Ein erlesener Mord
Fiona Grace


Ein Toskanischer Weingarten Cozy-Krimi #1
„Höchst unterhaltsam. Dieses Buch gehört in die Regale aller Leser, die einen gut geschriebenen Mystery-Roman mit zahlreichen Twists und einer ausgefeilten Handlung zu schätzen wissen. Sie werden nicht enttäuscht sein. Bestens geeignet für ein kaltes Wochenende am Kamin!“

–-Buch- und Filmkritiken, Roberto Mattos (über Mord im Herrenhaus)



EIN ERLESENER MORD (ein COZY MYSTERY-Roman der Reihe DER TOSKANISCHE WEINGARTEN) ist der erste Roman in einer charmanten, neuen Krimi-Reihe von Bestsellerautorin Fiona Grace, Autorin von Mord im Herrenhaus (Buch Nr. 1), einem #1- Besteller mit über 100 Fünf-Sterne-Bewertungen—als kostenloser Download verfügbar!



Als Olivia Glass, 34, eine Kampagne für einen billigen Wein zusammenschustert, die ihre Werbeagentur an die Spitze katapultiert, schämt sie sich für ihr Werk—doch man bietet ihr die Beförderung, von der sie immer geträumt hat. Olivia befindet sich an einem Scheideweg und erkennt, dass das nicht das Leben ist, das sie sich immer gewünscht hat. Schlimmer noch—als Olivia erfährt, dass ihr langjähriger Freund sie betrügt, wird ihr klar, dass ihr Leben eine grundlegende Veränderung dringend nötig hat.



Olivia hat schon immer von einem einfachen Leben in der Toskana und einem eigenen Weingarten geträumt.



Als eine alte Freundin sie in eine Villa in der Toskana einlädt, stellt sie sich die naheliegende Frage: Ist es Schicksal?



Ein urkomischer Trip, vollgepackt mit gutem Essen, Wein, irrwitzigen Wendungen, Romantik und einem neugewonnenen, tierischen Freund—und im Mittelpunkt ein rätselhafter Kleinstadtmord, den Olivia aufklären muss.



EIN ERLESENER MORD ist ein fesselnder Krimi mit Lachern von der ersten bis zur letzten Seite.



Buch Nr. 2 und Nr. 3 der Serie—EIN ERLESENER TODESFALL und EIN ERLESENES VERBRECHEN—sind ebenfalls erhältlich.





Fiona Grace

EIN ERLESENER MORD




EIN ERLESENER MORD




(Ein toskanischer Weingarten Cozy-Krimi – Buch Eins)




FIONA GRACE



Fiona Grace

Debütautorin Fiona Grace ist die Verfasserin der LACEY DOYLE Cozy-Krimis. Die Serie beinhaltet MORD IM HERRENHAUS (Buch 1), DER TOD UND EIN HUND (Buch 2), VERBRECHEN IM CAFE (Buch 3), EIN VERHÄNGNISVOLLER BESUCH (Buch 4) und EIN TÖDLICHER KUSS (Buch 5). Fiona ist außerdem die Autorin der EIN TOSKANISCHER WEINGARTEN Cozy-Krimiserie.



Fiona freut sich, von Ihnen zu hören, also besuchen Sie www.fionagraceauthor.com (http://www.fionagraceauthor.com/) für kostenlose eBooks und die neuesten Informationen. Schauen Sie vorbei.








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BÜCHER VON FIONA GRACE

EIN LACEY DOYLE COZY-KRIMI

MORD IM HERRENHAUS (Buch #1)

DER TOD UND EIN HUND (Buch #2)

VERBRECHEN IM CAFÉ (Buch #3)

EIN VERHÄNGNISVOLLER BESUC (Buch #4)

EIN TÖDLICHER KUSS (Buch #5)

EIN MALERISCHER MORD (Buch #6)

VERSTUMMT DURCH EINEN ZAUBER (Buch #7)

VERDAMMT DURCH EINE FÄLSCHUNG (Buch #8)

KATASTROPHE IM KLOSTER (Buch #9)



EIN TOSKANISCHER WEINGARTEN COZY-KRIMI

EIN ERLESENER MORD (Buch #1)

EIN ERLESENER TODESFALL (Book #2)

EIN ERLESENES VERBRECHEN (Book #3)




KAPITEL EINS


Olivia Glass hatte genau fünfeinhalb Minuten Zeit, ein unerwartetes Desaster abzuwenden.

Es war neunzehn Uhr dreißig an einem Donnerstagabend, und sie saß auf der Rückbank eines Ubers auf dem Weg zu einem Date mit ihrem Freund Matthew in einem von Chicagos heißesten, neuen Restaurants. Er war die ganze Woche über nicht in der Stadt gewesen und hatte sie an diesem Morgen per SMS eingeladen.

Aber jetzt hatte sie eine riesige Laufmasche in ihrer Strumpfhose oberhalb des Knies entdeckt.

Olivia starrte entsetzt darauf.

Das Loch im Nylon war immens. Es war mindestens fünf Zentimeter breit und arbeitete sich langsam ihr Bein hinauf.

Sie hatte nicht die geringste Ahnung, wann das passiert sein konnte. Heute Morgen, als sie sie angezogen hatte, war die Strumpfhose noch in perfektem Zustand gewesen. Seit sieben Uhr war sie in ihrem Büro der Werbeagentur JCreative gewesen, wo sie als Accountmanagerin arbeitete und die meiste Zeit in Meetings und Telefonkonferenzen verbrachte.

Nachdem sie von Matt die überraschende Einladung ins trendige Villa 49 erhalten hatte, fiel ihr auf, dass sie keine Zeit haben würde, um nach Hause zu gehen und sich umzuziehen, und war in ihrer einzigen freien halben Stunde in einige Geschäfte geflitzt. Panisch, weil ihr die Zeit davonlief, hatte sie sich etwas vom Regal gegriffen, das kürzer und enger war, als sie es gewöhnlich trug.

Zurück im Büro hatte ihre Reue über ihren Fehleinkauf nachgelassen, und sie begann sich lediglich zu fragen, ob das Kleid für eine Vierunddreißigjährige nicht ein wenig zu gewagt war.

“Man ist nur so alt, wie man sich fühlt“, redete sie sich mutig ein. Was solls, wenn das Kleid für eine Achtzehnjährige designt worden war? Obwohl sie seither ein paar Pfunde zugelegt hatte, hieß das nicht, dass sie noch nie ein Fitnessstudio von innen gesehen hätte.

Sobald ihr Boss James Clark, der Inhaber von JCreative, das Gebäude verlassen hatte, hatte sich Olivia in der Toilette der Agentur umgezogen. Sie war mit ihren Fingern durch ihr schulterlanges, blondes Haar gefahren, hatte ihren Lippenstift aufgefrischt, ein wenig Parfüm aufgelegt und war die Treppe hinunter zu ihrer Mitfahrgelegenheit geeilt.

Erst als sie ihre ruinierte Strumpfhose bemerkt hatte, fiel ihr auf, wie blass ihre Beine eigentlich waren. Obwohl es Mitte Juni war, hatte sie so viel gearbeitet, dass sie keine Gelegenheit gehabt hatte, die Sommersonne sehen zu können. Durch den Riss, der nach Olivias Schätzung nun etwa so groß wie ein Suppenteller war, schien ihr ihre Haut blendend weiß entgegen.

Matt würde das bemerken, so viel wusste Olivia. Ihm würde der Riss sofort auffallen. Er hatte ein feines Auge fürs Detail, was ihn zu einem höchst erfolgreichen und wohlhabenden Anlagefondsmanager machte. Obwohl sie schon seit Jahren zusammen waren, versuchte Olivia stets, so gut wie möglich für ihn auszusehen und ihn stolz zu machen. Ihre Strumpfhosenkatastrophe würde eine öffentliche Demütigung für sie beide werden; der Stoff, aus dem Alpträume gemacht waren.

Während dieses Rendezvous hatte Olivia Matt ein Geständnis zu machen. Ein Garderobendefekt würde die Situation nur verkomplizieren.

Einen Momentlang zog sie in Betracht, die Strumpfhose auszuziehen und ihren Auftritt mit nackten Beinen zu wagen. Sie könnte sich hier auf der Rückbank des Ubers einfach daraus herauswinden und hoffen, dass der Fahrer nicht merkte, was hinter ihm passierte, und sie käme lediglich mit einer Ein-Stern-Bewertung davon, weil sie sein Fahrzeug als Umkleidekabine genutzt hatte.

Sie schüttelte den Kopf. Strumpfhosenentfernung war keine Option. Ihre Beine waren eindeutig blauweiß, und es war ihr bereits peinlich, dass ihr Kleid so viel kürzer war als ihre gewohnte Kleidung. Sie hatte alle Hilfe, die die schwarze Nylonstrumpfhose ihr bieten konnte, bitter nötig.

Kurz überlegte Olivia, ob sie ein identisches Loch in das andere Bein reißen sollte, bevor sie diesen Gedanken als unbrauchbar abschüttelte. Es gab keine Garantie, dass sie dort genauso reißen würde, und außerdem war das nichts für sie. Sie fühlte sich nicht mal in zerrissenen Jeans wohl.

Also was tun? Das Loch war jetzt grob geschätzt so groß wie ein Kleinwagen, ihr Ankunftsziel nur noch drei Minuten entfernt, und sie hatte noch nicht die geringste Lösung für ihre Krise.

Dann sah Olivia ihre Rettung vor sich.

Jenseits der nächsten Kreuzung erspähte sie die Werbetafel für einen Dessousladen, der offensichtlich geöffnet hatte.

Sie würde den Fahrer einfach bitten, sie dort abzusetzen, würde hineinspringen, in ein Paar neue Strumpfhosen schlüpfen und einen neuen Uber rufen, der sie bis zu ihrem eigentlichen Ziel bringen würde. Sie käme ein paar Minuten zu spät, aber immerhin käme sie ordentlich und vollständig bekleidet dort an.

„Könnten Sie bitte –“, begann Olivia.

Dann klingelte ihr Telefon.

Reflexartig beantwortete sie den Anruf und befand sich plötzlich in einem Gespräch mit James.

„Olivia. Bist du noch im Büro?“

„Ich bin gerade gegangen. Ist es dringend? Ich kann meine Mails gerne sofort checken.“

Oliva merkte, wie sie sich automatisch aufrechter hinsetzte, und hörte ihren schwungvollen, professionellen Ton, den sie instinktiv auflegte, wenn sie mit ihrem Boss sprach.

„Nicht dringend, aber wichtig. Wir müssen uns sofort morgen früh treffen. Ich habe ein wirklich gutes Feedback von der Valley Wines-Kampagne erhalten.“

Olivia merkte, wie ihr das Herz in die Hose rutschte, als der Uber die Boutique passierte. Sie fuhren nun auf West Loop zu, eine Gegend, die für ihre Aneinanderreihung von Alt und Neu bekannt war – niedrige Backsteinhäuser und glasüberzogene Wolkenkratzer, schicke Restaurants, die die Straßen säumten und eine spürbare Abwesenheit von Unterwäschegeschäften.

Sie würde in genau zwei Minuten in ihrer Strumpfhose mit einem Loch der Größe der International Space Station an der Villa 49 ankommen, und es gab nichts, was sie dagegen tun konnte.

„Ich bin froh, dass die Kampagne so gut läuft“, sagte sie.

„Ich schicke dir später eine E-Mail mit allen Details über deinen Bonus. Du hast dir ordentlich was daran verdient.“

Das Taxi schwenkte, um einen Bus zu überholen, und Olivias Handtasche kippe zur Seite. Der Inhalt ergoss sich über den Sitz.

„Weißt du, wer Des Whiteley ist?“, fuhr James fort.

„Ich glaube ich habe ihn im cc in einigen E-Mails gesehen“, sagte Olivia und versuchte dabei verzweifelt, ihren Parfüm-Atomizer zu schnappen, während das Taxi einen weiteren Schlenker fuhr.

„Er ist der CEO. Der Chief Executive Officer.“

„Von Valley Wines?“, fragte sie.

„Nein, nein. Von deren Holdinggesellschaft Kansas Foods. Er hat mich gebeten, dir seine persönlichen Glückwünsche zu übermitteln. Die Verkäufe gehen durch die Decke.“

„Das ist super.” Olivia streckte sich, um ihre Geldbörse, ihren Lippenstift und eine Packung Abschminktücher zu erwischen.

Ihr Lidschatten, eine kleine Schatulle, die sie ebenfalls immer dabeihatte, lag unter den Tüchern.

Die Farbe nannte sich „Schimmernde Kohle“.

Olivia hatte eine Idee.

Sie öffnete das Kästchen und rieb ihren Finger über den Lidschatten. Dann strich sie damit über die freiliegende Haut ihres Beins.

Erfolg. Schimmernde Kohle färbte ihr Bein in der gleichen Farbe wie ihre Strumpfhose. Sie tarnte damit den Schaden, bis er fast nicht mehr erkennbar war.

„Ich habe ihm gesagt, dass deine Herangehensweise an die Kampagne die Werte des Unternehmens versinnbildlicht hat“, fuhr James fort. „Methodisch und organisiert.”

“Organisiert”, wiederholte Olivia und schmierte sich noch mehr Lidschatten auf den Finger.

„Kreativistisch diszipliniert und ergebnisorientiert.”

“Ergebnisorientiert”, echote Olivia zustimmend, und rieb sich mehr von dem Pulver auf die klaffende Stelle.

„Planung für jede Eventualität“, sagte James.

„Absolut. Planung.“

Sie sollte besser einen größeren Bereich ausmalen, entschied Olivia, da die Strumpfhose beim Gehen verrutschen, oder der Riss sich noch weiter ausbreiten könnte. Vorsichtig fuhr sie mit ihrem Finger unter das Nylon.

„Wir reden morgen weiter. Ich bin um sieben im Büro, also lass uns dann anfangen. Wir brauchen mindestens zwei Stunden dafür. Wir haben erst ein kurzes Briefing unter vier Augen, dann ein Gruppenmeeting mit der Chefetage.“

Worum könnte es wohl gehen?, fragte sich Olivia.

„Wir sehen uns”, sagte sie, und er legte auf.

Olivia schloss das Kästchen und steckte es zurück in ihre Tasche.

Der Erfolg der Kampagne hatte alle erstaunt, sogar sie selbst. Als einzige Frau in dem Team aus leitenden Angestellten, war sie es trotz ihrer jahrelangen, harten Arbeit gewohnt, nur zu applaudieren, während andere das Lob einsteckten. Sie hätte nie gedacht, dass sie irgendwann selbst auf einer Art Erfolgsschiene fahren würde. Denn die Arbeit an dieser Kampagne hatte sich in gewisser Weise wie die Verschleierung ihres Strumpfhosenschadens angefühlt.

Sie fühlte sich, als hätte sie einfach nur Glück gehabt, während sie sich geradeso durchgewurschtelt hatte, und hatte das Lob weder verdient noch gewollt.

„Hatten Sie etwas gesagt?”, unterbrach der Uber-Fahrer ihren Gedankenzug und sah zu ihr nach hinten. „Sie wollten etwas fragen, aber dann hat ihr Telefon geklingelt.“

„Oh. Nein, schon gut. Ich dachte, ich müsste woanders aussteigen, aber wies aussieht, musste ich das gar nicht.“

Er nickte. „Sie haben von Valley Wines gesprochen. Arbeiten sie für die?“

„Nicht direkt”, sagte Olivia. „Ich arbeite für eine Agentur, die ihre Accounts händelt.“

„Taugen die was? Meine Frau steht auf eine der kalifornischen Marken. Ich kann mir den Namen nie merken, aber er hat ein hübsches Etikett. Wir konnten ihn letztens nicht finden, darum hab ich ihr gesagt, sie soll einen anderen probieren.“

Olivia überkam ein Schuldgefühl. Regalplätze waren begrenzt, und der Erfolg von Valley Wines bedeutete, dass andere Marken darunter leiden würden.

Kurz überlegte sie, eine Standardantwort zu geben. Dass die Weine großartig wären, und seine Frau sie unbedingt probieren sollte. Aber sie entschied sich dagegen. Immerhin kannten sie und der Taxifahrer sich überhaupt nicht, und es war leichter, Fremden gegenüber ehrlich zu sein.

„Wenn Sie meine persönliche Meinung wissen wollen“, begann sie. „Versuchen Sies gar nicht erst mit Valley Wines. Die Weine sind schrecklich, billig gemacht und ihr Geld nicht wert.“

Sie hatten ihr Ziel erreicht. Das Taxi hielt vor der Villa 49.

„Danke für den Rat“, sagte der Fahrer. „Wir schauen uns nach einem anderen Wein um.“

„Gern geschehen. Danke für die Fahrt.“ Olivia stieg aus.

Mit ihrem Kleidungsdebakel unter Kontrolle, war es jetzt an der Zeit, darüber nachzudenken, was sie Matt sagen wollte.

„Das ist für dich jetzt bestimmt ein Schock, aber ich bin wirklich unglücklich.“

Das sollte ihre Einstiegszeile sein.

Während sie darüber grübelte, was sie als nächstes sagen sollte, betrat Olivia das Restaurant.




KAPITEL ZWEI


Für einen Moment stand Olivia in der Villa 49, ließ das gedimmte Licht auf sich wirken, lauschte dem Gemurmel aus Stimmen und atmete die Aromen ein, die vom nächstgelegenen Tisch zu ihr herüberdrangen.

Ein Duft aus geröstetem Knoblauch, Thymian und Rosmarin. Das reiche Aroma von Bratensauce, vermischt mit einer milden Spur von Wein. Der Duft von selbstgebackenem Brot frisch aus dem Ofen, der einem das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ.

Das erste Mal an diesem langen, stressigen Tag war sie zufrieden. Wenn sie ihre Augen schloss, konnte sie sich vorstellen, wie sie unter einem Olivenbaum in einer rustikalen Trattoria in der Toskana stand, weit weg von all dem Druck ihrer Arbeit, den nie enden wollenden Meetings und dem ständigen Klingeln ihres Telefons.

Sie konnte sogar die heikle Unterhaltung vergessen, die sie gleich mit Matt haben würde.

„Guten Abend, Signora. Willkommen in der Villa 49. Haben Sie reserviert?“

Die höfliche Begrüßung des Oberkellners holte sie wieder in die Realität zurück.

„Ja. Sie sollte auf den Namen Matthew Glenn lauten.“

„Folgen Sie mir.“

Sie schlängelte sich hinter ihm durch das Lokal.

Der Ecktisch, den Matt reserviert hatte, war leer. Kurz war Olivia verwundert. Er war sonst immer pünktlich, und sie war fünf Minuten zu spät. Sie hatte erwartet, ihn hier auf sie wartend vorzufinden.

Aber der Verkehr war wahrscheinlich wie immer unberechenbar.

Schnell sah sie auf ihr Telefon. Da waren zwei weitere Glückwünsche von ihren Kollegen. Jeder davon verursachte ihr identische Gewissensbisse. Zum Schluss war da noch eine Nachricht von ihrer Assistentin Bianca.

„James hat gesagt, ich solle morgen zu einem wichtigen Meeting kommen. Irgendeine Idee, worum es geht? Hab ich etwas falsch gemacht?”

Olivia konnte sich gut vorstellen, wie die schlanke, junge Frau besorgt an ihren Fingernägeln kaute, während sie auf eine Antwort wartete. Olivia hatte alles versucht, um ihrer Assistentin diese nervöse Angewohnheit auszutreiben. Sie hatte ihr sogar eine Maniküre spendiert, aber Bianca hatte ihre frischlackierten Nägel genauso schlimm wieder abgeknabbert. Schließlich hatte Olivia sich entschieden, es auf sich beruhen zu lassen. Immerhin gab es schlimmere schlechte Angewohnheiten als Fingernägelkauen. Eine der anderen Assistentinnen war ihrem Stress irgendwann mit dem Futtern von Donuts entgegengetreten und hatte in drei Monaten zwanzig Pfund zugelegt.

Olivia tippte. „Nichts passiert! Nur ein Gruppenmeeting, also wahrscheinlich nur eine Auswertung und ein Update.“

Sie fügte noch ein Smiley hinzu und schickte die Nachricht ab. Dann lenkte sie ihre Aufmerksamkeit auf die Weinkarte. Während sie durch das Menü blätterte, war sie wieder vollauf zufrieden. Sie liebte italienische Weine, und dieses spezialisierte sich auf die aus der Toskana. Von einigen hatte sie noch nie gehört, aber allein der Klang ihrer Namen ließ sie träumen. Ihre Gedanken reisten über grüne, in Sonne getauchte Berge mit ordentlichen Reihen aus Weinranken, gespickt mit Ansammlungen aus Olivenbäumen.

Da sie wusste, dass Matt Rotwein bevorzugte, konzentrierte sie sich vermehrt auf die entsprechende Seite der Karte.

Ihre Augen blieben auf dem Tignanello haften, der als ein gehaltvoller, vollmundiger Roter beschrieben wurde, gemacht aus Sangiovese-Trauben, mit einer Note von Brombeeren. Die exquisite Qualität wurde auch am Preis deutlich, aber dies war ein besonderer Anlass, und sie war sich sicher, dass Matt dafür gerne ein bisschen tiefer in die Tasche greifen würde.

Sie war so aufgeregt, dass sie endlich zusammen zu Abend essen würden. Die letzten Wochen waren für beide schrecklich stressig gewesen, und Matt war beinahe nie zuhause gewesen. Es war ein Running Gag zwischen ihnen, dass Leigh, seine persönliche Assistentin, die mit ihm reiste, mehr von ihm zu sehen bekam als Olivia.

„Hey, Liv. Sorry für die Verspätung.”

Sie sah auf und entdeckte Matt, der durch das mittlerweile brechendvolle Restaurant auf sie zu eilte. Er trug seinen schicksten, dunkelgrauen Armani-Anzug, und sein anisfarbenes, leicht angegrautes Haar war perfekt gestylt. Er war groß, sportlich, gutaussehend und super erfolgreich. Selbst nach vier Jahren konnte Olivia noch immer nicht fassen, dass sie ein Paar waren.

Sie würde es niemals zugeben, aber manchmal überkam sie ein Anflug von Unsicherheit, wenn sie bedachte, was für ein Fang er war. Sie tröstete sich, indem sie sich einredete, dass das etwas Gutes war. Immerhin spornte sie das an, auf ihr Image zu achten und ihre Karriere im Auge zu behalten.

„Hallo, Matt.“ Sie begrüßte ihn mit einem Lächeln. „Es tut so gut, dich zu sehen. Was für eine Überraschung, dass du wieder in der Stadt bist. Dein Haarschnitt gefällt mir.“

Sie stand auf und zog das hautenge Kleid tiefer über ihre Hüften, in der Hoffnung, dass er ihren Vertuschungsversuch an ihrer Strumpfhose nicht bemerken würde. Sie war erleichtert, als er sie ohne Kommentar auf die Wange küsste, und sie setzten sich gemeinsam an den Tisch.

Olivia bestellte den Tignanello, und während sie darauf warteten, stieg sie in die schwierige Unterhaltung ein, auf die sie sich vorbereitet hatte.

„Das ist jetzt sicher ein Schock für dich, aber ich bin nicht wirklich glücklich.“

Matts Augenbrauen schossen in die Höhe.

„Ist das so?“

Olivia atmete tief durch. Zeit, mit der Wahrheit herauszurücken.

„Es ist die Arbeit. Die Arbeit ist das Problem.“

Matt blinzelte einige Male, als hätte er nicht damit gerechnet, dass sie das sagen würde.

„Was meinst du damit?”, fragte er vorsichtig.

„Ich fühle mich, als hätte ich meine Seele verkauft. Mein Leben verläuft auf einer Bahn, die ich nie erwartet hätte und ich – ich hasse es.“

Die Wahrheit und der Grund dafür, weswegen sie sich so verloren fühlte, war, dass Valley Wines entgegen allem stand, an das sie glaubte.

Das erste Mal, als Olivia eine Weinprobe von Valley Wines besucht hatte, bei der sie nur zwei kleine Gläser getrunken hatte, war sie am nächsten Morgen mit üblen, pochenden Kopfschmerzen aufgewacht, die den ganzen Tag angehalten hatten.

Zwei kleine Gläser Wein hatten gewöhnlich keinen solch toxischen Effekt auf sie. Neugierig herauszufinden, was sich in diesen Weinen befand, hatte sie angefangen zu graben. Es war nicht leicht gewesen, aber Olivia war geduldig und hartnäckig und liebte die Herausforderung eines schwierigen Puzzles. Mit jeder Menge Online-Recherche, vorsichtigen Telefonaten und vertraulichen Meetings unter vier Augen, hatte sie schließlich die Wahrheit herausgefunden.

„Ich habe das Unternehmen unter die Lupe genommen, und sie sind schrecklich. Sie stellen sich selbst völlig falsch dar. Es ist im Grunde Betrug, und meine Marketing-Kampagne lässt alle glauben, dass ihre Behauptungen stimmen.“

Matt runzelte die Stirn.

„Aber Liv, das ist der Zweck von Marketing-Kampagnen.“

„Nein!“, protestierte sie. „Das hier ist anders. Das ist nicht nur billiger Wein, das ist Abfall.“

„Was heißt das?“

„Das ist kein ‚Weingut im Familienbesitz‘. Alle Trauben werden industriell angebaut und geerntet, und die Trauben kommen von überall her. Je billiger, umso besser. Es gibt nicht einmal Führungen durch den Weinkeller.

„Wieso das?”, fragte Matt.

„Weil es keinen gibt”, gestand Olivia. „Es gibt nur eine riesige Produktionsanlage, und sie nehmen im Grunde alkoholischen Traubensaft und pumpen ihn voller Pulver, Geschmacksstoffe und Zusatzstoffe. Sie haben nachgeforscht, welche Geschmacksrichtungen der Mehrheit der Menschen zusagen, und die Nahrungswissenschaftler haben Geschmacksprofile erstellt, die sie dann mit den Zusatzstoffen nachstellen. Das ergibt dann den Valley Weiß und den Valley Rot.“

Matt sah sie zweifelnd an, doch Olivia fuhr fort.

„Sie benutzen allerhand Sulfite, welche die Haltbarkeit verlängern und sicherstellen, dass alle Chargen gleich schmecken. Ich weiß nicht, ob es die Sulfite sind oder irgendetwas anderes in dem Wein, aber wenn ich den Wein trinke, geht es mir grausam.“

„Ich verstehe das Problem noch immer nicht. Es ist ein schlechter Wein, na und? Können die Leute nicht selber entscheiden, ob sie ihn mögen, wenn sie ihn trinken?“, fragte Matt.

Olivia seufzte frustriert.

„Das Problem ist, dass alle Geschäfte nun diesen Wein auf Lager haben, und das heißt, dass weniger Platz ist für andere Marken. Meine Kampagne schadet den Unternehmen, die ihren Wein wirklich ernst nehmen und ihn vernünftig herstellen. Ich fühle mich, als hätte ich all den guten Weinmachern Schaden zugefügt, die es kein bisschen verdient haben.“

Der Gedanke an den Erfolg des nun berühmten Slogans, den sie sich ausgedacht hatte, ließ sie erschaudern: „Genieß den Tag, auf die Valley Art.“

„Ich habe meinen eigenen persönlichen Slogan erstellt“, gestand sie Matt. „Mit Valley Wines die Nacht versaut, und Kopfschmerz wenn der Morgen graut.“

Sie hatte erwartet, dass er darüber lachen würde, aber das tat er nicht.

Vielleicht erkannte er endlich die Ernsthaftigkeit ihrer Situation.

„Matt, ich glaube, ich muss aussteigen“, sagte sie. „Ich kann nicht weiter für eine Firma arbeiten, die eine Marke repräsentiert, an die ich nicht glaube. Die damit beschäftigt ist, andere Marken zu zerstören, an die ich glaube. Ich bin kurz davor, zu kündigen.”

Sie hob ihre Hand und presste ihren Daumen auf ihren Zeigefinger.

Das war ein weiterer Running Gag zwischen ihnen, aber sie erntete immer noch keinen Lacher von Matt.

„Ich fürchte, ich habe auch schlechte Neuigkeiten“, sagte er.

„Oh, Matt, das tut mir leid. Was ist es denn?“, fragte sie.

„Das ist jetzt sicher ein Schock für dich.“

Olivia blinzelte, verwundert, dass Matt genau den gleichen Wortlaut wie sie benutzte. Was in aller Welt war nur los?

Für einen kurzen, wilden Augenblick fragte sie sich, ob Matt mit seinem Job genauso unglücklich war wie sie mit ihrem. Vielleicht hatte er die Nase voll davon, ein Anlagefonds-Manager zu sein und wollte einen Tapetenwechsel. Ihre Gedanken in ihrem Kopf fuhren Achterbahn. Sie stellte sich vor, wie sie zusammen ein neues Leben anfingen, in eine andere Stadt zogen, oder vielleicht ein ganzes Jahr auf einer exotischen Insel verbrachten. Das wäre ein Abenteuer, und sie könnten zusammen ausspannen und ihre Zweisamkeit genießen.

Olivia war nie sonderlich enthusiastisch über Heirat und Kinderkriegen gewesen, und sie wusste, dass es Matt genauso ging, aber sie sehnte sich nach dem einfachen Luxus, einfach nur Zeit mit ihm verbringen zu können, ohne all die Termine, Meetings und endlosen Arbeitsstunden, mit denen sie derzeit beide fertigwerden mussten. Auf einer Insel war das möglich.

Dann holte sie die Realität wieder ein. Matt liebte seinen Job und hatte nie auch nur angedeutet, dass er unglücklich wäre. Außerdem war er ein Stadtmensch, der das Treiben des Großstadtlebens genoss. Das konnte es also nicht sein. Was war es dann?

„Was wird ein Schock sein?“ Unbehagen überfiel sie.

„Es funktioniert nicht.“

„Was meinst du?“ Ihre eigene Stimme klang plötzlich kümmerlich und fremd.

„Wir.“ Er warf ihr eines seiner ihm so typischen entschuldigenden Lächeln zu, mit angespannten Lippen, Fältchen an den Augenwinkeln und schiefgelegtem Kopf. „Wir funktionieren nicht. Es tut mir so leid. Ich wünschte, es wäre anders verlaufen. Aber so ist es nun mal. Es ist nicht leicht, es auszusprechen, aber es ist aus.“




KAPITEL DREI


Olivia starrte Matt ungläubig an.

Wovon sprach er da? War das ein grausamer Scherz?

Sie verwarf den Gedanken sofort. Matt war nicht der Typ für solche Scherze. Allerdings hatte sie auch nicht gedacht, dass er der Typ wäre, der sie zum Abendessen in ein nobles Restaurant einlud, um dann mit ihr Schluss zu machen, noch bevor der Wein eintraf.

„Aber – wieso?”, fragte sie. „Matt, wieso tust du das? Wir waren doch glücklich miteinander. Naja, ich war glücklich. Ich weiß, dass wir uns nicht so oft gesehen haben, wie es eigentlich hätte sein sollen, aber das war doch nur, weil wir so beschäftigt waren.“

Er nickte anerkennend, als hätte sie gerade den Nagel auf den Kopf getroffen.

„Genau, Liv. Das ist genau das Problem. Du hast es perfekt zusammengefasst. Wir sind beide so beschäftigt. Wir sehen uns vielleicht gerademal einen oder zwei Abende pro Woche.“ Er beugte sich vor und sprach in einem ruhigeren, vertraulicheren Ton. „Aber es ist mehr als das. Wir sind völlig verschiedene Menschen. Ich bin höchst organisiert. Es ist schwer, mit jemandem zusammenzuleben, der so unorganisiert ist wie du. Du schraubst nie den Deckel wieder auf die Zahnpastatube, und letzte Woche, als ich in einem Meeting meinen Aktenkoffer geöffnet habe, ist ein Höschen von dir herausgefallen. Das war extrem peinlich für mich. Es waren zwanzig internationale Investoren da, und ein pinkes Spitzenhöschen mit der Aufschrift ‚Du fehlst mir‘ auf dem Tisch des Vorstands hat nicht ganz den professionellen Eindruck hinterlassen, den ich eigentlich hinterlassen wollte und den meine Firma von mir erwartet.“

Olivia meinte, ein unterdrücktes Kichern zu hören. Sie sah sich um, und merkte, dass ihre Unterhaltung die Aufmerksamkeit von drei Frauen am Nachbartisch erregt hatte, die nun aufmerksam mithörten.

„Und wieso ist das passiert, Olivia?“, fuhr Matt fort. „Es ist passiert, weil du darauf bestehst, sie einfach auf den Boden zu schmeißen, wenn du sie ausziehst, anstatt sie in den Wäschekorb zu werfen. Nur sind sie dieses Mal in meinem Aktenkoffer gelandet. Das hätte verheerend für meine Karriere sein können. Und das ist nur ein Beispiel. Du warst nicht sonderlich unterstützend.“

Olivias Unterkiefer klappte herunter. Wovon sprach er da? Sie hatte ihn immer unterstützt.

„Als wir zusammengezogen sind, habe ich das Gästezimmer leergeräumt, damit du ein Arbeitszimmer hast, obwohl du es nie benutzt hast“, sagte sie, mittlerweile äußerst aufgebracht. „Ich habe unser Schlafzimmer weiß gestrichen, weil du mich darum gebeten hast. Ich habe meine Schränke ausgeräumt, damit du Platz für all deine Jacketts, Hemden und Schuhe hast. Ich habe mein geliebtes Bücherregal aufgegeben, damit du deinen riesigen Flachbildfernseher im Wohnzimmer unterbringen konntest.“

Ihre Möbel und ihr Bett waren geblieben. Matt hatte gesagt, dass er seine verkaufen würde. Aber, Moment! Olivia erinnerte sich, dass er gesagt hatte, dass er sie Leigh geben wollte, nachdem sie mit ihrem Freund Schluss gemacht hatte und in ihre eigene Wohnung gezogen war.

Olivia runzelte wegen eines plötzlichen Verdachts die Stirn. Doch noch bevor sie etwas sagen konnte, redete Matt weiter, als hätte er sie gar nicht gehört.

„Wie gesagt, ich habe über meine Lebensentscheidungen nachgedacht. Und Liv, ich habe das Gefühl, dass wir völlig unterschiedliche Dinge wollen. Ja, du warst glücklich, aber ich will jemanden, der für mich da ist. Der sich um mich kümmern kann, für mich kocht und mein Leben regelt.“

„Ich koche für dich!“ Die Worte kamen lauter aus ihrem Mund, als sie es beabsichtigt hatte.

Der Kellner, der den Wein brachte, zögerte erst, bevor er an ihren Tisch trat und die Flasche abstellte.

„Darf ich die Flasche öff–“, begann er zögernd, aber Matt gab ihm mit einer Handbewegung zu verstehen, dass er gerade nicht erwünscht war.

Mit aufrichtiger Empörung fuhr Olivia fort.

„Erst letzte Woche habe ich für uns Spaghetti Bolognese gekocht. Ich bin um fünf Uhr morgens aufgestanden, um die Soße im Schongarer vorzubereiten. Es hatte so lecker gerochen, dass ich von jedem Nachbarn Komplimente bekommen habe, als ich von der Arbeit zurückkam. Und was hast du gesagt? Weißt du noch, was du gesagt hast, als ich das Essen serviert habe? ‚Naja, ich hoffe, dass ich das überleben werde.‘ Du fandest das so witzig, und ich habe auch gelacht, aber es hat wehgetan.“

„Sprich ein bisschen leiser, ja“, sagte Matt mit einem verkniffenen Lächeln, aber sie konnte den Nachdruck in seiner Stimme hören.

Olivia blinzelte. Leiser sprechen? Er sagte ihr, sie sollte nicht herumschreien, nachdem er diese Bombe hatte platzen lassen, die ihr ganzes Leben durcheinanderwerfen würde?

„Du bist manchmal echt peinlich.“ Matts Stimme war jetzt beinahe ein Flüstern. „Dein lautes Reden in Restaurants ist eine Sache, die ich schon oft angesprochen habe. Nicht alle wollen deine witzigen Geschichten hören.“

„Doch, wollen wir“, hörte Olivia eine der Frauen am Nachbartisch murmeln.

„Und hast du wirklich Lidschatten benutzt, um eine Laufmasche zu touchieren? Machst du dir denn keine Gedanken, dass die Leute das merken könnten? Du hättest einfach eine Ersatzstrumpfhose in deiner Tasche haben und das Problem damit ganz einfach vermeiden können. Siehst du, so organisiert bist du.“

Olivia spürte, wie sie knallrot anlief.

„Das ist mir noch gar nicht aufgefallen“, hörte sie eine andere Frau sagen. Diesmal blickte sich auch Matt überrascht um.

Olivia nahm einen tiefen Atemzug.

„Wie kommst du darauf, dass das hier ein guter Augenblick ist, um darüber zu sprechen?“, fragte sie.

„Ich verlasse morgen das Land. Es ist ein kurzfristiges Arrangement. Das kommt unerwartet, ich weiß.“

Ihre Unterhaltung war mitunter so surreal, dass Olivia überzeugt war, dass sie das alles nur träumte. Das musste ein Albtraum sein, denn nichts hiervon ergab Sinn.

„Wohin gehst du?”

„Ich fliege für zwei Wochen nach Bermuda.“ Er blickte sie nicht an, als er das sagte.

„Für die Arbeit?“ Wieder sah sie, wie Matt wegen der Lautstärke ihrer Stimme zusammenzuckte.

„Es ist eine Konferenz, ja.“

„Kommt Leigh auch mit?“

Die Frage kam reflexartig – sie hatte keine Zeit gehabt, sie zu durchdenken – aber sie bemerkte seine Reaktion. Kurz wirkte er entsetzt, als hätte sie ihn bei etwas erwischt.

„Du und Leigh? Konferenzen dauern keine zwei Wochen. Das hat nichts mit deiner Arbeit zu tun. Stimmts?“

„Bitte sei etwas leiser“, raunte Matt. „Leigh ist meine Assistentin. Sonst nichts. Sie ist außerdem viel jünger als ich. Sie wird nächsten Sonntag dreißig.“

Er hielt inne, die Lippen aufeinandergepresst, aber es war zu spät. Olivia stürzte sich auf dieses Detail, das er unbeabsichtigt preisgegeben hatte.

„Sie wird dreißig? Eine Geburtstagsparty! Ihr Geschenk beinhaltet nicht zufällig eine Reise nach Bermuda, oder?“

Olivia hörte, wie jemand am Nachbartisch erstaunt nach Luft schnappte.

Die Schuld stand ihm regelrecht ins Gesicht geschrieben. Olivia wurde schlecht. Matt war fünfunddreißig und nur ein Jahr älter als sie, und als sie das erste Mal miteinander ausgegangen waren, hatte sie Angst gehabt, dass sie vielleicht zu alt für ihn war. Obwohl sie wusste, dass sie nichts dagegen tun konnte, hatten sie und ihre Friseurin sich zusammengetan und sichergestellt, dass er unmöglich nach jemandem suchen konnte, der blonder war. Das hatte ganz klar nicht geholfen.

„Du hast mich hier in dieses reizende Restaurant gebracht und das Erste, das du tust, ist mit mir Schluss zu machen?“

Sie war geschockt über die Kaltherzigkeit dieser Aktion.

„Du hast das getan, damit ich keine Szene veranstalte, stimmts? Du dachtest, nur weil du das hier in einem schicken Restaurant machst, würdest du davonkommen, ohne dass ich wütend werde oder mich aufrege.“

Olivia sprang auf und funkelte auf ihn herab.

„Ich bin sauer. Ich bin wütend. Und ich werde eine Szene veranstalten. Du behandelst mich wie Dreck. Wie kannst du es wagen, hinter meinem Rücken eine Affäre zu haben und dann zu versuchen, mich dazu zu kriegen, dass ich mich fühle, als wäre ich nicht genug, indem du sagst, dass du jemanden brauchst, der auf dich aufpasst, und damit andeutest, dass ich das nicht getan habe? Das ist der manipulativste Mist, den ich je gehört habe.“

„Das ist unzumutbar“, hörte sie eine der Frauen nebenan sagen. „Du bist besser dran ohne jemanden, der dich betrügt, deine Kochkünste beleidigt und deine Kleiderwahl bemängelt. Mach dir keinen Kopf um dein Strumpfhosenproblem, keine von uns hat das überhaupt bemerkt. Ich glaube, dass er nicht einmal dein hübsches Kleid bemerkt hat. Wo wir schon von Fehlern reden.“

„Du bist wahrscheinlich einfach nur zu gut für ihn, und er fühlt sich von dir bedroht“, bot eine andere in zuvorkommendem Ton an.

„Der Müll bringt sich gerade selber vor die Tür, Schätzchen“, bemerkte eine Dritte.

„Danke“, sagte Olivia an die Frauen gewandt.

Sie sah sich im Restaurant um und bemerkte auch zustimmendes Nicken von anderen Gästen, die das Drama verfolgt hatten. Ein junger Mann an einem Tisch nahe der Tür hatte sein Telefon herausgeholt und machte sich daran, das Ganze zu filmen.

Mit hochrotem Kopf blickte Matt starr auf das gestärkte Tischtuch.

„So – so habe ich das nicht gemeint“, murmelte er. „Wollen wir nicht lieber woanders hingehen und das besprechen?“

Er sah aus, als hoffte er, dass sich der Erdboden, oder zumindest die Granitkacheln des Restaurants, sich auf magische Weise auftun und ihn verschlucken würde.

Da dies allerdings nicht der Fall war, würde er die Villa 49 zu Fuß verlassen müssen und an jedem einzelnen dieser Menschen vorbeigehen müssen. Jeder von ihnen ein neuer Kritiker von Matt Glenn. Er würde mit jedem Schritt verurteilt werden, und Olivia entschied, dass er diesen Walk of Shame alleine gehen müssen würde.

„Ich gehe“, sagte sie, diesmal etwas leiser. „Wenn du deine Sachen bis heute um zehn nicht aus meiner Wohnung geschafft hast, stifte ich alles, was bis dahin noch übrig ist, der Wohlfahrt.“

Ihr Blick fiel auf den herrlichen, toskanischen Roten, den sie mit solcher Sorgfalt und Begeisterung ausgesucht hatte. Obwohl sie das Essen hier nicht hatte probieren können, würde sie den Teufel tun, diesen Wein zurückzulassen.

„Und der hier geht mit mir.“ Sie schnappte sich die Flasche vom Tisch und umklammerte das kühle, dunkle Glas. „Der geht auf deine Rechnung.“

Die Frauen von nebenan fingen an, zu applaudieren.

Olivia nahm ihre Handtasche, drehte sich um und marschierte zur Tür.




KAPITEL VIER


Vor dem Restaurant rief Olivia ein Taxi. Sie zitterte noch immer vor Wut und wäre am liebsten wieder hineingegangen, um Matt noch mehr von ihrer Meinung wissen zu lassen.

Sie atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Es wäre vernünftiger, es auf sich beruhen zu lassen und ihn aus ihrem Leben auszuradieren. Das bedeutete, dass sie sich einen anderen Ort suchen müsste, wo sie jetzt hingehen konnte, denn sie hatte Matt eine Frist bis zehn Uhr gesetzt. Sie konnte nicht früher in ihre Wohnung zurück, damit sie ihn dort nicht antraf, wie er seine Hemden und Anzüge zusammenpackte und seinen gigantischen Flachbildschirm abbaute.

Unentschlossen runzelte sie die Stirn. Klar, sie hatte Freunde. Aber – nicht wirklich viele, vor allem nicht hier in Chicago. Ihre Arbeitszeiten in den letzten Jahren hatten ihr nur selten die Gelegenheit gegeben, unter Leute zu kommen, und ihre zwei besten Freunde waren im Urlaub.

Sie kletterte in ihr Taxi und hörte, wie sie dem Fahrer die Adresse von Bianca gab, denn das war die einzige Adresse, die ihr einfiel.

Zwanzig Minuten später klopfte sie zögerlich an die Tür ihrer Assistentin, in der Hoffnung, dass diese das nicht als Zumutung betrachten würde.

„Ist alles okay?“, fragte Bianca, als sie sah, dass Olivia auf ihrer Türschwelle stand. Sie trug einen pinken Jogginganzug mit einem blauen Kaninchen auf der Tasche, und ein köstlicher Pizzaduft drang aus der kleinen Wohnung an ihre Nase.

Sie starrte Olivia unsicher an, und Olivia bemerkte, dass das Letzte, das sie wollte oder erwartet hatte, war, ihren Boss ohne Vorwarnung vor ihrer Tür stehen zu sehen.

Biancas Hand wanderte unwillkürlich zu ihrem Mund und Olivia widerstand dem Drang, ihr Handgelenk zu greifen, als sie begann, an ihrem Daumennagel zu kauen.

„Ich wusste nicht, wo ich sonst hingehen sollte“, gestand Olivia.

„Ist etwas passiert?“, fragte Bianca.

„Matt hat mich zum Essen eingeladen und dann mit mir Schluss gemacht. Mir ist deine Adresse eingefallen. Ich habe Wein“, fügte Olivia noch schnell hinzu, als wäre das der mögliche Dealbreaker.

Bianca schnappte erschrocken nach Luft.

„Oh, Oliva, das ist ja schrecklich. Komm rein. Bist du okay? Du musst ja unter Schock stehen. Bitte setz dich. Kann ich dir einen süßen Tee anbieten? Dass macht man doch bei Schock, oder? Ist dir kalt, oder geht deine Atmung schneller als sonst?“

„Mir geht’s gut“, sagte Olivia.

„Hast du etwas gegessen? Ich habe eine große Pizza bestellt, weil ich mir etwas fürs Frühstück aufheben wollte. Sie ist gerade angekommen. Es ist mehr als genug für uns beide.“

„Das ist so lieb.“

Obwohl sie noch brodelte vor Wut, fiel Olivia auf, dass sie am Verhungern war. Sie hatte ihr Mittagessen ausfallen lassen, weil sie sich auf das Festmahl in der Villa 49 gefreut hatte.

Dennoch fühlte sie sich in Biancas Wohnung wie ein Eindringling. Sie arbeiteten zwölf Stunden und mehr pro Tag zusammen, aber sie hatten nie wirklich die Chance gehabt, Freunde zu werden, oder über etwas zu reden, was nicht mit ihrem Job zu tun hatte.

Sie stellte die Weinflasche neben den Pizzakarton in Biancas Küche, öffnete ihn und schenkte ihnen jeweils ein großes Glas ein, in der Hoffnung, dass dieser die Stimmung zwischen ihnen ein wenig lockern würde.

„Den hatte ich zum Abendessen bestellt. Er kommt aus der Toskana“, sagte sie.

Sie hob das Glas und sog das Bouquet ein. Vollmundig, gehaltvoll und aromatisch, mit einer Nase von dunklen Kirschen. Das war ein Wein, der mit Leidenschaft und Sorgfalt hergestellt worden war. Einfach grandios.

Sie nahm einen kleinen Schluck und spürte die vielen Geschmacksnoten auf ihrer Zunge tanzen. Es war wie ein Feuerwerk in ihrem Mund.

Olivia bedauerte es, dass sie diesen Wein nicht zusammen mit dem feinen Essen des Restaurants genießen konnte – aber eine rustikale Pepperonipizza mit deftigem Käse war die beste Alternative, die sie sich denken konnte. Sie legte einige Stücke davon auf zwei Teller, und sie gingen ins Wohnzimmer, wo die Klimaanlage die abendliche Sommerhitze in Schach hielt.

Sie und Bianca saßen sich gegenüber. Zeitgleich nahmen sie einen Schluck von dem Wein. Dann aßen sie beide ein Stück Pizza. Die Kruste war knusprig, und das Kauen übertönte die unangenehme Stille in der Wohnung.

Olivia füllte ihre Gläser wieder auf, und auf einmal fühlte sich das Schweigen nicht mehr so undurchdringlich an.

„Das war wirklich eine schreckliche Aktion“, sagte Bianca mitfühlend und wirkte plötzlich wieder sehr nervös. „Dich zum Abendessen einzuladen und dann mit dir Schluss zu machen.“

Olivia nickte. „Ich habe erfahren, dass er sich nebenbei mit seiner Assistentin trifft.“

„Was?“ Bianca klang fassungslos.

„Morgen fliegt er mit ihr nach Bermuda in den Urlaub. Also bin ich mehr als erleichtert. Er hat sein wahres Gesicht gezeigt. Er ist ein rücksichtloser Betrüger. Ich bin froh, dass ich ihn los bin.“ Ihr kam ein Gedanke. „Ist dir übrigens etwas Seltsames an meiner Strumpfhose aufgefallen?“

Bianca blickte an ihr herunter.

„Was soll mir denn daran auffallen?“, fragte sie. „Das Kleid ist klasse.“

„Ach, nichts. Wollte nur sichergehen.“

Olivia war erleichtert, dass sie nicht mehr in einer Beziehung mit einem überkritischen Mann war, der ganz klar einen Röntgenblick hatte.

Sie nahm einen erneuten Schluck von diesem unglaublichen Wein.

„Ich muss ehrlich mit dir sein. Ich bin nicht glücklich mit meiner Arbeit.“

„Wieso?“ Bianca rang ihre Hände und lehnte sich vor.

„Ich fühle mich so ausgelaugt. Irgendwie gefangen. Vielleicht ist es nur diese Kampagne, aber im Moment bin ich total demoralisiert.“

„Wegen der langen Arbeitszeiten?“

„Auch, aber vor allem, weil ich befürchte, dass ich mich selbst verkaufe.“

Olivia bemerkte gerade noch rechtzeitig, dass sie nicht alle Details der Herstellungsprozesse von Valley Wines mit Bianca teilen sollte, weil ihre Assistentin ja immer noch weiter an dem Auftrag arbeiten musste. Sie wählte ihre Worte sorgsam, als sie fortfuhr.

„Unsere Aufträge sind alle so durchschnittliche, riesige Unternehmen ohne Seele. Dafür habe ich keinerlei Leidenschaft. Ich will die kleinen Betriebe unterstützen, die handgemachten Marken. Ich will Teil dieses Lifestyles sein, anstatt in diesem Hamsterrad gefangen zu sein, in dem charakterlose Marken um die Weltherrschaft kämpfen und unsere Agentur als Waffe benutzen.“

Bianca schien beeindruckt von ihrem Gefühlsausbruch. Sie nickte und hickste laut.

Olivia war selbst beeindruckt. Sie hatte bisher nie die richtigen Worte gefunden, um ihrer Perspektive so eloquent Ausdruck zu verleihen.

„Kannst du nicht bitten, einem anderen Auftrag zugewiesen zu werden?“, fragte Bianca.

Olivia seufzte. „Ich weiß nicht, ob James das zulassen würde, weil wir damit solchen Erfolg hatten. Sie wollen vielleicht noch weiter mit uns arbeiten. Außerdem kümmern wir uns als eine der größten Agenturen auch um die größten Marken. Ich glaube nicht, dass wir ein Boutiqueprodukt in unserem Kundenkatalog haben.“

„Das ist ein Problem“, pflichtete ihr Bianca bei.

Für einen kurzen, verwirrten Moment fragte sich Olivia, wie sie an diesen Punkt angekommen war. Sie war in einem Teufelskreis gefangen. Sie musste arbeiten, um ihre teure Wohnung zu finanzieren, und sie brauchte diese teure Wohnung, damit sie nicht weit vom Büro entfernt war. Wie konnte sie aus diesem Rad entkommen, ohne unterwegs einen kapitalen Unfall zu verursachen?

„Weißt du, ich habe diesen verrückten Traum von einem ganz anderen Lebensstil“, vertraute Olivia ihrer Assistentin an.

„Wie ein Hippie? In einem Wohnwagen?“, fragte Olivia.

„Nein, anders.“ Olivia war es peinlich, jemandem ihren Traum zu erzählen, weil sie bisher noch nie darüber gesprochen hatte. Nicht einmal mit Matt, was wahrscheinlich auch besser gewesen war, weil er sonst so viele Löcher in diesen Traum geschlagen hätte, dass er irgendwann gesunken wäre.

„Na, dann sags mir. Wie denn?“ Bianca beugte sich neugierig vor.

„Ich kann nicht.“ Olivia traute sich nicht, ihre unmögliche Idee auszusprechen.

„Aber jetzt musst du es mir verraten, oder ich werde heute Nacht vor Neugierde nicht schlafen können“, versuchte Bianca sie zu ermutigen.

Olivia atmete tief durch.

„Ich liebe Wein.“ Sie hielt inne, um ihre Gedanken zu sammeln. „Ich wäre gern ein Teil der Industrie. Ich würde mir gern einen kleinen Weingarten kaufen und meine eigenen Weine produzieren. Ich habe mir immer gewünscht, das irgendwo in Italien zu tun. Über die Details habe ich noch nicht nachgedacht, aber ich muss ständig darüber nachdenken, wie mein Leben in einer kleinen Stadt oder einem Dorf wohl verlaufen würde. Wie anders alles wäre.“

Sie nahm einen weiteren Schluck von dem italienischen Rotwein.

„Stell dir vor, draußen auf dem Land der Toskana zu leben, in den Weinanbaugebieten. Ein Teil der örtlichen Gemeinde zu sein und sich mit den Leuten von nebenan anzufreunden.“

„Das klingt wunderbar.“ Bianca nickte mit großen Augen.

„Es kann ja nicht so schwer sein, Wein herzustellen, oder? Immerhin weiß ich ein wenig darüber, wie er schmecken sollte.“ Olivia leerte ihr Glas.

„Ich glaube auch nicht, dass es schwer ist“, stimmte Bianca zu. „Man baut die Trauben an, pflückt sie, trampelt auf ihnen herum und dann braut man sie. Das klingt nicht kompliziert.“ Sie nickte gedankenverloren und starrte in ihr leeres Glas.

„Ich bin froh, dass du so denkst. Weißt du, ich bin vierunddreißig Jahre alt, ich bin wieder single, und ich kann meine guten Freunde an einer Hand abzählen“, gestand Olivia. „Selbst wenn ich morgen von einer schweren Maschine halb zerquetscht werden würde, könnte ich sie immer noch an dieser Hand abzählen. An den seltenen Anlässen, in denen wir zusammenkommen, umarmen wir uns und sagen, dass wir uns so nahestehen, als wären wir nie getrennt gewesen. Aber die Wahrheit ist, wir sehen uns nur selten und je mehr Zeit vergebt, um so mehr entfernen wir uns voneinander.“

Bianco schaute geknickt drein.

„Ich verstehe, was du meinst. Das ist wirklich traurig.“

„Ich beginne, mehr von meinem Leben zu wollen.“ Olivia seufzte und schenkte ihnen den letzten Tropfen nach. „Es ist aber insgesamt eine dumme Idee. Es wird nie passieren.“

„Wieso nicht?“, fragte Bianca. „Ich finde, es klingt wunderbar. Es ist genau der Wechsel, den du brauchst. Vielleicht solltest du es einfach tun. Fahr dorthin in den Urlaub und schau dich nach Möglichkeiten um. Nimm dir auf jeden Fall eine Auszeit. Du hast es verdient. Du hattest im vergangenen Jahr nicht mehr als ein paar Tage frei.“

Olivia lächelte.

„Es ist nur so ein Traum. Die Realität sieht anders aus. Aber ja, vielleicht werde ich mir ein wenig freinehmen und Urlaub machen. Das klingt nach einer guten Idee.“

Sie aß das letzte Stück Pizza und sah auf die Uhr.

„Ich kann noch nicht nach Hause“, sagte sie. „Ich habe Matt bis zehn Uhr Zeit gegeben, um seine Sachen abzuholen. Er wird jetzt gerade bestimmt da sein, und ich will ihn wirklich nicht sehen.“

„Ich kann uns noch eine Flasche aufmachen“, schlug Bianca vor. „Ich glaube, wir können noch ein Glas gebrauchen.“

„Gute Idee“, sagte Olivia.

Aber als Bianca die frischen Gläser aus der Küche brachte, starrte sie den Wein darin misstrauisch an.

Etwas an der wässrigen, hellroten Farbe kam ihr bekannt vor. Sie roch daran und atmete ein süßliches, künstliches Aroma ein, das sie nur zu gut kannte.

„Was ist das?“, fragte sie und bemühte sich, einen beiläufigen Ton beizubehalten.

„Es ist eine Flasche vom Valley Rotwein“, sagte Bianca leicht nervös. „Das macht dir doch nichts aus, oder? Ich weiß, dass er nicht so gut ist wie der, den wir gerade hatten, aber alle von uns haben eine kostenlose Kiste zum Kampagnenstart bekommen.“

Olivia sah in ihr besorgtes Gesicht und entschloss, dass es Zeiten gab, in denen man zu seinen Prinzipien stehen musste und Zeiten, in denen es wichtiger war, freundlich zu sein.

„Ein kostenloser Wein ist immer ein guter Wein“, entgegnete sie tapfer.

Ihr Kopf pochte schon beim Gedanken daran, aber sie hob ihr Glas.

Sie tat ihr Bestes, nicht ihr Gesicht zu verziehen, als sie den gepanschten Traubensaft hinunterzwang, aber sie versprach sich eines.

Das war das letzte Mal, dass sie dieses industriell fabrizierte Spülwasser trank. Sie nahm sich vor, dass, egal, wie sehr sie James bitten musste und egal, wieviel Schaden es ihrer Karriere bereitete, sie sich weigern würde, weiter für Valley Wines zu arbeiten.




KAPITEL FÜNF


Die Morgensonne bohrte sich auf grausame Weise durch Olivias weiße Schlafzimmervorhänge und in ihren hämmernden Schädel.

„Und Kopfschmerz, wenn der Morgen graut“, stöhnte sie. Sie setzte sich vorsichtig auf und zuckte vor Schmerz zusammen.

Einer halben Flasche eines großartigen toskanischen Rotweins war ein großes Glas sulfitgeladener, geschmacksverstärkter, mit Alkohol versetzter Traubensaft gefolgt. Immerhin wusste sie, dass sie diese Kopfschmerzen tapfer verdient hatte. Und der Wein hatte ihr eine willkommene Taubheit verschafft, als sie in ihrer halbleeren Wohnung ankam, wo die unordentlichen Regale und die Schleifspuren auf dem Teppich Beweis waren, dass Matt sein Hab und Gut in einer spätabendlichen Ausräumaktion abgeholt hatte.

Den war sie also ein für allemal los. Tschüss und auf Nimmerwiedersehen.

Sie schlurfte ins Badezimmer und schluckte zwei Advil mit einem großen Glas Wasser. Dann kletterte sie zurück ins Bett und betete, dass die Wirkung schnell einsetzen würde, denn selbst das Denken tat ihr weh.

Um sich die Zeit zu vertreiben, scrollte Olivia sich durch die sozialen Medien auf ihrem Telefon. Sie hatte ihr Profil schon seit Wochen nicht mehr aktualisiert, geschweige denn nachgesehen, was ihre Freunde so trieben.

Sie scrollte sich durch Instagram und freute sich mit einer ihrer Kolleginnen aus einem vorigen Job, die zwei Kätzchen adoptiert hatte. Ihr Feed war voller Bilder von dem rot getigerten Pärchen, wie sie miteinander spielten, Spielzeuge jagten und schliefen.

Ein weiterer Bekannter hatte einer Hochzeit auf Hawaii beigewohnt, und Olivia war fasziniert von den bunten Bildern.

Doch dann blickte sie mit großen Augen auf das nächste Bild.

Es war eine dramatisch schöne, toskanische Villa. Olivenbäume, warme, sandfarbene Steine, mit einer Aussicht auf Hügel und Weingärten dahinter. Einen Momentlang fühlte sie sich, als hätte ihre eigene Einbildungskraft dieses Bild erträumt.

Dann sah sie, dass es ein Foto aus dem Feed ihrer Freundin Charlotte war.

Charlotte war Olivias älteste Freundin. Seit Schulzeiten waren sie beste Freunde gewesen. Als sie beide noch Kinder waren, hatten sie Leuten gegenüber, die sie nicht kannten, immer so getan, als wären sie Schwestern oder sogar Zwillinge. Im Laufe der Jahre hatten sie sich mehr und mehr auseinandergelebt, weil sie so lange in unterschiedlichen Städten gelebt hatten. Olivia erinnerte sich, dass Charlotte bald heiraten würde. Vielleicht waren sie und ihr Verlobter dort auf der Suche nach einem Schauplatz für ihre Hochzeit.

„#VillaVibes“, hatte Charlotte geschrieben. „#ToskanischerSommer #Wein #Freiheit.“

Olivia kommentierte ihr Bild.

„Sieht klasse aus!“



Zu ihrem Erstaunen kam das Ping einer Antwort beinahe sofort.

„Komm vorbei! Ich bin allein hier und auf der Suche nach jemandem, mit dem ich das hier teilen kann. Zwei Schlafzimmer und den ganzen Sommer über gemietet!“

„Allein?“, textete sie, zusammen mit einem überraschten Emoji. „Was ist mit deiner Hochzeit?“

„Abgesagt. #Singleseinistfreisein #einguteslebenistdiebesterache“, kam die Antwort von Charlotte mit einer langen Reihe von Smileys.

Olivia starrte geschockt auf die Nachricht. Was hatte bei ihrer Freundin nur zu so einer drastischen Entscheidung geführt? Olivia verspürte einen Stich aus Neid, denn Charlotte hatte sich ganz klar für einen Tapetenwechsel entschieden und brachte ihr Leben in einer exotischen Umgebung wieder in Ordnung.

Olivia, in der gleichen Situation, hatte bisher nur genug getrunken, bis ihr Kopf beinahe explodierte.

„Schön wärs! Vielleicht beim nächsten Mal!“, antwortete sie.

Sie schloss ihre Augen. Wenn sie in ihrem Leben bessere Entscheidungen getroffen hätte, würde sie jetzt auf einer gusseisernen Schaukel sitzen, sich unter einem Olivenbaum mit Charlotte unterhalten und auf einen gepflasterten Hof mit Hügeln und Weinreben im Hintergrund hinausblicken. Sie konnte beinahe fühlen, wie eine sanfte Brise durch ihr Haar strich, während sie an einem Glas mit gekühltem Chianti nippte.

Charlottes Bewältigungsmechanismus war dagegen viel konstruktiver. Allerdings war Charlotte auch nicht in den Zwängen einer gigantischen Kampagne gefangen wie sie.

Olivia erinnerte sich an das wichtige Meeting, das heute Morgen stattfinden sollte. Hatte sie wirklich die Nerven, zu tun, was sie sich letzte Nacht versprochen hatte, und sich eine Auszeit zu nehmen und James zu sagen, dass sie an einem anderen Projekt arbeiten wollte?

Jetzt, im grellen Licht des Tages und mit monströsen Kopfschmerzen, schien das lächerlich. Zu so einer unverantwortlichen, spontanen Sache war sie nicht fähig. Sie würde damit Menschen im Stich lassen. Man würde schlecht über sie denken. Und James würde sowieso nein sagen. Er würde ihr wahrscheinlich ins Gesicht lachen.

Als sie ihre Aufmerksamkeit schließlich von Instagram losriss, sah Olivia zu ihrem Entsetzen, dass es schon sechs Uhr war.

Während sie ihre Zeit vertrödelte, indem sie online chattete und von der Toskana träumte, war eine Textnachricht auf ihrem Telefon eingegangen. Sie war von James.

„Olivia, ich brauche dich spätestens um 06:50 Uhr im Büro. Jetzt nimmt auch die komplette Geschäftsführung von Kansas Food und Valley Wines an dem Meeting teil. Ich muss dich zehn Minuten vorher unbedingt briefen.“

Egal, wie schnell sie jetzt ihr Apartment verließ, sie würde zu spät zu ihrem wichtigen Briefing kommen.

Vor sich hin fluchend sprang Olivia aus dem Bett, schnappte sich den erstbesten Businessanzug, den sie zu fassen bekam, schlüpfte hinein und flitzte ins Badezimmer für ihr Make-Up.

Als sie das Licht anknipste, brannte mit einem Plopp die Glühbirne durch.

Olivia fluchte erneut. Sie war fast nie zu spät. Nun ja, zumindest nicht auf regelmäßiger Basis. Aber wieso musste sich in einem solchen Fall immer ihr gesamtes Leben gegen sie verschwören?

Sie trug ihr Make-Up im Halbdunkeln auf und machte sich die mentale Notiz, später zu prüfen, ob ihr Mascara auch nicht verschmiert war.

Dann griff sie ihre Handtasche und Arbeitsmappen und sprintete aus der Wohnung.

Als sie an der Nachbarswohnung vorbeijoggte, ging die Tür auf.

„Hallo, Fremde. Mit dir wollte ich sprechen.“

Es war Len, ihr Nachbar. Langatmiger Len, wie sie ihn nannte, weil er seine Unterhaltungen nie schnell beenden konnte. Er konnte sie nicht einmal schnell anfangen, wenn sie ehrlich war. Len verdiente sich mit irgendeinem IT-Kram dumm und dusselig und war auffallend exzentrisch.

Olivia lächelte, obwohl sie spürte, dass sie nur eine angestrengte Grimasse zustande brachte. Von allen Tagen musste sich Langatmiger Len ausgerechnet den heutigen Tag aussuchen, um seine Wohnung zur gleichen Zeit wie sie zu verlassen.

„Es tut mir leid. Ich bin spät dran und –“, begann Olivia.

Len fuhr fort, als hätte er sie nicht gehört und strich sich sein zotteliges Haar glatt. Er sah aus, als trüge er noch immer seinen Schlafanzug. Doch so sah Len immer aus, also besaß er vielleicht nur Schlafanzüge.

„Ich hatte dich doch letztes Jahr gefragt, ob du vielleicht vorhast, deine Wohnung zu verkaufen. Ich wollte dich nur an dieses Angebot erinnern, weil ich dringend mehr Platz brauche, und diese Glasfaserkapazitäten wie hier gibt es sonst nirgends in der Stadt. Und ich brauche nicht nur mehr Platz zum Arbeiten, sondern habe jetzt auch noch ein ganzes Set an Miniatur-Eisenbahnmodellen, die ein ganzes Zimmer beanspruchen, und zwei Sets der Größe Z, die vielleicht kleiner sind, aber dafür beachtliches Grundeigentum benötigen.“

„Tatsächlich?“, Olivia holte Luft, um ihm eine höfliche Absage auszusprechen, aber er redete weiter.

„Zudem habe ich jetzt drei weitere Katzen, die ihr eigenes Spielzimmer brauchen. Ich kann sie unmöglich zu den Zügen lassen.“ Er schüttelte besorgt seinen Kopf. „Ich habs versucht, es ist aber nicht gut ausgegangen. Die Züge haben klar den Kürzeren gezogen, wie es dich vielleicht freut zu hören.“

„Da bin ich ja erleichtert“, sagte Olivia.

„Ich bin bereit, mein Angebot zu erhöhen.“

Olivia wollte am liebsten schreien.

„Len, nein, es tut mir leid. Für deine Katzen und deine Züge gleichermaßen. Und deine zusätzlichen Katzen. Und deine neuen, noch kleineren Züge. Ich bin nicht interessiert zu verkaufen, aber ich verspreche dir, es dich als erstes wissen zu lassen, wenn ich meine Meinung ändern sollte.“

Len schien ihr nicht mehr zuzuhören. Stattdessen sah er sie nur seltsam an.

„Hast du dich verletzt? Hatten du und dein Freund eine gewalttätige Auseinandersetzung?“

Olivia blinzelte.

„Nein. Wieso?“

„Du siehst aus, als hättest du ein blaues, linkes Auge.“

„Oh. Das ist mein Make-Up. Danke für den Hinweis.“

Während sie hektisch unter ihrem Auge herumrubbelte, sprintete sie zum Ausgang.


*

Eine halbe Stunde später erreichte sie das große, gläserne Bürogebäude, in dem JCreative zwei Stockwerke belegte.

Sie nahm den Aufzug nach oben, ihn drängend, doch bitte schneller zu machen, und begann zu rennen, sobald ihre Füße den Teppich des Korridors betraten. Sie platzte um genau eine Minute nach sieben in James’ Büro.

„Sorry für die Verspätung“, keuchte sie.

James saß in seinem Chefsessel, den Olivia als viel zu groß für ihn empfand. Er sah sie streng an, als wäre ihre verspätete Ankunft eine große Enttäuschung.

Wie sie ihn so anschaute, überkam Olivia ein Schauer der Angst, weil sie sehen konnte, wie sie den gleichen Pfad einschlug wie er. Das hier war alles, was er kannte – diese Firma war sein Leben. Er hatte sich vor ein paar Jahren scheiden lassen und sah seine Kinder nur selten. Und obwohl es Sommer war, bemerkte sie, wie blass seine Haut war, als hätte er nie die Gelegenheit, sich in der Sonne zu entspannen, da er all seine Zeit damit verbrachte, sich mit Vorständen in Meetings herumzuschlagen.

„Setz dich. Ich habe aufregende Neuigkeiten für dich“, sagte er.

„Was ist?“, fragte sie und zwang sich zu einem Lächeln.

„Kansas Foods, die Holdinggesellschaft von Valley Wines, ist vom Erfolg dieser Kampagne beeindruckt. Sie witzeln, dass wir ihrer Konkurrenz einen Korken aufgedrückt haben.“

Olivia lächelte noch breiter und wünschte sich, dass das wirklich gute Neuigkeiten wären.

„Es ist im Grunde nicht mal ein Witz. Drei konkurrierende Marken haben so viel Regalfläche verloren, dass sie wahrscheinlich bald pleitegehen werden.“ James lächelte.

„Das ist – ähm.“ Olivia konnte sich nicht dazu überwinden, „gut“ zu sagen. Es war schrecklich, und sie hatte Schuld daran.

„Ab heute sind wir daher für alle Kampagnen von Kansas Food zuständig“, gab James stolz bekannt. „Deswegen sind alle Vorstandsteams bereits im Konferenzraum. Wir machen heute Morgen die Übergaben und unterschreiben einen Fünfjahresvertrag für alle Marken. Dieser Deal ist mehrere hundert Millionen wert.“

Olivia spürte, wie ihr das Lächeln auf den Lippen gefror.

„Das ist großartig. Was für ein Erfolg.“ Sie war sich nicht sicher, wie sie klang, aber sie hoffte, dass James nicht bemerkte, wie sie sich innerlich fühlte.

„Du fragst dich bestimmt, was das für dich bedeutet“, sagte James. Er lächelte. „Ich hoffe, du hast nicht zu viel Urlaub geplant. Du wirst jede Menge zu tun haben, weil du alle wichtigen Kampagnen leiten wirst. Du wirst ein paar zusätzliche Angestellte rekrutieren müssen und deine Zeit abwechselnd hier und in ihrer Zentrale in Wichita verbringen. Du wirst wahrscheinlich eine Woche hier und eine Woche dort verbringen. Für dich sollte das ja kein Problem sein. Du bist doch nicht verheiratet, oder?“

Olivia verkniff sich eine bissige Antwort. Würde ihr Familienstand irgendeinen Unterschied machen? Ja, zufällig war sie seit gestern ohne Freund, aber wie kam James, ein geschiedener Mann, auf die Idee, dass es für sie ein und dasselbe war, unverheiratet und single zu sein?

„Nein, das bin ich nicht“, antwortete sie kühl.

James sah sie überrascht an, als hätte er erwartet, dass seine Worte mit blinder Zustimmung aufgenommen werden würden.

„Du erhältst eine Beförderung zum Account Director, eine wesentliche Gehaltserhöhung, und die Bonusstruktur wird doppelt so hoch sein wie bisher. Da steckt jede Menge Geld drin, mein Mädchen. Eine große Menge Geld.“ Er rieb sich die Hände.

Olivia blinzelte. Sie dachte, sie würde bereits eine Menge Geld verdienen. Wenn also noch mehr kommen würde, wie viel würde das sein? Hieß es nicht, jeder hätte seinen Preis? Sie begann sich zu fragen, ob sie den auch hatte.

„Ich –“, begann Olivia, aber James redete einfach weiter.

„Einer der größten Accounts bei uns wird Daily Loaf sein – das ist ihr Brothersteller.“ Er hackte auf die Tastatur seines Laptops ein. „Deren CEO hat mir gestern ein paar Details geschickt. Ihr Brot hat eine Haltbarkeitsdauer von bis zu zwei Wochen. Zwei Wochen! Kannst du das glauben?“

„Unfassbar“, sagte Olivia. Innerlich überkam sie Panik. Sie wollte nicht für ein Brot mit zweiwöchiger Haltbarkeit werben. Sie wollte mit handgemachtem Brot arbeiten, dessen Mehl in echten Mühlen gemahlen und in rustikalen Lehmöfen gebacken wurde.

„Der charakteristische Geschmack wird mit einer Mischung aus Sucrose und Maissirup verstärkt, was das Brot besonders lecker macht“, fuhr James fort. „Ich glaube, das könnten wir in die Kampagne einarbeiten. Vielleicht etwas wie ‚Täglich Daily auf den Tisch, immer gut und immer frisch‘? Du kannst das bestimmt ein wenig besser ausfeilen, davon bin ich überzeugt. Sie haben auch eine gesunde Version. Es hat zusätzlich zehn Prozent Vollkornmehl und angeblich weniger Zucker.“

James studierte seinen Bildschirm.

„Nein, ich sehe gerade, dass das gesunde Brot den gleichen Zuckergehalt hat. Aber Vollkornmehl, das ist das große Schlagwort. Daily Loaf hat großes Potenzial, und ich kann kaum erwarten zu sehen, was du daraus machst.“

Mit einem schwachen Lächeln auf den Lippen wurde Olivia langsam schlecht.

„Es wäre klasse, wenn du dir aus dem Stehgreif ein paar Ideen, Slogans und Richtungen einfallen lassen könntest, sodass wir sie gleich bei unserem Meeting direkt von den Socken hauen können. Ich weiß, dass du immer viele spontane Einfälle hast.“ Er zog eine verschwörerische Augenbraue hoch.

Olivia zuckte zusammen. Hieß das, was sie dachte, was es hieß?

„Ich habe nur Gutes von dir berichtet, das Vorstandsteam hat also hohe Erwartungen. Sie erwarten nur das Beste von dir, aber ich weiß, dass du sie überzeugen wirst. Wie dem auch sei, zurück zu den Produkten. Lass mich dir kurz von den Softdrinks –“

Olivia stand auf. Sie konnte kein einziges Wort mehr ertragen. Nicht einmal die Aussicht auf das Geld, den Bonus und die Beförderung konnte ihre Meinung jetzt noch ändern. Egal, wie viel Geld es war.

„Das klingt alles sehr aufregend“, begann sie. „Aber das ist leider nichts für mich.“

Sie konnte nicht glauben, dass diese Worte wirklich aus ihrem Mund kamen. James’ geschockter Gesichtsausdruck sagte ihr, dass sie nicht die Einzige war. Unfähig aufzuhören und im Wissen, bereits eine Grenze überschritten zu haben, fuhr Olivia fort.

„Ich kann leider nicht weiter mit dieser Marke und anderen damit in Verbindung stehenden Marken arbeiten. Hiermit reiche ich also meine mündliche Kündigung ein und bitte dich, sie anzunehmen.“

„Was zum Teufel soll das?“, platzte James hervor. „Das ist doch Bullshit. Du kannst doch jetzt nicht einfach aussteigen und gehen!“

„Genau das tue ich gerade“, sagte Olivia entschlossen.

Sie atmete tief durch, stand auf und verließ den Raum. Hinter ihr hörte sie James’ verzweifelten Schrei.

„Olivia! Bleib hier! Wir müssen reden!“

Doch sie zwang sich, standhaft zu bleiben, weiterzugehen und nicht zurückzusehen.

Draußen auf der Straße verspürte sie eine erschreckende Freiheit. Sie drehte sich fassungslos zu der dunklen Glasfront des Gebäudes um. Ihre Hände zitterten vor Schock. Was hatte sie da gerade getan? Das war ein Moment des Wahnsinns gewesen, und es gab keinen Weg zurück.

Das war nicht mehr ihr Arbeitsplatz und würde es auch nie mehr sein. Sie würde wahrscheinlich bis ans Ende ihres Lebens keinen Fuß mehr hineinsetzen.

Angst und Ungewissheit brodelte in ihr, als sie Instagram auf ihrem Telefon aufrief und Charlotte eine neue Nachricht schrieb.

„Ich habe meine Meinung geändert“, tippte sie. „Ist das Zimmer in der Villa noch frei?“

Sie hielt den Atem an, während sie auf eine Antwort wartete.




KAPITEL SECHS


Der Wäscheberg auf Olivias Bett wurde immer größer.

Bisher bestand er aus Jeans, Shorts, T-Shirts, lässigen Tops, schicken Tops, einigen langärmeligen Oberteilen und einer Jacke.

Atemlos vor Aufregung starrte sie auf die Klamotten. In wenigen Stunden würde sie in ein Flugzeug steigen. Morgen früh würde sie in der Toskana landen.

„Ich tu es. Ich tu es tatsächlich. Ich kanns nicht glauben“, sagte sie zu sich selbst.

An diesem Morgen war sie mit einem Kater aufgewacht, war gestresst und hasste ihren Job. Nur zwei Stunden später hatte sie gekündigt, einen Flug gebucht und packte gerade für die Reise.

Okay, sie hatte heute Morgen also noch einen Job gehabt. Heute war das erste Mal in zwölf Jahren, dass sie arbeitslos war. Aber nach einem zweiwöchigen Urlaub in der Toskana würde sie sich nach einem neuen Job umschauen können. Zwei Wochen waren eine lange Zeit. Sie erstreckten sich vor ihr, voller Aufregung, voller Möglichkeiten.

Sie wühlte in der hinteren Ecke ihres Kleiderschranks nach einer Trainingshose. Es war lange her, seit sie das letzte Mal gejoggt war. Jahre, um ehrlich zu sein. Sie hasste Joggen, aber sie war sich sicher, dass sie es in Italien lieben würde. Und sie musste sich fit halten, vor allem, weil sie seit Ewigkeiten jeden Abend Wein trank und Nudeln mit Sahnesoße aß. Und leckere Käsepizza und knuspriges Brot getunkt in Olivenöl und Balsamico-Essig.

Sie dachte an all das Essen und warf zusätzlich noch ihre Yoga-Hose auf den Haufen. Sie war nie ein Yoga-Mensch gewesen und hatte sich die Hose nur gekauft, weil sie sich irgendwann einmal vorgenommen hatte, einen Kurs zu besuchen. Aber in der Villa könnte sie Yoga machen. Sie könnte googlen, wie. Sie stellte sich vor, wie sie elegant auf ihren Händen balancierte, während hinter ihr die Sonne aufging.

Nach weiteren zehn Minuten hatte sie zu Ende gepackt.

Als sie ihre schwere Tasche nach draußen hievte und die Tür hinter sich abschloss, fiel ihr auf, dass sie rein gar nichts zurückließ. Nicht einmal eine Pflanze, die gegossen werden musste. War das ein Zeichen dafür, wie leer ihr Leben mittlerweile war?

„In der Villa gibt es bestimmt Pflanzen“, redete sie sich optimistisch ein.


*

„Amore mio“, flüsterte der gutaussehende Mann, und sein Atem kitzelten auf Olivias Haut. „Wie schön, dass du endlich da bist. Lass mich dein Gepäck nehmen.“

Olivia starrte ihn liebestrunken an.

Liebestrunken und völlig verwirrt. Wieso wurde sie von diesem atemberaubend gutaussehenden Mann empfangen, der mit einem starken, italienischen Akzent sprach? War er ihr Freund? Wie war das passiert, und was würde Matt dazu sagen?

Der große Mann schwang ihren schweren Koffer von ihrem Trolley und legte seinen freien Arm um Olivias Hüfte. All ihre Zweifel verblassten, als er sie fest an sich drückte. Irgendwie würde das alles schon funktionieren, da war sie sich sicher.

„Ich bringe dich nach Hause, meine Schönheit“, hauchte er.

Das Knistern der Lautsprecherdurchsage riss Olivia wieder in den Wachzustand zurück.

„Wir beginnen jetzt den Landeanflug. Bitte bringen Sie Ihre Sitze in eine aufrechte Position und verstauen Sie Ihre Tabletts.“

Olivia setzte sich desorientiert auf und lächelte verlegen die Frau neben sich an, auf deren Schulter sie eingenickt war. Für einen verwirrten Moment dachte sie, sie wäre auf einem Inlandsflug, auf dem Weg zu einem Businessmeeting. Als sie sich erinnerte, wo sie war, starrte sie begeistert aus dem Fenster.

Gleich würde sie in Italien landen. Sie hatte ihren Job gekündigt und mit Matt Schluss gemacht, und war gerade auf dem Weg zu einem Spontanurlaub in einer toskanischen Villa.

Olivia hielt den Atem an, als sie den Teppich aus Feldern, Hügeln und Wäldern unter sich sah. In der Landschaft konnte sie kleine Städte sehen, die Häuser sandfarben, beige und ocker. War das ein Weingarten? Sie spähte hinab und versuchte zu erkennen, was diese grünen, feinsäuberlichen Reihen waren, doch ihr Atem ließ das Glas beschlagen, und sie lehnte sich wieder zurück.

Ihr Traum war so klar gewesen, dass es sich wie Realität angefühlt hatte. Ein gutaussehender Mann, der auf sie gewartet hatte. Naja, wer wusste schon, was auf diesem spontanen Urlaub alles passieren konnte? Als das Flugzeug aufsetzte, fragte Olivia sich, ob sie in dieser romantischen Umgebung vielleicht den Mann ihres Lebens kennenlernen würde.

Als sie in die überfüllte Ankunftshalle trat und ihre schwere Tasche hinter sich herzog, sah sie ein Schild mit ihrem Namen.

Olivia Glass.

Olivia starrte fassungslos auf das Bild, das sich ihr bot.

Da musste Zauberei im Spiel sein. Hinter dem Schild stand ein großer, umwerfend gutaussehender Mann. Er war gebräunt und hatte breite Schultern. Seine starken Gesichtszüge akzentuierten seinen dunklen Dreitagebart.

Als er sie sah, strahlte er und winkte ihr überschwänglich zu.

Mit großen Augen winkte Olivia zurück und lächelte erfreut, als sie sich ihren Weg durch die Menge auf ihn zu bahnte.

Ihr Traum war wahr geworden; ihr Urlaub begann wie in einem Bilderbuch. Wer hätte gedacht, dass das Mieten eines Autos ihr die Bekanntschaft zu solch einem italienischen Adonis verschaffen würde?

Hatte er sie von dem Foto auf ihrem internationalen Führerschein erkannt? Olivia spekulierte über die Möglichkeiten, als sie sich ihm näherte. Es musste der Führerschein gewesen sein, entschied sie, aber sie könnte ihn ja fragen. Das war doch auch ein guter Einstieg in eine Konversation, während er sie zu ihrem Auto begleiteten würde.

Als sie einem langsameren Passagier auswich, kippte ihr Koffer um.

„Upps“, sagte sie und hielt an, um ihn wiederaufzurichten.

Währenddessen überholte sie eine zierliche Frau in einem stylischen, leuchtendroten Mantel.

Der hübsche Mann winkte noch immer, aber Olivia sah zu ihrem Entsetzen, dass er nicht ihr winkte.

Die zierliche Frau erreichte ihn, und er schloss sie fest in seine Arme.

Olivia schnappte verblüfft nach Luft und lief sofort dunkelrot an, als sie merkte, dass das Schild gar nicht zu dem gutaussehenden Mann gehörte. Es wurde von einem kleinen, älteren Herrn links von ihm gehalten, der das Schild in die Höhe gehalten hatte, damit sie es besser sehen konnte.

Olivia wusste genau, dass ihr Kopf gerade genauso rot anlief wie der Mantel der Frau.

Und das Schlimmste von allem war, dass der italienische Adonis ihren Faux-Pas ganz klar bemerkt hatte, denn er warf ihr einen mitleidigen Blick zu und zuckte entschuldigend mit den Schultern. Einige Schaulustige starrten sie ebenfalls amüsiert an.

Es gab nur eines, was sie tun konnte, um ihre in tausend Einzelteile zerschmetterte Würde wieder zusammenzuflicken.

Ihren Adonis ignorierend, als hätte sie ihn nicht einmal bemerkt, blickte sie nun direkt auf den älteren Herrn. Sie zwang sich zu einem erneuten Lächeln, eines, das sogar breiter war als das vorige, und winkte überschwänglich.

„Hallo! Es ist so schön, Sie zu sehen!“

Schau dich nicht um, redete Olivia sich ein. Wenn sie mit ihrem verzweifelten Versuch, einer lebenslangen Demütigung zu entgehen, erfolgreich sein wollte, musste sie sich jetzt voll und ganz auf diesen Herrn hier konzentrieren, ohne jemand anderen auch nur anzusehen.

Als sie auf den älteren Mann zueilte und ihn wie einen guten Freund, den sie schon lange nicht mehr gesehen hatte, begrüßte, hoffte sie, dass niemand bemerkte, wie verdutzt dieser dreinschaute.


*

Wenige Minuten später verließ sie den Flughafen am Steuer eines kompakten, babyblauen Fiats. Als sie das in Grün gehüllte Terminal hinter sich ließ, fühlte Olivia sich, als würde ihr Abenteuer nun endlich tatsächlich beginnen. Seit Jahren stand Italien auf ihrer Liste von beliebten Reisezielen ganz oben, aber sie hatte nie geglaubt, dass sie jemals die Gelegenheit bekäme, tatsächlich hierherzukommen. Der längste Urlaub, seit sie begonnen hatte, für JCreative zu arbeiten, waren dreieinhalb Tage gewesen. Zudem hatte Matt ihr Interesse an Italien nie geteilt.

Sie hatte sich damit abgefunden, dass ihre Obsession mit der Toskana nie mehr als eine Fernbeziehung sein würde, aber jetzt war sie tatsächlich hier.

Zu ihrer Freude war die Landschaft genauso, wie sie sie sich vorgestellt hatte. Felder in allen Größen und Formen mit säuberlichen Reihen aus Weinreben fügten sich wie Puzzleteile an Olivenhaine und Wäldchen. Sie erspähte ein Farmhaus errichtet aus honigfarbenem Stein und umgeben von Baumgruppen. Unterwegs blickte sie erwartungsvoll zum Horizont, in der Hoffnung, die Küste des Tyrrhenischen Meers sehen zu können.

Ihr GPS funktionierte einwandfrei und lotste sie zuverlässig durch die pittoreske Landschaft.

Doch nicht so zuverlässig, korrigierte Olivia, als sie auf einmal rechts in eine schmale Straße abbog, die sie angeblich nach Collina führen sollte, einer Stadt am Fuße eines Berghangs. Stattdessen verlief die Straße jetzt im Zickzack hoch in die Berge hinauf.

Wo war sie? Sie blickte auf ihre Straßenkarte hinunter, und als sie wieder aufsah, bemerkte sie erschrocken, dass ihr ein eleganter, orange-schwarzer Sportwagen an der Stoßstange klebte.

Olivia sah erstaunt, dass es ein Bugatti Veyron war, als der Fahrer sie mit einem kehligen Aufheulen des Motors überholte und hinter der nächsten Kurve verschwand. Sie hatte noch nie einen gesehen, aber sie wusste, dass diese Fahrzeuge Millionen kosteten und ihre Leistung für Auto-Fans jeden Cent wert waren. Sie ging davon aus, dass es keine Seltenheit war, solche auf den Straßen eines Landes zu sehen, für das schnelle, stylische Autos ein wesentlicher Teil der Kultur darstellten.

Sie widmete sich wieder ihrer Straßenkarte, doch ihr Kopf schnellte wieder hoch, als sie bemerkte, dass da ein weiteres Auto hinter ihr war.

Es war ein Polizeiwagen mit Blaulicht, ganz klar auf einer Mission. Er überholte sie ebenfalls und schoss mit kreischendem Motor den Berg hinauf.

„Hoffentlich kriegen sie ihn“, rief Olivia ihm unterstützend hinterher, obwohl sie nicht glaubte, dass der Polizist auch nur den Hauch einer Chance hatte. Dieser Bugatti hatte eine mörderische Beschleunigung gezeigt.

Das GPS hatte sie fehlgeleitet, aber die Route führte sie dafür in ein höchst außergewöhnliches Bergdorf. Es musste einst ein mittelalterlicher Außenposten gewesen sein, mit hohen, kantigen Türmen und schmalen Gebäuden mit winzigen Fenstern, eng an den Berg gedrängt. Das Städtchen selbst war ein wirres Durcheinander aus Straßen. Es gab nicht genug Platz, um zu wenden, und Olivia fragte sich, ob sie jemals wieder daraus hinausfinden würde.

Konzentriert schielend manövrierte sie das Auto um eine Kurve, die selbst für den kleinen Fiat viel zu eng zu sein schien. Zwischen den hohen Steinmauern blieb Olivia kein bisschen Spielraum. Sie hielt die Luft an und betete, dass ihre Stoßstange diese Herausforderung überleben würde. Sie stieß einen langen Seufzer der Erleichterung aus, als sie und ihr Auto die Engstelle unbeschädigt passierten, und sie die Hauptstraße vor sich liegen sah.

Ihr GPS berechnete die Route neu und lotste sie den Berg wieder hinab.

Olivia verlangsamte ihre Fahrt, als sie fasziniert den Bugatti betrachtete, der an der Straßenseite vor dem Polizeiwagen geparkt stand. Die gepflasterten Straßen und der schmale Engpass hatten dem Polizisten anscheinend dazu verholfen, aufzuholen. Was das den Fahrer wohl kosten wird?, fragte sie sich. Doch als sie an den beiden Fahrzeugen vorbeifuhr, kicherte sie amüsiert.

Der Fahrer und der Polizist standen vor dem Bugatti und waren in eine angeregte und enthusiastische Unterhaltung vertieft. Der Polizist hatte sein Telefon gezückt und schoss Fotos von dem Sportwagen. Das schien der einzige Grund für seine Verfolgungsjagd gewesen zu sein.

So etwas gibt’s nur in Italien, dachte Olivia, froh, diese Szene erlebt haben zu dürfen.

Als sie wieder auf die Straße zurückkehrte, sah sie endlich das Schild für Collina. Jetzt musste sie nur noch Ausschau nach der Villa halten.

Ihr stockte der Atem, als sich die imposante Auffahrt vor ihr ausbreitete, flankiert von hohen, steinernen Torsäulen. Das gusseiserne Tor stand offen, und sie fuhr den gepflasterten Weg zu dem eleganten Steinhaus hinauf. Die Säulen des Portals und die hohen, geschwungenen Fenster waren genau wie auf dem Instagram-Foto, aber der enge Kamerawinkel war dem atemberaubenden Panorama aus sanft wogenden Hügeln und bewaldeten Tälern, dem klaren, azurblauen Himmel und der duftenden Sommerluft nicht gerecht geworden.

Sie parkte unter einem hölzernen Carport, dessen Pfosten von Weinreben umrankt waren.

Olivia kletterte aus dem engen Fahrersitz, streckte ihre Arme über dem Kopf aus und atmete tief ein. Sie drehte sich langsam und ließ dabei die einmalige Szenerie, die sie umgab, auf sich wirken.

Sie hatte es sich wunderschön vorgestellt, aber sie hatte nicht damit gerechnet, dass sie bei ihrer Ankunft solch ein Gefühl von Frieden empfinden würde. Irgendwie war ihr die Landschaft vertraut und hatte einen beruhigenden Effekt auf sie, obwohl es ihr erster Besuch in Italien war.

Als sie ihren Koffer aus dem Kofferraum wuchtete, entschied sie, dass das an ihrer jahrelangen Obsession mit dieser Gegend liegen musste. Kein Wunder, dass sie sich schon wie zuhause fühlte.

Sie ging auf die hölzerne Tür mit den zwei großen Tontöpfen links und rechts zu, in denen leuchtend pinke Geranien wuchsen.

„Hallo?“, rief sie und klopfte an die Tür. „Charlotte, bist du da?“

Sie drückte die Türklinke herunter, aber die Tür war verschlossen.

Olivia runzelte die Stirn und fragte sich, ob das die richtige Villa war. Vielleicht hätte sie den Hügel noch weiter hinauffahren müssen?

Dann bemerkte sie ein flatterndes Blatt Papier in einem der Blumentöpfe.

Olivia nahm es in die Hand und faltete es auseinander.

„Habe verschlafen!“, stand da. „Bin los, um uns Mittagessen zu holen! Schlüssel ist im Blumentopf!“

Als sie genauer hinsah, sah sie den Schlüssel, halb versteckt unter einem Blatt.

Sie schloss die Tür auf und trat in die angenehme Kühle des Hauses. Der glatte, gekachelte Fußboden lud ein, seine Schuhe direkt auszuziehen und barfuß darüber zu laufen.

Einige Hauspflanzen nahe den Erkerfenstern in der Eingangshalle verliehen dem Haus einen erfrischenden Grünton. Die Gemälde an den Wänden mussten von einem lokalen Künstler stammen, denn die farbenfrohen, rustikalen Bilder fingen die Schönheit des Patchworks aus Feldern und Bäumen, die sie draußen gesehen hatte, perfekt ein. Ihre Augen wanderten hinauf zu der hohen, hölzernen Decke, an der ein prunkvoller Lüster glitzerte.

Sie folgte dem Korridor, öffnete die erste Tür zu ihrer Rechten und fand sich in einem leeren Schlafzimmer wieder, von dem Charlotte gesagt hatte, dass es für sie reserviert war. Sie stellte ihren Koffer am Fuß des großen Himmelbetts ab und sah aus dem hohen Rundbogenfenster.

Ihr Blick schwenkte von einem abgezäunten Gemüsegarten hinüber zu dem mit Obstbäumen gespickten Rasen. Waren das Birnbäume? Granatapfelbäume? Sie konnte kaum erwarten, hinaus in die Sonne zu gehen, um nachzusehen.

Olivia riss sich von dem Ausblick los und betrat das zugehörige Badezimmer. Die Badewanne mit den Löwentatzen führte sie in die Versuchung, ein langes, ausgiebiges Bad zu nehmen, aber da sie wusste, dass Charlotte bald wieder zurück sein würde, entschied sie sich zu einer kurzen Dusche und danach einem frischen Satz Klamotten. Sie setzte sich einen Moment und starrte hinaus auf den Horizont. Diese endlose Landschaft ließ erahnen, wie weit draußen auf dem Land sie sich befanden.

Sie nahm ihr Telefon zur Hand und schoss ein Foto für ihr Instagram.

„#Romantischesreiseziel #spontanurlaub #weingebiet #weitwegvonzuhause“, lautete ihr Kommentar.

Sie hoffte, dass Matt das sehen würde. Sie war sich sicher, dass er ihr nach der Demütigung in dem Restaurant in den sozialen Medien nachspionieren würde. Er würde sich vorstellen, wie sie alleine zuhause saß, ihm nachweinen und ihre unordentlichen Angewohnheiten bereuen würde. Wenn er ihr Foto in der Toskana sehen würde, konnte sie sich vorstellen, wie er seine Lippen aufeinanderpresste und seine Augen diesen seltsamen, nachdenklichen Blick annahmen.

Der Gedanke an Matt ließ sowohl die Erinnerungen an ihren letzten Arbeitstag zurückkehren, als auch an die Dreistigkeit, die sie dort an den Tag gelegt hatte.

Auf einmal stürzte die Realität wieder auf sie ein.

Olivia wendete sich vom Fenster ab und atmete tief ein.

Was hatte sie sich nur dabei gedacht?

Sie hatte ihren Job ohne Vorankündigung gekündigt. Sie hatte einen spontanen Urlaub gebucht, ohne dabei auch nur einmal an ihre Zukunft zu denken. Führende Positionen in der Werbewelt waren rar – es war eine stark konkurrierende Industrie, und dieses Wissen war immer in ihrem Hinterkopf gewesen, wenn sie länger im Büro geblieben war und Überstunden gearbeitet, und ihren Urlaub und ihr Sozialleben geopfert hatte.

Sie vergrub ihr Gesicht in den Händen, als ihr klar wurde, dass sie all das aufgegeben hatte. Hier war sie nun, in einem fremden Land auf der anderen Seite der Welt, ohne die Möglichkeit, sich um Schadensbegrenzung kümmern zu können, oder James zu bitten, ihr ihren Job wiederzugeben.

Was sie in ihrem verrückten, verkaterten Zustand getan hatte, hatte womöglich ihre gesamte Zukunft gefährdet.

Das Klicken der Eingangstür riss Olivia aus ihrer Qual. Charlotte war zurück.




KAPITEL SIEBEN


Olivia spürte, wie ihre Panik schwand, als sie überwältigt von der Freude, Charlotte wiederzusehen, zur Tür lief. Das war das erste Mal in beinahe drei Jahren, dass sie ihre älteste und beste Freundin wieder zu Gesicht bekam.

„Da bist du ja!“, kreischte Charlotte, als Olivia auf sie zustürzte, um sie zu umarmen. „Ich kann nicht fassen, dass du den ganzen Weg hierhergekommen bist.“

„Es ist so schön, dich zu sehen!“

Olivia überragte Charlotte um beinahe einen Kopf. Als sie zehn Jahre alt gewesen waren, waren sie genau gleichgroß gewesen, und es war ein Leichtes gewesen, so zu tun, als wären sie Zwillinge. Ein Jahr später hatte Olivias Wachstumsschub begonnen, welcher bei Charlotte fast komplett ausgeblieben war. Von da an hatte ihr Zwillingsstreich nicht mehr funktioniert, aber sie standen weiter zu ihrer Behauptung, Schwestern zu sein.

Mit ihrem strahlenden, runden Gesicht und ihrem langen Haar mit den rotgoldenen Strähnen versprühte Charlotte eine ansteckend gute Laune. Ihre Präsenz schien die Villa auszufüllen, und ihr fröhliches Lächeln erhellte den Raum. Im Angesicht ihrer sonnigen Persönlichkeit wuchs in Olivia der Glaube, dass am Ende doch alles irgendwie gut werden würde.

„Hast du dich schon in der Villa umgesehen?“ Charlotte nahm die braunen Papiertaschen wieder auf, die sie mitgebracht hatte. „Komm, ich gebe dir eine schnelle Tour, und dann essen wir zu Mittag.“

Olivia war nur bis zu ihrem Schlafzimmer gekommen, wo sie dann ihre Panikattacke bekommen hatte. Begierig, mehr zu sehen, nahm sie Charlotte eine der Taschen ab und folgte ihr durch den gefliesten, luftigen Korridor.

Mit ihren terracottafarbenen Fliesen und einem warmen, cremefarbenen Wandanstrich fühlte sich die Villa freundlich und heimelig an. Matts Einrichtungsstil war geometrisch und schwarz-weiß. Im Laufe der Jahre hatte sich alles in ihrem Apartment allmählich in entweder das eine oder das andere verwandelt. Weiße Vorhänge, schwarzer Teppich. Schwarze Bettbezüge, weiße Kissen. Schwarze Ledercouch, weißer Wohnzimmertisch. Schwarz, weiß, schwarz, weiß… Olivia fühlte sich wie die Königin auf ihrem persönlichen Schachbrett.

Nun war sie gebannt von all dem Detail und der Wärme, die sie umgaben. Tönerne Blumentöpfe und Terracottavasen standen in den geschwungenen Alkoven entlang des Flurs. Wandteppiche schmückten die Wände – Darstellungen von Landschaften, Essen und Wein, gerahmt in schmiedeeiserne Volutenstangen.

Die beiden Schlafzimmer befanden sich auf der rechten Seite, während sich zu ihrer Linken ein offen gestaltetes Wohnzimmer mit Essbereich ausbreitete. Es war mit prächtigen Möbeln und einer weichen, beigen Ledercouchlandschaft ausgestattet. Der Wohnzimmertisch und der Esstisch waren aus rustikalem, texturiertem Holz.

Das Herzstück des Raums war der prunkvolle Kamin an der ihnen gegenüberliegenden Seite, eingebaut in eine hohe, steinerne Wand. Darüber glitzerte ein reichlich verzierter Kronleuchter. Lampen mit schweren, handbemalten Fußstücken in leuchtenden Gold- und Orangetönen waren hier und da im Raum auf kleinen Tischen und Regalen platziert.

Olivia freute sich schon auf den Abend, wenn sie diese anschalten und das warme, gedämpfte Licht genießen konnte.

Links führte ein Torbogen in die Küche, und Olivia stellte die Tasche auf dem Tresen ab, während sie die Töpfe mit Rosmarin, Thymian und Basilikum auf der breiten Fensterbank bewunderte, die dem Raum einen angenehmen Duft verliehen.

„Ich habe uns zum Mittag ein paar Snacks besorgt, und natürlich ein wenig Wein“, sagte Charlotte.

Sie half ihr, die Speisen auf dem Servierteller anzurichten, und betrachtete dabei mit Freuden die in braunes Packpapier gewickelten Wurstsorten, die Olivengläser mit ihren exotischen italienischen Etiketten, den blassen, cremigen Käse und das knusprige Ciabattabrot. Als alles fertig serviert war, konnte Olivia nicht widerstehen, ihr Telefon zu zücken und ein Foto dieses instagramperfekten Displays zu knipsen.

„Wo wollen wir sitzen? Es gibt einen Tisch draußen.“ Charlotte öffnete die Küchentür. Draußen sah Olivia einen gepflasterten Hof, umringt von Kräuter- und Gemüsebeeten. An einem Ende standen ein kleiner Tisch und ein paar Stühle im Schatten eines überhängenden Olivenbaums.

„Draußen“, entschied Olivia.

Sie trug das Tablett zu dem Tisch und setzte sich auf einen der beiden gusseisernen Stühle.

Die Aussicht auf dieser Seite des Hauses war gleichfalls faszinierend. Vom Hof aus überblickte man eine ruhige Straße, und jenseits davon, ein goldenes Weizenfeld. Olivia bemerkte eine Gruppe von Bäumen inmitten des Getreides und erinnerte sich, wie sie zu Schulzeiten gelernt hatte, dass toskanische Farmer promisken Ackerbau betrieben, wobei ihre verschiedenen Erntegüter, meist Weizen, Oliven und Trauben, zusammen in denselben Feldern wuchsen.

Sie hatte diesen Ausdruck geliebt. Es war einer der wenigen historischen Fakten aus ihren Schultagen, die in ihrer Erinnerung haften geblieben waren. Heutzutage war es unter dem Namen gemischte Landwirtschaft bekannt, was nicht einmal annähernd so aufregend klang, und die Praxis war auch bei Weitem nicht mehr so gebräuchlich wie damals.

In der Ferne hinter dem mit Bäumen besprinkelten Weizenfeld schmiegte sich ein Farmhaus an einen tiefgrünen Wald. Beim Anblick überkam Olivia eine Welle des Neids auf den Besitzer. Wussten rt denn, wie glücklich er sein konnten, an so einem zauberhaften Ort leben zu dürfen?

Sie hatte den Verdacht, dass das nur die erste Welle von vielen sein würde, die sie während dieser zwei Wochen würde ertragen müssen. Sie war neidisch auf jeden einzelnen Bewohner in dieser Gegend. Auf jeden!

Charlotte schenkte ihnen Wein ein, und sie prosteten sich zu.

„Auf die Freundschaft“, sagte Olivia.

Sie atmete das grasige Bouquet des eisgekühlten Sauvignon Blanc ein und nahm lächelnd einen Schluck.

„Auf Spontanurlaube“, sagte Charlotte, und sie tranken erneut.

„Auf neue Anfänge“, fügte Olivia für einen dritten Toast hinzu.

„Auf den Gewichtsverlust“, schloss Charlotte.

Olivia zog die Augenbrauen hoch und starrte auf die ausgebreiteten Speisen vor ihnen.

„Ich habe in den letzten zwei Wochen hundertachtzig Pfund abgenommen“, erklärte Charlotte. „Das ist ungefähr, was Patrick gewogen hat.“

„Was ist passiert?“, fragte Olivia. „Ihr wolltet doch heiraten.“

„Ich habe die Hochzeit abgesagt“, sagte Charlotte. Sie suchte sich eine Scheibe Ciabatta aus und bestrich sie mit einer dicken Schicht aus Tomatenaufstrich.

„Wieso das?“, fragte Olivia, als sie sich ein Sandwich mit Schinken, Käse und Olivenpaste zusammenstellte. Sie war neugierig, was zwischen Charlotte und ihrem Verlobten vorgefallen war, den sie zwar nie kennengelernt hatte, von dessen konstanter Präsenz auf Charlottes Instagram sie aber geschlossen hatte, dass er gutaussehend und charmant war.

Charlotte verzog das Gesicht.

„Es war kompliziert.“

Sie begann zu reden, hielt inne, seufzte und nahm einen Schluck Wein.

„Zu kompliziert, um jetzt darüber zu sprechen“, sagte sie schließlich und wedelte ungeduldig mit einem Stück Parmaschinken. „Ich will unser nettes Mittagessen nicht mit einer Geschichte über dieses grässliche Subjekt versauen.“

Olivia nickte verständnisvoll.

„Wie dem auch sei, immerhin hat dich das Ganze hierhergebracht“, tröstete sie ihre Freundin.

„Genau“, stimmte Charlotte zu. „Und dich auch. Du bist immer so beschäftigt, dass ich gar nicht auf die Idee gekommen bin, dich einzuladen. Wirst du während deines Urlaubs hier arbeiten müssen?“

„Nein“, antwortete Olivia. All ihre Ängste brachen wieder über ihr zusammen, als sie hinzufügte: „Ich habe gekündigt.“

Charlotte verschluckte sich an ihrem Wein.

„Du hast deinen Job gekündigt? Du meinst, du bist einfach so hinausspaziert?“

„Ich habe ihn gehasst.“ Schuldbewusst versuchte Olivia, ihre Taten zu rechtfertigen. „Ich habe einen billigen, gepantschten Wein vermarktet, der für alles steht, was ich verabscheue.“

„Hättest du dir nicht einen anderen Kunden aussuchen können?“, fragte Charlotte in einem ehrfürchtigen Ton, der Olivias Gewissenbisse sogar noch verschlimmerte. „Du hast mir mal gesagt, dass deine Mutter von dir gesagt hat, wenn du nicht im Marketing arbeiten würdest, wäre alles, für das du noch qualifiziert wärst, das Regaleeinräumen im Supermarkt.“

„Ich brauche eine neue Richtung für meine Karriere. Kein Regaleeinräumen“, sagte Olivia entschlossen. „Ein Urlaub im Heimatsland des Weins wird mir Zeit geben, darüber nachzudenken. Einer meiner Träume ist mein eigenes, hausgemachtes Weinlabel.“

„Ich mag Katzen, also will ich irgendwann mal Löwenbändiger werden“, scherzte Charlotte gutgelaunt, doch als sie Olivias Gesicht sah, verblasste ihr Lächeln. „Ich dachte, das sollte ein Witz sein. Du meinst das also ernst mit dem Weinlabel?“

„Ja. Es ist ein Traum von mir“, insistierte Olivia. Jetzt, wo sie tatsächlich hier war, erschien er ihr sogar noch verlockender als zuvor in Chicago.

„Wow. Naja, soll ich dir vielleicht erst einmal den Garten zeigen? Das Grundstück ist wunderschön.“

Begierig, ihre Umgebung zu erkunden, stand Olivia auf, und sie schlenderten hinaus aufs Grundstück.

Als sie die Website der Villa durchstöbert hatte, hatte sie gelesen, dass fünf Morgen des Landes ursprünglich für eine Freilandhühnerhaltung benutzt wurden. Ein alter Hühnerstall, kunstvoll im Garten platziert, erinnerte noch daran.

Sie passierten einen Obstgarten und stiegen einen steilen Hang hinauf auf eine mit Büschen bespickte und mit Bäumen umrandete Grasfläche. Olivia fragte sich, ob hier einst die Freilandhühner umhergewandert waren.

Ein Pfad umrundete das verwilderte Feld, und Olivia erkannte die Bäume dank ihrer unverwechselbar dicken und fasrigen Rinde. Es waren Korkeichen. Dieses Weinanbaugebiet war wahrlich ein geeigneter Platz dafür.

Sie bewunderte sie für eine Weile und ließ ihre Hand über die Rinde eines Baumes gleiten, bevor sie wieder in den nach Kräutern duftenden Hof zurückkehrten.

Olivia trat wieder in die Kühle der Küche und fühlte sich hin- und hergerissen. Eine Hälfte von ihr war sprachlos von dem Zauber dieses Paradises, in das sie gereist war. Die andere Hälfte zitterte vor Angst bei dem Gedanken daran, was ihre leichtsinnige Aktion für ihre Zukunft bedeuteten würde.

Ein freundlicher Klopfer auf ihre Schulter lenkte sie von ihrem Zwiespalt ab.

„Du machst dir doch nicht gerade Panik über deinen Job, oder?“, fragte Charlotte.

„Nur ein bisschen“, gab Olivia zu.

Charlotte verschränkte streng die Arme vor der Brust.

„Das ist hier im Urlaub leider nicht erlaubt. Wieso machen wir nicht eine kleine Tour durch die Stadt? Es gibt eine kleine Bar, die ich schon immer mal ausprobieren wollte. Ich habe bereits viele gutaussehende Männer dort hineingehen sehen. Hast du Lust?“

Olivia erinnerte sich an den Traum, den sie gehabt hatte, bevor ihr Flugzeug gelandet war. Okay, das hatte in einem peinlichen Erlebnis geendet, aber das war umso mehr ein Grund, es noch einmal zu versuchen. Irgendwo da draußen wartete die große Liebe auf sie, aber die würde auch nicht für immer warten.

„Lass mich schnell meinen Lippenstift auffrischen, und dann können wir los!“, willigte sie ein.




KAPITEL ACHT


Als sie in die kleine Stadt Collina fuhren, war Olivia froh, dass Charlotte am Steuer saß. Sie war so gefesselt von der Szenerie, dass sie sie wahrscheinlich strack in eine der Mauern gefahren hätte, die die schmale Straße säumten.

Es gab dort eine Schlossruine außerhalb der Stadt – ein echtes Schloss mit bröckelnden Mauern, und Zinnen an seinem Turm. Es sah düster und imposant aus, und seine Silhouette zeichnete sich gegen die tiefstehende Spätnachmittagssonne ab. Dieser Turm hatte die Stadt womöglich einst vor Eindringlingen beschützt.

Sie stellte sich vor, neben einer echten Schlossruine wohnen zu können. Ihre zweite Welle aus Neid überkam sie, als sie die zweigeschossigen Apartments daneben mit ihren verwaschenen, cremefarbenen Fassaden, den Fensterläden und den bunten Blumenkästen unter den Fenstern beäugte.

Sie beobachtete, wie eine junge Frau mit einem Einkaufskorb die Stufen zu ihrer Wohnung herunterlief und ihrem Nachbarn ein fröhliches „Buon giorno“ zurief. Ihr dunkles Haar war zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, und sie war mit dem natürlichen Sinn für Stil gekleidet, von dem Olivia glaubte, dass jeder Italiener ihn besaß. In einer Millionen Jahren wäre Olivia nie auf die Idee gekommen, dieses burgunderfarbene Top mit den himmelblauen Dreiviertel-Jeans und den leuchtendweißen Sandalen zu kombinieren, und damit auszusehen, als wäre sie gerade den Seiten der Vogue entstiegen.

An ihr würden diese Klamotten zusammengewürfelt wirken, als hätte sie wahllos im Dunkeln danach gegriffen. Die Leute würden erst auf ihre Schuhe starren, dann hoch zu ihr, als wollten sie sagen: Echt jetzt?

In der Stadt selbst teilte ein schmiedeeisernes Geländer den schmalen Gehweg von der beinahe genauso schmalen Straße ab. Olivia lehnte sich aus dem Auto und atmete den verführerischen Kaffeeduft ein, den ein Café an der Ecke verströmte. Obwohl es schon später Nachmittag war, saßen einige Kunden an der Theke, tranken Espresso und schauten auf ihre Smartphones.

Alle außer ihr und Charlotte sahen so aus, als lebten sie hier und gehörten auch hierher. Welch ein Privileg, sehen zu dürfen, wie die Anwohner in diesem abgelegenen Örtchen ihrem täglichen Leben nachgingen.

Als Olivia einen kleine Kleidungsboutique erspähte, fragte sie sich, ob sie es wagen sollte, dieser einen Besuch abzustatten, um mithilfe der Verkäuferin ein authentisch italienisches Outfit zu erstehen. Sie freute sich über den Anblick eines Weingeschäfts, das einem regen Kundenstrom nachkam. Dahinter war ein Schuhgeschäft, ein Gemüseladen mit einem leuchtendbunten Display aus Tomaten und Mandarinen vor der Geschäftsfront, ein Friseur, ein kleines Eisenwarenoutlet und ein Supermarkt.

Zwei gegenüberliegende Bäckereien zogen gerade für heute ihre Rollläden herunter.

„Meinst du, dass die beiden Rivalen sind?“, fragte Charlotte und hielt an, um einen alten Mann die Straße überqueren zu lassen.

„Bestimmt“, antwortete Olivia und blickte zwischen den beiden Schildern hin und her. „Das müssen sie im Grunde. Die Fehde reicht bestimmt schon Jahrhunderte zurück.“

„Und eines Tages, wenn sich der Sohn des Besitzers von Mazetti in die Tochter des Besitzers von Forno Collina verliebt, müssen sie gemeinsam nach Pisa durchbrennen, und ihre Familien werden sie für immer enteignen“, führte Charlotte die Geschichte aus.

In diesem Moment trat ein Mann in einer weißen Schürze aus Mazetti’s. Er blickte auf den gegenüberliegenden Laden und marschierte über die Straße. Dann nahm er sein Telefon aus der Tasche und begann, die Sonderangebote von dem Schild im Fenster des Geschäfts abzufotografieren.

Olivia und Charlotte brachen in schallendes Gelächter aus.

„Sie sind tatsächlich Rivalen!“, prustete Olivia. „Morgenfrüh wird er diese Preise unterbieten oder die Angebote kopieren. Er hat uns bemerkt – lass uns weiterfahren, bevor man uns noch in dieses Drama verwickelt.“

Am Ende der Straße, die man als die Hauptstraße der Stadt betrachtete, stand eine kleine Kirche mit einem prunkvollen Kirchturm. Der grauhaarige Pastor stand draußen und kehrte die steinernen Stufen. Er nickte ihnen grüßend zu, als sie vorbeifuhren, und Olivia lächelte verzückt zurück. Ihr erster Tag in Italien, und sie wurde bereits von den Einheimischen akzeptiert.

Am Ende der Stadt wendete Charlotte und fuhr dann zu der kleinen, belebten Bar in einer steil ansteigenden Sackgasse. Die Straße war vollgepackt mit Autos, und weit und breit war kein Parkplatz zu sehen. Olivia wurde langsam klar, weswegen hier alle so kleine Autos fuhren. Platz war hier Mangelware. Als sie das erste Mal in den Fiat geklettert war, empfand sie ihn als winzig, da sie zuhause nur Limousinen und Geländewagen gewohnt war. Jetzt erkannte sie, dass er für diese Gegend eigentlich eine angebrachte Größe hatte und sogar recht geräumig war.

Und während Charlotte fluchend versuchte, den gemieteten Wagen auf der nichtexistenten Wendefläche umzudrehen, wünschte sich Olivia sogar, dass das Auto noch kleiner wäre.

Nach gefühlten sechsunddreißig Zügen gelang Charlotte schließlich die Wende ohne angeschlagene Stoßstangen oder zerkratzte Radkappen.

Sie fuhren den Berg wieder den ganzen Weg hinab und parkten in einer anderen, ruhigeren Straße und machten sich zu Fuß zurück zur Bar.

Ein wummernder Beat lockte sie wieder den Berg hinauf, und Olivia staunte, wie melodisch selbst italienische Rockmusik dank der Schönheit der Sprache klingen konnte. Sie erinnerte sich daran, dass sie unbedingt einige Sätze auf Italienisch lernen musste. Vielleicht konnte sie heute Abend damit anfangen, genau hier in dieser Bar.

Olivia sog das gemischte Aroma von Bier, Wein, Zigarettenrauch und – sie war sich ganz sicher – Testosteron ein. Auf einem Bildschirm über der Bar wurde ein Fußballspiel übertragen. Zu ihrer Freude konnte sie kein einziges englisches Wort in dem Gemurmel aus Stimmen heraushören. Das war definitiv eine Bar für Einheimische.

Es wurde kurz still, als die Stammgäste die zwei Neuankömmlinge musterten. Olivia spürte einige anerkennende Blicke auf sich.

Sie hatten nicht einmal die Theke erreicht, als sie schon von zwei Männern begrüßt wurden, die auf Barhockern an einem winzigen, runden Tisch saßen.

„Ciao!“, rief der Mann, der ihnen am nächsten saß.

Olivias Herz setzte kurz aus, als sie sich nach ihm umsah. Der verwegen aussehende Mann war um die Dreißig und hatte dunkle Haare, dichte Augenbrauen und ein verruchtes Lächeln. Sein Freund sah ein paar Jahre älter aus, hatte eine rasierte Glatze und war tief gebräunt.

„Äh – ciao“, antwortete sie. Sie sah zu Charlotte hinüber, die sie verschwörerisch angrinste.

Dann begann der Mann in rasantem Italienisch zu sprechen.

Olivia hob ihre Hände. „Non comprehendo?“, versuchte sie es.

„Ah. Americano.“

Es entstand ein italienisches Gespräch zwischen den Männern, und nach einem lautstarken Wortwechsel mit dem Nachbartisch wurden zwei weitere Barstühle über die Menge zu ihnen herübergereicht.

„Guiseppe“, sagte der Mann und deutete auf sich selbst. „Alfredo“, stellte er seinen Freund vor.

„Olivia. Sorry, aber ich spreche kein Italienisch. Ich bin heute erst angekommen“, entschuldigte sich Olivia und setzte sich auf den angebotenen Stuhl, während Charlotte sich selbst vorstellte.

„Willkommen, Olivia.“ Guiseppe grinste. „Äh – Carlotta?“

Charlottes Name schien mehr Schwierigkeiten unter den Einheimischen zu verursachen als ihrer, bemerkte Olivia.

„Wein? Rot, Weiß?“

„Rot, bitte.“

In dem dichten Gemenge wurde sie gegen Guiseppes muskulösen Oberarm gepresst. Charlotte und Alfredo schienen sich prächtig zu verstehen. Ohne Matt auf der Bildfläche war Olivia mehr als bereit für einige Flirtereien. Wer weiß, was sich daraus ergeben konnte?

„Du bist sehr schön.“ Guiseppes Kompliment ließ Olivia erröten. Meinte er das wirklich? Könnte das der Beginn einer stürmischen Urlaubsromanze werden?

„Wo wohnst du?“, fragte er.

„Ich wohne in einer Villa hier in der Nähe. Ich mache dort einem zweiwöchigen Urlaub“, sagte Olivia.

Der Wein war köstlich, voll überragender Fruchtigkeit und einem Hauch von Würze. Beim Trinken musste sie an das Wandbild in der Küche der Villa denken, eine Kollage von leuchtenden, violett-roten Trauben.

„Bist du von hier?“, fragte Olivia, begierig, mehr von seiner Rolle in diesem idyllischen Schauplatz zu erfahren.

Guiseppe schüttelte den Kopf. „Nein, nicht von hier.“

„Du arbeitest also nur hier?“ Vielleicht wohnte er ja in einem Nachbardorf, dachte sich Olivia.

Guiseppe blitzte sie mit seinem strahlenden Lächeln an. „Auch nein.“

„Äh“, begann Olivia kurzzeitig ratlos. „Was arbeitest du denn?“

Wenn er weder in der Stadt lebte noch arbeitete, vermutete sie, dass er vielleicht ein Weinmacher war, der unermüdlich auf seinem eigenen, kleinen Weingut in der warmen mediterranen Sonne arbeitete. Das würde perfekt in ihr Lebensziel passen. Wie wäre es bloß, wenn die Urlaubsromanze sich zu mehr entwickeln würde? Vielleicht würden sie eines Tages als Paar zusammen auf seinem Land arbeiten. Sie träumte von sonnigen Tagen mit ihm auf der Farm, davon, wie sie Trauben in einem luftigen Schuppen auspressten und eine limitierte Auflage eines einmaligen und charaktervollen Weins kreierten.

„Ich bin Reinigungskraft“, erklärte Guiseppe.

„Reinigungskraft?“ Olivia war verdutzt. Eine Reinigungskraft passte nicht wirklich in ihre ländlichen Fantasien, die sie sich vorgestellt hatte. Das war sogar ein völlig unpassendes Puzzleteil. Ihre Fantasie wurde jäh abgewürgt.

„Arbeitest du auf einer Weinfarm?“, fragte sie, einen mutigen Neustart wagend.

„Nein. Ich reinige Toiletten auf einem Kreuzfahrtschiff“, sagte Guiseppe. „Das Schiff hat über Nacht in Livorno angelegt, und ich bin mit meinem Cousin hier zu Besuch.“ Er deutete auf Alfredo, der in eine Unterhaltung mit Charlotte versunken war.

„Verstehe.“ Olivias Lächeln fühlte sich plötzlich gezwungen an. Toiletten?

„Vielleicht können wir auf einen Kaffee zu dir gehen?“ Guiseppe grinste bereitwillig.

„Wir müssen uns beeilen, weil ich um fünf Uhr morgens wieder an Bord sein muss.“

Ihre Träume von einer Romanze waren dahin.




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