Ein tödlicher Kuss Fiona Grace Ein Cozy-Krimi mit Lacey Doyle #5 „Sehr unterhaltsam. Ich kann dieses Buch jedem Leser wärmstens für die eigene Bibliothek empfehlen, der einen sehr gut geschriebenen Krimi mit einigen Wendungen und einer intelligenten Handlung schätzt. Du wirst nicht enttäuscht sein. Die perfekte Lektüre für ein frostiges Wochenende!“. –Books and Movie Reviews, Roberto Mattos (bezugnehmenden auf Der Tod kam vor dem Frühstück) . EIN TÖDLICHER KUSS (EIN LACEY DOYLE COZY MYSTERY – BUCH 5) ist Buch fünf einer charmanten neuen Krimiserie, die mit DER TOD KAM VOR DEM FRÜHSTÜCK (Buch #1) beginnt, einem #1 Bestseller mit über 100 5-Sterne-Bewertungen – und einem kostenlosen Download!Lacey Doyle, 39 Jahre alt und frisch geschieden, hat eine dramatische Veränderung durchgemacht: Sie hat ihrem schnellen Leben in New York City den Rücken gekehrt und sich in der malerischen Küstenstadt Wilfordshire in England niedergelassen… Bei einem romantischen Tagesausflug in die ländlichen Regionen Englands hat Lacey besonderes Glück auf einem Antiquitätenmarkt und stolpert über einen unglaublichen Fund. Sie hat große Hoffnungen, als sie das Objekt zum Mittelpunkt ihrer nächsten Auktion macht. . Aber als der Sommer sich dem Ende neigt, kommen zwei High-Roller in die Stadt und streiten sich um die Antiquität. Nicht nur ihre Egos sind groß, sondern scheinbar auch ihre Geldbörsen. Als einer der beiden gewinnt, die Auktion aber auf Grund einer Formalität verliert, bricht das Chaos aus. Doch es kommt noch schlimmer, als einer von ihnen tot aufgefunden wird… Lacey muss alles in ihrer Macht Stehende tun, um ihren Laden und ihren Ruf zu retten – und mit der Hilfe ihres geliebten Hundes einen mysteriösen Tod aufzuklären… Buch #6 der Reihe erscheint bald! . Fiona Grace EIN TÖDLICHER KUSS EIN TÖDLICHER KUSS (Ein Cozy-Krimi mit Lacey Doyle – Buch 5) FIONA GRACE Fiona Grace Debütautorin Fiona Grace ist die Verfasserin der LACEY DOYLE COZY-Krimis, welche bisher neun Bücher umfassen; der EIN TOSKANISCHER WEINGARTEN COZY-Krimis, die bisher zwei Bücher umfassen; und der BÄCKEREI AM STRAND COZY-Krimis, die bisher drei Bücher umfassen. Fiona freut sich, von Ihnen zu hören, also besuchen Sie www.fionagraceauthor.com (http://www.fionagraceauthor.com/) für kostenlose eBooks und die neuesten Informationen. Schauen Sie vorbei. Copyright © 2020 von Fiona Grace. Alle Rechte vorbehalten. Mit Ausnahme der Bestimmungen des U.S. Copyright Act von 1976 darf kein Teil dieser Publikation ohne vorherige Genehmigung des Autors in irgendeiner Form oder mit irgendwelchen Mitteln vervielfältigt, verbreitet oder übertragen oder in einer Datenbank oder einem Datenabfragesystem gespeichert werden. Dieses eBook ist nur für Ihren persönlichen Gebrauch lizenziert. Dieses eBook darf nicht weiterverkauft oder an andere Personen verschenkt werden. Wenn Sie dieses Buch mit einer anderen Person teilen möchten, erwerben Sie bitte für jeden Empfänger ein zusätzliches Exemplar. Wenn Sie dieses Buch lesen und es nicht gekauft haben, oder es nicht nur für Ihren Gebrauch gekauft wurde, dann geben Sie es bitte zurück und kaufen Sie Ihr eigenes Exemplar. Danke, dass Sie die harte Arbeit dieses Autors respektieren. Dies ist ein Werk der Belletristik. Namen, Charaktere, Unternehmen, Organisationen, Orte, Ereignisse und Vorfälle sind entweder das Produkt der Phantasie des Autors oder werden fiktiv verwendet. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen, ob lebendig oder tot, ist völlig zufällig. Jackenbild Copyright Helen Hotson, verwendet unter Lizenz von Shutterstock.com. BÜCHER VON FIONA GRACE EIN COZY-KRIMI MIT LACEY DOYLE DER TOD KAM VOR DEM FRÜHSTÜCK (Buch #1) FÄHRTENSUCHE IM SAND (Buch #2) VERBRECHEN IM CAFÉ (Buch #3) EIN VERHÄNGNISVOLLER BESUCH (Buch #4) EIN TÖDLICHER KUSS (Buch #5) EIN MALERISCHER MORD (Buch #6) VERSTUMMT DURCH EINEN ZAUBER (Buch #7) VERDAMMT DURCH EINE FÄLSCHUNG (Buch #8) KATASTROPHE IM KLOSTER (Buch #9) EIN TOSKANISCHER WEINGARTEN COZY-KRIMI EIN ERLESENER MORD (Buch #1) EIN ERLESENER TODESFALL (Buch #2) EIN ERLESENES VERBRECHEN (Buch #3) KAPITEL EINS Lacey hängte das letzte Bild an die Wand im Flur mit der niedrigen Decke ihres Häuschens und trat zurück, um ihre Arbeit zu begutachten. „Tada!“, sagte sie, stolz auf ihre jüngste Heimwerkerleistung. Chester, ihr English Shepherd, saß geduldig neben ihr. Er bellte. „Danke“, sagte Lacey und lächelte ihn an. „Es sieht wirklich toll aus, nicht wahr?“ Lacey hatte vor kurzem mehrere antike Gemälde erstanden, mit denen sie ihr Haus dekorieren wollte. Sie hatte sich von der Einrichtung eines älteren Antiquitätensammlers inspirieren lassen, den sie im Urlaub kennen gelernt hatte. Als sie sein geschmackvoll eingerichtet Haus gesehen hatte, war ihr bewusst geworden, dass ihrem eigenen Häuschen wirklich eine persönliche Note fehlte. Außerdem war sie zu etwas Geld gekommen, da sie eine seltene Goldmünze aus der Römerzeit verkauft hatte (für eine atemberaubend hohe Summe, die ihr fast peinlich war). Nachdem sie die Hälfte des Geldes in einen College-Fonds für ihren Neffen Frankie gesteckt, einen Teil der Hypothek abbezahlt und ein Dankeschön-Geschenk für ihre Freundin Gina gekauft hatte (ein ausgefallenes Hydrokultursystem für ihr Gewächshaus), hatte sie sich sofort daran gemacht, den Rest für ihr Haus zu verprassen. Ihr erster Kauf war ein Läufer für den Flur gewesen, ein echter antiker indischer Amritsar in erdigen Rot- und Terrakottafarben, der einst den Flur eines Hotels in Neu-Delhi geschmückt hatte. Dann hatte sie begonnen, sich ein paar Kunstwerke für ihre Wände zu beschaffen – ein Ölgemälde von John William Gilroy aus dem 19. Jahrhundert, auf dem ein Fischerboot an der Küste zu sehen war, eine wunderschöne Azaleen-Darstellung von Francis B. Savage und eine Harry-Williams-Landschaft von 1860. Neben dem großen Fenster auf dem Treppenabsatz im zweiten Stock war noch eine große leere Stelle, aber endlich sah Crag Cottage aus, als würde es tatsächlich ihr gehören. Lacey war überrascht, weil es in ihrer alten Wohnung in New York City vollkommen anders ausgesehen hatte. In ihrem früheren Leben als Assistentin für Innenarchitektur war ihr Stil eher minimalistisch, schnörkellos und zeitgenössisch gewesen. Dementsprechend verblüfft war sie, als sie nun feststellte, dass dieser Mischmasch aus Chintz, Mustern und hellen Gemälden in einem alten, verwinkelten Häuschen am Meer eigentlich viel mehr ihrem persönlichen und unvoreingenommenen Geschmack entsprach. „Ich glaube, das reicht für heute“, sagte Lacey zu Chester. „Ich kann es kaum erwarten, es Tom zu zeigen.“ Ihr Freund würde abends noch vorbeikommen. Die Verabredung war längst überfällig und Lacey freute sich sehr darauf, ihm die ganzen Änderungen zu zeigen, die sie an der Einrichtung des Häuschens vorgenommen hatte. Sie waren beide den Sommer über arbeitstechnisch unglaublich eingespannt gewesen. Sowohl Toms Konditorei als auch Laceys Antiquitätengeschäft befanden sich in der belebten High Street von Wilfordshire, England, wo die Besucherzahl mit dem Sonnenschein exponentiell anzusteigen schien. Und als ob es nicht reichen würde, dass sie unglaublich beschäftigt waren, war auch noch ihr Plan, über ein verlängertes Wochenende wegzufahren, nicht ganz so geglückt, wie sie es sich erhofft hatte. Obwohl Studdleton Bay Lacey den Charme der britischen Küste geboten hatte, den sie so liebte, hatten ihre Familie und ein Mord während ihres Besuchs der romantischen Atmosphäre einen Dämpfer versetzt. Chester trottete hinter Lacey in die Küche, wobei das leise klickende Geräusch seiner Krallen auf dem Fliesenboden zu hören war. Auch hier war Laceys neu gewonnener Enthusiasmus, ihrem Cottage einen persönlichen Stil zu verleihen, deutlich zu sehen. Inspiriert von der Geschirrsammlung des alten Schätzers hatte Lacey beschlossen, mit dem Sammeln von Teetassen zu beginnen. Schließlich war nichts repräsentativer für ihr neues englisches Leben als eine Tasse Tee und da Tom eine Sammlung von Teekannen hatte, passte es perfekt! Bisher bestand ihre Sammlung aus insgesamt drei Tassen: einer cremefarbenen, ikonischen Tasse im Wedgwood-Renaissance-Stil mit Goldrand und der passenden Untertasse, einer Tasse aus englischem Knochenporzellan mit Queen-Anne-Muster in Fuchsia-Rosé und einer Tasse aus irischem Belleek-Porzellan mit einer Tridacna-Muschelstruktur in Cremeweiß, Gelb und Zartgrün. Sie thronten stolz auf ihrem kürzlich angebrachten Regal – einem wunderschönen Relikt, das aus einer alten Eisenbahnschwelle und Metall hergestellt worden war. Sie hatte es in einem Trödelladen entdeckt, als sie mit Gina auf dem Spitalfields Market in London auf Shopping-Tour gewesen war. Genau in diesem Moment klopfte es an der Hintertür. Da Gina – ihre Nachbarin, Angestellte, Ersatzmutter und beste Freundin in Wilfordshire – als Einzige Zugang zu diesem Teil von Laceys Grundstück hatte, musste sie es sein. Chester begann, aufgeregt und erwartungsvoll zu bellen, als Lacey auf die Hintertür im Scheunen-Stil zuging und die obere Luke öffnete. Als die Luke nach innen schwang, tauchte das strahlende Gesicht von Gina auf. Ginas Wangen waren gerötet und ihr graues Haar war an der Oberseite ihres Kopfes zu einem unordentlichen Dutt geschlungen. Neben ihr saß ihr English Shepherd, Boudica, gehorsam und keuchend in der Sommerhitze. „Kommst du gerade vom Gassi gehen?“, fragte Lacey. Als er das G-Wort hörte, fing Chester sofort an zu kläffen. „Ups, tut mir leid, Junge, ich habe nicht dich gemeint“, sagte Lacey zu ihm und tätschelte ihm den Kopf. Dann sagte sie zu Boudica: „Und du willst bestimmt etwas Wasser, oder?“ Sie schloss den unteren Teil der Tür auf und Boudica kam in die Küche gesprungen, als wäre sie ebenfalls hier zuhause. Prompt begann sie, Wasser aus Chesters Schüssel zu schlürfen, als wäre es auch ihre Schüssel. Chester ging schanzwedelnd und schnüffelnd auf sie zu, erfreut, dass seine beste Freundin ihn besuchen gekommen war, auch wenn sie ihn völlig ignorierte und seine Wasserschüssel in Beschlag nahm. Auch Lacey freute sich, ihre beste Freundin zu sehen. Es war ihr nicht einmal in den Sinn gekommen, zu fragen, warum Gina unangekündigt hier aufgetaucht war. Sie war so daran gewöhnt, den Großteil ihrer Zeit mit der älteren Frau zu verbringen, dass es ihr ganz normal vorkam, dass sie plötzlich in ihrer Küche stand. Dementsprechend überrascht war sie, als Gina sagte: „Willst du gar nicht wissen, warum wir hier sind?“ „Zum Kaffeetrinken?“, riet Lacey. Gina schüttelte den Kopf. „Zum Teetrinken?“ Gina verzog das Gesicht, als wolle sie Lacey zu verstehen geben, dass sie der Sache näherkam. „Long Island Iced Teas?“, sagte Lacey und spielte damit auf den hochprozentigen Cocktail an, an dem die beiden Freundinnen seit kurzem Geschmack gefunden hatten. „Nein! Um dir das hier zu geben!“ Mit einem breiten Grinsen nahm Gina ihren Rucksack vom Rücken und legte ihn auf die Küchentheke. Dann öffnete sie ihn und holte eine Teetasse aus Porzellan heraus. „Eine Le Creuset!“, rief Lacey, die das einzigartige Design sofort erkannte. „Also, ich weiß, es ist keine Antiquität“, begann Gina, „aber …“ „Aber es ist die in Elysée-Gelb! Das Auslaufmodell!“, rief Lacey freudig. Gina nickte. „Ganz genau.“ „Oh, Gina! Ich finde sie ganz toll“, gurrte Lacey, als sie den Becher ins Licht hielt und ihn wie einen kostbaren Diamanten in ihren Händen herumdrehte. „Wusstest du, dass Marilyn Monroe einen Satz in Elysée-Gelb hatte, der bei Sotheby’s für über fünfundzwanzigtausend Dollar versteigert wurde?“ Gina nickte. „Natürlich weiß ich das, meine Liebe. Schließlich arbeite ich mit dir zusammen.“ Lacey errötete. Warum war sie ausgerechnet von Tassen besessen? So musste sich ihr Neffe Frankie, der ein absoluter Schottland-Fan war, jedes Mal fühlen, wenn er eine Person mit roten Haaren sah. „Die wird wunderschön in meinem Regal aussehen“, sagte Lacey zu Gina, während sie eilig auf das Regal zuging, um sie gleich zu ihrer Sammlung zu stellen. Sie war stolz darauf, dass sie jetzt schon ganze vier Tassen hatte! „Schau, Gina. Sieht das nicht toll aus?“ „Wunderschön“, sagte Gina. Dann zog sie eine Flasche Rum aus ihrer Tasche, gefolgt von Gin, Tequila und Orangensaft. „Also, hat hier jemand was von Long Island Ice Teas gesagt?“ Lacey lachte. „Cocktails? Schön wär’s. Aber Tom kommt heute vorbei. Ich glaube nicht, dass es besonders nett wäre, mich zu betrinken, bevor er kommt. Können wir das auf ein andermal verschieben? Wir können es uns ja an einem regnerischen Nachmittag gemütlich machen.“ „Regen“, erwiderte Gina, die begann, die Spirituosen wieder in ihre Tasche zu packen, die voller Überraschungen zu stecken schien. „Hat in letzter Zeit nicht wirklich nach Regen ausgesehen.“ Da hatte sie recht. Der Spätsommer war noch herrlicher gewesen, als Lacey es in England erwartet hatte. Das alte Klischee, dass es in England immer grau und regnerisch war, war damit endgültig widerlegt worden. In diesem Moment hörte Lacey ihr Handy vibrieren und Chester bellte. Wie immer, nur für den Fall, dass sie es nicht gehört hatte. Sie nahm ihr Telefon vom Tresen und sah, dass es eine Nachricht von Tom war. Bei dem Namen ihres Verehrers machte ihr Herz das übliche dum-durum-dum-dum. Sie öffnete die Nachricht und las. Lacey, ich werde es heute Abend nicht schaffen. Mir ist bei der Arbeit etwas dazwischengekommen. Es tut mir so leid! Ich werde es wieder gut machen, ich verspreche es. Ich liebe dich. Tom. „Was?!“, schrie Lacey und ihr Herz schlug wie wild. „Tom hat mir abgesagt!“ Sie warf Gina einen fassungslosen Blick zu. Ihre Freundin holte wortlos die Flaschen wieder aus ihrem Rucksack, eine nach der anderen, und stellte sie auf der Küchentheke auf. „Ich nehme einen doppelten“, murmelte Lacey. * Gina schenkte noch etwas mehr Long Island Iced Tea aus dem Krug in Laceys Elysées-gelbe Le Creuset-Tasse, ehe sie die cremefarbene Wedgwood-Renaissance-Tasse mit Goldrand an ihre Lippen hob. Sie saßen am Küchentisch neben den großen Erkerfenstern und sahen zu, wie die Sonne hinter den Klippen unterging. „Du hast mir nie erzählt, was aus deinem Canterbury-Hinweis geworden ist“, sagte Gina und sah Lacey ernst an. „Bist du ihm nachgegangen?“ Als Gina Canterbury erwähnte, bekam Lacey ein flaues Gefühl im Magen. Sie hatte vor kurzem bei der Suche nach ihrem lange verschollenen Vater Francis oder Frank, wie ihn seine Freunde genannt hatten, einige Fortschritte gemacht. Seit sie nach Wilfordshire gezogen war, den Ort, an dem sie ihren Vater zum letzten Mal glücklich in Erinnerung hatte, war sie ein paar Spuren gefolgt. Das war vor vielen Jahren auf einer Urlaubsreise gewesen. Als sie den Hinweisen nachgegangen war, die sie von verschiedenen Kontaktpersonen aus der Antiquitäten-Branche erhalten hatte, hatte sie erfahren, dass ihr Vater irgendwann während seiner zwanzig Jahre langen Abwesenheit von ihrem Leben in der englischen Stadt Canterbury Wurzeln geschlagen hatte. Lacey war sich nicht sicher, wann das gewesen sein sollte, obwohl die Hinweise darauf hindeuteten, dass er erst vor kurzem dort gewesen sein könnte, möglicherweise immer noch in der Antiquitäten-Branche arbeitete und vielleicht sogar ein neues Geschäft eröffnet hatte. Natürlich wäre es da nur logisch gewesen, wenn sie nach Canterbury gereist und in das erstbeste Antiquitätengeschäft hineinmarschiert wäre, um sich ein bisschen umzuhören. Doch stattdessen hatte sie abgewartet. Schließlich hatte sie noch andere Dinge zu erledigen gehabt – die Münze zu verkaufen, ihr Geschäft zu führen, ihr Haus einzurichten – aber tief in ihrem Inneren wusste Lacey, dass sie nur nach Ausreden suchte. Was wäre, wenn sie nach Canterbury fahren würde, nur um festzustellen, dass ihr Vater nicht mehr da war? Oder noch schlimmer, was wäre, wenn sie herausfand, dass er sesshaft geworden war und sich ein neues bequemes Leben ohne sie aufgebaut hatte? „Es war eine Sackgasse“, schwindelte Lacey. Das Letzte, was sie brauchte, waren Ginas Überredungskünste. So gern sie die Frau auch hatte, sie war nicht unbedingt der geduldigste Mensch der Welt und Lacey brauchte mehr Zeit, um das alles zu verarbeiten. Gina tätschelte ihre Hand. „Es tut mir leid, Liebes. Hoffentlich findest du bald eine neue Spur.“ Lacey fühlte sich schuldig, weil sie gelogen hatte, schaffte es aber, sich ein Lächeln abzuringen. „Vielleicht ist es besser so. Mir geht im Moment eine Menge durch den Kopf.“ „Du meinst Tom?“, fragte Gina. Lacey stieß einen gequälten Seufzer aus. „Ich habe einfach das Gefühl, dass ich seit dem ersten Monat auf seiner Prioritätenliste nach unten gerückt bin“, klagte sie betrübt. Sie war ein wenig beschwipst und verschüttete etwas von ihrem Cocktail auf die Küchenfliesen, während sie gestikulierte. Chester und Boudica lieferten sich sofort ein Stupskampf darum, wer die kleine Getränkepfütze als Erstes auflecken durfte. „Was ist mit dem Urlaub?“, fragte Gina. „Den hätte er doch bestimmt nicht gebucht, wenn du nicht seine Priorität wärst?“ „Fang bloß nicht von dem Urlaub an!“, rief Lacey. „Unser erster romantischer Ausflug war eine komplette Katastrophe.“ „Ich weiß, dass er eine Katastrophe war, aber das war offensichtlich nicht Toms Absicht. All diese Hinweise, die er dir hinterlassen hat, und das Leuchtturm-Hotel, das er gebucht hat. Das macht man doch nicht für jemanden, der keine Priorität hat.“ Lacey schlürfte ihr Getränk. Wahrscheinlich hatte Gina recht, aber sie wollte noch eine Weile in ihrem Ärger schwelgen. „Und außerdem“, fuhr Gina fort, „es ist ja auch nicht so, dass er immer deine Priorität ist.“ „Ach nein?“, sagte Lacey zweifelnd. „Was meinst du damit?“ „Die Lodge“, sagte Gina mit hochgezogenen Augenbrauen. „In der ganzen Zeit, in der du mit der Inneneinrichtung beschäftigt warst, hattest du auch für niemanden Zeit. Mich eingeschlossen.“ „Ach, bitte“, schnaubte Lacey. „Lass uns nicht wieder mit der alten Diskussion anfangen. Ich brauche im Moment deine uneingeschränkte Unterstützung, Gina, keinen Vortrag.“ „Ich bin deine Freundin“, sagte Gina und tätschelte ihre Hand liebevoll und nachdrücklich zugleich. „Das bedeutet, dass ich dir unangenehme Wahrheiten über dich erzähle und dich auf den Boden der Tatsachen zurückhole. Und in dieser Situation denke ich, dass Tom und du beide sehr beschäftigt seid. Da finde ich es durchaus vernünftig, dass die Arbeit für euch an erster Stelle steht. Eure Geschäfte sind schließlich etwas Dauerhaftes.“ Lacey hielt inne und ließ Ginas Worte auf sich wirken. Dann verschränkte sie die Arme. „Willst du damit sagen, dass unsere Beziehung etwas Vorübergehendes ist?“ „Ich will damit nur sagen, dass ihr noch nicht so lange zusammen seid und …“ Gina beendete ihren Satz nicht. „Sprich weiter“, sagte Lacey. „Wir sind noch nicht so lange zusammen und …“ Gina zögerte. Dann platzte sie raus: „… und wart ihr nicht der Lückenbüßer des jeweils anderen? Ich meine, er war dir mit seiner Scheidung ein paar Jahre voraus, aber du hattest deine Scheidungspapiere gerade erst unterschrieben, wenn ich mich recht erinnere.“ Lacey schürzte die Lippen. „David und ich waren schon Monate getrennt, bevor die Scheidung durch war. Und ich bin auch keine Lückenbüßerin für Tom. Zwischen seiner Ex-Frau und mir war noch Taryn.“ Sie schniefte. „Wir sind sehr verliebt.“ „Ach wirklich?“, entgegnete Gina überrascht. „Ja!“, rief Lacey. „Wir haben es uns nach Dover gesagt.“ Ginas Gesichtsausdruck veränderte sich augenblicklich. „Das ändert natürlich alles! Was hat es für einen Sinn, in einer Beziehung zu sein, wenn man nicht die Priorität des jeweils anderen ist?“ Bei Ginas Hundertachtzig-Grad-Drehung wurde Lacey schwindelig. Oder vielleicht lag es am Long Island Ice Tea. „Der Punkt ist“, sagte Lacey, „dass es sich bei dieser Sache hier hoffentlich nur um eine vorübergehende Flaute handelt. In ein paar Wochen geht die Tourismussaison zu Ende, dann sollten wir wieder mehr Zeit haben, uns zu sehen.“ Gina lehnte sich zurück und nippte an ihrem Cocktail. Ein Grinsen lag auf ihren Lippen. „Und das, meine Liebe“, erklärte sie, „nennt man umgekehrte Psychologie.“ Als Lacey begriff, was Gina getan hatte, rollte sie mit den Augen. „Sehr gut“, sagte sie trocken. Aber sie wusste es zu schätzen. Gina hatte es geschafft, das Gespräch herumzudrehen und sie dazu zu bringen, ihre Beziehung zu verteidigen. Gina sah aus, als wäre sie unglaublich stolz auf sich, und füllte ihre Getränke auf. „Dann müsst ihr doch nur noch eine Sommerwoche überstehen. Und da es die stressigste ist, wird sie im Handumdrehen vorbei sein, und alles wird wieder so sein wie früher.“ „Warum wird es die stressigste sein?“, fragte Lacey. „Wegen des Festivals.“ „Welches Festival?“, fragte Lacey. „Das Sommer-Reiterfest!“, rief Gina. „Sag nicht, dass dir niemand davon erzählt hat! Es ist der Höhepunkt im Veranstaltungs-Kalender von Wilfordshire.“ Lacey zuckte mit den Achseln. Sie hatte keine Ahnung, wovon Gina sprach. Gina begann zu erklären. „Da kommt ein Haufen reicher Pferdeverrückter für eine Woche nach Wilfordshire. Viele Unternehmen hier in der Gegend schaffen es, ihre Einnahmen allein in dieser Woche zu verdoppeln!“ „Und mit reichen Pferdeverrückten meinst du …?“ „Züchter, Händler, Reiter, das ganze Drumherum. Die Leute, die Fascinators tragen. Die Rolls Royce fahren. Die ihren Kindern Ponys kaufen, deren Ställe dann von Kindern anderer, ärmerer Leute ausgemistet werden!“ Lacey lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und dachte nach. Reiche Pferdeverrückte. Vielleicht könnte dies eine Gelegenheit sein, groß abzukassieren. Vielleicht mit einer weiteren Auktion? Ihre Auktion mit dem nautischen Motto war ein voller Erfolg gewesen. Ob eine Versteigerung mit Pferde-Motto wohl auch so gut ankommen würde? „Wann, sagtest du, beginnt das Festival?“, fragte sie Gina. „Nächste Woche“, bestätigte die Frau. Ein Lächeln huschte über Laceys Lippen. „Dann sollte ich wohl besser mit der Planung anfangen.“ KAPITEL ZWEI „Ist das alles?“, fragte Gina, die über Laceys Schulter auf den Schreibblock blickte, der vor ihr auf dem Schreibtisch lag und mit Notizen übersät war. „Dein großer Plan?“ Es war der Morgen nach dem feuchtfröhlichen Abend zuvor und die beiden Frauen waren im Antiquitätengeschäft und taten ihr Bestes, trotz ihres Katers den anhaltenden Strom von Kunden zu bedienen. „Mein großer Plan“, bestätigte Lacey und tippte mit ihrem Stift auf die Seite. „Ich habe einen Batzen Geld aus dem Verkauf der Goldmünze beiseitegelegt, den ich in eine Auktion zum Thema Pferdesport investieren kann. Morgen werde ich eine Rundfahrt durch Dorset machen, um einige Gebisse, Zaumzeug, Steigbügel und Sporen in einem Laden in Bournemouth zu besorgen, dann will zu einem spezialisierten Ledergeschäft in Poole, um einige Sandwich-Koffer, Feldflaschen und Flachmänner zu kaufen und schließlich zu diesem niedlichen kleinen Laden in Weymouth, wo Drucke und Kunstwerke verkauft werden.“ „Mooth.“ „Was?“ „Es wird ‚mooth‘ ausgesprochen, nicht ‚mouth‘. Way-mooth. Das doppelte O ist dasselbe wie in ‚book‘ oder ‚hook‘ oder – “ „Ich hab's kapiert, ich hab's kapiert!“, unterbrach Lacey sie, obwohl ihr sehr wohl bewusst war, dass sie Ginas Korrektur bald vergessen und geistesabwesend wieder zu einer phonetischen Aussprache zurückkehren würde. Die korrekte Aussprache englischer Ortsnamen gehörte nicht zu ihren Stärken. Aber fairerweise musste man sagen, dass sie wirklich eine verrückte Schreibweise hatten! Leicester? Versucht es doch mal mit Lester! Worcestershire? Wooster-shear! Wenn man die Regeln kannte, schien es ziemlich einfach zu sein, aber die Logik war in sich zusammengefallen, als Lacey selbstbewusst Cirencester „Sernster“ ausgesprochen hatte, nur um festzustellen, dass sie auf die einzige Ausnahme von der Regel gestoßen war, die tatsächlich „Siren-sester“ ausgesprochen wurde. „Nun, klingt ganz so, als hättest du alles genau geplant“, sagte Gina mit einem Seufzer. „Und Bournemouth ist herrlich im Sommer. Es gibt dort einen schönen Sandstrand. Einen Pier. Lange Spaziergänge an den Klippen entlang. Chester wird es lieben.“ Lacey entging der traurige Unterton nicht. Gina hasste es, allein im Laden zu bleiben, wenn Lacey sich mit Chester auf Abenteuer begab. Lacey fühlte sich deswegen immer schuldig. Sie musste sich dann immer daran erinnern, dass sie die Chefin und Gina ihre Angestellte war, und dass es vollkommen normal war, dass sie andere Dinge zu tun hatte, als hinter der Kasse zu stehen und Regale einzuräumen. „Ich werde nicht einmal einen ganzen Tag weg sein“, sagte Lacey zu ihr. „Dann werden alle helfenden Hände gebraucht werden, um den Auktionssaal vorzubereiten. Aber während ich weg bin, habe ich eine ganz besondere Aufgabe für dich.“ Diese Technik hatte Lacey gelernt, nachdem sie einen Tag mit ihrem achtjährigen Neffen Frankie in Dover verbracht hatte – immer, wenn er abgelenkt werden sollte, hatte sie ihm einfach eine „sehr wichtige“ Aufgabe gegeben. „Ach ja?“, fragte Gina neugierig und fiel sofort auf den Köder herein. Lacey schmunzelte. „Du musst die Wilfordshire Weekly anrufen und die Anzeige aufgeben.“ Gina schnitt eine Grimasse. „Ist das alles?“ „UND“, fügte Lacey hinzu, die blitzschnell nachdachte, „du musst … ein Plakat entwerfen! Ja. Das ist es. Du musst ein Plakat für das Schwarze Brett der Gemeinde entwerfen und es drucken lassen.“ Eigentlich hatte sie gar nicht vorgehabt, Plakate für die Auktion zu drucken, sondern gehofft, dass eine Anzeige in der Wilfordshire Weekly ausreichen würde, gefolgt von Laufkundschaft und Mundpropaganda, aber nun, da sie sich die Idee aus den Fingern gesogen hatte, fand sie sie richtig gut. Das Lodge B&B, das ihrer Freundin Suzy gehörte, war dank gezielter Plakatkampagnen immer ausgebucht. „Das Plakat entwerfen, hm?“, sagte Gina und blickte interessiert drein. „Was halten wir davon, Boo?“ Sie blickte auf ihren Welpen herab. Boudica jaulte zustimmend. Dann wandte sich Gina wieder Lacey zu. „Abgemacht.“ „Großartig!“, sagte Lacey. „Ich werde morgen früh aufbrechen, wir haben also noch den ganzen Sonntag, um das mit dem Auktionssaal zu regeln. Glaubst du, dass du die Plakate bis dahin fertig hast?“ „Gar kein Problem“, sagte Gina, die bereits Feuer und Flamme für die Aufgabe war. „Und vergiss nicht, dass es um Pferde geht. Also achte darauf, dass irgendwo ein Pferd drauf ist. Du musst nicht das Rad neu erfinden.“ „Klar, ich kümmere mich darum“, sagte Gina und machte eine scheuchende Handbewegung. Lacey war sich nicht ganz sicher, ob es eine gute Idee war, der etwas schrulligen Gina die Verantwortung für das Plakat zu überlassen, aber es würde sie zumindest auf Trab halten. Und sie war fein raus und konnte den ganzen Tag in Dorset auf Schatzsuche gehen. Wie aufregend! „Glaubst du, Tom würde mit mir mitkommen wollen?“, sagte Lacey. „Nachdem Dover so eine Katastrophe war, könnte Dorset vielleicht eine gute Möglichkeit sein, es noch einmal zu versuchen.“ „Frag ihn doch, was er davon hält“, sagte Gina. Lacey blickte auf, als die Glocke über der Tür läutete und Tom auf sie zugestürmt kam. Lacey war überrascht, ihn so kurz vor Mittag zu sehen, da er zu dieser Zeit immer am meisten zu tun hatte. Vielleicht war er gekommen, um sich dafür zu entschuldigen, dass er sie gestern Abend sitzen gelassen hatte. „Was machst du denn hier?“, fragte Lacey und Vorfreude stieg in ihr auf. „Ich brauche etwas Kleingeld“, sagte Tom und winkte ihr mit einer Handvoll Zwanzig-Pfund-Noten zu, während er ohne anzuhalten direkt an ihr vorbei ging und sich sofort daran machte, Münzen aus ihrer Kasse auszuzählen. „Touristen zahlen immer mit Scheinen. Ist dir das auch schon aufgefallen?“ Das war es, aber darum ging es jetzt nicht. „Ich dachte, du wärst hier, um dich zu entschuldigen“, sagte sie enttäuscht. Tom hörte nur mit halbem Ohr zu, während er das Wechselgeld auszählte. „Entschuldigen? Wofür willst du dich entschuldigen?“ „Nicht ich. Du! Du hast mich gestern Abend versetzt.“ Toms Kopf schoss noch oben und er hörte sofort mit dem Zählen auf. „Oh! Ach, Lacey, natürlich. Es tut mir so leid!“ Er ließ den Münzstapel liegen und wandte seine Aufmerksamkeit endlich ihr zu. Zärtlich streichelte er ihren Arm. „Es tut mir wirklich leid, dass ich dir abgesagt habe.“ „Was war denn los?“, fragte Lacey. Diese Unzuverlässigkeit sah Tom gar nicht ähnlich. „Ach, nichts Besonderes, nur die Arbeit“, erwiderte er. „Ich hatte eine Braut, die unter Tränen ihre Hochzeitstorte absagen musste, weil ihr Vater mit Verdacht auf einen Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert worden ist. Da der Zuckerguss schon fast fertig war, habe ich die Torte in Stücke geschnitten und sie so verkauft, um meinen Verlust zu begrenzen. Das Problem war nur, dass die Braut ein paar Stunden später nochmal angerufen hat, um mir mitzuteilen, dass die Hochzeit nun doch stattfinden würde, weil es ihrem Vater gut ging; es war nur eine Magenverstimmung! Also musste ich nochmal eine neue Torte backen.“ „Nun ja, so sehr ich mich für die Braut und ihren verdauungstechnisch angeschlagenen Vater freue“, sagte Lacey, „für mich war es wirklich scheiße.“ „Ich weiß“, sagte Tom und streichelte zärtlich ihre Wange. „Ich hab's verstanden. Ich mache es wieder gut, das verspreche ich. Wir müssen nur noch eine verrückte Woche überstehen, dann kann endlich wieder Normalität einkehren.“ Lacey konnte ihm nicht mehr böse sein. Er war eindeutig gestresst. Normalerweise machte Tom die hektische Arbeit in der Konditorei Spaß, aber im Moment schien er fix und fertig zu sein. „Das Pferde-Fest hält dich ganz schön auf Trab, hm?“, fragte Lacey. Tom nickte. „Heute Morgen ist ein Kind in die Schaufensterauslage geklettert und hat das Macaron-Rennpferd umgestoßen, das ich für das Fest gemacht habe. Ich habe den ganzen Vormittag versucht, es wiederaufzubauen, aber es war die ganze Zeit so viel los, dass ich noch keine Gelegenheit dazu hatte.“ Lacey spähte durch das Fenster über die Straße zu Toms berühmter Macaron-Auslage. Da stand ein kopfloses Pferd. Sie konnte sich das Lachen nicht verkneifen. „Ach du liebe Zeit.“ Gina brach in schallendes Gelächter aus. „Sieht aus, als wäre die Mafia da dran gewesen.“ „Ja, den habe ich schon mal gehört“, sagte Tom müde. „Mindestens fünf Mal. Weil jeder zweite Kunde irgendeinen Witz darüber macht.“ Mit einer dümmlich verstellten Stimme sagte er: „Jemand sollte Sie bei der RSPCA melden. Konditorei? Ich dachte, das hier sei eine Metzgerei. Und so weiter.“ Dann fing er wieder an, sein Wechselgeld auszuzählen. Lacey lehnte sich mit dem Rücken an die Theke und beobachtete ihn. „Wahrscheinlich ist jetzt gerade kein guter Zeitpunkt, dich zu fragen, ob du morgen einen Tagesausflug machen willst.“ Tom blickte auf und verzog gequält das Gesicht. „Morgen?“ „Ich werde für das Festival noch einmal eine Themenauktion veranstalten“, erklärte sie. „Ich will die Lager in Dorset abklappern.“ „Noch eine Auktion?“, sagte Tom lächelnd. „Das ist großartig. Und ich wünschte, ich könnte, aber meine Lebkuchenpferde backen sich nicht von selbst.“ „Das ist okay“, sagte Lacey, der es jedoch nicht gelang, ihre Enttäuschung zu verbergen. „Chester kann mich begleiten.“ Chesters Ohren zuckten, als er seinen Namen hörte. „Es tut mir leid, Lacey“, sagte Tom aufrichtig. „Wenn das Festival vorbei ist, können wir so viele Tagesausflüge nach Dorset machen, wie du willst.“ Daran hatte Lacey so ihre Zweifel. Bis Tom ein paar anständige Mitarbeiter einstellte, würde es immer etwas geben, das seine ganze Aufmerksamkeit beanspruchte. „Hey, ich habe eine Idee“, sagte Tom plötzlich und schnipste mit den Fingern. „Warum nimmst du nicht meinen Lieferwagen? Dann hast du mehr Platz für deine ganzen Einkäufe.“ Hoffnungsvoll lächelte er sie an. Es war offensichtlich, dass er helfen wollte, aber sein Lieferwagen war Laceys Meinung nach kein geeigneter Ersatz dafür, Zeit mit ihm zu verbringen. „Brauchst du ihn nicht?“, fragte sie. Tom schüttelte den Kopf und kramte in seiner Tasche nach den Schlüsseln. „Er gehört ganz dir“, sagte er. „Bring ihn einfach nur in einem Stück zurück. Ich sollte lieber zurück in die Konditorei gehen und mich um das kopflose Pferd kümmern.“ Schnell gab er Lacey einen Schmatzer, ehe er davoneilte, wobei das Kleingeld in seinen Taschen klimperte. Lacey stand da, die Schlüssel des Lieferwagens in der Hand, und fühlte sich ein wenig wie ein Kind, das mit dem Auto ihrer Eltern abgespeist worden war. Die ganze Begegnung hatte sich äußerst enttäuschend angefühlt, aber Lacey beschloss, sich nicht weiter damit zu beschäftigen. Morgen würde sie sich auf ein neues Abenteuer begeben, und wer wusste, was für aufregende Schätze sie finden würde? KAPITEL DREI Am Samstag machte Lacey sich frühmorgens im spätsommerlichen Sonnenschein auf den Weg, um nicht in den Morgenverkehr zu geraten. Da es in Toms Lieferwagen stickig war, ließ sie die Fenster herunter und genoss den Fahrtwind. Sie hatte sich für den langen Weg nach Bournemouth entschieden, der über Landstraßen anstatt über Bundesstraßen führte. Es gab einfach nichts Schöneres, als auf kurvenreichen, einspurigen Straßen, die sich durch die Felder und Hänge schlängelten, durch die englische Landschaft zu fahren, besonders an einem schönen Sommertag. Lacey konnte einfach nie genug davon bekommen und war begeistert, als sie an einer Wiese voller Schafe und Feldern mit wiegenden Weizenhalmen vorbeifuhr. Sie freute sich genauso sehr über Landschaft wie auf die bevorstehende Schatzsuche. Sie erreichte Bournemouth und die ruhigen Landstraßen gehörten der Vergangenheit an, als sie in die geschäftige Küstenstadt hineinfuhr und plötzlich von Asphalt und Verkehr umgeben war. Anscheinend hatten mehr Leute beschlossen, an diesem Wochenende den Strand von Bournemouth zu besuchen, und Lacey brauchte lange, um einen Parkplatz zu finden, der groß genug für den sperrigen Lieferwagen war. Schließlich parkte sie weit von den Klippen entfernt, in der Nähe eines alten Cafés und eines Spielplatzes voller Holzgeräte, wo eine Menge Kinder spielten. Lacey stellte den Motor ab und nahm sich einen Moment Zeit. Mit neununddreißig wusste sie, dass sich ihr Zeitfenster für die Entscheidung, eine Familie zu gründen, bald schließen würde. Damals, als sie noch mit ihrem jetzigen Ex-Mann David in New York City gelebt hatte, war sie strikt dagegen gewesen. Doch seit ihrem Umzug nach England, wo das Leben langsamer und etwas Ruhe in ihr Leben eingekehrt war, hatte sich ihre Einstellung geändert. Auch die Zeit, die sie mit Frankie verbrachte, und durch die sie gemerkt hatte, dass ihr der Umgang mit Kindern Spaß machte, hatte sie dazu veranlasst, ihre Haltung noch einmal zu überdenken. Das, und ihr bevorstehender vierzigster Geburtstag, der immer näher rückte, auch wenn sie versuchte, ihn zu verdrängen. Chester riss Lacey aus ihrer Träumerei, indem er an der Tür kratzte und laut wimmerte. Er hatte die Fahrt hierher genossen und den Kopf aus dem Fenster gestreckt, war aber offensichtlich ganz begierig darauf, endlich auszusteigen und den herrlichen Sandstrand unten zu erkunden. „Ach, wer braucht schon Kinder, wenn man einen Hund hat?“ Chester bellte zustimmend. Sie sprangen aus dem Fahrzeug und machten sich auf den Weg zu dem Pfad, der von den Klippen hinunter zur Strandpromenade führte. Mehrere Gleitschirmflieger hoben der Reihe nach ab und schwebten nacheinander in ihren hellen Stoffschirmen über dem Meer in Richtung Pier, wo sie eine Schleife machten und auf der Klippe landeten. Chester bellte aufgeregt, als ein Mann mit einem Regenbogensegel in den Himmel stieg. „Ich frage mich, ob auch Tandemgleitschirme für Hunde hergestellt werden“, sagte Lacey nachdenklich zu Chester, als sie vorbeigingen. Sie gingen den Hang hinunter zum Strand, wo sich Familien, Gruppen von Jugendlichen, alte Leute, die picknickten, Spaziergänger mit ihren Hunden, Volleyballspieler und Mädchen mit Hula-Hoop-Reifen tummelten … Menschen aller Arten und Altersklassen. Das seichtere Wasser war voller Kanu- und Kajakfahrer, Paddleboarder und Sonnenanbeter auf Schlauchbooten, während im tieferen Wasser jenseits der Stege Jachten und Schnellboote zu sehen waren. Gina hatte recht gehabt, der Strand von Bournemouth war weitaus belebter als der von Wilfordshire, aber Lacey liebte den Trubel. Ganz zu schweigen davon, dass der Sand hier golden und der Strand viel breiter war als in Wilfordshire. Lacey konnte nicht widerstehen, zog rasch ihre Schuhe aus und grub ihre nackten Füße in den Sand. Chester lief währenddessen zum Meer und fing an, nach den Wellen zu schnappen, als ob er sie fangen wollte. „Eis!“, rief eine Stimme. „Eis am Stiel!“ Als Lacey sich umdrehte, sah sie einen Mann, der einen Kühlwagen am Strand entlang schob. Er winkte ihr zu. „Sie sehen aus, als könnten Sie ein Eis gebrauchen, junge Dame.“ „Das geht leider nicht“, teilte Lacey ihm mit. „Jedes Mal, wenn ich Eis esse, wird mein Hund neidisch.“ „Vielleicht möchte er eines meiner tiefgefrorenen Hundeleckerlis probieren?“ „Gefrorene Hundeleckerlis?!“, rief Lacey. „Das klingt ja mal nach einem Nischenprodukt.“ „Sie machen wohl Witze! Neunzig Prozent der Einwohner hier haben einen oder zwei Hunde. Meine gefrorenen Eisleckerlis verkaufen sich wie warme Semmeln. Oder wie kalte Kuchen.“ Er grinste. „Woraus sind sie gemacht?“, fragte Lacey skeptisch. Milch war für Chester absolut tabu, genauso wie alles, was Schokolade oder Zuckerersatzstoffe enthielt, die giftig und für Hunde potenziell tödlich waren. „Ich habe zwei Geschmacksrichtungen zur Auswahl“, sagte der Mann und zog gefrorene Leckerlis in Knochenform aus seiner Kühlbox. In seiner linken Hand hielt er ein wässrig aussehendes orangefarbenes. In der rechten Hand ein wässrig-grünes. „Wir haben pürierte Karotten in der linken und pürierte Honigmelonen in der rechten Hand“, sagte er. „Beide Rezepte sind vom Tierarzt genehmigt.“ Chester bellte. „Nun, wenn das so ist, nehme ich von jedem eins“, sagte Lacey. „Und ein Tropenfrucht-Wassereis für die Besitzerin?“ Er winkte ihr mit einem äußerst fruchtig aussehenden Eis am Stiel zu. „Damit keiner neidisch wird?“ Lacey kicherte. „Ein Eis am Stiel? Gut, warum nicht.“ Sie tauschte Geld für die gefrorenen Leckereien ein, die sie genüsslich verzehrten, während sie am Strand entlangschlenderten. Das Aroma von Mango, Ananas und Wassermelone überflutete Laceys Geschmacksknospen. Die Mischung war nicht übermäßig süß und das Eis erfrischend kühl. „Wie war deins?“, fragte Lacey Chester und bemerkte die klebrigen Reste an seiner Schnauze. „Lecker, nehme ich an“, kicherte sie. Dann fiel Laceys Blick auf ein altes Gebäude im Art-Déco-Stil. Es war das Einkaufszentrum, in dem sich das Geschäft für Pferdezubehör befand, und stand auf der Spitze des Hügels mit Blick auf das Meer und den Rest der Stadt Bournemouth. Aufgeregt leckte Lacey das zuckerhaltige, klebrige Zeug von ihren Fingern, zog ihre Schuhe wieder an und beschleunigte ihr Tempo, als sie den Strand verließ und auf den Bürgersteig zuging. Chester folgte ihr, sein Fell war voller Sand und sein Gesicht nass vom Meerwasser. Sie erreichten das Gebäude, das in seiner Blütezeit ein Kino gewesen war und jetzt mehrere kleine Pop-up-Stores beherbergte. Im Inneren erinnerte es Lacey an die Londoner Märkte, die sie mit Gina besucht hatte, von dem verrückten Markt in Greenwich über den geschäftigen Lebensmittelmarkt von Brixton, den historischen Markt von Covent Garden, bis hin zum Fressmarkt von Borough unter dem Dachvorsprung des Bahnhofs. Lacey liebte die Eigenarten der englischen Architektur. Neubauten schien man hier vergeblich zu suchen, stattdessen gab es viele große alte Gebäude, die zu überdachten Märkten oder Einkaufszentren umgestaltet worden waren. Und für einen Pop-up-Bastelladen schien kein Raum zu klein zu sein. Der Markt hier war wie eine eigene Stadt in der Stadt. An unzähligen Essensständen wurde Street Food aus allen Ecken der Welt angeboten. Lacey lief das Wasser im Mund zusammen, als ihr der Geruch von äthiopischem Injera-Fladenbrot und südkoreanischem Sojaeintopf mit Kimchi-Kohl in die Nase stieg, bevor dieser von dem aufdringlichen blumigen Duft eines verpackungsfreien Bio-Seifenstandes übertönt wurden, an dem riesige Seifenstücke zu einer Pyramide aufgeschichtet waren. Sie ging weiter, vorbei an dem intensiven Mottenkugelgeruch eines Verkaufsstandes für Second-Hand-Kleidung, sowie einem Laden für Surfbretter, ehe ihre Willenskraft sie schließlich verließ, als sie einen veganen Kuchenstand erreichte. Ein Frühstücksmuffin aus dunkler Schokolade, Erdnussbutter und Haferflocken gab ihr einen kleinen Vorgeschmack auf den Himmel. Während sie sich zwischen den geschäftigen Ständen hindurchschlängelte, wurde ihr klar, dass sie hier auch ohne Probleme einen ganzen Tag verbringen könnte, bevor sie das Reitsportgeschäft fand, das sie gesucht hatte. In dem Laden war es extrem ordentlich. Passend zum Thema Pferderennen war der Teppich grün. Die Vitrinen waren aus Holz und Messing gefertigt und der Laden strahlte eine friedliche Einheitlichkeit aus. Lacey ging auf die Theke zu und stellte sich der Frau vor, die dahinterstand und deren lockiges braunes Haar zu einem buschigen Pferdeschwanz zusammengebunden war. „Belinda?“ fragte Lacey und streckte der Frau die Hand hin. „Wir haben gestern telefoniert. Ich bin Lacey, die Auktionatorin aus Devon.“ „Ich erinnere mich“, sagte Belinda mit einem Grinsen, als sie Laceys ausgestreckte Hand schüttelte. „Sie kommen aus Wilfordshire, wo das Sommer-Reitsportfest stattfindet.“ „Ganz genau. Kennen Sie den Ort?“ „Natürlich! Ich hatte schon ein paar Mal einen Stand dort, aber durch die Kosten für Unterkunft, Benzin und die Standgebühr für den Markt kommt da eine ganz schöne Summe zusammen. Da mache ich mehr Gewinn, wenn ich den Laden hier offen lasse. Aber es ist wirklich schade, dass ich es verpasse. Ich hatte immer viel Spaß dort.“ Außer Lacey schien jeder in diesem Land das berühmte Wilfordshire Pferdefest zu kennen. Die Frau sah Chester an. „Und wer ist dieser hinreißende Bursche?“, sprudelte sie hervor und kam hinter dem Tresen hervor, um seinen Kopf zu streicheln. Sie trug eine Reithose, wie es sich gehörte. Chester bellte zur Begrüßung. „Das ist mein treuer Begleiter Chester“, erklärte Lacey. „Wir haben uns gerade ein paar gefrorene Hundeleckerlis am Strand gegönnt.“ „Es ist wunderschön da unten, nicht wahr?“ „Das kann man wohl sagen. So sehr ich den wilden, zerklüfteten Strand von Wilfordshire auch liebe, das Gefühl von warmem Sand zwischen den Zehen ist einfach unbeschreiblich.“ Belinda lächelte. „Ich nehme an, Sie wollen sich meine Antiquitäten ansehen?“ Sie führte Lacey zu den Gegenständen, die sie für sie vorbereitet hatte. Da waren jede Menge Gebisse, Zaumzeug, Steigbügel und Sporen. Lacey begann sofort damit, sie genauestens zu inspizieren, um herauszufinden, ob echte Raritäten dabei waren. „Ich muss sagen“, sagte Belinda, während Lacey die Antiquitäten untersuchte, „ich bin froh, dass es wieder ein Antiquitätengeschäft in Wilfordshire gibt.“ „Wieder?“, fragte Lacey etwas geistesabwesend, da ihre Aufmerksamkeit voll und ganz den Reitsportartikeln galt. Sie hatte einige sehr interessante Zaumzeuge und Gebisse für berittene Infanterieoffiziere und militärische Kavallerien entdeckt. „Es hat vor ein paar Jahren mal eins gegeben“, fuhr Belinda fort. „Muss mittlerweile schon um die zwanzig Jahre her sein. Es wurde von dieser schönen, glamourösen Frau geleitet. Ich glaube, sie war eine Gräfin oder Baronin oder so. Irgendeine Art von Adel, zumindest wenn man den Gerüchten glaubt.“ „Sehr interessant“, murmelte Lacey und legte die beiden lateinamerikanischen Sporen aus dem neunzehnten Jahrhundert beiseite, die sie gerade inspiziert hatte, bevor sie sich ein paar gotischen Sporen aus dem fünfzehnten Jahrhundert zuwandte. Belinda fuhr mit ihrer Geschichte fort. „Sie ist von ihrer Familie verstoßen worden, weil sie sich entschieden hatte, zu arbeiten, und sich in einen gewöhnlichen Mann verliebt hat.“ Ein wehmütiger Unterton lag in ihrer Stimme. „Klingt so, als wäre sie eine starke Persönlichkeit gewesen“, sagte Lacey, die gerade ein seltenes Paar silberner französischer Sporen mit einem einzigartigen Phönix-Muster gefunden hatte. Sie schaute auf. „Die sind alle fantastisch. Ich nehme sie alle.“ „Wirklich?“, fragte Belinda und klang überrascht. „Einige davon habe ich schon seit Jahren, ohne dass die Kunden auch nur einen Hauch von Interesse daran gezeigt hätten!“ Lacey lächelte. So lief das Spiel in der Antiquitäten-Branche, das war der Nervenkitzel an der Sache. Viele Händler blieben oft jahrelang auf ihren Waren sitzen, weil ihnen einfach das entsprechende Klientel fehlte, während es anderen gelang, für beide Seiten einen Gewinn zu erzielen, einfach nur, weil sie ihren Kundenstamm genau kannten. Bei den meisten von Belindas Waren handelte es sich um Niedrigpreisartikel, die jahrelang im Laden stehen und Staub ansetzen konnten, bis sie nach und nach für zwanzig bis dreißig Pfund pro Stück verkauft wurden. Aber als Zusatzartikel bei einer thematischen Auktion konnten sie dazu beitragen, den Preis der teureren Artikel in die Höhe zu treiben. Die zwei seltenen französischen Silbersporen könnten Hunderte von Pfund einbringen, wenn der richtige Bieter am Auktionstag da war. Normalerweise würde Lacey kein so großes Risiko eingehen, aber sie war zuversichtlich, dass es sich auszahlen würde – vorausgesetzt, Ginas Behauptungen, dass eine ganze Schar reicher Pferdenarren in Wilfordshire einfallen würde, waren zutreffend. Und als sie Belinda anbot, ihr die gesamte Partie abzukaufen, erhielt sie sogar noch einen Mengenrabatt. Lacey verließ den Laden in Bournemouth mit einer großen Schachtel im Arm und einem breiten Lächeln auf dem Gesicht. Sie war begeistert, dass ihre Schatzsuche so gut begonnen hatte. * Die nächste Station ihrer Tour durch Dorset war Poole, nur zwanzig Autominuten von der Küste entfernt. Wie sich herausstellte, war der Lieferwagen doch eine sehr gute Idee gewesen. Er war jetzt schon deutlich voller als Lacey gedacht hatte, und sie war bisher nur in einem Geschäft gewesen! Und sie wollte noch in das Lederfachgeschäft und in den Kunstladen. Im Rückspiegel betrachtete Lacey die Ladung Zaumzeug, Steigbügel und Sporen, die sie gerade gekauft hatte, bevor ihr Blick auf Chester fiel. Er saß aufrecht und selbstgefällig auf dem Rücksitz und seine Ohren flatterten im Wind. „Habe ich ein bisschen übertrieben?“, fragte sie ihn. Er legte seinen Kopf schief, als ob sie Unsinn reden würde. „Bist du dir da sicher?“ Er bellte. „Du hast recht“, sagte sie beruhigt. „Das Risiko sollte nicht allzu hoch sein. Schließlich weiß ich, dass es einen entsprechenden Kundenstamm für diese thematischen Artikel geben wird. Wenn man Gina und Tom Glauben schenken darf, ist das Risiko tatsächlich ziemlich gering.“ Beim Gedanken an Tom hielt sie inne. Eigentlich sollte er heute mit ihr hier sein und ihr bei ihren Einkäufen beistehen und nicht ein Hund, so wunderbar Chester auch war. Aber stattdessen nahm ihn seine Arbeit vollkommen ein. Er hatte Paul, einen armen Praktikanten, der ihm etwas unter die Arme greifen sollte, aber nachdem Lucia einen neuen Job in Suzys Gästehaus angenommen hatte, hatte er niemanden mehr eingestellt. Lacey konnte nicht verstehen, warum er für den Rest der Hochsaison keine Aushilfe gesucht hatte. Vor allem, wenn man bedachte, dass er über das bevorstehende Sommer-Reiterfest bestens informiert war. Es war fast so, als ob er ihre Beziehung sabotieren wollte. „Habe ich ihm zu früh gesagt, dass ich ihn liebe, Chester?“, fragte sie ihren Vertrauten. „Denkt er, er kann sich jetzt auf seinen Lorbeeren ausruhen, weil er mich sowieso sicher hat?“ Sie begann, sich in ihre Angst hineinzusteigern. „Sind wir bereits in einen Trott verfallen? Wir sind doch erst seit ein paar Monaten zusammen. Das sollte doch eigentlich unsere Flitterwochenzeit sein, in der uns vor Glück ganz schwindlig und alles perfekt ist! Stattdessen spiele ich die zweite Geige nach einer Konditorei!“ Chester winselte. Lacey schürzte die Lippen. „Okay. Vielleicht projiziere ich da auch ein bisschen was hinein.“ Wieder bekam sie ein Winseln als Antwort. „Alles klar, okay, ich hab’s verstanden. Ich erwarte, dass Tom so wie David werden wird, obwohl sie sich überhaupt nicht ähnlich sind. Deshalb habe ich mich in ihn verliebt, weil er so anders ist als David. Ich bin nur unzufrieden, weil ich mehr Zeit mit ihm verbringen möchte und es nicht kann.“ Sie streckte sich nach hinten aus und strich über Chesters samtweiche Ohren. „Danke, dass du so ein guter Zuhörer bist, Junge.“ Eine halbe Stunde später fuhr Lacey den Lieferwagen über den Kamm eines Hügels und das offene Meer lag vor ihr. Unten angekommen sah sie den Hafen von Poole, der keineswegs das war, was sie erwartet hatte. Für sie war ein Hafen eine von Menschenhand geschaffene Konstruktion. Der Hafen von Poole hingegen schien natürlich entstanden zu sein, mehrere große Flüsse trafen hier aufeinander. Das Wasser war extrem flach und mit mehreren kleinen Stücken Land durchsetzt. Jachten, Kreuzfahrtschiffe und große Passagierfähren bewegten sich träge durch das Wasser. „Halt die Augen nach dem Ledergeschäft offen“, sagte Lacey zu Chester. Sie folgte der Straße, die parallel zum Hafen verlief. Sie war von schicken Strandrestaurants gesäumt, deren Außensitze voll von Wochenend-Ausflüglern waren, die die letzten Wochen der Sommersonne genossen, in der Erwartung, dass sie bald dem Herbst weichen würde. Herbst. Laceys Lieblingsjahreszeit. Sie war gespannt, wie England aussehen würde, wenn sich die Blätter orange, rot und braun färbten. Wilfordshire würde mit Sicherheit umwerfend aussehen und wenn die High Street zum Jahreszeitwechsel mit kleinen Flaggen geschmückt wurde (was sowohl im Frühling als auch im Sommer der Fall war), würde der Ort sogar noch schöner aussehen. Laceys spann ihren romantischen Tagtraum weiter und stellte sich vor, wie sie mit Tom am Lagerfeuer saß und gegrillte Marshmallows futterte, an einem warmen gewürzten Apfelwein nippte und geröstete Kastanien mampfte. Falls er überhaupt Zeit dafür hat, dachte Lacey mürrisch und ihr romantisches Bild zersplitterte in ihrem Kopf wie ein zerbrochener Spiegel. Es gelang ihr nicht, die nagenden Zweifel an Toms Behauptung, dass er nach der geschäftigen Sommer-Tourismussaison mehr Zeit haben würde, abzuschütteln. Immerhin waren da drei Feiertage, die es zu überstehen galt – Erntedankfest, Halloween und die Guy Fawkes’ Nacht –, bevor die Vorbereitungen für die Weihnachtszeit in vollem Gange sein würden. Die Leute würden für jeden einzelnen davon Kuchen und Kekse wollen, ganz zu schweigen von einer aufwendigen Macaron-Auslage fürs Schaufenster. Wenn Lacey etwas über Feiern in Großbritannien gelernt hatte, dann, dass es immer ein dazugehöriges Gericht gab, und Tom würde sich gezwungen fühlen, eine einzigartige Version davon zu kreieren. Nachdem sie seine Oster-Lebkuchenhasen und die Lebkuchenpferde für das Reiterfest gesehen hatte, konnte sie sich bereits vorstellen, wie viel Arbeit er in seine Halloween-Lebkuchenmänner stecken würde. Wie sie Tom kannte, würde er wahrscheinlich ein ganzes Spukhaus aus Lebkuchen bauen! Und er würde sich auch nicht damit zufriedengeben, seine üblichen Croissants und Kuchen zu verkaufen. Dafür hatte sich Tom seinem Handwerk zu sehr verschrieben. Er würde sich stundenlang abmühen, um sich neue Rezepte für mit Zimt gewürztes Apfelgebäck und Kürbismuffins auszudenken. Es war höchst unwahrscheinlich, dass er überhaupt Zeit für sie finden würde. Plötzlich fing Chester an zu bellen und riss Lacey aus ihren besorgten Grübeleien heraus. Als sie aufsah, stellte sie fest, dass das Ledergeschäft direkt vor ihnen war. Sie war so in Gedanken versunken gewesen, dass sie fast daran vorbeigefahren wäre. „Danke, Chester“, sagte sie zu ihrem Welpen. Er bellte stolz. Sie lenkte den Lieferwagen an den Straßenrand und stellte den Motor ab. Dann sprangen Chester und sie in den strahlenden Sonnenschein hinaus und betraten das Ledergeschäft. Es war von innen viel größer als Lacey erwartet hatte. Eine große steile Holztreppe zu ihrer Linken deutete darauf hin, dass es neben der Etage, die sie betreten hatte, noch eine weitere gab, die sich endlos weit nach hinten zu erstrecken schien. Als Lacey sich umblickte, sah sie, dass der Laden sowohl neue als auch alte Lederwaren führte, von Cowboystiefeln bis hin zu marokkanischen Sandalen, die direkt aus Marrakesch importiert worden waren, gab es hier einfach alles. Der Geruch war ein wenig überwältigend – Lacey bevorzugte den staubigen, metallischen Geruch von Antiquitäten – und es war sehr dunkel. Die schmalen Gänge waren mit Lederwaren vollgestopft. Handtaschen baumelten von der Decke und es gab zahlreiche Regale, die mit Jacken und hautengen Hosen gefüllt waren, von denen Lacey sicher war, dass sie schon in den achtziger Jahren aus der Mode gekommen waren. Der Laden war so vollgestopft, dass Lacey nicht einmal wusste, wo sie anfangen sollte, nach den antiken Gegenständen zu suchen, wegen denen sie gekommen war. Sie zwängte sich durch die Gänge und bahnte sich ihren Weg an zwei Schaufensterpuppen – einem Mann in einem Wildlederanzug und einer Frau im Domina-Outfit (sogar mit Peitsche) – vorbei, bevor sie sich an dem erhöhten Tresen wiederfand, hinter dem ein Mann stand. Er war älter, hatte einen langen grauen Bart und trug eine schwarze, mit Quasten besetzte Lederweste über einem weißen T-Shirt, das in einer hellblauen Jeans steckte. Lacey fand, dass er aussah wie ein motorradfahrender, gitarreschwingender Rockstar. Oder zumindest wie ein pensionierter Rockstar. Sie blickte zu ihm auf. „Könnten Sie mir zeigen, wo ich die Reitausrüstung finden kann? Auf Ihrer Website stand, dass Sie auch alte Sandwichkoffer, Feldflaschen und Flachmänner verkaufen.“ „Solange es aus Leder ist, haben wir irgendwo mindestens einen Artikel davon“, sagte er. Seine Stimme war viel sanfter als sein Aussehen vermuten ließ. „Kommen Sie mit.“ Lacey folgte dem Mann, der, nachdem er von dem erhöhten Tresen hinuntergestiegen war, kleiner war als sie. Geschickt bewegte sich der schlanke Mann durch die Gänge. Lacey musste sich beeilen, um Schritt zu halten. Offensichtlich kannte er den Laden sehr gut und Lacey vermutete, dass er der Besitzer war. Sie erreichten die steile Holztreppe und stiegen hinauf. Das Holz knarrte unter ihnen. Lacey sah, dass der nächste Stock genauso vollgestopft war wie das Erdgeschoss. „Ihre Auswahl ist beeindruckend“, sagte sie und ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. „Ich bin jetzt schon seit dreißig Jahren hier“, antwortete er. „Im Laufe der Jahre hat sich eine ganze Menge angesammelt.“ „Das sieht man.“ Er führte sie in den hinteren Bereich des Ladens. „Steigen Sie auch in den Sattel?“, fragte der Mann. „Motorradsattel?“, fragte Lacey, die annahm, er würde sich auf seine Kleidung beziehen. Er lachte. „Nein. Pferdesattel.“ „Oh!“ Lacey lachte ebenfalls. „Nein, ich bin Antiquitätenhändlerin und Auktionatorin. Ich veranstalte eine Auktion zum Thema Pferde, daher mein Interesse.“ „Interessant“, sagte der Mann. „Ich stehe auf Vintage, wie Sie wahrscheinlich sehen können, aber von Antiquitäten habe ich keine Ahnung.“ Sie erreichten die Abteilung des Ladens, die dem Thema Reitsport gewidmet war, und Lacey sah, dass neue und alte Stücke miteinander vermischt waren. Er hatte nicht gelogen, als er behauptet hatte, dass er keine Ahnung hatte. Auf den meisten handgeschriebenen Etiketten standen so banale Dinge wie ‚alte Tasche‘. Es würde ewig dauern, bis sie sich durch alle Artikel durchgearbeitet hatte. „Haben Sie sowas in der Art gesucht?“, fragte er. „Mhm-hm.“ „Sind Sie sich da sicher? Denn Sie sehen etwas enttäuscht aus.“ „Es tut mir leid“, sagte Lacey. Als sie ihre Gesichtszüge wieder entspannte, fiel ihr auf, wie sehr sie die Stirn gerunzelt hatte. „Ich glaube nur, dass es eine Weile dauern wird, bis ich alles gefunden habe, was ich suche.“ „Ich kann helfen“, sagte der Mann. „Und Sie können mir nebenbei ein bisschen was über Antiquitäten beibringen.“ „Okay“, sagte Lacey und nahm sein Angebot an. „Danke.“ Sie zog ihr Handy hervor und zeigte ihm die Fotos von den Gegenständen, die sie haben wollte. „Das sind Sandwichboxen oder Sattelfeldflaschen. Die werden an den Sattel gehängt, damit der Reiter sich etwas zu essen mitnehmen kann.“ „Davon habe ich ungefähr eine Million“, sagte er, bevor er in einem anderen Gang verschwand. Lacey sah Chester an und zuckte die Achseln. Vielleicht würde das hier doch nicht so lange dauern, wenn sie Hilfe hatte. Wenige Augenblicke später kehrte der Mann zurück und schob einen großen Wagen mit der Aufschrift verschiedene Taschen vor sich her, kippte ihn um und schüttete den gesamten Inhalt auf den Boden, wo er sich zu einem Lederhaufen auftürmte. „Sie haben keine Scherze gemacht“, sagte Lacey und fühlte sich schwindlig, wie ein Kind, dem man gerade einen Haufen Spielzeug vor die Füße geworfen hatte. Sie setzte sich auf den Boden neben den Haufen, bereit, mit der Schatzsuche loszulegen. „Als nächstes suche ich Sattelfläschchen, so wie diese hier.“ Sie reichte ihm ihr Handy, um ihm das Bild zu zeigen, und er machte sich an die Arbeit. Lacey begann, den Taschenberg zu durchwühlen. Alle, die in schlechtem Zustand waren, und Nachahmungen legte sie beiseite, in der Hoffnung, ein paar zu finden, die für ihre Auktion geeignet waren. Dann fand sie genau, was sie gesucht hatte: einen dunkelbraunen Swaine-Brigg-Sandwich-Koffer mit der originalen Silberdose darin. Sowohl die Tasche als auch die Dose waren in einwandfreiem Zustand, und Lacey war zuversichtlich, dass sie bei der Auktion ein paar hundert Pfund dafür bekommen würde. Sie legte die Tasche auf den Stapel, den sie mitnehmen würde, und suchte weiter. Als nächstes fand sie einen gebogenen Sandwich-Koffer. Auf der Innenseite des Rehleders befand sich ein schwarzer Stempel: „James Dixon & Sons, Sheffield“ sowie die Jahreszahl 1879. Und auch in diesem Koffer befand sich die originale silberne Sandwich-Dose, ebenfalls in tadellosem Zustand. Sie wanderte ebenfalls auf den „Behalten-Stapel“. Als nächstes fand sie einen Champion & Wilton-Seitensattelkoffer aus hellbraunem Leder, komplett mit Flachmann und Sandwich-Dose, gefolgt von einer Reiterschultertasche, die so gebogen war, dass sie bequem am Körper anlag, mit der dazu passenden gebogenen Sandwich-Dose und dem Flachmann. „Chester, das ist wie Weihnachten“, schwärmte Lacey, als sie die Dinge auf ihren Haufen legte. Schläfrig hob Chester den Kopf von seinen Pfoten und gähnte. „Freut mich, dass Sie Spaß haben“, sagte der Verkäufer und kam mit einer großen Schachtel zurück. „Sind das alle Fläschchen?“, fragte Lacey überrascht. „Ich konnte nur ein paar finden“, sagte er. „Aber ich dachte, Sie würden sie sich diese hier vielleicht gerne ansehen.“ Er zog einen Stiefel aus der Schachtel. Lacey sprang auf. Es war ganz eindeutig ein Reitstiefel aus der Kavallerie-Zeit im Ersten Weltkrieg. „Bitte sagen Sie mir, dass der zweite Stiefel auch da drin ist“, sagte sie und ihre Aufregung wurde immer größer. Er grinste. „Da sind etwa zehn Paar drin.“ Er ließ die Kiste sinken, damit Lacey hineinsehen konnte. Darin befanden sich zehn Paar Reitstiefel, alle in verkaufsfähigem Zustand. „Sie haben recht“, sagte sie lächelnd. „Die will ich mir unbedingt ansehen!“ Während Lacey die Stiefel auf Verschleiß und Spuren von Abnutzung inspizierte, setzte sich der Angestellte. „Was hat Sie dazu bewogen, sich auf Reitausrüstung zu spezialisieren?“, fragte er. „Wenn Sie gar nicht reiten.“ „Ich veranstalte eine Auktion für das Sommer-Reiterfest“, erklärte Lacey. „Ich komme aus Wilfordshire.“ „Wilfordshire?“, fragte der Mann mit einem Hauch von Anerkennung in der Stimme. „Ich habe mal einen Antiquitätenhändler aus Wilfordshire gekannt.“ „Etwa die Gräfin?“ fragte Lacey mit einem Lächeln, als sie sich an Belindas Geschichte erinnerte. „Ich habe einige interessante Geschichten über sie gehört.“ „Nein, es war ein Mann“, antwortete er. „Ein Amerikaner, genau wie Sie. Wenn ich es mir recht überlege, hat er Ihnen sogar ein bisschen ähnlich gesehen.“ Lacey spürte sofort, wie das Blut aus ihrem Gesicht strömte. „War sein Name Frank?“ „Das war's! Frank der Ami!“ Er schnippte mit den Fingern und grinste. „Kennen Sie ihn?“ KAPITEL VIER Lacey versuchte, sich wieder zu sammeln. Sie verspürte den überwältigenden Drang dem Lederwarenhändler eine Million Fragen zu stellen, doch sie wollte dem Mann nicht verraten, dass er möglicherweise über ihren lange verschollenen Vater sprach. Sie bemühte sich, ganz beiläufig zu klingen, als ob Frank nur ein gemeinsamer Bekannter wäre. „Ich kenne Frank von der Arbeit“, sagte sie. „Und Sie?“ „Ich auch“, sagte der Lederhändler. „Frank ist durchs Land gereist, um seinen Bestand aufzustocken. Nach London. Poole. Wilfordshire. Ich glaube, er hatte einen Laden in Canterbury, habe ich recht?“ „Ja, ich glaube schon“, sagte Lacey atemlos. Canterbury. Da war er wieder, der Hinweis, den Xavier entdeckt hatte. Der Hinweis, der von der Botschaft, die ein Mann namens Frank seiner Geliebte auf der ersten Seite der Canterbury Tales hinterlassen hatte, indirekt bestätigt worden war. Hinzu kamen Laceys Kindheitserinnerungen an ihren Sommerurlaub in Wilfordshire, bei dem ihre Mutter sich geweigert hatte mitzukommen. Naomi hatte damals in einem Antiquitätengeschäft, das von einer wunderschönen Frau geführt worden war, eine Statue zerbrochen, und alles begann sich zu einem stimmigen Bild zusammenzufügen. Ihr Herz pochte heftig. „Ich nehme an, Sie haben mittlerweile keinen Kontakt mehr zu Frank, oder?“, fragte sie. Der Mann schüttelte den Kopf. „Ich glaube, er ist vor kurzem weggezogen. Das Letzte, was ich gehört habe, war, dass sein Geschäft geschlossen wurde.“ Lacey spürte einen plötzlichen, heftigen Schmerz in ihrer Brust, als wäre sie gerade in den eisigen Ozean gesprungen. „Er ist nicht mehr dort? Sind Sie sich da sicher? Ich weiß, dass sein Geschäft in New York City geschlossen hat, aber ich wusste nicht, dass auch sein Geschäft in Canterbury nicht mehr existiert. Sie schluckte den harten, panischen Kloß, der sich in ihrem Hals gebildet hatte, herunter. „Ja. Wirklich schade. Er war ein reizender Kerl. Ich frage mich, wo er jetzt ist.“ Er hielt inne und ließ die quälende Frage, über die Lacey so viele Jahre lang nachgegrübelt hatte, zwischen ihnen stehen. Dann sagte er: „Es überrascht mich, dass Sie Frank von der Arbeit kennen. Sie sehen viel zu jung aus, um seine Arbeitskollegin zu sein! Ich hätte Sie nicht einen Tag älter als vierzig geschätzt.“ Lacey rang sich ein Lächeln ab. Was hätte sie davon, diesem Mann zu sagen, dass er recht hatte, dass sie zu jung war, um Franks Arbeitskollegin zu sein, weil sie nämlich seine Tochter und keine Geschäftspartnerin war, und dass er sie als Kind verlassen hatte? „Ich nehme an, Sie wissen nicht, wo er hin ist, oder?“ fragte Lacey. Sie gab sich die größte Mühe, ruhig zu bleiben, aber sie konnte hören, dass ihre Stimme zitterte. „Keine Ahnung“, sagte der Mann und zuckte die Achseln. „Vielleicht weiß es jemand von Sawyer's.“ „Sawyer's?“, fragte Lacey. „Sawyer & Sons“. Das große Auktionshaus in Dorchester. Sie können doch keine Kollegin von Frank sein und Sawyer nicht kennen! Er war eine Zeit lang jedes Wochenende dort.“ „Das muss mir entfallen sein.“ Lacey konnte all diese neuen Informationen kaum aufnehmen. Zu erfahren, dass ihr Vater einen Laden in Canterbury eröffnet hatte, aber vor kurzem weitergezogen war, fühlte sich unglaublich grausam an. Das war fast noch schlimmer, als wie wenn sie nie erfahren hätte, dass er dort überhaupt einen Laden gehabt hatte. Und dann auch noch einen Einblick in das Leben zu bekommen, das er in England geführt hatte – wo er das Auktionshaus Sawyer & Sons jedes Wochenende besucht hatte – erweckte ein merkwürdiges Gefühl in ihr. Als wäre sie ein Eindringling oder so. Wie es sich anhörte, war er in dieselbe Routine zurückgefallen und hatte denselben Lebensstil geführt, den er in New York City hinter sich gelassen hatte, nur diesmal ohne Frau und Kinder. War das etwa das Einzige, was er in seinem Leben hatte ändern müssen? Waren sie der einzige Grund, warum er gegangen war? „Ich habe einen Flyer“, fügte der Mann hinzu. Er nahm eine glänzende Broschüre von seinem Schwarzen Brett und reichte sie Lacey. „Da sind alle Auktionen von Sawyer & Sons aufgelistet, die dieses Jahr stattfinden.“ Lacey überflog die Broschüre. Die Karte auf der Rückseite zeigte, dass das Auktionshaus in Dorchester nicht weit von ihrem nächsten geplanten Stopp in Weymouth entfernt war. Es wäre kein großer Umweg, wenn sie kurz dort vorbeischauen würde, auch wenn ihr Herz dabei vielleicht noch mehr in Mitleidenschaft gezogen werden würde. Sie kam zu dem Schluss, dass sie dieses Risiko eingehen musste. Sie hatte sich entschieden, keinen Abstecher nach Canterbury zu machen, während sie in Dover in der Nähe Urlaub gemacht hatte, und diese Entscheidung könnte sie durchaus die einzige wirkliche Spur gekostet haben, den sie zu ihrem Vater gehabt hatte. Sie bezahlte ihre Waren, bedankte sich bei dem Besitzer des Ledergeschäfts für seine Hilfe und machte sich dann mit Chester auf den Weg zum Lieferwagen. Nachdem sie alles darin verstaut hatte, rief sie in ihrem Laden an, um sich zu erkundigen, ob alles in Ordnung war. „Wie läuft‘s?“, sagte sie in ihr Handy. „Viel los“, ertönte Ginas Stimme an ihrem Ohr. „Wie läuft es bei der der Schatzsuche?“ Lacey überlegte, ob sie Gina erzählen sollte, was sie über ihren Vater erfahren hatte, entschied sich dann jedoch dagegen. Es laut auszusprechen, würde die Sache irgendwie realer machen, und dazu war sie noch nicht bereit. „Erfolgreicher, als ich erwartet hatte“, sagte sie ausweichend. „Also, ich habe gerade mit den Druckern telefoniert“, sagte Gina. „Wie sich herausgestellt hat, haben sie morgen geschlossen, sie können die Plakate also nur heute drucken. Deswegen habe ich ihnen einfach grünes Licht gegeben.“ Nach allem, was sie gerade über ihren Vater erfahren hatte, waren die Plakate so ziemlich das Letzte, woran Lacey im Moment dachte. „Alles klar. Ich vertraue dir. Solange ein Pferd auf dem Plakat ist, muss ich es nicht vorher sehen.“ „Ja, ja. Da ist ein Pferd drauf. Eine Art von Pferd zumindest.“ Lacey schloss die Augen und das Herz rutschte ihr in die Hose. „Eine Art von Pferd? Was soll das heißen?“ „Naja, ich habe das Bild aus dem Internet“, erklärte Gina. „Ich habe nach ‚Rennpferd‘ gesucht und das Bild direkt von der Seite mit den Ergebnissen heruntergeladen. Ich bin also nicht auf die eigentliche Website gegangen.“ Lacey gefiel die Richtung nicht, die dieses Gespräch nahm. „Sprich weiter …“ „Mir ist erst im Nachhinein aufgefallen, dass das Bild von einer Rettungsstation stammt, einer Wohltätigkeitsorganisation für Pferde, die im Ruhestand sind. Du weißt schon, die keine Rennen mehr laufen, weil sie zu alt sind. Also es ist ein Pferd, nur eben ein sehr altersschwaches.“ Lacey seufzte. Gut, dass die Aufgabe nur ein Ablenkungsmanöver gewesen war. „Hoffentlich fällt es niemandem auf“, sagte sie. „Hör mal, ich muss jetzt Schluss machen. Ich mache einen kleinen Abstecher zu einem Auktionshaus ein paar Kilometer weiter, das ich mir ansehen möchte. Mal sehen, ob ich da vielleicht neue Kontakte knüpfen kann.“ „Natürlich“, erwiderte Gina reumütig. Lacey konnte regelrecht hören, wie sie mit den Augen rollte. „Dann werde ich also die Kasse machen und heute Abend abschließen?“ Ein vertrautes Gefühl von Schuld stieg in Lacey auf. Sie musste sich daran erinnern, dass Gina ihre Angestellte war. Das Erledigen von Routineaufgaben gehörte nun einmal zu ihrer Stellenbeschreibung. „Wenn ich nicht rechtzeitig zurück bin, um mich darum zu kümmern, dann ja.“ „In Ordnung“, seufzte Gina. Lacey legte auf und sah Chester an. „So wie sie mit mir spricht, könnte man fast meinen, ich würde sie nicht bezahlen! Dabei habe ich ihr sogar dieses große Hydrokultursystem besorgt, wegen dem sie monatelang herumgeheult hat.“ Sie rollte mit den Augen und drehte den Schlüssel in der Zündung herum. Der Wagen sprang stotternd an. Als sie die Hafenstraße entlang in Richtung Dorchester fuhr, betrachtete sie das Ledergeschäft im Außenspiegel. Als sie den Laden betreten hatte, hatte sie nicht damit gerechnet, dass sie mit etwas viel Kostbarerem als Antiquitäten wieder fahren würde: einer heißen Spur zu ihrem Vater. KAPITEL FÜNF Das Auktionshaus Sawyer & Sons befand sich auf einer Art englischem Landgut. Laceys Mutter und ihre Schwester würden töten, um dort zu leben. Efeu rankte sich an den verwitterten roten Ziegelsteinen hinauf und um die weißen Fensterrahmen im zweiten Stock. Auf dem Kiesplatz vor dem Haus standen teure Geländewagen. Lacey konnte nicht umhin, rot zu werden, als Toms hässlicher Wagen lärmend neben ihnen zum Stehen kam. Lacey überprüfte noch einmal die Broschüre, die der Lederwarenhändler ihr gegeben hatte. „Heute findet eine Auktion statt“, sagte sie zu Chester und warf einen Blick auf die digitale Uhr im Wagen. „Sie beginnt in einer Viertelstunde. Wir müssen uns beeilen, wenn wir einen der Sawyers erwischen wollen.“ Sie sprang aus dem Wagen. Chester tat es ihr gleich. Gemeinsam stiegen sie die Steinstufen hinauf und traten durch die großen Türen des Herrenhauses. Das Foyer war so prunkvoll und voller Menschen, dass Lacey eher das Gefühl hatte, in einem Theater zu sein und nicht in einem Auktionshaus. Sawyer's war eindeutig eine edle Einrichtung. Sie konnte nicht anders, als sich in ihrer lässigen Kleidung ein wenig fehl am Platz zu fühlen. Ein Schild über ihrem Kopf zeigte an, dass es direkt geradeaus zum Büro für Bezahlung und Abholung ging. Bitte warten Sie mit der Abholung bis fünf Minuten nach dem Kauf, stand dort. Der Auktionssaal befand sich hinter den Türen auf der rechten Seite, also ging Lacey nach links in den Ausstellungsraum, wo alle Lose der kommenden Auktion ausgestellt waren. Der Ausstellungsraum war so groß wie ein Ballsaal und voller wunderschöner Antiquitäten. Auf zwei Tischen im Bankettstil, die in der Mitte des Raumes standen, waren Ornamente, Schmuck, Porzellan und Kunst ausgestellt und an den Wänden standen große Möbelstücke. Lacey spürte einen Anflug von Freude in ihrer Brust. Hier ging der Traum eines jeden Antiquitätenhändlers in Erfüllung. Das war genau die Art von Laden, die sie eines Tages führen wollte. Die Art von Ort, an dem ihr Vater sich schnell verlieren würde … Eine Schwere legte sich auf ihre Schultern, als ihr einfiel, warum sie überhaupt hierhergekommen war; nicht, um nach Antiquitäten zu jagen, sondern um nach Hinweisen zu suchen, wo ihr Vater abgeblieben sein könnte. Sie ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. Am anderen Ende der Halle stand ein elegant gekleideter Mann. Durch seinen formellen schwarzen Anzug war sofort zu erkennen, dass er der Auktionator bei Sawyer & Sons war. Lacey machte einige Schritte auf den Mann zu, der jedoch genau in diesem Moment von einem Kunden angesprochen wurde. Sie hielt inne. Chester blickte sie fragend an. „Ich möchte ihn nicht unterbrechen, wenn er gerade mit einem Kunden beschäftigt ist“, erklärte sie. Chester schnaubte, fast als wüsste er, dass der wahre Grund, weshalb sie stehen geblieben war, der war, dass sie Zeit schinden wollte und sich deshalb einfach auf die erstbeste Ausrede stürzte, um nicht mit dem Mann zu sprechen. Denn wenn er tatsächlich wusste, was mit ihrem Vater passiert war, was kam dann als Nächstes? Die Angst zu wissen, was mit ihrem Vater geschehen war, schien plötzlich schlimmer zu sein als die Unsicherheit, an die sie sich all die Jahre gewöhnt hatte. Der Mann im Abzug ging mit dem Kunden davon, um sich um sein Anliegen zu kümmern. „Sehen wir uns doch die Möbel an, bis er Zeit hat“, sagte Lacey eilig und ging in die entgegengesetzte Richtung. Chester schnaubte erneut und trottete ihr hinterher. Lacey betrachtete gerade abwesend eine Schreibkommode aus Walnussholz, als eine Stimme neben ihr sagte: „Was für ein wunderschöner Hund.“ Als sie sich umdrehte, sah sie, dass ein Mann neben Chester in der Hocke gegangen war und ihn streichelte. Er war ziemlich elegant gekleidet und trug eine sandfarbene Anzugsjacke, ein weißes Hemd und eine beige Hose. Sein Haar war dunkelblond und lockig. „Ich bin ein großer Fan von Border Collies“, fügte er hinzu und blickte mit strahlenden blauen Augen zu Lacey auf. Er lächelte, und auf seinen Wangen erschienen Grübchen. „Er ist ein English Shepherd“, erklärte Lacey. Als der Mann lachte, blitzten seine perlweißen Zähne hervor. „Ah, Sie sind Amerikanerin. Hier drüben nennen wir sie Border Collies.“ „Ach ja?“, sagte Lacey überrascht. „Das muss ich mir merken.“ Damit konnte sie Gina beeindrucken, wenn sie wieder in Wilfordshire war. „Das ist eine schöne Rasse, nicht wahr?“, fuhr der Mann fort. „Ich habe als Kind einen Collie bekommen, nur weil ich Colin heiße.“ Er kicherte. „Aber letzten Endes war es eine tolle Idee! Die Hündin ist seitdem meine ständige Begleiterin.“ Er zerzauste Chesters Fell und Lacey warf einen Blick über ihre Schulter, um nach dem Sawyer Sohn Ausschau zu halten. Sie fand ihn und er war wieder allein. Jetzt war die Gelegenheit, um mit ihm über ihren Vater zu sprechen. Aber Lacey war zu nervös, um sich auch nur zu bewegen. „Tut mir leid“, sagte Colin plötzlich. „Ich kaue Ihnen das Ohr ab, nicht wahr?“ „Ganz und gar nicht“, sagte Lacey und drehte sich um, verlegen, weil sie unhöflich gewesen war, und dankbar, weil sie eine Ausrede hatte, nicht rüberzugehen. „Sie haben mir von Ihrem Collie erzählt.“ Colin hörte auf, Chester zu streicheln und stand auf. Er war groß und schlank. Lacey schätzte ihn auf Mitte bis Ende vierzig. „Stella“, sagte er. „Sie ist zu Hause. Leider ist sie mittlerweile viel zu alt, um lange unterwegs zu sein. Aber als sie noch jünger war, hat sie Versteigerungen geliebt.“ Wieder lächelte er. „Wie heißt Ihr Hund?“ „Chester“, sagte sie und sah zu, wie ihr Hund mit der Nase voran um den Sockel der Walnusskommode herumlief und dabei interessante, jahrhundertealte Düfte beschnupperte. „Ich habe ihn adoptiert, als ich nach Großbritannien gezogen bin. Eigentlich hat er eher mich adoptiert.“ „Er ist bestimmt ein Schnäppchen-Spürhund, oder?“, scherzte Colin, als Chester seine zweite Runde um die Kommode drehte. Lacey kicherte. „Er hilft gerne.“ In diesem Moment ertönte eine Stimme über die Lautsprecher. „Meine Damen und Herren, wenn Sie jetzt bitte Platz nehmen würden, die Auktion beginnt in fünf Minuten.“ Lacey blickte zu der Stelle hinüber, wo sie den Sawyer Sohn zuletzt gesehen hatte. Er war verschwunden. Sie hatte die Chance verpasst, mit ihm zu sprechen, weil sie durch ihre Unterhaltung mit Colin zu abgelenkt gewesen war. Oder, um ehrlich zu sein, sie hatte sich von Colin ablenken lassen, weil sie zu nervös war, um dem Hinweis auf ihren Vater nachzugehen. „Nach Ihnen“, sagte Colin und deutete auf die Tür, die zum Foyer führte. Sie ging hinaus und überlegte, was sie als nächstes tun sollte, während Chester neben ihr hertrabte. Die Auktion würde mehrere Stunden dauern. Sie konnte nicht bis zum Ende warten, um mit dem Mann im schwarzen Anzug zu sprechen. Dann fiel ihr das Schild im Foyer ein. Nachdem der erste Artikel verkauft worden war, würde sie nur fünf Minuten warten müssen, bevor jemand im Büro war, mit dem sie sprechen konnte. Also ging sie in den Auktionssaal, um die fünf Minuten totzuschlagen. Colin deutete auf einen Stuhl und Lacey setzte sich. Chester zwängte sich an ihren Beinen vorbei, bevor er sich mit einem herzhaften Gähnen neben ihre Füße legte. „Da ist aber jemand müde“, sagte Colin und setzte sich neben sie. „Wir sind heute Morgen früh aufgebrochen“, erklärte Lacey, bevor ihr plötzlich klar wurde, dass sie nur einen Kaffee zum Frühstück getrunken hatte und es jetzt fast Mittagszeit war! Sie gähnte, noch bevor sie sich zurückhalten konnte. „Sie müssen auch müde sein“, sagte Colin. „Ich hole Ihnen einen Kaffee. Da drüben gibt es Getränke.“ „Das ist nicht nötig“, versuchte Lacey zu sagen, konnte jedoch nicht richtig sprechen, da sich ihr Gähnen in die Länge zog. Es war zu spät. Colin war bereits losgegangen, um den Kaffee zu holen. Die Sitze füllten sich schnell, und eine Gruppe älterer Menschen schlurfte die Reihe entlang und auf sie zu. „Dieser Platz ist besetzt“, sagte Lacey zu einer alten Frau, die zu ihrer Linken auftauchte. „Was?“, fragte die Frau mit lauter Stimme. „Dieser Platz ist besetzt“, versuchte Lacey es noch einmal. Sie bemerkte, dass die Frau ein Hörgerät trug, also klopfte sie auf den Stuhl, um ihre Aussage zu unterstreichen. „Danke, Schätzchen!“, rief die Frau, die Laceys Geste offensichtlich missverstanden hatte und sich prompt auf Colins Platz setzte. Lacey drehte sich nach rechts, wo sich gerade ein Mann auf Krücken und mit einem gebrochenen Bein auf den anderen freien Platz neben ihr setzte. Sie stand auf und sah sich um, ob vielleicht irgendwo anders noch zwei Plätze frei waren, nur um festzustellen, dass der Auktionssaal fast vollbesetzt war. Genau in diesem Moment kam Colin mit dem Kaffee wieder. Er blickte zu Laceys beiden Seiten, betrachtete die alte Frau mit dem Hörgerät und den verletzten Mann mit den Krücken und lachte. Mit einem spielerischen Achselzucken stellte er den Kaffee auf dem Beistelltisch ab und nahm weiter oben im Saal Platz. Lacey sank wieder auf ihren Stuhl und war überrascht, dass sie tatsächlich enttäuscht war, bei der Auktion nicht neben Colin zu sitzen. Weil es schön ist, Gesellschaft zu haben, sagte sie streng zu sich selbst. Der Mann im schwarzen Anzug betrat die Bühne, und sein Mikrofon quietschte, als er hineinsprach. „Guten Tag, meine Damen und Herren. Ich bin Jonty Sawyer und möchte Sie an diesem Wochenende alle bei der Auktion willkommen heißen. Wir beginnen mit zwei sehr eindrucksvollen Kunstwerken des berühmten mexikanischen Wandmalers David Alfaro Siqueiros, die beide bereits in der Memorial Art Gallery in New York ausgestellt waren.“ Vorsichtig stellte die Assistentin das erste Gemälde auf die Staffelei. Es war eine beeindruckende Interpretation eines Pferdes in schwarzen Strudeln. „Hier haben wir Pferd und Reiter, mit Schuhcreme gemalt“, sagte Jonty Sawyer. Die Assistentin stellte das zweite Bild auf die Staffelei. Es war ein Ölgemälde mit einem Mann auf einem Pferd in leuchtenden Rot- und Brauntönen. „Das zweite Bild ist dieses farbenfrohe Ölgemälde.“ Lacey war fassungslos. Beide Bilder waren wunderschön und absolut perfekt für die Kunden, mit denen sie bei ihrer eigenen Auktion rechnete. Sie hatte nicht erwartet, bei dieser Auktion etwas zu finden, das sie tatsächlich haben wollte, erwischte sich jedoch dabei, wie sie sich bereit machte, auf die Bilder zu bieten. Ihr Herz klopfte vor lauter Vorfreude. „Das Anfangsgebot liegt bei fünfhundert Pfund“, verkündete Jonty Sawyer. Lacey hob sofort die Hand. „Fünfhundert Pfund“, bestätigte Jonty Sawyer und zeigte auf sie. Weiter hinten in der Halle wurde eine weitere Hand gehoben. „Fünfhundertfünfzig?“, fragte er, dann nickte er und bestätigte: „Fünfhundertfünfzig.“ Er blickte wieder zu Lacey. Sie hob erneut die Hand, und der Bieterkrieg begann. Während der Preis immer um weitere fünfzig Pfund in die Höhe getrieben wurde, ließ Lacey ihren Blick durch den Raum schweifen und versuchte, den Bieter ausfindig zu machen, gegen den sie kämpfte. Ihr Blick fiel auf Colin. Als ihre Blicke sich trafen, lag ein wiedererkennendes Funkeln in seinen Augen, und er machte eine entschuldigende Geste in ihre Richtung. „Siebenhundertfünfzig Pfund“, sagte der Auktionator und sah Colin an. Mit einem Kopfschütteln und einer Verbeugung verabschiedete Colin sich aus der Versteigerung. Der Auktionator wandte seinen Blick wieder Lacey zu. „Wir haben zwei Gemälde von David Alfaro Siqueiros, die für siebenhundert Pfund zu haben sind. Siebenhundert Pfund. Höre ich siebenhundertfünfzig? Siebenhundertfünfzig? Siebenhundertfünfundzwanzig? Siebenzehn?“ Er sah sich in dem Saal um, bevor sein Blick wieder auf Lacey fiel. „Verkauft für siebenhundert Pfund!“ Der Hammer fiel und besiegelte das Geschäft, und ein Grinsen breitete sich auf Laceys Lippen aus. Fünf Minuten später, verließ Lacey ihren Platz und ging ins Hauptbüro, um zu bezahlen und ihre Bilder abzuholen. Sie war die Erste und es war noch niemand an den Schaltern. Chester lief hin und her, er schien genauso ungeduldig zu sein wie sie. Als die Tür, durch die sie gekommen waren, aufging, hob er ruckartig den Kopf. Er begann, mit dem Schwanz zu wedeln. Lacey drehte sich neugierig um. Es war Colin. „Was für ein Zufall, dass wir uns hier treffen“, scherzte er, als Chester auf ihn zurannte, als seien sie alte Freunde. Lacey spürte, wie ein Lächeln um ihre Mundwinkel zuckte. „Colin. Haben Sie gerade etwas ersteigert?“ „So ist es. Ein Ölgemälde. Allerdings nicht das Kaliber von David Alfaro Siqueiros.“ Ein wissendes Lächeln erschien auf seinen Lippen. „Tut mir leid, dass ich den Preis dafür in die Höhe getrieben habe. Ich wusste nicht, dass Sie der andere Bieter waren.“ „Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen“, sagte Lacey. „Sie waren trotzdem noch ein Schnäppchen. Und es war nett von Ihnen, mich gewinnen zu lassen, nachdem ich völlig versagt habe, Ihnen einen Platz freizuhalten.“ Colin lachte. „Was soll ich sagen? Mir wurde früh beigebracht, ein Gentleman zu sein.“ Er lächelte sein engelsgleiches Lächeln, und Lacey spürte, wie ihre Wangen warm wurden. Das Gespräch glich schon fast einem Flirt, und obwohl es schön war, etwas Aufmerksamkeit von einem gut aussehenden Mann zu bekommen, würde sie nie etwas tun, was ihre Beziehung mit Tom gefährden könnte. Außerdem musste sie immer noch einen der Sawyer-Söhne finden, um mit ihm über ihren Vater zu sprechen, und davon ließ sie sich gerade ablenken. Schon wieder. Endlich kam eine schick gekleidete Frau aus dem Hinterzimmer an den Tresen. „Entschuldigen Sie, dass Sie warten mussten“, sagte sie und winkte Lacey zu sich. Lacey ging auf sie zu, um ihre Bilder zu bezahlen und mitzunehmen. Sie vermutete, dass die Frau am Tresen keiner der Sawyer-Söhne war – zumal schon, weil sie eine Frau war – aber wenn sie schon seit einer Weile hier arbeitete, konnte sie sich vielleicht an Laceys Vater erinnern. Lacey hatte gerade den Mut gefasst, sie zu fragen, als eine zweite Frau aus dem Hinterzimmer an den Tresen kam und Colin mit einer Geste zu verstehen gab, dass er zu ihr kommen sollte. Er stellte sich neben Lacey und stützte seinen Ellbogen lässig auf dem Tresen ab. Lacey schloss ihren Mund wieder. Sie hatte ihre Gelegenheit verpasst. „Also, was haben Sie heute noch so vor?“, fragte Colin Lacey, als die Frau an seinem Tresen verschwand, um seine Kunstwerke zu holen. „Chester und ich gehen heute Nachmittag auf Schatzsuche“, erklärte Lacey ihm. „Dann machen wir uns auf den Weg zurück zu meinem Laden.“ „Sie haben einen Laden?“, fragte Colin und klang beeindruckt. „Lassen Sie mich raten … wenn Sie die Siqueiros-Gemälde zur Dekoration gekauft haben, dann muss es etwas Klassisches sein. Möbel?“ „Fast“, erwiderte Lacey. „Eigentlich sind die Gemälde nicht als Dekoration gedacht. Ich werde sie weiterverkaufen. Ich bin Antiquitätenhändlerin und Auktionatorin.“ „Wirklich?“, fragte Colin und hob die Augenbrauen. „Das ist faszinierend.“ Die Frau am Tresen schaute von der Kasse auf, ihr Blick huschte neugierig von Colin zu Lacey. Und Lacey wusste sofort, warum. Colin flirtete mit ihr. Lacey fühlte, wie ihre Wangen rot wurden und begriff, dass sie die Flirterei sofort im Keim ersticken musste, bevor es unangenehm wurde. „Die Zahlung ist durchgegangen“, sagte die Frau und gab Lacey ihre Kreditkarte wieder zurück. „Hier ist Ihre Quittung. Und Ihre Bilder, eingepackt und mitnahmebereit.“ Lacey bedankte sich bei ihr und klemmte sich schnell je ein Bild unter jeden Arm, bevor sie sich Colin zuwandte. „Hat mich gefreut“, sagte sie schnell, während er damit beschäftigt war, selbst zu bezahlen, und eilte davon, noch bevor er die Gelegenheit hatte, Sie zu einem Kaffee, Mittagessen oder Ähnlichem einzuladen. Im Foyer atmete Lacey auf, nur um festzustellen, dass sie so schnell geflohen war, dass sie Chester ganz vergessen hatte! Sie konnte doch jetzt nicht mehr zurückgehen, um ihn zu holen. Das würde einen völlig falschen Eindruck erwecken. Glücklicherweise kam Chester genau in diesem Moment ins Foyer gelaufen. Er sah höchst unzufrieden aus, dass er zurückgelassen worden war. „Da bist du ja“, sagte Lacey und eilte gefolgt von Chester aus dem Auktionshaus. Lacey lief die Stufen hinunter und ging schnurstracks auf Toms Wagen zu. Vorsichtig legte sie die Gemälde zu den restlichen Waren auf die Rückbank, sprang auf den Fahrersitz und warf Chester einen Blick zu. „Ich weiß, was du denkst“, sagte sie. Er blinzelte. „Jetzt habe ich mit gar niemandem mehr über meinen Vater gesprochen. Ich habe einfach die Nerven verloren. Und Colin hat mich immer wieder abgelenkt.“ Sie wollte da jetzt nicht nochmal reingehen. Das würde nur Ärger geben! „Die Nummer steht ja auf dem Flyer“, fuhr sie fort und präsentierte Chester eine weitere Ausrede. „Ich werde anrufen, sobald ich zu Hause bin, versprochen. Das wäre sowieso das Beste, wenn man es sich mal genauer überlegt. So habe ich nämlich ein bisschen Zeit, mich mental darauf vorzubereiten.“ Chester wackelte nur misstrauisch mit den Augenbrauen. Er schien ihr ihre Geschichte nicht abzukaufen, was Lacey nicht besonders überraschte; sie kaufte sich ihre Ausreden ja noch nicht einmal selbst ab. Aber ihre Angst davor, was sie vielleicht erfahren würde, war zu groß. Zumindest für heute würde sie die Suche nach ihrem Vater auf sich beruhen lassen. KAPITEL SECHS Laceys nächste Station war der Kunstladen in Weymouth. Auf diesen Stopp freute sie sich besonders. Seit ihrem Dekorations-Anfall im Crag Cottage interessierte sie sich sehr für Ölgemälde und war gespannt, ob sie ein paar seltene Stücke finden würde. Doch noch bevor sie auch nur die Chance hatte, den Parkplatz von Sawyer & Sons zu verlassen, knurrte ihr Magen lautstark. Lacey wurde bewusst, dass sie heute nicht genug gegessen hatte. Wenn man bedachte, an wie vielen köstlichen Gerichten sie schon vorbeigelaufen war, war es eine Schande, dass sie keines davon probiert hatte! Sie öffnete eine App auf ihrem Handy, um nachzusehen, ob es auf dem Weg nach Weymouth gute Restaurants gab. Enttäuschenderweise war ein Lebensmittelgeschäft in einer Tankstelle die einzige Option in ihrer Nähe. „Chips und Sandwiches zum Mittagessen?“, sagte Lacey zu Chester und versuchte, die Situation positiv zu sehen. „Das ist die perfekte Ausrede, um ein paar merkwürdige britische Snacks zu probieren.“ Tom überzeugte Lacey immer davon, kein britisches Junkfood zu probieren, indem er sie mit dem Duft eines seiner Spezial-Gebäckstücke weglockte, sodass sie dachte, dass sie gar nichts verpasste. Bei dem Gedanken an Tom spürte Lacey ein Ziehen in der Brust. Sie schob die Gedanken beiseite und startete den Wagen. Als sie den Geländewagen aus dem Parkplatz des Auktionshauses herausmanövrierte, sah sie durch den Rückspiegel, wie Colin die Treppe hinunterging. Sie stieg aufs Gaspedal und raste davon. Es war ein sonniger Tag und die von Bäumen gesäumten Landstraßen sahen im Sonnenschein einfach umwerfend aus. Lacey fuhr an Hügeln und Feldern vorbei, bevor sie die kleine Tankstelle neben einem sehr traditionell aussehenden britischen Pub namens The Red Lion fand. Sie tankte Toms Geländewagen auf (es war schließlich nur höflich, ihn mit einem vollen Tank zurückzugeben) und ging dann in den Laden, wo sie sich die Regale mit den bunt verpackten Snacks ansah. Sie entschied sich für eine Schachtel Jaffa Cakes (bei der es sich dem Bild auf der Vorderseite nach um runde Biskuitkuchen mit Orangengeleefüllung und Schokoladenüberzug zu handeln schien), eine Tüte Chips in der Geschmacksrichtung ‚eingelegte Zwiebel‘ (deren grellviolette, mit Zeichentrickmonstern bedruckte Verpackung eindeutig auf Kinder abzielte) und ein gewöhnliches Schinkensandwich aus der Kühltruhe. An der Kasse schnappte sie sich noch ein Hundeleckerli für Chester. Dann ging sie mit ihrem nährstoffarmen Picknick zurück zum Lieferwagen und begann hinter dem Lenkrad zu mampfen, während sie den gewundenen Landstraßen zum letzten Ziel ihrer Schatzsuche folgte. Chester streckte sich auf der Rückbank des Lieferwagens aus und verspeiste lautstark sein knochenförmiges Leckerli. „Ich gebe dem Sandwich fünf von zehn Punkten“, sagte sie im Rückspiegel zu ihm. „Das Brot war etwas durchgeweicht. Und der Schinken war irgendwie geschmacklos. Und es war bei weitem nicht gut genug gewürzt.“ Sie hielt inne. „Wenn ich es mir recht überlege, gebe ich ihm eine Vier.“ Sie war von Toms selbstgebackenen Broten sehr verwöhnt, wie Lacey jetzt klar wurde, und auch von dem biologischen Schinken mit Honigkruste, den er immer auf dem Bauernmarkt kaufte. „Dann wollen wir mal diesen Monster-Snack probieren.“ Sie riss die Packung auf und der Zwiebelgeruch wehte heraus. Vorsichtig nahm Lacey einen der monsterfußförmigen Chips heraus und steckte ihn in ihren Mund. Sie bereute es sofort. Der Geschmack war intensiv und die pikante Schärfe schien Geschmacksknospen anzuregen, die die letzten neununddreißig Jahre über untätig gewesen waren. Ihre Augen tränten und sie legte die Tüte auf den Beifahrersitz. „Und das soll für Kinder gedacht sein?“, rief sie aus. Tom hatte also recht. Was die britischen Snacks betraf, war ihr bisher nichts entgangen. Als Lacey ein Straßenschild nach Weymouth sah, bog sie ab und fuhr in das malerische Städtchen hinein. Die Stadt verlief an einem Fluss, überall standen kleine Häuschen und die Bäume am Straßenrand standen in voller Blüte. Der kleine Kunstladen befand sich im Anbau eines Kirchengebäudes – ein Neubau aus gelben Ziegelsteinen mit einem Fenster in der Form eines Kruzifixes aus Blockglas. Die Kirschbäume im Hof warfen ihre rosa und weißen Blüten ab, als wären es Schneeflocken. Lacey parkte neben dem Bordstein und ging dann durch die großen Glastüren hinein. Das Innere des Kunstladens war groß und hell und die Fenster und Dachluken ließen im Sommer viel Sonnenlicht herein, während eine kühle Brise aus der Klimaanlage für eine luftige Atmosphäre sorgte. Die Wände waren strahlend weiß, die Dielenböden aus heller, lackierter Buche und es war so ruhig, dass Lacey das Gefühl hatte, sie müsse still sein. Sie legte einen Finger an ihre Lippen, um Chester zu verstehen zu geben, dass auch er still sein sollte. Er legte zustimmend den Kopf schief, aber das Klicken seiner Krallen war trotzdem noch auf den Dielen zu hören, als er Lacey folgte, die den Raum auf Zehenspitzen durchquerte und auf die Auslagen zuschlich. Lacey inspizierte die Drucke auf der Suche nach einem zum Thema Pferde. Es gab viele Nachahmungen von berühmten Gemälden von Edgar Degas und George Stubbs, aber nach dem, was Gina ihr erzählt hatte, waren die Besucher des Pferdefestes nicht die Art von Leute, die sich Nachdrucke an die Wand hängten. Sie würden Originale wollen. Lacey wollte gerade zum Tresen gehen, um mit dem Angestellten zu sprechen, wurde aber durch einen wunderschönen Wandteppich abgelenkt, der an der Wand hing. Es handelte sich um einen wunderschönen Appliqué in Rot und Gold. Er war zwar nicht für ihre bevorstehende Auktion geeignet, dafür aber perfekt für den großen leeren Raum neben dem großen Fenster auf dem Treppenabsatz im zweiten Stock von Crag Cottage. Plötzlich spürte Lacey, wie Chester mit seiner Schnauze gegen ihre Handfläche stupste. „Ich weiß“, murmelte sie. „Ich sollte nicht für mich selbst einkaufen. Aber sieh ihn dir doch nur mal an. Er ist herrlich.“ Chester jaulte verzweifelt. „Kann ich Ihnen helfen?“, sagte eine Männerstimme hinter Lacey. Sie wirbelte auf dem Absatz herum und sah, dass der Verkäufer hinter ihr stand. Er war ein stattlicher Mann, klein und untersetzt, mit einem freundlichen, faltigen Gesicht. „Ich habe mir gerade diesen wunderschönen Wandteppich angesehen“, erklärte Lacey ihm. Der Mann schenkte ihr ein verlegenes Lächeln. „Danke, ich bekomme nicht oft Komplimente für meine Appliqués.“ „Sie haben ihn gemacht?“, rief Lacey überrascht aus. „Ja“, sagte er. Er wirkte sehr bescheiden, dachte Lacey. Fast schon peinlich berührt von seinem außergewöhnlichen Talent. „Es gibt keinen großen Markt für Wandteppiche“, fuhr er wehmütig fort. „Oder für Original-Gemälde, leider. Die meisten Leute sind nur hinter Drucken von berühmten Malern her.“ Lacey tauschte einen Blick mit Chester aus. Wie konnte sie jetzt, nachdem sie die bedauernswerte Geschichte des Mannes gehört hatte, widerstehen? Chesters Augenbrauen zuckten, als würde er sich geschlagen geben. „Nun, dann bin ich wohl nicht wie die meisten Menschen“, sagte Lacey zu dem Mann. „Ich nehme ihn.“ Seine Augen leuchteten. „Wirklich? Sie nehmen ihn?“ Sie nickte. „Ich nehme ihn. Und ich würde sehr gerne sehen, welche Originale Sie sonst noch verkaufen.“ Der Mann sah begeistert aus. „Aber natürlich. Hier entlang, bitte.“ Er machte eine Geste mit seinem Arm und Lacey folgte ihm, als er durch einen Torbogen in den nächsten Raum eilte. Hier sah es noch mehr aus wie in einem Museum oder einer Galerie, da sich an den Wänden ein Gemälde neben das andere reihte. Lacey ging sofort auf ein Ölgemälde zu, eine Landschaft mit Frühlingsbäumen an einem Fluss und grasenden Pferden im Vordergrund. Das war genau das, was sie gesucht hatte. Sie näherte sich dem Gemälde und las die Signatur: John Mace. Der Name kam ihr bekannt vor. Er war ein beliebter britischer Künstler und dies war genau die Art von Kunstwerk, die sie auf ihrer Auktion verkaufen wollte. „Ich nehme das hier“, teilte sie dem Angestellten mit. Sie war ganz kribbelig vor Aufregung. Der Angestellte eilte herbei und klebte einen kleinen roten Aufkleber daneben. Dann ging Lacey zum nächsten Bild, das ihr ins Auge gefallen war. Es war ein Aquarell von Mabel Gear, einer Künstlerin aus den 1950er Jahren, deren Gemälde häufig für Grußkarten nachgedruckt wurden. Daneben stand ein ebenso großartiger Fund – eine Graphitmasterskizze mit Pferden vom französischen Künstler Alexandre Pau De Saint Martin aus dem Jahr 1800. „Die beiden nehme ich auch“, sagte Lacey. „Sie mögen Pferde“, kommentierte der Verkäufer und platzierte aufgeregt seine kleinen roten Aufkleber neben den beiden Kunstwerken. „Eigentlich eher meine Kunden“, sagte sie zu ihm. „Ich bin Auktionatorin und werde auf dem Sommer-Pferdefest in Wilfordshire eine Auktion veranstalten.“ Die Augen des Kunsthändlers weiteten sich anerkennend. „Warum haben Sie das denn nicht gleich gesagt? Ich habe genau das Richtige für Sie!“ Er eilte zu einer Tür an der Seite des Raumes und zog im Gehen einen Schlüsselbund aus seiner Tasche. Während er mit einer Hand die Tür aufschloss, winkte er mit der anderen Lacey zu, damit sie ihm folgte. Neugierig durchquerte Lacey den Raum. Als der Ladenbesitzer die Tür öffnete, kam dahinter eine Art Lagerraum – das Atelier des Künstlers – zum Vorschein. Es war voller Industrieregale und Sägemehl. Das Licht, das durch zwei schmutzige Dachluken fiel, erhellte einen Webstuhl sowie eine große Werkbank, die mit Holzblöcken und Schleifgeräten bedeckt war. „Also, wo habe ich ihn hingetan?“, fragte der Kunsthändler und ließ seinen Blick über die Regale schweifen. „Ah! Hier.“ Er trat beiseite und enthüllte die Bronzeskulptur eines Jockeys. Lacey fiel die Kinnlade runter. Sie erkannte ihn sofort. Es war ein Isidore Bonheur, einer der bedeutendsten französischen Tierbildhauer des 19. Jahrhunderts. Seine gegossenen Bronzeskulpturen waren begehrte Antiquitäten. Eine Statue in gutem Zustand konnte bei einer Auktion Tausende von Pfund einbringen. „Darf ich mir den mal genauer ansehen?“, fragte Lacey. Ihre Hände zitterten vor Aufregung. „Natürlich“, sagte der Kunsthändler. „Ich bewahre ihn hier hinten auf, weil niemand daran interessiert zu sein scheint.“ „Ich bin interessiert“, murmelte Lacey. Lacey inspizierte die Skulptur. Sie stellte einen triumphierenden Jockey dar, der die Flanke seines Pferdes tätschelte. Sie war aus Bronze gefertigt und der Sockel war aus Marmor. Die Skulptur zählte zu den beliebtesten Werken des Künstlers, sie war ein kommerzieller Erfolg, den er, wenn sie sich richtig erinnerte, in vier verschiedenen Größen gegossen hatte, und sie war in ausgezeichnetem Zustand, so gut wie ohne Kratzer oder Spuren. Es war ein atemberaubender und prächtiger Fund, bei dem es Lacey fast den Atem verschlug. Zumindest bis sie das Preisschild sah. Zweitausend Pfund. Lacey versteifte sich. Das war eine Menge Geld für nur einen Artikel. Als sie mit Suzy die Lodge renoviert hatte, hatte sie auf die harte Tour gelernt, was passieren konnte, wenn man zu viel Geld für Objekte ausgab. Die Sache hätte für sie fast den finanziellen Ruin bedeutet. Und wenn sie die Skulptur kaufte, wäre von dem Gewinn, den ihr der Verkauf der römischen Münze eingebracht hatte, kein Penny mehr übrig. „Wie ich sehen kann, möchten Sie noch etwas darüber nachdenken“, sagte der Ladenbesitzer. „Ich werde Sie einen Moment mit Ihren Gedanken allein lassen und mich um diesen Kunden kümmern.“ Lacey war so von der Skulptur verzaubert gewesen, dass sie weder gehört hatte, dass sich die Tür geöffnet hatte, noch das Geräusch der schweren Schritte eines anderen Kunden, der herumlief und sich die Kunstwerke ansah. „Natürlich“, sagte sie. „Vielen Dank.“ Der Kunsthändler ging in den anderen Raum und ließ Lacey allein, damit sie ihre Optionen abwägen konnte. Die Skulptur war ein erstaunlicher Fund. Sie würde ihrer Auktion mit Sicherheit etwas Aufmerksamkeit verschaffen. Vielleicht könnte sie sogar DAS Schlüsselobjekt sein, wegen dem die Leute überhaupt zur Auktion kamen. Ob es ihr gelingen würde, ihre Investition wieder hereinzuholen, würde am Auktionstag ganz von ihrem Können abhängen. Solange sie nicht anfing zu stottern und die Menge richtig im Griff hatte, könnte es für sie einen großen Gewinn bedeuten. Aber ein großer Gewinn war auch ein großes Risiko. Ihre übliche Methode bestand darin, eine Reihe verschiedener, einzigartiger und qualitativ hochwertiger Objekte anzubieten, Prachtstücke, die sich auch der Durchschnittsbürger noch leisten konnte, wenn er sich etwas gönnen wollte. Diese Skulptur konnte allerdings nur an die Besucher des Festivals verkauft werden. Wenn sie während ihrer Auktion nicht gekauft wurde, musste sie ein ganzes Jahr warten, bis die Pferdefans wiederkamen. Und ein Jahr lang auf einem ganzen Haufen teurer Objekte sitzen zu bleiben, war alles andere als ideal. Während Lacey ihre Optionen abwog, konnte sie die murmelnden Stimmen des Kunsthändlers und seines Kunden im Nebenraum hören. Die Stimme des Kunden kam ihr irgendwie bekannt vor, dann traf Lacey die Erkenntnis. „Moment mal …“, murmelte sie, ging zur Tür und spähte hinaus. Sie hatte recht. Es war Colin. KAPITEL SIEBEN Was hatte er hier zu suchen, fragte sich Lacey. War er ihr etwa gefolgt? Wie sonst hätte er nach Weymouth kommen sollen, in denselben dubiosen Kunstladen im Nebengebäude einer Kirche, am Ende einer ruhigen, von Kirschbäumen gesäumten Straße? Ihr war nicht aufgefallen, dass er hinter ihr gefahren war, aber das bedeutete nicht, dass er ihr nicht gefolgt war; sie war so mit durchgeweichten Sandwiches und der schönen Landschaft beschäftigt gewesen, dass sie wahrscheinlich gar nicht bemerkt hätte, wenn er ihr gefolgt wäre. Der Gedanke daran ließ sie erschaudern. Chester bellte aufgeregt, als er das vertraute Gesicht erkannte, und ließ sie auffliegen. Seine Krallen klackten auf den Dielenbrettern, als er auf Colin zulief, um ihn zu begrüßen. Colin blickte auf. „Na, wenn das nicht Chester ist“, sagte er und kraulte dem Hund die Ohren. Dann huschte sein Blick zu Lacey, die sich halb hinter der Wand versteckte, und seine Augen strahlten erfreut. „Lacey. Was für ein Zufall.“ Lacey trat um die Wand herum, verschränkte die Arme und nahm eine abwehrende, misstrauische Haltung ein. „Was machen Sie denn hier?“ Colin schien ihren leicht unfreundlichen Tonfall gar nicht zu bemerken. „Bei Sawyer’s hat jemand gesagt, dass hier eine Skulptur von Isidore Bonheur zum Verkauf steht. Ich bin hergekommen, um sie mir anzusehen.“ Der Verkäufer meldete sich zu Wort: „Ich habe dem Herrn gerade mitgeteilt, dass die Skulptur schon für Sie reserviert ist. Aber wie es scheint, kennen Sie sich bereits?“ „Wir sind alte Freunde“, witzelte Colin. „Wir kennen uns schon sehr lange.“ „Wir sind flüchtige Bekannte“, korrigierte Lacey. Sie wandte ihren Blick von Colin ab und blickte wieder den Ladenbesitzer an. „Ich habe mich entschieden. Ich nehme die Statue.“ Der Verkäufer hob überrascht die Augenbrauen. Chester legte den Kopf schief und stieß einen verwirrten Laut aus. Lacey wusste, dass sie unüberlegt handelte, aber irgendetwas an Colins Anwesenheit veranlasste sie dazu, so schnell wie möglich von hier verschwinden zu wollen. Sie traute ihm nicht. Es kam ihr so vor, als ob er etwas im Schilde führen würde. „Wunderbar“, sagte der Kunsthändler, der von der Spannung nichts mitzubekommen schien. „Ich werde sie sofort für Sie einpacken.“ Mit einem triumphierenden Gesichtsausdruck eilte er davon und ließ Lacey mit Colin allein. „Sie sind mir zuvorgekommen“, sagte Colin und lächelte sie freundlich an. „Schon wieder.“ Er war genauso zuvorkommend wie im Auktionshaus, aber Lacey konnte das unbehagliche Gefühl einfach nicht abschütteln. „Heute ist wohl einfach nicht Ihr Tag“, sagte sie etwas steif. „Also, wo wollen Sie als Nächstes hin? Anscheinend sind wir hinter den gleichen Schätzen her.“ Sie dachte, wenn sie wüsste, wohin er als Nächstes gehen würde, dann aber am selben Ort auftauchen würde wie sie, wüsste sie, dass er ihr folgte. So könnte sie ihm auf die Schliche kommen, wenn er tatsächlich ein Spiel spielte. Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/pages/biblio_book/?art=63590601) на ЛитРес. Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.