Attentäter Null
Jack Mars


“Sie werden nicht schlafen, bis Sie AGENT NULL zu Ende gelesen haben. Ein erstklassiges Werk, mit einer Reihe von gut entwickelten, sehr genießenswerten Figuren. Die Beschreibung der Action-Szenen befördert uns direkt in eine Realität, in der man meinen könnte, man säße im Kino mit Surroundsound und 3D (es würde wirklich einen tollen Hollywood Film abgeben). Ich kann die Fortsetzung kaum abwarten.” – Roberto Mattos, Books and Movie Reviews

Als ein mysteriöser Angriff mit einer Ultraschall-Waffe die Einleitung zu etwas Schlimmeren zu werden droht, macht sich Agent Null auf eine weltweite Verbrecherjagd, um die endgültige Zerstörung aufzuhalten, bevor alles zu spät ist.

Agent Null, der versucht, nach dem Amtsenthebungsverfahren des Präsidenten und Saras gefahrenvollen Erlebnissen etwas Luft zu schnappen, will sich vom Dient zurückziehen und seine Familie wieder vereinen. Doch das Schicksal hält andere Dinge für ihn bereit. Die Sicherheit der Welt steht auf dem Spiel und Null weiß, dass er dem Ruf der Pflicht folgen muss.

Seine Erinnerungen verändern sich jedoch und neue Geheimnisse kehren in sein Gedächtnis zurück. Gepeinigt und an seinem Tiefpunkt könnte Agent Null zwar die Welt retten – doch es ist möglich, dass er dabei nicht sich selbst entkommt.

ATTENTÄTER NULL (BUCH #7) ist ein Spionage-Thriller, den man einfach nicht aus der Hand legen kann. Sie werden bis spät nachts weiterlesen.

Buch #8 der AGENT NULL Serie ist bald verfügbar.

“Thriller-Schriftstellerei vom besten.” – Midwest Book Review (in Bezug auf Koste es was es wolle)

“Einer der besten Thriller, die ich dieses Jahr gelesen habe.” – Books and Movie Reviews (in Bezug auf Koste es was es wolle)

Jack Mars’ #1 Bestseller LUKE STONE THRILLER Serie (7 Bücher) ist ebenfalls erhältlich. Sie beginnt mit Koste es was es wolle (Buch #1), das gratis heruntergeladen werden kann und über 800 fünf-Sterne-Rezensionen erhielt!





Jack Mars

Attentäter Null



Copyright © 2019 durch Jack Mars. Alle Rechte vorbehalten. Außer wie gemäß unter dem US Urheberrecht von 1976 ausdrücklich gestattet, darf kein Teil dieser Veröffentlichung auf irgendeine Weise oder in irgendeiner Form, reproduziert, verteilt oder übertragen, oder in einem Datenbank- oder Datenabfragesystem gespeichert werden, ohne zuvor die ausdrückliche Erlaubnis des Autors eingeholt zu haben. Dieses E-Book ist nur für den persönlichen Gebrauch bestimmt. Dieses E-Book darf kein zweites Mal verkauft oder an andere Personen weitergegeben werden. Wenn Sie dieses Buch an andere Personen weitergeben wollen, so erwerben Sie bitte für jeden Empfänger ein zusätzliches Exemplar. Wenn Sie dieses Buch lesen, ohne es käuflich erworben zu haben oder es nicht für Ihren alleinigen Gebrauch erworben wurde, so geben Sie es bitte zurück und erwerben Sie Ihr eigenes Exemplar. Vielen Dank, dass Sie die harte Arbeit des Autors respektieren. Es handelt sich um eine fiktive Handlung. Namen, Charaktere, Geschäfte, Organisationen, Orte, Ereignisse und Zwischenfälle entspringen entweder der Fantasie des Autors oder werden fiktional benutzt. Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Personen, ob tot oder lebendig, sind zufälliger Natur. Bild des Buchumschlags Copyright GlebStock, unter Lizenz von Shutterstock.com verwendet.



Jack Mars

Jack Mars ist der USA Today Bestseller Autor der LUKE STONE Thriller Serie, welche sieben Bücher umfasst (und weitere in Arbeit). Er ist außerdem der Autor der neuen WERDEGANG VON LUKE STONE Vorgeschichten Serie und der AGENT NULL Spionage-Thriller Serie.

Jack würde sich freuen, von Ihnen zu hören. Besuchen Sie seine Webseite www.jackmarsauthor.com (http://www.jackmarsauthor.com/) und registrieren Sie sich auf seiner Email-Liste, erhalten Sie ein kostenloses Buch und gratis Kundengeschenke. Sie können ihn ebenfalls auf Facebook und Twitter finden und in Verbindung bleiben!


BÜCHER VON JACK MARS

LUKE STONE THRILLER SERIE

KOSTE ES WAS ES WOLLE (Buch #1)

AMTSEID (Buch #2)

LAGEZENTRUM (Buch #3)



EINE AGENT NULL SPIONAGE-THRILLER SERIE

AGENT NULL (Buch #1)

ZIELOBJEKT NULL (Buch #2)

JAGD AUF NULL (Buch #3)

EINE FALLE FÜR NULL (Buch #4)

AKTE NULL (Buch #5)

RÜCKRUF NULL (Buch #6)

ATTENTÄTER NULL (Buch #7)

KÖDER NULL (Buch #8)




Prolog


Ich kann Sara nicht finden.

Das war es, was Todd Strickland ihm per Telefon mitgeteilt hatte. Null war kaum einen ganzen Tag aus Belgien zurückgekehrt, nachdem er den russischen Präsidenten als den Strickezieher hinter einem Versuch mit amerikanischer Einmischung, die Ukraine zu annektieren, entblößt hatte, als er die Nachricht erhielt. Strickland hatte Sara beobachtet, seit sie zu einer emanzipierten Minderjährigen wurde und nach Florida zog, doch jetzt schien sie verschwunden zu sein. Ihr Handy-Service war unterbrochen und die Ortung inaktiv. Selbst ihre Mitbewohner in der Wohngemeinschaft, in der sie ein Zimmer mietete, gaben an, dass sie Sara seit zwei Tagen nicht gesehen hatten.

Schick mir ihre Adresse in einer SMS, hatte Null ihn angewiesen. Ich gehe zum Flughafen.

Nur drei Stunden später stand er vor dem klapprigen Haus in Jacksonville in Florida, das Sara seit etwas mehr als einem Jahr ihr Zuhause nannte. Er ging die gerissenen Betonstufen hinauf und hämmerte mit seiner Faust gegen die Eingangstür, immer wieder und pausenlos, bis jemand endlich aufmachte.

“Mann”, stöhnte ein schlaksiger, blonder Teenager mit tätowierten Armen. “Was zum Teufel machen Sie da?”

“Sara Lawson”, verlangte Null. “Weißt du, wo sie sein könnte?”

Der Augenbrauen des Jungen zogen sich fragen zusammen, doch sein Mund verzog sich zu einem Grinsen. “Warum? Sind Sie auch ein FBI Agent, der nach ihr sucht?”

FBI? Ein Schaudern fuhr Null über den Rücken. Falls jemand sie besucht hatte, der angab, FBI zu sein, könnte man sie entführt haben.

“Ich bin ihr Vater.” Er schritt voran, schubste den Jungen mit seiner Schulter aus dem Weg, als er eintrat.

“Hey, Sie können hier nicht einfach hereinplatzen!” versuchte der Junge, zu protestieren. “Mann, ich rufe die Polizei an —”

Null wandte sich an ihn. “Du bist Tommy, stimmt’s?”

Die Augen des blonden Jungen weiteten sich erschreckt, doch er antwortete nicht.

“Ich habe schon von dir gehört”, sagte ihm Null mit leiser Stimme. Strickland hatte ihm voll in Kenntnis gesetzt, während er sich auf dem Weg befand. “Ich weiß alles über dich. Du wirst nicht die Polizei anrufen. Du wirst nicht deinen Rechtsanwalt-Papa anrufen. Du wirst dich hier auf die Couch setzen und deinen verdammten Mund halten. Verstehst du mich?”

Der Junge öffnete seinen Mund, als ob er etwas sagen wollte —

“Sei still, habe ich dir gesagt”, schnappte Null.

Der schlaksige Junge zog sich wie ein geprügelter Hund auf die Couch zurück und setzte sich neben ein junges Mädchen, das sicher noch keine achtzehn Jahre alt war.

“Bist du Camilla?”

Das Mädchen schüttelte heftig den Kopf. “Ich bin Jo.”

“Ich bin Camilla.” Ein junges, lateinamerikanisches Mädchen kam die Treppe hinunter. Sie hatte dunkles Haar und trug viel zu viel Makeup. “Ich teile mein Zimmer mit Sara.” Sie blickte Null von oben bis unten an. “Sind Sie wirklich ihr Vater?” fragte sie zweifelnd.

“Ja.”

“Was machen Sie dann?”

“Was?”

“Na, was ist Ihr Beruf. Sara hat uns gesagt, was Sie tun.”

“Ich dafür keine Zeit”, murmelte er die Decke an. “Ich bin ein Buchhalter”, sagte er dem Mädchen.

Camilla schüttelte ihren Kopf. “Falsche Antwort.”

Null schnaubte verächtlich. Na klar würde Sara ihren Freunden die Wahrheit über mich erzählen. “Was soll ich dir denn sagen? Das ich ein Spion bei der CIA bin?”

Camilla blinzelte ihn an. “Nun… ja.”

“Echt?” sagte der blonde Junge auf dem Sofa.

Null hielt frustriert beide Hände hoch. “Bitte. Sagt mir einfach nur, wo ihr Sara zuletzt gesehen habt.”

Camilla blickte ihre Mitbewohner und dann den Boden an. “In Ordnung”, sagte sie leise. “Vor ein paar Tagen wollte sie was einkaufen und ich habe ihr…”

“Einkaufen?” fragte Null.

“Drogen, Mann. Red weiter”, sagte der blonde Junge.

“Sie brauchte was, um sich zu beruhigen”, fuhr Camilla fort. “Ich gab ihr die Adresse meines Dealers. Die ist da hingegangen. Sie kam zurück. Am nächsten Morgen ging sie wieder. Ich dachte, dass sie zur Arbeit ginge, aber sie kam nicht mehr heim. Ihr Telefon ist ausgeschaltet. Ich schwöre, mehr weiß ich nicht.”

Null verlor fast die Haltung bei dem Gedanken, dass diese unverantwortlichen Kinder, die kaum Erwachsene waren, einen Teenager alleine zum Haus eines Drogenhändlers geschickt hatten. Doch er schluckte seine Wut ihretwillen herunter. Er musste sie finden.

Sie braucht dich.

“Du weißt noch mehr”, sagte er Camilla. “Ich will den Namen und die Adresse deines Dealers.”


* * *

Zwanzig Minuten später stand Null vor einem Reihenhaus in Jacksonville mit einer schmutzigen Außenfassade und einer kaputten Waschmaschine auf der Veranda. Laut Camilla war dies das Haus des Dealers, ein Type namens Ike.

Null hatte keine Waffe bei sich. Er hatte es so eilig, zum Flughafen zu kommen, dass er nichts außer seinem Autoschlüssel und seinem Handy bei sich hatte. Doch jetzt wünschte er sich, eine mitgebracht zu haben.

Wie stelle ich das jetzt an? Breche ein,verprügele ihn, verlange Antworten? Oder klopfe ich an und unterhalte mich mit ihm?

Er entschied sich dazu, dass letzteres ein besserer Anfang war – und er würde später sehen, wie es weiterginge.

Beim dritten Klopfen rief eine männliche Stimme aus dem Haus. “Verdammt, wart doch mal, ich komm’ ja schon!” Der Typ, der an der Tür erschien, war größer als Null, muskulöser als Null und viel tätowierter als Null (der keine Tätowierungen hatte). Er trug ein weißes Unterhemd, auf dem ein Kaffeefleck zu sein schien und Jeans, die ihm viel zu groß waren und ihm lose von den Hüften hingen.

“Bist du Ike?”

Der Dealer blickte ihn von oben bis unten an. “Bist du ein Bulle?”

“Nein. Ich suche meine Tochter. Sara. Sie ist sechzehn, blond, etwa so groß…”

“Ich habe deine Tochter nie gesehen, Mann.” Ike schüttelte seinen Kopf. Er hatte einen finsteren Gesichtsausdruck.

Doch Null bemerkte das winzige, fast unmerkliche Zucken seines Auges. Ein Flickern auf seinen Lippen, als er sich dazu zwang, nicht böse zu erscheinen. Wut. Er zeigte ein kurzes Aufblitzen von Wut, als Saras Name erwähnt wurde.

“OK. Entschuldigung für die Störung”, sagte Null.

“Ja”, erwiderte der Typ kurz. Er begann, die Tür zu schließen.

Sobald Ike sich halb umgedreht hatte, hob Null einen Fuß an und trat fest direkt unter den Türknauf. Die Tür flog auf, prallte gegen den Dealer und sandte ihn direkt vornüber auf den braunen Teppich.

Null stürzte sich sofort auf ihn, stemmte seinen Unterarm gegen seine Luftröhre. “Du kennst sie”, knurrte er. “Ich habe es in deinen Augen gesehen. Sag mir, wo sie hin ist, oder ich —”

Er hörte ein Knurren und dann eine verschwommene schwarz-braune Gestalt, als ein riesiger Rottweiler ihn ansprang. Er hatte kaum Zeit, um zu reagieren, er konnte nur die Kraft des Hundes entgegennehmen und mir ihr gegen. Zähne wurden gebleckt und bissen in die Luft. Sie fanden seinen Arm und die Reißzähne bohrten sich in sein Fleisch.

Null biss seine eigenen Zähne fest zusammen und rollte sich weiter, sodass der Hund unter ihm war. Er drückte nach vorn, stieß seinen gebissenen Unterarm in das Maul des Hundes, während dieser versuchte, fester zuzubeißen.

Der Dealer stand auf und flüchtete aus dem Zimmer, während Null hinter ihm nach allem griff, was er finden konnte. Der Hund zappelte und schlug unter ihm um sich, versuchte, sich zu befreien, doch Null hielt seine Beine zusammen, sodass er nicht aufstehen konnte. Seine Hand fand eine alte Decke, die über dem Ledersofa hing und er zog sie zu sich.

Mit seiner freien Hand schlug er einmal fest auf die Schnauze des Hundes – nicht fest genug, um ihm ernsthaft weh zu tun, sondern vielmehr, um ihn zu erschrecken, damit seine Zähne seinen Arm freigaben. In der halben Sekunde bevor sie erneut zubissen, wickelte er die Decke um den Kopf des Hundes und ließ seine Beine los, damit er wieder aufstehen konnte.

Dann zog er das Ende der Decke unter seinen Körper und verknotete die Ecken hinter seinem Kopf. Die vordere Hälfte des Rottweilers war jetzt fest in die Decke gewickelt. Der Hund schlug um sich und bockte, versuchte, sich zu befreien – was ihm letztendlich auch gelänge. Null stand auf und eilte hinter dem Dealer her.

Er hastete gerade rechtzeitig in die winzige Küche, um zu sehen, wie Ike eine kleine, hässliche Pistole aus einer Schublade zog. Er versuchte, sie auf Null zu richten, doch dieser sprang vorwärts und hielt sie mit einer Hand auf, bevor er sie mit einer drehenden Bewegung aus dem Griff des Dealers riss, die mindestens einen Finger ausrenkte, wenn nicht brach.

Ike schrie scharf auf und ging in die Hocke, hielt seine Hand fest, während Null mit der Waffe auf seine Stirn zielte.

“Erschieß mich nicht, Mann”, wimmerte er. “Erschieß mich nicht. Bitte erschieß mich nicht.”

“Sag mir, was ich wissen will. Wo ist Sara? Wann hast du sie zuletzt gesehen?”

“OK! OK. Also, sie kam zu mir, aber sie konnte nicht bezahlen. Deshalb haben wir einen Handel abgeschlossen. Sie würde meine Sachen in der Stadt liefern —”

“Drogen”, berichtigte ihn Null. “Du hast sie Drogen liefern lassen. Sag es einfach.”

“Ja. Drogen. Es waren nur ein paar Tage und sie machte es ganz gut, doch dann gab ich ihr eine große Bestellung Pillen…”

“Was für Pillen?”

“Verschreibungspflichtige Schmerzmittel. Und sie ignoriert mich seitdem, Mann. Sie tauchte dort niemals auf, lieferte nicht. Meine Leute waren sauer. Mich hat das mehr als tausend Dollar gekostet. Und sie hat sogar eins meiner Autos mitgenommen, weil sie kein eigenes hatte…”

Null schnaubte laut. “Du hast ihr Drogen im Wert von tausend Dollar gegeben und sie ist mit ihnen abgehauen?”

“Ja, Mann.” Er blickte zu Null auf, seine Hände hielt er abwehrend in Nähe seines Gesichts. “Wenn man es richtig bedenkt, bin ich hier eigentlich das Opfer…”

“Sei ruhig.” Er drückte sanft den Lauf gegen Ikes Stirn. “Wohin ging sie und was für ein Auto hat sie genommen?”


* * *

Null nahm den schwarzen Escalade Geländewagen, den er sich zusammen mit seiner Waffe von Ike,auslieh’ und verwendete das GPS auf seinem Handy, um so schnell wie möglich zum Lieferort zu fahren, während er sich nach einer hellblauen, viertürigen 2001 Chevy Limousine umschaute.

Er sah keine, bevor er den Lieferort erreichte. Zu seinem Verdruss war es ein örtliches Freizeitzentrum. Doch darüber konnte er sich im Moment keine Sorgen machen. Stattdessen dachte er still, Was würde Sara tun? Wohin würde sie fahren?

Er kannte die Antwort schon, bevor er sich die Frage zu Ende gestellt hatte. Sie schwamm auf ihn mit der salzigen Luft zu, so wie eine Erinnerung ganz einfach auftaucht.

Es war kein Geheimnis in ihrer Familie, dass Kate, Mayas und Saras verstorbene Mutter, einen Lieblingsort auf der Welt hatte. Sie hatte die Mädchen an drei Gelegenheiten dort hingebracht. Das erste Mal waren sie nur acht und sechs Jahre alt, und sie sagte ihnen: “Dies ist mein Lieblingsort.”

Es war ein Strand in New Jersey, etwas, das Null normalerweise erschaudern ließ. Der Strand war zu steinig und das Wasser für gewöhnlich zu kalt, außer an zwei Monaten im Sommer. Doch das war es nicht, was Kate daran so mochte. Sie mochte einfach nur die Aussicht. Als kleines Mädchen war sie jedes Jahr dort hingefahren, ihre ganze Jugend hindurch, und sie hatte eine zarte und fast unerklärliche Vorliebe für den Ort.

Der Strand. Er wusste, dass Sara an Strand führe.

Er benutzte sein Handy, um die nächsten Strand zu finden und fuhr wie ein Verrückter dorthin. Er schnitt Leuten den Weg ab, ignorierte Ampeln und es war eine Überraschung, dass kein Polizeiwagen aus einem Versteck herausfuhr, um ihn anzuhalten. Der Parkplatz am Strand war nur ein paar enge Reihen lang, die voll von Autos und glücklichen Familien waren. Doch er sah keine Fahrzeuge, die Ikes Beschreibung entsprachen.

Er suchte drei der größten Strände in der Nähe von Saras Zuhause und Arbeitsstelle ab, doch fand nichts. Das Abendgrauen setzte schnell ein. Im Hinterkopf war er sich bewusst, dass die USA einen neuen Präsidenten hatten. Der ehemalige Sprecher des Hauses war an diesem Nachmittag eingeschworen worden. Maria hatte eine Einladung zu der Zeremonie und war jetzt wahrscheinlich bei irgendeiner Cocktail Party voll von langweiligen Politikern und reicher Wählerschaft, trank Champagner und unterhielt sich gelassen über eine bessere Zukunft, während Null die Küste von Jacksonville nach seiner Tochter absuchte. Seiner entfremdeten Tochter, die das letzte Mal, als sie sich sahen, ihm die Polizei auf den Hals gerufen hatte und ihn anschrie, dass sie ihn niemals wiedersehen wollte.

“Mach schon, Sara”, murmelte er in die Luft, als er seine Scheinwerfer anschaltete. “Gib mir was. Hilf mir, dich zu finden. Es muss doch ein…”

Er hielt inne, als er seinen Fehler bemerkte. Er hatte öffentliche Strände abgesucht. Beliebte Strände. Doch Kates Strand war klein und kaum besucht. Und Sara hatte Drogen im Wert von tausend Dollar. Sie würde Leuten ganz sicher aus dem Weg gehen.

Er hielt am Straßenrand und öffnete den Browser auf seinem Handy. Er suchte verzweifelt nach weniger beliebten Stränden, steinigen Stränden, nach Orten, die andere Leute nicht oft besuchten. Es war eine schwierige Suche und er hatte nicht das Gefühl voranzukommen, bis er auf “Bilder” tippte und dann sah er ihn —

Ein Strand, der sich erstaunlich Kates Strand ähnelte. Als ob er aus seinem eigenen Gedächtnis geformt wäre.

Null fuhr mit etwa hundertzwanzig Stundenkilometern dorthin. Polizei, Verkehrsgesetze und sogar andere Fahrer, die er überholte, waren ihm egal. Es waren Leute, die gelassen am Abend nach Hause fuhren und sich nicht darum kümmerten, dass ihre Tochter irgendwo tot in den Wellen treiben könnte.

Er raste auf den winzigen Schotterparkplatz und trat auf die Bremsen, als er sie sah. Eine blaue Limousine, das einzige Auto auf dem Parkplatz, stand am hintersten Ende. Es war Nacht geworden, weshalb er die Scheinwerfer angeschaltet und den Geländewagen mitten auf dem Parkplatz stehen ließ. Er sprang heraus und rannte hinüber zu der Limousine.

Er warf die Hintertür auf.

Und da war sie, sah gleichzeitig wie der Himmel und die Hölle aus: sein kleines Mädchen, seine jüngste Tochter, blass und wunderschön. Sie lag ausgestreckt auf dem Rücksitz eines Autos, ihre Augen waren glasig und halb geöffnet. Pillen lagen auf dem Boden verstreut.

Null suchte sofort nach ihrem Puls. Er war da, doch langsam. Dann lehnte er ihren Kopf zurück und versicherte sich, dass ihre Atemwege frei waren. Er wusste, dass die meisten Todesfälle durch Überdosis aufgrund blockierter Atemwege geschahen. So kam es für gewöhnlich zu Atem- und schließlich Herzstillstand.

Doch sie atmete, wenn auch nur flach.

“Sara?” sagte er heiser in ihr Gesicht. “Sara?”

Sie antwortete nicht. Er hievte sie aus dem Auto heraus und hielt sie aufrecht. Sie war nicht fähig, auf ihren eigenen zwei Beinen zu stehen.

“Es tut mir so leid”, sagte er ihr. Und dann steckte er ihr zwei Finger in den Hals.

Sie würgte unfreiwillig, zwei Mal, und erbrach sich dann auf dem Parkplatz. Sie hustete und spuckte, während er sie festhielt und ihr sagte: “Alles ist in Ordnung. Alles wird wieder gut.”

Er legte sie in den Geländewagen, ließ die Türen der Limousine mit den auf den Sitzen verstreuten Pillen offen und fuhr drei Kilometer, bis er einen Nachbarschaftsladen fand. Er kaufte zwei Liter Wasser mit einem Zwanzig-Dollar-Schein und wartete nicht ab, bis er sein Wechselgeld bekam.

Dort, auf dem Parkplatz einer Tankstelle in Florida, saß er mit ihrem Kopf auf seinem Schoß auf dem Rücksitz, streichelte ihr Haar und gab ihr kleine Mengen Wasser, während er auf jegliche Anzeichen achtete, dass er sie zur Notaufnahme bringen müsste. Ihre Pupillen waren erweitert, doch ihre Atemwege offen und ihr Puls stieg langsam wieder an. Ihre Finger zuckten ein wenig, doch als er seine Hand in sie legte, schlossen sie sich um sie. Null hielt seine Tränen zurück, erinnerte sich daran, als sie noch ein Baby war. Damals hatte er sie auf den Armen getragen und ihre kleinen Finger hielten seine fest.

Er hatte nicht darauf geachtet, wie lange er dort mit ihr saß. Als er das nächste Mal auf die Uhr schaute, bemerkte er, dass mehr als zwei Stunden vergangen waren.

Und dann blinzelte sie, stöhnte leicht und sagte: “Papa?”

“Ja.” Seine Stimme war nur ein Flüstern. “Ich bin’s.”

“Ist das real?” fragte sie, ihr Stimme schwebte träumerisch an ihn heran.

“Es ist real”, beschwichtigte er sie. “Ich bin hier und ich bringe dich heim. Ich bringe dich weg von hier. Ich kümmere mich um dich, selbst wenn du mich dafür hasst.”

“OK”, stimmte sie sanft zu.

Schließlich entspannte er sich ausreichend, um zu bemerken, dass die Gefahr vorbei war. Sara schlief ein und Null setzte sich auf den Fahrersitz des Geländewagens. Er konnte sie in diesem Zustand nicht in ein Flugzeug bringen, doch er könnte zurückfahren, die ganze Nacht hindurch, falls notwendig. Maria würde das Fahrzeug für ihn loswerden und keine Fragen stellen. Und die örtlichen Behörden würden dem Drogenhändler, Ike, einen Besuch abstatten.

Er blickte über seine Schulter zurück zu ihr, wie sie da eingerollt auf dem Rücksitz saß. Ihre Knie waren angezogen und ihre Wange lehnte sich gegen das sanfte Leder. Sie sah friedlich, aber verletzlich aus.

Sie braucht dich.

Und er musste gebraucht werden.




Kapitel eins





“Bist du bereit?” fragte Alan Reidigger leise, während er das Magazin der schwarzen Glock in seiner dicken Faust überprüfte. Er und Null standen mit dem Rücken gegen eine Sperrholzstruktur gelehnt, versteckten sich in der Dunkelheit. Es war fast zu dunkel, um etwas zu sehen, doch Null wusste, dass es gleich hell wie ein Feuerwerk würde.

“Immer bereit”, flüsterte Null zurück. Er hielt eine Ruger LC9 in seiner linken Hand, eine kleine, silberne Pistole mit einem Magazin aus neun Kugeln, während er die Finger seiner rechten Hand beugte. Er musste weiterhin die Verletzung von vor zwei Jahren beachten, als ein Stahlanker seine Hand zerquetschte, bis sie nutzlos war. Drei Operationen und mehre Monate Physiotherapie später funktionierte sie zwar fast wieder ganz, doch es bestand bleibender Nervenschaden. Er konnte eine Waffe schießen, aber er zielte dabei nach links, ein kleines Ärgernis, das er durch Übungen bewältigen wollte.

“Ich gehe nach links”, erklärte ihm Reidigger, “und sichere den Damm. Du gehst nach rechts. Halt die Augen offen und schau auch hinter dich. Ich bin mir sicher, dass da ein oder zwei Überraschungen auf uns warten.”

Null grinste. “Ach, jetzt gibst du hier also die Anweisungen, du Halbtagskraft?”

“Versuch einfach nur, mit mir mitzuhalten, alter Mann.” Reidigger erwiderte das Grinsen, seine Lippen zogen sich hinter dem dicken Bart, der die untere Hälfte seines Gesichtes versteckte, hoch. “Fertig? Los dann.”

Mit diesem einfachen, geflüsterten Befahl stießen sich beide von der Sperrholzfassade hinter ihnen ab und trennten sich. Null hielt die Ruger hoch, ihr Lauf folgte seiner Sichtlinie, als er um eine dunkle Ecke in eine enge Gasse hineinschlich.

Zuerst war alles nur still und dunkel, kaum ein Geräusch war an dem höhlenartigen Ort zu vernehmen. Null musste seine Muskeln daran erinnern, sich nicht zu verspannen, locker zu bleiben und nicht seine Reaktionszeit zu verlangsamen.

Dies ist genau wie die ganzen anderen Male, sage er sich selbst. Du hast das schon zuvor getan.

Dann explodierten Lichter zu seiner Rechten, eine grelle und aufrüttelnde Reihe von Blitzen. Mündungsfeuer, begleitet von dem ohrenbetäubenden Knall von Schüssen. Null warf sich nach vorn und ließ sich abrollen, kam auf einem Knie an. Die Figur war kaum mehr als eine Silhouette, doch er konnte genug erkennen, um zwei Schuss abzufeuern, welche die Silhouette in ihrem Zentrum traf.

Ich kann’s immer noch. Er kam jetzt auf die Beine, aber blieb geduckt, bewegte sich in der Hocke voran. Augen hoch, achte auf deine Rückendeckung… Er wirbelte gerade rechtzeitig herum, um eine weitere dunkle Figur zu erblicken, die sich in sein Blickfeld schlich und ihm den Weg hinter ihm abschnitt. Null ließ sich zurückfallen, landete auf seinem Hintern, während er weitere zwei Schuss abfeuerte. Er hörte, wie Geschosse über seinem Kopf vorbeizischten, fühlte fast, wie sie sein Haar aufwirbelten. Beide seiner Schüsse trafen, einer in den Oberkörper, der andere in die Stirn der Figur.

Von der anderen Seite der Struktur aus erklangen drei schnell aufeinanderfolgende Schüsse. Dann Stille. “Alan”, zischte er in seinen Ohrhörer. “Gesichert?”

“Warte mal kurz”, erklang die Antwort. Eine Salve von Maschinengewehrfeuer zerriss die Luft und anschließend hörte man zwei krachende Schüsse der Glock. “Alles gesichert. Wir treffen uns an der Seite.”

Null schritt schnell mit dem Rücken gegen die Wand voran. Das raue Sperrholz rieb an seiner schusssicheren Weste. Er bemerkte Bewegung vor sich, auf dem Flachdach der Struktur. Ein einzelner, gutgezielter Schuss in den Kopf beendete die Bedrohung.

Er erreichte die Ecke und hielt inne, atmete tief ein, bevor er sie sicherte. Als er mit der Ruger in der Hand blitzschnell um die Ecke trat, stand er plötzlich vor Reidigger.

“Ich habe drei erwischt”, sagte ihm Null.

“Zwei auf meiner Seite”, brummte Alan. “Was bedeutet…”

Null blieb keine Zeit für einen Warnschrei, als er sah, wie die menschenförmige Figur hinter Alan ins Blickfeld trat. Er hob die Pistole an, zielte über Alans Schulter und feuerte zwei Mal.

Doch er war nicht schnell genug. Als Nulls Schüsse trafen, schrie Alan auf und hielt sich sein Bein fest.

“Ach verdammt!” stöhnte Reidigger. “Nicht schon wieder.”

Null zuckte zusammen, als helles Neonlicht plötzlich angeschaltet wurde und den ganzen Innentrainingsparcours erleuchtete. Absätze schallten gegen den Zementboden und einen Moment später kam Maria Johansson um die Ecke. Ihre Arme waren über ihrem weißen Blazer verschränkt und die Winkel ihres mit Lippenstift geschminkten Mundes waren heruntergezogen.

“Was ist denn los?” beschwerte sich Reidigger. “Warum hören wir auf?”

“Alan”, tadelte ihn Maria, “vielleicht solltest du deine eigenen Ratschläge beachten und hinter dich schauen.”

“Was, das hier?” Alan zeigte auf seinen Oberschenkel, wo ein grüner Paintball auf seinem Hosenbein geplatzt war. “Der hat mich ja kaum gestreift.”

Maria schnaubte verächtlich. “Das wäre eine Oberschenkelblutung gewesen. Binnen neunzig Sekunden wärst du tot.” Zu Null fügte sie hinzu: “Gute Arbeit, Kent. Du bewegst dich wieder so wie früher.”

Null grinste Alan an, der ihm verstohlen den Stinkefinger zeigte.

Die Fabrikhalle, in der sie sich befanden, war einst ein Großhandelsverpackungszentrum, bis die CIA es kaufte und zu einer Trainingsanlage umwandelte. Der Parcours selbst war das Produkt des exzentrischen Agenturingenieurs Bixby, der sein Bestes gegeben hatte, um eine nächtliche Razzia zu simulieren. Das,Lager’, dass sie gestürmt hatten, war aus Sperrholzstrukturen gebaut, während das Mündungsfeuer Stroboskoplichter waren, die über den Parcours verteilt waren. Die Schüsse wurden digital abgespielt und auf hochauflösenden Lautsprechern übertragen. Sie hallten durch den riesigen Raum und klangen in Nulls trainiertem Ohr fast wie wirkliche Schüsse. Die menschenähnlichen Figuren waren Dummies, die aus Ballistik-Gel hergestellt waren und die auf Schienen bewegt wurden, während die Paintball-Waffen automatisiert waren. Man hatte sie programmiert, zu schießen, wenn ihre Bewegungssensoren aktiviert wurden.

Das einzig Echte an der Übung war die scharfe Munition, die sie verwendeten. Deshalb trugen sowohl Null als auch Reidigger schusssichere Westen – und die Trainingshalle stand nur Spezialeinsatzagenten zur Verfügung, was Null wieder geworden war.

Nach dem Fiasko in Belgien, bei dem die beiden den russischen Präsidenten Aleksandr Kozlovsky konfrontierten und den geheimen Pakt entblößten, den er mit dem US Präsidenten Harris hatte, wäre es eine monumentale Untertreibung gewesen, zu behaupten, dass Null und Reidigger ein paar Problemchen hatten. Sie wurden dabei zu internationalen Flüchtigen, die in vier Ländern gesucht wurden, da sie mehr als ein Dutzend Gesetze gebrochen hatten. Doch sie hatten mit der Verschwörung recht und es schien nicht gerecht, dass die beiden den Rest ihres Lebens hinter Gittern verbringen sollten.

Als ließ Maria all ihre Beziehung spielen und streckte ihren eigenen Hals ganz weit für ihre ehemaligen Teamkollegen und Freunde heraus. Es war ein wirkliches Wunder, dass sie es irgendwie schaffte, die ganze Angelegenheit nachträglich wie einen hochgeheimen Einsatz unter ihrer Leitung aussehen zu lassen.

Im Gegenzug mussten sie dafür natürlich wieder zur CIA zurückkommen.

Obwohl Null es nicht laut zugegeben hätte, fühlte es sich für ihn wie ein Heimkehren an. Den letzten Monat über hatte er hart gearbeitet, war ins Fitnessstudio gegangen, legte täglich Zieltraining auf dem Schießplatz ein, boxte und sparrte mit Gegnern, die fast die Hälfte seiner vierzig Jahre alt waren. Das Gewicht, das er in den eineinhalb Jahren Abwesenheit zugelegt hatte, war verschwunden. Seine Zielgenauigkeit mit seiner verletzten rechten Hand hatte sich verbessert. Maria hatte recht, er war fast wieder so wie früher.

Alan Reidigger hingegen hatte sich bei jedem Schritt widersetzt. Die letzten vier Jahre seines Lebens hatte die Agentur gedacht, er wäre tot. Er lebte unter dem Alias eines Mechanikers namens Mitch. Das Letzte, was er wollte, war zur CIA zurückzukehren. Da er aber nur die Wahl zwischen der Agentur und einem Loch in H-6 hatte, willigte er widerstrebend Marias Bedingungen ein – doch eher als eine Ressource anstatt eines voll angeheuerten Agenten, weshalb Null ihn des Spaßes halber als,Teilzeitkraft’ bezeichnete. Alans Einbeziehung fände nur dann statt, wenn er gebraucht würde. Dann würde er Unterstützung bieten und dabei helfen, jüngere Agenten einzuarbeiten.

Doch das bedeutete, dass die beiden zuerst wieder in Kampfform gebracht werden müssten.

Reidigger wischte an der grünen Farbe auf seiner Hose und verschmierte sie damit nur noch breitflächiger über seinen Oberschenkel. “Ich mache das schnell sauber und dann fangen wir von vorne an”, sagte er Maria.

Sie schüttelte ihren Kopf. “Ich verbringe nicht meinen ganzen Tag an diesem stickigen Ort und schaue dir dabei zu, wie du immer wieder erschossen wirst. Wir machen nach dem Feiertag weiter.”

Alan brummte, aber nickte dennoch. Er war damals ein exzellenter Agent gewesen und selbst jetzt bewies er sich immer noch als schneller Denker und nützlich bei einem Kampf. Trotz seines Übergewichts war er schnell. Doch er war schon immer ein Magnet für Kugeln gewesen. Null konnte sich nicht daran erinnern, wie oft Reidigger während seiner Karriere schon angeschossen wurde, doch es musste wohl eine zweistellige Zahl sein – besonders, seit er bei ihrem belgischen Abenteuer an der Schulter getroffen wurde.

Ein junger Techniker fuhr einen Stahlwagen für ihre Ausstattung heraus, während ein Team aus drei anderen den Parcours wieder herstellten. Null nahm die Kugel aus der Kammer der Ruger, ließ das Magazin herausschnappen und legte alle drei auf den Wagen. Dann zog er an den Klettverbandverschlüssen der schusssicheren Weste und zog sie über seinen Kopf aus, fühlte sich plötzlich mehrere Pfund leichter.

“Also, hast du noch mal drüber nachgedacht?” fragte er Alan. “Über Thanksgiving. Die Mädchen würden dich so gerne wiedersehen.”

“Und ich würde sie gerne wiedersehen”, erwiderte er, “aber das wird nichts. Die brauchen ein wenig Zeit allein mit dir.”

Alan erklärte nichts weiter, das brauchte er auch gar nicht. Nulls Beziehung zu Maya und Sara war während der letzten eineinhalb Jahre sehr angespannt. Doch jetzt hatte Sara die letzten paar Wochen bei ihm gewohnt, seit er sie am Strand in Florida gefunden hatte. Er und Maya sprachen immer mehr am Telefon – sie wäre fast in das erste Flugzeug gesprungen, nachdem sie gehört hatte, was ihrer jüngeren Schwester geschehen war, doch Null hatte sie beruhigt und überzeugt, bis zum Feiertag in der Schule zu bleiben. Diese Woche wäre das erste Mal seit ziemlich langer Zeit, dass die drei wieder unter einem Dach weilten. Und Alan hatte recht, es gab immer noch viel zu tun, um den Schaden wiedergutzumachen, der sie für so lange trennte.

“Außerdem”, grinste Alan, “haben wir alle unsere Traditionen. Ich für meinen Teil werde ein ganzes gegrilltes Huhn verzehren und den Motor eines zweiundsiebziger Camaro wiederherstellen.” Er blickte hinüber zu Maria. “Wie steht’s mit dir? Verbringst du Zeit mit dem guten alten Herrn Papa?”

Marias Vater, David Barren, war der Direktor der nationalen Nachrichtendienste, im Grunde genommen der einzige Mann, abgesehen vom Präsidenten, dem der CIA Direktor Shaw Rechenschaft schuldig war.

Doch Maria schüttelte ihren Kopf. “Mein Vater wird in der Schweiz sein. Er ist Teil eines diplomatischen Attachés im Auftrag des Präsidenten.”

Alan runzelte seine Stirn. “Dann wirst du an Thanksgiving allein sein?”

Maria zuckte mit den Schultern. “Das ist nicht weiter schlimm. Ich liege ein bisschen mit dem Papierkram hinten dran, weil ich so viel Zeit mit euch beiden Idioten hier verbracht habe. Ich werde mir ein paar Jogginghosen anziehen, einen Tee machen und mich darauf konzentrieren…”

“Nein”, unterbrach Null sie streng. “Auf keinen Fall. Komm und iss mit mir und den Mädchen.” Er sagte es, ohne es zuvor richtig zu durchdenken, doch er bedauerte das Angebot nicht. Wenn überhaupt, dann spürte er ein wenig Schuld, denn sie war ja nur wegen ihm allein an Thanksgiving.

Maria lächelte dankbar, doch ihre Augen blickten zweifelhaft. “Ich bin mir nicht so sicher, dass das eine gute Idee ist.”

Sie hatte damit nicht ganz unrecht, denn ihre Beziehung endete kaum mehr als einen Monat zuvor. Sie hatten zuvor für mehr als ein Jahr zusammengelebt als… naja, er war sich nicht sicher, was sie waren. Verliebt? Er konnte sich nicht daran erinnern, sie auch nur seine Freundin genannt zu haben. Es klang einfach zu seltsam. Doch letztendlich war es egal, denn Maria hatte zugegeben, dass sie eine Familie wollte.

Falls Null das noch einmal täte, dann gäbe es niemanden in der Welt, mit dem er es lieber als mit Maria täte. Doch als er sich wirklich tief innerlich die Frage stellte, merkte er, dass er das nicht wollte. Er hatte selbst Arbeit zu tun, er musste die Beziehungen zu seinen Töchtern wieder herstellen, die Dämonen aus seiner Vergangenheit verbannen. Und dann war die Dolmetscherin, Karina, in einer allzu kurzen Liebesgeschichte in sein Leben getreten. Es war schwindelerregend und gefährlich und wundervoll und tragisch. Sein Herz schmerzte immer noch von dem Verlust.

Trotz allem hatten Maria und er eine sagenumwobene Vergangenheit, nicht nur romantisch, sondern auch professionell und platonisch. Sie hatten verabredet, befreundet zu bleiben. Keiner der beiden wollte es anders. Doch jetzt, wo er wieder ein Agent war, wurde Maria zur Deputy Direktorin der Spezialeinsätze befördert – was bedeutete, dass sie seine Chefin war.

Es war kompliziert, um es gelinde auszudrücken.

Null schüttelte seinen Kopf. Es musste nicht kompliziert sein. Er musste daran glauben, dass zwei Menschen Freunde sein konnten, ganz gleich der Vergangenheit oder ihrer gegenwärtigen Verbindungen.

“Es ist eine tolle Idee”, sagte er ihr. “Ich lasse kein nein zu. Iss mit uns.”

“Nun…” Marias Blick sprang von Null auf Reidigger und wieder zurück. “In Ordnung”, gab sie nach. “Es klingt gut. Ich sollte mich schätzungsweise besser jetzt schon um den Papierkram kümmern.”

“Ich schreibe dir eine SMS”, versprach Null, während sie mit laut klackenden Absätzen auf dem Beton die Fabrikhalle verließ.

Alan zog seine eigene schusssichere Weste mit einem langen Knurren aus und zog sich dann wieder die schweißbefleckte Fernfahrermütze über sein zerzaustes Haar, bevor er gelassen fragte: “Ist das ein Trick?”

“Ein Trick?” schnaubte Null. “Wozu? Um Maria zurückzubekommen? Du weißt, dass ich nicht darüber nachdenke.”

“Nein. Ich meine ein Trick, damit Maria als Prellbock zwischen ihnen und dir steht.” Für einen Geheimagenten, der die letzten vier Jahre unter einer anderen Identität gelebt hatte, war Alan so brutal aufrichtig, dass es manchmal schon fast beleidigend schien.

“Natürlich nicht”, erwiderte Null fest. “Du weißt, dass ich mir nichts sehnlicher wünsche, als dass die Dinge wieder so werden, wie sie mal waren. Maria ist eine Freundin. Kein Prellbock.”

“Na klar”, stimmte Alan zu, doch er klang zweifelnd. “Vielleicht war,Prellbock’ einfach nicht das richtige Wort. Vielleicht mehr wie ein…” Er blickte auf die schusssichere Weste, die auf dem Stahlwagen vor ihm lag und zeigte dann darauf. “Na, ich kann gerade an keine bessere Metapher denken.”

“Du hast keine Ahnung, wovon du sprichst”, beharrte Null und versuchte, nicht die Hitze in seiner Stimme zu zeigen. Er war nicht verärgert darüber, dass Alan ehrlich war, doch er fand die Andeutung irritierend. “Maria hat es nicht verdient, an Thanksgiving allein zu sein und die Dinge mit den Mädchen sind viel besser, seit sie seit mehr als einem Jahr waren. Alles läuft gut.”

Alan hob beide Hände geschlagen hoch. “OK, ich glaube dir. Ich passe nur auf dich auf, das ist alles.”

“Ja, ich weiß.” Null schaute auf seine Uhr. “Ich muss los. Maya kommt heute an. Gehen wir am Freitag ins Fitnessstudio?”

“Ganz bestimmt. Grüß die Mädchen von mir.”

“Mache ich. Genieße dein Hühnchen und den Motor.” Null winkte, als er sich auf die Tür zubewegte, doch jetzt überschwemmten Zweifel seine Gedanken. Hatte Alan recht? Hatte er unbewusst Maria eingeladen, weil er Angst hatte, allein mit den Mädchen zu sein? Was, wenn ihr Zusammentreffen sie erneut daran erinnerte, warum sie überhaupt gegangen waren? Oder noch schlimmer, was, wenn sie dasselbe wie Alan dachten, dass Maria als eine Art Schutzbarriere zwischen ihm und ihnen diente? Was, wenn sie dachten, dass er es nicht ernsthaft versuchte?

Alles läuft gut.

Das war zwar überhaupt kein Trost, doch zumindest war seine Fähigkeit, zu lügen so überzeugend wie eh und je.




Kapitel zwei


Maya schlurfte die Treppen zu der Wohnung im zweiten Stock hinauf, die ihr Vater mietete. Es war in einem neu entwickelten Gebiet außerhalb der Stadtmitte von Bethesda, in einer Nachbarschaft, die während der letzten Jahre mit Apartments, Stadthäusern und Einkaufszentren aufgebaut wurde. Kaum die Art von Ort, von dem sie vermutet hätte, dass ihr Vater dort lebte, doch sie verstand, dass er es eilig hatte, etwas Verfügbares zu finden, nachdem seine Beziehung mit Maria beendet war.

Wahrscheinlich, bevor er es sich anders überlegen konnte, stellte sie sich vor.

Für den kürzesten Moment trauerte sie um den Verlust ihres Zuhause in Alexandria, das Haus, in dem sie, Sara und ihr Vater zusammenlebten, bevor der ganze Wahnsinn begann. Damals, als sie noch glaubten, dass ihr Vater ein Geschichtsprofessor war, bevor sie herausfanden, dass er ein Geheimagent bei der CIA war. Bevor sie von einem psychopathischen Attentäter entführt wurden, der sie an Menschenhändler verkaufte. Damals, als sie glaubten, dass ihre Mutter an einem plötzlichen Schlaganfall verstorben war, während sie nach einem Arbeitstag auf ihr Auto zuging, wobei sie wirklich von einem Mann ermordet wurde, der die Leben der Mädchen mehr als einmal gerettet hatte.

Maya schüttelte ihren Kopf und strich sich den Pony aus der Stirn, als sie versuchte, die Gedanken zu verdrängen. Es war Zeit für einen Neubeginn. Oder zumindest musste sie das ernsthaft versuchen.

Sie fand die Tür zur Wohnung ihres Vaters, bevor sie bemerkte, dass sie keinen Schlüssel hatte und vielleicht zuerst hätte anrufen sollen, um sich zu versichern, dass er zu Hause war. Doch nachdem sie zwei Mal kurz angeklopft hatte, wurde der Sicherheitsriegel zur Seite geschoben und die Tür öffnete sich. Maya starrte für mehrere verblüffte Sekunden in das Gesicht einer relativ Fremden.

Sie hatte Sara länger nicht gesehen, als sie es zugeben wollte und das konnte man dem Gesicht ihrer jüngeren Schwester leicht ansehen. Sara wurde schnell zu einer jungen Frau, ihre Gesichtszüge definierter – oder vielmehr wurden sie zu denen von Katherine Lawson, ihrer verstorbenen Mutter.

Das wird schwieriger, als ich dachte. Während Maya mehr ihrem Vater ähnlich sah, erbte Sara schon immer Aspekte ihrer Mutter, sowohl in ihrer Persönlichkeit, als auch in ihren Interessen und ihrem Aussehen. Ihre junge Schwester war auch bleicher als Maya sich erinnerte, doch Maya war sich nicht sicher, ob das nur eine falsche Erinnerung war oder mit dem Entzug zusammenhing. Ihre Augen schienen irgendwie glanzloser und die dunklen Ringe, die Sara versucht hatte, mit Makeup zu verdecken, waren offensichtlich. Sie hatte ihr Haar irgendwann rot gefärbt, mindestens zwei Monate zuvor und jetzt kamen an den Wurzeln die ersten paar Zentimeter ihres natürlich blonden Tons heraus. Sie hatte es auch kürzlich auf Kinnlänge schneiden lassen, sodass es ihr Gesicht zwar hübsch umrahmte, doch sie ein paar Jahre älter aussehen ließ. So sehr, dass man annehmen könnte, sie und Maya wären gleichaltrig.

“Hallo”, sagte Sara einfach.

“Hi.” Maya schüttelte die anfängliche Überraschung über ihre dramatisch veränderte Schwester ab und lächelte. Sie stellte ihren grünen Seesack ab und tat einen Schritt voran, um ihre Schwester zu umarmen. Sara schien sie dankbar zu empfangen, als ob sie abgewartet hätte, um herauszufinden, wie ihre ältere Schwester sie begrüßen würde. “Ich habe dich vermisst. Ich wollte gleich nach Hause kommen, als Papa mir erzählt hat, was geschehen ist…”

“Ich bin froh, dass du das nicht getan hast”, antwortete Sara offen. “Ich hätte mich fürchterlich gefühlt, wenn du die Akademie wegen mir verlassen hättest. Außerdem wollte ich nicht, dass du mich siehst… nicht so.”

Sara schlüpfte aus der Umarmung ihrer Schwester und griff den Seesack auf, bevor Maya protestieren konnte. “Komm rein”, winkte sie ihr zu. “Willkommen Zuhause, würde ich sagen.”

Willkommen Zuhause. Komisch, dass es sich so wenig wie Zuhause anfühlte. Maya folgte ihr in die Wohnung. Es war ein ganz hübscher Ort, modern, mit viel natürlichem Licht, doch recht nüchtern. Hätte nicht etwas Geschirr in der Spüle gelegen und der Fernseher im Wohnzimmer leise gebrummt, so könnte sich Maya nicht vorstellen, dass jemand tatsächlich hier lebte. Es gab keine Bilder an den Wänden, keine Dekoration, die auf irgendeine Art von Persönlichkeit hingewiesen hätte.

Fast wie ein weißes Blatt. Doch sie musste zugeben, dass ein weißes Blatt passend für ihre Situation war.

“Das ist es also”, kündigte Sara an, als ob sie Mayas Gedanken läse. “Zumindest für den Moment. Es gibt nur zwei Schlafzimmer, also müssen wir eines teilen…”

“Ich schlafe gerne auf der Couch”, bot Maya an.

Sara lächelte leicht. “Es macht mir nichts aus, zu teilen. Es wird so wie damals, als wir klein waren. Es wäre… schön. Dich in der Nähe zu haben.” Sie räusperte sich. Obwohl sie so oft am Telefon sprachen, war es dennoch ganz offensichtlich komisch, wieder im selben Raum zu sein.

“Wo ist Papa?” fragte Maya plötzlich und vielleicht zu laut, um die Spannung zu lösen.

“Der sollte gleich ankommen. Er wollte nach der Arbeit noch ein paar Sachen für morgen einkaufen.”

Nach der Arbeit. Sie sagte es so gelassen, als ob er nach getaner Arbeit ein Büro anstatt der CIA Hauptquartiere in Langley verließe.

Sara setzte sich an der Theke, welche die Küche und das kleine Esszimmer voneinander trennte, auf einen Barhocker. “Was macht die Akademie?”

Maya lehnte sich mit den Ellenbogen auf die Theke. “Die Akademie ist…” Sie hielt inne. Obwohl sie erst achtzehn war, besuchte sie gerade ihr zweites Jahr in West Point in New York. Sie hatte das letzte Jahr der High School übersprungen und wurde an der Militärakademie aufgrund eines Briefes des ehemaligen Präsidenten Eli Pierson angenommen. Agent Null hatte ein Attentat auf ihn vereitelt. Jetzt war sie Klassenbeste, vielleicht sogar die Beste der ganzen Akademie. Doch ein kürzlicher Streit mit ihrem Ex-Freund Greg Calloway hatte zu Schikanen und etwas Mobbing geführt. Maya weigerte sich, es an sie heranzulassen, doch sie musste zugeben, dass es ihr in letzter Zeit das Leben erschwert hatte. Greg hatte viele Freunde und es waren alles ältere Jungs an der Akademie, denen Maya es mindestens ein oder zwei Mal bewiesen hatte.

“Die Akademie ist toll”, sagte sie letztendlich und erzwang ein Lächeln. Sara hatte schon genügend eigene Probleme. “Aber irgendwie langweilig. Ich will wissen, wie es mit dir steht.”

Sara prustete fast und streckte dann ihre Hände zur Seite heraus, um in einer großen Geste auf die Wohnung zu zeigen. “Du schaust es dir an. Ich bin verbringe jeden Tag ganz hier. Ich schaue Fernsehen. Ich gehe nirgendwo hin. Ich habe kein Geld. Papa hat mir ein Handy auf seinem Plan gekauft, damit er meine Anrufe und SMS überwachen kann.” Sie zuckte mit einer Schulter. “Es ist wie eines dieser vornehmen Gefängnisse, in das sie Politiker und Berühmtheiten stecken.”

Maya lächelte traurig über den Witz und fragte dann vorsichtig: “Aber du bist… sauber?”

Sara nickte. “Soweit wie möglich.”

Maya zog die Stirn in Falten. Sie wusste über viel Bescheid, doch Drogenkonsum gehörte nicht dazu. “Was bedeutet das?”

Sara starrte die Granittheke an, zog mit ihrem Zeigefinger kleine Kreise über die glatte Fläche. “Das bedeutet, dass es schwer ist”, gab sie leise zu. “Ich dachte, dass es nach den ersten paar Tagen leichter würde, nachdem der ganze Stoff aus meinem Körper war. Doch das wurde es nicht. Es ist… es ist, als ob mein Gehirn sich immer noch an das Gefühl erinnert, es immer noch vermisst. Die Langeweile hilft nicht. Aber Papa will noch nicht, dass ich mir einen Job suche. Er will nicht, dass ich Geld habe, bis es mir besser geht.” Sie schnaubte verächtlich und fügte hinzu: “Er will, dass ich für die High School Prüfungen lerne.”

Das solltest du auch, stieß Maya fast hervor, doch hielt sich im Zaum. Sara hatte die High School abgebrochen, nachdem ihr die Emanzipierung zugesprochen wurde, doch das Letzte, was sie jetzt brauchte, war eine Standpauke, besonders, wenn sie sich ihr so öffnete.

Doch Eines war ganz klar: Saras Problem war schlimmer, als Maya bemerkt hatte. Sie dachte, dass ihre jüngere Schwester nur ein wenig experimentiert hatte, und dass die Beinahe-Überdosis an Pillen nur ein Unfall war. Doch das Gegenteil war der Fall. Sara war eine genesende Süchtige. Und es gab nichts, was Maya tun konnte, um ihr zu helfen. Sie wusste nichts über Abhängigkeiten.

Doch stimmt das wirklich?

Sie erinnerte sich plötzlich an eine Nacht, etwa zwei Wochen zuvor, als sie ihre Zimmerpartnerin geweckt hatte, weil sie um ein Uhr nachts aus dem Fitnessstudio kam. Die verärgerte Kadettin hatte ihr halb schlafend etwas zugemurmelt, das wie,Fitness Junkie’ klang. Und dann war Maya noch eine weitere Stunde wachgeblieben, um zu lernen, nur damit sie um sechs Uhr morgens joggen gehen konnte.

Je mehr sie darüber nachdachte, desto mehr wurde sie sich bewusst, dass sie sehr wohl über Abhängigkeit Bescheid wusste. War sie nicht davon abhängig, sich zu beweisen? Hatte sie nicht ihren Rausch in ihrem eigenen Erfolg gefunden?

Und ihr Vater war trotz des ganzen Tumults der letzten zwei Jahre wieder zu seinem Beruf zurückgekehrt. Sara vermisste den chemischen Rausch, sowie Maya Erfolg brauchte und ihr Vater den Nervenkitzel der Jagd suchte – vielleicht waren sie einfach nur eine Familie voller Abhängiger.

Aber Sara ist die Einzige, die es zugegeben hat. Vielleicht ist sie die Klügste von uns allen.

“Hey.” Maya lehnte sich zu ihr herüber und legte ihre Hand auf Saras. “Du kannst das schaffen. Du bist stärker, als du glaubst. Und ich glaube an dich.”

Sara lächelte halb. “Da bin ich aber froh, dass einer das tut.”

“Ich rede mit Papa”, bot Maya ihr an. “Mal sehen, ob er sich nicht ein bisschen entspannt, dir etwas Freiraum gibt —”

“Nein,” unterbrach sie Sara. “Papa ist nicht das Problem. Er geht toll mit mir um, vielleicht viel besser, als ich es verdient habe.” Ihr Blick schweifte über den Boden. “Ich bin das Problem. Weil ich ganz genau weiß, dass wenn ich hundert Dollar in der Tasche hätte und hinkönnte, wo ich wollte, er mich wieder abholen müsste. Und das nächste Mal kommt er vielleicht nicht rechtzeitig an.”

Mayas Herz brach, als sie offensichtliche Qual in den Augen ihrer Schwester bemerkte und wusste, dass es nichts gab, was sie tun könnte, um zu helfen. Sie hatte nur leere Worte der Ermutigung, die bedeutungslos waren, um ihre Probleme zu lösen.

Plötzlich fühlte sie sich ganz fehl am Platz in dieser fremden Küche. Sie hatten zusammen so viel durchgestanden. Aufgewachsen. Um ihre Mutter getrauert. Ihren Vater entdeckt. Familienurlaub und Flucht vor Mördern. Die Art von Dingen, von denen man annahm, dass sie zwei Menschen einander näherbrachten, eine unzerbrechliche Verbindung schafften, hatten stattdessen die leere Stille erzeugt, die sich in dem Raum zwischen ihnen aufblähte.

Würde es jetzt immer so sein? Würde das Mädchen vor ihr immer unerkennbarer werden, bis sie nur noch Fremde waren, die zufällig verwandt waren?

Maya wollte etwas sagen, irgendwas, um sich davon zu überzeugen, das sie falsch lag. Sich gemeinsam an einen glücklichen Moment erinnern. Oder sie Mäuschen nennen, ihren Spitznamen aus der Kindheit, den sie wer weiß wie lange schon nicht mehr benutzt hatte.

Bevor sie überhaupt etwas sagen konnte, rasselte der Türknauf hinter ihnen. Maya drehte sich um, als die Tür aufging, ihre Hände ballten sich instinktiv zu Fäusten an ihrer Seite. Ihre Nerven spannten sich immer noch an, wenn es um unerwartete Eindringlinge ging.

Doch es war kein Eindringling. Es war ihr Vater, der zwei Einkaufstaschen trug und scheinbar vorsichtige Schritte in die Küche tat, als er sie sah.

“Hallo.”

“Hallo Papa.”

Er stellte die Einkaufstaschen auf den Boden und ging einen Schritt auf sie zu, öffnete die Arme, doch hielt dann inne. “Darf ich…?”

Sie nickte einmal und er legte seine Arme um sie. Es war zuerst eine zögerliche Umarmung – doch dann bemerkte Maya seltsamerweise, dass er immer noch genauso roch. Es war ein überwältigend nostalgischer Duft, ein Duft aus ihrer Kindheit, der nach tausend weiteren Umarmungen roch. Und vielleicht war sie älter und vielleicht sah Sara anders aus, vielleicht war sie sich immer noch nicht ganz sicher, wer ihr Vater war und vielleicht standen sie an einem neuen Ort, den sie Zuhause nennen sollte, doch in diesem einen Moment fühlte sich nichts davon wichtig an. Der Moment fühlte sich an wie Zuhause und sie lehnte sich an ihn, drückte ihn fest an sich.


* * *

Maya zog die Glasschiebetür am Ende der Wohnung auf und sich einen Kapuzenpulli an, um sich vor der kühlen Nachtluft zu schützen. Die Wohnung hatte keinen Garten, aber es gab eine kleine Veranda, die mit einem kleinen Tisch und zwei Stühlen ausgestattet war.

Ihr Vater saß in einem von ihnen, nippte an einem Glas mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit. Maya setzte sich auf den anderen und bemerkte, wie klar die Nacht war.

“Schläft Sara?” fragte er.

Maya nickte. “Sie ist auf der Couch eingedöst.”

“Das macht sie in letzter Zeit viel”, sagte er besorgt, “schlafen, meine ich.”

Sie erzwang ein kleines Lachen. “Sie hat schon immer viel geschlafen. Ich würde mir darüber nicht so viele Sorgen machen.” Sie zeigte auf das Glas in seiner Hand. “Bier?”

“Eistee.” Er grinste verlegen. “Seitdem ich wieder bei der Arbeit bin, trinke ich nicht mehr.”

“Und wie läuft es?”

“Nicht schlecht”, gab er zu. “Ich war in letzter Zeit bei keinen Einsätzen, weil ich mich um Sara kümmere und immer noch trainiere.”

“Ich wollte schon erwähnen, dass du abgenommen hast. Du siehst besser aus als…”

Als das letzte Mal, an dem ich dich sah, wollte Maya sagen, doch hielt sich zurück, da sie nicht die Erinnerung an diesen Besuch heraufbeschwören wollte, als sie Greg mitgebracht hatte, wütend wurde, hinausstürmte, ihn dort hinterließ und ihrem Vater sagte, dass sie ihn nie wieder sehen wollte.

“Danke”, sagte er schnell und dachte offensichtlich dasselbe. “Alles OK mit der Akademie?”

Sie hatte es ihm schon zuvor beim Abendessen erzählt, doch es schien, als ob er ihr nicht ganz glaubte – und sie erinnerte sich daran, dass es ein Teil seiner Arbeit war, Leute lesen zu können. Es hatte keinen Sinn, ihn anzulügen, doch das bedeutete nicht, dass sie alles erzählen musste.

“Ich möchte eigentlich nicht über die Akademie reden”, antwortete sie ihm gerade heraus. Sie wollte nicht darüber reden, wie manchmal Dinge aus ihrem Schließfach verschwanden. Oder wie Jungs ihr gemeine Sachen über den Innenhof zuriefen. Oder dass sie nicht das Gefühl loswerden konnte, dass dies erst der Anfang der Schikanen war. Dass je mehr sie versuchte, sie zu ignorieren, die Jungs bei West Point weitermachen würden.

“In Ordnung.” Ihr Vater räusperte sich. “Äh, es gibt da allerdings etwas, das ich erwähnen möchte. Ich hätte dich zuerst fragen sollen. Doch Maria war morgen nirgendwo eingeladen und es erschien mir nicht richtig…”

“Ist schon in Ordnung, Papa.” Maya grinste bei seinem ungelenken Versuch, ihre Erlaubnis einzuholen. “Natürlich macht es mir nichts und du brauchst nicht meine Erlaubnis.”

Er zuckte mit den Schultern. “Du hast wohl recht. Es ist nur – du bist so erwachsen jetzt. Ihr beide. Ich habe ein paar wichtige Momente verpasst.”

Maya nickte ein wenig, doch sie fand es nicht notwendig, ihre Zustimmung auszusprechen. Stattdessen änderte sie das Thema. “Was du für Sara machst, ist toll. Ihr so zu helfen. Es scheint, als bräuchte sie das wirklich.”

Dieses Mal nickte ihr Vater leicht, starrte über die Veranda ins Nichts. “Ich würde alles was ich könnte für sie tun”, sagte er versonnen. “Aber das ist vielleicht immer noch nicht genug.”

“Was meinst du?”

Er nahm einen Schluck Eistee, bevor er erklärte. “Letzte Woche sind wir Essen gegangen, nur wir beide, in der Stadtmitte. Es war schön. Wir haben geredet. Es schien, ihr gut zu gehen. Als die Rechnung kam, bezahlte ich mit einem Hundert-Dollar-Schein. Und da geschah etwas. Es schien, als ob ein Schatten über sie fuhr. Ich sah, wie sie das Geld anschaute und dann die Tür und…”

Ihr Vater wurde still, doch Maya verstand ihn ohne weitere Worte. Jetzt verstand sie Saras vorheriges Kommentar. Sie hatte tatsächlich darüber nachgedacht, das Geld zu nehmen und wegzulaufen. Mit hundert Dollar wäre sie nicht besonders weit gekommen, doch sie dachte vermutlich nur darüber nach, so schnell wie möglich an eine Dosis Drogen zu gelangen.

“Ich bin mir sicher, dass du bemerkt hast”, fuhr ihr Vater fort, “dass die Wohnung ziemlich schmucklos ist. Ich habe nicht viel Dekoration aufgestellt, weil…”

Weil du Angst hast, dass sie die vielleicht stiehlt. Sie verpfändet. Wieder abhaut. Die CIA hatte ihn, seit Sara bei ihm lebte, nirgendwo hingeschickt, doch früher oder später würde das geschehen – und was wäre dann? Würde Sara nur hier sitzen und darauf warten, dass er zurückkäme? Oder stünde sie unter einem Fluchtrisiko, wenn man sie sich selbst und ihren Dämonen überließ?

“Es ist so viel schlimmer als ich dachte”, murmelte Maya. Dann fügte sie entschieden und ohne einen weiteren Gedanken darüber zu verschwenden hinzu: “Ich bleibe.”

“Was?”

Sie nickte. “Ich bleibe. Es sind nur noch drei weitere Wochen an der Akademie vor den Weihnachtsferien. Ich kann die Arbeit nachholen. Ich bleibe hier über die Ferien und gehe nach Neujahr nach New York zurück.”

“Nein”, entgegnete ihr Null streng. “Absolut nicht —”

“Sie braucht Hilfe. Sie braucht Unterstützung.” Maya war sich nicht sicher, welche Art von Hilfe oder Unterstützung sie ihrer Schwester bieten konnte, doch sie hätte noch Zeit, um sich etwas zu überlegen. “Ist schon in Ordnung. Ich schaffe das.”

“Das ist nicht deine Aufgabe.” Ihr Vater lehnte sich zu ihr herüber und berührte ihre Hand. Sie zuckte fast zusammen, doch dann schlossen sich ihre Finger um seine. “Ich weiß das Angebot zu schätzen, und Sara sicherlich auch. Doch du hast Ziele. Du hast einen Traum. Du arbeitest hart für ihn und du musst ihn verwirklichen.”

Maya blinzelte ein wenig verblüfft. Ihr Vater hatte ihr noch nie zuvor Unterstützung für ihr Ziel, der CIA beizutreten, die jüngste Agentin der Geschichte zu werden, gezeigt. Stattdessen hatte er häufig versucht, es ihr auszureden, doch sie blieb standhaft.

Er lächelte und schien ihre Überraschung zu bemerken. “Verstehe mich nicht falsch. Es gefällt mir immer noch überhaupt nicht. Doch du bist jetzt erwachsen, es ist dein Leben. Deine Entscheidung.”

Sie lächelte zurück. Er hatte sich verändert. Und vielleicht gäbe es tatsächlich noch eine Möglichkeit, wieder das zu werden, was sie einst waren. Doch es müsste immer noch gelöst werden, was mit Sara geschähe.

“Ich glaube”, sagte sie vorsichtig, “dass Sara vielleicht mehr Hilfe braucht, als wir ihr geben können. Ich glaube, sie braucht professionelle Hilfe.”

Ihr Vater nickte, als ob er es schon gewusst hätte – als ob er dasselbe gedacht hätte, aber es von jemand anderem hören musste. Sie drückte sanft und beruhigend seine Hand und die beiden ließen die Stille um sie herrschen. Keiner von ihnen wusste, was als Nächstes geschähe, es war nur wichtig, dass sie Zuhause waren.




Kapitel drei


Wer auch immer New York,die Stadt die niemals schläft’ nannte, hatte niemals die Altstadt von Havanna besucht, sinnierte Alvaro während er auf den Hafen und den Malecón zuschlenderte. Im Tageslicht war Alt-Havanna ein schönes Stadtviertel, eine reichhaltige Mischung aus Geschichte und Kunst, Gastronomie und Kultur, doch die Straßen waren von Verkehr verstopft und die Luft war voll von dem Baulärm verschiedener Restaurationsprojekte, welche den ältesten Teil Havannas ins einundzwanzigste Jahrhundert bringen sollten.

Doch nachts… nachts zeigte die Stadt ihre wahren Farben. Die Lichter, die Düfte, die Musik, das Lachen: und der Malecón war einfach der angesagteste Ort. Die engen Gassen, welche die Straße 23 umgaben, in der Alvaro lebte, waren zwar schon ziemlich lebendig, doch die meisten kubanischen Kneipen schlossen um Mitternacht. Hier, an der breiten Promenade am Rande des Hafens, blieben die Diskos offen, die Musik wurde noch lauter und die Getränke wurden in vielen der Kneipen und Bars weiter ausgeschenkt.

Der Malecón war ein Straßendamm, der sich acht Kilometer lang an Havannas Küste entlangzog. Er war von Gebäuden gesäumt, die seegrün und korallenpink bemalt waren. Viele der Ortsansässigen vermieden ihn wegen der vielen Touristen, doch das war einer der hauptsächlichen Gründe, warum ihn Alvaro so anziehend fand. Trotz der immer beliebter werdenden, störenden Bars im europäischen Stil, gab es immer noch ein paar Orte, an denen ein lebhafter, süchtig machender Salsa Rhythmus die elektronische Tanzmusik, die aus den benachbarten Gebäuden drang, bekämpfte.

Es gab einen Witz unter Anwohnern, dass Kuba der einzige Ort in der Welt war, an dem man Musiker bezahlen musste, damit sie nicht spielten, und das war sicherlich tagsüber wahr. Es schien, als ob jede Person, die eine Gitarre, eine Trompete oder ein paar Bongos hatten, sich an eine Straßenecke setzte. Es gab an jedem Häuserblock Musik, welche den Lärm der Baumaschinen und das Hupen der Autos begleitete. Doch nachts war alles anders, besonders auf dem Malecón. Die Livemusik wurde weniger, verlor den Kampf gegen die elektronische Musik, die durch Computer gespielt wurde – oder noch schlimmer, gegen die neuesten Pop-Hits der USA.

Doch Alvaro sorgte sich um all das nicht, solange es noch La Piedra gab. Es war eine der wenigen echten kubanischen Kneipen, die es noch an der Uferpromenade gab und ihre Türe standen weit offen. Das galt wortwörtlich, denn sie waren mit Türstoppern ausgerüstet, damit eie die dynamische Salsamusik schon zu Ohren schwebte, bevor man eintrat. Es gab keine Schlange, um in La Piedra einzutreten, ganz im Gegensatz zu den langen Schlangen vor so vielen der europäischen Diskos. Es gab keine Menschenmengen um die Theke, die um die Aufmerksamkeit des Barkeepers buhlten. Die Beleuchtung war nicht gedämpft oder stroboskopisch, sondern es war ziemlich hell, damit man das bunte Dekor richtig genießen konnte. Eine sechsköpfige Band spielte auf einer Bühne, die kaum diesen Namen verdient hatte. Es war nur eine dreißig Zentimeter vom Boden erhöhte Plattform am Ende des Etablissements.

Alvaro passte perfekt in La Piedra hinein. Er trug ein helles Seidenhemd mit einem weiß-gelben Schmetterlingsblumenmuster, die Nationalblume Kubas. Er war groß und hatte dunkle Haut, jung und glattrasiert und ausreichend gutaussehend für die meisten Standards. Hier, in der kleinen Salsadisko auf dem Malecón war er nicht nur ein Sou Chef mit Fett unter den Fingernägeln und kleinen Verbrennungen an den Händen. Er war ein mysteriöser Fremder, ein aufregender Luxus. Eine verlockende Geschichte, die man mit nach Hause nehmen würde oder ein sinnliches Geheimnis, das man für sich behielt.

Er setzte sich an die Bar und legte was er für ein verführerisches Lächeln hielt auf. Luisa arbeitete an dieser Nacht, wie an den meisten. Ihre Routine war zu einer Art Tanz geworden, ein gut eingeübter Austausch von Worten, bei dem es keine Überraschungen mehr gab.

“Alvaro”, sagte sie lustlos und konnte sich kaum ein Grinsen verkneifen. “Na, wenn da nicht unsere örtliche Touristenfalle vor uns steht.”

“Luisa”, schnurrte er, “du bist einfach bezaubernd.” Und das war sie auch. Heute trug sie einen hellen langen Rock, der die Kurven ihrer Hüften akzentuierte und einen hohen Schlitz an einer Seite hatte und ein schulterfreies, weißes, bauchfreies Top, das kurz über ihrem perfekten Bauchnabel mit dem Piercing in Rosenform endete. Ihr dunkles Haar fiel wie sanfte Wellen über die goldenen Ringe in ihren Ohren. Alvaro vermutete, dass die Hälfte der Gäste in La Piedra nur kamen, um sie zu sehen. Zumindest wusste er, dass das auf ihn zutraf.

“Jetzt sei aber vorsichtig. Du willst deine besten Anmachen doch nicht an mir verschwenden”, neckte sie ihn.

“Ich reserviere all meine besten Anmachen nur für dich.” Alvaro lehnte sich mit den Ellenbogen auf die Holztheke. “Geh mit mir aus. Noch besser, ich koche für dich. Essen ist eine Sprache der Liebe, wie du weißt.”

Sie lachte leicht. “Frag mich nächste Woche nochmal.”

“Das mache ich”, versprach er. “Und in der Zwischenzeit einen Mojito, por favor?”

Luisa wandte sich ab, um sein Getränk zuzubereiten und Alvaro erhaschte einen Blick auf den Schmetterling, der auf ihre linke Schulter tätowiert war. Das waren also die Schritte ihres Tanzes, die Schritte ihres persönlichen Salsa. Kompliment, Annäherungsversuch, Ablehnung, Getränk. Gefolgt von Wiederholung.

Alvaro riss seinen Blick von ihr und blickte sich an der Bar um, wiegte sich sanft zu der schnellen und angeregten Musik. Die Gäste waren eine angenehme Mischung aus ansässigen Musikliebhabern und Touristen, die meisten davon amerikanisch, doch hier und da waren auch einige Europäer und gelegentlich eine Gruppe von Asiaten, die alle ein authentisch kubanisches Erlebnis suchten – und mit ein bisschen Glück würde er zu einem Teil des Erlebnisses einer Person.

Am Ende der Bar erblickte er feurig rotes Haar, porzellanfarbene Haut, ein hübsches Lächeln. Eine junge Frau, wahrscheinlich aus den USA, höchstens Mitte zwanzig. Sie war mit zwei Freundinnen hier, die auf Barhockern an ihrer Seite saßen. Eine von ihnen sagte etwas, das sie zum Lachen brachte. Sie warf ihren Kopf zurück und ihr Lächeln wurde breiter, es strahlten ihre perfekten Zähne.

Freunde konnten ein Problem sein. Die rothaarige Frau trug keinen Ring und es schien, als wollte sie anziehend erscheinen, doch letztendlich wären es ihre Freundinnen, die für sie entschieden.

“Sie ist hübsch”, sagte Luisa, als sie den Mojito vor ihn stellte. Alvaro schüttelte seinen Kopf, er hatte nicht bemerkt, dass er sie anstarrte.

Er zuckte mit einer Schulter, versuchte, es herunterzuspielen. “Nicht mal annähernd so schön wie du.”

Luisa lachte erneut, dieses Mal lachte sie ihn aus, während sie mit den Augen rollte. “Du bist genauso töricht wie süß. Mach schon.”

Alvaro nahm seinen Drink, sein Herz brach jedes Mal ein wenig mehr, wenn Luisa seine Annäherungsversuche ablehnte, und er näherte sich der hübschen, rothaarigen Amerikanerin an, in der Hoffnung, dort Trost zu finden. Er hatte seine Methoden gut eingeübt, doch sie waren nicht ganz narrensicher. Heute Abend spürte Alvaro jedoch das Glück an seiner Seite.

Er schlenderte die Bar entlang, ging an dem Mädchen und ihren beiden Freundinnen vorbei, ohne sie auch nur anzublicken. Er stellte sich direkt in ihre Blicklinie an einen hohen Tisch und lehnte sich mit den Ellenbogen dagegen. Dabei wippte er rhythmisch mit einem Fuß zur Musik und wartete auf den richtigen Augenblick. Anschließend, nach einer ganzen Minute, blickte er gelassen über seine Schulter.

Das rothaarige Mädchen schaute zurück und ihre Blicke trafen sich. Alvaro sah weg, lächelte schüchtern. Er wartete erneut, zählte still bis dreißig, bevor er sie wieder anblickte. Sie schaute schnell weg. Sie beobachtete ihn. Das war alles, was er brauchte.

Als das Lied sich seinem Ende näherte und die Bar in Applaus für die Band ausbrach, nahm Alvaro sich seinen Mojito und näherte sich dem Mädchen an – nicht zu schnell, Schultern zurück, Kopf erhoben und selbstbewusst. Er lächelte sie an und sie lächelte zurück.

“Hola. ¿Baila conmigo?”

Das Mädchen blinzelte ihn an. “Es-es tut mir leid”, stotterte sie sanft. “Ich spreche kein spanisch…”

“Tanz mit mir.” Alvaros Englisch war fehlerfrei, doch er übertrieb etwas mit seinem Akzent, um so exotischer zu erscheinen.

Das Mädchen lief rot an, ihre Wangen glichen fast ihrem Haar. “Ich, äh… ich weiß nicht wie.”

“Ich bringe es dir bei. Es ist ganz einfach.”

Das Mädchen lächelte nervös und – wie schon erwartet – blickte zu ihren Freundinnen. Eine von ihnen zuckte leicht mit den Schultern. Die andere nickte enthusiastisch und Alvaro musste sich beherrschen, damit sein Lächeln nicht zu einem breiten Grinsen wurde.

“Äh… OK.”

Er hielt eine Hand aus und sie nahm sie. Ihre Finger lagen warm in seinen, während er sie auf die Tanzfläche führte, die kaum mehr als das vordere Drittel der Disko war, wo man die Tische nach außen gestellt hatte, um etwas Platz für die zwei Dutzend ähnlich gesinnten Gäste zu schaffen, die wegen der Musik hier waren.

“Beim Salsa geht es nicht darum, die richtigen Schritte zu tun”, erklärte er ihr, “sondern darum, die Musik zu fühlen. Etwa so.” Als die Band das nächste Lied begann, schritt Alvaro im Takt voran, schaukelte mit seinem hinteren Bein und ging wieder zurück. Seine Ellenbogen schwangen lose an seinen Seiten, eine Hand lag weiter in der ihren und seine Hüften bewegten sich mit seinen Schritten. Er war bei Weitem kein Experte, doch ihm war von Natur aus Rhythmus gegeben. Das ließ selbst die einfachsten Schritte eindrucksvoll erscheinen.

“So ungefähr?” Das Mädchen ahmte seine Schritte steif nach.

Er lächelte. “Sí. Aber lockerer. So wie ich. Eins, zwei, drei, Pause. Fünf, sechs, sieben, Pause.”

Das Mädchen lachte nervös, als sie begann, sich mit ihm zu bewegen, sie lockerte die Postur etwas, als ihre Bewegungen selbstbewusster wurden. Alvaro wartete auf den richtigen Augenblick, hielt noch inne, wartete darauf, dass das Lied endete und ein weiteres begann, bevor er sanft eine Hand auf ihre Hüfte legte, die beiden sich weiter im Rhythmus bewegten und er sagte: “Du bist ziemlich hübsch. Wie heißt du?”

Das Mädchen wurde erneut tiefrot. “Megan.”

“Megan”, wiederholte er. “Ich bin Alvaro.”

Das Mädchen, Megan, schien sich danach weiter zu entspannen und erlag dem Charme eines dunklen, attraktiven Fremden in einem exotischen Land. Er hatte sie genau dort, wo er sie wollte. Sie wagte sich näher an ihn heran, schloss ihre Augen, fühlte die Musik, wie er ihr angewiesen hatte. Ihre Hüften schwangen mit jedem kleinen Salsaschritt näher und entfernter – er bemerkte, dass sie zwar nicht so kurvig oder erfreulich wie Luisas Hüften waren, aber dennoch attraktiv. Alvaro wusste aus Erfahrung, nicht zu schnell voranzuschreiten, sondern ließ zuerst die Musik und ihre Vorstellungskraft wirken, und dann…

Er legte die Stirn in Falten als ein Gefühl ihn durchdrang. Es war ungewöhnlich, dass die hämmernde elektronische Musik der Disko nebenan, bis durch die Wände klang, doch er könnte schwören, dass er sie gehört hatte.

Nicht gehört, bemerkte er – gespürt. Er fühlte ein seltsames Brummen in seinem Körper, es war schwer, es wahrzunehmen und noch schwieriger, es zu beschreiben. Seine sofortige Annahme war, dass es sich um den lauten Bass der zu starken Lautsprecher der Disko nebenan handelte. Seine rothaarige Tanzpartnerin öffnete ihre Augen, ihr Gesicht zeigte Sorgenfalten. Sie spürte es auch.

Plötzlich veränderte sich der ganze Club – oder zumindest erschien es Alvaro so, während eine Welle von Schwindelgefühl ihn überkam. Er taumelte zur Seite, fing sich auf dem linken Bein auf, bevor er ich festhielt. Das amerikanische Mädchen hatte nicht so viel Glück, sie fiel auf die Hände und Knie. Die Musiker der Band hörten einer nach dem anderen auf, zu spielen und Alvaro konnte das Stöhnen und das verängstigte Keuchen der Gäste von La Piedra hören, begleitet vom leisen Hämmern des Basses nebenan.

Was auch immer das war, es betraf alle.

In seinem Schädel brauten sich starke Schmerzen zusammen, während Übelkeit in ihm aufkam. Alvaro blickte scharf und gerade rechtzeitig nach links, um Luisa hinter der Theke fallen zu sehen.

Luisa!

Er schaffte zwei Schritte voran, bevor das Schwindelgefühl ihn wieder überkam und er in einen Tisch taumelte. Gläser fielen zu Boden, als er den Tisch umwarf. Eine Frau schrie, doch Alvaro konnte nicht erkennen, woher es kam.

Er fiel auf die Hände und Knie und kroch weiter, entschlossen, Luisa zu finden. Aus der Kneipe herauszukommen, selbst wenn das bedeutete, dass er sich und sie über den Boden rauszerren müsste. Doch als er das nächste Mal aufblickte, konnte er nur vage Formen sehen. Alles war verschwommen. Der Lärm der in Panik ausgebrochenen Kneipe fiel von ihm, wurde durch einen einzigen, hohen Ton ersetzt. Die bunten Farben von La Piedra trübten sich, die Ränder seines Blickfeldes wurden braun und dann schwarz. Alvaro ließ sich zu Boden fallen, voller Übelkeit und Schwindelgefühl und unfähig, etwas anderes als den Ton zu hören, bevor er das Bewusstsein verlor.




Kapitel vier


Jonathan Rutledge wollte nicht aufstehen.

Er musste zugeben, dass es ein wunderbares Bett war. Riesig, bequem, wie für einen König, auch wenn es für einen Präsidenten geschaffen war.

Er stöhnte, als er sich umdrehte und instinktiv nach dem leeren Platz neben sich griff. Komisch, dachte er, wie er auf seiner Seite des Bettes blieb, obwohl Deirdre auf Reisen war. Er war erstaunt darüber, wie schnell sie sich an ihre neue Position gewöhnt hatte. Momentan war sie auf Reise durch den mittleren Westen, um finanzielle Unterstützung für Kunst- und Musikprogramme an öffentlichen Schulen zu bewerben. Er hingegen drückte sein Gesicht tiefer in sein Daunenkissen, als ob er so den Lärm übertönen könnte, von dem er wusste, dass er gleich käme.

Und schon klingelte das Telefon auf seinem Nachtisch erneut.

“Nein”, sagte er ihm. Es war Thanksgiving. Heute musste er nur einen Truthahn begnadigen, für ein paar Bilder mit seinen Töchtern posieren und dann ein nettes, persönliches Essen mit ihnen genießen. Warum nervten sie ihn schon so früh an einem Feiertag?

Ein lautes Klopfen an der Tür erschreckte ihn. Rutledge setzte sich auf, rieb sich die Augen und fragte laut: “Ja?”

“Mr. Präsident.” Eine weibliche Stimme schwebte durch die dicke Tür des Hauptschlafzimmers des Weißen Hauses zu ihm. “Tabby hier. Darf ich eintreten?”

Tabitha Halpern war seine Stabschefin. Sie konnte so früh keine guten Nachrichten bringen und bestimmte keinen Kaffee.

“Wenn es sein muss”, murmelte er.

“Sir?” Sie hatte ihn nicht gehört.

“Kommen Sie rein, Tabby.”

Die Tür ging auf und Halpern kam rein. Sie war vornehm in einem dunkelblauen Hosenanzug mit einer frisch weißen Bluse gekleidet. Sie tat zwei flinke Schritte voran und hielt dann genauso plötzlich inne, blickte hinunter auf den Teppich und fühlte sich anscheinend unangenehm dabei, sich über den Präsidenten zu lehnen, während dieser noch in Seidenpyjamas im Bett lag.

“Sir”, teilte sie ihm mit, “es gab einen… Vorfall. Sie werden im Krisenraum erwartet.”

Rutledge runzelte die Stirn. “Was denn für ein Vorfall?”

Sie schien zu zögern. “Ein vermutlich terroristisches Attentat in Havanna.”

“An Thanksgiving?”

“Es geschah letzte Nacht, aber… technisch gesehen schon, Sir.”

Rutledge schüttelte seinen Kopf. Was für Monster planten ein Attentat an einem Feiertag? Außer…

“Tabby, feiert man Thanksgiving in Kuba?”

“Sir?”

“Egal. Habe ich Zeit für einen Kaffee?”

Sie nickte. “Ich lasse Ihnen sofort einen hochschicken.”

“Super. Sagen Sie Ihnen, dass ich in zwanzig Minuten da bin.”

Tabby machte auf dem Absatz kehrt und marschierte aus dem Schlafzimmer, schloss die Tür hinter sich und überließ es Rutledge, leise darüber zu grummeln, wie ungerecht doch alles war. Schließlich schwang er sich barfuß aus dem Bett und stand auf, streckte sich und stöhnte erneut und wunderte sich vermutlich schon zum zehntausendsten Mal, wie es dazu gekommen war, dass er im Weißen Haus lebte.

Die technische Antwort war einfach. Fünf Wochen zuvor war Rutledge der Sprecher des Hauses – und ein verdammt guter, wenn er das so sagen durfte. Über den Lauf seiner politischen Karriere hatte er einen Ruf als Mann gewonnen, der nicht käuflich war, der sich an seinen Moralcode hielt und nicht von seinen Überzeugungen abzubringen war.

Doch dann kamen die Nachrichten über die Beteiligung des ehemaligen Präsidenten Harris an dem russischen Plan, die Ukraine zu annektieren. Aufgrund des unbestreitbaren Beweises in Form einer Aufnahme durch die Dolmetscherin war das Amtsenthebungsverfahren rasend schnell. Dann, kurz vor Harris’ sicherer Amtsenthebung, hatte der Präsident es darauf abgesehen, das Urteil zu mildern, indem er seinen eigenen Vizepräsidenten der Mitwissenschaft anklagte. Vizepräsident Brown gab sofort nach und plädierte im Sinne der Anklage, dass er über Harris’ Verwicklung mit Kozlovsky und den Russen informiert war.

All das war an einem Tag geschehen. Bevor Rutledge überhaupt die Abschrift von Browns Aussage fertig gelesen hatte, war Harris’ Amtsenthebung durch den Senat genehmigt und der Vizepräsident, der noch auf ein Verfahren wartete, trat zurück. Das erste Mal in der Geschichte der USA nahm der Dritte in der Reihenfolge, der Sprecher des Hauses, den Platz im Oval Office ein – das war der Demokrat Jonathan Rutledge.

Er wollte das Amt nicht. Er hatte angenommen, dass es die Spitze seine Karriere wäre, das Repräsentantenhaus anzuführen, er hatte nicht das Ziel, noch höher zu gelangen. Und er hätte auch einfach die sechs kleinen Worte sagen können, die alles ganz anders gemacht hätten – “Ich lehne es ab, zu dienen” – doch damit hätte er seine ganze Partei enttäuscht. Der amtierende Präsident des Senats war ein Republikaner aus Texas, er stand etwa so weit rechts im politischen Spektrum, wie man es in einem demokratischen System überhaupt konnte.

Und so wurde der Sprecher Rutledge zum Präsidenten Rutledge. Sein nächster Schritt wäre es, einen Vizepräsidenten zu nominieren, den der Kongress wählen müsste, doch vier Wochen waren seit seines Amtsantritts vergangen und er hatte es, trotz des steigenden Drucks und der zunehmenden Kritik, noch nicht getan. Man musste eine sehr gründliche Wahl treffen – und nach dem, was die letzten zwei Verwaltungen angestellt hatten, stand niemand Schlange für den Job. Er dachte an jemanden, die intelligente Senatorin aus Kalifornien, Joanna Barkley, doch seine Zeit im Amt war bisher so turbulent gewesen, dass es schien, als ob Kontroversen und Überprüfungen ihn um jede Ecke erwarteten.

Jeden Tag stand er kurz davor, aufzugeben. Und er war sich nur zu bewusst, dass dies eine Möglichkeit war. Rutledge könnte Barkley als seine Vizepräsidentin nominieren, das Zustimmungsvotum des Kongresses einholen und dann zurücktreten, was Barkley zur ersten weiblichen Präsidentin der Vereinigten Staaten machen würde. Er könnte es mit dem Wirbelwind von Ereignissen rechtfertigen, die geschahen, als er das Amt antrat. Man würde ihn dafür loben, oder zumindest stellte er sich das vor, eine Frau in das Weiße Haus zu bringen.

Es war verlockend. Besonders, wenn man wegen Nachrichten von terroristischen Attentaten am Tag von Thanksgiving aufgeweckt wurde.

Rutledge knöpfte sich das Hemd zu und knotete eine blaue Krawatte, doch entschied sich dazu, kein Jackett anzuziehen und rollte stattdessen die Hemdsärmel hoch. Eine Hilfskraft rollte einen Wagen mit Kaffee, Zucker, Milch und Kaffeestückchen herein, doch er goss sich einfach nur eine Tasse schwarzen Kaffee ein und nahm sie mit auf dem Weg zum Krisenraum, während zwei stoische Geheimagenten still hinter ihm hergingen.

Auch an die ständige Begleitung musste er sich gewöhnen. Er wurde ständig bewacht, war niemals wirklich allein.

Die beiden Agenten in dunklen Anzügen folgten ihm eine Treppe hinunter und den Gang entlang, wo drei weitere Geheimagenten Wache standen, jeder nickte ihm zu und grüßte ihn mit einem gemurmelten: “Mr. Präsident.” Sie hielten vor einer Doppeltür aus Eiche inne. Einer der Agenten ging neben der Tür mit vor sich gekreuzten Händen auf seine Stellung, während der andere Rutledge die Tür öffnete, damit er in den John F. Kennedy Konferenzsaal, gemeinhin als der Krisensaal bekannt, ein fünfhundert Meter großes Zentrum für Kommando und Geheiminformation im Keller des westlichen Flügels des Weißen Hauses, eintreten konnte.

Die vier schon anwesenden Personen erhoben sich, als er um den Tisch ging, um sich an seinem Kopf zu setzen. Links von ihm war Tabby Halpern und neben ihr der Verteidigungssekretär Colin Kressley. Der Staatssekretär und Direktor der nationalen Geheimdienste waren bemerkbar abwesend, da sie nach Genf geschickt wurden, um bei den Vereinigten Nationen über einen fortlaufenden Handelskrieg mit China zu reden, und wie dieser europäische Importe beeinträchtigen könnte. Statt ihnen waren der Direktor der CIA, Edward Shaw, anwesend. Er war ein streng aussehender Mann, den Rutledge noch nie zuvor hatte lächeln sehen. Und neben ihm stand eine blonde Frau, Ende dreißig, professionell, doch kaum atemberaubend. Ein Blick auf ihre schiefergrauen Augen entfachte ein Fünkchen Wiedererkennung. Rutledge hatte sie zuvor kennengelernt, vielleicht bei seinem Amtsantritt, doch er konnte sich nicht an ihren Namen erinnern.

Er konnte es nicht fassen, wie sie sich alle so schnell versammelt hatten und dabei einwandfrei gekleidet und anscheinend so wachsam waren. Quietschfidel, wie seine Mutter zu sagen pflegte. Rutledge fühlte sich plötzlich lotterig mit seinen hochgekrempelten Hemdsärmeln und der lose gebundenen Krawatte.

“Bitte, nehmen Sie Platz”, sagte Rutledge, während er sich auf einen schwarzen Lederstuhl setzte. “Wir wollen dieser Angelegenheit die Aufmerksamkeit geben, die sie verdient, doch wir wären heute alle lieber an anderen Orten. Lasst uns also gleich beginnen.”

Tabby nickte Shaw zu, der seine Hände auf dem Tisch faltete. “Mr. Präsident”, begann der Direktor der CIA, “letzte Nacht, um ein Uhr morgens, geschah ein Ereignis in Havanna, in Kuba, in der Nähe der nördlichen Hafenküste in einer Gegend, die sich Malecón nennt. Das ist ein beliebter Touristenort. In einem Zeitraum von etwa drei Minuten verspürten mehr als hundert Menschen verschiedene Symptome, die von Schwindel und Übelkeit bis hin zu permanentem Gehörverlust, Blindheit und, in einem unglückseligen Fall, Tod reichten.”

Rutledge starrte unverständig. Als Tabby von einem vermutlichen Terrorattentat sprach, hatte er angenommen, dass eine Bombe explodiert wäre oder jemand an einem öffentlichen Ort geschossen hatte. Was bedeutete all das mit den Symptomen und dem Gehörverlust? “Entschuldigen Sie bitte, Direktor, aber ich bin mir nicht sicher, dass ich Sie verstehe.”

“Sir”, sagte die blonde Frau neben ihm. “Deputy Direktorin Maria Johansson, CIA, Spezialeinsatzgruppe.”

Johansson, stimmt. Rutledge erinnerte sich plötzlich daran, wie er sie am Tag seines Amtsantritts kennenlernte.

“Was Direktor Shaw beschreibt”, fuhr sie fort, “weist auf eine Ultraschallwaffe hin. Diese Art von Konzentration auf eine begrenzte Örtlichkeit in einer solch kurzen Zeit schafft Parameter, die eng genug sind, damit wir annehmen, dass es sich um ein gezieltes Attentat handelt.”

Doch das erklärte Routledge gar nichts. “Entschuldigung”, wiederholte er und fühlte sich wie der Dummkopf im Raum. “Haben Sie Ultraschallwaffe gesagt?”

Johansson nickte. “Ja, Sir. Ultraschallwaffen werden für gewöhnlich als nicht-tödliche Abwehr verwendet. Die meisten unserer Marineschiffe haben sie. Kreuzschiffe verwenden sie als Verteidigung gegen Piraten. Doch aufgrund dessen, was wir über den Vorfall in Kuba wissen, stellte es sich heraus, dass diese hier viel stärker und größer als die Waffen ist, welche unser Militär verwendet.”

Tabby räusperte sich. “Die Polizei in Havanna sammelte Aussagen von mindestens drei Augenzeugen, die angeben, dass sie eine Gruppe von maskierten Männern dabei beobachtete, wie sie einen,seltsamen Gegenstand’ nach dem Attentat auf ein Boot luden.”

Rutledge rieb sich die Schläfen. Eine Ultraschallwaffe? Es klang wie etwas aus einem Science Fiction-Film. Die kreativen Arten, die Menschen sich erträumten, um sich gegenseitig zu verletzen und zu töten, hörten nie auf, ihn zu faszinieren und gleichzeitig zu besorgen.

“Ich nehme an, dass Sie nicht glauben, dass es sich hier um einen isolierten Vorfall handelt”, sagte Rutledge.

“Das würden wir sehr gerne annehmen, Sir”, erwiderte Shaw, “doch das können wir einfach nicht. Die Waffe und die Leute, die hinter ihr stecken, sind irgendwo da draußen auf freiem Fuß.”

“Und die Art des Attentats”, fuhr Johansson fort, “scheint willkürlich. Wir können kein Motiv erkennen, Havanna oder ein touristisches Ziel anzugreifen, abgesehen davon, dass man einen einfachen Zugang und Fluchtweg hat. Bei einem Fall wie diesem, bedeutet das normalerweise, dass es sich um Proben hält.”

“Proben”, wiederholte Rutledge. Er hatte nie Militärdienst geleistet und war auch nie bei Geheimdiensteinsätzen gewesen, doch er war sich komplett bewusst, worauf die Deputy Direktorin anspielte. Dies war das erste Attentat und es gäbe noch weitere. “Und vermutlich sollte ich auch annehmen, dass einige der Opfer Amerikaner waren.”

Tabby nickte. “Das stimmt, Sir. Zwei erlitten permanente Erblindung. Und der einzige Todesfall war eine junge, amerikanische Frau…” Sie schaute in ihre Aufzeichnungen. “Ihr Name war Megan Taylor. Aus Massachusetts.”

Rutledge war nicht gewappnet, damit umzugehen. Es war schon schlimm genug, dass er noch nicht seinen Vizepräsidenten nominiert hatte. Er hatte die Entscheidung vor sich hergeschoben, denn er vertraute sich selbst nicht, sofort zurückzutreten. Es war schon schlimm genug, dass er aufgrund der Fehltritte seiner zwei Vorgänger unter die Lupe genommen wurde, nicht nur von den Medien, sonder praktisch von der ganzen Welt. Es war schon schlimm genug, dass Chinas neuer und scheinbar irrationaler Anführer einen Handelskrieg mit den USA ausgelöst hatte, indem er stetig steigende Tarife auf die riesigen Mengen Exporte erhob, die dort hergestellt wurden. Experten prognostizierten eine sprunghafte Inflation, die langfristig die amerikanische Wirtschaft destabilisieren könnte.

Es war schon schlimm genug, dass es Thanksgiving war, verdammt noch mal.

“Sir?” forderte Tabby ihn sanft auf.

Rutledge hatte nicht bemerkt, dass er in seinen eigenen Gedanken verloren war. Er riss sich zusammen und rieb sich die Augen. “Na gut, lasst uns direkt zur Sache kommen: haben wir Grund zu glauben, dass die Vereinigten Staaten ein Ziel werden könnten?”

“Derzeit”, antwortete Direktor Shaw, “sollten wir unter der Annahme handeln, dass die USA ein Ziel werden. Etwas anderes können wir uns nicht leisten.”

“Gibt es irgendwelche Informationen, wer dahinter steckt?” fragte Rutledge.

“Noch nicht”, erwiderte Johansson.

“Aber das hier passt irgendwie nicht mit der Arbeitsweise unserer Freunde im Nahen Osten zusammen”, brachte General Kressley dar. “Müsste ich wetten, dann würde ich mein Geld auf die Russen setzen.”

“Wir können keinerlei Annahmen machen”, entgegnete ihm Johansson streng.

“In Anbetracht unserer jüngsten Geschichte”, argumentierte Kressley, “würde ich es eine auf Erfahrung gestützte Vermutung nennen.”

“Wir sind eine Nachrichtenagentur”, schoss Johansson über den Tisch zurück und hatte sogar ein dünnes Grinsen dabei auf den Lippen. “Als solche sammeln wir Informationen und arbeiten mit Fakten. Nicht Vermutungen oder Annahmen.”

Plötzlich mochte Rutledge die schlanke blonde Frau vor sich, die sich weigerte, sich von einem knurrenden Vier-Sterne-General einschüchtern zu lassen, sehr. Er wandte sich an sie und fragte: “Was schlagen Sie vor, Johansson?”

“Unser Top-Ingenieur arbeitet derzeit an einer Methode, um diese Art von Waffe zu orten. Nach dem Anschlag auf Havanna zu urteilen, würde ich sagen, dass die Täter wahrscheinlich in der Nähe des Meeres bleiben und eine Küstengegend anzielen. Mit ihrer Erlaubnis, Sir, würde ich gerne ein Spezialeinsatzteam losschicken, um sie zu finden.”

Rutledge nickte langsam – ein CIA-Einsatz klang viel besser, als wegen eines möglichen Attentats Alarm zu schlagen. Halte es klein, halte es geheim, dachte er. Dann ging ihm blitzschnell ein Licht auf.

“Johansson”, fragte er, “einer Ihrer Agenten ist der Typ, der die Kozlovsky Affäre aufgedeckt hat, oder? Er fand die Dolmetscherin und die Aufnahme?”

Johansson war seltsam zögerlich, doch sie nickte einmal. “Ja, Sir.”

“Wie hieß er doch gleich?”

“Er… nun, sein Abrufzeichen ist Null. Agent Null, Sir.”

“Null, stimmt.” Rutledge rieb sich über das Kinn. “Er. Setzen Sie ihn auf diesen Fall an.”

“Äh, Sir… momentan ist er noch nicht ganz einsatzbereit. Er wechselt gerade zurück zur Einsatzarbeit.”

Der Präsident wusste nicht, was das bedeutete, doch es klang wie eine Ausrede oder ein Euphemismus in seinen Ohren. “Es ist ihre Aufgabe, ihn vorzubereiten, Deputy Direktorin.” Man konnte ihn nicht mehr umstimmen, Rutledge wusste, dass dies die richtige Entscheidung war. Der Agent hatte eigenhändig den ehemaligen Präsidenten Pierson vor einer Ermordung gerettet und den geheimen Pakt zwischen Harris und den Russen aufgedeckt. Wenn überhaupt jemand die Täter und diese Ultraschall-was-auch-immer-sie-war finden konnte, dann war er es.

“Darf ich einen Vorschlag machen?” legte Johansson ein. “Die CIA verfügt über einen der besten Spurensucher der Welt. Ein ehemaliger Ranger und ebenfalls ein hochdekorierter Agent —”

“Fantastisch”, unterbrach sie Rutledge, “schicken Sie ihn auch los. So bald wie möglich.”

“Ja, Sir”, stimmte Johansson leise zu, starrte dabei auf den Tisch.

“Gibt es sonst noch was?” fragte er. Niemand sprach, weshalb Rutledge aufstand und die vier weiteren Personen im Krisenraum es ihm gleichtaten. “Dann halten Sie mich auf dem Laufenden und, äh… versuchen Sie, den Feiertag zu genießen.” Er nickte ihnen zu und schritt aus dem Konferenzsaal, wo die beiden Geheimdienstagenten sofort hinter ihm hergingen.

Immer unter Beobachtung. Niemals wirklich allein.

Doch eigentlich stimmte das nicht, bemerkte er. In diesem Moment fühlte er genau das Gegenteil – egal wie viele Leute um ihn waren, ihn berieten, ihn beschützten, ihn in eine Richtung oder die andere schubsten, er fühlte sich wirklich einsam.




Kapitel fünf


Null wachte auf und spürte, wie das warme Sonnenlicht auf seinem Gesicht durch die Jalousien drang. Er setzte sich auf und streckte seine Arme, fühlte sich ausgeruht. Doch etwas stimmte nicht. Sein Schlafzimmer war größer als es eigentlich sein sollte, doch bekannt. Statt einer einzelnen Kommode standen da jetzt zwei. Eine von ihnen war kleiner und hatte einen Spiegel auf ihr.

Das war nicht seine Wohnung in Bethesda. Dies war sein Schlafzimmer aus New York – ihr Schlafzimmer, in dem Haus, das sie teilten. Bevor… vor allem.

Und als er langsam seinen Kopf drehte, sah er, unmöglicherweise, dass sie da war. Sie lag neben ihm, die Bettdecke war halb über ihren Körper gezogen und sie schlief friedlich in einem weißen Unterhemd, wie sie es so oft tat. Ihr blondes Haar lag perfekt auf dem Kissen, auf ihren Lippen lag ein leichtes Lächeln. Sie sah traumhaft wie ein Engel aus. Sorglos. Friedlich.

Er lächelte und legte sich zurück auf das Kissen, beobachtete sie, während sie schlief. Er bemerkte die perfekten Umrisse ihrer Wangen, das kleine Grübchen auf ihrem Kinn, das sie Sara vererbt hatte. Seine Frau, die Mutter seiner Kinder, die größte Liebe seines Lebens.

Er wusste, dass es nicht real war, doch er wünschte, dass es das sein könnte, dass dieser Moment ewig andauern würde. Er griff nach ihr und berührte sanft ihre Schulter, ließ seine Fingerspitzen über ihre sanfte Haut hinunter bis zum Ellenbogen gleiten…

Er blickte finster.

Ihre Haut war kalt. Ihre Brust fiel und sank nicht beim Atmen.

Sie schlief nicht. Tot.

Umgebracht durch eine tödliche Dosis Tetrodotoxin, verabreicht durch einen Mann, den Null einen Freund genannt hatte, einen Mann, den Null hatte leben lassen. Eine Entscheidung, die er tagtäglich bereute.

“Wach auf”, murmelte er. “Bitte. Wach auf.”

Sie bewegte sich nicht. Sie würde es nicht, niemals mehr.

“Bitte wach auf.” Seine Stimme brach.

Es war seine Schuld, dass sie starb.

“Wach auf.”

Es war seine Schuld, dass sie ermordet wurde.

“WACH AUF!”

Null atmete schlagartig ein, als er sich aufrecht im Bett setzte. Es war ein Traum. Er war in seinem Schlafzimmer in Bethesda. Die Wände waren weiß und ungeschmückt, es gab nur eine Kommode. Er war sich nicht sicher, ob er geschrien hatte oder nicht, doch seine Kehle war rau und schlimme Kopfschmerzen brauten sich zusammen.

Er stöhnte und schaute auf seinem Telefon nach der Uhrzeit, während er sich wieder an die Realität gewöhnte. Die Sonne war aufgegangen, es war Thanksgiving. Er musste raus aus dem Bett. Er musste den Truthahn in den Ofen stellen. Er konnte nicht länger über den Alptraum nachdenken, denn das bedeutete, an die Vergangenheit zu denken, an…

An…

“Oh Gott”, murmelte er erschrocken. Seine Hände zitterten und sein Magen drehte sich ihm um.

Ihr Name. Er konnte sich nicht an ihren Namen erinnern.

Für eine lange Weile saß er so da, sein Blick flitze über die Bettdecke, als ob die Antwort auf ihr geschrieben stünde. Doch sie war nicht da und sie schien auch nicht in seinem Kopf zu sein. Er konnte sich nicht an ihren Namen erinnern.

Null riss die Bettdecke von seinem Körper und fiel praktisch aus dem Bett. Er ging auf Hände und Knie und griff unter das Bett, zog eine feuerfeste Sicherheitsbox von der Größe eines Aktenkoffers hervor.

“Schlüssel”, sagte er laut. “Wo ist der verdammte Schlüssel?” Er stand wieder auf und riss die oberste Schublade der Kommode auf, zog sie fast ganz heraus. Er schnappte sich den kleinen silbernen Schlüssel, der da zwischen Sockenknäueln und aufgerollten Gürteln lag und warf sich wieder zu Boden, um die Sicherheitsbox aufzuschließen.

Darin lag eine Sammlung an wichtigen Dokumenten und Gegenständen —unter ihnen waren die Pässe von seinen Mädchen und ihm, seine Geburtsurkunde und Sozialversicherungskarte, zwei Pistolen, tausend Dollar Bargeld und sein Ehering. Er zog das alles hervor und legte sie in einem kleinen Haufen auf den Boden, da er nichts davon suchte. Er hielt kurz bei einem Bild inne, einem Foto von allen vier in San Francisco während eines Sommers, als Maya fünf und Sara drei Jahre alt waren. Die Frau auf dem Foto war ihm sehr bekannt. Er konnte ihr spielerisches Lachen in seinem Kopf hören, ihren Atem auf seinem Ohr spüren, die warme Berührung ihrer Hand in seiner.

“Was war ihr verdammter Name?!” Seine Stimme wankte, als er das Foto zur Seite warf und weitergrub. Er musste hier drin sein. Viele seiner Sachen waren noch in Marias Keller, doch er war sich sicher, dass er ihn in die Sicherheitsbox gelegt hatte…

“Gottseidank.” Er erkannte den braunen Umschlag und riss ihn auf. Darin befand sich ein einzelnes Blatt aus dickem Papier, auf dem der Stempel eines New Yorker Standesamtes graviert war. Ihre Heiratserlaubnis.

Seine Kehle wurde trocken, als er den Namen anstarrte. “Katherine”, sagte er zu sich selbst. “Ihr Name war Katherine.” Doch er spürte dabei keine Erleichterung, nur Horror. Der Name kam ihm nicht bekannt vor in seiner Erinnerung. Er klang wie ein Fremdwort in seinem Mund. “Katherine”, sagte er erneut. “Katherine Lawson.”

Trotzdem klang er nicht richtig, obwohl er direkt vor seinen Augen in schwarz-weiß gedruckt war. War sie Katherine? Hatte er sie Katherine genannt? Oder vielleicht war es…

“Kate.”

Ein Riesenseufzer entrann ihn. Kate. Er hatte sie Kate genannt. Die Erinnerungen strömten so plötzlich zurück wie Leitungswasser, wenn man den Hahn aufdreht. Jetzt fühlte er Erleichterung, doch dennoch war die sehr wirkliche Tatsache, dass er für jene wenigen, angsteinflößenden Minuten komplett den Namen seiner Frau vergessen hatte – das war nicht etwas, das er als einen willkürlichen Aussetzer abtun konnte.

Null griff sein Handy und scrollte durch die Kontakte. Auch wenn man ihm einen internationalen Anruf in Rechnung stellen würde, er brauchte Antworten. Die Schweiz lag sechs Stunden vor ihnen. Dort wäre es jetzt früher Nachmittag, falls die Praxis geöffnet war.

“Geh dran”, bettelte Null. “Geh ran, geh dran…”

“Praxis Dr. Guyer.” Die weibliche Stimme am anderen Ende der Leitung war sanft und hatte einen leichten schweizerdeutschen Akzent. Wäre er nicht in Panik, hätte er sie vermutlich als sinnlich empfunden.

“Alina?” fragte er schnell. “Ich muss mit Dr. Guyer sprechen, es ist sehr wichtig —”

“Entschuldigung”, antwortete sie, “darf ich fragen, wer da ist?”

Stimmt. “Reid hier. Ich meine Kent. Kent Steele. Null.”

“Ah, Agent Steele”, sagte sie fröhlich. “Wie schön, von Ihnen zu hören.”

“Alina, es ist dringend.”

“Natürlich.” Ihr Tonfall änderte sich sofort. “Ich sage ihm Bescheid. Warten Sie bitte einen Moment.”

Dr. Guyer war ein brillanter schweizer Neurologe, vermutlich einer der besten der Welt – und ebenfalls der Mann, der den reiskorngroßen Gedächtnishemmer vier Jahre zuvor in Nulls Kopf eingepflanzt hatte, der alle Zusammenarbeit mit der CIA aus seinem Gedächtnis entfernte. Doch Guyer hatte auf Nulls eigene Bitte hin gehandelt und später war er ebenfalls der Arzt, der die Prozedur durchführte, die sein Gedächtnis wiederherstellte, wenn auch verspätet.

Die beiden waren das letzte Jahr über sporadisch in Kontakt. Der Doktor war hocherfreut darüber, dass Nulls Erinnerungen wieder zurückgekommen waren und wollte unbedingt weitere Tests durchführen. Doch dazu brauchte es eine Reise in die Schweiz, zu der Null weder die Zeit noch Energie hatte – allerdings war er sich vollkommen bewusst, dass er ihm das schuldete. Wenn ihm überhaupt jemand sagen könnte, was in seinem Kopf vor sich ging, dann war das Guyer.

“Agent Steele”, erklang eine tiefe Stimme, die ernst genug war, um anzunehmen, dass man die gewöhnlichen Freundlichkeiten überspringen könnte. “Alina sagte mir, dass Sie besorgt klangen. Wie kann ich Ihnen helfen?”

“Dr. Guyer”, antwortete Null. “Ich brauche Hilfe. Ich bin mir nicht sicher, was passiert, aber…” Er hielt inne, als ein weiterer, schrecklicher Gedanke in ihm aufging. Was, wenn dies kein privater Anruf war? Was, wenn sie abgehört würden? Die CIA hatte seine Privatleitungen schon zuvor abgehört. Und wenn sie all dies hörten…

Du bist paranoid. Werde nicht wieder zu dieser Person.

Trotz allem, nachdem er den Gedanken erst mal im Kopf hatte, bekam er ihn nicht wieder heraus. Vorsicht war schließlich die Mutter der Porzellankiste. Er war gerade wieder zur CIA zurückgekehrt und das fühlte sich gut an. Als ob sein Leben wieder einen Sinn hätte. Bekämen sie das mit, dann könnten sich die Dinge schnell für ihn ändern – und er wollte wirklich nicht wieder die antriebslose, deprimierte Episode erleben, die er in den letzten fünfzehn Monaten ertrug.

“Agent Steele? Sind Sie noch dran?”

“Ja. Entschuldigung.” Null gab sein Bestes, um mit gleichmäßiger und gelassener Stimme hervorzubringen: “Ich… äh, mir fällt es schwer, mich an einige Dinge zu erinnern.”

“Ahaaa”, erwiderte Guyer bedacht. “Kurz- oder Langzeiterinnerungen?”

“Mehr Langzeit, würde ich sagen.”

“Und Sie glauben, dass dies… beunruhigend ist?” Guyer wählte seine Worte sorgsam. Null wunderte sich, ob der Arzt dasselbe dachte, dass ihr Anruf vielleicht abgehört wurde. Jemand wie Guyer bekäme wirklich viele Schwierigkeiten für das, was er getan hatte – sicherlich verlöre er die Lizenz als Arzt, möglicherweise erwartete ihn auch eine Haftstrafe.

“ Ich würde Ihnen diesen Besuch gerne bald abstatten”, erklärte Null ihm.

“Verstehe.” Guyer wurde still und in diesem Moment war sich Null sicher, dass der Arzt genauso vorsichtig wie er war. “Na, da haben Sie aber Glück. Sie müssen gar nicht bis in die Schweiz kommen. Nächste Woche nehme ich an einer Konferenz bei Johns Hopkins in Baltimore teil. Da kann ich mich mit Ihnen treffen. Ich bin mir sicher, dass mir einer meiner Kollegen ein Behandlungszimmer ausleiht.”

“Perfekt.” Endlich spürte er wirkliche Erleichterung. Er vertraute, dass der Arzt wüsste, was zu tun wäre – oder ihm zumindest erklären könnte, was in seinem Kopf vor sich ging. “Schicken Sie mir die genaue Adresse und Uhrzeit, und wir treffen uns dort.”

“Das werde ich tun. Adieu, Agent Steele.” Guyer legte auf und Null setzte sich schwer auf den Bettrand. Seine Hände zitterten und sein Schlafzimmerboden war ein Durcheinander voll Nostalgie.

Vielleicht war es ja nur ein Aussetzer, sagte er sich. Vielleicht hat mich der Traum aufgerüttelt und es war nur ein wenig Vergesslichkeit am Morgen. Vielleicht bin ich umsonst in Panik ausgebrochen.

Natürlich glaubte er all die Lügen, die er sich selbst erzählte, nicht.

Doch was auch immer in seinem Kopf geschah, das Leben ging weiter. Er zwang sich dazu, aufzustehen, zog eine Jeans und ein Hemd an. Er legte die Gegenstände wieder in die Sicherheitsbox, verschloss sie und schob sie unter das Bett.

Im Badezimmer putzte er sich die Zähne und bespritzte sein Gesicht mit etwas kaltem Wasser, bevor er durch den Gang in die Küche ging – gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie Maya die Ofentür schloss und den digitalen Wecker einstellte.

Null zog die Stirn in Falten. “Was ist das?”

Sie zuckte mit den Schultern und strich sich das Haar von der Stirn. “Ich stell nur den Vogel in den Ofen.”

Er blinzelte. “Du machst den Truthahn? Bringen sie euch das in West Point bei?”

Maya grinste. “Nein.” Sie hielt ihr Handy hoch. “Aber Google bringt es mir bei.”

“Na… in Ordnung, dann. Ich schätze, ich trinke besser mal etwas Kaffee.” Er war erneut erfreulich überrascht darüber, dass sie schon eine Kanne vorbereitet hatte. Maya war schon immer genauso unabhängig wie intelligent, doch das hier ging ihm schon irgendwie etwas zu weit. Er wunderte sich, ob sie sich wegen Saras Situation genauso hilflos fühlte wie er. Vielleicht wollte sie so ihre Unterstützung zeigen.

Er entschied sich deshalb dazu, sie walten zu lassen, wie sie wollte. Er nahm den Hocker an der Theke und rührte seinen Kaffee, versuchte, die unangenehmen Ereignisse des Morgens zu verdrängen. Ein paar Minuten später schlurfte Sarah in die Küche. Sie war immer noch im Schlafanzug, ihre Augen halbgeöffnet und ihr rot-blondes Haar zerzaust.

“Guten Morgen”, sagte Maya fröhlich.

“Frohes Thanksgiving”, fügte Null hinzu.

“Pffff”, grummelte Sara, während sie sich zur Kaffeemaschine schleppte.

“Immer noch ein Morgenmuffel, was Mäuschen?” neckte Maya sie sanft.

Sara grummelte etwas anderes, doch dann sah er beim Klang ihres Kindheitskosenamen den Anflug eines Lächelns auf ihren Lippen. Er fühlte eine Wärme in sich, die nicht nur vom Kaffee erzeugt wurde. Das war ein Gefühl, das er für lange Zeit vermisst hatte: das Gefühl, wirklich Zuhause zu sein.

Und dann wurde der Moment durch das Klingeln seines Handys unterbrochen.

Der Bildschirm zeigte ihm, dass Maria anrief und er zuckte zusammen. Er hatte vergessen, ihr eine SMS mit der Adresse und der Uhrzeit für heute zu schicken. Dann ergriff ihn erneut Panik. Das war sehr ungewöhnlich für ihn, so etwas zu vergessen. War dies ein weiteres Symptom seines erkrankten limbischen Systems? Was, wenn er es nicht wirklich vergessen hatte, sondern es verdrängt wurde, so wie Kates Name?

Beruhige dich, befahl er sich. Das ist nur ein wenig Zerstreutheit, das ist alles.

Er atmete tief ein und ging ans Telefon. “Es tut mir leid”, sagte er sofort. “Ich sollte dir eine SMS schicken und ich habe es komplett vergessen —”

“Das ist nicht der Grund meines Anrufs, Kent.” Maria klang ernst. “Und ich bin diejenige, die dich um Entschuldigung bitten sollte. Du musst kommen.”

Er legte die Stirn in Falten. Maya bemerkte es und ahmte seinen Gesichtsausdruck nach, während er vom Hocker aufstand und die relative Privatsphäre des danebenliegenden Wohnzimmers aufsuchte. “Kommen? Meinst du nach Langley?”

“Ja. Es tut mir leid, ich weiß, dass das echt ein schlechter Moment ist, doch es gibt ein Problem und ich brauche deine Anwesenheit bei dieser Einsatzbesprechung.”

“Ich…” Sein erster Instinkt war es, sich einfach zu weigern. Nicht nur war es ein Feiertag und nicht nur kümmerte er sich weiterhin um Saras Genesung, sondern Maya besuchte ihn das erste Mal seit langer Zeit. Wenn man dazu noch den fürchterlichen Gedächtnisverlust hinzuberechnete, dann hatte Maria recht. Es könnte kein schlechterer Moment sein.

Er platzte fast heraus “Muss ich?” doch biss sich auf die Zunge, um nicht wie ein bockiges Kind zu klingen.

“Ich will das genauso wenig wie du”, sagte Maria, bevor er eine Ausrede erfinden konnte. “Und ich möchte dich auch nicht herumkommandieren.” Null verstand diesen Teil laut und klar. Maria erinnerte ihn daran, dass sie jetzt die Chefin war. “Aber ich habe keine Wahl. Das stammt nicht von mir. Präsident Rutledge hat persönlich um dich gebeten.”

“Er hat um mich gebeten?” wiederholte Null matt.

“Nun, er fragte nach,dem Typen, der den Kozlovsky Fall aufdeckte’. Reicht das?”

“Damit könnte er Alan gemeint haben”, schlug Null hoffnungsvoll vor.

Maria kicherte halbherzig, doch es klang mehr wie ein heiseres Seufzen. “Es tut mir leid, Kent”, sagte sie zum dritten Mal. “Ich versuche, das Treffen kurz zu halten, aber…”

Aber das bedeutet, dass ich auf einen Einsatz geschickt werde. Die Botschaft war eindeutig. Und schlimmer noch, es gab keine Ausrede oder Abwehr, um den Einsatz abzulehnen. Wegen dem, was er getan hatte, war er der CIA jetzt mehr denn je zuvor ausgeliefert – und er konnte kaum dem Präsident nein sagen, der schließlich der Chef des Chefs seiner Chefin war.

“OK”, gab er nach. “Gib mir eine halbe Stunde.” Er legte auf und stöhnte leise.

“Ist in Ordnung.” Er drehte sich schnell um und sah, dass Maya hinter ihm stand. Die Wohnung war nicht groß genug, um den Anruf ungehört zu beantworten. Er war sich sicher, dass sie wusste, worum es ging, obwohl sie nur seine Seite des Gesprächs gehört hatte. “Geh, tu was du tun musst.”

“Was ich tun muss”, sagte er geradeheraus, “ist hier mit dir und Sara sein. Es ist Thanksgiving, verdammt noch mal…”

“Anscheinend haben das nicht alle mitgekriegt.” Sie tat dasselbe, was er für gewöhnlich tat. Sie versuchte, die Situation mit ein wenig Humor zu zerstreuen. “Ist schon OK. Sara und ich kümmern uns um das Essen. Komm einfach zurück, wann du kannst.”

Er nickte, war ihr dankbar für ihr Verständnis und wollte noch etwas sagen, doch letztendlich murmelte er nur “Danke” und ging in sein Schlafzimmer, um sich umzuziehen. Es gab nicht mehr zu sagen – denn Maya wusste genauso gut wie er, dass sein Tag vermutlich in einem Flugzeug enden würde und nicht hier mit seinen Töchtern beim Abendessen.




Kapitel sechs


Sollte jemand über die Phrase “Mittleres Amerika” sinnieren, so glichen die Eindrücke, die dabei aufkämen, erschreckend Springfield in Kansas. Das Städtchen war von sanft abfallendem Farmland umgeben. Es war ein Ort, an dem es mehr Kühe als Einwohner gab, so winzig, dass man ihn mit einem einzigen Atemzug durchfahren konnte. Manche fänden ihn idyllisch. Manche nennten ihn charmant.

Samara fand ihn widerlich.

Es gab einundvierzig Gemeinden und Städte in den Vereinigten Staaten, die sich Springfield nannten, was dieses Städtchen nicht nur unscheinbar sondern geradezu einfallslos machte. Es gab um die achthundert Einwohner und die Hauptstraße bestand aus einer Post, einer Grillkneipe, einem Tante-Emma-Lädchen, einer Apotheke und einem Futtergeschäft.

Aus all diesen Gründen und noch mehr war sie perfekt.

Samara zog sich ihr hellrotes Haar zurück in einen Pferdeschwanz, entblößte dabei die kleine Tätowierung im Nacken, das einzelne, einfache Zeichen für,Feuer’ – was Pinyin Huŏ ausgesprochen wurde. Das war auch der Nachname, den sie nach dem Überlaufen angenommen hatte.

Sie lehnte sich gegen den kommerziellen Kastenwagen und überprüfte ihre Fingernägel, wartete auf den richtigen Moment. Sie konnte von dort aus die Musik hören, Jugendliche, die schlecht spielten, während sie zum Takt einer rasselnden Wirbeltrommel marschierten. Bald kämen sie an ihrem Standort an.

Hinter ihr, im Frachtraum des Wagens, befanden sich vier Männer und die Waffe. Der Angriff auf Havanna war erstaunlich gut, sogar einfach, abgelaufen. Mit ein wenig Glück würden die kubanische und amerikanische Regierung annehmen, dass es sich um Tests hielt, doch ihre Waffe war schon reichlich getestet worden. Der Zweck des Attentats auf Havanna war weitaus mehr, es sollte Chaos erzeugen. Verwirrung sähen. Die Illusion einer rechtzeitigen Warnung schaffen, während die Mächtigen sich an den Köpfen kratzten und wunderten.

In der Nähe saß Mischa auf dem Bordstein hinter dem bunten Kastenwagen und zupfte gelangweilt an welkem Unkraut, dass sich seinen Weg durch die Risse im Asphalt gebahnt hatte. Das Mädchen war zwölf, normalerweise ernst, pflichtbewusst, leise und herrlich tödlich. Sie trug Jeans, weiße Turnschuhe und, fast komisch, einen blauen Kapuzenpulli, auf den das Wort BROOKLYN in weißen Buchstaben gedruckt war.

“Mischa.” Das Mädchen schaute auf, ihre grünen Augen waren dumpf und passiv. Samara streckte eine Faust aus und das Mädchen öffnete ihre Hand. “Es ist fast Zeit”, sagte ihr Samara auf russisch, als sie zwei Gegenstände in die kleine Handfläche legte – elektronische Ohrstöpsel, entworfen, um einer bestimmten Frequenz entgegenzuwirken.

Die Waffe an sich war unbeachtlich, sogar hässlich. Sähen sie die Waffe, so hätten die meisten keine Ahnung, was sie da anblickten, und dass solch ein Gerät überhaupt eine Waffe war – was nur zu ihrem Vorteil war. Die Frequenz wurde durch eine breite schwarze Scheibe ausgestoßen. Sie hatte einen Durchschnitt von einem Meter und war mehrere Zentimeter dick. Das erzeugte die ultra-tiefen Schallwellen in einem unidirektionalen Kegel. Der stärkste Effekt wurde in einem Bereich von etwa einhundert Metern gespürt, doch die schädlichen Auswirkungen der Waffe konnte man bis zu dreihundert Meter entfernt spüren.

Die schwere Scheibe war auf einen sich drehenden Apparat montiert, der sie nicht nur aufrecht wie eine Satellitenschüssel hielt, sondern durch den man sie auch in jegliche Richtung drehen konnte. Der Apparat war hingegen auf einen Stahlwagen mit vier dicken Reifen geschweißt, auf dem sich auch die Lithium-Ionen-Batterie befand, welche die Waffe mit Strom versorgte. Die Batterie allein wog schon dreißig Kilo. Alles zusammen, mit dem Stahlwagen, wog die Ultraschallwaffe fast hundertfünfzig Kilo, weshalb solche Waffen normalerweise auf Schiffen oder Jeeps angebracht waren.

Brächte sie jedoch ihre Waffe auf einem Fahrzeug an, so wäre sie dadurch wesentlich weniger mobil und viel auffälliger, weshalb die vier Männer im Kastenwagen notwendig waren. Jeder von ihnen war ein hoch-trainierter Kommando, aber in ihren Augen waren sie kaum mehr als glorifizierte Umzugshelfer. Wäre die Waffe leichter, einfacher bewegbar, dann hätten Samara und Mischa diesen Einsatz allein durchführen können, war sie sich sicher. Doch sie mussten das nehmen, was sie bekommen konnten und die Waffe war so kompakt wie möglich, wenn man ihre Leistungsfähigkeit bedachte.

Samara hatte sich wegen der Logistik ein paar Sorgen gemacht, doch bisher hatten sie keine Probleme damit gehabt. Sofort nach dem Attentat in Havanna hatten sie die Waffe über eine Rampe auf ein Boot gebracht, das sie nördlich nach Key West brachte. Auf dem kleinen Flugplatz wurde sie rasch auf ein Frachtflugzeug mittlerer Größe umgeladen, das sie nach Kansas City brachte. Alles war schon Wochen zuvor arrangiert, gekauft und bezahlt. Jetzt mussten sie nur noch den gründlichen Plan durchführen.

Samara schlenderte gelassen zur Ecke des Häuserblocks, während die Musik der Blaskapelle anschwoll. Jetzt konnte man sie sehen, wie sie auf sie zumarschierten. Der Kastenwagen war auf dem Bürgersteig vor dem Tante-Emma-Laden geparkt, zwei Autolängen von der Ecke entfernt, an der orangefarbene Verkehrskegel die Straße blockierten, um Platz für den Umzug zu schaffen.

Samara hatte gut recherchiert. Jedes Jahr organisierte das Gemeindecollege von Springfield einen Thanksgiving-Umzug, der von ihrer Blaskapelle angeführt wurde und einer umschweifigen Route folgte, die an einem örtlichen Park begann, sich durch das Städtchen wand und dann wieder zu ihrem Ursprung zurückkehrte. Ganz vorne schritt ein junger Tambourmajor, der einen lächerlich hohen Hut trug und einen Taktstock herzlich in einer Faust schwang. Nach der Blaskapelle marschierte das erfolglose Footballteam des winzigen Colleges, das von seinem Cheerleading Team gefolgt wurde. Hinter ihnen fuhr ein Cabrio, in dem der Bürgermeister und seine Frau saßen und dahinter die örtliche Feuerwehr. Ganz am Ende befanden sich die Mitglieder der Fakultät und der Leichtathletikverein.

Es war alles so übelerregend amerikanisch.

“Mischa”, sagte Samara erneut. Das Mädchen nickte kurz und steckte sich die elektronischen Stöpsel in die Ohren. Sie stand vom Bürgersteig auf und nahm eine Position in der Nähe der Fahrerkabine des Wagens ein, lehnte sich gegen die Fahrertür, um den Bereich der Frequenz zu vermeiden.

Samara zog ein Funkgerät aus ihrem Gürtel. “Zwei Minuten”, sprach sie auf russisch hinein. “Schaltet sie ein.” Sie hatte dem Team selbst russisch beigebracht und darauf bestanden, dass sie nur diese Sprache in der Öffentlichkeit benutzten.

Ein alter Mann in einem Fleecepullover zog die Stirn in Falten, als er an ihr vorbeiging. Es war etwa so seltsam russisch in Springfield, Kansas zu hören, wie einen Shar-Pei-Hund dabei zu beobachten, kantonesisch zu sprechen. Samara schielte düster zu ihm hinüber und er beeilte sich, weiterzukommen, hielt erst inne, als er die Straßenecke erreichte, um den Umzug anzusehen.

Es schien, als ob alle Einwohner zu dem Ereignis gekommen wären. Gartenstühle waren entlang mehrerer Häuserblocks aufgereiht, Kinder warteten eifrig darauf, die Süßigkeiten aufzufangen, die aus den Eimern geworfen würden.

Samara blickte über ihre Schulter zu dem Mädchen. Manchmal wunderte sie sich, ob noch ein paar Überbleibsel aus ihrer Kindheit in ihr waren. Ob sie die anderen Kindern mit einer Sehnsucht nach dem, was hätte sein können, anblickte, oder ob sie ihr fremd waren. Doch Mischas Blick blieb kalt und distanziert. Sollte es Zweifel hinter diesen Augen geben, so hatte sie gelernt, ihn expertenhaft zu verstecken.

Die Blaskapelle kam um die Ecke, die Bläser schmetterten und die Trommeln rasselten. Sie hatten Samara und dem Kastenwagen den Rücken zugewandt, als sie den Häuserblock entlangmarschierten. Junge Männer in Trikots folgten zu Fuß – es war das College-Footballteam, das Süßigkeiten in die Menge warf. Kinder sprangen hervor und bückten sich in Gruppen, um es aufzuschnappen, wie Geier, die sich auf einen Kadaver stürzen.

Ein winziger Gegenstand segelte auf Samara zu und landete in der Nähe ihrer Füße. Sie hob ihn zögernd zwischen zwei Fingern auf. Es war ein Karamellbonbon. Sie musste einfach grinsen. Was war das nur für eine unglaublich bizarre Tradition: die Kinder des reichsten Landes der Welt warfen sich auf die billigste Süßigkeit, die faul vor ihnen auf das Pflaster geworfen wurde. Sie hielt das Bonbon hoch. Ein Flimmer von Neugier huschte über Mischas junges, passives Gesicht, während sie es entgegennahm.

“Spasiba,” murmelte das Mädchen. Danke. Doch anstatt es auszupacken und es zu essen, steckte sie es in ihre Jeanstasche. Samara hatte sie gut trainiert. Sie bekäme ihre Belohnung, wenn sie sie verdient hätte.

Samara erhob das Funkgerät erneut an ihren Mund. “Beginnt in dreißig Sekunden.” Sie wartete nicht auf eine Antwort. Stattdessen zog sie sich die Ohrstöpsel an, doch ein leises, helles Geräusch summte in ihnen. Die vier Männer im Laderaum des Wagens würden den Rest erledigen. Sie mussten die Waffe nicht herausholen, sie mussten nicht einmal die Rolltür am Ende des Wagens öffnen. Die Ultraschallfrequenz war fähig, durch Stahl und Glas zu dringen. Selbst Backstein beeinträchtigte nur wenig ihre Effizienz.

Samara verschloss die Hände vor sich und stand neben Mischa, zählte still mit. Sie konnte nicht mehr die Blaskapelle oder den Applaus der Zuschauer hören, sie hörte nur den elektronischen Heulton der Ohrstöpsel. Es war komisch, so viel zu sehen, doch nichts zu hören, wie ein Fernseher, bei dem man den Ton ausgeschaltet hatte. Für einen Augenblick dachte sie an das lächerliche Sprichwort: Wenn ein Baum im Wald umfällt und niemand ist in der Nähe, um ihn fallen zu hören, macht er dann einen Laut? Ihre Waffe machte kein Geräusch. Die Frequenz war zu tief, um vom menschlichen Gehör wahrgenommen zu werden. Doch trotzdem würden Leute fallen.

Samara hörte weder die Musik noch den generellen Lärm der Menschenmenge. Sie hörte auch nicht die Schreie, als sie begannen. Doch nur Momente, nachdem sie bis null gezählt hatte, sah sie, wie Körper auf den Asphalt fielen. Sie sah, wie die Bürger von Springfield in Kansas in Panik ausbrachen, rannten, aufeinander trampelten, wie die vielen Kinder, die zuvor auf die Süßigkeiten gesprungen waren. Manche wanden sich, andere übergaben sich. Instrumente krachten zu Boden und Eimer voller Bonbons fielen um. Nicht einmal fünfundzwanzig Meter von ihr entfernt fiel ein Footballspieler auf seine Hände und Knie und spuckte einen Mundvoll Blut aus.

Es lag eine solche Schönheit im Chaos. Samaras ganze Existenz war auf Regime, Protokoll und Übung aufgebaut – doch wussten nur Wenige so gut wie sie, wie unzuverlässig all das sein konnte, wenn Chaos unvorhersehbar ausbrach. In diesen Situationen zählten nur die Instinkte. In diesem Moment wurde man sich wahrhaftig über sich selbst bewusst, wozu man fähig war. Im Chaos, das sich still vor ihren Augen auftat, traten Familien auf ihre eigenen Angehörigen. Eheleute ließen ihre Partner stehen, um sich selbst zu retten. Es herrschte Verwirrung, Körper fielen um. Die Menge würde selbst mehr Schaden untereinander anrichten, als die Waffe es ihnen antäte.

Doch sie konnten nicht dort verweilen. Sie nickte Mischa zu, die um die Fahrerkabine ging und in den Beifahrersitz einstieg, während Samara sich hinter das Steuer setzte und den Schlüssel im Zündschloss umdrehte. Doch sie warf den Motor noch nicht an. Sie blieben noch eine weitere Minute – lange genug, damit man den Schaden des Attentats wirklich verheerend fände und damit jene, die sie verfolgen würden, komplett verwirrt über die Bedeutung von Springfield in Kansas wären.




Kapitel sieben


Null trat in das George Bush Center für Geheimdienst, das Hauptquartier der CIA, ein. Es lag in der Gemeinde von Langley, Virginia. Er schritt über den weiten Marmorboden, seine Schritte hallten, als er über das große runde Emblem ging. Es war ein Schild und ein Adler in grau und weiß, umrandet von den Worten “Central Intelligence Agency, United States of America”. Er schritt direkt auf die Aufzüge zu.

Es war kaum jemand da, nur die notwendigsten Sicherheitsbeamten und ein paar Verwaltungsassistenten, welche sich mit Büroarbeiten plagten. Er war immer noch ziemlich sauer darüber, dass man ihn hierher gerufen hatte, dass er an einem Feiertag von seinen Mädchen getrennt wurde. Er hoffte, dass die Einweisung kurz wäre.

Doch er wollte nicht darauf wetten.

“Halt die Tür auf”, rief eine bekannte Stimme, als Null auf den Knopf für das Untergeschoss drückte, wo das Treffen stattfand. Er hielt eine Hand aus, damit die Türen sich nicht schlossen und einen Moment später joggte Agent Todd Strickland neben ihn. “Danke, Null.”

“Die haben dich auch gerufen, was?”

“Ja.” Strickland schüttelte seinen Kopf. “Gerade, als ich im Veteranenkrankenhaus ankam.”

“Du verbringst Thanksgiving mit Veteranen?”

Strickland nickte einmal kurz, was Null als Anzeichen dafür verstand, dass er es nicht weiter besprechen wollte. Todd Strickland war Ende zwanzig, hatte einen dicken Nacken und war gut bemuskelt, bevorzugte immer noch den militärischen Haarschnitt, den er während seiner Zeit in der Armee hatte. Er hatte glänzende Augen, jungenhafte Gesichtszüge und seine glattrasierten Wangen gaben ihm eine jugendliche und zugängliche Erscheinung, doch Null wusste, dass sich hinter der Fassade eine Menge Kraft verbarg. Er war einer der besten, den die Rangers je gesehen hatten. Todd hatte fast vier Jahre seines jungen Lebens damit verbracht, Aufständische in den Wüsten des Nahen Ostens aufzuspüren. Dabei schlief er im Sand, kletterte durch Höhlen und führte Razzien in Lagern durch. Er war durch und durch ein Kämpfer und dennoch hatte er es geschafft, eine Anteilnahme zu bewahren, die genauso stark wie sein Pflichtbewusstsein war.

“Hast du eine Ahnung, worum es geht?” fragte Null, als die Fahrstuhltüren aufgingen.

“Wenn ich drauf wetten müsste, würde ich sagen, dass es sich womöglich um das Attentat in Havanna von letzter Nach dreht.”

“Es gab ein Attentat in Havanna letzte Nacht?”

Strickland kicherte ein wenig. “Du schaust echt keine Nachrichten, oder?” Er schritt einen leeren Gang entlang. Es schien, dass fast alle von Langley den Feiertag zu Hause mit ihren Familien verbrachten – außer ihnen natürlich.

“Ich war ein bisschen beschäftigt”, gab Null zu.

“Ach ja, wie geht’s den Mädchen denn?” Strickland kannte Maya und Sara. Als die Leben der beiden von einem psychopathischen Attentäter bedroht wurden, schwor der junge Agent, dass er auf sie aufpassen würde, egal ob Null da war oder nicht. Bisher hatte er sich an sein Wort gehalten.

“Sie…” Er wollte fast schon sagen “ihnen geht’s gut”, doch er hielt sich zurück. “Sie werden erwachsen. Verdammt, vielleicht sind sie es schon.” Null seufzte. “Ich muss ehrlich sein. Wenn die uns heute auf einen Einsatz schicken, dann bin ich mir nicht sicher, was ich mit Sara tun soll. Ihr geht es noch nicht gut genug, um sie allein zu lassen.”

Strickland hielt inne, als sie an der geschlossenen Tür des Konferenzraums ankamen, hinter der die Einweisung stattfände. Doch er verweilte kurz und griff in seine hintere Hosentasche. “Ich dachte an dasselbe.” Er gab Null eine Visitenkarte.

Der runzelte die Stirn. “Was ist das?” Die Karte war sehr einfach, elfenbeinfarben, auf ihr war eine Webseite, eine Telefonnummer und der Name,Seaside House Rehabilitatioszentrum’ graviert.

“Das ist ein Ort in Virginia Beach”, erklärte Strickland, “wo Leute wie sie hinkönnen, um… sich zu erholen. Ich habe dort selbst ein paar Wochen verbracht, vor langer Zeit. Das sind gute Leute. Die können helfen.”

Null nickte langsam, ein wenig erstaunt darüber, wie jeder außer ihm es zu sehen schien. Maya hatte ihm schon gesagt, dass Sara professionelle Hilfe bräuchte und anscheinend war es auch für Todd offensichtlich. Er wusste genau, warum er es nicht gesehen hatte. Er wollte fähig sein, ihr zu helfen. Er wollte derjenige sein, der sie da durchbrachte. Doch er hatte tief im Inneren schon gewusst, dass sie mehr brauchte, als er ihr bieten konnte.

“Ich hoffe, dass ich damit keine Grenzen überschritten habe”, fuhr Todd fort. “Doch äh… ich habe dort angerufen, um mich zu versichern, dass sie Platz haben. Sie kann da hin, wann immer sie will.”

“Danke”, murmelte Null. Er wusste nicht, was sonst sagen. Ganz sicher hatte er keine Grenzen überschritten, indem er etwas tat, zu dem Null vermutlich nicht den Mut gehabt hätte. Er steckte sich die Karte in die Hosentasche und zeigte auf die Tür. “Nach dir.”

Er hatte sehr viele Einweisungen während seiner Zeit als CIA Agent miterlebt, und keine glich der anderen.

Manchmal waren viele anwesend und es ging chaotisch zu, mit Repräsentanten von zusammenarbeitenden Agenturen und Videokonferenzen mit Experten der Themen. Andere Male waren sie klein, ruhig und vertraulich. Er war sich zwar sicher, dass diese Einweisung eine der ruhigen wäre, doch er war dennoch überrascht, dass er beim Eintreten in den Konferenzsaal nur eine Person vorfand, die am Tisch saß und ein einzelnes Tablet vor sich hatte.

Strickland schien genauso verwirrt, denn er fragte: “Sind wir zu früh dran?”

“Nein”, sagte Maria, während sie aufstand. “Genau rechtzeitig. Setzt euch.”

Null und Todd tauschten einen Blick aus und setzten sich auf jeweils eine Seite von Maria, die am Kopf des langen Tisches saß.

“Na”, murmelte der jüngere Agent, “wenn das mal nicht puschelig ist.”

“Es tut mir leid, dass ich euch aus dem Feiertag gerissen habe”, begann sie. “Ihr wisst, dass ich es nicht getan hätte, wenn ich die Wahl hätte.” Sie sagte es, als wäre es mehr an Null gerichtet. Maria wusste genau, wer und was auf ihn zu Hause wartete. Sie war schließlich auch eingeladen. “Ich komme gleich zur Sache”, fuhr sie fort. “Letzte Nacht gab es einen Vorfall am nördlichen Hafengebiet von Havanna. Wir haben guten Grund zu glauben, dass es sich um einen vorsätzlichen terroristischen Anschlag handelte.”

Sie erzählte ihnen alles, was sie wusste, dass mehr als einhundert Leute eine breite Palette an Symptomen spürten, und dass die Nähe jener, die es am schlimmsten getroffen hatte, auf die Verwendung einer Ultraschallwaffe schließen ließ, die sich in der Nähe des Ufers befand. Während sie die Sachlage erklärte, glitten ihre Finger über den Touchscreen des Tablets, zeigten auf Fotos der Notfalldienste in Kuba, welche den Opfern halfen. Einige von ihnen brauchten Unterstützung, um nur wieder aufzustehen, anderen liefen dünne Blutrinnsale aus den Ohren. Einige wurden auf Bahren fortgetragen.

“Es gab nur einen Todesfall”, schloss Maria, “eine junge amerikanische Frau im Urlaub. Und die Waffe wurde nicht gefunden, deshalb unsere Beteiligung.”

Null hatte schon von dieser Art von Ultraschallwaffe zuvor gehört, zumindest von etwas Ähnlichem, doch abgesehen von den winzigen Schallgranaten, die Bixby in seinem Labor zusammenbraute, hatte er keine weitere Erfahrung mit ihnen. Allerdings er musste zugeben, dass trotz der fehlenden visuellen Beweise von der Waffe oder den Tätern alles sehr nach einem Terrorattentat aussah – was das Ganze nur noch verwirrender machte.

“Kent?” drängte Maria. “Was denkst du?”

Er schüttelte seinen Kopf. “Ehrlich gesagt bin ich ein bisschen perplex. Warum macht sich jemand die Mühe, eine solche Waffe zu bauen oder zu kaufen, wenn ein einzelnes Sturmgewehr und ein paar Magazine viel mehr Schaden angerichtet hätten?”

“Vielleicht ging es nicht um Schaden”, schlug Strickland vor. “Vielleicht war es eine Nachricht. Die Täter könnten ja sogar Kubaner gewesen sein. Sie wählten eine Touristengegend als Ziel. Vielleicht waren es Nationalisten und das war eine Art gewalttätiger Protest.”

“Das ist möglich”, gab Maria zu. “Aber wir brauchen Fakten – und bisher wissen wir nur, dass amerikanische Bürger betroffen wurden, von denen eine jetzt tot ist, und dass diese Waffe immer noch da draußen ist… und da kommt ihr zwei zum Einsatz.”

Null und Strickland blickten einander an und dann Maria. Für einen kurzen Moment hatte er schon gedacht, dass dies nur eine Informationseinweisung war, in der man sie darüber informierte, was in Kuba geschehen war, doch mit diesen wenigen Worten verstand er nun, was es wirklich bedeutete.

Es gab keinen Zweifel daran, er wurde wieder auf einen Einsatz geschickt.

“Warte mal”, erwiderte Strickland. “Du sagst also, dass irgendjemand, irgendwo auf der Welt eine ziemlich einfach bewegbare und starke Ultraschallwaffe hat, und was sollen wir jetzt tun? Einfach losziehen, um sie zu finden?”

“Ich verstehe, dass wir nicht gerade viele Anhaltspunkte haben…” begann Maria.

“Das sind überhaupt keine Anhaltspunkte.”

Null war ein wenig über Stricklands Einstellung überrascht. Tief in seinem Herzen war er immer noch ein Soldat und sprach niemals so zu einem Vorgesetzten, nicht einmal Maria. Doch er verstand ihn, denn während Strickland seine Verärgerung zum Ausdruck brachte, spürte Null eine Welle von Wut. Dafür hatte man ihn von Thanksgiving weggerissen, ihn davon abgehalten, sich mit seiner Familie wieder zu vereinigen? Ihm taten zwar die Opfer des Havanna-Attentats leid, doch seine Fähigkeiten kamen normalerweise zum Einsatz, um Nuklearkriege und Massentode zu vermeiden, nicht um auf eine wilde Jagd nach einer Waffe zu gehen, die ein einziges Leben gekostet hatte.

“Wir haben etwas”, sagte Maria Strickland. “Ein paar Augenzeugen am Hafen gaben an, dass sie eine Gruppe von Männern sahen, vier oder fünf von ihnen, die eine Art Schutzmaske oder – helm trugen und einen,seltsam aussehenden Gegenstand’ direkt nach dem Anschlag auf ein Boot luden. Die Details sind zwar nicht gerade genau, doch ein paar Leute berichteten auch, dass sie eine Frau mit hellrotem Haar unter ihnen sahen.”

“OK, das ist etwas”, stimmte Strickland ihr zu und schien jeglichen weiteren Protest, den er womöglich noch äußern wollte, zu unterdrücken. “Also gehen wir nach Havanna, informieren uns über das Boot, wem es gehört, wohin es fuhr, wo es jetzt ist und folgen der Spur.”

Maria nickte. “Ja, genauso steht es. Bixby arbeitet an etwas Technologie, die hilfreich sein sollte. Und ich will ja nicht drängeln, aber Präsident Rutledge verwendete die Worte,so schnell wie möglich’, also—”

“Können wir mal reden?” platzte Null plötzlich heraus, bevor Maria ihnen offiziell den Startschuss geben konnte. “Unter vier Augen?”

“Nein”, erwiderte sie kurz.

“Nein?” Null blinzelte.

Sie seufzte. “Es tut mir leid, Kent. Aber ich weiß, was du sagen willst und ich weiß, dass ich wahrscheinlich nachgeben würde und versuchen würde, dich freizustellen. Doch das hier kam vom Präsidenten. Nicht von mir, nicht von Direktor Shaw —”

“Und wo ist Direktor Shaw jetzt?” fragte Null erhitzt. “Zu Hause, schätze ich mal? Macht sich wohl gerade fertig, um Thanksgiving mit seiner Familie zu genießen?”

“Ja Null, genau dort ist er”, entgegnete sie ihm streng. Sie nannte ihn niemals Null. Aus ihrem Mund hörte es sich an, als ob er gerügt würde. “Weil es nicht seine Arbeit ist, hier zu sein. Es ist deine. Genauso wie es nicht meine Arbeit ist, immer wieder für dich den Hals herauszustrecken. Meine Arbeit ist es, dir zu sagen, wohin du gehen musst und was getan werden muss.” Sie tippte zwei Mal mit einem Finger auf das Tablet.

“Da gehst du hin. Das musst du tun.”

Null starrte auf den Tisch hinunter. Er war glatt und hochpoliert, so dass er reflektierend glänzte. Er hatte idiotischerweise geglaubt, dass er und Maria nach all dem, was sie zusammen durchgemacht hatten, noch weiter Freunde bleiben konnten. Doch letztendlich war es anders. Sie war seine Chefin und so fühlte es sich an, wenn man herumkommandiert wurde.

Ihm gefiel das Gefühl überhaupt nicht, genauso wenig, wie ihm die Idee gefiel, dass der Präsident verlangte, dass er auf den Fall angesetzt wurde. Seiner Meinung nach war das eine komplette Verschwendung seiner Fähigkeiten. Doch er machte sich nicht die Mühe, das zu sagen.

“Schaut euch doch einfach mal die Zustände an.” Marias Ton wurde sanfter, doch sie blickte keinem der beiden in die Augen. “Wir haben einen Handelskrieg mit China. Unsere Verbindungen mit Russland sind fast ganz gekappt. Die Ukraine sind nicht gerade von uns beeindruckt. Belgien und Deutschland sind immer noch sauer über das, was sie für einen unbestätigten Einsatz letzten Monat hielten. Niemand vertraut unseren Anführern – am wenigsten unser eigenes Volk. Wir haben noch nicht einmal einen Vizepräsidenten.” Sie schüttelte ihren Kopf. “Wir können uns die Möglichkeit eines Attentats auf amerikanischem Boden nicht leisten. Selbst wenn es sich nur um eine Möglichkeit handelt. Nicht, wenn wir es vermeiden können.”

Null wollte ihr widersprechen. Er wollte darauf hinweisen, dass die Effizienz von zwei Männern, egal ob sie hochtrainiert waren oder nicht, immer noch dürftig erschien, wenn man sie mit dem gemeinsamen Einsatz von Strafverfolgungsagenturen verglich. Er konnte verstehen, warum sie keine große, öffentliche Debatte daraus machen wollten, aber wenn sie diese Leute wirklich finden wollten, wenn sie wirklich dachten, dass ein Anschlag auf die USA wahrscheinlich war, dann könnten sie eine Fahndungsausschreibung herausgeben. Sie könnten an den Küstenregionen von Florida, Louisiana, Texas beginnen, das waren die wahrscheinlichsten Angriffsziele beträchtlich des Anschlags auf Havanna. Sie könnten die kubanische Regierung dazu auffordern, das vermisste Boot zu überprüfen. Sie sollten zusammenarbeiten, um die Bürger beider Nationen und alle anderen, die verletzt wurden, zu beschützen.

Null wollte all das gerade laut sagen, doch bevor er dazu kam, klingelte Marias Handy.

“Einen Moment”, sagte sie ihnen, bevor sie mit ihrem typischen Gruß antwortete: “Johansson.”

Ihr Gesicht wurde schlaff und ihre Blick traf Nulls. Er hatte diesen Ausdruck schon zuvor gesehen, viele Male – viel zu oft für seinen Geschmack. Es war ein Ausdruck von Schock und Entsetzen.

“Schick mir alles”, sagte Maria mit einem rauen Flüstern ins Telefon. Sie beendete den Anruf und er wusste schon, was sie ihnen erzählen würde, bevor sie damit anfing.

“Es gab einen Anschlag auf amerikanischem Boden.”




Kapitel acht


Schon? Null war fassungslos darüber, wie schnell ein weiteres Attentat geschehen war —er hatte offensichtlich die Schwere der Situation unterschätzt.

Doch er war noch schockierter, als Maria ihm sagte, wo es geschehen war.

“Der Anschlag fand auf ein kleines Städtchen im mittleren Westen statt.” Maria konzentrierte sich auf den Bildschirm des Tablets, scrollte durch die Information, sobald sie ankam. “Ein Ort namens Springfield in Kansas – achthunderteinundvierzig Einwohner.”

“Kansas?” wiederholte Null. Wenn sie seit dem Havanna-Attentat bis nach Kansas gekommen waren, so bedeutete das… “Sie müssen per Flugzeug gereist sein.”

“Was bedeutet, das dies geplant war”, fügte Strickland hinzu. Der junge Agent stand plötzlich auf, als ob es etwas gäbe, dass er in diesem Moment tun könnte. “Aber warum? Was könnte an einem Örtchen in Kansas bedeutend sein?”

“Keine Ahnung”, murmelte Maria. Dann griff ihre Hand an ihren Mund. “Oh mein Gott.” Sie blickte mit weit aufgerissenen Augen zu Null. “Dort fand gerade ein Umzug statt. College-Studenten, Familien… Kinder.”

Null atmete tief ein, arbeitete hart daran, eine mentale Distanz zwischen dem Teil von ihm, der Vater und ehemaliger Professor, und jenem, der Agent war, zu schaffen. “Auswirkungen?”

“Unklar”, berichtete Maria und starrte wieder auf ihr Tablet. “Das hier geschah gerade erst. Der erste Anruf zum Rettungsdienst fand vor dreiundzwanzig Minuten statt. Doch…” Sie schluckte schwer. “Erste Berichte des Notfalldienstes geben an, dass es sechzehn Tote am Tatort gibt. Aber wahrscheinlich sind es mehr.”

Strickland schritt im Konferenzsaal wie ein Tiger hin und her, der darauf wartet, aus seinem Käfig gelassen zu werden. “Wir können nicht versichern, dass alle Todesfälle das direkte Ergebnis der Waffe sind. Einige könnten durch Panik ausgelöst worden sein.”

“Aber vielleicht geht es genau darum”, murmelte Null.

“Warte mal, da kommt ein Video” Maria drehte das Tablet und beide Männer drängten sich an ihre Schultern, um es zu sehen. Sie drückte auf Start und der Bildschirm füllte sich mit der wackeligen Perspektive von jemandem, der mit einem Handy filmte. Der Tatort war die Hauptstraße der Kleinstadt, die Kamera filmte den Häuserblock hinauf, nahm mit ihrer Linse die Bürgersteiger voller Leute und Stühle auf beiden Seiten der Allee auf.

Eine Gruppe junger Leute in weiß-grünen Uniformen kam um die Ecke – eine Blaskapelle, die mit erhobenen Instrumenten im Gleichschritt ging, die sich annähernde Musik übertönte den Lärm von Applaus und Jubel.

“Sie sind fast hier, Ben!” rief eine fröhliche, weibliche Stimme, vermutlich die Frau hinter der Handykamera. “Bist du soweit? Winke Maddie zu!”

Die Kamera ging kurz nach unten und zeigte einen kleinen Jungen, nicht älter als fünf oder sechs, der ein riesiges Lächeln auf dem Gesicht hatte, während er der sich annähernden Kapelle zuwinkte. Dann ging die Kamera wieder nach oben, zeigte eine Gruppe junger Männer in grünen Trikots, die hinter der Kapelle um die Ecke kam – ein Footballteam, schien es, das Süßigkeiten aus Eimern in die Menge warf.

Ein Knoten von Grauen wand sich in Nulls Magen, denn er wusste, dass es gleich zur Katastrophe käme.

Der Übergang war nicht plötzlich. Er war langsam und bizarr, fand während der nächsten Sekunden statt. Null lehnte sich näher an den Bildschirm, beunruhigt doch gespannt, während er weitersah.

Zuerst ging die Kamera ein wenig nach unten und er hörte kaum die Frau dahinter, als sie murmelte: “Spürt das sonst noch jemand? Was ist das…?”

Fast gleichzeitig hörten mehrere Mitglieder der Kapelle auf, zu spielen. Immer mehr Instrumente verstummten, als Keuchen und verwirrte Rufe sich mit dem Jubel vermischten.

Eine Trompete fiel auf die Straße. Dann ein Körper. Mitglieder der Kapelle taumelten. Hinter ihnen kippten junge Männer in Trikots um. Die Kamera wackelte fürchterlich, als die Frau sich nach links und rechts drehte, nach einer Quelle suchte oder vielleicht versuchte, zu verstehen, was da geschah.

“Ben?” schrie sie. “Ben!”

Schreie drangen aus der Menschenmenge, als sie in alle Richtungen drängte. Während der nächsten zwei Sekunden wurde Null zum Zeugen des absoluten Chaos. Menschen traten aufeinander, hielten sich die Köpfe oder die Mägen, fielen um. Dann fiel das Telefon auf die Straße und der Bildschirm wurde schwarz.

“Oh Gott”, murmelte Strickland.

Null rieb sich das Kinn, während er vom Tisch zurücktrat. Er hatte nur zur Hälfte recht gehabt. Es stimmte, das ein einzelnes Sturmgewehr mehr Schaden hätte anrichten können, doch dies – eine unsichtbare Kraft, eine versteckte Waffe, keine Angreifer in Sicht – dies war regelrecht fürchterlich. Es war einfach etwas wie eine langsame Brise durch die Straße gefahren, hatte hunderten von Menschen in Sekunden Schaden zugefügt. Wenn so etwas in die Öffentlichkeit geriete…

“Ist das Video öffentlich?” fragte er.

“Ich hoffe nicht”, antwortete Maria und dachte offensichtlich dasselbe wie er. “Es kam vom Polizeirevier Springfield, was…” Sie blickte wieder auf das Tablet. “Aus fünf Polizisten besteht. Wir tun, was wir können von unserer Seite aus, aber ich zweifle daran, dass sie es schaffen, es geheim zu halten.”

“Wenn das herauskommt, dann werden die Leute in Panik ausbrechen”, bemerkte Strickland.

“Genau”, stimmte Null ihm zu, als er laut eine Theorie austüftelte. “In Havanna haben sie ein volles Touristenviertel angegriffen. In Kansas eine Umzugsroute voller Menschen. Bewohnte Bereiche, die willkürlich erscheinen. Vielleicht versuchen sie, zu beweisen, dass ihre Waffe nur ein Katalysator ist, und dass die Leute sich gegenseitig genauso viel Schaden zufügen, wie sie es tun.”

“Also könnte es wirklich eine Nachricht sein”, stimmte Strickland zu, während er im Konferenzraum auf und ab ging.

Es war das Einzige, was in diesem Moment Sinn ergab. Ein Attentat auf eine solch kleine Stadt war ein Versuch, ihre Ziele willkürlich erscheinen zu lassen, um Panik und Verwirrung zu stiften. “Aber wenn das der Fall ist, was könnte dann geschehen, wenn sie dieses Ding nach New York City brächten? Oder Washington, DC?”

Strickland hielt inne. “Die verspotten uns regelrecht. Sagen uns, dass das nächste Ziel überall sein könnte. Zu jedem Zeitpunkt.”

“Bisher sind die örtlichen Behörden sich nicht sicher, was geschehen ist”, verkündete Maria. “Es scheint, als ob niemand außer uns diesen Vorfall mit dem Ultraschallattentat auf Havanna verknüpft – bisher.”

“Doch so bald sie das tun”, fügte Null hinzu, “fühlt sich niemand mehr sicher.” Er stellte es sich schon vor: etwas so einfaches, wie eine volle Straße entlangzugehen und in eine Ultraschallexplosion zu geraten. Nicht zu wissen, was geschah oder woher es kam oder was zu tun war oder wie man es aufhalten konnte.

Es war ein furchterregender Gedanke, selbst für ihn.

Plötzlich piepste Marias Tablet. Null blickte über ihre Schulter und sah, dass ein Anruf auf dem verschlüsselten Server der CIA ankam. Anstatt jedoch den Anrufer zu zeigen, stand da nur “GESICHERT”.

Maria atmete tief ein und antwortete. Es war ein Videoanruf. Eine smart gekleidete, braunhaarige Frau erschien plötzlich und sah so ernst wie eine Statue aus.

“Deputy Direktorin”, begrüßte sie die Frau.

“Ms. Halpern.”

Null erkannte nicht das Gesicht der Frau, doch er kannte den Namen. Tabitha Halpern war die Stabschefin des Weißen Hauses unter Präsident Rutledge. Und er kannte den Hintergrund hinter ihr sehr gut. Sie saß im Krisensaal, einem Ort, an dem er schon häufig zuvor gewesen war.

“Ich habe hier den Präsidenten bei mir”, sagte Halpern. “Er möchte Sie gerne sprechen.” Sie griff nach vorne und drehte den Bildschirm, bis er auf Jonathan Rutledge ruhte, der am Kopf des Konferenztisches saß. Er trug ein weißes Hemd, dessen Ärmel bis zum Ellenbogen hochgekrempelt waren, und eine blaue Krawatte war lose um seinen Hals gebunden. Auf seinem Gesicht trug er einen abgekämpften Ausdruck.

“Mr. Präsident”, nickte Maria. “Es tut mir leid, dass sie zwei Mal an einem Tag auf diesem Platz sitzen müssen.”

“Also haben Sie es schon gehört?” erwiderte Rutledge und übersprang die Formalitäten.

“Ja Sir. Gerade eben.”

“Ist er das hinter Ihnen? Ich will mit ihm sprechen.”

Null hatte nicht bemerkt, dass er teilweise im Blickfeld der Kamera war – hätte er gewusst, dass er an einer Videokonferenz mit dem Präsidenten teilnähme, so hätte er sich etwas besseres als ein T-Shirt und eine leichte Jacke angezogen. Maria reichte ihm das Tablet und er hielt es vor sich.

“Sie sind also derjenige, den man Null nennt”, sagte Rutledge kurz.

“Ja Sir, Mr. Präsident”, entgegnete er ihm mit einem kurzen Nicken. “Es ist bedauerlich, dass wir uns unter diesen Umständen kennenlernen.”

“Bedauerlich. Ja.” Rutledge rieb sich sein Kinn. Irgendetwas an ihm erschien… nun, Null erschien es nicht gerade präsidentiell. Er sah verloren aus. Er sah aus wie ein Mann, dem alles zu viel geworden war. “Haben Sie das Video des Attentates gesehen, Agent?”

“Das habe ich, Sir. Gerade eben.,Fürchterlich’ ist nicht gerade der richtige Ausdruck, doch es ist das erste Wort, was mir in den Sinn kommt.”

“Fürchterlich. Ja.” Der Präsident nickte, sein Blick war unscharf und weit weg. “Haben Sie Kinder, Agent Null?”

Das schien eine seltsame Frage – besonders, wenn man sie einem Geheimagenten stellte, dessen Identität vertraulich bleiben sollte, doch Null erwiderte ihm: “Ja. Zwei Töchter.”

“Ich auch, vierzehn und sechzehn.” Rutledge stützte seine Ellenbogen auf dem Tisch ab und blickte Null schließlich in die Augen, soweit das durch die Kamera möglich war. “Sie müssen diese Leute finden. Finden Sie diese Waffe. Halten Sie das auf. Bitte. Das kann nicht noch einmal geschehen.”

Selbst unter normalen Umständen, welche dies wirklich nicht waren, könnte Null einen Befehl des Präsidenten der Vereinigten Staaten nicht verweigern. Es war nicht notwendig, dass Rutledge ihn darum anflehte, einen Einsatz anzunehmen. Seitdem Maria das Attentat auf amerikanischem Boden verkündet hatte, wusste er, dass er dieser Angelegenheit nicht den Rücken zuwenden konnte. Es war in seine DNA einprogrammiert. Gäbe es etwas, das er dagegen tun könnte, dann täte er es.

“Das werde ich.” Er blickte hinüber zu Strickland und verbesserte sich. “Das werden wir, Sir.”

“Gut. Und sagen Sie Johansson, dass man Ihnen dafür jede Ressource zur Verfügung stellen soll.”

Darüber runzelte Null die Stirn. Es schien seltsam, wie er den Satz betonte. Das galt vermutlich eher Maria als ihm.

“Sei Gott mit Ihnen”, schloss Rutledge und beendete die Videokonferenz abrupt.

Null gab Maria das Tablet zurück, die sofort nach Neuigkeiten über den Tatort in Kansas suchte.

Strickland seufzte schwer. “Es gibt da nur ein Problem. Havanna ist jetzt eine Sackgasse und wenn die so schnell reisen können, wie sie es taten, dann finden wir in Kansas vermutlich auch nichts mehr. Wir haben jetzt noch weniger Anhaltspunkte als zuvor.”

“Das stimmt nicht ganz.” Maria blickte vom Tablet auf. “Ein Augenzeuge in Springfield, ein älterer Mann, berichtete, dass er kurz vor dem Attentat auf der Straße an einer Frau vorbeiging – eine weiße Frau mit hellrotem Haar. Genau wie in Kuba. Und dieser Mann gibt an, dass er hörte, wie sie russisch in ein Funkgerät sprach.”

“Russen?” wiederholte Null. Er sollte nicht darüber überrascht sein, nicht nach allem, was in den letzten eineinhalb Jahren geschehen war. Doch bei den vorherigen Verschwörungen gab es geheime Intrigen, riesigen Mengen Geld, mächtige Leute. Das hier fühlte sich ganz anders an und er konnte auch kein Motiv für diese Art von Attentat sehen, abgesehen von einer Art von Rache.

“Naja”, bemerkte Strickland, “,rothaarige Russin’ schränkt die Dinge wohl kaum ein.”

“Du hast recht.” Maria zog ihr Handy hervor. “Doch es gibt etwas, das die Dinge einschränken kann.” Sie drückte auf einen Knopf und sprach dann in ihr Telefon: “Ich komme runter. Ich brauche OMNI.”

“Was ist OMNI?” fragte Strickland, bevor Null die Möglichkeit dazu hatte.

“Das ist… kompliziert”, antwortete Maria rätselhaft. “Aber ich zeige es euch.” Sie stand von ihrem Stuhl auf und nahm das Tablet auf dem Weg zur Tür mit.

Null wusste, dass,runterkommen’ vermutlich bedeutete, Bixby in seinem Labor zu besuchen, der Forschungs- und Entwicklungsabteilung im Untergeschoss der Central Intelligence Agency. Sie waren selbst schon in einem Untergeschoss und der exzentrische Ingenieur befand sich einen weiteren Stock unter ihnen – zumindest soweit Null es wusste.

Er wusste ebenfalls, dass er nicht nach Hause ginge, nicht mit seinen Mädchen zu Abend essen würde. Als sie auf dem leeren Gang waren, sagte er: “Wartet mal. Darf ich einen Anruf machen?”

Maria zögerte, doch nickte: “In Ordnung. Beeil dich. Wir treffen dich am Aufzug.” Die beiden gingen den Gang entlang, während Null sein Handy herauszog – und auch die kleine weiße Karte, die Strickland ihm gegeben hatte.

Er hatte schon seinen Finger auf der Anruftaste, als er die Meinung änderte und stattdessen die Videoanrufanwendung öffnete und sein Handy so vor sich hielt, dass sein Gesicht in der Kamera erschien.

Es klingelte nur einmal, bevor Maya antwortete. Auf ihrem Gesicht stand Sorge und er konnte am Hintergrund erkennen, dass sie in der Küche stand. “Papa?”

“Maya. Es ist etwas geschehen.”

“Ich weiß”, sagte sie ernst. “Ich schaue die Nachrichten, seit du gegangen bist.”

“Es ist schon in den Nachrichten?”

“Es gibt da ein Video”, erklärte sie ihm, “von jemandem, der da war.”

Null zuckte zusammen. Wenn das Video schon an die Öffentlichkeit geraten war, dann gäbe es keinen Weg, um es geheimzuhalten. Jetzt war es wahrscheinlich schon in den sozialen Netzwerken, was bedeutete, dass es binnen Minuten viral würde, falls das noch nicht der Fall war. Auf Millionen von Bildschirmen würde man es teilen.

Doch wenn er Mayas Gesichtsausdruck richtig interpretierte, dann fand sie es genauso angsterregend wie er. Und wenn das der Fall war, dann würde sie verstehen, was er tun müsste.

“Papa, was zum Teufel war das?” fragte sie.

“Ich kann es nicht sagen”, antwortete er bewusst vage. “Doch wir müssen die Leute dahinter finden. Was bedeutet, dass du etwas für mich tun musst… und für deine Schwester.”

“Natürlich”, stimmte sie sofort zu. “Was immer du brauchst.”

“Danke. Aber zuerst… kannst du mir Sara geben?”

“Einen Moment.” Der Bildschirm bewegte sich plötzlich, als Maya das Handy weitergab und einen Augenblick später blickte ihn Sara auf dem winzigen Bildschirm an. Ihr Blick war stumpf und ihre Stimme leise. “Du kommst nicht heim, oder?”




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