Gesicht des Todes
Blake Pierce


„EIN MEISTERWERK DES THRILLER UND KRIMI-GENRES. Blake Pierce gelingt es hervorragend, Charaktere mit so gut beschriebenen psychologischen Facetten zu entwickeln, dass wir das Gefühl habe, in ihren Gedanken zu sein, ihre Ängste zu spüren und ihre Erfolge zu bejubeln. Dieses Buch voller Wendungen wird Sie bis zur letzten Seite wachhalten.“ – Books and Movie Reviews, Roberto Mattos (über Verschwunden)

GESICHT DES Todes ist das erste Buch einer neuen FBI Thrillerserie des USA Today Bestsellerautors Blake Price, dessen Nummer 1 Bestseller Verschwunden (Buch 1) (kostenloser Download) über 1.000 Fünfsternebewertungen erhalten hat. FBI Special Agent Zoe Price leidet an einer seltsamen Störung, die ihr aber auch ein einzigartiges Talent verleiht – sie betrachtet die Welt durch einen Filter aus Zahlen. Die Zahlen quälen sie, machen es ihr unmöglich, Zugang zu andern Menschen zu finden, verhindern ein erfolgreiches Beziehungsleben – sie ermöglichen ihr aber auch, Muster zu sehen, die kein anderer FBI Agent sehen kann. Zoe verheimlicht ihr Leiden aus Scham, hat Angst, dass ihre Kollegen es herausfinden könnten.

Doch als ein Serienmörder im Mittleren Westen zuschlägt, Frauen an abgelegenen Orten und scheinbar zusammenhanglos erwürgt, ist Zoe zum ersten Mal ratlos. Gibt es ein Muster? Oder kann es sein, dass überhaupt kein Muster vorliegt?

Oder ist dieser Mörder von Zahlen so besessen wie sie selbst?

In einem wilden Rennen gegen die Zeit muss Zoe in die teuflische Gedankenwelt eines Mörders einsteigen, der ihr immer einen Schritt voraus zu sein scheint, muss ihn davon abhalten, das nächste Opfer zu fordern, bevor es zu spät ist. Zur gleichen Zeit muss sie ihre eigenen Dämonen in Schach halten, was sich letztlich als noch bedrohlicher erweisen könnte.

Gesicht des Todes, Buch 1 einer fesselnden neuen Serie, ist ein actionreicher Thriller voller mitreißender Spannung, der Sie bis spät in die Nacht an den Seiten kleben lassen wird.

Buch 2 und 3 der Serie – GESICHT DES MORDES und GESICHT DER ANGST – sind ebenfalls vorbestellbar.





Blake Pierce

Gesicht des Todes



Copyright © 2019 by Blake Pierce. Alle Rechte vorbehalten. Vorbehaltlich der Bestimmungen des U.S. Copyright Acts von 1976 darf kein Teil dieser Veröffentlichung ohne vorherige Genehmigung des Autors in irgendeiner Form oder mit irgendwelchen Mitteln reproduziert, verteilt oder übertragen, in einer Datenbank oder einem Datenabfragesystem gespeichert werden. Dieses eBook ist ausschließlich für Ihre persönliche Nutzung lizensiert. Dieses eBook darf nicht weiterverkauft oder an andere Personen weitergegeben werden. Wenn Sie dieses Buch mit einer weiteren Person teilen möchten, erwerben Sie bitte eine zusätzliche Ausgabe für jeden Empfänger. Wenn Sie dieses Buch lesen und es nicht erworben haben, oder es nicht ausschließlich für Ihren Gebrauch erworben wurde, geben Sie es bitte zurück und erwerben Ihre eigene Ausgabe. Danke, dass Sie die harte Arbeit dieses Autors respektieren. Es handelt sich hier um eine erfundene Geschichte. Namen, Charaktere, Unternehmen, Organisationen, Orte, Ereignisse und Vorfälle beruhen entweder auf der Phantasie des Autors oder werden fiktiv verwendet. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen, ob lebend oder tot, ist völlig zufällig. Titelbild Copyright Fred Mantel, verwendet mit Lizenz von Shuitterstock.com.



Blake Pierce

Blake Pierce ist der USA Today Bestsellerautor der RILEY PAGE Krimireihe, die sechzehn Bände umfasst (weitere in Arbeit). Blake Pierce ist außerdem der Autor der MACKENZIE WHITE Krimireihe, aus dreizehn Bänden bestehend (weitere in Arbeit); der AVERY BLACK Krimireihe, bestehend aus sechs Bänden; der KERI LOCKE Krimireihe, bestehend aus fünf Bänden; der MAKING OF RILEY PAIGE Krimiserie mit fünf Bänden (weitere in Arbeit); der KATE WISE Krimireihe mit sechs Bänden (weitere in Arbeit); der CHLOE FINE Psychothriller-Reihe mit fünf Bänden (weitere in Arbeit); der JESSE HUNT Psychothriller-Reihe mit fünf Bänden; der AU PAIR Psychothriller-Reihe mit zwei Bänden (weitere in Arbeit) und der ZOE PRIME Krimireihe mit zwei Bänden (weitere in Arbeit).

Als begeisterter Leser und langjähriger Fan der Krimi- und Thrillergenres freut Blake sich, von Ihnen zu hören, also besuchen Sie gerne www.blakepierceauthor.com (http://www.blakepierceauthor.com/), um mehr zu erfahren und in Kontakt zu bleiben.








https://www.bookbub.com/authors/blake-pierce (https://www.bookbub.com/authors/blake-pierce)


BÜCHER VON BLAKE PIERCE

DAS AU-PAIR

SO GUT WIE VORÜBER (Band #1)

SO GUT WIE VERLOREN (Band #2)

SO GUT WIE TOT (Band #3)



ZOE PRIME KRIMIREIHE

GESICHT DES TODES (Band #1)

GESICHT DES MORDES (Band #2)

GESICHT DER ANGST (Band #3)



JESSIE HUNT PSYCHOTHRILLER-SERIE

DIE PERFEKTE FRAU (Band #1)

DER PERFEKTE BLOCK (Band #2)

DAS PERFEKTE HAUS (Band #3)

DAS PERFEKTE LÄCHELN (Band #4)

DIE PERFEKTE LÜGE (Band #5)



CHLOE FINE PSYCHOTHRILLER-SERIE

NEBENAN (Band #1)

DIE LÜGE EINES NACHBARN (Band #2)

SACKGASSE (Band #3)

STUMMER NACHBAR (Band #4)



KATE WISE MYSTERY-SERIE

WENN SIE WÜSSTE (Band #1)

WENN SIE SÄHE (Band #2)

WENN SIE RENNEN WÜRDE (Band #3)

WENN SIE SICH VERSTECKEN WÜRDE (Band #4)

WENN SIE FLIEHEN WÜRDE (Band #5)

WENN SIE SICH FÜRCHTEN WÜRDE (Band #6)



DAS MAKING OF RILEY PAIGE MYSTERY-SERIE

BEOBACHTET (Band #1)

WARTET (Band #2)

LOCKT (Band #3)

NIMMT (Band #4)

LAUERT (Band #5)

TÖTET (Band #6)



RILEY PAIGE MYSTERY-SERIE

VERSCHWUNDEN (Band #1)

GEFESSELT (Band #2)

ERSEHNT (Band #3)

GEKÖDERT (Band #4)

GEJAGT (Band #5)

VERZEHRT (Band #6)

VERLASSEN (Band #7)

ERKALTET (Band #8)

VERFOLGT (Band #9)

VERLOREN (Band #10)

BEGRABEN (Band #11)

ÜBERFAHREN (Band #12)

GEFANGEN (Band #13)

RUHEND (Band #14)

GEMIEDEN (Band #15)

VERMISST (Band #16)



EINE RILEY PAIGE KURZGESCHICHTE

EINST GELÖST



MACKENZIE WHITE MYSTERY-SERIE

BEVOR ER TÖTET (Band #1)

BEVOR ER SIEHT (Band #2)

BEVOR ER BEGEHRT (Band #3)

BEVOR ER NIMMT (Band #4)

BEVOR ER BRAUCHT (Band #5)

EHE ER FÜHLT (Band #6)

EHE ER SÜNDIGT (Band #7)

BEVOR ER JAGT (Band #8)

VORHER PLÜNDERT ER (Band #9)

VORHER SEHNT ER SICH (Band #10)

VORHER VERFÄLLT ER (Band #11)

VORHER NEIDET ER (Band #12)



AVERY BLACK MYSTERY-SERIE

DAS MOTIV (Band #1)

LAUF (Band #2)

VERBORGEN (Band #3)

GRÜNDE DER ANGST (Band #4)

RETTE MICH (Band #5)

ANGST (Band #6)



KERI LOCKE MYSTERY-SERIE

EINE SPUR VON TOD (Band #1)

EINE SPUR VON MORD (Band #2)

EINE SPUR VON SCHWÄCHE (Band #3)

EINE SPUR VON VERBRECHEN (Band #4)

EINE SPUR VON HOFFNUNG (Band #5)



ANMERKUNG DES AUTORS:

Ihnen ist vielleicht aufgefallen, dass das Buch zuerst unter dem Autorennamen „Stella Gold“ veröffentlicht wurde. Manchmal experimentiere ich gerne, probiere neue Genres aus und wenn ich das mache, benutze ich manchmal ein Pseudonym, um es separat zu halten und meinen Fans Verwirrung zu ersparen. Zuerst habe ich dieses Buch unter dem Stella Gold Pseudonym veröffentlicht. Bald nach Veröffentlichung war ich über die Aufnahme und die Rückmeldungen der Leser angenehm überrascht, und ich begriff, dass dieses Buch und diese Reihe den Blake Pierce Fans gut gefallen würde. Also änderte ich den Autorennamen zurück in Blake Pierce. Wenn dies Ihr erstes Buch von mir ist, willkommen im Blake Pierce Universum! Ich würde mich freuen, wenn Sie auch meine anderen Reihen entdecken würden. Ich biete die ersten Bücher – und Hörbücher – meiner Reihen zum kostenlosen Genuss an!


GESICHTER:

Gesicht – Der vordere Teil des Kopfes, der sich bei Menschen von der Stirn bis zum Kinn erstreckt und dabei Mund, Nase, Wangen und Augen umfasst.

Gesichtserkennung – das Erkennen und Interpretieren eines Gesichts, speziell des menschlichen Gesichts, durch ein Individuum, insbesondere in Bezug auf die damit verbundenen Informationen, die das Gehirn verarbeitet.

Pareidolie – die Neigung, in Dingen oder abstrakten Mustern vermeintliche Gesichter, vertraute Objekte oder Bedeutungen zu erkennen.




Prolog


Linda lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, versuchte, auf den alten durchgesessenen Kissen eine bequeme Position zu finden. Die Sitzgelegenheit, die in den vergangenen fünfzehn Jahren das Gewicht unzähliger Tankstellenangestellter auf sich gehabt hatte, war in der gleichen Verfassung wie ihre Umgebung.

Wenigstens hatte sie einen Stuhl. Und einen Fernseher, auch wenn er so klein und altmodisch war, dass sie durch das Bildrauschen hindurch gerade eben so Gesichter ausmachen konnte.

Linda seufzte und klopfte einige Male gegen die Seite des Fernsehers, versuchte, ein deutlicheres Bild zu bekommen. Sie wartete auf den Anfang ihrer Lieblingssendung und wollte wenigstens erkennen können, wer welche Person war.

Immerhin würde sie wahrscheinlich nicht gestört werden. Diese Gegend im westlichen Missouri war nicht gerade stark frequentiert und manchmal vergingen Stunden zwischen den einzelnen Kunden. Niemand wohnte im Umkreis mehrerer Meilen und die Straße war durch einen neuen Highway verdrängt worden, der die Leute auf direkterer Strecke an ihr Ziel brachte. Es würde sicher nicht mehr lange dauern, bis die Tankstelle geschlossen wurde, also genoss Linda ihre Ruhe, solange sie es noch konnte.

Die Titelmusik der Sendung erklang, trotz der blechernen Tonqualität beruhigend vertraut. Linda lehnte sich wieder zurück, versuchte, es sich so bequem wie möglich zu machen und nahm sich eine Tüte Chips aus dem Regal hinter ihr.

„Oh Loretta“, sagte die Figur auf dem Bildschirm. „Wie konntest du mir das antun? Weißt du nicht, dass wir—“

Die klingelnde Glocke über der Türe übertönte den Dialog. Linda sprang auf, fiel in ihrem Versuch, so auszusehen, als ob sie aufmerksam gewesen wäre, fast über ihre eigenen Füße. Schuldbewusst stopfte sie die offene Chipstüte unter die Verkaufstheke.

„Hallo“, sagte der Kunde lächelnd. Er sah amüsiert, aber freundlich aus, als ob sie ein witziges Geheimnis teilten. „Äh, könnte ich bitte Ihre Toilette benutzen?“

Er war recht freundlich. Ein schlanker, jungenhafter Mann. Er konnte kaum dreißig Jahre alt sein. Linda mochte ihn sofort. Sie hatte ein gutes Gefühl für Kunden. Sie wusste direkt, ob sie ihr Schwierigkeiten verursachen würden.

„Tut mir leid, Süßer“, sagte sie. „Die ist nur für zahlende Kunden.“

„Oh“, sagte er, während er sich umsah. An der Seite des Tresens befand sich eine Auslage mit billigen Süßigkeiten, darauf ausgerichtet, Kinder hereinzulocken, die an den Ärmeln ihrer Eltern ziehen würden. „Ich nehme die hier.“

Er griff nach einer Tüte Bonbons und warf sie behutsam auf die Theke, direkt vor ihr. Er suchte in seiner Hosentasche nach Kleingeld und der genaue Betrag folgte der Tüte.

„Bitte, Sir“, sagte Linda, schob ihm einen der Toilettenschlüssel hin. „Es ist direkt an der Rückseite des Gebäudes. Gehen Sie einfach raus und um die Ecke.“

„Oh, danke“, sagte der Mann, nahm ihn und klopfte damit gegen seinen Daumen, während er hinaus auf den Parkplatz sah. „Aber, äh. Würde es Ihnen etwas ausmachen, mir zu zeigen, wo es ist?“

Linda zögerte. Ihre Sendung lief und sie hatte schon so viel davon versäumt. Und trotz ihres Eindrucks, dass der Typ völlig in Ordnung und normal war – sogar gutaussehend, wenn sie zehn oder fünfzehn Jahre jünger gewesen wäre – meldete sich ein kleiner nagender Zweifel in ihrem Hinterkopf. Sollte sie wirklich den Verkaufstresen unbewacht zurücklassen, um ihm die Toilette zu zeigen? Alleine gehen, im Dunkeln, mit einem Fremden, von der Straße aus nicht sichtbar?

Oh, Linda, dachte sie sich. Du willst doch nur mehr Zeit für deine Sendung haben. Jetzt mach schon, steh von dem Stuhl auf und mach deine Arbeit.

„Sicher“, sagte sie, wenn auch weiterhin zögerlich. „Kommen Sie mit.“

Die Sonne war etwa eine halbe Stunde vorher untergangen, also war es nicht überraschend, dass er beim Suchen der Toilette Hilfe wollte. Man fand sich im Dunkeln an einem unbekannten Ort nicht gut zurecht. Linda begann, ihn in die richtige Richtung zu führen, machte einen Schritt über das aus dem Beton sprießende Unkraut.

„Das ist wirklich ein verlassener Ort, hm?“ sagte er.

„Yeah“, sagte Linda. Seltsam, so etwas im Dunkeln zu sagen, oder? Vielleicht fühlte er sich selbst etwas unwohl und wollte ein wenig beschwichtigt werden. Ihr gefiel die Einsamkeit ebenso wenig wie ihm. „Bei uns ist zurzeit nicht viel los.“

„Ich finde, man kann angesichts der Tankstellen viel über einen Ort schlussfolgern. Es sind diese kleine Zeichen, wissen Sie. Erkennbare Muster. Zum Beispiel, wie wohlhabend eine Gemeinde ist oder welches Essen beliebt ist.“

„Darüber habe ich bisher wohl nie wirklich nachgedacht.“ Eigentlich interessierte Linda nichts weniger als seine Erklärung der Feinheiten der Tankstellen überall im Land. Sie wollte die Toilette erreichen und dann so schnell wie möglich wieder hineingehen, ohne seltsamen Kram. Aber sie wollte nicht so unhöflich sein, ihm das zu sagen.

„Oh, yeah. Ich besuche gerne unterschiedliche Tankstellen. Einige von ihnen sind riesig, wissen Sie. Dann gibt es welche, die klein sind, etwas mitgenommen, fernab vom Schuss, wie die hier. Und man kann auch viel über die dort arbeitenden Leute erfahren.“

Das ließ einen Schauder an Lindas Rücken herunterlaufen. Er sprach über sie. Sie wollte nicht fragen, was er über sie erfahren konnte, oder was er schon wusste. Sie glaubte nicht, dass es ihr gefallen würde.

„Es ist ein seltsamer Ort, hier am Ende der Welt“, fuhr er fort. „Sie sind sicher oft alleine. Wenn Sie Hilfe brauchen, ist sie schwer zu kriegen. Eine bestimmte Art Mensch nimmt einen solchen Job an. Dadurch kann man alle möglichen Verhaltensweisen vorhersagen, die auf dem Muster basieren. Zum Beispiel, wie weit Sie gehen würden, um einem Kunden zu helfen.“

Linda beschleunigte ihre Schritte auf dem dunklen Boden, hatte jetzt das Bedürfnis, von ihm weg zu kommen. Sie wollte jetzt nicht daran erinnert werden, dass sie verletzlich war. Ein weiterer Schauder lief ihren Rücken hinunter, auch wenn sie sich selbst sagte, dass sie sich dumm verhielt. Sie spürte das harte Metall des Schlüssels zur Vordertüre in ihrer Tasche und nahm ihn zwischen zwei Finger, so dass er als Waffe dienen konnte.

Sie sagte nichts. Sie wollte ihn nicht ermutigen, noch etwas zu sagen – oder etwas zu tun. Obwohl sie nicht wissen konnte, was seine nächste Handlung sein würde, war sie sich sicher, dass sie es nicht wollte, egal, was es war. Sie gingen über den leeren Parkplatz – das Auto des Kunden war wohl vorne bei den Zapfsäulen abgestellt worden.

„Da ist die Toilette, da vorne“, sagte Linda und zeigte in die Richtung. Sie wollte nicht unbedingt weiter gehen. Wenn er alleine ging, konnte sie zurück zu ihrem Tresen gelangen, wo es ein Telefon gab, mit dem sie Hilfe rufen, und Türen, die sie abschließen konnte.

Der Kunde sagte nichts, sondern holte seine Bonbontüte hervor und öffnete sie. Er sah sie nicht einmal an, sondern schien sich ganz auf seine Aufgabe zu konzentrieren, als er den Beutel öffnete und alles auskippte.

Die farbigen Bonbons hüpften und verteilten sich über dem Beton. Linda schrie auf und sprang unwillkürlich einen Schritt zurück. Wer kam denn auf die Idee, Bonbons einfach so auf den Boden zu werfen? Wollte er sie nur erschrecken, oder was? Lindas Hand flog an ihre Brust, sie versuchte, ihr rasendes Herz zu beruhigen.

„Sehen Sie sich das an!“ Der Kunde lachte, zeigte auf die Bonbons runter. „Es ist immer das Gleiche, wissen Sie? Es gibt keinen Zufall. Man bekommt die gleichen Muster und Fraktale, und es ist immer etwas da. Auch wenn Sie versuchen, es nicht zu sehen, Ihr Gehirn bildet ein Muster, einfach so.“

Linda hatte genug gehört. Dieser Typ war verrückt. Sie war alleine hier draußen, im Dunkeln, wie er extra betont hatte. Sie musste weg von ihm, zurück zum Tresen. Zurück dorthin, wo es sicher war.

Linda wählte die schnellste Lösung, der ihr einfiel. Sie ging eilig die letzten Schritte zur Toilette und schloss sie für ihn auf, das Licht über der Tür ging automatisch an.

„Oh!“ sagte der junge Mann. „Sehen Sie. Auf Ihrer Hand. Ein weiteres Muster.“

Linda erstarrte und sah hinunter auf ihre Sommersprossen, die jetzt in dem blassorangen Licht sichtbar waren. Seine Aufmerksamkeit für ihre Haut war wie ein Insekt, etwas, das sie instinktiv abschütteln wollte.

„Ich muss zurück in den Laden“, stieß Linda hervor. „Nur für den Fall, dass weitere Kunden kommen. Bringen Sie einfach den Schlüssel zurück, wenn Sie fertig sind.“

Sie begann, zur Vorderseite der Tankstelle, zur Tür und der Sicherheit des Tresens zurückzueilen. Etwas war an diesem jungen Mann seltsam, sogar ausgesprochen seltsam, und sie wollte keine weitere Sekunde in seiner Gegenwart verbringen – selbst wenn das bedeutete, dass sie nachher den Schlüssel selbst wieder holen musste. Die Haare in ihrem Nacken stellten sich auf und ihr Herz hämmerte weiter.

Vielleicht sollte sie jemanden anrufen. Sie dachte an ihren Exmann, der Meilen entfernt zu Hause saß, wahrscheinlich gemütlich mit hochgelegten Füßen vor dem Fernseher. Oder ihren Chef, der aber genauso gut in Kanada sein konnte, so selten, wie sie ihn zu Gesicht bekam. Würden sie überhaupt den Hörer abheben? Und wenn ja, wie würden sie ihr helfen können?

Die Polizei vielleicht? Nein – das war doch sicher übertrieben.

Linda stolperte fast über einen einzelnen Bonbon, der weiter gerutscht war als der Rest, und versuchte, ihre Füße vorsichtiger aufzusetzen, prüfte den Boden vor sich. Ihr Herz raste und sie konnte ihre eigenen Schritte viel zu laut knirschen hören, als sie auf die Ecke des Gebäudes zu hastete. Sie wünschte, sie könnte leiser sein, schneller gehen, einfach die Türen erreichen.

Sie rannte fast, der Atem stockte ihr in der Brust. Sie umrundete die Ecke, fühlte beim Anblick der vertrauten Türen vor sich Erleichterung.

Aber etwas zog sie zurück – etwas, das sich immer enger um ihren Hals schlang.

Lindas Hände flogen instinktiv nach oben, ergriffen den dünnen scharfen Draht, der sich in ihre Finger schnitt, als sie darum kämpfte, Kontrolle über ihn zu erlangen. Ihre Füße versuchten vergeblich, ihren Körper vorwärts zu bewegen, die Schwungkraft zwang ihren Kopf nur weiter nach hinten. Sie musste die Türen erreichen. Sie musste nach drinnen!

Panik vernebelte ihr die Sicht und der qualvolle Druck intensivierte sich, bis sie eine plötzliche Befreiung verspürte, etwas Nasses und Heißes sich über ihre Brust und nach unten ergoss. Sie hatte keine Zeit, das alles zu verstehen, konnte nur nach Luft schnappen, ein nass saugendes Gefühl an der Stelle verspüren, an der der Draht sich befunden hatte, den Boden unter ihren Knien fühlen, dann unter ihrem Kopf und dann überhaupt nichts mehr.




Kapitel eins


FBI Special Agent Zoe Prime sah die Frau neben sich auf dem Beifahrersitz an und versuchte, sich nicht eingeschüchtert zu fühlen.

„In noch kälteres Wasser kann man wohl nicht geworfen werden, oder?“, witzelte Shelley.

Zoe wusste, was sie meinte. Sie waren einander gerade erst als Partner zugewiesen worden und schon rasten sie zu einem Tatort. Sogar einem wichtigen Tatort. Einem, der fette Schlagzeilen machen würde.

Aber das war es nicht, weshalb Zoe sich unbehaglich fühlte. Es lag daran, dass sie einer neuen Agentin als Partnerin zugewiesen worden war, die beim FBI bereits Aufruhr verursachte. Shelley Rose hatte ein offenes, freundliches Gesicht und Wesen, und man erzählte sich über sie, dass sie nur durch ein Lächeln ein Geständnis aus jedem herausholen konnte. Wenn man ein Geheimnis zu hüten hatte, konnte es einen ganz paranoid machen, so jemanden als Partner zugewiesen zu bekommen.

Ganz abgesehen davon, dass Zoe, die bisher beim FBI noch durch nichts besonders herausgestochen war, nicht unbedingt wenig Neid angesichts des hohen Respekts verspürte, den man ihrer Frischlingspartnerin bereits entgegenbrachte.

Shelley hatte ein nahezu symmetrisches Gesicht, gerade 1,5 Millimeter von der Perfektion entfernt, eine Abweichung zwischen ihren Augen. Es war nicht überraschend, dass ihr sofort Vertrauen und Zuneigung ihrer Mitmenschen zuflogen. Es war klassische Psychologie. Ein winziger Fehler, der ihre Schönheit menschlicher machte.

Obwohl sie das wusste, konnte Zoe nicht anders, als ihre neue Partnerin ebenfalls zu mögen.

„Was wissen wir bis jetzt?“ fragte Zoe.

Shelley blätterte durch den in einer Mappe steckenden Papierstapel in ihren Händen. „Der Sträfling ist aus dem Tent City Gefängnis in Phoenix abgehauen“, sagte sie. Die Wüste von Arizona raste außerhalb des Autos vorbei. „Zu Fuß. Das hat ihn anscheinend nicht behindert. Wir wissen bisher von drei Morden.“

„Wachen?“ fragte Zoe. Ihre Gedanken rasten vorwärts. Sie berechnete die Meilen, die ein Mann in dieser Hitze zu Fuß hinter sich bringen konnte. Ohne Rast, Unterkunft und Wasser kam man nicht weit. Wenn die nachgebende Oberfläche von Sand mit einberechnet wurde, war es noch weniger.

„Nein, zufällige Personen. Zuerst zwei Anhalter.“ Shelley hielt inne, sog den Atem durch die Zähne ein. „Die Morde waren allen Anzeichen nach … brutal. Das letzte Opfer war ein Tourist auf dem Weg zum Grand Canyon.“

„Und dahin sind wir gerade auf dem Weg“, nahm Zoe an. Die Landkarte der Gegend entfaltete sich in ihren Gedanken, zeigte die Straßen und Wege an, die jedes Opfer wahrscheinlich genommen hatte, bevor es mit dem Täter zusammengetroffen war.

„Richtig. Sieht so aus, als ob wir uns auf was gefasst machen müssen.“

Zoe nickte stumm. Sie hatte bemerkt, dass es für Leute wie Shelley schwerer war, an einem Tatort aufzutauchen und die Leiche des Opfers zu sehen. Sie spürten die Schmerzen und das Leid, die verursacht worden waren. Zoe sah immer nur einen Körper – Fleisch. Fleisch, das vielleicht Hinweise für die Ermittlung beinhaltete, und die Schilder mit Nummern, die es umgaben.

Das war es wahrscheinlich, was es ihr überhaupt erst ermöglicht hatte, alle Aufnahmeprüfungen zu bestehen und ein Special Agent zu werden – ruhig und kontrolliert zu bleiben, die Fakten anstelle der Gefühle zu analysieren. Aber ihr ruhiges Wesen und ihre Angewohnheit, sich hinter einer ausdruckslosen Miene zu verstecken, waren der Grund, dass sie einen neuen Partner gebraucht hatte. Anscheinend hatte ihr letzter Partner Zoe für zu ruhig und unnahbar gehalten.

Bei ihrem ersten Fall mit Shelley hatte sie versucht, diesem Eindruck entgegenzuwirken, indem sie zwei Kaffee in Styroporbechern gekauft und ihrer Partnerin beim Aufeinandertreffen einen davon gegeben hatte; in Anerkennung eines anscheinend uralten Rituals unter Kollegen. Es schien gut angekommen zu sein. Shelley war umgänglich genug für sie beide, weshalb Zoe hoffte, dass dies tatsächlich funktionieren würde.

Es war nicht schwer, die Stelle zu finden. Örtliche Polizisten liefen in ihren Uniformen in der heißen Sonne, eine glühende Grausamkeit, die intensiv auf ihre nackten Arme herunterbrannte, sobald Zoe das klimagekühlte Auto verließ. Wenn Haut nicht geschützt war, verbrannte sie innerhalb von fünfundvierzig Minuten. Bis sie wieder ins Auto stieg, würden ihre Wangen, Nase und Hände schon leicht gebräunt sein.

Shelley stellte sie vor und sie zeigten beide dem verantwortlichen Polizisten ihre Marken, bevor sie sich dem Tatort näherten. Zoe hörte nur mit halbem Ohr zu, war froh, Shelley übernehmen zu lassen. Auch wenn Zoe die ranghöhere Beamtin war, störte es sie nicht, wenn Shelley sich in den Vordergrund stellte. Zoe sah sich bereits um, suchte nach dem Schlüssel, der ihr alles eröffnen würde. Shelley nickte ihr zu, in stiller Vereinbarung, dass sie sich um die örtliche Polizei kümmern würde, während Zoe die Umgebung untersuchte.

„Ich glaub nicht, dass Sie viel finden werden“, sagte der Chief gerade. „Wir haben schon alles so gründlich wie möglich durchsucht.“

Zoe ignorierte ihn und setzte ihre Untersuchung fort. Sie konnte manche Dinge sehen, die anderen entgingen. Dinge, die ihr wie mit riesigen Buchstaben angekündigt erschienen, aber für normale Leute unsichtbar waren.

Das war ihr Geheimnis, ihre Superkraft. Sie sah seine Fußabdrücke im Sand und die Berechnungen erschienen neben ihnen, teilten ihr alles mit, was sie wissen musste. Es war so einfach wie das Lesen eines Buches.

Sie hockte sich leicht hin, sah sich die am nächsten liegenden Abdrücke genauer an, betrachtete, wie sie sich von der Leiche des Opfers entfernten. Die Schrittlänge zeigte ihr, dass der Täter 1,85 m groß war. Die Tiefe der Fußspuren wies deutlich auf ein Gewicht um die fünfundneunzig Kilo hin. Er war gleichmäßig gelaufen, hatte sich vor dem Angriff dem Opfer mit einer Geschwindigkeit von 3,8 Meilen pro Stunde genähert, das sagte ihr der Abstand zwischen den Abdrücken.

Zoe beugte sich vor, untersuchte als nächstes die Leiche. Der Sträfling hatte eine neunzehn Zentimeter lange Klinge benutzt, die er von oben in einem Winkel von neunundvierzig Grad in den Körper gerammt hatte. Geflohen war er in nordwestlicher Richtung, in einem schnelleren Lauftempo von 5,9 Meilen pro Stunde.

Das Blut im Sand verriet ihr, dass es weniger als vier Stunden her war. Die Berechnungen waren einfach. Zoe ging von der durchschnittlichen Ermüdungsrate aus, zog die Hitze an diesem Tag in ihre Berechnungen ein und blinzelte in die Ferne, stellte sich die genaue Entfernung vor, in der sie ihn finden würden. Ihr Herz schlug schneller, als sie vor ihrem geistigen Auge sah, wie sie ihn schnappen würden. Sie würden ihn leicht einholen. Schon ermüdet, ohne Wasser und ohne die geringste Ahnung, dass sie seine Verbrechen bereits entdeckt hatten. Das hier würde schnell vorbei sein.

Ihre Aufmerksamkeit wechselte zu den Büschen und kleinen Bäumen, die etwas entfernt wuchsen, unregelmäßig verteilt und somit einem Menschen nicht genügend Schutz bietend. Sie sah die Entfernung zwischen ihnen, Zahlen erschienen vor ihren Augen, teilten ihr die Geschichte hinter dem Muster mit. Weit voneinander verteilt, wenige natürliche Ressourcen. In Grüppchen, die Wurzeln auf der Suche nach einer unterirdischen Wasserquelle und nährstoffreichem Boden. Dem unerfahrenen Auge mochten sie zufällig erscheinen, aber der Standort jedes einzelnen Gewächses beruhte auf Planung. Der Planung der Natur.

„Was gefunden?“ fragte Shelley. Sie sah gespannt aus, als ob sie darauf wartete, dass ihre erfahrenere Partnerin alles auflöste.

Zoe sah auf, zuckte schulbewusst zusammen. Sie stand auf und schüttelte rasch den Kopf. „Ich nehme an, er ist da lang gelaufen“, sagte sie und zeigte in die offensichtliche Richtung seiner sich entfernenden Fußabdrücke. Ziemlich weit entfernt sah man eine Felsnase, ein guter Ort für eine Rast. Die Formation verriet ihr etwas über Windmuster, über tausende von Jahren der Aushöhlung und Formung. „Vielleicht wird er dort im Schatten eine Pause machen. Es ist ein heißer Tag.“

Ein Geheimnis war ein Geheimnis. Auf gar keinen Fall konnte sie zugeben, was sie wusste. Auf keinen Fall konnte sie laut aussprechen, dass sie ein Freak war, die Welt auf eine Weise begriff, wie es niemand anders tat. Oder den Rest zugeben – dass sie auch nicht verstand, wie die anderen die Welt sahen. Aber sie konnte ihnen wenigstens das geben. Die Art Hinweis, die auch eine normale Person erkennen würde.

Der Chief räusperte sich und unterbrach. „Wir haben diese Richtung schon erkundet und nichts gefunden. Die Hunde haben die Spur verloren. Dahinten ist der Boden steiniger und man sieht keine Fußabdrücke mehr. Wir nehmen an, dass er einfach weiter geradeaus gerannt ist. Oder sogar von einem Auto mitgenommen wurde.“

Zoes Augen verengten sich. Sie wusste, was sie wusste. Dieser Mann rannte voller Verzweiflung, seine Schritte lang, der Körper nah am Boden, als er sich vorbeugte, um schneller zu sein. Er hatte kein Versteck und er war nicht so weit weg, dass sie ihn nicht finden können würden.

„Tun Sie uns den Gefallen“, schlug Zoe vor. Sie tippte auf das FBI-Siegel auf ihrer Marke, die sie noch in der Hand hielt. Das war ein Riesenvorteil, wenn man ein Special Agent war: man musste sich nicht immer erklären. Man entsprach sogar dem Vorurteil, wenn man es nicht tat.

Shelley hörte auf, Zoes Gesichtsausdruck zu mustern und wandte sich um, um wieder mit dem Chief zu sprechen, ihre Haltung entschlossen. „Schicken Sie uns den Hubschrauber. Haben Sie die Hunde bereit?“

„Sicher.“ Der Chief nickte, auch wenn er nicht besonders erfreut aussah. „Sie sind der Boss.“

Shelley dankte ihm. „Fahren wir los“, schlug sie Zoe vor. „Ich habe Radioverbindung zum Piloten. Er wird uns informieren, wenn sie was entdecken.“

Zoe nickte und stieg gehorsam wieder ins Auto. Shelley hatte sie unterstützt, ihr den Rücken gestärkt. Das war ein gutes Zeichen. Sie war dankbar und fühlte sich nicht übergangen, wenn Shelley diejenige war, die die Befehle gab. Es war egal, solange Leben gerettet wurden.

„Puh!“ Shelley hielt inne, lehnte sich mit einer aufgefalteten Landkarte im Beifahrersitz zurück. „Wird nicht einfacher, oder? Eine Frau, ganz alleine unterwegs, keine Provokation. Sie hat das nicht verdient.“

Zoe nickte wieder. „Stimmt“, sagte sie, nicht sicher, was sie sonst zu der Unterhaltung beitragen konnte. Sie ließ das Auto an und fuhr los, um die Stille zu füllen.

„Du sprichst nicht sehr viel, oder?“ fragte Shelley. Sie hielt einen Moment inne, bevor sie hinzufügte: „Das ist in Ordnung. Ich will nur verstehen, wie du tickst.“

Der Mord war unverdient, das war richtig. Zoe konnte das erkennen und verstehen. Aber was geschehen war, war geschehen. Jetzt hatten sie einen Job zu erledigen. Die Sekunden vergingen, über die normale Zeit für eine erwartete Antwort hinaus. Zoe überlegte, aber ihr fiel nichts ein, was sie sagen konnte. Der Moment war vorbei. Wenn sie jetzt sprach, würde es noch seltsamer wirken.

Zoe versuchte, sich darauf zu konzentrieren, beim Fahren eine traurige Miene aufzusetzen, aber es war zu schwierig, beides gleichzeitig zu tun. Sie hörte auf, sich die Mühe zu machen, ihr Gesicht entspannte sich zu ihrem üblichen leeren Blick. Es war nicht so, dass sie nichts dachte, oder hinter ihren Augen keinerlei Gefühle stattfanden. Es war nur schwierig, darüber nachzudenken, wie ihr Gesicht aussehen sollte und es bewusst zu kontrollieren, während ihr Gehirn damit beschäftigt war, die genaue Entfernung zwischen jeder Straßenmarkierung zu berechnen und sicherzustellen, dass sie eine Geschwindigkeit einhielt, bei der das Auto nicht umkippen würde, wenn sie auf dieser Art Asphalt ausscheren musste.

Sie nahmen die Straße, folgten der glatteren Oberfläche, die sich durch die flache Landschaft wand. Zoe konnte bereits sehen, dass sie in die richtige Richtung führte, was es ihnen ermöglichte, ihn einzuholen, wenn er in direkter Linie geradeaus rannte. Sie trat fest auf das Pedal, nutzte den Vorteil des Asphalts, um schnell voranzukommen.

Eine Stimme knisterte durch das Funkgerät, riss Zoe aus ihren Gedanken.

„Der Verdächtige ist in Sicht. Over.“

„Verstanden“, antwortete Shelley. Sie war präzise und verschwendete keine Zeit, was Zoe schätzte. „Koordinaten?“

Der Hubschrauberpilot ratterte seine Position herunter und Shelley nutzte ihre Landkarte, um Zoe den Weg anzusagen. Sie mussten ihre Route nicht verändern – sie waren genau in der richtigen Richtung. Zoe umklammerte das Steuer fester, fühlte den Nervenkitzel der Bestätigung. Ihre Annahmen waren korrekt gewesen.

Schon kurz darauf sahen sie den Helikopter über einem örtlichen Streifenwagen in der Luft stehen, dessen beide Insassen anscheinend schon ausgestiegen waren und den Sträfling überwältigt und auf den Boden gedrückt hatten. Er lag im Sand, der sich durch die neue Last verschob, und fluchte.

Zoe hielt den Wagen an und Shelley sprang sofort hinaus, gab über ihr Sprechfunkgerät Informationen weiter. Eine kleine Gruppe Männer mit Hunden näherte sich bereits aus dem Südosten, die Hunde bellten vor Aufregung, nachdem sie die Quelle des Geruchs gefunden hatten, dem sie gefolgt waren.

Zoe hob die Landkarte hoch, die Shelley losgelassen hatte, verglich sie mit dem Navigationssystem. Sie waren in direkter Bahn eine Achtelmeile von dem Punkt entfernt, an dem sie ihn vermutet hatte. Er musste aus der Felszunge herausgelaufen sein, als er die Hunde gehört hatte.

Sie erlaubte sich ein Siegeslächeln, sprang aus dem Auto, um sich ihnen mit neuem Elan zuzugesellen. Draußen unter der brennenden Sonne erwiderte Shelley ihr strahlendes Grinsen, offensichtlich glücklich, dass sie ihren ersten gemeinsamen Fall schon abgeschlossen hatten.

Später, als sie wieder im Auto waren, senkte sich das Schweigen erneut herab. Zoe wusste nicht, was sie sagen sollte – sie wusste es nie. Geplauder war ihr ein absolutes Rätsel. Wie oft konnte man das Wetter erwähnen, bevor es ein offensichtliches Klischee wurde? Wie oft musste sie öde Unterhaltungen über unwichtige Dinge führen, bevor das Schweigen kameradschaftlich wurde, nicht mehr unbehaglich war?

„Du hast da draußen nicht viel gesagt“, sagte Shelley und brach endlich das Schweigen.

Zoe antwortete nicht sofort. „Nein“, stimmte sie zu, versuchte, freundlich zu klingen. Es gab nicht viel, das sie tun konnte, außer zuzustimmen.

Wieder herrschte Stille. Zoe berechnete im Kopf die Sekunden, begriff, dass es länger war, als für eine normale Pause in der Unterhaltung üblich.

Shelley räusperte sich. „Die Partner, die ich im Training hatte, die haben mit mir geübt, den Fall durchzusprechen“, sagte sie. „Zusammenzuarbeiten, um ihn zu lösen. Nicht alleine.“

Zoe nickte, ihr Blick blieb fest auf der Straße. „Ich verstehe“, sagte sie, obwohl Panik in ihr aufstieg. Sie verstand nicht – nicht völlig. Auf eine Art verstand sie, wie die Leute um sie herum empfanden, weil sie es ihr immer mitteilten. Aber sie wusste nicht, was sie damit anfangen sollte. Sie versuchte es schon, versuchte es, so gut sie konnte.

„Sprich nächstes Mal mit mir“, sagte Shelley, lehnte sich tiefer in ihren Sitz, als ob nun alles geklärt war. „Wir sind Partner. Ich möchte wirklich zusammenarbeiten.“

Das verhieß für die Zukunft nichts Gutes. Zoes letzter Partner hatte wenigstens ein paar Wochen gewartet, bevor er sich beschwert hatte, wie ruhig und unnahbar sie war.

Sie hatte gedacht, sie hätte es diesmal besser hinbekommen. Hatte sie nicht die Becher mit Kaffee gekauft? Und Shelley hatte sie vorhin angelächelt. Musste sie mehr Getränke kaufen, um es wieder auszugleichen? Gab es eine bestimmte Anzahl, auf die sie hinarbeiten sollte, um ihre Beziehung angenehmer zu gestalten?

Zoe sah die Straße vor der Windschutzscheibe vorbeirasen, unter einem sich allmählich verdunkelnden Himmel. Sie spürte, dass sie wohl noch etwas sagen sollte, aber sie wusste nicht, was. Das war alles ihre Schuld und sie wusste es.

Es schien für andere Leute immer so einfach zu sein. Sie sprachen und sprachen und sprachen, und wurden über Nacht Freunde. Sie hatte es oft geschehen sehen, aber es schien keine Regeln zu geben, die man befolgen konnte. Es wurde nicht durch eine festgelegte Zeitspanne definiert, oder der Anzahl der Interaktionen, oder der Menge der Dinge, die Menschen gemeinsam haben mussten.

Sie waren einfach wie durch Magie gut darin, mit anderen Leuten zurechtzukommen, so wie Shelley. Oder sie waren es nicht. Wie Zoe.

Nicht dass sie wusste, was sie falsch machte. Leute sagten ihr, sie solle wärmer und freundlicher sein, aber was genau bedeutete das? Niemand hatte ihr je ein Handbuch gegeben, in dem all die Dinge erklärt waren, die sie wissen musste. Zoe griff das Steuer fester, versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie aufgebracht sie war. Das war das Letzte, das Shelley sehen sollte.

Zoe begriff, dass sie selbst das Problem war. Sie machte sich darüber nichts vor. Sie wusste nur nicht, wie sie anders sein sollte, als sie war, während andere Leute es wussten und sie sich schämte, dass sie es nie gelernt hatte. Das zuzugeben würde irgendwie noch schlimmer sein.


* * *

Der Flug zurück nach Hause war noch ungemütlicher.

Shelley blätterte beiläufig durch die Seiten einer Frauenzeitschrift, die sie im Flughafen gekauft hatte, bedachte jede Seite lediglich mit einem oberflächlichen Blick, bevor sie aufgab und weiterblätterte. Nachdem sie sie von vorne bis hinten durch hatte, warf sie Zoe einen Blick zu, dann gelangte sie wohl zu der Überzeugung, dass es besser war, keine Unterhaltung anzufangen, und öffnete die Zeitschrift wieder, vertiefte sich mehr in die Artikel.

Zoe hasste es, so etwas zu lesen. Die Bilder, die Worte, alles sprang sie von der Seite aus an. Nicht zusammenpassende Schriftgrößen und Gesichter, widersprüchliche Artikel. Bilder, die beweisen sollten, dass irgendeine Prominente sich unters Messer gelegt hatte, die aber nur die normalen, durch Zeit und Alter verursachten Änderungen eines Gesichtes zeigten, die für jeden mit einem Grundverständnis menschlicher Biologie leicht berechenbar waren.

Mehrere Male versuchte Zoe zwanghaft, sich etwas einfallen zu lassen, was sie zu ihrer neuen Partnerin sagen könnte. Sie konnte nicht über die Zeitschrift reden. Was könnten sie sonst gemeinsam haben? Ihr fiel nichts ein.

„Gutes Ergebnis für unseren ersten Fall“, sagte sie schließlich, murmelte es, traute sich fast nicht, es zu sagen.

Shelley sah überrascht auf, ihre Augen einen Moment lang groß und leer, bevor sie grinste. „Oh ja“, sagte sie. „Wir waren gut.“

„Der nächste Fall wird hoffentlich ebenso glatt laufen.“ Zoe fühlte, wie sich ihr Inneres zusammenkrümmte. Warum war sie so schlecht im Plaudern? Es kostete sie absolute Konzentration, sich den jeweils nächsten Satz auszudenken.

„Vielleicht können wir nächstes Mal schneller sein“, schlug Shelley vor. „Du weißt schon, wenn wir wirklich aufeinander eingespielt sind, werden wir viel schneller arbeiten.“

Für Zoe fühlte es sich wie ein Schlag an. Sie hätten den Kerl schneller schnappen, den Hubschrauber direkt nach ihrer Ankunft an seinen genauen Aufenthaltsort schicken können, wenn Zoe nur mitgeteilt hätte, was sie wusste. Wenn sie nicht so besorgt darüber gewesen wäre, wie sie ihr Wissen erlangt hatte, dass sie es für sich behalten hatte.

„Vielleicht“, sagte sie unverbindlich. Sie versuchte, Shelley auf eine beruhigende Art anzulächeln, von erfahrener Agentin zu Neuling. Shelley erwiderte es ein wenig zögerlich und konzentrierte sich wieder auf ihre Zeitschrift.

Bis zur Landung sprachen sie nicht mehr.




Kapitel zwei


Zoe öffnete ihre Wohnungstüre mit einem Seufzer der Erleichterung. Das war ihr Himmel, der Ort, an dem sie sich entspannen konnte und nicht mehr versuchen musste, die Person zu sein, die alle akzeptierten.

Als sie das Licht anmachte, erklang aus Richtung der Küche ein leises Miauen und sobald Zoe ihre Schlüssel auf den Beistelltisch gelegt hatte, ging sie sofort dorthin.

„Hi, Euler“, sagte sie, beugte sich hinunter, um eine ihrer Katzen hinter den Ohren zu kraulen. „Wo ist Pythagoras?“

Euler, eine grau getigerte Katze, miaute als Antwort nur erneut und sah zum Schrank, in dem Zoe die Beutel und Dosen mit Katzenfutter aufbewahrte.

Zoe brauchte keinen Übersetzer, um das zu verstehen. Katzen waren einfach genug. Die einzige Interaktion, die sie wirklich brauchten, war Essen und ein gelegentliches Schmusen.

Sie nahm eine neue Dose aus dem Schrank und öffnete sie, löffelte den Inhalt in den Futternapf. Ihr Burmese, Pythagoras, witterte bald den Geruch und tapste aus irgendeinem anderen Teil ihres Zuhauses heran.

Zoe sah ihnen eine Weile beim Essen zu, fragte sich, ob sie lieber einen weiteren Menschen hätten, der sich um sie kümmerte. Ihr Alleinleben bedeutete, dass sie gefüttert wurden, wenn sie nach Hause kam, egal zu welcher Zeit das geschah. Sicher hätten sie einen regelmäßigeren Ablauf bevorzugt – aber wenn sie hungrig wurden, gab es genug Mäuse in der Gegend, die sie fangen konnten. Und Pythagoras hatte in letzter Zeit einige Pfund zugelegt. Eine Diät würde ihm gut tun.

Zoe würde ohnehin nicht in nächster Zeit heiraten – weder wegen der Katzen, noch aus irgendeinem anderen Grund. Sie hatte bisher noch nicht einmal eine ernste Beziehung gehabt. So, wie sie aufgewachsen war, hatte sie sich schon fast damit abgefunden, dass sie dazu bestimmt war, alleine zu sterben.

Ihre Mutter war streng religiös gewesen, im Sinne von intolerant. Zoe hatte nie die Stelle in der Bibel gefunden, die vorschrieb, dass man wie alle anderen kommunizieren und in sprachlichen Rätseln anstatt in mathematischen Formeln denken sollte, aber ihre Mutter hatte trotzdem genau das dort herausgelesen. Sie war überzeugt gewesen, dass mit ihrer Tochter etwa nicht in Ordnung war, etwas Sündiges.

Zoes Hand wanderte zu ihrem Schlüsselbein, fuhr die Linie entlang, an der einst ein silbernes Kreuz an einer Silberkette gehangen hatte. Während der vielen langen Jahre ihrer Kindheit und Jugend hatte sie das Ding nicht abnehmen können, ohne der Blasphemie beschuldigt zu werden – nicht einmal zum Duschen oder Schlafen.

Dagegen hatte sie nicht viel tun können, ohne dass sie beschuldigt wurde, das Kind des Teufels zu sein.

„Zoe“, hatte ihre Mutter dann gesagt, ihr mit dem Finger gedroht und die Lippen geschürzt. „Du hörst sofort mit dieser Dämonenlogik auf. Der Teufel steckt in dir, Kind. Du musst ihn austreiben.“

Dämonenlogik bedeutete anscheinend Mathematik, insbesondere wenn sie von einem sechsjährigen Kind benutzt wurde.

Ihre Mutter erwähnte immer und immer wieder, wie anders sie war. Wenn Zoe sich nicht mit den Kindern ihres Alters im Kindergarten oder in der Schule beschäftigte. Wenn sie keinem der nachmittäglichen Clubs beitrat, abgesehen von Zusatzunterricht in Mathematik und Wissenschaften, und nicht einmal dort Gruppen bildete oder Freundschaften schloss. Wenn sie die Verhältnisse zwischen den Zutatenmengen verstand, nachdem sie ihre Mutter nur einmal etwas backen gesehen hatte.

Zoe hatte sehr schnell gelernt, ihren natürlichen Sinn für Zahlen zu unterdrücken. Wenn sie die Antworten auf Fragen der Leute wusste, ohne es auch nur ausrechnen zu müssen, blieb sie ruhig. Wenn sie durch reine Charakterkenntnis und zurückgelassene Hinweise herausfand, welcher ihrer Klassenkameraden den Schlüssel des Lehrers gestohlen und versteckt hatte, und wo er versteckt sein musste, sagte sie kein Wort.

Es hatte sich wenig geändert, seitdem die verängstigte Sechsjährige, begierig, ihrer Mutter zu gefallen, aufgehört hatte, jeden kleinen seltsamen Gedanken auszusprechen und angefangen hatte, so zu tun, als ob sie normal sei.

Zoe schüttelte den Kopf und konzentrierte sich wieder auf die Gegenwart. Das war mehr als fünfundzwanzig Jahre her. Es hatte keinen Sinn, darüber nachzudenken.

Sie sah aus ihrem Fenster auf die Skyline von Bethesda, richtete ihren Blick wie immer präzise in die Richtung von Washington, D.C. aus. An dem Tag, an dem sie den Mietvertrag unterschrieben hatte, hatte sie herausgefunden, wie sie in die richtige Richtung sah, hatte mehrere örtliche Wahrzeichen bemerkt, die sich wie zu einem Kompass aufreihten. Es war nicht aus politischen oder patriotischen Gründen, sie mochte einfach die Art, wie sie zusammenpassten und auf der Landkarte eine perfekte Linie bildeten.

Es war dunkel draußen und sogar die Lichter in den anderen Gebäuden um sie herum wurden allmählich ausgemacht. Es war spät, spät genug, um alles zu erledigen und ins Bett zu gehen.

Zoe machte ihren Laptop an und tippte rasch ihr Password ein, öffnete ihr Emailpostfach, um zu sehen, ob es etwas Neues gab. Die letzte Aufgabe ihres Tages. Einige Mails konnte sie schnell löschen – Junkmail, vorwiegend Mitteilungen über Ausverkäufe von Marken, von denen sie nie etwas gekauft hatte und Gaunereien vorgeblicher nigerianischer Prinzen.

Nachdem sie den Junk gelöscht hatte, gab es nur noch einige Mails, die sie lesen und dann entfernen konnte, Botschaften, auf die keine Antwort erwartet wurde. Aktualisierungen von Social Mediaseiten, die sie selten besuchte und Newsletter von Websites, denen sie folgte.

Eins war etwas interessanter. Eine Nachricht von ihrem Online Dating Profil. Eine kurze, aber süße Nachricht – irgendein Typ, der nach einer Verabredung fragte. Zoe klickte sich zu seiner Seite durch und betrachtete seine Bilder, zog ihn in Erwägung. Sie ermittelte schnell seine tatsächliche Größe und war angenehm überrascht, dass sie mit dem übereinstimmte, was er in seine Angaben geschrieben hatte. Vielleicht jemand, der tatsächlich ehrlich war.

Die nächste Mail war noch interessanter, aber trotzdem war Zoe nicht danach, sie gleich zu lesen. Sie war von ihrer Mentorin und früheren Professorin, Dr. Francesca Applewhite. Sie konnte sich auch so vorstellen, um was die Professorin sie bitten würde und dass es ihr nicht gefallen würde.

Zoe seufzte und öffnete die Mail trotzdem, um das Unvermeidliche hinter sich zu bringen. Dr. Applewhite war brillant, die Art Mathematikerin, die sie in ihren Träumen immer hatte sein wollen, bis sie begriff, dass sie ihre Talente im Polizeidienst nutzen konnte. Francesca war auch der einzige andere Mensch, der wusste, auf welche Art ihr Gehirn arbeitete – die Synästhesie, die Hinweise in ihrem Gehirn in sichtbare Zahlen und dann Informationen verwandelte. Der einzige Mensch, den sie genug mochte und dem sie genug vertraute, um darüber zu reden.

Dr. Applewhite war diejenige gewesen, die sie überhaupt erst auf das FBI gebracht hatte. Sie schuldete ihr viel. Aber das war nicht der Grund, aus dem sie zögerte, ihre Email zu lesen.

Hi Zoe, stand in der Mail. Ich wollte nur fragen, ob Du die Therapeutin kontaktiert hast, die ich vorgeschlagen hatte. Konntest Du schon einen Termin ausmachen? Lass mich wissen, wenn Du Hilfe brauchst.

Zoe seufzte. Sie hatte die Therapeutin nicht kontaktiert und wusste eigentlich nicht, ob sie es tun würde. Sie schloss die E-Mail, ohne zu antworten, stufte sie auf eines der morgen anzugehenden Probleme zurück.

Euler sprang auf ihren Schoß, war offensichtlich mit dem Abendessen fertig und begann, zu schnurren. Zoe streichelte ihn erneut, sah auf ihren Bildschirm, überlegte.

Pythagoras miaute empört über die Vernachlässigung und Zoe sah ihn mit einem liebevollen Lächeln an. Es war nicht unbedingt ein Zeichen, aber es reichte, um sie tätig werden zu lassen. Sie kehrte zu der vorherigen Mitteilung von der Datingseite zurück und tippte eine Antwort, bevor sie es sich überlegen konnte.

Ja, ich würde mich gerne treffen. Wann passt es Dir? – Z.


* * *

„Nach dir“, sagte er lächelnd und deutete auf den Brotkorb.

Zoe erwiderte das Lächeln und nahm ein Stück Brot, berechnete in Gedanken automatisch die Breite und Höhe jedes Stücks, um eines zu wählen, das irgendwo in der Mitte lag. Sie wollte nicht zu gierig aussehen.

„Also, was machst du, John?“ fragte Zoe. Es war einfach genug, die Unterhaltung auf diese Art zu beginnen – sie war schon auf genügend Verabredungen gewesen, um zu wissen, dass es die Standardeinleitung war. Außerdem war es immer eine gute Idee, sicherzustellen, dass er einen guten Verdienst hatte.

„Ich bin Anwalt“, sagte John und nahm auch ein Stück Brot. Das größte Stück. Um die 300 Kalorien. Er würde halb satt sein, bevor der Hauptgang serviert wurde. „Ich habe meistens mit Eigentumsstreitigkeiten zu tun, also gibt es zwischen deiner und meiner Arbeit nicht viele Überschneidungen.“

Zoe dachte an das durchschnittliche Einkommen eines Anwalts für Eigentumsrecht in der Gegend und nickte stumm, während Berechnungen durch ihr Gehirn rasten. Zusammen würden sie sich leicht die Hypothek für ein Haus mit drei Schlafzimmern leisten können, und das war nur für den Anfang. Platz für ein Kinderzimmer. Genug Karriereentwicklungsmöglichkeiten, um sich später noch zu verbessern.

Sein Gesicht war auch fast symmetrisch. Seltsam, wie oft das in letzter Zeit vorkam. Es wurde nur durch eine Sache gestört, die Art, wie er nur mit der rechten Wange lächelte, während die linke fast unbeweglich blieb. Ein schiefes Lächeln. Das war irgendwie charmant, vielleicht wegen der Asymmetrie. Sie zählte die korrekte Anzahl perfekt gerader weißer Zähne, die zwischen seinen Lippen aufblitzten.

„Wie sieht es mit deiner Familie aus? Geschwister?“ probierte John mit leicht stockender Stimme.

Zoe begriff, dass sie zumindest irgendeine Bemerkung zu seiner Arbeit hätte machen müssen und rappelte sich gedanklich auf. „Nur ich“, sagte sie. „Meine Mom hat mich aufgezogen. Wir sind uns nicht nah.“

John zog für den Bruchteil einer Sekunde eine Augenbraue hoch, bevor er nickte. „Oh, das ist Mist. Meine Familie steht sich sehr nah. Wir treffen uns mindestens einmal im Monat zu einem Familienessen.“

Zoes Blick flitzte über seine schlanke Gestalt und sie ging davon aus, dass er bei diesen Treffen sicher nicht wenig aß. Allerdings ging er offensichtlich ins Fitnessstudio. Was er wohl stemmen konnte? Wenn man von den sich unter einem blaugestreiften Hemd abzeichnenden Armmuskeln ausging, sicher 200 Pfund.

Es hatte nun eine Weile Schweigen zwischen ihnen geherrscht. Zoe riss ein Stück Brot ab und schob es sich in den Mund, kaute es dann so schnell wie sie konnte, um ihren Mund wieder freizubekommen. Die Leute sprachen nicht mit vollem Mund, zumindest nicht in guter Gesellschaft, also diente es ihr als eine Art Ausflucht.

„Bist du das einzige Kind?“ fragte Zoe, sobald der Bissen dick und stockend ihre Kehle heruntergerutscht war. Nein, dachte sie. Mindestens zwei Geschwister.

„Ich habe einen älteren Bruder und Schwester“, sagte John. „Es liegen nur vier Jahre zwischen uns, also verstehen wir uns ziemlich gut.“

Hinter ihm, über seine Schulter hinweg, sah Zoe ihre nicht mal 1,60 Meter große Kellnerin mit einem schweren Getränketablett kämpfen. Zwei Weinflaschen inmitten von sieben Gläsern, alle für einen lärmenden Tisch am Ende einer Reihe mit Sitznischen. Alle im gleichen Alter. Freunde aus dem College, die Wiedersehen feierten.

„Das ist sicher schön“, sagte Zoe vage. Sie dachte eigentlich nicht, dass es schön wäre, ältere Geschwister zu haben. Sie hatte keine Ahnung, wie es sein würde. Es war lediglich eine weitere Erfahrung, die sie nie gemacht hatte.

„Ja, das würde ich sagen.“

Johns Antworten wurden distanzierter. Er stellte ihr keine Fragen mehr. Sie hatten noch nicht mal den Hauptgang hinter sich gebracht.

Zoe war ziemlich erleichtert, als sie die Kellnerin mit zwei Tellern zu ihnen kommen sah, die perfekt auf ihrem Arm balanciert wurden, das Gewicht gleichmäßig zwischen Ellbogen und Handfläche verteilt.

„Oh, unser Essen ist da“, sagte sie, eher um ihn abzulenken, als aus irgendeinem anderen Grund.

John sah sich um, bewegte sich mit einer geschmeidigen Anmut, die seine regelmäßigen Fitnessstudiobesuche definitiv bestätigte. Er war kein übler Kerl, gut genug. Gutaussehend, charmant, mit einem guten Job. Zoe versuchte, sich auf ihn zu konzentrieren, sich einzubringen. Beim Essen sollte es einfacher sein. Sie starrte das Essen auf ihrem Teller an – siebenundzwanzig Erbsen, das Steak genau fünf Zentimeter dick – und versuchte, sich durch nichts von dem ablenken zu lassen, was er sagte.

Trotzdem bemerkte sie die unbehaglichen Gesprächspausen genauso wie er.

Als sie fertig waren, bot er an, alles zu bezahlen – 37,97 $ wäre ihr Anteil gewesen – und Zoe nahm dankbar an. Sie vergaß, dass sie zumindest einmal widersprechen sollte, um ihm die Möglichkeit zu geben, darauf zu bestehen, aber es fiel ihr ein, als sie bemerkte, dass seine Mundwinkel sich leicht nach unten zogen, als er der Kellnerin seine Kreditkarte gab.

„Nun, das war ein toller Abend“, sagte John, während er sich umsah und im Aufstehen seine Anzugjacke zuknöpfte. „Das ist ein nettes Restaurant.“

„Das Essen war wunderbar“, murmelte Zoe und stand ebenfalls auf, obwohl sie lieber noch etwas sitzen geblieben wäre.

„Ich habe mich gefreut, dich kennenzulernen, Zoe“, sagte er. Er streckte seine Hand aus. Als sie sie nahm, beugte er sich vor und küsste sie auf die Wange, so knapp wie möglich, bevor er sich wieder entfernte.

Kein Angebot, sie zu ihrem Auto zu begleiten, oder nach Hause zu fahren. Keine Umarmung, keine Bitte, sie wiederzusehen. John war freundlich genug – ganz schiefes Lächeln und behutsame Gesten – aber die Botschaft war deutlich.

„Ich mich auch, John“, sagte Zoe, ließ ihn vor ihr das Restaurant verlassen, während sie ihre Handtasche aufnahm, damit es auf dem Gang zum Parkplatz kein weiteres gezwungenes Geplauder geben würde.

In der Abgeschiedenheit ihres Autos ließ Zoe sich auf den Fahrersitz fallen und verbarg ihren Kopf in ihren Händen. Dumm, dumm, dumm. Das konnte man keinem erzählen, dass man mit der Schrittweite der verschiedenen Kellner so beschäftigt war, dass man sich nicht auf die charmante, gutaussehende, ausgesprochen geeignete Verabredung konzentrieren konnte.

Es wurde zu viel. Zoe wusste es tief in ihrem Herzen, und hatte es wahrscheinlich schon eine ganze Weile gewusst. Sie konnte sich mittlerweile kaum auf Hinweise im sozialen Umgang konzentrieren, ohne dass sie von Berechnungen und Ergründung von Mustern abgelenkt wurde. Es war schlimm genug, dass sie die meisten Hinweise nicht verstand, wenn sie sie sah oder hörte, aber sie nicht einmal zu bemerken, war noch schlimmer.

„Was für ein Freak“, murmelte sie, sich bewusst, dass außer ihr niemand sie hören würde. Angesichts dessen wollte sie zugleich lachen und weinen.

Auf der gesamten Heimfahrt ging Zoe die Ereignisse des Abends gedanklich immer und immer wieder durch. Siebzehn unbehagliche Sprechpausen. Mindestens zwanzig Momente, in denen John von ihr mehr Interesse erwartet haben musste. Wer weiß, wie viele sie nicht einmal bemerkt hatte. Ein kostenloses Abendesse mit Steak – kein ausreichender Trost für das Gefühl, sich wie die Art Außenseiter zu fühlen, die alleine und einsam sterben würde.

Mit Katzen, natürlich.

Nicht einmal Euler und Pythagoras, die miauten und den Abend über darum wetteiferten, wer auf dem Sofa auf ihren Schoß springen durfte, konnten sie aufheitern. Sie hob beide hoch und setzte sie runter, nicht im Geringsten überrascht, als sie sofort das Interesse verloren und auf der Rückenlehne des Sofas herumstreiften.

Sie öffnete erneut Dr. Applewhites Email, betrachtete die Nummer der Therapeutin, die sie ihr geschickt hatte.

Es könnte nicht schaden, oder?

Zoe tippte langsam eine Zahl nach der anderen in ihr Handy, obwohl sie die Nummer nach einem Blick auswendig gewusst hatte. Sie fühlte, wie ihr Atem stockte, während ihre Finger über der grünen Anruftaste schwebten, drückte sie trotzdem, hob das Handy ans Ohr.

Ring-ring-ring.

Ring-ring-ring.

„Hallo“, erklang eine weibliche Stimme am anderen Ende.

„Hallo—“ begann Zoe, unterbrach sich aber selbst, als die Stimme fortfuhr.

„Sie haben das Büro von Dr. Lauren Monk erreicht. Leider rufen Sie außerhalb unserer Sprechzeiten an.“

Zoe stöhnte innerlich. Anrufbeantworter.

„Wenn Sie einen Termin machen, einen Termin verschieben oder eine Nachricht hinterlassen möchten, tun Sie dies bitte nach dem P—“

Zoe riss das Handy von ihrem Ohr, als ob es in Flammen stünde und beendete den Anruf. Pythagoras maute lautstark in die Stille hinein, sprang dann von der Seitenlehne des Sofas auf ihre Schulter.

Sie musste diesen Termin machen und das bald. Sie versprach es sich. Aber es würde nicht schaden, noch einen Tag zu warten, nicht wahr?




Kapitel drei


„Du wirst in der Hölle schmoren“, verkündete ihre Mutter. Ihre Miene war triumphierend, die Augen leuchteten wie im Wahnsinn. Nach einem genaueren Blick begriff Zoe, dass es sich spiegelnde Flammen waren. „Teufelskind, du wirst in alle Ewigkeit in der Hölle schmoren!“

Die Hitze war unerträglich. Zoe versuchte, aufzustehen, sich zu bewegen, aber etwas hielt sie am Boden. Ihre Beine waren wie Blei, im Boden verankert, und sie konnte sie nicht anheben. Sie konnte nicht flüchten.

„Mom!“ rief Zoe. „Mom, bitte! Es wird heißer – es tut weh!“

„Du wirst für immer schmoren“, lachte ihre Mutter meckernd und vor Zoes Augen wurde ihre Haut rot wie ein Apfel, Hörner wuchsen vorne aus ihrem Kopf und ein Schwanz spross aus ihrer Rückseite. „Schmoren wirst du, meine Tochter!“

Das schrille Klingeln ihres Handys weckte Zoe mit einem Ruck aus ihrem Traum und Pythagoras öffnete ein unheilvolles Auge in ihre Richtung, bevor er sich von seiner Position auf ihren Knöcheln erhob und wegstolzierte.

Zoe schüttelte den Kopf, versuchte, sich zu orientieren. Richtig. Sie war in ihrem eigenen Schlafzimmer in Bethesda und ihr Handy klingelte.

Zoe hantierte mit dem Gerät, um den Anruf entgegenzunehmen, ihre Finger vom Schlaf langsam und geschwollen. „Hallo?“

„Special Agent Prime, entschuldigen Sie, dass ich so spät anrufe“, sagte ihr Boss.

Zoe warf einen Blick auf die Uhr. Kurz nach drei Uhr morgens. „Das ist in Ordnung“, sagte sie, setzte sich auf. „Worum geht’s?“

„Wir haben einen Fall im Mittleren Westen, bei dem Ihre Hilfe willkommen wäre. Ich weiß, dass Sie gerade erst nach Hause zurückgekehrt sind – wir können jemand anderen schicken, wenn es zu viel ist.“

„Nein, nein“, sagte Zoe hastig. „Ich mach’s.“

Die Arbeit würde ihr gut tun. Sich nützlich zu fühlen und Fälle zu lösen war das Einzige, das ihr das Gefühl gab, etwas mit ihren Mitmenschen gemeinsam zu haben. Nach dem Debakel des gestrigen Abends würde es eine willkommene Erleichterung sein, sich auf etwas Neues zu konzentrieren.

„Gut. Ich buche Sie und Ihre Partnerin auf einen Flug, der in ein paar Stunden startet. Sie fliegen nach Missouri.“


* * *

Ein wenig südlich von Kansas City erreichte das Mietauto eine kleine Polizeistation und hielt davor an.

„Das ist es“, sagte Shelley, warf noch einen letzten Blick auf das Navigationssystem.

„Endlich“, seufzte Zoe, löste ihren festen Griff um das Steuer und rieb sich die Augen. Es war ein früher Flug gewesen, der der Sonne folgte, als sie über dem Himmel aufging. Es war immer noch früher Morgen und sie fühlte sich bereits, als ob sie einen ganzen Tag lang wach gewesen wäre. Das konnte passieren, wenn man zu wenig schlief und dann gleich losrasen musste, um ein Flugzeug zu erwischen.

„Ich brauche einen Kaffee“, sagte Shelley, bevor sie aus dem Auto sprang.

Zoe stimmte zu. Der Flug, so kurz er gewesen war, hatte aus einer Anreihung von Unterbrechungen bestanden. Der Aufstieg, die Stewardessen, die nicht weniger als fünfmal Frühstück und Säfte anboten und dann der Sinkflug – keine Zeit, ein wenig Schlaf nachzuholen. Obwohl die beiden den Großteil der Reise schweigend verbracht, nur besprochen hatten, wie sie nach der Landung vorgehen und wo sie ein Auto mieten würden, hatten sie sich nicht ausruhen können.

Zoe folgte Shelley in das Gebäude, wieder entgegen ihrer Rolle als Vorgesetzte und erfahrenere Agentin. Shelley mochte mehr Lob erhalten haben, aber Zoe war kein unerfahrener Neuling. Sie hatte mehr als genug Fälle hinter sich gebracht, die Zeit ihres Trainings lag so weit zurück, dass sie sich kaum noch daran erinnerte. Trotzdem fühlte es sich angenehmer an, zu folgen.

Shelley stellte sich dem örtlichen Sheriff vor und er nickte und schüttelte ihnen beiden die Hände, als Zoe ihren eigenen Namen nannte.

„Ich bin froh, dass Sie da sind“, sagte er. Das war beachtenswert. Normalerweise verhielten die örtlichen Polizisten sich ablehnend, waren der Meinung, dass sie den Fall alleine bearbeiten konnten. Sie waren über Hilfe nur dann glücklich, wenn sie wussten, dass sie dem Fall nicht gewachsen waren.

„Hoffentlich können wir das hier bis zum Ende des Tages aufklären und Sie wieder in Ruhe lassen“, sagte Shelley mit einem lockeren Grinsen in Zoes Richtung. „Special Agent Prime hier hat eine Glückssträhne. Unseren ersten gemeinsamen Fall haben wir innerhalb von Stunden gelöst, nicht wahr, Z?“

„Drei Stunden und siebenundvierzig Minuten“, erwiderte Zoe, rechnete die Zeit hinzu, die die Abwicklung ihres geflüchteten Sträflings in Anspruch genommen hatte.

Sie fragte sich kurz, wie Shelley dieses offene, lockere Lächeln fertiggebracht hatte. Es wirkte echt genug, aber Zoe war nie gut darin gewesen, den Unterschied festzustellen – nicht, wenn es im Gesicht des Gegenübers kein weiteres Zucken oder Zeichen, zusammengekniffene Augen im richtigen Blickwinkel gab, das ihr zeigte, dass etwas nicht in Ordnung war. Nach ihrem letzten Fall, gar nicht zu reden vom fast schweigend verlaufenen Flug und der Autofahrt hierher war sie davon ausgegangen, dass eine gewisse Anspannung zwischen ihnen herrschte.

Der Sheriff beugte seinen Kopf. „Wär ’ne prima Sache, wenn wir Sie bis heute Abend wieder in ein Flugzeug Richtung Heimat kriegen würden, wenn ich das so sagen darf. Würde mir eine Last von den Schultern nehmen.“

Shelley lachte. „Keine Sorge. Wir sind die Leute, die man nie um sich haben will, richtig?“

„Nichts für ungut“, stimmte der Sheriff gutgelaunt zu. Er wog fünfundachtzig Kilo, dachte Zoe, die ihn auf die gespreizte Art gehen sah, die für Übergewichtige so typisch war.

Sie gingen in sein Büro und begannen mit der Einsatzbesprechung. Zoe nahm die Akten und blätterte sie durch.

„Gib’s mir, Z“, sagte Shelley, lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und wartete gespannt.

Anscheinend hatte sie schon einen Spitznamen.

Zoe sah leicht überrascht auf, aber als sie feststellte, dass Shelley es ernst meinte, begann sie, vorzulesen. „Anscheinend drei Leichen innerhalb von drei Tagen. Die erste in Nebraska, die zweite in Kansas und die dritte in Missouri – hier.“

„Wie, macht unser Täter eine Rundreise?“ spöttelte Shelley.

Zoe stellte sich die Linien gedanklich vor, verband die Städte. Vorwiegend südöstliche Richtung, wahrscheinlich würde er sich weiter durch das restliche Missouri nach Arkansas vorarbeiten, dann Mississippi, vielleicht ein Stück von Tennessee, unten in der Nähe von Memphis. Natürlich vorausgesetzt, dass sie ihn nicht vorher stoppten.

„Der letzte Mord passierte vor einer Tankstelle. Die einzige Angestellte vor Ort war das Opfer. Ihre Leiche wurde draußen gefunden.“

Zoe konnte es sich bildlich vorstellen. Eine dunkle und einsame Tankstelle, ein Abziehbild jeder anderen einsamen Tankstelle in diesem Teil des Landes. Isoliert, die Lichter über dem Parkplatz die einzigen im Umkreis mehrerer Meilen. Sie begann, die Tatortfotos durchzusehen, gab sie Shelley, als sie fertig war.

Ein deutlicheres Bild entwickelte sich. Eine tot auf dem Boden zurückgelassene Frau, dem Eingang zugewandt – von irgendwoher zurückgekehrt. War sie hinausgelockt und dann angegriffen worden, als sie unachtsam wurde? Irgendein Geräusch, das vermeintlich von Kojoten stammte, oder vielleicht ein Kunde mit angeblichen Fahrzeugproblemen?

Was auch immer es war, es hatte ausgereicht, um sie hinaus in die Dunkelheit zu locken, nachts, in der Kälte, weg von ihrem Arbeitsplatz. Es musste etwas Wirkungsvolles gewesen sein.

„Alle Opfer sind weiblich“, las Zoe weiter vor. „Keine Ähnlichkeiten im Aussehen. Überschiede in Altersgruppe, Haarfarbe, Gewicht, Größe. Das Einzige, was sie gemeinsam haben, ist ihr Geschlecht.“

Während sie sprach, stellte Zoe sich die Frauen vor, wie sie vor der Größenskala für Polizeifotos standen. Eine war 1,60 Meter groß, eine knapp 1,68, eine 1,75. Ein ziemlicher Unterschied. Immer 7,5 Zentimeter – was das ein Hinweis? Nein, sie waren nicht in der Reihenfolge getötet worden. Die kleine Frau war die Schwerste, die größere leicht und somit schlank. Wahrscheinlich trotz ihrer Größe einfach körperlich zu überwältigen.

Unterschiedliche Höhenlagen. Unterschiedliche Entfernungen zwischen den Tatorten – kein Hinweis einer Formel oder eines Algorithmus, der ihr verraten konnte, wie weit der nächste Tatort entfernt ein würde. Die Topographie der verschiedenen Tatorte war unterschiedlich.

„Sie scheinen … willkürlich.“

Shelley seufzte, schüttelte den Kopf. „Ich hatte Angst, dass du das sagen würdest. Wie sieht’s mit dem Motiv aus?“

„Vielleicht ein Gelegenheitsverbrechen. Jede Frau wurde nachts umgebracht, an einem isolierten Ort. Es gab keine Zeugen und an keinem der Tatorte lief eine Überwachungskamera. Die Spurensicherung sagt, dass kaum verwendbare Beweise zurückgelassen wurden.“

„Also haben wir einen Psycho voller Mordlust, der soeben beschlossen hat, auf eine Tötungstour zu gehen, der sich aber genug unter Kontrolle hat, um sich nicht zu verraten“, fasste Shelley zusammen. Ihr Ton war so trocken, dass Zoe bemerkte, dass sie sich ebenso unwohl fühlte wie Zoe selbst.

Das würde nicht der einfache, klare Fall werden, auf den sie gehofft hatten.




Kapitel vier


Die Tankstelle war unheimlich ruhig, als Zoe alleine am Tatort vorfuhr. Überall war Polizeiband, das potentielle Schaulustige fernhielt und ein einzelner Polizist stand bei der Vordertüre, um nach rebellischen Teenagern Ausschau zu halten.

„Morgen“, sagte Zoe und zeigte ihre Marke. „Ich schau mich mal um.“

Der Mann nickte zustimmend, nicht, dass sie seine Zustimmung gebraucht hätte, und sie ging an ihm vorbei, duckte sich unter dem Band, um hineinzugelangen.

Shelley hatte gewusst, wie sie ihre spezifischen und jeweiligen Fähigkeiten am besten einsetzen konnten. Ohne vorherige Beratung hatte sie vorgeschlagen, dass sie die Familie befragen würde und Zoe zum letzten Tatort weitergeschickt, nachdem diese sie bei der Familie abgesetzt hatte. Das war völlig in Ordnung. Zoe konnte hier die Muster finden und Shelley würde dort wissen, wie sie Gefühle und Lügen erkennen konnte. Das musste Zoe ihr lassen.

Deshalb hatte sie zugestimmt und vorgegeben, die Leitung zu haben. Es lag nur an Shelleys warmherzigem Wesen – und Zoes allgemeinem Desinteresse an der korrekten Beachtung der Hierarchie, solange der Fall gelöst wurde —, dass es für sie in Ordnung war. Shelley hatte sogar fast entschuldigend gewirkt, so eifrig darauf, zu zeigen, dass sie sich auskannte, dass sie aus Versehen ihre Grenzen überschritt.

An der Tankstellentür zögerte sie, wusste, dass es alles hier angefangen haben musste. Auf dem Boden fanden sich schwache Spuren, durch kleine Fahnen und Plastikdreiecke markierte Fußabdrücke. Die Frau – eine ältere Frau mit vernünftigen Schuhen und kurzen Schritten – war vorangegangen. Diese Tankstelle war so einsam, dass sie pro Tag nicht mehr als ein paar Kunden gehabt haben konnte und nur einige Schritte von der Türe entfernt konnten die Abdrücke nicht mehr mit anderen verwechselt werden.

Jemand war der Frau gefolgt, obwohl sie sich dessen vielleicht nicht bewusst gewesen war. Die Zahlen erschienen von Zoes Augen, sagten ihr alles, was sie wissen musste: die Entfernung zwischen ihnen wies auf Schritte ohne Hast hin. Es gab keine anderen Fußabdrücke, aus denen zu erkennen war, ob der Täter aus der Tankstelle oder von irgendeiner Stelle des Parkplatzes gekommen war. Die Frau war ruhig, gleichmäßig auf die Ecke zugegangen. Hier war ein Durcheinander, aber Zoe ging daran vorbei, sah, dass die Schritte sich fortsetzten und wusste, dass sie letztlich zurückkommen würde.

Zuerst setzten die Schritte sich ein wenig schneller fort. Hatte die Frau nun bemerkt, dass ihr jemand folgte?

Hier – direkt neben einigen verstreuten Bonbons auf dem Boden, vielleicht von einem ungeschickten Kind fallengelassen – hatten sie angehalten. Die Frau hatte sich umgedreht, um den Mann anzusehen, bevor sie auf dem Absatz kehrtgemacht hatte und auf eine Türe hinten im Gebäude zu gerannt war.

Der Schlüssel baumelte noch vom Schloss, schwang ab und an im Wind. Der Boden war an der Stelle leicht aufgewühlt, an der das Opfer angehalten hatte, um ihn im Schloss herumzudrehen, und dann fortgeeilt war.

Ihre weglaufenden Schritte zeigten eine größere Schrittlänge, schnelleres Tempo. Sie war fast gerannt, hatte versucht, zu entkommen und zurück zu dem Ladenraum zu gelangen, in dem sie arbeitete. Hatte sie Angst gehabt? In der Nacht gefroren? Einfach an ihren Tresen zurückkehren wollen?

Der Mann war ihr gefolgt. Nicht sofort, hier war eine Einkerbung, eine Schleifstelle aus leicht aufgehäuftem Schmutz am Ende des Fersenabdrucks, wo er sich langsam gedreht hatte, um ihr nachzusehen. Dann war er ihr nachgelaufen, mit anscheinend mühelosen, leichten Schritten, direkt auf sie zu, war ihr in den Weg getreten, um sie an der Ecke zu erwischen.

Ah, das Durcheinander von eben. Zoe hockte sich hin, betrachtete es genauer. Der Boden wies hier deutlichere Spuren auf, Schleifstellen waren dort deutlich sichtbar, wo das Opfer höchstens einige Sekunden lang mit den Füßen nach Halt gesucht hatte. Der tiefere Abdruck der Männerschuhe war sichtbarer, er musste sie hier anscheinend in den Würgegriff genommen haben, so dass ein Teil ihres Gewichts auf ihm lag.

Die Leiche war schon abtransportiert worden, aber das Blut sprach für sich.

Es musste schnell gegangen sein, sie würde sich nicht lange gequält haben.

Zoe sah hinunter, um einen genaueren Blick auf die Fußabdrücke zu werfen, die sie gesehen hatte, jene des männlichen Täters. Ihr Aussehen war interessant. Während sie ein schwaches Muster in den vom Opfer hinterlassenen Spuren ausmachen konnte – genug, um ihr einen Eindruck der Marke und der bequemen Schuhform zu geben – waren seine Fußabdrücke nur ein schwacher Umriss, meistens nur ein Fersenabdruck.

Zoe ging den gleichen Weg zurück, prüfte es unterwegs. Es gab nur zwei Stellen, an denen sie seine Abdrücke ausmachen konnte: in der Nähe der Türe, wo er gewartet hatte, und hier, zum Todeszeitpunkt. In beiden Fällen waren alle identifizierenden Merkmale – inklusive der Länge und Breite des Schuhs – getilgt worden.

Um es anders auszudrücken, er hatte hinter sich aufgeräumt.

„Abgesehen von der Leiche gab es keine physischen Beweise?“ fragte Zoe den Polizisten, der seine Position bei der Türe bis jetzt nicht verlassen hatte.

Er hatte seine Daumen in seine Gürtelschlaufen gehakt, sah mit zusammengekniffenen Augen in alle Richtungen die Straße entlang. „Nein, Ma’am“, sagte er.

„Keine Haarfollikel? Reifenspuren?“

„Nichts, das wir dem Täter zuordnen können. Es sieht aus, als ob alle Reifenspuren auf dem Parkplatz verwischt wurden, nicht nur seine.“

Zoe kaute nachdenklich auf ihrer Lippe. Er mochte seine Opfer zufällig ausgewählt haben, aber er war alles andere als ein rasender Irrer. Wie Shelley gesagt hatte – er hatte sich unter Kontrolle. Mehr noch, er war geduldig und gründlich. Sogar Mörder, die ihre Angriffe planten, waren normalerweise nicht so gut.

Zoes Klingelton zerriss die Stille der leeren Straße und ließ den Polizisten zusammenfahren. „Special Agent Prime“, sagte sie automatisch, ohne überhaupt auf die Anruferanzeige zu sehen.

„Z, ich habe eine Spur. Brutaler Exmann“, sagte Shelley. Sie legte wohl keinen Wert auf Förmlichkeiten. Ihre Stimme klang hastig, aufgeregt. Der Nervenkitzel des ersten Hinweises. „Sieht so aus, als ob die Scheidung gerade erst durch ist. Möchtest du mich abholen kommen und es überprüfen?“

„Hier gibt’s nicht viel zu sehen“, erwiderte Zoe. Es hatte keinen Sinn, dass sie beide den Tatort untersuchten, wenn es andere Spuren gab, die überprüft werden mussten. Außerdem hatte sie das Gefühl, dass Shelley es unbedingt vermeiden wollte, den Ort zu sehen, an dem eine Frau ihr Leben verloren hatte. Sie war eben doch in mehreren Dingen noch unerfahren. „Ich bin in zwanzig Minuten bei dir.“


* * *

„Also, wo waren Sie gestern Abend?“ fragte Shelley nachdrücklich, lehnte sich vor, um dem Typen den Eindruck zu vermitteln, dass es ihr kleines Geheimnis sein würde.

„Ich war in einer Bar“, knurrte er. „Lucky’s, drüben an der Ostseite der Stadt.“

Zoe hörte kaum zu. Von dem Moment an, in dem sie hereingekommen war, hatte sie gewusst, dass dies nicht ihr Mörder war. Vielleicht hatte der Exmann gerne den starken Macker markiert, als sie verheiratet waren, aber es gab da ein Problem: sein Gewicht. Er war um die 45 Kilo zu schwer, um jene Abdrücke hinterlassen zu haben, und außerdem zu klein. Er war groß genug, um seine Frau außer Gefecht zu setzen – eine kleinere Frau, die zweifellos schon viele Male Opfer seiner Fäuste geworden war – aber nicht das größte Opfer. Er war knappe 1,68, wohl eher 1,67. Er hätte zu weit hochgreifen müssen.

„Kann jemand bestätigen, dass Sie dort waren?“ fragte Shelley.

Zoe wollte sie unterbrechen, keine weitere Zeit verschwenden. Aber sie sagte kein Wort. Sie wollte nicht etwas erklären müssen, dass für sie so offensichtlich war wie der blaue Himmel draußen.

„Ich bin aus den Latschen gekippt“, sagte er, warf die Hand frustriert in die Luft. „Checken Sie die Kameras. Fragen Sie den Barmann. Er hat mich weit nach Mitternacht vor die Tür gesetzt.“

„Hat der Barmann einen Namen?“ fragte Zoe, öffnete ihren Notizblock, um mitzuschreiben. Das wäre wenigstens etwas, das sie leicht überprüfen könnten. Sie schrieb auf, was er ihr sagte.

„Wann haben Sie Ihre Exfrau zuletzt gesehen?“ fragte Shelley.

Er zuckte mit den Schultern, sein Blick schweifte zur Seite, als er nachdachte. „Ich weiß nicht. Die Schlampe kam mir ständig in die Quere. Wahrscheinlich vor’n paar Monaten. Sie war total aufgebracht wegen Unterhalt. Ich hab ’n paar Zahlungen versäumt.“

Seine Art zu reden machte Shelley sichtbar gereizt. Es gab einige Gefühle, die Zoe schwer erkennen konnte, schwer definierbare Dinge, die keine Bezeichnungen hatten, oder in etwas begründet waren, mit dem sie sich nicht identifizieren konnte. Aber Ärger war einfach. Ärger hätte genauso gut ein blinkendes rotes Schild sein können und es erschien gerade über Shelleys Kopf.

„Halten Sie alle Frauen für Unbequemlichkeiten, oder nur die, die sich nach einem gewalttätigen Angriff von Ihnen scheiden ließen?“

Die Augen des Mannes traten fast aus seinem Kopf. „Hey, hören Sie, Sie können—“

Shelley unterbrach ihn, bevor er seinen Satz beenden konnte. „Sie haben eine Vorgeschichte tätlicher Angriffe auf Linda, oder nicht? Ihre Akte weist mehrere Verhaftungen wegen diverser Beschwerden über häusliche Gewalt auf. Anscheinend haben Sie es sich zur Gewohnheit gemacht, sie grün und blau zu schlagen.“

„Ich…“ Der Mann schüttelte den Kopf, als ob er ihn so wieder klar bekommen könnte. „Ich hab sie nie so verletzt. Also, nie schlimm. Ich würde sie nicht umbringen.“

„Warum nicht? Sie wollten doch sicher diese Unterhaltszahlungen loswerden?“ beharrte Shelley.

Zoe spannte sich an, ihre Hände ballten sich zu Fäusten. Wenn das noch länger ging, würde sie eingreifen müssen. Shelley ließ sich hinreißen, ihre Stimme wurde gleichzeitig schriller und lauter.

„Ich hab’ sie sowieso nicht bezahlt“, stellte er klar. Seine Arme waren abwehrend über der Brust verschränkt.

„Nun, vielleicht haben Sie ein letztes Mal rotgesehen, oder nicht? Sie wollten sie verletzen und es ging weiter als je zuvor?“

„Hören Sie auf!“ brüllte er, seine Beherrschung zusammenbrechend. Unerwarteterweise verbarg er sein Gesicht hinter seinen Händen, dann ließ er sie fallen und man sah die Nässe, die von seinen Augen auf seine Wangen hinunter verschmiert war. „Ich hab’ mit den Unterhaltszahlungen aufgehört, damit sie zu mir kam. Ich hab’ sie vermisst, okay? Ich hab’ die dumme Schlampe nicht vergessen können. Ich bin jeden Abend ausgegangen und hab’ mich betrunken, weil ich ganz alleine bin. Ist es das, was Sie hören wollten? Ja?“

Sie waren durch – das war klar. Trotzdem dankte Shelley dem Mann steif und gab ihm ihre Karte, bat ihn, sie anzurufen, wenn ihm noch etwas einfiel. Das, was Zoe gemacht hätte, wenn sie davon ausgegangen wäre, dass es Sinn gehabt hätte. Die meisten Leute riefen Zoe nicht an.

Sie bezweifelte, dass Shelley diesmal einen Anruf bekommen würde.

Shelley stieß die Luft aus, als sie fortgingen. „Sackgasse, toter Punkt. Sorry, das Wortspiel war nicht beabsichtigt. Ich glaube ihm. Was sollen wir deiner Meinung nach als Nächstes tun?“

„Ich möchte die Leiche sehen“, antwortete Zoe. „Wenn es weitere Beweise gibt, dann finden wir sie beim Opfer.“




Kapitel fünf


Das Büro des Leichenbeschauers war ein flaches Gebäude, das, wie so ziemlich alles in dieser winzigen Stadt, neben dem Polizeirevier lag. Es gab nur eine durch den Ort hindurchführende Straße; Geschäfte, eine kleine Grundschule und alles, was ein Städtchen so brauchte, lagen rechts und links davon.

Zoe fühlte sich hier unbehaglich. Es erinnerte zu sehr an zu Hause.

Der Leichenbeschauer erwartete sie unten, das Opfer lag bereits auf dem Tisch für sie bereit, wie ein gruseliges Ausstellungsstück. Der Mann, ein älterer Bursche, der einige Jahre vor seiner Pensionierung stand und etwas Weitschweifiges und Wichtigtuerisches an sich hatte, begann mit einer langen und umständlichen Erklärung seiner Feststellungen, aber Zoe blendete ihn aus.

Sie konnte alles vor sich sehen, das er ihnen sagen würde. Die klaffende Halswunde verriet ihr die genaue Breite des Drahtes, nach dem sie suchten. Die Frau wog trotz ihrer geringen Größe etwas über 77 Kilo, obwohl einiges davon mit den fast drei Litern Blut aus ihr herausgeströmt war.

Der Winkel des Einschnitts und die Kraft dahinter sagten ihr zwei Dinge. Erstens, dass der Mörder zwischen 1,75 und 1,80 groß war. Zweitens, dass er sich nicht auf Kraft verließ, um die Straftaten zu begehen. Der Draht hatte das Gewicht des Opfers nicht lange gehalten. Als sie zusammengebrochen war, hatte er sie fallen lassen. Das, zusammen mit der Wahl eines Drahts als Waffe überhaupt, bedeutete wahrscheinlich, dass er nicht sehr stark war.

Nicht sehr stark kombiniert mit groß genug bedeutete wahrscheinlich, dass er weder muskulös noch übergewichtig war. Wäre er eines davon gewesen, hätte sein Körpergewicht als Gegengewicht fungiert. Das bedeutete, dass er wahrscheinlich von schlanker Statur war, es passte zu dem, was man sich normalerweise vorstellte, wenn man an einen durchschnittlichen Mann durchschnittlicher Größe dachte.

Es gab nur eins, von dem sie sicher sagen konnte, dass es nicht durchschnittlich war, und das war die Art, wie er mordete.

Abgesehen davon gab es keine Anhaltspunkte. Seine Haarfarbe, sein Narbe, seine Herkunftsstadt, die Gründe für seine Tat – nichts davon war in der leeren und verlassenen Hülle dieses Dinges vor ihnen ersichtlich, das vorher eine Frau gewesen war.

„Was wir daraus also folgern können“, sagte der Leichenbeschauer langsam, seine Stimme mürrisch und langatmig. „Ist, dass der Täter wahrscheinlich von durchschnittlicher Größe für einen Mann war, vielleicht zwischen 1,72 und etwas über 1,80 groß.“

Zoe hielt ihr Kopfschütteln gerade noch zurück. Die Schätzung war viel zu ungenau.

„Hat sich die Familie des Opfers gemeldet?“ fragte Shelley.

„Nicht, seit der Exmann hier war, um sie zu identifizieren.“ Der Leichenbeschauer zuckte mit den Schultern.

Shelley umfasste einen kleinen Anhänger an ihrem Hals, schob ihn auf der schmalen Goldkette hin und her. „Das ist so traurig“, seufzte sie. „Arme Linda. Sie hat etwas Besseres verdient.“

„Wie wirkten sie, als du sie befragtest?“ fragte Zoe. Jede Spur war eine Spur, auch wenn sie nun völlig sicher war, dass Linda das reine Zufallsopfer eines Fremden geworden war.

Shelley zuckte hilflos mit den Schultern. „Überrascht von der Nachricht. Nicht am Boden zerstört. Ich glaube nicht, dass sie sich nahe waren.“

Zoe verdrängte die Überlegung, wer um sie trauern oder ihren toten Körper noch einmal sehen wollen würde, wenn sie starb, ersetzte diesen Gedanken durch Frustration. Diese war nicht schwierig zu finden. Sie waren in einer weiteren Sackgasse, wortwörtlich einem toten Punkt. Linda hatte ihnen keine Geheimnisse mehr mitzuteilen.

Hier herumzustehen und mit den Toten mitzufühlen war sehr nett, aber es brachte sie den Antworten nicht näher, nach denen sie suchten.

Zoe schloss kurz ihre Augen und drehte sich weg, zur anderen Seite des Raumes und der Türe, durch die sie hereingekommen waren. Sie mussten weiter, aber Shelley unterhielt sich immer noch leise und respektvoll mit dem Leichenbeschauer darüber, wer die Frau zu Lebzeiten gewesen war.

Nichts davon war wichtig. Konnte Shelley das nicht erkennen? Lindas Todesursache war sehr einfach: sie war alleine in einer einsamen Tankstelle gewesen, als der Killer vorbeikam. Nichts sonst an ihrem gesamten Leben war relevant.

Shelley schien Zoes Wunsch, zu gehen, zu bemerken, entfernte sich höflich vom Leichenbeschauer und kam zu ihr. „Was sollen wir jetzt machen?“ fragte sie.

Zoe wünschte, sie könnte diese Frage ausführlicher beantworten, aber das konnte sie nicht. Es gab zu diesem Punkt nur eins, was ihnen übrig blieb und es war nicht die direkte Aktion, die sie vorzog. „Wir werden ein Profil des Mörders erstellen“, sagte sie. „Kommunikation an die Nachbarstaaten herausgeben, um die örtlichen Polizeibehörden warnen, die Augen offen zu halten. Dann werden wir die Akten der vorherigen Morde durchsehen.“

Shelley nickte, passte sich problemlos ihrer Schrittgeschwindigkeit an, als Zoe zur Tür ging. Sie hatten ja nicht weit zu gehen.

Als sie die Treppen hinauf und durch die Bürotüren hinausgegangen waren, sah Zoe sich um und erblickte wieder die Linie des Horizonts, so deutlich hinter der kleinen Ansammlung von Wohnhäusern und Gebäuden sichtbar, die die Stadt bildeten. Sie seufzte, verschränkte die Arme vor der Brust und wandte den Kopf zum Revier, das ihr nächstes Ziel war. Umso weniger lang sie diesen Ort ansah, desto besser.

„Du magst diese kleine Stadt nicht, oder?“ fragte Shelley neben ihr.

Zoe war einen Moment lang überrascht, aber Shelley hatte sich bereits als sowohl scharfsinnig wie auch einfühlsam erwiesen. Um ehrlich zu sein sah man es Zoe wahrscheinlich deutlich an. Sie konnte die schlechte Laune nicht abschütteln, die sie immer überkam, wenn sie in einem solchen Ort landete. „Ich mag kleine Städte im Allgemeinen nicht“, sagte sie.

„Du bist ein Großstadtmädchen, richtig?“ fragte Shelley.

Zoe hielt einen Seufzer zurück. Das passierte, wenn man Partner hatte: sie wollten dich immer kennenlernen. All die kleinen Puzzlestücke ausgraben, die deine Vergangenheit ausmachten und sie dann zusammenquetschen, bis sie so zusammenpassten, wie sie es wollten. „Sie erinnern mich an den Ort, an dem ich aufwuchs.“

„Ahhh.“ Shelley nickte, als ob sie es begriff und verstand. Sie begriff es nicht. Zoe wusste das genau.

Ihre Unterhaltung hielt inne, während sie die Türen zum Revier durchquerten, zu dem kleinen Besprechungszimmer im hinteren Teil des Gebäudes gingen, das sie mit Erlaubnis der örtlichen Polizisten als Einsatzraum benutzten. Zoe sah, dass sie alleine dort waren und legte einen neuen Papierstapel auf den Tisch, begann, den Bericht des Leichenbeschauers zusammen mit Fotografien und einigen Berichten von Polizisten, die zuerst am Tatort gewesen waren, auszubreiten.

„Du hattest also keine tolle Kindheit?“ fragte Shelley.

Ah. Vielleicht verstand sie es doch, besser, als Zoe ihr zugetraut hätte.

Vielleicht hätte sie nicht so überrascht sein müssen. Warum sollte Shelley nicht auf die gleiche Weise Gefühle und Gedanken lesen können, auf die Zoe Winkel, Maßeinheiten und Muster lesen konnte?

„Es war nicht die Beste“, sagte Zoe, schüttelte sich die Haare aus den Augen und konzentrierte sich auf die Papiere. „Und nicht die Schlechteste. Ich hab’s überlebt.“

Ein Echo ertönte in ihrem Kopf, ein Schrei, der sie über Zeit und Ferne hinweg erreichte. Teufelskind. Abart der Natur. Sieh, wozu du uns jetzt gebracht hast! Zoe verdrängte es, ignorierte die Erinnerung an einen Tag, den sie zur Strafe für ihre Sünden in ihrem Zimmer eingesperrt verbracht hatte, ignorierte die lange und schwere Einsamkeit der Isolation als Kind.

Shelley ging rasch auf die gegenüberliegende Seite des Tisches, breitete einige der Fotografien aus, die sie schon hatten, holte dann die Akten der anderen Fälle.

„Wir müssen nicht darüber reden“, sagte sie leise. „Es tut mir leid. Du kennst mich noch gar nicht.“

Das ‚noch‘ war verdächtig: es deutete einen Zeitpunkt an, auch wenn er noch in weiter Zukunft lag, zu dem von Zoe erwartet wurde, ihr ausreichend zu vertrauen. An dem sie in der Lage sein würde, all die Geheimnisse herauszulassen, die seit ihrer Kindheit in ihr verschlossen waren. Was Shelley nicht wusste, nach ihrem sanften Nachbohren nicht ahnen konnte, war, dass Zoe niemandem erzählen würde, was in ihrer Kindheit geschehen war – niemals.

Abgesehen vielleicht von der Therapeutin, zu deren Besuch Dr. Applewhite sie hatte bringen wollen.

Zoe schob all das von sich weg, bedachte ihre Partnerin mit einem knappen Lächeln und Nicken, nahm ihr dann eine der Akten aus den Händen. „Wir sollten uns die früheren Fälle ansehen. Ich werde den hier lesen und du kannst den anderen lesen.“

Shelley zog sich auf einen Stuhl auf der anderen Seite des Tisches zurück, betrachtete die Bilder in der ersten Akte, als sie sich über den Tisch verteilten, kaute dabei an einem ihrer Fingernägel. Zoe wandte den Blick ab und konzentrierte sie auf die vor ihr liegenden Seiten.

„Das erste Opfer wurde auf einem leeren Parkplatz vor einem Diner getötet, welches eine halbe Stunde vorher zugemacht hatte“, las Zoe vor, fasste den Inhalt des Berichts zusammen. „Sie arbeitete dort als Kellnerin, Mutter von zwei Kindern, ohne Collegeausbildung, die anscheinend ihr ganzes Leben in der gleichen Gegend verbracht hatte. Es gab keine forensischen Beweise von Wert am Tatort, die Vorgehensweise war die Gleiche, Tod durch Draht und dann das sorgfältige Wegwischen von Fußabdrücken und Spuren.“

„Wieder nichts, was uns hilft, ihn ausfindig zu machen“, seufzte Shelley.

„Sie hat das Diner nach dem Aufräumen abgeschlossen, nach einer langen Schicht auf dem Weg nach Hause. Als sie nicht wie gewöhnlich nach Hause kam, wurde ziemlich schnell Alarm geschlagen.“ Zoe blätterte auf die nächste Seite, überflog den Inhalt auf der Suche nach nützlichen Informationen. „Es war ihr Ehemann, der sie gefunden hat – er fuhr hinaus, um nachzusehen, nachdem sie nicht an ihr Telefon gegangen war. Es ist wahrscheinlich, dass er Spuren verunreinigt hat, als er seine Frau entdeckte und dann ihre Leiche anfasste und festhielt.“

Zoe blickte auf, hatte sich vergewissert, dass dieser Fall ebenso wenig Hinweise beinhaltete wie der andere. Shelley konzentrierte sich noch, spielte wieder mit diesem Anhänger an ihrer Kette. Er wurde von ihrem Daumen und Finger verschluckt, war klein genug, um dahinter völlig zu verschwinden.

„Ist das ein Kreuz?“ fragte Zoe, als ihre neue Partnerin endlich aufsah. Es war etwas, über das man plaudern konnte, dachte sie. Es war ziemlich natürlich für eine Agentin, mit ihrer Partnerin über den Schmuck zu sprechen, den diese immer trug, was Shelley wohl tat. Richtig?

Shelley sah hinunter auf ihre Brust, als ob sie nicht bemerkt hatte, was ihre Hände taten. „Oh, das? Nein. Es war ein Geschenk meiner Großmutter.“ Sie bewegte die Finger weg, hielt es nach vorne, damit Zoe den pfeilförmigen Goldanhänger sehen konnte, dessen spitzes Ende mit einem winzigen Diamanten verziert war. „Gut, dass mein Großvater Geschmack hatte. Er gehörte früher ihr.“

„Oh“, sagte Zoe, die sich ein wenig erleichtert fühlte. Sie war sich nicht bewusst gewesen, wie viel Spannung sie in sich aufgestaut hatte, seitdem sie Shelley zum ersten Mal die Kette hervorziehen und damit hatte spielen sehen. „Ein Pfeil für wahre Liebe?“

„Genau.“ Shelley lächelte. Dann runzelte sie leicht die Stirn, hatte anscheinend die Veränderung in Zoes Stimmung bemerkt. „Hast du dir Sorgen gemacht, dass ich übertrieben religiös sei, oder sowas in der Richtung?“

Zoe räusperte sich leise. Sie hatte kaum selbst erkannt, dass dies der Grund für ihre Frage gewesen war. Aber natürlich war es das. Es war lange her, dass sie das schüchterne kleine Mädchen mit der übereifrig gottesfürchtigen Mutter gewesen war, aber sie war immer noch sehr vorsichtig mit Menschen, die die Kirche als das Wichtigste in ihrem Leben betrachteten.

„Ich war nur neugierig“, sagte Zoe, aber ihre Stimme war angespannt und sie wusste es.

Shelley runzelte die Stirn, lehnte sich vor, um die nächste Akte vom Tisch zu nehmen. „Du weißt, dass wir viel Zeit zusammen bei der Arbeit verbringen werden, wenn wir Partner bleiben“, sagte sie. „Vielleicht wird es etwas reibungsloser verlaufen, wenn wir einander nichts vorenthalten. Du musst mir nicht sagen, warum du dir darüber Sorgen gemacht hast, aber ich würde die Ehrlichkeit schätzen.“

Zoe schluckte, sah auf die Akte hinunter, die sie bereits gelesen hatte. Sie sammelte ihren Stolz, schloss die Augen einen Moment, um die Stimme zum Schweigen zu bringen, die ihr sagte Nein, es passt nicht überein, eine ist ungefähr fünf Millimeter dicker, und begegnete Shelleys Blick. „Ich habe keine guten Erfahrungen damit“, sagte sie.

„Mit Religion oder Ehrlichkeit?“ fragte Shelley mit einem scherzhaften Lächeln, während sie ihre Akte öffnete. Nach einer Weile, in der Zoe mit sich kämpfte und sich fragte, was sie antworten sollte, fügte Shelley hinzu: „Das war ein Witz.“

Zoe lächelte sie schwach an.

Dann wandte sie sich der neuen Fallakte zu und begann, die Tatortfotografien zu untersuchen; wusste, dass es das Einzige war, das sie von der unbehaglichen Atmosphäre im Zimmer und dem brennenden Gefühl, das über ihre Wangen und ihren Hals wanderte, ablenken würde.

„Das zweite Opfer ist eine weitere Variante der gleichen Geschichte“, sagte Shelley kopfschüttelnd. „Eine Frau wurde ermordet am Rand einer Straße aufgefunden, die an einer kleinen Stadt vorbeiführt. Die Art Straße, die man wahrscheinlich entlangläuft, wenn man abends nach einem langen Arbeitstag nach Hause geht, was sie auch tat. Sie war Lehrerin … mehrere korrigierte Arbeiten waren um sie herum verteilt, sie hatte sie fallen lassen, nachdem ihr Hals durch die Drahtschlinge aufgeschnitten worden war.“

Shelley hielt inne, um die Fotografien durchzusehen, fand diejenige mit den Arbeiten. Sie hielt sie eine Sekunde lang hoch, biss sich auf die Lippe und schüttelte den Kopf. Sie reichte sie Zoe, die versuchte, das gleiche Mitleid zu empfinden und feststellte, dass es ihr nicht gelang. Die Schularbeiten machten es ihrer Meinung nach nicht ergreifender als jeden anderen Tod. Tatsächlich hatte sie weitaus brutalere Morde gesehen, die mitleiderregender waren.

„Sie wurde früh am nächsten Morgen von einem Radfahrer gefunden. Er hatte die Papiere gesehen, die sich im Wind bewegten, über den Bürgersteig und die halb im hohen Gras verborgene Leiche geweht wurden“, fasste Shelley die Notizen in ihrer Akte zusammen. „Es sieht aus, als ob sie zum Straßenrand ging, als ob sie jemandem helfen wollte. Sie wurde irgendwie dahin gelockt. Verdammt … sie war eine gutherzige Frau.“

Mehrere Szenarien rasten durch Zoes Kopf: ein erfundener entlaufener Hund, ein um eine Wegbeschreibung bittender Fremder, ein Fahrrad mit loser Kette, eine Frage nach der Uhrzeit.

„Keine Fußspuren auf dem festen Boden, keine Fasern oder Haare auf der Leiche, keine DNA unter ihren Fingernägeln. Genauso sauber wie die anderen Tatorte“, sagte Shelley, legte die Akte seufzend vor sich ab.

Was auch immer sie so verletzlich gemacht hatte – vielleicht sogar der Überraschungsmoment und ein Schritt vom Bürgersteig hinunter, als sie gegen den Draht um ihren Hals kämpfte – war alles, was sie hatten.

Zoes Augen wanderten ziellos über das Papier, während sie versuchte, die Punkte so zu verbinden, dass es auf alle drei Fälle passte.

Zwei glücklich verheiratet, eine geschieden. Zwei Mütter, eine kinderlose Frau. Jede mit einem anderen Job. Unterschiedliche Orte. Eine mit einem Collegeabschluss, zwei ohne. Kein besonderes Muster in ihren Namen oder Verbindungen durch ihre Arbeitgeber.

„Ich sehe keine Verbindung“, sagte Shelley, das Schweigen zwischen ihnen unterbrechend.

Zoe seufzte und schloss die Akte. Sie musste es zugeben. „Ich auch nicht.“

„Also sind wir wieder am Anfang. Zufallsopfer.“ Shelley stieß die Luft aus. „Was bedeutet, dass das nächste Opfer auch zufällig sein wird.“

„Und damit eine viel geringere Möglichkeit, dass wir es beenden können“, fügte Zoe hinzu. „Außer wir können ein Profil zusammenkriegen, das umfangreich und nützlich genug ist, um diesen Mann ausfindig zu machen und ihn zu schnappen, bevor er wieder eine Möglichkeit findet.“

„Dann lass uns daran arbeiten“, sagte Shelley, mit einer Miene so voller Entschlossenheit, dass es Zoe ein Fünkchen Hoffnung gab.

Sie bedeckten das Flipchart in der Zimmerecke mit einem leeren Papierbogen und gingen die ihnen bekannten Informationen durch.

„Wir können seinen Weg erkennen“, sagte Zoe; etwas, das sie schon einmal laut erklärt hatte und das jeder einfach genug erfassen konnte. „Aus irgendeinem Grund ist er auf Achse. Was könnte das sein?“

„Vielleicht reist er beruflich“, schlug Shelley vor. „Ein Trucker, ein Vertriebler oder Handelsvertreter, irgendwas in der Art. Oder er reist einfach, weil ihm danach ist. Er könnte auch obdachlos sein.“

„Zu viele Möglichkeiten, um hier eine klare Entscheidung zu treffen.“ Zoe schrieb reist herum auf das Flipchart, versuchte dann, die Implikationen aufzulisten. „Er muss unterwegs übernachten. Motels, Hotels, oder vielleicht in seinem Auto.“

„Wenn er in seinem Auto schläft, haben wir wenig Hoffnung, ihn ausfindig zu machen“, gab Shelley zu bedenken, ihre Mundwinkel herabgezogen. „Er könnte in den Hotels auch falsche Namen benutzen.“

„Nicht viel, mit dem wir hier arbeiten können. Aber er muss sich irgendwie fortbewegen. Mit einem Fahrzeug, wenn wir von den Abständen zwischen den Tatorten und der vergangenen Zeit ausgehen.“

Shelley tippte eilig in ihr Handy, rief Landkarten auf und prüfte die Orte. „Ich glaube nicht, dass da eine direkte Zugstrecke ist. Vielleicht per Bus oder Auto.“

„Das engt es etwas ein“, sagte Zoe und fügte der Liste diese Möglichkeiten hinzu. „Er könnte ein Anhalter sein, obwohl das heutzutage weniger üblich ist. Wie steht es mit seinen körperlichen Merkmalen?“

„Normalerweise wird eine Schlinge von denen benutzt, die nicht muskulös sind. Wir können also vielleicht mutmaßen, dass er von durchschnittlicher Gestalt ist.“

Zoe war froh, dass Shelley das aufgefallen war, eine Sache weniger, mit der sie Verdacht erregen könnte. „Durchschnittlich, aber vielleicht nicht zu klein oder zierlich. Ich habe das Gefühl, dass wir schon sicher sagen können, dass dies die Taten eines Mannes sind. Bei zu wenig Kraft oder Körpergröße hätten die Opfer ihn überwältigen und sich freikämpfen können.“

„Und wenn er zu klein war, hätte er nicht so einen guten Griff gehabt“, fügte Shelley hinzu. „Die Opfer wurden wahrscheinlich alle stehend getötet, was bedeutet, dass er ihre Hälse einfach erreichen können musste.“

Zoe musste – wenn auch nur in Gedanken – zugeben, dass sie beeindruckt war. Sie schrieb durchschnittliche oder überdurchschnittliche Körpergröße – zwischen 1,72 und 1,82, auf der Grundlage des Berichts des Leichenbeschauers, und durchschnittliche oder schlanke Gestalt auf das Papier.

„Nun lass uns über die psychologischen Aspekte reden“, sagte Zoe. „Etwas treibt ihm zum Töten, auch wenn es nicht etwas ist, das uns logisch erscheint. Wenn es keine wirkliche Verbindung zwischen den Opfern gibt, müssen wir davon ausgehen, dass dieser Drang von innen kommt.“

„Sie scheinen mir wie Gelegenheitstaten. Er greift nur Frauen an, vielleicht, weil sie schwächer sind. Sie sind alleine, wehrlos, außerhalb der Reichweite funktionierender Überwachungskameras und es besteht wenig Gefahr, dass er unterbrochen wird.“

„Ich sehe zwei Möglichkeiten. Die Erste ist, dass er einen Tötungsdrang hat und deshalb diese Opfer aussucht, bei denen kaum Gefahr besteht, dass er geschnappt wird. Aus irgendeinem Grund tut er es jetzt und in rascher Folge – also sollten wir nach einem Auslöser suchen“, sagte Zoe, während sie mit dem Ende des Stiftes gegen ihr Kinn tippte. „Die andere Möglichkeit ist, dass irgendetwas in diesen Opfern selbst den Tötungsdrang ausgelöst hat. In dem Fall weiß er noch gar nicht, dass er sie töten wird, bis der Moment kommt.“

„In anderen Worten, er sucht entweder absichtlich nach Frauen, die er töten kann, oder er tötet, wenn sich die Gelegenheit ergibt und irgendetwas an den Frauen selbst löst das aus“, sagte Shelley, die Augen nachdenklich zusammengekniffen.

„Denk darüber nach.“ Zoe schüttelte den Kopf, ging vor dem Flipchart hin und her. „Es ist zu perfekt, um so zufällig zu sein. Eine pro Nacht – das weist auf einen Zwang hin. Wenn er nur durch auslösende Momente zum Töten getrieben würde, würde mehr Zeit zwischen den Angriffen liegen. Er würde an manchen Abenden zu Hause sein, oder einfach niemanden treffen, der ihn durchknallen lässt. Nein, das hier ist vorsätzlich und geplant. Es gibt irgendeinen Grund, aus dem er jede von ihnen töten muss, irgendeine Botschaft oder ein Ritual.“

Sie ging wieder nach vorne und schrieb ein Mord pro Tag – Ritual auf das Papier.

„Was ist mit den Orten?“ fragte Shelley. „Vielleicht ergibt sich da etwas.“

Eine Landkarte hing bereits an der Wand, drei rote Stecknadeln markierten die Orte, an denen die drei Leichen gefunden worden waren. Zoe betrachtete sie einen Moment lang, nutzte dann den Rand eines Papiers, um sie zu verbinden. Der erste und dritte Fundort waren durch eine gerade Linie verbunden. Der zweite wich ein wenig ab, war aber noch auf dem Weg.

„Welche Städte sind das?“ Shelley deutete auf das Ende des Papiers, auf die Orte, die hinter der letzten Stecknadel auf demselben Weg lagen.

Zoe ratterte die Namen herunter, las sie von der Landkarte ab, mit etwas Spielraum auf jeder Seite, falls er wie zuvor ein wenig von der Route abwich. „Wir sollten die Behörden in jeder dieser Städte anrufen. Sicherstellen, dass sie sich bewusst sind, was passieren könnte. Verschärfte Sicherheit und aufmerksame Polizisten, das könnte helfen, ihn zu schnappen.“

Beide betrachteten gemeinsam schweigend ihr Profil, hingen ihren eigenen Gedanken nach. Zoe versuchte, das Muster zu erkennen. Es gab nur drei Dinge, die für sie Sinn ergaben: die Tatsache, dass es alles Frauen waren, der Zeitablauf oder etwas, das mit den Orten zusammenhing. Aber was war es?

Sie dachte an die verstreuten bunten Bonbons zurück, die bei der Tankstelle überall auf dem Boden verteilt gewesen waren. Nicht weit von Lindas Leiche verstreut, auf dem Parkplatz, auf dem Weg, den sie zur Rückseite des Gebäudes und zurück genommen haben musste. Es war so seltsam. Es war durchaus möglich, dass irgendein Kind sie früher am Tag dort hatte fallen lassen, nachdem es dort mit seinen Eltern angehalten hatte, aber … irgendetwas daran störte sie.

Vielleicht war es einfach das Missverhältnis. Helle und fröhliche Bonbons an der Szene eines brutalen nächtlichen Mordes. Farbflecken auf einem ansonsten rot befleckten Boden. Vielleicht bedeutete es überhaupt nichts.

„Wir haben nicht viel“, seufzte sie schließlich. „Aber es ist ein Anfang. Nehmen wir noch dazu, dass er wahrscheinlich ein junger Mann ist, zumindest noch nicht im mittleren Alter, wenn wir die Statistiken über das Alter, in denen Serientäter mit ihren Taten anfangen, zugrunde legen, und wir haben es genug eingeengt, um etwas vorlegen zu können. Ich werde die Leichenbeschauer fragen, ob sie uns auf Basis ihrer Erkenntnisse genauere Zahlen geben können, und dann können wir wenigstens eine Beschreibung herausgeben, nach der man sich richten kann.“

Was überhaupt kein großer Trost war, dachte sie, wenn der Killer an diesem Abend ein weiteres Opfer fordern würde – und sie viel zu wenig Anhaltspunkte hatten, um es zu verhindern.




Kapitel sechs


Es würde heute Abend eine weitere Leiche geben.

Es war der vierte Abend und das bedeutete, dass es eine vierte Leiche geben musste.

Er war den ganzen Tag gefahren, hatte sich immer mehr seinem Ziel genähert. Obwohl er gut in der Zeit lag, wurde er immer nervöser, als die Sonne sich über den Himmel bewegte. Bei Anbruch des Abends musste er am richtigen Ort sein, oder alles wäre verdorben.

Er konnte jetzt nicht versagen.

Er blickte wieder auf das Handy, das am Armaturenbrett hing, verankert in einem an der Lüftung angebrachten Halter. Die Onlinekarte aktualisierte sich hier draußen langsamer, das Signal war schwächer. Wenigstens war der Highway lang und gerade, er musste nicht abfahren. Er würde sich nicht verfahren oder sein Ziel verpassen.

Er wusste genau, wo er hin musste. Es war alles für ihn vorgezeichnet, aus den Sternen ersichtlich. Abgesehen davon, dass dieses Muster viel präziser war, als die Masse blinzelnder Punkte da oben am Nachthimmel, und weitaus einfacher lesbar. Natürlich konnte ein Experte diese Muster finden, sogar dort ganz oben. Aber sein Muster musste sogar für die erkennbar sein, die es normalerweise nicht sehen konnten – und wenn er endlich fertig war, würden sie es sehen.

Wer es sein würde, war eine andere Frage. Wo und wann – ja, das wurde durch das Muster vorgegeben. Aber das ‚wer‘ war eher eine Frage des Glücks und das war der Grund, aus dem sein Bein über der Bremse auf und ab wippte, sein Knie hochschnellte und jedes Mal fast gegen das Steuer schlug.

Er nahm einen tiefen, beruhigenden Atemzug, sog die sich rasch abkühlende Luft ein. Es war leicht zu erkennen, dass die Sonne am Himmel allmählich niederstieg, aber es war noch nicht zu spät. Die Muster hatten ihm gesagt, was er tun musste und nun würde er es tun. Darauf musste er vertrauen.

Die Räder seines Sedans surrten unaufhörlich über den gleichmäßigen Asphalt der Straße, ein stetiges Hintergrundgeräusch, das beruhigend wirkte. Er schloss kurz die Augen, vertraute darauf, dass das Auto sich weiter geradeaus hielt, und nahm einen weiteren tiefen Atemzug.

Er klopfte mit den Fingern auf dem Rand des offenen Fensters, fiel in einen leichten, sich wiederholenden Takt und atmete wieder freier. Es würde alles in Ordnung sein. So wie dieses Auto ihm in all den Jahren, die er es schon hatte, gute Dienste geleistet hatte, immer zuverlässig und verlässlich, würden auch die Muster ihn nicht im Stich lassen. So lange er den Ölstand prüfte und es regelmäßig zur Inspektion brachte, würde es laufen. Und wenn er zur richtigen Abendzeit an den richtigen Ort ging, würden die Muster dort sein.

Sie waren immer um ihn herum: die Linien auf dem Highway, die geradlinig und sich verkleinernd in die Ferne verliefen und ihm genau mitteilten, welche Richtung er einhalten musste. Die Streifen der Zirruswolken, die in die gleiche Richtung zu weisen schienen, lange Finger, die ihn ermutigten, weiter zu gehen. Sogar die Blumen am Rande des Highways waren gebeugt, lehnten sich erwartungsvoll nach vorne, wie Rallyestreifen, die die Meilen unter seinen Rädern schluckten.

Es nahm alles Gestalt an, so wie die Bonbons, die gefallen waren, bevor er die Frau an der Tankstelle umgebracht hatte. So wie sie ihm genau gesagt hatten, was er als Nächstes tun sollte und ihm gezeigt hatten, dass er schon den richtigen Ort und das richtige Opfer gefunden hatte.

Die Muster würden ihm letztendlich helfen, sich seiner annehmen.


* * *

Trotz seiner inneren Beschwichtigungen begann sein Herz, vor Aufregung zu rasen, als die Sonne tiefer und tiefer sank, sich dem Horizont zubewegte, und er immer noch niemand Passenden gesehen hatte.

Aber nun war das Glück wieder auf seiner Seite – der Glücksfall, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und dem Universum zu vertrauen, sich um den Rest zu kümmern.

Sie ging auf dem Seitenstreifen des Highways rückwärts, einen Arm seitlich ausgestreckt, den Daumen erhoben. Sie musste sich umgedreht haben, sobald sie ihn sich nähern hörte, sein Motor und das Surren der Räder ein Hinweis lange bevor sie einander tatsächlich sehen konnten. Sie trug einen schwer aussehenden Rucksack mit untergeschnalltem Schlafsack und als er sich näherte, konnte er sehen, dass sie jung war. Nicht älter als achtzehn oder neunzehn, ein Freigeist auf dem Weg zu seinem neuen Abenteuer.

Sie war butterweich und süß, aber das spielte keine Rolle. Das taten solche Dinge nie. Es waren die Muster, die zählten.

Er reduzierte die Geschwindigkeit, hielt das Auto direkt hinter ihr an, wartete geduldig, bis sie ihn erreicht hatte.

„Hi“, sagte er, kurbelte das Fenster auf der Beifahrerseite herunter und neigte den Kopf, um sie anzusehen. „Brauchst du eine Mitfahrgelegenheit?“

„Äh, yeah“, sagte sie, sah ihn misstrauisch an, kaute auf ihrer Unterlippe. „Wo fahren Sie hin?“

„In die Stadt“, sagte er, deutete vage nach vorne. Es war ein Highway. Am Ende davon würde sich eine Stadt befinden und sie konnte für sich vervollständigen, welche es war. „Ich bin froh, dass ich dich gesehen habe. Um diese Tageszeit sind nicht viele andere Autos auf dieser Straße unterwegs. Es wäre hier draußen eine kalte Nacht geworden.“

Sie deutete ein Lächeln an. „Ich würde schon zurechtkommen.“

Er gab das Lächeln breiter zurück, freundlicher, sorgte dafür, dass es seine Augen erreichte. „Wir können mehr zustande kriegen als ‚zurechtkommen‘“, sagte er. „Spring rein. Ich lass dich bei einem Motel am Stadtrand raus.“

Sie zögerte immer noch; eine junge Frau, die alleine in ein Auto mit einem Mann stieg – egal wie nett er schien. Er verstand, dass sie in jedem Fall nervös sein würde. Aber sie sah die Straße auf und ab und musste erkannt haben, dass auch jetzt bei Anbruch der Nacht keine Scheinwerfer in eine der Richtungen zu sehen waren.

Sie öffnete die Beifahrertüre mit einem sanften Klicken, ließ den Rucksack von ihren Schultern gleiten und er lächelte, diesmal für sich selbst. Er musste nur Vertrauen haben und alles würde sich so ergeben, wie es ihm die Muster angekündigt hatten.




Kapitel sieben


„Gut, hört zu“, sagte Zoe. Sie fühlte sich bereits unwohl und das Gefühl verstärkte sich noch, als das allgemeine Geplauder im Raum nachließ und alle Augen sich auf sie richteten.

Shelley an ihrer Seite zu haben half wenig, um das Gefühl des unangenehmen Drucks, der über ihr hängenden gewichtigen Erwartung zu vertreiben. Die Aufmerksamkeit richtete sich wie ein Wasserschlauch auf sie, spürbar und aufschreckend. Genau das, was sie an jedem Tag ihres Lebens nach Möglichkeit vermied.

Aber manchmal erforderte der Job es und so sehr sie auch wollte, sie konnte Shelley nicht zwingen, ein Profil alleine zu präsentieren. Nicht als die ranghöhere Agentin.

Sie holte Luft, betrachtete die ganzen Polizisten, die im größten Besprechungsraum des Sheriffs in engstehenden Reihen aus Klappstühlen saßen. Dann sah sie weg, suchte sich einen Punkt an der gegenüberliegenden Wand, mit dem sie reden konnte, etwas weniger Einschüchterndes.

„Das ist das Profil, nach dem wir suchen“, fuhr Zoe fort. „Der männliche Verdächtige wird um die 1,78 groß sein, basierend auf den Berechnungen aller drei Leichenbeschauer und den wenigen Spuren, die wir an den Tatorten fanden. Wir glauben außerdem, dass er von schlanker bis mittlerer Statur ist. Er ist nicht besonders stark, eindrucksvoll oder einschüchternd.“

Shelley übernahm, machte für ihren Moment im Scheinwerferlicht einen Schritt nach vorne – sie schien es eher zu genießen als zu fürchten, ihre Augen leuchteten auf. „Bis zum Augenblick des Mordes wird er sich den meisten Leuten als harmlos darstellen. Wir glauben, dass es ihm gelang, seine Opfer in Unterhaltungen zu verwickeln und er sie sogar aus relativer Sicherheit in offenes Gelände führen konnte, wo er die Situation körperlich so beeinflusste, dass er hinter sie gelangen konnte. Er könnte sogar charmant, höflich sein.“

„Er ist nicht von hier“, fügte Zoe hinzu. „Er wird Nummernschilder aus einem anderen Staat an seinem Auto haben. Wir konnten zwar seinen Herkunftsstaat nicht ermitteln, aber er ist ständig unterwegs und wird das auch wahrscheinlich weiterhin sein.“

Bilder der Frauen, denen er das Leben genommen hatte, erschienen auf der Projektionswand hinter ihnen. Alle drei lebten, lächelten in die Kamera, lachten sogar. Es waren normale, echte Frauen – keine Models oder Versionen des gleichen Looks oder auf sonstige Weise außergewöhnlich. Nur Frauen, die bis vor drei Nächten alle lebendig gewesen waren, geatmet und gelacht hatten.

„Er hat es auf Frauen abgesehen“, sagte Zoe. „Eine pro Nacht, an einsamen Orten mit geringer Gefahr, mitten in der Tat erwischt oder von einer Überwachungskamera gefilmt zu werden. Es sind dunkle Gegenden, weit ab vom Schuss; Orte, die ihm genug Platz und Zeit geben, um den Mord durchzuführen.“

„Wie sollen wir ihn aufgrund eines solchen Profils schnappen?“ meldete sich einer der State Cops aus der Mitte des Stühledickichts vor ihr zur Wort. „Es gibt sicher Tausende von großen schlanken Typen mit Nummernschildern aus anderen Staaten hier in der Gegend.“

„Uns ist bewusst, dass es nicht viel ist, mit dem man arbeiten kann“, schritt Shelley ein, rettete Zoe davor, aus Verärgerung mit etwas Unfreundlichem herauszuplatzen. „Wir können nur mit dem arbeiten, was wir haben. Der nützlichste Weg, den wir mit dieser Information zum jetzigen Zeitpunkt einschlagen können ist, Warnungen herauszugeben, dass man einsame Gegenden meiden und auf der Hut sein soll, insbesondere wenn sich ein Mann nähert, auf den die Beschreibung passt.“

„Im ganzen Staat?“ Diese Frage kam von einem der örtlichen Polizisten, dem kleinen Team, das unter dem Sheriff arbeitete, dessen Revier in Missouri sie sowohl für ihre Ermittlung wie auch diese Besprechung in Beschlag genommen hatten.

Zoe schüttelte den Kopf. „In mehreren Staaten. Er ist bereits durch Kansas, Nebraska und Missouri gekommen. Das gibt Grund zu der Annahme, dass er weiterhin lange Strecken zurücklegen wird, um seine Verbrechen zu begehen.“

Leise Geräusche des Widerspruchs ertönten im Zimmer, Gemurmel und unzufriedenes Gemurre.

„Mir ist bewusst, dass es sich um ein großes Areal handelt“, sagte Zoe, versuchte, entschieden zu klingen. „Und ich bin mir auch bewusst, dass es eine vage Warnung ist. Aber wir müssen tun, was wir können.“

„Wer wird die Pressekonferenz abhalten?“ fragte der örtliche Sheriff. Er hatte eine Aura angeschlagener Autorität, als ob ihn das Gewicht all der anderen in seinem kleinen Revier zusammengedrängten Polizeibeamten erdrücken würde.

Zoe zögerte einen Moment. Sie hasste Pressekonferenzen. Sie wurde oft dafür kritisiert, wie steif und gefühllos sie wirkte, wenn sie über Opfer und die potentielle Gefahr weiterer Opfer sprach. Sie hatte in ihrer Laufbahn genug davon absolviert um zu wissen, dass sie nie wieder eine abhalten wollte.

„Meine Kollegin, Special Agent Shelley Rose, wird mit den Medien kommunizieren“, sagte sie, bemerkte, wie Shelleys Kopf überrascht hochgeschossen war. „Wir werden sie später zu einer im Fernsehen übertragenen Pressekonferenz einladen.“

Während die verschiedenen Polizisten im Raum damit begannen, ihre Stühle wegzuräumen und das Gemurmel die Lautstärke normaler Unterhaltungen annahm, näherte Shelley sich Zoe mit einem nervösen Murmeln. „Ich habe noch nie eine Pressekonferenz abgehalten“, sagte sie.

„Ich weiß“, antwortete Zoe. „Ich dachte, es wäre eine gute Möglichkeit für dich, Erfahrung darin zu sammeln. Es ist besser jetzt, wenn der Fall noch neu ist. Umso länger er ungelöst bleibt, desto bösartiger werden die Reporter. Vertrau mir, ich weiß, wovon ich rede. Wenn wir ihn nicht schnappen, bevor eine weitere Pressekonferenz notwendig wird, werde ich diese als ranghöhere Agentin übernehmen.“

Shelley nickte, ihre Wangen röteten sich leicht vor Aufregung. „Oh Gott. Wirst du mir helfen, vorher durchzugehen, was ich sagen soll? Ich war noch nie im Fernsehen, nicht einmal im Hintergrund.“




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