING OF RILEY PAIGE MYSTERY-SERIE

BEOBACHTET (BAND #1)

WARTET (BAND #2)

LOCKT (BAND #3)

NIMMT (BAND #4)

LAUERT (BAND #5)



RILEY PAIGE MYSTERY-SERIE

VERSCHWUNDEN (BAND #1)

GEFESSELT (BAND #2)

ERSEHNT (BAND #3)

GEKÖDERT (BAND #4)

GEJAGT (BAND #5)

VERZEHRT (BAND #6)

VERLASSEN (BAND #7)

ERKALTET (BAND #8)

VERFOLGT (BAND #9)

VERLOREN (BAND #10)

BEGRABEN (BAND #11)

ÜBERFAHREN (BAND #12)

GEFANGEN (BAND #13)

RUHEND (BAND #14)

GEMIEDEN (BAND #15)

VERMISST (BAND #16)



MACKENZIE WHITE MYSTERY-SERIE

BEVOR ER TÖTET (BAND #1)

BEVOR ER SIEHT (BAND #2)

BEVOR ER BEGEHRT (BAND #3)

BEVOR ER NIMMT (BAND #4)

BEVOR ER BRAUCHT (BAND #5)

EHE ER FÜHLT (BAND #6)

EHE ER SÜNDIGT (BAND #7)

BEVOR ER JAGT (BAND #8)

VORHER PLÜNDERT ER (BAND #9)

VORHER SEHNT ER SICH (BAND #10)

VORHER VERFÄLLT ER (BAND #11)

VORHER NEIDET ER (BAND #12)



AVERY BLACK MYSTERY-SERIE

DAS MOTIV (BAND #1)

LAUF (BAND #2)

VERBORGEN (BAND #3)

GRÜNDE DER ANGST (BAND #4)

RETTE MICH (BAND #5)

ANGST (BAND #6)



KERI LOCKE MYSTERY-SERIE

EINE SPUR VON TOD (BAND #1)

EINE SPUR VON MORD (BAND #2)

EINE SPUR VON SCHWÄCHE (BAND #3)

EINE SPUR VON VERBRECHEN (BAND #4)

EINE SPUR VON HOFFNUNG (BAND #5)




Prolog


Lori Tovar fuhr in die Einfahrt des Hauses ein, in dem sie beinahe ihr gesamtes Leben gewohnt hatte. Sie machte den Motor aus, blieb sitzen und starrte bloß auf das charmante dreistöckige Gebäude.

Sie dachte an einen bekannten Ausdruck.

Als erste da, als letzte weg.

Sie lächelte leicht traurig. Die Leute sagten das oft von ihr.

Sie arbeitete als Krankenschwester im South Hill Krankenhaus und war dafür bekannt, dass sie längere Dienste als alle anderen übernahm. Sie vertrat oft andere Krankenschwestern und nahm selbst nur selten frei. Es war nicht so, als würde sie sich besonders verantwortlich fühlen. Es war bloß so, dass es sich für sie irgendwie natürlich anfühlte lange Stunden zu arbeiten.

Sie murmelte diese Worte vor sich hin: „Als erste da, als letzte weg.“

Diese Phrase fasste ihr Leben in mehr als nur einer Hinsicht zusammen. Sie war das erste Kind von vier Geschwistern, welches in diesem großen, einst glücklichen Haus, gelebt hatte. In den letzten Jahren waren ihre Geschwister über das ganze Land verteilt ansässig geworden.

Und dann war Dad natürlich einfach gegangen. Niemand hatte es kommen sehen.

Lori und ihre Brüder und Schwester hatten immer das Gefühl gehabt, dass sie einer perfekten Bilderbuchfamilie angehörten. Es war für sie alle ein Schock gewesen vor einigen Jahren eines Besseren belehrt zu werden, als Dad Mom für eine andere Frau verließ.

Und hier war Lori nun – das letzte Kind, dass noch in der Stadt lebte und daher immer diejenige, die vorbeikam, um nach Mom zu schauen. Sie schaute mindestens einmal die Woche vorbei, um sie auf einen Kaffee auszuführen oder einfach Zeit mit ihr zu verbringen und zu reden und zu versuchen ihre Mutter aus den Anflügen tiefer Traurigkeit herauszulocken.

Als letzte weg.

Lori seufzte tief, stieg dann aus dem Auto und ging an den makellos angeordneten Pflanzen und Büschen vorbei auf die Eingangstür zu. Sie machte am Briefkasten halt und öffnete diesen, um nachzusehen, ob Post gekommen war. Der Briefkasten war leer.

Lori nahm an, dass Mom ihn bereits gelehrt haben musste, was ein gutes Zeichen sein könnte. Vielleicht bedeutete es, dass Mom sich nicht auf dem Weg in einen ihrer extremen Apathieschübe befand.

Doch Lori war entsetzt, dass die Tür einfach aufging, als sie die Klinke herunterdrückte. Sie schüttelte den Kopf. Sie musste Mom wohl bereits tausendmal gesagt haben, dass sie die Tür abschließen solle, auch tagsüber, besonders jetzt, wo sie alleine lebte.

Während Loris Kindheit war es unnötig gewesen, die Tür immer verschlossen zu halten. Doch das waren noch unschuldigere Zeiten gewesen. Die Welt hatte sich verändert und Kriminalitätsraten waren gestiegen, sogar in diesem wohlsituierten Viertel. Einbrüche passieren immer öfter.

Dann muss ich sie wohl noch einmal daran erinnern, dachte Lori sich.

Nicht, dass es etwas bringen würde.

Alte Gewohnheiten sind hartnäckig.

Sie trat ins Haus und rief: „Mom, ich hatte heute früher Schluss auf der Arbeit. Dachte mir, ich komme mal vorbei.“

Sie erhielt keine Antwort.

Sie rief erneut: „Mom, bist du zuhause?“

Wieder kam keine Antwort. Das überraschte Lori nicht sonderlich. Es war gut möglich, dass Mom oben ein Nickerchen machte. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie Lori nicht hatte kommen hören, weil sie schlief.

Aber es war nicht gut, dass Mom die Tür aufgesperrt ließ, während sie ein Nickerchen machte.

Ich muss mit ihr darüber sprechen.

Währenddessen wurde Lori etwas unentschlossen. Es wäre schade jetzt hochzugehen und Mom zu wecken, wenn sie so tief und fest schlief. Andererseits hatte sie einige Mühen auf sich genommen, um ihren Dienstplan so umzustellen, dass sie vorbeikommen konnte.

Ich hätte vorher anrufen sollen, dachte sie sich.

Sie beschloss hochzugehen und kurz ins Schlafzimmer ihrer Eltern reinzuschauen, um zu sehen wie fest Mom denn nun schlief. Sollte sie aufwachen, würde Lori ihr sagen, dass sie da war. Wenn nicht, würde sie vielleicht einfach leise wieder gehen.

Als sie die Treppen hochstieg, erlebte Lori einen bekannten Anflug tiefer Nostalgie. Wie immer rief dieses Haus viele Erinnerungen hervor, die meisten davon waren sehr schön. An Loris jetzigem Leben gab es nichts Schlechtes, aber sie konnte den Gedanken nicht abschütteln, dass sie ihre glücklichsten Tage genau hier verbracht hatte.

Werde ich jemals wieder so glücklich sein? fragte sie sich.

Sie hoffte darauf, dass ihr Leben eines Tages ein wenig kompletter sein würde, als es jetzt war.

Und wäre es nicht wundervoll, wenn es genau hier passieren könnte?

Lori und ihr Mann Roy hatten oft darüber gesprochen, dieses Haus zu kaufen. Sie fanden beide, dass Mom es in einem kleineren Haus besser hätte, oder vielleicht in einer gemütlichen Wohnung, um die sie sich besser kümmern könnte, und wo sie nicht andauernd daran erinnert werden würde, wie Dad sie verlassen hatte. Es wäre sicherlich auch besser für ihr Allgemeinbefinden.

Lori dachte sich, dass dies der perfekte Ort wäre, um ihre eigene Familie zu gründen, was, wie sie und Roy beide fanden, bald passieren sollte. Für einen Moment konnte sie beinahe den Klang lachender Kinderstimmen, und herumlaufender Kinderfüße hören, die von einem Zimmer ins nächste rannten, so wie sie und ihre Geschwister es vor Jahren selbst getan hatten. Wenn Mom doch nur bereit wäre umzuziehen, und wenn sie ihnen natürlich doch nur ein Angebot machen würde, dass sie sich leisten konnten.

Mom sagte oft, dass sie langsam ungeduldig auf Enkelkinder wartete, aber sie schien nicht zu begreifen, dass ihr Auszug diesen Prozess beschleunigen könnte. Sie bestand stur darauf weiter hier zu wohnen, und weigerte sich auch nur darüber nachzudenken, irgendwo anders hinzuziehen.

Vielleicht ändert sie ja irgendwann ihre Meinung, dachte Lori.

Falls das passieren würde, so hoffte sie, dass es passieren mochte, bevor sie Kinder kriegte.

Als Lori im Flur des zweiten Stocks angelangt war, bemerkte sie, dass Moms Schlafzimmertür einen Spalt weit offenstand. Normalerweise schloss Mom die Tür, wenn sie sich hinlegte. Plötzlich kam es Lori ein bisschen komisch vor, dass Mom sie nicht hatte rufen hören. Wurde sie vielleicht langsam etwas taub? Wenn dem so war, so hatte Lori es bisher nicht bemerkt.

Lori ging auf die Schlafzimmertür zu und stieß sie leise auf. Im Schlafzimmer war niemand und das Bett sah perfekt gemacht aus.

Sie dachte sich, dass Mom wohl irgendwo hingegangen war.

Und das ist wahrscheinlich gut.

Mom saß in letzter Zeit viel zu oft eingesperrt alleine in diesem riesigen Haus rum. Als Lori vor ein paar Tagen da war, hatte Mom erwähnt, dass sie vielleicht mit ein paar Freunden ausgehen würde, mit denen sie freitags in der Kirche Bingo spielte. Lori hatte ihr geantwortet, dass sie das für eine ausgezeichnete Idee hielt.

Aber heute war nicht Freitag, und wo auch immer Mom hingegangen sein mochte, es war besorgniserregend, dass sie die Eingangstür nicht abgeschlossen hatte. Lori begann sich zu fragen – hatte Mom vielleicht begonnen mental etwas abzubauen? Dieser Gedanke hatte ihr in letzter Zeit oft Sorgen bereitet. Moms Erinnerungsgabe war immer außerordentlich gut gewesen, doch in letzter Zeit hatte sie begonnen Kleinigkeiten zu vergessen.

Lori versuchte sich damit zu beruhigen, dass Mom immer noch ziemlich jung war für das Eintreten von Demenz. Jedoch wusste sie aufgrund ihrer Arbeit im Krankenhaus, dass es doch möglich war. Sie wollte gar nicht daran denken, dass sie mit Mom darüber sprechen müsste, und auch nicht daran, wie viel Leid und Sorgen mit diesem Gespräch sicherlich einhergehen würden.

In der Zwischenzeit, so beschloss Lori, konnte sie aber ebenso gut nach Hause fahren.

Sie stieg die Treppe wieder hinunter und hielt kurz inne, um ins Esszimmer hineinzuschauen. Ein kurzer Schmerz durchfuhr sie, als sie den langen Esstisch nicht an seinem gewohnten Platz wiederfand, wo sie, ihre Schwester und ihre Brüder leckere Mahlzeiten und die Gespräche mit ihren Eltern genossen hatten.

So fest entschlossen Mom auch gewesen war, genauso weiterzuleben, wie sie es bisher getan hatte, so war sie gleichzeitig einfach nicht mehr in der Lage gewesen, alleine an diesem großen Tisch zu sitzen. Er bot genug Platz, um alle Familienmitglieder drum herum zu versammeln, die nicht mehr im Haus lebten, und konnte sogar ausgezogen werden, um zusätzlichen Gästen Platz zu bieten. Lori konnte verstehen, wieso Mom den Tisch loswerden wollte. Sie hatte ihr geholfen den Tisch und die dazugehörigen Stühle zu verkaufen und eine kleinere Esszimmergarnitur zu kaufen.

Dann fiel Lori etwas Merkwürdiges auf. Normalerweise standen vier Stühle um den neuen quadratischen Esstisch herum. Doch jetzt waren es nur drei.

Mom musste den vierten Stuhl irgendwo anders hingestellt haben, doch wieso?

Vielleicht hatte sie ihn benutzt, um eine Glühbirne auszuwechseln, oder an ein hohes Regal zu kommen.

Lori dachte besorgt: Eine weitere Sache, über die wir reden müssen.

Mom besaß schließlich eine Tretleiter, die sehr viel sicherer für solche Aufgaben benutzt werden konnte. Sie sollte es besser wissen, als einen Stuhl zu verwenden.

Lori schaute sich um und versuchte den verschwundenen Stuhl zu entdecken, als ihr Blick auf den schmalen Marmortresen fiel, der das Esszimmer von der Küche trennte. Sie sah einen rötlichen Fleck am hinteren Ende des Tresens.

Das war wirklich merkwürdig. Mom hatte den Haushalt schon immer äußerst sorgfältig geführt, und war besonders besessen darauf, ihre Küche blitzblank zu halten. Es sah ihr gar nicht ähnlich, etwas zu verschütten und es nicht sofort wegzuwischen.

In Lori begann sich Panik breitzumachen.

Irgendetwas stimmt nicht, dachte sie.

Sie eilte zum Tresen und schaute hinein in die Küche.

Dort auf den Boden lag ihre Mutter, ausgestreckt in einer Blutlache.

„Mom!“, schrie Lori mit heiserer Stimme auf.

Ihr Herz raste und sie spürte, wie ihre Arme und Beine kalt und taub wurden. Sie wusste, dass sie in Schock war, aber sie musste versuchen Herrin ihres Verstandes zu bleiben.

Lori kniete sich nieder und sah, dass die Augen ihrer Mutter geschlossen waren. Auf ihrem Kopf befand sich eine tiefe Wunde. Lori kämpfte gegen die Gefühle der Ungläubigkeit, des Horrors und der Verwirrung an. Ihre Gedanken waren ganz wirr, während sie versuchte zu begreifen…

Was war geschehen?

Mom musste gestolpert sein und sich beim Sturz mit dem Kopf am Tresen gestoßen haben.

Ihre Medizinerreflexe arbeiteten nun und Lori fasste an Moms Hals, um nach ihrem Puls zu fühlen.

Und das war als Lori sah, dass Moms Kehle durchgeschnitten war.

Eine ihrer Halsschlagadern war durchtrennt, aber kein Blut kam heraus.

Das Gesicht ihrer Mutter war bleich und gänzlich leblos.

Lori spürte, wie eine vulkanische Kraft aus den Tiefen ihrer Lungen ausbrach.

Dann begann sie zu schreien.




Kapitel eins


Ein Schuss fiel ganz in der Nähe.

Riley Paige machte auf dem Absatz kehrt, als das Geräusch durch ihren Flur hallte.

April! dachte sie und ein Schock ging durch ihren Körper.

Riley rannte zu ihrem Schlafzimmer.

Ihre sechzehnjährige Tochter April stand da und zitterte von Kopf bis Fuß, doch sie schien unverletzt.

Riley konnte wieder ausatmen.

Auf dem Boden vor Aprils Füßen lag eine Ruger SR22 Pistole. Daneben war die blaue Vinylbox, in der die Pistole aufbewahrt wurde.

Aprils Stimme zitterte, als sie sage: „Es tut mir leid. Ich wollte sie in den Safe im Schrank legen, als sie schoss und ich sie fallen ließ. Ich wusste nicht, dass sie geladen war.“

Riley fühlte ihr Gesicht rot anlaufen. Ihr Schreck wandelte sich nun zu Wut.

„Was soll das heißen, du wusstest es nicht?“, sagte sie. „Wie konntest du das nicht wissen?“

Riley hob die Pistole auf, entfernte das Magazin und fuchtelte vor April damit herum.

„Das Magazin sollte nicht mal in der Pistole drin sein“, sagte sie. „Du hättest es bereits auf dem Schießplatz entfernen müssen.“

„Ich dachte, dass ich alle Kugeln verschossen hatte“, sagte April.

„Das ist keine Entschuldigung“, sagte Riley schrill. „Du nimmst immer das Magazin raus, nachdem Du mit dem Schießtraining fertig bist.“

„Ich weiß“, sagte April. “Es kommt nicht wieder vor.“

Das kannst du laut sagen, dachte Riley sich. Sie begriff, dass sie auch auf sich selbst wütend war, weil sie den Raum verlassen hatte, bevor April die Pistole weggesperrt hatte. Aber sie hatten bereits mehrere Trainings auf dem Schießplatz hinter sich, und zuvor war alles glatt gelaufen.

Sie schaute sich im Zimmer um.

„Wohin hat sie gefeuert?“, fragte sie.

April zeigte auf die hintere Wand des Zimmers. Wie erwartet, konnte Riley ein Kugelloch entdecken. Eine erneute Welle der Panik überrollte sie. Sie wusste, dass die Wände zwischen den Zimmern in ihrem Haus nicht dick genug waren, um eine Kugel aufzuhalten – nicht einmal eine aus einer.22er Pistole.

Sie drohte April mit dem Finger und sagte: „Du bleibst genau wo du bist.“

Sie ging hinaus in den Flur und hinein in das anliegende Zimmer, welches Aprils Schlafzimmer war. Es gab ein Schussloch in der Wand, genau dort, wo sie es vermutet hatte, dann ein weiteres Loch in der gegenüberliegenden Wand, wo die Kugel ihre Flugbahn fortgesetzt hatte.

Riley musste sich zusammenreißen, um ihre Gedanken zu ordnen und die Situation einzuschätzen.

Hinter der letzten Wand lag der Hinterhof.

Könnte die Kugel jemanden getroffen haben? fragte sie sich.

Sie ging zu dem Loch hinüber und spähte hinein. Wenn die Kugel durch die Wand gekommen wäre, hätte sie Sonnenlicht sehen müssen. Die Backsteinverkleidung musste sie endlich aufgehalten haben. Und selbst wenn nicht, wäre die Kugel soweit verlangsamt worden, dass sie nicht über den Hinterhof hinausgekommen wäre.

Riley atmete erleichtert aus.

Niemand wurde verletzt.

Nichtsdestotrotz war es schrecklich, dass das passiert war.

Als sie Aprils Zimmer verließ und zurück zu ihrem eigenen Schlafzimmer ging, erreichten zwei Personen das obere Ende der Treppe und rannten in den Flur hinein. Eine war ihre vierzehnjährige Tochter, Jilly. Die andere war ihre kräftige guatemalische Haushälterin, Gabriela.

Gabriela rief aus: „¡Dios mio! Was war dieser Krach?“

„Was ist passiert?“, rief Jilly hinterher. „Wo ist April?“

Noch bevor Riley irgendetwas erklären konnte, hatten die beiden April in ihrem Schlafzimmer aufgefunden. Riley folgte ihnen hinein.

Als sie eintraten, legte April die Vinylbox gerade in den kleinen schwarzen Safe im Kleiderschrank. Sichtlich bemüht ruhig zu bleiben sagte sie: „Meine Pistole hat fehlgezündet.“

Fast im Chor riefen Jilly und Gabriela aus: „Du hast eine Pistole?“

Riley konnte sich ein entsetztes Stöhnen nicht verkneifen. Die Situation war nun in allerlei möglicher Hinsicht noch schlimmer. Als Riley April damals im Juni die Pistole gekauft hatte, hatten sie sich beide darauf geeinigt weder Jilly, noch Gabriela etwas davon zu erzählen. Jilly wäre sicherlich neidisch auf ihre ältere Schwester gewesen. Gabriela wäre einfach nur besorgt.

Aus gutem Grund, wie sich herausstellt, dachte Riley.

Sie konnte sehen, dass ihre jüngere Tochter sich bereit machte, eine Lawine von Fragen und Anschuldigungen auf sie loszulassen, während die Haushälterin einfach nur auf eine Erklärung wartete.

Riley sagte: „Ich komme in ein paar Minuten runter und erkläre euch beiden alles. Jetzt muss ich kurz mit April alleine sprechen.“

Jilly und Gabriela nickten stumm und verließen das Zimmer. Riley schloss hinter ihnen die Tür.

Als April sich auf das Bett fallen ließ und zu ihrer Mutter hochschaute, musste Riley daran denken, wie sehr sie und ihre Tochter sich ähnelten. Obwohl sie einundvierzig war und April erst sechzehn, waren sie offensichtlich aus dem gleichen Holz geschnitzt. Es waren nicht bloß ihre dunklen Haare und grün-braunen Augen, auch dieselbe ungestüme Haltung im Leben einte sie.

Dann ließ das Mädchen den Kopf hängen und schien den Tränen nahe zu sein. Riley setzte sich neben sie aufs Bett.

„Es tut mir leid“, sagte April.

Riley antwortete nicht. Eine Entschuldigung würde jetzt einfach nicht reichen.

April sagte: „Habe ich etwas illegales getan? Das Feuern einer Waffe drinnen, meine ich? Müssen wir die Polizei verständigen?“

Riley seufzte und sagte: „Es ist nicht illegal, nein – nicht, wenn es ein Versehen war. Ich bin mir nicht sicher, ob es jedoch nicht illegal sein sollte. Es war unglaublich leichtsinnig. Wirklich, April, ich dachte, dass ich dir mittlerweile damit vertrauen könnte.“

April unterdrückte ein Schluchzen und sagte: „Ich kriege jetzt wirklich Ärger, oder?“

Erneut schwieg Riley.

Dann sagte April: „Schau mal, ich verspreche, dass ich vorsichtiger sein werde. Es wird nicht wieder vorkommen. Das nächste Mal, wenn wir schießen gehen —“

Riley schüttelte den Kopf und sagte: „Es wird kein nächstes Mal geben.“

April machte große Augen.

„Meinst du…?“, begann sie etwa.

„Du kannst die Pistole nicht behalten“, sagte Riley. „Es ist alles vorbei.“

„Aber es war nur ein Fehler“, sagte April und ihre Stimme wurde immer schriller.

Riley sagte: „Du weißt ganz genau, dass das hier eine Null-Toleranz Frage ist. Wir haben darüber gesprochen. Selbst ein dummer, fahrlässiger Fehler wie dieser ist einer zu viel. Das hier ist sehr ernst, April. Jemand hätte verletzt oder getötet werden können. Verstehst du das nicht?“

„Aber niemand wurde verletzt.“

Riley war baff. April ging gerade mit Vollgas in den Teenagermodus über und weigerte sich die Realität dessen zu akzeptieren, was gerade geschehen war. Riley wusste, dass es beinahe unmöglich war in solchen Momenten vernünftig mit ihrer Tochter zu sprechen. Doch Vernunft hin oder her, diese Entscheidung lag einzig und allein in Rileys Verantwortung. Sie war ja auch die offizielle Besitzerin der Waffe, nicht April. Ihre Tochter konnte keine Waffe besitzen, bis sie achtzehn war.

Riley hatte sie gekauft, weil April gesagt hatte, dass sie eine FBI Agentin werden wollte. Sie hatte gedacht, dass das kleinere Kaliber es zu einer guten Übungswaffe machen würde, mit der April auf dem Schießplatz des Waffengeschäfts üben konnte. Bis heute war der Unterricht gut verlaufen.

April sagte: „Weißt du was, das ist irgendwo auch deine Schuld. Du hättest besser auf mich aufpassen sollen.“

Riley fühlte den Stich. Hatte April Recht?

Als ihre Tochter die Pistole in der Schießhalle in den Pistolenkoffer zurücklegte, war Riley gerade dabei gewesen ihre eigenen Schießübungen mit ihrer.40 Kaliber Glock zu beenden. Sie hatte Aprils Vorgehen zuvor bereits viele Male genau kontrolliert. Dieses Mal dachte sie, dass sie weniger wachsam mit ihr sein konnte.

Offensichtlich hatte sie unrecht behalten. Trotz aller Übungseinheiten, brauchte April immer noch strenge Beaufsichtigung.

Keine Ausreden, wusste Riley. Keine Ausreden für keine von uns beiden.

Aber es machte keinen Unterschied. Sie konnte nicht zulassen, dass April ihre Meinung änderte, indem sie ihr ein schlechtes Gewissen machte. Der nächste Fehler ihrer Tochter könnte tödlich sein.

Riley fauchte: „Das ist keine Entschuldigung, und das weißt du auch. Die Pistole richtig zu verstauen war in deiner Verantwortung.“

April sagte jämmerlich: „Also nimmst du sie mir weg.“

„Genau“, sagte Riley.

„Was machst du mit ihr?“

„Ich bin mir noch nicht sicher“, sagte Riley. Sie dachte, dass sie sie wahrscheinlich an die FBI Akademie übergeben könnte. Dort könnte sie neuen Rekruten als Übungswaffe zur Verfügung gestellt werden. In der Zwischenzeit würde sie sicherstellen, dass die Waffe sicher im Schranksafe weggesperrt blieb.

Mit beleidigter Stimme sagte April: „Tja, in Ordnung. Ich habe mich eh umentschlossen, eine FBI Agentin zu werden. Ich hatte vor es dir zu sagen.“

Riley fühlte sich merkwürdig aufgerüttelt von diesen Worten.

Sie wusste, dass April erneut versuchte, ihr Schuldgefühle zu bereiten, oder zumindest sie zu enttäuschen.

Stattdessen fühlte sie Erleichterung. Sie hoffte, dass es stimmte, dass April nicht mehr an einer FBI Karriere interessiert war. Dann müsste sie nicht viele Jahre damit verbringen, um Aprils Leben zu fürchten.

„Das ist deine Entscheidung“, sagte Riley.

„Ich gehe auf mein Zimmer“, antwortete ihre Tochter.

Ohne ein weiteres Wort zu sagen, verließ April das Zimmer und schloss die Tür, sodass Riley alleine auf ihrem Bett zurückblieb.

Einen Moment lang überlegte sie, ob sie April nicht nachgehen sollte, doch…

Was gibt es da noch zu sagen?

In diesem Moment gab es nichts. Mit dem Kopf verstand Riley, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, so vorzugehen. Sie konnte April die Pistole nicht noch einmal anvertrauen. Weiteres Schimpfen und Bestrafung wären jetzt sicherlich sinnlos.

Nichtsdestotrotz fühlte sich Riley so, als hätte sie irgendwie versagt. Sie war sich nicht sicher, wieso. Vielleicht, dachte sie, war es das, dass sie April überhaupt erst eine Waffe anvertraut hatte. Doch, fragte sie sich, gehörte das nicht zum Mutter-sein dazu? Früher oder später musste man Kindern mehr Verantwortlichkeiten überlassen. Sie würden an einigen davon scheitern, aber andere davon meistern.

Das ist einfach ein Teil des Erwachsenwerdens.

Sicherlich konnten keine Eltern all die Verfehlungen und Niederlagen ihres Kindes im Vornherein kennen.

Vertrauen war immer ein Risiko.

Trotzdem hatte Riley das Gefühl, dass ihr Verstand sich in Kreisen drehte, um irgendwie eine Rationalisierung für ihr eigenes Erziehungsversagen zu finden.

Ein plötzlicher schmerzhafter Stich in ihrem Rücken stoppte ihr Grübeln.

Meine Wunde.

Ihr Rücken schmerzte immer noch von Zeit zu Zeit dort, wo ein psychopathischer Mörder auf sie mit einem Eispickel eingestochen hatte. Die Spitze war erschreckend tief eingedrungen – tiefer als ein normales Messer es vermutlich getan hätte. Es war jetzt über zwei Wochen her und sie hatte deswegen eine Nacht im Krankenhaus verbringen müssen. Danach hatte sie die Anweisungen bekommen, sich zuhause auszuruhen.

Obwohl Riley körperlich wie auch emotional von der ganzen Sache ganz schön mitgenommen gewesen war, hatte sie gehofft mittlerweile wieder auf der Arbeit sein zu können und an einem neuen Fall zu arbeiten. Doch ihr Boss, der Abteilungsleiter Brent Meredith, hatte darauf bestanden, dass sie sich mehr Zeit für ihre Genesung nahm, als ihr lieb gewesen wäre. Er hatte auch Rileys Partner Bill freigestellt, weil er auf den Mann, der Riley attackiert hatte, geschossen hatte und ihn dabei getötet hatte.

Sie fühlte sich auf jeden Fall bereit, zurück an die Arbeit zu gehen. Sie dachte nicht, dass ein schmerzhaftes Stechen hin und wieder sie bei der Arbeit behindern würde. Obwohl die Kinder und Gabriela sie die gesamte Zeit über umsorgt hatten, hatte sie nicht das Gefühl gehabt, dass sie gerade einen guten Draht zu ihnen hatte. Ihre permanente Sorge bereitete ihr bloß Schuldgefühle und gab ihr das Gefühl eine inadäquate Mutter zu sein.

Sie wusste, dass sie Jilly und Gabriela nun einiges an Erklärungen zu der Pistole schuldete.

Sie erhob sich und ging über den Flur zu Jillys Zimmer.


* * *

Ihr Gespräch mit Jilly verlief genau so schwierig, wie es Riley erwartet hatte. Ihre jüngere Tochter hatte dunkle Augen, die von ihrer vermuteten italienischen Abstammung kamen und ein aufbrausendes Temperament wegen ihren schwierigen Kindheitsjahren, bevor Riley sie adoptiert hatte.

Jilly war sichtlich aufgebracht, dass Riley April eine Pistole besorgt hatte und dass ihre Schwester Schießtraining hinter ihrem Rücken bekommen hatte. Natürlich versuchte Riley vergebens ihre jüngere Tochter davon zu überzeugen, dass eine Pistole in ihrem Alter außer Frage stand. Und außerdem hatte es ja auch mit April nicht gut geklappt.

Riley konnte sehen, dass nichts, was sie sagte, einen Eindruck hinterließ und gab bald auf.

„Später“, sagte sie zu Jilly. „Wir werden später erneut darüber sprechen.“

Als Riley Jillys Zimmer verließ, hörte sie wie sich die Tür hinter ihr schloss. Eine ganze Weile lang stand Riley bloß im Flur rum. Ihre beiden Töchter hatten sich in ihren Zimmern eingesperrt und schmollten. Dann seufzte sie und ging zwei Etagen tiefer in den Wohnbereich von Gabriela.

Gabriela saß auf ihrem Sofa und blickte durch die großen Glasschiebetüren in den Hinterhof hinaus. Als Riley eintrat, lächelte Gabriela und tätschelte den Platz neben sich. Riley setzte sich und begann ganz von Anfang an die Geschichte mit der Pistole zu erklären.

Gabriela wurde nicht wütend, doch sie schien verletzt zu sein.

„Sie hätten es mir sagen sollen“, sagte sie. „Sie hätten mir vertrauen sollen.“

„Ich weiß“, sagte Riley. „Es tut mir leid. Ich glaube ich habe einfach… zurzeit Probleme mit der ganzen Erziehungssache.“

Gabriela schüttelte den Kopf und sagte: „Sie versuchen zu viel zu tun, Señora Riley. Sowas wie eine perfekte Mutter gibt es nicht.“

Diese Worte erwärmten Riley das Herz.

Das ist genau, was ich hören musste, dachte sie.

Gabriela fuhr fort: „Sie sollten mir mehr vertrauen. Sie sollten sich mehr auf mich verlassen. Ich bin schließlich hier, um ihr Leben einfacher zu machen. Das ist meine Arbeit. Ich bin auch hier, um meinen Teil der Erziehungsarbeit zu übernehmen. Ich denke, dass ich mit den Mädchen gut kann.“

„Oh, und wie“, sagte Riley und ihre Stimme wurde ein bisschen heiser. „Das bist du wirklich. Du weißt gar nicht, wie dankbar ich bin dich in unserem Leben zu haben.“

Riley und Gabriela saßen einen Moment schweigend da und lächelten einander an. Auf einmal fühlte Riley sich sehr viel besser.

Dann klingelte es an der Tür. Riley umarmte ihre Haushälterin und ging in den ersten Stock, um die Tür zu öffnen.

Für einen kurzen Moment war Riley entzückt zu sehen, dass ihr gutaussehender Freund, Blaine, vor ihr stand. Doch sie bemerkte etwas trauriges in seinem Lächeln, einen melancholischen Blick in seinen Augen.

Das hier wird kein angenehmer Besuch sein, begriff sie.




Kapitel zwei


Etwas stimmte nicht, das wusste Riley. Statt hereinzukommen und sich wie zuhause zu fühlen, wie er es normalerweise tat, stand Blaine bloß vor ihrer Eingangstür da. Sein angenehmes Gesicht hatte einen unbestimmten erwartungsvollen Ausdruck.

Riley wurde mutlos. Sie hatte eine ziemlich genaue Ahnung, was Blaine auf dem Herzen lag. Sie hatte es tatsächlich schon seit Tagen kommen sehen. Für einen kurzen Moment verspürte sie den Wunsch die Tür einfach zu schließen und so zu tun, als wäre er gar nicht vorbeigekommen.

„Komm rein“, sagte sie.

„Danke“, antwortete Blaine, als er ins Haus eintrat.

Als sie sich im Wohnzimmer hinsetzten, fragte Riley: „Möchtest du etwas trinken?“

„Äh, nein, ich glaube nicht. Danke.“

Er erwartet nicht, dass sein Besuch lange dauern wird, dachte Riley.

Dann schaute er sich um und bemerkte: „Es ist ja unglaublich still im Haus. Sind die Mädchen heute Nachmittag irgendwo anders?“

Es wäre Riley beinahe rausgeplatzt: „Nein, sie wollen einfach nur nichts mehr mit mir zu tun haben.“

Doch das schien unpassend unter den gegebenen Umständen. Wenn zwischen ihnen alles normal gewesen wäre, hätte Riley sich gerne über die Strapazen des Mutterseins ausgelassen und hätte von Blaine erwarten können, dass er freudig miteinstimmen würde und sogar ihre Laune mit ein paar ermunternden Worten heben könnte.

Dies war aber nicht einer dieser Momente.

„Wie fühlst du dich?“, fragte Blaine.

Einen Moment lang kam Riley die Frage ziemlich komisch vor und sie wollte beinahe sagen: „Ziemlich nervös. Und du?“

Doch dann begriff sie, dass er über ihre Wunde sprach. Während ihres Genesungsprozesses war er extrem aufmerksam und freundlich zu ihr gewesen. An vielen Abenden hatte er köstliches Essen aus dem feinen Restaurant, das er besaß und leitete, mitgebracht.

Doch genau diese Aufmerksamkeit war für sie ein Anhaltspunkt gewesen, dass etwas Unangenehmes folgen würde. Er war natürlich immer ein herzlicher und rücksichtsvoller Mann gewesen. Aber in den letzten Wochen hatte sich eine verräterische Traurigkeit über seine Freundlichkeit gelegt – ein Hauch einer unausgesprochenen und unerklärten Entschuldigung vielleicht.

Sie sagte: „Es geht mir sehr viel besser, danke.“

Blaine nickte und sagte dann langsam und überlegt: „Ich nehme an, du wirst also zur Arbeit zurückkehren.“

Da ist es, dachte Riley.

„Ich weiß nicht“, sagte sie. „Es liegt an meinem Boss. Er hat mir bisher keinen neuen Fall zugeteilt.“

Blaine schielte auf sie und sagte: „Aber fühlst du dich bereit, zur Arbeit zurückzukehren?“

Riley seufzte. Sie erinnerte sich an das Gespräch, dass sie geführt hatten, kurz nachdem sie aus dem Krankenhaus entlassen worden war. Sie hatte ihm gesagt, dass sie erwartete innerhalb der nächsten Woche zurück bei der Arbeit zu sein und er hatte nicht versucht seine Besorgnis darüber zu verstecken. Sie hatten damals aber nicht versucht die Sache zu klären.

Stattdessen hatte Riley seine Hand gedrückt und gesagt: „Ich nehme an, wir sollten uns über einige Dinge unterhalten.“

Seitdem war mehr als eine Woche vergangen.

Dieses Gespräch ist überfällig, dachte sie.

Sie sagte: „Blaine, ich fühle mich jetzt schon seit Tagen bereit, wieder zu arbeiten. Ich bin mehr als bereit. Es tut mir leid. Ich weiß, dass es nicht das ist, was du hören möchtest.“

Blaine starrte einen Moment lang zu Boden.

„Riley, denkst du nie darüber nach…?“

Er verstummte.

„Worüber?“, fragte Riley und versuchte eine Note der Verbitterung aus ihrer Stimme rauszuhalten. „Einen anderen Beruf zu ergreifen?“

„Ich weiß nicht“, sagte Blaine mit einem Schulterzucken. „Du könntest sicher andere Dinge beim FBI machen, die nicht so… risikoreich sind. Du bist jetzt seit – was? – beinahe zwanzig Jahren eine Außendienstagentin? Ich weiß, dass du großartige Arbeit geleistet hast und ich bewundere deine Hingabe und deinen Mut. Aber warst du nicht lange genug in diesem Dienst? Denkst du nicht, dass du mehr verdienst?“

Er hörte wieder auf zu sprechen.

Riley sagte: „Mehr – Sicherheit, meinst du? Etwas weniger Gefährliches?“

Blaine nickte.

Riley wusste nicht, was sie sagen sollte. Natürlich hatte sie eine gewisse Auswahl an Aufgabenbereichen, sogar innerhalb der Verhaltensanalyseeinheit. Doch das würde große Veränderungen mit sich bringen. Sie konnte sich nicht vorstellen im Büro zu arbeiten und bloß die Beweislage durchzugehen, für die andere Agenten ihr Leben riskiert hatten. Obwohl sie es genossen hatte ab und zu mal Vorlesungen an der Akademie zu halten, dachte sie, dass es schwer sein würde in Vollzeit zu lehren. Rekruten ihre Fälle zu erklären würde sie bloß daran erinnern, womit sie sich nicht länger beschäftigen konnte. Sie konnte sich kein Leben vorstellen, in dem sie dem Bösen nicht von Angesicht zu Angesicht begegnete, trotz aller Gefahren.

Es würde bedeuten all das aufzugeben, worin sie wirklich gut war.

Doch wie konnte sie Blaine das erklären?

Dann sagte Blaine: „Ich hoffe du verstehst – es bin nicht ich, um den ich mir Sorgen mache.“

Riley verspürte einen scharfen Stich, als sie begriff.

„Ich weiß“, sagte sie.

Sie wusste wirklich, dass er das absolut ehrlich meinte. Und das sagte viel über Blaine selbst aus. Rileys Arbeit hatte Gefahren in sein eigenes Leben gebracht und er war ihnen mutig begegnet. Letzten Dezember war ein Verbrecher, der sich unbedingt an Riley rächen wollte, in ihr Haus eingedrungen, als sie nicht da gewesen war, und hatte versucht April und Gabriela umzubringen. Blaine war zu ihrer Rettung gekommen und wurde selbst schwer verletzt. Riley schüttelte es immer noch vor Grauen, wann immer sie daran dachte.

Blaine fügte hinzu: „Ich mache mir nicht einmal um dich Sorgen, oder zumindest größtenteils nicht um dich.“

„Ich weiß“, sagte Riley erneut.

Er musste es nicht erklären. Sie wusste, dass er sich um ihre Kinder Sorgen machte – um Rileys zwei Töchter und seine eigene jugendliche Tochter, Crystal.

Und sie wusste, er hatte allen Grund dazu, besorgt zu sein.

Egal wie viel Mühe sie sich gab, sie konnte nicht für ihre Sicherheit garantieren solange sie dieses Leben führte. In Wirklichkeit war wegen der Kriminellen, denen sie begegnet war, selbst wenn sie diese besiegt hatte, die Sicherheit aller um sie herum bedroht. Mehr als einmal waren Figuren aus ihrer Vergangenheit wieder aufgetaucht mit dem Versuch sich an ihr zu rächen.

Blaine öffnete etwa den Mund, so als würde er nach den richtigen Worten suchen.

Stattdessen sprach Riley: „Blaine, ich verstehe es. Wir müssen dieses Gespräch nicht führen. Wir haben es jetzt schon eine ganze Weile geführt, wir haben bloß nicht immer alles laut ausgesprochen. Ich verstehe es. Das tue ich wirklich.“

Sie schluckte laut und fügte hinzu: „Es wird nicht klappen – zwischen dir und mir.“

Im selben Moment, da sie die Worte aussprach, wurde sie von dem Verlustgefühl fast überwältigt.

Blaine nickte.

„Es tut mir leid“, sagte Riley.

„Dir muss nichts leidtun“, sagte Blaine.

Riley musste sich zurückhalten, um nicht zu sagen: „Oh, das tut es. Das tut es wirklich.“

Schließlich war es wegen ihrer eigenen Lebensentscheidungen, das Blaine sich so fühlte. Blaine hatte sein Bestes gegeben, um ihre Entscheidungen zu akzeptieren. Doch am Schluss war er wirklich nicht in der Lage gewesen, es zu tun. Und Riley wusste, dass sie niemanden dafür verantwortlich machen konnte, außer sich selbst.

Sie und Blaine schwiegen beide eine Weile. Sie saß auf der Couch und er ihr gegenüber in einem Sessel. Sie erinnerte sich, wie sie zum ersten Mal Händchen gehalten hatte, als sie auf dieser Couch hier gesessen hatten. Es war ein magischer Moment gewesen, in dem sie gedacht hatte, dass ihr Leben sich plötzlich zum Besseren gewendet hatte.

Sie wünschte, dass sie jetzt auch seine Hand ergreifen könnte. Doch sie wusste, dass die Distanz zwischen ihnen viel größer war, als die paar Zentimeter zwischen den zwei Möbelstücken.

In jedem Fall schienen sie eine Entscheidung getroffen zu haben. Sie war sich nicht sicher, welche Entscheidung genau das war, und sie bezweifelte auch, dass Blaine das wusste. Doch irgendetwas zwischen ihnen war beendet. Und es war unmöglich es wieder zurückzuholen.

Sie begannen sich zu unterhalten, ungeschickt und zurückhaltend, über dies und das. Blaine versicherte Riley, dass ihre Familie in seinem Restaurant immer auf ein kostenloses Essen herzlich willkommen war und dass er sich freuen würde sie alle zu sehen.

Und natürlich würden sie in engem Kontakt wegen ihrer Töchter bleiben. April und Crystal waren schließlich beste Freundinnen und sie würden einander oft besuchen. Das hier war nicht wie eine Scheidung. Sie würden sich immer nahestehen.

Blaine lächelte schwach und fügte hinzu: „Vielleicht wird sich also gar nicht so viel verändern.“

Riley blinzelte sich eine Träne aus den Augen und sagte: „Vielleicht.“

Doch das stimme nicht, und das wusste sie.

Dann sagte Blaine, dass er wohl zurück an die Arbeit sollte, also erhoben sich beide und küssten einander verlegen auf die Wange, bevor Blaine das Haus verließ.

Riley murmelte: „Es ist Zeit für einen Drink.“

Sie ging in die Küche und schenkte sich ein Glas Bourbon ein, ging dann zurück ins Wohnzimmer und setzte sich hin. Das Haus war gespenstisch still und Riley fühlte sich zutiefst allein gelassen. Und natürlich war sie wirklich allein, auch mit drei anderen Menschen in der Nähe. Für eine kurze Weile weinte sie leise.

Nachdem sie sich ihre Tränen weggewischt hatte und begann an ihren Bourbon zu nippen, versuchte sie die Erinnerungen an fröhlichere Tage aus ihrem Kopf zu verbannen. Doch irgendwie schaffte sie es nicht. Sie dachte an den Abend, an dem sie und Blaine sich zum ersten Mal auf einer Tanzfläche geküsst hatten, während eine Band auf seine Bitte hin ihr Lieblingslied spielte. Sie erinnerte sich an die Nacht, in der sie zum ersten Mal miteinander geschlafen hatten.

Und sie dachte auch an die zwei Wochen, die sie, Blaine und ihre drei Mädchen zusammen in einem gemieteten Haus an der Küste von Sandbridge Beach verbracht hatten. Sie hatten sich damals wirklich wie eine Familie gefühlt. Insbesondere erinnerte sie sich an den beruhigenden, leisen Klang der Wellen an dem Abend, an dem Blaine ihr Architekturpläne gezeigt hatte, um sein eigenes Haus zu erweitern, sodass sie alle zusammen darin wohnen konnten.

Sie hatten wirklich aufrichtig darüber nachgedacht zu heiraten.

Das war erst vor etwa einem Monat.

Doch es kommt mir jetzt so weit weg vor.

Eine andere, unangenehmere Erinnerung, drängte sich nun in ihren Kopf. Es war als Blaine ihr an dem Morgen, nachdem sie zum ersten Mal miteinander geschlafen hatten, sagte: „Ich glaube, ich muss mir eine Waffe kaufen.“

Und natürlich hatte er dieses Bedürfnis wegen Riley verspürt und den Gefahren, die eine Beziehung mit ihr nach sich zog. Sie waren zum Waffenladen gegangen und hatten ihm eine Smith and Wesson 686 gekauft, und im Anschluss hatte Riley ihm seinen ersten Schießunterricht in der Schießhalle direkt vor Ort gegeben.

Riley lächelte ein bitteres Lächeln und dachte: Ich hoffe, er passt besser mit der Waffe auf, als April es mit ihrer getan hat.

Doch wozu brauchte er nun noch diese Waffe, jetzt, wo es vorbei war zwischen ihnen?

Was würde er damit machen?

Sie einfach irgendwo im Haus wegsperren und vergessen, dass er sie überhaupt besaß?

Oder würde er sie verkaufen?

Als sie über diese Fragen nachdachte, spürte sie, wie eine unerwartete Emotion in ihr hochkam. Ihr Atem und Puls wurden schneller und sie begriff überrascht: Ich bin wütend.

Sie kämpfte mit Selbstvorwürfen und Selbstzweifeln, seitdem Blaine hier gewesen war – eigentlich sogar schon vor seinem Besuch, als sie sich zumindest teilweise schuldig für Aprils Unfall mit der Pistole fühlte.

Doch war alles, was in ihrem Leben schief lief, wirklich ihre Schuld?

Riley knurrte leise, während sie einen weiteren Schluck Bourbon nahm.

So viele Enttäuschungen, dachte sie.

Sie war es leid sich an all diesen Enttäuschungen selbst die Schuld zu geben – einschließlich an dem Scheitern ihrer Ehe mit Ryan. War es wirklich ihre Schuld gewesen, dass Ryan ein untreuer, selbstsüchtiger Arsch gewesen war, ebenso wie ein schlechter Ehemann und Vater? Und war es ihre Schuld, dass April der Verantwortung, die eine Waffe mit sich brachte, nicht gewachsen war, oder das Jilly auf sie wütend war, dass sie selbst keine Waffe bekommen hatte?

Und war es wirklich ihre Schuld, dass Blaine sie nicht als die akzeptieren konnte, die sie wirklich war, dass er ihre Beziehung nicht fortführen wollte, außer sie verwandelte sich in jemanden, die sie unmöglich sein konnte? Als sie diese Hoffnungen hatte ein neues Leben mit ihm und seiner Tochter zu beginnen, hatte sie wirklich zu viel von ihm erwartet? Bedeutete wahre Verbundenheit nicht immer das Gute gemeinsam mit dem Schlechten zu akzeptieren?

Was es möglich, dass Blaine sie verriet und nicht andersherum?

Jetzt, wo Riley darüber nachdachte, gab es da doch etwas, was sie sich vorzuwerfen hatte. Es war ein einziger Fehler, den sie ihr gesamtes eben immer und immer wieder machte.

Ich vertraue den Menschen.

Und früher oder später brachen alle Menschen dieses Vertrauen, egal wie sehr sie sich ihrerseits bemühte all ihre Forderungen und Erwartungen zu erfüllen.

Dann hörte Riley Geräusche aus der Küche kommen. Gabriela war hochgekommen und hatte begonnen, das Abendessen zuzubereiten. Riley musste sich eingestehen, dass Gabriela die eine Person war, die sie nie enttäuscht hatte und nie ihr Vertrauen missbraucht hatte.

Und doch gab es Grenzen in ihrer Beziehung mit Gabriela. Obwohl Gabriela wie ein weiteres Familienmitglied war, war Riley doch Gabrielas Arbeitgeberin. Und daher konnten sie sich auch nur durch diesen Umstand begrenzt nahekommen, selbst freundschaftlich.

Gabriela begann in der Küche eine guatemalische Melodie zu summen und Riley konnte fühlen, wie ihre Wut begann abzuebben. Sie dachte sich, dass bald sie, Gabriela und die Kinder sich gemeinsam zu einem wundervollen Abendessen einfinden würden.

Selbst wenn sie kaum ein Wort miteinander reden würden, war das etwas Schönes.

Sie nahm einen weiteren Schluck Bourbon und murmelte: „Das Leben geht weiter.“


* * *

Früh am nächsten Morgen wurde Riley vom Geräusch ihres vibrierenden Handys auf dem Nachttisch geweckt. Verschlafen griff sie nach dem Handy, wurde jedoch augenblicklich wach, als sie sah, dass der Anruf von ihrem Boss, Brent Meredith kam.

„Habe ich Sie geweckt, Agentin Paige?“, fragte Meredith in seiner tiefen, bebenden Stimme.

Riley wollte es beinahe verneinen, entschied sich jedoch schnell dagegen. Es war immer besser Meredith die Wahrheit zu sagen, selbst über so scheinbar bedeutungslose Kleinigkeiten. Es hatte das gruselige Vermögen selbst die kleinste Unaufrichtigkeit zu spüren. Und er mochte es wirklich nicht, belogen zu werden. Riley hatte das auf die harte Tour lernen müssen.

„Ja, aber das ist in Ordnung, Sir“, sagte Riley. „Was kann ich für Sie tun?“

„Ich habe mich gefragt, ob Sie vielleicht bereit sind, wieder in die Arbeit einzusteigen“, sagte Meredith.

Riley setzte sich im Bett auf, von Sekunde zu Sekunde immer wacher.

Was soll ich antworten? fragte sie sich.

Selbst nach dem gestrigen Abendessen war die Stimmung zwischen ihr und ihren beiden Töchtern immer noch angespannt. Die Mädchen waren immer noch beleidigt und distanziert. War es wirklich der passende Moment, um wieder an die Arbeit zu gehen? Sollte sie sich nicht etwas Zeit nehmen, um zu versuchen, die Dinge hier zuhause zu richten?

„Gibt es einen neuen Fall?“, fragte sie.

„Sieht ganz danach aus“, sagte Meredith. „Es hat in den vergangenen Wochen zwei Morde in der Vorstadt von Philadelphia gegeben. Wegen einiger Auffälligkeiten an beiden Tatorten, denkt die dortige Polizei, dass die Fälle etwas miteinander zu tun haben müssen und bittet uns um unsere Hilfe. Ich weiß, dass Sie sich von ihrer Verletzung erholten und ich will nicht – “

„Ich bin dabei“, unterbrach Riley ihn.

Die Worte waren draußen, bevor sie überhaupt wusste, dass sie sie ausgesprochen hatte.

„Es freut mich das zu hören“, sagte Meredith. Dann fügte er hinzu: „Agent Jeffreys ist immer noch beurlaubt. Ich werde Agentin Roston mit Ihnen zusammen auf den Fall ansetzen.“

Riley wollte beinahe wiedersprechen. Genau jetzt wollte sie wirklich ihren Langzeitpartner und besten Freund, Bill Jeffreys mit dabei haben, doch dann erinnerte sie sich an ihr letztes Telefonat. Er hatte ziemlich angespannt geklungen, und er hatte allen Grund dazu. Bill hatte auf den Mann geschossen, der Riley mit einem Eispickel angegriffen hatte – er hatte auf ihn geschossen und ihn getötet.

Es war nicht die erste Person, die Bill oder Riley über die Jahre bei der Ausübung ihrer Dienstpflichten getötet hatten, doch Bill nahm es dieses Mal mehr mit als sonst. Es war das erste Mal, das er Gewalt mit möglicher Todesfolge angewendet hatte, seitdem er letzten April versehentlich einen unschuldigen Mann angeschossen hatte. Der Mann hatte überlebt, aber Bill wurde immer noch von diesem Fehler verfolgt.

„Agentin Roston wird schon passen“, sagte Riley zu Meredith. Die junge Afro-Amerikanische Agentin war in den letzten Monaten zu Rileys Protegé geworden. Riley hatte eine hohe Meinung von ihr.

„Ich werde ein Flugzeug für Sie von Quantico nach Philly bereitstellen, sobald Sie beide hier sind“, sagte Meredith. „Wir treffen uns auf der Landebahn.“

Sie legten auf und Riley saß noch einige Momente auf dem Bett und starrte ihr Telefon an.

Habe ich die richtige Entscheidung getroffen? fragte sie sich.

Sollte sie wirklich einfach so davonfliegen, wenn hier Zuhause gerade alles so unsicher war?

Die Frage rief dieselbe Wut hervor, die sie schon gestern gespürt hatte.

Erneut ärgerte sie sich, so viel über die Wünsche und Bedürfnisse anderer nachdenken zu müssen – besonders da sie so oft vergaßen, an sie zu denken.

Sie könnte hier bleiben und ihr Bestes geben, um Jilly und April zu besänftigen, indem sie sich für Dinge entschuldigte, die eigentlich überhaupt nicht ihre Schuld waren, oder sie könnte da rausgehen und sich nützlich machen. Und in diesem Moment hatte sie einen Job zu tun – einen Job, den, wenn überhaupt, dann nur wenige so gut wie sie machen konnten.

Sie schaute auf die Uhr und sah, dass es immer noch sehr früh am Morgen war. Sie wusste, dass Gabriela bereits wach sein würde, um das Frühstück zuzubereiten, dass die Kinder aber immer noch schliefen. Riley war nicht danach, den Kindern ihre Entscheidung zu erklären, doch sie wusste, dass Gabriela es verstehen würde, wenn sie runtergehen und es ihr sagen würde. Riley konnte für den Weg etwas zu Essen mitnehmen und losfahren, und Gabriela würde es den Mädchen sagen, bevor sie sie zur Schule schickte.

Jetzt musste Riley sich erstmal anziehen und ihre Reisetasche packen. Als sie aus dem Bett steig und ins Bad ging, fühlte sie, dass sie sich seit Tagen nicht mehr so gut gefühlt hatte, wie jetzt.

Bald würde sie etwas tun, worin sie gut war – selbst, wenn es überaus gefährlich sein konnte.




Kapitel drei


Als das FBI Flugzeug in Quantico startete, begann Riley die Unterlagen zum Fall auf ihrem Tablet Computer durchzugehen. Sie wollte gerade einen bestimmten Punkt kommentieren, als sie bemerkte, dass Jenn Roston, die neben ihr saß, nicht aufpasste. Jenn starrte aus dem Fenster, offensichtlich verloren in ihren eigenen Gedanken.

„Ich denke, wir sollten beginnen“, sagte Riley.

Doch sie erhielt keine Antwort von ihrer jungen Partnerin.

Riley sagte: „Hast du mich gehört, Jenn?“

Erneut bekam sie keine Antwort.

Riley sagte nun lauter: „Jenn.“

Jenn schaute sie aufgeschreckt an.

„Was?“ sagte sie.

Es erschien Riley fast so, als hätte Jenn vergessen, wo sie sich befand.

Was ist los mit ihr? fragte Riley sich.

Sie hatten sich vorhin beeilen müssen, um zum Flugzeug zu kommen. Meredith hatte die beiden Agentinnen nicht einmal in sein Büro eingeladen, um sie in den Fall einzuführen. Stattdessen hatte er sie neben dem wartenden Flugzeug auf der Landebahn getroffen. Kurz bevor sie ins Flugzeug gestiegen waren, hatte Meredith Riley hastig erklärt, wie sie die relevanten Polizeiberichte runterladen konnte. Sie hatte grade noch geschafft das zu tun, bevor das Flugzeug abgehoben war.

Jetzt, wo das Flugzeug an Flughöhe gewann, hatte sie die Erwartung, den Fall mit ihrer Partnerin besprechen zu können. Doch Jenn schien gerade nicht sie selbst zu sein.

Mit ihrer dunklen Haut, ihren kurzen glatten Haaren und ihren großen, eindringlichen Augen, hinterließ Rileys Partnerin den Eindruck einer Frau, die wusste, was sie tat. Und normalerweise stimmte das auch, doch heute schien Jenn abgelenkt zu sein.

Riley deutete auf ihren Computer und sagte: „Wir haben einen Fall, an dem wir arbeiten sollten.“

Jenn nickte hastig und sagte: „Ich weiß. Was haben wir bereits?“

Während sie die Polizeiberichte überflog, sagte Riley: „Nicht viel, zumindest noch nicht. Vor einer Woche gab es einen Mord in Petersboro, einem Vorort von Philadelphia. Justin Selves, Ehemann und Vater, wurde in seinem Haus ermordet. Ihm wurde die Kehle aufgeschnitten.“

„Was war das Motiv?“, fragte Jenn.

Riley sagte: „Zuerst hatte die Polizei angenommen, dass es ein missglückter Einbruch sei. Doch erst gestern wurde eine Frau namens Joan Cornell tot in ihrem Haus in Springett, einem anderen Vorort direkt neben Petersboro, aufgefunden. Auch ihr wurde die Kehle durchgeschnitten.“

Jenn neigte den Kopf zur Seite und sagte: „Vielleicht war das auch nur ein vermasselter Einbruch. Die Todesursache könnte bloßer Zufall sein. Sollte für die dortige Polizei doch auch ohne unsere Hilfe einfach zu klären sein. Klingt nicht nach einer Serie.“

Riley schaute die Berichte weiter durch und sagte: „Vielleicht auch nicht, außer einem merkwürdigen Detail. Von jedem Tatort wurde ein Stuhl geklaut.“

„Ein Stuhl?“, fragte Jenn.

„Ja, ein Esszimmerstuhl.“

„Was macht das denn für einen Sinn?“, fragte Jenn.

Riley sagte: „Bisher keinen vielleicht. Es ist unsere Aufgabe, dahinter zu kommen.“

Jenn schüttelte den Kopf und murmelte: „Stühle. Wir ermitteln wegen geklauten Stühlen.“

Dann zuckte sie mit den Schultern und sagte: „Ich wette, es ist nichts. Jedenfalls nichts, womit sich die Verhaltensanalyseeinheit befassen müsste. Bloß ein paar dumme und scheußliche Morde. Ehe wir uns versehen, werden wir wahrscheinlich auf dem Weg zurück nach Quantico sein.“

Riley wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie hatte nicht die Gewohnheit sich eine Meinung zu bilden, bevor sie einen Fall überhaupt erst begonnen hatte. Und es sah auch Jenn nicht ähnlich, das zu tun, aber aus irgendeinem Grund schien Jenn gerade untypisch gleichgültig zu sein.

Riley fragte vorsichtig: „Jenn, stimmt irgendetwas nicht?“

„Nein“, sagte Jenn. „Wieso fragst du?“

Riley suchte nach den richtigen Worten.

„Naja, es ist nur so…dass du irgendwie…“

Riley hielt inne und sagte dann: „Du würdest es mir sagen, wenn irgendwas nicht stimmen würde, oder?“

Jenn lächelte schwach.

„Was soll schon nicht stimmen?“, fragte sie Riley. Dann drehte sie sich wieder weg und starrte erneut aus dem Fenster.

Riley bekam von Jenns ausweichender Antwort ein unruhiges Kribbeln. Sie fragte sich, ob sie auf der Sache beharren sollte. Jenn konnte sensibel reagieren, wenn Menschen zu viele bohrende Fragen stellten. Riley versuchte sich einzureden, dass alles in Ordnung war. Es war möglich, dass es nur eine vergängliche Laune von Jenns Seite aus war.

Und doch.

Riley wusste viel über Jenn – besonders über ihre Vergangenheit. Sie wusste, dass Jenn in einer sogenannten „Pflegefamilie“ aufgewachsen war, die von einer genialen und bösen Frau, die sich „Tante Cora“ nannte, geleitet worden war. Tante Cora hatte alle ihre Pflegekinder auf Rollen in ihrem eigenen kriminellen Netzwerk abgerichtet.

Soweit war Jenn das einzige Pflegekind gewesen, das Tante Coras Klauen entkommen konnte. Mit ihrem scharfen Verstand und ihrem entschlossenen Charakter hatte sie sich zuerst als Polizistin und dann als Verhaltensanalyseagentin Respekt verschaffen. Doch Riley wusste, dass Tante Cora in der Zeit, in der sie miteinander gearbeitet hatten, mit Jenn Kontakt gehabt hatte. Dieser Kontakt schien die junge Agentin immer zu verstören, doch er hatte sie nicht davon abgehalten ihre Arbeit zu tun.

Was war jetzt los? Versuchte Tante Cora Jenn zurück in ihre Einflusssphäre zu locken?

Sie würde mir das sicherlich erzählen, dachte Riley sich.

Die zwei hatten einander misstraut, als sie zum ersten Mal miteinander gearbeitet hatten, doch einige gefährliche Fälle hatten sie einander sehr viel nähergebracht. Sie hatten einander einige ziemlich dunkle Geheimnisse anvertraut. Jenn wusste sogar besser Bescheid als Bill, was Rileys frühere Verbindung mit einem kriminellen Genie namens Shane Hatcher anbelangte.

Riley und Jenn hatten sich darauf geeinigt, nichts Wichtiges voreinander zu verbergen. Daher war Riley nun zurückhaltend, wenn es darum ging, Erklärungen einzufordern.

Nein, beschloss sie. Ich muss ihr vertrauen.

Riley verzog bei ihrem eigenen Gedanken sie Miene.

Ihre Trennung von Blaine beschäftigte sie immer noch. Das tat auch Aprils unverantwortlicher Umgang mit der Pistole und Jillys Eingeschnapptheit darüber, dass sie keine eigene Pistole bekommen hatte.

Riley seufzte und dachte: Mit dem Vertrauen ist es bei mir gerade knapp.


* * *

Das Flugzeug war gerade mal eine Stunde in der Luft, als es auch schon im Philadelphia International Airport landete. Dort wurden die Agentinnen von einem Polizisten empfangen, der sie nördlich nach Springett brachte, einem wohlhabenden Philadelphia Vorort. Das Auto hielt vor einem hübschen dreistöckigen Haus, vor dem bereits ein paar Dienstfahrzeuge geparkt waren.

Riley und Jenn stiegen aus dem Auto und gingen zum Haus. Ihr Fahrer stieg ebenfalls aus und folgte ihnen.

Ein weißhaariger uniformierter Mann verließ das Haus und bahnte sich den Weg an der Polizeiabsperrung vorbei und über die Veranda. Er stellte sich selbst als Jeremy Kree vor, der Polizeichef des nahegelegenen Petersboro, wo der erste Mord stattgefunden hatte.

Als sie seine Hand schüttelte, sagte Riley: „Agentin Roston und ich werden ein Fahrzeug brauchen, um in der Gegend rumzukommen.“

Kree nickte und sagte: „Sie können den Wagen benutzen, in dem sie hierhergekommen sind.“

Er wies den Polizisten, der sie gefahren hatte an, ihnen die Schlüssel für das in Zivil getarnte Auto zu leihen. Dann führe er sie hinein ins Haus und stellte sie Burton Shore vor, einem jüngeren Mann, der der Polizeichef von Springett war. Burton führte sie an die Stelle, wo der Mord geschehen war.

Das erste, was Riley auffiel, war der Esszimmertisch, der ein modernes quadratisches Design hatte und von drei Stühlen an jeweils drei der Enden umgeben war. Dem Bericht den sie gelesen hatte zufolge, war ein vierter Stuhl ursprünglich Teil der Garnitur gewesen, bevor er gestohlen wurde. Der Tisch selbst kam ihr klein vor für so ein großes Familienhaus. In dem großen Esszimmerbereich wirkte er ziemlich merkwürdig.

Wahrscheinlich ein bedeutungsloses Detail, dachte Riley.

Trotzdem störte es sie, und sie war sich nicht sicher, wieso.

Shore führte sie um einen Marmortresen herum, der einen verräterischen Blutfleck an der Kante hatte. Dort auf dem Küchenzimmerboden war der Umriss der Leiche abgeklebt, der zeigte, wie das Opfer gefallen war. Eine große Lache bräunlichen Blutes auf dem Fliesenboden war beinahe vollständig geronnen, schien jedoch noch etwas feucht zu sein.

Riley fragte Chief Shore: „Wann wurde die Leiche abtransportiert?“

„Der Bezirksgerichtsmediziner hat gestern Abend befohlen, sie mitzunehmen. Er wollte so bald wie möglich die Autopsie beginnen. Ich nehme an, dass das ok ist.“

Riley nickte. Sie hätte es bevorzugt, dass der Tatort vor ihrer Ankunft so unangetastet wie möglich geblieben wäre. Doch die Entscheidung des Gerichtsmediziners war nicht unvernünftig gewesen, insbesondere weil die Verbindung mit dem ersten Mord nicht sofort klar gewesen war.

Sie fragte beide Chiefs: „Was haben Sie an Fotos?“

Chief Shore öffnete eine Mappe, um die Fotos vom hiesigen Tatort zu zeigen, an dem Joan Cornells Leiche gefunden worden war und Chief Kree holte Fotos des anderen ermordeten Opfers hervor. Riley und Jenn schauten sich die Fotos einige Momente schweigend an.

Beide Opfer hatten Stirnwunden, was darauf hindeutete, dass sie beide geschlagen oder zumindest betäubt worden waren, bevor ihnen die tödlichen Wunden an ihrem Hals zugefügt wurden. Dem Fleck auf dem Tresen nach zu urteilen, vermutete Riley, dass der Mörder die Frau mit dem Kopf gegen die Kante gestoßen haben musste und ihr die Kehle durchschnitt, als sie bereits am Boden lag.

Riley verspürte ein gruseliges Gefühl des déjà vu beim Anblick der klaffenden Halswunden und der enormen Menge Blut. Sie erinnerten sie an den ersten Fall, an dem sie jemals gearbeitet hatte, noch bevor sie sich überhaupt überlegt hatte, FBI Agentin zu werden. Das war vor Jahren, damals war sie eine Studentin an der Lanton University gewesen. Ein Mörder hatte zwei ihrer Freundinnen umgebracht, indem er ihre Kehlen in ihren Studentenheimzimmern aufgeschlitzt hatte. Riley war wiederwillig in den Sog der Ermittlungen geraten und ihr Leben war danach nie wieder dasselbe gewesen.

Schnell schüttelte Riley das Gefühl ab.

Neuer Mörder, andere Zeit, sagte sie sich.

Sie fragte Chief Shore: „Was wissen wir über den Mord, der an dieser Stelle passiert ist?“

Der junge Chief sagte: „Der Name des Opfers war Joan Cornell, sie war eine geschiedene Mutter von vier Kindern. Drei ihrer Kinder leben weiter weg, aber ihr ältestes Kind, eine Tochter, lebt immer noch hier in Springett. Die Tochter ist immer regelmäßig vorbeigekommen, um nach ihrer Mutter zu schauen. Gestern Nachmittag hat sie sie genau hier tot aufgefunden.“

Jenn fragte: „Lebt der Ex-Mann des Opfers in der Nähe?“

Chief Shore schüttelte den Kopf und sagte: „Nein, er hat erneut geheiratet und lebt in Maine. Wir haben uns mit ihm in Verbindung gesetzt und uns von ihm Angaben über seinen Aufenthaltsort zur Tatzeit geben lassen. Wir werden sein Alibi überprüfen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es niet- und nagelfest ist.“

Riley stimmte stillschweigend zu. Irgendwie sah dieser Mord nicht nach einer Tat eines zornigen Ex-Mannes aus, besonders eines, der so weit weg lebte. Und insbesondere dann nicht, wenn diese zwei Tode, die in zwei unterschiedlichen Familien passiert waren, so eng miteinander verbunden waren, wie es aussah.

Jenn schaute von den Fotos auf und sah den älteren Polizeichef an.

Sie fragte ihn: „Was ist über das erste Opfer bekannt?“

Chief Kree sagte: „Sein Name war Justin Selves und er arbeitete als Kundenberater in einer Bank in Petersboro. Sein Sohn ist eines Nachmittags vor ein paar Wochen nach Hause gekommen und hatte seinen Vater direkt in der Eingangstür tot vorgefunden.“

Jenn fragte: „Gab es irgendwelche Anhaltspunkte für einen Einbruch?“

Kree sagte: „Nein, es sieht danach aus, als hätte Selves einfach die Tür geöffnet, als der Mörder angeklopft oder geklingelt hatte. Dann trat der Mörder ein und vollbrachte seine Tat an Ort und Stelle.“

Riley zeigte auf ein Foto, das einen Blutfleck auf einem Türrahmen zeigte und sagte: „Es sieht so aus, als wäre er bewusstlos geschlagen worden, genau wie das Opfer hier.“

Kree nickte: „Ja, er war vermutlich mit dem Kopf gegen den Türrahmen gestoßen worden, wahrscheinlich als die Tür geschlossen war.“

Während Jenn mit der Befragung der beiden Chiefs fortfuhr, stand Riley einen Moment da und starrte auf den abgeklebten Umriss auf dem Boden. Ihre größte Stärke als Agentin war ihre beinahe unheimliche Fähigkeit in die Gedanken eines Mörders vorzudringen, während sie den Tatort untersuchte. Doch das passierte nicht immer, und gerade jetzt geschah gar nichts. Bisher blieben ihre Gedanken leer.

Jenn erschien nun durchaus engagiert und fragte die zwei Polizeichefs alle erforderlichen Routinefragen ab. Riley wusste, dass es unwahrscheinlich war, dass Jenn irgendwelche vielversprechenden Antworten bekommen würde. Riley beschloss, dass sie sich in diesem Moment genauso gut im Haus umsehen konnte, um zu versuchen irgendeine Art intuitiver Eingebung darüber zu bekommen, was hier vorgefallen war.

Während Riley im Erdgeschoss umherwanderte, spähte sie hinab in den Keller, in dem sich augenscheinlich ein großer Hobbyraum befand. Sie ging weiter durch ein Frühstückszimmer und ein großes Wohnzimmer mit einem schönen Kamin. Auf dem Klavier und anderorts waren mehrere Familienfotos aufgestellt – alle bildeten die Mutter und die vier Kinder im unterschiedlichen Alter ab, doch keins davon zeigte ihren Ex-Mann.

Nicht gerade überraschend, dachte Riley.

Sie hatte auch keine Fotos von Ryan in ihrem eigenen Haus stehen.

Riley stieg hinauf in den ersten und zweiten Stock, wo sie feststellte, dass die Kinderzimmer seit den Jugendjahren der Kinder wohl ziemlich unverändert beibehalten worden waren.

Sie dachte an die von Chief Shore erwähnte Tochter, die in der Nähe lebte und das Opfer regelmäßig besucht hatte, und die auch die Leiche entdeckt hatte. Riley fragte sich, wie oft die Ermordete wohl ihre anderen Kinder gesehen hatte, nachdem sie erwachsen geworden und ausgezogen waren. Sie bezweifelte, dass in einer zerbrochenen Familie wie dieser, alle Familienmitglieder regelmäßig aufeinandertrafen.

Es war ein trauriger Gedanke. Obwohl das Haus um einiges größer war als Rileys eigenes Haus, fragte sie sich trotzdem: Wie wird es wohl sein, wenn April und Jilly weg sind?

Würden sie beide weit wegziehen und selten zu Besuch kommen?

Und natürlich würde auch Gabriela nicht ewig da sein.

Wie würde Rileys Leben dann aussehen?

Würde sie sich allein und vergessen fühlen?

Falls ihr zuhause etwas schreckliches passieren würde, wie lange würde es dauern, bis irgendjemand mal vorbeischaute und es feststellte?

Riley war nun wieder im Erdgeschoss und schaute ins Esszimmer hinein. Erneut kam ihr der kleine quadratische Esstisch mit seinen drei Stühlen viel zu klein für den Raum vor. Und erneut war es ein merkwürdig beunruhigender Anblick für Riley. Sie war sich sicher, dass er gekauft worden war, um einen viel größeren Tisch zu ersetzen, der zu viele Erinnerungen beherbergte, als dass Joan Cornell damit hatte leben können.

Riley spürte, dass sie einen Kloß im Hals hatte, als sie über Joan Cornells einsame Existenz nachdachte – und darüber, wie schrecklich ihr Leben geendet war.

Ihre Gedanken wurden von Jenns scharfer Stimme unterbrochen, als diese sagte: „Sie wissen nicht, wovon Sie sprechen.“

Riley drehte sich um und sah, dass Jenn eine hitzige Diskussion mit Chief Shore führte, während sein älterer Kollege dastand und die beiden amüsiert beobachtete.

„Hier gab es keinen Kampf“, fuhr Jenn fort und lief in der Küche auf und ab. „Es gibt keinerlei Anzeichen eines Kampfes, überhaupt keine Beschädigungen von irgendwelchen Gegenständen in der Küche. Der Mörder hat sie komplett überrascht. Er hat sie plötzlich ergriffen – an den Haaren vielleicht – und hat ihren Kopf hier gegen den Tresen gerammt. Dann schnitt er ihr die Kehle durch. Sie hatte nicht einmal begriffen, was passiert war.“

„Aber wie —?“, begann Chief Shore etwa.

Jenn unterbrach ihn: „Wie hat er es getan? Vielleicht so.“

Jenn ging um den Tresen und stellte sich auf die Seite in Rileys Nähe, welche ins Esszimmer hinausragte.

Jenn sagte: „Er hätte genau hier stehen können, wo ich stehe. Vielleicht hat er das Opfer um ein Glas Wasser gebeten. Sie ging rüber in den Küchenbereich und er griff über den Tresen und…“

Sie spielte nach wie der Mörder die Frau an den Haaren gegriffen haben und ihren Kopf vorgezogen haben könnte, bevor er ihn gegen den Tresen schmetterte.

„Genauso ist es passiert, könnte ich wetten“, sagte Jenn. „Sie sollten den Gerichtsmediziner bitten, die Kopfhaut des Opfers genauer zu untersuchen, um zu sehen, ob ihr Haare ausgerissen wurden.“

Chief Shore blinzelte und sagte: „Was wollen Sie damit sagen? Dass das Opfer ihren Mörder gekannt hatte? Dass sie ihm vertraute?“

Jenn antwortete ungeduldig: „Ich weiß es nicht. Vielleicht ist das etwas, was sie versuchen sollten herauszubekommen. Vielleicht sollten sie in diese Richtung ermitteln.“

Der beißende Sarkasmus in Jenns Stimme alarmierte Riley. Sie hatte dieses Verhalten auch früher bei Jenn beobachtet und es war natürlich keine gute Art die Zusammenarbeit mit der lokalen Polizei zu beginnen. Riley wusste, dass sie das sofort unterbinden musste.

Bevor ihre jüngere Partnerin noch etwas sagen konnte, melde Riley sich scharf zu Wort: „Agentin Roston.“

Jenn drehte sich mit einem überraschten Gesichtsausdruck zu ihr hin.

Riley versuchte so zu tun, als würde sie das Gespräch nicht absichtlich unterbrechen und sagte zu ihr: „Ich denke, wir haben alles was wir brauchen gesehen. Gehen wir.“

Dann sagte Riley zu Chief Shore: „Ich würde gerne die Tochter des Opfers befragen – diejenige, die die Leiche entdeckt hat. Wissen Sie, wo ich sie finden kann?“

Shore nickte und sagte: “Sie hat mir gestern gesagt, dass sie heute zuhause bleiben wird. Ich kann Ihnen ihre Adresse und eine Anfahrtsbeschreibung geben.“

Riley hörte ihm zu und notierte die Adresse und die Wegbeschreibung. Sie tauschte Nummern mit den Polizisten aus, damit sie alle im engen Kontakt bleiben konnten. Dann dankte Riley ihnen für ihre Hilfe und sie und Jenn verließen das Haus.

Als sie zu ihrem Leihfahrzeug liefen, fauchte Riley Jenn an: „Was sollte denn das eben werden?“

Jenn knurrte: „Ich wollte nur was klarstellen, sonst nichts. Die zwei Kerle haben keine Ahnung. Sie sollten in der Lage sein den Fall ganz alleine noch vor Tagesende zu lösen. Sie sollten unsere Hilfe gar nicht brauchen. Wir verschwenden hier nur Zeit und Steuergelder.“

„Wir sind die Verhaltensanalyseeinheit“, sagte Riley. „Der lokalen Polizei zu helfen ist ein großer Teil unserer Arbeit.“

„Ja, in ernsten Fällen, zum Beispiel bei echten Serienmördern“, sagte Jenn. „Das ist kein solcher Fall und ich denke wir wissen das beide. Es ist nur ein dummer Einbrecher, der sich verzetteln und auffliegen wird, noch bevor er es schafft, weiteren Schaden anzurichten.“

Als sie ins Auto stiegen und Riley den Zündschlüssel drehte, riss sie sich zusammen, um nicht zu sagen: „Ich weiß nicht, ob das stimmt.“

In Wirklichkeit hatte sie ein ziemlich starkes Gefühl, dass die zwei Morde bloß der Anfang von einer richtig grässlichen Geschichte waren.




Kapitel vier


Während Riley durch Springett fuhr, entschloss sie sich direkt zu sein. Sie sagte Jenn: „Du hast uns womöglich einen Rückschlag beschert.“

Jenn knurrte etwas unverständliches vor sich hin.

„Wir sind hier, um der örtlichen Polizei zu helfen, nicht um mit ihr zu streiten“, sagte Riley. „Gegenseitiges Vertrauen zu wahren kann unter den besten Umständen schwierig sein. Und es ist verdammt wichtig. Du hast die Grenze vorhin total überschritten.“

„Komm schon, Riley“, antwortete Jenn ungeduldig. „Shore hat sich klar geirrt darüber, was passiert ist. Hast du irgendwelche Spuren von einem Kampf in dieser Küche gesehen?“

„Das ist nicht der Punkt“, sagte Riley. „Wir müssen trotzdem mit ihnen zusammenarbeiten. Und außerdem, deinen eigenen Beobachtungen zufolge denke ich, dass deine Schlüsse falsch sind.“

„Ja? Wieso?“

Riley zuckte mit den Schultern. „Du hast selbst gesagt, dass der Mörder schnell reagiert hat und Joan Cornell komplett aus heiterem Himmel übermannt hat. Es ist wahrscheinlich genau so passiert, wie du gesagt hast. Er griff über den Tresen, nahm sie am Schopf und knallten ihren Kopf gegen die Platte.“

Sie folgte Chief Shores Wegbeschreibung und bog an einer Ampel ab. „Dann ging er hinter den Tresen“, fuhr sie fort, „und schnitt ihr die Kehle durch, als sie bewusstlos war. Und den Fotos vom Tatort in Petersboro nach zu urteilen, hat er Justin Selves auf die ziemlich gleiche Art und Weise umgebracht, überraschend und effizient. Wirkt das wirklich wie ein schiefgelaufener Einbruch auf dich?“

„Nein“, grummelte Jenn.

„Auf mich auch nicht“, sagte Riley. „Eigentlich wirkt es ziemlich kaltblütig, sogar vorsätzlich.“

Während Riley durch die wohlhabende Nachbarschaft fuhr, stellte sich ein Schweigen zwischen ihnen ein. Rileys Besorgnis wuchs.

Endlich sagte sie: „Jenn, ich habe dich vorhin gefragt und ich muss es dich nun noch mal fragen. Stimmt irgendetwas nicht, worüber ich Bescheid wissen sollte?“

„Was sollte nicht stimmen?“, sagte Jenn.

Riley verzog die Miene, als sie dieselbe ausweichende Antwort wie zuvor erhielt.

Ich sollte einfach direkt zum Punkt kommen, dachte sie.

„Hat dich Tante Cora kontaktiert?“, fragte sie.

Es war still, als Jenn sich zu Riley drehte und sie anstarrte.

„Was für eine Frage ist das denn?“, fragte Jenn.

Riley sagte: „Eine, die leicht zu beantworten ist, so eine Frage ist das. Ja oder nein. Entweder hast du von ihr gehört oder du hast es nicht.“

Sie spürte, dass Jenn kurz davor war zu protestieren und fügte hinzu: „Und sag mir nicht, dass es mich nichts angeht. Du und ich, wir wissen Dinge über einander, von denen wir vorziehen würden, dass sie sonst niemand weiß. Wir müssen beide über alles offen und ehrlich sprechen. Und du bist meine Partnerin und irgendetwas scheint dich zu bedrücken. Ich mache mir Sorgen, dass es deine Arbeit beeinflussen könnte. Somit geht es mich etwas an.“

Jenn starrte einen Moment lang zur Straße hinaus.

„Nein“, sagte sie endlich.

„Du meinst, nein, sie hat dich nicht kontaktiert?“, sagte Riley.

„Genau so ist es“, sagte Jenn.

„Und du würdest es mir sagen, wenn sie es hätte?“

Jenn schnaubte leicht entrüstet.

„Natürlich würde ich das“, sagte sie. „Du weißt, dass ich es tun würde. Wie kannst du was anderes denken?“

„Ok“, sagte Riley.

Sie schwiegen wieder und Riley fuhr weiter. Sie hatte das Gefühl, dass Jenn ganz aufrichtig geklungen hatte und sogar ein bisschen verletzt davon war, dass Riley sie anzweifeln konnte. Riley wollte ihr vertrauen. Doch trotz allem, was Jenn in ihrem jungen Leben erreicht hatte, war es schwer die Tatsache zu ignorieren, dass sie einst Schülerin einer Meisterkriminellen war.

Aber vielleicht reagiere ich zu übertrieben.

Erneut rief sie sich all das ins Gedächtnis, was gestern zuhause vorgefallen war. Nach Aprils Nachlässigkeit mit der Pistole, war Riley einfach nicht in einer sehr vertrauensvollen Stimmung. Vielleicht ließ sie gerade zu, dass ihre eigene schlechte Laune sie vereinnahmte. Sie sagte sich: Werde jetzt bloß nicht paranoid.

Trotzdem dachte sie, dass sie vielleicht darauf hätte bestehen müssen, Bill mitzunehmen, als Meredith sie angerufen hatte. Sie war sich sicher, dass Bill sehr viel schlimmere Krisen erlebt hatte, als die, die er gerade durchmachte. Bestimmt hätte er auch diese hier hinter sich lassen können, wenn Riley darauf bestanden hätte. Er war ihr ältester und bester Freund. Mit ihm an ihrer Seite fühlte Riley sich immer sicherer und stabiler.

Doch so wie die Dinge standen, musste sie einfach das Beste aus dem machen, was sie hatte.

Bald darauf kamen sie an der Adresse an, die man ihnen gegeben hatte. Riley parkte das Auto vor einem alten und eleganten Wohnhaus aus rotem Backstein. Sie stiegen aus dem Auto, liefen zum Eingang und klingelten bei der entsprechenden Wohnungsnummer. Als eine Frauenstimme sich über die Gegensprechanlage meldete, sagte Riley: „Ms. Tovar, ich bin Agentin Riley Paige vom FBI und hier mit meiner Partnerin, Jenn Roston. Wir würden gerne reinkommen und mit Ihnen sprechen, wenn sie nichts dagegen haben.“

Die Stimme stammelte: „FBI? Ich – ich hatte nicht erwartet…“

Nach einer Pause drückte die Frau den Buzzer und ließ Riley und Jenn rein. Riley und Jenn stiegen die Treppen hoch in den zweiten Stock und klopften an die Wohnungstür. Die Tür ging auf und brachte eine Frau Mitte Zwanzig zum Vorschein, die vor ihnen in einem Morgenmantel und Hausschuhen stand. Von Lori Tovars ausgemergeltem Gesicht konnte Riley nicht ablesen, ob sie bis vor kurzem geschlafen oder geweint hatte. Die Frau warf nicht mal einen richtigen Blick auf ihre Ausweise, dann bat sie Riley und Jenn einzutreten und sich zu setzen.

Als sie zu einer Sitzgruppe aus Sofas und Sesseln hinüberschritten, schaute Riley sich in der geräumigen Wohnung um. Im Gegensatz zum ehrwürdigen äußeren Erscheinungsbild des Hauses, was das Interieur der Wohnung schnittig und modern und es war offensichtlich, dass die Wohnung vor einigen Jahren saniert worden war.

Ebenso kam Riley die Wohnung merkwürdig leer und streng vor. Das Mobiliar sah teuer und geschmackvoll einfach aus, doch es gab nicht viel davon, und auch gab es nur wenige Bilder oder Dekorationen. Alles schien so…

Vorläufig, dachte Riley.

Es fühlte sich beinahe so an, als wären die Menschen, die hier lebten, nie wirklich angekommen.

Als Lori Tovar sich gegenüber von Riley und Jenn setzte, sagte sie: „Die Polizei hat mir so viele Fragen gestellt. Ich habe ihnen alles gesagt, was ich wusste. Ich kann mir nicht vorstellen…was Sie noch von mir wissen wollen könnten.“

„Lassen sie uns ganz am Anfang beginnen“, sagte Riley. „Wie haben Sie herausgefunden, was ihrer Mutter zugestoßen ist?“

Lori holte abrupt Luft.

Sie sagte: „Es war gestern, am späten Nachmittag. Ich bin einfach vorbeigekommen, um nach ihr zu schauen.“

„Haben Sie sie oft besucht?“, fragte Jenn.

Lori seufzte und sagte: „So oft es ging. Ich – Ich war so ziemlich die Einzige, die sie noch hatte. Dad hat sie vor ein paar Jahren verlassen und meine Brüder und Schwester leben alle zu weit weg. Gestern bin ich früh aus der Arbeit rausgekommen – ich bin eine Krankenschwester im South Hill Krankenhaus hier in Springett – also beschloss ich vorbeizufahren und zu sehen, wie es ihr geht. In letzter Zeit war sie ziemlich traurig.“

Lori starrte einen Moment lang ins Leere und fuhr dann fort: „Als ich dort angekommen war, habe ich die Haustür unverschlossen vorgefunden, was mich besorgte. Dann ging ich rein.“

Sie verstummte. Riley lehnte sich ein wenig zu ihr vor und sagte mit sanfter Stimme: „Haben Sie sie sofort entdeckt? Sobald Sie ins Haus gekommen sind, meine ich?“

„Nein“, sagte Lori. „Ich habe nach ihr gerufen, als ich reinkam, aber sie antwortete mir nicht. Ich bin hochgegangen, um zu schauen, ob sie ein Nickerchen machte, aber sie war nicht in ihrem Schlafzimmer. Ich habe gedacht – gehofft – dass sie mit ihren Freunden ausgegangen war. Ich bin wieder runtergekommen und…“

Lori runzelte nachdenklich die Stirn.

„Ich schaute ins Esszimmer und bemerkte, dass einer der Esstischstühle weg war. Das erschien mir merkwürdig. Ich habe einen Fleck am Küchentresen bemerkt und habe in die Küche geschaut und…“

Sie zuckte heftig zusammen und sprach angespannt weiter.

„Und dort lag sie auf dem Boden. Was danach geschah ist wie im Traum. Ich erinnere mich vage daran, den Notruf gewählt zu haben, dann gefühlt eine sehr lange Zeit gewartet zu haben, obwohl es wahrscheinlich nur ein paar Minuten waren. Dann war die Polizei da und…“

Ihre Stimme verstummte erneut.

Dann sprach sie ruhiger und sagte: „Ich weiß nicht, wieso ich in so einen Schockzustand geraten bin. Ich habe schreckliche Dinge in meiner Arbeit gesehen, besonders in der Notaufnahme. Schreckliche Wunden, viel Blut, Menschen, die in grauenhaften Schmerzen starben, oder sich wünschten zu sterben, bevor wir ihre Schmerzen lindern konnten. Ich habe immer damit umgehen können. Selbst als ich meine erste Leiche gesehen hatte, habe ich nicht so heftig reagiert. Ich hätte besser damit umgehen sollen.“

Jenn schaute verdutzt zu Riley rüber. Riley vermutete, dass Jenn von der scheinbaren Distanz in Loris Stimme überrascht war. Doch Riley konnte es ziemlich gut verstehen.

Über die Jahre hatte Riley es mit vielen Menschen zu tun gehabt, die mit noch frischen traumatischen Erfahrungen konfrontiert waren. Sie wusste, dass diese Frau immer noch versuchte die Realität dessen, was geschehen war, zu verarbeiten. Lori hatte bisher immer noch nicht ganz die Tatsache fassen können, dass ihre Mutter ermordet worden war, und nicht irgendein Notaufnahmepatient, den sie nie zuvor gesehen hatte.

Am allerwenigsten hatte Lori akzeptiert, dass ihr eigener Stoizismus Grenzen hatte.

Riley fragte sich, ob es wohl Menschen in Loris Leben gab, die ihr helfen würden, mit all dem klarzukommen.

Sie sagte zu Lori: „Soweit ich weiß, sind sie verheiratet.“

Lori nickte benommen.

„Roy ist Inhaber einer Wirtschaftsprüfungskanzlei hier in Springett. Er hatte mir angeboten, heute mit mir zuhause zu bleiben, aber ich habe ihm gesagt, dass ich auch alleine klarkomme und dass er zur Arbeit gehen soll.“

Dann fügte sie mit einem kleinen Schulterzucken hinzu: „Das Leben geht weiter.“

Riley schreckte hoch, als sie Lori dieselben Worte sagen hörte, die sie selbst laut ausgesprochen hatte, nachdem Blaine gestern das Haus verlassen hatte. Zu hören, wie jemand anders das sagte, war verstörend. Sie begriff, was für ein vollkommenes Cliché der Ausdruck war. Schlimmer noch, es stimmt nicht einmal.

Rileys ganzes Leben war um die schreckliche Tatsache herum aufgebaut, dass jedes Leben früher oder später mit dem Tod endete.

Wieso bestanden Menschen also auf dieser Redewendung?

Wieso hatte sie selbst sie gerade erst gestern verwendet?

Ich nehme an, es ist bloß eine dieser Lügen, an denen wir uns festkrallen.

Lori schaute hin und her zwischen Jenn und Riley und sagte: „Die Polizei hat mir gesagt, dass es vor einigen Wochen ein weiteres Opfer gegeben hatte – einen Mann, drüben in Petersboro.“

„Das stimmt“, sagte Jenn.

Lori fügte hinzu: „Sie haben gesagt, dass aus seiner Esszimmergarnitur ebenfalls ein Stuhl abhanden gekommen sei, genau wie bei Mom. Ich verstehe es nicht. Was bedeutet das? Wieso würde irgendjemand einen anderen Menschen wegen einem Esszimmerstuhl umbringen?“

Riley antwortete nicht, Jenn auch nicht.

Wie konnten sie diese Frage auch beantworten?

War es möglich, dass sie tatsächlich nach einem Irren fahndeten, der Menschen wegen ihrer Möbel umbrachte? Es erschien zu absurd, um es glauben zu können. Doch sie wussten noch so wenig zu diesem Zeitpunkt ihrer Ermittlungen.

Jenn stellte die nächste Frage.

„Hatte ihre Mutter zufällig einen Justin Selves aus Petersboro gekannt?“

„War das das andere Opfer?“, fragte Lori.

Jenn nickte.

Loris Augen wurden schmal und sie sagte: „Der Name kommt mir nicht bekannt vor. Ich weiß nicht, ob sie Freunde oder Bekannte außerhalb von Springett hatte. Ich habe ihr immer wieder gesagt, dass sie nicht genug rauskäme. Sie verbrachte nicht genug Zeit mit Leuten.“

Riley sagte: „So wie ich verstehe, hat sie also nicht außerhalb des Hauses gearbeitet.“

Lori sagte: „Nein, sie lebte von den Zahlungen ihrer Scheidungsvereinbarung.“

Jenn fragte: „Ist ihre Mutter… mit jemandem ausgegangen?“

Lori kicherte traurig.

„Um Gottes Willen, nein. Ich glaube, sie hätte es mir gesagt. Sie hat das Haus selten verlassen, außer um ab und zu in die Kirche zu gehen. Oh, und sie ist auch zu den Bingoabenden an der Kirche gegangen. Die hat sie nie verpasst. Jeden Freitag gibt es einen Spieleabend in der Westminster Presbyterian Kirche. Sie hat mich mal mit Cupcakes bewirtet, die sie eines Abends dort gewonnen hatte. Sie hatte sich sehr darüber gefreut.“

Lori schüttelte den Kopf und sagte: „Sie verbrachte zu viel Zeit alleine. Das Haus war zu groß für sie. Ich habe ihr immer wieder gesagt, sie solle in eine kleinere Wohnung ziehen. Sie wollte nicht auf mich hören.“

„Was passiert nun mit dem Haus?“, fragte Jenn.

Lori seufzte und sagte: „Meine Schwester, meine Brüder und ich werden es erben. Das wird ihnen wohl nicht viel bedeuten. Da sie alle so weit weg wohnen, wird es jetzt wohl eigentlich mir gehören.“

Dann wurden ihre Augen schmal, so als ob ihr auf einmal ein besonders dunkler Gedanke gekommen war.

„Das Haus wird mir gehören“, wiederholte sie. „Und Roy.“

Sie erhob sich hastig aus ihrem Sessel.

„Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich jetzt gerne keine weiteren Fragen mehr beantworten.“

Riley spürte, dass sich Loris geistige Verfassung plötzlich verändert hatte. Sie schaute sich erneut in der großen, aber merkwürdig leeren Wohnung um und erinnerte sich dann an das geräumige Haus, in dem das Opfer ermordet wurde. Und da begann ihr etwas klar zu werden.

Jenn beugte sich vor und sagte: „Ma’am, wenn Sie uns nur noch ein paar Minuten Ihrer Zeit geben könnten —“

„Nein“, unterbrach Lori. „Nein. Ich würde jetzt gerne allein sein.“

Riley konnte sehen, dass auch Jenn die Veränderung in Loris Verhalten bemerkt hatte. Riley wusste auch, dass ihre Partnerin auf Antworten drängen würde – womöglich auf eine zu aggressive Art und Weise.

Riley erhob sich und sagte: „Wir danken Ihnen für ihre Zeit, Ms. Tovar. Unser herzliches Beileid.“

Die Frau seufzte und sagte: „Danke.“ Dann fügte sie erneut hinzu: „Das Leben geht weiter.“

Wenn das nur stimmen würde, dachte Riley. Oder zumindest nicht so kurzweilig wäre.

Als sie und ihre Partnerin die Wohnung verließen und die Stufen hinunterstiegen, beschwerte Jenn sich: „Wieso sind wir gegangen? Da war was, was sie uns nicht sagen wollte.“

Ich weiß, dachte Riley.

Doch sie hatte keinerlei Absicht Lori Tovar dazu zu zwingen ihnen zu sagen, was es war.

„Ich erkläre es dir im Auto“, sagte Riley.




Kapitel fünf


Als Riley von Lori Tovars Wohnhaus davonfuhr, stellte sie fest, dass ihre junge Partnerin immer noch aufgeregt war. Jenn war bereits den ganzen Tag ziemlich aufbrausend gewesen und Riley hatte zunehmend weniger Geduld mit ihrer Einstellung.

„Wozu die Eile?“, grummelte Jenn. „Wieso hast du uns so hastig dort rausbefördert?“

Als Riley nicht sofort antwortete, fragte Jenn: „Und wo fahren wir überhaupt hin?“

„Etwas essen“, sagte Riley schulterzuckend. „Ich habe seit dem Frühstück nichts gegessen, ich hab Hunger. Du nicht?“

„Ich finde wir sollten zurückfahren“, sagte Jenn. „Lori Tovar hat uns nicht alles gesagt, was sie weiß.“

Riley lächelte düster.

„Was meinst du, was sie uns nicht gesagt hat?“, fragte sie.

„Ich weiß es nicht“, sagte Jenn. „Das ist was ich herausfinden möchte. Du etwa nicht? Manchmal können Zeugen wichtige Details verschweigen. Vielleicht weiß sie etwas von einer Verbindung zwischen ihrer Mutter und einem möglichen Verdächtigen – etwas, was sie uns aus irgendeinem Grund nicht sagen wollte.“

Riley entgegnete: „Oh, es gab da ganz gewiss etwas, was sie uns nicht sagen wollte. Aber es war nichts, was wir wissen müssten. Es hatte nichts mit dem Fall zu tun.“

„Woher weißt du das?“, fragte Jenn.

Riley unterdrückte einen Seufzer. Sie sagte sich, dass sie nicht genervt darüber sein sollte, dass Jenn nicht dieselben Signale bemerkt hatte, wie sie. Riley selbst hätte sie in Jenns Alter wahrscheinlich ebenfalls übersehen. Trotzdem musste Jenn lernen, die Leute besser zu einzuschätzen. Oft war sie überstürzt im Beschuldigen.

Sie sagte: „Sag mal, Jenn – wie war dein Eindruck von Lori Tovars Wohnung?“

Jenn zuckte mit den Schultern. „Sie sah ziemlich teuer aus. Die Art Wohnung, in der ein erfolgreicher Wirtschaftsprüfer und seine Frau leben würden. Aber sehr schlicht. Kontemporär, so würde man es wohl nennen können.“

„Würdest du sagen, dass Lori und ihr Mann dort besonders niedergelassen zu sein schienen?“

Jenn überlegte einen Moment und sagte dann: „Jetzt wo du es sagst, wahrscheinlich nicht. Es schien fast so, als ob – ich weiß nicht, als hätten sie vielleicht nicht besonders viel außer der Grundausstattung gekauft. Ich meine, ich glaube, dass sie die Wohnung nicht wirklich individuell gestaltet haben. So, als hätten sie erwartet, dass sie nicht besonders lange dort wohnen würden.“

Riley sagte: „Und was meinst du, wieso könnte das so sein?“

Als Jenn nicht antwortete, bohrte Riley nach: „Welche Pläne könnte ein solches Paar für die nahe Zukunft denn haben, deiner Meinung nach?“

„Kinder kriegen“, sagte Jenn.

Es folgte eine Pause, dann fügte Jenn hinzu: „Oh, ich glaube ich verstehe. Sie hatten nicht vor, Kinder zu bekommen, solange sie noch in dieser Wohnung lebten. Sie wollten irgendwo anders hinziehen, was besser für eine Familie passt. Lori hatte gehofft, dass sie das Haus ihrer Mutter bekommen würde. Und jetzt…“

Riley nickte und sagte: „Und jetzt bekommt sie genau das, was sie sich gewünscht hatte.“

Jenn japste entsetzt.

„Mein Gott! Ich kann mir nicht vorstellen, wie schuldig sie sich fühlen muss!“

„Zu schuldig, um jemals in dem Haus leben zu können, denke ich“, sagte Riley. „Sie und ihre Geschwister werden das Haus wahrscheinlich verkaufen müssen, zusammen mit all den wundervollen Kindheitserinnerungen. Und Lori und ihr Ehemann werden noch länger mit dem Kinderkriegen warten müssen, bis sie ein anderes Traumhaus gefunden haben. Das wird sehr schwer für sie sein.“

„Kein Wunder, dass sie nicht darüber reden wollte“, sagte Jenn.

„Eben“, sagte Riley. „Und es geht uns wirklich auch nichts an.“

„Es tut mir leid“, sagte Jenn. „Ich bin wirklich blöd gewesen.“

„Du musst einfach nur lernen, aufmerksamer zu Menschen zu sein“, sagte Riley. „Und das beinhaltet mehr als bloß Informationen aus ihnen herauszuquetschen. Es bedeutet, in der Lage zu sein, ihre Situation nachzufühlen. Es bedeutet, ihre Gefühle zu respektieren.“

„Ich werde versuchen, daran zu denken“, sagte Jenn leise.

Riley fühlte sich erbaut davon, dass Jenn nicht versuchte sich zu verteidigen. Es schien überhaupt so, als hätte ihre Partnerin ihre komische Laune von vorhin überwunden. Vielleicht, dachte Riley sich, würden sie doch ganz gut zusammenarbeiten.

Riley fuhr ins Downtown Springett hinein und parkte auf der Hauptstraße. Sie und Jenn stiegen aus und liefen, bis sie ein nettes kleines Restaurant gefunden hatten. Sie gingen hinein, setzten sich in eine ziemlich leere Ecke und bestellten Sandwiches.

Während sie auf ihr Essen warteten, fragte Jenn: „Wo stehen wir jetzt also?“

„Ich wünschte, ich wüsste es“, sagte Riley.

„Uns fehlen die Zeugen“, sagte Jenn. „Es wäre hilfreich, wenn jemand – ein neugieriger Nachbar, vielleicht – den Mörder gesehen hätte, als er zum Haus gekommen ist, oder zumindest sein Auto gesehen hätte. Wir brauchen irgendeine Beschreibung. Aber während du dich im Haus umgeschaut hast, habe ich die beiden Polizeichefs gefragt, ob sie die Nachbarn der Opfer vernommen hatten. Das haben sie, und niemand von denen hat irgendetwas gesehen. Es gab auch keine Sicherheitskameras an den passenden Stellen.“

Riley wusste das bereits aus den Polizeiberichten, die sie gelesen hatte.

Jenn fuhr fort: „Was wir wissen ist, dass in beiden Fällen nicht eingebrochen wurde. Was sagt uns das?“

„Ich bin mir nicht sicher“, sagte Riley. „Lori Tovar zufolge hatte ihre Mutter vielleicht auch nur vergessen, die Tür abzuschließen. Der Mörder könnte sie überraschend überfallen haben, sobald er drin war.“

Jenn sagte: „Am ersten Tatort war es anders. Justin Selves wurde direkt neben der Eingangstür überfallen und umgebracht. Vielleicht ist der Mörder zur Tür gekommen und hat geklingelt oder geklopft, Selves hat ihm die Tür aufgemacht und ihn direkt reingelassen.“

„Dasselbe konnte Joan Cornell passiert sein“, stimmte Riley zu.

Jenn sagte: „Ja, vielleicht hat sie sogar eine Weile mit dem Mörder geplaudert, bevor er sie umgebracht hat. Also hast du wohl Recht, dass die Opfer ihren Mörder bereits kannten und ihm vertraut haben.“

„Vielleicht“, sagte Riley. „Aber es ist trotzdem möglich, dass es ein komplett Fremder war, wahrscheinlich bloß kein zufälliger Einbrecher. Vergiss nicht, viele Psychopathen sind überaus charmante Personen. Vielleicht haben die zwei Opfer ihm vertraut, sobald sie ihn zum ersten Mal an der Tür gesehen haben. Vielleicht erschien er ihnen wie ein ganz liebenswerter Mann, der vorgab eine Umfrage zu machen oder so. Also haben sie ihn einfach reingelassen.“

Jenn sagte: „Naja, dieser Mörder geht sehr gewagt vor, soviel ist sicher. Einfach so am helllichten Tage in diese Häuser rein zu spazieren ist ziemlich dreist. Meinst du wir sollten uns den ersten Tatort auch mal ansehen?“

„Ich glaube nicht, dass wir dort irgendetwas herausfinden werden“, sagte Riley. „Es ist ganze zwei Wochen her und zu der Zeit dachte die Polizei noch, dass es ein schief gelaufener Einbruch war. Dort wurde mittlerweile alles aufgeräumt.“

„Du hast recht, dort wird es nichts mehr zu sehen geben“, sagte Jenn. „Nichts, was die Fotos nicht bereits abbilden.“

Riley sagte: „Was wir aber wissen, ist das Selves‘ Sohn die Leiche entdeckte. Wir sollten auf jeden Fall mit ihm sprechen.“

Riley öffnete die Polizeiberichte auf ihrem Computer und fand die Telefonnummer des Sohns. Dann rief sie ihn von ihrem Handy aus an und stellte den Anruf auf laut, so dass Jenn auch mithören konnte.

Der junge Mann hieß Ian und schien überaus begierig danach, mit ein paar FBI Agentinnen zu sprechen.

„Was mit Dad passiert ist, hat mich in den letzten Wochen verrückt gemacht“, sagte er. „Besonders jetzt, wo die Polizei heute morgen anrief und mit mitteilte, dass dasselbe jemand anderem drüben in Springett widerfahren sei. Diesmal wurde eine Frau ermordet. Ich kann es nicht glauben. Was zur Hölle geht da vor sich?“

„Wir hoffen, dass Sie uns dabei helfen können, das herauszufinden“, sagte Riley. „Wir würden ihnen gerne ein paar Fragen stellen. Gibt es einen Ort, an dem wir uns treffen könnten? Wir befinden uns selbst gerade in Springett.“

„Naja, ich bin Student an der Temple University und habe gerade Vorlesungen auf dem Campus. Ich nehme nicht an, dass sie durch ganz Philly fahren wollen, nur um mit mir zu sprechen. Können wir einfach Skypen?“

Das klang Riley nach einer guten Idee. Ein paar Momente später saßen Riley und Jenn nebeneinander an ihrem Tisch und sprachen mit Ian Selves von Angesicht zu Angesicht. Die Bedienung brachte ihre Sandwiches, doch sie schoben sie erst einmal zur Seite.

Riley bemerkte sofort, dass Ian das angenehme Gesicht eines Bücherwurms hatte, welches sie an einige der Labortechniker erinnerte, mit denen sie in der Verhaltensanalyseeinheit oft zusammenarbeitete. Er sah um die Achtzehn oder Neunzehn aus und Riley schätzte, dass er wohl Physik oder Informatik im zweiten Jahr studierte.

Jenn stellte ihm dieselbe Frage, die Riley zu Beginn ihrer Befragung an Lori Tovar gerichtet hatte. „Wie haben Sie erfahren, was mit ihrem Vater passiert ist?“

Ian sagte: „Naja, Sie wissen wahrscheinlich, dass Dad ein Kundenberater in einer Bank in Petersboro war. Einmal die Woche haben wir uns während seiner Mittagspause zum Mittagessen getroffen. Er fuhr von der Arbeit nach Hause und ich kam vorbei und holte ihn ab und dann fuhren wir dort hin, wo wir essen wollten.“

Riley freute sich über Ians Klarheit. Im Gegensatz zu Lori Tovar hatte er zwei Wochen gehabt, um das, was passiert war, zu verarbeiten, und er konnte ruhig darüber sprechen.

Ein besserer Zeuge, dachte sie.

Ian fuhr fort: „Ich habe vor dem Haus gehalten und gehupt, aber Dad ist nicht rausgekommen. Das sah ihm überhaupt nicht ähnlich. Also bin ich ausgestiegen und rüber zur Haustür gelaufen und habe geklopft. Er hat nicht aufgemacht.“

Ian schüttelte den Kopf.

„Da fing ich wirklich an, mir Sorgen zu machen. Wenn Dad andere Pläne gemacht hätte, hätte er mir das ganz bestimmt gesagt. Ich begriff, dass irgendetwas wirklich passiert sein musste. Also öffnete ich die Tür und…“

Ian erschauderte sichtbar bei dem Gedanken.

„Da lag er, direkt auf dem Boden.“

Jenn fragte: „Was haben Sie dann gemacht?“

„Naja, ich glaube ein paar Minuten lang war ich in Panik. Aber sobald ich mich zusammenreißen konnte, habe ich 9-1-1 angerufen. Dann habe ich meine Mom angerufen. Sie arbeitet in einem Damenmodegeschäft – Rochelle’s Boutique. Ich habe ihr gesagt, dass Dad etwas zugestoßen sei. Sie hat sofort begriffen, dass ich meinte, dass Dad tot war. Ich habe ihr nicht gesagt, wie und wieso. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich es ja auch selbst noch nicht wirklich begriffen.“

Ian seufzte und fuhr fort. „Sie hatte einen Nervenzusammenbruch am Telefon. Ich wusste, dass es wirklich schlimm wäre, wenn sie direkt nach Hause kommen würde. Ich habe ihr gesagt, dass sie nach der Arbeit zu ihrer Schwester fahren und dort auf mich warten solle, bis ich wirklich alles erklären könnte. Also war sie nicht zuhause, als die Polizei kam und alle möglichen Fragen stellte und als der Gerichtsmediziner den Leichnam wegbrachte. Ich glaube, das war wahrscheinlich auch besser so.“

Ja, ich bin mir sicher, das war es, dachte Riley sich.

Sie war beeindruckt von der Fähigkeit des jungen Mannes einen kühlen Kopf zu behalten inmitten solch eines traumatischen Geschehnisses.

Jenn fragte ihn: „Wann haben sie gemerkt, dass ein Esszimmerstuhl fehlte?“

Ian sagte: „Naja, wie sie wissen, haben die Cops gedacht, dass es sich um einen misslungenen Einbruch handelte. Dass der Typ vielleicht nicht erwartet hatte, dass jemand zuhause sei, und dann überrascht war, dass mein Dad doch da war.“

Er strich sich übers Kinn und fügte hinzu: „Also haben mich die Cops an Ort und Stelle gefragt, ob irgendwelche Wertgegenstände fehlten. Ich bin durchs ganze Haus gelaufen und habe alles überprüft, was mir in den Kopf kam – Computer, Fernseher, Moms Schmuck, das Silberbesteck und das Porzellan, all solche Sachen. Schließlich habe ich den fehlenden Stuhl bemerkt.“

Er schielte ungläubig.

“Die Cops haben mir diesen Morgen gesagt, dass dem anderen Opfer auch ein Stuhl geklaut wurde. Das macht keinen Sinn. Wieso würde jemand einen anderen Menschen wegen einem Stuhl umbringen?“

Riley dachte an Lori Tovar, die dieselbe Frage gestellt hatte. Sie hatte immer noch keine Ahnung, was die Antwort war.

Jenn fragte Ian: „Das andere Opfer hieß Joan Cornell. Hat Ihr Vater jemals diesen Namen erwähnt?“

Ian schüttelte den Kopf.

„Ich glaube nicht, aber ich bin mir nicht sicher. Er war ziemlich extrovertiert. Mom ist zurückhaltender, eine echte Stubenhockerin. Aber Dad ist oft ausgegangen und hat sich mit Freunden getroffen, hat Bridge und Softball gespielt, war in einem Bowlingverein und nahm an einem Aerobic Kurs teil. Er kannte also viele Leute. Er mag den Namen einmal erwähnt haben, und ich habe es vergessen.“

In Rileys Kopf begann sich eine Idee zu formen.

„Hat er jemals Bingo gespielt?“, fragte sie.

Ians Augen weiteten sich ein wenig.

„Jetzt wo Sie es erwähnen, ja“, sagte er. „Es war an irgendeiner Kirche. Er war eigentlich kein Kirchgänger, deshalb glaube ich, dass er einfach wegen der Spiele dort hinging.“

„Hatte er gesagt, um welche Kirche es sich handelte?“, fragte Jenn.

Er schwieg einen Moment lang und sagte dann: „Nein, ich kann mich nicht daran erinnern, dass er das jemals erwähnt hätte. Aber eines Tages hat er mir gesagt, dass er dort nicht mehr hingehen wollte.“

„Hat er gesagt, wieso?“, fragte Riley.

„Nein.“

Riley und Jenn tauschten einen flüchtigen Blick.

Jenn fragte: „Wie lange ist das her, das er ihnen das sagte?“

Ian zuckte mit den Schultern und sagte: „Ich glaube, es war ein paar Tage bevor er ermordet wurde.“

„Danke für Ihre Zeit“, sagte Riley. „Sie haben uns sehr geholfen.“

„Und unsere aufrichtige Anteilnahme für Ihren Verlust“, fügte Jenn hinzu.

„Danke“, sagte Ian. „Ich verarbeite es ganz ok, glaube ich, aber für Mom ist es wirklich schwer. Ich bin ihr einziges Kind und es ist richtig schwierig für sie jetzt alleine in diesem Haus zu leben. Ich habe ihr angeboten ein Urlaubssemester einzulegen und bei ihr zu sein, aber sie will nichts davon hören. Ich mache mir viele Sorgen um sie.“

Riley wünschte ihm alles Gute und dankte ihm noch einmal, bevor sie ihren Chat Anruf beendeten.

„Also haben beide Opfer womöglich zusammen Bingo an einer Kirche gespielt“, sagte Jenn. „Das ist unsere nächste Anlaufstelle.“

Riley stimmte zu. Sie suchte die Telefonnummer der Westminster Presbyterian Kirche heraus und rief dort an. Sie fragte die Empfangsangestellte, die den Hörer abnahm, wer für die Bingospiele an der Kirche zuständig war. Die Empfangsdame stellte Riley sofort zum Freizeitdirektor der Kirche, Buddy Sears, durch. Als Riley und Jenn sich als FBI Agentinnen vorstellten, sagte Sears: „Das klingt sehr ernst. Darf ich fragen, worum es geht?“

Riley fragte ihn, ob er Joan Cornell gekannt hatte.

„Aber ja. Eine liebenswürdige Frau. Eine unserer regelmäßigen Besucherinnen. Wieso fragen Sie?“

Riley und Jenn tauschten erneut Blicke. Riley wusste, dass sie und ihre Partnerin beide dasselbe dachten: Er weiß nicht, dass sie ermordet wurde.

Dieses Telefonat wäre keine gute Art und Weise ihm das beizubringen. Sie entschloss sich, Selves Namen vorerst nicht zu erwähnen.

Riley sagte zu Sears: „Wir würden gerne persönlich mit Ihnen sprechen, wenn Sie nichts dagegen haben. Sind Sie diesen Nachmittag frei?“

„Aber natürlich“, sagte der Mann und klang nun besorgt. „Ich werde hier sein und auf Sie warten.“

Riley bedankte sich bei ihm und legte auf. Als Riley und Jenn hastig ihre Sandwiches aßen, sagte Jenn: „Das ist es Riley. Das ist die Verbindung, nach der wir gesucht haben. Wenn beide Opfer an dieser Kirche waren, dann muss der Mörder es auch gewesen sein.“

Ich hoffe es, dachte Riley.

Doch aus vielen Jahren Erfahrung wusste sie, dass es noch vieles über diesen Fall herauszufinden gab.




Kapitel sechs


Drew Cadigan wusste genau was sie gerade wollte. Sie öffnete das kleine Gefrierfach ihres Kühlschranks und fand die Leckerei, nach der sie gesucht hatte. Das Gefrierfach ließ sich ein wenig schwer wieder verschließen, denn der Kühlschrank musste enteist werden – und auch geputzt.

Aber es ist nicht so, als ob das bald passieren würde! dachte sie mit einem Grinsen.

Sie wusste, dass die meisten Wohnungen abseits des Campus, die ihre Kommilitonen mieteten, sich mit neueren Geräten schmückten, inklusive Kühlschränken, die eine No-Frost Funktion hatten. Doch sie und ihre Mitbewohnerin, Sylvia, waren beide froh gewesen diese kostengünstigere Wohnung in einem großen, älteren Haus, das zu Wohneinheiten umgewandelt worden war, gefunden zu haben.

Glücklicherweise waren Sylvia und sie sich in vielen Hinsichten einer Meinung. Keine von ihnen beiden hatte wirklich ein Bedürfnis die Dinge sauber, ordentlich und funktionstüchtig zu halten. Keine von ihnen hatte etwas dagegen, dass die Wohnung, die sie beide teilten, eigentlich eine ziemliche Bruchbude war.

Drew schnappte sich einen Esslöffel aus einer Küchenschublade und ging damit und dem Becher Chocolate Chip Cookie Dough Eiscreme rüber zu dem hübschen, kleinen Küchentisch, den sie und Sylvia gekauft hatten, als sie diesen Sommer hier eingezogen waren. Sie stellte den Eisbecher auf den Tisch und setzte sich auf einen der einfachen Stühle, die sie zum Tisch gekauft hatten.

Ein kluger Kauf, dachte sie.

Sie und Sylvia hatten die Stühle und den Tisch in dem Dies-und-Das Gebrauchtwarenladen geholt. Sie sahen wirklich genauso gut aus, wie die brandneuen und bedeutsam teureren Sets bei Wolfe’s Möbel, wo Drew über den Sommer als Verkäuferin gearbeitet hatte.

Sie dachte an die Kunden, die sie dort betreut hatte und murmelte laut: „Solche Loser.“

Natürlich waren diese Leute alle sehr viel besser situiert, als Drew oder ihre Familie es jemals gewesen waren, deshalb wussten sie es auch nicht besser. Seit Drew ein kleines Mädchen war, hatte ihre Mutter ihr immer gesagt, dass man ausgezeichnete Dinge in einem guten Gebrauchtwarenladen kaufen konnte. Der Tisch und die Stühle waren ein gutes Beispiel. Genauso wie die beinahe gesamte Kleidung, die Drew besaß.

Und Kleidung war wichtig hier am Springett College, wo so ziemlich jedermann sehr viel reicher war, als Drew. Sie musste wenigstens so tun, als wäre sie wohlhabend, auch wenn alle um sie herum wussten, dass sie kein Geld hatte.

Sie öffnete den Eiscremebecher und starrte einen Moment lang das Eis an, den Esslöffel in der Hand, bereit die unangetastete Oberfläche der cremigen Substanz zu attackieren.

Soll ich wirklich? fragte sie sich.

Nein, natürlich sollte sie es nicht tun. Sie und Sylvia hatten sich darauf geeinigt, das Eis für einen besonderen Anlass aufzuheben und es dann gemeinsam zu verspeisen.

Doch Drew hatte jetzt gerade einen besonderen Anlass und Sylvia war nicht da.

Nur ein Löffel, dachte sie.

Sie stieß den Löffel gegen die harte Oberfläche und schaufelte ein wenig von der kalten Masse heraus, die ein weiches Stückchen Kuchenteig beinhaltete. Sie schloss ihre Augen und genoss die himmlisch kalte Süße.

Das habe ich mir verdient, beschloss sie.

Drew war sich sicher, dass Sylvia ihr verzeihen würde, wenn sie ihr sagte, was sie feierte. Sie hatte gerade ihren ersten Test im Kurs „Einführung in die amerikanische Literatur“ überlebt. Eigentlich war sie sich sogar sicher, dass sie ihn ziemlich gut bestanden hatte.

Und das war wirklich ein Grund zum Feiern.

Zum Ende ihres ersten Jahres letzten Frühling, hatte sie begonnen daran zu zweifeln, ob sie hier in Springett überhaupt überleben könnte. Nicht, weil sie nicht intelligent genug war. Ihre ausgezeichneten Noten im standardisierten Test und ihre Leistungen im Abschlusszeugnis hatten ihr zu einem bemerkenswerten Stipendium verholfen, das es ihr ermöglicht hatte, hierher zu kommen.

Trotzdem hatte sie es schwer gefunden, während der ersten zwei Semester mitzuhalten und war kurz davor gewesen, das Stipendium zu verlieren. Sie war von reichen Leuten umgeben, die sich alle Art von Nachhilfe leisten konnten. Das hatte Drew in eine klar benachteiligte Lage gebracht – besonders in einem Pflichtmodul zum kritischen Denken im Sommersemester.

Sie hatte ein Seminar ausgesucht, das ironischerweise „Armut und Reichtum in der amerikanischen Kultur“ hieß. Alle am Seminartisch redeten sie schwindlig und benutzten manchmal akademische Fachausdrücke, die sie nie zuvor gehört hatte. Sie alle bekamen täglich Nachhilfe für dieses Seminar und sie konnte nicht mit ihnen mithalten. Und die Seminararbeiten ihrer Kommilitonen waren so geschliffen, dass sie daran zweifelte, ob sie diese selber verfasst hatten.




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