Eine Falle für Null
Jack Mars


“Sie werden nicht schlafen, bis Sie AGENT NULL zu Ende gelesen haben. Ein erstklassiges Werk, mit einer Reihe von gut entwickelten, sehr genießenswerten Figuren. Die Beschreibung der Action-Szenen befördert uns direkt in eine Realität, in der man meinen könnte, man säße im Kino mit Surroundsound und 3D (es würde wirklich einen tollen Hollywood Film abgeben). Ich kann die Fortsetzung kaum abwarten.” -Roberto Mattos, Books and Movie Reviews

In EINE FALLE FÜR ZERO (Buch #4) erringt ein neuer, fanatischer Anführer die Macht in einer Terroristenzelle. Er ist darauf besessen, den bisher tödlichsten Angriff auf amerikanischem Boden in die Tat umzusetzen. Kann Agent Null die Verschwörung aufdecken und ihn rechtzeitig aufhalten?

Agent Nulls Töchter sind zwar sicher zu Hause, doch die geistige Qual ihrer Erfahrungen lastet schwer auf ihrer kleinen Familie. Null, der sich darum bemüht, ein guter Vater zu sein und den Schaden wieder gut machen möchte, entscheidet sich zu einer Operation, um seine all Erinnerungen zurückzubekommen. Doch wird dies funktionieren?

Währenddessen wird er wieder zu seinen Pflichten gerufen, als eine amerikanische Botschaft im Nahen Osten zerstört und eine neue, experimentelle Waffe entdeckt wird. Doch wem kann er schon wirklich vertrauen, wenn ihm seine Erinnerung fehlt und einige seiner eigenen CIA-Verbündeten auf seine Zerstörung bedacht sind?

Eine Falle für Null (Buch #4) ist ein Spionage-Thriller, den man einfach nicht aus der Hand legen kann. Sie werden bis spät nachts weiterlesen.

“Thriller-Schriftstellerei vom besten.” -Midwest Book Review (in Bezug auf Koste es was es wolle)

“Einer der besten Thriller, die ich dieses Jahr gelesen habe.” -Books and Movie Reviews (in Bezug auf Koste es was es wolle)

Jack Mars’ #1 Bestseller LUKE STONE THRILLER Serie (7 Bücher) ist ebenfalls erhältlich. Sie beginnt mit Koste es was es wolle (Buch #1), das gratis heruntergeladen werden kann und über 800 fünf-Sterne-Rezensionen erhielt!





Jack Mars

Eine Falle für Null



Copyright © 2019 durch Jack Mars. Alle Rechte vorbehalten. Außer wie gemäß unter dem US Urheberrecht von 1976 ausdrücklich gestattet, darf kein Teil dieser Veröffentlichung auf irgendeine Weise oder in irgendeiner Form, reproduziert, verteilt oder übertragen, oder in einem Datenbank- oder Datenabfragesystem gespeichert werden, ohne zuvor die ausdrückliche Erlaubnis des Autors eingeholt zu haben. Dieses E-Book ist nur für den persönlichen Gebrauch bestimmt. Dieses E-Book darf kein zweites Mal verkauft oder an andere Personen weitergegeben werden. Wenn Sie dieses Buch an andere Personen weitergeben wollen, so erwerben Sie bitte für jeden Empfänger ein zusätzliches Exemplar. Wenn Sie dieses Buch lesen, ohne es käuflich erworben zu haben oder es nicht für Ihren alleinigen Gebrauch erworben wurde, so geben Sie es bitte zurück und erwerben Sie Ihr eigenes Exemplar. Vielen Dank, dass Sie die harte Arbeit des Autors respektieren. Es handelt sich um eine fiktive Handlung. Namen, Charaktere, Geschäfte, Organisationen, Orte, Ereignisse und Zwischenfälle entspringen entweder der Fantasie des Autors oder werden fiktional benutzt. Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Personen, ob tot oder lebendig, sind zufälliger Natur.



Jack Mars

Jack Mars ist der USA Today Bestseller Autor der LUKE STONE Thriller Serie, welche sieben Bücher umfasst (und weitere in Arbeit). Er ist außerdem der Autor der neuen WERDEGANG VON LUKE STONE Vorgeschichten Serie und der AGENT NULL Spionage-Thriller Serie.

Jack würde sich freuen, von Ihnen zu hören. Besuchen Sie seine Webseite www.jackmarsauthor.com (http://www.jackmarsauthor.com/) und registrieren Sie sich auf seiner Email-Liste, erhalten Sie ein kostenloses Buch und gratis Kundengeschenke. Sie können ihn ebenfalls auf Facebook und Twitter finden und in Verbindung bleiben!


BÜCHER VON JACK MARS

LUKE STONE THRILLER SERIE

KOSTE ES WAS ES WOLLE (Buch #1)

AMTSEID (Buch #2)

LAGEZENTRUM (Buch #3)



EINE AGENT NULL SPIONAGE-THRILLER SERIE

AGENT NULL (Buch #1)

ZIELOBJEKT NULL (Buch #2)

JAGD AUF NULL (Buch #3)

EINE FALLE FÜR NULL (Buch #4)

AKTE NULL (Buch #5)

RÜCKRUF NULL (Buch #6)

ATTENTÄTER NULL (Buch #7)

KÖDER NULL (Buch #8)


Agent Null – Buch 3 Zusammenfassung (Rekapitulation)

Als seine Töchter von einem Schatten aus seiner Vergangenheit entführt werden, muss Agent Null alles geben, um sie zurückzubringen – selbst, wenn das bedeutet, sich direkten Anweisungen der CIA zu widersetzen und von seiner eigenen Regierung abgeleugnet zu werden.



Agent Null: Obwohl er erfolgreich den Attentäter Rais getötet hat und seine Töchter aus den Händen von Menschenhändlern befreit hat, wurde er von der CIA losgesagt. Zuletzt sah man, wie er von drei Agenten in ein ungewisses Schicksal geführt wurde.



Maya und Sara Lawson: Nach ihrer entsetzlichen Qual in Osteuropa und der darauffolgenden Rettung durch ihren Vater sind die Töchter von Agent Null körperlich und geistig traumatisiert. Auch wenn sie stark von seiner Entschlossenheit, sie zu finden, beeindruckt sind, so werden sie sich dennoch jetzt bewusst, dass er mehr ist als das, was er zuvor zugegeben hatte.



Kate Lawson: Während seines letzten Kampfes mit Rais erinnerte sich Agent Null daran, dass seine Frau nicht an natürlichen Ursachen starb, sondern von einem tödlichen Gift ermordet wurde. Rais’ letzte Worte behaupteten, dass ihr Mörder die CIA war.



Agent Alan Reidigger: In einem Brief, den er Null vor seinem Tod schrieb, teilte Reidigger ihm den Namen des schweizer Neurologen mit, der den Gedächtnishemmer in Nulls Kopf installierte. Er ist ebenfalls seine beste Chance, jemals sein komplettes Gedächtnis wiederzuerlangen.



Agent Maria Johansson: Maria offenbarte, dass sie für zwei Seiten arbeitet – nicht nur für die CIA, sondern auch für die ukrainische FIS. Sie behauptet jedoch, dass sie beide Seiten manipuliert in der Hoffnung, eine Verschwörung über einen angeblich bald ausbrechenden Krieg aufzudecken.



Agent John Watson: Nachdem aufflog, dass er Agent Null dabei half, seine Töchter wiederzufinden, wurde Watson von der CIA verhaftet – genauso wie Maria Johansson.



Agent Todd Strickland: Er ist ein junger CIA Agent und ehemaliger Army Ranger, der anfänglich geschickt wurde, um Agent Null zu verhaften, doch letztendlich ihm und seinen Töchtern half. So kam es zu einer seltsamen Freundschaft zwischen den beiden ungleichen Agenten.



Deputy Direktor Shawn Cartwright: Es ist immer noch nicht ganz klar, auf wessen Seite er steht, ob er überhaupt auf einer Seite steht. Cartwright half Null indirekt, doch sagte ihn ebenfalls von der CIA los, während er sich auf seinem Amoklauf durch Osteuropa befand. Null glaubt, dass er einfach nur ein Diplomat ist, der sich auf jene Seite stellt, die ihm gerade nützlich ist.




Prolog


Reid Lawson war erschöpft, nervös und stand unter starkem Schmerz.

Vor allem jedoch war er verwirrt.

Vor nur weniger als vierundzwanzig Stunden hatte er seine zwei jugendlichen Töchter erfolgreich aus der Macht slowakischer Menschenhändler befreit. Dabei hatte er zwei Frachtzüge angehalten, unbeabsichtigt einen sehr teuren Prototyp-Helikopter zerstört, achtzehn Männer getötet und mehr als ein weiteres Dutzend schwer verletzt.

Waren es achtzehn? Er hatte den Überblick verloren.

Jetzt befand er sich durch Handschellen an einen Stahltisch gefesselt in einer kleinen, fensterlosen Arrestzelle und erwartete Neuigkeiten über sein Schicksal.

Die CIA hatte ihn gewarnt. Die Deputy Direktoren hatten ihm gesagt, was geschähe, sollte er ihre Anweisungen ignorieren und eigenmächtig handeln. Verzweifelt wollten sie einen weiteren Amoklauf, wie jenen, der zwei Jahre zuvor stattgefunden hatte, vermeiden. So hatten sie es genannt – einen “Amoklauf”. Einen gewaltsamen, blutigen Riss durch Europa und den Nahen Osten. Dieses Mal war es Osteuropa, durch Kroatien, die Slowakei und Polen.

Sie hatten ihn gewarnt, ihm damit gedroht, was geschähe. Doch Reid sah keinen anderen Ausweg. Es ging um seine Töchter, seine kleinen Mädchen. Jetzt waren sie in Sicherheit und Reid hatte sich damit abgefunden, das zu akzeptieren, was ihn jetzt erwartete.

Von der Aktivität der letzten paar Tage und extremem Schlafentzug abgesehen hatte man ihm Schmerzmittel gegeben, nachdem seine Wunden behandelt wurden. Während seines Kampfes mit Reid hatte er eine oberflächliche Stichwunde im Bauch erlitten, starke Quetschungen, einige oberflächliche Schnitte und Abschürfungen, eine klaffende Wunde am Bizeps, wo ihn eine Kugel gestreift hatte und sich außerdem eine leichte Gehirnerschütterung zugezogen. Nichts davon war ernst genug, um nicht verhaftet zu werden.

Ihm wurde sein Ziel nicht gesagt. Ihm wurde überhaupt nichts gesagt, während drei CIA Agenten, von denen er keinen wiedererkannte, ihn still aus dem polnischen Krankenhaus zu einem Flugplatz und in ein Flugzeug führten. Er war allerdings etwas erstaunt, als er am internationalen Flughafen von Dulles in Virginia ankam, und nicht wie erwartet in dem geheimen CIA Gefängnis Hölle-Sechs in Marokko.

Ein Polizeiwagen hatte ihn vom Flughafen zum Hauptquartier der Agentur gebracht, dem George Bush Center für Geheimdienst in der Gemeinde Langley in Virginia. Von dort aus wurde er in das stählerne Arrestzimmer im Erdgeschoss gebracht und an einen Tisch gefesselt, der in den Boden verschraubt war. Niemand gab ihm eine Erklärung hierfür.

Reid gefiel es nicht, wie er sich aufgrund der Schmerzmittel fühlte. Sein Gehirn war nicht ganz aufmerksam. Doch er konnte nicht schlafen, noch nicht. Ganz besonders nicht in der unbequemen Position, in der er sich an dem Stahltisch befand. Die Kette der Handschellen war durch eine Metallschlaufe gezogen und lag eng um beide seiner Handgelenke.

Er saß schon seit fünfundvierzig Minuten in dem Zimmer, wunderte sich, was zum Teufel da vor sich ging und warum er noch nicht in ein Loch in der Erde gesteckt worden war, als die Tür plötzlich aufschwang.

Reid stand sofort soweit auf, wie es ihm, gefesselt an den Tisch, möglich war. “Wie geht es meinen Mädchen?” fragte er schnell.

“Denen geht’s gut”, antwortete Deputy Direktor Shawn Cartwright. “Setz dich.” Cartwright war Reids Chef – vielmehr war er es gewesen, bis Reid losgesagt wurde, weil er eigenmächtig loszog, um seine Töchter zu finden. Cartwright war Mitte Vierzig, relativ jung für einen CIA Direktor, doch sein dickes, dunkles Haar ergraute an den Schläfen. Sicherlich war es nur ein Zufall, dass dies zum gleichen Zeitpunkt geschah, an dem Kent Steele von den Toten auferstanden war.

Reid setzte sich langsam wieder, während Cartwright den Stuhl ihm gegenüber nahm und sich räusperte. “Agent Strickland blieb bei deinen Töchtern, bis Sara aus dem Krankenhaus entlassen wurde.”, erklärte der Direktor. “Die Drei sind jetzt in einem Flugzeug und befinden sich in diesem Moment auf dem Weg nach Hause.”

Reid stieß einen kurzen Seufzer der Erleichterung aus – einen sehr kurzen, denn er wusste, dass es jetzt an ihn ging.

Die Tür öffnete sich erneut und Wut schwoll spontan in Reids Brust an, als Deputy Direktor Ashleigh Riker in das kleine Zimmer kam. Sie trug einen grauen Bleistiftrock und den dazu passenden Blazer. Riker war die Vorgesetzte der Spezialeinsatzgruppe, einer Untergruppierung von Cartwrights Division für Spezialaktivitäten, die sich um verdeckte internationale Einsätze kümmerte.

“Was macht die hier?” fragte Reid spitz. Sein Tonfall war alles andere als freundlich. Riker war seiner Meinung nach nicht vertrauenswürdig.

Sie setzte sich neben Cartwright und lächelte freundlich. “Ich, Herr Steele, habe die außerordentliche Freude, Ihnen mitzuteilen, wohin Sie jetzt kommen.”

Ein Knoten des Grauens formte sich in seinem Magen. Natürlich bereitete es Riker Freude, ihm seine Strafe auszuteilen. Ihre Verachtung für Agent Null und seine Taktiken war kaum zu übersehen. Reid erinnerte sich daran, dass er seine Mädchen in Sicherheit gebracht hatte und wusste, dass dies auf ihn zukam.

Doch das machte es nicht leichter. “In Ordnung”, sagte er ruhig. “Sagen Sie es mir. Wohin werde ich geschickt.?”

“Nach Hause”, antwortete Riker kurz.

Reids Blick huschte von Riker zu Cartwright und wieder zurück. Er war sich nicht sicher, dass er richtig gehört hatte. “Wie bitte?”

“Nach Hause. Sie gehen nach Hause, Kent.” Sie schob etwas über den Tisch. Ein kleiner, silberner Schlüssel rutschte über die polierte Oberfläche, direkt vor ihn.

Es war der Schlüssel zu den Handschellen. Doch er ergriff ihn nicht. “Warum?”

“Das kann ich leider nicht sagen”, antwortete Riker schulterzuckend. “Die Entscheidung wurde von höheren Rängen getroffen.”

Reid schnaubte. Er war erleichtert, um es gelinde auszudrücken, dass er nicht in ein elendes Loch wie H-6 geworfen würde, doch irgendwas schien hier nicht zu stimmen. Sie hatten ihm gedroht, ihn abgeleugnet und sogar zwei weitere Einsatzagenten hinter ihm hergeschickt… nur um ihn wieder freizulassen? Warum?

Die Schmerzmittel, die man ihm gegeben hatte, betäubten seine Gedanken. Sein Gehirn konnte nicht verarbeiten, was an dieser Entscheidung, die man ihm mitteilte, nicht stimmte. “Ich verstehe nicht…”

“Du warst die letzten fünf Tage nicht da”, unterbrach ihn Cartwright. “Du führtest Interviews durch, recherchiertest für ein Geschichtsbuch, das du herausgibst. Wir haben Namen und Kontaktinformation für mehrere Leute, die diese Geschichte bezeugen können.”

“Der Mann, der die Gräueltaten in Osteuropa begangen hat, wurde von Agent Strickland in Grodkow konfrontiert”, fuhr Riker fort. “Es stellte sich heraus, dass es sich um einen russischen Auswanderer handelte, der sich als Amerikaner ausgab, um eine internationale Krise zwischen uns und den Ostblocknationen auszulösen. Er zielte auf einen CIA Agenten und wurde erschossen.”

Reid blinzelte in Anbetracht der vielen falschen Informationen. Er wusste, was dies war. Sie gaben ihm eine Deckungsgeschichte, dieselbe, die man auch den Regierungen und Strafverfolgungsbehörden rund um die Welt gäbe.

Doch es konnte nicht so einfach sein. Irgendetwas stimmte nicht – angefangen mit Rikers seltsamen Lächeln. “Ich wurde losgesagt”, antwortete er. “Mir wurde gedroht. Ich wurde ignoriert. Ich glaube, ihr seid mir so was wie eine Erklärung schuldig.”

“Agent Null…” begann Riker. Dann kicherte sie ein wenig. “Entschuldigung, das ist eine alte Angewohnheit. Sie sind kein Agent, nicht mehr. Kent, wir haben diese Entscheidung nicht getroffen. Wie schon gesagt, sie kommt von weiter oben. Doch die Wahrheit ist, wenn wir uns das Ergebnis und nicht die Einzelteile ansehen, dass Sie einen internationalen Ring von Menschenhändlern außer Gefecht gesetzt haben, der die CIA und Interpol schon seit sechs Jahren plagt.”

“Du hast Rais umgebracht und damit vermutlich auch das letzte Amun-Mitglied”, fügte Cartwright hinzu.

“Ja, Sie haben Menschen getötet”, fuhr Riker fort. “Doch es hat sich bestätigt, dass jeder von ihnen ein Krimineller war – einige waren die Schlimmsten der Schlimmen. Mörder, Vergewaltiger, Pädophile. So sehr ich es auch hasse, es zuzugeben, ich muss der Entscheidung, dass Sie mehr Gutes als Schlechtes angerichtet haben, zustimmen.”

Reid nickte langsam – nicht, weil er der Logik zustimmte, sondern weil er sich dessen bewusst wurde, dass es für den Moment am besten war, aufzuhören, mit ihnen zu streiten, die Begnadigung zu akzeptieren und später zu versuchen, das alles zu verstehen.

Doch er hatte immer noch Fragen. “Was meint ihr damit, dass ich kein Agent mehr bin?”

Riker und Cartwright tauschten einen Blick aus. “Du wurdest versetzt”, erklärte ihm Cartwright. “Falls du den Job annimmst.”

“Die Division für nationale Ressourcen”, klang Riker ein, “das ist die inländische Abteilung der CIA. Sie gehört weiterhin zur Agentur, doch benötigt keine Einsätze. Sie müssen das Land oder Ihre Mädchen nie wieder verlassen. Sie heuersn Assets an. Kümmern sich um Nachbesprechungen. Treffen Diplomaten.”

“Warum?” fragte Reid.

“Einfach gesagt – wir wollen dich nicht verlieren”, erklärte ihm Cartwright. “Wir hätten dich lieber weiter bei uns in einer anderen Funktion, als dich ganz zu verlieren.”

“Wie steht’s mit Agent Watson?” fragte Reid. Watson hatte ihm geholfen, seine Mädchen zu finden. Er hatte ihm Ausrüstung zukommen lassen und Reid außer Landes gebracht, als dies notwendig war. Dabei hatte man Watson entdeckt und ihn festgenommen.

“Watson ist für acht Wochen wegen seiner Schulter krankgeschrieben”, sagte Riker. “Ich denke, er wird zurückkommen, sobald sie geheilt ist.”

Reid zog eine Augenbraue hoch. “Und Maria?” Sie hatte ihm auch geholfen – obwohl die CIA sie damit beauftragt hatte, Agent Null festzunehmen.

“Johansson befindet sich in den USA”, antwortete Cartwright. “Sie nimmt sich ein paar Tage Auszeit, bevor sie einen neuen Auftrag erhält. Doch sie kehrt in den Einsatz zurück.”

Reid musste ein sichtbares Kopfschütteln unterdrücken. Irgendwas stimmte hier ganz sicher nicht. Nicht nur er wurde begnadigt, sondern alle, die mit seinem letzten Amoklauf verbunden waren. Doch er hatte ebenfalls das Gefühl, das ihm riet, dass dies nicht der richtige Ort und Zeitpunkt war, um sich darüber zu streiten, nach Hause zu gehen.

Dazu bliebe später noch Zeit, wenn sein Gehirn nicht durch Schlafentzug und Schmerzmittel vernebelt wäre.

“Also… wie steht es nun?” fragte er. “Ich kann gehen?”

“Sie sind frei.” Riker lächelte erneut. Ihm gefiel der Ausdruck auf ihrem Gesicht überhaupt nicht.

Cartwright schaute auf seine Uhr. “Deine Töchter sollten in etwa zwei Stunden in Dulles ankommen. Draußen wartet ein Auto auf dich, falls du es möchtest. Du kannst dich frischmachen, umziehen und rechtzeitig dort ankommen, um sie zu begrüßen.”

Die zwei Deputy Direktoren standen auf und gingen zur Tür.

“Schön, dich wieder zurückzuhaben, Null.” Cartwright blinzelte ihm zu, bevor er den Raum verließ.

Als er allein im Zimmer war, blickte Reid auf den silbernen Schlüssel der Handschellen hinab, der vor ihm lag. Er sah zu den Kameras hinauf, die in den Ecken des Raumes angebracht waren.

Er ginge nach Hause – doch irgendwas fühlte sich gar nicht richtig dabei an.


* * *

Reid eilte auf das Parkhaus in Langley zu, befreit von den Handschellen und dem Arrestzimmer – befreit davon, Einsatzagent zu sein. Befreit von der Angst vor Auswirkungen gegen jene, die er liebte. Befreit von einem Dreckloch im Boden in H-6.

Eine verblüffende Idee überkam ihn, während er durch die Tore hinaus auf die Straße fuhr. Sie hätten ihn einfach in die Hölle-Sechs stecken können. Sie hätten ihm wenigstens damit drohen können, die schwarze Wolke der Angst, seine Familie nie wiederzusehen, über seinen Kopf verhängen können. Doch sie hatten es nicht getan.

Weil ich ansonsten jeden Grund gehabt hätte, darüber zu sprechen, argumentierte Reid. Es gäbe einen Grund für mich, alles auszuplaudern, wenn ich gedacht hätte, dass ich den Rest meines Lebens in einem Loch verbrächte.

Es spürte sich zwar wie Wochen an, doch nur vier Tage zuvor war eine fragmentierte Erinnerung zu ihm zurückgekommen. Vor dem Gedächtnishemmer hatte Kent Steele Information über einen vorgeplanten Krieg gesammelt, den die US-Regierung konzipierte. Er hatte mit niemandem darüber gesprochen, doch er hatte Maria offenbart, dass er sich an etwas erinnert hatte, dass eine Menge Probleme für eine Menge Leute bedeuten könnte.

Ihr Rat war einfach und direkt: Du kannst niemandem außer dir selbst vertrauen.

Er hatte es nicht zuvor gesehen, in dem Arrestzimmer, in dem sein Schicksal in Frage stand und die Schmerzmittel sein Gehirn vernebelten. Doch er sah es jetzt. Die Agentur wusste, dass er etwas wusste, doch sie wussten nicht, wie viel er wusste – oder an wie viel er sich erinnern würde. Er war sich nicht mal selbst sicher, wie viel er wirklich wusste.

Er schüttelte den Gedanken aus seinem Kopf. Jetzt, da die zweifelhaften Fragen über seine Zukunft gelöst waren, floss all die Anspannung aus seinen Schultern und er fühlte sich erschöpft und voller Schmerzen. Unter diesen Gefühlen braute sich eine sprudelnde Freude bei dem Gedanken, seine Mädchen wiederzusehen.

Es blieben ihm zwei Stunden, bevor ihr Flugzeug landete. Zwei Stunden waren mehr als genug, um nach Hause zu fahren, sich zu duschen, umzuziehen und sie dann zu treffen. Doch er entschied sich dazu, darauf zu verzichten und fuhr stattdessen direkt zum Flughafen.

Er wollte einfach nicht alleine in das leere Haus fahren.

Stattdessen stellte er das Auto auf dem Kurzzeitparkplatz von Dulles ab und betrat das Gebäude durch die Ankunft. Er kaufte sich einen Kaffee am Zeitungsstand und setzte sich in einen Plastikstuhl, nippte langsam daran, während ihm tausend Gedanken durch den Kopf gingen. Keiner davon blieb lange genug, um als bewusster Eindruck registriert zu werden, doch jeder einzelne flog vorbei, bevor er wieder zurückschwirrte, wie in einem Wirbelsturm.

Er musste Maria anrufen, entschloss er. Er musste ihre Stimme hören. Sie wüsste, was zu sagen war und selbst wenn nicht, dann gab es trotzdem immer etwas bei jedem Gespräch mit ihr, dass sein marodes Gehirn zu heilen schien. Reid hatte kein Handy, doch zum Glück gab es Telefonzellen, eine wachsende Seltenheit, im Flughafen. Dann hatte er kein Wechselgeld für die Maschine, weshalb er zuerst eine Null wählte und anschließend die Nummer, die er auswendig kannte.

Niemand ging dran. Es klingelte vier Mal, bevor der Anrufbeantworter sich meldete. Er hinterließ keine Nachricht. Er war sich nicht sicher, was er sagen sollte.

Schließlich kam endlich das Flugzeug an und eine Reihe eilender Passagiere schritt den langen Gang entlang, durch die Gates und die Sicherheitskontrolle, entweder in die Arme wartender Angehöriger oder hastig auf das Gepäckkarussell zu.

Strickland sah ihn zuerst. Agent Todd Strickland war jung, siebenundzwanzig, mit einem militärischen Haarschnitt und einem dicken Nacken. Sein Gang hatte einen Hauch von Stolz, der ihn gleichzeitig ansprechbar und autoritär erschienen ließ. Strickland schien überhaupt nicht überrascht darüber, Reid zu sehen. Die CIA hatte ihn zweifellos darüber informiert, dass man Kent Steele freigelassen hatte. Er nickte Reid nur einmal zu, während er die zwei jugendlichen Mädchen den langen Gang entlangführte.

Es schien, als hätte Strickland keiner seiner zwei Töchter gesagt, das er bei ihrer Ankunft da wäre, und Reid war ihm dankbar dafür. Maya entdeckte ihn als Nächstes und obwohl ihre Beine sich weiter bewegten, fiel ihr Unterkiefer vor Überraschung schlaff hinunter. Sara blinzelte zwei Mal, bevor ihre Lippen sich zu einem erfreuten, breiten Lächeln verzogen. Ihr Arm, der sich in Gips und einer Schlinge befand – sie hatte ihn gebrochen, nachdem sie aus einem fahrenden Zug gesprungen war – hielt sie nicht davon ab, auf ihn zuzurennen. “Papa!”

Reid ging auf ein Knie und fing sie in einer festen Umarmung auf. Maya eilte ihrer jüngeren Schwester hinterher und die drei umarmten sich für eine lange Weile.

“Wie?” flüsterte Maya heiser in sein Ohr. Beide Mädchen hatten ausreichend Grund, um zu glauben, dass sie ihren Vater für womöglich lange Zeit nicht wiedersähen.

“Wir reden später”, versprach Reid. Er löste seine Umarmung und stand auf, um sich Strickland zuzuwenden. “Danke, dass du sie sicher heimgebracht hast.”

Strickland nickte und schüttelte Reids Hand. “Ich halte nur mein Wort.” In Osteuropa war es zu einer Art von seltsamem, gegenseitigen Verständnis zwischen Reid und Strickland gekommen. Dabei hatte der jüngere Agent ihm versprochen, auf die beiden Mädchen aufzupassen, egal, ob Reid da wäre oder nicht. “Ich mach mich dann mal auf den Weg”, sagte er zu ihnen. “Seid lieb, ihr zwei.” Er grinste die Mädchen an und schritt von der kleinen Familie weg.

Die Fahrt nach Hause war kurz, dauerte nur eine halbe Stunde, und aufgrund von Saras untypischem Gerede erschien sie noch kürzer. Sie erzählte ihm, wie gut Agent Strickland sie behandelt hatte und wie die Ärzte in Polen sie selbst die Farbe ihres Gipses auswählen ließen, doch dass sie sich dennoch für das normale Beige entschieden hatte, damit sie ihn selbst mit Buntstiften anmalen konnte. Maya saß seltsam still auf dem Beifahrersitz. Hin und wieder blickte sie über die Schulter auf ihre kleine Schwester und lächelte kurz.

Als sie zu Hause in Alexandria ankamen, schien es als sei die Eingangstür ein Staubsauger für jeden fröhlichen oder erfreulichen Gedanken. Die Stimmung änderte sich im Handumdrehen. Das letzte Mal, als sie die Eingangshalle betraten, lag ein toter Mann direkt vor der Küche. Dave Thompson, ihr Nachbar, war ein pensionierter CIA Agent, der von dem Attentäter ermordet wurde, der anschließend Maya und Sara entführte.

Niemand sprach, als Reid die Tür schloss und den Code eingab, der die Alarmanlage aktivierte. Die Mädchen schienen zu zögern, überhaupt einen weiteren Schritt in das Haus zu wagen.

“Es ist in Ordnung”, sagte er ihnen leise, und obwohl er selbst kaum daran glaubte, ging er voran zur Küche, um ihnen zu beweisen, dass sie keine Angst haben müssten. Das Team der Tatort-Reinigung hatte gründlich gearbeitet, doch der starke Geruch von Salmiakgeist und die blitzblanken Fugen zwischen den Fliesen wiesen immer noch darauf hin, dass jemand hier gewesen war, das Blut aufgewischt und jegliche Spur von dem Mord, der hier stattgefunden hatte, entfernt hatte.

“Hat jemand Hunger?” fragte Reid und versuchte dabei, so sorglos zu erscheinen, dass er laut und theatralisch klang.

“Nein”, antwortete Maya leise. Sara schüttelte ihren Kopf.

“OK.” Man konnte die bedeutungsvolle Stille, die folgte, spüren, als sei sie ein unsichtbarer Ballon, der sich aufblies, um eine riesige Distanz zwischen ihnen zu schaffen. “Na dann”, sagte Reid letztendlich und hoffte, ihn zu zerbersten, “ich weiß ja nicht, wie es mit euch beiden steht, aber ich bin erschöpft. Ich glaube, wir sollten alle etwas zur Ruhe kommen.”

Die Mädchen nickten erneut. Reid küsste Sara auf den Kopf und sie schlurfte zurück in die Eingangshalle – er bemerkte, dass sie dabei näher an einer Wand entlangging, obwohl ihr nichts im Weg stand – und die Treppen hinauf.

Maya wartete, sagte nichts, doch horchte aufmerksam, bis die Schritte auf der Treppe den Teppichboden am oberen Ende erreicht hatten. Sie zog sich die Schuhe aus und fragte dann plötzlich: “Ist er tot?”

Reid blinzelte zwei Mal. “Ist wer tot?”

Maya blickte nicht auf. “Der Mann, der uns entführt hat. Derjenige, der Herrn Thompson ermordet hat. Rais.”

“Ja”, antwortete Reid leise.

“Hast du ihn getötet?” Ihr Blick war hart, aber nicht wütend. Sie wollte die Wahrheit wissen, keine weitere Deckungsgeschichte oder Lüge hören.

“Ja”, gab er nach einem langen Moment zu.

“Gut”, flüsterte sie zurück.

“Hat er euch seinen Namen verraten?” fragte Reid.

Maya nickte und sah ihn dann entschlossen an. “Da war noch ein weiterer Name, von dem er wollte, dass ich ihn weiß. Kent Steele.”

Reid schloss seine Augen und seufzte. Irgendwie schaffte Rais es immer noch, ihn weiter zu plagen, selbst über den Tod hinaus. “Damit bin ich jetzt fertig.”

“Versprichst du das?” Sie zog beide Augenbrauen hoch und hoffte, dass er ehrlich war.

“Ja. Ich verspreche es.”

Maya nickte. Reid wusste nur zu gut, dass es noch nicht zu Ende war. Sie war viel zu intelligent und wissbegierig, um die Dinge dabei zu belassen. Doch für den Augenblick schienen seine Antworten sie zu befriedigen, und sie ging die Treppe hoch.

Er hasste es, seine Töchter zu belügen. Er hasste es noch mehr, sich selbst zu belügen. Seine Einsatzarbeit war noch nicht vorbei – vielleicht die bezahlten Einsätze, doch er musste noch eine Menge tun, wenn er der Verschwörung auf den Grund gehen wollte, die er gerade erst begonnen hatte, aufzudecken. Er hatte keine Wahl, solange er etwas wusste, war er weiterhin in Gefahr. Seine Mädchen könnten sich immer noch in Gefahr befinden.

Er wünschte sich für einen Moment, nichts davon zu wissen, dass er alles vergessen könnte, was er über die Agentur wusste, über Verschwörungen, und einfach nur ein College Professor und Vater für seine Töchter sein könnte.

Doch das kannst du nicht. Also musst du das Gegenteil tun.

Er brauchte nicht weniger Erinnerungen. Er hatte dies schon ausprobiert und es hatte nicht sehr gut funktioniert. Er brauchte mehr Erinnerungen. Je mehr er sich an das erinnern könnte, was er vor zwei Jahren wusste, desto weniger müsste er arbeiten, um die Wahrheit aufzudecken. Vielleicht müsste er sich nicht mehr lange sorgen.

Während er da in der Küche stand, nur ein paar Meter von dem Flecken entfernt, an dem Thompson ermordet wurde, traf Reid seine Entscheidung. Er würde den alten Brief von Alan Reidigger finden – und damit auch den Namen des schweizer Neurologen, der den Gedächtnishemmer in seinen Kopf implantiert hatte.




Kapitel eins


Abdallah bin Mohammed war tot.

Der Körper des alten Mannes lag auf einer Granitplatte im Hof des Lagers, einer ummauerten Gruppe von verschachtelten, beigen Gebäude, die etwa achtzig Kilometer westlich von Albaghdadi in der Wüste Iraks lag. Dort hatte die Brüderschaft sowohl den Ausschluss von Hamas als auch die Überwachung durch amerikanische Streitkräfte während der Besetzung und darauffolgenden Demokratisierung des Landes überlebt. Für jegliche Person, die nicht der Brüderschaft angehörte, war das Lager lediglich eine Kommune orthodoxer Schiiten. Razzien und erzwungene Kontrollen des Geländes hatten nichts ergeben. Ihre geheimen Lager waren gut versteckt.

Der alte Mann hatte sich persönlich um ihr Überleben gekümmert, sein Vermögen im Dienst der Aufrechterhaltung ihrer Ideologie ausgegeben. Doch jetzt war bin Mohammed tot.

Awad stand stoisch neben der Platte, auf dem die aschfarbene Leiche des alten Mannes aufgebahrt war. Bin Mohammeds vier Gattinnen hatten ihm schon ghusl zukommen lassen. Sie wuschen seinen Körper drei Mal, bevor sie ihn in Weiß kleideten. Seine Augen waren friedlich geschlossen, seine Hände über seine Brust gekreuzt, die Rechte über die Linke. Die Leiche hatte keinen Flecken oder Kratzer, während der letzten sechs Jahre hatte er in der Anlage gelebt und war dort gestorben, ihre Mauern nicht verlassen. Er wurde nicht durch Granatfeuer oder Drohnenangriffe, wie so viele andere Mudschaheddin, getötet.

“Wie?” fragte Awad auf arabisch. “Wie starb er?”

“Er hatte Nachts einen Krampfanfall”, antwortete Tarek. Der kleinere Mann stand auf der anderen Seite der Steinplatte Awad gegenüber. Viele in der Brüderschaft sahen Tarek als den stellvertretenden Kommandeur nach bin Mohammed an, doch Awad wusste, dass seine Aufgabe kaum die eines Boten und Betreuers überschritt, als die Gesundheit des alten Mannes sich verschlechterte. “Der Anfall rief einen Herzinfarkt hervor. Es dauerte nur einen Augenblick. Er litt nicht.”

Awad legte eine Hand auf die stille Brust des alten Mannes. Bin Mohammed hatte ihm viel beigebracht, nicht nur bezüglich des Glaubens, sondern auch was die Welt anging, die vielen Notlagen in ihr, und was es bedeutete, ein Anführer zu sein.

Und er, Awad, sah nicht nur eine Leiche vor sich, sondern ebenfalls eine Chance. Drei Nächte zuvor hatte Allah ihn mit einem Traum beschenkt, doch jetzt war es schwer, ihn nur so zu nennen. Er war prophetisch. In ihm sah er Mohammeds Tod und eine Stimme sagte ihm, dass er aufstiege und die Brüderschaft anführte. Die Stimme, so war er sich sicher, gehörte dem Propheten, er sprach im Auftrag des Einen Wahren Gottes.

“Hassan ist auf einem Munitionsraubzug”, gab ihm Tarek leise zu wissen. “Er weiß noch nicht, dass sein Vater verstorben ist. Er kommt heute zurück. Bald schon wird er erfahren, dass es jetzt an ihm liegt, die Brüderschaft anzuführen—”

“Hassan ist schwach”, entfuhr es Awad schärfer, als er es eigentlich vorhatte. “Während Mohammeds Gesundheitszustand sich verschlechterte, tat Hassan nichts, damit wir nicht schwächer würden.”

“Doch…”, Tarek zögerte. Er war sich Awads aufbrausendem Temperament nur zu gut bewusst. “Die Pflichten der Führerschaft fallen auf den ältesten Sohn—”

“Das ist hier keine Dynastie”, gab Awad zurück.

“Wer denn dann…?” Tarek hielt inne, als er bemerkte, worauf Awad anspielte.

Der jüngere Mann verengte seine Augen zu einem Schlitz, doch sagte nichts. Das war nicht nötig, ein stechender Blick reichte schon als Drohung aus. Awad war jung, noch nicht einmal dreißig, doch er war groß und stark, sein Kiefer so steif und unnachgiebig wie sein Glaube. Nur Wenige erhöben das Wort gegen ihn.

“Bin Mohammed wollte, dass ich der Anführer würde”, erklärte Awad Tarek. “Er hatte es selbst so gesagt.” Das stimmte nicht ganz. Der alte Mann hatte bei mehreren Gelegenheiten zum Ausdruck gebracht, dass er das Potentiell für Größe in Awad sah, und dass er ein natürlicher Anführer von Menschen wäre. Awad interpretierte diese Aussagen als eine Erklärung der Absichten des alten Mannes.

“Mir hat er nichts davon gesagt”, wagte es Tarek, zu widersprechen, auch wenn er es nur sehr leise hervorbrachte. Sein Blick war nach unten gerichtet, traf nicht Awads dunkle Augen.

“Weil er wusste, dass auch du schwach bist”, forderte ihn Awad heraus. “Sag mir, Tarek, wie lange ist es her, seit du das letzte Mal hinter diesen Mauern herausgekommen bist? Wie lange lebst du schon von der Wohltätigkeit und Sicherheit bin Mohammeds, unbesorgt von Kugeln und Bomben?” Awad lehnte sich nach vorn, über den Körper des alten Mannes, während er leise hinzufügte: “Wie lange, glaubst du, würdest du überleben, wenn ich die Macht übernehme und dich nur mit den Klamotten, die du auf dem Leib trägst, verbanne?”

Tareks Unterlippe bewegte sich, doch kein Klang entrann seiner Kehle. Awad grinste. Der kleine, pausbackige Tarek hatte Angst.

“Mach schon”, trieb ihn Awad voran. “Sag mir, was du denkst.”

“Wie lange…” schluckte Tarek, “wie lange, glaubst du, dass du innerhalb dieser Mauern ohne die Unterstützung von Hassan bin Abdallah überlebst? Wir werden in der gleichen Lage stecken. Nur an anderen Orten.”

Awad grinste. “Ja. Du bist gerissen, Tarek. Doch ich habe eine Lösung.” Er lehnte sich über die Platte und sprach leiser. “Unterstütze meinen Anspruch.”

Tarek sah scharf auf, überrascht von Awads Worten.

“Sag ihnen, dass du dasselbe wie ich gehört hast”, fuhr er fort. “Sag ihnen, dass Abdallah bin Mohammed mich zum Anführer nach seinem Tod ernannt hat, und ich schwöre dir, dass du immer einen Platz in der Brüderschaft hast. Wir werden unsere Kraft zurückgewinnen. Wir machen unseren Namen bekannt. Und der Wille Allahs, Friede sei mit ihm, wird geschehen.”

Bevor Tarek antworten konnte, rief ein Wächter durch den Hof. Zwei Männer hievten die schweren Eisentore gerade rechtzeitig auf, damit zwei Lastwagen, mit matschigen Rädern von dem kürzlich gefallenen Regen, durchfahren konnten.

Acht Mann traten hinaus – alle, die hinausfuhren, waren auch zurückgekommen – doch selbst von seinem Blickwinkel aus konnte Awad erkennen, dass der Raubzug kein Erfolg war. Sie hatten keine Munition mitgebracht.

Einer der Acht trat voran, seine Augen in Schock geweitet, als er auf die Steinplatte zwischen Awad und Tarek starrte. Hassan bin Abdallah bin Mohammed war vierunddreißig Jahre alt, doch er sah immer noch wie ein hagerer Jugendlicher aus. Seine Wangen waren seicht und sein Bart lückenhaft.

Ein leises Stöhnen entrang Hassans Lippen, als er die still liegende Figur auf der Platte erkannte. Er lief darauf zu und seine Schuhe ließen den Sand hinter ihm aufwirbeln. Awad und Tarek schritten zurück, gaben ihm Raum, während Hassan sich über die Leiche seines Vaters warf und laut schluchzte.

Schwach. Awad grinste höhnisch aufgrund der Szene, die sich vor ihm abspielte. Es wird einfach sein, die Brüderschaft zu übernehmen.

An diesem Abend führte die Brüderschaft im Hof Salat-al-Janazah durch, das Begräbnisgebet für Abdallah bin Mohammed. Jede anwesende Person kniete sich in drei Reihen in Richtung Mekka nieder. Sein Sohn Hassan war seinem Körper am nächsten und seine Frauen bildeten das Ende der dritten Reihe.

Awad wusste, dass die Leiche sofort nach den Riten begraben würde. Die muslimische Tradition befahl, dass eine Leiche so schnell wie möglich begraben werden musste. Er war der Erste, der nach dem Gebet aufstand und sprach mit inbrünstiger Stimme: “Meine Brüder”, begann er. “Mit großem Kummer übergeben wir Abdallah bin Mohammeds Körper der Erde.”

Alle Augen richteten sich auf ihn, einige waren durch seine plötzliche Unterbrechung verwirrt, doch niemand stand auf oder unterbrach ihn.

“Sechs Jahre sind vergangen, seitdem wir wegen der Heuchelei Hamas’ aus Gaza verbannt wurden”, fuhr Awad fort. “Vor sechs Jahren wurden wir in die Wüste vertrieben und leben von der Wohltätigkeit bin Mohammeds, plündern und rauben, was wir können. Seit sechs Jahren leben wir eine Lüge und halten uns in den Schatten von Hamas auf. In den Schatten von Al-Qaeda. Von Isis. Von Amun.”

Er hielt einen Moment inne, während er den Blick jedes Augenpaares erwiderte. “Nicht länger. Die Brüderschaft wird sich nicht länger verstecken. Ich habe einen Plan ausgearbeitet. Vor Abdallahs Tod habe ich ihm meinen Plan erklärt und seinen Segen erhalten. Wir, Brüder, werden diesen Plan durchführen und unseren Glauben behaupten. Wir werden die Häretiker ausmerzen, und die ganze Welt wird die Brüderschaft kennenlernen. Ich verspreche es euch.”

Viele, sogar die meisten, Köpfe nickten im Hof. Ein Mann stand auf, ein starker und etwas zynischer Bruder, der sich Usama nannte. “Und worum geht es in diesem Plan, Awad?” fragte er mit herausfordernder Stimme. “Welchen großartigen Komplott hast du da ausgeheckt?”

Awad lächelte. “Wir werden den heiligsten Dschihad, der jemals auf amerikanischen Boden durchgeführt wurde, anzetteln. Einen, den Al-Qaedas Angriff auf New York als fruchtlos erscheinen lassen wird.”

“Wie?” wollte Usama wissen. “Wie werden wir das anstellen?”

“Alles wird offenbart”, antwortete Awad geduldig. “Doch nicht heute Nacht. Dies ist ein Abend der Ehrfurcht.”

Awad hatte wirklich einen Plan. Er hatte sich in seinem Gehirn schon für einige Zeit geformt. Er wusste, dass es möglich wäre, er hatte mit dem Libyer gesprochen, der ihn über die israelischen Journalisten und die Kongressdelegation aus New York informierte, die bald in Bagdad wären. Es schien wie eine schicksalhafte Fügung, dass sich alles so ergeben hatte – sogar Abdallahs Tod. Awad war sogar soweit gegangen, eine vorläufige Vereinbarung mit einem Waffenhändler zu treffen, der Zugang zu der notwendigen Ausrüstung für den Angriff auf die US Stadt hatte, doch es war eine Lüge, dass er es mit Abdallah besprochen hatte. Der alte Man war ein Anführer, ein Freund und ein Wohltäter für die Brüderschaft – und dafür war Awad ihm dankbar – doch er hätte niemals zugestimmt. Es bräuchte erhebliche finanzielle Mittel und könnte den Bankrott für ihre Ressourcen bedeuten, falls etwas schiefging.

Deshalb wusste Awad, dass er sich bei Hassan bin Abdallah beliebt machen musste. Die Pflicht der Bestattung wurde für gewöhnlich von dem engsten männlichen Verwandten durchgeführt, doch Awad konnte sich kaum vorstellen, dass Hassans dünne, schlaksige Arme ein Loch grüben, das tief genug wäre. Außerdem könnte er Hassan näherkommen, wenn er ihm bei der Aufgabe hälfe, und so seinen Plan mit ihm besprechen.

“Bruder Hassan”, sagte Awad. “Ich hoffe, dass du mir die Ehre gibst, dir dabei zu helfen, Abdallah zu begraben.”

Der anämische Hassan blickte ihn an und nickte einmal. Awad konnte in den Augen des jungen Mannes sehen, dass er vor Angst, die Brüderschaft anzuführen, erstarrte. Die beiden traten aus der dreireihigen Gebetsformation heraus, um Schaufeln zu holen.

Nachdem sie außer Hörweite der anderen waren, im Mondlicht des offenen Hofes erleuchtet, räusperte Hassan sich und fragte: “Was hast du da für einen Plan, Awad?”

Awad bin Saddam hielt ein Grinsen zurück. “Er fängt damit an”, antwortete er, “drei Männer zu entführen. Morgen, nicht weit von hier. Er endet mit einem direkten Angriff auf die Stadt New York.” Er hielt inne und legte eine schwere Hand auf Hassans Schulter. “Doch ich kann das nicht alleine inszenieren. Ich brauche deine Hilfe, Hassan.”

Hassan schluckte und nickte.

“Ich verspreche dir”, fuhr Awad fort, “dass diese sündenverdorbene Nation habgieriger Abtrünniger einen unzählbaren Verlust erleidet. Die Brüderschaft wird endlich als eine Macht im Islam anerkannt werden.”

Und, behielt er bei sich, der Name Awad bin Saddam wird für immer einen Platz in der Geschichte haben.




Kapitel zwei


“Erinnert, erinnert, den fünften November”, sagte Professor Lawson, während er vor einer Gruppe von siebenundvierzig Stunden im Healy Hörsaal der Georgetown Universität auf- und abging. “Was bedeutet das?”

“Wissen Sie denn nicht, dass wir erst April haben?” witzelte ein braunhaariger Junge in der ersten Reihe.

Einige Studenten kicherten. Reid grinste. Im Hörsaal war er in seinem Element, es fühlte sich gut an, wieder hier zu sein. Fast, als sei alles wieder normal. “Nicht ganz. Das ist die erste Zeile eines Gedichts, dass einem sehr wichtigen Anlass – oder fast-Anlass, sozusagen – in der englischen Geschichte gedenkt. Der fünfte November, bitte?”

Eine junge, braunhaarige Frau einige Reihen weiter hinten erhob höflich die Hand und bot an: “Guy Fawkes Tag?”

“Ja, danke schön.” Reid blickte kurz auf seine Uhr. Die digitale Anzeige nach Neuigkeiten zu überprüfen, war seit kurzem zu einer Gewohnheit geworden, fast wie ein eigentümlicher Spleen. “Ähm, obwohl die Feierlichkeiten nicht mehr so verbreitet sind wie zuvor, fand am fünften November ein gescheiterter Mordkomplott statt. Ich bin mir sicher, dass ihr alle schon Mal den Namen Guy Fawkes gehört habt.”

Köpfe nickten und bejahendes Gemurmel war im Hörsaal zu vernehmen.

“Gut. 1605 arbeiteten Fawkes und zwölf weitere Verschwörer einen Plan aus, um das House of Lords, den englischen Bundesrat, während einer Versammlung zu sprengen. Doch die Mitglieder des House of Lords waren nicht ihr eigentliches Ziel. Vielmehr wollten sie König James I ermorden, der Protestant war. Fawkes und seine Freunde wollten wieder einen katholischen Monarchen auf den Thron setzen.”

Er blickte erneut auf seine Uhr. Eigentlich wollte er es gar nicht, es war ein Reflex.

“Ähm…” Reid räusperte sich. “Ihr Plan war recht einfach. Über einige Monate hinweg verstauten sie sechsunddreißig Fass Schießpulver in einer Krypta – das ist so was wie ein Weinkeller – direkt unter dem Parlament. Fawkes war der Attentäter. Er sollte eine lange Zündschnur entfachen und dann, so schnell ihn seine Beine trugen, zur Themse rennen.”

“Wie in einem Wile E. Coyote Zeichentrickfilm”, sagte der Witzbold in der ersten Reihe.

“So ähnlich”, stimmte Reid zu. “Deshalb nennt man ihren Mordversuch heutzutage auch den Schießpulver-Komplott. Doch sie schafften es nicht, die Zündschnur zu entfachen. Jemand gab dem House of Lords anonym einen Hinweis und man durchsuchte die Krypten. Das Schießpulver und Fawkes wurden entdeckt…”

Er warf wieder einen Blick auf seine Uhr. Sie zeigte ihm nichts außer der Zeit an.

“Und, ähm…” Reid kicherte leise über sich selbst. “Es tut mir leid, Leute, ich bin heute einfach ein bisschen abgelenkt. Fawkes wurde ertappt, doch weigerte sich, die anderen Verschwörer zu verraten – zumindest zu Anfang. Er wurde in den Tower of London gesteckt und dort für drei Tage gefoltert…”

Plötzlich blitzte eine Vision in seinem Gehirn auf. Es war eigentlich weniger eine Vision als vielmehr eine Erinnerung, die sich da aufdringlich breitmachte und ihren Weg in seinen Kopf bahnte, als er Folter erwähnte.

Ein geheimes CIA-Gefängnis in Marokko. Codename H-6. Bei den meisten unter ihrem Pseudonym bekannt – Hölle-sechs.

Ein gefangener Iraner ist auf einen leicht geneigten Tisch gefesselt. Über seinem Kopf eine Kapuze. Du drückst ein Handtuch auf sein Gesicht.

Reid erschauerte, als ein Frösteln ihm über den Rücken jagte. Die Erinnerung war eine, die er schon zuvor hatte. In seinem anderen Leben als CIA Agent Kent Steele, hatte er an gefangenen Terroristen “Verhör-Techniken” durchgeführt, um an Information zu gelangen. So hatte die Agentur sie genannt – Techniken. Dazu gehörte Waterboarding, Daumenschrauben und das Ziehen von Fingernägeln.

Doch das waren keine Techniken. Es war ganz einfach nur Folter. Gar nicht so anders, wie bei Guy Fawkes im Tower of London.

Du machst das nicht mehr, erinnerte er sich selbst. Das bist du nicht.

Er räusperte sich erneut. “Drei Tage lang wurde er, äh, verhört. Dann rückte er schließlich die Namen sechs weiterer Verschwörer heraus und alle wurden zum Tod verurteilt. Der Komplott, das Parlament und King James I vom Untergeschoss aus zu sprengen, wurde vereitelt, und der fünfte November verwandelte sich in einen Tag, an dem man den gescheiterten Mordversuch feiert…”

Eine Kapuze über seinem Kopf. Ein Handtuch auf seinem Gesicht.

Wasser gießen. Nicht aufhören. Der Gefangene schlägt so fest um sich, dass er seinen eigenen Arm bricht.

“Sag mir die Wahrheit!”

“Professor Lawson?” fragte der braunhaarige Student in der ersten Reihe. Er starrte Reid an – sie alle starrten. Habe ich das gerade laut gesagt? Er dachte, dass dem nicht so sei, doch die Erinnerung war in seinen Kopf vorgedrungen und hatte sich vielleicht sogar bis zu seinem Mund ausgebreitet. Alle Augen waren auf ihn gerichtet, einige Studenten flüsterten zueinander, während er da verlegen stand und sein Gesicht rot wurde.

Er blickte zum vierten Mal in ebenso vielen Minuten auf seine Uhr.

“Ähm, Entschuldigung”, kicherte er nervös. “Sieht so aus, als wäre uns für heute die Zeit ausgegangen. Bitte lest über Fawkes und die Hintergründe bezüglich des Schießpulver-Komplotts nach. Am Montag besprechen wir dann den Rest der protestantischen Reformation und beginnen mit dem dreißigjährigen Krieg.”

Im Hörsaal erklang das Geräusch von Schlurfen und Rascheln, als die Studenten ihre Bücher und Taschen aufsammelten und sich auf den Weg nach draußen machten. Reid rieb sich die Stirn, er spürte, wie Kopfschmerzen sich ankündigten. Das war etwas, das in letzter Zeit immer häufiger vorkam.

Die Erinnerung des gefolterten Andersdenkenden hing wie ein schwerer Nebel über ihm. Auch das war in letzter Zeit öfter geschehen: wenige neue Erinnerungen kamen zurück, doch jene, an die er sich schon zuvor erinnert hatte, kehrten stärker, instinktiver wieder. Sie erschienen wie ein Déjà-vu, doch er wusste, dass er dort gewesen war. Es war nicht nur ein Gefühl, er hatte all diese Dinge und noch viel mehr wirklich getan.

“Professor Lawson.” Reid blickte scharf auf wurde von einer jungen, blonden Frau aus seinen Gedanken gerissen, die sich ihm annäherte und dabei eine Tasche über ihre Schulter warf. “Haben Sie heute Abend ein Rendezvous oder so?”

“Wie bitte?” Reid runzelte die Stirn, fühlte sich von der Frage überrumpelt.

Die junge Frau lächelte. “Ich bemerkte, dass sie etwa alle dreißig Sekunden auf ihre Uhr starrten. Ich dachte mir, dass sie heute Abend vielleicht eine heiße Verabredung hätten.”

Reid erzwang ein Lächeln. “Nein, nichts in der Art. Ich, äh, freue mich nur aufs Wochenende.”

Sie nickte zustimmend. “Ich auch. Genießen Sie’s, Professor.” Sie drehte sich, um den Hörsaal zu verlassen, doch hielt inne, blickte über ihre Schulter und fragte: “Hätten Sie denn mal Lust, irgendwann?”

“Wie bitte?” fragte er düster.

“Auf eine Verabredung. Mit mir.”

Reid blinzelte, war sprachlos. “Ich, äh…”

“Denken Sie drüber nach.” Sie lächelte erneut und ging hinaus.

Er stand einen langen Moment da, versuchte zu verarbeiten, was gerade geschehen war. Alle Erinnerungen an Folter oder geheime Gefängnisse, die noch da schwebten, wurden von der unerwarteten Einladung zur Seite geschoben. Er kannte die Studentin ziemlich gut. Sie war mehrmals zu seiner Sprechstunde gekommen, um die Arbeiten für die Vorlesung überprüfen zu lassen. Sie hieß Karen, sie war dreiundzwanzig und eine der Intelligentesten in seiner Vorlesung. Nach der High School hatte sie sich ein paar Jahre Zeit genommen, bevor sie mit der Universität begann und war währenddessen gereist, hauptsächlich durch Europa.

Fast hätte er sich auf die Stirn geschlagen, als er plötzlich bemerkte, dass er mehr über die junge Frau wusste, als er sollte. Diese Besuche seiner Sprechstunde waren nicht gedacht, um Hilfe für ihre Aufgaben zu bekommen. Sie hatte sich in den Professor verliebt. Und sie war unbestreitbar schön, falls Reid es sich auch nur für einen Augenblick erlaubte, so zu denken – was er für gewöhnlich nicht tat, nicht seit er gelernt hatte, die körperlichen und geistigen Eigenschaften seiner Studenten zu trennen und sich auf ihre Bildung zu konzentrieren.

Doch diese Studentin, Karen, war sehr attraktiv, blond, mit grünen Augen, schlank, doch athletisch, und…

“Oh”, sprach er laut in den leeren Hörsaal.

Sie erinnerte ihn an Maria.

Vier Wochen waren vergangen, seitdem Reid und seine Mädchen aus Osteuropa zurückgekehrt waren. Zwei Tage später wurde Maria auf einen weiteren Einsatz geschickt, und trotz seiner SMS und Anrufe auf ihr persönliches Handy hatte er seitdem nichts mehr von ihr gehört. Er wunderte sich, wo sie war, ob es ihr gutging… und ob sie immer noch dasselbe für ihn verspürte. Ihre Beziehung zueinander war so komplex geworden, dass es ihm schwerfiel, zu wissen, wo er stand. Eine Freundschaft, die fast romantisch wurde, dann zeitweise durch Misstrauen versauerte und sie letztendlich zu zwei Verbündeten auf der falschen Seite einer Regierungsvertuschung machte.

Doch jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um darüber nachzudenken, was Maria wohl für ihn fühlte. Er hatte geschworen, zu der Verschwörung zurückzukehren, zu versuchen, mehr über das herauszufinden, was er damals wusste. Doch seitdem er wieder unterrichtete, eine neue Position in der Agentur hatte und sich um seine Mädchen kümmerte, hatte er kaum die Zeit gehabt, darüber nachzudenken.

Reid seufzte und blickte wieder auf seine Uhr. Vor kurzem hatte er eine teure Smart-Uhr gekauft, die per Bluetooth mit seinem Handy verbunden war. Selbst wenn sein Telefon auf seinem Pult oder in einem anderen Zimmer lag, würde er weiterhin über SMS oder Anrufe benachrichtigt. Ständig darauf zu starren wurde so instinktiv wie Blinzeln. So zwanghaft wie das Jucken, wenn es irgendwo kratzt.

Er hatte Maya eine Nachricht geschickt, kurz bevor die Vorlesung begann. Normalerweise waren seine SMS scheinbar harmlose Fragen, wie etwa “Auf was hast du zum Abendessen Lust?” oder “Soll ich irgendwas auf dem Heimweg mitbringen?” Doch Maya war nicht dumm, sie wusste, dass er sich um sie sorgte, egal, auf welche Weise er es auch versuchte, zu verstecken. Besonders, weil er fast jede Stunde eine SMS schickte oder sie anrief.

Er war intelligent genug, um sich dessen bewusst zu sein, was hier geschah. Die Neurose wegen der Sicherheit seiner Mädchen, sein zwanghaftes Überprüfen und die darauffolgende Nervosität, während er auf eine Antwort wartete. Selbst die Stärke und der Einfluss der Flashbacks, die ihm widerfuhren. Egal, ob er bereit war, es zuzugeben oder nicht, alle Zeichen deuteten darauf hin, dass er unter einem Grad von posttraumatischer Belastungsstörung litt, nach den ganzen Qualen, die er durchgemacht hatte.

Dennoch, seine Herausforderung, das Trauma zu überwinden, wieder zu einem Leben zurückzukehren, das einer Art von Normalität glich, und zu versuchen, die Angst und Sorge über das Geschehene zu besiegen, war nichts im Vergleich zu dem, was seine Töchter gerade durchmachten.




Kapitel drei


Reid schloss die Tür zu ihrem Zuhause in der Vorstadt von Alexandria im Bundesstaat Virginia auf, balancierte eine Pizza-Schachtel auf seiner Hand und gab den sechsstelligen Alarmcode in die Schaltfläche neben der Tür ein. Er hatte das System gerade vor einigen Wochen verbessern lassen. Dieser neue Alarm sendete eine Notfallnachricht sowohl an den Rettungsdienst als auch an die CIA, falls der Code nach Öffnung einer der Ausgänge nicht binnen dreißig Sekunden richtig eingegeben wurde.

Es war eine von mehreren Vorsichtsmaßnahmen, die Reid seit dem Vorfall getroffen hatte. Es gab jetzt Kameras, drei insgesamt. Eine von ihnen war über der Garage angebracht und zielte in Richtung Auffahrt und Eingangstür, eine weitere war im Flutlicht über der Hintertür versteckt und eine dritte befand sich außerhalb des Panikraumes im Keller. Alle drei nahmen rund um die Uhr auf. Er hatte auch alle Schlösser im Haus ausgetauscht. Ihr ehemaliger Nachbar, der jetzt verstorbene Herr Thompson, hatte einen Schlüssel für die Eingangs- und Hintertür, doch seine Schlüssel verschwanden, als der Attentäter Rais seinen Wagen stahl.

Außerdem waren Ortungschips in seine Töchter implantiert worden. Beide waren sich dessen nicht bewusst. Man hatte ihnen eine Injektion gesetzt und ihnen gesagt, dass es sich um eine Grippeimpfung handelt. Doch in Wirklichkeit war es ein subkutanes GPS-Ortungsgerät, kleiner als ein Reiskorn, das man ihnen in den Oberarm gespritzt hatte. Wo auch immer sie auf der Welt wären, ein Satellit wüsste darüber Bescheid. Das war Agent Stricklands Einfall und Reid hatte ihm fraglos zugestimmt. Insbesondere merkwürdig war es, dass Deputy Direktor Cartwright sofort unterschrieb, obwohl es sehr kostenaufwendig war, zwei Zivile mit CIA Technik auszustatten.

Reid ging in die Küche und fand Maya im Wohnzimmer nebenan., die einen Film im Fernsehen sah. Sie faulenzte auf ihrer Seite des Sofas, immer noch im Schlafanzug, und beide ihrer Beine hingen von der Lehne.

“Hallo.” Reid stellte die Pizza-Schachtel auf die Arbeitsfläche und zog sich seine Tweedjacke aus. “Ich habe dir eine SMS geschrieben. Du hast nicht geantwortet.”

“Das Telefon lädt sich oben auf”, antwortete Maya gelassen.

“Kann sich das nicht hier unten aufladen?” fragte er spitz.

Sie zuckte nur mit den Schulter.

“Wo ist deine Schwester?”

“Oben”, gähnte sie. “Glaube ich.”

Reid seufzte. “Maya —”

“Sie ist oben, Papa. Mann…”

So sehr er sie auch für ihr launische Haltung der letzten Zeit ausschimpfen wollte, hielt Reid sich dennoch zurück. Er wusste immer noch nicht genau, was die beiden während des Vorfalls mitgemacht hatten. In seinem Inneren nannte er es jetzt “den Vorfall”. Saras Psychologin hatte vorgeschlagen, der Sache einen Namen zu geben, damit sie in Gesprächen Bezug auf das Ereignis nehmen könnten. Er hatte es allerdings noch nie laut ausgesprochen.

Überhaupt sprachen sie kaum darüber.

Aus den Krankenhausberichten, sowohl aus dem aus Polen als auch aus dem einer zweiten Untersuchung in den USA, wusste er, dass beide seiner Töchter zwar kleinere Verletzungen erlitten hatte, doch keine von ihnen vergewaltigt worden war. Er hatte jedoch mit eigenen Augen gesehen, was mit einigen der Opfer der Menschenhändler geschehen war. Er war sich nicht sicher, ob er bereit war, die Details der fürchterlichen Qual zu hören, die sie wegen ihm erlitten hatten.

Reid ging nach oben und hielt einen Augenblick vor Saras Schlafzimmertür inne. Die Tür stand ein paar Zentimeter offen. Er blickte hinein und sah, dass sie auf ihrer Bettdecke lag und die Wand anblickte. Ihr rechter Arm lag auf ihrer Hüfte, immer noch vom Ellenbogen an in dem beigen Gips. Morgen hatte sie einen Termin beim Arzt, um festzustellen, ob man ihn abnehmen könnte.

Reid drückte sanft die Tür auf, doch die Scharniere quietschten trotzdem. Sara bewegte sich jedoch nicht.

“Schläfst du?” fragte er leise.

“Nein”, murmelte sie.

“Ich, äh… ich habe eine Pizza mitgebracht.”

“Hab keinen Hunger”, gab sie matt zurück.

Seit dem Vorfall aß sie nicht viel. Reid musste sie sogar ständig daran erinnern, Wasser zu trinken, sonst nähme sie kaum etwas zu sich. Er verstand besser als die meisten, wie schwer es war, Trauma zu überleben, doch dies fühlte sich anders an. Schlimmer.

Dr. Branson, die Psychologin, zu der Sara ging, war eine geduldige und mitfühlende Frau, die sehr empfohlen wurde und von der CIA zertifiziert war. Doch laut ihrer Berichte sprach Sara während der Therapie-Sitzungen nur wenig und beantwortete Fragen mit so wenig Worten wie möglich.

Er saß auf dem Rand ihres Bettes und strich das Haar aus ihrer Stirn. Sie zuckte leicht bei seiner Berührung zurück.

“Kann ich irgendwas für dich tun?” fragte er leise.

“Ich will einfach nur allein sein”, murmelte sie.

Er seufzte und stand vom Bett auf. “Verstehe ich”, sagte er empathisch. “Ich würde mich trotzdem sehr darüber freuen, wenn du herunterkämst und wir zusammen sein könnten, wie eine Familie. Vielleicht könntest du versuchen, ein paar Happen zu essen.”

Sie antwortete nichts.

Reid seufzte erneut, als er wieder die Treppen hinunterging. Sara war offensichtlich traumatisiert. Es war jetzt noch viel schwerer, zu ihr vorzudringen als zuvor, im Februar, nachdem die Mädchen eine Begegnung mit zwei Mitgliedern der Terrororganisation Amun an der Strandpromenade in New Jersey hatten. Er dachte damals, dass es schlimm war, doch jetzt war seine jüngste Tochter komplett freudlos, schlief oder lag im Bett und starrte in die Luft. Selbst wenn sie körperlich anwesend war, fühlte es sich an, als ob sie kaum da wäre.

In Kroatien, der Slowakei und in Polen wollte er einfach nur seine Mädchen zurück haben. Jetzt, da er sie sicher heimgebracht hatte, wollte er einfach nur seine Mädchen zurück haben – doch auf andere Weise. Er wollte, dass die Dinge wieder so wären wie zuvor.

Maya war im Esszimmer und deckte den Tisch mit drei Papptellern und – bechern. Er sah ihr dabei zu, wie sie sich ein wenig Limo eingoss, ein Stück Peperoni-Pizza aus der Schachtel nahm und die Spitze abbiss.

Während sie kaute, fragte er: “Also. Hast du schon ein bisschen mehr darüber nachgedacht, wieder zur Schule zu gehen?”

Ihr Kiefer bewegte sich kreisförmig, während sie ihn gerade anblickte. “Ich glaube, ich bin einfach noch nicht so weit”, antwortete sie nach einer Weile.

Reid nickte, als ob er ihr zustimmte, doch er dachte, dass vier Wochen mehr als genug Zeit wären und es ihnen guttäte, wenn sie wieder zur Routine zurückkehrten. Keine von ihnen war nach dem Vorfall zur Schule zurückgekehrt. Sara war ganz offensichtlich noch nicht bereit, doch es schien, dass Maya wieder in Form war, um ihre Bildung erneut aufzunehmen. Sie war schlau, fast zu schlau. Selbst in der Mittelschule hatte sie jede Woche an ein paar Kursen der Georgetown Universität teilgenommen. Das sähe auf einer Universitätsbewerbung gut aus und gäbe ihr Vorsprung bei einem Studium – doch nur, wenn sie die Kurse auch beendete.

Mindestens ging sie ein paar Mal pro Woche zur Bibliothek, um zu lernen, das war schon ein Anfang. Sie hatte vor, an den letzten Prüfungen teilzunehmen und sie zu bestehen, damit sie nicht wiederholen müsste. Doch so schlau sie auch war, Reid zweifelte daran, dass das ausreichen würde.

Er wählte seine Worte vorsichtig, als er ihr sagte: “Es sind nicht mal mehr zwei Monate Unterricht, doch ich glaube, du bist schlau genug, aufzuholen, falls du zurückkehrst.”

“Du hast recht”, gab sie zurück, während sie einen weiteren Happen Pizza abbiss. “Ich bin schlau genug.”

Er blickte sie von der Seite an. “Das war nicht, was ich meinte, Maya —”

“Oh, hallo Mäuschen”, sagte sie plötzlich.

Reid blickte erstaunt auf, als Sara in das Esszimmer kam. Ihr Blick fegte über den Boden, während sie sich schüchtern auf den Stuhl zubewegte. Er wollte etwas sagen, sie ermutigen oder sie einfach nur wissen lassen, dass er sich darüber freute, dass sie zu ihnen kam, doch er hielt sich zurück. Es war das erste Mal in mindestens zwei Wochen, wenn nicht noch länger, dass sie zum Essen heruntergekommen war.

Maya legte ein Stück Pizza auf einen Teller und gab ihn ihrer Schwester. Sara biss ein winziges, fast unbemerkbar kleines Stück von der Spitze ab, sah keinen von den beiden an.

Reids Gehirn raste, suchte nach etwas, was er sagen könnte, etwas, dass dies wie ein normales Familienessen aussehen ließe und nicht die angespannte, stille, schmerzhaft unbehagliche Situation, die es wirklich war.

“Ist heute irgendwas Interessantes passiert?” gab er schließlich von sich und schimpfte sich sofort für den lahmen Versuch aus.

Sara schüttelte ein wenig den Kopf, starrte auf die Tischdecke.

“Ich habe einen Dokumentarfilm über Pinguine geschaut”, bot Maya an.

“Hast du was Wissenswertes dabei gelernt?” wollte er wissen.

“Nicht wirklich.”

Und so kehrte die Stille und Anspannung wieder zurück.

Sag was Sinnvolles, brüllte sein Gehirn ihn an. Biete ihnen Unterstützung an. Lass sie wissen, dass sie dir offen erzählen können, was geschehen ist. Ihr habt alle Traumata überlebt. Überlebt es zusammen.

“Hört mal”, sprach er. “Ich weiß, dass es in letzter Zeit nicht gerade einfach war. Doch ich möchte, dass ihr beide wisst, dass ihr mit mir darüber sprechen könnt, was geschehen ist. Ihr könnt mir Fragen stellen. Ich werde ehrlich sein.”

“Papa…” begann Maya, doch er hob die Hand.

“Bitte, das ist mir wichtig”, fuhr er fort. “Ich bin für euch da und werde es immer sein. Wir haben das zusammen überlebt, wir drei, und das beweist, dass es nichts gibt, was uns trennen kann…”

Er hielt inne, sein Herz brach erneut, als er sah, wie Tränen über Saras Wangen flossen. Während sie weinte, starrte sie weiterhin hinunter auf den Tisch, sagte nichts, ihr Blick schien weit weg und drückte aus, dass sie geistig woanders war, nicht bei ihrer Schwester und ihrem Vater.

“Schatz, es tut mir leid.” Reid stand auf, um sie zu umarmen, doch Maya war schneller. Sie legte ihre Arme um ihre jüngere Schwester, während Sara in ihre Schulter schluchzte. Reid konnte nichts weiter tun, als ungelenk dazustehen und sie zu beobachten. Keine tröstenden Worte kam ihm in den Sinn. Jeglicher Ausdruck von Zärtlichkeit, den er anböte, stellte kaum mehr als ein Pflaster auf einer Einschusswunde dar.

Maya ergriff eine Serviette vom Tisch und tupfte damit sanft die Wangen ihrer Schwester, strich ihr das blonde Haar von der Stirn. “Hey”, flüsterte sie. “Warum gehst du nicht hoch und legst dich ein Weilchen hin? Ich komme gleich nach und schaue nach dir.”

Sara nickte und schniefte. Sie stand wortlos vom Tisch auf und schlurfte aus dem Esszimmer auf die Treppen zu.

“Ich wollte sie nicht aufregen…”

Maya drehte sich zu ihm, mit den Händen auf den Hüften. “Warum hast du dann wieder darüber reden müssen?”

“Weil sie kaum zwei Worte mit mir darüber gesprochen hat!” verteidigte sich Reid. “Ich will, dass sie weiß, dass sie mit mir reden kann.”

“Sie will nicht mit dir darüber reden”, platze es aus Maya. “Sie will mit niemandem darüber reden!”

“Dr. Branson sagt, dass es therapeutisch ist, über vergangenes Trauma zu sprechen…”

Maya schnaubte laut. “Und du glaubst, dass Dr. Branson jemals so etwas mitgemacht hat, was Sara widerfahren ist?”

Reid atmete tief durch, zwang sich, die Ruhe zu bewahren und nicht zu streiten. “Wahrscheinlich nicht. Aber sie behandelt CIA Agenten, militärisches Personal, alle möglichen Arten von Trauma und posttraumatischer Belastungsstörungen —”

“Sara ist aber kein CIA Agent”, gab Maya schroff zurück. “Sie ist kein Elitesoldat oder Mitglied der Navy. Sie ist ein vierzehnjähriges Mädchen.” Sie strich sich durchs Haar und seufzte. “Du willst es wissen? Du willst darüber sprechen, was passiert ist? Na gut: Wir sahen Herrn Thompsons Leiche, bevor man uns entführte. Sie lag genau hier, im Eingang. Dann beobachteten wir diesen Verrückten dabei, wie er die Gurgel der Frau an der Autobahnraststätte durchschnitt. Ihr Blut war auf meinen Schuhen. Wir waren dabei, als die Menschenhändler ein weiteres Mädchen erschossen und sie im Kies liegen ließen. Sie versuchte, mir dabei zu helfen, Sara zu befreien. Ich wurde unter Drogen gesetzt. Wir wurden beide beinahe vergewaltigt. Und Sara… irgendwie schaffte sie es, sich gegen zwei erwachsene Männer zu wehren, von denen einer eine Waffe hatte, und dann ist sie bei voller Fahrt aus dem Zugfenster gesprungen.” Als sie zu Ende erzählt hatte, bebte ihre Brust, doch keine Tränen entrannen ihr.

Sie war nicht traurig darüber, die Ereignisse des letzten Monats wieder zu erleben. Sie war wütend.

Reid sank langsam auf einen Stuhl. Er wusste über das meiste, was sie ihm gesagt hatte, Bescheid, weil er ihnen auf der Spur war, doch er hatte keine Ahnung, dass ein weiteres Mädchen vor ihren Augen erschossen worden war. Maya hatte recht, Sara war nicht darauf vorbereitet, solche Dinge zu verarbeiten. Sie war nicht mal erwachsen. Sie war eine Jugendliche, die Dinge erlebt hatte, die jeden, egal ob er darauf trainiert war oder nicht, traumatisiert hätten.

“Als du auftauchtest”, fuhr Maya fort, ihre Stimme jetzt leiser, “als du uns endlich fandest, da warst du für uns wie ein Superheld oder so. Zu Beginn. Doch dann… als wir etwas Zeit hatten, um darüber nachzudenken… da ist uns bewusst geworden, dass wir nicht wissen, was du sonst noch vor uns versteckst. Wir sind uns nicht sicher, wer du wirklich bist. Weißt du, wie viel Angst uns das macht?”

“Maya”, antwortete er sanft, “ihr müsst niemals Angst vor mir haben —”

“Du hast Leute umgebracht.” Sie zuckte mit einer Schulter. “Einen ganzen Haufen. Stimmt’s?”

“Ich…” Reid musste sich daran erinnern, sie nicht anzulügen. Er hatte versprochen, dass er es nicht mehr täte, soweit das möglich wäre. Stattdessen nickte er nur.

“Du bist nicht die Person, die wir dachten, die du seist. Es wird ein Weilchen dauern, bis wir uns daran gewöhnen. Das musst du akzeptieren.”

“Du sagst ständig,wir’”, murmelte Reid. “Spricht sie mit dir?”

“Ja. Manchmal. Seit der letzten Woche schläft sie in meinem Bett. Alpträume.”

Reid seufzte traurig. Vorbei mit der sorglosen, freudigen Dynamik, die ihre kleine Familie einst genoss. Er wusste, dass die Dinge sich für alle und zwischen allen geändert hatten – vielleicht für immer.

“Ich weiß nicht, was tun”, gab er leise zu. “Ich will für sie da sein, für euch beide. Ich will euch unterstützen, wenn ihr es braucht. Doch das kann ich nicht, wenn sie nicht mit mir darüber spricht, was in ihr vorgeht.” Er blickt zu Maya auf und fügte hinzu: “Sie hat dich immer bewundert. Vielleicht kannst du jetzt ihr Vorbild sein. Ich glaube, dass es euch beiden guttäte, wenn ihr wieder eine Routine aufnehmt, versucht, ein normales Leben zu führen. Beende zumindest deinen Unterricht in Georgetown. Die lassen dich vermutlich auch nicht dort studieren, wenn du ein ganzes Semester nicht bestehst.”

Maya war für einen langen Moment still. Schließlich sagte sie: “Ich glaube, ich will gar nicht mehr an der Uni Georgetown studieren.”

Reid runzelte die Stirn. Georgetown war ihr erste Wahl von Universitäten, seit sie nach Virginia gezogen waren. “Wo denn dann? Die Universität von New York?

Sie schüttelte den Kopf. “Nein. Ich will nach West Point.”

“West Point”, wiederholte er verdutzt, komplett überrascht von ihrer Aussage. “Du willst auf eine Militärakademie?”

“Ja”, sagte sie. “Ich werde eine CIA Agentin.”




Kapitel vier


Reid sträubte sich. Er war sich sicher, dass er richtig gehört hatte, doch die Kombination von Worten, die ihrem Mund entsprang, ergab für ihn nur wenig Sinn.

Die will mich provozieren, dachte er. Sie erwartete einen Streit und ich habe mich im Zaum gehalten. Das war nur jugendliche Existenzangst. Musste es sein.

“Du… willst eine CIA Agentin werden”, sagte er langsam.

“Ja”, antwortete Maya. Genauer gesagt will ich an der nationalen Geheimdienst-Universität in Bethesda studieren. Doch um das zu erreichen, muss ich zuerst ein Mitglied der Streitkräfte werden. Anstatt mich zum Militärdienst zu verpflichten, werde ich nach West Point gehen,wo ich als zweiter Lieutenant abschließen kann und somit an der Geheimdienst-Uni in Bethesda studieren kann. Dort kann ich einen Master in strategischem Geheimdienst erlangen. Zu diesem Zeitpunkt wäre ich dann schon über einundzwanzig und könnte mich beim Einsatz-Trainingsprogramm der Agentur anmelden.”

Reids Beine fühlten sich taub an. Nicht nur war es ihr ganz offensichtlich ernst damit, doch sie hatte sich auch schon reichlich darüber informiert, wie sie am besten vorginge und welche Bildung sie bräuchte.

Doch er ließe es niemals zu, dass seine Tochter diesen Weg wählte.

“Nein”, sagte er schlichtweg. Alle anderen Worte schienen ihm auszubleiben. “Nein. Auf keinen Fall. Daraus wird nichts.”

Mayas Augenbrauen schossen gleichzeitig hoch. “Wie bitte?” sagte sie scharf.

Reid atmete tief ein. Sie war willensstark, weshalb er es ihr vorsichtiger verbieten müsste. Doch seine Antwort war klar und deutlich,nein’. Nicht nach all dem, was er gesehen und getan hatte.

“Es ist noch nicht so viel Zeit vergangen… seit dem… dem Vorfall”, erklärte er. “Das ist noch alles frisch in deiner Erinnerung. Bevor du eine solche Entscheidung schließt, solltest du alle Standpunkte betrachten. Beende deine Kurse, die High School. Bewerbe dich bei Colleges. Und wir können das alles später noch mal besprechen.” Er lächelte so freundlich, wie er es konnte.

Das tat Maya nicht. “Du hast kein Recht, mein Leben so zu bestimmen”, antwortete sie erhitzt.

“Doch das habe ich”, gab Reid zurück. Er wurde jetzt selbst schnell ärgerlich. “Du bist immer noch minderjährig.”

“Nicht mehr lange”, schoss sie zurück. “Lass mich dir erklären, was geschehen wird. Ich gehe nicht wieder zu den Kursen an die Uni Georgetown. Ich gehe nicht wieder zur Schule bis September. Ich werde durch mein Frühjahrssemester durchfallen und muss diese Kurse dann neu belegen. Nächsten Monat werde ich siebzehn, was bedeutet, dass ich achtzehn bin, bis ich die Schule beende. Und dann kannst du mir nicht mehr vorschreiben, wo ich hin kann oder was ich studiere.” Sie verschränkte ihre Arme, um ihren Standpunkt zu festigen.

Reid drückte sich mit den Fingern auf den Nasenrücken. “Du kannst nicht einfach drei Monate Schule ausfallen lassen. Und was ist mit den ganzen Lernsessions, die du gemacht hast? Die ganze Zeit wäre dann vergeudet.”

“Ich bin nicht zu den Lernsessions gegangen”, gab sie zu.

Er sah sie scharf an. “Du hast mich also angelogen? Nach allem, was geschehen ist?” Er schnaubte verärgert. “Und wo bist du hin?”

“Nachdem du mich absetzt, gehe ich ins Freizeitzentrum”, erklärte sie ihm nüchtern. “Dort gibt es ein paar Mal pro Woche Selbstverteidigungsunterricht. Der wird von einem ehemaligen Marine gegeben. Außerdem habe ich auch über Spionageabwehr und Spionagetaktiken nachgelesen.”

Er schüttelte seinen Kopf. “Ich kann es nicht fassen. Ich dachte, es gäbe keine Geheimnisse mehr zwischen uns.” Sobald er es gesagt hatte, schoss ihm eine schmerzhafte Erinnerung durch das Gedächtnis – Kates Mord, die Wahrheit über ihre Mutter. Er hatte es ihnen immer noch nicht mitgeteilt, trotz des Versprechens, das er sich selbst gegeben hatte, dass er mit dem Lügen und der List aufhören würde. Es brachte ihn um, ihnen dies zu enthalten. Doch nach dem Vorfall war noch nicht genug Zeit vergangen, um etwas so Fürchterliches so bald schon zu enthüllen. Jetzt, vier Wochen später, hatte er Angst, dass es schon zu spät war und dass sie wütend auf ihn wären, dass er die Wahrheit so lange geheimgehalten hatte.

“Ich wusste, dass du so reagieren würdest”, sagte Maya. “Deshalb habe ich dir nicht die Wahrheit gesagt. Doch jetzt rücke ich damit raus. Das ist es, was ich machen will. Was ich machen werde.”

“Als du sieben warst, wolltest du Balletttänzerin werden”, erklärte ihr Reid. “Erinnerst du dich daran? Als du zehn warst, da wolltest du Tierärztin werden. Mit dreizehn wolltest du Rechtsanwältin werden, nur weil du einen Film über einen Mordprozess geschaut hattest —”

“Bevormunde mich nicht!” Maya sprang von ihrem Stuhl auf, stand vor ihm, zeigte mit einem warnenden Finger auf ihn und hatte einen zornigen Ausdruck auf dem Gesicht.

Reid lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, schockiert von ihrem Ausbruch. Er war so überrascht von dem Ausmaß ihrer Reaktion, dass er kaum ärgerlich auf sie sein konnte.

“Das ist nicht der Traum eines kleinen Mädchens”, sagte sie schnell, ihre Stimme gedämpft. “Ich will das. Ich weiß das jetzt. Genauso wie ich weiß, warum Sara nachts nicht schlafen kann. Sie hat Alpträume über ihre Erfahrung, über das, was sie mitgemacht hat. Was sie überlebt hat. Doch das traumatisiert mich nicht. Ich kann nachts nicht schlafen, weil ich weiß, dass es immer noch vor sich geht. Was ich gesehen habe und mitgemacht habe, ist das Leben einer anderen Person. Während ich in meinem warmen Bett liege, Pizza esse oder zur Schule gehe, gibt es da draußen Frauen und Kinder, die jeden Tag so leben – bis sie sterben.”

Maya stellte einen Fuß auf den Stuhl und riss das Bein ihrer Schlafanzughosen bis zum Knie hoch. Auf ihrer Wade waren dünne, bräunliche Narben, die drei Worte ergaben. ROT. 23. POLE. Es war die Nachricht, die sie in ihr eigenes Bein geritzt hatte, nur Augenblicke bevor die Drogen der Menschenhändler sich ihrer bemächtigten. Die Nachricht, die einen Hinweis darauf bildete, wo sie Sara hingebracht hatten.

“Du kannst so tun, als sei das nur eine Phase, wenn du willst”, fuhr Maya fort. “Doch diese Narben gehen nicht mehr weg. Ich werde sie für den Rest meines Lebens haben. Jedes Mal, wenn ich sie ansehe, werde ich daran erinnert, dass das, was mir geschah, immer noch anderen geschieht. Ich bin mir nur darüber klargeworden, dass ich am besten zu den Menschen gehöre, die versuchen, es aufzuhalten, wenn ich dem ein Ende setzen möchte.” Sie zog wieder das Schlafanzughosenbein herunter.

Reids Kehle fühlte sich trocken an. Er konnte ihrem Argument genauso wenig widersprechen, wie er es befürworten konnte. Etwas, das Maria ihm einst gesagt hatte, blitzte durch sein Gedächtnis: Du kannst nicht alle retten. Doch er könnte seine Tochter vor der Art von Leben bewahren, in das er gestoßen wurde. “Es tut mir leid”, schloss er. “Es ist egal, wie edel deine Absichten sind, ich kann das nicht unterstützen. Ich werde es nicht unterstützen.”

“Ich brauche deine Unterstützung nicht”, verkündete Maya. “Ich dachte nur, dass du die Wahrheit erfahren solltest.” Sie stürmte aus dem Esszimmer und ihre nackten Füße stampften die Treppe hinauf. Einen Augenblick später schlug eine Tür zu.

Reid fiel auf seinem Stuhl zurück und seufzte. Die Pizza war kalt. Eine Tochter war still vor Horror und die andere war entschlossen, es mit der Unterwelt aufzunehmen. Die Psychologin, Dr. Branson, hatte ihm gesagt, er müsse Geduld mit Sara haben. Sie sagte ihm, dass die Zeit alles heilte, doch stattdessen hatte er gedrängt und alles noch schlimmer gemacht. Und Mayas Vorhaben, der CIA beizutreten, war das Letzte, was er erwartet hatte, zu hören.

Auf seltsame Weise bewunderte er ihre Fähigkeit, das Trauma, das sie erlebt hatte, zu einem guten Zweck zu kanalisieren. Doch er konnte einfach nicht den Mitteln zustimmen, die sie gewählt hatte. Seine Gedanken schweiften zurück zu allem, was er gesehen hatte und den Verletzungen, die er erlitten hatte. Die Dinge, die er hatte tun müssen und die Bedrohungen, die er stoppen musste. Die Menschen, denen er geholfen hatte und all diejenigen, die er dabei zerbrochen oder tot zurückgelassen hatte.

Reid bemerkte plötzlich, dass er keine Ahnung hatte, was ihn dazu inspirierte, überhaupt der CIA beizutreten. Seine eigenen Motive waren schon seit langem verloren, durch den Gedächtnishemmer in die dunkelsten Winkel seines Gehirns verdrängt. Es war möglich, dass er sich nie wieder daran erinnerte, warum er der CIA Agent Kent Steele wurde.

Du weißt, dass das nicht stimmt, sagte er sich. Es könnte einen Weg geben.


* * *

Reids Büro war im zweiten Stockwerk des Hauses. Er hatte das kleinste Schlafzimmer mit seinem Schreibtisch, Regalen und einer beeindruckenden Buchsammlung ausgestattet. Er hätte eigentlich seine Vorlesung für Montag über die protestantische Reformation und den dreißigjährigen Krieg vorbereiten sollen. Als Lehrbeauftragter für europäische Geschichte an der Georgetown Universität war Reids Beschäftigung kaum mehr als Teilzeit, doch er sehnte sich dennoch nach dem Hörsaal. Er bedeutete eine Rückkehr zur Normalität, was er sich auch für seine Mädchen wünschte. Doch diese Aufgabe konnte warten.

Stattdessen legte Reid ehrfürchtig eine dunkle Platte auf den alten Phonographen in der Ecke und senkte die Nadel. Er schloss seine Augen, als Mozarts Piano Konzert Nr. 21 begann, langsam und melodisch, wie der Frühlingstau nach dem Frost eines langen Winters. Er lächelte. Die Maschine war schon über fünfundzwanzig Jahre alt, doch funktionierte perfekt. Kate hatte sie ihm zum fünften Jahrestag ihrer Hochzeit geschenkt. Sie hatte den maroden Phonographen auf einem Flohmarkt für sechs Dollar gefunden und dann über zweihundert weitere Dollar investiert, um ihn fast zu seinem vorherigen Glanz restaurieren zu lassen.

Kate. Sein Lächeln verzog sich zu einer Grimasse.

Du bist in dem geheimen Gefängnis in Marokko, das sie Hölle-Sechs nennen. Du vernimmst einen bekannten Terroristen.

Da ist ein Anruf für dich. Es ist Deputy Direktor Cartwright. Dein Chef.

Der verdreht nicht die Worte. Deine Frau, Kate, wurde getötet.

Es geschah, als sie ihre Arbeit verließ, zu ihrem Auto ging. Kate wurde eine starke Dosis Tetrodotoxin gegeben. Man nennt es auch TTX, es ist ein potentes Gift, das eine plötzliche Lähmung des Zwerchfells auslöst. Sie erstickte auf der Straße und war in weniger als einer Minute tot.

In den Wochen seit Osteuropa hatte Reid diese Erinnerung vielmals wieder aufleben lassen – oder vielmehr lebte die Erinnerung in ihm auf, drängte sich nach vorn in seinem Gehirn, wenn er es am wenigsten erwartete. Alles erinnerte ihn an Kate, von den Möbeln im Wohnzimmer bis zum Duft, der irgendwie immer noch in seinem Kissen nachklang. Von der Farbe von Saras Augen bis zu Mayas kantigem Kinn. Sie war überall… genauso wie die Lüge, die er seinen Töchtern vorenthielt.

Er hatte mehrmals versucht, sich an mehr zu erinnern, doch er war sich nicht sicher, ob er überhaupt mehr wusste. Nach dem Mord an seiner Frau hatte Kent Steele einen gefährlichen Amoklauf durch Europa und den Nahen Osten betrieben. Dabei brachte er Dutzende um, die mit der Terroristenorganisation Amun in Verbindung gebracht wurden. Danach kam der Gedächtnishemmer und die folgenden zwei Jahre von seltsam glückseliger Ignoranz.

Reid ging zum Schrank in der hinteren Ecke des Zimmers. Darin war ein kleiner schwarzer Seesack, den die CIA Agenten eine Einsatztasche nannten. In ihr war alles, was ein Agent bräuchte, um für eine unbestimmt lange Zeit unterzutauchen, sollte die Situation danach verlangen. Diese bestimmte Tasche hatte seinem ehemalig besten Freund gehört, dem jetzt verstorbenen Agenten Alan Reidigger. Reid hatte nur wenige Erinnerungen an den Mann, doch er wusste genug, um zu verstehen, dass Reidigger ihm in einer Notlage geholfen hatte – und dafür mit seinem Leben bezahlte.

Hallo Null, begann der Brief prophetisch. Wenn du das hier liest, dann bin ich wahrscheinlich tot.

Er übersprang ein paar Absätze.

Die CIA wollte dich zurückholen, doch du hörtest nicht zu. Es ging dabei nicht nur um deinen Amoklauf. Da gab es noch etwas und du standst kurz davor, es herauszufinden – du warst zu nah dran. Ich kann dir nicht sagen, worum es geht, denn ich weiß es selbst nicht. Du wolltest es mir nicht sagen, also muss es was ziemlich Ernstes gewesen sein.

Reid glaubte zu wissen, worüber Reidigger schrieb – die Verschwörung. Ein kurzes Aufblitzen einer Erinnerung, das ihn überkam, während er Imam Khalil und den Pockenvirus jagte, hatte ihm gezeigt, dass er etwas wusste, bevor der Gedächtnishemmer in seinen Kopf implantiert wurde.

Er schloss seine Augen und kehrte zu der Erinnerung zurück:

Das geheime Gefängnis der CIA in Marokko. Offizielle Bezeichnung H-6, genannt Hölle-Sechs. Eine Vernehmung. Du ziehst die Fingernägel eines arabischen Mannes, um Informationen über den Standort eines Bombenherstellers zu bekommen.

Zwischen Schreien und Wimmern und Beschwörungen, dass er es nicht weiß, kommt etwas anderes heraus – ein bevorstehender Krieg. Etwas Großes, das sich annähert. Eine Verschwörung, die von der US Regierung konzipiert wurde.

Du glaubst ihm nicht. Nicht zu Beginn. Doch du konntest es nicht einfach vergessen.

Er wusste damals etwas. Er hatte angefangen, es wie ein Puzzle zusammenzufügen. Dann geschah Amun. Kate wurde ermordet. Er wurde abgelenkt und während er schwor, dazu zurückzukehren, hatte er niemals die Möglichkeit.

Er las den Rest von Alans Brief:

Was auch immer es war, es ist immer noch da, irgendwo in deinem Gehirn verschlossen. Wenn du es jemals brauchen solltest, so gibt es einen Weg. Der Neurochirurg, der das Implantat installierte, nennt sich Dr. Guyer. Zuletzt arbeitete er in Zürich. Er könnte alles wiederbringen, wenn du dich dazu entscheidest. Oder er könnte alle Erinnerungen erneut unterdrücken, solltest du das wollen. Die Wahl liegt an dir. Möge Gott dich behüten, Null. – Alan

Reid konnte sich nicht daran erinnern, wie oft er vor dem Computer oder seinem Telefon gesessen war und versuchte, seine Finger dazu zu motivieren, Dr. Guyers Namen in eine Suchleiste einzugeben. Sein Verlangen danach, seine Erinnerung zurückzubekommen – nein, sein Bedürfnis, sie wiederzuerlangen, wurde jede Woche intensiver. Er war an dem Punkt angelangt, an dem es sich dringend anfühlte, auch nur zu wissen, wie viel er nicht wusste. Er musste dazu fähig sein, sich an seine eigene Vergangenheit zu erinnern.

Doch ich kann die Mädchen nicht alleine lassen. Nach dem Vorfall war es ganz unmöglich, einfach so in die Schweiz zu reisen. Er wäre durch und durch neurotisch um ihre Sicherheit besorgt, selbst mit den Ortungsimplantaten. Selbst wenn Agent Strickland sie bewachte. Was dächten sie außerdem von ihm? Maya glaubte ihm niemals, dass es aufgrund eines medizinischen Verfahrens war. Sie dächte, dass er wieder im Einsatz wäre.

Dann nimm sie mit. Der Gedanke sprang ihm so einfach in den Kopf, dass er sich fast dafür auslachte, nicht zuvor daran gedacht zu haben. Doch er schloss ihn genauso schnell wieder aus. Was wäre mit seinem Job? Was wäre mit Saras Therapie? Hatte er nicht gerade versucht, Maya zu überreden, wieder zur Schule zu gehen?

Denk nicht zu viel darüber nach, sagte er sich selbst. War die einfachste Lösung für gewöhnlich nicht die beste? Nichts hatte bisher gefruchtet, um Sara aus ihrem Trauma zu locken und Maya schien fest entschlossen zu sein, wie gewöhnlich ihren Dickkopf durchzusetzen.

Reid drückte Reidiggers Ausfalltasche zurück in den Schrank und stellte sich auf die Beine. Bevor er sich selbst davon überzeugen könnte, seine Meinung zu ändern, schritt er den Flur entlang zu Mayas Zimmer und klopfte schnell an ihre Tür.

Sie öffnete sie und verschränkte ihre Arme, war offensichtlich immer noch verärgert über ihn. “Was?”

“Lass uns verreisen.”

Sie blinzelte ihn an. “Was?”

“Lass uns verreisen, uns drei”, wiederholte er und drängte sich an ihr vorbei in ihr Schlafzimmer. “Schau mal, es war falsch von mir, den Vorfall zu erwähnen. Ich kann das jetzt verstehen. Sara muss nicht daran erinnert werden, ganz im Gegenteil.” Er sprach schnell, gestikulierte mit den Händen, doch fuhr fort: “Den ganzen letzten Monat über hat sie nur rumgelegen und darüber nachgedacht, was geschehen ist. Vielleicht braucht sie eine Ablenkung. Vielleicht muss sie nur ein paar schöne Erlebnisse haben, um sich daran zu erinnern, wie gut das Leben sein kann.”

Maya legte die Stirn in Falten, als ob es ihr schwerfiele, seiner Logik zu folgen. “Also willst du auf Reisen gehen. Wohin?”

“Lasst uns Skifahren”, antwortete er. “Erinnerst du dich daran, als wir nach Vermont fuhren, vor vier oder fünf Jahren? Weiß du noch, wie sehr Sara den Hasenhügel liebte?”

“Ich erinnere mich”, entgegnete Maya, “aber Papa, es ist April. Die Skisaison ist vorbei.”

“Nicht in den Alpen!”

Sie starrte ihn an, als hätte er den Verstand verloren. “Du willst in die Alpen reisen?”

“Ja. In die Schweiz, um es genau zu nehmen. Und ich weiß, dass du das für verrückt hältst, aber ich denke ganz klar darüber. Wir tun uns keinen Gefallen damit, hier herumzuhängen. Wir brauchen einen Tapetenwechsel – besonders Sara.”

“Aber… was ist mit deiner Arbeit?”

Reid zuckte mit den Schulter. “Ich mache blau.”

“Das sagt man nicht mehr so.”

“Ich kümmere mich darum, was ich der Uni erzähle”, sagte er. Und der Agentur. “Die Familie kommt zuerst dran.” Reid war sich fast sicher, dass die CIA ihn nicht dafür feuern würde, weil er etwas freie Zeit mit seinen Mädchen bräuchte. Er war sich ziemlich sicher, dass sie ihn nicht kündigen ließen, selbst wenn er es wollte. “Saras Gips wird morgen abgenommen. Wir können diese Woche fahren. Was sagst du?”

Maya spitzte ihren Mund. Er kannte diesen Ausdruck, sie gab ihr bestes, um ein Grinsen zurückzuhalten. Sie war immer noch nicht gerade glücklich darüber, wie er ihre Nachrichten zuvor aufgenommen hatte. Doch sie nickte. “OK, es macht Sinn. Ja, lass uns verreisen.”

“Super.” Reid ergriff sie an den Schultern und küsste ihre Stirn, bevor sich seine Tochter ihm entwinden konnte. Als er ihr Schlafzimmer verließ, blickte er zurück und ertappte sie definitiv beim Lächeln.

Er schlich in Saras Zimmer und sah, wie sie auf dem Rücken lag und die Decke anstarrte. Sie sah ihn nicht an, als er hereinkam und neben ihrem Bett kniete.

“Hey”, flüsterte er fast. “Es tut mir leid, was vorhin beim Essen geschehen ist. Doch ich habe eine Idee. Was hältst du davon, wenn wir ein wenig verreisen? Nur du und ich und Maya, und wir fahren an einen schönen Ort, weit weg. Würde dir das gefallen?”

Sara drehte ihren Kopf zu ihm, gerade genug, damit ihr Blick den seinen traf. Dann nickte sie leicht.

“Ja? Gut. Dann machen wir das.” Er reichte herüber und nahm ihre Hand in seine. Er war sich fast sicher, dass ihre Finger ein wenig zudrückten.

Das wird funktionieren, sagte er sich. Das erste Mal in einer langen Weile fühlte sich etwas gut für ihn an.

Und die Mädchen mussten nichts von seinem tieferen Beweggrund wissen.




Kapitel fünf


Maria Johansson lief durch die Haupthalle des Atatürk Flughafens in Istanbul in der Türkei und öffnete die Tür zur Damentoilette. Sie hatte die letzten paar Tage damit verbracht, die Spur der drei israelischen Journalisten zu verfolgen, die vermisst wurden. Es gescha, nachdem sie über Imam Khalils Sekte von Fanatikern berichtet hatten, die fast einen tödlichen Pockenvirus in den Industrienationen verbreitet hätten. Man vermutete, dass das Verschwinden der Journalisten möglicherweise etwas mit Khalils überlebenden Anhängern zu tun hatte, doch die Spur verlor sich im Irak, kurz vor ihrem Ziel in Bagdad.

Sie zweifelte stark daran, dass man sie jemals fände, zumindest nicht, bis wer auch immer für ihr Verschwinden verantwortlich war, sich bekannt gab. Ihr Befehl war es derzeitig, eine angebliche Quelle zu verfolgen, die die Journalisten hier in Istanbul hatten und anschließend zu dem regionalen Hauptquartier der CIA in Zürich zurückzukehren, wo es eine Nachbesprechung gäbe und man sie möglicherweise zu einem anderen Einsatz schickte, falls dieser nichts Weiteres ergab.

Doch in der Zwischenzeit hatte sie ein anderes Treffen.

In einer der Toilettenkabinen öffnete Maria ihre Handtasche und entnahm ihr eine wasserdichte Tüte aus dickem Plastik.

Bevor sie ihr Telefon, das ihr von der CIA ausgestellt wurde, darin versiegelte, rief sie die Mailbox ihrer privaten Linie an.

Es gab keine neuen Nachrichten. Es schien, als hätte Kent es aufgegeben, zu versuchen, sie zu erreichen. Er hatte ihr mehrere Nachrichten in den letzten Wochen hinterlassen, alle paar Tage eine weitere. In den kurzen, einseitigen Abschnitten hatte er ihr von den Mädchen berichtet, dass Sara immer noch mit dem Trauma der Ereignisse, die sie mitmachen musste, beschäftigt war. Er hatte seine Arbeit für die nationale Ressourcen Division erwähnt und wie langweilig sie war, im Vergleich zu den Einsätzen. Er hatte ihr gesagt, dass er sie vermisste.

Es war eine kleine Erleichterung, dass er es aufgegeben hatte. Jetzt musste sie mindestens nicht mehr der Klang seiner Stimme hören und sich dessen bewusst werden, wie sehr auch sie ihn vermisste.

Maria versiegelte das Telefon in der Plastiktüte und ließ es vorsichtig in den Spülkasten hinunter, bevor sie wieder den Deckel darauflegte. Sie wollte keine neugierigen Ohren riskieren, die ihrer Unterhaltung zuhören könnten.

Dann verließ sie die Toilette und ging den Terminal entlang zu einem Gate, an dem etwa zwei Dutzend Menschen warteten. Das Flugbrett kündigte an, dass das Flugzeug nach Kiew in eineinhalb Stunden abhöbe.

Sie saß in einem festgeschraubten Plastiksitz in einer Reihe von sechs. Der Mann war schon hinter ihr, er saß in der gegenüberliegenden Reihe und blickte in die andere Richtung. Er hielt ein Automagazin geöffnet vor sein Gesicht.

“Studentenblume”, sagte er mit einer rauen, doch leisen Stimme. “Berichte.”

“Es gibt nichts zu berichten”, antwortete sie auf ukrainisch. “Agent Null ist wieder zu Hause mit seiner Familie. Seitdem meidet er mich.”

“Oh?” fragte der Ukrainer neugierig. “Ist das so? Oder vermeidest du ihn?”

Maria blickte finster drein, doch drehte sich nicht, um den Mann anzusehen. Er behauptete so etwas nur, wenn er wüsste, dass es wahr wäre. “Überwacht ihr mein privates Handy?”

“Natürlich”, sagte der Ukrainer offen. “Es scheint, als ob Agent Null sehr dringend mit dir reden möchte. Warum hast du ihn nicht kontaktiert?”

Es ging den Ukrainer zwar nichts an, doch Maria war Kent aus dem einfachen Grund aus dem Weg gegangen, weil sie ihn erneut angelogen hatte – nicht nur einmal, sondern zweimal. Sie hatte ihm gesagt, dass die Ukrainer, mit denen sie arbeitete, Mitglieder des auswärtigen Geheimdienstes waren. Einige der Splittergruppe waren es vielleicht einst gewesen, doch sie waren dem FIS etwa so loyal gegenüber, wie sie es der CIA war.

Die zweite Lüge bestand darin, ihm zu sagen, dass sie nicht mehr mit ihnen arbeiten würde. Kent hatte sein Misstrauen den Ukrainern gegenüber klar ausgesprochen, als sie auf dem Weg waren, seine Töchter zu retten, und Maria hatte halbherzig versprochen, dass sie der Beziehung ein Ende setzen würde.

Doch das hatte sie nicht getan. Noch nicht. Es war auch ein Teil des Grundes für das Treffen in Istanbul. Es war noch nicht zu spät, ihr Wort einzuhalten.

“Wir sind fertig”, erklärte sie kurz. “Ich arbeite nicht mehr mit euch. Ihr wisst, was ich weiß und ich weiß, was ihr wisst. Wir können Informationen austauschen, um einen Fall aufzubauen, doch ich werde nicht mehr eure Botengänge für euch übernehmen. Und ich lasse Null da raus.”

Der Ukrainer war einen langen Moment still. Er schlug lässig eine Seite seines Automagazins um, so als läse er es tatsächlich. “Bist du dir sicher?” fragte er. “Neue Information ist vor kurzem ans Licht gekommen.”

Marias Augenbraue erhob sich instinktiv, doch sie war sich sicher, dass das nur eine Finte war, um sie weiter zu beschäftigen. “Was für neue Information?”

“Information, die dich interessiert”, antwortete der Mann geheimnisvoll. Maria konnte sein Gesicht nicht sehen, doch aufgrund seines Tonfalls hatte sie den Eindruck, dass er grinste.

“Du bluffst”, gab sie unverblümt zurück.

“Das tue ich nicht” versicherte er ihr. “Wir kennen seine Position. Und wir wissen, was geschehen könnte, wenn er seine Haltung beibehält.”

Marias Puls beschleunigte sich. Sie wollte ihm nicht glauben, doch sie hatte kaum die Wahl. Ihre Verwicklung in der Aufdeckung der Verschwörung, ihre Entscheidung, mit ihnen zu arbeiten und zu versuchen, an Information der CIA zu gelangen, bedeutete mehr als nur das Richtige zu tun. Natürlich wollte sie einen Krieg vermeiden, die Täter davon abhalten, ihre fälschlich errungenen Gewinne zu erhalten, unschuldige Menschen davor beschützen, verletzt zu werden. Doch viel mehr noch hatte sie ein persönliches Interesse an dem Komplott.

Ihr Vater war ein Mitglied des nationalen Sicherheitsrats, ein hoher Beamter, was internationale Angelegenheiten anbelangte. Auch wenn es sie beschämte, nur daran zu denken, war es dennoch ihre höchste Priorität, viel höher noch als Leben zu retten oder die Vereinigten Staaten davon abzuhalten, einen Krieg zu beginnen, herauszufinden, ob er daran beteiligt war, ob er ein Mitverschwörer war – und sollte er es nicht sein, ihn in Sicherheit vor jenen zu bringen, die alles täten, um ihren Willen durchzusetzen.

Maria konnte ihn nicht einfach anrufen und fragen. Ihre Beziehung war etwas angespannt, beschränkte sich hauptsächlich auf professionellen Smalltalk über Gesetzgebung und das gelegentliche Gespräch über ihre Privatleben. Wäre er sich der Verschwörung bewusst, dann hätte er außerdem auch keinen Grund, es offen vor ihr zuzugeben. Sollte dem nicht so sein, dann wollte er sicher handeln. Er war ein entschiedener Mann, der an Justiz und das Rechtssystem glaubte. Maria war eher etwas zynisch veranlagt und deshalb auch vorsichtig.

“Was meinst du mit,was geschehen könnte’?” wollte sie wissen. Die rätselhafte Erklärung des Ukrainers schien darauf hinzuweisen, dass ihr Vater nicht eingeweiht war, während sie gleichzeitig auch ein gewisses Gewicht einer Drohung in sich trug.

“Wir wissen es nicht”, antwortete er kurz.

“Wie habt ihr es rausgefunden?”

“E-Mails”, gab der Ukrainer zurück, “die von einem privaten Server stammen. Seine Name war erwähnt, zusammen mit zwei anderen, die… sich vielleicht nicht fügen.”

“Sowas wie eine Abschussliste?” fragte sie geradeheraus.

“Unklar.”

Frust breitete sich in ihrer Brust aus. “Ich will diese E-Mails lesen. Ich will es mit eigenen Augen sehen.”

“Das kannst du ja”, versicherte ihr der Ukrainer. “Doch nur, wenn du nicht darauf bestehst, mit uns zu brechen. Wir brauchen dich, Ringelblume. Du brauchst uns. Und wir alle brauchen Agent Null.”

Sie seufzte. “Nein. Haltet ihn da raus. Er ist zu Hause mit seiner Familie. Er muss sich jetzt darauf konzentrieren. Er ist ja nicht mal mehr ein Agent —”

“Doch er arbeitet immer noch für die CIA.”

“Er hat keine Loyalität zu ihnen —”

“Doch dir gegenüber schon.”

Maria schnaubte. “Er erinnert sich nicht mal ausreichend, um das Wenige, das er weiß, zu verstehen.”

“Die Erinnerungen sind immer noch da, in seinem Kopf. Letztendlich wird er sich erinnern, und wenn es soweit ist, dann musst du da sein. Verstehst du nicht? Wenn er sich an die Information erinnert, dann hat er keine Wahl, dann muss er handeln. Er braucht dich dann, um ihn zu beraten, und er wird deine Ressourcen brauchen, wenn er etwas Sinnvolles dagegen tun möchte.” Der Ukrainer hielt inne, bevor er hinzufügte: “Die Information in Agent Nulls Kopf könnte uns die fehlenden Stücke zur Verfügung stellen oder zumindest zu Beweisen führen. Einen Weg, dies aufzuhalten. Darum geht es doch, oder nicht?”

“Ja natürlich”, murmelte Maria. Es war zwar nicht der einzige Grund dafür, dass sie sich dazu entschlossen hatte, mit den Ukrainern zu arbeiten, doch es war entscheidend, den Krieg und das unnötige Gemetzel aufzuhalten, bevor es begann, und die falschen Leute davon abzuhalten, an die Art von Macht zu gelangen, die historisch zu viel größeren Konflikten geführt hatte. Dennoch schüttelte sie ihren Kopf. “Ohne Rücksicht auf das, was ich will, wollt ihr ihn nur ausnutzen.”

“Es wäre natürlich nützlich, wenn der Top Agent der CIA sich gegen seine Regierung wendet”, gab der Mann zu. “Doch das ist nicht unser Ziel.” Er wagte es, sich leicht in ihre Richtung zu wenden, gerade genug, um zu murmeln: “Wir sind hier nicht dein Feind.”

Sie wollte das glauben. Doch weiter mit ihnen zusammenzuarbeiten, obwohl sie Kent versprochen hatte, dass sie diese Verbindung aufgäbe, fühlte sich so an, als wäre sie, wie er ihr einst vorgeworfen hatte, eine Doppelagentin – doch gegen ihn, nicht gegen die CIA.

“Ich kümmere mich um Null”, sagte sie, “aber ich will diese E-Mails und alle anderen Informationen, die ihr über meinen Vater habt.”

“Die bekommst du auch, sobald du etwas Neues und Nützliches für uns hast.” Der Mann blickte auffällig auf seine Uhr. “Übrigens, ich höre, dass du bald zurück in das regionale CIA Hauptquartier kehrst? Das ist in Zürich, oder? Du solltest dich mal umhören, wo sich Agent Null gerade aufhält. Wenn mich nicht alles täuscht, wird er ganz in der Nähe sein.”

“Er ist in Europa?” Maria war so überrascht, dass sie sich halb auf ihrem Stuhl herumdrehte. “Überwacht ihr ihn?”

Er zuckte mit den Schultern. “Seine letzte Kreditkartenaktivität zeigte drei Flugtickets in die Schweiz.”

Drei? dachte Maria. Das war kein Einsatz, das war eine Reise. Höchstwahrscheinlich Kent und seine zwei Mädchen. Aber warum in die Schweiz? fragte sie sich. Plötzlich überkam sie eine Idee… Würde er das wirklich versuchen? Ist er soweit?

Der Ukrainer stand auf, knöpfte sich sein Sakko zu und steckte sich sein Magazin unter einen Arm. “Suche ihn auf. Bring uns etwas Nützliches. Die Zeit geht aus. Wenn du es nicht tust, dann werden wir das übernehmen.”

“Wagt es nicht, jemanden in seine Nähe oder die seiner Mädchen zu schicken”, warnte Maria.

Er grinste. “Dann zwing uns nicht dazu. Auf Wiedersehen, Studentenblume.” Er nickte einmal und schritt hinweg durch den Terminal.

Maria sank in den Stuhl und seufzte abgeschlagen. Sie wusste nur zu gut, dass eine einzige erneute Erinnerung Kents obsessive Natur hervorrufen könnte, und dann befände er sich wieder in dem Alptraum von Verschwörung und Täuschung und wollte Antworten erhalten. Sie hatte es hautnah miterlebt, wie Kent durch die Hölle ging, um seine Familie zurückzubekommen… doch sie wusste auch, dass das Wissen, das er einst hatte, sie erneut auseinanderreißen würde.

Dort, am Terminal des Atatürk Flughafens von Istanbul, fasste sie einen Beschluss: sie war persönlich dafür verantwortlich, ihn hier mit hineingezogen zu haben, deshalb hing es auch an ihr, sicherzustellen, für ihn da zu sein, falls oder wenn er sich erinnerte. Und ihn davon abzuhalten, falls sie das tun musste.




Kapitel sechs


“Maya, schau.” Sara stach ihre ältere Schwester in den Arm und zeigte aus dem Fenster, als das Flugzeug durch eine Wolke auf dem Anflug zum Flughafen Zürich flog. Der Himmel öffnete sich und die weiß bedeckten Kämme der Schweizer Alpen wurden in der Entfernung sichtbar.

“Ganz schön cool, oder?” sagte Maya mit einem Lächeln. Reid, der auf Gangplatz saß, konnte kaum seinen Augen trauen – ein kleines Lächeln leuchtete auch in Saras Gesicht auf.

In den drei Tagen, seitdem er die Reise vorgeschlagen hatte, stimmte Sara zwar zu, aber schien sich kaum zu freuen. Sie hatte die meiste Zeit des achtstündigen Flugs geschlafen und in den Momenten, in denen sie wach war, fast nicht gesprochen. Doch als sie den Landeflug begannen und Sara die zackigen Kuppen der Alpen und die ausgedehnte Stadt Zürich unter ihnen sehen konnte, schien ein wenig Leben in sie zurückzukehren. Sie trug ein Lächeln auf dem Gesicht und ihre Wangen hatten das erste Mal seit geraumer Zeit etwas Farbe. Reid hätte nicht glücklicher sein können.

Nachdem sie ausgestiegen und durch den Zoll gegangen waren, warteten sie neben dem Gepäckband auf ihre Koffer. Reid fühlte, wie Saras Hand seine nahm. Er war überrascht, doch versuchte, es nicht zu zeigen.

Können wir heute Skifahren?” fragte sie.

“Ja, natürlich”, sagte er ihr. “Wir können tun, was immer du willst, Liebling.”

Sie nickte ernst, als ob der Gedanke schwer auf ihr gelastet hätte. Ihre Finger drückten seine, als ihr Gepäck langsam auf sie zufuhr.

Von Zürich aus nahmen sie einen Zug Richtung Süden. Es dauerte weniger als zwei Stunden, um die Alpenstadt Engelberg zu erreichen.

Es gab nicht weniger als sechsundzwanzig Hotels und Skihütten auf dem nahegelegenen Berg Titlis, dem größten Gipfel der Urner Alpen, der mehr als neunhundert Meter über dem Meeresspiegel lag.

Natürlich teilte Reid all dies seinen Mädchen mit.

“…Und außerdem auch die Heimat der ersten Luftseilbahn der Welt”, erklärte er ihnen, als sie vom Bahnhof zu ihrer Skihütte liefen. “Oh, und das Kloster Engelberg stammt aus dem zwölften Jahrhundert. Es ist eines der ältesten schweizer Kloster, die noch existieren…”

“Wow”, unterbrach ihn Maya. “Ist es das?”

Reid hatte eine der rustikaleren Hütten für ihre Unterkunft gewählt. Sie war sicherlich ein bisschen veraltet, doch charmant und gemütlich, nicht so wie einige der größeren Hotels im amerikanischen Stil, die während der letzten Jahre gebaut wurden. Sie checkten ein und gingen in ihr Zimmer, das zwei Betten, einen Kamin mit zwei Sesseln davor und eine atemberaubende Sicht auf die Südseite des Titlis hatte.

“Hey, ähm, es gibt da noch was, das ich sagen möchte, bevor wir rausgehen”, sagte Reid, während sie auspackten und sich für die Skipisten bereitmachten. “Ich möchte nicht, dass ihr Zwei einfach alleine loszieht.”

“Papa…” Maya rollte mit den Augen.

“Es geht nicht darum”, fügte er schnell hinzu. “Diese Reise machen wir, damit wir Zeit zusammen verbringen und ein bisschen Spaß haben, und das bedeutet, dass wir zusammenbleiben. OK?”

Sara nickte.

“Ja, in Ordnung”, stimmte Maya zu.

“Gut. Dann ziehen wir uns um.” Es war keine Lüge, nicht wirklich. Er wollte, dass sie sich zusammen amüsierten, und er wollte nicht, dass sie alleine herumwanderten. Dabei ging es um Sicherheitsgründe, die nichts mit dem Vorfall zu tun hatten. Zumindest sagte er sich das selbst.

Er hatte immer noch keine Ahnung, wie er seine andere Aufgabe bewältigen würde, der versteckte Grund, aus dem sie in die Schweiz geflogen waren und in der Nähe von Zürich blieben. Doch er hatte Zeit, um den Teil zu organisieren.

Dreißig Minuten später waren die drei auf einem Skilift und fuhren eine der dutzenden von Pisten hoch, die Titlis durchkreuzten. Reid hatte eine Anfängerpiste gewählt, um zu beginnen. Keiner von ihnen war seit Jahren Ski gefahren, seit der Familienreise nach Vermont.

Schuldgefühle stachen in Reids Brust, wenn er an diesen Urlaub dachte. Kate war damals noch am Leben. Die Reise hatte sich perfekt angefühlt, als ob nichts Schlimmes jemals zwischen ihnen geschehen könnte. Er wünschte, er könnte die Zeit zurückdrehen, den Urlaub erneut genießen, vielleicht sogar sein Ich der Vergangenheit davor warnen, was ihm bevorstünde – oder das Ergebnis verändern, damit es niemals geschehen wäre.

Er schüttelte den Gedanken aus seinem Kopf. Es hatte keinen Sinn, sich weiter damit zu beschäftigen. Es war geschehen und jetzt musste er für seine Töchter da sein und sicherstellen, dass die Vergangenheit sich nicht wiederholte.

An der Spitze der einfachen Piste gab ihnen ein bärtiger Skilehrer ein paar Auffrischungstipps darüber, wie man langsamer fuhr, wie man stoppte und wie man lenkte. Die Mädchen nahmen sich Zeit, standen unsicher in ihren Skistiefeln, die an den Fersen eingeklickt waren.

Doch sobald Reid sich mit den Stöcken abschob und begann, über das Pulver zu rutschen, reagierte sein Körper, als hätte er es tausende Male getan. Die einzige Erinnerung, die er über das Skifahren hatte, war die Familienreise vor fünf Jahren, doch die Art, wie er einfach wusste, wie er sich zu bewegen hatte, ohne darüber nachzudenken, wie seine Beine und sein Körper sich subtil anpassten, um nach links und rechts zu schwingen, sagte ihm, dass er dies viel öfter als nur einmal getan hatte. Nachdem er die erste Piste bewältigt hatte, war er sich ziemlich sicher, dass er eine schwarze Diamant Piste problemlos bezwingen könnte.

Dennoch gab er sich Mühe, das zu verstecken und passte sich dem Rhythmus der Mädchen an. Sie schienen sich prächtig zu amüsieren, Maya lachte bei jedem Wackeln und Beinahe-Sturz und Sara hörte gar nicht mehr auf zu Lächeln.

Bei ihrer dritten Fahrt die Anfängerpiste hinunter, fuhr Reid zwischen die beiden. Dann beugte er ein wenig seine Beine, lehnte sich nach vorn und steckte die Stöcke unter seine Arme. “Der Letzte hat verloren!” rief er, während er begann, schneller zu fahren.

“Ich krieg dich, alter Mann!” lachte Maya hinter ihm.

“Alter Mann? Wart’s ab… wer zuletzt lacht, lacht am besten…” Reid blickte gerade rechtzeitig über seine Schulter, um zu sehen, wie Saras linker Ski auf einen kleinen Absatz mit festgefahrenem Schnee stieß. Er schlüpfte unter ihr heraus und beide Arme schlugen um sich, als sie mit dem Gesicht zuerst in den Hang fiel.

“Sara!” Reid stoppte. Er löste die Stiefel augenblicklich aus der Halterung und rannte durch den Pulverschnee zu ihr. “Sara, alles in Ordnung?” Sie war gerade den Gips losgeworden, das Letzte, was sie bräuchte, wäre eine weitere Verletzung, um ihren Urlaub zu ruinieren.

Er kniete nieder und drehte sie um. Ihr Gesicht war rot und es standen ihr Tränen in den Augen – doch sie lachte.

“Alles in Ordnung?” fragte er noch einmal.

“Ja”, antwortete sie zwischen Kichern. “Mir geht’s gut.”

Er half ihr auf die Beine und sie wischte sich die Tränen von den Augen. Er war mehr als nur erleichtert, dass es ihr gutging – das Geräusch ihres Lachens klang wie Musik in seiner Seele.

“Bist du dir sicher, dass alles OK ist?” fragte er ein drittes Mal.

“Ja, Papa.” Sie seufzte glücklich und stellte sich auf die Ski. “Ich verspreche dir, mir geht’s gut. Nichts gebrochen. Übrigens…” Sie drückte sich mit beiden Stöcken ab und sauste den Abhang hinunter. “Wir machen immer noch ein Rennen, oder?”

In der Nähe lachte auch Maya und fuhr hinter ihrer Schwester her.

“Nicht fair!” rief Reid hinter ihnen, als er zurück zu seinen Skiern eilte.

Nachdem sie drei Stunden lang die Abhänge hinuntergefahren waren, kehrten sie zur Skihütte zurück und setzten sich auf ein Sofa des großen Gemeinschaftsraums, in dem ein Kamin brannte, der groß genug war, um ein Motorrad darin zu parken. Reid bestellte drei Becher heißer, schweizer Schokolade und sie nippten zufrieden vor dem Kaminfeuer an ihr.

“Morgen will ich eine blaue Piste ausprobieren”, kündigte Sara an.

“Bist du dir sicher, Mäuschen? Du hast gerade erst den Gips vom Arm”, neckte sie Maya.

“Vielleicht können wir uns am Nachmittag die Stadt anschauen”, bot Reid an. “Einen Ort fürs Abendessen finden?”

“Das klingt gut”, stimmte Sara zu.

“Das sagst du jetzt”, warnte Maya, “doch du weißt schon, dass er uns in das Kloster schleppen wird.”

“Hey, es ist wichtig, sich über die Geschichte eines Ortes zu informieren”, erklärte Reid. “Das Kloster war der Beginn dieser Stadt. Naja, bis in die 1850er, als es ein Urlaubsort für Touristen wurde, die wegen der sogenannten,Frischluftheilung’ hierher kamen. Seht ihr, damals…”

Maya lehnte sich auf dem Sofa zurück und gab vor, laut zu schnarchen.

“Ha-ha”, spottete Reid. “In Ordnung, ich höre schon auf mit der Vorlesung. Wer möchte noch eine Portion? Ich komme gleich wieder.” Er nahm die drei Becher und ging damit auf die Theke zu.

Während er wartete, konnte er nicht anders, als sich selbst in Gedanken auf die Schulter zu klopfen. Das erste Mal seit einer langen Zeit, vielleicht sogar seitdem der Gedächtnishemmer eingesetzt wurde, fühlte er, dass er seine Töchter richtig behandelt hatte. Sie hatten alle Spaß, die Ereignisse des letzten Monats schienen eine weit entfernte Erinnerung zu werden. Er hoffte, dass dies nicht nur vorübergehend war, und dass das Erschaffen neuer, glücklicher Erinnerungen, die Angst und Qual dessen, was geschehen war, ersetzte.

Natürlich war er nicht so naiv zu glauben, dass die Mädchen einfach den Vorfall vergäßen. Es war wichtig, nicht zu vergessen. Genau wie in der Geschichte, wollte er nicht, dass sich so etwas noch einmal wiederholen könnte. Doch wenn es Sara aus ihrer Melancholie riss und Maya wieder in Richtung Schule und Zukunft brächte, dann hätte er das Gefühl, dass er seine Arbeit als Elternteil erfüllte.

Er kam zurück zum Sofa und sah, wie Maya auf ihrem Handy tippte und Saras Platz leer war.

“Ist auf die Toilette gegangen”, erklärte Maya, bevor er noch fragen konnte.

“Ich hätte nicht gefragt”, gab er so unbekümmert wie er konnte zurück, und stellte die drei Becher auf den Tisch.

“Ja klar”, stichelte Maya.

Reid richtete sich auf und schaute sich trotzdem um. Natürlich hätte er gefragt. Wenn es nach ihm ginge, dann verließe keines der Mädchen sein Blickfeld. Her blickte um sich, an den anderen Touristen und Skifahrern vorbei, die Anwohner, die ein heißes Getränk genossen, die Angestellten, die Gäste bedienten…

Ein Knoten voll Panik zog sich in seinem Magen zusammen, als er Saras blonden Hinterkopf auf der anderen Seite des Gemeinschaftsraumes erblickte. Hinter ihr war ein Mann mit einem schwarzen Parka, der ihr folgte – oder sie vielleicht wegführte.

Er schritt schnell hinüber, die Hände ballten sich zu Fäusten an seinen Seiten. Sein erster Gedanke galt sofort den slowakischen Menschenhändlern. Die haben uns gefunden. Seine angespannten Muskeln waren bereit zu kämpfen, bereit, diesen Mann vor allen anderen auseinanderzunehmen. Die haben uns irgendwie gefunden, mitten in den Bergen.

“Sara”, sagte er scharf.

Sie hielt an und drehte sich um, ihre Augen geweitet aufgrund seines befehlenden Tonfalls.

“Alles in Ordnung?” Sein Blick wanderte von ihr zu dem Mann, der ihr folgte. Er hatte dunkle Augen, war unrasiert, eine Skibrille balancierte auf seiner Stirn. Er sah nicht slowakisch aus, doch Reid ginge keine Risiken ein.

“Alles OK, Papa. Dieser Mann hat mich gefragt, wo die Toiletten sind”, erklärte ihm Sara.

Der Mann hielt beide Hände abwehrend hoch, die Handinnenflächen nach vorn. “Es tut mir sehr leid”, sagte er, sein Akzent klang deutsch. “Ich meinte nichts Böses —”

“Hätten Sie keinen Erwachsenen fragen können?” erwiderte Reid nachdrücklich, starrte den Mann dabei an.

“Ich habe die erste Person gefragt, die ich sah”, verteidigte sich der Mann.

“Und das war ein vierzehnjähriges Mädchen?” Reid schüttelte seinen Kopf. “Mit wem sind sie hier?”

“Mit wem?” fragte der Mann fassungslos. “Ich… ich bin mit meiner Familie hier.”

“Ach ja? Wer sind sie? Zeigen Sie auf sie”, verlangte Reid.

“Ich-ich will keine Probleme.”

“Papa.” Reid fühlte, wie ein Arm an seinem zog. “Das reicht jetzt, Papa.” Maya zog erneut an ihm. “Das ist nur ein Tourist.”

Reids Augen verengten sich zu Schlitzen. “Sie halten sich besser von meinen Mädchen fern”, warnte er, “oder sonst wird es Probleme geben.” Er drehte sich von dem verängstigten Mann weg, während Sara verwirrt zum Sofa zurückging.

Doch Maya stellte sich ihm, mit ihren Händen auf ihre Hüften gestützt, in den Weg. “Was zum Teufel war das?”

Er legte die Stirn in Falten. “Maya, gib Acht, wie du sprichst —”

“Nein, gib du besser Acht, wie du sprichst”, schoss sie zurück. “Papa, du hast gerade deutsch geredet.”

Reid blinzelte vor Überraschung. “Habe ich?” Er hatte es nicht mal bemerkt, doch der Mann in dem schwarzen Parka hatte sich auf Deutsch entschuldigt – und Reid fuhr einfach in derselben Sprache fort, ohne darüber nachzudenken.

“Du verängstigst Sara einfach nur wieder mit solchen Sachen”, beschuldigte ihn Maya.

Seine Schultern fielen nach vorn. “Du hast recht. Es tut mir leid. Ich dachte nur…” Du dachtest, die slowakischen Menschenhändler wären dir und deinen Mädchen in die Schweiz gefolgt. Plötzlich bemerkte er, wir lächerlich das klang.

Es war offensichtlich, dass Maya und Sara nicht die einzigen waren, die sich von der geteilten Erfahrung erholen mussten. Vielleicht sollte ich ein paar Sitzungen mit Dr. Branson buchen, dachte er, als er sich wieder zu seinen Töchtern setzte.

“Es tut mir leid, was da passiert ist”, erklärte er Sara. “Ich glaube, ich bin einfach ein bisschen zu beschützerisch im Moment.”

Sie antwortete nicht, doch starrte auf den Boden mit dem weit entfernten Blick in ihren Augen. Beide Hände hielten den Kakaobecher, der kalt wurde.

Er wurde sich darüber klar, dass seine Reaktion und wie er wütend den Mann auf deutsch angebrüllt hatte, sie an den Vorfall erinnerten und wie wenig sie über ihren eigenen Vater wusste.

Großartig, dachte er bitter. Nicht mal ein Tag und ich habe schon alles kaputt gemacht. Wie kann ich das nur wieder gutmachen? Er setzte sich zwischen die Mädchen und versuchte verzweifelt, an etwas etwas zu denken, was er sagen oder tun könnte, um die fröhliche Atmosphäre, die nur ein paar Augenblicke zuvor geherrscht hatte, wieder herzustellen.

Doch bevor er überhaupt die Möglichkeit hatte, sprach Sara. Ihr Blick erhob sich, um ihn anzusehen, als sie etwas murmelte, dass Reid trotz der Gespräche um sie ganz klar hören konnte.

“Ich will es wissen”, sagte seine jüngste Tochter. “Ich will die Wahrheit wissen.”




Kapitel sieben


Yosef Bachar hatte sich die letzten acht Jahre seiner Karriere in gefährlichen Situationen befunden. Als Enthüllungsjournalist hatte er Streitkräfte in den Gazastreifen begleitet. Er war auf der Suche nach versteckten Lagern und Höhlen auf der langen Jagd nach Osama bin Laden durch Wüsten gezogen. Er hatte inmitten von Feuergefechten und Luftangriffen berichtet. Nicht mal zwei Jahre zuvor hatte er die Geschichte darüber bekannt gegeben, wie Hamas Drohnenteile über Grenzen schmuggelte und einen entführten Saudi Ingenieur dazu zwang, sie zu rekonstruieren, damit sie für Bombenangriffe nutzbar waren. Sein Exposee hatte stärkere Sicherheitsvorkehrungen an Grenzen und erhöhtes Bewusstsein über Rebellen, die sich um bessere Technologie bemühten, inspiriert.

Trotz allem, was er tat und riskierte, hatte er sich niemals zuvor in mehr Gefahr als in diesem Moment befunden. Er und zwei weitere, israelische Kollegen hatten über Imam Khalil und seine kleine Sekte von Anhängern berichtet, die einen mutierten Pockenvirus in Barcelona entfesselten und versucht hatten, dasselbe in den USA zu tun. Eine Quelle in Istanbul hatte ihnen mitgeteilt, dass die letzten von Khalils Fanatikern nach Irak geflohen waren und sich irgendwo in der Nähe von Albaghdadi aufhielten.

Doch Yosef Bachar und seine zwei Landsmänner hatten nicht Khalils Leute gefunden. Sie hatten nicht einmal die Stadt erreicht, als ihr Auto von einer weiteren Gruppe von der Straße gedrängt und die drei Journalisten entführt wurden.

Drei Tage lang hielt man sie im Keller eines Wüstenlagers gefangen. Man hatte sie an den Handgelenken gefesselt und hielt sie im Dunkeln, sowohl wortwörtlich als auch im übertragenen Sinne.

Bachar verbrachte diese drei Tage damit, sein unumgängliches Schicksal zu erwarten. Er wurde sich dessen bewusst, dass diese Männer höchstwahrscheinlich Hamas oder eine Splittergruppe davon waren. Sie würden ihn foltern und letztendlich ermorden. Sie würden die Qual auf Video aufnehmen und es an die israelische Regierung schicken. Drei Tage des Wartens und Wunderns, Dutzende von furchterregenden Szenarien, die sich in Bachars Kopf abspielten, fühlten sich genauso folternd an wie jegliche Pläne, die diese Männer für sie bereithalten konnten.

Doch als sie schließlich kamen, trugen sie keine Waffen oder Folterinstrumente bei sich. Es waren Worte.

Ein junger Mann, höchstens fünfundzwanzig, trat allein in das Untergeschoss des Lagers ein und schaltete ein Licht an, eine einzige Glühbirne an der Decke. Er hatte dunkle Augen, einen kurz geschnittenen Bart und breite Schultern. Der junge Mann ging vor den Dreien, die mit ihren gefesselten Händen auf den Knien saßen, auf und ab.

“Mein Name ist Awad bin Saddam”, sagte er ihnen, “und ich bin der Anführer der Brüderschaft. Ihr drei wurdet zu einem höchst glorreichen Zweck einberufen. Einer von euch wird deine Nachricht für mich überbringen. Ein weiter wird unseren heiligen Dschihad dokumentieren. Und der Dritte… der Dritte ist unnötig. Der Dritte wird durch unser Handeln sterben.” Der junge Mann, dieser bin Saddam, hielt inne und griff in seine Tasche.

“Wenn ihr möchtet, könnt ihr entscheiden, wer welche Aufgabe erfüllen wird”, fuhr er fort. “Oder ihr könnt es dem Zufall überlassen.” Er beugte sich vornüber und legte drei dünne Schnüre Zwirn auf den Boden vor ihnen.

Zwei von ihnen waren etwa fünfzehn Zentimeter lang. Die dritte war ein paar Zentimeter kürzer als die anderen.

“Ich kehre in einer halben Stunde zurück.” Der junge Terrorist verließ den Keller und verschloss die Tür hinter sich.

Die drei Journalisten starrten die ausgefransten Schnüre auf dem Steinboden vor sich an.

“Das ist monströs”, sagte Avi leise. Er war ein stämmiger Mann von achtundvierzig Jahren, älter als die meisten, die im Feld arbeiteten.

“Ich stelle mich freiwillig zur Verfügung”, erklärte Yosef. Die Worte sprudelten aus seinem Mund, bevor er es überhaupt überdacht hatte – hätte er das getan, so spräche er sie vermutlich nicht aus.

“Nein, Yosef.” Idan, der jüngste unter ihnen, schüttelte fest seinen Kopf. “Das ist zwar edel von dir, doch wir könnten nicht mit uns selbst leben, wüssten wir, dass wir dir erlaubt hätten, freiwillig zu sterben.”

“Du würdest es dem Zufall überlassen?” erwiderte Yosef.

“Der Zufall ist fair”, entgegnete ihm Avi. “Er ist unparteiisch. Außerdem…” Er fuhr leiser fort, “könnte dies eine List sein. Die könnten uns immer noch alle umbringen.”

Idan reichte mit beiden gefesselten Händen zum Boden und hob die drei Stränge Zwirn in seiner Faust hoch, hielt sie, sodass die herausragenden Enden gleich lang erschienen. “Yosef”, sagte er, “wähle du zuerst.” Er hielt sie hoch.

Yoself Kehle war zu trocken, um Worte auszusprechen, als er nach einem Ende griff und es langsam aus Idans Faust zog. Ein Gebet ging ihm durch den Kopf, als ein Zentimeter, dann zwei und schließlich acht sich aus seinen geschlossenen Fingern entrollten.

Das andere Ende fiel nach nur ein paar kurzen Zentimetern heraus. Er hatte die kurze Schnur gezogen.

Avi seufzte auf, doch es war ein Seufzen aus Verzweiflung, nicht aus Erleichterung.

“Damit wäre dann das gelöst”, sagte Yosef einfach.

“Yosef…” begann Idan.

“Ihr beide könnt unter euch absprechen, welche Aufgabe ihr übernehmt”, unterbrach Yosef den jüngeren Mann. “Doch… wenn einer von euch das hier überlebt und nach Hause zurückkehrt, dann sagt bitte meiner Frau und meinem Sohn…” Er hielt inne. Die letzten Worte schienen ihm zu fehlen. Es gab nichts, das er in einer Nachricht senden könnte, was sie nicht schon wüssten.

“Wir werden ihnen erzählen, wie mutig du deinem Schicksal angesichts von Terror und Ungerechtigkeit ins Gesicht geblickt hast”, bot ihm Avi an.

“Danke.” Yosef ließ den Zwirn zu Boden fallen.

Bin Saddam kehrte kurze Zeit später zurück, wie er es versprochen hatte und ging erneut vor den Dreien auf und ab. “Ihr habt also eine Entscheidung getroffen?” fragte er.

“Das haben wir”, antwortete Avi und sah dem Terroristen ins Gesicht. “Wir haben uns entschieden, dein islamisches Konzept der Hölle anzunehmen, nur damit wir einen Ort haben, an dem wir glauben, dass du und deine Schurkenbande hinkommt.”

Awad bin Saddam grinste. “Doch wer von euch wird da vor mir ankommen?”

Yosefs Kehle fühlte sich immer noch ausgedörrt an, zu trocken für Worte. Er öffnete seinen Mund, um sein Schicksal zu akzeptieren.

“Das werde ich sein.”

“Idan!” Yosefs Augen wölbten sich hervor. Bevor er etwas sagen konnte, hatte der junge Mann schon gesprochen. “Er ist es nicht”, erklärte er bin Saddam rasch. “Ich habe den kürzeren Zwirn gezogen.”

Bin Saddam blickte von Yosef zu Idan, scheinbar amüsiert. “Ich glaube, ich muss einfach denjenigen töten, der zuerst den Mund aufgemacht hat.” Dann griff er nach seinem Gürtel und zog ein häßliches, gekrümmtes Messer mit einem Griff aus dem Horn einer Ziege aus der Scheide.

Yosefs Magen drehte sich beim bloßen Anblick schon um. “Warte, nicht er —”

Awad schnippte mit dem Messer und durchtrennte Avis Kehle. Der Mund des älteren Mannes fiel vor Überraschung auf, doch kein Geräusch entrann ihm, als Blut aus seinem offenen Hals strömte und auf den Boden lief.

“Nein!” rief Yosef. Idan drückte seine Augen zu, während ein erbärmliches Schluchzen aus ihm platzte.

Avi fiel vornüber auf seinen Bauch, das Gesicht von Yosef abgewendet, und eine dunkle Blutlache breitete sich über die Steine aus.

Ohne ein weiteres Wort hinterließ bin Saddam sie dort erneut.

Die beiden Verbleibenden harrten die Nacht über schlaflos aus und kein Wort wurde zwischen ihnen gewechselt. Yosef konnte jedoch Idans leises Schluchzen hören, als er um den Verlust seines Mentors, Avi, trauerte, dessen Leiche nur ein paar Meter vor ihnen lag und immer kälter wurde.

Am Morgen kamen drei arabische Männer wortlos in den Keller und entfernten Avis Körper. Zwei weitere traten sofort danach ein, gefolgt von bin Saddam.

“Er.” Er zeigte auf Yosef und die zwei Rebellen zogen ihn an den Schultern rau auf die Beine. Als man ihn in Richtung Tür zerrte, wurde er sich dessen bewusst, dass er Idan möglicherweise nie wieder sähe.

“Sei stark”, rief er über seine Schulter. “Möge Gott mit dir sein.”

Yosef blinzelte im hellen Sonnenschein, als er in einen Hof gezogen wurde, der von hohen Steinmauern umringt war. Man warf ihn ohne große Umstände auf den hinteren Teil eines Lasters, der durch ein gewölbtes Dach aus Leinwand bedeckt war. Ein Leinensack wurde über seinen Kopf gezerrt und erneut befand er sich in Dunkelheit.

Der Laster knatterte zum Leben und verließ das Lager. Yosef konnte nicht feststellen, in welche Richtung sie reisten. Er hatte vergessen, wie lange sie schon fuhren und die Stimmen aus der Fahrerkabine waren kaum erkennbar.

Nach einer Weile – nach zwei, vielleicht auch drei Stunden – konnte er den Klang anderer Fahrzeuge hören, röhrende Motoren, lautes Hupen. Dahinter vernahm er Straßenverkäufer, die ihre Ware anpriesen und Zivilbevölkerung, die rief, lachte, sich unterhielt. Eine Stadt, bemerkte Yosef. Wir sind in einer Stadt. Welche Stadt? Und warum?

Der Laster fuhr langsamer und plötzlich hörte er eine harte, tiefe Stimme direkt in seinem Ohr. “Du bist mein Bote.” Es gab keinen Zweifel, die Stimme gehörte bin Saddam. “Wir sind in Bagdad. Zwei Häuserblocks östlich ist die amerikanische Botschaft. Ich werde dich freilassen und du wirst dort hingehen. Halte für nichts an. Spreche mit niemandem, bis du ankommst. Ich will, dass du ihnen erzählst, was dir und deinen Landsmännern widerfahren ist. Ich will, dass du ihnen sagst, dass die Brüderschaft und ihr Anführer, Awad bin Saddam, dies getan haben. Tu das und damit hast du dir deine Freiheit verdient. Verstehst du?”

Yosef nickte. Er war verwirrt darüber, dass es sich um eine solch einfache Nachricht handelte und warum er sie überbringen musste, doch begierig darauf, sich von dieser Brüderschaft zu befreien.

Der Leinensack wurde ihm vom Kopf gerissen und gleichzeitig stieß man ihn rau vom Laster. Yosef stöhnte, als er auf das Pflaster fiel und abrollte. Ein Gegenstand flog hinter ihm her und landete in der Nähe, er war klein, braun und rechteckig.

Es war sein Portemonnaie.

Er blinzelte im plötzlichen Tageslicht, Passanten hielten erstaunt inne beim Anblick eines Mannes, der an den Handgelenken gefesselt war und von einem sich bewegenden Fahrzeug gestoßen wurde. Doch der Laster hielt nicht an. Er rollte weiter und verschwand im dichten Nachmittagsverkehr.

Yosef ergriff sein Portemonnaie und stand auf. Seine Kleidung war schmutzig und verdreckt. Seine Gliedmaßen schmerzten. Sein Herz gebrochen wegen Avi und Idan. Doch er war frei.

Er taumelte die Straße entlang, ignorierte die Blicke der Bürger von Bagdad, als er sich auf die US Botschaft zubewegte. Eine große amerikanische Fahne, die von einem hohen Mast wehte, wies ihm den Weg.

Yosef war etwa fünfundzwanzig Meter von dem hohen Maschendrahtzaun entfernt, der die Botschaft umringte und dessen oberes Ende aus Stacheldraht bestand, als ein amerikanischer Soldat zu ihm rief. Vier von ihnen standen am Tor, jeder mit einem Schnellfeuergewehr und voller taktischer Ausrüstung ausgestattet.

“Halt!” befahl ihm der Soldat. Zwei seiner Kameraden hielten ihre Gewehre in seine Richtung, als der dreckige, gefesselte Yosef, durstig und schwitzend, plötzlich anhielt. “Identifizieren Sie sich!”

“Mein Name ist Yosef Bachar”, rief er auf englisch. “Ich bin einer von drei israelischen Journalisten, die von islamischen Rebellen in der Nähe von Albaghdadi entführt wurden.”

“Melde das drinnen”, befahl der kommandierende Soldat einem weiteren. Während zwei Waffen immer noch auf Yosef zielten, näherte sich der Soldat misstrauisch an. Er hielt seine Waffe in beiden Händen und hatte einen Finger am Abzug. “Legen Sie Ihre Hände auf den Kopf.”

Yosef wurde gründlich nach Waffen untersucht, doch das einzige, was der Soldat fand, war sein Portemonnaie – und darin seinen Ausweis. Man tätigte einige Anrufe und fünfzehn Minuten später wurde Yosef Bachar der Eintritt in die amerikanische Botschaft gestattet.

Die Fesseln wurden von seinen Handgelenken geschnitten und man führte ihn in ein kleines, fensterloses Büro, das jedoch nicht sehr unbequem war. Ein junger Mann brachte ihm eine Flasche Wasser, welches er dankbar trank.

Ein paar Minuten später trat ein Mann in einem schwarzen Anzug und passend gekämmten Haar ein. “Herr Bachar”, sagte er, “mein Name ist Agent Cayhill. Wir sind uns ihrer Situation bewusst und wir sind sehr glücklich, sie lebendig und gesund zu sehen.”

“Danke”, antwortete Yosef. “Mein Freund Avi hatte nicht so viel Glück.”

“Das tut mir leid”, entgegnete der amerikanische Agent. “Wir haben Ihrer Regierung und Ihrer Familie gemeldet, dass Sie hier sind. Wir werden so bald wie möglich Transport arrangieren, um sie nach Hause zu bringen, doch zuerst möchten wir mit ihnen darüber sprechen, was ihnen widerfahren ist.” Er zeigte nach oben, wo die Wand auf die Decke traf. Eine schwarze Kamera war auf Yosef gerichtet. “Unser Gespräch wird aufgenommen und der Ton wird live nach Washington, D.C. übertragen. Es ist ihr Recht, die Aufnahme zu verweigern. Sie können auf die Anwesenheit eines Botschafters oder anderen Repräsentanten ihres Landes bestehen, falls sie dies wünschen —”

Yosef winkte müde mit der Hand ab. “Das ist nicht notwendig. Ich möchte sprechen.”

“Sobald sie dazu bereit sind, Herr Bachar.”

Also sprach er. Yosef erzählte alle Details der dreitägigen Qual, begann damit, wie sie auf der Reise nach Albaghdadi waren und ihr Auto auf einer Wüstenstraße angehalten wurde. Alle drei, er und Avi und Idan, wurden gezwungen, mit Säcken über ihren Köpfen in den hinteren Teil eines Lasters einzusteigen. Die Säcke wurden nicht entfernt, bis sie im Keller des Lagers ankamen, wo sie drei Tage in Dunkelheit verbrachten. Er sagte ihnen, was Avi geschehen war, seine Stimmte zitterte leicht. Er erzählte ihnen von Idan, der sich immer noch im Lager aufhielt, in der Macht dieser Verdammten war.

“Sie gaben an, mich freigelassen zu haben, um eine Nachricht zu überbringen”, schloss Yosef. “Sie wollten, dass Ihr wisst, wer hierfür verantwortlich ist. Sie wollten, dass Ihr den Namen ihrer Organisation, die Brüderschaft, und den ihres Anführers, Awad bin Saddam, kennt.” Yosef seufzt. “Das ist alles, was ich weiß.

Agent Cayhill nickte tief. “Danke, Herr Bachar. Ihre Mitarbeit wird sehr geschätzt. Bevor Sie sich auf den Weg nach Hause machen, habe ich noch eine weitere Frage. Warum senden die Sie zu uns? Warum nicht zu Ihrer eigenen Regierung, zu Ihren Leuten?”

Yosef schüttelte seinen Kopf. Dasselbe hatte er sich gefragt, seitdem er die Botschaft betreten hatte. “Ich weiß es nicht. Sie sagten nur, dass sie wollten, dass Sie, die Amerikaner, wüssten, wer verantwortlich sei.”

Cayhill legte seine Stirn in tiefe Falten. Es klopfte an der Tür des kleinen Büros und anschließend steckte eine junge Frau ihren Kopf rein. “Entschuldigen Sie, Sir”, sagte sie leise, “doch die Delegation ist hier. Sie warten im Konferenzsaal C.”

“Nur noch eine Minute, danke schön”, antwortete Cayhill.

Im selben Moment, in dem sich die Tür schloss, explodierte der Boden unter ihnen. Yosef Bachar und Agent Cayhill, gemeinsam mit dreiundsechzig anderen Seelen, verbrannten sofort.


* * *

Gerade zwei Straßen südlich von der Botschaft war ein Laster mit einem gewölbten Dach aus Leinwand am Straßenrand geparkt. Durch die Windschutzscheibe konnte man direkt die amerikanische Botschaft sehen.

Awad beobachtete, ohne dabei zu blinzeln, wie die Fenster der Botschaft explodierten und Feuerbälle in die Luft schossen. Der Laster unter ihm zitterte durch den Knall, selbst aus dieser Entfernung. Schwarzer Rauch wühlte den Himmel auf, als die Wände nachgaben und einstürzten. Die amerikanische Botschaft brach in sich zusammen.

Es war einfach, fast sein eigenes Körpergewicht an Plastiksprengstoff zu besorgen, jetzt, da er sich ungefragt an Hassans Vermögen bedienen konnte. Selbst die Entführung der Journalisten war recht unkompliziert. Schwierig war es nur, die gefälschten Ausweise zu besorgen, die realistisch genug aussahen, damit er und drei weitere als Wartungspersonal eintreten konnten. Dazu war es notwendig, einen Tunesier anzuheuern, der geschickt genug war, um falsche Prüfungen des Strafregisters zu erstellen und ihre Datenbank zu hacken, damit sie als zugelassene Auftragnehmer Zugang zur Botschaft hatten.

Nur danach konnten Awad und die Brüderschaft den Sprengstoff in einen Wartungsflur unter den Füßen der Amerikaner verstauen, wie sie es zwei Tage zuvor getan hatten, während sie sich als Klempner ausgaben, die ein kaputtes Rohr reparierten.

Der Teil war weder einfach noch kostengünstig, doch er war es wert, um Awads Ziele zu erreichen. Nein, der einfache Teil war es, den Hightech-Explosionschip in das Portemonnaie des Journalisten zu stecken und ihn auf den Weg in Richtung Freiheit zu schicken. Das dachte zumindest dieser dumme Mann. Die Bombe explodierte nur, wenn der Chip in Reichweite wäre.

Der Israeli hatte im Grunde genommen die Botschaft für sie gesprengt.

“Lass uns fahren”, sagte er zu Usama, der den Laster wieder auf die Straße lenkte. Sie umfuhren geparkte Fahrzeuge, deren Fahrer wegen der Explosion mitten auf der Straße anhielten. Fußgänger rannten schreiend von der Explosionsstelle, als Teile der äußeren Wände des Gebäudes weiter herunterstürzten.

“Ich verstehe nicht”, grummelte Usama, während er versuchte, die Straßen, die von Menschen in Panik überfüllt waren, zu durchfahren. “Hassan hat mir gesagt, wie viel ihr dafür ausgegeben habt. Wofür? Nur um einen Journalisten und eine handvoll Amerikaner umzubringen?”

“Ja”, sagte Awad nachdenklich. “Eine ausgewählte handvoll Amerikaner. Mir wurde kürzlich mitgeteilt, dass eine Kongressdelegation der Vereinigten Staaten Bagdad besucht als Teil einer Mission des guten Willens.”

“Was für eine Art von Delegation?” fragte Usama.

Awad grinste, sein einfach gestrickter Bruder konnte es einfach nicht verstehen – weshalb Awad auch noch nicht den ganzen Plan mit dem Rest der Brüderschaft geteilt hatte. “Eine Kongressdelegation”, wiederholte er. “Eine Gruppe von amerikanischen, politischen Anführern. Spezifischer gesagt, Anführer aus New York.”

Usama nickte, als ob er verstünde, doch seine hochgezogenen Augenbrauen drückten aus, dass er immer noch weit davon entfernt war, zu begreifen. “Und das war dein Plan? Sie umzubringen?”

“Ja”, antwortete Awad. “Und die Amerikaner auf uns aufmerksam zu machen.” Sie auch auf mich aufmerksam zu machen. “Jetzt müssen wir zurück ins Lager und den nächsten Teil des Plans vorbereiten. Wir müssen uns beeilen. Die werden uns suchen.”

“Wer?” wollte Usama wissen.

Awad grinste, als er durch die Windschutzscheibe auf das brennende Wrack, das einst die Botschaft war, blickte.

“Alle.”




Kapitel acht


“In Ordnung”, sprach Reid. “Frag mich, was immer du möchtest. Ich werde ehrlich sein. Nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst.”

Er saß seinen Töchtern gegenüber in der Ecknische eines Fondue Restaurants in einem von Engelberg-Titlis’ besseren Hotels. Nachdem Sara ihm in der Skihütte gesagt hatte, dass sie die Wahrheit wissen wollte, hatte Reid vorgeschlagen, woanders hinzugehen, nicht im Gemeinschaftsraum der Skihütte zu bleiben. Ihr eigenes Zimmer fühlte sich zu ruhig an für ein solch hartes Thema, weswegen er sie zum Abendessen ausführte, in der Hoffnung eine etwas lässigere Atmosphäre zu gestalten, während sie sprachen. Er hatte gezielt dieses Restaurant gewählt, weil jede Tischnische durch eine Glaswand getrennt war und sie so ein wenig Privatsphäre hätten.

Trotz allem sprach er leise.

Sara starrte für eine lange Zeit auf den Tisch und dachte nach. “Ich will nicht darüber sprechen, was geschehen ist”, sagte sie letztendlich.

“Das müssen wir nicht”, stimmte Reid zu. “Wir sprechen nur, worüber du möchtest, und ich verspreche, dir die Wahrheit zu sagen, genau wie auch deiner Schwester.”

Sara blickte hinüber zu Maya. “Du… weißt Dinge?”

“Einige”, gab sie zu. “Es tut mir leid, Mäuschen. Ich dachte nicht, dass du bereit wärst, es zu erfahren.”

Falls Sara wütend oder traurig wegen alle dieser Neuigkeiten war, dann zeigte sie es nicht. Stattdessen biss sie eine Weile auf ihre Unterlippe, formulierte eine Frage in ihrem Kopf und sprach sie schließlich aus. “Du bist nicht nur ein Lehrer, oder?”

“Nein.” Reid hatte angenommen, dass es einer ihrer hauptsächlichen Anliegen war, klarzustellen, was er war und was er tat. “Bin ich nicht. Ich bin – oder vielmehr, ich war – ein Agent der CIA. Weißt du, was das bedeutet?”

“Sowas wie… ein Spion?”

Er zuckte mit den Schultern. “Ein bisschen so. Ich spionierte auch ein wenig. Doch es geht mehr darum, schlimme Leute davon abzuhalten, noch schlimmere Dinge zu tun.”

“Was meinst du mit,ich war’?” wollte sie wissen.

“Nun ja, ich mache das nicht mehr. Ich habe es für eine Weile getan, und dann, als…” Er räusperte sich, “als Mama starb, habe ich aufgehört. Für zwei Jahre hatte ich nichts mit ihnen zu tun. Dann, im Februar, hat man mich darum gebeten, zurückzukehren.” Das ist sehr milde ausgedrückt, rügte er sich selbst. “Erinnerst du dich an die Nachrichten über die Winterolympiade und den Bombenanschlag auf das Wirtschaftsforum? Ich war da. Ich habe geholfen, es aufzuhalten.”

“Also bist du einer von den Guten?”

Reid blinzelte überrascht über die Frage. “Ja natürlich. Hast du gedacht, ich wäre es nicht?”

Dieses Mal zuckte Sara mit den Schultern, erwiderte nicht seinen Blick. “Ich weiß nicht”, gab sie leise zurück. “Das alles zu hören, ist so… so…”

“So als lernte man einen Fremden kennen”, murmelte Maya. “Ein Fremder, der so aussieht wie du.” Sara stimmte nickend zu.

Reid seufzte. “Ich bin kein Fremder”, bestand er. “Ich bin euer Papa. Ich bin dieselbe Person, die ich immer war. Alles was ihr über mich wisst, alles was wir zusammen getan haben, das war alles real. Dies… all dies, das war ein Beruf. Ist es jetzt nicht mehr.”

War das die Wahrheit? wunderte er sich. Er wollte das glauben – dass Kent Steele nichts weiter als ein Alias war und nicht eine Persönlichkeit.

“Also”, begann Sara, “diese beiden Männer, die uns an der Uferpromenade verfolgt haben…?”

Er zögerte, war sich nicht sicher, ob das nicht zu viel für sie wäre. Doch er hatte Ehrlichkeit versprochen. “Die waren Terroristen”, erklärte er ihr. “Das waren Männer, die versuchten, an euch ranzukommen, um mir wehzutun. Genauso wie…” Er hielt inne, bevor er etwas über Rais oder die slowakischen Menschenhändler sagen konnte.

“Schau”, begann er erneut, “für lange Zeit dachte ich, dass ich der Einzige wäre, der dabei verletzt werden könnte. Doch jetzt weiß ich, wie falsch ich lag. Deshalb habe ich aufgehört. Ich arbeite noch für sie, doch ich mache nur noch Verwaltungssachen. Keine Einsätze mehr.”

“Wir sind also in Sicherheit?”

Reids Herz brach erneut. Nicht nur wegen der Frage, sondern auch wegen der Hoffnung in den Augen seiner jüngsten Tochter. Die Wahrheit, erinnerte er sich selbst. “Nein”, erklärte er ihr. “In Wahrheit ist niemand wirklich jemals sicher. So wunderbar und schön diese Welt auch sein kann, es wird immer bösartige Menschen geben, die anderen etwas antun wollen. Jetzt weiß ich aus persönlicher Erfahrung, dass es eine Menge guter Leute da draußen gibt, die sicherstellen, dass es jeden Tag weniger böse Menschen gibt. Doch egal, was sie tun, oder was ich tue, Ich kann dir niemals garantieren, dass du vor allem sicher bist.”

Er wusste nicht, woher diese Worte kamen, doch es fühlte sich an, als wären sie genauso sehr an ihn wie an seine Mädchen gerichtet. Das war eine Lektion, die er sehr dringend lernen musste. “Das bedeutet nicht, dass ich es nicht versuchen werde”, fügte er hinzu. “Ich werde niemals aufhören, zu versuchen, euch zu beschützen. Genauso wie auch ihr immer versuchen solltet, auf euch aufzupassen.”

“Wie?” fragte Sara. Der weit entfernte Blick war wieder in ihren Augen. Reid wusste genau, was sie dachte. Wie konnte sie, eine Vierzehnjährige, die durchnässt vierzig Kilo auf die Waage brachte, etwas wie den Vorfall davon abhalten, erneut zu geschehen?

“Nun”, antwortete Reid, “anscheinend ist deine Schwester heimlich zum Selbstverteidigungsunterricht gegangen.”

Sara blickte scharf zu ihrer Schwester herüber. “Echt?”

Maya rollte mit den Augen. “Danke, dass du mich verraten hast, Papa.”

Sara blickte zu ihm. “Ich will lernen, wie man eine Waffe schießt.”

“Heeee.” Reid hielt eine Hand hoch. “Tret mal auf die Bremse, Kleine. Das ist eine ganz schön ernste Bitte…”

“Warum nicht?” stimmte Maya zu. “Glaubst du, wir haben nicht genügend Verantwortungsbewusstsein?”

“Doch, natürlich glaube ich das”, gab er gerade zurück, “ich denke nur —”

“Du hast gesagt, wir sollen auch auf uns selbst aufpassen”, fügte Sara hinzu.

“Das habe ich gesagt, aber es gibt auch andere Wege, um —”

“Mein Freund Brent geht seit er zwölf ist mit seinem Vater auf die Jagd”, unterbrach ihn Maya.

“Er weiß, wie man eine Waffe schießt. Warum sollten wir es nicht lernen?”

“Weil das was anderes ist”, gab Reid streng zurück. “Und hört auf, euch gegen mich zusammenzuschließen. Das ist unfair.”

Bis dahin hatte er gedacht, dass dieses Gespräch ganz gut lief, doch jetzt verwendeten sie seine eigenen Worte gegen ihn. Er zeigte auf Sara. “Du willst lernen, wie man schießt. In Ordnung. Aber nur mit mir. Und zuerst will ich, dass du wieder zur Schule gehst und ich will positive Berichte von Dr. Branson. Und du.” Er zeigte auf Maya. “Kein geheimer Selbstverteidigungsunterricht mehr, OK? Ich weiß nicht, was der Typ euch beibringt. Wenn du lernen willst, wie man kämpft, wie man sich selbst verteidigt, dann frag mich.”

“Echt? Du bringst es mir bei?” Maya schien sich darüber zu freuen.

“Ja. Das mache ich.” Er hob seine Speisekarte an und öffnete sie. “Wenn ihr noch mehr Fragen habt, dann werde ich sie beantworten. Aber ich glaube, für heute Abend reicht es, oder?”

Er fand, er hatte Glück, dass Sara ihn nichts gefragt hatte, das er nicht beantworten konnte. Er wollte nicht den Gedächtnishemmer erklären müssen – das hätte die Dinge noch komplizierter gemacht und weitere Zweifel darüber, wer er war, aufbringen können – doch er wollte ebenfalls nicht antworten müssen, dass er etwas nicht wusste. Sie würden sofort vermuten, dass er ihnen etwas verschwiege.

So ist es perfekt, dachte er. Er musste es machen lassen, und bald schon. Kein weiteres Abwarten und keine Ausreden mehr.

“Hey”, schlug er über seine Speisekarte vor, “was haltet ihr davon, wenn wir morgen nach Zürich fahren? Das ist eine schöne Stadt. Eine Menge Geschichte, Shopping und Kultur.”

“Ja klar”, stimmte Maya zu. Doch Sara sagte nichts. Als Reid wieder über seine Speisekarte blickte, war ihr Gesicht zu einem nachdenklichen Stirnrunzeln verzogen. “Sara?” fragte er.

Sie sah ihn an. “Wusste Mama es?”

Die Frage war schon mal schwierig zu beantworten, als Maya sie nicht mal einen Monat zuvor stellte, und er war überrascht, sie erneut von Sara zu hören.

Er schüttelte den Kopf. “Nein. Sie wusste es nicht.”

“Ist das nicht…” sie zögerte, doch dann atmete sie tief ein und fragte: “Ist das nicht wie eine Lüge?”

Reid schloss seine Speisekarte und legte sie auf den Tisch. Plötzlich war er nicht mehr besonders hungrig. “Ja, mein Schatz. Das ist genau wie eine Lüge.”


* * *

Am nächsten Morgen nahmen Reid und die Mädchen den Zug in Richtung Norden von Engelberg nach Zürich. Sie redeten nicht weiter über seine Vergangenheit oder über den Vorfall. Falls Sara weitere Fragen hatte, so hielt sie diese zurück, zumindest für den Moment.

Stattdessen genossen sie die Sicht über die Schweizer Alpen während der zweistündigen Zugfahrt und schossen Fotos durch das Fenster. Sie verbrachten den späten Morgen damit, die atemberaubende Architektur der Altstadt zu bewundern und liefen am Ufer des Limmat entlang. Auch wenn sie vorgaben, Geschichte nicht so sehr zu mögen wie er, so waren beide Mädchen dennoch erstaunt über den Anmut des Großmünsters aus dem zwölften Jahrhundert. Sie stöhnten allerdings schon, als Reid begann, sie über Huldrych Zwingli und seine religiösen Reformen im sechzehnten Jahrhundert, die dort stattfanden, zu lehren.

Obwohl Reid sich prächtig mit seinen Töchtern amüsierte, war sein Lächeln zumindest teilweise forciert. Er war nervös wegen dem, was auf ihn zukam.

“Was kommt als Nächstes?” wollte Maya nach dem Mittagessen in einem kleinen Caféhaus mit Blick auf den Fluss wissen.

“Wisst ihr, was so richtig toll wäre, nach einer Mahlzeit wie dieser?” schlug Reid vor. “Ein Film.”

“Ein Film”, wiederholte seine älteste Tochter unbeeindruckt. “Na klar, wir müssen unbedingt bis in die Schweiz reisen, um etwas zu erleben, was wir auch zu Hause haben können.”

Reid grinste. “Nicht irgendein Film. Das schweizer Nationalmuseum ist nicht weit von hier und die zeigen einen Dokumentarfilm über die Geschichte von Zürich vom Mittelalter bis heute. Klingt das nicht toll?”

“Nein”, erwiderte Maya.

“Nicht wirklich”, stimmte Sara ihr zu.

“Ha. Naja, ich bin aber der Vater, und ich sage, dass wir uns den anschauen. Danach können wir tun, was auch immer ihr zwei wollt und ich beschwere mich nicht. Versprochen.”

Maya seufzte. “Das ist fair. Führ uns hin.”

Weniger als zehn Minuten später kamen sie am schweizer Nationalmuseum an, das tatsächlich einen Dokumentarfilm über die Geschichte Zürichs zeigte. Und Reid wollte ihn wirklich auch sehen. Doch obwohl er drei Tickets kaufte, hatte er vor, nur zwei von ihnen zu verwenden.

“Sara, musst du nochmal auf die Toilette, bevor wir reingehen?” fragte er.

“Gute Idee.” Sie verschwand im WC. Maya wollte ihr folgen, doch Reid hielt sie schnell am Arm fest.

“Warte. Maya… ich muss weg.”

Sie blickte ihn ungläubig an. “Was?”

“Es gibt da was, das ich tun muss”, erklärte er schnell. “Ich habe einen Termin.”

Maya hob besorgt eine Augenbraue an. “Wofür?”

“Das hat nichts mit der CIA zu tun. Zumindest nicht direkt.”

Sie schnaubte. “Ich kann es nicht fassen.”

Maya bitte”, drängte er. “Das ist mir wichtig. Ich verspreche dir, ich schwöre, es ist kein Einsatz oder etwas Gefährliches. Ich muss nur mit jemandem sprechen. Allein.”

Die Nasenflügel seiner Tochter blähten sich auf. Ihr gefiel das überhaupt nicht. Noch schlimmer, sie glaubte ihm nicht wirklich. “Und was sage ich Sara?”

Reid hatte schon darüber nachgedacht. “Sag ihr, dass es ein Problem mit meiner Kreditkarte gab. Jemand zu Hause hat versucht, sie zu benutzen und ich muss mich darum kümmern, damit wir nicht die Skihütte verlassen müssen. Sag ihr, dass ich draußen bin, Anrufe tätige.”

“Ach so, jaaaa”, gab Maya höhnisch zurück. “Du willst, dass ich sie anlüge.”

“Maya…” Reid stöhnte. Sara käme gleich aus der Toilette. “Ich verspreche dir, dass ich euch hinterher alles erkläre, doch jetzt habe ich gerade nicht die Zeit dafür. Bitte, geh da rein, setz dich und schau dir den Film mit ihr an. Ich komme zurück, bevor er vorbei ist.”

“In Ordnung”, stimmte sie widerwillig zu. “Aber ich will eine vollständige Erklärung, wenn du wieder da bist.”

“Die kriegst du”, versprach er. “Und geht nicht aus dem Raum.” Er küsste sie auf die Stirn und eilte hinfort, bevor Sara aus dem WC kam.

Es fühlte sich fürchterlich an, seine Töchter schon wieder anzulügen – oder zumindest die Wahrheit vor ihnen zu verschweigen, was so ziemlich das Gleiche war wie eine Lüge, wie Sara so clever die Nacht zuvor festgestellt hatte.

Wird es immer so sein? Fragte er sich, als er aus dem Museum eilte. Wird es jemals einen Zeitpunkt geben, an dem Wahrheit wirklich die beste Strategie ist?

Er hatte nicht nur Sara angelogen. Er hatte auch Maya angelogen. Er hatte keinen Termin. Er wusste, wo sich Dr. Guyers Praxis befand (ganz in der Nähe des schweizer Nationalmuseums, was Reid schon mit in seinen Plan einbezogen hatte), und durch einen anonymen Anruf wusste er, dass der Doktor heute dort war, doch er hatte weder seinen Namen genannt noch einen Termin vereinbart. Er wusste gar nicht, wer dieser Typ Guyer war, außer, dass es sich um den Mann handelte, der vor zwei Jahren den Gedächtnishemmer in Kent Steeles Kopf eingepflanzt hatte. Reidigger hatte dem Arzt vertraut, doch das bedeutete nicht, dass Guyer nicht mit der Agentur verknüpft war. Oder noch schlimmer, sie könnten ihn beobachten.

Was, wenn sie über den Arzt Bescheid wüssten? sorgte er sich. Was, wenn sie ihn die ganze Zeit bespitzelt hätten?

Es war zu spät, um sich darüber noch den Kopf zu zerbrechen. Sein Plan war einfach, dort hinzugehen, den Mann zu treffen und herauszufinden, was man wegen Reids Gedächtnisverlust tun könnte, falls überhaupt irgendetwas möglich wäre. Sehe es als eine Beratung an, witzelte er zu sich selbst als er flink die Löwenstraße hinunterlief, parallel zum Limmat und auf die Adresse zu, die er im Internet gefunden hatte. Es blieben ihm etwa zwei Stunden, bis der Dokumentarfilm im Museum vorbei war. Eine Menge Zeit, das dachte er zumindest.

Dr. Guyers neurochirurgische Praxis befand sich in einem weiten, vierstöckigen, professionellen Gebäude direkt neben einer Hauptstraße und gegenüber eines Hofes einer Kathedrale. Seine mittelalterliche Architektur war ganz anders als die langweiligen amerikanischen Ärztehäuser, die er kannte. Es war schöner als die meisten Hotels, in denen Reid sich aufgehalten hatte.

Er ging die Treppen zum dritten Stockwerk hinauf und fand eine Eichentür mit einem Klopfer aus Bronze. Der Name GUYER war auf ein Messingschild graviert. Er hielt einen Moment inne, war sich nicht sicher, was sich auf der anderen Seite befände. Er war sich nicht einmal sicher, ob es gewöhnlich für Neurochirurgen war, Privatpraxen in teuren Gebäuden der Altstadt von Zürich zu haben – doch er konnte sich ebenfalls nicht daran erinnern, jemals zuvor einen aufsuchen gemusst zu haben.

Er drehte am Türknopf, er war nicht abgeschlossen.

Der Geschmack und Reichtum des schweizer Arztes waren sofort erkennbar. Die Gemälde an den Wänden waren hauptsächlich impressionistisch; es waren farbige, offene Komposition in kunstvollen Rahmen, die aussahen, als kosteten sie so viel wie einige Autos. Der van Gogh war definitiv ein Druck, doch wenn er sich nicht irrte, so war die schlaksige Skulptur in der Ecke ein Original von Giacometti.

Ich wüsste das nicht mal, wenn es Kate nicht gegeben hätte, dachte er und bestärkte seinen Grund, hier zu sein, als er den kleinen Raum durchschritt und auf einen Schreibtisch am anderen Ende zuging.

Zwei Dinge fielen ihm sofort auf der anderen Seite der Rezeption auf. Das erste davon war der Schreibtisch an sich, der aus einem einzigen, irregulär geformten Stück Palisander mit dunklen, wirbelnden Mustern in der Maserung geschnitten war. Rosenholz, bemerkte er. Der Schreibtisch kostet mindestens sechstausend Dollar.

Er lehnte es ab, sich von den Kunstwerken oder dem Schreibtisch beeindrucken zu lassen – doch die Frau dahinter war eine andere Angelegenheit. Sie blickte Reid gerade an, zog dabei eine perfekte Augenbraue hoch und trug ein Lächeln auf ihrem Schmollmund. Ihr blondes Haar umrahmte die Kontur eines exquisit geformten Gesichts mit Porzellanhaut. Ihre Augen schienen zu leuchtend blau, um echt zu sein.

“Guten Tag”, sagte sie in englisch mit einem leichten schweizerdeutschen Akzent. “Bitte setzen Sie sich, Agent Null.”




Kapitel neun


Reids Kampf-oder-Flucht-Instinkt ergriff ihn sofort, als er die Worte der Rezeptionistin vernahm. Da es ihm klar war, dass er diese Frau nicht bekämpfen würde – ziemlich klar, zumindest – entschied er sich zur Flucht. Doch auf halbem Wege zur Tür hörte er ein lautes Klicken.

Der Türknauf rasselte, doch bewegte sich nicht.

Er drehte sich um und sah die Hand der Frau unter ihrem teuren Schreibtisch. Es muss einen Knopf geben. Einen Fernverschlussmechanismus.

Dies ist eine Falle.

“Lassen Sie mich raus”, warnte er. “Sie wissen nicht, wozu ich fähig bin.”

“Das weiß ich,” antwortete sie. “Und ich versichere Ihnen, dass Sie nicht in Gefahr sind. Möchten Sie etwas Tee?” Ihr Ton klang beruhigend, als ob sie es mit einem Schizophrenen zu tun hätte, der seine Medizin nicht eingenommen hatte.

Ihm fehlten fast die Worte. “Tee? Nein, ich will keinen Tee. Ich will gehen.” Er rammte seine Schulter gegen die schwere Tür, doch sie bewegte sich nicht.

“Das wird nicht funktionieren”, erklärte ihm die Frau. “Bitte verletzen Sie sich nicht.”

Er drehte sich wieder zu ihr um. Sie war von ihrem Schreibtisch aufgestanden und hielt ihre Arme in einer nicht bedrohlichen Geste vor sich. Doch sie hat dich hier eingeschlossen, erinnerte er sich. Also wirst du diese Frau vielleicht doch bekämpfen.

“Mein Name ist Alina Guyer”, fuhr sie fort. “Erinnern Sie sich an mich?”

Guyer? Doch Reidiggers Brief hatte ausgedrückt, dass der Doktor männlich war. Außerdem war sich Reid ziemlich sicher, dass er ein solches Gesicht nicht vergäße. Sie war absolut atemberaubend.

“Nein”, erwiderte er. “Ich erinnere mich nicht an Sie. Ich erinnere mich nicht, jemals hier gewesen zu sein und es war ein Fehler, hierherzukommen. Wenn Sie mich nicht rauslassen, dann werden schlimme Dinge geschehen…”

“Mein Gott”, sagte eine gedämpfte, männliche Stimme. “Sie sind es.”

Reid erhob sofort die Fäuste, als er sich der neuen Bedrohung zuwandte.

Der Arzt – vermutlich war er es, da er einen weißen Kittel trug – stand im Türrahmen links neben dem Rosenholz Schreibtisch. Er musste Ende fünfzig, vielleicht auch Anfang sechzig sein, doch seine grünen Augen waren kühn und scharf. Sein komplett weißes Haar war sauber geschnitten und perfekt frisiert. Seine Krawatte, bemerkte Reid, war von Ermenegildo Zegna, doch er war sich nicht sicher, woher er das wusste.

Am Wichtigsten jedoch war, dass der Arzt komplett überwältigt von Reids Anwesenheit erschien.

“Dr. Guyer, nehme ich an?” sagte er atemlos.

“Ich dachte immer, dass sie vielleicht zurückkämen”, antwortete der Arzt und ein freudiges Lächeln breitete sich dabei auf seinem Gesicht aus. Er hatte einen ähnlichen schweizerdeutschen Akzent wie seine Rezeptionisten, an die er sich wandte, um sie zu bitten: “Alina, Schatz, bitte sage meine Termine ab. Auch keine Telefonate. Halte die Tür verschlossen. Wir haben heute geschlossen.”

“Natürlich”, gab Alina zurück, während sie wieder langsam auf ihren Stuhl sank und ihre Augen, die einem See ähnlich waren, auf Reid gerichtet hielt.

“Kommen Sie!” Guyer winkte Reid zu, ihm zu folgen. “Bitte, kommen Sie. Ich verspreche Ihnen, dass Sie hier unter Freunden sind.”

Reid zögerte. “Sie verstehen, dass ich vielleicht ein wenig misstrauisch bin.”

Guyer nickte sichtbar. “Ich verstehe, dass wir eine Menge zu besprechen haben.” Er drehte sich um und verschwand im Zimmer hinter dem Türrahmen.

Das hier fühlte sich falsch an. Er hatte ein ferngesteuertes Türschloss, es gab keine anwesenden Patienten und ein kleines Vermögen an Mobiliar. Doch er wollte Antworten, weshalb Reid seinen Instinkt ignorierte und dem Arzt folgte.

Bevor er durch die Tür trat, blickte die Rezeptionisten – von der Reid annahm, dass sie Guyers Gattin war – mit einem dünnen Lächeln zu ihm auf und fragte: “Und der Tee?”

“Vielleicht etwas Stärkeres, falls Sie was da haben”, murmelte Reid.

An den Wänden von Guyers Praxis hing sowohl eine beeindruckende Zahl von gerahmten Zertifizierungen und Diplomen als auch eine Sammlung von verschiedenen Reisen und Erfolgen. Doch Reid widmete ihnen kaum Aufmerksamkeit. Es war ihm egal, was dieser Arzt getan hatte, abgesehen von der einzelnen Prozedur, die Guyer an seinem Kopf vorgenommen hatte.

Der Arzt zog eine Schublade in seinem Schreibtisch auf und nahm ein Notizbuch und einen Stift heraus. Anschließend setzte er sich schwer auf seinen Stuhl und strahlte Reid an, als sei er sein Weihnachtsgeschenk.

“Bitte”, sagte er. “Setzen Sie sich, Agent Null.” Guyer seufzte. “Ich habe immer vermutet, dass sie womöglich hierher zurückkämen. Ich wusste nur nicht wann. Ich nahm an, dass das Implantat letztendlich aufhörte, zu funktionieren – falls Sie überleben sollten – doch nur zwei Jahre? Das ist einfach keine gute Handarbeit.” Er kicherte, als hätte er einen Witz gemacht. “Jetzt da Sie hier sind, habe ich tausend Fragen. Doch leider weiß ich nicht, wo ich anfangen soll.”

Reid setzte sich auf einen Stuhl vor Guyers Schreibtisch, doch war weiter vorsichtig und behielt ein Auge auf die Tür hinter ihm. Er blickte auf seine Uhr und sah eine SMS von Maya: Sara hat mir geglaubt. Du bist besser wieder hier, bevor der Film vorbei ist.

OK, dachte er. Egal, was hier geschah, er konnte nicht vergessen, dass er nur wenig Zeit hatte. “Ich weiß, wo wir anfangen”, erwiderte Reid. “Was meinen Sie, wenn Sie sagen, dass das Implantat letztendlich aufhören würde, zu funktionieren?”

“Sie wissen, woher diese Technologie stammt, ja?” fragte der Arzt.

Reid wusste es. Alan Reidigger hatte sie von der CIA gestohlen. Der exzentrische Technologie Ingenieur Bixby war sogar einer der Miterfinder des Gedächtnishemmers. “Ja”, antwortete er.

“Nun, Ihr Freund, Herr Reidigger, bot mir einen Deal an”, fuhr Guyer fort. “Er brachte mir nicht nur den Gedächtnishemmer, sondern auch das Schema, auf dem er aufgebaut war, damit ich versuchen könnte, die Technologie zu kopieren. Während ich ihn jedoch erforschte, sah ich den Designfehler. Es war schließlich nur ein Prototyp. Ich nahm an, dass er nach fünf oder sechs Jahren begänne, zu versagen.”

“Begänne, zu versagen?” wiederholte Reid. “Also kämen diese Erinnerungen letztendlich so oder so wieder?”

“Nun… ja”, gab der Arzt gerade zurück. “Darum sind Sie doch hier, oder? Sie haben begonnen, sich an die unterdrückten Erinnerungen zu erinnern?”

“Nicht wirklich. Iranische Terroristen haben mit das Implantat aus dem Kopf gerissen.”

Dr. Guyers Ausdruck rutschte ihm vom Gesicht. “Oh”, sagte er empathisch, “das ist aber sehr bedauerlich. Sie armer Mann… ihr Gehirn muss ein komplettes Chaos sein.”

“Das ist es. Danke”, antwortete Reid. “Was ist mit dem anderen Teil? Sie sagten,falls ich überlebte’. Was soll das bedeuten?”

Guyer blickte auf seinen Schreibtisch, als gäbe es da etwas sehr Interessantes. “Ich glaube, diese Frage könnte Ihr Kollege, Herr Reidigger, besser beantworten.”

“Der kann sie nicht beantworten”, erklärte ihm Reid. “Er ist tot.”

Guyer schien sehr betroffen von der Nachricht. Er faltete seine Hände andächtig auf dem Schreibtisch und runzelte die Stirn, was ihn gleich mehrere Jahre älter aussehen ließ. “Es tut mir sehr leid, das zu hören”, gab er leise von sich. “Er schien, ein guter Mann zu sein. Er bemühte sich sehr darum, einem Freund zu helfen.”

“Das mag sein, doch er ist nicht hier”, antwortete Reid einfach. “Ich schon. Und Sie haben meine Frage nicht beantwortet.

Der Arzt nickte. “Ja. Nun. Das ist keine einfache Antwort. Möglicherweise möchten Sie sie nicht hören…”

“Probieren Sie es aus.”

Guyer seufzte. “Sie und Herr Reidigger wollten Ihre Erinnerungen unterdrücken, damit Sie Ihr Leben mit Ihrer Familie verbringen könnten, glücklich und unbehelligt von den Schwierigkeiten, die Sie erlebt hatten. Doch Sie beide dachten, dass Ihre Agentur Sie letztendlich fände und… und Sie still stellen würde.”

Was? Reid konnte nicht glauben, was er da hörte. Die ganze Zeit über hatte er gedacht, dass der Sinn des Gedächtnishemmers darin bestand, es ihm zu ermöglichen, zu einem normalen Leben zurückzukehren, entfernt von der CIA und allem, das damit zusammenhing. “Sie meinen, dass ich wusste oder glaubte, dass man mich töten wollte? Und Sie haben dennoch zugestimmt, das zu tun?”

“Richtig, Agent Null.”

Reid schüttelte seinen Kopf. Warum würde ich das tun? Warum würde ich alles entfernen, das mir die Möglichkeit gäbe, zu überleben? Es fühlte sich an, als hätte er sich zu einer Art Sterbeklinik der Erinnerungen verdammt. Er hätte sich niemals vorgestellt, das jemals zu denken, doch der Einbruch der Iraner in sein Zuhause an jener Nacht im Februar schien ihm plötzlich willkommen. Ohne sie hätte er sich niemals an seine schmutzige Vergangenheit erinnert oder an die Wahrheit über den Tod seiner Frau oder jegliches, was die Verschwörung betraf…

Dann wusste er es. Das war genau der Grund, warum er es tat – damit er die Zeit, die ihm blieb, nicht mit tiefen Geheimnissen und Lügen verbringen müsste. Alles, was er wusste, alles, was er mit seinen Töchtern geteilt hatte und alles, was er immer noch vor ihnen verbarg, fühlte sich an, als ob es ihn langsam auffräße. Hätte er wirklich geglaubt, dass die Agentur ihn letztendlich sowieso umbrächte, dann hätte ihm der Gedächtnishemmer erlaubt, seine letzten Tage ohne das Gewicht seiner Vergangenheit auf seinen Schultern zu verbringen.

“Ich kann Ihnen nicht Ihre persönlichen Motive erklären, Agent Null”, sagte Guyer. “Doch Sie haben all dem zugestimmt. Ich habe es auf Video aufgezeichnet.” Er hielt einen Moment inne, bevor er fragte: “Wollen Sie es sehen?”

Reid zögerte. “Ja”, sagte er schließlich. “Ich glaube schon.”

Dr. Guyer stand auf und gleichzeitig blitzte eine neue Erinnerung in Reids Gedächtnis auf.

Du saßt in diesem Büro. In demselben Stuhl.

Neben dir ist ein freundliches Gesicht mit einem jungenhaften Lächeln, das dunkle Haar ordentlich gekämmt. Alan Reidigger.

Guyer sitzt hinter dem Schreibtisch mit einer Videokamera.

Reidigger nickt dir einmal versichernd zu.

“Mein Name ist Kent Steele”, beginnst du. “Mit diesem Video möchte ich bestätigen, dass ich einer experimentellen neurochirurgischen Prozedur zustimme, die von Dr. Edgar Guyer durchgeführt wird…”

Reid schüttelte seinen Kopf. “Vergessen Sie es”, hielt er Guyer auf. “Ich brauche das Video nicht.”

Der Arzt, der immer noch hinter seinem Schreibtisch stand, blickte Reid mit weit geöffneten, aufmerksamen Augen an. “Es ist gerade eben geschehen, stimmt’s? Eine Erinnerung kehrte zurück?”




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