Das Perfekte Lächeln 
Blake Pierce


In DAS PERFEKTE LÄCHELN (Buch #4) wird der Kriminalprofilerin Jessie Hunt, 29, die frisch von der FBI Academy kommt, ein beunruhigender neuer Fall zugewiesen: Eine Frau Mitte 30 wurde ermordet, nachdem sie sich mit Männern eingelassen hatte, die sie auf einer Dating-Plattform kennengelernt hatte.

Ist sie einem der verheirateten Männer zu nahe gekommen?

War sie das Opfer einer Erpressung? Von einem Stalker?

Oder ging es um ein viel schändlicheres Motiv?

Die Liste der Verdächtigen führt Jessie in wohlhabende, gepflegte Viertel, hinter den Schleier scheinbar perfekter Leben. Leben, die eigentlich zutiefst erbärmlich sind. Sie merkt, dass der Mörder hinter einem dieser gefälschten, plastischen Lächeln versteckt sein muss.

Jessie muss die Tiefen seiner Psyche ausloten, während sie versucht, sowohl einen Mörder zu fassen als auch ihre eigene zerbrechliche Psyche zu schützen – mit ihrem eigenen mörderischen Vater auf freiem Fuß, der bereit ist, vor nichts Halt zu machen, bis er sie tötet.

Ein schnelllebiger und spannender Psychothriller mit unvergesslichen Charakteren und mitreißender Spannung. DAS PERFEKTE LÄCHELN ist das Buch #4 einer fesselnden neuen Serie, die Sie bis spät in die Nacht blättern lässt.

Buch #5 in der Jessie Hunt Serie wird in Kürze erhältlich sein.





Blake Pierce

Das Perfekte Lächeln



Copyright © 2018 by Blake Pierce. Alle Rechte vorbehalten. Vorbehaltlich der Bestimmungen des U.S. Copyright Act von 1976 darf kein Teil dieser Publikation ohne vorherige Genehmigung des Autors in irgendeiner Form oder mit irgendwelchen Mitteln reproduziert, verteilt oder übertragen oder in einer Datenbank oder einem Abfragesystem gespeichert werden. Dieses eBook ist nur für Ihren persönlichen Gebrauch lizenziert. Dieses eBook darf nicht weiterverkauft oder an andere Personen weitergegeben werden. Wenn Sie dieses Buch mit einer anderen Person teilen möchten, kaufen Sie bitte für jeden Empfänger ein zusätzliches Exemplar. Wenn Sie dieses Buch lesen und Sie es nicht gekauft haben, oder es nicht nur für Ihren Gebrauch gekauft wurde, dann senden Sie es bitte zurück und kaufen Sie Ihre eigene Kopie. Vielen Dank, dass Sie die harte Arbeit dieses Autors respektieren. Dies ist eine erfundene Geschichte. Namen, Charaktere, Unternehmen, Organisationen, Orte, Ereignisse und Vorfälle sind entweder das Ergebnis der Phantasie des Autors oder werden fiktiv verwendet. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen, ob lebendig oder tot, ist völlig zufällig. Jacket image Copyright nikita tv, verwendet unter der Lizenz von Shutterstock.com.



Blake Pierce

Blake Pierce ist der Autor der meistverkauften RILEY PAGE Krimi-Serie, die 13 Bücher umfasst (und weitere in Arbeit). Blake Pierce ist ebenfalls der Autor der MACKENZIE WHITE Krimi-Serie, die neun Bücher umfasst (und weitere in Arbeit); der AVERY BLACK Mystery-Serie, bestehend aus sechs Büchern; der KERI LOCKE Mystery-Serie, bestehend aus fünf Büchern; der Serie DAS MAKING OF RILEY PAIGE, bestehend aus drei Büchern (und weitere in Arbeit); der KATE WISE Mystery-Serie, bestehend aus zwei Büchern (und weitere in Arbeit); der spannenden CHLOE FINE Psycho-Thriller-Serie, bestehend aus drei Büchern (und weitere in Arbeit); und der spannenden JESSIE HUNT Psycho-Thriller-Serie, bestehend aus drei Büchern (und weitere in Arbeit).

Als begeisterter Leser und lebenslanger Fan der Mystery- und Thriller-Genres liebt Blake es, von seinen Lesern zu hören. Bitte besuchen Sie www.blakepierceauthor.com, um mehr zu erfahren und in Kontakt zu bleiben.


BÜCHER VON BLAKE PIERCE

JESSIE HUNT PSYCHOTHRILLER-SERIE

DIE PERFEKTE FRAU (BAND #1)

DER PERFEKTE BLOCK (BAND #2)

DAS PERFEKTE HAUS (BAND #3)

DAS PERFEKTE LÄCHELN (BAND #4)

DIE PERFEKTE LÜGE (BAND #5)



CHLOE FINE PSYCHOTHRILLER-SERIE

NEBENAN (BAND #1)

DIE LÜGE EINES NACHBARN (BAND #2)

SACKGASSE (BAND #3)

STUMMER NACHBAR (BAND #4)



KATE WISE MYSTERY-SERIE

WENN SIE WÜSSTE (BAND #1)

WENN SIE SÄHE (BAND #2)

WENN SIE RENNEN WÜRDE (BAND #3)

WENN SIE SICH VERSTECKEN WÜRDE (BAND #4)

WENN SIE FLIEHEN WÜRDE (BAND #5)

WENN SIE SICH FÜRCHTEN WÜRDE (BAND #6)



DAS MAKING OF RILEY PAIGE MYSTERY-SERIE

BEOBACHTET (BAND #1)

WARTET (BAND #2)

LOCKT (BAND #3)

NIMMT (BAND #4)

LAUERT (BAND #5)



RILEY PAIGE MYSTERY-SERIE

VERSCHWUNDEN (BAND #1)

GEFESSELT (BAND #2)

ERSEHNT (BAND #3)

GEKÖDERT (BAND #4)

GEJAGT (BAND #5)

VERZEHRT (BAND #6)

VERLASSEN (BAND #7)

ERKALTET (BAND #8)

VERFOLGT (BAND #9)

VERLOREN (BAND #10)

BEGRABEN (BAND #11)

ÜBERFAHREN (BAND #12)

GEFANGEN (BAND #13)

RUHEND (BAND #14)

GEMIEDEN (BAND #15)



MACKENZIE WHITE MYSTERY-SERIE

BEVOR ER TÖTET (BAND #1)

BEVOR ER SIEHT (BAND #2)

BEVOR ER BEGEHRT (BAND #3)

BEVOR ER NIMMT (BAND #4)

BEVOR ER BRAUCHT (BAND #5)

EHE ER FÜHLT (BAND #6)

EHE ER SÜNDIGT (BAND #7)

BEVOR ER JAGT (BAND #8)

VORHER PLÜNDERT ER (BAND #9)

VORHER SEHNT ER SICH (BAND #10)

VORHER VERFÄLLT ER (BAND #11)

VORHER NEIDET ER (BAND #12)



AVERY BLACK MYSTERY-SERIE

DAS MOTIV (BAND #1)

LAUF (BAND #2)

VERBORGEN (BAND #3)

GRÜNDE DER ANGST (BAND #4)

RETTE MICH (BAND #5)

ANGST (BAND #6)



KERI LOCKE MYSTERY-SERIE

EINE SPUR VON TOD (BAND #1)

EINE SPUR VON MORD (BAND #2)

EINE SPUR VON SCHWÄCHE (BAND #3)

EINE SPUR VON VERBRECHEN (BAND #4)

EINE SPUR VON HOFFNUNG (BAND #5)




Prolog


Als Gabrielle in ihr Mietshaus mit zwei Schlafzimmern zurückkehrte, war es fast siebzehn Uhr. Sie hatte den größten Teil des Tages mit einem Kerl am Strand verbracht, den sie kürzlich kennengelernt hatte. Es war unterhaltsam – ihr Date hatte eine Cabana im Annenberg Beach House in Santa Monica gemietet und es fehlte in keinem Moment an Häppchen und alkoholischen Getränken.

Aber jetzt fühlte sie sich schlapp von der Sonne und etwas unwohl, da sie so viel gegessen hatte. Sie wusste, dass sie nicht zu viele solche Nachmittage verbringen konnte, wenn sie ihren Körper so in Form halten wollte. Immerhin genoss sie es, wenn die Kerle sie heimlich anstarrten, wenn sie an ihnen vorbeiging.

Als sie die Eingangstür aus Glas öffnete, bewunderte sie ihr Spiegelbild. Sie fühlte sich vielleicht aufgebläht, aber sie sah trotzdem toll aus. Ihr langes dunkles Haar war aufgrund der anhaltenden Meeresbrise gewellt. Ihre tief gebräunte Haut wirkte schick und glänzend. Und in ihren Plateau-Sandalen war sie größer als 1,80 Meter.

Als sie das Haus betrat, konnte sie sofort hören, wie Claire, ihre Freundin und Mitbewohnerin, ein angeregtes Telefonat führte. Sie unternahm einen symbolischen Versuch, das Gesagte zu ignorieren, bevor sie der Neugier nachgab.

„Wir können uns nicht mehr treffen“, hörte sie Claire sagen, die dann für die unvermeidliche negative Reaktion innehielt. Nach einigen Sekunden des Schweigens antwortete sie auf das, was die andere Person gesagt hatte.

„Wir passen einfach nicht zusammen“, antwortete Claire ruhig, mit einem entschlossenen, aber entschuldigenden Tonfall. „Es wäre das Beste für uns beide, wenn wir einfach nach vorne schauen würden.“

Gabrielle lächelte vor sich hin. Sie war ziemlich geschickt wenn es um Trennungsanrufe ging. Aber Claire war Expertin. Sie schaffte es immer, dass sich der Kerl nicht schlecht fühlte, denn sie schob die Schuld immer auf ihre eigene Unsicherheit und erwähnte natürlich nicht, dass der nächste Kerl, der bereits in der Schlange stand, das Problem war.

Aber diesmal klang es so, als wäre der Prozess etwas holpriger. Claires zukünftiger Ex war leicht hörbar, obwohl sie einige Räume entfernt war. Nach dem, was wie eine Tirade klang, während der ihre Mitbewohnerin schwieg, antwortete Claire schließlich mit ruhiger, aber kraftvoller Stimme.

„Es tut mir leid, dass du so denkst“, sagte sie. „Aber das kann doch für dich nicht überraschend kommen. Du wusstest von Anfang an, dass es so kommen könnte. Ich war schon immer ehrlich zu dir. Das ist meine Entscheidung. Je früher du es akzeptierst, desto einfacher wird es für dich sein. Auf Wiedersehen.“

Als sie sich sicher war, dass sie aufgelegt hatte, steckte Gabrielle ihren Kopf in Claires Zimmer.

„Alles in Ordnung?“, fragte sie. „Das klang etwas heftig.“

„Das gehört halt auch dazu“, antwortete Claire und klang müde. „Du weißt das so gut wie ich, Gabby. Einige Typen neigen dazu, ein bisschen… anhänglich zu werden.“

„Das klang so, als wäre er etwas zwischen anhänglich und einem Stalker. Willst du darüber reden?“

„Nicht wirklich“, gab Claire zu. „Ein Kerl holt mich um sieben ab. Ich habe also nur zwei Stunden, um mich fertig zu machen. Ich möchte mich lieber darauf konzentrieren.“

„Wir beide“, sagte Gabrielle. „Ich sollte keine zwei Dates an einem Tag vereinbaren. Ich bin so kaputt vom Strand. Und jetzt muss ich bis zwei Uhr morgens in den Club. Meine Beine werden schreien morgen.“

„Ganz schön schwere Leben, die wir führen“, sagte Claire mit einem Grinsen.

Gabby lächelte zurück. Sie mochte ihre Freundin am meisten, wenn sie so war: verspielt und selbstherrlich. Es machte es schwer, eifersüchtig zu werden, selbst wenn Claire wunderschön war – eine zierliche, blondhaarige, vollbusige, gebräunte südkalifornische Göttin. Mit nur knapp 1,50 Meter und 50 Kilo war sie Dynamit in einem winzigen Paket. Aber wenn sie ihr Schutzschild ablegt, kommt ihr Charme erst ans Licht. Nur ein paar Jungs haben jemals diese Seite von ihr kennenlernen dürfen.

„Hör zu“, sagte Gabrielle. „Wie wäre es, wenn wir morgen eine Pause einlegen – nur du, ich, ein paar Cocktails und Netflix?“

„Das klingt fantastisch“, sagte Claire. „Ich könnte wirklich etwas Auszeit gebrauchen. In letzter Zeit ist alles so stressig. Ich wünschte, die Leute würden einfach etwas chillen.“

„Ja. Morgen ist also offiziell Gabbys und Claires Chill-Tag. Abgemacht?“

„Abgemacht“, stimmte Claire zu. „Zumindest bis sechs Uhr. Ich habe eine Verabredung zum Abendessen.“

Gabby sah sie ungläubig an, aber sie konnten beide ihr Gelächter nicht zurückhalten.




Kapitel eins


Jessie Hunt ging bereits zum vierten Mal innerhalb von einer Stunde der gleiche Gedanke durch den Kopf.

Ich hasse diesen Ort.

„Dieser Ort“ war ein offizielles Sicherheitshaus von WITSEC. Obwohl sie es verachtete, einen solch sterilen Ort, an dem Rund um die Uhr Beamte waren, ihr Zuhause zu nennen, konnte sie nicht wirklich behaupten, dass es nicht notwendig war. Schließlich war es erst zwei Wochen her, dass sie einem Angriff ihres Vaters, dem Serienmörder Xander Thurman, der monatelang nach ihr gesucht hatte, entkommen war.

Und nur wenige Tage später war sein größter Bewunderer, ein weiterer Serienmörder namens Bolton Crutchfield, zusammen mit vier weiteren gefährlichen Gefangenen aus einer psychiatrischen Gefängniseinrichtung geflohen. Zwei von ihnen konnten gefasst werden. Aber neben Crutchfield waren noch zwei weitere auf freiem Fuß.

Jessie konnte sich also nicht wehren, als Polizeipräsident Roy Decker, ihr Chef beim LAPD, ihr auftrug, den Anweisungen der Beamten des Zeugenschutzprogramms Folge zu leisten. Und das bedeutete im Wesentlichen, unter Hausarrest zu leben, während sie von ihrer Arbeit als Profilerin freigestellt war.

Sie war noch nicht einmal Zeugin in einem Verfahren. Aber wegen der unmittelbaren Bedrohung ihres Lebens, ihrer Arbeit in der Strafverfolgung und ihrer Verbindung zum LAPD und zum FBI war eine Ausnahme gemacht worden.

Bis ihr Vater und Crutchfield gefangen genommen oder getötet wurden, steckte sie fest. Sie verbrachte ihre Tage damit, Fälle online zu verfolgen, zu trainieren und Selbstverteidigungseinheiten zu absolvieren, die wenig dazu beitrugen, ihr Unbehagen zu mildern.

Das zehnwöchige Trainingsprogramm, das sie kürzlich an der FBI-Akademie in Quantico, Virginia, absolviert hatte, hatte ihr effektive Kampfkünste und neue Techniken der Fallanalyse vermittelt. Aber es hatte ihr nicht beigebracht, wie man mit der erdrückenden Langeweile umgeht, die entsteht, wenn man vierundzwanzig Stunden am Tag in einem Haus gefangen ist.

Das Haus selbst war sehr schön, in einem ruhigen Wohnblock im westlichen Los Angeles Viertel Palms gelegen. Am späten Frühlingsmorgen trank sie ihren Kaffee und beobachtete, wie die Eltern ihre Kinder zur Grundschule ein paar Blocks weiter brachten.

Das Haus befand sich am Ende einer Sackgasse, wo es leichter gesichert und geschützt werden konnte. Aber das bedeutete, dass an den meisten Tagen nicht viel los war. Normalerweise ging sie gegen Mittag nach draußen, um im Pool zu schwimmen, der von einer großen Plane bedeckt war und die theoretisch als Schatten diente, aber in Wirklichkeit dort angebracht war, um die neugierigen Blicke der Nachbarn abzuschirmen.

Jetzt, da Kat gegangen war, war alles noch schlimmer. Einige Tage lang hatte ihre Freundin auch im Haus übernachten dürfen, weil die Behörden befürchteten, dass Bolton Crutchfield es auch auf sie abgesehen haben könnte. Schließlich war Kat Gentry Sicherheitschefin beim NRD – kurz für Nicht-Rehabilitative Division – gewesen, die Einrichtung im Department State Hospital-Metropolitan in Norwalk, aus der Crutchfield und die anderen Gefangenen geflohen waren. Man hatte Bedenken, dass einige von ihnen auf Rache aus wären.

Aber als Kat erwähnte, dass sie eine lange Reise nach Europa unternehmen wollte, um den Kopf frei zu bekommen, wurde den Beamten klar, dass sie sich so aus der Schusslinie entfernen würde und man so die Sicherheitskosten senken könnte. Jessie konnte sich noch immer an ihr Gespräch von vor einigen Tagen erinnern.

„Meinst du nicht, dass du so vor deinen Problemen wegläufst?“, hatte Jessie gefragt und erkannte, dass sie ihre Freundin mit dieser Frage wahrscheinlich angreifen würde.

Kat sah sie fragend an. Noch bevor sie antwortete, wusste Jessie, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Schließlich war Katherine Gentry früher bei der Marine und noch immer waren die Narben in ihrem Gesicht zu sehen, die sie im Zuge einer Explosion erlitten hatte. Sie war Leiterin eines Gefängnisses, in dem sich einige der gefährlichsten Verbrecher der Gesellschaft befanden, bis ihr vertrauenswürdigster Leutnant, Ernie Cortez, sie verraten und die Flucht ermöglicht hatte. Sie war knallhart und Jessie wusste das.

„Ich denke, ich habe eine Auszeit verdient“, sagte Kat und weigerte sich, sich darüber hinaus zu verteidigen. „Wenn ich wüsste, dass die Beamten dich gehen lassen würden, würde ich vorschlagen, dass du mit mir kommst.“

„Glaub mir, liebend gerne“, antwortete Jessie erleichtert darüber, dass ihre Freundin nicht defensiver war. „Aber die Wahrheit ist, dass ich so oder so nicht schlafen kann, ehe mein Vater und Crutchfield gefasst sind – egal auf welchem Kontinent. Sobald wir einen Plan ausgearbeitet haben, um diese Kerle zu schnappen, bin ich beruhigter. Das alles muss ein Ende finden, damit ich wieder ein Leben führen kann.“

„Es sieht nicht so aus, als gäbe es einen wirklichen Plan“, bemerkte Kat besorgt.

„Nein“, stimmte Jessie zu. „Und glaub jetzt nicht, dass mir das nicht schon in den Sinn gekommen ist. Die einzige rettende Gnade ist, dass ich weiß, dass mein Vater im Moment zu verletzt ist, um mich aufzusuchen. Als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, ist er aus einem Fenster im vierten Stock gesprungen, und zuvor hatte er sich bereits Verletzungen an Bauch, Schulter und Kopf zugezogen. Er wird für eine Weile außer Gefecht gesetzt sein.“

„Aber Bolton Crutchfield nicht“, erinnerte Kat sie daran. „Er ist vollkommen gesund und bereit zur Tat zu schreiten. Und er hat Gehilfen.“

Kat äußerte sich dazu nicht weiter, das musste sie aber auch nicht. Sie wussten beide, was sie meinte. Zusätzlich zu den beiden Ausreißern, die ihm zur Verfügung stehen könnten, war da noch Ernie, Kats ehemaliger stellvertretender Kommandant in der NRD.

Während Kat an der Beerdigungszeremonie von Jessies Adoptiveltern teilnahm, ermordete Ernie, ein Mann mit einem imposanten Körper – 2 Meter groß und 125 Kilo schwer —, mehrere NRD-Sicherheitsoffiziere und ließ anschließend Crutchfield und die anderen frei. Erst Tage später konnte das FBI Näheres zu seinem Hintergrund aufdecken, der damals, als Kat ihn eingestellt hatte, verborgen geblieben war.

Als Ernie elf Jahre alt war, hatte er ein Jahr in einer psychiatrischen Einrichtung für Jugendliche verbracht, nachdem er ein anderes Kind mehrmals mit einem Schraubendreher in den Bauch gestochen hatte. Zum Glück überlebte der andere Junge.

Ernie saß seine Zeit ohne Zwischenfälle ab. Nach seiner Entlassung und nachdem seine Familie umgezogen war gab es keine weiteren Probleme. Seine Jugendakte wurde versiegelt, als er achtzehn Jahre alt wurde. Da er keine weiteren Auffälligkeiten in seiner Akte hatte, blieb nur ein solider Lebenslauf in der US-Armee übrig, gefolgt von Einsätzen als privater Sicherheitsdienstleister und als Gefängniswärter in einem Hochsicherheitsgefängnis in Colorado.

Wenn Kat Zugang zu seinen psychiatrischen Aufzeichnungen aus der Jugendhaftanstalt gehabt hätte, hätte sie erfahren, dass das medizinische Personal ihn als Soziopathen mit einer erstaunlichen Begabung zur Kontrolle und Verheimlichung seiner gewalttätigen Vorlieben ansah.

Die letzte Zeile seiner Entlassungspapiere lautete: „Der Arzt ist der Meinung, dass das Subjekt Cortez ein anhaltendes Risiko für die Gesellschaft darstellt. Er hat gelernt, seine Wünsche zu verbergen, aber es ist wahrscheinlich, dass sich irgendwann, bald oder vielleicht auch in Zukunft, die gleichen psychiatrischen Probleme, die zu seinem Aufenthalt in dieser Einrichtung geführt haben, erneut durchsetzen werden. Leider bietet unser derzeitiges System keine Vorkehrungen für diese Situation und verlangt, dass er unverzüglich freigelassen wird. Eine Nachbehandlung ist zwar nicht vorgeschrieben, wird aber dringend empfohlen.“

Es fand keine weitere Behandlung statt. Als Ernie Wächter bei der NRD wurde und anfing, mit Bolton Crutchfield, einem Meister der Manipulation, zu interagieren, stand er unter seinem Einfluss. Aber er zeigte es nie, machte weiterhin seine Arbeit und interagierte positiv mit seinen Kollegen, die er schließlich töten würde.

Kat gab sich selbst die Schuld für all die Todesfälle, obwohl sie all das nicht vorhersehen hätte können. Jessie hatte mehrmals versucht, ihre Schuld zu lindern, ohne Erfolg.

„Ich bin Profilerin, die darauf trainiert ist, so Dinge wie soziopathische Tendenzen wahrzunehmen“, hatte sie gesagt. „Ich habe über ein Dutzend Mal mit ihm gesprochen und ihn nie verdächtigt. Ich verstehe nicht, wie du das hättest sehen wollen.“

„Es spielt keine Rolle“, sagte Kat. „Ich war für die Sicherheit dieser Offiziere und für das Festhalten der Häftlinge verantwortlich. Ich habe an beiden Fronten versagt. Ich verdiene es, mich schuldig zu fühlen.“

Dieses Gespräch war vor drei Tagen. Jetzt war Kat irgendwo in Frankreich, ohne zu wissen, dass verhängt wurde, dass sie zu ihrem eigenen Schutz ein ziviler Beamter von Interpol verfolgen sollte. Jessie ihrerseits lag auf einem Liegestuhl aus Kunststoff unmittelbar neben der Autobahn. Sie hatte niemanden, mit dem sie reden konnte, kaum Privatsphäre und konnte kaum vermeiden, in negative Gedanken abzudriften. In den Momenten, in denen sie sich selbst bemitleidete, fühlte sie sich, als wäre sie erneut zum Opfer geworden.

Als sie hineinging, um sich einen Snack zu holen, zog sie die kugelsichere Weste an, die einer der Beamten ihr neulich mitgebracht hatte. Ihm wurden keine detaillierten Anweisungen gegeben, so dass es nicht seine Schuld war, wie sie passte. Aber Jessie konnte nicht anders, als frustriert zu sein, da das Ding kaum bis zu ihren Hüften reichte und irgendwie sperrig war. Eine magere, etwa 1,80 Meter große Frau wie sie brauchte etwas doppelt so langes und halb so breites. Sie band ihr schulterlanges braunes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammen und bemühte sich, dass ihre grünen Augen nicht allzu verärgert aussahen, als sie eintrat.

Als sie das Haus betrat, sah sie, wie der Beamte, der in der Nähe der Schiebetür stand, seinen Kopf leicht drehte. Er war eindeutig dabei, gerade eine Nachricht durch seinen Knopf im Ohr zu hören. Sein Körper spannte sich unwillkürlich an bei dem, was ihm gesagt worden war. Jessie wusste, dass etwas nicht stimmte, noch bevor sie die Küche betrat.

Er sagte nichts, also ging sie weiter in die Küche und tat so, als ob sie nichts von dem wusste, was vor sich ging. Unsicher, ob die Nachricht von einem Hausfriedensbruch handelte, suchte sie nach etwas, mit dem sie sich schützen konnte, falls Crutchfield sie gefunden hatte. Auf einem Tisch im Esszimmer in der Nähe der Küchentür stand eine Glasschneekugel aus San Francisco, etwa so groß wie eine Zuckermelone.

Als sie sich flüchtig fragte, warum San Francisco Schnee haben würde, packte sie die Kugel und versteckte sie hinter ihrem Rücken. Dann setzte sie den ersten Fuß in die Küche, ihr Körper machte sich bereit zu Handeln und ihre Augen huschten hin und her auf der Suche nach einer Bedrohung. Auf der anderen Seite der Küche öffnete sich eine Tür.




Kapitel zwei


Als Jessie wartete, um zu sehen, wer es war, wurde ihr klar, dass sie aufgehört hatte zu atmen. Sie zwang sich, langsam und leise auszuatmen.

Frank Corcoran trat zügig und ohne einen Hauch von Angst in den Raum. Der für ihre Sicherheit zuständige Beamte Corcoran war äußerst professionell. Er sah kantig aus, trug einen blauen Anzug, ein weißes Hemd und eine perfekt gebundene schwarze Krawatte. In seinem ordentlich geschnittenen Schnurrbart waren erste graue Haare zu sehen, ebenso in seinem kurz geschnittenen schwarzen Haar.

„Setzen Sie sich, Frau Hunt“, sagte er alles andere als lässig. „Wir müssen reden. Und Sie können die Schneekugel weglegen. Ich verspreche Ihnen, dass Sie sie nicht brauchen werden.“

Jessie stellte die Kugel auf den Küchentisch und fragte sich, woher er das wusste. Sie setzte sich und fragte sich, welche Hölle er ihr offenbaren würde. Xander Thurman hatte bereits ihre Adoptiveltern ermordet. Er hatte fast zwei Polizisten getötet, als er versuchte, ihr in ihrer eigenen Wohnung etwas anzutun. Bolton Crutchfields gewaltsame Flucht aus dem NRD hatte zum Tod von sechs Wachen geführt. Hatte einer der verbleibenden Ausreißer Kat in Europa ausfindig gemacht? Waren sie hinter ihrem Freund und Partner, dem LAPD Kriminalkommissar Ryan Hernandez, von dem sie seit Tagen nichts mehr gehört hatte, her? Sie machte sich auf das Schlimmste gefasst.

„Ich habe Neuigkeiten für Sie“, sagte Corcoran, als er erkannte, dass Jessie keine Fragen stellen würde.

„Okay.“

Ich habe mit Ihrem Chef gesprochen“, sagte er, zog ein Stück Papier heraus und las vor. „Er lässt Sie vom gesamten Revier grüßen. Er sagte, sie folgen jeder verfügbaren Spur und er hofft, dass Sie nicht mehr allzu lange hier festsitzen müssen.“

Jessie konnte an Corcorans skeptischem Tonfall und seinen leicht hochgezogenen Augenbrauen erkennen, dass er die Ansicht des Polizeipräsidenten Decker nicht teilte.

„Sie sind nicht so optimistisch wie er, oder?“

„Das ist das nächste Update“, antwortete er und beantwortete ihre Frage nicht. „Wir konnten Herrn Crutchfield noch nicht finden. Während zwei Flüchtige gefangen genommen wurden, sind zwei weitere noch auf freiem Fuß, ganz zu schweigen von Herrn Cortez.“

„Konnten die gefangen genommenen Männer noch irgendwelche nützlichen Informationen liefern?“

„Leider nicht“, gab er zu. „Beide Männer sagen immer noch dasselbe – dass sie alle innerhalb weniger Minuten nach ihrer Flucht getrennte Wege gegangen sind. Keiner dieser Männer wusste überhaupt, dass es passieren würde, bis sie aus ihren Zellen befreit wurden.“

„Also waren es wahrscheinlich nur Crutchfield und Cortez, die das geplant haben?“

„Das ist genau das, wovon wir ausgehen“, sagte Corcoran. „Nichtsdestotrotz fahnden wir weiterhin auf Hochtouren nach den Flüchtigen. Neben dem LAPD sind noch weitere Einheiten sowie auch das FBI daran beteiligt.“

„Sie erwähnten, dass Sie nach den Ausreißern suchen“, sagte sie. „Was ist mit Xander Thurman?“

„Was ist mit ihm?“

„Nun, er ist auch ein Serienmörder. Er hat versucht, mich und zwei weitere LAPD-Offiziere zu töten, und er ist auf flüchtig. Wie viele Leute sind auf ihn angesetzt?“

Corcoran sah sie an, als wäre er überrascht, dass er dazu etwas sagen müsste.

„Basierend auf Ihrer Beschreibung seiner Verletzungen betrachten wir ihn als eine weniger unmittelbare Bedrohung. Und da Sie im Zeugenschutzprogramm sind machen wir uns im Allgemeinen weniger Sorgen um ihn. Außerdem liegt unsere Priorität im Moment auf den vielen Flüchtigen aus einer kriminalpsychiatrischen Einrichtung, nicht auf einem Mann, von dem niemand weiß, dass er überhaupt da draußen ist.“

„Sie meinen, Ihre Suche wird von den Medien und der Politik bestimmt“, bemerkte Jessie spitz.

„So kann man es auch sagen.“

Jessie schätzte seine Ehrlichkeit.

Und für jemanden in seiner Position konnte sie nicht wirklich behaupten, dass es sich um eine unvernünftige Verschwendung von Ressourcen handelte. Sie beschloss, es vorerst dabei zu belassen.

„Irgendwelche potenziellen Spuren?“, fragte Jessie zweifelnd.

„Wir glauben, dass wir uns auf Cortez konzentrieren sollten. Wir gehen davon aus, dass er Pläne für nach der Flucht geschmiedet hat. Wir überprüfen seine Bankdaten, Kreditkartenkäufe und Telefon-GPS-Daten der letzten Wochen vor dem Ausbruch. Bis jetzt haben wir noch nichts so hilfreiches wie beispielsweise Flugtickets gefunden.“

„Das werden Sie auch nicht“, murmelte Jessie.

„Warum sagen Sie das?“

„Cortez wird in der Nähe von Crutchfield bleiben. Und ich garantiere Ihnen, dass Bolton Crutchfield nirgendwo hingehen wird.“

„Wie können Sie sich da so sicher sein?“, fragte Corcoran.

„Weil er mit mir noch nicht fertig ist.“


* * *

In dieser Nacht konnte Jessie nicht schlafen. Nachdem sie sich stundenlang hin- und hergewälzt hatte, stand sie auf und ging in die Küche, um ihr leeres Wasserglas aufzufüllen.

Als sie vom Schlafzimmer aus den mit Teppichen ausgelegten Flur hinunterging, spürte sie sofort, dass etwas nicht stimmte. Der Beamte, der normalerweise in einem Stuhl an der Ecke zwischen Flur und Wohnzimmer saß, war nirgendwo zu finden. Jessie überlegte, in ihr Zimmer zurückzugehen, um eine Waffe zu holen, bevor sie sich daran erinnerte, dass sie ja gar keine hatte. Der Sicherheitsdienst hatte sie bis auf weiteres “gesichert“.

Stattdessen drückte sie ihren Rücken gegen die Wand des Flurs und ignorierte ihr schnell schlagendes Herz, als sie in Richtung des leeren Stuhls schlich. Als sie näher kam, sah sie mit Hilfe des durch die Fenster strömenden Mondlichts einen dunklen, feuchten Fleck auf dem cremefarbenen Teppichboden. Die Größe des Flecks deutete darauf hin, dass es sich nicht um versehentlich verschütteten Wein handelte. Sie bemerkte zudem eine gleichmäßige Spur, die sich den Gang entlang erstreckte.

Jessie blickte um die Ecke und sah, wie der Beamte mit dem Rücken auf dem Boden lag. Anscheinend war er dorthin geschleppt worden. Seine Kehle war durchgeschnitten. Neben ihm auf dem Boden lag seine Dienstwaffe.

Jessie spürte einen Anstieg von Adrenalin, der ihre Finger zum Kribbeln brachte. Sie versuchte, konzentriert zu bleiben, kniete sich nieder und blickte sich im Raum um, während sie darauf wartete, dass sich ihr Körper beruhigte. Es ging schneller, als sie erwartet hatte.

Ohne jemanden in Sichtweite, stürzte sie nach vorne und packte die Waffe. Als sie nach unten blickte, sah sie blutige Fußspuren, die vom Körper des Beamten in Richtung des angrenzenden Speisesaals führten. Sie blieb geduckt hinter dem Sofa und hastete weiter, bis sie klar in den Raum sehen konnte.

Ein weiterer Beamter lag dort auf dem Boden. Er lag mit dem Gesicht nach unten da. Eine sich schnell erweiternde Blutlache, die aus seinem Hals strömte bildete eine Pfütze um sein Gesicht und seinen Oberkörper.

Jessie zwang sich, nicht auf dem Anblick zu verweilen, als sie den blutigen Fußspuren aus diesem Raum in den Raum folgte, der zum Pool im Garten führte. Die Schiebetür stand offen und eine leichte Brise blies die hängenden Vorhänge nach innen und ließ sie wie tief hängende Wolken aussehen.

Sie überprüfte das Zimmer. Es war leer, also ging sie zur Schiebetür, um nach draußen zu schauen. Sie sah eine Person im Anzug, die mit dem Gesicht nach unten im Wasser schwamm, welches sich zunehmend rot färbte. Da hörte sie, dass sich jemand hinter ihr räusperte.

Sie schreckte herum und richtete gleichzeitig die Waffe nach vorne. Am anderen Ende des Raumes standen sowohl Bolton Crutchfield als auch ihr Vater Xander Thurman. Dieser sah überraschenderweise gut aus, wenn man bedenkt, dass er noch vor wenigen Wochen in den Bauch und die Schulter geschossen worden war, sich wahrscheinlich den Schädel gebrochen hatte und aus einem Fenster im vierten Stock gesprungen war. Beide Männer hielten lange Jagdmesser in den Händen.

Ihr Vater lächelte, als er leise das Wort “Junikäfer“, den Kosenamen, den er ihr als Kind gegeben hatte, flüsterte. Jessie hob die Waffe und bereitete sich auf das Abfeuern vor. Als ihr Finger anfing, den Abzug zu drücken, sprach Crutchfield.

„Ich habe versprochen, dass ich dich wieder sehen würde, Fräulein Jessie“, sagte er. Er war so gelassen wie damals, als er mit ihr durch die dicke Glaswand seiner Zelle sprach.

Seine Wochen der Freiheit hatten ihn nicht weniger angenehm gemacht. Mit 1,72 Metern und etwa 75 Kilo war er körperlich weniger beeindruckend als Jessie. Sein pummeliges Gesicht ließ ihn ein Jahrzehnt jünger aussehen als seine fünfunddreißig Jahre, und sein braunes Haar, das ordentlich zur Seite gekämmt war, erinnerte sie an die Jungen im Matheclub in der Mittelschule. Nur seine stahlbraunen Augen deuteten darauf hin, wozu er wirklich fähig war.

„Es sieht so aus, als wären Sie in schlechter Gesellschaft“, sagte sie mit einer frustrierend zitternden Stimme und nickte ihrem Vater zu.

„Das ist es, was ich an Ihnen liebe, Fräulein Jessie“, sagte Crutchfield bewundernd. „Sie geben nie auf, auch wenn Sie in einer hoffnungslosen Situation sind.“

„Ihr solltet das vielleicht nochmal überdenken“, betonte Jessie. „Ihr habt beide Messer zu einer Schießerei mitgebracht.“

„So schelmisch“, staunte Crutchfield und sah Thurman anerkennend an.

Ihr Vater nickte und war immer noch still. Dann wandten sich beide Männer wieder ihr zu. Gleichzeitig verschwand ihr Lächeln.

„Es ist an der Zeit, Fräulein Jessie“, sagte Crutchfield, als sich beide Männer gemeinsam auf sie zubewegten.

Sie schoss zuerst ihrem Vater drei Mail in die Brust, bevor sie ihre Aufmerksamkeit auf Crutchfield richtete. Ohne zu zögern feuerte sie drei Kugeln in seinen Oberkörper ab. Die Luft war voller beißendem Rauch und dem Echo ihrer Schüsse.

Aber keiner der beiden stoppte oder verlangsamte sich. Wie war das möglich? Selbst mit kugelsicheren Westen hätten sie schwanken müssen.

Sie hatte keine Munition mehr, drückte aber dennoch ab, unsicher, was sie sonst noch tun sollte. Als die beiden Männer mit ihren hoch über dem Kopf gehaltenen Messern auf sie zukamen, warf sie die Waffe weg und nahm eine defensive Haltung ein, war sich aber dessen bewusst, dass es sich um eine sinnlose Geste handelte. Die Messer trafen sie schnell.


* * *

Jessie saß plötzlich aufrecht im Bett. Sie war schweißgebadet und atmete schwer. Als sie sich im Raum umsah, bemerkte sie, dass sie allein war. Die Fensterläden an den Fenstern noch immer geschlossen um den Zugang zu verhindern. An ihrer Schlafzimmertür stand noch immer ein Stuhl unter der Klinke als zusätzliche Sicherheitsvorkehrung. Auf der Uhr stand 1:39 Uhr.

Es klopfte sanft an der Tür.

„Alles in Ordnung da drin, Frau Hunt?“, fragte einer der Beamten. „Ich habe ein Geräusch gehört.“

„Nur ein schlechter Traum“, rief sie und log nicht hinsichtlich dessen, was er wahrscheinlich schon vermutet hatte.

„Okay. Geben Sie mir Bescheid, wenn Sie etwas brauchen.“

„Danke“, sagte sie und hörte auf das vertraute Knarren der Dielen unter dem Teppich, als er wegging.

Sie schob ihre Beine aus dem Bett und setzte sich für einen Moment ruhig hin, so dass ihre Herzfrequenz und Atmung wieder zu etwas fast Normalem zurückkehren konnten. Sie stand auf und ging ins Badezimmer. Sie sollte eine Dusche nehmen und auch die feuchten Bettlaken wechseln.

Als sie den Raum durchquerte, konnte sie nicht anders, als zu dem einen Fenster zu gehen, wo der Rolladen leicht geöffnet wurde, um etwas Licht hereinzulassen. Sie schwor, dass sie die Silhouette von jemandem im Schatten der Bäume hinter dem Pool sah. Selbst nachdem sie sich vergewissert hatte, dass es sich entweder um einen Baumstamm oder einen Beamten handelte, spürte sie innere Unruhe.

Irgendwo da draußen waren zwei Serienmörder auf freiem Fuß. Und beide suchten nach ihr. Sie war selbst in einem komplett gesicherten Unterschlupf mit all diesem Schutz eine leichte Beute.


* * *

Gabrielle und ihre Verabredung Carter kamen kurz nach 2 Uhr morgens wieder zu Hause an. Sie waren beide ein wenig angetrunken und sie musste ihn noch einmal daran erinnern, leise zu sein, um Claire nicht aufzuwecken.

Sie stolperten ungeschickt durch den Flur, bis sie in ihr Schlafzimmer kamen, wo sie sich lange küssten. Gabby wich zurück und warf ihm ein verführerisches Lächeln zu. Er erwiderte das Lächeln, wenn auch nicht zu eifrig. Das gefiel ihr. Er war älter – Ende vierzig – und konnte seine Begeisterung besser kontrollieren als einige der jungen Tech-Boys, mit denen sie in letzter Zeit ausgegangen war.

Er sah auf eine bemerkenswerte Art und Weise gut aus und erinnerte sie an einige der Freunde ihres Vaters, diejenigen, die einen Blick auf sie warfen, wenn sie dachten, dass sie nicht hinsah. Er wartete darauf, dass sie ihn erneut küsste. Als sie erneut spielerisch zurückwich, um herauszufinden, wie er reagieren würde, sprach er schließlich.

„Nettes Haus, in dem du hier wohnst“, sagte er in einem Scheinflüstern.

Wenn alles gut geht, wirst du mir für eine Weile helfen, es zu bezahlen.

Sie schaffte es, diesen Gedanken für sich zu behalten und antwortete weniger optimistisch: „Danke. Es gibt einen Teil, den ich dir besonders gerne zeigen möchte.“

Sie nickte zum Bett.

„Willst du, dass ich es mir ansehe? Ich glaube, eine Führung wäre angebracht.“

„Warum machst du es dir nicht da drüben bequem? Ich werde kurz ins Bad gehen, um mich frisch zu machen und bin sofort wieder da.“

Carter lächelte zustimmend und ging zum Bett hinüber. Als er seine Schuhe auszog und anfing, sein Hemd auszuziehen, ging Gabby ins Bad, das sie sich mit ihrer Mitbewohnerin teilte. Sie schaltete das Licht ein und warf ihm einen letzten verführerischen Blick zu, bevor sie die Tür hinter sich schloss.

Als sie drin war, ging sie direkt zum Spiegel. Bevor sie erneut Make-up auflegte, wollte sie ihre Zähne überprüfen. Ein flüchtiger Blick zeigte nichts Sichtbares in den Zwischenräumen. Sie nahm einen kurzen Schluck Mundwasser, gurgelte ein wenig und bereitete sich darauf vor, ihren Augenlidern einen Hauch von extra Verruchtheit zu verleihen, als sie einen Arm bemerkte, der über die freistehende Wanne hinter ihr gelegt war.

Sie drehte sich überrascht um. Es war nicht typisch für Claire, um diese Zeit ein Bad zu nehmen. Normalerweise ging sie immer sofort ins Bett, sobald sie nach Hause kam, und zog sich manchmal nicht einmal aus. Wenn sie in der Wanne lag und das Licht aus war, bedeutete das wahrscheinlich, dass sie völlig k.o. war.

Gabby ging auf Zehenspitzen und betete, dass sie es nur mit einer schlafenden Mitbewohnerin und nicht mit einer mit Erbrochenem bedeckten Wanne zu tun haben würde. Als sie über den Rand der Wanne blickte, war das, was sie sah, viel schlimmer.

Claire trug noch immer den Minirock, den sie an diesem Abend angezogen hatte. Sie lag mit dem Gesicht nach oben in der Wanne, ihre glasigen Augen waren weit geöffnet und sie war mit Blut bedeckt. Ihr Gesicht war damit durchzogen und es hatte sich ein dickflüssiger Schleim in ihrem Haar gebildet. Das Blut war überall, aber es schien hauptsächlich aus ihrem Hals zu kommen, der von mehreren tiefen Stichwunden durchfurcht war.

Gabby starrte sie an und erkannte erst, dass sie geschrien hatte, als Carter neben ihr erschien, ihre Schultern schüttelte und fragte, was los sei. Ein Blick auf die Wanne gab ihm die Antwort. Er stolperte schockiert zurück, bevor er sein Handy aus der Tasche zog.

„Komm da raus“, sagte er, packte ihr Handgelenk und riss sie von dem Schrecken vor ihr weg. „Geh und setz dich aufs Bett. Ich rufe den Notarzt.“

Sie hörte auf zu schreien und war dankbar über die Anweisung, der sie folgen konnte. Sie schlurfte orientierungslos zum Bett, wo sie sich setzte, auf den Boden starrte, aber nichts wirklich sah. Im Hintergrund hörte sie distanziert seine Stimme.

„Ich muss einen Mord melden. Hier ist eine Frau tot in der Badewanne. Sieht aus, als wäre sie erstochen worden.“

Gabby schloss ihre Augen fest, aber es half nichts. Das Bild von Claire, hilflos und schlaff nur wenige Meter entfernt in der Badewanne liegend, war bereits in ihr Gedächtnis eingebrannt.




Kapitel drei


Der Beamte war ein Arschloch. Jessie wollte nur joggen gehen. Er benutzte immer wieder den Ausdruck “nicht ratsam“, was in Wirklichkeit “nicht erlaubt“ bedeutete. Er zeigte auf das Laufband in der Ecke des Wohnzimmers, als ob das alle ihre Bedenken beantworten sollte.

„Aber ich brauche etwas frische Luft“, sagte sie und wusste, dass sie grenzwertig weinerlich klang.

Der Beamte, den sie nur als Murph kannte, war nicht sehr gesprächig, eine frustrierende Eigenschaft, wenn man bedachte, dass er der Hauptauftragnehmer in ihrem Sicherheitsbereich war. Klein und mit kurzen hellbraunen Haaren, die aussahen, als ob sie wöchentlich geschnitten wurden, schien er zufrieden zu sein, überhaupt nicht sprechen zu müssen. Als ob er das beweisen müsste, nickte er in Richtung Garten. Jessie versuchte sich daran zu erinnern, ob er einer der Beamten war, die in dem Albtraum von letzter Nacht ermordet worden waren. Irgendwie hoffte sie es.

In Wahrheit brauchte Jessie weder frische Luft noch wollte sie joggen. Sie wollte erneut die umliegenden Krankenhäuser aufsuchen um zu überprüfen, ob jemand, der auf die Beschreibung ihres Vaters passte, seit der letzten Überprüfung eingeliefert wurde. Ihr Partner, Kriminalkommissar Ryan Hernandez, sollte sie diesbezüglich auf dem Laufenden halten. Aber da sie in letzter Zeit niemanden erreichen konnte, auch ihn nicht, hatte sie keine Ahnung, ob er Erfolg gehabt hatte.

Jessie war sich ziemlich sicher, dass der Beamte ihre wahren Absichten kannte, aber das machte sie nicht weniger verärgert. Sie würde in diesem Haus noch verrückt werden. Und obwohl sie wusste, dass sie zu ihrem eigenen Schutz hier festgehalten wurde, hatte sie die Grenzen ihrer Geduld erreicht, besonders nach dem Traum von letzter Nacht. Sie beschloss, dass sich etwas ändern musste. Und es gab nur einen Weg, um das zu erreichen.

„Ich will den Polizeipräsidenten Decker sehen“, sagte sie fest entschlossen.

Der Beamte schien zögerlich zu reagieren, in der Hoffnung, dass er diese Forderung genau wie alle anderen ignorieren könnte. Aber natürlich konnte er das nicht. Jessie konnte sie nicht zwingen, sie auf einen Spaziergang gehen zu lassen oder einen Ausflug in den Supermarkt zu machen. Aber wenn sie einen formellen Antrag auf Besuch ihres Vorgesetzten stellte und das Ganze sicher abgewickelt werden konnte, war der Beamte dazu verpflichtet.

Langsam und mit finsterem Blick hob der Beamte seine Hand und sprach in das Funkgerät, das mit seinem Handgelenk verbunden war.

„Jabberjay bittet um ein persönliches Gespräch mit Decker. Bitte informieren Sie ihn.“

Während Jessie auf die Antwort wartete, blieb sie ruhig und beschloss, den weniger schönen Codenamen, den sie anscheinend erhalten hatte, nicht zu kommentieren.


* * *

Neunzig Minuten später saß sie in einem kleinen Konferenzraum in einer ruhigen Ecke der Polizeistation im Zentrum von Los Angeles und wartete darauf, dass Polizeipräsident Decker den Raum betrat. Der Beamte namens Murph, der sie vom Haus hierher begleitet hatte, stand im hinteren Teil des Raumes und ärgerte sich offensichtlich noch immer darüber, dass er anwesend sein musste.

Der Weg zur Polizeistation, die allgemein als Hauptstation bekannt war, war umständlich gewesen. Nachdem die formelle Genehmigung für die Fahrt von Corcoran eingeholt wurde, musste ein Team zusammengestellt und eine Route gewählt werden. Vieles davon wurde im Voraus geplant, aber die endgültigen Entscheidungen mussten noch getroffen werden.

Jessie wurde angewiesen, eine Perücke zu tragen, zusammen mit einer Kappe, die tief in ihr Gesicht gezogen war. Dann fuhr das Fahrzeug los. Ein Beamter namens Toomey fuhr, während Murph auf dem Beifahrersitz saß. Ein zweites Auto mit zwei weiteren Beamten folgte ihnen in sicherer Entfernung. Zwei weitere Beamte blieben im Haus, um es zu sichern.

Obwohl es Vormittag war und der Verkehr vergleichsweise gering war, dauerte die Fahrt aufgrund des vielen Abbiegens in letzter Sekunde 45 Minuten. Beim Polizeirevier angekommen, fuhr das Auto in die Garage und sie mussten sitzen bleiben, bis die Garage von zwei uniformierten Beamten, die nicht wussten, warum sie es taten, außer dem “Befehlen von oben“, geräumt worden war.

Erst dann wurde Jessie durch einen Seiteneingang gebracht. Sie trug noch immer die Perücke, eine Kappe und eine sperrige Jacke mit einem Kragen, dessen Reißverschluss bis oben verschlossen war, um ihre Größe und ihren Hals zu verbergen und so ihr Geschlecht nicht zu offenbaren. Sie wurde an verschiedenen Stellen aufgehalten, bis die Flure leer genug waren, sodass sie passieren konnte.

Als sie es schließlich zum Konferenzraum geschafft hatte, begleitete Murph sie hinein, während Toomey vor der Tür Wache stand. Da Toomey 1,95 Meter groß und 110 Kilo schwer war und einen vollständig rasierten Kopf und einen permanent steifen Blick hatte, bezweifelte Jessie, dass jemand versuchen würde, ohne Erlaubnis einzudringen. Einer der verbleibenden Beamten wartete draußen am Eingang von der Garage zum Gebäude und der vierte fuhr langsam in seinem Auto um den Block und hielt Ausschau nach möglichen Auffälligkeiten.

Jessie unterdrückte das Schuldgefühl, das sie aufgrund dessen spürte, dass sie die Ursache all dieser Aktionen war. Sie wusste, dass sie wahrscheinlich gerade Tausende von Dollar an Steuergeldern für etwas ausgegeben hatte, was wie eine unnötige Forderung aussah. Aber es war mehr als das. Wenn sie Polizeipräsident Decker von ihrem Plan überzeugen könnte, könnten die Kosten für diese kurze Fahrt hunderte Male erstattet werden. Aber sie musste ihn erst überzeugen.

„Wissen Sie“, sagte Murph leise aus der Ecke des Raumes und sprach zum ersten Mal, seit sie ihn betreten hatten. „Wir versuchen eigentlich, Sie zu beschützen. Sie müssen nicht ständig gegen uns arbeiten.“

„Ich versuche nicht, gegen Sie zu arbeiten“, bestand sie darauf. „Ich versuche zu helfen. Und ungeachtet dessen, was Ihr Chef denkt, bin ich eigentlich in einer ziemlich guten Position, um genau das zu tun.“

„Was meinen Sie?“, fragte er, als sich die Tür zum Raum öffnete und Polizeipräsident Decker eintrat.

„Sie werden es gleich herausfinden“, versprach Jessie.

Polizeipräsident Roy Decker, der verwirrt und verärgert wirkte, starrte sie an. Er war noch keine sechzig, wirkte allerdings weitaus älter. Er war der Chef des Hauptreviers, war groß und schlank und hatte nur noch wenige Haare, die eine Gatze gerade noch so verhinderten. Sein Gesicht war voller Falten, die durch jahrelange stressige Arbeit entstanden waren. Seine spitze Nase und seine glänzenden Augen erinnerten sie an einen Vogel auf der Suche nach Beute.

„Alles in Ordnung?“, fragte Jessie. „Sie sehen so aus, als wären Sie hierher gerannt.“

„Wenn Sie mitbekommen, dass Ihre Profilerin, die im Zeugenschutz versteckt sein sollte, nur ein paar Türen weiter sitzt, wird Ihnen ein bisschen schwindlig. Was ist so wichtig, dass ich in diese gottverlassene Ecke des Reviers kommen musste, wo mehr Asbest als Sauerstoff in der Luft hängt?“

Aus dem Augenwinkel heraus sah Jessie, wie Murph unbehaglich von einem Fuß auf den anderen wechselte und lächelte. Er wusste noch nichts von Deckers Hang zur Übertreibung.

„Ja. Aber bevor ich Ihnen das sage, kann ich Sie da fragen, wie die Suche nach… allen läuft?“

Decker seufzte schwer. Eine Sekunde lang sah es so aus, als würde er nicht antworten. Aber schließlich setzte er sich auf den Stuhl gegenüber von ihr und sprach.

„Nicht gerade gut“, gab er zu. „Sie wissen, dass wir einen NRD-Flüchtling, Jackson, am ersten Tag erwischt haben. Ein paar Tage später haben wir noch einen gefangen, Gimbel. Aber seitdem hatten wir trotz Dutzender glaubwürdiger Hinweise kein Glück mehr, die anderen beiden Jungs oder Crutchfield und Cortez zu finden.“

„Glauben Sie, sie sind alle zusammen?“, fragte Jessie und wusste bereits, dass sie nicht davon ausgingen.

„Nein. Wir haben Aufnahmen gesehen, auf denen Stoke und De La Rosa kurz nach ihrem Ausbruch in der Nähe der Einrichtung zu sehen sind und jeder war für sich allein. Wir haben keine Aufnahmen von Crutchfield und Cortez gefunden, aber wir gehen davon aus, dass sie immer noch zusammen sind.“

„Hmm“, sagte Jessie. „Wenn Sie nur Personal hätten, das mit beiden Männern vertraut ist und Einblick in ihre möglichen Verhaltensmuster geben könnte.“

Ihr Sarkasmus war eindeutig. Decker blinzelte kaum.

„Und wenn nur dieses Personal nicht zufälligerweise das Ziel genau der Männer wäre, mit denen es vertraut ist, könnten wir uns Nutzen von diesem Wissen machen“, antwortete er.

Sie starrten sich einen Moment lang schweigend an, und wollten ihren Standpunkt nicht aufgeben. Jessie gab schließlich nach und entschied, dass es nicht ratsam war, den Mann zu entfremden, dessen Autorisierung sie brauchte.

„Was ist mit Xander Thurman? Hatten Sie hier etwas mehr Glück?“

„Nein. Er ist komplett vom Radar verschwunden.“

„Trotz all seiner Verletzungen?“

„Wir haben jedes Krankenhaus, jede Notfallversorgung und jede private Klinik überprüft. Wir haben sogar Warnungen an Tierärzte rausgegeben. Aber nichts.“

„Dann kann das genau zwei Dinge bedeuten“, schloss Jessie. „Entweder hat er Zugang zu jemand anderem mit medizinischer Ausbildung, oder jemand an einem dieser Orte lügt, vielleicht weil er unter Druck gesetzt wird. Es ist unmöglich, dass er sich von diesen Verletzungen ohne Hilfe hätte erholen können. Das ist nicht möglich.“

„Das ist mir bewusst, Fräulein Hunt. Aber das sind die Informationen, die uns im Moment vorliegen.“

„Was, wenn Sie mehr hätten?“, fragte sie.

„Was meinen Sie damit?“, fragte Decker.

„Ich weiß, wie er vorgeht, und ich weiß auch, wie Crutchfield vorgeht. Verbrechen, die für die meisten Kriminalkommissare unauffällig aussehen, könnten Hinweise enthalten, die ich mit einem von ihnen in Verbindung bringen könnte. Wenn ich mir die neuesten Fallakten ansehen und die vielversprechenderen Spuren untersuchen könnte, könnten wir vielleicht schneller vorwärts kommen.“

Von hinten im Raum sprach Murph.

„Das scheint mir nicht gerade klug.“

Jessie war froh, das zu hören. Nichts reizte Decker mehr als Unbeteiligte, die unaufgefordert ihre Meinung kundtaten. Der unterbrechende Beamte konnte ihr nur behilflich sein für ihr Anliegen. Als sie zusah, wie ihr Chef die Stirn runzelte, blieb sie ruhig und ließ die Dynamik versickern.

„Was genau stellen Sie sich vor?“, fragte Decker sie mit knirschenden Zähnen.

Jessie wartete nicht darauf, dass er seine Meinung änderte.

„Ich könnte mir die gewalttätigen Angriffe und Morde der letzten Wochen ansehen, um zu sehen, ob einer von ihnen die Handschrift von einem der beiden Mörder trägt. Wenn einer von ihnen mit ihnen übereinstimmt, kann ich die vielversprechendsten Spuren verfolgen.“

Decker saß still da und dachte scheinbar über die Idee nach. Murph blieb jedoch nicht still.

„Sie können das nicht ernsthaft unterhaltsam finden, nach all den Bemühungen, die unternommen wurden, um ihr dieses Hochsicherheitshaus zu gewährleisten.“

Bitte reg dich weiter auf. Du schaufelst nur dein eigenes Grab.

Decker schien einen internen Krieg mit sich selbst zu führen. Es war klar, dass er trotz seiner Verärgerung über Murph das Gefühl hatte, dass der Mann einen guten Standpunkt vertrat. Aber sie konnte auch erkennen, dass in seinem Kopf noch etwas anderes vor sich ging, etwas, von dem Jessie anscheinend nichts wusste.

„Hören Sie“, sagte er schließlich. „Wie ich bereits erwähnt habe, haben wir viele Spuren – vielleicht sind es zu viele. Der bloße Versuch, sie durchzugehen, war eine Herausforderung. Wir haben das Sheriff's Department und weitere benachbarte Polizeidienststellen um Hilfe gebeten. Sogar das FBI hat sich eingeschaltet und stellt uns ein paar Agenten für Fälle, die sie für relevant halten, zur Verfügung. Wir sind gerade einfach so unterbesetzt. Es ist nicht so, dass alle anderen Kriminellen Urlaub genommen haben, nur weil wir fünf zusätzliche Psychos auf freiem Fuß haben. Vor zwei Tagen wurde eine Bande überfallen. Jemand lässt subkutane Nadeln auf Spielplätzen liegen. Ihr ehemaliger Kollege, Kriminalkommissar Hernandez, ist mit einem dreifachen Mord beschäftigt, weshalb er heute den ganzen Tag in Topanga Canyon ist. Und übrigens befinden wir uns in der zweiten Woche eines massiven Masern-Ausbruchs.“

„Was sagen Sie da?“, fragte Murph. Zum ersten Mal hatte Jessie das Gefühl, dass sie einen Hauch von Resignation in seiner Stimme spürte.

Decker lüftete schließlich das Geheimnis, das er bis zu diesem Punkt bewahrt hatte.

„Es gibt tatsächlich einen Fall, der heute Nacht hereingekommen ist, bei dem Sie behilflich sein könnten, Hunt. Es ist in Studio City passiert, also kümmert sich die North Hollywood Station darum. Aber das FBI hat Interesse gezeigt und einen Agenten beauftragt, es zu untersuchen. Ich könnte Sie mit ihm bekannt machen.“

„Was ist es für ein Fall?“, fragte Jessie und versuchte ruhig zu bleiben, auch wenn die Aufregung in ihr anstieg.

„Jemand wurde erstochen, ziemlich grauenvoll. Noch kein Motiv oder Verdächtige. Aber Ihre beiden Jungs sind große Messerfans, oder?“

„Das ist wahr“, stimmte sie zu.

„Es könnte völlig ohne Zusammenhang sein“, räumte er ein. „Aber es ist der erste Mord, auf den ich gestoßen bin, der ins Profil zu passen scheint.“

„Also planen Sie wirklich, Sie gehen zu lassen?“, fragte Murph, obwohl er die Antwort bereits kannte.

„Nun, ich denke, dass sie mit einem FBI-Agenten als Partner und mehreren Beamten, die sie im Auge behalten, sicher sein sollte. Ist diese Annahme falsch?“

„Polizeipräsident Decker“, antwortete Murph neutral, „es ist allgemein bekannt, dass niemand jemals sicher sein kann. Und es ist meine persönliche Meinung, dass es vollkommen unsicher ist, dass diese eine Person, die wir schützen, jetzt hinausgeht und einen Mord untersucht, der möglicherweise von einem der Menschen begangen wurde, vor denen wir sie zu schützen versuchen.“

„Aber“, mischte Jessie sich ein und war schließlich bereit, den Punkt auszusprechen, den sie in der Reserve gehalten hatte, „es ist nicht wirklich schlimmer als der Status quo. Seit fast zwei Wochen stehe ich unter Schutz. Aber niemand hat etwas über die Männer herausgefunden, die mich verfolgen, was den Status quo verändern könnte. Es kostet die Stadt, das LAPD etc. ein kleines Vermögen, ohne dass ein Ende in Sicht ist. So wie es aussieht, muss ich mir wohl eine neue Identität zulegen… zum zweiten Mal in meinem Leben!“

„So sehen wir das nicht…“, sagte Murph.

„Bitte lassen Sie mich ausreden“, sagte sie und jeglicher Übermut war jetzt aus ihrer Stimme verschwunden. „Das muss aufhören. Ich habe jede Nacht Alpträume, dass meine Schutztruppe abgeschlachtet wird. Ich springe bei jedem unerwarteten Geräusch und krieche bei jeder plötzlichen Bewegung. Ich bin ein Gefangener in diesem Haus, obwohl ich nichts falsch gemacht habe. Es geht nicht darum, wie ich leben will. Ich würde lieber versuchen, diese Kerle zu erwischen und tot zu enden, als den Rest meines Lebens in Angst zu verbringen. Ich habe die Fähigkeiten und das Insiderwissen, um beide Männer, die mir Schaden zufügen wollen, zu finden. Erlauben Sie mir, das zu unserem Vorteil zu nutzen. Es ist keine vollkommen abwegige Bitte.“

Decker und Murph sahen sich an. Nach dem, was sich wie eine Ewigkeit anfühlte, sprach der Beamte.

„Ich werde es mit Corcoran besprechen“, gab er nach, bevor er hinzufügte, „wenn Sie bestimmten Bedingungen zustimmen.“

„Welche Bedingungen?“, fragte Jessie, obwohl sie bereit war, an dieser Stelle fast allem zuzustimmen.“

„Ihre Schutztruppe bleibt immer bei Ihnen – keine Versuche, uns loszuwerden. Sie werden die Nächte weiterhin im sicheren Haus verbringen. Sie stimmen allen Sicherheitsvorkehrungen zu, selbst Ausweichmanöverm, die Sie für übertrieben halten. Sie beugen sich in jedem Feldszenario dem Urteil der Beamten, egal für wie übervorsichtig Sie es auch halten. Wenn wir Sie auffordern zu gehen, stimmen Sie zu und gehen, ohne Fragen zu stellen. Können Sie diesen Bedingungen zustimmen, Fräulein Hunt?“

„Einverstanden“, sagte sie ohne zu zögern, ob sie nun beabsichtigte, sie einzuhalten oder nicht.

„Dann meinetwegen, Sie brauchen allerdings noch die Genehmigung durch meinen Vorgesetzten.“

Jessie sah Decker an, der anscheinend ein Grinsen unterdrückte.

„Möchten Sie Ihren neuen Partner kennenlernen?“, fragte er.




Kapitel vier


Jessie war nicht beeindruckt.

Der FBI-Agent, der für die Abteilung mit dem Fall der erstochenen Frau zuständig war, sah aus wie ein alter Baseballspieler, der ins Spiel gerufen wurde, weil alle Spieler verletzt waren. Als sie sich ihm näherte, um ihn zu begrüßen, bemerkte Jessie, dass der Typ, der Ende dreißig oder Anfang vierzig war, einen überraschend großen Bauch für einen FBI-Agenten hatte.

Darüber hinaus war sein Haar unerwartet lang und zerzaust und fast vollständig grau. Sein verbrauchtes Gesicht und sein salziger Duft deuteten darauf hin, dass er mehr Zeit mit Surfen als mit der Arbeit an Fällen verbrachte. Sein Sakko war am Kragen ausgefranst und seine Krawatte war nur locker gebunden. Und obwohl es noch am Morgen war, hatte er bereits eine beeindruckende Anzahl von Essensflecken auf seiner zerknitterten Hose.

„Jack Dolan“, sagte er und streckte seine Hand aus, als sie sich näherte, sagte sonst aber nichts.

„Jessie Hunt“, sagte sie und versuchte, bei seinem festen Griff nicht zusammenzuzucken.

„Ah, ja. Die berüchtigte Profilerin, Schrägstrich Tochter eines Serienmörders, Schrägstrich Psycho-Flüstererin, die sich nachts vor Männern versteckt, die sie ermorden könnten.“

„Das steht auf meiner Visitenkarte“, antwortete Jessie sauer und war nicht gerade begeistert von all den Annahmen, die dieser Typ direkt auf Anhieb machte.

„Dolan“, mischte Decker sich ein und unterbrach den eisigen Austausch, „da der Fall der erstochenen Frau in der Studio City mehrere potenzielle Merkmale von Xander Thurman und Bolton Crutchfield aufweist, haben wir beschlossen, dass Frau Hunt sich Ihnen anschließen sollte, um zu beurteilen, wie wahrscheinlich es ist, dass einer von ihnen verantwortlich ist.“

Dolan sah Decker an, dann Jessie und schließlich Murph.

„Also“, fragte er scheinbar verwirrt. „Bin ich jetzt ihr Babysitter? Oder wechseln wir uns ab?“

Jessie öffnete ihren Mund und war sich nicht sicher, was sie anderes sagen könnte, als Schimpfwörter. Aber bevor sie ein Wort verlieren konnte, sprach Decker.

„Betrachten Sie sie für die Dauer des Falles als Ihre Partnerin. Ich nehme an, Sie stehen hinter Ihren Partnern, Dolan? Das ist nichts anderes.“

Dolan schwieg. Aus dem Augenwinkel sah Jessie Murph mit einem Grinsen kämpfen. Sie wandte sich an Decker.

„Kann ich Sie kurz unter vier Augen sprechen?“, fragte sie.

Er nickte und sie gingen in Richtung Flur.

„Warten Sie mal“, sagte Murph. „Dolan und ich gehen nach draußen. Sie beiden reden hier drinnen; je weniger Leute Sie sehen, desto besser.“

Nachdem sie gegangen waren, wandte sich Jessie mit funkelnden Augen an Decker.

„Ist das eine Art Bestrafung? Ist das der Grund, warum Sie mich mit diesem Kerl zusammenbringen? Können Sie Hernandez nicht einfach von dem Fall abziehen, an dem er arbeitet, sodass wir zusammenarbeiten können?“

„Kriminalkommissar Hernandez ist nicht verfügbar“, sagte er kurz. „Wir ziehen Kommissare nicht einfach von dreifachen Mordfällen ab, um die Launen anderer Mitarbeiter zu berücksichtigen. Sie sollten nicht davon ausgehen, in nächster Zeit von ihm zu hören. Wenn Sie trotzdem etwas von ihm hören, bedeutet das, dass er seinen Job nicht macht. Außerdem ist Dolan für diesen Fall mehr als qualifiziert. Und er ist derjenige, der uns zur Verfügung gestellt wurde. Also finden Sie einen Weg, mit ihm zusammenzuarbeiten. Andernfalls können Sie zurück ins Sicherheitshaus gehen. Es ist Ihre Entscheidung, Hunt.“


* * *

Die Fahrt nach Studio City war besonders unangenehm.

Dolan war offensichtlich nicht glücklich darüber, dass er auf dem Rücksitz einer Limousine sitzen musste, die von einem US-Polizisten gefahren wurde. Murph und Toomey waren nicht gerade begeistert darüber, zwei mürrische Ermittler herumzufahren. Und Jessie ärgerte sich über so ziemlich alles.

Trotz allem, was Decker gesagt hatte, fühlte sie sich, als hätte sie drei Babysitter im Auto und zwei weitere in einem Fahrzeug hinter ihnen. Ihr “Partner“ betrachtete anscheinend ihre Beteiligung am Fall als eine Alibi-Aktion. Und die Polizisten hassten es offensichtlich, gut ausgebildete Diener zu sein. Als sie am Tatort ankamen, waren alle gereizt.

Toomey fand das Haus schnell. Es war das charmante, im spanischen Stil erbaute, einstöckige Haus mit einem halben Dutzend Polizeiautos und unzähligen gelben Polizeibändern davor. Außerdem standen dort zwei Fahrzeuge von Fernsehsendern. Er fuhr an allen vorbei und parkte auf halbem Weg den Block hinunter, wo sie nicht zu sehen waren.

„Wie gehen wir jetzt mit der Situation um?“, fragte er den Rest von ihnen. „Wir dürfen nicht zulassen, dass jemand sieht, wie Hunt in dieses Haus geht. Wenn dies die Handschrift von Thurman oder Crutchfield trägt, werden sie die Situation genau beobachten, um zu sehen, ob sie auftaucht. Und selbst wenn es das nicht ist, wollen wir nicht, dass ihr Gesicht in den Nachrichten zu sehen ist.“

Jessie wartete, um zu sehen, ob einer von ihnen die offensichtliche Lösung vorschlagen würde. Als niemand es tat, sprach sie.

„Drehen Sie um“, befahl sie. „Da war keine Einfahrt. Das bedeutet, dass es von der Straße aus einen Garagenzugang geben muss. Er wird für die Fernsehteams gesperrt sein. Wir sollten in der Lage sein, reinzukommen, ohne dass Kameras in die Nähe kommen.“

Niemand schien Einwände zu haben, also startete Toomey das Auto erneut und tat, was sie befahl. Er funkte die anderen Beamten an, um ihnen den Plan mitzuteilen, und riet ihnen, auf der Hauptstraße zu bleiben.

Tatsächlich war die schmale Gasse an beiden Enden von Streifenwagen blockiert. Sie fuhren rechts ran und stiegen aus. Murph und Dolan zeigten ihre Abzeichen dem nächsten Beamten, der sie passieren ließ, ohne nach einem Ausweis von Toomey oder Jessie zu fragen, die ihre Identität weder einem Polizisten noch sonst jemandem mitteilen wollte.

Sie gingen durch das Hintertor und die Verandatreppe hinauf zum Eingang, wo ein anderer Beamter nach ihren Ausweisen fragte. Er zögerte weniger, sie passieren zu lassen, ohne die von allen zu sehen. Aber Dolan lehnte sich nach vorne und flüsterte dem Beamten etwas zu, was Jessie nicht hören konnte. Dieser nickte und trat zurück, um sie durchzulassen.

Als sie durch die Tür traten, versuchte Jessie, all die Probleme des Morgens auszublenden und sich auf ihre Umgebung zu konzentrieren. Sie war jetzt an einem Fall dran, und das Opfer, wer auch immer es war, verdiente ihre volle Aufmerksamkeit.

Die Hintertür öffnete sich in die Küche, die zeitgemäß und mit allen modernen Geräten ausgestattet war. Tatsächlich sah alles so unberührt aus, dass sie vermutete, dass alles in den letzten sechs Monaten neu gemacht worden war. Etwas an dem Haus erinnerte sie an die brandneuen McMansions all dieser neureichen Paare in Orange County, wo sie kurz gelebt hatte, bevor sie merkte, dass ihr jetziger Ex-Mann Kyle Voss ein gewalttätiger Soziopath war.

„Wer wohnt hier?“, fragte sie niemanden explizit.

Ein jung aussehender Mann mit Uniform und sandfarbenem, blondem Haar, der in der Ecke stand, hörte sie und kam auf sie zu.

„Ich dachte, die Kommissare wären fertig“, sagte er.

„Das FBI hilft aus“, meldete sich Dolan freiwillig, zeigte seinen Ausweis und sah sich das Namensschild des jungen Polizisten an. „Was können Sie uns sagen, Martin?“

„Ja“, antwortete Martin. „Das Haus ist von zwei Frauen gemietet. Gabrielle Cantu und Claire Stanton. Stanton ist das Opfer. Sie war 23 Jahre alt. Sie wurde heute Morgen früh von Cantu und ihrer Verabredung gefunden.“

„Wo ist Cantu jetzt?“, fragte Jessie.

„Bei ihrer Verabredung“, antwortete Martin. „Er wohnt gleich hinter dem Hügel am Mulholland Drive. Sie hat keine Familie in der Stadt, also sagte er, er würde sie bei sich aufnehmen, bis es ihr besser geht. Sie fühlt sich offensichtlich nicht wohl bei dem Gedanken, irgendwann wieder hierher zurückzukehren.“

„Wo wurde Stantons Leiche gefunden?“, fragte Dolan.

„Im Badezimmer“, sagte Martin. „Ich zeige es Ihnen.“

Als er sie den Flur entlang führte, bemerkte Jessie, dass die Beamten Murph und Toomey Abstand hielten. Sie schienen weniger an den Details des Falles interessiert zu sein, als daran, alle anderen – Beamte, Tatortreiniger etc. – zu überprüfen. Sogar in einem Haus, das voller Strafverfolgungsbeamter war, wurden sie alle als potenzielle Bedrohung für die zu Beschützende, also für sie, betrachtet.

Sie fragte sich, welcher Arbeit Gabrielle und Claire nachgingen, da sie es sich leisten konnten, mit Anfang zwanzig ein Haus wie dieses zu mieten. Sie vermutete, dass sie beide Mitarbeiterinnen in Anwaltskanzleien sein könnten.

Aber ihre bisherige Erfahrung in diesem Job sagte ihr, dass es sich eher um Models oder Treuhandfonds-Mädels handelte. Sie könnten auch Schauspielerinnen sein. Und obwohl es ein Stereotyp war, erhöhte die Tatsache, dass sie im San Fernando Valley lebten, die Chancen, dass sie Pornodarstellerinnen waren.

Das Wohnzimmer hatte einen Großbildfernseher mit Surround-Sound-Lautsprechern, Ledersofas und einer Bar. Als sie den Flur zu den Schlafzimmern betraten, bemerkte Jessie, dass es kunst-technisch nicht viel zu sagen gab. Da war Spielzeug und Technik, aber nichts, was darauf hindeutete, dass die Bewohner eine langfristige Investition in dieses Haus gesteckt hatten.

Als sie das erste Schlafzimmer erreichten, hielt Martin an.

„Das war Claire Stantons Zimmer“, sagte er. „Das Badezimmer ist die Verbindung zum Schlafzimmer des anderen Mädchens. So hat sie sie gefunden. Stanton lag in der Wanne.“

„Ist das Tatort-Team da drin schon fertig?“, fragte Jessie. „Ist es in Ordnung, wenn wir reingehen?“

„Ja. Der Körper wurde abtransportiert. Ich kann Ihnen vom leitenden Ermittler die Fotos zukommen lassen, wenn Sie möchten.“

„Bitte“, sagte Jessie und trat ins Badezimmer.

Die Leiche mochte zwar verschwunden sein, aber die Überreste des Massakers waren erhalten geblieben. Während der Rest des Badezimmers unberührt aussah, war die Wanne, ein altmodisches, freistehendes Design in der Mitte des Raums, mit Blut bedeckt, von dem sich ein Großteil zu einer dunklen, zähflüssigen Pfütze in der Nähe des Abflusses zusammengefunden hatte.

Als Jessie die Szene genauer betrachtete, tauchten die Fotos vom CSI auf ihrem Handy auf. Sie lud sie herunter, während Dolan, der die gleiche Nachricht erhalten hatte, dasselbe auf seinem Handy tat.

Auf dem ersten Foto war Claire Stantons Körper in der Wanne mit dem Gesicht nach oben liegend zu sehen, mit einem Arm über den Rand hängend. Ihre Augen waren offen und das Blut sickerte aus ihrem Hals und bedeckte ihre Brust und einen Großteil ihres Gesichts.

Trotzdem konnte Jessie erkennen, dass das Mädchen schön war, noch mehr als die Busladungen von hübschen, aufstrebenden Hollywood-Transplantationen. Blond und zierlich, mit getönten, gebräunten Beinen, sah sie aus wie die Cheerleaderin einer großen Universität.

Weitere Fotos zeigten Nahaufnahmen ihres Halses und die Einstiche. Während es schwer zu sagen war, sahen die Wunden bei der ersten Inspektion zu zerklüftet und rau aus, um von Messern verursacht worden zu sein. Wenn Jessie hätte raten müssen, sah es eher wie das Ergebnis eines Schraubendrehers aus oder…

„Schlüssel“, sagte Dolan.

„Was?“, sagte der Beamte Martin aus der Ecke des Raumes.

„Diese Verletzungen an ihrem Hals – sie sehen aus, als hätte sie jemand mit langen Schlüsseln erstochen. Hatten die Leute am Tatort irgendwelche Vermutungen?“

„Ich war nicht da, als sie die Szene beurteilten“, gab er zu.

„Ich denke, Sie haben Recht“, sagte Jessie. „Die Einstiche sehen aus, als ob sie aus verschiedenen Winkeln kamen und unterschiedlich tief landeten, fast so, als ob der Angreifer mehrere Schlüssel gepackt hat und sie alle gleichzeitig in sie hineingedrückt hat.“

„Ich wusste nicht, dass Sie eine Ausbildung in Tatortanalyse haben“, sagte Dolan, seine Augenbrauen erhoben sich skeptisch.

„Das habe ich nicht. Aber ich bin darauf trainiert, zu sehen, was direkt vor mir liegt“, antwortete sie. „Außerdem habe ich einige Erfahrungen mit Messerangriffen. Noch wichtiger ist, dass ich in psychologischem Verhalten ausgebildet bin. Und nach den vorläufigen Bildern hier würde ich sagen, dass wir es wahrscheinlich eher mit einem Verbrechen aus Leidenschaft als mit einem geplanten Angriff zu tun haben.“

„Warum sagen Sie das?“, fragte Dolan ohne zu diskutieren.

„Es ist schwer vorstellbar, dass jemand, der im Voraus plant, Schlüssel als seine Angriffsmethode wählt. Es ist zu schmutzig und nicht sicher in Bezug auf die Effektivität. Das fühlt sich eher improvisiert an.“

„Ein Verbrechen aus Leidenschaft?“, wiederholte Dolan neckisch.

„Es ist ein Klischee, aber ja.“

„So lässt sich also die Theorie, dass es Crutchfield oder Thurman waren, nicht untermauern“, bemerkte er. „Soweit ich weiß, sind sie beide ziemlich sorgfältig.“

„Ich würde zustimmen, dass es die Wahrscheinlichkeit verringert.“

„Wann kam der Anruf?“, fragte Dolan und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf den Beamten Martin.

„Kurz nach zwei Uhr morgens. Cantu und ihre Verabredung waren von ihrem Date zurückgekehrt. Sie ging ins Badezimmer und fand sie dort. Der Typ, namens Carter Harrington, rief den Notruf an.“

Dolan ging noch ein paar Sekunden lang durch das Badezimmer und sah gelangweilt aus.

„Ich denke, wir haben hier vorerst alles gesehen, was es zu sehen gibt“, sagte er und wandte sich an Jessie. „Was halten Sie davon, wenn wir Gabrielle Cantu besuchen und sehen, ob sie etwas Licht ins Dunkle bringen kann?“

Jessie nickte. Sie konnte spüren, dass er versuchte, die Dinge voranzutreiben. Wenn dieser Fall nicht mit einem ihrer herausragenden Serienmörder zusammenhing, wollte er das eindeutig schnell feststellen, damit er den Fall zusammen mit ihr abgeben konnte.

Obwohl es ihr so kalt vorkam, konnte Jessie es ihm nicht wirklich verübeln. Er war hinter Serienmördern her, nicht hinter Opfern von ungeschickten Morden mithilfe von Schlüsseln. Und obwohl sie es ungern zugeben wollte, war sie es auch.




Kapitel fünf


Was auch immer Gabrielles Date, Carter Harrington, für seinen Lebensunterhalt tat, es machte sich bezahlt. Die Akte, die sie auf dem Weg zu ihm las, identifizierte ihn nur als “Marktinvestor“, was so ziemlich alles bedeuten konnte. Seine bewachte Villa am Briar Summit Drive, direkt vor dem Mulholland Drive, war drei Stockwerke hoch und bot einen Blick auf das San Fernando Valley und die Westseite von Los Angeles. Nachdem sie angeschnallt waren, fuhren Jessie, Dolan, Murph und Toomey über die lange Auffahrt zum Parkplatz vor dem Haus. Die anderen Beamten blieben außerhalb des Anwesens in ihrem Fahrzeug.

Carter Harrington kam heraus, um sie zu begrüßen. Er war Ende vierzig, hatte salzige Haare und einen passenden Körperbau, der darauf hindeutete, dass er viel Zeit zum Trainieren hatte. Harrington war lässig gekleidet. Er trug ein Poloshirt, eine kurze braune Hose und Sandalen. Er lächelte, aber aus seinen roten, trüben Augen war klar zu erkennen, dass er die ganze Nacht wach gewesen war.

„Carter Harrington“, sagte er und reichte seine Hand zuerst Jessie und dann Dolan. „Es tut mir leid, Sie unter diesen Umständen kennenzulernen.“

„Natürlich“, sagte Jessie. „Ich bin Jessie Hunt vom LAPD und das ist Jack Dolan vom FBI. Danke, dass Sie zugestimmt haben, uns so schnell zu treffen.“

„Das FBI?“, wiederholte Harrington, eindeutig überrascht. „Was ist mit den Kommissaren, mit denen ich im Haus gesprochen habe?“

„Oh, sie sind immer noch das leitende Team der Untersuchung“, sagte Dolan unverblümt. „Aber wir behandeln dies als einen länderübergreifenden Fall. Das ist nicht ungewöhnlich.“

Harrington schien diese Antwort zu akzeptieren, obwohl es für Jessie eine völlig bedeutungslose Antwort war, was wahrscheinlich der Grund war, warum Dolan es sagte.

„Wo ist Frau Cantu?“, fragte sie.

„Ja, genau“, sagte er, als ob er sich daran erinnern würde, warum sie überhaupt dort waren. „Gabby ist drinnen und schaut fern. Sie hat ein Mittel genommen, um ihre Nerven zu beruhigen, aber sie ist wach. Sie sind wahrscheinlich zum idealen Zeitpunkt gekommen. Sie ist bei Bewusstsein, aber nicht aufgewühlt.“

„Großartig“, sagte Dolan. „Vielleicht können Sie uns Ihre Version der Ereignisse auf dem Weg zu ihr schildern.“

„Sicher“, stimmte Harrington zu, bevor er bemerkte, dass nur Murph zu ihnen stieß und Toomey beim Auto blieb.

„Ähm, was ist mit Ihrem Freund da los?“, fragte er.

„Oh, er ist nur für die moralische Unterstützung hier“, sagte Dolan geradeheraus. „Achten Sie nicht auf ihn oder den anderen Kerl. Hunt und ich kümmern uns um die Details.“

„Okay“, sagte Harrington und führte sie ins Haus, ohne nachzufragen, obwohl er offensichtlich über die ganze Situation verwirrt war.

„Also“, sagte Jessie und versuchte, dem Loch im Boden auszuweichen. „Was haben Sie letzte Nacht in dem Haus gemacht?“

„Nun. Ja“, sagte er und klang plötzlich unbehaglich, als er den holzverkleideten Flur vor ihnen entlang ging. „Gabby und ich sind feiern gewesen. Es war unser erstes Date und wir waren in ein paar Clubs tanzen. Sie lud mich zu sich nach Hause ein und ich sagte ja. Ich… setzte mich auf ihr Bett, als sie für eine Minute ins Bad verschwand. Plötzlich hörte ich sie schreien und rannte zu ihr. Ich sah, was Ihre Kollegen gesehen haben. Ihre Mitbewohnerin lag in der Wanne. Ich habe sofort den Notruf angerufen. Wir gingen ins Wohnzimmer und blieben dort, bis Hilfe kam.“

„Sie hatten Claire noch nie zuvor getroffen?“, fragte Dolan.

Harrington hielt am Eingang zu einem großen Raum an, von dem Jessie annahm, dass es sich um das Wohnzimmer handelte. Sie konnte das Geräusch des Fernsehers im Hintergrund hören.

„Nein. Ich wusste nicht mal, dass Gabby eine Mitbewohnerin hatte. Wie ich schon sagte, es war unser erstes Date. Wir hatten vorher nur getextet und telefoniert.“

„Wie haben Sie Gabby kennengelernt?“, fragte Jessie und versuchte, so lässig wie möglich zu klingen.

„Über eine Dating-Seite“, antwortete er schlichtweg.

Weiß deine Frau davon?

Jessie war versucht, die Frage laut zu stellen, entschied sich aber, sie für später zurückzuhalten, wenn sie sie brauchte. Die helle Haut auf Harringtons sonst gebräuntem Ringfinger deutete darauf hin, dass er entweder erst kürzlich geschieden worden war oder seinen Ring für diese Gelegenheit abgenommen hatte.

„Würde es Ihnen etwas ausmachen, uns vorzustellen?“, fragte Dolan. „Wir wollen nicht, dass sie ausflippt, wenn wir hereinkommen.“

„Klar“, sagte Harrington und führte sie in das Wohnzimmer mit der gewölbten Decke und den Glasfenstern vom Boden zur Decke.

„Gabby“, sagte er mit fester, aber sanfter Stimme. „Hier sind ein paar Leute, die dich sehen wollen.“

Eine Frau, die auf der Couchlounge lag, hob den Kopf. Obwohl sie kaputt aussah und ihre Augen rot waren von dem, was Jessie für stundenlanges Weinen hielt, war sie immer noch atemberaubend schön. Exotischer und sinnlicher als der rein amerikanische Look von Claire, hatte sie lange dunkle Haare, die über ihre Schultern hingen. Als sie sich aufsetzte, sah Jessie, dass sie die Art von Körper hatte, der jemanden wie Carter Harrington dazu bringen könnte, seinen Ehering zu verstecken.

„Wer sind Sie?“, fragte sie verängstigt und trotzig zugleich.

„Mein Name ist Jessie, Gabby“, antwortete Jessie freundlich und ergriff die Initiative. „Das ist Jack. Wir sind Teil des Teams, das untersucht, was gestern Abend passiert ist. Wir wissen, dass du bereits einige Fragen beantwortet hast, aber wir haben noch weitere. Glaubst du, dass du dafür bereit bist?“

„Ich glaube schon“, sagte Gabby widerstrebend.

„Danke“, sagte Jessie, ging hinüber und setzte sich auf die Couch, die der Lounge am nächsten war. „Wir werden versuchen, es kurz zu halten. Ich weiß, dass du vollkommen fertig bist.“

Gabby nickte und blickte dann in die Ecke des Raumes.

„Wer ist das?“, fragte sie und zeigte auf den Beamten, der sich zwischen dem Eingang zum Wohnzimmer und dem Flur, den sie gerade passiert hatten, positioniert hatte.

„Das ist Murph“, sagte Jessie. „Er ist kein großer Redner. Aber er ist wirklich klug. Er wird nur zuhören. Jack und ich werden die Fragen stellen. Warum setzen Sie sich nicht, Jack?“

Sie warf Dolan einen Blick zu, der besagte “Setz dich hin – du machst ihr Angst“. Und er schien zu verstehen und setzte sich.

„Also, fangen wir an, Gabby“, begann Jessie. „Weißt du, ob jemand Claire kürzlich bedroht hat? Vielleicht ein Ex oder ein Kollege, mit dem sie einen Streit hatte?“

Gabby saß einen Moment lang still da und dachte nach.

„Nicht, dass ich wüsste“, sagte sie schließlich. „Sie war ein Schatz. Es war schwer, wirklich sauer auf sie zu sein.“

„Wirklich?“, fragte Jessie. „Ein hübsches Mädchen wie sie – ich könnte mir gut vorstellen, dass sie den ein oder anderen Verehrer enttäuscht hat.“

„Vielleicht. Ich glaube schon. Aber sie war wirklich gut darin, mit den Jungs Schluss zu machen. Erst gestern habe ich ein Telefonat mitbekommen, in dem sie mit jemandem Schluss gemacht hat. Sie war wirklich einfühlsam.“

„Dann hatte sie also kürzlich einen Streit“, bemerkte Dolan.

„Hm ja, scheint so“, sagte Gabby und schien erst jetzt zu erkennen, dass der Anruf zu dem von Jessie beschriebenen Profil passte.

„Mit wem hat sie gesprochen?“, fragte Jessie schnell und wollte nicht, dass die Stimmung zu anklagend wird.

„Ich weiß es nicht. Die andere Stimme in der Leitung war laut. Aber ich war in einem anderen Raum. Ich wollte nicht, dass Claire weiß, dass ich zuhöre. Könnt ihr so etwas nicht zurückverfolgen?“

„Ja, das können wir, Gabby“, sagte Jessie beruhigend. „Was kannst du uns noch über letzte Nacht erzählen?“

„Ich habe den anderen Kommissaren bereits von dem Date erzählt, das sie letzte Nacht hatte. Normalerweise hat sie immer alle Details in ihrem Handy gespeichert.“

„Ist es möglich, dass sie ihr Date mit nach Hause genommen hat, so wie du bei Carter?“, fragte Jessie.

„Ich bezweifle es“, sagte Gabby und setzte sich noch ein wenig mehr auf. Es sah so aus, als würde sie etwas Gesichtsfarbe verlieren.

„Warum nicht?“ fragte Jessie.

„Sie mochte es nicht, Jungs zu uns nach Hause zu bringen. Wenn sie… Lust hatte, ging sie normalerweise mit zu ihnen. Sie wollte nicht, dass die Leute wussten, wo sie wohnte. Sie hat ein paar schlechte Erfahrungen gemacht, wissen Sie?“

„Eigentlich“, sagte Dolan und sah verärgert aus, „wissen wir das nicht. Aber es klingt nach etwas, was wir definitiv nachverfolgen werden. Können Sie uns irgendwelche Namen nennen?“

„Mir fällt gerade keiner ein“, sagte Gabby und vergaß, dass sie sich immer wieder selbst widersprach. „Ich habe ihre Dates nicht wirklich im Auge behalten, es sei denn, sie hat einen Namen ein paar Mal erwähnt. Ich dachte, wenn es ihr nicht wichtig genug war, musste ich mich auch nicht daran erinnern.“

Jessie hatte das Gefühl, dass es zwischen den beiden genügend “Dates“ gab, die es schwierig machen könnten, den Überblick über die Namen zu behalten. Sie blickte zu Carter Harrington hinüber, der das Gewicht auf seinen Füßen unangenehm hin und her verlagerte, als ob das Gespräch in eine Richtung ausuferte, die er lieber vermeiden würde. Sie überlegte, ob dies der Moment sei, in diese Richtung zu gehen, als Dolan plötzlich sprach.

„Frau Cantu“, sagte er, sein Tonfall klang nun alles andere als warm „es ist ziemlich eindeutig, dass Sie ein paar Dinge vor uns verheimlichen. Ich weiß nicht, ob Sie sich dessen bewusst sind, aber einen Bundesagenten anzulügen ist ein Verbrechen.“

Jessie wurde bange ums Herz. Das Mädchen war bereits zerbrechlich, und die Bedrohung schien kontraproduktiv.

„Ich habe nicht gelo…“, stotterte Gabby.

Dolan unterbrach sie.

„Selbst zu sagen, dass Sie nicht lügen, könnte als Lüge ausgelegt werden“, bemerkte er. „Es ist klar, dass mit Ihren und Claires Dates etwas ist, das Sie uns nicht mitteilen. Ich verstehe schon. Sie wollen sich nicht selbst belasten. Aber wir werden sowieso alles irgendwann herausfinden. Die einzigen Fragen sind: Wird es früher oder später sein und werden Sie uns behilflich sein oder nicht. Wenn es früher ist und Sie uns behilflich sind, können wir sehr entgegenkommend sein. Wenn es später ist und Sie uns nicht helfen, können wir sehr ungemütlich werden.“

Gabby sah verängstigt aus. Jessie versuchte, die Dinge ein wenig zu beschwichtigen, ohne zu sehr auf Dolans Füße zu treten. Sie beschloss, nicht so sehr den guten Polizisten zu spielen, wie den weniger schrecklichen Polizisten.

„Gabby, Ihre Hilfe könnte im Moment den Unterschied machen, ob wir denjenigen erwischen, der Claire das angetan hat oder nicht. Jede Sekunde, in der wir im Dunkeln tappen, ist eine weitere Sekunde, in der ihr Mörder seine Beteiligung verbergen und seine Spuren verwischen kann. Du willst nicht dafür verantwortlich sein, oder?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Und Sie wollen sich auch nicht der Anklage stellen, eine Untersuchung behindert zu haben“, fügte Dolan eindringlich hinzu.

„Nein“, flüsterte Gabby.

„Dann lassen Sie es uns wissen“, forderte er.

„Wir haben keine Gesetze gebrochen“, betonte sie klagend. „Wir sind nur… mit vielen Typen zusammen. Meistens ältere Kerle, manchmal verheiratet.“

„Seid ihr Eskorten?“, fragte Dolan und weigerte sich, nett zu sein.

„Nein!“, sagte sie unnachgiebig. „Wir haben einfach zugelassen, dass sie uns Sachen kaufen. Ab und zu knacken wir den Jackpot und einer von ihnen wird zu einem – haben Sie jemals den Begriff “Suggar-Daddy“ gehört?“

„Ja“, sagte Dolan und hielt ausnahmsweise die Herablassung einmal aus seiner Stimme.

„Nun, das ist es, worauf wir aus sind“, sagte sie, bevor sie sich an Harrington wandte und hinzufügte: „Nichts für ungut.“

„Glauben Sie mir“, sagte Jessie, „nichts davon kommt für ihn wie ein Schock. Er wusste, worauf er sich einlässt. Sprechen Sie weiter.“

„Wenn also einer von uns einen Suggar-Daddy fand, stimmte er normalerweise zu, für unsere Miete und andere Dinge aufzukommen. Manchmal dauerte das ein paar Wochen an. Manchmal ging es monatelang so. Normalerweise wechseln wir die Jungs ab. Aber manchmal wurde es zu etwas mehr. Eine von uns würde für eine Weile eine Art professionelle Geliebte werden. Irgendwann würden wir es beenden, wenn es langweilig würde. Es wurde fast immer langweilig. Manchmal würde er es beenden, normalerweise, wenn er dachte, seine Frau würde es herausfinden.“

„Wie könnte seine Frau es herausfinden?“, fragte Jessie und kannte die Antwort bereits. „Und denk daran, was Agent Dolan darüber gesagt hat, das FBI anzulügen.“

„Claire oder ich würden einem Mann sagen, dass seine Frau die Wahrheit wissen sollte. Normalerweise schreckte sie das ab. Manchmal gaben sie uns sogar ein kleines Extra, um sicherzustellen, dass wir schwiegen.“

„Das nennt man Erpressung“, betonte Dolan.

„Was ist das?“, sagte Gabby wirklich ahnungslos.

„Ihr wolltet die Beziehung nicht aufrecht erhalten?“, fragte Jessie schnell und wollte sich nicht mit Nebensächlichkeiten aufhalten. „Hoffen, dass der Typ seine Frau für euch verlässt?“

„Machen Sie Witze?“, fragte Gabby und klang fast beleidigt. „Ich bin 23 Jahre alt. Ich bin nicht bereit für eine Beziehung. Auf diese Weise habe ich viele Vorteile, kann aber trotzdem feiern, ohne an der Leine von jemandem zu sein. Dabei geht es darum, Spaß zu haben, ohne zu hart dafür arbeiten zu müssen. Ich meine, vielleicht werde ich ruhiger, wenn ich alt bin, so sechsundzwanzig oder so. Aber im Moment will ich einfach Spaß haben.“

Es herrschte eine lange Stille im Raum. Niemand schien zu wissen, wie man auf diese Wahrheit reagieren sollte. Jessie versuchte sich klarzumachen, dass sie in Gabbys Kopf, als eine fast dreißigjährige Frau, alt war.

„Wie haben Sie diese Typen gefunden?“, schaffte sie es schließlich zu fragen.

„Es gibt da eine Website. Sie heißt “The Look of Love“ oder kurz “LOL“. Sie hilft wohlhabenden älteren Männern dabei, sich mit netten jungen Mädchen zu verabreden. Was danach passiert, bleibt jedem selbst überlassen.“

„Hast du ein Profil auf der Seite eingerichtet?“, fragte Jessie.

„Ja, so können die Männer Mädchen finden, die ihr Typ sind. Und die Seite führt einen Sicherheitscheck an den Männern durch.“

Jessie und Dolan blickten zu Harrington, der sich in die Ecke des Wohnzimmers zurückgezogen hatte und aus einem der großen Fenster in Richtung Santa Monica blickte.

„Haben Sie einen dieser Checks durchgemacht?“, fragte Dolan ihn.

Harrington drehte sich um, seufzte tief und ging zurück zu ihnen.

„Ja“, gab er zu.

„Haben Sie sich keine Gedanken darüber gemacht, dass diese Website Sie als Kunden speichert?“, wollte Jessie wissen.

„Ein Freund hat mir davon erzählt, er bürgt dafür. Er kennt die Person, die die Website betreibt, also gibt es eine gewisse Verantwortlichkeit. Außerdem ist es ein ziemlich exklusiver Kreis. Es gibt vielleicht fünfzehn bis zwanzig Kunden und weniger als hundert Mädchen. Es liegt im Interesse aller, die Dinge unter Verschluss zu halten.“

„Wir brauchen den Namen des Betreibers der Webseite“, sagte Jessie.

Harrington sah aschfahl aus.

„Aber wie Gabby schon sagte“, scheute er, „es ist nichts Illegales. Es ist nur ein wirklich exklusiver Dating-Service.“

„Wir wollen es nicht abschalten“, versicherte Jessie ihm, obwohl die Idee ansprechend war. „Wir müssen nur auf Claires Profil und die Dating-Geschichte zugreifen.“

„Würden Sie erwähnen, dass Sie die Informationen von mir bekommen haben?“, fragte er.

„Nur wenn wir müssen“, sagte Dolan und zeigte, was Jessie für mehr Respekt vor ihm als vor Gabby hielt.

„Keine Sorge“, fügte sie schroff hinzu. „Sie sollten das vor Ihrer Frau verheimlichen können, zumindest bis zum Prozess.“

„Was?“ fragte er entsetzt.

„Herr Harrington“, sagte sie und wusste, dass sie mehr Freude daran hatte, als sie wahrscheinlich sollte, „wenn wir diesen Kerl erwischen, wird er vor Gericht kommen. Sie müssen vor Gericht aussagen. Also können Sie sich schonmal überlegen, wie Sie Frau Harrington Ihr “Date“ erklären. Vielleicht sollten Sie sie anrufen, bevor sie von der Reise zurückkehrt, auf der sie sich gerade befindet. Die, auf der Sie so bequem mit Gabrielle ausgehen konnten. Ich wünsche Ihnen Glück.“




Kapitel sechs


Jessie war verblüfft.

„Können Sie das wiederholen?“, fragte sie ungläubig.

„Sie haben mich gehört“, sagte Dolan, als sie in der Einfahrt vor Harringtons Villa standen. „Jetzt, wo der Fall abgeschlossen ist, gehe ich zurück aufs Revier.“

„Der Fall ist nicht abgeschlossen“, erinnerte sie ihn daran. „Da ist ein Mörder mit blutgetränkten Schlüsseln irgendwo da draußen.“

„Das ist nicht meine Sache“, sagte Dolan lässig. „Der Fall ist in Bezug auf Crutchfield und Thurman abgeschlossen. Es ist klar, dass der Mörder weder der eine noch der andere ist. Und da ich hinter den beiden her bin, ist dieser Fall offiziell hinten angestellt. Außerdem können die Kommissare aus North Hollywood den Fall gut handhaben. Sie können einfach Namen von der Dating-Seite bekommen und herausfinden, wer von ihnen kein Alibi hat. Ich wette, dieser Fall ist in zwölf Stunden gelöst, ohne die Hilfe von uns.“

Jessie wusste, dass er Recht hatte. Die ursprünglichen Kommissare, die sie nicht einmal kennengelernt hatte, waren wahrscheinlich mehr als fähig, diesen Fall zu bearbeiten. Und es schien keine Verbindung mehr zu einem der Serienmörder zu geben, mit denen sie in Verbindung gebracht wurde. Das machte es schwer zu rechtfertigen, den Mörder weiter zu verfolgen.

Aber sie wollte es wirklich. Nicht alle ihre Gründe waren selbstlos. Einer war einfach der Nervenkitzel der Jagd. Nachdem sie tagelang im Haus versteckt gehalten worden war, war sie nicht in der Lage gewesen, diesen Reiz zu spüren. Jetzt, da sie wieder auf den Geschmack gekommen war, konnte sie diesen Instinkt nicht einfach abschalten.

Sie wusste auch, dass, wenn Polizeipräsident Decker Dolan zustimmte, dieser Fall keine Verbindung zu einem der beiden Serienmörder hatte, ihr gerühmtes Insiderwissen und ihre forensischen Fähigkeiten hinfällig würden. Sie durfte diesen Fall überhaupt nur verfolgen, weil es wie ein Fall schien, in dem sie besondere Einblicke in das Gedankengut des Mörders haben könnte. Wenn das nicht mehr zutraf, dann gab es keinen Grund mehr für sie, dabei zu sein. Und das bedeutete wahrscheinlich, dass sie zurück in das langweilige Haus in Palms geschickt würde und endlose, seelenentleerende Stunden am Pool verbringen musste. Alles, was dies verhindern könnte, war es wert, weiterverfolgt zu werden.

Schließlich war da, unabhängig von ihrer eigenen Situation, das Mädchen. Sie hatte Claires Gesicht gesehen, so jung und schön und voller Angst. Sie hatte die hässlichen Perforationen gesehen, die ihren Hals in eine fleischige Sauerei verwandelt hatten. Nur weil sie nicht das Opfer eines Serienmörders war, bedeutete das nicht, dass Claire Stanton nicht auch ein Recht auf Gerechtigkeit hatte. Wenn Jessie helfen konnte, das zu erreichen, hatte sie die Verpflichtung dazu. Sie konnte den Fall nicht einfach weitergeben, wenn er nicht passte. Also log sie.

„Wir wissen noch nicht, ob dies das Werk von Crutchfield oder Thurman ist“, sagte sie schließlich und ließ sogar Murph und Toomey überrascht umkehren.

„Wovon reden Sie da?“, fragte Dolan ungläubig. „Dieser Mord weist keine Anzeichen von einem der beiden auf.“

„Keines der offensichtlichen Anzeichen“, sagte sie mit beeindruckender Überzeugung. „Aber diese beiden Männer sind klug. Sie würden wissen, dass die Verwendung ihrer Standardmethoden ein eindeutiges Zeichen wäre. Die Verwendung von Schlüsseln als Mordwaffe würde es beiden von ihnen ermöglichen, diesen mörderischen Drang zu befriedigen, ohne ihre Beteiligung zu enthüllen. Es wäre eigentlich ein kluger Schachzug, den Verdacht zu zerstreuen, was momentan ja bei Ihnen zu wirken scheint.“

Dolan starrte sie mit einer Mischung aus Verwirrung, Frustration und einem Hauch von Bewunderung an.

„Versuchen Sie wirklich, mir die Vorstellung zu verkaufen, dass Thurman oder Crutchfield, während sie verfolgt werden und in einem Fall schwer verletzt wurden, sich die Zeit genommen haben, ins San Fernando Valley zu fahren und ein zufälliges Partymädchen mit einer Waffe zu töten, die sie noch nie benutzt haben?“

Jessie lächelte höflich zu seiner Tirade und wusste, dass es ihn nur noch wütender machen würde.

„Ich muss Ihnen die Idee nicht verkaufen, Dolan. Ich muss sie nur dem Polizeipräsidenten verkaufen. Sie sind herzlich dazu eingeladen, den Fall abzugeben, und ich werde ihn alleine weiterverfolgen. Wie Sie bemerkt haben, sind zwei gefährliche Killer auf der Flucht, und ich für meinen Teil beabsichtige, bei der Suche nach ihnen nichts unversucht zu lassen. Aber Sie tun, was Sie für richtig halten.“

„Sie sind wirklich eine harte Nuss“, sagte Dolan.

Jessie lächelte süß, als sie die Autotür öffnete und einstieg.

„Das hat man mir schonmal gesagt.“


* * *

Es dauerte nicht lange, bis Jessies Selbstvertrauen schwand.

Zurück auf dem Revier ging etwas vor sich, als sie auf Polizeipräsident Decker wartete. Niemand sagte etwas, aber sie konnte ein erhöhtes Energieniveau in der Luft spüren.

Sie fragte sich, ob eine weitere Spur bei der Jagd auf einen der beiden Männer gefunden wurde, was ihr fragwürdiges Argument, im Fall Stanton am Ball zu bleiben, nicht gerade überzeugend machte. Wenn das der Fall war, hatte sie keinen Plan B. Was auch immer vor sich ging, es war eine große Sache. Sie wurde in den gleichen abgelegenen Konferenzraum geführt, wo sie mit Murph zwanzig ereignislose Minuten lang wartete. Dolan war verschwunden.

„Wissen Sie, was los ist?“, fragte sie Murph.

Er sah sie angesichts ihres Unbehagens leicht zufrieden an.

„Woher soll ich etwas wissen?“, fragte er. „Ich sitze hier mit Ihnen fest.“

„Sie haben diesen Ohrstöpsel“, betonte sie. „Ich bin sicher, dass Sie Updates bekommen.“

„Kann Ihnen nicht helfen“, antwortete er und genoss scheinbar eine dominantere Position, nachdem er mehrere Stunden lang ein verherrlichter persönlicher Fahrer war. Bevor sie antworten konnte, öffnete sich die Tür und Decker und Dolan kamen herein.

„Es gibt eine Entwicklung“, sagte der Polizeipräsident ohne Präambel.

Jessie konnte sofort erkennen, dass, was auch immer die Nachrichten waren, es keine guten waren. Deckers bereits tief gezeichnetes Gesicht war noch knittriger als sonst und er schien nur ungern Augenkontakt aufzunehmen. Irgendwie wusste sie, dass die Nachricht mit ihr verbunden war. Decker schien zu zögern. Hinter ihm sah Dolan noch schweigsamer aus als sonst.

„Nur zu, Chef“, sagte sie und wappnete sich. „Ich kann es verkraften.“

„Ernie Cortez wurde gefunden.“

Das hätten tolle Neuigkeiten sein sollen. Ernie war der NRD-Sicherheitsoffizier, der seine Kollegen getötet und Bolton Crutchfield bei der Flucht geholfen hatte. Wenn er gefunden worden war, hatten sie vielleicht endlich eine Spur zu Crutchfield. Aber das Verhalten beider Männer deutete darauf hin, dass sie sich nicht zu sehr freuen sollte.

„Ich habe das Gefühl, dass da noch mehr ist“, sagte sie.

„Er ist tot“, seufzte Decker.

„Herzinfarkt?“, fragte Jessie skeptisch und versuchte, die schleichende Panik, die sie empfand, in Schach zu halten.

Dolan trat vor.

„Er wurde in einem Müllcontainer auf der Straße, etwa sechs Blocks von hier entfernt, gefunden. Der Mann war vom Brustbein bis zum Becken ausgeweidet. Sein Inneres lag neben dem Müllcontainer. So haben sie ihn gefunden.“

Jessie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und versuchte, die Nachrichten zu verarbeiten. Crutchfield hatte sich Ernie jahrelang heimlich zum Freund gemacht und ihn im Wesentlichen verleitet. Es hatte so gut funktioniert, dass Ernie bereitwillig ein halbes Dutzend seiner eigenen Kollegen im Dienste eines Serienmörders abgeschlachtet hatte. Und jetzt hatte Crutchfield auf brutale Weise kurzerhand auf ihn verzichtet.

Warum? Hatte Ernie ihn irgendwie enttäuscht oder verärgert? Hatte er sich gegen seinen Herrn gestellt?

Aber sie wusste, dass das nicht der Hauptgrund sein konnte. Wenn es so wäre, hätte er den Körper nicht so nah an dem Ort zurückgelassen, von dem er wusste, dass Jessie dort arbeitete. Es war eine Botschaft für sie.

„Was lassen Sie aus? Wovor haben Sie Angst, es mir zu sagen?“

Die beiden Männer sahen sich an. In der Ecke des Raumes studierte Murph auffallend seine Schuhe.

„Er hat eine Nachricht hinterlassen“, sagte Decker schließlich. „Sie war zu einem winzigen Quadrat zusammengefaltet und in einen kleinen Plastikbeutel gelegt, der in Cortez' Mund genagelt worden war. Die Nachricht war an Sie adressiert.“

„Natürlich war sie das“, sagte Jessie, eher resignierend als schockiert. „Haben Sie sie dabei?“

„Sie wird gerade untersucht. Aber wir haben sie abfotografiert.“

„Darf ich sie sehen?“, fragte Jessie.

Decker nickte und suchte das Bild auf seinem Handy, dann gab er es ihr. Sie erkannte sofort Crutchfields Handschrift, eine Erkenntnis, von der sie nicht wusste, was sie damit anfangen sollte. Die Nachricht war kürzer und geradliniger, als sie erwartet hatte, mit nur einem geringen Anteil der blumigen Sprache, die der Mann normalerweise benutzte. Auf dem Zettel stand:



Fräulein Jessie,

ich hoffe, dass diese Korrespondenz Sie erreicht. Ich entschuldige mich für die Art der Überlieferung. Ich weiß, dass Sie Ernie geliebt haben, obwohl ich vermute, dass die Zuneigung in letzter Zeit nachgelassen hat. Ich dachte, Sie möchten vielleicht wissen, dass ich kürzlich ein Treffen mit Ihrem Vater hatte. Er war… besorgt, dass meine Loyalität zu ihm durch meine Zeit mit Ihnen beeinträchtigt worden sein könnte. Welch Vorwurf! Aber er will das vergessen. Ich gehe davon aus, dass er bald genug von seinen Verletzungen erholt sein wird, um ein weiteres Wiedersehen mit Ihnen zu versuchen. Sie können davon ausgehen, ihn bald wieder zu sehen. Es wird ein mörderisches Treffen werden. Möge der stärkere Thurman siegen!

Hochachtungsvoll,

    Bolton

Jessie blickte auf und sah, wie die drei Männer im Raum sie anstarrten und auf ihre Reaktion warteten. Sie wusste, dass jeder Hauch von Besorgnis ihre kollektive Neigung verstärken würde, sie sofort in das Hochsicherheitshaus zu bringen. Also unterdrückte sie es.

„Wenn er kein brutaler Mörder wäre, würde ich sagen, dass der Typ eine Zukunft hat und Autor werden könnte. Er kann wirklich gut mit Worten umgehen, finden Sie nicht?“

„Es ist okay, verunsichert zu sein“, antwortete Decker und ignorierte ihre Tapferkeit. „Es beunruhigt mich.“

„Ich bin nicht verunsichert“, sagte Jessie und war sich nicht sicher, wie überzeugend sie war. „Wenn jemand versteht, wie diese Kerle funktionieren, dann bin ich es. Zwei Serienmörder sind auf mich fixiert, einer von ihnen ist mein eigener Vater. Wenn ich mich davon beeinflussen lassen würde, läge ich inzwischen zusammengekauert auf dem Boden. Ich sehe das eigentlich als eine gute Sache.“

„Wie das?“, forderte Dolan.

Ja, wie das, Jessie?

„Zuerst einmal ist Ernie jetzt vom Tisch. Das ist ein Psychopath weniger, um den ich mir Sorgen machen muss. Zweitens glaube ich, dass Crutchfield mir auf seine seltsame Art und Weise hilft. Er versucht mich zu warnen, dass mein Vater fast schon wieder bereit ist, mich aufzuspüren.“

„Mir ist nicht ersichtlich, dass er in diesem Kampf eine Seite gewählt hat“, konterte Decker.

„Ich sage nicht, dass er sich für eine Seite entschieden hat“, sagte Jessie. „Ich denke nur, dass er einen fairen Kampf will. Und er glaubt, dass es fairer ist, mir mitzuteilen, dass Xander Thurman fast schon wieder seine volle mörderische Kraft zurückerlangt hat.“

Dolan trat mit einem zweifelhaften Gesichtsausdruck nach vorne.

„Woher wissen Sie, dass er nicht nur versucht, Sie zu manipulieren, Ihnen ein falsches Sicherheitsgefühl zu geben, um Sie ins Freie zu locken?“

Jessie fauchte fast vor Skepsis.

„In welcher Welt gibt mir das Ausweiden eines Mannes, das Verteilen seiner Innereien in einer Gasse und das Festnageln einer Nachricht im Mund des Körpers ein falsches Gefühl der Sicherheit? Ich weiß, mit wem ich es hier zu tun habe.“

„Ich auch“, mischte Decker sich ein, „weshalb ich Sie jetzt, da wir sicher sind, dass dieser Valley-Fall nichts damit zu tun hat, zurück ins sichere Haus schicke.“

Jessie wurde bange ums Herz. Das war es, was sie befürchtet hatte. Aber sie ließ kaum eine Sekunde verstreichen, bevor sie antwortete.

„Auf keinen Fall“, antwortete sie. „Jetzt, da ich weiß, dass das Warten vorbei ist, werde ich auf keinen Fall in ein Farmhaus in Palms zurückkehren, um darauf zu warten, angegriffen zu werden.“

Murph bewegte sich.

„Sie lassen es so klingen, als würden sie nur darauf warten, dorthin zu kommen“, sagte er. „Keiner dieser Männer weiß von dem Haus. Deshalb wurde die Leiche in der Nähe von hier abgelegt. Dies ist der einzige Ort, den Crutchfield mit Ihnen verbindet, weshalb man nicht wollte, dass Sie herkommen. Aber jetzt, da Sie es getan haben, werden wir Sie zurück ins Haus bringen und Sie dort bewachen, bis alles aufgeklärt ist.“

Jessie konnte spüren, wie die Energie im Raum gegen sie arbeitete. Wenn sich nicht schnell etwas ändert, würde sie diesen Kampf verlieren. Dann kam von der unwahrscheinlichsten Quelle, die sie sich vorstellen konnte eine Rettungsleine.

„Oder wir könnten etwas anderes versuchen.“

Alle blickten zu der Person, die gesprochen hatte. Es war Dolan.




Kapitel sieben


Jessies Kinnlade fiel nach unten.

Ebenso die Kinnlade von Polizeipräsident Decker. Dieser mürrische FBI-Agent war etwa zehn Sekunden davon entfernt, sich für immer von ihr loszusagen. Dass er jetzt etwas unternehmen würde, was genau das Gegenteil bewirkte, war ein Schock.

„Wie bitte?“, sagte Murph, ebenso fassungslos.

„Ich kann es eigentlich selbst nicht glauben, dass ich das gleich sagen werde, aber hört mir zu“, sagte Dolan. „Vielleicht ist der beste Weg, Frau Hunt in Sicherheit zu bringen, sie machen zu lassen.“




Конец ознакомительного фрагмента.


Текст предоставлен ООО «ЛитРес».

Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/bleyk-pirs/das-perfekte-lacheln/) на ЛитРес.

Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.


