Primärziel: Der Werdegang von Luke Stone—Buch #1
Jack Mars


Der Werdegang von Luke Stone #1
„Einer der besten Thriller, die ich dieses Jahr gelesen habe.”

–-Books and Movie Reviews (bezüglich Koste es was es wolle)



In dem lang erwarteten Debüt einer neuen Reihe von #1 Bestseller-Autor Jack Mars tritt der Elite Delta Force Soldat Luke Stone, 29, einer geheimen Regierungsagentur bei und wird auf die Mission seines Lebens geschickt: eine rasante Jagd durch Europa und den Nahen Osten, um die Tochter des Präsidenten zu retten, bevor sie von Terroristen geköpft wird.



In PRIMÄRZIEL (Buch #1) sehen wir den Werdegang einer der härtesten – und tödlichsten – Soldaten der Welt: Luke Stone. Luke, ein 29 Jahre alter Veteran, der ausreichend Schlachtfelder für den Rest seines Lebens gesehen hat, wird vom Special Response Team, einer geheimen, neuen FBI Agentur (die von seinem Mentor Don Morris geleitet wird) kontaktiert, um die riskantesten terroristischen Umtriebe der Welt zu bekämpfen.



Luke, der immer noch von seiner Kriegsvergangenheit geplagt wird und frisch mit der schwangeren Becca verheiratet ist, wird mit seinem neuen Partner Ed Newsam auf eine Mission nach Irak geschickt, um einen abtrünnigen amerikanischen Vertragsarbeiter festzunehmen. Doch was wie ein Routineeinsatz beginnt, wuchert explosionsartig zu etwas viel Größerem aus.



Als die jugendliche Tochter des Präsidenten in Europa entführt wird und in die Hände von Terroristen gelangt, könnte Luke der einzige auf der Welt sein, der sie rettet, bevor es zu spät ist.



PRIMÄRZIEL ist ein Militär-Thriller, den man nicht aus der Hand legen kann, ein wildes Abenteuer, das Sie bis spät nachts weiterlesen werden. Er ist das lang erwartete Debüt einer spannenden neuen Reihe des #1 Bestseller-Autors Jack Mars, der „einer der besten Thriller Autoren” genannt wird.



“Thriller-Schriftstellerei vom besten.”

–-Midwest Book Review (in Bezug auf Koste es was es wolle)



Ebenfalls erhältlich ist Jack Mars’ #1 Bestseller LUKE STONE THRILLER Reihe (7 Bücher), die mit Koste es was es wolle (Buch #1) beginnt. Man kann es gratis herunterladen und es erhielt über 800 Fünf-Sterne-Rezensionen!





Jack Mars

PRIMÄRZIEL




P R I M Ä R Z I E L




(DER WERDEGANG VON LUKE STONE—BUCH 1)




J A C K   M A R S



Jack Mars

Jack Mars ist der USA Today Bestseller Autor der LUKE STONE Thriller Serie, welche sieben Bücher umfasst (und weitere in Arbeit). Er ist außerdem der Autor der neuen WERDEGANG VON LUKE STONE Vorgeschichten Serie und der AGENT NULL Spionage-Thriller Serie.



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BÜCHER VON JACK MARS

LUKE STONE THRILLER SERIE

KOSTE ES WAS ES WOLLE (Buch #1)

AMTSEID (Buch #2)

LAGEZENTRUM (Buch #3)

JEDEM GEGNER ENTGEGENTRETEN (Buch #4)



DER WERDEGANG VON LUKE STONE

PRIMÄRZIEL (Buch #1)

PRIMÄRKOMMANDO (Buch #2)



EINE AGENT NULL SPIONAGE-THRILLER SERIE

AGENT NULL (Buch #1)

ZIELOBJEKT NULL (Buch #2)

JAGD AUF NULL (Buch #3)

EINE FALLE FÜR NULL (Buch #4)

AKTE NULL (Buch #5)

RÜCKRUF NULL (Buch #6)

ATTENTÄTER NULL (Buch #7)

KÖDER NULL (Buch #8)



EINE AGENT NULL KURZGESCHICHTE




KAPITEL EINS


16. März 2005

14:45 Uhr Arabische Standard Zeit (5:15 Uhr USA Eastern Daylight Zeit)

Bagram Luftstützpunkt

Parwan Provinz, Afghanistan



„Luke, du musst das nicht tun” , sagte Oberst Don Morris.

Oberfeldwebel Luke Stirn stand bequem in Dons Büro. Das Büro selbst befand sich in einer glorifizierten Metallhütte nicht weit vom Standort der neuen Landebahn.

Der Luftwaffenstützpunkt war ein Wunderland ständigen Lärms – Bagger gruben und pflasterten. Bauarbeiter hämmerten Hunderte von Sperrholzhütten zusammen,  welche die Zelte ersetzen sollten, in denen die Soldaten, die hier stationiert waren, bisher gelebt hatten. Als ob das noch nicht ausreichte, gab es Raketenangriffe durch den Taliban aus den umgebenden Bergen und Selbstmordattentäter auf Motorrädern, die sich vor den Eingangstoren in die Luft jagten.

Luke zuckte mit den Schultern. Sein Haar war länger als das Militär es eigentlich erlaubte. Er hatte drei Tage Stoppel im Gesicht. Er trug einen Fliegeranzug, auf dem sich kein Rangabzeichen befand.

„Ich folge nur Befehlen, Sir.”

Don schüttelte seinen Kopf. Sein eigener militärischer Haarschnitt war schwarz mit grauen und weißen Strähnen. Sein Gesicht hätte aus Granit gemeißelt sein können. Das traf eigentlich auf seinen ganzen Körper zu. Seine blauen Augen waren tiefliegend und intensiv. Seine Haarfarbe und die Falten in seinem Gesicht waren die einzigen Zeichen davon, dass Don Morris schon seit mehr als 55 Jahren auf der Erde lebte.

Don packte die wenigen Dinge in seinem Büro in Kisten. Einer der legendären Begründer der Delta Force zog sich von der United States Armee zurück. Er wurde speziell auserlesen, um eine kleine Geheimagentur in Washington DC zu eröffnen und zu leiten. Es handelte sich um eine halbautonome Gruppe innerhalb des FBI. Don bezog sich darauf als eine Art zivile Delta Force.

„ Wag es nicht, mich Sir zu nennen”, sagte er. „ Und wenn du heute Befehle befolgst, dann befolge diesen: lehne die Mission ab.”

Luke lächelte. „ Leider sind Sie nicht mehr mein befehlshabender Offizier. Ihre Befehle tragen derzeit nicht sehr viel Gewicht, Sir.”

Don blickte ihm für lange Zeit in die Augen.

„ Das ist eine Todesfalle, mein Sohn. Zwei Jahre nachdem Bagdad fiel, ist der Krieg in Irak ein totales Chaos. Hier in Gottes Land kontrollieren wir das Umfeld dieses Stützpunktes, den Flughafen in Kandahar, die Innenstadt von Kabul und ansonsten nicht viel. Amnesty International, das Rote Kreuz und die europäische Presse berichten alle über geheime Lager und Foltergefängnisse, sogar hier, dreihundert Meter von unserem Standort. Die Mächtigen wollen die Geschichte ändern. Sie brauchen einen großen Sieg. Und Heath möchte eine Feder im Hut. Er will immer dasselbe. Nichts davon lohnt sich, um dafür zu sterben.”

„Oberstleutnant Heath  hat entschlossen, den Einsatz persönlich zu leiten”,  sagte Luke. „ Ich wurde vor weniger als einer Stunde darüber informiert.”

Dons Schultern fielen nach vorne. Dann nickte er.

„Das überrascht mich nicht”,  sagte er. „ Weißt du, wie wir Heath früher nannten? Kapitän Ahab. Der fixiert sich auf etwas, gerade so wie bei der Walgeschichte, und dann jagt er ihn bis zum Grund des Meeres. Und es macht ihm nichts aus, alle seine Männer mit sich in den Abgrund zu ziehen.”

Don hielt inne. Er seufzte.

„ Hör zu, Stone, du musst mir und auch sonst niemandem etwas beweisen. Du hast dir einen Freipass verdient. Du kannst diese Mission ablehnen. Zum Teufel, du könntest die Armee verlassen und mit mir nach Washington DC kommen. Mir würde das gefallen.”

Jetzt lachte Luke fast. „Don, nicht alle hier sind mittleren Alters. Ich bin einunddreißig Jahre alt. Ich glaube, Anzug und Krawatte und Mittagessen am Schreibtisch sind noch nicht so ganz mein Ding.”

Don hielt ein gerahmtes Foto in seinen Händen. Er hielt es über eine offene Kiste. Er starrte in die Kiste hinunter. Luke kannte das Foto gut. Es war ein verblasster Schnappschuss von vier jungen Männern ohne Hemden. Es waren Green Berets, die vor einer Mission in Vietnam in die Kamera grinsten. Don war der einzige dieser jungen Männer, der noch am Leben war.

„Meins auch nicht”, sagte Don.

Er blickte Luke erneut an.

„Stirb nicht heute Nacht da draußen.”

„Ich habe es nicht vor.”

Don blickte wieder auf das Foto. „Das hat keiner”,  sagte er.

Für einen Augenblick starrte er aus dem Fenster auf die schneebedeckten Gipfel des Hindu Kush um sie. Er schüttelte seinen Kopf. Seine breite Brust stieg an und fiel. „Mann, ich werde diesen Ort vermissen.”


* * *

„Meine Herren, diese Mission ist Selbstmord”,  sagte der Mann vorne im Raum. „Und deshalb schicken sie Männer wie uns.”

Luke saß auf einem Klappstuhl in dem nüchternen Einweisungsraum aus Beton. Zweiundzwanzig weitere Männer saßen auf den Stühlen um ihn herum. Sie alle gehörten zur Delta Force, waren die Besten der Besten. Und der Einsatz, soweit Luke ihn verstand, war schwierig –  aber nicht unbedingt Selbstmord.

Der Mann, der diese letzte Einweisung gab, war Oberstleutnant Morgan Heath, ein sehr mutiger Kommandant, der selbst gerne Hand anlegte. Er war noch keine vierzig Jahre alt und es war offensichtlich, dass Heath noch über Delta hinaus wollte. Er war zu seinem derzeitigen Rang hinaufgeschossen und seine Ambitionen schienen auf ein höheres Profil hinzuweisen. Politik, vielleicht ein Buch, vielleicht eine Zeit im Fernsehen als Militärexperte.

Heath sah gut aus, war sehr fit und mehr als eifrig.  Das war für einen Delta nicht ungewöhnlich. Doch er redete auch viel. Und das war gar nicht typisch für Delta.

Luke hatte ihn eine Woche zuvor dabei beobachtet, wie er einem Reporter und einem Fotografen vom Rolling Stone Magazin ein Interview gab. Er erklärte den beiden die fortgeschrittenen Tarn- und Navigationsfähigkeiten eines MH-53J  Helikopters – nicht unbedingt geheime Informationen, doch ganz bestimmt keine, die man mit jedem teilen wollte.

Stone hätte ihn deswegen fast gemeldet. Doch er tat es nicht.

Das lag nicht daran, dass Heath einen höheren Rang als er hatte – das machte bei Delta nichts aus, oder sollte es zumindest nicht – sondern weil er sich schon zuvor Heaths Antwort vorstellen konnte: „Glauben Sie, dass der Taliban amerikanische Popmagazine liest, Feldwebel?”

Heaths Präsentation wäre zehn Jahre zuvor neueste Technologie gewesen, PowerPoint auf einem weißen Hintergrund. Ein junger Mann mit einem Turban und einem dunklen Bart erschien auf dem Bildschirm.

„Ihr kennt ihn alle”,  sagte Heath. „Abu Mustafa Faraj al-Jihadi wurde etwa 1970 in einem Nomadenstamm im östlichen Afghanistan oder in den stämmischen Regionen im westlichen Pakistan geboren. Er hatte wahrscheinlich keine formelle Bildung und seine Familie überquerte die Grenze vermutlich einfach so als gäbe es sie nicht. Al Qaeda liegt ihm in den Adern. Als die Sowjet 1979 in Afghanistan einmarschierten, nahm er an der Resistenz als Kind-Soldat teil,  vielleicht war er erst acht oder neun Jahre alt. Nach Jahrzehnten unaufhörlichen Krieges später ist er irgendwie immer noch am Leben. Verdammt, dem geht's noch richtig gut. Wir glauben, dass er mindestens zwei Dutzend größere Terroranschläge organisiert hat, eingeschlossen der Selbstmordattentate in Mumbai im letzten Oktober und dem Anschlag auf die USS Sarasota im Hafen von Aden, bei dem 17 amerikanische Seemänner starben.”

Heath hielt dramatisch inne. Er blickte jedem im Raum an.

„Der Typ bringt nichts Gutes. Ihn zu fangen ist fast so, wie Osama bin Laden auszuschalten. Wollt ihr Jungs Helden sein? Heute Nacht ist eure Chance.”

Heath drückte auf einen Knopf in seiner Hand. Das Foto auf dem Bildschirm veränderte sich. Es war jetzt ein geteiltes Bild –  auf der einen Seite der vertikalen Grenze war eine Luftaufnahme von al-Jihadi’s Lager direkt außerhalb eines kleinen Dorfes. Auf der anderen Seite befand sich eine 3D-Abbildung von dem, was man für al-Jihadi’s Haus hielt. Das Haus hatte zwei Stockwerke, war aus Stein und an einem steilen Hügel gebaut – Luke wusste, dass es möglich war, dass das Haus zu einem Tunnelkomplex führte.

Heath beschrieb dann, wie die Mission vonstatten ginge. Zwei Hubschrauber, zwölf Mann auf jedem. Die Helikopter würden auf einem Feld direkt außerhalb der Mauern des Lagers landen, die Männer absetzen und dann wieder abheben, um sie von der Luft aus zu unterstützen.

Die zwölf Mann des A-Team – Luke und Heaths Team – würden die Mauern durchbrechen, in das Haus eindringen und al-Jihadi töten. Falls möglich, würden sie die Leiche auf einer Bahre heraus tragen und sie zum Stützpunkt zurück mitnehmen. Falls nicht, würde man sie für spätere Identifizierung fotografieren. B-Team würde die Mauern und den Zugang zum Lager vom Dorf aus sichern.

Die Helikopter würden dann wieder landen und beide Teams herausholen. Falls die Helikopter aus irgendeinem Grund nicht landen könnten, würden die beiden Teams sich auf den Weg zu einem alten, verlassenen amerikanischen Feuer-Stützpunkt auf einem steinigen Hügel weniger als einen Kilometer außerhalb des Dorfes machen. Dort würde man sie dann abholen oder die Teams würden die Stellung halten, bis man sie dort herausholte. Luke wusste das alles auswendig. Doch der Gedanke an ein Rendezvous an dem alten Feuer-Stützpunkt gefiel ihm gar nicht.

„Was, wenn der Feuer-Stützpunkt kompromittiert ist?” fragte er.

„Auf  Welche Weise kompromittiert?” sagte Heath.

Luke zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Sagen Sie es mir. Versteckte Fallen. Voll von Talibanschützen. Schäfer, die dort ihrer Herde Unterschlupf gewähren.”

Ein paar Leute im Raum lachten.

„Nun”,  sagte Heath, „die letzten Satellitenbilder zeigen uns, dass der Ort leer ist. Sollten dort Schafe sein, dann haben wir es wenigstens bequem und viel zu essen. Keine Angst, Feldwebel Stone. Dies wird ein präziser Enthauptungsschlag. Rein und raus, bevor die überhaupt bemerken, dass wir da sind, sind wir schon fast wieder weg. Wir werden den alten Feuer-Stützpunkt nicht benötigen.”


* * *

„Madre de Dios, Stone,” sagte Robby Martinez. „Mann, ich habe kein gutes Gefühl hierbei. Schau dir die Nacht da draußen an. Kein Mond, kalt, heulende Winde. Heute werden wir Staub aufwühlen, so viel steht fest. Heute Nacht wird es eine Hölle geben. Ich weiß es.”

Martinez war schmal, klein, rasiermesserscharf. Es gab kein verschwendetes Gramm Fleisch an seinem Körper. Wenn er in Shorts und ohne Hemd Fitness machte, dann sah er aus wie eine Zeichnung der menschlichen Anatomie, jede Muskelgruppe war sorgfältig abgezeichnet.

Luke überprüfte wieder und wieder sein Pack und seine Waffen.

„Du hast immer ein schlechtes Gefühl, Martinez”, sagte Wayne Hendricks. Er saß neben Luke. „So wie du redest, könnte man meinen, dass du noch nie im Gefecht warst.”

Hendricks war Lukes bester Freund beim Militär. Er war ein großer dicker Kerl aus den wilden Gegenden nördlich von Zentralflorida, der in seiner Kindheit mit seinem Vater Wildschweine gefangen hatte. Sein rechter Vorderzahn fehlte – er wurde ihm als er siebzehn war bei einem Kampf in einer Kneipe in Jacksonville ausgeschlagen, und er hatte ihn nie ersetzen lassen. Er und Luke hatten fast nichts gemeinsam, außer  Football – Luke war der Quarterback in seiner Schule gewesen,Wayne hatte im hinteren Feld gespielt. Trotzdem hatten sie sich sofort gut verstanden, als sie sich in den 75th Rangers zuerst kennenlernten.

Es schien als ob sie alles zusammen täten.

Waynes Frau war im achten Monat schwanger. Lukes Frau Rebecca, war im siebten Monat. Wayne erwartete ein Mädchen und hatte Luke darum gebeten, ihr Pate zu werden. Luke erwartete einen Jungen und hatte Wayne darum gebeten, der Pate des Jungen zu werden. Als sie eines Nachts betrunken in einer Kneipe außerhalb von Fort Bragg waren, hatten Luke und Wayne ihre rechte Handfläche mit einem Messer aufgeschnitten und sich die Hand geschüttelt.

Blutsbrüder.

Martinez schüttelte seinen Kopf. „Du weißt, wo ich war, Hendricks. Du weißt, was ich gesehen habe. Ich habe sowieso nicht mit dir geredet.”

Luke blickte aus der offenen Buchtentür. Martinez hatte recht. Es war kalt und windig. Eisiger Staub blies über die Landefläche, als sich die Helikopter für den Start bereit machten. Wolken flitzen über den Himmel. Es würde eine schlechte Nacht, um zu fliegen.

Trotzdem war Luke zuversichtlich. Sie hatten, was sie brauchten, um das hier zu gewinnen. Die Helikopter waren MH-53J Pave Lows, die fortgeschrittensten und stärksten Transporthelikopter im Arsenal der Vereinigten Staaten.

Sie hatten einen hochmodernen Gelände-Radar, was bedeutete, dass sie sehr niedrig fliegen konnten. Sie hatten Infrarotsensoren, damit sie auch bei schlechtem Wetter fliegen konnten, und sie konnten eine Höchstgeschwindigkeit von zweihundertsechzig Stundenkilometern erreichen. Sie waren gepanzert, um alle, abgesehen von den schwersten feindlichen Geschützen, abzuwehren. Und sie wurden vom 160. Sondereinsatzflugbataillon der US-Armee geflogen. Ihr Codename war Nightstalkers, es waren Delta Force Helikopterpiloten – wahrscheinlich die besten Helikopterpiloten der Welt.

Die Razzia sollte an einer Nacht ohne Mondlicht stattfinden, damit die Helikopter nah am Boden und unentdeckt in die Gegend fliegen konnten. Die Helikopter würden das hügelige Gelände und Konturenflug-Techniken verwenden, um das Lager zu erreichen, ohne auf dem Radar zu erscheinen und  mögliche ungewollte Mitwisser zu warnen. Dazu gehörten besonders das pakistanische Militär und der Geheimdienst, von denen man vermutete, dass sie mit dem Taliban zusammenarbeiten, um das Zielobjekt zu verstecken.

Mit Freunden wie den Pakistanern…

Die niedrigen Gebäude des Luftwaffenstützpunktes und der größere Flugkontrollturm kontrastierten gegen den atemberaubenden Hintergrund der schneebedeckten Berge. Als Luke aus der Buchtentür starrte, hoben zwei Kampfjets einen halben Kilometer weit entfernt ab, das Dröhnen ihrer Motoren war fast ohrenbetäubend. Einen Moment später erreichten sie die Schallgrenze irgendwo in der Ferne. Der Abflug war laut, doch der Knall wurde durch den Wind bei hoher Flughöhe gedämpft.

Der Motor des Helikopters heulte zum Leben auf. Die Rotoren begannen sich zu drehen, zuerst langsam, dann mit zunehmender Geschwindigkeit. Luke blickte die Reihe entlang. Zehn Mann in Overalls und mit Helmen, er selbst nicht eingeschlossen, checkten alle immer wieder ihre Ausstattung. Der Zwölfte, Oberstleutnant Heath, lehnte sich nach vorne in das Cockpit des Helikopters und redete mit den Piloten.

„Ich sag's dir Stone”,  sagte Martinez.

„Ich habe dich schon beim ersten Mal gehört, Martinez.”

„Glück hält nicht für immer an, Mann. Eines Tages ist es damit vorbei.”

„Ich mache mir darüber keine Sorgen, weil es sich bei mir nicht um Glück handelt”, antwortete Wayne. „Es ist Können.”

Martinez schnaubte daraufhin verächtlich.

„Ein dickes, fettes Arschloch wie du? Du hast jedes Mal Glück, wenn eine Kugel dich nicht trifft. Du bist das dickste, langsamste Ding überhaupt.”

Luke unterdrückte ein Lachen und wandte sich wieder an seine Ausrüstung. Zu seinen Waffen gehörte ein HK416  Sturmgewehr und eine MP5 für den Nahkampf. Die Waffen waren geladen und er hatte sich weitere Magazine in seine Taschen gesteckt.  Er hatte eine SIG P226 Seitenwaffe, vier Granaten, ein Schneidewerkzeug und eine Nachtsichtbrille. Es handelte sich hierbei um die GPNVG-18, viel fortgeschrittener und mit einem viel besseren Sichtfeld als es die Standard-Nachtsichtbrillen den Soldaten typisch boten.

Er war bereit für den Einsatz.

Luke spürte, wie der Helikopter abhob. Er blickte hinauf. Sie waren auf dem Weg. Links von sich sah er einen zweiten Helikopter, der ebenfalls abhob.

„Ihr seid die größten Glückspilze überhaupt, wenn ihr mich fragt”,  sagte er.

„Ach ja?” antwortete Martinez. „ Und warum das?”

Luke zuckte mit den Schultern und lächelte. „Ihr seid mit mir unterwegs.”


* * *

Der Helikopter flog tief und schnell.

Die steinigen Hügel flogen unter ihnen vorbei, vielleicht in siebzig Metern Abstand, fast nah genug, um sie zu berühren. Luke sah sich die finstere Dunkelheit durch das Fenster an. Er schätzte, dass sie über hundertsechzig Stundenkilometer schnell flogen.

Die Nacht war schwarz  und sie flogen ohne Scheinwerfer. Er konnte nicht einmal den zweiten Helikopter sehen.

Er blinzelte und sah stattdessen Rebecca. Sie war etwas Besonderes. Es ging dabei nicht so sehr um die Details ihres Gesichts und Körper, die wirklich ausgesprochen schön waren. Es war ihre Essenz. In den Jahren, seit denen sie zusammen waren, hatte er gelernt, an dem körperlichen vorbeizusehen. Doch die Zeit verging so schnell. Das letzte Mal, als er sie gesehen hatte —wann war das, vor zwei Monaten? – Konnte man ihre Schwangerschaft gerade erkennen.

Ich muss dahin zurück.

Luke blickte hinunter –  seine MP5 lag auf seinem Schoß. Für den kürzesten Moment schien es fast als wäre sie lebendig, als würde sie sich plötzlich dazu entscheiden, von selbst zu schießen. Was machte er mit diesem Ding? Es war ein Baby unterwegs.

„Meine Herren!”  rief eine Stimme. Luke schreckte auf. Er blickte hinauf und Heath stand vor der Gruppe. „Wir nähern uns dem Ziel an, geschätzte Ankunftszeit in etwa zehn Minuten. Ich bekam gerade einen Bericht vom Stützpunkt. Die starken Winde haben viel Staub aufgewirbelt. Wir werden auf dem Weg zum Ziel in schlechtes Wetter geraten.”

„Super”, sagte Martinez. Er blickte Luke bedeutungsvoll an.

„Was soll das bedeuten Martinez?” fragte Heath.

„Ich liebe schlechtes Wetter, Sir!” rief Martinez.

„Ach ja?”  wollte Heath wissen. „Warum denn?”

„Dabei kommt man so richtig ins Zittern. Es macht das Leben einfach spannender.”

Heath nickte. „Gut, Mann. Du willst Spannung? Sieht so aus,  als würden wir womöglich in Null-Null Bedingungen landen.”

Das gefiel Luke gar nicht. Null-Null  bedeutete, keine Deckung-keine Sicht. Die Piloten wären dazu gezwungen, dem Navigationssystem des Helikopters das Sehen zu überlassen. Das war in Ordnung. Schlimmer jedoch war der Sand. Hier in Afghanistan war er so feinkörnig, dass er fast wie Wasser floss. Er kam durch die kleinsten Ritzen. Er konnte in die Schaltungen und Waffen geraten. Sandwolken konnten Verdunkelungen hervorrufen, komplett feindliche Hindernisse verdecken, die in der Landezone auf sie warten könnten.

Sandstürme waren die Albträume jedes Soldaten, der sich in Afghanistan in der Luft befand.

Wie gerufen zitterte der Helikopter plötzlich und wurde von einer Böe Seitenwind getroffen.

Und schon waren sie direkt in einem Sandsturm. Die Geräusche außerhalb des Helikopters änderten sich –  vor einem Moment konnte man nur das laute Schwirren der Rotoren und das Röhren des Windes hören. Jetzt kam der Lärm des prasselnden Sandes, der auf die Außenwände des Helikopters hagelte, hinzu. Es klang fast wie Regen.

„Meldet den Sand!” rief Heath.

Die Männer schauten aus dem Fenster auf die brodelnde Wolke draußen.

„Sand am hinteren Rotor!” rief jemand.

„Sand an der Frachttür!” sagte Martinez.

„Sand im Fahrwerk!”

„Sand in der Tür zum Cockpit!”

Binnen Sekunden war der Helikopter umhüllt. Heath wiederholte jede Meldung durch seinen Kopfhörer. Sie flogen jetzt blind, der Helikopter drängte durch einen dichten, dunklen Himmel.

Luke starrte hinaus auf den Sand, der auf die Fenster prasselte. Es war schwer zu glauben, dass sie immer noch in der Luft waren.

Heath legte eine Hand an seinen Helm.

„Pirat 2, Pirat 2… Ja, ich höre. Sprich, Pirat 2.”

Heath hatte in seinem Helm Kontakt mit allen Teilnehmern der Mission. Anscheinend kontaktierte ihn der zweite Helikopter wegen des Sturmes.

Er hörte zu.

„Negativ, nicht zum Stützpunkt zurückkehren, Pirat 2. Weiterfliegen wie geplant.”

Martinez’ Blick traf wieder auf Luke. Er schüttelte seinen Kopf. Der Helikopter buckelte und schwankte. Luke blickte auf die Reihe von Männern. Dies waren harte und erfahrene Kämpfer, doch keiner von ihnen schien erpicht darauf, diese Mission weiterzuführen.

„Negativ Pirat zwei. Wir brauchen euch hierbei…”

Heath hielt inne und hörte wieder zu.

„Mayday?  Jetzt schon?”

Er wartete. Jetzt blickte er Luke an. Seine Augen waren verengt und hart. Er schien keine Angst zu haben. Er schien frustriert.

„Wir haben sie verloren. Das war unsere Unterstützung. Kann jemand von euch Jungs die da draußen sehen?”

Martinez blickte aus dem Fenster. Er brummte. Es war nicht einmal mehr Nacht. Da draußen konnte man nichts außer braunem Sand sehen.

„Pirat 2, Pirat 2, hörst du mich?” rief Heath.

Er wartete einen Augenblick.

„Melde dich, Pirat 2. Pirat 2, Pirat 2.”

Heath hielt inne. Jetzt hörte er zu.

„Pirat 2,  Statusbericht. Status…”

Er schüttelte seinen Kopf und blickte Luke wieder an.

„Die sind abgestürzt.”

Er hörte wieder. „Nur kleinere Verletzungen. Helikopter untauglich. Motoren tot.”

Plötzlich schlug Heath auf die Wand in der Nähe seines Kopfes.

„Verdammt!”

Er starrte Luke an. „ Hurensöhne. Die Feiglinge. Die haben uns stehen gelassen. Ich weiß, dass sie das gemacht haben. Was für ein Zufall, dass Ihre Instrumente haben versagt haben, sie im Sturm verloren gingen und zwölf Kilometer von einem Feldlager der zehnten Bergdivision abgestürzt sind. Wie praktisch. Die werden dahin laufen.”

Er hielt inne und atmete aus. „Ist das nicht das Höchste? Ich hätte nicht gedacht, dass ich jemals eine Delta Force Einheit dabei beobachten würde, vor einem Einsatz Mission abzuhauen.

Luke beobachtete ihn. Heath vermutete, das Pirat 2 eigenmächtig den Einsatz verlassen hatte. Vielleicht war dem so, vielleicht auch nicht. Doch möglicherweise war es die richtige Entscheidung.

„Sir, ich glaube wir sollten umdrehen”,  schlug Luke vor. „Oder vielleicht sollten wir dieses Ding landen. Wir haben keine Unterstützungseinheit und ich glaube, ich habe noch nie einen solchen Sturm gesehen…”

Heath schüttelte seinen Kopf. „Negativ, Stone. Wir fahren mit kleinen Veränderungen fort. Ein Team aus sechs Männern übernimmt das Haus. Ein weiteres Team aus sechs Männern überwacht die Zufahrten aus dem Dorf.”

„Sir, bei allem Respekt, wie wird dieser Helikopter landen und wieder abheben?”

„Keine Landung”,  sagte Heath. „Wir seilen uns ab. Dann kann der Helikopter vertikal nach oben fliegen, über diesen Sturm hinaus. Sie können wieder zurückkommen, wenn wir das Ziel gesichert haben.”

„Morgan…” begann Luke, nannte  seinen Vorgesetzten bei seinem Vornamen, was er nur an wenigen Orten tun konnte. Einer von denen war die Delta Force.

Heath schüttelte seinen Kopf. „Nein, Stone. Ich will al-Jihadi und ich werde ihn bekommen. Dieser Sturm erhöht nur unseren Überraschungseffekt –  die erwarten nicht, dass wir an einer solchen Nacht aus dem Himmel fallen. Denk an meine Worte. Nach dem hier werden wir Legenden sein.”

Er hielt inne, starte direkt in Stones Augen. „Geschätzte Ankunft in fünf Minuten. Versichern Sie sich, dass Ihre Männer bereit sind, Feldwebel.”


* * *

„OK, OK”, rief Luke über das Dröhnen der Motoren, der Rotorenblätter und dem Sand, der gegen die Fenster prasselte.

„Hört zu!” Die zwei Reihen Männer in Overalls und Helmen starrten ihn an, ihre Waffen waren bereit. Heath beobachtete ihn vom anderen Ende. Dies waren Lukes Männer und Heath wusste es. Ohne Lukes Führerschaft und Mitarbeit könnte es für Heath schnell zu einer Meuterei kommen. Für einen kurzen Augenblick erinnerte Luke sich daran, was Don gesagt hatte:

Wir nannten ihn früher Kapitän Ahab.

„Der Missionsplan hat sich verändert. Pirat 2 is komplett außer Aktion. Wir schreiten mit Plan B voran. Martinez, Hendricks, Colley, Simmons. Ihr seit bei mir und Oberstleutnant Heath. Wir sind das A-Team. Wir nehmen das Haus ein, eliminieren jegliche Opposition, erreichen das Zielobjekt und setzen es außer Gefecht. Wir werden sehr zügig vorgehen. Verstanden?”

Martinez, wie immer: „Stone, wie hast du vor, daraus einen Zwölf-Mann-Einsatz zu machen? Das ist ein Vierundzwanzig-Mann－”

Luke starrte ihn an. „Ich sagte verstanden?”

Ein allgemeines Brummen und Knurren zeigte ihm, dass sie verstanden hatten.

„Niemand widersetzt sich uns”, sagte Luke. „Sollte jemand schießen oder auch nur eine Waffe zeigen, dann sind sie draußen aus dem Spiel. Alles klar?”

Er blickte durch die Fenster. Der Helikopter kämpfte sich durch einen braunen Sturm, flog schnell, doch viel langsamer, als es seine Höchstgeschwindigkeit zuließ. Es gab null Sichtbarkeit. Weniger als null. Der Helikopter zitterte und wankte, als ob er diese Einschätzung bestätigen wollte.

„Verstanden”, sagten die Männer um ihn. „Alles klar.”

„Packard, Hastings, Morrison, Dobbs, Murphy, Bailey. Ihr seid das B-Team. B-Team, ihr unterstützt uns und gebt uns Deckung. Wenn wir uns abseilen, dann decken zwei von euch den Ort, an dem wir uns abseilen und die anderen beiden das Umfeld in der Nähe der Tore zum Lager. Wir wir eindringen, dann gehen zwei von euch vor und schützen den Vorderteil des Hauses. Ihr seid auch die Letzten beim Abzug. Augen aufhalten und benutzen. Niemand bewegt sich gegen uns. Eliminiert allen Widerstand und allen möglichen Widerstand. Dieser Ort muss heißer als die Hölle sein. Es ist eure Aufgabe, ihn abzukühlen.”

Er blickte sie alle an.

„Haben wir uns verstanden?”

Ein Chor aus Stimmen antwortete ihm, alle hatten eine andere Tiefe und einen anderen Klang.

„Verstanden.”

„Verstanden.”

„Verstanden.”

Luke hockte sich auf eine niedrige Bank im Personenraum. Er spürte das bekannte Rinnsal von Angst, Adrenalin, Anspannung. Er hatte direkt nach dem Abflug eine Dexedrin geschluckt und sie begann zu wirken. Plötzlich fühlte er sich aufmerksamer und wachsamer als zuvor.

Er kannte die Wirkungen des Arzneimittels. Sein Herzschlag beschleunigte sich. Seine Pupillen weiteten sich, ließen mehr Licht hinein und verbesserten seine Sicht. Sein Gehör wurde schärfer. Er hatte mehr Energie, mehr Ausdauer und konnte für lange Zeit wach bleiben.

Lukes Männer lehnten sich auf ihren Bänken nach vorn, ihre Augen auf ihn gerichtet. Seine Gedanken waren viel schneller, als er sie aussprechen konnte.

„Kinder”, sagte er. „Achtet auf sie. Wir wissen, dass es Frauen und Kinder in dem Lager gibt, einige sind Familienmitglieder des Zielobjektes. Wir schießen heute Nacht nicht auf Frauen und Kinder. Verstanden?”

„Verstanden.”

„Verstanden.”

Das war etwas Unumgängliches bei diesen Einsätzen. Das Zielobjekt lebte immer zwischen Frauen und Kindern. Die Einsätze fanden immer in der Nacht statt. Es gab immer Verwirrung. Kinder taten oft unvorhersehbare Dinge. Luke hatte gesehen, wie Männer zögerten Kinder zu töten und dann den Preis dafür bezahlten, da diese Kinder anschließend plötzlich Soldaten waren, die nicht zögerten, zu töten. Um die Dinge dann noch schlimmer zu machen, töteten ihre Teamkollegen dann die Kindsoldaten zehn Sekunden zu spät.

Menschen starben im Krieg. Sie starben plötzlich und oft aus den verrücktesten Gründen －weil sie beispielsweise keine Kinder töten wollten, die eine Minute später dann dennoch starben.

„Trotz allem, sterbt heute Nacht nicht. Und lasst eure Brüder nicht sterben.”

Der Helikopter flog weiter, raste durch die tosende Dunkelheit. Lukes Körper wankte und federte mit dem Helikopter. Draußen wirbelten Staub und Sand um sie. In ein paar Momenten wären auch sie da draußen.

„Sollten wir die im Schlaf überraschen, dann wird es vielleicht ganz einfach. Die erwarten uns sicher nicht heute Nacht. Ich will, dass wir da in zehn Minuten reinkommen und uns das Ziel aneignen, damit wir binnen fünfzehn Minuten wieder abfliegen können.”

Der Helikopter trudelte und buckelte. Er kämpfte darum, in der Luft zu bleiben.

Luke hielt inne und atmete durch.

„Zögert nicht! Ergreift die Initiative und behaltet sie. Drängt und drängt nach vorn. Jagt ihnen Angst ein. Handelt instinktiv.”

Und das, nachdem er ihnen gerade gesagt hatte, dass sie auf Kinder achten sollten. Er widersprach sich selbst. Er musste sich an das Protokoll halten, doch es fiel ihm schwer. Eine dunkle Nacht, ein verrückter Sandsturm, ein Helikopter war schon abgestürzt, bevor die Mission überhaupt begonnen hatte, und ein befehlshabender Offizier, der nicht umdrehen wollte.

Ein Gedanke ging ihm durch den Kopf, so schnell, dass er ihn fast nicht bemerkte.

Abbrechen. Brich diese Mission ab.

Er blickte die zwei Reihen Männer an. Sie blickten zu ihm zurück. Der normale Enthusiasmus, den diese Jungs normalerweise zeigten, fehlte. Einige Augen blickten aus den Fenstern.

Sand sprühte gegen den Helikopter. Es war, als wäre er ein U-Boot unter Wasser, nur dass das Wasser aus Sand gemacht war.

Luke könnte die Mission abbrechen. Er könnte sich Heaths Befehlen widersetzen. Diese Jungs würden eher auf ihn als auf Heath hören － es waren seine Jungs, nicht Heaths. Die Konsequenzen wären natürlich die Hölle. Heath würde ihm nachstellen. Don würde versuchen, Luke zu beschützen.

Doch Don wäre dann ein Ziviler.

Hätte er Glück, dann würde die Anklage Befehlsungehorsam lauten, liefe es nicht so gut, dann wäre es Meuterei. Ein Kriegsgerichtsverfahren wäre fast garantiert. Luke kannte die Präzedenzfälle － ein durchgedrehter Selbstmordbefehl war nicht unbedingt ein gesetzloser Befehl. Er würde bei jedem Kriegsgericht verlieren.

Er starrte die Männer weiter an. Sie starrten ihn weiter an. Er konnte es in ihren Augen sehen, oder dachte das zumindest:

Sag es ab.

Luke schüttelte es von sich ab.

Er blickte Wayne an. Der zog seine Augenbrauen hoch, zuckte ein wenig mit den Schultern.

Deine Entscheidung.

„OK Jungs”, sagte Luke, „schlagt hart und schnell zu heute Nacht. Keine Rumspielerei. Wir gehen da rein, wir erledigen unseren Job und dann hauen wir wieder ab. Vertraut mir. Es wird überhaupt nicht wehtun.”




KAPITEL ZWEI


22:01 Uhr Arabische Standardzeit (13:01 Uhr USA Eastern Daylight Zeit)

In der Nähe der pakistanischen Grenze

Kamdesch Distrikt

Nuristan Provinz, Afghanistan



„Los!” schrie Luke. „Los! Los! Los!”

Zwei dicke Seile wurden von der Buchtentür des Helikopters herabgelassen. Männer seilten sich daran ab und verschwanden dann im wirbelnden Sand. Sie hätten dreihundert Meter hoch in der Luft oder drei Meter vom Einsatzort entfernt sein können.

Der Wind heulte. Beißender Sand und Erde sprühten hinein. Lukes Gesicht war durch eine Ventilatormaske verdeckt. Er und Heath waren die letzten, die sich aus dem Helikopter schwangen. Heath trug eine ähnliche Maske － sie sahen wie zwei Überlebende eines Atomkrieges aus.

Heath blickte Luke an. Sein Mund bewegte sich unter seiner Maske.

„Wir werden Legenden, Stone!”

Luke drückte auf den grünen START Knopf seiner Stoppuhr. Das hier wäre hoffentlich schnell vorbei.

Er blickte unter sich. Er konnte dort unten und auch sonst wo überhaupt nichts erkennen. Er musste daran glauben. Er sprang ab und fiel durch die trostlose Finsternis. Zwei, vielleicht auch drei, Sekunden später kam er hart auf dem Boden an. Die Landung ließ eine Schockwelle seine Beine hinaufschießen.

Er ließ das Seil los und blickte sich um, versuchte sich zu orientieren.

Heath landete eine Sekunde nach ihm.

Männer in Masken erschienen in der Dunkelheit. Martinez, Hendricks. Hendricks zeigte hinter sich.

„Da ist die Mauer!”

Etwas Großes türmte sich da hinten auf. OK, das war die Wand zum Lager. Ein paar schwache Lichter schienen darauf.

Hendricks sagte etwas, doch Luke konnte es nicht hören.

„Was?”

„Die wissen Bescheid!”

Die wissen Bescheid? Wer? Wusste was?

Über ihren Köpfen veränderte sich der Lärm der Hubschraubermotoren, als ob sie hinaufflögen. Plötzlich blitzte ein helles Licht von der Oberkante der Mauer.

Etwas schrie im Vorbeiflug.

Minenwerfer.

„Beschuss!” schrie Luke. „Eingehender Beschuss!”

Die vagen Schatten um ihn warfen sich zu Boden.

Zwei weitere Lichtblitze leuchteten auf.

Dann ein weiterer.

Dann ein weiterer.

Woher wussten sie es?

In der schwarzen Finsternis des Himmels explodierte etwas. Die Explosion war gedämpftes Orange und Rot. In dem Sandsturm klang die Explosion wie das Krachen entfernten Donners. Der Helikopter. Er wurde getroffen.

Von seinem Blickwinkel von der Erde aus beobachtete Luke, wie er durch den Himmel kreiste, ein orangefarbender Streifen gegen das Schwarz. Er drehte sich rechtsherum um seine eigene Achse. Die Motoren schrien und Luke dachte, er könnte den Klang der Rotorenblätter hören.

Wump. Wump. Wump. Wump.

Er schien sich in Zeitlupe zu bewegen, seitwärts und nach unten. Er erleuchtete die Nacht wie ein Tracer, während er über die Steinmauer des Lagers fiel.

BUMM!

Er explodierte auf der anderen Seite der Mauer, in dem Lager. Ein Feuerball stieg in die Luft, zwei oder drei Stockwerke hoch. Für einen Augenblick stellte sich Luke vor, dass alles vorbei wäre. Helikopter abgeschossen, Piloten tot. Unterstützungshubschrauber dienstunfähig. Sie waren hier gefangen und der Taliban schien gewusst zu haben, dass sie auf dem Weg waren.

Doch dieser Helikopter explodierte gerade in dem Lager.

Wie eine Bombe.

Und das könnte ihnen die Initiative geben.

Mehrere Männer in Masken lagen in der Nähe.

Martinez, Hendricks, Colley, Simmons. Sein Team.

Heath musste auch hier irgendwo sein.

„Hoch!” rief Luke. „Hoch! Los geht’s!”

Er sprang auf die Beine, zog die Person, die ihm am nächsten war, mit sich. Sofort standen alle auf und rannten los, ein Dutzend Mann, sie bewegten sich schnell. Nachtsicht war sinnlos. Licht war sinnlos und würde nur Feuer auf sich ziehen. Sie rannten einfach in der tiefen Dunkelheit los.

In zehn Sekunden hatten sie die Mauer erreicht. Luke riet links und bewegte sich dorthin, schlich sich am Stein entlang. Binnen ein paar Sekunden erreichte er die Öffnung. Da war der Helikopter, eine Apokalypse. Ein paar Silhouetten rannten in dem Licht der Flammen, zogen Verwundete weg von ihm.

Luke zögerte nicht. Er rannte durch die Öffnung, hatte seine MP5 gezogen. Er gab ihnen eine Salve automatischen Feuers. Jetzt rannten die Silhouetten weg, auf einen weiteren hochragenden Schatten zu, Lichter winkten ihnen durch das Chaos zu.

Das Haus.

Seine Männer rannten mit ihm.

Vor ihnen stürzten die Silhouetten der flüchtenden Männer eine kleine Treppe zum Steinhaus hinauf. Luke folgte ihnen.

Zwei Männer standen in der Tür, zogen Maschinengewehre von ihren Schultern. Sie trugen lange Bärte und die Turbane des Talibans.

POPP! POPP! POPP! POPP! POPP!

Luke schoss, ohne darüber nachzudenken. Die beiden Männer fielen.

Plötzlich gab es eine Explosion hinter ihm. Er blickte zurück － es war unmöglich zusehen, was da vor sich ging. Er ging in das Haus. Einen Augenblick später erschienen vier Männer neben ihm － sein A-Team. Sie nahmen Schussstellung im steinernen Foyer ein, blickten in Richtung des restlichen Hauses.

Sie zogen ihre Ventilatormasken gleichzeitig aus, fast so als ob sie eine Person wären. Martinez ging zu den gefallenen Taliban Mitgliedern und schoss jeden von ihnen in den Kopf. Er rührte keinen der beiden an.

„Tot!” sagte er.

Es war ruhiger hier.

„B-Team Anführer”, sagte Luke in sein Helm-Mikrofon. „Status?”

Heath kam aus der Dunkelheit in das Haus gerannt.

„B-Team Anführer…”

„Wir halten das Eingangstor”, antwortete eine Stimme in Lukes Helm. Es war Murphy. Sein Akzent aus der Bronx war unverkennbar. „Stone! Es sieht nicht gut aus. Es gab einen Hinterhalt. Die haben auf uns gewartet!”

„Halte einfach nur das Tor, Murph. Wir kommen in ein paar Minuten wieder heraus.”

„Beeilt euch besser, Mann. Jemand wusste, dass wir kamen. Wird nicht lange dauern, bevor mehr von denen ankommen und ich kann keine drei Meter vor mir sehen.”

Lukes Team hatte sich schon weiter in das Haus bewegt. Heath ging direkt hinter ihnen hinein.

„Wartet einfach. Wir sind drinnen.”

„Beeilt euch”, sagte Murphys Stimme. „Ich weiß nicht, ob wir noch hier sein werden.”

„Murphy! Halte Stellung am Tor! Wir kommen gleich raus."

„Jawohl”, erwiderte Murphy.

Luke ging auf einen dunklen Gang zu.

Ein anderer Mann erschien － ein großer Mann in einem weißen Gewand. Er schaffte es, an seinen Abzug zu gelangen, doch er feuerte wild durch die Gegend. Luke kniete nieder, zielte auf den Mann.

POPP! Ein dunkelroter Kreis erschien auf seiner Brust.

Er schien überrascht, doch rutschte dann glatt zu Boden.

Jetzt bewegte sich Luke durch die dunklen Gänge, horchte nach Geräuschen vor sich. Er musste nicht lange lauschen.

BUMM!

Eine Blendgranate explodierte, dann eine weitere.

BUMM!

Vor ihm gab es Geschrei und Gewehrfeuer. Luke bewegte sich langsam darauf zu, schlich sich an der Wand entlang. Jetzt gab es Geräusche hinter ihm, draußen im Freien － Maschinengewehrfeuer und Explosionen.

Luke prüfte seine Stoppuhr. Sie waren seit weniger als vier Minuten auf dem Grund und die ganze Mission war jetzt schon ein riesiges Disaster.

„Stone!”

Murphys Stimme erneut. „Probleme. Barbaren am Tor. Ich wiederhole: Eingangstore unter Beschuss. Feinde versammeln sich. Männer getroffen. Hastings getroffen. Bailey getroffen. Wir ziehen uns zum Haus zurück.”

„Äh, negativ, B-Team. Haltet die Tore!”

„Da gibt’s nichts zu halten”, sagte Murphy. „Die reißen sie in Stücke! Die haben eine Antipanzer-Waffe aufgefahren.”

„Haltet sie trotzdem. Sie sind unser einziger Ausweg.”

„Verdammt, Stone!”

„Murphy! Halt das Tor!”

Luke rannte weiter in das Haus.

Direkt vor ihm hörte er Geschrei. Er rannte durch eine Tür, ging über die Schwelle…

Und erblickte eine Szene von totalem Chaos.

In dem großen Hinterzimmer waren mindestens fünfzehn Leute. Der Boden war mit dicken, übereinanderliegenden Teppichen bedeckt. Die Wände waren mit Teppichen behangen － Kunstvolle, farbenreiche Teppiche, auf denen riesige Landschaften abgebildet waren － Wüsten, Berge, Dschungel, Wasserfälle.

Simmons war tot. Er lag auf dem Rücken, sein Körper ausgestreckt, seine offenen Augen starrten ins Nichts. Sein Helm war abgezogen und ein Teil seines Kopfes über den Augen fehlte. Zwei Frauen waren ebenfalls tot. Ein kleines Kind, ein Junge, war tot. Drei Mann in Gewändern und Turbanen waren tot. Es war ein Massaker. Waffen und Blut waren über den Boden verteilt.

Ganz hinten, in der Nähe einer geschlossenen Tür, stand eine Gruppe Menschen. Eine Gruppe von Männern in Gewändern und Turbanen hielt Kinder vor sich und Gewehre zielten von ihnen aus nach vorn. Hinter den Männern lauerte ein weiterer Mann － er war so gut versteckt, dass Luke ihn kaum sehen konnte.

Er musste das Zielobjekt sein.

Um das Zimmer herum war Lukes Team in der Hocke oder kniend verteilt. Sie waren still wie Denkmäler, zielten mit ihren Waffen auf die Gruppe, suchten nach einer Schussgelegenheit. Oberstleutnant Heath stand in der Mitte des Raumes, sein MP5 Maschinengewehr zielte auf die Gruppe.

„OK”, sagte Luke. „Alles OK. Keiner hier macht －”

„Lasst die Waffen fallen!” rief Heath auf englisch. Seine Augen waren wild. Er konzentrierte sich nur auf eines － diesen Wal zu fangen.

„Heath!” sagte Luke. „Entspann dich. Da sind Kinder. Wir können －”

„Ich sehe die Kinder, Stone.”

„Dann lass uns doch einfach －”

Heath feuerte eine volle Salve.

Luke ließ sich sofort zu Boden fallen, als Gewehrfeuer aus allen Richtungen ausbrach. Er bedeckte seinen Kopf, rollte sich zusammen und drehte der Aktion den Rücken zu.

Das Gefecht hielt mehrere Sekunden an. Selbst nachdem es aufgehört hatte, folgten einige weitere Schüsse, einer alle paar Sekunden, wie die letzten Maiskörner beim Popcorn. Als es endlich vorbei war, blickte Luke auf. Die Menschenmenge bei der geschlossenen Tür lag in einem sich windenden Haufen.

Heath war getroffen. Luke war das egal. Heath war der Auslöser dieses Albtraums.

Ein weiterer von Lukes Männern war getroffen, drüben an der Ecke. Gott, was für ein Schlamassel. Drei getroffene Männer. Eine unbekannte Zahl an Zivilen tot.

Luke stand auf. Zwei weitere Männer standen gleichzeitig auf. Einer war Martinez. Der andere war Colley. Martinez und Colley gingen auf die Haufen Menschen im hinteren Teil des Raumes zu, bewegten sich langsam, die Waffen weiterhin in den Händen.

Luke blickte sich im Zimmer um. Überall lagen Leichen. Simmons war tot. Heath… ein großes Loch war durch seinen Kopf gestoßen worden, an dem Ort, wo zuvor sein Gesicht war. Der Mann hatte kein Gesicht. Luke spürte überhaupt nichts. Dies war Heaths Mission. Sie war so schlimm wie nur möglich verlaufen. Jetzt war Heath tot.

Und mehr als ein Mann war getroffen.

Es schien wie ein kompliziertes Matheproblem, doch eigentlich war es eine einfache Subtraktion, die jeder machen konnte. Lukes Gehirn funktionierte nicht richtig. Er bemerkte das. Sechs Männer waren hier hereingekommen. Heath und Simmons waren tot. Martinez, Colley und Stone waren weiter im Spiel. Das bedeutete, dass der letzte Mann nur…

Luke rannte auf den Mann zu. Ja, er war es. Es war Hendricks. Wayne.

WAYNE.

Er bewegte sich noch.

Luke kniete neben ihm und zog ihm seinen Helm aus.

Waynes Arme und Beine bewegten sich langsam, fast so als watete er durch Wasser.

„Wayne! Wayne! Wo bist du getroffen?”

Waynes Augen rollten. Sie fanden Luke. Er schüttelte seinen Kopf. Er begann zu weinen. Er atmete schwer, keuchte fast nach Luft.

„Oh mein Freund…” sagte Wayne.

„Wayne! Sprich mit mir!”

Fiebrig begann Luke, Waynes schusssichere Weste zu öffnen.

„Sanitäter!” schrie er. „Sanitäter!”

Einen Augenblick später war Colley da, kniete hinter ihm. „Simpson war der Sanitäter. Ich bin der Ersatz.”

Wayne war in der Brust getroffen. Irgendwie war Schrapnell unter seine Weste geraten. Lukes Hände suchten ihn ab. Er war auch im Oberschenkel getroffen. Das war wesentlich schlimmer als die Brust. Seine Hosen waren von Blut durchtränkt. Seine Oberschenkelarterie musste getroffen sein. Lukes Hand war tropfnass und rot, als er sie wieder wegzog. Überall war Blut. Es bildete einen See unter Waynes Körper. Es war ein Wunder, dass er noch am Leben war.

„Sag Katie”, sagte Wayne.

„Sei still!” erwiderte Luke. „Du wirst es ihr selbst sagen.”

Waynes Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

„Sag ihr…”

Es schien als blickte Wayne etwas weit entferntes an. Er schaute und versicherte sich dann noch einmal als ob er verwirrt über das war, was er da sah. Einen Augenblick später wurden seine Augen still.

Er starrte Luke an. Sein Mund war schlaff. Es war niemand zu Hause.

„Oh Gott, Wayne. Nein.”

Luke blickte Colley an. Es war als ob er Colley zum ersten Mal sähe. Colley sah jung aus － kaum alt genug, um sich zu rasieren. Das konnte natürlich nicht sein. Der Mann war in der Delta Force. Er war ein trainierter Killer. Er war ein vollausgebildeter Profi. Doch sein Hals sah etwa so dick wie Lukes Unterarm aus. Er schien in seiner Kleidung zu schwimmen.

„Untersuch ihn”, sagte Luke, doch er wusste schon, was Colley sagen würde. Er fiel zurück in den Schneidersitz und saß so für einen langen Moment. Während der Ranger Schule hatten sie einen Tag frei. Eine Gruppe von Jungs organisierte an diesem Tag ein Footballspiel. Es war ein heißer, trockener Tag und man spielte Hemden gegen Haut. Luke spielte diesem dicken, großen, unflätigen Proleten mit dem fehlenden Vorderzahn einen Superpass nach dem anderen zu.

„Wayne.”

„Er ist weg”, sagte Colley.

Einfach so war Wayne plötzlich tot. Lukes Blutsbruder. Der Pate von Lukes ungeborenem Sohn. Ein langer, hilfloser Atemzug entwich Luke.

Luke wusste, dass das im Krieg so war. In einem Moment ist dein Freund － deine Schwester, oder deine Frau, oder dein Kind － am Leben. Im nächsten sind sie weg. Man konnte die Uhr nicht zurückdrehen, nicht mal eine Sekunde.

Wayne war tot. Sie waren weit von zu Hause weg. Und diese Nacht begann gerade.

„Stone!” sagte Martinez.

Luke stand wieder auf. Martinez war in der Nähe des Haufen Leichen, die einst das Zielobjekt beschützt hatten. Alle erschienen tot, alle außer einem, der Mann, der ganz hinten gestanden war. Er war groß, noch recht jung, mit einem großen schwarzen Bart, der mit ein wenig Grau gepfeffert war. Er lag zwischen den Gefallenen － von Kugeln zerlöchert, aber noch lebendig.

Martinez zielte mit der Pistole auf ihn herab.

„Wie heißt der Typ? Der, nach dem wir suchen?”

„Abu Mustafa Faraj al-Jihadi?” sagte Luke. Es war nicht wirklich eine Frage. Wenn es überhaupt etwas war, dann nur eine Reihe von Silben.

Der Mann nickte. Er sagte nichts. Er sah aus, als hätte er Schmerzen.

Luke nahm die kleine digitale Kamera aus seiner Weste heraus. Die Kamera war mit Hartgummi ummantelt. Man konnte sie auf den Boden werfen und sie zerbrach dabei nicht. Er spielte eine Sekunde mit ihr herum und nahm dann einige Schnappschüsse von dem Mann. Er prüfte die Bilder, bevor er die Kamera ausschaltete. Sie waren in Ordnung － nicht gerade professionelle Qualität, doch Luke arbeitete nicht für den National Geographic. Er brauchte nur Beweise. Er blickte auf den Terroristenanführer herab.

„Wir haben dich”, sagte Luke. „Danke, dass du mitgespielt hast.”

BUMM!

Martinez schoss einmal und der Kopf des Mannes zerplatzte.

„Mission erfüllt”, sagte Martinez. Er schüttelte seinen Kopf und ging weg.

Lukes Funkgerät knisterte.

„Stone? Wo bist du?”

„Murphy. Was ist der Status?”

Murphys Stimme erklang abgehackt. „Ein Blutbad hier draußen. Ich habe drei Mann verloren. Aber wir haben eine ihrer großen Waffen beschlagnahmt und eine Öffnung freigeschlagen. Wenn wir hier raus wollen, dann müssen wir JETZT SOFORT los.”

„Wir kommen in einer Minute raus.”

„Ich würde nicht so lange warten”, sagte Murphy. „Nicht, wenn ihr leben wollt.”


* * *

Sechs Mann rannten durch das Dorf.

Nach der Schlacht war der Ort wie eine Geisterstadt. Luke erwartete jederzeit, dass Schüsse oder Raketen aus den winzigen Häusern kamen. Doch nichts geschah. Es schien, als gäbe es nicht einmal mehr Leute hier.

Aus der Richtung, aus der sie kamen, stieg Rauch auf. Die Mauern des Lagers waren zerstört. Der Helikopter brannte weiter, die Flammen knisterten in der gespenstischen Stille.

Luke konnte das heftige Atmen der anderen Männer hören, die mit Ausrüstung und Waffen bergauf rannten. Binnen zehn Minuten hatten sie es zu dem alten Stützpunkt auf dem steinigen Hügel außerhalb des Dorfes geschafft.

Zu Lukes Überraschung war es dort OK. Natürlich waren hier keine Vorräte gelagert － doch die Sandsäcke waren noch an ihrem Platz und der Standpunkt erlaubte ihnen einen vorteilhaften Ausblick über das Umfeld. Luke konnte die Lichter in den Häusern und den brennenden Helikopter sehen.

„Martinez, versuche, Bagram über das Funkgerät zu erreichen. Wir müssen hier raus. Das Versteckspiel ist vorbei. Sag ihnen, dass sie überwältigende Feuerkraft schicken sollen. Wir müssen zurück in das Lager und unsere Männer dort herausbringen.”

Martinez nickte. „Ich hab’s dir gesagt, Mann. Irgendwann geht jedem das Glück aus.”

„Sag jetzt nichts, Martinez. Bring uns einfach raus hier, OK?”

„In Ordnung, Stone.”

Es war eine dunkle Nacht. Der Sandsturm war vorbei. Sie hatten immer noch Waffen. Entlang des Schutzwalles aus Sandsäcken luden seine Männer ihre Waffen und überprüften ihre Ausrüstung.

Es war nicht außer Frage, dass…

„Murphy, schieß eine Leuchtrakete ab”, sagte er. „Ich will mal sehen, mit wem wir es zu tun haben.”

„Damit wir unsere Position verraten?” fragte Murphy.

„Ich glaube, die wissen womöglich, wo wir sind”, antwortete Luke.

Murphy zuckte mit den Schultern und schoss eine in die Nacht hinauf.

Die Leuchtrakete bewegte sich langsam durch den Himmel und warf einen gespenstischen Schatten auf das felsige Terrain unter ihnen. Der Boden schien fast zu kochen. Luke starrte und starrte, versuchte zu verstehen, was er da sah. Dort unten gab es so viel Aktivität, es war wie eine Ameisenfarm oder ein Rattenschwarm.

Es waren Männer. Hunderte von Männern bewegten sich, ihre Ausstattung und ihre Waffen methodisch in Position.

„Ich schätze, du hast recht”, sagte Murphy. „Die wissen, dass wir hier sind.”

Luke blickte Martinez an.

„Martinez, wie sieht es mit der Abholung aus?”

Martinez schüttelte seinen Kopf. „Die sagen, dass sei unmöglich. Nichts außer fürchterlichen Sandstürmen zwischen dem Stützpunkt und hier. Sichtbarkeit gleich Null. Die kriegen die Helikopter nicht mal in die Luft. Sie sagen, wir sollen bis Morgen durchhalten. Der Wind soll nach Sonnenaufgang nachlassen.”

Luke starrte ihn an. „Da müssen die schon mehr leisten.”

Martinez zuckte mit den Schultern. „Können sie nicht. Wenn die Helikopter nicht fliegen, dann fliegen sie nicht. Ich wünschte, diese Stürme hätten begonnen, bevor wir loszogen.”

Luke starrte hinaus auf die brodelnde Menge von Taliban auf den Hügeln unter ihnen. Er wandte sich wieder an Martinez.

Martinez öffnete seinen Mund als ob er reden wollte.

Luke zeigte auf ihn. „Sag es nicht. Bereite dich einfach auf den Kampf vor.”

„Ich bin immer kampfbereit”, antwortete Martinez.

Das Gefecht begann Momente später.


* * *

Martinez schrie.

„Die rücken von allen Seiten an!”

Seine Augen waren weit aufgerissen. Seine Waffen verschwunden. Er hatte eine AK-47 von den Taliban genommen und bajonettierte jeden, der über die Mauer kam. Luke schaute ihm voll Horror zu. Martinez war eine Insel, ein kleines Boot in einem Meer von Taliban Kämpfern.

Und er ging unter. Dann war er weg, unter einem Haufen verschwunden.

Sie versuchten nur, bis zum Morgen zu überleben, doch die Sonne weigerte sich, aufzugehen. Die Munition war ihnen ausgegangen. Es war kalt und Luke trug kein Hemd. Er hatte es sich in der Hitze des Gefechts vom Leib gerissen.

Taliban Kämpfer mit Bärten und Turbanen strömten über die Mauern des Stützpunktes. Männer schrien überall um ihn herum.

Ein Mann kam mit einem Metallbeil über die Mauer.

Luke schoss ihn ins Gesicht. Der Mann fiel tot gegen die Sandsäcke. Jetzt hatte Luke das Beil. Er watete zwischen den Kämpfern, die Martinez umringten, und schwang es wild um sich. Blut spritzte. Er hakte an ihnen, zerschnetzelte sie.

Martinez tauchte wieder auf, stand erneut auf den Beinen und stach mit dem Bajonett zu.

Luke vergrub das Beil im Schädel eines Mannes. Es saß tief. Er konnte es nicht herausziehen. Selbst mit dem Adrenalin, das durch seinen Organismus rauschte, hatte er nicht mehr genügend Kraft. Er sah Martinez an.

„Alles in Ordnung?”

Martinez zuckte mit den Schultern. Er zeigte auf die Körper um sie. „Es ging mir schon mal besser, sagen wir es so.”

Zu Lukes Füßen lag eine AK-47. Er nahm sie auf und prüfte das Magazin. Leer. Luke warf sie weg und zog seine Handwaffe hervor. Er feuerte den Schützengraben hinunter － er war von Feinden überfüllt. Eine Reihe von ihnen rannten auf sie zu. Mehr von ihnen rutschten, fielen, sprangen über die Mauer.

Wo waren seine Jungs? War sonst noch jemand am Leben?

Er tötete den nächsten Mann mit einem Schuss ins Gesicht. Sein Kopf explodierte wie eine Cherry-Tomate. Er ergriff den Mann bei seiner Robe und hielt ihn als Schutzschild hoch. Der kopflose Mann war leicht － als ob seine Leiche leere Kleidung wäre.

Er tötete vier Mann mit vier Schuss. Er feuerte weiter.

Dann gingen ihm die Kugeln aus. Wieder.

Ein Taliban rannte mit einer AK-47 auf ihn zu, ein Bajonett steckte auf der Waffe. Luke drückte die Leiche auf ihn und warf dann seine Waffe wie einen Tomahawk. Sie sprang vom Kopf des Mannes ab, lenkte ihn einen Moment ab. Luke benutzte diese Zeit. Er schritt zum Angriff, rutschte am Rand des Bajonetts entlang. Dann drückte er zwei Finger tief ihn die Augen des Mannes und zog sie wieder heraus.

Der Mann schrie. Er riss seine Hände zu seinem Gesicht herauf. Jetzt hatte Luke die AK. Er bajonettierte seinen Feind in die Brust, zwei, drei, vier Mal. Er stach tief zu.

Der Mann tat seinen letzten Atemzug direkt in Lukes Gesicht.

Lukes Hände suchten den Körper des Mannes ab. Die frische Leiche hatte eine Granate in der Brusttasche. Luke nahm sie, entsicherte sie und warf sie über den Schutzwall in die sich annähernden Horden.

Er ließ sich zu Boden fallen.

BUMM.

Die Explosion war direkt dort, spritzte Dreck, Steine, Blut und Knochen um sich. Die Mauer aus Sandsäcken fiel über ihm zusammen.

Luke zog sich wieder auf die Beine, er hörte nichts, seine Ohren klingelten. Er prüfte die AK. Leer. Doch er hatte immer noch das Bajonett.

„Macht schon, ihr Schweine!” schrie er. „Macht schon!”

Mehr Männer kamen über die Mauer und er erstach sie wie im Rausch. Er zerriss und zerkratzte sie mit seinen bloßen Händen. Er erschoss sie mit ihren eigenen Waffen.

Ein Mann überquerte die Überreste der Mauer. Er war kein Mann － er war ein Junge. Er hatte keinen Bart. Er brauchte keinen Rasierer. Seine Haut war sanft und dunkel. Seine braunen Augen waren rund vor Horror. Er hielt seine Hände vor seine Brust.

Luke trat dem Jungen entgegen － er war vielleicht vierzehn. Weitere kamen hinter ihm heran. Sie rutschten und fielen über die Barriere. Der Durchgang war von Leichen verstopft.

Warum hält er seine Hände so?

Luke wusste warum. Er war ein Selbstmordattentäter.

„Granate!” schrie Luke, selbst wenn niemand am Leben war, um ihn zu hören.

Er sprang nach hinten, kroch unter eine Leiche, dann eine weitere. Es gab so viele, er kroch und kroch, grub sich tiefer in Richtung Mittelpunkt der Erde, legte eine Decke aus toten Männern zwischen sich und den Jungen.

BUMM!

Er hörte die Explosion, gedämpft durch die Leichen und er spürte die Hitzewelle. Er hörte die Schreie der nächsten Welle von Sterbenden. Doch dann kam eine weitere Explosion und noch eine.

Eine weitere.

Luke verlor das Bewusstsein. Vielleicht war er getroffen. Vielleicht starb er. Falls dies Sterben war, dann war es nicht so schlimm. Er spürte keinen Schmerz.

Er dachte an den Jungen － ein dürrer Teenager, dick um den Bauch, wie ein tonnenförmiger Mann. Das Kind trug eine Selbstmordweste.

Er dachte an Rebecca, dick mit einem Kind.

Dunkelheit überkam ihn.


* * *

Irgendwann war die Sonne aufgegangen, doch es lag keine Wärme in ihr. Der Kampf hatte irgendwie aufgehört － er konnte sich nicht daran erinnern, wann oder wie es vorbei war. Der Boden war felsig und hart. Überall lagen Leichen. Dünne, bärtige Männer waren über den Boden verstreut, ihre Augen weit geöffnet und starrend.

Luke. Sein Name war Luke.

Er saß auf einem Haufen Leichen. Er war unter ihnen aufgewacht, und er war wie eine Schlange unter ihnen herausgekrochen.

Sie waren hier wie Brennholz aufeinandergestapelt. Es gefiel ihm nicht, auf ihnen zu sitzen, doch es war praktisch. Sein Standort war hoch genug, damit er den Hügel durch die Überreste der Sandsackmauer hinuntersehen konnte, doch er hielt ihn tief genug, damit niemand, außer einem sehr guten Scharfschützen, auf ihn schießen könnte.

Der Taliban hatte nicht viele besonders gute Scharfschützen. Einige, aber nicht viele, und die meisten Taliban Mitglieder hier schienen jetzt tot zu sein.

In der Nähe sah er, wie einer den Hügel hinunterkroch, eine Blutspur hinterließ, wie die Schleimspur, die eine Schnecke hinter sich herzog. Er sollte wirklich losziehen und den Typen töten, doch er wollte es nicht riskieren, sich auf offenes Terrain zu begeben.

Luke blickte an sich herunter. Er sah nicht gut aus. Seine Brust war rot. Er war von dem Blut toter Männer durchtränkt. Sein Körper zitterte vor Hunger und Erschöpfung. Er starrte auf die umliegenden Berge, die gerade sichtbar wurden, als der Morgen graute. Es war ein wirklich schöner Tag. Dies war ein schönes Land.

Wie viele waren noch da draußen? Wie lange würde es dauern, bis sie kämen?

Er schüttelte seinen Kopf. Er wusste es nicht. Es war eigentlich sowieso egal. Auch nur einer wäre wahrscheinlich schon zu viel.

Martinez lag tief im Schützengraben auf seinem Rücken. Er weinte. Er konnte seine Beine nicht bewegen. Er hatte genug. Er wollte sterben. Luke bemerkte, dass er Martinez jetzt schon eine Weile ignoriert hatte.

„Stone”, sagte er. „Hey, Stone. Hey! Bring mich um, Mann. Bring mich einfach um. Hey, Stone! Hör mir zu, Mann!”

Luke fühlte sich betäubt.

„Ich werde dich nicht umbringen, Martinez. Du kommst wieder in Ordnung. Wir kommen hier raus und die Ärzte flicken dich wieder zusammen. Also mach mal langsam… OK?”

In der Nähe saß Murphy auf einem hervorstehenden Felsen und starrte durch die Luft. Er versuchte nicht einmal, in Deckung zu gehen.

„Murph! Komm hier runter. Willst du, dass ein Scharfschütze dir eine Kugel durch den Kopf jagt?”

Murphy drehte sich um und blickte Luke an. Seine Augen waren einfach… fort. Er schüttelte seinen Kopf. Ein Seufzen entrang ihm. Es klang fast wie Gelächter. Er bewegte sich keinen Zentimeter.

Murphy zog eine Pistole hervor, während Luke ihn beobachtete. Es war unglaublich, dass er noch eine Waffe bei sich hatte. Luke hatte mit bloßen Händen, Steinen und scharfen Gegenständen gekämpft…

Er wusste nicht, für wie lange.

Murphy legte den Lauf der Pistole an seine Schläfe und blickte dabei Luke die ganze Zeit an. Er drückte auf den Abzug.

Klick.

Er drückte mehrere weitere Male auf den Abzug.

Klick, klick, klick, klick… klick.

„Leer”, sagte er.

Er warf die Pistole weg. Sie schepperte den Hügel hinunter.

Luke beobachtete, wie die Waffe wegsprang. Es schien viel länger als er sich hätte vorstellen können zu dauern. Schließlich kam sie bei einem Haufen loser Steine zum Halt. Er blickte wieder zu Murphy. Der saß einfach da und starrte ins Nichts.

Kämen weitere Taliban, dann wäre es vorbei mit ihnen. Keiner dieser Jungs hatte noch Kraft zu kämpfen und die einzige Waffe, die Stone blieb, war das verbogene Bajonett in seiner Hand. Für einen Moment dachte er müßig darüber nach, unter den Toten nach Waffen zu suchen. Er wusste nicht, ob er noch genügend Kraft hatte, um aufzustehen. Er müsste vielleicht stattdessen kriechen.

Eine Reihe schwarzer Insekten erschien in der Ferne am Himmel. Er wusste sofort, was das war. Helikopter. Militärhelikopter der Vereinigten Staaten, wahrscheinlich Black Hawks. Die Kavallerie war im Anmarsch. Es erfreute Luke nicht, erboste ihn ebenfalls nicht.

Er spürte überhaupt nichts mehr.




KAPITEL DREI


19. März

Nacht

Ein Flugzeug über Europa



„Habt ihr Männer es bequem?”

„Ja, Sir”, antwortete Luke.

Murphy sagte nichts. Er saß in einem Sessel auf der anderen Seite des engen Gangs, starrte aus dem Fenster in die Dunkelheit. Sie waren in einem kleinen Jet, das fast wie ein Wohnzimmer ausgestattet war. Luke und Murphy saßen hinten, blickten nach vorn. Vorne waren drei Männer, eingeschlossen eines Delta Force Oberst und eines Drei-Sterne-Generals aus dem Pentagon. Bei ihnen war ein Mann in Zivilkleidung.

Hinter den Männern waren zwei Green Berets, sie standen stramm.

„Spezialist Murphy?” sagte der General. „Haben sie es bequem?”

Murphy zog die Fensterverdunklung herunter. „Ja. Mir geht’s gut.”

„Murphy, wissen Sie, wie man einen vorgesetzten Offizier anredet?” fragte der Oberst.

Murphy wandte sich von dem Fenster ab. Er blickte die Männer zum ersten Mal direkt an.

„Ich bin nicht mehr in Ihrer Armee.”

„Warum sind Sie in diesem Fall in diesem Flugzeug?”

Murphy zuckte mit den Schultern. „Jemand bot an, mich mitzunehmen. Es gibt nicht viele kommerzielle Flüge aus Afghanistan heutzutage. Da dachte ich, dass ich besser diesen nehme.”

Der Mann in Zivilkleidung blickte auf die Kabinentür.

„Wenn Sie nicht mehr im Militär sind, dann können wir Sie darum bitten, zu gehen. Aber natürlich ist es ein ganz schön weiter Weg bis zur Erde.”

Murphy folgte dem Blick des Mannes.

„Nur zu, ich verspreche Ihnen, dass Sie mitkommen.”

Luke schüttelte seinen Kopf. Wäre dies ein Spielplatz, dann würde er fast lächeln. Doch dies war kein Spielplatz und diese Männer meinten es toternst.

„OK, Murph”, sagte er. „Mach mal langsam. Ich war mit dir auf dem Hügel. Niemand in diesem Flugzeug hat uns dort hingebracht.”

Murphy zuckte mit den Schultern. „In Ordnung, Stone.” Er sah den General an. „Ja, ich habe es bequem, Sir. Sehr bequem. Vielen Dank.”

Der General blickte auf etwas Papierkram vor sich hinunter.

„Danke für Ihren Dienst, meine Herren. Spezialist Murphy, wenn Sie frühzeitig von Ihren Verpflichtungen entlassen werden möchten, dann wenden Sie sich bitte an Ihren kommandierenden Offizier, wenn Sie nach Fort Bragg zurückkehren.”

„OK”, erwiderte Murphy.

Der General blickt auf. „Wie Sie wissen, war dies eine schwierige Mission, die nicht gerade wie geplant lief. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um die Fakten der Situation genauer kennenzulernen. Ich habe die Aufzeichnungen der Nachbesprechung der Mission, als Sie beide nach Bagram zurückkehrten. Ihren Aussagen und den fotografischen Beweisen zufolge nehme ich an, dass die Mission an sich ein Erfolg war. Würden Sie dem zustimmen, Feldwebel Stone?”

„Äh… wenn Sie mit ,Mission an sich’ meinen, dass wir Abu Mustafa Faraj finden und festnehmen sollten, dann: ja, Sir. Ich schätze, sie war ein Erfolg.”

„Das meinte ich, Feldwebel. Faraj war ein gefährlicher Terrorist und die Welt ist ein besserer Ort, jetzt, da er weg ist. Spezialist Murphy?”

Murphy starrte den General an. Es war Luke klar, dass Murphy nicht ganz da war. Es ging ihm besser als am Morgen nach der Schlacht, doch nicht viel besser.

„Ja?” sagte er.

Der General biss die Zähne zusammen. Er blickte die Männer rechts und links von sich an.

„Wie werten Sie die Mission, bitte?”

Murphy nickte. „Oh. Die, die wir gerade durchgeführt haben?”

„Ja, Spezialist Murphy.”

Murphy antwortete für mehrere Sekunden nichts. Er schien darüber nachzudenken.

„Nun, wir haben neun Delta Jungs und zwei Helikopter Piloten verloren. Martinez ist am Leben, doch mehr Rührei als Mensch. Außerdem hat man mir gesagt, dass wir einen Haufen Kinder und mindestens ein paar Frauen getötet haben. Es lagen Haufen von toten Männern am Boden. Ich meine Hunderte von toten Männern. Und ich schätze, dass da auch ein berühmter Terrorist war, doch ich sah ihn nicht. Also… ich würde sagen, so ziemlich am Nennwert. So laufen diese Dinge ab. War nicht mein erstes Rodeo, wenn Sie mich verstehen.”

Er blickte über den Gang zu Luke.

„Stone sieht in Ordnung aus. Und ich habe nicht mal einen Kratzer abgekommen. Also sicher, ich würde sagen, dass die Mission gut gelaufen ist.”

Die Offiziere starrten Murphy an.

„Sir”, sagte Luke. „Ich glaube, Spezialist Murphy versucht zu sagen － und aus meinem Zeugenbericht können Sie entnehmen, dass ich ihm zustimme － dass die Mission schlecht geplant und möglicherweise unklug war. Oberstleutnant Heath war ein tapferer Mann, Sir, doch vielleicht kein sehr guter Stratege. Nachdem der erste Helikopter verunglückte, bat ich darum, dass er die Mission abbräche, und er weigerte sich. Er war außerdem ebenfalls persönlich verantwortlich für den Tod einer Reihe von Zivilisten und wahrscheinlich ebenfalls am Tod von Unteroffizier Wayne Hendricks.”

Den Namen seines Freundes auszusprechen, brachte ihm absurderweise fast zum Weinen. Er schluckte seine Tränen hinunter. Hier war weder die richtige Zeit noch der richtige Ort.

Der General blickte wieder auf seine Papiere hinunter. „Und stimmen Sie zu, dass die Mission ein Erfolg war? Der Zweck der Mission wurde erfüllt?”

Luke dachte einen langen Moment darüber nach. Im engsten militärischen Sinne hatten sie das Ziel der Mission erreicht. Das stimmte. Sie hatten einen gesuchten Terroristen getötet und das würde vielleicht irgendwann Leben retten. Es könnte sogar viel mehr Leben retten als dabei verlorengingen.

So wollten diese Männer Erfolg definieren.

„Feldwebel Stone?”

„Ja, Sir. Ich stimme dem zu.”

Der General nickte. Der Oberst ebenfalls. Der Mann in Zivilkleidung reagierte gar nicht.

Der General sammelte seine Papiere auf und übergab sie dem Oberst.

„Gut”, sagte er. „Wir landen bald in Deutschland, meine Herren, und dann verabschiede ich mich von Ihnen. Doch zuvor möchte ich Ihnen mitteilen, dass Sie etwas hervorragendes getan haben, und dass Sie sehr stolz auf sich sein sollten. Sie sind offensichtlich mutige Männer und sehr fähig. Ihr Land schuldet Ihnen Dankbarkeit, die niemals adäquat bezahlt werden kann. Es wird Ihnen ebenfalls niemals öffentlich anerkannt werden.”

Er hielt inne.

„Bitte nehmen Sie zur Kenntnis, dass die Mission Abu Mustafa Faraj al-Jihadi zu töten zwar erfolgreich war, doch niemals stattgefunden hat. Sie existiert in keinem Register und wird es auch niemals tun. Die Männer, die ihr Leben  bei dieser Mission verloren haben, starben bei einem Trainingsunfall während eines Sandsturmes.”

Er blickte nun mit harten Augen auf sie hinab.

„Verstanden?”

„Ja, Sir”, antwortete Luke ohne zu zögern. Es überraschte ihn überhaupt nicht, dass sie diese Mission verschwinden ließen. Er würde dasselbe tun, könnte er es.

„Spezialist Murphy?”

Murphy hob eine Hand und zuckte mit den Schultern. „Das ist eure Angelegenheit. Ich glaube, ich war noch nie auf einer Mission, die wirklich existierte.”




KAPITEL VIER


23. März

16:35

Spezialeinsatz Kommando, Armee der Vereinigten Staaten

Fort Bragg

Fayetteville, North Carolina



„Darf ich Ihnen einen Tee anbieten?”

Luke nickte. „Danke.”

Waynes Frau, Katie, war eine hübsche Blondine, klein, etwas jünger als Wayne. Luke schätzte sie auf etwa vierundzwanzig. Sie war mit ihrer Tochter schwanger － im achten Monat － und ihr Bauch war riesig.

Sie lebte auf dem Stützpunkt, etwa einen Kilometer von Luke and Becca entfernt. Das Haus war ein winziger Drei-Zimmer-Bungalow in einer Nachbarschaft von exakt identischen Häusern. Wayne war tot. Sie war dort, weil sie sonst nirgendwo hatte.

Sie brachte Luke seinen Tee in einer kleinen, verzierten Tasse, die erwachsene Version der Tassen, die kleine Mädchen benutzen, wenn sie erfundene Tee-Parties abhielten. Sie setzte sich ihm gegenüber. Das Wohnzimmer war karg eingerichtet. Die Couch war ein Futon, das man für Gäste als Doppelbett ausziehen konnte.

Luke hatte Katie zwei Mal zuvor getroffen, beide Male für fünf oder weniger Minuten. Er hatte sie das letzte Mal vor ihrer Schwangerschaft gesehen.

„Sie waren ein guter Freund von Wayne”, sagte sie.

„Ja, das war ich.”

Sie starrte in ihre Tasse, als ob vielleicht Wayne auf ihrem Boden trieb.

„Und Sie waren auf der Mission, auf der er starb.” Es war keine Frage.

„Ja.”

„Haben Sie es gesehen? Haben Sie gesehen, wie er starb?”

Luke gefiel es jetzt schon nicht, worauf diese Fragen abzielten. Wie sollte er eine solche Frage beantworten? Luke hatte die Schüsse verpasst, die Wayne töteten, doch er hatte sehr wohl gesehen, wie er starb. Er gäbe fast alles dafür, es aus seinem Kopf zu bekommen.

„Ja.”

„Wie ist er gestorben?” sagte sie.

„Er starb wie ein Mann. Wie ein Soldat.”

Sie nickte, doch sagte nichts. Vielleicht war das nicht die Antwort, nach der sie suchte. Doch Luke wollte nicht weiter darüber reden.

„Hatte er Schmerzen?” fragte sie.

Luke schüttelte seinen Kopf. „Nein.”

Sie blickte in seine Augen. Ihre Augen waren rot und es standen Tränen darin. Es lag eine fürchterliche Trauer in ihnen. „Wie können Sie das wissen?”

„Ich habe mit ihm gesprochen. Er sagte mir, dass ich Ihnen ausrichten soll, dass er Sie liebt.”

Das war natürlich eine Lüge. Wayne hatte es nicht geschafft, einen ganzen Satz hervorzubringen. Doch es war eine Notlüge. Luke glaubte, dass Wayne dies gesagt hätte, wäre es ihm möglich gewesen.

„Kamen Sie deshalb hierher, Feldwebel Stone?” sagte sie. „Um mir das zu sagen?”

Luke atmete tief durch.

„Bevor er starb, bat mich Wayne darum, der Pate Ihrer Tochter zu werden”, sagte Luke. „Ich habe zugestimmt und ich bin hier, um diese Verpflichtung zu ehren. Ihre Tochter kommt bald zur Welt und ich möchte Ihnen auf jegliche mir mögliche Weise in dieser Situation helfen.”

Eine lange, stille Pause breitete sich zwischen ihnen aus. Sie dauerte länger und länger.

Schließlich schüttelte Katie kaum merkbar ihren Kopf. Sie sprach sanft.

„Ich könnte es niemals zulassen, dass ein Mann wie Sie der Pate meiner Tochter wird. Wayne ist wegen Männern wie Ihnen tot. Mein Mädchen wird wegen Männern wie Ihnen niemals einen Vater haben. Verstehen Sie? Ich bin hier, weil ich noch krankenversichert bin, weshalb mein Baby hier geboren werden wird. Doch danach? Danach werde ich so weit wie ich kann von der Armee und Leuten wie Ihnen wegrennen. Wayne war dumm, sich daran beteiligt zu haben und ich war dumm, ihn dabei zu begleiten. Sie müssen sich keine Sorgen machen, Feldwebel Stone. Sie haben keine Verantwortung mir gegenüber. Sie sind nicht der Pate meines Babys.”

Luke fiel keine Antwort ein. Er blickte in seine Tasse und sah, dass er schon seinen Tee getrunken hatte. Er stellte sie auf den Tisch. Sie nahm sie auf und bewegte ihren Bauch zur Tür des winzigen Hauses. Sie öffnete die Tür und hielt sie auf.

„Guten Tag, Feldwebel Stone.”

Er starrte sie an.

Sie begann zu weinen. Ihr Stimme war so sanft wie zuvor.

„Bitte. Verschwinden Sie aus meinem Haus. Verschwinden Sie aus meinem Leben.”


* * *

Das Abendessen war trist und traurig.

Sie saßen sich am Tisch gegenüber und sprachen nicht. Sie hatte gefülltes Hühnchen und Spargel zubereitet und es war lecker. Sie hatte ein Bier für ihn geöffnet und ihm ein Glas eingegossen. Sie hatte nette Dinge getan.

Sie aßen still, fast so als ob alles normal wäre.

Doch er konnte sich nicht dazu bringen, sie anzusehen.

Auf dem Tisch in der Nähe seiner rechten Hand lag eine matt-schwarze Glock Neun-Millimeter. Sie war geladen.

„Luke, alles in Ordnung?”

Er nickte. „Ja, mir geht’s gut.” Er nippte an seinem Bier.

„Warum liegt deine Waffe auf dem Tisch?”

Schließlich blickte er zu ihr hinauf. Sie war schön, und er liebte sie. Sie war mit seinem Kind schwanger und sie trug eine geblümte Mutterschaftsbluse. Er hätte fast wegen ihrer Schönheit und der Macht seiner Liebe für sie weinen können. Er spürte sie intensiv, wie eine Welle, die gegen die Felsen krachte.

„Äh, die liegt nur hier, falls ich sie brauche, Liebling.”

„Warum würdest du sie brauchen? Wir essen doch nur zu Abend. Wir sind auf dem Stützpunkt. Wir sind hier in Sicherheit. Niemand kann…”

„Stört sie dich?” fragte er.

Sie zuckte mit den Schultern. Sie schob eine kleine Gabel voll Hühnchen in ihren Mund. Becca aß langsam und sorgfältig. Sie nahm kleine Bissen und sie brauchte oft lange, um ihr Abendessen zu beenden. Sie schlang ihr Essen nicht herunter, so wie manche Leute. Luke liebte das an ihr. Es war einer der Unterschiede zwischen ihnen. Er neigte dazu, sein Essen einzuatmen.

Er beobachtete sie dabei, wie sie in Zeitlupe ihr Essen kaute. Ihre Zähne waren groß. Sie hatte Hasenzähne. Es war niedlich. Es war reizend.

„Ja, ein wenig”, antwortete sie. „Du hast das noch nie zuvor getan. Hast du Angst, dass…”

Luke schüttelte seinen Kopf. „Ich habe vor nichts Angst. Unser Baby ist auf dem Weg, OK? Es ist wichtig, dass wir unser Kind vor Schaden schützen. Das ist unsere Verantwortung. Die Welt ist gefährlich, Becca, falls du das noch nicht gewusst hast.”

Luke nickte über die Wahrheit, die er da von sich gab. Er begann die Gefahren um sie herum immer mehr zu bemerken. In der Küchenschublade waren scharfe Messer. In dem Holzblock auf der Arbeitsplatte steckten große Tranchiermesser und ein riesiges Hackbeil. Im Schränkchen hinter dem Badezimmerspiegel befand sich eine Schere.

Das Auto hatte Bremsen und jemand konnte die Bremskabel ganz einfach durchschneiden. Wenn Luke wusste, wie das ging, so wussten das eine Menge anderer ebenfalls. Und es gab eine Menge Leute, die möglicherweise Luke Stone etwas zurückzahlen wollten.

Es schien fast wie…

Becca weinte. Sie drückte ihren Stuhl weg vom Tisch und stand auf. Ihr Gesicht war in den letzten zehn Sekunden hochrot angelaufen.

„Liebling? Was ist denn los?”

„Du”, erwiderte sie, während die Tränen ihr das Gesicht hinunterlaufen. „Irgendwas stimmt nicht mit dir. Du bist noch nie so heim gekommen. Du hast mich kaum begrüßt. Du hast mich überhaupt nicht berührt. Ich fühle mich unsichtbar. Du bleibst die ganze Nacht wach. Es scheint, als ob du gar nicht geschlafen hast, seit du angekommen bist. Jetzt legst du eine Waffe auf den Esstisch. Ich habe ein wenig Angst, Luke. Ich habe Angst, dass da etwas ganz und gar nicht stimmt.”

Er stand auf und sie tat einen Schritt zurück. Ihre Augen öffneten sich weit.

Dieser Blick. Es war der Blick einer Frau, die vor einem Mann Angst hatte. Und er war der Mann. Es erschreckte ihn. Es war als wäre er plötzlich aufgewacht. Er hatte sich niemals vorgestellt, dass sie ihn jemals so anblicken würde. Er wollte, dass sie nie wieder weder ihn noch jemand anderen so anblickte, aus überhaupt einem Grund.

Er schaute auf den Tisch. Er hatte dort eine geladene Waffe während des Abendessens hingelegt. Warum täte er so was? Plötzlich schämte er sich für die Waffe. Sie war breit, kantig und hässlich. Er wollte sie mit einer Serviette bedecken, doch es war zu spät. Sie hatte sie schon gesehen.

Er blickte sie wieder an.

Sie stand ihm gegenüber, erniedrigt, wie ein Kind, ihre Schultern nach vorn gebeugt, ihr Gesicht verweint, die Tränen flossen ihr die Wangen hinunter.

„Ich liebe dich”, sagte sie. „Aber ich mache mir gerade solche Sorgen.”

Luke nickte. Das Nächste, was er sagte, überraschte ihn.

„Ich glaube, ich muss vielleicht eine kleine Weile fort.”




KAPITEL FÜNF


14. April

9:45 Uhr USA Eastern Daylight Zeit

Fayetteville Abteilung für Veteranen-Angelegenheiten (VA)

Gesundheitszentrum

Fayetteville, North Carolina



„Warum sind Sie hier, Stone?”

Die Stimme riss Luke aus seinen Tagträumen, in denen er sich verloren hatte. Er schwelgte dieser Tage oft allein in seinen Gedanken und Erinnerungen und konnte sich anschließend nicht daran erinnern, worüber er nachgedacht hatte.

Er blickte auf.

Er saß auf einem Klappstuhl in einer Gruppe aus acht Männern. Die meisten der Männer saßen auf Klappstühlen. Zwei waren in Rollstühlen. Die Gruppe füllte eine Ecke des großen, doch trostlosen, offenen Raumes aus. Die Fenster auf der entgegengesetzten Seite zeigten, dass es ein sonniger Frühlingstag war. Doch irgendwie schien es als ob das Licht von draußen nicht bis in den Raum gelangte.

Die Gruppe saß in einem Halbkreis und blickte einen bärtigen Mann mittleren Alters mit einem dicken Bauch an. Der Mann trug Kordhosen und ein rotes Flanellhemd. Der Bauch stand fast wie ein Wasserball hervor, den er unter seinem Hemd versteckte, nur dass er vorne flach war, als ob die Luft herausströmte. Luke vermutete, dass dieser Bauch so hart wie eine gusseiserne Pfanne war, sollte er darauf schlagen. Der Mann war groß und er war ganz zurückgelehnt auf seinem Stuhl. Seine dünnen Beine lagen in einer geraden Linie direkt vor ihm.

„Entschuldigung?” sagte Luke.

Der Mann lächelte, doch es lag kein Humor darin.

„Warum… sind… Sie… hier?” fragte er erneut. Dieses Mal sagte er es langsam, als ob er mit einem kleinen Kind oder einem Idioten spräche.

Luke blickte um sich auf die Männer. Dies war eine Gruppentherapie für Kriegsveteranen.

Es war eine gute Frage. Luke gehörte nicht hierher. Diese Typen waren zerstört. Körperlich behindert. Traumatisiert.

Einige von ihnen sahen nicht so aus als kämen sie jemals zurück. Der Typ namens Chambers war möglicherweise am schlimmsten dran. Er hatte einen Arm und beide Beine verloren. Sein Gesicht war entstellt. Die linke Hälfte war mit Binden verdeckt, eine große Metallplatte lugte daraus hervor, welche die Reste seiner Gesichtsknochen auf dieser Seite zusammenhielt. Er hatte sein linkes Auge verloren und sie hatten es noch nicht ersetzt. Nachdem sie seine Augenhöhle wiederhergestellt hätten, würden sie ihm ein hübsches, neues, falsches Auge geben.

Chambers war in einem Humvee über eine USBV gefahren. Das Gerät war eine überraschende Innovation － eine geformte Sprengkapsel, welche direkt in das Fahrwerk des Fahrzeugs eindrang und dann direkt durch Chambers drang und ihn von unten nach oben durchtrennte. Das Militär stattete die alten Humvees nachträglich mit schwerer Unterpanzerung aus und fertigte neue Entwürfe für die weitere Produktion an, um gegen solche Art von Angriffen in der Zukunft gewappnet zu sein. Doch das würde Chambers nicht helfen.

Luke sah ihn nicht gerne an.

„Warum sind Sie hier?” fragte der Anführer noch einmal.

Luke zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht, Riggs. Warum sind Sie hier?”

„Ich versuche, den Männern zu helfen, ihre Leben wieder zurückzubekommen”, antwortete Riggs. Er zögerte keinen Moment. Entweder war es eine vorbereitete Antwort, die er für Leute bereit hielt, die ihn konfrontierten, oder er glaubte es wirklich. „Wie steht’s mit Ihnen?”

Luke erwiderte nichts, doch alle starrten ihn jetzt an. Er sagte kaum etwas in dieser Gruppe. Er würde am liebsten nicht teilnehmen. Er fand nicht, dass es ihm half. Um ehrlich zu sein, dachte er, dass dies alles nur eine Zeitverschwendung war.

„Haben Sie Angst?” wollte Riggs wissen. „Sind Sie deshalb hier?”

„Riggs, wenn Sie das denken, dann kennen Sie mich nicht sehr gut.”

„Ah”, sagte Riggs und hob seine fleischigen Hände ein klein wenig an. „Jetzt machen wir Fortschritt. Sie sind eine harte Nuss. Das wissen wir schon. Also tun Sie es. Treten Sie hervor. Erzählen Sie uns alles über den Oberfeldwebel Luke Stone der Spezialkräfte der Armee der Vereinigten Staaten. Delta, habe ich recht? Steckt bis zum Hals in der Scheiße, stimmt’s? Einer der Typen auf der vermasselten Mission, um den Al Qaeda Typen umzubringen. Der Typ, der angeblich hinter der Sprengung der USS Sarasota steckt?”

„Riggs, ich habe keine Ahnung von einer derartigen Mission. Eine solche Mission wäre eine Geheimsache, was bedeutete, dass selbst wenn wir etwas darüber wüssten, nicht über…”

Riggs lächelte und bewegte seine Hand wie ein drehendes Rad. „Ein solch hochrangiges und wichtiges gezieltes Attentat sprechen könnten, das sowieso niemals stattgefunden hat. Ja, ja, ja. Wir kennen alle dieses Geschwätz. Wir haben es schon zuvor gehört. Glauben Sie mir, Stone, Sie sind nicht so wichtig. Jeder Mann in dieser Gruppe war im Gefecht. Jeder Mann in dieser Gruppe ist sich nur zu bewusst , dass －”

„In welchem Gefecht waren Sie denn, Riggs?” fragte Luke. „Sie waren in der Marine. Auf einem Zerstörer. In der Mitte des Ozeans. Sie sitzen seit fünfzehn Jahren hinter einem Schreibtisch in diesem Krankenhaus.”

„Hier geht’s nicht um mich, Stone. Es geht um Sie. Sie sind in einem Veteranenkrankenhaus in der Psychiatrie. Stimmt’s? Ich bin nicht in der Psychiatrie. Sie schon. Ich arbeite in der Psychiatrie und Sie leben hier. Doch Sie sind nicht eingewiesen. Sie sind freiwillig hier. Sie können jederzeit hier raus. All Ihre alten Freunde warten da drüben auf Sie. Wollen Sie nicht wieder zu ihnen? Sie warten auf Sie, Mann. Rock and Roll. Es gibt immer wieder eine weitere geheime, verpfuschte Mission, auf die Sie können.”

Luke sagte nichts. Er starrte Riggs nur an. Der Mann war total verrückt. Er war der Durchgeknallte. Der machte nicht einmal langsam.

„Stone, ich sehe, wie ihr Delta Jungs manchmal hier eine Weile Halt macht. Ihr habt niemals auch nur einen Kratzer. Ihr Typen seid irgendwie übernatürlich. Die Kugeln verpassen euch immer irgendwie. Doch ihr seid aufgeschreckt. Ihr seid ausgepowert. Ihr habt zu viel gesehen. Ihr habt zu viele Leute umgebracht. An euch klebt überall Blut. Es ist unsichtbar, aber es ist da.”

Riggs nickte sich selbst zu.

„In 2003 kam hier ein Delta Typ vorbei, etwa so alt wie Sie, bestand darauf, dass es ihm gut ging. Er war gerade aus einer strenggeheimen Mission in Afghanistan zurückgekehrt. Es war ein Schlachthaus. Natürlich war es das. Doch er brauchte das ganze Gerede nicht. Klingt das wie jemand, den wir kennen? Als er hier fortging, kehrte er nach Hause zurück, brachte seine Frau und seine dreijährige Tochter um und schoss dann eine Kugel in sein eigenes Gehirn.”

Eine Stille zog sich zwischen Luke und Riggs hinaus. Keiner der anderen Männer sagte ein Wort. Der Typ wusste, wie man auf die richtigen Knöpfe drückte. Aus irgendeinem Grund dachte er, das wäre sein Job. Es war wichtig, dass Luke gelassen bliebe und nicht zuließe, dass Riggs ihm unter die Haut ginge. Doch Luke mochte solche Situationen nicht. Er spürte, wie er sich innerlich anspannte. Riggs bewegte sich auf gefährlichem Terrain.

„Ist es das, wovor du Angst hast?” sagte Riggs. „Du hast Angst, dass du heimgehst und das Gehirn deiner Frau über die ganze －?”

Luke war in weniger als einer Sekunde von seinem Stuhl aufgesprungen und hatte den Raum zwischen Riggs und ihm überquert. Bevor er wusste, was geschah, hatte er Riggs geschnappt, den Stuhl unter ihm herausgetreten und ihn wie eine Lumpenpuppe zu Boden geworfen. Riggs Kopf prallte gegen die Steinfliesen.

Luke bückte sich über ihn und holte mit seiner Faust aus.

Riggs Augen waren weit geöffnet und für den Bruchteil einer Sekunde blitzte Angst in seinem Gesicht auf. Dann kehrte sein ruhiges Auftreten wieder zurück.

„Das wollte ich sehen”, sagte er. „Ein wenig Enthusiasmus.”

Luke atmete tief durch und entspannte seine Faust. Er blickte die anderen Männer an. Keiner von ihnen hatte sich bewegt. Sie starrten nur teilnahmslos, als ob es ganz normal wäre, dass ein Patient seinen Therapeuten angreift.

Nein. Das war es nicht. Sie starrten als ob es ihnen egal wäre was geschähe, als wäre ihnen alles egal.

„Ich weiß, was Sie da tun wollen”, sagte Luke.

„Ich versuche, Sie aus Ihrer Schale zu locken, Stone. Und es sieht so aus, als ob es endlich funktionieren würde.”


* * *

„Ich will dich nicht hier”, sagte Martinez.

Luke saß neben Martinez’ Bett auf einem Holzstuhl. Der Stuhl war überraschend unbequem, als wäre er erfunden, um Trödeln zu entmutigen.

Luke tat, was er für Wochen vermieden hatte － er besuchte Martinez. Der Mann war in einem anderen Gebäude des Krankenhauses, ja. Doch es war nur ein zwölfminütiger Spaziergang von Lukes Zimmer entfernt. Luke hatte es bis jetzt nicht geschafft, sich zu diesem Spaziergang zu überwinden.

Martinez hatte einen langen Weg vor sich, doch er zeigte kein Interesse, ihn zu beschreiten. Seine Beine waren zerfetzt und konnten nicht gerettet werden. Eines war an der Hüfte abgetrennt, das andere unter dem Knie. Er konnte weiter seine Arme benutzen, doch er war direkt unterhalb vom Brustkorb ab gelähmt.

Bevor Luke eintrat, hatte ihm eine Krankenschwester zugeflüstert, dass Martinez die meiste Zeit weinte. Er schlief auch sehr viel － er stand unter starken Beruhigungsmitteln.

„Ich bin nur gekommen, um mich zu verabschieden”, sagte Luke.

Martinez hatte aus dem Fenster hinaus den hellen Tag angestarrt. Jetzt wandte er sich zu Luke. Sein Gesicht war in Ordnung. Er war schon immer ein gutaussehender Typ und das war er auch weiterhin. Gott, oder der Teufel, oder wer auch immer für solche Dinge verantwortlich war, hatte das Gesicht des Mannes verschont.

„Hallo und auf Wiedersehen, was? Schön für dich, Stone. Du bist in einem Stück, du wirst hier gerade hinausgehen, vielleicht eine Beförderung bekommen, irgendeine lobende Erwähnung. Weil du in der Psychiatrie warst, wirst du nie wieder auch nur eine Minute Gefecht mitbekommen. Ein Schreibtischjob. Das gibt auch mehr Geld, dann schickst du andere Jungs rein. Schön für dich, Mann.”

Luke saß still da. Er kreuzte ein Bein über das andere. Er sagte kein Wort.

„Murphy kam vor ein paar Wochen vorbei, wusstest du das? Ich fragte ihn, ob er dich besuchen würde, doch er verneinte. Er wollte dich nicht sehen. Stone? Der schleimt doch nur nach oben. Warum würde er Stone besuchen? Murphy sagte, dass er auf den Frachtzügen durch das Land fahren würde, so wie ein Landstreicher. Das ist sein Plan. Weißt du, was ich denke? Ich glaube, der wird sich in den Kopf schießen.”

„Es tut mir leid, was geschehen ist”, sagte Luke.

Doch Martinez hörte nicht zu.

„Mann, wie geht’s deiner Frau? Läuft die Schwangerschaft gut? Kleiner Luke Junior unterwegs? Echt toll, Stone. Ich freue mich für dich.”

„Robby, habe ich dir was getan?” fragte Luke.

Tränen begannen über Martinez’ Gesicht zu strömen. Er schlug mit seinen Fäusten auf das Bett ein. „Schau mich doch mal an, Mann! Ich habe keine Beine! Ich werde für den Rest meines Lebens in eine Tüte pinkeln und scheißen, OK? Ich kann nicht laufen. Ich werde nie wieder laufen. Ich kann nicht…”

Er schüttelte seinen Kopf. „Ich kann nicht…”

Jetzt begann Martinez zu weinen.

„Ich war das nicht”, sagte Luke. Seine Stimme klang klein und schwach, wie die eines Kindes.

„Doch! Du warst es! Du hast das getan. Du warst es. Es war deine Mission. Wir waren deine Jungs. Jetzt sind wir tot. Alle außer dir."

Luke schüttelte seinen Kopf. „Nein. Es war Heaths Mission. Ich war nur —”

„Du Arschloch! Wir folgten nur Befehlen. Doch du hättest nein sagen können.”

Luke sagte nichts. Martinez atmete tief ein und aus.

„Ich habe dir gesagt, dass du mich umbringen sollst.” Er biss die Zähne aufeinander. „Ich habe dir gesagt… dass du… mich umbringen… sollst. Schau dir das jetzt an… diesen Schlamassel. Du warst derjenige.” Er schüttelte seinen Kopf. „Du hättest es tun können. Niemand hätte davon gewusst.”

Luke starrte ihn an. „Ich hätte dich nicht umbringen können. Du bist mein Freund.”

„Sag das nicht!” rief Martinez. „Ich bin nicht dein Freund.”

Er wandte sein Gesicht zur Wand. „Raus aus meinem Zimmer.”

„Robby…”

„Wie viele Männer hast du umgebracht, Stone? Wie viele, hä? Hundert? Zweihundert?”

Luke flüsterte kaum. Er war ehrlich. „Ich weiß es nicht. Ich habe aufgehört zu zählen.”

„Da kannst du nicht einen Mann als einen Gefallen umbringen? Einen Gefallen für deinen sogenannten Freund?”

Luke antwortete nicht. Sowas war ihm noch nie zuvor eingefallen. Seinen eigenen Mann umbringen? Doch er wurde sich jetzt dessen bewusst, dass es möglich war.

Für den kürzesten Moment stand er wieder auf dem Hügel an dem kalten Morgen. Er sah Martinez auf dem Rücken ausgestreckt, weinend. Luke ging zu ihm hinüber. Es gab keine Munition mehr. Luke hatte nur noch das verdrehte Bajonett in seiner Hand. Er kniete sich neben Martinez, das Bajonett stand aus seiner Faust wie ein Zacken hervor. Er holte damit über Martinez’ Herz aus und…

„Ich will nicht, dass du hier bist”, sagte Martinez jetzt. „Ich will, dass du mein Zimmer verlässt. Raus, OK Stone? Hau jetzt sofort ab.”

Plötzlich begann Martinez zu schreien. Er nahm den Lichtruf vom Nachttisch und rammte seinen Daumen hinein.

„Ich will, dass du verschwindest! Hau ab! Raus!”

Luke stand auf. Er hob seine Hände an. „OK, Robby. In Ordnung.”

„RAUS!”

Luke ging zur Tür.

„Ich hoffe, du stirbst, Stone. Ich hoffe, dein Baby stirbt.”

Dann war Luke draußen im Gang. Zwei Krankenschwestern kamen auf ihn zu, schritten schnell voran.

„Ist er in Ordnung?” fragte die erste.

„Hast du mich gehört, Stone? Ich hoffe dein…”

Doch Luke hielt sich schon die Ohren zu und rannte den Gang hinunter. Er rannte durch das Gebäude und schnappte nach Luft. Er sah das Schild, auf dem AUSGANG stand, wandte sich ihm zu und sprintete durch die Doppeltüren. Dann rannte er durch das Gelände über einen Asphaltweg. Hier und da drehten sich Leute nach ihm um, doch Luke rannte weiter. Er rannte, bis seine Lungen anfingen, zu brennen.

Ein Mann kam aus der anderen Richtung. Der Mann war älter, doch breitgebaut und stark. Er ging gerade aufgerichtet mit einer militärischen Haltung, doch er trug Jeans und eine Lederjacke. Luke hatte ihn fast umgerannt, bevor er bemerkte, dass er ihn kannte.

„Luke”, sagte der Mann. „Wohin rennst du, mein Sohn?”

Luke hielt an. Er beugte sich vornüber und stützte sich mit den Händen auf den Knien ab. Sein Atem war kurz und abgehackt. Er kämpfte darum, seine Lungen zu füllen.

„Don”, sagte er. „Oh Mann, Don. Ich bin außer Form.”

Er stand auf. Er griff hinaus, um Don Morris’ Hand zu schütteln, doch Don zog ihn stattdesssen zu einer Umarmung heran. Es fühlte sich… Luke hatte keine Worte dafür. Don war wie ein Vater für ihn. Gefühle brodelten in ihm auf. Es fühlte sich sicher an. Es fühlte sich wie eine Erleichterung an. Es fühlte sich an als ob er für so lange Zeit Dinge in sich aufgestaut hätte, Dinge die Don intuitiv kannte, ohne dass man ihm etwas sagen musste. Eine Umarmung von Don Morris fühlte sich an wie Heimkommen.

Nach einem langen Moment ließen sie sich los.

„Was machst du hier?” sagte Luke.

Er dachte, dass Don aus Washington herunter nach Fort Bragg gekommen war, um sich mit den Vorgesetzten zu treffen, doch Don widerlegte diese Annahme mit nur einigen Worten.

„Ich bin gekommen, um dich abzuholen”, sagte er.


* * *

„Es ist ein gutes Angebot”, sagte Don. „Das beste, was du bekommen wirst.”

Sie fuhren durch die von Bäumen gesäumten Kopfsteinpflaster-Straßen der Stadtmitte von Fayetteville in einer unscheinbaren gemieteten Limousine. Don saß hinter dem Steuer, Luke auf dem Beifahrersitz. Leute saßen in offenen Cafés und Restaurants entlang des Bürgersteigs. Es war eine Militärstadt － viele der Leute auf der Straße waren gut durchtrainiert und gingen gerade.

Doch nicht nur waren sie gesund, sondern sie sahen auch glücklich aus. In diesem Moment konnte sich Luke nicht vorstellen, wie sich das anfühlte.

„Erkläre es mir nochmal”, sagte er.

„Du verlässt das Militär als Stabsfeldwebel. Ehrenhafte Entlassung, gültig ab Ende dieses Kalenderjahres, doch du kannst schon ab heute Nachmittag eine unbegrenzte Abwesenheitsgenehmigung bekommen. Die neue Bezahlung beginnt ab sofort und wird bis zur Entlassung durchgeführt. Dein Dienstbericht ist intakt und deine Kriegsveteranenpension und alle weiteren Vergütungen gültig.”

Es klang wie ein gutes Angebot. Doch Luke hatte bisher noch nicht erwägt, die Armee zu verlassen. Die ganze Zeit im Krankenhaus hatte er gehofft, dass er wieder zu seiner Einheit zurückkehren könnte. Hinter der Bühne hatte Don in der Zwischenzeit einen Austritt für ihn verhandelt.

„Und wenn ich dabeibleiben will?” fragte er.

Don zuckte mit den Schultern. „Du bist schon seit fast einem Monat im Krankenhaus. Die Berichte, die ich gelesen habe, zeigen, dass du wenig oder gar keinen Fortschritt bei der Therapie gemacht hast und man dich als nicht entgegenkommenden Patienten einschätzt.”

Er seufzte. „Die werden dich nicht wieder zurücknehmen, Luke. Die glauben, dass du beschädigt bist. Wenn du das Angebot, dass ich dir gerade beschrieben habe, ablehnst, dann werden die dich mit einer unfreiwilligen psychiatrischen Entlassung mit deinem derzeitigen Rang und der entsprechenden Bezahlung wegschicken, die Diagnose lautet posttraumatische Belastungsstörung. Ich glaube, ich muss dir nicht erklären, welche Chancen Männer mit einer Entlassung unter solchen Umständen haben.”

Luke dachte sich, dass nichts davon wie eine wirklich große Überraschung kam, doch es schmerzte ihn dennoch, es zu hören. Er wusste, wie es war. Die Armee erkannte nicht einmal formal die Existenz der Delta Force an. Die Mission war geheim － sie war nie geschehen. Er hatte also nicht gerade darauf gehofft, eine Medaille während einer öffentlichen Zeremonie zu bekommen. Man war nicht bei Delta wegen des Ruhms.

Er hatte zwar erwartet, dass man ihn ignorierte, doch er hatte nicht erwartet, zum alten Eisen geworfen zu werden. Er hatte der Armee viel von sich gegeben und sie waren bereit, ihn wegen einer schlechten Mission auf den Müll zu werfen. Es stimmte, die Mission war schlechter als schlecht gelaufen. Sie war ein Desaster, ein Debakel, doch das war nicht seine Schuld.

„Die schmeißen mich so oder so raus”, sagte er. „Ich kann leise gehen oder zetern.”

„So sieht’s aus”, erwiderte Don.

Luke seufzte schwer. Er schaute wie die Altstadt am Fenster vorbeirollte. Sie fuhren aus dem historischen Viertel heraus auf eine moderne Einkaufsstraße. Sie kamen ans Ende eines langen Häuserblocks und Don bog links auf den Parkplatz eines Burger King ab.

Das Zivilleben käme, ob das Luke gefiel oder nicht. Es war eine Welt, die er vierzehn Jahre zuvor verlassen hatte. Er hatte niemals erwartet, sie wiederzusehen. Was ging in dieser Welt vor sich?

Er beobachtete ein übergewichtiges junges Pärchen dabei, wie sie auf die Tür des Restaurants zuwatschelten.

„Was werde ich tun?” sagte Luke. „Nach dem Ende dieses Jahres? Welche Art von Ziviljob kann ich schon kriegen?”

„Ganz leicht”, antwortete Don. „Du wirst für mich arbeiten.”

Luke blickte ihn an.

Don parkte auf einem Platz weit hinten. Dort gab es keine weiteren Autos. „Das Spezialeinsatzteam ist soweit. Während du im Bett lagst und dir den Bauchnabel angeschaut hast, habe ich mit den Bürokraten gekämpft und den Papierkram erledigt. Ich habe die notwendige finanzielle Förderung, zumindest bis zum Ende des Jahres. Ich habe ein kleines Hauptquartier in der Vorstadt von Virginia, nicht weit von der CIA entfernt. Die malen jetzt gerade die Buchstaben auf die Tür. Ich habe das Gehör des FBI Direktors. Und ich habe － wenn auch nur kurz － mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten am Telefon gesprochen.”

Don stellte den Motor ab und schaute Luke an.

„Ich bin bereit, meinen ersten Agenten anzuheuern. Das bist du.”

Er wies mit dem Kopf auf ein großes Zeichen in der Nähe der Einfahrt zum Parkplatz hin. Luke blickte in die Richtung. Direkt unter dem Burger King Logo stand eine Reihe schwarzer Buchstaben auf weißem Hintergrund. Las man sie gemeinsam, so ergaben sie eine bittere Botschaft.

Angestellte gesucht. Weitere Informationen im Restaurant.

„Falls du keine Lust hast, mit mir zu arbeiten, gibt es bestimmt viele andere Möglichkeiten für dich da draußen.”

Luke schüttelte seinen Kopf. Dann lachte er.

„Das ist ein komischer Tag heute”, sagte er.

Don nickte. „Der wird gleich noch komischer. Hier ist eine weitere Überraschung. Dieses Mal ist es ein Geschenk. Ich wollte es dir nicht im Krankenhaus geben, weil Krankenhäuser furchtbare Orte sind. Besonders Veteranenkrankenhäuser.”

Vor dem Auto stand eine schöne junge Frau mit langem braunen Haar. Sie blickte Luke an, Tränen standen ihr in den Augen. Sie trug eine leichte Jacke, unter der sie ein Mama-Shirt trug. Die Frau war hochschwanger.

Mit Lukes Sohn.

Luke brauchte den Bruchteil einer Sekunde, um sie zu erkennen － das war etwas, dass er niemals jemandem gestehen würde, nicht einmal unter Folter. Sein Gehirn hatte die letzten Wochen über nicht richtig funktioniert und sie war fehl am Platz in diesem öden Parkplatz. Er hatte nicht erwartet, sie hier zu sehen. Ihre Anwesenheit war irreal, mysteriös.

Rebecca.

„Oh Gott”, brachte Luke heraus.

„Ja”, sagte Don. „Vielleicht willst du sie besser begrüßen, bevor sie jemand besseren findet. Hier dauert das bestimmt nicht lang.”

„Warum… warum hast du sie hier hergebracht?”

Don zuckte mit den Schultern. Er blickte sich auf dem Burger King Parkplatz um.

„Romantischer als sie zurück auf dem Stützpunkt zu treffen.”

Dann stieg Luke aus dem Auto. Er schien auf sie zuzuschweben. Sie umarmten sich und er hielt sie lange fest. Endlos. Er wollte sie niemals loslassen.

Zum ersten Mal spürte Luke Tränen sein Gesicht herunterströmen. Er atmete tief. Es fühlte sich so gut an sie festzuhalten. Er sprach nicht. Ihm fiel kein einziges Wort ein.

Sie blickte zu ihm auf und wischte ihm die Tränen vom Gesicht.

„Ist das nicht toll?” fragte sie. „Don sagte, dass du für ihn arbeiten wirst.”

Luke nickte. Er sprach immer noch nicht. Es schien, als wäre das entschieden. Don und Becca hatten die Entscheidung für ihn getroffen.

„Ich liebe dich so sehr, Luke”, sagte sie ihm. „Ich bin so froh, dass dieses Militärleben vorbei ist.”




KAPITEL SECHS


3. Mai

7:15 Uhr (USA Eastern Daylight Zeit)

Hauptquartier des Spezialeinsatzteams

McLean, Virginia—Vorort von Washington, DC



„Ich glaube, ich habe da was für dich”, sagte Don Morris.

Sie saßen in Dons neuem Büro. Der Ort wurde gerade eingerichtet. Auf dem Schreibtisch standen Fotos von seiner Frau und den Kindern, gerahmte Schleifen und Kundmachungen verzierten die Wände. Der Schreibtisch selbst war eine große Eichenfläche. Auf ihr saß eine Telefonkonsole, ein Computermonitor, ein Handy, ein Satellitentelefon und ansonsten nicht viel. Don war kein großer Fan von Papierkram.

„Ein kleiner Einsatz. Du scheinst ein wenig unruhig, seit du hier bist. Das könnte die Unruhe heilen.”

Luke starrte ihn an. Es war fast als ob Don seine Gedanken gelesen hätte. Don hatte ihm einen Gefallen getan, indem er ihm einen Job gab. Luke wusste das. Es war wie ein Rettungsring, den man ihm zugeworfen hatte. Doch Luke drängte es schon weg. Seither waren es nur Wochen voller Herumsitzen und Gespräche. Luke war es langweilig. Das war in Ordnung. Es war nur deshalb gefährlich, weil er vielleicht verrückt würde, wenn es zu lange anhielt. Geheimdienst am Schreibtisch war nicht das Richtige für ihn. Das wurde ihm nur allzu klar.

„Ich bin ganz Ohr”, erwiderte Luke.

Don zeigte zu der offenen Tür. „Lass uns in den Gang heraustreten.”

Luke folgte Don den engen Gang zum hell erleuchteten Konferenzsaal auf der anderen Seite. Bis vor sechs Monaten war dieser kleine Bürokomplex noch ein Satellitenbüro des Wohnungs- und städtischen Entwicklungswesen. Don arbeitete daran, das Gebäude ein wenig ins einundzwanzigste Jahrhundert zu zerren.

Zu diesem Zweck hing ein großer, junger Typ mit einem Pferdeschwanz, der eine seltsame am Kopf anliegende Fliegerbrille trug, einen Flachbildschirm an einer Wand auf. Ein weiterer Bildschirm hing schon an der gegenüberliegenden Wand, Kabel zu einem Bedienfeld auf dem langen Konferenztisch. Der Typ trug ein rot, weiß und blaues T-Shirt, Jeans und rote, hohe Converse All-Star Turnschuhe.

Luke schaute ihn kaum an. Er nahm an, dass er ein Techniker einer Vertragsnehmeragentur der Regierung oder vielleicht ein Computerfreak irgendwo im FBI war.

„Luke, kennst du schon Mark Swann?” sagte Don und verdrängte gelassen diese Gedanken. „Er ist unser neuer Systemdesigner und -bediener und für unsere Geheimdienstnetzwerke, Internet, Satellitenverbindungen verantwortlich… Mark wird viele Aufgaben übernehmen, zumindest für eine Weile. Mark Swann, dies ist Agent Luke Stone. Luke ist unser erster Einsatzagent, doch wir werden bald ein paar weitere hinzufügen.”

Der Typ drehte sich um. Er war dünn. Er hatte dürre Beine. Auf seinem T-Shirt mit der amerikanischen Flagge stand „Wir sind Number 31!”

Der Typ und Luke blickten sich in die Augen. Luke musterte ihn schnell. Er war jung, vielleicht Anfang zwanzig － er sah sogar noch jünger aus. Er war selbstbewusst, fast schon arrogant. Er war intelligent. Er war in der Schule vielleicht schon ein Computerfreak gewesen. Er und Luke würden in verschiedenen Abteilungen sein. Dieser Typ befasste sich mit Ausstattung － nahm sie auseinander, setzte sie wieder zusammen und brachte sie zum Brummen. Er hatte wahrscheinlich noch nie an einem Moment Gewalt in seinem Leben teilgenommen und vermutlich keine erlebt.

Sie gaben sich die Hand.

„Wir sind also Nummer einunddreißig?” fragte Luke. „Wobei sind wir Nummer einunddreißig?”

Der Typ zuckte mit den Schultern und lächelte.

„Keine Ahnung, Mann. Vielleicht kannst du es erraten.”

Luke lachte fast.

„Ich kann es nicht erraten”, erwiderte er. „Vielleicht kannst du mir ein wenig auf die Sprünge helfen.”

„Gesundheitsversorgung”, antwortete der Typ. „Laut der Weltgesundheitsorganisation sind wir Nummer einunddreißig bei der Gesundheitsversorgung. Wir sind jedoch Nummer eins bei Gesundheitsversorgungskosten, falls du etwas suchst, auf das du stolz sein kannst.”

Luke hielt immer noch die Hand des Typen.

„Ich wäre stolz darauf, dir ein paar Knochen zu brechen und dann zu sehen, wie gut amerikanische Ärzte dich wich wieder zusammenflicken. Aber du würdest dich wahrscheinlich lieber in Mexiko behandeln lassen.”

Swann nahm beide seiner Hände zurück. „Kuba. Oder vielleicht auch Kanada.”

„Sehr nett, Mark”, sagte Don. „Ich bin mir sicher, dass Agent Stone sich darüber freut herauszufinden, dass er all diese Jahre seinen Hals für ein Land mit einer solch mittelmäßigen Gesundheitsversorgung riskiert hat.”

Don wies mit seinem Kopf auf die audiovisuellen Geräte hin. „Wie läuft’s?”

Mark nickte. „Der erste Bildschirm ist soweit. Hochauflösend, Hochgeschwindigkeitsverbindung. Sie können die Tastatur und den kleinen Bildschirm dort auf dem Tisch verwenden, und haben mit Ihrem Passwort Zugang auf jegliche unserer eigenen Archive. Sie können wählen, was Sie teilen möchten und es erscheint dann auf dem großen Bildschirm. Ich kann diese Genehmigung auch für alle anderen im Gebäude einrichten － ich wollte Sie Ihnen nur zuerst vorstellen, um herauszufinden, was Sie davon halten.”

Don nickte. „Sehr schön. Wie sieht es mit Besuchern aus? Und können wir Informationen auch mit anderen Standorten teilen?”

Der junge Mark Swann hielt seine Hände hoch, als ob er sagen wollte: Schieß nicht! „Das kommt noch. Doch bevor wir Geheiminformationen außerhalb des Gebäudes senden, brauchen wir eine luftdichte Datenverschlüsselung. Sie können alles e-mailen, was Sie wollen. Doch wenn es darum geht, Videos oder Daten, die anderswo erscheinen, hochzuladen oder Übertragungen hier herzubringen? Das geschieht auf einer Fall-zu-Fall-Basis mit jedem Partner. CIA, NSA, das Weiße Haus, falls notwendig, selbst das Hauptquartier des FBI. Die haben alle ihre eigenen Prozeduren und wir werden ihrem Protokoll folgen.”

Don nickte. „OK, Mark. Es gefällt mir jetzt schon. Können Sie Agent Stone und mir etwa zwanzig oder dreißig Minuten Zeit geben? Und Trudy Wellington hereinschicken?”

Swann nickte. „Klar.”

Als er ging, blickte Don Luke an.

„Komischer Junge”, sagte Luke.

„Schlaues Köpfchen”, erwiderte Don. „Es ist mein Ziel, hier nur die Besten anzustellen. Und wenn es darum geht, dann ist das nicht immer der Typ, dem der Anzug am besten steht. Was Technologie betrifft ist das für gewöhnlich nicht der Fall. Wir sind hier drinnen Cowboys, Luke. Wir sind die Kinder, die außerhalb der Linien malen. Das ist es, was sie von uns wollen. Der FBI Direktor hat es selbst gesagt.”

„Ich stehe auf deiner Seite”, sagte Luke.

„Das solltest du. Du bist einer der besten Einsatzagenten, die ich in meiner langen Karriere gesehen habe und was das außerhalb der Linien malen angeht… naja…”

Plötzlich erschien eine junge Frau in der Tür. Sie war womöglich noch jünger als der Typ, der gerade gegangen war. Don heuerte anscheinend nur Kinder an. Dieses Kind war allerdings schön. Sie hatte langes, lockiges, braunes Haar. Sie trug eine Bluse und Hosen, die ihre Kurven betonten. Sie trug eine große rote Brille, die sie leicht eulenhaft aussehen ließ.

„Don?”

„Trudy, kommen Sie rein. Ich möchte Ihnen Luke Stone vorstellen. Er ist der Mann, von dem ich Ihnen erzählt habe. Luke, das ist Truy Wellington. Sie ist unsere neue Geheimdienst-Offizierin. Auch Sie ist eine Senkrechtstarterin, hat MIT als Teenager abgeschlossen und ein paar Jahre in CIA Abhörstationen verbracht. Jetzt ist sie bei uns, bereit, einen Quantensprung zum nächsten Niveau von Geheimdienst zu machen.”

Luke gab der jungen Frau die Hand. Sie war ein wenig schüchtern, erwiderte nicht ganz seinen Blick. Verdammt, sie war ja noch ein Kind.

Luke blickte zwischen Don und Trudy hin und her. Irgendetwas an der Körpersprache…

Nein, das war unmöglich. Don war seit dreißig Jahren verheiratet. Er hatte eine Tochter und einen Sohn, die älter als diese Trudy waren.

„Trudy wird uns über die Mission informieren, die uns bevorsteht.”

Trudy setzte sich gleich an den Konferenztisch. Luke und Don folgten ihrem Beispiel. Sie nahm sofort die Tastatur, zog den kleinen Monitor nach vorne und tippte ihre Information hinein. Der Desktop ihres Computers erschien auf dem großen Flachbildschirm an der Wand.

„Sie wissen schon, wie man das bedient?” fragte Don.

„Naja… Wir hatten solche Geräte natürlich am MIT. Bei der CIA habe ich nicht so viel gesehen, doch ich stelle mir vor, dass auch sie solche Ausstattung haben. Swann gab mir vorhin Zugang. Ich glaube, er wollte ein bisschen angeben.”

„Na, es ist aber schon ziemlich cool”, sagte Don.

Luke nickte. Er lachte fast wieder. Er stellte sich den Don mit dem stählernen Blick vor, den er die letzten Jahre über kennengelernt hatte － wie er in Kampfzonen sprang, Männer im Schlachtfeld kommandierte, erbarmungslos böse Typen umbrachte. Er schien fast absurd stolz auf diese kleine Agentur, ihre Büroausstattung und die jungen Zivilisten, welche sie mit solcher Gelassenheit bedienten. Na, schön für ihn.

Auf dem Bildschirm erschien ein Ausweis der United States Marine Corps. Auf ihm erschien ein Soldat mit einem Bürstenschnitt, einem breiten Kiefer und einem bedrohlichen Blick. Er schien sarkastisch, verärgert und bereit, jemanden auf der Stelle umzubringen. Er sah wie die Art Typ aus, der seinen Gefechtseinsatz in Übersee durchführte, dann nach Hause kam und seine Zeit damit verbrachte, in Kneipenstreitereien zu geraten. Ein rauer Kunde.

Luke hatte viele solcher Typen gesehen. Er hatte sogar einige von ihnen bewusstlos geschlagen.

„Ich gehe davon aus, dass keiner von euch beiden schon Wissen über das Objekt oder das Ziel hat”, begann Trudy. „Das könnte diese Unterhaltung ein wenig länger als notwendig machen, oder vielleicht auch nicht. Doch für gewöhnlich garantiert es, dass wir danach alle gleichviel wissen. Klingt das in Ordnung?”

„Gut”, erwiderte Don.

„Klingt in Ordnung”, stimmte Luke zu.

Sie nickte. „Dann lasst uns anfangen. Der Mann auf dem Bildschirm ist der ehemalige Marine Corps Feldwebel Edwin Lee Parr. Siebenunddreißig Jahre alt, aufgewachsen in Kentucky, südlich von Lexington. Kriegsveterane, der sowohl 1989 bei der Invasion von Panama als auch im Golfkrieg im Gefecht war. Er wurde ebenfalls bei der Friedenssicherung am Ende des Kosovokrieges eingesetzt. Purple Heart und einen Bronzestern für verdienstvollen Dienst während der Invasion von Panama. Ehrenhafte Entlassung im Dezember 1999, nach zwölf Jahren Dienst.

„Parr kam heim und arbeitete in verschiedenen Teilen des Landes für eineinhalb Jahre im Sicherheitsdienst. Er hatte eine verdeckte Waffenlizenz und war hauptsächlich ein persönlicher Bodyguard für Geschäftsleute, oft für Diamantenhändler. Er arbeitete für eine Firma namens White Knight Security und pendelte zwischen New York, Miami, Chicago, Los Angeles und San Francisco. Ein paar dokumentierte Reisen nach Tokyo, Hong Kong und London, doch es ist nicht klar, wie die Waffenregulierungen bei diesen Fällen gehandhabt wurden.”

Luke starrte in die wütenden Augen des Mannes. Es schien wie kein schlechter Job für einen Kriegsveteranen. Nicht viel Action, aber ordentlich Reisen. Das könnte sogar einem Mann wie…

„Dann geschah der elfte September”, fuhr Trudy fort.

„Hat er sich wieder verpflichtet?” fragte Luke.

Sie schüttelte ihren Kopf. „Nein. Binnen kurzer Zeit gab es unglaublich viel Nachfrage für erfahrene militärische Auftragsnehmer. White Knight Security entwickelte eine ganz neue Abteilung, die sich White Knight Consultants nannte. Edwin Paar war einer ihrer ersten verfügbaren Kampfzonenexperten. Er ging nach Afghanistan und ist jetzt seit fünfundzwanzig Monaten ohne Unterbrechung in Irak.”

Luke begann sich zu wünschen, dass sie endlich zum Punkt käme. Der Gedanke daran, wie Edwin Parr sich auf einer Kampfschaubühne befand und dabei an wenig oder gar kein Kommando gebunden war und zehn Mal so viel wie normale Soldaten verdiente, verärgerte Luke. Um es milde auszudrücken.

„Fünfundzwanzig Monate?” fragte Luke. „Was macht er dort? Ich meine, abgesehen davon, sein Bankkonto zu füllen?”

„Es scheint, dass Edwin Parr abtrünnig wurde”, sagte Trudy.

Sie hielt inne und schaute einen Moment von der Tastatur und der Maus auf. „Die nächsten Bilder sind graphisch.”

Luke starrte sie an.

„Ich glaube, damit können wir umgehen”, erwiderte Don.

Trudy nickte. „Parr wurde vor vier Monaten von White Knight gefeuert, obwohl er eine fünfjährige Beziehung zu ihnen hat. White Knight leugnet jegliche Kenntnis über seine Aktivitäten oder seinen Aufenthaltsort ab. Sie verweigern jegliche Verantwortung für seine Handlungen.”

Ein neues Bild erschien auf dem Bildschirm. Es zeigte womöglich ein Dutzend Körper, die auf einer Art Marktplatz verstreut lagen. Die Körper konnte man fast nicht als menschlich erkennen － sie waren von einer Bombe oder einer Art hochkalibrigen Repertierwaffe zerfetzt worden.

„Parr operiert im nordwestlichen Irak, was auch als das Sunni Dreieck bekannt ist, außerhalb der Reichweite der Koalitionstruppen. Es arbeiten bis zu ein Dutzend ehemalige oder möglicherweise derzeitige Vertragsnehmer mit ihm zusammen und wir vermuten, dass sich ebenfalls ein oder zwei Marine Corps Deserteure bei ihm befinden. Man vermutet, dass er das Zivilmassaker angeordnet hat, das an diesem Fallujah Markt geschah, und man vermutet, dass dies ein Bild der Folgen des Massakers ist. Bis zu vierzig Menschen könnten bei dem Anschlag gestorben sein.”

Luke war interessiert. „Warum würde er das tun?”

Ein neues Foto erschien auf dem Bildschirm. Es zeigte zwei verbrannte, kopflose Körper, die von einer Brücke hingen.

„Die Körper, die Sie hier sehen, wurden als die Überreste der ehemaligen amerikanischen Militärvertragsnehmer Thomas Calence, einunddreißig, und Vladimir Garcia, neununddreißig, identifiziert. Ihr Jeep wurde von aufständischen Sunnis angegriffen. Sie wurden gefangen, geköpft und angezündet. Als dies geschah, war keiner der beiden vom Militär beauftragt. Das Massaker des vorherigen Fotos scheint die Rache für die Tode von Calence und Garcia zu sein. Ein Teil einer eskalierenden Reihe von Vergeltungsattentaten. Calence und Garcia arbeiteten mit Parr zusammen.”

„Was taten sie?” fragte Luke.

Ein weiteres Bild erschien, eine Karte des sogenannten Sunni Dreiecks.

„Das Sunni Dreieck war Saddam Husseins Hochburg im Irak. Der Süden des Landes ist hauptsächlich schiitisch und Saddam gab sich viel Mühe, die Schiiten zu unterdrücken, wozu auch häufig Massaker gehörten. Der Norden ist überwiegend kurdisch und die Kurden wurden oft noch schlimmer als die Schiiten behandelt. Doch das nordzentrale und nordwestliche Irak ist Sunnigebiet. Saddam wurde dort geboren und die Leute da halten zu ihm. Es fällt dem amerikanischen Militär sehr schwer, diese Region zu zähmen und große Teile davon sind immer noch unerreichbar. Wir glauben, dass Parr dort draußen operiert, weil da der Großteil von Saddams Reichtum versteckt ist.”

Sie fuhr fort: „Es scheint, dass Parr systematisch geheime Geld-, Waffen-, Diamanten-, Gold- und andere Edelmetallspeicher sowie einige Luxusautos aufgedeckt hat. Er findet die Sachen, indem er Saddams ehemalige Leutnants foltert und ermordet und die örtliche Bevölkerung einschüchtert. Die Anwohner hassen Parr und sie versuchen aktiv, ihn umzubringen.

„Doch Parr hat eine kleine Armee von harten Typen zusammengestellt － militärische Consultants, einige von ihnen aus dem Spezialeinsatz und wie ich schon zuvor erwähnt habe, möglicherweise zwei Marine Corps Deserteure. All seine Männer sind kampferfahren und Parr macht sie reich, so lange sie am Leben bleiben. Dabei verwenden sie immer extremere Methoden, um sich zu versichern, dass dem so ist. Derzeitig entführen sie Frauen und Kinder der ansässigen Stämme. Wir glauben, sie verwenden sie als menschliche Schutzschilder. Es ist auch möglich, dass sie einige an Al Qaeda und die schiitischen Stämme aus dem Süden verkaufen.”

Trudy hielt inne.

„Er raubt Saddams versteckten Schatz so schnell wie er kann aus und er lässt es nicht zu, dass sich ihm jemand dabei in den Weg stellt.”

„Was ist hierbei unsere Rolle?” fragte Luke.

Don zuckte mit den Schultern. „Wir sind das FBI, mein Sohn. Wir gehen dahin, retten jeden, der gegen seinen Willen gehalten wird und nehmen Edwin Lee Parr für Entführung und Mord fest.”

„Ihn festnehmen…” sagte Luke. „Für Mord. In einer Kriegszone. Wo Hunderttausende von Menschen schon gestorben sind.”

Er ließ sich das eine Minute durch den Kopf gehen.

Don nickte. „So sieht’s aus. Wir werden ihn hierher zurückbringen, ihn verurteilen und ihn wegschließen. Dieser Typ Parr ist ein Durcheinander, der muss aufgeräumt werden. Das ist ein Mörder, ein Lügner und ein Dieb. Keiner kommt dort an ihn ran, er arbeitet unter keinem Kommando und ist zu seinem eigenen Gesetz geworden. Der begeht Grausamkeiten, für welche die Iraker die Amerikaner beschuldigen. Wenn der weitermacht, dann wird er einen internationalen Vorfall verursachen. Das wird unserem ganzen Aufwand im Irak, in Afghanistan und überall auf der Welt schaden.”

Luke atmete tief durch. „Und wie, stellst du dir vor, soll das ablaufen?”

Don und Trudy starrten ihn an.

Trudy erklärte. „Wenn du den Fall annimmst, dann wird dir die CIA eine Identität als ein angehender korrupter Militärvertragsnehmer ausstellen”, sagte sie. „Du und ein Partner werdet allein ins Sunni Dreieck reisen, Parrs Hauptquartier unter einem Dutzend verdächtiger Standorte finden, ihn festnehmen und dann um eine Abholung durch Helikopter bitten.”

Luke grunzte. Er lachte fast. Er sah die junge, hübsche Trudy, Graduierte einer elitären Ostküstenuniversität, an. Aus irgendeinem Grund konzentrierte er sich auf ihre Hände. Sie waren winzig, makellos, sahen sogar schön aus. Er zweifelte daran, dass sie jemals eine Waffe gehalten hatten. Sie sahen aus als ob sie noch nie etwas schwereres als einen Stift hochgehoben hatten oder von Dreck verschmutzt worden waren. Ihre Hände sollten in der Werbung von Palmolive erscheinen. Ihre Hände sollten ihre eigene Fernsehsendung bekommen.

„Das klingt gut”, erwiderte er. „Haben Sie sich das überlegt? Ich kann Ihnen erklären, dass meine letzte Helikopterabholung ganz toll lief. Mein bester Freund starb, mein kommandierender Offizier starb, so ziemlich alle starben. Die einzigen, die nicht starben, waren ich, ein Typ, der verrückt wurde und ein weiterer, der beide Beine verlor und verrückt wurde. Und… wissen Sie, seine Fähigkeit zu…”

Luke hielt inne. Er wollte nicht den Satz beenden.

„Der Typ will nicht mehr mit mir reden, weil er mich darum bat, ihn zu töten und ich ihm die Bitte verweigert habe.”

Trudy starrte Luke mit diesen großen, hübschen Augen an. Durch die Brille sahen sie größer aus als sie eigentlich waren. Sie sah in diesem Moment aus wie ein Wissenschaftler, der durch ein Mikroskop ein Insekt inspiziert.

„Das ist unangenehm”, sagte sie.

„Das sind alte Nachrichten”, entgegnete ihm Don. „Entweder steigst du wieder aufs Pferd oder nicht.”

Luke nickte. Er hielt die Hände hoch. „Ich weiß. Es tut mir leid. Ich weiß es. OK? Nehmen wir mal an, ich gehe dahin. Was, wenn Parr nicht einfach mitwill? Was, wenn er keine Lust darauf hat, den Rest seines Lebens im Knast zu verbringen?”

Don zuckte mit den Schultern. „Wenn er sich der Verhaftung widersetzt, dann beendest du sein Kommando und die Fähigkeit seiner Gruppe, weiterzuarbeiten, wie auch immer du das in diesem Moment erledigen kannst.”

„Ihr wisst aber schon, dass wir über Amerikaner reden?” fragte ihn Luke.

Sie sahen ihn beide an. Keiner von ihnen antwortete. Ein langer Moment verstrich. Es war eine dumme Frage. Natürlich wussten sie das.

„Willst du mitmachen?” wollte Don wissen.

Es dauerte eine Minute, bevor Luke sprach. Wollte er es? Natürlich wollte er es. Welche Wahl hatte er schon? Was sonst könnte er tun? In diesem Bürogebäude sitzen und verrückt werden? Hier sitzen und Einätze ablehnen, bis Don endlich verstünde und ihn feuerte? Hierfür war er angestellt worden. Im Vergleich zu den Dingen, die er zuvor getan hatte, war es eigentlich gar keine große Mission. Es war fast wie eine Wochenendreise.

Ein Bild von Rebecca, hochschwanger, im Haus ihrer Familie, blitzte in seinen Gedanken auf. Sein Sohn wuchs in ihr. Er wäre bald da. Trotz seines Bürojobs, trotz der langen Pendelreise, trotz der Tatsache, dass er fünf Tage pro Woche kaum zu Hause verbrachte, war der letzte Monat so ziemlich der glücklichste, den sie jemals zusammen verbracht hatten.

Was würde Becca darüber denken?

„Luke?” fragte Don.

Luke nickte. „Ja, ich nehme die Mission an.”




KAPITEL SIEBEN


18:15 Uhr (USA Eastern Daylight Zeit)

Queen Anne’s County, Maryland—Östliche Küste der Chesapeake Bucht



„Du siehst wunderschön aus”, sagte Luke.

Er war gerade angekommen. Sobald er durch die Tür geschritten war, hatte er sich sein Hemd und seine Krawatte vom Leib gerissen und sich Jeans und ein T-Shirt angezogen. Jetzt hatte er eine Dose Bier in der Hand. Es war eiskalt und köstlich.

Der Verkehr war verrückt. Er brauchte neunzig Minuten von Washington DC durch Annapolis über die Brücke der Chesapeake Bucht, um an die Ostküste zu gelangen. Doch das spielte alles keine Rolle mehr, weil er jetzt zu Hause war.

Er und Becca hielten sich im Häuschen ihrer Familie in Queen Anne’s County auf. Das Häuschen war ein alter, rustikaler Ort, das an einer Steilküste direkt über der Bucht lag. Es hatte zwei Stockwerke, alles war aus Holz, weshalb es überall krächzte und stöhnte, wo man auftrat. Es gab eine mit Fliegengitter geschützte Terrasse mit Blick auf das Wasser und eine Küchentür, die enthusiastisch zufiel.

Die Möbel im Wohnzimmer waren Generationen alt. Die Betten waren alte Metallskelette mit Federn. Das Bett im Hauptschlafzimmer war fast, aber nicht ganz, lang genug, damit Luke darin bequem schlafen konnte. Der weitaus robusteste Gegenstand im Haus war der Steinkamin im Wohnzimmer. Es schien fast als wäre der Kamin zuerst dagewesen, und jemand mit Sinn für Humor hatte eine klapprige Hütte darum gebaut.

Angeblich war das Haus schon seit über hundert Jahren im Besitz der Familie. Einige von Beccas frühesten Erinnerungen hatten dort stattgefunden.

Es war ein wirklich schöner Ort. Luke gefiel es hier.

Sie saßen im Hinterhof, genossen den späten Nachmittag, während die Sonne langsam westwärts über die riesige Wasserfläche zog. Es war ein windiger Tag und überall da draußen waren weiße Segel gesetzt. Luke wünschte sich fast, dass die Zeit anhielte und er hier für ewig sitzen könnte. Die Umgebung war wunderbar und Becca war wirklich schön. Da hatte Luke nicht gelogen.

Sie war so hübsch wie immer und fast genauso zierlich. Ihr Sohn war ein Basketball, den sie unter ihrer Bluse schmuggelte. Einen Teil des Nachmittags hatte sie damit verbracht, ein wenig im Garten zu graben, weshalb sie ein bisschen verschwitzt war. Sie trug einen großen Sonnenschlapphut und trank ein großes Glas Eiswasser.

Sie lächelte. „Du bist auch nicht grade hässlich.”

Eine lange Pause zog sich zwischen ihnen hin.

„Wie war dein Tag?” fragte sie.

Luke nippte erneut an seinem Bier. Er glaubte daran, dass man die Dinge richtig lösen musste, wenn es Ärger gab. Ausreden waren normalerweise nicht sein Stil. Und Becca hatte es verdient, es sofort zu hören.

„Nun, es war anders als gewohnt. Don heuert die Belegschaft an. Und er hat mir heute ein Projekt zukommen lassen.”

„Super”, antwortete Becca. „Das sind doch gute Nachrichten, oder? Ist es etwas, auf das du dich konzentrieren kannst? Ich weiß, dass der Job dich ein wenig gelangweilt hat und die Pendelei dich frustriert.”

Luke nickte. „Klar, es sind gute Nachrichten. Könnten es zumindest sein. Es ist Polizeiarbeit, könnte man sagen. Wir sind das FBI, stimmt’s? Das ist unsere Aufgabe. Der Nachteil ist, dass wenn ich diese Aufgabe annehme － und ich habe da nicht wirklich die Wahl, da es meine Arbeit ist － ich die Stadt für ein paar Tage verlassen muss.”

Luke hörte sich selbst dabei zu, wie er zögerte. Es gefiel ihm nicht, wie das klang. Die Stadt verlassen? War das ein Witz? Don schickte ihn nicht nach Pittsburgh.

Jetzt nippte Becca an ihrem Wasser. Ihre Augen beobachteten ihn über den Glasrand. Sie blickten wachsam. „Wo musst du denn hin?”

Das war es. Es wäre besser, jetzt gleich die Wahrheit zu sagen.

„Irak.”

Ihre Schultern fielen vornüber. „Oh Luke. Wirklich.” Sie seufzte schwer. „Er will dich in den Irak schicken? Du bist gerade aus Afghanistan zurückgekehrt, wo du fast gestorben wärst. Weiß er nicht, dass wir bald ein Baby haben? Das weiß er doch, oder?”

Luke nickte. „Er hatte dich gesehen, Liebes. Erinnerst du dich? Er hat dich mitgenommen, um mich zu besuchen.”

„Wie kann er auch nur daran denken? Ich hoffe, dass du ihm nein gesagt hast.”

Luke nippte erneut an seinem Bier. Es war jetzt ein wenig wärmer. Nicht mehr gar so köstlich wie noch vor einem Moment.

„Luke? Du hast ihm nein gesagt, stimmt’s?”

„Liebling, das ist mein Beruf. Es gibt nicht viele andere Jobs wie diesen für mich. Don hat mir einen Rettungsring zugeworfen und mir den Hals gerettet. Die Armee hätte gesagt, dass ich PTB habe und hätte mich rausgeschmissen. Wegen Don geschah dies nicht. Ich bin gerade nicht in der Situation, in der ich das ablehnen kann. Und es ist auch eine ziemlich einfache Aufgabe.”

„Eine einfache Aufgabe in einem Kriegsgebiet”, erwiderte Becca. „Worum geht es? Sollst du Osama bin Laden umbringen?”

Luke schüttelte seinen Kopf. „Nein.”

„Was denn dann?”

„Es gibt dort einen Militärvertragsnehmer, der außer Kontrolle ist. Der plündert alte Verstecke von Saddam Hussein und stiehlt Geld, Kunstwerke, Gold, Diamanten… Die wollen, dass ich und ein Partner ihn festnehmen. Es ist gar kein Militäreinsatz. Es ist Polizeiarbeit.”

„Wer ist der Partner?” fragte sie. An ihrem Blick konnte er erkennen, dass sie daran dachte, was seinem letzten Partner widerfahren war.

„Ich habe ihn noch nicht kennengelernt.”

„Und warum lassen sie nicht einfach die Militärpolizei das regeln?”

Luke schüttelte seinen Kopf. „Das ist nichts, womit sich das Militär befasst. Wie schon gesagt, es ist eine Polizeiangelegenheit. Der Vertragsnehmer ist technisch gesehen ein Ziviler. Sie wollen den Unterschied klar darstellen.”

Luke dachte an all die Dinge, die er ausließ. Die Unruhen in der Region und das ständige Kämpfen, das dort vor sich ging. Die Gräueltaten, die Parr begangen hatte. Das Team von Schurken und erbarmungslosen Killern, das er um sich geschart hatte. Die Verzweiflung, die sie gerade spüren mussten, um lebendig und mit ihrer ganzen Beute dort rauszukommen, ohne dabei vom langen Arm des Gesetzes gefangen zu werden. Die toten Männer, enthauptet und verbrannt, die von einer Brücke hingen.

Becca begann abrupt zu weinen. Luke stellte das Bier ab und ging zu ihr. Er kniete neben ihrem Stuhl und umarmte sie.

„Oh Gott, Luke. Sag mir, dass das nicht wieder alles anfängt. Ich glaube nicht, dass ich es aushalten könnte. Unser Sohn kommt bald auf die Welt.”

„Ich weiß”, entgegnete er ihr. „Ich weiß das. Es wird nicht wie früher. Es ist kein Militäreinsatz. Ich gehe nur drei, vielleicht vier Tage weg. Ich nehme den Typen fest und bringe ihn nach Hause.”

„Was, wenn du stirbst?” wollte sie wissen.

„Ich werde nicht sterben. Ich werde sehr vorsichtig sein. Ich muss vielleicht nicht mal meine Waffe ziehen.”

Er konnte die Dinge, die er ihr da erzählte, fast nicht glauben.

Sie zitterte jetzt vor lauter Weinen.

„Ich will nicht, dass du gehst”, sagte sie.

„Ich weiß, Schatz, ich weiß. Aber ich muss gehen. Es wird sehr schnell sein. Ich werde dich jeden Abend anrufen. Du kannst bei deiner Familie unterkommen. Und dann bin ich gleich wieder da. So als ob ich nie gegangen wäre.”

Sie schüttelte ihren Kopf, die Tränen flossen jetzt noch mehr. „Bitte”, flehte sie. „Bitte sag mir, dass alles in Ordnung kommt.”

Luke hielt sie vorsichtig fest, achtete auf das Baby, das in ihr wuchs. „Alles kommt in Ordnung. Alles wird wunderbar. Ich weiß es.”




KAPITEL ACHT


5. Mai

15:45 Uhr (USA Eastern Daylight Time)

Joint Base Andrews

Prince George’s County, Maryland



„Du bist der Chef”, sagte Don.

Er war ein paar Zentimeter größer als Luke und ein ganzes Stück breiter. Sein graues Haar, seine Größe, sein Alter und seine Erfahrung ließen Luke sich neben Don immer wie ein Kind fühlen.

„Lass sie nicht vergessen, wer das Sagen hat. Ich würde mit dir mitkommen, aber ich stecke in Terminen fest. Du bist mein Repräsentant. Was diese Reise angeht, bist du ich.”

Luke nickte. „In Ordnung, Don.”

Sie gingen einen langen, breiten Gang durch den Terminal entlang. Schwärme von Menschen, die meisten trugen verschiedene Uniformen, liefen umher. Andere standen und aßen bei Taco Bell und Subway. Männer und Frauen umarmten sich. Haufen von Gepäck fuhr auf Wagen vorbei. Es herrschte viel Betrieb. Es gab zwei Kriege zum gleichen Zeitpunkt und überall im Militär wurde Personal entsandt.

„Ein neuer Typ kommt mit dir mit. Er ist dein Partner, aber du bist der Dienstältere. Sein Name ist Ed Newsam. Ich mag ihn. Er ist groß, verdammt selbstsicher und jung. Ich habe ihn aus Delta herausgeholt, obwohl er nur ein Jahr dort war.”

„Ein Jahr? Don…”

„In dem Jahr hat er schon eine Menge geleistet. Glaub mir, du wirst mir danken, dass ich diesen Typen angeheuert habe. Er ist ein toller Kerl. Ein richtiges Tier, genauso wie du es in dem Alter warst.”

Mit seinen zweiunddreißig Jahren begann Luke sich schon alt zu fühlen. In den letzten Wochen war er wieder ins Fitnessstudio gegangen und es fühlte sich anstrengend an, wieder in Form zu kommen. Das war ein böses Erwachen. Er hatte sich während seiner Zeit im Krankenhaus gehenlassen.

„Trudy und Swann reisen mit dir, doch die werden dich nicht beim Einsatz begleiten. Sie bleiben in der grünen Zone, wo es sicherer ist und liefern dir von dort aus Beratung und Informationen. Unter keinen Umständen solltest du sie in Gefahr bringen. Sie sind kein Militärpersonal und waren es auch nie.”

Luke nickte. „Verstanden.”

Don hielt inne. Er wandte sich an Luke. Seine harten Augen wurden ein wenig weicher. Es war als ob er Lukes Vater war － der Vater, den er nie hatte. Don war einfach nur ein riesiger, grauhaariger, breitgebauter Papa mit einem Gesicht, das aus Granit gemeißelt schien.

„Du schaffst das, mein Sohn. Du hattest schon zuvor Kommandopositionen. Du warst schon zuvor in Kriegsgebieten. Du warst schon auf schwierigen, unmöglichen Missionen. Das hier ist anders. Es wird einfacher, OK? Big Daddy Cronin kümmert sich um diesen Einsatz vom Boden aus. Er schützt dir den Rücken und liefert die Leute, die du in der Luft brauchst und ist direkt einen Schritt hinter dir.”

Luke freute sich, das zu hören. Bill Cronin war ein CIA Spezialagent. Er hatte eine Menge Erfahrung im Nahen Osten. Luke hatte schon zwei Mal zuvor unter ihm gedient － einmal wurde er von der Delta Force an die CIA verliehen und das andere Mal waren sie auf einem gemeinsamen Spezialeinsatz.

Don fuhr fort. „Ich gehe ganz davon aus, dass ihr Jungs da einfallt und Parr seine Waffe fallenlässt und die Hände hochhebt. Der wird erleichtert sein, dass ihr nicht Al Qaeda seid. Wir brauchen einen schnellen Gewinn, um den Kongressmitgliedern zu beweisen, dass wir es ernst meinen. Deshalb habe ich dir eine einfache Mission zugeteilt. Doch sage das nicht den anderen. Die glauben, dass das hier das ernsthafteste überhaupt ist.”

Luke lächelte und schüttelte seinen Kopf. „In Ordnung, Papa.”

„Ich würde dir ja das Haar zerzausen, aber dafür bist du zu alt” erwiderte Don.

Vor ihnen war eine kleine Wartezone für ihr Gate. Drei Reihen mit jeweils fünf Plätzen standen vor einem Schreibtisch, hinter dem sich die Tür zur Rollbahn befand. Der Schreibtisch war leer und niemand saß auf den Plätzen. Dies war ein leerer Bereich des Terminals.

Durch die großen Fenster konnte Luke ein kleines, blaues Jet des Außenministeriums geparkt sehen. Eine abnehmbare Treppe führte zu der offenen Kabinentür des Flugzeuges.

Eine Gruppe von drei Leuten stand am Gate. Zwei von ihnen waren Trudy Wellington und Mark Swann. Trudy war winzig, während Swann groß und schlank war, doch durch die dritte Person in den Schatten geworfen wurde. Es war ein schwarzer Typ in Jeans und einer Lederjacke. Der schwarze Typ stand allein da, ein wenig abseits von Trudy und Swann. Vor ihm stand ein grüner Rucksack auf dem Boden.

„Ist das der Typ?” wollte Luke wissen. „Newsam?”

Don nickte. „Das ist er.”

Luke betrachtete ihn, während sie sich annäherten. Er sah zwei Meter groß aus, hatte breite Schultern und eine enorme Brust. Unter seiner Lederjacke trug er ein weißes T-Shirt, dass sich an seinen riesigen Körper schmiegte. Es sah aus als hätte es ihm jemand aufgemalt. Seine Arme waren durch die Jacke bedeckt, doch seine Fäuste waren enorm. An seinen großen Füßen trug er gelbe Arbeitsstiefel. Er sah wie die Zeichentrickversion eines Superhelden aus.

Außer seinem Gesicht － das war so arrogant und jung wie das eines normalen High School Jungen. Es stand keine einzige Falte darin.

„Hat dieser Typ Erfahrung im Gefecht?” fragte Luke.

Don nickte erneut. „Oh ja.”

„In Ordnung. Du bist der Chef.”

„Das bin ich.”

Sie erreichten die Gruppe. Alle drei wandten sich um. Trudys und Swanns Blick war auf Don, ihren Boss, gerichtet. Der Neuling, Newsam, starrte Luke an.

„Danke, dass ihr hier seid. Trudy und Mark, ihr habt Luke Stone, euren Kommandanten auf dieser Reise, schon kennengelernt. Luke war einer der besten Sondereinsatzmitglieder, mit denen ich in der Armee der USA gedient habe. Luke, das ist Ed Newsam, mit dem ich zwar nicht gedient habe, aber über den ich spektakuläre Dinge gehört habe.”

Die beiden Männer schüttelten sich die Hände. Luke blickte dem größeren Mann in die Augen. Newsam tat nichts offensichtliches － er versuchte beispielsweise nicht, Lukes Hand in seiner eigenen zu zerdrücken. Doch seine Augen sagten alles: Du kommandierst mich nicht.

Luke sah das anders. Doch dies war weder der Moment noch der Ort, um sich darüber Sorgen zu machen. Sollten sie jedoch zusammenarbeiten, insbesondere in einem Kriegsgebiet, dann käme der Moment sicherlich.

Don äußerte ein paar ermutigende Worte, um die Gruppe loszuschicken. Doch Luke hörte nicht mehr zu. Er beobachtete die harten, jungen Augen dabei, wie sie ihn beobachteten.




KAPITEL NEUN


23:15 Uhr Zentraleuropäische Sommerzeit (17:15 USA Eastern Daylight Zeit)

Institut Le Rosey

Rolle, Schweiz



Es war die berühmteste Schule der Welt.

Nunja, zumindest war es die teuerste.

Aber eigentlich war es nur sehr langweilig und sie wollte nicht hier sein. Ihre Mutter und ihr Vater hatten sie für ein Jahr hierher geschickt, bevor sie ins College ging. Und es war das tristeste, einsamste Jahr ihres Lebens. Vielleicht würde jetzt, da es fast vorbei war, alles besser werden. Man hatte ihr einen Platz in Yale im Herbst angeboten.

Selbstverständlich. Ihr Vater war einer der bekanntesten Ehemaligen von Yale, warum hätte man sie nicht akzeptiert? Sie war Elizabeth Barrett, die jüngste Tochter von David P. Barrett, dem derzeitigen Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Sie war gerade dabei, ein Telefonat mit ihrem Vater zu beenden.

„Nun, Herzchen, welche positiven Dinge nimmst du aus diesem Jahr mit?”

So war ihr Vater, immer sprach er über „positives”. War das überhaupt ein echtes Wort? Ständig verwandte er solche Worte und Phrasen － sie waren immer positiv, es gab etwas mitzunehmen, es ging immer voran, die Leiter hinauf, um etwas Großartiges zu erschaffen. Sie hatte begonnen zu verdächtigen, dass er überhaupt nicht so optimistisch war wie seine Gerede. Das war alles gefälscht, ein Betrug. Er sagte das alles nur, weil er wusste, dass es in seinem Leben immer jemanden gab, der mitlauschte.

Sie hasste das. Sie hasste, dass ein Agent vom Geheimdienst vierundzwanzig Stunden täglich in ihrer Nähe war. Sie mochte einige der Agenten an sich, aber sie hasste, dass dies notwendig war, dass ihr Leben überall gekürzt und gekünstelt war deswegen. Sie hörten natürlich auch bei diesem Telefonat mit, und sie waren niemals weit entfernt － während sie schlief, blieb ein Mann draußen die ganze Nacht auf dem Gang.

„Ich weiß nicht, Papa”, sagte sie. „Ich weiß es einfach nicht. Ich freue mich, hier rauszukommen.”

„Na, du bist doch in den schweizer Alpen Ski gefahren, oder? Du hast Leute aus der ganzen Welt getroffen.”

„Unsere Reisen nach Colorado haben mir besser gefallen, als ich ein Kind war”, erwiderte sie. „Und die Leute, die ich getroffen haben? Ja, toll. Kinder aus Russland, deren Väter Gangster sind, die alle Industrien ausgeraubt haben, als die Sowjetunion zusammenfiel. Kinder aus Saudi Arabien und Dubai, deren Väter Prinzen oder sowas sind. Sind alle in Saudi Arabien Prinzen? Das ist das, was ich gelernt habe, Papa. Jeder in Saudi Arabien gehört der königlichen Familie an.”

Ihr Vater der Präsident lachte. Das brachte sie zum Lächeln. Sie hatte ihn seit sehr langer Zeit nicht mehr Lachen gehört. Das erinnerte sie daran, wie es früher war, als ihr Vater im Ölgeschäft der Familie arbeitete und Mitinhaber eines professionellen Footballteams war. Er war damals ein lustiger Vater gewesen.

Zu Familiengrillfesten trug er eine Schürze auf der Lustigster Vater der Welt stand. Das schien vor einer langen Zeit gewesen zu sein.

„Nun, Kleine”, sagte er, „Ich bin mir ziemlich sicher, dass nicht jeder in Saudi Arabien zur königlichen Familie gehört.”

„Ich weiß”, antwortete sie. „Einige Leute sind Diener und Sklaven.”

„Elizabeth!” rief er, doch er war nicht böse. Er amüsierte sich mit ihr. Sie war schon immer diejenige, welche die ungeheuerlichsten Sachen sagte, seit sie jung war.

„Die Wahrheit tut weh, Papa.”

„Elizabeth? Das ist sehr lustig. Aber ich muss los. Tu das für mich, ja? Du hast nur noch eine Woche dort. Versuche, das Beste draus zu machen. Nutze die Gelegenheiten, die sich dir bieten und tu was, dass dir Spaß macht, OK?”

„Keine Ahnung, was das sein könnte”, erwiderte sie, doch dieses Mal war es eine Lüge. „Aber ich tu mein Bestes.”

„Gut. Du bist wunderschön, Liebes. Deine Mama und ich haben dich lieb. Opa und Oma lassen dich grüßen. Und ruf deine Schwester an, ja?”

„In Ordnung”, sagte Elizabeth. „Ich habe dich auch lieb, Papa.”




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