Tötet
Blake Pierce


Das Making of Riley Paige #6
""Ein Meisterwerk der Spannung! Die Autorin schafft es auf hervorragende Weise den Charakteren eine psychologische Seite zu geben, die so gut beschrieben ist, dass wir uns in ihre Köpfe versetzt fühlen und ihren Ängsten folgen und über ihren Erfolg jubeln können. Die Handlung ist sehr intelligent und wird Sie das ganze Buch hindurch unterhalten. Voller Wendungen wird Sie dieses Buch bis zur letzten Seite wach halten.""

––Books and Movie Reviews, Roberto Mattos (zu Verschwunden)



TÖTET (Das Making of Riley Paige – Band Sechs) ist der sechste Band einer neuen Psycho-Thriller Serie vom #1 Bestseller Autor Blake Pierce, dessen kostenloser Bestseller VERSCHWUNDEN (Band 1) über 1000 fünf-Sterne Rezensionen bekommen hat.



Als man beginnt Opfer zu aufzufinden, die durch einen Elektroschock getötet wurden, liegt es an der brillanten neuen Agentin des FBI, der 22-jährigen Riley Paige, in die verdrehte Psyche des Serienmörders einzudringen, um ihn aufzuhalten, bevor er weitere Opfer fordern kann.



Riley, frisch von der Academy, hat gerade ihren letzten Fall abgeschlossen und lebt sich gerade beim FBI ein, als eine schockierende Wendung der Dinge ihre Partnerschaft mit ihrem Mentor Jake auf die Probe stellt und alles untergräbt, von dem sie sich sicher war.



Kann Riley ihre Privatleben unter Kontrolle behalten, während sie gleichzeitig einen diabolischen Mörder jagt?



Ein actionreicher Thriller voller Spannung, die Herzrasen verursacht, ist TÖTET der sechste Band einer aufregenden Reihe mit einer beliebten Hauptfigur, die Sie zwingen wird, bis in die Nacht umzublättern. Die Serie nimmt den Leser mit in die Zeit vor über zwanzig Jahren – in die Zeit, als Rileys Karriere begann – und ist die perfekte Ergänzung zu der VERSCHWUNDEN Serie (Ein Riley Paige Krimi), die 17 Bände umfasst.





Blake Pierce

TÖTET




T Ö T E T




(DAS MAKING OF RILEY PAIGE—BUCH 6)




B L A K E   P I E R C E



Blake Pierce

Blake Pierce ist der USA Today Bestseller-Autor der RILEY PAGE Mystery-Serie, die sechzehn Bücher (und es werden noch mehr) umfasst. Blake Pierce ist auch der Autor der Mystery-Serie MACKENZIE WHITE, die dreizehn Bücher umfasst (Tendenz steigend); der Mystery-Serie AVERY BLACK, die sechs Bücher umfasst; der Mystery-Serie KERI LOCKE, die fünf Bücher umfasst; der Mystery-Serie DAS MAKING OF RILEY PAIGE, die fünf Bücher umfasst (Tendenz steigend); der Mystery-Serie KATE WISE, die sechs Bücher umfasst (Tendenz steigend); der psychologischen Krimireihe CHLOE FINE, die fünf Bücher umfasst (Tendenz steigend); der psychologischen Krimireihe JESSE HUNT, die fünf Bücher umfasst (Tendenz steigend); der psychologischen Krimireihe AU PAIR, die zwei Bücher umfasst (Tendenz steigend); der Krimireihe ZOE PRIME, die zwei Bücher umfasst (Tendenz steigend); der neuen Krimireihe ADELE SHARP; sowie der neuen und heimeligen Mystery-Serie EUROPEAN VOYAGE.



Als begeisterter Leser und lebenslanger Fan der Mystery- und Thriller-Genres liebt es Blake, von Ihnen zu hören. Besuchen Sie www.blakepierceauthor.com (http://www.blakepierceauthor.com/), um mehr zu erfahren und in Kontakt zu bleiben.








Copyright © 2020 durch Blake Pierce. Alle Rechte vorbehalten. Außer wie im US-amerikanischen Urheberrechtsgesetz von 1976 erlaubt, darf kein Teil dieser Veröffentlichung in irgendeiner Form oder mit irgendwelchen Mitteln reproduziert, verteilt oder übertragen werden oder in einer Datenbank oder einem Abfragesystem ohne die vorherige Genehmigung des Autors gespeichert werden. Dieses eBook ist nur für Ihren persönlichen Genuss lizenziert. Dieses eBook darf nicht weiterverkauft oder an andere Personen weitergegeben werden. Wenn Sie dieses Buch für eine andere Person freigeben möchten, erwerben Sie bitte für jeden Empfänger eine zusätzliche Kopie. Wenn Sie dieses Buch lesen und es nicht gekauft haben oder es nicht für Ihre Verwendung erworben wurde, geben Sie es bitte zurück und kaufen Sie Ihre eigene Kopie. Danke, dass Sie die harte Arbeit dieses Autors respektieren. Dieses Buch ist reine Fiktion. Namen, Charaktere, Geschäfte, Organisationen, Orte, Ereignisse und Ereignisse sind entweder das Produkt der Fantasie des Autors oder werden fiktiv verwendet. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen lebenden oder toten Personen ist völlig zufällig. Buchumschlagsbild Copyright Evannovostro, mit Lizenz von Shutterstock.com



BÜCHER VON BLAKE PIERCE

ADELE SHARP MYSTERY-SERIE

NICHTS ALS STERBEN (Buch #1)

NICHTS ALS RENNEN (Buch #2)

NICHTS ALS VERSTECKEN (Buch #3)



DAS AU-PAIR

SO GUT WIE VORÜBER (Band #1)

SO GUT WIE VERLOREN (Band #2)

SO GUT WIE TOT (Band #3)



ZOE PRIME KRIMIREIHE

GESICHT DES TODES (Band #1)

GESICHT DES MORDES (Band #2)

GESICHT DER ANGST (Band #3)



JESSIE HUNT PSYCHOTHRILLER-SERIE

DIE PERFEKTE FRAU (Band #1)

DER PERFEKTE BLOCK (Band #2)

DAS PERFEKTE HAUS (Band #3)

DAS PERFEKTE LÄCHELN (Band #4)

DIE PERFEKTE LÜGE (Band #5)

DER PERFEKTE LOOK (Band #6)

DIE PERFEKTE AFFÄRE (Band #7)

DAS PERFEKTE ALIBI (Band #8)



CHLOE FINE PSYCHOTHRILLER-SERIE

NEBENAN (Band #1)

DIE LÜGE EINES NACHBARN (Band #2)

SACKGASSE (Band #3)

STUMMER NACHBAR (Band #4)

HEIMKEHR (Band #5)

GETÖNTE FENSTER (Band #6)



KATE WISE MYSTERY-SERIE

WENN SIE WÜSSTE (Band #1)

WENN SIE SÄHE (Band #2)

WENN SIE RENNEN WÜRDE (Band #3)

WENN SIE SICH VERSTECKEN WÜRDE (Band #4)

WENN SIE FLIEHEN WÜRDE (Band #5)

WENN SIE FÜRCHTETE (Band #6)

WENN SIE HÖRTE (Band #7)



DAS MAKING OF RILEY PAIGE MYSTERY-SERIE

BEOBACHTET (Band #1)

WARTET (Band #2)

LOCKT (Band #3)

NIMMT (Band #4)

LAUERT (Band #5)

TÖTET (Band #6)



RILEY PAIGE MYSTERY-SERIE

VERSCHWUNDEN (Band #1)

GEFESSELT (Band #2)

ERSEHNT (Band #3)

GEKÖDERT (Band #4)

GEJAGT (Band #5)

VERZEHRT (Band #6)

VERLASSEN (Band #7)

ERKALTET (Band #8)

VERFOLGT (Band #9)

VERLOREN (Band #10)

BEGRABEN (Band #11)

ÜBERFAHREN (Band #12)

GEFANGEN (Band #13)

RUHEND (Band #14)

GEMIEDEN (Band #15)

VERMISST (Band #16)

AUSERWÄHLT (Band #17)



EINE RILEY PAIGE KURZGESCHICHTE

EINST GELÖST



MACKENZIE WHITE MYSTERY-SERIE

BEVOR ER TÖTET (Band #1)

BEVOR ER SIEHT (Band #2)

BEVOR ER BEGEHRT (Band #3)

BEVOR ER NIMMT (Band #4)

BEVOR ER BRAUCHT (Band #5)

EHE ER FÜHLT (Band #6)

EHE ER SÜNDIGT (Band #7)

BEVOR ER JAGT (Band #8)

VORHER PLÜNDERT ER (Band #9)

VORHER SEHNT ER SICH (Band #10)

VORHER VERFÄLLT ER (Band #11)

VORHER NEIDET ER (Band #12)

VORHER STELLT ER IHNEN NACH (Band #13)

VORHER SCHADET ER (Band #14)



AVERY BLACK MYSTERY-SERIE

DAS MOTIV (Band #1)

LAUF (Band #2)

VERBORGEN (Band #3)

GRÜNDE DER ANGST (Band #4)

RETTE MICH (Band #5)

ANGST (Band #6)



KERI LOCKE MYSTERY-SERIE

EINE SPUR VON TOD (Band #1)

EINE SPUR VON MORD (Band #2)

EINE SPUR VON SCHWÄCHE (Band #3)

EINE SPUR VON VERBRECHEN (Band #4)

EINE SPUR VON HOFFNUNG (Band #5)




PROLOG


Julian Banfield stand in seiner Küche und atmete tief ein. Er liebte es, wenn sich die Gerüche seines spätabendlichen Snacks vermischten – frisch gekochter Kaffee und gebratener Speck.

Genieße es noch ein letztes Mal, sagte er zu sich selbst, während er den Bacon umdrehte.

Seine Frau, Sheila, würde bald von ihrer Buchtour zurückkommen, vermutlich sogar noch, bevor er zu Bett ging. Julian musste sicherstellen, keine Beweise zu hinterlassen, Bacon und andere Cholesterinbomben während ihrer Abwesenheit genossen zu haben. Er machte sich eine mentale Notiz, die Küche gründlich mit Lufterfrischer zu besprühen, um den köstlichen, aber lange nachklingenden, Geruch loszuwerden.

So sehr er Sheila auch liebte – sie waren schon immer sehr glücklich miteinander gewesen – musste er zugeben, ihre Abwesenheit während der letzten Woche genossen zu haben. Nach fünfunddreißig Jahren der Ehe konnte er nicht sagen, dass er sie besonders vermisste. Genauso wenig konnte er sich vorstellen, dass sie ihn sonderlich vermisste. Stattdessen war es eine interessante Veränderung gewesen, für beide.

Und es war erfrischend gewesen, nicht ständig ihrem sanften aber hartnäckigen Schimpfen zuhören zu müssen, wenn es um seine kleinen Laster und Schwächen ging. Er war in der Lage gewesen, Donuts und Pizza zu essen, die Trainingseinheit im Fitnessstudio ausfallen zu lassen und nach dem Abendessen ein oder zwei Bourbon zu trinken.

All das würde nun enden, wenn Sheila nach Hause kam.

Nutze die Gunst der Stunde, wies er sich selbst an.

Er holte den Speck aus der Pfanne und schlug ein paar Eier in dem blubbernden Bacon-Fett auf. Dann schob er eine Brotscheibe in den Toaster und schenkte sich etwas Orangensaft ein. Als die Eier fertig aussahen, drehte er sie für ein paar Sekunden um und dann wieder zurück. Mit dem makellosen, durchsichtig weißen Film über dem Eigelb zufrieden, beförderte er die Eier auf einen Teller. Zur selben Zeit war auch der Toast fertig.

Er stellte den Teller mit Bacon, Eiern und Toast auf den Küchentisch, setzte sich und schmierte sündhafte Mengen an Butter aufs Brot – ein weiterer Luxus, den er mit Sheilas Rückkehr aufgeben werden würde. Als er zu essen begann, ertappte er sich dabei, über die Therapiesitzung des nächsten Tages nachzudenken. Sein erster Termin am Morgen war ein junger Mann namens Dennis Jones, dessen Impulskontrollstörung ihm eine Verhaftung wegen Ladendiebstahls eingebracht hatte.

Julian hatte sein Bestes gegeben, den Richter davon zu überzeugen, dass Dennis‘ Kleptomanie eine Krankheit und kein Verbrechen war; eine Zwangsstörung und kein Versagen des Moralverständnisses. Schließlich stahl der Junge gewöhnlich Dinge, die er nicht einmal haben wollte.

Aber der Richter war immer noch unentschlossen, wie er Dennis‘ Fall beurteilen sollte. Um ihn also aus dem Gefängnis fernzuhalten, würde Julian sein Verhalten dauerhaft ändern müssen.

Die morgige Aufgabe beinhaltete, Dennis davon zu überzeugen, Naltrexon zu seinen Medikamenten hinzuzufügen, die derzeit aus Fluoxetin und Bupropion bestanden. Dennis war neurotisch und nicht besonders intelligent. Obwohl er nicht zu Wahnvorstellungen oder Paranoia neigte, hatten gewisse Verschwörungsseiten im Internet ihn davon überzeugt, dass die Regierung psychiatrische Medikamente zur Gedankenkontrolle einsetzte. Julian hoffte, ihm diese schwachsinnige Idee ausreden zu können.

Julian grunzte genervt über dieses Hindernis.

Das Internet hat meinen Job definitiv nicht leichter gemacht, dachte er.

Seiner Meinung nach untergruben soziale Netzwerke und andere Online-Aktivitäten die mentale Gesundheit der Gesellschaft als Ganzes. Sheila hatte sich mit der digitalen Welt gut zurechtgefunden, aber Julian fühlte sich manchmal wie ein Relikt einfacherer und gesünderer Zeiten.

Noch schlimmer war, dass er wusste, von seinen jüngeren Kollegen als alter Kauz betrachtet zu werden, der mit den Veränderungen der Welt nicht Schritt halten konnte. Er freute sich auf die Rente, die mindestens noch zwei oder drei Jahren entfernt war.

Während er seinen Snack genoss, ertappte er sich dabei, Sheila zu beneiden. Sie war in der Lage gewesen, ihre eigene Familientherapiepraxis aufzugeben, nachdem sie einen Bestseller über genau die Probleme geschrieben hatte, die Julian Sorge bereiteten. Und nun durfte sie durchs Land reisen, Lesungen halten, Bücher signieren und sich einfach in der Bewunderung der Öffentlichkeit sonnen.

Muss schön sein, dachte Julian.

Aber er war entschlossen, dem Neid nicht nachzugeben. Schließlich machten Sheilas Buchhonorare auch seine Seniorenzeit einfacher. Und er war froh, dass sie ihr neues Leben genoss.

Julian beendete seine Mahlzeit und brachte Teller, Glas und Besteck zum Spülbecken. Während er damit begann, abzuwaschen, glaubte er, neben dem Geräusch von fließendem Wasser etwas anderes gehört zu haben. Er drehte den Wasserhahn ab und lauschte.

War Sheila früher als erwartet nach Hause gekommen?

Falls das der Fall wäre, würde er das Aroma von gebratenem Speck unmöglich vertuschen können.

Erwischt, dachte er.

Er würde ein beschämtes Grinsen aufsetzen und sein abwegiges Verhalten beichten müssen. Sheila würde ihn war ausschimpfen, aber nicht wirklich unangenehm werden. Sie würden beide verträglich lachen, während er Versprechungen für die Zukunft machen würde, die er sicherlich nicht halten konnte.

Er stand einen weiteren Moment lauschend da, hörte aber nichts. Vermutlich war das Geräusch seiner schulderfüllten Imagination entsprungen. Er wusch weiter ab und trocknete sich dann die Hände ab, als ein weiteres Geräusch zu seinem Ohr vordrang.

Dieses Mal war er sich sicher, sich das Geräusch nicht eingebildet zu haben.

„Sheila?“, rief er.

Keine Antwort.

Er ging ins Wohnzimmer und sah sich um. Niemand da. Aber er war sich sicher, etwas gehört zu haben.

Er drehte sich in Richtung des leeren Flures und sah, dass die Tür zu Sheilas Arbeitszimmer nun geschlossen war.

Ein alarmiertes Prickeln überkam ihn.

Vielleicht war Sheila nach Hause gekommen, hatte den Bacon gerochen und war nun – statt gutmütig verdrießlich zu reagieren – aufrichtig böse auf ihn. Böse genug, sich in ihrem Arbeitszimmer einzuschließen. Diese Art von Verhalten passte nicht wirklich zu ihr, aber wenn ihr Trip sich als weniger angenehm entpuppt haben sollte, war sie womöglich mürrischer als sonst.

Er ging zum Arbeitszimmer und klopfte.

„Sheila, bist du da drin?“, fragte er.

Wieder keine Antwort. Für einen Moment stand Julian einfach nur verwirrt da. War überhaupt jemand ins Haus gekommen? Er war sich sicher, sich diese Geräusche nicht eingebildet zu haben. Aber im Flur stand kein Gepäck.

War es möglich, dass Sheila die Taschen in ihr Büro geschleppt und die Tür hinter sich zugezogen hatte und nun nicht einmal mit ihm sprechen wollte?

Das wäre natürlich albern und er wusste, dass es neurotisch war, das überhaupt in Erwägung zu ziehen.

Amüsiert über seine eigenen Spekulationen schüttelte er den Kopf, öffnete die Arbeitszimmertür und ging hinein. Sofort sah er, dass Sheilas typisch makelloser Arbeitsplatz – im Gegensatz zu seinem eigenen Chaos im oberen Stockwerk – unverändert und unbesetzt war.

Vielleicht ist sie nach oben gegangen, dachte er.

Aber diese Art von Aktivität im Haus hätte er doch sicherlich bemerkt. Es war viel wahrscheinlicher, dass seine Einbildung ihm einen Streich spielte.

Plötzlich hörte er ein Geräusch hinter sich im Flur vor dem Arbeitszimmer. Es klang nach schnellen Schritten. Bevor er sich auch nur umdrehen konnte, wurde er von hinten gepackt. Eine starke Hand drückte ein feuchtes Stück Stoff über seinen Mund und seine Nase.

Julian erkannte den penetrant süßen Geschmack und Geruch sofort aus seiner medizinischen Ausbildung.

Chloroform!

Sein Verstand raste bereits, während sein Körper noch nicht von der Panik eingenommen worden war. Er wusste, sich in ernsthafter Gefahr zu befinden, aber er fühlte es nicht.

Er zappelte nur kurz und nahm noch verschwommen wahr, die Schreibtischlampe umzustoßen.

Und innerhalb weniger Augenblicke nahm er überhaupt nichts mehr wahr.




KAPITEL EINS


Riley Sweeney fühlte, wie ihr der Schweiß ausbrach. Ihre Hand zitterte, als sie sich ihr Gesicht mit einem Taschentuch abwischte. Der Gerichtssaal fühlte sich plötzlich heißer an als noch vor wenigen Augenblicken. Ihr Herz schlug schneller.

Der Moment, auf den sie so lange gewartet hatte, war endlich da.

Ihr Seniorpartner, Special Agent Jake Crivaro, würde im Prozess Larry Mullins aussagen. Riley blickte durch den Raum und sah das Gesicht ihres kleinen, breitbrüstigen Partners vor erwartungsvoller Vorfreude zucken.

Das Ergebnis des Prozesses war zweifelhaft, aber sie war sich sicher, dass Crivaros Aussage einen Wandel darstellen würde.

Riley erinnerte sich daran, dass es nun genau ein Jahr her war, seitdem Crivaro in ihr Leben getreten war und sie auf eine Karriere in der Verhaltensanalyseeinheit vorbereitet hatte. Ein Sieg vor Gericht heute wäre eine gute Art und Weise, das zu feiern.

Aber etwas Unerwartetes schien vor sich zu gehen. Der Oberstaatsanwalt und Mullins‘ Verteidiger flüsterten intensiv miteinander.

Was geht hier vor, fragte Riley sich.

Was auch immer es war – sie bezweifelte, dass es gut war.

Endlich wandte sich der Staatsanwalt der Richterbank zu und begann, zu sprechen.

„Euer Ehren, der Verteidiger und ich würden gerne unter vier Augen mit Ihnen sprechen.“

Richter Tobias Redstone runzelte mürrisch die Stirn.

Mit einem Knall seines Hammers sagte er: „Das Gericht wird eine kurze Pause machen, während ich mit dem Staatsanwalt spreche.“

Alle im Saal erhoben sich, als der Gerichtsdiener und die Anwälte Richter Redstone aus dem Raum hinausfolgten. Ein Murmeln ertönte in den Reihen der Juroren und der Zuschauer, als diese sich wieder hinsetzten.

Von Wachen flankiert saß Larry Mullins noch immer am Verteidigertisch. Obwohl seine Hände in Handschellen lagen, trug er eine Anzugjacke samt Hemd und Krawatte und machte dabei eine respektable Figur.

Riley wusste, dass sein Anwalt sich viel Mühe gegeben hatte, damit sein Klient nicht in seinem orangefarbenen Jumpsuit vor Gericht erscheinen musste. Folglich wirkte Mullins nicht allzu böse. Er war zurechtgemacht, höflich und hatte eine aufrichtige Aura der Unschuld um sich herum. Die Verkleidung schien zu funktionieren und Riley spürte, dass die Jury sich seiner Schuld noch immer nicht sicher war.

Deshalb war Crivaros Aussage so ausschlaggebend. Wenn jemand die Jury davon überzeugen konnte, dass Mullins nicht die missverstandene Person war, die er spielte, dann war es Crivaro.

Aber als sie auf die Rückkehr des Richters und der Anwälte warteten, fragte sich Riley, ob Crivaro überhaupt noch zum Zug kommen würde.

Sie schauderte, als Mullins sich umdrehte und sie direkt ansah. Ein arrogantes Lächeln auf seinem babyhaften Gesicht. Dann beobachtete sie, wie er Crivaro mit demselben Gesichtsausdruck ansah. Crivaros Lippen zuckten scharf und kurz fürchtete Riley, ihr Partner könne durch den Gerichtssaal hechten und auf Mullins zuspringen.

Tu es nicht, dachte sie.

Sie konnte sehen, dass Crivaro sich abwandte und wusste, dass er darum kämpfte, seine Wut zu kontrollieren.

Riley hoffte nur, ihre eigene Wut über diesen selbstzufriedenen Gesichtsausdruck kontrollieren zu können.

Wenigstens ein paar Leute im Gerichtssaal kannten die praktische Tatsache, dass Larry Mullins durch und durch ein Monster war. Riley und Crivaro gehörten dazu. Dann waren da die Eltern der beiden Opfer, die zusammensaßen und sehr unruhig wirkten. Ihre Hoffnung war es, dass Mullins wenigstens für den Rest seines Lebens ohne Bewährung eingesperrt werden oder vielleicht sogar die Todesstrafe erhalten würde.

Sie redete sich ein, dass der Fall doch sicher undurchlässig genug war, um ihn zu verurteilen. Gedanklich ging sie die Fakten noch einmal durch.

Larry Mullins hatte als Nanny – oder als ‚Manny‘, wie er sich selbst gerne nannte – gearbeitet, als er für den Mord an Ian Harter, einem kleinen Jungen in seiner Obhut, verhaftet wurde. Als Riley und Crivaro dazu geholt wurden, um Ians Tod zu untersuchen, entdeckten sie bald, dass ein weiteres Kind, Nathan Betts, unter identischen Umständen ums Leben gekommen war. Auch unter Mullins Obhut, allerdings in einer anderen Stadt. Beide Jungen waren erstickt und demnach offensichtlich ermordet worden.

Mullins hatte in beiden Mordanklagen auf unschuldig plädiert und lediglich zugegeben, die beiden Jungen unbeaufsichtigt gelassen zu haben, als sie starben. Er hatte aufgrund seiner Nachlässigkeit eine oberflächliche Show der Reue aufgeführt.

Riley hatte nie auch nur einen Moment lang geglaubt, dass die Todesfälle unter Mullins‘ Obhut zufällig gewesen waren und schon gar nicht, dass ein unbekannter Täter noch immer auf freiem Fuß war. Aber Mullins Schuld zweifelsfrei zu beweisen, war eine ganz andere Sache gewesen.

Bereits zu Beginn der Verhandlung hatte der Staatsanwalt Paxton Murawski Riley und Crivaro davor gewarnt, dass es sich einen harten Fall handeln würde. Trotz ihrer besten Bemühungen hatten weder die Agenten noch die Polizei Beweise gefunden, dass Mullins der einzige gewesen war, der zum Zeitpunkt ihres Todes Zugang zu den Kindern gehabt hatte.

„Wir müssen vorsichtig sein, sonst kommt der Mistkerl davon“, hatte Murawaski ihnen eingebläut.

Weder Riley noch Crivaro hatten genau gewusst, was Murawski mit ‚vorsichtig‘ gemeint hatte. Aber sie wusste, dass zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung im Hintergrund eine versuchte Deal-Verhandlung stattgefunden hatte. Und jetzt vermutete sie, dass der gesamte Gerichtssaal die Ergebnisse dieser Verhandlung erfahren würde.

Wird er schließlich doch noch auf freien Fuß kommen, fragte sie sich.

Die Möglichkeit ließ sie schaudern, genau wie der Moment, als sie Mullins gemeinsam mit Crivaro verhaftet hatte.

Als Riley ihm die Handschellen angelegt und seine Rechte vorgelesen hatte, hatte er sich zu ihr umgedreht und sie verschmitzt angegrinst. Mit einem hämischen Gesichtsausdruck, der quasi seine Schuld bestätigte.

„Viel Glück“, hatte er gesagt – offensichtlich überzeugt davon, dass es schwierig sein würde, ihn zu verurteilen.

Riley knirschte mit den Zähnen, als die Worte in ihrem Kopf widerhallten.

Viel Glück!

Sie hatte nicht geglaubt, jemals zuvor so wütend gewesen zu sein. Am liebsten hätte sie Mullins auf der Stelle getötet. Sie hatte sogar nach ihrer Waffe gegriffen. Aber Crivaro hatte ihre Schulter berührt, ihr einen warnenden Blick zugeworfen und sie hatte die Verhaftung anständig zu Ende gebracht.

Und nun fragte sich Riley: Wäre Crivaro damals nicht gewesen, wäre Larry Mullins dann heute noch am Leben? Natürlich hätte man stattdessen sie wegen Mordes auf die Anklagebank gesetzt und sie möglicherweise lebenslänglich ins Gefängnis gesteckt. Aber hätte sich das gelohnt, um eine so abscheuliche Version eines menschlichen Wesens loszuwerden?

Riley wünschte sich ein bisschen, ihm damals eine Kugel in den Kopf gejagt zu haben.

Und Crivaros wütendem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, vermutete sie, dass es ihm genauso ging.

Der Gerichtsdiener kam zurück und bat Mullins, sich zu den Anwälten in der Richterkammer zu gesellen. Immer noch von Wachmännern flankiert stand der Mann, dem hier der Prozess gemacht werden sollte, auf und folgte dem Gerichtsdiener aus dem Saal heraus.

Rileys Herz sank.

Das sieht nicht gut aus, dachte sie.

Mehrere lange Minuten gingen vorbei, bevor der Gerichtsdiener zurückkehrte und jeden im Saal darum bat, erneut aufzustehen. Richter Redstone kam zurück, gefolgt von den Anwälten und Mullins selbst.

Richter Redstone kündigte an: „Verteidigung und Staatsanwaltschaft haben ein Überabkommen erreicht. Wenn der Angeklagte zustimmt, sich in zwei Fällen des Mordes mit bedingtem Vorsatz schuldig zu erklären, ist die Verhandlung nicht länger notwendig und der Angeklagte wird entsprechend verurteilt.“

Riley keuchte lauf auf – genau wie viele anderen im Raum auch.

Bedingter Vorsatz?

Diese Vorstellung machte ihrer Meinung nach keinen Sinn.

Der Richter blickte finster in Mullins‘ Richtung. „Larry Mullins, plädieren Sie schuldig?“

„Ja, Euer Ehren“, sagte Mullins.

„Sehr gut“, sagte Richter Redstone. „Larry Mullins, Sie werden hiermit auf zwei Mal dreißig Jahre verurteilt, die gleichzeitig abgesessen werden können. Es gibt die Möglichkeit auf Bewährung nach fünfzehn Jahren.“

Gleichzeitig? Mögliche Bewährung?

Riley kämpfte darum, ihren Impuls zu kontrollieren, aufzustehen und zu schreien: Nein, das ist nicht richtig.

Sie wusste, dass es nichts bringen würde, also schluckte sie die Worte herunter und blieb sitzen. Aber sie konnte ihre Gedanken nicht davon abhalten, sich wild im Kreis zu drehen.

Der Mann hat zwei Kinder getötet.

Warum verstanden sie das nicht?

Der Richter dankte der Jury für Zeit und Engagement und beendete die Verhandlung mit einem Knall seines Hammers. Der ganze Saal war in Aufruhr, als Mullins zurück in seine Zelle geführt wurde. Als Riley schließlich aufstand, befand sie sich mitten in einer wütenden und verwirrten Menschenmenge wieder.

Sie wollte mit Agent Crivaro sprechen und ihn fragen, was seiner Meinung nach geschehen war und ob es etwas gab, das sie tun konnte. Aber sie erhaschte nur einen kurzen Blick auf ihren Partner, als dieser mit vor Wut rotem Gesicht auf dem Ausgang des Gerichtsgebäudes zustürmte.

Wo geht er hin, fragte sie sich.

Sie konnte ihm nicht folgen, schaffte es aber stattdessen, sich einen Weg zum Tisch der Staatsanwaltschaft zu bahnen, wo Paxton Murawski seine Sachen einpackte.

„Was zum Teufel ist passiert?“, rief sie verbittert.

Der Staatsanwalt schüttelte den Kopf.

„Es war die beste Lösung“, sagte er.

„Aber es macht keinen Sinn“, sagte Riley. „Die ganze Zeit über hat Mullins auf unschuldig plädiert. Er hat lediglich seine Aufsichtspflicht verletzt, meinte er. Und jetzt plädiert er schuldig auf Mord mit bedingtem Vorsatz – für beide. Wie konnte er lediglich unachtsam sein und sie gleichzeitig umbringen? Wie funktioniert beides?“

Murawski sah Riley scharf an.

„Agent Sweeney, Sie sind neu in dem ganzen Geschehen“, sagte er. „Manchmal muss man Kompromisse finden – und manchmal ergeben die Konsequenzen keinen Sinn. Wirklich, es hat besser funktioniert, als erwartet. Wir hätten unmöglich eine Verurteilung wegen vorsätzlichen Mordes bekommen, schon gar nicht in zwei Fällen. Das wäre einfach nicht passiert. Aber die Verteidigung wusste, dass Mullins auch nicht ungeschoren davonkommen würde. Deshalb hat man uns den Deal vorgeschlagen. Und wir haben ihn angenommen. Ende der Geschichte.“

„Ende der Geschichte?“, echote Riley. „Das ist nicht das Ende und das wissen Sie. In fünfzehn Jahren wird Mullins vermutlich auf Bewährung freikommen. Er wird derselbe teuflische Mistkerl sein, der er heute ist. Aber er wird lediglich seinen niedlichen Unschuldsakt vor dem Bewährungskomitee abziehen müssen, die werden auf ihn reinfallen und er kommt wieder auf freien Fuß.“

Murawski schloss seine Tasche. „Nun – dann lassen Sie das nicht geschehen.“

Riley konnte kaum glauben, was sie da hörte.

„Aber das ist erst in fünfzehn Jahren“, sagte sie.

Murawski zuckte mit den Schultern und fügte hinzu: „Wie gesagt, lassen Sie es nicht geschehen. Vertrauen Sie mir, bis dahin wird er bleiben, wo er ist.“




KAPITEL ZWEI


Julian Banfield hatte das Gefühl, aus einem furchtbaren Traum aufzuwachen.

Oder überhaupt nicht aufzuwachen, dachte er.

Er war noch immer benommen und kaum bei Bewusstsein. Außerdem hatte er unglaubliche Kopfschmerzen.

Er öffnete die Augen – oder zumindest glaubte er das – und fand sich von völliger Dunkelheit umhüllt. Als er versuchte, sich zu bewegen, begriff er, dass er es nicht konnte. Er wusste, dass diese Art von Immobilisierung ein typisches Symptom seiner sporadischen Albträume war – vermutlich verursacht durch die einengenden Decken, unter denen er lag.

Aber das hier fühlt sich anders an, realisierte er.

Obwohl seine Gliedmaßen außer Fecht gesetzt waren, lag er nicht.

Atme, wies Julian sich selbst an, wie er es schon oft seinen Patienten erklärt hatte. Langsam atmen, ein und aus.

Aber seine Stimmung sank, als ihm die Wirklichkeit der Situation dämmerte. Er saß gefesselt in absoluter Dunkelheit. Selbst nach mehreren tiefen Atemzügen schaffte er es nicht, sich zu beruhigen.

Denk nach, meinte er zu sich selbst. Was ist das letzte, an das du dich erinnerst?

Dann kam alles zurück. Er hatte im Arbeitszimmer nach Sheila gesucht, als jemand ihn von hinten gepackt und dazu gezwungen hatte, durch einen Stofffetzen zu atmen, der mit einer süßen, dicklichen Flüssigkeit durchtränkt worden war.

Chloroform, erinnerte er sich und seine Gedanken rutschten wild in Richtung einer Panikattacke.

Dann hörte Julian eine leise und sanfte Stimme in der Dunkelheit.

„Hallo Dr. Banfield.“

„Wer ist da?“, keuchte Julian.

„Sie erkennen meine Stimme nicht?“, sagte die Stimme. „Nun, ich nehme an, das ist nicht allzu überraschend. Es ist lange her. Ich war noch viel jünger und meine Stimme ganz anders.“

Plötzlich erstrahlte ein Licht und Julian war kurz wie geblendet.

„So“, sagte die Stimme. „Ist das besser?“

Julian kniff die Augen zusammen, um sich an das Licht zu gewöhnen. Ein Gesicht erschien vor ihm – ein lächelnder Mann mit einem langen, schmalen Gesicht.

„Sicherlich erkennen Sie mich jetzt“, sagte er.

Julian starrte ihn lediglich an. Er glaubte, dass die Form des Kinns ihm vage bekannt vorkam, konnte es aber nicht einordnen. Er erkannte ihn nicht und um die Wahrheit zu sagen, war ihm das in dem Moment auch egal. Er begann, die Situation zu verstehen – und es sah sehr, sehr schlecht aus.

Er und der fremde Mann befanden sich in Julians Weinkeller, umgeben von Regalen mit hunderten von Weinflaschen. Julian war irgendwie an einen der schweren und eleganten Holzstühle gebunden worden, die Teil des Weinkellerdekors waren.

Ein Fremder saß auf einem anderen Stuhl, starrte ihn an und lächelte noch immer.

Er hielt ein Glas in der einen und eine frisch geöffnete Flasche Wein in der anderen Hand.

Er schenkte sich ein und sagte dann: „Ich hoffe, es stört Sie nicht – ich habe mir die Freiheit genommen, eine Flasche Le Vieux Donjon Châteauneuf-du-Pape von vor ein paar Jahren zu öffnen. Ich nehme an, das war ziemlich dreist von mir. Vielleicht haben Sie den Tropfen ja für einen besonderen Moment aufbewahrt. Ich habe gehört, der Vintage soll sehr angenehm reifen.“

Er hielt das Glas vors Licht und betrachtete den Wein mit Kennermiene.

Er sagte: „Ich war versucht, einen 1987 Opus One zu öffnen, aber das wäre natürlich absolut unangemessen gewesen. Außerdem macht mich dieser Vintage sehr neugierig.“

Der Fremde nahm einen Schluck und bewegte die Flüssigkeit im Mund herum.

„Er wird seinem Ruf definitiv gerecht“, sagte er. „Spuren von zerstoßener Wacholderbeere, Brombeere, Rosine, gerösteten Maronen. Ein mutiger, reicher Geschmack. Ich bin zwar kein Experte, aber ich würde sagen, dass das eine gute Investition war.“

Julian fühlte sich noch immer konfus und verwirrt.

Nicht schreien, warnte er sich selbst. Niemand würde ihn hören können und es würden den Mann nur aufhetzen. Stattdessen sollte er vermutlich seine Fähigkeiten als Therapeut nutzen. Vor allem war es wichtig, ruhig zu bleiben – oder zumindest, ruhig zu erscheinen.

„Nun“, sagte er. „Jetzt, wo wir hier sind, möchten Sie mir vielleicht ein bisschen über sich selbst erzählen.“

Der Fremde kicherte. „Was würden Sie gerne wissen, Doktor?“, fragte er.

„Sicherlich möchten Sie mir etwas darüber erzählen, warum … ähm, was uns in diese besondere Situation gebracht hat“, antwortete Julian.

Der Fremde machte ein kratzendes Geräusch, was nicht wirklich als Lachen zu interpretieren war. „Ich fürchte, dass ist eine eher lange und komplizierte Geschichte“, sagte er. Dann stand er plötzlich auf und warf das delikate Weinglas gegen die Wand, wo es zerbrach. Die Weinflasche stellte er auf einen kleinen, dekorativen Tisch.

Julian begriff, dass seine professionellen Taktiken ihm hier nicht weiterhelfen würden. Also versuchte er sich an einer anderen Herangehensweise.

„Meine Frau wird bald zu Hause sein“, platzte er heraus.

Der Fremde klang unbeeindruckt.

„Wird sie das? Nun, dann sollten wir wohl zum Geschäftlichen kommen.“

„Wer zum Teufel sind Sie?“, forderte Julian.

Ein verletzter Blick überrollte das Gesicht des Fremden.

„Ach du meine Güte. Ich hatte gehofft, mittlerweile erkannt worden zu sein. Nun, da habe ich wohl zu viel erwartet. Aber ich bin mir sicher, dass Sie mich bald erkennen werden. Ich kenne eine todsichere Methode, Ihr Gehirn zu stimulieren.“

Wieder glaubte Julian, etwas Vertrautes am Kinn des Mannes wahrzunehmen. Aber er erkannte ihn definitiv nicht. Die einzige Wirklichkeit, auf die er sich konzentrieren konnte, war die Tatsache, dass er Gefangener in seinem eignen Weinkeller war – einem Mann ausgeliefert, der ziemlich verrückt zu sein schien.

Er wusste nur nicht, wie er an dem Stuhl festgemacht worden war, aber es fühlte sich mehr als unangenehm an. Etwas Enges drückte gegen seine Brust, was das Atmen erschwerte. Nun begriff er auch, dass seine Füße nackt, kalt und feucht waren.

Er sah zu Boden. Obwohl seine Knie zusammengebunden waren, konnte er einen seiner großen Silberteller auf dem Boden sehen. Als er seine Füße ein wenig bewegte, merkte er, in seichtem Wasser zu stehen.

„Ja“, kommentierte der Fremde. „Ich habe einen Silberteller aus Ihrem reizenden Geschirrschrank mitgebracht. Perfekt für die bevorstehende Tätigkeit. Darin befindet sich etwa ein halber Zentimeter Wasser und sowohl Wasser als auch Silber sind exzellente Leiter.“

Exzellente Leiter, fragte sich Julian.

Seine Augen wanderten durch den Raum und versuchten, so viel wie möglich von den Geschehnissen um ihn herum aufzunehmen. Er konnte sehen, dass der Fremde ein Paar Stiefel mit Gummisohlen zu tragen schien.

Dann begann er, ein Paar dicker Gummihandschuhe anzuziehen.

Was um Himmels Willen …? Wieder warnte sich Julian davor, zu schreien.

Der Fremde verschwand für einen Moment aus Julians Blickfeld. Nach einem Klappern aus der Richtung des Stromverteilerkastens des Kellers, kam der Fremde mit einem Stück hochleistungsfähigem Isolierkabel zurück. Das Kabel war abgetrennt worden und die Drähte darin freigelegt.

Julian fühlte, wie sein Körper begann, die schreckliche Angst zu begreifen.

Der Fremde kam auf Julian zu und sah ihm in die Augen.

„Sind Sie sicher, dass Sie mich nicht erkennen, Dr. Banfield?“, fragte er mit diesem unvergänglichen Lächeln.

Julian starrte in das Gesicht des Fremden, wieder stach ihm die Form seines Kinns ins Auge. Er dachte angestrengt nach und versuchte, das Gesicht einzuordnen, während ein Schwall von Gedanken durch seinen Kopf raste.

Elektrizität … Elektroden … Stromleiter …

Dann begriff er es plötzlich. Obwohl er keinen Namen parat hatte, war das Gesicht selbst nach so vielen Jahren noch unverkennbar.

„Ja!“, murmelte er überrascht. „Ja, ich weiß, wer Sie sind!“

„Oh, gut!“, meinte der Fremde. „Ich wusste, ich könnte Ihre Erinnerung anregen.“

Julians Herz klopfte schmerzhaft.

„Meine Frau wird bald zu Hause sein“, sagte er erneut.

„Ja, da bin ich mir sicher“, meinte der Fremde. „Und wie überrascht sie sein wird!“

Der Fremde ließ die nackten Drähte vorsichtig auf den Silberteller fallen. Julian schrie, als sein Bewusstsein in einem Blitz aus glühendem Weiß explodierte.




KAPITEL DREI


Riley klammerte sich an dem schnurlosen Telefon in ihrer Hand fest, während sie in der kleinen Kellerwohnung auf und ab ging, die sie sich mit ihrem Verlobten, Ryan Paige, teilte. Sie versuchte, Agent Crivaro anzurufen.

Und wieder einmal nahm er den Anruf nicht entgegen. Sein Telefon klingelte und klingelte und klingelte.

Ich erreiche nicht einmal seinen Anrufbeantworter, dachte sie.

Ryan sagte: „Kommst du immer noch nicht durch?"

Sie hatte nicht realisiert, dass Ryan ihr Tun beachtet hatte. Er saß am Küchentisch und las Fallmaterialien durch, die er von Parsons & Rittenhouse nach Hause gebracht hatte, der Anwaltskanzlei, wo er als Einsteiger-Anwalt arbeitete.

„Nein“, sagte Riley. „Ich habe das Gefühl, den Verstand zu verlieren. Vielleicht sollte ich zurück nach Quantico fahren und …“

Ryan unterbrach sie sanft. „Riley, nein. Was würde das bringen?“

Riley seufzte. Ryan hatte recht – natürlich. Nach der Verhandlung und Crivaros Verschwinden hatte sie das FBI-Fahrzeug zurück nach Quantico gebracht und gehofft, ihn im Hauptrevier der Verhaltensanalyseeinheit zu finden. Aber er war nicht dort gewesen. Der federführende Special Agent Erik Lehl war bereits nach Hause gegangen, was vermutlich keinen Unterschied machte. Wenn Crivaro nicht dort aufgetaucht war, würde Riley nicht diejenige sein wollen, die Lehl erzählen musste, dass ihr Partner unentschuldigt fehlte.

„Wie oft hast du schon versucht, Crivaro anzurufen?“, fragte Ryan.

„Ich weiß es nicht“, meinte Riley.

Ryan kicherte mitfühlend.

„Erinnerst du dich an Einsteins Definition von Wahnsinn?“, fragte er.

Riley zuckte mit den Schultern. „Ja – wenn man immer wieder dieselbe Handlung ausführt, aber verschiedene Resultate erwartet.“

Sie ließ sich auf die Couch im Wohnzimmerbereich fallen, wo sie zuvor auf und ab gegangen war.

„Vielleicht verliere ich ja auch irgendwie den Verstand“, sagte sie.

Ryan stand vom Tisch auf, ging zum Küchenschrank und holte eine Flasche Bourbon sowie zwei Gläser heraus.

„Ich würde dich nur ungern in eine Anstalt einweisen lassen“, sagte er. „Vielleicht brauchst du was Hartes, um deine Vernunft wiederherzustellen.“

Riley lachte schicksalserschlagen.

„Kann nicht schaden“, meinte sie.

Ryan schenkte ein, setzte sich dann neben Riley auf die Couch und legte seinen Arm um ihre Schulter.

„Willst du darüber sprechen?“, fragte er.

Riley seufzte. Sie hatten schon viel über den Prozess gesprochen, seitdem sie nach Hause gekommen war und auch beim Abendessen war es ihr einziges Thema gewesen. Ryan wusste, wie sehr sie der Ausgang verärgert hatte. Und natürlich hatten sie auch über Crivaros mysteriöses Verschwinden gesprochen.

„Ich weiß nicht, was es da noch zu sagen gibt“, sagte sie und legte ihren Kopf an Ryans Schulter.

„Vielleicht fällt mir etwas ein“, meinte Ryan. „Vielleicht könntest du ein paar Fragen beantworten.“

Riley kuschelte sich enger an ihn. „Ja, das können wir versuchen.“

Ryan nahm einen Schluck Bourbon und sagte dann: „Warum genau machst du dir Sorgen um Agent Crivaro?“

„Weil er gegangen ist, ohne mir Bescheid zu geben“, sagte sie.

„Denkst du, er befindet sich in einer gefährlichen Situation?“

Riley schnaubte. „Agent Crivaro? Ich glaube nicht. Er ist zäh, der kann schon auf sich aufpassen.“

„Machst du dir Sorgen, dass er sauer auf dich ist?“, fragte Ryan.

Riley kniff überrascht die Augen zusammen. Es war tatsächlich eine richtig gute Frage. Sie hob ihren Kopf von Ryans Schulter und nahm einen Schluck Bourbon. Es fühlte sich tröstend an.

„Ich … kann mir nicht vorstellen, warum“, meinte sie.

„Also, was denkst du, was mit ihm los ist?“, fragte Ryan.

Sie erinnerte sich an seinen wütenden Gesichtsausdruck, als er den Gerichtssaal eilig verlassen hatte.

„Er ist sauer auf sich selbst“, sagte Riley. „Er hat das Gefühl, versagt zu haben.“

„Riley, ich weiß nicht, warum ihr beide so unglücklich mit dem Ausgang seid. Dreißig Jahre ist eine lange Zeit. Und Mullins wird fünfzehn Jahre warten müssen, um überhaupt die Möglichkeit auf Bewährung zu bekommen. Das klingt ziemlich zäh.“

Riley dachte wieder an ihre Konfrontation mit den wütenden Eltern der beiden Opfer.

Sie erinnerte sich an das Versprechen, das sie ihnen gemacht hatte.

„Ich werde nicht zulassen, dass er vorzeitig oder auf Bewährung entlassen wird.“

Jetzt konnte sie nicht anders, als sich zu fragen – wäre sie wirklich in der Lage, dieses Versprechen zu halten?

„Wir wollten mehr“, sagte Riley. „Die Familien der Opfer erwarteten mehr. Aber …“

Ihre Stimme versagte.

„Aber was?“, fragte Ryan.

Ryan stupste ihn zärtlich an.

„Du benimmst dich wie eine Art Psychiater“, sagte sie.

„Nein, das tue ich nicht“, sagte Ryan. „Ich benehme mich wie ein Anwalt.“

„Oh, dann befinde ich mich also gerade im Kreuzverhör?“, sagte Riley.

„Genau.“

„Dann muss ich Beschwerde einlegen“, meinte sie. „Das sind ziemlich suggestive Fragestellungen.

„Sag es dem Richter“, sagte Ryan.

„Welchem Richter?“, fragte Riley.

Sie lachten beide und kuschelten sich enger aneinander.

Dann fragte Ryan mit vorsichtigerer Stimme: „Was ist mit dir, Riley? Bist du glücklich?“

Riley fühlte eine Welle der Wärme durch ihren Körper schwappen.

„Oh ja“, sagte sie.

„Nicht nur mit dem Job, meine ich“, erwiderte Ryan.

„Ich weiß“, sagte Riley. „Ich bin wirklich glücklich – mit allem.“

Und das meinte sie mit ganzem Herzen.

Sie und Ryan hatten am Anfang ihrer Beziehung ein paar schwere Zeiten durchgemacht und es hatte Momente gegeben, in denen keiner von beiden geglaubt hatte, dass ihre Beziehung das aushalten könnte. Ryans neuer Job hatte ihn unter extremen Druck gesetzt und Rileys Fälle waren zeitweise ziemlich wild gewesen. Sie hatte viel zu viel Zeit von ihm getrennt verbracht.

Aber Ryan hatte sich nun in seiner Position eingelebt – und das in einer Anwaltskanzlei, die ihm jede Menge Aufstiegsmöglichkeiten bot. Und Rileys Fallbelastung war extrem geschrumpft. Sie und Crivaro hatten schon seit über sechs Wochen keinen Fall mehr bearbeitet, nachdem sie den Serienmörder in Kentucky und Tennessee zu Fall gebracht hatten, der es auf Jungfrauen abgezielt hatte.

Seitdem hatten beide hauptsächlich Recherchearbeiten im Quantico-Büro betrieben und Informationen gesammelt, die Jake den anderen Agenten im Einsatz übermittelte. Riley hatte die Arbeit zeitweise langweilig gefunden. Aber sie musste zugeben, dass es eine Erleichterung war, nicht allzu weit von Zuhause weg zu sein und sich nicht ständig in Gefahr zu begeben.

Das war auch für Ryan eine Erleichterung gewesen. Letztendlich schien er sich an die Idee zu gewöhnen, mit einer Agentin der Verhaltensanalyseeinheit zusammen zu sein. Zumindest versuchte er nicht mehr, sie davon zu überzeugen, zu kündigen. Und sie hatten schon seit Wochen nicht mehr gestritten.

Riley hoffte, ihre Arbeit womöglich in diesem langsameren, angenehmeren und weniger lebensbedrohlichen Tempo fortführen zu können. Sie war sich sicher, dass es zwischen ihr und Ryan immer besser werden würde, je mehr sie zu Hause war.

Und in Zeiten wie diesen schätzte sie es, wie rücksichtsvoll und fürsorglich Ryan sein konnte.

Und attraktiv, dachte sie, während sie ihn ansah.

Dann fragte er: „Willst du weiterreden?“

„Mm-mm“, meinte Riley.

„Was willst du dann tun?“

Riley drehte sein Gesicht zu ihrem und küsste ihn.

„Ich will ins Bett gehen“, sagte sie.


*

Als Riley am nächsten Morgen nach Quantico fuhr, war der Tag so hell und klar wie ihre Laune. Ihre Nacht mit Ryan war leidenschaftlich und perfekt gewesen. Und nun waren sie beide auf dem Weg zu ihren Jobs, die ihnen wirklich wichtig waren.

Könnte das Leben besser sein, fragte sie sich.

Jetzt, wo sie darüber nachdachte, könnte es das vielleicht tatsächlich. Und das würde es auch. Irgendwann bald würden sie und Ryan heiraten und, wenn sie beide bereit waren, eine Familie gründen.

Was Agent Crivaro anging, war Riley sich sicher, dass er sich heute besser fühlte.

Seine Laune gestern war sicherlich nur flüchtig, dachte sie.

Als sie auf ihren Parkplatz der Verhaltensanalyseeinheit fuhr, machte ihr Herz einen Sprung, als sie Crivaro in der Nähe seines Wagens stehen sah, wo er wie so oft auf ihre Ankunft wartete.

Alles ist wieder normal!

Sie parkte ihren Wagen und sprang heraus.

Nicht umarmen, befahl sie sich selbst. Das würde er nicht wollen.

Aber ihre Laune verschlechterte sich, als sie auf ihn zuging. Seine Arme waren verschränkt und er starrte auf den Asphalt, als hätte er ihre Ankunft gar nicht bemerkt.

Definitiv nicht in der Stimmung für Umarmungen, realisierte sie.

Was auch immer er ihr gleich sagen würde – sie war sich sicher, dass es ihr nicht gefallen würde.




KAPITEL VIER


Als Riley auf Crivaro zuging, sah er nicht einmal auf. An seinen Wagen gelehnt und mit dem Blick nach unten sagte er: „Es tut mir leid, was gestern passiert ist. Ich war ein Arschloch.“

Riley wollte ihm versichern, dass er kein Arschloch war. Aber irgendwie brachte sie die Worte nicht über die Lippen.

Ich glaube, ich bin sauer auf ihn, realisierte sie.

Diese Möglichkeit war ihr erst jetzt in den Sinn gekommen.

Sie lehnte sich neben ihn an den Wagen.

„Warum haben Sie sich so aus dem Staub gemacht?“, fragte sie.

Crivaro zuckte müde mit den Schultern.

„Es war nicht meine Absicht, dich im Stich zu lassen“, sagte er. „Zumindest glaube ich das nichts. Es war vielmehr …“

Seine Stimme versagte für einen Moment.

Dann sprach er mit gewürgter Stimme weiter. „Ich konnte den Eltern nicht gegenüberstehen. Ich konnte es einfach nicht. Nicht, nachdem wir sie so enttäuscht hatten. Ich hatte das Gefühl, einfach weg zu müssen.“

Riley war überrascht. Sie hatte angenommen, dass sie es war, mit der er nicht hatte reden wollen. Jetzt, wo sie darüber nachdachte, kam ihr diese Annahme unglaublich ich-bezogen vor.

„Hast du mit ihnen gesprochen?“, fragte er Riley.

Riley nickte.

„Wie lief es?“

Riley atmete scharf ein.

„Ungefähr so wie erwartet“, sagte sie.

„So schlimm?“

Riley nickte. „Sie waren wütend auf die Entscheidung des Richters. Und ja, sie waren auch wütend auf uns.“

„Ich kann es ihnen nicht verübeln“, sagte Crivaro. „Was hast du ihnen gesagt?“

„Dass es mir leidtut und …“

Riley zögerte kurz. Plötzlich kam es ihr schwierig vor, das zu wiederholen, was sie den Eltern gesagt hatte.

Schließlich sagte sie: „Ich habe versprochen … sicherzugehen, dass Mullins erst wieder freikommt, wenn er seine volle Zeit abgesessen hat. Ich habe versprochen, nicht zuzulassen, dass er vorzeitig oder auf Bewährung freikommt.“

Crivaro nickte.

Riley unterdrückte ein Seufzen. „Ich hoffe, ich habe kein Versprechen gemacht, das ich nicht halten kann.“

Riley hoffte, dass er etwas Ermutigendes sagen würde, aber er blieb still.

„Also, was ist los?“, fragte sie ein bisschen ungeduldig.

„Ich wollte es dir selbst sagen“, antwortete Crivaro, seine Stimme emotionsvoll. „Ich wollte nicht, dass du es von jemand anderem erfährst.“

Riley bekam ein ungutes Gefühl. Sie stand schweigend da, bis er weitersprach.

„Ich habe gekündigt“, erklärte Crivaro ihr.

„Das können Sie nicht“, platzte Riley heraus.

„Zu spät“, sagte er.

Sie suchte nach Worten. „Sie sagten, dass Sie bleiben würden, wenn ich mich der Einheit anschloss …“

„Für eine Weile, bis du angekommen bist“, beendete er ihren Satz. „Das ist fast ein Jahr her, Riley. Ich habe dir schon damals gesagt, dass ich das Alter erreicht habe, in Rente zu gehen.“

„Können Sie nicht noch warten …?“

„Nein, es ist schon endgültig. Ich komme gerade aus Erik Lehls Büro, habe meine Marke und meine Waffe abgeben und die offizielle Kündigung unterschrieben.“

„Warum?“, rief Riley mit scharfer Stimme.

Crivaro stöhnte leise.

„Du weißt genau, warum. Kannst du aufrichtig behaupten, dass ich in letzter Zeit in Bestform war? Ich werde nie wieder der Agent sein, der ich einmal war. Ich habe mein Verfallsdatum überschritten. Um überhaupt so lange im Job zu bleiben, waren besonderen Verlängerungen nötig gewesen.“

Sie schwiegen und standen beide mehrere Momente lang einfach da ohne einander anzusehen.

Schließlich sprach Crivaro weiter. „Nach der Urteilsverkündung ist mir vieles klar geworden. Es war eine Sache, Mullins nicht härter bestrafen zu können. Aber ich konnte mich nicht dazu bringen, mit den Eltern zu reden. Dieses Gefühl hatte ich zuvor noch nie, habe diesen Teil des Jobs noch nie ausgelassen. In dem Moment wusste ich, dass es vorbei war. Wie kann ich weiter böse Jungs bekämpfen, wenn ich nicht mal ihre Opfer ansehen kann? Deshalb habe ich mich aus dem Staub gemacht.“

„Ich werde mit Lehl sprechen“, murmelte Riley.

Sobald sie diese Worte ausgesprochen hatte, fragte sie sich, was sie wirklich damit meinte. Würde sie tatsächlich zum federführenden Special Agent Erik Lehl gehen und ihn darum bitten, Crivaros Kündigung zu ignorieren? Glaubte sie, damit Erfolg haben zu können?

„Ich denke, das solltest du tun“, meinte Crivaro. „Lehl will sogar selbst mir dir sprechen. Er hat mich gebeten, dich als erstes zu ihm zu schicken. Es klang so, als hätte er eventuell einen Fall für dich.“

Riley öffnete den Mund, brachte aber keine Worte heraus.

Wie konnte sie ihre Gefühle in Worte fassen?

Schließlich sagte sie stotternd: „Agent Crivaro, ich … ich denke nicht, dass ich bereit bin.“

„Du hast recht“, sagte Crivaro. „Du bist nicht bereit.“

Riley betrachtete ihren Partner überrascht.

„Hör zu, niemand ist bereit, wenn sie zum ersten Mal auf sich selbst gestellt sind. Aber du musst dich dazu bringen. Du bist die talentierteste Agentin, mit der ich jemals zusammengearbeitet habe. Deine Instinkte sind so gut wie meine und das heißt eine Menge. Niemand kann so gut in den Kopf eines Täters vordringen wie wir beide. Und du entwickelst das Können, um diese rohen Fähigkeiten zusammen zu fügen. Aber ich halte dich auf. Du verlässt dich zu sehr auf mich. Du musst lernen, dir selbst zu vertrauen. Ich hätte nie gedacht, das über einen Partner zu sagen, aber …“

Er kicherte leise.

„Du machst es dir mit mir zu bequem.“

Riley konnte nicht anders, als ebenfalls zu lachen.

„Sie machen Witze, oder?“, sagte sie.

„Ich weiß, es klingt verrückt, aber das ist die Wahrheit“, meinte Crivaro. „Ich weiß nicht, was du als nächstes brauchst, aber ich bin es nicht. Vielleicht musst du ein paar Fälle allein bestreiten. Gott weiß, dass ich das oft genug musste. Oder vielleicht brauchst du einen Partner, der absolut nicht umgänglich ist.“

Riley schüttelte den Kopf. „Das hatte ich doch schon mit Ihnen.“

„Vielleicht zu Beginn, aber dann nicht mehr. Du bist der einzige Partner, den ich je hatte, der mich ausstehen konnte. Ich bin ein launenhafter, alter Mistkerl – und du weißt es.“

Riley lächelte dünn.

Dem kann ich mich nicht widersetzen, dachte sie.

Dann schwiegen sie wieder.

Riley ertappte sich dabei, über die Fälle nachzudenken, an denen sie gemeinsam gearbeitet hatten – vor allem den in Arizona, als sie und Crivaro Undercover als Vater und Tochter ermittelt hatten. Es hatte sich überhaupt nicht wie eine Show angefühlt, zumindest nicht für Riley.

Und jetzt fragte sie sich – sollte sie ihm sagen, dass er ihr mehr ein Vater war, als ihr biologischer Vater es je auf die Reihe gekriegt hatte?

Nein, sonst fange ich an zu weinen, dachte sie. Und das würde ihn wirklich anpissen.

Stattdessen sagte sie: „Was werden Sie mit sich anstellen?“

Crivaro lachte wieder.

„Es heißt Rente, Riley. Was tut man als Rentner? Vielleicht fange ich an, Bridge zu spielen – wenn ich einen Partner finden kann, was vermutlich eher unwahrscheinlich ist. Oder vielleicht mache ich eine Kreuzfahrt durch die Karibik. Fange an Golf zu spielen. Trete einem Theaterverein bei. Oder einer Quilt-Gruppe.“

Riley lachte wieder, als sie sich vorstellte, wie Crivaro mit einem Haufen Frauen in seinem Alter Quilts nähte.

„Sie geben mir keine ernste Antwort“, sagte sie.

„Nein und vielleicht habe ich es satt, ernst sein zu müssen. Und vielleicht mag ich die Vorstellung, keine Ahnung zu haben, was ich mit dem Rest meines Lebens anstellen soll. Was auch immer es sein wird – es wird ein Abenteuer werden.“

Riley hörte einen Hauch von Unsicherheit, als er das Wort ‚Abenteuer‘ aussprach.

Er ist sich nicht sicher, dachte sie.

Er versucht, sich selbst davon zu überzeugen.

Aber stand es ihr zu, zu versuchen, seine Entscheidung zu kippen?

Crivaro sah auf die Uhr und zeigte dann auf das Gebäude.

„Du musst da rein“, meinte er. „Du willst Lehl nicht warten lassen.“

Dann legte er eine tröstende Hand auf Rileys Schulter.

„Ich melde mich, Kiddo“, sagte er. „Wahrscheinlich häufiger, als dir lieb ist.“

„Das bezweifle ich, Agent Crivaro“, sagte Riley.

Crivaro wedelte einen Finger durch die Luft.

„Hey, ich bin jetzt Rentner, schon vergessen? Kein ‚Agent Crivaro‘-Zeug mehr. Es ist Zeit, dass du anfängst, mich Jake zu nennen.“

Riley fühlte einen Knoten in ihrem Hals.

„Okay … Jake“, sagte sie fast flüsternd.

Als er seine Wagentür öffnete, wies er sie erneut an: „Und jetzt geh da rein, an die Arbeit.“

Als Riley begann, davonzulaufen, drehte sie sich erneut um, als sie seine Stimme hörte.

„Hey, das Versprechen, das du gestern im Gerichtssaal gemacht hast … das war genau das Richtige. Und ich wünschte, ich hätte es gesagt. Ich weiß, dass du dir deshalb Sorgen machst, aber du wirst dieses Versprechen einhalten. Das weiß ich. Und – wenn ich lange genug lebe – werde ich alles tun, um dir dabei zu helfen.“

Crivaro startete seinen Wagen und verließ den Parkplatz.

Riley sah ihm zu, wie er davonfuhr, noch immer entschlossen, nicht zu weinen.

Dann ging sie auf das Gebäude der Verhaltensanalyseeinheit zu, um mit Lehl zu sprechen.




KAPITEL FÜNF


Obwohl im Gebäude der Verhaltensanalyseeinheit der übliche Trubel herrschte, fühlte sich der Ort für Riley seltsam leer an. Ihr war deutlich bewusst, dass Jake Crivaro nicht hier war. War es wirklich möglich, dass ihr Mentor nie wieder einen Fuß in dieses Gebäude setzen würde? Und wenn er wirklich weg war, wie konnten dann alle anderen hier einfach ihren Tagesablauf weiterführen, als ob sich nichts geändert hätte?

Natürlich. Ihr fiel ein, dass bisher fast niemand wusste, dass Crivaro gekündigt hatte.

Dann musste Riley zugeben, dass selbst, wenn sie es wüssten, es vielleicht niemanden sonst so sehr interessieren würde wie sie. Obwohl Jake Crivaro dort so etwas wie eine lebende Legende war, wusste jeder, dass alle Legenden irgendwann enden mussten.

Alle außer mir, dachte sie.

Sie blieb ihm Flur stehen, unsicher, wohin sie gehen sollte. Schließlich hatte sie keinen Partner mehr, den sie um Anweisungen bitten konnte. Dann fiel ihr ein, dass Crivaro erwähnt hatte, dass Lehl sie erwartete, möglicherweise, um ihr einen Fall zuzuweisen.

Als sie auf den Aufzug zuging, erinnerte sie sich daran, wie Crivaro zum ersten Mal in ihr Leben getreten war. Damals, als sie noch Studentin an der Lanton University war, war Crivaro aufgetaucht, nachdem zwei ihrer Mitbewohner im Studentenwohnheim ermordet worden waren. Gerade als Riley sich nicht ängstlicher und hilfloser hätte fühlen können, hatte er ihre ungewöhnlichen Instinkte erkannt und sie involviert, um ihm bei der Suche nach dem Mörder zu helfen.

Und den hatten sie gefunden. Der Täter hatte sich als ihr Lieblingsprofessor erwiesen. Und er hätte auch sie getötet, wenn Crivaro ihr nicht das Leben gerettet hätte.

Seither war Rileys Welt auf den Kopf gestellt worden. Nach dem Studium hatte Crivaro ihr einen Platz im Sommerprogramm des FBIs besorgt und daraufhin hatte sie die Academy in Quantico besucht. Bis auf die letzten paar Wochen, in denen es keine aktiven Fälle gegeben hatte, war ihr Leben ein konstanter Rausch der Aufregung und Gefahr gewesen.

Sie betrat den Aufzug und drückte den Knopf für das gewünschte Stockwerk. Der Aufzug war voll und Riley fühlte sich noch einsamer.

Keiner dieser Menschen weiß, was passiert ist, dachte sie erneut. Und ich bin mir nicht sicher, was jetzt mit mir geschehen wird.

Ein Teil von ihr hatte die wilde Idee, ihr Abzeichen und ihre Waffe selbst abzugeben, um gegen Crivaros Weggang zu protestieren.

Natürlich wäre das verrückt, erinnerte sie sich selbst. Sie hatte viel zu viel in ihre Karriere investiert, um das jetzt aufzugeben.

Dennoch erinnerte sie sich daran, was Crivaro ihr gesagt hatte, als sie meinte, dass sie mit Lehl über seine Entscheidung sprechen würde.

„Ich denke, das solltest du tun.“

Was hatte er damit gemeint? Hoffte Crivaro, dass Riley ihn davon abhalten würde, in Rente zu gehen?

Sie erinnerte sich an etwas anderes, das er gesagt hatte.

„Ich denke, es ist an der Zeit, dass du mich Jake nennst.“

Das hatte definitiv nicht nach einem Ende ihrer Beziehung geklungen, weder auf professioneller noch auf irgendeiner anderen Ebene. Und sie war sich sicher, dass diese Entscheidung viel bedeutete. Schließlich nannte ihn sonst kaum einer einfach nur ‚Jake‘.

Er hatte sich von seiner Ex-Frau und seinem Sohn distanziert und hatte keine engen Freunde, von denen Riley wusste.

Soweit sie wusste, war er ein einsamer Mann und der Ruhestand würde das auch nicht besser machen.

Sie stieg aus dem Aufzug und ging direkt auf Lehls Büro zu. Als sie dort ankam, sah sie, dass die Tür offen war. Dennoch zögerte sie vor der Tür.

Dann, fast unheimlich, hörte sie Lehls Stimme von innen.

„Kommen Sie rein, Agent Sweeney.“

Sie ging hinein und fand den schlaksigen Spezialagenten hinter seinem Schreibtisch. Wie üblich wirkte er fast zu überdimensioniert für sein Büro, ganz zu schweigen von seinem Schreibtisch.

Sie konnte nicht umhin, zu lächeln, als sie sich daran erinnerte, was Crivaro gesagt hatte, als sie festgestellt hatte, dass Lehl aussah, als stünde er immer auf Stelzen.

„Nein, er sieht aus, als wäre er aus Stelzen gemacht.“

„Nehmen Sie Platz, Agent Sweeney“, sagte Lehl in seinem beängstigenden Bariton.

Riley setzte sich hin und Lehl tat es ihr nach. Er nahm den Hörer ab und bat jemanden, sofort in sein Büro zu kommen. Dann drückte er seine Finger zusammen, schaute Riley an und sagte: „Vielleicht gibt es etwas, das Sie besprechen möchten“.

Riley schluckte schwer.

Jetzt oder nie.

Aber würde sie es wagen, den Abschied ihres Partners infrage zu stellen?

Schließlich war Erik Lehl vermutlich der einzige Mann auf der Welt, der Jake Crivaro tatsächlich einschüchtern konnte.

Dennoch zwang sie sich, den Mund aufzumachen.

„Sir, ich habe gerade mit Agent Crivaro gesprochen.“

Lehl nickte schweigend.

Riley schluckte erneut.

„Ich denke nicht, dass er in den Ruhestand gehen sollte, Sir“, sagte sie.

Lehl nickte erneut.

„Er meinte, dass Sie das sagen würden“, antwortete Lehl.

Riley war überrascht. Das war in etwa das letzte, womit sie gerechnet hatte. Scheinbar hatten Jake und Lehl bereits darüber gesprochen, wie sie auf die Situation reagieren würde.

„Möchten Sie mir erklären, warum Sie das denken?“, fragte Lehl.

Riley geriet in Panik und würde am liebsten den Raum verlassen.

Wie sollte sie das beantworten?

Sie sagte: „Er denkt, dass seine Fähigkeiten nachlassen, Sir.“

„Und Sie sind anderer Meinung?“, fragte Lehl.

„Das bin ich, Sir“, sagte Riley.

„Sind Sie sich sicher, dass Sie wissen, was das Beste für ihn ist?“, fragte Lehl.

Riley hatte plötzlich keine Ahnung, was sie darauf antworten sollte. Schließlich war es eine gute Frage. War sie wirklich sicher, dass Jake als Agent so gut war wie eh und je? Sie erinnerte sich an seine Worte.

„Kannst du aufrichtig behaupten, dass ich in letzter Zeit in Bestform war?“

Sie hatte ihm nicht widersprochen. Wäre es die Wahrheit, zu sagen, dass sie seither ihre Meinung geändert hatte?

Lehl kniff die Augen zusammen, als er sie auf gründliche und fast schon analytische Weise betrachtete.

Er sagte: „Ich schätze, was ich frage, ist … in wessen Interesse erzählen Sie mir das? In Ihrem oder in Agent Crivaros?“

Riley sackte auf ihrem Stuhl ein wenig zusammen.

„Ich bin mir nicht sicher“, gab sie zu.

Lehl beugte sich über seinen Schreibtisch.

„Agent Sweeney, Sie und ich haben einige Differenzen gehabt, seit wir uns kennen.“

„Ich weiß“, sagte Riley.

Und das war tatsächlich milde ausgedrückt. Letzten Herbst, als sie noch die Academy besuchte, hatte Crivaro sie von ihrem Studium weggezerrt, damit sie ihm bei einem Fall helfen konnte. Ohne die Zustimmung von irgendjemandem hatte sie sich als Reporterin ausgegeben und einem US-Senator Fragen gestellt, die zur Aufdeckung seines früheren sexuellen Fehlverhaltens geführt hatten. Wie üblich war sie einer Ahnung gefolgt. Aber die Enthüllungen hatte sich erwiesen, nichts mit dem Fall zu tun zu haben, an dem sie gearbeitet hatten.

Ohne es wirklich zu wollen, hatte sie die politische Karriere des Senators beendet. Noch schlimmer – der Vorfall hatte die Verhaltensanalyseeinheit ernsthaft gefährdet. Der Senator war ein hochrangiges Mitglied renommierter Ausschüsse gewesen und hatte viel Sagen über das Taschengeld der Einheit gehabt.

Lehl war mehr als wütend gewesen. Er hatte sich persönlich darum gekümmert, dass Riley von der Academy ausgeschlossen wurde und gab erst nach, nachdem sie mit Jake brillante Arbeit geleistet hatte. Aber seit ihrem Abschluss an der Academy und ihrem offiziellen Beitritt der Einheit war er ihr gegenüber misstrauisch gewesen.

Nun fragte Lehl weiter. „Wo stehen wir nun? Sie und die Agency, meine ich?“

„Ich bin mir nicht sicher, was Sie meinen“, sagte Riley.

Aber sie fürchtete, es genau zu wissen. Sie wusste, dass ihr Status in der Verhaltensanalyseeinheit mehr oder weniger auf Probe war. Vielleicht betrachtete Lehl dies als guten Zeitpunkt, auch sie loszuwerden.

Der Ausdruck auf seinem Gesicht ließ nichts Gutes ahnen.

„Ich will ehrlich mit Ihnen sein, Agent Sweeney", sagte Lehl. "Ihre Partnerschaft mit Crivaro war immer produktiv, manchmal bemerkenswert. Nichtsdestotrotz hatte ich immer das Gefühl, dass Sie beide eine Tendenz dazu hatten … wie soll ich es ausdrücken? Sich gegenseitig schlecht zu beeinflussen. Ich habe jahrelang mit Crivaro zusammengearbeitet und trotz all seiner Genialität war er immer so etwas wie ein Außenseiter. Er hat mir und der Agentur eine Menge Ärger gemacht. Er hat Regeln zu seinen Gunsten zurechtgebogen und sie manchmal sogar ganz gebrochen. Können Sie leugnen, dass Sie die gleichen Tendenzen haben?“

Riley wagte es nicht, diesbezüglich zu lügen.

„Nein“, sagte sie.

Lehl trommelte mit den Fingern auf seinem Schreibtisch. „Ich möchte, dass Sie meine nächste Frage so ehrlich beantworten, wie Sie können. Ihre rebellische Ader – haben Sie das von Crivaro aufgeschnappt? Und nun, da er weg ist, kann ich von Ihnen erwarten, dass Sie Ihr Verhalten ändern? Oder …?“

Er ließ den Gedanken unvollendet.

Aber Riley wusste nur zu gut, was er wissen wollte.

War sie von Natur aus eine rebellische Querdenkerin?

Würde sich ihr Verhalten nie ändern? Unabhängig von Crivaros ‚schlechtem Einfluss‘?

Er möchte eine ehrliche Antwort, erinnerte sich Riley.

Und sie wusste, dass eine ehrliche Antwort ihre Karriere genau in dieser Einheit hier und jetzt beenden könnte.

Sie atmete lange und langsam durch.

„Agent Lehl, ich … kann nicht ändern, wer ich bin“, sagte sie.

„Ich verstehe“, sagte Lehl und runzelte die Stirn.

„Ich kann nur versprechen, mein Bestes zu geben – falls Sie mich behalten, natürlich. Ich gebe mir keine Mühe, schwierig zu sein, sondern versuche wirklich, mich an die Regeln zu halten. Aber manchmal überkommt mich mein Instinkt.“

Sie hielt kurz inne und fügte dann hinzu: „Aber mir wurde gesagt, dass meine Instinkte ziemlich gut sind. Sogar außergewöhnlich. Und vielleicht … nun, vielleicht ist das der Preis, den man für gute Instinkte zahlen muss. Vielleicht gehört da eben auch ein bisschen Aufmüpfigkeit dazu. Und …“

Es fiel ihr schwer, die richtigen Worte zu finden. Aber die Wahrheit war, dass es keinen taktvollen Weg gab, es auszudrücken.

„Und vielleicht müssen Sie einfach entscheiden, ob Sie denken, dass ich die Mühe wert bin. Es liegt wirklich an Ihnen.“

Lehls Gesichtsausdruck änderte sich ein wenig, aber Riley fand ihn schwer zu lesen. War das ein Lächeln auf seine Lippen? Und war das Grunzen, das er von sich gab, nur die Andeutung eins Glucksens?

Er sagte: „Ich kann mich an eine Zeit erinnern, in der Agent Crivaro genau dort saß, wo Sie sind und fast dasselbe zu mir sagte. Ich fand, dass das damals eine ziemlich gute Antwort war und ich schätze, dass es auch heute noch eine ziemlich gute Antwort ist.“

Dann wedelte er mit einem Finger und fügte streng hinzu: „Aber stellen Sie keine Vermutungen über die Grenzen meiner Toleranz an. Ich führe ein strenges Regiment. Und jede Regelverletzung wird Konsequenzen nach sich ziehen. Ich habe die feste Absicht, Ihre Leine so kurz wie möglich zu halten.“

Riley atmete etwas gelöster.

„Ja, Sir“, sagte sie. „Danke, Sir.“

Lehl legte die Stirn in Falten.

„Wofür danken Sie mir?“, fragte er.

Riley stotterte. „Nun, ähm … dafür, dass Sie mich nicht feuern, nehme ich an.“

Lehl zuckte mit den Achseln. Jetzt lächelte er definitiv nicht.

„Oh das“, sagte er. „Betrachten Sie es nicht als gegeben – und machen Sie es sich nicht zu bequem. Ich könnte meine Meinung jederzeit ändern.“

„Ich verstehe, Sir“, sagte Riley.

Lehl nahm eine Akte von seinem Schreibtisch und begann, sie durchzublättern.

„Als Agent Crivaro heute Morgen hier reinkam, hatte ich vor, ihm einen Fall in Utah zu geben. Ich erwartete, dass er den Fall annehmen und Sie als Partner anfordern würde, aber …“

Riley spürte, wie ihr Herz bei dem Gedanken sank, jetzt einen neuen Fall zu übernehmen. Ohne ihren Partner, ihren Mentor, konnte sie nicht arbeiten.

Dann war es, als könne sie Jakes düstere Stimme wieder hören.

„Niemand ist bereit, wenn er zum ersten Mal alleine unterwegs ist. Man muss sich nur selbst bereit machen.“

Ohne weiter darüber nachzudenken, platzte Riley heraus: „Ich will den Fall übernehmen, Sir.“

Mit leisem Knurren antwortete Lehl: „Das ist gut. Aber ich hoffe, Sie denken nicht, dass ich Sie allein da rausschicke. Sie brauchen die Aufsicht eines Erwachsenen.“

Riley konnte nicht anders, als bei diesen Worten zusammenzucken.

In diesem Moment betrat ein junger Mann mit Bürstenschnitt und glattem Teint das Büro. Riley erinnerte sich, dass Lehl nach jemandem gerufen hatte, der sich zu ihnen gesellen sollte, als sie sein Büro betreten hatte.

„Danke, dass Sie gekommen sind, Agent Johnson“, sagte Lehl und erhob sich. „Ich möchte Ihnen Special Agent Riley Sweeney vorstellen.“

Dann sagte er zu Riley: „Das ist Special Agent Cliff Johnson. Obwohl er neu hier in Quantico ist, haben Sie vielleicht schon von ihm gehört. Er hat in der Außenstelle in Boston hervorragende Arbeit geleistet und er bat darum, hierher versetzt zu werden.“

Tatsächlich hatte Riley von Cliff Johnson gehört. Er war mit einem beeindruckenden Ruf hierhergekommen.

Lehl fügte hinzu: „Er wird als Ihr Seniorpartner arbeiten.“

Seniorpartner, dachte Riley.

Das bedeutete, dass dieser junge Mann ihr Befehle geben würde. Obwohl sie wusste, dass er hoch angesehen war, hatte er gerade erst hier in Quantico angefangen und er sah nicht viel älter aus als Riley. Aber sie wusste, dass sie definitiv nicht in der Lage war, Einwände gegen die Situation zu erheben.

Lehl richtete sich an Riley und Johnson. „Ein County-Sheriff in Utah hat die Einheit um Hilfe gebeten. Es hat dort einige Tote durch Elektroschocks gegeben – wahrscheinlich Morde.“

Er übergab die Mappe an Johnson und sagte: „Er hat mir diese Informationen gefaxt. Es ist nicht viel, um weiterzumachen, aber ich bin sicher, er wird viel detaillierter darauf eingehen, wenn Sie dort ankommen.“

Lehl blickte zwischen Riley und Johnson hin und her und sagte dann: „Auf dem Rollfeld wartet gerade ein Flugzeug, das Sie beide nach Utah fliegen soll. Holen Sie Ihre Go-Bags und machen Sie sich sofort auf den Weg.“

Als Riley das Büro verließ, um gemeinsam mit Johnson eilig ihre Go-Bags zu holen, hallte etwas, das Lehl gesagt hatte, immer wieder in ihrem Kopf wider.

"Sie brauchen die Aufsicht eines Erwachsenen."

Der Einsatz begann, sie zu irritieren.

Und sie wünschte sich verzweifelt, noch immer mit Jake Crivaro zusammen zu arbeiten.




KAPITEL SECHS


Als das Flugzeug vom Rollfeld abhob, betrachtete Riley vorsichtig ihren neuen Seniorpartner. Special Agent Cliff Johnson saß ihr gegenüber an einem Klapptisch und starrte aus dem Fenster.

Von dem, was sie über ihn gehört hatte, wusste sie, dass sie für die Chance, mit ihm zu arbeiten, dankbar sein sollte. Obwohl Johnson nur zwei oder drei Jahre älter zu sein, hatte er anscheinend jeden in der Außenstelle in Boston beeindruckt. Tatsächlich hatte er so ziemlich im Alleingang den Fall eines Kindermörder- und Vergewaltigers gelöst.

Riley kannte die Details dieser Ermittlungen nicht, aber sie wusste, dass Johnson quasi als Wunderkind gehandelt wurde – ein bisschen wie sie selbst, als sie damals zur Verhaltensanalyseeinheit gekommen war. Aber während Riley in Quantico mit einem Ruf für Bauchgefühl angekommen war, war Johnson für seine scharfen analytischen Fähigkeiten bekannt.

Vielleicht werden wir uns ergänzen, dachte sie.

Warum hatte sie also solche Zweifel?

Als sie darüber nachdachte, erkannte Riley, dass ihre Bedenken aus dem Verdacht herrührten, dass der neue Agent vielleicht gar nicht so beeindruckend war. Sie wusste, dass analytische Fähigkeiten für Verhaltensanalyse-Mitarbeiter leichter zu verstehen und zu würdigen waren als die eher nebulösen Bauchgefühle, die Jake Crivaro zu einem so erfolgreichen Agenten gemacht hatten. Schließlich hatte Johnson, seitdem er in Quantico angekommen war, noch an keinem einzigen Fall gearbeitet. Tatsächlich war es möglich, dass er noch nie größere Fälle bearbeitet hatte, wie es Riley mit Jake getan hatte.

Je mehr sie darüber nachdachte, desto mehr ärgerte sie sich über die Vorstellung, dass er ihr Befehle geben würde.

Als das Flugzeug Reiseflughöhe erreichte, öffnete Johnson die Akte, die Lehl ihm ausgehändigt hatte und teilte ihren Inhalt mit Riley.

„Okay“, sagte er. „Dann schauen wir uns das mal an und sehen wir, womit wir es zu tun haben.“

Riley unterdrückte ein Kichern. Regionale Ausdrucksweisen amüsierten sie normalerweise nicht, aber Johnsons Boston-Akzent war so intensiv, dass es fast wie eine Parodie klang. Zusammen mit seiner gepflegten Erscheinung und seinem militärischen Auftreten deutete dieser übertriebene Ton von Autorität darauf hin, dass er an Privilegien gewöhnt war – und wahrscheinlich einen Elite-Uni-Stammbaum hatte.

Seine Stimme erschreckte sie jedes Mal, wenn er sprach und sie entschied, sich besser schnell daran zu gewöhnen.

Johnson deutete auf den kurzgefassten Bericht, der zwischen ihnen lag: „Wir haben zwei Todesfälle durch Elektroschocks. Ein Mann namens Andy Gish wurde erst vor einer Woche in Prinneville, Utah, durch einen Stromschlag getötet. Bei dem zweiten Opfer handelt es sich um einen Psychiater, Julian Banfield, der letzte Nacht in Beardsley starb. Sowohl Beardsley als auch Prinneville liegen in Hannaford County. Der Sheriff des Bezirks, Collin Dawes, bat die Verhaltensanalyseeinheit um Hilfe.“

„Und Dawes denkt, dass es sich bei beiden Todesfällen um Tötungsdelikte handelt?“, fragte Riley.

Johnson zuckte mit den Schultern. „Naja, dafür fehlen die Details. Wir wissen nur, dass beide Opfer vor ihrem Tod an Stühle gefesselt wurden.“

Riley legte neugierig die Stirn in Falten.

„Ich kann mich nicht erinnern, an der Academy irgendwelche Fälle behandelt zu haben, in denen es um Mord durch Stromschlag ging“, sagte sie. „Ich frage mich, wie häufig das passiert.“

Johnson lehnte sich zurück und tätschelte sein Kinn.

„Nicht häufig, aber niemand kann genau sagen, wie häufig“, meinte er. „Ich nehme an, Sie kennen die Methode, die am häufigsten für Mord durch Elektroschock zum Einsatz kommt.“

Seine professorale Art – als würde er einen Studenten befragen – überraschte und ärgerte Riley. Trotzdem kam ihr etwas in den Sinn, was vor allem in Filmen öfters gezeigt wurde.

„Ähm, vermutlich durch das Fallenlassens eines elektronischen Geräts in die Badewanne, während das Opfer ein Bad nimmt.“

Johnson nickte. „Genau. Allerdings gibt es keine verlässlichen Aufzeichnungen, wie oft diese Methode tatsächlich angewendet wird. Diese Art des Stromschlags hinterlässt keine Verletzungen – nicht einmal Verbrennungen. Wenn der Täter sich auch nur die Mühe macht, das Gerät im Anschluss zu beseitigen, kann das Opfer so wirken, als wäre es an einem natürlichen Tod gestorben, zum Beispiel einem Herzinfarkt. Also, wer weiß, wie oft diese Art von Mord tatsächlich vorkommt?“

Er lächelte verschmitzt und fügte hinzu: „Man müsste schon ein ziemlich dummer Killer sein, um dabei erwischt zu werden. Aber manche tun es. Es gab einen Fall, in dem ein Mann seine Frau tötete, indem er einen Heizlüfter mit ihr in die Badewanne warf. Vielleicht wäre er damit davongekommen – aber am Tag zuvor hatte er ein Buch aus der Bibliothek ausgeliehen – ‚Der Heimwerker-Elektriker‘. Das hat die Bullen gewissermaßen auf die Spur gebracht.“

Nachdenklich aus dem Fenster blickend fuhr Johnson fort: „Ansonsten ist Elektrizität ziemlich schwer für Mord zu gebrauchen. Mir kommen nur ein paar Fälle in den Sinn. Einmal hat ein Mann seiner Frau ein blankes Stromkabel um den Hals gewickelt. Es war ein Dreißig-Ampere-Kabel ohne Isolierung.“

Er legte den Kopf schief. „Aber auch diese Art von Verbrechen ist selten. Nicht viele Menschen sind gewillt, sich elektrische Kabel um den Hals oder andere nackte Gliedmaßen wickeln zu lassen. Es gibt viele einfachere Wege, Menschen zu töten.“

Rileys Mund fiel bei diesem kleinen Vortrag ein wenig herunter.

Woher weiß er dieses Zeug, fragte sie sich.

Sie sagte: „Ist der jüngste Mord nicht erst letzte Nacht geschehen?“

„Ja.“

„Und wurden wir beide nicht gerade erst mit diesem Fall betraut?“

„Ja, warum?“

Riley sagte: „Nun, es klingt, als hätten Sie schon einschlägige Fallgeschichten studiert.“

Johnson schaute ein bisschen überrascht.

„Das ist nur Zeug, das ich beim Lesen aufgeschnappt habe“, sagte er. „Haben Sie noch nie Simpsons Forensische Medizin gelesen?“

Riley machte eine vage, unverbindliche Geste. Sie kannte das Lehrbuch aus dem forensischen Unterricht an der Academy und sie hatte alle vorgegebenen Passagen gelesen. Aber sie hatte nie angenommen, dass jemand, der nicht wirklich mit Forensik zu tun hatte, es von vorne bis hinten lesen würde.

Dieser Typ scheint es auswendig zu kennen, dachte sie.

Scheinbar unbeeindruckt von Rileys Reaktion, sprach Johnson weiter.

„Manchmal wird der Stromschlag postmortal eingesetzt, um eine andere Methode des Mordes zu verschleiern. Mir fällt zum Beispiel ein Fall ein, in dem der Mörder sein Opfer erstickt und dann die Leiche durch Stromschlag getötet hat, damit es wie ein Unfall mit einem Haushaltsgerät aussah. Natürlich klingt das nicht nach dem, womit wir es hier zu tun haben. Ich bin neugierig, was es mit diesem Fall auf sich hat.“

Sie hatte gehört, dass Cliff Johnson sowohl ein Besserwisser als auch ein scharfer Analytiker war. Aber sie hatte nicht mit einem wandelnden Lexikon gerechnet.

Für wen hält sich dieser Typ? Sherlock Holmes?

Wenn ja, freute sie sich nicht darauf, die Nebenrolle des Dr. Watson zu spielen.

Als sie selbst auf das Papier schaute, sagte Riley: „Die Männer so festzuschnallen würde auf jemanden von beträchtlicher Stärke hindeuten, wahrscheinlich also einen Mann.“

Sie dachte einen Moment lang nach und fügte dann hinzu: „Die große Frage ist – warum?“

„Hm?“, sagte Johnson und kniff die Augen zusammen.

„Nun, zuerst haben wir die Frage des Motivs. Die Polizei scheint keine Verbindung zwischen den beiden Opfern gefunden zu haben. Bedeutet das, dass es keine weiteren Morde mehr geben wird? Oder dass er erst ins Rollen kommt?“

Riley beugte sich auf ihrem Sitz vor. „Aber noch wichtiger – warum würde sich jemand die Mühe machen, jemandem auf diese Weise zu töten? Sie sagten selbst, Mord durch Elektroschock ist ziemlich aufwändig und nicht gerade praktisch. Es gibt wesentlich einfachere Wege, jemanden zu töten.“

Sie sah Johnson in die Augen. „Ich will damit sagen: Was ist das Verlangen dieses Täters? Was treibt ihn an? Und warum hat ein Faible für Elektrizität?“

Johnson wirkte eher verwirrt. Schließlich antwortete er: „Nun, offensichtlich haben wir dafür noch nicht genügend Daten.“ Dann steckte er die Hände hinter seinen Kopf, lehnte sich zurück und starrte aus dem Fenster.

Riley gab sich alle Mühe, ihren neuen Partner nicht ungläubig anzustarren.

Daten, fragte sie sich.

Glaubte Johnson wirklich, dass sie die Gedanken eines Mörders mit Hilfe von Daten nachvollziehen konnten?

Riley selbst hatte schon die Köpfe vieler Mörder durchschaut, aber das immer mit ihrem Bauchgefühl getan. War ihr Talent bereits überholt? Hatte Johnson recht, wenn er glaubte, dass Zahlen und Statistiken die Persönlichkeit eines Killers entblößen konnten?

Vielleicht ist er sogar noch schlauer, als es scheint, dachte sie.

Es war ein fast vierstündiger Flug von Quantico zum Flughafen in Provo, Utah. Nachdem sie die Appalachen überquert hatten, langweilte sich Riley in der Eintönigkeit der Landschaft des Mittleren Westens und döste immer wieder ein.


*

Riley wurde von einem seltsamen, eisigen Déjà-vu-Gefühl ergriffen, als sie die Handschellen hinter dem Rücken des Mörders befestigte.

Das ist schon einmal passiert, dachte sie.

Ich habe genau dasselbe schon einmal getan.

Dann drehte der Mann, den sie festnahm, sein kindliches Gesicht zu ihr und lächelte sie mit purer Boshaftigkeit an.

„Viel Glück", murmelte er.

Mit einem heftigen Schaudern erinnerte sich Riley.

Larry Mullins!

Sie hatte dieses abscheuliche, kindermordende Monster nicht nur erneut verhaftet, nein, er verspottete sie auch noch genauso wie zuvor.

Und wieder griff sie nach ihrer Glock.

Sie erwartete, dass Crivaro sie warnend an der Schulter berühren würde, so wie er es beim letzten Mal getan hatte.

Stattdessen hörte sie ihn sagen: „Mach weiter. Wir haben beim letzten Mal einen Fehler gemacht. Mach weiter und töte ihn. Es ist der einzige Weg, den Mistkerl loszuwerden. Wenn du es nicht tust, werde ich es tun.“

Riley packte den gefesselten Mann an der Schulter und drehte ihn herum, um ihm ins Gesicht zu sehen. Dann zog sie ihre Pistole und feuerte aus nächster Nähe einen einzigen Schuss in die Mitte seiner Brust ab. Sie fühlte eine Welle der Befriedigung, als er zu Boden fiel. Aber als sie auf ihn hinunterblickte, machten sein Körper und sein Gesicht eine widerliche Verwandlung durch.

Die Person, die zu ihren Füßen lag, war nicht länger das pummelige Monster mit dem Babygesicht, sondern ein unschuldig aussehendes, junges Mädchen. Ihre Augen waren weit geöffnet und ihr Mund bewegte sich lautlos, während sie ihre letzten Atemzüge machte. Sie blickte Riley mit einem Ausdruck furchtbarer Traurigkeit an und blieb dann bewegungslos liegen.

Heidi Wright, erkannte Riley mit Entsetzen.

Riley hatte Heidi Wright Anfang des Jahres im Staat New York getötet.

Und jetzt tötete sie sie erneut …



Riley erwachte mit einem Keuchen und fand sich in der Flugzeugkabine wieder.

„Alles in Ordnung?“, fragte Agent Johnson, der ihr immer noch direkt gegenüber saß.

„Ja“, sagte Riley.

Aber nichts war in Ordnung. Sie hatte gerade einen Traum über ihre erste und einzige Anwendung tödlicher Gewalt gehabt. Damals im Januar während einer Schießerei hatte eine junge Frau namens Heidi Wright ihre eigene Pistole gehoben, um Riley aus nur wenigen Metern Entfernung zu erschießen.

Riley hatte keine andere Wahl gehabt, als zuerst zu schießen.

Der Schuss war gerechtfertigt gewesen und niemand hatte das in Frage gestellt. Trotzdem wurde Riley noch Wochen danach von Schuldgefühlen heimgesucht. Was sie anging, war die arme Heidi Wright ein Opfer der Umstände gewesen und hatte es nicht verdient gehabt, wegen ein paar dummer, jugendlicher Entscheidungen zu sterben.

Riley hatte gedacht, das Trauma mit ihrem Therapeuten verarbeitet zu haben. Aber scheinbar knabberte die Erfahrung noch immer an ihr, wenn auch auf tieferem Level. Riley vermutete, dass ihre Wut über Larry Mullins‘ Gerichtsverfahren dieses Trauma wieder an die Oberfläche befördert hatte.

Aber sie konnte sich davon nicht ablenken lassen. Nicht jetzt, wo sie einen neuen Fall und einen neuen Partner hatte. Und letzterer würde ihre Gefühle bezüglich Heidi Wrights Tod oder Mullins‘ Verurteilung bestimmt nicht verstehen.

Reiß dich einfach zusammen, redete Riley sich ein.

Riley war nun hellwach, als das Flugzeug die Rocky Mountains in Richtung Utah überquerte. Obwohl es jetzt außer auf den Berggipfeln nur noch wenig Schnee gab, weckte das Gelände Erinnerungen an ihren letzten Besuch in dem Bundesstaat. Das war letzten Dezember gewesen. Sie hatte gemeinsam mit Crivaro an ihrem ersten Fall als vollwertige Verhaltensanalyse-Agentin gearbeitet.

Würde dieser Fall genauso grässlich werden wie der Fall, den sie damals gelöst hatten – der Fall eines Serienmörders, der sich auf Campingplätze geschlichen hatte? Es schien nicht unwahrscheinlich, angesichts der Methode der Verbrechen. Aber vielleicht wären sie dieses Mal in der Lage, den Mörder aufzuhalten, bevor er noch mehr Opfer forderte.

Und vielleicht würde wenigstens das Wetter besser sein, dachte sie.

Als das Flugzeug auf dem Rollfeld zum Stehen kam, bemerkte Riley, dass es eine kleine Angelegenheit gab, die ihr auf die Nerven ging. Sie war es gewohnt, mit einem Mann zu arbeiten, der sie "Riley" nannte, während sie ihn immer "Agent Crivaro" genannt hatte – zumindest bis heute Morgen. Es hatte sich für beide völlig natürlich angefühlt.

Welche Formalitäten sollte sie bei ihrem neuen Partner erwarten?

Als sie und Johnson ihre Sitze verließen und sich zum Ausgang begaben, sagte sie zu ihm: „Ich möchte nur eine Sache zwischen uns klären, bevor wir anfangen, zusammen zu arbeiten.“

„Was ist das?“, sagte Johnson und zog seinen Mantel an.

„Wie sollen wir uns gegenseitig nennen?“

Johnson zuckte die Achseln und sagte: „Nun, ich mag es, die Dinge professionell zu halten. Ich schätze, ich würde es vorziehen, als Agent Johnson angesprochen zu werden. Wie soll ich Sie nennen?“

Riley begrüßte es, dass er ihr die Entscheidung überlassen wollte. Sie bezweifelte, dass sie zu diesem Kerl als eine Art Mentor aufschauen würde, wie es bei Crivaro der Fall gewesen war. Sie wollte sicher nicht, dass er sie ‚Riley‘ nannte.

„Ich möchte, dass Sie mich Agent Sweeney nennen.“

„Also gut. Dann werde ich das tun.“

Als sie das Rollfeld betraten, wartete ein Mann mit hängenden Schultern und Zigarette im Mund auf sie. Riley fand, dass er wie ein altmodischer, hartgesottener Filmdetektiv aussah. Aber dann öffnete er seinen zerknitterten Trenchcoat und zeigte sein Abzeichen.

„Ich bin Sheriff Collin Dawes“, stellte er sich vor.

„Haben Sie die Einheit um Hilfe gebeten?“, fragte Johnson.

Dawes nickte und Johnson stellte sich und Riley vor.

Die beiden Männer drehten sich um und gingen gemeinsam auf das wartende Fahrzeug des Sheriffs zu.

Johnson sagte zu Dawes: „Es klingt, als hätten Sie hier eine ungewöhnliche Situation.“

„So etwas habe ich noch nie zuvor gesehen“, antwortete Dawes. „Wenn wir keine Fotos hätten, wäre es schwer zu beschreiben.“

Riley, die hinter den beiden Männern hertrottete, fühlte sich auf seltsame Weise ausgeschlossen.

Das könnte normal werden, sagte sie sich selbst.

Vielleicht sollte ich mich besser daran gewöhnen.




KAPITEL SIEBEN


Nachdem Riley und Johnson in das wartende Fahrzeug von Sheriff Dawes eingestiegen waren, musste sie sich erneut gegen ihren Impuls ankämpfen, sich zu beschweren. Sie fand es ziemlich unangenehm, auf dem Rücksitz zu sitzen und den beiden Männern zuzuhören, als wäre sie gar nicht da – oder schlimmer noch, als wäre sie ein Kind, das von einem Erwachsenengespräch ausgeschlossen wird. Obwohl sie sich noch immer Mühe geben musste, sich an ihren neuen Partner zu gewöhnen, zwang sie sich, still zu sein und zuzuhören.

In seiner tiefen, knurrenden Stimme kommentierte Dawes: „Ich dachte, ich hätte den letzten Fall dieser Art gesehen, als ich hierher nach Utah gekommen bin. Ich bin seit fünf Jahren hier und bis jetzt war alles ziemlich normal. Mir hat es so gefallen.”

„Wo waren Sie zuvor?“, fragte Johnson.

„Los Angeles“, sagte Dawes. „Mordkommission. Ich habe dort mehr als genug Morde gesehen, glauben Sie mir. Die Wahrheit ist jedoch – nun ja, der Mord durch Stromschlag ist selbst für mich eine neue Dimension. Nennen Sie mich altmodisch, aber Erstechen und Erschießen ist das, was ich gewohnt bin. Ich schätze, alles wird heutzutage ein bisschen hässlicher.“

Riley konnte sich gut vorstellen, warum ein Mordkommissar Los Angeles verlassen wollen würde. Dawes hatte von Utah sicherlich etwas mehr Ruhe erwartet. Sie erkannte auch, dass Dawes‘ hartgesottene Art keine bloße Effekthascherei war. Er hatte schon einiges an Hässlichem gesehen und das bewies er mit seinem Verhalten.

Dawes sagte zu Johnson: „Sie klingen, als kämen Sie irgendwo aus dem Osten.“

„Boston“, sagte Johnson.

Dawes schaute ihn überrascht an.

„Boston? Und Ihr Name ist Johnson? Hey, ich glaube, ich habe schon von Ihnen gehört. Haben Sie nicht vor etwa einem Jahr diesen Kindermörder-Vergewaltigungsfall gelöst?“

„So heißt es“, meinte Johnson mit einem Grinsen, das nicht gerade bescheiden wirkte.

„Ich würde nur zu gerne hören, wie Sie das hingekriegt haben“, sagte Dawes.

Riley vermutete, dass Dawes das bereute, nachdem Johnson begann, ihm davon zu erzählen. Seinen eigenen Angaben zufolge schien Johnson seine Beute in die Ecke gedrängt zu haben – und zwar allein mit Statistiken. Er hatte die Stadt in Zonen aufgeteilt und nach der Anwesenheit registrierter Sexualstraftäter analysiert, bis er den Aufenthaltsort des Täters gefunden hatte.

Sie musste zugeben, dass es ziemlich beeindruckend war, einen Mörder mithilfe von Mathematik zu fassen. Aber Riley fragte sich auch: Hatte Johnson überhaupt seinen Schreibtisch verlassen, bevor er ein Team von Polizisten zu einer scheinbar sehr routinierten Verhaftung geführt hatte?

Sie konnte nicht umhin, das, was er getan hatte, mit ihrer eigenen Feldarbeit zu vergleichen. Im Vergleich dazu erschien ihre eigene Karriere stets chaotisch, gefährlich und unordentlich zu sein. Sie konnte sich nicht vorstellen, was sie und Jake erreicht hätten, ohne in den Außendienst zu gehen, um diese Mörder aufzuspüren.

Weiß dieser Typ überhaupt, wie es ist, sich die Hände schmutzig zu machen, fragte sie sich.

Wie würde er damit zurechtkommen, wenn dieser Fall sich als genauso hässlich entpuppte, wie die meisten ihrer Fälle es getan hatte? Denn es klang bereits mindestens genauso übel wie der Rest.

Und sie fragte sich, wie sie es schaffen würde, Befehle von einem Mann entgegenzunehmen, der ihr sowohl als Besserwisser als auch als grüner Anfänger vorkam.

Trotz ihrer Bemühungen, aufmerksam zu sein, blendete Riley Johnsons zunehmend langweilige, datengesteuerte Berichte über seinen einzigen großen Fall aus. Sie fragte sich, ob Sheriff Dawes sich wünschte, er hätte diese Möglichkeit.

Auf dem Rücksitz festzusitzen hat tatsächlich seine Vorteile, dachte sie ironisch.

Den Rest der kurzen Fahrt vom Flughafen Provo in Richtung Süden zum Tatort des zweiten Verbrechens schaute sie aus dem Fenster. Das breite, ebene Tal, durch das sie fuhren, wurde von zwei schneebedeckten Bergketten flankiert. Im Vergleich zu Virginia fand sie die Landschaft immer noch karg und öde, aber sie war nicht mehr so düster wie bei ihrem letzten Besuch im Dezember. Auf dieser Höhe gab es keinen Schnee und die Temperatur war kühl und angenehm. Überall tauchten Frühjahrsknospen auf.

Bald bogen sie nach Beardsley, einer bescheidenen, aber gehobenen Stadt, ab, die malerisch zwischen den Bergketten und in der Nähe eines Sees lag. Schließlich parkte der Sheriff in einer breiten Auffahrt vor einem großen, ziemlich neu aussehenden Haus im spanischen Stil, das von einer Garage für drei Autos umgeben war.

Als sie hineinkamen, bemerkte Riley ein paar Koffer an der Tür. Sie fragte sich, was sie dort wohl zu suchen hatten.

Johnson deutete auf das Alarmsystem und fragte: „Wie kam der Eindringling an der elektronischen Sicherung vorbei?“

„Wir hatten noch keine Zeit, das zu überprüfen.“

Johnson schaute sich das Gerät genau an.

„Ich bin mit diesem System vertraut“, sagte er. „Es ist ziemlich auf dem neuesten Stand der Technik. Wenn es jemand gehackt hat, muss er ein gutes Maß an technischem Verständnis haben. Das wäre ein ziemlich kniffliges Unterfangen gewesen. Was ist mit dem anderen Haus, in dem das erste Opfer getötet wurde?“

„Es hatte kein Sicherheitssystem“, sagte Dawes. „Auch keine Anzeichen eines Einbruchs. Es ist möglich, dass beide Opfer den Mörder einfach hereingelassen haben.“

Johnson sah Riley an und sagte: „Das lässt zwei Möglichkeiten vermuten. Entweder hatte der Mörder ausgezeichnete Einbruchskenntnisse – oder die Opfer kannten und vertrauten ihm.“

Riley zuckte bei in seiner Erklärung ein wenig zusammen. Die Selbstsicherheit in seiner Stimme wies darauf hin, dass er glaubte, zu einer wirklich scharfsinnigen Schlussfolgerung gekommen zu sein. An diesem Punkt in einem Fall hatte so ziemlich alles mehrere mögliche Erklärungen, die eingegrenzt werden mussten.

Sie folgten Johnson durch einen offenen Flur mit einer hohen Decke. Eine Treppe führte nach oben und eine Tür schien ein Garderobenschrank zu sein. Auf einer Seite des Flurs befand sich hinter einer offenen Tür ein Arbeitszimmer. Die Tür war mit gelbem Klebeband versehen und ein Forensikteam sammelte im Inneren Beweise.

„Das Büro des Opfers?“, fragte Johnson.

„Nein, das seiner Frau“, sagte Sheriff Dawes. „Aber es gibt Anzeichen dafür, dass dort ein Kampf stattgefunden hat, einschließlich einer zerbrochenen Schreibtischlampe.“

Dawes zeigte auf den Boden des Büros und fügte hinzu: „Man kann einige Kratzspuren auf dem Boden sehen. Es sieht so aus, als wäre das Opfer hier angegriffen und in den Keller geschleppt worden. Wie Sie im Bericht lesen konnten, wurde das erste Opfer offenbar mit Chloroform betäubt.“

Johnson nickte. „Es besteht eine gute Chance, dass dies auch hier der Fall war.“

Riley konnte ihm nicht widersprechen, aber sein Tonfall ärgerte sie weiterhin. Sie wünschte, sie könnte sich unter das Polizeiband ducken und versuchen, ein Gefühl dafür zu bekommen, wie sich der Mörder während des Angriffs gefühlt hatte. Aber sie bezweifelte, dass das Dawes und Johnson gefallen würde – und vielleicht aus gutem Grund. Die heikle Arbeit des Forensikteams zu unterbrechen, war wahrscheinlich keine gute Idee.

Als sie das Haus weiter in Augenschein nahmen, fand Riley, dass es viel geschmackvoller eingerichtet war, als viele der teuren Häuser, die sie bereits betreten hatte. Gleichzeitig war es beängstigend und unbequem groß. Nach dem kurzen Fallbericht, den sie und Johnson gelesen hatten, war Riley der Auffassung, dass es sich bei den Banfields um ein kinderloses Paar gehandelt hatte. Sie fragte sich, was zwei Menschen mit so viel Wohnraum anstellen wollten.

Dawes begleitete sie in einen großen offenen Bereich mit einem Wohnzimmer zu ihrer Rechten und einem großen Esszimmer zu ihrer Linken. Sonnenlicht strömte heiter durch die großen Fenster herein.

Es gab kein Chaos. Alles schien einen Platz zu haben. Riley konnte sehen, dass die Menschen, die hier lebten, ein ordentliches Leben geführt hatten.

Im Wohnbereich saßen zwei Frauen auf einem von zwei sich gegenüberstehenden, schokoladenbraunen Ledersofas. Eine der Frauen stand auf, um sie zu begrüßen.

Sie sagte: „Ich bin Elaine Bonet und ich wohne nebenan. Ich bin hier, um eine Weile auf Sheila aufzupassen. Die Nachbarn planen einen Schichtbetrieb. Wir wollen nicht, dass sie alleine ist.“

Elaine Bonet trug einen Jogginganzug, als wäre sie kürzlich gejoggt oder hätte anderweitig Sport getrieben. Die Frau des Opfers war im Vergleich dazu gut gekleidet und sah aus, als sei sie auf dem Weg zu oder von einer formellen Veranstaltung gewesen.

Als Riley und ihre beiden Kollegen anfingen, sich hinzusetzen, kam Riley etwas im Gesicht der Frau des Opfers unheimlich bekannt vor. War es möglich, dass sie sie getroffen hatte, als sie und Crivaro im Dezember hier draußen gewesen waren?

Nein, das kann es nicht sein.

Riley sah sich nach Hinweisen um und bemerkte ein Buch, das auf dem Couchtisch lag – und das Gesicht der Frau auf dem Einband trug. Dann wurde es ihr klar.

Aber natürlich! Das ist Sheila Banfield!

Sie war eine Familientherapeutin, die das Buch The Analog Touch geschrieben hatte. Es war ein Sachbuch-Bestseller über die Erziehung von Kindern im digitalen Zeitalter. Riley hatte einige der begeisterten Rezensionen gelesen, aber angenommen, noch genug Zeit zu haben, um sich mit Elternbüchern zu beschäftigen. Jetzt war es ihr seltsam peinlich, als müsste sie der Frau gegenüber zugeben, dass sie es nicht gelesen hatte.

Realistisch betrachtet, wusste sie natürlich, dass dies kein Grund zur Sorge war. Unter diesen Umständen war es wohl kaum ein Gesprächsthema. Sheila Banfield hatte im Moment andere Dinge im Kopf.

Während das Gesicht auf dem Einband fröhlich und heiter aussah, wirkte Sheila selbst betäubt und gefühllos. Als Dawes seine Vorstellung beendete, sprach Sheila fast flüsternd.

„Die Verhaltensanalyseeinheit. Das ist gut. Danke, dass Sie gekommen sind.“

Agent Johnson lehnte sich zu ihr hin und sagte: „Es tut uns schrecklich leid, was passiert ist, Dr. Banfield. Wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um denjenigen zu finden, der das getan hat.“

Sheila Banfield nickte benommen.

Riley bemerkte, dass ihre Augen immer wieder umherwanderten, als sei ihr die Umgebung unbekannt und sie habe keine Ahnung, wie sie hierhergekommen war. Riley hatte diese Art von Reaktion bei anderen Gelegenheiten von trauernden Familienmitgliedern gesehen.

An Sheilas Seite stand eine Schachtel mit Taschentüchern, aber sie schien fast voll zu sein. Sheila sah nicht aus, als hätte sie bereits viel geweint, aber Riley wusste, dass dieser Teil kommen würde, wenn der Schock nachließ. Es war gut, dass ihre Freunde ihr durch diese Zeit hindurch halfen.

Auf Johnsons Bitte hin begann Sheila, ihre eigene Darstellung der Geschehnisse darzulegen.

„Ich war für ein paar Tage im Nordwesten, um Bücher zu signieren“, sagte sie. Sie nickte in Richtung des Buches und fügte unbeholfen hinzu: „Ich, äh, habe das geschrieben. Vielleicht haben Sie schon davon gehört. Ich bin viel gereist, um für das Buch zu werben. Diesmal war ich für mehrere Tage weg.“

Sie holte tief Luft und fuhr fort.

„Gestern Abend, nachdem ich meine Tournee beendet hatte, flog ich von Seattle hierher zurück. Mein Auto wurde für mich am Flughafen in Provo geparkt. Als diese ganzen Reisen begannen, hat Julian …“

Die Erwähnung des Namens ihres Ehemanns ließ sie innehalten.

Dann fuhr sie fort: „Julian fuhr mich immer zum und vom Flughafen, wenn ich auf Tour ging. Aber es wurde sehr lästig, vor allem, da wir mehr als ein Auto haben. Also schlug ich … vor, das Fahren einfach selbst zu übernehmen. Die Idee schien ihm zu gefallen. Jedenfalls, gestern Abend …“

Ihre Stimme versagte für einen Moment.

„Ich kam gestern Abend ziemlich spät nach Hause – so gegen halb eins. Als ich durch die Tür kam, sah ich, dass das Alarmsystem aus irgendeinem Grund nicht aktiviert war. Das beunruhigte mich. Es sah Julian nicht ähnlich, es nicht früher am Abend eingestellt zu haben. Alle Lichter im Erdgeschoss waren an, also nahm ich an, Julian sei noch wach, und ging hinein.“

Und Sie ließen Ihre Koffer an der Tür stehen, dachte Riley und füllte die Details gedanklich aus.

„Ich sah, dass meine Bürotür offenstand und das Licht innen an war“, fuhr Sheila fort. „Ich fand das seltsam, denn er geht nur selten hinein. Ich schaute hinein und sah, dass die Lampe kaputt war. Es sah so aus, als wäre etwas … Schlimmes passiert und ich bekam Angst.“

Sie zitterte und für einen Moment fragte sich Riley, ob sie einen überfälligen, emotionalen Zusammenbruch erleiden würde. Doch dann sprach Sheila weiter. Ihre Stimme war gespenstisch distanziert, als spreche sie über etwas, das jemand anderem passiert war.

Riley kannte diese Art der emotionalen Dissoziation aus ähnlichen Interviews. Sie fragte sich, ob Agent Johnson verstand, was die Frau fühlte – und was sie nicht fühlte.

Sheila sagte: „Ich habe nach ihm gerufen. Er antwortete nicht. Ich lief im Erdgeschoss herum und suchte nach ihm. Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, ihn oben zu suchen. Das Licht war dort nicht angeschaltet worden und ich war sicher, dass er nicht ins Bett gegangen war, nachdem er das Licht unten angelassen und die Alarmanlage nicht aktiviert hatte.“

Sie zeigte hinter sich ins Haus und sagte: „Ich ging in die Küche und sah, dass er sich etwas zu essen gemacht hatte.“ Einen Moment lang krümmte sich der Mund der trauernden Frau auf seltsame Weise, als erinnere sie sich an etwas. Dann fuhr sie fort: „Ich bemerkte, dass die Kellertür offenstand und das Licht an war und …“ Sie schauderte und erstarrte.

Riley spürte, dass sie sich nicht dazu durchringen konnte, zu beschreiben, was danach geschehen war.

Es ist Zeit, das Thema zu wechseln, begriff sie.

Sie sagte: „Dr. Banfield, hatte Ihr Mann irgendwelche Feinde? Gab es jemanden, der ihm Schaden zufügen wollte?“

Sheila seufzte. „Ja, es tut mir leid, das zu sagen, aber wahrscheinlich schon.“

Riley spürte eine Welle der Überraschung.

„Können Sie mir sagen, wer?“, sagte sie.

Sheila zuckte mit den Achseln und sagte: „Das ist schwieriger. Als Therapeut spezialisierte er sich auf die Arbeit mit Kriminellen, von jugendlichen Straftätern bis hin zu hartgesottenen Mördern. Seine Arbeit bestand darin, ihnen bei der Verarbeitung vergangener Traumata und bei der Bewältigung schwerer psychischer Probleme zu helfen. Er empfand diese Arbeit als befriedigend und die meiste Zeit war er wirklich in der Lage, seinen Patienten in ihrem Rehabilitationsprozess zu helfen. Aber manchmal …“

Sie hielt inne und atmete langsam ein.

„Manchmal klappte es nicht so gut“, fügte sie hinzu. „Manchmal wurden seine Patienten lediglich wütender und feindseliger – und manchmal richteten sie diese Emotionen gegen ihn. Aber … ich glaube nicht, dass er kürzlich solche Fälle erwähnt hat. Und die meisten dieser Patienten sind jetzt im Gefängnis oder anderweitig institutionalisiert, glaube ich.“

Riley sagte: „Könnten Sie uns Zugang zu den Krankenakten seiner Patienten geben?“

Sheila blinzelte. „Ich werde alles tun, was ich kann – insofern es legal ist, meine ich. Aber es könnte schwierig werden. Er hat im Laufe der Jahre für eine Reihe von Einrichtungen gearbeitet – manchmal mehr als eine gleichzeitig. Diese Einrichtungen sind im Besitz der Aufzeichnungen.“

„Könnten Sie eine Liste dieser Unterlagen erstellen und sie per E-Mail oder Fax an das Büro des Sheriffs schicken?“

„Ja, das kann ich“, sagte Sheila.

Johnson wandte sich an Riley: „Sie sollten bleiben und mit der Befragung fortfahren, während der Sheriff mich nach unten bringt, damit ich mir den Schauplatz des Mordes ansehen kann.“

Riley zuckte vor Verärgerung scharf zusammen. Zwei Dinge störten sie. Einmal war es die Tatsache, dass Johnson vor einer trauernden Witwe den Ausdruck ‚Schauplatz des Mordes‘ verwendet hatte. Aber noch wichtiger war, dass Johnson einfach davon auszugehen schien, dass er Riley von der Besichtigung des Tatorts ausschließen konnte.

Was denkt er sich, wunderte sie sich.

Wollte er sie davor schützen, eine so grässliche Szene zu betrachten?

Hatte er keine Ahnung von der Art von Schrecken, die sie bereits erlebt hatte?

Natürlich wusste sie, dass sie sich an Ort und Stelle nicht bei ihm darüber auslassen durfte …

Aber ich will verdammt sein, wenn ich jetzt nicht sofort in den Keller gehe.

Sie sprach mit einer übertrieben sanften Stimme, von der sie hoffte, dass sie ihm ihre Missbilligung signalisieren würde.

„Wir sollten Dr. Banfield eine Pause gönnen. Ich komme mit Ihnen runter.“

Johnson zuckte leicht mit den Schultern, anscheinend, ohne Rileys unausgesprochenen Ärger zu bemerken.

„Also gut“, sagte er. „Dann mal los.“

Sheriff Dawes führte sie durch die Küche, wo Riley bemerkte, dass eine Bratpfanne auf dem Herd stand. Als sie an der Kellertür ankamen, führte Dawes sie nach unten.

Rileys Augen weiteten sich bei dem Anblick, der sich ihr bot.

Während ihrer kurzen Karriere hatte sie schon viele schockierende Szenen erlebt, aber so etwas hatte sie noch nie gesehen.




KAPITEL ACHT


Die Szene im Keller war mehr als nur verstörend – Riley fand sie sogar grotesk. Zwei schwere, elegante Holzstühle standen einander gegenüber, nur wenige Meter voneinander entfernt. Eine geöffnete Weinflasche stand auf einem dekorativen Tisch in der Nähe des einen Stuhls. Auf dem anderen Stuhl befanden sich noch die zerfetzten Reste des Klebebandes, mit dem das Opfer festgeschnallt worden war. Vor diesem Stuhl lag ein elegantes Silbertablett auf dem Boden.

Hier muss es sich um mehr als einen schnellen und einfachen Mord gehandelt haben. Irgendeine Art von Schauspiel hatte sich abgespielt, aber Riley hatte keine Ahnung, was geschehen sein könnte. Zumindest noch nicht.

Sie war überrascht, dass die Leiche des Opfers entfernt worden war. Sie nahm an, dass der Gerichtsmediziner des Bezirks sie so schnell wie möglich für eine Autopsie mitnehmen hatte wollen. Aber sie bezweifelte, dass Crivaro dem zugestimmt hätte. So grässlich der Anblick der durch Stromschlag getöteten Leiche auch gewesen wäre – die Leiche hätte den Agenten ein besseres Gefühl dafür vermittelt, was genau hier geschehen war.

„Gibt es Fotos?“, fragte sie Dawes.

„Hier“, meinte Dawes und öffnete einen Ordner mit Schwarz-Weiß-Bildern. „Die wurden heute Morgen aufgenommen.“

Riley und Johnson reichten sich die Bilder gegenseitig weiter. Sie zeigten den frischen Tatort, kurz nachdem die Polizei eingetroffen war. Der Leichnam war immer noch an den Stuhl geschnallt; sein Kopf nach vorne geneigt, als wäre das Opfer eingeschlafen.

Als Riley näher an die Stühle herantrat, deutete Sheriff Dawes auf das silberne Tablett und erklärte: „Die Fußsohlen des Opfers wurden hier im Wasser an Ort und Stelle gehalten.“ Auf den Fotos konnte Riley die nackten Füße im flachen Wasser sehen. Im Tablett selbst befand sich nur wenig Wasser. Dann deutete der Sheriff auf ein schweres Isolierkabel auf dem Boden in der Nähe des Tabletts. Das Ende war abgeschnitten worden, so dass die inneren Drähte frei lagen.

„Der Täter hat das Kabel aus dem Sicherungskasten gerissen und dann das offene Ende ins Wasser geworfen. Das hat den Kreislauf geschlossen. Das Opfer war sofort tot“, erklärte Dawes.

Das Wort ‚sofort‘ kam Riley irgendwie falsch vor. Das Opfer war zwar eventuell an einem schnellen Tod gestorben, aber es steckte mehr dahinter. Es hatte eindeutig eine Art Interaktion zwischen dem Mörder und seinem Opfer gegeben, und der Mord war nicht ‚sofort‘ geschehen.

Welche Art von Austausch stattgefunden hatte, war ein Rätsel, das Riley auflösen wollte.

„Ich verstehe schon“, sagte Johnson, nickte verständnisvoll und zog ein Paar Handschuhe an. „Wasser ist ein ausgezeichneter elektrischer Leiter, genau wie Silber. Der Mörder muss Gummisohlen getragen haben, um sich zu schützen. Ich nehme an, dass der Stromschlag einen Kurzschluss ausgelöst hat.“

Sheriff Dawes nickte.

„Dann ist das ungefährlich zu handhaben“, sagte Johnson, während er vorsichtig das Kabel aufhob und es sorgfältig betrachtete. „Es ist achtspurig und stark genug, um mit einer gewaltigen Spannung fertig zu werden.“

Das andere Ende des schweren Kabels war immer noch in einem großen metallenen Sicherungskasten an der Wand befestigt. Johnson ging hinüber und inspizierte ihn.

Er sagte: „Der Stromkreis ist mit 'Waschküche' beschriftet und hat einen 240-Volt-Schaltkreis mit 30 Ampere. Der arme Kerl hatte vermutlich keine Ahnung, was ihn erwartete.“

Riley war sowohl beeindruckt als auch genervt. Offensichtlich wusste Johnson eine ganze Menge über elektrische Schaltkreise. Aber er lag sehr falsch, wenn er sagte, das Opfer hätte nicht gewusst, was ihn treffen würde. Sie war sich sicher, dass Julian Banfield lange, qualvolle Momente mit dem Wissen, zu sterben, verbracht hatte.

Auf der anderen Seite des Raumes war die Wand mit Wein befleckt, auf dem Boden lagen Stücke von zerbrochenem Glas. Ohne die auf dem Tisch verbliebene Weinflasche zu berühren, las sie das Etikett 'Le Vieux Donjon Châteauneuf-du-Pape'. Der Name sagte ihr nichts.

Sie sagte zum Sheriff: „Ich nehme an, diese Flasche war offen, als Sie die Leiche fanden.“

Der Sheriff grunzte leicht und sagte: „Niemand aus meinem Team hat sie geöffnet, da können Sie sicher sein.“

Johnson trat auf Riley zu und betrachtete die Flasche.

„Ich weiß nicht viel über Wein“, sagte er.

Riley verkniff sich ein Grinse.

Wenigstens gibt es etwas, von dem er nichts weiß, dachte sie.

„Ich auch nicht“, gab sie zu.

Johnson blickte nachdenklich auf die Flasche. Dann zeigte er nach oben und murmelte zu ihr: „Glauben Sie, dass …?“

Er verstummte und für einen Moment verstand Riley seine unausgesprochene Botschaft nicht.

Dann kam es ihr. Johnson fragte sich, ob Sheila Banfield selbst die Flasche geöffnet hatte – entweder vor oder nach dem Tod ihres Mannes.

Er denkt, sie könnte eine Verdächtige sein, begriff Riley.

Irgendwie war Riley die Möglichkeit nicht in den Sinn gekommen, dass Sheila selbst ihren Mann getötet haben könnte. Sie versuchte sich vorzustellen, wie die Frau, mit der sie gerade gesprochen hatte, Schadenfreude über ihren toten oder bald toten Mann empfand, ein Glas Wein mit ausgefallenem Namen genoss und dann das Glas an die Wand warf.

„Ich glaube nicht“, sagte sie.

„Woher wollen Sie das wissen?“

Riley war sich nicht sicher, warum sie dieses Gefühl hatte. Aber ihr Bauch meinte, dass Sheilas Trauer echt war. Sie war keine Mörderin.

„Ich glaube es einfach nicht“, wiederholte sie.

Johnson schüttelte den Kopf und entfernte sich von ihr. Er sprach erneut mit dem Sheriff, zog dann ein Maßband heraus und überprüfte damit die Entfernung zwischen den zwei Stühlen. Er sprach weiter, begann aber, im Zimmer umherzugehen und andere Messungen vorzunehmen, die in Rileys Augen nicht wirklich Sinn ergaben. Alle Zahlen schien er in einem kleinen Notizbuch festzuhalten.

Er wird wahrscheinlich alles in Sichtweite messen, dachte sie.

Und vielleicht war das eine gute Sache, zumindest was sie betraf.

Normalerweise wäre dies der Moment in einer Untersuchung, in dem Jake Crivaro sie dazu überreden würde, zu versuchen, ein Gefühl für die Gedanken des Mörders zu bekommen. Natürlich war Jake nicht hier und Riley nahm nicht an, dass Johnson oder Sheriff verstehen würden, was sie da tat. Aber die beiden Männer unterhielten sich, während Johnson immer wieder wahllos Dinge vermaß. Nun, da sie Riley gründlich ignorierten, glaubte sie, es wenigstens versuchen zu können.

Sie wusste, dass die Polizei bereits nach Fingerabdrücken und anderen Beweisen auf den Stühlen, der Weinflasche und allem anderen, was der Mörder berührt haben könnte, gesucht hatte. Dennoch achtete sie darauf, nichts zu stören, als sie sich auf den großen Stuhl neben dem Tisch setzte, an dem die Weinflasche stand und von dem sie annahm, dass der Mörder dort gesessen hatte. Sie stellte sich dem Stuhl gegenüber, auf dem der Ermordete gefesselt und mit einem Stromschlag getötet worden war, schloss dann die Augen und atmete langsam ein. Dann öffnete Riley die Augen und begann, sich die Dinge aus der Sicht des Mörders vorzustellen. Möglicherweise hatte er hier gesessen, sich ein schönes Glas Wein eingeschenkt und dann darauf gewartet, dass sein mit Chloroform betäubtes Opfer wieder zu Bewusstsein kam.

Dann sah er, wie Julians Augen sich flatternd öffneten.

Und was dann?

Sie vermutete, dass der Täter ihn auf vorgetäuscht freundliche Art und Weise begrüßt und ihm vielleicht sogar zugeprostet hatte, bevor er einen Schluck nahm.

Aber was hat er gesagt?

Und kannten er und das Opfer einander?

Was hier geschehen war, kam ihr sehr persönlich vor. Sie hatte das starke Gefühl, dass der Mörder Julian Banfield zumindest gekannt und einen tödlichen Groll gegen ihn gehegt hatte.




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