Gemieden
Blake Pierce


„Ein Meisterwerk der Spannung! Die Autorin schafft es auf hervorragende Weise den Charakteren eine psychologische Seite zu geben, die so gut beschrieben ist, dass wir uns in ihre Köpfe versetzt fühlen und ihren Ängsten folgen und über ihren Erfolg jubeln können. Die Handlung ist sehr intelligent und wird Sie das ganze Buch hindurch unterhalten. Voller Wendungen wird Sie dieses Buch bis zur letzten Seite wach halten.“ —Books and Movie Reviews, Roberto Mattos (zu Verschwunden)

GEMIEDEN ist Band #15 der Riley Paige Bestseller Krimiserie, die mit dem #1 Bestseller VERSCHWUNDEN (Band #1) – über 1000 Mal mit 5-Sternen bewertet und kostenlos zum Herunterladen verfügbar.

Als ein Serienmörder eine Reihe von Städten in Schrecken hält und der einzige mögliche Zeuge unfähig ist zu sprechen, liegt es an FBI Spezialagentin Riley Paige in die Gedanken eines komplexen Mannes einzudringen und herauszufinden, was er wissen könnte.Was haben diese Opfer gemeinsam? Und was genau hat der Mann beobachtet?

In diesem düsteren Psychothriller muss Riley Paige die Geister ihrer eigenen Vergangenheit bekämpfen, als sie dazu angehalten wird ein Verbrechen aufzudecken, dass alle anderen erblassen lässt, und eines, dass sie zwingen wird zu tief in die Gedanken eines Psychopathen einzutauchen…

Ein Actionreicher Thriller voller Spannung ist GEMIEDEN Band # 15 einer fesselnden neuen Serie – mit einer geliebten neuen Hauptfigur – die sie bis in die späte Nacht dazu verleiten wird weiterzublättern.

Band # 16 der Riley Paige Serie ist bald erhältlich.





Blake Pierce

Gemieden



Copyright © 2018 Blake Pierce Alle Rechte vorbehalten. Außer durch eine Genehmigung nach dem U.S. Copyright Act von 1976, darf kein Teil dieses Buches ohne ausdrückliche Genehmigung der Autorin vervielfältigt, vertrieben oder in irgendeiner Form übermittelt, in Datenbanken oder Abfragesystemen gespeichert werden. Dieses E—Book ist nur für ihren persönlichen Gebrauch lizenziert. Es darf nicht weiterverkauft oder an Dritte weitergegeben werden. Wenn Sie dieses Buch mit anderen teilen möchten, erwerben Sie bitte für jeden Empfänger eine zusätzliche Kopie. Wenn Sie dieses Buch lesen, aber nicht gekauft haben, oder es nicht für Sie gekauft wurde, geben Sie es bitte zurück und erwerben Sie eine eigene Kopie. Vielen Dank, dass Sie die harte Arbeit der Autorin respektieren. Dieses Buch ist eine fiktive Geschichte. Namen, Charaktere, Unternehmen, Organisationen, Orte, Ereignisse und Vorfälle sind von der Autorin frei erfunden oder werden fiktiv verwendet. Ähnlichkeiten mit echten Personen, lebendig oder verstorben, sind zufällig. Copyright Umschlagsbild Photographee.eu, genutzt unter der Lizenz von Shutterstock.com



Blake Pierce

Blake Pierce ist Autor der erfolgreichen Mystery-Reihe RILEY PAGE, die aus fünfzehn Bücher (Fortsetzung folgt) besteht. Blake Pierce ist ebenfalls Verfasser der MACKENZIE WHITE Mystery-Reihe, die zwölf Bände (Fortsetzung folgt) umfasst; der AVERY BLACK Mystery-Reihe mit sechs Büchern; der fünfbändigen KERI LOCKE Mystery-Reihe; den drei Büchern der MAKING OF RILEY PAIGE Mystery-Reihe (Fortsetzung folgt); der KATE WISE Mystery-Reihe, die aus drei Büchern besteht (Fortsetzung folgt); der CLOE FINE Psycho-Thriller-Reihe, die bisher drei Bände umfasst (Fortsetzung folgt) sowie der dreiteiligen JESSE HUNT Psycho-Thriller-Reihe (Fortsetzung folgt).

Als treuer Leser und lebenslanger Fan des Genres rund um Mystery und Thriller, hört Blake gerne von Ihnen, also besuchen Sie die Seite www.blakepierceauthor.com (http://www.blakepierceauthor.com/), um mehr zu erfahren und in Kontakt zu bleiben.


BÜCHER VON BLAKE PIERCE

JESSIE HUNT PSYCHOTHRILLER-SERIE

DIE PERFEKTE EHEFRAU (Buch Nr. 1)

DER PERFEKTE BLOCK (Buch Nr. 2)

DAS PERFEKTE HAUS (Buch Nr. 3)



CHLOE FINE PSYCHOTHRILLER-SERIE

NEBENAN (Buch Nr. 1)

DES NACHBARS LÜGE (Buch Nr. 2)

SACKGASSE (Buch Nr. 3)



KATE WISE MYSTERY-SERIE

WENN SIE WÜSSTE (Buch Nr. 1)

WENN SIE SÄHE (Buch Nr. 2)

WENN SIE RENNEN WÜRDE (Buch Nr. 3)

WENN SIE SICH VERSTECKEN WÜRDE (Buch Nr. 4)

WENN SIE FLIEHEN WÜRDE (Buch Nr. 5)



DAS MAKING OF RILEY PAIGE MYSTERY-SERIE

BEOBACHTET (Buch 1)

WARTET (Buch 2)

LOCKT (Buch 3)



RILEY PAIGE MYSTERY-SERIE

VERSCHWUNDEN (Buch 1)

GEFESSELT (Buch 2)

ERSEHNT (Buch 3)

GEKÖDERT (Buch 4)

GEJAGT (Buch 5)

VERZEHRT (Buch 6)

VERLASSEN (Buch 7)

ERKALTET (Buch 8)

VERFOLGT (Buch 9)

VERLOREN (Buch 10)

BEGRABEN (Buch 11)

ÜBERFAHREN (Buch 12)

GEFANGEN (Buch 13)

RUHEND (Buch 14)



BEVOR ER TÖTET (Buch #1)

BEVOR ER SIEHT (Buch #2)

EHE ER BEGEHRT (Buch #3)

BEVOR ER NIMMT (Buch #4)

BEVOR ER BRAUCHT (Buch #5)

BEVOR ER FÜHLT (Buch #6)

BEVOR ER SÜNDIGT (Buch #7)

VORHER JAGT ER (Buch #8)

VORHER PLÜNDERT ER (Buch #9)

VORHER SEHNT ER SICH (Buch #10)

VORHER MACHT ER EINEN FEHLER (Buch #11)

VORHER NEIDET ER (Buch #12)



AVERY BLACK MYSTERY-SERIE

DAS MOTIV (Buch 1)

LAUF (Buch 2)

VERBORGEN (Buch 3)

GRÜNDE DER ANGST (Buch 4)

RETTE MICH (Buch 5)

ANGST (Buch 6)



KERI LOCKE MYSTERY-SERIE

EINE SPUR VON TOD (Buch 1)

EINE SPUR VON MORD (Buch 2)

EINE SPUR VON SCHWÄCHE (Buch 3)

EINE SPUR VON VERBRECHEN (Buch 4)

EINE SPUR VON HOFFNUNG (Buch 5)




Prolog


Robin schreckte aus dem Schlaf auf.

Sie lag hellwach in ihrem Bett. Zuerst dachte sie, dass ein Geräusch, das irgendwo aus dem Inneren ihres kleinen Hauses kam, sie aufgeweckt haben musste.

Zerschellendes Glas?

Doch als sie dalag und hinhörte, merkte sie, dass es nichts zu hören gab, außer das beruhigende Brummen des Heizofens, das aus dem Keller kam.

Sie hatte sich das Geräusch sicherlich nur eingebildet.

Mach dir keine Sorgen, dachte sie sich.

Doch als sie sich auf die Seite drehte um wieder einzuschlafen, fühlte sie einen plötzlichen stechenden Schmerz in ihrem linken Bein.

Das schon wieder, dachte Robin mit einem Seufzen.

Sie machte die Lampe auf dem Beistelltisch an und zog die Decke zur Seite.

Es überraschte sie nicht mehr zu sehen, dass sie kein linkes Bein hatte. Sie hatte sich bereits vor Monaten daran gewöhnt. Das Bein wurde über dem Knie amputiert, nachdem ihre Knochen in einem schrecklichen Autounfall letztes Jahr zu Brei zertrümmert worden waren.

Doch der Schmerz war sehr real – eine Kombination aus pochendem, krampfartigem und brennendem Schmerz.

Sie setzte sich im Bett auf und starrte den Beinstumpf unter ihrem Nachthemd an. Seit der Amputation hatte sie Phantomschmerzen, meistens kamen sie Nachts, wenn sie versuchte zu schlafen.

Sie schaute auf die Uhr, die auf dem Nachtkästchen stand und sah, dass es vier Uhr morgens war. Sie stöhnte genervt. Oft wurde sie genau zu dieser Stunde oder etwas früher von dem Schmerz geweckt und dann wusste sie, dass sie keine Chance hatte wieder einzuschlafen, solange der Schmerz sie quälte.

Sie überlegte, ob sie unters Bett greifen und ihre Spiegelbox rausholen sollte – ein Therapieinstrument, dass ihr schon oft durch solche Anfälle geholfen hatte. Dafür musste sie den Stumpf in eine lange, prismenartige Box stecken, die an der Innenseite mit einem Spiegel ausgestattet war, sodass ihr heiles Bein eine Spiegelung produzierte. Die Spiegelbox gab ihr damit die Illusion, dass sie noch beide Beine hatte. Es war ein merkwürdige, aber effektive Methode um den Phantomschmerz zu lindern oder sogar ganz loszuwerden.

Sie schaute das Spiegelbild an, während sie ihr anderes Bein berührte, die Muskeln ihres Fußes, ihrer Zehen und ihres Unterschenkels an- und wieder entspannte und schaffte es somit ihr Gehirn auszutricksen und es zu überzeugen, dass sie immer noch beide Beine besaß. Indem sie sich vorstellte, dass sie das verlorene Bein kontrollierte, konnte sie oft die Schmerzen und Krämpfe, die sie fühlte, bekämpfen.

Doch es klappte nicht immer. Es benötigte ein Maß an meditativer Konzentration, das sie nicht immer aufbringen konnte. Und sie wusste aus Erfahrung, dass es unwahrscheinlich war, dass sie direkt nach dem Aufwachen zu so früher Stunde Erfolg damit haben würde.

Dann kann ich auch genauso gut aufstehen und etwas arbeiten, dachte sie.

Sie überlegte kurz, ob sie die Beinprothese, die neben dem Bett lag, anlegen sollte. Das würde bedeuten, sie müsste einen einen Nylongel Strumpf über den Stumpf ziehen und einige Paar Socken, um das Schrumpfen des Stumpfes zu kompensieren, wonach sie dann die Prothese an ihren Platz schnallen konnte und mit ihrem gesamten Gewicht dagegen drücken, bis sie die Prothese in die korrekte Position einrasten fühlen konnte.

Es erschien ihr den Aufwand nicht wert – besonders wenn sie Glück haben sollte und der Schmerz bald von selbst vergehen würde, sodass sie doch noch einmal ins Bett zurück gehen konnte.

Stattdessen zog sie sich ihren Morgenmantel über und griff nach ihren Krücken, wonach sie aus dem Schlafzimmer in ihre Küche humpelte.

Ein Stapel Papiere, der sich auf dem Tisch türmte, erwartete sie dort.

Sie hatte ein riesiges Bündel Gedichte und Kurzgeschichten mit nach Hause gebracht – Einreichungen für Sea Surge, der Literaturzeitschrift, für das sie als Assistenzredakteurin arbeitete. Sie hatte mehr als die Hälfte der Einreichungen bereits gestern Abend vor dem Schlafengehen gelesen und einige wenige beiseite gelegt, die womöglich gedruckt werden konnten, während sie die meisten anderen in den Stapel für Ablehnungen tat.

Gerade schaute sie einen kleinen Stapel von fünf besonders schlechten Gedichten eines bemerkenswert untalentierten Poeten durch – es waren genau die Art Grußkartenreime, die die Zeitschrift so oft zugeschickt bekam. Sie musste ein wenig lachen, als sie die Gedichte auf den Ablehnungsstapel warf.

Der nächste kleine Stapel war ganz anders, aber genauso typisch, was die Einreichungen, durch die sie sich so oft wühlen musste, anging. Diese Gedichte machten direkt einen trockenen, unaufrichtigen, verworrenen und überheblichen Eindruck. Während sie versuchte irgendwie zu verstehen, was die Gedichte zu bedeuten hatten, begannen ihre Gedanken abzuschweifen und bald schon dachte sie darüber nach, wie sie dazu gekommen war alleine in diesen kleinen und billigen, aber komfortablen gemieteten Haus zu leben.

Sie dachte traurig daran wie ihre Ehe Anfang des Jahres in die Brüche gegangen war. Kurz nach dem Unfall und der Amputation hatte sich ihr Ehemann, Duane, sich rührend um sie gekümmert und war aufmerksam und unterstützend. Doch als die Zeit voranschritt, wurde er zunehmend distanziert und irgendwann hatte er so ziemlich damit aufgehört ihr irgendwelche Nähe oder Zuneigung entgegenzubringen.

Obwohl Duane es nicht zugeben wollte, hatte Robin begriffen, dass er sie einfach nicht mehr attraktiv fand.

Sie seufzte, als sie daran dachte wie wahnsinnig verliebt sie die ersten vier Jahre ihrer Ehe waren.

Sie hatte einen Kloß im Hals, als sie sich fragte, ob sie jemals wieder so glücklich sein würde. Doch sie wusste, dass sie immer noch eine attraktive, charmante, intelligente Frau war. Es musste doch bestimmt einen Mann dort draußen geben, der sie als ganze Person sehen konnte und nicht bloß als eine Amputierte.

Trotzdem war die Oberflächlichkeit von Duanes Liebe für sie ein ziemlicher Schlag ins Gesicht gewesen und hatte ihr Selbstvertrauen und die Fähigkeit Männern zu vertrauen erschüttert. Es war schwer nicht verbittert zu sein ihrem Ex-Mann gegenüber. Sie dachte sich, so wie sie es sich schon oft gesagt hatte…

Er hat sein Bestes gegeben.

Wenigstens war ihre Scheidung friedlich verlaufen und sie waren bis heute befreundet.

Sie horchte auf, als sie draußen ein bekanntes Geräusch hörte – es war die anfahrende Müllabfuhr. Sie musste lächeln, als sie sich auf ein kleines Ritual freute, dass sie sich für solche schlaflosen Morgen ausgedacht hatte.

Sie verließ den Tisch, griff nach den Krücken, humpelte zum Wohnzimmerfenster hinüber und zog die Gardinen offen.

Der Laster hielt nun vor ihrem eigenen Haus und der riesige Robo-Arm umschloss ihren Müllcontainer, hob ihn hoch und kippte seinen Inhalt in das Lastwageninnere. Wie erwartet ging neben dem Lastwagen ein eigenhafter junger Mann her.

Wie immer fand Robin etwas liebenswert ernsthaftes an ihm, als er dem Laster entlang folgte und sich in alle Richtungen umschaute, als ob er eine komische Art Wache halten würde.

Sie nahm an, dass er für die Stadtreinigung arbeiten musste, obwohl sie sich unsicher war, was genau seine Arbeit eigentlich beinhalten könnte. Er schien sonst nichts zu tun, außer neben dem Müllauto herzulaufen und sicherzustellen, dass die große Maschine ihre Aufgabe verrichtete und keine Müllreste fallen ließ.

Wie sie es immer tat, wenn sie ihn dort auf der beleuchteten Straße sah, lächelte sie, hob einen Arm aus der Krücke und winkte ihm zu. Er schaute sie direkt an, wie er es immer tat. Sie fand es immer merkwürdig, dass er nie zurück winkte, und immer bloß dastand und ihren Blick erwiderte.

Doch dieses Mal tat er etwas, was er sonst nie getan hatte.

Er hob seinen Arm und zeigte in ihre Richtung.

Worauf zeigt er? fragte sie sich.

Dann fühle sie plötzlich einen kalten Schauer ihren Rücken hinunterschleichen, als sie sich an den Moment erinnerte, da sie aufgewacht war…

Ich dachte ich hätte ein Geräusch gehört.

Sie hatte gedacht, es klang wie zerbrechendes Glas.

Und nun begriff sie…

Er zeigt auf etwas hinter mir.

Bevor sie sich umdrehen und hinsehen konnte, fühlte sie wie eine starke Hand ihre rechte Schulter ergriff.

Robin erstarrte vor Schrecken.

Sie konnte einen plötzlichen tiefen Schmerz spüren, als etwas scharfes in ihr Ohr eindrang und die Welt um sie herum sich auflöste.

Einen Moment später fühlte sie überhaupt nichts mehr.




Kapitel eins


Im selben Moment, als Riley sich auf die Couch im Wohnzimmer warf und ihre Schuhe abstreifte, klingelte es an der Tür. Sie stöhnte leise. Sie nahm an, dass es jemand mit einer Agenda war, der wollte dass sie eine Petition unterschreibt, einen Check ausstellt oder sonst was.

Das kann ich gerade wirklich nicht gebrauchen.

Sie hatte soeben ihre Töchter, April und Jilly, an ihrem ersten Schultag zur Schule gefahren. Sie hatte sich eigentlich darauf gefreut ein bisschen auszuspannen.

In diesem Augenblick hörte sie Gabriela, ihre guatemalische Haushälterin, aus der Küche rufen…

„No te muevas, señora. Ich mache auf.“

Sie hörte Gabrielas Schritte in Richtung Tür und lehnte sich zurück um ihre Füße auf dem Kaffeetisch abzustellen.

Dann hörte sie wie Gabriela freundlich mit der Person an der Tür sprach.

Ein Besucher? fragte Riley sich.

Riley beeilte sich ihre Schuhe wieder anzuziehen, als sie Schritte in ihre Richtung hörte.

Als Gabriela den Besuch ins Wohnzimmer führte, war Riley überrascht und erfreut zu sehen, wer es war.

Es war Blaine Hildreth, ihr gut aussehender Freund.

Oder ist er mein Verlobter?

So genau wusste sie es zur Zeit nicht, doch auch Blaine schien sich darüber nicht im Klaren zu sein. Vor einigen Wochen hatte er ihr mehr oder weniger einen Antrag gemacht und dann hatte er vor einer Woche auf einmal gesagt, er wolle die Dinge langsam angehen. Sie hatte ihn nun seit einigen Tagen nicht mehr gesehen und hatte nicht erwartet, dass er an diesem Morgen vor ihrer Tür stehen würde.

Als Riley begann sich von der Couch zu erheben, sagte Blaine: „Bitte, steh nicht auf. Ich komme zu dir.“

Blaine ließ sich neben ihr auf die alte Familiencouch fallen. Riley grinste und streifte erneut ihre Schuhe ab.

Mit einem kleinen Lachen tat Blaine dasselbe, dann legten sie beide ihre Füße auf den Kaffeetisch.

Es fühlte sich gut an sich so komfortabel mit ihm zu fühlen, auch wenn Riley nicht genau wusste, wo die Dinge mit ihnen standen.

„Wie war dein Morgen?“, wollte Blaine wissen.

„Ok“, antwortete Riley. „Ich habe nur die Mädels zur Schule gebracht.“

„Ja, ich habe Crystal eben auch hingefahren.“

Wie immer konnte Riley die Liebe zu seiner 16-Jährigen Tochter aus seinem Ton heraushören. Das war etwas, was ihr an ihm gefiel.

Dann lachte Blaine und sagte: „Sie schien sich nichts sehnlicher zu wünschen, als dass ich so schnell wie möglich wieder fahre, als wir an der Schule angekommen waren. Ich nehme an, sie wollte nicht, dass ihre Freunde mich zu Gesicht bekommen.“

Riley lachte auch.

„Es ist dasselbe mit April“, sagte sie. „Kinder scheinen sich in diesem Alter vor ihren Eltern zu schämen. Naja, am morgen nehmen meine Mädchen eh den Bus zur Schule.“

„Crystal auch.“

Blaine legte die Arme hinter den Kopf und lehnte sich zurück, als er tief seufzte.

„Crystal wird bald Autofahren“, sagte er.

„April auch“, sagte Riley. „Sie wird den Antrag für den Führerschein schon im November stellen können. Ich weiß nicht genau, was ich davon halten soll.“

„Ich auch nicht. Besonders weil es mich zu einem nervösen Wrack gemacht hat, ihr das Autofahren beizubringen.“

Riley fühle sich nun schuldig.

Sie sagte: „Ich fürchte, ich habe mir kaum die Zeit genommen es April beizubringen. Eigentlich fast gar keine Zeit. Sie musste sich eigentlich hauptsächlich mit dem Fahrunterricht in der Schule zufrieden geben.“

Blaine zuckte mit den Schultern und fragte: „Möchtest du, dass ich es ihr beibringe?“

Riley zuckte ein bisschen zusammen. Sie wusste, dass Blaine ein sehr involvierter Vater war, im Vergleich zu ihr. Ihre Arbeit bei der Verhaltensanalyseeinheit hielt sie immer wieder von den normalen Mutter-Tochter Routinen ab, und sie fühlte sich deswegen schuldig.

Es war sehr nett von Blaine seine Hilfe anzubieten und sie wusste, dass sie nicht eifersüchtig sein sollte, wenn er mehr Zeit mit April verbrachte, als sie. Schließlich könnte er früher oder später zu Aprils Vater werden. Es wäre großartig, wenn April und Jilly einen Dad hätten, der ihnen echte Aufmerksamkeit schenken könnte. Das wäre mehr als Ryan, Rileys Ex-Mann, jemals getan hatte.

„Das wäre nett von dir“, sagte sie. „Danke.“

Gabriela kam mit einem Tablet ins Wohnzimmer. Die kräftige Frau machte ganz gezielte Schritte, als Jillys kleiner Hund mit großen Ohren, Darby und Aprils schnell wachsende schwarz-weiße junge Katze, Marbles, um ihre Füße liefen. Gabriela stellte das Tablet auf dem Kaffeetisch vor Riley und Blaine ab.

„Ich hoffe Sie haben beide Lust auf Kaffee und Champurradas.“

„Champurradas!“, sagte Blaine erfreut. „Was für ein Genuss!“

Während Gabriela ihnen Kaffe einschenkte, griff Riley nach einem der knusprigen Butterkekse, die in Sesam gewälzt waren. Die Champurradas waren frisch gebacken und natürlich unwiderstehlich lecker.

Gerade als Gabriela zurück in die Küche wollte, sagte Blaine: „Gabriela, möchten Sie sich nicht zu uns setzen?“

Gabriela lächelte. „Por supuesto. Gracias.“

Sie ging in die Küche und holte eine weitere Tasse, schenkte auch sich etwas Kaffee ein und setzte sich in einen Sessel gegenüber von Riley und Blaine.

Blaine begann sich mit Gabriela zu unterhalten, auf einem halb-Englisch und halb-Spanisch fragte er sie über ihr Champurrada Rezept aus. Als Meisterchef und Besitzer eines Edelrestaurants war Blaine immerzu an Gabrielas kulinarischen Geheimnissen interessiert. Wie immer wollte Gabriela anfangs nicht viel dazu sagen und wehrte sich scherzend gegen seine Fragen, doch schon bald offenbarte sie ihm alle Feinheiten des Rezepts für die exquisiten guatemalischen Kekse.

Riley musste lächeln, als die Blaine und Gabriela zuhörte, wie sie das Rezept besprachen. Sie genoß es, sie so zu sehen. Sie fand, dass es etwas Besonderes war, wie sehr die drei sich miteinander zuhause fühlten.

Riley suchte nach dem passenden Wort um das Gefühl zu beschreiben, das sie in genau diesem Moment hatte. Dann kam es ihr.

Gemütlich.

Ja, das war es. Da waren sie beide – Blaine und sie, entspannt und Barfuß auf dem Sofa, und fühlten sich durch und durch gemütlich miteinander.

Doch Riley fühlte sich nicht wunschlos glücklich, denn sie begriff.

Eine Sache die die Situation nicht war, war romantisch.

In diesem Moment war in Blaine nichts von dem hingabevollen Liebhaber zu erkennen, der er manchmal sein konnte. Natürlich waren diese romantischen Momente selten gewesen. Selbst als sie diesen Sommer zwei Wochen am Strand verbracht hatten, hatten sie in verschiedenen Zimmer geschlafen, wegen der Kinder.

Riley fragte sich…

Wird es auch so bleiben, nachdem wir geheiratet haben?

Sie unterdrückte ein Seufzen, als sie dachte, dass sie bereits jetzt wie ein altes Ehepaar waren. Dann musste sie lächeln, als sie überlegte…

Vielleicht ist das gar nicht schlimm.

Schließlich war sie bereits einundvierzig Jahre alt. Vielleicht war es für sie an der Zeit Träumereien von leidenschaftlicher Romantik hinter sich zu lassen. Vielleicht war es an der Zeit sich in der Gemütlichkeit und dem Komfort einzufinden. Und in diesem Moment fand sie diese Perspektive wirklich ok.

Trotzdem fragte sie sich…

Steht es wirklich in den Sternen für mich und Blaine zu heiraten?

Sie wünschte sich, dass sie so oder so endlich eine Entscheidung treffen würden.

Rileys Gedanken wurden vom Klingeln des Telefons unterbrochen.

Etwas entsetzt musste sie feststellen, dass der Anruf von ihrem Langzeitpartner von der Verhaltensanalyseeinheit, Bill Jeffreys, ausging. So gern sie Bill auch hatte, sie war sich irgendwie sicher, dass es kein bloß freundschaftlicher Anruf war.

Als sie den Anruf entgegennahm, sagte Bill: „Riley, ich wurde soeben von Chief Meredith angerufen. Er will dich, mich und Jenn Roston sofort in seinem Büro sehen.“

„Was ist los?“, wollte Riley wissen.

„Es hat in Connecticut ein paar Morde gegeben. Meredith sagt es sieht nach einer echten Serie aus. Aber ich weiß selbst noch keine Einzelheiten.“

„Ich komme“, sagte Riley und legte auf.

Sie sah, dass Blaine und Gabriela sie beide besorgt ansahen.

Blaine fragte: „Ein neuer Mordfall?“

„Sieht ganz danach aus“, erwiderte Riley und zog ihre Schuhe wieder an. „Ich fahre wahrscheinlich direkt nach Connecticut. Ich bin vielleicht eine Weile weg.“

Gabriela sagte: „Ten cuidado, Señora Riley.“

Blaine nickte und in Einverständnis und wiederholte: „Ja, sein bitte vorsichtig.“

Riley küsste Blaine sanft und verließ das Haus. Ihre Reisetasche war wie immer gepackt und wartete bereits im Auto, sie brauchte also keine weiteren Vorbereitungen mehr zu treffen.

Nun fühlte sie wie eine Aufregung sich in ihr ausbreitete. Sie wusste, dass sie gerade dabei war aus einer Welt der Gemütlichkeit und des Komforts in die ihr allzu vertraute Welt des Bösen und der Dunkelheit zu treten. In eine Welt, die von Monstern bewohnt wurde.

So ist es immer, dachte sie und seufzte bitter.




Kapitel zwei


Riley konnte die Dringlichkeit spüren, die in der Luft hing, als sie das Büro des leitenden Spezialagenten Brent Meredith im Gebäude der Verhaltensanalyseeinheit betrat. Die gewaltige Figur Merediths zeichnete sich hinter seinem Schreibtisch ab. Vor ihm standen bereits Bill Jeffreys und Jenn Roston, ihre Reisetaschen in Hand.

Sieht ganz danach aus, als würde das eine kurze Besprechung werden, dachte Riley sich.

Sie nahm an, dass ihre zwei Partner und sie wahrscheinlich innerhalb weniger Minuten aus Quantico abfliegen würden, und sie war froh darüber, dass sie drei erneut zusammenarbeiten würden. Während ihres letzten Falls in Mississippi hatten die drei noch mehr Regeln als sonst gebrochen und Meredith hatte ihnen seinen Unmut darüber sehr klar gemacht. Sie hatte befürchtet, dass Meredith sie nach dem Fall nicht mehr zusammen zu Einsätzen schicken würde.

„Ich freue mich, dass Sie alle so schnell hierher gefunden haben“, sagte Meredith in seiner brummenden Stimme, als er sich ein wenig in seinem Bürosessel hin und her drehte. „Ich habe soeben einen Anruf von Rowan Sturman, dem leitenden Spezialagenten aus dem FBI Büro von New Haven in Connecticut. Er will unsere Hilfe. Ich nehme an, Sie haben alle von Vincent Cranstons Tod gehört.“

Riley nickte, ihre Kollegen auch. Sie hatte in der Zeitung gelesen, dass Vince Cranston, ein junger Erbe einer Multimilliardärenfamilie, gerade erst letzte Woche unter mysteriösen Umständen in New Haven umgekommen war.

Meredith fuhr fort: „Cranston hatte gerade eben sein Studium an der Yale Universität aufgenommen, seine Leiche wurde eines frühen Morgens auf der Friendship Woods Joggingroute aufgefunden. Er wollte joggen gehen und zuerst sah es ganz danach aus, als hätte sein Tod eine natürliche Ursache gehabt – es schien, als wäre er an einer Hirnblutung gestorben.“

Bill sagte: „Ich nehme an, dass die Obduktion etwas anderes gezeigt hat.“

Meredith nickte. „Genau, bisher wurde es geheim gehalten. Der Gerichtsmediziner hatte eine kleine Wunde gefunden, dass durch das Ohr des Opfers direkt zum Gehirn führte. Er wurde anscheinend auf die Art und Weise mit einem scharfen, geraden, dünnen Gegenstand erstochen.“

Jenn schaute Meredith überrascht an.

„Mit einem Eispickel?“, fragte sie.

„So sah es aus“, antwortete Meredith.

Riley fragte: „Was war das Motiv?“

„Niemand hat irgendeine Ahnung“, antwortete Meredith. „Natürlich kann man nicht einer reichen Familie wie den Cranstons angehören, ohne sich über die Jahre mehr als genug Feinde zu machen. Es ist Teil des Erbes. Es schien naheliegend zu sein, dass der arme Junge zum Opfer eines professionellen Auftragskillers geworden war. Die Liste aller Verdächtigen abzuarbeiten erschien beinahe unmöglich. Doch dann…“

Meredith hielt inne und trommelte mit seinen fünf Fingern auf dem Tisch.

Dann sagte er: „Erst gestern wurde eine weitere Leiche gefunden. Dieses Mal war das Opfer Robin Scoville, eine junge Frau, die für eine Literaturzeitschrift in Wilburton, Connecticut arbeitete. Sie wurde in ihrem eigenen Wohnzimmer tot aufgefunden – zuerst sah auch ihre Todesursache nach einer Hirnblutung aus. Doch auch hier hat die Obduktion eine kleine Wunde durch das Ohr und mitten ins Gehirn festgestellt.“

Rileys Verstand arbeitete wie verrückt, als sie die Information verarbeitete.

Zwei Opfer, die mithilfe eines Eispickels getötet wurden, alles in demselben kleinen Staat über einen Zeitraum von nur einer Woche.

Das klang nicht nach Zufall.

Meredith fuhr fort: „Vincent Cranston und Robin Scoville waren so unterschiedlich wie zwei Menschen nur sein können – der eine ein reicher Erbe in seinem ersten Jahr an einer Ivy League Universität, die andere eine junge geschiedene Frau, die in bemerkenswert bescheidenen Verhältnissen lebte.“

Jenn fragte: „Wo ist dann die Verbindung?“

„Wieso würde irgendjemand die beiden Tod sehen wollen?“, fügte Bill hinzu.

Meredith erwiderte: „Das ist genau was Agent Sturman wissen möchte. Es ist jetzt schon ein scheußlicher Fall – und er wird nur noch scheußlicher werden, wenn noch mehr Menschen umgebracht werden. Es konnte keinerlei Verbindung zwischen den Opfern festgestellt werden und es ist schwierig das Verhalten des Mörders nachzuvollziehen. Sturman hat das Gefühl, dass er und sein New Haven FBI Team komplett überfordert sind. Also rief er uns an und bat um die Unterstützung der Verhaltensanalyseeinheit. Deshalb habe ich Sie drei hierher bestellt.“

Meredith erhob sich aus seinem Sessel und brummte…

„Inzwischen haben Sie keine Zeit zu verlieren. Ein Flugzeug steht bereit und wartet auf Sie auf der Startbahn. Sie fliegen zum Tweed-New Haven Regionalflughafen, dort wird Sturman Sie empfangen. Sie machen sich dann sofort an die Arbeit. Ich muss Ihnen wohl nicht sagen, dass ich den Fall so schnell wie möglich aufgedeckt wissen will.“

Meredith hielt inne und sah jeden der Agenten eindringlich an.

„Und dieses Mal will ich, dass alle Regeln eingehalten werden“, sagte er. „Keinen Unfug mehr. Ich meine es ernst.“

Riley und ihre Kollegen murmelten kleinlaut: „Natürlich, Sir.“

Für ihren Teil meinte Riley es auch wirklich. Sie wollte sich Merediths Zorn auf keinen Fall nochmals aussetzen und sie wusste, dass auch Bill und Jenn dies nicht wollen konnten.

Meredith begleitete die drei aus seinem Büro hinaus und wenige Momente später eilten sie bereits über die Landebahn zum wartenden Flieger.

Als sie liefen, bemerkte Jenn: „Zwei Morde mit einem Eispickel, zwei scheinbar in keiner Beziehung zueinander stehende Opfer – vielleicht sogar zufällig gewählt. Klingt das nicht unglaublich merkwürdig?“

„An Merkwürdiges hätten wir uns bereits gewöhnt haben müssen“, erwiderte Riley.

Jenn schnaubte. „Ja, hätten wir. Ich weiß nicht, wie es euch beiden geht, aber ich bin noch nicht so weit.“

Mit einem Kichern sagte Bill: „Sieh es mal so. Ich habe gehört, das Wetter soll in Connecticut um diese Jahreszeit herrlich sein.“

Jenn lachte und sagte: „Es ist sicherlich angenehmer, als in Mississippi.“

Riley verzog ihre Miene, als sie an die erdrückende und stickige Hitze in der unangenehmen Küstenstadt Rushville, Mississippi zurückdachte.

Sie war sich sicher, dass das Spätsommerwetter in New England auf jeden Fall eine zu bevorzugende Alternative darstellen müsse.

Schade, dass wir wahrscheinlich nicht wirklich die Chance haben werden es zu genießen.


* * *

Als das Flugzeug amTweed-New Haven Regionalflughafen landete, grüßte leitender Spezialagent Rowan Sturman Riley und ihre Kollegen auf der Landebahn. Riley hatte Sturman nie persönlich kennengelernt, doch sie hatte von ihm gehört.

Sturman war Anfang vierzig, ungefähr genauso als wie Riley und Bill. Als er jünger war, wurde er als vielversprechender, talentierter Agent gepriesen, von dem man erwartete, dass er hoch in den Ränken des FBI aufsteigen würde. Stattdessen hatte er sich damit zufrieden gegeben das FBI Büro von New Haven zu leiten. Gerüchten zufolge, hatte er einfach nicht nach Washington D.C. zum Hauptquartier oder nach Quantico, oder sonst wohin umziehen wollen. Er und seine Familie waren in Connecticut fest verwurzelt.

Natürlich, so nahm Riley an, hätte es auch sein können, dass er einfach kein Interesse daran hatte an den politischen Spielen, die in den beiden Machtzentren des FBI stattfanden, teilzunehmen.

Sie konnte das gut verstehen.

Riley gefiel es in der Verhaltensanalyseeinheit zu arbeiten, weil das Ermitteln in Fällen mit kuriosen Persönlichkeiten ihre einzigartigen Fähigkeiten beanspruchte. Doch sie hasste es, wie die Machspielchen der Hochgestellten manchmal bei den Ermittlungen dazwischenfunkten. Und sie fragte sich, wie lange es dauern würde, bis so etwas auch im Fall um den Tod eines ultrareichen Erben passieren würde.

Riley empfand Sturman sofort als freundlich und sympathisch. Während er sie zu einem wartenden Auto brachte, sprach er mit einem angenehmen New England Akzent mit ihnen.

„Ich fahre Sie direkt nach Wilburton, sodass Sie sich den Ort ansehen können, an dem Robin Scovilles Leiche gefunden wurde. Das ist der frischere der beiden Tatorte und ich habe den örtlichen Polizeichef schon informiert, damit er uns dort treffen kann. Später zeige ich Ihnen, wo Vincent Cranston umgebracht wurde. Ich hoffe wirklich, dass Sie herausfinden können, was hier vor sich geht, denn mein Team und ich verstehen gar nichts.“

Riley, Bill und Jenn saßen im Kleintransporter beieinander, als Sturman sie Richtung Norden fuhr. Jenn öffnete ihren Laptop und begann nach Informationen zu suchen.

Sturman wandte sich an Riley und ihre Kollegen: „Ich bin froh, dass Sie hier sind. Mein Team und ich kommen hier nicht weiter mit den Fertigkeiten und Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen. Wir versuchen natürlich alles, was uns einfällt. Zum Beispiel haben wir bereits Werkzeuggeschäfte in der Region kontaktiert um alle vorhandenen Informationen zu Eispickelkäufen in letzter Zeit zu beschaffen.“

„Das ist eine gute Idee“, sagte Riley. „Hat das bisher irgendwas gebracht?“

„Nein, ich befürchte, dass das eher erfolglos bleibt“, antwortete Sturman. „Zur Zeit haben wir nicht besonders viele Namen, meist handelt es sich um Leute, die ihre Eispickel per Kreditkarte bezahlt haben, oder wo die Ladenbesitzer irgendeine andere Art von Unterlagen zu den Käufen besitzen. Und auch unter diesen Leuten wissen wir nicht genau, wonach wir suchen sollen. Wir müssen wohl einfach dranbleiben und schauen.“

Riley bemerkte: „Einen Eispickel als Waffe zu verwenden erscheint mir irgendwie antiquiert.“

Sie dachte einen Moment lang darüber nach und fügte hinzu: „Andererseits, wozu ist ein Eispickel heutzutage sonst noch gut?“

Jenn blickte finster drein, als sie die Informationen, die auf ihrem Bildschirm erschienen, überflog.

Sie sagte: „Nicht zu vielem – jedenfalls nicht in den letzten hundert Jahren, oder so. Früher, als es noch keine Kühlschränke gab, haben die Leute verderbliche Lebensmittel in altmodischen Eisschränken aufbewahrt.“

Bill nickte und sagte: „Ja, meine Urgroßmutter hat mir einmal davon erzählt. Ab und zu kam dann so ein Eismann vorbei, der einen Eisklotz für die Eisbox vorbeibrachte. Man hat dann einen Eispickel gebraucht um den Eisblock zu zerteilen.“

„Genau“, sagte Jenn. „Nachdem Eisboxen durch Kühlschränke ersetzt wurden, wurden Eispickel ein beliebtes Werkzeug bei Murder Incorporated. Die Leichen der Mordopfer hatten manchmal bis zu zwanzig Wunden von Eispickeln.“

Bill schnaubte und sagte: „Klingt irgendwie nach einem schlampigen Werkzeug für einen professionellen Auftragsmord.“

„Ja, aber es diente auch der Abschreckung“, sagte Jenn, weiterhin auf den Bildschirm gerichtet. „Niemand wollte auf diese Art und Weise sterben. Die Gefahr, mit einem Eispickel erstochen zu werden half, Mafiosi unter Kontrolle zu halten.“

Jenn drehte den Bildschirm zu Riley und Bill um ihnen zu zeigen, was sie gefunden hatte.

Sie sagte: „Außerdem, schaut mal hier. Nicht alle Eispickelmorde waren blutig und chaotisch. Ein Mafiosi namens Abe Reles war einer der meistgefürchteten Auftragskiller seiner Zeit und der Eispickel war das Werkzeug seiner Wahl. Er erstach seine Opfer fein säuberlich durchs Ohr – genau wie unser Mörder. Er war so gut, dass manche seiner Aufträge überhaupt nicht mehr wie Morde aussahen.“

„Sag nicht“, erwiderte Riley, „dass sie nach Hirnblutungen aussahen.“

„Genau“, bestätigte Jenn.

Bill kratze sich das Kinn. „Meint ihr unser Mörder ist auf die Idee gekommen, weil er von Abe Reles gelesen hat? Dass also seine Morde vielleicht irgendeine Art Hommage an einen alten Meister sind?“

Jenn sagte: „Vielleicht, aber vielleicht auch nicht. Eispickel werden gerade wieder populär unter Gangs. Junge Gangster erledigen einander heutzutage haufenweise mit diesen Eispickeln. Sie werden sogar bei Überfällen verwendet. Opfer werden mit einem Eispickel bedroht, statt mit einer Pistole oder einem Messer.“

Bill kicherte düster und sagte…

„Gerade vor ein paar Tagen bin ich in einen Werkzeugladen gegangen, um Panzertape zu kaufen. Da habe ich einen Aufsteller mit nagelneuen Eispickeln gesehen – ‚professionelle Qualität‘, besagte der Aufkleber, und auch ‚Hartstahl‘. Ich habe mich damals gefragt, wozu genau man sowas heute noch verwendet? Und ich weiß es bis heute nicht. Sicherlich wird nicht jeder, der Eispickel kauft, einen Mord im Schilde führen.“

„Frauen könnten die zum Selbstschutz dabeihaben, nehme ich an“, sagte Riley. „Obwohl Pfefferspray wahrscheinlich eine bessere Wahl ist, wenn ihr mich fragt.“

Jenn drehte den Bildschirm wieder in ihre Richtung und sagte: „Ihr könnt euch vorstellen, dass Versuche der Gesetzgebung den Verkauf oder Besitz von Eispickeln einzuschränken wenig Erfolg hatten. Aber einige Geschäfte führten freiwillig die Praxis Käufer dazu aufzufordern sich auszuweisen um sicherzustellen, dass diese bereits einundzwanzig Jahre alt sind. In Oakland, Kalifornien ist es sogar illegal Eispickel mit sich zu führen – gleichsam mit Schnappmessern und anderen Hieb- und Stichwaffen.“

Rileys Gedanken überschlugen sich von der Vorstellung zu versuchen den Kauf und Besitz von Eispickeln zu regulieren.

Sie fragte sich…

Wie viele Eispickel gibt es da draußen?

Zu diesem Zeitpunkt wussten sie und ihre Kollegen von zumindest einem.

Und sein Gebrauch war der Denkbar schlimmste.

Sie kamen schon bald in der kleinen Stadt Wilburton an. Riley war angetan davon, wie antiquiert malerisch die Gegend, in der Robin Scoville gelebt hatte, war – schöne in Schindel verkleidete Häuschen mit Fensterläden standen entlang der Straße, deren Vorgärten reihenweise von hübschen weißen Palisadenzäunen umgeben waren. Das Viertel war alt, womöglich sogar historisch. Trotzdem glänzte alles vor schneeweißer Farbe, so dass man meinen könnte, sie sei noch frisch.

Riley begriff, dass die Menschen, die hier lebten sehr stolz auf ihre Nachbarschaft waren und deren Vergangenheit bewahrten, so als lebten sie in einem Freilichtmuseum. Auf den Straßen waren nicht viele Autos zu sehen, daher fiel es ihr leicht sich das Städtchen in einer anderen Zeit vorzustellen mit Karren und Kutschen, die an den Häusern von Pferden vorbeigezogen wurden.

Dann fiel ihr ein…

Der Eismann hatte hier früher bestimmt oft seine Runde gemacht.

Sie stellte sich das sperrige Gefährt vor mit aufgetürmtem Eis und einen starken Mann, der die Blöcke mit schweren eisernen Zangen vor die Haustüren hievte. Damals besaß jede Hausfrau, die hier lebte, einen Eispickel, den sie für einen absolut unschuldigen Zweck einsetzte.

Doch die Stadt hatte vorgestern Nacht einen bitteren Verlust der Unschuld erfahren müssen.

Die Zeiten haben sich geändert, dachte Riley. Und nicht zum besseren.




Kapitel drei


Rileys Puls wurde schneller, als Agent Sturman den Kleintransporter vor einem kleinen Haus in einer netten Nachbarschaftsstraße parkte. Hier war es, wo Robin Scoville gelebt hatte und wo sie ermordet wurde. Riley spürte immer diese gesteigerte Aufmerksamkeit, wenn sie kurz davor war, einen Tatort zu betreten. Manchmal konnte sie ihre einzigartige Fähigkeit nutzen um die verdrehte Psyche des Mörders Einblick zu erhalten, genau an dem Ort, an dem der Mord stattgefunden hatte.

Würde es ihr auch hier gelingen?

Wenn ja, so war es nichts, worauf sie sich freute.

Es war ein hässlicher und verstörender Teil ihrer Arbeit, doch sie musste es nutzen, wann immer sie die Möglichkeit bekam.

Als sie aus dem Transporter stiegen, bemerkte sie, dass das Haus das kleinste in der Nachbarschaft war – ein bescheidener einstöckiger Bungalow mit einem kompakten Vorgarten. Doch wie alle Häuser auf dem Block war es hervorragend erhalten und akkurat gestrichen. Es war ein malerischer Anblick, der nur von dem gelben Polizeiband verdorben wurde, dass die Öffentlichkeit vom Grundstück fernhalten sollte.

Als Riley, Jenn, Bill und Agent Sturman durch das Zauntörchen gingen, trat ein großer, uniformierter Mann aus dem Haus. Agent Sturman stellte ihn den anderen als Clark Brennan, den Polizeichef Wilburtons, vor.

„Kommen Sie rein“, sagte Brennan mit einem angenehmen Akzent, der Sturmans ähnelte. „Ich zeige Ihnen, wo es geschah.“

Sie gingen eine lange hölzerne Rampe hoch, die zur Veranda führte.

Riley fragte Brennan: „Was das Opfer fähig sich selbstständig fortzubewegen?“

Brennan nickte und sagte: „Ihre Nachbarn sagen, dass sie die Rampe nicht mehr wirklich gebrauch hat. Nach einem Autounfall im letzten Jahr war ihr linkes Bein bis über dem Knie amputiert, aber sie kam sehr gut mit ihrer Prothese zurecht.“

Brennan öffnete die Eingangstür und alle betraten das gemütliche, komfortable Häuschen. Riley bemerkte keine weiteren Anzeichen dafür, dass hier eine behinderte Person gelebt hatte – keine besonderen Möbel oder Handgriffe, nur ein Rollstuhl, der in der Ecke stand. Es war offensichtlich, dass Robin Scoville sich alle Mühe gegeben hatte, ein so normales Leben, wie es ihr nur möglich war, zu leben.

Eine Überlebende, dachte Riley voll bitterer Ironie.

Die Frau musste gedacht haben, dass sie bereits die schlimmsten Herausforderungen, die ihr das Leben nur präsentieren konnte, überstanden hatte. Sie hatte sicherlich keine Ahnung welch grausames Schicksal sie erwartete.

Das kleine, saubere Wohnzimmer war mit günstigen Möbeln ausgestattet, die ziemlich neu aussahen. Riley bezweifelte, dass Robin allzu lange in diesem Haus gelebt hatte. Der Ort machte irgendwie den Eindruck einer Übergangslösung und Riley dachte, dass sie sich vorstellen konnte, wieso.

Riley fragte: „Das Opfer war geschieden?“

Brennan schaute sie überrascht an.

„Ja, ganz genau“, erwiderte er. „Sie und ihr Mann hatten sich erst dieses Jahr getrennt.“

Es war genau, wie Riley vermutet hatte. Dieses Haus ähnelte stark der Unterkunft, in der sie und April gewohnt hatten, nachdem ihre Ehe mit Ryan in die Brüche ging.

Doch Robin Scovilles Herausforderungen waren sehr viel schwerwiegender, als Rileys. Sie musste nicht nur eine Scheidung, sondern auch einen Schrecklichen Unfall überwinden, in ihrem Versuch ein neues Leben aufzubauen.

Die Position, in der die Leiche aufgefunden wurde, war mit Kreppband auf dem Boden markiert. Brennan zeigte auf einen kleinen, dunklen Fleck auf dem Boden.

„Sie hat nur ein bisschen aus dem Ohr geblutet. Genau wie bei einer Gehirnblutung. Doch wegen des kürzlichen Mordes an Cranston war der Gerichtsmediziner sofort misstrauisch. Und genau wie erwartet hat die Obduktion gezeigt, dass Robin auf dieselbe Art wie Cranston ermordet wurde.“

Riley dachte…

Dieselbe Methode, aber unter derart unterschiedlichen Umständen.

Und sie wusste, dass jegliche Unterschiede oftmals genauso wichtig waren wie die Ähnlichkeiten.

Sie fragte Brennan: „Gibt es Indizien dafür, dass sie sich zur Wehr gesetzt hat?“

„Überhaupt keine“, sagte Brennan.

Sturman fügte hinzu: „Es sieht ganz danach aus, als wäre sie überrascht worden und ganz unerwartet von hinten angegriffen worden.“

Bill fragte: „Hat sie ihre Prothese zum Zeitpunkt ihres Todes getragen?“

„Nein“, sagte Brennan. „Sie hatte ihre Krücken benutzt.“

Riley kniete sich hin und untersuchte die Position des Körpers, wie das Kreppband sie wiedergab. Sie war direkt vor dem Fester zusammengebrochen. Robin wurde höchstwahrscheinlich angegriffen, als sie gerade vor dem Fenster stand.

Sie fragte Brennan: „Was ist der ungefähre Todeszeitpunkt?“

Brennan antwortete: „Gegen vier Uhr morgens.“

Riley stand am Fenster und schaute hinaus auf die ruhige, freundliche Straße und fragte sich…

Wieso hat sie aus dem Fenster geschaut?

Was konnte in dieser Nachbarschaft um diese Uhrzeit passieren, dass es ihre Aufmerksamkeit beansprucht hatte? Und war das überhaupt relevant? Hatte es irgendetwas mit dem tatsächlichen Mord zu tun?

Riley fragte: „Wie hat man ihre Leiche gefunden?“

Brennan sagte: „Sie ist am nächsten Morgen nicht zu ihrer Arbeit bei einer örtlichen Literaturzeitschrift erschienen. Und sie hat auch nicht den Hörer abgenommen. Ihr Boss fand das merkwürdig und hat sich Sorgen gemacht, da es überhaupt nicht zu ihr passte. Er befürchtete, dass sie zuhause vielleicht irgendeinen Unfall hatte, wegen ihnen Behinderung. Also schickte er einen Mitarbeiter zu ihr nach Hause, um nach ihr zu sehen. Als sie die Tür nicht öffnete, ging der Mitarbeiter hintenrum und stellte fest, dass die Hintertür aufgebrochen war. Er betrat das Haus und fand die Leiche und rief die Rettungskräfte und Polizei.“

Riley stand noch einen Moment lang da und fragte sich, was Robin wohl aus dem Fenster gesehen haben könnte.

War dort irgendetwas passiert, was sie geweckt und ans Fenster gebracht hatte?

Riley hatte keine Ahnung.

In jedem Fall war es für Riley viel weniger interessant, was das Opfer in den letzten Momenten ihres Lebens erfahren hatte, als das, was im Kopf des Mörders vor sich gegangen war. Sie hoffte, dass sie vielleicht einen Anhaltspunkt dafür bekommen konnte, während sie hier war.

„Zeigen Sie uns, wo der Mörder eingebrochen ist“, bat Riley.

Brennan und Sturman führten Riley und ihre Kollegen durch das kleine Haus zu einer Tür, die in den Hinterhof führte.

Riley sah sofort, dass das Glas in der Nähe des Türriegels und der Klinke zerbrochen war. Der Mörder hatte offensichtlich das Glas zerbrochen und hatte anschließend die Tür entriegelt und geöffnet.

Doch nun bemerkte Riley noch etwas, was ihr wichtig vorkam.

Reste von Abklebefolie hafteten an den Scherben, die noch im Rahmen hingen.

Riley berührte vorsichtig eine Scherbe, an der etwas von der Folie klebte.

Der Mörder hatte die Scheibe mit Abklebefolie beklebt in der Hoffnung, nicht allzu viel Lärm zu machen, doch auch weil…

Vielleicht wollte er keine zu große Unordnung verursachen.

Riley fuhr zusammen von der plötzlichen Sicherheit, die sie verspürte.

Er ist penibel.

Er ist ein Perfektionist.

Das war die Art der plötzlichen intuitiven Einsicht, auf die sie gehofft hatte.

Wie viel mehr konnte sie über den Mörder hier und jetzt herausfinden?

Ich muss es versuchen, dachte sie.




Kapitel vier


Während Riley sich geistig darauf vorbereitete in die Psyche des Mörders vorzudringen, kreuzte ihr Blick sich einen Augenblick lang mit Bills. Er stand da, neben den anderen, und beobachtete sie. Sie sah, wie Bill nickte, da er offensichtlich verstanden hatte, dass sie alleine gelassen werden wollte um ihre Arbeit zu machen. Jenn lächelte zurückhaltend, als auch sie zu begreifen schien, was Riley vorhatte.

Bill und Jenn machten kehrt und begleiteten Sturman und Brennan zurück ins Haus, nachdem sie die Kellertür hinter sich zuzogen.

Riley blieb alleine zurück und schaute erneut auf das kaputte Türglas. Dann ging sie hinaus, schloss die Tür und fand sich in dem adretten kleinen Hinterhof wieder. Es gab einen kleinen Gehweg gleich hinter dem Zaun am Rande des Hinterhofs.

Riley fragte sich, ob der Täter über diesen Weg zum Haus gelangt war.

Oder war er von der Straße aus zwischen zwei Häuser geschlüpft – Robins und das eines Nachbarn?

Wahrscheinlich über den Gehweg.

Er hätte sein Auto in einer benachbarten Nebenstraße parken, den Gehweg hinunterlaufen und heimlich durch das Hintertor schlüpfen können. Dann war er durch den schmalen Hinterhof zur Hintertür geschlichen und…

Und dann?

Riley holte ein paarmal langsam und tief Luft um sich vorzubereiten. Sie stellte sich genau vor, wie der Hinterhof zu der frühen Stunde ausgesehen haben muss. Sie konnte beinahe das zirpen der Grillen hören und die angenehme kühle Luft einer Septembernacht auf ihrer Haut fühlen. Wahrscheinlich hatte es ein wenig Licht von den Straßenlaternen, aber kaum Licht von den Häusern selbst gegeben.

Wie hatte der Mörder sich gefühlt, als er sich auf seine Aufgabe einstimmte?

Gut vorbereitet, dachte Riley sich.

Schließlich hatte er sein Opfer offensichtlich im Voraus ausgewählt und wusste einige wichtige Einzelheiten über sie, unter anderem, dass sei ein amputiertes Bein hatte.

Riley schaute erneut auf das zerbrochene Glas. Nun erkannte sie, dass die Abklebefolie fast haargenau auf die Größe des Glases in der Tür zugeschnitten war. Das bedeutete sicherlich, dass er wohl genau hier gestanden und die Folie zugeschnitten selbst im schwachen Morgenlicht zugeschnitten hatte, wahrscheinlich mit einer Schere.

Erneut kam Riley dieses Wort in den Sinn…

Penibel.

Doch was mehr war, er was ruhig und geduldig gewesen. Riley spürte, dass der Mörder komplett leidenschaftslos geblieben war – er hatte kein bisschen Wut oder Rachesucht in sich. Ob er das Opfer persönlich gekannt hatte oder nicht, er hegte keinerlei feindseelige Gefühle ihr gegenüber. Der Mord war im allerweitesten Sinne kaltblütig gewesen.

Fast steril.

Sie ballte die Faust und imitierte den vorsichtigen aber festen Schlag, mit dem er das Glas zerbrochen haben musste. Noch bevor sie die Bewegung vollendet hatte, überkam sie plötzlich ein akutes Unbehagen.

Hatte er mehr Lärm verursacht, als erwartet?

Sie erinnerte sich, eine Glasscherbe auf dem Boden hinter der Tür, im Inneren des Hauses, gesehen zu haben. Ein Stück Glas war trotz seiner Vorsicht zu Boden gefallen und hatte ein klirrendes Geräusch gemacht.

Hatte er innegehalten?

Hatte er sich überlegt seinen Plan aufzugeben und leise auf dem selben Weg wieder davonzuschleichen, wie er gekommen war?

Wenn ja, so hatte er seine Entschlossenheit schnell wiedergefunden.

Riley griff vorsichtig durch den Türrahmen hindurch, öffnete von Innen die Tür, trat ins Innere des Hauses ein und streifte ihre Schuhe ab, so wie er es sicherlich getan hatte um unbemerkt im Haus herumschleichen zu können.

Und dann…

Hatte er ein Geräusch gehört.

Die Frau war vom Klirren des Glases doch aufgewacht und er konnte nun rumpeln und stampfen von Oben vernehmen, als sie ihre Krücken nahm und begann sich im Haus umher zu bewegen.

Riley dachte sich, dass er vielleicht die Hoffnung für einen Moment aufgegeben hatte.

Vielleicht hatte er darauf gehofft, sich an Robin anzuschleichen, während sie tief und fest schlief und ihr den Eispickel ins Ohr zu treiben, noch bevor sie begreifen konnte, dass er jemals da war.

Es wäre nicht wie der vorangegangene Mord, als er den jungen Vincent Cranston tötete, während dieser draußen joggen war. Doch Riley konnte spüren, dass der Mörder kein Interesse an einem einheitlichen modus operandi hatte. Alles was er wollte war die Tötungen so sauber und effizient wie möglich auszuführen.

Doch nun…

Wagte er es fortzufahren, jetzt wo die Frau oben aufgewacht war?

Oder sollte er lieber fliehen, bevor sie hierher kam und ihn in ihrem Haus vorfand?

Riley spürte, dass er hier hinter der Tür einen Moment erstarrt war und mit seiner Unentschlossenheit gekämpft hatte.

Doch dann…

Die Frau kam nicht zur Hintertür. Sie bewegte sich irgendwo anders im Inneren des kleinen Hauses. Vielleicht hatte sie das Glas doch nicht zu Bruch gehen hören. Der Mörder fühlte bei diesem Gedanken womöglich eine gewisser Erleichterung, doch weiterhin zweifelte er. Würde er es wagen, die Frau anzugreifen, jetzt, wo sie wach und aktiv war?

Wieso nicht? hätte er sich fragen können.

Mit ihrer Behinderung würde er sie sicherlich sehr viel einfach überwältigen können, als sein früheres Opfer.

Trotzdem wollte er nicht schlampig oder unvorsichtig sein. Ein Kampf könnte alles verderben.

Doch er ermahnte sich, dass dies hier dringlich war. Er war von einem tiefen Notwendigkeit getrieben, die er allein zu verstehen vermochte.

Er konnte nicht mehr zurück – jetzt nicht mehr. Wann würde sich erneut so eine Möglichkeit präsentieren?

Er nahm seinen ganzen Willen zusammen und beschloß fortzufahren.

Riley folgte nun, immer noch in Socken, der Spur des Mörders, so wie sie sich diese Vorstellte, und stieg die Treppen zur Tür, die in die Küche führte, hinauf. Sie betätigte die Klinke und zog vorsichtig die Tür auf…

Perfekt!

Die Klinke quietschte nicht und auch die Tür selbst gab keinen Mucks von sich.

Riley fühlte sich Augenblick für Augenblick immer verbundener mit der Psyche des Mörders, als sie in die Küche schlich. Sie ignorierte die Tatsache, dass Bill, Jenn, Sturman und Brennan alle in der Küche rumstanden und sie ansahen, und schaute sich um. Sie wusste, dass der Tatort seit dem Mord unangetastet geblieben war. Genau wie jetzt war also der Tisch an dem Morgen mit Papieren überhäuft gewesen, die die Frau gelesen hatte.

Doch wo war die Frau selbst?

Riley stellte sich vor, dass sie durch die Augen der Mörders schaute, als er durch den Türbogen der Küche in das Wohnzimmer hinein spähte. Dort hatte sie gestanden – aus dem Fenster schauend – ihre gesamte Aufmerksamkeit war auf das gerichtet, was sie aus dem Fenster sehen konnte.

Riley stellte sich vor, wie sie den Eispickel zu Hand nahm. Dann ging sie über die Dielen, ihre Schuhlosen Füße machten nicht einmal das kleinste Geräusch, bis sie genau dort stand, wo der Mörder hinter Robin Scoville gestanden hatte.

Und dann…

Eine schnelle, präzise, makellose Bewegung war alles, was es gebraucht hatte.

Die lange Spitze des Eispickels tauchte mühelos in den knochenlosen Gehörgang des Ohres und bis zum Gehirn, und genauso mühelos zog der Mörder sie auch wieder heraus, als er sein Opfer zu Boden fallen sah.

Zum Schluss…

Riley war sich sicher, dass er zufrieden mit seiner Tat war.

Er war stolz auf sich, dass er seine Unentschlossenheit überwunden und die Tat wie geplant ausgeführt hatte.

Doch hatte er einen Moment lang inne gehalten um sein Handgeschick zu bewundern?

Oder entkam er sofort?

Rileys Gespür für die Psyche des Mörders entglitt ihr nun, jetzt wo sie erneut auf die abgeklebte Silhouette auf dem Boden starrte.

Es gab vieles – zu vieles – was sie immer noch nicht wusste.

Doch sie war sich einer Sache sicher.

Sie wandte sich an ihre Kollegen, die nun um sie herum versammelt waren…

„Er ist ein absolut kaltblütiger Hurensohn.“

Bill sagte: „Was kannst du uns noch sagen?“

Riley überlegte einen Moment lang und sagte dann: „Ich kann noch nichts sicher sagen. Aber ich glaube es ist für ihn eine persönliche Angelegenheit – und gleichzeitig ist es eben nicht persönlich. Ich glaube nicht, dass er diese Frau gehasst hat. Womöglich kannte er nicht einmal ihren Namen. Doch er hatte einen Grund sie tot sehen zu wollen – einen wichtigen Grund, fast so als wäre ihr Mord eine Art…“

Riley suchte nach dem richtigen Wort.

Da sprach Jenn: „Pflicht?“

Riley schaute ihre jüngere Kollegin an und nickte.

„Ja, das ist genau das Gefühl, das ich bekomme. Es fühlt sich fast schon wie eine Verpflichtung an.“

Riley bemerkte nun, dass Chief Brennan sie mit offenem Mund anstarrte. Sie hatte sich schon lange daran gewöhnt, wie verstört und überrascht die Leute waren, wenn sie ihr bei diesem merkwürdigen Prozess zusahen. Und sie wusste, dass sie gerade eben ziemlich komisch ausgesehen haben musste, als sie wie im Trance ohne Schuhe durch das Haus gelaufen war und die Bewegungen des Mörders nachgemacht hatte.

Agent Sturman auf der anderen Seite schien keineswegs überrascht. Natürlich war er ein erfahrener FBI Agent und musste sicherlich zumindest von Rileys einzigartigen Fähigkeiten gehört haben, die im gesamten FBI wohlbekannt waren.

Deshalb überraschte es sie nicht, als Sturman Brennan mit dem Ellbogen anstupste und sagte: „Ich erkläre es Ihnen später.“

Bill war zur Hintertür gegangen und kam nun mit Rileys Schuhen wieder, die er ihr entgegenstreckte. Als Riley sich auf einen Hocker niederließ und sie wieder anzog, begannen sich Zweifel in ihr breitzumachen.

Habe ich alles falsch interpretiert?

Sie wurde oft mit Zweifeln überrannt nachdem sie diesen seltsamen Prozess durchlaufen hatte.

Schließlich war sie kein Hellseher und es gab nichts magisches oder übernatürliches an dem, was sie tat. Es war pure Intuition, nicht mehr und nicht weniger. Sie hatte sich in der Vergangenheit auch schon mal geirrt, und sie könnte sich auch jetzt irren.

Sie erhob sich vom Hocker und fragte sich…

Habe ich etwas übersehen?

Sie schaute zum Fenster hinüber und stellte sich die junge Frau vor, die dort stand und nach draußen schaute ohne zu ahnen, welche Gefahr sich von hinten näherte.

Was hatte sie dort gesehen?

Riley hatte nicht die geringste Ahnung.

Doch sie wusste, dass sie es lieber herausfinden sollte.




Kapitel fünf


Riley stand da und schaute aus dem Fenster, als sie versuchte sich vorzustellen wie die Straßen in den frühen Morgenstunden ausgesehen haben muss, genau in dem Moment, in dem jemand einen Eispickel in Robin Scovilles Schädel gebohrt hatte.

Was gab es dort draußen zu sehen? fragte sie sich.

Was hatte Robin genau in diesem Augenblick gesehen?

Die Frage nagte Augenblick um Augenblick immer mehr an Rileys Verstand.

Sie wandte sich an Chief Brennan: „Ich habe nicht gesehen, ob dieses Haus mit einer Überwachungskamera ausgestattet ist. Ist es das?“

„Nein“, antwortete Brennan. „Der Vermieter hat sich nicht die Mühe gemacht sie an einem kleinen Mietshaus wie diesem anzubringen. Schade, denn vielleicht hätten wir dann eine Videoaufnahme von dem, was geschehen war. Oder noch besser, die Kamera hätte den Mörder vielleicht ganz von seiner Tat abgehalten.“

Riley verließ das Haus durch die Eingangstür, dicht gefolgt von ihren Kollegen. Nun stand sie auf dem Bürgersteig und schaute die Straße in beide Richtungen entlang. Sie bemerkte erneut, dass Robins Haus das bei weitem kleinste in einer wohl-situierten Nachbarschaft war.

Sie sagte zu Brennan: „Ich nehme an, sie haben alle Nachbarn befragt.“

„So viele, wie es uns möglich war“, antwortete Brennan. „Keiner von ihnen war wach, als es passierte, und daher hat auch niemand irgendetwas merkwürdiges bemerkt.“

Sie konnte Überwachungskameras auf einigen Verandas bemerken. In mehreren Vorgärten gab es außerdem Schilder, die kundtaten, dass das jeweilige Haus von der einen oder anderen Security-Firma überwacht wurde.

„Ich sehe, dass einige Nachbarn Überwachungskameras für ihre eigenen Häuser haben“, bemerkte Riley.

„Das haben wahrscheinlich die meisten, da bin ich mir sicher“, erwiderte Brennan mit einem Schulterzucken. „Aber es sieht nicht danach aus, als könnte uns das irgendwie weiterhelfen.“

Riley konnte sehen, was Brennan meinte. Keine der nachbarschaftlichen Überwachungskameras war auf Robins Haus gerichtet, und so hatte auch keine von ihnen irgendetwas brauchbares aufnehmen können, was den Einbruch oder den Mord anging. Und doch interessierte sie eine kleine Außenkamera, die an einem der Verandaposten des nächsten Nachbarhauses befestigt war.

Riley zeigte auf das Haus und sagte: „Haben Sie mit den Leuten gesprochen, die dort leben?“

Brennan schüttelte den Kopf. „Nein, es ist ein Rentnerpaar Namens Copeland. Sie waren jedoch seit einer Woche oder so nicht mehr zuhause. Die Nachbarn meinten, dass sie in Europa Urlaub machen. Sie sollen wohl in einigen Wochen wiederkommen. Sie habe also auf gar keinen Fall mitbekommen können, was geschehen ist. Und ihre Kamera ist auch nicht auf Robins Haus gerichtet.“

Nicht auf das Haus, dachte Riley sich. Aber definitiv auf die Straße vor dem Haus.

Und das, was Riley gerade am meisten interessierte war, was dort auf der Straße zur Tatzeit vor sich gegangen war. Da das Paar für eine längere Weile weg war, hatten sie das Überwachungssystem womöglich laufen lassen, um eine fortlaufende Aufzeichnung von allem, was in ihrer Abwesenheit passiert war, zu haben.

Riley sagte: „Ich will wissen was die Kamera aufgenommen hat, falls sie überhaupt etwas aufgenommen hat.“

Agent Sturman entgegnete: „Wir würden die Copelands ausfindig machen müssen und ihre Erlaubnis einholen. Um die Aufzeichnungen zu sehen brauchen wir ihr Passwort. Oder wir müssten einen Durchsuchungsbefehl bekommen und es über das Unternehmen machen.“

„Tun Sie das“, sagte Riley. „Was auch immer nötig ist. So schnell wie möglich.“

Sturman nickte und trat beiseite, während er sein Handy rausholte um einen Anruf zu tätigen.

Bevor Riley beschließen konnte, was sie und ihre Kollegen als nächstes tun sollten, sprach Jenn Chief Brennan an.

„Sie sagten, Robin sei geschieden gewesen. Was können Sie und über ihren Ex-Mann erzählen?“

Brennan sagte: „Sein Name ist Duane Scoville und er spielt in einer kleinen Rockband von hier, die die Epithets heißt.“ Der Chief lachte kurz auf und fügte hinzu: „Ich habe sie mal spielen gehört. Sie sind nicht schlecht, aber ich glaube, sie sollten sich nicht von ihren Tagesanstellungen trennen.“

Jenn fragte: „Wo wohnt Duane?“

Brennan gestikulierte. „Im östlichen Teil der Stadt.“

Jenn fuhr fort: „Ich nehme an, Sie haben ihn befragt.“

„Ja, habe wir. Wir glauben nicht, dass er ein potentieller Verdächtiger ist“, antwortete Brennan.

„Wieso nicht?“, fragte Jenn.

„Duane sagte, dass er und die Epithets einen Gig drüben in Crestone, Rhode Island gespielt haben, genau in der Nacht in der Robin ermordet wurde. Er sagte, dass er und die Band die Nacht dort verbracht haben und hat uns eine Motelrechnung vorgelegt. Wir haben keinen Grund ihm nicht zu glauben.“

Riley konnte sehen, dass Jenn zweifelte.

Und zurecht, dachte Riley.

Es klang nicht so, als hätte die örtliche Polizei besonderen Wert darauf gelegt, Duane vernünftig zu befragen oder ihn gar als Verdächtigen auszuschließen. Und selbst wenn Duane nicht der Mörder war, so konnte er trotzdem über wertvolle Informationen verfügen.

Jenn sagte: „Ich würde gerne noch einmal mit ihm sprechen.“

„Ok, ich rufe ihn gleich an“, sagte Brennan und holte sein Handy raus.

„Nein, ich würde ihn lieber nicht vorwarnen“, entgegnete Jenn.

Riley wusste, dass Jenn recht hatte. Wenn es auch nur die geringste Chance gab, dass Duane ihr Mörder war, so war es besser ihn zu überraschen.

Riley sagte zu Brennan: „Könnten Sie uns zu seiner Adresse bringen, vielleicht ist er ja zuhause.“

„Selbstverständlich“, erwiderte Brennan.

Agent Sturman legte auf und kam wieder dazu. „Ich habe einen Agenten damit beauftragt, die Copelands aufzufinden“, berichtete er. „Aber ich habe einen weiteren laufenden Fall und ich muss nun zurück zum Hauptquartier.“

„Sie lassen uns wissen, sobald Sie etwas hören?“, fragte Bill.

„Natürlich“, versprach Sturman und lief mit großen Schritten zurück zum Kleintransporter.

Chief Brennan sagte: „Mein Fahrzeug steht dort drüben. Ich kann Sie zu Duane Scoville bringen.“

Als Riley und ihre Kollegen in Brennans Polizeiauto stiegen, bemerkte Riley den entschlossenen Gesichtsausdruck von Jenn Roston. Es fühlte sich gut an, ihre junge Protegé so vereinnahmt zu sehen. Riley warf einen Blick hinüber zu Bill und sah, dass er dasselbe dachte.

Sie entwickelt sich wirklich zu einer tollen Agentin, dachte Riley.

Und sie drei zusammen wurden langsam zu einem hervorragenden Team.

Sie beschloß, dass sie und Bill die Befragung von Duane Scoville Jenn überlassen sollten. Es könnte eine Chance für sie sein, sich zu behaupten, dachte Riley.

Und das hat sie auf jeden Fall


* * *

Während ihrer kurzen Fahrt durch die Stadt musste Jenn Roston andauernd an Rileys Verhalten in Robin Scovilles Haus denken und an den Schluss, zu dem sie gekommen war, was den Mörder anging…

„Er ist ein kaltblütiger Hurensohn.“

Jenn bezweifelte keinen Moment lang, dass Riley recht hatte. Sie hatte Riley viele Male dabei erlebt, wie sie in die Psyche eines Mörders eingedrungen war, aber sie war jedes Mal aufs neue beeindruckt.

Wie macht sie es nur?

Niemand in der Verhaltensanalyseeinheit schien es zu wissen, außer vielleicht Rileys ehemaliger Mentor, ein Agent Namens Jake Crivaro, der bereits im Ruhestand war und nun in Florida lebte. Riley selbst schien nicht fähig zu sein zu erklären, wie der Prozess funktionierte, und nicht einmal, wie es sich anfühlte.

Es schien nicht mehr und nicht weniger zu sein, als pures Bauchgefühl.

Jenn konnte nicht anders, als Riley darum zu beneiden.

Natürlich hatte Jenn ihre eigenen Stärken. Sie war klug, einfallsreich, zäh, ehrgeizig…

Und nicht zuletzt selbstsicher, dachte sie mit einem Lächeln.

Gerade war sie sehr zufrieden damit, dass Riley ihr zugestimmt hatte in ihrem Bestreben Duane Scoville erneut zu befragen. Jenn wollte unbedingt einen bedeutsamen Beitrag zur Lösung dieses Falls leisten. Sie bereute einiges in ihrem Verhalten während ihres letzten Falles zu dritt – dem Fall des sogenannten „Zimmermanns“, der seine Opfer mit einem schnellen und präzisen Hammerschlag tötete.

Eine bittere Bemerkung, die Jenn auf Rileys Kritik hin gemacht hatte, ging ihr bis heute nicht aus dem Kopf…

„Ich nehme an, jetzt wirst Du mir vorwerfen, dass ich nicht objektiv bin.“

Die Bemerkung war ziemlich armselig gewesen – besonders weil Jenn genau wusste, dass Riley sehr guten Grund hatte an ihrer Objektivität zu zweifeln. Als Schwarze Agentin hatte Jenn sich eine ganze Menge offenen Rassismus gefallen lassen, während ihres Falles in Mississippi. Sie hatte nicht besonders gut damit umgehen können und sie musste im Nachhinein zugeben, dass es ihr Urteilsvermögen beeinflusst hatte.

Sie hoffte, dass sie das nun alles wieder gut machen konnte.

Sie hoffte, dass sie viele Dinge wieder gut machen konnte.

Sie wartete sehnsüchtig auf den Tag, an dem sie ihre dunkle Vergangenheit endlich hinter sich lassen konnte.

Während sie fuhren, begannen düsterere Erinnerungen sich ihr aufzudrängen – ihr kaputtes Familienleben und ihre Eltern, die sie beide im Stich ließen, als sie ein Kind war, dann ihre Jahre in der Obhut der genialen, aber bösen Pflegemutter „Tante Cora“. Tante Cora hatte Jenn und ihre anderen Pflegekinder zu Kriminellen Meistern herantrainiert, die in ihrem eigenen kriminellen Netzwerk Aufgaben übernehmen sollten.

Jenn war die einzige unter allen Schülern Tante Coras, die ihr hatte entkommen können, in der Hoffnung auf ein besseres Leben für sich. Zunächst stieg sie zu einer ausgezeichneten Polizistin in Los Angeles auf, danach bekam sie phänomenale Noten an der FBI Academy, bevor sie endlich eine vollblütige Agentin der Verhaltensanalyseeinheit wurde.

Trotzdem war es ihr nicht gelungen, Tante Cora endgültig loszuwerden. Die Frau hatte sie dieses Jahr bereits kontaktiert und versucht sie zurück unter ihren Einfluss zu bringen. Sie hatte sogar versucht Jenn zu manipulieren, indem sie Hilfe bei der Aufdeckung eines FBI Falls leistete.

Jenn hatte nun seit einigen Wochen nichts mehr von Tante Cora gehört. Hatte ihre ehemalige Mentorin sie wirklich endgültig in Ruhe gelassen?

Jenn wagte nur zu hoffen.

Gleichzeitig kannte Jenns Dankbarkeit Riley gegenüber keine Grenzen. Riley war die einzige, die die Wahrheit über Jenns Vergangenheit kannte. Und mehr noch – Riley fühlte mit. Schließlich war Riley selbst einmal mit einem kriminellen Genie verwickelt, dem genialen geflüchteten Verurteilten Shane Hatcher.

Jenn wusste mehr als sonst irgendwer von Rileys Geheimnis, genau wie Riley alles von ihrem wusste. Das war einer der Gründe, wieso Jenn so eine starke Bindung zu ihrer neuen Mentorin aufgebaut hatte – es war eine Bindung auf Basis gegenseitiger Achtung und Verständnisses. Und wegen dieser Bindung wollte Jenn Rileys hohe Erwartungen an sie unbedingt erfüllen.

„Wir sind fast da.“

Jenn war überrascht eine derartige Veränderung in der Umgebung festzustellen. Die gediegenen, glänzenden weißen Häuser waren verschwunden, genau wie die makellosen Palisadenzänchen., Sie fuhren eine Straße entlang, die von kleineren Geschäften, veganen Restaurants, Bioläden und Second-Hand Geschäften besiedelt war.

Dann kamen sie in eine Nachbarschaft mit kleineren Häusern, die einen etwas schäbigen, aber trotzdem charmanten Eindruck machten. Die Menschen hier waren so verschieden, wie man es sich nur vorstellen konnte, von jungen künstlerischen Typen bis zu älteren Hippies, die so aussahen, als lebten sie hier seit den Sechzigern.

Jenn fühlte sich hier gleich viel wohler, als in der homogenen, ultra-Weißen Gegend, in der die Oberschicht lebte, die sie soeben verlassen hatten. Dies hier war aber nur eine kleine Nachbarschaft, und Jenn ahnte, dass sie immer kleiner wurde.

Gentrifizierung wird immer schlimmer, dachte sie traurig.

Brennan parkte vor einem alten Backsteinhaus, in dem sich mehrere Wohnungen befanden. Er führte Jenn und ihre Kollegen zur Eingangstür. Dort bekam Jenn von Riley einen Blick, der ihr sagte, dass sie ab jetzt übernehmen sollte.

Jenn schaute zu Bill hinüber, der ebenso nickte und ihr zu verstehen gab, sie solle beginnen.

Sie schluckte und drückte Duane Scovilles Klingel.

Erst antwortete ihnen niemand. Jenn fragte sich, ob er womöglich nicht zuhause war. Dann klingelte sie erneut und eine brummende Stimme kam über die Sprechanlage.

„Wer ist das?“

Die Verbindung brach nach wenigen Sekunden ab. Trotzdem meinte Jenn Musik im Hintergrund gehört zu haben.

Jenn antworteteL: „Wir sind vom FBI. Wir würden gerne mit Ihnen sprechen.“

„Worüber?“

Jenn war ein wenig überrumpelt von einer derartigen Antwort. Und dieses Mal war sich sich sicher, dass sie Musik gehört hatte.

Sie sagte: „Ähm…über den Mord an ihrer Ex-Frau.“

„Ich habe bereits mit der Polizei darüber gesprochen. Ich war nicht in der Stadt, als es passiert ist.“

Die vernahm erneut einen kurzen Fetzen der Musik und diesmal kam sie Jenn bekannt vor – es gruselte sie beinahe.

Brennan sprach dazwischen: „Hier spricht Polizeichef Brennan. Ich war es, der mit Ihnen gesprochen hatte. Die Agenten hier würden Ihnen gerne ein paar weitere Fragen stellen.“

Erst kam nichts mehr, dann surrte der Türöffner. Jenn öffnete die Tür und sie und ihre Kollegen traten ein.

Sie dachte…

Es klingt nicht gerade danach, als wären wir hier willkommen.

Jenn fragte sich, wieso das wohl sein mochte.

Sie beschloß, dass sie er herausfinden würde.




Kapitel sechs


Jenn folgte Chief Brennan ins Gebäude hinein und hinauf in den zweiten Stock. Sie waren dicht gefolgt von Riley und Bill, als sie sich in die Richtung von Duane Scovilles Wohnung bewegten.

Jenn spitzte die Ohren, als sie aus einem Zimmer ganz in der Nähe ein Geräusch kommen hörte.

Schon wieder diese Musik.

Dieses Mal war sich sich sicher, dass sie die Musik zuvor gehört hatte, doch es war lange her gewesen und sie war sich nicht sicher, wo und wann es war. Es war ein klassisches Stück – etwas langsames, sanftes und unglaublich trauriges.

Sie kamen zur Tür von Scovilles Wohnung und Chief Brennan klopfte an die Tür.

Eine Stimme aus dem Inneren rief: „Herein.“

Als sie eintraten war Jenn überwältigt von der Unordnung, die in der Wohnung herrschte. Ein Chaos breitete sich aus und der Boden war mit leeren Bierflaschen und Verpackungen von Essen übersäht.

Um die zehn Gitarren standen an Ständern, lagen in offenen Koffern oder hingen irgendwo in Sichtweite. Einige von diesen waren akustische, andere elektrische Instrumente. Außerdem waren Verstärker, Boxen und andere elektronische Musikausstattung über die gesamte Fläche der Wohnung verstreut.

Duane Scoville selbst saß in einem Sitzsack. Er hatte lange Haare und einen Bart, war in Jeans und ein Batik T-Shirt gekleidet und hatte auf einer langen Schnur um den Hals das Friedenszeichen baumeln. Auf seiner Nase saß eine große, runde „Oma-Brille“.

Jenn musste ein Kichern unterdrücken. Scoville war ungefähr Mitte Zwanzig, sah aber so aus, als würde er alles dafür geben wie ein Hippie aus den 60-er Jahren auszusehen. Das Zimmer war mit Perlen, billigen Wandteppichen und Vorlegern mit persischen Motiven und Kerzen dekoriert und war in einer allgemeinen Unordnung gehalten. Einige Poster an den Wänden hatten psychedelische Motive, andere stellten Rock Musiker und Schauspieler dar, die lange vor Jenns Zeit beliebt gewesen waren.

In der Luft hing ein starker Geruch von Räucherstäbchen und…

Noch etwas anderem, begriff Jenn.

Duane Scoville saß da und starrte mit glasigen Augen ins Leere, so als wären sie alle gar nicht da. Er war offensichtlich ziemlich high, obwohl Jenn keinerlei Hinweise auf Drogen in der Wohnung sehen konnte.

Chief Brennan sagte zu ihm: „Duane, das hier sind FBI Agenten Paige, Jeffreys und Roston. Wie gesagt, sie haben noch ein paar Fragen an Dich.“

Duane sagte nichts und bot seinen Besuchern auch nicht an irgendwo Platz zu nehmen.

Jenn war perplex, als sie daran dachte, wie tadellos sauber und ordentlich das kleine Häuschen des Opfers gewesen war. Sie konnte sich schwer vorstellen, dass Robin Scoville diesen Mann jemals gekannt hatte, ganz zu schweigen, dass sie einmal mit ihm verheiratet gewesen sein sollte.

Und dann war da diese Musik…

Statt den Doors oder Jefferson Airplane oder Jimi Hendrix oder sonst irgendeiner anderen Musik, die in diesen Wänden angemessener wäre, hörte Duane irgendeine leise barocke Kammermusik, die ein bewegendes Holzbläser-Solo präsentierte, dass wie ein piepsender, trauriger Vogelgesang klang.

Plötzlich erkannte Jenn das Stück und fragte Duane: „Das ist Vivaldi, oder? Der langsame Satz eines Concertos für die Piccoloflöte.“

Obwohl er Jenn oder ihre Kollegen immer noch nicht ansah, fragte Duane: „Woher wissen Sie das?“

Die Frage wühlte Jenn auf. Sie konnte sich nun genau daran erinnern, wo sie diese Musik früher einmal gehört hatte.

Es war in Tante Coras Pflegefamilie, wo sie aufgewachsen war.

Tante Cora hatte immer klassische Musik im Hintergrund laufen lassen, wenn sie den Kindern die Kunst des kriminellen Lebens beibrachte.

Jenn fuhr zusammen. Es war gruselig und beunruhigend dieses melancholische Melodie nach so vielen Jahren erneut zu hören. Es brachte merkwürdige und verstörende Erinnerungen an frühere Zeiten zurück, die Jenn mit aller Kraft versucht hatte zu verdrängen.

Doch sie wusste, dass sie sich nicht ablenken lassen durfte.

Bleib am Ball, ermahnte sie sich streng.

Statt Duanes Frage zu beantworten, sagte sie…

„Ich hätte Sie nicht für einen Vivaldi Fan gehalten, Duane.“

Duane schaute sie endlich an und ihre Blicke trafen sich.

Er sagte in einer dumpfen Stimme: „Wieso nicht?“

Jenn antwortete nicht. Aus ihrem Studium an der Academy und ihren Erfahrungen mit Riley und Bill wusste sie, dass sie zumindest ein kleines bisschen an Boden gewonnen hatte, indem sie ihn dazu gebracht hatte, sie anzusehen. Nun hatten sie zumindest eine vorübergehende Verbindung hergestellt. Jenn beschloss abzuwarten und Duane als nächstes sprechen zu lassen.

Zuerst sagte er nichts.

Der langsame, traurige Satz kam zu einem Ende und ein funkelnder, schneller Satz erklang.

Duane betätigte einen Knopf an seinem Tonspieler und der langsame Satz begann von vorne.

Endlich sagte er: „Robin mochte dieses Stück sehr. Und dieses war ihr Lieblingssatz. Sie konnte es nicht oft genug hören.“

Dann fügte er mit einem leichten Schnauben hinzu…

„Ich hoffe sie spielen es auf ihrer Beerdigung.“

Jenn erschrak über die aussagekräftige Note der Wut und Bitterkeit in seiner Stimme. Sie fragte sich – was verbarg sich hinter diesen düsteren Emotionen?

Sie blickte zu Riley und Bill. Sie nickten ihr leicht zu und ermunterten sie somit weiter ihren Instinkten zu folgen.

Sie machte einen Schritt auf Duane zu und fragte: „Gehen Sie zu Robins Beerdigung?“

Duane sagte: „Nein, ich weiß nicht einmal wann oder wo sie begraben wird. Drüben in Missouri, nehme ich an. Dort ist Robin aufgewachsen, ihre Familie lebt immer noch dort. St. Louis, Missouri. Ich nehme nicht an, dass ich eingeladen bin.“

Dann fügte er mit einem kaum hörbaren Kichern hinzu: „Und ich denke kaum, dass ich dort willkommen sein würde, auch wenn ich kommen würde.“

„Wieso nicht?“, wollte Jenn wissen.

Duane zuckte mit den Schultern. „Was meinen Sie? Ihre Familie kann mich nicht besonders leiden.“

„Wieso mögen sie Sie nicht?“

Duane schaltete plötzlich die Musik aus. Sein Gesicht verzog sich ein wenig in was Jenn wie Anwiderung vorkam.

Dann wandte er sich an die drei Agenten. „Schauen Sie, lassen Sie uns eins klarstellen, ok? Sie meinen, dass ich sie ermordet habe. Habe ich nicht. Ich bin das alles schon mit Chief Brennan hier durchgegangen. Es ist so, wie ich ihm gesagt habe – ich war in Rhode Island, habe dort einen Gig mit meiner Band gespielt. Wir haben dort übernachtet.“

Er kramte in seiner Hosentasche und zog ein Stück Papier hervor, dass er Jenn entgegenhielt.

„Muss ich das noch einmal vorzeigen?“, fragte er. „Das ist unsere Motelrechnung.“

Jenn verschränkte die Arme vor der Brust und ließ ihn mit ausgestreckter Hand dasitzen.

Was auch immer dort drauf stand, sie bezweifelte, dass sie es überzeugend finden würde. Es bewies bestenfalls, dass einige der Bandmitglieder dort übernachtet hatten.

Sie sagte: „Können ihre Bandkollegen dafür bürgen, dass sie die ganze Nacht bei ihnen gewesen waren?“

Darauf antwortete er nicht. Doch sein Blick verriet, dass die Frage Unbehagen in ihm auslöste. Jenns Misstrauen stieg mit jedem Moment an.

Sie fragte ihn: „Können Sie uns sagen, wie wir ihre Kollegen kontaktieren können?“

„Das kann ich schon“, erwiderte Duane. „Aber ich würde es lieber nicht tun.“

„Wieso nicht?“

„Wir haben uns nicht in bester Freundschaft getrennt. Sie hatten mich gerade aus der Band geschmissen. Möglicherweise sind sie nicht gerade kooperativ.“

Jenn begann nun auf und ab zu laufen.

„Es wäre vielleicht eine gute Idee, wenn Sie kooperieren“, sagte sie.

Duane sagte: „Ach ja? Ist das, was ein Anwalt mir sagen würde? Brauche ich einen Anwalt?“

Jenn antwortete ihm nicht sofort. Doch als sie an einem Wohnzimmerschrank, dessen Türen verschlossen waren, vorbeilief, bemerkte sie, dass Duane sich leicht anspannte. Sie schaute die Tür an und schritt näher heran, drehte sich zu ihm und bemerkte, dass seine Nervosität nur zu wachsen schien.

Sie sagte: „Ich weiß nicht, Duane. Brauchen Sie einen Anwalt?“

Duane sank wieder in seinen Sitzsack und versuchte eine entspannte Miene zu machen.

Er sagte: „Schauen Sie, ich möchte jetzt wirklich dass Sie gehen. Es ist eine ziemlich schlimme Zeit für mich, verstehen Sie? Und Sie machen es nicht einfacher. Und ich habe Rechte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich Ihre Fragen nicht beantworten muss.“

Jenn stand nur da und schaute auf Duane, dann auf den Schrank und wieder auf Duane. Sie konnte spüren, dass sie richtig nah dran war, das herauszufinden, was Duane vor ihr verbergen wollte.

Sie griff nach dem Griff der Schranktür, da fuhr Duane abruft zusammen.

Jenn konnte sehen, wie Riley bestimmt den Kopf schüttelte um sie zu warnen, den Schrank auf gar keinen Fall zu öffnen.

Natürlich brauchte Jenn keine Warnung. Sie wusste genau, dass sie ohne Durchsuchungsbefehl den Schrank nicht öffnen durfte. Diese Bewegung war nichts als ein Bluff gewesen – der Versuch eine weitreichendere Reaktion aus dem Mann, der hier lebte, herauszuholen, als es ihr bisher gelungen war.

Und sie hatte auf jeden Fall Erfolg.

Duane streckte eine Hand in Richtung Schrank aus und sagte mit zitternder Stimme…

„Das dürfen Sie nicht machen. Ich habe Rechte.“

Jenn lächelte ihn an, nahm ihre Hand jedoch nicht vom Türgriff.

Sie wollte den retrograden Musiker gerade dazu auffordern mit ihnen aufs Polizeirevier zu kommen und dort weitere Fragen zu beantworten, da sagte Riley plötzlich: „Danke für Ihre Zeit, Mr. Scoville. Wir werden nun gehen.“

Jenns Lächeln wich aus ihrem Gesicht.

Sie war sprachlos. Doch sie sah, dass Riley, Bill und der Polizeichef alle zur Tür gingen.

Gefügig folgte Jenn ihnen aus dem Zimmer hinaus.

Als sie den Hausflur entlang und die Treppe hinuntergingen sagte Riley zu Jenn…

„Was war das eben dort drinnen? Du kannst nicht ohne Durchsuchungsbefehl da rumschnüffeln.“

Jenn sagte: „Das weiß ich, Riley. Ich wollte den Schrank nicht öffnen.“

Riley erwiderte: „Naja, es freut mich das zu hören.“

„Nehmen wir ihn nicht zur weiteren Befragung mit?“, wollte Jenn wissen.

„Nein“, sagte Riley.

„Wieso nicht?“

„Riley seufzte und sagte: “Ich habe Hunger. Lasst uns irgendwo etwas essen gehen. Wir können dort über alles reden.“

Sie legten die Diskussion auf Eis während Chief Brennan sie zu einem Imbiss in der Nähe fuhr. Jenn und ihre Kollegen bestellten ihre üblichen Burger und setzten sich an einen Tisch.

Dann wandte sich Riley an Jenn: „Jetzt erzähl mir, was Du von Duane Scoville hälst.“

Jenn ahnte, dass Riley ihr eine kleine Frage-und-Antwort Lektion in Polizeiarbeit erteilen wollte.

Fang jetzt bloß nicht an dich zu verteidigen, sagte sich Jenn streng. Schließlich würde sie wahrscheinlich tatsächlich etwas lernen, ob es ihr gefiel, oder nicht.

Sie dachte über Rileys Frage nach.

Was halte ich von Duane Scoville?

Sie dachte an ihr Gespräch zurück und führte sich bestimmte Teile davon besonders vor Augen.

Sie erinnerte sich an das Schnauben, als er erwähnte, dass das Vivaldi Stück Robins Lieblingsstück gewesen war…

„Ich hoffe sie spielen es auf ihrer Beerdigung.“

Wieso würde ein Rocker wie er überhaupt Vivaldi hören, erst recht denselben Satz immer und immer wieder?

Außer vielleicht aus Schadenfreude.

Dann erinnerte sie sich an den angewiderten Gesichtsausdruck, als er die Musik ausmachte.

Das war gegen ihn selbst gerichtet.

Jenn konnte sich einen guten Grund vorstellen, aus dem er sich so fühlen könnte.

„Ich glaube, dass er schuldig ist“, sagte Jenn.

Riley lächelte leicht und sagte: „Das glaube ich auch.“




Kapitel sieben


Riley konnte sehen, wie geschockt Jenn aussah von dem, was Riley soeben gesagt hatte. Der Mund der jungen Agentin stand einen Moment lang weit offen.

Jenn schaute kurz zu Bill und Captain Brennan hinüber, die aufmerksam zuhörten und starrte dann wieder Riley an.

Riley unterdrückte ein Lächeln, als sie darauf wartete, dass Jenn etwas sagte.

Endlich fragte Jenn: „Du glaubst auch, dass er schuldig ist? Des Mordes schuldig?“

„Das habe ich nicht gesagt“, entgegnete Riley.

Riley sah, dass Bill nun breit grinste und dass Brennan verwundert dreinschaute. Doch sie wollte nicht genau erklären, was sie meinte, zumindest nicht direkt. Sie wollte, ihre junge Protegé durch Fragen selbst darauf kommen lassen. Schließlich musste Jenn noch viel darüber lernen wie ein Agent der Verhaltensanalyseeinheit zu denken hatte. Und vielleicht konnte Riley Jenn dazu bringen die Dinge aus Rileys Perspektive zu sehen, was Duane Scoville anging. Riley fragte: „Was war dein erster Eindruck, als Du in die Wohnung gekommen bist?“

Jenn runzelte nachdenklich die Stirn. „Naja, es war komisch. Ich meine, die Musik war schon komisch genug, dafür dass er ein Rockmusiker ist. Aber auch wie es dort aussah… Robins kleines Haus war so anders. Alles war so ordentlich. Und so konservativ.“

„Schwer zu glauben, dass sie jemals verheiratet waren, oder?“ fragte Riley.

Jenn zuckte mit den Schultern und sagte: „Na, jedenfalls nich glücklich.“

Riley lächelte ein wenig.

„Es ist nicht so schwer für mich, das zu glauben“, sagte Riley. „Ich habe eine Ahnung, wie es ist sehr jung zu heiraten, wenn man dumm und naiv ist. So ziemlich genauso war es bei mir auch. Robin und Duane waren wahrscheinlich wahnsinnig verliebt und eine Weile lang glücklich zusammen. Ihre Ehe hat vielleicht nicht einmal lange genug angehalten, sodass sie wirklich begreifen konnten, wie wenig sie wirklich gemeinsam hatten.“

Jenn sprudelte los: „Aber – er verhielt sich so…“

Riley sagte: „Schuldig. Ja, ich weiß. Er hatte seinen Gründe. Was meinst du, wieso ihre Ehe in die Brüche gegangen ist? Abgesehen von den Unterschieden, die sie früher oder später wahrscheinlich ohnehin zur Trennung getrieben hätten?“

Jenn starrte ihren unangetasteten Burger an und versuchte offensichtlich auf eine Antwort zu kommen.

Riley sagte: „Naja, es ist nicht so schwierig da draufzukommen. Was weißt du über Robins jüngste Vergangenheit?“

Jenn sagte: „Sie hatte letztes Jahr einen Autounfall und hatte ein Bein verloren, und dann…“

Riley sah, wie Jenn ein Licht aufging.

„Oh mein Gott“, sagte Jenn. „Duane konnte damit nicht umgehen. Er hatte eine wunderschöne junge Frau geheiratet, hatte sie geheiratet, weil sie wunderschön war, und dann war sie plötzlich… entstellt. Er fand sie einfach nicht mehr attraktiv.“

Riley nickte: „Kurzgesagt, er war ein oberflächlicher kleiner Scheißkerl.“

Jenn nickte langsam und sagte: „Und er weiß es auch. Das er ein Scheißkerl war, meine ich. Er fühlte sich schuldig, sobald er sie verlassen hatte. Und jetzt, wo sie tot ist…“

Jenn hielt einen Moment lang inne, fuhr dann fort.

„Er denkt sich immerzu, wenn er nur ein besserer Ehemann gewesen währe, ein besserer Mensch, wäre Robin jetzt vielleicht noch am Leben. Und er hat wahrscheinlich recht. Seine Schuldgefühle zerfressen ihn langsam von Innen.“

Jenn schüttelte den Kopf und fügte hinzu: „Kein Wunder, dass er sich so verhalten hat. Aber… was war dann mit dem Schrank? Wieso wurde er so angespannt, als ich so getan habe, dass ich ihn öffnen wolle?“

Riley kicherte und sagte: „Du wärst auch angespannt, wenn in deiner Wohnung drei FBI Agenten und ein Polizeichef wären, und du einen Bong im Schrank stehen hättest.“

Jenn rollte mit den Augen. „Natürlich. Ich hätte es wissen müssen.“

Riley sagte nichts. Die Wahrheit war, dass…

Wir wissen eigentlich überhaupt nichts.

Duane Scoville hätte seine Frau ebensogut eben doch umgebracht haben können. Vielleicht war ihr Mord ein verzweifelter Versuch seine Scham und Schuldgefühle loszuwerden, dafür, dass er sie verlassen hatte – ein Versuch der kläglich gescheitert war.

Riley dachte zwar nicht, dass das wahrscheinlich war, aber sie konnte sich nicht sicher sein. Sie hatten wirklich keinerlei Anhaltspunkte bisher und sie wollte Jenn nur davon abhalten, voreilige Schlüsse zu ziehen. Sie war froh, dass Jenn nicht wütend und abwehrend wurde, wie sie es in Mississippi gewesen war.

In diesem Moment klingelte Chief Brennans Handy. Er nahm den Anruf entgegen, hielt dann aber sofort die Hand vor den Hörer und sprach zu Riley und ihren Kollegen…

„Es ist Agent Sturman am Apparat. Er sagt, dass seine Leute Kontakt mit den Copelands in Europa aufgenommen haben. Sie haben erzählt, dass ihre Kamera kontinuierlich filmen sollte und dass daher alles, was seit ihrer Abreise passierte, aufgenommen sein sollte. Sturman meinte, dass sie die Dringlichkeit der Situation einsehen und uns daher Erlaubnis erteilen, die Videobänder durchzuschauen. Sie haben uns soeben die gesamten Zugangsdaten überlassen, die wir brauchen um auf die Aufnahmen zugreifen zu können.“

Riley sah, dass Bill strahlte.

„Das bedeutet, dass wir nicht um einen Durchsuchungsbefehl betteln müssen und uns im Anschluss noch mit dem Security Unternehmen rumschlagen“, sagte er.

Riley war auch aufgeregt. Sie fragte: „Wie kommen wir an die Aufnahmen?“

Jenn sagte: „Soweit ich weiß, können wir bei diesen Überwachungssystemen von jedem Computer oder sogar Smartphone online zugreifen.“

„Ich finde es heraus“, sagte Chief Brennan.

Er widmete sich wieder dem Anruf mit Sturman und schrieb etwas auf. Danach legte er auf und zeigte den Kollegen seine Aufzeichnungen.

Er sagte: „Sturman hat mir einen Link gegeben, einen Benutzernamen und ein Kennwort. Wir sollten in der Lage sein und von hier aus direkt einzuloggen.“

Riley schaute zu Jenn, die offensichtlich mehr von diesen Sachen verstand als Bill oder sie selbst. Sie sagte zu ihr: „Na, dann lass mal sehen.“

Chief Brennan überreichte Jenn seine Notizen und sie holte ihren Laptop heraus und stellte ihn auf den Tisch. Sie brauchte nur wenige Sekunden um die Verbindung herzustellen. Die Gruppe drängte sich um den Laptop um sehen zu können, was auf dem Bildschirm passierte.

Das Bild war unscharf und verschwommen. Aber die Kamera hatte genau das aufgenommen, was Riley der Position der Kamera entsprechend erwartet hatte.

Sie zeigte auf den Bildschirm und sagte: “Schaut, das ist die Straße direkt vor dem Copeland Haus. Obwohl man es hier nicht sehen kann, befindet sich Robins Haus direkt gegenüber, auf der anderen Straßenseite.

„Wonach suchen wir denn?“, wollte Chief Brennan wissen.

Riley unterdrückte ein Seufzen.

Gute Frage, dachte sie sich.

Sie erinnerte sich an ihren Versuch in Robin Scovilles Haus einen Einblick in die Psyche des Mörders zu gewinnen. Sie dachte daran, dass sie sich vorgestellt hatte, wie der Mörder Robin aus dem Fenster starrend vorgefunden hatte, als er sich von hinten an sie heranschlich.

Robin hatte draußen etwas beobachtet, davon war Riley überzeugt.

Sie wandte sich an alle: „Wir wollen so viel wie möglich darüber wissen, was sich in den frühen Stunden dieses Morgens ereignet hat. Wir werden den Mörder wahrscheinlich nicht höchstpersönlich auf den Aufnahmen zu sehen bekommen, aber wir könnten auch Glück haben. Es scheint so, als hätte Robin aus ihrem Fenster auf die Straße geschaut, als sie angegriffen wurde. Vielleicht können wir ja einen Hinweis darauf finden, was sie da draußen gesehen hat. Ich habe keine Ahnung, was es sein könnte. Aber ich hoffe wir erkennen es, sobald wir es selbst sehen.“

Dann sagte sie zu Chief Brennan: „Sie sagten, der Todeszeitpunkt wir gegen vier Uhr morgens gewesen sein, richtig?“

Brennan zuckte mit den Schultern. „Das ist die Einschätzung, die der Gerichtsmediziner uns gegeben hat“, erwiderte er.

„Damit können wir arbeiten“, sagte Riley. „Jenn, spul die Aufnahme zu, sagen wir mal, drei Uhr dreißig zurück. Spul vor, bis wir irgendetwas Interessantes sehen.“

Jenn spielte die Aufnahme im Zeitraffer ab. Zuerst war die Straße leer. Dann fuhr ein Auto vorbei. Einige Minuten später fuhr ein weiteres Auto vorbei und danach war wieder alles still.

Jenn stoppte die Aufnahme.

„Was ist das?“, rief sie, als sie auf etwas großes und sperriges zeigte, dass ins Bild geraten war.

Chief Brennan schaute das Standbild genauer an und sagte dann: „Das ist nur die Müllabfuhr. Nichts dubioses.“

Womöglich nicht, dachte Riley sich.

Trotzdem sagte sie zu Jenn: „Spul zurück und lass es langsam laufen.“

Jenn spulte zurück zu dem Zeitpunkt kurz bevor der Müllwagen ins Bild kam. Dann ließ sie es in Zeitlupe laufen. Der Müllwagen war ein Modell mit mechanischen Armen, die die Müllcontainer selbstständig einsammelten und deren Inhalt in das Innere des Wagens beförderten. Obwohl die Aufnahme Robins Haus nicht zeigte, zeigte es wie der Wagen den Müllcontainer vor ihrem Haus einsammelte und ausleerte.

Doch Riley sah etwas viel Bedeutsameres.

Sie zeigte auf den Bildschirm und sagte: „Dort ist ein Mann.“

Rileys Kollegen beugten sich noch näher über den Bildschirm und Jenn ließ die Aufnahme weiterhin in Zeitlupe ablaufen. Genau wie Riley gesagt hatte, lief dort ein Mann neben dem Wagen her. Die niedrige Auflösung des Bildes zeigte ihn extrem unscharf. Er war in den Aufnahmen bloß als schummrige Silhouette erkennbar.

Als der Müllwagen fertig mit Robins Müllcontainer war, fuhr er weiter zum nächsten Haus. Doch der Mann blieb weiterhin dort stehen.

Riley begriff mit einem Kribbeln…

Er starrt Robins Haus an.

Dann fuhr sie zusammen und sagte zu Jenn…

„Halt das Bild an!“

Jenn drückte auf Stop, starrte das Bild an und fragte…

„Was macht er da?“

Die schummrige Silhouette schien nun einen Arm erhoben zu haben.

„Fast so, als würde er mit einer Waffe zielen“, sagte Brennan. „Aber das Opfer wurde nicht erschossen.“

„Für mich sieht es so aus, als würde er auf etwas zeigen“, sagte Bill.

„Auf das Opfer zeigen?“, fragte Jenn nach. „Droht er ihr?“

Riley sagte: „Lass es in Zeitlupe weiterlaufen.“

Jenn ließ die Aufnahme wieder laufen, Bild für Bild. Riley und ihre Kollegen konnten den Mann da stehen sehen, mit erhobenem Arm starrte er auf das Haus des Opfers. Dann ließ er seinen Arm fallen und rannte aus dem Bild.

Riley sagte zu Jenn: „Spiel die ganze Szene nochmal ab.“

Jenn spulte zurück zu dem Zeitpunkt, an dem der Müllwagen ins Bild einfuhr und spielte die Aufnahme in Zeitlupe erneut ab. Erneut sahen Riley und ihre Kollegen wie der Müllwagen anhielt um Robins Müllcontainer einzusammeln. Sie sahen auch wieder, wie der Mann neben dem Müllwagen herging. Dann sahen sie, wie der Müllwagen aus dem Bild zu fahren begann, der Mann aber stehen blieb, gestikulierte und dann endlich auch das Bild verließ.

„Wer ist der Typ?“, fragte Chief Brennan verblüfft.

„Was macht er da?“, fügte Jenn hinzu.

Und wo ist er hin? fragte Riley sich.




Kapitel acht


Riley seufzte frustriert. Sonst gab es auf den Aufnahmen nichts mehr zu sehen.

Sie und ihre Kollegen hatten angestrengt den Bildschirm angestarrt, als Jenn die Aufnahmen der Überwachungskamera immer und immer wieder abspielte. Doch die Kamera war nicht auf den sie interessierenden Abschnitt der Straße fokussiert. Der Mann neben dem Müllfahrzeug blieb ein verschwommener Fleck.

Sie konnten keinen Hinweis darauf bekommen, wieso er so plötzlich das Bild verlassen hatte, oder wohin genau er sich entfernt hatte. Er war nicht mehr ins Bild gekommen.

Riley sagte: „Wir müssen herausfinden, wer dieser Mann ist. Er und der Müllwagenfahrer scheinen die einzigen Lebenden auf dieser Straße zu der Uhrzeit gewesen zu sein.“

„Dieser Typ war zum Zeitpunkt des Mordes unterwegs“, ergänzte Jenn. „Wir könnten hier gerade dem Mörder zuschauen.“

„Der Müllwagen scheint ohne ihn weitergefahren zu sein“, bemerkte Bill. „Wir wissen nicht einmal, ob sie zusammengehört haben.“

„Ich denke, ich weiß wie wir mehr rausfinden können“, sagte Chief Brennan. Er holte sein Handy hervor. „Ich habe die direkte Durchwahl von Roger Link, dem Direktor der öffentlichen Werke hier in Wilburton.“

Brennan wählte eine Nummer und stellte den Anruf auf Lautsprecher, so dass Riley und ihre Kollegen mithören konnten.

Als Brennan den Direktor an den Apparat bekam, sagte er: „Roger, hier ist Clark Brennan.“

Die Stimme am anderen Ende sagte fröhlich: „Hey, Clark, wie geht’s?“

Brennan kratze sich am Kinn und sagte: „Naja, ich habe gehofft, dass du mir mit einem Problem hier weiterhelfen kannst. Ich bin mir sicher, dass du vom Mord gehört hast, der vorletzte Nacht hier passiert ist.“

„Ja, eine schreckliche Angelegenheit.“

Brennan sagte: „Ein paar FBI Agenten und ich haben hier die Aufzeichnungen von einer Überwachungskamera angesehen, und da sehen wir, dass ein Lastwagen der Müllabfuhr am Haus der Opfers vorbeigefahren war, genau zum Zeitpunkt des Mordes. Neben dem Wagen ließ außerdem so ein Typ her, und der hat sich ein bisschen komisch verhalten.“

Riley hörte wie der Direktor erschrak.

Er sagte: „Ihr verdächtigt doch sicherlich keinen unserer Jungs von der Stadtreinigung?“

Brennan sagte: „Ehrlich gesagt, Roger, wir wissen überhaupt nicht, was wir denken sollen. Aber wir müssen wissen, wer auf dieser Strecke Schicht hatte in dieser Nacht.“

„Normalerweise arbeiten unsere Jungs allein“, erwiderte der Direktor. „Jetzt, wo wir diesen mechanischen Arm an die Lastwagen angebracht haben, kommen sie eh kaum mehr mit den Leuten auf ihren Strecken in Kontakt. Normalerweise ist das eher gut so.“

Brennan nannte ihm Robin Scovilles Adresse.

„Ok, ich schaue mal, was ich rausfinden kann“, versprach der Direktor.

Riley und die anderen konnten nun das Klappern einer Tastatur vernehmen. Dann sprach der Direktor erneut.

„Ich habe vielleicht etwas Interessantes für Euch. Es ist ein bisschen ungewöhnlich. Der Fahrer auf dieser Strecke ist Dick Abbott. In dieser Nacht hatte er jemanden dabei, einen junger Kerl Namens Wesley Mannis. Es sieht so aus, als würde Wesley ein Bewohner der Wilburton House, IEB Institution sein.“

Jenn fragte nach: „IEB?“

„Intellektuelle und Entwicklungsbehinderungen“, erklärte der Direktor.

Chief Brennan runzelte die Stirn und sagte: „Heißt das also, dass er zurückgeblieben ist, oder körperlich beeinträchtigt, oder…?“

„Das kann ich nicht sagen“, antwortete der Direktor. „Aber die Institution und die Stadt haben ein gemeinsames Programm für IEB Bewohner der Institution. Die Stadt stellt diese Leute für Arbeiten außerhalb der Einrichtung ein und hilft ihnen somit den Übergang zu einem normalen Leben zu ermöglichen. Dieser Wesley Mannis war in diesem Program und sein Job war eigentlich ein erfundener, etwas, was nicht zu anspruchsvoll wäre. Eigentlich lief er nur neben dem Müllwagen her und stellte sicher, dass kein Müll runterfiel. Keine richtige Arbeit, aber er hatte was zu tun, bis…“

Der Direktor hielt inne. Riley musste sich zusammenreißen um nicht zu fragen…

„Bis was?“

Nach weiterem Geklapper der Tastatur fuhr der Direktor fort: „Vor zwei Tagen hat der Fahrer einen Bericht eingereicht, dass Wesley irgendwann während der Morgenschicht verschwand. Wir müssen das tun, wenn diese Arbeiter nicht zum Dienst erscheinen, oder sich vom Arbeitsplatz entfernen.“

„Das war an dem Morgen, an dem Robin Scoville ermordet wurde“, stellte Jenn fest.

„Kannst du uns die ungefähre Zeit nennen?“, fragte Brennan nach.

„Nein“, sagte der Direktor. „Der Bericht nennt keine genaue Zeit, Ort oder Grund aus dem Wesley verschwunden sein konnte. Anscheinend ist Wesley irgendwo auf der Strecke einfach davongelaufen und der Fahrer hat es nicht sofort bemerkt. Die öffentlichen Werke haben Wilburton House gemeldet, dass einer ihrer Bewohner sich vom Arbeitsplatz entfernt hatte und…das ist alles was im Bericht steht.“

Riley fragte: „Nichts davon, ob Wesley irgendwann wieder in Wilburton House aufgekreuzt ist?“

„Nein, ich nehme an, das müsst ihr das Personal vor Ort fragen.“

„Das werden wir tun, danke“, sagte Chief Brennan.

Er legte auf und schaute Riley und ihre zwei Kollegen an.

„Was meinen Sie?“, fragte er die drei Agenten. „Vielleicht ist dieser Wesley Mannis unser Mörder?“

Riley hatte keine Ahnung, und dem Schweigen nach zu urteilen, hatten auch Jenn und Bill keine.

„Wenn er es ist“, sagte Jenn zögernd, „dann haben wir ihn.“

„Ja, das wäre aber schön und einfach“, murmelte Bill.

Es schien Riley aber wenig Sinn zu ergeben. War dann derselbe Bewohner derselben Einrichtung vor einer Woche nach New Haven gereist und hatte Vincent Cranston auf seiner morgentlichen Joggingstrecke ermordet? Riley fand das schwer vorstellbar.

Sie wandte sich an Brennan: „Wir müssen in Wilburton House nachfragen.“

Brennen nickte und wählte eine andere Nummer auf seinem Handy.

Ans Telefon ging eine weiblich Empfangshilfe und Brennan sprach: „Polizei Chef Clark Brennan am Apparat. Drei weitere FBI Agenten hören bei diesem Anruf mit. Wir müssen wissen, ob Sie einen Bewohner Namens Wesley Mannis haben?“

„Ja.“

„Befindet er sich zu diesem Zeitpunkt in der Einrichtung?“

„Ich schaue mal nach.“ Nach einer kurzen Pause meldete sich die Frau wieder: „Ja, er ist gerade in seinem Zimmer.“

Offensichtlich unschlüssig, was er als nächstes fragen sollte, schaute Brennan erwartungsvoll Riley und ihre Kollegen an.

Riley sprach jetzt zu der Frau: „Wir müssen herausfinden, was Wesley Mannis vor zwei Tagen am frühen Morgen gemacht hat.“

Ein kurzes Schweigen folgte.

Dann sagte die Empfangshilfe: „Es tut mir leid und ich hoffe, dass Sie mich verstehen können, aber ich möchte solche Informationen über einen Patienten nicht einfach so am Telefon preisgeben. Könnten Sie vielleicht hierher kommen und mit einem der Mitarbeiter persönlich sprechen?“

„Wir sind auf dem Weg“, antwortete Chief Brennan.

Brennan fuhr Riley und ihre Kollegen durch die ganze Stadt zu Wilburton House. Während Brennan parkte, musste Riley über die schiere Größe der Einrichtung staunen, die wie eine geschmackvolle kleine Villa aussah.

Als sie eintraten wurden sie sofort von einer großen, schlanken, lächelnden Frau begrüßt, die in freundliche Pastelfarben gekleidet war.

Sie trat dem Polizeichef entgegen und schüttelte ihm die Hand. Dann sagte sie: „Sie müssen Clark Brennan sein. Ich glaube nicht, dass wir uns persönlich kennengelernt haben. Ich bin Dr. Amy Rhind, ich leite diese Einrichtung.“

Riley, Bill und Jenn holten ihre Dienstmarken hervor und stellten sich vor, wonach Dr. Rhind allen anbot in der gemütlichen Lobby Platz zu nehmen.

Sie sagte: „Wenn ich richtig verstehe, interessieren Sie sich für einen unserer Bewohner, Wesley Mannis.“

Sie runzelte besorgt die Stirn und fügte hinzu: „Ich bin froh, dass Sie gekommen sind. Vielleicht können Sie uns dabei helfen herauszufinden, was mit ihm passiert ist. Ich fürchte, es ist alles sehr mysteriös.“

Das Wort ließ Riley aufhorchen.

Mysteriös.

Eigentlich hatte sie auf Antworten gehofft, nicht auf weitere Fragen.

Sie hörte, wie Bill leise stöhnte.

Mysteriös?

Alles war also doch nicht so schön und einfach.




Kapitel neun


Riley begann sich Sorgen zu machen. Sie waren hierher gekommen um eine Auflösung für ihren Fall zu bekommen, nicht um ein weiteres Mysterium vorzufinden. Sie konnte sich nicht vorstellen, was Dr. Rhind gemeint haben konnte, als sie sagte…

„Vielleicht können Sie und dabei helfen herauszufinden, was mit ihm passiert ist.“

Hatte die Empfangsdame Riley und ihren Kollegen nicht soeben am Telefon versichert, dass Wesley Mannis in seinem Zimmer war?

Riley fragte: „Meinen Sie damit, dass Wesley verschwunden ist?“

Dr. Rhind schüttelte den Kopf. „Nein, er ist hier, aber…“, sie schwieg einen Moment lang und sagte dann, „könnten sie kurz erklären weshalb Sie hier sind?“

Chief Brennan sagte: „Dr. Rhind, stimmt es, dass Wesley an einem Program teilnimmt, das ihre Einrichtung zusammen mit der Stadt ausgearbeitet hat. Er hat mit einem Arbeiter der Stadtreinigung eine Frühschicht übernommen, ist das korrekt?“

„Das stimmt“, bestätigte Dr. Rhind.

Brennan fuhr fort: „Nun ja, er ist auf einer Überwachungsaufnahme aufgetaucht. Er stand genau vor dem Haus einer Frau, die an dem Morgen ermordet wurde. Danach verschwand er spurlos.“

Dr. Rhind machte große Augen.

Sie sprach: „Oh, nein. Sie wollen nicht etwa sagen, dass Sie Wesley verdächtigen im Zusammenhang mit…“

Sie brach mitten im Satz ab und schaute unruhig von einem ihrer Besucher zum anderen.

Riley versuchte beschwichtigend zu klingen, als sie sagte: „Wir wissen nicht, was wir denken sollen, Dr. Rhind. Wir müssen aber mit Wesley sprechen.“

Dr. Rhind sagte: „Ich bin mir nicht sicher, dass das möglich ist. Sehen Sie, Wesley ist schwer autistisch. Und wie viele autistische Personen hat er ernsthafte Defizite in seinen sozialen Fertigkeiten und seinen Sprachfähigkeiten. Er hat sich eine Weile lang wirklich gut entwickelt und das Arbeitsprogram schien ihm wirklich viel zu bringen, hat ihn richtig aus seinem Kokon geholt.“

Sie seufzte und fuhr fort: „Dann hat vorgestern Nacht das Amt für öffentliche Dienste angerufen und ihn als vermisst gemeldet. Wir haben uns schreckliche Sorgen gemacht, aber einige Stunden später ist er hier aufgekreuzt. Er ist anscheinend den ganzen Weg zu Fuß hierher gelaufen, von wo auch immer er herkam. Aber…“

Sie legte besorgt ihre Hände zusammen und sagte: „Er hat einen schrecklichen Rückschlag erlitten. Er war auf so einem guten Weg, aber nun ist er wieder wie früher – absolut unkommunikativ. Wir konnten es uns nicht erklären, obwohl wir die Gründe dafür selten verstehen können, was unsere autistischen Bewohner angeht. Ihr Progress ist oftmals ruckartig und unvorhersehbar, und wir müssen immer wieder mit Enttäuschungen rechnen. Doch, wenn Sie das jetzt erzählen, vielleicht hat sein Rückschlag auch damit zu tun, dass…“

Dr. Rhind sah nun zutiefst besorgt aus.

Sie sagte: „Ich kann wirklich nicht glauben, dass Wesley jemals irgendjemandem wehtun würde. Er ist wirklich überhaupt nicht gewaltfähig.“

Jenn sagte: „Wir haben auch gar keinen Grund etwas anderes zu glauben, Dr. Rhind.“

Bill fügte an: „Aber wir müssen trotzdem mit ihm sprechen, wenn das nur irgendwie möglich ist.“

Dr. Rhind überlegte einen Moment lang.

Dann sagte sie: „Seine Mutter ist mit ihm in seinem Zimmer. Sie versucht ihm über seinen Rückschlag hinwegzuhelfen. Lassen Sie uns schauen, wie es ihr geht.“

Als Dr. Rhind Riley und ihre drei Begleiter ins Innere der Einrichtung führte, war Riley überrascht von dem, was sich ihr offenbarte. Sie konnte sich gut an das letzte Mal erinnern, dass sie in einer solchen Art von Pflegeeinrichtung gewesen war. Es war damals in Mississippi, als sie, Bill und Jenn einen Mann, der an Demenz litt, befragen mussten.

Das war ein Altersheim gewesen und die Einrichtung hatte in Riley ziemliches Unbehagen hervorgerufen. Es fühlte sich alles irgendwie falsch an, viel mehr nach einem Bestattungsbüro, als nach einem Ort, wo sich tatsächlich um lebendige Menschen gekümmert wurde.

Doch dieser Ort hier war ganz anders.

Zum einen waren die Menschen auf den Fluren alle verschiedenen Alters, von Kindern bis zu Senioren. Und viele der Gesichter hatten wirklich glückliche Ausdrücke. Mehrere Bewohner lächelten und winkten Riley und ihre Kollegen an.

Moment – sind das Bewohner oder Mitarbeiter? fragte Riley sich.

Niemand schien irgendwelche Uniformen zu tragen und Riley konnte sich nicht sicher sein, wer hier lebte und wer hier arbeitete.

Sie kamen an einem gemütlichen Aufenthaltsraum vorbei, wo mehrere Leute rumsaßen und redeten, Brettspiele spielten oder Snacks aßen, und an einem Klassenzimmer, wo eine kleine Schülergruppe aufmerksam ihrem Lehrer zuhörte und etwas mitschrieb.

Während sie an großflächigen Wohnungsähnlichen Zimmern vorbeigingen, drehte sich Riley zu Dr. Rhind und sagte…

„Ich bin beeindruckt. Das hier macht eher den Eindruck einer Schule inklusive Wohnheim, als eines…“

Riley hielt sich noch rechtzeitig davon ab, den Satz zu beenden, doch Dr. Rhind lächelte ein breites Lächeln.

„Haben Sie keine Angst es auszusprechen“, sagte sie zu Riley. „Sie meinen, als eines Irrenhauses.“

Riley nickte und errötete leicht.

Dr. Rhind sagte: „Wir versuchen unsere Bewohner nicht wie…naja, Patienten zu behandeln. Stattdessen behandeln wir sie wie Individuen, die ihre eigenen Probleme, Hoffnungen, Veränderungen, Herausforderungen, Fähigkeiten, Einschränkungen und Bedürfnisse haben. Wir versuchen ein familiäres Gefühl zu schaffen, für Bewohner und Mitarbeiter gleichermaßen. Das führt dazu, dass sich positive und hilfreiche Netzwerke herausbilden, ebenso wie Beziehungen, die manchmal ein ganzes Leben lang anhalten, selbst nachdem einige unserer Bewohner die Einrichtung verlassen und in der Welt da draußen weiterleben. Unsere ‘Alumni’ kommen uns oft besuchen um anderen zu helfen, ihnen wertvolle Fertigkeiten beizubringen und andere Sachen, die sie inzwischen gelernt haben. Vor allem versuchen wir Selbstständigkeit zu fördern.“

Mit einem Seufzen fügte sie hinzu: „Wir hatten solche Hoffnungen für Wesley. Er schien sich so gut zu entwickeln.“

Da blieb Dr. Rhind stehen und klopfte an eine der Türen.

Riley hörte eine weibliche Stimme aus dem Inneren sagen: „Herein.“

Riley und ihre drei Begleiter folgten Dr. Rhind ins Innere eines großen, angenehmen Ein-Zimmer Apartments. Eine Frau mittleren Alters und ein junger Mann saßen an einem Tisch in der Näher einer vollausgestatteten Küchenzeile.

Die Frau schaute den jungen Mann mit einem traurigen, fürsorglichen Blick an. Die Aufmerksamkeit des jungen Mannes war einzig und allein auf ein Objekt gerichtet, dass sich auf einem kleinen Stand auf dem Tisch drehte.

Ein Spielzeuggyroskop, erkannte Riley.

Als kleines Mädchen hatte sie auch so eins besessen.

Wesley Mannis’ Konzentration auf das Gyroskop schien weit bloße Faszination zu überschreiten. Er war absolut vereinnahmt, beinahe hypnotisiert davon. Er blinkte nicht einmal als das sich drehende Objekt sich verlangsamte, dann zur Seite lehnte und endlich von seinem Stand auf die Tischplatte herabfiel.

Ohne ein Wort fädelte Wesley ein Stück Garn durch ein kleines Loch in der Achse des Gyroskops und drehte die Achse ganz akkurat, bis das Garn fein säuberlich darauf aufgespult war. Danach zog er an dem Garn und brachte das Rädchen erneut zum Kreiseln.

Er setzte das Gyroskop zurück auf den Stand und schaute zu wie es sich drehte und summte.




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